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Die Waise von Lowood.
Für die reifere Augend erzählt
Auguste Wachler,
Mit 4 Farbendruckbildern.
Zweite Auflage.
Leipzig
Verlag von Carl Zieger.
Erstes Kapitel.
Ungefähr fünfundsiebzig Kilometer von London, dieser Riesenstadt von mehr als vier Millionen Einwohnern und zugleich der
Haupt- und Residenzstadt des von den Wellen der Nordsee und
des Großen Atlantischen Ozeans rings umspülten Großbritannischen
Königreichs, in nordwestlicher Richtung entfernt, liegt in hügelumgrenzter und schön bewaldeter Gegend ein großer, freundlicher Landsitz, der aus einer Vereinigung von mehreren teils unter einander
zusammenhängenden, teils in geringer Entfernung von einander
befindlichen Gebäuden besteht. Ein reicher und wohlgepflegter Park
umschloß rings den ganzen Landsitz und trennte ihn fast von
jedem direkten Verkehr mit der Außenwelt, der nur auf der rechten und auf der linken Seite des den Park einschließenden hohen
und dichten Zaunes durch je ein großes Einfahrtsthor vermittelt
wurde. Durch diese Thore führten breite und in gutem Stande
erhaltene Fahrwege bis unmittelbar vor das herrschaftliche Wohngebäude und die in dessen beinahe unmittelbarer Nähe gelegenen
Wirtschaftsräume und Stallungen. Die weitere Umgebung dieses Landsitzes bestand aus fruchtbaren Getreidefeldern, Wiesengründen und wirklich herrlich erhaltenen Waldbeständen, welche letztere
den wertvollsten Teil der Besitzung bildeten.
Der Landsitz ward Gateshead genannt und wurde von einem
reichen und angesehenen Manne, Namens Mister Georg Reed,
und dessen Familie bewohnt, welche aus seiner Gattin Mistreß
Sarah Reed, einer schönen, hochgewachsenen, aber stolzen und etwas
hochmütigen Frau von vielleicht I8 Jahren, und aus zwei Kindern,
der etwa zwölfjährigen Georgine und dem achtjährigen John bestand. Mister Georg Reed stand im 15. Lebensjahre und beschäftigte sich, obwohl er ein großes Vermögen besaß, von dessen Erträgnissen er mit seiner Familie auch bei erhöhten Lebensansprüchen
mehr als genügend hätte auskommen können, mit der eigenen Bewirtschaftung seiner Felder und Wälder, wobei ihm nur ein Verwalter neben dem geringeren Dienstpersonale helfend zur Seite
stand. Seiner Gattin zwar behagte das einfache Leben, das nur
höchst selten einmal durch Besuch von benachbarten Landsitzen oder
aus London unterbrochen wurde, nicht im geringsten, und oft schon
hatte sie den Versuch gemacht, ihren Gatten zur Übersiedelung
nach der geräuschvolleren, aber mehr Zerstreuungen und Vergnügungen verheißenden Hauptstadt des Königreichs zu bestimmen, indem
sie hierbei auf die Erziehung ihrer beiden heranwachsenden Kinder
hauptsächlich hinwies- Reed jedoch war nicht zum Verlassen seines ihm lieb und wert gewordenen Besitztums zu bewegen und
hatte wegen der Erziehung seiner Kinder den Ausweg getroffen,
daß er als ein wissenschaftlich hochgebildeter Mann seinem Sohne
den ersten Unterricht selbst erteilte und ihn somit für den Besuch eines
Gymnasiums vorbereitete, während er für seine Tochter bereits
einige Jahre zuvor, ehe unsere Erzählung beginnt, in Miß Bessie
Home eine tüchtige und vielseitig gebildete Gouvernante in das
Haus genommen und dieser Georginens Unterricht übertragen hatte.
Reed war ein gütiger und liebevoller Vater, der in dem Besitz
seiner Gattin und seiner beiden aufblühenden und sich kräftig entwickelnden Kinder sein höchstes Glück fand- aber er konnte
auch ernst, streng, ja unerbittlich sein, wenn es einen Fehler, eine
Nachlässigkeit zu rügen, eine Unart, eine Ungezogenheit zu verbieten, oder eine Widerspenstigkeit oder ein Nichtbefolgen seiner direkten Weisungen zu strafen galt. Leider stand ihm in seinen Erziehungsgrundsätzen seine Gattin nicht in dem Maße zur Seite,
wie er es wünschte, oder wie es vielmehr ihre Mutterpflicht gewesen wäre; liebte sie auch ihre beiden Kinder aus vollstem und
zärtlichstem Herzen, so hätte sie dieselben doch hinter dem Rücken
ihres Vaters nicht heimlich in Schutz nehmen und sie durch ein
solches unvorsichtiges und tadelnswertes Benehmen nicht noch in
ihrem Unrecht bestärken sollen.
Reed machte seiner Gattin oftmals die freundlichsten und eindringlichsten Vorstellungen über ihre Handlungsweise, welche seinen
ganzen Erziehungsplan vereitelte und seiner Kinder Herzen und
Charakter in Ungewißheit und ins Schwanken zu bringen drohte,
und so oft ihm Mistreß Sarah mit Thränen in den Augen ihr
Unrecht eingeräumt und kein weiteres Durchkreuzen seiner wohlgemeinten Absichten feierlich gelobt hatte, so geschah es doch immer
und immer wieder auf's Neue, daß sie ihren Kindern zu Gunsten
zwischen diese und ihren Gatten trat und seine auferlegten Strafen zu umgehen wußte, freilich beobachtete sie hierbei die Vorsicht,
ihre Handlungen vor dem sorgsamen Auge ihres erfahrenen Gatten verborgen zu halten. Reed ahnte zwar bei seinem angeborenen
Scharfsinn, was in der Brust seines Weibes vorging und in welcher Weise dieselbe seine wohlgemeinten väterlichen Absichten zu
umgehen wußte, aber da er beabsichtigte, im Laufe des kommenden
Jahres schon John wie Georgine in gute Erziehungsanstalten unterzubringen, so vermied er es, seiner Frau immer von Neuem Vorwürfe zu machen, und hoffte, daß die Zeit und der mit dem Alter
seiner Kinder wachsende Verstand die nachteiligen Wirkungen und
Einflüsse allmählich wieder ausgleichen würde.
Das Leben auf der Besitzung Gateshead, das Jahre hindurch
in ziemlicher Einförmigkeit dahin geflossen war, sollte sehr bald
eine kleine Unterbrechung erleiden und teilweise auch eine andere
Gestalt annehmen. Eines Tages nämlich erschien vor der Pforte
des Herrschaftshauses ein ärmlich gekleidetes und krank aussehendes
Weib, das ein kaum fünfjähriges schwaches Mädchen an der Hand
führte und ängstlich suchend sich nach allen Richtungen ausschaute,
ohne den Mut finden zu können, an eine der Thüren anzuklopfen.
Zufällig kam Bessie, die Erzieherin, von einem Ausgange zurück
und richtete teilnahmsvoll die Frage an das fremde Weib: Was
suchet Ihr hier, liebe Frau?
Statt einer Antwort erfolgte die ängstliche Gegenfrage: Befinde ich mich hier auf dem Landsitze Mister Reeds und kann ich
denselben gegenwärtig einen Augenblick sprechen?
Das ist Gateshead, Frau, erwiderte die Erzieherin- Mister
Reed jedoch werdet Ihr kaum vor einer Stunde sprechen können,
denn er ist auf seine Felder hinausgeritten.
Das ist schlimm, flüsterte die Frau. Komm Jane, wandte
sie sich zu dem Kinde, dann wollen wir wieder an das Thor gehen
und warten, bis Mister Reed zurückkommen wird.
Wollt Ihr nicht lieber in unser Gesindehaus eintreten, liebe
Frau, sprach Bessie weiter, und dort Mister Reed erwarten? Ihr
scheint angegriffen und der Ruhe bedürftig zu sein. In unserem
Gesindehause könnt Ihr Euch setzen und eine Stärkung zu Euch
nehmen.
Ich danke sehr für Ihre Freundlichkeit, Miß, erwiderte die
Angekommene, aber ich will nicht gern Jemandem zur Last fallen
und ziehe es vor, an dem Gartenthore zu warten.
Aber wenn Mister Reed zu der anderen Seite des Parkes
hereinreitet, so werdet Ihr ihn auf dieser Seite umsonst erwarten
und Eure Absicht nicht erreichen.
Das ist freilich wahr. Wird mir jedoch der Eintritt in eines
dieser Häuser, mir, einer kranken Fremden, mit einem kleinen hülflosen und schwächlichen Mädchen gestattet sein?
Es wird Niemand von Miß Reed's Familie so unbarmherzig
sein, Euch den Aufenthalt zu verweigern, besonders wenn Ihr den
Herrn dieses Besitztums zu sprechen wünscht.
Auch wenn ich kein willkommener Gast sein sollte, Miß?
fragte die Frau weiter.
Mister Reed wird öfters um Rat und Unterstützung angesprochen und läßt Niemand ungetröstet weiter ziehen, ohne von
einem seiner Familienglieder gehindert zu werden.
Nun, so will ich getrost von Ihrem freundlichen Anerbieten
mit meinem Kinde Gebrauch machen. Wollten Sie die Güte
haben, mich nach einem Unterkommen zu weisen?
So folgt mir, sprach Bessie, verwundert ob solcher Verzagtheit und Bescheidenheit, und schritt auf das Gebäude zu, welches
zum Aufenthalt für das weibliche Gesinde diente. Eben im Begriff, die Thürklinke zu ergreifen, wurde dieselbe von innen heftig
aufgerissen, und der krausköpfige John Reed stand plötzlich auf
der Schwelle, die ihm unerwartete Gruppe ganz überrascht anschauend. Was soll denn das wieder sein, Bessie? fuhr er plötzlich auf.
Machen Sie mir Platz, Mister John, sprach die Gouvernante
gelassen zu ihm; diese arme Frau soll mit ihrem Kinde hier eintreten und auf die Rückkunft Ihres Herrn Vater warten, den sie
in einer für sie dringenden Angelegenheit zu sprechen wünscht.
Bringst Du schon wieder Bettelleute in unser Haus, Bessie?
rief John boshaft. Wie oft hat die Mama Dir schon untersagt,
den Vater mit solchem Gesindel zu belästigen!
Pfui, schämen Sie sich, Mister John! entgegnete Bessie. Wie
können Sie es wagen, Ihrer Mama solch böse Worte und solch
noch bösere Gedanken unterzulegen? Geben Sie Raum.
Ich will nicht, Bessie! rief John ärgerlich, und Du sollst
keine Bettelleute aufnehmen.
Lassen Sie mich lieber wieder gehen, Miß, bat die Frau
ängstlich, ich will vor dem Thore warten, vielleicht kommt Mister
Reed doch von jener Seite zurück, wo ich mich aufstelle.
Nein, nein, bleibt, gute Fran. Ich erhalte sonst von Mister
Reed Vorwürfe, wenn er erfährt, daß ich der Laune und dem
Eigensinn dieses böswilligen Knaben nachgegeben habe, sprach die
Erzieherin mit größerer Festigkeit, als man ihrem sanften und
ruhigen Wesen zugetraut hätte. Mister Reed wünscht, daß seine
Kinder gegen Unglückliche und Arme barmherzig sind.
Du schiltst mich einen Knaben, statt mich, wie Mama Dir
befohlen, Mister John zu nennen! rief John fast außer sich und
erhob seine Reitpeitsche, die er in der Hand hielt.
Ehe er indessen zu einem Schlage ausholen konnte, hatte Bessie
mit raschem Griffe die Reitpeitsche seiner Hand entwunden und
sprach blitzenden Auges zu ihm: Sie geben jetzt augenblicklich
Raum, damit ich mit dieser Frau und ihrem Kinde Eintritt erhalte, oder Sie sollen für Ihre Ungezogenheit bittere Reue empfinden, Sie garstiger Mensch.
Huß, huß, Tyras! rief John einem großen herbeieilenden
Hunde zu. Pack diese Bettelleute und zerreiße sie zusammen mit
dieser häßlichen und dummen Bessie in kleine Stücken.
Zum Schutze der beiden Ankömmlinge sprang Bessie zwischen
diese und den großen Hund, welcher, ohne einen Angriff zu wagen,
plötzlich ruhig und schweifwedelnd stehen blieb. So ist es brav,
Tyras! sprach die Erzieherin ruhig zu dem schönen Tiere. Tyras
ist besser und vernünftiger, wie Sie böser Mensch, der für seine
Grausamkeit die Peitsche verdiente.
Mama! Mama! schrie jetzt John Reed jammernd, Bessie
will mich hauen! hilf mir, liebe Mama! - Heftig klirrend flog ein
Fensterflügel im Herrschaftsgebäude auf, und eine zornige weibliche
Stimme ließ die hastigen Worte vernehmen: Bessie! Bessie! Was
haben Sie schon wieder mit meinem lieben John, daß Sie ihn
schlagen wollen?
Mister John lügt, Mistreß Reed! sprach die Erzieherin ruhig,
aber mit bebender Stimme; er hat mir mit der Peitsche gedroht
und Tyras auf diese armen Leute hier gehetzt, die Mister Reed
sprechen wollen. Da habe ich ihm die Peitsche genommen, damit
er kein Unrecht thue und dann von Mister Reed verdiente Strafe
erhalte.
Komm zu mir, lieber John, ließ sich die Stimme von Neuem
vernehmen, - ich werde mit Deinem Vater reden, bekümmere Dich
nicht um Bessie und diese Bettelleute.
Mit einigen zwischen den Lippen gemurmelten Worten, die
eine unheimliche Drohung enthielten, sprang John eiligst nach dem
Herrschaftshause und zu seiner Mama, während die arme Frau
leise flüsterte: O ich Ärmste, aus diesen beiden kalten Stimmen
sprach kein Herz! Hier, liebe Miß, wandte sie sich lauter an Bessie,
finde ich keinen Trost und keine Hülfe. Ich will lieber meines
Weges weiter ziehen, ehe ich hier Unfrieden stifte und Ihnen für
Ihre Güte gegen eine Ihnen völlig Unbekannte Unannehmlichkeiten
bereite.
Ihr bleibt, arme Frau, sprach ihr Bessie freundlich zu und
hielt sie zurück. Wie hätte Mister Reed Recht, mich zu schelten,
wenn er erführe, daß ich eine Unglückliche und Verlassene ungetröstet an seines Hauses Thüre hätte vorüberziehen lassen.
Das kleine Mädchen klammerte sich angstvoll an ihre Mutter und bat mit leiser Stimme: Bleibe, liebe Mama, bleibe, ich
kann nicht mehr gehen und mich hungert auch zu sehr.
Treten Sie doch ein, Frau- bat die Erzieherin. Um Ihres
Töchterchens willen, das sogleich ein Glas Milch zu seiner Stärkung erhalten soll. Halb gegen ihren Willen ließ sich die arme,
beinahe verzweifelnde Mutter in eine Stube führen, in welcher sie
fast auf einem Stuhle zusammenbrach, aber sich doch noch so viel
Kraft zu erhalten wußte, um ihre Kleine auf ihren Schoß zu
heben und recht fest, gleich als wenn sie dieselbe zu verlieren fürchtete, an ihr Herz zu pressen. Sie schloß die Augen vor Erschöpfung,
und die Sinne schienen ihr zu schwinden, während Bessie schleunig
ein Glas Milch herbeiholte und es dem kleinen Mädchen vorhielt,
das in langen und durstigen Zügen seinen Hunger und Durst zu
stillen versuchte.
Nun trinke Du, liebe Mama, bat das Kind freundlich, Jane
ist wieder wohl und kann jetzt weiter mit Dir gehen. Trinke
doch, Mama, die Milch schmeckt ja so gut, so süß.
Nehmet Ihr jetzt auch etwas Milch zu Euch, damit Ihr,
wenn Mister Reed zurückkommt, so viel Kraft wieder gesammelt
habt, um ihm Euer Anliegen gefaßt vortragen zu können.
Den vereinigten Bitten ihres Kindes und der Erzieherin vermochte die Unglückliche nicht zu widerstehen, aber nur mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr, ihre Schwäche niederzukämpfen
und einige wenige Schlucke der kühlenden Milch zu genießen. So
wenig sie übrigens auch zu sich genommen, so reichte es doch hin,
ihre Lebenskräfte wieder etwas zu heben und darauf hin noch ein
Stückchen trockenen, aber recht kräftigen Brotes verzehren zu können, während ihr Kind den Rest der Milch austrinken mußte.
Haben Sie Dank, Miß, sprach die Frau gerührt; Sie haben
mir und meinem Kinde das Leben gerettet- vielleicht kann es
Ihnen meine Jane dereinst vergelten. Ich glaube, ich wäre nach
den ersten Schritten, die ich ans diesem Hause hätte wieder hinaus thun müssen, vor Erschöpfung zusammengestürzt und hätte
mein kleines hilfloses Kind einsam und verlassen auf dieser weiten
und fremden Welt preisgeben müssen.
Gebt Euch nicht solchen düsteren Gedanken hin, arme Frau,
suchte Bessie die Unglückliche zu trösten, und verlaßt Euch auf
Mister Reed's Gütte und Menschenfreundlichkeit, die unerschöpflich
sind und noch niemals vergebens angesprochen wurden.
Das gebe der Himmel, lispelte die Arme, sonst bin ich rettungslos verloren, ich und mein Kind.
Versucht zu ruhen, Frau, und etwas Kraft zu sammeln, damit Ihr Euer Anliegen bei Meister Reed's Ankunft klar und im
Zusammenhange vortragen könnt, fuhr Bessie fort, denn unser
Herr ist immer sehr beschäftigt und seine Zeit mit wichtigen Dingen
in Anspruch genommen. Ich lasse Euch jetzt auf kurze Zeit allein,
bis Esther mit ihren Küchenarbeiten fertig ist; sollte Mister
Reed früher als erwartet heimkehren, so führe ich ihn gleich zu
Euch her.
Die Erzieherin ging; das kleine Mädchen lehnte sein Köpfchen an der Mutter Brust, und auch diese schloß vor Erschöpfung
ihre müden Augen zu einem sanften Schlummer, ohne für ihren
Kopf eine weitere Stütze zu haben, als ihren Arm und die hölzerne Platte eines großen Tisches, aber Mutter und Kind schlummerten, schlummerten sanft und süß, hatten sie doch Gelegenheit
gehabt, ihre ermatteten Kräfte zu stärken und ihren Körpern auf
diese Weise die Wohlthat eines, wenn auch nur kurzen, aber erquickenden Schlafes zuteil werden zu lassen! Glücklicher Armer,
wenn Dir der Vater im Himmel einen tröstenden Schlummer
nicht versagt hat und Du Dir selbst ein reines Gewissen zu bewahren wußtest!
Nach einer Stunde etwa wurde die Frau durch den Hufschlag
eines Pferdes aus ihrer Ruhe aufgeweckt und harrte nun angstvollen Blickes den nächsten bestimmenden Augenblicken entgegen,
welche die Entscheidung über ihre Zukunft herbeiführen mußten.
Die Entscheidung sollte schneller kommen, als sie gedacht, denn
schon nach Verlauf weniger Minuten öffnete sich die Thüre und,
von Bessie gefolgt, erschien Mister Reed auf der Schwelle derselben.
Die Frau erhob sich von ihrem Sitze und stellte ihr Töchterchen
langsam an ihrer Seite nieder; Mister Reed warf einen anfänglich mitleidsvollen, dann aber in stummen Schrecken und Entsetzen
übergehenden Blick auf die Gruppe, bis er sich in so weit wieder
gesammelt hatte, um die nur hingehauchten Worte: Anna bist Du
es wirklich, oder ist es nur Dein Geist? über seine Lippen bringen
zu können; ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust.
Ich bin es wirklich, Georg, ich und mein Kind, flüsterte,
ohne das Auge aufzuschlagen, die Angekommene und sank erschöpft
wieder auf ihren eben verlassenen Sitz zurück.
Lassen Sie uns allein, Miß Bessie, wandte sich Reed nach
kurzem Besinnen an seine Begleiterin. Sie haben Ihre Pflicht
ganz nach meinem Wunsche erfüllt, schweigen Sie aber einstweilen
über diesen Vorfall, ich werde meiner Familie selbst nähere Mitteilung machen.
Die Erzieherin verließ unter einer stummen Verbeugung
das Zimmer; darauf trat Reed näher an die Fran heran und
bot ihr die Hand; Du mußt mich entschuldigen, Anna, wenn Du
mich über unser Zusammentreffen unter solchen Umständen mehr
verwundert und erschrocken, als erfreut siehst. Ich glaubte Dich
gesund und glücklich jenseit des Ozeans und muß Dich plötzlich
als ein Bild des Erbarmens nach länger als sechs Jahren vor
meinen Augen und in meiner Wohnung erblicken. Konntest Du
denn nicht die Vorsicht gebrauchen, mich brieflich von Deiner Lage
und Deinem Vorhaben, mich aufzusuchen, zu unterrichten, anstatt
Dich unangemeldet und in einem solchen erbarmungswürdigen Zustande ohne Weiteres bei mir einzustellen? Wo ist Dein Gatte,
mein Schwager Eyre? Wie konnte er Dich in solches Elend geraten lassen?
Kein Vorwurf, Bruder Georg, trifft diesen edlen und braven
Mann, der bis zu, dem letzten Augenblicke seines schweren und
arbeitsvollen Lebens mit dem Aufgebote aller seiner Kräfte für
mich und sein Kind gearbeitet hat! antwortete die Anna Angeredete mit Entschiedenheit.
So ist Dein Gatte tot? fragte Reed mit zitternder und
erregter Stimme.
Tot seit sechs Monaten, gab Anna unter heißen Thränen
zur Antwort.
Und warum ist mir von seinem Hinscheiden keine Nachricht
zugegangen, Schwester? Ich dächte, ich wäre Euch doch immer
freundlich gesinnt gewesen, ja ich hätte Euch Beide schon herzlich
lieb gehabt, bevor Ihr ehelich miteinander verbunden waret!
Philipp Eyre habe ich auf seinem Sterbelager in seine Hand
geloben müssen, Dich nur in der äußersten Not und von Allen
verlassen, von meinem Unglücke zu unterrichten; er kannte die
feindseligen Gesinnungen Deiner Gattin gegen ihn und mich und
wollte nicht, daß ich Dir zur Last fallen sollte, so lange ich noch
eine Zufluchtsstätte hätte.
Und jetzt bist Du so weit, daß Du nur noch meine Hülfe
kennest, Unglückliche? Sprich offen!
Ja, Georg, es ist so, ich weiß nicht, wohin ich meinen Schritt
wenden, wohin ich mit meinem Kinde mein Haupt legen soll. Und
nur diese trostlose Aussicht allein ist der Grund, daß ich in Deinem Besitztum erscheine und Deine brüderliche Liebe für uns
anrufe. Ein heftiger Thränenstrom, den sie nur mühsam zurückzuhalten vermochte, unterbrach ihre Rede und ließ eine kurze, aber
inhaltsschwere Pause in dem Gespräche eintreten.
Sammle Deine Gedanken und Deine Ruhe, Anna, daß Du
mir die Erzählung Deines Geschickes bis zu diesem Augenblicke
im Zusammenhange mitteilen kannst und ich meine Entschließungen
für Deine und Deines Kindes Zukunft zu treffen vermag.
Nun so höre Bruder Georg. Ich habe Dir von New-York
aus mitgeteilt, daß ich nach meiner Verheiratung mit Philipp
Eyre ihm dorthin gefolgt war, daß ihm seine technischen Kenntnisse
eine ehrenvolle und gut bezahlte Stellung in einer Maschinenfabrik
finden ließen und wir in zufriedenen, ja glücklichen Verhältnissen
lebten. Unser Glück steigerte sich, als uns nach Verlauf eines
Jahres unsere Jane, dieses arme schwächliche Kind hier, geboren
wurde, ja Philipp fühlte sich in ihrem Besitze selig und beneidete
keinen Menschen, mochte er noch so reich, so frei und unabhängig
gestellt sein. Nach kaum Jahren indessen sollten die heiteren
und sonnigen Zeiten unseres Lebens vorüber sein und düstere verderbendrohende Wolken unseren Himmel verfinstern. Bei einem
Feuer, das in der Nachbarschaft der Fabrik ausbrach, in welcher
mein Gatte angestellt war und das diese in seiner Gewalt
mit zu erfassen und zu vernichten drohte, griff Philipp, ohne
daß er dazu verpflichtet gewesen wäre, auf das Unerschrockenste
und Furchtloseste mit ein, so daß seiner angestrengten Thätigkeit
und seinen umsichtigen Maßnahmen kein weiteres Gebäude, als
das vom Brande selbst ergriffene, den Flammen zum Opfer fiel.
Er wurde von allen Seiten mit den wärmsten Lobsprüchen überhäuft, er fand die ehrenvollsten öffentlichen Anerkennungen, -
aber er hatte jedenfalls seine Kräfte überschätzt, hatte seinem Körper
und seiner Gesundheit mehr aufgebürdet, als sie zu tragen und
auszuhalten im Stande waren: kurz er fing einige Wochen nach
diesem Unglücksfalle an zu kränkeln, sich unbehaglich zu fühlen und
konnte nur mit sichtlicher Anstrengung seinen Berufsgeschäften
noch nachgehen, obwohl er solches sich nicht merken lassen wollte,
es entschieden in Abrede stellte und meine oft ausgesprochenen
Bedenken und Bitten, sich zu schonen, zu entwaffnen verstand.
Zu meinem Entsetzen verfielen seine körperlichen Kräfte immer
mehr und, wollte ich ihn nicht mißmutig machen oder gar erzürnen,
so durfte ich nicht einmal meine Wahrnehmungen äußern. Endlich
konnte er sich nicht länger aufrecht erhalten und mußte auf seinem
Lager gebannt bleiben - es sollte ihm nicht vergönnt sein, dasselbe
wieder zu verlassen; länger als sechs Monate schwebte er zwischen
Leben und Sterben, bis endlich ein sanfter Tod ihn von seinen
unsäglichen, aber nie laut ausgesprochenen Leiden erlöste. Meinen Schmerz bei seinem Hinscheiden will, ich Dir nicht zu schildern
suchen, wenn ich in seinem Aussprechen auch eine Art von Trost
darin zu erblicken vermag; er hatte alle Vorsorge für mich getroffen, damit ich ruhig in die Zukunft blicken konnte. Sein Bruder Arthur, der in Bedford ansässig war, sollte mich in seinem
Hause aufnehmen und für mich und meine Jane sorgen, wofür
ihm Philipps Ersparnisse, die in 50 Pfund Sterling bestanden,
zur Verfügung gestellt wurden. Arthur willigte ein, uns aufzunehmen, wenn seines Bruders letzte Stunde gekommen sein sollte.
Als nun das für mich so entsetzliche Ereigniß eingetreten war,
hätte ich Dir, lieber Bruder, Mitteilung von meinem Zustande
machen sollen, ohne Deine Hülfe, wie ich meinen Gatten hatte
geloben müssen, in Anspruch zu nehmen, aber Schmerz, Kümmernis
und bange Sorge mögen mich zu sehr darniedergedrückt haben, ich
übersah es im geeigneten Augenblicke und schämte mich, es späterhin
nachzuholen, bis es mir in der That zu einer reinen Unmöglichkeit wurde.
Anna hielt erschöpft inne und mußte neue Kräfte sammeln.
Und hast Du denn Deinen Schwager, der ja auch ein tüchtiger
und rechtschaffener Mensch ist, nicht aufgesucht? fragte Reed nach
einer geraumen Weile, während er seiner Schwester Erholung gegönnt, weiter.
Ich suchte ihn auf, wie mir mein Gatte aufgetragen, fuhr
die Gefragte fort. Mit Reisegeld, anderer nötigen Baarschaft
und Gepäck reichlich versehen, schiffte ich mich mit meiner Jane
ein und langte vor einigen Monaten zunächst in England und
wenige Tage darauf in meines Schwagers Wohnung an, der auf
kurze Zeit verreist war, dessen Rückkunft aber täglich erwartet
wurde. Ich fand eine zuvorkommende und freundliche Aufnahme
bei der Wirtschafterin meines Schwagers und hätte füglich mit
meiner Lage zufrieden sein können, aber wenn mich der Schmerz
um meines Gatten Tod und die Aufregung aufrecht erhalten
hatten, so warfen mich Ruhe und Abspannung nunmehr auf das
Krankenlager, und ich fiel Wochen hindurch in ein hitziges aufreibendes Fieber. Wie lange ich gelegen habe, weiß ich selber nicht
zu sagen, und wie ich einigermaßen wieder zur Besinnung kam,
hatte sich meine Lage vollständig verändert. Meines Schwagers
Wirtschafterin war verschwunden und eine gleichgültige rohe Person an ihrer Stelle anwesend, die mir zwar die notwendigsten
Handleistungen und die dringendsten Lebensbedürfnisse reichte, aber
ehe ich nur wieder auf sein konnte, mich darauf in ganz entschiedener Weise aufmerksam machte, daß meine Gelder aufgezehrt und
meine überflüssigen Kleidungsstücke verkauft seien, um Arzt und
Apotheker sowie Pflege und Unterhalt zu bestreiten; jetzt behielte
sie mich zwar noch aus reiner christlichen Nächstenliebe und ihrer
angebornen Barmherzigkeit in ihrer Wohnung, sobald ich aber
meinen Weg weiter fortsetzen und mir Lebensunterhalt suchen könne,
müßte ich mit meinem Kinde das Haus verlassen. Als ich nach
meinem Schwager und seiner Wirtschafterin fragte, lachte das gefühllose Weib laut auf und gab mir zu verstehen: Ich habe wohl
geträumt, oder meine Krankheit habe mir meinen Verstand geraubt,
- sie wisse von keiner Wirtschafterin - ich sei krank zu ihr gebracht worden mit meinem Kinde und sie habe mich bereitwillig
aufgenommen und gepflegt, so daß ich ihr die Wiedererlangung
meiner Gesundheit zu danken habe. Als ich tötlich hierüber erschrocken, fast kein Wort zur Entgegnung fand, aber doch daran
denken mußte, die Frau augenblicklich zu beruhigen und ihr zu
versichern, daß ich in dem nicht weit von hier gelegenen Landsite
Gateshead einen wohlhabenden Bruder Namens Reed habe, der für
mich aufkommen würde, verlachte sie mich und sagte, der Besitzer
von Gateshead heiße seit länger als zwei Jahren Eduard Morton und
nicht Reed. Mister Reed sei fortgezogen und sie wisse nicht wohin; ich möge keine falschen Vorspiegelungen versuchen und meine
Lage nicht durch Unwahrheiten noch verschlimmern. Was sollte
ich nun vornehmen? Ich konnte die Frau - Mistreß Brown
ist ihr Name- jetzt nur noch auf meiner Hände Arbeit vertrösten, sobald ich völlig hergestellt und wieder zu Kräften gekommen sei. Da fuhr sie heftig auf und erwiderte mir rauh:
Sie wolle froh sein, wenn sie mich nicht mehr zu beherbergen und
zn unterhalten brauche; auf Wiedererstattung und Dank mache sie
gar keinen Anspruch von mir. Nach ungefähr fünf Tagen forderte sie mich auf, ihre Wohnung zu verlassen, - was blieb mir
übrig, Bruder? Ich mußte mein Kind an die Hand nehmen,
mußte gehen und ihr überdies noch Dankesworte sagen, daß sie
sich meiner angenommen. Gestern früh habe ich sie verlassen, ich
ging in den Straßen der Stadt wie betäubt herum, konnte keines klaren
Gedankens mächtig werden, vermochte es nicht, Jemand um Hülfe
oder Rat in meiner Not anzureden - bis ich plötzlich mich
in freiem Felde befand und von einer alten Frau angesprochen
wurde, welche mich nach der Richtung meines Weges fragte. Als
ich ihr hierauf mitteilte, daß es meine Absicht gewesen sei, nach
Gateshead zu gehen, da aber mein Bruder Reed, der früher daselbst
gewohnt habe, weggezogen sei, so wisse ich in der That nicht, wohin ich
mich augenblicklich wenden solle, um ein Unterkommen zu erhalten, so
erfuhr ich zu meiner höchsten Freude, daß Du nicht weggezogen seiest
und noch immer auf Deiner Besitzung weiltest. Ich sei auf dem richtigen Wege nach Gateshead, erzählte mir die Frau weiter, sobald
ich den vor mir liegenden Wald durchschritten habe, was freilich
noch einige Stunden in Anspruch nehmen könne, sähe ich Mister
Reed's Besitztum vor mir liegen und könne dasselbe nicht mehr verfehlen. Vor dem Eintritt in den Wald mußten wir uns trennen; ich
bin die ganze Nacht gewandert, habe nur einige Male geruht, da ich
meine Jane, welche auf meinem Arme eingeschlummert war, nicht weiter
tragen konnte. Endlich nach einer langen entsetzlichen Nacht, ohne
Schutz, ohne Speise und Trank, gelangte ich kurz nach Tages Anbruch wieder ins Freie und habe mich mühsam bis hierher geschleppt, wo ich von einer freundlichen jungen Dame liebevoll aufgenommen und gestärkt worden bin.
Anna Eyre schwieg jetzt, während ihr Bruder, in ernstes
Nachdenken versunken, in dem geräumigen Zimmer langsam auf-
und abschritt und nach vielleicht fünf Minuten Überlegens ernst,
doch gütig sich zu seiner Schwester wandte: Sei ruhig Anna, und
fasse Dich. Daß Du zunächst bei mir, in meinem Hause und
meiner Familie bleibst, bis ich weiter für Deine Zukunft habe
sorgen können, ist selbstverständlich, wenn es mir auch weit lieber
gewesen wäre, von Deiner Ankunft einen oder zwei Tage vorher unterrichtet worden zu sein. Freilich ging das in Anbetracht der mir
mitgeteilten Umstände nicht anders, aber wenn ich auch Deinen
Worten unbedenklichen Glauben schenke, so könnte doch meine Frau,
die wie Du selbst weißt, Deine Verheiratung mit Eyre nie
billigen mochte, Bedenken dagegen erheben. Um dieselben im voraus
zu zerstreuen und es zu keinen Erörterungen zwischen Euch kommen
zu lassen, ist es am geratensten, Du erholst Dich noch einige
Zeit in diesem Zimmer, in welchem Dich Niemand stören soll,
während ich meine Frau auf Deine Ankunft vorbereite und die
nötigen Anordnungen für Deine und Deines Kindes Aufenthalt
mit ihr bespreche. Reed entfernte sich nach diesen Worten und
begab sich sofort in das Herrschaftsgebäude.
Zweites Kapitel.
Mistreß Sarah Reed hielt eine weibliche Arbeit in der Hand,
mit welcher sie sich am Fenster sitzend beschäftigte; ihre Tochter
Georgine saß ihr zur Seite und spielte mit einer großen und stattlich herausgeputzten Puppe, während der aus dem Hofe heraufgerufene John mit nur geringer oder vielmehr gar keiner Aufmerksamkeit in einem Bilderbuche herumblätterte.
Bessie ist dumm, Mama, begann John, nachdem er bereits
eine geraume Weile in das Zimmer eingetreten war und sich zu
seiner Unterhaltung ein Buch herbeigeholt hatte, sie soll die Bettelleute in unserem Hause nicht zurückhalten und beherbergen wollen,
sondern sie hinüber zu unseren Nachbarn ziehen lassen, die reichere
Leute sind, als wir hier.
Wir sind die reichsten Leute hier, nicht wahr Mama? fragte,
halb unwillig über ihres Bruders Äußerungen, Georgine. Unsere
Nachbarn haben weniger Geld als wir!
Jawohl, meine Tochter, bestätigte die Mutter, wir sind die
reichsten Leute in der hiesigen Gegend, aber Dein Vater will es
uns und anderen Menschen gegenüber nicht wissen lassen, und deshalb allein leben wir einfacher und ruhiger, als alle unsere
Nachbarn.
Warum aber giebt er denn da so viel Geld an Bettler und
arme Leute? Warum muß ich es dulden, daß Bessie heute schon
wieder zwei in unsere Gesindestube treten ließ? fragte John seine
Mutter. Das solltest Du wenigstens nicht leiden, Mama, durchaus nicht.
Dein Vater, mein lieber John, hat ein weiches Herz und ist
gern wohlthätig gegen Arme, erwiderte die Mutter, und deshalb darfst
Du Dich nicht gegen Bessie auflehnen und sie hindern wollen, wenn
sie Deines Vaters Befehle und Weisungen zur Ausführung bringt.
Wenn ich erst einmal Herr hier bin, sprach der Knabe übermütig, da soll es ganz anders hier zugehen; da dürfen nur reiche
Leute in unser Haus kommen.
Sprich nicht so gottlos, John, verwies Mistreß diese unkindliche Außerung. Schweig lieber und lies in Deinem Buche, damit
Du mich nicht in meiner Arbeit störst. Und auch Du, Georgine,
belästige mich jetzt nicht weiter mit Fragen, die zu nichts führen
können. Oder noch besser, geht Beide zu Bessie und übt Euch
im Klavierspielen; die Zeit der Unterrichtsstunden muß ja herangekommen sein. Wenn Euer Vater von seinem Morgenritte heimkehrt und Euch nicht beim Lernen trifft, könnte er sonst leicht ungehalten werden.
Kaum hatte Mistreß Reed diese Worte ausgesprochen, so erschien auch schon die Erzieherin in der Stube und bat, daß Miß
Georgine und Mister John zur Stunde kommen sollten. Voll
Unwillens zwar folgten die Kinder, aber doch wagten sie denselben
nicht zu äußern.
Mir ahnt Unheil, sprach Sarah Reed halblaut vor sich hin,
indem sie nach Entfernung ihrer Kinder die Hände nachdenklich in
den Schoß hatte sinken lassen. Die angekommene Frau, welche
ich nur auf einen Augenblick zu Gesicht bekommen habe, erschien
mir nicht unbekannt, wenn ich mich auch momentan nicht zu besinnen vermag, wo und zu welcher Zeit ich diese Züge schon gesehen habe. Wüßte ich nicht, daß meines Gatten Schwester seit
Jahren in Amerika wäre, ich würde glauben können, sie wäre es!
- Ja, ja, sie muß es sein- so ungefähr war ihre schwächliche,
kleine Gestalt, so scheu und verlegen blickte ihr Auge. Diese Person,
die solche Schande durch ihre Verheiratung über unsere Familie
gebracht hat, vielleicht in mein Haus aufnehmen zu sollen, das
wäre das Ärgste, was ich von dem wankelmütigen romantischen
Reed noch zu ertragen hätte. Das darf und wird nimmermehr
geschehen, so lange ich noch atmen kann. Erregt erhob sich die
hohe Gestalt und schritt mit ruhelosen Schritten im Zimmer umher. Träte dieser Fall wirklich ein, so muß ich meine ganze Kraft,
meine volle Willensstärke zusammen nehmen, um Reed's Absichten
mit Erfolg durchkreuzen zu können, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, und ich will doch sehen, ob ich meinen Willen auch
nicht ein einziges Mal erfolgreich durchzusetzen vermag. Hier
gilt es Klugheit und Vorsicht, um für alle Fälle meinem weichmütigen Gatten gegenüber gewappnet zu sein. Ununterbrochen
und überlegend setzte sie ihren Gang durch das Zimmer fort, ja
sie ließ sich selbst nicht stören, als sie Mister Reed in den Hof
hereinreiten hörte und seinen Weg, von Bessie unterrichtet, nach
dem Gesindehause nehmen und ihn in dasselbe eintreten sah. Endlich
mußte die Unterredung mit der angekommenen Frau beendet sein,
denn sie hörte ihres Gatten Stimme in dem Hofraume einen Befehl erteilen und seine Schritte sich ihrer Wohnung langsam nähern.
Rasch nahm sie ihren früheren Sitz wieder ein und beschäftigte
sich fleißig mit ihrer Arbeit.
Reed betrat das Zimmer und begrüßte seine Gattin mit den
Worten: Guten Morgen Sarah; schon so fleißig bei der Arbeit. Wo
sind unsere Kinder?
Guten Morgen, Georg, antwortete Mistreß Reed überaus
freundlich, wenn Du vom frühen Morgen an schon im Felde
thätig bist, darf ich als ordentliche Hausfrau doch auch nicht müßig
sein. Unsere Kinder haben Unterricht bei ihrer Gouvernante.
Schön, liebe Frau, erwiderte Reed, so stören uns dieselben
doch für den Augenblick nicht, zumal ich Dir eine ernste und keineswegs erfreuliche Nachricht mitzuteilen habe- er hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort.
Eine unerfreuliche Nachricht, rief Sarah betroffen, die Dich,
die uns unangenehm ist?
Meine Schwester Anna ist mit ihrem Kinde hülflos und von
allen Mitteln entblößt bei uns heute morgen eingetroffen und
spricht mich um Unterstützung an.
Die Landstreicherin! fuhr Reed's Gattin auf, als sie die Gewißheit ihrer Vermutung bestätigt fand, obwohl sie sich vorgenommen hatte, äußerlich ganz ruhig zu erscheinen.
Sie kommt nicht als Landstreicherin, unterbrach Reed seine
Gattin. Sie war Philipp Eyre's Gattin und ist nach dessen Tode
seine verlassene Witwe und bleibt wie bisher meine Schwester.
Er wiederholte aus Anna's Erzählung, als seine Frau keine Einwendung erhob, die wichtigsten Punkte und schloß seine Worte mit
der Frage: Nun gieb mir Antwort, Sarah, wie soll ich als Bruder
gegen meine Schwester handeln?
Nimm Dich ihrer an, Georg, antwortete Sarah ruhig, aber
entschieden, unterstütze sie so viel und so reich Du willst, aber
nimm sie nicht in Dein Haus auf, erspare mir die Notwendigkeit, mit Deiner Schwester, die mir nie sympathisch war und die
auch stets gegen mich und meine Verbindung mit Dir einen hartnäckigen Widerwillen gehabt hat, jemals unter einem Dache zu
leben.
Das kann und wird Dein Ernst nicht sein, Sarah, sprach
Reed begütigend; nie hat Anna ein Wort gegen Dich geäußert.
Jetzt ist sie unglücklich, verlassen und bedarf mehr des Trostes und
der Liebe zunächst, wenigstens einer sorgsamen Pflege von befremdeter Hand, als nur einer bloßen materiellen Unterstützung, die
ihr gewährt werden kann.
Liebe giebt sich nur für Liebe, Georg, das weißt Du selbst
recht gut. Verlange von mir nichts, was über meine Kräfte geht,
was Du nicht von mir fordern kannst.
Sie ist eine Unglückliche, eine Bedauernswerte, Sarah, sie
ist die Schwester Deines Gatten. Bedenke, wenn Dir, wie es
leider nicht der Fall ist, vom Geschick eine Schwester beschert wäre,
mit welcher Du stets in Liebe und Frieden gelebt hättest, und
wenn diese Schwester durch den Tod ihres Gatten, durch schlechte
Menschen ihrer Habe, ihrer Kleider beraubt, krank und schwach
mit einem zarten Kinde zu Dir käme und Deine Hilfe anrufen
würde, könntest Du sie vielleicht mit einer Hand voll Geld abspeisen und wieder in die Fremde schicken? Nein, nein, Du würdest sagen: Georg, meine Schwester bedarf der Liebe, des Erbarmens- wir besitzen beides- wollen wir ihr helfen? wollen
wir ihr beides zuteil werden lassen?
Ich würde, da ich selbst ohne Vermögen bin, Georg, Deine
Unterstützung für sie in Anspruch nehmen und Deinen Reichtum
für sie anrufen, aber Deine Liebe für sie, Dein Mitleid würde ich
bei Gott nicht anrufen. Und wenn ich Dir auch keine Vorschriften
machen kann, ob Du Deine Schwester in unser Haus aufnehmen
sollst oder nicht, so unangenehm mir auch das Erstere sein wird, so
verlange wenigstens nicht eine Liebe von mir, die ich nicht empfinde.
Du bist aufrichtig gegen mich, Sarah. Gut, ich begnüge mich
damit, und verlange keine Liebe von Dir für meine Schwester,
aber ich darf nun wohl die Bitte an Dich richten, daß Du Deines
Mannes einzige und nächste Verwandte mit Freundlichkeit in unserem Hause aufnimmst und auch ein Wort des Bedauerns und
des Willkommens für sie haben wirst.
Du verlangst nicht wenig Selbstüberwindung von mir, aber
wann hätte ich Dir, meinem heißgeliebten Gatten, jemals die
Erfüllung einer Bitte verweigern können. Bist Du nun zufrieden
gestellt, oder hast Du noch eine Forderung an mich zu stellen, Georg?
Ich danke Dir, Sarah, für Deine Nachgiebigkeit; Du wirst
dieselbe gewiß nicht bereuen, wenn Du Anna näher kennen und,
ich bürge dafür mit meinem Worte, auch lieben lernen wirst.
Jetzt überlege, wie Du Mutter und Kind am besten und ungeniertesten unterbringst, da ich in Deine häuslichen Einrichtungen durchaus nicht eingreifen mag, sowie Deiner und unserer Kinder Bequemlichkeiten nicht die geringste Störung auferlegen will.
Deine Schwester wird zur Familie gehören, und so halte ich
es für das Geeignetste, wenn sie mit ihrem Kinde die beiden Zimmer, welche mit unserer Wohnung durch einen Gang verbunden
sind und die wir bisher als Fremdenzimmer benutzt haben, als
Wohn- und Schlafraum bezieht, während wir unsere etwaigen späteren Gäste recht gut eine Treppe hoch einquartieren können. Sie
mag dann gemeinschaftlich mit uns die Mahlzeiten einnehmen oder
es vorziehen, in ihrem Zimmer zu speisen, so werden doch unsere
Leute keine weitere Mühe mit ihnen haben und wir nicht im geringsten beeinträchtigt sein. Bist Du zufrieden?
Von ganzem Herzen danke ich Dir, liebe Frau; ich denke,
Dein praktischer Sinn wird sicher das Richtige und somit auch
das Beste für uns und unsere Schützlinge getroffen haben.
So will ich Beide selbst herüberführen und sie in ihre Wohnung einweisen, Georg, wenn es auf diese Weise Deinen Wünschen entspricht.
Gewiß, gewiß, so wird es am leichtesten für Anna sein, in
unser Haus einzutreten; zuvor aber möchte ich Dich ersuchen, die
Erschöpften noch ein bis zwei Stunden ruhen zu lassen. Vielleicht
läßt Du bis dahin die Zimmer von Hannah einrichten.
Es wird am besten sein, wenn ich die Einrichtung selbst besorge, während Du inzwischen Zeit gewinnst, Dein Frühstück einzunehmen, das Dir Hannah sofort servieren soll. Auf Wiedersehen, mein lieber Freund, und laß es Dir recht gut schmecken.
Mistreß Reed entfernte sich, nachdem sie ihrem Gatten die
Hand gereicht und einen warmen Händedruck und einen noch wärmeren Dankesblick von ihm entgegen genommen hatte.
Reed atmete nach ihrem Weggange sichtlich erleichtert auf.
Das ging wirklich leichter und besser, als ich zu hoffen gewagt
habe, sprach er halblaut für sich, und ich werde darauf denken
müssen, Sarah für diese Überwindung und erfreuliche Gefühlsäußerung meine wirklich sichtliche Anerkennung und Dankbarkeit
recht bald zu beweisen. Ja, wäre sie nicht öfters zu schwach gegen
unsere Kinder, ich hätte mir keine bessere und vortrefflichere Gattin
auswählen können. Lernt sie Anna mit ihrem sanften, gefälligen
und verträglichen Wesen erst besser kennen, so wird diese jetzige
Wandlung ihrer früheren Abneigung auch sicher von Bestand sein
und auch erfreuliche Früchte für uns tragen.
Das Frühstück schmeckte Mister Reed so prächtig heute, wie
es ihm lange Zeit nicht gemundet, und als seine Gattin nach geraumer Zeit in sein Arbeitszimmer trat, um ihn zur Überführung seiner Schwester in die Familienwohnung abzuholen, da
strahlten seine Augen voll Glück und Stolz, und, ohne einen Augenblick zu verlieren, folgte er ihrer Aufforderung, sie zu diesem wichtigen Familienakte zu begleiten. So sehr auch Reed vor dem ersten
Begegnen der beiden Frauen von einem Gefühle der Bangigkeit
beschlichen war, jetzt war es völlig geschwunden und er erwartete
dasselbe voller Ruhe.
Beim Eintritt in die Gesindestube, fanden sie Anna sichtlich
gestärkt, und Mistreß Reed schritt auf dieselbe, welche sich zur Begrüßung erheben wollte, mit entgegengestreckter Hand zu und sprach
überaus freundlich: Sein Sie mir herzlich willkommen, liebe
Schwägerin, in unserem Hause. Freilich wünschte ich in Ihrem
Interesse, daß zu unserem Wiedersehen ein freudigerer Grund die
Veranlassung gegeben hätte, als Ihr tief beklagenswertes Unglück.
Um so inniger aber soll Ihr Eintritt in unseren häuslichen Kreis
begrüßt sein, und wir werden uns alle aufrichtig bemühen, Ihnen
Ihr früheres unverdientes trübes Geschick vergessen machen zu
helfen.
Heiße Thränen entströmten bei diesen unerwarteten und daher
um so tiefer zu Herzen dringenden Worten Anna's Augen, so daß
sie einige Sekunden lang vergebens nach Worten ringen mußte.
Dank! Dank! flüsterte sie endlich. Ich stehe beschämt, tief und
schwer beschämt vor Ihnen; und zur Strafe meines schuldigen
Bewußtseins will ich Ihnen gleich offen bekennen, daß ich auf einen
so herzlichen Empfang nicht vorbereitet war und auf einen solchen
zu rechnen gar nicht hätte berechtigt sein können.
Wie haben Sie nur einen solchen Gedanken zu fassen gemocht, Schwägerin?
Die Schuld liegt auf meiner Seite, daß wir vor meinem
Scheiden vom heimatlichen Boden nicht in wahrhaft verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden haben.
Sie sind dem Zuge Ihres Herzens, dem Manne Ihrer Wahl
gefolgt und haben sich von uns getrennt - aber jetzt sind Sie eine
Unglückliche und bedürfen der Liebe wie des Trostes, und schon
aus diesem Grunde muß die Vergangenheit vergessen sein. Und
wenn Sie mir aufrichtig zugethan sind, so erinnern Sie mich mit
keiner Silbe wieder an unsere früheren Beziehungen zu einander.
Ich will es versuchen, Schwägerin. Jane reiche dieser gütigen Dame Deine Hand.
Komm, mein Kind, sprach Sarah gütig zu Jane, die sich scheu
und schüchtern an ihrer Mutter Kleide festgehalten hatte, komm
und gieb der Tante Dein Händchen. Fürchte Dich nicht.
Jane trat zaghaft auf Mistreß Reed zu und, ihr die Hand
reichend, sprach sie leise: Guten Tag, Tante. So darf Mama
und ich bei Dir, in Deinem Hause bleiben?
Gewiß, mein kleines Mädchen, Du bleibst hinfort bei Onkel
und Tante Reed. Und wenn Du recht gut sein und uns lieb
haben willst, so wollen wir Dich auch lieb haben.
Und Mama auch lieb haben, nicht wahr? recht lieb? fragte
die Kleine rasch weiter.
Dich und Mama wollen wir lieb haben und Euch nicht wieder
fortlassen. Und giebst Du Onkel Reed hier kein Händchen, Jane?
Der gute Onkel wird Euch ebenfalls lieben.
Der hat mir erst selbst schon die Hand gereicht und mir das
Haar gestreichelt und mich so freundlich angeschaut, wie mich bisher
nur die liebe Mama immer angeschaut hat.
Wir haben jetzt unsere Bekanntschaft hinlänglich gemacht, und
so dürfte es nun das Beste sein, wenn Sie, fuhr Sarah fort,
diesen für Sie, liebe Schwägerin, ungeeigneten Ort verließen und
mit einem anderen in unserer Familienwohnung vertauschten, in
welcher ich Ihnen bereits zwei Zimmer eingeräumt und wohnlich
eingerichtet habe. Unsere beiden Kinder, Georgine und John,
sollen Sie später kennen lernen, da sie jetzt gerade Unterricht haben.
Meine Hannah wird Ihnen und für Jane Kleider bringen, mit
welchen Sie sich zunächst behelfen müssen, bis wir ein paar neue
Anzüge für Sie haben anfertigen lassen können.
Verfügen Sie ganz über mich nach Ihrem Belieben, erwiderte Anna, ich kann ja sicher nichts Besseres thuen, als Ihre so
überaus freundlichen Bestimmungen mit Dank und dem drückenden
Bewußtsein annehmen, sie Ihnen nie wieder vergelten zu können.
So folgen Sie mir, Anna; komm, Jane, Tante Reed wird
Dich selbst in Dein Bettchen bringen.
Mister Reed war vollständig überrascht über die Liebenswürdigkeit seiner Gattin und hegte weiter keinen sehnlicheren Wunsch,
als daß diese für ihn erfreuliche und sie selbst ehrende Gesinnung
auch für die Folge festen Stand halten möge; er begleitete die
beiden Frauen bis zur Thüre seines Wohnhauses, dann aber verabschiedete er sich mit den Worten von ihnen: Es wird das Geeignetste sein, wenn ich mich nicht in Eure Arrangements mische
und erst noch einige dringende Besorgungen erledige. Auf Wiedersehen denn zu Nachmittag.
Mistreß Reed führte ihre beiden ihr so überaus unwillkommenen Gäste, denen gegenüber sie mit großer Gewandtheit die
Maske der Zärtlichkeit und Liebe vorgenommen hatte, nach den
für sie bestimmten Zimmern, und man muß ihr zur Ehre nachsagen, daß dieselben hell, geräumig und elegant eingerichtet waren;
die Aussicht der einen Stube umfaßte den Hof und einen Teil
des Parkes, während man von der Schlafstube aus den Blick
über die Felder hinaus bis zu den bewaldeten Hügeln schweifen
lassen konnte, von deren größtem herab Anna mit ihrer Jane am
heutigen Morgen eingetroffen war. Das Wohnzimmer war überdies mit Bildern reich ausgeschmückt und für eine kleine Bibliothek ebenfalls Sorge getragen; überhaupt hatte Sarah für Bedürfnisse jeder Art sowie auch für Material zu weiblichen Handarbeiten bestens gesorgt, so daß auch das strengste und anspruchsvollste weibliche Auge nicht den leisesten Tadel auszusprechen vermocht hätte.
Sieh, Jane, sprach Mistreß Reed gütig, hier ist Dein
Bettchen. Gefällt es Dir so, mein Kind?
Es ist so schön, Tante Reed, wie ich noch niemals eins
gesehen habe, antwortete die Kleine.
Viel zu schön, viel zu reich für uns, fügte Anna Eyre hinzu.
Ich danke Ihnen herzlich im Namen meines Kindes dafür, Schwägerin.
Ich werde Sie künftighin der Kürze halber Anna nennen;
bitte, sagen Sie auch zu mir weiter nichts als Sarah. Es wird
so meinem Gatten am angenehmsten sein. Sie sind doch mit mir
einverstanden über diesen Punkt?
Er entspricht meinem Herzensbedürfnisse, Sarah.
Gut so; ich werde Sie jetzt allein lassen und Ihnen Hannah
senden, damit Sie für sich und Jane andere Kleider herrichten und
Nachmittag bei uns darin erscheinen können.
Mistreß Reed kehrte nach ihrem Wohnzimmer zurück, nachdem
sie der Wirtschafterin Hannah die nötigen Weisungen für ihre
Schwägerin erteilt hatte, und fand in demselben Georgine und
John vor, deren Unterricht für den Morgen beendet war.
Nun, Mama, fragte Georgine, was ist denn aus den Bettelleuten geworden?
Diese Bettelleute, die Du aber niemals so nennen darfst,
antwortete die Mutter, werden bei uns bleiben, bei uns wohnen
und alle Tage mit uns speisen.
Und das hast Du Dir so gutmütig von dem Papa bieten
lassen? fragte jene weiter.
Es sind Eures Vaters Schwester und Nichte, also Eure
nächsten Verwandten, meine Kinder, und Ihr werdet sie Tante
und Cousine nennen müssen.
Wer wird mich dazu zwingen können? fragte Georgine trotzig
und John Reed schloß sich dieser Frage mit dem Zusatze an: Ich
werde dies niemals thun.
Euer Vater will es so haben; es ist sein Wille, sein Befehl,
und Euer Gehorsam wie Eure Klugheit wird Euch den Rat geben,
ihm genau nachzukommen und mir, Eurer gütigen Mutter, keine
unnötigen Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Ich werde es nicht thun, Mama, rief John erregt; ich werde
später hier einmal Herr sein und soll eine Bettlerin Tante nennen.
Nimmermehr!
Du wirst dies thun, mein lieber John, schon Deiner Mama
wegen; wer einmal Herr werden will, der muß auch vorher gehorchen lernen, damit er zu beurteilen vermag, wie weit er selbst
einmal Gehorsam von Anderen verlangen kann.
Gern thue ich es nicht, sprach der trotzige Knabe, aber es soll
geschehen, Mama.
Und Du, Georgine? fragte die Mutter.
Ich werde John's Beispiel befolgen. Du sollst mit mir zufrieden sein, Mama.
Der Nachmittag versammelte die Familie Reed, Anna mit
Jane und auch die Erzieherin Bessie Home an der Mittagstafel,
und auch dieses erste Zusammentreffen fiel aus Respekt vor des
Vaters Willen und Befehl und aus Liebe für die immer nachsichtige Mutter ganz leidlich und erträglich aus, wenn auch Anna's
scharfe Beobachtungsgabe sofort entdeckte, daß das angenommene
herzliche Wesen nicht aus freiem Antrieb oder aus Neigung entsprang- aber wie hätte sie dies auch schon beim ersten Zusammentreffen beanspruchen können? War es nicht mehr für sie,
als sie zu beanspruchen hatte, daß man sie mit ihrem Kinde ohne
ein Wort der Widerrede in das Haus aufgenommen hatte und
sie als zur Familie gehörend betrachtete? Hatte sich ihre elende
und trostlose Lage nicht wie mit einem Zauberschlage verwandelt?
Konnte sie nicht zunächst unbekümmert in die Zukunft schauen und
für ihres Kindes Glück die besten Aussichten erwarten?
Mister Reed sprach während der Mahlzeit absichtlich nicht
viel und überließ es seiner Frau, die Unterhaltung zu führen; er
bemerkte auch mit Zufriedenheit, daß seine beiden Kinder, deren
Stolz ihm kein Geheimnis war, so sehr er auch dagegen ankämpfte,
Fragen an die Tante und Jane richteten und hob endlich in vergnügter Stimmung die Tafel auf.
Anna, welche für sich und Jane mit geschickter Hand zwei
saubere und kleidsame Anzüge aus Sarah's und Georgine's abgelegter Garderobe hergestellt hatte, mußte auch den Kaffee im Familienkreise mit einnehmen und durfte sich erst entfernen, als
Bessie's Unterricht wieder begann. Nach kräftiger Nahrung und
in besseren und anständigen Kleidern boten die Beiden jetzt nicht
mehr ein Bild des Erbarmens, wie bei ihrem Eintreffen, sondern
machten vielmehr einen recht freundlichen Eindruck. Besonders
machte Jane mit ihren schönen dunklen Augen und ihrem krausen,
fast gelockten dunklen Haar, mit ihrem sanften stillen Wesen und
ihren verständigen Antworten, die auf eine frühe Geistesreife schließen ließen, einen ungemein wohlthuenden Eindruck auf Reed's
Herz und er gewann, ohne es sich selbst bewußt zu sein, vom ersten
Tage an eine gewisse Neigung und Vorliebe für Jane. Ja diese
Vorliebe schien eine gegenseitige zu sein, denn Jane hing unverwandt an ihres Onkels Auge und lauschte auf jede seiner Mienen,
auf jedes seiner Worte. War die Tante auch dem kleinen Mädchen freundlich und warm entgegengetreten, das Kind hielt sich
stets mit einer gewissen Zaghaftigkeit in einer gewissen Entfernung
von der schönen stolzen Frau.
Der Abend vereinigte die Familie wiederum in einem gemeinschaftlichen Zimmer und verlief in stiller Behaglichkeit, so daß sich
Reed heimlich gestehen mußte, einen so angenehmen und gemütvollen Tag seit längerer Zeit in seinem Hause nicht verbracht zu
haben.
Das Leben auf Reed's Besitzung verlief meist still, oft einförmig. Jane konnte noch nicht an dem Unterrichte Georgine's
und John's teilnehmen, kam mit diesen daher auch nur wenig in
Berührung, und so gab es für sie manche Stunde, in welcher sie
allein sich in der nächsten Umgebung des Parkes aufhalten und
spielen durfte. Hier nun suchte sie Onkel Reed öfters auf und
erfreute sich an ihrem kindlichen harmlosen Geplauder, bei welchem
er manch tiefen Blick in Jane's reiches und liebevolles Gemüt zu
thun vermochte. Er zog das Kind an sich, nahm es auf seine
Knie und scherzte mit ihm, wie er es mit seinen eigenen Kindern
wenig, ja nur sehr wenig gethan hatte; er war selbst erstaunt, sich
Empfindungen für dieses kleine Mädchen gestehen zu müssen, die
ihm früher ziemlich fremd geblieben waren. Seine Hinneigung
zu Jane blieb selbst seiner Gattin nicht verborgen, aber wenn die
selbe auch deshalb kein Wort zu äußern wagte, so konnte man es
doch an der Kälte gewahren, welche ihr Antlitz überzog, sobald sich
ihr Gatte in seiner Vorliebe für Jane nicht zu beherrschen vermochte. Was konnte das kleine unwissende Geschöpf für diese
Liebe seines Onkels, aber in der Tante Brust zog eine Empfindung wie Neid, Eifersucht und Haß gegen die zärtliche Jane
ein. Sarah hätte ihren Gatten in sanfter Weise auf diese ihr
wider seinen Willen zugefügte Kränkung aufmerksam machen sollen,
jedoch war sie zu stolz hierzu und räumte sich es selbst nicht ein,
daß es ihre eigene Erziehungsweise war, welche ihre eigenen Kinder von des Vaters Herzen zum teil abgewendet hatte, aber sie
konnte keine Liebe lehren, so sehr sie auch fühlte, wenn ihr diese
Empfindung nicht in gebührendem Maße entgegengebracht wurde.
So bildete sich, da Mistreß Reed schon früher eine starke Abneigung gegen ihre Schwägerin gehegt, ja dieselbe beinahe gehaßt
hatte, unter der freundlichen Maske, welche sie aus Rücksicht gegen
ihren Gatten zur Schau zu tragen gezwungen war, diese Abneigung
zu einem offenbaren Haß, besonders gegen Jane aus, und von
ihrem Gatten selbst schied sie eine immer größer werdende Kluft,
so geschickt sie deren Breite und Tiefe, überhaupt deren Vorhandensein zu verhüllen verstand. Reed's Wille und Charakterstärke war
ausreichend genug, um Alles niederzuhalten, was seiner Schwester
und deren Töchterchen irgendwie zeigen konnte, daß sie Beide nur
als eine unbequeme Last in seinem Hause und in seiner Familie
betrachtet wurden.
Drittes Kapitel.
Der Winter war allmählich eingezogen, und das Weihnachtsfest nahte heran; reges Leben herrschte im Landsitze Gateshead, auf
welches nach mehr als vierzehntägiger Abwesenheit Mister Reed
mit seiner Gattin aus London zurückgekehrt war. Zum ersten
Male seit seiner Verheiratung hatte er sich, gleichsam aus Dank
für Sarah's liebevolles Wesen gegen seine unglückliche Schwester,
entschlossen, die Weihnachtsgeschenke für seine Gattin, seine Kinder
und seine Schützlinge, in Gemeinschaft mit Sarah, in London persönlich einzukaufen, während dies früher stets in Bedford erfolgt
war. Es geschah dies nebenbei in der Absicht, seiner Gattin längere Zeit entbehrte Genüsse, wie den Besuch von Theater, Konzerten, Kunstausstellungen u. s. w. in London zu teil werden zu
lassen, da ihnen die Erledigung ihrer Geschäfte und Einkäufe Zeit
genug übrig ließ, ihren Neigungen und Vergnügen nachgehen zu
können. Reed, der sonst sehr einfach und genügsam lebte, war
freigebig, ja verschwenderisch gegen seine Gattin, und so ließ ihn
dieselbe auch ohne Widerspruch gewähren, als er bei dem Ankaufe
der Geschenke seine Schwester und Jane fast in gleichem Maße
bedachte, wie seine eigenen Kinder und sie selbst, ja sie wollte freiwillig noch mehr bescheren, als Reed aus freiem Antrieb den anfänglich nur auf acht Tage berechneten Aufenthalt auf 1 Tage
erweiterte.
Wäre es nicht herrlich, bemerkte sie einmal gesprächsweise zu
ihm, wenn wir beständig in London leben und unsere Kinder an
unseren Freuden teilnehmen lassen könnten?
Gewiß wäre es das, antwortete er, aber um dies ausführen
zu können, müßte ich bedeutend reicher sein. Gateshead bringt uns
ein anständiges, ja reiches Auskommen, wollte ich dasselbe jedoch
in Pacht geben, so würde es kaum die Hälfte dessen ertragen, was
ich mit meiner eigenen Bewirtschaftung erziele.
Wird diese Summe nicht für unseren Aufenthalt in London
ausreichen können?
Auch dieser würde zu bestreiten sein, - aber ich habe noch
an wichtigere Dinge zu denken, liebe Sarah. Es ist Dir bekannt,
daß nach meinem Tode unseren Landesgesetzen zufolge mein ganzes
Besitztum in John's Hände übergeht und Du wie Georgine allein
von ihm und seinem Willen abhängig sind- und das ist gegen
meine Grundsätze.
So glaubst Du, daß unser lieber, guter John uns sein Herrenrecht empfinden ließe?
Mit bloßem Glauben, Sarah, rechne ich nicht gern; ich muß
sicher darauf zählen können, daß Du frei und unabhängig nach meinem Tode, den Gott frühzeitig verhüten möge, dastehen kannst und
für Georgine ein anständiges Heiratsgut bereit liegt.
Du beschäftigest Dich ohne Not mit unserer Zukunft, lieber
Georg. John hat das trefflichste und beste Herz; er liebt mich
zärtlich und würde Alles für mich hingeben.
Es sollte mich sehr freuen, wenn sich Deine Überzeugung
bewahrheiten sollte- ich für meine Person muß Gewißheit haben,
wenn ich Weib und Kind für alle Fälle geborgen sehen soll. Doch
brechen wir ab von diesen ernsten Dingen und überlassen wir uns
der Gegenwart; beendigen wir unsere Anwesenheit in London und
kehren wir nach unserem Haushalt zurück.
Mistreß Reed gewahrte, daß sie an dem Punkte angelangt
war, wo sie ihres Gatten Willen schon mehrmals unbeugsam gefunden hatte, und wenn sie auch sich eingestehen mußte, daß Reed
nur in ihrem und Georgine's Interesse handelte, so kränkte sie es
tief, daß er an John's Herzen zweifelte, das sie selbst für völlig
rein und makellos hielt.
So haben wir Beide zu Eingang dieses Kapitels wieder auf
ihrem Landsitze angetroffen und zwar mit Vorbereitungen für das
Weihnachtsfest beschäftigt gefunden, das in England freilich nicht
in dem gleichen Maße feierlich begangen wird, wie bei uns; aber
Reed hatte einige Jahre auf einem deutschen Landgute zu seiner
Ausbildung verlebt, dabei den eigentümlichen Zauber dieses herrlichen Familienfestes auf die Herzen der Kinder kennen gelernt
und es in Folge dessen in seinem eigenen Hause eingeführt.
An dem Festabende selbst wäre es jedoch beinahe zu unerfreulichen
Auftritten gekommen, da John sich seiner Meinung nach der kleinen
Jane gegenüber zurückgesetzt sah und nach mehreren Stücken Spielzeug derselben das heftigste Verlangen zeigte. Nur mit Mühe gelang es Jane's Mutter, den Zorn des Knaben zu besänftigen und
niederzuhalten, indem sie ihm bereitwillig die verlangten Dinge
überließ, und auch ihre Jane zu besänftigen, welche sich nur ungern
von Geschenken trennte, welche sie ihres Onkels Güte zu verdanken hatte.
Reed selbst war zu sehr mit seiner Freude über den schönen
Abend beschäftigt, als daß er von dem kleinen Vorkommnisse das
Geringste bemerkt hatte; besonders entzückte ihn eine herrliche
Doppelflinte, welche er aus Holstein, wo er früher gewesen war,
von einem seiner Freunde als Weihnachtsgeschenk übersandt erhalten hatte. Seine Frau und seine Kinder verstanden seine Freude
nicht und hatten nur für ihre Geschenke Augen und Gedanken,
die kleine Jane aber trat teilnahmsvoll zu ihrem Onkel und fragte
recht treuherzig:
Onkel Reed, was für ein glänzendes Ding hast Du da zum
Weihnachtsfest erhalten?
Das ist ein Jagdgewehr, meine liebe Jane, mit welchem man
Die Waise von Lowood.
die Tiere im Felde und im Walde töten kann, wenn sie zu
zahlreich werden.
Tötest Du auch Tiere, Onkel Reed? Ich würde das nicht
können.
Ich thue es auch nur, wenn ich muß, und zuweilen ist es
sogar nötig, daß es geschieht.
Da freuest Du Dich wohl recht sehr über Dein schönes
Jagdgewehr?
Gewiß freue ich mich, mein Kind, aber nicht allein über das
Gewehr, sondern noch viel mehr darüber, daß derjenige Mann,
welcher es mir geschenkt hat, mich nicht vergessen hat und noch
nach Jahren in Freundschaft und Liebe meiner gedenkt.
Das muß ein recht guter Mann sein, Onkel. Reed.
Das ist er auch, meine liebe Jane, und noch dazu bin ich
ihm zu großem Danke verpflichtet und müßte ihm eigentlich
Geschenke übersenden. Bei ihm bin ich zwei Jahre lang gewesen
und habe in seiner Familie als Kind des Hauses gelebt; bei ihm
habe ich gelernt, was mir noch fehlte, um mein Besitztum hier
in guten Zustand zu bringen, damit ich mit der Tante Sarah
und meinen Kindern davon leben und auch Anderen Gutes
thun kann.
Du guter Onkel thust mir und meiner Mama so sehr viel
Gutes.
Du mußt den Onkel nicht loben, Jane, er hört das nicht
gern, mischte sich Mistreß Reed plötzlich in das Gespräch, das für
sie keine angenehme Wendung zu nehmen schien und ihr Herz mit
Groll erfüllte, den sie freilich nicht offen zu zeigen wagte. Sie
tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß sich doch einmal Gelegenheit bieten werde, um sich von den ihr immer lästiger werdenden
Verwandten zu befreien. Die Arbeiten dieses Tages, fuhr sie
nach einer kurzen Pause fort, in welcher sie eine Antwort ihres
Gatten erwartet hatte, haben mich doch mehr angegriffen, als ich
erwartet hätte; ich fühle mich ermüdet und wünsche, daß wir den
Abend abbrechen und uns zur Ruhe begeben.
Georgine und John baten und bestürmten die Mutter, daß
sie noch bleiben möge und sich an ihren Geschenken erfreuen solle,
Anna und Jane aber brachen sofort auf, um Mistreß Reed's
Wunsch zu erfüllen. Jane ging auf sie zu und sagte teilnehmend:
Gute Nacht, Tante Reed, schlafe recht gut, damit Du morgen früh
wieder gesund wirst. Gute Nacht, Onkel Reed, morgen früh erzählst Du mir wieder von Deinem guten Freunde.
Nehmt Euch ein Beispiel an diesem braven und folgsamen
Mädchen, sprach Reed ernst zu seinen Kindern, und quält die
Mutter nicht weiter, wenn sie sich angegriffen fühlt.
Nach diesen Worten mußten sich John und Georgine ebenfalls
entfernen und ihr Zimmer aufsuchen, freilich nicht ohne sichtliche
Anzeigen von Widerwillen und Arger.
So verfloß auf Gateshead ein Tag nach dem andern, eine
Woche folgte der anderen und ließ das Zusammenleben in unveränderter Gestalt erscheinen. So sehr auch von Mister Reed's und
Anna's Seite Alles aufgeboten wurde, einen Zug von Herzlichkeit
und Aufrichtigkeit in die Familie zu bringen, es gelang nicht
vollständig, es lag auf allen Worten, auf allen Handlungen das
Gefühl der Unbehaglichkeit und eines beängstigenden Druckes.
Anna Eyre hatte sich im Laufe der Zeit allmählich wieder
erholt und gekräftigt, leider aber nur dem Anscheine nach den
Verlust ihres Gatten vermochte sie nicht zu verschmerzen, die gedrückte Lage, in welcher sie sich mit ihrem Kinde befand und die
auch ihrem Bruder manche unangenehme Stunde bereitete, nagte
in ihrem Innern und brach ihre Lebenskraft. Nach Verlauf von
wenig mehr als einem Jahre streckte sie ein plötzlich auftretendes
heftiges Fieber auf das Krankenlager, von welchem sie trot aller
angewandten ärztlichen Hilfe und sorgfältigsten Pflege sich nicht
wieder erheben sollte. Sie hatte einen langen und schweren Todeskampf zu bestehen,- es war, als wenn ihre starke und edle
Seele den gebrechlichen Körper besiegen und nicht aus seiner
schwachen Hülle heraus wollte. Was sie bis zum letzten Atemzuge
fast noch bei voller geistiger Besinnung erhielt, war die Liebe zu
ihrem Kinde und die Angst, was nach ihrem Tode sein Schicksal
sein werde. Und Jane schien die Gedanken der sterbenden Mutter
gleichsam zu ahnen: unaufhörlich stand sie am Lager der Hartgeprüften, hielt ihre blasse Hand in ihren Händchen, nannte sie
mit den zärtlichsten Namen und suchte sie zu erheitern und zu
trösten in ihrer sanften und engelgleichen kindlichen Weise.
Alle Pflege und Sorge jedoch war vergebens, der Tod hatte
sein unglückliches Opfer bereits mit zu sicherer Hand ergriffen.
Eines Nachmittags, Jane war vor Ermattung eingeschlummert,
weilte ihr Bruder an ihrem Lager und schaute sie mit wehmutsvollen Blicken an, ohne eines Wortes mächtig zu sein, da ergriff
sie plötzlich seine Hand und sprach mit leiser zitternder Stimme:
Bruder Georg, ich fühle, mein letzter Augenblick ist gekommen.
Du hast so viel für mich und meine Jane gethan; sorge auch,
daß ich mit Ruhe meinen Geist aufgeben kann. Willst Du, Georg?
Der Angeredete nickte stumm und ließ eine Thräne auf die
Hand der Schwester fallen.
Ich lege Dir meine Jane an das Herz. Verlaß sie nicht,
sobald ich von der Erde abberufen bin und so lange sie nicht alt
genug ist, um für sich selbst sorgen und in der Welt allein für
sich stehen zu können. Gelobe mir es nochmals in meine Hand,
obwohl ich überzeugt bin, daß Du sie nie verlassen willst. Dein
Gelöbnis gewährt mir einen noch größeren Trost.
Bei Gott im Himmel, ich gelobe es Dir feierlich, Anna,
erwiderte Reed leise und tief bewegt.
Ein leichtes Lächeln glitt wie ein heller Sonnenstrahl über
Anna's Gesicht; sie schloß die Augen und versank in einen ruhigen
und sanften Schlummer, aus welchem sie freilich nicht wieder erwachen sollte. Ihren wirklichen Tod entdeckte man erst nach Verlauf einiger Stunden, als der Arzt eintraf und sich nach dem
Befinden seiner Patientin erkundigen wollte; er erst mußte der
Familie Reed mitteilen, daß Anna Eyre sanft und schmerzlos
entschlafen sei.
Reed's Bestürzung und Trauer waren, wenn er auch an die
Genesung seiner Schwester nicht hatte glauben können, außerordentlich! Er hatte an derselben wegen ihres edlen und sanften
Charakters mit wirklicher brüderlicher Liebe gehangen und beklagte
nun ihr Hinscheiden besonders wegen der zurückgelassenen Jane,
welche nun ganz verlassen und nur auf seinen Schutz angewiesen
war, denn davon war er überzeugt, daß seine Gattin die Waise
wohl duldete, aber niemals ihr auch nur eine Pflegemutter sein
würde. Um so heiliger und unverbrüchlicher Schwur er sich in
seinem Innern, sein der Schwester im Sterben noch gegebenes
Gelöbnis zu halten und Jane wie sein Kind zu betrachten.
Als Jane von dem Tode ihrer Mutter in Kenntnis gesetzt
wurde, jammerte sie laut auf und sank am Totenbette zusammen;
sie wollte dasselbe nicht verlassen und nur der zärtlichsten und
trostreichen Zusprache ihres Onkels gelang es, sie von der Leiche
der Mutter zu entfernen und sie zur Ruhe zu bringen. Auch
Mistreß Reed schien ergriffen und zeigte eine Trauer, eine Wehmut, welche ihren Gatten in der That überraschte; sie äußerte
ihre Teilnahme in warmen Worten und versuchte es ebenfalls,
der kleinen Jane Trost einzusprechen. Sie traf alle Vorbereitungen
zu einem ehrenvollen Begräbnisse ihrer Schwägerin, welche auf
dem Friedhofe des nächstgelegenen Dorfes beerdigt wurde, persönlich mit großer Sorgfalt und legte mit ihren Kindern sofort am
ersten Tage nach dem Todesfalle Trauerkleider um die Verschiedene an, als wenn diese ihre eigene Schwester gewesen wäre.
Jane verhielt sich schweigsam und still, aber ihre Augen
waren stets von Thränen umschleiert, und so oft es ihr möglich
war, schmiegte sie sich an ihren Onkel und ließ seine Hand nur
los, wenn er sich wieder aus dem Zimmer entfernen mußte. So
wuchs die Liebe zwischen Onkel und Nichte zu einem immer
stärkeren, ja unzerreißbaren Bande und schloß Beider Herzen immer
fester zusammen zum Arger von Mistreß Reed und zum Neide
ihrer beiden Kinder.
Das Begräbnis hatte stattgefunden, und das ruhige und
geregelte Leben in Gateshead nahm seinen früheren ungestörten
Fortgang. Da Jane an dem Unterrichte von Georgine und John
noch nicht teilzunehmen vermochte, so übernahm es Reed selbst,
ihr den ersten Unterricht zu erteilen, und wenn er seiner Nichte
auch nicht schreiben und lesen in ihren Anfangsgründen beibrachte,
so lehrte er sie doch die Liebe zu Gott, zu ihren Nebenmenschen,
zur Natur und zu allen lebenden Wesen, und seine Lehren fielen
auf einen sehr fruchtbaren Boden, denn Jane's Seele war dankbar
und empfänglich für alles Gute und Schöne, das sich ihr zeigte
und das sie mit ihrem kindlichen Begriffsvermögen in sich aufzunehmen und auch zu verstehen vermochte.
Mistreß Reed versuchte es ihrem Gatten gegenüber mehrmals,
Jane's Unterbringung in einer Erziehungsanstalt als segensreich
für das Kind und als notwendig für ihre Zukunft hinzustellen,
aber sie begegnete hierbei einem so festen und unbeugsamen Willen
ihres Mannes, daß sie dieses Thema aus Furcht vor seinem Zorne
nicht wieder zu berühren wagte. Als Jane in das sechste Lebensjahr eintrat, mußte ihr Miß Bessie allein Unterricht erteilen, und
das ernste fleißige und reich begabte Waisenkind machte zum Erstaunen Aller in einem Jahre so gewaltige Fortschritte, daß sie
trotz des Altersunterschiedes zwischen John und Georginen an deren
Lehrstunden teilnehmen konnte, ja Bessie pflegte mitunter zu ihrer
Umgebung zu äußern, daß es nur noch kurzer Zeit bedürfe, um
beide Geschwister von Jane an Kenntnissen überholt zu sehen, da
letztere fleißiger und weit beanlagter sei.
So sehr Mister Reed nun auch über Jane's Fortschritte erfreut war, so schmerzte es ihm auf der anderen Seite wiederum,
so wenig Lerntrieb und Ehrgefühl namentlich bei John zu finden,
von dem er verlangte, daß er ein tüchtiger und kenntnißreicher
Mann werden solle, damit sein väterliches Erbe sich immer besser
und gedeihlicher entwickele, nicht aber durch Unerfahrenheit und
Nachlässigkeit zurückgehe und endlich wohl gar zu Grunde gerichtet
werde. Er sprach gütig und nachsichtig zu seinem Sohne, ernst
und voll Nachdruck, er konnte auch Strenge und Härte anwenden,
John folgte zwar momentan und zeigte das Bestreben, an seiner
Ausbildung zu arbeiten, aber es fehlte ihm der rechte Ernst zum
lernen, ja er ermangelte der wahren Liebe zu seinem Vater, der
nach seiner Meinung zu viel von ihm verlangte und daneben ihm
zu wenig freien Willen ließ und viel zu wenig Vergnügen gewährte, - eine Meinung, in welcher seine eigene Mutter zu
ihrem eigenen Unglücke ihn bestärkte.
Daß durch Jane's Fortschritte und reiche Begabung das
Verhältnis in der Familie sich nicht freundlicher für sie gestaltete,
ist wohl leicht erklärlich, auch sie fühlte dies wohl, aber es drückte
sie nicht gerade besonders, da sie ihres Onkels Neigung und Liebe
gewiß war und in dieser ihr volles Genügen fand. Streitigkeiten
zwischen John und Jane kamen jetzt viel öfterer vor, als sonst,
und das stets unschuldige Mädchen hatte von ihrer Tante viele
böse Worte und manche harte Behandlung zu ertragen, wobei ihr
unter Androhung von erneuter Strafe Stillschweigen gegen ihren
Onkel auferlegt wurde, und wahrlich war Jane auch so unklug,
die ihr widerfahrenen Unbillen still zu ertragen und dieselben
ihrem Onkel Reed gegenüber mit keinem Worte zu erwähnen, um
ihm keinen Kummer zu bereiten.
Jane liebte es in dem das Besitztum umgebenden Park einsame Spaziergänge zu unternehmen und an schattigen Orten zu
ihrer Unterhaltung zu lesen; auf diesen Promenaden verfolgte sie
John unablässig und suchte ihr irgend einen Schabernack oder
sonst einen losen Streich zu spielen; sie verstand es vielfach, sich
seinen Nachstellungen zu entziehen, manchmal aber gelang es ihr
auch nicht. So geschah es einstmals, daß sie John im Park rasch
ausweichen wollte, dabei strauchelte und in einen kleinen, mit
Wasser halb angefüllten Graben fiel. Hastig sprang John auf
das Mädchen los und suchte es im Wasser liegend festzuhalten,
was ihm leider sehr wohl gelang, da er von großer Körperkraft
war und sie trotz ihres Sträubens leicht zu bewältigen vermochte.
Schreck und Angst hatten Jane anfänglich überrascht, so daß sie
zuerst nur an Widerstand und nicht an den Unterschied ihrer
Kräfte dachte; von der Gutswohnung zu weit entfernt, hätte ihr
ein Hilferuf nichts genützt, und außerdem war sie zu stolz, Jemand
um Hilfe anzugehen, da sie überzeugt war, daß mit Ausnahme
ihres Onkels und der Gouvernante Bessie ihr kein anderer Mensch
helfend beistehen würde. Sie richtete daher in ihrer Bedrängnis
gute Worte an den boshaften Knaben, der sie verlachte und eine
falsche heuchlerische Kate nannte, sie bat und flehte auf das Inständigste- es war Alles vergebens: sie mußte in dem schmutzigen
und kalten Wasser geduldig aushalten und liegen bleiben, bis es
John endlich müde ward, sie zu quälen, und sie freiwillig losließ.
Traurig und beschämt schlich Jane hinweg und wagte gegen
Niemand von John's schlechter Handlungsweise zu klagen: unbemerkt wechselte sie ihre nassen Kleider gegen andere und trocknete
die abgelegten so verborgen, damit Niemand im Hause etwas von
ihrer gehabten Niederlage ahnen sollte.
Die Aufregung und die Einwirkung des kalten Wassers, dem
Jane's immer noch zarte Körperkonstitution beinahe eine halbe
Stunde lang ausgesetzt war, blieben nicht ohne böse Folgen für
ihre Gesundheit; sie verfiel während der kommenden Nacht in ein
hitziges Fieber, das von dem am folgenden Morgen herbeigerufenen
Hausarzte, Mister Fowler, für ein heftiges und bedenkliches
Nervenfieber erklärt wurde, dessen Bekämpfung die größte Vorsicht,
die sorgfältigste Pflege erforderte. Reed weilte stundenlang an
Jane's Lager und wachte über sie, wie es ein Vater nicht ängstlicher und besorgter hätte thun können, und wenn er durch seine
Geschäfte davon abgerufen wurde, so übertrug er die Pflege seiner
geliebten Nichte nur an Bessie Home, auf deren Treue, Ergebenheit und Pflichtgefühl er sich unbedingt verlassen konnte. In
ihren Phantasien rief Jane öfters ängstlich den Namen John,
und so erwachte in Reed's sonst argloser Brust der Verdacht, daß
sein John in irgend einem Zusammenhange mit Jane's Krankheit
stehe, aber alle seine Bemühungen, in ruhigeren Augenblicken von
Jane über den Grund ihres Fiebers etwas zu erfahren, blieben
ebenso erfolglos wie bei John selbst, den er den schärfsten Verhören unterzog, dessen Lügenhaftigkeit und Verschmitztheit jeder
weiteren Nachforschung geschickt auszuweichen verstanden.
Einige Tage nach Jane's Erkrankung wurden Reed's beide
Kinder, zuerst Georgine, darauf John, bettlägerig, und wurden
Beide gleichfalls von einem heftigen Nervenfieber heimgesucht.
Mistreß Reed geriet in heftigste Besorgniß und behauptete in
ihrer Aufgeregtheit und in ihrem Schmerze, daß Jane mit ihrem
Fieber ihrer Kinder Erkrankung hervorgerufen, ja dieselben angesteckt habe. Reed suchte seine Gattin zu beruhigen und sie von
ungerechten Vorwürfen abzuhalten, aber Sarah verbat ihm, sich
den Betten von Georginen und John zu nähern, damit er nicht
noch mehr Krankheitsstoff von Jane's Krankenlager zu ihnen herübertrage. Er sah dem bedrängten Mutterherzen, das für das
Leben ihrer Kinder bangte, diesen harten Vorwurf ohne Groll
nach, widmete sich aber von demselben Augenblicke an der unglücklichen Jane mit um so größerer Sorgfalt, da diese mehrere Tage
lang beständig in der ernstesten Lebensgefahr schwebte, ja mit dem
Tode rang.
Die kräftigeren und widerstandsfähigeren Naturen von
Georginen und John überwanden den Fieberanfall weit rascher;
Beide konnten sich schon wieder im Zimmer frei herumbewegen,
als Jane noch matt und gebrochen auf ihrem Lager verweilen
mußte - aber der Todesengel war auch an ihrem jungen Leben
noch einmal schonend vorübergegangen, langsam, sehr langsam
genaß sie und erholte sie sich, und ihres Onkels Herz jubelte im
Stillen laut auf, als sie ihm zum ersten Male wieder einige
Schritte entgegenzugehen vermochte. Jane verkehrte jetzt nur mit
ihrem Onkel und Bessie; von den übrigen Bewohnern des Landsitzes verlangte Niemand nach ihr, und so war es selbstverständlich
natürlich, daß sie nach Niemandem Verlangen trug, von dem sie
wußte, daß er ihr keine Liebe entgegenbrachte. Sie zog sich von
Allen furchtsam und ängstlich, ja mit einer gewissen Scheu zurück.
Viertes Kapitel.
Die Zeit verrann, ohne daß sich nach Jane's Krankheit irgend
welche besonderen Begebenheiten zutrugen, in ihrem gewöhnlichen
Gange. Georgine war zu ihrer vollständigen Ausbildung in ein
auswärtiges Institut gebracht worden, so daß Jane von da ab
von ihr nichts mehr hörte und auch ihren Onkel Reed nicht nach
ihr fragen mochte. John haßte seine Cousine zwar nach wie vor,
fürchtete aber doch seines Vaters Zorn zu sehr, um sie neuen
Gewaltthätigkeiten und Verfolgungen auszusetzen, ja er hielt sich
behutsam von ihr fern, weil er noch immer befürchten mußte, daß
Jane sein Verfahren gegen sie immer noch seinem Vater mitteilen
könne, wenn er sie wieder beleidigte oder gar mißhandelte.
