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Die Waise von Lowood.
Für die reifere Augend erzählt
Auguste Wachler,
Mit 4 Farbendruckbildern.
Zweite Auflage.
Leipzig
Verlag von Carl Zieger.
Erstes Kapitel.
Ungefähr fünfundsiebzig Kilometer von London, dieser Riesenstadt von mehr als vier Millionen Einwohnern und zugleich der
Haupt- und Residenzstadt des von den Wellen der Nordsee und
des Großen Atlantischen Ozeans rings umspülten Großbritannischen
Königreichs, in nordwestlicher Richtung entfernt, liegt in hügelumgrenzter und schön bewaldeter Gegend ein großer, freundlicher Landsitz, der aus einer Vereinigung von mehreren teils unter einander
zusammenhängenden, teils in geringer Entfernung von einander
befindlichen Gebäuden besteht. Ein reicher und wohlgepflegter Park
umschloß rings den ganzen Landsitz und trennte ihn fast von
jedem direkten Verkehr mit der Außenwelt, der nur auf der rechten und auf der linken Seite des den Park einschließenden hohen
und dichten Zaunes durch je ein großes Einfahrtsthor vermittelt
wurde. Durch diese Thore führten breite und in gutem Stande
erhaltene Fahrwege bis unmittelbar vor das herrschaftliche Wohngebäude und die in dessen beinahe unmittelbarer Nähe gelegenen
Wirtschaftsräume und Stallungen. Die weitere Umgebung dieses Landsitzes bestand aus fruchtbaren Getreidefeldern, Wiesengründen und wirklich herrlich erhaltenen Waldbeständen, welche letztere
den wertvollsten Teil der Besitzung bildeten.
Der Landsitz ward Gateshead genannt und wurde von einem
reichen und angesehenen Manne, Namens Mister Georg Reed,
und dessen Familie bewohnt, welche aus seiner Gattin Mistreß
Sarah Reed, einer schönen, hochgewachsenen, aber stolzen und etwas
hochmütigen Frau von vielleicht I8 Jahren, und aus zwei Kindern,
der etwa zwölfjährigen Georgine und dem achtjährigen John bestand. Mister Georg Reed stand im 15. Lebensjahre und beschäftigte sich, obwohl er ein großes Vermögen besaß, von dessen Erträgnissen er mit seiner Familie auch bei erhöhten Lebensansprüchen
mehr als genügend hätte auskommen können, mit der eigenen Bewirtschaftung seiner Felder und Wälder, wobei ihm nur ein Verwalter neben dem geringeren Dienstpersonale helfend zur Seite
stand. Seiner Gattin zwar behagte das einfache Leben, das nur
höchst selten einmal durch Besuch von benachbarten Landsitzen oder
aus London unterbrochen wurde, nicht im geringsten, und oft schon
hatte sie den Versuch gemacht, ihren Gatten zur Übersiedelung
nach der geräuschvolleren, aber mehr Zerstreuungen und Vergnügungen verheißenden Hauptstadt des Königreichs zu bestimmen, indem
sie hierbei auf die Erziehung ihrer beiden heranwachsenden Kinder
hauptsächlich hinwies- Reed jedoch war nicht zum Verlassen seines ihm lieb und wert gewordenen Besitztums zu bewegen und
hatte wegen der Erziehung seiner Kinder den Ausweg getroffen,
daß er als ein wissenschaftlich hochgebildeter Mann seinem Sohne
den ersten Unterricht selbst erteilte und ihn somit für den Besuch eines
Gymnasiums vorbereitete, während er für seine Tochter bereits
einige Jahre zuvor, ehe unsere Erzählung beginnt, in Miß Bessie
Home eine tüchtige und vielseitig gebildete Gouvernante in das
Haus genommen und dieser Georginens Unterricht übertragen hatte.
Reed war ein gütiger und liebevoller Vater, der in dem Besitz
seiner Gattin und seiner beiden aufblühenden und sich kräftig entwickelnden Kinder sein höchstes Glück fand- aber er konnte
auch ernst, streng, ja unerbittlich sein, wenn es einen Fehler, eine
Nachlässigkeit zu rügen, eine Unart, eine Ungezogenheit zu verbieten, oder eine Widerspenstigkeit oder ein Nichtbefolgen seiner direkten Weisungen zu strafen galt. Leider stand ihm in seinen Erziehungsgrundsätzen seine Gattin nicht in dem Maße zur Seite,
wie er es wünschte, oder wie es vielmehr ihre Mutterpflicht gewesen wäre; liebte sie auch ihre beiden Kinder aus vollstem und
zärtlichstem Herzen, so hätte sie dieselben doch hinter dem Rücken
ihres Vaters nicht heimlich in Schutz nehmen und sie durch ein
solches unvorsichtiges und tadelnswertes Benehmen nicht noch in
ihrem Unrecht bestärken sollen.
Reed machte seiner Gattin oftmals die freundlichsten und eindringlichsten Vorstellungen über ihre Handlungsweise, welche seinen
ganzen Erziehungsplan vereitelte und seiner Kinder Herzen und
Charakter in Ungewißheit und ins Schwanken zu bringen drohte,
und so oft ihm Mistreß Sarah mit Thränen in den Augen ihr
Unrecht eingeräumt und kein weiteres Durchkreuzen seiner wohlgemeinten Absichten feierlich gelobt hatte, so geschah es doch immer
und immer wieder auf's Neue, daß sie ihren Kindern zu Gunsten
zwischen diese und ihren Gatten trat und seine auferlegten Strafen zu umgehen wußte, freilich beobachtete sie hierbei die Vorsicht,
ihre Handlungen vor dem sorgsamen Auge ihres erfahrenen Gatten verborgen zu halten. Reed ahnte zwar bei seinem angeborenen
Scharfsinn, was in der Brust seines Weibes vorging und in welcher Weise dieselbe seine wohlgemeinten väterlichen Absichten zu
umgehen wußte, aber da er beabsichtigte, im Laufe des kommenden
Jahres schon John wie Georgine in gute Erziehungsanstalten unterzubringen, so vermied er es, seiner Frau immer von Neuem Vorwürfe zu machen, und hoffte, daß die Zeit und der mit dem Alter
seiner Kinder wachsende Verstand die nachteiligen Wirkungen und
Einflüsse allmählich wieder ausgleichen würde.
Das Leben auf der Besitzung Gateshead, das Jahre hindurch
in ziemlicher Einförmigkeit dahin geflossen war, sollte sehr bald
eine kleine Unterbrechung erleiden und teilweise auch eine andere
Gestalt annehmen. Eines Tages nämlich erschien vor der Pforte
des Herrschaftshauses ein ärmlich gekleidetes und krank aussehendes
Weib, das ein kaum fünfjähriges schwaches Mädchen an der Hand
führte und ängstlich suchend sich nach allen Richtungen ausschaute,
ohne den Mut finden zu können, an eine der Thüren anzuklopfen.
Zufällig kam Bessie, die Erzieherin, von einem Ausgange zurück
und richtete teilnahmsvoll die Frage an das fremde Weib: Was
suchet Ihr hier, liebe Frau?
Statt einer Antwort erfolgte die ängstliche Gegenfrage: Befinde ich mich hier auf dem Landsitze Mister Reeds und kann ich
denselben gegenwärtig einen Augenblick sprechen?
Das ist Gateshead, Frau, erwiderte die Erzieherin- Mister
Reed jedoch werdet Ihr kaum vor einer Stunde sprechen können,
denn er ist auf seine Felder hinausgeritten.
Das ist schlimm, flüsterte die Frau. Komm Jane, wandte
sie sich zu dem Kinde, dann wollen wir wieder an das Thor gehen
und warten, bis Mister Reed zurückkommen wird.
Wollt Ihr nicht lieber in unser Gesindehaus eintreten, liebe
Frau, sprach Bessie weiter, und dort Mister Reed erwarten? Ihr
scheint angegriffen und der Ruhe bedürftig zu sein. In unserem
Gesindehause könnt Ihr Euch setzen und eine Stärkung zu Euch
nehmen.
Ich danke sehr für Ihre Freundlichkeit, Miß, erwiderte die
Angekommene, aber ich will nicht gern Jemandem zur Last fallen
und ziehe es vor, an dem Gartenthore zu warten.
Aber wenn Mister Reed zu der anderen Seite des Parkes
hereinreitet, so werdet Ihr ihn auf dieser Seite umsonst erwarten
und Eure Absicht nicht erreichen.
Das ist freilich wahr. Wird mir jedoch der Eintritt in eines
dieser Häuser, mir, einer kranken Fremden, mit einem kleinen hülflosen und schwächlichen Mädchen gestattet sein?
Es wird Niemand von Miß Reed's Familie so unbarmherzig
sein, Euch den Aufenthalt zu verweigern, besonders wenn Ihr den
Herrn dieses Besitztums zu sprechen wünscht.
Auch wenn ich kein willkommener Gast sein sollte, Miß?
fragte die Frau weiter.
Mister Reed wird öfters um Rat und Unterstützung angesprochen und läßt Niemand ungetröstet weiter ziehen, ohne von
einem seiner Familienglieder gehindert zu werden.
Nun, so will ich getrost von Ihrem freundlichen Anerbieten
mit meinem Kinde Gebrauch machen. Wollten Sie die Güte
haben, mich nach einem Unterkommen zu weisen?
So folgt mir, sprach Bessie, verwundert ob solcher Verzagtheit und Bescheidenheit, und schritt auf das Gebäude zu, welches
zum Aufenthalt für das weibliche Gesinde diente. Eben im Begriff, die Thürklinke zu ergreifen, wurde dieselbe von innen heftig
aufgerissen, und der krausköpfige John Reed stand plötzlich auf
der Schwelle, die ihm unerwartete Gruppe ganz überrascht anschauend. Was soll denn das wieder sein, Bessie? fuhr er plötzlich auf.
Machen Sie mir Platz, Mister John, sprach die Gouvernante
gelassen zu ihm; diese arme Frau soll mit ihrem Kinde hier eintreten und auf die Rückkunft Ihres Herrn Vater warten, den sie
in einer für sie dringenden Angelegenheit zu sprechen wünscht.
Bringst Du schon wieder Bettelleute in unser Haus, Bessie?
rief John boshaft. Wie oft hat die Mama Dir schon untersagt,
den Vater mit solchem Gesindel zu belästigen!
Pfui, schämen Sie sich, Mister John! entgegnete Bessie. Wie
können Sie es wagen, Ihrer Mama solch böse Worte und solch
noch bösere Gedanken unterzulegen? Geben Sie Raum.
Ich will nicht, Bessie! rief John ärgerlich, und Du sollst
keine Bettelleute aufnehmen.
Lassen Sie mich lieber wieder gehen, Miß, bat die Frau
ängstlich, ich will vor dem Thore warten, vielleicht kommt Mister
Reed doch von jener Seite zurück, wo ich mich aufstelle.
Nein, nein, bleibt, gute Fran. Ich erhalte sonst von Mister
Reed Vorwürfe, wenn er erfährt, daß ich der Laune und dem
Eigensinn dieses böswilligen Knaben nachgegeben habe, sprach die
Erzieherin mit größerer Festigkeit, als man ihrem sanften und
ruhigen Wesen zugetraut hätte. Mister Reed wünscht, daß seine
Kinder gegen Unglückliche und Arme barmherzig sind.
Du schiltst mich einen Knaben, statt mich, wie Mama Dir
befohlen, Mister John zu nennen! rief John fast außer sich und
erhob seine Reitpeitsche, die er in der Hand hielt.
Ehe er indessen zu einem Schlage ausholen konnte, hatte Bessie
mit raschem Griffe die Reitpeitsche seiner Hand entwunden und
sprach blitzenden Auges zu ihm: Sie geben jetzt augenblicklich
Raum, damit ich mit dieser Frau und ihrem Kinde Eintritt erhalte, oder Sie sollen für Ihre Ungezogenheit bittere Reue empfinden, Sie garstiger Mensch.
Huß, huß, Tyras! rief John einem großen herbeieilenden
Hunde zu. Pack diese Bettelleute und zerreiße sie zusammen mit
dieser häßlichen und dummen Bessie in kleine Stücken.
Zum Schutze der beiden Ankömmlinge sprang Bessie zwischen
diese und den großen Hund, welcher, ohne einen Angriff zu wagen,
plötzlich ruhig und schweifwedelnd stehen blieb. So ist es brav,
Tyras! sprach die Erzieherin ruhig zu dem schönen Tiere. Tyras
ist besser und vernünftiger, wie Sie böser Mensch, der für seine
Grausamkeit die Peitsche verdiente.
Mama! Mama! schrie jetzt John Reed jammernd, Bessie
will mich hauen! hilf mir, liebe Mama! - Heftig klirrend flog ein
Fensterflügel im Herrschaftsgebäude auf, und eine zornige weibliche
Stimme ließ die hastigen Worte vernehmen: Bessie! Bessie! Was
haben Sie schon wieder mit meinem lieben John, daß Sie ihn
schlagen wollen?
Mister John lügt, Mistreß Reed! sprach die Erzieherin ruhig,
aber mit bebender Stimme; er hat mir mit der Peitsche gedroht
und Tyras auf diese armen Leute hier gehetzt, die Mister Reed
sprechen wollen. Da habe ich ihm die Peitsche genommen, damit
er kein Unrecht thue und dann von Mister Reed verdiente Strafe
erhalte.
Komm zu mir, lieber John, ließ sich die Stimme von Neuem
vernehmen, - ich werde mit Deinem Vater reden, bekümmere Dich
nicht um Bessie und diese Bettelleute.
Mit einigen zwischen den Lippen gemurmelten Worten, die
eine unheimliche Drohung enthielten, sprang John eiligst nach dem
Herrschaftshause und zu seiner Mama, während die arme Frau
leise flüsterte: O ich Ärmste, aus diesen beiden kalten Stimmen
sprach kein Herz! Hier, liebe Miß, wandte sie sich lauter an Bessie,
finde ich keinen Trost und keine Hülfe. Ich will lieber meines
Weges weiter ziehen, ehe ich hier Unfrieden stifte und Ihnen für
Ihre Güte gegen eine Ihnen völlig Unbekannte Unannehmlichkeiten
bereite.
Ihr bleibt, arme Frau, sprach ihr Bessie freundlich zu und
hielt sie zurück. Wie hätte Mister Reed Recht, mich zu schelten,
wenn er erführe, daß ich eine Unglückliche und Verlassene ungetröstet an seines Hauses Thüre hätte vorüberziehen lassen.
Das kleine Mädchen klammerte sich angstvoll an ihre Mutter und bat mit leiser Stimme: Bleibe, liebe Mama, bleibe, ich
kann nicht mehr gehen und mich hungert auch zu sehr.
Treten Sie doch ein, Frau- bat die Erzieherin. Um Ihres
Töchterchens willen, das sogleich ein Glas Milch zu seiner Stärkung erhalten soll. Halb gegen ihren Willen ließ sich die arme,
beinahe verzweifelnde Mutter in eine Stube führen, in welcher sie
fast auf einem Stuhle zusammenbrach, aber sich doch noch so viel
Kraft zu erhalten wußte, um ihre Kleine auf ihren Schoß zu
heben und recht fest, gleich als wenn sie dieselbe zu verlieren fürchtete, an ihr Herz zu pressen. Sie schloß die Augen vor Erschöpfung,
und die Sinne schienen ihr zu schwinden, während Bessie schleunig
ein Glas Milch herbeiholte und es dem kleinen Mädchen vorhielt,
das in langen und durstigen Zügen seinen Hunger und Durst zu
stillen versuchte.
Nun trinke Du, liebe Mama, bat das Kind freundlich, Jane
ist wieder wohl und kann jetzt weiter mit Dir gehen. Trinke
doch, Mama, die Milch schmeckt ja so gut, so süß.
Nehmet Ihr jetzt auch etwas Milch zu Euch, damit Ihr,
wenn Mister Reed zurückkommt, so viel Kraft wieder gesammelt
habt, um ihm Euer Anliegen gefaßt vortragen zu können.
Den vereinigten Bitten ihres Kindes und der Erzieherin vermochte die Unglückliche nicht zu widerstehen, aber nur mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr, ihre Schwäche niederzukämpfen
und einige wenige Schlucke der kühlenden Milch zu genießen. So
wenig sie übrigens auch zu sich genommen, so reichte es doch hin,
ihre Lebenskräfte wieder etwas zu heben und darauf hin noch ein
Stückchen trockenen, aber recht kräftigen Brotes verzehren zu können, während ihr Kind den Rest der Milch austrinken mußte.
Haben Sie Dank, Miß, sprach die Frau gerührt; Sie haben
mir und meinem Kinde das Leben gerettet- vielleicht kann es
Ihnen meine Jane dereinst vergelten. Ich glaube, ich wäre nach
den ersten Schritten, die ich ans diesem Hause hätte wieder hinaus thun müssen, vor Erschöpfung zusammengestürzt und hätte
mein kleines hilfloses Kind einsam und verlassen auf dieser weiten
und fremden Welt preisgeben müssen.
Gebt Euch nicht solchen düsteren Gedanken hin, arme Frau,
suchte Bessie die Unglückliche zu trösten, und verlaßt Euch auf
Mister Reed's Gütte und Menschenfreundlichkeit, die unerschöpflich
sind und noch niemals vergebens angesprochen wurden.
Das gebe der Himmel, lispelte die Arme, sonst bin ich rettungslos verloren, ich und mein Kind.
Versucht zu ruhen, Frau, und etwas Kraft zu sammeln, damit Ihr Euer Anliegen bei Meister Reed's Ankunft klar und im
Zusammenhange vortragen könnt, fuhr Bessie fort, denn unser
Herr ist immer sehr beschäftigt und seine Zeit mit wichtigen Dingen
in Anspruch genommen. Ich lasse Euch jetzt auf kurze Zeit allein,
bis Esther mit ihren Küchenarbeiten fertig ist; sollte Mister
Reed früher als erwartet heimkehren, so führe ich ihn gleich zu
Euch her.
Die Erzieherin ging; das kleine Mädchen lehnte sein Köpfchen an der Mutter Brust, und auch diese schloß vor Erschöpfung
ihre müden Augen zu einem sanften Schlummer, ohne für ihren
Kopf eine weitere Stütze zu haben, als ihren Arm und die hölzerne Platte eines großen Tisches, aber Mutter und Kind schlummerten, schlummerten sanft und süß, hatten sie doch Gelegenheit
gehabt, ihre ermatteten Kräfte zu stärken und ihren Körpern auf
diese Weise die Wohlthat eines, wenn auch nur kurzen, aber erquickenden Schlafes zuteil werden zu lassen! Glücklicher Armer,
wenn Dir der Vater im Himmel einen tröstenden Schlummer
nicht versagt hat und Du Dir selbst ein reines Gewissen zu bewahren wußtest!
Nach einer Stunde etwa wurde die Frau durch den Hufschlag
eines Pferdes aus ihrer Ruhe aufgeweckt und harrte nun angstvollen Blickes den nächsten bestimmenden Augenblicken entgegen,
welche die Entscheidung über ihre Zukunft herbeiführen mußten.
Die Entscheidung sollte schneller kommen, als sie gedacht, denn
schon nach Verlauf weniger Minuten öffnete sich die Thüre und,
von Bessie gefolgt, erschien Mister Reed auf der Schwelle derselben.
Die Frau erhob sich von ihrem Sitze und stellte ihr Töchterchen
langsam an ihrer Seite nieder; Mister Reed warf einen anfänglich mitleidsvollen, dann aber in stummen Schrecken und Entsetzen
übergehenden Blick auf die Gruppe, bis er sich in so weit wieder
gesammelt hatte, um die nur hingehauchten Worte: Anna bist Du
es wirklich, oder ist es nur Dein Geist? über seine Lippen bringen
zu können; ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust.
Ich bin es wirklich, Georg, ich und mein Kind, flüsterte,
ohne das Auge aufzuschlagen, die Angekommene und sank erschöpft
wieder auf ihren eben verlassenen Sitz zurück.
Lassen Sie uns allein, Miß Bessie, wandte sich Reed nach
kurzem Besinnen an seine Begleiterin. Sie haben Ihre Pflicht
ganz nach meinem Wunsche erfüllt, schweigen Sie aber einstweilen
über diesen Vorfall, ich werde meiner Familie selbst nähere Mitteilung machen.
Die Erzieherin verließ unter einer stummen Verbeugung
das Zimmer; darauf trat Reed näher an die Fran heran und
bot ihr die Hand; Du mußt mich entschuldigen, Anna, wenn Du
mich über unser Zusammentreffen unter solchen Umständen mehr
verwundert und erschrocken, als erfreut siehst. Ich glaubte Dich
gesund und glücklich jenseit des Ozeans und muß Dich plötzlich
als ein Bild des Erbarmens nach länger als sechs Jahren vor
meinen Augen und in meiner Wohnung erblicken. Konntest Du
denn nicht die Vorsicht gebrauchen, mich brieflich von Deiner Lage
und Deinem Vorhaben, mich aufzusuchen, zu unterrichten, anstatt
Dich unangemeldet und in einem solchen erbarmungswürdigen Zustande ohne Weiteres bei mir einzustellen? Wo ist Dein Gatte,
mein Schwager Eyre? Wie konnte er Dich in solches Elend geraten lassen?
Kein Vorwurf, Bruder Georg, trifft diesen edlen und braven
Mann, der bis zu, dem letzten Augenblicke seines schweren und
arbeitsvollen Lebens mit dem Aufgebote aller seiner Kräfte für
mich und sein Kind gearbeitet hat! antwortete die Anna Angeredete mit Entschiedenheit.
So ist Dein Gatte tot? fragte Reed mit zitternder und
erregter Stimme.
Tot seit sechs Monaten, gab Anna unter heißen Thränen
zur Antwort.
Und warum ist mir von seinem Hinscheiden keine Nachricht
zugegangen, Schwester? Ich dächte, ich wäre Euch doch immer
freundlich gesinnt gewesen, ja ich hätte Euch Beide schon herzlich
lieb gehabt, bevor Ihr ehelich miteinander verbunden waret!
Philipp Eyre habe ich auf seinem Sterbelager in seine Hand
geloben müssen, Dich nur in der äußersten Not und von Allen
verlassen, von meinem Unglücke zu unterrichten; er kannte die
feindseligen Gesinnungen Deiner Gattin gegen ihn und mich und
wollte nicht, daß ich Dir zur Last fallen sollte, so lange ich noch
eine Zufluchtsstätte hätte.
Und jetzt bist Du so weit, daß Du nur noch meine Hülfe
kennest, Unglückliche? Sprich offen!
Ja, Georg, es ist so, ich weiß nicht, wohin ich meinen Schritt
wenden, wohin ich mit meinem Kinde mein Haupt legen soll. Und
nur diese trostlose Aussicht allein ist der Grund, daß ich in Deinem Besitztum erscheine und Deine brüderliche Liebe für uns
anrufe. Ein heftiger Thränenstrom, den sie nur mühsam zurückzuhalten vermochte, unterbrach ihre Rede und ließ eine kurze, aber
inhaltsschwere Pause in dem Gespräche eintreten.
Sammle Deine Gedanken und Deine Ruhe, Anna, daß Du
mir die Erzählung Deines Geschickes bis zu diesem Augenblicke
im Zusammenhange mitteilen kannst und ich meine Entschließungen
für Deine und Deines Kindes Zukunft zu treffen vermag.
Nun so höre Bruder Georg. Ich habe Dir von New-York
aus mitgeteilt, daß ich nach meiner Verheiratung mit Philipp
Eyre ihm dorthin gefolgt war, daß ihm seine technischen Kenntnisse
eine ehrenvolle und gut bezahlte Stellung in einer Maschinenfabrik
finden ließen und wir in zufriedenen, ja glücklichen Verhältnissen
lebten. Unser Glück steigerte sich, als uns nach Verlauf eines
Jahres unsere Jane, dieses arme schwächliche Kind hier, geboren
wurde, ja Philipp fühlte sich in ihrem Besitze selig und beneidete
keinen Menschen, mochte er noch so reich, so frei und unabhängig
gestellt sein. Nach kaum Jahren indessen sollten die heiteren
und sonnigen Zeiten unseres Lebens vorüber sein und düstere verderbendrohende Wolken unseren Himmel verfinstern. Bei einem
Feuer, das in der Nachbarschaft der Fabrik ausbrach, in welcher
mein Gatte angestellt war und das diese in seiner Gewalt
mit zu erfassen und zu vernichten drohte, griff Philipp, ohne
daß er dazu verpflichtet gewesen wäre, auf das Unerschrockenste
und Furchtloseste mit ein, so daß seiner angestrengten Thätigkeit
und seinen umsichtigen Maßnahmen kein weiteres Gebäude, als
das vom Brande selbst ergriffene, den Flammen zum Opfer fiel.
Er wurde von allen Seiten mit den wärmsten Lobsprüchen überhäuft, er fand die ehrenvollsten öffentlichen Anerkennungen, -
aber er hatte jedenfalls seine Kräfte überschätzt, hatte seinem Körper
und seiner Gesundheit mehr aufgebürdet, als sie zu tragen und
auszuhalten im Stande waren: kurz er fing einige Wochen nach
diesem Unglücksfalle an zu kränkeln, sich unbehaglich zu fühlen und
konnte nur mit sichtlicher Anstrengung seinen Berufsgeschäften
noch nachgehen, obwohl er solches sich nicht merken lassen wollte,
es entschieden in Abrede stellte und meine oft ausgesprochenen
Bedenken und Bitten, sich zu schonen, zu entwaffnen verstand.
Zu meinem Entsetzen verfielen seine körperlichen Kräfte immer
mehr und, wollte ich ihn nicht mißmutig machen oder gar erzürnen,
so durfte ich nicht einmal meine Wahrnehmungen äußern. Endlich
konnte er sich nicht länger aufrecht erhalten und mußte auf seinem
Lager gebannt bleiben - es sollte ihm nicht vergönnt sein, dasselbe
wieder zu verlassen; länger als sechs Monate schwebte er zwischen
Leben und Sterben, bis endlich ein sanfter Tod ihn von seinen
unsäglichen, aber nie laut ausgesprochenen Leiden erlöste. Meinen Schmerz bei seinem Hinscheiden will, ich Dir nicht zu schildern
suchen, wenn ich in seinem Aussprechen auch eine Art von Trost
darin zu erblicken vermag; er hatte alle Vorsorge für mich getroffen, damit ich ruhig in die Zukunft blicken konnte. Sein Bruder Arthur, der in Bedford ansässig war, sollte mich in seinem
Hause aufnehmen und für mich und meine Jane sorgen, wofür
ihm Philipps Ersparnisse, die in 50 Pfund Sterling bestanden,
zur Verfügung gestellt wurden. Arthur willigte ein, uns aufzunehmen, wenn seines Bruders letzte Stunde gekommen sein sollte.
Als nun das für mich so entsetzliche Ereigniß eingetreten war,
hätte ich Dir, lieber Bruder, Mitteilung von meinem Zustande
machen sollen, ohne Deine Hülfe, wie ich meinen Gatten hatte
geloben müssen, in Anspruch zu nehmen, aber Schmerz, Kümmernis
und bange Sorge mögen mich zu sehr darniedergedrückt haben, ich
übersah es im geeigneten Augenblicke und schämte mich, es späterhin
nachzuholen, bis es mir in der That zu einer reinen Unmöglichkeit wurde.
Anna hielt erschöpft inne und mußte neue Kräfte sammeln.
Und hast Du denn Deinen Schwager, der ja auch ein tüchtiger
und rechtschaffener Mensch ist, nicht aufgesucht? fragte Reed nach
einer geraumen Weile, während er seiner Schwester Erholung gegönnt, weiter.
Ich suchte ihn auf, wie mir mein Gatte aufgetragen, fuhr
die Gefragte fort. Mit Reisegeld, anderer nötigen Baarschaft
und Gepäck reichlich versehen, schiffte ich mich mit meiner Jane
ein und langte vor einigen Monaten zunächst in England und
wenige Tage darauf in meines Schwagers Wohnung an, der auf
kurze Zeit verreist war, dessen Rückkunft aber täglich erwartet
wurde. Ich fand eine zuvorkommende und freundliche Aufnahme
bei der Wirtschafterin meines Schwagers und hätte füglich mit
meiner Lage zufrieden sein können, aber wenn mich der Schmerz
um meines Gatten Tod und die Aufregung aufrecht erhalten
hatten, so warfen mich Ruhe und Abspannung nunmehr auf das
Krankenlager, und ich fiel Wochen hindurch in ein hitziges aufreibendes Fieber. Wie lange ich gelegen habe, weiß ich selber nicht
zu sagen, und wie ich einigermaßen wieder zur Besinnung kam,
hatte sich meine Lage vollständig verändert. Meines Schwagers
Wirtschafterin war verschwunden und eine gleichgültige rohe Person an ihrer Stelle anwesend, die mir zwar die notwendigsten
Handleistungen und die dringendsten Lebensbedürfnisse reichte, aber
ehe ich nur wieder auf sein konnte, mich darauf in ganz entschiedener Weise aufmerksam machte, daß meine Gelder aufgezehrt und
meine überflüssigen Kleidungsstücke verkauft seien, um Arzt und
Apotheker sowie Pflege und Unterhalt zu bestreiten; jetzt behielte
sie mich zwar noch aus reiner christlichen Nächstenliebe und ihrer
angebornen Barmherzigkeit in ihrer Wohnung, sobald ich aber
meinen Weg weiter fortsetzen und mir Lebensunterhalt suchen könne,
müßte ich mit meinem Kinde das Haus verlassen. Als ich nach
meinem Schwager und seiner Wirtschafterin fragte, lachte das gefühllose Weib laut auf und gab mir zu verstehen: Ich habe wohl
geträumt, oder meine Krankheit habe mir meinen Verstand geraubt,
- sie wisse von keiner Wirtschafterin - ich sei krank zu ihr gebracht worden mit meinem Kinde und sie habe mich bereitwillig
aufgenommen und gepflegt, so daß ich ihr die Wiedererlangung
meiner Gesundheit zu danken habe. Als ich tötlich hierüber erschrocken, fast kein Wort zur Entgegnung fand, aber doch daran
denken mußte, die Frau augenblicklich zu beruhigen und ihr zu
versichern, daß ich in dem nicht weit von hier gelegenen Landsite
Gateshead einen wohlhabenden Bruder Namens Reed habe, der für
mich aufkommen würde, verlachte sie mich und sagte, der Besitzer
von Gateshead heiße seit länger als zwei Jahren Eduard Morton und
nicht Reed. Mister Reed sei fortgezogen und sie wisse nicht wohin; ich möge keine falschen Vorspiegelungen versuchen und meine
Lage nicht durch Unwahrheiten noch verschlimmern. Was sollte
ich nun vornehmen? Ich konnte die Frau - Mistreß Brown
ist ihr Name- jetzt nur noch auf meiner Hände Arbeit vertrösten, sobald ich völlig hergestellt und wieder zu Kräften gekommen sei. Da fuhr sie heftig auf und erwiderte mir rauh:
Sie wolle froh sein, wenn sie mich nicht mehr zu beherbergen und
zn unterhalten brauche; auf Wiedererstattung und Dank mache sie
gar keinen Anspruch von mir. Nach ungefähr fünf Tagen forderte sie mich auf, ihre Wohnung zu verlassen, - was blieb mir
übrig, Bruder? Ich mußte mein Kind an die Hand nehmen,
mußte gehen und ihr überdies noch Dankesworte sagen, daß sie
sich meiner angenommen. Gestern früh habe ich sie verlassen, ich
ging in den Straßen der Stadt wie betäubt herum, konnte keines klaren
Gedankens mächtig werden, vermochte es nicht, Jemand um Hülfe
oder Rat in meiner Not anzureden - bis ich plötzlich mich
in freiem Felde befand und von einer alten Frau angesprochen
wurde, welche mich nach der Richtung meines Weges fragte. Als
ich ihr hierauf mitteilte, daß es meine Absicht gewesen sei, nach
Gateshead zu gehen, da aber mein Bruder Reed, der früher daselbst
gewohnt habe, weggezogen sei, so wisse ich in der That nicht, wohin ich
mich augenblicklich wenden solle, um ein Unterkommen zu erhalten, so
erfuhr ich zu meiner höchsten Freude, daß Du nicht weggezogen seiest
und noch immer auf Deiner Besitzung weiltest. Ich sei auf dem richtigen Wege nach Gateshead, erzählte mir die Frau weiter, sobald
ich den vor mir liegenden Wald durchschritten habe, was freilich
noch einige Stunden in Anspruch nehmen könne, sähe ich Mister
Reed's Besitztum vor mir liegen und könne dasselbe nicht mehr verfehlen. Vor dem Eintritt in den Wald mußten wir uns trennen; ich
bin die ganze Nacht gewandert, habe nur einige Male geruht, da ich
meine Jane, welche auf meinem Arme eingeschlummert war, nicht weiter
tragen konnte. Endlich nach einer langen entsetzlichen Nacht, ohne
Schutz, ohne Speise und Trank, gelangte ich kurz nach Tages Anbruch wieder ins Freie und habe mich mühsam bis hierher geschleppt, wo ich von einer freundlichen jungen Dame liebevoll aufgenommen und gestärkt worden bin.
Anna Eyre schwieg jetzt, während ihr Bruder, in ernstes
Nachdenken versunken, in dem geräumigen Zimmer langsam auf-
und abschritt und nach vielleicht fünf Minuten Überlegens ernst,
doch gütig sich zu seiner Schwester wandte: Sei ruhig Anna, und
fasse Dich. Daß Du zunächst bei mir, in meinem Hause und
meiner Familie bleibst, bis ich weiter für Deine Zukunft habe
sorgen können, ist selbstverständlich, wenn es mir auch weit lieber
gewesen wäre, von Deiner Ankunft einen oder zwei Tage vorher unterrichtet worden zu sein. Freilich ging das in Anbetracht der mir
mitgeteilten Umstände nicht anders, aber wenn ich auch Deinen
Worten unbedenklichen Glauben schenke, so könnte doch meine Frau,
die wie Du selbst weißt, Deine Verheiratung mit Eyre nie
billigen mochte, Bedenken dagegen erheben. Um dieselben im voraus
zu zerstreuen und es zu keinen Erörterungen zwischen Euch kommen
zu lassen, ist es am geratensten, Du erholst Dich noch einige
Zeit in diesem Zimmer, in welchem Dich Niemand stören soll,
während ich meine Frau auf Deine Ankunft vorbereite und die
nötigen Anordnungen für Deine und Deines Kindes Aufenthalt
mit ihr bespreche. Reed entfernte sich nach diesen Worten und
begab sich sofort in das Herrschaftsgebäude.
Zweites Kapitel.
Mistreß Sarah Reed hielt eine weibliche Arbeit in der Hand,
mit welcher sie sich am Fenster sitzend beschäftigte; ihre Tochter
Georgine saß ihr zur Seite und spielte mit einer großen und stattlich herausgeputzten Puppe, während der aus dem Hofe heraufgerufene John mit nur geringer oder vielmehr gar keiner Aufmerksamkeit in einem Bilderbuche herumblätterte.
Bessie ist dumm, Mama, begann John, nachdem er bereits
eine geraume Weile in das Zimmer eingetreten war und sich zu
seiner Unterhaltung ein Buch herbeigeholt hatte, sie soll die Bettelleute in unserem Hause nicht zurückhalten und beherbergen wollen,
sondern sie hinüber zu unseren Nachbarn ziehen lassen, die reichere
Leute sind, als wir hier.
Wir sind die reichsten Leute hier, nicht wahr Mama? fragte,
halb unwillig über ihres Bruders Äußerungen, Georgine. Unsere
Nachbarn haben weniger Geld als wir!
Jawohl, meine Tochter, bestätigte die Mutter, wir sind die
reichsten Leute in der hiesigen Gegend, aber Dein Vater will es
uns und anderen Menschen gegenüber nicht wissen lassen, und deshalb allein leben wir einfacher und ruhiger, als alle unsere
Nachbarn.
Warum aber giebt er denn da so viel Geld an Bettler und
arme Leute? Warum muß ich es dulden, daß Bessie heute schon
wieder zwei in unsere Gesindestube treten ließ? fragte John seine
Mutter. Das solltest Du wenigstens nicht leiden, Mama, durchaus nicht.
Dein Vater, mein lieber John, hat ein weiches Herz und ist
gern wohlthätig gegen Arme, erwiderte die Mutter, und deshalb darfst
Du Dich nicht gegen Bessie auflehnen und sie hindern wollen, wenn
sie Deines Vaters Befehle und Weisungen zur Ausführung bringt.
Wenn ich erst einmal Herr hier bin, sprach der Knabe übermütig, da soll es ganz anders hier zugehen; da dürfen nur reiche
Leute in unser Haus kommen.
Sprich nicht so gottlos, John, verwies Mistreß diese unkindliche Außerung. Schweig lieber und lies in Deinem Buche, damit
Du mich nicht in meiner Arbeit störst. Und auch Du, Georgine,
belästige mich jetzt nicht weiter mit Fragen, die zu nichts führen
können. Oder noch besser, geht Beide zu Bessie und übt Euch
im Klavierspielen; die Zeit der Unterrichtsstunden muß ja herangekommen sein. Wenn Euer Vater von seinem Morgenritte heimkehrt und Euch nicht beim Lernen trifft, könnte er sonst leicht ungehalten werden.
Kaum hatte Mistreß Reed diese Worte ausgesprochen, so erschien auch schon die Erzieherin in der Stube und bat, daß Miß
Georgine und Mister John zur Stunde kommen sollten. Voll
Unwillens zwar folgten die Kinder, aber doch wagten sie denselben
nicht zu äußern.
Mir ahnt Unheil, sprach Sarah Reed halblaut vor sich hin,
indem sie nach Entfernung ihrer Kinder die Hände nachdenklich in
den Schoß hatte sinken lassen. Die angekommene Frau, welche
ich nur auf einen Augenblick zu Gesicht bekommen habe, erschien
mir nicht unbekannt, wenn ich mich auch momentan nicht zu besinnen vermag, wo und zu welcher Zeit ich diese Züge schon gesehen habe. Wüßte ich nicht, daß meines Gatten Schwester seit
Jahren in Amerika wäre, ich würde glauben können, sie wäre es!
- Ja, ja, sie muß es sein- so ungefähr war ihre schwächliche,
kleine Gestalt, so scheu und verlegen blickte ihr Auge. Diese Person,
die solche Schande durch ihre Verheiratung über unsere Familie
gebracht hat, vielleicht in mein Haus aufnehmen zu sollen, das
wäre das Ärgste, was ich von dem wankelmütigen romantischen
Reed noch zu ertragen hätte. Das darf und wird nimmermehr
geschehen, so lange ich noch atmen kann. Erregt erhob sich die
hohe Gestalt und schritt mit ruhelosen Schritten im Zimmer umher. Träte dieser Fall wirklich ein, so muß ich meine ganze Kraft,
meine volle Willensstärke zusammen nehmen, um Reed's Absichten
mit Erfolg durchkreuzen zu können, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, und ich will doch sehen, ob ich meinen Willen auch
nicht ein einziges Mal erfolgreich durchzusetzen vermag. Hier
gilt es Klugheit und Vorsicht, um für alle Fälle meinem weichmütigen Gatten gegenüber gewappnet zu sein. Ununterbrochen
und überlegend setzte sie ihren Gang durch das Zimmer fort, ja
sie ließ sich selbst nicht stören, als sie Mister Reed in den Hof
hereinreiten hörte und seinen Weg, von Bessie unterrichtet, nach
dem Gesindehause nehmen und ihn in dasselbe eintreten sah. Endlich
mußte die Unterredung mit der angekommenen Frau beendet sein,
denn sie hörte ihres Gatten Stimme in dem Hofraume einen Befehl erteilen und seine Schritte sich ihrer Wohnung langsam nähern.
Rasch nahm sie ihren früheren Sitz wieder ein und beschäftigte
sich fleißig mit ihrer Arbeit.
Reed betrat das Zimmer und begrüßte seine Gattin mit den
Worten: Guten Morgen Sarah; schon so fleißig bei der Arbeit. Wo
sind unsere Kinder?
Guten Morgen, Georg, antwortete Mistreß Reed überaus
freundlich, wenn Du vom frühen Morgen an schon im Felde
thätig bist, darf ich als ordentliche Hausfrau doch auch nicht müßig
sein. Unsere Kinder haben Unterricht bei ihrer Gouvernante.
Schön, liebe Frau, erwiderte Reed, so stören uns dieselben
doch für den Augenblick nicht, zumal ich Dir eine ernste und keineswegs erfreuliche Nachricht mitzuteilen habe- er hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort.
Eine unerfreuliche Nachricht, rief Sarah betroffen, die Dich,
die uns unangenehm ist?
Meine Schwester Anna ist mit ihrem Kinde hülflos und von
allen Mitteln entblößt bei uns heute morgen eingetroffen und
spricht mich um Unterstützung an.
Die Landstreicherin! fuhr Reed's Gattin auf, als sie die Gewißheit ihrer Vermutung bestätigt fand, obwohl sie sich vorgenommen hatte, äußerlich ganz ruhig zu erscheinen.
Sie kommt nicht als Landstreicherin, unterbrach Reed seine
Gattin. Sie war Philipp Eyre's Gattin und ist nach dessen Tode
seine verlassene Witwe und bleibt wie bisher meine Schwester.
Er wiederholte aus Anna's Erzählung, als seine Frau keine Einwendung erhob, die wichtigsten Punkte und schloß seine Worte mit
der Frage: Nun gieb mir Antwort, Sarah, wie soll ich als Bruder
gegen meine Schwester handeln?
Nimm Dich ihrer an, Georg, antwortete Sarah ruhig, aber
entschieden, unterstütze sie so viel und so reich Du willst, aber
nimm sie nicht in Dein Haus auf, erspare mir die Notwendigkeit, mit Deiner Schwester, die mir nie sympathisch war und die
auch stets gegen mich und meine Verbindung mit Dir einen hartnäckigen Widerwillen gehabt hat, jemals unter einem Dache zu
leben.
Das kann und wird Dein Ernst nicht sein, Sarah, sprach
Reed begütigend; nie hat Anna ein Wort gegen Dich geäußert.
Jetzt ist sie unglücklich, verlassen und bedarf mehr des Trostes und
der Liebe zunächst, wenigstens einer sorgsamen Pflege von befremdeter Hand, als nur einer bloßen materiellen Unterstützung, die
ihr gewährt werden kann.
Liebe giebt sich nur für Liebe, Georg, das weißt Du selbst
recht gut. Verlange von mir nichts, was über meine Kräfte geht,
was Du nicht von mir fordern kannst.
Sie ist eine Unglückliche, eine Bedauernswerte, Sarah, sie
ist die Schwester Deines Gatten. Bedenke, wenn Dir, wie es
leider nicht der Fall ist, vom Geschick eine Schwester beschert wäre,
mit welcher Du stets in Liebe und Frieden gelebt hättest, und
wenn diese Schwester durch den Tod ihres Gatten, durch schlechte
Menschen ihrer Habe, ihrer Kleider beraubt, krank und schwach
mit einem zarten Kinde zu Dir käme und Deine Hilfe anrufen
würde, könntest Du sie vielleicht mit einer Hand voll Geld abspeisen und wieder in die Fremde schicken? Nein, nein, Du würdest sagen: Georg, meine Schwester bedarf der Liebe, des Erbarmens- wir besitzen beides- wollen wir ihr helfen? wollen
wir ihr beides zuteil werden lassen?
Ich würde, da ich selbst ohne Vermögen bin, Georg, Deine
Unterstützung für sie in Anspruch nehmen und Deinen Reichtum
für sie anrufen, aber Deine Liebe für sie, Dein Mitleid würde ich
bei Gott nicht anrufen. Und wenn ich Dir auch keine Vorschriften
machen kann, ob Du Deine Schwester in unser Haus aufnehmen
sollst oder nicht, so unangenehm mir auch das Erstere sein wird, so
verlange wenigstens nicht eine Liebe von mir, die ich nicht empfinde.
Du bist aufrichtig gegen mich, Sarah. Gut, ich begnüge mich
damit, und verlange keine Liebe von Dir für meine Schwester,
aber ich darf nun wohl die Bitte an Dich richten, daß Du Deines
Mannes einzige und nächste Verwandte mit Freundlichkeit in unserem Hause aufnimmst und auch ein Wort des Bedauerns und
des Willkommens für sie haben wirst.
Du verlangst nicht wenig Selbstüberwindung von mir, aber
wann hätte ich Dir, meinem heißgeliebten Gatten, jemals die
Erfüllung einer Bitte verweigern können. Bist Du nun zufrieden
gestellt, oder hast Du noch eine Forderung an mich zu stellen, Georg?
Ich danke Dir, Sarah, für Deine Nachgiebigkeit; Du wirst
dieselbe gewiß nicht bereuen, wenn Du Anna näher kennen und,
ich bürge dafür mit meinem Worte, auch lieben lernen wirst.
Jetzt überlege, wie Du Mutter und Kind am besten und ungeniertesten unterbringst, da ich in Deine häuslichen Einrichtungen durchaus nicht eingreifen mag, sowie Deiner und unserer Kinder Bequemlichkeiten nicht die geringste Störung auferlegen will.
Deine Schwester wird zur Familie gehören, und so halte ich
es für das Geeignetste, wenn sie mit ihrem Kinde die beiden Zimmer, welche mit unserer Wohnung durch einen Gang verbunden
sind und die wir bisher als Fremdenzimmer benutzt haben, als
Wohn- und Schlafraum bezieht, während wir unsere etwaigen späteren Gäste recht gut eine Treppe hoch einquartieren können. Sie
mag dann gemeinschaftlich mit uns die Mahlzeiten einnehmen oder
es vorziehen, in ihrem Zimmer zu speisen, so werden doch unsere
Leute keine weitere Mühe mit ihnen haben und wir nicht im geringsten beeinträchtigt sein. Bist Du zufrieden?
Von ganzem Herzen danke ich Dir, liebe Frau; ich denke,
Dein praktischer Sinn wird sicher das Richtige und somit auch
das Beste für uns und unsere Schützlinge getroffen haben.
So will ich Beide selbst herüberführen und sie in ihre Wohnung einweisen, Georg, wenn es auf diese Weise Deinen Wünschen entspricht.
Gewiß, gewiß, so wird es am leichtesten für Anna sein, in
unser Haus einzutreten; zuvor aber möchte ich Dich ersuchen, die
Erschöpften noch ein bis zwei Stunden ruhen zu lassen. Vielleicht
läßt Du bis dahin die Zimmer von Hannah einrichten.
Es wird am besten sein, wenn ich die Einrichtung selbst besorge, während Du inzwischen Zeit gewinnst, Dein Frühstück einzunehmen, das Dir Hannah sofort servieren soll. Auf Wiedersehen, mein lieber Freund, und laß es Dir recht gut schmecken.
Mistreß Reed entfernte sich, nachdem sie ihrem Gatten die
Hand gereicht und einen warmen Händedruck und einen noch wärmeren Dankesblick von ihm entgegen genommen hatte.
Reed atmete nach ihrem Weggange sichtlich erleichtert auf.
Das ging wirklich leichter und besser, als ich zu hoffen gewagt
habe, sprach er halblaut für sich, und ich werde darauf denken
müssen, Sarah für diese Überwindung und erfreuliche Gefühlsäußerung meine wirklich sichtliche Anerkennung und Dankbarkeit
recht bald zu beweisen. Ja, wäre sie nicht öfters zu schwach gegen
unsere Kinder, ich hätte mir keine bessere und vortrefflichere Gattin
auswählen können. Lernt sie Anna mit ihrem sanften, gefälligen
und verträglichen Wesen erst besser kennen, so wird diese jetzige
Wandlung ihrer früheren Abneigung auch sicher von Bestand sein
und auch erfreuliche Früchte für uns tragen.
Das Frühstück schmeckte Mister Reed so prächtig heute, wie
es ihm lange Zeit nicht gemundet, und als seine Gattin nach geraumer Zeit in sein Arbeitszimmer trat, um ihn zur Überführung seiner Schwester in die Familienwohnung abzuholen, da
strahlten seine Augen voll Glück und Stolz, und, ohne einen Augenblick zu verlieren, folgte er ihrer Aufforderung, sie zu diesem wichtigen Familienakte zu begleiten. So sehr auch Reed vor dem ersten
Begegnen der beiden Frauen von einem Gefühle der Bangigkeit
beschlichen war, jetzt war es völlig geschwunden und er erwartete
dasselbe voller Ruhe.
Beim Eintritt in die Gesindestube, fanden sie Anna sichtlich
gestärkt, und Mistreß Reed schritt auf dieselbe, welche sich zur Begrüßung erheben wollte, mit entgegengestreckter Hand zu und sprach
überaus freundlich: Sein Sie mir herzlich willkommen, liebe
Schwägerin, in unserem Hause. Freilich wünschte ich in Ihrem
Interesse, daß zu unserem Wiedersehen ein freudigerer Grund die
Veranlassung gegeben hätte, als Ihr tief beklagenswertes Unglück.
Um so inniger aber soll Ihr Eintritt in unseren häuslichen Kreis
begrüßt sein, und wir werden uns alle aufrichtig bemühen, Ihnen
Ihr früheres unverdientes trübes Geschick vergessen machen zu
helfen.
Heiße Thränen entströmten bei diesen unerwarteten und daher
um so tiefer zu Herzen dringenden Worten Anna's Augen, so daß
sie einige Sekunden lang vergebens nach Worten ringen mußte.
Dank! Dank! flüsterte sie endlich. Ich stehe beschämt, tief und
schwer beschämt vor Ihnen; und zur Strafe meines schuldigen
Bewußtseins will ich Ihnen gleich offen bekennen, daß ich auf einen
so herzlichen Empfang nicht vorbereitet war und auf einen solchen
zu rechnen gar nicht hätte berechtigt sein können.
Wie haben Sie nur einen solchen Gedanken zu fassen gemocht, Schwägerin?
Die Schuld liegt auf meiner Seite, daß wir vor meinem
Scheiden vom heimatlichen Boden nicht in wahrhaft verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden haben.
Sie sind dem Zuge Ihres Herzens, dem Manne Ihrer Wahl
gefolgt und haben sich von uns getrennt - aber jetzt sind Sie eine
Unglückliche und bedürfen der Liebe wie des Trostes, und schon
aus diesem Grunde muß die Vergangenheit vergessen sein. Und
wenn Sie mir aufrichtig zugethan sind, so erinnern Sie mich mit
keiner Silbe wieder an unsere früheren Beziehungen zu einander.
Ich will es versuchen, Schwägerin. Jane reiche dieser gütigen Dame Deine Hand.
Komm, mein Kind, sprach Sarah gütig zu Jane, die sich scheu
und schüchtern an ihrer Mutter Kleide festgehalten hatte, komm
und gieb der Tante Dein Händchen. Fürchte Dich nicht.
Jane trat zaghaft auf Mistreß Reed zu und, ihr die Hand
reichend, sprach sie leise: Guten Tag, Tante. So darf Mama
und ich bei Dir, in Deinem Hause bleiben?
Gewiß, mein kleines Mädchen, Du bleibst hinfort bei Onkel
und Tante Reed. Und wenn Du recht gut sein und uns lieb
haben willst, so wollen wir Dich auch lieb haben.
Und Mama auch lieb haben, nicht wahr? recht lieb? fragte
die Kleine rasch weiter.
Dich und Mama wollen wir lieb haben und Euch nicht wieder
fortlassen. Und giebst Du Onkel Reed hier kein Händchen, Jane?
Der gute Onkel wird Euch ebenfalls lieben.
Der hat mir erst selbst schon die Hand gereicht und mir das
Haar gestreichelt und mich so freundlich angeschaut, wie mich bisher
nur die liebe Mama immer angeschaut hat.
Wir haben jetzt unsere Bekanntschaft hinlänglich gemacht, und
so dürfte es nun das Beste sein, wenn Sie, fuhr Sarah fort,
diesen für Sie, liebe Schwägerin, ungeeigneten Ort verließen und
mit einem anderen in unserer Familienwohnung vertauschten, in
welcher ich Ihnen bereits zwei Zimmer eingeräumt und wohnlich
eingerichtet habe. Unsere beiden Kinder, Georgine und John,
sollen Sie später kennen lernen, da sie jetzt gerade Unterricht haben.
Meine Hannah wird Ihnen und für Jane Kleider bringen, mit
welchen Sie sich zunächst behelfen müssen, bis wir ein paar neue
Anzüge für Sie haben anfertigen lassen können.
Verfügen Sie ganz über mich nach Ihrem Belieben, erwiderte Anna, ich kann ja sicher nichts Besseres thuen, als Ihre so
überaus freundlichen Bestimmungen mit Dank und dem drückenden
Bewußtsein annehmen, sie Ihnen nie wieder vergelten zu können.
So folgen Sie mir, Anna; komm, Jane, Tante Reed wird
Dich selbst in Dein Bettchen bringen.
Mister Reed war vollständig überrascht über die Liebenswürdigkeit seiner Gattin und hegte weiter keinen sehnlicheren Wunsch,
als daß diese für ihn erfreuliche und sie selbst ehrende Gesinnung
auch für die Folge festen Stand halten möge; er begleitete die
beiden Frauen bis zur Thüre seines Wohnhauses, dann aber verabschiedete er sich mit den Worten von ihnen: Es wird das Geeignetste sein, wenn ich mich nicht in Eure Arrangements mische
und erst noch einige dringende Besorgungen erledige. Auf Wiedersehen denn zu Nachmittag.
Mistreß Reed führte ihre beiden ihr so überaus unwillkommenen Gäste, denen gegenüber sie mit großer Gewandtheit die
Maske der Zärtlichkeit und Liebe vorgenommen hatte, nach den
für sie bestimmten Zimmern, und man muß ihr zur Ehre nachsagen, daß dieselben hell, geräumig und elegant eingerichtet waren;
die Aussicht der einen Stube umfaßte den Hof und einen Teil
des Parkes, während man von der Schlafstube aus den Blick
über die Felder hinaus bis zu den bewaldeten Hügeln schweifen
lassen konnte, von deren größtem herab Anna mit ihrer Jane am
heutigen Morgen eingetroffen war. Das Wohnzimmer war überdies mit Bildern reich ausgeschmückt und für eine kleine Bibliothek ebenfalls Sorge getragen; überhaupt hatte Sarah für Bedürfnisse jeder Art sowie auch für Material zu weiblichen Handarbeiten bestens gesorgt, so daß auch das strengste und anspruchsvollste weibliche Auge nicht den leisesten Tadel auszusprechen vermocht hätte.
Sieh, Jane, sprach Mistreß Reed gütig, hier ist Dein
Bettchen. Gefällt es Dir so, mein Kind?
Es ist so schön, Tante Reed, wie ich noch niemals eins
gesehen habe, antwortete die Kleine.
Viel zu schön, viel zu reich für uns, fügte Anna Eyre hinzu.
Ich danke Ihnen herzlich im Namen meines Kindes dafür, Schwägerin.
Ich werde Sie künftighin der Kürze halber Anna nennen;
bitte, sagen Sie auch zu mir weiter nichts als Sarah. Es wird
so meinem Gatten am angenehmsten sein. Sie sind doch mit mir
einverstanden über diesen Punkt?
Er entspricht meinem Herzensbedürfnisse, Sarah.
Gut so; ich werde Sie jetzt allein lassen und Ihnen Hannah
senden, damit Sie für sich und Jane andere Kleider herrichten und
Nachmittag bei uns darin erscheinen können.
Mistreß Reed kehrte nach ihrem Wohnzimmer zurück, nachdem
sie der Wirtschafterin Hannah die nötigen Weisungen für ihre
Schwägerin erteilt hatte, und fand in demselben Georgine und
John vor, deren Unterricht für den Morgen beendet war.
Nun, Mama, fragte Georgine, was ist denn aus den Bettelleuten geworden?
Diese Bettelleute, die Du aber niemals so nennen darfst,
antwortete die Mutter, werden bei uns bleiben, bei uns wohnen
und alle Tage mit uns speisen.
Und das hast Du Dir so gutmütig von dem Papa bieten
lassen? fragte jene weiter.
Es sind Eures Vaters Schwester und Nichte, also Eure
nächsten Verwandten, meine Kinder, und Ihr werdet sie Tante
und Cousine nennen müssen.
Wer wird mich dazu zwingen können? fragte Georgine trotzig
und John Reed schloß sich dieser Frage mit dem Zusatze an: Ich
werde dies niemals thun.
Euer Vater will es so haben; es ist sein Wille, sein Befehl,
und Euer Gehorsam wie Eure Klugheit wird Euch den Rat geben,
ihm genau nachzukommen und mir, Eurer gütigen Mutter, keine
unnötigen Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Ich werde es nicht thun, Mama, rief John erregt; ich werde
später hier einmal Herr sein und soll eine Bettlerin Tante nennen.
Nimmermehr!
Du wirst dies thun, mein lieber John, schon Deiner Mama
wegen; wer einmal Herr werden will, der muß auch vorher gehorchen lernen, damit er zu beurteilen vermag, wie weit er selbst
einmal Gehorsam von Anderen verlangen kann.
Gern thue ich es nicht, sprach der trotzige Knabe, aber es soll
geschehen, Mama.
Und Du, Georgine? fragte die Mutter.
Ich werde John's Beispiel befolgen. Du sollst mit mir zufrieden sein, Mama.
Der Nachmittag versammelte die Familie Reed, Anna mit
Jane und auch die Erzieherin Bessie Home an der Mittagstafel,
und auch dieses erste Zusammentreffen fiel aus Respekt vor des
Vaters Willen und Befehl und aus Liebe für die immer nachsichtige Mutter ganz leidlich und erträglich aus, wenn auch Anna's
scharfe Beobachtungsgabe sofort entdeckte, daß das angenommene
herzliche Wesen nicht aus freiem Antrieb oder aus Neigung entsprang- aber wie hätte sie dies auch schon beim ersten Zusammentreffen beanspruchen können? War es nicht mehr für sie,
als sie zu beanspruchen hatte, daß man sie mit ihrem Kinde ohne
ein Wort der Widerrede in das Haus aufgenommen hatte und
sie als zur Familie gehörend betrachtete? Hatte sich ihre elende
und trostlose Lage nicht wie mit einem Zauberschlage verwandelt?
Konnte sie nicht zunächst unbekümmert in die Zukunft schauen und
für ihres Kindes Glück die besten Aussichten erwarten?
Mister Reed sprach während der Mahlzeit absichtlich nicht
viel und überließ es seiner Frau, die Unterhaltung zu führen; er
bemerkte auch mit Zufriedenheit, daß seine beiden Kinder, deren
Stolz ihm kein Geheimnis war, so sehr er auch dagegen ankämpfte,
Fragen an die Tante und Jane richteten und hob endlich in vergnügter Stimmung die Tafel auf.
Anna, welche für sich und Jane mit geschickter Hand zwei
saubere und kleidsame Anzüge aus Sarah's und Georgine's abgelegter Garderobe hergestellt hatte, mußte auch den Kaffee im Familienkreise mit einnehmen und durfte sich erst entfernen, als
Bessie's Unterricht wieder begann. Nach kräftiger Nahrung und
in besseren und anständigen Kleidern boten die Beiden jetzt nicht
mehr ein Bild des Erbarmens, wie bei ihrem Eintreffen, sondern
machten vielmehr einen recht freundlichen Eindruck. Besonders
machte Jane mit ihren schönen dunklen Augen und ihrem krausen,
fast gelockten dunklen Haar, mit ihrem sanften stillen Wesen und
ihren verständigen Antworten, die auf eine frühe Geistesreife schließen ließen, einen ungemein wohlthuenden Eindruck auf Reed's
Herz und er gewann, ohne es sich selbst bewußt zu sein, vom ersten
Tage an eine gewisse Neigung und Vorliebe für Jane. Ja diese
Vorliebe schien eine gegenseitige zu sein, denn Jane hing unverwandt an ihres Onkels Auge und lauschte auf jede seiner Mienen,
auf jedes seiner Worte. War die Tante auch dem kleinen Mädchen freundlich und warm entgegengetreten, das Kind hielt sich
stets mit einer gewissen Zaghaftigkeit in einer gewissen Entfernung
von der schönen stolzen Frau.
Der Abend vereinigte die Familie wiederum in einem gemeinschaftlichen Zimmer und verlief in stiller Behaglichkeit, so daß sich
Reed heimlich gestehen mußte, einen so angenehmen und gemütvollen Tag seit längerer Zeit in seinem Hause nicht verbracht zu
haben.
Das Leben auf Reed's Besitzung verlief meist still, oft einförmig. Jane konnte noch nicht an dem Unterrichte Georgine's
und John's teilnehmen, kam mit diesen daher auch nur wenig in
Berührung, und so gab es für sie manche Stunde, in welcher sie
allein sich in der nächsten Umgebung des Parkes aufhalten und
spielen durfte. Hier nun suchte sie Onkel Reed öfters auf und
erfreute sich an ihrem kindlichen harmlosen Geplauder, bei welchem
er manch tiefen Blick in Jane's reiches und liebevolles Gemüt zu
thun vermochte. Er zog das Kind an sich, nahm es auf seine
Knie und scherzte mit ihm, wie er es mit seinen eigenen Kindern
wenig, ja nur sehr wenig gethan hatte; er war selbst erstaunt, sich
Empfindungen für dieses kleine Mädchen gestehen zu müssen, die
ihm früher ziemlich fremd geblieben waren. Seine Hinneigung
zu Jane blieb selbst seiner Gattin nicht verborgen, aber wenn die
selbe auch deshalb kein Wort zu äußern wagte, so konnte man es
doch an der Kälte gewahren, welche ihr Antlitz überzog, sobald sich
ihr Gatte in seiner Vorliebe für Jane nicht zu beherrschen vermochte. Was konnte das kleine unwissende Geschöpf für diese
Liebe seines Onkels, aber in der Tante Brust zog eine Empfindung wie Neid, Eifersucht und Haß gegen die zärtliche Jane
ein. Sarah hätte ihren Gatten in sanfter Weise auf diese ihr
wider seinen Willen zugefügte Kränkung aufmerksam machen sollen,
jedoch war sie zu stolz hierzu und räumte sich es selbst nicht ein,
daß es ihre eigene Erziehungsweise war, welche ihre eigenen Kinder von des Vaters Herzen zum teil abgewendet hatte, aber sie
konnte keine Liebe lehren, so sehr sie auch fühlte, wenn ihr diese
Empfindung nicht in gebührendem Maße entgegengebracht wurde.
So bildete sich, da Mistreß Reed schon früher eine starke Abneigung gegen ihre Schwägerin gehegt, ja dieselbe beinahe gehaßt
hatte, unter der freundlichen Maske, welche sie aus Rücksicht gegen
ihren Gatten zur Schau zu tragen gezwungen war, diese Abneigung
zu einem offenbaren Haß, besonders gegen Jane aus, und von
ihrem Gatten selbst schied sie eine immer größer werdende Kluft,
so geschickt sie deren Breite und Tiefe, überhaupt deren Vorhandensein zu verhüllen verstand. Reed's Wille und Charakterstärke war
ausreichend genug, um Alles niederzuhalten, was seiner Schwester
und deren Töchterchen irgendwie zeigen konnte, daß sie Beide nur
als eine unbequeme Last in seinem Hause und in seiner Familie
betrachtet wurden.
Drittes Kapitel.
Der Winter war allmählich eingezogen, und das Weihnachtsfest nahte heran; reges Leben herrschte im Landsitze Gateshead, auf
welches nach mehr als vierzehntägiger Abwesenheit Mister Reed
mit seiner Gattin aus London zurückgekehrt war. Zum ersten
Male seit seiner Verheiratung hatte er sich, gleichsam aus Dank
für Sarah's liebevolles Wesen gegen seine unglückliche Schwester,
entschlossen, die Weihnachtsgeschenke für seine Gattin, seine Kinder
und seine Schützlinge, in Gemeinschaft mit Sarah, in London persönlich einzukaufen, während dies früher stets in Bedford erfolgt
war. Es geschah dies nebenbei in der Absicht, seiner Gattin längere Zeit entbehrte Genüsse, wie den Besuch von Theater, Konzerten, Kunstausstellungen u. s. w. in London zu teil werden zu
lassen, da ihnen die Erledigung ihrer Geschäfte und Einkäufe Zeit
genug übrig ließ, ihren Neigungen und Vergnügen nachgehen zu
können. Reed, der sonst sehr einfach und genügsam lebte, war
freigebig, ja verschwenderisch gegen seine Gattin, und so ließ ihn
dieselbe auch ohne Widerspruch gewähren, als er bei dem Ankaufe
der Geschenke seine Schwester und Jane fast in gleichem Maße
bedachte, wie seine eigenen Kinder und sie selbst, ja sie wollte freiwillig noch mehr bescheren, als Reed aus freiem Antrieb den anfänglich nur auf acht Tage berechneten Aufenthalt auf 1 Tage
erweiterte.
Wäre es nicht herrlich, bemerkte sie einmal gesprächsweise zu
ihm, wenn wir beständig in London leben und unsere Kinder an
unseren Freuden teilnehmen lassen könnten?
Gewiß wäre es das, antwortete er, aber um dies ausführen
zu können, müßte ich bedeutend reicher sein. Gateshead bringt uns
ein anständiges, ja reiches Auskommen, wollte ich dasselbe jedoch
in Pacht geben, so würde es kaum die Hälfte dessen ertragen, was
ich mit meiner eigenen Bewirtschaftung erziele.
Wird diese Summe nicht für unseren Aufenthalt in London
ausreichen können?
Auch dieser würde zu bestreiten sein, - aber ich habe noch
an wichtigere Dinge zu denken, liebe Sarah. Es ist Dir bekannt,
daß nach meinem Tode unseren Landesgesetzen zufolge mein ganzes
Besitztum in John's Hände übergeht und Du wie Georgine allein
von ihm und seinem Willen abhängig sind- und das ist gegen
meine Grundsätze.
So glaubst Du, daß unser lieber, guter John uns sein Herrenrecht empfinden ließe?
Mit bloßem Glauben, Sarah, rechne ich nicht gern; ich muß
sicher darauf zählen können, daß Du frei und unabhängig nach meinem Tode, den Gott frühzeitig verhüten möge, dastehen kannst und
für Georgine ein anständiges Heiratsgut bereit liegt.
Du beschäftigest Dich ohne Not mit unserer Zukunft, lieber
Georg. John hat das trefflichste und beste Herz; er liebt mich
zärtlich und würde Alles für mich hingeben.
Es sollte mich sehr freuen, wenn sich Deine Überzeugung
bewahrheiten sollte- ich für meine Person muß Gewißheit haben,
wenn ich Weib und Kind für alle Fälle geborgen sehen soll. Doch
brechen wir ab von diesen ernsten Dingen und überlassen wir uns
der Gegenwart; beendigen wir unsere Anwesenheit in London und
kehren wir nach unserem Haushalt zurück.
Mistreß Reed gewahrte, daß sie an dem Punkte angelangt
war, wo sie ihres Gatten Willen schon mehrmals unbeugsam gefunden hatte, und wenn sie auch sich eingestehen mußte, daß Reed
nur in ihrem und Georgine's Interesse handelte, so kränkte sie es
tief, daß er an John's Herzen zweifelte, das sie selbst für völlig
rein und makellos hielt.
So haben wir Beide zu Eingang dieses Kapitels wieder auf
ihrem Landsitze angetroffen und zwar mit Vorbereitungen für das
Weihnachtsfest beschäftigt gefunden, das in England freilich nicht
in dem gleichen Maße feierlich begangen wird, wie bei uns; aber
Reed hatte einige Jahre auf einem deutschen Landgute zu seiner
Ausbildung verlebt, dabei den eigentümlichen Zauber dieses herrlichen Familienfestes auf die Herzen der Kinder kennen gelernt
und es in Folge dessen in seinem eigenen Hause eingeführt.
An dem Festabende selbst wäre es jedoch beinahe zu unerfreulichen
Auftritten gekommen, da John sich seiner Meinung nach der kleinen
Jane gegenüber zurückgesetzt sah und nach mehreren Stücken Spielzeug derselben das heftigste Verlangen zeigte. Nur mit Mühe gelang es Jane's Mutter, den Zorn des Knaben zu besänftigen und
niederzuhalten, indem sie ihm bereitwillig die verlangten Dinge
überließ, und auch ihre Jane zu besänftigen, welche sich nur ungern
von Geschenken trennte, welche sie ihres Onkels Güte zu verdanken hatte.
Reed selbst war zu sehr mit seiner Freude über den schönen
Abend beschäftigt, als daß er von dem kleinen Vorkommnisse das
Geringste bemerkt hatte; besonders entzückte ihn eine herrliche
Doppelflinte, welche er aus Holstein, wo er früher gewesen war,
von einem seiner Freunde als Weihnachtsgeschenk übersandt erhalten hatte. Seine Frau und seine Kinder verstanden seine Freude
nicht und hatten nur für ihre Geschenke Augen und Gedanken,
die kleine Jane aber trat teilnahmsvoll zu ihrem Onkel und fragte
recht treuherzig:
Onkel Reed, was für ein glänzendes Ding hast Du da zum
Weihnachtsfest erhalten?
Das ist ein Jagdgewehr, meine liebe Jane, mit welchem man
Die Waise von Lowood.
die Tiere im Felde und im Walde töten kann, wenn sie zu
zahlreich werden.
Tötest Du auch Tiere, Onkel Reed? Ich würde das nicht
können.
Ich thue es auch nur, wenn ich muß, und zuweilen ist es
sogar nötig, daß es geschieht.
Da freuest Du Dich wohl recht sehr über Dein schönes
Jagdgewehr?
Gewiß freue ich mich, mein Kind, aber nicht allein über das
Gewehr, sondern noch viel mehr darüber, daß derjenige Mann,
welcher es mir geschenkt hat, mich nicht vergessen hat und noch
nach Jahren in Freundschaft und Liebe meiner gedenkt.
Das muß ein recht guter Mann sein, Onkel. Reed.
Das ist er auch, meine liebe Jane, und noch dazu bin ich
ihm zu großem Danke verpflichtet und müßte ihm eigentlich
Geschenke übersenden. Bei ihm bin ich zwei Jahre lang gewesen
und habe in seiner Familie als Kind des Hauses gelebt; bei ihm
habe ich gelernt, was mir noch fehlte, um mein Besitztum hier
in guten Zustand zu bringen, damit ich mit der Tante Sarah
und meinen Kindern davon leben und auch Anderen Gutes
thun kann.
Du guter Onkel thust mir und meiner Mama so sehr viel
Gutes.
Du mußt den Onkel nicht loben, Jane, er hört das nicht
gern, mischte sich Mistreß Reed plötzlich in das Gespräch, das für
sie keine angenehme Wendung zu nehmen schien und ihr Herz mit
Groll erfüllte, den sie freilich nicht offen zu zeigen wagte. Sie
tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß sich doch einmal Gelegenheit bieten werde, um sich von den ihr immer lästiger werdenden
Verwandten zu befreien. Die Arbeiten dieses Tages, fuhr sie
nach einer kurzen Pause fort, in welcher sie eine Antwort ihres
Gatten erwartet hatte, haben mich doch mehr angegriffen, als ich
erwartet hätte; ich fühle mich ermüdet und wünsche, daß wir den
Abend abbrechen und uns zur Ruhe begeben.
Georgine und John baten und bestürmten die Mutter, daß
sie noch bleiben möge und sich an ihren Geschenken erfreuen solle,
Anna und Jane aber brachen sofort auf, um Mistreß Reed's
Wunsch zu erfüllen. Jane ging auf sie zu und sagte teilnehmend:
Gute Nacht, Tante Reed, schlafe recht gut, damit Du morgen früh
wieder gesund wirst. Gute Nacht, Onkel Reed, morgen früh erzählst Du mir wieder von Deinem guten Freunde.
Nehmt Euch ein Beispiel an diesem braven und folgsamen
Mädchen, sprach Reed ernst zu seinen Kindern, und quält die
Mutter nicht weiter, wenn sie sich angegriffen fühlt.
Nach diesen Worten mußten sich John und Georgine ebenfalls
entfernen und ihr Zimmer aufsuchen, freilich nicht ohne sichtliche
Anzeigen von Widerwillen und Arger.
So verfloß auf Gateshead ein Tag nach dem andern, eine
Woche folgte der anderen und ließ das Zusammenleben in unveränderter Gestalt erscheinen. So sehr auch von Mister Reed's und
Anna's Seite Alles aufgeboten wurde, einen Zug von Herzlichkeit
und Aufrichtigkeit in die Familie zu bringen, es gelang nicht
vollständig, es lag auf allen Worten, auf allen Handlungen das
Gefühl der Unbehaglichkeit und eines beängstigenden Druckes.
Anna Eyre hatte sich im Laufe der Zeit allmählich wieder
erholt und gekräftigt, leider aber nur dem Anscheine nach den
Verlust ihres Gatten vermochte sie nicht zu verschmerzen, die gedrückte Lage, in welcher sie sich mit ihrem Kinde befand und die
auch ihrem Bruder manche unangenehme Stunde bereitete, nagte
in ihrem Innern und brach ihre Lebenskraft. Nach Verlauf von
wenig mehr als einem Jahre streckte sie ein plötzlich auftretendes
heftiges Fieber auf das Krankenlager, von welchem sie trot aller
angewandten ärztlichen Hilfe und sorgfältigsten Pflege sich nicht
wieder erheben sollte. Sie hatte einen langen und schweren Todeskampf zu bestehen,- es war, als wenn ihre starke und edle
Seele den gebrechlichen Körper besiegen und nicht aus seiner
schwachen Hülle heraus wollte. Was sie bis zum letzten Atemzuge
fast noch bei voller geistiger Besinnung erhielt, war die Liebe zu
ihrem Kinde und die Angst, was nach ihrem Tode sein Schicksal
sein werde. Und Jane schien die Gedanken der sterbenden Mutter
gleichsam zu ahnen: unaufhörlich stand sie am Lager der Hartgeprüften, hielt ihre blasse Hand in ihren Händchen, nannte sie
mit den zärtlichsten Namen und suchte sie zu erheitern und zu
trösten in ihrer sanften und engelgleichen kindlichen Weise.
Alle Pflege und Sorge jedoch war vergebens, der Tod hatte
sein unglückliches Opfer bereits mit zu sicherer Hand ergriffen.
Eines Nachmittags, Jane war vor Ermattung eingeschlummert,
weilte ihr Bruder an ihrem Lager und schaute sie mit wehmutsvollen Blicken an, ohne eines Wortes mächtig zu sein, da ergriff
sie plötzlich seine Hand und sprach mit leiser zitternder Stimme:
Bruder Georg, ich fühle, mein letzter Augenblick ist gekommen.
Du hast so viel für mich und meine Jane gethan; sorge auch,
daß ich mit Ruhe meinen Geist aufgeben kann. Willst Du, Georg?
Der Angeredete nickte stumm und ließ eine Thräne auf die
Hand der Schwester fallen.
Ich lege Dir meine Jane an das Herz. Verlaß sie nicht,
sobald ich von der Erde abberufen bin und so lange sie nicht alt
genug ist, um für sich selbst sorgen und in der Welt allein für
sich stehen zu können. Gelobe mir es nochmals in meine Hand,
obwohl ich überzeugt bin, daß Du sie nie verlassen willst. Dein
Gelöbnis gewährt mir einen noch größeren Trost.
Bei Gott im Himmel, ich gelobe es Dir feierlich, Anna,
erwiderte Reed leise und tief bewegt.
Ein leichtes Lächeln glitt wie ein heller Sonnenstrahl über
Anna's Gesicht; sie schloß die Augen und versank in einen ruhigen
und sanften Schlummer, aus welchem sie freilich nicht wieder erwachen sollte. Ihren wirklichen Tod entdeckte man erst nach Verlauf einiger Stunden, als der Arzt eintraf und sich nach dem
Befinden seiner Patientin erkundigen wollte; er erst mußte der
Familie Reed mitteilen, daß Anna Eyre sanft und schmerzlos
entschlafen sei.
Reed's Bestürzung und Trauer waren, wenn er auch an die
Genesung seiner Schwester nicht hatte glauben können, außerordentlich! Er hatte an derselben wegen ihres edlen und sanften
Charakters mit wirklicher brüderlicher Liebe gehangen und beklagte
nun ihr Hinscheiden besonders wegen der zurückgelassenen Jane,
welche nun ganz verlassen und nur auf seinen Schutz angewiesen
war, denn davon war er überzeugt, daß seine Gattin die Waise
wohl duldete, aber niemals ihr auch nur eine Pflegemutter sein
würde. Um so heiliger und unverbrüchlicher Schwur er sich in
seinem Innern, sein der Schwester im Sterben noch gegebenes
Gelöbnis zu halten und Jane wie sein Kind zu betrachten.
Als Jane von dem Tode ihrer Mutter in Kenntnis gesetzt
wurde, jammerte sie laut auf und sank am Totenbette zusammen;
sie wollte dasselbe nicht verlassen und nur der zärtlichsten und
trostreichen Zusprache ihres Onkels gelang es, sie von der Leiche
der Mutter zu entfernen und sie zur Ruhe zu bringen. Auch
Mistreß Reed schien ergriffen und zeigte eine Trauer, eine Wehmut, welche ihren Gatten in der That überraschte; sie äußerte
ihre Teilnahme in warmen Worten und versuchte es ebenfalls,
der kleinen Jane Trost einzusprechen. Sie traf alle Vorbereitungen
zu einem ehrenvollen Begräbnisse ihrer Schwägerin, welche auf
dem Friedhofe des nächstgelegenen Dorfes beerdigt wurde, persönlich mit großer Sorgfalt und legte mit ihren Kindern sofort am
ersten Tage nach dem Todesfalle Trauerkleider um die Verschiedene an, als wenn diese ihre eigene Schwester gewesen wäre.
Jane verhielt sich schweigsam und still, aber ihre Augen
waren stets von Thränen umschleiert, und so oft es ihr möglich
war, schmiegte sie sich an ihren Onkel und ließ seine Hand nur
los, wenn er sich wieder aus dem Zimmer entfernen mußte. So
wuchs die Liebe zwischen Onkel und Nichte zu einem immer
stärkeren, ja unzerreißbaren Bande und schloß Beider Herzen immer
fester zusammen zum Arger von Mistreß Reed und zum Neide
ihrer beiden Kinder.
Das Begräbnis hatte stattgefunden, und das ruhige und
geregelte Leben in Gateshead nahm seinen früheren ungestörten
Fortgang. Da Jane an dem Unterrichte von Georgine und John
noch nicht teilzunehmen vermochte, so übernahm es Reed selbst,
ihr den ersten Unterricht zu erteilen, und wenn er seiner Nichte
auch nicht schreiben und lesen in ihren Anfangsgründen beibrachte,
so lehrte er sie doch die Liebe zu Gott, zu ihren Nebenmenschen,
zur Natur und zu allen lebenden Wesen, und seine Lehren fielen
auf einen sehr fruchtbaren Boden, denn Jane's Seele war dankbar
und empfänglich für alles Gute und Schöne, das sich ihr zeigte
und das sie mit ihrem kindlichen Begriffsvermögen in sich aufzunehmen und auch zu verstehen vermochte.
Mistreß Reed versuchte es ihrem Gatten gegenüber mehrmals,
Jane's Unterbringung in einer Erziehungsanstalt als segensreich
für das Kind und als notwendig für ihre Zukunft hinzustellen,
aber sie begegnete hierbei einem so festen und unbeugsamen Willen
ihres Mannes, daß sie dieses Thema aus Furcht vor seinem Zorne
nicht wieder zu berühren wagte. Als Jane in das sechste Lebensjahr eintrat, mußte ihr Miß Bessie allein Unterricht erteilen, und
das ernste fleißige und reich begabte Waisenkind machte zum Erstaunen Aller in einem Jahre so gewaltige Fortschritte, daß sie
trotz des Altersunterschiedes zwischen John und Georginen an deren
Lehrstunden teilnehmen konnte, ja Bessie pflegte mitunter zu ihrer
Umgebung zu äußern, daß es nur noch kurzer Zeit bedürfe, um
beide Geschwister von Jane an Kenntnissen überholt zu sehen, da
letztere fleißiger und weit beanlagter sei.
So sehr Mister Reed nun auch über Jane's Fortschritte erfreut war, so schmerzte es ihm auf der anderen Seite wiederum,
so wenig Lerntrieb und Ehrgefühl namentlich bei John zu finden,
von dem er verlangte, daß er ein tüchtiger und kenntnißreicher
Mann werden solle, damit sein väterliches Erbe sich immer besser
und gedeihlicher entwickele, nicht aber durch Unerfahrenheit und
Nachlässigkeit zurückgehe und endlich wohl gar zu Grunde gerichtet
werde. Er sprach gütig und nachsichtig zu seinem Sohne, ernst
und voll Nachdruck, er konnte auch Strenge und Härte anwenden,
John folgte zwar momentan und zeigte das Bestreben, an seiner
Ausbildung zu arbeiten, aber es fehlte ihm der rechte Ernst zum
lernen, ja er ermangelte der wahren Liebe zu seinem Vater, der
nach seiner Meinung zu viel von ihm verlangte und daneben ihm
zu wenig freien Willen ließ und viel zu wenig Vergnügen gewährte, - eine Meinung, in welcher seine eigene Mutter zu
ihrem eigenen Unglücke ihn bestärkte.
Daß durch Jane's Fortschritte und reiche Begabung das
Verhältnis in der Familie sich nicht freundlicher für sie gestaltete,
ist wohl leicht erklärlich, auch sie fühlte dies wohl, aber es drückte
sie nicht gerade besonders, da sie ihres Onkels Neigung und Liebe
gewiß war und in dieser ihr volles Genügen fand. Streitigkeiten
zwischen John und Jane kamen jetzt viel öfterer vor, als sonst,
und das stets unschuldige Mädchen hatte von ihrer Tante viele
böse Worte und manche harte Behandlung zu ertragen, wobei ihr
unter Androhung von erneuter Strafe Stillschweigen gegen ihren
Onkel auferlegt wurde, und wahrlich war Jane auch so unklug,
die ihr widerfahrenen Unbillen still zu ertragen und dieselben
ihrem Onkel Reed gegenüber mit keinem Worte zu erwähnen, um
ihm keinen Kummer zu bereiten.
Jane liebte es in dem das Besitztum umgebenden Park einsame Spaziergänge zu unternehmen und an schattigen Orten zu
ihrer Unterhaltung zu lesen; auf diesen Promenaden verfolgte sie
John unablässig und suchte ihr irgend einen Schabernack oder
sonst einen losen Streich zu spielen; sie verstand es vielfach, sich
seinen Nachstellungen zu entziehen, manchmal aber gelang es ihr
auch nicht. So geschah es einstmals, daß sie John im Park rasch
ausweichen wollte, dabei strauchelte und in einen kleinen, mit
Wasser halb angefüllten Graben fiel. Hastig sprang John auf
das Mädchen los und suchte es im Wasser liegend festzuhalten,
was ihm leider sehr wohl gelang, da er von großer Körperkraft
war und sie trotz ihres Sträubens leicht zu bewältigen vermochte.
Schreck und Angst hatten Jane anfänglich überrascht, so daß sie
zuerst nur an Widerstand und nicht an den Unterschied ihrer
Kräfte dachte; von der Gutswohnung zu weit entfernt, hätte ihr
ein Hilferuf nichts genützt, und außerdem war sie zu stolz, Jemand
um Hilfe anzugehen, da sie überzeugt war, daß mit Ausnahme
ihres Onkels und der Gouvernante Bessie ihr kein anderer Mensch
helfend beistehen würde. Sie richtete daher in ihrer Bedrängnis
gute Worte an den boshaften Knaben, der sie verlachte und eine
falsche heuchlerische Kate nannte, sie bat und flehte auf das Inständigste- es war Alles vergebens: sie mußte in dem schmutzigen
und kalten Wasser geduldig aushalten und liegen bleiben, bis es
John endlich müde ward, sie zu quälen, und sie freiwillig losließ.
Traurig und beschämt schlich Jane hinweg und wagte gegen
Niemand von John's schlechter Handlungsweise zu klagen: unbemerkt wechselte sie ihre nassen Kleider gegen andere und trocknete
die abgelegten so verborgen, damit Niemand im Hause etwas von
ihrer gehabten Niederlage ahnen sollte.
Die Aufregung und die Einwirkung des kalten Wassers, dem
Jane's immer noch zarte Körperkonstitution beinahe eine halbe
Stunde lang ausgesetzt war, blieben nicht ohne böse Folgen für
ihre Gesundheit; sie verfiel während der kommenden Nacht in ein
hitziges Fieber, das von dem am folgenden Morgen herbeigerufenen
Hausarzte, Mister Fowler, für ein heftiges und bedenkliches
Nervenfieber erklärt wurde, dessen Bekämpfung die größte Vorsicht,
die sorgfältigste Pflege erforderte. Reed weilte stundenlang an
Jane's Lager und wachte über sie, wie es ein Vater nicht ängstlicher und besorgter hätte thun können, und wenn er durch seine
Geschäfte davon abgerufen wurde, so übertrug er die Pflege seiner
geliebten Nichte nur an Bessie Home, auf deren Treue, Ergebenheit und Pflichtgefühl er sich unbedingt verlassen konnte. In
ihren Phantasien rief Jane öfters ängstlich den Namen John,
und so erwachte in Reed's sonst argloser Brust der Verdacht, daß
sein John in irgend einem Zusammenhange mit Jane's Krankheit
stehe, aber alle seine Bemühungen, in ruhigeren Augenblicken von
Jane über den Grund ihres Fiebers etwas zu erfahren, blieben
ebenso erfolglos wie bei John selbst, den er den schärfsten Verhören unterzog, dessen Lügenhaftigkeit und Verschmitztheit jeder
weiteren Nachforschung geschickt auszuweichen verstanden.
