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Die zärtlichen Verwandten.
Des es schlechten Wetters wegen - denn es war kalt, windig
und regnerisch -- mußte an diesem Tage der übliche
Spaziergang unterbleiben; ich freute mich darüber, war es
doch draußen schon recht herbstlich. Da man mich nicht
so warm und sorglich kleidete, wie die Kinder des Hauses,
so fror mich leicht, und wenn ich dann über die Kälte
klagte, schalt man mich zimperlich. Frau Reed war mit
ihren Kindern Hans, Elisa und Georgina, im Salon; mich hatte sie
hinausgeschickt, mit dem Bemerken, ich sei unwürdig, die gleichen
Vorrechte zu genießen, die nur zufriedenen, glücklichen Kindern zukämen. Ich sollte mich erst eines freundlicheren, offenherzigeren, geselligeren Wesens befleißigen. Je nun, ich war nicht böse darüber,
daß ich allein sein sollte. Ich fühlte mich ja doch nicht wohl in der
Gesellschaft dieser Menschen, die mich immer von oben herab behandelten und von denen besonders der etwa 14 Jahre alte Hans
mir verhaßt war. So schlüpfte ich denn in das Frühstückszimmer.
Ein großer Bücherschrank stand darin, und ich hatte nicht lange zu
suchen, um einen Band zu finden, mit dem ich mir die Langeweile
gut vertreiben konnte. Leider blieb ich nicht lange ungestört. Ich
wurde in der Betrachtung der schönen, bunten Bilder plötzlich durch
den Ruf unterbrochen:
,Wo steckt sie denn, die Traumsuse?
Ich erschrak, denn ich erkannte Hans Reeds Stimme. Offenbar
war er sehr verwundert, mich nicht im Zimmer zu finden. Ich hatte
mich in die Fensternische gesetzt und den Vorhang vor mir zugezogen.
,Lise, Georgina!' rief Hans weiter. ,Johanna ist nicht hier.
Sagt doch der Mama, das Scheusal sei in den Regen hinausgelaufen.
,Gott bewahre,'' antwortete Elisa, die ein wenig aufgeweckter
war, als der sowohl geistig wie körperlich schwerfällige Hans. ,Sie
sitzt gewiß wieder in der Nische. Guck nur nach, Hans.
Nun trat ich von selbst heraus, wußte ich doch, daß Hans mich
im nächsten Augenblick gewaltsam hervorzerren würde. ,Ja, hier
bin ich,' sagte ich, ,was wünscht ihr?
,Sage gefälligst: Was wünschen Sie, Herr Reed, antwortete
er. ,Gleich kommst du hierher, verstehst du?
Hans Reed war vier Jahre älter als ich, denn ich zählte erst
zehn; er war groß und stark für sein Alter, sah aber nicht gesund,
sondern vielmehr aufgedunsen aus. Mit seiner vierschrötigen Gestalt, seiner unklaren Hautfarbe, seinem groben Gesicht und seinen
großen Füßen und Händen sah er auch wirklich nichts weniger als
sympathisch aus. Er aß bei Tische gewöhnlich so viel, daß er schlechte
Laune bekam. Eigentlich hätte er jet auf der Schule sein müssen,
aber seine Mama hatte ihn auf ein paar Wochen nach Hause genommen, seiner zarten Gesundheit wegen. Der Direktor versicherte
allerdings, man brauche ihm nur weniger Leckereien in die Pension «
zu schicken, so würde er schon gesünder werden. Das fand die Mutter
brutal. Nach ihrer Meinung rührte das schlechte Aussehen ihres
Lieblings nur von Ueberanstrengung und vielleicht auch von Heimweh her. Hans durfte sich daheim alles erlauben; nie hatte die
Mutter ein hartes Wort, einen Tadel oder gar eine Strafe für ihn.
Ich besonders war die Zielscheibe seiner Unart, und jeder Nerv in
mir zuckte vor Furcht, wenn er in meine Nähe kam. Schutz vor ihm
fand ich nirgend; denn die Dienerschaft wagte es nicht, gegen ihn
aufzutreten, und Frau Reed war in diesem Punkte taub und blind,
selbst wenn er mich - was oft geschah - in ihrer Gegenwart beschimpfte oder schlug.
Auch diesmal gehorchte ich ihm und trat näher; als ich weit
genug bei ihm war, hieb er plötzlich auf mich ein. ,Das ist für die
freche Antwort, die du vor einer halben Stunde meiner Mama
gegeben hast, rief er. ,Was hast du da für ein Buch? Er entriß
es mir und fuhr fort: ,Wer hat dir denn erlaubt, meine Bücher zu
benützen? Denn sie sind mein. Alles hier ist mein, oder wird es
wenigstens bald sein. Dir gehört gar nichts, Mama sagt es immer.
Geld hast du keins, dein Vater hat dir doch nichts hinterlassen, und
von Rechts wegen solltest du betteln gehen, statt hier mit den Kindern
eines Gentleman zusammenzuleben, am gleichen Tische zu essen und
die Kleider zu tragen, die dir meine Mama kaufen muß. Marsch!
stell dich dort an die Tür!
Ich tat es. Er hob das Buch und zielte nach mir. Ich wich nicht
rasch genug aus und wurde so heftig an den Kopf getroffen, daß ich,
eine blutende Wunde bekam und vor Schmerz laut aufschrie.
,Du grausamer Bengel! rief ich.
,Was? schrie er nun. ,Habt ihr das gehört, Elisa und Georgina? Das sagt sie zu mir? Das will ich gleich der Mama erzählen. Erst aber noch
Er packte mich beim Haar, doch nun wehrte ich mich verzweifelt.
Während er auf mich einschlug, arbeitete auch ich blindlings mit den
Fäusten. Frau Reed eilte herbei, Bessie, das Hausmädchen, und
Abbot, die Kammerzofe, folgten ihr. Sie rissen uns auseinander,
und ich hörte nur noch die Worte: ,So eine Furie! So eine Giftblase! - Dann setzte Frau Reed hinzu: ,Bringt sie in das rote
Zimmer und schließt sie dort ein. - Vier Hände packten mich und
schleppten mich die Treppe hinauf.
Unterwegs wehrte ich mich mit allen Kräften. Das hatte ich
bisher noch nie getan; stets hatte ich schweigsam und geduldig alles
hingenommen. Mein Widerstand bestärkte nun die beiden Mädchen
in der schlechten Meinung, die sie ohnehin von mir hegten.-- ,Wie
eine wilde Katze,' sagte Bessie. - ,Schäme dich? rief Abbot.
,Schlägt den Sohn ihrer Wohltäterin! O pfui!- Sie drückten
mich auf einen Stuhl nieder, doch ich sprang sofort wieder auf. Da
hielten sie mich von neuem fest. -- ,Wenn du nicht still sitzest, wirst
du angebunden,' sagte Bessie und löste auch schon ihre Strumpfbänder.
,Nein, lassen Sie!' bat ich nun erschrocken. , Ich will auch ganz
still und artig sein.
,Das rat ich dir auch, sagte Bessie, und als sie sah, daß ich
wirklich ruhiger wurde, ließ sie mich denn auch los. Dann stellten
sich die beiden Mädchen vor mich hin und musterten mich mit finsterer Miene.
,Das ist ja was ganz Neues von ihr, meinte Abbot.
,Es steckt aber schon lange in ihr,'' antwortete Bessie. ,Ich
hab's der gnädigen Frau schon oft gesagt, die Hanne ist ein ganz
verstocktes, giftiges Ding und furchtbar durchtrieben für ihr Alter.
Dann wandte sie sich an mich und setzte hinzu: ,Nun denke mal ein
bißchen darüber nach, daß es dir nicht zukommt, dich mit dem jungen
Herrn und dem gnädigen Fräulein auf eine Stufe zu stellen, und du
ins Armenhaus wandern müßtest, wenn Frau Reed sich nicht deiner
annähme. Wenn du noch länger so schlecht und undankbar bist, wird
dich Frau Reed eines schönen Tages fortschicken. Sei also demütig
und bescheiden und mache dich nützlich und angenehm.
,Und bete vor allem, fügte Abbot bei, ,daß dir deine Unart
verziehen werde, sonst kommt am Ende ein Gespenst zum Kamin
herunter und holt dich.
Nach diesen Worten gingen sie und schlossen die Tür zu.
Das rote Zimmer, in dem ich mich befand, wurde nur benutzt,
wenn Gäste in Gateshead-Hall weilten; dennoch war es eins der
schönsten im Herrenhause. Die Mitte nahm ein großes Mahagoni-
Bett ein, das mit roten Vorhängen versehen war; vom selben Stoffe
waren auch die Rouleaus an den Fenstern, die Tapeten und der
Teppich. Die Möbel waren alle aus dunkelpoliertem Mahagoni.
In dem düstern Ton, den diese Gegenstände verbreiteten, stachen nur
die schneeweiße Decke, die über das Bett gebreitet war, und das ebenfalls weiße Polster eines großen Lehnstuhls hervor, der mir damals
wie ein geisterhafter Thron erschien.
Es war still hier oben, denn das Zimmer lag abseits von der
Küche und den bewohnten Räumen. Mir wurde bald recht unheimlich zumute, indem ich daran dachte, wie selten diese Stube betreten
wurde. Nur alle Sonnabend stieg Bessie herauf, um Staub zu
wischen; und hin und wieder weilte Frau Reed hier, um den Inhalt
einer gewissen Schatulle zu prüfen, die ihre Papiere und Urkunden,
ihren Schmuck und ein Bildnis ihres verstorbenen Gatten enthielt
Denn in diesem Zimmer war Herr Reed, mein Onkel, gestorben.
Das war nun neun Jahre her. Unwillkürlich legte ich mir die Frage
vor, ob es mir wohl besser erginge, wenn dieser Mann noch lebte,
den ich nie kennen gelernt hatte. Ich wußte - woher, kann ich nicht
sagen - daß Reed, der einzige Bruder meiner Mutter, auf dem
Sterbebette seiner Frau das Versprechen abgenommen hatte, für mich
zu sorgen, wie für ihre eigenen Kinder. Ich wußte auch, er hatte
mich als ganz kleines Kindchen in sein Haus aufgenommen, als seine
Schwester, meine Mutter, gestorben war. Sie hatte gegen den Willen
ihrer Eltern einen armen Prediger geheiratet und war von ihrem
Vater verstoßen, von ihrem Bruder aber heimlich unterstützt worden.
Mein Vater starb bald nach der Eheschließung, und meine Mutter
folgte ihm binnen Jahresfrist. An das alles mußte ich nun denken,
und ich fragte mich, ob wirklich Frau Reed, meine Tante, das ihrem
Gatten gegebene Versprechen hielte. Weshalb durfte Hans sich alles
gegen mich erlauben, weshalb durften seine Schwestern mich mit
vornehmer Gleichgültigkeit behandeln, weshalb hegte Frau Reed
selbst eine so große Abneigung gegen mich? Nichts konnte ich recht
machen, beim geringsten Versehen wurde ich mit Schmähungen
überhäuft. Elisa konnte eigensinnig und selbstsüchtig, Georgina
trotzig und launenhaft sein, Hans durfte die Haustiere quälen, die
schönsten Früchte von den Obstbäumen nehmen, die Blumenbeete
verwüsten ihnen war alles erlaubt, wurde alles nachgesehen. Ich
aber gab mir alle Mühe, meine Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man mich unartig, hinterlistig, mürrisch und schalt mich vom Mor
gen bis zum Abend.
Damals fand ich freilich auf diese Fragen keine Antwort: jetzt
nach vielen Jahren aber habe ich sie gefunden. Ich war ein Mißton
in Gateshead-Hall; ich war dort ganz am falschen Plate. Ich hatte
keine innere Gemeinschaft mit Frau Reed, ihren Kindern und ihrem
Dienstpersonal. Sie liebten mich nicht, und ich liebte sie ebensowenig. Kein Fädchen Sympathie konnte sich zwischen uns spinnen,
wir waren in Temperament, in Fähigkeiten, in Gefühlen und Neigungen grundverschieden.
Der Kopf schmerzte mich noch nach dem Wurf mit dem Buche,
und niemand hatte Hans getadelt, daß er mich grundlos mißhandelte,
vielmehr wurde ich hier oben eingesperrt, weil ich mich gegen ihn verteidigt hatte. -- ,Wie ungerecht!’ sprach ich zu mir selbst.
Es wurde dunkel im roten Zimmer. Draußen herrschte Dämmerung, und Regen schlug an das Fenster. Mir wurde kalt, der
Mut sank, und tiefe Traurigkeit bemächtigte sich meiner; und indem
ich auf das im Halblicht verschwimmende Zimmer, auf die dunkeln
Wände blickte, beschlich mich heimliches Grauen, Ich weinte und
schluchzte, und je mehr ich mich gewaltsam beruhigen wollte, um so
größer wurde meine Aufregung. Ich vergrub das Gesicht in den
Händen und überließ mich kraftlos meinem Gram. Nach einer
Weile aber sah ich auf. Da bemerkte ich an der Wand einen Lichtschein, der sich bewegte, an der Decke hinaufglitt und dann übet
meinem Kopfe
her, die über den Hof getragen wurde; doch damals konnte ich mir
sein Erscheinen nicht erklären, und große Angst befiel mich bei seinem
Anblick. Er war in meinen Augen ein Gespenst aus einer andern
Welt, und ich hatte wirklich das Gefühl, als wenn Flügel durch das
Zimmer rauschten und sich mir näherten. Ich rang nach Luft, ich
wollte schreien, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Ich stürzte
zur Tür und rüttelte an der Klinke. Gleich darauf hörte ich Schritte,
der Schlüssel wurde herumgedreht, und Bessie und Abbot traten ein.
,Johanna, bist du krank?' fragte Bessie.
,Was für ein Lärm! Ich bin zu Tode erschrocken!' setzte Abbot
hinzu.
,Nehmt mich mit hinaus, ich will in die Kinderstube!' schrie ich
in einem fort.
,Weshalb denn? rief Bessie. ,Ist etwas geschehen? Hast du
was gesehn?
Ja, ein Licht es war ein Geist! rief ich.
,Ach was, Bessie,' sagte Abbot, ,das ist Komödie. Sie hat uns bloß herrufen wollen, ich kenne schon ihre Schliche.
Frau Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem
Kleide herbeigelaufen. ,Was gibt es? fragte sie. ,Ich habe doch
befohlen, Johanna nicht ohne meinen ausdrücklichen Befehl heraus
plassen.
,Sie hat so laut geschrien, Madame, wandte Bessie ein.
,Laß Bessies Hand los, Johanna ! gebot Frau Reed barsch. ,Auf
diese Weise erreichst du nichts, das sage ich dir. Solche List, besonders
bei Kindern, ist zu verabscheuen, und ich muß dich fühlen lassen, daß
du mit solchen Ränken nicht weit kommst. Du bleibst jetzt noch eine
Stunde hier, und dann lasse ich dich auch nur unter der Bedingung
heraus, daß du ganz ruhig und unterwürfig sein wirst.
,O, Tante, habe doch Erbarmen und verzeih mir. Oder bestrafe
mich auf andere Weise - ich halte es hier nicht länger aus.
,Ruhe! Ein so ungestümes Betragen ist geradezu empörend,
antwortete sie. Und sie mochte wohl auch tatsächlich Anstoß an meinem Wesen nehmen und mich für eine frühreife Komödiantin halten. Sie
stieß mich in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weiteres wieder ein. Ich hörte sie hinwegeilen; bald darauf muß ich in Ohnmacht gefallen sein.
Ich weiß nicht, was nachher geschah. Als ich erwachte, lag ich in meinem eigenen Bett in der Kinderstube, und ein helles Feuer
brannte im Kamin. Ich bemerkte, daß sich jemand um mich bemühte, und zwar liebevoller und sorgsamer, als es jemals geschehen
war. Dies allein genügte, um mir ein unsagbares Gefühl des
Wohlseins zu bereiten. Es war Nacht, und eine Kerze stand auf dem
Tische. Am Fußende des Bettes hielt Bessie einen Schlüssel,
neben mir auf dem Lehnstuhle saß ein Herr, der sich über mich beugte.
Seltsam, als ich gewahr wurde, daß ein Fremder im Zimmer war,
ein Mann, der nicht zum Haushalt von Gateshead-Hall gehörte, der
kein Verwandter der Frau Reed war, fühlte ich mich sicher und geborgen. Als ich das Gesicht des Mannes näher betrachtete, erkannte
ich Herrn Lloyd, den Arzt. Er fragte mich, ob ich wisse, wer er sei,
und ich sagte es ihm.
,Nun, dann werden wir uns wohl auch langsam erholen, sagte
er erfreut und streichelte meine Hand. Dann empfahl er Bessie, sich
meiner mit größter Sorgfalt anzunehmen und jede Störung meiner
Nachtruhe zu verhüten.
Als er gegangen war, fühlte ich mich von neuem trostlos und
verzagt; aber zu meiner Verwunderung war Bessie überaus freundlich zu mir, fragte, ob ich etwas essen oder trinken wollte, und tröstete
mich, daß ich ja bald wieder ganz gesund sein würde. Dann ging
sie ins Zimmer der Köchin, und ich hörte, daß sie zu dieser sagte.
sie solle ihr Gesellschaft in der Kinderstube leisten, sie fürchte sich
allein mit dem kleinen Mädel, das einen so seltsamen Anfall gehabt hätte. ,Ich möchte doch wissen, ob sie wirklich ein Gespenst
gesehen hat, setzte sie hinzu. ,Frau Reed war diesmal aber wirklich hart gegen sie.
Nach diesem Zwischenfall im roten Zimmer blieben meine Nerven lange Zeit heftig erschüttert; ja ich kann wohl sagen, ich habe
mich bis auf diesen Tag noch nicht völlig davon erholt. Schon
am nächsten Tage stand ich auf und setzte mich, ein warmes Tuch um
mich schlagend, ans Kaminfeuer. Ich fühlte mich recht schwach,
aber mein schlimmstes Nebel war ein tiefer seelischer Schmerz, der
mir jetzt eine Träne nach der andern entpreßte. Und dennoch
fühlte ich mich - für den Augenblick wenigstens - auch wieder
glücklich; denn Frau Reed war mit ihren Kindern ausgefahren.
Abbot arbeitete in einem andern Zimmer, und Bessie, die aufräumte,
war sehr freundlich zu mir. Ich war so sehr an ein Dasein voll ununterbrochenen Tadels und grausamer Tyrannei gewöhnt, daß ich
mir vorkam wie im Paradiese, allein meine Nerven waren so zerrüttet, daß ich mich dieser schönen Stunden jetzt nicht erfreuen konnte.
,Wie? Schon aufgestanden?' rief Herr Lloyd, ins Krankenzimmer tretend. ,Wärterin, wie befindet sich die kleine Patientin?
Bessie antwortete, es ginge mir sehr gut.
,Dann müßte sie aber doch vergnügt aussehen, sagte der Arzt.
,Komm doch mal her, Johanna. Weshalb hast du denn geweint?
Tut dir etwas weh?
,Sie weint wohl, weil sie nicht mit ausfahren durfte, warf
Bessie ein.
,Wegen solcher Dinge habe ich noch nie eine Träne vergossen,
sagte ich. ,Ich mag das Spazierenfahren überhaupt nicht leiden.
Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
Der gute Herr Lloyd wußte nicht, was er mit dieser Antwort
machen sollte, und sah mich verblüfft an. Er hatte kleine, graue.
kluge Augen und ein troy seiner harten Züge gutmütiges Gesicht. Er
sah mich lange an, dann fragte er: ,Was hat dich denn eigentlich
gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, warf Bessie wieder ein.
,Nein, ich bin geschlagen worden, daß ich umgefallen bin, Sagte
ich. ,Aber davon bin ich noch nicht krank geworden, setzte ich hinzu.
während Herr Lloyd bedächtig eine Prise nahm.
Die Glocke rief das Dienstpersonal zum Mittagessen. Bessie
wäre wohl lieber geblieben, um mich nicht mit dem Arzt allein zu
lassen, aber sie mußte gehen, denn auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten wurde in Gateshead-Hall sehr streng gehalten.
,Der Schlag und der Fall haben dich also nicht krank gemacht?
Was denn sonst? fragte Herr Lloyd, als wir allein waren.
,Ich bin in ein Zimmer eingesperrt worden, wo ein Geist umgeht, und es war sehr finster,'' antwortete ich.
Der Arzt lächelte. ,Ein Geist? versetzte er. ,Du fürchtest
dich vor Gespenstern? Daran sieht man, daß du doch nichts weiter
bist als ein törichtes kleines Kind.
,Ja, ich fürchte mich vor Herrn Reeds Geist. In diesem Zimmer ist er gestorben. Es geht sonst auch niemand des Abends hinein,
wenn es nicht durchaus sein muß. Mich haben sie aber ganz ohne
Licht drin gelassen. Ich glaube, ich werde das nie vergessen können. Unsinn! Und das macht dich so elend?
,Ich bin auch noch wegen anderer Dinge sehr unglücklich.
,Was sind das für Dinge? Kannst du mir das nicht sagen?
Ich hätte ihm gern mein Herz ausgeschüttet, aber ein Kind kann
wohl empfinden, doch vermag es sein Empfinden noch nicht zu zergliedern und in passende Worte umzuformen. Dennoch wollte ich
diese erste und einzige Gelegenheit, meinem Kummer Luft zu
machen, nicht ungenützt vorüberlassen, und nach einigem Zaudern
gelang es mir, eine wenn auch unzulängliche, so doch wahre Antwort zu finden.
,Ich habe weder Eltern noch Geschwister.
,Aber doch eine gütige Tante und liebe Vettern und Basen.
,Mein Vetter hat mich geschlagen, und meine Tante hat mich
eingesperrt.
,Aber Gateshead-Hall ist doch wunderschön. Du solltest Gott
danken, daß du an einem so schönen Orte leben kannst.
,Ich würde gern fortgehen, wenn ich nur wüßte, wohin. Aber
ich darf von Gateshead-Hall erst fort, wenn ich groß bin.
,Vielleicht doch schon früher - wer weiß? Hast du außer Frau
Reed keine Verwandten?
,Ich glaube nicht, Herr Doktor.
, Keinen Verwandten von seiten deines Vaters?
,Das weiß ich nicht. Tante Reed sagte einmal, es sei wohl
möglich, daß noch ein paar heruntergekommene, verarmte Brüder
meines Vaters sich irgendwo herum trieben, sie wisse aber nichts von
ihnen.
,Möchtest du in eine Schule kommen?
Ich überlegte, wußte ich doch kaum, was eine Schule sei. Bessie
sprach davon mir gegenüber wie von einer Besserungsanstalt; Hans
Reed haßte die Schule und schimpfte auf seine Lehrer. Dennoch sagte
ich mir, daß ich dann fort käme von Gateshead-Hall, daß damit ein
neues Leben für mich begänne. - ,Ach ja,'' sagte ich, ,in eine Schule
würde ich gern gehen.
,Nun, wer weiß, wer weiß, murmelte Herr Lloyd, aufstehend.
,Das Kind braucht Luftveränderung, muß in eine andere Umgebung,
es steht schlimm um seine Nerven.
Bessie kam jetzt zurück, und man hörte einen Wagen vors Haus
fahren. Das Dienstmädchen geleitete den Doktor ins Frühstückszimmer, und ich erfuhr später, daß Herr Lloyd Frau Reed ans Herz
legte, mich in eine Schule zu schicken. Wahrscheinlich war Frau Reed
damit auch einverstanden; denn wenige Abende später hörte ich
Bessie zu Abbot sagen: ,Die Gnädige wird froh sein, so ein boshaftes Mädel loszuwerden.
Kapitel.
Der erste Tag in Lowood.
Es geschah indessen in den nächsten Wochen noch nichts. Ich
war wieder gesund geworden, doch fiel kein Wort mehr von einer
Veränderung meiner Lage. Frau Reed sprach selten mit mir,
musterte mich dagegen oft mit strengen, finstern Blicken. Ich wurde
noch mehr als bisher von der Familie getrennt, indem man mir
ein besonderes Zimmer anwies, worin ich nun allein schlief, aß und
mich aufhielt. Elisa und Georgina wurden augenscheinlich dazu an
gehalten, so wenig wie möglich mit mir zu sprechen. Hans versuchte
einmal, sich wieder an mir zu vergreifen, da er aber sah, daß ich
entschlossen war, mich mit demselben Mute wie neulich seiner zu erwehren, so ließ er von mir ab und lief zu seiner Mutter, der er alsbald vorlog, ich hätte mich wie eine wilde Kate auf ihn gestürzt.
,Sei still von ihr, versetzte seine Mutter barsch. ,Ich habe
dir gesagt, du sollst ihr aus dem Wege gehen, sie ist nicht wert, daß
du sie auch nur ansiehst.
Ich hörte das, lehnte mich über die Treppe und rief, ohne über
die Bedeutung meiner Worte nachzudenken: ,Sie sind nicht wert.
daß ich mit Ihnen verkehre!
Frau Reed war ziemlich wohlbeleibt, als sie aber diese frechen
Worte vernahm, kam sie ziemlich schnellfüßig herauf, zog mich ins
Kinderzimmer, schob mich in die Ecke neben dem Bett und befahl
mir, mich den ganzen Tag über nicht von der Stelle zu rühren, noch
auch ein einziges Wort zu sprechen,
,Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte? stieß ich
unwillkürlich hervor. Es war, als ob eine innere Stimme, über
die ich selbst keine Gewalt hatte, diese Worte spräche.
,Was? zischte Frau Reed, und in ihren kalten, grauen Augen
blitzte etwas wie Furcht auf. Dies machte mir Mut.
,Onkel Reed ist im Himmel und sieht, was du mit mir machst,
und mein Vater und meine Mutter sehen es auch. Alle sehen es,
daß du mich den ganzen Tag einsperrst und es am liebsten sähest, ich
wäre tot.
Frau Reed faßte sich rasch von ihrem Schreck, schüttelte mich, gab
mir ein paar derbe Ohrfeigen und ging fort, ohne ein Wort zu sagen.
Dafür kam Bessie und hielt mir eine stundenlange Gardinenpredigt,
in welcher sie mir bewies, daß ich das schändlichste, pflichtvergessenste
Ding sei, das es je gegeben. Halb glaubte ich das selbst, denn ich
fühlte nur zu wohl, daß in diesem Augenblick nur böse Regungen
meine Brust erfüllten.
Weihnachten und Neujahr wurden in der üblichen Weise gefeiert. Geschenke wurden nach allen Seiten ausgeteilt. Ich allein
war von jeder Feier und von allen Gesellschaften ausgeschlossen.
Doch das stimmte mich nicht traurig, denn die Herren und Damen,
die mit Frau Reed verkehrten, standen auf gleicher Stufe mit meinen
Peinigern. Wenn wenigstens Bessie bei mir geblieben wäre. Aber
wenn sie Elisa und Georgina hübsch herausgeputzt hatte, dann ging
sie in die Küche, wo sie mehr von dem Trubel der Festlichkeit hörte
und sah, als hier oben bei mir, und sie nahm meistens auch noch die;
Lampe mit. Dann saß ich am verglimmenden Feuer und spähte von
Zeit zu Zeit ängstlich durch den finstern Raum, um mich zu vergewissern, ob nicht inzwischen wieder ein Gespenst hereingeschlichen
sei. Und wenn das Feuer im Erlöschen war, kleidete ich mich rasch
aus und suchte im Bett Schutz vor der Kälte und der Dunkelheit.
Meine Puppe preßte ich fest an mich. Denn jedes menschliche Wesen
muß etwas liebhaben, und da mir jeder andere Gegenstand fehlte,
wendete ich alle Zärtlichkeit meines Innern diesem häßlichen, farblosen, schon arg abgenutzten Dinge zu, bildete mir ein, es sei lebendig
und fühlte mit mir mit, hüllte es in mein Nachthemdchen und freute
mich, wenn es an meiner Seite warm und geborgen lag.
Am 15. Januar war Bessie um b Uhr morgens zum Frühstück
hinuntergegangen, Elisa setzte eben den Gartenhut auf, um in den
Geflügelhof zu gehen und das Federvieh zu füttern - ein Zeitvertreib, den sie sehr liebte; und Georgina machte sich das Haar und
flocht Federn und Blumen in ihre Locken. Ich richtete mein Bett
her und ging ans Fenster, um ein paar Bilder und Puppensachen.
die dort herumlagen, wegzuräumen; doch Georgina befahl mir, die
Finger davon zu lassen, denn dieses Spielzeug war ihr Eigentum.
In Ermangelung eines andern Zeitvertreibs blies ich den warmen
Atem gegen die Eisblumen, die das Fenster schmückten, und es entstand eine kleine Oeffnung, durch die ich in den Garten hinausschauen konnte, der kalt und steinern im Winterfrost da lag. Ich
sah, daß eben das Tor geöffnet wurde und ein Wagen hereinfuhr.
Mich hatten die Besuche in Gateshead-Hall noch nie interessiert, und
meine Aufmerksamkeit wandte sich daher bald einem kleinen hungrigen Rotkehlchen zu, dem ich eben die Reste meiner Frühstückssemmel
hinausstreuen wollte, als Bessie atemlos hereingestürzt kam.
,Hast du dir heute schon Gesicht und Hände gewaschen? rief
sie mir zu.
Ich ließ mich nicht stören, sicherte erst dem Vögelchen das kleine
Frühstück und ließ dann das Fenster wieder herab.
,Nein, antwortete ich, ,eben erst bin ich mit Aufräumen
fertig.
,O, du Unart! rief sie und zerrte mich zum Waschtisch hin,
worauf sie mich erbarmungslos, aber glücklicherweise sehr schnell
wusch und mir das Haar bürstete. Dann riß sie mir die Schürze ab
und führte mich ins Frühstückszimmer hinab, wo man mich erwartete, wie sie sagte. Da stand ich nun zaudernd vor der Tür. Seit
langer Zeit war ich nicht mehr in diese Region des Hauses gekommen, und ich fürchtete mich, einen Schritt weiterzugehen. Die lange
Einsamkeit hatte einen kleinen Feigling aus mir gemacht. Da
klingelte es heftig im Zimmer, es blieb mir nichts weiter übrig als
hineinzutreten. Die Klinke gab dem Druck meiner Hand nach, die
Tür öffnete sich, ich trat ein und machte, ohne den Blick zu erheben,
einen tiefen Knicks. Dann sah ich schüchtern auf und erblickte eine
lange, kerzengerade, schwarzgekleidete Gestalt, deren ernstes Gesicht
wie eine Maske aus Wachs aussah.
Frau Reed saß an ihrem gewohnten Platze neben dem Kamin.
Sie winkte mir näherzutreten, und sie stellte mich dem fremden
Manne mit den Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, wegen
dessen ich Sie hergerufen habe.
Ein Paar funkelnde Augen unter buschigen Brauen betrachteten
mich prüfend, dann sprach eine feierliche, tiefe Stimme: .Von Gestalt ist sie klein. Wie alt?
zehn Jahre.
,Dein Name, Kleine?
,Johanna Eyre, mein Herr.
,Nun, Johanna Eyre, bist du ein gutes Kind? war nicht gut möglich, auf diese Frage mit Ja zu antworten.