Jane war in ihr neuntes Lebensjahr eingetreten, und es
schien fast, als sollte ihr von jetzt ein freundlicheres Geschick in
Gateshead beschieden sein wie bisher. Ihr Onkel liebte sie immer
zärtlicher und konnte sich ganze Stunden lang mit ihr beschäftigen,
und wenn er auch mit seiner Gattin und John mitunter auf
Reisen ging, so lebte sie mit ihrer lieben Bessie ruhig und zufrieden fort, und war überaus glücklich, wenn von ihrem Onkel
eine gute Nachricht eintraf, die niemals ohne einen freundlichen
Gruß für sie war und sich stets nach ihrem Wohlergehen erkundigte; kehrte der Onkel dagegen zurück, so kannte natürlich ihre
Freude keine Grenzen, und sie wußte sich für die Zeit der Abwesenheit durch ihren Verkehr mit ihm zu entschädigen.
Der . November jedes der bisher in Gateshead verlebten
Jahre war ein großer Festtag gewesen, denn er war Mister Reed's
Geburtstag und wurde auf Sarah's Veranlassung immer durch
eine große Feierlichkeit ausgezeichnet. Die Nachbarn der Umgegend
erhielten Einladungen, es fand ein großes Mittagsmahl statt,
das bis in die Abendstunden hinein dauerte und mit einer kleinen
Ballfestlichkeit abschloß, zu welcher mehrere Musikanten herzugezogen
wurden. Auch in diesem Jahre gab man sich der Lust und Freude
in vollen Zügen hin, zumal es das erste Mal war, daß Georgine
nach dem Eintritt in die Pension nach ihrem Vaterhause auf
Besuch zurückzukehren die Erlaubniß erhalten hatte, und lange
nach Mitternacht hörte Jane, welche zeitig zur Ruhe geschickt war,
aber lange den Schlaf nicht finden konnte, die lustigen Weisen
der Musik ertönen. Plötzlich brach die Musik rasch ab, und sie
vernahm ein polterndes Geräusch, von welchem sie so arg erschreckt
wurde, daß sie aus dem Bette springen und wieder hinauf in das
obere Stockwerk eilen wollte, in welchem die Festlichkeit stattgefunden hatte, aber sie bedachte sich noch zur rechten Zeit, man
könne ihre Teilnahme ihr als Neugierde auslegen, und so bekämpfte
sie ihre Unruhe und Sorge mit dem Aufgebote ihrer ganzen Kraft.
Endlich nach einer angstvoll verbrachten halben Stunde trat Bessie
in ihr Zimmer, welche seit dem Tode ihrer Mutter bei ihr
schlafen mußte.
Miß Bessie, fragte Jane leise, was war das für ein Geräusch,
das ich von oben vernommen habe? Es war, als wenn Jemand
gefallen wäre und sich ein Unglück zugetragen hätte.
Schlaf ruhig, Jane, antwortete Bessie, Georgine, die überaus
ausgelassen war, traf mit ihrem Vater auf der Treppe zusammen,
neckte denselben und kam dabei ins Straucheln. Mister Reed
versuchte sie zu halten, aber sie riß ihn mit sich die Treppe hinab,
und Beide kamen zu Falle, aber glücklicher Weise ist noch Alles
bis auf einige Hautschürfungen abgegangen.
Es ist doch sofort nach einem Arzte geschickt worden? frug
Jane in die Höhe sich richtend.
Mister Reed befahl, für diese Nacht den Arzt nicht zu stören,
da er nicht den geringsten Schmerz fühle, suchte Bessie das vor
Angst zitternde Mädchen zu beruhigen; morgen mit dem Frühesten
aber soll Jack nach der Stadt reiten und den Arzt herbeiholen.
Wenn es nur morgen nicht zu spät sein wird, Miß, rief
Jane und sprang rasch aus dem Bette; ich kenne den Weg nach
dem Ort und will sofort mich dahin begeben, um Hilfe zu holen.
Die Angst um den Onkel läßt mich doch nun keinen Augenblick
Schlaf mehr finden.
Sei vernünftig, Jane, und lege Dich wieder zur Ruhe; Du
weißt, daß Mister Reed es nicht duldet, daß gegen seine Befehle
gehandelt wird- er hat sich bereits gelegt, und unsere Gäste
haben sämtlich das Haus schon verlassen, das von Hannah verschlossen wurde.
So will ich wenigstens hinaus und nachsehen, wie sich Onkel
Reed befindet!
Da würdest Du ihn ohne Not nur stören und Vorwürfe
von Deiner Tante erhalten, die so schon wegen Georginen's Unvorsichtigkeit sich in großer Aufregung befindet und keinen Augenblick von der Seite ihres Gemahls gewichen ist; also bleibe lieber
auf unserem Zimmer und in Deinem Bett- es wird so das
Beste für den Oheim und Dich selbst sein.
Jane gab jetzt jeden Versuch, zu Onkel Reed zu gelangen,
ohne Weiteres auf; verständig, wie sie stets gewesen, sah sie ein,
wie sehr Bessie mit ihren Vorstellungen im Rechte war, und wie
sie durch ihr unverlangtes und unverhofftes Erscheinen Störung
verursachen könnte; aber zur Ruhe gelangte sie nicht wieder, wenn
sie sich auch wieder niederlegte, und in einer fast fieberhaften
Aufregung wachte sie dem kommenden Tage entgegen, der ihr
Gewißheit über ihres Onkel Zustand bringen sollte. Bessie hatte
wiederum viel Mühe, sie von einem zu zeitigen Eindringen in
Mister Reed's Schlafzimmer abzuhalten, und nur mit Anstrengung
gelang es ihr, sie bis zum Eintreffen des Arztes, nach dem Jack
vor Tages Anbruch ausgeritten war, zu beruhigen. In der That
schien Jane's Unruhe ohne Grund gewesen zu sein, denn die Erklärung des Arztes lautete, nachdem er Mister Reed sorgfältig
untersucht hatte, sehr beruhigend, denn er durfte sein Lager verlassen und konnte seinen gewöhnlichen Beschäftigungen ungehindert
nachgehen. Hocherfreut über diese günstige und unerwartete Auskunft verlachte Jane ihre unnütze Angst selbst und gelobte sich
fest, sich nie wieder vom Schrecken so sehr hinreißen zu lassen,
sondern stets bei ruhiger Besinnung zu bleiben, möge auch kommen,
was da wolle.
Acht Tage waren vergangen, Georgine war wieder in ihre
Pension zurückgekehrt, da sollte es sich zu Aller Entsetzen zeigen,
daß selbst erfahrene und zuverlässige Ärzte sich vollständig über
den Zustand eines Patienten täuschen können. Mister Reed kehrte
Nachmittag von einem längeren Ausritt zurück und fühlte sich
unbehaglich; er kämpfte lange mit sich, ehe er den Bitten und
Vorstellungen seiner Gattin nachgab, sich zu schonen und zur Ruhe
zu legen, jedoch ein flehender Blick aus Jane's dunklem Augenpaar
bestimmte ihn zum Nachgeben, und es war bereits die höchste
Zeit, das Lager zu suchen: ein starker Blutstrom drang aus
seinem Munde und raubte ihm für einige Augenblicke die Besinnung, aber seine kräftige und in vollster Manneskraft stehende
Körperkonstitution bezwang diese ihn plötzlich so überwältigende
Schwäche rasch wieder und ließ ihn weniger krank erscheinen, als
er wirklich war. Der Blutsturz schien ihm wirklich Erleichterung
gebracht zu haben, er fühlte sich freier, wohler und alle Unbehaglichkeit war verschwunden, so daß er sogar verhindern wollte, den
Rat und die Hilfe des Arztes für sich in Anspruch zu nehmen.
Mistreß Reed achtete indessen nicht auf ihres Gatten Widerspruch und sandte im Geheimen nach Mister Fowler, mit der
Bitte, sich so rasch wie möglich bei ihr einzufinden, aber nur
ihrem Gatten gegenüber unter dem Vorgeben, daß sein Besuch
ein rein zufälliger sei. Reed ließ sich durch Fowler's unbefangene
Miene, sowie durch den Umstand, daß er sich nicht nach seinem
Befinden erkundige, richtig täuschen und unterhielt sich in unbefangener und scherzender Weise wohl länger als eine Stunde mit
ihm. Plötzlich wechselte er aber, zum Schrecken seiner Umgebung,
die Gesichtsfarbe so, wie wenn jeder Blutstropfen aus seinem
Gesichte gewichen wäre- ein stärkeres Unwohlsein überfiel den
so starken Mann, ein erneuter und heftigerer Blutstrom drang
aus seinem Munde und eine mehrere Minuten anhaltende Ohnmacht überfiel ihn. Mister Fowler griff jetzt rasch und entschlossen
ein und brachte den schwer krank gewordenen Mann mit seiner
Gattin Hilfe auf sein Lager.
Um des Himmels willen, Doktor, flüsterte Mistreß Sarah,
ist mein Gatte gefährlich krank?
Noch will ich nicht hoffen, gab der Arzt zögernd zur Antwort.
Es ist doch nicht schon der zweite Blutsturz, den Mister Reed
heute zu bestehen gehabt hat, Mistreß?
Freilich ist es der zweite; nach dem ersten schon ließ ich Sie
rufen,- Doktor -'o mein Gott, was werde ich erleben müssen!
Mein Gatte ist kränker, als wir alle denken.
Beruhigen Sie sich, Mistreß! erwiderte Mister Fowler ernst.
Leider habe ich mich vor acht Tagen über Mister Reed's Zustand
getäuscht und ihm keine Schonung auferlegt, aber es geschah nach
meiner besten Überzeugung, nach meinen bisherigen Erfahrungen.
Kein Arzt ist untrüglich, und was ich damals ohne mein Verschulden versäumt habe, das will ich jetzt mit aller meiner Kunst
und Wissenschaft wieder gut zu machen suchen.
Wenn es noch Zeit ist, Doktor, o so flehe ich Sie inständigst
an, retten sie mir den Gatten, retten Sie meinen Kindern den
Vater, jammerte Sarah von Neuem.
Vor allen Dingen muß ich jetzt um vollständige Ruhe bitten,
entgegnete Fowler ernst; Mister Reed erholt sich und darf nicht
ohne Not belästigt und weder durch Jammer noch Thränen aufgeregt werden, wenn ich wirklich helfen soll. Unbedingte Gefahr
ist noch nicht vorhanden, aber es wird von Ihnen, Ihrer Pflege
und meiner Wissenschaft abhänget, daß wir dem Kranken zu seiner
völligen Genesung wieder verhelfen.
Reed schlug die Augen auf. Sind Sie wirklich durch einen
Zufall nur anwesend ? frug er mit matter Stimme. Antworten
Sie mir mit voller Offenheit, Doktor.
Nein, Mistreß Reed ließ mich herbeirufen, antwortete Fowler.
Ein dankender Blick aus Reed's Augen flog nach seiner
Gattin hinüber. Und wußtet Ihr, fuhr Reed fort, daß mich am
Nachmittag schon ein erster Bluterguß betroffen?
Nein, das habe ich erst in diesem Augenblick aus dem Munde
Ihrer Gattin vernommen, antwortete der Arzt; ich würde sonst
gleich zu ihrem Besten handelnd eingegriffen haben.
Und was denkt Ihr von meinem Zustande, Doktor? Ist
er bedenklich?
Wie kann ich das jetzt schon wissen - aber ich verlange jetzt
von Ihnen unbedingte Ruhe und nicht die geringste Aufregung,
die nichts nützen, wohl aber ihre Lage verschlimmern kann, erwiderte Fowler. Ich habe meine Hausapotheke mitgebracht und
muß Sie ersuchen, das Ihnen zu verordnende Medikament einzunehmen und zunächst ruhig auf Ihrem Lager liegen zu bleiben;
die Nacht über werde ich mit Ihrer Gattin abwechselnd an Ihrem
Bette wachen, für den Fall sich weitere ärztliche Hilfe erforderlich
machen sollte. Handeln Sie nun zu Ihrem und Ihrer Angehörigen
Besten und richten Sie keine weiteren Fragen an mich, die ich
Ihnen vor dem nächsten Morgen doch nicht mit Zuverlässigkeit
beantworten könnte. Ich gehe jetzt, hole meine Arznei und bin
im Augenblick wieder hier.
Reed lag still und unbeweglich, nachdem er seiner Gattin
Hand mit seiner Rechten ergriffen und dieselbe dankbar gedrückt
hatte; er nahm geduldig von dem zurückkehrenden Arzte die für
ihn bestimmte Arznei und verfiel nach einer halben Stunde in
einen leichten Schlaf.
Gott sei gelobt! sprach Fowler erleichtert, der Anfall scheint
rascher und glücklicher vorüberzugehen, als ich zu hoffen wagte;
sein schnelles und sanftes Einschlummern ist von günstiger Vorbedeutung. Bleiben Sie, Mistreß, an seinem Lager- ich habe
die ganze vergangene Nacht hindurch gewacht und fühle mich doch
etwas ermüdet. Ich will etwas ruhen und werde mir im Vorzimmer ein Plätzchen suchen. Sobald Ihr Gatte Unruhe in seinem
Schlafe zeigen sollte, so haben Sie die Güte, mich sofort herbeizurufen.
Reed schlief die ganze Nacht ungestört, ohne von einem Anfalle wieder heimgesucht zu werden, sodaß Mister Fowler sehr beruhigende Versicherungen über seinen Zustand geben und sich von
Gateshead entfernen konnte, nachdem er dem erwachten und sich
etwas angegriffen fühlenden Kranken die strenge Weisung erteilt
hatte, ununterbrochen bis zu seiner Rückkehr das Bett zu hüten
und auch keine seinen Geist anstrengende Beschäftigung vorzunehmen.
Sowie Jane von ihres Onkels schwerem Krankheitsfalle Kenntnis erhielt, wollte sie unaufhaltsam zu ihm eilen und an seiner
Pflege teilnehmen. Mistreß Reed aber vertrat ihr mit fester Entschiedenheit den Weg und versagte ihr mit einer Härte den Zutritt, daß Jane nicht allein vor Schmerz die Thränen aus den
Augen strömten, sondern auch ihr sonst sanfter und scheuer Charakter eine Heftigkeit und Wildheit annahm, der ihre Tante fast
erschrocken machte. - Mein guter Onkel, jammerte Jane, darf
nicht sterben, ohne daß ich ihn noch einmal sehen kann; Tante
Reed, lassen Sie mich zu ihm, ich will seine Hand drücken, seine
Wange streicheln.
Du bleibst auf Deinem Zimmer, Jane, und störst den Oheim
nicht, entgegnete Sarah ernst.
Ich muß zu ihm, sprach das erregte Mädchen weiter; Ihr
Alle liebt den guten Onkel nicht so heiß und innig, Ihr nehmt
nur seine Wohlthaten an, aber schenkt ihm Eure Herzen nicht
dafür.
Wie kannst Du, böses Kind, es wagen, eine solche Sprache
gegen Deine Tante zu führen! Wie kannst Du Dich unterstehen,
Dich gegen meinen Willen, meinen Befehl aufzulehnen?
Weil ich fühle, daß es sich um meines lieben Onkels Gesundheit und Leben handelt, und daß ich ihm, wenn auch keine Hülfe,
keine Rettung, so doch immerhin Trost bringen kann.
Bei meinem Zorne, gieb Deinen Widerstand auf, Jane, oder
Du erhältst harte Strafe.
Ich fürchte Ihren Zorn wie Ihre Strafe nicht, Tante Reed,
ich will zu meinem Onkel.
Aber Jane, mischte sich die hinzu kommende Bessie in das
laut geführte Gespräch, Du störst durch Deine Heftigkeit Mister
Reed's Ruhe und bringst sein Leben in Gefahr, wenn Du nicht
schweigst.
Ist das wirklich wahr, Bessie? fragte das aufgeregte Mädchen
plötzlich entsetzt zusammenfahrend. Kann der Onkel meine Stimme
auf seinem Krankenlager wirklich störend vernehmen?
Ja, das kann er; ich bin bei ihm gewesen und habe Dich
auch sprechen hören, lautete die Antwort.
Sie sorgen, Bessie, daß dieses undankbare und häßliche Geschöpf nicht in die Nähe meines Mannes gelangen kann, stieß
Mistreß Reed heftig aus und ließ Beide auf dem Vorsaale stehen.
Sieh, Jane, sprach Bessie ernst, wie oft habe ich Dir schon
gesagt, Du sollst Dein heftiges, leidenschaftliches Wesen, so oft es
sich um Deinen Onkel handelt, mäßigen; nun wirst Du in verdienter Weise von der Tante dafür gescholten, und ich muß streng
gegen Dich sein.
Schelten Sie mich nicht auch, Bessie, weinte Jane leise; Sie
sind immer so gütig gegen mich gewesen. Was kann ich für mein
Herz, das Onkel Reed mehr als Alles auf der Welt liebt!
Obwohl Du noch ein Kind bist, Jane, so glaubt man nach
Deinen Worten ein erwachsenes Mädchen reden zu hören, so verständig klingen sie. Sei jetzt also auch ruhig und vernünftig und
geduldige Dich, Deinen Oheim zu sehen, bis er wieder vollständig
genesen, suchte Bessie die Weinende zu beschwichtigen. Dein Anblick könnte Mister Reed betrüben und Schaden bringen.
Sie meinen es gut mit mir, Miß Bessie, und Ihnen will
ich folgen. Ich gehe auf mein Zimmer und bete für Onkel Reed's
Gesundheit, aber nicht wahr, Miß, Sie haben die Güte, mich zu
benachrichtigen, wenn ihm meine Anwesenheit nicht mehr stört und
ich ihn wiedersehen kann und darf?
Gewiß, Jane, Du kannst Dich auf mein Wort verlassen,
antwortete die Gouvernante.
Zwei volle Tage hindurch blieb Jane auf ihr Zimmer zurückgezogen, ohne den geringsten Versuch zu machen, in das Krankenzimmer zu gelangen; sie beschränkte sich unter sichtlichem schweren
Kampfe auf die Nachrichten, welche ihr Bessie über ihres Onkels
Befinden brachte, und dankte Gott in heißem Gebete dafür, daß
er dem Teuren Hilfe und Rettung angedeihen ließ. Leider aber
war dies nicht der Fall. Ungeachtet aller aufgewendeten ärztlichen
Wissenschaft und der wirklich sorgfältigsten Pflege wiederholten
sich die Blutverluste in so verstärktem Maße, daß die Kräfte des
sonst so rüstigen Mannes merklich schwanden. Dabei schweiften
seine Augen ängstlich suchend in der Stube umher und blickten
traurig nieder, da sie den so sehnlich gesuchten Gegenstand anscheinend nicht gefunden hatten. Die Unruhe prägte sich immer
deutlicher in den Zügen des Patienten aus, so daß Doktor Fowler
ihn besorgt fragte:
-
sehen? fragte der Kranke leise und besorgt. Ist sie unwohl? Warum kommt sie nicht zu ihrem Onkel?
Jane scheut sich, Dich zu sehen, und fürchtet, Dich zu belästigen, antwortete seine Gattin mit Verlegenheit und Unwillen zugleich. Ihr Geplauder wird Dich aufregen, Georg.
-
Zimmer nicht verlassen und beschränkt sich darauf, durch Bessie
Nachrichten über Dein Befinden zu erhalten. Ich mußte wohl
danach annehmen, daß sie nicht gern in ein Krankenzimmer gehen will.
Ich möchte das liebe Kind aber gern einmal sehen, Doktor.
Glauben Sie, daß Ihr Geplauder meinem Befinden Nachteil bringen
könnte? Antworten Sie mir ohne Scheu.
Unbedenklich können Sie die Kleine in Ihre Nähe bringen
lassen, Mister Reed, bestätigte der Arzt, ja ich denke, Ihr Geplauder wird Sie zerstreuen und Ihnen sogar nützlich sein.
Mit John kann ich mich nicht lange unterhalten, erwiderte
Reed, er ist so unruhig, und seine Stimme klingt so schneidend;
auch scheint er lieber im Freien zu sein, als bei seinem Vater.
Du thust John Unrecht, Georg, warf Sarah fast heftig ein;
er liebt Dich eben so zärtlich, wie Jane, wenn er es auch nicht
so offen und unverhohlen zeigen kann, wie diese.
Recht magst Du haben, Sarah, erwiderte Reed, aber ich kann
mir nicht helfen, ich sehne mich nach Jane's Anblick. Die sanften
Augen dieses Kindes wirken wohlthuend auf mich.
Mistreß Reed verließ mit ungeduldiger und beleidigter Miene
das Zimmer, um ihres Gatten Wunsch zu erfüllen und Jane
herbeizuholen; sie that es, freilich aber nur höchst ungern.
Sie kränken Ihre Gattin, Mister Reed, sprach der Arzt ernst
zu seinem Patienten, wenn Sie an der Liebe Ihres Sohnes zu
Ihnen zweifeln und dies ungescheut vor mir aussprechen.
John hat kein Herz, Doktor - ich täusche mich nicht. Sehen
Sie nicht, wie begierig er die Gelegenheit ergreift, aus meinem
Zimmer hinaus zu kommen, wie er stets darauf sinnt.
John ist ein kräftiger Knabe, Mister Reed, den die Stubenluft beängstigt.
Sie wollen mich trösten, ich verstehe Sie und bin Ihnen
dankbar dafür, aber meinen Beobachtungen ist sein wahrer Charakter nicht verborgen geblieben - ich kenne ihn genau.
Wie sich jetzt nun die Thüre öffnete und Jane's zarte Gestalt auf der Schwelle erschien, wie sie mit fliegenden Schritte an
Reed's Bette eilte, seine heiße Hand mit zärtlichen Küssen bedeckte
und nun in die Worte ausbrach: Onkel Reed, mein guter armer
Onkel Reed? Da leuchteten des Kranken Züge hell auf, und
seine Lippen entströmten wahrhaft freudig die Worte: Hören Sie,
Doktor, in diesen Worten liegt Seele, liegt eine ganze Welt voll
Gemüt! Meine liebe Jane, warum hast Du Deinen kranken
Onkel so lange allein gelassen? Warum bist Du nicht eher schon
zu mir gekommen und hast mir Zuspruch und Trost in meinem
Leiden gebracht? Hast Du Dich gefürchtet, Jane?
Wie kannst Du das von Deiner Jane glauben, Onkel! entgegnete das Mädchen mit schmerzlich zuckenden Lippen? Man sagte
mir, mein Anblick und mein Geplauder störten Dich.
Das ist nicht wahr, Jane, sprach Reed mild, Du sollst zu
mir kommen und bei mir bleiben, so oft und so lange Du willst
- es wird Dich für die Folge Niemand daran hindern dürfen.
So werde ich nur von Deinem Lager gehen, wenn Du schläfst
und wenn die Nacht hereinbricht und - wenn Tante Reed es
mir erlaubt, antwortete Jane freundlich.
Hat Tante Reed es Dir verboten? fragte der Kranke verwundert.
Verboten? Nein! lautete die Antwort; aber sie hat mir gesagt; ich störte Dich, und da durfte ich doch nicht zu Dir kommen,
und ob es mein Herz gebrochen hätte.
Jane's unaufhörliches Geplauder, warf Mistreß Reed ein,
die mit der Kleinen wieder in das Zimmer getreten war, würde
Dir lästig fallen, glaubte ich, und Doktor Fowler hatte mir größte
Ruhe für Dich zur ersten und unerläßlichen Pflicht gemacht.
Ihnen aber nicht empfohlen, Mistreß, eine Person von Ihrem
Patienten fern zu halten, nach welcher sein Herz verlangen und die
ihm Trost bringen würde.
Waren zu Reed's Trost nicht ich und unsere Kinder anwesend? fragte Sarah stolz.
Brechen wir dieses unerquickliche Gespräch ab, bat Mister
Reed und drückte Jane's Hand zärtlich in der seinigen, während
er mit einem trüben Blicke zu seiner Gattin hinüberschaute.
Daß Jane in seinem Hause nicht geliebt wurde, war ihm längst
klar geworden, aber in dem Herzen seiner Frau Haß gegen die
eigene Nichte zu entdecken, hatte er doch nicht geglaubt- und
leider war derselbe zu seinem Schmerze schon zu tief gewurzelt.
Jane bemerkte, wie ihr Onkel sich traurigen Gedanken überließ,
diese wollte sie, so schwer es ihr auch wurde, unter allen Umständen verscheuchen und teilnehmend fragte sie:
Was bekümmert Dich, mein lieber Onkel?
Schweres, recht Schweres, gute Jane, antwortete Reed leise.
Du darfst Dich nicht so traurigen Gedanken überlassen, sprach
Jane weiter; Du mußt Dir ausdenken, wie schön es ist, wenn
Du wieder auf die Jagd gehen, im Schlitten fahren und wieder
ausreiten kannst ins Feld zu Deinen Arbeitern und Arbeiterinnen.
Glaubst Du, daß ich das bald wieder werde thuen können?
fragte Reed wehmütig.
Gewiß, wenn Du nicht so traurig bist, wenn Du die Vorschriften des guten Herrn Doktor genau befolgst und Dich der
Pflege der Tante Reed ordentlich hingiebst.
Braves, braves Kind, flüsterte Reed leise und streichelte
Jane's Wange.
Nicht weinen Onkel, nicht weinen, bat Jane ängstlich; ich
sehe Thränen in Deinen Augen glänzen- das thut mir weh,
Onkel Reed, und das verstärkt auch Deine Krankheit.
Quäle den Onkel nicht, Jane, mit Deinem Jammern und
Schreien, sprach Mistreß Reed ärgerlich. Der Onkel weint gar
nicht, weshalb sollte er auch wohl zu weinen nötig haben?
Weinst Du nicht, Onkel, fragte Jane zweifelnd.
Nein, meine liebe Jane, ich weine niemals wirklich; wenn ich
auch zuweilen traurig bin, daß ich hier so unthätig auf meinem
Lager bleiben muß, während andere Leute so glücklich sind, in
Gottes freier und herrlicher Natur schaffen und arbeiten zu können.
Sieh, Georg, sprach Mistreß Reed unruhig, ich fürchtete stets,
daß Jane's Anwesenheit Dich auf solche Gedanken bringen würde,
und meine Befürchtung ist eingetroffen,- deshalb allein.
Nein, nein, Jane, blicke mich nicht so angstvoll an, wendete
sich der Kranke zu dem Kinde, das sich fest an ihn klammerte,
Du bleibst bei mir, Du stimmst mich niemals traurig, höchstens
nur wehmütig, und das wird mir niemals schaden, nicht wahr,
Doktor?
Ich möchte aber doch bitten, ein derartiges Gespräch abzubrechen,
erwiderte Mister Fowler, ohne ein bestimmtes Nein oder Ja auf
die an ihn gestellte Frage zu geben.
Ja ruhn und schlummern, Onkel Reed, bat Jane schmeichelnd;
ich werde an Deinem Lager weilen und über Deinen Schlummer
der Tante Reed mit wachen helfen.
Mister Reed schloß in der That ermattet die Augen und
schlummerte wirklich ruhig und fest ein. Erst Abends spät erwachte
er, nachdem Jane schon aus freien Stücken so vernünftig gewesen,
das Krankenzimmer zu verlassen und ihre eigene Stube aufzusuchen.
Am frühen Morgen aber war sie wieder an ihres Onkels Lager
und wich von demselben nur, wenn sie von ihm gebeten wurde,
oder wenn sie selbst sah, daß es nötig war und ihre Gegenwart
hinderlich sein könnte, in diesem Punkte besaß sie eine Sicherheit
und ein Zartgefühl, um welche sie von Erwachsenen zu beneiden
gewesen wären.
War Jane auch nun stets um ihren Onkel, wurde demselben
auch die sorgfältigste, ja die angestrengteste Pflege, die höchste ärztliche Kunst gewidmet, der Gang der Krankheit konnte nicht aufgehalten werden, die Blutverluste, welche die Folge eines erst nicht
bemerkten, aber später um so heftiger auftretenden inneren Verletzung waren, kehrten wieder und zehrten die Kräfte des Kranken
allmählich auf, so daß sein Hinschwinden täglich sichtlicher vor
Augen trat, und selbst die trostlose Jane sich keiner trügerischen
Hoffnung mehr hingab. Es soll nicht zu schildern versucht werden,
welche Qualen und Schmerzen das jugendliche Gemüt erfüllten,
wir wollen nur erwähnen, daß das junge Mädchen gleichfalls ermattete und nur wie ein kleiner bleicher Schatten in dem Krankenzimmer herum wandelte, das von Georgine und John in wahrhaft
unkindlicher Weise scheu gemieden wurde.
Unter Furcht und Bangen war so der W. November
herangekommen, der Mister Reed so schwach antraf, daß Doktor
Fowler, der fast Tag für Tag beständig auf Gateshead weilte und
oft die Nächte hindurch mitzubrachte, Mistreß Reed erklärte, der
Auflösung des Kranken fast stündlich entgegensehen zu können.
Sie solle Georgine, John und Jane im Krankenzimmer versammeln, damit selbige sofort zur Stelle sein könnten, wenn das Unvermeidliche eintreten sollte. Stumm und widerstandslos verrichtete Reed's Gattin diesen Auftrag selbst; die Größe ihres drohenden Verlustes trat jetzt in ihrer wirklichen Gestalt vor ihre Seele
und machte sie doch vor der nächsten Zukunft beben, da sie stets
an eine so große und so nahe Gefahr nicht geglaubt hatte und
nicht hatte glauben wollen.
Mister Reed gewahrte trotz seiner Schwäche, daß etwas Außergewöhnliches sich zutragen würde, und ahnte sofort, daß es sich
um den Moment handelte, in welchem er aus der Mitte seiner
Familie, aus seinem Eigentum, aus diesem Leben scheiden müsse.
Er hatte es längst gefühlt, daß es so kommen würde, und war
ruhig, gefaßt, ja sehr ergeben in sein Schicksal. Die Thränen
in den Augen seiner Gattin und Jane's stummer Schmerz allein
bereiteten ihm Sorge und Wehe. Seine Kinder, das wußte er,
standen ihm kalt gegenüber; doch er überwand das Gefühl der
Bitterkeit, das sein Inneres noch einmal mit aller Kraft heimsuchen wollte, winkte Beide an sein Lager und sprach zu ihnen:
Georgine, John, meine Kinder, ich werde Euch in kurzer Zeit
auf dieser Erde verlassen müssen; werdet gute, brave und tüchtige
Menschen- liebet und ehret Eure gute Mutter und vergeßt niemals, was sie für Euch Euer ganzes Leben lang gethan und gesorgt hat. Wollt Ihr mir das jetzt versprechen, meine Kinder?
Wir geloben es Dir, Vater! flüsterten John und Georgine
wirklich sehr gerührt.
Nun, so segne ich Euch, fuhr der Leidende fort, von ganzem
Herzen; knieet nieder, meine Lieben, und empfanget meinen väterlichen Segen.
Georgine und John knieeten am Lager nieder, während ihr
Vater jedem eine Hand auf das Haupt legte und die Worte
flüsterte: Seid gesegnet, Kinder, und seid glücklich Euer Leben lang.
Sarah, mein geliebtes Weib, empfange Deines Gatten letztes
Lebewohl und seinen innigen heißen Dank für Deine Liebe, Deine
Treue und Deine aufopfernde Pflege; ich hätte noch so gern für
längere Zeit in Eurer Mitte gelebt, vom Schicksal aber war es
anders bestimmt, und in christlicher Demut füge ich mich Gottes
unerforschlichem Ratschlusse ohne jedes noch so leises Murren.
Georg! schluchzte Sarah, sprich noch nicht vom Sterben, versündige Dich nicht gegen Gott.
Ich sündige nicht, Sarah, Eure Mienen und Deine Thränen
sagen deutlicher noch, wie ich es seit gestern selbst empfinde, daß
mein letzter Augenblick auf dieser Erde gekommen ist.
Rege Dich nicht auf, Georg, ich beschwöre Dich um unserer
Liebe, unserer Kinder, um Jane's willen.
Ich rege mich nicht auf, erwiderte Reed, indem ein verklärtes
Lächeln über sein Gesicht flog. Um Jane's willen, Sarah? Habe
tausend, tausend Dank für dieses milde gute Wort. Du bist so
liebreich heute, daß ich noch eine dringende Bitte an Dich zu
richten wage: Wenn ich verschieden bin, Sarah, halte Jane wie
Deine eigenen Kinder; sei ihr Mutter, eine liebreiche Mutter,
wie jetzt.
Ich verspreche es Dir, mein Georg, hier meine Hand darauf,
sprach Sarah unter Thränen.
So gelobe mir es auf das Sakrament- dann scheide ich
ganz ruhig von dieser Welt.
Ich gelobe und schwöre Dir, daß ich Jane wie meine eigenen Kinder halten und lieben werde.
Dank, Dank, meine Sarah, lächelte Reed; komm Jane, reiche
mir und der Tante hier die Hand, sie wird von jetzt ab Deine
Mutter sein, und Du wirst eine treue Stütze an ihr haben.
Stirb nicht, Onkel Reed, jammerte Jane, oder nimm mich
mit Dir, damit ich nicht allein hier bleibe, wo es so öde und
traurig ist ohne Dich, - verlasse Deine Jane noch nicht, so lange
sie sich nicht selbst helfen kann. Doch nein, fuhr das erregte
Kind fort, als Reed verwundert aufschaute, Du willst es, Onkel,
daß ich leben bleibe; gut, ich werde bleiben auch ohne Dich, ich
werde Tante Reed ganz so lieben wie Dich, will sie lieben wie
eine Mutter, nur um Dir nicht wehe zu thun.
Beruhige Dich, Jane, sprach Sarah freundlich zu ihr und
ergriff ihre Hand, Du sollst Deines Onkels Liebe niemals bei
mir vermissen,- ich habe es ihm ja auf das Sakrament gelobt.
Ich segne Dich, meine Jane, sprach Reed gerührt und schwächer
werdend; sei brav wie bisher, bleibe fromm und tugendhaft und
Du wirst glücklich sein Dein ganzes Leben hindurch.
Nun aber, mischte sich Mister Fowler in die Unterredung,
wird es Zeit, daß Mister Reed sich Ruhe und Erholung gönnt.
Bitte, meine Teuren, ziehen sie sich nun zurück und überlassen sie
ihn einem hoffentlich sanften und stärkenden Schlummer. Ich
werde bei ihm bleiben.
Den Worten des Arztes mußte unbedingt Folge geleistet
werden, und auch Jane, welche sonst stets beim Onkel bleiben
durfte, entfernte sich still und behutsam mit aus dem Zimmer.
Mister Reed schlummerte in der That ein, er schlummerte länger
und fester, als der Arzt selbst zu hoffen gewagt hatte. Der Abend
brach herein, ehe der Schwerkranke wieder erwachte, aber es wäre
vielleicht besser für ihn gewesen, er wäre gar nicht wieder zum
Bewußtsein gekommen, denn kaum hatte er die Augen geöffnet
und mit leisen Worten um einen Trunk gebeten, da überfiel ihm
gegen alles ärztliche Erwarten ein neuer Blutsturz, an dessen
Folgen er sich noch während einer halben Stunde herumquälen
mußte, ehe er zurücksank und in den Armen seiner trostlosen Gattin
und mit der rechten Hand nach Jane's Köpfchen greifend seinen
Geist aushauchen konnte. Der Jammer und die Bestürzung auf
Gateshead waren grenzenlos.
Fünftes Kapitel.
Mister Reed's Begräbnis auf dem Friedhofe des nächsten
Dorfes geschah mit allen nur erdenkbaren Ehren von Seiten seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Freunde, seiner Arbeiter, sowie
Aller, welche ihm im Leben nur einmal nahe getreten waren. Die
Rechtlichkeit seines Charakters, seine Teilnahme an seiner Umgebung,
seine Wohlthätigkeit gegen die Armen der Umgegend erhielten ihre
Anerkennung und ihren Lohn in der allgemeinen Trauer, welche
sich überall, bemerkbar machte. Unzählige Leidtragende begleiteten
seinen Leichenkondukt, und kein Auge blieb trocken, als der Geistliche an der offenen Gruft ein Lebensbild des Verewigten in einfachen aber ergreifenden Zügen entwarf.
In Gateshead ging Alles seinen geregelten Gang fort, und
Mistreß Need gewahrte jetzt nun recht deutlich, wie günstig es für
ihre Verhältnisse gewesen, daß ihres Gatten Voraussicht und Sorge
sein Besitztum selbst verwaltet und sie mit ihren Kindern so frei von
aller Sorge für die Gegenwart und nächste Zukunft zurückgelassen
hatte. Reed's Verwalter, Mister Thomas, war bei Lebzeiten seines
Herrn in alle Pläne desselben und in den von ihm eingerichteten
Geschäftsgang eingeweiht worden, daß er die Leitung des Besitztums ohne weiteres führen konnte; auch hatte Reed vor seinem
Tode noch bestimmt, daß Thomas bis zur Großjährigkeit seines
Sohnes John für die Familie Reed das Gut weiter zu verwalten habe.
Mistreß Reed trauerte aufrichtig und tief um ihren Gatten,
wenn sie auch öfters mit seinen Maßnahmen und Anordnungen
nicht einverstanden gewesen war und lieber mit ihren Angehörigen
in London oder wenigstens in einer anderen großen Stadt gelebt
hätte. Sie war auch gegen Jane nicht unfreundlich, obwohl sie
von dem stillen und scheuen Wesen derselben wirklich mehr abgestoßen wie angezogen wurde. Nicht so verhielt es sich mit John
und Jane. Die zwischen beiden Kindern bestandenen Feindseligkeiten, die allerdings nur von John genährt und hervorgerufen
wurden, mehrten sich wenige Wochen nach Mister Reed’s Tode
und steigerten sich in gleichem Grade. Jane erduldete manche
Kränkungen von dem rohen und gefühllosen Burschen, aber Mißhandlungen ließ sie doch nicht widerstandslos über sich ergehen
und setzte sich mit allen ihren Kräften zur Wehre, so daß sie demselben bei einer Gelegenheit, wo er sie mit einem Stocke geschlagen,
das Gesicht mit ihren Nägeln blutig gekratzt hatte, und John nun
wehklagend und das Mädchen verleumdend zu seiner Mutter eilte,
welche über diesen Anblick ihres Lieblings in heftigen Zorn geriet
und alle den Arger, welchen sie früher gegen Jane in ihrem Inneren angesammelt hatte, zum vollen Ausbruch kommen ließ.
Wie kannst Du, undankbares, häßliches Geschöpf, es wagen,
fuhr sie auf das aufgeregt und zitternd dastehende Mädchen los,
gegen John auf solch gemeine Weise Dich zu betragen?
Wenn John mich gehen läßt, antwortete Jane trotzig, so thue
ich ihm auch nichts; aber ich lasse mich nicht von ihm schlagen
wie einen Hund- dann wehre ich mich.
Du Bettelmädchen, das von unserer Gnade lebt, rief John,
sollst Dich nicht wehren, selbst wenn ich Dich schlagen wollte, -
aber sie ist eine Lügnerin, eine freche Lügnerin, ich habe sie gar
nicht schlagen wollen- sie hat mich hinterlistig angefallen.
O Du Bube! Du schlechter und roher Bube! rief ihm Jane
entgegen. O daß Dein gütiger Vater noch am Leben wäre - er
würde Dich züchtigen, wie Du es verdienst.
Du schweigst, Jane, rief Mistreß Reed wild, Du darfst John
nicht kratzen; er ist der Herr einst hier und Du mußt ihm gehorchen- oder ich selbst muß meine Hand gegen Dich erheben
und Dich strafen wie ein bösartiges und ungezogenes Kind.
Ich bin nicht bösartig und ungezogen, entgegnete Jane entschlossen; John treibt mich nur dazu durch seine schändliche Behandlung, John hat einen grundschlechten Charakter.
Schweig! herrschte ihr Mistreß Reed blitzenden Auges zu,
und entferne Dich augenblicklich aus diesem Zimmer, oder ich
vergesse mich, daß Du uns als eine Last aufgebürdet worden bist.
Jane entfernte sich eilenden Schrittes und schloß sich weinend
in ihrer Stube ein; sie bereute ihre Heftigkeit zwar bitter, aber
hätte sie eingestehen sollen, daß sie im Unrecht gewesen wäre?
Nein, gegen eine solche Unwahrheit lehnte sich ihr Gefühl in der
Brust empört auf.
Anstatt John für sein Betragen hart zu bestrafen, oder ihm
wenigstens dasselbe in ernstlicher Weise als unstatthaft vorzuhalten,
wandte sich Mistreß Reed's ganzer Zorn gegen das verlassene
Mädchen, das denselben in fast grausamer Weise büßen mußte.
Zunächst wurde ihr der fernere Unterricht bei Bessie in Gemeinschaft mit John entzogen und der Gouvernante bei Verlust ihrer
Stellung angedroht, sich um das verdorbene Kind nicht weiter
zu kümmern und ihr keine Belehrung zukommen zu lassen. Jane
wurde in die Küche verwiesen, wo sie sich durch Handreichungen
und kleine Arbeiten der Köchin Esther nützlich machen und etwas
für ihre Zukunft lernen solle, der Köchin jedoch zugleich aufgegeben,
sich in keine Unterhaltung mit Jane einzulassen und ihr nur die
nötigsten Anweisungen in aller Kürze zu erteilen. Weiter wurde
Jane verboten, die Familienzimmer sowohl, als auch die Bibliothek
im ersten Stockwerk zu besuchen, sowie ihr Schlafzimmer oder die
Küche zu verlassen, ja sie durfte nur mit Mistreß Reed's besonderer
Bewilligung, welche durch Esther einzuholen war, in den Garten
wie überhaupt ins Freie gehen, noch überhaupt mit Jemandem im
Hause verkehren.
Jane's weiches und tiefes Gemüt empfand diese Demütigungen
und Beschränkungen bitter, namentlich schmerzte es sie aufs tiefste,
daß sie von Bessie's Unterricht und vom Besuche des Bibliothekzimmers ausgeschlossen war - aber sie ertrug es still und ohne
ein lautes Wort der Klage; sie wußte sehr wohl, daß sie eine
solche Behandlung nicht verdient hatte, und machte daher auch
keinen Versuch, bei ihrer Tante um eine Aufhebung dieser Verbote
bittweise nachzusuchen. Still und ergeben trug sie ihr einsames
und trauriges Los, ja sie lebte nur glücklich in der Erinnerung
an Onkel Reed, dessen Liebe und unaussprechliche Güte gegen sie
mit lebhaften Zügen in ihr junges Herz eingeprägt war; in
solchen Stunden lebte sie glücklich allein unter Thränen.
Die Köchin Esther war ein gutmütiges Geschöpf, das Mitleid
mit dem stillen und sonst unverdrossenen Mädchen hatte und
richtete nach etwa acht Tagen ihres Beisammenseins mit Jane,
gerade an einem schönen Wintersonntag Nachmittag, als alle
Arbeit in der Küche beendigt war, die mitleidige Frage an sie:
Willst Dn die Tante nicht bitten, Jane, daß sie Dir erlaubt, mit
mir einen kleinen Spaziergang zu machen?
Nein! lautete die kurze Antwort.
Und warum willst Du nicht mit mir gehen, Jane? fragte
Esther weiter.
Sei nicht böse mit mir, Esther, sprach Jane weiter, ich weiß,
Du meinst es gut mit mir, und ich möchte so gern hinaus in
die frische, sonnenhelle Winterluft, aber die Tante Reed um diese
Erlaubnis zu bitten- das vermag ich nicht über mich zu gewinnen.
Und warum nicht, Du seltsames Geschöpf?
Weil sie mich für John's Unrecht, das er mir zugefügt hat,
bestraft, ja grausam bestraft.
So will ich die Tante in meinem Namen darum bitten?
Nein, liebe Esther, ich bitte Dich herzlich, thue das nicht.
Ich mag nicht um Etwas bitten und auch keinen Menschen für
mich bitten lassen um eine Sache, die man mir nicht freiwillig
gewährt und auf welche ich so gut ein Recht habe, wie jedes
andere Geschöpf, das seine Pflicht gethan hat.
Nun, so gehe ich allein, sprach Esther verdrießlich; ich will
Dich nicht zum Vergnügen zwingen.
Zu Ostern des kommenden Jahres verließ John Reed Gateshead, um eine Schule in London zu besuchen und sich für den
Besuch der Universität weiter ausbilden zu lassen, während sich
in Jane's Verhältnis zu ihrer Tante nicht das Geringste verändert
hatte. Mistreß Reed erkundigte sich bei Esther nach Jane's Verhalten und mußte zu ihrer Verwunderung und mit Widerwillen
vernehmen, daß sie sich fügsam, willig, unverdrossen und fleißig
zeige, ohne im Geringsten zu klagen oder eine Bitte um Erleichterung ihrer Strafe auszusprechen. Daß ihre Abneigung und
ihr Groll durch diese Mitteilungen sich nicht milderte, ist zwar
sehr leicht begreiflich bei ihrem Charakter, aber sie hob doch, veranlaßt durch Esther's Bitten, das Verbot für den Besuch des
Gartens gegen Jane freiwillig auf, und hoffte nun, daß auch
Jane sich ihr wieder nähern und sie um Verzeihung für ihr Betragen gegen John bitten würde - hierin jedoch täuschte sie sich
vollständig, denn Jane machte von dem Besuche des Gartens und
der Umgebung so wenig wie möglich Gebrauch und zeigte auch
nicht die kleinste Spur von einer Annäherung an ihre Tante, ja
sie ging sogar so weit, ihre Nähe absichtlich zu meiden. Es war
dies durchaus kein lobenswerter, wenn auch ein erklärlicher Zug
in dem Charakter des sonderbar gearteten Mädchens, aber Jane
fühlte Mistreß Reed's Haß gegen ihre Person beinahe instinktmäßig und wollte nicht, daß diesem durch irgend eine Berührung
neue Nahrung gewährt werden sollte.
In seinen Sommerferien kehrte John Reed nach Gateshead
auf einige Wochen zurück und hiermit begann für Jane eine neue
Zeit der Plage. Sie wich ihm aus, so viel sie konnte; sie ging
nicht ins Freie, wenn sie ihren Verfolger, der immer noch an ihr
Rache zu nehmen suchte, zu Hause wußte, und nur in später
Abendstunde huschte sie zuweilen auf kurze Zeit wie ein scheues
Reh in die Gänge des Parkes. Trotz aller ihrer Vorsicht stieß
sie bei einem solchen Versuche auf ihren Gegner, der ihr mit einem
Hammer in der Hand plötzlich entgegentrat; sie wich ihm rasch
aus, John aber fuhr heftig mit den Worten auf sie los: Habe
ich Dich endlich einmal erwischt, um Dich für Deine Kratzerei
nach Gebühr züchtigen zu können! und faßte sie hart am Arme.
Laß mich los, John, sprach Jane finster und entschlossen-
ich habe mit Dir nichts zu schaffen.
Aber ich muß mit Dir, Du falsche Katze, Abrechnung halten,
höhnte sie der rohe Bursche; Du sollst und mußt jetzt büßen für
alles Unheil, das Du in unserem Hause angestiftet hast.
Laß mich los, John, rief Jane ernster und dringender, oder
Du zwingst mich wieder, Gewalt gegen Gewalt zu brauchen und
mir zu helfen, wie ich kann.
Das wollen wir doch sehen! schrie John wild und hob den
Hammer zum Schlage aus, flog aber, von einem unerwarteten
Stoße von Jane's freier Hand getroffen, an einen Baum und
mußte des Mädchens andere ganz wider seinen Willen freilassen.
Jane benutzte diesen Augenblick und suchte zu entkommen,
während John, wütend geworden durch den erhaltenen Stoß, ihr
nachsetzte und sie auch wirklich einholte. Hastiger als zuvor bei
der Hand, packte er sie am Haar und schwang den Hammer über
ihrem Kopfe; doch wie ein Blitz fing Jane seine Hand auf und
versetzte während ihres Ringens mit John denselben, da sie sich
nicht weiter zu helfen wußte, einen kräftigen Biß in die Finger
seiner rechten Hand, so daß er den Hammer fallen laßen mußte
-
schrie er nun laut: Hilfe! Hilfe! Jane hat mich überfallen und
blutig gebissen. Hilfe! Hilfe! sie droht mir mit dem Hammer.
Auf diesen Ruf hin wurde es lebendig im Garten. Bessie,
Esther, Jack, Alle liefen herbei und traten zwischen die bleiche
noch zornfunkelnde Jane und den schreienden Burschen, der jetzt
wieder Courage bekam und Jane zu seiner Mutter zu führen befahl.
Was hat das unheilvolle Geschöpf schon wieder ausgeführt?
fragte Mistreß Reed streng, als Jane stumm und niedergeschlagenen
Blickes vor ihr in der Stube stand.
Sie hat mich überfallen, mich in die Hand gebissen und mit
dem Hammer bedroht, berichtete John mit augenscheinlicher Lügenhaftigkeit und unverschämter Dreistigkeit.
Du hast es gewagt, Dich wieder an John zu vergreifen und
ihn hinterrücks zu überfallen? rief Mistreß Reed heftig, obwohl
sie halb und halb der Überzeugung war, daß es umgekehrt stattgefunden hatte; aber ihr Haß gegen Jane war durch deren Unbeugsamkeit zu einer Höhe bereits gesteigert, von welcher keine
Umkehr mehr möglich war.
Sieh, Mama, hier meine blutende Hand! sprach John listig,
die Elende wagt es nicht, Dich oder mich anzusehen und ihre
Schuld zu bekennen. Laß sie büßen dafür, liebe Mama.
Wirst Du Antwort geben, freches Geschöpf! herrschte die
immer heftiger werdende Frau das duldende Mädchen an. Bekenne Dein Vergehen offen, oder zittre vor meinem Zorn.
Eine unheimliche Pause trat ein, während deren nur Sarah
Reed's erregte Atemzüge deutlich vernehmbar waren. Jane
bewegte kein Glied und blickte nicht vom Boden auf.
Weißt Du, Mama, rief John, es dunkelt schon, stecke das
böse Mädchen, das mir nach dem Leben getrachtet, in Papa's
Sterbezimmer- dort soll ja sein Geist umgehen und uns
schrecken wollen! Dort kann sie zubringen, bis sie ihre schlechte
That eingestanden und bekannt hat.
Recht so! Mit diesem Worte erfaßte Mistreß Reed Jane's
Arm und zog sie nach dem Kabinet, in dem ihr Gatte verschieden
und das bis jetzt noch nicht wieder bewohnt worden war.
Jane zuckte jetzt entsetzt zusammen; eine unerklärbare Furcht,
ein nicht zu bekämpfendes Entsetzen überfiel sie und raubten ihr
beinahe die Besinnung. Erst als die verhängnisvolle Thür sich
hinter ihr geschlossen, ward sie sich ihrer Lage klar und mit
bittender herzzerreißender Stimme flehte sie: Tante Reed, haben
Sie Mitleid! Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Ich bin ja
völlig unschuldig, aber man glaubt mir ja nicht. Bei dem Andenken an meinen gütigen verstorbenen Onkel lassen Sie mich aus
diesem Zimmer! Ich kann hier nicht bleiben! Ich sterbe hier.
Kannst Du nun sprechen und gute Worte geben, Du Undankbare? rief ihre Tante. Nein, Du bleibst zur Strafe so
lange in diesem Zimmer, bis Du Deine Schuld bekannt hast.
Ich habe nichts gethan! Ich bin unschuldig! jammerte
Jane. John hat es Alles selbst gethan, dessen er mich mit unverschämter Bosheit beschuldigt. Glauben Sie mir nur diesmal, Tante Reed, und Sie sollen niemals wieder über mich im
Geringsten zu klagen haben.
Bekenne, Jane!
Ich bin unschuldig! Tante Reed.
So bleibst Du, wo Du bist.
Mutter und Sohn entfernten sich aus dem Vorgemach und
ließen das arme Mädchen mit ihrem Jammer und ihrer Angst
unbarmherzig allein zurück; eine ganze Zeit lang bat und flehte
Jane, dann verstummte sie auf einen Augenblick, ein Fall ward
hörbar, und in heftigen Krämpfen wand sie sich auf dem Fußboden umher. Niemand kümmerte sich um sie.
Am nächsten Morgen mußte Bessie nach ihr sehen und fand
sie ganz wie leblos an der Erde liegen, aber an ihren fieberhaft
geröteten Wangen, an ihren zuckenden Lippen gewahrte sie, daß
noch Leben in dem jungen Körper war. Mitleidig, wie die Gouvernante war, welche nach John's Abgang zur Schule als Gesellschafterin
in Gateshead bleiben mußte, nahm sie, ohne ihrer Herrin Befehl
abzuwarten, Jane auf ihre Arme, trug sie nach ihrem Zimmer, entkleidete sie und legte sie zu Bett. Jane begann heftig zu phantasieren,
ja selbst zu toben, sodaß man gezwungen war nach dem Arzte zu
senden. Mister Fowler erklärte, Jane's Zustand sei sehr bedenklich
- es könne möglicher Weise bei ihr eine geistige Störung zurückbleiben, wenn sie überhaupt mit dem Leben davon kommen sollte.
Mistreß Reed empfand bei dieser Mitteilung doch etwas
Gewissensbisse und ließ von Seiten Bessie's Alles aufbieten, um
Jane durch die sorgfältigste Pflege am Leben zu erhalten und genesen zu lassen, aber sie gelobte sich auch, die Genesene sobald als
möglich aus ihrem Hause zu bringen, eine geeignete Gelegenheit,
hoffte sie, würde sich sehr bald hierzu finden.
Wider alles Erwarten genas Jane ziemlich rasch, ihr zarter
Körper leistete der Krankheit einen Widerstand, der selbst den
Arzt in Erstaunen setzte. Jane's Los ward indessen durch diese
überstandene harte Prüfung um Nichts gebessert. Sie blieb, sobald sie sich wieder gekräftigt fühlte, auf die Küche angewiesen -
Unterricht ward ihr nicht gewährt- das Bibliothekzimmer im
ersten Stock, in welchem sie so gern Belehrung gesucht und auch
verweilt hätte, weil in demselben ihres Onkel Reed fast lebensgroßes Bild hing, war und blieb ihr verschlossen; ihr einziger
Umgang war Esther, die Köchin, und wenn ihr auch Bessie Home
gern Erleichterung verschafft hätte, so durfte sie dies doch nicht
wagen, da sie bei Verlust ihrer Stellung von Mistreß Reed strenge
Weisung hatte, das undankbare Wesen ganz sich selbst zu überlassen. So lebte Jane beinahe in Gleichgiltigkeit dahin, unbekümmert um ihre Umgebung, unbekümmert um ihre Zukunft, da
sie ja nichts lernte, was sie einst hätte selbständig machen können.
Sie war schon zufrieden, sobald sie in Ruhe gelassen und ihr
Peiniger John fern von ihr war, der es vorzog, lieber in London
zu bleiben, als in den Ferien seine Mutter zu besuchen.
Zwei Jahre waren fast bereits seit Mister Reed's Tode verflossen, ohne daß eine wesentliche Änderung auf Gateshead vor sich
gegangen wäre; nur Mistreß Reed war jetzt mehrfach von ihrer
Besitzung abwesend und verbrachte längere Zeit bei Bekannten in
der Nähe, um so schnell wie möglich wieder heimkehren zu können,
wenn es erforderlich sein sollte.
Unerwartet traf sie einstmals mit John und Georgine ein;
es handelte sich hierbei um die Verlobung Georginens, welche einen
vornehmen, aber wenig begüterten Lord kennen gelernt hatte. Lord
Clarens, so war sein Name, hatte bei Mistreß Reed um Georginens Hand geworben und, da Letztere dem jungen Manne sehr
geneigt schien, ihre Zustimmung freudig erteilt. Die Verlobung
sollte so festlich wie möglich begangen, zuvor aber erst Jane aus
dem Hause entfernt werden. Mistreß Reed beabsichtigte diese Entfernung, über welche sie bereits Verhandlungen mit Mister Black
hurst, dem Vorsteher einer Waisenanstalt zu Lowood, eingeleitet
hatte, ohne Weiteres vor sich gehen lassen; ein unerwarteter Auftritt
sollte ihr Gelegenheit geben, Jane's Entfernen als eine Folge ihres
Ungehorsams, ihrer Böswilligkeit hinstellen und bezeichnen zu können.
Es war am 19. November, dem Todestage Mister Reed's, an
welchem im ganzen Hause Niemand dachte, zumal Sarah's Bruder,
Kapitän Whitfield unverhofft auf Gateshead eingetroffen war; seine
Ankunft wurde festlich begangen. Man saß Nachmittags bei Tafel.
und feierte das Wiedersehen in vollen Zügen, und Whitfield war
ungemein erfreut, in Georginens Bräutigam einen gebildeten und
liebenswürdigen jungen Mann kennen zu lernen, der sich in den
Stunden, welche er nicht in Georginens Gesellschaft verbringen
konnte, fleißig dem Studium überließ, zu welchen ihm die vorhandene
Bibliothek reichliche Gelegenheit bot. Hierdurch war das stets verschlossen gehaltene Zimmer geöffnet; Jane hatte hiervon Kenntnis
erhalten und eine unwiderstehliche Sehnsucht trieb sie, heute an
ihres Onkels Sterbetage, seinem lieben Bilde wieder einmal in
die sanften Augen blicken zu können. Wohl wußte sie, daß ihr
das Betreten dieses Zimmers verboten war, aber bei dem festlichen
Treiben des Tages, und da man gerade mit der Mittagstafel noch
beschäftigt war, glaubte sie schon einmal unbemerkt sich des Anblicks des Bildes von ihrem lieben Onkel erfreuen zu können.
Leise öffnete sie die Thüre des Zimmers und ebenso leise schloß
sie dieselbe wieder, dann eilte sie nach des Onkels Bilde, kniete
vor demselben nieder und sprach:
Onkel Reed, mein guter Onkel Reed, siehst Du mich? Ja Du
lächelst, Du siehst mich und hörst meine Worte, die ich an Dich
richte. Sie sagen Alle, daß ich böse und undankbar sei! Glaubst
Du es, Onkel Reed? Nein, nein, Du glaubst es nicht! Wenn
Du es glauben könntest, wäre ich nicht allein ein schlechtes, sondern
auch ein vollständiges unglückliches und verwahrlostes Geschöpf,
das niemals verdient hätte, so zärtlich von Dir geliebt zu werden,
als Du noch lebtest. Ach Onkel. Reed, warum hast Du sterben
müssen? Du hattest mich so lieb, ich hatte Dich so lieb, und als
Du noch lebtest, wußte ich nicht, daß auch gute Menschen sterben
müssen und daß arme Waisenkinder so elend werden können! Sie
hassen mich ja Alle hier und für Haß kann ich doch Niemand
Liebe geben, und wenn ich auch wollte, sie nehmen ja meine Liebe
nicht an. Nimm mich zu Dir, Onkel Reed, damit ich wieder
in Ruhe, Frieden und im Glück bei Dir weilen kann.
Jane war so sehr in ihr Selbstgespräch vertieft, daß sie nicht
gewahrte, wie sich die Thüre öffnete und Bessie eintrat, um John's
Reitpeitsche zu holen, welche er hier liegen gelassen hatte.
Jane! rief Bessie ebenso erstaunt wie erschrocken aus, was
machst Du hier? Wie konntest Du Dich gegen Deiner Tante Verbot in dieses Zimmer wagen? Und noch dazu heute, an einem
Tage, wo Du keinen Augenblick vor Überraschung sicher sein kannst.
Ich glaubte, antwortete Jane, heute ganz ungestört einen
Augenblick hier verweilen zu können, Alle sind ja unten bei Tische
versammelt, und Niemand denkt daran, das Bibliothekzimmer zu
besuchen, wo des verstorbenen Onkel Reed's Bildnis hängt.
Du siehst, Jane, sprach Bessie vorwurfsvoll, daß ich John's
Reitpeitsche holen muß, die er hier hat liegen lassen. Wie leicht
hätte er selbst hierher kommen und Dich finden können? Und was
für einen Auftritt würde es dann gegeben haben? Wie würdest
Du gescholten worden sein!
Schelten Sie mich auch, Miß Bessie, ich weiß Sie haben das
Recht dazu- aber nichts würde mich heute abgehalten haben,
dieses Zimmer zu betreten, da ich es offen fand. Heute ist Onkel
Reed's Sterbetag, und da wollte ich doch heute wenigstens sein
Bild sehen, da ich ihn nicht mehr selbst mit Augen schauen kann.
Onkel Reed, warum hast Du Deine arme Jane verlassen.
Jane, ich beklage Dich, - aber ich kann Dir nicht helfen
und will Dich auch nicht schelten heute.
Ach bitte, Miß Bessie, so geben Sie mir ein Buch, damit ich
ein Stündchen lesen kann. Wenn ich höre, daß sie unten vom
Tische aufstehen, so schleiche ich mich hinaus, und kein Mensch soll
meine Anwesenheit hier nur geahnt haben. Miß Bessie, bitte,
bitte ein schönes Buch. Ich bekomme jetzt ja gar nichts mehr zu
lesen und möchte es am Ende ganz verlernen.
Ich thue Unrecht, Jane, wenn ich Deiner Bitte nachgebe,
aber ich habe Mitleid mit Dir, Du armes Kind. Hier ist eine
gute Naturgeschichte mit vielen und schönen Bildern, aber mitnehmen darfst Du sie nicht, und hier kannst Du sie nicht lesen,
es ist zu dunkel hier.
Dank, tausend Dank, Miß Bessie, sehen Sie, ich setze mich hier
in das Fenster, da ist es noch ganz hell; ich ziehe die Gardine
vor mir zusammen, damit ich nicht gleich gesehen werde, wenn
Jemand unerwartet hier in das Zimmer treten sollte.
Nun, so sitze ja ganz ruhig und bereite mir keine Unannehmlichkeiten durch eine etwaige Unvorsichtigkeit- ich will aufpassen,
daß Niemand so schnell heraufkommt.
Jane hatte sich mit ihrem Buche kaum in das Fenster gesetzt und den Vorhang zugezogen, als rasch die Thüre des Bibliothekzimmers aufgerissen wurde und John mit der barschen Frage hereineilte: Nun, Bessie, wo bleibst Du so lange mit meiner Reitpeitsche?
Ich habe dieselbe nicht gleich finden können und mußte suchen.
Hier ist sie jetzt aber!
Du bist dumm, Bessie, rief John und riß die Reitpeitsche
der Gouvernante aus der Hand. Und wie Du verlegen bist,
Bessie! Hier ist irgend etwas vorgefallen! Hier in diesem Zimmer
ist irgend Jemand verborgen, und mir ahnt schon, wer es ist.
Du hast ihn verborgen.
Was reden Sie für unüberlegte Sachen, Mister John, stotterte
Bessie noch mehr verlegen werdend, als zuvor; wer sollte sich hier
wohl verbergen in diesem Zimmer?
Wer anders, als die elende Jane Eyre, die das Gnadenbrot
bei uns ißt, uns belügt, bestiehlt und nur Unglück in unser Haus
bringt. Wehe, wenn ich sie treffen sollte.
Reden Sie nicht so gottloses Zeug, Mister John, das arme
unglückliche Geschöpf!
Sie verdient es nicht besser- sie soll noch viel unglücklicher
werden - sie ist bei uns noch viel zu gut behandelt worden.
Aber wie? bewegte sich dort der Vorhang nicht?
Nein, nein, er bewegte sich nicht, Sie irren sich, Mister John,
- in diesem Zimmer ist es nicht recht geheuer, flüsterte Bessie
dem Burschen zu und wollte ihn mit fortziehen- kommen Sie,
ich fürchte mich hier ganz entsetztlich, kommenSie mit mir, Mister John.
Du bist zu dumm, Bessie, und ich fürchte mich ganz und gar
nicht. Hinter dem Vorhange dort steckt Niemand anders als die
falsche Katze, diese elende Jane Eyre.
Halten Sie ein, rief Bessie ängstlich, Sie wissen ja nicht
mehr was Sie thun.
Ich will Dir zeigen was ich thue, Bessie, lachte John laut
auf und sprang nach dem Vorhange hin. Mit einem raschen
Griffe hatte er denselben auseinander gerissen und rief doch etwas
betroffen: Richtig, es ist die Katze! Was machst Du hier, Du
schlechtes Geschöpf?
Jane sprang empor, sah John wild und erregt an, gab aber
keinen Laut von sich.
Willst Du reden! schrie John und schwang die Reitpeitsche
nach ihrem Kopfe. Willst Du reden, oder ich schlage Dich wie
einen unfolgsamen Hund, elende Kate. Rühre mich nicht an,
John! rief Jane zitternd, Du hast meine Fingernägel gefühlt, Du
hast empfunden, daß meine Zähne empfindlich beißen können.
Wenn Du mich wieder schlecht behandelst, so kratze und beiße ich
Dich nicht allein, so töte ich Dich, Bursche.
Hahaha! Das wirst Du wohl bleiben lassen! lachte John
und trat einen Schritt zurück. Du wirst gar nicht wagen, mich
töten zu wollen.
Wenn Du mich nicht schlägst und mich gehen läßt, thue ich
Dir auch nichts, antwortete Jane.
So gehe mir aus den Augen und verlaß dieses Zimmer,
elende Katze!
Was geht hier vor? rief Mistreß Reed, welche mit ihrem
Bruder Whitfield in das Zimmer trat. Wie kommst Du hierher
und was willst Du hier Jane, hier, wohin es Dir von mir verboten ist, den Fuß zu setzen? Was willst Du hier?
Es ist Onkel Reed's Sterbetag heute, antwortete Jane finster
und entschlossen, und da wollte ich gern sein Bild einmal betrachten
und vor demselben beten.
Ist denn heute meines Schwagers Sterbetag? fragte Kapitän
Whitfield betroffen.
Es ist der W. November, berichtete Jane, heute ist mein
guter Onkel bereits zwei Jahre tot, aber es scheint Niemand weiter
im Hause daran gedacht zu haben wie ich. Ich habe Onkel Reed aber
auch so zärtlich geliebt, wie er mich wieder geliebt hat.
Mistreß Reed war sichtlich betreten und suchte vergeblich
einige Sekunden nach einer Antwort, bis ihr John, der seiner
Mutter Verlegenheit bemerkte, zu Hülfe kam und sprach: Mama,
Jane hat mir gedroht, mich zu töten. Wirst Du das von ihr erdulden?
Was! rief Mistreß Reed, heftig aufspringend, Du hast meinen lieben Sohn zu töten gedroht! Du hörst es, Bruder Harry!
Ist das wahr, Jane?
Wenn er mich schlagen würde, ja! antwortete Jane mit
trotziger Miene.
Du wirst ihn sofort um Verzeihung bitten, Du boshafte
Kreatur, auf der Stelle.
Wenn er zuvor mich erst um Verzeihung bittet für alle die
Kränkungen und Schmähungen, die er seit Jahren über mich gehäuft hat, für alles das Böse, das er mir angethan, dann will.
ich ihn auch um Verzeihung bitten, sonst aber nicht, auf keinen Fall.
So widersetzest Du Dich meinem ausdrücklichen Willen, meinem bestimmten Befehl! Du lehnst Dich auf in Ungehorsam
gegen mich?
Wenn Sie etwas Unrechtes, worauf Sie auch nicht das geringste Anrecht haben, von mir verlangen, so frage ich nicht nach
Ihrem Willen, nach Ihrem Befehl.
Diese Worte, diese bösen, unkindlichen Worte sollst Du schwer
büßen. Geh! Doch halt noch Eins: Warum trägst Du Locken?
Weißt Du nicht, daß Georgine solche trägt, und ich Dir ebenfalls
befohlen habe, das Haar glatt zu tragen. Locken eignen sich nur
für Töchter vornehmer Häuser, wie Georgine eine ist, aber nicht
für Bettelkinder, die von anderer Leute Gnade leben müssen!
Warum giebst Du mir keine Antwort?
Locken? Trage ich denn Locken? Ich weiß es nicht, ich kämme
täglich mein Haar mehrmals, aber ich habe keinen Spiegel, in
welchem ich sehe, daß mein Haar sich lockt.
Dein Haar ist so widerspenstig wie Dein Charakter, aber
verlaß Dich auf mein Wort, Dein Haar wie Dein Charakter,
alle beide sollen sich noch glätten und beugen lernen.
Mistreß, meldete ein eintretender Diener, Mister Blackhurst
läßt bitten.
Laß ihn eintreten, den würdigen Mann, den ich mit Sehnsucht erwarte, sprach Mistreß Reed - er ist mir sehr willkommen.
Der Diener entfernte sich und im nächsten Augenblicke erschien eine lange, schmale, schwarz gekleidete Gestalt in der Thüre,
welche unter tiefen Verbeugungen näher trat und mit den feierlichen Worten: Gott zum Gruß, meine Lieben, und seinen Segen
über Euch Alle, seine Anrede begann. Mistreß Reed haben mich
befohlen, fuhr er fort.
Sein Sie mir willkommen, würdiger Herr, ging ihm Mistreß
Reed plötzlich freundlich werdend und sehr gesprächig entgegen.
Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Bitte so bald nachgekommen
sind. Bitte, nehmen Sie Platz. Sie sollen das Mädchen,
wegen dessen ich Ihnen schon geschrieben habe, sogleich kennen
lernen. Tritt näher, Jane, näher an diesen Herrn heran.
Jane trat an Blackhurst heran; er sah sie forschend an und
sprach langsam und bedächtig: Sie ist von kleinem Wuchse! Wie
alt ist das kleine Mädchen?
Elf Jahre wird sie alt, gab Mistreß Reed zur Antwort.
So alt schon? fragte Blackhurst, da wird es etwas schwer
halten, Mistreß.
Es wird schon noch gehen, entgegnete Mistreß Reed. Betrachte diesen Herrn, Jane, Du wirst ihm in die Schule folgen
und bei ihm Unterricht erhalten.
Sie schicken mich in die Schule, Tante Reed; o wie beglücken
Sie mich durch diese Mitteilung! jubelte Jane plötzlich. Ich soll
aus diesem Hause fort, ich soll lernen und ein kluges Mädchen
werden, das sich allein durch die Welt bringen kann und das
keine Wohlthaten anzunehmen braucht. Was werde ich bei Ihnen
lernen, Herr?
Wenn Du Lust zum Lernen hast, kannst Du viel, sehr viel
lernen - aber zunächst wird es Deinem Herzen Not thun, daß
Du Demut und Gottesfurcht lernst.
Demut und Gottesfurcht hat mich Onkel Reed gelehrt, als
er noch lebte, und sie sind mir beide in das Herz tief eingegraben.
Seit Onkel Reed's Tode haßt mich Alles hier wie einen bösen
Geist - darum freue ich mich, daß ich aus diesem Hause komme,
darum juble ich, daß ich lernen soll, um selbständig zu werden.
Welche Sprache eines Kindes gegen seine Wohlthäter! rief
Blackhurst verwundert.
Wohlthäter! sprach Jane empört, Wohlthäter wären mir diese
Menschen hier gewesen! Du hörst es, Onkel. Reed, die erste Wohlthat, die sie mir erweisen, ist, daß sie mich aus ihrer Nähe schicken
und mich die Schule besuchen lassen. In welche Schule werde ich
kommen, Herr, o bitte, sagen Sie mir es, ich freue mich so darauf.
Du kommst auf eine fromme Schule, die nur von milden
Gaben edler und barmherziger Menschen erhalten wird, Du trittst
zu Neujahr in das Waisenhaus zu Lowood ein?
In ein Waisenhaus schicken Sie mich, Tante Reed. Hörst
Du es Onkel, Deine Jane, Dein Herzenskind verstößt man in
ein Waisenhaus- ein Waisenhaus ist ihre Zuflucht in einem
Alter, wo sie noch so schwach ist, um sich selbst helfen zu können.
Aber sei es darum, auch in ein Waisenhaus will, ich gehen und
mich dort erziehen lassen, denn wenn ich dort auch schwer zu
tragen haben werde, so wird mich doch nicht der Haß derjenigen
Menschen verfolgen, die sich meine Verwandten nennen. Jane
hielt erschöpft inne.
Mistreß, warum haben Sie mir dieses böse Kind nicht schon
früher anvertraut? fragte Blackhurst, sich entsetzt stellend- ein
solches bösartiges Gemüt.
Sie werden sie noch besser kennen lernen, antwortete Sarah
giftig. Jane verstellt sich, sie heuchelt, sie ist eine Lügnerin, eine
Verleumderin.
Ich verstelle mich nicht, ich heuchle nicht, ich lüge nicht, fiel
Jane ihrer Tante in die Rede, wenn ich dies thäte, so würde ich
sagen, ich beklage es, daß ich aus diesem Hause komme, so würde
ich sagen, ich liebe Sie, Tante Reed, denn das würde mir bei
diesem Herrn von Nutzen sein, aber ich erkläre feierlich: Ich verabscheue nichts so sehr auf dieser Welt als diese Frau und ihre
bösen Kinder; ich juble darüber, daß ich aus diesem Hause komme!
Ich bin froh, daß Sie keine Verwandte mehr von mir sind, wenn
ich erst in Lowood bin- ich will Sie nie wieder Tante nennen,
so lange ich lebe - ich will Sie nie besuchen, wenn ich herangewachsen bin, und wenn mich Jemand fragt, wie Sie mich behandelt haben, so werde ich gestehen, daß Sie mich mit kalter, elender
Grausamkeit behandelt, mich dumm und unwissend gelassen, und
daß Sie mich endlich, um ihren Thaten die Krone aufzusetzen, in
das Waisenhaus von Lowood geschickt haben.
Wie kannst Du es wagen, solche böse Worte auszusprechen!
rief Mistreß Reed emporspringend und wollte auf das Mädchen
zustürzen, wurde aber von ihrem dazwischentretenden Bruder an
ihrem Vorhaben, Jane zu mißhandeln, verhindert.
Wie ich es wagen kann, Mistreß, fuhr Jane in heftiger
Aufregung fort; wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit
ist, die ich spreche. Sie denken, ich habe kein Gefühl, könne ohne
die geringste Freundlichkeit oder Liebe leben, aber ich kann nicht
so leben und sie kennen kein Mitleid. Für ein klein wenig Liebe
hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe, für
ein klein wenig Liebe hätten Sie mich zum glücklichsten Kinde
gemacht, während Sie mich zum elendsten Geschöpfe gemacht haben.
Sie haben kein Mitleid. Ich werde mich bis zu meinem Tode
des Tages noch erinnern, wo Sie mich rauh und heftig in das
Zimmer stießen, wo Onkel Reed gestorben war; obgleich ich in
Todesangst war und vor Entsetzen fast erstickend ausrief: Haben
Sie Mitleid, Tante Reed, haben Sie Erbarmen - aber ich mußte
die ganze Nacht daselbst zubringen, verfiel in ein hitziges Fieber,
so daß der Arzt sagte, es wäre ein Wunder, daß meine Gesundheit nicht vollständig zerrüttet worden sei! - Und diese Strafe
mußte ich erdulden, weil Ihr böser John mich geschlagen - mich
ohne alle Ursache zu Boden geschlagen. Die Leute halten Sie für
eine gute Frau, aber Sie verstellen sich, Sie sind böse und hartherzig, - ja Sie sind noch mehr, Sie sind eine Meineidige!
Jane!
Eine Meineidige! Denn Sie haben in meines sterbenden
Onkels Hände mit einem Eide gelobt, mich zu halten wie Ihre
eigenen Kinder! Und jetzt übergeben Sie mich einem Fremden,
überweisen Sie mich einem Waisenhause! Und wenn Sie dem
Verewigten dort oben wieder begegnen und er die Frage an Sie
richtet: Was ist aus der Waise meiner Schwester geworden und
wie hast Du Deinen Eid gehalten? so müssen Sie ihm antworten:
Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen. -
So, Herr, nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie
wieder gut machen können, was meine Verwandten an mir schlecht
gemacht haben.
Hinaus! Hinaus Elende! schrie Mistreß Reed und ihre
Stimme klang heiser. Jane eilte aus dem Bibliothekzimmer hinaus, während die Zurückgebliebenen eine geraume Zeit verweilten,
ehe sie wieder Worte fanden, um die nötigen Verabredungen über
Jane's Aufnahme in die Lowoodstiftung treffen zu können.
Sechstes Kapitel.
Jane hatte nach diesem Auftritt weder ihre Tante noch irgend
Jemand von der ganzen Familie zu Gesicht bekommen; sie mußte
auf ihrer Stube bleiben und durfte sich von derselben nicht einen
Augenblick entfernen, bis sie nach Lowood abgeholt werden sollte.
Auch diese Zeit ging vorüber, und der Tag brach an, an welchem
sie früh um sechs Uhr von einem Omnibus abgeholt wurde, der am
Parkthore von Gateshead vorüberkam und sie nach Lowood überführen sollte.
Als Bessie Jane ermuntern wollte, fand sie dieselbe bereits
fertig angekleidet und zum Aufbruch bereit. Bessie nötigte sie,
einige Löffel gewärmter Milch zu genießen und wickelte ihr einige
Stücke Zwieback ein, welche sie in Jane's Körbchen steckte; dann
forderte sie das bebende Mädchen auf, ihr nach dem Wagen zu
folgen. Als Beide an Mistreß Reed's Schlafzimmer vorüberschritten, fragte die Gouvernante:
Willst Du nicht hineingehen, Vane, und Mistreß Lebewohl
sagen?
Nein, Miß Bessie, antwortete Jane fest und entschlossen.
Als sie durch die Hausthür traten, war der Mond gerade
untergegangen, und es war sehr dunkel. Bessie trug eine Laterne,
deren Schein auf nasse Steine und auf den von dem eben eingetretenen Thauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel. Es war ein rauher
und nasser Wintermorgen; Jane's Zähne schlugen bebend zusammen; in dem Häuschen des Portiers, der nach Mister Reed's
Tode angestellt war, brannte ein Licht und ein helles Feuer, an
dem sie sich wärmen konnte, da der Omnibus erst in einigen
Minuten eintraf; Jane's Koffer war schon am Abend zuvor hergeschafft worden.
Nachdem sich Jane etwas wieder erwärmt hatte, hörte sie
ein fernes Rollen von Rädern, das den herankommenden Wagen
verkündete, und schritt auf die Thüre zu, um die Lampen zu beobachten, die sich mit dem Wagen näherten.
Wird sie ganz allein reisen? fragte die Frau des Portiers.
Ja!
Und wie weit ist Lowood von hier entfernt?
Fünfzig Meilen!
Welch ein weiter Weg! Es wundert mich, daß Mistreß Reed
das schwache Mädchen allein, ohne irgend eine Begleitung so weit
reisen läßt. Sonderbar!
Plötzlich hielt der mit vier Pferden bespannte und von mehreren Passagieren besetzte Wagen. Schaffner und Kutscher trieben
laut zur Eile an; Jane's Koffer wurde aufgepackt; Bessie, an
deren Munde Jane mit heißen Küssen und unter Thränen hing,
trug die halb Bewußtlose in das Innere des Wagens und sprach
gutmütig: Tragen Sie ja auch recht Sorge für das Mädchen,
Herr Schaffner.
Ja, ja! war die Antwort; die Thüre des Wagens wurde zugeschlagen, eine kräftige Stimme rief: Alles richtig! und fort
ging's in die ferne unbekannte Welt hinein!
Jane wurde von ihrer Reise nur sehr wenig gewahr, sie war
aber auch nicht in der Stimmung auf ihre Umgebung und auf
die Gegend, durch welche sie kamen, viel zu achten. Der Weg
führte durch mehrere große Städte; in einer derselben hielt der
Wagen an, die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu speisen. Jane wurde in das Gasthaus
vom Schaffner getragen und sollte ebenfalls am Mittagsessen teilnehmen, aber da sie nicht hungrig war, so brachte man sie in ein
anderes Zimmer, in welchem sie sich allein befand und ängstlich
auf und abging, da ihr Herz doch nicht ganz frei von Furcht war.
Nach einer Stunde holte sie der Schaffner wieder ab und packte
sie in den Wagen.
Der Nachmittag war naß und nebelig, aber jetzt bemerkte
Jane doch, daß sich die Gegend bedeutend veränderte: Große graue
Hügel erhoben sich rings am Horizonte, und als es zu dunkeln
begann, fuhren sie in ein Thal hinunter, und lange, nachdem die
Nacht schon die Aussicht ganz verborgen hielt, hörten die Insassen
des Wagens den Sturmwind über ihren Häuptern in den Bäumen rauschen. Durch dieses einförmige Rauschen war das sich
einsam und verlassen fühlende Mädchen eingeschlummert, bis das
plötzliche Stillstehen des Wagens und ein scharfer Luftzug sie aus
dem Schlummer emporschreckte. Die Wagenthür war offen; es
stand eine Person, die einer Dienerin dem Aussehen nach glich,
vor dem Wagen und fragte:
Ist hier ein kleines Mädchen, Namens Jane Eyre mit im
Wagen drin?
Ja! gab Jane zur Antwort! Hierauf wurde sie aus dem
Wagen gehoben, ihr Koffer wurde abgeladen und der Omnibus
entfernte sich sehr rasch.
Sie war steif und betäubt vom langen Sitzen, aber sie sammelte rasch ihre Gedanken und sah sich um: Regen und Dunkelheit erfüllten die Luft, dennoch aber erkannte sie eine Mauer, in
welcher sich eine offene Thür befand, durch welche Jane mit ihrer
Führerin schreiten mußte; nach wenigen Augenblicken gewahrte sie
ein oder mehrere Häuser- denn so breitete sich das vor ihr
stehende Gebäude aus- es hatte viele Fenster und in einigen
derselben brannte Licht. Der mit Kieseln bestreute nasse Weg
führte etwas aufwärts, bis sie durch eine Thür eingelassen wurde;
die Dienerin geleitete sie über einen langen Gang in ein Zimmer,
-
Jane wärmte sich ihre fast erfrorenen Finger an dem Feuer und
sah sich dann um. Es war kein Licht im Zimmer, aber der unsichere Schein des Kaminfeuers zeigte ihr doch mit Tapeten bedeckte Wände, einen Fußteppich, Vorhänge und Möbel von glänzendem Mahagoniholz; es war ein Sprechzimmer, nicht so geräumig und glänzend wie das Gesellschaftszimmer in Gateshead, aber
ganz bequem eingerichtet. Jane wollte eben eines der an den
Wänden hängenden Bilder betrachten, als sich die Thüre öffnete
und zwei weibliche Personen eintraten, deren erstere ein Licht trug.
Es war eine große Dame mit dunklem Haar, schwarzen Augen
und blasser hoher Stirn; ihre Gestalt war teilweise in ein großes
Halstuch eingehüllt, ihre Haltung eine gerade, ihre Gesichtszüge
trugen einen ernsten Ausdruck.
Das Kind ist noch sehr jung, sprach die Dame ruhig und
setzte das Licht auf einen Tisch; es ist jedenfalls besser, Miß Miller,
Sie bringen es bald zu Bett. Bist Du müde, Kind? fragte sie
Jane.
Ich bin etwas ermüdet, Miß, antwortete Jane.
Und hungrig ohne Zweifel, fuhr die Dame fort. Sorgen
Sie, daß das Mädchen etwas zu essen bekommt, ehe es zu Bette
geht. Ist dies das erste Mal, daß Du Deine Eltern verlassen
hast, um eine Schule zu besuchen? fragte sie teilnehmend weiter
und streichelte Jane die Wangen.
Ich habe schon lange keine Eltern mehr, Miß, gab Jane zur
Antwort; den Vater habe ich gar nicht gekannt, und auf die Mutter
kann ich mich auch nur noch dunkel besinnen.
-
habe ich an dem Unterrichte nicht mehr teilnehmen dürfen und
nur in der Küche mit arbeiten müssen.
Ich hoffe, Du wirst ein gutes und fleißiges Kind werden.
Gute Nacht, Kind.
Gute Nacht, Miß.
Die Dame ging und ließ Jane mit dem Miß Miller genannten Frauenzimmer allein; dieselbe war jünger, hatte ein rotes
und frischeres Gesicht, aber doch auch ein weit sorgenvolleres, kurz
sie sah aus, wie eine Person, die vielfache und verschiedene Verrichtungen zu besorgen hatte.
Folge mir, sprach sie halblaut zu Jane und führte dieselbe
von Gemach zu Gemach, von Gang zu Gang, durch ein unregelmäßiges Gebäude, bis sie sich von der öden Stille in diesem Teile
des Hauses dem Summen vieler Stimmen näherten und gleich
darauf in ein großes Zimmer mit tannenen Tischen, zwei an jedem
Ende, eintraten, auf welchen ein paar Lichter brannten und um
welche eine Schaar von Mädchen jeden Alters, zwischen neun bis
achtzehn Jahren herum saßen. Bei dem trüben Scheine der Talglichter erschien die Menge Mädchen eine sehr bedeutende zu sein,
obwohl es in der That nicht mehr als achtzig waren; ihr Anzug
war gleichförmig und bestand in Kleidern von braunem Zeuge mit
auffallendem Schnitt, um den Hals hatte jede ein wollenes Tuch
gelegt. Es war die Lernstunde und jede war beschäftigt, sich auf
ihre Lektionen für den folgenden Morgen vorzubereiten, wodurch
das gehörte Gesumme entstanden war. Miß Miller wies Jane
einen Platz in der Nähe der Thüre auf einer Bank an, ging dann
nach dem oberen Ende des großen Zimmers und rief: Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und legt sie weg!
Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen
weg, sammelten schleunigst, aber fast geräuschlos die Bücher ein
und legten sie weg, wie befohlen worden war.
Miß Miller rief weiter: Aufseherinnen, holt das Abendessen
herein!
Dieselben vier Mädchen gingen hinaus, kehrten aber nach
einigen Augenblicken zurück, und jede trug einen Teller, auf dem
sich Portionen von dünnem Haferkuchen befanden; außerdem stand
in der Mitte jedes Tellers ein Wasserkrug und ein Becher. Die
Portionen wurden herumgereicht; Diejenigen, welche trinken wollten,
tranken von dem Wasser, wobei sie sich des Bechers gemeinschaftlich bedienten. Als Jane an die Reihe kam, trank sie auch von
dem Wasser, denn sie war sehr durstig, die Speise aber berührte
sie nicht, da ihre Aufregung und Ermüdung von der Reise das
Essen unmöglich machten.
Sobald die Mahlzeit vorüber war, las Mis; Miller Gebete
vor, dann marschierten die Klassen, je zwei und zwei Mädchen
nebeneinander, eine Treppe hinauf. Jane folgte mit Mis Miller,
beachtete aber vor Ermüdung beinahe gar nicht, was das Schlafzimmer für ein Gemach war. Für die erste Nacht mußte sie mit
Miß Miller in einem Bette schlafen, die ihr auch beim Auskleiden
behilflich war. Als sie jedoch im Bette lag, überblickte sie die
langen Reihen von Betten, in welchen je zwei Mädchen Platz
nehmen mußten; nach kurzer Zeit ward das einzige Licht ausgelöscht, und von Stille und Dunkelheit umgeben, schlief sie rasch
ein. Als sie ihre Augen wieder öffnete, ertönte eine laute Glocke;
die Mädchen waren sämtlich schon munter und kleideten sich an,
obwohl der Tag noch nicht einmal dämmerte; es war recht empfindlich kalt, aber sie erhob sich schnell, kleidete sich, vor Kälte
zitternd, an und wusch sich, sobald eine Waschschale frei war, was
nicht sobald geschah, da für je sechs Mädchen nur eine vorhanden
war, die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten
stand. Wiederum ertönte die Glocke; die sämtlichen Mädchen
bildeten eine Doppelreihe, schritten in dieser Ordnung aus dem
Schlafsaale die Treppe hinunter und traten in das kalte, matterleuchtete Schulzimmer, woselbst Miß Miller wiederum Gebete vorlas und dann rief:
Bildet Klassen!
Jetzt erfolgte ein recht arger Tumult und Lärm, während
dessen Miß Miller, welche die Stelle einer Unterlehrerin versah,
wiederholt: Stille! Ruhe! Ordnung! rufen mußte. Als der Tumult
sich einigermaßen gelegt hatte, sah Jane alle Schülerinnen in einem
Halbkreise vor vier Stühlen aufgestellt, die an den vier Tischen
standen; alle hielten Bücher in den Händen, und ein großes Buch,
wie eine Bibel, lag auf jedem Tische vor dem leeren Stuhle; und
es trat nun sehr bald eine große und auffällige Ruhe ein. Nachdem wieder ein entferntes Glockenzeichen gegeben war, traten drei
Damen in das Unterrichtszimmer; jede ging nach einem Tische
und nahm ihren Sitz ein; Mis Miller erhielt den vierten Stuhl,
welcher der Thüre am nächsten stand und um welchen sich die
kleinsten Kinder versammelt hatten; zu dieser Klasse wurde Jane
gewiesen und auf den untersten Plat gestellt.