Einige Tage nach Jane's Erkrankung wurden Reed's beide
Kinder, zuerst Georgine, darauf John, bettlägerig, und wurden
Beide gleichfalls von einem heftigen Nervenfieber heimgesucht.
Mistreß Reed geriet in heftigste Besorgniß und behauptete in
ihrer Aufgeregtheit und in ihrem Schmerze, daß Jane mit ihrem
Fieber ihrer Kinder Erkrankung hervorgerufen, ja dieselben angesteckt habe. Reed suchte seine Gattin zu beruhigen und sie von
ungerechten Vorwürfen abzuhalten, aber Sarah verbat ihm, sich
den Betten von Georginen und John zu nähern, damit er nicht
noch mehr Krankheitsstoff von Jane's Krankenlager zu ihnen herübertrage. Er sah dem bedrängten Mutterherzen, das für das
Leben ihrer Kinder bangte, diesen harten Vorwurf ohne Groll
nach, widmete sich aber von demselben Augenblicke an der unglücklichen Jane mit um so größerer Sorgfalt, da diese mehrere Tage
lang beständig in der ernstesten Lebensgefahr schwebte, ja mit dem
Tode rang.
Die kräftigeren und widerstandsfähigeren Naturen von
Georginen und John überwanden den Fieberanfall weit rascher;
Beide konnten sich schon wieder im Zimmer frei herumbewegen,
als Jane noch matt und gebrochen auf ihrem Lager verweilen
mußte - aber der Todesengel war auch an ihrem jungen Leben
noch einmal schonend vorübergegangen, langsam, sehr langsam
genaß sie und erholte sie sich, und ihres Onkels Herz jubelte im
Stillen laut auf, als sie ihm zum ersten Male wieder einige
Schritte entgegenzugehen vermochte. Jane verkehrte jetzt nur mit
ihrem Onkel und Bessie; von den übrigen Bewohnern des Landsitzes verlangte Niemand nach ihr, und so war es selbstverständlich
natürlich, daß sie nach Niemandem Verlangen trug, von dem sie
wußte, daß er ihr keine Liebe entgegenbrachte. Sie zog sich von
Allen furchtsam und ängstlich, ja mit einer gewissen Scheu zurück.
Viertes Kapitel.
Die Zeit verrann, ohne daß sich nach Jane's Krankheit irgend
welche besonderen Begebenheiten zutrugen, in ihrem gewöhnlichen
Gange. Georgine war zu ihrer vollständigen Ausbildung in ein
auswärtiges Institut gebracht worden, so daß Jane von da ab
von ihr nichts mehr hörte und auch ihren Onkel Reed nicht nach
ihr fragen mochte. John haßte seine Cousine zwar nach wie vor,
fürchtete aber doch seines Vaters Zorn zu sehr, um sie neuen
Gewaltthätigkeiten und Verfolgungen auszusetzen, ja er hielt sich
behutsam von ihr fern, weil er noch immer befürchten mußte, daß
Jane sein Verfahren gegen sie immer noch seinem Vater mitteilen
könne, wenn er sie wieder beleidigte oder gar mißhandelte.
Jane war in ihr neuntes Lebensjahr eingetreten, und es
schien fast, als sollte ihr von jetzt ein freundlicheres Geschick in
Gateshead beschieden sein wie bisher. Ihr Onkel liebte sie immer
zärtlicher und konnte sich ganze Stunden lang mit ihr beschäftigen,
und wenn er auch mit seiner Gattin und John mitunter auf
Reisen ging, so lebte sie mit ihrer lieben Bessie ruhig und zufrieden fort, und war überaus glücklich, wenn von ihrem Onkel
eine gute Nachricht eintraf, die niemals ohne einen freundlichen
Gruß für sie war und sich stets nach ihrem Wohlergehen erkundigte; kehrte der Onkel dagegen zurück, so kannte natürlich ihre
Freude keine Grenzen, und sie wußte sich für die Zeit der Abwesenheit durch ihren Verkehr mit ihm zu entschädigen.
Der . November jedes der bisher in Gateshead verlebten
Jahre war ein großer Festtag gewesen, denn er war Mister Reed's
Geburtstag und wurde auf Sarah's Veranlassung immer durch
eine große Feierlichkeit ausgezeichnet. Die Nachbarn der Umgegend
erhielten Einladungen, es fand ein großes Mittagsmahl statt,
das bis in die Abendstunden hinein dauerte und mit einer kleinen
Ballfestlichkeit abschloß, zu welcher mehrere Musikanten herzugezogen
wurden. Auch in diesem Jahre gab man sich der Lust und Freude
in vollen Zügen hin, zumal es das erste Mal war, daß Georgine
nach dem Eintritt in die Pension nach ihrem Vaterhause auf
Besuch zurückzukehren die Erlaubniß erhalten hatte, und lange
nach Mitternacht hörte Jane, welche zeitig zur Ruhe geschickt war,
aber lange den Schlaf nicht finden konnte, die lustigen Weisen
der Musik ertönen. Plötzlich brach die Musik rasch ab, und sie
vernahm ein polterndes Geräusch, von welchem sie so arg erschreckt
wurde, daß sie aus dem Bette springen und wieder hinauf in das
obere Stockwerk eilen wollte, in welchem die Festlichkeit stattgefunden hatte, aber sie bedachte sich noch zur rechten Zeit, man
könne ihre Teilnahme ihr als Neugierde auslegen, und so bekämpfte
sie ihre Unruhe und Sorge mit dem Aufgebote ihrer ganzen Kraft.
Endlich nach einer angstvoll verbrachten halben Stunde trat Bessie
in ihr Zimmer, welche seit dem Tode ihrer Mutter bei ihr
schlafen mußte.
Miß Bessie, fragte Jane leise, was war das für ein Geräusch,
das ich von oben vernommen habe? Es war, als wenn Jemand
gefallen wäre und sich ein Unglück zugetragen hätte.
Schlaf ruhig, Jane, antwortete Bessie, Georgine, die überaus
ausgelassen war, traf mit ihrem Vater auf der Treppe zusammen,
neckte denselben und kam dabei ins Straucheln. Mister Reed
versuchte sie zu halten, aber sie riß ihn mit sich die Treppe hinab,
und Beide kamen zu Falle, aber glücklicher Weise ist noch Alles
bis auf einige Hautschürfungen abgegangen.
Es ist doch sofort nach einem Arzte geschickt worden? frug
Jane in die Höhe sich richtend.
Mister Reed befahl, für diese Nacht den Arzt nicht zu stören,
da er nicht den geringsten Schmerz fühle, suchte Bessie das vor
Angst zitternde Mädchen zu beruhigen; morgen mit dem Frühesten
aber soll Jack nach der Stadt reiten und den Arzt herbeiholen.
Wenn es nur morgen nicht zu spät sein wird, Miß, rief
Jane und sprang rasch aus dem Bette; ich kenne den Weg nach
dem Ort und will sofort mich dahin begeben, um Hilfe zu holen.
Die Angst um den Onkel läßt mich doch nun keinen Augenblick
Schlaf mehr finden.
Sei vernünftig, Jane, und lege Dich wieder zur Ruhe; Du
weißt, daß Mister Reed es nicht duldet, daß gegen seine Befehle
gehandelt wird- er hat sich bereits gelegt, und unsere Gäste
haben sämtlich das Haus schon verlassen, das von Hannah verschlossen wurde.
So will ich wenigstens hinaus und nachsehen, wie sich Onkel
Reed befindet!
Da würdest Du ihn ohne Not nur stören und Vorwürfe
von Deiner Tante erhalten, die so schon wegen Georginen's Unvorsichtigkeit sich in großer Aufregung befindet und keinen Augenblick von der Seite ihres Gemahls gewichen ist; also bleibe lieber
auf unserem Zimmer und in Deinem Bett- es wird so das
Beste für den Oheim und Dich selbst sein.
Jane gab jetzt jeden Versuch, zu Onkel Reed zu gelangen,
ohne Weiteres auf; verständig, wie sie stets gewesen, sah sie ein,
wie sehr Bessie mit ihren Vorstellungen im Rechte war, und wie
sie durch ihr unverlangtes und unverhofftes Erscheinen Störung
verursachen könnte; aber zur Ruhe gelangte sie nicht wieder, wenn
sie sich auch wieder niederlegte, und in einer fast fieberhaften
Aufregung wachte sie dem kommenden Tage entgegen, der ihr
Gewißheit über ihres Onkel Zustand bringen sollte. Bessie hatte
wiederum viel Mühe, sie von einem zu zeitigen Eindringen in
Mister Reed's Schlafzimmer abzuhalten, und nur mit Anstrengung
gelang es ihr, sie bis zum Eintreffen des Arztes, nach dem Jack
vor Tages Anbruch ausgeritten war, zu beruhigen. In der That
schien Jane's Unruhe ohne Grund gewesen zu sein, denn die Erklärung des Arztes lautete, nachdem er Mister Reed sorgfältig
untersucht hatte, sehr beruhigend, denn er durfte sein Lager verlassen und konnte seinen gewöhnlichen Beschäftigungen ungehindert
nachgehen. Hocherfreut über diese günstige und unerwartete Auskunft verlachte Jane ihre unnütze Angst selbst und gelobte sich
fest, sich nie wieder vom Schrecken so sehr hinreißen zu lassen,
sondern stets bei ruhiger Besinnung zu bleiben, möge auch kommen,
was da wolle.
Acht Tage waren vergangen, Georgine war wieder in ihre
Pension zurückgekehrt, da sollte es sich zu Aller Entsetzen zeigen,
daß selbst erfahrene und zuverlässige Ärzte sich vollständig über
den Zustand eines Patienten täuschen können. Mister Reed kehrte
Nachmittag von einem längeren Ausritt zurück und fühlte sich
unbehaglich; er kämpfte lange mit sich, ehe er den Bitten und
Vorstellungen seiner Gattin nachgab, sich zu schonen und zur Ruhe
zu legen, jedoch ein flehender Blick aus Jane's dunklem Augenpaar
bestimmte ihn zum Nachgeben, und es war bereits die höchste
Zeit, das Lager zu suchen: ein starker Blutstrom drang aus
seinem Munde und raubte ihm für einige Augenblicke die Besinnung, aber seine kräftige und in vollster Manneskraft stehende
Körperkonstitution bezwang diese ihn plötzlich so überwältigende
Schwäche rasch wieder und ließ ihn weniger krank erscheinen, als
er wirklich war. Der Blutsturz schien ihm wirklich Erleichterung
gebracht zu haben, er fühlte sich freier, wohler und alle Unbehaglichkeit war verschwunden, so daß er sogar verhindern wollte, den
Rat und die Hilfe des Arztes für sich in Anspruch zu nehmen.
Mistreß Reed achtete indessen nicht auf ihres Gatten Widerspruch und sandte im Geheimen nach Mister Fowler, mit der
Bitte, sich so rasch wie möglich bei ihr einzufinden, aber nur
ihrem Gatten gegenüber unter dem Vorgeben, daß sein Besuch
ein rein zufälliger sei. Reed ließ sich durch Fowler's unbefangene
Miene, sowie durch den Umstand, daß er sich nicht nach seinem
Befinden erkundige, richtig täuschen und unterhielt sich in unbefangener und scherzender Weise wohl länger als eine Stunde mit
ihm. Plötzlich wechselte er aber, zum Schrecken seiner Umgebung,
die Gesichtsfarbe so, wie wenn jeder Blutstropfen aus seinem
Gesichte gewichen wäre- ein stärkeres Unwohlsein überfiel den
so starken Mann, ein erneuter und heftigerer Blutstrom drang
aus seinem Munde und eine mehrere Minuten anhaltende Ohnmacht überfiel ihn. Mister Fowler griff jetzt rasch und entschlossen
ein und brachte den schwer krank gewordenen Mann mit seiner
Gattin Hilfe auf sein Lager.
Um des Himmels willen, Doktor, flüsterte Mistreß Sarah,
ist mein Gatte gefährlich krank?
Noch will ich nicht hoffen, gab der Arzt zögernd zur Antwort.
Es ist doch nicht schon der zweite Blutsturz, den Mister Reed
heute zu bestehen gehabt hat, Mistreß?
Freilich ist es der zweite; nach dem ersten schon ließ ich Sie
rufen,- Doktor -'o mein Gott, was werde ich erleben müssen!
Mein Gatte ist kränker, als wir alle denken.
Beruhigen Sie sich, Mistreß! erwiderte Mister Fowler ernst.
Leider habe ich mich vor acht Tagen über Mister Reed's Zustand
getäuscht und ihm keine Schonung auferlegt, aber es geschah nach
meiner besten Überzeugung, nach meinen bisherigen Erfahrungen.
Kein Arzt ist untrüglich, und was ich damals ohne mein Verschulden versäumt habe, das will ich jetzt mit aller meiner Kunst
und Wissenschaft wieder gut zu machen suchen.
Wenn es noch Zeit ist, Doktor, o so flehe ich Sie inständigst
an, retten sie mir den Gatten, retten Sie meinen Kindern den
Vater, jammerte Sarah von Neuem.
Vor allen Dingen muß ich jetzt um vollständige Ruhe bitten,
entgegnete Fowler ernst; Mister Reed erholt sich und darf nicht
ohne Not belästigt und weder durch Jammer noch Thränen aufgeregt werden, wenn ich wirklich helfen soll. Unbedingte Gefahr
ist noch nicht vorhanden, aber es wird von Ihnen, Ihrer Pflege
und meiner Wissenschaft abhänget, daß wir dem Kranken zu seiner
völligen Genesung wieder verhelfen.
Reed schlug die Augen auf. Sind Sie wirklich durch einen
Zufall nur anwesend ? frug er mit matter Stimme. Antworten
Sie mir mit voller Offenheit, Doktor.
Nein, Mistreß Reed ließ mich herbeirufen, antwortete Fowler.
Ein dankender Blick aus Reed's Augen flog nach seiner
Gattin hinüber. Und wußtet Ihr, fuhr Reed fort, daß mich am
Nachmittag schon ein erster Bluterguß betroffen?
Nein, das habe ich erst in diesem Augenblick aus dem Munde
Ihrer Gattin vernommen, antwortete der Arzt; ich würde sonst
gleich zu ihrem Besten handelnd eingegriffen haben.
Und was denkt Ihr von meinem Zustande, Doktor? Ist
er bedenklich?
Wie kann ich das jetzt schon wissen - aber ich verlange jetzt
von Ihnen unbedingte Ruhe und nicht die geringste Aufregung,
die nichts nützen, wohl aber ihre Lage verschlimmern kann, erwiderte Fowler. Ich habe meine Hausapotheke mitgebracht und
muß Sie ersuchen, das Ihnen zu verordnende Medikament einzunehmen und zunächst ruhig auf Ihrem Lager liegen zu bleiben;
die Nacht über werde ich mit Ihrer Gattin abwechselnd an Ihrem
Bette wachen, für den Fall sich weitere ärztliche Hilfe erforderlich
machen sollte. Handeln Sie nun zu Ihrem und Ihrer Angehörigen
Besten und richten Sie keine weiteren Fragen an mich, die ich
Ihnen vor dem nächsten Morgen doch nicht mit Zuverlässigkeit
beantworten könnte. Ich gehe jetzt, hole meine Arznei und bin
im Augenblick wieder hier.
Reed lag still und unbeweglich, nachdem er seiner Gattin
Hand mit seiner Rechten ergriffen und dieselbe dankbar gedrückt
hatte; er nahm geduldig von dem zurückkehrenden Arzte die für
ihn bestimmte Arznei und verfiel nach einer halben Stunde in
einen leichten Schlaf.
Gott sei gelobt! sprach Fowler erleichtert, der Anfall scheint
rascher und glücklicher vorüberzugehen, als ich zu hoffen wagte;
sein schnelles und sanftes Einschlummern ist von günstiger Vorbedeutung. Bleiben Sie, Mistreß, an seinem Lager- ich habe
die ganze vergangene Nacht hindurch gewacht und fühle mich doch
etwas ermüdet. Ich will etwas ruhen und werde mir im Vorzimmer ein Plätzchen suchen. Sobald Ihr Gatte Unruhe in seinem
Schlafe zeigen sollte, so haben Sie die Güte, mich sofort herbeizurufen.
Reed schlief die ganze Nacht ungestört, ohne von einem Anfalle wieder heimgesucht zu werden, sodaß Mister Fowler sehr beruhigende Versicherungen über seinen Zustand geben und sich von
Gateshead entfernen konnte, nachdem er dem erwachten und sich
etwas angegriffen fühlenden Kranken die strenge Weisung erteilt
hatte, ununterbrochen bis zu seiner Rückkehr das Bett zu hüten
und auch keine seinen Geist anstrengende Beschäftigung vorzunehmen.
Sowie Jane von ihres Onkels schwerem Krankheitsfalle Kenntnis erhielt, wollte sie unaufhaltsam zu ihm eilen und an seiner
Pflege teilnehmen. Mistreß Reed aber vertrat ihr mit fester Entschiedenheit den Weg und versagte ihr mit einer Härte den Zutritt, daß Jane nicht allein vor Schmerz die Thränen aus den
Augen strömten, sondern auch ihr sonst sanfter und scheuer Charakter eine Heftigkeit und Wildheit annahm, der ihre Tante fast
erschrocken machte. - Mein guter Onkel, jammerte Jane, darf
nicht sterben, ohne daß ich ihn noch einmal sehen kann; Tante
Reed, lassen Sie mich zu ihm, ich will seine Hand drücken, seine
Wange streicheln.
Du bleibst auf Deinem Zimmer, Jane, und störst den Oheim
nicht, entgegnete Sarah ernst.
Ich muß zu ihm, sprach das erregte Mädchen weiter; Ihr
Alle liebt den guten Onkel nicht so heiß und innig, Ihr nehmt
nur seine Wohlthaten an, aber schenkt ihm Eure Herzen nicht
dafür.
Wie kannst Du, böses Kind, es wagen, eine solche Sprache
gegen Deine Tante zu führen! Wie kannst Du Dich unterstehen,
Dich gegen meinen Willen, meinen Befehl aufzulehnen?
Weil ich fühle, daß es sich um meines lieben Onkels Gesundheit und Leben handelt, und daß ich ihm, wenn auch keine Hülfe,
keine Rettung, so doch immerhin Trost bringen kann.
Bei meinem Zorne, gieb Deinen Widerstand auf, Jane, oder
Du erhältst harte Strafe.
Ich fürchte Ihren Zorn wie Ihre Strafe nicht, Tante Reed,
ich will zu meinem Onkel.
Aber Jane, mischte sich die hinzu kommende Bessie in das
laut geführte Gespräch, Du störst durch Deine Heftigkeit Mister
Reed's Ruhe und bringst sein Leben in Gefahr, wenn Du nicht
schweigst.
Ist das wirklich wahr, Bessie? fragte das aufgeregte Mädchen
plötzlich entsetzt zusammenfahrend. Kann der Onkel meine Stimme
auf seinem Krankenlager wirklich störend vernehmen?
Ja, das kann er; ich bin bei ihm gewesen und habe Dich
auch sprechen hören, lautete die Antwort.
Sie sorgen, Bessie, daß dieses undankbare und häßliche Geschöpf nicht in die Nähe meines Mannes gelangen kann, stieß
Mistreß Reed heftig aus und ließ Beide auf dem Vorsaale stehen.
Sieh, Jane, sprach Bessie ernst, wie oft habe ich Dir schon
gesagt, Du sollst Dein heftiges, leidenschaftliches Wesen, so oft es
sich um Deinen Onkel handelt, mäßigen; nun wirst Du in verdienter Weise von der Tante dafür gescholten, und ich muß streng
gegen Dich sein.
Schelten Sie mich nicht auch, Bessie, weinte Jane leise; Sie
sind immer so gütig gegen mich gewesen. Was kann ich für mein
Herz, das Onkel Reed mehr als Alles auf der Welt liebt!
Obwohl Du noch ein Kind bist, Jane, so glaubt man nach
Deinen Worten ein erwachsenes Mädchen reden zu hören, so verständig klingen sie. Sei jetzt also auch ruhig und vernünftig und
geduldige Dich, Deinen Oheim zu sehen, bis er wieder vollständig
genesen, suchte Bessie die Weinende zu beschwichtigen. Dein Anblick könnte Mister Reed betrüben und Schaden bringen.
Sie meinen es gut mit mir, Miß Bessie, und Ihnen will
ich folgen. Ich gehe auf mein Zimmer und bete für Onkel Reed's
Gesundheit, aber nicht wahr, Miß, Sie haben die Güte, mich zu
benachrichtigen, wenn ihm meine Anwesenheit nicht mehr stört und
ich ihn wiedersehen kann und darf?
Gewiß, Jane, Du kannst Dich auf mein Wort verlassen,
antwortete die Gouvernante.
Zwei volle Tage hindurch blieb Jane auf ihr Zimmer zurückgezogen, ohne den geringsten Versuch zu machen, in das Krankenzimmer zu gelangen; sie beschränkte sich unter sichtlichem schweren
Kampfe auf die Nachrichten, welche ihr Bessie über ihres Onkels
Befinden brachte, und dankte Gott in heißem Gebete dafür, daß
er dem Teuren Hilfe und Rettung angedeihen ließ. Leider aber
war dies nicht der Fall. Ungeachtet aller aufgewendeten ärztlichen
Wissenschaft und der wirklich sorgfältigsten Pflege wiederholten
sich die Blutverluste in so verstärktem Maße, daß die Kräfte des
sonst so rüstigen Mannes merklich schwanden. Dabei schweiften
seine Augen ängstlich suchend in der Stube umher und blickten
traurig nieder, da sie den so sehnlich gesuchten Gegenstand anscheinend nicht gefunden hatten. Die Unruhe prägte sich immer
deutlicher in den Zügen des Patienten aus, so daß Doktor Fowler
ihn besorgt fragte:
-
sehen? fragte der Kranke leise und besorgt. Ist sie unwohl? Warum kommt sie nicht zu ihrem Onkel?
Jane scheut sich, Dich zu sehen, und fürchtet, Dich zu belästigen, antwortete seine Gattin mit Verlegenheit und Unwillen zugleich. Ihr Geplauder wird Dich aufregen, Georg.
-
Zimmer nicht verlassen und beschränkt sich darauf, durch Bessie
Nachrichten über Dein Befinden zu erhalten. Ich mußte wohl
danach annehmen, daß sie nicht gern in ein Krankenzimmer gehen will.
Ich möchte das liebe Kind aber gern einmal sehen, Doktor.
Glauben Sie, daß Ihr Geplauder meinem Befinden Nachteil bringen
könnte? Antworten Sie mir ohne Scheu.
Unbedenklich können Sie die Kleine in Ihre Nähe bringen
lassen, Mister Reed, bestätigte der Arzt, ja ich denke, Ihr Geplauder wird Sie zerstreuen und Ihnen sogar nützlich sein.
Mit John kann ich mich nicht lange unterhalten, erwiderte
Reed, er ist so unruhig, und seine Stimme klingt so schneidend;
auch scheint er lieber im Freien zu sein, als bei seinem Vater.
Du thust John Unrecht, Georg, warf Sarah fast heftig ein;
er liebt Dich eben so zärtlich, wie Jane, wenn er es auch nicht
so offen und unverhohlen zeigen kann, wie diese.
Recht magst Du haben, Sarah, erwiderte Reed, aber ich kann
mir nicht helfen, ich sehne mich nach Jane's Anblick. Die sanften
Augen dieses Kindes wirken wohlthuend auf mich.
Mistreß Reed verließ mit ungeduldiger und beleidigter Miene
das Zimmer, um ihres Gatten Wunsch zu erfüllen und Jane
herbeizuholen; sie that es, freilich aber nur höchst ungern.
Sie kränken Ihre Gattin, Mister Reed, sprach der Arzt ernst
zu seinem Patienten, wenn Sie an der Liebe Ihres Sohnes zu
Ihnen zweifeln und dies ungescheut vor mir aussprechen.
John hat kein Herz, Doktor - ich täusche mich nicht. Sehen
Sie nicht, wie begierig er die Gelegenheit ergreift, aus meinem
Zimmer hinaus zu kommen, wie er stets darauf sinnt.
John ist ein kräftiger Knabe, Mister Reed, den die Stubenluft beängstigt.
Sie wollen mich trösten, ich verstehe Sie und bin Ihnen
dankbar dafür, aber meinen Beobachtungen ist sein wahrer Charakter nicht verborgen geblieben - ich kenne ihn genau.
Wie sich jetzt nun die Thüre öffnete und Jane's zarte Gestalt auf der Schwelle erschien, wie sie mit fliegenden Schritte an
Reed's Bette eilte, seine heiße Hand mit zärtlichen Küssen bedeckte
und nun in die Worte ausbrach: Onkel Reed, mein guter armer
Onkel Reed? Da leuchteten des Kranken Züge hell auf, und
seine Lippen entströmten wahrhaft freudig die Worte: Hören Sie,
Doktor, in diesen Worten liegt Seele, liegt eine ganze Welt voll
Gemüt! Meine liebe Jane, warum hast Du Deinen kranken
Onkel so lange allein gelassen? Warum bist Du nicht eher schon
zu mir gekommen und hast mir Zuspruch und Trost in meinem
Leiden gebracht? Hast Du Dich gefürchtet, Jane?
Wie kannst Du das von Deiner Jane glauben, Onkel! entgegnete das Mädchen mit schmerzlich zuckenden Lippen? Man sagte
mir, mein Anblick und mein Geplauder störten Dich.
Das ist nicht wahr, Jane, sprach Reed mild, Du sollst zu
mir kommen und bei mir bleiben, so oft und so lange Du willst
- es wird Dich für die Folge Niemand daran hindern dürfen.
So werde ich nur von Deinem Lager gehen, wenn Du schläfst
und wenn die Nacht hereinbricht und - wenn Tante Reed es
mir erlaubt, antwortete Jane freundlich.
Hat Tante Reed es Dir verboten? fragte der Kranke verwundert.
Verboten? Nein! lautete die Antwort; aber sie hat mir gesagt; ich störte Dich, und da durfte ich doch nicht zu Dir kommen,
und ob es mein Herz gebrochen hätte.
Jane's unaufhörliches Geplauder, warf Mistreß Reed ein,
die mit der Kleinen wieder in das Zimmer getreten war, würde
Dir lästig fallen, glaubte ich, und Doktor Fowler hatte mir größte
Ruhe für Dich zur ersten und unerläßlichen Pflicht gemacht.
Ihnen aber nicht empfohlen, Mistreß, eine Person von Ihrem
Patienten fern zu halten, nach welcher sein Herz verlangen und die
ihm Trost bringen würde.
Waren zu Reed's Trost nicht ich und unsere Kinder anwesend? fragte Sarah stolz.
Brechen wir dieses unerquickliche Gespräch ab, bat Mister
Reed und drückte Jane's Hand zärtlich in der seinigen, während
er mit einem trüben Blicke zu seiner Gattin hinüberschaute.
Daß Jane in seinem Hause nicht geliebt wurde, war ihm längst
klar geworden, aber in dem Herzen seiner Frau Haß gegen die
eigene Nichte zu entdecken, hatte er doch nicht geglaubt- und
leider war derselbe zu seinem Schmerze schon zu tief gewurzelt.
Jane bemerkte, wie ihr Onkel sich traurigen Gedanken überließ,
diese wollte sie, so schwer es ihr auch wurde, unter allen Umständen verscheuchen und teilnehmend fragte sie:
Was bekümmert Dich, mein lieber Onkel?
Schweres, recht Schweres, gute Jane, antwortete Reed leise.
Du darfst Dich nicht so traurigen Gedanken überlassen, sprach
Jane weiter; Du mußt Dir ausdenken, wie schön es ist, wenn
Du wieder auf die Jagd gehen, im Schlitten fahren und wieder
ausreiten kannst ins Feld zu Deinen Arbeitern und Arbeiterinnen.
Glaubst Du, daß ich das bald wieder werde thuen können?
fragte Reed wehmütig.
Gewiß, wenn Du nicht so traurig bist, wenn Du die Vorschriften des guten Herrn Doktor genau befolgst und Dich der
Pflege der Tante Reed ordentlich hingiebst.
Braves, braves Kind, flüsterte Reed leise und streichelte
Jane's Wange.
Nicht weinen Onkel, nicht weinen, bat Jane ängstlich; ich
sehe Thränen in Deinen Augen glänzen- das thut mir weh,
Onkel Reed, und das verstärkt auch Deine Krankheit.
Quäle den Onkel nicht, Jane, mit Deinem Jammern und
Schreien, sprach Mistreß Reed ärgerlich. Der Onkel weint gar
nicht, weshalb sollte er auch wohl zu weinen nötig haben?
Weinst Du nicht, Onkel, fragte Jane zweifelnd.
Nein, meine liebe Jane, ich weine niemals wirklich; wenn ich
auch zuweilen traurig bin, daß ich hier so unthätig auf meinem
Lager bleiben muß, während andere Leute so glücklich sind, in
Gottes freier und herrlicher Natur schaffen und arbeiten zu können.
Sieh, Georg, sprach Mistreß Reed unruhig, ich fürchtete stets,
daß Jane's Anwesenheit Dich auf solche Gedanken bringen würde,
und meine Befürchtung ist eingetroffen,- deshalb allein.
Nein, nein, Jane, blicke mich nicht so angstvoll an, wendete
sich der Kranke zu dem Kinde, das sich fest an ihn klammerte,
Du bleibst bei mir, Du stimmst mich niemals traurig, höchstens
nur wehmütig, und das wird mir niemals schaden, nicht wahr,
Doktor?
Ich möchte aber doch bitten, ein derartiges Gespräch abzubrechen,
erwiderte Mister Fowler, ohne ein bestimmtes Nein oder Ja auf
die an ihn gestellte Frage zu geben.
Ja ruhn und schlummern, Onkel Reed, bat Jane schmeichelnd;
ich werde an Deinem Lager weilen und über Deinen Schlummer
der Tante Reed mit wachen helfen.
Mister Reed schloß in der That ermattet die Augen und
schlummerte wirklich ruhig und fest ein. Erst Abends spät erwachte
er, nachdem Jane schon aus freien Stücken so vernünftig gewesen,
das Krankenzimmer zu verlassen und ihre eigene Stube aufzusuchen.
Am frühen Morgen aber war sie wieder an ihres Onkels Lager
und wich von demselben nur, wenn sie von ihm gebeten wurde,
oder wenn sie selbst sah, daß es nötig war und ihre Gegenwart
hinderlich sein könnte, in diesem Punkte besaß sie eine Sicherheit
und ein Zartgefühl, um welche sie von Erwachsenen zu beneiden
gewesen wären.
War Jane auch nun stets um ihren Onkel, wurde demselben
auch die sorgfältigste, ja die angestrengteste Pflege, die höchste ärztliche Kunst gewidmet, der Gang der Krankheit konnte nicht aufgehalten werden, die Blutverluste, welche die Folge eines erst nicht
bemerkten, aber später um so heftiger auftretenden inneren Verletzung waren, kehrten wieder und zehrten die Kräfte des Kranken
allmählich auf, so daß sein Hinschwinden täglich sichtlicher vor
Augen trat, und selbst die trostlose Jane sich keiner trügerischen
Hoffnung mehr hingab. Es soll nicht zu schildern versucht werden,
welche Qualen und Schmerzen das jugendliche Gemüt erfüllten,
wir wollen nur erwähnen, daß das junge Mädchen gleichfalls ermattete und nur wie ein kleiner bleicher Schatten in dem Krankenzimmer herum wandelte, das von Georgine und John in wahrhaft
unkindlicher Weise scheu gemieden wurde.
Unter Furcht und Bangen war so der W. November
herangekommen, der Mister Reed so schwach antraf, daß Doktor
Fowler, der fast Tag für Tag beständig auf Gateshead weilte und
oft die Nächte hindurch mitzubrachte, Mistreß Reed erklärte, der
Auflösung des Kranken fast stündlich entgegensehen zu können.
Sie solle Georgine, John und Jane im Krankenzimmer versammeln, damit selbige sofort zur Stelle sein könnten, wenn das Unvermeidliche eintreten sollte. Stumm und widerstandslos verrichtete Reed's Gattin diesen Auftrag selbst; die Größe ihres drohenden Verlustes trat jetzt in ihrer wirklichen Gestalt vor ihre Seele
und machte sie doch vor der nächsten Zukunft beben, da sie stets
an eine so große und so nahe Gefahr nicht geglaubt hatte und
nicht hatte glauben wollen.
Mister Reed gewahrte trotz seiner Schwäche, daß etwas Außergewöhnliches sich zutragen würde, und ahnte sofort, daß es sich
um den Moment handelte, in welchem er aus der Mitte seiner
Familie, aus seinem Eigentum, aus diesem Leben scheiden müsse.
Er hatte es längst gefühlt, daß es so kommen würde, und war
ruhig, gefaßt, ja sehr ergeben in sein Schicksal. Die Thränen
in den Augen seiner Gattin und Jane's stummer Schmerz allein
bereiteten ihm Sorge und Wehe. Seine Kinder, das wußte er,
standen ihm kalt gegenüber; doch er überwand das Gefühl der
Bitterkeit, das sein Inneres noch einmal mit aller Kraft heimsuchen wollte, winkte Beide an sein Lager und sprach zu ihnen:
Georgine, John, meine Kinder, ich werde Euch in kurzer Zeit
auf dieser Erde verlassen müssen; werdet gute, brave und tüchtige
Menschen- liebet und ehret Eure gute Mutter und vergeßt niemals, was sie für Euch Euer ganzes Leben lang gethan und gesorgt hat. Wollt Ihr mir das jetzt versprechen, meine Kinder?
Wir geloben es Dir, Vater! flüsterten John und Georgine
wirklich sehr gerührt.
Nun, so segne ich Euch, fuhr der Leidende fort, von ganzem
Herzen; knieet nieder, meine Lieben, und empfanget meinen väterlichen Segen.
Georgine und John knieeten am Lager nieder, während ihr
Vater jedem eine Hand auf das Haupt legte und die Worte
flüsterte: Seid gesegnet, Kinder, und seid glücklich Euer Leben lang.
Sarah, mein geliebtes Weib, empfange Deines Gatten letztes
Lebewohl und seinen innigen heißen Dank für Deine Liebe, Deine
Treue und Deine aufopfernde Pflege; ich hätte noch so gern für
längere Zeit in Eurer Mitte gelebt, vom Schicksal aber war es
anders bestimmt, und in christlicher Demut füge ich mich Gottes
unerforschlichem Ratschlusse ohne jedes noch so leises Murren.
Georg! schluchzte Sarah, sprich noch nicht vom Sterben, versündige Dich nicht gegen Gott.
Ich sündige nicht, Sarah, Eure Mienen und Deine Thränen
sagen deutlicher noch, wie ich es seit gestern selbst empfinde, daß
mein letzter Augenblick auf dieser Erde gekommen ist.
Rege Dich nicht auf, Georg, ich beschwöre Dich um unserer
Liebe, unserer Kinder, um Jane's willen.
Ich rege mich nicht auf, erwiderte Reed, indem ein verklärtes
Lächeln über sein Gesicht flog. Um Jane's willen, Sarah? Habe
tausend, tausend Dank für dieses milde gute Wort. Du bist so
liebreich heute, daß ich noch eine dringende Bitte an Dich zu
richten wage: Wenn ich verschieden bin, Sarah, halte Jane wie
Deine eigenen Kinder; sei ihr Mutter, eine liebreiche Mutter,
wie jetzt.
Ich verspreche es Dir, mein Georg, hier meine Hand darauf,
sprach Sarah unter Thränen.
So gelobe mir es auf das Sakrament- dann scheide ich
ganz ruhig von dieser Welt.
Ich gelobe und schwöre Dir, daß ich Jane wie meine eigenen Kinder halten und lieben werde.
Dank, Dank, meine Sarah, lächelte Reed; komm Jane, reiche
mir und der Tante hier die Hand, sie wird von jetzt ab Deine
Mutter sein, und Du wirst eine treue Stütze an ihr haben.
Stirb nicht, Onkel Reed, jammerte Jane, oder nimm mich
mit Dir, damit ich nicht allein hier bleibe, wo es so öde und
traurig ist ohne Dich, - verlasse Deine Jane noch nicht, so lange
sie sich nicht selbst helfen kann. Doch nein, fuhr das erregte
Kind fort, als Reed verwundert aufschaute, Du willst es, Onkel,
daß ich leben bleibe; gut, ich werde bleiben auch ohne Dich, ich
werde Tante Reed ganz so lieben wie Dich, will sie lieben wie
eine Mutter, nur um Dir nicht wehe zu thun.
Beruhige Dich, Jane, sprach Sarah freundlich zu ihr und
ergriff ihre Hand, Du sollst Deines Onkels Liebe niemals bei
mir vermissen,- ich habe es ihm ja auf das Sakrament gelobt.
Ich segne Dich, meine Jane, sprach Reed gerührt und schwächer
werdend; sei brav wie bisher, bleibe fromm und tugendhaft und
Du wirst glücklich sein Dein ganzes Leben hindurch.
Nun aber, mischte sich Mister Fowler in die Unterredung,
wird es Zeit, daß Mister Reed sich Ruhe und Erholung gönnt.
Bitte, meine Teuren, ziehen sie sich nun zurück und überlassen sie
ihn einem hoffentlich sanften und stärkenden Schlummer. Ich
werde bei ihm bleiben.
Den Worten des Arztes mußte unbedingt Folge geleistet
werden, und auch Jane, welche sonst stets beim Onkel bleiben
durfte, entfernte sich still und behutsam mit aus dem Zimmer.
Mister Reed schlummerte in der That ein, er schlummerte länger
und fester, als der Arzt selbst zu hoffen gewagt hatte. Der Abend
brach herein, ehe der Schwerkranke wieder erwachte, aber es wäre
vielleicht besser für ihn gewesen, er wäre gar nicht wieder zum
Bewußtsein gekommen, denn kaum hatte er die Augen geöffnet
und mit leisen Worten um einen Trunk gebeten, da überfiel ihm
gegen alles ärztliche Erwarten ein neuer Blutsturz, an dessen
Folgen er sich noch während einer halben Stunde herumquälen
mußte, ehe er zurücksank und in den Armen seiner trostlosen Gattin
und mit der rechten Hand nach Jane's Köpfchen greifend seinen
Geist aushauchen konnte. Der Jammer und die Bestürzung auf
Gateshead waren grenzenlos.
Fünftes Kapitel.
Mister Reed's Begräbnis auf dem Friedhofe des nächsten
Dorfes geschah mit allen nur erdenkbaren Ehren von Seiten seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Freunde, seiner Arbeiter, sowie
Aller, welche ihm im Leben nur einmal nahe getreten waren. Die
Rechtlichkeit seines Charakters, seine Teilnahme an seiner Umgebung,
seine Wohlthätigkeit gegen die Armen der Umgegend erhielten ihre
Anerkennung und ihren Lohn in der allgemeinen Trauer, welche
sich überall, bemerkbar machte. Unzählige Leidtragende begleiteten
seinen Leichenkondukt, und kein Auge blieb trocken, als der Geistliche an der offenen Gruft ein Lebensbild des Verewigten in einfachen aber ergreifenden Zügen entwarf.
In Gateshead ging Alles seinen geregelten Gang fort, und
Mistreß Need gewahrte jetzt nun recht deutlich, wie günstig es für
ihre Verhältnisse gewesen, daß ihres Gatten Voraussicht und Sorge
sein Besitztum selbst verwaltet und sie mit ihren Kindern so frei von
aller Sorge für die Gegenwart und nächste Zukunft zurückgelassen
hatte. Reed's Verwalter, Mister Thomas, war bei Lebzeiten seines
Herrn in alle Pläne desselben und in den von ihm eingerichteten
Geschäftsgang eingeweiht worden, daß er die Leitung des Besitztums ohne weiteres führen konnte; auch hatte Reed vor seinem
Tode noch bestimmt, daß Thomas bis zur Großjährigkeit seines
Sohnes John für die Familie Reed das Gut weiter zu verwalten habe.
Mistreß Reed trauerte aufrichtig und tief um ihren Gatten,
wenn sie auch öfters mit seinen Maßnahmen und Anordnungen
nicht einverstanden gewesen war und lieber mit ihren Angehörigen
in London oder wenigstens in einer anderen großen Stadt gelebt
hätte. Sie war auch gegen Jane nicht unfreundlich, obwohl sie
von dem stillen und scheuen Wesen derselben wirklich mehr abgestoßen wie angezogen wurde. Nicht so verhielt es sich mit John
und Jane. Die zwischen beiden Kindern bestandenen Feindseligkeiten, die allerdings nur von John genährt und hervorgerufen
wurden, mehrten sich wenige Wochen nach Mister Reed’s Tode
und steigerten sich in gleichem Grade. Jane erduldete manche
Kränkungen von dem rohen und gefühllosen Burschen, aber Mißhandlungen ließ sie doch nicht widerstandslos über sich ergehen
und setzte sich mit allen ihren Kräften zur Wehre, so daß sie demselben bei einer Gelegenheit, wo er sie mit einem Stocke geschlagen,
das Gesicht mit ihren Nägeln blutig gekratzt hatte, und John nun
wehklagend und das Mädchen verleumdend zu seiner Mutter eilte,
welche über diesen Anblick ihres Lieblings in heftigen Zorn geriet
und alle den Arger, welchen sie früher gegen Jane in ihrem Inneren angesammelt hatte, zum vollen Ausbruch kommen ließ.
Wie kannst Du, undankbares, häßliches Geschöpf, es wagen,
fuhr sie auf das aufgeregt und zitternd dastehende Mädchen los,
gegen John auf solch gemeine Weise Dich zu betragen?
Wenn John mich gehen läßt, antwortete Jane trotzig, so thue
ich ihm auch nichts; aber ich lasse mich nicht von ihm schlagen
wie einen Hund- dann wehre ich mich.
Du Bettelmädchen, das von unserer Gnade lebt, rief John,
sollst Dich nicht wehren, selbst wenn ich Dich schlagen wollte, -
aber sie ist eine Lügnerin, eine freche Lügnerin, ich habe sie gar
nicht schlagen wollen- sie hat mich hinterlistig angefallen.
O Du Bube! Du schlechter und roher Bube! rief ihm Jane
entgegen. O daß Dein gütiger Vater noch am Leben wäre - er
würde Dich züchtigen, wie Du es verdienst.
Du schweigst, Jane, rief Mistreß Reed wild, Du darfst John
nicht kratzen; er ist der Herr einst hier und Du mußt ihm gehorchen- oder ich selbst muß meine Hand gegen Dich erheben
und Dich strafen wie ein bösartiges und ungezogenes Kind.
Ich bin nicht bösartig und ungezogen, entgegnete Jane entschlossen; John treibt mich nur dazu durch seine schändliche Behandlung, John hat einen grundschlechten Charakter.
Schweig! herrschte ihr Mistreß Reed blitzenden Auges zu,
und entferne Dich augenblicklich aus diesem Zimmer, oder ich
vergesse mich, daß Du uns als eine Last aufgebürdet worden bist.
Jane entfernte sich eilenden Schrittes und schloß sich weinend
in ihrer Stube ein; sie bereute ihre Heftigkeit zwar bitter, aber
hätte sie eingestehen sollen, daß sie im Unrecht gewesen wäre?
Nein, gegen eine solche Unwahrheit lehnte sich ihr Gefühl in der
Brust empört auf.
Anstatt John für sein Betragen hart zu bestrafen, oder ihm
wenigstens dasselbe in ernstlicher Weise als unstatthaft vorzuhalten,
wandte sich Mistreß Reed's ganzer Zorn gegen das verlassene
Mädchen, das denselben in fast grausamer Weise büßen mußte.
Zunächst wurde ihr der fernere Unterricht bei Bessie in Gemeinschaft mit John entzogen und der Gouvernante bei Verlust ihrer
Stellung angedroht, sich um das verdorbene Kind nicht weiter
zu kümmern und ihr keine Belehrung zukommen zu lassen. Jane
wurde in die Küche verwiesen, wo sie sich durch Handreichungen
und kleine Arbeiten der Köchin Esther nützlich machen und etwas
für ihre Zukunft lernen solle, der Köchin jedoch zugleich aufgegeben,
sich in keine Unterhaltung mit Jane einzulassen und ihr nur die
nötigsten Anweisungen in aller Kürze zu erteilen. Weiter wurde
Jane verboten, die Familienzimmer sowohl, als auch die Bibliothek
im ersten Stockwerk zu besuchen, sowie ihr Schlafzimmer oder die
Küche zu verlassen, ja sie durfte nur mit Mistreß Reed's besonderer
Bewilligung, welche durch Esther einzuholen war, in den Garten
wie überhaupt ins Freie gehen, noch überhaupt mit Jemandem im
Hause verkehren.
Jane's weiches und tiefes Gemüt empfand diese Demütigungen
und Beschränkungen bitter, namentlich schmerzte es sie aufs tiefste,
daß sie von Bessie's Unterricht und vom Besuche des Bibliothekzimmers ausgeschlossen war - aber sie ertrug es still und ohne
ein lautes Wort der Klage; sie wußte sehr wohl, daß sie eine
solche Behandlung nicht verdient hatte, und machte daher auch
keinen Versuch, bei ihrer Tante um eine Aufhebung dieser Verbote
bittweise nachzusuchen. Still und ergeben trug sie ihr einsames
und trauriges Los, ja sie lebte nur glücklich in der Erinnerung
an Onkel Reed, dessen Liebe und unaussprechliche Güte gegen sie
mit lebhaften Zügen in ihr junges Herz eingeprägt war; in
solchen Stunden lebte sie glücklich allein unter Thränen.
Die Köchin Esther war ein gutmütiges Geschöpf, das Mitleid
mit dem stillen und sonst unverdrossenen Mädchen hatte und
richtete nach etwa acht Tagen ihres Beisammenseins mit Jane,
gerade an einem schönen Wintersonntag Nachmittag, als alle
Arbeit in der Küche beendigt war, die mitleidige Frage an sie:
Willst Dn die Tante nicht bitten, Jane, daß sie Dir erlaubt, mit
mir einen kleinen Spaziergang zu machen?
Nein! lautete die kurze Antwort.
Und warum willst Du nicht mit mir gehen, Jane? fragte
Esther weiter.
Sei nicht böse mit mir, Esther, sprach Jane weiter, ich weiß,
Du meinst es gut mit mir, und ich möchte so gern hinaus in
die frische, sonnenhelle Winterluft, aber die Tante Reed um diese
Erlaubnis zu bitten- das vermag ich nicht über mich zu gewinnen.
Und warum nicht, Du seltsames Geschöpf?
Weil sie mich für John's Unrecht, das er mir zugefügt hat,
bestraft, ja grausam bestraft.
So will ich die Tante in meinem Namen darum bitten?
Nein, liebe Esther, ich bitte Dich herzlich, thue das nicht.
Ich mag nicht um Etwas bitten und auch keinen Menschen für
mich bitten lassen um eine Sache, die man mir nicht freiwillig
gewährt und auf welche ich so gut ein Recht habe, wie jedes
andere Geschöpf, das seine Pflicht gethan hat.
Nun, so gehe ich allein, sprach Esther verdrießlich; ich will
Dich nicht zum Vergnügen zwingen.
Zu Ostern des kommenden Jahres verließ John Reed Gateshead, um eine Schule in London zu besuchen und sich für den
Besuch der Universität weiter ausbilden zu lassen, während sich
in Jane's Verhältnis zu ihrer Tante nicht das Geringste verändert
hatte. Mistreß Reed erkundigte sich bei Esther nach Jane's Verhalten und mußte zu ihrer Verwunderung und mit Widerwillen
vernehmen, daß sie sich fügsam, willig, unverdrossen und fleißig
zeige, ohne im Geringsten zu klagen oder eine Bitte um Erleichterung ihrer Strafe auszusprechen. Daß ihre Abneigung und
ihr Groll durch diese Mitteilungen sich nicht milderte, ist zwar
sehr leicht begreiflich bei ihrem Charakter, aber sie hob doch, veranlaßt durch Esther's Bitten, das Verbot für den Besuch des
Gartens gegen Jane freiwillig auf, und hoffte nun, daß auch
Jane sich ihr wieder nähern und sie um Verzeihung für ihr Betragen gegen John bitten würde - hierin jedoch täuschte sie sich
vollständig, denn Jane machte von dem Besuche des Gartens und
der Umgebung so wenig wie möglich Gebrauch und zeigte auch
nicht die kleinste Spur von einer Annäherung an ihre Tante, ja
sie ging sogar so weit, ihre Nähe absichtlich zu meiden. Es war
dies durchaus kein lobenswerter, wenn auch ein erklärlicher Zug
in dem Charakter des sonderbar gearteten Mädchens, aber Jane
fühlte Mistreß Reed's Haß gegen ihre Person beinahe instinktmäßig und wollte nicht, daß diesem durch irgend eine Berührung
neue Nahrung gewährt werden sollte.
In seinen Sommerferien kehrte John Reed nach Gateshead
auf einige Wochen zurück und hiermit begann für Jane eine neue
Zeit der Plage. Sie wich ihm aus, so viel sie konnte; sie ging
nicht ins Freie, wenn sie ihren Verfolger, der immer noch an ihr
Rache zu nehmen suchte, zu Hause wußte, und nur in später
Abendstunde huschte sie zuweilen auf kurze Zeit wie ein scheues
Reh in die Gänge des Parkes. Trotz aller ihrer Vorsicht stieß
sie bei einem solchen Versuche auf ihren Gegner, der ihr mit einem
Hammer in der Hand plötzlich entgegentrat; sie wich ihm rasch
aus, John aber fuhr heftig mit den Worten auf sie los: Habe
ich Dich endlich einmal erwischt, um Dich für Deine Kratzerei
nach Gebühr züchtigen zu können! und faßte sie hart am Arme.
Laß mich los, John, sprach Jane finster und entschlossen-
ich habe mit Dir nichts zu schaffen.
Aber ich muß mit Dir, Du falsche Katze, Abrechnung halten,
höhnte sie der rohe Bursche; Du sollst und mußt jetzt büßen für
alles Unheil, das Du in unserem Hause angestiftet hast.
Laß mich los, John, rief Jane ernster und dringender, oder
Du zwingst mich wieder, Gewalt gegen Gewalt zu brauchen und
mir zu helfen, wie ich kann.
Das wollen wir doch sehen! schrie John wild und hob den
Hammer zum Schlage aus, flog aber, von einem unerwarteten
Stoße von Jane's freier Hand getroffen, an einen Baum und
mußte des Mädchens andere ganz wider seinen Willen freilassen.
Jane benutzte diesen Augenblick und suchte zu entkommen,
während John, wütend geworden durch den erhaltenen Stoß, ihr
nachsetzte und sie auch wirklich einholte. Hastiger als zuvor bei
der Hand, packte er sie am Haar und schwang den Hammer über
ihrem Kopfe; doch wie ein Blitz fing Jane seine Hand auf und
versetzte während ihres Ringens mit John denselben, da sie sich
nicht weiter zu helfen wußte, einen kräftigen Biß in die Finger
seiner rechten Hand, so daß er den Hammer fallen laßen mußte
-
schrie er nun laut: Hilfe! Hilfe! Jane hat mich überfallen und
blutig gebissen. Hilfe! Hilfe! sie droht mir mit dem Hammer.
Auf diesen Ruf hin wurde es lebendig im Garten. Bessie,
Esther, Jack, Alle liefen herbei und traten zwischen die bleiche
noch zornfunkelnde Jane und den schreienden Burschen, der jetzt
wieder Courage bekam und Jane zu seiner Mutter zu führen befahl.
Was hat das unheilvolle Geschöpf schon wieder ausgeführt?
fragte Mistreß Reed streng, als Jane stumm und niedergeschlagenen
Blickes vor ihr in der Stube stand.
Sie hat mich überfallen, mich in die Hand gebissen und mit
dem Hammer bedroht, berichtete John mit augenscheinlicher Lügenhaftigkeit und unverschämter Dreistigkeit.
Du hast es gewagt, Dich wieder an John zu vergreifen und
ihn hinterrücks zu überfallen? rief Mistreß Reed heftig, obwohl
sie halb und halb der Überzeugung war, daß es umgekehrt stattgefunden hatte; aber ihr Haß gegen Jane war durch deren Unbeugsamkeit zu einer Höhe bereits gesteigert, von welcher keine
Umkehr mehr möglich war.
Sieh, Mama, hier meine blutende Hand! sprach John listig,
die Elende wagt es nicht, Dich oder mich anzusehen und ihre
Schuld zu bekennen. Laß sie büßen dafür, liebe Mama.
Wirst Du Antwort geben, freches Geschöpf! herrschte die
immer heftiger werdende Frau das duldende Mädchen an. Bekenne Dein Vergehen offen, oder zittre vor meinem Zorn.
Eine unheimliche Pause trat ein, während deren nur Sarah
Reed's erregte Atemzüge deutlich vernehmbar waren. Jane
bewegte kein Glied und blickte nicht vom Boden auf.
Weißt Du, Mama, rief John, es dunkelt schon, stecke das
böse Mädchen, das mir nach dem Leben getrachtet, in Papa's
Sterbezimmer- dort soll ja sein Geist umgehen und uns
schrecken wollen! Dort kann sie zubringen, bis sie ihre schlechte
That eingestanden und bekannt hat.
Recht so! Mit diesem Worte erfaßte Mistreß Reed Jane's
Arm und zog sie nach dem Kabinet, in dem ihr Gatte verschieden
und das bis jetzt noch nicht wieder bewohnt worden war.
Jane zuckte jetzt entsetzt zusammen; eine unerklärbare Furcht,
ein nicht zu bekämpfendes Entsetzen überfiel sie und raubten ihr
beinahe die Besinnung. Erst als die verhängnisvolle Thür sich
hinter ihr geschlossen, ward sie sich ihrer Lage klar und mit
bittender herzzerreißender Stimme flehte sie: Tante Reed, haben
Sie Mitleid! Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Ich bin ja
völlig unschuldig, aber man glaubt mir ja nicht. Bei dem Andenken an meinen gütigen verstorbenen Onkel lassen Sie mich aus
diesem Zimmer! Ich kann hier nicht bleiben! Ich sterbe hier.
Kannst Du nun sprechen und gute Worte geben, Du Undankbare? rief ihre Tante. Nein, Du bleibst zur Strafe so
lange in diesem Zimmer, bis Du Deine Schuld bekannt hast.
Ich habe nichts gethan! Ich bin unschuldig! jammerte
Jane. John hat es Alles selbst gethan, dessen er mich mit unverschämter Bosheit beschuldigt. Glauben Sie mir nur diesmal, Tante Reed, und Sie sollen niemals wieder über mich im
Geringsten zu klagen haben.
Bekenne, Jane!
Ich bin unschuldig! Tante Reed.
So bleibst Du, wo Du bist.
Mutter und Sohn entfernten sich aus dem Vorgemach und
ließen das arme Mädchen mit ihrem Jammer und ihrer Angst
unbarmherzig allein zurück; eine ganze Zeit lang bat und flehte
Jane, dann verstummte sie auf einen Augenblick, ein Fall ward
hörbar, und in heftigen Krämpfen wand sie sich auf dem Fußboden umher. Niemand kümmerte sich um sie.
Am nächsten Morgen mußte Bessie nach ihr sehen und fand
sie ganz wie leblos an der Erde liegen, aber an ihren fieberhaft
geröteten Wangen, an ihren zuckenden Lippen gewahrte sie, daß
noch Leben in dem jungen Körper war. Mitleidig, wie die Gouvernante war, welche nach John's Abgang zur Schule als Gesellschafterin
in Gateshead bleiben mußte, nahm sie, ohne ihrer Herrin Befehl
abzuwarten, Jane auf ihre Arme, trug sie nach ihrem Zimmer, entkleidete sie und legte sie zu Bett. Jane begann heftig zu phantasieren,
ja selbst zu toben, sodaß man gezwungen war nach dem Arzte zu
senden. Mister Fowler erklärte, Jane's Zustand sei sehr bedenklich
- es könne möglicher Weise bei ihr eine geistige Störung zurückbleiben, wenn sie überhaupt mit dem Leben davon kommen sollte.
Mistreß Reed empfand bei dieser Mitteilung doch etwas
Gewissensbisse und ließ von Seiten Bessie's Alles aufbieten, um
Jane durch die sorgfältigste Pflege am Leben zu erhalten und genesen zu lassen, aber sie gelobte sich auch, die Genesene sobald als
möglich aus ihrem Hause zu bringen, eine geeignete Gelegenheit,
hoffte sie, würde sich sehr bald hierzu finden.
Wider alles Erwarten genas Jane ziemlich rasch, ihr zarter
Körper leistete der Krankheit einen Widerstand, der selbst den
Arzt in Erstaunen setzte. Jane's Los ward indessen durch diese
überstandene harte Prüfung um Nichts gebessert. Sie blieb, sobald sie sich wieder gekräftigt fühlte, auf die Küche angewiesen -
Unterricht ward ihr nicht gewährt- das Bibliothekzimmer im
ersten Stock, in welchem sie so gern Belehrung gesucht und auch
verweilt hätte, weil in demselben ihres Onkel Reed fast lebensgroßes Bild hing, war und blieb ihr verschlossen; ihr einziger
Umgang war Esther, die Köchin, und wenn ihr auch Bessie Home
gern Erleichterung verschafft hätte, so durfte sie dies doch nicht
wagen, da sie bei Verlust ihrer Stellung von Mistreß Reed strenge
Weisung hatte, das undankbare Wesen ganz sich selbst zu überlassen. So lebte Jane beinahe in Gleichgiltigkeit dahin, unbekümmert um ihre Umgebung, unbekümmert um ihre Zukunft, da
sie ja nichts lernte, was sie einst hätte selbständig machen können.
Sie war schon zufrieden, sobald sie in Ruhe gelassen und ihr
Peiniger John fern von ihr war, der es vorzog, lieber in London
zu bleiben, als in den Ferien seine Mutter zu besuchen.
Zwei Jahre waren fast bereits seit Mister Reed's Tode verflossen, ohne daß eine wesentliche Änderung auf Gateshead vor sich
gegangen wäre; nur Mistreß Reed war jetzt mehrfach von ihrer
Besitzung abwesend und verbrachte längere Zeit bei Bekannten in
der Nähe, um so schnell wie möglich wieder heimkehren zu können,
wenn es erforderlich sein sollte.
Unerwartet traf sie einstmals mit John und Georgine ein;
es handelte sich hierbei um die Verlobung Georginens, welche einen
vornehmen, aber wenig begüterten Lord kennen gelernt hatte. Lord
Clarens, so war sein Name, hatte bei Mistreß Reed um Georginens Hand geworben und, da Letztere dem jungen Manne sehr
geneigt schien, ihre Zustimmung freudig erteilt. Die Verlobung
sollte so festlich wie möglich begangen, zuvor aber erst Jane aus
dem Hause entfernt werden. Mistreß Reed beabsichtigte diese Entfernung, über welche sie bereits Verhandlungen mit Mister Black
hurst, dem Vorsteher einer Waisenanstalt zu Lowood, eingeleitet
hatte, ohne Weiteres vor sich gehen lassen; ein unerwarteter Auftritt
sollte ihr Gelegenheit geben, Jane's Entfernen als eine Folge ihres
Ungehorsams, ihrer Böswilligkeit hinstellen und bezeichnen zu können.
Es war am 19. November, dem Todestage Mister Reed's, an
welchem im ganzen Hause Niemand dachte, zumal Sarah's Bruder,
Kapitän Whitfield unverhofft auf Gateshead eingetroffen war; seine
Ankunft wurde festlich begangen. Man saß Nachmittags bei Tafel.
und feierte das Wiedersehen in vollen Zügen, und Whitfield war
ungemein erfreut, in Georginens Bräutigam einen gebildeten und
liebenswürdigen jungen Mann kennen zu lernen, der sich in den
Stunden, welche er nicht in Georginens Gesellschaft verbringen
konnte, fleißig dem Studium überließ, zu welchen ihm die vorhandene
Bibliothek reichliche Gelegenheit bot. Hierdurch war das stets verschlossen gehaltene Zimmer geöffnet; Jane hatte hiervon Kenntnis
erhalten und eine unwiderstehliche Sehnsucht trieb sie, heute an
ihres Onkels Sterbetage, seinem lieben Bilde wieder einmal in
die sanften Augen blicken zu können. Wohl wußte sie, daß ihr
das Betreten dieses Zimmers verboten war, aber bei dem festlichen
Treiben des Tages, und da man gerade mit der Mittagstafel noch
beschäftigt war, glaubte sie schon einmal unbemerkt sich des Anblicks des Bildes von ihrem lieben Onkel erfreuen zu können.
Leise öffnete sie die Thüre des Zimmers und ebenso leise schloß
sie dieselbe wieder, dann eilte sie nach des Onkels Bilde, kniete
vor demselben nieder und sprach:
Onkel Reed, mein guter Onkel Reed, siehst Du mich? Ja Du
lächelst, Du siehst mich und hörst meine Worte, die ich an Dich
richte. Sie sagen Alle, daß ich böse und undankbar sei! Glaubst
Du es, Onkel Reed? Nein, nein, Du glaubst es nicht! Wenn
Du es glauben könntest, wäre ich nicht allein ein schlechtes, sondern
auch ein vollständiges unglückliches und verwahrlostes Geschöpf,
das niemals verdient hätte, so zärtlich von Dir geliebt zu werden,
als Du noch lebtest. Ach Onkel. Reed, warum hast Du sterben
müssen? Du hattest mich so lieb, ich hatte Dich so lieb, und als
Du noch lebtest, wußte ich nicht, daß auch gute Menschen sterben
müssen und daß arme Waisenkinder so elend werden können! Sie
hassen mich ja Alle hier und für Haß kann ich doch Niemand
Liebe geben, und wenn ich auch wollte, sie nehmen ja meine Liebe
nicht an. Nimm mich zu Dir, Onkel Reed, damit ich wieder
in Ruhe, Frieden und im Glück bei Dir weilen kann.
Jane war so sehr in ihr Selbstgespräch vertieft, daß sie nicht
gewahrte, wie sich die Thüre öffnete und Bessie eintrat, um John's
Reitpeitsche zu holen, welche er hier liegen gelassen hatte.
Jane! rief Bessie ebenso erstaunt wie erschrocken aus, was
machst Du hier? Wie konntest Du Dich gegen Deiner Tante Verbot in dieses Zimmer wagen? Und noch dazu heute, an einem
Tage, wo Du keinen Augenblick vor Überraschung sicher sein kannst.
Ich glaubte, antwortete Jane, heute ganz ungestört einen
Augenblick hier verweilen zu können, Alle sind ja unten bei Tische
versammelt, und Niemand denkt daran, das Bibliothekzimmer zu
besuchen, wo des verstorbenen Onkel Reed's Bildnis hängt.
Du siehst, Jane, sprach Bessie vorwurfsvoll, daß ich John's
Reitpeitsche holen muß, die er hier hat liegen lassen. Wie leicht
hätte er selbst hierher kommen und Dich finden können? Und was
für einen Auftritt würde es dann gegeben haben? Wie würdest
Du gescholten worden sein!
Schelten Sie mich auch, Miß Bessie, ich weiß Sie haben das
Recht dazu- aber nichts würde mich heute abgehalten haben,
dieses Zimmer zu betreten, da ich es offen fand. Heute ist Onkel
Reed's Sterbetag, und da wollte ich doch heute wenigstens sein
Bild sehen, da ich ihn nicht mehr selbst mit Augen schauen kann.
Onkel Reed, warum hast Du Deine arme Jane verlassen.
Jane, ich beklage Dich, - aber ich kann Dir nicht helfen
und will Dich auch nicht schelten heute.
Ach bitte, Miß Bessie, so geben Sie mir ein Buch, damit ich
ein Stündchen lesen kann. Wenn ich höre, daß sie unten vom
Tische aufstehen, so schleiche ich mich hinaus, und kein Mensch soll
meine Anwesenheit hier nur geahnt haben. Miß Bessie, bitte,
bitte ein schönes Buch. Ich bekomme jetzt ja gar nichts mehr zu
lesen und möchte es am Ende ganz verlernen.
Ich thue Unrecht, Jane, wenn ich Deiner Bitte nachgebe,
aber ich habe Mitleid mit Dir, Du armes Kind. Hier ist eine
gute Naturgeschichte mit vielen und schönen Bildern, aber mitnehmen darfst Du sie nicht, und hier kannst Du sie nicht lesen,
es ist zu dunkel hier.
Dank, tausend Dank, Miß Bessie, sehen Sie, ich setze mich hier
in das Fenster, da ist es noch ganz hell; ich ziehe die Gardine
vor mir zusammen, damit ich nicht gleich gesehen werde, wenn
Jemand unerwartet hier in das Zimmer treten sollte.
Nun, so sitze ja ganz ruhig und bereite mir keine Unannehmlichkeiten durch eine etwaige Unvorsichtigkeit- ich will aufpassen,
daß Niemand so schnell heraufkommt.
Jane hatte sich mit ihrem Buche kaum in das Fenster gesetzt und den Vorhang zugezogen, als rasch die Thüre des Bibliothekzimmers aufgerissen wurde und John mit der barschen Frage hereineilte: Nun, Bessie, wo bleibst Du so lange mit meiner Reitpeitsche?
Ich habe dieselbe nicht gleich finden können und mußte suchen.
Hier ist sie jetzt aber!
Du bist dumm, Bessie, rief John und riß die Reitpeitsche
der Gouvernante aus der Hand. Und wie Du verlegen bist,
Bessie! Hier ist irgend etwas vorgefallen! Hier in diesem Zimmer
ist irgend Jemand verborgen, und mir ahnt schon, wer es ist.
Du hast ihn verborgen.
Was reden Sie für unüberlegte Sachen, Mister John, stotterte
Bessie noch mehr verlegen werdend, als zuvor; wer sollte sich hier
wohl verbergen in diesem Zimmer?
Wer anders, als die elende Jane Eyre, die das Gnadenbrot
bei uns ißt, uns belügt, bestiehlt und nur Unglück in unser Haus
bringt. Wehe, wenn ich sie treffen sollte.
Reden Sie nicht so gottloses Zeug, Mister John, das arme
unglückliche Geschöpf!
Sie verdient es nicht besser- sie soll noch viel unglücklicher
werden - sie ist bei uns noch viel zu gut behandelt worden.
Aber wie? bewegte sich dort der Vorhang nicht?
Nein, nein, er bewegte sich nicht, Sie irren sich, Mister John,
- in diesem Zimmer ist es nicht recht geheuer, flüsterte Bessie
dem Burschen zu und wollte ihn mit fortziehen- kommen Sie,
ich fürchte mich hier ganz entsetztlich, kommenSie mit mir, Mister John.
Du bist zu dumm, Bessie, und ich fürchte mich ganz und gar
nicht. Hinter dem Vorhange dort steckt Niemand anders als die
falsche Katze, diese elende Jane Eyre.
Halten Sie ein, rief Bessie ängstlich, Sie wissen ja nicht
mehr was Sie thun.
Ich will Dir zeigen was ich thue, Bessie, lachte John laut
auf und sprang nach dem Vorhange hin. Mit einem raschen
Griffe hatte er denselben auseinander gerissen und rief doch etwas
betroffen: Richtig, es ist die Katze! Was machst Du hier, Du
schlechtes Geschöpf?
Jane sprang empor, sah John wild und erregt an, gab aber
keinen Laut von sich.
Willst Du reden! schrie John und schwang die Reitpeitsche
nach ihrem Kopfe. Willst Du reden, oder ich schlage Dich wie
einen unfolgsamen Hund, elende Kate. Rühre mich nicht an,
John! rief Jane zitternd, Du hast meine Fingernägel gefühlt, Du
hast empfunden, daß meine Zähne empfindlich beißen können.
Wenn Du mich wieder schlecht behandelst, so kratze und beiße ich
Dich nicht allein, so töte ich Dich, Bursche.
Hahaha! Das wirst Du wohl bleiben lassen! lachte John
und trat einen Schritt zurück. Du wirst gar nicht wagen, mich
töten zu wollen.
Wenn Du mich nicht schlägst und mich gehen läßt, thue ich
Dir auch nichts, antwortete Jane.
So gehe mir aus den Augen und verlaß dieses Zimmer,
elende Katze!
Was geht hier vor? rief Mistreß Reed, welche mit ihrem
Bruder Whitfield in das Zimmer trat. Wie kommst Du hierher
und was willst Du hier Jane, hier, wohin es Dir von mir verboten ist, den Fuß zu setzen? Was willst Du hier?
Es ist Onkel Reed's Sterbetag heute, antwortete Jane finster
und entschlossen, und da wollte ich gern sein Bild einmal betrachten
und vor demselben beten.
Ist denn heute meines Schwagers Sterbetag? fragte Kapitän
Whitfield betroffen.
Es ist der W. November, berichtete Jane, heute ist mein
guter Onkel bereits zwei Jahre tot, aber es scheint Niemand weiter
im Hause daran gedacht zu haben wie ich. Ich habe Onkel Reed aber
auch so zärtlich geliebt, wie er mich wieder geliebt hat.
Mistreß Reed war sichtlich betreten und suchte vergeblich
einige Sekunden nach einer Antwort, bis ihr John, der seiner
Mutter Verlegenheit bemerkte, zu Hülfe kam und sprach: Mama,
Jane hat mir gedroht, mich zu töten. Wirst Du das von ihr erdulden?
Was! rief Mistreß Reed, heftig aufspringend, Du hast meinen lieben Sohn zu töten gedroht! Du hörst es, Bruder Harry!
Ist das wahr, Jane?
Wenn er mich schlagen würde, ja! antwortete Jane mit
trotziger Miene.
Du wirst ihn sofort um Verzeihung bitten, Du boshafte
Kreatur, auf der Stelle.
Wenn er zuvor mich erst um Verzeihung bittet für alle die
Kränkungen und Schmähungen, die er seit Jahren über mich gehäuft hat, für alles das Böse, das er mir angethan, dann will.
ich ihn auch um Verzeihung bitten, sonst aber nicht, auf keinen Fall.
So widersetzest Du Dich meinem ausdrücklichen Willen, meinem bestimmten Befehl! Du lehnst Dich auf in Ungehorsam
gegen mich?
Wenn Sie etwas Unrechtes, worauf Sie auch nicht das geringste Anrecht haben, von mir verlangen, so frage ich nicht nach
Ihrem Willen, nach Ihrem Befehl.
Diese Worte, diese bösen, unkindlichen Worte sollst Du schwer
büßen. Geh! Doch halt noch Eins: Warum trägst Du Locken?
Weißt Du nicht, daß Georgine solche trägt, und ich Dir ebenfalls
befohlen habe, das Haar glatt zu tragen. Locken eignen sich nur
für Töchter vornehmer Häuser, wie Georgine eine ist, aber nicht
für Bettelkinder, die von anderer Leute Gnade leben müssen!
Warum giebst Du mir keine Antwort?
Locken? Trage ich denn Locken? Ich weiß es nicht, ich kämme
täglich mein Haar mehrmals, aber ich habe keinen Spiegel, in
welchem ich sehe, daß mein Haar sich lockt.
Dein Haar ist so widerspenstig wie Dein Charakter, aber
verlaß Dich auf mein Wort, Dein Haar wie Dein Charakter,
alle beide sollen sich noch glätten und beugen lernen.
Mistreß, meldete ein eintretender Diener, Mister Blackhurst
läßt bitten.
Laß ihn eintreten, den würdigen Mann, den ich mit Sehnsucht erwarte, sprach Mistreß Reed - er ist mir sehr willkommen.
Der Diener entfernte sich und im nächsten Augenblicke erschien eine lange, schmale, schwarz gekleidete Gestalt in der Thüre,
welche unter tiefen Verbeugungen näher trat und mit den feierlichen Worten: Gott zum Gruß, meine Lieben, und seinen Segen
über Euch Alle, seine Anrede begann. Mistreß Reed haben mich
befohlen, fuhr er fort.
Sein Sie mir willkommen, würdiger Herr, ging ihm Mistreß
Reed plötzlich freundlich werdend und sehr gesprächig entgegen.
Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Bitte so bald nachgekommen
sind. Bitte, nehmen Sie Platz. Sie sollen das Mädchen,
wegen dessen ich Ihnen schon geschrieben habe, sogleich kennen
lernen. Tritt näher, Jane, näher an diesen Herrn heran.
Jane trat an Blackhurst heran; er sah sie forschend an und
sprach langsam und bedächtig: Sie ist von kleinem Wuchse! Wie
alt ist das kleine Mädchen?
Elf Jahre wird sie alt, gab Mistreß Reed zur Antwort.
So alt schon? fragte Blackhurst, da wird es etwas schwer
halten, Mistreß.
Es wird schon noch gehen, entgegnete Mistreß Reed. Betrachte diesen Herrn, Jane, Du wirst ihm in die Schule folgen
und bei ihm Unterricht erhalten.
Sie schicken mich in die Schule, Tante Reed; o wie beglücken
Sie mich durch diese Mitteilung! jubelte Jane plötzlich. Ich soll
aus diesem Hause fort, ich soll lernen und ein kluges Mädchen
werden, das sich allein durch die Welt bringen kann und das
keine Wohlthaten anzunehmen braucht. Was werde ich bei Ihnen
lernen, Herr?
Wenn Du Lust zum Lernen hast, kannst Du viel, sehr viel
lernen - aber zunächst wird es Deinem Herzen Not thun, daß
Du Demut und Gottesfurcht lernst.
Demut und Gottesfurcht hat mich Onkel Reed gelehrt, als
er noch lebte, und sie sind mir beide in das Herz tief eingegraben.
Seit Onkel Reed's Tode haßt mich Alles hier wie einen bösen
Geist - darum freue ich mich, daß ich aus diesem Hause komme,
darum juble ich, daß ich lernen soll, um selbständig zu werden.
Welche Sprache eines Kindes gegen seine Wohlthäter! rief
Blackhurst verwundert.
Wohlthäter! sprach Jane empört, Wohlthäter wären mir diese
Menschen hier gewesen! Du hörst es, Onkel. Reed, die erste Wohlthat, die sie mir erweisen, ist, daß sie mich aus ihrer Nähe schicken
und mich die Schule besuchen lassen. In welche Schule werde ich
kommen, Herr, o bitte, sagen Sie mir es, ich freue mich so darauf.
Du kommst auf eine fromme Schule, die nur von milden
Gaben edler und barmherziger Menschen erhalten wird, Du trittst
zu Neujahr in das Waisenhaus zu Lowood ein?
In ein Waisenhaus schicken Sie mich, Tante Reed. Hörst
Du es Onkel, Deine Jane, Dein Herzenskind verstößt man in
ein Waisenhaus- ein Waisenhaus ist ihre Zuflucht in einem
Alter, wo sie noch so schwach ist, um sich selbst helfen zu können.
Aber sei es darum, auch in ein Waisenhaus will, ich gehen und
mich dort erziehen lassen, denn wenn ich dort auch schwer zu
tragen haben werde, so wird mich doch nicht der Haß derjenigen
Menschen verfolgen, die sich meine Verwandten nennen. Jane
hielt erschöpft inne.
Mistreß, warum haben Sie mir dieses böse Kind nicht schon
früher anvertraut? fragte Blackhurst, sich entsetzt stellend- ein
solches bösartiges Gemüt.
Sie werden sie noch besser kennen lernen, antwortete Sarah
giftig. Jane verstellt sich, sie heuchelt, sie ist eine Lügnerin, eine
Verleumderin.
Ich verstelle mich nicht, ich heuchle nicht, ich lüge nicht, fiel
Jane ihrer Tante in die Rede, wenn ich dies thäte, so würde ich
sagen, ich beklage es, daß ich aus diesem Hause komme, so würde
ich sagen, ich liebe Sie, Tante Reed, denn das würde mir bei
diesem Herrn von Nutzen sein, aber ich erkläre feierlich: Ich verabscheue nichts so sehr auf dieser Welt als diese Frau und ihre
bösen Kinder; ich juble darüber, daß ich aus diesem Hause komme!
Ich bin froh, daß Sie keine Verwandte mehr von mir sind, wenn
ich erst in Lowood bin- ich will Sie nie wieder Tante nennen,
so lange ich lebe - ich will Sie nie besuchen, wenn ich herangewachsen bin, und wenn mich Jemand fragt, wie Sie mich behandelt haben, so werde ich gestehen, daß Sie mich mit kalter, elender
Grausamkeit behandelt, mich dumm und unwissend gelassen, und
daß Sie mich endlich, um ihren Thaten die Krone aufzusetzen, in
das Waisenhaus von Lowood geschickt haben.
Wie kannst Du es wagen, solche böse Worte auszusprechen!
rief Mistreß Reed emporspringend und wollte auf das Mädchen
zustürzen, wurde aber von ihrem dazwischentretenden Bruder an
ihrem Vorhaben, Jane zu mißhandeln, verhindert.
Wie ich es wagen kann, Mistreß, fuhr Jane in heftiger
Aufregung fort; wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit
ist, die ich spreche. Sie denken, ich habe kein Gefühl, könne ohne
die geringste Freundlichkeit oder Liebe leben, aber ich kann nicht
so leben und sie kennen kein Mitleid. Für ein klein wenig Liebe
hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe, für
ein klein wenig Liebe hätten Sie mich zum glücklichsten Kinde
gemacht, während Sie mich zum elendsten Geschöpfe gemacht haben.
Sie haben kein Mitleid. Ich werde mich bis zu meinem Tode
des Tages noch erinnern, wo Sie mich rauh und heftig in das
Zimmer stießen, wo Onkel Reed gestorben war; obgleich ich in
Todesangst war und vor Entsetzen fast erstickend ausrief: Haben
Sie Mitleid, Tante Reed, haben Sie Erbarmen - aber ich mußte
die ganze Nacht daselbst zubringen, verfiel in ein hitziges Fieber,
so daß der Arzt sagte, es wäre ein Wunder, daß meine Gesundheit nicht vollständig zerrüttet worden sei! - Und diese Strafe
mußte ich erdulden, weil Ihr böser John mich geschlagen - mich
ohne alle Ursache zu Boden geschlagen. Die Leute halten Sie für
eine gute Frau, aber Sie verstellen sich, Sie sind böse und hartherzig, - ja Sie sind noch mehr, Sie sind eine Meineidige!
Jane!
Eine Meineidige! Denn Sie haben in meines sterbenden
Onkels Hände mit einem Eide gelobt, mich zu halten wie Ihre
eigenen Kinder! Und jetzt übergeben Sie mich einem Fremden,
überweisen Sie mich einem Waisenhause! Und wenn Sie dem
Verewigten dort oben wieder begegnen und er die Frage an Sie
richtet: Was ist aus der Waise meiner Schwester geworden und
wie hast Du Deinen Eid gehalten? so müssen Sie ihm antworten:
Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen. -
So, Herr, nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie
wieder gut machen können, was meine Verwandten an mir schlecht
gemacht haben.
Hinaus! Hinaus Elende! schrie Mistreß Reed und ihre
Stimme klang heiser. Jane eilte aus dem Bibliothekzimmer hinaus, während die Zurückgebliebenen eine geraume Zeit verweilten,
ehe sie wieder Worte fanden, um die nötigen Verabredungen über
Jane's Aufnahme in die Lowoodstiftung treffen zu können.
Sechstes Kapitel.
Jane hatte nach diesem Auftritt weder ihre Tante noch irgend
Jemand von der ganzen Familie zu Gesicht bekommen; sie mußte
auf ihrer Stube bleiben und durfte sich von derselben nicht einen
Augenblick entfernen, bis sie nach Lowood abgeholt werden sollte.
Auch diese Zeit ging vorüber, und der Tag brach an, an welchem
sie früh um sechs Uhr von einem Omnibus abgeholt wurde, der am
Parkthore von Gateshead vorüberkam und sie nach Lowood überführen sollte.
Als Bessie Jane ermuntern wollte, fand sie dieselbe bereits
fertig angekleidet und zum Aufbruch bereit. Bessie nötigte sie,
einige Löffel gewärmter Milch zu genießen und wickelte ihr einige
Stücke Zwieback ein, welche sie in Jane's Körbchen steckte; dann
forderte sie das bebende Mädchen auf, ihr nach dem Wagen zu
folgen. Als Beide an Mistreß Reed's Schlafzimmer vorüberschritten, fragte die Gouvernante:
Willst Du nicht hineingehen, Vane, und Mistreß Lebewohl
sagen?
Nein, Miß Bessie, antwortete Jane fest und entschlossen.
Als sie durch die Hausthür traten, war der Mond gerade
untergegangen, und es war sehr dunkel. Bessie trug eine Laterne,
deren Schein auf nasse Steine und auf den von dem eben eingetretenen Thauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel. Es war ein rauher
und nasser Wintermorgen; Jane's Zähne schlugen bebend zusammen; in dem Häuschen des Portiers, der nach Mister Reed's
Tode angestellt war, brannte ein Licht und ein helles Feuer, an
dem sie sich wärmen konnte, da der Omnibus erst in einigen
Minuten eintraf; Jane's Koffer war schon am Abend zuvor hergeschafft worden.
Nachdem sich Jane etwas wieder erwärmt hatte, hörte sie
ein fernes Rollen von Rädern, das den herankommenden Wagen
verkündete, und schritt auf die Thüre zu, um die Lampen zu beobachten, die sich mit dem Wagen näherten.
Wird sie ganz allein reisen? fragte die Frau des Portiers.
Ja!
Und wie weit ist Lowood von hier entfernt?
Fünfzig Meilen!
Welch ein weiter Weg! Es wundert mich, daß Mistreß Reed
das schwache Mädchen allein, ohne irgend eine Begleitung so weit
reisen läßt. Sonderbar!
Plötzlich hielt der mit vier Pferden bespannte und von mehreren Passagieren besetzte Wagen. Schaffner und Kutscher trieben
laut zur Eile an; Jane's Koffer wurde aufgepackt; Bessie, an
deren Munde Jane mit heißen Küssen und unter Thränen hing,
trug die halb Bewußtlose in das Innere des Wagens und sprach
gutmütig: Tragen Sie ja auch recht Sorge für das Mädchen,
Herr Schaffner.
Ja, ja! war die Antwort; die Thüre des Wagens wurde zugeschlagen, eine kräftige Stimme rief: Alles richtig! und fort
ging's in die ferne unbekannte Welt hinein!
Jane wurde von ihrer Reise nur sehr wenig gewahr, sie war
aber auch nicht in der Stimmung auf ihre Umgebung und auf
die Gegend, durch welche sie kamen, viel zu achten. Der Weg
führte durch mehrere große Städte; in einer derselben hielt der
Wagen an, die Pferde wurden abgespannt und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu speisen. Jane wurde in das Gasthaus
vom Schaffner getragen und sollte ebenfalls am Mittagsessen teilnehmen, aber da sie nicht hungrig war, so brachte man sie in ein
anderes Zimmer, in welchem sie sich allein befand und ängstlich
auf und abging, da ihr Herz doch nicht ganz frei von Furcht war.
Nach einer Stunde holte sie der Schaffner wieder ab und packte
sie in den Wagen.
Der Nachmittag war naß und nebelig, aber jetzt bemerkte
Jane doch, daß sich die Gegend bedeutend veränderte: Große graue
Hügel erhoben sich rings am Horizonte, und als es zu dunkeln
begann, fuhren sie in ein Thal hinunter, und lange, nachdem die
Nacht schon die Aussicht ganz verborgen hielt, hörten die Insassen
des Wagens den Sturmwind über ihren Häuptern in den Bäumen rauschen. Durch dieses einförmige Rauschen war das sich
einsam und verlassen fühlende Mädchen eingeschlummert, bis das
plötzliche Stillstehen des Wagens und ein scharfer Luftzug sie aus
dem Schlummer emporschreckte. Die Wagenthür war offen; es
stand eine Person, die einer Dienerin dem Aussehen nach glich,
vor dem Wagen und fragte:
Ist hier ein kleines Mädchen, Namens Jane Eyre mit im
Wagen drin?
Ja! gab Jane zur Antwort! Hierauf wurde sie aus dem
Wagen gehoben, ihr Koffer wurde abgeladen und der Omnibus
entfernte sich sehr rasch.
Sie war steif und betäubt vom langen Sitzen, aber sie sammelte rasch ihre Gedanken und sah sich um: Regen und Dunkelheit erfüllten die Luft, dennoch aber erkannte sie eine Mauer, in
welcher sich eine offene Thür befand, durch welche Jane mit ihrer
Führerin schreiten mußte; nach wenigen Augenblicken gewahrte sie
ein oder mehrere Häuser- denn so breitete sich das vor ihr
stehende Gebäude aus- es hatte viele Fenster und in einigen
derselben brannte Licht. Der mit Kieseln bestreute nasse Weg
führte etwas aufwärts, bis sie durch eine Thür eingelassen wurde;
die Dienerin geleitete sie über einen langen Gang in ein Zimmer,
-
Jane wärmte sich ihre fast erfrorenen Finger an dem Feuer und
sah sich dann um. Es war kein Licht im Zimmer, aber der unsichere Schein des Kaminfeuers zeigte ihr doch mit Tapeten bedeckte Wände, einen Fußteppich, Vorhänge und Möbel von glänzendem Mahagoniholz; es war ein Sprechzimmer, nicht so geräumig und glänzend wie das Gesellschaftszimmer in Gateshead, aber
ganz bequem eingerichtet. Jane wollte eben eines der an den
Wänden hängenden Bilder betrachten, als sich die Thüre öffnete
und zwei weibliche Personen eintraten, deren erstere ein Licht trug.
Es war eine große Dame mit dunklem Haar, schwarzen Augen
und blasser hoher Stirn; ihre Gestalt war teilweise in ein großes
Halstuch eingehüllt, ihre Haltung eine gerade, ihre Gesichtszüge
trugen einen ernsten Ausdruck.