In diesem Hause waren alle anderer Meinung. Frau Reed antwortete für mich, indem sie nachdrücklich den Kopf schüttelte und hin
zusetzte: ,Je weniger über diesen Punkt gesprochen wird, um so
besser ist es, Herr Brocklehurst.
,So etwas hört man nicht gern,' war die Antwort. ,Aber ich
muß doch ein paar Worte mit ihr reden. Komm mal her.
Ich ging über den Teppich, und er stellte mich gerade vor sich
hin. O, wie häßlich sah er aus mit seiner ungeheuren Nase und den
hervorstehenden Zähnen!
,Es gibt nichts Schrecklicheres, begann er, ,als ein unartiges
Kind. Weißt du, wohin die Gottlosen kommen?
,Sie kommen in die Hölle, antwortete ich rasch.
,Und da möchtest du doch ganz gewiß nicht hinkommen? Nun,
und was hast du zu tun, um diesem Schicksal zu entgehen?
Ich überlegte ein Weilchen, dann antwortete ich: ,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
Ich sah, daß diese Antwort großes Mißfallen erregte, und schlug
die Augen nieder. Dann seufzte ich tief auf, denn ich wünschte, ich
wäre weit weg gewesen.
,Ich hoffe, dieser Seufzer entspringt dem aufrichtigen Bedauern, deiner Wohltäterin soviel Kummer bereitet zu haben.
Betest du fleißig morgens und abends?
.Ja, Herr.
,Liest du brav in der Bibel Zuweilen, Herr.
Frau Reed mischte sich hier in das Zwiegespräch, das ihr ein
wenig überflüssig vorzukommen schien. ,Ich habe Ihnen vor drei
Wochen schon geschrieben, Herr Brocklehurst, sagte sie, ,dieses Mädchen hat nicht den Charakter und die Eigenschaften, die ich an ihr
zu sehen wünsche. Nehmen Sie sie in die Schule zu Lowood und
sorgen Sie dafür, daß ihr namentlich der schlimmste Fehler, der
Hang zur Lüge und Verstellung, ausgetrieben werde. Das sage ich
in deiner Gegenwart, Johanna, damit du nicht versuchst, auch Herrn
Brocklehurst irrezuführen.
Frau Reed hatte mir bisher mein Leben vergällt, sie tat alsbald
auch das Ihrige, mir das neue Leben, in das ich nun eintreten
sollte, von vornherein zu verbittern, Vorurteile und Abneigung
gegen mich hervorzurufen. Sie stellte mich in Herrn Brocklehursts
Augen als durchtrieben und eigensinnig hin, und was konnte ich
dagegen tun?
,Lüge und Verstellung sind arge Laster bei einem Kinde,
sprach Herr Brocklehurst, ,und führen es geradeswegs in den See,
darinnen Pech und Schwefel brennen. Das Mädchen soll sorgsam
behütet werden, Frau Reed, ich werde dies auch Fräulein Temple,
den Lehrern und Lehrerinnen ganz besonders ans Herz legen.'
,Sie soll so erzogen werden, sagte Frau Reed, ,daß sie lernt,
sich nützlich zu machen und demütig zu bleiben. Die Ferien soll sie,
wenn es angängig ist, in Lowood verbringen.
,Sehr wohl, Madame,' entgegnete Herr Brocklehurst. Die Demut ist eine Zierde der Christen, und ich habe es mir besonders an
gelegen sein lassen zu ergründen, auf welche Weise man das weltliche Gefühl des Stolzes und der Hoffart am besten unterdrücken
kann. Einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Umgebung und
reger Fleiß - das ist bei mir die Tagesordnung.
,Ich kann mich also darauf verlassen, daß sie als Zögling in ihre
Anstalt aufgenommen und dort ihren Verhältnissen entsprechend er-
zogen wird?
,Darauf können Sie sich verlassen, Madame, und ich hoffe, das
Mädchen wird sich dankbar zeigen für das unschatzbare Vorrecht, das
ihr damit zuteil wird.
,Ich werde sie so bald wie möglich nach Lowood schicken, den
mir liegt daran, von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, die,
wie ich gestehen muß, mir nachgerade überaus zur Last wird.
,Ohne Zweifel, Madame, und nun will ich mich verabschieden.
Ich selbst werde wohl erst in drei Wochen nach Brocklehurst Hall zurückkehren, denn mein guter Freund, der Erzbischof, wird mich nicht
eher fortlassen, aber ich werde Sorge dafür tragen, daß für die Aufnahme der neuen Schülerin alle Vorbereitungen pünktlich getroffen
werden. Leben Sie wohl, Madame. Und hier, mein kleines Mädchen,'' wandte er sich an mich, ,hier ist ein Büchlein mit dem Titel:
,Des Kindes Schutzengel'. Lies es und sprich die Gebete nach, die
darin stehen, und beherzige vor allem die Geschichte von dem schreck
lichen Tode der Maria G., eines unartigen Mädchens, das auch verlogen und verstockt gewesen ist.
Mit diesen Worten legte er mir ein Heftchen in die Hand, ließ
seinen Wagen vorfahren und ging.
Ich war mit Frau Reed allein; sie nähte ruhig, und ich sah ihr
schweigend zu. Sie mochte damals 8 Jahre alt sein, war kräftig,
starkknochig und von voller Figur. Sie hatte ein großes Gesicht mit
stark hervortretendem Unterkiefer, breitem Kinn und niedriger
Stirn. Ihr Auge verriet wenig Herzensgüte, ihre Haut war fahl
ihr Haar flachsblond. Ihre Natur war derb und robust; solange ich
sie kannte, war sie nie krank. Sie war im Haushalt streng und genau
und hielt die Dienerschaft in Zucht und Ordnung; nur ihre eigenen
Kinder widersetzten sich öfters ihrer Autorität und verlachten sie
sogar. Sie sah von ihrer Arbeit auf und blickte mich an.
,Geh hinaus! rief sie in heftigem Tone, als wenn sie in meinem Blick etwas Herausforderndes gefunden hätte. Ich stand auf
und ging zur Tür, dann kehrte ich wieder zurück und trat dicht ans
Fenster. Ich mußte sprechen, man hatte mich zu schmerzhaft verwundet. Ich raffte allen Mut, alle Energie auf und schleuderte ihr
folgende Worte ins Gesicht: ,Ich bin nicht falsch und verlogen;
wenn ich es wäre, so würde ich sagen, ich liebte dich, aber ich sage dir
viel mehr, ich hasse dich, mehr als alles andere auf der Welt, Hans
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte von der
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, die ist verlogen und belügt dich und alle anderen.
Frau Reed richtete ihren kalten Blick auf mich. - ,Hast du noch
etwas auf dem Herzen? fragte sie in jenem Tone, den man Erwachsenen gegenüber anschlägt.
Ihr Blick, ihre Stimme wühlten allen in mir schlummernden
Groll auf, und von Kopf zu Füßen bebend, fuhr ich fort: ,Solange
ich lebe, werde ich Sie niemals wieder Tante nennen, und wenn ich
erwachsen bin, werde ich Sie niemals besuchen. Aller Welt aber
will ich's erzählen, wie grausam Sie zu mir gewesen sind.
,Wie kannst du es wagen, Johanna, so zu mir zu sprechen?
,Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist! Sie den
ken, ich könnte ohne alle Liebe und Güte leben, aber nein, das kann
ich nicht, und es freut mich, daß dieses Leben hier für mich ein Ende
nehmen soll, es könnte sonst mein Tod sein. Ich werde nie vergessen, wie unbarmherzig Sie mich in das rote Zimmer zurückstießen,
obwohl ich Sie aus Herzensgrunde um Erbarmen anflehte. Und
diese Strafe verhängten Sie über mich, weil Ihr boshafter Sohn mich
geschlagen hatte, ohne Grund, aus bloßer Lust am Bösen. Das werde
ich jedem erzählen, der mich fragt. Alle Leute glauben, Sie seien eine
gute Frau, aber Sie sind schlecht und grausam.
Ein seltsames Gefühl der Erleichterung, des Triumphes erfüllte
meine Brust. Mir war, als wenn unsichtbare Fesseln zerrissen, als
wenn ich mir Bahn zu unverhoffter Freiheit bräche. Und zu diesem
Gefühl hatte ich guten Grund, denn Frau Reed schien heftig zu erschrecken, sie hob die Hände, wie um sich zu schützen, wiegte sich ängstlich hin und her und verzog das Gesicht, als wollte sie weinen.
,Nicht doch, Johanna, nicht doch! Was hast du nur? Weshalb
zitterst du so heftig? Willst du einen Schluck Wasser trinken? Ich
versichere dir, nichts wünsche ich mehr, als dir eine Freundin zu sein.
,Das ist nicht wahr. Sie haben eben Herrn Brocklehurst gesagt,
ich sei verlogen, tückisch und falsch. Aber alle Leute in Lowood sollen
erfahren, wer Sie sind und was Sie getan haben.
,Johanna, solche Sachen verstehst du noch nicht. Das alles geschieht nur zu deinem Besten. Kinder müssen von ihren Fehlern
befreit werden.
,Ich bin aber nicht falsch!’ rief ich in wildem, schrillem Tone.
,Aber leidenschaftlich und jähzornig, das kannst du nicht leugnen. Und jetzt geh in die Kinderstube - sei gut und lieb! Geh und
beruhige dich.
,Ich brauche mich nicht zu beruhigen. Schicken Sie mich nur
bald in die Schule, das Leben hier ist mir unerträglich geworden.
,Jawohl, ich schicke sie sobald wie möglich fort, sprach Frau
Reed zu sich selbst, raffte ihre Handarbeit auf und ging hinaus.
Ich blieb allein zurück, diesmal als die Herrin des Schlachtfeldes.
Es war der erbittertste Kampf, den ich bisher bestanden, der erste
Sieg, den ich bisher errungen. Allein ein Kind kann nicht mit
älteren Leuten kämpfen und seinen heftigsten Gefühlen freien Lauf
lassen, ohne nachher etwas wie Reue, wie Gewissensbisse zu empfinden. Zum ersten mal hatte ich die Süßigkeit der Rache verspürt; sie
dünkte mich wohlschmeckender Wein, doch danach war es mir bitter
auf der Zunge, und mir war, als hätte ich Gift getrunken. Ich
dachte einen Augenblick daran, zu Frau Reed zu gehen und sie um
Verzeihung zu bitten, aber ich wußte, sie würde mich mit doppelter
Verachtung von sich stoßen und jede Nachgiebigkeit meinerseits nur
zu einem Triumphe für sich ausnützen.
Am Morgen des 19. Januar hatte ich mich schon früh um fünf
Uhr angekleidet. An diesem Tage sollte mich eine Postkutsche um
sechs von Gateshead-Hall abholen. Bessie war die einzige, die mit
mir aufgestanden war und mir nun ein Frühstück in der Kinderstube
zurechtmachte. Wenn eine Reise bevorsteht, können Kinder fast nie
essen. Ich brachte denn auch keinen Bissen hinunter, so sehr Bessie
auch bat, ich sollte etwas zu mir nehmen. Sie wickelte mir dann
noch ein paar Brötchen ein, die sie in meine Reisetasche steckte. Dann
setzte sie mir den Hut auf und legte mir den Pelz um, schlug selbst
ein Tuch um ihre Schulter und brachte mich hinaus.
,Willst du nicht hineingehen und deiner Tante Lebewohl sagen?
fragte sie, als wir am Schlafzimmer vorübergingen.
,Nein, Bessie. Sie hat mir gestern abend gesagt, ich brauchte
sie und meine Cousinen nicht zu stören.
Wir schritten durch das Vestibül. Ich sah mich noch einmal
rings um, murmelte: ,Ade, Gateshead l' und trat hinaus. Bessie
leuchtete mit einer Laterne durch den Garten bis zum Portal. Im
Pförtnerhäuschen brannte Licht; die Frau machte eben Feuer an.
Mein Koffer stand vor der Tür. Der Postwagen rollte heran, machte
Halt, nahm mich auf und fuhr davon - unbekannten Regionen entgegen.
Ich weiß nicht mehr viel von dieser Reise. Der Tag kam mir unendlich vor, die Landstraße schien sich in unermeßliche Fernen auszu
dehnen. Wir kamen durch verschiedene Städte, in einer größeren
hatten wir längeren Aufenthalt, die Pferde wurden gewechselt, die Fahrgäste nahmen eine Mahlzeit ein. Der Schaffner, dem die Obhut über mich aufgetragen war, lud auch mich zum Essen ein, doch
war ich noch immer zu aufgeregt, um etwas genießen zu können. Der
Nachmittag war feucht und nebelig, und gegen Abend fuhren wir
durch eine hügelige Landschaft, in deren Tälern tiefe, bläuliche Schatten lagen. Der Sturm rauschte in den Bäumen. Ich schlief ein wenig ein und erwachte erst, als der Wagen mit einem Ruck anhielt. Die Tür wurde geöffnet, der Schaffner faßte mich und hob mich hinaus. Dann fuhr die Kutsche weiter.
Von dem langen Sitten waren mir alle Glieder steif. Ich riß
die Augen auf und sah mich verschlafen um. Eine Frauensperson
stand vor mir, wie ein Dienstmädchen gekleidet. Den Rand der
Straße bildete eine Mauer mit einer offenstehenden Tür. Durch
diese führte man mich hinein, und ich erblickte ein Haus oder vielmehr einen, Komplex von Häusern mit unzähligen Fenstern. In -
einigen brannte Licht. Wir gingen auf einem Kiesweg dahin und
traten dann durch eine Tür in das Haus hinein. Meine Führerin
brachte mich in ein Zimmer, wo ein helles Feuer im Kamin brannte,
und ließ mich hier allein.
Ich wärmte mir die erstarrten Finger an der Glut und sah mich
um. Im Schein des Feuers unterschied ich tapezierte Wände, einen
Teppich, Vorhänge und blanke Mahagonimöbel. Nach wenigen Minuten kam eine Dame herein, die ein Licht trug und der eine zweite
auf dem Fuße folgte. Die erste, eine schlanke Gestalt mit weißer,
hoher Stirn, trat auf mich zu, betrachtete mich ernst und aufmerksam und sagte dann: ,Sie sieht müde aus. Es wird gut sein, sie
bald zu Bett zu bringen. Bist du müde, Kind? fragte sie mich und
legte mir die Hand auf die Schulter.
,Ein wenig, Madame.
,Und gewiß auch hungrig. Sorgen Sie dafür, Fräulein
Miller, daß sie zu essen bekommt. Bist du zum ersten Mal fort von
deinen Eltern, Kleine?
Ich gab zur Antwort, ich hätte keine Eltern. Nun fragte sie,
wie lange sie schon tot seien, wie alt ich wäre, wie ich heiße, und ob
ich lesen, schreiben und nähen könne. - ,Ich hoffe, du wirst eine
gute Schülerin sein,'' setzte sie dann hinzu und schickte mich mit Fräulein Miller fort.
Die Dame, die wir eben verlassen hatten, mochte W Jahre alt
sein, diejenige, die mich mitnahm, war vielleicht noch etwas älter.
Die erstere machte durch ihr ernstes Wesen, den freundlichen Ton
ihrer Stimme, die würdevolle Haltung tiefen Eindruck auf mich.
Fräulein Miller sah alltäglicher aus, und ihr Gesicht krug den Stem
pel des Kummers und der Sorgen; sie hatte die hastigen Bewe
gungen einer Person an sich, die stets alle Hände voll zü tun hat, und
man sah ihr den Beruf einer Unterlehrerin auf den ersten Blick an.
Sie führte mich durch verschiedene Korridore, bis ein Gewirr von
Stimmen an unser Ohr schlug. Dann traten wir in ein großes
Zimmer, in welchem zwei hölzerne Tische standen. Bei zwei brennenden Kerzen saß eine Schar von Mädchen zwischen zehn und zwwanzig Jahren ringsumher. Im unbestimmten Licht der Talgkerzen
erschien mir ihre Zahl sehr groß, in Wahrheit waren es nicht mehr
als achtzig. Sie waren alle gleichmäßig gekleidet: braune wollene
Gewänder von altmodischem Schnitt und lange baumwollene
Schürzen.
Es war Arbeitsstunde; sie sagten alle im Flüsterion ihre Repetitionen her. Fräulein Miller gab mir einen Wink, mich auf eine
Bank neben der Tür zu seten, dann schritt sie zum oberen Ende des
Raumes und rief: ,Stubenälteste, die Schulbücher sammeln und
zurechtlegen!
Darauf standen vier große Mädchen auf, nahmen die Hefte zusammen und trugen sie an einen bestimmten Plaz. Dann rief Fräulein Miller von neuem: ,Stubenälteste, Abendessen holen!
Die großen Mädchen gingen hinaus und kamen nach wenigen
Minuten wieder. Sie brachten auf Tabletten eine Mahlzeit herein.
Auf jedem Brett stand außerdem ein Krug mit Wasser und ein
Becher. Wer Durst hatte, konnte einen Schluck trinken, das Trinkgefäß war für alle bestimmt. Als die Reihe an mich kam, trank ich,
denn mich dürstete sehr, das Essen rührte ich nicht an. Ich sah, daß
es ein in Streifen geschnittener Haferkuchen war.
Nach der Mahlzeit las Fräulein Miller ein Abendgebet vor.
dann gingen die Schülerinnen in das obere Stockwerk. Ich konnte
mich vor Müdigkeit kaum halten und sah nichts weiter, als daß das
Schlafzimmer ebenso lang war wie das Arbeitszimmer. In dieser
Nacht mußte ich mit Fräulein Miller zusammen in einem Bett
schlafen. Während ich mich niederlegte, bemerkte ich noch, daß auch
in den andern Betten je zwei Mädchen zusammen schliefen. Nach
zehn Minuten wurde das Licht ausgelöscht; es war völlig finster, und
ich schlief bald ein.
Die Nacht war schnell vorüber. Ein lautes Klingeln weckte
mich. Die Mädchen waren schon aufgestanden und zogen sich an; es
war noch nicht Tag, und Licht brannte in der Stube. Auch ich erhob
mich. Es war bitterkalt, und vor Frost zitternd, kleidete ich mich
an. Um mich zu waschen, mußte ich warten, bis eine Waschschüssel
frei geworden war. Das dauerte lange, denn je sechs Mädchen muß
ten sich in ein Becken teilen. Auf ein zweites Klingeln traten die
Mädchen zu zweien zusammen und gingen in dieser Ordnung hinunter in das kalte Schulzimmer. Fräulein Miller las das Morgengebet und rief dann laut: ,Die Klassen zusammentreten.’
Ein großer Tumult folgte, und mehrmals erklang die Stimme
der Unterlehrerin: ,Ruhe! Ordnung!' Endlich hatten sich die Mädchen in vier Halbkreisen um vier Stühle aufgestellt, die vor vier
Tischen standen. Eine jede hatte ein Buch in der Hand, und auf
jedem Tische vor dem noch leeren Stuhle lag ein dickes Buch, das
eine Bibel zu sein schien. Ein drittes Glockenzeichen, und drei
Damen traten ein und setzten sich auf die Stühle. Den vierten, der
der Tür am nächsten war, nahm Fräulein Miller ein, und dieser
Klasse, der letzten, wurde ich zugewiesen. Der Unterricht begann mit
dem Aufsagen von Bibelsprüchen und dem Ablesen von ganzen Kapiteln. Das dauerte etwa eine Stunde, dann läutete es zum vierten
Male. Es ging zum Frühstück. Ich war herzlich froh, daß es etwas
zu essen geben sollte; hatte ich doch seit dem Morgen des vorigen
Tages fast nichts mehr genossen.
Das Eßzimmer war groß, lang und finster, wie die Räume,
die ich bisher kennen gelernt hatte. Auf nackten Tischen dampften
Näpfe, die zu meiner Enttäuschung einen wenig einladenden Duft
ausströmten. Die Schülerinnen rümpften die Nase. ,Ekelhaft!hörte ich sagen. ,Das Hafermus ist schon wieder angebrannt! -
,Ruhe! rief eine Stimme dazwischen, die diesmal nicht Fräulein
Miller gehörte, sondern einer hübsch gekleideten, aber mürrisch dreinschauenden Dame einer der Oberlehrerinnen die nun an einem
Ende des langen Tisches Platz nahm, während sich an das andere
eine zweite Dame von behäbigerem Aeußern setzte. Die Dame, die
ich gestern abend gesehen hatte, zeigte sich nicht. Es wurde ein langes
Gebet gesprochen und eine Hymne gesungen; dann begann die
Mahlzeit.
Ausgehungert, wie ich war, verschlang ich ein paar Löffel von
dem vor mir stehenden Brei, doch als der erste Hunger gestillt war.
bemerkte selbst ich, daß das Zeug kaum zu genießen war. Ange
brannter Haferbrei gehört wohl auch zu dem Widerwärtigsten, was
es geben kann. In der Tat nahmen auch die Mädchen fast nichts zu
sich und standen so gut wie nüchtern wieder auf. Ein Dankgebet
wurde gesprochen - für etwas, das wir gar nicht bekommen hatten;
und dann ging es wieder ins Schulzimmer. Ich ging ziemlich zuletzt hinaus und sah, wie eine der Oberlehrerinnen den Haferbrei
kostete und mit Entrüstung sagte: ,Abscheulich! Gar nicht zu
essen.
Eine Viertelstunde lang war Freipause, und es herrschte in dem
Schulzimmer ein ohrenbetäubender Lärm, da wir alle in dieser Zeit
laut sprechen und uns frei bewegen durften. An diesem Morgen
war das schlechte Frühstück das allgemeine Gesprächsthema. In
zwischen war es neun Uhr geworden; eine Glocke verkündete die Fortsetzung des Unterrichts. Fräulein Miller, die die Aufsicht geführt
hatte, ohne sich mit einem Wort in den Lärm zu mischen, trat jetzt
in die Mitte des Zimmers und gebot Ruhe. Kerzen gerade und
mäuschen still saßen nun die achtzig Mädchen da, und erst jetzt sah
ich so recht, wie gleichmäßig die ganze Schar gekleidet war. Alle
trugen das Haar glatt aus der Stirn und hatten dieselbe Rüsche um
den Hals, dieselbe unschöne, einem Sack ähnliche Tasche am Gurt,
dieselben einfachen Schuhe mit Messingschnalle, dieselben wollenen
Strümpfe. In diesem schmucklosen, ja geschmacklosen Anzuge sah
das hübscheste Mädchen häßlich aus; am schlechtesten aber stand die
Tracht den etwa zwanzig Schülerinnen, die schon erwachsen oder
wwenigstens über die erste Jugend hinaus waren.
Ich sah mich noch unter meinen neuen Gefährtinnen um, als
plötzlich alle zu gleicher Zeit in die Höhe schnellten. Das war ganz
ohne Befehl geschehen, und ehe ich mich von meinem Erstaunen
erholt hatte, saßen sie auch schon wieder. Aller Augen richteten
sich auf einen Punkt - auf die Dame, die am vergangenen Abend
zu mir gekommen war. Sie stand am Kamin und musterte ruhig
die Reihen der Zöglinge. Fräulein Miller ging zu ihr hin, tat eine
Frage, erhielt die Antwort darauf und rief dann: ,Stubenälteste
von Klasse 1, holen Sie den Globus.
Die Dame ging inzwischen langsam durch das Zimmer, und ich
erinnere mich noch, daß ich ihr mit Blicken der Bewunderung nachsah.
Sie war groß, schlank und stattlich und hatte braune Augen mit wohl-
,Was heißt das?
,Nun, barmherzige Damen und Herren in der Umgegend und
in London stiften Geldbeträge, von denen die Kosten unsers Unterhalts bestritten werden.
,Wer war denn Naomi Brocklehurst?
,Die Dame, die diesen Teil der Anstalt erbauen ließ und deren
Sohn jetzt der Direktor des Ganzen ist, der Schaymeister und Verwalter der Anstalt.
,Also gehört das Haus nicht der großen, schlanken Dame mit
der goldnen Uhr?
,Fräulein Temple? O, nein. Ach, besser wäre es, wenn es ihr
gehörte! Sie ist nur die oberste Lehrerin und muß Herrn Brocklehurst über alles Rechenschaft ablegen. Herr Brocklehurst aber führt
die Kasse und kauft alles ein, was für uns gebraucht wird.
,Wohnt er auch hier?
,Nein, er besitzt ein großes, schönes Haus, das etwa eine Stunde
von hier entfernt ist.
.Ist er gut?
,Er ist Geistlicher, und man sagt, er tut viel Gutes.
,Wie heißen die anderen Lehrerinnen?
Die mit den roten Backen ist Fräulein Smith sie gibt Handarbeitsstunden. Wir müssen nämlich unsere Wäsche, Kleider und
Mäntel selbst nähen. Die kleine Schwarzhaarige ist Fräulein Scatcherd und gibt Unterricht in Geschichte und Grammatik; die mit
dem Umschlagetuch und dem Taschentuch am gelben Bändchen ist
Fräulein Pierrot. Sie ist aus Lille. Bei ihr haben wir Französisch
,Magst du die Lehrerinnen?
,Ach ja, leidlich. Die Scatcherd ist ein bißchen garstig. Fräulein Pierrot geht an.
,Fräulein Temple ist die beste, nicht wahr?
,Sie ist sehr klug und sehr gut; sie steht über den andern und
weiß auch mehr als sie alle.
,Bist du schon lange hier?
Zwei Jahre.
,Bist du auch eine Waise?
,Ich habe die Mutter verloren.
.Und fühlst du dich wohl hier?
,Nun hast du aber genug gefragt und ich genug geantwortet.
Laß mich jetzt wieder lesen.
In diesem Augenblick läutete es. Alle kehrten zum Mittagessen
ins Haus zurück. Der Geruch, der aus den Schüsseln emporstieg,
war nicht viel appetitlicher als der des verbrannten Haferbreis.
Diesmal duftete es stark nach ranzigem Fett. Es gab einen Mischmasch aus Kartoffeln und Fleischstückchen, und ich aß, soviel ich
konnte, denn mich hungerte sehr. Dabei fragte ich mich, ob das
Essen wohl alle Tage so miserabel sein würde.
Gleich nach der Mahlzeit begann der Unterricht wieder und
währte bis um fünf Ühr. Am Nachmittag erhielt das Mädchen,
mit dem ich Bekanntschaft gemacht hatte, in der Geschichtsstunde
von Fräulein Scatcherd einen strengen Verweis und mußte sich zur
Strafe mitten in die Stube stellen. Dies dünkte mich höchst entehrend, besonders für ein Mädchen in ihrem Alter, denn sie mochte
wohl schon dreizehn Jahre alt sein. Zu meinem größten Erstaunen
aber weinte sie nicht, sondern ertrug es mit Ruhe und Geduld. Sie
sah zu Boden und schien an etwas zu denken, das jenseits all dieser
Dinge lag.
Nach fünf Uhr gab es einen Becher Kaffee und eine Schnitte
Schwarzbrot. Diesmal schmeckte es mir ganz gut; aber gern hätte ich
noch einmal soviel bekommen. Nach einer Erholungspause von
einer halben Stunde begann der Unterricht nochmals, dann kam
wie am Abend zuvor das Glas Wasser und der Haferkuchen und
dann das Gebet und das Zubettgehn.
Mein erster Tag in Lowood war vorüber.
8. Kapitel.
Pensionsleben.
Der zweite Tag glich dem ersten, nur daß wir uns am Morgen
nicht waschen konnten, weil das Wasser in den Krügen gefroren
war. Der Haferbrei zum Frühstück aber war dafür nicht angebrannt, und meine Portion dünkte mich leider viel zu klein. Ich
wurde jetzt förmlich der vierten Klasse eingereiht und erhielt meine
Aufgaben und Obliegenheiten. Zuerst wurde mir alles sehr schwer,
weil ich an Lernen und Arbeiten nicht gewöhnt war. Zunächst vermochte ich auch gar nicht, meine Aufmerksamkeit auf mein Pensum
zu vereinen und sah von Zeit zu Zeit zerstreut umher. Da hörte
ich, wie Fräulein Scatcherd, die in einer anderen Klasse Geschichtsunterricht gab, in heftigem Tone rief: ,Burns, streck dein Kinn
nicht so vor und sitze gerade. Ich ward gewahr, daß diese Worte
meiner Bekannten galten und sah nun öfter zu ihr hinüber. Viele
der Mädchen wußten auf die Fragen der Lehrerin nicht zu antworten, doch wenn Fräulein Scatcherd sich dann mit den besonders
schwierigen Fragen an die Burns wandte, erhielt sie stets eine
richtige Antwort. Es wunderte mich, daß sie trotzdem fortfuhr, sie zu
schelten. ,Burns,' hieß es wieder, ,du hast dir die Finger und die
Nägel nicht gereinigt. Es wunderte mich, daß das Mädchen zu
seiner Entschuldigung nicht einfach antwortete, das Wasser sei ja
gefroren gewesen.
Fräulein Smith, die uns Handarbeitsstunde gab, hieß mich eine
Garnrolle halten, während sie den Faden abwickelte; deshalb konnte
ich eine Zeitlang nicht verfolgen, was drüben vor sich ging. Plötzlich aber ertönte wieder die zornige Stimme der Lehrerin, und dies-
mal stand die Burns auf und ging in ein Nebenzimmer; sie kehrte
mit einer Birkenrute zurück, die sie mit einem Knicks Fräulein
Scatcherd reichte. Ich sah nun, wie das Mädchen mindestens ein
Dutzend scharfe Hiebe auf Arme und Schultern bekam. Doch keine
Träne trat in ihre Augen, sie schrie auch nicht, sondern litt schweigend
die Züchtigung, trug dann ebenso ruhig die Rute fort und kehrte
zurück, als sei nichts geschehen. Nur ihre Wange sah bleicher und
hohler aus als sonst.
Am Abend, als der Zwang des Unterrichts beendet war, trat ich
zu meiner Bekannten, die wieder in ihrem Buche las. Aber sie war
eben damit zu Ende und klappte es zu. Ich setzte mich neben sie.
,Wie heißt du noch außer Burns?' fragte ich.
,Helen.
,Bist du von weit her?
,Aus Nordschottland.
,Möchtest du nicht bald wieder nach Hause?
,Warum? Ich bin doch hier, um eine gute Erziehung zu genießen.
.Aber Fräulein Scatcherd ist doch so grausam gegen dich.
,Grausam? Nur strenge. Sie findet eben viel an mir zu
kadeln.
,Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, und die
Rute hätte ich ihr aus der Hand gerissen und vor ihren Augen
zerbrochen.
,Wenn du so etwas tätest, würde Herr Brocklehurst dich mit
Schimpf und Schande fortjagen. Und das wäre doch ein Skandal
für deine Angehörigen. Es ist also besser, ein wenig Schmerz zu ertragen, als etwas Unüberlegtes zu tun, das vielen andern Kummer
machen würde. Außerdem heißt die Bibel uns Böses mit Gutem
vergelten.
,Aber vor allen andern mit einer Rute geschlagen zu werden,
das ist doch entehrend. Ich hätte es nicht ertragen können - und du
bist doch schon größer als ich.
,Es wäre aber deine Pflicht gewesen, es zu ertragen. Wir
müssen alles dulden, was das Schicksal über uns verhängt.