Hierauf begann der Unterricht; zunächst wurde das Tagesgebet gesprochen, dann verschiedene Sprüche hergesagt und darauf
Kapitel aus der Bibel vorgelesen, womit wohl eine Stunde verging. Als diese Übung beendet war, schien der helle Tag durch
die Fenster. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten
Male, die Klassen wurden wieder geordnet und marschierten in ein
anderes Zimmer zum Frühstück. Jane war fast krank vor Erschöpfung, da sie während des vorhergehenden ganzen Tages keinen
Bissen gegessen hatte. Das Speisegemach war groß, niedrig
und düster; auf zwei Tischen dampften große Schüsseln, in denen
sich eine heiße Speise befand, die aber einen durchaus zum Essen
nicht einladenden Geruch verbreitete, und die vornstehenden größeren
Mädchen riefen laut und empört aus: Abscheulich! Die Suppe
ist ja schon wieder einmal angebrannt.
Still! rief eine von den Oberlehrerinnen, eine kleine schwarze
und zierliche Person, aber von mürrischem Ausdruck, und setzte sich
an das obere Ende des einen Tisches, während eine voller aussehende Dame am entgegengesetzten Ende Plat nahm. Miß; Miller
saß am unteren Ende des anderen Tisches und ihr gegenüber eine
fremdartig aussehende Dame, die französische Lehrerin, wie Jane
später erfuhr. Nachdem ein langes Tischgebet gesprochen und
ein geistliches Lied gesungen war, brachte eine Dienerin Thee für
die Lehrerinnen herein und das Frühmahl begann. Da Jane
sehr hungrig war, so verzehrte sie begierig einige Löffel voll von
ihrer Portion, ohne an den Geschmack derselben zu denken, als
aber der erste Hunger vorüber war, bemerkte sie, daß die Suppe
wirklich angebrannt war und ganz abscheulich schmeckte. Ihr Löffel
bewegte sich jetzt eben so langsam, wie die der übrigen Mädchen,
welche die Speise kosteten und hinunterzuschlucken versuchten, doch
die meisten gaben das Bemühen bald auf. Das Frühstück war
vorüber und keine hatte gefrühstückt. Nachdem noch ein Dankgebet gesprochen und ein zweites Lied gesungen war, marschierten
die Mädchen wieder nach dem Schulzimmer. Jane war eine der
Letzten, die hinausging, und sah, als sie an den Tischen vorüberkam, wie eine der Lehrerinnen einen Teller mit Suppe nahm und
kostete, unter dem Ausrufe: Abscheuliches Zeug!
Eine Viertelstunde verging, ehe der Unterricht wieder begann,
und während deren das Lärmen wieder begann. Die Unterhaltung
drehte sich allein um das Frühstück, das Alle laut tadelten und
zu Miß Miller, welche jetzt allein anwesend war, mit ernsten und
finsteren Mienen sprachen, wobei mehrmals der Name Blackhurst
zu hören war. Miß Miller schüttelte unmutig mit dem Kopfe,
schwieg aber hartnäckig, und nur als die Uhr im Schulzimmer
neun Uhr schlug, trat sie in dieMitte des Zimmers und rief: Alle
an Eure früheren Plätze!
In wenigen Augenblicken herrschte vollkommene Ordnung im
Schulzimmer. Die Lehrerinnen nahmen ihre Plätze wieder ein,
aber noch schienen Alle auf etwas zu warten. Auf den Bänken
an den Seiten des Zimmers saßen die sämtlichen Mädchen aufrecht und bewegungslos; eine seltsame Versammlung war es: Alle
hatten ihr Haar aus dem Gesicht gekämmt, so daß keine Locke
sichtbar war; Alle trugen braune Kleider, die hoch hinaufreichten
K?
und von einem schmalen Halsstreifen umgeben waren; vorn hatten
sie kleine Taschen von Leinwand angebunden, die zur Aufbewahrung
ihrer Handarbeiten dienten; Alle trugen wollene Strümpfe und
starke Schuhe, die mit messingenen Schnallen befestiget waren. Plötzlich erhoben sich Alle, wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt.
Kein Befehl war gegeben, kein Glockenzeichen erfolgt, aber
wie sich die Augen aller Mädchen nach der Thüre richteten, so
folgten auch Jane's Blicke und sie trafen auf die Gestalt der
Dame, welche sie am gestrigen Abende empfangen hatte. Sie
stand am Ende des langen Zimmers am Kamin und überschaute
schweigend und ernst die ganze Schule. Mis; Miller näherte sich
ihr, schien ihr eine Frage vorzulegen und kehrte, als sie eine Antwort erhalten, auf ihren Platz zurück und sagte: Aufseherin der
ersten Klasse, hole den Globus!
Die Dame trat näher, es war- wie Jane später erfuhr
- Miß Temple, die Direktorin der Lowood-Stiftung - nahm
ihren Platz vor dem Globus ein, der auf einen der Tische gestellt
wurde, versammelte die erste Klasse um sich und begann eine Unterrichtsstunde in der Geographie, während die anderen Lehrerinnen
Geschichte und Sprachlehre lehrten. Nach einer Stunde, denn
Alles gi: g hier pünktlich, folgte hier Rechnen und Schreiben, Miß
Temple aber unterwies ihre Schülerinnen in den Anfangsgründen
der Musik. Als endlich die Glocke zwölf Uhr schlug, erhob sich
die Direktorin und sprach mit vernehmlicher Stimme:
Ich habe noch ein Wort an Euch Alle zu richten: Ihr habt
am heutigen Morgen ein Frühstück erhalten, welches Ihr nicht
habt essen können, Ihr müßt also noch hungrig sein. Ich habe
befohlen, daß an jede von Euch ein Stück Brot und Käse ausgeteilt werde. Es geschieht auf meine Verantwortung, fügte sie
hinzu, als die übrigen Lehrerinnen sie erstaunt ansahen, und verließ nach wenigen Augenblicken still, wie sie gekommen, das Zimmer
wieder.
Brot und Käse wurden gleich hereingebracht und zur großen Beruhigung für Jane, an welcher der Hunger bereits hart zu nagen
begonnen, wie zum Entzücken der übrigen Mädchen, verteilt. Dann
erfolgte das Kommandowort: In den Garten! Jede setzte einen
groben Strohhut mit farbigen Bändern auf und legte einen Mantel
von grauem Wollzeug an. Jane wurde in ähnlicher Weise ausstaffiert und folgte dem Strome unwillkürlich nach dem Garten.
Der Garten war ein weiter Raum von so hohen Mauern
umgeben, daß man von der äußeren Umgebung desselben nichts
gewahren konnte; ein bedeckter Gang zog sich an der einen Seite
hin und breite Wege begrenzten einen mittleren Raum, der in
viele Beete eingeteilt war, die jetzt freilich öde und traurig aussahen. Jane empfand einen heftigen Schauer, als sie so dastand
und sich umsah; es war ungünstiges Wetter zum Aufenthalt im
Freien, es regnete zwar nicht, aber es war dunkel von einem feuchten gelben Nebel und der Boden noch naß von dem gestrigen
Regen. Die stärkeren Mädchen liefen umher und begannen Spiele,
aber mehrere blasse und schwächliche Kinder drängten sich zusammen,
um Obdach und Wärme unter dem bedeckten Gange zu suchen;
ein öfterer hohler Husten wurde unter diesen vernehmlich.
Noch hatte Jane mit keinem Mädchen gesprochen, und noch
war sie anscheinend von keinem näher beachtet worden; sie stand
einsam da, aber an das Gefühl des Verlassenseins von Gateshead
her gewöhnt, drückte sie dies nicht darnieder. Sie lehnte sich an
einen Pfeiler des bedeckten Ganges, zog ihren Mantel fest um sich,
sah sich aufmerksam in dem klösterlichen Garten um und betrachtete sich das Haus, in dem sie jetzt wohnte. Es war ein großes
Gebäude, dessen eine Hälfte alt und grau war, während die andere
vollständig neu erschien. Der neue Teil enthielt das Schul- und
Schlafzimmer und hatte vergitterte hohe Fenster, welche demselben
ein kirchenartiges Aussehen gaben; eine steinerne Tafel über der
Thüre enthielt folgende Inschrift:
,Die Lowood-Stiftung. Dieser Teil wurde im Jahre des
Herrn - von Naomi Blackhurst von Blackhurst -Hall erbaut.
Lasset Euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie Eure guten
Werke sehen und den Vater im Himmel preisen. Matth. 16.’
Jane las diese Worte wiederholt und merkte, daß sie eine Erklärung bedürfte, um diese Inschrift vollständig zu verstehen. Sie
dachte noch über die Bedeutung des Wortes,Stiftung' nach, als
sie hinter sich einen hohlen Husten vernahm und beim Umschauen
ein lesendes Mädchen erblickte. Die Begierde, das Buch kennen
zu lernen und dessen Überlassung für später zu bitten, trieb Jane
an, sich dem Mädchen zu nähern und die Fragen an dasselbe
zu richten:
Ist das Buch unterhaltend und belehrend?
Es gefällt mir, lautete die Antwort, nachdem die Fragerin
einige Minuten lang aus einem dunkeln, aber matten Augenpaar
betrachtet worden war.
Wovon handelt es? fragte Jane dreister gemacht und das
Bedürfnis fühlend, sich an irgend eine menschliche Seele anschließen
zu können.
Du kannst es ansehen, versetzte das Mädchen und reichte
Jane das Buch hin.
Ich will es Dir nicht entziehen, behalte es nur. Kannst
Du mir aber sagen, was die Inschrift auf jener Thüre bedeutet,
so würde ich Dir dankbar sein. Was ist die Lowood-Stiftung?
Das Haus, in welchem Du Dich gegenwärtig befindest.
Und warum nennt man dasselbe eine Stiftung? Ist es denn
auf irgend eine Art und Weise von anderen Schulen verschieden?
Es ist eine halbe Freischule. Du und ich und alle die
Übrigen werden hier umsonst unterrichtet und unterhalten. Ich
vermute, Du bist eine Waise. Deine Mutter oder Dein Vater
ist tot?
Sie starben alle Beide, ehe ich sie ordentlich kennen lernte.
Alle Mädchen hier haben entweder Eins von ihren Eltern
oder alle Beide verloren, und dies ist eine Stiftung zur Erziehung
von Waisen.
Zahlen wir denn gar kein Geld und unterhält man uns denn
ganz umsonst?
Wir, oder vielmehr unsere Verwandten, zahlen fünfzehn Pfund
jährlich für jedes Kind.
-
nicht ausreichend sind für Kostgeld und Unterricht und das Fehlende
durch milde Beiträge ersetzt wird.
Und wer giebt denn milde Beiträge für uns?
Verschiedene wohlwollende Herren und Damen in dieser Gegend und in London.
Wer war Naomi Blackhurst?
Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses erbaute, wie
auf jener Tafel zu lesen ist, und deren Sohn hier Alles beaufsichtigt und leitet, weil er die Stelle des Schatzmeisters und Direktors
zugleich bei dieser Stiftung versieht.
So gehört dieses Haus also nicht jener gütigen Dame, Mc
eine Uhr trägt und welche uns vor kurzer Zeit Brot und Käse
reichen ließ, weil die Suppe verbrannt war?
Der Miß Temple? Ich wollte, es gehörte ihr; sie ist nur
die Oberleiterin und muß Herrn Blackhurst von Allem Rechenschaft
ablegen, was sie thut. Herr Blackhurst kauft alle unsere Lebensmittel und auch unsere Kleider persönlich ein.
-
Herrenhause.
Ist er ein guter Mann.
Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thue den Armen
sehr vieles Gute.
Die große Dame heißt Miß Temple. Wie nennen sich die
anderen Lehrerinnen?
Miß Smith führt die Aufsicht bei den Handarbeiten und
schneidet zu, denn wir müssen uns unsere Kleider, unsere Röcke,
unsere Mäntel und Alles selbst machen. Miß Scatcherd unterrichtet in Geschichte und Sprachlehre und hat zu überhören, was
die zweite Klasse auswendig lernt, und Madame Pierot ist aus
Frankreich und erteilt in ihrer Muttersprache Unterricht in unserer
Stiftung.
Aber Miß Temple ist jedenfalls die beste von allen unseren
Lehrerinnen?
Miß Temple ist sehr gut und besitzt außerordentlich viel Kenntnisse; sie gilt viel mehr als die anderen, besonders weil sie viel
mehr weiß, als jene alle zusammen.
Bist Du schon lange hier?
Seit zwei Jahren!
Bist Du auch eine Waise?
Meine Mutter ist gestorben.
Fühlst Du Dich glücklich in Lowood?
Du richtest aber auch zu viel Anfragen an mich; ich habe
Dir für heute genug Antworten gegeben. Morgen kannst Du
weiter fragen, ich will nun wieder lesen.
Als sich das Mädchen, das Jane so viele Antworten gegeben,
ohne unfreundlich zu werden, wieder zu seinem Buche wenden
wollte, ertönte die Aufforderung zum Mittagessen, und Alle traten
wieder in das Haus ein. Der Geruch, der jetzt dem Mädchen in
die Nase drang, war nicht so unangenehm, wie der von der verbrannten Suppe; das Mittagessen ward in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen und bestand aus Kartoffeln und
Schnitten von verschiedenen Fleischarten, die untereinander gemischt
und zusammengekocht waren. Aus diesen Schüsseln erhielt jedes
Mädchen einen ziemlich reichlichen Teller voll. Jane, wie alle
übrigen, aß tüchtig und fragte sich im Stillen, ob ihre Speisen wohl
immer dieselben oder wenigstens ähnliche sein würden. Nach
dem Mittagessen begaben sich die Schülerinnen sämtlich wieder
in das Unterrichtszimmer, und die Lehrstunden begannen von
Neuem in ganz gleichförmiger Weise. Das einzige bemerkenswerte
Ereignis während des Nachmittags war, daß das Mädchen, mit
welchem Jane im Garten gesprochen hatte, von Miß Scatcherd in
Unwillen aus der Geschichtsklasse entlassen wurde und in der Mitte
der großen Schulstube stehen mußte. Diese Strafe erschien Jane
im höchsten Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen,
das wenigstens 1B Jahr alt war, und Jane glaubte, sie würde
sich sehr betrüben oder Scham zu erkennen geben, aber zu ihrer
Überraschung weinte sie weder, noch errötete sie, sondern stand
ruhig und gefaßt da, während die Blicke aller Übrigen unaufhörlich nach ihr hinflogen.
Bald nach fünf Uhr Nachmittags bekamen die Zöglinge noch
eine Mahlzeit, die aus einem Becher mit Kaffee und aus einem
Schnitte gerösteten Brotes bestand, worauf ungefähr eine halbe
Stunde der Erholung folgte, dann wieder gelernt, weiter ein Glas
Wasser getrunken und ein Stück Haferkuchen verzehrt wurde -
dann ging es zu Bett. Dies waren Jane's Erlebnisse an dem
ersten Tage ihres Aufenthalts in Lowood.
Siebentes Kapitel.
Der nächste Tag begann wie der erste. Bei düsterem Lichte
wurde aufgestanden und sich angekleidet, aber das Waschen mußte
unterlassen werden, da das Wasser in den Krügen eingefroren
war. Jane glaubte vor Kälte umkommen zu müssen während der
Stunden des Gebets und des Bibellesens, bis sie durch die heiße
Suppe, welche sie zum Frühstück erhielt und welche diesmal nicht
verbrannt, sondern recht schmackhaft war, sich allmählich etwas erwärmen konnte. Leider aber waren die Portionen für den Hunger
zu klein.
Im Laufe des Tages wurde Jane in die vierte Klasse als
Schülerin eingestellt und nahm Teil an allen vorkommenden Aufgaben und Arbeiten. An das Auswendiglernen noch gar nicht
gewöhnt, kam es ihr äußerst schwer an, mit den übrigen Schülerinnen Schritt zu halten, zumal sie der Übergang von einem Unterrichtsgegenstande zum anderen etwas verwirrte. Endlich ging
es zum Nähen über; hier wußte sie sich schon besser zu helfen, da
sie der Köchin in Gateshead zuweilen beim Flicken und Nähen hatte
behilflich sein dürfen.
Alle Mädchen mußten nähen, nur Miß Scatcherd's Klasse
hatte Unterricht in der englischen Geschichte und ließ wiederum an
Jane's Bekannte ihren Unwillen aus. Anfänglich die Erste in
ihrer Klasse mußte sie einer Unaufmerksamkeit wegen den letzten
Platz einnehmen. Obwohl Jane eifrig nähte, folgte sie doch mit
Teilnahme diesem Vorgange und bemerkte zu ihrem tiefen Leidwesen, daß die Lehrerin sie fortwährend im Auge hatte und stets
an ihr etwas zu tadeln oder in scharfen Ausdrücken auszusetzen
hatte.
Snider! rief Miß Scatcherd, wie stehst Du da! Willst Du
die Füße ordentlich nach auswärts setzen! Snider richte den Kopf
gerade! Snider sieh nicht wo anders hin, sieh auf mich und spiele
nicht mit den Händen an Deinen Kleidern herum!
Nachdem Miß Scatcherd ihre Lektion, welche die Regierungszeit Karl's 1 von England behandelte, nochmals durchsprochen
hatte, richtete sie darauf eine ganze Reihe von ununterbrochenen
Fragen an das Snider genannte Mädchen, welches zu Jane's Erstaunen keine einzige unbeantwortet ließ, aber trotzdem der Lehrerin
Unzufriedenheit nicht beschwichtigen konnte, denn in völlig heftiger
Weise fuhr sie los: Du schmutziges unordentliches Mädchen, Du
hast an diesem Morgen weder Deine Nägel noch Deine Finger
gereinigt!
Das Mädchen schwieg und sagte zu ihrer Entschuldigung nicht
einmal, daß das Wasser zum Waschen gefroren war und daß auch
keine der Übrigen sich hatte waschen können.
Hole die Ruthe her, Snider! befahl ihr Miß Scatcherd mit
zornbebender Stimme.
Die Snider ging durch eine Nebenthür, kehrte bald darauf
mit einem Bündel Ruten zurück und überreichte dieselben ihrer
Peinigerin mit einer unterwürfigen Verbeugung.
Entblöße Deine Schultern, gebot die Lehrerin weiter.
Das Mädchen band ihr wollenes Tuch gelassen ab und bot
ihren nackten Nacken der Hand der Lehrerin dar, welche ihr Schlag
auf Schlag, ein Dutzend Rutenhiebe wenigstens erteilte. Jane
hörte unwillkürlich zu nähen auf und zitterte vor innerer Empörung
über diese laut schreiende Ungerechtigkeit und Willkür, - aber
Snider verzog keine Miene, vergoß nicht eine einzige Thräne, ja
sie zuckte mit keiner Wimper.
Halsstarriges, verworfenes Mädchen, schalt Miß Scatcherd,
willst Du denn Deine üblen Angewohnheiten niemals ablegen.
Trage augenblicklich die Ruten wieder hinweg.
Snider gehorchte stumm und widerstandslos; Jane beobachtete
sie ziemlich genau, als jene in das Unterrichtszimmer zurückkehrte
und bemerkte, wie sie gerade ihr Taschentuch wieder verbarg, mit
welchem sie die Thränen abgetrocknet hatte, deren Spuren noch auf
ihren Wangen schimmerten. Jane ward sehr weh um ihr junges
Herz, da sie dasjenige Mädchen, mit dem sie die erste Bekanntschaft hier angeknüpft hatte, so hartes Unrecht ertragen sah, und
als die Spielstunde am Abend herannahte, wo die Zimmer wärmer und traulicher, als zu der übrigen Tageszeit waren, suchte sie
sich der Snider wieder zu nähern, welche an einem der Kamine
still saß und sich wieder in die Lektüre ihres Buches vom vergangenen Tage ziemlich vertieft hatte.
Bist Du mit Deinem Buche bald zu Ende? fragte Jane an
sie herantretend.
Ja, ich bin gleich zu Ende, lautete die Antwort. Hier ist es,
wenn Du es vielleicht lesen willst.
Nein, ich danke, sprach Jane. Willst Du mir aber vielleicht
sagen, wie Du außer Snider noch weiter gerufen wirst? Ich
möchte es gern erfahren. Snider klingt nicht sehr schön.
Ich ward Helene getauft und von meinen Eltern auch so genannt.
Bist Du in der Nähe der Lowood-Stiftung geboren?
Nein, ich komme hoch aus dem Norden, mein Geburtsort
liegt nahe der schottischen Grenze.
Wirst Du jemals nach Deiner Heimat oder zu Deinen Verwandten zurückkehren können?
Ich denke und hoffe, aber im Voraus kann Niemand seine
Zukunft sicher bestimmen.
Möchtest Du die Lowood-Stiftung nicht lieber verlassen, als
hier zurückbleiben.
Warum sollte ich diesen Wunsch hegen? Meiner Erziehung
wegen wurde ich hierher geschickt, und es würde daher nicht wohl
geraten sein, diese Stiftung eher zu verlassen, bevor ich meinen
eigentlichen Zweck hier erreicht hätte und ausgebildet wäre.
Aber Deine Lehrerin Miß Scatcherd ist ja so unbarmherzig
gegen Dich?
Unbarmherzig? O nein! Sie ist nur strenge und bestraft
meine Fehler, ich kann darin keine Unbarmherzigkeit erblicken -
sie thut es ja doch zu meinem Besten.
Jede andere an Deiner Stelle, Helene, würde sich ihr widersetzen und sich nicht schlagen lassen.
Das würde keine andere wagen. Und sollte es sich wirklich
eine unterfangen, so würde sie von Herrn Blackhurst aus der
Schule entlassen und zu ihren Verwandten zurückgeschickt werden.
Ehe das ein Mädchen geschehen läßt, so läßt es sich lieber hart
und streng behandeln.
Ist Miß Temple z. B. eben so streng gegen Dich, wie diese
häßliche Miß Scatcherd?
Als Helene Miß Temple's Namen hörte, glitt ein leises
Lächeln über ihr blasses Antlitz. Miß Temple, sprach sie sanft,
ist die Güte selbst; es fällt ihr schwer, Jemandem ein böses Wort
zu sagen, ja selbst die ungezogensten Schülerinnen behandelt sie noch
mit großer Sanftmut. Ohne Vorwürfe macht sie mich auf meine
Fehler aufmerksam, und wenn ich recht folgsam gewesen bin, so
erteilt sie mir freiwillig reichliches Lob. Aber sprechen wir nicht
mehr von diesem Gegenstande. Sage mir lieber, wie Du heißest,
woher Du kommst und welches Deine bisherigen Lebensschicksale
waren.
Jane erzählte ihr, was sie aus ihrem Leben wußte, und als
die Spielstunde ihrem Ende nahte, hatten die beiden Mädchen,
obwohl sie im Alter nicht vollständig gleich waren, ein inniges
Freundschaftsband geschlossen, ohne daß sie solches vor den übrigen
Mädchen zu deutlich zur Schau treten ließen. Jane ging seit
langer Zeit an jenem Abende zum ersten Male wieder zufrieden
und beruhigt zu Bette - hatte sie doch nun wieder eine teilnehmende Seele.
Drei Wochen waren nach Jane's Eintritt in die Lowood-Stiftung in gleichmäßigem Verlaufe verstrichen, einförmig und
traurig, mit nur wenigen Unterbrechungen und gar keiner freudigen
Abwechselung gingen die Tage vorüber, aber Jane gewöhnte sich
allmählich an das Auswendiglernen, das ihr anfänglich viel
Schwierigkeiten gemacht hatte, sie ward fleißig, aufmerksam, strebsam und hatte bereits Miß Temple's Aufmerksamkeit auf sich
gezogen - das Lernen bereitete ihr Freude, ja manchmal recht große
Freude. Eines Nachmittags saß sie zu dieser Zeit mit ihrer
Schiefertafel in der Hand und beschäftigte sich mit einem verwickelten Rechnungsexempel. Zufällig richtete sie den Blick zum
Fenster empor und gewahrte eine vorübergehende Gestalt, aus
deren seltsamen Umrissen sie sofort Mister Blackhurst erkannte,
obwohl sie denselben in Gateshead nur in höchster Aufregung und
auch nur auf wenige Augenblicke gesehen hatte. Wäre sie noch
eine Sekunde lang über diese Gestalt im Zweifel gewesen, so hätte
ihr der Anblick der ganzen Schule mit Einschluß der Lehrerinnen
bei ihrem Eintritt in das Zimmer volle Gewißheit verschafft.
Sämtliche Schülerinnen hatten sich ehrerbietig erhoben, als sich
die Thüre öffnete; ein fast unhörbarer Schritt durchmaß das Schulzimmer und Blackhurst stand neben Miß Temple.
Jane hatte genügende Veranlassung, über Blackhurst's Erscheinen nach ihrem Eintritt in die Stiftung zu erschrecken, denn
nur zu gut gedachte sie der bösen Schilderung, welche Mistreß
Reed ihm über ihren Charakter gegeben hatte. Jetzt war der Augenblick erschienen, wo Mister Blackhurst sie vor den Lehrerinnen und
Schülerinnen als ein böses heuchlerisches und undankbares Kind
-
sprach leise mit Miß Temple, und Jane glaubte, daß er dieser guten
Dame ein ganz schlechtes Bild von ihr entwerfen würde; aber
hierin irrte sie.
Der Zwirn, Miß Temple, den ich gekauft habe, muß zu den
Hemden passen und wird gut sein, da ich auch die Nadeln danach
ausgewählt habe. Jede Schülerin erhält nur eine Nähnadel; hat
eine deren zwei, so wird sie unachtsam und verliert leicht eine.
Als ich das letzte Mal in Lowood war, sah ich die Kleidungsstücke
nach, die im Garten auf den Leinen zum Trocknen hingen; ich
habe unter denselben namentlich viele Strümpfe in sehr schlechtem
Zustande gefunden, und besonders aus der Größe der Löcher, welche
in den Fersen waren, sah ich, daß sie nicht gehörig von Zeit zu
Zeit ausgebessert werden.
Ihre Anordnungen, Herr Blackhurst, sollen pünktlich befolgt
werden, antwortete Miß Temple in leisem und überaus bescheidenem Tone. Ich werde selbst nachsehen.
Gut, Miß Temple, fuhr Blackhurst fort. Auch sagt mir die
Wäscherin, daß einige von den Mädchen wöchentlich zwei Halsstreifen bekommen - die Regel gestattet nur einen einzigen.
Diese Ausnahme, erwiderte Miß Temple, dürfte wohl Entschuldigung finden. Die Geschwister Johnstone waren am vergangenen Donnerstag zu ihren Verwandten zum Thee in Lowton
eingeladen, und so erteilte ich ihnen die Erlaubnis, bei dieser Gelegenheit reine Halsstreifen anlegen zu dürfen; es hätte sich wohl
schwerlich hier umgehen lassen.
Nun einmal mag es hingehen, erwiderte Blackhurst, aber ich
muß Sie dringend bitten, solche Ausnahmen nicht zu oft vorkommen zu lassen.- Aber noch einen Punkt muß ich erwähnen.
Die Berechnung der Haushälterin weist nach, daß den Schülerinnen
in den letzten drei Wochen zweimal Brot und Käse gegeben worden ist. Wie erklären Sie das, Miß Temple? Ich vergleiche die
Stiftungsordnung und entdecke an keiner Stelle die Lieferung
von Brot und Käse! Auf wessen Veranlassung geschah eine solche
Willkürlichkeit.
Die Verantwortung habe ich für diesen Umstand zu übernehmen, antwortete Miß Temple; das Frühstück war so unverantwortlich nachlässig verbrannt, daß die Mädchen es nicht verzehren
konnten, und die Kinder bis zum Mittagsmahl hungern zu lassen,
dafür glaubte ich eine Verantwortlichkeit nicht übernehmen zu können. Es blieb mir daher kein Ausweg, als
Bitte um Entschuldigung, Miß Temple, versetzte Blackhurst
eifrig, wenn ich Sie unterbreche, aber Sie wissen, daß meine Absicht bei Erziehung dieser Mädchen nicht ist, sie zu Wohlleben und
Schwelgerei zu gewöhnen, sondern sie selbstverleugnend und ergeben
in ihr Geschick zu machen, sie abzuhärten. Sollte ja einmal der
Fall eintreten, daß eine Speise angebrannt, zu schwach oder zu stark
gesalzen wäre, so gibt man nichts Besseres an deren Stelle und
verschafft dem Leibe größere Behaglichkeit, sondern man denkt an
die geistige Stärkung der Schülerinnen, indem man sie ermutigt,
Selbstbeherrschung zu üben und Entsagung zu lernen, denn unser
Erlöser sagt schon: Selig seid Ihr, wenn Ihr hungert und dürstet
um meinetwillen.
Mister Blackhurst wollte in seiner Rede noch weiter fortfahren,
aber er wurde plötzlich unterbrochen, denn drei Damen traten ins
Zimmer und erklärten rund heraus, die Lowood-Stiftung besichtigen zu wollen. Blackhurst schwieg und wies die Damen an Miß
Temple, welche dieselben mit tiefen Verbeugungen als Mistreß
und Misses Blackhurst empfing und sie nach dem Ehrensitte am
oberen Ende des Zimmers führte; es waren Blackhurst's Frau
und Töchter, die mit diesem zugleich angekommen waren und, ehe
sie in die Schulstube eintraten, die Wäsche und die Schlafzimmer
einer genauen Besichtigung unterworfen hatten.
Jane hatte bisher der Unterredung Blackhurst's mit Miß
Temple alle Aufmerksamkeit zugewendet und dabei ihre Schiefertafel krampfhaft in der Hand festgehalten, aber beim Erheben von
ihrem Plate ward sie durch eine Mitschülerin heftig an den Arm
gestoßen, daß sie die Tafel plötzlich fallen ließ und sie in zwei
zerbrochenen Hälften vor sich liegen sah. Zum Tode erschrocken,
bückte sich Jane und hob die beiden Stücken so schnell als möglich auf.
Ein recht unachtsames Mädchen! sprach Blackhurst scharf-
es ist die neue Schülerin- ich konnte es mir denken. Ich muß
Allen hier über dieses Mädchen einige Eröffnungen machen. Miß
Temple, lassen Sie das Mädchen, das die Tafel zerbrochen hat,
hier vortreten.
Jane war für den Augenblick wie gelähmt - sie vermochte
nicht allein vorzuschreiten, aber die Nebensitzenden erfaßten sie und
schoben sie auf Blackhurst zu, während Miß Temple die Wankende
an der Hand faßte und ihr leise zuflüsterte: Fürchte Dich nicht,
Jane, Du wirst nicht bestraft werden - ich habe es selbst gesehen,
daß Deine Mitschülerin die Schuld trägt.
Bringt jenen Stuhl herbei, sprach Blackhurst weiter, indem
er auf einen hohen Stuhl zeigte, auf dem sonst eine der Aufseherinnen
saß und auf welchen jetzt Jane aufrecht hingestellt wurde. Meine
Damen, wandte er sich an seine Angehörigen, Miß Temple,
Lehrerinnen, Schülerinnen, sehen Sie sich dieses Mädchen recht
genau an; sie hat die Gestalt eines Kindes aber den Charakter
eines Teufels; sie ist schon jung dem Satan in die Klauen geraten! Meine lieben Kinder, es ist meine Pflicht, Euch vor diesem Mädchen zu warnen. Ihr müßt Euch vor ihr hüten, ihr
Beispiel scheuen, ja, wenn es nötig sein sollte, ihren Umgang vermeiden, sie von Euren Gesprächen und Spielen ausschließen. Die
Lehrerinnen müssen ihr Betragen überwachen, ihre Bewegungen
beobachten, ihre Worte und Handlungen prüfen, ihren Leib bestrafen, damit womöglich ihre Seele noch gerettet wird. Dieses
Mädchen ist, meine Zunge sträubt sich, es auszusprechen, trotz
ihrer zarten Jugend, doch schon- eine Lügnerin,
Blackhurst's Angehörige flüsterten: Entsetzlich! Welche Verdorbenheit!
Dies hat mir ihre Wohlthäterin, eine fromme christliche Dame,
die sich der armen Verwaisten annahm und sie mit ihren eigenen
Kindern erziehen ließ, selbst mitgeteilt, fuhr Blackhurst fort. Aber
dieses unselige Geschöpf vergalt ihrer Tante durch so entsetzliche
Undankbarkeit, daß sie sich gezwungen sah, ihre Kinder von diesem
Mädchen fernzuhalten, damit das verderbliche Beispiel ihre Herzen
nicht verunreinigen sollte. Bei uns, in unserer gottgesegneten
Stiftung soll das Werk der Strafe und Besserung vollzogen werden.
Lehrerinnen und Vorsteherinnen, unterstützen Sie sich gegenseitig
in dem Bestreben, dieses verirrte Schäflein auf den richtigen Weg
und zu unserer frommen und gottergebenen Herde zurückzugeleiten.
Miß Temple, lassen Sie das Geschöpf noch eine halbe Stunde
auf dem Stuhle stehen und während des ganzen übrigen Tages
niemand mit ihr sprechen oder sonst in Berührung kommen.
Nach diesen Worten, welche Jane wie ebenso viele spite Dolche
in das Herz drangen, verließ Blackhurst mit seiner Familie das
Unterrichtszimmer, während die übrigen Versammelten zurückblieben. Anfänglich glaubte Jane die ihr widerfahrene Beschimpfung
nicht ertragen zu können; sie glaubte vom Stuhle sinken zu müssen
und in wehmütige Klagen ausbrechen zu sollen; aber als die übrigen Mädchen aufgestanden waren, an ihr vorüberschritten und die
Augen zu ihr nicht emporzuheben wagten, da besiegte sie ihre Neigung
zur Trauer und Klage und stellte sich im Gefühl des ihr widerfahrenen Unrechts fest auf den Stuhl hin und harrte, ohne eine
Miene zu verziehen, auf das herannahende Ende ihrer Strafe.
Ehe die halbe Strafstunde vorüber war, schlug die Uhr fünf, die
Mädchen wurden entlassen und gingen in das Speisezimmer zum
Thee.
Einige Zeit darauf, es war beinahe dunkel in dem Schulzimmer geworden, wagte Jane vom Stuhle herunterzusteigen, sich
in einen Winkel zurückzuziehen und sich auf den Fußboden niederzusetzen. Jetzt war ihre Kraft gebrochen und sie ließ, verlassen
von Allen auf der Welt, ihren Thränen ungehemmten Lauf. Sie
hatte sich gelobt, in Lowood gut und fleißig sein zu wollen,s sich
Freundinnen und Zuneigung erwerben zu wollen; schon hatte sie
sichtbare Fortschritte gemacht, sie war am Morgen des heutigen
Tages die Erste in ihrer Klasse geworden, Miß Miller hatte sie
öffentlich belobt und Miß Temple ihr versprochen, sie im Zeichnen,
Malen und Französischen zu unterrichten, wenn sie noch eine
Zeitlang so fleißig fortfahren würde - und nun diesen Gegensatz- dieses entsetzliche Schicksal!
Sie hätte sterben mögen vor Kummer und Schmerz, und
während sie noch in tiefster Zerknirschung vor sich hinbrütete, vernahm sie plötzlich Schritte- sie fuhr empor und vor ihr stand
die blasse Helene Snider, die ihr etwas Thee und Brot überreichen wollte.
Komm und iß ein wenig, Jane, sagte Helene ruhig.
Ich kann nicht, mir ist die Kehle zugeschnürt, antwortete Jane,
und weinte heftig fort.
Beruhige Dich zunächst, fuhr Helene fort, und sammle Deine
Gedanken; dann wollen wir gemeinschaftlich über die Dir widerfahrene unwürdige Behandlung sprechen.
Wie kannst Du bei einem Mädchen bleiben, Helene, welches
Jedermann für eine Lügnerin hält und das alle seine Mitschülerinnen wie die Sünde verachten müssen?
Du täuschest Dich, Jane, wahrscheinlich verachtet Dich keine
in der ganzen Schule, ja ich bin fest überzeugt, daß Dich die
Meisten aufrichtig bemitleiden werden.
Wie können sie nach solchen Beschimpfungen noch Mitleid
mit mir empfinden?
Herr Blackhurst ist in der Stiftung gar nicht beliebt, und
so ist es recht; er hat Dich mit Härte und Verachtung bestraft,
und hierdurch sind Dir mehr Freundinnen erwachsen, als wenn
er Dich liebevoll behandelt hätte. Die Lehrerinnen und Schülerinnen
werden es einige Tage lang aus Furcht vor Blackhurst nicht
wagen, Dich freundlich anzusehen, aber nach und nach gibt sich
dies schon wieder, und man wird später um so liebevoller gegen
Dich sein, sobald man einsehen gelernt hat, daß man Dir bitteres
Unrecht vorher zufügte. Sieh, wenn auch die ganze Welt Dich
haßte und Dich für böse hielte, während Dein eigenes Gewissen
Dich von aller Schuld freispräche, Du würdest doch nicht ohne
Freund sein. Ich würde Dich stets lieben - stets.
O Du gutes, treues Herz, flüsterte Jane. Wie wohl thun
mir Deine Worte. Sie umschlang hierbei Helene mit beiden Armen, zog sie an sich und ruhte an ihrer Brust. Die beiden
Mädchen hatten nur wenige Augenblicke schweigend sich in Armen
gehalten, als sich abermals die Thür öffnete und sie in der herantretenden Gestalt Miß Temple erkannten, die leise eintrat.
Jane, ich möchte Dich dem Kummer und der Einsamkeit
nicht überlassen, sprach die Direktorin gütig; komm mit in mein
Zimmer und da Helene Snider in Deiner Gesellschaft sich befindet, so kann auch sie Dir dahin nachfolgen.
Die beiden Mädchen folgten der Vorsteherin, ohne ein Wort
zu entgegnen, sie mußten durch einige winkelige Gänge gehen und
eine Treppe hinaufsteigen; das Zimmer, in welches sie gelangten,
war gut durchwärmt und hatte ein behagliches Aussehen. Helene
mußte sich auf einen niedrigen Stuhl an der Seite des Kamins
niederlassen, während Miß Temple einen anderen einnahm und
Jane freundlich und aufmunternd an ihre Seite rief.
Ist jetzt Alles vorüber? fragte sie Jane. Hast Du Deinen
Kummer ausgeweint?
Ich fürchte, daß wird niemals geschehen können! antwortete
Jane.
Und warum, mein Kind?
Weil man mich auf völlig ungerechte Weise beschuldigt, und
Sie, Miß Temple, wie alle übrigen Lehrerinnen und Schülerinnen
werden mich für böse halten.
Du wirst für das gehalten werden, Jane, als was Du Dich
zeigest. Fahre fort, wie ein braves Mädchen Dich zu betragen,
und Du wirst mich vollständig zufrieden stellen.
Werde ich das jemals können, Miß Temple?
Das wirst Du! Und nun sage mir, wer ist die Dame, welche
Mister Blackhurst vorhin Deine Wohlthäterin nannte und die
ihm Deinen Charakter so schwarz geschildert haben soll?
Mistreß Reed, meines Onkels Fran. Mein Onkel Reed
starb und mußte mich, da ich noch nicht erwachsen war, ihrer
Fürsorge überlassen.
So nahm sie Dich also nicht aus eigenem Antriebe an Kindesstatt an?
Nein, Miß, es war ihr unbequem, ja eine Last, mich in
ihrem Hause zu behalten - und doch weiß ich, daß mein Onkel
Reed, der mich zärtlich liebte, vor seinem Tode ihr den Schwur
hat leisten lassen, daß sie mich stets bei sich behalten und wie
ihre eigenen Kinder aufziehen lassen wolle.
Nun, Jane, Du bist als Lügnerin angeklagt worden; verteidige Dich gegen mich so gut Du kannst. Erzähle mir, was
Dein Gedächtnis Dir als wahr mitteilt, aber füge nicht das Geringste hinzu.
Jane bat um einige Minuten Geduld und vereinigte während
dieser kurzen Pause alle ihre Gedanken auf den einen Punkt zusammen: einen einfachen, wahren und sachgemäßen Abriß von
ihrem bisherigen Leben und ihrer Behandlungsweise in dem Reed'schen Hause zu entwerfen. Als sie hierbei den Namen des Doktor
Fowler erwähnte, der sie in ihrer Krankheit behandelt hatte, schaute
sie Miß Temple scharf und beobachtend an, reichte Jane die Hand
und sprach gütig:
Ich kenne Doktor Fowler einigermaßen aus früheren Jahren
und werde an ihn schreiben. Stimmt seine Antwort mit Deiner
Angabe überein, so sollst Du öffentlich von jeder Beschuldigung
freigesprochen werden; für mich bist Du es jetzt schon, Jane.
Hierauf wendete sie sich an Helene und fragte diese sehr teilnehmend: Wie befindest Du Dich, Helene? Hast Du im Laufe
des Tages recht viel gehustet?
Nicht ganz soviel wie sonst, Miß, antwortete Helene.
Und wie steht es mit dem Schmerz in Deiner Brust?
Der ist auch etwas geringer geworden, Miß.
Helene und Jane, Ihr sollt am heutigen Tage meine Gäste
sein und gemeinschaftlich Thee mit mir trinken, sprach Miß Temple
weiter und ließ von einer Dienerin für jedes der Mädchen eine
besondere Tasse hereinbringen. Obwohl anfangs noch etwas verschüchtert, nahm Jane neben der bereits dreisteren und bekannteren
Helene Plat, erfreute sich des wärmenden Getränkes, der liebevollen
Zusprache Miß Temple's und vergaß in freundlichem Geplauder
sehr rasch die sie so tief betrübt habenden Vorkommnisse des heutigen Tages.
Mitten in die Unterhaltung hinein ertönte die Glocke, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete, und nun mußte geschieden
sein. Miß Temple umarmte beide Mädchen zärtlich, entließ sie
mit den Worten: Gott segne Euch, meine Kinder! und begleitete sie bis zur Thüre. Als Beide das gemeinschaftliche Schlafzimmer erreichten, vernahmen sie die Stimme der Miß Scatcherd, welche eben Helenens Fach untersuchte und sichtlich verstimmt war,
in demselben nichts Tadelnswertes von Belang finden zu können.
Jane verbrachte eine ruhige Nacht und träumte in derselben von
so viel Liebe und Glück, wie sie seit ihres Onkels Tode noch
niemals so viel in ihrer Brust vereinigt gefunden hatte.
Vielleicht acht Tage nach diesem Vorfalle traf ein Brief des
Doktor Fowler ein, an den Miß Temple ihrem Versprechen gemäß
geschrieben hatte. Nachdem die ganze Schule versammelt war, verkündete Miß Temple, daß sie wegen der gegen Jane Eyre erhobenen Anklagen Nachforschungen angestellt habe und sich glücklich
fühle, Jane für völlig frei von jeder gegen sie erhobenen Schuld
sprechen zu können. Sämtliche Lehrerinnen drückten Jane die
Hand und küßten sie wiederholt, ja auch aus der Reihe der Schülerinnen traten mehrere auf sie zu und drückten ihr aufrichtige Teilnahme und Freude wegen ihrer Unschuld aus.
Jetzt erst fühlte sich Jane Eyre von einer schweren Last befreit und sie faßte den festen Entschluß, jede auch noch so große
Schwierigkeit, welche sich ihr in der Lowood-Stiftung wie auf
ihrem künftigen Lebenswege entgegenstellen werde, siegreich zu überwinden; sie arbeitete angestrengt und der Lohn ihres Fleißes blieb
nicht aus. Nach Verlauf von wenigen Wochen wurde sie in eine
höhere Klasse versetzt und nach kaum zwei Monaten wurde ihr die
Erlaubnis zu Teil, den Unterrichtsstunden im Zeichnen und Französischen beiwohnen zu können. Jetzt begann ein vollständig neues
Leben für sie, und jetzt würde sie Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht gegen Gateshead und seinen früheren Luxus vertauscht haben.
Aber auch die Entbehrungen und Mühseligkeiten begannen sich
zu verringern. Der Frühling kam heran, der Winterfrost ließ
nach, der Schnee war geschmolzen, der stets scharfe und schneidige
Wind ließ nach und die sanftere Luft des April begann zu wehen.
Die Spielstunden konnten jetzt im Garten unbehindert verbracht
werden; lachte die Sonne am Himmel, so war es sogar angenehm
und heiter im Freien; die braunen Gartenbeetchen nahmen eine
grüne Färbung an und riefen die Hoffnung wach, daß sie bald
noch deutlichere Spuren ihrer Verjüngung erscheinen lassen würden.
Auch wurden den Zöglingen zuweilen die Gartenpforte geöffnet,
so daß sie auch den Genuß einer entzückenden Fernsicht genossen,
welche in den herrlichsten Farben prangte und nur durch den
Horizont begrenzt wurde.
Der April ging in den Mai über; ein herrlicher heiterer
Mai war es, von blauem Himmel, lieblichem Sonnenschein und
sanften West- oder Südwinden durchfächelt. Jetzt zeigte sich die
Vegetation in ihrer ganzen Kraft. Der Wald wurde grün und
blühend, Ulmen, Eichen, Eschen nahmen wieder ihr üppiges strotzendes Leben an, Waldpflanzen sproßten zu deren Wurzeln empor, zahllose Abwechselungen von Moos füllten die übrigen Zwischenräume
aus, und die Menge von goldgelben Himmelschlüsseln breiteten
einen seltsamen Schimmer über den Boden aus. Dies Alles
konnte Jane frei und unbewacht in vollen Zügen genießen, aber
nur ein Umstand schmälerte, ja beeinträchtigte diesen Genuß, ein
Umstand, der die Quelle unsäglichen Elends bildete.
Die Lowood»Stiftung lag in einer Waldschlucht, aus welcher
besonders im Frühling fast täglich ein furchtbarer Nebel aufstieg,
der in seinem Gefolge einen Herd von Krankheiten mitbrachte,
eine epidemische Seuche, die mit dem wiedererwachenden Leben in
der Natur ausbrach, um sich griff, in die Stiftung einschlich, ihre
Ausdünstungen über sämtliche Unterrichts - und Schlafzimmer
ausbreitete und beinahe den ganzen Ort aus einer Schule in ein
Krankenhaus verwandelte.
Der halbverhungerte Zustand und die nicht sorgsam behandelten öfteren Erkältungen gaben der Seuche ein ergiebiges Feld
für ihre Wut so, daß von achtzig anwesenden Zöglingen fünfzig krank
darniederlagen. Die einzelnen Klassen mußten aufgehoben und
die stets gewahrte strenge Zuchtregel milder gehandhabt werden.
Zu den Wenigen, die gesund geblieben waren, zählte glücklicher
Weise Jane, und diesen wurde beinahe unbeschränkte Freiheit erteilt, da die Ärzte die größtmöglichste Bewegung im Freien für
unbedingt notwendig hielten, wenn nicht auch die gesund Gebliebenen noch auf das Krankenlager gestreckt werden sollten.
Miß Temple war auch hier wieder der gute Engel der unglücklichen Kinder; unermüdlich widmete sie ihre Pflege und Sorgfalt den Patienten, weilte beständig in dem Krankenzimmer und
verließ es nur, wenn sie sich einige unvermeidliche Stunden
der Ruhe gönnen mußte. Die übrigen Lehrerinnen mußten das
Einpacken und die erforderlichen Vorbereitungen für diejenigen gesunden Mädchen treffen, denen es vom Geschick noch beschieden
war, Freunde und Verwandte zu haben, bei welchen sie für die
Zeit der Not Schutz und Aufnahme fanden, um von dem Herd
der Ansteckung so weit wie möglich entfernt zu sein. So manche
Mädchen, die schon den Keim der Krankheit in sich trugen, kamen
krank nach Hause, um dort zu sterben; mehrere auch starben in der
Stiftung und wurden rasch und geräuschlos begraben, zumal die
Beschaffenheit der Krankheit nach dem Verscheiden so wenig wie
möglich Verzögerung in der Beerdigung zuließ.
Während diese entsetzliche Seuche in Lowood herrschte und der
Tod kein seltener Gast in seinen Mauern war, während sein
Inneres einem wirklichen Lazarette glich und bleiche und verstörte
Mienen nur in seinen Zimmern und Gängen anzutreffen waren,
breitete ein unbewölkter Maihimmel seine herrlichen Reize über
alle die weiten Lowoodumgebenden Fluren, Hügel und Wälder.
Rosen, Lilien, Tulpen und Nelken blühten in bunter Pracht auf
den kleinen Gartenbeeten der Anstalt, aber alle diese herrlichen
Blumen, welche zu jeder Tageszeit ihren herrlichen Duft ausströmten, waren nutzlos für die meisten Bewohnerinnen von Lowood,
außer daß sie dazu dienten, eine Handvoll Blätter und Blumen
zu liefern, die man als letztes Andenken an ein junges Leben auf
ein frühzeitiges Grab legen konnte.
Jane und die übrigen gesunden und zurückgebliebenen Mädchen
konnten die Schönheiten der Jahreszeit recht genießen; vom Morgen bis zum Abend durften sie frei im Walde umherschweifen und
auch im Hause stand die Aufsicht in keinem Vergleiche gegen früher,
ja die Zöglinge bekamen bessere Speise und größere Portionen.
Mister Blackhurst noch irgend ein Glied seiner Familie kam in
dieser Zeit nach Lowood, und die alte strenge Haushälterin, welche
pünktlich auf die Hausregel sonst hielt, war aus Furcht vor der
Seuche geflohen. Anfänglich streifte Jane allein oder in Gesellschaft eines Mädchens von ihrem Alter herum, Namens Anna
Wilson, aber sehr bald vermißte sie Helene Snider und sehnte
sich nach ihrem Umgange. Aber Helene lag krank darnieder, ja
schon seit einigen Wochen war sie ihr nicht vor Augen gekommen,
und sie wußte nicht einmal, in welches Zimmer sie einquartiert
war. Erst nach vielfachen Fragen konnte sie erfahren, daß Helene
nicht unter den Fieberkranken sich befand, sondern an der Auszehrung leiden sollte. An einem recht sonnigen und warmen Nachmittage wurde sie von Miß Temple in den Garten geführt, aber
auch bei dieser Gelegenheit wurde es Jane nicht erlaubt, zu Helene
zu gehen und sie nach ihrem Befinden zu fragen. Die Kranke
war in wollene Tücher dicht eingehüllt und durfte nur in ganz
kurzer Entfernung von dem bedeckten Gange siten. Jane litt dabei sehr schmerzlich, aber sie mußte sich in das Unvermeidliche
fügen.
Als sie eines Abends mit Anna Wilson etwas später als
gewöhnlich von einem ihrer gemeinschaftlichen Ausflüge zurückkam,
wurde ein Pferd an der Gartenthüre gehalten, in welchem sie gleich
dasjenige des Arztes erkannte. Anna sprach die Vermutung aus,
es müsse Jemand sehr krank sein, da man Mister Bates, den
Doktor, noch so spät habe von Lowood herbei holen lassen, und
Jane mußte ihr selbstverständlich beipflichten. Gleich darauf trat
auch Mister Bats, begleitet von einer Wärterin, aus dem Hause,
bestieg eiligst sein Pferd und ritt hinweg. Jane flog, von einer
bangen Ahnung ergriffen, auf die Wärterin zu.
Wie geht es mit Helene Snider? fragte sie.
Sehr schlecht! lautete die Antwort der Wärterin.
Ist Mister Bates um ihretwillen gekommen?
Ja, nur um sie allein.
Und was sagte er über ihren Zustand?
Er sagte, sie werde bald ausgelitten haben.
Jetzt trat zum ersten Male der Gedanke an Jane heran, daß
ihre beste Freundin, ihre geliebte Helene, dem Tode vielleicht rettungslos verfallen sei, und sie empfand neben dem tiefsten Schmerz
und dem stärksten Entsetzen, den unbesiegbaren Wunsch, die Kranke
zu sehen. Im welchem Zimmer liegt Helene? fragte sie weiter.
Sie befindet sich in Miß Temple's Zimmer.
Kann ich zu ihr gehen und mit ihr sprechen?
O nein, Kind, es geht jetzt nicht, und es ist jetzt die höchste
Zeit, daß Du in Dein Zimmer kommst. Der Thau beginnt
schon sehr stark zu fallen, Du wirst das Fieber bekommen.
Die Wärterin machte die vordere Hausthüre zu, während
Jane durch die Seitenthüre eintrat, welche zu dem Schulzimmer
führte. Die Zöglinge waren bereits im Begriffe, sich zur Ruhe
zu legen und Jane durfte sich hiervon nicht ausschließen.
Jane wälzte sich auf ihrem Lager schlaflos umher, vielleicht
gegen 1 Uhr vermochte sie es vor Unruhe und Angst nicht mehr
auszuhalten, und da sie aus der vollständigen Stille, die im Schlafsaale herrschte, schließen konnte, daß alle ihre übrigen Mitschülerinnen
schliefen, so erhob sie sich leise, kleidete sich vorsichtig an und schlich
sich in Strümpfen nach Miß Temple's Zimmer, das sich am
entgegengesetzten Ende des Hauses befand; sie kannte den Weg,
und das Licht der Mondscheibe, welches hier und da durch die
Scheiben der Gänge drang, setzte sie in den Stand, ihren Zweck
zu erreichen. Von Niemand war sie auf ihrer einsamen Wanderung
getroffen, und endlich war sie an ihrem Ziele angelangt- sie
stand vor dem Zimmer, in welchem Helene krank lag. Licht
schimmerte Jane durch das Schlüsselloch und durch die Thüre
entgegen, welche ein wenig geöffnet war, um frische Luft in das
Zimmer einzulassen. Ein leichter Schauer überrieselte das junge
Mädchen, das jetzt erst seinen gewagten Schritt in seinem ganzen
Umfange erkannte, aber jetzt hieß es vorwärts, und da gab es bei
Jane kein Bedenken mehr.
Erregt betrat sie das Zimmer und schaute sich erwartungsvoll
um, da sie zwischen Furcht und Hoffnung schwebte, ob sie Helene noch
lebend vorfinden würde. Dicht neben Miß Temple's Bett und
noch von den weißen Vorhängen desselben überdeckt, stand ein kleineres, unter dessen Decke sie die Umrisse einer Mädchengestalt
entdecken konnte. Die Wärterin, welche Jane im Garten getroffen
hatte, schlief in einem Lehnstuhle und ein Licht war tief herabgebrannt. Miß Temple war nicht anwesend, und so trat Jane
näher, erfaßte den Vorhang und flüsterte: Helene, wachst Du?
Der Vorhang wurde leicht zurückgeschoben und Helenens bleiches und abgefallenes, aber nur wenig gegen sonst verändertes
Gesicht erschien. Du bist es, Jane? fragte sie verwundert.
Jane konnte vor Thränen keine Antwort erteilen, sondern
neigte sich nur über ihr Bett, küßte ihr Stirn und Wange, die
von einer wahren Eiseskälte bedeckt waren.
Weshalb kamst Du hierher, Jane? fragte Helene sanft. Es
ist ja schon elf Uhr Nachts vorüber. Ich habe es vor wenigen
Minuten schlagen hören.
Weil ich Dich einmal sehen und sprechen wollte, Helene.
Man sagte mir, Du wärest sehr krank, und da erfaßte mich eine
solche Unruhe, daß ich nicht schlafen konnte, und eine unwiderstehliche Sehnsucht, Dich einmal wieder zu sprechen.
Du kommst also, um Abschied von mir zu nehmen. Du
kommst noch zur rechten Zeit.
Wohin willst Du denn, Helene? Willst Du in Deine Heimat?
Ja, Jane, in meine ewige, meine letzte Heimat.
Nein! Nein! Helene- Jane stockte vor von Neuem ausbrechenden Thränen, und Helene wurde von einem heftigen Hustenanfall ergriffen, der sie heftig erschütterte, aber doch nicht im
Stande war, die schlafende Wärterin zu ermuntern.
Du frierst, Jane, flüsterte Helene weiter, als sie sich von
ihrem Anfall erholt hatte, kehre in Dein Bett zurück oder lege
Dich mit unter meine Decke.
Jane nahm auf Helenens Lager Platz und bald ruhten die
beiden Mädchen innig verschlungen nebeneinander. Sie schwiegen
Beide eine geraume Zeit, dann flüsterte Helene wieder: Ich bin
sehr glücklich, Jane, und wenn Du morgen vielleicht erfährst, daß
ich gestorben bin, so mußt Du ruhig sein und darfst Dich nicht
betrüben. Sieh, wir Alle müssen einst sterben, und das Leiden,
das mich hinwegrafft, ist durchaus nicht schmerzlich. Ich habe
Niemand auf Erden, der mich bedauern und vermissen wird -
mein Vater hat wieder geheiratet und hat andere Kinder. Durch
meinen frühzeitigen Tod werde ich manchem schweren Leiden entgehen, und auf ein großes Glück in der Welt hätte ich niemals
rechnen können.
Aber wohin gehst Du, Helene? Weißt Du es? Glaubst
Du es?
Ich glaube und bin überzeugt, daß ich zu Gott komme und
in seinen Himmel.
Bist Du denn gewiß, daß es einen Himmel gibt, und daß
unsere Seelen einmal dorthin kommen, wenn wir gestorben sein
werden?
Ich bin völlig überzeugt, daß es einen solchen Ort für uns
gibt. Gott ist die Liebe, und ich glaube, ich kann ihm meinen
unsterblichen Teil ohne Bangen übergeben. Gott ist mein und
unser Aller Vater, ich liebe ihn und hoffe, daß er mich auch
wieder liebt.
Und hoffst Du, daß ich Dich dort wiederfinden werde, Helene,
wenn ich gestorben bin?
Du wirst an denselben Ort kommen, an welchem ich weile,
und wirst zu demselben allmächtigen und allgütigen Vater gelangen,
wie ich. Ich glaube fest daran, Jane.
Die beiden Mädchen schlossen sich fester, inniger in ihre
Arme; es war, als ob sie von einander nicht loslassen wollten.
Plötzlich begann Helene wieder in ihrem sanften Flüstertone: O,
wie wohl und leicht ist mir jetzt zu Mute. Dieser letzte Hustenanfall hat mich doch etwas mehr erschöpft, als ich dachte, ich
glaube, ich könnte jetzt schlafen- aber bleibe bei mir, Jane, und
verlaß mich nicht, ich habe Dich ja so sehr lieb.
Ich bleibe bei Dir, Helene, so lange Du es wünschest. Niemand
soll mich entfernen können.
Bist Du ordentlich zugedeckt, meine herzige Freundin?
Ganz gut und ganz warm!
So schlafe sanft, Jane.
Schlafe wohl, Helene.
Die beiden Mädchen küßten sich noch einmal herzlich und
schliefen ruhig und fest ein. Als Jane wieder erwachte, war es
heller Tag bereits, und eine sonderbare Bewegung hatte sie aus
ihrem Schlummer aufgescheucht: eine Wärterin trug sie auf ihren
Armen aus Helenen's Zimmer nach dem Schlafsaal zurück; aber
sie wurde nicht gescholten, daß sie heimlich ihr Bett verlassen und
Helene aufgesucht hatte. Sie erhielt keine Antwort auf ihre
Fragen nach Helene, und nur erst zwei Tage darauf erfuhr sie,
daß Miß Temple, als sie am folgenden Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, Jane in dem kleinen Bette, mit dem Gesicht an
Helenens Schulter ruhend und ihre Arme um Helenens Hals geschlungen, gefunden hatte. Jane schlief und Helene war friedlich aus dem Leben geschieden. Jane's Schmerz war grenzenlos,
sie wollte keine Nahrung zu sich nehmen und auch denselben Weg
wandeln, den Helene eingeschlagen hatte, sie wollte auch zu ihrem
Vater im Himmel einkehren, und es bedurfte der liebevollsten
-
die geschiedene Freundin nicht vermissen sollte, um sie einigermaßen
zu beruhigen und für die Aufgaben des Lebens wieder empfänglich zu machen.
Helenens Leiche wurde zu ihrem Vater geschafft, der in Braklebridge wohnte, und auf dem dortigen Kirchhofe beerdigt. Miß
Temple ließ das Grab mit einem Rasenhügel bedecken und auf
diesen eine Marmorplatte mit der Aufschrift legen: Auferstehen!
Achtes Kapitel.
Wir haben unseren freundlichen Leserinnen das Leben Jane's
fast Tag für Tag vorgeführt, aber um unserer Erzählung nicht
eine allzugroße Ausdehnung zu geben, müssen wir jetzt einige größere Schritte machen, um auch ihr ferneres Schicksal kennen zu
lernen, bis es an einem entscheidenden Wendepunkte fürs Leben
gekommen sein wird.
Als die jährlich ausbrechende Epidemie, die am treffendsten
mit Typhusfieber bezeichnet werden kann, ihre Aufgabe der Vernichtung in Lowood erreicht hatte, verschwand sie beinahe spurlos
wieder; aber sie hatte für dieses Mal so stark gewütet, daß die
große Anzahl der Opfer, die sie gefordert hatte, die allgemeinere
Aufmerksamkeit auf die Stiftung gelenkt hatte. Es wurden Untersuchungen über den Ursprung des Fiebers angestellt, und so traten
nach und nach Erscheinungen und Thatsachen zu Tage, welche den
Unwillen der Öffentlichkeit bis fast zur Erbitterung steigerten.
Zunächst fiel die überaus ungesunde Lage der Stiftung ins Auge;
weiterhin stellte sich die schlechte Beschaffenheit der gebotenen Nahrungsmittel und deren völlig unzureichende Menge heraus, sowie
das schlechte Wasser, welches zum Trinken sowohl wie für die Zubereitung der Speisen benutzt werden mußte, die dürftige, kaum
etwas Wärme gewährende Kleidung und endlich der ungesunde
Aufenthalt in den Schul- und Schlafzimmern; dies Alles kam
an das Tageslicht und trug für Mister Blackhurst Kränkung und
harte Vorwürfe ein, gereichte aber der Anstalt zum Vorteil und
Segen.
Eine Anzahl angesehener und reicher Bewohner in der Grafschaft zeichnete größere Summen für die Erbauung eines gesunden
und bequemen Hauses in gesünderer Lage. Es wurde eine neue
Hausordnung entworfen, bessere Kleider wurden geliefert, nahrhaftere Speisen wurden verabreicht und die Einnahmen und das Vermögen der Stiftung von einem Ausschuß von mehreren Personen
in Beaufsichtigung genommen. Zwar konnte man Mister Blackhurst die Leitung und Verwaltung der Anstalt wegen seiner Familienverbindungen und seiner früheren Wirksamkeit nicht entziehen,
aber er wurde in der Ausübung seiner Funktionen unterstützt und
kontrolliert von Männern, die Herz und Verstand auf der richtigen
Stelle hatten und nicht in so engherzigen Anschauungen befangen
waren, wie er. Die in solcher Weise verbesserte Anstalt wurde
eine nützliche und edle Pflanzstätte für so manches junge Gemüt,
und Jane blieb nach ihrer Neugestaltung noch sieben Jahre in
derselben und zwar sechs Jahre als Schülerin-- so viel Geld
hatte Mistreß Reed an Mister Blackhurst bei Jane's Eintritt in
die Anstalt im voraus bezahlt-- und zwei Jahre, als sie ihren
Lebensunterhalt verdienen mußte, als Lehrerin.
Während dieser ganzen Zeit war Jane's Leben einförmig, an
Freuden und Genüssen arm und leer, aber es war nicht unglücklich, denn es war nicht unthätig, und um keinen Preis hätte sie
es jemals wieder mit ihrem ehemaligen Aufenthalte in Gateshead
vertauschen mögen. Ihr standen die Mittel zu einer vortrefflichen
Erziehung zur Seite, sie besaß eine besondere Vorliebe zu einigen
Studien, wie Zeichnen und Malen, und einen Drang sich in denselben Gegenständen auszubilden; sie ward von dem lebhaften Verlangen getrieben, ihren Lehrerinnen und besonders denen zu gefallen, die sie liebte und achtete. Ihre geistigen Anlagen entwickelten sich in einem solchen Umfange, daß sie nach Verlauf von
kaum zwei Jahren die Erste in der ersten Klasse war und am
Ende des sechsten Jahres ihr das Amt einer Lehrerin übertragen
werden konnte, das sie denn auch mit größtem Pflichteifer übernahm und erfüllte.
Während dieser ganzen Zeit war Miß Temple Leiterin der
Stiftung geblieben, und ihrem Unterrichte verdankte Jane den
größten Teil ihrer erworbenen Talente und Fähigkeiten; ihr Umgang und ihre Teilnahme war ihr ein beständiger Trost, wenn
des Lebens Ernst einmal an sie herantrat - sie vertrat die Stelle
der Mutter, der Erzieherin nicht allein bei Jane, sie wurde endlich
auch ihre Freundin. Aber es sollte für Jane kein Glück von langer Dauer sein, wenn auch das Los, das Miß Temple fand, ein
recht glückliches werden sollte. Die würdige und wahrhaft liebenswürdige Dame verheiratete sich mit Mister Nasmyth, einem
Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, dessen Wert Jane in
der kurzen Zeit ihres Beisammenseins mit ihm so recht schätzen
lernen sollte, und folgte demselben in sein Pfarramt, das in einer
entfernten Grafschaft lag. Die Trennung von Miß Temple war
wiederum ein neuer und tiefer Schmerz für Jane's Gemüt -
all ihr Denken und Empfinden knüpfte an diese edle Frauengestalt
an, in all ihre Lebensgewohnheiten und ihre sonstige Thätigkeit
war Miß Temple gleichsam mit hineinverflochten- und dies
Alles wurde nun zerrissen, mußte nun aufhören zu sein, nachdem
es eine Reihe von Jahren in so schöner Weise gedauert und geblüht hatte.
Als Miß Temple aus Lowood schied, war Jane nicht mehr
dieselbe- mit ihr war jedes gewohnte Gefühl, jede Erinnerung
dahingeschwunden, die Lowood ganz wie unwillkürlich zur ihrer
zweiten oder vielmehr eigentlichen Heimat gemacht hatte. Den
größten Teil des ersten Tages nach der Abreise der beiden Vermählten ging Jane ruhelos in dem Zimmer auf und ab; keine
Beschäftigung, die sie vornahm, wollte ihr behagen, keinen ruhigen
Gedanken konnte sie fassen, all ihr Denken und Trachten ging
nur darauf hinaus, wie sie wohl aus Lowood hinweg und einen
anderen Wirkungskreis für sich finden könne. Aber es wollte kein
glücklicher Einfall in ihrem sonst so erfinderischen Geiste auftauchen,
bis sie sich endlich der Ruhe überließ und mit Miß Miller ein
gleichgültiges Gespräch anknüpfte, das ganz wie von selbst auf
ihren Weggang von Lowood hingelenkt werden sollte.
Wie aber soll ich es anfangen, fragte Jane, um von hier
weg und in eine andere Stellung zu kommen, damit ich eine
ordentliche Thätigkeit finde und meinen Lebensunterhalt auf eine
würdige und anständige Weise erwerben kann?
Wer eine Stellung sucht, macht dies im Herold der Grafschaft bekannt, antwortete Miß Miller.
Aber auf welche Weise?
Man richtet einen Brief an den Herausgeber des Herold,
legt diesem die nötige Ankündigung und das erforderliche Geld
bei. Man gibt den Brief auf die Post zu Lowten und läßt
etwaige Antworten oder Anfragen unter der Chiffre I. K. an das
dortige Postamt adressieren und geht eine Woche danach vielleicht
einmal wieder nach Lowten, um nachzufragen, ob ein Antrag eingegangen ist oder nicht.
Ich danke Ihnen, Miß, sprach Jane beruhigt, ich werde es
morgen versuchen.
Am folgenden Morgen, noch ehe die Glocke zum Aufstehen
der Schülerinnen geläutet hatte, saß Jane an ihrem Schreibtische
und hatte folgendes Schriftstück abgefertigt:
Eine junge Dame, die im Unterrichtgeben bewandert ist, sucht
eine für sie geeignete Stellung in einem Privathause bei Kindern
unter vierzehn Jahren. Sie kann in den gebräuchlichen Lehrfächern, wie auch im Französischen, im Zeichnen und in der Musik
Unterricht erteilen. Briefe unter I. 1. befördert das Postamt zu
Lowton.
Diese Anzeige wurde in ein Couvert gesteckt und zum Absenden mit der Post fertig gestellt. Noch am selbigen Tage hatte
Jane Gelegenheit, nach dem drei Meilen etwa entfernten Orte
Lowton zu gehen und ihren Brief selbst in den Postkasten einzulegen; durchnäßt, aber mit erleichtertem Herzen kehrte sie in die
Stiftung zurück. Acht lange Tage mußte sie harren, ehe sie wieder
ausgehen und nach einem Resultate ihres Gesuchs nachfragen
konnte; aber auch diese vergingen und hochklopfenden Herzens
machte sie sich auf den Weg zu dem für sie so bedeutungsvollen
Posthause, in welchem eine alte Dame, die eine große Hornbrille
auf der Nase trug, den gewöhnlichen Dienst versah.
Sind vielleicht Briefe unter der Chiffre I. K. eingegangen?
fragte Jane bescheiden.
Die Alte starrte das junge Mädchen lange an, öffnete darauf
ein großes Schubfach und suchte lange Zeit unter dem Inhalte
desselben, so daß Jane schon jede Hoffnung gesunken war; endlich
aber, nachdem sie mindestens fünf Minuten lang ein Schreiben
betrachtet hatte, reichte die Alte dasselbe über den Tisch hinweg
und betrachtete die Empfängerin mit einem sehr mißtrauischen
Blicke. Es war in der That I. . überschrieben.
Es ist wohl kein Brief weiter vorhanden? fragte Jane
nochmals.
Nein! lautete die etwas mürrisch gegebene Antwort.
Jane steckte den Brief in die Tasche ihres Kleides und mußte,
ohne denselben öffnen zu können, rasch heimwärts eilen, da sie zu
pünktlicher Stunde wieder einzutreffen hatte, wenn sie nicht gegen
die Hausordnung verstoßen wollte; und als sie zu Hause eintraf,
mußte sie die Aufsicht in der Lern- und Arbeitsstunde führen, die
Gebete vorlesen und die Mädchen nach dem Schlafsaale führen,
worauf sie mit den anderen Lehrerinnen zu Abend speiste. Endlich konnte sie sich allein auf ihr Zimmer zurückziehen und das
erhaltene Briefchen öffnen; dasselbe war ziemlich kurz und lautete
folgendermaßen:
Wenn I. L. die sich in der letzten Donnerstagsnummer des
Herold empfohlen hat, die von ihr erwähnten Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt und genügende Nachweise über ihr seitheriges Verhalten und ihre Unterrichtsbefähigung zu erteilen imstande ist, so
kann ihr eine Stellung nachgewiesen werden, in welcher sie nur eine
einzige Schülerin, und zwar ein kleines Mädchen unter 1 Jahren, zu unterweisen haben wird. Das Gehalt ist für jedes Jahr
auf dreißig Pfund festgesetzt. I. K. wird ersucht, Zeugnisse, Namen,
Adresse und alles sonst Erforderliche zu senden an die Adresse von
Mistreß Harleigh in Thornfield bei Millcote. Grafschaft N.
Der einfache Brief, die anspruchslose Handschrift rührte nach
Jane's Ansicht von einer älteren Dame bürgerlicher Abstammung
her, und die ihr gebotene Stellung, in welcher sie jedenfalls an
der Seite dieser Dame wirken sollte, war ihr außerordentlich willkommen, ganz abgesehen davon, daß die Bezahlung derselben
eine durchaus glänzende zu nennen war und nicht leicht
günstiger wieder geboten werden konnte. Mit Hülfe einer
Landkarte von Großbritannien ermittelte Jane, daß die Grafschaft N. siebzig Meilen näher bei London lag, als ihr
gegenwärtiger Aufenthalt, und daß Millcote eine große Fabrikstadt
an dem Flüßchen Avon war und ohne Zweifel sehr viel bewegtes
Leben bot. Jane war natürlich sofort entschlossen diese Stellung
anzunehmen und that am nächsten Morgen schon die nötigen
Schritte, um aus der Lowood-Stiftung ohne große Verzögerung
entlassen zu werden.
Während der Mittagspause teilte sie der Leiterin der Anstalt
mit, daß sie Aussicht habe, eine andere Stellung zu erhalten, und
ersuchte dieselbe, Mister Blackhurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Verwaltungsausschusses diese Angelegenheit zu unterbreiten und um die Erlaubnis nachzusuchen, daß sie auf das Zeugnis dieser Herren Bezug nehmen könne. Sie übernahm die Förderung von Jane's Anliegen sehr gern und forderte sie auf, ein
Gesuch an die Herren des Ausschusses zu richten, welches unter
denselben cirkulieren müsse. Dieses Gesuch machte die Runde und
nach Verlauf von sechs Tagen erhielt Jane die ausdrückliche Erlaubnis, ihre Lage zu verändern, sowie das Zeugnis ausgestellt,
daß sie sich während ihres Aufenthalts in Lowood als Schülerin
wie als Lehrerin musterhaft stets betragen und daß sie die Fähigkeiten, den Unterricht und die Erziehung von Mädchen wie von
Knaben, im vollkommenen Maße besitze.
Acht Tage nach Empfang des Briefes von Mistreß Harleigh
konnte Jane dies Zeugnis absenden und erhielt nach wenigen Tagen
die Antwort, daß die Dame mit den eingesandten Papieren zufrieden sei und ihr Antritt in Thornfield in 1 Tagen bestimmt erwartet werde. Die bestimmten 1 Tage gingen ziemlich rasch
vorüber, alle Vorbereitungen waren getroffen, und der letzte Tag
reichte hin, um Jane's nicht zu umfangreiche Garderobe in denselben Koffer einzupacken, den sie vor acht Jahren von Gateshead
mit nach Lowood gebracht hatte.
Obwohl Jane den ganzen letzten Tag über sehr viel noch zu
schaffen gehabt hatte, so war sie doch so aufgeregt, daß sie die
ganze Nacht hindurch kein Auge zu schließen vermochte. Mit dieser
letzten Nacht in Lowood, das fühlte sie lebhaft, endete ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens, eine neue Periode lag von morgen
ab vor ihren Blicken! Es war ihr unmöglich, diese Zeit zu verträumen, sie mußte wachen, bis sich der Wechsel vollständig vollzogen hatte. Abschied hatte Jane schon im Laufe des Tages von
den Lehrerinnen und Schülerinnen genommen, da sie bereits am
nächsten Morgen früh um Uhr die an Lowood vorüberfahrende
Postkutsche besteigen mußte, um nach Millcote zu gelangen. Die
Fahrt ging durch eine ganz angenehme Gegend und dauerte ununterbrochen bis Abends s Uhr; der Kutscher meldete, daß man in
Millcote eingetroffen sei.
Als Jane das Innere des Wagens verlassen hatte, glaubte
sie bestimmt auch eine Person zu treffen, die sie abholen würde,
um sie nach ihrer neuen Heimat zu geleiten. Niemand war sichtbar, und
da man gerade bei einem Wirtshaus angehalten, so trat Jane
einstweilen in das Gastzimmer und fragte einen Kellner, ob Niemand hier gewesen sei und nach einer Miß Eyre gefragt habe.
Die Antwort lautete ,ein''; und als sie schon im Begriff war,
sich ein Zimmer für die Nacht anweisen zu lassen, fragte sie nochmals: Ist ein Ort in dieser Gegend, der Thornfield heißt.
Thornfield? Ich weiß nicht, antwortete der Kellner, aber ich
will fragen. Der Bursche verschwand für einen Augenblick, kehrte
aber sofort zurück und fragte: Ist Ihr Name Eyre, Miß?
Ja wohl, Jane Eyre!
Es ist, wie mir die Köchin eben sagt, Jemand hier, der Sie
erwartet.
Jane trat aus dem Zimmer in die Hausflur, fand in der
offenen Hausthüre einen Mann stehen und bemerkte beim Scheine
der Laternen ein kleines einspänniges Fuhrwerk.
Ist dies Ihr Gepäck, Miß? fragte der Mann etwas kurz.
Ja!
Dann bitte ich Sie, einzusteigen, - ich werde inzwischen den Koffer einladen.
Wie weit ist Thornfield von Millcote entfernt?
Beinahe sechs Meilen.
Und wie lange Zeit werden wir gebrauchen, bis wir dorthin
gelangen?
Hierauf schloß der Mann die Thüre, bestieg seinen Sitz und fuhr langsam vorwärts, so daß Jane hinreichend Zeit hatte, ihre Lage zu überdenken. Nach dem einfachen Diener und dem recht bescheiden aussehenden Wagen zu schließen, konnte Mistreß Harleigh weder eine reiche noch eine vornehme Dame sein. Wenn sie nur gütig ist! dachte das junge Mädchen bei sich, mag sie dann reich und vornehm oder nur bemittelt sein, um eine Erzieherin für ihr Kind halten zu können! Ich werde treu bei ihr aushalten, wenn es nur im geringsten möglich ist.
Die Wege waren schlecht, die Nacht sehr nebelig, der Führer ließ sein Pferd beständig im Schritt gehen, so daß Jane schon glaubte, ihre Fahrt würde sich über drei Stunden ausdehnen.
Miß, wir sind jetzt nicht mehr weit von Thornfield entfernt! meldete der Kutscher.
Das ist recht gut, antwortete Jane und blickte zum Fenster
hinaus. Sie gewahrte, wie sie an einer Kirche vorüberfuhren, sie
bemerkte den niedrigen, aber breiten Thurm und sah endlich eine
ganze Reihe von Lichtern, die die Straße des Dorfes bezeichneten.
Nach zehn weiteren Minuten wurde auf einen Ruf des Kutschers
ein Thor geöffnet, sie fuhren hindurch, und laut schlug es hinter
ihnen wieder zu; langsam ging es jetzt einen Weg bergauf, und sie
kamen vor der langen Frontseite eines Hauses an. Das große
Gebäude lag völlig dunkel vor Jane, nur aus einem einzigen verhangenen Bogenfenster strömte Licht aus. Der Wagen hielt an,
eine Dienerin öffnete, ließ Jane aussteigen und das Haus betreten.
Wollen Sie mir gefälligst folgen, Miß Eyre, sprach die
Dienerin freundlich, und führte die Angekommene über eine von
hohen Thüren umgebene Vorhalle in ein zierliches kleines Zimmer,
aus welchem ein heller Lichtstrahl und eine wohlthuende Wärme
entgegendrang. Eine ältere, noch recht wohl und behäbig aussehende Dame erhob sich bei Jane's Eintritt aus einem ehrwürdigen Lehnsessel und kam ihr mit freudig überraschtem Gesichtsausdrucke entgegen.
Seien Sie mir herzlich willkommen, Miß! Wie ist es Ihnen
ergangen? Ich fürchte, Sie haben eine beschwerliche Fahrt gehabt;
Sie werden halb erstarrt sein. Kommen Sie näher zum Feuer.
Mistreß Harleigh wahrscheinlich? fragte Jane mit bescheidenem Tone.
Jawohl, Sie liebes gutes Kind, kommen Sie, legen Sie Hut
und Shawl ab, sprach Mistreß Harleigh geschäftig und führte sie
auf einen Stuhl dicht in der Nähe des Feuers.
D bitte, bemühen Sie sich meinetwegen nicht, Mistreß,
wehrte Jane freundlich ab.
Es ist keine Mühe für mich, und Ihre Händchen sind kalt
und steif wie Eis! Lea bringe recht heißen Thee und lege einige
Butterschnitte mit Fleisch auf, das wärmt besser und schneller.
Sie haben doch gleich Ihr Gepäck mitgebracht, meine Liebe?
Zu dienen, Mistreß - es besteht aus einem Koffer.
Lea soll es auf Ihr Zimmer schaffen, sobald sie den Thee
gebracht hat. Hierauf räumte die gutmütige alte Dame Strickzeug und einige Bücher vom Tische weg, um für das Theegeschirr
Raum zu haben, das Lea hereinbrachte. Jane mußte zwei Tassen
ganz heißen Thees genießen und einige Butterschnitte verzehren,
ehe sie eine weitere Frage an Mistreß Harleigh richten durfte,
denn Letztere verlangte dies ganz ausdrücklich von ihr.
Nun, hob Mistreß Harleigh an, können Sie mich nach Allem
fragen, was Ihr Herz zu erfahren wünscht- ich werde Ihnen
nun bereitwilligst Auskunft erteilen.
Werde ich noch am heutigen Abend das Vergnügen haben,
Miß Harleigh zu sehen, fragte Jane - ich möchte meine Schülerin gern heute noch kennen lernen.
Miß Harleigh? O Sie meinen Miß Adele. Ihre Schülerin
heißt Adele Rochester.
Sie ist also nicht Ihre Tochter?
Nein, mein liebes Kind, ich habe keine Familie.
Da die alte Dame kein Wort weiter hinzufügte, so hielt es
Jane auch für unpassend, um weitere Auskunft zu bitten und
schwieg vorläufig--aber Mistreß Harleigh ließ die Unterhaltung
nicht lange stocken und fuhr eifrig fort: Es freut mich recht sehr,
daß Sie zu uns gekommen sind, und es wird für mich besonders
angenehm sein, wenn ich wiederum eine gebildete Gesellschafterin
um mich haben werde. Thornfield ist ein schönes altes, nur in
den letzten Jahren etwas vernachlässigtes Herrenhaus, aber besonders im Winter ist es doch etwas langweilig, zumal wenn man
ganz auf sich angewiesen ist. Ich sage auf sich angewiesen, -
Lea ist zwar ein ganz ordentliches Mädchen und Sam wie seine
Frau sind auch rechtschaffene Leute, aber sie bleiben doch immer
Diener, und will man mit ihnen verkehren, so vergibt man sich
schnell den nötigen Respekt. Im vergangenen Winter hat vom
November bis zum Februar kein menschliches Wesen weiter als
der Postbote, der Fleischer und der Bäcker Thornfield betreten und
fast melancholisch bin ich geworden, so Abend für Abend beständig allein sitzen zu müssen. Zuweilen mußte Lea mir vorlesen,
aber es schien ihr das auch nicht zu gefallen, denn mehr als einmal ist sie dabei vor Ermüdung eingeschlafen; im Frühjahr und
Sommer geht es schon besser; der Sonnenschein und die langen
Tage bringen etwas Abwechselung, und zu Anfang dieses Herbstes
kam die kleine Adele mit ihrer Gouvernante, da wurde es etwas
lebendiger bei uns, und nun Sie, liebes Kind, hier sind, so werde
ich wieder ganz heiter und glücklich werden wie früher. Werden
Sie gern hier bleiben?
O gewiß, Mistreß! Sie überhäufen mich schon jetzt mit so
viel Güte, daß ich ganz beschämt vor Ihnen stehe, entgegnete Jane.
Ich werde mich hier sehr zufrieden fühlen.
Aber mein Gott, ich verplaudere die Zeit hier, während Sie
den ganzen Tag über gefahren sind und sich todmüde fühlen
müssen. Ich habe das Zimmer, welches gleich an das meinige
stößt, für Sie herrichten lassen; es ist zwar klein, aber ich denke,
es wird Ihnen besser zusagen, als eines der großen, freilich schöner
möblierten, aber einsamen Vorderzimmer des Hauses.
Jane dankte ihr für ihre große Freundlichkeit und erklärte,
sie sei in der That stark ermüdet und sehne sich nach Ruhe,
worauf sie von Mistreß Harleigh nach dem für sie bestimmten Zimmer geleitet wurde. Zufrieden im Hafen der voraussichtlichen
Ruhe eingelaufen zu sein und ziemlich erschöpft, suchte Jane ihr
Lager auf und fiel sofort in tiefen Schlaf. Als sie erwachte,
schien die Sonne schon hell in das Zimmer und zeigte ihr freundliche tapezierte Wände, einen mit Teppichen belegten Fußboden
und eine recht gefällige Ausmöblierung - gegen ihren Aufenthalt
in Lowood schätzte sie sich in einem Paradiese zu sein und glaubte
sie die Tage ihres nunmehrigen Glückes erwarten zu dürfen. Jane
erhob sich und kleidete sich so sauber wie möglich an, obgleich ihr
geringer Vorrat die größte Einfachheit zur Pflicht machte, aber
nachdem sie ihr schwarzes Kleid angezogen, einen reinen weißen
Kragen umgelegt und ihr Haar sehr sorgfältig geordnet und glatt
gekämmt hatte, glaubte sie, ihrer Stellung entsprechend vor Mistreß
Harleigh erscheinen zu können und ihrer Schülerin keinen Widerwillen einzuflößen. So ausgerüstet wagte sich Jane aus ihrer
zierlichen Klause, die so recht nach ihrem Geschmacke eingerichtet
war, hinaus. Sie schritt zunächst durch eine lange mit Matten
bedeckte Galerie, über welche sie am gestrigen Abende mit Mistreß
Harleigh geschritten war, stieg einige Stufen von Eichenholz hinunter und befand sich dann in der Vorhalle, in welche sie gestern
eingetreten war; Alles erschien ihr stattlich und imposant. - Die
Hausthüre, in deren oberen Hälfte sich Glasfenster befanden, stand
offen und der schöne Herbstmorgen lockte die junge Erzieherin ins
Freie; die Sonne schien hell und freundlich auf grünende Felder
und sich bereits buntfärbende Wälder. Sie trat auf einen freien
Rasenplatz und überschaute die Front des Gebäudes, das sie erst
bei Nacht gesehen hatte; es war drei Stockwerk hoch und von ziemlich ansehnlichem Umfange. Die Zinnen, die das Gebäude umgaben, verliehen demselben ein stattliches Aussehen, und seine graue
Front stach gegen ein Dohlengeniste ab, dessen schwarze Bewohner lärmend umherflogen, ihren Flug über den Rasenplatz dem
Parke zu nahmen und sich Würmer suchend auf einer nahe gelegenen Wiese niederließen. In etwas weiterer Entfernung ragten
bewaldete Hügel empor, welche Thornfield ein ruhiges und für
sich abgeschlossenes Aussehen gewährten.
Jane ergötzte sich noch an dem freundlichen Bilde, das sich
ihren Augen bot, als plötzlich Mistreß Harleigh neben ihr stand
und fragend zu ihr aufschaute: Stehen Sie schon so frühzeitig auf?
Ich bin stets an ein zeitiges Aufstehen gewöhnt, erwiderte
Jane und empfing von der alternden Dame einen warmen Händedruck und einen zärtlichen Kuß.
Wie gefällt Ihnen unser einsames Thornfield?
Ganz außerordentlich! Ganz über alle meine Erwartungen.
Ja, ja, Miß Eyre, es ist ein recht erträglicher Ort, aber ich
fürchte, er wird früher oder später seinem Verfalle entgegengehen,
wenn es Lord Rochester nicht über sich gewinnt, hieher überzusiedeln und für beständig seinen Wohnsitz zu nehmen, oder es wenigstens von Zeit zu Zeit zu besuchen. Große Besitzungen erfordern
die Anwesenheit ihrer Herren.
Lord Rochester? fragte Jane verwundert. Wer ist das?
Der Besitzer von Thornfield antwortete Mistreß Harleigh
ruhig. Ja mein Gott, so wußten Sie gar nicht, daß unser Herr
Lord Rowland Rochester heißt?
Nein- ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen, Mistreß
Harleigh.
Mir? Kind, wo denken Sie hin? Ich bin nur die Haushälterin, die Bewirtschafterin. Freilich bin ich von meiner
Mutter Seite her mit der Familie Rochester verwandt- aber
ich erhebe nie Anspruch auf die Verwandtschaft- das liegt außer
meinem Gesichtskreise und ist Nichts für mich- ich bin nur eine
einfache Haushälterin- mein Herr ist stets höflich, und so
komme ich ganz vortrefflich mit ihm aus und weiter will ich nichts.
Und das junge Mädchen - meine Schülerin Adele?
Ist Lord Rochester's Mündel oder etwas Demähnliches. Wahrscheinlich wird er sich, wenn er ja einmal hierher kommen sollte,
gegen Sie Miß über Adele aussprechen. Mich hat er beauftragt,
eine Erzieherin für sie zu suchen, da er sie hier erziehen lassen will.
Wie Jane noch über die soeben gemachten etwas sonderbaren
Erklärungen nachdachte, kam ein lebhaftes junges Mädchen von
etwa 10 Jahren herbeigesprungen und blieb, ohne eine Silbe der
Begrüßung zu sagen, vor den beiden Damen stehen und fragte
mit vorlautem Tone:
Base Judith, wer ist diese Dame?
Adele, sprach Mistreß Harleigh in strengem Tone zu dem
Mädchen, hast Du schon wieder vergessen, wie sich ein junges
Mädchen erwachsenen Personen gegenüber benehmen muß? Erfordert es nicht die einfache Schicklichkeit daß man zunächst ,Guten
Morgen!' sagt.
Oh bah! sagte Adele schnippisch- ich kann noch immer
Zeit genug, Guten Morgen sagen, jetzt aber möchte ich gern
wissen, wer diese junge Dame ist? und ob sie meine Erzieherin ist?
Diese Dame ist Deine Gouvernante, fuhr Mistreß Harleigh
fort, und nennt sich Miß Eyre, und Du wirst ihr gleich den
schuldigen Respekt und Gehorsam bezeigen.
Wollen Sie, Miß, daß ich Ihnen Respekt und Gehorsam bezeige? fragte Adele listig.