Das Kind ist noch sehr jung, sprach die Dame ruhig und
setzte das Licht auf einen Tisch; es ist jedenfalls besser, Miß Miller,
Sie bringen es bald zu Bett. Bist Du müde, Kind? fragte sie
Jane.
Ich bin etwas ermüdet, Miß, antwortete Jane.
Und hungrig ohne Zweifel, fuhr die Dame fort. Sorgen
Sie, daß das Mädchen etwas zu essen bekommt, ehe es zu Bette
geht. Ist dies das erste Mal, daß Du Deine Eltern verlassen
hast, um eine Schule zu besuchen? fragte sie teilnehmend weiter
und streichelte Jane die Wangen.
Ich habe schon lange keine Eltern mehr, Miß, gab Jane zur
Antwort; den Vater habe ich gar nicht gekannt, und auf die Mutter
kann ich mich auch nur noch dunkel besinnen.
-
habe ich an dem Unterrichte nicht mehr teilnehmen dürfen und
nur in der Küche mit arbeiten müssen.
Ich hoffe, Du wirst ein gutes und fleißiges Kind werden.
Gute Nacht, Kind.
Gute Nacht, Miß.
Die Dame ging und ließ Jane mit dem Miß Miller genannten Frauenzimmer allein; dieselbe war jünger, hatte ein rotes
und frischeres Gesicht, aber doch auch ein weit sorgenvolleres, kurz
sie sah aus, wie eine Person, die vielfache und verschiedene Verrichtungen zu besorgen hatte.
Folge mir, sprach sie halblaut zu Jane und führte dieselbe
von Gemach zu Gemach, von Gang zu Gang, durch ein unregelmäßiges Gebäude, bis sie sich von der öden Stille in diesem Teile
des Hauses dem Summen vieler Stimmen näherten und gleich
darauf in ein großes Zimmer mit tannenen Tischen, zwei an jedem
Ende, eintraten, auf welchen ein paar Lichter brannten und um
welche eine Schaar von Mädchen jeden Alters, zwischen neun bis
achtzehn Jahren herum saßen. Bei dem trüben Scheine der Talglichter erschien die Menge Mädchen eine sehr bedeutende zu sein,
obwohl es in der That nicht mehr als achtzig waren; ihr Anzug
war gleichförmig und bestand in Kleidern von braunem Zeuge mit
auffallendem Schnitt, um den Hals hatte jede ein wollenes Tuch
gelegt. Es war die Lernstunde und jede war beschäftigt, sich auf
ihre Lektionen für den folgenden Morgen vorzubereiten, wodurch
das gehörte Gesumme entstanden war. Miß Miller wies Jane
einen Platz in der Nähe der Thüre auf einer Bank an, ging dann
nach dem oberen Ende des großen Zimmers und rief: Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und legt sie weg!
Vier große Mädchen standen von den verschiedenen Tischen
weg, sammelten schleunigst, aber fast geräuschlos die Bücher ein
und legten sie weg, wie befohlen worden war.
Miß Miller rief weiter: Aufseherinnen, holt das Abendessen
herein!
Dieselben vier Mädchen gingen hinaus, kehrten aber nach
einigen Augenblicken zurück, und jede trug einen Teller, auf dem
sich Portionen von dünnem Haferkuchen befanden; außerdem stand
in der Mitte jedes Tellers ein Wasserkrug und ein Becher. Die
Portionen wurden herumgereicht; Diejenigen, welche trinken wollten,
tranken von dem Wasser, wobei sie sich des Bechers gemeinschaftlich bedienten. Als Jane an die Reihe kam, trank sie auch von
dem Wasser, denn sie war sehr durstig, die Speise aber berührte
sie nicht, da ihre Aufregung und Ermüdung von der Reise das
Essen unmöglich machten.
Sobald die Mahlzeit vorüber war, las Mis; Miller Gebete
vor, dann marschierten die Klassen, je zwei und zwei Mädchen
nebeneinander, eine Treppe hinauf. Jane folgte mit Mis Miller,
beachtete aber vor Ermüdung beinahe gar nicht, was das Schlafzimmer für ein Gemach war. Für die erste Nacht mußte sie mit
Miß Miller in einem Bette schlafen, die ihr auch beim Auskleiden
behilflich war. Als sie jedoch im Bette lag, überblickte sie die
langen Reihen von Betten, in welchen je zwei Mädchen Platz
nehmen mußten; nach kurzer Zeit ward das einzige Licht ausgelöscht, und von Stille und Dunkelheit umgeben, schlief sie rasch
ein. Als sie ihre Augen wieder öffnete, ertönte eine laute Glocke;
die Mädchen waren sämtlich schon munter und kleideten sich an,
obwohl der Tag noch nicht einmal dämmerte; es war recht empfindlich kalt, aber sie erhob sich schnell, kleidete sich, vor Kälte
zitternd, an und wusch sich, sobald eine Waschschale frei war, was
nicht sobald geschah, da für je sechs Mädchen nur eine vorhanden
war, die auf einem Tische im mittleren Gange zwischen den Betten
stand. Wiederum ertönte die Glocke; die sämtlichen Mädchen
bildeten eine Doppelreihe, schritten in dieser Ordnung aus dem
Schlafsaale die Treppe hinunter und traten in das kalte, matterleuchtete Schulzimmer, woselbst Miß Miller wiederum Gebete vorlas und dann rief:
Bildet Klassen!
Jetzt erfolgte ein recht arger Tumult und Lärm, während
dessen Miß Miller, welche die Stelle einer Unterlehrerin versah,
wiederholt: Stille! Ruhe! Ordnung! rufen mußte. Als der Tumult
sich einigermaßen gelegt hatte, sah Jane alle Schülerinnen in einem
Halbkreise vor vier Stühlen aufgestellt, die an den vier Tischen
standen; alle hielten Bücher in den Händen, und ein großes Buch,
wie eine Bibel, lag auf jedem Tische vor dem leeren Stuhle; und
es trat nun sehr bald eine große und auffällige Ruhe ein. Nachdem wieder ein entferntes Glockenzeichen gegeben war, traten drei
Damen in das Unterrichtszimmer; jede ging nach einem Tische
und nahm ihren Sitz ein; Mis Miller erhielt den vierten Stuhl,
welcher der Thüre am nächsten stand und um welchen sich die
kleinsten Kinder versammelt hatten; zu dieser Klasse wurde Jane
gewiesen und auf den untersten Plat gestellt.
Hierauf begann der Unterricht; zunächst wurde das Tagesgebet gesprochen, dann verschiedene Sprüche hergesagt und darauf
Kapitel aus der Bibel vorgelesen, womit wohl eine Stunde verging. Als diese Übung beendet war, schien der helle Tag durch
die Fenster. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum vierten
Male, die Klassen wurden wieder geordnet und marschierten in ein
anderes Zimmer zum Frühstück. Jane war fast krank vor Erschöpfung, da sie während des vorhergehenden ganzen Tages keinen
Bissen gegessen hatte. Das Speisegemach war groß, niedrig
und düster; auf zwei Tischen dampften große Schüsseln, in denen
sich eine heiße Speise befand, die aber einen durchaus zum Essen
nicht einladenden Geruch verbreitete, und die vornstehenden größeren
Mädchen riefen laut und empört aus: Abscheulich! Die Suppe
ist ja schon wieder einmal angebrannt.
Still! rief eine von den Oberlehrerinnen, eine kleine schwarze
und zierliche Person, aber von mürrischem Ausdruck, und setzte sich
an das obere Ende des einen Tisches, während eine voller aussehende Dame am entgegengesetzten Ende Plat nahm. Miß; Miller
saß am unteren Ende des anderen Tisches und ihr gegenüber eine
fremdartig aussehende Dame, die französische Lehrerin, wie Jane
später erfuhr. Nachdem ein langes Tischgebet gesprochen und
ein geistliches Lied gesungen war, brachte eine Dienerin Thee für
die Lehrerinnen herein und das Frühmahl begann. Da Jane
sehr hungrig war, so verzehrte sie begierig einige Löffel voll von
ihrer Portion, ohne an den Geschmack derselben zu denken, als
aber der erste Hunger vorüber war, bemerkte sie, daß die Suppe
wirklich angebrannt war und ganz abscheulich schmeckte. Ihr Löffel
bewegte sich jetzt eben so langsam, wie die der übrigen Mädchen,
welche die Speise kosteten und hinunterzuschlucken versuchten, doch
die meisten gaben das Bemühen bald auf. Das Frühstück war
vorüber und keine hatte gefrühstückt. Nachdem noch ein Dankgebet gesprochen und ein zweites Lied gesungen war, marschierten
die Mädchen wieder nach dem Schulzimmer. Jane war eine der
Letzten, die hinausging, und sah, als sie an den Tischen vorüberkam, wie eine der Lehrerinnen einen Teller mit Suppe nahm und
kostete, unter dem Ausrufe: Abscheuliches Zeug!
Eine Viertelstunde verging, ehe der Unterricht wieder begann,
und während deren das Lärmen wieder begann. Die Unterhaltung
drehte sich allein um das Frühstück, das Alle laut tadelten und
zu Miß Miller, welche jetzt allein anwesend war, mit ernsten und
finsteren Mienen sprachen, wobei mehrmals der Name Blackhurst
zu hören war. Miß Miller schüttelte unmutig mit dem Kopfe,
schwieg aber hartnäckig, und nur als die Uhr im Schulzimmer
neun Uhr schlug, trat sie in dieMitte des Zimmers und rief: Alle
an Eure früheren Plätze!
In wenigen Augenblicken herrschte vollkommene Ordnung im
Schulzimmer. Die Lehrerinnen nahmen ihre Plätze wieder ein,
aber noch schienen Alle auf etwas zu warten. Auf den Bänken
an den Seiten des Zimmers saßen die sämtlichen Mädchen aufrecht und bewegungslos; eine seltsame Versammlung war es: Alle
hatten ihr Haar aus dem Gesicht gekämmt, so daß keine Locke
sichtbar war; Alle trugen braune Kleider, die hoch hinaufreichten
K?
und von einem schmalen Halsstreifen umgeben waren; vorn hatten
sie kleine Taschen von Leinwand angebunden, die zur Aufbewahrung
ihrer Handarbeiten dienten; Alle trugen wollene Strümpfe und
starke Schuhe, die mit messingenen Schnallen befestiget waren. Plötzlich erhoben sich Alle, wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt.
Kein Befehl war gegeben, kein Glockenzeichen erfolgt, aber
wie sich die Augen aller Mädchen nach der Thüre richteten, so
folgten auch Jane's Blicke und sie trafen auf die Gestalt der
Dame, welche sie am gestrigen Abende empfangen hatte. Sie
stand am Ende des langen Zimmers am Kamin und überschaute
schweigend und ernst die ganze Schule. Mis; Miller näherte sich
ihr, schien ihr eine Frage vorzulegen und kehrte, als sie eine Antwort erhalten, auf ihren Platz zurück und sagte: Aufseherin der
ersten Klasse, hole den Globus!
Die Dame trat näher, es war- wie Jane später erfuhr
- Miß Temple, die Direktorin der Lowood-Stiftung - nahm
ihren Platz vor dem Globus ein, der auf einen der Tische gestellt
wurde, versammelte die erste Klasse um sich und begann eine Unterrichtsstunde in der Geographie, während die anderen Lehrerinnen
Geschichte und Sprachlehre lehrten. Nach einer Stunde, denn
Alles gi: g hier pünktlich, folgte hier Rechnen und Schreiben, Miß
Temple aber unterwies ihre Schülerinnen in den Anfangsgründen
der Musik. Als endlich die Glocke zwölf Uhr schlug, erhob sich
die Direktorin und sprach mit vernehmlicher Stimme:
Ich habe noch ein Wort an Euch Alle zu richten: Ihr habt
am heutigen Morgen ein Frühstück erhalten, welches Ihr nicht
habt essen können, Ihr müßt also noch hungrig sein. Ich habe
befohlen, daß an jede von Euch ein Stück Brot und Käse ausgeteilt werde. Es geschieht auf meine Verantwortung, fügte sie
hinzu, als die übrigen Lehrerinnen sie erstaunt ansahen, und verließ nach wenigen Augenblicken still, wie sie gekommen, das Zimmer
wieder.
Brot und Käse wurden gleich hereingebracht und zur großen Beruhigung für Jane, an welcher der Hunger bereits hart zu nagen
begonnen, wie zum Entzücken der übrigen Mädchen, verteilt. Dann
erfolgte das Kommandowort: In den Garten! Jede setzte einen
groben Strohhut mit farbigen Bändern auf und legte einen Mantel
von grauem Wollzeug an. Jane wurde in ähnlicher Weise ausstaffiert und folgte dem Strome unwillkürlich nach dem Garten.
Der Garten war ein weiter Raum von so hohen Mauern
umgeben, daß man von der äußeren Umgebung desselben nichts
gewahren konnte; ein bedeckter Gang zog sich an der einen Seite
hin und breite Wege begrenzten einen mittleren Raum, der in
viele Beete eingeteilt war, die jetzt freilich öde und traurig aussahen. Jane empfand einen heftigen Schauer, als sie so dastand
und sich umsah; es war ungünstiges Wetter zum Aufenthalt im
Freien, es regnete zwar nicht, aber es war dunkel von einem feuchten gelben Nebel und der Boden noch naß von dem gestrigen
Regen. Die stärkeren Mädchen liefen umher und begannen Spiele,
aber mehrere blasse und schwächliche Kinder drängten sich zusammen,
um Obdach und Wärme unter dem bedeckten Gange zu suchen;
ein öfterer hohler Husten wurde unter diesen vernehmlich.
Noch hatte Jane mit keinem Mädchen gesprochen, und noch
war sie anscheinend von keinem näher beachtet worden; sie stand
einsam da, aber an das Gefühl des Verlassenseins von Gateshead
her gewöhnt, drückte sie dies nicht darnieder. Sie lehnte sich an
einen Pfeiler des bedeckten Ganges, zog ihren Mantel fest um sich,
sah sich aufmerksam in dem klösterlichen Garten um und betrachtete sich das Haus, in dem sie jetzt wohnte. Es war ein großes
Gebäude, dessen eine Hälfte alt und grau war, während die andere
vollständig neu erschien. Der neue Teil enthielt das Schul- und
Schlafzimmer und hatte vergitterte hohe Fenster, welche demselben
ein kirchenartiges Aussehen gaben; eine steinerne Tafel über der
Thüre enthielt folgende Inschrift:
,Die Lowood-Stiftung. Dieser Teil wurde im Jahre des
Herrn - von Naomi Blackhurst von Blackhurst -Hall erbaut.
Lasset Euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie Eure guten
Werke sehen und den Vater im Himmel preisen. Matth. 16.’
Jane las diese Worte wiederholt und merkte, daß sie eine Erklärung bedürfte, um diese Inschrift vollständig zu verstehen. Sie
dachte noch über die Bedeutung des Wortes,Stiftung' nach, als
sie hinter sich einen hohlen Husten vernahm und beim Umschauen
ein lesendes Mädchen erblickte. Die Begierde, das Buch kennen
zu lernen und dessen Überlassung für später zu bitten, trieb Jane
an, sich dem Mädchen zu nähern und die Fragen an dasselbe
zu richten:
Ist das Buch unterhaltend und belehrend?
Es gefällt mir, lautete die Antwort, nachdem die Fragerin
einige Minuten lang aus einem dunkeln, aber matten Augenpaar
betrachtet worden war.
Wovon handelt es? fragte Jane dreister gemacht und das
Bedürfnis fühlend, sich an irgend eine menschliche Seele anschließen
zu können.
Du kannst es ansehen, versetzte das Mädchen und reichte
Jane das Buch hin.
Ich will es Dir nicht entziehen, behalte es nur. Kannst
Du mir aber sagen, was die Inschrift auf jener Thüre bedeutet,
so würde ich Dir dankbar sein. Was ist die Lowood-Stiftung?
Das Haus, in welchem Du Dich gegenwärtig befindest.
Und warum nennt man dasselbe eine Stiftung? Ist es denn
auf irgend eine Art und Weise von anderen Schulen verschieden?
Es ist eine halbe Freischule. Du und ich und alle die
Übrigen werden hier umsonst unterrichtet und unterhalten. Ich
vermute, Du bist eine Waise. Deine Mutter oder Dein Vater
ist tot?
Sie starben alle Beide, ehe ich sie ordentlich kennen lernte.
Alle Mädchen hier haben entweder Eins von ihren Eltern
oder alle Beide verloren, und dies ist eine Stiftung zur Erziehung
von Waisen.
Zahlen wir denn gar kein Geld und unterhält man uns denn
ganz umsonst?
Wir, oder vielmehr unsere Verwandten, zahlen fünfzehn Pfund
jährlich für jedes Kind.
-
nicht ausreichend sind für Kostgeld und Unterricht und das Fehlende
durch milde Beiträge ersetzt wird.
Und wer giebt denn milde Beiträge für uns?
Verschiedene wohlwollende Herren und Damen in dieser Gegend und in London.
Wer war Naomi Blackhurst?
Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses erbaute, wie
auf jener Tafel zu lesen ist, und deren Sohn hier Alles beaufsichtigt und leitet, weil er die Stelle des Schatzmeisters und Direktors
zugleich bei dieser Stiftung versieht.
So gehört dieses Haus also nicht jener gütigen Dame, Mc
eine Uhr trägt und welche uns vor kurzer Zeit Brot und Käse
reichen ließ, weil die Suppe verbrannt war?
Der Miß Temple? Ich wollte, es gehörte ihr; sie ist nur
die Oberleiterin und muß Herrn Blackhurst von Allem Rechenschaft
ablegen, was sie thut. Herr Blackhurst kauft alle unsere Lebensmittel und auch unsere Kleider persönlich ein.
-
Herrenhause.
Ist er ein guter Mann.
Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thue den Armen
sehr vieles Gute.
Die große Dame heißt Miß Temple. Wie nennen sich die
anderen Lehrerinnen?
Miß Smith führt die Aufsicht bei den Handarbeiten und
schneidet zu, denn wir müssen uns unsere Kleider, unsere Röcke,
unsere Mäntel und Alles selbst machen. Miß Scatcherd unterrichtet in Geschichte und Sprachlehre und hat zu überhören, was
die zweite Klasse auswendig lernt, und Madame Pierot ist aus
Frankreich und erteilt in ihrer Muttersprache Unterricht in unserer
Stiftung.
Aber Miß Temple ist jedenfalls die beste von allen unseren
Lehrerinnen?
Miß Temple ist sehr gut und besitzt außerordentlich viel Kenntnisse; sie gilt viel mehr als die anderen, besonders weil sie viel
mehr weiß, als jene alle zusammen.
Bist Du schon lange hier?
Seit zwei Jahren!
Bist Du auch eine Waise?
Meine Mutter ist gestorben.
Fühlst Du Dich glücklich in Lowood?
Du richtest aber auch zu viel Anfragen an mich; ich habe
Dir für heute genug Antworten gegeben. Morgen kannst Du
weiter fragen, ich will nun wieder lesen.
Als sich das Mädchen, das Jane so viele Antworten gegeben,
ohne unfreundlich zu werden, wieder zu seinem Buche wenden
wollte, ertönte die Aufforderung zum Mittagessen, und Alle traten
wieder in das Haus ein. Der Geruch, der jetzt dem Mädchen in
die Nase drang, war nicht so unangenehm, wie der von der verbrannten Suppe; das Mittagessen ward in zwei ungeheuren zinnernen Schüsseln aufgetragen und bestand aus Kartoffeln und
Schnitten von verschiedenen Fleischarten, die untereinander gemischt
und zusammengekocht waren. Aus diesen Schüsseln erhielt jedes
Mädchen einen ziemlich reichlichen Teller voll. Jane, wie alle
übrigen, aß tüchtig und fragte sich im Stillen, ob ihre Speisen wohl
immer dieselben oder wenigstens ähnliche sein würden. Nach
dem Mittagessen begaben sich die Schülerinnen sämtlich wieder
in das Unterrichtszimmer, und die Lehrstunden begannen von
Neuem in ganz gleichförmiger Weise. Das einzige bemerkenswerte
Ereignis während des Nachmittags war, daß das Mädchen, mit
welchem Jane im Garten gesprochen hatte, von Miß Scatcherd in
Unwillen aus der Geschichtsklasse entlassen wurde und in der Mitte
der großen Schulstube stehen mußte. Diese Strafe erschien Jane
im höchsten Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen,
das wenigstens 1B Jahr alt war, und Jane glaubte, sie würde
sich sehr betrüben oder Scham zu erkennen geben, aber zu ihrer
Überraschung weinte sie weder, noch errötete sie, sondern stand
ruhig und gefaßt da, während die Blicke aller Übrigen unaufhörlich nach ihr hinflogen.
Bald nach fünf Uhr Nachmittags bekamen die Zöglinge noch
eine Mahlzeit, die aus einem Becher mit Kaffee und aus einem
Schnitte gerösteten Brotes bestand, worauf ungefähr eine halbe
Stunde der Erholung folgte, dann wieder gelernt, weiter ein Glas
Wasser getrunken und ein Stück Haferkuchen verzehrt wurde -
dann ging es zu Bett. Dies waren Jane's Erlebnisse an dem
ersten Tage ihres Aufenthalts in Lowood.
Siebentes Kapitel.
Der nächste Tag begann wie der erste. Bei düsterem Lichte
wurde aufgestanden und sich angekleidet, aber das Waschen mußte
unterlassen werden, da das Wasser in den Krügen eingefroren
war. Jane glaubte vor Kälte umkommen zu müssen während der
Stunden des Gebets und des Bibellesens, bis sie durch die heiße
Suppe, welche sie zum Frühstück erhielt und welche diesmal nicht
verbrannt, sondern recht schmackhaft war, sich allmählich etwas erwärmen konnte. Leider aber waren die Portionen für den Hunger
zu klein.
Im Laufe des Tages wurde Jane in die vierte Klasse als
Schülerin eingestellt und nahm Teil an allen vorkommenden Aufgaben und Arbeiten. An das Auswendiglernen noch gar nicht
gewöhnt, kam es ihr äußerst schwer an, mit den übrigen Schülerinnen Schritt zu halten, zumal sie der Übergang von einem Unterrichtsgegenstande zum anderen etwas verwirrte. Endlich ging
es zum Nähen über; hier wußte sie sich schon besser zu helfen, da
sie der Köchin in Gateshead zuweilen beim Flicken und Nähen hatte
behilflich sein dürfen.
Alle Mädchen mußten nähen, nur Miß Scatcherd's Klasse
hatte Unterricht in der englischen Geschichte und ließ wiederum an
Jane's Bekannte ihren Unwillen aus. Anfänglich die Erste in
ihrer Klasse mußte sie einer Unaufmerksamkeit wegen den letzten
Platz einnehmen. Obwohl Jane eifrig nähte, folgte sie doch mit
Teilnahme diesem Vorgange und bemerkte zu ihrem tiefen Leidwesen, daß die Lehrerin sie fortwährend im Auge hatte und stets
an ihr etwas zu tadeln oder in scharfen Ausdrücken auszusetzen
hatte.
Snider! rief Miß Scatcherd, wie stehst Du da! Willst Du
die Füße ordentlich nach auswärts setzen! Snider richte den Kopf
gerade! Snider sieh nicht wo anders hin, sieh auf mich und spiele
nicht mit den Händen an Deinen Kleidern herum!
Nachdem Miß Scatcherd ihre Lektion, welche die Regierungszeit Karl's 1 von England behandelte, nochmals durchsprochen
hatte, richtete sie darauf eine ganze Reihe von ununterbrochenen
Fragen an das Snider genannte Mädchen, welches zu Jane's Erstaunen keine einzige unbeantwortet ließ, aber trotzdem der Lehrerin
Unzufriedenheit nicht beschwichtigen konnte, denn in völlig heftiger
Weise fuhr sie los: Du schmutziges unordentliches Mädchen, Du
hast an diesem Morgen weder Deine Nägel noch Deine Finger
gereinigt!
Das Mädchen schwieg und sagte zu ihrer Entschuldigung nicht
einmal, daß das Wasser zum Waschen gefroren war und daß auch
keine der Übrigen sich hatte waschen können.
Hole die Ruthe her, Snider! befahl ihr Miß Scatcherd mit
zornbebender Stimme.
Die Snider ging durch eine Nebenthür, kehrte bald darauf
mit einem Bündel Ruten zurück und überreichte dieselben ihrer
Peinigerin mit einer unterwürfigen Verbeugung.
Entblöße Deine Schultern, gebot die Lehrerin weiter.
Das Mädchen band ihr wollenes Tuch gelassen ab und bot
ihren nackten Nacken der Hand der Lehrerin dar, welche ihr Schlag
auf Schlag, ein Dutzend Rutenhiebe wenigstens erteilte. Jane
hörte unwillkürlich zu nähen auf und zitterte vor innerer Empörung
über diese laut schreiende Ungerechtigkeit und Willkür, - aber
Snider verzog keine Miene, vergoß nicht eine einzige Thräne, ja
sie zuckte mit keiner Wimper.
Halsstarriges, verworfenes Mädchen, schalt Miß Scatcherd,
willst Du denn Deine üblen Angewohnheiten niemals ablegen.
Trage augenblicklich die Ruten wieder hinweg.
Snider gehorchte stumm und widerstandslos; Jane beobachtete
sie ziemlich genau, als jene in das Unterrichtszimmer zurückkehrte
und bemerkte, wie sie gerade ihr Taschentuch wieder verbarg, mit
welchem sie die Thränen abgetrocknet hatte, deren Spuren noch auf
ihren Wangen schimmerten. Jane ward sehr weh um ihr junges
Herz, da sie dasjenige Mädchen, mit dem sie die erste Bekanntschaft hier angeknüpft hatte, so hartes Unrecht ertragen sah, und
als die Spielstunde am Abend herannahte, wo die Zimmer wärmer und traulicher, als zu der übrigen Tageszeit waren, suchte sie
sich der Snider wieder zu nähern, welche an einem der Kamine
still saß und sich wieder in die Lektüre ihres Buches vom vergangenen Tage ziemlich vertieft hatte.
Bist Du mit Deinem Buche bald zu Ende? fragte Jane an
sie herantretend.
Ja, ich bin gleich zu Ende, lautete die Antwort. Hier ist es,
wenn Du es vielleicht lesen willst.
Nein, ich danke, sprach Jane. Willst Du mir aber vielleicht
sagen, wie Du außer Snider noch weiter gerufen wirst? Ich
möchte es gern erfahren. Snider klingt nicht sehr schön.
Ich ward Helene getauft und von meinen Eltern auch so genannt.
Bist Du in der Nähe der Lowood-Stiftung geboren?
Nein, ich komme hoch aus dem Norden, mein Geburtsort
liegt nahe der schottischen Grenze.
Wirst Du jemals nach Deiner Heimat oder zu Deinen Verwandten zurückkehren können?
Ich denke und hoffe, aber im Voraus kann Niemand seine
Zukunft sicher bestimmen.
Möchtest Du die Lowood-Stiftung nicht lieber verlassen, als
hier zurückbleiben.
Warum sollte ich diesen Wunsch hegen? Meiner Erziehung
wegen wurde ich hierher geschickt, und es würde daher nicht wohl
geraten sein, diese Stiftung eher zu verlassen, bevor ich meinen
eigentlichen Zweck hier erreicht hätte und ausgebildet wäre.
Aber Deine Lehrerin Miß Scatcherd ist ja so unbarmherzig
gegen Dich?
Unbarmherzig? O nein! Sie ist nur strenge und bestraft
meine Fehler, ich kann darin keine Unbarmherzigkeit erblicken -
sie thut es ja doch zu meinem Besten.
Jede andere an Deiner Stelle, Helene, würde sich ihr widersetzen und sich nicht schlagen lassen.
Das würde keine andere wagen. Und sollte es sich wirklich
eine unterfangen, so würde sie von Herrn Blackhurst aus der
Schule entlassen und zu ihren Verwandten zurückgeschickt werden.
Ehe das ein Mädchen geschehen läßt, so läßt es sich lieber hart
und streng behandeln.
Ist Miß Temple z. B. eben so streng gegen Dich, wie diese
häßliche Miß Scatcherd?
Als Helene Miß Temple's Namen hörte, glitt ein leises
Lächeln über ihr blasses Antlitz. Miß Temple, sprach sie sanft,
ist die Güte selbst; es fällt ihr schwer, Jemandem ein böses Wort
zu sagen, ja selbst die ungezogensten Schülerinnen behandelt sie noch
mit großer Sanftmut. Ohne Vorwürfe macht sie mich auf meine
Fehler aufmerksam, und wenn ich recht folgsam gewesen bin, so
erteilt sie mir freiwillig reichliches Lob. Aber sprechen wir nicht
mehr von diesem Gegenstande. Sage mir lieber, wie Du heißest,
woher Du kommst und welches Deine bisherigen Lebensschicksale
waren.
Jane erzählte ihr, was sie aus ihrem Leben wußte, und als
die Spielstunde ihrem Ende nahte, hatten die beiden Mädchen,
obwohl sie im Alter nicht vollständig gleich waren, ein inniges
Freundschaftsband geschlossen, ohne daß sie solches vor den übrigen
Mädchen zu deutlich zur Schau treten ließen. Jane ging seit
langer Zeit an jenem Abende zum ersten Male wieder zufrieden
und beruhigt zu Bette - hatte sie doch nun wieder eine teilnehmende Seele.
Drei Wochen waren nach Jane's Eintritt in die Lowood-Stiftung in gleichmäßigem Verlaufe verstrichen, einförmig und
traurig, mit nur wenigen Unterbrechungen und gar keiner freudigen
Abwechselung gingen die Tage vorüber, aber Jane gewöhnte sich
allmählich an das Auswendiglernen, das ihr anfänglich viel
Schwierigkeiten gemacht hatte, sie ward fleißig, aufmerksam, strebsam und hatte bereits Miß Temple's Aufmerksamkeit auf sich
gezogen - das Lernen bereitete ihr Freude, ja manchmal recht große
Freude. Eines Nachmittags saß sie zu dieser Zeit mit ihrer
Schiefertafel in der Hand und beschäftigte sich mit einem verwickelten Rechnungsexempel. Zufällig richtete sie den Blick zum
Fenster empor und gewahrte eine vorübergehende Gestalt, aus
deren seltsamen Umrissen sie sofort Mister Blackhurst erkannte,
obwohl sie denselben in Gateshead nur in höchster Aufregung und
auch nur auf wenige Augenblicke gesehen hatte. Wäre sie noch
eine Sekunde lang über diese Gestalt im Zweifel gewesen, so hätte
ihr der Anblick der ganzen Schule mit Einschluß der Lehrerinnen
bei ihrem Eintritt in das Zimmer volle Gewißheit verschafft.
Sämtliche Schülerinnen hatten sich ehrerbietig erhoben, als sich
die Thüre öffnete; ein fast unhörbarer Schritt durchmaß das Schulzimmer und Blackhurst stand neben Miß Temple.
Jane hatte genügende Veranlassung, über Blackhurst's Erscheinen nach ihrem Eintritt in die Stiftung zu erschrecken, denn
nur zu gut gedachte sie der bösen Schilderung, welche Mistreß
Reed ihm über ihren Charakter gegeben hatte. Jetzt war der Augenblick erschienen, wo Mister Blackhurst sie vor den Lehrerinnen und
Schülerinnen als ein böses heuchlerisches und undankbares Kind
-
sprach leise mit Miß Temple, und Jane glaubte, daß er dieser guten
Dame ein ganz schlechtes Bild von ihr entwerfen würde; aber
hierin irrte sie.
Der Zwirn, Miß Temple, den ich gekauft habe, muß zu den
Hemden passen und wird gut sein, da ich auch die Nadeln danach
ausgewählt habe. Jede Schülerin erhält nur eine Nähnadel; hat
eine deren zwei, so wird sie unachtsam und verliert leicht eine.
Als ich das letzte Mal in Lowood war, sah ich die Kleidungsstücke
nach, die im Garten auf den Leinen zum Trocknen hingen; ich
habe unter denselben namentlich viele Strümpfe in sehr schlechtem
Zustande gefunden, und besonders aus der Größe der Löcher, welche
in den Fersen waren, sah ich, daß sie nicht gehörig von Zeit zu
Zeit ausgebessert werden.
Ihre Anordnungen, Herr Blackhurst, sollen pünktlich befolgt
werden, antwortete Miß Temple in leisem und überaus bescheidenem Tone. Ich werde selbst nachsehen.
Gut, Miß Temple, fuhr Blackhurst fort. Auch sagt mir die
Wäscherin, daß einige von den Mädchen wöchentlich zwei Halsstreifen bekommen - die Regel gestattet nur einen einzigen.
Diese Ausnahme, erwiderte Miß Temple, dürfte wohl Entschuldigung finden. Die Geschwister Johnstone waren am vergangenen Donnerstag zu ihren Verwandten zum Thee in Lowton
eingeladen, und so erteilte ich ihnen die Erlaubnis, bei dieser Gelegenheit reine Halsstreifen anlegen zu dürfen; es hätte sich wohl
schwerlich hier umgehen lassen.
Nun einmal mag es hingehen, erwiderte Blackhurst, aber ich
muß Sie dringend bitten, solche Ausnahmen nicht zu oft vorkommen zu lassen.- Aber noch einen Punkt muß ich erwähnen.
Die Berechnung der Haushälterin weist nach, daß den Schülerinnen
in den letzten drei Wochen zweimal Brot und Käse gegeben worden ist. Wie erklären Sie das, Miß Temple? Ich vergleiche die
Stiftungsordnung und entdecke an keiner Stelle die Lieferung
von Brot und Käse! Auf wessen Veranlassung geschah eine solche
Willkürlichkeit.
Die Verantwortung habe ich für diesen Umstand zu übernehmen, antwortete Miß Temple; das Frühstück war so unverantwortlich nachlässig verbrannt, daß die Mädchen es nicht verzehren
konnten, und die Kinder bis zum Mittagsmahl hungern zu lassen,
dafür glaubte ich eine Verantwortlichkeit nicht übernehmen zu können. Es blieb mir daher kein Ausweg, als
Bitte um Entschuldigung, Miß Temple, versetzte Blackhurst
eifrig, wenn ich Sie unterbreche, aber Sie wissen, daß meine Absicht bei Erziehung dieser Mädchen nicht ist, sie zu Wohlleben und
Schwelgerei zu gewöhnen, sondern sie selbstverleugnend und ergeben
in ihr Geschick zu machen, sie abzuhärten. Sollte ja einmal der
Fall eintreten, daß eine Speise angebrannt, zu schwach oder zu stark
gesalzen wäre, so gibt man nichts Besseres an deren Stelle und
verschafft dem Leibe größere Behaglichkeit, sondern man denkt an
die geistige Stärkung der Schülerinnen, indem man sie ermutigt,
Selbstbeherrschung zu üben und Entsagung zu lernen, denn unser
Erlöser sagt schon: Selig seid Ihr, wenn Ihr hungert und dürstet
um meinetwillen.
Mister Blackhurst wollte in seiner Rede noch weiter fortfahren,
aber er wurde plötzlich unterbrochen, denn drei Damen traten ins
Zimmer und erklärten rund heraus, die Lowood-Stiftung besichtigen zu wollen. Blackhurst schwieg und wies die Damen an Miß
Temple, welche dieselben mit tiefen Verbeugungen als Mistreß
und Misses Blackhurst empfing und sie nach dem Ehrensitte am
oberen Ende des Zimmers führte; es waren Blackhurst's Frau
und Töchter, die mit diesem zugleich angekommen waren und, ehe
sie in die Schulstube eintraten, die Wäsche und die Schlafzimmer
einer genauen Besichtigung unterworfen hatten.
Jane hatte bisher der Unterredung Blackhurst's mit Miß
Temple alle Aufmerksamkeit zugewendet und dabei ihre Schiefertafel krampfhaft in der Hand festgehalten, aber beim Erheben von
ihrem Plate ward sie durch eine Mitschülerin heftig an den Arm
gestoßen, daß sie die Tafel plötzlich fallen ließ und sie in zwei
zerbrochenen Hälften vor sich liegen sah. Zum Tode erschrocken,
bückte sich Jane und hob die beiden Stücken so schnell als möglich auf.
Ein recht unachtsames Mädchen! sprach Blackhurst scharf-
es ist die neue Schülerin- ich konnte es mir denken. Ich muß
Allen hier über dieses Mädchen einige Eröffnungen machen. Miß
Temple, lassen Sie das Mädchen, das die Tafel zerbrochen hat,
hier vortreten.
Jane war für den Augenblick wie gelähmt - sie vermochte
nicht allein vorzuschreiten, aber die Nebensitzenden erfaßten sie und
schoben sie auf Blackhurst zu, während Miß Temple die Wankende
an der Hand faßte und ihr leise zuflüsterte: Fürchte Dich nicht,
Jane, Du wirst nicht bestraft werden - ich habe es selbst gesehen,
daß Deine Mitschülerin die Schuld trägt.
Bringt jenen Stuhl herbei, sprach Blackhurst weiter, indem
er auf einen hohen Stuhl zeigte, auf dem sonst eine der Aufseherinnen
saß und auf welchen jetzt Jane aufrecht hingestellt wurde. Meine
Damen, wandte er sich an seine Angehörigen, Miß Temple,
Lehrerinnen, Schülerinnen, sehen Sie sich dieses Mädchen recht
genau an; sie hat die Gestalt eines Kindes aber den Charakter
eines Teufels; sie ist schon jung dem Satan in die Klauen geraten! Meine lieben Kinder, es ist meine Pflicht, Euch vor diesem Mädchen zu warnen. Ihr müßt Euch vor ihr hüten, ihr
Beispiel scheuen, ja, wenn es nötig sein sollte, ihren Umgang vermeiden, sie von Euren Gesprächen und Spielen ausschließen. Die
Lehrerinnen müssen ihr Betragen überwachen, ihre Bewegungen
beobachten, ihre Worte und Handlungen prüfen, ihren Leib bestrafen, damit womöglich ihre Seele noch gerettet wird. Dieses
Mädchen ist, meine Zunge sträubt sich, es auszusprechen, trotz
ihrer zarten Jugend, doch schon- eine Lügnerin,
Blackhurst's Angehörige flüsterten: Entsetzlich! Welche Verdorbenheit!
Dies hat mir ihre Wohlthäterin, eine fromme christliche Dame,
die sich der armen Verwaisten annahm und sie mit ihren eigenen
Kindern erziehen ließ, selbst mitgeteilt, fuhr Blackhurst fort. Aber
dieses unselige Geschöpf vergalt ihrer Tante durch so entsetzliche
Undankbarkeit, daß sie sich gezwungen sah, ihre Kinder von diesem
Mädchen fernzuhalten, damit das verderbliche Beispiel ihre Herzen
nicht verunreinigen sollte. Bei uns, in unserer gottgesegneten
Stiftung soll das Werk der Strafe und Besserung vollzogen werden.
Lehrerinnen und Vorsteherinnen, unterstützen Sie sich gegenseitig
in dem Bestreben, dieses verirrte Schäflein auf den richtigen Weg
und zu unserer frommen und gottergebenen Herde zurückzugeleiten.
Miß Temple, lassen Sie das Geschöpf noch eine halbe Stunde
auf dem Stuhle stehen und während des ganzen übrigen Tages
niemand mit ihr sprechen oder sonst in Berührung kommen.
Nach diesen Worten, welche Jane wie ebenso viele spite Dolche
in das Herz drangen, verließ Blackhurst mit seiner Familie das
Unterrichtszimmer, während die übrigen Versammelten zurückblieben. Anfänglich glaubte Jane die ihr widerfahrene Beschimpfung
nicht ertragen zu können; sie glaubte vom Stuhle sinken zu müssen
und in wehmütige Klagen ausbrechen zu sollen; aber als die übrigen Mädchen aufgestanden waren, an ihr vorüberschritten und die
Augen zu ihr nicht emporzuheben wagten, da besiegte sie ihre Neigung
zur Trauer und Klage und stellte sich im Gefühl des ihr widerfahrenen Unrechts fest auf den Stuhl hin und harrte, ohne eine
Miene zu verziehen, auf das herannahende Ende ihrer Strafe.
Ehe die halbe Strafstunde vorüber war, schlug die Uhr fünf, die
Mädchen wurden entlassen und gingen in das Speisezimmer zum
Thee.
Einige Zeit darauf, es war beinahe dunkel in dem Schulzimmer geworden, wagte Jane vom Stuhle herunterzusteigen, sich
in einen Winkel zurückzuziehen und sich auf den Fußboden niederzusetzen. Jetzt war ihre Kraft gebrochen und sie ließ, verlassen
von Allen auf der Welt, ihren Thränen ungehemmten Lauf. Sie
hatte sich gelobt, in Lowood gut und fleißig sein zu wollen,s sich
Freundinnen und Zuneigung erwerben zu wollen; schon hatte sie
sichtbare Fortschritte gemacht, sie war am Morgen des heutigen
Tages die Erste in ihrer Klasse geworden, Miß Miller hatte sie
öffentlich belobt und Miß Temple ihr versprochen, sie im Zeichnen,
Malen und Französischen zu unterrichten, wenn sie noch eine
Zeitlang so fleißig fortfahren würde - und nun diesen Gegensatz- dieses entsetzliche Schicksal!
Sie hätte sterben mögen vor Kummer und Schmerz, und
während sie noch in tiefster Zerknirschung vor sich hinbrütete, vernahm sie plötzlich Schritte- sie fuhr empor und vor ihr stand
die blasse Helene Snider, die ihr etwas Thee und Brot überreichen wollte.
Komm und iß ein wenig, Jane, sagte Helene ruhig.
Ich kann nicht, mir ist die Kehle zugeschnürt, antwortete Jane,
und weinte heftig fort.
Beruhige Dich zunächst, fuhr Helene fort, und sammle Deine
Gedanken; dann wollen wir gemeinschaftlich über die Dir widerfahrene unwürdige Behandlung sprechen.
Wie kannst Du bei einem Mädchen bleiben, Helene, welches
Jedermann für eine Lügnerin hält und das alle seine Mitschülerinnen wie die Sünde verachten müssen?
Du täuschest Dich, Jane, wahrscheinlich verachtet Dich keine
in der ganzen Schule, ja ich bin fest überzeugt, daß Dich die
Meisten aufrichtig bemitleiden werden.
Wie können sie nach solchen Beschimpfungen noch Mitleid
mit mir empfinden?
Herr Blackhurst ist in der Stiftung gar nicht beliebt, und
so ist es recht; er hat Dich mit Härte und Verachtung bestraft,
und hierdurch sind Dir mehr Freundinnen erwachsen, als wenn
er Dich liebevoll behandelt hätte. Die Lehrerinnen und Schülerinnen
werden es einige Tage lang aus Furcht vor Blackhurst nicht
wagen, Dich freundlich anzusehen, aber nach und nach gibt sich
dies schon wieder, und man wird später um so liebevoller gegen
Dich sein, sobald man einsehen gelernt hat, daß man Dir bitteres
Unrecht vorher zufügte. Sieh, wenn auch die ganze Welt Dich
haßte und Dich für böse hielte, während Dein eigenes Gewissen
Dich von aller Schuld freispräche, Du würdest doch nicht ohne
Freund sein. Ich würde Dich stets lieben - stets.
O Du gutes, treues Herz, flüsterte Jane. Wie wohl thun
mir Deine Worte. Sie umschlang hierbei Helene mit beiden Armen, zog sie an sich und ruhte an ihrer Brust. Die beiden
Mädchen hatten nur wenige Augenblicke schweigend sich in Armen
gehalten, als sich abermals die Thür öffnete und sie in der herantretenden Gestalt Miß Temple erkannten, die leise eintrat.
Jane, ich möchte Dich dem Kummer und der Einsamkeit
nicht überlassen, sprach die Direktorin gütig; komm mit in mein
Zimmer und da Helene Snider in Deiner Gesellschaft sich befindet, so kann auch sie Dir dahin nachfolgen.
Die beiden Mädchen folgten der Vorsteherin, ohne ein Wort
zu entgegnen, sie mußten durch einige winkelige Gänge gehen und
eine Treppe hinaufsteigen; das Zimmer, in welches sie gelangten,
war gut durchwärmt und hatte ein behagliches Aussehen. Helene
mußte sich auf einen niedrigen Stuhl an der Seite des Kamins
niederlassen, während Miß Temple einen anderen einnahm und
Jane freundlich und aufmunternd an ihre Seite rief.
Ist jetzt Alles vorüber? fragte sie Jane. Hast Du Deinen
Kummer ausgeweint?
Ich fürchte, daß wird niemals geschehen können! antwortete
Jane.
Und warum, mein Kind?
Weil man mich auf völlig ungerechte Weise beschuldigt, und
Sie, Miß Temple, wie alle übrigen Lehrerinnen und Schülerinnen
werden mich für böse halten.
Du wirst für das gehalten werden, Jane, als was Du Dich
zeigest. Fahre fort, wie ein braves Mädchen Dich zu betragen,
und Du wirst mich vollständig zufrieden stellen.
Werde ich das jemals können, Miß Temple?
Das wirst Du! Und nun sage mir, wer ist die Dame, welche
Mister Blackhurst vorhin Deine Wohlthäterin nannte und die
ihm Deinen Charakter so schwarz geschildert haben soll?
Mistreß Reed, meines Onkels Fran. Mein Onkel Reed
starb und mußte mich, da ich noch nicht erwachsen war, ihrer
Fürsorge überlassen.
So nahm sie Dich also nicht aus eigenem Antriebe an Kindesstatt an?
Nein, Miß, es war ihr unbequem, ja eine Last, mich in
ihrem Hause zu behalten - und doch weiß ich, daß mein Onkel
Reed, der mich zärtlich liebte, vor seinem Tode ihr den Schwur
hat leisten lassen, daß sie mich stets bei sich behalten und wie
ihre eigenen Kinder aufziehen lassen wolle.
Nun, Jane, Du bist als Lügnerin angeklagt worden; verteidige Dich gegen mich so gut Du kannst. Erzähle mir, was
Dein Gedächtnis Dir als wahr mitteilt, aber füge nicht das Geringste hinzu.
Jane bat um einige Minuten Geduld und vereinigte während
dieser kurzen Pause alle ihre Gedanken auf den einen Punkt zusammen: einen einfachen, wahren und sachgemäßen Abriß von
ihrem bisherigen Leben und ihrer Behandlungsweise in dem Reed'schen Hause zu entwerfen. Als sie hierbei den Namen des Doktor
Fowler erwähnte, der sie in ihrer Krankheit behandelt hatte, schaute
sie Miß Temple scharf und beobachtend an, reichte Jane die Hand
und sprach gütig:
Ich kenne Doktor Fowler einigermaßen aus früheren Jahren
und werde an ihn schreiben. Stimmt seine Antwort mit Deiner
Angabe überein, so sollst Du öffentlich von jeder Beschuldigung
freigesprochen werden; für mich bist Du es jetzt schon, Jane.
Hierauf wendete sie sich an Helene und fragte diese sehr teilnehmend: Wie befindest Du Dich, Helene? Hast Du im Laufe
des Tages recht viel gehustet?
Nicht ganz soviel wie sonst, Miß, antwortete Helene.
Und wie steht es mit dem Schmerz in Deiner Brust?
Der ist auch etwas geringer geworden, Miß.
Helene und Jane, Ihr sollt am heutigen Tage meine Gäste
sein und gemeinschaftlich Thee mit mir trinken, sprach Miß Temple
weiter und ließ von einer Dienerin für jedes der Mädchen eine
besondere Tasse hereinbringen. Obwohl anfangs noch etwas verschüchtert, nahm Jane neben der bereits dreisteren und bekannteren
Helene Plat, erfreute sich des wärmenden Getränkes, der liebevollen
Zusprache Miß Temple's und vergaß in freundlichem Geplauder
sehr rasch die sie so tief betrübt habenden Vorkommnisse des heutigen Tages.
Mitten in die Unterhaltung hinein ertönte die Glocke, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete, und nun mußte geschieden
sein. Miß Temple umarmte beide Mädchen zärtlich, entließ sie
mit den Worten: Gott segne Euch, meine Kinder! und begleitete sie bis zur Thüre. Als Beide das gemeinschaftliche Schlafzimmer erreichten, vernahmen sie die Stimme der Miß Scatcherd, welche eben Helenens Fach untersuchte und sichtlich verstimmt war,
in demselben nichts Tadelnswertes von Belang finden zu können.
Jane verbrachte eine ruhige Nacht und träumte in derselben von
so viel Liebe und Glück, wie sie seit ihres Onkels Tode noch
niemals so viel in ihrer Brust vereinigt gefunden hatte.
Vielleicht acht Tage nach diesem Vorfalle traf ein Brief des
Doktor Fowler ein, an den Miß Temple ihrem Versprechen gemäß
geschrieben hatte. Nachdem die ganze Schule versammelt war, verkündete Miß Temple, daß sie wegen der gegen Jane Eyre erhobenen Anklagen Nachforschungen angestellt habe und sich glücklich
fühle, Jane für völlig frei von jeder gegen sie erhobenen Schuld
sprechen zu können. Sämtliche Lehrerinnen drückten Jane die
Hand und küßten sie wiederholt, ja auch aus der Reihe der Schülerinnen traten mehrere auf sie zu und drückten ihr aufrichtige Teilnahme und Freude wegen ihrer Unschuld aus.
Jetzt erst fühlte sich Jane Eyre von einer schweren Last befreit und sie faßte den festen Entschluß, jede auch noch so große
Schwierigkeit, welche sich ihr in der Lowood-Stiftung wie auf
ihrem künftigen Lebenswege entgegenstellen werde, siegreich zu überwinden; sie arbeitete angestrengt und der Lohn ihres Fleißes blieb
nicht aus. Nach Verlauf von wenigen Wochen wurde sie in eine
höhere Klasse versetzt und nach kaum zwei Monaten wurde ihr die
Erlaubnis zu Teil, den Unterrichtsstunden im Zeichnen und Französischen beiwohnen zu können. Jetzt begann ein vollständig neues
Leben für sie, und jetzt würde sie Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht gegen Gateshead und seinen früheren Luxus vertauscht haben.
Aber auch die Entbehrungen und Mühseligkeiten begannen sich
zu verringern. Der Frühling kam heran, der Winterfrost ließ
nach, der Schnee war geschmolzen, der stets scharfe und schneidige
Wind ließ nach und die sanftere Luft des April begann zu wehen.
Die Spielstunden konnten jetzt im Garten unbehindert verbracht
werden; lachte die Sonne am Himmel, so war es sogar angenehm
und heiter im Freien; die braunen Gartenbeetchen nahmen eine
grüne Färbung an und riefen die Hoffnung wach, daß sie bald
noch deutlichere Spuren ihrer Verjüngung erscheinen lassen würden.
Auch wurden den Zöglingen zuweilen die Gartenpforte geöffnet,
so daß sie auch den Genuß einer entzückenden Fernsicht genossen,
welche in den herrlichsten Farben prangte und nur durch den
Horizont begrenzt wurde.
Der April ging in den Mai über; ein herrlicher heiterer
Mai war es, von blauem Himmel, lieblichem Sonnenschein und
sanften West- oder Südwinden durchfächelt. Jetzt zeigte sich die
Vegetation in ihrer ganzen Kraft. Der Wald wurde grün und
blühend, Ulmen, Eichen, Eschen nahmen wieder ihr üppiges strotzendes Leben an, Waldpflanzen sproßten zu deren Wurzeln empor, zahllose Abwechselungen von Moos füllten die übrigen Zwischenräume
aus, und die Menge von goldgelben Himmelschlüsseln breiteten
einen seltsamen Schimmer über den Boden aus. Dies Alles
konnte Jane frei und unbewacht in vollen Zügen genießen, aber
nur ein Umstand schmälerte, ja beeinträchtigte diesen Genuß, ein
Umstand, der die Quelle unsäglichen Elends bildete.
Die Lowood»Stiftung lag in einer Waldschlucht, aus welcher
besonders im Frühling fast täglich ein furchtbarer Nebel aufstieg,
der in seinem Gefolge einen Herd von Krankheiten mitbrachte,
eine epidemische Seuche, die mit dem wiedererwachenden Leben in
der Natur ausbrach, um sich griff, in die Stiftung einschlich, ihre
Ausdünstungen über sämtliche Unterrichts - und Schlafzimmer
ausbreitete und beinahe den ganzen Ort aus einer Schule in ein
Krankenhaus verwandelte.
Der halbverhungerte Zustand und die nicht sorgsam behandelten öfteren Erkältungen gaben der Seuche ein ergiebiges Feld
für ihre Wut so, daß von achtzig anwesenden Zöglingen fünfzig krank
darniederlagen. Die einzelnen Klassen mußten aufgehoben und
die stets gewahrte strenge Zuchtregel milder gehandhabt werden.
Zu den Wenigen, die gesund geblieben waren, zählte glücklicher
Weise Jane, und diesen wurde beinahe unbeschränkte Freiheit erteilt, da die Ärzte die größtmöglichste Bewegung im Freien für
unbedingt notwendig hielten, wenn nicht auch die gesund Gebliebenen noch auf das Krankenlager gestreckt werden sollten.
Miß Temple war auch hier wieder der gute Engel der unglücklichen Kinder; unermüdlich widmete sie ihre Pflege und Sorgfalt den Patienten, weilte beständig in dem Krankenzimmer und
verließ es nur, wenn sie sich einige unvermeidliche Stunden
der Ruhe gönnen mußte. Die übrigen Lehrerinnen mußten das
Einpacken und die erforderlichen Vorbereitungen für diejenigen gesunden Mädchen treffen, denen es vom Geschick noch beschieden
war, Freunde und Verwandte zu haben, bei welchen sie für die
Zeit der Not Schutz und Aufnahme fanden, um von dem Herd
der Ansteckung so weit wie möglich entfernt zu sein. So manche
Mädchen, die schon den Keim der Krankheit in sich trugen, kamen
krank nach Hause, um dort zu sterben; mehrere auch starben in der
Stiftung und wurden rasch und geräuschlos begraben, zumal die
Beschaffenheit der Krankheit nach dem Verscheiden so wenig wie
möglich Verzögerung in der Beerdigung zuließ.
Während diese entsetzliche Seuche in Lowood herrschte und der
Tod kein seltener Gast in seinen Mauern war, während sein
Inneres einem wirklichen Lazarette glich und bleiche und verstörte
Mienen nur in seinen Zimmern und Gängen anzutreffen waren,
breitete ein unbewölkter Maihimmel seine herrlichen Reize über
alle die weiten Lowoodumgebenden Fluren, Hügel und Wälder.
Rosen, Lilien, Tulpen und Nelken blühten in bunter Pracht auf
den kleinen Gartenbeeten der Anstalt, aber alle diese herrlichen
Blumen, welche zu jeder Tageszeit ihren herrlichen Duft ausströmten, waren nutzlos für die meisten Bewohnerinnen von Lowood,
außer daß sie dazu dienten, eine Handvoll Blätter und Blumen
zu liefern, die man als letztes Andenken an ein junges Leben auf
ein frühzeitiges Grab legen konnte.
Jane und die übrigen gesunden und zurückgebliebenen Mädchen
konnten die Schönheiten der Jahreszeit recht genießen; vom Morgen bis zum Abend durften sie frei im Walde umherschweifen und
auch im Hause stand die Aufsicht in keinem Vergleiche gegen früher,
ja die Zöglinge bekamen bessere Speise und größere Portionen.
Mister Blackhurst noch irgend ein Glied seiner Familie kam in
dieser Zeit nach Lowood, und die alte strenge Haushälterin, welche
pünktlich auf die Hausregel sonst hielt, war aus Furcht vor der
Seuche geflohen. Anfänglich streifte Jane allein oder in Gesellschaft eines Mädchens von ihrem Alter herum, Namens Anna
Wilson, aber sehr bald vermißte sie Helene Snider und sehnte
sich nach ihrem Umgange. Aber Helene lag krank darnieder, ja
schon seit einigen Wochen war sie ihr nicht vor Augen gekommen,
und sie wußte nicht einmal, in welches Zimmer sie einquartiert
war. Erst nach vielfachen Fragen konnte sie erfahren, daß Helene
nicht unter den Fieberkranken sich befand, sondern an der Auszehrung leiden sollte. An einem recht sonnigen und warmen Nachmittage wurde sie von Miß Temple in den Garten geführt, aber
auch bei dieser Gelegenheit wurde es Jane nicht erlaubt, zu Helene
zu gehen und sie nach ihrem Befinden zu fragen. Die Kranke
war in wollene Tücher dicht eingehüllt und durfte nur in ganz
kurzer Entfernung von dem bedeckten Gange siten. Jane litt dabei sehr schmerzlich, aber sie mußte sich in das Unvermeidliche
fügen.
Als sie eines Abends mit Anna Wilson etwas später als
gewöhnlich von einem ihrer gemeinschaftlichen Ausflüge zurückkam,
wurde ein Pferd an der Gartenthüre gehalten, in welchem sie gleich
dasjenige des Arztes erkannte. Anna sprach die Vermutung aus,
es müsse Jemand sehr krank sein, da man Mister Bates, den
Doktor, noch so spät habe von Lowood herbei holen lassen, und
Jane mußte ihr selbstverständlich beipflichten. Gleich darauf trat
auch Mister Bats, begleitet von einer Wärterin, aus dem Hause,
bestieg eiligst sein Pferd und ritt hinweg. Jane flog, von einer
bangen Ahnung ergriffen, auf die Wärterin zu.
Wie geht es mit Helene Snider? fragte sie.
Sehr schlecht! lautete die Antwort der Wärterin.
Ist Mister Bates um ihretwillen gekommen?
Ja, nur um sie allein.
Und was sagte er über ihren Zustand?
Er sagte, sie werde bald ausgelitten haben.
Jetzt trat zum ersten Male der Gedanke an Jane heran, daß
ihre beste Freundin, ihre geliebte Helene, dem Tode vielleicht rettungslos verfallen sei, und sie empfand neben dem tiefsten Schmerz
und dem stärksten Entsetzen, den unbesiegbaren Wunsch, die Kranke
zu sehen. Im welchem Zimmer liegt Helene? fragte sie weiter.
Sie befindet sich in Miß Temple's Zimmer.
Kann ich zu ihr gehen und mit ihr sprechen?
O nein, Kind, es geht jetzt nicht, und es ist jetzt die höchste
Zeit, daß Du in Dein Zimmer kommst. Der Thau beginnt
schon sehr stark zu fallen, Du wirst das Fieber bekommen.
Die Wärterin machte die vordere Hausthüre zu, während
Jane durch die Seitenthüre eintrat, welche zu dem Schulzimmer
führte. Die Zöglinge waren bereits im Begriffe, sich zur Ruhe
zu legen und Jane durfte sich hiervon nicht ausschließen.
Jane wälzte sich auf ihrem Lager schlaflos umher, vielleicht
gegen 1 Uhr vermochte sie es vor Unruhe und Angst nicht mehr
auszuhalten, und da sie aus der vollständigen Stille, die im Schlafsaale herrschte, schließen konnte, daß alle ihre übrigen Mitschülerinnen
schliefen, so erhob sie sich leise, kleidete sich vorsichtig an und schlich
sich in Strümpfen nach Miß Temple's Zimmer, das sich am
entgegengesetzten Ende des Hauses befand; sie kannte den Weg,
und das Licht der Mondscheibe, welches hier und da durch die
Scheiben der Gänge drang, setzte sie in den Stand, ihren Zweck
zu erreichen. Von Niemand war sie auf ihrer einsamen Wanderung
getroffen, und endlich war sie an ihrem Ziele angelangt- sie
stand vor dem Zimmer, in welchem Helene krank lag. Licht
schimmerte Jane durch das Schlüsselloch und durch die Thüre
entgegen, welche ein wenig geöffnet war, um frische Luft in das
Zimmer einzulassen. Ein leichter Schauer überrieselte das junge
Mädchen, das jetzt erst seinen gewagten Schritt in seinem ganzen
Umfange erkannte, aber jetzt hieß es vorwärts, und da gab es bei
Jane kein Bedenken mehr.
Erregt betrat sie das Zimmer und schaute sich erwartungsvoll
um, da sie zwischen Furcht und Hoffnung schwebte, ob sie Helene noch
lebend vorfinden würde. Dicht neben Miß Temple's Bett und
noch von den weißen Vorhängen desselben überdeckt, stand ein kleineres, unter dessen Decke sie die Umrisse einer Mädchengestalt
entdecken konnte. Die Wärterin, welche Jane im Garten getroffen
hatte, schlief in einem Lehnstuhle und ein Licht war tief herabgebrannt. Miß Temple war nicht anwesend, und so trat Jane
näher, erfaßte den Vorhang und flüsterte: Helene, wachst Du?
Der Vorhang wurde leicht zurückgeschoben und Helenens bleiches und abgefallenes, aber nur wenig gegen sonst verändertes
Gesicht erschien. Du bist es, Jane? fragte sie verwundert.
Jane konnte vor Thränen keine Antwort erteilen, sondern
neigte sich nur über ihr Bett, küßte ihr Stirn und Wange, die
von einer wahren Eiseskälte bedeckt waren.
Weshalb kamst Du hierher, Jane? fragte Helene sanft. Es
ist ja schon elf Uhr Nachts vorüber. Ich habe es vor wenigen
Minuten schlagen hören.
Weil ich Dich einmal sehen und sprechen wollte, Helene.
Man sagte mir, Du wärest sehr krank, und da erfaßte mich eine
solche Unruhe, daß ich nicht schlafen konnte, und eine unwiderstehliche Sehnsucht, Dich einmal wieder zu sprechen.
Du kommst also, um Abschied von mir zu nehmen. Du
kommst noch zur rechten Zeit.
Wohin willst Du denn, Helene? Willst Du in Deine Heimat?
Ja, Jane, in meine ewige, meine letzte Heimat.
Nein! Nein! Helene- Jane stockte vor von Neuem ausbrechenden Thränen, und Helene wurde von einem heftigen Hustenanfall ergriffen, der sie heftig erschütterte, aber doch nicht im
Stande war, die schlafende Wärterin zu ermuntern.
Du frierst, Jane, flüsterte Helene weiter, als sie sich von
ihrem Anfall erholt hatte, kehre in Dein Bett zurück oder lege
Dich mit unter meine Decke.
Jane nahm auf Helenens Lager Platz und bald ruhten die
beiden Mädchen innig verschlungen nebeneinander. Sie schwiegen
Beide eine geraume Zeit, dann flüsterte Helene wieder: Ich bin
sehr glücklich, Jane, und wenn Du morgen vielleicht erfährst, daß
ich gestorben bin, so mußt Du ruhig sein und darfst Dich nicht
betrüben. Sieh, wir Alle müssen einst sterben, und das Leiden,
das mich hinwegrafft, ist durchaus nicht schmerzlich. Ich habe
Niemand auf Erden, der mich bedauern und vermissen wird -
mein Vater hat wieder geheiratet und hat andere Kinder. Durch
meinen frühzeitigen Tod werde ich manchem schweren Leiden entgehen, und auf ein großes Glück in der Welt hätte ich niemals
rechnen können.
Aber wohin gehst Du, Helene? Weißt Du es? Glaubst
Du es?
Ich glaube und bin überzeugt, daß ich zu Gott komme und
in seinen Himmel.
Bist Du denn gewiß, daß es einen Himmel gibt, und daß
unsere Seelen einmal dorthin kommen, wenn wir gestorben sein
werden?
Ich bin völlig überzeugt, daß es einen solchen Ort für uns
gibt. Gott ist die Liebe, und ich glaube, ich kann ihm meinen
unsterblichen Teil ohne Bangen übergeben. Gott ist mein und
unser Aller Vater, ich liebe ihn und hoffe, daß er mich auch
wieder liebt.
Und hoffst Du, daß ich Dich dort wiederfinden werde, Helene,
wenn ich gestorben bin?
Du wirst an denselben Ort kommen, an welchem ich weile,
und wirst zu demselben allmächtigen und allgütigen Vater gelangen,
wie ich. Ich glaube fest daran, Jane.
Die beiden Mädchen schlossen sich fester, inniger in ihre
Arme; es war, als ob sie von einander nicht loslassen wollten.
Plötzlich begann Helene wieder in ihrem sanften Flüstertone: O,
wie wohl und leicht ist mir jetzt zu Mute. Dieser letzte Hustenanfall hat mich doch etwas mehr erschöpft, als ich dachte, ich
glaube, ich könnte jetzt schlafen- aber bleibe bei mir, Jane, und
verlaß mich nicht, ich habe Dich ja so sehr lieb.
Ich bleibe bei Dir, Helene, so lange Du es wünschest. Niemand
soll mich entfernen können.
Bist Du ordentlich zugedeckt, meine herzige Freundin?
Ganz gut und ganz warm!
So schlafe sanft, Jane.
Schlafe wohl, Helene.
Die beiden Mädchen küßten sich noch einmal herzlich und
schliefen ruhig und fest ein. Als Jane wieder erwachte, war es
heller Tag bereits, und eine sonderbare Bewegung hatte sie aus
ihrem Schlummer aufgescheucht: eine Wärterin trug sie auf ihren
Armen aus Helenen's Zimmer nach dem Schlafsaal zurück; aber
sie wurde nicht gescholten, daß sie heimlich ihr Bett verlassen und
Helene aufgesucht hatte. Sie erhielt keine Antwort auf ihre
Fragen nach Helene, und nur erst zwei Tage darauf erfuhr sie,
daß Miß Temple, als sie am folgenden Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, Jane in dem kleinen Bette, mit dem Gesicht an
Helenens Schulter ruhend und ihre Arme um Helenens Hals geschlungen, gefunden hatte. Jane schlief und Helene war friedlich aus dem Leben geschieden. Jane's Schmerz war grenzenlos,
sie wollte keine Nahrung zu sich nehmen und auch denselben Weg
wandeln, den Helene eingeschlagen hatte, sie wollte auch zu ihrem
Vater im Himmel einkehren, und es bedurfte der liebevollsten
-
die geschiedene Freundin nicht vermissen sollte, um sie einigermaßen
zu beruhigen und für die Aufgaben des Lebens wieder empfänglich zu machen.
Helenens Leiche wurde zu ihrem Vater geschafft, der in Braklebridge wohnte, und auf dem dortigen Kirchhofe beerdigt. Miß
Temple ließ das Grab mit einem Rasenhügel bedecken und auf
diesen eine Marmorplatte mit der Aufschrift legen: Auferstehen!
Achtes Kapitel.
Wir haben unseren freundlichen Leserinnen das Leben Jane's
fast Tag für Tag vorgeführt, aber um unserer Erzählung nicht
eine allzugroße Ausdehnung zu geben, müssen wir jetzt einige größere Schritte machen, um auch ihr ferneres Schicksal kennen zu
lernen, bis es an einem entscheidenden Wendepunkte fürs Leben
gekommen sein wird.
Als die jährlich ausbrechende Epidemie, die am treffendsten
mit Typhusfieber bezeichnet werden kann, ihre Aufgabe der Vernichtung in Lowood erreicht hatte, verschwand sie beinahe spurlos
wieder; aber sie hatte für dieses Mal so stark gewütet, daß die
große Anzahl der Opfer, die sie gefordert hatte, die allgemeinere
Aufmerksamkeit auf die Stiftung gelenkt hatte. Es wurden Untersuchungen über den Ursprung des Fiebers angestellt, und so traten
nach und nach Erscheinungen und Thatsachen zu Tage, welche den
Unwillen der Öffentlichkeit bis fast zur Erbitterung steigerten.
Zunächst fiel die überaus ungesunde Lage der Stiftung ins Auge;
weiterhin stellte sich die schlechte Beschaffenheit der gebotenen Nahrungsmittel und deren völlig unzureichende Menge heraus, sowie
das schlechte Wasser, welches zum Trinken sowohl wie für die Zubereitung der Speisen benutzt werden mußte, die dürftige, kaum
etwas Wärme gewährende Kleidung und endlich der ungesunde
Aufenthalt in den Schul- und Schlafzimmern; dies Alles kam
an das Tageslicht und trug für Mister Blackhurst Kränkung und
harte Vorwürfe ein, gereichte aber der Anstalt zum Vorteil und
Segen.
Eine Anzahl angesehener und reicher Bewohner in der Grafschaft zeichnete größere Summen für die Erbauung eines gesunden
und bequemen Hauses in gesünderer Lage. Es wurde eine neue
Hausordnung entworfen, bessere Kleider wurden geliefert, nahrhaftere Speisen wurden verabreicht und die Einnahmen und das Vermögen der Stiftung von einem Ausschuß von mehreren Personen
in Beaufsichtigung genommen. Zwar konnte man Mister Blackhurst die Leitung und Verwaltung der Anstalt wegen seiner Familienverbindungen und seiner früheren Wirksamkeit nicht entziehen,
aber er wurde in der Ausübung seiner Funktionen unterstützt und
kontrolliert von Männern, die Herz und Verstand auf der richtigen
Stelle hatten und nicht in so engherzigen Anschauungen befangen
waren, wie er. Die in solcher Weise verbesserte Anstalt wurde
eine nützliche und edle Pflanzstätte für so manches junge Gemüt,
und Jane blieb nach ihrer Neugestaltung noch sieben Jahre in
derselben und zwar sechs Jahre als Schülerin-- so viel Geld
hatte Mistreß Reed an Mister Blackhurst bei Jane's Eintritt in
die Anstalt im voraus bezahlt-- und zwei Jahre, als sie ihren
Lebensunterhalt verdienen mußte, als Lehrerin.
Während dieser ganzen Zeit war Jane's Leben einförmig, an
Freuden und Genüssen arm und leer, aber es war nicht unglücklich, denn es war nicht unthätig, und um keinen Preis hätte sie
es jemals wieder mit ihrem ehemaligen Aufenthalte in Gateshead
vertauschen mögen. Ihr standen die Mittel zu einer vortrefflichen
Erziehung zur Seite, sie besaß eine besondere Vorliebe zu einigen
Studien, wie Zeichnen und Malen, und einen Drang sich in denselben Gegenständen auszubilden; sie ward von dem lebhaften Verlangen getrieben, ihren Lehrerinnen und besonders denen zu gefallen, die sie liebte und achtete. Ihre geistigen Anlagen entwickelten sich in einem solchen Umfange, daß sie nach Verlauf von
kaum zwei Jahren die Erste in der ersten Klasse war und am
Ende des sechsten Jahres ihr das Amt einer Lehrerin übertragen
werden konnte, das sie denn auch mit größtem Pflichteifer übernahm und erfüllte.
Während dieser ganzen Zeit war Miß Temple Leiterin der
Stiftung geblieben, und ihrem Unterrichte verdankte Jane den
größten Teil ihrer erworbenen Talente und Fähigkeiten; ihr Umgang und ihre Teilnahme war ihr ein beständiger Trost, wenn
des Lebens Ernst einmal an sie herantrat - sie vertrat die Stelle
der Mutter, der Erzieherin nicht allein bei Jane, sie wurde endlich
auch ihre Freundin. Aber es sollte für Jane kein Glück von langer Dauer sein, wenn auch das Los, das Miß Temple fand, ein
recht glückliches werden sollte. Die würdige und wahrhaft liebenswürdige Dame verheiratete sich mit Mister Nasmyth, einem
Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, dessen Wert Jane in
der kurzen Zeit ihres Beisammenseins mit ihm so recht schätzen
lernen sollte, und folgte demselben in sein Pfarramt, das in einer
entfernten Grafschaft lag. Die Trennung von Miß Temple war
wiederum ein neuer und tiefer Schmerz für Jane's Gemüt -
all ihr Denken und Empfinden knüpfte an diese edle Frauengestalt
an, in all ihre Lebensgewohnheiten und ihre sonstige Thätigkeit
war Miß Temple gleichsam mit hineinverflochten- und dies
Alles wurde nun zerrissen, mußte nun aufhören zu sein, nachdem
es eine Reihe von Jahren in so schöner Weise gedauert und geblüht hatte.
Als Miß Temple aus Lowood schied, war Jane nicht mehr
dieselbe- mit ihr war jedes gewohnte Gefühl, jede Erinnerung
dahingeschwunden, die Lowood ganz wie unwillkürlich zur ihrer
zweiten oder vielmehr eigentlichen Heimat gemacht hatte. Den
größten Teil des ersten Tages nach der Abreise der beiden Vermählten ging Jane ruhelos in dem Zimmer auf und ab; keine
Beschäftigung, die sie vornahm, wollte ihr behagen, keinen ruhigen
Gedanken konnte sie fassen, all ihr Denken und Trachten ging
nur darauf hinaus, wie sie wohl aus Lowood hinweg und einen
anderen Wirkungskreis für sich finden könne. Aber es wollte kein
glücklicher Einfall in ihrem sonst so erfinderischen Geiste auftauchen,
bis sie sich endlich der Ruhe überließ und mit Miß Miller ein
gleichgültiges Gespräch anknüpfte, das ganz wie von selbst auf
ihren Weggang von Lowood hingelenkt werden sollte.
Wie aber soll ich es anfangen, fragte Jane, um von hier
weg und in eine andere Stellung zu kommen, damit ich eine
ordentliche Thätigkeit finde und meinen Lebensunterhalt auf eine
würdige und anständige Weise erwerben kann?
Wer eine Stellung sucht, macht dies im Herold der Grafschaft bekannt, antwortete Miß Miller.
Aber auf welche Weise?
Man richtet einen Brief an den Herausgeber des Herold,
legt diesem die nötige Ankündigung und das erforderliche Geld
bei. Man gibt den Brief auf die Post zu Lowten und läßt
etwaige Antworten oder Anfragen unter der Chiffre I. K. an das
dortige Postamt adressieren und geht eine Woche danach vielleicht
einmal wieder nach Lowten, um nachzufragen, ob ein Antrag eingegangen ist oder nicht.
Ich danke Ihnen, Miß, sprach Jane beruhigt, ich werde es
morgen versuchen.
Am folgenden Morgen, noch ehe die Glocke zum Aufstehen
der Schülerinnen geläutet hatte, saß Jane an ihrem Schreibtische
und hatte folgendes Schriftstück abgefertigt:
Eine junge Dame, die im Unterrichtgeben bewandert ist, sucht
eine für sie geeignete Stellung in einem Privathause bei Kindern
unter vierzehn Jahren. Sie kann in den gebräuchlichen Lehrfächern, wie auch im Französischen, im Zeichnen und in der Musik
Unterricht erteilen. Briefe unter I. 1. befördert das Postamt zu
Lowton.
Diese Anzeige wurde in ein Couvert gesteckt und zum Absenden mit der Post fertig gestellt. Noch am selbigen Tage hatte
Jane Gelegenheit, nach dem drei Meilen etwa entfernten Orte
Lowton zu gehen und ihren Brief selbst in den Postkasten einzulegen; durchnäßt, aber mit erleichtertem Herzen kehrte sie in die
Stiftung zurück. Acht lange Tage mußte sie harren, ehe sie wieder
ausgehen und nach einem Resultate ihres Gesuchs nachfragen
konnte; aber auch diese vergingen und hochklopfenden Herzens
machte sie sich auf den Weg zu dem für sie so bedeutungsvollen
Posthause, in welchem eine alte Dame, die eine große Hornbrille
auf der Nase trug, den gewöhnlichen Dienst versah.
Sind vielleicht Briefe unter der Chiffre I. K. eingegangen?
fragte Jane bescheiden.
Die Alte starrte das junge Mädchen lange an, öffnete darauf
ein großes Schubfach und suchte lange Zeit unter dem Inhalte
desselben, so daß Jane schon jede Hoffnung gesunken war; endlich
aber, nachdem sie mindestens fünf Minuten lang ein Schreiben
betrachtet hatte, reichte die Alte dasselbe über den Tisch hinweg
und betrachtete die Empfängerin mit einem sehr mißtrauischen
Blicke. Es war in der That I. . überschrieben.
Es ist wohl kein Brief weiter vorhanden? fragte Jane
nochmals.
Nein! lautete die etwas mürrisch gegebene Antwort.
Jane steckte den Brief in die Tasche ihres Kleides und mußte,
ohne denselben öffnen zu können, rasch heimwärts eilen, da sie zu
pünktlicher Stunde wieder einzutreffen hatte, wenn sie nicht gegen
die Hausordnung verstoßen wollte; und als sie zu Hause eintraf,
mußte sie die Aufsicht in der Lern- und Arbeitsstunde führen, die
Gebete vorlesen und die Mädchen nach dem Schlafsaale führen,
worauf sie mit den anderen Lehrerinnen zu Abend speiste. Endlich konnte sie sich allein auf ihr Zimmer zurückziehen und das
erhaltene Briefchen öffnen; dasselbe war ziemlich kurz und lautete
folgendermaßen:
Wenn I. L. die sich in der letzten Donnerstagsnummer des
Herold empfohlen hat, die von ihr erwähnten Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt und genügende Nachweise über ihr seitheriges Verhalten und ihre Unterrichtsbefähigung zu erteilen imstande ist, so
kann ihr eine Stellung nachgewiesen werden, in welcher sie nur eine
einzige Schülerin, und zwar ein kleines Mädchen unter 1 Jahren, zu unterweisen haben wird. Das Gehalt ist für jedes Jahr
auf dreißig Pfund festgesetzt. I. K. wird ersucht, Zeugnisse, Namen,
Adresse und alles sonst Erforderliche zu senden an die Adresse von
Mistreß Harleigh in Thornfield bei Millcote. Grafschaft N.
Der einfache Brief, die anspruchslose Handschrift rührte nach
Jane's Ansicht von einer älteren Dame bürgerlicher Abstammung
her, und die ihr gebotene Stellung, in welcher sie jedenfalls an
der Seite dieser Dame wirken sollte, war ihr außerordentlich willkommen, ganz abgesehen davon, daß die Bezahlung derselben
eine durchaus glänzende zu nennen war und nicht leicht
günstiger wieder geboten werden konnte. Mit Hülfe einer
Landkarte von Großbritannien ermittelte Jane, daß die Grafschaft N. siebzig Meilen näher bei London lag, als ihr
gegenwärtiger Aufenthalt, und daß Millcote eine große Fabrikstadt
an dem Flüßchen Avon war und ohne Zweifel sehr viel bewegtes
Leben bot. Jane war natürlich sofort entschlossen diese Stellung
anzunehmen und that am nächsten Morgen schon die nötigen
Schritte, um aus der Lowood-Stiftung ohne große Verzögerung
entlassen zu werden.
Während der Mittagspause teilte sie der Leiterin der Anstalt
mit, daß sie Aussicht habe, eine andere Stellung zu erhalten, und
ersuchte dieselbe, Mister Blackhurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Verwaltungsausschusses diese Angelegenheit zu unterbreiten und um die Erlaubnis nachzusuchen, daß sie auf das Zeugnis dieser Herren Bezug nehmen könne. Sie übernahm die Förderung von Jane's Anliegen sehr gern und forderte sie auf, ein
Gesuch an die Herren des Ausschusses zu richten, welches unter
denselben cirkulieren müsse. Dieses Gesuch machte die Runde und
nach Verlauf von sechs Tagen erhielt Jane die ausdrückliche Erlaubnis, ihre Lage zu verändern, sowie das Zeugnis ausgestellt,
daß sie sich während ihres Aufenthalts in Lowood als Schülerin
wie als Lehrerin musterhaft stets betragen und daß sie die Fähigkeiten, den Unterricht und die Erziehung von Mädchen wie von
Knaben, im vollkommenen Maße besitze.
Acht Tage nach Empfang des Briefes von Mistreß Harleigh
konnte Jane dies Zeugnis absenden und erhielt nach wenigen Tagen
die Antwort, daß die Dame mit den eingesandten Papieren zufrieden sei und ihr Antritt in Thornfield in 1 Tagen bestimmt erwartet werde. Die bestimmten 1 Tage gingen ziemlich rasch
vorüber, alle Vorbereitungen waren getroffen, und der letzte Tag
reichte hin, um Jane's nicht zu umfangreiche Garderobe in denselben Koffer einzupacken, den sie vor acht Jahren von Gateshead
mit nach Lowood gebracht hatte.
Obwohl Jane den ganzen letzten Tag über sehr viel noch zu
schaffen gehabt hatte, so war sie doch so aufgeregt, daß sie die
ganze Nacht hindurch kein Auge zu schließen vermochte. Mit dieser
letzten Nacht in Lowood, das fühlte sie lebhaft, endete ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens, eine neue Periode lag von morgen
ab vor ihren Blicken! Es war ihr unmöglich, diese Zeit zu verträumen, sie mußte wachen, bis sich der Wechsel vollständig vollzogen hatte. Abschied hatte Jane schon im Laufe des Tages von
den Lehrerinnen und Schülerinnen genommen, da sie bereits am
nächsten Morgen früh um Uhr die an Lowood vorüberfahrende
Postkutsche besteigen mußte, um nach Millcote zu gelangen. Die
Fahrt ging durch eine ganz angenehme Gegend und dauerte ununterbrochen bis Abends s Uhr; der Kutscher meldete, daß man in
Millcote eingetroffen sei.
Als Jane das Innere des Wagens verlassen hatte, glaubte
sie bestimmt auch eine Person zu treffen, die sie abholen würde,
um sie nach ihrer neuen Heimat zu geleiten. Niemand war sichtbar, und
da man gerade bei einem Wirtshaus angehalten, so trat Jane
einstweilen in das Gastzimmer und fragte einen Kellner, ob Niemand hier gewesen sei und nach einer Miß Eyre gefragt habe.
Die Antwort lautete ,ein''; und als sie schon im Begriff war,
sich ein Zimmer für die Nacht anweisen zu lassen, fragte sie nochmals: Ist ein Ort in dieser Gegend, der Thornfield heißt.
Thornfield? Ich weiß nicht, antwortete der Kellner, aber ich
will fragen. Der Bursche verschwand für einen Augenblick, kehrte
aber sofort zurück und fragte: Ist Ihr Name Eyre, Miß?
Ja wohl, Jane Eyre!
Es ist, wie mir die Köchin eben sagt, Jemand hier, der Sie
erwartet.
Jane trat aus dem Zimmer in die Hausflur, fand in der
offenen Hausthüre einen Mann stehen und bemerkte beim Scheine
der Laternen ein kleines einspänniges Fuhrwerk.
Ist dies Ihr Gepäck, Miß? fragte der Mann etwas kurz.
Ja!
Dann bitte ich Sie, einzusteigen, - ich werde inzwischen den Koffer einladen.
Wie weit ist Thornfield von Millcote entfernt?
Beinahe sechs Meilen.
Und wie lange Zeit werden wir gebrauchen, bis wir dorthin
gelangen?
Hierauf schloß der Mann die Thüre, bestieg seinen Sitz und fuhr langsam vorwärts, so daß Jane hinreichend Zeit hatte, ihre Lage zu überdenken. Nach dem einfachen Diener und dem recht bescheiden aussehenden Wagen zu schließen, konnte Mistreß Harleigh weder eine reiche noch eine vornehme Dame sein. Wenn sie nur gütig ist! dachte das junge Mädchen bei sich, mag sie dann reich und vornehm oder nur bemittelt sein, um eine Erzieherin für ihr Kind halten zu können! Ich werde treu bei ihr aushalten, wenn es nur im geringsten möglich ist.
Die Wege waren schlecht, die Nacht sehr nebelig, der Führer ließ sein Pferd beständig im Schritt gehen, so daß Jane schon glaubte, ihre Fahrt würde sich über drei Stunden ausdehnen.
Miß, wir sind jetzt nicht mehr weit von Thornfield entfernt! meldete der Kutscher.
Das ist recht gut, antwortete Jane und blickte zum Fenster
hinaus. Sie gewahrte, wie sie an einer Kirche vorüberfuhren, sie
bemerkte den niedrigen, aber breiten Thurm und sah endlich eine
ganze Reihe von Lichtern, die die Straße des Dorfes bezeichneten.
Nach zehn weiteren Minuten wurde auf einen Ruf des Kutschers
ein Thor geöffnet, sie fuhren hindurch, und laut schlug es hinter
ihnen wieder zu; langsam ging es jetzt einen Weg bergauf, und sie
kamen vor der langen Frontseite eines Hauses an. Das große
Gebäude lag völlig dunkel vor Jane, nur aus einem einzigen verhangenen Bogenfenster strömte Licht aus. Der Wagen hielt an,
eine Dienerin öffnete, ließ Jane aussteigen und das Haus betreten.
Wollen Sie mir gefälligst folgen, Miß Eyre, sprach die
Dienerin freundlich, und führte die Angekommene über eine von
hohen Thüren umgebene Vorhalle in ein zierliches kleines Zimmer,
aus welchem ein heller Lichtstrahl und eine wohlthuende Wärme
entgegendrang. Eine ältere, noch recht wohl und behäbig aussehende Dame erhob sich bei Jane's Eintritt aus einem ehrwürdigen Lehnsessel und kam ihr mit freudig überraschtem Gesichtsausdrucke entgegen.
Seien Sie mir herzlich willkommen, Miß! Wie ist es Ihnen
ergangen? Ich fürchte, Sie haben eine beschwerliche Fahrt gehabt;
Sie werden halb erstarrt sein. Kommen Sie näher zum Feuer.
Mistreß Harleigh wahrscheinlich? fragte Jane mit bescheidenem Tone.
Jawohl, Sie liebes gutes Kind, kommen Sie, legen Sie Hut
und Shawl ab, sprach Mistreß Harleigh geschäftig und führte sie
auf einen Stuhl dicht in der Nähe des Feuers.
D bitte, bemühen Sie sich meinetwegen nicht, Mistreß,
wehrte Jane freundlich ab.
Es ist keine Mühe für mich, und Ihre Händchen sind kalt
und steif wie Eis! Lea bringe recht heißen Thee und lege einige
Butterschnitte mit Fleisch auf, das wärmt besser und schneller.