Ich hörte mit Erstaunen diese Worte und begriff die Duldsamkeit nicht, mit der sie von ihrer Peinigerin sprach.
,Du sagst, du hättest Fehler? fragte ich weiter. ,Nenne sie
mir. Ich finde doch, du bist ein sehr gutes Mädchen.
,Ich bin unordentlich, darin hat Fräulein Scatcherd ganz recht.
Ich bin auch unaufmerksam und kann mich an planmäßiges Arbeiten
nicht gewöhnen. Darüber ärgert sich Fräulein Scatcherd, denn sie
ist sehr peinlich und gewissenhaft.
, Und sehr ungerecht und grausam, fügte ich hinzu, doch Helen
wollie das nicht gelten lassen und schüttelte den Kopf. ,Ist Fräulein
Temple ebenso böse zu dir? fragte ich weiter.
Als ich von Fräulein Temple sprach, huschte etwas wie ein
Lächeln über Helens Antlis. ,Fräulein Temple ist lieb und gut,
antwortete sie. ,Sie ist selbst gegen die schlechteste Schülerin nur
ungern streng. Sie sieht wohl meine Fehler, aber sie belehrt mich
mit Sanftmut darüber.- Wenn Fräulein Scatcherd unterrichtet,
kann ich nicht folgen, meine Gedanken schweifen ab, ich träume von
meiner Heimat, und es war bloßer Zufall, daß ich heute richtige
Antworten geben konnte. Aber wenn Fräulein Temple unterrichtet,
dann bin ich ganz bei der Sache. Doch genug von mir! Erzähle
mir ein wenig von dir?
Fas ließ lch mir nicht zweimal sagen und schüttete ihr nun
mein Herz aus. Helen hörte geduldig zu. Ich erwartete eine Bemerkung von ihr, als ich zu Ende gekommen war und ihr alles von
Frau Reed, von Hans Reed, von meinen Qualen in Gateshead-Hall
erzählt hatte. Allein Helen schwieg.
,Nun, fragte ich, ,war Frau Reed nicht böse und grausam ?
,Sie hat es wohl an Güte fehlen lassen,' antwortete meine
neue Freundin. ,Aber jedenfalls hat sie an deinem Charakter
ebenso heftigen Anstoß genommen wie Fräulein Scatcherd an dem
meinen nimmt. Wir haben alle Fehler und müssen bestrebt sein,
sie zu erkennen und abzulegen. Und außerdem gebietet uns unser
christlicher Glaube, keinen Gedanken an Rache zu hegen, sondern
unsere Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns beleidigen und
verfolgen.
,Dann also müßte ich Frau Reed lieben? Das ist unmöglich!
rief ich aus.
Die Stimme einer Mitschülerin unterbrach unser Gespräch.
,Helen Burns, wenn du nicht augenblicklich hinaufgehst und in
deinem Spind Ordnung machst, rufe ich Fräulein Scatcherd, daß
sie sich die Sache mal ansieht!'
Helen seufzte und gehorchte unverweilt der Aufforderung.
In dieser Weise verfloß nun ein Vierteljahr in Lowood. Ein
Tag glich dem anderen, und keine Abwechslung kam in das ewige
Einerlei unseres Lebens. Der Winter war bitter und hart, und
da die Feuerung uns überaus karg zugemessen wurde, litten wir
furchtbar unter dem Frost. Auch unsere Kleidung war nicht warm
genug, die Halbschuhe füllten sich mit Schnee, und wir hatten fast
immer nasse Füße. Die Kargheit der Mahlzeiten fügte zu den
Schmerzen der Kälte noch die des Hungers hinzu, und also ungenügend ernährt, waren wir nicht widerstandsfähig genug, diese
Unbilden ohne Schaden für unsere Gesundheit zu überstehen. Besonders schlecht erging es uns kleineren Mädchen; denn wenn die
Großen gar zu hungrig waren, zwangen sle uns, unsere Abendbrotration mit ihnen zu teilen.
Die Sonntage waren für uns keine Tage der Freude. Wir
mußten einen Weg von einer Stunde bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, kamen halb erfroren an und litten arg in der ungeheizten
Kirche. Da der Weg zu weit war, um zur Mittagsmahlzeit wieder
in Lowood zu sein, gab man uns zwischen den Predigten eine Ration
von Brot und kaltem Aufschnitt, die natürlich ebenso knapp wie
alle anderen Mahlzeiten bemessen war. Nach Beendigung der Nachmittagspredigt kehrten wir zurück, und meistens war das Wetter
rauh und stürmisch. Der heftige Wind trieb uns den Schnee wie
Nadeln ins Gesicht und riß uns fast die Haut von den Wangen.
Wenn wir dann nach Hause kamen, drängten sich die großen Mädchen dicht an den Kamin, und wir kleinen hatten auch hier das Nach-
sehen. Ein schwacher Trost war es, daß es zum Tee eine doppelte
Ration Brot gab, mit einem kleinen Stückchen Butter -- ein Genuß, dem wir von einem Sonntag zum andern entgegendarbten.
Doch war ich froh, wenn ich die Hälfte dieses lukullischen Mahls
für mich behalten durfte, die andere Hälfte mußte ich regelmäßig
verschenken. Den Sonntagabend beschloß eine lange Vorlesung aus
der Bibel, die stets dem armen Fräulein Miller zufiel.
Während dieses ersten Vierteljahrs hatte sich Herr Brocklehurst
in Lowood nicht sehen lassen sehr zu meiner Freude, denn ich sah
seinem Erscheinen keineswegs mit Sehnsucht entgegen. Eines Tages
kam er aber doch. Ich zerbrach mir eben den Kopf über ein Rechenexempel und sah gedankenvoll nach dem Fenster hin, als eine Gestalt daran vorüberschritt, die ich auf den ersten Blick erkannte.
Gleich darauf erhob sich die ganze Schule, Lehrerinnen und Mädchen,
und lange Schritte - denn ich wagte nicht aufzublicken, - gingen
durch das Zimmer. Als ich dann endlich mir ein Herz faßte und
aufschaute, sah ich dieselbe hagere, hohe Gestalt, die am Kamin von
Gateshead-Hall so unheilvoll auf mich herniedergesehen hatte, neben
Fräulein Temple stehen.
Ich hatte meine besonderen Gründe, beim Anblick des Herrn
Brocklehurst zu erschrecken. Hatte ich doch nicht vergessen, welche
Winke über meinen Charakter Frau Reed ihm gegeben, und daß
Herr Brocklehurst versprochen hatte, die Lehrerinnen über meine
Verderbtheit aufzuklären.
,Fräulein Temple, sprach Herr Brocklehurst, ,der Zwirn,
den ich nun angeschafft habe, wird hoffentlich reichen. Die Qualität
ist für Kalikohemden gut genug. Ich habe auch die dazu passenden
Nadeln besorgt. Sorgen Sie dafür, daß Fräulein Smith den Mädchen immer nur eine Nadel aushändigt; wenn sie mehrere zugleich
haben, verlieren sie sie nur. Es muß auch mehr auf die Strümpfe
achtgegeben werden. Ich habe mir bei dem Gange durch den Garten
die aufgehängte Wäsche angesehen. Viele Strümpfe waren da recht
liederlich gestopft. Die Waschfrau hat mir auch gesagt, einige Mädchen hätten in der Woche zwei reine Halskrausen bekommen. Das
ist zu viel. Die Statuten gestatten nur eine.
,Das erklärt sich daher, antwortete Fräulein Temple, ,daß
zwei Mädchen in der vorigen Woche zu einer Freundin zum Tee
eingeladen waren. Da gab ich ihnen die Erlaubnis, reine Halskrausen anzulegen.
,Es mag hingehn,' nickte Hert Brocklehurst. ,Lassen Sie das
enicz allzu oft geschehen. Noch eins hat mich sehr überrascht. Die
Haushälterin sagte mir, als sie mir die Rechnungen vorlegte, es
sei in den letzten Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück gereicht worden -- ein Gabelfrühstück aus Brot und Käse. Von
derlei Extramahlzeiten steht in den Statuten nichts. Wer hat diese
Neuerung eingeführt?
,Dafür bin ich allein verantwortlich, Herr Prediger,' erwiderte
Fräulein Temple. ,Das Frühstück war zweimal ungenießbar, und
ich konnte die Mädchen nicht bis zum Mittag hungern lassen.
,Fräulein Temple, Sie wissen, der oberste Grund sah bei der Erziehung dieser Mädchen ist, sie an Einfachheit zu gewöhnen, jeden
Gedanken an Luxus und Wohlleben von ihnen fernzuhalten, sie abzuhärten und ihnen die Fähigkeit zur Entsagung, zur Selbstverleugnung einzuflößen. Wenn nun einmal eine so kleine Enttäuschung wie ein mißratenes Frühstück vorkommt, so darf ein solcher
Zwischenfall nicht dadurch aufgehoben werden, daß der verlorene
Genuß durch einen noch besseren ersetzt wird; es muß im Gegenteil
die Gelegenheit benützt werden auf die Leiden und Entbehrungen
unserer christlichen Vorbilder hinzuweisen und an die Worte zu
erinnern, die Christus gesprochen hat: ,Der Mensch lebt nicht von
Brot allein' und: ,Selig sind, die da hungert und dürstet um der
Gerechtigkeit willen'. Wenn Sie aber anstelle des angebrannten
Haferbreis den Kindern Brot und Käse geben, Fräulein Temple, so
füttern Sie wohl den sündigen Leib, aber die Seele lassen Sie darben.
Fräulein Temple sah gerade vor sich ihn, preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Herr Brocklehurst ließ die Blicke über die
Schule schweifen. Er stand am Kamin und hatte die Hände auf den
Rücken gelegt. Plötzlich schien er zu erschrecken oder etwas zu erblicken, was ihn verdroß.
,Fräulein Temple, sagte er dann in erregtem Tone, ,was
sehe ich ein Mädchen mit lockigem Haar - rotes Haar sehe ich da
-- und tatsächlich Locken?
,Es ist Julia Severn, war die Antwort.
,Und wie kommt Julia Severn dazu, hier in Lowood Locken
zu haben? Hier in einer evangelischen barmherzigen Anstalt?
.Ihr Haar ist von Natur lockig, Herr Prediger.
,Von Natur! Aber ich wünsche, das Haar bei den Mädchen
glatt, anliegend, bescheiden zu sehen. Das Haar der Julia Severn
muß abgeschnitten werden - ich schicke einen Barbier heraus. Der
kann gleich noch einige unter die Schere nehmen, denn wie ich sehe,
sind ihrer mehrere mit solchen Auswüchsen.
Fräulein Temple wischte sich die Lippen mit dem Taschentuche,
wie um ein Lachen zu verbergen.
,Fräulein,r fuhr Herr Brocklehurst fort, ,ich diene einem
Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, und betrachte es als
meine Aufgabe, in diesen Mädchen alle fleischlichen Lüste zu unterdrücken, sie zu ehrbaren, schamhaften Charakteren heranzuziehen,
und deshalb wiederhole ich, alles Haar, das in Flechten gedreht ist,
dient nur der Eitelkeit und gehört hier nicht her. Es muß weg!
Herr Brocklehurst wurde unterbrochen. Drei Damen traten
herein. Es war schade, daß sie nicht einen Augenblick früher kamen,
um diesen Vortrag des Direktors über Schlichtheit und einfache
Kleidung zu hören, denn sie prunkten in Samt, Seide und Pelz.
Die beiden jüngeren Damen Mädchen von etwa siebzehn Jahren
-- trugen Hüte mit wallenden Straußenfedern, unter denen die
künstlich gelockten Haare in Fülle hervorquollen. Die ältere Dame
trug einen Samtschal, der mit Hermelin besetzt war, und eine kostbare französische Lockenperücke. Dieses Kleeblatt wurde von Fräulein
Inzwischen hatte ich versucht, den herumwandernden Blicken
des Direktors zu entgehen, indem ich, mit einem Rechenexempel beschäftigt, die Schiefertafel vor das Gesicht hielt. Ein unglücklicher Zufall aber wollte, daß die Tafel mir entfiel und mit einem
Krach auf dem Boden zerbrach. Nun war es um mich geschehen.
,Wer ist dieser Tolpatsch? rief Herr Brocklehurst. ,Aha, ich
sehe -- es ist die Neue! Ich hätte es fast vergessen - ich muß ein paar Worte in Bezug auf dieses Mädchen sprechen. Das Kind,
das eben seine Tafel zerbrochen hat, soll mal vorkommen.
Von selbst wäre ich nicht diesem Befehl gefolgt, aber hilfsbereite
Hände stießen und schoben mich durch die Bänke, bis ich vorn angelangt war. Hier nahm Fräulein Temple mich bei der Hand und
flüsterte mir rasch zu:
,Sei ohne Furcht, Johanna. Du konntest nicht dafür, ich sah
es. Du sollst nicht bestraft werden.
Ermutigt durch diese Worte, sah ich auf.
,Bringt mir den Stuhl dort her!' gebot Herr Brocklehurst.
aHebt das Mädchen herauf.
Ich weiß nicht, wer mich hinaufhob, aber ich stand plötzlich oben,
allen sichtbar, von allen begafft. Herr Brocklehurst räusperte sich
und fuhr dann fort:
,Meine Damen, Lehrerinnen und Kinder, ihr seht hier dieses
Mädchen. Jung, äußerlich genau so wie ein anderes Kind - vom
Herrn in seiner Gnade ebenso gestaltet wie alle andern - ohne
besonders auffallende Häßlichkeit. Wer möchte nun glauben, daß
in ihr der Teufel ein Werkzeug, eine Dienerin gefunden? Und
doch -- und doch es ist so. Traurig, betrübend, daß ich euch, ihr
andern Kinder, vor diesem Unhold warnen muß. Ja, sie ist eine
Verworfene, vor der ihr auf der Hut sein müßt. Haltet euch fern
von ihr, schließt sie von euern Spielen aus, pflegt keinen Umgang
mit ihr. Und Sie, Lehrerinnen, seien sie streng zu ihr, suchen Sie
ihre Seele zu retten, wenn es noch möglich ist. Lassen Sie ihr nicht
den geringsten Fehltritt durchgehn, sondern bestrafen Sie sie aufs
härteste. Wie verdorben, wie lügenhaft, wie entartet dieses Mädchen
ist, das erfuhr ich von ihrer Wohltäterin, einer würdigen Dame,
die dieses Mädchen an Kindesstatt angenommen hatte. Diese Großmut wurde ihr durch schnöden Undank gelohnt, ja das Mädchen trieb
es so arg, daß die Dame sie von dem Umgang mit ihren Kindern
ausschließen mußte, um ihre Kleinen vor der ansteckenden Verderbnis dieses jugendlichen Teufels zu bewahren. Nun hat sie sie hierher
geschickt, wie einst die Hebräer des Altertums die Aussätigen zum
See von Bethesda schickten. Und deshalb, Lehrerinnen, flehe ich
Sie an, taucht dieses Kind unter in den See einer strengen Erziehung!
Nach diesen Worten sprach Herr Brocklehurst leise mit seiner
Frau, die Damen erhoben sich, verneigten sich flüchtig gegen Fräulein Temple und rauschten hinaus. Herr Brocklehurst wandte sich
noch einmal um und rief: ,Laßt sie noch eine halbe Stunde auf dem
Stuhle stehen, und keiner von euch soll an diesem Tage ein Wort zu
ihr sprechen.
Ich kann nicht beschreiben, welche Gefühle in meiner Brust
tobten. In dem Augenblick, wo ich vor Scham, Wut und tiefem
Kummer umzusinken glaubte, ging ein Mädchen an mir vorüber
und sah mich mit leuchtenden, lächelnden Augen an. Es war Helen
Burns. ,Was können sie dir tun? was kann dir geschehen? sprach
dieser Blick, und es war, als würde es Licht in meiner finstern
Seele. Es gelang mir, die Tränen zurückzudrängen, ich hob den Kopf
und stand nun ruhig und fest auf meinem Stuhle.
Noch heute erinnere ich mich dieses Lächelns. Es verklärte die
scharfen, magern Züge der Helen, und sie hatte in diesem Augenblick
das Gesicht eines Engels.
Als die Klassen entlassen worden waren, wagte ich es herabzusteigen. Es war fünf Ühr. Im Schulzimmer herrschte Dunkelheit. Ich sah mich allein, und nun wich der Bann, der mich bis dahin
festgehalten, und Tränen stürzten aus meinen Augen. Ich fiel auf
das Gesicht zu Boden und überließ mich meinem Jammer. Mit
dem besten Vorsatz, gut und brav zu sein, recht viel zu lernen
und mir Liebe und Freundschaft zu erwerben, war ich nach Lowood
gekommen. Ich hatte auch schon Fortschritte gemacht und mich in
meiner Klasse auf den ersten Platz hinaufgearbeitet; Fräulein
Miller und Fräulein Temple hatten mich gelobt, meine Mitschülerinnen waren freundlich zu mir - und nun war ich in Acht
und Bann getan - gebrandmarkt - zertreten -- zermalmtl Würde
ich mich jemals wieder erheben können?
Da trat abermals Helen Burns zu mir heran und brachte mir
Kaffee und Brot.
,Iß ein wenig, sagte sie; aber ich wies beides zurück. Helen
setzte sich neben mich, umschlang mich mit den Armen und blieb
regungslos an meiner Seite. Nach einer Weile brach ich das
Schweigen.
,Wie kannst du dich mit einem Mädchen abgeben, das jeder-
mann für eine Lügnerin hält? rief ich aus.
,Nicht doch, Jane, du wirst von allen nicht verachtet, sondern
wohl eher bedauert, antwortete sie ruhig. ,Herr Brocklehurst ist hier
nicht beliebt, und niemand gibt viel auf das, was er sagt. Ja wenn
er dich gelobt hätte, dann würden dich wohl viele mit scheelen Augen
ansehen und dir gern einen Schabernack spielen, jetzt aber würden
alle dir gern zeigen, daß sie Mitleid mit dir haben, wenn sie sich
nur getrauten. Sei nur weiter gut und fleißig, so wirst du sehen,
wie rasch diese Komödie des Herrn Brocklehurst vergessen wird.
Wie wohl taten diese Worte meinem Herzen, flößten sie mir doch
neue Hoffnung ein. Ich drückte Helen an die Brust, und eng umschlungen, saßen wir lange schweigend da. Wir wurden nicht gewahr,
daß jemand hereinkam und vor uns hintrat. Als wir endlich die
Gestalt erblickten, erkannten wir Fräulein Temple.
,Ich suchte dich, Johanna, sagte sie. ,Komm mit auf mein
Zimmer, und da Helen Burns bei dir ist, mag sie uns begleiten.
Ein helles Feuer verbreitete eine wohltuende Wärme in dem
Gemach, das wir nun betraten. Fräulein Temple ließ Helen in
einem Lehnstuhl Platz nehmen, setzte sich in einen zweiten und zog
mich an ihre Seite.
,Ist es nun vorüber? fragte sie und sah mir ins Gesicht.
aHast du's verschmerzt?
,Das werde ich nie können,'' antwortete ich.
,Warum nicht?
,Weil ich zu Unrecht beschuldigt worden bin, und weil nun
Sie, Fräulein, und alle andern mich für schlecht und gottlos halten
müssen.
,Wir werden dich für das halten, als was du dich ausweist, mein
Kind,'' erwiderte Fräulein Temple ruhig. ,Ulnd nun erzähle mir
von der Dame, die Herr Brocklehurst deine Wohltäterin nannte.
Man hat dich der Falschheit, der Verlogenheit bezichtigt, verteidige
dich vor mir, so gut du kannst. Erzähle alles, was dein Gedächtnis ,
als wahr rechtfertigen kann, aber übertreibe nichts.
Ich nahm mir vor, mich zu beherrschen und so leidenschaftslos
wie möglich zu berichten. Ich sprach daher von meinem Leben in
Gateshead-Hall maßvoller als je zuvor, und ohne daß ich es wußte,
ward meine Erzählung dadurch weit glaubwürdiger.
,Den Herrn Lloyd, von dem du sprachst, antwortete Fräulein
Temple, als ich zu Ende war, ,kenne ich ein wenig. Ich werde an
ihn schreiben und mich erkundigen; wenn seine Angaben mit den
deinen übereinstimmen, so werde ich dich öffentlich von der wider
dich erhobenen Anklage freisprechen.
Sie küßte mich bei diesen Worten, und ich sah mit tränenden
Augen in dieses gütige Antliz mit der weißen Stirn und den
schönen schwarzen Locken. Dann teilte sie ihre Abendmahlzeit mit
uns, und wir verbrachten noch eine glückselige Stunde in der Gesellschaft der geliebten Lehrerin, in ihrem warmen, gemütlichen Stübchen, bei anregendem Geplauder über alle möglichen Gegenstände.
Wls die Glocke das Zeichen zum Schlafengehen gab, umarmte sie
uns und entließ uns mit den Worten: ,Gott segne euch, meine
Kinder!'
Eine Woche später erhielt Fräulein Temple Antwort von Herrn
Lloyd und fand alles, was ich gesagt hatte, bestätigt. Vor versammelter Schule erklärte sie nun, daß sie Erkundigungen über
mich eingezogen und die Grundlosigkeit der gegen mich erhobenen
Beschuldigungen festgestellt hätte. Alle Lehrerinnen schüttelten mir
die Hände und küßten mich.
Eine Zentnerlast war mir von der Seele genommen, und von
neuem begann ich ernst und eifrig zu arbeiten. Ich war entschlossen,
mich durch alle Schwierigkeiten hindurchzukämpfen, und der Erfolg
lohnte auch meine Anstrengungen. Ich wurde nach einigen Wochen
in die nächsthöhere Klasse verseht und erhielt nun auch französischen
und Zeichenunterricht, worin ich rasch Fortschritte machte. Es fing
an mir in Lowood zu gefallen. Das Leben wurde angenehmer, die
Entbehrungen weniger. Der Frühling zog ins Land, die furchtbare
Kälte nahm ein Ende, sonnige Tage erquickten uns, und im Garten
wurde es nun grün und bunt. Der Mai war klar und schön; die
Bäume um Lowood schmückten sich mit prächtigem Laube. Und dies
alles konnten wir in Freiheit genießen, ohne den Zwang der strengen
Einschließung, der den Winter über gedauert hatte.
Denn infolge ungenügender Ernährung und vernachlässigter
Erkältungen war im Laufe des Lenzes in der Anstalt ein typhöses
Fieber ausgebrochen, dem mit einem Schlage fünfundvierzig von
achtzig Mädchen verfielen. Die Schulstunden wurden nun abgebrochen, und alle Vorschriften, alle Regeln verloren ihre Geltung.
Es ging drunter und drüber, und niemand verwehrte uns, frei ausund einzugehen, da der Arzt den Gesunden viel Bewegung in der
frischen Lufi vorschrieb. Fräulein Temple widmete sich jetzt ausschließlich den Patienten und kam aus dem Krankenzimmer nicht
mehr heraus. Die Mehrzahl der Gesunden verließ Lowood, denn (
nur wenige waren nicht so glücklich, Verwandte oder Bekannte zu
haben, die in der Not sich ihrer annahmen. So wurde es nun sehr
still und einsam um die Zurückgebliebenen her, aber es war dennoch
eine schöne freie Zeit, nur daß wir, von unsern Ausflügen heimkehrend, immer wieder von Krankheit und Tod angeweht wurden.
Es roch im ganzen Hause wie in einem Hospital, und von Zeit
zu Zeit ließ sich der Leichenwagen wieder sehen.
Wir trieben uns den Tag über im Walde und auf der Wiese
herum, taten, was wir wollten, und waren ohne jede Arbeit und
Aufsicht; aber auch in anderer Hinsicht wurde unser Leben jetzt
besser. Die Seuche lenkte die Aufmerksamkeit der Behörde auf Lowood, eine Untersuchung wurde angestellt, die Herrn Brocklehurst
einen schweren öffentlichen Tadel zuzog. Die Haushälterin wurde
entlassen und eine neue angestellt, die uns in der ersten Zeit sehr
reichlich mit Speise und Trank versorgte. Man setzte neben Herrn
Brocklehurst, dem man seines Reichtums und Ansehens halber den
Posten des Direktors doch nicht nehmen konnte, eine Art Aufsichtsrat ein, so daß nun alles ordentlicher und gewissenhafter besorgt
wurde, als je zuvor.
Zu den Schwerkranken gehörte auch Helen Burns; aber bei
ihr hatte das typhöse Fieber ein noch schlimmeres Leiden zu plötzlichem Ausbruch gebracht, eine rettungslose Schwindsucht. Von
uns Mädchen wurde deshalb niemand zu ihr gelassen, ja wir wußten
nicht einmal, in welchem Zimmer sie lag. Eines Abends war ich
mit Mary Wilson, der Gefährtin, an die ich mich in letzter Zeit
der Mond schien, und während Mary Wilson schon hineingegangen
war, stand ich noch im Schatten der Tür und hörte nun, wie eine
Krankenwärterin sich nach dem Befinden der Helen Burns erkundigte.
,Sehr schlecht,' antwortete der Doktor. ,Sie macht's nicht
mehr lange.
,Dann ist es wenigstens gut, daß man sie in Fräulein Temples
Stube gebracht hat,' meinte die Wärterin.
Der Arzt zuckte die Achseln und ging.
Zwei Stunden nach dem Zubettgehn - gegen elf Uhr stand
ich leise auf, zog das Kleid über das Nachthemd, schlich hinaus und
ging in Fräulein Temples Zimmer. An der Tür des allgemeinen
Krankenzimmers, aus dem ein scharfer Kampfergeruch hervordrang, eilte ich geräuschlos vorüber, denn ich fürchtete, die Kranken-
wärterin, die dort die ganze Nacht über wachte, könnte mich hören
und zurückschicken. Und ich mußte Helen sehen -- ich mußte sie noch
einmal ans Herz drücken, ehe sie starb. Ich hatte in wenigen Minuten mein Ziel erreicht, ich öffnete die Tür und schlüpfte hinein.
-Dicht neben Fräulein Temples Bett stand ein kleineres, und
darauf erkannte ich Helens Antlitz. Die Wärterin, die für sie zu
sorgen hatte, schlief in einem Lehnstuhl und hörte mich nicht. Fräulein Temple war nicht da; man hatte sie, wie ich später hörte, zu
einer Fieberkranken gerufen. Leise trat ich an das Bettchen, schob
den Vorhang zur Seite und flüsterte: ,Helen, bist du wach?
Sie bewegte sich und drehte ihr Gesicht herum, auf das nun
das schwache Licht der auf dem Tische brennenden Kerze fiel. Sie
sah so wenig verändert aus, daß die Furcht alsbald von mir wich
und ich an die Schwere ihrer Krankheit nicht mehr glauben mochte.
,Du bist es, Johanna? flüsterte sie mit ihrer sanften Stimme.
,Nein, dachte ich bei mir, ,sie wird nicht sterben, sonst könnte
sie nicht so friedlich und ruhig aussehen.
Ich küßte sie, ihre Stirn war kalt, ihre Wangen waren hohl,
ihre Hände und Akme schienen blutlos, aber ihr Lächeln war das
gleiche geblieben.
,Bist du gekommen, Johanna, um mir Lebewohl zu sagen?
fragte sie. ,Dann bist du gerade zur rechten Zeit gekommen.
,Willst du denn fort, Helen? Nach Hause?
,Ja, nach Hause -- in meine letzte, ewige Heimat.
,Nicht doch, Helen! antwortete ich weinend. Mein Kummer
schien auch die Kranke zu rühren, sie erlitt einen heftigen Hustenanfall, doch erwachte die Wärterin nicht darüber.
,sege dich zu mir und decke dich zu, Johanna, sprach die
Kranke erschöpft, ,du bekommst sonst kalte Füße.
Ich kroch zu ihr, und sie schlang den Arm um mich. Nach langem
Schweigen flüsterte sie: ,Johanna, wenn ich gestorben bin, sollst
du nicht um mich trauern, denn es ist kein Grund zur Trauer. Wir
müssen alle einmal sterben, und die Krankheit, die mich dahinrafft.
ist schmerzlos und kurz. Von allen den Meinen lebt nur noch Vater,
der sich vor einiger Zeit zum zweitenmal verheiratet hat und mich
nicht vermissen wird. Wohl sterbe ich jung, aber es bleiben mir dadurch viele Leiden erspart.
Ich wußte nichts darauf zu sagen; nur meine Tränen flossen
Während ich das Gesicht an ihrer Brust verbarg, sprach sie weiter:
,Mir ist jetzt sehr wohl, und ich fühle, daß ich schlafen kann. Gute
Nacht, Johanna, aber verlaß mich nicht. Es ist ein so süßes Bewußtsein, dich bei mir zu wissen.
,Ich bleibe bei dir, Helen. Niemand soll mich von hier fortbringen.
Sie küßte mich ich sie - dann schliefen wir beide. Als ich
erwachte, war es Tag. Ich wurde durch eine plötzliche Bewegung
dem Schlaf entrissen; die Krankenwärterin hob mich aus dem Bette
und trug mich durch den Korridor in den Schlafsaal zurück. Man
erteilte mir keinen Verweis, daß ich dem strengen Befehl entgegen
zu einer Kranken gegangen war; man hatte an anderes zu denken.
Einige Tage später erfuhr ich, daß Fräulein Temple, in ihr Zimmer
zurückkehrend, mich im Bett meiner Freundin gefunden hatte. Mein
Kopf ruhte an Helens Schulter, meine Arme hielten ihren Hals
umfangen, Ich schlief - Helen war tot.
Von der Schülerin zur Lehrerin.
Es ist nicht meine Absicht, alle kleinen Ereignisse meines Lebens ausführlich aufzuzählen; ich überspringe deshalb jetzt einen Zeitraum von acht Jahren, den ich nur in großen Zügen schildern werde.
Das typhöse Fieber verschwand allmählich aus Lowood, und die
alte Ordnung trat wieder ein. Die Lücken, die die Seuche gerissen, füllten sich; die verbesserten Zustände aber, zu denen die
öffentliche Kontrolle der Verwaltung geführt hatte, waren von Bestand. Wir hatten in der Folgezeit nie Grund zur Klage.
Ich blieb noch achi Jahre in Lowood, sechs als Zögling, zwei als
Lehrerin. Mein Leben verlief einförmig und farblos, aber ich fühlte
mich wohl und war zufrieden. Nach Ablauf der acht Jahre aber
sehnte ich mich nach einer Veränderung. Der Grund dazu war vor
allem, daß Fräulein Temple die Anstalt verließ; sie heiratete einen
Landpfarrer. Zuerst hatte sie mir eine Mutter ersetzt, dann waren
wir sogar Freundinnen geworden, und als ich sie nun verlor, fühlte
ich, daß meines Bleibens in Lowood nicht länger sei. Als die geliebte Person verschwunden war, ward ich inne, daß ich den Zwang
der klösterlichen Ordnung, das ewige Einerlei nur durch ihre Liebe
und aus Liebe zu ihr ertragen hatte. Die Schulregeln, der tägliche
Unterricht, die Gesichter der Schülerinnen, der Lehrerinnen, die
engen Grenzen der Anstalt selbst- das alles war mir jetzt mit
einem Male unerträglich. Am Fenster meines Stübchens stehend,
sah ich nach dem Horizont und verfolgte die weiße, durch die Ebene
sich hinziehende Landstraße bis dorthin, wo sie mit dem Himmel
verschmolz.