Du sollst mich lieben und achten lernen und meine beste
Freundin auf Thornfield werden, antwortete Jane mit ernster,
aber freundlicher Miene.
Sie scheinen eine vernünftige Dame zu sein, Miß Eyre, und
ich denke, wir werden recht gut miteinander auskommen und uns
vertragen, plauderte Adele sorglos.
Adele, willst Du denn Deine Ungezogenheiten niemals lassen,
sprach Mistreß Harleigh weiter - in solcher Weise spricht man
nicht mit seiner Erzieherin, seiner Gouvernante.
O bitte, Mistreß Harleigh, wandte Jane freundlich ein, lassen
Sie die muntere Adele nur; sie wird sich schon ruhiger gewöhnen.
Deiner Aussprache nach zu schließen, Adele, hast Du in Frankreich lange Zeit gelebt, ehe Du zu uns nach England und Thornfield kamst?
Jawohl, Miß, ich war bei Mama in Paris, und ach, da
hat es mir sehr gut gefallen, lautete die Antwort. Aber meine
Mama wurde immer blasser, immer schwächer, bis sie vor zwei
oder drei Jahren zur heiligen Jungfrau in den Himmel eingegangen ist.
Deine Mama ist gestorben, du armes Kind- da bist Du
eine Waise, wie ich.
Ja und Mama war so gut - ich lernte bei ihr tanzen,
singen und deklamieren.
Und wo warst Du nach Deiner Mutter Tode, Adele?
Bei fremden Leuten, die sich Monsieur und Madame Frederic
nannten und ebenfalls in Paris lebten. Eines Tages kam Lord
Rochester zu uns, der sich meinen Onkel nannte, sehr gut mit
mir war und mich fragte, ob ich mit ihm nach England gehen
und bei ihm, wie sein eigenes Kind leben wollte. Ich ging mit
ihm; er hat mich nun hierher gebracht, ist aber seit dieser Zeit
nicht wieder in meine Nähe gekommen und läßt mich quälen mit
allen möglichen Dingen, die ich zu meiner Ausbildung lernen soll,
ich mag wollen oder nicht.
Höre auf, Adele, gebot Mistreß Harleigh, wir wollen Frühstück essen, und dann wirst Du bei Miß Eyre Deine ersten Unterrichtsstunden nehmen.
Alle Drei begaben sich in das Haus zurück und nahmen gemeinsam das Frühstück ein, das freilich ganz anders ausfiel, als
es Jane in Lowood seit Jahren gewohnt war. Nach beendigtem
Frühstück betrat sie mit Adele das für die Unterrichtsstunden von
Lord Rochester bestimmte Bibliothekzimmer, welches fast ringsum
an den Wänden mit Schränken bedeckt war, hinter deren hohen
verschlossenen Glasfenstern eine überaus reichhaltige Zahl von
Büchern zu erblicken war; ein Schrank mit Büchern war offen
und enthielt alle zum Elementarunterricht erforderlichen Bücher,
Atlanten und andere Gegenstände. Welche Auswahl fand hier
Jane für ihren Wissensdrang - wie konnte sie hier in diesen
stillen und freundlichen Räumen ihre freie Zeit ihrer weiteren
Ausbildung und ihrer Unterhaltung widmen - denn die Schlüssel
zu all den verschlossenen Schränken standen ihr zur Verfügung;
ebenso stand ein gutes Pianoforte, eine Staffelei, sowie Erd - und
Himmelsgloben zum Gebrauche da.
Ihre Schülerin fand Jane ziemlich gelehrig und schnell begreifend, doch besaß sie weder Fleiß noch Ausdauer und schien besonders an keine regelmäßige und geordnete Thätigkeit gewöhnt zu
sein. Hierauf hatte sie, wie sie sofort einsah, ihr Hauptaugenmerk zu richten, und da Adele anscheinend auch gütlichen Vorstellungen zugänglich war, so glaubte sie in nicht langer Zeit eine
folgsame und aufmerksame Schülerin an ihr zu erhalten. Jane
beschränkte sich anfänglich darauf, sich viel mit ihr zu unterhalten
und ihr nur wenig zu lernen aufzugeben; und als eine Uhr die
elfte Tagesstunde anzeigte, gab sie ihr unaufgefordert drei Stunden
Zeit, in welchen sie ihren Spielen oder freiwilligen Beschäftigungen nachgehen konnte.
Als Jane hierauf nach ihrem Zimmer ging, um für den
Unterricht in den Nachmittagsstunden einige leichte Zeichenvorlagen
für ihre Schülerin anzufertigen, erblickte sie Mistreß Harleigh in
einem Zimmer, dessen Flügelthüren weit geöffnet waren; es war
ein großes ansehnliches Gemach mit purpurfarbigen Stühlen und
Vorhängen und einem den ganzen Fußboden bedeckenden türkischen
Teppich; die Wände bestanden aus Täfelwerk von Nußholz, die
Fenster waren mit sinnigen Glasmalereien geschmückt und die
Decke mit kunstvoller Stukkatur geziert.
Wollen Sie unser Speisezimmer nicht näher ins Auge fassen,
Miß? fragte die alte Dame zum Eintreten freundlich einladend.
Ich habe nur das Fenster geöffnet, damit ein wenig Luft und
Sonnenschein hereinkommt und die schwere Feuchtigkeit vertreibt.
Welch ein prächtiges Zimmer! rief Jane erstaunt, welche
noch niemals ein solches Prunkgemach vor Augen gehabt. Und in
welcher musterhaften Ordnung ist es von Ihnen gehalten!
Ja sehen Sie, Miß Eyre, erwiderte Mistreß Harleigh geschmeichelt, Lord Rochester's Besuche sind äußerst selten, aber
stets plötzlich und unverhofft. Da es ihn nun nicht angenehm zu
sein scheint, daß erst Alles nach seiner Ankunft in Stand gesetzt
und viel Geräusch gemacht wird, so halte ich die Gemächer für
ihn stets in Bereitschaft und bin so immer fertig.
Ist Lord Rochester ein strenger Herr, und macht er große
Ansprüche an seine Umgebung?
Durchaus nicht, aber er ist ein weit und vielgereister Mann,
gebildet und ein echter Gentleman, wenn auch zuweilen von sonderbaren Manieren und rauher Außenseite.
-
blicken, gehört der Familie des Lords, so lange ich zurückdenken kann.
-
habe starken Grund zu glauben, daß er bei seinen Pächtern und
Untergebenen für einen gerechten, strengen, aber auch wiederum
sehr nachsichtigen Herrn angesehen und geachtet wird, obwohl sie nur
sehr wenig Gelegenheit gehabt haben, ihn persönlich kennen zu lernen.
Welche Eigentümlichkeiten trägt er an sich? Wie ist sein
Charakter in Kürze gesagt?
Sein Charakter ist vollständig tadellos, vielleicht nur etwas
eigentümlicher Art.
In welcher Art und Weise ist er eigentümlich?
Das ist schwer zu sagen, Miß Eyre; es tritt nicht direkt
hervor, aber man fühlt es unwillkürlich - man weiß oft nicht,
ob er im Ernst spricht, oder ob er scherzt, wenigstens ich nicht, denn
er ist trotz alledem ein äußerst wohlwollender und freigebiger Herr.
Jane bemerkte, daß Mistreß Harleigh sich nicht weiter und
deutlicher äußern konnte und mochte, und wollte das Speisezimmer verlassen, wurde aber eingeladen, auch die übrigen Teile
des Hauses in Augenschein zu nehmen, und folgte dieser Einladung sehr gern. Sie folgte mit Verwunderung Treppe auf
und Treppe ab und fand Alles schön wohlgeordnet: Die großen
Vorderzimmer erschienen Jane besonders schön und einige Zimmer
im dritten Stock waren wegen ihres altertümlichen Aussehens interessant und merkwürdig. Die Möbel der unteren Gemächer,
als dem Bewohnen und dem Besuche mehr ausgesetzt, hatten der auch in Thornfield eindringende Mode weichen müssen und waren
in den oberen Räumen allmählich untergebracht, so daß letztere
den Anblick eines Kabinets voller historischen Erinnerungen bildeten:
Schränke, Kasten, Tische, Stühle, Bettstellen, Oefen, Gardinen
- Alles harmonierte hier zusammen an Alter und Geschmack.
Wo wollen Sie noch hin, Mistreß? fragte Jane, als ihre
Führerin noch weiter ging.
Nach dem Bleidach! Wollen Sie die Aussicht nicht mit ansehen?
Gewiß! sagte Jane und folgte der Dame eine äußerst schmale
Treppe hinauf, die auf den Boden des Hauses führte, und von
dort vermöge einer Leiter und durch eine Fallthür hindurch auf
das Dach des Gebäudes. Von hier bot sich ein überraschender
Anblick für Jane's Auge. Wie eine Landkarte lag die Gegend
ausgebreitet vor ihr: der sammetartige Rasenteppich, der große Park
mit seinen breitästigen alten Bäumen, der fernere Wald, die
stillen Berghügel, in den Strahlen der milden Herbstsonne glänzend,
der Horizont von einem tiefblauen Himmel begrenzt, das Dorf
mit seinem Turm und seinen kleinen Häusern, Alles war lieblich
und reizend und machte einen unbeschreiblich friedlichen Eindruck.
Nachdem Jane eine geraume Zeit sich an diesem lieblichen Bilde
geweidet, stieg sie die Leiter und die enge Treppe wieder hinab,
während Mistreß Harleigh noch einige Augenblicke zurückblieb, um
die Fallthür zu schließen. Jane durchschritt den langen Gang, der
die Vorderzimmer von den hinteren Zimmern des dritten Stockes
trennte; er war niedrig, schmal und düster und nur an seinem
äußersten Ende von einem kleinen Fenster spärlich erleuchtet. Während
sie so langsam dahinschritt, schlug plötzlich ein deutliches, seltsames,
grelles Lachen an ihr Ohr. Jane blieb betroffen und erschrocken
stehen - und plötzlich verstummte das Lachen wieder, dann begann es wieder lauter, gellender, durchdringender und ging zuletzt in ein wildes Geschrei über, so daß das junge Mädchen unwillkürlich auf die nachkommende Mistreß Harleigh wartete.
Hörten Sie das entsetzliche Lachen, Mistreß Harleigh? fragte
Jane. Von wem mag dasselbe in diesen stillen Räumen herrühren?
Von einer der Dienerinnen wahrscheinlich, antwortete sie;
vielleicht von Gratia Poole.
Haben Sie es jetzt wieder gehört, Mistreß?
Ganz deutlich; ich höre es sogar oft. Gratia näht in einem
dieser Zimmer; zuweilen ist auch Lea bei ihr, und Beide machen
zusammen oft viel Geräusch und Lärmen.
Das Lachen wiederholte sich in leiserem Tone und endete mit
einem dumpfen Gemurmel.
Gratia! rief Mistreß Harleigh laut.
Eine der nächsten Thüren öffnete sich und heraus trat ein
Frauenzimmer in der Tracht einer Dienerin, das ungefähr O Jahre
alt und von robuster und untersetzter Gestalt war.
Zu viel Lärm, Gratia, sprach Mistreß; denke an Deine Befehle.
Ich werde Ruhe halten, antwortete die Gerufene unterwürfig
und verschwand wieder; auch hörte man sie die Stubenthür verschließen.
Es ist eine Person, fuhr Mistreß Harleigh fort, die wir zum
Ausbessern und Nähen haben und welche Lea in der Hausarbeit
unterstützen muß. Aber lassen wir Gratia jetzt bei Seite und sagen Sie
mir, wie Sie heute Morgen mit ihrer Schülerin ausgekommen sind.
O ganz gut, Mistreß! Sie hat kleine Eigenheiten, aber ich
denke, dieselben werden sich alle noch ablegen lassen. An gutem
Willen fehlt es ihr nicht.
Als die beiden Damen das Parterre des Hauses wieder erreicht hatten, kam ihnen Adele entgegengeeilt und rief: Meine
Damen, es ist serviert; ich habe großen Hunger.
In Mistreß Harleigh's Zimmer fanden sie das Mittagsmahl
bereit und speisten zu drei zusammen.-- Im Laufe des Nachmittags unterrichtete Jane ihre Schülerin wieder und fand zu ihrer
Genugthuung, daß Adele wirklich an den Zeichnungen, die sie ihr
vorgelegt, Vergnügen fand und sich auch ziemlich geschickt anstellte.
Hierauf baute Jane ihren Erziehungsplan weiter, Abwechselung
und Unterhaltung mußten ihr Geschmack am Lernen beibringen.
Neuntes Kapitel.
Wie Jane es gehofft, so bestätigte sich auch für sie die Erlangung eines ruhigen und zufriedenen Lebens und einer angemessenen Thätigkeit. Mistreß Harleigh blieb auch für die Folgezeit eine wohlwollende und gütige ältere Freundin für sie, und
Adele, wenn auch lebhaft und eigensinnig etwas, zeigte sich als
ein gutmütiges, unverdorbenes Kind, mit dem nicht schwer auszukommen war. Sie war Jane's alleiniger Erziehung anvertraut,
und Niemand sonst machte einen Einfluß irgend einer Art auf sie
geltend, so daß es in der That gar keine besondere Mühe verursachte, ihre Sonderbarkeiten und Launen ihr abzugewöhnen, ja sie
zeigte jetzt sogar eine gewisse Vorliebe für das Englische, das sie
anfänglich als geborene Französin gar nicht leiden mochte und verächtlich behandelte. Auch bemerkte Jane mit nicht geringer Freude,
daß Adele ihr persönlich zugethan war und deutliche Spuren von
Neigung und treuer Anhänglichkeit zeigte. Auch das dienende
Personal wie Sam, Lea und Sophie bereiteten ihr keine Hindernisse, und nur vor Gratia und deren öfterem unheimlichen Lachen
empfand sie einen gewissen Widerwillen und einen unbestimmten
Schauder. Es kamen öfters mehrere Tage nach einander vor, an
welchem sie ganz still war, dann aber ließ sie wiederum Töne
vernehmen, die sich Jane durchaus nicht erklären konnte. Zuweilen
erschien Gratia im unteren Stockwerk und brachte einen Teller,
eine Schüssel oder irgend ein anderes Stück Geschirr in die Küche
zurück und begab sich dann wieder schweigsam und geräuschlos nach
der oberen Etage.
Oftmals stieg in Jane der Gedanke empor, daß dieses seltsame Lachen gar nicht von Gratia Poole ausgehen könne, vielmehr glaubte sie an ein hier verborgenes Geheimnis, aber da sie
weder von Mistreß Harleigh noch von der übrigen Dienerschaft
irgend eine genauere Auskunft erhalten konnte, so fügte sie sich in
das Unvermeidliche und sann nicht weiter darüber nach.
So waren allmählich die letzten drei Monate des Jahres verflossen, und der Januar brachte zwar Schnee und Eis, aber auch
helles freundliches Wetter mit. Adele war unwohl und konnte
keinen Unterricht erhalten. Jane hatte somit einen freien Nachmittag und wollte einen größeren Spaziergang unternehmen. Sie
war noch nie in dem etwa zwei englische Meilen entfernten Dörfchen
Hay Lome gewesen und richtete dorthin ihren Weg, zumal Mistreß
Harleigh einen soeben fertig gewordenen Brief gern noch nach dem
dortigen Postamte haben wollte und der Briefbote unter zwei
Tagen nicht in Thornfield wieder vorkam. Mit Hut und Mantel
ausgerüstet, übernahm sie die Besorgung des Briefes und machte
sich auf den Weg, der bei dem gerade heiteren und trockenen
Wetter ein wahrer Spaziergang für Jane war. Bis zu dem Dorfe
führte der Weg beständig langsam aufwärts, der Boden war hart
gefroren, die Luft still, Jane ging rasch bis zur Höhe der Straße,
die auf halbem Wege wieder bergab führte. Hier setzte sie sich
auf einen Steg nieder, der daselbst den Uebergang zu einem Felde
bildete. In Gedanken versunken betrachtete sie die Zäune von
Thornfield, welche gegen den westlichen hellen Nachmittagshimmel
scharf abstachen. Tiefe Stille herrschte ringsum, es war ein feierliches, ein heiliges Schweigen, das nur von dem fernen Läuten
eines einzigen Glöckchens unterbrochen wurde. Wie in inniger
seliger Verzückung ruhte Jane's Auge auf der herrlichen Landschaft, und unwillkürlich überließ sie sich dem Genusse dieses
reizenden Schauspiels- als sie von einem lauten Geräusch
plötzlich aus ihrer Betrachtung aufgeschreckt wurde; es klang zwar
noch fern, aber laut und deutlich durch die Stille des Nachmittags:
es war ein Stampfen, ein metallartiges Klirren!
Betroffen schaute sie sich nach der Straße um, von der dieses Geräusch herauftönte; sie glaubte ganz deutlich die Hufschläge eines Pferdes zu vernehmen, obwohl es noch von einer Windung des mit einer Hecke besetzten Pfades verborgen gehalten wurde. Jane
wollte ihren Sitz gerade verlassen, aber da der Weg hier nicht genügend breit war, so blieb sie noch sitzen, um Pferd und Reiter vorüber zu lassen. Endlich ward das Pferd sichtbar; es war ein mächtiges Tier mit langem Haar und einem ungewöhnlich
großen Kopfe; auf seinem Rücken trug es einen Reiter - das Pferd schritt am Stege vorüber und Jane ging ruhig ihres Weges, ja sie wußte in der That nicht, ob sie den Reiter gesehen hatte oder nicht.
Nach einigen Schritten hörte Jane ein Geräusch, wie vom
Ausgleiten eines metallenen Gegenstandes auf Eis und die Worte
des Reiters: Was zum Henker ist jetzt zu thun? Dann entstand
ein weiteres Geräusch wie von einem klirrenden Falle, worauf
Jane rasch sich umwandte und Roß und Reiter am Boden liegen
sah; das Pferd hatte auf einer abschüssigen Eisstelle des Weges
festen Fuß verloren und war gestürzt. Ein großer Hund, der in
des Reiters Begleitung mit herbeigesprengt kam, bellte laut auf,
daß die Hügel widerhallten, umschnobberte die gestürzte Gruppe
und kam nach Jane zugesprungen, welche ihm folgte und zu dem
Reiter ging, der sich jetzt mit kräftigen Anstrengungen unter dem
Tiere hervorzuarbeiten suchte, daß er sich unmöglich bedeutend
verletzt haben konnte.
Haben Sie sich beschädigt, mein Herr? fragte Vane.
Ein unartikulierter Laut, einem Fluche ähnlich, war die Antwort.
Kann ich etwas für Sie thun, um Ihnen zu helfen? fragte
Jane mutig weiter.
Treten Sie nur auf die Seite, antwortete der Reiter, indem
er sich vorläufig auf seine Kniee stützte und dann mit Nachhilfe
der Hände auf die Füße stellte.
Jane ging einige Schritte zurück, wollte aber sich nicht entfernen, bis sie Roß und Reiter wieder reisefertig gesehen; es begann nun ein Stampfen und Schlagen des Pferdes, ein Heulen und Bellen des Hundes, ein Rufen und Fluchen des Reiters, daß
einem weniger unerschrockenen Mädchen wie Jane bange geworden
wäre. Endlich war das Pferd glücklich wieder auf seinen vier
Beinen, der Hund beruhigte sich, der Reiter beugte sich nieder
und fühlte nach seinem Fuße und seinem rechten Beine, als wollte
er untersuchen, ob beide noch unverletzt wären, dann hinkte er
nach dem Stege, von welchem Jane sich kaum erhoben hatte, und
setzte sich daselbst nieder.
Jane trat teilnehmend wieder näher: Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, und Hilfe bedürfen, so kann ich solche sowohl von Thornfield wie von Hay Lome für Sie herbeiholen.
Ich danke sehr, erwiderte der Reiter, es wird schon gehen;
ich habe, wie es scheint, Nichts gebrochen, sondern mir nur den
Fuß tüchtig verrenkt. Er erhob sich wieder und versuchte aufrecht zu
stehen, doch preßte ihm der Schmerz einen unwillkürlichen Ausruf aus.
Jane erhielt während dieser Steh - und Gehproben Muße,
sich den Reiter zu betrachten, dessen Gestalt in einem Reiseanzug
mit einem Pelzmantel gehüllt war; sein Wuchs war nicht ganz
deutlich erkennbar, doch bemerkte sie, daß er von mittlerer Größe
war und eine sehr breite Brust hatte; sein Gesicht war leicht gebräunt, seine Züge streng, sein Auge blickte unwirsch und seine zusammengezogenen Brauen trugen einen finsteren Ausdruck; er war nicht mehr jung und auch nicht besonders schön zu nennen,
wenn auch der Gesamteindruck seines Antlitzes kein ungünstiger war.
Mein Herr, hob Jane von Neuem an, ich kann Sie auf diesem einsamen Wege nicht verlassen, bis ich sehe, daß Sie Ihr Pferd wieder zu besteigen vermögen.
Der Reiter schaute verwundernd auf und erwiderte rauh:
Ich dächte, Sie könnten jetzt selbst zu Hause sein, wenn Sie hier
wohnen. Woher kommen Sie?
Ich komme von dort unten, mein Herr, erwiderte Jane, aber
ich eile gern für Sie nach Hay Lome, zumal ich außerdem einen
Brief dorthin zur Post zu tragen habe.
Dort unten wohnen Sie? In jenem Hause mit den Zinnen?
Ja, Herr.
Wem gehört dieses Haus?
Lord Rochester.
Kennen Sie den Lord?
Ich habe ihn bis jetzt noch nicht gesehn.
Der Lord wohnt nicht dort? Wissen Sie, wo er sich aufhält?
Ich kann es nicht sagen.
Sie sind wohl keine Dienerin in dem Hause dort? Sie
sind-? Ein durchdringender Blick ruhte auf Jane und unwillkürlich hielt der Reiter in seiner Rede inne.
Ich bin Gouvernante in jenem Hause, Herr.
Ah, die Gouvernante! Ich kann es doch nicht von Ihnen
annehmen, daß Sie Hülfe für mich herbeiholen. Aber wenn Sie
die Güte haben wollen, können Sie ein wenig behilflich sein.
Gern, Herr, wenn es in meinen Kräften steht.
Sie haben wohl keinen Schirm, auf den ich mich stützen
könnte, um auf mein Pferd zu gelangen, da ich dies mit meinem
gelähmten Beine unmöglich bewerkstelligen kann?
Nein, Herr!
So versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu fassen und es
zu mir zu führen. Fürchten Sie sich nicht, es wird Ihnen nicht
das geringste Leid zufügen.
Jane machte mehrere furchtlose Versuche, das Pferd am Zügel
zu ergreifen, aber es ließ ihre Hand seinem Kopfe nicht nahe
kommen und hob denselben stets rasch in die Höhe.
Es scheint nicht gehen zu wollen; ich sehe mich daher genötigt,
Sie bitten zu müssen, sich in meine Nähe zu bemühen, denn die
Not zwingt mich, Ihren Beistand anzunehmen.
Jane folgte seiner Aufforderung und trat zu ihm; eine schwere
Hand legte sich auf ihre Schulter, aber sie stand fest und wankte
nicht, und der gelähmte Reiter konnte unter einiger Anstrengung
bis zu seinem Pferde hinken. Sobald er den Zügel desselben erfaßt und den einen Steigbügel mit dem verschont gebliebenen Fuße
erreicht hatte, schwang er sich mit einem mächtigen Rucke in den
Sattel, wobei seine Gesichtszüge allerdings heftige Schmerzempfindungen ausdrückten.
Nun bitte, reichen Sie mir meine Reitpeitsche noch; sie muß unter jener Hecke liegen.
Jane fand und reichte ihm dieselbe.
Ich danke Ihnen. Nun eilen Sie so schnell als möglich mit Ihrem Briefe nach Hay Lome, und kehren Sie ebenso rasch nach Thornfield zurück, rief der Reiter munter, gab seinem Pferde die Sporen und jagte, von seinem Hunde gefolgt, wie ein Sturmwind den
Weg hinab.
Jane begab sich ohne Aufenthalt nach Hay Lome, gab ihren
Brief ab und trat unverzüglich den Rückweg wieder an; an dem
Stege, an welchem ihr das Abenteuer begegnet war, machte sie
einige Augenblicke halt und überlegte, wohin wohl der Reiter seinen
Weg genommen haben möge, dann suchte sie die schützenden Mauern
von Thornfield wieder zu erreichen, da es bereits dunkel zu werden
begann. Sie fand die Vorhalle heller als gewöhnlich erleuchtet,
und aus dem Speisezimmer, dessen Flügelthüren halb offen standen,
strömte ebenfalls ein Lichtschein von dem Kamine aus; auch schien
sie eine kleine Gruppe von Menschen zu gewahren und ein Gemisch von Stimmen zu vernehmen, aus deren Adele's heller Ton heraus klang - plötzlich aber ward die Thüre geschlossen.
Als Jane noch unschlüssig stand, bemerkte sie auch einen großen Hund, der jenem des Reiters vollkommen ähnlich sah; sie wollte ihn an sich rufen, um zu sehen, ob sie sich täusche oder nicht, aber da trat Lea ein, und so begnügte sie sich nur zu fragen:
Was ist das für ein Hund, Lea?
Er kam mit dem Herrn, gab Lea zur Antwort.
Mit wem?
Mit dem Herrn- Lord Rochester ist soeben angekommen.
So! Und Mistreß Harleigh ist bei ihm im Zimmer?
Ja, Miß, und Adele auch; sie sind noch im Speisezimmer,
während Sam nach einem Arzte gegangen ist, denn der Lord ist
mit dem Pferde gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt.
Ist der Herr auf dem Wege von Hay Lome nach Thornfield gestürzt?
Ja, Miß, beim Herabreiten des Hügels glitt das Pferd aus und stürzte mit ihm.
So will ich nicht in das Speisezimmer treten. Bitte holen
Sie mir ein Licht, Lea, daß ich nach meiner Stube gehen kann.
Ja, Miß Eyre, es ist am besten, wenn Sie nach dem anstrengenden Wege nach und von Hay Lome, sprach die gerade aus
dem Zimmer tretende Mistreß Haleigh zu Jane, sich direkt zu
Bette begeben, da sie Lord Rochester doch nicht mehr sprechen
können, da er auf Befehl des Wundarztes Carter gleichfalls sein
Lager aufsuchen muß.
Jane that wie die alte Dame wünschte; der Lord schien kein
Wort von seinem Zusammentreffen mit ihr erwähnt zu haben,
und so glaubte sie ebenfalls Stillschweigen beobachten zu müssen.
Am folgenden Morgen mußten Jane und Adele auf des Lords
Verlangen das Bibliothekzimmer räumen und die Unterrichtsstunden
in einem Gemache des ersten Stocks abhalten. Lord Rochester
benutzte es gleichsam als Expeditions- und Empfangszimmer, da
seine Verwalter und Pächter bei ihm erscheinen mußten, um Berichte über etwaige bemerkenswerte Vorfälle, die sich in seiner Abwesenheit zugetragen, zu erstatten. Überhaupt hatte durch des
Lords Ankunft Thornfield ein ganz anderes Aussehen erhalten;
an die Stelle der wohlthuenden Stille war ein lebhaftes Kommen
und Gehen getreten, die Thorglocke wurde oft gezogen und noch
öfter stark an das Thor gepocht, so daß es laut durch die hohen
Hallen hin hallte; man hörte jetzt nicht mehr jeden einzelnen leisen
Fußtritt im Hause, sondern laute und meist fröhliche Menschenstimmen.
Jane hatte Mühe, ihre Schülerin beim Lernen festzuhalten;
sie brannte vor Begierde zum Onkel Rowland hinabzukommen, da
er ihr besonders mitgeteilt, daß, sobald sein Gepäck von Millcote
ankommen werde, unter demselben eine Schachtel sich befinden
würde, deren Inhalt sie vielleicht interessieren dürfte.
Das bedeutet soviel, Miß, versetzte die kleine Schlaue, daß
in der Schachtel ein Geschenk für mich enthalten ist und für Sie
vielleicht auch, Miß. Onkel Rowland hat schon nach Ihnen gefragt.
So! antwortete Jane gleichgültig. Was fragte er denn?
Ob Sie nicht eine kleine zierliche und blasse Person seien,
Miß. Da sagte ich ja!
Und weiter sagte er nichts zu Dir oder Mistreß Judith?
Nein, dann bestimmte er, wer von den Pächtern heute früh
zu ihm kommen sollte.
Adele mußte ihres Unwohlseins von gestern halber am heutigen
Tage noch das Zimmer hüten, wenn sie auch mit Unterricht nicht
sehr angestrengt werden durfte. Niemand bekümmerte sich um die
Lehrerin und Schülerin, selbst Mistreß Harleigh nicht, so angestrengt hatte sie heute mit zu schaffen, ja Beide mußten allein
auf ihrem Zimmer speisen. Erst am Nachmittag wurde Adele zu
Lord Rochester durch Lea gerufen und gegen Abend trat auch
endlich Mistreß Harleigh bei Jane ein.
Lord Rochester würde es gern sehen, begann sie, wenn Sie
heute Abend mit ihm und Adele im Gesellschaftszimmer den Thee
einnehmen wollten. Er hat den Tag über so viele wichtige Geschäfte mit seinen Pächtern zu erledigen gehabt, daß er Sie noch
nicht hat zu sich bitten lassen.
Um welche Zeit pflegt Lord Rochester den Thee zu nehmen?
Um sieben Uhr, Miß.
Gut, Mistreß Harleigh, ich werde mich pünktlich einstellen.
Zu bestimmter Zeit trat Jane in das Gesellschaftszimmer und
fand Lord Rochester, der seine verletzten Beine auf dem Sopha
ausgestreckt hielt, lebhaft mit Adele beschäftigt, so daß er ihre
grüßende Verbeugung entweder nicht bemerkt hatte oder nicht bemerken wollte; Jane verhielt sich daher vorläufig still im Hintergrunde des Zimmers.
Hier ist Miß Eyre, Lord Rochester, sprach Mistreß Harleigh
nach geraumer Weile.
Base Judith, lassen Sie die Dame Platz nehmen, erwiderte
der Lord, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. Nach
einigen Minuten fuhr er fort: Ich möchte um etwas Thee bitten.
Mistreß Harleigh goß von dem bereits fertig gehaltenen Thee
eine Tasse ein und wandte sich an Jane: Wollen Sie dem Herrn
wohl die Tasse reichen, Miß Eyre, Adele könnte den Thee doch
wohl leicht verschütten.
Jane that, wie ihr geheißen, ohne ein Wort dabei zu reden;
doch Adele begann, als der Lord ihr stumm die Tasse abnahm:
Onkel Rowland, Du hast mich heute so reich beschenkt. Hast Du nicht
auch für Miß Eyre ein Geschenk mitgebracht. Miß ist so gut mit mir.
Wer spricht von Geschenken! rief er übellaunig. Erwarteten Sie von
mir ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie überhaupt Geschenke, Miß?
Ich habe bisher noch niemals Geschenke erhalten und kann
es kaum beurteilen. In der Regel werden sie aber für angenehm und erfreulich gehalten.
Miß Eyre, Sie sind weniger offen, als Ihre Schülerin.
Adele verlangt stets ein Geschenk, so oft ich hierher komme; Sie
aber, Sie halten zu sehr hinter dem Berge.
Adele macht das Recht der Gewohnheit und den Anspruch auß. -
alte Bekanntschaft geltend. Was aber hätte ich wohl gethan, um
ein Geschenk von Ihnen erwarten zu dürfen?
Kokettieren Sie mir nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich
habe jetzt eben Adele einer eingehenden Prüfung unterzogen und
gefunden, daß sie in den drei Monaten Ihres Unterrichts weit
mehr gelernt hat, als sonst in drei Jahren.
Dank, Herr, jetzt habe ich mein Geschenk!
Wie so?
Es ist die höchste Anerkennung und die schönste Befriedigung.
Für einen Lehrer oder eine Lehrerin, wenn die Fortschritte ihrer
Schüler von deren Angehörigen bemerkt werden.
Kommen Sie näher zum Sopha, Miß - Sie Base bleiben
dort sitzen.
Jane ging zum Tische des Lords und setzte sich auf einen
in der Nähe befindlichen Stuhl.
»Sie sind seit Monaten in Thornfield? fragte Rochester weiter.
Ja, Herr!
Und kommen von -
Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft R.
Ah, eine sogenannte milde Stiftung! Wie lange waren Sie dort?
Acht Jahre. Sechs Jahre als Schülerin, zwei als Lehrerin.
Acht Jahre? rief der Lord erstaunt aus. Da müssen Sie
eine Konstitution, von Eisen haben! Ich sollte meinen, schon das
Viertel dieser Zeit reichte hin, um auch den robustesten Körper zu
Grunde zu richten. Wer sind Ihre Eltern?
Ich habe keine Eltern.
Sie werden aber doch Verwandte haben? Oheime, Tanten.
Nein, Herr, keine, die ich jemals gesehen habe.
Auch keine gehabt?
Ich hatte einen guten Onkel, aber der ist leider lange gestorben, leider, als ich noch ganz klein war.
Wo ist Ihre Heimat?
Ich habe keine Heimat und weiß nicht, wo ich eine solche
suchen soll.
Haben Sie auch keinen Bruder, keine Schwester?
Ich habe Niemand auf der Erde - ich stehe allein, ganz allein.
Wie kommen Sie in mein Haus?
Im Herold der Grafschaft R. erließ ich ein Gesuch als Erzieherin, worauf mir Mistreß Harleigh diese Stellung hier auf
Thornfield anbot, die ich auch sofort annahm.
Ja, begann jetzt die alte Dame, und ich danke täglich Gott
für die gute Wahl, die er mich hat treffen lassen, denn Miß
Eyre ist eine sorgfältige Lehrerin, eine mütterliche Freundin für
Adele und eine unschätzbare Gesellschafterin für mich gewesen, und
wenn sie wiederum aus dem Hause gehen sollte, so besorge ich
keine wieder für das Kind.
Ereifern Sie sich nicht, Base Judith! Sie wissen, daß ich
Alles selbst prüfe und beurteile. Ich kann mich nicht lobend über
sie aussprechen. Das Erste, das sie mir angethan, war, daß sie
mein Pferd stürzen machte und mir diese Verrenkung zugezogen hat.
Aber Lord Rochester! rief Mistreß Harleigh voller Bestürzung aus
Ruhig, ruhig, Base! Haben Sie jemals in einer Stadt
gelebt, Miß Eyre?
Niemals, Herr!
Sind Sie oft in Gesellschaft gekommen? Und in welche?
In keine andere, als in die der Lehrerinnen und Schülerinnen
von Lowood wie in die der gegenwärtigen Hausgenossen von
Thornfield.
Haben Sie viel gelesen?
Ehe ich nach Thornfield kam, habe ich nur die Bücher kennen
lernen, die in Lowood für die Stiftung und den Unterricht gebraucht wurden. Jetzt freilich lese ich viel.
Blackhurst, der in Lowood Direktor war, wirkte als Geistlicher.
Ja, Herr!
War er beliebt in der Anstalt?
Mir mißfiel er und fast alle Lehrerinnen stimmten mit mir
in meinem Urteile überein. Er ließ die Zöglinge hungern und
oft verdorbene Speisen genießen, so lange er die Oberleitung der
Anstalt allein zu versehen hatte; er war rauh und hart dabei.
Wie alt waren Sie, als Sie in die Lowood-Stiftung eintraten?
Etwas über zehn Jahre alt.
Und da Sie acht Jahre dort verweilten, so sind Sie jetzt
achtzehn Jahre alt. Nach Ihrem Gesicht und Aussehen ist Ihr
Alter sehr schwer zu bestimmen, Miß. Was haben Sie in
Lowood gelernt? Spielen Sie Klavier, Miß?
Ein wenig, Herr.
So gehen Sie in das Bibliothekzimmer- das heißt, wenn
es Ihnen gefällig ist, lassen Sie die Thüre ein wenig offen,
damit Sie sehen und wir hören können, und spielen Sie uns zum
Thee etwas vor. Ich habe so lange keine Musik in diesen alten
Mauern gehört, daß ich fast beinahe nicht mehr weiß, wie sie
hier klingen mag.
Jane ging in das Bibliothekzimmer und spielte eine einfache
schottische Volksmelodie, fast die einzige Piece, welche sie ohne
Zuhülfenahme von Noten spielen konnte.
Ich danke Ihnen, Miß! rief der Lord. Lassen Sie es genug
sein. Sie spielen vielleicht besser wie manches englische Schulmädchen, vielleicht aber auch nicht. Sind die Zeichnungen,
welche mir Adele gestern Abend nur flüchtig zeigen konnte, von Ihnen?
Ja, Herr.
Haben Sie deren noch mehrere?
Ja, Herr; Sie liegen ebenfalls in dem Bibliothekzimmer.
So holen Sie dieselben, das heißt, ich bitte Sie, dieselben
zu holen. Doch halt, wenn die Mappe vielleicht nur Kopien enthält und keine Originale, so lassen Sie es lieber.
Sie werden ja urteilen können, Herr. Ich wenigstens habe
bis jetzt noch niemals wiederzugeben vermocht, was ich nicht selbst
empfunden und erdacht habe.
Bringen Sie aber ja keine Stümpereien; ich kann Schülerhaftes nicht ausstehen und lege einen strengen kritischen Maßstab an.
Eine Künstlerin bin ich freilich nicht und habe auch keine
Malerakademie besucht, Originale aber hoffe ich bieten zu können,
wenn auch vielleicht nur Stümpereien. Nach diesen Worten überreichte Jane ihre Mappe an Lord Rochester.
Sie sind empfindlich, Miß, wie alle Frauenzimmer! Lord
Rochester blätterte langsam in den einzelnen Blättern, aber mit
immer sichtlicher werdenden wachsendem Staunen, bis er endlich
den auf dem Kopfe habenden türkischen Fez wie zufällig ablegte.
Sie hat gewonnen bei ihm, murmelte Mistreß Harleigh
zwischen den Zähnen- er legt sein Käppchen ab- ein Beweis,
daß er Respekt vor Jemandem hat.
Nach einer geraumen Weile, während welcher er nur Augen
für Jane's Zeichnungen gehabt, hob er den Blick wieder und
fragte: Diese Bilder können nur von einer Hand herrühren.
War es Ihre Hand, welche dieselben schuf?
Ja, Herr!
Und wonach zeichneten Sie diese Stoffe?
Aus meinem Kopfe.
Aus diesem kleinen Kopfe, der da zwischen Ihren Schultern sitzt?
Aus demselben!
Enthält er noch Stoffe derselben Art?
Ich hoffe es, Herr, und denke auch noch bessere.
Sie müssen viel Zeit und noch mehr Nachdenken auf diese
Bilder verwandt haben? Wie und wann konnten Sie Beides
ermöglichen?
Während den beiden Jahren, welche ich als Lehrerin in
Lowood verbrachte, war ich in den Ferien auf mich allein angewiesen, da ich keine Verwandten und Freunde hatte. Ich benutzte
diese ganze freie Zeit und zeichnete und malte, so lange ich sehen konnte.
Fühlten Sie sich glücklich, als Sie diese Bilder schufen?
Ich versenkte mich in meine Gedankenwelt und glaube, daß
ich in diesen Stunden mich glücklicher gefühlt habe, als jemals
seit dem Tode meines guten Onkels.
Ich glaube es Ihnen, Miß. Diese Bilder sind seltsame
Schöpfungen für den Pinsel, wie für die Phantasie einer Schülerin
von Lowood. Sie sind voll Poesie, und was an Ihrer Vollkommenheit fehlt, ist nur Mangel an den äußeren Fertigkeiten,
der Technik. Waren Sie zufrieden mit dem Resultate Ihrer
langen und anstrengenden Arbeiten?
Zufrieden, Herr? Nein! Aber doch betrachte ich diese
Bilder als das Höchste, was ich gegenwärtig besitze. Sie sind
mein wirkliches und wahrhaftiges Eigentum.
Sie haben Recht, Miß! Es sind seltsame, sonderbare
Phantasien! Dieses Auge des Abendsterns müssen Sie im
Traum gesehen haben? Wer lehrte sie den Sturm malen? Hei,
wie die Windsbraut über die Heide fährt! Hier diese hochwogende
See,- sein nackter Arm, der aus den Wellen ragt, hält einen
gebrochenen Mast umschlungen, als letzten Rettungsanker, ein glänzendes Armband umschlingt das Armgelenk, ein Rabe will das
Geschmeide dem Arme entreißen- nichts Lebendiges auf dem
ganzen Bilde als dieser diebische Vogel - und doch Alles Leben,
Alles Bewegung! Und hier diese dünnen Hände, welche einen
schwarzen Schleier über die unteren Züge des Gesichts ziehen- diese völlig blutlose Stirn, so weiß wie Elfenbein, und dieses
hohle und starre Auge, in dessen gläsernem Ausdruck sich nur
Verzweiflung zu erkennen giebt. Was kocht in Ihrem Gehirn,
Miß, daß es solche Blasen treibt! Diese verwünschten Bilder
werden mich um einige Stunden stärkenden Schlafes bringen.
Rochester schob die Mappe verdrießlich bei Seite und wandte
sich, wie wenn er wieder heftigere Schmerzen auszustehen hätte,
mit dem Gesicht ab.
Ist Ihnen etwas unbequem, Lord Rochester? fragte Mistreß
Harleigh.
Diese Bilder sind mir unbequem! fuhr er auf, und nach
der Uhr blickend, setzte er fast heftig hinzu: Schon neun Uhr,
Miß Eyre! und Adele noch nicht in ihrem Bette? Wollen Sie
eine neue Hausordnung auf Thornfield einführen? Das kann ich
nicht dulden. Gehen Sie! - Ich wünsche Ihnen jetzt eine gute
Nacht. Rochester deutete mit der Hand nach der Thüre.
Jane forderte Adele auf, sie zu begleiten, und war im Begriff ihre Zeichenmappe wieder an sich zu nehmen, als der Lord
dieselbe mit einem raschen Griffe an sich nahm und ärgerlich
sagte: Die Mappe werde ich doch wohl noch einige Stunden
behalten können.
Gern, Herr! Gute Nacht. Komm, Adele.
Gute Nacht, böser Onkel, scherzte Adele, küßte den Lord und
eilte der vorangehenden Jane nach, welche sich von Mistreß Harleigh
verabschiedet hatte.
Ich sehe Sie noch, Kindchen, flüsterte die alte Dame Jane
heimlich zu, und kaum hatte die Letztere ihr Zimmer betreten, so
erschien auch Mistreß Harleigh bei ihr und forderte zuerst einen
genauen Bericht über das gestrige Zusammentreffen mit dem Lord,
der ihr dann auch auf das Bereitwilligste und mit Schilderung
der geringsten Vorkommnisse erstattet wurde. Dann fuhr Mistreß
Harleigh fort: Aber Herzchen, was müssen Sie denn für garstige
Bilder gemalt haben, daß Lord Rochester so böse werden konnte?
Anfangs schienen ihm ihre Zeichnungen zu gefallen, ja er bekam
Respekt vor ihnen, denn er zog sein Käppchen ab, was er sonst
nicht leicht thut- aber zum Schlusse müssen doch recht häßliche
Dinge zum Vorschein gekommen sein! Ich glaube, Sie haben
den guten Eindruck, den Sie auf ihn gemacht zu haben schienen,
vollständig wieder verwischt, und das bedauere ich, Miß, recht lebhaft.
Mistreß Harleigh, erwiderte ihr Jane lächelnd, Sie sind sehr
freundlich und teilnehmend, aber meine Bilder haben Lord Rochester
bestimmt nicht mißfallen, sonst würde er sie nicht an sich genommen haben. Es schien ihn zu reizen, daß er nichts daran zu
tadeln finden mochte.
Rochester habe nichts Eigentümliches an sich und an seinem Charakter.
Nun, ist denn dies wirklich der Fall, Miß?
Ich sollte meinen, er wäre etwas launenhaft und eigenwillig.
Es mag jedem Fremden allerdings auf den ersten Blick so
erscheinen, aber ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt, daß es
mir gar nicht mehr auffällt. Und sollte er wirklich etwas launenhaft und eigenwillig sein, so muß man ihm auch schon etwas nachsehen
Ja, ja, das muß man, denn er ist neben seinen Schwächen
ein bedeutender Mensch und gebietet über Fähigkeiten, die man
sonst selten bei reichen Leuten zu finden pflegt.
Lord Rochester war nicht immer so reich wie jetzt; er verlor erst vor mehreren Jahren seinen älteren Bruder durch einen mehr als plötzlichen Tod.
Seinen älteren Bruder?
Ja als zweitgeborener Sohn eines vornehmen Hauses hatte er keine glückliche Lebensstellung, aber seit neun Jahren ist er der Erbe der ganzen reichen Grafschaft Rochester.
Und er lebt niemals lange Zeit auf Thornfield?
Ich glaube nicht, daß er einziges Mal länger als 1 Tage hier gewesen ist; auch wundert es mich nicht sonderlich, daß er den alten Ort meidet.
Warum sollte er ihn meiden, Mistreß?
Vielleicht kommt er ihm ziemlich unheimlich vor- aber ich verplaudere hier die Zeit, und der Lord bedarf meiner noch heute Abend, Gute Nacht, Miß Eyre!
Gute Nacht, Mistreß Harleigh.
Zehntes Kapitel.
Jane traf in den nächstfolgenden Tagen fast gar nicht mit Lord Rochester zusammen. Früh erledigte er Geschäfte und zu Mittag trafen meistenteils Herren aus der Umgegend von Millcote bei ihm ein und blieben zuweilen zu Tisch in Thornfield, an
welchem weder Jane noch Mistreß Harleigh teilnahmen. Als nach einigen Tagen sein Fuß soweit wieder hergestellt war, daß er sein Pferd besteigen konnte, ritt er viel aus und kam gewöhnlich erst spät in der Nacht zurück. Nur auf den Treppen oder in der Vorhalle fand hin und wieder einmal eine Begegnung statt und er erwiderte Jane's ehrerbietigen Gruß mit herablassendem Nicken, mit kaltem Blicke und mitunter auch mit übermäßiger Heftigkeit, so daß die junge Gouvernante immer zurückhaltender und gemessener in ihrem Betragen gegen ihn wurde.
Eines Abends erfolgte wiederum eine Einladung zum Thee.
Lord Rochester forderte Jane direkt auf, bei ihm am Tische Platz zu nehmen und verwies Adele zu Mistreß Harleigh mit der Weisung, ihn nicht zu stören.
Miß Eyre, hob er nach einem etwas langen Stillschweigen an, ich wünschte heute Abend mehr über Ihre Person, Ihren Charakter und Ihre Kenntnisse zu erfahren. Reden Sie
Wovon, Lord Rochester? fragte Jane verwundert.
Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen die Wahl des Gegenstandes und die Art und Weise seiner Behandlung. Nun wollen Sie nicht reden?
Jane sah den Lord an und lächelte, freilich nicht, wie wenn sie reden wollte; sie dachte still bei sich, wenn er denkt, ich soll reden, blos um zu reden, damit er mich kennen lernt, so soll er doch merken, daß ich keine Lust habe, mich seinen Launen zu fügen.
Sind Sie stumm, Miß Eyre? Ach so, entschuldigen Sie -
ich sprach meine Bitte auf eine barsche, ja vielleicht auf eine befehlende Weise aus, aber ich bin das einmal so gewohnt und kann es mir so rasch nicht abgewöhnen. Ich bitte Sie also, daß Sie die Güte haben, jetzt ein wenig mit mir zu reden, um mich
zu zerstreuen, weil meine Gedanken von einem mir sehr unangenehmen Gegenstande gar nicht zu entfernen sind.
Ich bin gern und willig bereit, Herr, Sie zu unterhalten,
wenn ich es vermag - aber ich kann den Gang der Unterhaltung
nicht einleiten, da ich nicht wissen kann, welcher Gegenstand zunächst Sie interessieren dürfte. Fragen Sie, ich werde auf alle
Fragen Antwort geben, welche in meinem Bereiche und in den
Grenzen meines Wissens liegen.
Also gestehen Sie mir zu, daß ich ein Recht habe, ein wenig kurz- und herrisch zu sein? Sie lächeln, was denken Sie schon wieder? Sie denken etwas Böses, Miß Eyre?
Ich denke, Lord Rochester, daß nur sehr wenige Herren darauf achten werden, ob ihre bezahlten Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen werden oder nicht.
Bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ach ja, ich vergaß die dreißig Pfund Jahrgehalt, die ich Ihnen zahlen lasse. Also aus diesem Grunde soll ich fragen und befehlen dürfen?
Nein, Herr, nicht deshalb, sondern weil Sie es vergaßen
und fragten, ob eine abhängige Person sich in ihrer Abhängigkeit
wohl fühlt, willige ich von Herzen ein.
Wollen Sie die Namen Ihrer Verwandten nennen?
Ich bitte Sie inständig, Lord Rochester, mein Schweigen auf
diese Frage nicht als Widersetzlichkeit oder gar Böswilligkeit auszulegen - und wenn Sie doch auf Beantwortung bestehen, so will. ich
solche auch nicht verweigern, aber wenn Sie die trübsten und unglücklichsten Stunden meiner frühen Kinderjahre nicht in ihrem
ganzen Umfange in meinem Herzen wachrufen wollen, so ersparen
Sie es mir, von dieser Zeit und von den Personen, in deren
Nähe ich zu leben gezwungen war, reden zu müssen.
Haben Sie sich vielleicht Undankbarkeit oder Pflichtverletzung
zu Schulden kommen lassen, Miß Eyre, so brauchen Sie nicht
hinter dem Berge zu halten. Ich denke in manchen Punkten
milder, als Sie glauben, und war früher auch ein wilder Bursche.
Herr, Sie können über mich die genaueste Auskunft erhalten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, über meine persönlichen Verhältnisse in der Lowood-Stiftung anzufragen.
Ich hätte es lieber aus Ihrem Munde vernommen, aber da es Ihnen Überwindung zu kosten scheint, von Ihrer Jugend zu reden, so bin ich ja kein Unmensch und verzichte auf Ihre Bekenntnisse.
Dank, Herr!
Wo sind Sie geboren? Das werden Sie mir doch sagen können!
Ich habe mehrfach sagen hören, daß mein Vater in Amerika, in New-York, mit meiner Mutter gelebt habe, daß ich dort geboren und nach meines Vaters Tode mit meiner Mutter nach England zurückgekehrt sei.
Wissen Sie, welche Stellung Ihr Vater im Leben einnahm?
So viel ich erfahren, war er Ingenieur in einem industriellen
Etablissement.
Und Ihre Verwandten wiederzusehen, tragen Sie gar kein Verlangen?
Nicht das mindeste, Herr!
Und warum, Miß Eyre?
So viel ich jetzt beurteilen kann, bin ich denselben stets eine Last nur gewesen, für welche sie keine Liebe empfinden konnten, und möglicher Weise mag auch ein Teil der Schuld an mir mit gelegen haben, ohne daß ich indessen ein bestimmtes Bewußtsein davon hatte.
Also stoße ich doch bei Ihnen auf einen schwarzen Flecken in Ihrem Charakter - aber das ist mir lieb - sie dürfen dann mich auch nicht so ohne Weiteres hart beurteilen.
Ich hätte hierzu auch kein Recht, Herr.
Wer sollte Ihnen das streitig machen, Miß! Sie werden freilich nicht so unvorsichtig sein, gegen mich Ihre wahre Meinung unverhüllt auszusprechen, aber in Ihren Gedanken werden Sie so schwarz von mir denken, als Sie es nur vermögen werden.
Sollte diese Art und Weise der Unterhaltung Ihnen wirklich
Zerstreuung gewähren?
Hoho! Miß Eyre, was fällt Ihnen plötzlich ein, meinen Geschmack hofmeistern zu wollen?
Herr, was denken Sie von mir- aber wenn ich nicht einmal eine Frage an Sie richten darf, wie ich will, wie soll ich Sie da unterhalten können?
Sie haben Recht, Miß Eyre. Fragen Sie nur weiter. Ich will Ihrer Neugierde keinen Zügel anlegen und Alles beantworten, was Sie zu wünschen wissen werden.
Ausfragen werde ich Sie nicht, Lord Rochester, und Sie werden sich auch nicht von mir ausfragen lassen. In Allem muß es eine Grenze geben, wenn es im menschlichen Leben von Bestand sein und auf Beachtung Anspruch machen will.
Sehr weise und unklug zugleich gesprochen. Wo haben Sie
so viel Geist und so viel Einfältigkeit in einem Atemzug nur hergenommen?
In dieser für Jane ziemlich unangenehmen Weise wurde das Gespräch fortgeführt, ja Rochester wurde während desselben mehrmals fast verletzend gegen die Erzieherin seiner Nichte, so daß Mistreß Harleigh mehrmals Miene machte, sich in das Gespräch
einzumischen, immer aber von einem bittenden Blick Jane's davon
zurückgehalten wurde. Wie er vor ausgesuchter Höflichkeit sein und
die Verdienste der jungen Dame in der That voll würdigen konnte, so
spielte er auf der anderen Seite wiederum in grausamer Weise mit
ihr und suchte ihr Zartgefühl fast absichtlich zu kränken.
Als endlich die Uhr auf neun Uhr zeigte, erhob sich Jane und
rief nach Adele, die mit den ihr von Rochester erhaltenen Geschenken
noch in vollster Beschäftigung war.
Wo wollen Sie hin, Miß Eyre?
Es hat neun Uhr geschlagen; ich will Adele zu Bett bringen,
um mich nicht wieder dem Vorwurfe auszusetzen, daß ich die Hausordnung auf Thornfield umstoßen wolle.
So! Nun so gehen Sie, ich bedarf Ihrer auch für heute Abend so nicht mehr. Gute Nacht.
Gute Nacht, Herr! Gute Nacht, Miß Harleigh!
Adele folgte trot ihres Spieles ohne die leiseste Widerrede,
nahm Abschied von ihrem Onkel und ihrer Base und entfernte sich.
Als Rochester mit Mistreß Harleigh allein war, erhob sich
die Letztere ärgerlich von ihrem Stuhle und trat mit ganz entschiedener Geberde vor ihren Herrn hin: Was haben Sie nur
gegen Miß Eyre? Sie verwickeln Sie in Gespräche, quälen Sie
mit sonderbaren Fragen und behandeln Sie auf beinahe rücksichtslose Weise. Das Mädchen ist sanft und geduldig, fügt sich
in Ihre Launen und läßt sich Alles von Ihnen gefallen.
Alles? Base Judith, Sie irren sich, wenn Sie auch weit
älter und klüger sind als ich. Jane Eyre stellt sich nur so, als
wäre sie sanft und demüthig- sie hat aber eine bedeutende Partie
Eigensinn und Stolz und weist mich oft derb zurück.
Das verstehe ich nicht, Lord Rochester, aber so viel ist mir
klar, daß Sie das brave Mädchen durch Ihre Behandlungsweise aus dem Hause treiben. Und das sage ich Ihnen im
voraus, wenn Mifß Eyre uns verläßt, so besorge ich Ihnen keine
Erzieherin wieder.
Die wird sich nicht so leicht und so rasch vertreiben lassen.
Dreißig Pfund ist ein zu schönes Jahrgehalt, als daß sie es so
rasch wo anders wieder erhalten sollte.
Gelb! Geld! Denken Sie denn mit Geld können Sie Alles
ausgleichen! Was habe ich mit der Neugierde der früheren Gouvernante ertragen müssen? Welchen Unannehmlichkeiten war ich ausgesetzt. Miß Eyre hat mich nur ein einziges mal nach dem unheimlichen Lachen gefragt, und als ich ihr erwiderte, es komme von Gratia
Poole, so hat sie geschwiegen und mich mit keiner Silbe wieder belästigt.
Aber geglaubt hat sie es bestimmt nicht, Base Judith.
Warum nicht?
Weil Sie nicht wieder danach gefragt hat, oder sie müßte sehr
beschränkt sein.
Beschränkt oder nicht- ich möchte Sie nur in Ihrem und Adelens Interesse gebeten haben, das junge, brave und grundgescheite Mädchen nicht mit aller Gewalt aus Ihrem Hause zu vertreiben - solch eine Erzieherin bekommen Sie niemals wieder.
Wer sagt Ihnen denn, Base, daß ich sie aus meinem Hause
vertreiben will? Ich denke gar nicht daran; vielmehr hoffe ich,
Sie recht dauernd an dasselbe zu fesseln.
Nun, dann mögen Sie eine Art und Weise hierbei anwenden,
die ich nicht zu begreifen vermag; aber nehmen Sie sich in Acht,
daß Sie bei diesem Spiel nicht verlieren.
Lassen Sie das meine Sorge sein, Base, Gute Nacht.
Ja, ich habe meine Schuldigkeit gethan und gewarnt. Gute Nacht.
Jane hatte nicht gleich den Schlaf finden können; sie war doch etwas aufgeregt worden durch die sonderbare Unterhaltung, die sie mit Rochester geführt. Das Gespräch bestand in einem beständigen Wortgefecht, in welchem sie des Lords Angriffe hatte
abwehren und auch zum Teil daran denken müssen, zuweilen einen
Streich gegen seine Rücksichtslosigkeiten zu führen. Daß er vom
Herzen böse oder gehässig gegen sie war, konnte sie nicht glauben,
dazu bezeugte er ihr zu viel Achtung und Teilnahme, aber sie war
noch nicht einig mit sich geworden, wie sie sich für die Folgezeit
gegen ihn benehmen solle. Über solchen Gedanken mochte sie doch
wohl eingeschlafen sein- plötzlich aber wurde sie wieder wach,
und zwar ward sie durch ein undeutliches, seltsames und schauerlich
klingendes Gemurmel erweckt, welches sie über ihrem Kopfe zu
vernehmen schien. Sie richtete sich empor, und fand Alles wieder still.
Ich habe geträumt, sprach sie zu sich, und versuchte wieder einzuschlafen.
In der Vorhalle schlug die Uhr elf, und gerade in demselben
Momente erschien es ihr, als werde die Thür ihres Zimmers von
darüber hinwegstreichenden Fingern berührt, welche den Weg durch
die dunkle Gallerie suchten.
Wer ist da? fragte sie und erbebte doch vor Furcht. Oh, es
wird der Hund sein, der sich vor Lord Rochester's Thür legen und
die Nacht dort schlafend verbringen will.
Plötzlich vernahm sie jenes schon so oft gehörte dämonische
Lachen, das sie stets so sehr erschreckte, aber diesmal klang es leise,
gedämpft, gerade am Schlüsselloche vor ihrer Thüre. Der Ton
wiederholte sich. Jane sprang auf, rief: Wer ist da? und verriegelte rasch ihre Thüre, vor welcher sich der gurgelnde und
stöhnende Ton nochmals vernehmen ließ. Darauf hörte sie Fußtritte, die sich in der Gallerie entfernten und der Treppe zum
dritten Stocke näherten, deren Thüre erst vor wenigen Tagen schließbar gemacht worden war.
Was ist es nur mit dieser Gratia Poole? dachte Jane entsetzt.
Dieses Weib scheint ein wahrer Teufel zu sein, oder sie hat zuweilen ihren Verstand völlig verloren. Jane war entschlossen nicht
länger allein zu bleiben, und wollte Mistreß Harleigh aufsuchen;
sie zog schleunigst ein Kleid an, schlug ein Tuch um und öffnete
den Riegel an ihrer Stubenthüre mit zitternder Hand. Auf dem
Fußboden der Gallerie brannte ein Licht, welches Jemand hatte
stehen lassen. Verwundert schaute sie sich um, aber noch mehr erstaunte sie, als sie bemerkte, daß die Luft ganz dicht und mit Rauch
angefüllt war. Trotz ihres Schreckens besaß sie noch Geistesgegenwart genug, nachzusehen, woher dieser Rauch kommen möge, und
empfand dabei plötzlich auch einen ziemlich starken Brandgeruch.
Sie hörte deutlich das Knistern einer Flamme und gewahrte,
daß eine Stubenthür nur angelehnt war;Rochester's Schlafstubenthüre
war ein wenig geöffnet und aus derselben drang eine Rauchwolke
hervor. Jane dachte nicht mehr an Mistreß Harleigh, nicht an
Gratia Poole und deren furchtbares Lachen und drang unerschrocken
in das Zimmer. Die Flammen schlugen am Bett empor, die Vorhänge standen im Feuer, während der Lord bewegungslos in tiefem
Schlafe lag.
Lord Rochester, erwachen Sie! rief Jane. Erwachen Sie!
Sie erfaßte den Lord am Arm und suchte ihn durch Rütteln
zu ermuntern; er blieb regungslos; der Rauch mußte ihn betäubt haben. Die Gefahr, den Lord verbrennen zu lassen, wuchs
von Sekunde zu Sekunde, denn die Betttücher waren schon angebrannt. Sie rüttelte den Lord wiederholt; endlich kam er zu sich;
er wendete sich murmelnd nach der anderen Seite. Jane sah sich
nach Wasser um, das Feuer löschen zu können, und fand auf dem
Waschtische Wasserkrug und Waschschale, die beide mit Wasser voll
gefüllt waren. Sie nahm beide Gegenstände und goß sie nacheinander über das Lager des Lords, eilte nach ihrem Zimmer, brachte
auch von dort den Wasserkrug herbei und überflutete das Feuer
so stark, daß die Flammen verlöschen mußten.
Das Zischen der erlöschenden Flammen, sowie das Zerbrechen
des Wasserkruges, der Jane aus der Hand gefallen war, und vor
allen Dingen das kalte Wasser, welches Rochester in reichlichem
Maße über seinen Körper gegossen erhalten hatte, brachten ihn
vollends zur Besinnung. Er murmelte seltsame Verwünschungen
zwischen den Zähnen, als er bemerkte, daß sein Bett durchnäßt
war und fragte mit ärgerlicher Verwunderung: Ist denn hier eine
vollständige Wasserflut?
Nein, Herr, rief Jane fest, aber es ist Feuer an ihr Bett
gelegt worden; es ist aber noch glücklich wieder gelöscht. Stehen
Sie auf - ich will. Ihnen ein Licht herbeiholen.
Jane Eyre, sind Sie es? fragte Rochester hastig: Wer ist
außer Ihnen hier noch im Zimmer? Haben Sie denn die Absicht,
mich in meinem Zimmer und obendrein auf meinem Lager zu ersäufen? Weshalb stellen Sie überhaupt meinem Leben nach?
Ich hole Ihnen Licht, Herr, aber ich flehe Sie an, stehen Sie
auf. Man hat sehr Böses mit Ihnen vorgehabt und Sie müssen
zu entdecken suchen, wer dies gewagt hat.
Hier ist mein Schlafrock, so, nun eilen Sie und holen
Sie ein Licht herbei, damit ich mich mit meinen Augen überzeugen
kann, was hier vorgegangen ist.
Jane eilte in die Gallerie und brachte das Licht herein, das
sie zuvor am Boden stehend gefunden hatte. Rochester nahm es
ihr aus der Hand und betrachtete sein Lager, das ganz geschwärzt
und zum Teil verbrannt war; die Betttücher waren durchnäßt,
der Fußteppich voll von Wasser.
Was ist geschehen? Wer that dies? Wer hat es bemerkt?
fragte Rochester hastig.
Jane erzählte ihm wortgetreu ihre Erlebnisse und teilte ihm
mit, daß außer ihr Niemand Zeuge dieser Scene, den Thäter allein
ausgenommen, gewesen sein könne; Rochester's Gesicht drückte Sorge
und Erstaunen, zuletzt anscheinende Befriedigung aus, aber er schwieg.
Soll ich Mistreß Harleigh herbeirufen? fragte ihn Jane.
Nein! Was soll sie hier auch thun! Kann sie Geschehenes
ungeschehen machen? entgegnete er. Lassen Sie die gute Dame
nur ruhig schlafen.
Dann will ich Sam, Lea oder Sophie herbeirufen, um zu helfen?
Niemand soll herbeikommen und Zeuge dieser Scene werden.
Sie tragen ja ein Tuch um die Schulter; ist Ihnen dasselbe noch
nicht warm genug, so nehmen Sie meinen Mantel zu Hilfe, hüllen
Sie sich hinein und nehmen Sie in meinem Lehnstuhle Platz, damit Sie endlich aus der Wasserflut hier herauskommen. Ich
werde Sie auf wenige Augenblicke verlassen und das Licht hier
mitnehmen; ich muß nach Ordnung im zweiten Stockwerk sehen.
Bleiben Sie im Zimmer hier, bis ich zurückkehre, aber rufen Sie
mir Niemanden herbei.
Rochester entfernte sich mit dem Lichte in der Hand; er schritt
leise die Galerie hinab bis zur Thür der Treppe, welche er so geräuschlos wie möglich öffnete und verschwand dann in der Dunkelheit. Jane war wieder von Finsternis umgeben und lauschte gespannt, ohne doch das geringste Zeichen vernehmen zu können. Der
Lord blieb ziemlich lange aus, Jane fror trotz ihres Mantels und wollte
sich, selbst auf die Gefahr hin, ihres Herrn Mißfallen zu erregen,
schon auf ihr Zimmer begeben, als der Lichtschimmer von der Treppe
her wieder auftauchte und Lord Rochester blaß, düster und verstört
eintrat.
Ich habe Alles entdeckt, sagte er, das Licht niedersetzend; es
ist wie ich dachte.
Darf ich nicht wissen, Herr, was geschehen ist? fragte Jane.
Ach so, ich vergaß, daß Sie hier sind, antwortete Rochester.
Sie erzählten mir, daß Sie etwas gesehen hätten, als Sie die
Thüre Ihres Zimmers öffneten?
Nein, Herr, ich sah nichts; nur dieser Leuchter stand auf dem Fußboden.
Aber Sie hörten ein seltsames Lachen? Sie hörten dieses
Lachen oder ein ähnliches Geräusch oder sonst etwas dergleichen
schon früher?
Ja, Herr, im Zimmer eine Treppe höher sitzt ein Frauenzimmer und näht; man nennt sie Gratia Poole- sie lacht auf
schreckliche Weise; sie ist mir rätselhaft.
Ja ja, es stammt von Gratia Poole her- Sie haben es
erraten. Inzwischen ist es mir sehr lieb, daß Sie außer mir
das einzige Wesen in Thornfield sind, welches den Ereignissen dieser
Nacht beigewohnt hat. Sie sind eine vernünftige junge Dame und
werden, wenn ich Sie darum bitte, Stillschweigen beobachten können;
sprechen Sie also gegen Niemand davon.
Dieses Weib, diese Gratia Poole wird also nicht bestraft?
fragte Jane erstaunt.
Strafen ist meine Sache und hängt von meinem Willen und
Befehle ab- Über den Zustand dieses Bettes will ich selbst
Aufklärung geben; die übrigen Stunden der Nacht werde ich auf
dem Sopha verbringen- die Diener sollen nichts gewahren.
-
Gute Nacht, Herr. Jane wandte sich im selbigen Augenblicke der Thüre zu.
Wie, Miß Eyre, Sie verlassen mich, und zwar auf diese kurze und kalte Weise?
Sie befahlen mir ja, mich auf mein Zimmer zu begeben.
Befehlen? Sie strafen mich hart mit diesem bösen Worte.
Ich wünsche, Sie sollen sich entfernen, damit sie nicht länger
frieren und der Nachtruhe entbehren, aber nicht ohne Abschied von
mir genommen und meinen Dank angehört zu haben. Jane Eyre,
Sie haben den Takt einer Frau und den Mut eines Mannes,
Sie vereinen seltene Vorzüge in Ihrem Geiste und Ihrem Herzen,
Sie haben mir das Leben gerettet, mich einem grauenvollen Martertode entrissen, selbst mit Gefahr Ihres Lebens, wenn auch ohne
es zu wissen - und jetzt wollen Sie mich verlassen, als wenn
wir einander wildfremd gegenüberständen. Reichen Sie mir wenigstens Ihre Hand.
Er streckte seine Hand aus, Jane reichte ihm die ihrige,
welche er zunächst mit der rechten und dann auch mit der linken
erfaßte und festhielt.
Sie haben mir das Leben gerettet, fuhr Rochester fort, und
ich habe es mir von Ihnen gern retten lassen. Niemand auf der
Welt weiter möchte ich so zu Dank verbunden sein, wie Ihnen-
Ihre Wohlthaten sind für mich keine Last - ich trage sie sehr
gern und dankbar.
Ich bin ja keine Heidin, Herr, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wassers retten kann. Noch einmal, gute Nacht, Lord Rochester; hier zwischen uns ist von keiner
Wohlthat, keiner Lebensrettung, keiner Verpflichtung die Rede. Ich
that nur meine Pflicht.
Jane Eyre, ich ahnte, daß Sie mir einen großen Dienst leisten
würden. Ich ahnte, als wir so unverhofft auf dem Felde zusammentrafen und Sie mein Pferd straucheln machten.
Trug ich damals wirklich die Schuld, Herr, so habe ich mich
derselben hoffentlich heute entledigt, und es ist mir daher doppelt
lieb, daß ich heute Nacht erwachte und sie abtragen konnte.
O, da lächeln sie ja, Miß Eyre! Es ist, als wenn ein Sonnenstrahl über eine Gewitterwolke hinweggleitet. Das kleidet sie gut;
Sie müssen öfters so freundlich lächeln - ich habe gar nicht geglaubt, daß Sie das wirklich können.
Es schien, als wollte er Jane's Hand nicht loslassen, und
noch niemals hatte er so warm und so gütig zu ihr gesprochen.
Gute Nacht, Herr! sagte Jane und wollte gehen.
So wollen Sie wirklich gehen, Miß Eyre.
Ich empfinde Frost und Mattigkeit, Herr.
Nun so gehen Sie und schlafen Sie süß, wenn Sie mir doch
nicht länger Gesellschaft leisten wollen, Miß Eyre - ich will auch
noch ein wenig zu schlafen suchen.
Jane eilte nach ihrem Zimmer zurück; von seltsamen und
widersprechenden Empfindungen bestürmt, konnte sie den Schlummer
nicht finden- es erschien ihr, als wenn sie von den Wellen eines
hochgehenden Sees umhergeworfen würde, als wenn sie beständig
dem Versinken nahe sei, aber jedes Mal, wenn sie daran war, die
188
Besinnung vollständig zu verlieren, von einer starken männlichen
Hand wieder zum Licht des Tages emporgetragen würde.
Als der Morgen angebrochen war, duldete es Jane nicht mehr
auf ihrem Lager und sie begab sich an ihre gewöhnlichen Tagesverrichtungen. Bei jedem Offnen der Thüre glaubte sie den Lord
erwarten zu dürfen, obwohl er selten und dann auch nur auf kurze
Zeit erschien, heute hätte sie sogar auf eine Ausnahme gerechnet -
aber der Morgen verging wie gewöhnlich, Adelens Unterrichtsstunden
wurden durch keine Störung unterbrochen. Nur kurz nach dem
Frühstück hörte sie ein Geräusch in der Nähe von Rochester's Thür:
es waren Mistreß Harleigh's, sowie Sam's und Lea's Stimmen,
welche sich unterhielten.
Es ist nur ein wahres Glück, hörte sie Sam sagen, daß der
Herr nicht verbrannt ist.
Oft schon habe ich es ihm vergeblich vorgestellt, bemerkte
Mistreß Harleigh, daß es gefährlich ist, in der Nacht ein Licht
neben dem Bette brennen zu lassen.
Wie glücklich es sich gefügt hat, setzte Lea hinzu, daß er Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken und das Wasser zum Löschen zu benuten.
Seltsam indessen, warf Sam wieder ein, daß er Niemand
geweckt hat, Mistreß- er wird sich doch auf dem Sopha in der
Bibliothek nicht erkältet haben.
Hierauf folgte ein Geräusch, welches durch Verrücken des Bettes und darauf folgendes Scheuern hervorgebracht wurde, und als Jane am Mittage an dem Zimmer vorüberging, um sich zum Mittagstisch zu begeben, fand sie Alles wiederum in bester Ordnung, nur die verbrannten Vorhänge waren noch nicht wieder durch neue ersetzt. Lea reinigte die vom Rauche getrübten Fensterscheiben, und während sie neben dem Bette des Lords ein anderes Frauenzimmer mit dem Befestigen und Annähen der Vorhänge beschäftigt sah, und zu ihrem höchsten Erstaunen, ja zu ihrem Entsetzen erkannte sie Gratia Poole.
Ruhig und schweigsam saß sie und arbeitete in ihrer gewöhnlichen Kleidung, als wenn nicht das mindeste Auffallende durch
ihre Schuld sich zugetragen, ja sie wahr so in ihre Arbeit vertieft,
als wenn nichts weiter auf der Erde für sie existierte. In ihren
Zügen, auf ihrer Stirn herrschte die ausdrucksloseste Gleichgiltigkeit; es schien, als wenn sie gar keine Vorstellung, keinen Begriff
von dem Frevel hatte, mit welchem sie ihren Herrn nach dem
Leben getrachtet hatte. Jane war ebenso empört wie verwundert
und schaute sie durchdringend an; sie blickte langsam auf, sagte
,Guten Morgen, Miß,’ und nähte ruhig weiter.
Guten Morgen, Gratia, erwiderte Jane und war fest entschlossen ihre Ruhe, ihr Phlegma auf eine harte Probe zu stellen.
Ist denn etwas vorgefallen? Mir war es, als hätte die Dienerschaft hier zuvor ein lebhaftes Gespräch geführt!
Lord Rochester las, wie er oft zu thun pflegt, in der letzten
Nacht im Bette; er schlief darüber ein und konnte dabei natürlich
das Licht nicht auslöschen; eine seiner Bewegungen oder ein Luftzug brachte die Vorhänge mit dem Lichte in Berührung, sie fingen
Feuer, aber noch ehe sich das Holzwerk oder die Decke entzünden
konnte, erwachte er und löschte die Flamme mit dem Wasser,
welches in seinem Waschbecken neben dem Bette stand.
Seltsam, höchst seltsam, Gratia, fuhr Jane, das Weib fixierend
fort. Hat Lord Rochester denn Niemand geweckt? Hat ihn denn
Niemand sich regen oder bewegen hören?
Wer hätte es denn hören sollen, Miß? Die Dienerschaft
schläft zu weit von des Herrn Zimmer entfernt, um es hören zu
können. Mistreß Harleigh und Sie, Miß Eyre schlafen zunächst.
Mistreß hat einen schweren Schlaf und hat nichts gehört, aber es
wundert mich, daß Sie auch nicht das leiseste Geräusch vernommen
haben - Sie sind noch jung und schlafen fest.
Jane hätte vor Empörung dem frechen Weibe beinahe die
Worte ins Gesicht geschleudert:,Elende, Du selbst warst die
Thäterin, aber sie faßte sich gewaltsam, fügte aber doch hinzu,
freilich so leise, daß Lea am Fenster nichts hören konnte: Ich habe
allerdings etwas gehört und glaubte anfänglich, es sei Pilot -
aber ein Hund kann nicht lachen, und ich bin fest überzeugt, ich
habe ein Lachen, ein seltsames gräßliches Lachen gehört.
Ich kann es mir nicht denken, daß Lord Rochester bei einer
solchen bedenklichen Gelegenheit sollte gelacht haben, antwortete
Gratia und fädelte sich mit fester Hand eine Nadel ein. Nein,
nein, Miß, Sie müssen lebhaft geträumt haben.
Gratia, ich träumte nicht, ich wachte und habe es deutlich
gehört, ganz deutlich!
Haben Sie dem Lord mitgeteilt, daß Sie ein Gelächter gehört haben?
Bis zu diesem Augenblicke habe ich Lord Rochester noch nicht
zu sprechen vermocht.
So haben Sie nicht einmal die Thüre geöffnet und auf die
Galerie hinausgeschaut?
Jane hatte sich von ihrem Eifer zu weit hinreißen lassen
und hätte beinahe den Vorgang der Nacht, um dessen Geheimhalten Lord Rochester sie so innig gebeten hatte, verraten, wenigstens wäre ihre Mitwisserschaft nicht unentdeckt geblieben. Sie
besann sich rasch einige Augenblicke und antwortete auf Gratia's
Frage: Im Gegenteil, ich verriegelte die Thür.
Verriegeln Sie denn sonst Ihre Thüre nicht, wenn Sie
schlafen gehen?
Bisher habe ich es mehrfach versäumt, entgegnete Jane scharf,
den Riegel vorzuschieben, denn ich glaubte nicht, daß einem in
Thornfield irgend eine Gefahr oder Belästigung drohe, aber für
die Folge werde ich sie sehr sorgfältig verriegeln, ehe ich mich
niederzulegen wage.
Das wird sehr wohlgethan sein von Ihnen, denn wenn auch
die Gegend im allgemeinen hier ruhig und auch Thornfield noch
niemals von Räubern oder Dieben heimgesucht worden ist, so sind
doch zu wenig Diener im Hause, falls einmal ein solches Unglück
sich ereignen sollte.
Jane war über die Gleichgiltigkeit und Ernsthaftigkeit, mit
welcher Gratia diese gegen ihre sonstige Gewohnheit lange Unterhaltung gepflogen hatte, fast sprachlos; sie hielt diese Ruhe für
ungemeine Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei.
Mistreß Poole, sagte die Köchin Sophie zu ihr herantretend,
wollen Sie heute nicht herunterkommen; das Mittagsessen wird
im Augenblick für die Diener bereit sein.
Nein; setzen Sie mir einen Krug Porter mit einem Stück
Pudding auf den Tisch, ich werde es selbst mit nach meinem
Zimmer tragen.
Wollen Sie kein Fleisch?
Nur ein Stück und etwas Käse- das ist genug.
Gratia ging, worauf Sophie an Jane die Aufforderung richtete, zur Mistreß Harleigh zu kommen, welche mit dem Mittagsessen auf sie warte. Letztere sprach natürlicher Weise während der Mahlzeit über Lord Rochester's Unvorsichtigkeit mit dem Lesen
zur Nachtzeit und über das Verbrennen des Vorhangs, aber Jane
hatte kaum Acht auf sie, so sehr war sie in Gedanken mit Gratia
Poole's rätselhaftem Charakter und über die Stellung, welche sie
eigentlich in Thornfield einnahm, beschäftigt. Lord Rochester hatte
ihre Schuld eingesehen und zugestanden, warum wurde sie nicht
durch eine andere, zuverlässigere und weniger unheimliche Dienerin
ersetzt? Warum wurde sie nicht bestraft, dem Gericht übergeben
oder wenigstens aus dem Hause entlassen, wo sie bei nächster Gelegenheit wieder ein noch weit größeres Unheil würde anrichten
können?
Das Mittagsessen und Adelens Schulstunden gingen vorüber, ohne daß Jane von Lord Rochester weder etwas sah noch hörte. Der Abend brach heran, und schon hoffte sie zum Thee zu ihm befohlen zu werden; sie hatte sich fest entschlossen, im Laufe des
Abends das Gespräch wieder auf Gratia Poole zu bringen, um
zu hören, was ihr Rochester jetzt, nachdem die Bestürzung des
ersten Augenblicks vorüber sei, zur Antwort geben würde. Jane
beabsichtigte, ihn geradezu zu fragen, ob er in der That glaube,
daß diese gleichgiltige, fast stumpfsinnige Person es wirklich gewesen
sei, welche in der verflossenen Nacht einen so hinterlistigen und
verruchten Anschlag auf sein Leben gemacht habe, und wenn dies nun der Fall sei, warum diese Frevelthat verschwiegen und nicht bestraft werden sollte. Je länger Jane warten mußte, je unruhiger und aufgeregter wurde sie; endlich wurde ihre Thür geöffnet, und Lea erschien bei ihr, aber nur um ihr zu melden, daß Mistreß Harleigh mit dem Thee auf sie warte.
Sie folgte dieser Einladung und wurde von der gutmütigen
Dame mit den Worten empfangen: Liebes Kind, wo bleiben Sie?
Sie bedürfen einiger Tassen Thee dringend nötig, denn sie haben
ja zu Mittag fast so gut wie gar nichts gegessen. Ich fürchte,
Sie befinden sich nicht wohl.
Nie habe ich mich wohler wie jetzt gefühlt, Mistreß. Nun, wenn ich das glauben soll, so sprechen Sie meinem Thee recht zu.
Wird Lord Rochester mit uns seinen Thee einnehmen? oder
ist er unwohl? fragte Jane, nachdem sie Mistreß Harleigh zu
Liebe einige Tassen Thee getrunken hatte.
Herr Rochester ist nicht auf Thornfield- er ist verreist.
Verreist? fragte Jane aufs höchste erstaunt.
Ja wohl, er reiste gleich nach dem Frühstück - das Wetter
war zwar nicht günstig, aber er hat doch im Laufe des Nachmittag
einen regenfreien Tag gehabt.
Erwarten Sie ihn denn heute wieder zurück?
Nein! er hat nichts hinterlassen - ich weiß nicht, wohin er
sich gewandt hat und ob oder wann er wiederkommen wird. Lord
Rochester macht es stets so und liebt es nicht, lange zuvor von
seinen Reiseplänen oder seinen sonstigen Absichten zu sprechen.
So sehr Jane sonst ihre Gefühle zu beherrschen vermochte,
so konnte sie doch kaum den Verdruß unterdrücken, den sie über
diese Handlungsweise Rochesters empfand, aber sie war klug und
verständig genug, denselben vor ihrer Umgebung nicht offen
zu zeigen, sondern vielmehr in sich zu verschließen.
Eine Woche verfloß, und von Lord Rochester traf keine Nachricht ein; eine zweite, dritte und vierte Woche verstrich, und man
hoffte immer noch vergeblich auf die Rückkehr des Herrn oder
wenigstens auf ein Lebenszeichen von ihm. Mistreß Harleigh
äußerte, es würde sie gar nicht wundern, wenn Lord Rochester
direkt nach London gereist sei und plötzlich von Paris oder von
Rom aus die Nachricht eintreffe, daß er unter zwei Jahren nicht
wieder nach Thornfield zurückkehren werde - so habe er es ja
schon gemacht und werde es auch ferner thun.
Jane war durch Rochester's Handlungsweise verletzt; sie hatte
ihm das Leben gerettet und hätte wenigstens erwartet, daß er so
viel Rücksicht auf sie genommen hätte, vor seiner Abreise sie wenigstens noch einmal zu sehen und zu sprechen oder ihr Lebewohl
zu sagen. Indessen setzte sie ruhig ihre täglichen Unterrichtsstunden
mit Adele fort, und wenn sie auch im Stillen daran dachte, sich
nach einem anderen Wirkungskreise umzusehen, so wies sie doch
wiederum diesen Gedanken sofort zurück, wenn sie an Mistreß
Harleigh und Adele dachte, welche Beide sie bereits so liebgewonnen
hatte, daß eine Trennung von diesen ihr recht schwer angekommen
sein und ihr Herz belastet haben würde.
Als Lord Rochester ungefähr fünf Wochen von Thornfield abwesend war, erhielt eines Tages Mistreß Harleigh einen Brief von
der Post, bei dessen Anblick sie sofort ausrief: Er ist vom Herrn!
Jetzt werden wir wahrscheinlich erfahren, ob wir ihn in den nächsten Tagen vielleicht oder erst in mehreren Jahren hier wieder zu
erwarten haben und zu Gesicht bekommen.
Jane schrak freudig bei dieser Mitteilung zusammen, während
Mistreß Harleigh ihre Nase mit einer großen Brille bewaffnete
und, sich in den Brief vertiefend, vor sich hinsprach: Nun, zuweilen
denke ich, es ist zu still hier, jetzt aber haben wir eine Zeit lang
tüchtig zu schaffen und es wird sehr viel Leben im Hause geben.
Lord Rochester kehrt wohl bald zurück? fragte Jane gespannt.
Freilich, Kind, bestätigte Mistreß Harleigh, - in drei Tagen
wird er hier sein, und zwar für dieses Mal nicht allein. Wen
und wie viele Herren und Damen der Lord mitbringt,
schreibt er zwar nicht, aber er trägt mir in diesem Briefe auf,
die besten Schlafzimmer in Bereitschaft zu setzen, die Bibliothek
und das Gesellschaftszimmer auszuräumen. Ich soll noch Leute zur
Bedienung annehmen, damit es an nichts fehlt beim Eintreffen
der Gäste. Sie stehen mir doch hülfreich zur Seite, Miß Eyre,
in diesen Tagen der Not und der Arbeit?
Verfügen Sie über mich, Mistreß Harleigh, erwiderte Jane; ich bin zu jedem Dienst bereit.
Sie werden tüchtig zu schaffen bekommen, Miß Eyre.
Man schritt sofort zur Arbeit, und es gab in der That genug
zu bewältigen, um rechtzeitig fertig zu werden. Jane hatte alle
Zimmer in Thornfield für wohlgeordnet und in gutem Zustande
befindlich gehalten, aber sie hatte sich hierin bedeutend geirrt; es
mußten allein vier Frauen angenommen werden, die nur für Scheuern,
Bürsten und Waschen zu sorgen hatten, während die männlichen
Hilfsarbeiter für Aufhängen und Ordnen der Bilder, Befestigung
der Teppiche, Vorhänge u. s, w. Verwendung fanden. Jane fand
bei dieser angestrengten Thätigkeit, welche nur durch einige Stunden Unterricht für Adele unterbrochen wurde, ihre ruhige und heitere
Stimmung wieder. Nur zuweilen kehrte ihr Mißmut zurück und
zwar stets, wenn die Treppenthüre zum dritten Stock, die in letzter
Zeit immer verschlossen gehalten wurde, sich öffnete und Gratia
Poole's ihr so unheimliche Gestalt erschien und in ihren Tuchschuhen fast unhörbar wie ein Schatten über die Galerie schlich,
wobei sie nur ab und zu einen Blick in die neu eingerichteten
Zimmer warf und irgend einen guten Rat dabei erteilte. Hierauf
schritt sie weiter zur Küche hinab, verzehrte ihr Mittagessen, nahm
ihren Krug mit Porterbier und begab sich nach ihrem einsamen
Aufenthaltsorte zurück. Also nur eine einzige Stunde des Tages
brachte sie mit den übrigen ihr gleichstehenden Hausgenossen zu,
die ganze übrige Zeit saß sie in einem Zimmer des obersten Stockwerkes wie eine Gefangene, nähte und vertrieb sich einzig und
allein, wie es schien, die Zeit mit Lachen.
Sonderbarer Weise achtete außer Jane keine Seele in Thornfield
auf ihre Beschäftigung und auf ihr Treiben, kein Mensch sprach
von ihr und bedauerte sie wegen ihrer Verlassenheit und Einsamkeit. Nur ein einziges Mal hörte sie zufällig einen Teil einer
Unterredung über Gratia zwischen Lea und einer der angenommenen
Arbeiterinnen, welche die Vermutung aussprach: Sie werde wohl einen
guten Lohn für ihre sonderbare Thätigkeit bekommen? Nicht wahr.
Ja, erwiderte Lea, ich wollte, ich bekäme so viel wie Gratia.
Ich und mein Mann werden zwar auch zu unserer vollen Zufriedenheit bezahlt - Lord Rochester zahlt nämlich gut- aber
ich erhalte nicht den dritten Teil von dem, was Gratia Poole
erhält. Sie legt sehr oft Geld zurück und könnte jedenfalls ganz
allein von ihrem Ersparten leben, wenn sie von Thornfield wegziehen wollte, aber wahrscheinlich hat sie sich an das Haus und an
ihre Beschäftigung gewöhnt und endlich ist sie ja noch nicht alt
genug, um nicht mehr zu arbeiten - sie nimmt daher den schönen
Lohn mit, so lange es geht.
Gratia ist jedenfalls wohl eine gescheite Frauensperson? fragte
die Arbeiterin weiter.
Ja, ja, das ist sie, antwortete Lea; sie weiß auch ganz genau,
was sie zu thun hat, aber Niemand von uns Allen möchte den
Posten haben, auf dem sie steht und wenn er auch noch weit mehr
Geld erhalten sollte.
Nein, ich auch nicht, nm Alles in der Welt, erwiderte die
Andere hastig. Es soll mich nur wundern, ob Lord Rochester -
hier brach die Frau kurz ab, da sie von Lea, welche Jane's Anwesenheit so eben gewahr geworden war, einen Stoß mit dem
Ellenbogen erhielt. Weiß sie denn nichts hiervon? flüsterte die
Arbeiterin neugierig weiter.
Lea schüttelte den Kopf und gab weiter keine Antwort, so daß
Jane auch jetzt nichts weiter in Erfahrung brachte, als daß in
Thornfield ein Geheimnis existiere, in welches Gratia Poole eng verwickelt sei und von dessen Kenntnis sie selbst ausgeschlossen sein sollte.
Der Tag, zu welchem die Ankunft des Lords und seiner
Gäste angesagt war, brach an, nachdem am Abend zuvor alle Arbeiten beendet und Zimmer, Säle, Kammern, kurzum das ganze
Haus mit alleiniger Ausnahme der Lokalitäten, in welchen Gratia
Poole hauste, auf das sorgfältigste und eleganteste hergerichtet
waren. Der Lord konnte sein Eigentum schon sehen lassen.