Sie haben doch gleich Ihr Gepäck mitgebracht, meine Liebe?
Zu dienen, Mistreß - es besteht aus einem Koffer.
Lea soll es auf Ihr Zimmer schaffen, sobald sie den Thee
gebracht hat. Hierauf räumte die gutmütige alte Dame Strickzeug und einige Bücher vom Tische weg, um für das Theegeschirr
Raum zu haben, das Lea hereinbrachte. Jane mußte zwei Tassen
ganz heißen Thees genießen und einige Butterschnitte verzehren,
ehe sie eine weitere Frage an Mistreß Harleigh richten durfte,
denn Letztere verlangte dies ganz ausdrücklich von ihr.
Nun, hob Mistreß Harleigh an, können Sie mich nach Allem
fragen, was Ihr Herz zu erfahren wünscht- ich werde Ihnen
nun bereitwilligst Auskunft erteilen.
Werde ich noch am heutigen Abend das Vergnügen haben,
Miß Harleigh zu sehen, fragte Jane - ich möchte meine Schülerin gern heute noch kennen lernen.
Miß Harleigh? O Sie meinen Miß Adele. Ihre Schülerin
heißt Adele Rochester.
Sie ist also nicht Ihre Tochter?
Nein, mein liebes Kind, ich habe keine Familie.
Da die alte Dame kein Wort weiter hinzufügte, so hielt es
Jane auch für unpassend, um weitere Auskunft zu bitten und
schwieg vorläufig--aber Mistreß Harleigh ließ die Unterhaltung
nicht lange stocken und fuhr eifrig fort: Es freut mich recht sehr,
daß Sie zu uns gekommen sind, und es wird für mich besonders
angenehm sein, wenn ich wiederum eine gebildete Gesellschafterin
um mich haben werde. Thornfield ist ein schönes altes, nur in
den letzten Jahren etwas vernachlässigtes Herrenhaus, aber besonders im Winter ist es doch etwas langweilig, zumal wenn man
ganz auf sich angewiesen ist. Ich sage auf sich angewiesen, -
Lea ist zwar ein ganz ordentliches Mädchen und Sam wie seine
Frau sind auch rechtschaffene Leute, aber sie bleiben doch immer
Diener, und will man mit ihnen verkehren, so vergibt man sich
schnell den nötigen Respekt. Im vergangenen Winter hat vom
November bis zum Februar kein menschliches Wesen weiter als
der Postbote, der Fleischer und der Bäcker Thornfield betreten und
fast melancholisch bin ich geworden, so Abend für Abend beständig allein sitzen zu müssen. Zuweilen mußte Lea mir vorlesen,
aber es schien ihr das auch nicht zu gefallen, denn mehr als einmal ist sie dabei vor Ermüdung eingeschlafen; im Frühjahr und
Sommer geht es schon besser; der Sonnenschein und die langen
Tage bringen etwas Abwechselung, und zu Anfang dieses Herbstes
kam die kleine Adele mit ihrer Gouvernante, da wurde es etwas
lebendiger bei uns, und nun Sie, liebes Kind, hier sind, so werde
ich wieder ganz heiter und glücklich werden wie früher. Werden
Sie gern hier bleiben?
O gewiß, Mistreß! Sie überhäufen mich schon jetzt mit so
viel Güte, daß ich ganz beschämt vor Ihnen stehe, entgegnete Jane.
Ich werde mich hier sehr zufrieden fühlen.
Aber mein Gott, ich verplaudere die Zeit hier, während Sie
den ganzen Tag über gefahren sind und sich todmüde fühlen
müssen. Ich habe das Zimmer, welches gleich an das meinige
stößt, für Sie herrichten lassen; es ist zwar klein, aber ich denke,
es wird Ihnen besser zusagen, als eines der großen, freilich schöner
möblierten, aber einsamen Vorderzimmer des Hauses.
Jane dankte ihr für ihre große Freundlichkeit und erklärte,
sie sei in der That stark ermüdet und sehne sich nach Ruhe,
worauf sie von Mistreß Harleigh nach dem für sie bestimmten Zimmer geleitet wurde. Zufrieden im Hafen der voraussichtlichen
Ruhe eingelaufen zu sein und ziemlich erschöpft, suchte Jane ihr
Lager auf und fiel sofort in tiefen Schlaf. Als sie erwachte,
schien die Sonne schon hell in das Zimmer und zeigte ihr freundliche tapezierte Wände, einen mit Teppichen belegten Fußboden
und eine recht gefällige Ausmöblierung - gegen ihren Aufenthalt
in Lowood schätzte sie sich in einem Paradiese zu sein und glaubte
sie die Tage ihres nunmehrigen Glückes erwarten zu dürfen. Jane
erhob sich und kleidete sich so sauber wie möglich an, obgleich ihr
geringer Vorrat die größte Einfachheit zur Pflicht machte, aber
nachdem sie ihr schwarzes Kleid angezogen, einen reinen weißen
Kragen umgelegt und ihr Haar sehr sorgfältig geordnet und glatt
gekämmt hatte, glaubte sie, ihrer Stellung entsprechend vor Mistreß
Harleigh erscheinen zu können und ihrer Schülerin keinen Widerwillen einzuflößen. So ausgerüstet wagte sich Jane aus ihrer
zierlichen Klause, die so recht nach ihrem Geschmacke eingerichtet
war, hinaus. Sie schritt zunächst durch eine lange mit Matten
bedeckte Galerie, über welche sie am gestrigen Abende mit Mistreß
Harleigh geschritten war, stieg einige Stufen von Eichenholz hinunter und befand sich dann in der Vorhalle, in welche sie gestern
eingetreten war; Alles erschien ihr stattlich und imposant. - Die
Hausthüre, in deren oberen Hälfte sich Glasfenster befanden, stand
offen und der schöne Herbstmorgen lockte die junge Erzieherin ins
Freie; die Sonne schien hell und freundlich auf grünende Felder
und sich bereits buntfärbende Wälder. Sie trat auf einen freien
Rasenplatz und überschaute die Front des Gebäudes, das sie erst
bei Nacht gesehen hatte; es war drei Stockwerk hoch und von ziemlich ansehnlichem Umfange. Die Zinnen, die das Gebäude umgaben, verliehen demselben ein stattliches Aussehen, und seine graue
Front stach gegen ein Dohlengeniste ab, dessen schwarze Bewohner lärmend umherflogen, ihren Flug über den Rasenplatz dem
Parke zu nahmen und sich Würmer suchend auf einer nahe gelegenen Wiese niederließen. In etwas weiterer Entfernung ragten
bewaldete Hügel empor, welche Thornfield ein ruhiges und für
sich abgeschlossenes Aussehen gewährten.
Jane ergötzte sich noch an dem freundlichen Bilde, das sich
ihren Augen bot, als plötzlich Mistreß Harleigh neben ihr stand
und fragend zu ihr aufschaute: Stehen Sie schon so frühzeitig auf?
Ich bin stets an ein zeitiges Aufstehen gewöhnt, erwiderte
Jane und empfing von der alternden Dame einen warmen Händedruck und einen zärtlichen Kuß.
Wie gefällt Ihnen unser einsames Thornfield?
Ganz außerordentlich! Ganz über alle meine Erwartungen.
Ja, ja, Miß Eyre, es ist ein recht erträglicher Ort, aber ich
fürchte, er wird früher oder später seinem Verfalle entgegengehen,
wenn es Lord Rochester nicht über sich gewinnt, hieher überzusiedeln und für beständig seinen Wohnsitz zu nehmen, oder es wenigstens von Zeit zu Zeit zu besuchen. Große Besitzungen erfordern
die Anwesenheit ihrer Herren.
Lord Rochester? fragte Jane verwundert. Wer ist das?
Der Besitzer von Thornfield antwortete Mistreß Harleigh
ruhig. Ja mein Gott, so wußten Sie gar nicht, daß unser Herr
Lord Rowland Rochester heißt?
Nein- ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen, Mistreß
Harleigh.
Mir? Kind, wo denken Sie hin? Ich bin nur die Haushälterin, die Bewirtschafterin. Freilich bin ich von meiner
Mutter Seite her mit der Familie Rochester verwandt- aber
ich erhebe nie Anspruch auf die Verwandtschaft- das liegt außer
meinem Gesichtskreise und ist Nichts für mich- ich bin nur eine
einfache Haushälterin- mein Herr ist stets höflich, und so
komme ich ganz vortrefflich mit ihm aus und weiter will ich nichts.
Und das junge Mädchen - meine Schülerin Adele?
Ist Lord Rochester's Mündel oder etwas Demähnliches. Wahrscheinlich wird er sich, wenn er ja einmal hierher kommen sollte,
gegen Sie Miß über Adele aussprechen. Mich hat er beauftragt,
eine Erzieherin für sie zu suchen, da er sie hier erziehen lassen will.
Wie Jane noch über die soeben gemachten etwas sonderbaren
Erklärungen nachdachte, kam ein lebhaftes junges Mädchen von
etwa 10 Jahren herbeigesprungen und blieb, ohne eine Silbe der
Begrüßung zu sagen, vor den beiden Damen stehen und fragte
mit vorlautem Tone:
Base Judith, wer ist diese Dame?
Adele, sprach Mistreß Harleigh in strengem Tone zu dem
Mädchen, hast Du schon wieder vergessen, wie sich ein junges
Mädchen erwachsenen Personen gegenüber benehmen muß? Erfordert es nicht die einfache Schicklichkeit daß man zunächst ,Guten
Morgen!' sagt.
Oh bah! sagte Adele schnippisch- ich kann noch immer
Zeit genug, Guten Morgen sagen, jetzt aber möchte ich gern
wissen, wer diese junge Dame ist? und ob sie meine Erzieherin ist?
Diese Dame ist Deine Gouvernante, fuhr Mistreß Harleigh
fort, und nennt sich Miß Eyre, und Du wirst ihr gleich den
schuldigen Respekt und Gehorsam bezeigen.
Wollen Sie, Miß, daß ich Ihnen Respekt und Gehorsam bezeige? fragte Adele listig.
Du sollst mich lieben und achten lernen und meine beste
Freundin auf Thornfield werden, antwortete Jane mit ernster,
aber freundlicher Miene.
Sie scheinen eine vernünftige Dame zu sein, Miß Eyre, und
ich denke, wir werden recht gut miteinander auskommen und uns
vertragen, plauderte Adele sorglos.
Adele, willst Du denn Deine Ungezogenheiten niemals lassen,
sprach Mistreß Harleigh weiter - in solcher Weise spricht man
nicht mit seiner Erzieherin, seiner Gouvernante.
O bitte, Mistreß Harleigh, wandte Jane freundlich ein, lassen
Sie die muntere Adele nur; sie wird sich schon ruhiger gewöhnen.
Deiner Aussprache nach zu schließen, Adele, hast Du in Frankreich lange Zeit gelebt, ehe Du zu uns nach England und Thornfield kamst?
Jawohl, Miß, ich war bei Mama in Paris, und ach, da
hat es mir sehr gut gefallen, lautete die Antwort. Aber meine
Mama wurde immer blasser, immer schwächer, bis sie vor zwei
oder drei Jahren zur heiligen Jungfrau in den Himmel eingegangen ist.
Deine Mama ist gestorben, du armes Kind- da bist Du
eine Waise, wie ich.
Ja und Mama war so gut - ich lernte bei ihr tanzen,
singen und deklamieren.
Und wo warst Du nach Deiner Mutter Tode, Adele?
Bei fremden Leuten, die sich Monsieur und Madame Frederic
nannten und ebenfalls in Paris lebten. Eines Tages kam Lord
Rochester zu uns, der sich meinen Onkel nannte, sehr gut mit
mir war und mich fragte, ob ich mit ihm nach England gehen
und bei ihm, wie sein eigenes Kind leben wollte. Ich ging mit
ihm; er hat mich nun hierher gebracht, ist aber seit dieser Zeit
nicht wieder in meine Nähe gekommen und läßt mich quälen mit
allen möglichen Dingen, die ich zu meiner Ausbildung lernen soll,
ich mag wollen oder nicht.
Höre auf, Adele, gebot Mistreß Harleigh, wir wollen Frühstück essen, und dann wirst Du bei Miß Eyre Deine ersten Unterrichtsstunden nehmen.
Alle Drei begaben sich in das Haus zurück und nahmen gemeinsam das Frühstück ein, das freilich ganz anders ausfiel, als
es Jane in Lowood seit Jahren gewohnt war. Nach beendigtem
Frühstück betrat sie mit Adele das für die Unterrichtsstunden von
Lord Rochester bestimmte Bibliothekzimmer, welches fast ringsum
an den Wänden mit Schränken bedeckt war, hinter deren hohen
verschlossenen Glasfenstern eine überaus reichhaltige Zahl von
Büchern zu erblicken war; ein Schrank mit Büchern war offen
und enthielt alle zum Elementarunterricht erforderlichen Bücher,
Atlanten und andere Gegenstände. Welche Auswahl fand hier
Jane für ihren Wissensdrang - wie konnte sie hier in diesen
stillen und freundlichen Räumen ihre freie Zeit ihrer weiteren
Ausbildung und ihrer Unterhaltung widmen - denn die Schlüssel
zu all den verschlossenen Schränken standen ihr zur Verfügung;
ebenso stand ein gutes Pianoforte, eine Staffelei, sowie Erd - und
Himmelsgloben zum Gebrauche da.
Ihre Schülerin fand Jane ziemlich gelehrig und schnell begreifend, doch besaß sie weder Fleiß noch Ausdauer und schien besonders an keine regelmäßige und geordnete Thätigkeit gewöhnt zu
sein. Hierauf hatte sie, wie sie sofort einsah, ihr Hauptaugenmerk zu richten, und da Adele anscheinend auch gütlichen Vorstellungen zugänglich war, so glaubte sie in nicht langer Zeit eine
folgsame und aufmerksame Schülerin an ihr zu erhalten. Jane
beschränkte sich anfänglich darauf, sich viel mit ihr zu unterhalten
und ihr nur wenig zu lernen aufzugeben; und als eine Uhr die
elfte Tagesstunde anzeigte, gab sie ihr unaufgefordert drei Stunden
Zeit, in welchen sie ihren Spielen oder freiwilligen Beschäftigungen nachgehen konnte.
Als Jane hierauf nach ihrem Zimmer ging, um für den
Unterricht in den Nachmittagsstunden einige leichte Zeichenvorlagen
für ihre Schülerin anzufertigen, erblickte sie Mistreß Harleigh in
einem Zimmer, dessen Flügelthüren weit geöffnet waren; es war
ein großes ansehnliches Gemach mit purpurfarbigen Stühlen und
Vorhängen und einem den ganzen Fußboden bedeckenden türkischen
Teppich; die Wände bestanden aus Täfelwerk von Nußholz, die
Fenster waren mit sinnigen Glasmalereien geschmückt und die
Decke mit kunstvoller Stukkatur geziert.
Wollen Sie unser Speisezimmer nicht näher ins Auge fassen,
Miß? fragte die alte Dame zum Eintreten freundlich einladend.
Ich habe nur das Fenster geöffnet, damit ein wenig Luft und
Sonnenschein hereinkommt und die schwere Feuchtigkeit vertreibt.
Welch ein prächtiges Zimmer! rief Jane erstaunt, welche
noch niemals ein solches Prunkgemach vor Augen gehabt. Und in
welcher musterhaften Ordnung ist es von Ihnen gehalten!
Ja sehen Sie, Miß Eyre, erwiderte Mistreß Harleigh geschmeichelt, Lord Rochester's Besuche sind äußerst selten, aber
stets plötzlich und unverhofft. Da es ihn nun nicht angenehm zu
sein scheint, daß erst Alles nach seiner Ankunft in Stand gesetzt
und viel Geräusch gemacht wird, so halte ich die Gemächer für
ihn stets in Bereitschaft und bin so immer fertig.
Ist Lord Rochester ein strenger Herr, und macht er große
Ansprüche an seine Umgebung?
Durchaus nicht, aber er ist ein weit und vielgereister Mann,
gebildet und ein echter Gentleman, wenn auch zuweilen von sonderbaren Manieren und rauher Außenseite.
-
blicken, gehört der Familie des Lords, so lange ich zurückdenken kann.
-
habe starken Grund zu glauben, daß er bei seinen Pächtern und
Untergebenen für einen gerechten, strengen, aber auch wiederum
sehr nachsichtigen Herrn angesehen und geachtet wird, obwohl sie nur
sehr wenig Gelegenheit gehabt haben, ihn persönlich kennen zu lernen.
Welche Eigentümlichkeiten trägt er an sich? Wie ist sein
Charakter in Kürze gesagt?
Sein Charakter ist vollständig tadellos, vielleicht nur etwas
eigentümlicher Art.
In welcher Art und Weise ist er eigentümlich?
Das ist schwer zu sagen, Miß Eyre; es tritt nicht direkt
hervor, aber man fühlt es unwillkürlich - man weiß oft nicht,
ob er im Ernst spricht, oder ob er scherzt, wenigstens ich nicht, denn
er ist trotz alledem ein äußerst wohlwollender und freigebiger Herr.
Jane bemerkte, daß Mistreß Harleigh sich nicht weiter und
deutlicher äußern konnte und mochte, und wollte das Speisezimmer verlassen, wurde aber eingeladen, auch die übrigen Teile
des Hauses in Augenschein zu nehmen, und folgte dieser Einladung sehr gern. Sie folgte mit Verwunderung Treppe auf
und Treppe ab und fand Alles schön wohlgeordnet: Die großen
Vorderzimmer erschienen Jane besonders schön und einige Zimmer
im dritten Stock waren wegen ihres altertümlichen Aussehens interessant und merkwürdig. Die Möbel der unteren Gemächer,
als dem Bewohnen und dem Besuche mehr ausgesetzt, hatten der auch in Thornfield eindringende Mode weichen müssen und waren
in den oberen Räumen allmählich untergebracht, so daß letztere
den Anblick eines Kabinets voller historischen Erinnerungen bildeten:
Schränke, Kasten, Tische, Stühle, Bettstellen, Oefen, Gardinen
- Alles harmonierte hier zusammen an Alter und Geschmack.
Wo wollen Sie noch hin, Mistreß? fragte Jane, als ihre
Führerin noch weiter ging.
Nach dem Bleidach! Wollen Sie die Aussicht nicht mit ansehen?
Gewiß! sagte Jane und folgte der Dame eine äußerst schmale
Treppe hinauf, die auf den Boden des Hauses führte, und von
dort vermöge einer Leiter und durch eine Fallthür hindurch auf
das Dach des Gebäudes. Von hier bot sich ein überraschender
Anblick für Jane's Auge. Wie eine Landkarte lag die Gegend
ausgebreitet vor ihr: der sammetartige Rasenteppich, der große Park
mit seinen breitästigen alten Bäumen, der fernere Wald, die
stillen Berghügel, in den Strahlen der milden Herbstsonne glänzend,
der Horizont von einem tiefblauen Himmel begrenzt, das Dorf
mit seinem Turm und seinen kleinen Häusern, Alles war lieblich
und reizend und machte einen unbeschreiblich friedlichen Eindruck.
Nachdem Jane eine geraume Zeit sich an diesem lieblichen Bilde
geweidet, stieg sie die Leiter und die enge Treppe wieder hinab,
während Mistreß Harleigh noch einige Augenblicke zurückblieb, um
die Fallthür zu schließen. Jane durchschritt den langen Gang, der
die Vorderzimmer von den hinteren Zimmern des dritten Stockes
trennte; er war niedrig, schmal und düster und nur an seinem
äußersten Ende von einem kleinen Fenster spärlich erleuchtet. Während
sie so langsam dahinschritt, schlug plötzlich ein deutliches, seltsames,
grelles Lachen an ihr Ohr. Jane blieb betroffen und erschrocken
stehen - und plötzlich verstummte das Lachen wieder, dann begann es wieder lauter, gellender, durchdringender und ging zuletzt in ein wildes Geschrei über, so daß das junge Mädchen unwillkürlich auf die nachkommende Mistreß Harleigh wartete.
Hörten Sie das entsetzliche Lachen, Mistreß Harleigh? fragte
Jane. Von wem mag dasselbe in diesen stillen Räumen herrühren?
Von einer der Dienerinnen wahrscheinlich, antwortete sie;
vielleicht von Gratia Poole.
Haben Sie es jetzt wieder gehört, Mistreß?
Ganz deutlich; ich höre es sogar oft. Gratia näht in einem
dieser Zimmer; zuweilen ist auch Lea bei ihr, und Beide machen
zusammen oft viel Geräusch und Lärmen.
Das Lachen wiederholte sich in leiserem Tone und endete mit
einem dumpfen Gemurmel.
Gratia! rief Mistreß Harleigh laut.
Eine der nächsten Thüren öffnete sich und heraus trat ein
Frauenzimmer in der Tracht einer Dienerin, das ungefähr O Jahre
alt und von robuster und untersetzter Gestalt war.
Zu viel Lärm, Gratia, sprach Mistreß; denke an Deine Befehle.
Ich werde Ruhe halten, antwortete die Gerufene unterwürfig
und verschwand wieder; auch hörte man sie die Stubenthür verschließen.
Es ist eine Person, fuhr Mistreß Harleigh fort, die wir zum
Ausbessern und Nähen haben und welche Lea in der Hausarbeit
unterstützen muß. Aber lassen wir Gratia jetzt bei Seite und sagen Sie
mir, wie Sie heute Morgen mit ihrer Schülerin ausgekommen sind.
O ganz gut, Mistreß! Sie hat kleine Eigenheiten, aber ich
denke, dieselben werden sich alle noch ablegen lassen. An gutem
Willen fehlt es ihr nicht.
Als die beiden Damen das Parterre des Hauses wieder erreicht hatten, kam ihnen Adele entgegengeeilt und rief: Meine
Damen, es ist serviert; ich habe großen Hunger.
In Mistreß Harleigh's Zimmer fanden sie das Mittagsmahl
bereit und speisten zu drei zusammen.-- Im Laufe des Nachmittags unterrichtete Jane ihre Schülerin wieder und fand zu ihrer
Genugthuung, daß Adele wirklich an den Zeichnungen, die sie ihr
vorgelegt, Vergnügen fand und sich auch ziemlich geschickt anstellte.
Hierauf baute Jane ihren Erziehungsplan weiter, Abwechselung
und Unterhaltung mußten ihr Geschmack am Lernen beibringen.
Neuntes Kapitel.
Wie Jane es gehofft, so bestätigte sich auch für sie die Erlangung eines ruhigen und zufriedenen Lebens und einer angemessenen Thätigkeit. Mistreß Harleigh blieb auch für die Folgezeit eine wohlwollende und gütige ältere Freundin für sie, und
Adele, wenn auch lebhaft und eigensinnig etwas, zeigte sich als
ein gutmütiges, unverdorbenes Kind, mit dem nicht schwer auszukommen war. Sie war Jane's alleiniger Erziehung anvertraut,
und Niemand sonst machte einen Einfluß irgend einer Art auf sie
geltend, so daß es in der That gar keine besondere Mühe verursachte, ihre Sonderbarkeiten und Launen ihr abzugewöhnen, ja sie
zeigte jetzt sogar eine gewisse Vorliebe für das Englische, das sie
anfänglich als geborene Französin gar nicht leiden mochte und verächtlich behandelte. Auch bemerkte Jane mit nicht geringer Freude,
daß Adele ihr persönlich zugethan war und deutliche Spuren von
Neigung und treuer Anhänglichkeit zeigte. Auch das dienende
Personal wie Sam, Lea und Sophie bereiteten ihr keine Hindernisse, und nur vor Gratia und deren öfterem unheimlichen Lachen
empfand sie einen gewissen Widerwillen und einen unbestimmten
Schauder. Es kamen öfters mehrere Tage nach einander vor, an
welchem sie ganz still war, dann aber ließ sie wiederum Töne
vernehmen, die sich Jane durchaus nicht erklären konnte. Zuweilen
erschien Gratia im unteren Stockwerk und brachte einen Teller,
eine Schüssel oder irgend ein anderes Stück Geschirr in die Küche
zurück und begab sich dann wieder schweigsam und geräuschlos nach
der oberen Etage.
Oftmals stieg in Jane der Gedanke empor, daß dieses seltsame Lachen gar nicht von Gratia Poole ausgehen könne, vielmehr glaubte sie an ein hier verborgenes Geheimnis, aber da sie
weder von Mistreß Harleigh noch von der übrigen Dienerschaft
irgend eine genauere Auskunft erhalten konnte, so fügte sie sich in
das Unvermeidliche und sann nicht weiter darüber nach.
So waren allmählich die letzten drei Monate des Jahres verflossen, und der Januar brachte zwar Schnee und Eis, aber auch
helles freundliches Wetter mit. Adele war unwohl und konnte
keinen Unterricht erhalten. Jane hatte somit einen freien Nachmittag und wollte einen größeren Spaziergang unternehmen. Sie
war noch nie in dem etwa zwei englische Meilen entfernten Dörfchen
Hay Lome gewesen und richtete dorthin ihren Weg, zumal Mistreß
Harleigh einen soeben fertig gewordenen Brief gern noch nach dem
dortigen Postamte haben wollte und der Briefbote unter zwei
Tagen nicht in Thornfield wieder vorkam. Mit Hut und Mantel
ausgerüstet, übernahm sie die Besorgung des Briefes und machte
sich auf den Weg, der bei dem gerade heiteren und trockenen
Wetter ein wahrer Spaziergang für Jane war. Bis zu dem Dorfe
führte der Weg beständig langsam aufwärts, der Boden war hart
gefroren, die Luft still, Jane ging rasch bis zur Höhe der Straße,
die auf halbem Wege wieder bergab führte. Hier setzte sie sich
auf einen Steg nieder, der daselbst den Uebergang zu einem Felde
bildete. In Gedanken versunken betrachtete sie die Zäune von
Thornfield, welche gegen den westlichen hellen Nachmittagshimmel
scharf abstachen. Tiefe Stille herrschte ringsum, es war ein feierliches, ein heiliges Schweigen, das nur von dem fernen Läuten
eines einzigen Glöckchens unterbrochen wurde. Wie in inniger
seliger Verzückung ruhte Jane's Auge auf der herrlichen Landschaft, und unwillkürlich überließ sie sich dem Genusse dieses
reizenden Schauspiels- als sie von einem lauten Geräusch
plötzlich aus ihrer Betrachtung aufgeschreckt wurde; es klang zwar
noch fern, aber laut und deutlich durch die Stille des Nachmittags:
es war ein Stampfen, ein metallartiges Klirren!
Betroffen schaute sie sich nach der Straße um, von der dieses Geräusch herauftönte; sie glaubte ganz deutlich die Hufschläge eines Pferdes zu vernehmen, obwohl es noch von einer Windung des mit einer Hecke besetzten Pfades verborgen gehalten wurde. Jane
wollte ihren Sitz gerade verlassen, aber da der Weg hier nicht genügend breit war, so blieb sie noch sitzen, um Pferd und Reiter vorüber zu lassen. Endlich ward das Pferd sichtbar; es war ein mächtiges Tier mit langem Haar und einem ungewöhnlich
großen Kopfe; auf seinem Rücken trug es einen Reiter - das Pferd schritt am Stege vorüber und Jane ging ruhig ihres Weges, ja sie wußte in der That nicht, ob sie den Reiter gesehen hatte oder nicht.
Nach einigen Schritten hörte Jane ein Geräusch, wie vom
Ausgleiten eines metallenen Gegenstandes auf Eis und die Worte
des Reiters: Was zum Henker ist jetzt zu thun? Dann entstand
ein weiteres Geräusch wie von einem klirrenden Falle, worauf
Jane rasch sich umwandte und Roß und Reiter am Boden liegen
sah; das Pferd hatte auf einer abschüssigen Eisstelle des Weges
festen Fuß verloren und war gestürzt. Ein großer Hund, der in
des Reiters Begleitung mit herbeigesprengt kam, bellte laut auf,
daß die Hügel widerhallten, umschnobberte die gestürzte Gruppe
und kam nach Jane zugesprungen, welche ihm folgte und zu dem
Reiter ging, der sich jetzt mit kräftigen Anstrengungen unter dem
Tiere hervorzuarbeiten suchte, daß er sich unmöglich bedeutend
verletzt haben konnte.
Haben Sie sich beschädigt, mein Herr? fragte Vane.
Ein unartikulierter Laut, einem Fluche ähnlich, war die Antwort.
Kann ich etwas für Sie thun, um Ihnen zu helfen? fragte
Jane mutig weiter.
Treten Sie nur auf die Seite, antwortete der Reiter, indem
er sich vorläufig auf seine Kniee stützte und dann mit Nachhilfe
der Hände auf die Füße stellte.
Jane ging einige Schritte zurück, wollte aber sich nicht entfernen, bis sie Roß und Reiter wieder reisefertig gesehen; es begann nun ein Stampfen und Schlagen des Pferdes, ein Heulen und Bellen des Hundes, ein Rufen und Fluchen des Reiters, daß
einem weniger unerschrockenen Mädchen wie Jane bange geworden
wäre. Endlich war das Pferd glücklich wieder auf seinen vier
Beinen, der Hund beruhigte sich, der Reiter beugte sich nieder
und fühlte nach seinem Fuße und seinem rechten Beine, als wollte
er untersuchen, ob beide noch unverletzt wären, dann hinkte er
nach dem Stege, von welchem Jane sich kaum erhoben hatte, und
setzte sich daselbst nieder.
Jane trat teilnehmend wieder näher: Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, und Hilfe bedürfen, so kann ich solche sowohl von Thornfield wie von Hay Lome für Sie herbeiholen.
Ich danke sehr, erwiderte der Reiter, es wird schon gehen;
ich habe, wie es scheint, Nichts gebrochen, sondern mir nur den
Fuß tüchtig verrenkt. Er erhob sich wieder und versuchte aufrecht zu
stehen, doch preßte ihm der Schmerz einen unwillkürlichen Ausruf aus.
Jane erhielt während dieser Steh - und Gehproben Muße,
sich den Reiter zu betrachten, dessen Gestalt in einem Reiseanzug
mit einem Pelzmantel gehüllt war; sein Wuchs war nicht ganz
deutlich erkennbar, doch bemerkte sie, daß er von mittlerer Größe
war und eine sehr breite Brust hatte; sein Gesicht war leicht gebräunt, seine Züge streng, sein Auge blickte unwirsch und seine zusammengezogenen Brauen trugen einen finsteren Ausdruck; er war nicht mehr jung und auch nicht besonders schön zu nennen,
wenn auch der Gesamteindruck seines Antlitzes kein ungünstiger war.
Mein Herr, hob Jane von Neuem an, ich kann Sie auf diesem einsamen Wege nicht verlassen, bis ich sehe, daß Sie Ihr Pferd wieder zu besteigen vermögen.
Der Reiter schaute verwundernd auf und erwiderte rauh:
Ich dächte, Sie könnten jetzt selbst zu Hause sein, wenn Sie hier
wohnen. Woher kommen Sie?
Ich komme von dort unten, mein Herr, erwiderte Jane, aber
ich eile gern für Sie nach Hay Lome, zumal ich außerdem einen
Brief dorthin zur Post zu tragen habe.
Dort unten wohnen Sie? In jenem Hause mit den Zinnen?
Ja, Herr.
Wem gehört dieses Haus?
Lord Rochester.
Kennen Sie den Lord?
Ich habe ihn bis jetzt noch nicht gesehn.
Der Lord wohnt nicht dort? Wissen Sie, wo er sich aufhält?
Ich kann es nicht sagen.
Sie sind wohl keine Dienerin in dem Hause dort? Sie
sind-? Ein durchdringender Blick ruhte auf Jane und unwillkürlich hielt der Reiter in seiner Rede inne.
Ich bin Gouvernante in jenem Hause, Herr.
Ah, die Gouvernante! Ich kann es doch nicht von Ihnen
annehmen, daß Sie Hülfe für mich herbeiholen. Aber wenn Sie
die Güte haben wollen, können Sie ein wenig behilflich sein.
Gern, Herr, wenn es in meinen Kräften steht.
Sie haben wohl keinen Schirm, auf den ich mich stützen
könnte, um auf mein Pferd zu gelangen, da ich dies mit meinem
gelähmten Beine unmöglich bewerkstelligen kann?
Nein, Herr!
So versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu fassen und es
zu mir zu führen. Fürchten Sie sich nicht, es wird Ihnen nicht
das geringste Leid zufügen.
Jane machte mehrere furchtlose Versuche, das Pferd am Zügel
zu ergreifen, aber es ließ ihre Hand seinem Kopfe nicht nahe
kommen und hob denselben stets rasch in die Höhe.
Es scheint nicht gehen zu wollen; ich sehe mich daher genötigt,
Sie bitten zu müssen, sich in meine Nähe zu bemühen, denn die
Not zwingt mich, Ihren Beistand anzunehmen.
Jane folgte seiner Aufforderung und trat zu ihm; eine schwere
Hand legte sich auf ihre Schulter, aber sie stand fest und wankte
nicht, und der gelähmte Reiter konnte unter einiger Anstrengung
bis zu seinem Pferde hinken. Sobald er den Zügel desselben erfaßt und den einen Steigbügel mit dem verschont gebliebenen Fuße
erreicht hatte, schwang er sich mit einem mächtigen Rucke in den
Sattel, wobei seine Gesichtszüge allerdings heftige Schmerzempfindungen ausdrückten.
Nun bitte, reichen Sie mir meine Reitpeitsche noch; sie muß unter jener Hecke liegen.
Jane fand und reichte ihm dieselbe.
Ich danke Ihnen. Nun eilen Sie so schnell als möglich mit Ihrem Briefe nach Hay Lome, und kehren Sie ebenso rasch nach Thornfield zurück, rief der Reiter munter, gab seinem Pferde die Sporen und jagte, von seinem Hunde gefolgt, wie ein Sturmwind den
Weg hinab.
Jane begab sich ohne Aufenthalt nach Hay Lome, gab ihren
Brief ab und trat unverzüglich den Rückweg wieder an; an dem
Stege, an welchem ihr das Abenteuer begegnet war, machte sie
einige Augenblicke halt und überlegte, wohin wohl der Reiter seinen
Weg genommen haben möge, dann suchte sie die schützenden Mauern
von Thornfield wieder zu erreichen, da es bereits dunkel zu werden
begann. Sie fand die Vorhalle heller als gewöhnlich erleuchtet,
und aus dem Speisezimmer, dessen Flügelthüren halb offen standen,
strömte ebenfalls ein Lichtschein von dem Kamine aus; auch schien
sie eine kleine Gruppe von Menschen zu gewahren und ein Gemisch von Stimmen zu vernehmen, aus deren Adele's heller Ton heraus klang - plötzlich aber ward die Thüre geschlossen.
Als Jane noch unschlüssig stand, bemerkte sie auch einen großen Hund, der jenem des Reiters vollkommen ähnlich sah; sie wollte ihn an sich rufen, um zu sehen, ob sie sich täusche oder nicht, aber da trat Lea ein, und so begnügte sie sich nur zu fragen:
Was ist das für ein Hund, Lea?
Er kam mit dem Herrn, gab Lea zur Antwort.
Mit wem?
Mit dem Herrn- Lord Rochester ist soeben angekommen.
So! Und Mistreß Harleigh ist bei ihm im Zimmer?
Ja, Miß, und Adele auch; sie sind noch im Speisezimmer,
während Sam nach einem Arzte gegangen ist, denn der Lord ist
mit dem Pferde gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt.
Ist der Herr auf dem Wege von Hay Lome nach Thornfield gestürzt?
Ja, Miß, beim Herabreiten des Hügels glitt das Pferd aus und stürzte mit ihm.
So will ich nicht in das Speisezimmer treten. Bitte holen
Sie mir ein Licht, Lea, daß ich nach meiner Stube gehen kann.
Ja, Miß Eyre, es ist am besten, wenn Sie nach dem anstrengenden Wege nach und von Hay Lome, sprach die gerade aus
dem Zimmer tretende Mistreß Haleigh zu Jane, sich direkt zu
Bette begeben, da sie Lord Rochester doch nicht mehr sprechen
können, da er auf Befehl des Wundarztes Carter gleichfalls sein
Lager aufsuchen muß.
Jane that wie die alte Dame wünschte; der Lord schien kein
Wort von seinem Zusammentreffen mit ihr erwähnt zu haben,
und so glaubte sie ebenfalls Stillschweigen beobachten zu müssen.
Am folgenden Morgen mußten Jane und Adele auf des Lords
Verlangen das Bibliothekzimmer räumen und die Unterrichtsstunden
in einem Gemache des ersten Stocks abhalten. Lord Rochester
benutzte es gleichsam als Expeditions- und Empfangszimmer, da
seine Verwalter und Pächter bei ihm erscheinen mußten, um Berichte über etwaige bemerkenswerte Vorfälle, die sich in seiner Abwesenheit zugetragen, zu erstatten. Überhaupt hatte durch des
Lords Ankunft Thornfield ein ganz anderes Aussehen erhalten;
an die Stelle der wohlthuenden Stille war ein lebhaftes Kommen
und Gehen getreten, die Thorglocke wurde oft gezogen und noch
öfter stark an das Thor gepocht, so daß es laut durch die hohen
Hallen hin hallte; man hörte jetzt nicht mehr jeden einzelnen leisen
Fußtritt im Hause, sondern laute und meist fröhliche Menschenstimmen.
Jane hatte Mühe, ihre Schülerin beim Lernen festzuhalten;
sie brannte vor Begierde zum Onkel Rowland hinabzukommen, da
er ihr besonders mitgeteilt, daß, sobald sein Gepäck von Millcote
ankommen werde, unter demselben eine Schachtel sich befinden
würde, deren Inhalt sie vielleicht interessieren dürfte.
Das bedeutet soviel, Miß, versetzte die kleine Schlaue, daß
in der Schachtel ein Geschenk für mich enthalten ist und für Sie
vielleicht auch, Miß. Onkel Rowland hat schon nach Ihnen gefragt.
So! antwortete Jane gleichgültig. Was fragte er denn?
Ob Sie nicht eine kleine zierliche und blasse Person seien,
Miß. Da sagte ich ja!
Und weiter sagte er nichts zu Dir oder Mistreß Judith?
Nein, dann bestimmte er, wer von den Pächtern heute früh
zu ihm kommen sollte.
Adele mußte ihres Unwohlseins von gestern halber am heutigen
Tage noch das Zimmer hüten, wenn sie auch mit Unterricht nicht
sehr angestrengt werden durfte. Niemand bekümmerte sich um die
Lehrerin und Schülerin, selbst Mistreß Harleigh nicht, so angestrengt hatte sie heute mit zu schaffen, ja Beide mußten allein
auf ihrem Zimmer speisen. Erst am Nachmittag wurde Adele zu
Lord Rochester durch Lea gerufen und gegen Abend trat auch
endlich Mistreß Harleigh bei Jane ein.
Lord Rochester würde es gern sehen, begann sie, wenn Sie
heute Abend mit ihm und Adele im Gesellschaftszimmer den Thee
einnehmen wollten. Er hat den Tag über so viele wichtige Geschäfte mit seinen Pächtern zu erledigen gehabt, daß er Sie noch
nicht hat zu sich bitten lassen.
Um welche Zeit pflegt Lord Rochester den Thee zu nehmen?
Um sieben Uhr, Miß.
Gut, Mistreß Harleigh, ich werde mich pünktlich einstellen.
Zu bestimmter Zeit trat Jane in das Gesellschaftszimmer und
fand Lord Rochester, der seine verletzten Beine auf dem Sopha
ausgestreckt hielt, lebhaft mit Adele beschäftigt, so daß er ihre
grüßende Verbeugung entweder nicht bemerkt hatte oder nicht bemerken wollte; Jane verhielt sich daher vorläufig still im Hintergrunde des Zimmers.
Hier ist Miß Eyre, Lord Rochester, sprach Mistreß Harleigh
nach geraumer Weile.
Base Judith, lassen Sie die Dame Platz nehmen, erwiderte
der Lord, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. Nach
einigen Minuten fuhr er fort: Ich möchte um etwas Thee bitten.
Mistreß Harleigh goß von dem bereits fertig gehaltenen Thee
eine Tasse ein und wandte sich an Jane: Wollen Sie dem Herrn
wohl die Tasse reichen, Miß Eyre, Adele könnte den Thee doch
wohl leicht verschütten.
Jane that, wie ihr geheißen, ohne ein Wort dabei zu reden;
doch Adele begann, als der Lord ihr stumm die Tasse abnahm:
Onkel Rowland, Du hast mich heute so reich beschenkt. Hast Du nicht
auch für Miß Eyre ein Geschenk mitgebracht. Miß ist so gut mit mir.
Wer spricht von Geschenken! rief er übellaunig. Erwarteten Sie von
mir ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie überhaupt Geschenke, Miß?
Ich habe bisher noch niemals Geschenke erhalten und kann
es kaum beurteilen. In der Regel werden sie aber für angenehm und erfreulich gehalten.
Miß Eyre, Sie sind weniger offen, als Ihre Schülerin.
Adele verlangt stets ein Geschenk, so oft ich hierher komme; Sie
aber, Sie halten zu sehr hinter dem Berge.
Adele macht das Recht der Gewohnheit und den Anspruch auß. -
alte Bekanntschaft geltend. Was aber hätte ich wohl gethan, um
ein Geschenk von Ihnen erwarten zu dürfen?
Kokettieren Sie mir nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich
habe jetzt eben Adele einer eingehenden Prüfung unterzogen und
gefunden, daß sie in den drei Monaten Ihres Unterrichts weit
mehr gelernt hat, als sonst in drei Jahren.
Dank, Herr, jetzt habe ich mein Geschenk!
Wie so?
Es ist die höchste Anerkennung und die schönste Befriedigung.
Für einen Lehrer oder eine Lehrerin, wenn die Fortschritte ihrer
Schüler von deren Angehörigen bemerkt werden.
Kommen Sie näher zum Sopha, Miß - Sie Base bleiben
dort sitzen.
Jane ging zum Tische des Lords und setzte sich auf einen
in der Nähe befindlichen Stuhl.
»Sie sind seit Monaten in Thornfield? fragte Rochester weiter.
Ja, Herr!
Und kommen von -
Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft R.
Ah, eine sogenannte milde Stiftung! Wie lange waren Sie dort?
Acht Jahre. Sechs Jahre als Schülerin, zwei als Lehrerin.
Acht Jahre? rief der Lord erstaunt aus. Da müssen Sie
eine Konstitution, von Eisen haben! Ich sollte meinen, schon das
Viertel dieser Zeit reichte hin, um auch den robustesten Körper zu
Grunde zu richten. Wer sind Ihre Eltern?
Ich habe keine Eltern.
Sie werden aber doch Verwandte haben? Oheime, Tanten.
Nein, Herr, keine, die ich jemals gesehen habe.
Auch keine gehabt?
Ich hatte einen guten Onkel, aber der ist leider lange gestorben, leider, als ich noch ganz klein war.
Wo ist Ihre Heimat?
Ich habe keine Heimat und weiß nicht, wo ich eine solche
suchen soll.
Haben Sie auch keinen Bruder, keine Schwester?
Ich habe Niemand auf der Erde - ich stehe allein, ganz allein.
Wie kommen Sie in mein Haus?
Im Herold der Grafschaft R. erließ ich ein Gesuch als Erzieherin, worauf mir Mistreß Harleigh diese Stellung hier auf
Thornfield anbot, die ich auch sofort annahm.
Ja, begann jetzt die alte Dame, und ich danke täglich Gott
für die gute Wahl, die er mich hat treffen lassen, denn Miß
Eyre ist eine sorgfältige Lehrerin, eine mütterliche Freundin für
Adele und eine unschätzbare Gesellschafterin für mich gewesen, und
wenn sie wiederum aus dem Hause gehen sollte, so besorge ich
keine wieder für das Kind.
Ereifern Sie sich nicht, Base Judith! Sie wissen, daß ich
Alles selbst prüfe und beurteile. Ich kann mich nicht lobend über
sie aussprechen. Das Erste, das sie mir angethan, war, daß sie
mein Pferd stürzen machte und mir diese Verrenkung zugezogen hat.
Aber Lord Rochester! rief Mistreß Harleigh voller Bestürzung aus
Ruhig, ruhig, Base! Haben Sie jemals in einer Stadt
gelebt, Miß Eyre?
Niemals, Herr!
Sind Sie oft in Gesellschaft gekommen? Und in welche?
In keine andere, als in die der Lehrerinnen und Schülerinnen
von Lowood wie in die der gegenwärtigen Hausgenossen von
Thornfield.
Haben Sie viel gelesen?
Ehe ich nach Thornfield kam, habe ich nur die Bücher kennen
lernen, die in Lowood für die Stiftung und den Unterricht gebraucht wurden. Jetzt freilich lese ich viel.
Blackhurst, der in Lowood Direktor war, wirkte als Geistlicher.
Ja, Herr!
War er beliebt in der Anstalt?
Mir mißfiel er und fast alle Lehrerinnen stimmten mit mir
in meinem Urteile überein. Er ließ die Zöglinge hungern und
oft verdorbene Speisen genießen, so lange er die Oberleitung der
Anstalt allein zu versehen hatte; er war rauh und hart dabei.
Wie alt waren Sie, als Sie in die Lowood-Stiftung eintraten?
Etwas über zehn Jahre alt.
Und da Sie acht Jahre dort verweilten, so sind Sie jetzt
achtzehn Jahre alt. Nach Ihrem Gesicht und Aussehen ist Ihr
Alter sehr schwer zu bestimmen, Miß. Was haben Sie in
Lowood gelernt? Spielen Sie Klavier, Miß?
Ein wenig, Herr.
So gehen Sie in das Bibliothekzimmer- das heißt, wenn
es Ihnen gefällig ist, lassen Sie die Thüre ein wenig offen,
damit Sie sehen und wir hören können, und spielen Sie uns zum
Thee etwas vor. Ich habe so lange keine Musik in diesen alten
Mauern gehört, daß ich fast beinahe nicht mehr weiß, wie sie
hier klingen mag.
Jane ging in das Bibliothekzimmer und spielte eine einfache
schottische Volksmelodie, fast die einzige Piece, welche sie ohne
Zuhülfenahme von Noten spielen konnte.
Ich danke Ihnen, Miß! rief der Lord. Lassen Sie es genug
sein. Sie spielen vielleicht besser wie manches englische Schulmädchen, vielleicht aber auch nicht. Sind die Zeichnungen,
welche mir Adele gestern Abend nur flüchtig zeigen konnte, von Ihnen?
Ja, Herr.
Haben Sie deren noch mehrere?
Ja, Herr; Sie liegen ebenfalls in dem Bibliothekzimmer.
So holen Sie dieselben, das heißt, ich bitte Sie, dieselben
zu holen. Doch halt, wenn die Mappe vielleicht nur Kopien enthält und keine Originale, so lassen Sie es lieber.
Sie werden ja urteilen können, Herr. Ich wenigstens habe
bis jetzt noch niemals wiederzugeben vermocht, was ich nicht selbst
empfunden und erdacht habe.
Bringen Sie aber ja keine Stümpereien; ich kann Schülerhaftes nicht ausstehen und lege einen strengen kritischen Maßstab an.
Eine Künstlerin bin ich freilich nicht und habe auch keine
Malerakademie besucht, Originale aber hoffe ich bieten zu können,
wenn auch vielleicht nur Stümpereien. Nach diesen Worten überreichte Jane ihre Mappe an Lord Rochester.
Sie sind empfindlich, Miß, wie alle Frauenzimmer! Lord
Rochester blätterte langsam in den einzelnen Blättern, aber mit
immer sichtlicher werdenden wachsendem Staunen, bis er endlich
den auf dem Kopfe habenden türkischen Fez wie zufällig ablegte.
Sie hat gewonnen bei ihm, murmelte Mistreß Harleigh
zwischen den Zähnen- er legt sein Käppchen ab- ein Beweis,
daß er Respekt vor Jemandem hat.
Nach einer geraumen Weile, während welcher er nur Augen
für Jane's Zeichnungen gehabt, hob er den Blick wieder und
fragte: Diese Bilder können nur von einer Hand herrühren.
War es Ihre Hand, welche dieselben schuf?
Ja, Herr!
Und wonach zeichneten Sie diese Stoffe?
Aus meinem Kopfe.
Aus diesem kleinen Kopfe, der da zwischen Ihren Schultern sitzt?
Aus demselben!
Enthält er noch Stoffe derselben Art?
Ich hoffe es, Herr, und denke auch noch bessere.
Sie müssen viel Zeit und noch mehr Nachdenken auf diese
Bilder verwandt haben? Wie und wann konnten Sie Beides
ermöglichen?
Während den beiden Jahren, welche ich als Lehrerin in
Lowood verbrachte, war ich in den Ferien auf mich allein angewiesen, da ich keine Verwandten und Freunde hatte. Ich benutzte
diese ganze freie Zeit und zeichnete und malte, so lange ich sehen konnte.
Fühlten Sie sich glücklich, als Sie diese Bilder schufen?
Ich versenkte mich in meine Gedankenwelt und glaube, daß
ich in diesen Stunden mich glücklicher gefühlt habe, als jemals
seit dem Tode meines guten Onkels.
Ich glaube es Ihnen, Miß. Diese Bilder sind seltsame
Schöpfungen für den Pinsel, wie für die Phantasie einer Schülerin
von Lowood. Sie sind voll Poesie, und was an Ihrer Vollkommenheit fehlt, ist nur Mangel an den äußeren Fertigkeiten,
der Technik. Waren Sie zufrieden mit dem Resultate Ihrer
langen und anstrengenden Arbeiten?
Zufrieden, Herr? Nein! Aber doch betrachte ich diese
Bilder als das Höchste, was ich gegenwärtig besitze. Sie sind
mein wirkliches und wahrhaftiges Eigentum.
Sie haben Recht, Miß! Es sind seltsame, sonderbare
Phantasien! Dieses Auge des Abendsterns müssen Sie im
Traum gesehen haben? Wer lehrte sie den Sturm malen? Hei,
wie die Windsbraut über die Heide fährt! Hier diese hochwogende
See,- sein nackter Arm, der aus den Wellen ragt, hält einen
gebrochenen Mast umschlungen, als letzten Rettungsanker, ein glänzendes Armband umschlingt das Armgelenk, ein Rabe will das
Geschmeide dem Arme entreißen- nichts Lebendiges auf dem
ganzen Bilde als dieser diebische Vogel - und doch Alles Leben,
Alles Bewegung! Und hier diese dünnen Hände, welche einen
schwarzen Schleier über die unteren Züge des Gesichts ziehen- diese völlig blutlose Stirn, so weiß wie Elfenbein, und dieses
hohle und starre Auge, in dessen gläsernem Ausdruck sich nur
Verzweiflung zu erkennen giebt. Was kocht in Ihrem Gehirn,
Miß, daß es solche Blasen treibt! Diese verwünschten Bilder
werden mich um einige Stunden stärkenden Schlafes bringen.
Rochester schob die Mappe verdrießlich bei Seite und wandte
sich, wie wenn er wieder heftigere Schmerzen auszustehen hätte,
mit dem Gesicht ab.
Ist Ihnen etwas unbequem, Lord Rochester? fragte Mistreß
Harleigh.
Diese Bilder sind mir unbequem! fuhr er auf, und nach
der Uhr blickend, setzte er fast heftig hinzu: Schon neun Uhr,
Miß Eyre! und Adele noch nicht in ihrem Bette? Wollen Sie
eine neue Hausordnung auf Thornfield einführen? Das kann ich
nicht dulden. Gehen Sie! - Ich wünsche Ihnen jetzt eine gute
Nacht. Rochester deutete mit der Hand nach der Thüre.
Jane forderte Adele auf, sie zu begleiten, und war im Begriff ihre Zeichenmappe wieder an sich zu nehmen, als der Lord
dieselbe mit einem raschen Griffe an sich nahm und ärgerlich
sagte: Die Mappe werde ich doch wohl noch einige Stunden
behalten können.
Gern, Herr! Gute Nacht. Komm, Adele.
Gute Nacht, böser Onkel, scherzte Adele, küßte den Lord und
eilte der vorangehenden Jane nach, welche sich von Mistreß Harleigh
verabschiedet hatte.
Ich sehe Sie noch, Kindchen, flüsterte die alte Dame Jane
heimlich zu, und kaum hatte die Letztere ihr Zimmer betreten, so
erschien auch Mistreß Harleigh bei ihr und forderte zuerst einen
genauen Bericht über das gestrige Zusammentreffen mit dem Lord,
der ihr dann auch auf das Bereitwilligste und mit Schilderung
der geringsten Vorkommnisse erstattet wurde. Dann fuhr Mistreß
Harleigh fort: Aber Herzchen, was müssen Sie denn für garstige
Bilder gemalt haben, daß Lord Rochester so böse werden konnte?
Anfangs schienen ihm ihre Zeichnungen zu gefallen, ja er bekam
Respekt vor ihnen, denn er zog sein Käppchen ab, was er sonst
nicht leicht thut- aber zum Schlusse müssen doch recht häßliche
Dinge zum Vorschein gekommen sein! Ich glaube, Sie haben
den guten Eindruck, den Sie auf ihn gemacht zu haben schienen,
vollständig wieder verwischt, und das bedauere ich, Miß, recht lebhaft.
Mistreß Harleigh, erwiderte ihr Jane lächelnd, Sie sind sehr
freundlich und teilnehmend, aber meine Bilder haben Lord Rochester
bestimmt nicht mißfallen, sonst würde er sie nicht an sich genommen haben. Es schien ihn zu reizen, daß er nichts daran zu
tadeln finden mochte.
Rochester habe nichts Eigentümliches an sich und an seinem Charakter.
Nun, ist denn dies wirklich der Fall, Miß?
Ich sollte meinen, er wäre etwas launenhaft und eigenwillig.
Es mag jedem Fremden allerdings auf den ersten Blick so
erscheinen, aber ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt, daß es
mir gar nicht mehr auffällt. Und sollte er wirklich etwas launenhaft und eigenwillig sein, so muß man ihm auch schon etwas nachsehen
Ja, ja, das muß man, denn er ist neben seinen Schwächen
ein bedeutender Mensch und gebietet über Fähigkeiten, die man
sonst selten bei reichen Leuten zu finden pflegt.
Lord Rochester war nicht immer so reich wie jetzt; er verlor erst vor mehreren Jahren seinen älteren Bruder durch einen mehr als plötzlichen Tod.
Seinen älteren Bruder?
Ja als zweitgeborener Sohn eines vornehmen Hauses hatte er keine glückliche Lebensstellung, aber seit neun Jahren ist er der Erbe der ganzen reichen Grafschaft Rochester.
Und er lebt niemals lange Zeit auf Thornfield?
Ich glaube nicht, daß er einziges Mal länger als 1 Tage hier gewesen ist; auch wundert es mich nicht sonderlich, daß er den alten Ort meidet.
Warum sollte er ihn meiden, Mistreß?
Vielleicht kommt er ihm ziemlich unheimlich vor- aber ich verplaudere hier die Zeit, und der Lord bedarf meiner noch heute Abend, Gute Nacht, Miß Eyre!
Gute Nacht, Mistreß Harleigh.
Zehntes Kapitel.
Jane traf in den nächstfolgenden Tagen fast gar nicht mit Lord Rochester zusammen. Früh erledigte er Geschäfte und zu Mittag trafen meistenteils Herren aus der Umgegend von Millcote bei ihm ein und blieben zuweilen zu Tisch in Thornfield, an
welchem weder Jane noch Mistreß Harleigh teilnahmen. Als nach einigen Tagen sein Fuß soweit wieder hergestellt war, daß er sein Pferd besteigen konnte, ritt er viel aus und kam gewöhnlich erst spät in der Nacht zurück. Nur auf den Treppen oder in der Vorhalle fand hin und wieder einmal eine Begegnung statt und er erwiderte Jane's ehrerbietigen Gruß mit herablassendem Nicken, mit kaltem Blicke und mitunter auch mit übermäßiger Heftigkeit, so daß die junge Gouvernante immer zurückhaltender und gemessener in ihrem Betragen gegen ihn wurde.
Eines Abends erfolgte wiederum eine Einladung zum Thee.
Lord Rochester forderte Jane direkt auf, bei ihm am Tische Platz zu nehmen und verwies Adele zu Mistreß Harleigh mit der Weisung, ihn nicht zu stören.
Miß Eyre, hob er nach einem etwas langen Stillschweigen an, ich wünschte heute Abend mehr über Ihre Person, Ihren Charakter und Ihre Kenntnisse zu erfahren. Reden Sie
Wovon, Lord Rochester? fragte Jane verwundert.
Wovon Sie wollen. Ich überlasse Ihnen die Wahl des Gegenstandes und die Art und Weise seiner Behandlung. Nun wollen Sie nicht reden?
Jane sah den Lord an und lächelte, freilich nicht, wie wenn sie reden wollte; sie dachte still bei sich, wenn er denkt, ich soll reden, blos um zu reden, damit er mich kennen lernt, so soll er doch merken, daß ich keine Lust habe, mich seinen Launen zu fügen.
Sind Sie stumm, Miß Eyre? Ach so, entschuldigen Sie -
ich sprach meine Bitte auf eine barsche, ja vielleicht auf eine befehlende Weise aus, aber ich bin das einmal so gewohnt und kann es mir so rasch nicht abgewöhnen. Ich bitte Sie also, daß Sie die Güte haben, jetzt ein wenig mit mir zu reden, um mich
zu zerstreuen, weil meine Gedanken von einem mir sehr unangenehmen Gegenstande gar nicht zu entfernen sind.
Ich bin gern und willig bereit, Herr, Sie zu unterhalten,
wenn ich es vermag - aber ich kann den Gang der Unterhaltung
nicht einleiten, da ich nicht wissen kann, welcher Gegenstand zunächst Sie interessieren dürfte. Fragen Sie, ich werde auf alle
Fragen Antwort geben, welche in meinem Bereiche und in den
Grenzen meines Wissens liegen.
Also gestehen Sie mir zu, daß ich ein Recht habe, ein wenig kurz- und herrisch zu sein? Sie lächeln, was denken Sie schon wieder? Sie denken etwas Böses, Miß Eyre?
Ich denke, Lord Rochester, daß nur sehr wenige Herren darauf achten werden, ob ihre bezahlten Untergebenen sich durch ihre Befehle verletzt fühlen werden oder nicht.
Bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ach ja, ich vergaß die dreißig Pfund Jahrgehalt, die ich Ihnen zahlen lasse. Also aus diesem Grunde soll ich fragen und befehlen dürfen?
Nein, Herr, nicht deshalb, sondern weil Sie es vergaßen
und fragten, ob eine abhängige Person sich in ihrer Abhängigkeit
wohl fühlt, willige ich von Herzen ein.
Wollen Sie die Namen Ihrer Verwandten nennen?
Ich bitte Sie inständig, Lord Rochester, mein Schweigen auf
diese Frage nicht als Widersetzlichkeit oder gar Böswilligkeit auszulegen - und wenn Sie doch auf Beantwortung bestehen, so will. ich
solche auch nicht verweigern, aber wenn Sie die trübsten und unglücklichsten Stunden meiner frühen Kinderjahre nicht in ihrem
ganzen Umfange in meinem Herzen wachrufen wollen, so ersparen
Sie es mir, von dieser Zeit und von den Personen, in deren
Nähe ich zu leben gezwungen war, reden zu müssen.
Haben Sie sich vielleicht Undankbarkeit oder Pflichtverletzung
zu Schulden kommen lassen, Miß Eyre, so brauchen Sie nicht
hinter dem Berge zu halten. Ich denke in manchen Punkten
milder, als Sie glauben, und war früher auch ein wilder Bursche.
Herr, Sie können über mich die genaueste Auskunft erhalten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, über meine persönlichen Verhältnisse in der Lowood-Stiftung anzufragen.
Ich hätte es lieber aus Ihrem Munde vernommen, aber da es Ihnen Überwindung zu kosten scheint, von Ihrer Jugend zu reden, so bin ich ja kein Unmensch und verzichte auf Ihre Bekenntnisse.
Dank, Herr!
Wo sind Sie geboren? Das werden Sie mir doch sagen können!
Ich habe mehrfach sagen hören, daß mein Vater in Amerika, in New-York, mit meiner Mutter gelebt habe, daß ich dort geboren und nach meines Vaters Tode mit meiner Mutter nach England zurückgekehrt sei.
Wissen Sie, welche Stellung Ihr Vater im Leben einnahm?
So viel ich erfahren, war er Ingenieur in einem industriellen
Etablissement.
Und Ihre Verwandten wiederzusehen, tragen Sie gar kein Verlangen?
Nicht das mindeste, Herr!
Und warum, Miß Eyre?
So viel ich jetzt beurteilen kann, bin ich denselben stets eine Last nur gewesen, für welche sie keine Liebe empfinden konnten, und möglicher Weise mag auch ein Teil der Schuld an mir mit gelegen haben, ohne daß ich indessen ein bestimmtes Bewußtsein davon hatte.
Also stoße ich doch bei Ihnen auf einen schwarzen Flecken in Ihrem Charakter - aber das ist mir lieb - sie dürfen dann mich auch nicht so ohne Weiteres hart beurteilen.
Ich hätte hierzu auch kein Recht, Herr.
Wer sollte Ihnen das streitig machen, Miß! Sie werden freilich nicht so unvorsichtig sein, gegen mich Ihre wahre Meinung unverhüllt auszusprechen, aber in Ihren Gedanken werden Sie so schwarz von mir denken, als Sie es nur vermögen werden.
Sollte diese Art und Weise der Unterhaltung Ihnen wirklich
Zerstreuung gewähren?
Hoho! Miß Eyre, was fällt Ihnen plötzlich ein, meinen Geschmack hofmeistern zu wollen?
Herr, was denken Sie von mir- aber wenn ich nicht einmal eine Frage an Sie richten darf, wie ich will, wie soll ich Sie da unterhalten können?
Sie haben Recht, Miß Eyre. Fragen Sie nur weiter. Ich will Ihrer Neugierde keinen Zügel anlegen und Alles beantworten, was Sie zu wünschen wissen werden.
Ausfragen werde ich Sie nicht, Lord Rochester, und Sie werden sich auch nicht von mir ausfragen lassen. In Allem muß es eine Grenze geben, wenn es im menschlichen Leben von Bestand sein und auf Beachtung Anspruch machen will.
Sehr weise und unklug zugleich gesprochen. Wo haben Sie
so viel Geist und so viel Einfältigkeit in einem Atemzug nur hergenommen?
In dieser für Jane ziemlich unangenehmen Weise wurde das Gespräch fortgeführt, ja Rochester wurde während desselben mehrmals fast verletzend gegen die Erzieherin seiner Nichte, so daß Mistreß Harleigh mehrmals Miene machte, sich in das Gespräch
einzumischen, immer aber von einem bittenden Blick Jane's davon
zurückgehalten wurde. Wie er vor ausgesuchter Höflichkeit sein und
die Verdienste der jungen Dame in der That voll würdigen konnte, so
spielte er auf der anderen Seite wiederum in grausamer Weise mit
ihr und suchte ihr Zartgefühl fast absichtlich zu kränken.
Als endlich die Uhr auf neun Uhr zeigte, erhob sich Jane und
rief nach Adele, die mit den ihr von Rochester erhaltenen Geschenken
noch in vollster Beschäftigung war.
Wo wollen Sie hin, Miß Eyre?
Es hat neun Uhr geschlagen; ich will Adele zu Bett bringen,
um mich nicht wieder dem Vorwurfe auszusetzen, daß ich die Hausordnung auf Thornfield umstoßen wolle.
So! Nun so gehen Sie, ich bedarf Ihrer auch für heute Abend so nicht mehr. Gute Nacht.
Gute Nacht, Herr! Gute Nacht, Miß Harleigh!
Adele folgte trot ihres Spieles ohne die leiseste Widerrede,
nahm Abschied von ihrem Onkel und ihrer Base und entfernte sich.
Als Rochester mit Mistreß Harleigh allein war, erhob sich
die Letztere ärgerlich von ihrem Stuhle und trat mit ganz entschiedener Geberde vor ihren Herrn hin: Was haben Sie nur
gegen Miß Eyre? Sie verwickeln Sie in Gespräche, quälen Sie
mit sonderbaren Fragen und behandeln Sie auf beinahe rücksichtslose Weise. Das Mädchen ist sanft und geduldig, fügt sich
in Ihre Launen und läßt sich Alles von Ihnen gefallen.
Alles? Base Judith, Sie irren sich, wenn Sie auch weit
älter und klüger sind als ich. Jane Eyre stellt sich nur so, als
wäre sie sanft und demüthig- sie hat aber eine bedeutende Partie
Eigensinn und Stolz und weist mich oft derb zurück.
Das verstehe ich nicht, Lord Rochester, aber so viel ist mir
klar, daß Sie das brave Mädchen durch Ihre Behandlungsweise aus dem Hause treiben. Und das sage ich Ihnen im
voraus, wenn Mifß Eyre uns verläßt, so besorge ich Ihnen keine
Erzieherin wieder.
Die wird sich nicht so leicht und so rasch vertreiben lassen.
Dreißig Pfund ist ein zu schönes Jahrgehalt, als daß sie es so
rasch wo anders wieder erhalten sollte.
Gelb! Geld! Denken Sie denn mit Geld können Sie Alles
ausgleichen! Was habe ich mit der Neugierde der früheren Gouvernante ertragen müssen? Welchen Unannehmlichkeiten war ich ausgesetzt. Miß Eyre hat mich nur ein einziges mal nach dem unheimlichen Lachen gefragt, und als ich ihr erwiderte, es komme von Gratia
Poole, so hat sie geschwiegen und mich mit keiner Silbe wieder belästigt.
Aber geglaubt hat sie es bestimmt nicht, Base Judith.
Warum nicht?
Weil Sie nicht wieder danach gefragt hat, oder sie müßte sehr
beschränkt sein.
Beschränkt oder nicht- ich möchte Sie nur in Ihrem und Adelens Interesse gebeten haben, das junge, brave und grundgescheite Mädchen nicht mit aller Gewalt aus Ihrem Hause zu vertreiben - solch eine Erzieherin bekommen Sie niemals wieder.
Wer sagt Ihnen denn, Base, daß ich sie aus meinem Hause
vertreiben will? Ich denke gar nicht daran; vielmehr hoffe ich,
Sie recht dauernd an dasselbe zu fesseln.
Nun, dann mögen Sie eine Art und Weise hierbei anwenden,
die ich nicht zu begreifen vermag; aber nehmen Sie sich in Acht,
daß Sie bei diesem Spiel nicht verlieren.
Lassen Sie das meine Sorge sein, Base, Gute Nacht.
Ja, ich habe meine Schuldigkeit gethan und gewarnt. Gute Nacht.
Jane hatte nicht gleich den Schlaf finden können; sie war doch etwas aufgeregt worden durch die sonderbare Unterhaltung, die sie mit Rochester geführt. Das Gespräch bestand in einem beständigen Wortgefecht, in welchem sie des Lords Angriffe hatte
abwehren und auch zum Teil daran denken müssen, zuweilen einen
Streich gegen seine Rücksichtslosigkeiten zu führen. Daß er vom
Herzen böse oder gehässig gegen sie war, konnte sie nicht glauben,
dazu bezeugte er ihr zu viel Achtung und Teilnahme, aber sie war
noch nicht einig mit sich geworden, wie sie sich für die Folgezeit
gegen ihn benehmen solle. Über solchen Gedanken mochte sie doch
wohl eingeschlafen sein- plötzlich aber wurde sie wieder wach,
und zwar ward sie durch ein undeutliches, seltsames und schauerlich
klingendes Gemurmel erweckt, welches sie über ihrem Kopfe zu
vernehmen schien. Sie richtete sich empor, und fand Alles wieder still.
Ich habe geträumt, sprach sie zu sich, und versuchte wieder einzuschlafen.
In der Vorhalle schlug die Uhr elf, und gerade in demselben
Momente erschien es ihr, als werde die Thür ihres Zimmers von
darüber hinwegstreichenden Fingern berührt, welche den Weg durch
die dunkle Gallerie suchten.
Wer ist da? fragte sie und erbebte doch vor Furcht. Oh, es
wird der Hund sein, der sich vor Lord Rochester's Thür legen und
die Nacht dort schlafend verbringen will.
Plötzlich vernahm sie jenes schon so oft gehörte dämonische
Lachen, das sie stets so sehr erschreckte, aber diesmal klang es leise,
gedämpft, gerade am Schlüsselloche vor ihrer Thüre. Der Ton
wiederholte sich. Jane sprang auf, rief: Wer ist da? und verriegelte rasch ihre Thüre, vor welcher sich der gurgelnde und
stöhnende Ton nochmals vernehmen ließ. Darauf hörte sie Fußtritte, die sich in der Gallerie entfernten und der Treppe zum
dritten Stocke näherten, deren Thüre erst vor wenigen Tagen schließbar gemacht worden war.
Was ist es nur mit dieser Gratia Poole? dachte Jane entsetzt.
Dieses Weib scheint ein wahrer Teufel zu sein, oder sie hat zuweilen ihren Verstand völlig verloren. Jane war entschlossen nicht
länger allein zu bleiben, und wollte Mistreß Harleigh aufsuchen;
sie zog schleunigst ein Kleid an, schlug ein Tuch um und öffnete
den Riegel an ihrer Stubenthüre mit zitternder Hand. Auf dem
Fußboden der Gallerie brannte ein Licht, welches Jemand hatte
stehen lassen. Verwundert schaute sie sich um, aber noch mehr erstaunte sie, als sie bemerkte, daß die Luft ganz dicht und mit Rauch
angefüllt war. Trotz ihres Schreckens besaß sie noch Geistesgegenwart genug, nachzusehen, woher dieser Rauch kommen möge, und
empfand dabei plötzlich auch einen ziemlich starken Brandgeruch.
Sie hörte deutlich das Knistern einer Flamme und gewahrte,
daß eine Stubenthür nur angelehnt war;Rochester's Schlafstubenthüre
war ein wenig geöffnet und aus derselben drang eine Rauchwolke
hervor. Jane dachte nicht mehr an Mistreß Harleigh, nicht an
Gratia Poole und deren furchtbares Lachen und drang unerschrocken
in das Zimmer. Die Flammen schlugen am Bett empor, die Vorhänge standen im Feuer, während der Lord bewegungslos in tiefem
Schlafe lag.
Lord Rochester, erwachen Sie! rief Jane. Erwachen Sie!
Sie erfaßte den Lord am Arm und suchte ihn durch Rütteln
zu ermuntern; er blieb regungslos; der Rauch mußte ihn betäubt haben. Die Gefahr, den Lord verbrennen zu lassen, wuchs
von Sekunde zu Sekunde, denn die Betttücher waren schon angebrannt. Sie rüttelte den Lord wiederholt; endlich kam er zu sich;
er wendete sich murmelnd nach der anderen Seite. Jane sah sich
nach Wasser um, das Feuer löschen zu können, und fand auf dem
Waschtische Wasserkrug und Waschschale, die beide mit Wasser voll
gefüllt waren. Sie nahm beide Gegenstände und goß sie nacheinander über das Lager des Lords, eilte nach ihrem Zimmer, brachte
auch von dort den Wasserkrug herbei und überflutete das Feuer
so stark, daß die Flammen verlöschen mußten.
Das Zischen der erlöschenden Flammen, sowie das Zerbrechen
des Wasserkruges, der Jane aus der Hand gefallen war, und vor
allen Dingen das kalte Wasser, welches Rochester in reichlichem
Maße über seinen Körper gegossen erhalten hatte, brachten ihn
vollends zur Besinnung. Er murmelte seltsame Verwünschungen
zwischen den Zähnen, als er bemerkte, daß sein Bett durchnäßt
war und fragte mit ärgerlicher Verwunderung: Ist denn hier eine
vollständige Wasserflut?
Nein, Herr, rief Jane fest, aber es ist Feuer an ihr Bett
gelegt worden; es ist aber noch glücklich wieder gelöscht. Stehen
Sie auf - ich will. Ihnen ein Licht herbeiholen.
Jane Eyre, sind Sie es? fragte Rochester hastig: Wer ist
außer Ihnen hier noch im Zimmer? Haben Sie denn die Absicht,
mich in meinem Zimmer und obendrein auf meinem Lager zu ersäufen? Weshalb stellen Sie überhaupt meinem Leben nach?
Ich hole Ihnen Licht, Herr, aber ich flehe Sie an, stehen Sie
auf. Man hat sehr Böses mit Ihnen vorgehabt und Sie müssen
zu entdecken suchen, wer dies gewagt hat.
Hier ist mein Schlafrock, so, nun eilen Sie und holen
Sie ein Licht herbei, damit ich mich mit meinen Augen überzeugen
kann, was hier vorgegangen ist.
Jane eilte in die Gallerie und brachte das Licht herein, das
sie zuvor am Boden stehend gefunden hatte. Rochester nahm es
ihr aus der Hand und betrachtete sein Lager, das ganz geschwärzt
und zum Teil verbrannt war; die Betttücher waren durchnäßt,
der Fußteppich voll von Wasser.
Was ist geschehen? Wer that dies? Wer hat es bemerkt?
fragte Rochester hastig.
Jane erzählte ihm wortgetreu ihre Erlebnisse und teilte ihm
mit, daß außer ihr Niemand Zeuge dieser Scene, den Thäter allein
ausgenommen, gewesen sein könne; Rochester's Gesicht drückte Sorge
und Erstaunen, zuletzt anscheinende Befriedigung aus, aber er schwieg.
Soll ich Mistreß Harleigh herbeirufen? fragte ihn Jane.
Nein! Was soll sie hier auch thun! Kann sie Geschehenes
ungeschehen machen? entgegnete er. Lassen Sie die gute Dame
nur ruhig schlafen.
Dann will ich Sam, Lea oder Sophie herbeirufen, um zu helfen?
Niemand soll herbeikommen und Zeuge dieser Scene werden.
Sie tragen ja ein Tuch um die Schulter; ist Ihnen dasselbe noch
nicht warm genug, so nehmen Sie meinen Mantel zu Hilfe, hüllen
Sie sich hinein und nehmen Sie in meinem Lehnstuhle Platz, damit Sie endlich aus der Wasserflut hier herauskommen. Ich
werde Sie auf wenige Augenblicke verlassen und das Licht hier
mitnehmen; ich muß nach Ordnung im zweiten Stockwerk sehen.
Bleiben Sie im Zimmer hier, bis ich zurückkehre, aber rufen Sie
mir Niemanden herbei.
Rochester entfernte sich mit dem Lichte in der Hand; er schritt
leise die Galerie hinab bis zur Thür der Treppe, welche er so geräuschlos wie möglich öffnete und verschwand dann in der Dunkelheit. Jane war wieder von Finsternis umgeben und lauschte gespannt, ohne doch das geringste Zeichen vernehmen zu können. Der
Lord blieb ziemlich lange aus, Jane fror trotz ihres Mantels und wollte
sich, selbst auf die Gefahr hin, ihres Herrn Mißfallen zu erregen,
schon auf ihr Zimmer begeben, als der Lichtschimmer von der Treppe
her wieder auftauchte und Lord Rochester blaß, düster und verstört
eintrat.
Ich habe Alles entdeckt, sagte er, das Licht niedersetzend; es
ist wie ich dachte.
Darf ich nicht wissen, Herr, was geschehen ist? fragte Jane.
Ach so, ich vergaß, daß Sie hier sind, antwortete Rochester.
Sie erzählten mir, daß Sie etwas gesehen hätten, als Sie die
Thüre Ihres Zimmers öffneten?
Nein, Herr, ich sah nichts; nur dieser Leuchter stand auf dem Fußboden.
Aber Sie hörten ein seltsames Lachen? Sie hörten dieses
Lachen oder ein ähnliches Geräusch oder sonst etwas dergleichen
schon früher?
Ja, Herr, im Zimmer eine Treppe höher sitzt ein Frauenzimmer und näht; man nennt sie Gratia Poole- sie lacht auf
schreckliche Weise; sie ist mir rätselhaft.
Ja ja, es stammt von Gratia Poole her- Sie haben es
erraten. Inzwischen ist es mir sehr lieb, daß Sie außer mir
das einzige Wesen in Thornfield sind, welches den Ereignissen dieser
Nacht beigewohnt hat. Sie sind eine vernünftige junge Dame und
werden, wenn ich Sie darum bitte, Stillschweigen beobachten können;
sprechen Sie also gegen Niemand davon.
Dieses Weib, diese Gratia Poole wird also nicht bestraft?
fragte Jane erstaunt.
Strafen ist meine Sache und hängt von meinem Willen und
Befehle ab- Über den Zustand dieses Bettes will ich selbst
Aufklärung geben; die übrigen Stunden der Nacht werde ich auf
dem Sopha verbringen- die Diener sollen nichts gewahren.
-
Gute Nacht, Herr. Jane wandte sich im selbigen Augenblicke der Thüre zu.
Wie, Miß Eyre, Sie verlassen mich, und zwar auf diese kurze und kalte Weise?
Sie befahlen mir ja, mich auf mein Zimmer zu begeben.
Befehlen? Sie strafen mich hart mit diesem bösen Worte.
Ich wünsche, Sie sollen sich entfernen, damit sie nicht länger
frieren und der Nachtruhe entbehren, aber nicht ohne Abschied von
mir genommen und meinen Dank angehört zu haben. Jane Eyre,
Sie haben den Takt einer Frau und den Mut eines Mannes,
Sie vereinen seltene Vorzüge in Ihrem Geiste und Ihrem Herzen,
Sie haben mir das Leben gerettet, mich einem grauenvollen Martertode entrissen, selbst mit Gefahr Ihres Lebens, wenn auch ohne
es zu wissen - und jetzt wollen Sie mich verlassen, als wenn
wir einander wildfremd gegenüberständen. Reichen Sie mir wenigstens Ihre Hand.
Er streckte seine Hand aus, Jane reichte ihm die ihrige,
welche er zunächst mit der rechten und dann auch mit der linken
erfaßte und festhielt.
Sie haben mir das Leben gerettet, fuhr Rochester fort, und
ich habe es mir von Ihnen gern retten lassen. Niemand auf der
Welt weiter möchte ich so zu Dank verbunden sein, wie Ihnen-
Ihre Wohlthaten sind für mich keine Last - ich trage sie sehr
gern und dankbar.
Ich bin ja keine Heidin, Herr, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wassers retten kann. Noch einmal, gute Nacht, Lord Rochester; hier zwischen uns ist von keiner
Wohlthat, keiner Lebensrettung, keiner Verpflichtung die Rede. Ich
that nur meine Pflicht.
Jane Eyre, ich ahnte, daß Sie mir einen großen Dienst leisten
würden. Ich ahnte, als wir so unverhofft auf dem Felde zusammentrafen und Sie mein Pferd straucheln machten.
Trug ich damals wirklich die Schuld, Herr, so habe ich mich
derselben hoffentlich heute entledigt, und es ist mir daher doppelt
lieb, daß ich heute Nacht erwachte und sie abtragen konnte.
O, da lächeln sie ja, Miß Eyre! Es ist, als wenn ein Sonnenstrahl über eine Gewitterwolke hinweggleitet. Das kleidet sie gut;
Sie müssen öfters so freundlich lächeln - ich habe gar nicht geglaubt, daß Sie das wirklich können.
Es schien, als wollte er Jane's Hand nicht loslassen, und
noch niemals hatte er so warm und so gütig zu ihr gesprochen.
Gute Nacht, Herr! sagte Jane und wollte gehen.
So wollen Sie wirklich gehen, Miß Eyre.
Ich empfinde Frost und Mattigkeit, Herr.
Nun so gehen Sie und schlafen Sie süß, wenn Sie mir doch
nicht länger Gesellschaft leisten wollen, Miß Eyre - ich will auch
noch ein wenig zu schlafen suchen.
Jane eilte nach ihrem Zimmer zurück; von seltsamen und
widersprechenden Empfindungen bestürmt, konnte sie den Schlummer
nicht finden- es erschien ihr, als wenn sie von den Wellen eines
hochgehenden Sees umhergeworfen würde, als wenn sie beständig
dem Versinken nahe sei, aber jedes Mal, wenn sie daran war, die
188
Besinnung vollständig zu verlieren, von einer starken männlichen
Hand wieder zum Licht des Tages emporgetragen würde.
Als der Morgen angebrochen war, duldete es Jane nicht mehr
auf ihrem Lager und sie begab sich an ihre gewöhnlichen Tagesverrichtungen. Bei jedem Offnen der Thüre glaubte sie den Lord
erwarten zu dürfen, obwohl er selten und dann auch nur auf kurze
Zeit erschien, heute hätte sie sogar auf eine Ausnahme gerechnet -
aber der Morgen verging wie gewöhnlich, Adelens Unterrichtsstunden
wurden durch keine Störung unterbrochen. Nur kurz nach dem
Frühstück hörte sie ein Geräusch in der Nähe von Rochester's Thür:
es waren Mistreß Harleigh's, sowie Sam's und Lea's Stimmen,
welche sich unterhielten.
Es ist nur ein wahres Glück, hörte sie Sam sagen, daß der
Herr nicht verbrannt ist.
Oft schon habe ich es ihm vergeblich vorgestellt, bemerkte
Mistreß Harleigh, daß es gefährlich ist, in der Nacht ein Licht
neben dem Bette brennen zu lassen.
Wie glücklich es sich gefügt hat, setzte Lea hinzu, daß er Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken und das Wasser zum Löschen zu benuten.
Seltsam indessen, warf Sam wieder ein, daß er Niemand
geweckt hat, Mistreß- er wird sich doch auf dem Sopha in der
Bibliothek nicht erkältet haben.
Hierauf folgte ein Geräusch, welches durch Verrücken des Bettes und darauf folgendes Scheuern hervorgebracht wurde, und als Jane am Mittage an dem Zimmer vorüberging, um sich zum Mittagstisch zu begeben, fand sie Alles wiederum in bester Ordnung, nur die verbrannten Vorhänge waren noch nicht wieder durch neue ersetzt. Lea reinigte die vom Rauche getrübten Fensterscheiben, und während sie neben dem Bette des Lords ein anderes Frauenzimmer mit dem Befestigen und Annähen der Vorhänge beschäftigt sah, und zu ihrem höchsten Erstaunen, ja zu ihrem Entsetzen erkannte sie Gratia Poole.
Ruhig und schweigsam saß sie und arbeitete in ihrer gewöhnlichen Kleidung, als wenn nicht das mindeste Auffallende durch
ihre Schuld sich zugetragen, ja sie wahr so in ihre Arbeit vertieft,
als wenn nichts weiter auf der Erde für sie existierte. In ihren
Zügen, auf ihrer Stirn herrschte die ausdrucksloseste Gleichgiltigkeit; es schien, als wenn sie gar keine Vorstellung, keinen Begriff
von dem Frevel hatte, mit welchem sie ihren Herrn nach dem
Leben getrachtet hatte. Jane war ebenso empört wie verwundert
und schaute sie durchdringend an; sie blickte langsam auf, sagte
,Guten Morgen, Miß,’ und nähte ruhig weiter.
Guten Morgen, Gratia, erwiderte Jane und war fest entschlossen ihre Ruhe, ihr Phlegma auf eine harte Probe zu stellen.
Ist denn etwas vorgefallen? Mir war es, als hätte die Dienerschaft hier zuvor ein lebhaftes Gespräch geführt!
Lord Rochester las, wie er oft zu thun pflegt, in der letzten
Nacht im Bette; er schlief darüber ein und konnte dabei natürlich
das Licht nicht auslöschen; eine seiner Bewegungen oder ein Luftzug brachte die Vorhänge mit dem Lichte in Berührung, sie fingen
Feuer, aber noch ehe sich das Holzwerk oder die Decke entzünden
konnte, erwachte er und löschte die Flamme mit dem Wasser,
welches in seinem Waschbecken neben dem Bette stand.
Seltsam, höchst seltsam, Gratia, fuhr Jane, das Weib fixierend
fort. Hat Lord Rochester denn Niemand geweckt? Hat ihn denn
Niemand sich regen oder bewegen hören?
Wer hätte es denn hören sollen, Miß? Die Dienerschaft
schläft zu weit von des Herrn Zimmer entfernt, um es hören zu
können. Mistreß Harleigh und Sie, Miß Eyre schlafen zunächst.
Mistreß hat einen schweren Schlaf und hat nichts gehört, aber es
wundert mich, daß Sie auch nicht das leiseste Geräusch vernommen
haben - Sie sind noch jung und schlafen fest.
Jane hätte vor Empörung dem frechen Weibe beinahe die
Worte ins Gesicht geschleudert:,Elende, Du selbst warst die
Thäterin, aber sie faßte sich gewaltsam, fügte aber doch hinzu,
freilich so leise, daß Lea am Fenster nichts hören konnte: Ich habe
allerdings etwas gehört und glaubte anfänglich, es sei Pilot -
aber ein Hund kann nicht lachen, und ich bin fest überzeugt, ich
habe ein Lachen, ein seltsames gräßliches Lachen gehört.
Ich kann es mir nicht denken, daß Lord Rochester bei einer
solchen bedenklichen Gelegenheit sollte gelacht haben, antwortete
Gratia und fädelte sich mit fester Hand eine Nadel ein. Nein,
nein, Miß, Sie müssen lebhaft geträumt haben.
Gratia, ich träumte nicht, ich wachte und habe es deutlich
gehört, ganz deutlich!
Haben Sie dem Lord mitgeteilt, daß Sie ein Gelächter gehört haben?
Bis zu diesem Augenblicke habe ich Lord Rochester noch nicht
zu sprechen vermocht.
So haben Sie nicht einmal die Thüre geöffnet und auf die
Galerie hinausgeschaut?