,Ich muß in die Welt hinaus !' sprach ich zu mir selbst. ,Acht
lange, lange Jahre bin ich hier eingepfercht gewesen, bin auch nicht
auf einen einzigen Tag von hier fortgekommen; wahrlich, nun sehne
ich mich nach Freiheit. Ich bin dieses Schlendrians müde. Doch
Freiheit? fuhr ich fort. ,Wird mir die beschert sein? Ach nein,
wohl nur eine andere Dienstbarkeit!' Weiter werde ich mir wohl
nichts wünschen dürfen. Eine neue Stelle in einem neuen Hause
unter neuen Gesichtern und neuen Verhältnissen, das ist es, an was
ich denke. Ich habe acht Jahre lang hier gedient -- nun will ich
anderswo dienen. Aber wie soll ich mir eine neue Stelle verschaffen?
Ja, das wußte ich freilich nicht; doch da ich niemand danach
fragen konnte, so blieb mir nichts weiter übrig, als mir allein den
Kopf darüber zu zerbrechen. Darüber verging die halbe Nacht. Endlich kam mir der Gedanke an ein Zeitungsinserat. Mit Tagesanbruch stand ich auf, und ehe die Glocke zum Frühstück läutete, hatte
ich die folgenden Zeilen niedergeschrieben: ,Eine junge Dame --
als Lehrerin ausgebildet sucht Stellung in einer Familie mit
Kindern unter 1 Jahren. Sie kann Unterricht erteilen in Französisch, Zeichnen und Musik, sowie in allen den Fächern, die zu einer
guten Erziehung nach englischer Art erforderlich sind. Gefällige
Adressen erbeten an J. E. postlagernd Lowten.
Erst am Abend erhielt ich Urlaub, nach Lowten zu gehen, wo ich
meinen Brief zur Post gab. Auf dem Heimwwege geriet ich in strömenden Regen, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Die Woche,
die nun folgte, schien kein Ende zu nehmen, mit so großer Sehnsucht
erwartete ich den Tag, wo ich abermals nach Lowten gehen und mich
nach postlagernden Briefen erkundigen konnte. Endlich stand ich im
Postbureau. Die alte Dame, die den Schalterdienst versah, suchte
lange in dem Brieffach herum, und schon sank meine Hoffnung.
Schließlich aber reichte sie mir doch ein Kuvert heraus die einzige
Zuschrift, die auf mein Inserat eingelaufen war. Ich mußte meine
Ungedlud noch länger zügeln, denn ich hatte keine Zeit, den Brief
gleich auf der Post zu öffnen; es war schon 8 Ühr, und nach dem
Hausgesey mußte ich bis spätestens um acht Uhr zurück sein. Erst in
der Nacht, als ich auf meinem Stübchen allein war und keine Störung mehr zu befürchten brauchte, zog ich den Brief hervor, erbrach
das Siegel und las:
,Wenn J. E. die in ihrem Inserat genannten Fähigkeiten und
Vorzüge wirklich besitzt und genügende Referenzen über ihren Charakter und ihre bisherige Tätigkeit aufgeben kann, so wird ihr eine
Stellung mit einem Gehalt von dreißig Pfund Sterling im Jahr
geboten. Zu unterrichten ist nur ein kleines Mädchen von noch nicht
ganz zehn Jahren. Referenzen, Namen, Adresse usw. sind zu senden
an Frau Fairfax, Thornfield bei Millcote.
Ich betrachtete eingehend die Handschrift; sie war altmodisch und
unsicher, wie sie bei alten Damen zu sein pflegt. Das beruhigte
mich; denn ich hatte natürlich die Befürchtung gehegt, durch mein
eigenmächtiges Handeln an die falsche Adresse zu geraten, in schlechte
Hände zu fallen. Daß mir nun eine ältliche Dame antwortete, erfreute mich, und ich sah sie förmlich vor mir sityen, diese Frau Fairfax, im schwarzen Kleide, mit der Witwenhaube. Millcote war mir
aus der Heimatsgeographie her bekannt; es war eine große Fabrikstadt, bedeutend näher an London gelegen als Lowood.
Alm folgenden Tage teilte ich der Vorsteherin mit, daß ich eine
neue Stellung in Aussicht hätte, in der ich das doppelte Gehalt als
bisher erhalten würde und bat sie, bei Herrn Brocklehurst oder dem
Verwaltungskomitee um meine Entlassung nachzusuchen. Diese
Herren hielten es für nötig, erst an Frau Reed zu schreiben, da sie
mein natürlicher Vormund sei. Von dort kam dann die Antwort,
ich könne ganz nach Belieben handeln, da Frau Reed längst jeden
Anteil an meinen Angelegenheiten aufgegeben habe. Nach ganz unnötiger Verzögerung erhielt ich endlich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn sich mir Gelegenheit dazu böte. Nachdem
abermals eine volle Woche verflossen war, erhielt ich ein Zeugnis
über meine Fähigkeiten, schickte eine Abschrift davon an Frau Fairfax und wurde brieflich aufgefordert, mich binnen vierzehn Tagen
bei ihr einzufinden, um meinen Posten als Erzieherin anzutreten.
Die vierzehn Tage vergingen nun sehr schnell, da ich mit den Vorbereitungen zu meiner Abreise alle Hände voll zu tun hatte.
Endlich war die bedeutsame Stunde gekommen. Im schwarzen
Kleide, mit Muff, Hut und Handschuhen stand ich reisefertig da. Ich
versuchte, mich zu beruhigen, aber es war mir nicht möglich, ich war
zu heftig erregt. Schloß doch mit dieser Stunde eine Phase meines
Lebens ab, und eine neue sollte beginnen, eine neue, von welcher ich
noch nicht wußte, ob sie gut oder böse für mich ablaufen würde. Während ich in fieberhafter Ungeduld wartete, wurde mir mitgeteilt, daß
jemand nach mir gefragt hätte.
,Das ist jedenfalls ein Bote aus Thornfield, dachte ich und
ging ins Sprechzimmer.
Eine Frau stand dort, gekleidet wie eine herrschaftliche Dienerin - schon etwas ältlich, doch noch hübsch und frisch.
,Ja, sie ist es!' rief eine Stimme, die mir bekannt vorkam.
,Fräulein Johanna, Sie haben mich doch nicht ganz vergessen?
,Bessie!' rief ich und umarmte sie, während sie sogleich einen
kleinen Buben, der am Ofen stand, heranzog. ,Das ist mein Junge,
sagte sie schmunzelnd.
,So sind Sie verheiratet, Bessie?' fragte ich.
aJa, seit fünf Jahren, mit Robert Leaven, dem Kutscher. Außer
Bobby habe ich noch ein kleines Mädel, das ist drei Jahre alt und
heißt Johanna.
,Sind Sie noch in Gateshead-Hall?
,Gewiß, aber wir wohnen im Pförtnerhäuschen; die alten
Portiersleute sind gestorben, und wir sind nun ihre Nachfolger.
,Wie geht es denn allen dort? Sie müssen mir erzählen, Bessie.
Komm, Bobby, sez' dich auf meinen Schoß!- Aber Bobby zog es
vor, bei seiner Mama zu bleiben.
,Groß sind Sie nicht geworden, Fräulein Johanna, sagte
Bessie, mich musternd, ,Nach dem Aeußern zu schließen, haben Sie
hier nicht allzu fett gelebt. Fräulein Elisa ist zwei Kopf größer als
Sie, und Fräulein Georgina mindestens noch einmal so breit.
,GGeorgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter waren sie in London, da
ist sie sehr vergöttert worden. Ein junger Lord hat sich um sie beworben, aber seine Familie war gegen die Heirat. Nun wollten die
beiden auf und davon laufen, aber Fräulein Elisa hat die Sache verraten - aus Neid, glaube ich. Nun leben die beiden Schwestern
wie Hund und Kate und zanken sich alle Tage.
,Was ist aus Hans Reed geworden?
,Er treibt's ein bißchen arg, so daß es selbst seiner Mutter zuviel wird. Auf der Universität ist er relegiert worden, wie sie es
nennen -- das heißt, fortgejagt. Sein Onkel, ein berühmter Rechtsanwalt, hat ihn zu sich genommen, aber das hat auch nicht lange gedauert. Es wird wohl nie was Gescheites aus ihm werden.
,Wie sieht er denn aus?
,Schlank und hübsch - bloß dicke, aufgeworfene Lippen hat er.
, Und Frau Reed?
,Sie sieht äußerlich sehr wohl aus, aber ich glaube, innerlich
sieht's anders aus. Sie grämt sich sehr ihres liederlichen Sohnes
wegen. Er verbraucht so sehr viel Geld.
,Hat sie Sie hergeschickt?
,Bewahre! aber ich hörte, man hätte bei Frau Reed angefragt.
ob sie ihre Genehmigung dazu erteilen würde, daß Sie eine andere
Stellung annähmen, und da dachte ich, Sie reisten am Ende weit fort.
Nun wollte ich Sie aber doch mal wiedersehen, und deshalb habe ich
mich auf den Weg gemacht.
, Und nun sind Sie wohl recht enttäuscht?
,Das will ich nicht sagen. Sie sehen aus wie eine Dame, mehr
habe ich nicht erwartet, denn schon als Mädchen waren Sie nicht
schön.
Ich mußte über diese Offenherzigkeit lächeln; aber ein wenig
Trauer mischte sich doch darein. Mit achtzehn Jahren wünscht wohl
noch jedes Mädchen zu gefallen, und auch ich war noch nicht ganz frei
von Eitelkeit.
, ,Dafür werden Sie wohl aber um so gelehrter sein, nicht wahr?
fuhr Bessie fort. ,Was können Sie denn alles? Klavier spielen,
Französisch sprechen, malen, sticken und nähen?
,Das kann ich alles, ja.
,C, dann werden Sie es schon zu etwas bringen, ob auch Ihre
Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. - Da fällt mir ein:
haben Sie mal etwas von den Verwandten Ihres Vaters, von den
Eyres, gehört?
,Im ganzen Leben nicht.
Vor etwa sieben Jahren war ein Herr bei Frau Reed, der nach
Ihnen fragte. Als er erfuhr, Sie seien in Lowood, war er sehr betrübt, weil er nicht dorthin reisen konnte. Sein Schiff, sagte er,
ginge schon am nächsten Tage ab. Er sah aus wie ein vornehmer
Herr, und ich glaube, es war der Bruder Ihres Vaters.
,Reiste er ins Ausland?
aJa, nach einer Insel, sehr weit, weit fort - wo sie Wein
machen, glaube ich.
,Vielleicht nach Madeira?
,Ja, so hieß es. Er blieb nur ein paar Minuten, denn Frau
Reed war sehr hochfahrend gegen ihn. Sie hat ja immer gesagt.
die Eyres wären arme Schlucker, und von diesem meinte sie, er sei
wohl weiter nichts als ein Weinreisender.
Wir mußten uns trennen. Die Postkutsche fuhr vor, die mich
nach Milcote bringen sollte. Fast zu gleicher Zeit kam die Post an,
die nach Gateshead fuhr, und wir konnten uns aus dem Wagenfenster
noch einmal zum Abschied zuwinken.
Für einen unerfahrenen jungen Menschen ist es ein bedrückendes
Gefühl, plötzlich ganz allein zu stehen. Der Reiz der Neuheit, das
Bewußtsein der Selbständigkeit versüßen dieses Gefühl, aber die
Furcht vor Enttäuschungen dämpft es doch. In dieser Stimmung
befand ich mich, als ich in Milcote in der Gaststube der Poststation saß.
Ich wartete eine halbe Stunde, dann wurde mir doch ein wenig
bange zumute, und ich wandte mich an den Kellner mit der Frage,
ob in der Nähe ein Ort namens Thornfield läge.
,Ich weiß nicht, meine Dame, aber ich werde mal fragen, war
die Antwort. Gleich darauf aber kehrte er wieder zurück und rief:
,Sie sind vielleicht Fräulein Eyre?
,Dann wartet hier jemand auf Sie.
Ich sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
hinaus. Ein Mann stand in der offenen Tür, und im Scheine
einer Laterne erkannte ich einen einspännigen Wagen. Als er mich
erblickte, fragte er nach meinem Gepäck, hob meinen Koffer auf den
Bock, hieß mich einsteigen und stieg dann selbst auf seinen Platz.
,Wie weit ist es denn bis Thornfield? fragte ich.
,Sechs Meilen etwa.
,Und wie lange fahren wir?
,Anderthalb Stunden.
,Dann bin ich ja dem Endziel meiner Reise nicht mehr fern,
dachte ich bei mir, ließ das Fenster herab und sah mir die Landschaft
an, durch die wir fuhren. Die Gegend war weniger malerisch als
die um Lowood und schien dichter bevölkert, denn wir kamen sehr oft
durch die kotigen Straßen eines Dorfes. Mir kam es so vor, als
wenn die Fahrt weit länger dauerte als anderthalb Stunden. Endlich aber hörte ich den Kutscher vom Bock herab mir zurufen: ,jetzt
sind wir gleich da!
Ich sah den breiten, niedrigen Turm einer Dorfkirche, deren Ühr
eben die Viertelstunde schlug; dann ging es eine Anhöhe hinauf und
an einer Reihe von vereinzelten Lichtern vorbei. Es war ein Dorf,
das sich längs der Straße erstreckte. Nach etwa zehn Minuten stieg
der Kutscher ab, öffnete ein Tor und führte den Wagen in einen
Park. Eine breite, von hohen Bäumen eingefaßte Allee führte zur Vorderfront eines Hauses, dessen Fenster alle, bis auf eins, finster
waren. Ein Dienstmädchen stand in der Tür und führte mich hinein.
Sie geleitete mich in eine viereckige Halle, in die auf allen Seiten
eine große Zahl von Türen mündete, und dann in ein Zimmer, das
durch ein Kaminfeuer und durch Kerzen hell erleuchtet war. Im
ersten Moment blendete mich dieses Licht, da ich solange im Finstern
geweilt hatte. Rasch aber gewöhnten sich meine Augen daran und
ließen mich nun ein trauliches, anheimelndes Bild erschauen.
Ein gemütliches Stübchen - ein runder Tisch - flackernde
Glut im Ofen ein altmodischer Lehnstuhl - und darin eine behäbige alte Dame in schwarzseidenem Kleide mit weißer Schürze und
der Witwenhaube auf dem Kopfe - ganz wie ich mir Frau Fairfax vorgestellt hatte, ja noch leutseliger und gutmütiger. Sie strickte,
und eine große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen.
,Schönen guten Abendlr rief sie mir entgegen. ,Sie haben
eine langweilige Fahrt hinter sich, nicht wahr? Und kalt muß Ihnen
auch sein, kommen Sie ans Feuer.
,Habe ich die Ehre mit Frau Fairfax? fragte ich.
,Das bin ich. Bitte Plat zu nehmen. Dabei führte sie mich
zu ihrem eigenen Stuhl, band mir den Hut los und nahm mir das
Umschlagetuch ab. Ich bat sie, sich meinetwegen nicht so viele Umstände zu machen. - ,Das sind ja keine Umstände, antwortete sie.
!
,Ihre Finger müssen steif sein von der Kälte. Lea, mach etwas
Glühwein und ein paar Butterbrötchen. Kommen Sie doch näher
ans Feuer, liebes Fräulein. Ihr Gepäck wird inzwischen auf Ihr
Zimmer gebracht.
,Solch einen Empfang hatte ich nicht erwartet,' dachte ich bei
mir, ,doch freilich darf man nicht zu früh jubeln. Das Dienstmädchen kam wieder und brachte die bestellten Erfrischungen. Ich
ließ mich nicht nötigen, denn obwohl es meine Brotherrin war, wie
ich vermeinte, welche mich mit so großer Aufmerksamkeit empfing,
fühlte ich dennoch dieser gutmütigen Matrone gegenüber nicht die
leiseste Verwirrung.
,Werde ich Fräulein Fairfax heute Abend noch sehen können?
fragte ich nach kurzem Schweigen.
,Wie meinten Sie? erwiderte die Alte. ,Ich bin ein wenig
schwerhörig.- Fräulein Fairfax? rief sie, als ich meine Frage
wiederholt hatte. ,O, Sie meinen Ihre künftige Schülerin? Die
heißt Varens.
,So? dann ist es nicht Ihre Tochter?
,Bewahre. Ich bin ohne Familie.
Ich war ein wenig verwundert, aber es schien mir unhöflich,
gleich am ersten Abend Fragen zu stellen, und deshalb schwieg ich.
Frau Fairfax schwatte unbefangen weiter.
,Wie froh bin ich, Sie hier zu haben! Nun hat man doch Gesellschaft, da wird es angenehmer werden. Freilich, Thornfield ist
ein prächtiger alter Herrensiz, aber wenn man ganz allein ist, fühlt
man sich am schönsten Ort nicht wohl, namentlich im öden Winter.
Mit den Dienstboten kann man halt doch nicht so ungeniert verkehren, man muß sich stets den Respekt sichern. Vom November bis
zum Februar ist außer dem Schlächter und dem Postboten keine
Menschenseele ins Haus gekommen, und mir wurde schon ganz
jchwermütig ums Herz. Der Sommer hat's dann wieder ein bißchen
gebessert. Im Herbst kam die kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin. Ein Kind bringt immer Leben mit sich. Na, und nun sind
Sie hier, da brauche ich mich vor diesem Winter nicht so sehr zu fürchten wie vor dem leyten. Aber jetzt will ich Sie nicht mehr lange auf-
halten, Sie müssen recht müde sein. Ich will Ihnen gleich Ihr Schlafzimmer zeigen. Es liegt gleich neben meiner Stube. Ich habe
Ihnen ein kleines gegeben, die sind nämlich alle gemütlicher als
die großen Gemächer nach vorn heraus. Die großen sind wohl prächtiger möbliert, aber düster und fast unheimlich. Ich wenigstens
fühle mich nicht wohl darin.
Ich dankte ihr für die rücksichtsvolle Wahl, die durchaus nach
meinem Sinne war, und schritt nun hinter ihr her eine schwere eichene
Treppe hinauf, die hohe, vergitterte Fenster hatte und dadurch ein
fast kirchliches Aussehen erhielt. Eine dumpfe Luft, wie in einem
Gewölbe, herrschte, und ich war wirklich froh, als ich in das mir angewiesene Zimmer trat. Frau Fairfax wünschte mir Gutenacht, ich
verschloß meine Tür und hielt Umschau. Das Stübchen machte einen
sehr behaglichen Eindruck, und ich fühlte mich darin vom ersten
Augenblick an heimisch. Dankbaren Herzens kniete ich am Bette
nieder und betete zu dem, dem ich Dank schuldete, erflehte seine
fernere Hilfe auf meinem Pfade und legte mich dann ruhig und zufrieden nieder. Ich schlief rasch ein und erwachte erst, als es heller
Tag war.
Sorgfältig machte ich Toilette, denn ich wollte bei aller Einfachheit doch sauber und nett aussehen. Ich war mir wohl bewußt,
daß ich keine Schönheit war, und in diesem Augenblick empfand ich es
sogar als ein Unglück, so klein und blaß zu sein, so unregelmäßige,
scharfe Züge zu haben. Dennoch, als ich mein schwarzes Haar gekämmt, eine reine, weiße Halskrause angetan und mein dunkles Kleid
schön glatt gestrichen hatte, hoffte ich, Frau Fairfax zu gefallen und
auch meinem kleinen Zögling nicht gerade abstoßend zu erscheinen.
Ich stieg die eichene Treppe hinunter und trat in die Halle.
Jetzt erblickte ich, was ich am Abend nicht hatte sehen können, mehrere
Gemälde an den Wänden - offenbar Ahnen eines adeligen Geschlechts; zweiBilder - ein finster dreinschauender Mann in Rüstung
und eine Dame mit gepudertem Haar - fielen mir als besonders
imposant ins Auge. Eine große Wanduhr mit geschnitztem Gehäuse,
eine von der Decke herabhängende Bronzelampe verliehen der Halle
einen stattlichen, altertümlichen Zug. Die Tür war halb aus Glas.
Ich trat hinaus und betrachtete von dem freien Platze aus die Front
des Hauses. Es war ein schöner Herbstmorgen; die schon rot und
gelb gefärbten Blätter der Bäume glühten im Sonnenschein. Das
Haus war drei Stockwerke hoch und sah mit seinen Zinnen auf dem
Dache sehr malerisch aus. Ein paar Krähen schwebten darüber hin.
,Wie? schon mobil? rief eine Stimme, und Frau Fairfax stand
in der Tür. Ich ging zu ihr und wurde mit einem herzlichen Händedruck begrüßt.
,Nicht wahr, Thornfield ist ein ganz stattlicher Herrensih?
fuhr sie fort. ,Nur schade, daß der Herr Rochester es so vernachlässigt und seine anderen Besitungen vorzieht.
,Wer ist Herr Rochester? fragte ich erstaunt.
,Nun, der Besiyer von Thornfield. Wußten Sie nicht, daß er
Rochester heißt?
Woher hätte ich das wissen sollen? ,Ich glaubte, antwortete
ich, ,Thornfield sei Ihr Eigentum.
,Gott behüte! Ich bin doch nur die Haushälterin,' erwiderte
die alte Dame. ,Allerdings bin ich von mütterlicher Seite her mit
Herrn Rochester verwandt, oder vielmehr mein verstorbener Gatte
war es- der Prediger von Hay, von dem kleinen Dorf, das Sie
da drüben liegen sehen. Aber ich tue mir auf diese Verwandtschaft
nie etwas zugute, sondern betrachte mich selbst eben nur als Angestellte und bin zufrieden, wenn der Herr höflich und freundlich zu
mir ist. Na, und das ist er ja auch.
,Und meine Schülerin?
,Sie ist Herrn Rochesters Mündel. Er hat mich beauftragt.
eine Erzieherin für sie zu suchen. Da kommt sie mit ihrem Kindermädchen.
Also war diese freundliche Matrone keine große Dame, sondern
eine Untergebene wie ich selbst. Nun, deshalb war sie mir nicht
minder lieb. Während ich noch über diese Entdeckung nachsann, kam
ein kleines Mädchen herzugelaufen- ein Kind von etwa sieben bis
acht Jahren, zart gewachsen, von blasser Farbe, mit langen Locken
und anscheinend sehr lebhaft und ausgelassen.
,Guten Morgen, Adele! rief Frau Fairfax ihr entgegen.
, Komm her und sprich mit der Dame da, sie ist deine neue Lehrerin
und soll mal eine gescheite Dame aus dir machen.
,Das ist meine Gouvernante? sagte die Kleine, kam ungeniert
auf mich zu und reichte mir die Hand. ,Wie heißen Sie denn?
Wir gingen zusammen ins Haus und setzten uns an den Frühstückstisch. Adele aber kletterte bald von ihrem Stuhl herunter, kam
zu mir und setzte sich auf meinen Schoß. Es freute mich sehr, daß
sie von vornherein so zutraulich war. Sie fragte mich, ob sie mir
zeigen dürfte, wie schön sie singen könnte. Dann begann sie ein
Lied von einer verlassenen Frau, die ihren treulosen Geliebten beweint, dann aber sich in die prachtvollsten Gewänder wirft und auf
einen Ball geht, um dem Falschen zu beweisen, daß sie auch ohne ihn
vergnügt sein könne. Das Lied schien mir seltsam gewählt für eine
kindliche Stimme, aber sie sang es sehr geschmackvoll. Als ich sie
fragte, wo sie es her hätte, erzählte sie mir, ihre Mama habe es oft
gesungen.
,Fragen Sie sie doch, ob sie sich noch gut auf ihre Mama besinnen könne? warf Frau Fairfax leise ein.
,O gewiß,' beantwortete Adele meine Frage. ,Wir haben in
einer großen, großen Stadt gewohnt, und viele vornehmen Damen
und Herren kamen zu meiner Mama, da habe ich oft gesungen wie
jetzt und auch getanzt. Aber meine Mama ist zur heiligen Jungfrau
gegangen, und dann kam Herr Rochester und nahm mich mit.
Nach dem Frühstück ging ich mit Adele ins Bibliothekzimmer.
Diesen Raum hatte Herr Rochester zum Schulzimmer bestimmt.
Mehrere Schränke waren verschlossen; der eine aber, der offen stand,
enthielt alles, was zum Unterricht erforderlich war, und daneben auch
interessanten Lesestoff für mich: Reisebeschreibungen, Gedichtsammlungen, Romane -- eine reiche goldene Ernte im Gegensat zu den
faden Traktätchen, mit denen wir in Lowood überfüttert worden,
waren. Ein Klavier mit herrlichem Ton, eine Staffelei und ein
großer Globus vervollständigten die Einrichtung der Bibliothek.
Meine Schülerin war sehr lieb, aber recht oberflächlich und zerstreut,
hatte man sich doch auch bisher noch nie an folgerichtige Beschäftigung
gewöhnt. Deshalb überhäufte ich sie im Anfang nicht mit Arbeit,
sondern erlaubte ihr, alle Mittage, nachdem sie ein wenig gelernt, zu
ihrer Wärterin zurückzukehren. Des Nachmittags beschäftigte ich
mich nach meinem Gefallen mit Zeichnen, Lesen und Handarbeit.
Oft leistete ich auch der guten Frau Fairfax Gesellschaft oder half ihr
beim Staubwischen.
durch ihre für meine Begriffe feenhafte Pracht. Orientalische Teppiche, rote Sessel mit goldenen Füßen, Kamine aus Marmor, Blumengirlanden an den Decken, Möbel aus Ebenholz, wundersam
geschnite Schränke, Armleuchter von blitzendem Glas, große Spiegel
und schwere Portieren - das alles war für mich etwas ganz Neues.
,Herr Rochester hat zwar selten Besuch, wenn er hier ist, plauderte Frau Fairfax; ,aber er liebt es nicht, die Sachen verhüllt zu
sehen, darum ist es das beste, die Zimmer stets in Bereitschaft zu
halten.
,Ist Herr Rochester streng und kleinlich?
,Durchaus nicht; aber er ist von hohem Adel und kennt es nicht
anders, als daß sich alles nach ihm richtet.
,Ist er sehr beliebt?'
,O ja. Die Familie genießt hier großes Ansehen; denn seit
Menschengedenken hat alles Land in dieser Gegend den Rochesters
gehört.
,Ich meine, ob Sie ihn lieben - abgesehen von seinen Besitzungen und seinem Adel.
,Warum sollte ich nicht? Er ist gerecht und freigebig zu allen
seinen Untergebenen, wenn auch ein wenig absonderlich. Das kommt
aber wohl daher, weil er viel gereist ist und fast die ganze Welt gesehen hat. Ich glaube auch, er ist sehr gescheit, obwohl ich noch nie
Gelegenheit hatte, mich viel mit ihm zu unterhalten.
,Inwiefern ist er denn absonderlich?
,Das ist schwer zu sagen. Kurz und gut, man versteht ihn nicht
so recht, man weiß nie, ob er im Ernst oder im Scherz redet, ob er
sich freut oder ärgert. Trotzdem ist er ein guter Herr.
Wir gingen von Zimmer zu Zimmer, treppauf und treppab,
und alles fand ich schön und geschmackvoll. Manches Gemach erschien
mir ganz besonders prächtig und imposant, andere wieder düster und
schwermütig durch die altertümlichen, Reliquien ähnlichen Möbel.
,Hier schläft niemand, sagte Frau Fairfax, ,Nicht wahr, wenn
es einen Geist in Thornfield-Hall gäbe, so würde dies für ihn eine
geeignete Region sein.
,Aber Sie haben doch keinen Geist hier?
,Wenigstens habe ich noch nie von einem gehört, antwortete die
Matrone lächelnd.
Während dieser Worte traten wir auf den Korridor des dritten
Stockwerks und wollten zur Bodentreppe hinauf aufs Dach steigen,
denn Frau Fairfax wünschte, daß ich die schöne Aussicht bewundern
solle, da schlug ein Geräusch an mein Ohr, das ich in dieser Umgebung am wenigsten zu hören erwartet haben würde: ein deutliches, doch höchst seltsam klingendes Lachen, langgezogen, schrill, gespenstisch. Ich erschrak und faßte den Arm meiner Führerin.
,Haben Sie gehört?' flüsterte ich. ,Woher kam das? Wer
war es?
,Wohl eins von den Dienstmädchen, war die ruhige Antwort. -
,Vielleicht auch Grace Poole. Ich höre sie oft, denn sie näht in jenem
Zimmer dort. Grace! rief sie und pochte leise an die Tür, neben
der wir standen.
Ich erwartete kaum, daß ein menschliches Wesen auf diesen Ruf
antworten würde, so überirdisch, so unnatürlich hatte dieses Lachen
geklungen; aber die Tür öffnete sich, und eine Frau von etwa vierzig
Jahren trat heraus, untersetzt, starkknochig, rothaarig und überaus
häßlich. Man hätte sich kaum eine weniger romantische Erscheinung
vorstellen können.
,Nicht so viel Lärm machen, Grace! sagte Frau Fairfax, ,Vergiß deine Weisungen nicht.
Grace erwiderte nichts, machte einen Knix und verschwand.
,Sie besorgt das Flicken der Wäsche, erklärte Frau Fairfax,
,und macht sich in manchen Dingen nütlich. Doch, ehe ich's vergesse: Wie sind Sie denn mit Ihrer Schülerin zufrieden?
Auf diese etwas plumpe Weise lenkte sie das Gespräch auf Adele,
und wir stiegen zum Dache hinauf, von wo aus ich die hügelige, bewaldete Landschaft wie einen großen grünen Garten im Sonnen-
lichte liegen sah. Als wir hinunterkamen, wurde das Mittagessen
aufgetragen.
Eine Begegnung.
Ein paar ruhige Wochen waren verflossen, und ich fand alles
verwirklicht, was ich mir bei der Suche nach einer neuen Stellung
irgend gewünscht hatte. Meine Schülerin war sehr verwöhnt und
zuweilen eigensinnig, ja widerspenstig; doch da sie ganz meiner Obhut anvertraut war und niemand mir in das Handwerk pfuschte, gelang es mir bald, ihr die kleinen Launen abzugewöhnen und sie zu
fleißigem Lernen anzuhalten. Sie hatte keinerlei Talente oder
Charakterzüge, die sie über das Durchschnittsmaß eines normalen
Kindes hinausgehoben' hätten. Sie machte gute Fortschritte und gewann mich sehr lieb, so daß ich wirklich Gefallen an meiner Aufgabe fand.
Abgesehen von ihr und von Frau Fairfax, hatte ich jedoch keinen
Umgang, und daher war ich oftmals allein. Dann kamen wohl
Augenblicke, wo ich mich trotz allem Guten, das ich in Thornfield-Hall
genoß, nach einem andern Lose sehnte; aber ich tröstete mich mit dem
Gedanken, daß Millionen von Menschen zu einem noch stilleren Dasein verurteilt wären und auch damit zufrieden sein müßten.
Wenn ich so allein war, hörte ich manchmal Grace Pooles absonderliches Lachen, und es erschütterte mich jedesmal aufs neue.