Noch hatte es nicht zehn Uhr geschlagen, als bereits ein Reiter
in den Hof galoppierte und rasch von seinem Pferde sprang; es
war Patrik, der Reitknecht, der vom Lord vorausgeschickt war, um
noch einen besonderen Auftrag auszurichten; er trug ein größeres
Packet und einen Brief an Mistreß Harleigh, und wollte sich,
nachdem er beide Dinge an seine Adresse befördert hatte, in die
Küche zu seiner Erfrischung begeben, wurde aber von Mistreß
Harleigh rasch mit in die Stube gezogen.
Kommt, Patrik, sprach sie, und gebt Auskunft über Euren
Herrn und seine Gäste.
Seht, Mistreß Harleigh, erwiderte Patrik, mir wäre jetzt ein
Glas Porter und einige Schnitte gutes Fleisch lieber, als Euch
etwas zu rapportieren, denn wenn man drei Stunden in einer Tour
geritten ist, ohne zu ruhen, so könnt Ihr Euch das wohl denken,
wenn Ihr auch ein Frauenzimmer seid, aber da Ihr immer gütig
gegen mich gewesen, so will ich meinen Riesenappetit bezwingen
und Euch geduldig Rede stehen, so lange Ihr wollt.
Nun, so sagt mir, wann trifft Lord Rochester ein? Gleichzeitig
mit seinen Gästen?
Der Herr kommt spätestens in einer Stunde zu Pferde an,
die ganze Bescheerung von Gästen, die er sich auf den Hals geladen hat, folgt in mehreren Wagen nach, und da läßt sich so
etwas nicht genau bestimmen, aber in so I- Stunden können
sie auch hier sein.
Durch Jane's Eintritt wurde das Gespräch unterbrochen;
Patrik aber noch immer nicht entlassen, sondern von Mistreß
Harleigh, die des Lords Brief an Jane zum Lesen gab, festgehalten.
Jane überflog den Brief, der nur folgende Worte enthielt: In
einer Stunde komme ich selbst, im Laufe des Nachmittags folgen
meine Gäste. In beifolgendem Packet befindet sich ein rotseidenes Kleid für die Gouvernante, welche meine Gäste empfangen
und dabei anständig erscheinen soll. Rochester. Der Brief ist
kurz und deutlich, sprach Jane für sich.
Und wo seid Ihr zuletzt gewesen? Wen bringt der Lord mit?
fragte Mistreß Harleigh.
Bei einer jungen und schönen Witwe, Mistreß, antwortete Patrik, welche mit ihrer Mutter, einer alten und durchaus nicht hübschen Frau, zusammenwohnte - ihren Namen habe ich leider vergessen. Sie wissen ja, ich kann Namen nicht gut behalten -
es ist ja auch nicht nötig, denn die junge schöne Witwe wird jedenfalls Lady Rochester in nächster Zeit werden.
Ihr seid nicht klug, Patrik, solch unüberlegtes Zeug zu schwatzen!
Unüberlegt? Oho! Bei den übrigen Herrschaften, welche
nach Thornfield kommen, ist der Lord höchstens einen Tag gewesen, aber bei der Jungen und Alten ist er über acht Tage lang
geblieben- und alle Tage sind sie zusammen ausgeritten und
haben zusammen musiziert und gesungen, daß mir den ganzen
Tag über die Ohren geklungen haben und wo sie gingen, hat er
die junge Lady am Arme geführt und ihr alle erdenklichen Aufmerksamkeiten erwiesen- das gibt eine Hochzeit, passen Sie auf,
Mistreß Harleigh.
Ihr sprecht, Patrik, wie Ihr es versteht - der Lord ist hierzu
schon zu alt und verwöhnt.
Zu alt? - Nein, Mistreß Harleigh. Der Lord ist kaum
vierzig JahrJ alt, und das ist für uns Männer die schönste Zeit.
Wollen Sie wetten, daß es eine Hochzeit hier geben wird?
Ach laßt mich zufrieden mit Euren Albernheiten und geht
nun in die Küche.
Na, na, Sie werden sehen, wer zuletzt Recht behält, lachte
Patrik hell auf und ging.
Nun Kind, Sie stehen immer noch ruhig hier und haben das
Packet mit dem rotseidenen Kleide, das der Lord eigens für Sie
bestimmt hat, noch nicht einmal angesehen, viel weniger geöffnet
und in einer Stunde kann Lord Rochester schon hier sein und Sie
sehen wollen.
Ich werde das Kleid nicht anlegen, Mistreß, Lord Rochester
wird sich daran gewöhnen müssen, daß ich mir in Bezug auf
meine Person keine Vorschriften machen lasse. Ich werde so anständig wie möglich erscheinen, um seine Gäste zu empfangen, obwohl ein solcher Auftrag eigentlich einer Erzieherin nicht zukommt
- aber ich werde mich hierzu meiner eigenen Kleider bedienen
und nicht solcher, die sich für mich nicht schicken.
Was soll aber der Lord sagen, daß Sie sein so gut gemeintes
Geschenk zurückweisen?
Lord Rochester ist ein gerechter Mann - er wird meine
Gründe hören und dieselben bei einigermaßen ruhigem Nachdenken
auch bestimmt billigen.
Nun, Miß Eyre, ich habe meine Pflicht gethan und Ihnen
das Kleid gegeben. Werden Sie selbst mit dem Herrn fertig -
aber ich mag bei Ihrem ersten Zusammentreffen nicht zugegen
sein. Ich gehe und will die Zimmer noch einmal nachsehen.
Und ich werde mich in meine schönsten Kleider hüllen, um
die Gäste Seiner Herrlichkeit würdig empfangen zu können.
Jane's Toilette war in wenigen Minuten vollständig fertig:
Das einzige seidene Kleid, welches sie besaß, war von blaßgrauer
Farbe und war von ihr bisher drei- oder viermal bei außergewöhnlichen Gelegenheiten in Lowood getragen worden, so daß
es Anspruch auf den Namen eines neuen und überaus anständigen
Kleides erheben konnte; auch an äußerem Ausputz, wie reizendes
Krägelchen und blendend weißen Manschetten, ließ sie es nicht
fehlen, so daß auch ein strenges weibliches Auge nicht den geringsten Tadel an ihrem Gesellschaftsanzuge hätte entdecken können.
So ausgerüstet, wartete sie bis zu dem Zeitpunkte, zu welchem
Rochester eintreffen konnte, und begab sich dann nach den Empfangszimmern hinab, in welchen sie der Lord gleich bei seiner
Ankunft vorfinden sollte, falls er ihr noch bestimmte Aufträge zu
erteilen hätte.
Elftes Kapitel.
Jane hatte die zum Empfange bestimmten Zimmer vor
elf Uhr betreten, und schon wenige Minuten darauf deuteten Hufschläge im Hofe die Ankunft des Lords an, den sie sofort auch in
lautem Gespräche mit Patrik und Sam begriffen fand, welchen
Beiden er Weisungen für das Unterkommen der eintreffenden
Pferde und Geschirre erteilte. Der Lord schien heiterer Laune
zu sein, denn mehrmals hörte sie ihn, was sonst ganz gegen seine
Gewohnheit war, laut auflachen.
Das Gespräch im Hofe verstummte und bald hörte Jane
Rochester's festen und wuchtigen Tritt durch die Vorhalle sich den
Empfangszimmern nahen, und noch eh sie es vermutete stand
der Lord vor ihr und rief ihr einen freundlichen Gruß entgegen.
Willkommen, Herr! sprach sie mit einer höflichen Verbeugung.
Es freut mich, Miß Eyre, daß ich Sie pünktlich auf dem
Platze finde - aber zum Wetter, weshalb haben Sie das Ihnen
gesandte neue rote Kleid nicht angelegt?
Rot halte ich für eine Farbe, die sich der Stellung einer
Gouvernante nicht ziemt und die auch sonst zu meinem Aeußeren
nicht wohl passen möchte, Herr- ich will nicht gern gegen die
Regel verstoßen.
Sie haben meine Zeilen an Mistreß Harleigh gelesen und
fühlen sich durch dieselben verletzt, Miß Eyre. Ich lese das
jetzt noch auf Ihrem Gesicht.
Mistreß Harleigh hat mir Ihren Brief gegeben; ich habe ihn
gelesen, kann Ihnen aber Auge in Auge behaupten, daß ich mich
nicht im entferntesten verletzt fühle.
Ich will Ihnen glauben, Miß Eyre, obwohl ich es nicht gut
für möglich halte, daß Sie durch mein Geschenk nicht empfindlich
berührt sein sollten.
Nein, Herr, es hat mich erfreut, aber tragen werde ich es
jetzt bestimmt nicht.
Nun, meinetwegen, Miß Eyre, Sie sehen ja auch in Ihrem
grauen Kleidchen ganz passabel aus. Ich möchte mit Ihnen, ehe
meine Gäste eintreffen, einige Worte allein sprechen, Ihnen einige
Aufklärungen über Verhältnisse geben, die Sie kennen lernen müssen.
Ich bin bereit zu hören, Herr, - Ihr Vertrauen ehrt mich
ungemein.
Sie haben eine so stolz bescheidene Art zu sprechen und zu
antworten, Miß, die mich stets irre an Ihnen werden läßt.
Aber es mag so sein. Sie sind Adelens Gouvernante- das
Kind ist meine Nichte, die Tochter meines jüngeren Bruders, Henry
Rochester, der auf einer Expedition nach Afrika mit seiner Gattin
zugleich den Tod gefunden und sein einziges Kind mir als Erbe
hinterlassen hat. Ihre Stellung, Miß, ist zwar eine ganz gut bezahlte hier, aber Sie haben großes Talent als Erzieherin und
könnten eine glänzendere Stellung in großen oder altadeligen Häusern finden und ausfüllen. Ich sehe heut noch vornehmen Besuch
in Thornfield, bei welchem Sie Gelegenheit haben könnten, einen
Ihren Fähigkeiten weit mehr entsprechenden Platz in der Nähe
der Hauptstadt oder einer anderen großen Stadt zu erhalten, anstatt hier in der Einsamkeit ihre Jugend zu vertrauern und Ihre
Kräfte einer vater- und mutterlosen Waise zu widmen.
Lord Rochester, es schmerzt mich, ein solches Wort aus Ihrem
Munde zu vernehmen. Ich bin selbst eine Waise; ich habe es in
tiefster Seele empfunden, was es heißt, vater-, mutter- und heimatslos, als ein bedauernswertes Kind in der Welt dazustehen! Kann
es für mich eine ehrenvollere, eine glänzendere Stellung geben,
als die Lehrerin, die Erzieherin, die Mutter einer Waise zu sein?
Was frage ich, die nichts von der Welt kennt und nichts gesehen,
als Lieblosigkeit und Heuchelei, was frage ich nach äußerem Glanz,
nach flitterhafter Pracht, nach kaltem, totem Reichtum, wenn es
gilt, das Herz, die Seele eines einsam im Leben stehenden Kindes
mit Liebe zu erfüllen und zu Liebe zu erwecken. Ich werde jetzt,
nachdem Sie ein solches Wort zu mir gesprochen, mit noch größerer Herzlichkeit und Zärtlichkeit an Adele hängen, die ein gutes,
braves Kind ist; ich gelobe es in diesem Augenblick sie niemals
zu verlassen - es sei denn, daß Sie mich selbst fortschickten, Herr,
oder daß sie meiner Liebe, oder meines Unterrichtes nicht mehr
bedürfte.
Groß und edel ist Ihre Denkungsart, Miß Eyre, entgegnete
Rochester voll stiller Bewunderung, aber durchaus nicht praktisch.
Sie sind vom Leben noch vicl zu wenig gewahr geworden, um
den äußeren Schein, das blanke Gold und Geld in seinem vollen
Werte würdigen zu können. Ich jedoch denke anders und bin praktisch genug, aus Ihrer Unerfahrenheit Vorteil für mich zu ziehen,
und halte Sie bei Ihrem eben gegebenen Wort: Sie versprechen,
Adele und Thornfield nicht zu verlassen, nicht von mir und Mistreß
Harleigh wegzugehen, bis ich Sie selbst fortschicke. Hier ist meine
Hand, schlagen Sie ein, Mif Eyre, es gilt!
Gern, Herr, erwiderte Janc und reichte ihre Hand dar.
Ich danke Ihnen, Miß Eyre, für ihre Bereitwilligkeit und
erkenne gern das Opfer an, welches Sie mir durch ihre Zusage
bringen.
Es ist kein Opfer; Herr; ich bleibe gern in Thornfield; es
ist mir noch niemals in meinem Leben so gut gegangen- ich
bin noch nie so ruhig, so zufrieden gewesen, nur -
Nur? Nun, Sie stocken, Miß!- Was legt sich Ihnen störend
in den Weg?
Gratia Poole, Herr! Sie stellt Ihrem Leben nach, sie bedroht Sie mit Feuer - wird dieses gefährliche und unheimliche
Weib nicht aus Ihrer Nähe entfernt? Erhält sie nicht einmal für
Ihr schändliches Verbrechen eine verdiente Strafe?
Miß Eyre, erwiderte Rochester plötzlich ernster und düsterer
als je blickend, was ängstigt und quält sie dieses Weib! Lassen
Sie dasselbe unbeachtet- ich will Ihnen jetzt mit einem harten
Worte nicht gern wehe thun und sagen: Das kümmert Sie nicht,
das ist nicht Ihres Amtes, Sie haben mir keine Vorschriften zu
machen. Sie werden vielleicht durch einen Zufall, vielleicht durch
mich selbst späterhin erfahren, was es mit dieser Frau für eine
Bewandtnis hat - aber nur jetzt noch sollen Sie sich nicht mit
ihr beschäftigen, nicht Rachegedanken gegen sie hegen, die Ihnen
nichts helfen. Sind Sie zufrieden?
Ich bin es, Herr. Wenn mir Ihrer Sicherheit wegen wiederholt ein rasches Wort entschlüpfte, so halten Sie es meinem Eifer
zu gut, Ihnen zu dienen. Gratia Poole läßt mich in Ruhe; ich
werde niemals absichtlich Ihren Weg kreuzen, wenn ich es vermeiden kann.
Sie würden mich ein zweites Mal ruhig verbrennen lassen,
wenn sie es wieder wagen wollte, mich durch Feuer umzubringen?
Gewiß nicht, Herr, es sei denn, Sie verlangten meine Hülfe nicht.
Brechen wir ab hiervon- es ist ein unerquickliches Gespräch.
Für heute und die nächsten Tage muß ich Sie bitten, Miß Eyre,
mich meinen Gästen gegenüber ein wenig zu vertreten, da meine
Zeit durch mehrere unaufschiebbare Geschäfte etwas in Anspruch
genommen ist. Unterhalten Sie dieselben, plaudern Sie mit den
Damen und Herren, wie es Ihnen belieben wird, auch wenn Sie
es nicht gern thun sollten.
Ich werde es gern thun, Herr, auch wenn Sie mich nicht
besonders darum gebeten hätten. Das erfordert ja schon meine
Pflicht und das Gebot der Wohlanständigkeit.
Dann aber bitte ich Sie - vornehme Leute besonders beurteilen Menschen und Dinge nach ihrem äußeren Ansehen-
ziehen Sie das neue Kleid an,
Nein, Lord Rochester,- hierin werden Sie mich meinem
Grundsatze nicht untren machen. Ich überhebe mich gewiß nicht
über meinen Stand.
Sie sind ein kleiner, eigensinniger Kobold, mit dem nicht zu
rechnen ist. Weshalb plaudere ich mit Ihnen so lange und bitte
Sie überhaupt um Etwas, von dem ich gleich im Voraus wußte,
daß Sie es mir nicht erfüllen würden? Indessen, Miß Eyre,
Sie können sich noch einige Stunden Ruhe gönnen, ehe Sie Ihr
neues Amt antreten. Leben Sie wohl, indessen; meine Pächter
werden gleich hier sein.
Adieu, Herr!
Beide verließen das Empfangszimmer; der Lord begab sich
zn Gratia Poole, anstatt daß diese, wie es bei seiner ersten Ankunft gewesen war, zu ihm herunter kommen mußte, während Jane
zu Mistreß Harleigh ging und sich dieser einstweilen zur Verfügung stellte.
Ei, Kindchen, rief ihr diese lachend entgegen, wie sehen Sie
reizend aus in diesem Kleide; da hat sich Lord Rochester recht
unnötige Kosten gemacht, daß er für Sie ein neues anfertigen ließ.
Hat er gezürnt mit Ihnen, daß Sie es nicht angezogen haben?
Gezürnt gerade nicht, Mistreß, antwortete Jane, aber er würde
es anscheinend gern gesehen haben, wenn ich mich recht geputzt
hätte- er glaubt vielleicht, ich mache in einem rotseidenen Kleide
seinem Hause größere Ehre - aber ich überhebe mich nicht gern
und liebe nicht Farben, die sich für meine Stellung im Leben nicht
schicken.
Haben Sie ihm das selbst in das Angesicht gesagt?
Gewiß, Mistreß! Warum sollte ich es nicht gethan haben?
Je nun, ich hätte dazu nicht den Mut gehabt. Freilich Sie
sind noch jung und fürchten sich vor Niemandem. Denken Sie
denn auch mit den Gästen des Lords fertig zu werden?
Warum nicht? Es werden doch jedenfalls auch nur Menschen
sein, wie wir.
Aber sehr stolz und hochmütig sind die beiden Damen, wie
Patrik sagt; wenigstens die beiden, welche der Lord besonders auszeichnen soll, obwohl ich an seine Vermählung mit der schönen
und jungen durchaus nicht zu glauben vermag. Nein, bestimmt nicht.
Warum sollte sich Lord Rochester nicht vermählen, Mistreß?
Er hat zu lange Zeit als Junggeselle gelebt und wird sich
nur mit Widerwillen in eine neue Lebensweise hineinfinden wollen,
es vielleicht auch gar nicht können.
Man hat schon unmöglicher scheinende Dinge im Leben vor
sich gehen sehen, als eine Vermählung - ich halte Lord Rochesters
Verheiratung nicht für undenkbar.
Sam rief Mistreß Harleigh zu Lord Rochester und Adele
holte Jane ab, damit ihr dieselbe an der Fertigstellung ihrer
Toilette noch etwas behülflich sein sollte.
Die für die Ankunft der Gäste festgesetzte Stunde war bereits
überschritten, und noch immer wollte sich keine Spur von ihnen
zeigen, obwohl Patrik sogar hinauf auf den Turm gestiegen war
und nach ihnen Umschau gehalten hatte. Lord Rochester wurde
ungeduldig, hielt es in seinem Hause nicht länger aus und war
unhöflich genug, sich nach dem nächsten Gute zu begeben, ehe er
das Eintreffen der Gäste erwartete.
Entschuldigen Sie meine Abwesenheit, Miß Eyre, hatte er zu
Jane geäußert, ehe er das Pferd bestieg, um hinweg zu reiten,
in einer Stunde spätestens werde ich wieder zurück sein. Mein
Besuch, fügen Sie hinzu, hätte sich keine Minute mehr verzögern
dürfen, sollte er nicht von unberechenbarem Schaden für meine
Person und meine Güter sein.
Lange sollten indessen Jane und Mistreß Harleigh nicht
harren, aber der Abend dämmerte doch bereits, als mehrere Reiter
sowohl, wie zwei Wagen im Hofe anlangten, die mit Damen besetzt waren. Vom Hofe aus konnte Jane deutlich vernehmen, daß
die Ankömmlinge sich beklagten, Lord Rochester nicht zu ihrem
Empfange anzutreffen, und wie sie sich beschwerten, daß er nicht
einmal so viel Rücksichten auf die Damen genommen habe. Es
entspann sich eine kurze Unterhaltung auf dem Hofe, deren Resultat
ergab, daß ein Teil der Ankömmlinge beschloß, sich sogleich auf
die für sie bestimmten Gemächer zurückzuziehen, während ein
anderer Lord Rochester's Rückkunft im Empfangszimmer erwarten
zu wollen erklärte. Die Ankömmlinge betraten das Haus und
näherten sich dem Zimmer, in welchem Jane sie dem Befehle des
Lords gemäß empfangen und unterhalten sollte. Deutlich vernahm
sie Mistreß Harleigh's Stimme:
Wenn es Ihnen gefällig ist, meine Herrschaften, so treten
Sie in dieses Gemach; Lord Rochester kann nur noch wenige
Augenblicke weg bleiben und hat Befehl gegeben, alle Ihre ausgesprochenen oder auszusprechenden Wünsche aufs pünktlichste zu
erfüllen.
Als sich die Thüre öffnete und Jane's Blick auf die erste
eintretende Dame fiel, erkannte sie zu ihrem Schrecken, ja zu ihrem
Entsetzen diejenige Dame, welcher sie am allerwenigsten in ihrem
Leben jemals wieder zu begegnen gewünscht hatte- es war
Mistreß Need. Obwohl bedeutend gealtert und merklich ergraut,
auch wohl körperlich etwas hinfälliger geworden, erkannte Jane
ihre ärgste Feindin an dem kalten gleichgiltigen Gesichtsausdruck,
der sich durch der Länge der Jahre nicht im mindesten abgeschwächt oder verringert hatte. Jane hatte indessen so viel Selbstbeherrschung, daß sie durch keinen Laut, ja durch keine Miene oder
Bewegung verraten hätte, was in ihrem Innern vorging, nur
gebrauchte sie die Vorsicht, sich etwas tiefer in das Zimmer zurückzuziehen und Mistreß Harleigh die Unterhaltung führen zu lassen.
Die jüngere Dame, welche mit Mistreß Reed zugleich kam, war
Georgine- darüber war kein Zweifel bei Jane, denn wenn sie
auch ihr Antlitz mit einem Schleier verhüllt hatte, so zeigten doch
ihre Figur und ihre stolze Haltung, welche für Jane unvergeßlich
waren, deutlich, daß nur sie es sein konnte. Der Herr, welcher
Mistreß Reed den Arm gereicht hatte, war dem Anscheine nach
Georginens Gatte, Lord Clarens - also konnte sie es nicht
sein, welche Lord Rochester nach Patriks Meinung zu heiraten
beabsichtigte.
Mistreß Reed schien unwohl zu sein, denn sie ließ sich sogleich
nach dem Sopha führen und nahm erschöpft auf demselben Platz.
Ich danke Ihnen, Lord Clawdon, für Ihre Mühe, sprach sie leise.
Befindest Du Dich nicht wohl, Mama? frug Georgine und
schlug ihren Schleier zurück. Jane bemerkte, daß sie schöner noch
geworden war, als sie früher gewesen.
Ich finde die Luft in diesem Hause hier dumpf und drückend,
mein Kind, antwortete Mistreß Reed, tief Atem schöpfend. Ich
hätte auch gleich zur Ruhe gehen und mich nicht mehr mit hierher
führen lassen sollen. Mein Kopf droht mir zu zerspringen.
Du hast Dich zu warm angezogen, Mama, entgegnete
Georgine. Warum auch mußtest Du Dich so in Pelz und Seide
einhüllen, als wenn wir mitten im stärksten Winter wären, anstatt
daß wir mit vollen Segeln auf den Frühling lossteuern.
Georgine, mein Kind, o mein Gott, wie wird mir plötzlich?
Aber Mama, Du erschreckst mich ja ordentlich, rief Georgine
und trat von dem Herrn weg, mit dem sie sich bisher leise und
angelegentlich unterhalten hatte, zu ihrer Mutter.
Mir ist so unheimlich und bang zu Mute, daß ich mich
kaum aufrecht zu halten vermag?
Hier nimm mein Flacon, das wird Dir wohlthun und Dich
stärken. Leider habe ich es im Wagen liegen lassen. Lord Francis,
wandte sie sich an ihren früheren Begleiter, sehen Sie nach, damit
es Jemand aus dem Wagen heraufholt - ich bitte darum.
Laß das Flacon, es hilft mir nichts. Seit ich dieses Zimmer
betreten, hat mich jene Unruhe, jene Beklommenheit wieder überfallen, die mich zuletzt beim Tode Deines Gatten heimsuchte und
welche mir einen jeden harten Schicksalsschlag anzukündigen pflegt.
Laß doch Deine Hirngespinste, Deine sonderbaren Phantasieen,
Mama. Wir sind fremd hier.
In dieser Atmosphäre, die ich atme, liegt etwas Unheimliches, etwas Verhängnisvolles für uns - hier lauert im Verborgenen ein Unglück auf uns. Laß uns umkehren, Georgine, ehe
es zu spät ist - noch, glaube ich, ist es Zeit. Georgine, höre
auf meine Warnung.
Gib Dich Deiner Schwäche nur nicht gar zu sehr hin, Mama.
Lord Francis, bitte, sorgen Sie dafür, daß meine Mutter in den
Besitz meines Flacons kommt, dann werden sich ihre Nerven schnell
beruhigen und ihrer erregten Phantasie freundliche Bilder vorschweben.
Der Lord Francis Angeredete wollte nach der Thüre gehen
und erblickte Jane. Ah, da ist ja Jemand, hob er an, wollten
Sie vielleicht so freundlich sein, Miß.
Jane hatte einen harten Kampf innerhalb dieser wenigen
Augenblicke zu bestehen gehabt - all ihr erduldetes Weh, all ihr
Haß, den sie überwunden zu haben glaubte, war in alter Kraft
wieder erwacht und steigerte sich noch, als sie erfahren mußte, daß
Georgine Witwe war und somit doch Lord Rochesters künftige
Gemahlin werden konnte, aber ihr Wille, ihre Selbstbeherrschung
war doch stärker wie ihre Leidenschaft, und hätte sie noch einen
Augenblick schwanken können, was sie jetzt thun mußte, so würde
ihr das Lord Rochester gegebene Versprechen schon den richtigen
Weg vorgezeichnet haben. Sie trat daher ruhig vor und sprach
in bescheidenem, aber doch festem Tone: Kann ich Ihnen dienstlich
sein, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat
mich beauftragt, Sie in seinem Namen zu empfangen.
So! erwiderte Georgine stolz und maß Jane mit einem verächtlichen Blicke. Und welche Stellung bekleiden Sie in diesem
Hause, daß Sie zu solcher Ehre gelangen?
-
tete Georgine. Sagen Sie Lord Rochester, wir wären den Kinderschuhen entwachsen und bedürften Ihrer nicht.
Ich werde Ihren Auftrag ausrichten, Mylady, entgegnete Jane.
Bei den ersten Lauten, welche über Jane's Lippen gedrungen
waren, hatte Mistreß Reed gestutzt und sich rasch umgewandt.
Jane erblicken und sofort wiedererkennen, war das Werk eines
Augenblickes; sie fuhr entsetzt in die Höhe, brach aber auch sofort
wieder zusammen und rief halblaut aus: Ach, ich wußte es leider
nur zu gut.
Aber, mein Gott, was haben Sie? Was fehlt Ihnen?
fragten Lord Clawdon und Lord Francis besorgt, während Georgine ärgerlich bemerkte: Was hast Du denn Mutter?
Es ist Verhaßtes in meiner Nähe, flüsterte sie Georgine
hastig zu.
Was hast Du denn? Ich verstehe, ich begreife Dich heute
gar nicht, Mama.
Mistreß Reed ergriff Georginens Hand, zog sie dicht an ihre
Seite und raunte ihr leise in das Ohr: Wo hast Tu Deine
Augen? Erkennst Du Jane Eyre, meine und Deine ärgste Feindin nicht!
Bei Gott, sie ist es, flüsterte Georgine, indem sie Jane ebenfalls deutlich erkannte.
Gib Acht, sie wird dem Lord verraten, daß wir ihre Verwandten sind und sie auf die Lowoodstiftung geschickt haben.
Sie wird uns bloßstellen.
Du, Mama, hast sie dahin geschickt, nicht ich- das wird
dem Lord genügen!
Während Beide sich leise mehr weiter stritten, als unterhielten,
beobachtete Lord Clawdon und Lord Francis die ruhig und ohne
eine Spur von Befangenheit dastehende Jane, und Lord Francis
konnte es nicht über sich gewinnen, mit der Frage an Jane zurückzuhalten:
Sind Ihnen diese Damen vielleicht bekannt, Miß?
Nein, Sir- ich erblicke Beide heute zum ersten Male, antwortete Jane, nachdem sie dieselben lange und aufmerksam betrachtet hatte.
Wirklich erst zum ersten Male? fragte Lord Clawdon weiter.
Das ist seltsam; die Damen scheinen Sie doch aber früher schon
gekannt zu haben?
Das dürfte vielleicht nur auf einer Personenverwechslung oder
auf einer momentanen Täuschung beruhen, Sir.
Nein, meine Herren, rief Georgine bereits wieder gefaßt und
übermütig, wir haben die sonderbare Physiognomie dieser Person
noch niemals gesehen.
Wir wollen uns aber auf unser Zimmer zurückziehen, sprach
Mistreß Reed langsam. Können Sie uns hierzu behilflich sein,
Miß, so bitte ich darum.
Ich will es versuchen, erwiderte Jane - ein Diener wird
sicherlich wissen, welche Zimmer für die Herrschaften von Mistreß
Harleigh bestimmt sind.
Du bist heute außerordentlich aufgeregt, Mama, warf Georgine ärgerlich ein. Ich habe dem Lord versprochen, ihn zu
erwarten, wenn er nicht gleich anwesend sein sollte.
Ich muß Ruhe haben, Georgine- ich fürchte sonst ernstlich
krank zu werden.
Die Ankömmlinge wendeten sich bereits zum Gehen, als sich
rasch die Thüre öffnete und Lord Rochester, ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit, in vollendetem Gesellschaftsanzug erschien. Die sonst
ernsten, ja finsteren Wolken, welche zumeist auf seiner breiten
Stirne lagerten, waren verschwunden und über seine Züge leuchtete
ein heiteres, freundliches Lächeln; seine sonst etwas schwerfälligen
Bewegungen waren leicht und elegant, kurz die ganze Erscheinung,
sein ganzes Auftreten und Wesen schienen sich in gar nicht unbedeutendem Grade verjüngt zu haben.
Meine werten Gäste, wandte er sich mit ausgesuchter Zuvorkommenheit an die Ankömmlinge, werden mir verzeihen, wenn ich
nicht gleich bei ihrem Eintreffen die Pflichten des Hauswirtes in
ihrem ganzen Umfange erfüllen konnte. Ich habe Ihnen zwar
gleich im voraus gesagt, daß auf meine Anwesenheit nur unsicher
zu rechnen sein würde, aber ich fühle mich doch nochmals gedrungen,
Ihre Verzeihung in Anspruch zu nehmen. Ich will hoffen, daß
Sie meine Abwesenheit nicht vermißt haben.
Wir wissen, Mylord, daß Ihre ausgebreiteten Besitzungen
einen großen Teil Ihrer freien Zeit und Ihrer Arbeitskraft in
Anspruch nehmen und aufzehren, antwortete Georgine - und ich
erteile Ihnen in unserer Aller Namen bereitwillige Verzeihung.
Sie wurden doch wohl so empfangen, daß Sie meine Abwesenheit nicht vermißten? fragte Lord Rochester mit einem scharfen
Blicke auf Jane Eyre.
Wer sollte Ihre Gegenwart uns wohl ersetzen können, Lord
Rochester? versetzte Georgine. Diese junge Person vielleicht? Sie
ist uns völlig unbekannt.
Sollte sie sich Ihnen nicht vorgestellt und Sie unterhalten
haben, wie ich befahl?
Verzeihung, Herr, ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit- die
Herrschaften waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt - sonst würde ich -
Schon gut, unterbrach sie Rochester. Meine Damen und
Herren, gestatten Sie mir Ihnen in dieser jungen Dame Miß
Jane Eyre, Adelens Gouvernante, vorzustellen.
Miß Eyre? Ich glaube den Namen einer andern Erzieherin
früher gehört zu haben.
Früher ja! Seit einigen Monaten aber leitet Miß Eyre
Adelens Erziehung mit überraschendem Erfolge, ja mit einer Auszeichnung, die mich in Erstaunen setzt.
Und worin unterrichtet denn diese Gouvernante Ihren kleinen
Pflegling ? fragte Mistreß Reed, welche ihre Selbstbeherrschung
wieder erlangt hatte, den Lord.
In allen Unterrichtsgegenständen, in Sprachen, Musik, Zeichnen, kurz in allen Dingen, welche man von einer Gouvernante
fordern kann. Ja Miß Eyre malt sogar und zwar weit besser,
als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Herr, ich bitte, wagte Jane diesen Lobsprüchen gegenüber einzuwerfen.
Keine Widerrede, Miß, was wahr ist, muß wahr bleiben.
Ein Lob von Ihnen, Lord, in Bezug auf Malerei, wo Sie
sonst ein so strenger Richter sind, wiegt nicht leicht. Wo lernten
Sie denn alle diese Künste? fragte Georgine mit einem neidischen
Seitenblicke auf die schweigsame blasse Jane.
In der Lowood-Stiftung, Mylady,
Werden denn, fragte Mistreß Reed lauernd, in dieser Waisenanstalt, die nur von milden Gaben unterhalten wird, solche nichtige
Dinge, wie Malen und Musik gelehrt. Ich habe mir immer
sagen lassen, daß der fromme Doktor Blackhurst seinen Zöglingen,
die meistens nur aus verdorbenen und verwahrlosten Kreaturen
bestehen sollen, vor allen Dingen in Religion, Gottesfurcht, Demut,
Bescheidenheit und Arbeit unterrichte.
Auch das geschieht, Mistreß - erwiderte Jane - Entschuldigen Sie, Herr, ich habe nicht die Ehre die Namen dieser Damen
zu kennen.
Ach so- entschuldigen Sie mich, Miß Eyre, daß ich so vergeßlich war, und erlauben Sie, daß ich mein Versehen wieder gut
mache: Lady Georgine Clarmes, Mistreß Reed, Lord Clawdon,
Lord Francis.
Mistreß Reed, antwortete Jane unter einer tiefen Verbeugung, können versichert sein, daß ich in der Lowoodstiftung, die
von milden Gaben unterhalten wird, Alles gelernt habe, worin
Doktor Blackhurst unterrichtet, und daß ich den Personen cwig
dankbar sein werde, welche die Veranlassung waren, daß ich dieses
Unterrichts so lange teilhaftig wurde, bis ich die Fähigkeiten mir
erworben, als Lehrerin dort einzutreten und mir späterhin eine
Stelle als Erzieherin zu suchen.
Sie sind sehr bescheiden in Ihren Ansprüchen, Miß Eyre,
erwiderte, als von Seiten der beiden Damen keine Antwort
erfolgte, Lord Rochester. Ich kenne Ihre Vergangenheit und Ihre
Verhältnisse nicht, kann also nicht wissen, aus weichen Gründen
man Sie nach Lowood brachte- aber davon bin ich überzeugt,
daß Sie Derjenige nicht aus Liebe zu Ihnen auf die Galeeren
von Lowood verbannt hat. Lowood ist in der That eine Strafanstalt.
Geliebt hat er mich bestimmt nicht, Herr; das glaube und
weiß ich auch, aber er hat mich wider seinen Willen selbständig und zufrieden gemacht - ich segne seine That.
Ich hoffe, Lord Rochester, hob Georgine in etwas Verletzung
zeigendem Tone an, daß wir nicht zu Ihnen gekommen sind, uns
über die Talente und die Vergangenheit, noch Zukunft Ihrer Gouvernante zu unterhalten, sondern nur mit unseres Gleichen zu
verkehren.
Wenn auch Wissen und Talent den Geringsten zu unseres
Gleichen erhebt, reizende Georgine, so haben Sie doch Recht, daß
es unhöflich von mir ist, Sie von solchen Dingen zu unterhalten,
anstatt für Ihr Unterkommen und Ihre Bequemlichkeiten Sorge
zu tragen.
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Und dabei glaube ich noch, daß Miß Eyre gar nicht so gut
malt, wie Sie uns vorspiegeln, ja daß Sie für Ihre Gouvernante
auffallend Partei nehmen! Nicht?
Für Miß Eyre? fragte Rochester leise gereizt. Ich wüßte
nicht, wie ich dazu käme. Sie sollen Ihre Malereien sehen und
mögen selbst urteilen. Lord Rochester wandte sich und ging nach
dem Zimmer, in welches er Jane's Mappe mitgenommen hatte.
Herr, Sie beschämen mich; ich bitte, - wagte Jane nochmals
schüchtern zu widersprechen, aber der Lord hörte nicht auf sie und
entfernte sich rasch.
Georgine flüsterte wiederum angelegentlich und eindringlich
mit ihrer Mutter, während sich Lord Francis mit der Frage an
Lord Clawdon wandte: Finden Sie es nicht geradezu seltsam, Sir,
wie ungemein bemüht Lord Rochester ist, die Talente und Kenntnisse seiner Gouvernante diesen Damen hier vor Augen zu führen?
Gewiß, Francis, antwortete ihm Clawdon leise, und es kommt
mir vor, als wenn zwischen der Gouvernante und den Damen eine
Beziehung auf die Vergangenheit stattfinden muß. Wir müssen
auf unserer Hut sein; mit dem Mädchen wird etwas beabsichtigt.
Ich glaube nämlich nicht, Francis, daß es dem Lord mit seiner auffallenden Werbung um Georginens Gunst Ernst ist- er führt,
glaube ich, gegen sie etwas im Schilde.
Sie täuschen sich, Clawdon, erwiderte Francis. Rochester
hat bereits um Georginens Hand angehalten - sie selbst hat es
mir vertraut.
So lange es Rochester mir nicht selbst sagt, zweifle ich noch
daran. Ah da ist der Lord schon wieder und trägt eine große
Mappe in seinen Händen.
Nun, Lady Georgine, sprach Rochester, überzeugen Sie sich
selbst, ob ich zu viel von Miß Eyre's Talent gesagt habe; es
ist originell genug für ein Schulmädchen aus Lowood.
Sie werden mir gestatten, erwiderte Georgine in wegwerfendem Tone, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für später
aufhebe. Meine Mama fühlt sich sehr angegriffen und auch ich
sehne mich wirklich nach baldigster Ruhe.
So wollen Sie mir in der That die Gunst versagen, Sie
zum Abendessen geleiten zu dürfen? fragte Lord Rochester galant.
Es steht Alles schon bereit.
Mylord sind sehr gütig, erwiderte an Georgines Stelle
Mistreß Reed, aber bei meinem vorgeschrittenen Alter und der
langen ununterbrochnen Fahrt bedarf ich der Ruhe und des
Schlafes- und je eher ich mich auf mein Zimmer zurückziehen
kann, desto besser und zweckmäßiger dürfte es für mich sein.
Wenn Sie mir gestatten, Mistreß Reed, sprach Lord Francis
in teilnahmvoller Weise sich nähernd, so geleite ich Sie nach Ihrem
Zimmer.
Sie sind sehr freundlich, Lord, antwortete Mistreß Reed,
seinen Arm nehmend; ich nehme Ihre Unterstützung dankbar an.
Gute Nacht, Lord Rochester, auf Morgen also.
So bleibt mir leider für heute nichts weiter übrig, Lady
Clarens, wandte sich Rochester an Georgine, als für heute auf
Ihre liebenswürdige Gesellschaft zu verzichten und den Abend in
meiner einsamen Umgebung zu verleben. Darf ich bitten? Bei
diesen Worten bot er Georgine seinen Arm, und diese nahm denselben bereitwillig an.
Als Beide das Zimmer verließen, wandte sich Rochester nach
Jane nochmals um und rief ihr in herablassendem Tone zu: Sie
können sich auch zur Ruhe legen, Miß Eyre, Sie sind für heute
ihres Postens entlassen.
Kaum war Jane allein, so eilte sie auf ihre Mappe zu,
ergriff dieselbe und preßte sie heftig an ihre Brust: Nein, sprach
sie mit erhobener Stimme, Du mein einziger Schatz, Du mein geistiges Eigentum sollst den Blicken dieses herzlosen Weibes nicht
preisgegeben werden. Mag Lord Rochester mir zürnen, mag er
mich aus seinem Hause entfernen, wenn ich die Mappe gegen seinen Willen an mich nehme, es soll mir gleich sein. Der Spott
dieser Augen und dieser Mienen soll sich nicht ergießen über die
mühsam getriebenen Blüten meiner stillen Phantasieen. Kann
ich überhaupt hier bleiben, wenn diese beiden Frauen, die meine
Jugend vergiftet, meine Kraft zerstört haben, für längere Zeit hier
weilen sollten? wenn Georgine gar Lady Rochester werden und
hier herrschen sollte? Nein, nein und dreimal nein! Aber
ich gab mein Wort vor einer Stunde kaum, dies Schloß nur zu
verlassen, wenn er mich weg schicke- dies Versprechen muß ich
lösen, koste es, was es wolle. Sie sank auf einen Stuhl und
preßte beide Hände vor die Augen.
In tiefe schmerzliche Gedanken versunken mochte Jane wohl
eine halbe Stunde so gesessen haben, als sie durch Rochesters
Stimme ans denselben jäh aufgescheucht wurde. Er kehrte offenbar
von Georgine zurück und näherte sich dem Empfangszimmer
wieder, das zu verlassen er Jane aufgetragen hatte. So gern
Jane auch jetzt seinem Begegnen entgangen wäre, so blieb ihr doch
keine Möglichkeit- sie mußte unbedingt mit ihm noch einmal
zusammentreffen. Die Thüre öffnete sich - er trat ein und voll
Erstaunen fiel sein Blick auf die Gouvernante, die ihn nicht anzuschauen wagte.
Nun, Miß Eyre, befolgen Sie so meine Befehle, begann der
Lord. Anstatt dieses Zimmer zu verlassen, schlichen Sie hier noch
heimlich herum und suchen sie etwas hier oder dort zu erhorchen.
Das ist nicht schön und gut von Ihnen.
Ich horche nicht, Herr, und schleiche auch nicht herum, antwortete Jane trotzig werdend; ich nahm nur mein Eigentum an
mich, daß ich nicht Lust verspüre, Jedermanns Augen Preis zu
geben. Ich nahm meine Mappe, Herr, meine Bilder und das
Verfügungsrecht über dieselben gehören mir, und ich lasse es mir
von Niemand streitig machen.
So wollen Sie mir deren Anblick auch nicht mehr gönnen,
Miß Eyre?
Ihnen, Lord Rochester, gern, so lange Sie wollen. Ihnen
würde ich dieselben sogar als Eigentum überlassen können, aber
nur unter der einzigen Bedingung, diese Bilder nicht von Augen
betrachten zu lassen, aus denen Hohn und Verachtung, Kälte und
Geringschätzung gegen andere Menschen spricht, die angeblich nicht
Ihresgleichen sind.
Und warum, Miß Eyre, wollen Sie diese Bilder, auf welche
Sie so hohen und wirklich verdienten Wert legen, mir, gerade
mir überlassen? Sprechen Sie Miß.
Weil Sie mich verstehen, Herr, antwortete Jane nach einigem
Zaudern, weil Sie empfunden haben, in welcher Stimmung ich
diese Bilder geschaffen, welche Gedanken und welche Gefühle ich
in ihre Ideen hineingelegt, weil Sie dieselben zu würdigen wissen.
So nehmen Sie die Mappe von Ihrer Brust, Miß, und
legen Sie selbige wieder in meine Hand. Können Sie sich freiwillig dazu entschließen, Miß?
Hier ist die Mappe, Herr, aber dann muß ich auch auf der
vorhin ausgesprochenen Bedingung bestehen, daß Mappe und Bilder nur für Ihre und nicht für fremde Augen sind.
Mein Wort darauf, daß ich Ihre Bedingung aufrichtig erfüllen
will, und hier bekräftige ich es noch durch einen freiwilligen Handschlag.
Jane schlug nachdenklich in Rochesters dargebotene Hand ein,
zog die ihrige aber gleich darauf wieder zurück und sagte leise:
Gute Nacht, Herr, es wird Zeit zur Ruhe.
Gute Nacht, Mifß Eyre! Auf Wiedersehen morgen.
Jane eilte nach ihrem Zimmer. In ihrem Innern gährte
und tobte es von widersprechenden Gefühlen der mannigfaltigsten
Art; sie suchte sich gewaltsam Ruhe zu erkämpfen, aber es gelang
ihr nicht vollständig- die Furcht, welche das Zusammentreffen
mit Mistreß Reed und Georgine hervorgerufen, war nicht zu besiegen und stieg in immer neuen und drohenderen Bildern vor
ihrem geistigen Auge empor. Ruhelos schritt sie in ihrem Zimmer auf und ab und suchte zu einem klaren und festen Entschlusse
zu kommen, wie sie sich ihren ehemaligen Verwandten gegenüberstellen solle; denn in der stummen Entfernung wie heute noch Tage
hindurch vielleicht zu verharren, das wußte sie, das ging über ihre
Kräfte, so sehr sie auch Selbstbeherrschung über sich selbst auszuüben vermochte. Sie konnte sich Niemand anvertrauen, selbst
Mistreß Harleigh nicht, ohne das Geheimnis ihrer Verwandtschaft
preiszugeben. Und jetzt fühlte sie erst recht lebhaft, wie sie gegen
diese würdige Dame, welche es so aufrichtig und teilnehmend gegen
sie meinte, unrecht und unvorsichtig gehandelt hatte.
Es wurde spät- die Uhr schlug elf Uhr, und noch immer
schritt sie nachdenkend auf und ab; da mit einem Male vernahm
sie das Geräusch wieder, als wenn Jemand leise, aber nicht vorsichtig
genug, um unentdeckt zu bleiben, an ihrer Thür vorüber huschte und
wiederum die Richtung nach Lord Rochesters Schlafzimmer einschlug.
Sollte das Gratia Poole wieder sein? Sollte Lord Rochesters
Leben wiederum in Gefahr schweben durch die heimtückische Rachsucht dieses entsetzlichen Weibes? Unwillkürlich stiegen diese Gedanken wiederum in Janens Brust auf, und gleichsam von einem
unwiderstehlichen Drange getrieben, der alle Angst und Furcht vor
einem Zusammentreffen mit dieser unheimlichen Erscheinung darniederkämpfte, öffnete sie leise die Thüre ihres Zimmers, welche
nach dem Korridore zuführte. Der Korridor war halb erleuchtet
durch ein Licht, welches das Weib in einer Hand trug und behutsam nach Rochesters Kabinet schritt.
Das war aber doch Gratia Poole's gedrungene mittlere Gestalt nicht? Das war ein langes, schlankes, schattenhaftes Wesen,
das dahin schlüpfte und die unverschlossene Thüre von dem Schlafgemache des Lords öffnete! Wer war dieses Geschöpf in seiner
phantastischen, keinem vernünftigen Menschen ähnlichen Tracht und
was konnte es von Rochester wollen? Beim Durchgang durch die
Thüre gewahrte Jane zu ihrem Entsetzen, daß das weibliche Wesen,
-
und leise gurgelnde Töne ausstieß, die stets dem gräßlichen Lachen
Gratia Poole's vorangingen; Gratia Poole's? fragte sie sich hastig.
Nein! Nein und abermals Nein! Gratia Poole's sicher nicht.
Gratia, das sah Jane jetzt klar ein, hätte in so entsetzlicher Weise
gar nicht lachen können- Gratia war nur die Wächterin, welche
dieses Geschöpf bewachen mußte und sicher nicht scharf genug bewachte, so daß es ihren Händen zuweilen entschlüpfen konnte. Gewiß so war es und Gewißheit mußte sie haben. Jetzt hörte sie
auch das frühere Gelächter, aber nicht in so durchdringender Weise.
Alle diese auftauchenden Gedanken füllten nur wenige Secunden aus, und kaum war dieses unbekannte geheimnisvolle Geschöpf
in Rochesters Kabinet verschwunden, so stand Jane auch schon
nach einigen wenigen fliegenden Schritten in derselben Thüre, durch
welche die Erscheinung verschwunden war und sah, wie dieselbe
vor Rochester stand, der noch ganz angekleidet auf einem Divan
anscheinend im festen Schlafe ausgestreckt lag. Wie gefesselt blieb
Jane stehen; als aber jenes Wesen das Messer hob, um einen
Streich nach dem Schlafenden zu führen, stürzte sie eiligst auf das
Weib los und entwand ihm mit einem raschen unvermuteten Griffe
die gefahrdrohende Waffe.
Wie ein gereiztes gieriges Tier schnellte die Angegriffene
herum, und Jane blickte in ein starres, verzerrtes Gesicht, das den
Stempel der geistigen Verwirrung, des Wahnsinnes in seinen Zügen unleugbar ausgedrückt zeigte und kreischend auf sie losfuhr,
als wenn sie nun als Opfer fallen sollte. Ein rascher Seitensprung rettete Jane vor den Händen der Wahnsinnigen und sie
fand hierbei Gelegenheit, Lord Rochester an der Schulter zu ergreifen, zu rütteln und zu rufen: Lord Rochester, erwachen Sie!
Die Wahnsinnige lachte hell auf und stürzte von Neuem auf
Jane los, die sich nicht anders mehr zu helfen wußte, als zu rufen:
Lord Rochester! Lord Rochester! Erwachen Sie! Der Lord ermunterte sich in der That, und es war auch die höchste Zeit, daß er
Jane zu Hülfe eilen konnte, denn bereits war sie von der Wahnsinnigen erfaßt und rang mit ihr in verzweifelter Weise. Nochmals rief sie: Lord Rochester! Hülfe!
Der Lord sprang empor, überschaute mit einem Blicke die
Lage der Dinge und die Gefährlichkeit der ganzen Situation; mit
gewaltiger Faust packte er Jane's Gegnerin und schlenderte sie
hinweg von ihr, so daß jene zunächst außer aller Gefahr war.
Jetzt erst konnte sich das junge aufgeregte Mädchen so weit fassen,
daß sie das Messer vom Boden hob und aus dem Bereiche der
Wahnsinnigen entfernte.
Als Rochester das Messer gewahrte, ahnte er sofort den ganzen Zusammenhang, der sich in seinem Gemache so eben abgespielt
habenden Scene und griff, ohne einen Augenblick zu zögern, ein,
um Ordnung wieder in die Verhältnisse zu bringen, d. h. Ruhe
für sich und seine Erzieherin zu schaffen. Er trat dicht an die
Wahnsinnige heran, die auf einem Stuhle wie festgebannt saß und
nahm sie wie ein kleines Kind auf seine Arme.
Leuchten Sie mir, Miß Eyre, sprach Rochester, aber suchen
Sie so wenig Geräusch zu machen wie möglich. Ich werde dieses
unglückliche Geschöpf hier wieder in sein Zimmer bringen und ihm
wie uns weitere Unannehmlichkeiten zu verhindern suchen. Folgen
Sie mir, Miß.
Rochester verließ, die arme Wahnsinnige, welche nicht den geringsten Widerstand zu leisten wagte, auf den Armen tragend,
sein Gemach und schritt nach der Thüre, welche zu der Treppe
des Turmes führte. Dort angekommen, mußte Jane die Thüre
öffnen und warten, während der Lord die Treppe hinaufstieg und
mit seiner Last in der Stube verschwand, welche Gratia Poole
bewohnte. Warten Sie einen Augenblick auf mich, Miß, flüsterte er.
Jane stand lautlos; es däuchte ihr, als hörte sie den Lord
die Worte sagen: Sie schlafen schon wieder und lassen ihrer Ge-
-
Ich schloß, Herr, aber die schlaue Lady muß beachtet haben,
wo ich den Schlüssel hingethan und muß ihn genommen haben,
als sie mich schlafen wußte, Herr. Unerklärlich.
Bewacht sie sorgfältiger als bisher noch, Gratia; es muß sein;
es ist mein Befehl.
Ich will es versuchen, Herr, aber die Wahnsinnige überlistet
mich stets von Neuem.
Das Gespräch verstummte bis auf einige unverständliche Worte.
Darauf schritt der Lord die Treppe wieder herab und sprach zu
Jane: Miß Eyre, begleiten Sie mich auf mein Zimmer; ich habe
Ihnen einige wichtige Mitteilungen zu machen.
Kann das nicht am nächsten Morgen oder an einem der
folgenden Tage geschehen, Herr? Es ist schon spät in der Nacht
und ich bedarf nunmehr wirklich der Ruhe.
Sie haben Recht; legen Sie sich zur Ruhe; ich will auch wieder zu schlafen versuchen, aber ob ich so bald wieder zu Mitteilungen
werde aufgelegt sein, möchte ich wohl bezweifeln und Sie müssen
dann warten. Gehen Sie.
Gute Nacht, Herr.
Miß Eyre, ich danke Ihnen wiederholt mein Leben. Wie auf
Erden soll ich Ihnen dies jemals wieder vergelten können! Ich
muß einen ganz besonderen Preis für Sie aussinnen, mit dem ich
Sie gelegentlich überraschen kann. Einstweilen jedoch müssen Sie
mit meinen trockenen Dankesworten zufrieden sein. Nun denn,
gute Nacht, Miß Eyre.
Jane ging nach ihrem Zimmer und dachte im Stillen bei
sich: Hört denn Niemand in diesem Hause etwas von dem Treiben der Wahnsinnigen? Muß ich es denn sein, die stets zu diesen
entsetzlichen Scenen Zeuge sein muß. Oder will es Niemand bemerken und überläßt man es nur absichtlich meiner Person? Unter
diesen sich selbst gestellten Fragen entschlummerte sie.
Zwölftes Kapitel.
Am Morgen auf diese entsetzliche Nacht ward es ungemein
lebendig im Hause; die Gäste mußten bedient werden und hatten
mehr Bedürfnisse, als man sonst in Thornfield zu befriedigen gewohnt war; namentlich waren es die fremden Damen, welche der
Dienerschaft unendlich viel zu schaffen machten. Um Jane schien
sich Niemand bekümmern zu wollen; sie blieb daher ruhig auf
ihrem Zimmer und trug nicht das geringste Verlangen, mit
Mistreß Reed und Georgine wieder zusammenzukommen oder die
übrigen noch anwesenden Gäste kennen zu lernen.
Gegen 1 Uhr endlich erschien Sam und rief sie zu Lord
Rochester, der sie zu sprechen verlange. Jane fand ihn ernst und
bleicher als sonst; eine schwere Falte lagerte auf seiner Stirn, und
er schien in düstere Gedanken versunken. Als er die Eintretende,
welche auf ihren Gruß keine Antwort erhalten, gewahrte, nahmen
seine Gesichtszüge wieder ihren früheren gleichmütigen Ausdruck an.
Miß Eyre, begann Rochester, ehe ich mit Ihnen wieder vor
meinen Gästen zusammentreffe, habe ich eine Unterredung mit
Ihnen zu pflegen, welche Ihnen aber das Ereignis der gestrigen,
sowie einer früheren Nacht einige Aufklärungen bringen soll.
Ich bin bereit zu hören, Herr, antwortete Jane.
Sie hielten bisher Gratia Poole für die Urheberin jenes seltsamen Lachens, das Sie oftmals gehört haben, wie jenes Angriffs auf mein Leben, den sie durch Anzündung meines Bettes
machte. In dieser Nacht jedoch sind Sie Mitwisserin eines Geheimnisses geworden, das Niemand in meinem Hause kennt, außer
mir und Gratia Poole. Mistreß Harleigh hat vielleicht eine
dunkle Ahnung davon und auch die übrige Dienerschaft mag sich
einbilden, daß ich mein eigenes Weib hier gefangen halte. Haben
Sie nicht auch so etwas in Gedanken gehabt, Miß?
Nein, Herr, ich habe nur Gratia Poole für die Thäterin
und Urheberin gehalten, bis -
Bis Sie in dieser Nacht eines Anderen belehrt wurden. Sie
sollen Alles erfahren. Gratia Poole bewacht allerdings ein
armes wahnsinniges Weib, aber nicht mein Weib, und doch eine
Lady Rochester, die Frau meines verstorbenen älteren Bruders
und meine ehemalige Braut.
Ihre ehemalige Braut? rief Jane heftig erschrocken aus.
Ja, meine Braut! Sie war meine erste und bis vor wenigen
Wochen meine einzige Liebe - jetzt ist sie nur eine Wahnsinnige,
der ich Schonung schulde, die ich meinem feierlichen Versprechen
zufolge keiner Anstalt, keiner anderen Pflege anvertrauen darf,
als der Gratia Poole's, einer treuen Dienerin unserer Familie-
denn jene hat den Namen unserer Familie mit einem Schandflecken bedeckt und muß vor der Welt verborgen bleiben.
O das ist traurig, sehr traurig, flüsterte Jane, als Rochester
eine Pause eintreten ließ.
Ich war der zweitgeborene Sohn meines Vaters, also ohne
Vermögen- ich liebte Harriet Durham, und sie schwur es mir
zu, mich wieder zu lieben; sie verlobte sich heimlich mit mir;
sie ward meine Braut. Zu meiner Ausbildung wurde ich noch
ein Jahr nach London gesandt, und als ich nach Ablauf dieser
Zeit zurückkehrte, traf ich gerade ein, als die Treulose mit meinem
älteren Bruder ihre Vermählung feierte- sie hatte den armen
Sohn vergessen und an dessen Stelle den reichen Erben geheiratet.
Sie war Ihres Bruders Weib geworden?
Meines Bruders Weib! Ich war außer mir vor Empörung,
vor Zorn, vor Wut - ich machte an jenem Tage einen Versuch,
ihn umzubringen, aber ich ward überwältigt und auf ein
Schiff gebracht, das segelfertig lag und nach wenigen Stunden
nach Indien abging. Ich durchlebte eine entsetzliche, grauenvolle
Zeit; der Schmerz über meinen Verlust und der Ingrimm über
die erlittene Täuschung brachte mich fast um meinen Verstand, ja
ich hätte mir das Leben geraubt in manchem Anfalle von Verzweiflung, wenn die ganze Schiffsmannschaft nicht die strengste
Weisung von meinem Vater erhalten hätte, jeden meiner Schritte
auf das sorgfältigste zu überwachen, damit ich weder entfliehen,
noch irgend einen andern gewaltsamen Vorsatz ausführen könnte.
Die Länge der Fahrt und der Verkehr mit gleichgültigen Menschen,
welche sich nur um ihre Arbeit und ihren Beruf kümmerten,
brachte mich allmählich wieder zur Besinnung und brachten auch
Spuren von Ruhe in mein Herz zurück; schließlich interessierte
mich auch Indien mit seiner seltsamen großartigen Natur und
mit seinem allen europäischen Gewohnheiten fremdartigen Leben
und Treiben. Die Tigerjagd bildete mein Hauptvergnügen, und
fast meine ganze Zeit verbrachte ich unter Gefahren und Abenteuern und war besonders da am liebsten, wo es am entferntesten
von menschlichen Wohnungen und Wesen war. Für meinen
Lebensunterhalt brauchte ich nicht zu sorgen, da mein Vater wegen
meiner gewaltsamen Entfernung sich verpflichtet fühlte, mich durch
reichliche Geldsendungen ein ungebundenes Leben führen zu lassen.
Mein Vater starb, wie man mir mitteilte, nach Verlauf eines
Jahres; mein Bruder trat sein Erbe an und wollte mich weiter
unterstützen, wie jener; da aber bäumte sich mein Stolz auf; von
dem Räuber meines Glückes wollte ich nichts annehmen, und so
wurde ich Gesellschafter und Reisegefährte eines indischen Rajahs,
der ein ebenso zügelloser und leidenschaftlicher Jagdliebhaber war
wie ich und mich schließlich nur wie seinen Bruder zu betrachten
und zu halten pflegte.
Da traf plötzlich die Nachricht von dem Tode meines Bruders
ein, der keine Nachkommen hinterlassen hatte und mich in den
Besitz meines gesamten väterlichen Erbes setzte; ich zeigte anfänglich nicht die geringste Lust, nach Europa zurückzukehren und
die Wiege meiner Leiden mit eigenen Augen wiederzuschauen, da
ich noch einen jüngeren Bruder hatte und diesem das Majorat
überlassen wollte, aber auch dieser war schwach und kränklich und
dem sicheren Tode in wenigen Jahren, wie man mir schrieb, verfallen; er besaß ebenfalls nur eine kleine Tochter und keinen Sohn,
der das väterliche Erbe später hätte übernehmen können. Auf
seine dringenden Zureden besonders, kehrte ich nach England zurück,
übernahm mein Eigentum und empfing mit ihm in geheimer Zuschrift ein furchtbares Bekenntnis, das mein sterbender Bruder
kurz vor seinem Tode mir anzuvertrauen für gut fand und an
mein Gefühl für die Ehre unseres Hauses appellierte. Er hatte
mir einst die Braut geraubt - und Harriet mich für diese That
so furchtbar an ihm gerächt, wie ich es nimmermehr vermocht
hätte. Sie hatte Arthur nie geliebt, war aber von seinem
späteren glänzenden Reichtum geblendet und an mir zur Verräterin
geworden. Ihrer Verräterei folgte die Strafe auf dem Fuße nach;
sie fühlte sich unbefriedigt, unglücklich. Arthur war zu Mißtrauen,
zum Tyrannisieren geneigt, machte ihr vielfach Vorwürfe und
quälte sie so lange, bis sie ihn förmlich haßte, da sie in ihm allein
den Urheber ihres Verrats und ihres Unglücks erblickte. Mein
Bruder wollte das Unglück seiner Ehe vor seinen Verwandten
und Freunden verbergen, verließ England und begab sich mit
seiner Gattin auf den Kontinent - nach Frankreich, nach Italien-
dort erkrankte er tödlich, und als er wieder genesen war, fand er statt seiner Gattin nur einen zurückgelassenen Brief, in welchem
sie ihm die Unmöglichkeit eines ferneren Zusammenlebens und
ihre Flucht anzeigte.
Mein Bruder meldete nach England den Tod seiner Frau,
verfolgte aber die Spur der Flüchtigen mit aller Kraft und Energie
eines Mannes, der seinen Willen unbedingt zu erreichen entschlossen ist. In einem Bade der Schweiz fand er sie in einem
Kreise von Fremden; sie lebte als Abenteurerin, als Spielerin;
ganz unvorhergesehen, überraschte er sie und stellte sie vor Aller
Augen als seine ungetreue Gemahlin vor, ohne jedoch seinen
Namen preiszugeben, da auch sie unter falschem Namen lebte.
Scham, Wut, Rache, Haß raubten der Unseligen den Verstand
und ließen nichts zurück, als glühenden Haß gegen ihren Gatten
und Wahnsinn. Er verbarg das unselige Weib in diesem Schlosse
und gab ihr eine ihren früheren Dienerinnen, Gratia Poole als
Wächterin. Sein letzter Wille legte mir die heilige Pflicht auf,
die Schande unseres Hauses vor der Welt zu verbergen. Wie ich
diese Pflicht bis heute erfüllt habe, werden Sie zu beurteilen verstehen, Miß Eyre.
Gewiß, Herr, erwiderte Jane, ich verstehe aber auch wie
Ihre Wohlthaten belohnt werden- dieses Weib hat sie in kurzer
Zeit schon zweimal ermorden wollen.
Mich? Das liegt nicht in ihrer Absicht. Sie weiß nicht
und versteht nicht, daß ihr Gatte gestorben ist; in ihrem zerstörten
Geist lebt Arthur in mir weiter, der ich leider fast seine eigenen
Züge trage. Der Haß läßt sie stets meine Nähe ahnen und mit
der Schlauheit des Wahnsinns ist sie unermüdlich bestrebt, mich
umzubringen, zu verderben. So droht sie mir mit Feuer, mit
Dolch- und doch darf ich sie nicht von hier entfernen.
Das ist ein entsetzliches Los, Herr; gäbe es denn kein
anderes Mittel, sie in sicheren Gewahrsam zu bringen, als hier?
warf Jane die schüchterne Frage auf.
Nein! Nein! rief Rochester entschieden. Der Zufall oder
Ihr Verhängnis, Miß Eyre, haben Sie mit einem Familien-Geheimnis bekannt gemacht, das Sie allein mit dem Friedensrichter
der Grafschaft und meiner Person teilen, und das ich Sie bitten
möchte, in Ihrer Brust zu verschließen so fest, wie ich es bis
jetzt verborgen getragen habe.
Ich kann schweigen, Herr und werde es, erwiderte Jane mit
fester Stimme.
So danke ich Ihnen im voraus, und nun wollen wir uns
zur Gesellschaft begeben, welche einen Ausflug durch den Park zu
machen beabsichtigt. Sie begleiten uns doch?
Dürfte ich mich nicht von diesem Vergnügen ausschließen,
Herr? bat Jane zaghaft.
Nein, Miß Eyre, ich verlange von Ihnen, daß Sie sich
meinen Gästen widmen, daß Sie dieselben kennen lernen, sowie
daß auch Ihre Fähigkeiten und Kenntnisse bekannt werden sollen.
Ich habe meine ganz bestimmten Absichten dabei. Folgen Sie mir
nach einigen Minuten in die Empfangszimmer, wo man sich
versammelt.
Ich sehne mich nicht nach Bekanntschaften, Herr; ich liebe
die Einsamkeit mehr als die Gesellschaft.
Widersprechen Sie mir nicht beständig, Miß; ich will es und
kann es auch verlangen.
Gut, Herr, ich werde folgen.
Rochester ging nach dem Empfangszimmer, und als Jane
dasselbe betrat, fand sie bereits alle Gäste versammelt. Rochester
beeilte sich, Jane seinen übrigen Gästen vorzustellen; sie lernte
hierbei Lord Ingram mit seinen Töchtern Annie und Marie, zwei
imponierenden und stolzen Schönheiten, aber nicht mehr im ersten
Jugendalter stehend, kennen, ferner Mister Robert Bordon und
Mistreß Margarete Lund. Das waren die sämtlichen Gäste.
Mistreß Reed und Georgine beachteten Jane so wenig als möglich,
und auch Jane hielt sich vollständig fern von ihnen und beschäftigte sich vorzugsweise mit Adele, wenn sie nicht ausdrücklich von
einer der fremden Personen in das Gespräch hineingezogen wurde.
Um so lebhafter und auffallender unterhielt sich Lord Rochester
mit Mistreß Reed und besonders mit Georgine, die er mit der
ausgesuchtesten Aufmerksamkeit und Höflichkeit behandelte und sie
bei jeder Gelegenheit auszuzeichnen pflegte.
Beim Aufbruch der Gesellschaft bot er ihr den Arm und
ward während des ganzen Umgangs durch den Park ihr unzertrennlicher Gefährte. Hatte sich am Tage zuvor Lord Francis um
Mistreß Reed angelegentlich gesorgt, so wendete er heute seine
Aufmerksamkeit Jane zu und trieb seine Galanterie so weit, dieser
seinen Arm zu bieten, ein Anerbieten, das sie, ohne beleidigend
zu sein, nicht ablehnen konnte und doch so gern abgelehnt hätte;
es gewährte ihr eine besondere Beruhigung, daß Adele zu ihr gesprungen kam und ihre Hand erfaßte. Auf diese Weise war sie
wenigstens nicht allein mit dem jungen Manne, der bereits am
gestrigen Abende einen Zusammenhang in dem Verhältnisse zwischen
Mistreß Reed und Jane geahnt hatte und der seine Bemühungen
fortsetzte, etwas näheres durch seine lebhafte Unterhaltung von
seiner Begleiterin zu erfahren. Hierbei erreichte er seine Absicht
nicht; denn so gewandt und schlau er auch seine Fragen zu stellen
und zu wenden verstand, immer wußte ihm Jane auszuweichen
und ihn in gewisser Entfernung von sich zu halten.
Durch Lord Francis Begleitung kam Jane auch mit Lord
Ingram und seinen Töchtern in Berührung und fand in denselben Damen von großer Bildung und Herzensgüte, wenn auch
ihr erster äußerer Eindruck ganz das Gegenteil hiervon hatte
glauben lassen. Jane wurde durch die Unterhaltung so lebhaft in
Anspruch genommen, daß sie wenig auf die vorausgehende Gruppe,
unter welcher sich Georgine und Rochester befanden, hatte achten
können und sich in der That verwunderte, wie rasch die Zeit verstrichen war, als Sam sich einstellte und die Herrschaften zur
Mittagstafel, die gemeinschaftlich eingenommen werden sollte, die
Aufforderung brachte, der man denn auch bereitwillig folgte.
Nach aufgehobener Tafel, an welcher Georgine mit ihrer
Mutter die Ehrenplätze einnahmen und Rochester zwischen diesen
beiden Platz genommen hatte und wobei Jane abermals von Lord
Francis ausgezeichnet wurde, wollte man noch einen kurzen Ausflug in das Freie machen, aber der Himmel hatte sich mit düsteren
Regenwolken bedeckt und schwankten von diesem Unternehmen namentlich die Damen zurück.
Was unternehmen wir aber, um die Zeit uns zu vertreiben?
fragte Rochester.
Welche Frage, Lord Rochester! rief Georgine. Wir musizieren,
wir singen und haben wir uns an diesen künstlerischen Genüssen
gesättigt, so stellen wir lebende Bilder, deren Inhalt von der
übrigen Gesellschaft erraten werden muß. Das ist höchst amüsant.
Alle Anwesenden schienen von diesem Vorschlage entzückt, und
auch Lord Rochester konnte seine innerliche Freude über diese
Ideen anscheinend nicht verbergen, denn er dankte Georgine mit
einem herzlichen Händedrucke und einem freundlichen Blicke.
Ein Klavier war vorhanden und an Noten kein Mangel.
Dem Lose zufolge mußte Lord Rochester mit einem Gesangsvortrage beginnen; er forderte Jane auf, ihn zu begleiten, und diese
gewahrte mit Erstaunen, über welche herrliche und kräftige Baritonstimme ihr Herr gebot und mit welchem künstlerischen Verständnis
er dieselbe zu behandeln und zu verwerten verstand. Auf Rochester
folgte der Vortrag einer italienischen Arie durch Georgine, welche
der Lord in gewandter und sicherer Weise begleitete; auch die
Ingramschen Damen wurden, da sämtliche hatten losen müssen,
zu singen aufgefordert; sie aber wie Jane entzogen sich diesem
Verlangen unter dem Vorwande, nicht ganz bei Stimme zu sein
und die Gesellschaft keine Mißtöne hören zu lassen. Georgine
schien dies ganz willkommen zu sein, denn desto mehr konnte sie
zum Singen gelangen, und daß sie eine schöne, volle und wohlklingende Stimme besaß, wußte Niemand besser wie sie selbst.
Lord Rochester erschien über ihre Gesangsfertigkeit ganz entzückt
und ruhte nicht eher, als bis sie mit ihm einige Duette vortrug,
worüber die ganze Gesellschaft in laute Beifalls - und Freudenbezeigungen ausbrach und mehrfach um Wiederholungen bat.
Mistreß Reed, die sich stets zurückhielt und ihre gedrückte
und düstere Stimmung, welche sie nicht verleugnen konnte, als die
Folge eines vorübergehenden Unwohlseins angab, war während
dieser Vorträge wie umgewandelt; ihr Auge leuchtete stolz, wenn
es auf Georgine's blühender Gestalt ruhte, und ihre Züge strahlten,
je schöner und voller die glockenreinen Töne von Georgine's wunderbarem Mezzosopran zu ihrem Ohre drangen. Streifte ihr Blick
zufälliger Weise einmal Jane's unscheinbare Figur, welche in ihrer
Bescheidenheit eigentlich einen ziemlich dürftigen Eindruck machte,
so war nur Verachtung in ihren Mienen zu lesen. Sobald aber
Georgine's Stimme verstummte und Lord Rochester seine Aufmerksamkeiten einer anderen Dame zuwandte oder gar Janens Benehmen und Züge flüchtig aber scharf beobachtete, da fühlte sie sich
weniger siegesgewiß und konnte sich eines leisen Schauers und
einer bangen Ahnung für die Zukunft nicht ganz enthalten.
Länger als eine Stunde war musiziert und gesungen worden,
als Lord Francis darauf drang, daß man nunmehr an die Aufführung der lebenden Bilder gehen könnte, damit auch die Herren
und Damen ihren Teil zur Unterhaltung beizutragen vermöchten,
denen die Gabe des Gesanges nicht in so reichem Maße zu teil
geworden sei, als Lady Georgine.
Wohin diese Äußerung zielen sollte, fühlte Georgine recht
wohl, wußte sie doch, daß Francis ärgerlich auf sie war, so lange
Lord Rochester in ihrer Gesellschaft verkehrte und ihn durch seinenGeist
und seine Kühnheit zu verdrängen und zu verdunkeln gewußt hatte.
Ich dächte, meine Herrschaften, erwiderte sie, wir ließen die
Idee mit den Bildern fallen; es gehören dazu so viele Vorbereitungen und Hilfsmittel, daß für diejenigen Personen, welche
zufällig an der Ausführung eines Bildes nicht beteiligt sind, große
Langeweile entstehen würde.
Der Meinung bin ich durchaus nicht, entgegnete Francis
leicht, ich mache mich verbindlich, die Gesellschaft während der
Pause auf meine Kosten zu unterhalten, besonders wenn mir, wie
ich hoffen darf, Miß Eyre helfend zur Seite stehen wird. Werden
Sie, Miß Eyre?
Wenn meine Fähigkeiten und Kenntnisse ausreichen sollten,
antwortete Jane unbefangen, so stelle ich mich Ihnen vollkommen
zur Verfügung, obwohl ich mir nicht die Kraft zutraue, in einer
so glänzenden Gesellschaft erfolgreich reussieren zu können.
Seien Sie nicht an unrichtiger Stelle bescheiden, rief Lord
Rochester dazwischen, wenn es auf Talente und Kenntnisse ankommt, so sind Sie uns allen tüchtig überlegen. Darauf können
sie sich verlassen meine Herrschaften. Anfänglich war ich auch
gegen die lebenden Bilder eingenommen, da sie sehr zeitraubend
sind, jetzt aber, wo Lord Francis und Miß Eyre die Lücke auszufüllen übernehmen wollen, stimme ich völlig bei.
Wenn Sie auf die Bitte einer alten Frau einige Rücksicht
nehmen wollen, Lord Rochester, so möchte ich Sie ersuchen, daß
wir die Gesellschaft für jetzt aufheben und Damen wie Herren in
getrennten Kreisen verkehren lassen. Lord Clawdon sehnt sich nach
dem Genuß einer Cigarre in beschaulicher Ruhe, und auch ich
fühle ein klein wenig Erschöpfung.
Aber Mama, wie kannst Du nur so unhöflich sein gegen
unseren liebenswürdigen Wirt und seine hochgepriesene Gouvernante, die mehr Talente besitzt, als wir Alle hier! erwiderte
Georgine.
Ich bin eben nicht gesonnen, mich durch bis jetzt unbekannte
Talente aufregen zu lassen, nachdem ich so viel herrlicher musikalischer Genüsse teilhaftig geworden. Wir wollen uns das Unterhaltungstalent der Miß Eyre, da wir ja noch längere Zeit hier
weilen auf einen anderen Tag aufheben; es wird sich noch genug
Gelegenheit bieten, entgegnete Mistreß Reed.
Meine Gäste haben zu bestimmen, entschied Lord Rochester,
und es scheint mir, nach den Mienen der Herren besonders zu
schließen, als wenn Mistreß Reed für die Mehrheit spräche. Heben
wir demnach unsere gemeinschaftliche Sitzung auf und begnügen
wir uns, einfach auf einander angewiesen zu sein. Folgen Sie
mir, meine Herren.
Damen und Herren schieden sich in zwei Teile und suchten
verschiedene Gesellschaftszimmer auf. Jane nahm Adele an die Hand
und entfernte sich unbemerkt auf ihr Zimmer, um über so manche
Begebenheit der letzten ereignisreichen Tage nachdenken zu können.
Die nächsten Tage brachten ähnliche Ausflüge und Vergnügungen, und man mußte es eingestehen, Lord Rochester verstand sich meisterhaft darauf, seine Gesellschaft vortrefflich und in
abwechslungsreicher Weise zu unterhalten. Für den fünften Tag
ihrer Anwesenheit hatte man für die Unterhaltung der Gäste eine
Fahrt nach Millcote in Aussicht genommen und war bereits in den
Empfangszimmern gemeinschaftlich versammelt. Auch Jane hatte
sich nicht ausschließen dürfen, und selbst Adele, die sich durch
Georginens Schönheit angezogen fühlte, war die Teilnahme an
der Partie erlaubt worden. Georgine blätterte zu ihrer Unterhaltung in einem Album und hatte Adele zu ihren Füßen auf
einer Fußbank platz nehmen lassen, damit auch das junge
Mädchen die Bilder bequem betrachten konnte.
Dieses Album, welches die Wunder Indiens in Aquarellen
zeigt, enthält wohl nur Originale von Ihrer Hand, Lord Rochester?
fragte sie. Es ist wahrhaft entzückend.
Ich habe jede einzelne Ansicht nach der Natur aufgenommen,
Lady Georgine.
Ich kann es mir kaum erklären, wie Sie sich nach so langem
Aufenthalt in Indien wiederum an unsere kalte und nebelige
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Atmosphäre haben gewöhnen können. In jenen Zonen, habe ich
mir sagen lassen, fügte Georgine lächelnd hinzu, lebt, duftet,
blüht, glüht ja Alles, freilich hört man auch wieder sagen:
in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange, fuhr Georgine
in leichtem Geplauder fort.
Glauben Sie, Mylady, daß derartige Kreaturen nicht auch
bei uns vorhanden sind?
Wenigstens lauern sie bei uns nicht unter Blumen, Lord
Rochester.
Mistreß Reed, die sicher darauf gerechnet hatte, daß Rochester
ihre Georgine in kurzer Zeit zum Altar führen würde, hatte in
den letzten beiden Tagen auf das Bestimmteste bemerkt, daß zwischen
Rochester und Jane irgend ein tieferes Verständnis, ein geheimer
Zusammenhang bestehen müsse und diese dem Glücke ihrer Georgine
im Wege stehe, wartete auf eine günstige Gelegenheit, ihrer Nichte
zu schaden und Beleidigung auf Beleidigung zuzufügen.
Hinter Blumen, Lord Rochester, lauern bei uns in England
die Schlangen nicht, oft, ja sehr oft aber unter Büchern.
Von einer solchen Gattung, Mistreß Reed, habe ich noch nie
eine Ahnung gehabt, erwiderte Rochester und blickte sie mit forschendem Auge an.
In den Büchern über Naturgeschichte finden sich dieselben
natürlich nicht, im Leben, in Familien aber desto öfterer, entgegnete Georgine's Mutter scharf und finster; ja es giebt eine Art
Schlangen, die sich unbemerkt in große Häuser einschleichen, still
ihre Netze zu stricken wissen und sich so fest einnisten, daß man
sie schwerlich wieder zu entfernen vermag.
Und zu welcher menschlichen Gattung zählen Sie diese Reptilien? fragte Rochester leicht.
Zu der der Erzieherinnen und Gouvernanten, die um so verderbenbringender wirken, als sie ihr langsam zehrendes und tödliches Gift in die Herzen der ihnen anvertrauten Zöglinge tropfenweise niederzulegen Gelegenheit haben, antwortete Mistreß Reed.
Es entstand eine peinliche Pause in der Gesellschaft. Alle
blickten teilnehmend und erwartungsvoll nach Jane hin, welche
durch keine Bewegung, durch keine Miene ihr Inneres verriet,
und nur Lord Francis konnte sich nicht zurückhalten zu fragen:
Mistreß Reed haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst
wahrgenommen?
Wie soll ich das verstehen, Lord Francis? fuhr Mistreß Reed auf.
Nun, wenn man ein so hartes Urteil fällt, so denke ich,
darf man nur aus eigener persönlicher Erfahrung sprechen, antwortete Francis, ich wenigstens würde keinen solchen vernichtenden Ausspruch über eine notwendige Klasse von Menschen ohne
Prüfung zu fällen wagen.
Mama hat Recht, warf Georgine ein; man kann in der
Wahl von Erzieherinnen, denen man das Wohl und Wehe von
Kinderherzen anvertraut, nicht vorsichtig genug sein.
Nicht wahr, Onkel Rochester, ich habe eine gute und liebe
Gouvernante in Miß Eyre erhalten, die nichts mit einer Schlange
gemein hat? fragte Adele zuversichtlich.
-
gehabt, wie ich, Lady Clarens, weil Sie so schön und liebenswürdig geworden sind. Nicht wahr?
Aber Adele, rief Georgine unwirsch, Du zerdrückst mir ja
mit Deiner Unruhe meine kostbare Toilette - geh zu Deiner
Gouvernante, der kannst Du weniger Schaden thun.
Adele ging betroffen und verletzt zu Vane, welche sic sanft
liebkoste und streichelte.
Wo werden wir denn heute unsere Schritte hinlenken, Lord
Rochester? fragte Marie Ingram, um dem Gespräche eine andere
Wendung zu geben.
Lord Rochester, der während der letzten Wechselreden unablässig auf Jane geblickt hatte, überhörte diese Frage gänzlich und
gab erst auf eine Wiederholung derselben die Auskunft, daß es
seine Absicht gewesen sei, die Herrschaften nach Millcote zu führen,
wenn er nicht durch einen vor einer halben Stunde eingetroffenen
Brief aus London, der in dringender Weise an ihn gerichtet sei,
davon zurückgehalten würde. Lord Clawdon indessen, welcher in
Millcote ebenso genau bekannt sei, wie er, werde die Führung der
Gesellschaft übernehmen, die er im Laufe der ersten Nachmittagsstunden zurückerwarte.
Auch ich bitte mich zu entschuldigen, Lord Rochester, daß
ich nicht bei der Partie sein kann, erklärte Mistreß Reed, welche
von ihrer früheren Angst förmlich wieder gelähmt wurde, daß ihr
und ihrer Familie von Jane Eyre Unheil drohe; ich werde im
Hause zurückbleiben, ich glaube die Luft ist heute nicht so mild
wie an den beiden vergangenen Tagen.
Ganz nach Ihrem Wunsche, Mistreß Reed, erwiderte Rochester
- ich bitte sehr, sich ja keinen Zwang auferlegen zu wollen, wo
es sich nur um ein Vergnügen handeln soll.
So lassen Sie uns aufbrechen, meine Damen und Herren,
rief Georgine lachend und uns in die Fabriken von Millcote versenken. Vielleicht verfallen wir da auf industrielle Gedanken.
Ach welch' ein Mißgeschick; mein Schuhband hat sich gelöst. Adele
komm und thue Deine Pflicht.
Was wünschen Sie von mir, Lady Clarens? fragte Adele
verwundert.
Schnell, schnell, kleiner Hanswurst, binde mir mein Schuhband, befahl Georgine streng; wir wollen aufbrechen, und da gilt
es keine Zeit zu verlieren. Geschwind, Kind.
Nein, ich werde das nicht thun, antwortete Adele bestimmt.
Wirst Du gleich gehorchen, Adele- ich befehle es Dir!
gebot Rochester nachdrücklich.
Nein, lieber Onkel! Lady Clarens ist nur schön und nicht
gut - sie mag sich ihr Schuhband selbst zubinden- ich thue
es gewiß nicht.
Was soll das nun wieder bedeuten! fuhr Rochester heftig auf.
Ist das eine Art!
Es ist dies eine Erziehungsprobe der Miß Eyre, edler Lord,
sprach Mistreß Reed kalt.
Von welcher sie jedenfalls weder Gehorsam noch Demut
lernte, warf Georgine ein.
Adele ist seit wenigen Monden erst meinen Händen anvertraut, und Mistreß Reed haben in Ihrem Leben schon wohl manchmal die Erfahrung gemacht, daß eine in dem ersten Jugendalter
vernachlässigte Erziehung kaum erst in Jahren wieder gut gemacht
werden kann. Lady Clarens, fuhr Jane fort, üben Sie Nachsicht
gegen das Kind, und erlauben Sie mir, seinen Fehler gut zu
machen. Ich werde Adele für ihre Unart zu strafen wissen.
Sowie Jane sich niederbeugte, um ihren eben ausgesprochenen
Vorsatz auszuführen, machte Lord Rochester eine hastige Bewegung,
um sie zurückzuhalten, aber er zwang sich gewaltsam, kämpfte seine
mächtige Erregung mühsam nieder und ließ es ruhig geschehen, daß
seine Gouvernante der hochmütigen Lady den erwähnten Dienst leistete.
Sie sind sehr gefällig, stammelte Georgine überrascht; ich hätte
das gar nicht annehmen sollen. Lord Rochester, fuhr sie etwas
gesammelt weiter fort, das muß Ihnen aber jedermann einräumen, Sie
haben Ihre Hausschlange ganz vortrefflich abzurichten gewußt.
Geh auf Dein Zimmer, Adele, und erwarte mich dort, sagte
Jane zu ihrer Schülerin, die, ohne ein Wort der Widerrede, gesenkten Hauptes das Zimmer verließ.
Die Wagen stehen für die Herrschaften bereit! meldete der
am Fenster stehende Sam, welcher den ganzen widrigen Vorfall
mit angesehen hatte und rasch hinaus eilte, um ihn der übrigen
Dienerschaft zu verkünden. Der Aufbruch der Gäste erfolgte
jetzt plötzlich; sie verließen das Zimmer, sodaß nur Mistreß Reed
und Jane Eyre allein darin zurückgeblieben waren.
Langsam schritt die Erstere auf Jane zu, blickte sie durchdringend an und sagte mit bebender Stimme zu ihr: Jane Eyre,
ich muß Sie sprechen.
-
beschäftigt ist, erwarte ich Sie hier zu einer für uns Beide wichtigen Unterredung. Werden Sie sich einstellen?
-
sich auch Jane an, Adele nachzufolgen. Noch ehe sie sich aber
aus dem Gemache entfernt hatte, erschien Lord Rochester wieder
und schaute sie mit betroffener Miene an; er sah auch bewegter
und lebhafter aus wie gewöhnlich.
Sie sind noch im Zimmer, Miß Eyre? fragte er ziemlich
ärgerlich. Wollen Sie nicht an der Partie teilnehmen, auf welche
Sie sich nach Ihren eigenen Worten recht gefreut haben?
Ich kann es nicht leugnen, Herr, antwortete Jane. Ich habe
noch kein Fabriketablissement gesehen und mich deshalb gefreut,
aber ich bin zurückgeblieben, weil Adele hier bleiben muß; sie hat
durch ihre Widerspenstigkeit diese Strafe verdient- aber ich halte
es nicht für gut, wenn sich ein bestraftes Kind allein überlassen bleibt.
Und Sie glauben wohl, daß ich kein Recht habe, Ihre Dienste
für meine Gäste in Anspruch zu nehmen? fragte der Lord weiter.
Oder glauben Sie für dieselben schon genug gethan zu haben?
Ich weiß, Herr, daß ich für Adele nötig bin und bei Ihren
Gästen nicht einen Augenblick vermißt werde. Ich bitte daher mich
zu entschuldigen und zu entbinden.
So mag es sein, Miß Eyre! Was aber würden Sie
wohl sagen, wenn ich mich ganz unvermutet und plötzlich verheiratete?
Ich würde sagen, Herr, daß Sie recht thuen daran!
Und wäre Ihnen dies wirklich ganz gleichgültig, Miß?
Gleichgültig, Herr? O nein! Ich würde mich freuen, wenn
Sie recht glücklich würden.
So! Und das wäre Alles, was Sie mir darauf zu sagen
hätten, Miß Eyre.
Was sonst noch Herr?
In der That, sonst Nichts. Sie können zu Hause bleiben,
Miß Eyre, und zu Adele gehen.
Ich gehe, Herr!
Mit blitzenden Augen schaute der Lord der ruhig Davonschreitenden nach und murmelte für sich zwischen den Zähnen: Was
in dem Innern dieses Mädchens vorgeht, ist in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, und nur ein jäher Blitzstrahl kann
dieses Dunkel erhellen. Aber ich werde diesen Starrkopf noch
brechen, werde diese schweigsame Zunge zum Reden bringen, daß
ihr Herz offen vor mir liegen soll wie ein aufgeschlagenes Buch.
Rochester wurde in seinem Selbstgespräche durch die etwas
heftig hereinstürmende Mistreß Harleigh unterbrochen und rief ihr
launig entgegen: Sind die Pächter angekommen, Base?
Nein, Lord Rochester, aber ich stehe vor Ihnen und habe
mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen, und zwar ein paar recht
ernsthafte Worte, Mylord, rief Mistreß Harleigh aufgeregt.
Ei, ei! Base Judith, nur nicht so wichtig - es ist doch
nicht weit her was Sie zu melden haben, und ich habe nötigeres
zu thun, als auf Ihr Geschwätz zu hören.
Das möchte ich doch wohl bezweifeln, Lord Rochester! Wollen
Sie mich hören.
Nun, so muß ich ja wohl, Base Judith.