Jane hatte sich von ihrem Eifer zu weit hinreißen lassen
und hätte beinahe den Vorgang der Nacht, um dessen Geheimhalten Lord Rochester sie so innig gebeten hatte, verraten, wenigstens wäre ihre Mitwisserschaft nicht unentdeckt geblieben. Sie
besann sich rasch einige Augenblicke und antwortete auf Gratia's
Frage: Im Gegenteil, ich verriegelte die Thür.
Verriegeln Sie denn sonst Ihre Thüre nicht, wenn Sie
schlafen gehen?
Bisher habe ich es mehrfach versäumt, entgegnete Jane scharf,
den Riegel vorzuschieben, denn ich glaubte nicht, daß einem in
Thornfield irgend eine Gefahr oder Belästigung drohe, aber für
die Folge werde ich sie sehr sorgfältig verriegeln, ehe ich mich
niederzulegen wage.
Das wird sehr wohlgethan sein von Ihnen, denn wenn auch
die Gegend im allgemeinen hier ruhig und auch Thornfield noch
niemals von Räubern oder Dieben heimgesucht worden ist, so sind
doch zu wenig Diener im Hause, falls einmal ein solches Unglück
sich ereignen sollte.
Jane war über die Gleichgiltigkeit und Ernsthaftigkeit, mit
welcher Gratia diese gegen ihre sonstige Gewohnheit lange Unterhaltung gepflogen hatte, fast sprachlos; sie hielt diese Ruhe für
ungemeine Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei.
Mistreß Poole, sagte die Köchin Sophie zu ihr herantretend,
wollen Sie heute nicht herunterkommen; das Mittagsessen wird
im Augenblick für die Diener bereit sein.
Nein; setzen Sie mir einen Krug Porter mit einem Stück
Pudding auf den Tisch, ich werde es selbst mit nach meinem
Zimmer tragen.
Wollen Sie kein Fleisch?
Nur ein Stück und etwas Käse- das ist genug.
Gratia ging, worauf Sophie an Jane die Aufforderung richtete, zur Mistreß Harleigh zu kommen, welche mit dem Mittagsessen auf sie warte. Letztere sprach natürlicher Weise während der Mahlzeit über Lord Rochester's Unvorsichtigkeit mit dem Lesen
zur Nachtzeit und über das Verbrennen des Vorhangs, aber Jane
hatte kaum Acht auf sie, so sehr war sie in Gedanken mit Gratia
Poole's rätselhaftem Charakter und über die Stellung, welche sie
eigentlich in Thornfield einnahm, beschäftigt. Lord Rochester hatte
ihre Schuld eingesehen und zugestanden, warum wurde sie nicht
durch eine andere, zuverlässigere und weniger unheimliche Dienerin
ersetzt? Warum wurde sie nicht bestraft, dem Gericht übergeben
oder wenigstens aus dem Hause entlassen, wo sie bei nächster Gelegenheit wieder ein noch weit größeres Unheil würde anrichten
können?
Das Mittagsessen und Adelens Schulstunden gingen vorüber, ohne daß Jane von Lord Rochester weder etwas sah noch hörte. Der Abend brach heran, und schon hoffte sie zum Thee zu ihm befohlen zu werden; sie hatte sich fest entschlossen, im Laufe des
Abends das Gespräch wieder auf Gratia Poole zu bringen, um
zu hören, was ihr Rochester jetzt, nachdem die Bestürzung des
ersten Augenblicks vorüber sei, zur Antwort geben würde. Jane
beabsichtigte, ihn geradezu zu fragen, ob er in der That glaube,
daß diese gleichgiltige, fast stumpfsinnige Person es wirklich gewesen
sei, welche in der verflossenen Nacht einen so hinterlistigen und
verruchten Anschlag auf sein Leben gemacht habe, und wenn dies nun der Fall sei, warum diese Frevelthat verschwiegen und nicht bestraft werden sollte. Je länger Jane warten mußte, je unruhiger und aufgeregter wurde sie; endlich wurde ihre Thür geöffnet, und Lea erschien bei ihr, aber nur um ihr zu melden, daß Mistreß Harleigh mit dem Thee auf sie warte.
Sie folgte dieser Einladung und wurde von der gutmütigen
Dame mit den Worten empfangen: Liebes Kind, wo bleiben Sie?
Sie bedürfen einiger Tassen Thee dringend nötig, denn sie haben
ja zu Mittag fast so gut wie gar nichts gegessen. Ich fürchte,
Sie befinden sich nicht wohl.
Nie habe ich mich wohler wie jetzt gefühlt, Mistreß. Nun, wenn ich das glauben soll, so sprechen Sie meinem Thee recht zu.
Wird Lord Rochester mit uns seinen Thee einnehmen? oder
ist er unwohl? fragte Jane, nachdem sie Mistreß Harleigh zu
Liebe einige Tassen Thee getrunken hatte.
Herr Rochester ist nicht auf Thornfield- er ist verreist.
Verreist? fragte Jane aufs höchste erstaunt.
Ja wohl, er reiste gleich nach dem Frühstück - das Wetter
war zwar nicht günstig, aber er hat doch im Laufe des Nachmittag
einen regenfreien Tag gehabt.
Erwarten Sie ihn denn heute wieder zurück?
Nein! er hat nichts hinterlassen - ich weiß nicht, wohin er
sich gewandt hat und ob oder wann er wiederkommen wird. Lord
Rochester macht es stets so und liebt es nicht, lange zuvor von
seinen Reiseplänen oder seinen sonstigen Absichten zu sprechen.
So sehr Jane sonst ihre Gefühle zu beherrschen vermochte,
so konnte sie doch kaum den Verdruß unterdrücken, den sie über
diese Handlungsweise Rochesters empfand, aber sie war klug und
verständig genug, denselben vor ihrer Umgebung nicht offen
zu zeigen, sondern vielmehr in sich zu verschließen.
Eine Woche verfloß, und von Lord Rochester traf keine Nachricht ein; eine zweite, dritte und vierte Woche verstrich, und man
hoffte immer noch vergeblich auf die Rückkehr des Herrn oder
wenigstens auf ein Lebenszeichen von ihm. Mistreß Harleigh
äußerte, es würde sie gar nicht wundern, wenn Lord Rochester
direkt nach London gereist sei und plötzlich von Paris oder von
Rom aus die Nachricht eintreffe, daß er unter zwei Jahren nicht
wieder nach Thornfield zurückkehren werde - so habe er es ja
schon gemacht und werde es auch ferner thun.
Jane war durch Rochester's Handlungsweise verletzt; sie hatte
ihm das Leben gerettet und hätte wenigstens erwartet, daß er so
viel Rücksicht auf sie genommen hätte, vor seiner Abreise sie wenigstens noch einmal zu sehen und zu sprechen oder ihr Lebewohl
zu sagen. Indessen setzte sie ruhig ihre täglichen Unterrichtsstunden
mit Adele fort, und wenn sie auch im Stillen daran dachte, sich
nach einem anderen Wirkungskreise umzusehen, so wies sie doch
wiederum diesen Gedanken sofort zurück, wenn sie an Mistreß
Harleigh und Adele dachte, welche Beide sie bereits so liebgewonnen
hatte, daß eine Trennung von diesen ihr recht schwer angekommen
sein und ihr Herz belastet haben würde.
Als Lord Rochester ungefähr fünf Wochen von Thornfield abwesend war, erhielt eines Tages Mistreß Harleigh einen Brief von
der Post, bei dessen Anblick sie sofort ausrief: Er ist vom Herrn!
Jetzt werden wir wahrscheinlich erfahren, ob wir ihn in den nächsten Tagen vielleicht oder erst in mehreren Jahren hier wieder zu
erwarten haben und zu Gesicht bekommen.
Jane schrak freudig bei dieser Mitteilung zusammen, während
Mistreß Harleigh ihre Nase mit einer großen Brille bewaffnete
und, sich in den Brief vertiefend, vor sich hinsprach: Nun, zuweilen
denke ich, es ist zu still hier, jetzt aber haben wir eine Zeit lang
tüchtig zu schaffen und es wird sehr viel Leben im Hause geben.
Lord Rochester kehrt wohl bald zurück? fragte Jane gespannt.
Freilich, Kind, bestätigte Mistreß Harleigh, - in drei Tagen
wird er hier sein, und zwar für dieses Mal nicht allein. Wen
und wie viele Herren und Damen der Lord mitbringt,
schreibt er zwar nicht, aber er trägt mir in diesem Briefe auf,
die besten Schlafzimmer in Bereitschaft zu setzen, die Bibliothek
und das Gesellschaftszimmer auszuräumen. Ich soll noch Leute zur
Bedienung annehmen, damit es an nichts fehlt beim Eintreffen
der Gäste. Sie stehen mir doch hülfreich zur Seite, Miß Eyre,
in diesen Tagen der Not und der Arbeit?
Verfügen Sie über mich, Mistreß Harleigh, erwiderte Jane; ich bin zu jedem Dienst bereit.
Sie werden tüchtig zu schaffen bekommen, Miß Eyre.
Man schritt sofort zur Arbeit, und es gab in der That genug
zu bewältigen, um rechtzeitig fertig zu werden. Jane hatte alle
Zimmer in Thornfield für wohlgeordnet und in gutem Zustande
befindlich gehalten, aber sie hatte sich hierin bedeutend geirrt; es
mußten allein vier Frauen angenommen werden, die nur für Scheuern,
Bürsten und Waschen zu sorgen hatten, während die männlichen
Hilfsarbeiter für Aufhängen und Ordnen der Bilder, Befestigung
der Teppiche, Vorhänge u. s, w. Verwendung fanden. Jane fand
bei dieser angestrengten Thätigkeit, welche nur durch einige Stunden Unterricht für Adele unterbrochen wurde, ihre ruhige und heitere
Stimmung wieder. Nur zuweilen kehrte ihr Mißmut zurück und
zwar stets, wenn die Treppenthüre zum dritten Stock, die in letzter
Zeit immer verschlossen gehalten wurde, sich öffnete und Gratia
Poole's ihr so unheimliche Gestalt erschien und in ihren Tuchschuhen fast unhörbar wie ein Schatten über die Galerie schlich,
wobei sie nur ab und zu einen Blick in die neu eingerichteten
Zimmer warf und irgend einen guten Rat dabei erteilte. Hierauf
schritt sie weiter zur Küche hinab, verzehrte ihr Mittagessen, nahm
ihren Krug mit Porterbier und begab sich nach ihrem einsamen
Aufenthaltsorte zurück. Also nur eine einzige Stunde des Tages
brachte sie mit den übrigen ihr gleichstehenden Hausgenossen zu,
die ganze übrige Zeit saß sie in einem Zimmer des obersten Stockwerkes wie eine Gefangene, nähte und vertrieb sich einzig und
allein, wie es schien, die Zeit mit Lachen.
Sonderbarer Weise achtete außer Jane keine Seele in Thornfield
auf ihre Beschäftigung und auf ihr Treiben, kein Mensch sprach
von ihr und bedauerte sie wegen ihrer Verlassenheit und Einsamkeit. Nur ein einziges Mal hörte sie zufällig einen Teil einer
Unterredung über Gratia zwischen Lea und einer der angenommenen
Arbeiterinnen, welche die Vermutung aussprach: Sie werde wohl einen
guten Lohn für ihre sonderbare Thätigkeit bekommen? Nicht wahr.
Ja, erwiderte Lea, ich wollte, ich bekäme so viel wie Gratia.
Ich und mein Mann werden zwar auch zu unserer vollen Zufriedenheit bezahlt - Lord Rochester zahlt nämlich gut- aber
ich erhalte nicht den dritten Teil von dem, was Gratia Poole
erhält. Sie legt sehr oft Geld zurück und könnte jedenfalls ganz
allein von ihrem Ersparten leben, wenn sie von Thornfield wegziehen wollte, aber wahrscheinlich hat sie sich an das Haus und an
ihre Beschäftigung gewöhnt und endlich ist sie ja noch nicht alt
genug, um nicht mehr zu arbeiten - sie nimmt daher den schönen
Lohn mit, so lange es geht.
Gratia ist jedenfalls wohl eine gescheite Frauensperson? fragte
die Arbeiterin weiter.
Ja, ja, das ist sie, antwortete Lea; sie weiß auch ganz genau,
was sie zu thun hat, aber Niemand von uns Allen möchte den
Posten haben, auf dem sie steht und wenn er auch noch weit mehr
Geld erhalten sollte.
Nein, ich auch nicht, nm Alles in der Welt, erwiderte die
Andere hastig. Es soll mich nur wundern, ob Lord Rochester -
hier brach die Frau kurz ab, da sie von Lea, welche Jane's Anwesenheit so eben gewahr geworden war, einen Stoß mit dem
Ellenbogen erhielt. Weiß sie denn nichts hiervon? flüsterte die
Arbeiterin neugierig weiter.
Lea schüttelte den Kopf und gab weiter keine Antwort, so daß
Jane auch jetzt nichts weiter in Erfahrung brachte, als daß in
Thornfield ein Geheimnis existiere, in welches Gratia Poole eng verwickelt sei und von dessen Kenntnis sie selbst ausgeschlossen sein sollte.
Der Tag, zu welchem die Ankunft des Lords und seiner
Gäste angesagt war, brach an, nachdem am Abend zuvor alle Arbeiten beendet und Zimmer, Säle, Kammern, kurzum das ganze
Haus mit alleiniger Ausnahme der Lokalitäten, in welchen Gratia
Poole hauste, auf das sorgfältigste und eleganteste hergerichtet
waren. Der Lord konnte sein Eigentum schon sehen lassen.
Noch hatte es nicht zehn Uhr geschlagen, als bereits ein Reiter
in den Hof galoppierte und rasch von seinem Pferde sprang; es
war Patrik, der Reitknecht, der vom Lord vorausgeschickt war, um
noch einen besonderen Auftrag auszurichten; er trug ein größeres
Packet und einen Brief an Mistreß Harleigh, und wollte sich,
nachdem er beide Dinge an seine Adresse befördert hatte, in die
Küche zu seiner Erfrischung begeben, wurde aber von Mistreß
Harleigh rasch mit in die Stube gezogen.
Kommt, Patrik, sprach sie, und gebt Auskunft über Euren
Herrn und seine Gäste.
Seht, Mistreß Harleigh, erwiderte Patrik, mir wäre jetzt ein
Glas Porter und einige Schnitte gutes Fleisch lieber, als Euch
etwas zu rapportieren, denn wenn man drei Stunden in einer Tour
geritten ist, ohne zu ruhen, so könnt Ihr Euch das wohl denken,
wenn Ihr auch ein Frauenzimmer seid, aber da Ihr immer gütig
gegen mich gewesen, so will ich meinen Riesenappetit bezwingen
und Euch geduldig Rede stehen, so lange Ihr wollt.
Nun, so sagt mir, wann trifft Lord Rochester ein? Gleichzeitig
mit seinen Gästen?
Der Herr kommt spätestens in einer Stunde zu Pferde an,
die ganze Bescheerung von Gästen, die er sich auf den Hals geladen hat, folgt in mehreren Wagen nach, und da läßt sich so
etwas nicht genau bestimmen, aber in so I- Stunden können
sie auch hier sein.
Durch Jane's Eintritt wurde das Gespräch unterbrochen;
Patrik aber noch immer nicht entlassen, sondern von Mistreß
Harleigh, die des Lords Brief an Jane zum Lesen gab, festgehalten.
Jane überflog den Brief, der nur folgende Worte enthielt: In
einer Stunde komme ich selbst, im Laufe des Nachmittags folgen
meine Gäste. In beifolgendem Packet befindet sich ein rotseidenes Kleid für die Gouvernante, welche meine Gäste empfangen
und dabei anständig erscheinen soll. Rochester. Der Brief ist
kurz und deutlich, sprach Jane für sich.
Und wo seid Ihr zuletzt gewesen? Wen bringt der Lord mit?
fragte Mistreß Harleigh.
Bei einer jungen und schönen Witwe, Mistreß, antwortete Patrik, welche mit ihrer Mutter, einer alten und durchaus nicht hübschen Frau, zusammenwohnte - ihren Namen habe ich leider vergessen. Sie wissen ja, ich kann Namen nicht gut behalten -
es ist ja auch nicht nötig, denn die junge schöne Witwe wird jedenfalls Lady Rochester in nächster Zeit werden.
Ihr seid nicht klug, Patrik, solch unüberlegtes Zeug zu schwatzen!
Unüberlegt? Oho! Bei den übrigen Herrschaften, welche
nach Thornfield kommen, ist der Lord höchstens einen Tag gewesen, aber bei der Jungen und Alten ist er über acht Tage lang
geblieben- und alle Tage sind sie zusammen ausgeritten und
haben zusammen musiziert und gesungen, daß mir den ganzen
Tag über die Ohren geklungen haben und wo sie gingen, hat er
die junge Lady am Arme geführt und ihr alle erdenklichen Aufmerksamkeiten erwiesen- das gibt eine Hochzeit, passen Sie auf,
Mistreß Harleigh.
Ihr sprecht, Patrik, wie Ihr es versteht - der Lord ist hierzu
schon zu alt und verwöhnt.
Zu alt? - Nein, Mistreß Harleigh. Der Lord ist kaum
vierzig JahrJ alt, und das ist für uns Männer die schönste Zeit.
Wollen Sie wetten, daß es eine Hochzeit hier geben wird?
Ach laßt mich zufrieden mit Euren Albernheiten und geht
nun in die Küche.
Na, na, Sie werden sehen, wer zuletzt Recht behält, lachte
Patrik hell auf und ging.
Nun Kind, Sie stehen immer noch ruhig hier und haben das
Packet mit dem rotseidenen Kleide, das der Lord eigens für Sie
bestimmt hat, noch nicht einmal angesehen, viel weniger geöffnet
und in einer Stunde kann Lord Rochester schon hier sein und Sie
sehen wollen.
Ich werde das Kleid nicht anlegen, Mistreß, Lord Rochester
wird sich daran gewöhnen müssen, daß ich mir in Bezug auf
meine Person keine Vorschriften machen lasse. Ich werde so anständig wie möglich erscheinen, um seine Gäste zu empfangen, obwohl ein solcher Auftrag eigentlich einer Erzieherin nicht zukommt
- aber ich werde mich hierzu meiner eigenen Kleider bedienen
und nicht solcher, die sich für mich nicht schicken.
Was soll aber der Lord sagen, daß Sie sein so gut gemeintes
Geschenk zurückweisen?
Lord Rochester ist ein gerechter Mann - er wird meine
Gründe hören und dieselben bei einigermaßen ruhigem Nachdenken
auch bestimmt billigen.
Nun, Miß Eyre, ich habe meine Pflicht gethan und Ihnen
das Kleid gegeben. Werden Sie selbst mit dem Herrn fertig -
aber ich mag bei Ihrem ersten Zusammentreffen nicht zugegen
sein. Ich gehe und will die Zimmer noch einmal nachsehen.
Und ich werde mich in meine schönsten Kleider hüllen, um
die Gäste Seiner Herrlichkeit würdig empfangen zu können.
Jane's Toilette war in wenigen Minuten vollständig fertig:
Das einzige seidene Kleid, welches sie besaß, war von blaßgrauer
Farbe und war von ihr bisher drei- oder viermal bei außergewöhnlichen Gelegenheiten in Lowood getragen worden, so daß
es Anspruch auf den Namen eines neuen und überaus anständigen
Kleides erheben konnte; auch an äußerem Ausputz, wie reizendes
Krägelchen und blendend weißen Manschetten, ließ sie es nicht
fehlen, so daß auch ein strenges weibliches Auge nicht den geringsten Tadel an ihrem Gesellschaftsanzuge hätte entdecken können.
So ausgerüstet, wartete sie bis zu dem Zeitpunkte, zu welchem
Rochester eintreffen konnte, und begab sich dann nach den Empfangszimmern hinab, in welchen sie der Lord gleich bei seiner
Ankunft vorfinden sollte, falls er ihr noch bestimmte Aufträge zu
erteilen hätte.
Elftes Kapitel.
Jane hatte die zum Empfange bestimmten Zimmer vor
elf Uhr betreten, und schon wenige Minuten darauf deuteten Hufschläge im Hofe die Ankunft des Lords an, den sie sofort auch in
lautem Gespräche mit Patrik und Sam begriffen fand, welchen
Beiden er Weisungen für das Unterkommen der eintreffenden
Pferde und Geschirre erteilte. Der Lord schien heiterer Laune
zu sein, denn mehrmals hörte sie ihn, was sonst ganz gegen seine
Gewohnheit war, laut auflachen.
Das Gespräch im Hofe verstummte und bald hörte Jane
Rochester's festen und wuchtigen Tritt durch die Vorhalle sich den
Empfangszimmern nahen, und noch eh sie es vermutete stand
der Lord vor ihr und rief ihr einen freundlichen Gruß entgegen.
Willkommen, Herr! sprach sie mit einer höflichen Verbeugung.
Es freut mich, Miß Eyre, daß ich Sie pünktlich auf dem
Platze finde - aber zum Wetter, weshalb haben Sie das Ihnen
gesandte neue rote Kleid nicht angelegt?
Rot halte ich für eine Farbe, die sich der Stellung einer
Gouvernante nicht ziemt und die auch sonst zu meinem Aeußeren
nicht wohl passen möchte, Herr- ich will nicht gern gegen die
Regel verstoßen.
Sie haben meine Zeilen an Mistreß Harleigh gelesen und
fühlen sich durch dieselben verletzt, Miß Eyre. Ich lese das
jetzt noch auf Ihrem Gesicht.
Mistreß Harleigh hat mir Ihren Brief gegeben; ich habe ihn
gelesen, kann Ihnen aber Auge in Auge behaupten, daß ich mich
nicht im entferntesten verletzt fühle.
Ich will Ihnen glauben, Miß Eyre, obwohl ich es nicht gut
für möglich halte, daß Sie durch mein Geschenk nicht empfindlich
berührt sein sollten.
Nein, Herr, es hat mich erfreut, aber tragen werde ich es
jetzt bestimmt nicht.
Nun, meinetwegen, Miß Eyre, Sie sehen ja auch in Ihrem
grauen Kleidchen ganz passabel aus. Ich möchte mit Ihnen, ehe
meine Gäste eintreffen, einige Worte allein sprechen, Ihnen einige
Aufklärungen über Verhältnisse geben, die Sie kennen lernen müssen.
Ich bin bereit zu hören, Herr, - Ihr Vertrauen ehrt mich
ungemein.
Sie haben eine so stolz bescheidene Art zu sprechen und zu
antworten, Miß, die mich stets irre an Ihnen werden läßt.
Aber es mag so sein. Sie sind Adelens Gouvernante- das
Kind ist meine Nichte, die Tochter meines jüngeren Bruders, Henry
Rochester, der auf einer Expedition nach Afrika mit seiner Gattin
zugleich den Tod gefunden und sein einziges Kind mir als Erbe
hinterlassen hat. Ihre Stellung, Miß, ist zwar eine ganz gut bezahlte hier, aber Sie haben großes Talent als Erzieherin und
könnten eine glänzendere Stellung in großen oder altadeligen Häusern finden und ausfüllen. Ich sehe heut noch vornehmen Besuch
in Thornfield, bei welchem Sie Gelegenheit haben könnten, einen
Ihren Fähigkeiten weit mehr entsprechenden Platz in der Nähe
der Hauptstadt oder einer anderen großen Stadt zu erhalten, anstatt hier in der Einsamkeit ihre Jugend zu vertrauern und Ihre
Kräfte einer vater- und mutterlosen Waise zu widmen.
Lord Rochester, es schmerzt mich, ein solches Wort aus Ihrem
Munde zu vernehmen. Ich bin selbst eine Waise; ich habe es in
tiefster Seele empfunden, was es heißt, vater-, mutter- und heimatslos, als ein bedauernswertes Kind in der Welt dazustehen! Kann
es für mich eine ehrenvollere, eine glänzendere Stellung geben,
als die Lehrerin, die Erzieherin, die Mutter einer Waise zu sein?
Was frage ich, die nichts von der Welt kennt und nichts gesehen,
als Lieblosigkeit und Heuchelei, was frage ich nach äußerem Glanz,
nach flitterhafter Pracht, nach kaltem, totem Reichtum, wenn es
gilt, das Herz, die Seele eines einsam im Leben stehenden Kindes
mit Liebe zu erfüllen und zu Liebe zu erwecken. Ich werde jetzt,
nachdem Sie ein solches Wort zu mir gesprochen, mit noch größerer Herzlichkeit und Zärtlichkeit an Adele hängen, die ein gutes,
braves Kind ist; ich gelobe es in diesem Augenblick sie niemals
zu verlassen - es sei denn, daß Sie mich selbst fortschickten, Herr,
oder daß sie meiner Liebe, oder meines Unterrichtes nicht mehr
bedürfte.
Groß und edel ist Ihre Denkungsart, Miß Eyre, entgegnete
Rochester voll stiller Bewunderung, aber durchaus nicht praktisch.
Sie sind vom Leben noch vicl zu wenig gewahr geworden, um
den äußeren Schein, das blanke Gold und Geld in seinem vollen
Werte würdigen zu können. Ich jedoch denke anders und bin praktisch genug, aus Ihrer Unerfahrenheit Vorteil für mich zu ziehen,
und halte Sie bei Ihrem eben gegebenen Wort: Sie versprechen,
Adele und Thornfield nicht zu verlassen, nicht von mir und Mistreß
Harleigh wegzugehen, bis ich Sie selbst fortschicke. Hier ist meine
Hand, schlagen Sie ein, Mif Eyre, es gilt!
Gern, Herr, erwiderte Janc und reichte ihre Hand dar.
Ich danke Ihnen, Miß Eyre, für ihre Bereitwilligkeit und
erkenne gern das Opfer an, welches Sie mir durch ihre Zusage
bringen.
Es ist kein Opfer; Herr; ich bleibe gern in Thornfield; es
ist mir noch niemals in meinem Leben so gut gegangen- ich
bin noch nie so ruhig, so zufrieden gewesen, nur -
Nur? Nun, Sie stocken, Miß!- Was legt sich Ihnen störend
in den Weg?
Gratia Poole, Herr! Sie stellt Ihrem Leben nach, sie bedroht Sie mit Feuer - wird dieses gefährliche und unheimliche
Weib nicht aus Ihrer Nähe entfernt? Erhält sie nicht einmal für
Ihr schändliches Verbrechen eine verdiente Strafe?
Miß Eyre, erwiderte Rochester plötzlich ernster und düsterer
als je blickend, was ängstigt und quält sie dieses Weib! Lassen
Sie dasselbe unbeachtet- ich will Ihnen jetzt mit einem harten
Worte nicht gern wehe thun und sagen: Das kümmert Sie nicht,
das ist nicht Ihres Amtes, Sie haben mir keine Vorschriften zu
machen. Sie werden vielleicht durch einen Zufall, vielleicht durch
mich selbst späterhin erfahren, was es mit dieser Frau für eine
Bewandtnis hat - aber nur jetzt noch sollen Sie sich nicht mit
ihr beschäftigen, nicht Rachegedanken gegen sie hegen, die Ihnen
nichts helfen. Sind Sie zufrieden?
Ich bin es, Herr. Wenn mir Ihrer Sicherheit wegen wiederholt ein rasches Wort entschlüpfte, so halten Sie es meinem Eifer
zu gut, Ihnen zu dienen. Gratia Poole läßt mich in Ruhe; ich
werde niemals absichtlich Ihren Weg kreuzen, wenn ich es vermeiden kann.
Sie würden mich ein zweites Mal ruhig verbrennen lassen,
wenn sie es wieder wagen wollte, mich durch Feuer umzubringen?
Gewiß nicht, Herr, es sei denn, Sie verlangten meine Hülfe nicht.
Brechen wir ab hiervon- es ist ein unerquickliches Gespräch.
Für heute und die nächsten Tage muß ich Sie bitten, Miß Eyre,
mich meinen Gästen gegenüber ein wenig zu vertreten, da meine
Zeit durch mehrere unaufschiebbare Geschäfte etwas in Anspruch
genommen ist. Unterhalten Sie dieselben, plaudern Sie mit den
Damen und Herren, wie es Ihnen belieben wird, auch wenn Sie
es nicht gern thun sollten.
Ich werde es gern thun, Herr, auch wenn Sie mich nicht
besonders darum gebeten hätten. Das erfordert ja schon meine
Pflicht und das Gebot der Wohlanständigkeit.
Dann aber bitte ich Sie - vornehme Leute besonders beurteilen Menschen und Dinge nach ihrem äußeren Ansehen-
ziehen Sie das neue Kleid an,
Nein, Lord Rochester,- hierin werden Sie mich meinem
Grundsatze nicht untren machen. Ich überhebe mich gewiß nicht
über meinen Stand.
Sie sind ein kleiner, eigensinniger Kobold, mit dem nicht zu
rechnen ist. Weshalb plaudere ich mit Ihnen so lange und bitte
Sie überhaupt um Etwas, von dem ich gleich im Voraus wußte,
daß Sie es mir nicht erfüllen würden? Indessen, Miß Eyre,
Sie können sich noch einige Stunden Ruhe gönnen, ehe Sie Ihr
neues Amt antreten. Leben Sie wohl, indessen; meine Pächter
werden gleich hier sein.
Adieu, Herr!
Beide verließen das Empfangszimmer; der Lord begab sich
zn Gratia Poole, anstatt daß diese, wie es bei seiner ersten Ankunft gewesen war, zu ihm herunter kommen mußte, während Jane
zu Mistreß Harleigh ging und sich dieser einstweilen zur Verfügung stellte.
Ei, Kindchen, rief ihr diese lachend entgegen, wie sehen Sie
reizend aus in diesem Kleide; da hat sich Lord Rochester recht
unnötige Kosten gemacht, daß er für Sie ein neues anfertigen ließ.
Hat er gezürnt mit Ihnen, daß Sie es nicht angezogen haben?
Gezürnt gerade nicht, Mistreß, antwortete Jane, aber er würde
es anscheinend gern gesehen haben, wenn ich mich recht geputzt
hätte- er glaubt vielleicht, ich mache in einem rotseidenen Kleide
seinem Hause größere Ehre - aber ich überhebe mich nicht gern
und liebe nicht Farben, die sich für meine Stellung im Leben nicht
schicken.
Haben Sie ihm das selbst in das Angesicht gesagt?
Gewiß, Mistreß! Warum sollte ich es nicht gethan haben?
Je nun, ich hätte dazu nicht den Mut gehabt. Freilich Sie
sind noch jung und fürchten sich vor Niemandem. Denken Sie
denn auch mit den Gästen des Lords fertig zu werden?
Warum nicht? Es werden doch jedenfalls auch nur Menschen
sein, wie wir.
Aber sehr stolz und hochmütig sind die beiden Damen, wie
Patrik sagt; wenigstens die beiden, welche der Lord besonders auszeichnen soll, obwohl ich an seine Vermählung mit der schönen
und jungen durchaus nicht zu glauben vermag. Nein, bestimmt nicht.
Warum sollte sich Lord Rochester nicht vermählen, Mistreß?
Er hat zu lange Zeit als Junggeselle gelebt und wird sich
nur mit Widerwillen in eine neue Lebensweise hineinfinden wollen,
es vielleicht auch gar nicht können.
Man hat schon unmöglicher scheinende Dinge im Leben vor
sich gehen sehen, als eine Vermählung - ich halte Lord Rochesters
Verheiratung nicht für undenkbar.
Sam rief Mistreß Harleigh zu Lord Rochester und Adele
holte Jane ab, damit ihr dieselbe an der Fertigstellung ihrer
Toilette noch etwas behülflich sein sollte.
Die für die Ankunft der Gäste festgesetzte Stunde war bereits
überschritten, und noch immer wollte sich keine Spur von ihnen
zeigen, obwohl Patrik sogar hinauf auf den Turm gestiegen war
und nach ihnen Umschau gehalten hatte. Lord Rochester wurde
ungeduldig, hielt es in seinem Hause nicht länger aus und war
unhöflich genug, sich nach dem nächsten Gute zu begeben, ehe er
das Eintreffen der Gäste erwartete.
Entschuldigen Sie meine Abwesenheit, Miß Eyre, hatte er zu
Jane geäußert, ehe er das Pferd bestieg, um hinweg zu reiten,
in einer Stunde spätestens werde ich wieder zurück sein. Mein
Besuch, fügen Sie hinzu, hätte sich keine Minute mehr verzögern
dürfen, sollte er nicht von unberechenbarem Schaden für meine
Person und meine Güter sein.
Lange sollten indessen Jane und Mistreß Harleigh nicht
harren, aber der Abend dämmerte doch bereits, als mehrere Reiter
sowohl, wie zwei Wagen im Hofe anlangten, die mit Damen besetzt waren. Vom Hofe aus konnte Jane deutlich vernehmen, daß
die Ankömmlinge sich beklagten, Lord Rochester nicht zu ihrem
Empfange anzutreffen, und wie sie sich beschwerten, daß er nicht
einmal so viel Rücksichten auf die Damen genommen habe. Es
entspann sich eine kurze Unterhaltung auf dem Hofe, deren Resultat
ergab, daß ein Teil der Ankömmlinge beschloß, sich sogleich auf
die für sie bestimmten Gemächer zurückzuziehen, während ein
anderer Lord Rochester's Rückkunft im Empfangszimmer erwarten
zu wollen erklärte. Die Ankömmlinge betraten das Haus und
näherten sich dem Zimmer, in welchem Jane sie dem Befehle des
Lords gemäß empfangen und unterhalten sollte. Deutlich vernahm
sie Mistreß Harleigh's Stimme:
Wenn es Ihnen gefällig ist, meine Herrschaften, so treten
Sie in dieses Gemach; Lord Rochester kann nur noch wenige
Augenblicke weg bleiben und hat Befehl gegeben, alle Ihre ausgesprochenen oder auszusprechenden Wünsche aufs pünktlichste zu
erfüllen.
Als sich die Thüre öffnete und Jane's Blick auf die erste
eintretende Dame fiel, erkannte sie zu ihrem Schrecken, ja zu ihrem
Entsetzen diejenige Dame, welcher sie am allerwenigsten in ihrem
Leben jemals wieder zu begegnen gewünscht hatte- es war
Mistreß Need. Obwohl bedeutend gealtert und merklich ergraut,
auch wohl körperlich etwas hinfälliger geworden, erkannte Jane
ihre ärgste Feindin an dem kalten gleichgiltigen Gesichtsausdruck,
der sich durch der Länge der Jahre nicht im mindesten abgeschwächt oder verringert hatte. Jane hatte indessen so viel Selbstbeherrschung, daß sie durch keinen Laut, ja durch keine Miene oder
Bewegung verraten hätte, was in ihrem Innern vorging, nur
gebrauchte sie die Vorsicht, sich etwas tiefer in das Zimmer zurückzuziehen und Mistreß Harleigh die Unterhaltung führen zu lassen.
Die jüngere Dame, welche mit Mistreß Reed zugleich kam, war
Georgine- darüber war kein Zweifel bei Jane, denn wenn sie
auch ihr Antlitz mit einem Schleier verhüllt hatte, so zeigten doch
ihre Figur und ihre stolze Haltung, welche für Jane unvergeßlich
waren, deutlich, daß nur sie es sein konnte. Der Herr, welcher
Mistreß Reed den Arm gereicht hatte, war dem Anscheine nach
Georginens Gatte, Lord Clarens - also konnte sie es nicht
sein, welche Lord Rochester nach Patriks Meinung zu heiraten
beabsichtigte.
Mistreß Reed schien unwohl zu sein, denn sie ließ sich sogleich
nach dem Sopha führen und nahm erschöpft auf demselben Platz.
Ich danke Ihnen, Lord Clawdon, für Ihre Mühe, sprach sie leise.
Befindest Du Dich nicht wohl, Mama? frug Georgine und
schlug ihren Schleier zurück. Jane bemerkte, daß sie schöner noch
geworden war, als sie früher gewesen.
Ich finde die Luft in diesem Hause hier dumpf und drückend,
mein Kind, antwortete Mistreß Reed, tief Atem schöpfend. Ich
hätte auch gleich zur Ruhe gehen und mich nicht mehr mit hierher
führen lassen sollen. Mein Kopf droht mir zu zerspringen.
Du hast Dich zu warm angezogen, Mama, entgegnete
Georgine. Warum auch mußtest Du Dich so in Pelz und Seide
einhüllen, als wenn wir mitten im stärksten Winter wären, anstatt
daß wir mit vollen Segeln auf den Frühling lossteuern.
Georgine, mein Kind, o mein Gott, wie wird mir plötzlich?
Aber Mama, Du erschreckst mich ja ordentlich, rief Georgine
und trat von dem Herrn weg, mit dem sie sich bisher leise und
angelegentlich unterhalten hatte, zu ihrer Mutter.
Mir ist so unheimlich und bang zu Mute, daß ich mich
kaum aufrecht zu halten vermag?
Hier nimm mein Flacon, das wird Dir wohlthun und Dich
stärken. Leider habe ich es im Wagen liegen lassen. Lord Francis,
wandte sie sich an ihren früheren Begleiter, sehen Sie nach, damit
es Jemand aus dem Wagen heraufholt - ich bitte darum.
Laß das Flacon, es hilft mir nichts. Seit ich dieses Zimmer
betreten, hat mich jene Unruhe, jene Beklommenheit wieder überfallen, die mich zuletzt beim Tode Deines Gatten heimsuchte und
welche mir einen jeden harten Schicksalsschlag anzukündigen pflegt.
Laß doch Deine Hirngespinste, Deine sonderbaren Phantasieen,
Mama. Wir sind fremd hier.
In dieser Atmosphäre, die ich atme, liegt etwas Unheimliches, etwas Verhängnisvolles für uns - hier lauert im Verborgenen ein Unglück auf uns. Laß uns umkehren, Georgine, ehe
es zu spät ist - noch, glaube ich, ist es Zeit. Georgine, höre
auf meine Warnung.
Gib Dich Deiner Schwäche nur nicht gar zu sehr hin, Mama.
Lord Francis, bitte, sorgen Sie dafür, daß meine Mutter in den
Besitz meines Flacons kommt, dann werden sich ihre Nerven schnell
beruhigen und ihrer erregten Phantasie freundliche Bilder vorschweben.
Der Lord Francis Angeredete wollte nach der Thüre gehen
und erblickte Jane. Ah, da ist ja Jemand, hob er an, wollten
Sie vielleicht so freundlich sein, Miß.
Jane hatte einen harten Kampf innerhalb dieser wenigen
Augenblicke zu bestehen gehabt - all ihr erduldetes Weh, all ihr
Haß, den sie überwunden zu haben glaubte, war in alter Kraft
wieder erwacht und steigerte sich noch, als sie erfahren mußte, daß
Georgine Witwe war und somit doch Lord Rochesters künftige
Gemahlin werden konnte, aber ihr Wille, ihre Selbstbeherrschung
war doch stärker wie ihre Leidenschaft, und hätte sie noch einen
Augenblick schwanken können, was sie jetzt thun mußte, so würde
ihr das Lord Rochester gegebene Versprechen schon den richtigen
Weg vorgezeichnet haben. Sie trat daher ruhig vor und sprach
in bescheidenem, aber doch festem Tone: Kann ich Ihnen dienstlich
sein, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat
mich beauftragt, Sie in seinem Namen zu empfangen.
So! erwiderte Georgine stolz und maß Jane mit einem verächtlichen Blicke. Und welche Stellung bekleiden Sie in diesem
Hause, daß Sie zu solcher Ehre gelangen?
-
tete Georgine. Sagen Sie Lord Rochester, wir wären den Kinderschuhen entwachsen und bedürften Ihrer nicht.
Ich werde Ihren Auftrag ausrichten, Mylady, entgegnete Jane.
Bei den ersten Lauten, welche über Jane's Lippen gedrungen
waren, hatte Mistreß Reed gestutzt und sich rasch umgewandt.
Jane erblicken und sofort wiedererkennen, war das Werk eines
Augenblickes; sie fuhr entsetzt in die Höhe, brach aber auch sofort
wieder zusammen und rief halblaut aus: Ach, ich wußte es leider
nur zu gut.
Aber, mein Gott, was haben Sie? Was fehlt Ihnen?
fragten Lord Clawdon und Lord Francis besorgt, während Georgine ärgerlich bemerkte: Was hast Du denn Mutter?
Es ist Verhaßtes in meiner Nähe, flüsterte sie Georgine
hastig zu.
Was hast Du denn? Ich verstehe, ich begreife Dich heute
gar nicht, Mama.
Mistreß Reed ergriff Georginens Hand, zog sie dicht an ihre
Seite und raunte ihr leise in das Ohr: Wo hast Tu Deine
Augen? Erkennst Du Jane Eyre, meine und Deine ärgste Feindin nicht!
Bei Gott, sie ist es, flüsterte Georgine, indem sie Jane ebenfalls deutlich erkannte.
Gib Acht, sie wird dem Lord verraten, daß wir ihre Verwandten sind und sie auf die Lowoodstiftung geschickt haben.
Sie wird uns bloßstellen.
Du, Mama, hast sie dahin geschickt, nicht ich- das wird
dem Lord genügen!
Während Beide sich leise mehr weiter stritten, als unterhielten,
beobachtete Lord Clawdon und Lord Francis die ruhig und ohne
eine Spur von Befangenheit dastehende Jane, und Lord Francis
konnte es nicht über sich gewinnen, mit der Frage an Jane zurückzuhalten:
Sind Ihnen diese Damen vielleicht bekannt, Miß?
Nein, Sir- ich erblicke Beide heute zum ersten Male, antwortete Jane, nachdem sie dieselben lange und aufmerksam betrachtet hatte.
Wirklich erst zum ersten Male? fragte Lord Clawdon weiter.
Das ist seltsam; die Damen scheinen Sie doch aber früher schon
gekannt zu haben?
Das dürfte vielleicht nur auf einer Personenverwechslung oder
auf einer momentanen Täuschung beruhen, Sir.
Nein, meine Herren, rief Georgine bereits wieder gefaßt und
übermütig, wir haben die sonderbare Physiognomie dieser Person
noch niemals gesehen.
Wir wollen uns aber auf unser Zimmer zurückziehen, sprach
Mistreß Reed langsam. Können Sie uns hierzu behilflich sein,
Miß, so bitte ich darum.
Ich will es versuchen, erwiderte Jane - ein Diener wird
sicherlich wissen, welche Zimmer für die Herrschaften von Mistreß
Harleigh bestimmt sind.
Du bist heute außerordentlich aufgeregt, Mama, warf Georgine ärgerlich ein. Ich habe dem Lord versprochen, ihn zu
erwarten, wenn er nicht gleich anwesend sein sollte.
Ich muß Ruhe haben, Georgine- ich fürchte sonst ernstlich
krank zu werden.
Die Ankömmlinge wendeten sich bereits zum Gehen, als sich
rasch die Thüre öffnete und Lord Rochester, ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit, in vollendetem Gesellschaftsanzug erschien. Die sonst
ernsten, ja finsteren Wolken, welche zumeist auf seiner breiten
Stirne lagerten, waren verschwunden und über seine Züge leuchtete
ein heiteres, freundliches Lächeln; seine sonst etwas schwerfälligen
Bewegungen waren leicht und elegant, kurz die ganze Erscheinung,
sein ganzes Auftreten und Wesen schienen sich in gar nicht unbedeutendem Grade verjüngt zu haben.
Meine werten Gäste, wandte er sich mit ausgesuchter Zuvorkommenheit an die Ankömmlinge, werden mir verzeihen, wenn ich
nicht gleich bei ihrem Eintreffen die Pflichten des Hauswirtes in
ihrem ganzen Umfange erfüllen konnte. Ich habe Ihnen zwar
gleich im voraus gesagt, daß auf meine Anwesenheit nur unsicher
zu rechnen sein würde, aber ich fühle mich doch nochmals gedrungen,
Ihre Verzeihung in Anspruch zu nehmen. Ich will hoffen, daß
Sie meine Abwesenheit nicht vermißt haben.
Wir wissen, Mylord, daß Ihre ausgebreiteten Besitzungen
einen großen Teil Ihrer freien Zeit und Ihrer Arbeitskraft in
Anspruch nehmen und aufzehren, antwortete Georgine - und ich
erteile Ihnen in unserer Aller Namen bereitwillige Verzeihung.
Sie wurden doch wohl so empfangen, daß Sie meine Abwesenheit nicht vermißten? fragte Lord Rochester mit einem scharfen
Blicke auf Jane Eyre.
Wer sollte Ihre Gegenwart uns wohl ersetzen können, Lord
Rochester? versetzte Georgine. Diese junge Person vielleicht? Sie
ist uns völlig unbekannt.
Sollte sie sich Ihnen nicht vorgestellt und Sie unterhalten
haben, wie ich befahl?
Verzeihung, Herr, ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit- die
Herrschaften waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt - sonst würde ich -
Schon gut, unterbrach sie Rochester. Meine Damen und
Herren, gestatten Sie mir Ihnen in dieser jungen Dame Miß
Jane Eyre, Adelens Gouvernante, vorzustellen.
Miß Eyre? Ich glaube den Namen einer andern Erzieherin
früher gehört zu haben.
Früher ja! Seit einigen Monaten aber leitet Miß Eyre
Adelens Erziehung mit überraschendem Erfolge, ja mit einer Auszeichnung, die mich in Erstaunen setzt.
Und worin unterrichtet denn diese Gouvernante Ihren kleinen
Pflegling ? fragte Mistreß Reed, welche ihre Selbstbeherrschung
wieder erlangt hatte, den Lord.
In allen Unterrichtsgegenständen, in Sprachen, Musik, Zeichnen, kurz in allen Dingen, welche man von einer Gouvernante
fordern kann. Ja Miß Eyre malt sogar und zwar weit besser,
als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Herr, ich bitte, wagte Jane diesen Lobsprüchen gegenüber einzuwerfen.
Keine Widerrede, Miß, was wahr ist, muß wahr bleiben.
Ein Lob von Ihnen, Lord, in Bezug auf Malerei, wo Sie
sonst ein so strenger Richter sind, wiegt nicht leicht. Wo lernten
Sie denn alle diese Künste? fragte Georgine mit einem neidischen
Seitenblicke auf die schweigsame blasse Jane.
In der Lowood-Stiftung, Mylady,
Werden denn, fragte Mistreß Reed lauernd, in dieser Waisenanstalt, die nur von milden Gaben unterhalten wird, solche nichtige
Dinge, wie Malen und Musik gelehrt. Ich habe mir immer
sagen lassen, daß der fromme Doktor Blackhurst seinen Zöglingen,
die meistens nur aus verdorbenen und verwahrlosten Kreaturen
bestehen sollen, vor allen Dingen in Religion, Gottesfurcht, Demut,
Bescheidenheit und Arbeit unterrichte.
Auch das geschieht, Mistreß - erwiderte Jane - Entschuldigen Sie, Herr, ich habe nicht die Ehre die Namen dieser Damen
zu kennen.
Ach so- entschuldigen Sie mich, Miß Eyre, daß ich so vergeßlich war, und erlauben Sie, daß ich mein Versehen wieder gut
mache: Lady Georgine Clarmes, Mistreß Reed, Lord Clawdon,
Lord Francis.
Mistreß Reed, antwortete Jane unter einer tiefen Verbeugung, können versichert sein, daß ich in der Lowoodstiftung, die
von milden Gaben unterhalten wird, Alles gelernt habe, worin
Doktor Blackhurst unterrichtet, und daß ich den Personen cwig
dankbar sein werde, welche die Veranlassung waren, daß ich dieses
Unterrichts so lange teilhaftig wurde, bis ich die Fähigkeiten mir
erworben, als Lehrerin dort einzutreten und mir späterhin eine
Stelle als Erzieherin zu suchen.
Sie sind sehr bescheiden in Ihren Ansprüchen, Miß Eyre,
erwiderte, als von Seiten der beiden Damen keine Antwort
erfolgte, Lord Rochester. Ich kenne Ihre Vergangenheit und Ihre
Verhältnisse nicht, kann also nicht wissen, aus weichen Gründen
man Sie nach Lowood brachte- aber davon bin ich überzeugt,
daß Sie Derjenige nicht aus Liebe zu Ihnen auf die Galeeren
von Lowood verbannt hat. Lowood ist in der That eine Strafanstalt.
Geliebt hat er mich bestimmt nicht, Herr; das glaube und
weiß ich auch, aber er hat mich wider seinen Willen selbständig und zufrieden gemacht - ich segne seine That.
Ich hoffe, Lord Rochester, hob Georgine in etwas Verletzung
zeigendem Tone an, daß wir nicht zu Ihnen gekommen sind, uns
über die Talente und die Vergangenheit, noch Zukunft Ihrer Gouvernante zu unterhalten, sondern nur mit unseres Gleichen zu
verkehren.
Wenn auch Wissen und Talent den Geringsten zu unseres
Gleichen erhebt, reizende Georgine, so haben Sie doch Recht, daß
es unhöflich von mir ist, Sie von solchen Dingen zu unterhalten,
anstatt für Ihr Unterkommen und Ihre Bequemlichkeiten Sorge
zu tragen.
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Und dabei glaube ich noch, daß Miß Eyre gar nicht so gut
malt, wie Sie uns vorspiegeln, ja daß Sie für Ihre Gouvernante
auffallend Partei nehmen! Nicht?
Für Miß Eyre? fragte Rochester leise gereizt. Ich wüßte
nicht, wie ich dazu käme. Sie sollen Ihre Malereien sehen und
mögen selbst urteilen. Lord Rochester wandte sich und ging nach
dem Zimmer, in welches er Jane's Mappe mitgenommen hatte.
Herr, Sie beschämen mich; ich bitte, - wagte Jane nochmals
schüchtern zu widersprechen, aber der Lord hörte nicht auf sie und
entfernte sich rasch.
Georgine flüsterte wiederum angelegentlich und eindringlich
mit ihrer Mutter, während sich Lord Francis mit der Frage an
Lord Clawdon wandte: Finden Sie es nicht geradezu seltsam, Sir,
wie ungemein bemüht Lord Rochester ist, die Talente und Kenntnisse seiner Gouvernante diesen Damen hier vor Augen zu führen?
Gewiß, Francis, antwortete ihm Clawdon leise, und es kommt
mir vor, als wenn zwischen der Gouvernante und den Damen eine
Beziehung auf die Vergangenheit stattfinden muß. Wir müssen
auf unserer Hut sein; mit dem Mädchen wird etwas beabsichtigt.
Ich glaube nämlich nicht, Francis, daß es dem Lord mit seiner auffallenden Werbung um Georginens Gunst Ernst ist- er führt,
glaube ich, gegen sie etwas im Schilde.
Sie täuschen sich, Clawdon, erwiderte Francis. Rochester
hat bereits um Georginens Hand angehalten - sie selbst hat es
mir vertraut.
So lange es Rochester mir nicht selbst sagt, zweifle ich noch
daran. Ah da ist der Lord schon wieder und trägt eine große
Mappe in seinen Händen.
Nun, Lady Georgine, sprach Rochester, überzeugen Sie sich
selbst, ob ich zu viel von Miß Eyre's Talent gesagt habe; es
ist originell genug für ein Schulmädchen aus Lowood.
Sie werden mir gestatten, erwiderte Georgine in wegwerfendem Tone, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für später
aufhebe. Meine Mama fühlt sich sehr angegriffen und auch ich
sehne mich wirklich nach baldigster Ruhe.
So wollen Sie mir in der That die Gunst versagen, Sie
zum Abendessen geleiten zu dürfen? fragte Lord Rochester galant.
Es steht Alles schon bereit.
Mylord sind sehr gütig, erwiderte an Georgines Stelle
Mistreß Reed, aber bei meinem vorgeschrittenen Alter und der
langen ununterbrochnen Fahrt bedarf ich der Ruhe und des
Schlafes- und je eher ich mich auf mein Zimmer zurückziehen
kann, desto besser und zweckmäßiger dürfte es für mich sein.
Wenn Sie mir gestatten, Mistreß Reed, sprach Lord Francis
in teilnahmvoller Weise sich nähernd, so geleite ich Sie nach Ihrem
Zimmer.
Sie sind sehr freundlich, Lord, antwortete Mistreß Reed,
seinen Arm nehmend; ich nehme Ihre Unterstützung dankbar an.
Gute Nacht, Lord Rochester, auf Morgen also.
So bleibt mir leider für heute nichts weiter übrig, Lady
Clarens, wandte sich Rochester an Georgine, als für heute auf
Ihre liebenswürdige Gesellschaft zu verzichten und den Abend in
meiner einsamen Umgebung zu verleben. Darf ich bitten? Bei
diesen Worten bot er Georgine seinen Arm, und diese nahm denselben bereitwillig an.
Als Beide das Zimmer verließen, wandte sich Rochester nach
Jane nochmals um und rief ihr in herablassendem Tone zu: Sie
können sich auch zur Ruhe legen, Miß Eyre, Sie sind für heute
ihres Postens entlassen.
Kaum war Jane allein, so eilte sie auf ihre Mappe zu,
ergriff dieselbe und preßte sie heftig an ihre Brust: Nein, sprach
sie mit erhobener Stimme, Du mein einziger Schatz, Du mein geistiges Eigentum sollst den Blicken dieses herzlosen Weibes nicht
preisgegeben werden. Mag Lord Rochester mir zürnen, mag er
mich aus seinem Hause entfernen, wenn ich die Mappe gegen seinen Willen an mich nehme, es soll mir gleich sein. Der Spott
dieser Augen und dieser Mienen soll sich nicht ergießen über die
mühsam getriebenen Blüten meiner stillen Phantasieen. Kann
ich überhaupt hier bleiben, wenn diese beiden Frauen, die meine
Jugend vergiftet, meine Kraft zerstört haben, für längere Zeit hier
weilen sollten? wenn Georgine gar Lady Rochester werden und
hier herrschen sollte? Nein, nein und dreimal nein! Aber
ich gab mein Wort vor einer Stunde kaum, dies Schloß nur zu
verlassen, wenn er mich weg schicke- dies Versprechen muß ich
lösen, koste es, was es wolle. Sie sank auf einen Stuhl und
preßte beide Hände vor die Augen.
In tiefe schmerzliche Gedanken versunken mochte Jane wohl
eine halbe Stunde so gesessen haben, als sie durch Rochesters
Stimme ans denselben jäh aufgescheucht wurde. Er kehrte offenbar
von Georgine zurück und näherte sich dem Empfangszimmer
wieder, das zu verlassen er Jane aufgetragen hatte. So gern
Jane auch jetzt seinem Begegnen entgangen wäre, so blieb ihr doch
keine Möglichkeit- sie mußte unbedingt mit ihm noch einmal
zusammentreffen. Die Thüre öffnete sich - er trat ein und voll
Erstaunen fiel sein Blick auf die Gouvernante, die ihn nicht anzuschauen wagte.
Nun, Miß Eyre, befolgen Sie so meine Befehle, begann der
Lord. Anstatt dieses Zimmer zu verlassen, schlichen Sie hier noch
heimlich herum und suchen sie etwas hier oder dort zu erhorchen.
Das ist nicht schön und gut von Ihnen.
Ich horche nicht, Herr, und schleiche auch nicht herum, antwortete Jane trotzig werdend; ich nahm nur mein Eigentum an
mich, daß ich nicht Lust verspüre, Jedermanns Augen Preis zu
geben. Ich nahm meine Mappe, Herr, meine Bilder und das
Verfügungsrecht über dieselben gehören mir, und ich lasse es mir
von Niemand streitig machen.
So wollen Sie mir deren Anblick auch nicht mehr gönnen,
Miß Eyre?
Ihnen, Lord Rochester, gern, so lange Sie wollen. Ihnen
würde ich dieselben sogar als Eigentum überlassen können, aber
nur unter der einzigen Bedingung, diese Bilder nicht von Augen
betrachten zu lassen, aus denen Hohn und Verachtung, Kälte und
Geringschätzung gegen andere Menschen spricht, die angeblich nicht
Ihresgleichen sind.
Und warum, Miß Eyre, wollen Sie diese Bilder, auf welche
Sie so hohen und wirklich verdienten Wert legen, mir, gerade
mir überlassen? Sprechen Sie Miß.
Weil Sie mich verstehen, Herr, antwortete Jane nach einigem
Zaudern, weil Sie empfunden haben, in welcher Stimmung ich
diese Bilder geschaffen, welche Gedanken und welche Gefühle ich
in ihre Ideen hineingelegt, weil Sie dieselben zu würdigen wissen.
So nehmen Sie die Mappe von Ihrer Brust, Miß, und
legen Sie selbige wieder in meine Hand. Können Sie sich freiwillig dazu entschließen, Miß?
Hier ist die Mappe, Herr, aber dann muß ich auch auf der
vorhin ausgesprochenen Bedingung bestehen, daß Mappe und Bilder nur für Ihre und nicht für fremde Augen sind.
Mein Wort darauf, daß ich Ihre Bedingung aufrichtig erfüllen
will, und hier bekräftige ich es noch durch einen freiwilligen Handschlag.
Jane schlug nachdenklich in Rochesters dargebotene Hand ein,
zog die ihrige aber gleich darauf wieder zurück und sagte leise:
Gute Nacht, Herr, es wird Zeit zur Ruhe.
Gute Nacht, Mifß Eyre! Auf Wiedersehen morgen.
Jane eilte nach ihrem Zimmer. In ihrem Innern gährte
und tobte es von widersprechenden Gefühlen der mannigfaltigsten
Art; sie suchte sich gewaltsam Ruhe zu erkämpfen, aber es gelang
ihr nicht vollständig- die Furcht, welche das Zusammentreffen
mit Mistreß Reed und Georgine hervorgerufen, war nicht zu besiegen und stieg in immer neuen und drohenderen Bildern vor
ihrem geistigen Auge empor. Ruhelos schritt sie in ihrem Zimmer auf und ab und suchte zu einem klaren und festen Entschlusse
zu kommen, wie sie sich ihren ehemaligen Verwandten gegenüberstellen solle; denn in der stummen Entfernung wie heute noch Tage
hindurch vielleicht zu verharren, das wußte sie, das ging über ihre
Kräfte, so sehr sie auch Selbstbeherrschung über sich selbst auszuüben vermochte. Sie konnte sich Niemand anvertrauen, selbst
Mistreß Harleigh nicht, ohne das Geheimnis ihrer Verwandtschaft
preiszugeben. Und jetzt fühlte sie erst recht lebhaft, wie sie gegen
diese würdige Dame, welche es so aufrichtig und teilnehmend gegen
sie meinte, unrecht und unvorsichtig gehandelt hatte.
Es wurde spät- die Uhr schlug elf Uhr, und noch immer
schritt sie nachdenkend auf und ab; da mit einem Male vernahm
sie das Geräusch wieder, als wenn Jemand leise, aber nicht vorsichtig
genug, um unentdeckt zu bleiben, an ihrer Thür vorüber huschte und
wiederum die Richtung nach Lord Rochesters Schlafzimmer einschlug.
Sollte das Gratia Poole wieder sein? Sollte Lord Rochesters
Leben wiederum in Gefahr schweben durch die heimtückische Rachsucht dieses entsetzlichen Weibes? Unwillkürlich stiegen diese Gedanken wiederum in Janens Brust auf, und gleichsam von einem
unwiderstehlichen Drange getrieben, der alle Angst und Furcht vor
einem Zusammentreffen mit dieser unheimlichen Erscheinung darniederkämpfte, öffnete sie leise die Thüre ihres Zimmers, welche
nach dem Korridore zuführte. Der Korridor war halb erleuchtet
durch ein Licht, welches das Weib in einer Hand trug und behutsam nach Rochesters Kabinet schritt.
Das war aber doch Gratia Poole's gedrungene mittlere Gestalt nicht? Das war ein langes, schlankes, schattenhaftes Wesen,
das dahin schlüpfte und die unverschlossene Thüre von dem Schlafgemache des Lords öffnete! Wer war dieses Geschöpf in seiner
phantastischen, keinem vernünftigen Menschen ähnlichen Tracht und
was konnte es von Rochester wollen? Beim Durchgang durch die
Thüre gewahrte Jane zu ihrem Entsetzen, daß das weibliche Wesen,
-
und leise gurgelnde Töne ausstieß, die stets dem gräßlichen Lachen
Gratia Poole's vorangingen; Gratia Poole's? fragte sie sich hastig.
Nein! Nein und abermals Nein! Gratia Poole's sicher nicht.
Gratia, das sah Jane jetzt klar ein, hätte in so entsetzlicher Weise
gar nicht lachen können- Gratia war nur die Wächterin, welche
dieses Geschöpf bewachen mußte und sicher nicht scharf genug bewachte, so daß es ihren Händen zuweilen entschlüpfen konnte. Gewiß so war es und Gewißheit mußte sie haben. Jetzt hörte sie
auch das frühere Gelächter, aber nicht in so durchdringender Weise.
Alle diese auftauchenden Gedanken füllten nur wenige Secunden aus, und kaum war dieses unbekannte geheimnisvolle Geschöpf
in Rochesters Kabinet verschwunden, so stand Jane auch schon
nach einigen wenigen fliegenden Schritten in derselben Thüre, durch
welche die Erscheinung verschwunden war und sah, wie dieselbe
vor Rochester stand, der noch ganz angekleidet auf einem Divan
anscheinend im festen Schlafe ausgestreckt lag. Wie gefesselt blieb
Jane stehen; als aber jenes Wesen das Messer hob, um einen
Streich nach dem Schlafenden zu führen, stürzte sie eiligst auf das
Weib los und entwand ihm mit einem raschen unvermuteten Griffe
die gefahrdrohende Waffe.
Wie ein gereiztes gieriges Tier schnellte die Angegriffene
herum, und Jane blickte in ein starres, verzerrtes Gesicht, das den
Stempel der geistigen Verwirrung, des Wahnsinnes in seinen Zügen unleugbar ausgedrückt zeigte und kreischend auf sie losfuhr,
als wenn sie nun als Opfer fallen sollte. Ein rascher Seitensprung rettete Jane vor den Händen der Wahnsinnigen und sie
fand hierbei Gelegenheit, Lord Rochester an der Schulter zu ergreifen, zu rütteln und zu rufen: Lord Rochester, erwachen Sie!
Die Wahnsinnige lachte hell auf und stürzte von Neuem auf
Jane los, die sich nicht anders mehr zu helfen wußte, als zu rufen:
Lord Rochester! Lord Rochester! Erwachen Sie! Der Lord ermunterte sich in der That, und es war auch die höchste Zeit, daß er
Jane zu Hülfe eilen konnte, denn bereits war sie von der Wahnsinnigen erfaßt und rang mit ihr in verzweifelter Weise. Nochmals rief sie: Lord Rochester! Hülfe!
Der Lord sprang empor, überschaute mit einem Blicke die
Lage der Dinge und die Gefährlichkeit der ganzen Situation; mit
gewaltiger Faust packte er Jane's Gegnerin und schlenderte sie
hinweg von ihr, so daß jene zunächst außer aller Gefahr war.
Jetzt erst konnte sich das junge aufgeregte Mädchen so weit fassen,
daß sie das Messer vom Boden hob und aus dem Bereiche der
Wahnsinnigen entfernte.
Als Rochester das Messer gewahrte, ahnte er sofort den ganzen Zusammenhang, der sich in seinem Gemache so eben abgespielt
habenden Scene und griff, ohne einen Augenblick zu zögern, ein,
um Ordnung wieder in die Verhältnisse zu bringen, d. h. Ruhe
für sich und seine Erzieherin zu schaffen. Er trat dicht an die
Wahnsinnige heran, die auf einem Stuhle wie festgebannt saß und
nahm sie wie ein kleines Kind auf seine Arme.
Leuchten Sie mir, Miß Eyre, sprach Rochester, aber suchen
Sie so wenig Geräusch zu machen wie möglich. Ich werde dieses
unglückliche Geschöpf hier wieder in sein Zimmer bringen und ihm
wie uns weitere Unannehmlichkeiten zu verhindern suchen. Folgen
Sie mir, Miß.
Rochester verließ, die arme Wahnsinnige, welche nicht den geringsten Widerstand zu leisten wagte, auf den Armen tragend,
sein Gemach und schritt nach der Thüre, welche zu der Treppe
des Turmes führte. Dort angekommen, mußte Jane die Thüre
öffnen und warten, während der Lord die Treppe hinaufstieg und
mit seiner Last in der Stube verschwand, welche Gratia Poole
bewohnte. Warten Sie einen Augenblick auf mich, Miß, flüsterte er.
Jane stand lautlos; es däuchte ihr, als hörte sie den Lord
die Worte sagen: Sie schlafen schon wieder und lassen ihrer Ge-
-
Ich schloß, Herr, aber die schlaue Lady muß beachtet haben,
wo ich den Schlüssel hingethan und muß ihn genommen haben,
als sie mich schlafen wußte, Herr. Unerklärlich.
Bewacht sie sorgfältiger als bisher noch, Gratia; es muß sein;
es ist mein Befehl.
Ich will es versuchen, Herr, aber die Wahnsinnige überlistet
mich stets von Neuem.
Das Gespräch verstummte bis auf einige unverständliche Worte.
Darauf schritt der Lord die Treppe wieder herab und sprach zu
Jane: Miß Eyre, begleiten Sie mich auf mein Zimmer; ich habe
Ihnen einige wichtige Mitteilungen zu machen.
Kann das nicht am nächsten Morgen oder an einem der
folgenden Tage geschehen, Herr? Es ist schon spät in der Nacht
und ich bedarf nunmehr wirklich der Ruhe.
Sie haben Recht; legen Sie sich zur Ruhe; ich will auch wieder zu schlafen versuchen, aber ob ich so bald wieder zu Mitteilungen
werde aufgelegt sein, möchte ich wohl bezweifeln und Sie müssen
dann warten. Gehen Sie.
Gute Nacht, Herr.
Miß Eyre, ich danke Ihnen wiederholt mein Leben. Wie auf
Erden soll ich Ihnen dies jemals wieder vergelten können! Ich
muß einen ganz besonderen Preis für Sie aussinnen, mit dem ich
Sie gelegentlich überraschen kann. Einstweilen jedoch müssen Sie
mit meinen trockenen Dankesworten zufrieden sein. Nun denn,
gute Nacht, Miß Eyre.
Jane ging nach ihrem Zimmer und dachte im Stillen bei
sich: Hört denn Niemand in diesem Hause etwas von dem Treiben der Wahnsinnigen? Muß ich es denn sein, die stets zu diesen
entsetzlichen Scenen Zeuge sein muß. Oder will es Niemand bemerken und überläßt man es nur absichtlich meiner Person? Unter
diesen sich selbst gestellten Fragen entschlummerte sie.
Zwölftes Kapitel.
Am Morgen auf diese entsetzliche Nacht ward es ungemein
lebendig im Hause; die Gäste mußten bedient werden und hatten
mehr Bedürfnisse, als man sonst in Thornfield zu befriedigen gewohnt war; namentlich waren es die fremden Damen, welche der
Dienerschaft unendlich viel zu schaffen machten. Um Jane schien
sich Niemand bekümmern zu wollen; sie blieb daher ruhig auf
ihrem Zimmer und trug nicht das geringste Verlangen, mit
Mistreß Reed und Georgine wieder zusammenzukommen oder die
übrigen noch anwesenden Gäste kennen zu lernen.
Gegen 1 Uhr endlich erschien Sam und rief sie zu Lord
Rochester, der sie zu sprechen verlange. Jane fand ihn ernst und
bleicher als sonst; eine schwere Falte lagerte auf seiner Stirn, und
er schien in düstere Gedanken versunken. Als er die Eintretende,
welche auf ihren Gruß keine Antwort erhalten, gewahrte, nahmen
seine Gesichtszüge wieder ihren früheren gleichmütigen Ausdruck an.
Miß Eyre, begann Rochester, ehe ich mit Ihnen wieder vor
meinen Gästen zusammentreffe, habe ich eine Unterredung mit
Ihnen zu pflegen, welche Ihnen aber das Ereignis der gestrigen,
sowie einer früheren Nacht einige Aufklärungen bringen soll.
Ich bin bereit zu hören, Herr, antwortete Jane.
Sie hielten bisher Gratia Poole für die Urheberin jenes seltsamen Lachens, das Sie oftmals gehört haben, wie jenes Angriffs auf mein Leben, den sie durch Anzündung meines Bettes
machte. In dieser Nacht jedoch sind Sie Mitwisserin eines Geheimnisses geworden, das Niemand in meinem Hause kennt, außer
mir und Gratia Poole. Mistreß Harleigh hat vielleicht eine
dunkle Ahnung davon und auch die übrige Dienerschaft mag sich
einbilden, daß ich mein eigenes Weib hier gefangen halte. Haben
Sie nicht auch so etwas in Gedanken gehabt, Miß?
Nein, Herr, ich habe nur Gratia Poole für die Thäterin
und Urheberin gehalten, bis -
Bis Sie in dieser Nacht eines Anderen belehrt wurden. Sie
sollen Alles erfahren. Gratia Poole bewacht allerdings ein
armes wahnsinniges Weib, aber nicht mein Weib, und doch eine
Lady Rochester, die Frau meines verstorbenen älteren Bruders
und meine ehemalige Braut.
Ihre ehemalige Braut? rief Jane heftig erschrocken aus.
Ja, meine Braut! Sie war meine erste und bis vor wenigen
Wochen meine einzige Liebe - jetzt ist sie nur eine Wahnsinnige,
der ich Schonung schulde, die ich meinem feierlichen Versprechen
zufolge keiner Anstalt, keiner anderen Pflege anvertrauen darf,
als der Gratia Poole's, einer treuen Dienerin unserer Familie-
denn jene hat den Namen unserer Familie mit einem Schandflecken bedeckt und muß vor der Welt verborgen bleiben.
O das ist traurig, sehr traurig, flüsterte Jane, als Rochester
eine Pause eintreten ließ.
Ich war der zweitgeborene Sohn meines Vaters, also ohne
Vermögen- ich liebte Harriet Durham, und sie schwur es mir
zu, mich wieder zu lieben; sie verlobte sich heimlich mit mir;
sie ward meine Braut. Zu meiner Ausbildung wurde ich noch
ein Jahr nach London gesandt, und als ich nach Ablauf dieser
Zeit zurückkehrte, traf ich gerade ein, als die Treulose mit meinem
älteren Bruder ihre Vermählung feierte- sie hatte den armen
Sohn vergessen und an dessen Stelle den reichen Erben geheiratet.
Sie war Ihres Bruders Weib geworden?
Meines Bruders Weib! Ich war außer mir vor Empörung,
vor Zorn, vor Wut - ich machte an jenem Tage einen Versuch,
ihn umzubringen, aber ich ward überwältigt und auf ein
Schiff gebracht, das segelfertig lag und nach wenigen Stunden
nach Indien abging. Ich durchlebte eine entsetzliche, grauenvolle
Zeit; der Schmerz über meinen Verlust und der Ingrimm über
die erlittene Täuschung brachte mich fast um meinen Verstand, ja
ich hätte mir das Leben geraubt in manchem Anfalle von Verzweiflung, wenn die ganze Schiffsmannschaft nicht die strengste
Weisung von meinem Vater erhalten hätte, jeden meiner Schritte
auf das sorgfältigste zu überwachen, damit ich weder entfliehen,
noch irgend einen andern gewaltsamen Vorsatz ausführen könnte.
Die Länge der Fahrt und der Verkehr mit gleichgültigen Menschen,
welche sich nur um ihre Arbeit und ihren Beruf kümmerten,
brachte mich allmählich wieder zur Besinnung und brachten auch
Spuren von Ruhe in mein Herz zurück; schließlich interessierte
mich auch Indien mit seiner seltsamen großartigen Natur und
mit seinem allen europäischen Gewohnheiten fremdartigen Leben
und Treiben. Die Tigerjagd bildete mein Hauptvergnügen, und
fast meine ganze Zeit verbrachte ich unter Gefahren und Abenteuern und war besonders da am liebsten, wo es am entferntesten
von menschlichen Wohnungen und Wesen war. Für meinen
Lebensunterhalt brauchte ich nicht zu sorgen, da mein Vater wegen
meiner gewaltsamen Entfernung sich verpflichtet fühlte, mich durch
reichliche Geldsendungen ein ungebundenes Leben führen zu lassen.
Mein Vater starb, wie man mir mitteilte, nach Verlauf eines
Jahres; mein Bruder trat sein Erbe an und wollte mich weiter
unterstützen, wie jener; da aber bäumte sich mein Stolz auf; von
dem Räuber meines Glückes wollte ich nichts annehmen, und so
wurde ich Gesellschafter und Reisegefährte eines indischen Rajahs,
der ein ebenso zügelloser und leidenschaftlicher Jagdliebhaber war
wie ich und mich schließlich nur wie seinen Bruder zu betrachten
und zu halten pflegte.
Da traf plötzlich die Nachricht von dem Tode meines Bruders
ein, der keine Nachkommen hinterlassen hatte und mich in den
Besitz meines gesamten väterlichen Erbes setzte; ich zeigte anfänglich nicht die geringste Lust, nach Europa zurückzukehren und
die Wiege meiner Leiden mit eigenen Augen wiederzuschauen, da
ich noch einen jüngeren Bruder hatte und diesem das Majorat
überlassen wollte, aber auch dieser war schwach und kränklich und
dem sicheren Tode in wenigen Jahren, wie man mir schrieb, verfallen; er besaß ebenfalls nur eine kleine Tochter und keinen Sohn,
der das väterliche Erbe später hätte übernehmen können. Auf
seine dringenden Zureden besonders, kehrte ich nach England zurück,
übernahm mein Eigentum und empfing mit ihm in geheimer Zuschrift ein furchtbares Bekenntnis, das mein sterbender Bruder
kurz vor seinem Tode mir anzuvertrauen für gut fand und an
mein Gefühl für die Ehre unseres Hauses appellierte. Er hatte
mir einst die Braut geraubt - und Harriet mich für diese That
so furchtbar an ihm gerächt, wie ich es nimmermehr vermocht
hätte. Sie hatte Arthur nie geliebt, war aber von seinem
späteren glänzenden Reichtum geblendet und an mir zur Verräterin
geworden. Ihrer Verräterei folgte die Strafe auf dem Fuße nach;
sie fühlte sich unbefriedigt, unglücklich. Arthur war zu Mißtrauen,
zum Tyrannisieren geneigt, machte ihr vielfach Vorwürfe und
quälte sie so lange, bis sie ihn förmlich haßte, da sie in ihm allein
den Urheber ihres Verrats und ihres Unglücks erblickte. Mein
Bruder wollte das Unglück seiner Ehe vor seinen Verwandten
und Freunden verbergen, verließ England und begab sich mit
seiner Gattin auf den Kontinent - nach Frankreich, nach Italien-
dort erkrankte er tödlich, und als er wieder genesen war, fand er statt seiner Gattin nur einen zurückgelassenen Brief, in welchem
sie ihm die Unmöglichkeit eines ferneren Zusammenlebens und
ihre Flucht anzeigte.
Mein Bruder meldete nach England den Tod seiner Frau,
verfolgte aber die Spur der Flüchtigen mit aller Kraft und Energie
eines Mannes, der seinen Willen unbedingt zu erreichen entschlossen ist. In einem Bade der Schweiz fand er sie in einem
Kreise von Fremden; sie lebte als Abenteurerin, als Spielerin;
ganz unvorhergesehen, überraschte er sie und stellte sie vor Aller
Augen als seine ungetreue Gemahlin vor, ohne jedoch seinen
Namen preiszugeben, da auch sie unter falschem Namen lebte.
Scham, Wut, Rache, Haß raubten der Unseligen den Verstand
und ließen nichts zurück, als glühenden Haß gegen ihren Gatten
und Wahnsinn. Er verbarg das unselige Weib in diesem Schlosse
und gab ihr eine ihren früheren Dienerinnen, Gratia Poole als
Wächterin. Sein letzter Wille legte mir die heilige Pflicht auf,
die Schande unseres Hauses vor der Welt zu verbergen. Wie ich
diese Pflicht bis heute erfüllt habe, werden Sie zu beurteilen verstehen, Miß Eyre.
Gewiß, Herr, erwiderte Jane, ich verstehe aber auch wie
Ihre Wohlthaten belohnt werden- dieses Weib hat sie in kurzer
Zeit schon zweimal ermorden wollen.
Mich? Das liegt nicht in ihrer Absicht. Sie weiß nicht
und versteht nicht, daß ihr Gatte gestorben ist; in ihrem zerstörten
Geist lebt Arthur in mir weiter, der ich leider fast seine eigenen
Züge trage. Der Haß läßt sie stets meine Nähe ahnen und mit
der Schlauheit des Wahnsinns ist sie unermüdlich bestrebt, mich
umzubringen, zu verderben. So droht sie mir mit Feuer, mit
Dolch- und doch darf ich sie nicht von hier entfernen.
Das ist ein entsetzliches Los, Herr; gäbe es denn kein
anderes Mittel, sie in sicheren Gewahrsam zu bringen, als hier?
warf Jane die schüchterne Frage auf.
Nein! Nein! rief Rochester entschieden. Der Zufall oder
Ihr Verhängnis, Miß Eyre, haben Sie mit einem Familien-Geheimnis bekannt gemacht, das Sie allein mit dem Friedensrichter
der Grafschaft und meiner Person teilen, und das ich Sie bitten
möchte, in Ihrer Brust zu verschließen so fest, wie ich es bis
jetzt verborgen getragen habe.
Ich kann schweigen, Herr und werde es, erwiderte Jane mit
fester Stimme.
So danke ich Ihnen im voraus, und nun wollen wir uns
zur Gesellschaft begeben, welche einen Ausflug durch den Park zu
machen beabsichtigt. Sie begleiten uns doch?
Dürfte ich mich nicht von diesem Vergnügen ausschließen,
Herr? bat Jane zaghaft.
Nein, Miß Eyre, ich verlange von Ihnen, daß Sie sich
meinen Gästen widmen, daß Sie dieselben kennen lernen, sowie
daß auch Ihre Fähigkeiten und Kenntnisse bekannt werden sollen.
Ich habe meine ganz bestimmten Absichten dabei. Folgen Sie mir
nach einigen Minuten in die Empfangszimmer, wo man sich
versammelt.
Ich sehne mich nicht nach Bekanntschaften, Herr; ich liebe
die Einsamkeit mehr als die Gesellschaft.
Widersprechen Sie mir nicht beständig, Miß; ich will es und
kann es auch verlangen.
Gut, Herr, ich werde folgen.
Rochester ging nach dem Empfangszimmer, und als Jane
dasselbe betrat, fand sie bereits alle Gäste versammelt. Rochester
beeilte sich, Jane seinen übrigen Gästen vorzustellen; sie lernte
hierbei Lord Ingram mit seinen Töchtern Annie und Marie, zwei
imponierenden und stolzen Schönheiten, aber nicht mehr im ersten
Jugendalter stehend, kennen, ferner Mister Robert Bordon und
Mistreß Margarete Lund. Das waren die sämtlichen Gäste.
Mistreß Reed und Georgine beachteten Jane so wenig als möglich,
und auch Jane hielt sich vollständig fern von ihnen und beschäftigte sich vorzugsweise mit Adele, wenn sie nicht ausdrücklich von
einer der fremden Personen in das Gespräch hineingezogen wurde.
Um so lebhafter und auffallender unterhielt sich Lord Rochester
mit Mistreß Reed und besonders mit Georgine, die er mit der
ausgesuchtesten Aufmerksamkeit und Höflichkeit behandelte und sie
bei jeder Gelegenheit auszuzeichnen pflegte.
Beim Aufbruch der Gesellschaft bot er ihr den Arm und
ward während des ganzen Umgangs durch den Park ihr unzertrennlicher Gefährte. Hatte sich am Tage zuvor Lord Francis um
Mistreß Reed angelegentlich gesorgt, so wendete er heute seine
Aufmerksamkeit Jane zu und trieb seine Galanterie so weit, dieser
seinen Arm zu bieten, ein Anerbieten, das sie, ohne beleidigend
zu sein, nicht ablehnen konnte und doch so gern abgelehnt hätte;
es gewährte ihr eine besondere Beruhigung, daß Adele zu ihr gesprungen kam und ihre Hand erfaßte. Auf diese Weise war sie
wenigstens nicht allein mit dem jungen Manne, der bereits am
gestrigen Abende einen Zusammenhang in dem Verhältnisse zwischen
Mistreß Reed und Jane geahnt hatte und der seine Bemühungen
fortsetzte, etwas näheres durch seine lebhafte Unterhaltung von
seiner Begleiterin zu erfahren. Hierbei erreichte er seine Absicht
nicht; denn so gewandt und schlau er auch seine Fragen zu stellen
und zu wenden verstand, immer wußte ihm Jane auszuweichen
und ihn in gewisser Entfernung von sich zu halten.
Durch Lord Francis Begleitung kam Jane auch mit Lord
Ingram und seinen Töchtern in Berührung und fand in denselben Damen von großer Bildung und Herzensgüte, wenn auch
ihr erster äußerer Eindruck ganz das Gegenteil hiervon hatte
glauben lassen. Jane wurde durch die Unterhaltung so lebhaft in
Anspruch genommen, daß sie wenig auf die vorausgehende Gruppe,
unter welcher sich Georgine und Rochester befanden, hatte achten
können und sich in der That verwunderte, wie rasch die Zeit verstrichen war, als Sam sich einstellte und die Herrschaften zur
Mittagstafel, die gemeinschaftlich eingenommen werden sollte, die
Aufforderung brachte, der man denn auch bereitwillig folgte.
Nach aufgehobener Tafel, an welcher Georgine mit ihrer
Mutter die Ehrenplätze einnahmen und Rochester zwischen diesen
beiden Platz genommen hatte und wobei Jane abermals von Lord
Francis ausgezeichnet wurde, wollte man noch einen kurzen Ausflug in das Freie machen, aber der Himmel hatte sich mit düsteren
Regenwolken bedeckt und schwankten von diesem Unternehmen namentlich die Damen zurück.
Was unternehmen wir aber, um die Zeit uns zu vertreiben?
fragte Rochester.
Welche Frage, Lord Rochester! rief Georgine. Wir musizieren,
wir singen und haben wir uns an diesen künstlerischen Genüssen
gesättigt, so stellen wir lebende Bilder, deren Inhalt von der
übrigen Gesellschaft erraten werden muß. Das ist höchst amüsant.
Alle Anwesenden schienen von diesem Vorschlage entzückt, und
auch Lord Rochester konnte seine innerliche Freude über diese
Ideen anscheinend nicht verbergen, denn er dankte Georgine mit
einem herzlichen Händedrucke und einem freundlichen Blicke.
Ein Klavier war vorhanden und an Noten kein Mangel.
Dem Lose zufolge mußte Lord Rochester mit einem Gesangsvortrage beginnen; er forderte Jane auf, ihn zu begleiten, und diese
gewahrte mit Erstaunen, über welche herrliche und kräftige Baritonstimme ihr Herr gebot und mit welchem künstlerischen Verständnis
er dieselbe zu behandeln und zu verwerten verstand. Auf Rochester
folgte der Vortrag einer italienischen Arie durch Georgine, welche
der Lord in gewandter und sicherer Weise begleitete; auch die
Ingramschen Damen wurden, da sämtliche hatten losen müssen,
zu singen aufgefordert; sie aber wie Jane entzogen sich diesem
Verlangen unter dem Vorwande, nicht ganz bei Stimme zu sein
und die Gesellschaft keine Mißtöne hören zu lassen. Georgine
schien dies ganz willkommen zu sein, denn desto mehr konnte sie
zum Singen gelangen, und daß sie eine schöne, volle und wohlklingende Stimme besaß, wußte Niemand besser wie sie selbst.
Lord Rochester erschien über ihre Gesangsfertigkeit ganz entzückt
und ruhte nicht eher, als bis sie mit ihm einige Duette vortrug,
worüber die ganze Gesellschaft in laute Beifalls - und Freudenbezeigungen ausbrach und mehrfach um Wiederholungen bat.
Mistreß Reed, die sich stets zurückhielt und ihre gedrückte
und düstere Stimmung, welche sie nicht verleugnen konnte, als die
Folge eines vorübergehenden Unwohlseins angab, war während
dieser Vorträge wie umgewandelt; ihr Auge leuchtete stolz, wenn
es auf Georgine's blühender Gestalt ruhte, und ihre Züge strahlten,
je schöner und voller die glockenreinen Töne von Georgine's wunderbarem Mezzosopran zu ihrem Ohre drangen. Streifte ihr Blick
zufälliger Weise einmal Jane's unscheinbare Figur, welche in ihrer
Bescheidenheit eigentlich einen ziemlich dürftigen Eindruck machte,
so war nur Verachtung in ihren Mienen zu lesen. Sobald aber
Georgine's Stimme verstummte und Lord Rochester seine Aufmerksamkeiten einer anderen Dame zuwandte oder gar Janens Benehmen und Züge flüchtig aber scharf beobachtete, da fühlte sie sich
weniger siegesgewiß und konnte sich eines leisen Schauers und
einer bangen Ahnung für die Zukunft nicht ganz enthalten.
Länger als eine Stunde war musiziert und gesungen worden,
als Lord Francis darauf drang, daß man nunmehr an die Aufführung der lebenden Bilder gehen könnte, damit auch die Herren
und Damen ihren Teil zur Unterhaltung beizutragen vermöchten,
denen die Gabe des Gesanges nicht in so reichem Maße zu teil
geworden sei, als Lady Georgine.
Wohin diese Äußerung zielen sollte, fühlte Georgine recht
wohl, wußte sie doch, daß Francis ärgerlich auf sie war, so lange
Lord Rochester in ihrer Gesellschaft verkehrte und ihn durch seinenGeist
und seine Kühnheit zu verdrängen und zu verdunkeln gewußt hatte.