Ich hörte auch ihr exzentrisches Plappern und Knurren, das fast noch
unheimlicher klang als ihr Lachen. Tagelang war sie nicht zu hören
und verhielt sich mäuschenstill, dann aber erklangen in ihrem Zimmer wieder Laute, die mir ganz unerklärlich erschienen. Bisweilen
sah ich sie auch, wenn sie mit ihrem Krug zur Küche ging, um sich
ihr Maß Porterbier zu holen. Bei ihrem Anblick verschwand die
Aufregung, in die mich ihre seltsamen Laute versetzten, denn ihr
Aeußeres vermochte in keiner Weise Interesse zu erwecken. Ein
paarmal versuchte ich, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, aber sie
war sehr wortkarg und gab mir stets eine so einsilbige Antwort,
daß ich nichts weiter zu sagen wußte.
Die andern Mitglieder des Haushalts, John, der Kutscher, und
seine Frau, das Dienstmädchen Lea und die Bonne Sophie, waren
sehr anständige Leute, aber niemand hatte etwas Besonderes an
sich; es waren Dienstpersonen, wie man sie in gewissenhaft geführten Häusern zu finden gewöhnt ist.
Oktober, November und Dezember verflossen. An einem Nachmittag im Januar hatte ich Adele von dem Unterricht befreit, weil
sie erkältet war. Frau Fairfax hatte einen Brief geschrieben und
bat mich, ihn nach Hay zur Post zu bringen. Ich versprach mir
davon einen ganz angenehmen Spaziergang, nahm von Adele, der
ich ihre hübscheste Puppe in die Hand gelegt, mit einem herzlichen
Kuß Abschied und machte mich auf den Weg.
Der Boden war hartgefroren, die Luft war still, die Straße
menschenleer. Es war drei Ühr; die Dämmerung nahte, in der
mattstrahlenden Sonne warfen die Bäume dünne, lange Schatten.
Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich die kahlen Felder, auf den
struppigen Wiesen weidete kein Vieh. In den laublosen Hecken
raschelten ein paar braune Vögel, gleich welken Blättern, die vergessen hatten, abzufallen.
Ich blieb von Zeit zu Zeit stehen und sah mich um. Den Mantel dichter um mich ziehend, die Hände im Muff vergrabend, stieg ich
den Hügel hinauf, über den mein Pfad emporführte. Stellenweis
kam ich nur langsam vorwärts, weil eine dünne Eisschicht, die Spur
eines gefrorenen Bächleins, den Boden überzog. Oben angelangt,
sah ich auf Thornfield hernieder; das stattliche Herrenhaus bildete
den hervorragendsten Punkt in der Aussicht auf diese Seite des Tales.
Zur andern Seite lag das Städten Hay, das aus spärlichen Schornsteinen Rauch zum bleifarbenen Himmel hinaufschickte.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch die tiefe Stille. Es war das
Trappeln eines Pferdes, das die Biegungen des Weges noch meinen
Blicken entzogen. Ehe es noch sichtbar wurde, raschelte es in der
Hecke, und ein großer Hund von der Rasse der Bernhardiner kam
herangesprungen, blickte mich mit großen Augen an und lief ruhig
weiter. Nun tauchte auch das Pferd auf.
Es trug einen Reiter im Sattel. Der Mann nahm ebensowenig
Notiz von mir wie der Hund; doch er war kaum ein paar Meter an
mir vorbei, so vernahm ich einen Lärm, als wenn das Pferd stürzte,
und ein Ruf des Aergers und des Schmerzes klang an mein Ohr.
Eine Ecke des Weges hatte Roß und Reiter inzwischen schon wieder
unsichtbar gemacht. Ich eilte nun um diese Ecke herum und sah
tatsächlich beide am Boden liegen, Das Pferd war auf der Eisfläche
ausgeglitten und lag halb auf seinem Herrn. Ich trat rasch herzu.
Der Mann machte so heftige Anstrengungen, unter dem Gaule hervorzukommen, daß er wohl kaum ernstlich Schaden genommen haben
konnte, dennoch fragte ich ihn danach.
,Beiseite!’ rief er mir zu, indem er sich auf die Knie aufrichtete
und sich dann vollständig erhob. Gleich darauf riß er am Zügel des
Pferdes, das sich herumwälzte, mit den Beinen schlug und sich dann
mit einem energischen Ruck aufrichtete. Darauf untersuchte der Mann
seinen Fuß und schien von dem Ergebnis nicht sehr befriedigt, denn
er hinkte zu dem Zaune am Wegesrande hin und setzte sich dort
nieder.
,Sind Sie verletzt, Herr? fragte ich, ihm auch dorthin folgend.
,Ich könnte dann aus Hay oder aus Thornfield Beistand holen.
,Danke. Ich werde allein fertig. Gebrochen ist nichts, nur
eine kleine Verstauchung, das ist alles, antwortete er und stand auf,
das Gesicht schmerzlich verziehend.
Es war kein hübscher Mann, mit dem der Zufall mich da zusammengeführt hatte. Er trug einen weiten Reisemantel und schien von mittlerer Größe, aber ungemein breitschultrig zu sein. Sein Gesicht war mürrisch, seine Stirn sehr hoch, seine Brauen dicht
und über der Nase zusammengewachsen; seine dunklen Augen funkelten in diesem Moment vor Zorn. Er war über die erste Jugend
hinaus; ich schätzte ihn auf 8 Jahre. Bis jetzt hatte ich fast noch
niemals mit einem Manne zu tun gehabt. Ich hegte eine theoretische
Verehrung für alles Schöne, Vornehme und Liebenswürdige; dennoch fühlte ich instinktiv, daß ich bei meiner Unscheinbarkeit mich von
jedem Manne, der diese Eigenschaften in sich vereinte, fernhalten
müsse wie von dem Feuer. Da aber dieser Mann eher das war, was
man im gewöhnlichen Leben häßlich nennen würde, so empfand ich
keine Scheu vor ihm. Ja, wenn er freundlich zu mir gewesen wäre
und mich angelächelt hätte, so würde ich wahrscheinlich meines Weges
gegangen sein; aber sein finsteres Gesicht, seine barsche Antwort
ließen mich bleiben.
,Nein, nein, sagte ich, ,in diesem Zustande kann ich Sie an
einem solchen einsamen Fleck nicht allein lassen. Wenigstens muß
ich mich erst davon überzeugen, ob Sie auch imstande sind weiterzureiten.
Als ich dies sprach, sah er mich an.
“Mich dünkt, Sie täten gut daran, dafür zu sorgen, daß Sie selbst under Dach und Fach kommen,” murmelte er. “Wo sind Sie her?”
Ich deutete auf Thornfield-Hall, auf das das Licht des inzwischen aufgegangenen Mondes fiel.
“Ich fürchte mich nicht, allein draußen zu sein, es ist ja ein heller Abend,” erwiderte ich. “Gern will ich Ihnen Leute aus Hay besorgen, denn ich muß einen Brief auf die Post bringen.”
“Wem gehört das Haus dort unten?” fragte er.
“Herrn Rochester.”
“Kennen Sie Herrn Rochester?”
“Nein, er hat sich bis jetzt noch nicht sehen lassen.”
“Also wohnt er jetzt nicht dort? Können Sie mir sagen, wo man ihn findet?”
“Das weiß ich nicht.”
“Sie können doch wohl kein Dienstmädchen sein,” sagte er, mich betrachtend. “Sie sind wohl—“
“Ich bin die neue Lehrerin.”
“Ach so, die Lehrerin!” wiederholte er. “Zum Teufel ja, die Person hatte ich ganz vergessen. Die Lehrerin!” Er erhob sich, versuchte zu gehen, mußte aber doch den Arm nach mir ausstrecken, da er sich allein nicht bewegen konnte. “Sie brauchen niemand zu holen; das geht ja auch nicht an,” sagte er, “aber Sie können mir selbst ein bißchen behilflich sein. So! Nun versuchen Sie mein Pferd am Zügel zu fassen und herzuführen.”
Furchtsam näherte ich mich dem Tiere, das nach dem Falle sehr unruhig war, allein es wollte mich nicht herankommen lassen und schlug mit den Hufen nach mir. Mein Bemühen war vergeblich, und ich mußte es aufgeben. Der Fremde lachte.
“Ich sehe schon, Sie verstehen das nicht,” rief er. “Verzeihen Sie, aber ich bin gezwungen, Sie als Stütze zu benützen.” Und er legte seine schwere Hand auf meine Schulter und hinkte, die Lippen aufeinanderpressend, zu seinem Pferde, ergriff den Zügel, zwang es im Augenblick zur ruhe, setzte das unbeschädigte Bein auf den Steigbügel und schwang sich – nicht ohne einen unterdrückten Schrei des Schmerzes – in den Sattel. “Besten Dank!” rief er, pfiff seinem Hunde, gab dem Pferde einen leichten Schlag mit der Peitsche und sprengte von dannen.
In nachdenklicher Stimmung setzte ich meinen Weg fort. Der Vorfall war an sich bedeutungslos, und doch bedeutete er eine bis jetzt von allen andern verschiedene Stunde meines Lebens. Zum ersten war meine Hilfe in einer einigermaßen ernsten Lage beansprucht worden; zum erstenmal hatte ich mein passives, gleichförmiges Dasein verlassen und Gelegenheit zu einer Tat gefunden, mochte sie auch noch so belanglos sein. Auch hatte ich ein neues Gesicht erblickt, ein männliches, ernstes, strnges Antlitz, das nicht ohne Eindruck auf mich geblieben war, und das ich noch immer vor mir sah, während ich zur Post ging und als ich heimkehrte.
An diesem Abend bedrückte es mich fast, Thornfield wieder zu betreten; bedeutete dies doch die Rückkehr zu dem montonen, fast leblosen Dasein in der Einsamkeit. Mir war, als sollte ich in der Luft der totenstillen Halle ersticken, und beklommen stieg ich zu meinem Zimmer hinauf. Ach! Die Vorteile der Sicherheit, des Geborgenseins, der Freiheit von allen Nahrungsorgen schätzte ich in diesem Augenblick sehr gering; ich sehnte mich nach einem aufreibenden Leben mitten im Sturm der Zeit, unter tätigen, ringenden Menschen, mich verlangte danach, bittere Erfahrungen zu sammeln, etwas zu erleben, etwas zu erkämpfen.
Schon in der Halle hatte ich mich gewundert, daß an diesem Abend – was bisher noch nie der Fall gewesen – die große Bronzelampe brannte. Als ich die Treppe hinaufstieg, wuchs mein Erstaunen, den nein großer Hund kam mir plötzlich entgegen. Er war dem jenigen, den ich auf der Straße gesehen hatte, so sehr ähnlich, daß ich mich versucht sah, ihn be idem Namen zu rufen, den ich von seinem Herrn gehört.
“Pilot!”
Und das Tier kam heran und beschnüffelte mich. Ich streichelte es, und es wedelte mit dem buschigen Schweife; aber es sah mir doch ein wenig zu unheimlich aus, um allein mit ihm zu bleiben, deshalb klingelte ich. Das Dienstmädchen Lea erschien.
“Wo kommt der Hund her?” fragte ich.
“Der Herr hat ihn mitgebracht.”
“Welcher Herr?”
“Ei, Herr Rochester. Er ist eben angekommen.”
“So?” Und ist Frau Fairfax bei ihm?”
“Ja, und Adele auch. Im Speisezimmer sind sie, und John hat
sich auf den Weg machen müssen, um den Wundarzt zu holen, denn
der gnädige Herr ist mit dem Pferde gestürzt und hat sich den
Knöchel verstaucht.
,Wohl in dem Heckenweg, der von Hay herkommt? -
,Ja, dort, wo es bergab geht - es war etwas Glatteis da.
,Lea, bringen Sie mir doch bitte eine Kerze.
Als Lea zurückkehrte, kam Frau Fairfax mit ihr und erzählte
mir, der Doktor sei da und habe Herrn Rochester zu Bett gebracht.
Am folgenden Tage hatte ich meine schwere Not mit Adele; sie
war nicht zu halten und lief alle Augenblicke nach der Tür, um nach
Herrn Rochester zu schauen. Er hatte ihr erzählt, daß er ihr etwas
mitgebracht hätte, doch sei der Koffer noch nicht da; nun konnte sie
es nicht erwarten, die Geschenke zu sehen, weil Herr Rochester ihr
jedesmal, wie sie sagte, so prachtvolle Sachen mitbrächte.
Wir mußten das Bibliothekzimmer räumen und uns in einem
Stübchen des oberen Stockwerks einquartieren. Der Hausherr
brauchte die Bibliothek als Geschäftszimmer und empfing darin nun
die Besuche seiner Pächter, Verwalter und Freunde aus der Umgebung. Wir speisten wie gewöhnlich mit Frau Fairfax zusammen.
Während der Mahlzeit teilte sie mir mit, Herr Rochester habe den
Wunsch geäußert, mich zum Tee zusammen mit Adele bei sich zu sehen.
,Um wie viel Uhr nimmt er den Tee? fragte ich.
a, um sechs Uhr. Ziehen Sie sich ein bißchen hübsch an, nicht
wahr?
,Ist das durchaus notwendig?
,Ich meine doch. Ich wenigstens mache stets Toilette für den
Abend, wenn Herr Rochester hier ist.
Ich zog infolgedessen mein schwarzseidenes Kleid an und steckte
eine Perlenbroche vor, den einzigen Schmuck, den ich besaß - ein
Geschenk von Fräulein Temple. Mir war beklommen zumute, und
ich sah den Empfang des Herrn Rochester nach so formellen Vorbereitungen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Hinter Frau
Fairfax trat ich ein. Zwei Kerzen brannten auf dem Tische, zwei
auf dem Kamin. Pilot lag vorm Ofen, Adele kniete neben ihm.
Herr Rochester lag auf einem Diwan; sein Fuß war durch ein Kissen
gestutzt. Der Schatten des Feuers fiel auf sein Gesicht, und ich erkannte sofort den Reiter mit der hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen. Des Mantels ledig, erschien mir seine Gestalt fast eckig; die Brust war sehr breit, die Hüften schmal - er hatte - den gedrungenen, kraftvollen Bau eines Athleten.
Er hatte uns gewiß eintreten hören; doch offenbar war er noch
nicht in der Laune, von uns Notiz zu nehmen, denn er wandte nicht
einmal den Kopf zu uns hin.
.Hier ist Fräulein Eyre, sagte Frau Fairfax ruhig. Doch Herr
Rochester betrachtete nach wie vor Adele und den Hund.
,Fräulein Eyre kann Platz nehmen, antwortete er in ungeduldigem Tone, als wenn er sagen wollte: ,Was kümmert mich Fräulein Eyre? Ich habe jetzt keine Lust, mit ihr zu sprechen.'
Dieser unhöfliche Empfang befreite mich wiederum von aller
Verlegenheit. Hätte er mich mit Zuvorkommenheit begrüßt, so würde
ich nicht gewußt haben, was ich tun sollte; nun ließ er mich sogar
einen kleinen Vorteil über sich erringen, indem er mir Anlaß gab,
seinen gänzlichen Mangel an guten Manieren unbeachtet zu lassen.
Er betrug sich nun weiter in dieser Weise, kalt wie eine Statue,
sprach kein Wort und bewegte sich nicht einmal. Frau Fairfax hatte
wohl die Empfindung, als wenn wenigstens einer liebenswürdig sein
müsse, und begann in ihrer zutraulichen Manier zu plaudern. Sie
empfahl ihm Geduld mit seinem verletzten Fuß und sprach die Hoff-
nun auf baldige Genesung aus.
“Ich wünsche eine Tasse Tee, Madame,” war die einzige Antwort, die ihr zuteil wurde.
Sie klingelte, und Lea brachte das Gerät herein. Frau Fairfax legte die Löffel aus, setzte die Tassen zurecht und wies mir und Adele Plätze an. Herr Rochester rührte sich nicht von seinem Ruhebett.
“Reichen Sie bitte Herrn Rochester die Tasse, Fräulein Eyre,”
sagte die Wirtschafterin zu mir. ,Adele könnte sie fallen lassen.
Ich tat es. Er nahm die Tasse entgegen, sah mich offen, aber kalt an und fragte: ,Sie sind jetzt schon drei Monate hier?
‘Jawohl, Herr.”
,Und kamen aus -“
,Aus Lowood.”
.Ah, aus einer Wohltätigkeitsanstalt. Wie lange waren Sie
dort?’
,Acht Jahre.’
“Sie müssen ein zähes Leben haben. Man sollte meinen, die Hälfte dieser Zeit müsse genügen, in solch einer Anstalt einen Menschen kaputt zu machen. Deshalb sehen Sie auch so geisterhaft aus, als kämen Sie aus einer andern Welt. Als ich Ihnen gestern zwischen den Hecken begegnete, glaubte ich, ein Gespenst vor mir zu haben, das mein Pferd behext hätte. Was sind Ihre Eltern?”
,Ich habe keine.’
,Hatten wohl auch nie welche - oder erinnern sich ihrer nicht?
Nun ja, ich bin meiner Sache nicht ganz gewiß, ob Sie nicht doch
so etwas wie ein Wesen aus der Fabelwelt sind. Warteten Sie dort
am Zaun auf Ihre Kameradinnen, auf die Elfen der Mondscheinnacht? Haben Sie mir das verdammte Eis über den Fußweg gezaubert?
Ich schüttelte den Kopf. ,Die Feen und Elfen, antwortete ich
in ebenso ernstem Tone, wie er, ,haben schon vor hundert Jahren
England verlassen.
,Nun, wenn Sie Ihre Eltern verleugnen,' fuhr Herr Rochester
fort, ,so haben Sie doch wohl Verwandte, Onkel oder Tanten?
,Keine, die ich kenne.
,Auch keine Brüder und Schwestern?
,Beides nicht.
,Wer hat Sie denn auf den Gedanken gebracht hierherzukommen?
,Ich habe in der Zeitung annonciert. Frau Fairfax antwortete
darauf.
,Jawohl,' mischte sich die gute Alte in unser Gespräch, die bisher, mit in den Schoß gesunkenen Händen und hochgezogenen Augenbrauen, erstaunt zugehört hatte. ,Und täglich danke ich der Vorsehung, daß sie mich eine so glückliche Wahl treffen ließ. Fräulein
Eyre ist für mich eine sehr liebenswürdige Gefährtin und für Fräulein Adele eine unschätzbare Lehrerin.
,Singen Sie ihr keine Loblieder, das hat keinen Zweck,' schnitt
Herr Rochester ihr das Wort ab. ,Ich bilde mir mein eigenes Urteil.
Haben Sie jemals in einer Stadt gelebt, Fräulein, und viel in Gesellschaft verkehrt?
,Ich kenne keinen andern Ort als Lowood und habe keinen
andern Umgang gehabt als den mit meinen Lehrerinnen und Mitschülerinnen.
,Also haben Sie das Leben einer Nonne geführt und sind jedenfalls auch sehr religiös. Brocklehurst, der Direktor von Lowood, soll
ja wohl Pastor sein. Sie haben ihn wohl sehr verehrt?
,Durchaus nicht.
,Sie sind aufrichtig.
,Herr Brocklehurst war allgemein sehr wenig beliebt. Er war
hart, ungerecht und unduldsam, dabei auf seinen Vorteil bedacht und deshalb sehr genau gegen uns. Ja, er ließ es uns am Nötigsten
fehlen, deshalb ist ihm ja auch die Aufsicht über Lowood nachher zum
Teil entzogen worden.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
.Zehn Jahre.
,Und acht Jahre blieben Sie dort, also sind Sie jetzt achtzehn.
Ein bißchen Arithmetik ist manchmal ganz vorteilhaft. Denn nach
den Gesichtszügen hätte man bei Ihnen falsch geraten. Was haben
Sie nun in Lowood gelernt? Können Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
,Das ist die übliche Antwort. Setzen Sie sich ans Instrument
und spielen Sie etwas. Schon gut, ich sehe schon!' rief er, als ich
ein kleines Lied gespielt hatte. ,Sie können nicht mehr, als englische Backfische zu können pflegen. Adele zeigte mir heute morgen
ein paar Skizzen, die Sie gemacht haben sollen. Dabei hat Ihnen
wohl der Lehrer geholfen, wie?
,Nein!
,Ja, ich habe Sie mit diesem Zweifel gekränkt. Holen Sie
Ihre Mappe und zeigen Sie mir Ihre Leistungen. Aber geben Sie
mir nichts für ein Original aus, wenn Sie nicht bestimmt dafür
bürgen können. Ich bin Kenner.
,Dann sollen Sie auch in diesem Falle für sich selbst urteilen,
antwortete ich, ging in die Bibliothek und holte mein Zeichenbuch.
,Diese Skizzen rühren allerdings von einer Hand her,' sagte
er, die Blätter umschlagend. ,Wann haben Sie die Zeit gefunden,
das alles zu machen?
,In den letzten Ferien.
,Und woher haben Sie die Motive?
,Aus meinem Kopfe.
,Hat dieser Kopf noch mehr solche Vorräte?
,Ich hoffe, noch bessere.
Er betrachtete mit Interesse die in Wasserfarben ausgeführten
Bilder. Es waren Landschaften ein Seestück mit untergehendem
Schiff -- ein Eisberg mit Nordlicht - ein Frauenbild auf dem
Hintergrund eines in Nebel verschwimmenden Himmels. Er sagte
nichts, aber ich sah wohl, daß einiges seinen ungeteilten Beifall fand.
Dann klappte er das Buch zusammen, sah nach der Uhr und rief:
,Es ist jetzt fast neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Fräulein Eyre.
Adele so lange aufbleiben zu lassen? Ich wünsche allerseits gute
Nacht.
Eine Handbewegung gab uns zu verstehen, daß er für diesen
Abend unserer Gesellschaft müde sei. Frau Fairfax legte ihre Stickerei
zusammen, ich nahm Adele bei der Hand und mein Malbuch unter
den Arm. Wir machten ihm eine Verbeugung, die er steif erwiderte,
und gingen hinaus.
,Frau Fairfax, sagte ich, ,Sie haben allerdings recht, wenn
Sie Herrn Rochester absonderlich nennen. Zum mindesten scheint
er sehr launenhaft.
,Ich bin so sehr an seine Art und Weise gewöhnt,' antwortete
sie, ,daß ich schon gar nichts mehr dabei finde. Wissen Sie, das
Traurigsein, das Grübeln und Brummen, das liegt so in seiner
Natur - und dann hat er ja auch Ursache.
,Wieso?
,Familienkummer.
,Er hat ja gar keine Familie.
,jetzt nicht, aber doch gehabt. Und dann fühlt er sich eben in
Thornfield-Hall nicht wohl - hier ist er immer gedrückt.
,Ja, weshalb denn aber?
,Vielleicht kommt es ihm düster vor.
Diese Antwort klang ausweichend, und ich hätte gern mehr
erfahren; allein Frau Fairfax konnte oder wollte keine genauere
Auskunft geben, und ich mochte nicht zudringlich erscheinen; deshalb nahm ich von ihr Abschied und ging auf mein Zimmer.
Sonderbare Menschen.
An vielen Tagen bekam ich Herrn Rochester gar nicht zu sehen.
Herren aus der Nachbarschaft besuchten ihn, seine Geschäfte nahmen
ihn ganz in Anspruch. Als die Verstauchung geheilt war, ritt er
wieder viel aus und blieb lange fort. Gewöhnlich kam er erst spät in
der Nacht zurück. Wenn ich ihm gelegentlich in der Halle begegnete,
ging er kalt an mir vorüber oder machte mir, wenn er gut gelaunt
war, eine trockene Verbeugung. Ein paarmal begrüßte er mich mit
einem höflichen Lächeln. Ich machte mir nichts aus dieser wechselnden Laune, wußte ich doch, daß meine Person mit seinen Stimmungen nichts zu tun hatte.
Eines Abends ließ er mich zu sich bitten. Ich fand Adele bei
ihm, die sich mit dem Inhalt der lang ersehnten Kiste beschäftigte
und glückselig die einzelnen Geschenke auspackte. Herr Rochester
gab mir einen Wink, sie nicht zu stören.
,Sie fängt sonst an zu schwatzen, und ich bin als alter Junggeselle, sagte er mit einem bittern Lächeln, ,kein Freund von dem
Geplapper der Kinder. Setzen Sie sich hier an meine Seite, Fräulein
Eyre. Lassen Sie den Stuhl doch so stehen, wie ich ihn gesetzt habe!
Warum ziehen Sie ihn weiter zurück! Zum Teufel mit diesen Förmlichkeiten! Denken Sie, ich wünschte ein Tete-à-tete mit Ihnen?
Nein, obwohl mir an der Gesellschaft von alten Damen ebensowenig liegt wie an der von Kindern, will ich doch Frau Fairfax rufen.
Sie könnte sich sonst zurückgesetzt fühlen. -- Guten Abend, Madame, rief er ihr zu, als sie, dem Glockenzeichen folgend, erschien.
,Erbarmen Sie sich doch Adelens, sie hat das Bedürfnis, jemand ihr
Herz auszuschütten, und ich habe ihr verboten, mir von ihren Geschenken vorzuschwärmen. Hören Sie ihr geduldig zu - Sie tun
damit ein barmherziges Werk. -
Adele eilte auch sofort auf Frau Fairfax zu und zog sie zu ihrer
Kiste hin, aus der sie fortfuhr, die schönsten Puppensachen und allerlei Spielzeug auf den Boden zu schütten.
,Fräulein Eyre,' sagte er zu mir, ,Sie müssen wirklich ein bißchen näher heranrücken. Ich kann Sie sonst nicht sehen, ohne meine
behagliche Lage in diesem Lehnstuhl aufzugeben, und dazu habe ich
wahrlich keine Lust.
Ich tat, wie er mich hieß, und sah ihn zwanglos an. Er erschien
mir in diesem Augenblick weniger finster und streng als bisher.
Seine Lippen lächelten, seine hohe, weiße Stirn hob sich eindrucksvoll
von dem roten Leder der Stuhllehne ab, und seine Augen waren --
dies sah ich jetzt erst in der Beleuchtung des Kronleuchters - tief
und klar.
,Finden Sie mich schön? fragte er ganz plötzlich, als er merkte,
daß ich ihn musterte.
,Nein, Herr,' antwortete ich, ehe ich recht wußte, was ich tat,
Wenn ich mir Zeit zur Ueberlegung gelassen hätte, würde ich mit
einer Höflichkeitsphrase geantwortet haben.
Er lachte. ,Sie haben etwas Sonderbares an sich, sagte er.
,Wie Sie so mit gefalteten Händen, ruhig und selbstbewußt da sitzen,
sehen Sie wie eine Nonne aus, und wenn man dann eine Frage
stellt, kommt eine eigentlich gar nicht nonnenhafte, sondern recht
weltlich aufrichtige Antwort heraus. Was bezwecken Sie damit?
,Ich bin zu deutlich gewesen, Herr. Ich hätte antworten sollen,
daß es nicht so leicht sei, auf eine solche Frage aus dem Stegreif
zu antworten. Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe eine Dummheit gesagt.
,Da haben Sie allerdings recht, antwortete er. ,Doch Wurst
wider Wurst. Sie sind auch nichts weniger als schön. Nicht einmal
hübsch. Doch genug! Junge Dame, ich habe heute Abend das Bedürfnis nach einem kleinen Plauderstündchen.
Mit diesen Worten lehnte er sich wieder behaglich zurück und
nahm eine Stellung ein, in der seine Gestalt und sein Gesicht markant
hervortraten. Sein Wuchs war nicht ebenmäßig, weil seine Schultern viel zu breit für seine Figur waren, und sicherlich würden
die meisten Menschen ihn häßlich genannt haben. Aber in seiner
Haltung lag ein gewisser Stolz, seine Bewegungen waren elegant
und leicht, seine Miene drückte volle Gleichgültigkeit gegen sein
Aeußeres und großes Vertrauen auf innere Vorzüge und Eigenschaften aus.
,Ich habe das Bedürfnis, ein bißchen zu plaudern, fuhr er fort,
,und deshalb ließ ich Sie zu mir bitten. Kaminfeuer und Kronleuchter genügten mir nicht zu meiner Unterhaltung, Pilot, mein
Hund, ebensowenig. Adele steht schon ein wenig höher, aber noch
tief unter dem, was mir nottut; Frau Fairfax desgleichen. Aber
Sie können mir genügen, wenn Sie wollen. Sie haben mir schon
so manche verblüffende Antwort gegeben. Ich habe Sie inzwischen
fast wieder vergessen, denn ich hatte an anderes zu denken. Heute
Abend aber will ich mich mal wohlfühlen und Geschäft Geschäft
sein lassen. Es würde mich freuen, wenn ich Sie in die gleiche
Stimmung brächte, wenn ich Sie etwas näher kennen lernen
könnte.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich.
,Nun, so reden Sie doch!' rief er.
,Worüber denn?
, Ueber irgend etwas. Wählen Sie sich ein Gesprächsthema.
Ich setzte mich und sagte gar nichts. ,Wenn er denkt, ich werde
sprechen, bloß um zu sprechen und mich ihm zu offenbaren, so irrt
er sich,' dachte ich bei mir.
,Sie bleiben stumm, Fräulein?' fuhr er fort und sah mich
an, als wenn er mit einem einzigen raschen Blicke die Geheimnisse
meiner Seele lesen wollte. ,Sie sind eigensinnig und ärgerlich?
Ah, es geschieht mir recht. Ich habe meine Frage in etwas unverschämter Form gestellt. Verzeihung! Ein für alle Mal, Fräulein
Eyre, ich möchte Sie nicht gern wie eine Untergebene behandeln.
Das heißt, eine gewisse Ueberlegenheit nehme ich ja für mich in
Anspruch, denn erstens bin ich so alt, daß ich Ihr Vater sein könnte,
und zweitens habe ich ganz andere Erfahrung von Welt und Menschen. Und auf Grund dieser Ueberlegenheit glaubte ich, den Wunsch
äußern zu dürfen. Sie möchten mich heute Abend ein wenig unterhalten und zerstreuen.
Er hatte mich einer Erklärung, fast einer Entschuldigung gewürdigt. Das war von ihm aus gewiß schon sehr viel. Doch ich ließ
mir nicht merken, daß ich seine Worte in diesem Sinne auffaßte.
,Ich will Sie sehr gern unterhalten, Herr Rochester,' sprach
ich. ,Aber ich weiß ja gar nicht, was Sie interessiert. Stellen Sie
Fragen, und ich will antworten, so gut ich es vermag.
.Also zuvörderst geben Sie zu, daß ich das Recht habe, ein wenig
herrisch und launenhaft, ja auch etwas rechthaberisch zu sein, weil ich
das reifere Alter und die größere Erfahrung für mich habe?
.Ich glaube nicht, daß Sie dieses Recht haben, bloß weil Sie älter sind oder mehr von der Welt gesehen haben, erwiderte ich.
,Der Anspruch auf Ueberlegenheit würde nur davon abhängen, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht
haben.
,Gut gesagt! Allein das kann ich nicht zugeben. Ich habe nämlich eben davon einen sehr schlechten Gebrauch gemacht. Also fort mit
der Ueberlegenheit! Dennoch müssen Sie einwilligen, sich dann und
wann von mir befehlen zu lassen, ohne sich durch meinen gebieterischen Ton beleidigt zu fühlen.