Es ist Ihnen bekannt, Lord Rochester, daß ich niemals versucht habe, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen oder Ihnen
Ratschläge zu geben, aber wenn ich jetzt gezwungen bin, mir Beides
zu erlauben, so werden Sie auch denken können, daß mich nur
wichtiges hierzu bestimmen muß. Hören Sie mich darum ruhig
an. Als Sie nach Ihres seligen Bruders Tode die Herrschaft
übernahmen und bald darauf anordneten, daß auf Thornfield, wo
ich die Wirtschaftsangelegenheiten zu besorgen hatte, einige Zimmer
im Turme für einen Gast in Bereitschaft gesetzt werden sollten,
und als Sie dann mitten in einer finsteren Nacht eine tief verschleierte Dame in das Haus führten, und den Befehl gaben,
der Wärterin derselben, jener Gratia Poole, in allem zu willfahren und sie sonst ruhig gewähren zu lassen, so habe ich stets
blindlings Folge geleistet und nie eine Frage der Neugierde oder
des Wissensmögens über meine Lippen gebracht. Ihr Wort, mich
um die Anwesenheit der Fremden nie zu kümmern und sie keinem
Menschen zu verraten, mich auch niemals nach ihrer Vergangenheit erkundigen zu wollen, war mir teuer und heilig- ich hätte
meine eigenen Interessen nicht besser vertreten können. War es
nicht so, Lord Rochester?
Base Judith, Sie thaten stets Ihre Pflicht, bestätigte der Lord.
Ich habe niemals gemurrt über den Mangel an Vertrauen,
welches ich als eine Verwandte des Hauses Rochester wohl hätte
beanspruchen können. Wie oft wurde ich in der Nacht gestört
durch jenes gellende wahnwitzige Lachen, das jedermann Schauder
erweckt, und was hatte ich zu jeder Tagesstunde Not und Sorge,
die neugierige Dienerschaft in respektvoller Entfernung zu halten
- niemals habe ich den Mund zu einer Klage geöffnet, immer
zum Frieden geredet und die Lästerzungen zu widerlegen gestrebt.
Jetzt aber thuen Sie plötzlich, als berge Thornfield gar kein Geheimniß, als wollten Sie die Fremde wieder in Gesellschaft einführen und bringen eine Schar von Gästen in das Schloß.
Es ging nicht anders, Base, entgegnete der Lord; ich mußte
der Umgegend dieses Schlosses wieder einmal zeigen, daß ich hier
leben und Besuch empfangen kann, wollte ich nicht selbst dem Gerüchte Nahrung geben, das leise aber ununterbrochen durch die
Grafschaft schleicht und sich nicht mehr beruhigen lassen will, ich
hielte meine Frau gefangen.
Bald wird man es sich auf allen Wegen und Stegen erzählen, bald werden es die Vögel auf den Dächern zu pfeifen
wissen, wer im Turme steckt. In der vergangenen Nacht hörte
Gratia Geräusch vor der Thüre des Turmes; sie öffnete natürlich
die Thüre und findet einen baumlangen Menschen, einen Diener
Lord Clawdons, daselbst, der wohl schon die ganze Nacht da gelegen
hatte, um zu spionieren. Der Diener nahm vor Gratia Reißaus;
an diesem Morgen aber, als Gratia ihr Frühstück aus der Küche
holte, vernahm sie aus dem Munde der fremden Dienerschaft
Vermutungen, die ich vor Ihnen nicht wiederholen möchte. Das
mußte ich Ihnen mitteilen, Lord Rochester, damit es einstens nicht
heißen kann, ich hätte Ihr Geheimnis ausgeplaudert, während Sie
die Schuld daran ganz allein selbst tragen.
Das werde ich Ihnen nie zum Vorwurf machen können,
denn wie wollen Sie, Base Judith, mein Geheimnis verraten, das
Sie ja gar nicht kennen. Beruhigen Sie sich, ich weiß ja, daß
Sie treu sind wie reines Gold, daß mein Haus gut verwaltet
wird, und Sie wissen auch, daß ich nicht undankbar zu sein pflege.
O ja, das sind Sie, Lord Rochester. Sie sind reich und
denken, mit Gold sei Alles wieder ausgeglichen- aber das trifft
nicht bei allen Menschen zu, und bei mir auch nicht. Ich sehnte
mich schon lange in meinem Alter nach einem Herzen, das mit
mir empfindet, mit mir übereinstimmt und meine einsamen Tage
erheitert. Ich hatte ein solches Herz gefunden, als Jane Eyre
in diese öden freudlosen Hallen eingezogen war ich lebte ordentlich
wieder auf. Nun aber legen Sie es ordentlich gewaltsam darauf
an, daß ich wieder allein und verlassen leben soll.
Was soll ich unter diesen Worten verstehen, Base Judith?
Sie vertreiben Miß Eyre durch Ihr rücksichtsloses Benehmen
aus Ihren Diensten.
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Was bilden Sie sich ein, Muhme. Ich denke durchaus nicht
daran, Jane zu vertreiben.
Das glaube ich wohl, aber das junge Mädchen wird keine
Lust haben, länger in einem Hause zu weilen, wo sie erniedrigt,
herabgewürdigt wird. Sie scheidet von uns.
Das wird sie nicht wagen, Base Judith.
Nicht wagen, Lord Rochester, nicht wagen! Die wagt mehr
als das - sie hat einen Charakter von Eisen und kann keine
Erniedrigung, weil ihre Seele zart und empfindungsvoll ist, vor
Menschen ertragen. Sam, der boshafte Mensch, hat mir voller
Schadenfreude erzählt, daß Sie, als Adele mit Recht sich weigerte,
dieser hochmütigen und dürftigen Lady Clarens das aufgegangene
Schuhband wieder zuzubinden, es ruhig gelitten haben, daß Miß
Eyre an des Kindes Stelle sich herbeiließ, jener diesen Kammermädchen-Dienst zu erweisen.
Sie mußte Adelens Fehler wieder gut machen, wollte sie ihr
Ansehen und ihre Stellung als Erzieherin vor meinen Gästen
nicht vollständig preisgeben. Das war nötig.
Nötig war, Adele einen kleinen Verweis zu erteilen und der
Lady auf gute Manier verständlich zu machen, sich um ihre Schuhbänder für die Folge besser zu bekümmern. Verstanden?
Es ist brav von Ihnen, Muhme, daß Sie so edel denken;
ich aber muß so handeln, wie ich es gethan habe. Miß Eyre
muß sich beugen lernen - ihr Stolz ist ein krankhafter.
Sie haben das junge Mädchen bereits mehr als gebeugt,
Lord Rochester, Sie haben Jane Eyre gebrochen durch Ihre Kälte,
Ihre Hartherzigkeit. Als sie so eben leichenblaß und mit wankenden
Schritten an mir vorüber kam, versuchte ich sie mit einigen liebreichen Worten zu trösten, aber sie sah mich nicht und hörte
mich nicht, starr blickte sie vor sich nieder und unaufhörlich perlten
die Thränen hernieder auf ihre Hände, welche sie krampfhaft auf
die Brust gepreßt hielt. Jane Eyre kann das Leben in diesem
A?
Hause, wie Sie es ihr bereiten, nicht lange Zeit mehr ertragen,
und ehe wir es uns versehen, wird sie still. verschwunden sein.
Ich bitte Sie, Lord Rochester, um Adelens, um meinetwillen, halten
Sie das brave und edle Mädchen zurück.
Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig erfüllt, Base?
Sie können glauben, Jane Eyre habe mir einen Auftrag zu
diesen Vorstellungen gegeben, und ich hätte mir einen solchen erteilen lassen. O wie falsch und unwürdig beurteilen Sie das
reine Herz dieses herrlichen Mädchens! Ich kann Sie nur beklagen, Lord Rochester, daß Sie das Verständnis für die Unschuld und Lauterkeit ihrer Gesinnungen verloren haben. Jane
Eyre geht, muß gehen, wie ich sie kennen gelernt habe. Lassen
Sie sie gehen! Dieses unselige Haus ist kein Aufenthalt für
reine Geister! So, nun mögen Sie mich auch fortschicken; ich
gehe wirklich gern, wenn die Tugend auf so unverdiente Weise
aus dem Hause gestoßen wird. Einen Dienst aber will ich dem
armen Kinde noch erweisen - es weint um Sie, Lord Rochester,
den es gleichsam wie ein höheres Wesen verehrt; ich aber, wenn
ich auch blindlings gehorche, bin durchaus nicht blind, werde Jane
Eyre die Augen öffnen und ihr sagen, daß ich Lord Rochester ihrer
Thränen nicht für würdig halte. Das wird ihr den Abschied erleichtern.
Thun Sie, Base, was Sie verantworten können und für
nötig halten. Doch halt, da höre ich meine Pächter nahen; wir
müssen unser Gespräch für jetzt beendigen.
Rochester entfernte sich und Mistreß Harleigh mußte ebenfalls
gehen, da sie mit den Vorbereitungen zum Mittagsmahle noch
ziemlich weit im Rückstande war.
Dreizehntes Kapitel.
Als Jane in Adele's Zimmer trat, fand sie zu ihrer Verwunderung letztere noch nicht anwesend, obwohl sie ihr doch befohlen hatte, sich dorthin zu begeben. Aber es dauerte nur wenige
Minuten, so kam sie hastig nd angstvoll hereingestürzt und rief:
Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Sei ruhig, Adele, antwortete auf diesen Ausbruch der Angst
Jane besonnen. Hatte ich Dir nicht aufgetragen auf Dein Zimmer
zu gehen?
Gewiß! Seien Sie nicht böse, bat das noch immer zitternde
Mädchen. Sam hielt mich ab, sogleich hierher zu gehen; ich mußte
mit ihm in die Unterstube gehen und sollte ihm erzählen, was
Sie, Miß Jane trieben, wenn Sie allein wären und mir keinen
Unterricht erteilten, und als ich mich weigerte, ihm Antwort zu
geben, drohte er mir und sagte: Onkel Rowland wolle mich in
den Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte. Da
faßte er mich am Arme und wollte mich fortschleppen; ich aber
entfloh vor ihm.
Sam ist kein böser Mensch, Adele, antwortete Jane dem Mädchen.
Er drohte Dir nur- weshalb sollte Dich der Lord wohl einsperren lassen und noch dazu in den Turm.
Sir Francis Diener sagte aber auch: der Lord sperre alle
Leute, die ihm zuwider seien und nicht gehorcht hätten, in den
Turm, wie seine eigene Lady, seine Gattin.
Wie? Wen nannte der Diener? fragte Jane heftig zusammenfahrend und erblassend.
Seine Lady, berichtete Adele. Das wisse jedermann in der
Grafschaft, sagte er, daß Onkel Rowland in dem Turme seine
Gemahlin gefangen halte und vor Niemand sehen lasse.
Das ist eine Unwahrheit, Adele! rief Jane entrüstet. Sage
dies niemals wieder. So und nun beschäftige Dich mit Deinem
Rosenstrauche, an welchem Du seit einigen Tagen auch nicht einen
Bleistiftstrich mehr gethan hast. Mistreß Reed hat mich um
eine Unterredung gebeten, und ich will diese Dame nicht gern
warten lassen, möchte Dich aber zuvor mit einer nützlichen Beschäftigung verfehen wissen. Nimm Deine Zeichnung, Adele.
Gleich, Miß Jane! Aber Mistreß scheint keine gute
Dame zu sein, bemerkte Adele; ich möchte sie nicht stets um mich
haben, sie schaut immer so kalt, so spöttisch-
Adele, Du sollst nicht ungünstig über die Menschen sprechen,
welche Du nicht genauer kennen gelernt hast - ich habe Dir das
mehrmals sagen müssen, und immer thust Du es wieder.
Nicht böse sein, Miß Jane- aber ich kann nicht dafür -
ich muß Ihnen sagen, was ich denke - aber nun Miß, gehen
Sie auch und kommen Sie recht bald wieder zu mir zurück.
Als Jane das Empfangszimmer betrat, fand sie Mistreß
Reed bereits anwesend und sie erwartend. Auf den Zügen der
bedeutend gealterten Frau konnte Jane es deutlich erkennen, wie
schwer es ihrer Tante geworden sein mochte, sie um eine Unterredung zu bitten, aber ebenso deutlich las sie es wieder heraus,
daß der Inhalt dieser Unterredung für ihr eigenes Schicksal ein
sicherlich folgenschwerer sein und ein Opfer ihrerseits erheischen
werde. Jane war indessen fest entschlossen alle Kraft aufzubieten,
um sich nicht überraschen und besiegen zu lassen. Mit einem
raschen Blick hatte sie ihre und Mistreß Reed's Lage überschaut,
und wenn sie auch anfänglich auf eine Anrede zu warten entschlossen war, so stand sie doch sehr bald von ihrem Vorsatze ab,
da sie bemerkte, wie schwer es ihrer Tante fiel, einen geeigneten
Eingang für die zu erwartenden Verhandlungen zu finden.
Mistreß Reed haben befohlen, begann Jane daher nach
einigem Zögern, während dessen sie nahe am Eingange der Thüre
steh en geblieben war und vor sich niederschaute.
Diese unerwartete Anrede gab der kalten, stolzen Frau ihre
Fassung wieder und mit einer unverkennbaren Härte im Tone sprach
sie: Treten Sie näher, Miß Eyre. Wir wollen uns offen gegenübertreten und uns Auge in Auge schauen. Heuchelei ist uns
Beiden fremd; wir haben uns von jeher gehaßt und werden uns
hassen, so lange wir atmen und uns auf dieser Erde wieder begegnen. Ich will Klarheit schaffen zwischen uns, und Ihr Haß soll
die Genugthuung haben, über mich zu triumphieren und von Ihnen
etwas zu verlangen, zu fordern.
Sie haben mich von jeher gehaßt, Mistreß Reed, und werden
diesen Haß gegen mich niemals unterdrücken, leider niemals doch täuschen Sie sich, wenn Sie glauben, auch mein Haß besitze
eine solche Stärke, um ein ganzes Leben auszuhalten. Sie sind
eine Dame von Charakter und halten fest an Ihren Grundsätzen,
ihren Vorurteilen, selbst wenn Sie sich im Laufe der Zeit sich von
deren Unhaltbarkeit überzeugt hätten -ich aber war damals so jung -
Jane Eyre, Sie sind dieselbe geblieben, fuhr Mistreß Reed
auf, die Sie waren - Sie sind zwar älter geworden, aber Sie
tragen noch immer dieselben bleichen und scheuen Züge des eigensinnigen, unheimlichen Wesens, das nie ein Kind war und das
nur verstand, das Herz und die Liebe meines verewigten Gatten
zu meinem und meiner Kinder Nachteil zu bethören und zu bestricken. Wenn ich Ihr Antlitz sehe, Jane Eyre, so steigt die
ganze entsetzliche Zeit, die ich qualvoll durchlebt habe, wieder vor
meinem Geiste, und zeigt mir die Leiden meiner Kinder, die
Qualen meiner Seele! O hätte Reed gewußt, welche entsetzliche
Last er mir mit Dir, mit Deiner Erziehung aufgebürdet hat, er
würde Dich wem anders anvertraut haben! Tag um Tag, Stunde
für Stunde peinigte mich Dein unbegreifliches Wesen, Dein stiller
Trotz, Dein vorwurfsvoller Blick! Ach wie frei und leicht atmete
ich auf, als Du aus meinem Hause hinaus, hinweg aus meinem
Auge warst! Und jetzt stehst Du wieder vor mir, bist vor mir
aufgestiegen wie ein Gespenst, das unheilvoll mir entgegen starrt,
Du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht,
Du, die mein reines Gewissen mit furchtbaren Qualen belastet hat.
Ich habe Ihr Gewissen belastet, Mistreß Reed?
Ja Du! Du allein! Mein gebrochener Eid lastet auf meiner
Seele- und darum muß ich Dich in alle Ewigkeit hassen, darum
können wir Beide nicht zusammen leben, nicht zusammen eine
Luft atmen, unter einem Dache wohnen. Jane Eyre, höre es
und freue Dich, die reiche Mistreß Reed ist arm, sehr arm geworden.
O mein Gott, wie ist dies möglich gewesen, Mistreß Reed?
Mein lieber John brauchte zu seiner Ausbildung, zu seiner
Carriere viel, sehr viel Geld; ich verkaufte Gateshead; ich wohnte
auf Clarenshause bei Georgine- John brauchte Alles, und ich
besize nichts mehr, und John braucht jetzt noch Geld.
O John ist ein schlechter Sohn, ein schlechter Bruder.
Er ist mein lieber Sohn; man hat in London viel Geld zum
Leben nötig - ich gab ihm Alles, ich konnte ihn doch nicht
darben lassen. Auf Georgine steht nun noch meine letzte Hoffnung: Ihr Gatte starb und hinterließ ihr nur ein kleines Vermögen, das täglich mehr und mehr schwindet. Zu unserem Glück
lernten wir vor wenigen Wochen Lord Rochester kennen, der
Georginen lebhaft auszeichnete und sie demnächst heiraten wird.
Ich werde dann hier wohnen und da kannst und darfst Du
nicht hier bleiben.
Gleich im ersten Augenblick unseres jetzigen Zusammentreffens
sah ich ein, daß meines Bleibens auf Thornfield nicht lange sein
würde, aber daß wiederum Sie es sind, Mistreß Reed, welche
mich aus diesem gefundenen Daheim vertreibt, daß die acht von
mir in Lowood verlebten Jahre Ihren Groll und Haß noch nicht
getilgt haben, daß Sie es sind, welche mich jetzt zum zweiten Male
als arme Waise hilflos in die fremde Welt stößt, das ist hart,
das ist ein Schicksal, das ich nicht verdient zu haben glaube.
Du bist nicht arm, nicht hilflos, bist reicher als ich,
sobald Du nur willst?
Was sagen Sie, Mistreß Reeb?
Während Mistreß Reed ihre Kräfte sammelte zu der jetzt
folgenden Mitteilung und Jane gespannt lauschte, was sie erfahren
würde, öffnete sich geräuschlos eine Seitenthüre, in welcher Lord
Rochester erschien und verwundert stehen blieb, ohne nur eine
Silbe zu äußern. Man hatte ihn nicht bemerkt, und so zog er
sich auch unbemerkt zurück, ohne aber seinen Standpunkt aufzugeben, vielmehr wollte er Zeuge dieser Unterredung sein.
Du warst schon zwei Jahre in Lowood, begann Mistreß Reed
mühsam - da langte eines Tages ein Brief an meinen verstorbenen Gatten aus Madeira an- ich öffnete denselben- er
war von Tybald Eyre, Deines Vaters Bruder und unter meines
Gatten Namen an Deine Mutter oder Dich gerichtet; er schrieb
darin , daß er seiner Zeit Eure Ankunft nicht habe erwarten
können, sondern eine größere Reise habe antreten müssen, auf
welcher er in Gefangenschaft geraten sei und in dieser mehrere
Jahre hindurch geschmachtet habe. Er sei zunächst unbesorgt um
Euer Schicksal gewesen, da er Euch in den Händen seiner rechtschaffenen Haushälterin gut aufgehoben gewußt habe. Als er aber
in Freiheit gekommen sei und an die Adresse seiner Haushälterin
geschrieben habe, sei er ohne Nachricht geblieben und auf eine
Anfrage bei der Ortsbehörde, habe er die Nachricht ihres Todes
erhalten. Jetzt nun wende er sich an meinen Gatten, seinen
Schwager, ob dieser ihm vielleicht Auskunft über das Verbleiben
seiner Anverwandten geben könne. Er verlangte Euch förmlich
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von uns, da er durch besondere Glücksumstände reich geworden
sei und er Deine Mutter und Dich zu seinen Erben einsetzen wolle.
Und warum erfuhr ich nie ein Wort von diesem Briefe? Er
hätte mir viel bitteres Weh und Ihnen diese Stunde ersparen
können, Mistreß Reed?
Weil ich den Gedanken nicht fassen konnte, Dich in Reichtum und Glück leben zu wissen, während mein Vermögen durch
Johns wachsende Bedürfnisse täglich geringer wurde und auch
Georgine durch ihre Verschwendungssucht die Hinterlassenschaft
ihres Gatten in kurzer Zeit vergeudete. Weil ich die Schmach
Dir nicht vergeben konnte, mit welcher Du mich vor Mister
Blackhurst und meinem Bruder überhäuftest, weil ich es nicht
vergessen konnte, daß Du sagtest: ,Du verabscheutest nichts so sehr
auf dieser Welt, als diese Frau und ihre bösen Kinder!' darum
konnte ich Dir nicht verzeihen, darum mußte ich Dich hassen -
und darum belastete ich mein Gewissen!
Längst habe ich vergessen, Mistreß Reed, was Sie mir angethan haben- ich weiß es jetzt- ich war ganz gewiß ein
böses Kind - aber ich bin durch Ihre Hand dafür auch bestraft
worden- versuchen auch Sie jetzt zu vergessen.
Ich will zu vergessen suchen, Jane Eyre, aber nur, wenn
Du gehst, wenn ich die Gewißheit erhalte, daß unsere Wege sich
nie wieder kreuzen werden.
Hastige Schritte wurden auf dem Vorsaale vernehmbar und
Mistreß Harleigh hörte man deutlich sagen: Mein Herr, Mistreß
Reed ist in diesem Zimmer; wenn Sie nur gefälligst eintreten
wollen, können Sie dieselbe gleich sprechen.
Die Thüre des Empfangzimmers wurde rasch geöffnet und
herein trat Henry. Whitfield, Sarah Reed's Bruder, den wir bereits auf Gateshead kennen gelernt haben und der hastig auf seine
Schwester loseilte, aber betroffen zurückwich, als er sie in Gesellschaft einer ihm fremden Dame antraf.
Henry! rief Sarah Reed erschrocken aus, Du bringst mir
unheilvolle Nachricht!
Sarah! erwiderte der Eingetroffene bebend - ich fürchte
es - aber wir sind nicht allein - meine Kunde eignet sich nicht
für fremde Ohren, und sie ist dringend.
Rede! fuhr Sarah hastig fort; wir sind nicht Fremde hier,
wir sind Verwandte.
Wer ist diese junge, mir völlig unbekannte Dame? fragte
Whitfield unsicher.
Nicht unbekannt, Onkel Whitfield, erwiderte Jane. Erinnern
Sie sich des kleinen bösen Mädchens, das man in Onkel Reeds Hause
Jane Eyre nannte und auferzog.
Jane Eyre, Sie? Ach, wahrhaftig! rief Whitfield freudig
aus, und mit Dir zusammen in traulichem Gespräch. Sarah!
Ihr habt Euch wiedergefunden und versöhnt?
Nichts von Versöhnung, Henry! antwortete Mistreß Reed
dumpf - neuer Haß und neuer Streit. Aber Du kommst von
unserer Wohnung. Hast Du Briefe von John?
Nicht von ihm direkt, aber aus seiner unmittelbaren Umgebung, Sarah. Ich hätte Dich gern erst zurückkehren lassen und
Deine Zerstreuungen hier nicht unterbrochen - aber die Zeit
drängt; ich konnte es nicht weiter hinausschieben, Du mußt Alles
erfahren, vielleicht ist das Ärgste abzuwenden und noch Rettung
möglich.
Rettung! Rettung! stieß Sarah Reed zurücktaumelnd aus.
Sarah, Sarah, warum bliebst Du stets taub gegen meine
dringenden Warnungen? Warum legtest Du den Ausschweifungen
dieses Verschwenders keinen Zügel an? Warum ließest Du ihn
blindlings in sein Verderben stürzen und Dich mit in seinen Abgrund ziehen? So höre denn - Dein John ist flüchtig geworden,
nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht und in Umlauf
gesetzt hat. Diese Wechsel müssen in den nächsten Wochen eingelöst werden, wenn unser alter ehrlicher Name dem Pranger nicht
rettungslos überliefert werden soll.
O mein Gott, o mein Gott! stammelte Mistreß Reed zusammenbrechend; sie wäre zu Boden gesunken, wenn Jane sie nicht
in ihren Armen aufgefangen und mit Hilfe ihres Onkels auf das
Sopha niedergelassen hätte; eine tiefe Ohnmacht hielt sie umfangen.
Jane's edles Herz brach hier siegreich hindurch und vergaß
in diesem Augenblick Alles, was zwischen ihr und der gegenwärtig
so hilflos vor ihr zusammengesunkenen Frau vorgefallen war.
Tante Reed! jammerte sie; fassen Sie sich- Tante Reed, hören
Sie mich- noch ist ja nichts verloren, noch wird ja zu helfen
sein, Lord Rochester.
Die Ärmste weiß ja das Schlimmste noch nicht, flüsterte
Whitfield Jane zu; es ist nämlich mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen, daß John seinem Leben freiwillig durch einen Sprung
in die Themse ein Ende gemacht hat und aufgefunden ist.
Barmherziger Gott! flüsterte Jane und faltete die Hände
zum Gebet.
Gerechter Gott, müssen Sie sagen, Jane; meine Schwester
büßt jetzt, was sie Schweres gegen Sie verbrochen hat, als Sie
noch ein hilfloses Kind waren.
O sagen Sie das nicht, Onkel Whitfield. Ihr Haß, ihre
Abneigung gegen mich war eineSchwäche ihres gekränkten Charakters,
die durch Onkel Reeds übergroße Liebe zu mir hervorgerufen war
und welche sie nicht die Kraft hatte zu besiegen.
Ah, sie bewegt sich, sie schlägt die Augen auf - rief Whitfield leise.
Sie kommt zum Bewußtsein! Sie lebt! Tante Reed, wie
befinden Sie sich?
Du nennst mich Tante, Jane? - Du hast einst geschworen,
diesen Namen nie wieder über Deine Lippen bringen zu wollen!
Ich war ein böses, wildes Kind; ich wußte nicht was ich
Die Waise von Lowood.
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that, wußte nicht, wie undankbar ich damals gegen Sie war,
flehte Jane. Verzeihen Sie mir Tante Reed, daß ich Ihr schönes
Familienleben gestört, Ihre Ruhe getrübt, Ihr Gewissen belastet
habe. Verzeihen Sie mir.
Ich hatte meinem Gatten gelobt, Dich wie meine Kinder zu
halten, aber ich habe Dir die Lehrer meiner Kinder entzogen;
ich wollte Dich ungebildet und verwildert aufwachsen lassen - ich
habe Dich in die ungesunde Lowoodstiftung bringen lassen - ich
habe Dir nichts zu verzeihen - es war ein Unglück für uns
Beide, daß Du geboren wurdest.
Sarah, überlasse Dich nicht solchen zwecklosen Betrachtungen
und sammle Deine Geistesgegenwart, sprach Whitfield, wir müssen
handeln, handeln, und nicht reden.
Meine Pulse jagen, mein Kopf fiebert, meine Adern drohen
zu springen- es ist etwas ganz Entsetzliches geschehen! rief
Mistreß Reed fast außer sich. John war mein Liebstes, mein
Teuerstes auf der Welt! und er konnte mich so elend machen!
Er ist tot!
Tante Reed, Ihnen bleibt ja eine Tochter- Sie haben
Ihre Georgine noch.
Ja, Ja! Sie soll und muß glücklich und reich werden-
Sie wird den Lord heiraten und Alles wird wieder in das richtige
Geleise kommen. Darum mußt Du fort, Jane.
Wohin soll denn Vane, Sarah? fragte Whitfield betroffen.
Jane ist Erzieherin im Hause des Lord Rochester - der
Lord liebt Georgine und wirbt um ihre Hand- aber zwischen
dem Lord und Jane Eyre besteht, ich ahne es, ein geheimnisvolles Zauberband, das den Bund zwischen ihm und Georgine
zerreißt, wenn Jane noch längere Zeit in diesem Hause weilt und
Ihr stilles Wesen treibt.
Aber wohin soll Jane gehen, Sarah? Willst Du sie wieder
allein in die Welt hinaus stoßen und zu Deinem alten Unrecht
noch ein neues schwereres hinzufügen?
Jane Eyre steht nicht allein und einsam- ihr Onkel lebt
in Madeira, ist reich und angesehen und fordert sie von mir.
Hier sind Briefe von ihm, die ihr gehören. Hier nimm sie,
Jane, und geh und befreie mich von Deinem mir so unheilvollen
Anblicke.
Gut, Tante Reed, ich nehme diese Briefe und werde von
hinnen gehn, aber nur mit Lord Rochester's Zustimmung. Er
ist stets ein gütiger Herr gegen mich gewesen, - er wird bestimmt auch hier meinem Wunsche und dem Wohle meiner Zukunft nichts entgegenstellen.
Und wann gedenkst Du zu gehen, Jane?
Sobald als möglich! Ich werde heute noch oder morgen,
sowie sich die Gelegenheit bietet, mit ihm sprechen und um meine
sofortige Entlassung bitten. Adele kann er ja einem Institute
übergeben. Dort ist sie gut aufgehoben für die Folge.
So sei es und nun lebe wohl, Jane. Hoffentlich sehen wir
uns im Leben nun nicht wieder. Wenn Du in Madeira glücklich
angekommen bist, kannst Du mir Nachricht von Dir zukommen
lassen. - Henry, ich bitte um Deinen Arm; Du mußt mich nach
meinem Zimmer führen- ich bedarf dringend einer Stunde Erholung und Ruhe.
Als Beide das Zimmer verlassen hatten, war Jane's Kraft
erschöpft und willen-, wenn auch nicht bewußtlos, brach sie auf
einem Stuhle zusammen und barg ihr Gesicht in ihren Händen.
Sie sollte von Lord Rochester verlangen, daß er sie aus seinen
Diensten entlasse, aus seinem Hause entferne! Und wohin wollte
sie? Zu einer verwandten und nach ihr verlangenden Seele zwar,
aber weit hin über das Meer in unbekannte Verhältnisse, unter
wildfremden Menschen, welche nicht einmal die Sprache ihrer
Heimat redeten? Sei es, sie wollte dieses Opfer bringen, um
ihren Verwandten nicht hindernd im Wege zu sein, und wenn es
ihr auch das Herz brechen sollte. Wenn diese Verwandten auch
hart und grausam gegen sie gewesen- sie dankte ihnen doch
Alles, was sie gelernt hatte, was sie besaß! Sie war entschlossen
- auch dieser Kampf noch sollte durchgekämpft werden- vielleicht folgte dann Ruhe und Frieden für sie, aber trotz dieses
mutigen und festen Entschlusses schlug ihr Herz zaghaft und flossen
die Thränen reichlich die blassen Wangen hinab.
Mistreß Harleigh's Eintritt störte Janens düstere Betrachtungen.
Adele, begann die würdige Dame, sagte mir, daß Sie eine
Unterredung mit Mistreß Reed hätten, und da Letztere sich bereits
auf ihr Zimmer zurückzog, so suchte ich Sie hier auf - aber
mein Gott, was haben Sie? Sie schwimmen ja wieder in Thränen!
So ist es der Lord nicht allein, der Sie kränkt. Bitte, sagen
Sie mir, was haben Sie mit dieser Frau zu schaffen, die jedenfalls, wenn die Leute Recht haben, des Herrn Schwiegermutter
und hier wohnen wird.
Diese Frau, Mistreß Harleigh, - verzeihen Sie mir, wenn
ich Ihnen erst jetzt diese Mitteilung anvertrauen, antwortete Jane
sich fassend, ist meine Tante, die mich in Lowood hat erziehen
lassen und dafür verlangt, daß ich von hier scheiden soll, damit
sie und ihre Tochter hier ungestört leben kann. Will ich nicht
undankbar sein, so muß ich gehen und ich werde gehen. Aber
darin irren Sie, wenn Sie glauben, Lord Rochester kränke
mich; er ist mein Herr und verlangt nicht mehr von mir, als
meine Pflicht.
Sie wollen mich und uns verlassen um dieser Frau willen,
um ihrer Tante willen, die Sie in diese Strafanstalt, wie das
Waisenhaus von Lowood allgemein genannt wird, gebracht hat?
- Das glaube ich Ihnen nicht, und ich kenne Sie auch besser,
als daß Sie dieser Grund allein bestimmen sollte. Sie gehen,
weil Lord Rochester Sie von dieser Lady Clarens so hochmütig
behandeln läßt und immer thut, als wenn Sie gar nicht auf
der Welt wären.
Wie kommen Sie auf solch einen Gedanken, Mistreß Harleigh!
Lord Rochester behandelt mich oft wie Seinesgleichen, und wenn
er sich auch manchmal rauher und ungehaltener ausspricht, als es
gewöhnlich seine Art ist, so weiß ich schon, wie ich das als Untergebene zu nehmen habe.
Lord Rochester ist nicht der edle Mensch, für welchen Sie
ihn halten. Ich sagte Ihnen mehrfach, das schreckliche Lachen,
das Sie wie mich und Alle hier im Hause so oft geschreckt und
geängstigt hat, rühre von Gratia Poole her, aber dem ist nicht so
- im Turme steckt eine arme Wahnsinnige, welche der Lord
plötzlich eines Nachts hierher gebracht und verborgen hält- Gratia
Poole ist nur die Wärterin des wahnsinnigen Weibes.
Ich weiß das, Mistreß Harleigh- Lord Rochester hat mir
dies selbst anvertraut, als mich der Zufall einmal gesprächsweise
darauf brachte- es ist seines Bruders Gattin.
Das hat Ihnen Lord Rochester selbst anvertraut und mir,
seiner nächsten Verwandten, sagte er nie ein Wort davon? Und
trotzdem behandelt er Sie mitunter so rücksichtslos! Das begreife,
wer es kann; für meinen alten Kopf ist es zu schwer verständlich.
Ja wenn er mir es nicht selbst anvertraut hätte, Mistreß
Harleigh, ich würde unsern Herrn niemals einer unedlen Handlung
für fähig halten; sein Charakter ist edler Natur.
Aber Kindchen, wenn Sie von uns fortgehen wollen, wo gedenken Sie sich hinzuwenden? Haben Sie schon eine Aussicht
zu einem Unterkommen? Geradezu in die Welt können Sie doch
nicht ziehen, und das wird auch der Lord nicht dulden, wenn er
Sie überhaupt gehen läßt.
Seien Sie meinetwegen unbesorgt, Mistreß Harleigh; meine
neue Stellung ist schon gefunden! Meiner Mutter Bruder, der
auf der Insel Madeira lebt, hat nach mir verlangt, und ich
werde seinem Verlangen Folge leisten und mich zu ihm begeben.
Auf eine Insel, Kindchen, da müssen Sie ja über's Meer.
Das würde ich nicht thun; ich will. Ihnen behilflich sein zu einem
anderen Unterkommen. In Hay Lome habe ich eine Verwandte,
bei welcher Sie bleiben können, bis Sie in England eine andere
Stelle als Erzieherin gefunden haben, ja auch der Lord wird
Ihnen hierbei dienlich sein können.
Mistreß Harleigh, Sie überhäufen mich mit Ihrer Güte,
aber ich möchte einen Ort haben, an dem man mich gern sieht
und an welchem ich für immer bleiben kann, und einen solchen
hoffe ich bei meinem Onkel zu finden, sonst würde er mich ja
nicht zu sich haben wollen.
Würden Sie denn bei uns bleiben, wenn Ihre Tante und
die hochmütige Lady Clarens nicht dazwischen getreten wären und
Ihr Weggehen verlangt hätten.
Ich wäre hier geblieben, bis man meiner nicht mehr bedurfte,
denn ich habe mich noch niemals auf Erden so zufrieden, so
glücklich gefühlt, wie in Thornfield.
Und was hätten Sie Ihrem Onkel für eine Antwort erteilt?
Daß ich durch einen Vertrag gebunden sei und, ohne mein
Wort zu brechen, aus demselben nicht scheiden könne; späterhin
würde ich seinem Rufe Folge leisten, wenn ihm dann meine Gegenwart noch wünschenswert erscheinen solle.
Sind Sie denn durch einen Vertrag wirklich an uns gebunden,
Kindchen?
Ich habe in einer Unterredung mit Lord Rochester ihm das
Wort geben müssen, sein Haus nicht eher zu verlassen, als bis
er mich fortschicken würde. Jetzt ist der Fall aber nun eingetreten,
daß ich ihn bitten muß, mich fortzuschicken, und er wird mir,
so weit ich seinen Charakter beurteilen kann, diese Bitte nicht abschlagen können.
Ein solches Versprechen haben Sie gegeben, Kindchen?
Das war nicht klug von Ihnen - Lord Rochester pocht auf Ihr
Wort und Sie werden gegen Ihren Willen vielleicht bei uns aushalten müssen. Sie staunen? Denken Sie an mich, es wird so
ausfallen.
Auch wenn ich ihm den wahren Grund meines Scheidens
mitteilen werde?
Vielleicht! Ich habe ihn erst gesprochen wegen Ihnen, und
da entschlüpfte ihm eine Äußerung, welche mich eine solche Willensmeinung bei ihm mutmaßen läßt.
Lea's Eintritt unterbrach die Unterredung.
Der Herr läßt Mistreß Harleigh ersuchen, Vorkehrungen zu
treffen, daß auch der heute eingetroffene Kapitän Whitfield, der
Bruder von Mistreß Reed, auf Thornfield für eine oder mehrere
Nächte bleiben könne, berichtete Sam's Gattin.
Gut, ich werde es besorgen, Lea. Kindchen, ich muß Sie
verlassen, aber wir sprechen uns noch einmal, ehe Sie gehen.
Keine Übereilung also, ohne mich noch gehört zu haben.
Jane war wiederum allein und überlegte, ob sie mit ihrem
Entlassungsgesuche warten solle bis zum nächsten Tage, oder ob
sie heute noch und zwar stehenden Fußes sich an Lord Rochester
wenden solle. Hatte sie heute noch Gelegenheit, so hielt sie den
ersten Augenblick für den besten, und so war sie entschlossen, den
Lord noch heute aufzusuchen. Wie sie noch überlegte, fiel ihr Blick
auf die beiden ihr von Mistreß Reed übergebenen Briefe ihres
Onkels und sie hielt es für einen Akt der Undankbarkeit, dieselben
noch nicht näher angesehen zu haben. Sie öffnete den ersten Brief
und erfuhr daraus genau dasselbe, was Mistreß Reed ihr bereits
mitgeteilt hatte; zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit aber, sprach
sich in den Zeilen ihres Onkels ein aufrichtiges Bedauern darüber
aus, daß er Schwester und Nichte damals nicht habe persönlich
erwarten können, sondern habe abreisen müssen, und es wehte ihr
ein Hauch von wirklicher Teilnahme und Liebe entgegen, so daß
sie in ihrem Vorsatze zu scheiden immer mehr bestärkt wurde.
Der zweite Brief lautete noch fester und zuversichtlicher, daß sie,
wenn Beide noch am Leben seien, unverzüglich nach Madeira zu
ihm kommen sollten.
Jane hatte zu Ende gelesen und barg die beiden Briefe in
die Tasche ihres Kleides. Im Begriff, Lord Rochester um eine
Unterredung zu bitten, schritt sie nach der Thüre und schrak sichtlich
zusammen, als der Lord ihr gerade durch die Thüre entgegentrat.
Nun, Miß Eyre, ich denke, Sie leisten Adele Gesellschaft,
damit sie ihre Strafe nicht allein abzusitzen braucht?
Ich war von Mistreß Reed um eine Unterredung gebeten
und glaubte, Ihrem Gaste eine solche nicht abschlagen zu dürfen,
Herr, antwortete Jane.
Und wo wollten Sie jetzt hin, Miß Eyre? Adelens Zimmer
liegt an jener Seite.
Es war meine Absicht, Sie aufzusuchen, Herr.
Mich? Das ist seltsam! Wann hätten Sie wohl diese Absicht einmal gehabt?
Ich war auch noch niemals in der Lage Herr, Ihnen eine
Bitte vorzutragen.
Miß Eyre, ist das möglich! Sie bitten etwas von mir.
Was wäre denn das, was ich Ihnen erfüllen könnte.
Die Bitte, Herr, mich aus Ihrem Hause zu entlassen und
aus Ihrem Dienste fortzuschicken.
Ich kann Sie doch, wenn es Ihr Wille ist, zu gehen, am
Fortgehen nicht hindern.
Vor einigen Wochen gab ich Ihnen das Versprechen, Herr,
nicht eher aus Ihrem Hause scheiden zu wollen, als bis Sie mich
selbst fortschicken würden. Ich hätte nicht geglaubt, daß dieses
Versprechen so schnell wie eine Fessel meinen Willen hemmen würde.
Ah recht, ich hatte schon ganz vergessen. Aber das ist leicht
wieder gut zu machen, und wenn Sie denn aus meinen Diensten
treten wollen, gut - gehen Sie- ich schicke Sie fort.
Ich danke Ihnen, Herr. Jane wendete sich, leichenblaß
werdend, nach der Thür.
Doch halt, Miß Eyre,- Sie erlauben mir wohl noch eine
Frage, an deren aufrichtiger Beantwortung mir gelegen ist.
Was treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? Nun!
Herr, ich bitte, verlangen Sie keine Antwort!
Ich durchschaue Sie, Miß Eyre, Sie Misstrauen meine Eröffnungen, die ich Ihnen vor einigen Tagen gemacht habe. Mistreß
Harleigh hat Sie gegen mich erbittert -
Herr, welchen Verdacht hegen Sie da?
Misters Harleigh hat Ihnen gesagt, ich sei ein Unmensch;
ich halte ein armes wahnsinniges Weib in meinem Hause gefangen,
anstatt sie einem Irrenhause anzuvertrauen, und dieses Weib sei
Lady Rochester, meine eigene Gemahlin.
Nicht Mistreß Harleigh sagte das, aber dies Gerücht ist im
Munde Ihrer Leute.
Und Sie glaubten diesen düsteren Gerüchten und mißtrauten
meinen Worten.
Nein, Lord Rochester, ich glaubte Ihnen und verachtete jene
Lügen!
Und woraus haben Sie diese Überzeugung gewonnen?
Aus meiner Achtung vor Ihrem Charakter, Lord Rochester,
der keiner Lüge fähig ist.
Also nicht aus diesem Grunde wollen Sie mich und mein
Haus verlassen?
Nein, Herr, ich hielt Sie nie für schuldig.
Weshalb aber gehen Sie denn? Weil es dieses Weib, das
Sie von zarter Kindheit an gehaßt hat und Sie noch haßt, weil
Ihre unnatürliche Tante es von Ihnen fordert?
Woher wissen Sie, Herr, daß Mistreß Reed-?
Weil ich durch einen Zufall nur und fast wider meinen Willen
unsichtbarer Teilnehmer an Ihrer ganzen Unterredung geworden bin.
Nein, Herr, nicht Mistreß ist die Veranlassung, aber sie bestärkte mich in meinem Vorsatze- ich war schon vorher über
diesen Schritt mit mir zu Rate gegangen.
So? Und seit welchem Augenblicke?
Seit dem Augenblicke, in welchem Sie von Ihrer Verheiratung sprachen.
Ja, Miß Eyre, ich denke zu heiraten - und zwar recht bald.
Dann wird Adele auf ein Institut gebracht werden und einer
Erzieherin nicht bedürfen.
Das könnte sich leicht ereignen. Georgine scheint dem Mädchen
und überhaupt den Kindern im allgemeinen nicht gewogen zu
sein. Und Sie mögen mit meiner Frau nicht unter einem Dache
weilen. Sie mögen Georgine nicht leiden, Miß Eyre.
Gewiß nicht, Herr, ich hasse sie nicht. Ich habe nur die
Überzeugung, daß in Ihrem Hause kein Platz mehr für mich ist,
sobald Sie verheiratet sind.
Das scheint mir beinahe auch so- aber wo wollen Sie für
den Augenblick hin, Miß?
Wenn Sie unserer Unterredung beigewohnt haben, so müssen
Sie auch gehört haben, daß ein Bruder meiner Mutter lebt und
mich zu sich verlangt hat.
Ach ganz Recht, ich habe so vieles Seltsame in den letzten
Stunden erlebt, daß ich diese Wendung Ihres Schicksals bereits
wieder vergessen habe. Sie gehen zu Ihrem Onkel nach
Madeira,- aber bedenken Sie, das ist ein weiter Weg, und
erst müßten Sie doch noch einmal schreiben, ob er jetzt noch lebt
und Sie auch noch haben will. er hat, wie ich vernommen,
keine Antwort auf seine Briefe erhalten- er kann glauben, daß
Sie nicht mehr am Leben seien und ein anderes Mädchen als
Nichte angenommen haben. - Bedachten Sie das auch, Miß
Eyre? Oder wollen Sie vielleicht nicht mehr gehen?
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Es ist bedacht, Herr.-- Mistreß Harleigh hat mir einstweilen ein Unterkommen bei einer Ihrer Verwandten in Hay
Laine angeboten- aber ich habe das nicht angenommen; ich mag
auch nicht in der Nähe dieses Hauses bleiben. Eine meiner früheren
Lehrerinnen und spätern Collegin, Miß Temple, welche jetzt verheiratet ist, wird mich bereitwillig für einige Zeit aufnehmen, wenigstens
so lange, bis ich Nachricht von meinem Onkel haben werde.
Sie haben Alles trefflich vorbereitet, Jane Eyre, und sich
auf jeden Fall gerüstet, aber ich sehe jetzt recht deutlich ein, daß
dieser Weg nicht zu Ihrem Glücke, nicht zum Frieden Ihres
Herzens führt- und ich will, daß Sie glücklich werden sollen.
Sie bleiben in meinem Hause- ich entbinde Sie Ihres Wortes
nicht. Nun wählen Sie -
Herr, das ist nicht großmütig an mir gehandelt! Sie verdammen mich zu einem Leben, das ich nicht ertragen kann. Sie
legen meinem Herzen täglich neue Qualen auf, an denen es endlich
zu Grunde gehen muß. Ich kann nicht bleiben, wenn Sie verheiratet sind.
Auch dann nicht Jane Eyre, wenn Sie selbst mein Weib
würden, wenn ich Ihnen selbst meine Hand antrüge, wenn ich
Ihnen sagte, daß mein Herz Ihnen gehörte?
O treiben Sie keinen Scherz mit mir in dieser ernsten
Stunde, in welcher es mir Anstrengung genug verursacht, meine
Thränen niederzuhalten, mich nicht noch weicher und zaghafter zu
machen, als ich bereits seit einigen Tagen geworden bin.
Wer sagt Ihnen Jane, daß ich Scherz mit Ihnen treibe, es
ist mein heiligster Ernst.
Es ist zu spät, Herr. Ihre Braut steht zwischen uns!
Ich habe keine Braut, Jane; ich habe nie daran gedacht,
Georgine zu meiner Frau zu erheben, wenn sich dieselbe es vielleicht auch eingebildet haben mag.
So haben Sie mit Georgine, welche Sie liebt, nur gespielt?
Sie haben Sie betrogen?
Georgine liebt nur sich selbst und meinen Reichtum - an
meiner Person nimmt sie nur wenig Interesse; Liebe hegt sie nicht
im entferntesten für mich. Aber Sie, Jane, Sie achten mich,
Sie lieben Adele, Sie sind freundlich gesinnt gegen Mistreß
Harleigh, Sie wollten sich opfern für das Glück Ihrer Verwandten, die Sie nur gehaßt und verfolgt haben, Sie sind ein
Weib für mein Herz, eine Gefährtin für mein Leben, wie ich Sie
brauche, mein Herz gehört Ihnen, nehmen Sie auch meine Hand an.
Wache ich oder neckt mich nur ein schöner Traum?
Du wachst, Jane; es ist Wirklichkeit, die Dich umgiebt. Hier
ist meine Hand; Du brauchst nur zuzugreifen, um sie niemals
wieder loszulassen, um sie Dein zu nennen und von ihr Dich
sicher durch Dein ganzes künftiges Leben leiten zu lassen.
Herr, ich kann die Wahrheit dieses Gedankens, die Größe
eines solchen Glückes noch nicht in seinem ganzen Umfange erfassen. Mein Herz gehört Ihnen- aber Ihre Hand annehmen, widerstrebt meinem Gefühle ich mag mein Glück nicht
auf das Unglück eines meiner Nebenmenschen bauen, auch wenn
es nicht eine meiner Verwandten wäre.
Verwandte? O ich kenne diese Verwandten! Als ich erfuhr,
daß Du in der Lowoodstiftung erzogen wurdest und über Deine
näheren Verhältnisse Dich aber in ein tiefes Schweigen hülltest,
ich mich aber für Dein Wesen lebhaft interessierte, schrieb ich im
geheimen an Ir. Blackhurst und erkundigte mich nach Deiner
Vergangenheit. Blackhurst ist ein Heuchler und in Lowood werden
auch offene und gute Charaktere zu Heuchlern erzogen; ich aber
wollte Gewißheit haben, daß Deine Offenheit nicht auch Verstellung
sei und mich hintergehe. So erfuhr ich denn, von wem und
warum Du in die Lowoodstiftung gebracht wurdest, Blackhurst
schrieb nur vorteilhaftes über Dich und höchst ungünstiges übee
Mistreß Need. Daraufhin suchte ich die Bekanntschaft Deiner
Verwandten zu machen; ich wurde mit offenen Armen empfangen
und konnte mich bald überzeugen, daß Dein Charakter ein ehrlicher und offener, jene aber Heuchler und Selbstsüchtige seien, die
nur für sich selbst sorgen wollten. Um Dich aber, Jane Eyre,
die echte Feuerprobe bestehen zu lassen, brachte ich Deine Verwandten mit Dir selbst zusammen und ließ Georgine als meine
Braut figurieren, ohne daß sie nur das geringste Anrecht zu diesem
Namen hat. Und nun, Vane, frage ich Dich, willst Du mein
Herz und meine Hand annehmen, nachdem ich Dir erkläre, daß
auch diese Probe zu Deinem Gunsten ausgefallen ist?
Ich sage nicht ,Nein', Herr, aber ich bitte Sie, lassen Sie
mir eine kurze Bedenkzeit, daß ich Ihnen meinen festen unwiderruflichen Entschluß mitteilen und auch Sie selbst noch einer kleinen
Prüfung unterwerfen kann.
So sei es, Jane, und nun lebe wohl, damit ich wiederum
mich meinen Geschäften hingeben kann. Lord Rochester reichte ihr
die Hand und entfernte sich, um Kapitän Whitfield zu begrüßen, der
ihm sein unerwartetes Eintreffen auf Thornfield hatte melden lassen.
Jane blieb allein zurück und zwar in einem Zustande der
höchsten Glückseligkeit. Der reiche, hochherzige und edle Lord, der
Besitzer einer der größten Herrschaften Alt-Englands, hatte ihr,
der armen, von ihren Verwandten verfolgten und gehaßten Waise,
dem unscheinbaren, ja häßlichen Mädchen, das von Georginens
Schönheit völlig in den Schatten gestellt wurde, Herz und Hand
und somit eine ehrenvolle, sichere und beneidenswerte Existenz geboten, deren Annahme nur von ihrem Ja abhing! Sollte sie nnr
noch einen Augenblick unschlüssig sein, was sie zu thun habe?
Nein, gewiß nicht, sobald Sie die Gew ißheit hätte, daß dem Entschlusse des Lords nicht eine spätere Reue nachfolgen würde!
Das ihrer Tante gegebene Wort konnte sie nicht hindern, denn
sie hatte ja nur in der Voraussetzung, daß der Lord Georgine
heiraten werde, versprochen zu gehn. Fiel diese Vermählung weg,
so war ihr Weggang ohne Einfluß und Folgen. Aber des
Lords einstige Rene über seinen jetzigen raschen Schritt lag ihr
288
doch etwas schwer auf dem Herzen. Wer konnte ihr in diesem
Falle ratend und helfend zur Seite stehen? Nur eine Person
war das und diese wollte sie aufsuchen, sie mußte den besten Rat
geben können- Mistreß Harleigh.
Jane war eben im Begriffe die würdige alte Dame aufzusuchen, als dieselbe mit eiliger Geschäftigkeit in die Stube trat
und ausrief: Ich suchte Sie, Miß Eyre, um Ihnen zu sagen -
daß,- aber mein Himmel, wie sehen Sie aus? wie haben Sie
sich verändert?
In welcher Weise denn, Mistreß Harleigh?
Nun in der erfreulichsten für mich! Erst trugen Sie eine
wahre Leichenbittermiene und jetzt leuchten Ihre Augen wie zwei
helle Freudenkerzen? Was ist denn in dieser kurzen Zeit mit
Ihnen in aller Welt vorgegangen?
Es hat sich etwas großes, etwas unvorhergesehenes für mich
ereignet, und Sie, Mistreß Harleigh sollen Ausschlag gebend dabei
sein- Ihr erfahrener Rat soll mir die Richtschnur für mein
Handeln in diesem Falle, der für meine Zukunft entscheidend
sein wird, angeben.
Sie machen mich gespannt, Miß Eyre! Was ist denn Ungeheures geschehen?
Lord Rochester hat mir seine Hand angetragen; er will mich
zu seiner Gattin erheben.
Mich trifft der Schlag, Kindchen, aber nicht vor Schreck,
sondern vor reiner heller Freude- das hat Sr. Herrlichkeit brav
und gescheit gemacht! Und Sie haben doch gleich, la' dazu gesagt-
Nein, Mistreß Harleigh, noch nicht; Ich habe mir kurze Bedenkzeit erbeten. Sie sollen mir raten, ob ich imstande sein
werde, Lord Roch ester so glücklich zu machen, wie er es verdient,
ob ich ihm so zur Seite zu stehen vermag, daß er sich für die
Folgezeit nicht enttäuscht sehen wird, kurz, ob ich alle die Ansprüche
erfüllen kann, die er an seine Gemahlin zu erheben berechtigt ist.
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Freilich, Kindchen, freilich- Alles können Sie erfüllen,
was ein Mann nur verlangen kann. Und den Lord halten Sie
fest, ehe er Ihnen wieder entschlüpft und davon in alle Winde verfliegt.
Ist denn sein Charakter stets so ruhelos gewesen - ich sollte
meinen nicht, Mistreß Harleigh.
Da können Sie unbesorgt sein, Miß. Ist der Lord erst
Ihr Gatte, dann wird er Ihnen unverbrüchlich treu sein und Sie
in Ehren halten, wie es die Liebe und die Pflicht vorschreiben-
aber ehe er sich zu diesem Schritte entschlossen hat, da müssen
Kämpfe mannigfaltiger Art vorausgegangen sein. Ja, ja nun
kann ich mir sein ganzes Wesen erklären - er war Ihnen gleich
von Anfang an gut, aber er wollte es sich nicht eingestehen und
Ihnen nicht gewahr werden lassen- deshalb war er so launenhaft und oft mehr als sonderbar und rücksichtslos gegen Sie.
So raten Sie mir also, seine Hand unbedingt anzunehmen,
trotz seines Spieles mit Lady Georgine Clarens und trotz des
fremden hohen Besuches, Mistreß Harleigh?
Ganz gewiß! Sie können für das Leben nicht besser aufgehoben sein, als an seiner Seite. Aber mein Gott, da fällt mir
noch zu rechter Zeit ein, daß Sie sich von mir trennen müssen,
wenn Sie Lady Rowland werden, und daß ich dann wieder allein
sein werde in Thornfield. Na das soll nichts schaden, wenn ich
nur weiß, daß Sie, liebes Kind, glücklich werden. Ach, da
kommt ja die Gesellschaft von ihrem Ausfluge zurück- die
werden sich wundern, wenn sie diese so unerwartete Verlobung zu
vernehmen bekommen.
So weit sind wir noch nicht, Mistreß Harleigh, und vorläufig
kein Wort zu jemand Anderem.
Versteht sich, Miß Eyre, vorläufig ist diese herrliche
Neuigkeit nur für uns. Mit diesen Worten lief die plötzlich wieder
ganz heiter und vergnügt gewordene Base Judith ihren Beschäftigungen nach und ließ Jane Eyre sich nach ihrem Zimmer begeben.
Vierzehntes Kapitel.
Der Ausflug nach Millcote, welchen Lord Rochester's Gäste
unternommen hatten, war durch ein unvorhergesehenes Ereignis
unterbrochen worden. John Reed war weder entflohen, noch hatte
er sich selbst das Leben genommen, vielmehr war er, als er Kunde
bekommen, daß seine Mutter und Schwester bei Lord Rochester
auf Thornfield seinen und daß Letztere Aussicht habe, die Gemahlin
des Lords zu werden, auf den Gedanken gekommen, seine verzweifelte Lage, in die er durch Wechselfälschungen im Betrage von
100 Pfund geraten, werde sein zukünftiger Schwager, der ja über
bedeutende Reichtümer zu verfügen habe, leicht ordnen können, ja
ihm vielleicht noch einen ansehnlichen Vorschuß geben. Einen
wegen Wechselfälschung verfolgten Schwager zu haben, sei jedenfalls für einen Lord keine angenehme Sache. John war in der
That im Laufe der Jahre von Stufe zu Stufe gesunken, daß er
bereits auf falsche Auskunftsmittel sinnen mußte, um sein verbrecherisches Leben fristen zu können. Von seiner Mutter hatte
er nichts mehr zu hoffen; ihre Mittel hatte er alle in seine Hände
zu bekommen gewußt und bei leichtsinnigem und ausschweifendem
Leben in vollständig unsinniger Weise vergeudet. Nach Thornfield! war sein Losungswort, und ohne weitere Überlegung war
er seiner Mutter und Schwester nachgereist, da er in vier Tagen
wieder in London sein mußte, um die gefälschten Papiere wieder
in seinen Besitz zurückbringen zu können. In Millcote angelangt,
stieß er gerade auf die Gäste des Lords, als sie aus einem der
besuchten Etablissements heraustraten. Sowie Georgine Johns
ansichtig wurde, ahnte sie ein neues Unheil, das ihr drohte, und
es bemächtigte sich ihrer ein solcher Schrecken, daß sie sich kaum
aufrecht halten konnte, die Partie abzubrechen und nach Thornfield
zurückzukehren genötigt war. Sie verlange zwar, die übrige Gesellschaft solle sich in ihrem Verfügen nicht stören lassen, da sie mit ihrem Bruder allein zurückfahren könne; aber Georgine war
bei allen Festlichkeiten stets die Hauptperson gewesen, und so gab
ihr Beispiel auch hier den Ausschlag, indem Alle die noch nicht
beendigte Partie abbrachen und sich nach Thornfield zurückbegaben.
John mußte in Georginens Wagen Platz nehmen; langsam
erholte sich die Überraschte und richtete an ihren Bruder die
Frage: Was willst Du hier, John?
Geld brauche ich, Schwesterchen, viel Geld, antwortete er
höhnisch; meine Ehre oder vielmehr Deine Verlobung steht auf
dem Spiele, wenn ich nicht mindestens 1 -20 Pfund erhalte.
John, wo sollen ich oder Mama eine solche horrente Summe
hernehmen?
Das ist Eure Sache, Georgine. Warum ist Mama nicht
mit von der Partie?
Ich weiß es nicht; sie schützte Unwohlsein vor- aber ich
glaube, sie fürchtet sich vor Jane Eyre, welche Erzieherin in dem
Hause Lord Rochesters ist.
Hahaha, die Katze ist also auch hier - da finde ich ja die
ganze liebe Familie zusammen. Warum habt Ihr aber die Katze
nicht aus dem Hause entfernt? Ihr seid doch schon mehrere Tage
in Thornfield anwesend. Nun, das soll meine Aufgabe sein.
Rochester hat keine Ahnung davon, daß wir seine Gouvernante kennen - ja ich glaube, er hält sehr viel auf sie und besonders auf ihre Kenntnisse und Talente.
Bist Du toll! Jane Eyre oder vielmehr die böse Kate soll
Talente haben! Unsinn! Bist Du schon öffentlich verlobt mit
Rochester, Georgine? Ist die Hochzeit schon festgesetzt?
Lord Rochester wirbt um meine Hand, und ich kann in jedem
Augenblicke seinen Antrag erwarten, aber ein öffentlicher Schritt
ist seinerseits noch nicht gethan worden.
Teufel- das macht mir einen Strich durch die Rechnung
- da muß ich noch warten, ehe ich mit einem Anleihe-Versuche
bei dem lieben Schwager herausrücken kann. Ich werde es
aber darauf anzulegen wissen, daß dieser Antrag sobald als
möglich erfolgt.
Das wäre mir allerdings nicht unlieb, John, aber Du müßtest
dies recht vorsichtig und mit großer Delikatesse angreifen - Lord
Rochester ist Gentleman durch und durch.
Du sollst mit mir zufrieden sein, Schwesterchen. Verlaß
Dich auf mich. Und was mich neben dem Gelde am meisten noch
dazu reizt, ist der Umstand, daß ich der falschen Kate jetzt mit
Sicherheit einen Streich versetzen werde, von dem sie sich dem Lord
gegenüber nimmer wieder erholen soll.
John, ich bitte Dich, übereile nichts und laß Dich von Deiner
Rachsucht nicht verblenden.
Nur unbesorgt, Schwesterchen- ich bin älter, klüger und
vorsichtiger geworden - aber sage mir zuvor: Auf welche Weise
behandelt man Deinen Bräutigam am besten.
Lord Rochester ist ein offener, edler Charakter und achtet das
Geld nicht im geringsten. Wenn Du ihm Deine unverschuldete Verlegenheit recht glaubhaft vorzustellen weißt, so, glaube ich, wird es
Dir an einem glücklichen Erfolge nicht fehlen können.
Wirtlich? Dann ist es schon so gewiß, als ob ich das Geld in
meiner Tasche hätte, Schwester.
John Reed erkundigte sich bei Georgine nach einigen Schwächen
des Lords, auf deren Ausbeutung er seinen Plan zu bauen gedachte;
allein ehe er sich denselben noch vollständig zurecht gelegt hatte
fuhren die Wagen schon in den Hofraum von Thornfield ein.
Das Geräusch der früher als erwartet zurückkehrenden Gesellschaft
lockte Sarah Reed, welche mit ihrem Bruder in ernstem Gespräch
über John und seine verhängnisvollen Streiche begriffen war, an
das Fenster, und ihr erster Blick traf auf ihren Sohn, der mit
möglichster Eile aus dem Wagen sprang, um seiner Schwester
beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie traute ihren eigenen Augen
nicht; ja sie glaubte eine Erscheinung zu erblicken, da sie ihren
Liebling schon tot gewähnt hatte, aber mit unbesiegbarer Hast und
Neugier riß sie das Fenster auf unter dem Ausrufe: John! John!
Mein Sohn bist Du es wirklich? Suchst Du Deine alte Mutter
wirklich noch in Thornfield auf?
Gewiß, Mama, bin ich es! rief überrascht ob solchen Empfangs
der Leichtsinnige, der sein und seiner Mutter Vermögen so rasch
vergeudet. Wer sollte es denn wohl auch anders sein?
So komm geschwind in meine Arme, damit ich mich wirklich
zu überzeugen vermag.
Ich komme sogleich, Mama, schließe aber nur erst das Fenster
- ich bin wirklich da. Mama scheint ungemein nervenschwach
zu sein, wendete sich der herzlose Mensch an seine Schwester; sie
sieht mich unerwartet ankommen und verlangt, erst ihr meine
Aufwartung zu machen, bevor ich mich Lord Rochester vorgestellt
und seine Gastfreundschaft erbeten habe.
Was muß ich sehen, meine werten Gäste, wurde die Stimme
Rochesters vernehmbar, der sich auf dem Hofe eingefunden; wie
kommen Sie schon so zeitig von Ihrem Ausfluge zurück?
Ich bin die Schuldige, Mylord, erwiderte Georgine, schwach
zu lächeln versuchend, mich überfiel ein plötzliches Unwohlsein, das
mich verhinderte weiter an der Partie teil zu nehmen.
Ein Unwohlsein, das hoffentlich nicht von Bedeutung sein
wird? fragte der Lord besorgt.
Ich glaube, Lord Rochester, ich bin jetzt schon ganz wiederhergestellt. Erlauben Sie mir indessen, Ihnen meinen Bruder
John Reed an diesem hier, wenn auch nicht ganz geeignetem Orte
vorzustellen, der unterwegs ganz zufällig zu uns gestoßen ist, und
der Sie bitten -
Herzlich willkommen, Mister Reed; es freut mich, Sie in
meinem Eigentum begrüßen zu können, erwiderte mit größter Liebenswürdigkeit Rochester, dem John noch ganz unbekannt war.
Gestatten Sie mir, Lord Rochester, sprach John mit ausgesuchter Höflichkeit, Ihr Eigentum als Gast zu betreten und gewähren Sie mir, wenn es Ihnen möglich ist, einige Tage Gastfreundschaft in Ihren Mauern. Ich hatte für einige Zeit Urlaub
genommen, um mit meiner Mutter und Schwester zusammen sein
zu können, traf dieselben aber nicht zu Hause an und bin ihnen
nachgefolgt in der Voraussetzung, daß, wo sie gut aufgenommen
sind, auch ich ein Asyl finden werde.
Sie haben sich durch Ihre Vermutung nicht getäuscht und
mich zu Danke verpflichtet, Mister Reed- indessen denke ich, daß
wir unsere Unterhaltung besser in geschlossenem Raume fortsetzen
können; auch dürfte sich, wie ich vermute, Ihre Mutter nach Ihnen
sehnen, und Sie Lady Georgine sollen sich Ruhe gönnen, damit
sie sich von Ihrem Unwohlsein vollständig erholen können.
Lord Rochester schnitt somit jede weitere Unterhaltung im
Freien ab und veranlaßte seine Gäste das Haus zu betreten und
sich auf ihre Zimmer zu begeben, um sich nach dem unterbrochenen
Ausfluge wieder in Gesellschaftstoilette zu werfen und den Abend
in gemeinschaftlicher Gesellschaft zu verbringen- so wenigstens
lautete sein Vorschlag. Alle Gäste waren damit einverstanden,
aber die Aufregung, in welche Mistreß Reed durch die Erörterungen
geriet, welche John und Kapitän Whitfield bei ihren Zusammentreffen anzustellen hatten und welche Johns gänzliche moralische
Verworfenheit offen vor ihren Augen erscheinen ließ, drohte die
Abendgesellschaft wieder vereiteln zu wollen- indessen Johns
bestimmte Erklärung, er werde am heutigen Abend Gelegenheit
finden die verhaßte Jane Eyre zu vernichten und Georginens Verlobung mit Rochester zur Wahrheit zu machen, beruhigte die
geängstigte und gequälte Frau in dem Maße, daß sie sich die Kraft
zutraute, den Abend über in Gesellschaft verbringen zu können.
Du könntest nötigenfalls ganz von der Gesellschaft fern bleiben, sprach John in herzloser Weise zu seiner Mutter; ich würde
auch ohne Dich zum Ziele gelangen, aber da einmal die ganze Familie Reed mit ihren Verwandten zusammen ist, so soll sie auch
in corpore erscheinen und mit wirken.
John's Anwesenheit konnte Jane natürlich nicht verborgen
bleiben, und da auch sie natürlich für den Abend eine Einladung
zur Teilnahme erhielt, so bat sie Lord Rochester durch Adele um
eine kurze Unterredung, die ihr denn auch sofort bewilligt wurde.
Herr, bat sie, Sie wissen, daß ich nicht furchtsam bin, aber
heute ist auf Thornfield ein Mensch eingetroffen, mit dem ich jedes
Zusammentreffen vermeiden möchte. John Reed, von Jugend auf
mein heftigster Feind, der mich am liebsten vernichtet hätte, ist
Ihr Gast und dürfte, wenn auch seine Angehörigen noch nichts
von einer Verwandtschaft mit mir verlauten ließen, doch die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, mich zu beleidigen oder
mir sonst einen Affront zu bereiten.
John Reed? fragte Rochester verwundert. Er scheint ja ein
vollendeter Kavalier zu sein.
Ich will das nicht bestreiten, Herr, aber die Nachrichten,
welche sein Onkel Whitfield am heutigen Tage über ihn gebracht
hat, lassen mich daran zweifeln,- ich war Zeuge, als er hier
eintraf.
Miß Jane Eyre, ehe ich weiter über diesen Punkt mit Ihnen
rede, frage ich Sie eben so ernst wie dringend: Haben Sie meine
Werbung um Ihre Hand in Erwägung gezogen? Sie baten um
Bedenkzeit- es sind einige Stunden verstrichen und ich selbst
möchte gern Gewißheit über meinen Antrag, da ich kein Freund
von langem Zaudern bin. Ich richte daher nochmals die Frage
an Sie: Jane Eyre, wollen Sie mein liebes, treues Weib, meine
Lebensgefährtin für alle Zeit werden?
Ich habe mein Herz geprüft, Herr und glaube voll und ganz
mit ,Ja' antworten zu können.
Rochester streckte ihr beide Hände entgegen und zog die nur
schwach Widerstrebende an seine Brust. Jane Eyre, sprach er
feierlich und ernst, so erkläre ich Dich hiermit zu meiner Verlobten
und werde die erste passende Gelegenheit benutzen, Dich offen als
meine Braut vorzustellen. Vor der Welt bestehe einstweilen
unser gegenwärtiges Verhältnis als Herr und Erzieherin noch fort,
vielleicht nur für wenige Tage - hier aber nimm als Pfand meines
Gelöbnisses diesen Reif meiner Mutter.
Ich nehme den Ring in Empfang und gelobe Dir Roland
Rochester, als meinem Verlobten, eine treue und sorgsame Hausfrau
zn sein und zu Dir zu stehen in Leid und Freud, in Glück und Not.
So, meine Jane, und nun wirst Du auch an der heutigen
Abendtafel und Gesellschaft teilnehmen können. Wagt der Elende Dich
zu beleidigen, so werde ich zum Schutze an Deiner Seite erscheinen.
Wenn Du es wünschest, antwortete Jane, so soll es geschehen,
obwohl ich mit diesem Menschen viel lieber in meinem Leben nicht
wieder zusammengetroffen wäre. Da indessen mein strenger Herr
und Gebieter noch Arrangements für den bevorstehenden Abend
zn treffen haben wird, so will ich nicht länger stören und mich
wieder zu Adele begeben, die meiner bedarf.
Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedeten sich die glücklichen Verlobten, um sich erst am Abend in dem festlich erleuchteten
Saale bei einem großen Gastmahle wiederzutreffen.
Rochester hatte, um seinen Gästen ein wirklich größeres Fest
einmal zu geben, an einige seiner Pächter noch, wie an mehrere
Nachbarn Aufforderungen ergehen lassen, für den Abend bei ihm
mit ihren Frauen zu erscheinen, sodaß am Abend eine wirklich ansehnliche Gesellschaft versammelt war. Dabei erfüllte er selbst die
Pflichten des Wirtes in der liebenswürdigsten Weise, ohne von
irgend jemandem unterstützt zu werden. Man setzte sich zur Tafel,
und wie immer führte Lord Rochester Georgine zu Tische, während
deren Mutter auf seiner andern Seite Platz nahm. John Reed
erhielt seinen Platz neben seiner Mutter, Kapitän Whitfield neben
Georgine. Janens Tischnachbar war, obwohl sie sich gern von ihm
losgemacht hätte, Lord Francis; ohne ihn zu verletzen, konnte sie
seine Gesellschaft nicht ausschlagen, zumal er sich außerordentlich
zuvorkommend benahm und doch jeden Schein von Zudringlichkeit
zu vermeiden wußte.
Die Stimmung in der Tafelrunde war eine außerordentlich
fröhliche; Rochester war ungemein heiter und John Need entwickelte
eine Unterhaltungsgabe, welche alle Welt, Jane nicht ausgenommen,
in Erstaunen setzte; ja sie bereute schon ihren Verdacht auf John
gegen Rochester ausgesprochen zu haben, denn sie schien für jenen
gar nicht zu existieren- er beachtete sie weder mit einem Worte
noch mit einem Blicke. Als er aber einige Gläser Wein getrunken
hatte, bemerkte sie ungern, daß seine Augen oft nach ihrem Platze
flogen und er sich in Gedanken mit ihr beschäftigte. Sie vermied
es, seinen Blicken zu begegnen, um seine Aufmerksamkeit nicht
noch mehr zu erwecken und seinen Haß gegen sie zu schüren. John
war indessen eine so rachsüchtige Natur, daß er, um seinen ungestillten Groll gegen Jane abzukühlen, alle Rücksichten der Höflichkeit und des Gastrechtes bei Seite setzte und dieselbe, nachdem ihm
der Wein etwas zu Kopfe gestiegen war, der öffentlichen Verhöhnung auszusetzen wagte.
Sagen Sie mal, Lord Rochester, wie kommt denn jene bleichsüchtige Person in diese Gesellschaft hier? Ich sollte meinen, dieselbe gehörte nicht in unsere Kreise mitten hinein.
Mister Reed, erwiderte Rochester ruhig, nachdem er bereits
mehrere von Johns vorausgegangenen lauten Fragen in heiterer
Form beantwortet hatte; ich hoffe, Sie wollen mit dem Ausdrucke
,Person'' keine Beleidigung gegen irgend jemand aussprechen,
sondern nur eine Vertraulichkeit.
Diese Person, antwortete John, kann ich gar nicht beleidigen;
sie verdient es nicht anders.
Ich bitte, Mister Reed, unterlassen Sie diese zweideutigen
Bezeichnungen, damit ich nicht nötig habe, von Ihnen nähere Auskunft erbitten zu müssen; wir würden ja sonst in unserer harmlosen Heiterkeit gestört werden, und das wäre doch höchst unerwünscht.
Aller Augen ruhten bereits auf den beiden Sprechenden.
John erhielt von mehreren Seiten Winke, zu schweigen und sich
zu mäßigen, aber war gegenwärtig nicht mehr in der Stimmung
auf eine ruhige Vorstellung zu hören und rief: Ich meine die
Person dort, welche in ungehöriger Weise neben Lord Francis platz
genommen hat.
Diese Dame, Mister Reed, ist Erzieherin in meinem Hause,
und ich erwarte von Ihnen nach dieser Erklärung, daß Sie dieselbe respektvoll behandeln und sie um Entschuldigung bitten, wenn
sie solches von Ihnen verlangen sollte, entgegnete Rochester entschieden.
Jane erhob sich und wollte sich stillschweigend vom Tisch und
ihrem Platze entfernen.
Hahaha! lachte John. Sehen Sie, das böse Gewissen schlägt
sie, sich in anständige Gesellschaft eingeschlichen zu haben! Sie ist
eine Waisenhauspflanze von Lowood, wohin man sie wegen ihrer
Lügenhaftigkeit und Undankbarkeit gegen ihre Wohlthäter gebracht hat.
Bitte, Miß Eyre, Sie bleiben. Mister Reed irrt sich in der
Person und hat nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, rief Rochester
Jane zu und vermochte sie hierdurch zu bleiben.
Nein, nein! höhnte John; ich irre mich ganz und gar nicht.
Jane Eyre heißt die Person und ich kenne auch die Familie, aus
welcher man sie ihres schlechten Benehmens halber hinausgebracht
hat. Sie kann mich ja Lügen strafen, wenn ich die Unwahrheit
rede oder nur übertreibe.
Ihre Verteidigung übernehme ich, Miß Eyre, sprach Rochester
mit mühsam bewahrter Ruhe. Mister Reed, auch ich kenne die
Familie sehr genau, welche die -1jährige Jane Eyre dem
heuchlerischen Ir. Blackhurst überliefert, um sie aus ihrem Hause
loszuwerden; ich kenne auch den bösen Buben sehr genau, der die
Hauptveranlassung zu dieser empörenden Handlungsweise gewesen ist.
Wenn Lord Rochester in diesem Falle nur nicht aus einer
trüben Quelle geschöpft hat -
Gewiß nicht, Mister Reed- die Schulakten von Lowood
und die mündlichen Berichte einer gewissen Bessie Home haben
mir den sichersten Aufschluß gegeben, und wenn jemand vielleicht
in meine Worte noch einen Zweifel setzen sollte, so wird derselbe
schwinden, wenn ich den anwesenden Herrschaften die feierliche
Erklärung gebe, daß Miß Eyre seit heute meine Verlobte ist und
in kurzer Zeit meine Gemahlin sein wird. Sind Sie nun zufrieden Mister Reed?
Ah das ist stark! knirschte John wütend. Das heißt aber
nicht wie ein Gentleman gehandelt. Sie bewerben sich um die
Hand meiner Schwester, täuschen dieselbe durch ihre Galanterien
und verloben sich heimlich mit einem anderen Frauenzimmer, die
tief unter ihrem Range steht. Für dieses unverzeihliche Benehmen
sind Sie mir Rechenschaft schuldig, und ich verlange im Namen
meiner Schwester blutige Genugthuung von Ihnen. Sie sind
Zeugen, meine Herren.
Genugthuung soll Ihnen werden, mehr als Sie fordern
können,- ich bitte jetzt aber, dieses unerquickliche Gespräch abzubrechen und uns Angenehmeren zuzuwenden, erwiderte Rochester.
Sämtliche Gäste ergriffen die gebotene Gelegenheit, Lord
Rochester und Jane Eyre die aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen, um hierdurch den häßlichen Vorfall so schnell wie möglich
in Vergessenheit zu bringen, und Lord Francis brachte einen wohlgemeinten Toast auf das neue Brautpaar, wobei er feierlich erklärte, er werde sich es nicht nehmen lassen, bei der Vermählung
als Brautführer seines Amtes zu warten. Der üble Eindruck
des von John Reed gewaltsam herbeigezogenen Streites war hierdurch ein wenig verwischt, und Mistreß Reed benutzte diese mildere
Stimmung, um ihrer angegriffenen Gesundheit wegen zum Aufbruche zu mahnen und sich mit ihrer Tochter und ihrem Sohne
zurückziehen zu können. Niemand suchte sie zurückzuhalten, selbst
Kapitän Whitfield nicht, der vielmehr blieb und seiner Nichte Jane
Eyre aus vollstem Herzen die besten Glückwünsche darbrachte.
Der Abend, dessen Verlauf mit einer so widerlichen Dishonanz
gestört zu werden drohte, endete in allgemeiner und schönster
Harmonie, denn sämtlichen Gästen hatte das stille und geräuschlose Walten Jane Eyres gefallen und mit großer Freude hatten
sie das innige Verhältnis, das zwischen ihr und ihrer Schülerin
bestand, zu würdigen gewußt.
Jane selbst bildete in ihrem bescheidenen Wesen einen lieblichen Gegensatz zu dem in voller Kraft und Bewußtsein seines
Glückes strahlenden Rochester. Adele hüpfte und sprang voll Entzücken umher, daß ihre liebe gute Gouvernante nunmehr ihre
geliebte Tante würde. In einem Meer voll. Seligkeit und Wonne
überschwamm Mistreß Harleigh, welche den Liebling ihres Herzens,
die Freude ihrer alten Tage sicher an Lord Rochester gebunden
wußte und nun doch versichert war, Janens Umgang auch für die
Folgezeit nicht ganz entbehren zu müssen.
Schluß.
Am Morgen nach diesem etwas bewegten Abende war John
Reed, der von Mutter und Schwester mit den heftigsten Vorwürfen wegen seines höchst ungebührlichen, unvorsichtigen Betragens
überhäuft wurde, aus Thornfield verschwunden, und seit dieser
Zeit haben seine Verwandten keine Nachrichten wieder von ihm
vernommen, so daß es wirklich schien, er habe sich das Leben genommen oder sei außer Landes geflohen. Lord Rochesters Gäste
verweilten nur noch zwei Tage in Thornfield und reisten dann
sämtlich gemeinschaftlich zurück. Jane, welche durch Whitfields
Mitteilungen an seine Schwester eine Ahnung von der äußerst
mißlichen Lage der Familie Reed erhalten hatte, drang in ihren
Onkel, sie von den Verlegenheiten, in welche letztere durch Johns
Verschwendungssucht geraten war, genauer zu unterrichten, damit
sie eine Bitte an Rochester wagen könne, hier noch einmal Abhilfe
zu schaffen. Whitfield weigerte sich zwar, ihrem Wunsche nachzukommen, aber seiner Schwester Angst und Verzweiflung waren
stärker, als die Scheu vor dem Gedanken, von dem Manne Hilfe
anzunehmen, der von John Reed in unverdienter Weise so herausfordernd und beleidigend behandelt worden war, und so eröffnete
er ihr, daß W0 Pfund erforderlich sein würden, um zunächst
jeden Flecken von dem guten Rufe der Familie fernzuhalten und
den flüchtigen John nicht durch Steckbriefe verfolgen zu lassen.
Jane wagte freilich ihre Bitte nicht direkt an Rochester zu
richten, aber aus der Darstellung dieser für Mistreß Reed so
drückenden Angelegenheit bemerkte ihr Verlobter, daß sie Hilfe
gebracht wünsche, und so gab er ihr denn aus freiem Antriebe das
Versprechen, mit Kapitän Whitfield Rücksprache zu nehmen und
alle etwaigen Ungelegenheiten und pekuniäre Verlegenheiten auf
die schonendste Weise ausgleichen zu wollen, sodaß Mistreß Reed
mit dem tröstlichen Bewußtsein Thornfield verlassen konnte, die
Ehre ihres Namens in den Augen der Öffentlichkeit gewahrt zu
sehen, freilich aber auch mit der getäuschten Hoffnung, ihre Georgine
als Herrin von Rochesters Besitztum leben und hierdurch ihren
früheren Reichtum wiederkehren zu sehen. Beide lebten fortan
einfach und zurückgezogen von dem Treiben der Welt.
Obwohl Rochester einen geheimen Widerwillen gegen Thornfield hatte, so entschloß er sich doch auf Janens Bitten dasselbe
auch nach seiner Vermählung mit ihr zu seinem Aufenthalte zu
wählen, damit die alte brave Mistreß Harleigh nicht ganz auf den
Umgang mit Dienstboten und fremden Leuten angewiesen war.
Dieser Entschluß wurde ihm noch durch ein besonderes Ereignis
erleichtert: Gratia Pooles Pflegebefohlene, die unglückliche, wahnsinnige Lady Rochester, die mehrere Jahre hindurch die Bewohner
Thornfields durch ihr dämonisches Lachen geschreckt hatte, war seit
dem letzten Angriffe auf Rochesters Leben auffällig still geworden,
ihr Lachen erklang zwar zuweilen noch, aber so schwach, daß man
es außerhalb des Turmes kaum vernehmen konnte. Gratia hatte
mehrfach gegen Rochester, wenn sie ihn zufällig im Hause traf,
geäußert, die Lady erschiene ihr recht schwach, obwohl sie stark esse
und trinke, aber der Lord war mit seinen Gästen und Geschäften
so in Anspruch genommen, daß er wenig auf Gratias' Außerungen
geachtet hatte und wenige Tage nach Abreise der Gäste eines
Morgens ganz erstaunt vernahm, die arme Wahnsinnige sei in
vergangener Nacht von ihren Leiden erlöst und zu einem besseren
Leben entschlafen.
Ein Alp, der auf Rochesters Brust bisher schwer gelastet und
auch in Janens Herzen manche Besorgnisse wegen der ihren Verlobten stets drohenden Gefahr wachgerufen hatte, war glücklich
entfernt und frei und erleichtert atmeten sämtliche Bewohner
Thornfields auf, als die irdischen Überreste jenes beklagenswerten
Weibes dem Schoße der Erde übergeben werden konnten. Nun
erst, so bekannte Rochester seiner Braut, könne er ruhig und glück
lich mit ihr in Thornfield leben.
Das herrliche Pfingstfest war herangebrochen. Am zweiten
Feiertage sollte Rochesters und Janens Vermählung erfolgen, einfach
und schlicht hatte Jane es gewünscht, und Rochester willfahrte ihr
insoweit, als nur Lord Francis, der sich als Brautführer erboten
hatte, sowie Lord Ingram mit seiner Familie, einige von des Lords
älteren Pächtern und der Friedensrichter der Grafschaft als Gäste
und Zeugen geladen waren.
In der Kirche zu Hay Lome wurde die Trauung vollzogen,
doch ehe sie den Weg dorthin antraten, trug Jane ihrem Verlobten
noch die Bitte vor: Rowland, sprach sie, willst Du mich heute
ganz glücklich machen, so triff Anstalten, daß ich keine Waise mehr
in meiner Nähe sehe, daß unsere Nichte Adele nicht unsere Nichte
bleibe, sondern von Dir adoptiert und unser Beider Tochter werde.
Edle, erhabene Seele, rief der Lord freudig bewegt aus, welche
Bitte könnte ich Dir abschlagen, zumal sie so vollständig meinem
eigenen Herzen entsprossen ist. Wohlan, sie sei unsere Tochter.
Und wenn die Welt Dich fragen sollte, Rowland, wer ist
Deine Gattin? Was wirst Du antworten?
So werde ich mit gerechtem Stolze ausrufen: Die Waise
von Lowood!
Sie wünschen zu wissen, auf welchen steilen Pfaden mich die Vorsehung dahin geführt hat, wo ich mich befinde; Ihr Wunsch soll erfüllt werden, verehrte Freundin.
Ich will die langen Mußestunden, welche mir das einsame leben übrig läßt, in dem sich die Unebenheiten meines Charakters abgeschliffen und die zuweilen übertriebene Energie meines Willens gemildert haben, mit Vergnügen dazu anwenden, für Sie (und für Sie allein) eine Erzählung niederzuschreiben, in der Sie mich vielleicht weniger “vollkommen” finden werden, als wofür Sie mich zu halten so freundlich sind. Dies wird meine Strafe sein für die Regungen von Eitelkeit, welche Ihr so selten gespendeter Beifall in mir hat erwecken können.
Mein Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren schön wie Engel, weiß und rosig, wirkliche Taschenbuchgesichter mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagte habe, war der ächte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig und tyrannisch. Ich war für ihn ein um so bequemeres Stichblatt seiner Bosheit, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maße, wozu ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir ohne alles Interesse sind.
Ich sehe mich noch an einem regnerischen Nachmittage in einer tiefen Fensternische verborgen auf meinen gekreuzten Beinen sitzen und in einem großen Buche blättern, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die ‘Vögel Englands von Bowick.’ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen, colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
‘Hierher, Schläferin!’ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. ‘Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?’ fuhr er fort. ‘Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier . . . Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige kleine Hexe.’
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen; ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
‘Was willst Du von mir?’ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
‘Was willst Du von mir, Master Reed?’ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. ‘So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.’
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.
John war damals ein plumper Bursche von etwas vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.
‘Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,’ sagte er zu mir, ‘und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.’
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
‘Was machtest du dort?’ fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
‘Ich las.’
‘Zeige mir das Buch.’
Ich holte es herbei.
‘Ich will Dir lehren,’ fuhr er fort, ‘in meinen Bibliotheken herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.’
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar, denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite; aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückschlag, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:
‘Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Du gleichst einem Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!’
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterte ihn auf Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hilfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
‘In die rothe Kammer!’ rief sie; ‘schließt sie ein und laßt sie dort!’
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchen der eben erzählte Auftritte stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die ‘wüthende Katze’ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.
‘Wenn Sie sich noch länger sträuben Miß,’ sagte sie zu mir, ‘so müssen wir Sie binden. Miß Abott,’ setzte sie hinzu, ‘leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.’
Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse, erzwungene Ruhe gab.
‘Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott!’ rief ich aus, ‘ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.’
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.
Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nur für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen Derjenigten unterwerfen müsse, die mir Brot geben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahogonyfüßen ein großes Bett mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem, dunklem Mahogony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißem Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein ‘bleicher Thron’ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie Feuer angezündet wurde. Da es von der nursery und der Kirche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf und ging nach der Thür, die wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkührlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Waschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –
In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf, dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend feine Schmerzentsthränen vergoß, daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. – --
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male in Streit miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen setzte, da er mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht interessirten.
‘Dies ist ein Beweis,’ sagte er, ‘daß Du ein böses Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit und Du ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.’
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Blockehurst. Er war der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer der denkwürdigsten Tage meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet habe, ihr nie wieder den Namen ‘Tante’ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgiltigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniederung bewahrt hat.
II
Ich habe acht Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Elisabeth, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen acht Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen; die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und uns als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem
Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend. in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund. Aber mit den ersten, schönen Tagen drangen die Fieber und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als das' beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den. Garten und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: ,Rasselas, liebe Freundin, ja, “Rasselas,
Prinz von Abyssinien”!
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend,ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften
können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte..-
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht, erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Muhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
- ,Ich wette,? sagte ich ohne Einleitung zu ihr, ,daß Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
,Ich?’ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen anblickte; ,ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützten, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?’
,Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich.’
,Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.’
,An Deiner Stelle würde sie mich mißfallen. Ich würde mich ihr widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde ich ich den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen.’
,Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu vergelten.
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der Mangel jedes Grolls gegen die Person,
über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen- hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen,
daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das mich noch fehlte.
,Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.’
,Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich
keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen...
, Gehässig und hartherzig,’ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.
,Uebrigens,’ fuhr ich ohne Ueberlegung fort,‘warum bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.’
,Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen yorlegte, war kein einziger von Deinen Gedanken abwesend und zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd mit mir spricht und ich streng auf sie achten sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr höre. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers getauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.’
,Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.’
, Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter
König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Die Vorrechte seiner Krone beschränkten
wahrscheinlich seine Einsicht. Wenn er diese rein persönliche Frage hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . -. Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten -
König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie
konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?’
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete, ohne es zu ahnen.
Mir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allen ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
,Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen
nehmen, wenn sie gerecht ist.’