Ich dächte, meine Herrschaften, erwiderte sie, wir ließen die
Idee mit den Bildern fallen; es gehören dazu so viele Vorbereitungen und Hilfsmittel, daß für diejenigen Personen, welche
zufällig an der Ausführung eines Bildes nicht beteiligt sind, große
Langeweile entstehen würde.
Der Meinung bin ich durchaus nicht, entgegnete Francis
leicht, ich mache mich verbindlich, die Gesellschaft während der
Pause auf meine Kosten zu unterhalten, besonders wenn mir, wie
ich hoffen darf, Miß Eyre helfend zur Seite stehen wird. Werden
Sie, Miß Eyre?
Wenn meine Fähigkeiten und Kenntnisse ausreichen sollten,
antwortete Jane unbefangen, so stelle ich mich Ihnen vollkommen
zur Verfügung, obwohl ich mir nicht die Kraft zutraue, in einer
so glänzenden Gesellschaft erfolgreich reussieren zu können.
Seien Sie nicht an unrichtiger Stelle bescheiden, rief Lord
Rochester dazwischen, wenn es auf Talente und Kenntnisse ankommt, so sind Sie uns allen tüchtig überlegen. Darauf können
sie sich verlassen meine Herrschaften. Anfänglich war ich auch
gegen die lebenden Bilder eingenommen, da sie sehr zeitraubend
sind, jetzt aber, wo Lord Francis und Miß Eyre die Lücke auszufüllen übernehmen wollen, stimme ich völlig bei.
Wenn Sie auf die Bitte einer alten Frau einige Rücksicht
nehmen wollen, Lord Rochester, so möchte ich Sie ersuchen, daß
wir die Gesellschaft für jetzt aufheben und Damen wie Herren in
getrennten Kreisen verkehren lassen. Lord Clawdon sehnt sich nach
dem Genuß einer Cigarre in beschaulicher Ruhe, und auch ich
fühle ein klein wenig Erschöpfung.
Aber Mama, wie kannst Du nur so unhöflich sein gegen
unseren liebenswürdigen Wirt und seine hochgepriesene Gouvernante, die mehr Talente besitzt, als wir Alle hier! erwiderte
Georgine.
Ich bin eben nicht gesonnen, mich durch bis jetzt unbekannte
Talente aufregen zu lassen, nachdem ich so viel herrlicher musikalischer Genüsse teilhaftig geworden. Wir wollen uns das Unterhaltungstalent der Miß Eyre, da wir ja noch längere Zeit hier
weilen auf einen anderen Tag aufheben; es wird sich noch genug
Gelegenheit bieten, entgegnete Mistreß Reed.
Meine Gäste haben zu bestimmen, entschied Lord Rochester,
und es scheint mir, nach den Mienen der Herren besonders zu
schließen, als wenn Mistreß Reed für die Mehrheit spräche. Heben
wir demnach unsere gemeinschaftliche Sitzung auf und begnügen
wir uns, einfach auf einander angewiesen zu sein. Folgen Sie
mir, meine Herren.
Damen und Herren schieden sich in zwei Teile und suchten
verschiedene Gesellschaftszimmer auf. Jane nahm Adele an die Hand
und entfernte sich unbemerkt auf ihr Zimmer, um über so manche
Begebenheit der letzten ereignisreichen Tage nachdenken zu können.
Die nächsten Tage brachten ähnliche Ausflüge und Vergnügungen, und man mußte es eingestehen, Lord Rochester verstand sich meisterhaft darauf, seine Gesellschaft vortrefflich und in
abwechslungsreicher Weise zu unterhalten. Für den fünften Tag
ihrer Anwesenheit hatte man für die Unterhaltung der Gäste eine
Fahrt nach Millcote in Aussicht genommen und war bereits in den
Empfangszimmern gemeinschaftlich versammelt. Auch Jane hatte
sich nicht ausschließen dürfen, und selbst Adele, die sich durch
Georginens Schönheit angezogen fühlte, war die Teilnahme an
der Partie erlaubt worden. Georgine blätterte zu ihrer Unterhaltung in einem Album und hatte Adele zu ihren Füßen auf
einer Fußbank platz nehmen lassen, damit auch das junge
Mädchen die Bilder bequem betrachten konnte.
Dieses Album, welches die Wunder Indiens in Aquarellen
zeigt, enthält wohl nur Originale von Ihrer Hand, Lord Rochester?
fragte sie. Es ist wahrhaft entzückend.
Ich habe jede einzelne Ansicht nach der Natur aufgenommen,
Lady Georgine.
Ich kann es mir kaum erklären, wie Sie sich nach so langem
Aufenthalt in Indien wiederum an unsere kalte und nebelige
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Atmosphäre haben gewöhnen können. In jenen Zonen, habe ich
mir sagen lassen, fügte Georgine lächelnd hinzu, lebt, duftet,
blüht, glüht ja Alles, freilich hört man auch wieder sagen:
in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange, fuhr Georgine
in leichtem Geplauder fort.
Glauben Sie, Mylady, daß derartige Kreaturen nicht auch
bei uns vorhanden sind?
Wenigstens lauern sie bei uns nicht unter Blumen, Lord
Rochester.
Mistreß Reed, die sicher darauf gerechnet hatte, daß Rochester
ihre Georgine in kurzer Zeit zum Altar führen würde, hatte in
den letzten beiden Tagen auf das Bestimmteste bemerkt, daß zwischen
Rochester und Jane irgend ein tieferes Verständnis, ein geheimer
Zusammenhang bestehen müsse und diese dem Glücke ihrer Georgine
im Wege stehe, wartete auf eine günstige Gelegenheit, ihrer Nichte
zu schaden und Beleidigung auf Beleidigung zuzufügen.
Hinter Blumen, Lord Rochester, lauern bei uns in England
die Schlangen nicht, oft, ja sehr oft aber unter Büchern.
Von einer solchen Gattung, Mistreß Reed, habe ich noch nie
eine Ahnung gehabt, erwiderte Rochester und blickte sie mit forschendem Auge an.
In den Büchern über Naturgeschichte finden sich dieselben
natürlich nicht, im Leben, in Familien aber desto öfterer, entgegnete Georgine's Mutter scharf und finster; ja es giebt eine Art
Schlangen, die sich unbemerkt in große Häuser einschleichen, still
ihre Netze zu stricken wissen und sich so fest einnisten, daß man
sie schwerlich wieder zu entfernen vermag.
Und zu welcher menschlichen Gattung zählen Sie diese Reptilien? fragte Rochester leicht.
Zu der der Erzieherinnen und Gouvernanten, die um so verderbenbringender wirken, als sie ihr langsam zehrendes und tödliches Gift in die Herzen der ihnen anvertrauten Zöglinge tropfenweise niederzulegen Gelegenheit haben, antwortete Mistreß Reed.
Es entstand eine peinliche Pause in der Gesellschaft. Alle
blickten teilnehmend und erwartungsvoll nach Jane hin, welche
durch keine Bewegung, durch keine Miene ihr Inneres verriet,
und nur Lord Francis konnte sich nicht zurückhalten zu fragen:
Mistreß Reed haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst
wahrgenommen?
Wie soll ich das verstehen, Lord Francis? fuhr Mistreß Reed auf.
Nun, wenn man ein so hartes Urteil fällt, so denke ich,
darf man nur aus eigener persönlicher Erfahrung sprechen, antwortete Francis, ich wenigstens würde keinen solchen vernichtenden Ausspruch über eine notwendige Klasse von Menschen ohne
Prüfung zu fällen wagen.
Mama hat Recht, warf Georgine ein; man kann in der
Wahl von Erzieherinnen, denen man das Wohl und Wehe von
Kinderherzen anvertraut, nicht vorsichtig genug sein.
Nicht wahr, Onkel Rochester, ich habe eine gute und liebe
Gouvernante in Miß Eyre erhalten, die nichts mit einer Schlange
gemein hat? fragte Adele zuversichtlich.
-
gehabt, wie ich, Lady Clarens, weil Sie so schön und liebenswürdig geworden sind. Nicht wahr?
Aber Adele, rief Georgine unwirsch, Du zerdrückst mir ja
mit Deiner Unruhe meine kostbare Toilette - geh zu Deiner
Gouvernante, der kannst Du weniger Schaden thun.
Adele ging betroffen und verletzt zu Vane, welche sic sanft
liebkoste und streichelte.
Wo werden wir denn heute unsere Schritte hinlenken, Lord
Rochester? fragte Marie Ingram, um dem Gespräche eine andere
Wendung zu geben.
Lord Rochester, der während der letzten Wechselreden unablässig auf Jane geblickt hatte, überhörte diese Frage gänzlich und
gab erst auf eine Wiederholung derselben die Auskunft, daß es
seine Absicht gewesen sei, die Herrschaften nach Millcote zu führen,
wenn er nicht durch einen vor einer halben Stunde eingetroffenen
Brief aus London, der in dringender Weise an ihn gerichtet sei,
davon zurückgehalten würde. Lord Clawdon indessen, welcher in
Millcote ebenso genau bekannt sei, wie er, werde die Führung der
Gesellschaft übernehmen, die er im Laufe der ersten Nachmittagsstunden zurückerwarte.
Auch ich bitte mich zu entschuldigen, Lord Rochester, daß
ich nicht bei der Partie sein kann, erklärte Mistreß Reed, welche
von ihrer früheren Angst förmlich wieder gelähmt wurde, daß ihr
und ihrer Familie von Jane Eyre Unheil drohe; ich werde im
Hause zurückbleiben, ich glaube die Luft ist heute nicht so mild
wie an den beiden vergangenen Tagen.
Ganz nach Ihrem Wunsche, Mistreß Reed, erwiderte Rochester
- ich bitte sehr, sich ja keinen Zwang auferlegen zu wollen, wo
es sich nur um ein Vergnügen handeln soll.
So lassen Sie uns aufbrechen, meine Damen und Herren,
rief Georgine lachend und uns in die Fabriken von Millcote versenken. Vielleicht verfallen wir da auf industrielle Gedanken.
Ach welch' ein Mißgeschick; mein Schuhband hat sich gelöst. Adele
komm und thue Deine Pflicht.
Was wünschen Sie von mir, Lady Clarens? fragte Adele
verwundert.
Schnell, schnell, kleiner Hanswurst, binde mir mein Schuhband, befahl Georgine streng; wir wollen aufbrechen, und da gilt
es keine Zeit zu verlieren. Geschwind, Kind.
Nein, ich werde das nicht thun, antwortete Adele bestimmt.
Wirst Du gleich gehorchen, Adele- ich befehle es Dir!
gebot Rochester nachdrücklich.
Nein, lieber Onkel! Lady Clarens ist nur schön und nicht
gut - sie mag sich ihr Schuhband selbst zubinden- ich thue
es gewiß nicht.
Was soll das nun wieder bedeuten! fuhr Rochester heftig auf.
Ist das eine Art!
Es ist dies eine Erziehungsprobe der Miß Eyre, edler Lord,
sprach Mistreß Reed kalt.
Von welcher sie jedenfalls weder Gehorsam noch Demut
lernte, warf Georgine ein.
Adele ist seit wenigen Monden erst meinen Händen anvertraut, und Mistreß Reed haben in Ihrem Leben schon wohl manchmal die Erfahrung gemacht, daß eine in dem ersten Jugendalter
vernachlässigte Erziehung kaum erst in Jahren wieder gut gemacht
werden kann. Lady Clarens, fuhr Jane fort, üben Sie Nachsicht
gegen das Kind, und erlauben Sie mir, seinen Fehler gut zu
machen. Ich werde Adele für ihre Unart zu strafen wissen.
Sowie Jane sich niederbeugte, um ihren eben ausgesprochenen
Vorsatz auszuführen, machte Lord Rochester eine hastige Bewegung,
um sie zurückzuhalten, aber er zwang sich gewaltsam, kämpfte seine
mächtige Erregung mühsam nieder und ließ es ruhig geschehen, daß
seine Gouvernante der hochmütigen Lady den erwähnten Dienst leistete.
Sie sind sehr gefällig, stammelte Georgine überrascht; ich hätte
das gar nicht annehmen sollen. Lord Rochester, fuhr sie etwas
gesammelt weiter fort, das muß Ihnen aber jedermann einräumen, Sie
haben Ihre Hausschlange ganz vortrefflich abzurichten gewußt.
Geh auf Dein Zimmer, Adele, und erwarte mich dort, sagte
Jane zu ihrer Schülerin, die, ohne ein Wort der Widerrede, gesenkten Hauptes das Zimmer verließ.
Die Wagen stehen für die Herrschaften bereit! meldete der
am Fenster stehende Sam, welcher den ganzen widrigen Vorfall
mit angesehen hatte und rasch hinaus eilte, um ihn der übrigen
Dienerschaft zu verkünden. Der Aufbruch der Gäste erfolgte
jetzt plötzlich; sie verließen das Zimmer, sodaß nur Mistreß Reed
und Jane Eyre allein darin zurückgeblieben waren.
Langsam schritt die Erstere auf Jane zu, blickte sie durchdringend an und sagte mit bebender Stimme zu ihr: Jane Eyre,
ich muß Sie sprechen.
-
beschäftigt ist, erwarte ich Sie hier zu einer für uns Beide wichtigen Unterredung. Werden Sie sich einstellen?
-
sich auch Jane an, Adele nachzufolgen. Noch ehe sie sich aber
aus dem Gemache entfernt hatte, erschien Lord Rochester wieder
und schaute sie mit betroffener Miene an; er sah auch bewegter
und lebhafter aus wie gewöhnlich.
Sie sind noch im Zimmer, Miß Eyre? fragte er ziemlich
ärgerlich. Wollen Sie nicht an der Partie teilnehmen, auf welche
Sie sich nach Ihren eigenen Worten recht gefreut haben?
Ich kann es nicht leugnen, Herr, antwortete Jane. Ich habe
noch kein Fabriketablissement gesehen und mich deshalb gefreut,
aber ich bin zurückgeblieben, weil Adele hier bleiben muß; sie hat
durch ihre Widerspenstigkeit diese Strafe verdient- aber ich halte
es nicht für gut, wenn sich ein bestraftes Kind allein überlassen bleibt.
Und Sie glauben wohl, daß ich kein Recht habe, Ihre Dienste
für meine Gäste in Anspruch zu nehmen? fragte der Lord weiter.
Oder glauben Sie für dieselben schon genug gethan zu haben?
Ich weiß, Herr, daß ich für Adele nötig bin und bei Ihren
Gästen nicht einen Augenblick vermißt werde. Ich bitte daher mich
zu entschuldigen und zu entbinden.
So mag es sein, Miß Eyre! Was aber würden Sie
wohl sagen, wenn ich mich ganz unvermutet und plötzlich verheiratete?
Ich würde sagen, Herr, daß Sie recht thuen daran!
Und wäre Ihnen dies wirklich ganz gleichgültig, Miß?
Gleichgültig, Herr? O nein! Ich würde mich freuen, wenn
Sie recht glücklich würden.
So! Und das wäre Alles, was Sie mir darauf zu sagen
hätten, Miß Eyre.
Was sonst noch Herr?
In der That, sonst Nichts. Sie können zu Hause bleiben,
Miß Eyre, und zu Adele gehen.
Ich gehe, Herr!
Mit blitzenden Augen schaute der Lord der ruhig Davonschreitenden nach und murmelte für sich zwischen den Zähnen: Was
in dem Innern dieses Mädchens vorgeht, ist in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, und nur ein jäher Blitzstrahl kann
dieses Dunkel erhellen. Aber ich werde diesen Starrkopf noch
brechen, werde diese schweigsame Zunge zum Reden bringen, daß
ihr Herz offen vor mir liegen soll wie ein aufgeschlagenes Buch.
Rochester wurde in seinem Selbstgespräche durch die etwas
heftig hereinstürmende Mistreß Harleigh unterbrochen und rief ihr
launig entgegen: Sind die Pächter angekommen, Base?
Nein, Lord Rochester, aber ich stehe vor Ihnen und habe
mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen, und zwar ein paar recht
ernsthafte Worte, Mylord, rief Mistreß Harleigh aufgeregt.
Ei, ei! Base Judith, nur nicht so wichtig - es ist doch
nicht weit her was Sie zu melden haben, und ich habe nötigeres
zu thun, als auf Ihr Geschwätz zu hören.
Das möchte ich doch wohl bezweifeln, Lord Rochester! Wollen
Sie mich hören.
Nun, so muß ich ja wohl, Base Judith.
Es ist Ihnen bekannt, Lord Rochester, daß ich niemals versucht habe, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen oder Ihnen
Ratschläge zu geben, aber wenn ich jetzt gezwungen bin, mir Beides
zu erlauben, so werden Sie auch denken können, daß mich nur
wichtiges hierzu bestimmen muß. Hören Sie mich darum ruhig
an. Als Sie nach Ihres seligen Bruders Tode die Herrschaft
übernahmen und bald darauf anordneten, daß auf Thornfield, wo
ich die Wirtschaftsangelegenheiten zu besorgen hatte, einige Zimmer
im Turme für einen Gast in Bereitschaft gesetzt werden sollten,
und als Sie dann mitten in einer finsteren Nacht eine tief verschleierte Dame in das Haus führten, und den Befehl gaben,
der Wärterin derselben, jener Gratia Poole, in allem zu willfahren und sie sonst ruhig gewähren zu lassen, so habe ich stets
blindlings Folge geleistet und nie eine Frage der Neugierde oder
des Wissensmögens über meine Lippen gebracht. Ihr Wort, mich
um die Anwesenheit der Fremden nie zu kümmern und sie keinem
Menschen zu verraten, mich auch niemals nach ihrer Vergangenheit erkundigen zu wollen, war mir teuer und heilig- ich hätte
meine eigenen Interessen nicht besser vertreten können. War es
nicht so, Lord Rochester?
Base Judith, Sie thaten stets Ihre Pflicht, bestätigte der Lord.
Ich habe niemals gemurrt über den Mangel an Vertrauen,
welches ich als eine Verwandte des Hauses Rochester wohl hätte
beanspruchen können. Wie oft wurde ich in der Nacht gestört
durch jenes gellende wahnwitzige Lachen, das jedermann Schauder
erweckt, und was hatte ich zu jeder Tagesstunde Not und Sorge,
die neugierige Dienerschaft in respektvoller Entfernung zu halten
- niemals habe ich den Mund zu einer Klage geöffnet, immer
zum Frieden geredet und die Lästerzungen zu widerlegen gestrebt.
Jetzt aber thuen Sie plötzlich, als berge Thornfield gar kein Geheimniß, als wollten Sie die Fremde wieder in Gesellschaft einführen und bringen eine Schar von Gästen in das Schloß.
Es ging nicht anders, Base, entgegnete der Lord; ich mußte
der Umgegend dieses Schlosses wieder einmal zeigen, daß ich hier
leben und Besuch empfangen kann, wollte ich nicht selbst dem Gerüchte Nahrung geben, das leise aber ununterbrochen durch die
Grafschaft schleicht und sich nicht mehr beruhigen lassen will, ich
hielte meine Frau gefangen.
Bald wird man es sich auf allen Wegen und Stegen erzählen, bald werden es die Vögel auf den Dächern zu pfeifen
wissen, wer im Turme steckt. In der vergangenen Nacht hörte
Gratia Geräusch vor der Thüre des Turmes; sie öffnete natürlich
die Thüre und findet einen baumlangen Menschen, einen Diener
Lord Clawdons, daselbst, der wohl schon die ganze Nacht da gelegen
hatte, um zu spionieren. Der Diener nahm vor Gratia Reißaus;
an diesem Morgen aber, als Gratia ihr Frühstück aus der Küche
holte, vernahm sie aus dem Munde der fremden Dienerschaft
Vermutungen, die ich vor Ihnen nicht wiederholen möchte. Das
mußte ich Ihnen mitteilen, Lord Rochester, damit es einstens nicht
heißen kann, ich hätte Ihr Geheimnis ausgeplaudert, während Sie
die Schuld daran ganz allein selbst tragen.
Das werde ich Ihnen nie zum Vorwurf machen können,
denn wie wollen Sie, Base Judith, mein Geheimnis verraten, das
Sie ja gar nicht kennen. Beruhigen Sie sich, ich weiß ja, daß
Sie treu sind wie reines Gold, daß mein Haus gut verwaltet
wird, und Sie wissen auch, daß ich nicht undankbar zu sein pflege.
O ja, das sind Sie, Lord Rochester. Sie sind reich und
denken, mit Gold sei Alles wieder ausgeglichen- aber das trifft
nicht bei allen Menschen zu, und bei mir auch nicht. Ich sehnte
mich schon lange in meinem Alter nach einem Herzen, das mit
mir empfindet, mit mir übereinstimmt und meine einsamen Tage
erheitert. Ich hatte ein solches Herz gefunden, als Jane Eyre
in diese öden freudlosen Hallen eingezogen war ich lebte ordentlich
wieder auf. Nun aber legen Sie es ordentlich gewaltsam darauf
an, daß ich wieder allein und verlassen leben soll.
Was soll ich unter diesen Worten verstehen, Base Judith?
Sie vertreiben Miß Eyre durch Ihr rücksichtsloses Benehmen
aus Ihren Diensten.
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Was bilden Sie sich ein, Muhme. Ich denke durchaus nicht
daran, Jane zu vertreiben.
Das glaube ich wohl, aber das junge Mädchen wird keine
Lust haben, länger in einem Hause zu weilen, wo sie erniedrigt,
herabgewürdigt wird. Sie scheidet von uns.
Das wird sie nicht wagen, Base Judith.
Nicht wagen, Lord Rochester, nicht wagen! Die wagt mehr
als das - sie hat einen Charakter von Eisen und kann keine
Erniedrigung, weil ihre Seele zart und empfindungsvoll ist, vor
Menschen ertragen. Sam, der boshafte Mensch, hat mir voller
Schadenfreude erzählt, daß Sie, als Adele mit Recht sich weigerte,
dieser hochmütigen und dürftigen Lady Clarens das aufgegangene
Schuhband wieder zuzubinden, es ruhig gelitten haben, daß Miß
Eyre an des Kindes Stelle sich herbeiließ, jener diesen Kammermädchen-Dienst zu erweisen.
Sie mußte Adelens Fehler wieder gut machen, wollte sie ihr
Ansehen und ihre Stellung als Erzieherin vor meinen Gästen
nicht vollständig preisgeben. Das war nötig.
Nötig war, Adele einen kleinen Verweis zu erteilen und der
Lady auf gute Manier verständlich zu machen, sich um ihre Schuhbänder für die Folge besser zu bekümmern. Verstanden?
Es ist brav von Ihnen, Muhme, daß Sie so edel denken;
ich aber muß so handeln, wie ich es gethan habe. Miß Eyre
muß sich beugen lernen - ihr Stolz ist ein krankhafter.
Sie haben das junge Mädchen bereits mehr als gebeugt,
Lord Rochester, Sie haben Jane Eyre gebrochen durch Ihre Kälte,
Ihre Hartherzigkeit. Als sie so eben leichenblaß und mit wankenden
Schritten an mir vorüber kam, versuchte ich sie mit einigen liebreichen Worten zu trösten, aber sie sah mich nicht und hörte
mich nicht, starr blickte sie vor sich nieder und unaufhörlich perlten
die Thränen hernieder auf ihre Hände, welche sie krampfhaft auf
die Brust gepreßt hielt. Jane Eyre kann das Leben in diesem
A?
Hause, wie Sie es ihr bereiten, nicht lange Zeit mehr ertragen,
und ehe wir es uns versehen, wird sie still. verschwunden sein.
Ich bitte Sie, Lord Rochester, um Adelens, um meinetwillen, halten
Sie das brave und edle Mädchen zurück.
Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig erfüllt, Base?
Sie können glauben, Jane Eyre habe mir einen Auftrag zu
diesen Vorstellungen gegeben, und ich hätte mir einen solchen erteilen lassen. O wie falsch und unwürdig beurteilen Sie das
reine Herz dieses herrlichen Mädchens! Ich kann Sie nur beklagen, Lord Rochester, daß Sie das Verständnis für die Unschuld und Lauterkeit ihrer Gesinnungen verloren haben. Jane
Eyre geht, muß gehen, wie ich sie kennen gelernt habe. Lassen
Sie sie gehen! Dieses unselige Haus ist kein Aufenthalt für
reine Geister! So, nun mögen Sie mich auch fortschicken; ich
gehe wirklich gern, wenn die Tugend auf so unverdiente Weise
aus dem Hause gestoßen wird. Einen Dienst aber will ich dem
armen Kinde noch erweisen - es weint um Sie, Lord Rochester,
den es gleichsam wie ein höheres Wesen verehrt; ich aber, wenn
ich auch blindlings gehorche, bin durchaus nicht blind, werde Jane
Eyre die Augen öffnen und ihr sagen, daß ich Lord Rochester ihrer
Thränen nicht für würdig halte. Das wird ihr den Abschied erleichtern.
Thun Sie, Base, was Sie verantworten können und für
nötig halten. Doch halt, da höre ich meine Pächter nahen; wir
müssen unser Gespräch für jetzt beendigen.
Rochester entfernte sich und Mistreß Harleigh mußte ebenfalls
gehen, da sie mit den Vorbereitungen zum Mittagsmahle noch
ziemlich weit im Rückstande war.
Dreizehntes Kapitel.
Als Jane in Adele's Zimmer trat, fand sie zu ihrer Verwunderung letztere noch nicht anwesend, obwohl sie ihr doch befohlen hatte, sich dorthin zu begeben. Aber es dauerte nur wenige
Minuten, so kam sie hastig nd angstvoll hereingestürzt und rief:
Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Sei ruhig, Adele, antwortete auf diesen Ausbruch der Angst
Jane besonnen. Hatte ich Dir nicht aufgetragen auf Dein Zimmer
zu gehen?
Gewiß! Seien Sie nicht böse, bat das noch immer zitternde
Mädchen. Sam hielt mich ab, sogleich hierher zu gehen; ich mußte
mit ihm in die Unterstube gehen und sollte ihm erzählen, was
Sie, Miß Jane trieben, wenn Sie allein wären und mir keinen
Unterricht erteilten, und als ich mich weigerte, ihm Antwort zu
geben, drohte er mir und sagte: Onkel Rowland wolle mich in
den Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte. Da
faßte er mich am Arme und wollte mich fortschleppen; ich aber
entfloh vor ihm.
Sam ist kein böser Mensch, Adele, antwortete Jane dem Mädchen.
Er drohte Dir nur- weshalb sollte Dich der Lord wohl einsperren lassen und noch dazu in den Turm.
Sir Francis Diener sagte aber auch: der Lord sperre alle
Leute, die ihm zuwider seien und nicht gehorcht hätten, in den
Turm, wie seine eigene Lady, seine Gattin.
Wie? Wen nannte der Diener? fragte Jane heftig zusammenfahrend und erblassend.
Seine Lady, berichtete Adele. Das wisse jedermann in der
Grafschaft, sagte er, daß Onkel Rowland in dem Turme seine
Gemahlin gefangen halte und vor Niemand sehen lasse.
Das ist eine Unwahrheit, Adele! rief Jane entrüstet. Sage
dies niemals wieder. So und nun beschäftige Dich mit Deinem
Rosenstrauche, an welchem Du seit einigen Tagen auch nicht einen
Bleistiftstrich mehr gethan hast. Mistreß Reed hat mich um
eine Unterredung gebeten, und ich will diese Dame nicht gern
warten lassen, möchte Dich aber zuvor mit einer nützlichen Beschäftigung verfehen wissen. Nimm Deine Zeichnung, Adele.
Gleich, Miß Jane! Aber Mistreß scheint keine gute
Dame zu sein, bemerkte Adele; ich möchte sie nicht stets um mich
haben, sie schaut immer so kalt, so spöttisch-
Adele, Du sollst nicht ungünstig über die Menschen sprechen,
welche Du nicht genauer kennen gelernt hast - ich habe Dir das
mehrmals sagen müssen, und immer thust Du es wieder.
Nicht böse sein, Miß Jane- aber ich kann nicht dafür -
ich muß Ihnen sagen, was ich denke - aber nun Miß, gehen
Sie auch und kommen Sie recht bald wieder zu mir zurück.
Als Jane das Empfangszimmer betrat, fand sie Mistreß
Reed bereits anwesend und sie erwartend. Auf den Zügen der
bedeutend gealterten Frau konnte Jane es deutlich erkennen, wie
schwer es ihrer Tante geworden sein mochte, sie um eine Unterredung zu bitten, aber ebenso deutlich las sie es wieder heraus,
daß der Inhalt dieser Unterredung für ihr eigenes Schicksal ein
sicherlich folgenschwerer sein und ein Opfer ihrerseits erheischen
werde. Jane war indessen fest entschlossen alle Kraft aufzubieten,
um sich nicht überraschen und besiegen zu lassen. Mit einem
raschen Blick hatte sie ihre und Mistreß Reed's Lage überschaut,
und wenn sie auch anfänglich auf eine Anrede zu warten entschlossen war, so stand sie doch sehr bald von ihrem Vorsatze ab,
da sie bemerkte, wie schwer es ihrer Tante fiel, einen geeigneten
Eingang für die zu erwartenden Verhandlungen zu finden.
Mistreß Reed haben befohlen, begann Jane daher nach
einigem Zögern, während dessen sie nahe am Eingange der Thüre
steh en geblieben war und vor sich niederschaute.
Diese unerwartete Anrede gab der kalten, stolzen Frau ihre
Fassung wieder und mit einer unverkennbaren Härte im Tone sprach
sie: Treten Sie näher, Miß Eyre. Wir wollen uns offen gegenübertreten und uns Auge in Auge schauen. Heuchelei ist uns
Beiden fremd; wir haben uns von jeher gehaßt und werden uns
hassen, so lange wir atmen und uns auf dieser Erde wieder begegnen. Ich will Klarheit schaffen zwischen uns, und Ihr Haß soll
die Genugthuung haben, über mich zu triumphieren und von Ihnen
etwas zu verlangen, zu fordern.
Sie haben mich von jeher gehaßt, Mistreß Reed, und werden
diesen Haß gegen mich niemals unterdrücken, leider niemals doch täuschen Sie sich, wenn Sie glauben, auch mein Haß besitze
eine solche Stärke, um ein ganzes Leben auszuhalten. Sie sind
eine Dame von Charakter und halten fest an Ihren Grundsätzen,
ihren Vorurteilen, selbst wenn Sie sich im Laufe der Zeit sich von
deren Unhaltbarkeit überzeugt hätten -ich aber war damals so jung -
Jane Eyre, Sie sind dieselbe geblieben, fuhr Mistreß Reed
auf, die Sie waren - Sie sind zwar älter geworden, aber Sie
tragen noch immer dieselben bleichen und scheuen Züge des eigensinnigen, unheimlichen Wesens, das nie ein Kind war und das
nur verstand, das Herz und die Liebe meines verewigten Gatten
zu meinem und meiner Kinder Nachteil zu bethören und zu bestricken. Wenn ich Ihr Antlitz sehe, Jane Eyre, so steigt die
ganze entsetzliche Zeit, die ich qualvoll durchlebt habe, wieder vor
meinem Geiste, und zeigt mir die Leiden meiner Kinder, die
Qualen meiner Seele! O hätte Reed gewußt, welche entsetzliche
Last er mir mit Dir, mit Deiner Erziehung aufgebürdet hat, er
würde Dich wem anders anvertraut haben! Tag um Tag, Stunde
für Stunde peinigte mich Dein unbegreifliches Wesen, Dein stiller
Trotz, Dein vorwurfsvoller Blick! Ach wie frei und leicht atmete
ich auf, als Du aus meinem Hause hinaus, hinweg aus meinem
Auge warst! Und jetzt stehst Du wieder vor mir, bist vor mir
aufgestiegen wie ein Gespenst, das unheilvoll mir entgegen starrt,
Du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht,
Du, die mein reines Gewissen mit furchtbaren Qualen belastet hat.
Ich habe Ihr Gewissen belastet, Mistreß Reed?
Ja Du! Du allein! Mein gebrochener Eid lastet auf meiner
Seele- und darum muß ich Dich in alle Ewigkeit hassen, darum
können wir Beide nicht zusammen leben, nicht zusammen eine
Luft atmen, unter einem Dache wohnen. Jane Eyre, höre es
und freue Dich, die reiche Mistreß Reed ist arm, sehr arm geworden.
O mein Gott, wie ist dies möglich gewesen, Mistreß Reed?
Mein lieber John brauchte zu seiner Ausbildung, zu seiner
Carriere viel, sehr viel Geld; ich verkaufte Gateshead; ich wohnte
auf Clarenshause bei Georgine- John brauchte Alles, und ich
besize nichts mehr, und John braucht jetzt noch Geld.
O John ist ein schlechter Sohn, ein schlechter Bruder.
Er ist mein lieber Sohn; man hat in London viel Geld zum
Leben nötig - ich gab ihm Alles, ich konnte ihn doch nicht
darben lassen. Auf Georgine steht nun noch meine letzte Hoffnung: Ihr Gatte starb und hinterließ ihr nur ein kleines Vermögen, das täglich mehr und mehr schwindet. Zu unserem Glück
lernten wir vor wenigen Wochen Lord Rochester kennen, der
Georginen lebhaft auszeichnete und sie demnächst heiraten wird.
Ich werde dann hier wohnen und da kannst und darfst Du
nicht hier bleiben.
Gleich im ersten Augenblick unseres jetzigen Zusammentreffens
sah ich ein, daß meines Bleibens auf Thornfield nicht lange sein
würde, aber daß wiederum Sie es sind, Mistreß Reed, welche
mich aus diesem gefundenen Daheim vertreibt, daß die acht von
mir in Lowood verlebten Jahre Ihren Groll und Haß noch nicht
getilgt haben, daß Sie es sind, welche mich jetzt zum zweiten Male
als arme Waise hilflos in die fremde Welt stößt, das ist hart,
das ist ein Schicksal, das ich nicht verdient zu haben glaube.
Du bist nicht arm, nicht hilflos, bist reicher als ich,
sobald Du nur willst?
Was sagen Sie, Mistreß Reeb?
Während Mistreß Reed ihre Kräfte sammelte zu der jetzt
folgenden Mitteilung und Jane gespannt lauschte, was sie erfahren
würde, öffnete sich geräuschlos eine Seitenthüre, in welcher Lord
Rochester erschien und verwundert stehen blieb, ohne nur eine
Silbe zu äußern. Man hatte ihn nicht bemerkt, und so zog er
sich auch unbemerkt zurück, ohne aber seinen Standpunkt aufzugeben, vielmehr wollte er Zeuge dieser Unterredung sein.
Du warst schon zwei Jahre in Lowood, begann Mistreß Reed
mühsam - da langte eines Tages ein Brief an meinen verstorbenen Gatten aus Madeira an- ich öffnete denselben- er
war von Tybald Eyre, Deines Vaters Bruder und unter meines
Gatten Namen an Deine Mutter oder Dich gerichtet; er schrieb
darin , daß er seiner Zeit Eure Ankunft nicht habe erwarten
können, sondern eine größere Reise habe antreten müssen, auf
welcher er in Gefangenschaft geraten sei und in dieser mehrere
Jahre hindurch geschmachtet habe. Er sei zunächst unbesorgt um
Euer Schicksal gewesen, da er Euch in den Händen seiner rechtschaffenen Haushälterin gut aufgehoben gewußt habe. Als er aber
in Freiheit gekommen sei und an die Adresse seiner Haushälterin
geschrieben habe, sei er ohne Nachricht geblieben und auf eine
Anfrage bei der Ortsbehörde, habe er die Nachricht ihres Todes
erhalten. Jetzt nun wende er sich an meinen Gatten, seinen
Schwager, ob dieser ihm vielleicht Auskunft über das Verbleiben
seiner Anverwandten geben könne. Er verlangte Euch förmlich
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von uns, da er durch besondere Glücksumstände reich geworden
sei und er Deine Mutter und Dich zu seinen Erben einsetzen wolle.
Und warum erfuhr ich nie ein Wort von diesem Briefe? Er
hätte mir viel bitteres Weh und Ihnen diese Stunde ersparen
können, Mistreß Reed?
Weil ich den Gedanken nicht fassen konnte, Dich in Reichtum und Glück leben zu wissen, während mein Vermögen durch
Johns wachsende Bedürfnisse täglich geringer wurde und auch
Georgine durch ihre Verschwendungssucht die Hinterlassenschaft
ihres Gatten in kurzer Zeit vergeudete. Weil ich die Schmach
Dir nicht vergeben konnte, mit welcher Du mich vor Mister
Blackhurst und meinem Bruder überhäuftest, weil ich es nicht
vergessen konnte, daß Du sagtest: ,Du verabscheutest nichts so sehr
auf dieser Welt, als diese Frau und ihre bösen Kinder!' darum
konnte ich Dir nicht verzeihen, darum mußte ich Dich hassen -
und darum belastete ich mein Gewissen!
Längst habe ich vergessen, Mistreß Reed, was Sie mir angethan haben- ich weiß es jetzt- ich war ganz gewiß ein
böses Kind - aber ich bin durch Ihre Hand dafür auch bestraft
worden- versuchen auch Sie jetzt zu vergessen.
Ich will zu vergessen suchen, Jane Eyre, aber nur, wenn
Du gehst, wenn ich die Gewißheit erhalte, daß unsere Wege sich
nie wieder kreuzen werden.
Hastige Schritte wurden auf dem Vorsaale vernehmbar und
Mistreß Harleigh hörte man deutlich sagen: Mein Herr, Mistreß
Reed ist in diesem Zimmer; wenn Sie nur gefälligst eintreten
wollen, können Sie dieselbe gleich sprechen.
Die Thüre des Empfangzimmers wurde rasch geöffnet und
herein trat Henry. Whitfield, Sarah Reed's Bruder, den wir bereits auf Gateshead kennen gelernt haben und der hastig auf seine
Schwester loseilte, aber betroffen zurückwich, als er sie in Gesellschaft einer ihm fremden Dame antraf.
Henry! rief Sarah Reed erschrocken aus, Du bringst mir
unheilvolle Nachricht!
Sarah! erwiderte der Eingetroffene bebend - ich fürchte
es - aber wir sind nicht allein - meine Kunde eignet sich nicht
für fremde Ohren, und sie ist dringend.
Rede! fuhr Sarah hastig fort; wir sind nicht Fremde hier,
wir sind Verwandte.
Wer ist diese junge, mir völlig unbekannte Dame? fragte
Whitfield unsicher.
Nicht unbekannt, Onkel Whitfield, erwiderte Jane. Erinnern
Sie sich des kleinen bösen Mädchens, das man in Onkel Reeds Hause
Jane Eyre nannte und auferzog.
Jane Eyre, Sie? Ach, wahrhaftig! rief Whitfield freudig
aus, und mit Dir zusammen in traulichem Gespräch. Sarah!
Ihr habt Euch wiedergefunden und versöhnt?
Nichts von Versöhnung, Henry! antwortete Mistreß Reed
dumpf - neuer Haß und neuer Streit. Aber Du kommst von
unserer Wohnung. Hast Du Briefe von John?
Nicht von ihm direkt, aber aus seiner unmittelbaren Umgebung, Sarah. Ich hätte Dich gern erst zurückkehren lassen und
Deine Zerstreuungen hier nicht unterbrochen - aber die Zeit
drängt; ich konnte es nicht weiter hinausschieben, Du mußt Alles
erfahren, vielleicht ist das Ärgste abzuwenden und noch Rettung
möglich.
Rettung! Rettung! stieß Sarah Reed zurücktaumelnd aus.
Sarah, Sarah, warum bliebst Du stets taub gegen meine
dringenden Warnungen? Warum legtest Du den Ausschweifungen
dieses Verschwenders keinen Zügel an? Warum ließest Du ihn
blindlings in sein Verderben stürzen und Dich mit in seinen Abgrund ziehen? So höre denn - Dein John ist flüchtig geworden,
nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht und in Umlauf
gesetzt hat. Diese Wechsel müssen in den nächsten Wochen eingelöst werden, wenn unser alter ehrlicher Name dem Pranger nicht
rettungslos überliefert werden soll.
O mein Gott, o mein Gott! stammelte Mistreß Reed zusammenbrechend; sie wäre zu Boden gesunken, wenn Jane sie nicht
in ihren Armen aufgefangen und mit Hilfe ihres Onkels auf das
Sopha niedergelassen hätte; eine tiefe Ohnmacht hielt sie umfangen.
Jane's edles Herz brach hier siegreich hindurch und vergaß
in diesem Augenblick Alles, was zwischen ihr und der gegenwärtig
so hilflos vor ihr zusammengesunkenen Frau vorgefallen war.
Tante Reed! jammerte sie; fassen Sie sich- Tante Reed, hören
Sie mich- noch ist ja nichts verloren, noch wird ja zu helfen
sein, Lord Rochester.
Die Ärmste weiß ja das Schlimmste noch nicht, flüsterte
Whitfield Jane zu; es ist nämlich mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen, daß John seinem Leben freiwillig durch einen Sprung
in die Themse ein Ende gemacht hat und aufgefunden ist.
Barmherziger Gott! flüsterte Jane und faltete die Hände
zum Gebet.
Gerechter Gott, müssen Sie sagen, Jane; meine Schwester
büßt jetzt, was sie Schweres gegen Sie verbrochen hat, als Sie
noch ein hilfloses Kind waren.
O sagen Sie das nicht, Onkel Whitfield. Ihr Haß, ihre
Abneigung gegen mich war eineSchwäche ihres gekränkten Charakters,
die durch Onkel Reeds übergroße Liebe zu mir hervorgerufen war
und welche sie nicht die Kraft hatte zu besiegen.
Ah, sie bewegt sich, sie schlägt die Augen auf - rief Whitfield leise.
Sie kommt zum Bewußtsein! Sie lebt! Tante Reed, wie
befinden Sie sich?
Du nennst mich Tante, Jane? - Du hast einst geschworen,
diesen Namen nie wieder über Deine Lippen bringen zu wollen!
Ich war ein böses, wildes Kind; ich wußte nicht was ich
Die Waise von Lowood.
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that, wußte nicht, wie undankbar ich damals gegen Sie war,
flehte Jane. Verzeihen Sie mir Tante Reed, daß ich Ihr schönes
Familienleben gestört, Ihre Ruhe getrübt, Ihr Gewissen belastet
habe. Verzeihen Sie mir.
Ich hatte meinem Gatten gelobt, Dich wie meine Kinder zu
halten, aber ich habe Dir die Lehrer meiner Kinder entzogen;
ich wollte Dich ungebildet und verwildert aufwachsen lassen - ich
habe Dich in die ungesunde Lowoodstiftung bringen lassen - ich
habe Dir nichts zu verzeihen - es war ein Unglück für uns
Beide, daß Du geboren wurdest.
Sarah, überlasse Dich nicht solchen zwecklosen Betrachtungen
und sammle Deine Geistesgegenwart, sprach Whitfield, wir müssen
handeln, handeln, und nicht reden.
Meine Pulse jagen, mein Kopf fiebert, meine Adern drohen
zu springen- es ist etwas ganz Entsetzliches geschehen! rief
Mistreß Reed fast außer sich. John war mein Liebstes, mein
Teuerstes auf der Welt! und er konnte mich so elend machen!
Er ist tot!
Tante Reed, Ihnen bleibt ja eine Tochter- Sie haben
Ihre Georgine noch.
Ja, Ja! Sie soll und muß glücklich und reich werden-
Sie wird den Lord heiraten und Alles wird wieder in das richtige
Geleise kommen. Darum mußt Du fort, Jane.
Wohin soll denn Vane, Sarah? fragte Whitfield betroffen.
Jane ist Erzieherin im Hause des Lord Rochester - der
Lord liebt Georgine und wirbt um ihre Hand- aber zwischen
dem Lord und Jane Eyre besteht, ich ahne es, ein geheimnisvolles Zauberband, das den Bund zwischen ihm und Georgine
zerreißt, wenn Jane noch längere Zeit in diesem Hause weilt und
Ihr stilles Wesen treibt.
Aber wohin soll Jane gehen, Sarah? Willst Du sie wieder
allein in die Welt hinaus stoßen und zu Deinem alten Unrecht
noch ein neues schwereres hinzufügen?
Jane Eyre steht nicht allein und einsam- ihr Onkel lebt
in Madeira, ist reich und angesehen und fordert sie von mir.
Hier sind Briefe von ihm, die ihr gehören. Hier nimm sie,
Jane, und geh und befreie mich von Deinem mir so unheilvollen
Anblicke.
Gut, Tante Reed, ich nehme diese Briefe und werde von
hinnen gehn, aber nur mit Lord Rochester's Zustimmung. Er
ist stets ein gütiger Herr gegen mich gewesen, - er wird bestimmt auch hier meinem Wunsche und dem Wohle meiner Zukunft nichts entgegenstellen.
Und wann gedenkst Du zu gehen, Jane?
Sobald als möglich! Ich werde heute noch oder morgen,
sowie sich die Gelegenheit bietet, mit ihm sprechen und um meine
sofortige Entlassung bitten. Adele kann er ja einem Institute
übergeben. Dort ist sie gut aufgehoben für die Folge.
So sei es und nun lebe wohl, Jane. Hoffentlich sehen wir
uns im Leben nun nicht wieder. Wenn Du in Madeira glücklich
angekommen bist, kannst Du mir Nachricht von Dir zukommen
lassen. - Henry, ich bitte um Deinen Arm; Du mußt mich nach
meinem Zimmer führen- ich bedarf dringend einer Stunde Erholung und Ruhe.
Als Beide das Zimmer verlassen hatten, war Jane's Kraft
erschöpft und willen-, wenn auch nicht bewußtlos, brach sie auf
einem Stuhle zusammen und barg ihr Gesicht in ihren Händen.
Sie sollte von Lord Rochester verlangen, daß er sie aus seinen
Diensten entlasse, aus seinem Hause entferne! Und wohin wollte
sie? Zu einer verwandten und nach ihr verlangenden Seele zwar,
aber weit hin über das Meer in unbekannte Verhältnisse, unter
wildfremden Menschen, welche nicht einmal die Sprache ihrer
Heimat redeten? Sei es, sie wollte dieses Opfer bringen, um
ihren Verwandten nicht hindernd im Wege zu sein, und wenn es
ihr auch das Herz brechen sollte. Wenn diese Verwandten auch
hart und grausam gegen sie gewesen- sie dankte ihnen doch
Alles, was sie gelernt hatte, was sie besaß! Sie war entschlossen
- auch dieser Kampf noch sollte durchgekämpft werden- vielleicht folgte dann Ruhe und Frieden für sie, aber trotz dieses
mutigen und festen Entschlusses schlug ihr Herz zaghaft und flossen
die Thränen reichlich die blassen Wangen hinab.
Mistreß Harleigh's Eintritt störte Janens düstere Betrachtungen.
Adele, begann die würdige Dame, sagte mir, daß Sie eine
Unterredung mit Mistreß Reed hätten, und da Letztere sich bereits
auf ihr Zimmer zurückzog, so suchte ich Sie hier auf - aber
mein Gott, was haben Sie? Sie schwimmen ja wieder in Thränen!
So ist es der Lord nicht allein, der Sie kränkt. Bitte, sagen
Sie mir, was haben Sie mit dieser Frau zu schaffen, die jedenfalls, wenn die Leute Recht haben, des Herrn Schwiegermutter
und hier wohnen wird.
Diese Frau, Mistreß Harleigh, - verzeihen Sie mir, wenn
ich Ihnen erst jetzt diese Mitteilung anvertrauen, antwortete Jane
sich fassend, ist meine Tante, die mich in Lowood hat erziehen
lassen und dafür verlangt, daß ich von hier scheiden soll, damit
sie und ihre Tochter hier ungestört leben kann. Will ich nicht
undankbar sein, so muß ich gehen und ich werde gehen. Aber
darin irren Sie, wenn Sie glauben, Lord Rochester kränke
mich; er ist mein Herr und verlangt nicht mehr von mir, als
meine Pflicht.
Sie wollen mich und uns verlassen um dieser Frau willen,
um ihrer Tante willen, die Sie in diese Strafanstalt, wie das
Waisenhaus von Lowood allgemein genannt wird, gebracht hat?
- Das glaube ich Ihnen nicht, und ich kenne Sie auch besser,
als daß Sie dieser Grund allein bestimmen sollte. Sie gehen,
weil Lord Rochester Sie von dieser Lady Clarens so hochmütig
behandeln läßt und immer thut, als wenn Sie gar nicht auf
der Welt wären.
Wie kommen Sie auf solch einen Gedanken, Mistreß Harleigh!
Lord Rochester behandelt mich oft wie Seinesgleichen, und wenn
er sich auch manchmal rauher und ungehaltener ausspricht, als es
gewöhnlich seine Art ist, so weiß ich schon, wie ich das als Untergebene zu nehmen habe.
Lord Rochester ist nicht der edle Mensch, für welchen Sie
ihn halten. Ich sagte Ihnen mehrfach, das schreckliche Lachen,
das Sie wie mich und Alle hier im Hause so oft geschreckt und
geängstigt hat, rühre von Gratia Poole her, aber dem ist nicht so
- im Turme steckt eine arme Wahnsinnige, welche der Lord
plötzlich eines Nachts hierher gebracht und verborgen hält- Gratia
Poole ist nur die Wärterin des wahnsinnigen Weibes.
Ich weiß das, Mistreß Harleigh- Lord Rochester hat mir
dies selbst anvertraut, als mich der Zufall einmal gesprächsweise
darauf brachte- es ist seines Bruders Gattin.
Das hat Ihnen Lord Rochester selbst anvertraut und mir,
seiner nächsten Verwandten, sagte er nie ein Wort davon? Und
trotzdem behandelt er Sie mitunter so rücksichtslos! Das begreife,
wer es kann; für meinen alten Kopf ist es zu schwer verständlich.
Ja wenn er mir es nicht selbst anvertraut hätte, Mistreß
Harleigh, ich würde unsern Herrn niemals einer unedlen Handlung
für fähig halten; sein Charakter ist edler Natur.
Aber Kindchen, wenn Sie von uns fortgehen wollen, wo gedenken Sie sich hinzuwenden? Haben Sie schon eine Aussicht
zu einem Unterkommen? Geradezu in die Welt können Sie doch
nicht ziehen, und das wird auch der Lord nicht dulden, wenn er
Sie überhaupt gehen läßt.
Seien Sie meinetwegen unbesorgt, Mistreß Harleigh; meine
neue Stellung ist schon gefunden! Meiner Mutter Bruder, der
auf der Insel Madeira lebt, hat nach mir verlangt, und ich
werde seinem Verlangen Folge leisten und mich zu ihm begeben.
Auf eine Insel, Kindchen, da müssen Sie ja über's Meer.
Das würde ich nicht thun; ich will. Ihnen behilflich sein zu einem
anderen Unterkommen. In Hay Lome habe ich eine Verwandte,
bei welcher Sie bleiben können, bis Sie in England eine andere
Stelle als Erzieherin gefunden haben, ja auch der Lord wird
Ihnen hierbei dienlich sein können.
Mistreß Harleigh, Sie überhäufen mich mit Ihrer Güte,
aber ich möchte einen Ort haben, an dem man mich gern sieht
und an welchem ich für immer bleiben kann, und einen solchen
hoffe ich bei meinem Onkel zu finden, sonst würde er mich ja
nicht zu sich haben wollen.
Würden Sie denn bei uns bleiben, wenn Ihre Tante und
die hochmütige Lady Clarens nicht dazwischen getreten wären und
Ihr Weggehen verlangt hätten.
Ich wäre hier geblieben, bis man meiner nicht mehr bedurfte,
denn ich habe mich noch niemals auf Erden so zufrieden, so
glücklich gefühlt, wie in Thornfield.
Und was hätten Sie Ihrem Onkel für eine Antwort erteilt?
Daß ich durch einen Vertrag gebunden sei und, ohne mein
Wort zu brechen, aus demselben nicht scheiden könne; späterhin
würde ich seinem Rufe Folge leisten, wenn ihm dann meine Gegenwart noch wünschenswert erscheinen solle.
Sind Sie denn durch einen Vertrag wirklich an uns gebunden,
Kindchen?
Ich habe in einer Unterredung mit Lord Rochester ihm das
Wort geben müssen, sein Haus nicht eher zu verlassen, als bis
er mich fortschicken würde. Jetzt ist der Fall aber nun eingetreten,
daß ich ihn bitten muß, mich fortzuschicken, und er wird mir,
so weit ich seinen Charakter beurteilen kann, diese Bitte nicht abschlagen können.
Ein solches Versprechen haben Sie gegeben, Kindchen?
Das war nicht klug von Ihnen - Lord Rochester pocht auf Ihr
Wort und Sie werden gegen Ihren Willen vielleicht bei uns aushalten müssen. Sie staunen? Denken Sie an mich, es wird so
ausfallen.
Auch wenn ich ihm den wahren Grund meines Scheidens
mitteilen werde?
Vielleicht! Ich habe ihn erst gesprochen wegen Ihnen, und
da entschlüpfte ihm eine Äußerung, welche mich eine solche Willensmeinung bei ihm mutmaßen läßt.
Lea's Eintritt unterbrach die Unterredung.
Der Herr läßt Mistreß Harleigh ersuchen, Vorkehrungen zu
treffen, daß auch der heute eingetroffene Kapitän Whitfield, der
Bruder von Mistreß Reed, auf Thornfield für eine oder mehrere
Nächte bleiben könne, berichtete Sam's Gattin.
Gut, ich werde es besorgen, Lea. Kindchen, ich muß Sie
verlassen, aber wir sprechen uns noch einmal, ehe Sie gehen.
Keine Übereilung also, ohne mich noch gehört zu haben.
Jane war wiederum allein und überlegte, ob sie mit ihrem
Entlassungsgesuche warten solle bis zum nächsten Tage, oder ob
sie heute noch und zwar stehenden Fußes sich an Lord Rochester
wenden solle. Hatte sie heute noch Gelegenheit, so hielt sie den
ersten Augenblick für den besten, und so war sie entschlossen, den
Lord noch heute aufzusuchen. Wie sie noch überlegte, fiel ihr Blick
auf die beiden ihr von Mistreß Reed übergebenen Briefe ihres
Onkels und sie hielt es für einen Akt der Undankbarkeit, dieselben
noch nicht näher angesehen zu haben. Sie öffnete den ersten Brief
und erfuhr daraus genau dasselbe, was Mistreß Reed ihr bereits
mitgeteilt hatte; zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit aber, sprach
sich in den Zeilen ihres Onkels ein aufrichtiges Bedauern darüber
aus, daß er Schwester und Nichte damals nicht habe persönlich
erwarten können, sondern habe abreisen müssen, und es wehte ihr
ein Hauch von wirklicher Teilnahme und Liebe entgegen, so daß
sie in ihrem Vorsatze zu scheiden immer mehr bestärkt wurde.
Der zweite Brief lautete noch fester und zuversichtlicher, daß sie,
wenn Beide noch am Leben seien, unverzüglich nach Madeira zu
ihm kommen sollten.
Jane hatte zu Ende gelesen und barg die beiden Briefe in
die Tasche ihres Kleides. Im Begriff, Lord Rochester um eine
Unterredung zu bitten, schritt sie nach der Thüre und schrak sichtlich
zusammen, als der Lord ihr gerade durch die Thüre entgegentrat.
Nun, Miß Eyre, ich denke, Sie leisten Adele Gesellschaft,
damit sie ihre Strafe nicht allein abzusitzen braucht?
Ich war von Mistreß Reed um eine Unterredung gebeten
und glaubte, Ihrem Gaste eine solche nicht abschlagen zu dürfen,
Herr, antwortete Jane.
Und wo wollten Sie jetzt hin, Miß Eyre? Adelens Zimmer
liegt an jener Seite.
Es war meine Absicht, Sie aufzusuchen, Herr.
Mich? Das ist seltsam! Wann hätten Sie wohl diese Absicht einmal gehabt?
Ich war auch noch niemals in der Lage Herr, Ihnen eine
Bitte vorzutragen.
Miß Eyre, ist das möglich! Sie bitten etwas von mir.
Was wäre denn das, was ich Ihnen erfüllen könnte.
Die Bitte, Herr, mich aus Ihrem Hause zu entlassen und
aus Ihrem Dienste fortzuschicken.
Ich kann Sie doch, wenn es Ihr Wille ist, zu gehen, am
Fortgehen nicht hindern.
Vor einigen Wochen gab ich Ihnen das Versprechen, Herr,
nicht eher aus Ihrem Hause scheiden zu wollen, als bis Sie mich
selbst fortschicken würden. Ich hätte nicht geglaubt, daß dieses
Versprechen so schnell wie eine Fessel meinen Willen hemmen würde.
Ah recht, ich hatte schon ganz vergessen. Aber das ist leicht
wieder gut zu machen, und wenn Sie denn aus meinen Diensten
treten wollen, gut - gehen Sie- ich schicke Sie fort.
Ich danke Ihnen, Herr. Jane wendete sich, leichenblaß
werdend, nach der Thür.
Doch halt, Miß Eyre,- Sie erlauben mir wohl noch eine
Frage, an deren aufrichtiger Beantwortung mir gelegen ist.
Was treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? Nun!
Herr, ich bitte, verlangen Sie keine Antwort!
Ich durchschaue Sie, Miß Eyre, Sie Misstrauen meine Eröffnungen, die ich Ihnen vor einigen Tagen gemacht habe. Mistreß
Harleigh hat Sie gegen mich erbittert -
Herr, welchen Verdacht hegen Sie da?
Misters Harleigh hat Ihnen gesagt, ich sei ein Unmensch;
ich halte ein armes wahnsinniges Weib in meinem Hause gefangen,
anstatt sie einem Irrenhause anzuvertrauen, und dieses Weib sei
Lady Rochester, meine eigene Gemahlin.
Nicht Mistreß Harleigh sagte das, aber dies Gerücht ist im
Munde Ihrer Leute.
Und Sie glaubten diesen düsteren Gerüchten und mißtrauten
meinen Worten.
Nein, Lord Rochester, ich glaubte Ihnen und verachtete jene
Lügen!
Und woraus haben Sie diese Überzeugung gewonnen?
Aus meiner Achtung vor Ihrem Charakter, Lord Rochester,
der keiner Lüge fähig ist.
Also nicht aus diesem Grunde wollen Sie mich und mein
Haus verlassen?
Nein, Herr, ich hielt Sie nie für schuldig.
Weshalb aber gehen Sie denn? Weil es dieses Weib, das
Sie von zarter Kindheit an gehaßt hat und Sie noch haßt, weil
Ihre unnatürliche Tante es von Ihnen fordert?
Woher wissen Sie, Herr, daß Mistreß Reed-?
Weil ich durch einen Zufall nur und fast wider meinen Willen
unsichtbarer Teilnehmer an Ihrer ganzen Unterredung geworden bin.
Nein, Herr, nicht Mistreß ist die Veranlassung, aber sie bestärkte mich in meinem Vorsatze- ich war schon vorher über
diesen Schritt mit mir zu Rate gegangen.
So? Und seit welchem Augenblicke?
Seit dem Augenblicke, in welchem Sie von Ihrer Verheiratung sprachen.
Ja, Miß Eyre, ich denke zu heiraten - und zwar recht bald.
Dann wird Adele auf ein Institut gebracht werden und einer
Erzieherin nicht bedürfen.
Das könnte sich leicht ereignen. Georgine scheint dem Mädchen
und überhaupt den Kindern im allgemeinen nicht gewogen zu
sein. Und Sie mögen mit meiner Frau nicht unter einem Dache
weilen. Sie mögen Georgine nicht leiden, Miß Eyre.
Gewiß nicht, Herr, ich hasse sie nicht. Ich habe nur die
Überzeugung, daß in Ihrem Hause kein Platz mehr für mich ist,
sobald Sie verheiratet sind.
Das scheint mir beinahe auch so- aber wo wollen Sie für
den Augenblick hin, Miß?
Wenn Sie unserer Unterredung beigewohnt haben, so müssen
Sie auch gehört haben, daß ein Bruder meiner Mutter lebt und
mich zu sich verlangt hat.
Ach ganz Recht, ich habe so vieles Seltsame in den letzten
Stunden erlebt, daß ich diese Wendung Ihres Schicksals bereits
wieder vergessen habe. Sie gehen zu Ihrem Onkel nach
Madeira,- aber bedenken Sie, das ist ein weiter Weg, und
erst müßten Sie doch noch einmal schreiben, ob er jetzt noch lebt
und Sie auch noch haben will. er hat, wie ich vernommen,
keine Antwort auf seine Briefe erhalten- er kann glauben, daß
Sie nicht mehr am Leben seien und ein anderes Mädchen als
Nichte angenommen haben. - Bedachten Sie das auch, Miß
Eyre? Oder wollen Sie vielleicht nicht mehr gehen?
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Es ist bedacht, Herr.-- Mistreß Harleigh hat mir einstweilen ein Unterkommen bei einer Ihrer Verwandten in Hay
Laine angeboten- aber ich habe das nicht angenommen; ich mag
auch nicht in der Nähe dieses Hauses bleiben. Eine meiner früheren
Lehrerinnen und spätern Collegin, Miß Temple, welche jetzt verheiratet ist, wird mich bereitwillig für einige Zeit aufnehmen, wenigstens
so lange, bis ich Nachricht von meinem Onkel haben werde.
Sie haben Alles trefflich vorbereitet, Jane Eyre, und sich
auf jeden Fall gerüstet, aber ich sehe jetzt recht deutlich ein, daß
dieser Weg nicht zu Ihrem Glücke, nicht zum Frieden Ihres
Herzens führt- und ich will, daß Sie glücklich werden sollen.
Sie bleiben in meinem Hause- ich entbinde Sie Ihres Wortes
nicht. Nun wählen Sie -
Herr, das ist nicht großmütig an mir gehandelt! Sie verdammen mich zu einem Leben, das ich nicht ertragen kann. Sie
legen meinem Herzen täglich neue Qualen auf, an denen es endlich
zu Grunde gehen muß. Ich kann nicht bleiben, wenn Sie verheiratet sind.
Auch dann nicht Jane Eyre, wenn Sie selbst mein Weib
würden, wenn ich Ihnen selbst meine Hand antrüge, wenn ich
Ihnen sagte, daß mein Herz Ihnen gehörte?
O treiben Sie keinen Scherz mit mir in dieser ernsten
Stunde, in welcher es mir Anstrengung genug verursacht, meine
Thränen niederzuhalten, mich nicht noch weicher und zaghafter zu
machen, als ich bereits seit einigen Tagen geworden bin.
Wer sagt Ihnen Jane, daß ich Scherz mit Ihnen treibe, es
ist mein heiligster Ernst.
Es ist zu spät, Herr. Ihre Braut steht zwischen uns!
Ich habe keine Braut, Jane; ich habe nie daran gedacht,
Georgine zu meiner Frau zu erheben, wenn sich dieselbe es vielleicht auch eingebildet haben mag.
So haben Sie mit Georgine, welche Sie liebt, nur gespielt?
Sie haben Sie betrogen?
Georgine liebt nur sich selbst und meinen Reichtum - an
meiner Person nimmt sie nur wenig Interesse; Liebe hegt sie nicht
im entferntesten für mich. Aber Sie, Jane, Sie achten mich,
Sie lieben Adele, Sie sind freundlich gesinnt gegen Mistreß
Harleigh, Sie wollten sich opfern für das Glück Ihrer Verwandten, die Sie nur gehaßt und verfolgt haben, Sie sind ein
Weib für mein Herz, eine Gefährtin für mein Leben, wie ich Sie
brauche, mein Herz gehört Ihnen, nehmen Sie auch meine Hand an.
Wache ich oder neckt mich nur ein schöner Traum?
Du wachst, Jane; es ist Wirklichkeit, die Dich umgiebt. Hier
ist meine Hand; Du brauchst nur zuzugreifen, um sie niemals
wieder loszulassen, um sie Dein zu nennen und von ihr Dich
sicher durch Dein ganzes künftiges Leben leiten zu lassen.
Herr, ich kann die Wahrheit dieses Gedankens, die Größe
eines solchen Glückes noch nicht in seinem ganzen Umfange erfassen. Mein Herz gehört Ihnen- aber Ihre Hand annehmen, widerstrebt meinem Gefühle ich mag mein Glück nicht
auf das Unglück eines meiner Nebenmenschen bauen, auch wenn
es nicht eine meiner Verwandten wäre.
Verwandte? O ich kenne diese Verwandten! Als ich erfuhr,
daß Du in der Lowoodstiftung erzogen wurdest und über Deine
näheren Verhältnisse Dich aber in ein tiefes Schweigen hülltest,
ich mich aber für Dein Wesen lebhaft interessierte, schrieb ich im
geheimen an Ir. Blackhurst und erkundigte mich nach Deiner
Vergangenheit. Blackhurst ist ein Heuchler und in Lowood werden
auch offene und gute Charaktere zu Heuchlern erzogen; ich aber
wollte Gewißheit haben, daß Deine Offenheit nicht auch Verstellung
sei und mich hintergehe. So erfuhr ich denn, von wem und
warum Du in die Lowoodstiftung gebracht wurdest, Blackhurst
schrieb nur vorteilhaftes über Dich und höchst ungünstiges übee
Mistreß Need. Daraufhin suchte ich die Bekanntschaft Deiner
Verwandten zu machen; ich wurde mit offenen Armen empfangen
und konnte mich bald überzeugen, daß Dein Charakter ein ehrlicher und offener, jene aber Heuchler und Selbstsüchtige seien, die
nur für sich selbst sorgen wollten. Um Dich aber, Jane Eyre,
die echte Feuerprobe bestehen zu lassen, brachte ich Deine Verwandten mit Dir selbst zusammen und ließ Georgine als meine
Braut figurieren, ohne daß sie nur das geringste Anrecht zu diesem
Namen hat. Und nun, Vane, frage ich Dich, willst Du mein
Herz und meine Hand annehmen, nachdem ich Dir erkläre, daß
auch diese Probe zu Deinem Gunsten ausgefallen ist?
Ich sage nicht ,Nein', Herr, aber ich bitte Sie, lassen Sie
mir eine kurze Bedenkzeit, daß ich Ihnen meinen festen unwiderruflichen Entschluß mitteilen und auch Sie selbst noch einer kleinen
Prüfung unterwerfen kann.
So sei es, Jane, und nun lebe wohl, damit ich wiederum
mich meinen Geschäften hingeben kann. Lord Rochester reichte ihr
die Hand und entfernte sich, um Kapitän Whitfield zu begrüßen, der
ihm sein unerwartetes Eintreffen auf Thornfield hatte melden lassen.
Jane blieb allein zurück und zwar in einem Zustande der
höchsten Glückseligkeit. Der reiche, hochherzige und edle Lord, der
Besitzer einer der größten Herrschaften Alt-Englands, hatte ihr,
der armen, von ihren Verwandten verfolgten und gehaßten Waise,
dem unscheinbaren, ja häßlichen Mädchen, das von Georginens
Schönheit völlig in den Schatten gestellt wurde, Herz und Hand
und somit eine ehrenvolle, sichere und beneidenswerte Existenz geboten, deren Annahme nur von ihrem Ja abhing! Sollte sie nnr
noch einen Augenblick unschlüssig sein, was sie zu thun habe?
Nein, gewiß nicht, sobald Sie die Gew ißheit hätte, daß dem Entschlusse des Lords nicht eine spätere Reue nachfolgen würde!
Das ihrer Tante gegebene Wort konnte sie nicht hindern, denn
sie hatte ja nur in der Voraussetzung, daß der Lord Georgine
heiraten werde, versprochen zu gehn. Fiel diese Vermählung weg,
so war ihr Weggang ohne Einfluß und Folgen. Aber des
Lords einstige Rene über seinen jetzigen raschen Schritt lag ihr
288
doch etwas schwer auf dem Herzen. Wer konnte ihr in diesem
Falle ratend und helfend zur Seite stehen? Nur eine Person
war das und diese wollte sie aufsuchen, sie mußte den besten Rat
geben können- Mistreß Harleigh.
Jane war eben im Begriffe die würdige alte Dame aufzusuchen, als dieselbe mit eiliger Geschäftigkeit in die Stube trat
und ausrief: Ich suchte Sie, Miß Eyre, um Ihnen zu sagen -
daß,- aber mein Himmel, wie sehen Sie aus? wie haben Sie
sich verändert?
In welcher Weise denn, Mistreß Harleigh?
Nun in der erfreulichsten für mich! Erst trugen Sie eine
wahre Leichenbittermiene und jetzt leuchten Ihre Augen wie zwei
helle Freudenkerzen? Was ist denn in dieser kurzen Zeit mit
Ihnen in aller Welt vorgegangen?
Es hat sich etwas großes, etwas unvorhergesehenes für mich
ereignet, und Sie, Mistreß Harleigh sollen Ausschlag gebend dabei
sein- Ihr erfahrener Rat soll mir die Richtschnur für mein
Handeln in diesem Falle, der für meine Zukunft entscheidend
sein wird, angeben.
Sie machen mich gespannt, Miß Eyre! Was ist denn Ungeheures geschehen?
Lord Rochester hat mir seine Hand angetragen; er will mich
zu seiner Gattin erheben.
Mich trifft der Schlag, Kindchen, aber nicht vor Schreck,
sondern vor reiner heller Freude- das hat Sr. Herrlichkeit brav
und gescheit gemacht! Und Sie haben doch gleich, la' dazu gesagt-
Nein, Mistreß Harleigh, noch nicht; Ich habe mir kurze Bedenkzeit erbeten. Sie sollen mir raten, ob ich imstande sein
werde, Lord Roch ester so glücklich zu machen, wie er es verdient,
ob ich ihm so zur Seite zu stehen vermag, daß er sich für die
Folgezeit nicht enttäuscht sehen wird, kurz, ob ich alle die Ansprüche
erfüllen kann, die er an seine Gemahlin zu erheben berechtigt ist.
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Freilich, Kindchen, freilich- Alles können Sie erfüllen,
was ein Mann nur verlangen kann. Und den Lord halten Sie
fest, ehe er Ihnen wieder entschlüpft und davon in alle Winde verfliegt.
Ist denn sein Charakter stets so ruhelos gewesen - ich sollte
meinen nicht, Mistreß Harleigh.
Da können Sie unbesorgt sein, Miß. Ist der Lord erst
Ihr Gatte, dann wird er Ihnen unverbrüchlich treu sein und Sie
in Ehren halten, wie es die Liebe und die Pflicht vorschreiben-
aber ehe er sich zu diesem Schritte entschlossen hat, da müssen
Kämpfe mannigfaltiger Art vorausgegangen sein. Ja, ja nun
kann ich mir sein ganzes Wesen erklären - er war Ihnen gleich
von Anfang an gut, aber er wollte es sich nicht eingestehen und
Ihnen nicht gewahr werden lassen- deshalb war er so launenhaft und oft mehr als sonderbar und rücksichtslos gegen Sie.
So raten Sie mir also, seine Hand unbedingt anzunehmen,
trotz seines Spieles mit Lady Georgine Clarens und trotz des
fremden hohen Besuches, Mistreß Harleigh?
Ganz gewiß! Sie können für das Leben nicht besser aufgehoben sein, als an seiner Seite. Aber mein Gott, da fällt mir
noch zu rechter Zeit ein, daß Sie sich von mir trennen müssen,
wenn Sie Lady Rowland werden, und daß ich dann wieder allein
sein werde in Thornfield. Na das soll nichts schaden, wenn ich
nur weiß, daß Sie, liebes Kind, glücklich werden. Ach, da
kommt ja die Gesellschaft von ihrem Ausfluge zurück- die
werden sich wundern, wenn sie diese so unerwartete Verlobung zu
vernehmen bekommen.
So weit sind wir noch nicht, Mistreß Harleigh, und vorläufig
kein Wort zu jemand Anderem.
Versteht sich, Miß Eyre, vorläufig ist diese herrliche
Neuigkeit nur für uns. Mit diesen Worten lief die plötzlich wieder
ganz heiter und vergnügt gewordene Base Judith ihren Beschäftigungen nach und ließ Jane Eyre sich nach ihrem Zimmer begeben.
Vierzehntes Kapitel.
Der Ausflug nach Millcote, welchen Lord Rochester's Gäste
unternommen hatten, war durch ein unvorhergesehenes Ereignis
unterbrochen worden. John Reed war weder entflohen, noch hatte
er sich selbst das Leben genommen, vielmehr war er, als er Kunde
bekommen, daß seine Mutter und Schwester bei Lord Rochester
auf Thornfield seinen und daß Letztere Aussicht habe, die Gemahlin
des Lords zu werden, auf den Gedanken gekommen, seine verzweifelte Lage, in die er durch Wechselfälschungen im Betrage von
100 Pfund geraten, werde sein zukünftiger Schwager, der ja über
bedeutende Reichtümer zu verfügen habe, leicht ordnen können, ja
ihm vielleicht noch einen ansehnlichen Vorschuß geben. Einen
wegen Wechselfälschung verfolgten Schwager zu haben, sei jedenfalls für einen Lord keine angenehme Sache. John war in der
That im Laufe der Jahre von Stufe zu Stufe gesunken, daß er
bereits auf falsche Auskunftsmittel sinnen mußte, um sein verbrecherisches Leben fristen zu können. Von seiner Mutter hatte
er nichts mehr zu hoffen; ihre Mittel hatte er alle in seine Hände
zu bekommen gewußt und bei leichtsinnigem und ausschweifendem
Leben in vollständig unsinniger Weise vergeudet. Nach Thornfield! war sein Losungswort, und ohne weitere Überlegung war
er seiner Mutter und Schwester nachgereist, da er in vier Tagen
wieder in London sein mußte, um die gefälschten Papiere wieder
in seinen Besitz zurückbringen zu können. In Millcote angelangt,
stieß er gerade auf die Gäste des Lords, als sie aus einem der
besuchten Etablissements heraustraten. Sowie Georgine Johns
ansichtig wurde, ahnte sie ein neues Unheil, das ihr drohte, und
es bemächtigte sich ihrer ein solcher Schrecken, daß sie sich kaum
aufrecht halten konnte, die Partie abzubrechen und nach Thornfield
zurückzukehren genötigt war. Sie verlange zwar, die übrige Gesellschaft solle sich in ihrem Verfügen nicht stören lassen, da sie mit ihrem Bruder allein zurückfahren könne; aber Georgine war
bei allen Festlichkeiten stets die Hauptperson gewesen, und so gab
ihr Beispiel auch hier den Ausschlag, indem Alle die noch nicht
beendigte Partie abbrachen und sich nach Thornfield zurückbegaben.
John mußte in Georginens Wagen Platz nehmen; langsam
erholte sich die Überraschte und richtete an ihren Bruder die
Frage: Was willst Du hier, John?
Geld brauche ich, Schwesterchen, viel Geld, antwortete er
höhnisch; meine Ehre oder vielmehr Deine Verlobung steht auf
dem Spiele, wenn ich nicht mindestens 1 -20 Pfund erhalte.
John, wo sollen ich oder Mama eine solche horrente Summe
hernehmen?
Das ist Eure Sache, Georgine. Warum ist Mama nicht
mit von der Partie?
Ich weiß es nicht; sie schützte Unwohlsein vor- aber ich
glaube, sie fürchtet sich vor Jane Eyre, welche Erzieherin in dem
Hause Lord Rochesters ist.
Hahaha, die Katze ist also auch hier - da finde ich ja die
ganze liebe Familie zusammen. Warum habt Ihr aber die Katze
nicht aus dem Hause entfernt? Ihr seid doch schon mehrere Tage
in Thornfield anwesend. Nun, das soll meine Aufgabe sein.
Rochester hat keine Ahnung davon, daß wir seine Gouvernante kennen - ja ich glaube, er hält sehr viel auf sie und besonders auf ihre Kenntnisse und Talente.
Bist Du toll! Jane Eyre oder vielmehr die böse Kate soll
Talente haben! Unsinn! Bist Du schon öffentlich verlobt mit
Rochester, Georgine? Ist die Hochzeit schon festgesetzt?
Lord Rochester wirbt um meine Hand, und ich kann in jedem
Augenblicke seinen Antrag erwarten, aber ein öffentlicher Schritt
ist seinerseits noch nicht gethan worden.
Teufel- das macht mir einen Strich durch die Rechnung
- da muß ich noch warten, ehe ich mit einem Anleihe-Versuche
bei dem lieben Schwager herausrücken kann. Ich werde es
aber darauf anzulegen wissen, daß dieser Antrag sobald als
möglich erfolgt.
Das wäre mir allerdings nicht unlieb, John, aber Du müßtest
dies recht vorsichtig und mit großer Delikatesse angreifen - Lord
Rochester ist Gentleman durch und durch.
Du sollst mit mir zufrieden sein, Schwesterchen. Verlaß
Dich auf mich. Und was mich neben dem Gelde am meisten noch
dazu reizt, ist der Umstand, daß ich der falschen Kate jetzt mit
Sicherheit einen Streich versetzen werde, von dem sie sich dem Lord
gegenüber nimmer wieder erholen soll.
John, ich bitte Dich, übereile nichts und laß Dich von Deiner
Rachsucht nicht verblenden.
Nur unbesorgt, Schwesterchen- ich bin älter, klüger und
vorsichtiger geworden - aber sage mir zuvor: Auf welche Weise
behandelt man Deinen Bräutigam am besten.
Lord Rochester ist ein offener, edler Charakter und achtet das
Geld nicht im geringsten. Wenn Du ihm Deine unverschuldete Verlegenheit recht glaubhaft vorzustellen weißt, so, glaube ich, wird es
Dir an einem glücklichen Erfolge nicht fehlen können.
Wirtlich? Dann ist es schon so gewiß, als ob ich das Geld in
meiner Tasche hätte, Schwester.
John Reed erkundigte sich bei Georgine nach einigen Schwächen
des Lords, auf deren Ausbeutung er seinen Plan zu bauen gedachte;
allein ehe er sich denselben noch vollständig zurecht gelegt hatte
fuhren die Wagen schon in den Hofraum von Thornfield ein.
Das Geräusch der früher als erwartet zurückkehrenden Gesellschaft
lockte Sarah Reed, welche mit ihrem Bruder in ernstem Gespräch
über John und seine verhängnisvollen Streiche begriffen war, an
das Fenster, und ihr erster Blick traf auf ihren Sohn, der mit
möglichster Eile aus dem Wagen sprang, um seiner Schwester
beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie traute ihren eigenen Augen
nicht; ja sie glaubte eine Erscheinung zu erblicken, da sie ihren
Liebling schon tot gewähnt hatte, aber mit unbesiegbarer Hast und
Neugier riß sie das Fenster auf unter dem Ausrufe: John! John!
Mein Sohn bist Du es wirklich? Suchst Du Deine alte Mutter
wirklich noch in Thornfield auf?
Gewiß, Mama, bin ich es! rief überrascht ob solchen Empfangs
der Leichtsinnige, der sein und seiner Mutter Vermögen so rasch
vergeudet. Wer sollte es denn wohl auch anders sein?
So komm geschwind in meine Arme, damit ich mich wirklich
zu überzeugen vermag.
Ich komme sogleich, Mama, schließe aber nur erst das Fenster
- ich bin wirklich da. Mama scheint ungemein nervenschwach
zu sein, wendete sich der herzlose Mensch an seine Schwester; sie
sieht mich unerwartet ankommen und verlangt, erst ihr meine
Aufwartung zu machen, bevor ich mich Lord Rochester vorgestellt
und seine Gastfreundschaft erbeten habe.
Was muß ich sehen, meine werten Gäste, wurde die Stimme
Rochesters vernehmbar, der sich auf dem Hofe eingefunden; wie
kommen Sie schon so zeitig von Ihrem Ausfluge zurück?
Ich bin die Schuldige, Mylord, erwiderte Georgine, schwach
zu lächeln versuchend, mich überfiel ein plötzliches Unwohlsein, das
mich verhinderte weiter an der Partie teil zu nehmen.
Ein Unwohlsein, das hoffentlich nicht von Bedeutung sein
wird? fragte der Lord besorgt.
Ich glaube, Lord Rochester, ich bin jetzt schon ganz wiederhergestellt. Erlauben Sie mir indessen, Ihnen meinen Bruder
John Reed an diesem hier, wenn auch nicht ganz geeignetem Orte
vorzustellen, der unterwegs ganz zufällig zu uns gestoßen ist, und
der Sie bitten -
Herzlich willkommen, Mister Reed; es freut mich, Sie in
meinem Eigentum begrüßen zu können, erwiderte mit größter Liebenswürdigkeit Rochester, dem John noch ganz unbekannt war.
Gestatten Sie mir, Lord Rochester, sprach John mit ausgesuchter Höflichkeit, Ihr Eigentum als Gast zu betreten und gewähren Sie mir, wenn es Ihnen möglich ist, einige Tage Gastfreundschaft in Ihren Mauern. Ich hatte für einige Zeit Urlaub
genommen, um mit meiner Mutter und Schwester zusammen sein
zu können, traf dieselben aber nicht zu Hause an und bin ihnen
nachgefolgt in der Voraussetzung, daß, wo sie gut aufgenommen
sind, auch ich ein Asyl finden werde.
Sie haben sich durch Ihre Vermutung nicht getäuscht und
mich zu Danke verpflichtet, Mister Reed- indessen denke ich, daß
wir unsere Unterhaltung besser in geschlossenem Raume fortsetzen
können; auch dürfte sich, wie ich vermute, Ihre Mutter nach Ihnen
sehnen, und Sie Lady Georgine sollen sich Ruhe gönnen, damit
sie sich von Ihrem Unwohlsein vollständig erholen können.
Lord Rochester schnitt somit jede weitere Unterhaltung im
Freien ab und veranlaßte seine Gäste das Haus zu betreten und
sich auf ihre Zimmer zu begeben, um sich nach dem unterbrochenen
Ausfluge wieder in Gesellschaftstoilette zu werfen und den Abend
in gemeinschaftlicher Gesellschaft zu verbringen- so wenigstens
lautete sein Vorschlag. Alle Gäste waren damit einverstanden,
aber die Aufregung, in welche Mistreß Reed durch die Erörterungen
geriet, welche John und Kapitän Whitfield bei ihren Zusammentreffen anzustellen hatten und welche Johns gänzliche moralische
Verworfenheit offen vor ihren Augen erscheinen ließ, drohte die
Abendgesellschaft wieder vereiteln zu wollen- indessen Johns
bestimmte Erklärung, er werde am heutigen Abend Gelegenheit
finden die verhaßte Jane Eyre zu vernichten und Georginens Verlobung mit Rochester zur Wahrheit zu machen, beruhigte die
geängstigte und gequälte Frau in dem Maße, daß sie sich die Kraft
zutraute, den Abend über in Gesellschaft verbringen zu können.
Du könntest nötigenfalls ganz von der Gesellschaft fern bleiben, sprach John in herzloser Weise zu seiner Mutter; ich würde
auch ohne Dich zum Ziele gelangen, aber da einmal die ganze Familie Reed mit ihren Verwandten zusammen ist, so soll sie auch
in corpore erscheinen und mit wirken.
John's Anwesenheit konnte Jane natürlich nicht verborgen
bleiben, und da auch sie natürlich für den Abend eine Einladung
zur Teilnahme erhielt, so bat sie Lord Rochester durch Adele um
eine kurze Unterredung, die ihr denn auch sofort bewilligt wurde.
Herr, bat sie, Sie wissen, daß ich nicht furchtsam bin, aber
heute ist auf Thornfield ein Mensch eingetroffen, mit dem ich jedes
Zusammentreffen vermeiden möchte. John Reed, von Jugend auf
mein heftigster Feind, der mich am liebsten vernichtet hätte, ist
Ihr Gast und dürfte, wenn auch seine Angehörigen noch nichts
von einer Verwandtschaft mit mir verlauten ließen, doch die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, mich zu beleidigen oder
mir sonst einen Affront zu bereiten.
John Reed? fragte Rochester verwundert. Er scheint ja ein
vollendeter Kavalier zu sein.
Ich will das nicht bestreiten, Herr, aber die Nachrichten,
welche sein Onkel Whitfield am heutigen Tage über ihn gebracht
hat, lassen mich daran zweifeln,- ich war Zeuge, als er hier
eintraf.
Miß Jane Eyre, ehe ich weiter über diesen Punkt mit Ihnen
rede, frage ich Sie eben so ernst wie dringend: Haben Sie meine
Werbung um Ihre Hand in Erwägung gezogen? Sie baten um
Bedenkzeit- es sind einige Stunden verstrichen und ich selbst
möchte gern Gewißheit über meinen Antrag, da ich kein Freund
von langem Zaudern bin. Ich richte daher nochmals die Frage
an Sie: Jane Eyre, wollen Sie mein liebes, treues Weib, meine
Lebensgefährtin für alle Zeit werden?
Ich habe mein Herz geprüft, Herr und glaube voll und ganz
mit ,Ja' antworten zu können.
Rochester streckte ihr beide Hände entgegen und zog die nur
schwach Widerstrebende an seine Brust. Jane Eyre, sprach er
feierlich und ernst, so erkläre ich Dich hiermit zu meiner Verlobten
und werde die erste passende Gelegenheit benutzen, Dich offen als
meine Braut vorzustellen. Vor der Welt bestehe einstweilen
unser gegenwärtiges Verhältnis als Herr und Erzieherin noch fort,
vielleicht nur für wenige Tage - hier aber nimm als Pfand meines
Gelöbnisses diesen Reif meiner Mutter.
Ich nehme den Ring in Empfang und gelobe Dir Roland
Rochester, als meinem Verlobten, eine treue und sorgsame Hausfrau
zn sein und zu Dir zu stehen in Leid und Freud, in Glück und Not.
So, meine Jane, und nun wirst Du auch an der heutigen
Abendtafel und Gesellschaft teilnehmen können. Wagt der Elende Dich
zu beleidigen, so werde ich zum Schutze an Deiner Seite erscheinen.