Ich lächelte.
Herr Rochester ist wirklich ein Sonderling,' dachte ich bei mir.
,Er scheint zu vergessen, daß er mir jährlich dreißig Pfund Sterling
zahlt und ich dafür doch wohl verpflichtet bin, seine Befehle auszuführen.
,Ihr Lächeln ist ganz gut und schön, meinte er, ,aber ich
wünsche doch, daß Sie sprechen.
,Ich dachte bei mir,' sagte ich, ,sehr wenig Herren würden
wohl danach fragen, ob die Untergebenen, die sie bezahlen, sich durch ihre Befehle beleidigt fühlen oder nicht.
,Ach ja doch, an das Gehalt hatte ich ja gar nicht gedacht. ,
Natürlich! Also auf diesen billigen Grund hin gestatten Sie mir,
manchmal ein wenig anmaßend zu sein?
,Nein, Herr Rochester, auf den Grund hin nicht - aber auf -
den Grund hin, daß Sie es außer acht lassen konnten und sich überhaupt darum kümmern, ob eine von Ihnen abhängige Person sich
in ihrer Stellung wohl fühlt, willige ich herzlich gern darein.
, Und wollen Sie mich auch von einer ganzen Reihe von Höflichkeitsformen und Phrasen freisprechen, ohne mich wegen solcher ,
Unterlassung der Nichtachtung zu zeihen?
,Ich werde einen Mangel an Konvention niemals mit Nichtachtung verwechseln. Ich selber sete mich gern über herkömmliche
Höflichkeit hinweg, und Nichtachtung würde sich wohl kein Freigeborner bieten lassen, nicht einmal um eines Lohnes willen.
,Papperlapapp! unterbrach er mich. ,Die meisten Freigebornen - wie Sie sich ausdrücken - ertragen um eines Lohnes
willen alles. Davon verstehen Sie nichts. Beschränken Sie Ihr
Urteil also nur auf sich selbst, aber verallgemeinern Sie es nicht.
Indessen mein Komplimentl wenn auch unzutreffend, war Ihre
Antwort doch frank und frei. Unter dreitausend frisch von der
Schule kommenden Gouvernanten würden keine drei mir so geantwortet haben. Doch ich will Ihnen nicht schmeicheln. Wenn
die Natur Sie in eine andere Form gegossen hat als die Durchschnittsmenschen, so ist das nicht Ihr Verdienst. Sie können deswegen doch unzählige Mängel und Fehler haben.
,Sie ebenfalls, dachte ich bei mir, und er las wohl diesen Gedanken in meinem Blick; denn er fuhr fort:
,Sehr richtig, ich habe selber viele Fehler. Will sie auch nicht
beschönigen. Gott weiß, ich wollte gegen andere nicht streng sein.
Im Alter von A Jahren schon wurde ich auf eine falsche Bahn
getrieben, und seit diesem Tage ist es mir bis heute noch nicht völlig
geglückt, den rechten Pfad wiederzufinden. Und doch hätte ich ebenso
gut und ebenso rein sein können wie Sie. Um Ihren Seelenfrieden
und um Ihr reines Gewissen sind Sie zu' beneiden. Mein Fräulein,
eine Erinnerung ohne dunkeln Fleck, ohne Vorwurf - das ist ein
unsagbar großer Schatz. Ja, ja, im großen ganzen hatte mich
die Natur auch zu einem guten Menschen bestimmt, Fräulein Eyre,
und doch bin ich es nicht geworden, wie Sie sehen. Aber nur die
Umstände sind dran schuld, nicht mein eigner Hang. Nun meinen
Sie - wenigstens lese ich das in Ihrem Blicke - ich hätte eben
stärker sein sollen als die Verhältnisse -- aber das bin ich eben
nicht gewesen. Ich geriet beim ersten Unglück in Verzweiflung und
artete aus. Nun ist es mir nicht mehr vergönnt, mit lasterhaften
Dummköpfen ins Gericht zu gehn, denn ich muß mir immer sagen,
ich bin selbst nicht besser gewesen. O, Fräulein Eyre, wenn einmal
die Versuchung an Sie herantritt, tun Sie nichts, was Ihnen Gewissensbisse verursachen könnte. Gewissensbisse sind das bitterste
Gift, das es gibt.
,Herr Rochester, wenn Sie Ihre Unvollkommenheit beklagen,
antwortete ich, ,so haben Sie doch bereits das Bestreben, sich davon
zu heilen. Es muß Ihnen also mit der Zeit möglich werden, so zu
sein, wie Sie selbst es wünschen, wenn Sie es nur ernstlich versuchen. Wenn Sie vom heutigen Tage ab den festen Entschluß fassen,
in Taten und Gedanken besser zu werden, so würden Sie in wenigen
Jahren einen neuen Vorrat an Erinnerungen haben, die Sie jederzeit mit Freuden heraufbeschwören könnten. Doch lassen Sie es genug sein, Herr Rochester, mit diesem Gespräch. Ich kenne Ihre Vergangenheit nicht - ich weiß nichts von Ihrem Herzen. Ich tappe
völlig im Dunkeln, und wie soll' ich da ein einigermaßen richtiges
Urteil abgeben?
,Dennoch war Ihre Ansicht wieder sehr treffend, erwiderte
er. ,Wohin wollen Sie?
,Adele zu Bett bringen. Es ist neun Uhr.
,Ah, weil ich Ihnen neulich um dieselbe Stunde einen Vorwurf
draus machte, daß Adele noch wach war? Heute aber ist sie nicht
müde. Sie lachen wohl niemals, Fräulein Eyre? Doch ja, Sie
lachen wohl selten, aber Sie können doch sehr fröhlich lachen. Von
Natur sind Sie ebensowenig unfreundlich wie ich lasterhaft. Sie
stehen nur noch unter dem Zwang von Lowood und fürchten sich, Sie
könnten zu herzhaft lachen, zu frei sprechen, sich zu lebhaft bewegen.
Aber mit der Zeit werden Sie es lernen, sich mir gegenüber ganz
natürlich zu geben. Ich muß sagen, mir ist es auch ganz unmöglich,
mit Ihnen formell zu verkehren. Wenn ich Sie ansehe, ist mir
manchmal, als sähe ich einen Vogel hinter den Stäben eines Käfigs.
Wenn er frei wäre, würde er sich hoch in die Lüfte schwingen. --
Nun gut, bringen Sie Adele zu Bett, aber kommen Sie noch einmal
zurück. Sie kennen meine Vergangenheit nicht und sollen wenigstens
ein Stück davon erfahren - ein Stück, das für Sie als Lehrerin des
Kindes schließlich wissenswert ist.
Ich ging, und als ich wiederkam, fuhr er also fort: ,Fräulein
Eyre, Adele ist die Tochter einer Tänzerin, die ich vor Jahren innig
geliebt habe. Und ich glaubte, sie liebe mich auch trotz meiner Häßlichkeit. Allein es lag ihr nur daran, sich meinen Reichtum zunutze
zu machen. Und in der Tat war ich auf dem besten Wege, mich
ihretwegen zu ruinieren, wie es einem aristokratischen Leichtfuß zukam, bis ich eines Abends entdeckte, daß sie mich betrog. Da machte
ich kurzen Prozeß und verließ sie. Kurze Zeit darauf ging sie mit
einem verkommenen Sänger nach Italien und ließ ihr Töchterchen
Adele zurück. Gewiß, man hätte das Kind in ein Waisenhaus schicken können; aber eine gutmütige Regung veranlaßte mich, es
zu mir zu nehmen und bei mir zu behalten. Wie denken Sie nun?
Werden Sie sich nach einer andern Schülerin umsehen?
,Keineswegs, antwortete ich. ,Adele kann nichts für die
Sünden Ihrer Mutter; und jetzt, wo ich den Ursprung ihrer kleinen
Untugenden besser kenne als bisher, wo ich weiß, daß sie gewissermaßen elternlos ist - verlassen von ihrer Mutter - verleugnet
von ihrem Vater -- da werde ich sie nur noch lieber haben.
,In diesem Lichte sehen Sie also die Sache an?' versetzte er in
mürrischem Tone. ,Hm. Sie lieben Adele, und Sie lieben Ihre
neue Umgebung. Sie lieben diesen bleiernen Himmel, diese Ruhe,
diese Erstarrung, diese erfrorene Welt. Sie lieben Thornfield-
sein ehrwürdiges Aussehen, seine Einsamkeit. Und ich - ich verabscheue es -» setzte er hinzu, wie zu sich selbst sprechend, - ,wie
ein von der Pest befallenes Haus.
Er schwieg. Schmerz, Scham und Wut - Ungeduld, Ekel und
Abscheu schienen in diesem Moment einen grimmigen Kampf in
seinen großen Augen zu halten, über denen die hohen schwarzen
Brauen sich wölbten. Sein Gesicht nahm einen starren Ausdruck
an, der nach einer Weile einem weichen Zuge Platz machte.
,Ich habe eine Sache mit meinem Schicksal ausgefochten, Fräulein, murmelte er dann. ,Eine Hexe schwebte an mir vorüber und
fragte mich: ,Könntest Du Thornfield auch lieben? Sie fragte es
höhnisch, in gehässigem Triumph. ,Liebe es, wenn du kannst, wenn
du den Mut dazu hast!- Und jetzt antworte ich ihr: ,Ja, ich
habe den Mut dazu. Ich will Thornfield so machen, daß ich es lieben
kann! Ich will jedes Hindernis, das sich meinem Glück, meiner
Besserung in den Weg stellt, zertrümmern - ich will ein besserer
Mensch werden, als ich war.
Er starrte vor sich hin. Mir war unbehaglich zumute, denn ich
wußte wahrlich nicht, was ich dazu sagen, noch wie ich überhaupt
seine Worte verstehen sollte. Er bemerkte mein verlegenes Schweigen,
sah mich an, winkte mit der Hand und sagte: ,Ja, gehen Sie! Ein
andermal mehr davon!'
Ich lag in dieser Nacht lange wach. Tausend Gedanken kreuzten
mein Gehirn und ließen mir keine Ruhe. Ich vergegenwärtigte mir
jedes Wort, das Herr Rochester zu mir gesprochen hatte. Ich sann
über die Geschichte Adelens nach, ich grübelte über die Bedeutung
seines letzten Bekenntnisses nach. Aber alles erschien mir schließlich
doch als ein vorderhand noch unergründliches Rätsel. Ob ich dann
über diesen Betrachtungen doch eingeschlummert bin, kann ich nicht
sagen; jedenfalls fuhr ich plötzlich erschrocken auf, denn ich vernahm
ein unheimliches Knurren gerade über meinem Kopfe. Zuerst dachte
ich, es könnte der Hund sein, ich beruhigte mich wohl auch dabei
und schlief wieder ein wenig ein. Doch ein Geräusch an meiner Tür
schreckte mich von neuem auf. Ich fuhr empor, an allen Gliedern
schallen. Das Kopfende meines Bettes war dicht neben der Tür. Es
kam mir daher im ersten Augenblick so vor, als erschalle der furchtbare Laut unmittelbar neben mir. Ich konnte jedoch nichts sehen,
sprang rasch aus dem Bett und riegelte die Tür zu.
,Wer ist da? rief ich.
Nun hörte ich ein Gurgeln und Stöhnen Schritte huschten
auf dem Gange entlang und verloren sich die Treppe hinauf, dem
dritten Stockwerk zu. Eine Tür wurde geöffnet und geschlossen, dann
war alles still.
,Das war Grace Poole, dachte ich. ,Sie ist wohl gar vom
Teufel besessen.
Nun konnte ich nicht länger zaudern, ich mußte hinaus; eilig
warf ich mir Kleid und Umschlagetuch über und trat auf den Korridor. Auf dem Läufer stand ein brennendes Licht. Das wunderte
mich, aber noch größer war mein Befremden, als ich gewahrte, daß
die Luft voll Rauch war und ein starker Brandgeruch sich bemerkbar
machte. Ich lief den Korridor entlang und stand binnen kurzem
vor einer halboffenen Tür, aus der die Rauchwolken hervorkamen.
Es war Herrn Rochesters Zimmer. Ich dachte nicht mehr an
Grace Poole und gab es auf, Frau Fairfax zu rufen. Hier galt es
rasch zu handeln. Ich trat ein. Schon züngelten Flammen um das
Bett, und die Vorhänge brannten. Herr Rochester lag regungslos
da - anscheinend in tiefem Schlafe.
,Auf! Auf!' schrie ich und rüttelte ihn. Mit einem schweren
Seufzer drehte er sich nur auf die andere Seite. Offenbar war er
schon halb betäubt. Die Bettücher fingen Feuer. Ich sah mich ratlos um. Mein Blick fiel auf den Waschtisch, und ich eilte dorthin.
Zum Glück war nicht nur der Krug, sondern auch die große Waschschüssel voll Wasser, das ich nun über das Bett und den darin Liegenden ausschüttete. Dann flog ich in mein Zimmer zurück und holte
auch von dort den Wasserkrug. So gelang es mir, das Feuer zu
unterdrücken. Das unfreiwillige Bad, das Krachen meines Kruges.
den ich fallen ließ, und das Zischen der verlöschenden Flammen
brachten Herrn Rochester zur Besinnung.
,Was geht hier vor? Regnet es durch? rief er.
,Es war ein Brand, Herr,' entgegnete ich. ,Stehen Sie auf
Sie sind ganz durchnäßt -- ich werde ein Licht holen.
,Im Namen aller Kobolde, murmelte er, ,ist das Johanna
Eyre? Was haben Sie da wieder angestellt, Sie Hexe? Haben Sie
mein Zimmer verzaubert?
,Stehen Sie nur auf -- es ist ein Anschlag gegen Ihr Leben
Sie können nicht rasch genug Schritte tun, den Brandstifter zu
ermitteln.
Nun war er vollends wach, und als ich mit einem Licht aus
meinem Zimmer wiederkam, stand er im Schlafrock da.
,Wer hat das getan? flüsterte er.
Ich erzählte ihm, was ich bemerkt, und daß ich Grace Poole im
Verdacht hätte. Er hörte ruhig zu, dann zog seine Stirn sich
in schmerzliche Falten, und er legte mir die Hand auf den Arm.
,Keinen Lärm weiter! sprach er in eindringlichem Tone.
,Hüllen Sie sich in den Mantel da und legen Sie Ihre Füße auf
den Stuhl, damit sie nicht naß werden. Ich werde Sie jetzt auf ein
paar Minuten allein lassen, rühren Sie sich nicht von der Stelle.
Das Licht nehme ich mit. Ich muß ins zweite und dritte Stockwerk hinauf und nachsehen, ob dort noch alles in Ordnung ist.
,Rufen Sie niemand, ich bitte darum.
Er ging und schien eine Ewigkeit fortzubleiben. Mir ward in
der tiefen Finsternis unheimlich zumute, und schon wollte ich Frau
Fairfax rufen, da sah ich das Licht näher kommen, und gleich darauf
kam er leise herein.
,Ich habe festgestellt, wie es geschehen ist, sagte er in sehr
niedergeschlagenem Tone. ,Es ist so, wie Sie vermutet haben.
Er verschränkte die Arme und sah schweigend zu Boden. ,Haben Sie
irgend jemand gesehen, als Sie Ihr Zimmer öffneten?
,Nein, antwortete ich, ,nur den Leuchter sah ich, der auf dem
Korridor stand.
,Aber Sie haben ein seltsames Lachen gehört?
,Das habe ich schon sehr oft gehört. Es ist eine Person hier
im Hause, die so lacht - Grace Poole heißt sie ?
,So? Sie meinen, es sei Grace Poole? murmelte er. ,Ja,
sie ist es- Sie haben es erraten. Nun, es weiß um diese Sache
niemand außer Ihnen, und Sie sind keine Plaudertasche. Behalten
Sie also alles hübsch für sich - für das angebrannte Bett hier werde
ich schon eine Erklärung finden. Es ist jetzt fast vier Uhr. In zwei
Stunden wird das Dienstpersonal aufstehen.
,Gute Nacht denn, Herr Rochester!
,Wie? Sie wollen mich verlassen? rief er erstaunt. ,Ohne
Abschied zu nehmen - ohne ein Wort des Mitgefühls - so ganz
trocken und kurzweg. Fräulein Johanna, Sie haben mir das Leben
gerettet - ohne Sie wäre ich elend verbrannt - Sie haben mich
vor einem entsetzlichen, qualvollen Tode bewahrt und nun wollen
Sie gehen, als seien wir uns ganz fremd. Reichen Sie mir wenigstens die Hand?
Er streckte die Hand aus; ich reichte ihm die meine, die er in
seine beiden Hände nahm.
,Sie sind meine Retterin, und es freut mich, daß ich Ihnen
zu Danke verpflichtet bin. Seltsam, es wäre mir höchst widerlich,
andern Menschen verpflichtet zu sein - Ihnen gegenüber ist es mir
keine Last.
Er sah mich an - eine plötzliche Rührung ergriff ihn tief, und
seine Lippen zitterten.
,Gute Nacht, Herr,r sprach ich leise. ,Sprechen Sie nicht von
Verpflichtung, von Wohltat, von Schuld all' dies ist ja hier nicht
der Fall. Ich tat, was ich tun mußte - ich hätte es jedem andern
auch erwiesen.
,Seltsam, seltsam, antwortete er, wie mit sich selbst redend,
,vom ersten Augenblick an hatte ich das Gefühl, als würden Sie mir
noch einmal Gutes tun. Ich las es in Ihren Augen - ich spürte
es in Ihrem Lächeln, das mich bis in die tiefsten Winkel meiner
Seele erwärmte. Ich habe einmal von Schutzengeln gehört - und
in der Tat, in den tollsten Märchen steckt doch ein Körnchen Wahrheit! Nun denn, gute Nacht, meine Lebensretterin!
Aber er hielt noch immer meine Hand fest, und ich konnte sie,
nicht losmachen.
,Ich glaube, Frau Fairfax kommt, sagte ich in meiner Verlegenheit.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlummer mehr. Seine Worte
brausten mir in den Ohren - seine Blicke brannten vor meinem
geistigen Auge wie Feuer.
Ich fürchtete mich am andern Morgen fast davor, Herrn Rochester zu begegnen-- und doch konnte ich es nicht erwarten, ihn
zu sehen - seine Stimme zu hören - in seine Augen zu schauen.
Aber er erschien nicht. Die Dienstboten räumten in seinem Zimmer
auf und erzählten sich, der gnädige Herr habe bei einer Kerze gelesen und sei drüber eingeschlafen. - ,Was für ein Glück, daß er
noch rechtzeitig munter wurde und an den Wasserkrug dachte!
sagte Lea.
Als ich diese Worte hörte - ich ging gerade auf dem Korridor
vorbei - trat ich in die halb offene Tür und sah hinein. Es war
schon wieder alles in der alten Ordnung. Nur am Bett fehlten noch
die Vorhänge. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich außer
Lea noch Grace Poole im Zimmer erblickte! Sie saß neben, dem
Bett und nähte neue Gardinen an.
Sie saß ruhig und schweigsam da, als wenn nichts geschehen
wäre. Sie schien an nichts als an ihre Arbeit zu denken; auf ihrer
harten Stirn, in ihren groben, fast ausdruckslosen Zügen war keine
Spur von Erinnerung an die Vorgänge der verflossenen Nacht zu
entdecken. Und doch war ich überzeugt, daß sie es getan - und doch
war Herr Rochester ihr in ihren Schlupfwinkel gefolgt und hatte
sie doch sicherlich zur Rede gestellt! Sie mußte auch wissen, daß ich
von allem unterrichtet sei, sie mußte meinen Ruf vernommen und das
Oeffnen meiner Tür gehört haben.
,Guten Morgen, Fräulein, sagte sie in ihrer ruhigen, phlegmatischen Manier.
,Guten Morgen, Grace! Was ist denn hier geschehen?
fragte ich.
,Der Herr hat gestern abend im Bett gelesen und ist eingeschlafen, da fingen die Vorhänge Feuer; aber er hat es noch löschen
können, erzählte sie mir mit der größten Ruhe von der Welt.
,Seltsam!' antwortete ich leise und sah sie fest an. ,Hat Herr
Rochester niemanden geweckt? hat kein Mensch ein Geräusch gehört
-- das kann doch nicht ganz ohne allen Lärm abgegangen sein.
Sie blickte mir ins Gesicht, und diesmal war es mir, als läge
ein Ausdruck des Schuldbewußtseins in ihren Augen. - ,Sie wissen
Fräulein, erwiderte sie dann, ,die Dienstboten schlafen abseits.
Frau Fairfax ist schwerhörig. Und Sie scheinen ja auch nichts
hört zu haben, Ihre beiden Zimmer aber liegen noch am nächsten.
Oder haben Sie etwa doch was gehört?
,Ja, sagte ich ganz leise, so daß Lea, die die Fenster putte.
es nicht hören konnte. ,Erst glaubte ich, es sei der Hund, aber ein
Hund kann nicht lachen - und ein Lachen war's, was ich hörte -
ein recht absonderliches Lachen.
Sie fädelte einen neuen Faden ein und antwortete wieder mit
der größten Ruhe: ,das kann freilich auch der gnädige Herr nicht
gewesen sein, denn wer möchte wohl in solcher Gefahr lachen? Sie
müssen geträumt haben, Fräulein.
Ihre eiserne Ruhe brachte mich auf. Ich wollte sehen, wie weit
sie es noch treiben würde.
,Ich habe nicht geträumt, versetzte ich in eindringlichem Tone.
Sie sah mich ganz ruhig, aber forschend an.
,Haben Sie dem gnädigen Herrn etwas von diesem Lachen
erzählt? fragte sie.
,Ich habe ihn heute morgen noch nicht gesehen, erwiderte ich.
,Es ist hier jahrelang nichts passiert, sagte sie, weiternähend.
,Die Gegend ist sicher, und man hört nie von Diebsgesindel. Es
ist daher wohl nicht anzunehmen, daß ein Einbruch versucht worden
sei, obwohl in der Silberkammer für mehrere hundert Pfund
Silberzeug liegt. Sie sehen ja auch, der Herr unterhält nur wenig
Dienstpersonal hier. Dennoch wäre wohl größere Vorsicht angebracht.
Ich war starr über diese Frechheit und Heuchelei. Die Köchin
kam herein und rief die Dienstleute zum Mittagessen. Lea und
Grace Poole legten ihre Arbeit zur Seite und gingen hinaus.
Der rätselhafte Charakter dieser Näherin beschäftigte mich so
sehr, daß ich während des Mittagessens nur mit halbem Ohr hörte.
was Frau Fairfax mir über den vermeintlichen Vorhangbrand
zu erzählen hatte. Daß Herr Rochester diese Person nach einem
solchen Vorkommnis, da doch an ihrer Schuld kaum zu zweifeln
war, nicht sofort aus dem Hause jagte, war mir unbegreiflich. Welchen geheimnisvollen Anlaß hatte er, sie nicht der Behörde anzuzeigen? Weshalb hatte er auch mir befohlen, Verschwiegenheit zu
wahren? Was war ihm Grace Poole, daß dieser offenbar so
energische und selbstherrliche Edelmann es nicht wagte, ihr die
verdiente Strafe zukommen zu lassen? Ja, wenn sie jung und schön
gewesen wäre, dann hätte man noch Vermutungen über irgendwelche tiefer liegenden Gründe anstellen können - aber Grace Poole
war alt und grundhäßlich.
Adele kam herein und brachte mich von diesen Gedanken ab;
dennoch war ich nur halb bei der Sache.
Es wurde Abend, und ich bekam Herrn Rochester den ganzen
Tag nicht zu sehen. Zuerst hatte ich mich gefürchtet, ihm zu begegnen;
jetzt verdroß mich sein Fernbleiben. Bei jedem Schritt glaubte ich,
er müsse es sein, doch immer war es nur eine der Frauen. Auch
am Abend blieb ich allein mit Frau Fairfax.
,Es ist wunderschönes Wetter heute,' sagte sie, als sie das
Fenster schloß. ,Besser kann sich's Herr Rochester für seine Reise
nicht wünschen.
,So ist er verreist? rief ich in größerm Erstaunen, als ich
auszudrücken wünschte. ,Das wußte ich nicht.
,Ja, schon frühmorgens ist er aufgebrochen. Er besucht Herrn
Eshton, dessen Besitzung etwa zehn Meilen entfernt ist. Es ist große
Gesellschaft dort.
,Da wird er wohl heute abend nicht nach Hause kommen?
,Nein. Voraussichtlich bleibt er eine volle Woche weg. Wenn
diese Herrschaften zusammenkommen, vergnügen sie sich immer
mehrere Tage lang. Herr Rochester ist auch allgemein beliebt, namentlich die Damen finden ihn interessant.
,Sind dort jetzt auch Damen?
,Ich denke doch -- wenigstens pflegen sie bei solchen Gesellschaften nie zu fehlen. Frau Eshton selbst hat drei Töchter, und
dann wird Lady Ingram da sein, die hat zwei - Mary und Blanche,
die letztere ist eine berühmte Schönheit, etwa vierundzwanzig Jahre
alt, groß, mit vollem dunkelm Haar und strahlenden Augen, wie
eine Spanierin, wissen Sie.
,Und noch unverheiratet trotz ihrer Schönheit?
,Mein Gott, sie haben nicht viel Geld, die Ingrams.
,Es gibt doch aber viel Edelmänner, die selbst Geld genug haben
und keine reiche Frau zu nehmen brauchen. Herr Rochester selbst zum
Beispiel -
,Er ist schon fast vierzig, und sie erst vierundzwanzig, wie ich
eben sagte.
,Das ist doch noch kein allzu großer Unterschied, sagte ich, die
Augen niederschlagend.
,Schon wahr, aber ich glaube nicht, daß Herr Rochester an Heiraten denkt. Allein Sie essen ja gar nichts. Seit Sie sich an den
Teetisch gesetzt, haben Sie noch nichts zu sich genommen.
Ich zwang mich zu essen und zu trinken und verabschiedete mich,
sobald es tunlich war. Als ich allein war, dachte ich nach über das,
was ich gehört hatte. Ich bemühte mich ernstlich, meine Phantasie,
die sich während der letzten Stunden ins Land närrischer Wünsche
und Hoffnungen verirrt hatte, mit fester Hand in die stille Bahn
der Vernunft zurückzulenken. Und endlich vermochte ich mir selbst
die Ueberzeugung einzuflößen, daß ich eine Törin sei, wenn ich
glaubte, Herrn Rochester zu gefallen, daß ich mit Schönheiten wie
Blanche Ingram niemals wetteifern könne. Was mir Herr Rochester
in der verflossenen Nacht gesagt, dachte ich bei mir, das sei wohl nicht
auf die Goldwage zu legen. Er sprach in der Erregung des Augenblicks, im Ueberschwang einer natürlichen Dankbarkeit.
,Kein Weib tut gut daran, schloß ich meine Betrachtungen,
,sich von einem Höherstehenden schmeicheln zu lassen, wenn er unmöglich die Absicht haben kann, sie zu heiraten. Jede Frau begeht
eine Torheit, wenn sie eine heimliche Liebe nährt und überhandnehmen läßt, die unerwidert bleiben und ihr Leben verzehren muß.
Entschlage dich all solcher unsinnigen Ideen, die dir nicht zukommen.
Ich hielt Wort. Mein Entschluß blieb fest und machte es mir
möglich, ben Ereignissen, die nun folgten, mit großer Ruhe zu begegnen. Hätten sie mich unvorbereitet getroffen, so würde ich wahrscheinlich alle Fassung verloren haben.
Ein volles Haus.
Während einer vollen Woche blieben wir ohne Nachricht von
Herrn Rochester. Frau Fairfax rechnete schon damit, daß er vielleicht ein volles Jahr wegbleiben würde; denn schon oft habe er
Thornfield-Hall ohne jede vorherige Ankündigung ganz plötzlich und
auf sehr lange Zeit verlassen. Wider Willen hatte ich bei dieser Mitteilung das Gefühl, als wenn mein Herz stillstände; eine niederschmetternde Enttäuschung überkam mich. Ich raffte mich jedoch auf
und wiederholte mir, daß ich nichts weiter mit dem Besitzer von
Thornfield zu tun hätte, als das Gehalt von ihm anzunehmen, das
er mir für die Erziehung seines Mündels bewilligte. Ein weiteres
Band zwischen uns gäbe es nicht - wenigstens keins, das er anerkennen würde. ,Er ist nicht von deiner Art, drum bleibe bei deinesgleichen und hege zuviel Achtung vor dir selbst, um deine Liebe
dorthin zu wenden, wo sie nicht erwartet und, wenn bemerkt, verschmäht wird.
Vierzehn Tage waren verflossen, da erhielt Frau Fairfax einen
Brief von Herrn Rochester. Sie las ihn beim Kaffee; ich wartete voll
Spannung und zwang mich mühsam zur Ruhe. Die gute Dame las
das Schreiben für sich, faltete es sorgsam zusammen und steckte es
in die Tasche. Dann trank sie ihren Kaffee weiter. Es war das
erste Mal, daß sie nicht mitteilsam gelaunt war -- und ich verging
vor Ungeduld und Neugierde. Indem ich mich mit Adele beschäftigte,
warf ich, so oberflächlich wie möglich, die Frage hin: ,Will. Herr
Rochester denn nun so lange bleiben, wie Sie vermuteten?
,Nein, in drei Tagen kommt er wieder also Donnerstag
und zwar nicht allein. Ich weiß nicht, wie viele Gäste er mitbringt,
aber er schreibt, die besten Fremdenzimmer sollten sofort in Ordnung
gebracht werden. Die Damen werden mit ihren Kammerzofen, die
Herren mit ihren Dienern herkommen, und wir werden ein volles
Haus haben.
Sie beendete rasch ihre Mahlzeit und eilte fort, ihre Anordnungen zu treffen. Nun begann eine eifrige Tätigkeit, und wenn ich
bisher stets geglaubt hatte, in Thornfield-Hall seien alle Zimmer
in bestem Stande, so irrte ich mich, denn sie wurden nun so gründlich gesäubert, als wenn sie das ganze Jahr über nicht berührt worden
wären. Da wusch man Tapeten und Fußböden, Fenster und Oefen,
da polierte man die Möbel, die Spiegel, die Kronleuchter, da lüftete
man Betten, da klopfte man Teppiche und Polstersachen. Das ganze
Haus war im Aufruhr, und wo man ging und stand, begegnete man
Scheuerfrauen oder lief gegen volle Wassereimer, gegen Besen und
Klopfer an. In der Küche ging es bereits ebenso hoch her; da
wurden Kuchen und Kompotte bereitet, da wurde Wildbret gespickt,
da wurden Schüsseln und Töpfe gefüllt.
Das Empfangsdiner war auf Donnerstag sechs Uhr bestellt.
Auch ich beteiligte mich an der Arbeit und fand daher wenig Zeit.
meinen Gedanken nachzuhängen. Am Mittwoch abend war alles
fertig, die Gäste konnten einziehen. Adele war nun nicht mehr zu
halten; alle Schularbeit, alles Lernen ward vergessen, sie lief den
ganzen Donnerstag über treppauf und treppab, guckte in alle Zimmer und eilte oft hinaus in den Park, um nach den Wagen auszuschauen.