, So denken die Wilden und so dachten die Heiden, erwiderte Helene ruhig. ‘Aber die Christen und die civilisirten Völker verwerfen diese Moral.
,Warum denn aber? Ich kann es nicht begreifen.’
,Weil man durch Heftigkeit den Haß niche entwaffnet und durch die Mache die Ungerechtigkeit nicht wieder gut machte?
, Auf welche andere Weise geschähe dies besser?’
, Lies das Neue Testament, versetzte Helene. ,Höre, was Christus sagt, sieh, wie er handelt, nimm Dir seine Worte zur Regel und stelle Dir seine Handlungsweise als Muster auf.’
, Was sagt er denn?
,Er sage: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.’
, Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, ,müßte ich Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht.
ich müsste ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.’
Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß ,nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand, ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mich unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple: diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte.
Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine vor der Gartenthür den Poney des Herrn Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte, weil sie könnten verwelken, wenn
ich bis morgen wartete. Die von den Thränen des Abends benetzten Blumen strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Ostens empor, und
dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde, diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen
zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen über den Himmel und die Hölle
zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des
gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
,Wie geht es mit Helene Burns?’ fragte ich sie.
.Nicht zum Besten,’ war die einzige Antwort, die ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
,Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihr geholt worden?’
,Allerdings.’
,Und was sagt er dazu?’
,Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.’
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt
haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt das durch ein klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag aber mehr konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war als ich aber an dem Krankensaale vorüberging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.
Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine
menschliche Gestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.
Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.
,Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre,’ dachte ich. ,Helene, bist Du wach?’ fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.
,Wie, Jane, Du bist hier?’ fragte mich Helene mit der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
‘Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann man nicht sterben,’ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls; - ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln war noch das nämliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.
‘Nun wohl,’ entgegnete sie, ,Du kommst gerade noch zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.’
,Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause zurück?’
,Ja, erwiderte sie, ‘nach Hause ... nach Hause, für immer.’
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser
zu mir:
,Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.’
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
,Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. ,Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth.
Früher oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft.
Sie verschlimmert sich allmählig, fast ohne daß ich es
bemerke, und läßt meine Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben?
,Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, ‘weißt Du, wohin Du gehst?’
‘Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wich. Gott ist mein Vater und mein Freund.’
‘Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?’
‘Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.’
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich.
Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.
,Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!’ hob sie wieder an. ‘Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir.
,Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?’
,Nein, antwortete ich, ,und kein Mensch soll mich jetzt von Dir trennen.’
, Gute Nacht, Jane!’
, Gute Nacht, Helene!’
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine
Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf
Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. ,Helene war gestorben!’
Habe ich Ihnen, für welche diese Seilen geschrieben sind, genügend dargethan, daß ohne Helenens Freundschaft und ohne den Wunsch, derjenigen unserer Lehrerinnen, die mir die meiste Theilnahme bewies, dieser Miß Temple, die ich Ihnen schon genannt habe, bald meine Dankbarkeit zu bezeigen, die widersetzliche, unbeugsame, männliche Seite meines Charakters mich aller Vortheile beraubt haben würde, welche mir der Aufenthalt in Lowood gewähren konnte? Ich weiß es nicht, denn ich habe tausend unbedeutende Vorfälle unerwähnt lassen müssen, die Ihnen, wie mir, diese unbestreitbare Wahrheit bewiesen haben würden. Doch was liegt daran? Es genüge, wenn ich Ihnen sage, daß ich sechs Jahre lang als Schülerin und zwei andere Jahre als Unterlehrerin die in meiner Macht stehenden Mittel zu meiner Ausbildung benutzte, abgesehen von einigen andern ernstern Studien. Ich war eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, um die Gebilde meiner Phantasie, die Ihnen zuweilen von dem Alltäglichen abzuschweifen schien, auf die Leinwand zu übertragen.
Nach Verlauf dieser acht Jahre verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation, für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten hatte, nichts Andres war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple’s. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen, wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte; der Sehnsucht nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte.
Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben, und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Und ich kam auf Ideen, wie man sie von jenem taitischen Mädchen erwarten konnte, die, ihre Rindenkleidung abwerfend, einen sehnsüchtigen und
zugleich ängstlichen Blick auf das Meer wirft, in das ihre Gefährtinnen sie zum ersten Male rufen.
Als ich. einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht, einmal den Versuch, machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkelt, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäftigt hatte. Meine Stirn glühte und eine fieberhafte Aufregung meines ganzen Nervensystems hatte mich gezwungen, mich in meinem Bett aufzurichten. Von Müdigkeit übermannt und von einem empfindlichen Gefühl von Kälte an meinen Schultern ergriffen, legte ich mich endlich wieder nieder, und als hätte plötzlich ein Engel des Himmels eine höhere Eingebung auf mich herabgesandt, sagte ich zu mir selbst, nachdem mein Haar kaum das Kopfkissen berührt hatte:
,Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?’
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende,
um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer
Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., Poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:
,Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in dem ... shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich. die angeführten Talente besitzt und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer frühern Wirksamkeit beibringen kann, so
wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter zehn Jahren zu leiten hat. Der Gehalt bestehe in dreißig Pfund Sterling für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen
der Personen, auf deren Empfehlung sie sich beruft,
an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in
ber Grafschaft** einsenden.’
Die Handschrift dieses Blattes war schwerfältig, altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten Manieren und ganz in schwarze Seide gekleidet. Thornfield war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein
Schloß mit kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort
war, der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich auf dem Leinpfade herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie
es sich hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd
in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen, daß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen Tagen mit einem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich rief. In der Zwischenzeit hatte
ich an Mistreß Fairfax geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn
meine, wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des ,Salons’ ein
Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur
erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und
zugleich der sehnliche Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich schellte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote liegen sollte.
‘Ich kenne diesen Ort nicht,’ erwiderte der Kellner, ‘aber ich will nachfragen.’
Nach einigen Augenblicken, kam er eiligst zurück und fragte mich:
,Sind Sie vielleicht Miß Eyre?’
,Allerdings.’
‘Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.’
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich
ihn fragte, ob Thornfield weit sei:
‘Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalber Stunde sind wir dort.’
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Witwe, die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.
Fast genau in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das sich hinter uns mich Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann
führte sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von
einem behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
- Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Witwenhaube, ein
schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze.
Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte
mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte
mich nichts schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
,Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?’
,Wie sagen Sie, meine Liebe?’ versetzte die gute Dame. ,Ich höre ein wenig schwer.’
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
,Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.’
,Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas verwundert.
‘Nein, ich habe keine Kinder.’
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen
- der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.
Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinen Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf
das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so
wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinen Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen Hintergrunde
eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer
großen Wiese nieder, die zwischen dem Hause und
einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen Wald bildeten.
‘Thornfield,’ dachte ich, ,heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.’
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
, Gefällt Ihnen Thornfield?’ fragte sie mich dann.
,Außerordentlich,’ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.
,Es ist in der That nicht übel,’ versetzte Mistreß
Fairfax. ,Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.’
,Master Rochester?’ rief ich aus; ,wen meinen Sie damit?’
,Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit großer Ruhe. ,Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?’
,Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.’
,Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, das heißt, mein
Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die
Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine
im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth
auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist.
Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und
da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung
begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.’
,Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?. . .’
‘Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.’
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war.
Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax mich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen; mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: ,Der Rattenbund’ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach, dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wie in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
,Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, ,würde ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert, aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm diesen kleinen Verdruß zu ersparen.’
‘Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?’
‘Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Wert darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.’
‘Ist er allgemein beliebt?’
‘Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.’
‘Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben Sie Herrn Rochester?’
‘Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.’
‘Aber sein Charakter . . .’
‘Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.’
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg. gingen wir durch eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtige Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Überraschung aus einem dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigentümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
‘Mistreß Fairfax!’ rief ich, als ich mich ein wenig von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. ‘Haben Sie dieses Lachen gehört?’
‘Wahrscheinlich ein Bedienter,’ entgegnete sie leicht hingeworfen.
‘Aber haben Sie es denn gehört?’
‘Allerdings, ich höre es oft . . . Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.’
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
‘Grace!’ rief Mistreß Fairfax.
Dieser Name schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indes sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Hässlichkeit, mit hochrotem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
‘Grace,’ sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem ganz gewöhnlichen Geschöpf; ‘es ist zu viel Lärm hier. Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .’
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
IV.
Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruss. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Tätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswertes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demütigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demütigenden Loose unterworfen haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Misters Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen, und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Misters Fairfax eben einen Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gesessen hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlern wie ich konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen Pinsel enges Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchtürme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in eine Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagelkorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter eben Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Zypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegte sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Wegs nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einem Schleier von Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen.
Thornfield begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber doch ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht ... und ich selbst hatte mich in diesem Augenblicke verspätigt.
Während ich über diese fantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz, und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging indem er mich kaum eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: ,Verwünschte Geschichte!’ veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand anzusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer Anstrengung von den Steighügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe. Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch ausstieß.
,Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?’ fragte ich ihn weiter.
,Sie können mir aus dem Wege gehen,’ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: ,Ruhe, Pilot!’ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder- minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich auf die Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
,Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hilfe bedürfen,’ sagte ich zu ihm, o könnte ich sie Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall' zusenden.
,Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur den Fuß verrenkt.’
Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizont glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der Ausdruck seiner Physognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und
die noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen, rief ich aus:
,Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd
wieder zu besteigen.’
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
,Aber mich dünkt,’ entgegnete er fast sogleich, ,daß Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?’
,Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach Day gehen, um Ihnen Hilfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies dahin.’
,Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?’ fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
,Ja, mein Herr.’
,Und wem gehört dieses Haus?’
,Herrn Rochester.’
,Kennen Sie Herrn Rochester?’
,Nein, ich habe ihn nie gesehen.’
,Bewohnt er sein Hause?’
,Nein.’
,Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?’
,Dies weiß ich nicht.’
,Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind . . .’
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, das er etwas verlegen war.
,Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.
‘Ah so, die Gouvernante,’ versetzte er; ,auf Ehre, ich dachte nicht mehr daran.’
Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen Zügen.
,Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,’ sagte er endlich, ,Beistand für mich herbeizuholen; aber wenn Sie die Güte haben' wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte? . . . Nein .. . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?’
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben, aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barrière und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir grosse Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte er laut auf.
,Ich sehe wohl,’ sagte er, ‘daß der Berg nicht zu Mahomed kommen wird, und daß also Mahomed versuchen muß, zu dem Berge zu gelangen. Haben Sie die
Güte, hierher zu kommen.’
Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.
,Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,’ fuhr er fort, ,aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Krankenstab zu benutzen.’
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem,
Pferde, das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehe ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen hinderlich war.
,Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an der Hecke.’
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
,Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.’
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Vorfall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß das Museum meiner Erinnerungen durch ein neues Gesicht, ein männliches, ausdrucksvolles, wenn auch nicht gerade schönes und verführerisches Gesicht, vermehrt worden war. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und scharlachrothen Vorhänge darin glänzend am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax.
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich,
daß ich mich der Illusion völlig hingab.
,Pilot!’ rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
,Wem gehört dieser Hund?’ fragte ich sie.
,Dem Herrn.’
,Welchem Herrn?’
Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
,Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?’
»Mistreß Fairfax sowohl als als auch Miß Adele,
sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen
geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt
hat.’
,Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?’
,Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.’
‘Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.’
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die Ankunft ,ihres Freundes, Mr. Eduard
Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.
,Dies bedeutet, sagte sie, ‘daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle! Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?’
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um
seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend, nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräfte zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, ‘denn,’ setzte sie hinzu, ,ich kleide mich stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.’
Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple: Dann folgte ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.
V.
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß
ruhte auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein
ganzes Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit
ihren kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren
des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen
erkannte, wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen
Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
,Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.’
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie bewirthete uns im ruhigsten Tone mit einer Menge alltäglicher Phrasen über die Unannehmlichkeit des Krankseins, über die Nothwendigkeit, sich in Geduld zu fassen und dergleichen mehr.
,Madame,’ sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien, ,ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hilfe gekommen.
,Nicht wahr,’ sagte sie zu ihm, ,in Ihrem Koffer ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?’
,Was schwatzest -Du von Geschenken?’ entgegnete Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. ‘Lieben Sie die Geschenke?’ setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
‘Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ‘ich bin nicht an dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.’
‘Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.’
,Im diese keineswegs einfache, Frage zu beantworten, bedürfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.’
,Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.’
,Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?’
,Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,’ erwiderte Mr. Rochester. ,Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.’
,Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur
einen geringen Werth in meinen Augen haben.
,Wirklich?’ versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne weiter ein Wort zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir
der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.
,Spielen Sie Pianoforte?’ fragte er mich zuletzt.
,Ein wenig,’ antwortete ich.
,Das versteht sich von selbst ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer ... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie
also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie
die Thüre offen und spielen Sie etwas.’
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
,Genug! es ist wahr, Sie spielen ein wenig. Ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.’
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.
,Diesen Morgen,’ fuhr Mr. Rochester fort, ,hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?’
,Nein gewiß nicht!’ rief ich aus.
‘Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben
Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.’
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
‘Einen Tisch!’
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
’Nicht so,’ sagte Mr. Rochester. ‘Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege; ich kann es nicht leiden daß Köpfe dem meinigen so nahe sind.’
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
‘Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?’ fragte er mich hierauf; ‘und ist diese Hand die Ihrige?’
‘Ja,’ antwortete ich.
‘Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .’
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
‘Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?’
‘Aus meinem Kopfe.’
‘Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?’
‘Allerdings.’
‘Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?’
‘Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.’
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch soviel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Kormoran mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Chlorids scharf hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunkeln Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so mattem und weichem Chlorid, als ich hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Ende flatterndes Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markierte den äußern Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze enges Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkelen Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie, so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattiert war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
‘Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?’ fragte mich Mr. Rochester.
‘Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.’
‘Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigentümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer fantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?’
‘Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .’
‘Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demohngeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? . . . Welch ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke! . . . Und der hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu malen? Denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraus’t. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? Denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.”
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte:
“Schon neun Uhr vorüber! . . . Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie sie sogleich zu Bett! . . . Gute Nacht, meine Damen.”
So endigte unser erster Abend.
VI.
Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf’s Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Präsenten, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen, angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
‘Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,’ sagte er dann zu mir, ‘und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich geschert ist. Miß Eyre,’ setzte er hinzu, ‘rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.’
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.
‘Sie beobachten ich recht recht aufmerksam, Miß Eyre,’ sagte er in heiterem Tone; ‘finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?’
Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes ‘Nein, mein Herr!’ entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
‘Vortrefflich!’ rief er in dem nämlichen Tone. ‘Sie haben in der That etwas ganz Eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer, zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten, Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?’
‘Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .’
‘Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so viele Messerschnitte auf Ihrem ersten Nadelstich. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?’
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Maßen seines Haares zurück.
‘Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?’
‘Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?’
‘Vortrefflich! Wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deßhalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,’ – er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- -daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen, ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen Verlassenen und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuk. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige Hoffnung vorhanden ist?’
‘Was für eine Hoffnung?’
‘Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.’
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.
‘Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,’ fuhr er fort, ‘und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vorteil, daß sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Teils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.’
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten, fuhr er fort:
‘Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Rätsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende
Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.’
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verriet etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
‘Sprechen Sie,’ wiederholte er mit Ungeduld. ‘Sprechen Sie von was Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.’
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er erriet das endlich.
‘Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.’
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten bald dahin, das wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und sinnlosen Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er
‘das Gift des Lebens’ nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle. Er wurde nach und nach immer warmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der Weg, den er betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Ich verstand nichts von diesen Reden und das beängstigende Gefühl, welches fast immer die Verlegenheit des Verstandes vor irgend einem Geheimnisse begleitet, machte es mir wünschenswerth, diese schon zu lange Unterhaltung abzubrechen. Ich benutzte die Gelegenheit, als es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht wurde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin.
‘Steht mir das Kleid gut?’ rief sie, zwischen uns tretend; ‘und die schönen Schuhe? Und die seidenen Strümpfe? Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.’
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Knie.
‘Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!’ sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: ‘machte es Mama nicht auch so?’
‘Ganz genau so,’ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. ‘Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,’ sagte er hierauf zu mir; ‘ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.’
VII.
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existierte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlichen Mutter verlassen wurde.
‘Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,’ sagte er am Schlusse seiner Erzählung, ‘um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt,’ fuhr er fort, ‘Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich andersweitig zu verstehen etc. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?’
‘Keineswegs,’ erwiderte ich; ‘Adele ist weder für Ihre Fehler noch für die ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da ich weiß, daß sie jene von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.’
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einem ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwanderung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen darin finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte. –
Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten.
Sie waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selber nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor schlich. Ich fragte: ‘Wer ist da?’ Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch,
das Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Frucht, von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts. Nach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war, aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: ‘Wer ist da?’
Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.
‘Sollte es Grace Poole gewesen sein?’ dachte ich bei mir, ‘und sollte sie vom Teufel besessen sein?’
In meinem Zweifel schien es mir unmöglich, nicht auf der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lang Flammen umzungelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen,
Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckten endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe ertränken wollen; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.
‘Besonders aber,’ setzte er hinzu, ‘kommen Sie nicht unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges trockenes Kleidungstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch halt, da ist mein Schlafrock.’
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnässten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
‘Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?’ versetzte er heftig. ‘Lassen Sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht maß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei Ihnen sein.’
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß nach diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
‘Es war ganz so wie ich dachte,’ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
‘Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:
‘Haben Sie mir nicht gesagt daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben? . . .’
‘Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.’
‘Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . . ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.’
‘Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist ein wunderliches Geschöpf.’
‘Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnte haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück,’ setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, ‘werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.’
‘Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,’ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.
‘Wollen Sie mich denn schon verlassen?’ rief er aus, ‘und auf solche Art?’
‘Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .’
‘Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichen Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Fremde? . . . Geben Sie mir wenigstens Ihre Hand.’
Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt eines einfachen shake-hands ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
‘Sie haben mir das Leben gerettet,’ sagte er dann tief ergriffen. ‘Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.’
Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.
‘Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,’ erwiderte ich ihm. ‘Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .’
‘Ich wußte es,’ unterbrach er mich, ‘daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah . . . ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .’
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
‘Nein,’ fuhr er dann fort, ‘nicht umsonst hat ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .’
Dies sagte er auffallend rasch.
‘Man spricht von natürlichen Sympathien,’ setzte er hinzu, ‘auch von guten Genien. . . . . Gute Nacht denn, liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!’
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.
‘Es freut mich,’ fügte er hinzu, ‘daß ich nicht wie gewöhnlich eingeschlafen war.’
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
“Sie verlassen mich also?’
‘Ich friere.’
‘Ja, es ist wahr . . und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Sie, Jane, gehen Sie rasch.’
Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
‘Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,’ sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch’ eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten dieser Nacht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? Wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner inner Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
‘Guten Morgen, Grace,’ sagte ich zu ihr, ‘was ist denn diese Nacht hier vorgefallen?’
‘Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur
rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.’
‘Eine sonderbare Geschichte,’ sagte ich halblaut, indem ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. ‘Hat denn Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?’
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.
‘Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,’ erwiderte sie dann. ‘Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stößt hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.’
‘Ich habe nichts gehört,’ antwortete ich noch leiser, ‘als ein Gelächter, wie es wenige giebt.’
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
‘Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während der in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.’
‘Nein, ich habe nicht geträumt,’ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert.
Sie blickte mich abermals forschend an und fragte mich:
‘Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?’
Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.’
‘Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?’
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke bei, daß sie, wenn ich ahnte, daß ich wußte, woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte daher ein.
‘Im Gegentheil,’ erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ‘ich verriegelte meine Thür.’
‘Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?’
‘Schändliches Weib!’ dachte ich, ‘sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.’
Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
‘Daran werden Sie sehr wohl thun,’ war ihre ganze Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.
‘Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?’ sagte er dann.
‘Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.’
‘Und Ihren Sago?’
‘Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.’
Nach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Rätsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermutungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem exzentrischen Mr. Rochester ein Band existierte, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Hässlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
‘Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.’
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den ganzen Tag über weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax serviert sei.
‘Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,’ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. ‘Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher
... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein.... Ich denke
nicht, es ist ja so schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
,Ist Mr. Rochester nicht hier?’
,Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés-Clos
zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.’
‘Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?’
,Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viele schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram,
und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester
sehr ungern.
VIII.
Ja, liebe Freundin, zehn Meilen von Thornfield-Hall wohnte ein schönes Mädchen, welche die Natur mit allen ihren Gaben überschüttet und die das Alter erreicht hatte, in welchem die vierzig Jahre Mr. Rochesters sie nicht mehr erschrecken konnten und in dem sein Vermögen ihr ganz besonders lockend erscheinen mußte.
Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie
Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen
Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten, die Beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches,häßliches Mädchen ohne, Herkunft und ohne Reichthum,
deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches
Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, mich dafür zu bestrafen wie für ein Verbrechen.
Da mein schwerster Fehler darin bestand, daß ich
mich verkannt hatte, so beschloß ich das Bildnis Blanca Ingrams, so wie Mistreß Fairfax sie mir beschrieben hatte, auf das glätteste Elfenbein und mit meinen feinsten Pinseln zu ma!en. Neben dieses glänzende und ideale Portrait wollte ich das treue Conterfei des reizlosen Gesichts setzen, das ein zu aufrichtiger Spiegel mir jeden Morgen zeigte, und die Vergleichung dieser beiden Bilder sollte die Strafe für meinen Dünkel und zugleich ein heilsamer Zügel für meine glühenden Erinnerungen sein.
Dieses peinliche Werk vollbrachte ich wirklich, liebe Freundin. Es beschäftigte mich zwei volle Wochen, und ich kann sagen, baß ich den Nutzen daraus zog, den ich
erwartet hatte. Es hätte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Grundsätzen, die ich meinem Herzen einprägen wollte, die nöthige Kraft und Tiefe gegeben.
Nach Verlauf dieser Zeit war die Ruhe wieder in
mir zurückgekehrt. Indem ich ohne falsche Bescheidenheit
die Entfernung ermaß, welche mich von dem Grundherrn
von Thornfield-Hall trennte, war ich fest entschlossen, ihn
nicht im Besitz einer Liebe zu lassen, die zu innig und zu
ernst war, um weder vergebens geschenkt noch geringschätzig angenommen werden zu können. Ich hatte schon fast wider meinen Willen alle Gründe hervorgesucht, die ich
mir selbst und Anderen anführen konnte, um auf ewig
von Thornfield Abschied zu nehmen. Ich war indeß noch
unschlüssig, namentlich bei dem Gedanken; daß man die
wahre Ursache meiner Entfernung errathen könnte. P1ötzlich
erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshon die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mich den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als
flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
,Dies ist Miß Ingram,’ sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
,Wenn Mama Besuch hatte,’ sagte sie fast weinend zu mir, ‘und besonders Damen, so begleitete ich sie überallhin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend ... man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.’
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, dienten dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns
ganz aus den Augen verloren, und ich mußte mich in
der Speisekammer einer Art von Diebstahl schuldig machen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen
der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich
sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren
gerennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern
zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte
zu wechseln.
‘Nun, wie gefällt sie Ihnen?’ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
,Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.’
,Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, das er Sie und Adele nach dem Diener im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.’
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus
Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars
in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen,
bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem
Adele den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht
an allem Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen
Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung
besaß als see. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen. gar nichts davon
bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
,Ist dies wirklich die Außerwählte Mr. Rochesters?’ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, eine fulgurante Schönheit, wie die Italiener sagen, um manches Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr, Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in den seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter Stimme zu mir, sprach, während sein Herz von der Freude überströmte, daß er mir das Leben
zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
‘Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht.’ Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich so überwältigt und
mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben wollen; mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der
Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem seine ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer, diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß
was darüber, gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor,
etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte.
Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei
dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer,
ohne von Jemandem gesehen worden zu sein.
Im Corridor bemerke ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
,Wie befinden Sie sich?’ fragte er mich.
,Ganz wohl,’ erwiderte ich.
‘Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!’
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mich nicht herausnehmen.
‘Ich fürchtete Sie zu stören.’
‘Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?’
‘Ich habe mich mit Adele beschäftigt.’
,Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male
sah. Sie haben Sich doch diese Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?’
,Nicht im Entfernteste.’
‘Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.’
‘Ich bin müde.’
‘Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.’
‘Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.’
‘Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern.
Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein
Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren
Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will
ich Sie entschuldigen, aber ich erwarte ... oder ich hoffe
vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den
Salon zu kommen; so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen ... Gute Nacht, meine . . .’
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.
IX.
Ohne darüber nachzudenken, was Mr. Rochester zu dem förmlichen Befehle veranlaßt haben konnte, daß ich bei
allen seinen Soiréen erscheinen sollte, handelte ich ihm nicht ein einziges Mal zuwider, und ich könnte Ihnen Alles
ausführlich erzählen, was ich in diesen Abendgesellschaften über die schöne Welt, ihre Sitten, ihre Erbärmlichkeiten
erfuhr und welche Mühe man sich gab, um daselbst zu glänzen und zu gefallen. Aber Sie kennen dieses Kapitel
selbst zu genau, als daß ich länger dabei verweilen sollte, und ich will daher nur von den beiden Personen sprechen,
mit denen sich meine Gedanken in diesem Salon am meisten beschäftigten. Ich verwendete fast kein Auge von
ihnen, jedes Wort, das sie sprachen, prägte sich in mein Gedächtniß ein und wurde mit ängstlicher Genauigkeit von
von mir gedeutet und ausgelegt. Kein Blick, kein Lächeln entging mir.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt
mich zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der
bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem
Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht
oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt
konnte man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken
aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken.
Nichts keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten.
Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder
aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten
die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinländliches Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen
zu sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften
ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren
Mängel seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und wünschen?
Aber wie sollte ich, eben weil ich meine Wünsche in
dieser Beziehung erfüllt sah, von dem Fieber genesen, das
in mir brannte und mich verzehrte? Wäre Miß Ingram
ein edles, gutes, mit Seelenstärke, einem warm fühlenden Herzen und einer scharfen Urtheilskraft begabtes Mädchen
gewesen, so würde ich gegen die tödtlichen Umschlingungen
zweier Tiger: der Verzweiflung und der Eifersucht, zu
kämpfen gehabt haben. Aber ich würde nach einem
Kampfe, in welchem mein Herz in Stücke zerrissen worden wäre, meine Nebenbuhlerin bewundert, ihre Ueberlegenheit anerkannt haben, je größer meine Bewunderung gewesen wäre, um so schneller hätte sie mir meine
Ruhe wiedergegeben.
Wenn ich dagegen Miß Ingrams Anstrengungen Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich
sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick
auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen;
wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewusste
Niederlagen eitel war und daß sie ihr lächerlicher Eigendünkel immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte
thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen,
zu fesseln, zu erobern ... war dies nicht ein aufregendes
und gefährliches Schauspiel? Meine Ruhe kehrte daher
auch nicht zurück.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung; hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir
ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Seit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches, durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte;
dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die
Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester
stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Als sich dieser tiefe Abgrund vor mir aufgethan
hatte, waren meine Empfindungen die eines Reisenden
gewesen, der einen Berg von vulkanischer Beschaffenheit
erstiegen hat und bald den Boden unter seinen Füßen wanken
und bersten fühlt. Jetzt ängstigte mich wohl noch
zuweilen der Gedanke an die Gefahr, die mir untrügliche
Anzeichen verkündeten und deren Natur ich nicht kannte.
Aber diese Angst entfernte mich nicht. Ich dachte nicht
mehr daran, die Gefahr zu fliehen, sondern ich sehnte
mich danach, ihr zu trotzen, damit sie mir endlich offenbart werde, und ich fand Miß Ingram sehr glücklich, weil sie einst Alles erfahren, diesen Abgrund erforschen, diese Geheimnisse ergründen, sie analysiren und erklären sollte.
Während ich mich, still an meinem gewöhnlichen
entlegenen Platze sitzend, diesen Gedanken hingab, verfolgte
die Unterhaltung unserer Gäste ihren ungestörten Gang.
Die älteren Damen. erörterten in einer feierlichen Conferenz, mit leiser Stimme ernste Fragen, die jungen Leute
liebäugelten mit Blicken und Worten, die reiferen Männer
sprachen von Politik. Im Ganzen genommen ließ man
sich indeß gegenseitig Gerechtigkeit widerfahren und hin
und wieder herrschte eine große Stille, indem Jedermann
sich umwendete, um die beiden Hauptpersonen, Mr.
Rochester und Miß Ingram anzuhören oder zu beobachten, namentlich Ersteren, der gleichsam die See!e der kleinen Gesellschaft war, dessen Entfernung eine eisige Kälte in die ganze Unterhaltung brachte und dessen Wiedererscheinen dagegen die allgemeine Heiterkeit, die Vergnügungslust, die Sucht und das Bedürfniß zu glänzen zurückrief.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu
sagen, waren die Gäste von Thornfield Hall in einer ziemlich verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte
nicht, zu was man sich entschließen, welchen Zeitvertreib
man vornehmen, welche Partie man improvisiren sollte.
Plötzlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern:
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm
stieg aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen
natürlich die Honneurs machte.
‘Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,’
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, ‘da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen,
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.’
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen,
aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ohngefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa vierzig Jahre; aber welch ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomieen! Die eine war die eines gewöhnlichen ,schönen Mannes,’ ohne
Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andre von
Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönem Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war;
ich wußte bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von so weiten Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton
leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrüßlichem Tone erwiderte:
,Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.’
,Was gibt es denn?’ fragten sogleich mehrere Stimmen.
,Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,’ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone,’ welche den Damen wahrsagen will.’
,Nun warum nicht?’ rief Blanca, Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:
,Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz er ist nur für uns junge Mädchen.’
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um
zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende.
Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester
und zwei andere junge Damen folgten nach einander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene, von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt . . . unerhörte Dinge! Sie kante sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden jungen Männer erregt und sie, wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissers versah, erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch
im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht
durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lang?
bis sie die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte
und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten
schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter
dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie las, oder stellte sich als läse sie in einem,
kleinen schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in's
Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den
Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
,Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage?’ fragte sie mich.
,Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt,’ entgegnete ich.
,Zittern Sie nicht?’
,Nein, ich friere nicht.’
,Erbleichen Sie nicht?’
,Nein, ich befinde mich ganz wohl.’
, Und Sie fragen mich nicht um Rath?’
,Nein, ich bin nicht wahnsinnig.’
Bei dieser letzten Antwort hörte ich ein verhaltenes
Lachen unter dem Hute der Zigeunerin. Sie nahm eine
kurze Pfeife aus der Tasche, zündete sie am Feuer an und begann keck zu rauchen.
,Wenn ich wollte,’ sagte sie dann zu mir, ‘könnte ich Ihnen beweisen, daß Sie frieren, daß Sie krank und nicht recht bei Verstande sind. Allein das ist nicht meine
Sache. Lassen Sie Ihre Hand sehen.’
‘Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich
nicht erschrecken.’
‘Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich
kann damit nichts anfangen.’
»Ich habe es mir gedacht,’ versetzte ich.
‘Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
gen selbst. Knieen Sie also nieder und richten Sie
den Kopf empor!’
Ich that ohne Zögern, wie mir befohlen wurde.
‘Ich lese hier,’ fuhr die Wahrsagerin fort, ,viel
Kummer, aber noch mehr Langeweile. Während alle diese Leute im Salon an Ihren Augen vorüberziehen, wie die Figuren einer Zauberlaterne, ist Ihr Herz weit von ihnen entfernt, Sie nehmen nicht den geringsten Antheil
an diesen menschlichen Schatten.
»Es ist wahr,’ rief ich unwillkürlich..
‘Sehen Sie wohl, ungläubiges Fräulein? Aber dies wirklich alten Personen? Ist nicht eine unter ihnen, die Sie mit neugierigem Auge betrachten und an der Sie einziges Interesse nehmen? ... Und wenn ich
sage Person, so sind es vielleicht zwei.’
Ich war überrascht und fühlte mich unbehaglich diesem wunderlichen Geschöpf gegenüber.
"Sprechen wir nicht von der Gegenwart," sagte ich zu ihr, "die Gegenwart ist nicht Sache des Prophezeihens,
sondern des Spionirens. Sie beschäftigen sich damit, in die Zukunft zu blicken; wie wird die meinige sein?"
"Ihre Zukunft ist zweifelhaft. Ich weiß nur, daß
Ihnen das Schicksal ein großes Glück vorbereitet. Ich
weiß dies, weil ich es dabei thätig gesehen habe. Werden
Sie dieses Glück benützen? werden Sie es zur rechten
Zeit erfassen? ... Dies weiß ich nicht, es ist das Problem, dessen Lösung ich suche. Bleiben Sie auf den Knieen!"
"Das Feuer thut meinen Augen weh ... halten
Sie mich nicht länger zurück."
"Nur einen Augenblick noch," erwiderte die Wahrsagerin, die fortwährend auf ihrem Stuhle sitzen blieb,
ohne ihr Gesicht dem meinigen zu nähern, und der es ein
besonderes Vergnügen zu machen schien, diese Scene zu
verlängern.
"Der Wiederschein der Flamme," sprach sie halblaut weiter, "spiegelt sich in diesem Blicke, in diesen wie der Morgenthau glänzenden Augen ... Sie lächeln über mein
Kauderwelsch ... sie beleben sich flüchtig und die Empfindungen des Herzens sprechen abwechselnd aus ihnen. Sobald sie aufhören zu lächeln, werden sie traurig ... sie
wenden sich jetzt ab und entziehen sich meiner Beobachtung
... sie wollen sich täuschen, indem sie über mich und meine Entdeckungen spotten ... ihr Ausdruck wird stolz und höhnisch, um die Traurigkeit und Reizbarkeit
nicht blicken zu lassen, welche ich errathen habe. Wahrhaftig, diese Zurückhaltung gefällt mir ... das Auge ist günstig. Auch der Mund ist beweglich und elastisch, zum Sprechen und zum Lächeln geschaffen und hat keine ungünstige Bedeutung. Nur die Stirn ist feindselig und im Stande Alles zu verderben. Diese Stirn scheint zu sagen,
daß man sich, wenn es sein müßte, zu völliger Einsamkeit verurtheilen und seine Seele nicht gegen ein wenig Glück vertauschen könnte; daß man mitten im Stürme
der Leidenschaft die freie Herrschaft über sich selbst behält
und lieber der friedlichen Stimme des Gewissens Gehör
schenkt. Wohl denn, gesegnete Stirn! wir werden Deinen
erklärten Willen achten. Wir haben unsere Pläne, die
mit der ewigen Gerechtigkeit, mit der Stimme her Vernunft im Einklange sind. Wir werden uns wohl hüten, in den Becher des Glücks das kleinste Theilchen von Scham oder Reue zu werfen. Keine Opfer, keinen Kummer, kein zerstörendes Unheil! ... Beschützen und nicht verführen. Keine Thräne soll vergossen werden, nur ein
heiteres Lächeln und eine reine und heilige Dankbarkeit soll
der Lohn sein. Ach, wie süß ist dieser Augenblick! warum
kann ich den Wellenrausch desselben nicht verlängern! ...
Aber wir wollen uns beherrschen, wir wollen so bleiben,
wie wir immer sein werden. Stehen Sie auf, Miß
Eyre und verlassen Sie mich. Das Stück ist zu Ende,
der Vorhang fällt."
Diese letzten Worte wurden mit einer ganz andren
Stimme, in einem ganz andren Tone und mit einer mir
bekannten Geberde ausgesprochen. Und doch konnte ich
mich noch nicht ganz, wie dies zuweilen bei gewissen peinlichen Träumen der Fall ist, von der eben gehabten Erscheinung losreißen. Die Wahrsagerin wendete sich indeß von mir ab und winkte mir, mich zu entfernen. Ihre
nach mir ausgestreckte Hand war jedoch eben so wenig
die einer alten Frau als die meinige die eines alten Soldaten.
Ein großer Ring blitzte überdies an einem der
feinen, weißen, aristokratischen Finger und auf den ersten
Blick hatte ich den Ring sowohl als auch die Finger
erkannt.
"Genug des Scherzes," rief jetzt Mr. Rochester,
indem er den Hut von sich warf und die Schnur des
rothen Mantels zerriß, so daß er herabfiel. "Sie zürnen
mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen soviel Thorheiten gesagt
habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige
sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch
mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit
und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt."
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß, er Recht
hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu
wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon?" fragte Mr. Rochester
in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, und ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
"Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder
hier angekommen ist?"
"Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein? ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?"
"Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten."
"Hat er seinen Namen nicht genannt?"
"Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre,
von Spanish-Town auf der Insel Jamaika."
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln
erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automats "Mason!
... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!"
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl?" fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane ein
fürchterlicher Schlag!"
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich," rief ich aus.
"Ich ja! ... wie früher ... wie immer, nicht wahr?"
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin," stammelte er
mit bebender Stimme und starrem Blicke, "ich möchte
allein mit Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von
allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von
diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre."
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer
Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann
wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem
unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane," sagte er zu mir, "gehen Sie
in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie
nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft
heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie
diesem ... Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn
erwarte ... führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns
dann allein."
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane!" rief mich Rochester nach.
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?"
"Was ich thun würde?" versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun?" wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn
ich die Kraft dazu hätte," erwiderte ich, während mir
schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber," fuhr er fort, "ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden
Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?"
"Ich ... ich glaube nicht."
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu
trösten?"
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände."
"Und wenn sie Sie wegen Ihrer Theilnahme an
meinem Unglücke verfluchten ?"
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht
zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies
kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich
aussetzen?"
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussehen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente.
Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran."
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und Thun
Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe."
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich
nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür
der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in, mein
Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon
längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen.
Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch
Rochesters Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason," sagte er, "Ihr
Zimmer ist dort."
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel
emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs
war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen
überdrüßig und ich stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte
sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein.
Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen
solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: "Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!"
"Kommt denn Niemand?" setzte die nämliche
Stimme bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens
und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm,welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte: -
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!"
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
X.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und
ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon
im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die
Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was
giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause?
Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in dem halbdunkeln Gange, der
glücklicherweise hier und da vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schön, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.
"Wo mag nur Rochester sein?" rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; "ich finde ihn nicht in seinem Bett."
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!” versetzte die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit
ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
"Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen," sagte Rochester in einem heiteren Tone, der
mir etwas unnatürlich vorkam. "Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie
mich los ... ich bin ein gefährliches Thier."
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That "gefährlich" war. Aber er
unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
"Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, "nichts als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran ... und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren."
So nöthigte er Jedermann, halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte dies bereits gethan, ohne daß Jemand auf mich geachtet hatte.
Aber anstatt mich wieder ins Bett zu legen, vollendete ich meine angefangene Toilette. Ich hatte den
über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als
daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet
und auf Alles gefaßt war, setzte ich, mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster
und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich
angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine
Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür
ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir?" fragte ich.
"Sind Sie aufgestanden?" entgegnete die Stimme
Mr. Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf."
"Und angekleidet?"
"Ja."
"So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich."
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit
einem Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes," sagte er zu mir;
"kommen Sie mit mir. Beeilen Sie Sich nicht, wir
dürfen vor Allem Niemanden aufwecken."
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und
überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete
ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und
niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe.
Hier blieb er plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?" fragte er mich.
"O Ja."
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?"
"Ich habe etwas in meinem Zimmer."
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen
Sie mir diese Gegenstände."
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in
mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf.
Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit
einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen
sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen
Thüren, welche in die Dachkammern führen mußten.
Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein
dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht."
"Geben Sie mir Ihre Hand," versetzte er. "Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein."
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: "Es hat
keine Gefahr," eintreten.
Das Zimmer war mich nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen
das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen
vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester
stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen
und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges
Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die
ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder
zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane."
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen
waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer
seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als
Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen
und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen
Fremden, Mr. Mason. Ein einziger genügte
mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen
Seite ganz mit Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht," sagte Rochester zu mir
und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte.
Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das
leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten
Malen mein Riechfläschchen unter die Nase.
Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen.
Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des
Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie
hierauf.
"Ist die Wunde gefährlich?" fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht," erwiderte Rochester im Tone
leichten Vorwurfs; "eine ganz, unbedeutende Schramme.
Beruhigen Sie Sich also und kommen Sie wieder zu
sich, ich will sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen
früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,"
setzte er hinzu, "ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden
mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit,
das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn
er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck
Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riechfläschchen
unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen
Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache ich ebenfalls
darauf aufmerksam, daß Sie Sich durch Sprechen der
größten Gefahr aussehen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen."
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer
aus und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu
sein, sich nicht mehr zu bewegen; Es war, als hätte ihn
die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem
vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ
er das Zimmer und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur
durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt,
welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie
unvermuthet hervorstürzen konnte. ... Sie werden zugeben,
daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen
Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte
Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von
Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten
meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo
die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten
Gesichter zuwendeten, die von dem flackernden Scheine
des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde
erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige,
Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn
in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie
von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen,
das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust
kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem
entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden
Ingriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte
er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen
Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche
Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum
wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne
sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es
erschien keine Hilfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen
Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft,
immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen
seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch
meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr
meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und
schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während
unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben
könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich
es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges
den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens,
und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen
der nahenden Hilfe richteten meine Hoffnung wieder auf,
und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines
Schlüssels an der Thür, was meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche
Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei
Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben
ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt
hatte.
"Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, "wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte
zu bringen."
"Aber wird es sein Zustand erlaubend?"
"Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und
wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen.
Also eilen Sie."
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels
hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und
sagte zu ihm:
"Beruhigen Sie Sich und blicken Sie uns nicht
mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß
nicht die geringste Gefahr vorhanden ist."
"Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern," entgegnete der Arzt, "nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was
ist das?" setzte er hinzu, indem er den Verwundeten
näher betrachtete; "das Fleisch an der Schulter ist nicht
nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde
ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht ... ich
sehe deutlich die Spur von Zähnen!"
"Sie hat mich in der That gebissen," erwiderte der
Kranke; "sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als
ihr Rochester das Messer entrissen hatte."
"Sie hätten Sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,” versetzte Rochester.
"Konnte ich es denn?" entgegnete Mason in kläglichem Tone. "O, es war gräßlich!" setzte er schaudernd
hinzu. "Und wie hätte ich so etwas erwarten können?
sie schien so ruhig zu sein."
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie Sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben
sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit,
mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.”
"Ich dachte, es würde so gerade am besten sein."
"Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch
ich sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre
Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen,
daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon.
Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf,
wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen."
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch
an einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß,
- wie es scheint."
"Ja," sagte Mason, "sie trank mein Blut, sie
wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen."
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich
in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen
Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie
sollten Sich gar nicht mehr daran erinnern."
"Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen."
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen,
wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spanish-Town sind, werden Sie
nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken ... wenn Sie es überhaupt der
Mühe werth halten, noch an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht
je vergesse!"
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann,
Henry? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie
etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie
Sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und
jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine
Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen ... Jane wird uns dabei
behilflich sein."
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der
That nach einander aus den Schränken und aus seinem
Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel
gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter
unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den
Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den
Füßen zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn
Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus
einem Schubfache seines Sekretairs geholt hätte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten
hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache geht gut," sagte Rochester dann, "und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, auf
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, daß der ganze Vorfall
unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor
Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe
nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten
Sie mir ... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter
... öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges
und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder
vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon
verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm,
daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf
der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon
zu benachrichtigen."
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und
während die Herren langsam hinabgingen -- denn Mason
war noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam
und blickte mich überall um. Aber es rührte sich
nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die
Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da
ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren
weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das
Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesen Geräusch wurde die
kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei Sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Wie ist Ihnen jetzt, Henry?"
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig."
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!"
"Fairfax!" rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?"
"Sorgen Sie dafür, das sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht ..."
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun," erwiderte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
XI.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt
waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um
sie zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren
Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem
neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte;
den ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern,
daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester,
dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem
er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften diktierte,
aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen
Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig
befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene
und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram,
fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre
süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir
vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe,
sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als
mein Zögling Thornfield früher oder später, würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mr dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
‘Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines
Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode men Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame etc. etc.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.”
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
‘Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typhus gestorben sei.’
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manden dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen, wenn ich nicht ire, ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antworte ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen BLicke, ‘mit dem man nicht wußte, was man machen sollte’, wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebende die Entfernung? Was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer oder Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! Nie hatte ich ihn so sehr geliebt!
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten.
Hier wandelte ich einige Zeit vor dem Hause auf und ab, aber der Geruch einer Cigarre deren Rauch aus einem Fenster der Bibliothek kam, und eben so auch die verdächtige Art, mit welcher der Laden dieses Fensters nur angelehnt, aber nicht geschlossen war, brachten mich auf den Gedanken, daß ich belauscht werde. Ich flüchtete mich daher in den Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube ins Freie. Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Als ich unter dem schützenden Laubdache ankam, verspürte ich abermals den feinen Tabaksgeruch, der mich schon aus dem Garten vertrieben hatte, und der sich mit dem Dufte der Blumen vermischte.
Es ist wirklich die Cigarre Mr. Rochesters; ich muß mich also augenblicklich entfernen. Ich gehe auf die in die Baumschule führende Thür zu, aber ich sehe, daß Rochester hineingeht. Ich schlüpfe seitwärts und er eine mit Epheu umrankte kleine Nische, überzeugt, daß er nicht lange hier bleiben und bald ins Haus zurückkehren wird, jedenfalls aber mich in diesem Versteck unmöglich sehen kann.
Ein geflügeltes Insect flog summend an mir vorüber und ließ sich zu Rochesters Füßen auf das Gras nieder.
‘Kommen Sie doch, Jane,’ sagte er zu mir, indem er sich bucket, um es zu betrachten, ‘und sehen Sie dieses Thier.’
So einfach diese Worte an sich waren, so erschrak ich doch heftig über sie. Wie konnte er mich gesehen oder meine Gegenwart vielmehr errathen haben, da ich nicht das leiseste Geräusch gemacht hatte?
Ich trat indeß näher und er fuhr in dem nämlichen Tone fort:
‘Sehen Sie nur seine Flügel . . . es erinnert mich wahr an die Schmetterlinge Westindiens. In England sieht man nicht häufig Nachtvögel von so prächtigen Farben. Da fliegt er wieder fort.’
Der Schmetterling entfloh nach den Bäumen zu. Da ich es für sehr zweckmäßig hielt, seinem Beispiele zu folgen, so ging ich auf das Pförtchen zu; allein Rochester kam mir nach und sagte zu mir:
‘Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht eine Schande, sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählte man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Monde gegenübersteht.’
Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so Ernst und väterlich, daß mich meine eigene Verlegenheit in Verlegenheit brachte. Das Böse, wenn überhaupt etwas Boses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mir lediglich in meine Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.
‘Jane,’ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ‘im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?’
‘Ganz gewiß.’
‘Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angebotenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.’
‘Sie irren Sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.’
‘Noch mehr; Sie haben ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?’
‘Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene Weise.’
‘Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich von ihnen trennen müßten?’
‘Gewiß.’
‘Alle Schade!’ rief er mit einer Art von Seufzer. ‘Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir der ersehnten Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.’
‘Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise, fortsetzen und Thornfield verlassen muß?’
‘Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.’
XII.
‘Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.’
‘Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.’
‘Sie wollen sich also vermählen?’
‘So ist’s’ Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.’
‘Und ohne Zweifel bald?’
‘Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane; wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um wieder einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Character meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.’
‘Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken lassen. Einstweilen denke ich . . .’
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
‘In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,’ fuhr Rochester fort, ‘wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.’
‘Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie sich um meinetwillen bemühen . . .’
‘Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.’
‘Ist es sehr weit von hier?’
‘Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.’
‘Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann trennte mich das Meer . . .’
‘Wovon, Jane?’
‘Von England . . . von Thornfield . . . von . . .’
‘Nun? Vollenden Sie!’
‘Von Ihnen, Mr. Rochester.’
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen konnte.
‘Es ist in der That wahrscheinlich,’ versetzte er, ‘daß wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wiedersehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?’
‘Ohne allen Zweifel.’
‘Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.’
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
‘Jane,’ began er nun wieder, ‘es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke gibt, wo es mir scheint, als stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch was sage ich? . . . Sie werden mich bald vergessen!’
‘Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .’
‘Jane,’ unterbrach er mich, ‘hören Sie in dem fernen Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?’
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
‘Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?’ fragte mich Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all’ mein Widerstand.
‘Ja,’ rief ich aus, ‘ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.’
‘Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?’ fragte er mich plötzlich.
‘Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.’
‘Unter welcher Form denn?’
‘Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.’
‘Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe keine Braut.’
‘Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?’
‘Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!’
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
‘Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?’
‘Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.’
‘Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne alles Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen . . . und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen, besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, … denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.’
‘Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,’ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. ‘So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.’
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
‘Nein,’ sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen, ‘nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir Erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!’
‘Nach Irland, Jane?’
‘Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.’
‘Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.’
‘Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses Willens, um mich von Ihnen zu trennen.’
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
‘Es sei denn,’ entgegnete er mir; ‘Ihr Wille allein mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und Ihnen Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.’
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen davon geben könnte.’
‘Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .’
‘Und doch ist nichts ernster, als das,’ fiel er ein. ‘Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.’
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
‘Kommen Sie an meine Seite, Jane,’ sagte er endlich, ‘dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?’
Ach! Ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
‘Ihre Braut steht zwischen uns,’ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und war mit Einem Schritte neben mir.
‘Meine Braut ist hier!’ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. ‘Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?’
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
‘Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Sowohl sie als auch ihre Mutter haben mich gut aufgenommen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.”
“Ist dies wirklich wahr?” rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; ‘ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.’
‘Warum?’
‘Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.’
‘In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.’
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
‘O Jane!’ rief er nach einer kleinen Pause, ‘hören Sie auf, mich so zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.’
‘Sie drücken nichts aus, al seine innige Dankbarkeit und ich sehe nicht ein . . .’
‘Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.’
‘Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?’
‘Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!’
‘So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin sein will!’
‘Dann komm an mein Brust, und dies Mal ohne Frucht!’ Dann setzte er mit leiser, bebender Stimme hinzu, seine Wange an die meinige gelegt und den Mund an meinem Ohre: ‘Wie glücklich werde ich durch Dich sein! . . . und ich will mein ganzes Leben nur Deinem Glücke weihen. Gott verzeihe mir!’ fuhr er nach einer kurzen Pause fort, ‘Niemand soll sie mir wieder entreißen, . . . jetzt ist sie mein und bleibt mein!’
In dem entschlossenen Tone, mit welchem er diese letzten Worte sprach, lag ein Ausdruck, vor dem ich erschrak.
XIII.
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub des Lorbeerbäume bewegte.
“Wir müssen in’s Haus gehen,” sagte Rochester, “denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!”
“Und ich nicht minder!” dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es began in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Uhr.
“Lege rasch Deine nassen Kleider ab,” sagte Rochester zu mir, “und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht, mein Engel!”
Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühlte oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in’s Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinen Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine “Schönheit” sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen – sie sind grün, wie Sie wissen, liebe Freundin, -- sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewillige mir keinen Tag mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
“Du vergissest,” sagte ich zu ihm, “daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.”
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte, Dagegen berührte er eine empfänglicher Saite in mir, indem er von den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
“Außerdem will ich,” setzte er hinzu, “daß Du noch diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz gestimmt versuchen.”
“Nun wohl,” sagte ich lachend, “mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.”
“Jane, Du bist ein böses Kind!” rief Mr. Rochester, “doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.”
“Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde . . .”
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
“Denke an Eva und Psyche,” sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; “Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.”
“Kann ich wenigstens wissen,” entgegnete ich, “warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebst.”
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
“Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,” erwiderte er, “daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? Und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein wollte?”
“Welch’ eine armselige Berechnung! Und wie erniedrigt sie Dich in meinen Augen! Du stehst jetzt tiefer als ich. Doch, lassen wir das. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in Unkenntniß bleibt.”
“Verstehen heißt gehorchen,” versetzte Rochester, indem er absichtlich die Formel der orientalischen Sklaven anwendete. Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die Stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
“So ist Alles vortrefflich,” sagte sie endlich, “und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden haben, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht ..”
“Davon wollen wir nicht mehr sprechen,” rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, “da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.”
“Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.”
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemütigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber funfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
“Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?” fragte er mich bei unserer Ankunft.
“Nein, dafür muß ich danken.”
“Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?”
“Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .”
“Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.”
“Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.”
“Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.”
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindlich erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelsperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel; schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Vergnügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn, wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Idol geworden. War es nicht gerecht, daß mich Gott dafür bestrafte?
I.
Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung man gekommen.
Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten
mein kleines Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich
mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß
Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Außenbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den dazu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester nahm mich bei der Hand, warf einen forschenden Blick auf meinen ganzen Anzug und sagte, ich sei schön wie eine Lilie; dann schellte er nach dem Frühstück. Dem eintretenden Bedienten befahl er nochmals ausdrücklich, dafür zu sorgen, daß der Wagen in Bereitschaft stand, wenn wir aus der Kirche zurück kamen.
Die Koffer sollten aufgepackt, der Kutscher auf seinem Bocke sein und dieser Befehl wurde in dem entschiedensten Tone gegeben.
Währenddem frühstückte ich zum Schein, aber es, war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im
Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es
war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog
und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine
Minute Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der
Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte! Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester Vorsatz sprach, ein mich unbekanntes Hinderniß um jeden Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Odem war.
Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er zu mir. Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben,
Jane ... stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen, den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier fremder Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zu gingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel
bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen
war, und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth, bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen
sollte; dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...."
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen,
welches dieser feierlichen Aufforderung folgt unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen
Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn
zu fragen: "Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an?" sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
"Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick,
als wäre der Boben unter seinen Füßen gewichen. Allein
er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!"
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, das sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.
Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte."
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung.
Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und
streng, als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und
welch ein wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem
Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß?" fragte endlich Mr. Wood;
"ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den
Arm auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache
war ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck
von innerer Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei
einer Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz
einfach in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester
hat eine Frau, die noch am Leben ist!"
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte: Mein Blut empfand die Wirkung
derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte ohne des
Feuers empfunden hatte. Es gelang wir indessen mich vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne
Maske; seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen.
Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
Ohne zu sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte, legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an seine Seite.
"Wer sind Sie?" fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich heiße Briggs und bin Advokat in London."
"Und Sie wollen, mich mit dem Geschenk einer
Frau beehren?"
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt."
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer
sie ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?"
"Allerdings, mein Herr."
Der Advokat zog gelassen ein Papier aus seiner
Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen
halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard
Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft
*** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft ***
England, am 20.October 18.. (vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha Antoinette Mason,
Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu
Spanish-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern
der genannten Kirche. Gegenwärtigem liegt eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,’ versetzte Rochester, so beweist sie höchstens nur, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.”
"So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!” rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte.
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.”
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Der zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der
Schulter des Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohenden Ausdruck Alles befürchten ließ. Ich möchte ihn mit einem Vulkan vergleichen, dessen bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe
Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm ... und ich glaubte
diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung
löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn
Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur
sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?”
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm
zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem Tone, daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?"
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu, "sagen Sie Alles, was Sie wissen."
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall.
sagte Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr
Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen."
"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt."
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen."
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der
Messediener), Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und
Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber
das Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am
Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat
und sein Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte?
Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte?
... Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren
geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den
Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den
übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter
und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des
Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu
warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war;
man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der
Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie
daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich
der Gatte Bertha Masons wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke
überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und
Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in
meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein
Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten.
Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, so mußte sie von dem Allen eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood; Sie war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewißenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Witwenstandes
überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
"Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; "ich reise heute nicht ab."
Mistreß Fairfax, Adela, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. "Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr,
sie kommen fünfzehn Jahre zu spät."
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf,
bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
"Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?” fragte Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone.
Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür
des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem
Casserol in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen.
Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Arc von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige,
ein Geschöpf ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab ... dies war die rechtmäßige Gebieterin des
Schlosses.
II.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich.
Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten
Raubthiere nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole, fragte Mr. Rochester, "wie geht es hier diesen Morgen?"
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie Ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; "sie brummt
nur ein wenig, das ist Alles."
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
"Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester," sagte Grace Poole, "bleiben Sie nicht hier."
"Nur einige Minuten."
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht ... um des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!"
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur," sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, sie hat hoffentlich kein Messer, und ich bin auf meiner Hut."
"Wer weiß?" entgegnete Grace, "sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!"
"Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faste ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen.
So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem
Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er
wollte sie nur bändigen, und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände fest, die er von Grace Poole binden
ließ, und band sie dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne sich an ihr fürchterlich
Geschrei und an ihn Sträuben zu kehren.
Als diese Operation beendigt war, wendete er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und
hier ist Die," setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, "deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und freundlichen Blick mit jenen von Blut
unterlaufenen Augen, diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namendes Evangeliums, und Sie, Herr Advokat, im Namen des
Gesetzes, auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.
Wie ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben,
und als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es gewiß nicht, Miß. Ihr Oheim wird die nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Masons Zurückkunft nach Madeira noch am Leben ist."
"Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie ihn denn?"
"Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch, daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise
nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in
Madeira aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte
Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilung führte
zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren
Folge Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück -- und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte
eben so denken als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen, ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu
verhindern, an welchem Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke
ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich,und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben
hatte, nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war soruhig, daß ich mich über mich selbst wunderte, sondern
um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen,das ich bisher täglich getragen, und das ich am vergangenen
Abend für immer abzulegen geglaubt hatte.
Schwach zu und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl. Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte
den Kopf in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin. Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis
jetzt, ohne selbst einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen,
den erschütterndsten Scenen beigewohnt, denen rasche
Aufeinanderfolge mich fast betäubt hatte. Jetzt, da ich
mich sammeln und mir von Allem, was ich gesehen und
erfahren, Rechenschaft gehen konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte
Worte, wenige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen,
ein Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis
zu Gunsten seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft,
um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind,
was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung
eines emporsteigenden Gestirne sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Nach dem äußeren Anscheine zu urtheilen,
war ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen.
Und doch, wo war die frühere Jane Eyre? Wo war das, was ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die glühende Hoffnung, welche seit einem
Monate die ganze Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und um dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr
Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, am welchem eine eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen
Früchte und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgibt und ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und man wird eine ohngefähre Idee von dem Zustande meines Innern hoben. Die theuersten Wünsche meines Herzens, gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer zerstörte und todte Gedanken.
Meine Liebe, diese Liebe, welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt in der Tiefe meines Herzens
wie ein kranke Kind in einer Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Mr. Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.
Meine Augen hatten sich endlich geschlossen, und die
mich umgebene Dunkelheit vermehrte noch die Verwirrung meine Gedanken. Gänzlich mir selbst überlassen
und unfähig der geringsten Anstrengung, schien es mir, als läge ich in dem ausgetrockneten Bette eines Waldstromes; ich hörte das drohende Wasser heranstürmen und hatte nicht die Kraft, mich zu erheben und zu fliehen.
Ich konnte höchstens in diesem Schiffbruch aller meiner Wünsche und Vorsätze ein Gebet ohne eigentlichen Zweck
und ohne Inbrunst zum Himmel senden.
Doch ich vermag diese herbe Stunde nicht zu schildern, und will es daher nicht weiter versuchen.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich
zum Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten,
welche sie mir auferlegte, zu bringen. Die Notwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen
Gräßlichkeit, und trotz der Ohnmacht meines Willens,
gegen den die spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft
ankämpften, welche ihre Illusionen überlebte, fühlte ich
die Unerläßlichkeit einer gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mich das Herz zusammen, als
sich daran dachte, daß ich schon seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war, ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die kleine Adele, noch
er zu mir gekommen war, um sich nach mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme zu sagen. Ich
trocknete so gut als möglich die Thränen, welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür, schob
den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus; aber
bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen,
aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der
Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines
Zimmers sitzend, erwartete.
"Endlich!" sagte er zu mir; "ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so konnte ich es nicht länger
ertragen und würde diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen
wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen.
... Wie, Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort,
"hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich?
Du bleibst unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe, und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?... Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert, das von seinem Beste aß, aus seinem Glase trank und das er an seinem Busen erwärmte.
Die Reue und Verzweiflung dieses Menschen ist nichts
gegen die meinige. Wirst Du mir nie vergeben?"
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe
Freundin, wenn ich Ihnen sage, daß die diesem Manne,
der mein Unglück war, auf der Stelle und ohne mich
einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen
drückten eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen Benehmen, in seiner Sprache und in seiner
Haltung einen so wahre uns dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß ich ihm, nicht mir Worten, oder
durch einen Blick, oder durch ein Lächeln, wohl aber aus
dem Grunde meines Herzens vergab.
Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine
Schwache versunken.
"Sprich, geliebtes Kind!" fuhr Rochester fort;
"sprich mit mir, wäre es auch nur, um mit zu fluchen!"
"Ich kann nicht ... ich bin krank... ich möchte
ein wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in
seine Arme und trug mich hinunter in's Erbgeschoß; in
in welches Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte
nur, daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten
und daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte kehrten so allmählig zurück, und ich konnte
mechanisch einige Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich sah nun, daß ich mich in dem
Bibliothekzimmer und in dem Arbeitslehrstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, "ohne zu große Schmerzen aus dem Leben gehen könnte .. bevor
ich mich von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen
müßte!"
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden sich seiner Brust einige unartikulierte, schmerzliche
Laute; dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher, kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte
sich zu mir herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß seine Liebkosungen mir nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
"Ja, ja, rief er aus, es ist die Gatte Bertha Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hältst
Du mich denn wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der
Strom Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen
hervorbrechen. Du willst von keinen Erklärungen, von
keinen Vorwürfen, von keiner Scene irgend einer Art
etwas wissen.... Du hältst es für unnöthig, zu sprechen,
und denkst nur darüber nach, was Du thun sollst.
O, ich kenne Dich! ... und ich bin auf meiner Hut!"
"Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte ...
Die Stimme versagte mich, und ich mußte innehalten.
"Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht
entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet,
sinnest Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet,
und deshalb willst Du mich fliehen, willst meinen Liebkosungen
ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's
Gouvernante hier zu bleiben und die geringsten Beweise
meiner Liebe als eine Beleidigung, als eine Gefahr von
Dir zu weisen. Habe ich es errathend?
"Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten."
"Du hast Recht, auch ich habe schon daran gedacht; ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in
diesem Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns enthält. Ich könnte und hätte schon längst das
fürchterliche Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern Ort versetzen können. Aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses Schloß würde mich zu schnell
und zu sicher von der Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet. Einem Jeden seine Laster; ich
würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am
meisten hasse.
"Sie sind unerbittlich," rief ich aus, "unerbittlich
gegen ein Unglück, das nur Mitleid verdient!"
"Jane, meine Heißgeliebte (Du bist es noch immer,
warum soll ich Dich also nicht so nennen?), Du thust
mir Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn
Du wahnsinnig wärest?"
"Allerdings."
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich
fähig bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in
Dich, das ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil
meiner selbst. Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und
sollte er auf irgend eine Art zerrüttet werden, so würde er
es dennoch bleiben, In Deinem Delirium würden Dich
keine andern Bande fesseln, als meine Arme, und wenn
Du Dich auf mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen,
so würde ich Dich mit einer eben so zärtlichen als
unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe
ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach
von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield, dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen
Fenster sämmtlich vergittert werden sollen, und wo Mistreß
Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mir
meiner Frau bleiben wird. Dich, Jane, lasse ich keine
einzige Nacht mehr an diesem traurigen Orte. Es ist
Alles zur Abreise bereit, und ich weiß eine Zufluchtsstätte,
wohin die schmerzlichen Erinnerungen und selbst die Verleumdungen
dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht
dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche Abgeschiedenheit
ist nicht gut für verwundete Herzen."
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen
sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst
Du mich jetzt?"
III.
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich
mich, mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten,
und dies war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber, wie die, welche aus Rochesters Worten
hervorzuleuchten begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob
seine Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte
mich mit einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich
wendete bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer,
und bemühte auch nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen
ruhig zu scheinen.
"Das ist der tust im Charakter meiner Jane, sagte
er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet hätte.
"Bis hierher ließ Ich die Seidendocke ziemlich leicht abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgnis und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen,
in die ich mich verwickeln werde?”
Er begann von Neuem umherzugehen, dann blieb
er wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören ...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt anwenden.”
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge
waren die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich
sah deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der
Verlängerung des unerträglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen,
und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche
uns Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes,
einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem
Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden
Abgrund am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten sah.
Uebrigens hielt ich mich noch für stark genug, um mich
nicht werfen zu lassen. Ich nahm die zusammengeballte
Hand Rochesters, brachte die Finger in ihre natürliche
Lage und sagte in dem versöhnlichsten Tone:
"setzen Sie sich; wir wollen so lange zusammen sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühl, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit dem Beginn dieser sonderbaren Scene gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm waren, um so besser für mich. Ich weinte also,
ohne mich zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den Knieen und bat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich
erst dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte er seinen Kopf auf meine Schulter legen,
aber ich duldete es nicht Er wollte mich an sein Herz
ziehen: der nämliche Widerstand von meiner Seite.
Jane! Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
echten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich
nie geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem
Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten?
Und jetzt, da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann,
stößest Du mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als
wäre ich ein häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich
nichts auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte,
allein er verletzte mich zu tief, um mir nicht in fast unwillkürliches Geständniß zu entreißen.
Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je
zuvor. Prägen Sie es sich wohl ins Gedächtniß ein,
denn es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem Munde hören.
"Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du
beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können,
und mir täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und
Abneigung zu begegnen?
"Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß,
mich einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie
nicht wieder in Zorn.
"Was schadet es Dir?... hast Du nicht das Talent, Thränen zu vergießen?
Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen? ... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser
zu benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten
Gedanken, Jane; nicht von mir, nur von Thornfield
mußt Du Dich trennen. Hier kannst Du nicht sein, was
Du werden sollst: meine theuere, geliebte Gattin. Aber
ich besitze im südlichen Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende Villa mit schneeweißen Mauern.
Dort wirst Du glücklich, frei und unschuldig leben.
Fürchte nicht, daß ich Dich je zu etwas verleiten werde,
was Du als einen Fehltritt betrachten könntest; glaube
nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je
daran gedacht habe, Dich zu meiner Geliebten zu machen.
Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane,
und sei verständig, wenn Du mich nicht wahnsinnig machen willst?
Seine Stimme und seine Hände zitterten von
Neuem, seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte
ich es, ihm zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte,
wie Sie es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies
wissen Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so hieße dies der Wahrheit spotten.
"Jane, Du vergißt, daß ich kein pheginatischer
Mann bin ... es fehlt mir an Geduld ... ich habe weder
kaltes Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid
für mich, aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger
an meinen Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine
Adern rollt... und schone meiner!
IV.
Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn
durch einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm
nachzugeben. In dieser bedenklichen Lage that ich, was
alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß
thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester.
Sie glaubt, ich bin verheirathet ... muß ich sie nicht
zuerst enttäuschend Wenn sie Alles weiß, was ich weiß,
dann wird sie auch denken wie ich, Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke
mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit
anhören können?”
"Stunden lang, wenn es sein muß.”
"O, ich bedarf nur einiger Minuten.”
Rochester erzählte mir ausführlich alle näheren Umstände seiner Verbindung mit Bertha Mason. Es war
eine schmerzliche Erzählung. Um einem älteren Sohne alle Besitzungen der Rochester zu sichern, hatte sein Vater
den jüngeren mit einem reichen Mädchen verheirathen wollen. Mr. Mason, der Vater Bertha's, gab dieser
fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgift, und dieser Umstand entschied die Verbindung. Als der junge Rochester die Universität verließ, wurde er nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, er werde dort eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und
dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen
Erbin, denen der Name und der gesellschaftliche Rang der
Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein
schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen
Mann zu fesseln, Seine Sinne, sein Stolz und sein jugendlicher Ehrgeiz wurden zu gleicher Zeit angeregt. Er
sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen
umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte. Durch tausend
wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze
Schönheit überhäuft wurde, heirathete er sie, ohne sie zu
kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man ihm von der Existenz seiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden seine, Illusionen bald zerstört. Wenige Tage waren hinreichend, damit er zu seinem tiefen Schmerze die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die er zur Gefährtin seines Lebens erwählt hatte. Er fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen
zeigten ihm die Zukunft in der drohendsten Gestalt, und seine neue Familie als unwürdig seiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein.
Mr. Rochester kämpfte vier Jahre lang, indem er seinen
tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen, und die zügellosen, entehrenden Neigungen seiner unwürdigen Gattin
zu verändern, oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ohngeachtet aller Anstrengungen Rochesters entwickelten
sich die Laster, dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit.
Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen, und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich
von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und der unglückliche Mann sah sich einem Schicksale Preis gegeben, das ihm die Habsucht seiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und seine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Nachdem er eine Zeit lang mit der Idee umgegangen war, sich das Leben zu nehmen, gab er diesen Vorsatz wieder auf und kehrte nach Europa zurück, um seine Frau
nach Thornfield-Hall zu bringen und sich durch weite Reisen von dem Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem so leicht hinzureißenden Charakter, und namentlich bei
dem Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen Mann überallhin verfolgte, war es wohl
nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu zu bleiben. Darum entstanden eine
Menge von Verirrungen, welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen nicht nach rohen Genüssen,
sondern nach einer Liebe, welche der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und immer getäuschtes Hoffen
und Trachten; es waren Schätze von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet
wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder, auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Coline Varens und die Geburt Adeles bildeten die ergreifendste Episode dieses traurigen Zeitraumes, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die uns glücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre, daß, wenn ich nicht unter was für einem Vorwande hätte vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugehen hoffe.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mich zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte den Mann, der mich so lebte, und auf diese Liebe, auf mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte: Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige.”
“Herr Rochester,” erwiderte ich, “ich werde nie die Ihrige!”
Es erfolgte eine lange Pause.
"Jane,” hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam
mir vor wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen; Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.”
"Jane,” versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinem Arme umschlang, “willst Du es auch jetzt noch?”
“Ja.”
"Und jetzt?” . . . Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich' noch nie an ihnen bemerkt hatte.
Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen,
jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die
mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken
sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
"Einen Augenblick, Jane! Stelle Die das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu, den, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige.
"Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst, leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden
werden.
"Du willst also nicht nachgeben?”
“Nein.”
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe
und mit Fluch beladen sterbe?”
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender Donner.
"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben,
und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben.
Ueberdies werden Sie mich vergessen…”
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich, Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu
mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten …”
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit,
Meine Ueberzeugung und nein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet worden, waren nahe
daran, mich ins Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner, Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis
zu geben, welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben
konnte? Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn? sagte mir
eine innere Stimme. Sage, ihm, daß Du ihn liebst
und daß Du ihm ganz angehören willst! Wer kümmert sich denn in dieser Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen Fehltritt begehst?
Aber vom Himmel herab vernahm ich die unwiderlegliche Antwort: Ich selbst muß mich um mich kümmern.
Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und Schützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das
Gott gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei
denen mein Herz klopft, meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch meine Adern rollt? Nein, was ich geglaubt, was fromme und würdige Frauen mich
gelehrt haben, das allein ist die Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß, auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand.
Was auch daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad erreicht, und er maßte ihn erliegen. Er durchschritt das Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...
V.
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher, der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht. Dieser untrügliche Dolmetscher ist der Blick,
Meine Augen erhoben sich bis zu denen Rochesters und
während ich sie auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand
sich meiner Brust ein unwillkürlicher Seufzer
Seine wilde Umarmung verursachte mir einen wirklichen
Schmerz und meine Kräfte begannen mich zu verlassen.
Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner
Hand keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr (ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich
könnte sie mit meinem Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen, wenn ich sie knickte und zerträte?
Man sehe dieses feste, entschlossene Auge, man denke an
diesen unergreifbaren Geist, dessen unerschrockenen Willen, fürchtlose Unabhängigkeit und mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner Hülle kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn erreichen?...
Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe, wird er freier aus demselben hervorgehen als je. Ich kann mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin wohnende
Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest
Du Dich an meinen Busen flüchten, wie der frierende
Vogel am die erwärmte Mauer. Aber dazu bedarf es
Deines Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich
zu zwingen, so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige
Essenz aus der Hand, welche ihren Duft festzuhalten
glaubt... O, Jane! wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Wort sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich
verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert, ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und
mußte ich nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein wahnsinniges Flehen vermag
nichts über Dich?...
"Ich will es nicht versuchen, Ihr den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in
seinem Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können,
welches Muthes es bedurfte, um in festen Tone zu
wiederholen: Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"o geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich; daß Du mich hier allein und elend zurücklässest.
Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege
dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden
an Deinem Geiste vorüberziehen... denke an mich!
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das
Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit
von Schluchzen erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe... mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen in tiefer
Seufzer.
Ich stand schon auf der Schwelte der Thür... und doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse, sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von
den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte
meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend
sein schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter,
sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut,
um sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze
diese Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus. ... Aber ich täuschte seine wahnsinnige Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ
ich das Zimmer.
Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und taufend Stimmen wiederholten
in meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!
Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen
würde; aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich
den Kopf auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor Tagesanbruch und im Juli sind die
Nächte bekanntlich nicht lang.
"Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht früh
genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf
mich einstürmte. Ich stand daher auf und meine Toilette
war bald beendigt, denn als ich mich auf mein Bett geworfen,
hatte ich nur meine Fußbekleidung abgelegt.
Dann suchte ich im Dunkeln in meiner Kommode ein
wenig Wäsche, eine Agrafe und einen Ring. Dabei,
begegneten meine Hände den Perlen eines prachtvollen,
Colliers, das Mr. Rochester einige Tage vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der chimärischen
Braut, die wie ein Traum verschwunden war. Aus dem
Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm meine
Geldbörse, welche zwanzig Schillinge, mein ganzes Vermögen, enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und
indem ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig
hinaus in den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adela! sagte ich mit einem Blicke nach der nursery, denn
ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein seines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser
Schwelle stand, die mein Geist so oft überschritten hatte,
flockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere
Male glaube ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu vernehmen. Und dar, hinter dieser schwachen Thür erwartete mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfacher
Worte zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie bis zum Tode Leben, bis zum Tode will ich
Ihre treue Gefährtin sein -- und eine Quelle der höchsten
Wonne hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.
Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Diesen Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte
nicht schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich war fort. Er ließ mich überall suchen ... vergebens! Er sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke.... Aber ich zog sie wieder zurück und entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden hatte,
wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit
Oel und eine Feder mit, um den Schlüssel und das
Schloß einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte. Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein
wenig Brot und trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht lange würde zu Fuß gehen müssen
und fürchtete, meine so heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines Planes nicht ausreichen. Dies
Alles geschah ohne das leiseste Geräusch. Ich öffnete die
Hausthür und verschloß sie wieder. Die Morgendämmerung
begann den Hof ein wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber ich wußte, daß eine kleine
Nebenthür in einem derselben nur von innen verriegelt
war. Durch diese Thür trat ich in's Freie.
Ein Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen
an eine Straße, welche nach einer Millcote entgegengesetzten
Richtung führte. Ich war noch nie auf
derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der
mir eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen
könnte. Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir
die geringste Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick
rückwärts oder vorwärts, in die Vergangenheit oder in die
Zukunft zu werfen ... in die süße, heitere Vergangenheit,
und in die dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis
die Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß
die Sonne an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte
Erinnerung habe ich nur davon, daß der Thau bald durch,
meine dünnen Schuhe drang und meine Füße kältete.
Alles Uebrige um mich her existirte nicht für mich. Der
Verurtheilte, welcher dem Tode entgegengeht, sieht die
Bäumen am Wege nicht, die, ihm zulächeln. Er denkt
nur an den Henkerblock, an das Beil, an den letzten
Sprung des abgeschlagenen Kopfes und an den dunklen
Abgrund, der ihn empfängt. Ich sah nichts vor mir,
als eine ewige Trennung, die öde Wüste, die ich von nun
an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz, den ich diesem
Manne als Vergeltung für seine aufopfernde Liebe
bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens bedurft,
denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der Verlassenheit
zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mich Widerhaken versehene Pfeil, den
ich vergebens aus meiner Wunde zu reißen verfuchte;
es war der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die
Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet;
es war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche
die Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt
und verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes,
der sich meines festen Willens, auf dem rechten
Wege zu bleiben, annahm und mir verbot, nach Thornfield
zurückzukehren; denn ich erinnere mich, daß ich
weinte, als ich mich immer weiter entfernte, und doch
schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über
die unwiderstehliche Gewalt erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung,
die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen
frische Feuchtigkeit allein mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten
fühlte ich mich wieder etwas gestärkt. Ich konnte
mich auf den Händen und Knieen ein, Stück weiter
schleppen, dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in
der Ferne erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer,
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen
sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo
Mr. Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte. Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig
Schilling. Ich bot dem Conducteur zwanzig, indem ich
ihm sage, daß ich nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr,
so nahm er das Gebot an und erlaubte mir sogar
aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des
Wagens einzunehmen. Ich stieg ein, die Thür wurde
zugeworfen und als der Wagen fortrollte, fühlte ich, daß
Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes
gleichen, hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden!
Möchte sie endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu empfinden haben, für den Mann, den sie mit
aller Kraft ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und die Verzweiflung zu werden!
VI.
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge
weit genug gefahren habe und hieß mich ganz wider
mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens
Whitcroß aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein
kleines Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von
Thornfield mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit
bemerkte, hatte die Diligence schon einen Vorsprung
von wenigstens einer Meile gewonnen. Es blieb
mir daher nichts Andres übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir diese Vervollständigung meines
Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren
nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der
Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen
Namen mehr oder weniger verdienen, und von denen die
nächste zehn Meilen entfernt ist. Daher sind sie auch
nicht frequent und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer
in der ganzen Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus nie
werden sollte, damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser
und die breiten Bänder der Straßen zu betrachten, die
sich in unabsehbare Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich
hatte keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken
konnte, mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung,
noch wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das nie
bis an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande
der Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken
an einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel einen Endpunkt
dieses grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war
noch lästig, hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt.
Ich setzte mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal
zu erschrecken, so oft der Wind das Gestrüpp bewegte
und mich die Annäherung eines entlaufenen Stieres, oder
eines Wilddiebes befürchten ließ. Meine Besorgnisse
wurden jedoch durch nichts gerechtfertigt, so daß ich mich
endlich beruhigte und über meine, Lage nachdenken konnte,
welche keineswegs tröstlich war.
Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen Ausdrücken
sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen
abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß sich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht
hoffen durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und
das ich mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest
meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige
Brombeeren, welche hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten,
und dieses kärgliche Mahl beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen Hunger. Nachdem ich sodann
mein Abendgebet gesprochen, streckte ich mich auf mein
Lager, das auf dem üppig wuchernden Heidekraute
ganz erträglich war Mein doppelt zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der Nacht, welche
übrigens besonders im Anfange, durchaus nicht empfindlich
war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte;
aber ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger
durch den Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels
wurde, machte mich endlich etwas ruhiger und ich
schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete
mich das Elend wie ein bleiches, nacktes Gespenst, das
neben mich saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete
jetzt das Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch
schwärmen sah, aus den sie ihre Nahrung sog, oder der
Eidechse, welche munter aus den Spalten des Gesteins
hervorschlüpfte. Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer
nicht gefallen hatte, mich während dieses Schlummers, in
dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden
gefunden hatte, von der Welt abzurufen. Da er
mich aber noch am Leben gelassen, so mußte ich auf die
Mittel denken, die Las meines Kreuzes weiter zu tragen
und meine Aufgabe zu vollenden. Ich brach daher wieder
auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, solange
meine Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß
ich dahin ging, wohin Gott mich rief. Als ich einen
Augenblick stehen blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm
ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte
nach der Gegend, woher das Läuten kam und bemerkte
hinter den Bäumen halb verborgen das Dach einer Kirche.
Zu gleicher Zeit sah ich auf dem Wege, den ich gekommen
war, einen mit Ochsen bespannten schweren Karren. So
erschienen mir das Gebet und die Arbeit, als die beiden
großen Heilmittel aller Nebel des Lebens, zusammen vereinigt.
Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt
gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir
verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand. Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes
für mich sein würde, wenn ich vor Hunger auf der
Straße dieses Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher
fragte ich mich sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, wofür
ich einige von diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte
nichts als das seidene Tuch, das ich um den Hals
trug, und meine Handschuhe. Aber wie sollte ich diesen
Tausch anbieten, und mußte ich nicht erwarten, daß er
mir abgeschlagen wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin
befand, kam mich sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch machen zu
können schien, was ich wünschte. Diese unpassende
Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr für möglich,
meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes
Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit,
um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick setzen
zu dürfen, indem ich mich mit meiner außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrüßlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen,
indem sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich
mich niederließ. Bald traten mir die Thränen in die
Augen; da ich aber fühlte, wie wenig sie hier an ihrem
Platze sein würden, unterdrückte ich sie, so gut ich konnte,
und fragte die Frau nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin
oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.
Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?
Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung
treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und
wie konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte
ich, ihre Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand
sich eine Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah,
daß mein Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich
daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. So
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke
am Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte
indessen meines Nachforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den übrigen abgesondert stehendes Haus, daß sauberer war und einen schönen Garten hatte, der in seinem
vollen Blumenschmucke glänzte. Die Tür war schneeweiß
und der messingene Hammer blitzte in der Sonne.
Dieses wohlhabende Aeußere zog mich an und ich klopfte
an die Thür, ohne noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses freundlichen Landhauses erwecken
könnte.
Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir.
Mit schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur
von einem hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten
Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht
ein Dienstmädchen gebraucht würde.
Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
Können Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden.
Ich wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge
Frau erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber
geben könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das
Dorf zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer
Entfernung ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler
Schatten mich anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so
matt und so hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkürlich in der Nähe menschlicher Wohnungen
festhielt. Ich ging daher wieder nach dem Dorfe zu,
um mich abermals zu entfernen, indem ich bald einem.
Gefühle von Stolz, bald der gebieterischen Nothwendigkeit
gehorchte, die mich mit ihren unbarmherzigen Klauen
zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte.
Ich kam sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich
sich zuerst an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie, ein gewisses Recht
auf seinen Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen
Muth, und indem ich alle meine moralische Kraft
zusammennahm, klopfte ich leise, nicht an die Hauptthür,
sondern an die der Küche. Eine alte Frau erschien,
welche mir kurz und trocken auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrwohnung?
Ja.
Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
Nein, er ist verreis’t.
"Verreis't! ... weit von hier?
"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirtchschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr
keine Handlung christlicher Milde zu hoffen war. Zum
Betteln aber konnte ich mich noch nicht entschließen; ich
schleppte mich daher aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und
kehrte nach dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich
schon gesprochen habe. Die Bäckerin war nicht allein;
dennoch trat ich ein und bat sie, mir ein Brotchen für
das seidene Tuch zu geben. Sie blickte mich staunend
an und erwiderte in einem argwöhnischen Tone:
"Auf einen solchen Handel lassen wir uns
nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr
das Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte
sich entschiedener als vorher. Konnte sie wissen,
wie ich zu diesem Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie
Ihnen erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem
Abscheu und der Demüthigung in meinem Herzen, welche
ich damals empfand. Ich will daher Ihre Qual und
auch die meinige abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kann mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache
war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch
heute mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten
hielt, die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem
Brotes fühlte.
Wie dem auch sein möge, ich entfernte mich von
dem Pachthofe, und sobald mich der. Mann nicht mehr
sehen konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot
zu essen.
Die Nacht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt
hatte. Allein diese zweite Nacht war nicht so still und
warm als die erste. Der Erdboden war feucht und die
Luft kühl. Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger
vorüberkommen, und da ich fürchtete, von ihnen
gesehen zu werden, veränderte ich meinen Zufluchtsort.
Gegen Morgen fing es an zu regnen, und mit kurzen
Unterbrechungen regnete es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung.
Wie gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern
quälte mich der Hunger.
Es ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt und
irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen
Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr,
aber vom Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche
es mir unmöglich machten, auf Einer Stelle zu bleiben.
Ein Licht, das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog weinen
Blick auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes.
Ich komme an, ein langes, niedriges Hans, an
dem ein einziges Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen
Blick hinein und sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit
nach zu urtheilen Schwestern, am Kamin sitzen und
lesen. Neben ihnen strickt eine alte Dienerin. Die jungen
Damen sind ganz in Trauer gekleidet; aus einigen
Bruchtücken ihres Gesprächs, welche ich durch das Fenster
vernahm, ersah ich, daß ihr Vater vor Kurzem gestorben
war, und daß sie diesen Abend die Zurückkunft
ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.
Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malt sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren
Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie Sich
Brot kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht
für eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein!
rief ich aus; wenn Sie mich abweisen, es ist es um mich
geschehen!
Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre
schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen,
wenn Sie das wären, wofür Sie Sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem
Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter gehen konnte ich nicht, denn ich hatte seit
vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine
Kräfte waren gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir
neue Thränen aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände
und fiel auf die feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth
hatte mich verlassen. Mit einem letzten Schimmer des
Vertrauens flüsterte ich indessen noch die Worte vor
mich hin:
Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen,
als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir
seinen Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm
Schweigen zu gebieten.
"Jedes Geschöpf muß sterben,” sagte plötzlich eine ernste Stimme, welche zwei Schritte von mich aus der
Dunkelheit kam, “aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen wird.”
VII.
"Wer ist da? wer spricht hier?” rief ich heftig erschrocken, denn ich erkannte nicht sogleich den menschenfreundlichen Sinn dieser Worte, die so unvermuthet mein Ohr trafen.
Aber ich erhielt keine Antwort. Nur eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor, näherte sich der
Thür und klopfte mehrere Male mit dem Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John?” rief die Stimme der alten Magd im Innern.
“Ich bin es, öffne sogleich.”
Die Alte gehorchte. Als sie mich noch auf den Stufen sah, entschlüpfte ihn ein Ausruf des Verdrusses.
Allein der Hausherr gebot ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie ins Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen, so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren Elends und meines unordentlichen Anzuges
nur um so peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften, und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich
durch ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit Milch an den Mund, in welche sie einige
Semmelschnitte gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir
die Tasse aus der Hand.
“O, warum thust Du das, lieber Bruder!” rief die ältere von, den beiden Mädchen.
“Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.”
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot,” antwortete ich, denn ich hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
“Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären
Sie Ihre gegenwärtige Lage?”
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn als ich mich unter einem gastlichen Dache und unter Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen, man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
"Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.”
"Was erwarten Sie dann von mir?” entgegnete er mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden Schwestern, welche er mit dem Namen Diana
bezeichnet hatte, daß wir es bei dem, was wir gethan,haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und
bei einem solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?”
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung, erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie
wollen, aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer, um
sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte,
eine Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb
bewußtlos, dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in eine Lethargie, aus der ich nicht so bald
wieder erwachen sollte.
Sie dauerte drei Tage, während deren ich mich weder bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wußte ich ziemlich genau, was um mich her
vorging. Ich verstand den allgemeinen Sinn dessen, was über mich gesprochen wurde und urtheilte nach Merk
malen, deren Natur ich mir selbst nicht erklären konnte; über den Grad der Theilnahme, welche mir die Personen
schenkten, von denen ich abwechselnd gepflegt wurde.
Bei Diana schien sie mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßige und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche,
Folge ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den sie mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen.
Aengstlich blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine
beschmutzten und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und ich sah mit inniger Freude, daß meine
vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand zu setzen. Sie hatten zu diesem
Zwecke weder Bürsten, noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand ich in meinem Zimmer alle zur
Toilette unentbehrlichen Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigen Haltung,
welche die alte Hannah vielleicht wider ihren Willen
annahm, als ich unvermuthet in die Küche trat. Sie
war indessen so indiscret, auf den Zustand anzuspielen,
in welchem ich ihr zum ersten Male erschienen war, und
obgleich sie das Wort „Bettlerin“ ausgesprochen hatte,
ohne an etwas Böses dabei zu denken, so wollte ich ihr
dennoch diese Freiheit nicht ungerügt hingehen lassen.
"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch
Geld.
Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Meinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst
einem verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr
Unrecht ein, entschuldigte sich nach besten Kräften und
bat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche aufhielte.
Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo
mich Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem
fragte, wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich,
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen
und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante
gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen
Abriß meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs irgend ein Fehler oder Vergehen, dessen ich mich schämen müßte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend, liebe Freundin, denn Mr. Saint-John, der mich mit
der ganzen Strenge eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit eines Geistlichen anhörte, nahm
mich zuletzt für das, wofür ich wich ausgab und versprach mich auf meine wiederholten Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behilflich zu sein.
"Vor der Hand, sage die liebenswürdige Diana Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur
einige Wochen hier in Folge des Todes unseres Vaters. Nach Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John
nach Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört
haben, nach Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. Vergessen Sie also für kurze Seit alte Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie Sie sie nennen, in keiner Hinsicht druckend
erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese kochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist
das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden,
einen armen Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und
Hunger getrieben, hierher geflüchtet hätte. Ich meines
Theils gebe Ihnen nochmals die Versicherung, daß ich
alles Mögliche thun werde, um Sie in den Stand zu
setzen, sich durch eigene Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt
verdienen zu können; aber vergessen Sie nicht, daß ich
nur der arme Pfarrer einer sehr armen Gemeinde bin.