Wenn Du es wünschest, antwortete Jane, so soll es geschehen,
obwohl ich mit diesem Menschen viel lieber in meinem Leben nicht
wieder zusammengetroffen wäre. Da indessen mein strenger Herr
und Gebieter noch Arrangements für den bevorstehenden Abend
zn treffen haben wird, so will ich nicht länger stören und mich
wieder zu Adele begeben, die meiner bedarf.
Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedeten sich die glücklichen Verlobten, um sich erst am Abend in dem festlich erleuchteten
Saale bei einem großen Gastmahle wiederzutreffen.
Rochester hatte, um seinen Gästen ein wirklich größeres Fest
einmal zu geben, an einige seiner Pächter noch, wie an mehrere
Nachbarn Aufforderungen ergehen lassen, für den Abend bei ihm
mit ihren Frauen zu erscheinen, sodaß am Abend eine wirklich ansehnliche Gesellschaft versammelt war. Dabei erfüllte er selbst die
Pflichten des Wirtes in der liebenswürdigsten Weise, ohne von
irgend jemandem unterstützt zu werden. Man setzte sich zur Tafel,
und wie immer führte Lord Rochester Georgine zu Tische, während
deren Mutter auf seiner andern Seite Platz nahm. John Reed
erhielt seinen Platz neben seiner Mutter, Kapitän Whitfield neben
Georgine. Janens Tischnachbar war, obwohl sie sich gern von ihm
losgemacht hätte, Lord Francis; ohne ihn zu verletzen, konnte sie
seine Gesellschaft nicht ausschlagen, zumal er sich außerordentlich
zuvorkommend benahm und doch jeden Schein von Zudringlichkeit
zu vermeiden wußte.
Die Stimmung in der Tafelrunde war eine außerordentlich
fröhliche; Rochester war ungemein heiter und John Need entwickelte
eine Unterhaltungsgabe, welche alle Welt, Jane nicht ausgenommen,
in Erstaunen setzte; ja sie bereute schon ihren Verdacht auf John
gegen Rochester ausgesprochen zu haben, denn sie schien für jenen
gar nicht zu existieren- er beachtete sie weder mit einem Worte
noch mit einem Blicke. Als er aber einige Gläser Wein getrunken
hatte, bemerkte sie ungern, daß seine Augen oft nach ihrem Platze
flogen und er sich in Gedanken mit ihr beschäftigte. Sie vermied
es, seinen Blicken zu begegnen, um seine Aufmerksamkeit nicht
noch mehr zu erwecken und seinen Haß gegen sie zu schüren. John
war indessen eine so rachsüchtige Natur, daß er, um seinen ungestillten Groll gegen Jane abzukühlen, alle Rücksichten der Höflichkeit und des Gastrechtes bei Seite setzte und dieselbe, nachdem ihm
der Wein etwas zu Kopfe gestiegen war, der öffentlichen Verhöhnung auszusetzen wagte.
Sagen Sie mal, Lord Rochester, wie kommt denn jene bleichsüchtige Person in diese Gesellschaft hier? Ich sollte meinen, dieselbe gehörte nicht in unsere Kreise mitten hinein.
Mister Reed, erwiderte Rochester ruhig, nachdem er bereits
mehrere von Johns vorausgegangenen lauten Fragen in heiterer
Form beantwortet hatte; ich hoffe, Sie wollen mit dem Ausdrucke
,Person'' keine Beleidigung gegen irgend jemand aussprechen,
sondern nur eine Vertraulichkeit.
Diese Person, antwortete John, kann ich gar nicht beleidigen;
sie verdient es nicht anders.
Ich bitte, Mister Reed, unterlassen Sie diese zweideutigen
Bezeichnungen, damit ich nicht nötig habe, von Ihnen nähere Auskunft erbitten zu müssen; wir würden ja sonst in unserer harmlosen Heiterkeit gestört werden, und das wäre doch höchst unerwünscht.
Aller Augen ruhten bereits auf den beiden Sprechenden.
John erhielt von mehreren Seiten Winke, zu schweigen und sich
zu mäßigen, aber war gegenwärtig nicht mehr in der Stimmung
auf eine ruhige Vorstellung zu hören und rief: Ich meine die
Person dort, welche in ungehöriger Weise neben Lord Francis platz
genommen hat.
Diese Dame, Mister Reed, ist Erzieherin in meinem Hause,
und ich erwarte von Ihnen nach dieser Erklärung, daß Sie dieselbe respektvoll behandeln und sie um Entschuldigung bitten, wenn
sie solches von Ihnen verlangen sollte, entgegnete Rochester entschieden.
Jane erhob sich und wollte sich stillschweigend vom Tisch und
ihrem Platze entfernen.
Hahaha! lachte John. Sehen Sie, das böse Gewissen schlägt
sie, sich in anständige Gesellschaft eingeschlichen zu haben! Sie ist
eine Waisenhauspflanze von Lowood, wohin man sie wegen ihrer
Lügenhaftigkeit und Undankbarkeit gegen ihre Wohlthäter gebracht hat.
Bitte, Miß Eyre, Sie bleiben. Mister Reed irrt sich in der
Person und hat nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, rief Rochester
Jane zu und vermochte sie hierdurch zu bleiben.
Nein, nein! höhnte John; ich irre mich ganz und gar nicht.
Jane Eyre heißt die Person und ich kenne auch die Familie, aus
welcher man sie ihres schlechten Benehmens halber hinausgebracht
hat. Sie kann mich ja Lügen strafen, wenn ich die Unwahrheit
rede oder nur übertreibe.
Ihre Verteidigung übernehme ich, Miß Eyre, sprach Rochester
mit mühsam bewahrter Ruhe. Mister Reed, auch ich kenne die
Familie sehr genau, welche die -1jährige Jane Eyre dem
heuchlerischen Ir. Blackhurst überliefert, um sie aus ihrem Hause
loszuwerden; ich kenne auch den bösen Buben sehr genau, der die
Hauptveranlassung zu dieser empörenden Handlungsweise gewesen ist.
Wenn Lord Rochester in diesem Falle nur nicht aus einer
trüben Quelle geschöpft hat -
Gewiß nicht, Mister Reed- die Schulakten von Lowood
und die mündlichen Berichte einer gewissen Bessie Home haben
mir den sichersten Aufschluß gegeben, und wenn jemand vielleicht
in meine Worte noch einen Zweifel setzen sollte, so wird derselbe
schwinden, wenn ich den anwesenden Herrschaften die feierliche
Erklärung gebe, daß Miß Eyre seit heute meine Verlobte ist und
in kurzer Zeit meine Gemahlin sein wird. Sind Sie nun zufrieden Mister Reed?
Ah das ist stark! knirschte John wütend. Das heißt aber
nicht wie ein Gentleman gehandelt. Sie bewerben sich um die
Hand meiner Schwester, täuschen dieselbe durch ihre Galanterien
und verloben sich heimlich mit einem anderen Frauenzimmer, die
tief unter ihrem Range steht. Für dieses unverzeihliche Benehmen
sind Sie mir Rechenschaft schuldig, und ich verlange im Namen
meiner Schwester blutige Genugthuung von Ihnen. Sie sind
Zeugen, meine Herren.
Genugthuung soll Ihnen werden, mehr als Sie fordern
können,- ich bitte jetzt aber, dieses unerquickliche Gespräch abzubrechen und uns Angenehmeren zuzuwenden, erwiderte Rochester.
Sämtliche Gäste ergriffen die gebotene Gelegenheit, Lord
Rochester und Jane Eyre die aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen, um hierdurch den häßlichen Vorfall so schnell wie möglich
in Vergessenheit zu bringen, und Lord Francis brachte einen wohlgemeinten Toast auf das neue Brautpaar, wobei er feierlich erklärte, er werde sich es nicht nehmen lassen, bei der Vermählung
als Brautführer seines Amtes zu warten. Der üble Eindruck
des von John Reed gewaltsam herbeigezogenen Streites war hierdurch ein wenig verwischt, und Mistreß Reed benutzte diese mildere
Stimmung, um ihrer angegriffenen Gesundheit wegen zum Aufbruche zu mahnen und sich mit ihrer Tochter und ihrem Sohne
zurückziehen zu können. Niemand suchte sie zurückzuhalten, selbst
Kapitän Whitfield nicht, der vielmehr blieb und seiner Nichte Jane
Eyre aus vollstem Herzen die besten Glückwünsche darbrachte.
Der Abend, dessen Verlauf mit einer so widerlichen Dishonanz
gestört zu werden drohte, endete in allgemeiner und schönster
Harmonie, denn sämtlichen Gästen hatte das stille und geräuschlose Walten Jane Eyres gefallen und mit großer Freude hatten
sie das innige Verhältnis, das zwischen ihr und ihrer Schülerin
bestand, zu würdigen gewußt.
Jane selbst bildete in ihrem bescheidenen Wesen einen lieblichen Gegensatz zu dem in voller Kraft und Bewußtsein seines
Glückes strahlenden Rochester. Adele hüpfte und sprang voll Entzücken umher, daß ihre liebe gute Gouvernante nunmehr ihre
geliebte Tante würde. In einem Meer voll. Seligkeit und Wonne
überschwamm Mistreß Harleigh, welche den Liebling ihres Herzens,
die Freude ihrer alten Tage sicher an Lord Rochester gebunden
wußte und nun doch versichert war, Janens Umgang auch für die
Folgezeit nicht ganz entbehren zu müssen.
Schluß.
Am Morgen nach diesem etwas bewegten Abende war John
Reed, der von Mutter und Schwester mit den heftigsten Vorwürfen wegen seines höchst ungebührlichen, unvorsichtigen Betragens
überhäuft wurde, aus Thornfield verschwunden, und seit dieser
Zeit haben seine Verwandten keine Nachrichten wieder von ihm
vernommen, so daß es wirklich schien, er habe sich das Leben genommen oder sei außer Landes geflohen. Lord Rochesters Gäste
verweilten nur noch zwei Tage in Thornfield und reisten dann
sämtlich gemeinschaftlich zurück. Jane, welche durch Whitfields
Mitteilungen an seine Schwester eine Ahnung von der äußerst
mißlichen Lage der Familie Reed erhalten hatte, drang in ihren
Onkel, sie von den Verlegenheiten, in welche letztere durch Johns
Verschwendungssucht geraten war, genauer zu unterrichten, damit
sie eine Bitte an Rochester wagen könne, hier noch einmal Abhilfe
zu schaffen. Whitfield weigerte sich zwar, ihrem Wunsche nachzukommen, aber seiner Schwester Angst und Verzweiflung waren
stärker, als die Scheu vor dem Gedanken, von dem Manne Hilfe
anzunehmen, der von John Reed in unverdienter Weise so herausfordernd und beleidigend behandelt worden war, und so eröffnete
er ihr, daß W0 Pfund erforderlich sein würden, um zunächst
jeden Flecken von dem guten Rufe der Familie fernzuhalten und
den flüchtigen John nicht durch Steckbriefe verfolgen zu lassen.
Jane wagte freilich ihre Bitte nicht direkt an Rochester zu
richten, aber aus der Darstellung dieser für Mistreß Reed so
drückenden Angelegenheit bemerkte ihr Verlobter, daß sie Hilfe
gebracht wünsche, und so gab er ihr denn aus freiem Antriebe das
Versprechen, mit Kapitän Whitfield Rücksprache zu nehmen und
alle etwaigen Ungelegenheiten und pekuniäre Verlegenheiten auf
die schonendste Weise ausgleichen zu wollen, sodaß Mistreß Reed
mit dem tröstlichen Bewußtsein Thornfield verlassen konnte, die
Ehre ihres Namens in den Augen der Öffentlichkeit gewahrt zu
sehen, freilich aber auch mit der getäuschten Hoffnung, ihre Georgine
als Herrin von Rochesters Besitztum leben und hierdurch ihren
früheren Reichtum wiederkehren zu sehen. Beide lebten fortan
einfach und zurückgezogen von dem Treiben der Welt.
Obwohl Rochester einen geheimen Widerwillen gegen Thornfield hatte, so entschloß er sich doch auf Janens Bitten dasselbe
auch nach seiner Vermählung mit ihr zu seinem Aufenthalte zu
wählen, damit die alte brave Mistreß Harleigh nicht ganz auf den
Umgang mit Dienstboten und fremden Leuten angewiesen war.
Dieser Entschluß wurde ihm noch durch ein besonderes Ereignis
erleichtert: Gratia Pooles Pflegebefohlene, die unglückliche, wahnsinnige Lady Rochester, die mehrere Jahre hindurch die Bewohner
Thornfields durch ihr dämonisches Lachen geschreckt hatte, war seit
dem letzten Angriffe auf Rochesters Leben auffällig still geworden,
ihr Lachen erklang zwar zuweilen noch, aber so schwach, daß man
es außerhalb des Turmes kaum vernehmen konnte. Gratia hatte
mehrfach gegen Rochester, wenn sie ihn zufällig im Hause traf,
geäußert, die Lady erschiene ihr recht schwach, obwohl sie stark esse
und trinke, aber der Lord war mit seinen Gästen und Geschäften
so in Anspruch genommen, daß er wenig auf Gratias' Außerungen
geachtet hatte und wenige Tage nach Abreise der Gäste eines
Morgens ganz erstaunt vernahm, die arme Wahnsinnige sei in
vergangener Nacht von ihren Leiden erlöst und zu einem besseren
Leben entschlafen.
Ein Alp, der auf Rochesters Brust bisher schwer gelastet und
auch in Janens Herzen manche Besorgnisse wegen der ihren Verlobten stets drohenden Gefahr wachgerufen hatte, war glücklich
entfernt und frei und erleichtert atmeten sämtliche Bewohner
Thornfields auf, als die irdischen Überreste jenes beklagenswerten
Weibes dem Schoße der Erde übergeben werden konnten. Nun
erst, so bekannte Rochester seiner Braut, könne er ruhig und glück
lich mit ihr in Thornfield leben.
Das herrliche Pfingstfest war herangebrochen. Am zweiten
Feiertage sollte Rochesters und Janens Vermählung erfolgen, einfach
und schlicht hatte Jane es gewünscht, und Rochester willfahrte ihr
insoweit, als nur Lord Francis, der sich als Brautführer erboten
hatte, sowie Lord Ingram mit seiner Familie, einige von des Lords
älteren Pächtern und der Friedensrichter der Grafschaft als Gäste
und Zeugen geladen waren.
In der Kirche zu Hay Lome wurde die Trauung vollzogen,
doch ehe sie den Weg dorthin antraten, trug Jane ihrem Verlobten
noch die Bitte vor: Rowland, sprach sie, willst Du mich heute
ganz glücklich machen, so triff Anstalten, daß ich keine Waise mehr
in meiner Nähe sehe, daß unsere Nichte Adele nicht unsere Nichte
bleibe, sondern von Dir adoptiert und unser Beider Tochter werde.
Edle, erhabene Seele, rief der Lord freudig bewegt aus, welche
Bitte könnte ich Dir abschlagen, zumal sie so vollständig meinem
eigenen Herzen entsprossen ist. Wohlan, sie sei unsere Tochter.
Und wenn die Welt Dich fragen sollte, Rowland, wer ist
Deine Gattin? Was wirst Du antworten?
So werde ich mit gerechtem Stolze ausrufen: Die Waise
von Lowood!
Erste Abtheilung.
Die Waise im Hause ihrer Tante.
Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin abgewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die
Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die
Tränen zu trocknen und manchen durch Leid und Mißgeschick Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin,
zunächst, sei diese Erzählung gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde
früh eine Waise und wüßte von diesem Augenblicke an, für
die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein
Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner
unglückliche Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz
ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid
preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund,
weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann
in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche
Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie
seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach
meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich
schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch
jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene
waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher
Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagt habe, war der ächte Typus
eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig
und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um
so ungestörter entwickeln zu können, als er gegen mich den
doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer
der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wozu ihn, wie ich
glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde
meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da
ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage,
jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens
sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master
Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in
mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen
werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die
Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht
durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner
Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage
in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meine
gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte,
das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte.
Es waren die »Vögel Englands von Bowick.“ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen,
colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem
Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen
Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte
mich auf.
"Hierher, Schläferin! rief mein liebenswürdiger
Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. "Wo Teufel mag sie sich
versteckt haben? fuhr er fort. Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier... Mama
glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still,
indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine
Spur. Ich sonnte nicht mehr zurückweichen; ich schob
daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das
nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter
einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor
meinem jungen Tyrannen.
"Was willst Du von mir? fragte ich ihn in einem
Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
"Was willst Du von mir, Master Reed? wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten
Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich
will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf,
winkte er mich, näher zu treten und vor ihn stehen zu
bleiben.
"John war damals ein plumper Bursche von etwa
vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem
Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt
allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im
Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte
Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war,
konnte ihm, gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im
Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck
auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort
zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und
als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er
mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich
weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben
ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche
Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er dese stumme
Sprache, dem er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte
zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den. Füßen zu
erhalten.
Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht
zu antworten, wenn ich Dich rufe, sagte er zu mir,
"und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere
Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei
langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte
Spinne.
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf
den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
"Was machtest Du dort? frage er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so trauriges
und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
»Ich las.
"Zeige mir das Buch.
Ich holte es herbei.
"Ich will Dich lehren, fuhr er fort, „in meinen
Bibliotheken herumzustöbern und: meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel ... nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht
errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle
befand, wurde mir les klar, denn ich sah, wie er den
dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in
der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich
auf die Seite; aber es war zu spät John hatte richtig
gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel
gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich
fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand,
mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder
zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte, dem Gefühle,
das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die
römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen
mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus
"Du bist ein böser und grausamer Mensch ... Du
gleichst einem Mörder ... einem Sklavenhändler ... den
Kaisern von Rom!
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen.
Sie erbitterte ihn aufs Höchste und in rasender Wuth
stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich
bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige
warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir
hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete
einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine
Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die
Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der
Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die
beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei
und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu
trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme
meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
»Mutter, sieh nur wie Jane mich zugerichtet hat,
rief John ihr entgegen- sie hat mich geschlagen, gekratzt
und gebissen, und was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr
verbot, mir meine Bücher zu verderben.
"Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt -- wollte ich entgegnen, aber meine Stimme
wurde von der meiner Tante übertönt.
"Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen
Sohn thätlich zu vergreifen? Ist das der Respekt, den Du
"ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten,
die wir Dir gewähren?
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
"In die' rothe Kammer! rief sie; „schließt sie ein
und laßt sie dort!
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese
"gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für
mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem
Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen
Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen
und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie
anrufen und wie sie die „wüthende Katze“ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte
die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie,
das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen
Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.
Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß, sagte
sie zu mir, „so müssen wir Sie binden. Miß Abbott,
setzte sie hinzu, leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.
Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr
gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf
voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine
gewisse erzwungene Ruhe gab.
"Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott! rief ich
aus; „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu
rühren.
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich
mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich
wider meinen Willen gesetzt worden war.
"Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die
beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine
lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen
und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm
und schutzlos war, dem Willen Derjenigen unterwerfen
müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen
und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte
ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen
die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten,
habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein
großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in
Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses
öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte,
wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett mit
Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den
zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden.
Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über
den vor dem Bett sehenden Tisch war ein ähnliches Tuch
gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet
auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem,
dunklem Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der
besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl mit einem gleichen
Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen
Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie
Feuer angezündet wurde. Da es von der Kinderstube und
der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrsche fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des
mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume,
der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von
meinem Seite auf und ging nach der Thür, die, wie ich
wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter
Schauder ergriff mich, als ich sah, saß sie wirklich fest
verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren,
müßte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem
ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes
erblickt hatte. Mein Blick versenke sich unwillkührlich in
die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun
darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer
allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab.
In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf,
dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme
sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das
eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach
einiger Zeit... die unglückliche Nichte der Mistreß Reed.
Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich
mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person
allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren
Bildern, die an meiner übereizten Phantasie vorüberzogen
und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die
so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir
hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage,
von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner
kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel
war, und von meiner angeborenen Senschenscheu, welche
noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe
und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum
ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach
und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend
seine Schmerzensthränen vergoß, daß der Wind traurig
in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine
entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen,
und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das
Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf, diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu
sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes... dies
war der Gnadenstoß für mich. -- --
„Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden
wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Bestäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte.
Man muße den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht
vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles
war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed
zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male im Streit
miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich
mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß,
den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz
schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichendem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm
besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen
setzte, da es - mir noch nie begegnet war. Er fand mich
sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen
und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem
Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel
gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter
Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht
interessirten.
"Dies ist ein Beweis, sagte er, „daß Du ein böses
Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß
Gott Dich davon befreit und Dir ein anderes dafür giebt,
ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.e
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen
beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne
ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Brocklehurst. Er war
der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über
meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die
Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am
darauf folgenden l. Januar, einer der denkwürdigen Tage
meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit
einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed
zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich
mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie
wieder den Namen »Tante“ zu geben, ein Beweis, daß
ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen
hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die
Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen
Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich
in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den
Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von
seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben.
Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein
vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.
Zweite Abtheilung.
Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines
Oheims verfolgt, so warn es nun Entbehrungen aller Art,
denen ich entgegen ging. Ich habe 8 Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache
Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen;
die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden
Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber,
die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig
wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den
Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger
Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien,
der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in
meinem Gedächtniß zurückgelassen haben!
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame
Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen.
Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost,
den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den
Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und
den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein:
aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von
der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab; den nämlichen Haarputz ohne Locken,
die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an
unsrem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die
nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe
mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir von allen Mitteln
entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns, im Winter in
großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht
das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich
diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel
der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klimas
äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte
eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund.
Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber und
der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten
das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus
in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns
schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur
und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten
Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war
für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate
sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf
einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich
alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den
Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher
nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu
geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige
Bewegung als das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche
von der Krankheit verschont blieben, den Garten und ich
habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den
Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder
den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause
gestattet war: Rasselas, liebe Freundin, ja, Rasselas,
Prinz von Abyssinien!"
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu
lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas
wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie
war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte,
daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß
nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise,
wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift
und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse
frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere
von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeit
und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte
den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können,
mit dem man se ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären,
das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet
haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin
eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der
größten Ruhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am
meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis
zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen; wollte
ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation
Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren
Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß
sie das Buch.
„Ich wette, sagte ich ohne Einleitung zu ihr, daß
Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
"Ich? erwiederte sie, indem sie mich mich ungeheucheltem Erstaunen anblickte; »ich bitte Dich, warum denn?
Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?
Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja
so grausam gegen Dich?"
"Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng.
Meine Fehler mißfallen ihr.
"An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich
würde mich ihr wiedersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie
sie Dich geschlagen hat, würde ich ihr den Stock aus der
Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen."
"Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn
Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen
werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr
betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen,
der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von
Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, dass
Böse mit Gutem zu vergelten.
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack
an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der
Mangel jedes Grolls gegen die Person, über welche sich,
meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen hatte.
Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt befaß, das mir
noch fehlte.
»Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler
hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz
tadellos.
"Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren,
nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin,
wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich niet den Regeln der Anstalt, aber es geschieht
häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese
ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner
systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß
Scatcherd nicht, dem sie ist im Gegentheil außerordentlich
genau, pünktlich, eigen...
"Gehässig und hartherzig, setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie
schwieg.
"Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, warum
bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.
"Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane.
Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir
Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du ihr aufmerksam zu und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd
mit mir spricht und ich nur nach ihr hören sollte, daß ich
zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke
in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als
befände ich mich in Northumberland und als wäre das
Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen
Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses
vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten,
so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt
werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten
Rauschen des heimatlichen Wassers gelauscht habe, so bin
ich auf keine passende Antwort vorbereitet.
"Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler
geantwortet.
"Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des
Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich
mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König
zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln
konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine
hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner
Krone hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können... Doch trotz
alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung
und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten König.
Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut,
das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten
sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die
Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete,
ohne es zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres
Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
"Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt,
Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen,
wenn sie gerecht ist.
"Das, ist aber gegen die Lehren der Religion, erwiderte Helene ruhig -- welche diese, Grundsätze verwirft.
"Verwirft? das ist mir unbegreiflich.
"Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß
nicht entwaffnet wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht
wieder aufhebt.
Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehend
„Darüber eben geben die Hehren der Religion Auskunft, welche allein vermögen, Dich dauernd zu beglücken.
Zu alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten
sie in diesem Falle: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch
fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.
"Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, müßte ich
Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht; ich müßte
ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.
"Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz
natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem
Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen,
Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt
verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt
habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden
so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen,
ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte
nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man
hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle
meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte
einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche
vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben
mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der
Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt,
daß Miß Temple, diejenige unserer Lehrerinnen, welche
Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an
warmen Nachmittagen in den Garten führte! Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu
sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht
immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
"Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im
Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn
Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß
wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt
sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem
kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen
pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte,
weil sie verwelken könnten, wenn ich dis morgen wartete.
Die von Thränen des Abends benetzten Blumen strömten
süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war,
der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Osten
empor, und dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß
es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein
so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich
dache ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand
kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er
schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn
auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde,
der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen
Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die
Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates
"erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete,
bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das
Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
"Wie geht es Helene Burns? fragte ich sie.
"Nicht zum Besten, war die einzige Antwort, die
ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
"Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?
.Allerdings.
. »Und was sagt er dazu?"
"Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche
Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt haben,
Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland
zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen
Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein klares
und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon bienieden ihre letzten
Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen
Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht
hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und
ein tiefer Schmerz... dann fühlte ich ein unwiderstehliches
Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu
sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene
in Miß Temples Zimmer lag; aber mehr konnte ich nicht
von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal.
Es hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille
schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus
meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich
barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer
aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete
der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein
Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber
an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch,
von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich
eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten
Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den
Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden
hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.
Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die
Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig
Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zaudere nicht länger, meine Besorgnisse waren
verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu
sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem
Vorbange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein
schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Gestalt
abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische
stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß
sie zu einer andern Schülerin gerufen worden wat, welche
phantasirte.
Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn
zurückzog.
"Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre? dachte ich.
"Helene, bist Du wach? fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie
von selbst und ich erblickte ein blaßes, eingefallenes, aber
vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren
sogleich verschwunden.
"Wie, Jane, Du bist hier? fragte mich Helene mit
der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen
Stimme kann man nicht sterben, sagte ich zu mir selbst
und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu
umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls;
ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln
war noch das ähnliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren,
da ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte
nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.
"Nun wohl, entgegnete sie, Du kommst gerade noch
zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.
Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause
zurück?
"Ja, erwiderte sie, nach Hause... nach Hause,
für immer.
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme
versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin
nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am
Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
"Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und
verbirg sie unter der Decke.
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm
um mich und drückte mich an ihre Brust.
"Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr
sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme
fort. Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so
betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth. Früher
oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit,
welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert
sich allmählig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem
ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht
das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu
bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln
und über mich zu klagen haben.
"Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, weißt Du,
wohin Du gehst?
"Ich gebe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich
zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke
übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein
Vater und mein Freund.
"Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?
"Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns
Beide erschaffen hat.
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine
Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich
schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte
ich sie zurückhalten.
Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke! hob sie
wieder an. Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt
fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht
fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber
es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
Nein, antwortete ich, und kein Mensch soll mich
jetzt von Dir trennen.
„Gute Nacht, Jane!
"Gute Nacht, Helene !
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem
Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte
eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete,
sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich
in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein
Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich
keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß
Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf
an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Macken
geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene
war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der
einzigen Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood
einigermaßen erträglich machte. Denken Sie sich meinen
Schmerz! Miß Temple, diejenige der Lehrerinnen, welche
mir und Helenen noch die meiste Theilnahme bewies, ist fast
die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem
traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen kann. Sechs
Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte während
dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung
so gut benutzt, daß ich die letzten 2 Jahre meines Aufenthaltes zur Unterlehrerin avancirte. Ich war selbst eine
leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich
gewandt des Pinsels, was für meine späteren Jahre die
Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet
ist. Ist es mir doch fast selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem
andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches
zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen. Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von
diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu
haben schien, gehalten hatte, nichts Anderes war, als die
Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen
Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und
zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen,
wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die
Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht
nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte
ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft
darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu
engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen
konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb
dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte. Ich dachte fort
während an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen,
an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedenken, mich hinein
zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth
schwand bald wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem Schicksal entgegen gehen könne, wie ich
es im Hause meiner Tante erfahren hatte. Diese Befürchtung
war es, welche meinen Aufenthalt in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich
ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und
ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach
Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht
einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche
Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stile im Schlafsaale;
nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war,
erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich
die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich
wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus
entziehen wollte. Ale meine Gedanken concentrirten sich
jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood
zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten
sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar
verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäfstigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in mir auf:
"Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen
von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich
ihn nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß
ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige
Stellung anzunehmen, als de, welche mir das Schicksal
angewiesen hat?
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur
eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu
gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des
Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt,
die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn
Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch,
Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter
der Adresse: Miß J. E, poste restante Lowton. Dann
nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand
geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich
einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen
enthielt:
"Wenn J. E., welche ich am vergangenen Donnerstage in dem ..shire Herald als Gouvernante offerirt
hat, wirklich die angeführten Talente besitzt und wenn
sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer
frühern Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10 Jahren zu
leiten hat. Der Gehalt besteht in 30 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen der Personen, auf deren
Empfehlung sie sich beruft, an die Herren Fairfax in
Thornfield bei Millcote in der Grafschaft ** einsenden.
Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig,
altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer
Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts
Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das
Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield
war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit
kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich
mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon,
daß es ein bedeutender Fabrikort war, der an dem Flusse
A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war,
einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler
Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen
und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein
geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie es sich
hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd in den
Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte
nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die
Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen,
sodaß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie
schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine
Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen
Tagen mit einem Zeugniß meiner guten und treuen Dienste
volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich
rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax
geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem
Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht
Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine,
wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen
Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem
Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende
Diligence und sechszehn Stunden nachher, gegen acht Uhr
Abends, befand ich mich, in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an
den Wänden des »Galons“ ein Portrait von Georg III.,
ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten
Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern
konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie
lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß
geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde
betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich
klingelte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze
mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote
liegen sollte.
"Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner,
"aber ich will nachfragen.
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und
fragte mich:
"Sind Sie vielleicht Miß Eyre?
"Allerdings.
"Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen
Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den
Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn fragte,
ob Thornfjeld weit sei:
"Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalb
Stunden sind wir dort.
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über
Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Wittwe,
die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich
indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer
einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben,
die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und
Liebenswürdigkeit schmückte.
Dritte Abtheilung.
Die Waise in Thornfield-Hall.
Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir
bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der
Kutscher öffnete und das sich hinter uns mit Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines
Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann führte
sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große
Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von einem
behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von, außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren
Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte mich nichts
schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als
ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin
mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?
Wie sagen Sie, meine Liebe? versetzte die gute
Dame. Ich höre ein wenig schwer.
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
Miß Fairfax? Ab so... Sie meinen Miß Varens.
So beißt Ihr künftiger Zögling.
"Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas
verwundert.
Mein, ich habe keine Kinder.
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege
zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß
jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugeben, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine
weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir
sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und
der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse
verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine
einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen
konnte.
"Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß
Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so
wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß,
zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit
machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und
verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da
ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich
doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf
den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen
Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß,
sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen
graue Facade sich von dem braunen Hintergrunde eines
Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert Krähen ihr
Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese
nieder, die zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren
in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen
Wald bildeten.
"Thornfield, dachte ich, heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens
hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in
einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch
Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über
die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
"Gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie mich dann.
"Außerordentlich, erwiderte ich mit dem Ausdrucke
der Wahrheit.
Es ist in der That nicht übel, versetzte Mistreß
Fairfax. »Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen, oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit, des Besitzers unerläßlich.
Master Rochester? rief ich aus; wen meinen
Sie damit?
»Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit
großer Ruhe. Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester
beißt?
Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.
"Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin
bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn
Sie wollen. Ich bin allerdings, daß beißt, mein Gatte
war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des
jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten
Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier
nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.
"Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?...
"Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt
sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht
Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das
von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre frangösische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele
war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend
zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde,
nachdem Mistreß Fairfax, mich ihr vorgestellt, hatte sie mir
bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht
so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht
was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit
ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger
Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als
eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit
hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus
in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer
traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin
getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein
Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln
zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an
den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit
gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und
böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein
schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch
den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, würde
ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche
ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt,
daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und
stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung
und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm
ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm
diesen kleinen Verdruß zu ersparen.
Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?
Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und
scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es
sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.
"Ist er allgemein beliebt?
Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung.
Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.
"Verzeihen Sie... ich verstand meine Frage anders.
Lieben Sie Herrn Rochester?"
"Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben.
Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.
"Aber sein Charakter..."
"Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas
Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber
wir haben uns nicht darüber zu beklagen.
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun
als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer
des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch eine
lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte
Temperatur, vergilbtes Neublement und altmodische Tapeten unwillkührlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich
bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen
Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax
mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf
die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte
mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer
doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig
still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts,
als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus einem
dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes
Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes,
regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte.
Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein
sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
Mistreß Fairfax! rief ich, als ich mich ein wenig
von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin
auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. Haben
Sie dieses Lachen gehört?
Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie, leicht
hingeworfen.
»Aber haben Sie es denn gehört?
"Allerdings, ich höre es oft. Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
"Grace! rief Mistreß Fairfax.
Dieser Dame schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich
indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien
eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und
auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
"Grace, sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem
ganz gewöhnlichen Geschöpf; es ist zu geräuschvoll hier,
Ihr wißt, was Euch befohlen ist...
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann
glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein
Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu
gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen
Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax
besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung
erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß.
Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit
fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich
im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie
viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen
der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den
unscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür
tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu
stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken,
welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen
haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend
und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December
und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen
starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die
Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich
anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude
ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner
freien Verfügung zu haben. Adele hat dringender und ich
gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen
Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die
Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne
schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da
ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen hatte, selbst
den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei
Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie
ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben,
um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden,
welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich zu diesen Auserwählten
gehörte, wenn ich den magischen Pinsel eines Constable
besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der
Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als
die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug.
Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich
langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in
einer Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der
Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin,
ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine
Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen
können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume
bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die
weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne
erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen
kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin
und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter
zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht
dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von
einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte,
den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit,
hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände
tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von Bäumen, an dem von den
Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch
erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield
begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher
auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter
seine hohen Mauern hinabgesunken war. Jetzt erst dachte
ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch
einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich
plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber ganz deutlich,
den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages,
welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren
Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen
Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit
jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter
vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei
Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach
der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer
Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden
Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist
die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes,
eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise
die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden
viel zu schaffen macht... und ich selbst hatte mich in diesem
Augenblicke verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch,
über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen
Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen
Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz
und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der
Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner
Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und
dicken Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig
an mir vorüberging, indem er mich kaum eines allerdings
übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem
eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt,
daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz,
und, was noch schlimmer war, mit einen Reiter auf dem
Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst
nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war
also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger
werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei
geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der
Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay
fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der
unmittelbar darauf folgende Ausruf: Verwünschte Geschichte!
veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war
auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte,
um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam,
um meinen Beistand anzusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien
es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige
Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu,
während er sich mit großer Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte.
Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte
man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete
fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen
halblauten Fluch ausstieß.
"Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen? fragte
ich ihn weiter.
Sie können mir aus dem Wege gehen erwiderte
er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann
ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen
und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte.
Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und
der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er
brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem
Hunde mit einem sehr kräftigen: -Ruhe, Pilot! Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine
und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine
mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein
Pferd zu besteigen, setzte er sich an die Barriere, die ich
vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
"Wenn Sie verwundet find, mein Herr, und irgend
eine Hilfe bedürfen, sagte ich zu ihn, "so könnte ich sie
Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall zusenden.
"Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst
aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen,
sondern mir nur den Fuß verrenkt.
"Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm
einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen
Sonne geröthet und an östlichen Horizont glänzte der Mond.
Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich
zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen
Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden
konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war.
Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und
der Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihn die zusammengezogenen Braunen und die noch zornfunkelnden Augen ein
wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er
noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man
konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens
fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war
mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen
jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch
viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je
einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu
haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets
als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für
dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt
und dabei schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen,
hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet,
so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen
sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten
beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink
gab, mich zu entfernen, rief ich aus:
"Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in
einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht
überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder
zu besteigen.
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem
so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte
mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
Aber mich dünkt, entgegnete er fast sogleich, daß
Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in
der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich
fragen darf?
"Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich
durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich
würde gern nach Hay geben, um Ihnen Hilfe zu senden;
übrigens gehe ich ohnedies dahin.
Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie?
Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit
den Schießscharten? fragte mich der Fremde, indem er
nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
"Ja, mein Herr.
"Und wem gehört dieses Haus?
"Herrn Rochester.
Kennen Sie Herrn Rochester?"
Nein, ich habe ihn nie gesehen.
Bewohnt er sein Haus
Nein.
Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?
"Dies weiß ich nicht.
Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse;
Sie sind . . .
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu
betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus
einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Gastorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche
Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben
würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
"Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner
Ungewißheit ein Ende zu machen.
"Ah so, die Gouvernante, versetzte er; auf Ehre,
ich dachte nicht mehr daran.
Er betrachte mich von Neuem. Nach einigen Minuten
versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz
malte sich in seinen Zügen.
"Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,
sagte er endlich, Beistand für mich herbeizuholen; aber
wenn Sie die Güte haben wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen
Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?...
Mein ... nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie
Muth genug dazu?
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben; aber ich weiß selbst nicht warum, es war
mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barriere
und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien,
sich zu bäumen und dessen Hofe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg
meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte
er laut auf.
Ich sehe wohl, sagte er, daß das Pferd nicht zu
mir kommen wird, und daß ich also versuchen muß, zu
dem Pferde zu gelangen. Haben Sie die Güte, hierher zu
kommen.
Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.
"Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, fuhr er fort,
aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Stütze
zu benutzen.
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte,
fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem Pferde,
das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An
seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehr
ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
"Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie
liegt dort an der Hecke.
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
"Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay,
und kommen Sie baldmöglichst zurück.
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem
Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann
im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach
und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich
seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit
lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und
von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt
und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens
der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommnen hatte,
so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes
von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum
ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem wenn nicht
schönen, aber doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor
meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um
den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann
vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder,
als ich auf dem Rückwege an die Barriere kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich
konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten
Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp
eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen
Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen
Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in
Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte,
war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete
Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches
Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin
ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und
scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah
ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen
an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich
mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild
hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax,
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich
weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen
lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und
weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß
ich mich der Illusion völlig hingab.
Pilot! rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
"Wem gehört dieser Hund? fragte ich sie.
»Dem Herrn.
.Welchem Herrn?
"Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?
Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie
sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.
"Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?
Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.
Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen
zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen;
Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als
gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns
ihre Freude über die Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es
war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke
anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren
Inhalt sie interessiren werde.
"Dies bedeutet, sagte sie, daß auch ein Geschenk
für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat
von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante beißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blaße
Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Dem nicht wahr,
es ist so, Mademoiselle?
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette
bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich
brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerke übrigens von diesem Morgen an, daß
Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer
Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der
Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte
im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen
Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn
erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen
veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen
Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis
dahin nach besten Kräften zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während
ich mich, damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen
eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, denn setzte sie hinzu, ich kleide mich stets des
Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.
Dies erschien mir etwas ceremnoniös; um jedoch dem
bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte
ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der
nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen,
dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich
nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar,
daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte
ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft
und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.
Vierte Abtheilung.
Master Rochester.
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte
auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes
Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit ihren
kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren des
treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine breite
und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte
wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst
nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte,
sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
"Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese volkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich
setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es
nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu
sein. Sie tischte uns eine Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
"Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu
haben schien, ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax
mir das Theebret, damit Mr. Rochester gezwungen wurde,
einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß
noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
"Nicht wahr, sagte sie zu ihm, in Ihrem Koffer
ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?
Was schwatzest Du von Geschenken? entgegnete
Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. Halten Sie
Geschenke für zweckmäßig? setzte er hinzu, indem er mich
mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
"Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ich bin nicht an
dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.
"Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.
"Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten,
bedurfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke
sind allerdings verschieden.
"Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele
hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie
etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.
"Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf
Ansprüche, wie auch weniger Wertrauen zu der Erfüllung
meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?
"Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit, erwiderte Mr. Rochester. Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben.
Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich
sie keine glänzenden Anlagen hat.
"Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am
meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen
geringen Werth in meinen Augen haben.
"Wirklich? versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte
er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß
Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich
hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der
Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.
"Spielen Sie Pianoforte? fragte er mich zuletzt.
"Ein wenig, antwortete ich.
"Das versteht sich von selbst? ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer
... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also
in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die
Thüre offen und spielen Sie etwas.
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle.
Mach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie
alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber
keineswegs gut.
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen
Platz zurück.
"Diesen Morgen, fuhr Mr. Rochester fort, hat mir
Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen
sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?
"Nein gewiß nicht! rief ich aus.
"Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie
mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß
diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie
Ihr Wort nicht leichtsinnig, dem ich verstehe mich auf
Flickwerk.
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek
das verlangte Portefeuilte.
"Einen Tisch!
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß
Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
"Nicht so, sagte Mr. Rochester. Nehmen Sie die
Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege;
ich kann es nicht leiden, daß Köpfe dem meinigen so
nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei
von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ
er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen
andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er
rief mich zurück.
"Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?
fragte er mich hierauf; und ist diese Hand die Ihrige?
"Ja, antwortete ich.
Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? dem
solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch
manches Andre...
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden
daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
"Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?
"Aus meinem Kopfe.
"Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?
"Allerdings.
"Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
"Wahrscheinlich... vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich
Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee
nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß
diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen
Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer
hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern
Partien waren in Dunkel. gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser
hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran
mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß.
Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold
und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Colorits scharf
hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter
einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man
einen ertrunkenen Leichnahm, von welchem man nur einen
Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das
Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den
dunklen Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an
dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb.
Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich hatte
anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur
wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde
Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes
Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt
oder deren feuchte Bruchstücke durch electrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußern
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab
die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung
diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges
durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des
Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem
mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen
Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein
männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei
abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich
unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche
Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck
als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf
glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen
Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und
da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen
Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton
der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
"Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?
fragte mich Mr. Rochester.
"Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft
glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte
fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken
konnte.
"Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis
jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig
gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben.
Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des
Schönen befriedigt?
"Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner
Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend.
Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen
hatte ...
"Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie
haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres
Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten
Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel,
demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige
Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus
einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem
Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und
ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ...
Welch' ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke!..
Und wer hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu
malen? dem es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen
Himmel und über diesen Berg dahinbraus't. Wo endlich
haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That
Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er
auf seine Uhr blickte:
"Schon neun Uhr vorüber!... Woran denken Sie
denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen?
Bingen Sie sie sogleich zu Bett!... Gute Sacht, meine
Damen.
So endigte unser erster Abend.
Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester
uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange
und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher
Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus
der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu geben,
äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu
begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich
kleidete die schon sehr kokette Adele aufs Beste an und
sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast
tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den
Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der
Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens
Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen angekommen. Ihr Vormund
gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches
die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte
und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und
bei jeder neuen Entdeckung. machte sie ihren Gefühlen durch
laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald
zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und
hat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen
Pariserin ein gefälliges Ohr zu leiden.
"Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt, sagte
er dann zu mir, und ich denke mir wohl, daß ich jetzt
für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem
das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. »Miß Eyre,
setzte er hinzu, rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig
vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir
und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage
zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir
diesen Zwang auflege.
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre
ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden
Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen
gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich
nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte
nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken,
wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer
zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte
hin und wieder seine Zügen und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz zu welchem
die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich, das Ihrige
beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem
Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen, Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes
verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelt sich in
seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in
das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete
meinen Augen.
"Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre?
sagte er in heiterem Tone; finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?
Ich bäte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen
Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes Nein, mein Herr! entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
"Vortrefflich! rief er in dem nämlichen Tone. Sie
haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem
Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine
gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten,
deren Hände stets an ihren Platze und deren Augen immer,
das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und
wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine
Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn
auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen
Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?
Entschuldigen Sie meine allzu große Freimüthigkeit.
Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der
Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe
sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen
muß, dann ...
"Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben
so viele Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstich. Eine
offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich
sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück
haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime
Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares
zurück.
"Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?
"Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich
beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug
von Philanthropie darauf erblicken soll?
"Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne
Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ, -- er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- daß ich weder die
Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte.
Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein
Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht
nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können.
In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch,
der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen und
Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen,
mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so
daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin wie Kautschuk.
Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine
gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige
Hoffnung vorhanden ist??
"Was für eine Hoffnung?
"Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu
sehen.
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache,
wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte,
die. mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters
zu zweifeln.
"Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,
fuhr er fort, und obgleich Dame Natur Sie nicht viel
reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen,
daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat
überdies noch den Vortheil, daß sie Ihre gefährlichen
Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs
herabzusenken, anstatt meine darmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu
studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden.
Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in
einer außerordentlich geselligen Stimmung.
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in
einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine
kräftige, ebenmäßige. Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an
den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten. nur. noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten,
fuhr er fort:
Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen
angenehmen Abond verlebe. Sie sind mir immer als ein
höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde
mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte
meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last
nie weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax
erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen
sehr dankbar dafür sein.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube
fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
Sprechen Sie, wiederholte er mit Ungeduld.
"Sprechen Sie wovon Sie wollen und wie es Ihnen
beliebt.
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm
zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir
sehr an sie Unrechte kam. Er errieth daß endlich.
Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und
fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß
Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie
als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität
zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre,
welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von
Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgeben wird.
Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar
sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen
quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit
peinigen.
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und
ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde.
Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß
ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu
unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche
er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie
mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben
übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie
er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht
daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend
machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz
gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und
sinnloser Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein
Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht
ein peinliches Gefühl, wenn man einen Meischen sieht, der
sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse
mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf
gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen
wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist,
und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von
ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er das Gift des
Lebens nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln,
versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die
ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle.
Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich
einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch
später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten
außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm
erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten
wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der
Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen
und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die
Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über
seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde
er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die
Furcht, daß er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf
welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir
wünschenswerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer
Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die Gelegenheit, als
es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht werde, sagte mir,
sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu
versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem
Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen
an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen,
wie eine raffinirte Komödiantin.
"Stebt mir das Kleid gut? rief sie, zwischen uns
tretend; und die schönen Schuhe? und die seidenen Strümpfe?
Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den
Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette
beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
"Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte! sagt sie
in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte
hinzu: Machte es Mama nicht auch so?
"Ganz genau so, erwiderte Mr. Rochester mit einem
erzwungenen Lächeln. Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,
sagte er hierauf zu mir; ich werde Ihnen dies später
einmal erzählen.
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen
verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr.
Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem
Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens,
gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche
Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der
von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen
Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen
worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil
er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem
Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten
und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlosen
Muter verlassen wurde.
"Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,
sagte er am Schlusse seiner Erzählung, um sie auf den
gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens
zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze
Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt, fuhr er
fort, Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter
einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir
erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal
werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle
gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer
anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig
gerathen?
Keineswegs, erwiderte ich; Adele ist weder für
Ihre Fehler noch für die ihrer Mutter verantwortlich.
Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da
ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und
von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine
Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie
wachen.
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese
unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein
Zimmer kann, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung
nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken,
die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten
war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis
seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen
Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden
Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft
auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn
ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort
und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich
des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich
deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der
Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als
ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach
mein Herz. Seine durch die Erzählungen, welche mir
eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein
durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle
Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem
Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und
daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters,
doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes
einflößte... mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise,
um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende
Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor
ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen,
von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.
Fünfte Abtheilung.
Das Geheimniß von Thornfield-Hall.
Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie
waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen
hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der
ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit,
um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und
Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht,
und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter
war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches
Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben
haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war
ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer
muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend
aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz
schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir
unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite
Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem
nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an
der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand
durch den Corridor schlich. Ich frage: »Wer ist da?
Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche
Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß
Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich
vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft
des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte
mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte
das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten
Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der
Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese
Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so
wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes
Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da
das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so
glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht
an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem
her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht, von der
ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts.
Mach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von
Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der
Thür. Seine erste Bewegung war, aufzuspringen und den
Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: Wer
ist da?
Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine
Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf
der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor
Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht
worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann
war Alles still.
"Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei
mir, und sollte sie vom Teufel besessen sein?
In meinem Zweifel schien es mir unmöglich nicht, auf
der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher
ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog
den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür.
Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes
Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in
einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang
selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach
allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte
ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür.
Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang
in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten
Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen
umzingelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen
waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag
Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche
schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich
auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte,
war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum
Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm
Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und
auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und, es gelang mir
unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu
löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der
Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren
Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären
konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab,
erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe
ertränken wollen; dann hat er mich, ihn ein Licht zu holen.
Besonders aber, setzte er hinzu, kommen Sie nicht
unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß,
ob ich ein einziges trockenes Kleidungsstück finde, das ich
überwerfen kann... Doch halt, da ist mein Schlafrock.
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken
und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich.
Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm
von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten
Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden
des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen, Mittheilungen
eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor,
Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?
versetzte er heftig. Lassen Sie sie und meine Leute ruhig
schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie
meinen Mantel um, wenn Sie friert und nehmen Sie Platz.
Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie
nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn
ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen.
Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders
ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei
Ihnen sein.
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der
vollständigsten Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir
verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch
diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr.
Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
Es war ganz so wie ich dachte, sprach er halblaut,
indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust
gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem
ziemlich sonderbaren Tone:
Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?...
"Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.
"Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört?... ich dächte, Sie hätten mir früher eine
ähnliche Geschichte erzählt.
"Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens
Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist
ein wunderliches Geschöpf.
"Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnet haben.
Sie st eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr
über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nöthig,
daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte,
werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht
zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren
Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs
stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem
Sophia in der Bibliothek ruhn.
"Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht, erwiderte ich,
idem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er
mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte:
"Wollen Sie mich denn schon verlassen? rief er aus,
"und auf solche Art?
Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen...
Aber nicht ohne Abschied zu nehmen... nicht ohne
ein freundliches Wort... nicht mit dieser kalten und
strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet,
haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir
sollten uns trennen wie zwei Fremde?... Geben Sie mir
wenigstens Ihre Hand.
Er reichte mir die seinige... ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken,
ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
"Sie haben mir das Leben gerettet, sagte er dann
tief ergriffen. Es macht mich glücklich, Ihnen eine so
große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen
nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in
dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte
verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es
etwas Anderes... eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.
"Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die
meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen
Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst
zu versagen.
Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester, erwiderte
ich ihm. »Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch
von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede
sein...
"Ich wußte es, unterbrach er mich, daß Sie mir
früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen
wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren
Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah... Ihr
freundlicher Blick ließ nicht umsonst...
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
Nein, fuhr er dann fort, nicht umsonst hat Ihr
freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den
innersten Tiefen meines Herzens erweckt...
Dies sagte er auffallend rasch.
"Man spricht von natürlichen Sympathien, setzte
er hinzu, auch von guten Genien... Gute Nacht denn
liebes Kind, Sie, haben mir das Leben gerettet!
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem
Blicke.
Es freut mich, fügte er hinzu, daß ich nicht wie
gewöhnlich eingeschlafen war.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
Sie verlassen mich also?
»Ich friere.
Ja, es ist wahr... und Ihre Füße stehen im
Wasser. Gehen Sie, Jane, geben Sie rasch.
"Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte
nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich
mich auf ein Mittel.
"Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,
sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können
sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine
Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit
dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende
Ufer, das, ich jenseits der Sogen erblickte. Dann warf
mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es
ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft,
bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters
Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder
in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen
über die Begebenheiten dieser Macht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat
ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht
wenig überrascht, als ich eine mit dem Mähen eines Vorbanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war,
als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt
war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen.
Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit
war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze
des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den
Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg,
richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm
dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ
sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber
von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir
vor, diese empörende Gleichgültigkeit auf die Probe zu stellen.
"Guten Morgen, Grace, sagte ich zu ihr, was ist
denn diese Macht hier vorgefallen?
"Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und
ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten
Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.
"Eine sonderbare Geschichte, sagte ich halblaut, indem
ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. Hat dem
Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?"
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken
zu erforschen.
"Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier,
wie Sie wissen, erwiderte sie dann. Mistreß Fairfax,
deren Zimmer an dieses stößt, hat einen sehr festen Schlaf
und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß
Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.
"Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser,
"als ein Gelächter, wie es wenige giebt.
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat,
während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben
ohne Zweifel geträumt, Miß.
"Nein, ich habe nicht geträumt, erwiderte ich, indem
ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte
mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen
Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert. Sie blickte
mich abermals forschend an und fragte mich:
"Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?
"Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.
"Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu
öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir
der Gedanke bei, daß sie, wenn sie ahnte, daß ich wußte,
woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich
spielen könnte, ich lenkte daher ein.
"Im Gegentheil, erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ich verriegelte meine Thür.
"Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu
Bett gehen?
"Schändliches Weib! dachte ich, sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.
Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich
damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr
sein würde.
"Daran werden Sie sehr wohl thun, war ihre ganze
Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der
Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.
Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole? fragte
er dann.
"Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.
"Und Ihren Sago?
"Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn
vor dem Thee selbst besorgen.
Mach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade
auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über
die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit
dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime
Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus
dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu
überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher
er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese
Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel,
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht
etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existirte, das früher, als
Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des
Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie
auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt,
dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor
der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen,
welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr.
Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts
mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes
Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu
beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ
mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher
im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten
werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
"Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter
zu kommen.
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und
ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den
ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr.
Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der
Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
"Kommen Sie rasch, mein liebes Kind, sagte die
gute Dame, sobald sie mich erblickte. Sie müssen sehr
hungrig sein, dem Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein. ... Ich denke
nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
"Ist Mr. Rochester nicht hier?
Nein, er ist nach dem Frühstück nach Pres-Clos zu
Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.
Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?
Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl
etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und
namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.
Blanca Ingram wohne 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur
alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und
die von den 4l Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt
wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines
Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax
schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize;
ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre
großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne
zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie
erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor
einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche
schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten,
die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander
geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend
nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten
Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein
strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über
sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches, häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren
mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine
arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte
denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch
käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für
meine törigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor,
nicht wieder darauf zurückzukommen, und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen
gefunden hätte.
Mr. Rochester blieb l4 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles
zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten,
den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus
seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste
aufzunehmen.
Sechste Abtheilung.
Blanca Ingram.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene
Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde
Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine
Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester
auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galopirte
keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast
den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer
grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes
Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
"Dies ist Miß Ingram, sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses
rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster
und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war,
daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und
den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen
durfte.
"Wenn Mama Besuch hatte, sagte sie fast weinend
zu mir, und besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen
ankleiden, und das war so unterhaltend... man lernt dabei
am besten, wie man sich kleiden muß.
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz
aus den Augen verloren, und ich mußte meine Zuflucht
zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge
nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der
Erde das Schloß, um einen Ausflug in die. Umgegend zu
machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am
vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an.
Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und
Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der
übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um
einige wahrscheinlich sehr vertraute orte zu wechseln.
"Nun, wie gefällt sie Ihnen?- fragte mich Mistreß
Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es
bemerkt hatte.
"Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht
gut zu erkennen.
"Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß
er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt,
setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es
sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs
zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich
in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war
und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus Furcht,
eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars in
Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Mach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und
hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen
sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches
Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen, bald in
ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele
den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person,
um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren.
Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen
Liebreiz. Er drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen,
daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns
war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit
einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses
schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu
sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung besaß als
sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als
das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten
Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen
Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
"Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?
dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem,
was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen
Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr. Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die
Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft
jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der
seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet,
mit bewegter Stimme zu mir sprach, während sein Herz
von der Freude überströmte, daß er mir das Leben zu
verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen,
ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen.
Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von
der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit
Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach
einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse;
die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender
Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der
vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin,
nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Duelle beugt
und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
»Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den
man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies
nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht,
diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn,
diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser
strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war
nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es
für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der
That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade
gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich
so überwältigt und mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie
lieben wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten
Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen
Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er vom Neuem die ganze Herrschaft
über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte. Ohne
daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder
zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen
gelernt hat, der kenne das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische,
anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht
lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben
und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück?
Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, gebt zu ihm hin und knüpft ein
Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was
darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen,
diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle
erwecken nur mein Mitleid. Alls das Thema erschöpft ist,
schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr
zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich
das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde
schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemandem
gesehen worden zu sein.
In Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in
Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke
wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich
eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
»Wie befinden Sie sich? fragte er mich.
"Ganz wohl, erwiderte ich.
"Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte
ich mir nicht herausnehmen.
"Ich fürchtete Sie zu stören.
.Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?
"Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
"Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben,
dem Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir
vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie
haben Sich doch jene Macht in meinem Schlafzimmer nicht
erkältet?
Nicht im Enferntesten.
"Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen
uns zu früh.
"Ich bin müde.
"Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen
Sie es mir.
»Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.
"Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen
die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon
in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine
davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit
hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier
findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen
wissen. Für diesen Abend will ich Sie entschuldigen, aber
ich erwarte... oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange
meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen...
Gute Nacht, meine...
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.
Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen
Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann
nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu
müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte
ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich
zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem Gebieter
in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine
große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder
doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer
vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig
hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte
man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken; aber
ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken. Nichts
keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven
Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte
noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende
Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es
war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist
und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit
in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse,
den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens
einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die
Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches
Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein,
daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus
Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu sichern,
oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren Mängel
seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und
wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei.
Hätten sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige
Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen
Qualen unerwiederter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten
müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr.
Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder
gar Liebe einflößen zu können.
Wenn ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß
ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen
falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich
bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie
immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen,
um Rochester für immer an sich zu lieben, zu fesseln,
zu erobern,... so waren diese Beobachtungen eben so
interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens
werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen
Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich
ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gebatzten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde.
Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen
etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die
Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann
aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung,
hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines
Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im
Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und
schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine
Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um
mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte
meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereitzt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte, dieses
Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die Augen
fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester stets
gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester
verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der
Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die
Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu sagen,
waren die Gäste von Thornfield-Hall in einer ziemlich
verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu
man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen,
welche Partie man improvisiren sollte. Plötzlich hörte man auf
dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines
Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern;
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg
aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses
sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß
Ingram als die älteste der anwesenden Dannen natürlich die
Honneurs machte.
"Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen.
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein
etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber
nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine
Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das
heißt etwa 4l Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen
diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen schönen Mannes, ohne Kraft, ohne Feuer,
ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönen
Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich,
daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wußte
bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, dem
nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten
Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden
Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem
Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton leise einige
Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times
hören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwidere:
"Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn se
nicht gutwillig geht.
Was giebt es denn? fragten sogleich mehrere
Stimmen.
"Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier, versetzte der
erste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche
den Damen wahrsagen will?
"Nun warum nicht? rief Blanca Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter
sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:
Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um
zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er
entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß
die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre
Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in des Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre
Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen
Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber
augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei
andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele
und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen
und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge
gesagt... unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und
wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier
der anwesenden jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente,
welcher das Amt des Huissiers versah, erklärte, daß die
Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch im
Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie
ihre Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch
diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die
Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging,
ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen
Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn
zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie
las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen schwarzen
Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können.
Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei
sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes
tiefer in die Augen zu drücken.
Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage, fragte
sie mich.
"Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
Lassen Sie Ihre Hand sehen.
"Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht
erschrecken.
Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann
damit nichts anfangen.
"Ich habe es mir gedacht, versetzte ich.
"Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
Augen selbst.
Es folgten nun eben nicht Prophezeiungen, wie die
Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe
Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen,
wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre
Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des
Mr. Rochester gewahrte.
"Genug des Scherzes, rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen
Mantels zerriß, so daß er herabfiel. Sie zürnen mir
wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe,
vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen
würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan
haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer
Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte.
Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum,
sine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon? fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, uns ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier
angekommen ist?
Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?
Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft
mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.
"Hat er seinen Namen nicht genannt?
.Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von
Spanish-Town auf der Insel Jamaika.
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte
auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automat; Mason!... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl? fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane... ein fürchterlicher Schlag!
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich, rief ich aus.
"Ach ja!... wie früher... wie immer, nicht wahr?
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin, stammelte er mit
bebender Stimme und starrem Blicke, ich möchte allein mit
Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen,
von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen
Erinnerungen befreit wäre.
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer.
Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf,
als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten
Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane, sagte er zu mir, gehen Sie in
den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts
Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist
und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem...
Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte...
führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane! rief mir Rochester nach,
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?
"Was ich thun würde? versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich
die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die
Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber, fuhr er fort, ihnen entgegenginge
und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische
Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich
nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane?
würden Sie mich auch verlassen?
"Ich ... ich glaube nicht.
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu trösten?
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände.
"Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem
Unglücke verfluchten?
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu
Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen,
der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und
Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie,
was ich Ihnen aufgetragen habe.
Mein Eintritt in den Speisesaal. wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm,
erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der
Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst
zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen
und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen
sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters
Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason, sagte er, Ihr
Zimmer ist dort.
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.
Siebente Abtheilung.
Die geheimnißvolle Verwundung.
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Machthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es
mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe
zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüßig und
stand auf, um den Vorhang zuzuzieben.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich
ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen,
mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage.
Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht.
Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte
Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst
verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,
ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte
vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über
dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das
Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen
eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: Zu
Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!
"Kommt denn Niemand? setzte die nämliche Stimme
bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen
der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren
Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte:
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so
kommen Sie doch!
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald
darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer
Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich
verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von
dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor,
und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne
Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand
verwundet? Ist Feuer im Hanse? Sind Diebe eingebrochen?
Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in
dem halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da
vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher,
ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand
eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten
schon, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich
geschehen war.
Wo mag nur Rochester sein? rief endlich ein junger
Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine
Fassung verloren hatte; ich finde ihn nicht in seinem Bett ?
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!
rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und
ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden
Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu
müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen
Machtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,
sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam. Es ist eine reine Mystification, nichts
Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los... ich bin
ein gefährliches Thier.
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen
schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß
er in der That gefährlich war. Aber er unterdrückte
gewaltsam seine heftige Aufregung.
Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, nichts
als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte.
Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen
Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer
zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit
ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren,
gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran...
und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über
mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß
ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben
schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf
Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ
meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche
schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Macht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der
Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu geben, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm in an meiner Thür ein
außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir? fragte ich.
Sind Sie aufgestanden? entgegnete die Stimme Mr.
Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf.
"Und angekleidet?
"Ja.
So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem
Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes, sagte er zu mir; kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen
vor Allem Niemanden aufwecken.
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so
bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und niedrigen
Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er
plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?
fragte er mich.
"O ja.
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?
"Ich habe etwas in meinem Zimmer.
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie
mir diese Gegenstände.
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein
Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester
erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel
in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er
damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche
m die Dachkammern führen mußten. Auf der Schwelle
hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies
hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.
"Geben Sie mir Ihre Hand versetzte er. Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: Es hat keine
Gefahr, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte fein Licht auf einen Tisch, hat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort
zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir
nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir
und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane.
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem
Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester
das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit
Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir,
"und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann
wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte
Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen
mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit
einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun
den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide
sorgfältig und verband sie hierauf.
"Ist die Wunde gefährlich? fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht, erwiderte Rochester im Tone leichten
Vorwurfs; eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen
Sie sich also und kommen Sie wieder zu sich, ich will.
sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie
hoffentlich abreisen können. Jane, setzte er hinzu, ich muß
Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein
lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen,
so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen
Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm
Ihr Riechfläschchen unter dir Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache
ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen
der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen.
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus
und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein,
sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihn die
Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes
Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmer und
verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch
eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher
Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte... Sie werden zugeben, daß
es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich. meine zitternde Hand von Zeit zu
Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen
einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel
in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten,
die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten,
welches das düstere Gemälde erleuchtete.
"Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht,
denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von
einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das
unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Manne einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte er
sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer
er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser
den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie
mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien
keine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde
Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer,
und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst
zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich
flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um
das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen
Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte
ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges den matten
Dämmerschein des anbrechenden Sorgens, und ich hörte
Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden
Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf, und ich wurde
nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der
Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang,
deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu
Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber
manche Sache in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
Aber wird es sein Zustand erlauben?
Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir
müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also
eilen Sie.
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte
zu ihm:
Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit
so stieren Augen an. Sagen Sie ihm. Carter, daß nicht
die geringste Gefahr vorhanden ist.
Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern, entgegnete der Arzt, nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben,
und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das? setzte
er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete;
das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten,
sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein
Messer allein hervorgebracht... ich sehe deutlich die Spur
von Zähnen!
Sie hat mich in der That gebissen, erwiderte der
Kranke; sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr
Rochester das Messer entrissen hatte.
Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern
sie umschlingen und festhalten, versetzte Rochester.
Konnte ich es denn? entgegnete Mason in kläglichem
Tone. O, es war gräßlich! setzte er schaudernd hinzu.
Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien
so ruhig zu sein.
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens
hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen,
damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten
in der Nacht allein zu ihr zu gehen.
Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.
Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich
sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner
Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen
verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch,
Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an
einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß, wie
es scheint.
"Ja, sagte Mason, sie trank mein Blut, sie wollte
mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in
seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie
dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich
gar nicht mehr daran erinnern.
Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn
Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie
wieder in Spanish-Town sind, werden Sie nur noch wie
an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken... wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch
an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je
vergesse!
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry?
Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr
Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so
todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder
munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache
ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen... Jane wird uns dabei behülflich sein.
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That
nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne
welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der
Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen
zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er
goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von
einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache
seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte
eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der
sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache gebt gut, sagte Rochester dann, und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, aus
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht
gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter...
öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie
werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr
vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon verboten,
auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir
kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf der Treppe
begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen.
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herrn langsam hinabgingen -- denn Mason war
noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam und
blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst
an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch
verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den
blühenden Bäumen zu zwitschern. deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf
dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem
Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts
gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommenen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei sich. Mach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie
ist Ihnen jetzt, Henry?
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig.
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es gebt nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!
"Fairfax! rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?
"Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht...
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun, erwiederte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie
zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren
Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur,
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte,
den ihm dieser Mason einflößte. über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser
Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er
Mason diese oder jene, Verhaltungsvorschriften dictirte, aus
dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der
Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche
Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das
Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig
befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indisereten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft
sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr
kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er
machte seiner schönen Braut, Miß Ingram, fortwährend
den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen
zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es
kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller
Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm
die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich
voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield
früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich
mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche
daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich
ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen
Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren
Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß
mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines
Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der
Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte
mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war.
Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten
durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung,
welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse
meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen,
in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in
Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach
Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt,
ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin
unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher
für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem
Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame a. e.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der
Hand der Mistreß Reed:
"Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule
zu Lowood am Typus gestorben sei.
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit,
welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß
sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt
hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses
Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen,
denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe
meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren
Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich
dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John
Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt
hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein
Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manen dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte,
und den ich Ihnen, ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen
eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste
von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß
vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit
Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher
mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest
beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage
des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon.
Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen
nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts
sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester
die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden
Scherze und einem sardonischen Blicke, mit dem man nicht
wußte, was man machen sollte, wie sich Mistreß Fairfax
sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereis't
waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester
nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf
dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram Park sah.
Allerdings leg Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber
was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es
namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester,
diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir,
welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner
Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden
Sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters,
um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu
entdecken, aber noch zu keiner Zeit war wir dieses Gesicht
so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke
erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich
mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von
Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte
er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und
aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner
eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war
er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie
hatte ich ihn so sehr geliebt!
Achte Abteilung.
Rochester's Heirathsantrag.
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe
gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich
hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete
einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht
neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine
sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine
Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man
über eine Wolfsgrube in's Freie. Dahin führte eine Art
Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit
Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen
Abend zu genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte ich mich jedoch niedergesetzt, so spürte
ich den Rauch einer Cigarre, wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in
den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum
zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mir.
"Noch so spät im Garten, Miß Eyre?
Ich wollte den schönen Abend genießen.
"Dieser Wunsch hat auch mich ins Freie geführt.
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite
meines Gebieters noch länger zu verweilen. Mach einigen
gewöhnlichen Worten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester
eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
"Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht,
sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände
zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick
zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem
emporsteigenden Mond gegenübersteht.
Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im
Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen
kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung
anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß
mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth
ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck
ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen,
und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben
sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß
ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden
Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann,
aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen, so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich,
daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte.
Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein
mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr
ernster Natur.
"Jane, begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer
Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?
"Ganz gewiß.
Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben,
denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was dir
Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.
"Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.
"Noch mehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum,
eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu
Mistreß Fairfax gefaßt?
"Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich
duf verschiedene Weise.
"Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich
von ihnen trennen müßten?
"Gewiß.
Wie Schade! rief er mit einer Art von Seufzer.
"Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen
Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so
befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen
und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.
"Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?
"Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich
glaube sogar, es muß sein.
Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur
Abreise, er wird mich bereit finden.
.Treffen, Sie Ihre Anstalten so bald als möglich.
Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen
schon diesen Abend geben.
"Sie wollen sich also vermählen?
So ist's; Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem
ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.
"Und ohne Zweifel bald?
"Sehr bald, meine... Miß Eyre, wollte ich sagen.
Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die
Idee mit mir sprachen, daß ich ein unwürdiger Hagestolz,
in den heiligen Ehestand treten wollte. ... Aber Sie hören
nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht
ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erse
Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir
sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß,
sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das
Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den
etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den
wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit
Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten
darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt
treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern
Stelle umsehen.
"Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung
rücken lassen. Einstweilen denke ich...
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah,
daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
"In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe, fuhr
Rochester fort, wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde
mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle
zu, verschaffen.
"Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid,
daß Sie sich um meinetwillen bemühen...
"Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante
die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als
Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr
ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit
meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die
fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen
haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie
werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten
allgemein für sehr brave Leute.
"Ist es sehr weit von hier?
"Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges
und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine
mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.
"Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung...
dann trennte mich das Meer...
"Wovon, Jane?
"Von England... von Thornfield... von...
"Nun? vollenden Sie!
"Von Ihnen, Mr. Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben
so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester
leicht entgehen konnte.
Es ist in der That wahrscheinlich, versetzte er, daß
wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wieder
sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute
Freunde gewesen, nicht wahr?
"Ohne allen Zweifel.
"Wohlan wenn ein paar Freunde sich bald trennen
müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in
ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen
uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen
und ruhig von Ihrer Reise plaudern.
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten
Bank und setzte sich an meine Seite.
"Jane, begann er nun wieder, es thut mir leid,
daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen
sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als
stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig
verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir
durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt.
Senn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen
schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt,
so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden
Herzen bluten... Doch, was sage ich?... Sie werden
mich bald vergessen!
"Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies...
"Jane, unterbrach er mich, hören Sie in dem fernen
Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stile brach mein
lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich
wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um
den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich
nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?
fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl
nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all'
mein Widerstand.
"Ja, rief ich aus, ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt
habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein
gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen
Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes
Entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am
meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und
weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester?... nachdem ich Sie kennen
gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe
wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die
Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut
machen zu können.
"Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?
fragte er mich plötzlich.
"Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor
Augen gelegt.
"Unter welcher Form denn?
.Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und
liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.
Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe
keine Braut.
Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?
"Ich will... ja... ich will! ... ich will!
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen
und mit einem fast wilden Ausdrucke.
"Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß;
haben Sie es nicht selbst gesagt?
"Nein... Sie sollen bleiben... ich schwöre es, und
ich werde diesen Schwur halten.
"Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß
fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu
bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung?
Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose
Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe
weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie dem, mein
Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie
die Ihrigen... und wenn ich bei einiger Schönheit ein
Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr.
Rochester, es würde ich Ihnen die Trennung von mir eben
so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die
Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es
selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein
Geist spricht, zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab
überschritten und ständen völlig gleich am Throne des
Herrn, ... denn dort werden wir es sein, ja wir sind es
schon jetzt, ich fühle es.
"Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,
wiederholte Rochester, dessen Stimme setzt mehr als die
meinige zitterte. »So kommen Sie denn, Jane, kommen
Sie an mein Herz.
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube,
seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn
heftig zurück.
Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner
Rede fortgerissen, nein, wir sind nicht gleich, denn Sie
wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes
Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter
Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung
einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil
Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen
Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch
beugen... ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich
abreisen!
"Nach Irland, Jane?
Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe
gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.
»Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so
in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel,
der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.
"Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem
Reize. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen,
der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses
Willens, um mich von Ihnen zu trennen.
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen
Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
Es sei denn, r entgegnete er mir; Ihr Wille allein
mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine
Hand, mein Herz und Ihren Antheil an Allem an, was
ich auf der Welt besiege.
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt,
meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen
davon geben könnte.
"Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester
und doch...
"Und doch ist nichts ernster, als das, fiel er ein.
"Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen,
welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen
mit gutem Beispiele vorangehen.
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein
Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die
dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor
sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch
erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz, Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester
sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
"Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören.
Kommen Sie, was fürchten Sie denn?
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
"Ihre Braut steht zwischen uns, sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit Einem Schritte
neben mir.
"Meine Braut ist hier! rief er aus, indem er mich
von Neuem an sich zog. Hier ist sie, denn hier habe ich
meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin
werden?
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
"Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren
Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten,
daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre
Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Rühe genommen.
sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem
Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile
meines Vermögens verloren hätte. Von diesem, Augenblicke
an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten,
daß sie mir gewährt würde. eine Berechnung bewährte
sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und
Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen
Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern
meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat
in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die
sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die
Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine
Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie
sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser
Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und
de so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte,
meine Hand anzunehmen.
"Ist dies wirklich wahr? rief ich aus, gerade wegen
der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit
überzeugt; ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen
andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind,...
ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben
haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.
"Warum?
»Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.
"In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein,
wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte
etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich,
denn ich leide Höllenqualen.
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war
offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken
seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze
seiner Augen.
"O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, hören
Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel
Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz
zerreißt.
Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit,
und ich sehe nicht ein...
"Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht
sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.
"Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich
ernstlich zur Gattin?
"Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines
Eides? nun wohl, ich schwöre es Ihnen!
"So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin
werden will!
Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte,
meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir
doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode
errettetest, das jene Entsetzliche...
Welche Entsetzliche? fragte ich.
Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann
meiner bemächtigt. -- An Deiner Seite, liebe Jane, werden
jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An
Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück
zu erringen, dem ich bis jetzt nachgestrebt habe, ohne es zu
finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen
beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter
geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum.
Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem
Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume
bewegt. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es
an zu regnen.
"Wir müssen ins Haus gehen, sagte Rochester, denn
das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum
Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!
"Und ich nicht minder! dachte ich. Vielleicht würde
ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte
aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren.
Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er
zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch
ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden
Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten
Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie
ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben
zwölf Uhr.
"Lege rasch Deine nassen Kleider ab, sagte Rochester
zu mir, und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht,
mein Engel!
Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte
wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und
aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von
Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich
erntfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr
in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber
in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst,
indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch
nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge
sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten
könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der
entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Macht hindurch;
vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen
die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine
Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung
vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an
meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl
fühle oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth
gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde
von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte,
die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über
die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu
fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie
mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing
mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein
kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern
es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich
bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut
mit meinem Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz
natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes
Aussehen gesagt hatte, über meine Schönheit sogar und
über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach
Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere
Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen
vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag
mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben
und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier
deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge,
denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt
zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs
mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über
ihn selbst lustig zu machen.
"Du vergissest, sagte ich zu ihm, daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame
verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt,
würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre
in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen
haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit
Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernheiden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der
Krause um den Hals und den Halbmantel auf der Schulter,
als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel
zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner
Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es
bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit
in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Saite in mir, indem er von
den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten,
sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, es
Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm
besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte,... konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
"Außerdem will ich, setzte er hinzu, daß Du noch
diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche
von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur
hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich
würde es ganz bestimmt versuchen.
Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch
ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten
Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und
vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an
die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.
"Jane, Du bist ein böses Kind! rief Mr. Rochester,
doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch
diesen Abend abgehen.
"Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß
meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde...
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine
dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn
verfinsterte sich.
"Denke an Eva und Psyche, sagte er mit einem
erzwungenen Lächeln zu mir; Beide bereuten es, daß sie
hatten zu viel wissen wollen.
Kann ich wenigstens wissen, entgegnete ich, warum
Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du
sie nicht liebst.
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
"Ich habe nicht geglaubt, meine Jane, erwiederte
er, daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären.
Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel
ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du
nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein
wollte?
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn
verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein
dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß
Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher
Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat,
ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in
Unkenntniß bleibt.
"Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane. --
Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin,
um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu
offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend
für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich
einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der
strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in
ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der
Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug
auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
"So ist Alles vortrefflich, sagte sie endlich, und ich
bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger
Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht
sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie,
nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn
Rochester um Mitternacht...
"Davon wollen wir nicht mehr sprechen, rief ich mit
einem Anflug von Ungeduld, da Sie jetzt wissen, woran
Sie sind.
"Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche
gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes
Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, Mißtrauen
Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht
alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante
seiner Kinder heirathet.
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele's
Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Rein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr.
Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren.
Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens
ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden,
um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich
Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich
jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir
unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit
denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin
zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl
er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt
sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte.
Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann, kehrten wir nach Thornfield zurück.
»Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen,
mit mir zu speisen? fragte er mich bei unserer Ankunft.
"Nein, dafür muß ich danken.
Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?
Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische
gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben
Platz nehmen soll, als bis...
"Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen?
Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.
Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.
Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte,
unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen
haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine
verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem
zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz
besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung,
welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem
Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese
so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun
muße "ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung
schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob
eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens
sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des
Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir
drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich
mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an
dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben; um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte
keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit
über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte
und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichte
dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der
Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim
noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall
war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht
mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel;
schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem
Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei
dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von
ihm leben mußte.
Ein andres Bedenken für mich bestand darin, während
der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne,
der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen
seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkt
unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich
lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem
Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen
konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich
immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn wenn
ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war
es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes,
den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen,
der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst
standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder
gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu
hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß
die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für
jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele
und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem
Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war
mein Idol geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast
jeden Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur
Hochzeit übrig wären. Dann und wann schien eine trübe
Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn hat,
mir die Befürchtung mitzutheilen, welche ihn zu quälen schien,
so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln, hätte ich
in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung
erkannt, und weh! -- sie nur zu sehr getheilt haben.
Ende des ersten Bandes.
Erste Abtheilung.
Die Braut am Traualtar.
Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden
und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war
Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vor
bereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines
Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen
Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen
einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden,
und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester
ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen
Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige
Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich
den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens
entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte
und küßte mich. Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise -- sagte er -- das arme, von den Launen
des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist Du bald, mein, auf ewig meine
zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes,
der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der
es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken. - Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir
allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die
Worte erinnerlich sind: »Du bist schön wie eine Lilie.
Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft
mehrere Befehle zu ertheilen. Wenn wir aus der Kirche
zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur
Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher
auf dem Bocke sein hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Die kurze Zeit, welche ich allein im Saal war, benutzte ich, um der Vorsehung, die mich durch des Lebens
Irrwege so wunderbar bis hierher geleitet hatte, meinen Dank
darzubringen, und mir die schöne Bestimmung, der ich nun
entgegen ging, durch folgende Betrachtungen zu vergegenwärtigen.
Herrlich sind der Almacht Werke!
Im Menschen schuf sie Kraft und Stärke,
Verband mit Mild' und Weichheit sie.
Mann und Weib stehn Kraft und Milde
Einander sich zum Schutz und Schilde
Vermählt in schöner Harmonie.
Weit um sich wirkt die Kraft,
Wo stil die Milde schafft,
Und, wenn die Stärke niederreißt,
Um aufzubau'n;
Erhält des Weibes sanfter Geist.
Sel’ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Hoch und hehr ist Frauenwürde,
Empfängt des Lebens Glück und Bürde
Als Segen einer Vaterhand.
Sie adelt und erhebt,
Der Kranz, nach dem sie strebt,
Er ist der Frauen schönste Zier,
Giebt und erhält
In Eintracht mit sich selbst sie hier.
Mit der Liebe milden Händen
Die reinsten Freuden auszuspenden,
Hat Gottes Hand das Weib geweiht;
Wiederschaffen soll’s hienieden
Der goldnen Zeit verlornen Frieden
Im Schooße stiller Häuslichkeit
Verwandelnd Trotz in Muth,
Der Leidenschaften Wuth
Gebieten in des Mannes Brust;
Sanft sie bedräun,
Des schönen Sieges sich bewußt
Soll des Lebens Last und Mühen,
Die Blumen, die am Wege blühen,
Gleich theilen, Lieb' und Huld im Blick!
An die Kraft des Willens mahnen,
Beugt auf des Lebens rauhern Bahnen
Das Herz des Mannes das Geschick.
Durch Treue bis in's Grab
Den Himmel zieh'n herab
Auf die Erde, und in sein Herz;
Und hoffend es
Erheben über Weh' und Schmerz.
In der Hausgenossen Mitte
Sol es das Vorbild frommer Sitte,
Der Ordnung, Zucht, des Fleißes sein!
Unbefleckten Herzens wandeln,
In Glauben, Lieb' und Hoffnung handeln,
Mild, wie des Mondes Silberschein.
Mit edlem Selbstvertraun
Auf zu dem Himmel schaun,
Wenn der Verkennung Schmerz es beugt;
Vor Gott und sich des innern Friedens überzeugt.
Sel'ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Froh geh' ich dem Ziel entgegen.
Willkommen reicher Lebensfegen,
Willkommen heil’ger Pflichten Band!
O herrlicher Beruf,
Zu dem mich Gott erschuf,
Ehrwürdig sei und bleibe mir!
Gieb mir in dir
Des Himmels Vorgefühl schon hier!
Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren,
aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen
Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er
mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich
nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm
und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte,
ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul
und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir
nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da
besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute
Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der Wille in
denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das
Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte!
Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester
Vorsatz sprach, ein mir unbekanntes Hinderniß um jeden
Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier
erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
"Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er
zu mir. Wir wollen einen Augenblick sehen bleiben, Jane,
stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille
Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen,
den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen
Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne
Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier
Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers
umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige
halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern.
Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine
der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht
auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte
mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem
Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war
still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten
waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das
alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein
knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der
zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen war,
und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth,
bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten
wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch
hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden
Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher
kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester
den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte;
dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester
geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am
Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich
sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es
nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch
ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren.
Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem
Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn zu fragen!
"Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an? sprach
eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre,
daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als
wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er
faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.
"Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte
die nämliche Stimme, und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung. Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und streng,
als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und welch ein
wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß? fragte endlich Mr.
Wood; ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den Arm
auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache war
ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck von
innere Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei einer
Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz einfach
in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester hat
eine Frau, die noch am Leben ist!
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone
gesprochenen Worte. Rein Blut empfand die Wirkung derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte oder des
Feuers empfunden hatte. Es gelang mir indessen, mich
vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang in, mich
ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske;
seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen. Ohne zu
sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte,
legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an
seine Seite.
"Wer sind Sie? fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich beiße Briggs und bin Advokat in London.
"Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau
beehren?
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt.
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie
ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?
"Allerdings, mein Herr.
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus
seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß
Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der
Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der
Grafschaft *** in England, am 20. October 18..
(vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha
Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns,
und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in
der *** Kirche zu Spanish-Town ehelich verbunden
worden ist. Dir Originalurkunde dieser Ehe existirt
in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtigem
lieg eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,
versetzte Rochester, so beweist sie höchstens mir, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der
man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der
Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen darfür, den Sie wohl schwerlich
verwerfen werden.
"So stellen Sie diesen Zeugen oder geben Sie zum
Teufel! rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte,
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche
Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Se näher, Mr. Mason.
Dieser Manne brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein, bemerkte. Der
zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten
und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der Schulter des
Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm
einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten
ließ. Ich möchte ihn mit einen Vulkan vergleichen, dessen
bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine
gewaltige Hand nach ihm... und ich glaubte diesen schon
am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief,
und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie
ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters,
der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu
Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem
Tone, daß sie Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu; sagen Sie Alles, was Sie wissen.
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall, sagte
Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr Bruder,
habe sie im vergangenen Monat April gesehen.
"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn
ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie
gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt.
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam
eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren
gut getroffen.
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn
zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht
weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen
Sie Ihr Chorhemd ab. John Green so hieß der Messedieners, Sie können sich entfernen, es wird heute keine
Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach
Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe
daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das
Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die
Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am Rande
des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren,
mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein
Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer
noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es
wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen
hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen
wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester
oder auch eine verlassene Geliebte?... Nein, sie ist meine
Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die
Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine
Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß
geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie
diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist.
Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im
Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten
Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu
sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei
Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt
hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die
angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Masons wurde.
Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen
gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger
Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch
Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen
Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann
sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden
zu halten. Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort,
indem er auf mich zeigte, so wußte sie von dem Allen
eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie
war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Ee verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest
an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen
Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem
Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz
ruhig zu dem Kutscher; ich reise heute nicht ab.
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten
uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. Ich danke
für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie
kommen fünfzehn Jahre zu spät.
Zweite Abtheilung.
Das enthüllte Geheimniß.
Mach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die
kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason? fragte
Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone. Hier war
es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen
wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück
der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Uebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche
durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter
ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol
in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging.
gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf
ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab...
dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden,
ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene
Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und
ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr
Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere
nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole. fragte Mr. Rochester, wie
geht es hier diesen Morgen?