Es war ein schöner Märztag gewesen, dem ein warmer Abend
folgte. Wir hatten den Kutscher vor das Tor hinausgeschickt, um
Ausschau zu halten. Es war schon sechs Uhr vorüber, als er die
Meldung brachte, die Wagen seien in Sicht. Adele sprang ans
Fenster, und ich stellte mich behutsam hinter sie. Von meinem Play
aus konnte ich alles sehen, ohne selbst sichtbar zu sein.
Vier Reiter sprengten den Parkweg daher, zwei offene Wagen
folgten ihnen. Die vordersten zwei Reiter waren junge elegante
Herren, der dritte war ältlich und korpulent; der vierte war Herr
Rochester selbst. Ihm zur Seite ritt eine Dame, die einzige, die zu
Pferde war: ihr dunkelrotes Reitkostüm wehte im Winde, ein langer
Schleier umschwebte sie wie eine Wolke. Fröhliches Lachen erscholl
gleich darauf in der Halle; die tiefen Stimmen der Herren mischten
sich in die hellen Laute der Damen. Adele wollte durchaus hinunter
und den Gästen guten Abend sagen; nur mit Mühe konnte ich ihr begreiflich machen, daß sie das ohne Erlaubnis des Herrn Rochester
nicht tun dürfe. Sie weinte natürlich; da ich sie aber wegen ihrer
Ungeduld ernsthaft zurechtwies, beruhigte sie sich schließlich. Ich erzählte ihr nun Geschichten, und wir hörten in unserer Einsamkeit
nichts weiter als das Zuschlagen von Türen, das Klirren von Geschirr und hin und wieder undeutliche Stimmen. Sehr spät am
Abend erklang Musik aus dem Salon, eine Dame sang mit weicher,
süßer Stimme, und dann sang eine Männerstimme. Ich legte die
Hand auf mein Herz, das unwillkürlich höher schlug: denn ich erkannte Herrn Rochesters Stimme.
Adele lehnte den Kopf an meine Schulter und schlummerte ein.
Ich brachte sie zu Bett und blieb allein noch wach. Es war fast ein
Uhr, als die Herren und Damen sich auf ihre Zimmer begaben. Am
folgenden Tage unternahmen die Herrschaften eine Spazierfahrt;
von den Damen saß wieder nur die eine -- es war Blanche Ingram - zu Pferde, und Herr Rochester ritt abermals an ihrer
Seite. -
,Sie meinten, Herr Rochester dächte nicht daran, Fräulein Ingram zu heiraten,' sagte ich zu Frau Fairfax, ,Er zieht sie doch
sichtlich allen andern Damen vor.
,Nun, sie gefällt ihm eben, antwortete die gute Alte. ,Uebrigens können Sie sie heute abend auch einmal aus der Nähe betrachten. Ich sagte dem gnädigen Herrn, daß Adele den Damen vorgestellt zu werden wünschte, und er läßt Ihnen sagen, Sie möchten
die Kleine heute in den Salon führen.
,Das hat er wohl nur so aus Höflichkeit gesagt, erwiderte
ich. ,Sicherlich brauche ich nicht mitzukommen.
,Nein, nein, rief sie, ,ich sagte nämlich, Sie würden wohl nicht
gern vor einer so großen Gesellschaft erscheinen, aber er sagte ausdrücklich, es sei sein besonderer Wunsch, daß Sie Adele begleiten
möchten, und wenn Sie fernblieben, würde er Sie einfach holen.
Wissen Sie, wie Sie es machen müssen? Während die Herrschaften
noch bei Tische sind, gehn Sie in den Salon und suchen sich einen
stillen Winkel aus. Dann vermeiden Sie das peinliche Eintreten,
wenn alles schon dort ist. Wenn Herr Rochester nur gesehen hat,
daß Sie dort sind, so wird er zufrieden sein und Ihnen keine weiteren
Unannehmlichkeiten verursachen. Später können Sie dann die erste
Gelegenheit benützen hinauszuschlüpfen.
Diesen Rat befolgte ich. Adele und ich saßen nun schon ein
Weilchen in einer Ecke, während die Damen und Herren noch in
fröhlichem Geplauder im Speisezimmer weilten. Plötzlich wurde die
schwere Portiere zurückgezogen, das Innere des Eßzimmers wurde
sichtbar. Im hellen Schimmer der Kronleuchter sah ich auf einen
Augenblick die blendende, von silbernem Gerät funkelnde Tafel; dann
trat eine Gruppe von Damen in den Salon. Es waren ihrer acht -
in weißen Toiletten. Sie zerstreuten sich im Zimmer und lachten
und schwatzten laut durcheinander. Ich stand ein paarmal auf und
verneigte mich vor den Eintretenden; sie nahmen aber fast gar keine
Notiz von mir. Einige warfen sich auf die Polstersessel, einige neigten
sich über die Blumen oder blätterten in Büchern, die andern setzten
sich um den Kamin. Erst später lernte ich ihre Namen kennen.
Frau Eshton war eine ältliche, doch noch schöne Dame; sie hatte
zwei Töchter, Amy und Luise; die erstere war klein und fast kindlich
von Wesen, doch im Aeußern schon sehr entwickelt; die zweite war
groß und elegant. Dann war da Lady Lynn -- eine große, korpulente Person, mit Diamanten im dunklen Haar, beispiellos hochmütig. Weniger auffallend war Frau Oberst Denn, aber mir erschien sie eben darum vornehmer; ihr schlichtes Atlaskleid gefiel mir
besser als alle Diademe der stolzen Adeligen. Die drei hervorragendsten Damen aber waren Lady Ingram und ihre beiden Töchter Mary
und Blanche. Die Mutter mochte fünfzig Jahre alt sein, imponierte
aber noch immer durch ihre gut erhaltene Erscheinung; auch ihr Gesicht trug den Stempel eines übergroßen Dünkels. Die beiden Töchter waren groß und schlank, Mary ein wenig zu hager, Blanche aber
war eine königliche Gestalt. Sie hatte prachtvolle Schultern, einen
graziösen Hals, eine volle Brust, reiches dunkles Haar und große,
dunkle Augen. Sie hatte den etwas gelblichen Teint einer Südländerin bei einer Britin eine große Seltenheit. Aber ihre Schönheit
hatte nichts Erwärmendes; sie ließ den Beschauer kalt, und eine
innere Stimme sagte mir bei ihrem Anblick sogleich, Herr Rochester
könne diese Dame nicht lieben. Wenn er sie heiratete, so würde es
nur aus Standesrücksichten oder aus andern konventionellen Gründen geschehen, der Stimme seines Herzens folge er nicht dabei.
Als die Damen eingetreten waren, erhob sich Adele, trat vor sie
in, machte einen Knicks und sagte mit ihrer zierlichen Stimme:
,Guten Abend, meine Damen!
,Ach, was für ein niedliches Püppchen!r rief Fräulein Blanche.
,Vermutlich Herrn Rochesters Mündel,'' sagte Lady Lynn und
musterte sie von oben herab.
Frau Oberst Denn nahm sie bei der Hand und rief: ,Ein reizendes Kind!'
Die Damen nahmen sie schließlich in die Mitte, und sie wanderte nun von Hand zu Hand.
Dann traten die Herren ein. Die beiden Brüder Henry und
Frederick Lynn waren sehr elegante junge Stuter. Oberst Denn war
eine echt militärische Erscheinung. Herr Eshton, ein Magistratsbeamter, sah sehr vornehm aus, denn er hatte schneeweißes Haar und
einen noch ganz schwarzen Schnurrbart. Lord Ingram war ebenso
groß, doch nicht so schön wie seine Schwestern; er machte einen etwas
beschränkten Eindruck.
Nun sah ich auch Herrn Rochester wieder, und so sehr ich mich
auch bemühte, ihn ganz ruhig anzusehen, ich vermochte es nicht.
Mein Herz klopfte zum Zerspringen, meine Hände zitterten. Ich
dachte an jene Nacht zurück, wo er fast zärtlich zu mir geworden war.
Und wie fern stand er mir jetzt, wie fremd erschien er mir! Ich erwartete nicht einmal, daß er zu mir kommen würde, mich zu begrüßen. Er sah mich denn auch nicht an, sondern nahm sich einen
Stuhl und begann ein Gespräch mit ein paar Damen.
Als ich bemerkte, daß er keinen Blick für mich hatte, betrachtete
ich ihn mit Muße. Wie wohl tat es mir trot alledem, ihn wiederzusehen. Ich empfand daran eine köstliche, schmerzliche Freude. Wie
wahr ist es doch, daß die Schönheit im Auge des Beschauers liegt.
Das olivenfarbene Gesicht meines Brotherrn, seine hohe, eckige
Stirn, seine dicken, schwarzen Brauen, seine dunkeln Augen, sein
fester, strenger Mund, das alles war nach den Regeln der Schönheit
gewiß nicht schön; aber für mich war sein Gesicht mehr als schön. Ich
hatte mir vorgenommen, ihn nicht zu lieben; ich war bemüht, den
Keim einer solchen Neigung mir aus der Seele zu reißen - und doch
lebten alle Gefühle in mir wieder auf, nun ich ihn wiedersah! Je
mehr er mich ignorierte, um so mehr mußte ich ihn lieben.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die kecke Anmut
der Gebrüder Lynn, was die fade Eleganz Ingrams, die militärische
Schneidigkeit Dents gegen die ruhige, vollsäftige Kraft Rochesters.
Ich sah diese Herren lächeln und lachen: es kam mir vor wie das
Geklirr tönerner Schellen. Ich sah Rochester lächeln, und seine harten
Züge wurden weich, sein strenges Auge sanft, die Wärme seines Gefühls ging mir zu Herzen. ,Er ist aus anderm Stoff als diese
Gecken, dachte ich bei mir. ,Sie wissen den Zauber seiner Persönlichkeit nicht zu würdigen. Ich weiß, er ist durch die breite Kluft des
Ranges und Reichtums von mir geschieden, aber ich fühle mich doch
ihm wahlverwandt. Mein Geist hat etwas dem seinen Gleiches.
Wohl weiß ich, ich muß meine Gefühle verbergen und alle Hoffnung
töten. Er kann nur wenig Interesse für mich hegen. Aber wir haben
beide etwas miteinander gemein, wir sympathisieren in vielen Ansichten und Empfindungen. Wir sind wohl für ewig getrennt -
und doch werde ich ihn lieben müssen, solange ich lebe.
Man reichte den Kaffee herum. Eine anregende Unterhaltung
herrscht bei den verschiedenen Gruppen oder Paaren. Oberst Dent
plaudert mit Herrn Eshton über Politik: Lady Lynn und Lady Ingram erzählen sich einige interessante Klatschgeschichten. Frederick
Lynn sitzt neben Mary Ingram; sie betrachten eine Mappe voll
Kupferstiche. Lord Ingram hat sich zu Amy Eshton gesellt, deren
Lebhaftigkeit seinem Phlegma gefällt. Henry Lynn sitzt zu Füßen
Luisas und hat Adele zu sich gezogen. Nur Blanche Ingram steht
noch allein - aber nicht lange, dann tritt sie zwanglos zu Herrn Rochester, der - auch für sich allein - am Kamin lehnt.
aIch glaubte, Sie seien kein Kinderfreund, Herr Rochester?
sprach sie und setzte sich ihm gegenüber.
,Bin ich auch nicht.
,Aber Sie haben doch dieses Püppchen, die Adele, hier.
,Ist mir nun einmal aufgebündelt worden.
,Sie haben eine Erzieherin für sie engagiert. Wenigstens sah
ich eben eine Person, die so recht gouvernantenhaft ausschaute. Ist
sie nicht hier? Ja, dort am Fenster sitzt sie. Jenun, Sie müssen
ihr doch wohl Lohn zahlen und sie auch beköstigen, das kommt ungefähr ebenso teuer, als wenn Sie Adele in die Schule schickten. Und
Sie haben obendrein noch Kind und Gouvernante immer um sich,
was Ihnen gewiß lästig ist.
,Das habe ich freilich nicht bedacht.
,Ihr Männer seid meistens unbedacht. Sie müßten mal meine
Mama über das Kapitel der Gouvernanten fragen. Wir können ein
Liedchen davon singen und danken Gott täglich, daß wir jetzt davon
verschont sind. Doch genug davon! Es weilt eine Vertreterin dieser
Berufsgattung, dieser leibhaftigen Plage, hier im Zimmer, da wollen
wir nicht weiter darüber reden. Sind Sie heute bei Stimme, Herr
Rochester?
,Wenn Sie befehlen, werde ich es sein.
Fräulein Ingram setzte sich ans Klavier, ordnete den Faltenwurf ihrer schneeweißen Robe um sich her und begann, während sie
weiter plauderte, ein brillantes Vorspiel. Sie hatte ohne Zweifel
ihren guten Tag, denn ihre Worte wie ihre Gebärden erregten die
Bewunderung ihrer Zuhörer.
,Ach, über die jungen Männer von heute!' rief sie. ,Krank,
verzärtelt, mutlos sind sie alle. Sie wagen sich ohne Mamas Erlaubnis keinen Schritt über den elterlichen Park hinaus. Ihre ganze
Sorge ist, blasse Gesichter und weiße Hände zu behalten. Ein Mann
braucht gar nicht schön zu sein, wenn er nur ein rechter Mann ist,
meinen Sie nicht auch, Herr Rochester? Ein Mann braucht nur
Kraft, Mut, Tapferkeit zu besitzen. Sein Wahlspruch soll sein:
Kampf und Sieg! Singen Sie ein Kosarenlied, Herr Rochester, ich
begleite Sie.
,Wie Sie befehlen, lautete die Antwort, und ihr Partner begann zu singen.
,jetzt ist meine Zeit gekommen, mich davonzuschleichen,' dachte
ich, aber die Töne, die nun erklangen, hielten mich wider Willen zurück. Herr Rochester hatte einen weichen, vollen Baß, in welchem all
seine Gefühlstiefe zum Ausdruck kam. Ich wartete, bis der letzte
Ton verhallt war, und während der Beifall erscholl, erhob ich mich
und schlüpfte hinaus. Meine Sandale hatte sich gelöst, und ich setzte
den Fuß auf die Treppe, um sie wieder festzubinden. In diesem
Moment ging die Tür des Speisezimmers, ein Herr trat heraus.
Ich richtete mich rasch auf -- Herr Rochester stand vor mir.
,Wie geht's? fragte er.
.Gut, Herr.
,Weshalb sind Sie drinnen nicht zu mir gekommen?
Ich dachte, dieselbe Frage könnte ich an ihn richten, aber ich erlaubte mir das nicht, sondern erwiderte: ,Ich wollte nicht stören.
,Was haben Sie getan, während ich weg war?
,Adele unterrichtet, nichts weiter.
,Sie sind inzwischen sehr blaß geworden. Woher kommt das?
Haben Sie sich an jenem Abend erkältet?
,Nein, Herr. Augenblicklich bin ich müde.
, Und ein wenig traurig, nicht wahr? Was fehlt Ihnen denn?
,Gar nichts, Herr. Ich bin nicht traurig.
,Doch, doch, und zwar so traurig, daß Ihnen die Tränen kommen würden, wenn ich nur noch ein paar Worte spräche. Da schimmert schon eine -- da rollt sie die Wange hinab. Wenn ich nur Zeit
hätte und mich nicht vor diesen Klatschbasen von Dienstboten fürchtete, so würde ich bald ergründen, was das bedeutet. Für heute
abend sind Sie entschuldigt, aber verstehen Sie wohl, ich erwarte Sie
an jedem Abend im Salon. Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, vernachlässigen Sie ihn nicht. Schicken Sie Sophie nach Adele.
Er biß sich auf die Lippen und ging.
Ein neuer Gast.
Die Tage verstrichen für die Gäste und auch für mich sehr schnell.
Gs blieb das gleiche geräuschvolle, an Zerstreuungen reiche - Leben.
Selbst als Regenwetter einsetzte und die Gesellschaft sich auf das
Haus beschränken mußte, war kein Mangel an Vergnügungen. Es
wurde Karten gespielt, man trieb Gesellschaftsspiele, stellte lebende
Bilder, sang und musizierte, gab sich Rätsel auf, erzählte sich Anekdoten - kurz, nie kam man in Verlegenheit um Zeitvertreib. Einmal schlug einer der Herren vor, mich mitspielen zu lassen, aber
Blanche Ingram erhob lebhaft Einspruch, und zu meiner eigenen
Zufriedenheit blieb ich ausgeschlossen.
Ich hatte Herrn Rochester liebgewonnen, das fühlte ich immer
wieder an jedem dieser Tage, und ich ward nun auch inne, daß meine
Liebe die gleiche blieb, ja noch inniger wurde, je weniger er von mir
Notiz nahm, je mehr er mich an diesen Abenden vernachlässigte, je
offenbarer er Blanche Ingram mir und allen andern vorzog. Ja
ich war überzeugt, er würde Blanche binnen kurzem heiraten, und
auch dies tat meinen Gefühlen keinen Abbruch. Ich war stündlich
Zeugin seiner Huldigungen. Ich sah an ihrem Benehmen, wie völlig
sicher sie ihrer Sache war, und doch blieb meine Liebe am Leben.
Das kam daher, weil ich auf Blanche Ingram nicht eifersüchtig
sein konnte, weil ich klar erkannte, sie war des Herrn Rochester nicht
würdig. Sie stand bei all ihrer äußeren Schönheit und Eleganz
geistig tief unter ihm und auch unter mir. Ihre Seele, ihr Gemüt
waren armselig, ihr Herz war kalt und leer. Sie war ohne jede
eigene Meinung; was sie sprach, waren Phrasen, die sie irgendwo
aufgeschnappt oder aus Büchern entnommen hatte. Sie hatte etwas
Theatralisches an sich, aber wahres Gefühl besaß sie nicht. Ja oft
verriet sie ihre eigentliche Natur, indem sie in häßliche Schimpfworte
ausbrach.
Ich merkte auch, daß Rochester sich dieser Fehler seiner Braut
wohl bewußt war. Wenn er sie heiratete, so geschah es, weil die Beziehungen der Ingrams zur aristokratischen Welt ihm wertvoll.
waren. Seine Liebe ward ihr nicht zuteil, nein, eine solche Frau
konnte er nicht lieben! Wenn sie mit einem Schlage den Sieg errungen und ihn mit allen seinen Vorzügen sich zu eigen gemacht hätte,
dann würde ich verzichtet haben - ohne weiteres. Ich hätte mir das
Herz aus der Brust gerissen, ihre Ueberlegenheit anerkannt und gewiß auch nach schwerem Kampfe mit der Verzweiflung den Frieden
wiedergefunden. Wenn mich bei dieser Lage der Dinge etwas
schmerzte, so war es der Umstand, daß Herr Rochester überhaupt
daran denken konnte, aus Standesrücksichten eine solche kalte, berechnende Dame zur Gattin zu erwählen.
Mir sagte mein Herz, ich würde, wenn ich ein Mann wäre, nur
das Weib heiraten, das ich liebte; aber ich leugnete dennoch nicht, daß
es äußerliche Beweggründe geben könne, die einem Manne eine
andereWahl vorteilhafter erscheinen lassen könnten. Ueberhaupt wurde
ich in diesen Fragen allmählich sehr nachsichtig in der Beurteilung
Rochesters. Ich übersah alle seine Fehler, ich sah keine schlechten
Eigenschaften mehr an ihm. Der herbe Sarkasmus, der mir einst
abstoßend erschienen war, die Strenge, die mich zuerst einschüchterte,
dünkten mich jetzt wie die Würze eines seltenen Gerichts, das ohne sie
fade gewesen wäre.
Eines Tages fehlte Herr Rochester in der Gesellschaft; wie langweilig erschien mir alles! Der Nachmittag war regnerisch. Die
Herren und Damen wollten eine Zigeunerbande besuchen, die in der
Nähe von Hay ihr Lager aufgesucht hatte; aber das schlechte Wetter
gestattete keine Ausfahrt. So vertrieb man sich die Zeit, so gut es
gehen mochte. Kurz vor der Dinerstunde fuhr ein Wagen in den Hof.
,Was fällt Herrn Rochester ein, in dieser Weise zurückzukommen? rief Blanche in geringschätzigem Tone und eilte ans Fenster.
,Fürchtet auch er sich gleich vor dem Regen, daß er sich nicht getraut.
zu Pferde zurückzukommen, wie er fortgegangen? Und wo hat er
seinen Hund gelassen?
Die Glocke erklang, das Portal wurde geöffnet, und wenige
Augenblicke später trat ein fremder Herr, ein junger, sehr elegant
aussehender Mann, ins Zimmer. Er verneigte sich tief vor Lady
Ingram, die er wahrscheinlich für die älteste und vornehmste unter
den Damen hielt.
,Ich komme wohl zu unpassender Zeit, sprach er. ,Mein
Freund Rochester ist, wie ich höre, nicht zu Hause. Aber ich habe eine
sehr lange, anstrengende Reise hinter mir und darf mich im Vertrauen auf meine alte Freundschaft hier niederlassen, bis er
eintrifft.
Er sprach mit etwas fremdländischem Akzent und mochte
zwischen dreißig und vierzig Jahren sein. Auf den ersten Blick erschien er sehr schön, doch bei genauerem Hinschauen sah man, daß
seine Farbe fahl, seine großen Augen ausdruckslos waren. Frau
Fairfax ließ dem Herrn ein Zimmer anweisen, und nachdem er Toilette gemacht hatte, mischte er sich ungeniert unter die Gesellschaft, und
wie ich sah, fanden die Damen allgemein Gefallen an ihm, rühmten
seine ausgesuchte Höflichkeit und schwärmten von seinen großen
Augen und seinem ,fabelhaft kleinen' Munde. Sein Name war
Mason. Er erzählte viel von Jamaika, von Kingston, von Westindien. Ich hatte wohl gehört, daß Herr Rochester weit herumgekomkommen sei, doch hatte ich nicht vermutet, daß seine Reisen ihn in
so ferne Weltteile geführt hätten. Indem ich den Fremden betrachtete, wunderte ist mich ebenso darüber, daß Rochester einen solchen
Mann zum Freunde haben konnte, wie darüber, daß er eine Blanche
Ingram zur Braut erwählte.
Während die Damen und Herren in frohem Geplauder beisammen saßen, näherte sich plötzlich einer der Diener Herrn Eshton, dem
Magistratsbeamten, und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr:
,Sagen Sie der Person,' antwortete dieser laut, ,sie wird eingesperrt, wenn sie nicht gleich ihrer Wege geht.
Oberst Dent hatte die Worte des Dieners gehört und rief:
,Nicht doch, Eshton Es ist heute so wie so ein wenig langweilig.
Da sollten wir uns diese Kurzweil nicht entgehen lassen. Fragen wir
erst mal die Damenl? Und laut fuhr er fort: ,Meine Damen, wir
konnten heute nicht in das Zigeunerlager fahren. Nun ist eine-
Zigeunerin hierher gekommen und bittet, vorgelassen zu werden, um
den Herrschaften ihre Künste zu zeigen. Wollen Sie das Weib
sehen?
,Welche Zumutung! rief Lady Ingram. ,Was fällt Ihnen
ein, Oberst? Fort mit ihr!
,Sie will aber unter keinen Umständen gehen, erklärte der
Diener. ,Frau Fairfax ist bei ihr und bestürmt sie umsonst, das -
Haus zu verlassen. Sie hat sich einfach in die Ofenecke gesetzt und
will durchaus den Damen wahrsagen.
,Wahrsagen? Wahrsagen? riefen verschiedene. ,Wie reizend! -
Wie sieht sie denn aus?
,Schwarz wie ein alter Rabe, antwortete der Diener. ,Ich
glaube, sie ist eine richtige Hexe.
,Das wäre ja äußerst interessant!' riefen die Brüder Lynn.
,Hereinlassen!
,Meine Herren Söhne, was fällt euch ein? rief Lady Lynn
dagegen.
Blanche Ingram entschied schließlich den Streit.
,Ich möchte mir wahrsagen lassen,' erklärte sie. ,Sam, wandte
sie sich an den Diener, ,schicken Sie die Frau zu mir.
,Aber mein Liebling! schrie Lady Ingram entsetzt.
,Still, Mama, war die hochmütige Antwort, ,ich wünsche es!
,Das Weib sieht aber so schrecklich schmutzig aus, meinte der
Diener.
,Haben Sie gehört?' herrschte Fräulein Ingram ihn an, und
der Mann ging.
Nach wenigen Augenblicken kam er wieder und berichtete: ,Sie
will jetzt gar nicht mehr hereinkommen, sondern sagt, die Damen, die
die Zukunft wissen möchten, sollten zu ihr kommen. Man sollte ihr
zu diesem Zwecke irgendein Zimmer anweisen.
,So führen Sie sie ins Bibliothekzimmer, Sam, sagte Fräulein Ingram in einem Tone, als wenn sie schon auf Thornfield-Hall
als Herrin zu schalten hätte. ,Ich bin gleich bei ihr.
,Es wird wohl besser sein, wenn erst einer der Herren sie sich
ansieht,r meinte Oberst Dent, ,deshalb warten Sie, Fräulein, bis
ich ---
,Mit den Herren will sie nichts zu tun haben, erklärte Sam,
,das hat sie schon vorhin gesagt, Nur Damen sollen zu ihr kommen.
,Ich gehe zuerst, rief Blanche feierlich, als gälte es, beim
Sturme auf eine feindliche Festung eine Bresche zu schlagen.
,Meine reine Lilie, bedenke, was du tust!' rief ihre Mutter
aber Blanche rauschte in stolzem Schweigen an ihr vorbei.
Lady Ingram rang die Hände. Mary erklärte, sie hätte nicht
den Mut gehabt, zuerst zu so einer Barbarin zu gehen; Luisa und
Amy Eshton kicherten leise. Man wartete in höchster Spannung
auf Blanches Rückkehr. Sie blieb etwa eine Viertelstunde, dann kam
sie wieder. Sie war blaß, doch ganz ruhig und setzte sich auf ihren
früheren Play, ohne ein Wort zu sprechen.
,Na, wie war's denn, Blanche? rief ihr Bruder.
aJa, was hat sie denn gesagt?' setzte Mary hinzu.
,Ist sie wirklich eine Wahrsagerin? fragten die Geschwister
Eshton.
,Bestürmen Sie mich doch nicht so!' versetzte Blanche ungehalten. ,Sie scheinen alle sehr leichtgläubig zu sein. Es ist selbstverständlich barer Unsinn, was solch eine Zigeunerin sagt. Woher sollte
sie etwas von der Zukunft wissen? Woher sollte sie Sehergabe besitzen? Sie hat mir die ähnlichen Phrasen vorgeschwatzt. Das Beste
wäre in der Tat, Herr Eshton ließe sie, wie er zuerst sagte, einsperren. Weiter habe ich über die Sache nichts zu sagen.
Sie nahm ein Buch zur Hand, lehnte sich in den Sessel zurück
und ließ den andern keinen Zweifel, daß sie nicht mehr mit Fragen
behelligt zu werden wünschte. Sie schlug indessen kein Blatt in dem
Buche um, ihr Gesicht wurde mit jedem Augenblick finsterer; offenbar hatte sie nichts Angenehmes gehört und legte den ihr gemachten
Enthüllungen doch mehr Wichtigkeit bei, als sie behauptete.
Mary Ingram und die Geschwister Eshton hatten nicht den Mut,
einzeln zu gehen, und erschienen daher zusammen vor der Zigeunerin. Man hörte Kichern und Schreien, und nach zehn Minuten
etwa kamen die drei Damen, wie zu Tode erschrocken, hereingestürzt.
,O, was sie uns gesagt hat!' rief Amy Eshton. ,Das geht nicht
mit rechten Dingen zu!' Sie weiß ja alles.
,Ja,' bestätigte ihre Schwester, ,was wir als Kinder gesagt und
getrieben, was für Bücher wir am liebsten gelesen, was für Andenken
wir uns aufgehoben, das alles hat sie uns gesagt.
,Und dann auch, setzte Mary Ingram hinzu, ,was wir uns am
sehnlichsten wünschen.
,Ach was, ach was? riefen mehrere Herren. ,Darf man das
nun auch erfahren?
Der Diener trat von neuem herein.
,Ich bitte um Entschuldigung, sagte er, ,die Zigeunerin behauptet, es sei noch eine junge unverheiratete Dame hier, die noch nicht
bei ihr gewesen sei. Sie schwört, sie wolle nicht weggehen, ehe sie
nicht auch dieser Dame wahrgesagt hätte. Sie kann nur Fräulein
Eyre damit meinen - weiter ist doch niemand hier. Was soll ich
ihr sagen?
,Natürlich gehe ich, war meine Antwort.
Im Bibliothekzimmer sah es so harmlos aus wie sonst, und die
Zauberin - wenn es eine solche war - saß ganz ruhig in einem
Lehnstuhl am Kamin. Sie hatte einen roten Mantel und einen
schwarzen Hut, dessen breiter Rand den oberen Teil des Gesichts
beschattete, während der untere durch ein dickes Umschlagetuch verhüllt war. In ihrer Erscheinung lag nichts Auffallendes. Ihre
Hautfarbe war braun, fast schwarz, ihre Augen groß und dunkel.
,Sie wollen sich also auch wahrsagen lassen? fragte sie.
,Es liegt mir nicht viel daran, Mütterchen, antwortete ich.
,Tun Sie es immerhin. Nur eins sage ich Ihnen: ich werde nicht
daran glauben.
,Ich habe es nicht anders von Ihnen erwartet, versetzte sie. ,Ich
wußte vorher, daß Sie so frech antworten würden. Ich hörte es an
dem Schritt, mit dem Sie hereinkamen.'
,Dann haben Sie ein sehr scharfes Ohr.
,Ja, und auch ein scharfes Auge und ein noch schärferes Gehirn.
,Das alles brauchen Sie ja auch zu Ihrem Gewerbe.
,Gewiß, besonders wenn ich mit solchen Kunden zu tun habe,
wie Sie sind. Weshalb zittern Sie gar nicht ein bißchen?
,Weil mich nicht friert.
,Weshalb werden Sie nicht ein bißchen blaß?
,Weil ich nicht krank bin.
,Weshalb verlangen Sie von mir keine Probe meiner Kunst?
,Weil ich nicht so albern bin.
Sie kicherte leise in sich hinein, zog eine kleine schwarze Pfeife
hervor und begann zu rauchen. Dann sprach sie in einem Tone, als
wenn sie jedes Wort abwöge: ,Und es friert Sie doch, Sie fühlen
sich doch krank, Sie sind doch albern. Mit wenigen Worten will ich
Ihnen das beweisen,' setzte sie hinzu, als ich den Kopf schüttelte.
,Es friert Sie, weil Sie sich einsam fühlen; ein Feuer glimmt in
Ihnen, aber es fehlt der warme Hauch von außen her, es anzufachen.
Sie fühlen sich krank, weil Sie fürchten, das reinste, süßeste, höchste
Gefühl, das der Menschenbrust bescheert ist, müsse Ihnen versagt
bleiben. Und albern sind Sie, weil Sie ihm kein Zeichen geben, sich
Ihnen zu nähern, weil Sie, so sehr Sie auch leiden, ihm nicht entgegengehen wollen.