Erwarten Sie also nur einen sehr beschränkten Beistand
von mir und wenn Ihnen der bescheidene Wirkungskreise,
den ich Ihnen verschaffen könnte, zu gering scheinen
sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine kräftigere Unterstützung
zu suchen.
Alles was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu
erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun,
um selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war
noch außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen
Sprache, wogegen ich sie in die Malerei unterrichten konnte. Dies wär mein großer, aber auch mein einziger
Vorzug, den ich vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische
Begeisterung mir ein Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung gemischt war. Ich hatte in der
That nie dieses reine Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen
Mann mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns
an die herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums
erinnern. Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes
Haar, eine hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie wer
den mir sagen, daß hierin gewiß nichts lag, was mich
hätte erschrecken können. Ich gebe dies zu; aber diese
schönen blauen Augen hatten einen ungewöhnlich strengen
Ausdruck und dieser wohlgeformte Mund lächelte nur
höchst selten. Und dabei beobachtete er eine wahrhaft
mönchische Regelmäßigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten.
Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man
ihn an seinem Arbeitstische sitzen und in Sanscritgrammatiken
oder indischen Wörterbüchern studieren. Später
ging er mit seinem Stocke in der Hand und von dem
alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das Wetter
mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in der Umgegend
Trost, Rath und Hilfe zu spenden, je nachdem sie
deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen
Anstrengungen, versuchten seins Schwestern oft, ihn zurückzuhalten,
indem sie ihn dringend baten, einen Tag
auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen
Wetter auszusehen.
"Glaubet Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen,
daß ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf
die ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend
gehen. Dieser schöne Apostel Christi hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missonnairs in fernen Gegenden
gewidmet. Er strebte nach andren Unternehmungen,
andren Gefahren und andren Pflichten als die gewöhnlichen
Diener Gottes. In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten,
denen er seine Pläne mitgetheilt hatte, ihm die
Laufbahn eröffneten, zu der ihn sein frommer Eifer hinzog, studierte er unablässig und bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen Kämpfe, auf die heilige
Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit
seinen Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft,
in denen ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte
ihn einmal predigen, und als ich den Eindruck studierte,
den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam
ich zu der Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet
seines frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit
und seines wahren, glühenden Feuereifers noch
nicht den Frieden der Seele gefunden hatte, der über alles
Wissen erhaben ist, so wenig, als ich ihn selbst bei der
geheimen, aber deshalb nur um so heißeren Sehnsucht
fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig
verlorenes Paradies in mir zurückgelassen. Sie sehen,
daß ich nicht oft auf diese Sehnsucht zurückkomme, welche
beständig an meinem Herzen nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich
nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine
Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu
aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich
meinen Zweck.
Sie wollen ohne Zweifel wissen, sägte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern,
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen
würden, hielt ich es für umnöthig, diese Trennung eher
herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag
von heute festgesetzte Abreife meiner Schwestern unerläßlich
wurde. Ich selbst kehre dann nach Morton zurück,
nehme die alte Hannah mit mir und dieses Haus wird
gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf de Stelle sein, welche Ihre
Güte mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hänge ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
es Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken,
wie ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von
Ihrer vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen
und Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen
ist. Da ich selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich
Ihnen nur einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen.
Werden Sie ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, ja,
Sie werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen,
die ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer
in derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich,
wenn auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein
regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben
geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt.
Die Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht
mehr am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon
vor zwei Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet,
und seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin
gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt
zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die
ersten Elemente einer christlichen Erziehung erhalten können.
Die Güte der Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes, den die Gemeinde zu den
Ihrigen zähle, hat mir gestattet, ein den Bedürfnissen der
kleinen Anstalt entsprechendes Haus zu miethen, das heißt
einen ziemlich geräumigen Schuppen, der zu einer Schule
eingerichtet worden ist, und sein Häuschen mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der Gehalt dieser
letzteren ist auf dreißig Pfund Sterling jährlich festgesetzt.
Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von
einem Bauernmädchen, die zu gleicher Zeit ihre Schülerin
und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene Stelle,
die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl, daß
sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie wenden nur mit Kindern der ungebildeten Klasse zu thun haben und Ihr
Unterricht muß sich nur auf die Gegenstände beschränken,
die ihnen zu wissen nöthig sind, das heißt, Lesen, Schreiben, ein wenig Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen
Sie die Stelle an?”
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem
Tone starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiderte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber was thun Sie mit Ihren Talenten, mit Ihren
vielseitigen höheren Kenntnissen?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich
anwenden kann.
"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen
"Er blickte mich mit einem Lächeln an und setzte
kopfschüttelnd hinzu:
"Sie werden nicht lange in Morton bleiben!
"Warum sagen Sie das? rief ich aus. Ich
kann Ihnen versichern, daß ich nicht ehrgeizig, bin.
Saint-John erschrak fast über diese Bemerkung.
"Sie sind nicht ehrgeizig? ... was hat der Ehrgeiz
hiermit zu thun? ... soll dies ein Vorwurf, gegen mich
sein?
Durchaus nicht, ich sprach nur von mir.
Wenn Sie auch nicht ehrgeizig sind, versetzte er,
so sind Sie wenigstens...
Was wollte er sagen?
"So sind Sie doch leidenschaftlich. Ich bitte Sie,
setzte er rasch hinzu, den Sinn dieses Wortes nicht mißzuverstehen. Ich will damit nur sagen, daß die menschlichen Gefühle und Neigungen eine zu große Herrschaft
über Sie ausüben, als daß Sie lange in Abgeschiedenheit
und lediglich auf Ihre einförmige Beschäftigung beschränke
leben können. Ich kenne aus eigener Erfahrung den
Kampf zwischen unseren angeborenen Neigungen und den
gebieterischen Pflichten, die uns auf dieser Welt vorgezeichnet sind. Ich kenne ihn und bedaure Jeden, der sich in
denselben einläßt.
Nach diesen Worten entfernte er sich und diese kurze
Unterredung hatte mir weit mehr Aufschluß über seinen
Character gegeben als unser ganzer bisheriger Umgang.
Lag nicht etwas Unbegreifliches, etwas dem Geiste
des Christenthums Widerstreitendes in der starren Energie
dieses Mannes, der, um das Wort Gottes zu verbreiten,
sich von seinen beiden Schwestern trennen und sie als mittellose
Waisen den Wechselfällen einer ungewissen Zukunft
Preis geben wollte?
Ich wagte die zu denken. Ob ich mich irrte? Ich weiß es noch jetzt nicht.
Ich begab mich übrigens schon am folgenden Tage
nach Morton, und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück.
Mr. Rivers und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer und verlassen auf der öden, sumpfigen Haide.
VIII.
Sie erlauben mir, daß ich Ihnen mit wenig Worten
mein neues Besitzthum beschreibe, im vollen Sinne
des Wortes das erste, dessen ich mich erfolgte. Es war
eine Hütte in der wahren Bedeutung dieses oft falsch angewendeten
Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern, und
ein Theeservice von Delfter Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen Größe mit einem Bett uns einer Commode von
ordinairem Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von
sehr geringer Dimension, aber noch immer zu groß für
die höchst dürftige Garderobe, die ich darin aufzubewahren
hatte, obgleich sich meine neuen Freundinnen der ihnen
nicht unbedingt nöthigen Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen
konnten lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren
Namen zu schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige
begannen zu nähen. Alle sprachen einen abscheulichen
Dialect mit dem dehnenden Accente der Gegend, so daß
wir uns am Anfange nur mit Mühe verständlich machen
konnten. Bei nicht wenigen unter ihnen gesellte sich zu
der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine
krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe es nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften
und ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten
in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer
Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir
schien, als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt.
Es kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die
Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben
würde, das er mir an der Küste des Mittelmeeres
unter dem heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt
hatte. Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer
wieder genug verständige Einsicht in mir, um den rauhen
Pfad der Ehre den vergifteten und vorübergehenden Freuden
einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer
neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner
Gedanken. Indem er wich nach sich selbst beurtheilte,
errieth er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden,
obwohl strengen Worte führten mich, wenn auch oft ein
wenig unsanft, zu der richtigsten und christlichsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach
einer Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich
von einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt
gefühlt und den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem
Apostelamte zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,
welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrak er,
als ob unvermuthet ein Blitz aus heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der
nämlichen Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hat. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder und wendete sich um, die Neuangekommene
zu begrüßen; diese war nichts Geringeres, als eines
der reizendsten jungen Mädchen, die ich in England, wo
nichts so selten ist, als jugendliche Schönheit, je gesehen
habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und
durchsichtiger Teint, schöne schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht, ein lieblicher, frischer Mund,
eine reiche Fülle schwarzer Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den herrlichen Naturgaben,
die ein für die Liebe geschaffenes Weib sich nur wünschen
kann, fehlte diesem glücklichen Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den
Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung
und über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu
haben sich rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß
Miß Oliver, die reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere
Schule ihr Dasein verdenkte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwidert
wurde.
Ich sah es an dem krampfhaften Zucken seiner Gesichtsmuskeln,
als das offenherzige, unbefangene Mädchen
ihm von einem am vorigen Tage in der Stadt, aus der
sie kam, stattgefundenen Balle und von dem Glanze erzählte,
den die Anwesenheit der Offiziere des 20. Husarenregiments
diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der
leidende und schwermüthige Ausdruck, der über das schöne
Gesicht des jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet
der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck
machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren
freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines
Automaten. Man sah deutlich, daß es ihm eine fast
übermenschliche Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.
Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen
Sieg davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau
entfernte, begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie
ging rechts und er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes, gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß Diana’s Vergleich keinesweges übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu
mir theilte sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand. Die Erkenntlichkeit der Armen ist
erfinderischer, wenn nicht aufrichtiger als die der Reichen,
und scheint unmittelbarer aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann. Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung, die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und wußte es, zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes Vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem sie auf meinem Tische einen Band von Schiller Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen. Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht
vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so
übertriebene Lobeserhebungen über mich, daß der reiche
Fabrikherr mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte
meine Zeichnungen, bat mich dringend, ihn zuweilen mit
meinem Besuche zu „beehren“ und ersuchte mich förmlich
um das Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne diesen Umstandes nur deshalb, weil er
zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher
zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern, kurz er suchte irgend eine wirkliche Veranlassung
oder einen Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das
Leben angenehmer zu machen.
So kam er auch eines Abends mit einem damals neu erschienenen Buche unter den Arme, das nichts Geringeres war als „Marmion“ eines der Meisterwerke Walter Scott’s, und er schien außerordentlich erfreut, mich
an meiner Staffelei beschäftigt zu finden.
Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn
man zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald Sie allein
find, Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht
und gequält, die mir allerdings auch bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte
und in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt
hatte, warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit.
Kaum aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie
näher zu betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem
nämlichen unwillkürlichen Schrecken, den ich schon einmal
an ihm beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß
eingeprägt hatte.
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu
entziehen.
Vortrefflich, mein strenger Diener der Kirche,
dachte ich bei mir; Ich lese deutlich in Deinem Herzen,
das Du so sorgfältig verschließest und ich will Dir wider
Deinen Willen zu Hilfe kommen. Du hast eben so wenig Hang zur Einsamkeit als ich, und zu Deinem eignen Besten will ich Dich zum Sprechen zwingen. -- Finden
Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn laut.
Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam
genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung
des Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen
Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts,
es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses
Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches
Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine
Zeit und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es
betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu
können.
Antworten Sie mich aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an
Ihre ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal
später am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar,
oder in Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
Es würde mir ohne allen Zweifel angenehm sein,
wenn ich eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte;
aber ob es gut und vernünftig wäre, dies ist eine andere
Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr
leicht Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese
Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte, in den Stand setzen würde, eben, so viel Gutes
zu thun, als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so sagte ich zu ihm:
Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre? wenn
Sie anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen, dessen Züge es versinnlichte.
Ich sprach diese kühnen Worte fast mit einer geheimen Angst aus; allein ich, bemerkte bald, daß sie nicht
übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf
einen Stuhl gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf
in beide Hände gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne
sich durch meine Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im
Gegentheil, meine etwas unsanfte Ausdrucksweise und die
Furchtlosigkeit, mit der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung
zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete
Erleichterung zu gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen,
vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen,
aber dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so
reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren,
jedoch mehr affektirten als wahren Ausdrucke
von Zweifel.
"Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Andren, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen,
als von Ihnen.
"Glauben Sie, Miß Jane? ... O, sprechen Sie weiter
... es thut mir wohl, Sie anzuhören. Ich gewähre
Ihnen eine ganze Viertelstunde, mich in so angenehme
Träume einzuwiegen.
Mit diesen Worten nahm er bedächtig seine Uhr aus
der Tasche und legte sie auf den Tisch, um genau die Zeit
abzumessen, die er sich selbst bewilligte.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mich den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem
Herzen verschließen?
"Warum nehmen Sie dies an? Glauben Sie lieber
-- und Sie werden der Wahrheit näher sein -- daß ich
geneigt bin, die Lippen an den mit Honig gefüllten Becher
zu sehen, den Sie mit vorhalten. Ich gestehe Ihnen,
daß eben jetzt dieses so aufmerksam und sorgfältig bewachte
Herz, aus dem ich als ein emsiger Gärtner das wuchernde
Unkraut zu entfernen trachte -- dieses Herz ist im Augenblicke
mit einer Fluth irdischen Nectars angefüllt. Wissen Sie, wo ich bin?... In Vale-Hall, bei Mr. Oliver
... ich sitze auf der weichen Ottomane in seinem Salon,
neben meiner reizenden Braut und schwelge im Anschauen
ihrer herrlichen Augen und ihrer Korallenlippen, deren
wollüstige Frische Sie so vortrefflich wiedergegeben haben
... Sprechen Sie nicht mehr mit mir... lassen Sie mich
träumen ... die Zeit des süßen Traumes ist noch nicht
verstrichen.
So blieben wir Beide stumm und unbeweglich, indem
wir fast unseren Odem anhielten und ohne ein anderes
Geräusch zu hören, als die raschen Sekundenschläge,
welche das unaufhaltsame Dahinschwinden dieses Augenblicks der höchsten Wonne verriethen.
Die Viertelstunde schlug endlich. Saint-John nahm
seine Uhr wieder zu sich, legte das Portrait auf den Tisch
und stellte sich an den Kamin.
Genug der Illusionen und Träume, sagte er dann.
"Ich habe mich von den entblößten Armen der Versuchung umstricken lassen, ich habe das Haupt freiwillig, unter
ihr Blumenjoch gebeugt, ich habe ihren berauschenden
Nectar gekostet... Aber ihre Umschlingung hat mich verbrannt,
es war eine Natter unter diesen duftenden
Guirlanden, der köstliche Trank hat einen bitteren Nachgeschmack.
Ich blickte ihn fast mit Bestürzung an.
"Ist es nicht sonderbar, sprach er weiter, daß
während ich Rosamunden mit aller Gluth einer ersten
Liebe, mit einer im Grunde so natürlichen und durch den
Gegenstand derselben gerechtfertigten Leidenschaft liebe, ich
zugleich innig und fest überzeugt bin, daß sie nicht die
Lebensgefährtin ist, deren ich bedarf, und daß, wenn ich sie
heirathete, auf einige Monate der höchsten Seligkeit
ein ganzes Leben der schmerzlichsten Reue folgen würde?
"Dies ist in der That sonderbar.
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionnairs denkend
"Aber, wer zwingt Sie denn, Missionnair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der höhren Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will? ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar der Männer gezählt zu werden, welche sich
über die Bestrebungen dieser Welch erheben und sich die
Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das
errettende Licht und die Lehren des Friedens und der
Wahrheit zu verbreiten?... Nein, eben so gut könnte
man von mir verlangen, daß ich das Blut meiner Adern
lassen sollte. Ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber vergessen Sie nicht Miß Oliver bei diesen
rein persönlichen Plänen?
"Glauben Sie wirklich, daß sie sich nicht über meinen
Verlust zu trösten vermöchte? erwiderte er mir sogleich
mit einem schmerzlichen Lächeln.
"Und vergessen Sie nicht auch sich selbst, der Sie
in diesem steten Kampfe mit Ihrer Liebe unterliegen und
zu Grunde gehen werden?
Noch einmal, Sie sehen es, liebe Freundin, daß ich
die Grenzen der meinem Geschlecht zukommenden Zurückhaltung
überschritt, und noch dazu einem Priester gegenüber!
Er staunte auch in der That über meine Verwegenheit.
Aber ich habe mich im Gespräch mit einem originellen,
energischen und höher gebildeten Geiste nie mit
den alltäglichen Gemeinplätzen begnügen können, welche
der Gebrauch gutheißt. Sei es ein Mann oder eine
Frau, gleichviel, ich muß die Schwelte des Vertrauens
überschreiten. Was es mich auch kosten möge, ich will
mir einen Platz am Heerde des Herzens erobern.
Ihr Geist ist tapfer, versetzte Saint-John; er
hält, was Ihr durchdringendes Auge verspricht. Da Sie
aber so freimüthig über diese Gegenstände des Herzens
sprechen, so will ich Ihnen auch sagen, daß Sie sich über
die Natur meiner Gefühle ein wenig irren. Ich bin
kälter und härter, als Sie vielleicht glauben. Sie haben
mich, ich leugne es nicht, in Gegenwart Miß Olivers
zittern und erbleichen sehen. Aber selbst wenn ich mich
wider meinen Willen den fieberhaften Eindrücken eines
Nebels hingebe, das ich im Grunde verachte, so fühle ich
noch mein Herz in mir so ruhig und so fast wie den Granitfelsen im Schooße des sturmbewegten Meeres. Uebrigens
haben wir genug hiervon gesprochen, setzte er hinzu,
indem er seinen Hut nahm und noch einen Blick auf Rosamundens
Portrait warf.
Sie haben mir noch nicht geantwortet, sagte ich
zu ihm, ob Sie eine Copie wünschen?
Nein, ich wünsche sie nicht; was würde sie mir
nützen?
Während er diese Worte sprach, bedeckte er, wie um
den Zauber zu zerstören, das Bild mich dem Blatt Papier,
auf dem ich meine Farben versuchte. Was er auf diesem
Papiere bemerkte, konnte ich im Augenblick nicht errathen.
aber er nahm es hastig, betrachtete es näher und richtete
einen ganz sonderbaren, forschenden Blick auf mich, der
mir unerklärlich schien. Seine Lippen öffneten sich, als
wollte er sprechen, aber er unterdrückte diese Regung aus
irgend einem Grunde sogleich wieder.
Was ist Ihnen denn? fragte ich ihn.
Nichts, gar nichts, antwortete er, indem er das
Papier wieder bei Seite legte; allein ich sah, daß er mit
außerordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Stück vom
Rande abriß. Dieses mikroskopische Fragment verschwand
in einem seiner Handschuhe und nach einem eiligen Gruße
ließ er mich allein, höchst erstaunt über seine plötzliche
Entfernung.
Die Untersuchung des erwähnten Papiers gab mir
keinen Aufschluß. Es war ein viereckiges Stück Velinpapier,
das mit verworrenen Bleistift- und Pinselstrichen
bedeckt war, in deren Chaos meine Augen die Lösung des
Räthsels nicht zu finden vermochten.
IX.
Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung
an mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst,
der mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen
zu hindern. Ich las eben wohl zum zehnten Male den
schönen Anfang des Marmion:
Day set on Norham castled steep
And Tweed’s fair River broad and deep ...
als Mr. Rivers, ohne vorher anzuklopfen, ganz unerwartet
bei mir eintrat und an der Thür den Schnee von seinen
Füßen abschüttelte.
Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen;
aber er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine
schlimme Nachricht bringe und bat mich um Entschuldigung,
daß er mich durch seinen unvermutheten Besuch in
meiner häuslichen Ruhe störte.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich
ihn etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte,
ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Meine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilten mich,
und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines Menschen, dem man den Anfang einer sehr
interessanten Geschichte erzählt hat und der gern den
Ausgang wissen möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung
Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein
unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben
möchte. Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war
vollkommen ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige
Augenblicke nachdenkend und stillschweigend, das Herz von
lebhaftem Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren,
Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und
Blässe seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah,
daß er nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen,
drehte ich den Docht meiner Lampe ein wenig empor
und fuhr fort zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch,
einen Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner
Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein
Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus,
den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an
Ort und Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in
tiefes Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern
habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
"Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte, aber ich erhielt nichts
als bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort.
Endlich, nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug
die Uhr acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers
aus seinem Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite, sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher
an den Kamin.
Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte
wissen möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich
will Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas
zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an,
"wurde ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen,
seiner Zeit nennen werde, von einer leidenschaftlichen
Liebe zu der Tochter eines sehr reichen Mannes ergriffen.
Sie liebte ihn wieder und bewilligte ihm ihre Hand, den
Wünschen ihrer Eltern entgegen, welche sich, auf's Höchste
gegen sie aufgebracht, sogleich nach dieser unseligen Verbindung
gänzlich von ihr lossagten. Noch ehe zwei Jahre
verstrichen, waren beide junge Leute gestorben und
ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie
hinterließen eine Tochter, welche unmittelbar nach dieser
Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es
war ein kaltes Asyl für sie, eben so kalt war der Schnee,
in den meine Füße auf dem Wege hierher versanken.
Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das
keinen Freund auf der Welt hatte, in dem Hause reicher Verwandter
ihrer Mutter aufgenommen, sie wurde von
einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick die Namen
zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß Reed
von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie Sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs,
"Briggs? ... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten
Herrn, in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot,
als Gouvernante gewesen it. Er giebt mir zu verstehen,
daß Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre,
nicht immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen
habe, denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung,
welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte
so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht
nach der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne Interesse waren.
Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete
mir Saint-John, indem er ein kleines Stick
Velinpapier, das nämliche, welches er von meinem Probierblatte
abgerissen hatte, aus seinem Portefeuille nahm.
Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung
eigenhändig mit einem Pinsel den Namen darauf
geschrieben, den ich meinen Beschützern verschwiegen
hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indicium, sagte ich
lächelnd.
Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den
„Times,“ in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der
Aufenthalt der Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte,
ihm denselben wissen, zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte
ich wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen
haben...
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
"Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin
eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen
Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen
zu lassen, wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache
und kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt
wurde, die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine
sehr mäßige Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener
und meinen täglichen Wünschen entsprechender gewesen,
so würde mir dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich
in einem heitereren Lichte erschienen sein; aber
gerade die Größe des mir zufallenden Vermögens machte
ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten
Worte in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete,
äußerte keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so
wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde
ihn vielleicht gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miss
Jane, sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte,
daß Sie eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß
nicht meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu
zeigen. Und wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend
Pfund Sterling einer Person gleichen, die wenig
Appetit hat und an einer reich servirten Tafel sitzt; so denken
Sie an die armen Gäste, welche von dem Ueberflusse,
des Gastmahles genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er
hinzu, indem er seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht so abscheulich wäre, so würde ich
Ihnen Hannah schicken, damit sie Ihnen Gesellschaft
leistete, denn es scheint mir ganz so, als sähen Sie mit
Ganzen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden.
Aber die gute Hannah würde sich kaum durch die Schneewehen
hindurcharbeiten, in denen ich selbst auf dem Herwege
fast versunken wäre.
Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die
Frage vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne
welche die Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für
sich verloren gewesen wären, nicht an meinem neuen
Glücke Theil nehmen lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich
nahe daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als
die Thüren von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten.
Ich erinnerte mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle
Empfang mir daselbst zu Theil geworden war.
Da ich mir übrigens früher oder später eine Adoptivfamilie
wählen mußte, so lag der Plan einer ehelichen Verbindung
meinen Aussichten gänzlich fern, und ich brauche
Ihnen wohl kaum den Grund davon zu sagen, denn
welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana
und die brave Mary ersetzen, auf welchen Bruder hätte
ich stolzer sein können als auf Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang
reiflich überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und
als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte,
kündigte ich ihm denselben an, wie er mir mein Glück
angekündigt hatte, das heißt, in kurzen, bestimmten,
kategorischen Worten. Meine Willensmeinung war die,
daß meine zwanzigtausend Pfund Sterling zu gleichen
Theilen unter uns Drei vertheilt werden sollten.
Allein ich verlangte zuviel. Alles was ich, und auch
dies erst nach langem Kampfe, erreichen konnte, war, daß
Diana und Mary Rivers sich in die Hälfte des „uns“
zugefallenes Vermögens theilten; Saint-John aber
wollte für sich durchaus nichts annehmen. Ich tröstete
mich mit dem Gedanken, daß seine Schwestern und er
eben sowohl an dem Genusse der Hälfte Theil haben
würden, welche zu behalten ich gezwungen wurde, da wir
das Uebereinkommen getroffen hatten, so lange als möglich
beisammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
"Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe
meinen Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin
für mich gefunden haben.
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Lippen meines
neuen „Vetters,“ welchen Titel er verabredetermaßen
von nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand
mich größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich
an dem Tage mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die
Direction der Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart
der versammelten sechzig Schülerinnen die Schlüssel
einhändigte. Es war ohngefähr zwei Monate nach der
Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir
Einige wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch
darüber, wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine
Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf
entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war,
so daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten
Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie Sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt
die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange
zu ergeben. Für’s Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
Bedürfen Sie ihrer?
Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen
und gereinigt werden soll. Von oben bis
unten, hören Sie wohl. Ich möchte fast sagen, daß
Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen,
wenden, obgleich sie weder Sanskrit noch Pali sind.
Man muß sich im Fußboden der Zimmer spiegeln können
es darf weder Holz noch Steinkohlen gespart werden, um
alle Feuchtigkeit aus dem Hause zu entfernen; es muß
jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl, jeder Tisch und
jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt
worden, und was die Vorräthe von Kuchen, Conficturen
und Gelees betrifft, so verlassen Sie Sich auf die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen
unterstützen werde. Mit einem Worte, ich will, und
diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für Sie
haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das
schöne Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem
flüchtigen Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihres
neuen Verwandten zu genießen; der nachher hoffe ich,
daß Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden.
Ich blickte ihn erstaunt an.
Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit
mir, Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl,
daß sich es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun
Sie das?
Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er
Ihnen verliehen hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig
über deren gute Benutzung wachen werde, denn es
ist meine Pflicht und mein Recht. Daher rathe ich
Ihnen, schon jetzt den unbesonnenen Eifer zu mäßigen,
mit welchem Sie Sich rein weltlichen Genüssen hingeben.
Ihre Thatkraft und Energie wollen zu wenigen
alltäglichen Beschäftigungen verwendet sein. Lenken Sie
sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe,
glücklich und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen,
denen es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche
Haus, keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie ich es hätte thun können, sondern nur
durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr
und einige ernste Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken Wohnung ansprachen, verjüngt und
verschönert zu finden. Sie nahmen von Herzen gern an
unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet
Hannah's gutem Willen noch nicht beendigt waren, und
namentlich in den ersten Wochen erfüllte ihr fröhliches
Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis
zum Abend. Saint-John schien sich daselbst nicht mehr
heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich, daß wir einen
störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen Studien
ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen Besuche
ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß
er recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er
offenbar nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah
ein, daß ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine seiner
unwürdige Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn
gleichsam und fand in ihm alle Elemente, aus denen die
Natur ebensowohl heidnische als christliche Helden, das
heißt solche Männer bildet, welche dazu bestimmt sind,
Gesetze zu geben, Länder zu erobern und Völker zu regieren;
ich mußte mir sagen, daß er eine mächtige Stütze der
erhabenen Interessen des Glaubens werden konnte; aber
am häuslichen Heerde war ein Kind besser als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionnair! dachte ich eines
Tages, aber ein langweiliger Gatte!
X.
Nach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen
Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden
wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser
Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger
bei uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ab.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden
war, ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären,
und ihr Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten Jahres abreisen.
Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer
Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im
ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel
und Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr
Vater hat mich gestern Abend von dieser bevorstehenden
Verbindung in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt
und unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
Aber Rosamunde kannte diesen jungen Man gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver
haben sich letzten Monat October zum ersten Male auf
einem Balle gesehen, von dem mir Rosamunde am
nächstfolgenden Tage erzählte... erinnern Sie sich noch,
Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen,
und ich konnte mich nicht genug wundern über den stoischen
Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den
schmerzlichsten Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir
schon einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde
mich jedem Andern gegenüber ermuthigt haben, von
Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich
intimen Unterredung war Saint-John wieder so verschlossen
und zurückhaltend geworden, daß er eben so unzugänglich
war als früher. Und diese Zurückhaltung hatte nur Folge, daß ich mich meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine Unterschiede zwischen ihnen
und mir, welche den Gedanken am ein volles
und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen ließen.
Ich staunte aber nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilte Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu wir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der Sieg ist mein.
Haben Sie auch die Gewißheit, entgegnete ich
ihm nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer
erkauft haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg
nicht zum Verderben gereichen?
"Ich glaube nicht aber wozu sollte ich mich deshalb
beruhigen? werde ich je wieder einen solchen
Kampf zu bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder
auf und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den
Augenblick nichts mehr mich einander zu sprechen hatten.
Ich ließ es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle
entgegen zu handeln.
Aufrichtig gesagt, mußte man sich der Autorität
Saint-Johns unterwerfen. Er drückte seine Wünsche
auf eine Art aus, die keinen Widerspruch zuließ; nicht
daß er den Tyrannen gespielt oder daß wen die geringste
Aeußerung des Unwillens von ihm zu fürchten gehabt
hätte, aber man fühlte, daß, wenn man sich gegen seinen
stets vernünftigen und nur das Gute im Auge habenden
Willen auflehnte, man ihn tief kränken würde. In
einem solchen Falle gab er allerdings nach und verzieh,
aber er vergaß den üblen Eindruck, den er empfunden,
niemals wieder.
So eines Tages, als er mich bat, die mit Diana begonnenen deutschen Unterrichtsstunden aufzugeben und
bei ihm die Anfangsgründe des Hindustani zu lernen, hütete ich mich wohl, ihm diese persönliche Gefälligkeit
abzuschlagen, obgleich es mir nichts weniger als angenehm war, meinen Schiller mit einer orientalischen Grammatik zu vertauschen. Wenn er sich mit dem Studium dieser schwierigen Sprache beschäftigte, ging es ihm oft wie es Vielen geht, das heißt, er vergaß später das was
er im Anfange gelernt hatte. Diesem Nachtheile konnte nichts wirksamer vorbeugen, als wenn er den ersten Unterricht mit einer Schülerin begann, während er dabei seine Arbeiten ungestört fortsetzte.
Er war ohnstreitig ein sehr geduldiger, sehr nachsichtiger, aber auch ein sehr viel verlangender Lehrer, und ich fühlte, daß er allmählig einen großen Einfluß auf meine geistige Freiheit ausübte. Sogar sein Lob war so zu sagen ein drückendes Joch, dessen man sich nicht
zu entledigen vermochte. Ohne daß er mir durch eineinziges Wort die seltenen und gewiß sehr mäßigen Ausbrüche meiner Heiterkeit verwiesen hätte, war ich doch nicht mehr im Stande, in seiner Gegenwart ungezwungen zu plaudern und zu lachen, denn stets erinnerte mich
ein unwillkürliches Gefühl, daß zu große Lebhaftigkeit ihm mißfallen würde. Wenn er zu mir sagte: Gehen Sie! so ging ich; kommen Sie! so kam ich; thun Sie das! so that ich es unweigerlich. Mein Sklavenstand war mir jedoch keineswegs angenehm und es regte sich gar oft der Wunsch in mich, daß Saint-John zu seiner frühern Gleichgültigkeit gegen mich zurückkehren
möchte.
Ein unbedeutender Vorfall wird Ihnen besser als
diese ganze Analyse zeigen, wie es in meinem Innern
aussah.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe zu gehen, pflegte Saint-John seine Schwestern
zu küssen, nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche
mit einem heitern Charakter einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügt, daß ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, daß Saint-John versprochen
habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und
stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich
will es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern, das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein
wenig zu mir herabgebeugt und seine durchbohrenden
Augen auf die meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung
meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch „Versuchsküsse“ geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John
ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht
denken können, war diese Wirkung so gut als gar keine.
Ich bin fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als
gewöhnlich, denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie
ein Siegel, das auf die Ketten gedrückt wurde, deren
Last ich zu fühlen begann.
Von diesem Abend au wurde die Ceremonie des
Kusses regelmäßig eingeführt und sie ernsthafte Gutwilligkeit, mit der ich mich derselben unterwarf, schien
meinem frommen Vetter Freude zu machen.
Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Kusse eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen
von ihrem natürlichen Hange ablenken, mich Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren. Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen,
wo ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines Gesichts geben, oder das changierende Grün meiner Augen verwandeln und ihnen das
dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und
nach den heitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch
hegte, Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu
erlangen.
Mehr als einmal hatte ich weine geschäftlichen Beziehungen
zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem
Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt
meines ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr.
Briggs stand mit den Bewohnern von Thornfield-Hall
nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts
Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief
könnte verloren gegangen sein. Aber es verging ein
Monat, zwei Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die
geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte
Hoffnung war endlich ganz von mir gewichen,
doch nicht ohne einen tiefen Kummer zurückzulassen,
über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
Eines Morgens rief mich Saint-John zu meiner
hindustanischen Lehrstunde. Ich hatte eben eine sehr unangenehme
Täuschung erfahren, indem ein Brief, dessen
Eingang mir vorher gemeldet worden war und dem mein
Herz mit freudiger Ungeduld entgegengeschlagen hatte sich
als ein ausschließlich von Geschäftsangelegenheiten
handelndes Schreiben des Herrn Briggs erwies.
Ich war außer mir über diese Art von Mystification
und wider meinen Willen entschlüpften mir während
des Unterrichts Seufzer, Schluchzen und Thränen.
Saint-John stellte sich anfangs, als bemerkte er nichts
davon, aber plötzlich schloß er sein Buch und sagtet
"Jane, Sie sind heut nicht aufgelegt zum Studieren.
Wir wollen einen Spaziergang machen.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.
"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen
gehen.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg
zwischen unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben
gekannt, besonders gebieterischen Charakteren
gegenüber, die mit dem meinigen in directem Widerspruch
standen. Da Saint-John nichts von mir verlangte,
was ein Sträuben oder selbst nur einen bloßen
Einwand von meiner Seite gerechtfertigt hätte, so begleitete
ich ihn nach dem Thale und wir lustwandelten
neben einander unter einem vollkommen reinen Himmel
und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche, der mit weißen
und gelben Blümchen durchwirkt war.
Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des den Horizont begrenzenden
Gebirges gebildet wurde. Hier machte Saint-John
Halt und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock.
Mein Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und
ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen.
Seine Augen schweiften von den Bergen zu dem Bette
des Waldstromes und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Nach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen
für das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den
Schmerzen des Exils hat und noch einen Blick des
Abschiedes, auf die Gegend wirft, deren unvergängliche
Erinnerung er bald mit sich nehmen wird.
So verweilten wir ohngefähr eine halbe Stunde
noch deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe
schon meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am
7. Juni unter Segel geht.
"Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener,
behüten, erwiderte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren
Herrn und es ist mein Stolz und meine,
Freude, daß ich in dieser Wett nur dem Willen des vollkommensten Wesens gehorche. Nur dünke es mir sonderbar,
daß nicht Alles was mich umgiebt, sich ebenfalls
unter sein glorreiches Banner schaart.
Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es wäre thörigt von den Schwachen, sich mit denselben
Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und
von ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen,
die des großen Werkes würdig und geeignet sind, daran
Theil zu nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht Viele und sie
sind schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es sine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie aber ihre Befähigung aufzuklären, sie zu
edlen Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Geltung zu zeigen, die ihnen Gott unter seinen Auserwählten
bestimmt hat.
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
und mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich
die herannahende Gefahr noch nicht klar erkannte.
Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufs stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts! ... nichts! erwiderte ich mit einem
Schauder, denn diese einfache Frage schnitt mir den
Odem ab.
"Dann will ich anstatt Seiner sprechen, fuhr er
mit seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren
ernste Töne das Echo der nahen Berge wiederholte.
"Jane, gehen Sie mit mir nach Indien, seien Sie
meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich
zu drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es
war wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten
Apostel nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich
war kein Apostel und dieser Befehl von Oben lähmte
nicht ganz meine Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, den in der Erfüllung
dessen was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid
noch Bedenklichkeiten kannte.
Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionnairs es
sein muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit
versagt, Ihnen aber die Energie der Seele und des Geistes
verliehen. Sie sind nicht für die Liebe, sondern für
heilige Werke geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur
Gattin wünsche, so geschieht es nicht um meines persönlichen
Glückes willen, sondern zum Nutzen meines erhabenen
Gebieters.
Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind
im Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist
nicht der, den Sie meinen.
"Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet
und sich mit der nöthigen Geduld, uns Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich
aus seinem ganzen Benehmen, als er, an den Felsen
gelehnt und die Arme über der Brust gekreuzt, mit
einer unerschütterlichen Ruhe alle meine Einwendungen
einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus
meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit, den,
festen Vorsatze, mich zu unterrichten, mich zu leiten und
zu unterstützen bis zu der nicht fernen Zeit, wo ich allein
gehen und dann ihn nöthigenfalls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus
keinen Eifer, durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir
erweckten, so versicherte er mir, daß er wich seit zehn
Monaten genau studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich einer unbegrenzten Hingebung
fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und
meine Pflichten mir vorgezeichnet wären. Er sagte, er
habe mich stets fügsam, eifrig, uneigennützig, gläubig,
fleißig, muthig, heldenmüthig, und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Während er so wir der Gewalt einer vollen Ueberzeugung und der Gewißheit sprach, sie mir ebenfalls ein zuflößen, fühlte ich, daß sich der Kreis meines Widerstandes allmählig verengerte. Die Ueberredung machte
langsame, aber sichere Fortschritte. Vergebens schloß ich
die Augen, ich sah, ein Licht vor mir, welches mir den
von Saint-John gewählten Weg als den einzigen zeigte,
den ich betreten konnte. Kurz, mein Gewissen schien
seinem dringenden Rufe folgen zu wollen.
Ich erbat mir von ihm eine Viertelstunde Bedenkzeit, die er mir gewährte. Er entfernte sich dann einige
Schritte weit und legte sich dann auf einem Rasenhügel nieder.
Das Resultat meiner Ueberlegung war ohngefähr
folgendes:
Was Saint-John von mir verlangt, ist weder
strafbar noch unvernünftig. Vergebens werde ich ihm
die Gefahren einwenden, denen mein Leben unter dem
glühenden Himmel Ostindiens ausgesetzt ist; so gut wie
er das seinige ohne zu murren Preis giebt, erwartet er
auch von mir, daß ich keinen hohen Werth auf eine Existenz
lege, die ich im Grunde nur Dem widme, dem ich
sie verdanke.
Er hat ferner Recht, wenn er sich auf das große
Ziel beruft, das meinem Leben fehlt und das ich auf die
eine oder die andre Art finden muß. Es ist eine Thorheit,
eine strafbare Schwäche, wenn ich mich gänzlich
der unbestimmten Hoffnung auf ein überhaupt ganz unwahrscheinliches Ereigniß hingebe, durch welches ich mit
Rochester vereinigt würde. Dieser unselige Gegenstand
einer Liebe, die ich um jeden Preis ersticken muß, befindet sich ohne Zweifel nicht mehr in England. Und wenn
ich auch dieses Land verlasse, so verlasse ich deshalb ihn
nicht!...
Ich soll also zusagen? aber bei diesem Gedanken
erbebt mein Herz. Wenn ich Saint-John begleite, so
entsage ich der Hälfte meines Wesens und gehe überdies
ohne allen Zweifel einem frühzeitigen Tode entgegen.
Und wozu werde ich von hier an bis zu meinem Tode,
der mir leicht willkommen sein dürfte, meine Tage verwenden? Wie werde ich die Reise von England nach
Indien und von Indien zum Grabe zurücklegen?
Ich weiß, daß ich, wenn ich nicht ganz aufopfere,
die Hoffnungen dieses unbeugsamen Apostels verwirklichen
kann. Und dies thue ich, wenn ich ihn begleite. Ich
werfe das Opfer ganz auf den Altar, ohne nur das Herz
zurückzubehalten. Ich enthülle ihm eine Energie, die er
noch nicht kennt, Kräfte, von denen er keine Ahnung
hat und die mich, wie ich fest überzeugt bin, nicht verlassen
werden, wenn ich ihrer bedarf. Ich weiß gewiß,
daß er mich schätzen, mich vielleicht bewundern wird...
aber eben so gewiß weiß ich auch, daß er mich nie lieben
kann.
Und da ich dessen gewiß bin, darf ich dann wohl
seine Gattin worden? Wäre es nicht eine Höllenqual,
Liebkosungen zu erdulden, welche mit dieser Mann von Erz nur deshalb zu Theil werden ließe, weil er es für
seine Pflicht hielte, um damit die Seele zu bezahlen,
die er Gott abgerungen hat, das Werkzeug, mit dem er sich
hat bewaffnen wollen, bevor er in den Kampf
ging?
Dieser Gedanke und noch viele andre bestimmten
meinen Entschluß. Ich ging auf Saint-John zu, der
mich erwartete uns sogleich aufstand, um mir entgegen
zukommen.
Und, Jane? fragte er mich.
Ich bin bereit abzureisen, antwortete ich.
XI.
Bei diesen Worten: Ich bin bereit abzureisen!
leuchtete ein stiller Triumph aus Saint-Johns Gesichtszügen.
Ja, ich will abreisen, wiederholte ich, vorausgesetzt,
daß ich allein reisen kann.
Saint-John verstand mich nicht. Er bat mich,
meine Gedanken klarer auszudrücken.
"Sie sind mein Adoptivbruder, fuhr ich fort, und
haben mich als Schwester angenommen. Diese fingirte
Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, aber an
keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Eine fingirte Verwandtschaft genügt in solchen
Verhältnissen nicht, entgegnete er mir kopfschüttelnd.
Wären Sie meine leibliche Schwester, so würde ich nie
daran gedacht haben, mich zu verheirathen. Da es aber
der Himmel nicht so gewollt hat, so können wir zusammen
nur als Gatten abreisen. Ueberlegen Sie, und Ihr Verstand
wird Ihnen alle Hindernisse zeigen, die sich einem
andern Wege entgegenstellen.
Mein Verstand sagte mir, daß wir uns nicht liebten,
wie, Gatten sich lieben müssen und daß also eine eheliche,
Verbindung zwischen uns eine Unmöglichkeit war.
Ohne diesen Gedanken auszusprechen, beharrte ich
auf meiner Weigerung. Saint-John bestand seinerseits
darauf, daß, wenn ich einmal entschlossen sei, an seiner
heiligen Mission Theil zu nehmen, ich mich nicht an die
Nebenbedingungen einer so erhabenen Pflicht, einer so
ruhmvollen Aufgabe stoßen dürfe. Ich konnte das Werk
nicht allein unternehmen, ich bedurfte nothwendig einer
Stütze, und diese Stütze mußte ein Mann sein, der nicht
durch eine freiwillige und lösbare Uebereinkunft, sondern
durch Bande an mein Schicksal gefesselt war, welche
eben so dauerhaft sein mußten, als das Leben selbst. Auch
er könne eine weniger bindende Verpflichtung nicht eingehen.
"Dann suchen Sie eine Person, erwiderte ich ihm,
"die sich besser in ein solches Verhältniß zu schicken versteht
und die auch Ihnen convenirt.
"Sagen Sie: meinen Plänen und meinem erhabenen
Werke; denn glauben Sie mir, Jane, ich komme bei
dem Allem am Wenigsten in Betracht. Nicht Sie will
ich heirathen, sondern die Missionnairin, welche für immer
meine Gefährtin werden soll.
Nun wohl, als Missionnairin stelle ich Ihnen alle meine Fähigkeiten und alle meine Energie zur Verfügung.
Dies ist Alles, was Sie brauchen, ich gebe Ihnen von
mir Alles, was Sie brauchen. Das Uebrige aber lassen
Sie mir.”
"Das können Sie nicht und dürfen Sie nicht. Mit
Gott feilscht man nicht und in seinem Namen spreche ich.
Glauben Sie, daß ein halbes Opfer seiner würdig sei?
glauben Sie, daß man sich nur theilweise unter sein glorreiches Panier schaaren kann?
"Nennen Sie es mit Gott feilschen, wenn man ihm
sein Leben und sein Herz weiht? Und er soll es haben,
Saint-John, er soll dieses Herz ganz haben. Sie aber
bedürfen desselben nicht.
Ich verhehle Ihnen nicht, werthe Freundin, daß in
diesen letzten Worten und in dem Gedanken, den sie ausdrückten, etwas Spöttisches lag. Bisher war Saint-John
ein Geheimniß für mich und der Gegenstand meiner stillschweigenden Befürchtungen gewesen. Ich hätte nicht
sagen können, wie viel Göttliches und wie viel Irdisches
in diesem imposanten jungen Manne lag; aber im Laufe
des gegenwärtigen Gesprächs erleichterte mir so mache
Entdeckung sie bis dahin unmöglich gewesene Prüfung.
Ich sah, daß Saint-John nicht frei von Irrthümern war;
seine Härte, sein Despotismus lag klar vor meinen Augen.
Und seine Unvollkommenheit beruhigte mein erstauntes
Herz; sie gab mir die Ueberzeugung, welche meinem
Widerstande bis jetzt fehlte, daß ich mich einem Manne gegenüber befand, der eben so gut irren konnte, der aus
den nämlichen Elementen gebildet war, als ich, und dem
ich mich blindlings zu unterwerfen nicht verpflichtet war.
Das Sarkastische meiner letzten Worte war ihm keineswegs entgangen. Er wunderte sich darüber, wie über
eine unerwartete Auflehnung und wollt durch einige
ernste Worte einen Gegenstand beseitigen, den er in unsrer
Diskussion der Behandlung für unwürdig hielt.
Aber während er auf der gebieterischen Nothwendigkeit
unserer ehelichen Verbindung beharrte und ich dabei
seine regelmäßigen und achtunggebietenden Züge, seine
majestätische, aber ausdruckslose Stirn, eine Augen, deren
strenges Feuer sich nie milderte, seine hohe Gestalt und
seine gebieterische Haltung beobachtete, setzte sich mehr und
wehr der Gedanke in mir fest, das ich wohl die Begleiterin
Saint-Johns, aber niemals seine Gattin werden
könne.
"Ja, sagte ich zu mir selbst, als sein Vicar und
Gehilfe will ich die Meere durchschiffen und die tödtlichen
Himmelsstriche des Orients durchziehen. Von Bewunderung erfüllt gegen seinen Muth, seine Aufopferung und
selbst gegen seinen geheimen Ehrgeiz, der ihn wider sein Wissen und Willen beherrscht, will ich seine treue Gefährtin, seine folgsame Begleiterin sein. Als solche werde ich ohne Zweifel viel leiden müssen, da mein Körper und
mein Geist unter einem fast unerträglichen Joche schmachten werden; aber mein Herz bleibt wenigstens frei. In ihm werde ich eine geheiligte Stätte finden, deren Zugang
ich Allen, und besonders Saint-John verwehren kann,
ohne mein Wort zu brechen. Ich werde ungestört Gefühle in demselben hegen, die er zu trüben nicht die Mache
und mit seinem siegreichen Fuße zu zertreten nicht das
Recht haben wird. Aber als seine Gattin immer an seiner Seite, vor seinen Augen und unter seiner Herrschaft
zu stehen, jeden Gedanken unterdrücken zu müssen, den er
nicht mit seinem vollen Beifall sanctionirt, -- nein, dies
würde ich nicht ertragen!
"Saint-John? rief ich plötzlich, ihm in die Rede faltend.
"Nun?” ersetzte er in eiskaltem Tone.
"Ich wiederhole es Ihnen, daß ich Sie nach Ostindien begleiten will, aber nur als ihre Gehilfin. Ihre
Gattin kann ich nicht werden.”
"Wenn Sie dies nicht können, so sind Sie Ihres
Versprechens enthoben. Wie könnte ein dreißigjähriger Mann ein junges Mädchen von neunzehn Jahren mit nach Indien nehmen, wenn sie nicht seine rechtmäßige Gattin ist? Wie könnte er in wüsten Einöden, mitten
unter wilden Völkerstämmen mit ihr zusammenleben,
ohne mit ihr verheirathet zu sein?... Wo denken Sie hin,
Jane?”
"Wie müßten Sie thun, wenn ich Ihre Schwester wäre?”
"Aber Sie sind es nicht, und ich, kann Sie nicht dafür ausgeben, ohne mich der Gefahr auszusetzen, Lügen
gestraft zu werden und ohne den beleidigendsten Argwohn
zu erwecken. Dann ist es auch nicht genug, die öffentliche Meinung zu berücksichtigen, man muß auch sich selbst
fürchten.”
"O, entgegnete ich, können wir nicht einen und
den nämlichen Weg ziehen, als wären wir zwei junge
Priester?”
"Verzeihen Sie, Jane; Sie besitzen den Muth und
die Einsicht eines Mannes, aber Sie haben auch das Herz
eines Weibes. Ihr Vorschlag ist unausführbar.
"Beruhigen Sie sich, erwiderte ich ein wenig gereitzt;
wir würden in diesem Punkte nicht die mindeste
Gefahr kaufen. Ich habe allerdings ein weibliches Herz,
aber wicht für Sie. Für Sie habe ich nur die Beständigkeit, welche den Soldaten mit seinem Kameraden verbindet, die brüderliche Treue, mit welcher die jungen Krieger Lacedamons einander zugethan waren. Für Sie
empfinde ich die Achtung und Ehrerbietung des Neophyten
zu Füßen des Hierophanten, nichts Anderes, das schwöre
ich Ihnen. Also fürchten Sie nichts...
Ja, dies ist es, was ich bedarf, sagte Saint-John
wie mit sich selbst sprechend; ich hatte mich nicht geirrt,... sie ist es, die mich begleiten muß... und wenn sich Hindernisse in den Weg stellen, so müssen sie beseitigt werden... Glauben Sie mir, Jane, fuhr er sanfter
fort, wenn Sie mich heiratheten, würden Sie sich nicht das unglückliche Loos bereiten, welches Sie zu fürchten
scheinen. Seien Sie fest überzeugt, daß diese unerlässliche
Verbindung -- denn das ist sie wirklich -- genug
Liebe erzeugen würde, um sie selbst in Ihren Augen zu
rechtfertigen.”
Durch einen unwiderstehlichen Impuls getrieben, erhob ich mich plötzlich und rief fast mit Entrüstung:
"Die Idee, welche Sie von der Liebe haben, erwecke
mein Bedauern. Das Gefühl, das Sie mir anbieten,
verdient nur Verachtung, und ich verachte Sie, Saint-John, weil Sie es mir angeboten haben.”
Er drückte mich fest an und seine entfärbten Lippen
preßten sich zusammen. War er erzürnt oder nur überrascht?
Ich konnte darüber nicht ins Klare kommen, eine solche Macht besaß dieser Mann, selbst dem Ausdruck
seines Gesichts zu gebieten.
"Ich hätte nicht erwartet, versetzte er, in diesen
Augenblicke ein solches Wort aus Ihrem Munde zu
hören. Ich glaube durch nichts von dem, was ich gesagt
oder gethan, Ihre Verachtung verdient zu haben.
Diese Milde rührte mich, und seine ruhige, stolze
Haltung flößte wir eine gewisse Ehrfurcht ein.
"So bitte ich Sie denn wegen dieses unglücklichen
Wortes um Verzeihung, sagte ich zu ihm; aber es ist
vielleicht nur Ihre Schuld, daß ich eine so rücksichtslose
Sprache geführt habe. Sie haben das Gespräch auf
einen Gegenstand gelenkt, über den unsere Ansichten nie
im Einklang stehen werden und über den wir uns daher
auch nie streiten sollten. Da aber schon das bloße Wort
„Liebe“ ein Zankapfel zwischen, uns geworden ist, so
mögen Sie ermessen, was erst die Liebe selbst werden
würde. Welche moralische Qualen würden wir uns bereiten!
Lassen wir also das, lieber Vetter und geben Sie Ihre Heirathsgedanken für immer auf.
"Nein, entgegnete er, diese Idee ist aus dem Plane entstanden, der meinen ganzen Lebenszweck bildet,
sie ist die einzige, welche mir die Aussicht auf eine endliche Erreichung desselben gewährt. Doch für jetzt will ich
nicht weiter in Sie dringen. Ich muß vor meiner Abreise nach Cambridge gehen, um von einigen Freunden,
die ich unter den dortigen Professoren und Zöglingen habe,
Abschied zu nehmen. Ich werde volle zwei Wochen entfernt bleiben; ich bitte Sie, während dieser Zeit meinen
Vorschlag mit Ruhe zu überlegen und nicht zu vergessen,
daß Sie durch Ablehnung desselben nicht mich, sondern
Gott von sich stoßen.
Nach diesen Worten schwieg er und würdigte mich von nun an nicht mehr der Mittheilung der Gefühle, welche vielleicht sein Herz bewegten; aber sein Stillschweigen sagte mir genug, denn es drückte mit sprechender Beredsamkeit den Verdruß eines strengen und despotischen Charakters aus, der einen kräftigen Widerstand gefunden, wo er eine rasche und vollständige Unterwerfung erwarten hatte, so wie die Mißbilligung eines harten und kalten Urtheils, das plötzlich in einem Andern Gefühle und Absichten entdeckt, mit denen er sich nicht befreunden kann.
Mit Einem Worte: der Mann fühlte sich gekränkt, daß er meinen Widerstand nicht hatte brechen können,
der Christ war empört über meine Beharrlichkeit und legte
sich die schwere Selbstüberwindung auf, geduldig zu warten, das Anathema zu verschieben und mir Zeit zu heilsamem Nachdenken zu lassen.
Als Saint-John an diesem Abend seine Schwester geküßt hatte, reichte er mir nicht einmal die Hand und
verließ nachdenkend das Zimmer, ohne ein einziges Wort an mich zu richten.
Mein Freundschaftsgefühl empörte sich dagegen, meine Augen füllten sich mit Thränen und da ich bemerkte,
daß er im Corridor seine Schritte hemmte, als wäre eine Regung von Unschlüssigkeit in ihm erwacht, gebot ich
meinem Stolze Schweigen und ging ihm nach. Er war in der That unten an der Treppe stehen geblieben.
"Gute Nacht, Saint-John,” sagte ich tief ergriffen zu ihm.
"Gute Nacht, Jane,” erwiderte er mit der größten Ruhe.
"Wollen wir uns nicht wenigstens die Hand geben?”
Welch ein kalter und unmerklicher Händedruck! Und kein Lächeln, kein freundliches Wort, kein Zeichen einer
offenen und herzlichen Aussöhnung!
Ach! es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich mit seiner Gespensterhand zu seinen Füßen niedergestreckt!
XII.
Plötzlich, und nur Ihnen wage ich ein so fabelhaftes Phänomen mitzutheilen, durchzuckte ein unbeschreibliches
Gefühl meinen ganzen Körper. Obgleich nicht ganz das nämliche, welches einem elektrischen Schlage folgt, war
es doch eben so unvermuthet und eben so heftig; es wirkte auf alle meine Sinne ein, als ob ihre höchste Thätigkeit
bisher nur eine starre Betäubung gewesen wäre, aus der sie durch einen mächtigen Impuls erwachten. Während alle meine Muskeln zitterten und alle meine Geistesfähigkeiten einen Paroxysmus erreichten, von dem ich noch keine Ahnung gehabt hatte, fragte mich Saint-John, erstaunt über die hastige Bewegung, mit der ich mich von ihm entfernte:
“Was haben Sie gehört? was sehen Sie?”
Ich sah nichts,... aber ich hörte eine Stimme und
diese Stimme rief mit einem verzweiflungsvollen Ausdrucke:
"Jane! Jane! Jane!”
Sonst kein Wort mehr.
Die Stimme war weder im Zimmer, noch im Hause,
noch im Garten, sie kam weder von oben noch von unten.
Aber ich hatte sie schon vernommen, sie war mit bekannt
und nach einigen Augenblicken erinnerte ich mich ihres
Klanges: es war die geliebt Stimme Edward Rochesters,
aber durch Schmerz, Unruhe, Angst, Kummer und Entsetzen
verändert.
"Ich komme! erwarte mich!” rief ich unter dem
Einflusse der Sonderbaren Illusion. Und ich eilte aus
dem Zimmer in den Corridor, aus dem Hause in den
Garten.
Der Corridor war dunkel, der Garten war leer.
Wo bist Du? rief ich wieder.
Die Berge, welche den Horizont begrenzten, hallten
schwach meine Word: Wo bist Du? zurück. Ich horchte
mit angehaltenem Athem. Es blieb Alles still. Nichts
als das Seufzen des Windes in den Eichen, nichts als
die Einsamkeit der sumpfigen Haide, nichts als das mitternächtliche Schweigen.
Und dach zweifelte ich keinen Augenblick ich hielt es
nicht für eine abergläubische Illusion, und als Saint-John,
der mir nachgekommen war, meine Hand wiederergriffen
wollte, zog ich sie mit einer unüberwindlichen
Regung von Widerwillen zurück.
Denn jetzt war die Reihe an mir, zu befehlen, jetzt trotzte die gewaltige und fast übernatürliche Thätigkeit meiner Geisteskräfte jedem fremden Einflusse. Ich wollte allein sein, und ich war es; eine hinreichende Energie gebietet stets und überall unbedingten Gehorsam. Ich ging
hinauf in mein Zimmer, sank auf die Kniee nieder und betete, doch nicht so, wie Saint-John vielleicht gebetet
hätte, sondern nach meiner Art, und sie genügte mir, um mich meinem Schöpfer zu nähern.
Als ich mich, tief erschüttert und von Dank erfüllt, daß es Licht in meinem Innern geworden war, wieder
erhob, -- stand mein Entschluß unwiderruflich fest und meine Ruhe war zurückgekehrt. Ich erwartete nur die
geeignete Zeit, um an's Werk zu gehen, das heißt: die Morgenröthe des folgenden Tages.
Sobald ich erwachte, traf ich in der That alle Anstalten
zu einer mehrtägigen Reise. Saint-John entfernte
sich an dem nämlichen Morgen. Ich hörte ihn aus seinem
Zimmer und an meiner Thür vorübergehen; er blieb
sogar einen Augenblick vor derselben stehen und ich fürchtete schon, er werde anklopfen. Aber nein, er schob nur ein zusammengefaltetes Stück Papier unter der Thür herein. Ich hob es auf; es enthielt die nachstehenden Worte:
"Sie haben mich gestern Abend zu früh verlassen.
Noch einen Augenblick, und Ihre Hand erfaßte zu gleicher Zeit das Kreuz des Erlösers und sie Krone der
Engel. Ich reise ab; bei meiner Zurückkunft werden Sie sich entschieden haben. Bis dahin warten Sie und beten Sie; ich werde zu jeder Stunde des Tages
für Sie beten, Saint-John.”
Es war am ersten Juni, aber die Sonne hatte sich
hinter dicken Wolken erhoben und der Regen schlug an
mein Fenster. Ich hörte die Hausthür öffnen, ich sah
Saint-John durch den Garten gehen und in, der
Richtung nach Whitcroß zu im Nebel der Sümpfe verschwinden.
Binnen wenigen Stunden, dachte ich, wird mein
Fuß der Spur des Deinigen folgen. Auch ich muß Jemanden besuchen, auch ich muß von Jemandem Abschied
nehmen, wenn ich England auf immer verlasse. Wenn es irgend möglich ist, werde ich erfahren, woher die
Stimme von gestern Abend kam, und da meine Briefe mir nichts genützt haben, so will ich sehen, was ich selbst
erreiche.
Zwei Stunden später beim Frühstück sagte ich meinen Cousinen, daß ich Marsh-End auf kurze Seit verlassen
wolle, um einen Freund zu besuchen, dessen, Schicksal
mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unsren
vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber
ein zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern, Sie fügten sich stillschweigend allen meinen Wünschen und ließen mir die
nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.
Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam, erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem
ich a einem schönen Sommerabende an der nämlichen
Stelle gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und
mit einer Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unhaltbar hielt. Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung
des Platzes mein ganzes Vermögen ausgeben zu
müssen, und als ich mich auf dem Wege nach Thornfield
befand, fühlte ich mich so heiter und vergnügt, wie die
Taube in der Schrift, als sie nach die Arche zurückflog,
wohin der Herr sie sendete.
Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden.
Am Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause
und der Kutscher spanne die Pferde aus, um zu
füttern. Weit verschieben von der düstern und feuchten
Einöde, aus der ich kam, erschien mir die Gegend mit
ihren grünen Hecken, die große Felder umzäunten, und
mit ihnen freundlichen Anhöhen, wie der Anblick eines
alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.
"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein
Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der
bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum
hatte ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand
meine Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte
mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in
diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die
Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, -
wirst Du es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm
zu sprechen? Dann wäre Deine Mühe verloren und
Du thätest also besser, sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls
hättest Du erst bei dem Gastwirth einige Erkundigungen
einziehen sollen, er würde Dir gewiß haben sagen
können, ob Mr. Rochester England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Nachschlägen
zu folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich
in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der
Ungewißheit war die Verlängerung des Gedankens an die
Zukunft, der mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns
noch ein Mal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von
Bienen bewohnt war, deren lautes Summen die Stille
des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von
Freude drängte mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes
Feld und ein Stück Haideland überschritten, das
mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor
den Mauern des Hofes bei den Wirthschaftsgebäuden.
Das Wohnhaus selbst wurde nur noch von dem erwähnten
Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite
sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo
mein Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann.
Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er
steht frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren.
Wenn ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen?... oder müßte ich dies unterlassen? Was
würde geschehen, wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht sieht er in diesem Augenblicke die
Sonne hinter den Pyrenäen aufgehen,... vielleicht überschaut
er die blitzenden Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte
Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken,
was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie
selbst ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern
vorging, als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes
eine halb verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern
standen noch und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene
Fensterstöcke herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut;
der seine Sand in den Gängen war von profanen
Füßen zerscharrt, das prächtige Portal stand für Jedermann
offen. Das Schicksal Thornfield-Halls war leicht
aus den von Rauch geschwärzten Trümmern zu erkennen.
Eine Feuersbrunst hatte das alte Stammschloß der Rochester
zerstört, und sie mußte schon im vergangenen Jahre
stattgefunden haben, denn der Schnee des Winters und
der Regen des Sommers hatte eine Vegetation vorbereitet,
welche im letzten Frühling emporgesproßt war. Zwischen
den geschwärzten Seinen und den halbverkohlten Balken
wuchs schon Gras, und überdies: beschränkte sich das
Unglück auf das, was meine Augen sahen? war nur ein
Gebäude zerstört worden? lag nicht vielleicht unter diesen
Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der
ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem
zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte,
und ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht
vielleicht schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn, Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore, ruhte.
XIII.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort
und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir
selbst mein Frühstück und ich bat ihn, einen Augenblick
Platz zu nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen
wünschte. Aber nach dieser Einleitung wußte ich nicht h
mehr, was ich noch hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte
ich; er lebt also nicht mehr?
Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards, des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig
und ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen
noch nöthig war.
Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall?
fragte ich weiter.
"Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen
Sie nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig
niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der
Nacht aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote
eintreffen konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen. Es war ein schauerlicher Anblick!...
Ich habe ihn mit angesehen, und das Herz wollte mir
brechen.
"Also in der Nacht! dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern
von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr
ich laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks
nicht entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der
Wirth, leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher
an den Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf,
dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu
sehen bekam ... von der man nichts Genaues wußte...
die Mr. Edward von seinen Reisen mitgebracht hatte und
die man für seine ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt
ergab sich's, daß sie seine Frau war... bei einer
ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich
unsterblich in eine junge Gouvernante verliebt hatte.. und
Sie wissen, daß Männer in seinem Alter, wenn sie ein
junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich
den Gastwirth kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer
angelegt habe.
"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler
hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und
wann einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender,
aber sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole
eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche
schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche,
entfernte sich leise und streifte im Schlosse umher, wo
sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den
Sinn kam. In jener Nacht nun zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht, denn man sagt, daß
sie etwas geahnt habe, Feuer an das Bett, in dem zum
Glück Niemand schlief. Die erwähnte Gouvernante hatte
sich zwei Monate zuvor heimlich entfernt und man muß
gestehen, daß Mr. Rochester kein Mittel unversucht ließ,
um sie wiederzufinden. Seit ihrer Flucht entließ er fast
seine sämmtlichen Dienstleute, entfernte eine Verwandte,
die seine Wirthschaft geführt hatte, und brachte ein kleines
Mädchen, die man für seine Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr lebte wie eine Eremit,
oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig
geworden und sein Wahnsinn sei zu gewissen Zeiten
höchst gefährlich...
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester...
"Er war im Schlosse?
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern
hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,
die nach dem Feuer zu im Winde flatterten. Wir Alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wie
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte,
stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf
und in der nächsten Sekunde lag sie zerschmettert
auf dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stehe Ihnen dafür, denn die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn
bespritzt ... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der
bloßen Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt ... aber ich kann Ihnen
versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...
"Wie so?... Warum?... Was meinen Sie das?... Ist er in England? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England
und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.
Ich litt Höllenqualen und der unglückliche Gastwirth
schien es sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich
hatte geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich
faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu
fragen, was Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen
habe.
Sein Muth, Madame, sein Muth und seine Gutherzigkeit.
Er wollte das Haus zuletzt verlassen... und
als Mistreß Rochester hinabgesprungen und während er
die Haupttreppe hinunterging, stürzte das ganze Gebäude
zusammen. Zum Glück fiel ein Balken so auf das Treppengeländer, daß er ihn einigermaßen schützte. Aber im
Fallen schlug er ihm ein Auge aus und zerquetschte ihm
die eine Hand dermaßen, daß Mr. Carter, sein Arzt, sie
auf der Stelle amputiren mußte. Das andere Auge
entzündete sich nach einigen Tagen ebenfalls und er verlor
auch auf diesen die Sehkraft. So ist der arme Mr.
Edward jetzt blind und einarmig.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?
"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und
wenn Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach
Ferndean bringen kann, Jo will ich das Doppelte Ihrer
gewöhnlichen Fahrtaxe bezahlen.
Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean
Manor gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher
Bauart, das mitten in einem großen Walde
lag. Sein Vater hatte es gekauft, nicht um der Wohnung
selbst willen, die er gern nur gemiethet hätte, sondern
wegen der vortrefflichen Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und
vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welche der Besitzer
inne hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen
dort aufhielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte weine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das
er mit einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte,
suchte ich einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren Wohnung.
Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das
in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreihe
von Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von
einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen
so tief herab, daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen
vermischten. In dieser dunkeln Allee ging ich immer
weiter, ohne das Haus zu erreichen, das ich bei jeder
Krümmung zu erblicken hoffte. Ich glaubte schon, ich
hätte mich verirrt und war im Begriff, umzukehren, als
sich die Bäume lichteten und ich zuerst ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das man kaum
von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine dunklen
und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern fast
ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoosten Stämme
und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich
in einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete,
wo ein mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen
Rasenplatz zog. Dise Vorderseite des Hauses
bot dem Auge zwei spitzige Giebel und einige schmale,
vergitterte Fenster mit in Blei gefaßten Scheiben. Die
ebenfalls schmale Thür schien dazu bestimmt zu sein, sich
nie zu öffnen; eine einzige Stufe führte nach der Schwelle.
im Ganzen genommen, hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck
des Bildes.
Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das
Leben sich wirklich durch ein leises Geräusch kund ganz es war die Eingangsthür, welche in ihren Angeln
knarrte.
Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte
einen Mann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte
ich doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter, Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung
war, mich seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß er mich nicht sehen konnte! Ich blieb
daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete die Veränderungen, welche sein
Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher, das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war
es auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern,
diese athletische, blühende Manneskraft zu schwächen.
Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der
Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen
Schmerz verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte,
welche man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht
hat, deren düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der. sie
zu stören wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn sehen, wo unter einem Kusse diese drohende
Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlider sich erheben
und diese zusammengepreßten Lippen sich öffne
würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.
Mr. Rochester kam die Stufe herab und ging mit langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu.
Großer Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da
er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte.
Er legte die Hand an seine Augen, öffnete erst das eine,
dann das andere und suchte dann mit angestrengten
Blicke den Himmel und den Wald, ohne einen schwachen
Lichtschein vom tiefen Dunkel unterscheiden zu können.
Er streckte die rechte Hand aus, dann die linke, oder vielmehr den verstümmelten Arm verbarg er im Busen, aber die Hand traf nur die Luft, denn die nächsten
Bäume waren noch einige Schritte entfernt.
Er gab nun fein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte
die Arme über der Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der fein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mich seiner Frau Mary sie ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Nähe, um auf den
ersten Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem
Rochester noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab
er die Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach
dem Hause zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als
er eingetreten war, ließ er sie hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung
und Schreck fast umgefallen, als sie mich an der Stimme
erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß
ich Alles wußte, was sich seit meiner Entfernung in
Thornfield-Hall zugetragen hatte, bat John, mein Gepäck
zu holen, das ich in einem Chausseehause gelassen,
und besprach mit Mary die nöthigen Anstalten, damit
ich die Nacht in Ferndean zubringen konnte, was nicht
eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn gehen, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen, Sie meinen Namen nicht Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden
vor sich lassen, ehe er den Namen der Person
und den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte,
stellte sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen
Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings er muß stets zwei Lichter in seinem
Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist das nicht sonderbar?
"Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen
Händen zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb
verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein
fast erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem
Feuer herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.
Sein alter Hund Pilot lag zusammengerollt in
einem Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen,
die ihn zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir, wie früher, entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den
Händen gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch
und Mr. Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen,
woher das Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer
kehrte er das Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
"Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es
ihm in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mich
empor springen und ich rief daher unbedachtsam:
Couche, Pilot! leg' Dich!
XIV.
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antwortete ich ihm mit einer unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen
Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.
Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben Sie noch Durst?
Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte
Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Das sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen,
zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich, wiederholte er immer wieder.
Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie mir sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen
hingab. Sollte dies auch wieder ein Traum sein?...
Ach, wenn Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher
Schatten, dann geschehe es wenigstens nicht eher, als bis,
Deine Lippen meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief sich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen. Dann strich ich sein Haar zurück und küßte ihn auch auf die noch immer schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine
Zweifel...
"Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.
Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mir zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
"Das freut mich, dies ist noch etwas aus dem wirklichen Leben... und dessen bedurfte ich, um zu glauben.
Nimmer hätte ich mir so etwas träumen lassen...
aber es ist wirklich die wohlklingende Stimme, deren süßer
Ton mein welkes Herz erquickt... ich fühle schon, wie
neues Leben ihm zuströmt... Sie sind sehr reich, meine
liebe Jane.
Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Nähe ein
Haus baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen, der Ihre Freunde, Jane -- denn jetzt haben
Sie gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei
einem alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich
geworden bin?
"Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein, kurz Ihnen die Augen und Ihre Hand zu ersetzen.
Fassen Sie also Muth, mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend, er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte sich mir mit. Ich fürchtete, gegen den Takt verstoßen, durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in seinem Innern verletzt zu haben.
Alles, was ich gesagt hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun von meinem vertraulichen
Entgegenkommen denken, wenn ich mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen, aber er drückt mich nur noch fester an sich.
“O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben
sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein
Herz sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt
kann ich Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es Sie entbehren müßte, würde es sich dafür, an dieser verstümmelten Hülle rächen.”
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.”
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies sind Sie noch so jung... Sie müssen sich
früher oder später verheirathen.”
“Daran denke ich nicht und ich lehne mich durchaus
nicht danach.”
“O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach,
wenn ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich
es versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine, ein blinder Krüppel!…”
Er versank wieder in sein schmerzliches Nachsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
“Wissen Sie wohl,” sagte ich in scherzhaftemTone, “daß es Zeit wird, sich zu „rehumanisiren“ und daß Sie mit Ihren langen verworrenen Haaren -- ich
theilte die vollen Locken mit den Fingern von einander --
das Aussehen eines Nebukadnezar nach seiner Verwandlung
haben?... Man könnte sie wirklich für das emporgesträubte Gefieder eines Adlers halten. Sollten Sie etwa auch Klauen haben?”
An diesem Arme weder eine Hand noch Klauen, erwiderte er mit einem schmerzlichen Lächeln; nichts als einen Stumpf, einen häßlichen Stumpf; und er zog ihn
langsam aus seinem Busen.
“Allerdings ein bedauernswerther Anblick, wenn
man Ihren Arm, Ihre Augen und Ihr von einer tiefen
Narbe entstelltes Gesicht betrachtet. Aber wissen Sie,
was bei dem Allen das Schlimmste ist?... daß man
Sie so, wie Sie sind, noch immer liebt. Apropos, setzte
ich hinzu, wann essen Sie gewöhnlich zu Abend?”
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn
ich habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Nach wenigen Augenblicken
wurde uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch
nahm sogleich den natürlichen, ungezwungenen
Charakter ein, den es ehemals zwischen uns hatte. Ich
fühlte mich schon ganz heimisch und mein Herz war mit
inniger Freude erfüllt. Fest entschlossen, meinen geliebten
Herrn nicht in eine traurige Stimmung fallen zu lassen,
lenkte ich die Unterhaltung, sobald mir seine Worte eine
Erinnerung an sein Unglück verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar ein wenig in Ordnung bringen könne.
"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiderte ich ihn in dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten
Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien, war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend, mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen und verdrüßlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieses gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie kamen mir die Thränen
in die Augen. Ich mußte mir indessen Gewalt anthun
und ihn so ansehen, wie ich es mir zur Pflicht, gemacht
hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und ihm einen Spaziergang vorschlug.
"Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene Lampe, der man neues Oel gibt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für mein Ohr, als die aufgehende Sonne Glanz für meine Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein, daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit, gezwungen hätte. Rochester
kam mir vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter, fröhlich und scherzhaft. Nach dem Frühstück nahm ich Rochester mit mir aus dem düstren Zimmer in's Freie und unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen. Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze, wo ich ihm auf einem seit langer Zeit umgehauenen Baume einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann sogar gestattete, mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen, da wir uns Beide in. gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?... Pilot legte sich neben uns und mehrere
Minuten lang herrschte eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rochester mich stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immmer von mir geschieden sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren,
und ohne Existenzmittel! .. selbst das Perlenhalsband hatten Sie in Ihrer Kommode und die noch für
unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird aus meiner Jane werden, die
kein Hilfsmittel und keinen Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung. In der That, Jane, wo
waren Sie eigentlich diese ganze Zeit über?
So durch Fragen gedrängt, begann sich die Erzählung meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres. Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß
ich die Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit
dem Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte. Wozu sollte ich ohne Noch dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in, seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in der
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieses Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
"Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein Mann war er denn?”
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das Profil eines Antinous, schöne blaue Augen und einen edlen Anstand habe, bemerkte ich einigen Verdruß in den hierauf folgenden Fragen.
"Kam er oft zu Ihnen? wußte er Ihre Talente und
Ihren Geist zu würdigen? war er sehr beschäftigt?
"Er studirte sehr fleißig,” antwortete ich.
"Und was?”
"Die hindustanische Sprache.”
“Was war Ihr Lieblingsstudium?”
"Ich lernte deutsch.”
“Lehrte er es Ihnen?”
"Nein, er verstand diese Sprache nicht.”
"Lehrte er Ihnen gar nichts?”
"O ja, ein wenig hindustanisch.”
"Wie; dieser Rivers lehrte Ihnen hindustanisch?”
"Allerdings.”
"Hab er auch seinen Schwestern Unterricht darin?”
Nein.”
"Also nur Ihnen?”
"Nur mir.”
"Hatten Sie ihn darum gebeten?
"Nein.”
"Er wollte es Ihnen also aus eignem Antriebe
lehren?”
"Ja wohl.”
Es entstand eine kurze Pause. Rochester wurde
immer ernster.
Woher dieser pädagogische Eifer? fragte er endlich
wieder, was konnte die hindustanische Sprache Ihnen
nützen?
"Mr. Rivers wollte mich mit nach Ostindien
nehmen.
"Ach, jetzt verstehe ich Alles!... er wollte Sie heirathen.
Nun, dieser Rivers ist kein zu verachtender
Gatte, Jane... Stehen Sie auf von meinem Schooße
denn ohne Zweifel gedenken Sie u ihm zurückzukehren... später... wenn ich mich an mein Unglück gewöhnt habe...
"Nein, das ist wahrhaftig nicht meine Absicht.
"Aber wenn er so schön, so gut, so fromm, so erhaben
über andere Menschen ist... wenn er, wie Sie
sagen, ein Heros, ein Apostel des Christenthums ist...
wenn er dieses griechische Profil, diese begeisterte Sprache hat... so thörigt bin ich nicht, um mir einzubilden... ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
"Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte
werden, denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben
so wenig. Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag,
und diese Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein
-- ein schönes junges Mädchen, die er mit trockenem
Auge die Gattin eines Andren hat werden sehen, während
es nur von ihm abhing, ihre Hand zu erhalten.
Er erblickte in mir nur den Typus einer Gattin, wie sie
nach seinen Ideen ein Missionnair braucht. Aber ohne
allen Zweifel war er in einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst und streng, und für mich kälter ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht.
Ich fühlte mich nicht glücklich in seiner Nähe, er war
weder nachsichtig noch liebevoll gegen mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht. Er gestand mit höchstens einige Talente zu, aus denen man nöthigenfall
Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich jetzt noch auf,zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von Neuem.
Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in wehmüthigem Tone; mein gelähmter, verstümmelter Körper!
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir
nicht erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht
auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit
nicht. Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir
ab, und da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte,
bog ich mich zur Seite, um ihn näher betrachten zu können,
und ich sah eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum in Garten von Thornfield... Und mit welchem
Rechte könnte ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?”
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind
noch grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht,
es werden noch junge Pflanzen zwischen Ihren Wurzeln
emporkeimen und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und wenn diese Pflanzen heranwachsen, werben sie sich dem schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen
eine so feste Stütze bietet, um ihn bald zu umschlingen.”
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können meine Gattin nicht werden.”
"Aber Sie gedenken doch nicht für immer Witwer zu bleiben?”
"Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.”
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.”
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen Sie mir.”
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müßen, ist die, welche Sie am Meisten liebt.
Oder wenigstens Die, welche ich am Meisten liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihr Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Binden, den Sie werden führen müssen?”
"Ja.”
"Dem Krüppel, der zwanzig Jahr älter ist als Sie und auf den Sie beständig werden Acht geben müssen?”
“Allerdings.”
"Ist es wirklich wahr?”
"Es ist mein voller Ernst.”
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige Gott es Ihnen vergelten?”
"Mr. Rochester,” sagte ich tief ergriffen, “wenn ich je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente, wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch gehabt, ein Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich bis zu ihm zu erheben... so bin ich jetzt reichlich dafür belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste Glück, nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.”
“Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.”
“Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.”
"Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden.”
Ich sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich nicht irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie, meine Gattin. Was Ihren Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen,
seit dem Tage, an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor…”
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten, behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
Und jetzt,” fuhr Rochester fort, “muß ich Ihnen noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande. Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine
Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte.
Aber der Allmächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen.
Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen,
ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße
verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte
ich der Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich
eitel prahlte, hat Gott so vollständig gebrochen, daß ich
in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät, aber mit zerknirschtem und
reuigem Herzen auf die Kniee gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade vor seinen
Augen gefunden zu haben.
Hören Sie, was mir begegnet ist.
"Vor einigen Tagen... ich kann sie zählen... ja,
es war am letzten Montag, ziemlich spät Abends, ging
eine merkwürdige Veränderung mit meinem Kummer vor;
mein Zorn verwandelte sich in Traurigkeit, mein Groll
in eine tiefe Entmuthigung. Ich war schon längst überzeugt,
daß nur der Tod Sie meinen thätigen und unermüdlichen
Nachforschungen hatte entziehen können. Diesen
Abend also... es konnte elf oder zwölf Uhr sein, ehe
ich mein nächtliches Lager aufsuchen wollte, das mir nach
und nach unerträglich geworden war, betete ich zu Gott aus dem tiefsten Grunde meines Herzens, daß er mich bald zu sich nehmen möchte in jene höhere Welt, in der
es mir vielleicht vergönnt wäre, meine Jane zu finden.
"Ich saß in meinem Zimmer am offenen Fenster, die kühle Nachtluft hatte mein stürmisches Blut ein wenig beruhigt, und obgleich es mir versagt war, den Mond
zu sehen, so ahnete ich doch seine Gegenwart aus einen
matten Schimmer vor meinen Augen.
In dieser einsamen Stunde dachte ich an Dich,
meine Jane. Ein unnennbares Sehnen nach Dir bemächtigte sich meines Körpers und meines Herzens. In meiner Seelenangst und mit der Demuth eines Wurmes, der
sich zertreten fühlt, fragte ich Gott, ob ich noch nicht
genug Kummer und Qualen erduldet hätte und ob ich nie
mehr auf dieser Erde weder Glück noch Frieden finden
würde.
"So hart meine Leiden auch waren, sah ich doch
ein, daß ich sie verdient hatte. Allein es dünkte mir, das
Maß derselben müsse bald voll sein, der Inbegriff aller
Wünsche meines Herzens, mein erster und letzter Gedanke
entschlüpfte unwillkürlich meinen Lippen und ich rief aus:
"Jane! Jane! Jane!"
"Wie? Sie sprachen diese Worte laut aus?
"Ja mein Kind, und wer sie gehört hätte, würde
geglaubt haben, ich befände mich in einem Zustande des
Fieberwahnsinns, so tragisch und ich möchte sagen überirdisch war ihr Ausdruck.
“Und dies war am letzten Montag... einige Minuten vor Mitternacht?…”
“Ja, kurz darauf schlug es zwölf Uhr... aber die Stunde thut nichts zur Sache. Was nun das Ueberraschendste dabei war, habe ich Dir noch nicht gesagt, und
ich wage kaum es auszusprechen, weil Du mich des Aberglaubens und einer kindischen Schwäche beschuldigen wirst.
Doch, gleichviel, höre, was geschah, wie es mir wenigstens
schien. In dem Augenblicke, als ich Deinen Namen
dreimal gerufen hatte, antwortete mir eine Stimme, ohne
daß ich wußte, woher sie kam, in deren Klang ich mich
unmöglich täuschen konnte: Ich komme! erwarte
mich! Und einige Sekunden später vernahm ich, obgleich
schon nicht mehr so deutlich, die Worte: Wo bist Du?
"Ich würde mich vergebens bemühen, wollte ich Dir
beschreiben, welchen Eindruck diese Illusion, denn eine
solche war es, auf meine Sinne hervorbrachte. Du siehst,
daß Ferndean auf allen Seiten von dichten Wäldern umgeben
ist, in denen jeder Ton verhallen muß, ohne das leiseste
Echo zu erwecken. Aber im Gegentheil, die letzten Worte:
Wo bist Du? schienen in einer bergigen Gegend ausgesprochen
worden zu sein, denn ich hörte sie sich wiederholen,
als wären sie an eine nahe Felsenwand angeprallt.
Dann spielte der Wind nach und nach immer stärker um
meine Schläfe, so daß ich mich in eine entlegene Einsamkeit,
in ein ländliches Thal an die Seite meiner Jane versetzt
glauben konnte. Während dieser Zeit schliefst Du
ohne Zweifel, aber ich möchte fast mit Gewißheit behaupten,
Deine Seele schwebte, ihrer sterblichen Hülle entledigt,
in den Lüften und suchte die meinige, um sie zu trösten;
denn jene Stimme war Deine Stimme... so wahr
als ich lebe, ich habe sie erkannt.
Urtheilen Sie selbst, verehrte Freundin, mit welchem
Erstaunen ich diese Erzählung Rochesters anhörte, denn
es war wirklich am Montag Abend gegen Mitternacht, als
auch ich den geheimnißvollen Ruf vernommen, und es waren
genau die Werte, mit denen ich ihn erwidert hatte.
Ich unterließ jedoch, Rochester dieses wunderbare
Zusammentreffen mitzutheilen, da ich fürchtete, es könnte
einen zu heftigen Eindruck auf ihn machen, denn ein
vom Unglück niedergebeugtes Herz muß man mit Allem
verschonen, was einem natürlichen Hange zu überspannter
Leichtgläubigkeit Nahrung geben kann.
Allein ich bewahrte die Erinnerung an dieses Wunder in meinem Herzen, um mit Muße darüber nachzudenken.
Nach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete;
zu Gott streckte Rochester die Hand aus und bedeutete
mir so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure
Hand und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um
meinen Nacken und auf meine Schultern legte. So
diente ich ihm zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zur.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, denn Sie wissen es bereits, daß ich Rochesters Gattin wurde. Unsere
Trauung fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen Gehilfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen,
ging ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben,? sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier
ist unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf,
"Ist es möglich, Miß erwiderte Mary; nun
das freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
weggehen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, sich
habe es mir gedacht, daß Mr. Edward dies im Sinne
hatte, und ich glaube, er hat wohl daran gethan.
Während er dies sägte, nahm er nicht seine Mütze
ab, denn er war in bloßem Kopfe, aber er machte mir eine
ehrerbietige Verbeugung.
Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End und nach Cambridge, um das Geschehene zu berichten und es unter
dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und
Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten
ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht uns meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit
einer Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten, doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung war, daß ich Adela in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Sie sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante an ihr wieder zu üben. Aber dies war nur eine schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten hinfüro einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete. Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
die Erziehung den Fähigkeiten unserer kleinen Französin, welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu
Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen, liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß Ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die kleinen Mühen und Verdrüßlichkeiten bei ihrer Erziehung entschädigt.
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Aber Sie, meine beste Freundin, haben wohl das Recht, mich zu fragen, ob ich in dieser ganz eigenthümlichen Ehe das Glück gefunden, welches ich geträumt habe. Ich antworte Ihnen ganz offen darauf: seit zehn Jahren, während deren ich ganz für den Gatten meiner Wahl lebe, habe ich nie eine glücklichere Frau gesehen, als ich bin.
Nicht eine ist in gleichem Grade das zweite Ich ihres Gatten, nicht eine ist so ganz „ein Fleisch und Blut“ mit ihm. Ein einziges Herz schlägt in unser Beider Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen.
Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charactere aber ist die reinste und höchste Seligkeit.
In den ersten zwei Jahren nach unserer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und
Jedes Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah
er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste.
Ich meinentheils hatte einen fortdauernden Beweis seine Liebe in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze Character ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und Gefälligkeiten von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre, einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, deine goldene Kette.
"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That die Farbe. Rochester sagte mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre der Schleier
vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit. Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich nicht irrte.
Am folgenden Tage reisten wir nach London, wo die geschickte Hand eines berühmten Augenarztes, unterstützt
von der thätigen Heilkraft der Natur, ihm fast den vollständigen Gebrauch des einen Auges, den eine sympathische
Entzündung ihm geraubt hatte, wieder verschaffte. Er erkennt allerdings die Gegenstände nicht in ihren kleinsten
Details, er kann nicht anhaltend lesen oder schreiben, aber, er bedarf keines Führers mehr und der Himmel ist kein
dunkler Abgrund, die Erde keine Wüste mehr für ihn.
An dem Tage, an welchen man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine
Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt groß, schwarz und feurig. Von diesem Tage beugte er sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des Allerhöchsten, welcher Strenge seiner gerechten Strafen immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr empfangen wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir
besuchen sie zur Abwechselung; Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffezier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein entschlossener und unermüdlicherer Arbeiter seinen Weg durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt: er strebt nach einem Platze in der ersten Reihe der Auserkorenen, der Wesen ohne Makel, welche, zur Rechten Gottes sitzend, den erhabenen Triumph des Erlösers theilen.
Saint-John hat sich nicht verheirathet und wird sich auch nicht verheirathen. Bis jetzt hat er sich selbst für seine ruhmwürdige Aufgabe genügt, welche bald beendigt sein wird.
Der letzte Brief, den ich von ihm erhalten, hat mein Herz mit himmlischer Freude erfüllt, obgleich er meinen Augen irdische Thränen entlockte. Aus jeden Worte desselben sprach die gewisse Hoffnung auf einen nicht mehr fernen Lohn und auf den Besitz einer unverwelklichen Krone. Ich bin überzeugt, daß in Kurzem ein andrer Brief von fremden Hand mir die Nachricht bringen wird, daß der gute und treue Diener in den Schooß des Herrn zurückgerufen worden ist. Und warum sollte ich mich deshalb betrüben? Keine Furcht kann den letzten Gedanken des frommen Missionnairs getrübt haben. Sein Geist wird heiter und wolkenlos, sein Glaube unerschütterlich, seine Hoffnung ohne Erwarten und doch immer ungeschwächt geblieben sein. Wer könnte sich einen schöneren Tod nach einem besseren Leben wünschen?
Ende des zweiten und letzten Theils