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie ihren
Tiegel behutsam über das Feuer setzte; sie brummt nur
ein wenig, das ist Alles.
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke
Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren
Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den
heftigsten Zorn verrieth.
Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester, sagte Grace
Poole, bleiben Sie nicht hier.
.Nur einige Minuten.
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht... um
des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die
Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und
blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat
einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur, sagte Rochester, indem er sie auf
die Seite schob; sie hat hoffentlich kein Messer, und ich
bin auf meiner Hut.
"Wer weiß? entgegnete Grace, sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die
Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So
rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war
ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem Manne gewachsen
war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage
zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen,
und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände
fest, die er von Grace Poole binden ließ, und band sie
dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne
sich an ihr fürchterliches Geschrei und an ihr Sträuben
zu kehren.
Ass diese Operation beendigt war, wendete er sich an
die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und'
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier
ist Die, setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine
Schulter legte, deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst
über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und
freundlichen Blick mit jenen von Blut unterlaufenen Augen,
diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese
schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere
Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie,
Herr Advokat, im Namen des Gesetzes, auf, über meine
Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß
man einst für seinen Untertheilsspruch verantwortlich ist!
Jetzt können Sie sich entfernen.
Mir ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester
blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben, und
als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu
meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es
gewiß nicht, Miß. Ihr Obeim wird dies nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Mr. Masons Zurückkunft nach Madeira, noch am Leben ist.
Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie
ihn denn?
Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch,
daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in Madeira
aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilungen führte zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren Folge
Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück --
und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte eben so denken
als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen,
ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu verhindern, an welchem
Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich und
ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte,
nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war so ruhig, daß
ich mich über mich selbst wunderte, sondern um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen, das ich bisher täglich
getragen, und das ich am vergangenen Abend für immer
abzulegen geglaubt hatte.
Schwach und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl.
Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte den Kopf
in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin.
Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis jetzt, ohne selbst
einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen, den erschütterndsten Scenen beigewohnt, deren rasche Aufeinanderfolge mich
fast betäubt hatte. Jetzt, da ich mich sammeln und nie
von Allem, was ich gesehen und erfahren, Rechenschaft geben
konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über
meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte Worte,
einige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen, ein
Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis zu Gunsten?
seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft, um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind, was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung eines emporsteigenden
Gestirnes sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Mach dem äußeren Anscheine zu urtheilen, war
ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen. Und
doch, wo war die frühere Jane Eyre? wo war das, was
ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die
glühende Hoffnung, welche seit einem Monate die ganze
Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten
Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr
Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, an welchem eine
eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen Früchte
und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgiebt und
ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen
und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und
man wird eine ungefähre Idee von dem Zustande meines
Innern haben. Die theuersten Wünsche meines Herzens,
gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer
zerstörte und todte Gedanken. Meine Liebe, diese Liebe,
welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt
in der Tiefe meines Herzens wie ein krankes Kind in einer
Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn
zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen
verloren halte, und daß ich mich von ihm trennen nutzte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte
mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand
einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem
Stuhle ein.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden,
Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich zum
Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten, welche
sie mir auferlegte, zu bringen. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen Gräßlichkeit,
und trotz der Ohnmacht meines Willens, gegen den die
spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft ankämpften, welche
ihre Illusionen überlebte, fühlte ich die Unerläßlichkeit einer
gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mir
das Herz zusammen, als ich daran dachte, daß ich schon
seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war,
ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die
kleine Adele, noch er zu mir gekommen war, um sich nach
mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme
zu sagen. Ich trocknete so gut als möglich die Thränen,
welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel
zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich
bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür,
schob den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus;
aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber
ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm
Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers
sitzend, erwartete.
Endlich! sagte er zu mir; ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an
meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen. ... Wie,
Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, hast Du
nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Du bleibst
unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe,
und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?...
Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen?
Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum
dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert,
das von seinem Brote aß, aus seinem Glase trank und das
er an seinem Busen erwärmte. Die Reue und Verzweiflung
dieses Menschen ist nichts gegen die meinige. Wirst Da
mir nie vergeben?
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe Freundin,
wenn ich Ihnen sage, daß ich diesem Manne, der mein
Unglück war, auf der Stelle und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen drückten
eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so
innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen benehmen, in seiner Sprache und in seiner Haltung eine so
wahre und dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß
ich ihm, nicht mit Worten, oder durch einen Blick, oder
durch ein Lächeln, wohl aber aus dem Grunde meines
Herzens vergab Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine Schwäche
versunken.
Sprich, geliebtes Kind! fuhr Rochester fort; sprich
mit mir, wäre es auch nur, um mir zu fluchen!
Ich kann nicht... ich bin krank... ich möchte ein
wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in seine
Arme und trug mich hinunter in's Erdgeschoß; in welches
Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte nur,
daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten und
daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte
kehrten so allmählich zurück, und ich konnte mechanisch einige
Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich
sah nun, daß ich mich in, dem Bibliothekzimmer und in dem
Arbeitslehnstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand
neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, ohne zu große
Schmerzen aus dem Leben gehen könnte... bevor ich mich
von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen müßte!
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden
sich seiner Brust einige unartikulirte, schmerzliche Laute;
dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher,
kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte sich zu mir
herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß feine Liebkosungen mir
nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
Ja, ja, rief er aus, es ist der Gatte Bertha
Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hälst
Du mich dem wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und
es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der Strom
Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen hervorbrechen.
Du willst von keinen Erklärungen, von keinen Vorwürfen,
von keiner Scene irgend einer Art etwas wissen... Du
hältst es für unnöthig, zu sprechen, und denkst nur darüber nach, was Tu thun sollst. O, ich kenne Dich!...
und ich bin auf meiner Hut!
Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte.
Die Stimme versagte mir, und ich mußte innehalten.
Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht, entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet, sinnest
Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet, und deshalb willst Du fliehen, willst meinen Liebkosungen ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's Gouvernante hier
zu bleiben und die geringsten Beweise meiner Liebe als eine
Beleidigung, als eine Gefahr von Dir zu weisen. Habe
ich es errathen?
Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten.
Du hast Recht, auch ich habe schon, daran gedacht;
ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens
können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in diesem
Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns
enthält. Ich könnte und hätte schon längst das fürchterliche
Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern
Ort versetzt; aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen
Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses
Schloß würde mich zu schnell und zu sicher von der
Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet.
Einem Jeden seine Lasten; ich würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am meisten hasse.
Sie sind unerbittlich, rief ich aus, unerbittlich gegen
ein Unglück, das nur Mitleid verdient!
Jane, meine Heißgeliebte, Du bist es noch immer,
warum soll' ich Dich also nicht so nennen? Du thust mir
Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses
Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn Du
wahnsinnig wärest?
"Allerdings.
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich fähig
bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in Dir, das
ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil meiner selbst.
Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und sollte es auf
irgend einer Art zerrüttet werden, so würde er es dennoch
bleiben. In Deinem Delirium würden Dich keine andern
Bande fesseln, als meine Arme, und wenn Du Dich auf
mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen, so würde ich
Dich mit einer eben so zärtlichen als unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield,
dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen Fenster sämmtlich
vergittert werden sollen, und wo Mistreß Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mit meiner Frau bleiben
wird. Dich, Jane, lasse ich keine einzige Nacht mehr an
diesem traurigen Orte. Es ist Alles zur Abreise bereit,
und ich weiß eine Zufluchtsstätte, wohin die schmerzlichen
Erinnerungen und selbst die Verleumdungen dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche
Abgeschiedenheit ist nicht gut für verwundete Herzen.
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst Du
mich jetzt?
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich mich,
mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten, und dies
war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber,
wie die, welche aus Rochesters Worten hervorzuleuchten
begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob seine
Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte mich mit
einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich wendete
bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer, und bemühte mich nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen ruhig
zu scheinen.
"Das ist die Eigenheit im Charakter meiner Jane,
sagte er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet
hätte. Bis hierher ließ sich die Seidendocke ziemlich leicht
abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf
ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgniß und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft
eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen, in die
ich mich verwickeln werde?
Er begann von Neuem umherzugeben, dann blieb er
wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt
anwenden.
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge waren
die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich sah
deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung
seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der Verlängerung des unertäglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle
Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen, und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche uns
Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes, einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem,
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden Abgrund
am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten soll. Uebrigens hielt
ich mich noch für stark genug, um mich nicht werfen zu
lassen. Ich nahm die zusammengeballte Hand Rochesters,
brachte die Finger in ihre natürliche Lage und sagte in dem
versöhnlichsten Tone.
"Setzen Sie sich, wir wollen so lange zusammen
sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören,
was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter
sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühle, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit
dem Beginn dieser sonderbaren Scene, gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm
waren, um so besser für mich. Ich weinte also, ohne mich
zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den
Knieen und hat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich erst
dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner
Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt
hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte
er seinen Kopf auf meine Schulter legen, aber ich duldete
es nicht. Er wollte mich an sein Herz ziehen: der nämliche
Widerstand von meiner Seite.
"Jane, Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
tiefsten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich nie
geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten? Und jetzt,
da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann, stößest Du
mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als wäre ich ein
häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich nichts
auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte, allein er
verletzte mich zu tief, um mir nicht ein fast unwillkürliches
Geständniß zu entreißen.
"Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je zuvor. Prägen Sie es sich wohl in's Gedächtniß ein, denn
es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem
Munde hören.
Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können, und mir
täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und Abneigung
zu begegnen?
Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß, mich
einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich
feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie nicht wieder
in Zorn.
"Was schadet es Dir? hast Du nicht das Talent,
Thränen zu vergießen?
Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen?... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser zu
benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten Gedanken,
Jane; nicht von mir, nur von Thornfield mußt Du Dich
trennen. Hier kannst Du nicht sein, was Du werden sollst:
meine theuere, geliebte Gattin. Aber ich besitze im südlichen
Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende
Villa mit schneeweißen Rauern. Dort wirst Du glücklich,
frei und unschuldig leben. Fürchte nicht, daß ich Dich je
zu etwas verleiten werde, was Du als einen Fehltritt betrachten könnest; glaube nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je daran gedacht habe, Dich zu
meiner Geliebten zu machen. Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane, und sei verständig, wenn Du
mich nicht wahnsinnig machen willst!
Seine Stimme und seine Hände zitterten von Neuem,
seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte ich es, ihm
zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte, wie Sie
es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies wissen
Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so
hieße dies der Wahrheit spotten.
"Jane, Du vergißt, daß ich kein phlegmatischer Mann
bin... es fehlt mir an Geduld... ich habe weder kaltes
Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid für mich,
aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger an meinen
Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine Adern
rollt... und schone meiner!
Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel
seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten
Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen
Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn durch
einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war
es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm nachzugeben. In
dieser bedenklichen Lage that ich, was alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester. Sie
glaubt, ich bin verheirathet... muß ich se nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird
sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane,
laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige
Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?
Stunden lang, wenn es sein muß.
"O, ich bedarf nur einiger Minuten. So höre denn,
meine Jane. Um meinem ältern Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch
ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen,
waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet,
mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen.
Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason
auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend
Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied
über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde
ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde dort
eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der
Colonie. Und dies war keine Lebertreibung. Auch die Eltern
der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher
Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um
den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine
Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ehrgeiz wurden
zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem
doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von
den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die
stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie
zu kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich
von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine
Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend,
damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen,
den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des
jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens
erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von
Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit.
Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der
drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig
meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde
unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden
Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem
ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen
und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen
Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte.
Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich
die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit... Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr
öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich von
ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser
Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal Preis gegeben, das mir die
Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason
und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
"Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen
und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte
sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz
meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig
verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein
Bruder mit Tode abgegangen sei. So fielen denn alle
väterlichen Besitzungen wieder mir zu, und dennoch bei allen
Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?
Auf Jamaika war mein Unglück allbekannt. Man
heuchelte mir Mitleiden über den Schiffbruch meines häuslichen Glückes und unter dieser heuchlerischen Maske schimmerte doch nur Spott und Hohn hervor. Mein dortiger
Aufenthalt wurde mir unerträglich und da ich wegen der
Regelung meiner brüderlichen Erbschaft ohnehin nach England
zurück mußte, so beschloß ich, die Wahnsinnige, die schon
damals kaum mehr menschenähnlich war, mit dorthin zu
nehmen. Ihr Wahnsinn war nach dem einstimmigen Ausspruch verschiedener Aerzte unheilbar und so hätte es mir
nichts nützen können, sie in einer Heilanstalt für Geisteskranke unterzubringen, wodurch ohnehin diese Verhältnisse,
deren ich mich schämte, auch in meinem Vaterlande bekannt
geworden wären; ich zog es vor, mein Unglück den Augen
der Welt zu entziehen und ließ hier alles zur Aufnahme
der Wahnsinnigen in Stand setzen, wo sie, von einer
Hüterin bewacht, den Rest ihres thierähnlichen Lebens verbringen sollte.
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch
weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem
so leicht hinzureißenden Charakter, der namentlich bei dem
Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines
Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen
Mann überallhin verfolgte, war es wohl nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu
zu bleiben. Darum entstanden eine Menge von Verirrungen,
welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen
nicht nach rohen Genüssen, sondern nach einer Liebe, welche
der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und
immer getäuschtes Hoffen und Trachten; es waren Schätze
von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder,
auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt
nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Cöline Varens und
die Geburt Adelen's bildeten die ergreifendste Episode dieses
traurigen Zeitraums, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig
waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die unglücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht
erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre,
daß, wenn ich mich unter was für einem Vorwande hätte
vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich
Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern
seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der
nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden
Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen
Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugeben hoffte.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von
Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle
Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren
konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen
füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das
förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein
fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter
Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein
menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte
den Mann, der mich so liebte, und auf diese Liebe, auf
mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht
concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte:
Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort
sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester,
ich bin die Ihrige.
"Herr Rochester, erwiderte ich, ich werde nie die
Ihrige!
Es erfolgte eine lange Pause.
"Jane, hob er noch einmal an, und seine Stimme
war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich
mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor
wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, Jane, es kann Dein Wille nicht
sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte
Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.
"Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte
und mich mit seinem Arme umschlang, willst Du es auch
jetzt noch?
"Ja!
"Und jetzt?... Er bedeckte meine Stirn und meine
Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich
mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten
Ausdruck an, den ich noch nie an ihnen bemerkt hatte. Er
richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt
wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir
als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein,
denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor,
welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast.
Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau
ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du
mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere
Liebe mehr zu haben als die ihrige?
Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst
leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.
"Tu willst also nicht nachgeben?
"Nein.
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und
Fluch beladen sterbe?
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender
Donner.
"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und
wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen...
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge
und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh,
welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren
sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen
in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu
übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die
Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise
erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte,
die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder
in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten...
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit
Meine Ueberzeugung und mein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet wurden, waren nahe
daran, mich in's Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis zu geben,
welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben konnte?
Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn! sagte mir eine innere
Stimme. Sage ihm, daß Du ihn liebst und daß Du ihm
ganz angehören willst! Ver kümmert sich denn in dieser
Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen
Fehltritt begehst?
Aber von der Stimme des Gewissens vernahm ich die
unwiderlegliche Antwort Ich selbst muß mich um mich
kümmern. Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und
Stützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst
schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das Gott
gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von
den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig
erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke
thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen
Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei denen mein Herz klopft,
meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch
meine Adern rollt? ein, was ich geglaubt, was fromme
und würdige Frauen mich gelehrt haben, das allein ist die
Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich
bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß,
auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen
alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß
mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand. Was auch
daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad
erreicht, und er mußte ihm erliegen. Er durchschritt das
Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer
krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang
mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer
Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer
Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung
eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und
mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher,
der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht.
Dieser untrüglicher Dolmetscher ist der Blick. Meine Augen
erhoben sich bis zu denen Rochesters und während ich sie
auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand sich meiner
Brust ein unwillkührlicher Seufzer. Seine wilde Umarmung
verursachte mir einen wirklichen Schmerz und meine Kräfte
begannen mich zu verlassen.
"Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
"nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner Hand
keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr
(ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner
Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich könnte sie mit
meinen Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen,
wenn ich sie knickte und zerträte? Man sehe dieses feste,
entschlossene Auge, man denke an diesen unergreifbaren Geist,
dessen unerschrockenen Willen, furchtlose Unabhängigkeit und
mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner
Hülfe kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn
erreichen?... Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe,
wird er freier aus demselben hervorgeben als je. Ich kann
mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin
wohnende Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum
Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner
ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest Du
Dich an meinen Busen flüchten, aber dazu bedarf es Deines
Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich zu zwingen,
so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige Essenz aus der
Hand, welche ihren Duft festzuhalten glaubt... O, Jane!
wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Sorte sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und
unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert,
ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und mußte ich
nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
"Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein verzweifeltes Flehen vermag
nichts über Dich?...
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem
Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können, welches
Muthes es bedurfte, um in festem Tone zu wiederholen:
Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere
Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh
hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich
Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste
vorüberziehen... denke an mich!
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha,
verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen
erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe...
mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen ein tiefer Seufzer
Ich stand schon auf der Schwelle der Thür... und
doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch
einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse,
sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den
Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen
Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein
schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut, um
sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze diese
Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine
Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme
aus. ... Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch
einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
"Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in
meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!
Dritte Abtheilung.
Die Flucht der Waise.
Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen würde;
aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich den Kopf
auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor
Tagesanbruch und im Juli sind die Nächte bekanntlich
nicht lang.
Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht
früh genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf mich einstürmte.
Ich stand daher auf und meine Toilette war bald beendigt,
denn als ich mich auf mein Bett geworfen, hatte ich nur
meine Fußbekleidung abgelegt. Dann suchte ich im Dunkeln
in meiner Kommode ein wenig Wäsche, eine Agrafe und
einen Ring. Dabei begegneten meine Hände den Perlen
eines prachtvollen Colliers, das Mr. Rochester einige Tage
vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den
Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der
chimärischen Braut, die wie ein Traum verschwunden war.
Aus dem Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm
meine Geldbörse, welche zwanzig Schillinge,' mein ganzes
Vermögen enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und indem
ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig hinaus in
den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
"ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adele! sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube,
denn ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein feines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser Schwelle
stand, die mein Geist so oft überschritten hatte, stockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten
mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere Male
glaubte ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu
vernehmen. Und dort, hinter dieser schwachen Thür erwartete
mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige
Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfachen Worte
zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie
bis zum Tode lieben, bis zum Tode will ich Ihre treue
Gefährtin sein, -- und eine Duelle der höchsten Wonne
hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.
Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Dieser Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte nicht
schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der
Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich
war fort. Er ließ mich überall suchen... vergebens! Er
sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke... Aber ich zog sie wieder zurück und
entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden
hatte, wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel zu
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit Del
und eine Feder mit, um den Schlüssel und das Schloß
einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte.
Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein wenig Brot und
trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht
lange würde zu Fuß geben müssen und fürchtete, meine so
heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines
Planes nicht ausreichen. Dies Alles geschah ohne das
leiseste Geräusch. Ich öffnete die Hausthür und verschloß
sie wieder. Die Morgendämmerung begann den Hof ein
wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber
ich wußte, daß eine kleine Nebenthür in einem derselben
nur von innen verriegelt war. Durch diese Thür trat ich
in's Freie.
Eine Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen an eine Straße, welche nach einer, Millcote entgegengesetzten Richtung führte. Ich war noch nie auf derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der mir
eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen könnte.
Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir die geringste
Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick rückwärts oder
vorwärts, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu
werfen... in de süße, heitere Vergangenbeit, und in die
dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis die
Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß die Sonne
an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte Erinnerung
habe ich nur davon, daß der Thau bald durch meine dünnen
Schuhe drang und meine Füße kältete. Alles Uebrige um
mich ber existirte nicht für mich. Der Verurtheilte, welcher
dem Tode entgegengeht, sieht die Blumen am Wege nicht,
die ihm zulächeln. Er denkt nur an den Henkerblock, an
das Beil, an den letzten Sprung des abgeschlagenen Kopfes
und an den dunklen Abgrund, der ihm empfängt. Ich sah
nichts vor mir, als eine ewige Trennung, die öde Wüste,
die ich von nun an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz,
den ich diesem Manne als Vergeltung für seine aufopfernde
Liebe bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens
bedurft, denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der
Verlassenheit zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mit Widerhaken versehene Pfeil, den ich
vergebens aus meiner Wunde zu reißen versuchte; es war
der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es
war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet; es
war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche der
Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt und
verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes, der
sich meines festen Rillens, auf dem rechten Wege zu bleiben,
annahm und mir verbot, nach Thornfield zurückzukehren;
denn ich erinnere mich, daß ich weinte, als ich mich immer
weiter entfernte, und doch schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über die unwiderstehliche Gewalt
erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung, die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen
frische Feuchtigkeit allem mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten fühlte ich mich wieder etwas gestärkt... Ich konnte mich
auf den Händen und Knieen ein Stück weiter schleppen,
dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der
Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in der Ferne
erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo Mr.
Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte.
Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig Schilling. Ich
bot dem Conducteur zwanzig, indem ich ihm sagte, daß ich
nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr, so nahm er
das Gebot an und erlaubte mir sogar aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des Wagens einzunehmen.
Ich stieg ein, die Thür wurde zugeworfen und als der
Wagen fortrollte, fühlte ich, daß Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese
Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden
sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn
sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so
harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu
vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst
und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes gleichen,
hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden! Möchte sie
endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu
empfinden haben, für den Mann, den sie mit aller Kraft
ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und der
Verzweiflung zu werden!
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge weit
genug gefahren habe, und hieß mich ganz wider mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens Whitcroß
aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein kleines
Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von Thornfield
mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit bemerkte,
hatte die Diligence schon einen Vorsprung von wenigstens
einer Meile gewonnen. Es blieb mir daher nichts Andres
übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir
diese Vervollständigung meines Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser
am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger
sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen Namen
mehr oder weniger verdienen, und von denen die nächste
zehn Meilen entfern ist. Daher sind sie auch nicht frequent
und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer in der ganzen
Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus mir werden sollte,
damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser und die breiten
Bänder der Straßen zu betrachten, die sich in unabsehbare
Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich halte
keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken konnte,
mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von
denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung, noch
wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das mir bis
an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande der
Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken an
einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel ein Endpunkt dieses
grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war noch lästig,
hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt. Ich setzte
mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal zu erschrecken,
so oft der Wind das Gestrüpp bewegte und mich die Annäherung eines entlauffenen Stieres oder eines Wilddiebes
befürchten ließ. Meine Besorgnisse wurden jedoch durch
nichts gerechtfertigt, so daß ich mich endlich beruhigte und
über meine Lage nachdenken konnte, welche keineswegs
tröstlich war.
Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen
Ausdrücken sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß ich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht hoffen
durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und das ich
mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige Brombeeren, welche
hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten, und dieses
kärgliche Mal beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen
Hunger. Nachdem ich sodann mein Abendgebet gesprochen,
streckte ich mich auf mein Lager, das auf dem üppig
wuchernden Heidekraute ganz erträglich war. Mein doppelt
zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der
Macht, welche übrigens, besonders im Anfange, durchaus
nicht empfindlich war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte; aber
ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger durch den
Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels wurde, machte
mich endlich etwas ruhiger und ich schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete mich
das Elend wie ein bleiches, naktes Gespenst, das neben mir
saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete jetzt das
Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch schwärmen
sah, aus denn sie ihre, Nahrung sog, oder der Eidechse,
welche munter aus den Spalten des Gesteins hervorschlüpfte.
Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer nicht gefallen hatte,
mich während dieses Schlummers, in dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden gefunden hatte,
von der Welt abzurufen. Da er mich aber noch am Leben
gelassen, so mußte ich auf die Mittel denken, die Last meiner
Trübsal weiter zu tragen und meine Aufgabe zu vollenden.
Ich brach daher wieder auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, so lange meine
Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß ich dahin ging,
wohin Gott mich rief. Als ich einen Augenblick stehen
blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte nach der Gegend, woher
das Läuten kam und bemerkte hinter den Bäumen halb
verborgen das Dach einer Kirche. Zu gleicher Zeit sah
ich auf dem Wege, den ich gekommen war, einen mit Ochsen
bespannten schweren Karren. So erschienen mir das Gebet
und die Arbeit, als die beiden großen Heilmittel aller Uebel des Lebens, zusammen vereinigt. Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand.
Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes für mich
sein würde, wenn ich vor Hunger auf der Straße dieses
Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher fragte ich mich
sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, ich einige von
diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte nichts als
das seidene Tuch, das ich um den Hals trug, und meine
Handschuhe. Aber wie sollte ich, diesen Tausch anbieten,
und mußte ich nicht erwarten, daß er mir abgeschlagen
wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin
befand, kam mir sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch
machen zu können schien, was ich wünschte. Diese unpassende Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr
für möglich, meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit, um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick
sitzen zu dürfen, indem ich mich mit einer außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrießlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen, indem
sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich mich niederließ.
Bald traten mir die Thränen in die Augen; da ich aber
fühlte, wie wenig sie hier an ihrem Platze sein würden,
unterdrückte ich sie, so gut ich konnte, und fragte die Frau
nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.
Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?
Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und wie
konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte ich, ihre
Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand sich eine
Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah, daß mein
Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. Ss
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke am
Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte indessen
meine Machforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den
übrigen abgesondert stehendes Haus, das sauberer war und
einen schönen Garten hatte, der in seinem vollen Blumenschmucke glänzte. Die Thür war schneeweiß und der messinge Hammer blitzte in der Sonne. Dieses wohlhabende
Aeußere zog mich an und ich klopfte an die Thür, ohne
noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses
freundlichen Landhauses erwecken könnte.
Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir. Mit
schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur von einem
hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
"Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
"Könnten Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
"auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden. Ich
wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge Frau
erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber geben
könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das Dorf
zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer Entfernung
ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler Schatten mich
anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so matt und so
hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkührlich in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt. Ich
ging daher wieder nach dem Dorfe zu, um mich abermals
zu entfernen, indem ich bald einem Gefühle von Stolz, bald
der gebieterischen Nothwendigkeit gehorchte, die mich mit
ihren unbarmherzigen Klauen zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte. Ich kam
sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich, sich zuerst
an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie ein gewisses Recht auf seinen
Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen Muth,
und indem ich alle meine moralische Kraft zusammennahm,
klopfte ich leise, nicht an die Hausthür, sondern an die der
Küche. Eine alte Frau erschien, welche mir kurz und trocken
auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrerwohnung?
»Ja.
"Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
"Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
"Nein, er ist verreist.
"Verreist!... weit von hier?
"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirthschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr keine
christliche Milde zu hoffen war. Zum Betteln aber konnte
ich mich noch nicht entschließen; ich schleppte mich daher
aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und kehrte nach
dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich schon gesprochen
habe. Die Bäckerin war nicht allein; dennoch trat ich ein
und hat sie, mir ein Brötchen für das seidene Tuch zu
geben. Sie blickte mich staunend an und erwiderte in einem
argwöhnischen Tone:
Auf einen solchen Handel lassen wir uns nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr das
Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte sich
entschiedener als vorher. Konnte sie wissen, wie ich zu diesem
Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten
Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie Ihnen
erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem Abscheu
und der Demüthigung in meinem Herzen, welche ich damals
empfand. Ich will daher Ihre Qual und auch die meinige
abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kam mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch heute
mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten hielt,
die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem Brotes
fühlte.
Sie dem auch sein möge, ich entfernte mich von dem
Pachthofe, und sobald mich der Mann nicht mehr sehen
konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot zu essen.
Die acht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt hatte.
Allein diese zweite Macht war nicht so still und warm als
die erste. Der Erdboden war feucht und die Luft kühl.
Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger vorüberkommen, und da ich fürchtete von ihnen gesehen zu werden,
veränderte ich meinen Zufluchtsort. Gegen Morgen fing
es an zu regnen, und mit kurzen Unterbrechungen regnete
es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung. Wie
gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern quälte
mich der Hunger.
Esa ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt
und irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr, aber vom
Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche es mir
unmöglich machten, auf einer Stelle zu bleiben. Ein Licht,
das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog meinen Blick
auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes. Ich
komme an ein langes, niedriges Haus, an dem ein einziges
Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen Blick hinein und
sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit nach zu urtheilen
Schwestern, am Kamin sitzen und lesen. Neben ihnen strickt
eine alte Dienerin. Die jungen Dannen sind ganz in Trauer
gekleidet; aus einigen Bruchstücken ihres Gesprächs, welche
ich durch das Fenster vernahm, erfuhr ich, daß ihr Vater
vor Kurzem gestorben war, und daß sie diesen Abend die
Zurückkunft ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.
Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malte sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie sich Brot
kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht für
eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
"Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
"Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein! rief
ich aus; wenn Sie mich abweisen, so ist es um mich
geschehen!
"Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre
schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen, wenn Sie das wären, wofür Sie sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn
und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter geben konnte ich nicht, denn ich hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine Kräfte waren
gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir neue Thränen
aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände und fiel auf die
feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth hatte mich
verlassen. Mit einem letzten Schimmer des Vertrauens
flüsterte ich indessen noch die Worte vor mir hin:
"Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen, als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir seinen
Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm Schweigen
zu gebieten.
Vierte Abtheilung.
Die Rettung der Waise.
"Jedes Geschöpf muß sterben, sagte plötzlich eine
ernste Stimme, welche zwei Schritte von mir aus der
Dunkelheit kam; aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen, wird.
Eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor,
näherte sich der Thür und klopfte mehrere Male mit dem
Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John? rjef die Stimme
der alten Magd im Innern.
"Ich bin es; öffne sogleich.
Die Alte gehorchte. Da ist die Landstreicherin noch,
rief sie, als sie mich erblickte. Allein der Hausherr gebot
ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du
dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie
eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie in's
Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen,
so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen
mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor
einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen
bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren
Elends und meines unordentlichen Anzuges nur um so
peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von
einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher
an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den
sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften,
und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich durch
ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit
Milch an den Mund, in welche sie einige Semmelschnitte
gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich
ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir die Tasse
aus der Hand.
"O, warum thust Du das, lieber Bruder! rief die
ältere von den beiden Mädchen.
Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du
willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er
mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot, antwortete ich, denn ich
hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
"Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben
Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären Sie
Ihre gegenwärtige Lage?
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn
als ich mich unter einem gastlichen Dache und unser Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer
Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen,
man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.
"Was erwarten Sie dann von mir? entgegnete er
mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden
Schwestern, welche er mit dem Namen Diana bezeichnet
hatte, daß wir es bei dem, was mir gethan haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und bei einem
solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle
Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
"Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung,
erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie wollen,
aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich
entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden
Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer,
um sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,
doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren
begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte, eine
Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in
ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb bewußtlos,
dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in
eine Lethargie, aus der ich nicht so bald wieder erwachen
sollte.
Sie dauerte, drei Tage, während deren ich mich weder
bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wuße ich ziemlich genau, was um mich her vorging
und merkte, daß ich Der Gegenstand der Theilnahme der
Hausbewohner bildete und mich ihrer Fürsorge erfreute.
Bei, Diana schien He mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßigt und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie
unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche Folge
ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den se mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt
fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen
einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon
der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen. Aengstlich
blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine beschmutzten
und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und
ich sah mit inniger Freude, daß meine vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand
zu setzen. Sie hatten zu diesem Zwecke weder Bürsten;
noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand
ich in meinem Zimmer alle zur Toilette unentbehrlichen
Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe
und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich
bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigee Haltung, welche
Sie alte Hannah vielleicht wider ihren Willen annahm, als
ich unvermuthet in die Küche trat.
"O wie haben Sie sich verändert, Demoiselle, sagte
Hannah, heute sehen Sie ganz anders aus als an jenem
Abend, wie Sie zuerst um ein Nachtquartier ansprachen.
Hätten Sie damals so ausgesehen wie heute, dann würde
ich kein Bedenken getragen haben, Ihnen zu öffnen, aber
nehmen Sie es mir nicht übel, an jenem Abend sahen Sie
wie eine Landstreicherin, eine Bettlerin, wenn nicht als etwas
noch Schlimmeres aus.
"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch Geld.
"Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Neinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst einem
verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr Unrecht ein,
entschuldigte sich nach besten Kräften und hat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche
aufhielte. Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo mich
Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem fragte,
wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen Abriß
meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs
irgend ein Fehler oder Vergeben, dessen ich mich schämen
nützte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde
Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend,
denn Mr. Saint-John, der mich mit der ganzen Strenge
eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit
eines Geistlichen anhörte, nahm mich zuletzt für das, wofür
ich mich ausgab und versprach mir auf meine wiederholten
Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behülftlich
zu sein.
Vor der Hand, sagte die liebenswürdige Diana
Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es
noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur einige
Wochen hier in Folge des Todes unsres Vaters. Nach
Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John nach
Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer
rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört haben, nach
Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. vergessen Sie also für kurze Zeit alle Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie
Sie sie nennen, in keiner Hinsicht drückend erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese hochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ
mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen, sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern
Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden, einen armen
Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und Hunger getrieben,
hierher geflüchtet hätte. Ich meines Theils gebe Ihnen
nochmals die Versicherung, daß ich alles Mögliche thun
werde, um Sie in den Stand zu setzen, sich durch eigene
Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt verdienen zu können; aber
vergessen Sie nicht, daß ich nur der arme Pfarrer einer
sehr armen Gemeinde bin. Erwarten Sie also nur einet
sehr beschränkten Beistand von mir und wenn Ihnen der
bescheidene Wirkungskreis, den ich Ihnen verschaffen könnte,
zu gering scheinen sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine
kräftigere Unterstützung zu suchen.
"Alles, was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun, um
selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war noch
außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten, meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen
mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen Sprache,
wogegen ich sie in der Malerei unterrichten: konnte. Dies
war mein großer, aber auch mein einziger Vorzug, den ich
vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren
Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische Begeisterung mir ein
Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung
gemischt war. Ich hatte in der That nie dieses reine
Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie
genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch
er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil
eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen Mann
mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns an die
herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums erinnern.
Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes Haar, eine
hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie werden mir sagen,
daß hierin gewiß nichts lag, was mich hätte erschrecken
können. Ich gebe dies zu; aber diese schönen blauen
Augen hatten einen ungewöhnlich strengen Ausdruck und
dieser wohlgeformte Mund lächelte nur höchst selten. Und
dabei beobachtete er eine wahrhaft mönchische Regelmäßigkeit
in der Erfüllung seiner Pflichten. Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man ihn an seinem Arbeitstische sitzen
und in Sanscritgrammatiken oder indischen Wörterbüchern
studiren. Später ging er mit seinem Stocke in der Hand
und von dem alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das
Wetter mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in
der Umgegend Trost, Rath und Hülfe zu spenden, je nachdem, sie deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen Anstrengungen, versuchten seine Schwestern oft, ihn
zurückzuhalten, indem sie ihn dringend baten, einen Tag auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen Wetter
auszusetzen.
"Glaubt Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen, das ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf die
ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung
meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend geben.
Dieser Diener der Religion hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missionairs in fernen Gegenden gewidmet.
Er strebte nach andren Unternehmungen, andren Gefahren
und andren Pflichten als die gewöhnlichen Diener Gottes.
In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten, denen er seine
Pläne mitgetheilt hatte, ihm die Laufbahn eröffneten, zu der
ihn sein frommer Eifer hinzog, studirte er unablässig und
bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen
Kämpfe, auf die heilige Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit seinen
Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft, in denen
ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte ihn einmal
predigen, und als ich den Eindruck studirte, den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam ich zu der
Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet seines
frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit und seines
wahren, glühenden Feuereifers noch nicht den Frieden der
Seele gefunden hatte, der über alles Wissen erhaben ist,
so wenig, als ich ihn selbst bei der geheimen, aber deshalb
nur um so heißeren Sehnsucht fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig verlorenes Paradies in
mir zurückgelassen. Sie sehen, daß ich nicht oft auf diese
Sehnsucht zurückkomme, welche beständig an meinem Herzen
nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich meinen Zweck.
"Sie wollen ohne Zweifel wissen, sagte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch
Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen würden,
hielt ich es für unnöthig, diese Trennung eher herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag von heute
festgesetzte Abreise meiner Schwestern unerläßlich wurde.
Ich selbst kehre dann nach Morton zurück, nehme die alte
Hannah mit mir und dieses Haus wird gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf die Stelle sein, welche Ihre Güte
mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hängt ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
sie Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken, wie
ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von Ihrer
vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen und
Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen ist. Da ich
selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich Ihnen nur
einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen. Werden Sie
ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, zu, Sie
werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen, die
ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer in
derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich, wenn
auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt. Die
Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht mehr
am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon vor zwei
Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet und
seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die ersten Elemente
einer christlichen Erziehung erhalten können. Die Güte der
Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes,
den die Gemeinde zu den Ihrigen zählt, hat mir gestattet,
ein den Bedürfnissen der kleinen Anstalt entsprechendes Haus
zu miethen, das beißt einen ziemlich geräumigen Schuppen,
der zu einer Schule eingerichtet worden ist, und ein Häuschen
mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der
Gehalt dieser letzteren ist. auf dreißig Pfund Sterling jährlich
festgesetzt. Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von einem Bauermädchen, das zu gleicher Zeit ihre
Schülerin und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene
Stelle, die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl,
daß sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie werden nur mit Kindern
der ungebildetsten Klasse zu thun haben und Ihr Unterricht
muß sich nur auf die Gegenstände beschränken, die ihnen zu
wissen nöthig sind, das heißt Lesen, Schreiben, ein wenig
Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen Sie die
Stelle an?
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem Tone
starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiederte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber wie wollen Sie Ihre Talente, Ihre vielseitigen
höheren Kenntnisse anwenden?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich anwenden kann.
"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
"Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen?
Werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen.
Er blickte mich mit einem Lächeln an und entfernte sich.
Ich begab mich schon am folgenden Tage nach Morton,
und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den
Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück. Mr. Rivers
und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das
mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer
und verlassen auf der öden sumpfigen Haide.
Fünfte Abtheilung.
Die Waise als Vorsteherin der Dorfschule.
Hier eine Beschreibung meiner neuen Wohnung. Es
war eine Hütte m der wahren Bedeutung dieses oft falsch
angewendeten Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene
hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen
kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern und ein Theeservice von Delster Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen
Größe mit einem Bett und einer Kommode von ordinairem
Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von sehr geringer
Dimension, aber noch immer zu groß für die höchst dürftige
Garderobe, die ich darin aufzubewahren hatte, obgleich sich
meine neuen Freundinnen der ihnen nicht unbedingt nöthigen
Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen konnten
lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren Namen zu
schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten
mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige begannen zu
nähen. Alle sprachen einen abscheulichen Dialect mit dem
gedehnten Accent der Gegend, so daß wir uns im Anfange nur mit Mühe verständlich machen konnten. Bei nicht
wenigen unter ihnen gesellte sich zu der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige
Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften und
ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir schien,
als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt. Es
kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben würde,
das er mir an der Küste des Mittelmeeres unter dem
heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt hatte.
Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer wieder genug
verständige Einsicht in mir, um den rauhen Pfad der Ehre
den vergifteten und vorübergehenden Freuden einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner Gedanken. Indem er mich nach sich selbst beurtheilte, errieth
er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen
ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden, obwohl strengen
Worte führten mich, wenn auch oft ein wenig unsanft, zu
der richtigsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen
Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach einer
Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich von
einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt gefühlt und
den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem Missionsamt zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
"guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,
welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrack er,
als ob unvermuthet ein Blitz ans heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der nämlichen
Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hatte. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder
und wendete sich um, die Neuangekommene zu begrüßen;
diese war nichts Geringeres, als eines der reizendsten jungen
Mädchen, die ich in England, wo nichts so selten ist, als
jugendliche Schönheit, je gesehen habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und durchsichtiger Teint, schöne
schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht,
ein lieblicher, frischer Mund, eine reine Fülle schwarzer
Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den
herrlichen Naturgaben, die ein für die Liebe geschaffenes
Weib sich nur wünschen kann, fehlte diesem glücklichen
Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung und
über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu haben sich
rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß Miß Oliver,
de reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere Schule ihr Dasein verdankte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwiedert wurde.
Ich sah es an seinem ganzen Benehmen, an dem ganzen
Ausdrucke seiner Gesichtszüge, als das offenherzige, unbefangene Mädchen ihm von einem am vorigen Tage in der
Stadt, aus der sie kam, stattgefundenen Balle und von dem
Glanze erzählte, den die Anwesenheit der Offiziere des 20.
Husarenregiments diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der leidende und
schwermüthige Ausdruck, der über das schöne Gesicht des
jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines Automaten.
Man sah deutlich, daß es ihm eine fast übermenschliche
Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.
Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen Sieg
davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden
Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau entfernte,
begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer
tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie ging rechts und
er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes,
gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine
Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was
Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er
doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß
Diana's Vergleich keineswegs übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen
Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der
Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu mir theilte
sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht
ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand.
Die Erkenntlichkeit der Armen ist erfinderischer, wenn nicht
aufrichtiger als die der Reichen, und scheint unmittelbarer
aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit
allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann.
Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung,
die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf
welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin
den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und
wußte es zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem Sie auf meinem Tische einen Band
von Schiller's Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen.
Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so übertriebene Lobeserbebungen über mich, daß der reiche Fabrikherr
mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte meine Zeichnungen, hat mich dringend, ihn zuweilen mit meinem Besuche zu beehren und ersuchte mich förmlich um das
Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne dieses Umstandes nur deshalb, weil er
zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern,
kurz er sucht irgend eine wirkliche Veranlassung oder einen
Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das Leben angenehmer zu machen.
So brachte er mir auch eines Abends ein neu erschienenes Buch von Walter Scott mit, und er schien außerordentlich erfreut, mich an meiner Staffelei beschäftigt zu
finden.
"Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn man
zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald. Sie allein sind,
Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht und gequält, die mir allerdings nicht bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte und
in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt hatte;
warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit. Kaum
aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie näher zu
betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem nämlichen unwillkührlichen Schrecken, den ich schon einmal an im beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß eingeprägt hatte!
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu entziehen.
"Finden Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn.
"Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung des
Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts, es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
"Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
"Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine Zeit
und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes
Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu können.
"Antworten Sie mir aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an Ihre
ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal später
am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar, oder in
Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
"Es würde mir ohne Zweifel angenehm sein, wenn ich
eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte; aber ob es
gut und vernünftig wäre, das ist eine andere Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr leicht
Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte,
in den Stand setzen würde, eben so viel Gutes zu thun
als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so
sagte ich zu ihm:
"Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre, wenn Sie
anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen,
dessen Züge es versinnlicht.
Ich sprach diese kühnen Worte, fast mit einer geheimen
Angst aus; allein ich bemerkte bald, daß sie nicht übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf einen Stuhl
gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf in beide Hände
gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne sich durch meine
Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im Gegentheil, meine
etwas unsanfte Ausdrucksweise und die Furchtlosigkeit, mit
der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete Erleichterung zu
gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen, vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen, aber
dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren, jedoch mehr affectirten als wahren Ausdruck von
Zweifel.
Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Anderen, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen, als von Ihnen.
Glauben Sie, Miß Jane?... O, sprechen Sie weiter... es thut mir wohl, Sie anzuhören.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mir den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem Herzen
verschließen?
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionairs denken?
Aber wer zwingt Sie denn, Missionair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
"Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf
verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der hehren
Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will?
ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar
der Männer gezählt zu werden, welche sich über die Bestrebungen dieser Welt erheben und sich die Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das errettende Licht
und die Lehren des Friedens und der Wahrheit zu verbreiten?... Nein, ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber Mr. Saint-John übersehen und vergessen Sie
denn, daß man auch sehr wohl ein würdiger Diener der
Religion sein und Werke des Friedens und der Liebe verrichten kann, ohne Missionair zu sein. Diese Schule und
die Knabenschule ist Ihr Werk. Alle Bewohner des Dorfs
und der Umgegend erschöpfen sich in Lobeserhebungen über
den Beistand, den Sie dem Unglück und der Hülflosigkeit
angedeihen lassen. Konnten Sie so viel Gutes bei Ihren
beschränkten Mitteln fördern, was würden Sie erst leisten,
wenn Sie über das Vermögen Rosamunden's zu verfügen
hätten. Ueberlassen Sie das Missionswerk Andern, welchen
eine weniger glückliche Zukunft lächelt und genießen Sie das
Glück, welches Sie so sehr verdienen.
Der junge Geistliche schwieg, es trat eine ziemliche
Pause ein; er schien zu bedenken, ob und was er mir antworten solle. Plötzlich ergriff er seinen Hut und mit einem
Händedruck und mir eine gute Nacht wünschend, entfernte
er sich von mir.
Sechste Abtheilung.
Die Erbschaft aus Madeira.
Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung an
mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine: ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst, der
mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen zu hindern. Ich las in einem Buche, als Mr. Rivers, ohne
vorher anzuklopfen, ganz unerwartet bei mir eintrat und an
der Thür den Schnee von seinen Füßen abschüttelte.
Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen; aber
er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine schlimme
Nachricht bringe und hat mich um Entschuldigung, daß er
mich durch seinen unvermutheten Besuch in meiner häuslichen
Ruhe störe.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich ihn
etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage; da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte, ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Reine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilen mich, und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines
Menschen, dem man den Anfang einer sehr interessanten
Geschichte erzählt hat und der gern den Ausgang wissen
möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben möchte.
Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war vollkommen
ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige Augenblicke
nachdenkend und stillschweigend, das Herz von lebhaftem
Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und Blässe
seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah, daß er
nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen, drehte ich
den Docht meiner Lampe ein wenig empor und fuhr fort
zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch, einen
Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus, den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an Ort und
Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in tiefes
Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern
habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte; aber ich erhielt nichts als
bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort. Endlich,
nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug die Uhr
acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers aus seinem
Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite,
sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher an den Kamin.
Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte wissen
möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich will
Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an, wurde
ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen seiner Zeit
nennen werde, von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Tochter
eines sehr reichen Mannes ergriffen. Sie liebte ihn wieder
und bewilligte ihm ihre Hand, den Wünschen ihrer Eltern
entgegen, welche sich, auf's Höchste gegen sie aufgebracht,
sogleich nach dieser unseligen Verbindung gänzlich von ihr
lossagten. Noch ehe zwei Jahre verstrichen, waren beide
junge Leute gestorben und ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie hinterließen eine Tochter, welche
unmittelbar nach dieser Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es war ein kaltes Asyl für sie, eben so
kalt war der Schnee, in den meine Füße auf dem Wege
hierher versanken. Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das keinen Freund auf der Welt hatte, in dem
Hause reicher Verwandter ihrer Mutter aufgenommen, sie
wurde von einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick
den Namen zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß
Reed von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
"Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs.
"Briggs?... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten Herrn,
in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot, als
Gouvernante gewesen ist. Er giebt mir zu verstehen, daß
Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre, nicht
immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen habe,
denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame, Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung, welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte,
so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht nach
der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne
Interesse waren.
"Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete mir Saint-John, indem er ein Stück Papier welches
ich beim Malen zum Probiren der Farben benutzt hatte, aus
seinem Portefeuille nahm. Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung eigenhändig mit einem Pinsel den Namen
darauf geschrieben, den ich meinem Beschützer verschwiegen hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indickum, sagte ich lächelnd.
"Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den Times,
in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der Aufenthalt der
Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte, ihm denselben wissen
zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
"Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte ich
wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen haben...?
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen zu lassen,
wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache und
kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt wurde,
die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine sehr mäßige
Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener und meinen
täglichen Wünschen entsprechender gewesen, so würde mir
dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich in einem heitereren
Lichte erschienen sein; aber gerade die Größe des mir
zufallenden Vermögens machte ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten Worte
in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete, äußerte
keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde ihn vielleicht
gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miß Jane,
sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte, daß Sie
eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß nicht
meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu zeigen. Und
wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend Pfund
Sterling einer Person gleichen, die wenig Appetit hat und
an einer reich servirten Tafel sitzt, so denken Sie an die
armen Gäste, welche von dem Ueberflusse des Gastmahles
genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er hinzu, indem er
seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht
so abscheulich wäre, so würde ich Ihnen Hannah schicken,
damit sie Ihnen Gesellschaft leistete, denn es scheint mir
ganz so, als sähen Sie mit Bangen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden. Aber die gute Hannah
würde sich kaum durch den Schnee hindurcharbeiten, worin
ich selbst auf dem Herwege fast versunken wäre.
Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich, und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die Frage
vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne welche die
Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für mich verloren
gewesen wären, nicht an meinem neuen Glücke Theil nehmen
lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich nahe
daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als die Thüren
von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten. Ich erinnerte
mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle Empfang
mir daselbst zu Theil geworden war. Da ich mir übrigens
früher oder später eine Adoptivfamilie wählen mußte, so
lag der Plan einer ehelichen Verbindung meinen Aussichten
gänzlich fern, und ich brauche Ihnen wohl kaum den Grund
davon zu sagen, denn welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana und die brave Mary ersetzen, auf
welchen Bruder hätte ich stolzer sein können als auf
Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang reiflich
überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte, kündigte ich ihm
denselben an, wie er mir mein Glück angekündigt hatte, das
heißt, in kurzen, bestimmten, kategorischen Worten. Meine
Willensmeinung war, mich mit der Hälfte der Erbschaft zu
begnügen, und zehntausend Pfund Sterling dem würdigen
Geistlichen und seinen Schwestern zu überlassen.
Saint-John verzichtete seinerseits auf jede Theilnahme
an mein Geschenk, Diana und Mary Rivers nahmen jedoch
mit Dank das ihnen gewachte Anerbieten an. Wir trafen
das Uebereinkommen, fortan zusammen zu wohnen und zusammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
"Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe meinen
Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin für mich
gefunden haben
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Sippen meines
neuen Vetters, welchen Titel er verabredetermaßen von
nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand mit
größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich an dem Tage
mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die Direction der
Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart der versammelten
sechzig Schülerinnen die Schlüssel einhändigte. Es war
ohngefähr zwei Monate nach der Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir Einige
wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch darüber,
wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war, so
daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt
die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange zu
ergeben. Für's Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
"Bedürfen Sie ihrer?
"Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End zu nehmen, wohin ich für nächsten Dienstag
Diana und Mary eingeladen habe. Ich will, daß Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen und
gereinigt werden soll. Von oben bis unten, hören Sie
wohl. Ich möchte fast sagen, daß Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen werden, obgleich sie weder
Sanskrit noch Pali sind. Man muß sich im Fußboden der
Zimmer spiegeln können; es darf weder Holz noch Steins
kohlen gespart werden, um alle Feuchtigkeit aus dem Hause
zu entfernen; es muß jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl,
jeder Tisch und jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt werden, und was die Vorräthe von Kuchen,
Confituren und Gelees betrifft, so verlassen Sie sich auf
die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen unterstützen werde. Mit Einem Worte, ich will,
und diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für
Sie haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das schöne
Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem flüchtigen, Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
"Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihrer
neuen Verwandten zu genießen; aber nachher hoffe ich, daß
Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden. Ich blickte ihn erstaunt an.
"Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit mir,
Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl, daß ich
es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun Sie das?
"Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er Ihnen
verlieben hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig über
deren gute Benutzung wachen werde, denn es ist meine Pflicht
und mein Recht. Daher rathe ich Ihnen, schon jetzt den
unbesonnenen Eifer zu mäßigen, mit welchem Sie sich rein
weltlichen Genüssen hingeben. Ihre Thatkraft und Energie
wollen zu weniger alltäglichen Beschäftigungen verwendet
sein. Lenken Sie sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
"Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe, glück- und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen, denen
es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche Haus,
keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie
ich es hätte thun können, sondern nur durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr und einige ernste
Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken
Wohnung entsprachen, verjüngt und verschönert zu finden.
Sie nahmen von Herzen gern an unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet Hannah's gutem Willen
noch nicht beendigt waren, und namentlich in den ersten
Wochen erfüllte ihr fröhliches Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis zum Abend. Saint-John schien sich
daselbst nicht mehr heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich
zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich,
daß wir einen störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen
Studien ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen
Besuche ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der
Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise
unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß er
recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er offenbar
nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah ein, daß
ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine unwürdige
Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn gleichsam und
fand in ihm alle Elemente, aus denen die Natur ebensowohl
heidnische als christliche Helden, das beißt solche Männer
bildet, welche dazu bestimmt sind, Gesetze zu geben, Länder
zu erobern und Völker zu regieren; ich mußte mir sagen,
daß er eine mächtige Stütze der erhabenen Interessen der
Religion werden konnte; aber an häuslichen Heerde war
ein Kind besser, als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionair! dachte ich eines Tages,
aber ein langweiliger Gatte!
Mach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser
Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger bei
uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ob.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana,
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden war,
ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären, und ihr
Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich
werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten
Jahres abreisen.
"Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer
Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
"Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel und
Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr Vater hat
mich gestern Abend von dieser bevorstehenden Verbindung
in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt und
unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
"Aber Rosamunde kannte diesen jungen Mann gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver haben sich
letzten Monat October zum ersten Male auf einem Balle
gesehen, von dem mir Rosamunde am nächstfolgenden Tage
erzählte... erinnern Sie sich noch, Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen, und ich
konnte mich nicht genug wundern über den stoischen Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den schmerzlichsten
Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir schon
einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde mich jedem
Andern gegenüber ermuthigt haben, von Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich intimen Unterredung
war Saint-John wieder so verschlossen und zurückhaltend
geworden, daß er eben so unzugänglich war als früher.
Und diese Zurückhaltung hatte zur Folge, daß ich mich
meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er
trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen
Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine
Unterschiede zwischen ihnen und mir, welche den Gedanken
an ein volles und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen
ließen.
Ich staunte daher nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilten Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu mir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der
Sieg ist mein.
"Haben Sie auch die Gewißbeit, entgegnete ich ihm
nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer erkauft
haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg nicht zum
Verderben gereichen?
Ich glaube nicht; aber wozu sollte ich mich deshalb
beunruhigen? werde ich je wieder einen solchen Kampf zu
bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder auf
und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den Augenblick nichts mehr mit einander zu sprechen hatten. Ich ließ
es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle entgegen
zu handeln.
Eines Tages überraschte mich Saint-John durch die
Anfrage, ob ich wohl die Anfangsgründe der hindostanischen
Sprache bei ihm erlernen möchte, er wolle mich darin unterrichten.
"Was könnte diese Sprache einem Mädchen nützen?
fragte ich.
"Vielleicht hat Gott Sie wie mich zu einem Werkzeug
erkohren um die Lehren der Religion unter den Heiden zu
verbreiten.
"Ich fühle keinen solchen Beruf in mir und noch weniger mich demselben gewachsen.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe
zu geben, pflegte Saint-John seine Schwestern zu küssen,
nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich
dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche mit einem heitern Charakter
einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie
der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügte; daß
ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, das Saint-John
versprochen habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich will
es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern,
das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein wenig zu
mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die
meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch Versuchsküsse geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht denken
können, war diese Wirkung so gut als gar keine. Ich bin
fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber
vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als gewöhnlich;
denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie ein Siegel,
das auf die Ketten gedrückt wurde, deren Last ich zu fühlen
begann.
Von diesem Abend an wurde die Ceremnonie des Kusses
regelmäßig eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit, mit
der ich mich derselben unterwarf, schien meinem frommen
Vetter Freude zu machen.
"Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Tage eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende
mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte
die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen von
ihrem natürlichen Hange ablenken, nach Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren.
Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen, wo
ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen
unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines
Gesichts geben, oder die Farbe meiner Augen verwandeln
und ihnen das dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und nach
den beitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen
hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch hegte,
Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu erlangen.
Mehr als einmal hatte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt meines
ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr. Briggs stand
mit den Bewohnern von Thornfield-Hall nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief könnte
verloren gegangen sein. Aber es verging ein Monat, zwei
Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte Hoffnung war
endlich ganz von nur gewichen, doc nicht ohne einen tiefen
Kummer zurückzulassen, über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
"Jane, wir wollen einen Spaziergang machen, redete
mich Saint-John eines Morgens an.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.
"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen geben.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg zwischen
unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben gekannt, besonders gebieterischen Charakteren gegenüber, die
mit dem meinigen in directen Widerspruch standen. Da
Saint-John nichts von mir verlangte, was ein Sträuben
oder selbst nur einen bloßen Einwand von meiner Seite
gerechtfertigt hätte, so begleitete ich ihn nach dem Thale und
wir lustwandelten neben einander unter einem vollkommen
reinen Himmel und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche,
der mit weißen und gelben Blümchen durchwirkt war.
Siebente Abtheilung.
Des Pfarrers Heirathsantrag.
Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des, den Horizont begrenzenden
Gebirgs gebildet wurde. Hier machte Saint-John Halt
und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock. Mein
Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen. Seine Augen
schweiften von den Bergen zu dem Bette des Waldstromes
und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Mach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen für
das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den Schmerzen
des Exils hat und noch einen Blick des Abschiedes auf die
Gegend wirft, deren unvergängliche Erinnerungen er bald
mit sich nehmen wird.
So verweilten wir ungefähr eine halbe Stunde, nach
deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe schon
meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am 7. Juni
unter Segel geht.
Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener, behüten, erwiederte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren Herrn und es ist mein Stolz und meine Freude, daß
ich in dieser Welt nur dem Willen des vollkommensten
Wesens gehorche. Nur dünkt es mich sonderbar, daß nicht
Alles, was mich umgiebt, sich ebenfalls unter sein glorreiches
Banner schaart.
"Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es
wäre thöricht von den Schwachen, sich mit denselben Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
"Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und von
ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen, die des
großen Werkes würdig und geeignet sind, daran Theil zu
nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht viele und sie sind
schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es eine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie über ihre Befähigung aufzuklären sie zu edlen
Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Stellung zu zeigen,
die ihnen Gott unter seinen Auserwählten bestimmt hat
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
um mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich die
herannahenden Gefahr noch nicht klar erkannte.
"Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufes stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
"Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts!.. nichts! erwiderte ich mit einem Schauder,
denn diese einfache Frage schnitt mir den Odem ab.
"Dann will ich anstatt seiner sprechen, fuhr er mit
seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren ernste
Töne das Echo der nahen Berge wiederholte. Jane,
geben Sie mit mir nach Indien, seien Sie meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich zu
drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es war
wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten Apostel
nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich war kein Apostel
und dieser Befehl von Oben lähmte nicht ganz meine
Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, der in der Erfüllung
dessen, was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid noch
Bedenklichkeiten kannte.
"Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie
so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionairs es sein
muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit versagt,
Ihnen aber Energie der Seele und des Geistes verliehen.
Sie sind nicht für die Liebe, sondern für heilige Werke
geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur Gattin wünsche, so
geschieht es nicht um meines persönlichen Glückes willen,
sondern zum Nutzen meines erhabenen Gebieters.
"Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind im
Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist nicht
der, den Sie meinen.
Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet und sich mit der nöthigen Geduld und Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich aus seinem
ganzen Benehmen, als er, an den Felsen gelehnt und die
Arme über der Brust gekreuzt, mit einer unerschütterlichen
Ruhe alle meine Einwendungen einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit dem festen Vorsatze, mich zu
unterrichten, mich zu leiten und zu unterstützen bis zu der
nicht fernen Zeit, wo ich allein gehen und dann ihn nöthigen
falls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus keinen
Eifer; durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir erweckten,
so versicherte er mir, daß er mich seit zehn Monaten genau
studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich
einer unbegrenzten Hingebung fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und meine Pflichten mir vorgezeichnet
wären. Er sagte, er habe mich stets fügsam, eifrig uneigennützig, fleißig, muthig, heldenmütig und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und
müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Ich erkannte die Nothwendigkeit, die beiden von dem
würdigen Geistlichen an mich gerichteten Wünsche auf einmal
entschieden abzulehnen. Um ihn jedoch nicht zu beleidigen,
erbat ich mir eine viertel Stunde Bedenkzeit, da ich von
der richtigen Voraussetzung ausging, daß meine Antwort
ihm dann als das Resultat einer sorgfältigen Prüfung erscheinen und ihn verhindern würde, mich mit weiteren Bitten
zu bestürmen.
Er entfernte sich und ich sah in weiter Entfernung ihn
zum Gebet knieen und sich dann niedersetzen.
Nach einiger Zeit hatte Saint-John seinen Sitzplatz
verlassen und ging langsam auf mich zu, ich ging ihm
entgegen.
"Nun, Jane, fragte er mich.
"Saint-John! in dem ehrenden Antrage, den Sie mir
gemacht haben, erkenne ich das Vertrauen, mit welchem
Sie mich beehren, ich kann Ihnen aber nur wiederholen,
daß ich nicht den Beruf zu Missions-Werken in mir erkenne.
Da Sie dies nun für Ihre Lebensaufgabe halten, so kann
ich nicht Ihre Gattin werden; aber Sie sind mein Adoptivbruder und haben mich als Schwester angenommen. Diese
fingirte Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, jedoch
an keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Ein Seufzer war die ganze Antwort, welche Saint-John für mich hatte. Schweigend ging er von meiner
Seite nach Hause zurück.
Achte Abtheilung.
Sehnsucht nach Thornfield-Hall.
Beinahe ein Jahr war jetzt seit meiner Entfernung
von Thornfield-Hall verflossen. Alle meine Bemühungen,
irgend eine Auskunft über Rochester zu erhalten, waren
erfolglos geblieben und so wurde der Wunsch in mir rege,
mich selbst nach der Umgegend von Thornfield-Hall zu begeben, um an Ort und Stelle Auskunft über den zu erhalten, der, wie ich mir selbst sagen mußte, doch noch
immer meine ganze Liebe besaß.
An einem Juni-Morgen sagte ich meinen Freundinnen,
die mich ihre Schwester nannten, beim Frühstück, daß ich
Marsh-End auf kurze Zeit verlassen wolle, um einen Freund
zu besuchen, dessen Schicksal mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unseren vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber ein
zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern. Sie fügten sich stillschweigend
allen meinen Wünschen und ließen mir die nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.
Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem ich
an einem schönen Sommerabende an der nämlichen Stelle
gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und mit einer
Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unheilbar hielt.
Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung des Platzes
mein ganzes Vermögen ausgeben zu müssen, und als ich
mich auf dem Wege nach Thornfield befand, fühlte ich mich
so heiter und vergnügt, wie die Taube in der Schrift, als
sie nach der Arche zurückflog, wohin der Herr sie sendete.
"Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden. Am
Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause und
der Kutscher spannte die Pferde aus, um zu füttern. Weit
verschieden von der düstern und feuchten Einöde, aus der
ich kam, erschien mir die Gegend mit ihren grünen Hecken,
die große Felder umzäunten, und mit ihren. freundlichen
Anhöhen, wie der Anblick eines alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
"Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall?
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.
"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum hatte
ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand meine
Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in
diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, wirst Du
es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen?
Dann wäre deine Mühe verloren und Du thätest also besser,
sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls hättest Du erst bei
dem Gastwirth einige Erkundigungen einziehen sollen, er
würde Dir gewiß haben sagen können, ob Mr. Rochester
England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Rathschlägen zu
folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der Ungewißheit
war die Verlängerung des Gedankens an die Zukunft, der
mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns
noch ein Sal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens,
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von Bienen
bewohnt war, deren lautes Summen die Stille des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von Freude drängte
mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes Feld und ein
Stück Heideland überschritten, das mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor den Mauern des Hofes
bei den Wirthschaftsgebäuden. Das Wohnhaus selbst wurde
nur noch von dem erwähnten Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo mein
Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann. Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er steht
frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren. Wenn
ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen? ...
oder müßte ich dies unterlassen? Was würde geschehen,
wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht
sieht er in diesem Augenblicke die Sonne hinter den Pyrenäen aufgeben,... vielleicht überschaut er die blitzenden
Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken, was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie selbst
ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern vorging,
als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes eine halb
verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern standen noch
und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene Fensterstöcke
herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut; der feine
Sand in den Gängen war von profanen Füßen zerscharrt,
das prächtige Portal stand für Jedermann offen. Das
Schicksal Thornfield-Halls war leicht aus den von Rauch
geschwärzten Trümmern zu erkennen. Eine Feuersbrunst
hatte das alte Stammschloß der Rochester zerstört, und sie
mußte schon im vergangenen Jahre stattgefunden haben,
denn der Schnee des Winters und der Regen des Sommers
hatte eine Vegetation vorbereitet, welche im letzten Frühling
emporgesproßt war. Zwischen den geschwärzten Steinen
und den halbverkohlten Balken wuchs schon Gras, und
überdies: beschränkte sich das Unglück auf das, was meine
Augen sahen? war nur ein Gebäude zerstört worden? lag
nicht vielleicht unter diesen Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte, und
ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht vielleicht
schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn,
Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore,
ruhte.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir selbst
mein Frühstück und ich hat ihn, einen Augenblick Platz zu
nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen wünschte. Aber
nach dieser Einleitung wußte ich nicht mehr, was ich noch
hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
"Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort
gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen Mr.
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte ich;
er lebt also nicht mehr?
Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards,
des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig und
ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen noch
nöthig war.
"Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall? fragte ich weiter.
Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen Sie
nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der Nacht
aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote eintreffen
konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen.
Es war ein schauerlicher Anblick!... Ich habe ihn mit
angesehen, und das Herz wollte mir brechen.
"Also in der Nacht dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr ich
laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks nicht
entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der Wirth,
leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher an den
Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu sehen bekam...
von der man nichts Genaues wußte... die Mr. Edward
von seinen Reisen mitgebracht hatte und die man für seine
ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt ergab sich's, daß
sie seine Frau war... bei einer ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich sterblich in eine junge
Gouvernante verliebt hatte... und Sie wissen, daß Männer
in seinem Alter, wenn sie ein junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich den
Gastwirtt kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer angelegt habe.
"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und wann
einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender, aber
sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, entfernte
sich leise und streifte im Schlosse umher, wo sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den Sinn kam. ,In
jener Macht nun, zündete sie zuerst die Vorhänge in dem
Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt
hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von
Eifersucht, dem man sagt, daß sie etwas geahnt habe,
Feuer an das Bett, in dem zum Glück Niemand schlief.
Die erwähnte Gouvernante hatte sich zwei Monate zuvor
heimlich entfernt, und man muß gestehen, daß Mr. Rochester
kein Mittel unversucht ließ, um sie wiederzufinden. Seit
ihrer Flucht entließ er fast seine sämmtlichen Dienstleute,
entfernte eine Verwandte, die seine Wirthschaft geführt
hatte, und brachte ein kleines Mädchen, die man für seine
Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr
lebte wie eine Eremit, oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig geworden und sein Wahnsinn
sei zu gewissen Zeiten höchst gefährlich.
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester.
"Er war im Schlosse?"
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,
die nach dem Feuer zu, im Winde flatterten. Wir alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wir
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte, stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf und in der nächsten Secunde lag sie zerschmettert auf
dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stebe Ihnen dafür, dem die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn besprützt... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der bloßen
Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt... aber ich kann Ihnen versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...
"Wie so?... Warum?... Wie meinen Sie das?... Ist er in England ? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.
Ich litt Höllenqualen und der Gastwirth schien es
sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich hatte
geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu fragen, was
Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen habe.
"Der Schreck und die großen Anstrengungen, welchen
er sich beim Feuer ausgesetzt hatte, vielleicht auch die Flammen
selbst, veranlaßten ihm eine Augenentzündung, in deren Folge
er blind wurde. Kein Arzt hat ihm seine Sehkraft wiederzugeben vermocht.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
"Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?
"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
"Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und wenn
Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach Ferndean
bringen kann, so will ich das doppelte Ihrer gewöhnlichen
Fahrtaxe bezahlen.
Neunte Abtheilung.
Reise nach Ferndean-Manor.
Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean Manor
gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher Bauart, das mitten in einem großen Walde lag. Sein Vater
hatte es gekauft, nicht um der Wohnung selb willen, die
er gern nur gemiethet hätte, sondern wegen der vortrefflichen
Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welcher der Besitzer inne
hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen dort
aufspielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte meine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das er mit
einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte, suchte ich
einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren
Wohnung.
Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das
in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreibe von
Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen so tief herab,
daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen vermischten. In
dieser dunkeln Allee ging ich immer weiter, ohne das Haus
zu erreichen, das ich bei jeder Krümmung zu erblicken hoffte.
Ich glaubte schon, ich hätte mich geirrt und war im Begriff, umzukehren, als sich die Bäume lichteten und ich zuerst
ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das
man kaum von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine
dunkeln und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern
fast ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoos'ten
Stämme und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich in
einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete, wo ein
mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen Rasenplatz zog. Die Vorderseite des Hauses bot dem Auge
zwei spitzige Giebel und einige schmale, vergitterte Fenster
mit in Blei gefaßten Scheiben. Die ebenfalls schmale Thür
schien dazu bestimmt zu sein, sich nie zu öffnen; eine einzige
Stufe führte nach der Schwelle. Im ganzen genommen,
hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus
auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck des
Bildes.
"Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen
bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das Leben
sich wirklich durch ein leises Geräusch kund gab; es war
die Eingangsthür, welche in ihren Angeln knarrte.
"Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich
im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte einen
kann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als
wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich
eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte ich
doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter,
Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung war, mich
seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß
er mich nicht sehen konnte! Ich blieb daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete
die Veränderungen, welche sein Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher,
das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war es
auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht
vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern, diese
athletische, blühende Manneskraft zu schwächen. Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen Schmerz
verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte, welche
man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht hat, deren
düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der sie zu stören
wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn
sehen, wo unter einem Kusse diese drohende Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlieder sich erheben und diese
zusammengepreßten Lippen sich öffnen würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.
Mr. Rochester kam die Stufe herab: und ging mit
langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu. Großer
Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich
an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Er legte
die Hand an seine Augen, ößfnete erst das eine, dann das
andere und suchte dann mit angestrengtem Blicke den Himmel
und den Wald, ohne einen schwachen Lichtschein vom tiefen
Dunkel unterscheiden zu können. Er streckte die rechte Hand
aus, dann die linke, aber die Hand traf nur die Luft, denn
die nächsten Bäume waren noch einige Schritte entfern.
Er gab nun sein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte die
Arme über die Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der sein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mit seiner Frau Mary die ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Mähe, um auf den ersten
Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem Rochester
noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab er die
Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach dem Hause
zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als er eingetreten
war, ließ er se hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung und
Schreck fast ungefallen, als sie mich an der Stimme erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß ich Alles
wußte, was sich seit meiner Entfernung in Thornfield-Hall
zugetragen hatte, hat John, mein Gepäck zu holen, das ich
in einem Chausseehause gelassen, und besprach mit Mary
die nöthigen Anstalten, damit ich die Macht in Ferndean
zubringen konnte, was nicht eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn geben, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen Sie meinen Namen nicht.
Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden vor sich lassen, ehe er den Namen der Person und
den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte, stellte
sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings; er muß stets zwei Lichter in seinem Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist
das nicht sonderbar?
Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen Händen
zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein fast
erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem Feuer
herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des
großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.
Sein alter Hund Pilot lag zusammengerolt in einem
Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen, die ihn
zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir wie früher entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den Händen
gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch und Mr.
Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen, woher das
Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer kehrte er das
Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu mir.
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es ihm
in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mir empor
springen und ich rief daher unbedachtsam:
"Couche, Pilot! leg' Dich!
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antworte ich ihm mit einen
unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.
Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben
Sie noch Durst?
"Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Es sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen, zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
"Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre
Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich! wiederholte er immer wieder.
"Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie
nie sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen hingab.
Sollte dies auch wieder ein Traum sein?... Ach, wenn
Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher Schatten, dann
geschehe es wenigstens nicht eher, als bis deine Lippen
meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief ich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen, dann strich ich
sein Haar zurück und küßte ihn auf die noch immer
schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine Zweifel.
Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder
bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens
umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
"Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.
"Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mit
zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
Sie sind sehr reich, meine liebe Jane.
"Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Mähe ein
Haus. baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen.
"Aber Ihre Freunde, Jane -- dem jett haben Sie
gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei einem
alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich geworden
bin?
Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig
bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre
Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein,
kurz Ihnen die Augen zu ersetzen. Fassen Sie also Muth,
mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie
nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines
Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend,
er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne
ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte
sich auch mir mit. Ich fürchtete gegen den Takt verstoßen,
durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in
seinem Innern verletzt zu haben. Alles, was ich gesagt
hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er
mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun
von meinem vertraulichen Entgegenkommen denken, wenn ich
mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen,
aber er drückte mich nur noch fester an sich.
"O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben
sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein Herz
sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt kann ich
Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir
übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit
tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es
Sie entbehren müßte, würde es sich dafür an dieser verstümmelten Hülle rächen.
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben
nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies
sind Sie noch so jung... Sie müssen sich früher oder
später verheirathen.
"Daran denke ich nicht und ich sehne mich durchaus
nicht danach.
"O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach, wenn
ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich es
versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine!...
Er versank wieder in sein schmerzliches Machsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
"Wann essen Sie gewöhnlich zu Abend? unterbrach
ich die eingetretene Pause.
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn ich
habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Mach wenigen Augenblicken wurde
uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch nahm
sogleich den natürlichen, ungezwungenen Charakter an, den
es ehemals zwischen uns hatte. Ich fühlte mich schon ganz
heimisch und mein Herz war mit inniger Freude erfüllt.
Fest entschlossen, meinen geliebten Herrn nicht in eine traurige
Stimmung fallen zu lassen, lenkte ich die Unterhaltung,
sobald mir seine Worte eine Erinnerung an sein Unglück
verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven
Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn
mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen
Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar
ein wenig in Ordnung bringen könne.
"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich
mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiederte ich ihm in
dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer
vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise
und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr
angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien,
war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend,
mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen
und verdrießlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter
und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieser gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie
kamen mir die Thränen in die Augen. Ich mußte mir
indessen Gewalt anthun und ihn so anreden, wie ich es mir
zur Pflicht gemacht hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und
ihm einen Spaziergang vorschlug.
Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief
er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene
Lampe, der man neues Oel giebt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist
nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre
ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen
zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für
mein Ohr, als die aufgebende Sonne Glanz für meine
Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für
mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein,
daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals
Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit gezwungen hätte. Rochester kam mir
vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und
zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings
anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter,
fröhlich und scherzhaft. Mach dem Frühstück nahm ich
Rochester, mit mir aus dem düstern Zimmer in's Freie und
unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen.
Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze,
wo ich ihm auf einem seit langer Zeit ungehauenen Baume
einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann, sogar gestattete,
mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen,
da wir uns Beide in gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?...
Pilot legte sich neben uns und mehrere Minuten lang herrschte
eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rohester mich
stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie
mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immer von mir geschieden
sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren, und ohne
Existenzmittel!... selbst das Perlenhalsband hatten Sie
Ihrer Kommode und die noch für unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird
aus meiner Jane werden, die keine Hilfsmittel und keinen
Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung.
In der That, Jane, wo waren Sie eigentlich diese ganze
Zeit über?
"So durch Fragen gedrängt, begann ich die, Erzählung
meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres.
Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich die
Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit dem
Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte.
Wozu sollte ich ohne Noth dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen
viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen
wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in
seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in die
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die
Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die
Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieser Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen
Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein
Mann war er denn?
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das
Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten
nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters
Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck
an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton
weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und
unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das
Profil eines Antonius, schöne blaue Augen und einen edlen
Anstand habe, unterbrach mich plötzlich Rochester mit den
Worten:
"Ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte werden,
denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben so wenig.
Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag, und diese
Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein -- ein schönes
junges Mädchen, daß er mit trockenem Auge die Gattin
eines Andern hat werden sehen, während es nur von ihm
abhing, ihre Hand zu erhalten. Er erblickte in mir nur
den Typus einer Gattin, wie sie nach seinen Ideen ein
Missionair braucht. Aber ohne allen Zweifel war er in
einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst
und streng, und für mich kälter als ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht. Ich fühle mich nicht glücklich in
seiner Nähe, er war weder nachsichtig noch liebevoll gegen
mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht.
Er gestand mir höchstens einige Talente zu, aus denen man
nöthigenfalls Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich
jetzt noch auf, zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und
schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige
Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von
Neuem.
"Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in
wehmüthigem Tone.
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir nicht
erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit nicht.
Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir ab, und
da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte, bog ich mich
zur Seite, um ihn näher betrachten zu können, und ich sah
eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern
hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder
an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum im
Garten von Thornfield... Und mit welchem Rechte könnte
ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen
Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die
Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind noch
grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht, es werden
noch junge Pflanzen zwischen ihren Wurzeln emporkeimen
und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und
wenn diese Pflanzen heranwachsen, werden sie sich dem
schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen eine so feste Stütze
bietet, um ihn bald zu umschlingen.
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu
trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können
meine Gattin nicht werden.
Aber Sie gedenken doch nicht für immer Wittwer zu
bleiben?
Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen
Sie mir.
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müssen, ist die, welche
Sie am meisten liebt.
"Oder wenigstens Die, welche ich am meisten
liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihre Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Blinden, den Sie werden führen
müssen?
»Ja.
"Ist es wirklich wahr?
"Es ist mein voller Ernst.
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige
Gott es Ihnen vergelten!
Mr. Rochester, sagte ich tief ergriffen, wenn ich
je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente,
wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch
gehabt, ei Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich
bis zu ihm zu erheben,... so bin ich jetzt reichlich dafür
belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste
Glück; nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.
"Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr
heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.
"Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr
Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich
habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.
Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will
ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden. Ich
sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich mich irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie meine Gattin. Was Ihren
Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel
an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden
ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es
hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen, seit dem Tage,
an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor...
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten,
behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
"Und jetzt, fuhr Rochester fort, muß ich Ihnen
noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den
Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen
und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande.
Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte. Aber der Alls
mächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen. Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen, ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte ich der
Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir
zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich eitel prahlte, hat Gott
so vollständig gebrochen, daß ich in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines
Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät,
aber mit zerknirschtem und reuigem Herzen auf die Kniee
gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit
dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade
vor seinen Augen gefunden zu haben, denn das Liebste und
Theuerste, was ich auf Erden besitze, ich habe es in Dir
wieder erlangt, meine Jane!
Mach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete zu
Gott, streckte Rochester die Hand aus und bedeutete mir
so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure Hand
und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um meinen
Macken und auf meine Schulter legte. So diente ich ihm
zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zurück.
Zehnte Abtheilung.
Der Waise Vermählung.
Am nächsten Dienstag wurde ich Rochester's Gattin;
ich brauche Ihnen nicht zu sagen, werthe Freundin, welche
Gefühle an diesem Tage mich bestürmten und wie lebhaft
die Erinnerung an den Tag bei mir wurde, an welchem vor
einem Jahr meine Hochzeit angesetzt war. Unsre Trauung
fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen gehülfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen, ging
ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten
zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben, sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester
und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier ist
unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf
den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf.
"Ist es möglich, Miß? erwiderte Mary; nun das
freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
degegen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, und einer
ehrerbietigen Verbeugung, ich habe es mir gedacht, daß
Mr. Edward dies im Sinne hatte, und ich glaube, er hat
wohl daran gethan.
Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End, um das
Geschehene zu berichten und es unter dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht von meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber
ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit einer
Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten,
doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung
war, daß ich Adele in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Eine sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für
ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie
daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante mit ihr fortzusetzen. Aber dies war nur eine
schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten
fortan einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch
nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete.
Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
wo die Erziehung den Fähigkeiten unsrer kleinen Französin,
welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere
Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen,
liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die
kleinen Mühen und Verdrießlichkeiten bei ihrer Erziehung
entschädigt.
In den ersten zwei Jahren nach unsrer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und dieses Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so
vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir
schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner
Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste. Ich
meinestheils hatte einen fortdauernden Beweis seiner Liebe
in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze
Charakter ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und
Gefälligkeit von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem
angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre,
einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich
meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, eine goldene Kette!
"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That diese Farbe. Rochester sagte
mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre
der Schleier vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit.
Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich
nicht irrte.
Ich erkannte nun die Möglichkeit, daß durch die Hülfleistung geschickter Aerzte meinem theuren Gatten vielleicht seine Sehkraft wieder gegeben werden könnte. Auf meinen
Wunsch reisten wir schon am folgenden Morgen nach London,
wo durch die Untersuchung und Berathschlagung eines Collegiums von Augenärzten das Resultat sich herausstellte, daß wenn mein Gatte sich einer Augen-Operation unterzöge, die
Hoffnung, daß er seine Sehkraft wieder erlange, einige
Wahrscheinlichkeit für sich habe. Nach der Meinung der
Aerzte hatte besonders der Aufenthalt auf dem gleich nach
dem Brande bezogenen Jagdschloß (welches wegen seiner
morastigen Umgebung selbst einem Gesunden Sachtheile bringen
konnten), das Augenübel bedeutend verschlimmert. Mein Mann
unterwarf sich dieser Operation, und denken Sie sich meine
Freude und seinen Jubel, als er nach Verlauf einiger Tage,
die er in einem finsteren Zimmer hatte zubringen müssen,
mir die Mittheilung machte, daß seine Augen sich entschieden
gebessert hätten.
"Liebe Jane, sagte er zu mir, mich zärtlich umarmend, Du wirst nun hoffentlich bald keinen Blinden mehr
zu führen, sondern an der Seite Deines Dich verehrenden
Gatten alle Freuden des Lebens genießen können, und des
Glücks theilhaftig werden, welches Du so sehr verdienst.
Die Aerzte hatten es meinem Gatten entschieden verboten, wieder nach Ferndean-Manor zurückzukehren. Wir mietheten nun während des Sommers eine reizende Villa an den Ufern der Themse, wo mein Gatte sich vollständig wieder erholte und bald zum vollständigen Besitz seiner Sehkraft gelangte.
Rochester ließ das Schloß auf Thornfield-Hall wieder aufbauen, wo wir unsern gewöhnlichen Wohnsitz nahmen.
Zur Abwechselung und Erheiterung unternahmen wir während der folgenden Jahre kürzere und weitere Reisen nach Frankreich und Deutschland.
An dem Tage, an welchem man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt
groß, schwarz und feurig. Auch an diesem Tage beugte er
sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des
Allerhöchsten, welcher die Strenge seiner gerechten Strafen
immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr wenn wir in England sind, empfangen
wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir besuchen sie zur Abwechselung;
Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffizier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein
entschlossenerer und unermüdlicherer Arbeiter seinen Tag durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt.
Er hat sich nicht verheirathet und wird sich nicht verheirathen. Wie wollte er auch eine Gattin erlangen, die seinen Ansprüchen genügt und seine Mühen und Gefahren
theilte.
Jetzt, zehn Jahre nach meiner Vermählung, wo ich diese Memoiren für Sie aufgeschrieben habe, beste Freundin, besteht meine Familie aus fünf lieblichen Kindern -- drei Knaben und zwei Mädchen -- welche Rochester's Stolz und meine Freude ausmachen. Wir berathschlagen schon über die Erziehung, welche wir ihnen zu geben beabsichtigen, und ich habe wenigstens so viel erlangt, daß Rochester bei den Mädchen sich ganz meinen Anordnungen fügen will.
Adele hat einen geachteten englischen Gutsbesitzer geheirathet.
Ob ich recht glücklich geworden bin? höre ich Sie fragen -- beste Freundin. -- Ja, ich fühle mich sehr glücklich. Das Band der innigsten Liebe, welches mich mit meinem Gatten verbindet, scheint mit jedem zunehmenden Jahr sich noch fester knüpfen zu wollen.
Ein einziges Herz schlägt in unserer Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen. Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charaktere
aber ist die reinste und höchste Seligkeit.
Ihr alle aber, Leserinnen und Leser, schöpft aus meinem Leben die Beruhigung, daß das wahre Glück des Menschen nicht außer ihm, sondern in ihm liegt, daß Leiden und Verfolgungen leichter zu ertragen sind, wenn solche unverdient sind, und daß ein vorwurfsfreies Leben das höchste Gut des Menschen ist, haben wir auch mit Mühen und Beschwerden zu kämpfen. Aus dem folgenden Gedicht habe ich in Stunden der Prüfung und in Leiden, wenn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sich meiner bemächtigen wollten, großen Trost geschöpft, möge es denselben Erfolg bei Euch haben.
Weine nicht,
Wenn auch Setter schwül und dicht
Deinen Wanderpfad umgeben;
Lerne Deinen Blick erheben,
Bis die Sonn' aus Wolken bricht
Weine nicht,
Wenn Dir Hohn die Bosheit spricht!
Edelmuth und Eigenwürde
Leichtern jede Schmach und Bürde,
Und ein Gott hält einst Gericht.
Weine nicht,
Senn der Läst'rung Matter sticht!
Unschuld tilgt den Schlangengeifer;
Drum mit Deinem Tugendeifer
Weiche nie von Recht und Pflicht
Weine nicht,
Wenn der Hoffnung Anker bricht!
Mach den Sternen mußt Du streben;
Auf das Glück im Erdenleben
Thut ein weises Herz Verzicht.
Weine nicht,
Wenn kein Fleiß Dir Frucht verspricht
Nicht die Zeit kann Dir vergelten;
Schau empor in beß’re Welten,
Wo die Treue Kränze flicht
Weine nicht,
Wenn Dein Herz im Tode bricht.
Dann verbluten alle Wunden
Wenn der Geist vom Staub entbunden
Eilt zum reinen Aetherlicht!
Weine nicht!
Ende des zweiten und letzten Bandes.