,Was Sie da sagen, antwortete ich, ,würde ebensogut auf
jede andere passen, die ein einsames Leben führt und in abhängiger Stellung ist.
,Auf jede, die so lebt wie Sie, gewiß. Aber finden Sie erst mal
eine, die noch ebenso lebt.
,Es wäre ein leichtes, ihrer tausend zu finden.
,Es würde Ihnen schwerfallen, auch nur eine zu finden. Hören
Sie mich an: Sie stehen dem Glücke ganz nahe, Sie brauchen nur
die Hand auszustrecken. Alles ist vorbereitet, es bedarf nur einer
Kleinigkeit Ihrerseits, so ist es erreicht.
,Auf Rätsel verstehe ich mich schlecht.
aZeigen Sie Ihre Hand, so werde ich deutlicher sprechen.
,Da muß ich doch die Fläche erst mit Silber bedecken?
,Selbstverständlich.
Ich gab ihr einen Schilling, den sie in die Tasche steckte. Dann
hieß sie mich die Hand ausstrecken und betrachtete die Innenseite
lange, ohne sie zu berühren.
,Eine zarte Hand, ohne Linien - da kann ich nichts daraus
lesen. Außerdem, was kann eine Hand sagen? Das Schicksal steht
nicht darin.r
,Das glaube ich Ihnen gern.
,Bei Ihnen steht's im Gesicht geschrieben, fuhr sie fort, ,auf -
der Stirn, um die Augen, um den Mund herum. Knien Sie mal
nieder und sehen Sie zu mir auf.
Ich tat es, und sie schürte die verglimmenden Kohlen, daß sie
noch einmal heller aufglühten.
,Ich möchte wohl wissen, wie Ihnen zumute ist, wenn Sie so
in dem großen, prachtvollen Salon sitzen und die Herren und Damen
sich vergnügen sehen. Zwischen Ihnen und diesen Herrschaften besteht doch keine Gemeinschaft.
,Wie mir zumute ist? Oft bin ich des ganzen Treibens müde,
oft würde ich lieber im Bett liegen und schlafen, manchmal bin ich
auch traurig.
,Da haben wir'S. Also nähren Sie doch eine geheime
Hoffnung.
,Gar keine; es sei denn die, mir mit der Zeit soviel Geld zu
sparen, daß ich mir mal ein Häuschen kaufen und darin meine Tage
beschließen könnte.
,Das ist wenig. Beschäftigt denn niemand aus dieser glänzenden Gesellschaft Sie ein wenig näher? Machen Sie keinen Unterschied mit einem unter ihnen und auch mit einer Dame? Wenn Sie
nun so mitansehen, wie eine schöne junge Dame einem gewissen
Herrn den Hof macht einem Herrn, den Sie -
,Nun was denn?
,Den Sie kennen und dem Sie vielleicht gut sind -!
,Ich kenne die Herren nicht, die hier im Hause weilen. Ich
halte sie im allgemeinen für respektabel, einige aber sind ganz Luft
für mich.
,Wollen Sie das vielleicht auch von dem Herrn des Hauses behaupten?
,Er ist nicht zu Hause.
,Aber doch nur auf kurze Stunden.
,Was hat indessen Herr Rochester mit Ihrer Wahrsagerei zu
tun?
,Nun, er ist es, der von einer jungen und schönen Dame umworben wird- der diese Werbung offenkundig erwidert - haben
Sie nicht den Ausdruck der Liebe in seinen Zügen gelesen denken
Sie nicht an seine nahe bevorstehende Heirat denken Sie nicht an
das Glück, das seiner Gattin lächelt?
Die seltsame Manier dieser Fremden begann mich in eine Art
Traumzustand zu versetzen. Immer neue unerwartete Worte kamen
von ihren Lippen, sie schien das geheime Fühlen meines Herzens,
die Gedanken der letzten Zeit ausgekundschaftet zu haben, und ich sah
mich einem Rätsel gegenüber, das mich bei aller skeptischen Ruhe
mehr und mehr in Erstaunen setzte.
,Was kümmert Sie das alles? rief ich. ,Ich kam hierher,
um von Ihnen etwas zu hören, nicht um Ihnen zu beichten. Ist es
denn so allgemein bekannt, daß Herr Rochester sich verheiraten will?
,Ja, mit der schönen Blanche Ingram.
In kurzem?
,Man vermutet, ja. Es wird ein glückliches Paar werden, obgleich Sie mit beinahe sträflicher Kühnheit daran zweifeln. Sollte
er eine so schöne, elegante Dame nicht lieben? und wahrscheinlich
liebt sie ihn doch auch - wenn nicht seine Person, so doch seinen
Geldbeutel. Allerdings habe ich ihr selber vorhin Dinge gesagt, die
sie sehr ernst gestimmt haben. Ihr Anbeter muß sich vorsehen.
Wenn ein anderer mit noch größerem Einkommen auftritt, dann
läßt sie ihn am Ende doch noch laufen.
,Ich will von Ihnen doch nicht Herrn Rochesters, sondern meine
eigene Zukunft wissen,' unterbrach ich sie. ,Davon haben Sie mir
noch nicht eine Silbe gesagt.
,Ihre Zukunft ist noch ganz unsicher. Ein gewisses Maß
von Glück ist Ihnen bestimmt. Es hängt, wie ich sagte, nur von
Ihnen ab, die Hand auszustrecken und es zu ergreifen. - Lassen Sie
mich Ihr Antlitz prüfen! Das Auge ist weich, sanft, gefühlvoll. Jetzt
liegt Schwermut und Trauer darin. Der Mund möchte gern lachen,
aber er kann es jetzt nicht. Er spricht auch gern offen aus, was das
Hirn denkt, aber was das Herz fühlt, das verschweigt er meistens.
Es ist ein Mund, der oft und viel lächeln sollte, der viel von der
Zuneigung zu dem Manne sprechen sollte, dem er zulächelt, zu dem
er redet. Auge und Mund deuten auf einen guten Ausgang der vor
Ihnen liegenden Schwierigkeiten- aber die Stirn! Sie scheint zu
sagen: Ich komme für mich allein zurecht. Ich kann auch einsam
leben, wenn meine Selbstachtung es erfordert. Ich brauche meine
Seele nicht zu verkaufen, um mir ein Glück zu sichern, das mich dann
doch nicht glücklich machen würde. Ich besitze einen Schatz im Innern,
der mir bei der Geburt zuteil ward und der mir erhalten bleibt, wenn
das Glück mich auch meidet. Meine Vernunft wird ihre feste Bahn
nicht verlassen, sie wird die Macht über meine Gefühle nicht verlieren. Die Leidenschaften mögen toben, die Wünsche mögen hoch-
streben, die Vernunft wird doch das letzte Wort behalten - die Vernunft und das Gewissen. Gut gesprochen, Stirn! Und was du
sprichst, soll beherzigt werden. Mein Entschluß ist gefaßt, und ich
glaube, es ist ein ehrlicher, gerechter Entschluß. Ich habe dabei auf
die Stimme der Vernunft und des Gewissens gehört. Ich weiß.
Jugend und Schönheit schwinden schnell, und noch von geringerm
Bestand sind sie, wenn in dem Kelche, den das Glück uns bietet, auch
nur ein Tröpflein Gewissensqual enthalten ist. Ich will kein Opfer.
keinen Kummer, keine Zerstörung, ich will wohltun und erhalten, ich
will. Dankbarkeit ernten; ich will. nicht einmal salzige Tränen entlocken, geschweige denn blutige. Lächeln, Liebkosungen, süße Worte.
das ist's, wonach mich verlangt. Genug! genug! Ich würde gern
diesen Augenblick bis in die Gegenwart ausdehnen, aber es ist mir
nicht vergönnt. Bis hierher habe ich mich beherrschen können, habe
ich gehandelt, wie ich mir feierlich gelobt hatte. Aber was nun
kommt, geht über meine Kräfte - -
Stehen Sie auf, Fräulein Eyre, der Mummenschanz ist zu
Ende!
Ich wußte nicht, ob ich wachte oder träumte. Die Stimme der
Zigeunerin hatte sich verändert ihre Sprache, ihre Bewegungen
waren mir mit einmal wohlbekannt, ich stand auf und sah sie an.
Sie zog den Hut noch tiefer ins Gesicht, aber mein Auge fiel auf
ihre Hand. Das war nicht die verschrumpfte, welke Hand einer
Greisin, sie war vielmehr voll und kräftig. Es war auch nicht die
Hand einer Bettlerin, denn ein Diamantring blitzte daran. Ich
beugte mich vor und erkannte die apart gefaßten Steine, und als
ich zu dem Gesicht aufblickte, hatte sie das Umschlagtuch weggezogen,
den Hut abgelegt.
,Nun, Johanna, erkennen Sie mich? fragte die wohlbekannte,
mir so teure Stimme. Und Herr Rochester stand vor mir.
,Welch ein sonderbarer Einfall von Ihnen!r rief ich aus.
,Aber die Verkleidung war doch echt, wie? Und ich habe meine
Rolle auch leidlich gespielt.
,Den Damen gegenüber, ja.
, Und Ihnen gegenüber nicht?
,Sie haben vor mir nicht den Charakter der Zigeunerin innegehalten.
,Welchen denn? meinen eigenen?
,Auch nicht. Einen mir unverständlichen. Sie wollten mir
etwas entlocken. Sie redeten Unsinn und dachten, ich würde mich
dadurch verleiten lassen, auch Unsinn zu reden. Das war nicht schön
von Ihnen.
,Verzeihen Sie mir, Johanna. Das können Sie getrost, denn
Sie haben ganz korrekt gehandelt und kein unüberlegtes Wort gesprochen.
Ich sann darüber nach und freute mich, daß dies wirklich der
Fall war. An eine Verkleidung hatte ich von Anfang an gedacht.
weil mir die verstellte Stimme des Weibes auffiel und sie auch anders
sprach, als berufsmäßige Wahrsagerinnen zu tun pflegen. Aber ich
hatte in ihr die rätselhafte Grace Poole vermutet, keineswegs aber
Herrn Rochester selbst.
,Wie denken Sie nun über mich? Was bedeutet dies schwermütige Lächeln?
,Verwunderung, Herr. Erlauben Sie mir nun, bitte, zu gehen?
,Nein, ein Weilchen noch! Erzählen Sie mir, was man im
Salon über die Zigeunerin sprach.
,Es ist bereits elf Uhr, Herr Rochester, ich darf nicht so lange
hier verweilen. Doch ehe ich es vergesse, es ist ja ein fremder Herr
angekommen, der Sie sprechen will.
,Wer mag das sein? Ich erwarte niemand. Ist er wieder
fort?'
,Nein, er ist bei den andern. Er sagte, er sei seit vielen Jahren
mit Ihnen befreundet. Sein Name ist Mason; er kommt aus Jamaika
Herr Rochester taumelte und packte meinen Arm, um sich festzuhalten. Es war, als habe er einen heftigen Schlag erhalten.
,Mason! stieß er hervor. Und dreimal wiederholte er den
Namen und wurde totenbleich. ,O, das ist bitter, das ist entsetzlich!
murmelte er. ,Johanna, ich muß mich auf Sie stützen.
Schwer ließ er sich dann wieder in den Stuhl fallen, nahm meine
Hand, streichelte sie wie geistesabwesend und flüsterte, als wenn ihn
jemand hören könnte: ,O, meine kleine Freundin, ich wünschte, ich
wäre mit Ihnen auf einer einsamen, stillen Insel, wo Kummer und
Angst uns fernblieben.
,Herr Rochester, was ist Ihnen? Kann ich Ihnen helfen? Ich
würde mit Freuden mein Leben hingeben, wenn ich Ihnen damit
nützen könnte.
,Johanna, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei niemand
anders suchen als bei Ihnen. Das kann ich Ihnen versprechen.
,Ich danke Ihnen, Herr Rochester. Sagen Sie, was ich tun soll
am besten Willen soll es nicht fehlen.
,Gut, Johanna, holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisesaal. Man wird jetzt beim Souper sein. Sagen Sie mir dann, ob
Mason bei ihnen ist und was er treibt.
Ich ging. Die Herrschaften waren beim Abendessen- doch
saßen sie nicht bei Tische, denn das Souper war auf dem Anrichtetische serviert, und jeder nahm sich, worauf er Appetit hatte. So
saßen sie zwanglos umher und hatten Gläser und Teller in der Hand.
Alle schienen wieder in vergnügter Stimmung zu sein. Herr Mason
unterhielt sich mit Oberst Dent. Er schien sogar der fröhlichste von
allen. Ich schenkte, kaum beachtet, ein Glas Tokayer ein und kehrte
in die Bibliothek zurück.
Herr Rochester hatte anscheinend seine frühere Ruhe und Energie wiedererlangt. Er trank das Glas aus mit den Worten: ,Auf
dein Wohl, hilfreiche Fee! Was geht nun dort drüben vor?
,Sie lachen und unterhalten sich.
,Machen sie nicht ernste Gesichter, als hätten sie eben etwas
höchst Sonderbares vernommen?
,Nein, im Gegenteil. Es geht sehr lustig her.
,Und Mason?
,Der lacht mit.
,Johanna, was würden Sie tun, wenn diese Leute jetzt herkämen und mich anspieen?
,Ich würde ihnen allen die Tür weisen.'
,Wenn sie aber untereinander flüsterten, mich kalt ansähen und
dann einer nach dem andern mein Haus verließen, würden Sie dann
auch gehen, Johanna?
,Ich würde glücklich sein, wenn ich allein bei Ihnen bleiben
dürfte, um Sie zu trösten, so gut ich es könnte.
,Und wenn man Sie in Acht und Bann täte, weil Sie bei mir
geblieben?
,Das würde mich wenig kümmern.
,Sie würden es also wagen, meinetwegen der öffentlichen Meinung zu trotzen?
, Um jedes Freundes willen, der Treue verdient, und das würden Sie auch tun, Herr Rochester, davon bin ich überzeugt.
,Gehen Sie ins Gesellschaftszimmer zurück, flüstern Sie Herrn
Mason unbemerkt ins Ohr, Herr Rochester sei zurückgekehrt und
wünsche mit ihm zu sprechen. Dann führen Sie ihn hierher und
lassen uns beide allein.
sprechen, hereinkam und an Herrn Masons Stuhl trat. Er folgte
mir sogleich. Vor der Tür des Bibliothekzimmers, die ich ihm
öffnete, ließ ich ihn allein und ging auf mein Zimmer.
Es war spät in der Nacht, und ich hatte mich schon niedergelegt,
als die Gäste ihre Stuben aufsuchten. Ich erkannte Herrn Rochesters
Stimme und hörte ihn sagen: ,Dies hier ist dein Zimmer, Mason.
Der Ton, in dem er dies sprach, war fröhlich und frei von aller
Schwermut. Beruhigt schlief ich ein.
Seltsame Dinge.
Ganz gegen meine Gewohnheit hatte ich vergessen, die Vorhänge zuzuziehen und die Fensterläden zu schließen. Daher weckte
mich der strahlende Vollmond, als er auf seiner stillen Fahrt durch
den Himmelsraum hochgestiegen war, um in mein Zimmer hineinzuscheinen. Ich stand auf, um die Vorhänge zu schließen.
Da -- welch ein Schrei! Ein Schrei zerriß die nächtliche Ruhe
und gellte durch ganz Thornfield-Hall.
Mein Herz stand still, meine Pulse stockten. Der Schrei verklang, es blieb still. Und in der Tat, es war ein Schrei, den man
nur einmal ausstoßen kann. Doch plötzlich - mir zu Häupten -
ein Geräusch, als rängen zwei Menschen miteinander ein tödlicher
Kampf -- dann wieder der Schrei einer halberstickten Stimme:
,Hilfe! Hilfe! Hilfe! Dreimal hintereinander. Das Ringen und
Stampfen, das Stoßen und das Würgen dauerte fort, dann erklang
es ganz deutlich: ,Rochester, Rochester, komm mir zu Hilfe, um
Gotteswillenl?
Eine Tür flog auf, jemand stürzte, wie von Furien gejagt, durch
den Korridor. Neben meinem Kopfe stampfte es noch weiter -
dann ein schwerer Fall dann tiefe Stille.
Ich hatte mir rasch ein Kleid übergeworfen, und obwohl ich am
ganzen Leibe zitterte, trat ich hinaus. Alles war auf den Beinen.
Aus allen Zimmern erklangen die Stimmen, eine Tür nach der
andern wurde geöffnet, ein Gesicht nach dem andern kam zum Vorschein. Der Korridor füllte sich mit entsetzten, furchtsamen Menschen, die durcheinander schrien und fragten, was denn geschehen sei.
,Wo ist Rochester? rief Oberst Dent. ,Er ist nicht mehr in
seinem Bette.
,Hier!'' antwortete eine andere Stimme. ,Beruhigen Sie sich
doch, ich komme sofort.
Die Tür am Ende des Korridors öffnete sich, und Herr Rochester erschien mit einer brennenden Kerze. Er kam aus dem dritten Stockwerk herunter, Blanche Ingram eilte ihm entgegen und
erfaßte seinen Arm.
,Was ist geschehen? rief sie. ,Sprechen Sie! Lassen Sie es
uns wissen, sei es auch das Schrecklichste.
Gleichzeitig hängten sich die Geschwister Eshton an ihn, und die
beiden verwitweten Damen kamen majestätisch wie Dreimaster bei
vollem Winde auf ihn zugesegelt.
,Reißen Sie mich doch nicht zu Boden! rief Herr Rochester.
,Nur Ruhe! Es ist alles schon wieder gut. Bloß ne Generalprobe
zu: Viel Lärm um nichts. Das ist alles. Lassen Sie mich los,
meine Damen, sonst werde ich wild.
Und wild sah er tatsächlich aus. Seine Augen glühten, seine
Lippen bebten. Sich gewaltsam bezwingend, fuhr er fort:
,Ein Dienstmädchen hat Alpdrücken bekommen - hat ihren
schweren Traum für Wirklichkeit gehalten und Zetermordio geschrien. Meine Damen und Herren, Sie können sich beruhigen und getrost in Ihre Zimmer zurückkehren. Ja ich muß sogar dringend
darum bitten. Fräulein Ingram, gehen Sie den andern mit gutem
Beispiel voran; ich bin überzeugt, Sie werden zeigen, daß Sie über
solch einen kleinen Schreckschuß erhaben sind. Meine Damen, wandte
er sich an die Witwen, ,Sie werden sich erkälten, wenn Sie noch
länger auf dem feuchten Korridor verweilen.
Während er abwechselnd befahl und gut zuredete, gelang es ihm. ,
alle Gäste in ihre Gemächer zurückzudrängen. Auch ich ging wieder
Rochesters Erklärung hätte beruhigen können. Ich kleidete mich
deshalb fertig an, um für alle Fälle bei der Hand zu sein, falls
mein Brotherr meiner bedürfen sollte. Ich setzte mich an's Fenster,
sah in die Mondnacht hinaus und wartete - ich weiß nicht, worauf
-- doch war mir, als müßte auf solch einen Schreckensschrei irgendein
Ereignis folgen.
Doch überall herrschte nun Ruhe und Friede. Allmählich verstummten alle Geräusche. Der Schlaf schien wieder ungestört das -
Zepter in Thornfield-Hall zu führen. Der Mond ging unter, und
ich beschloß nun, mich angekleidet ins Bett zu legen. Da klopfte es
leise an die Tür.
,Wer ist da? fragte ich.
,Sind Sie noch wach? erklang die Stimme, die ich zu hören
erwartet hatte: nämlich die des Hausherrn.
,Ja, Herr Rochester.
,Und angekleidet?
,Ja.
,Dann kommen Sie heraus, aber geräuschlos.
Ich trat zu ihm. Er hielt eine brennende Kerze in der Hand.
,Sie müssen mir helfen,' sagte er. ,Aber keinen Lärm machen.
verstanden!'
Leise schlich ich an seiner Seite durch den Korridor und die
Treppe hinauf in das verhängnisvolle dritte Stockwerk.
,Nun hab' ich's doch vergessen, sagte er verdrießlich. ,Haben
Sie Schwamm und Riechsalz in Ihrem Zimmer? Ja? Dann kehren
Sie zurück und holen Sie beides.
Ich tat es und war in wenigen Minuten wieder bei ihm. Er
wartete auf mich vor einer der kleinen schwarzen Türen, steckte den
Schlüssel' ins Schloß und öffnete sie. Dann drehte er sich noch einmal
mir herum:
,Können Sie Blut sehn? fragte er rasch.
,Ich glaube doch - ich war noch nicht in der Lage !
Bei diesen Worten schüttelte mich aber doch ein gelinder Schauer.
,Geben Sie mir Ihre Hand! Ohnmächtig dürften Sie freilich nicht werden. Nun, Ihre Hand ist warm und zittert nicht.
Lassen wir's drauf ankommen -- ich habe ja auch weiter niemanden.
Halten Sie also die Ohren steif!
zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt, die aber jetzt an
einer Wand in die Höhe geschlagen waren, so daß eine Innentür
sichtbar wurde, die ich das erste Mal nicht bemerkt hatte. Diese Tür
war offen, und in dem Gemach dahinter brannte Licht. Von dort
kam ein Geräusch, das dem Knurren eines Hundes glich.
Herr Rochester setzte die Kerze auf den Tisch, hieß mich warten
und ging in dieses Zimmer. Ein schrilles Lachen klang ihm entgegen - dasselbe unheimliche, langgezogene Lachen, das ich Grace
Poole so oft hatte ausstoßen hören. Sie also war es wieder, die diese
nächtliche Störung verursachte. Herr Rochester besorgte irgend etwas
drinnen, ohne selbst zu sprechen, doch hörte ich eine leise Stimme,
die ihm antwortete. Dann erschien er wieder und schloß die Tür
hinter sich ab.
,Hierher, Johanna ! sagte er zu mir und trat neben ein großes
Bett. Nun sah ich darin eine regungslose Gestalt liegen- mit
zurückgesunkenem Kopfe und geschlossenen Augen. Herr Rochester
leuchtete mit der Kerze, und nun erkannte ich den Fremden, Herrn
Mason, und sah, daß sein Hemd an der einen Seite von Blut getränkt war.
,Halten Sie das Licht,' sagte Herr Rochester und holte eine
Schüssel voll Wasser. Er hieß sie mich halten, tauchte den Schwamm
ins Wasser und befeuchtete das totenblasse Gesicht Masons. Dann
hielt er ihm mein Riechfläschchen unter die Nase. Nach einer Weile
öffnete der Mann die Augen und stöhnte vor Schmerz. Herr Rochester
schlug das Hemd auseinander, und ich sah, daß Arm und Schulte:
schon notdürftig verbunden waren.
,Ist die Wunde lebensgefährlich? stammelte Mason.
,Keine Spur-- eine Fleischwunde weiter nichts, antwortete
Herr Rochester. ,Laß dich nicht so umwerfen, Mensch. Raffe dich auf.
Ich hole einen Wundarzt - morgen bist du schon wieder transportfähig. Johanna,' wandte er sich an mich, ,ich muß Sie auf eine
Stunde mit dem Herrn hier allein lassen. Waschen Sie das herabträufelnde Blut ab - geben Sie ihm, wenn er ohnmächtig zu werden
droht, aus dem Glase zu trinken, das dort auf dem Tische steht -
benützen Sie dann auch Ihr Riechsalz. Sprechen dürfen Sie keinesfalls mit ihm. Richard, auch du darfst nicht sprechen - es könnte
dir schaden. Du darfst dich nicht aufregen - niemand könnte für
die Folgen einstehn.
Herr Mason stöhnte abermals; er wagte sich kaum zu bewegen.
als wenn die Angst vor irgend etwas Entsetzlichem ihn lähme. Herr
Rochester reichte mir den Schwamm, sah einen Augenblick zu, wie
ich mich dabei anstellte, und ging dann.
Nun war ich also in dem geheimnisvollen dritten Stockwerk
-- allein - in tiefer, stiller Nacht - nach einem unerklärlichen,
schrecklichen Zwischenfall am Bette eines anscheinend schwerverwundeten Fremdlings. Und neben mir, das wußte ich, war die
Tür, die in das Zimmer der rätselhaften Grace Poole führte, die,
wie ich überzeugt war, auch wieder an diesem Unglück schuld war.
Mußte ich sie nun nicht gar für eine Mörderin halten? Mußte ich
nicht befürchten, daß sie sich alle Augenblicke auf mich stürzen würde?
Ich mußte jedoch auf meinem Posten ausharren, so lang mir
die Zeit auch wurde. Ich mußte den Blick auf das gespensterhaft
blasse Gesicht vor mir heften, die blauen, zuckenden Lippen betrachten
und auf das Spiel der bald geschlossenen, bald mit dem Ausdruck des
Entsetzens um sich starrenden Augen achten, und das immer wieder
fließende Blut abwischen.
Das Licht brannte herab die Schatten um mich her wurden
düsterer-- das massive, dunkle Bett sah aus wie ein großer schwarzer
Sarg - und in dem zuckenden Lichtschein der Kerze zeigten die
Schnitzereien an den Möbeln allerlei unheimliche Gesichter und
Gestalten.
Meine Bangigkeit zu steigern, erklang ab und zu aus dem
Innenzimmer wieder jenes Knurren und Schnappen, das an ein
Tier erinnerte - Schritte huschten hin und her.
Nun begannen meine Gedanken ins Unermeßliche zu schweifen.
Was war das für ein Rätsel, das in der Gestalt jener Grace Poole
in diesem Hause lebte und das der Besitzer nicht von sich abschütteln
konnte? Was für ein Geheimnis war es, das sich mir nun schon
zweimal in der Stille der Nacht gezeigt hatte - einmal in Feuer,
und diesmal in Blut? Und auf welche Weise war dieser fremde.
stille Mann in diese Schrecknisse verwickelt? Weshalb hatte sich
Grace Poole, diese Furie, auf ihn gestürzt und ihn zerfleischt?
Weshalb war er mitten in der Nacht in das dritte Stock-
werk hinaufgegangen, nachdem Herr Rochester, wie ich gehört, ihm
ein Zimmer im untern Teil des Hauses angewiesen hatte? Und
weshalb willigte er nun, ein, den Vorfall geheimzuhalten? Weshalb
drang er nicht darauf, daß die ihm angetane Ruchlosigkeit ihre Strafe
fände? Und Herr Rochester? einmal hatte man ihm selbst nach dem
Leben getrachtet - jetzt war einer seiner Gäste überfallen worden
- und er hielt alles ängstlich geheim und tat nichts, Grace Poole
unschädlich zu machen.
Herr Mason unterwarf sich vollständig der Energie und Willenskraft Rochesters, das sah ich. Aber weshalb, fragte ich mich, ist dann
Rochester so heftig erschrocken, als er hörte, Mason sei gekommen.
Warum hatte diese Nachricht ihn so völlig niedergeschmettert? Weshalb war er beim bloßen Namen dieses willenlosen, schwachen
Mannes so erschrocken?
Ich konnte es nicht vergessen, wie die Nachricht, Mason sei gekommen, den starken, selbstbewußten Rochester, der diesen Mann
jetzt mit einem einzigen Worte gefügig wie ein Kind machte, niedergeschmettert hatte, gleich einer Eiche, die der Blitz erschlägt. Ich konnte nicht vergessen, wie er getaumelt, sich auf mich gestützt und
schreckensbleich geflüstert hatte: ,Johanna, ein furchtbarer Schlag
hat mich getroffen!
Die Stunden verflossen, sie dünkten mich eine Ewigkeit. ,Wann
wird er wiederkommen? sprach ich zu mir selbst. Und der blutende
Kranke wurde immer schwächer, sein Stöhnen und Wimmern immer
unerträglicher. Ich fürchtete, er würde unter meinen Händen sterben.
Das Licht brannte herab und erlosch - der Tag begann zu grauen.
Endlich - nach etwa fünf Minuten - wurde die Tür geöffnet --
meine Nachtwache war zu Ende. Sicherlich hatte sie nicht länger als
zwei Stunden gedauert - aber manche Woche war mir schneller
vergangen als sie.
Herr Rochester kam nit dem Wundarzt.
,Carter,r sprach er, ,beeilen Sie sich. In einer halben Stunde
- muß die Wunde untersucht, der Verband fertig und der Kranke im
Wagen sein.
,Ist er denn überhaupt transportfähig?
,Ganz sicher. Es ist keine gefährliche Verletzung. Er klappt
nur immer gleich so sehr zusammen. Machen Sie schnell!
Der Doktor ging ans Werk, während Herr Rochester die Fensterläden öffnete und die Vorhänge zurückzog, um soviel Tageslicht
wie möglich hereinzulassen.
,Nun, mein Junge, wie fühlst du dich jetzt? fragte er dann,
ans Bett tretend.
,Ich fürchte, sie hat mich umgebracht, wimmerte Mason.
,Blödsinn! Nur Mut! In vierzehn Tagen ist alles vorwunden. Ein bißchen viel Blut verloren - das ist alles. Carter,
versichern Sie ihm doch, daß keine Gefahr für ihn besteht.
,Das kann ich getrost tun, antwortete der Wundarzt, der den
Verband anlegte, ,wenn ich nur früher hätte da sein können, dann
wäre es mit geringerem Blutverlust abgegangen. Doch - was ist
das hier? Das Fleisch ist zerfetzt - das ist kein Messer gewesen -
hier ist gebissen worden.
,Ja, ihre Zähne waren es, sagte der Verwundete. ,Als Rochester ihr das Messer entriß, schlug sie mir die Zähne in den Arm.
,Du hättest dich eben gleich zur Wehr setzen sollen, statt ihr zuerst nachzugeben, sagte Rochester. ,Ich hatte dich gewarnt. Ich
sagte dir: Sei auf der Hut, wenn du in ihre Nähe kommst. Du
hättest bis zum Morgen warten sollen. Es war Unsinn, die Unterredung noch am selben Abend zu beginnen. Das hast du nun davon,
daß du meinen Rat nicht befolgtest. Doch ich will dir keine Vorwürfe
machen. Carter, beeilen Sie sich -- es ist die höchste Zeit. Die
Sonne geht bald auf. Wir müssen ihn vorher weggebracht haben.
,Ich bin gleich fertig, Herr. Nur noch den andern Arm - auch
hier haben Zähne gewütet,' sagte der Arzt.
,Sie rief, sie wollte mein Blut trinken, antwortete Mason,
und ein kalter Schauer schüttelte ihn.
Ich sah, daß auch Herr Rochester zitterte. Ekel, Grausen und
Haß enstellten sein Gesicht.
,Schweig, Richard, stieß er hervor, ,und kümmere dich nicht
um ihr Geschwätzt. Wiederhole es wenigstens nicht.
,Ach, ich wünschte, ich könnte es vergessen! Aber es ist unmöglich!
, Unsinn! Nichts ist unmöglich. Sei nur erst wieder drüben in
Jamaika. Und denke nicht mehr an sie. Oder denke, sie sei tot und
begraben. Gott sei Dank! Nun ist Carter mit dem Verband fertig.
Johanna, eilen Sie in mein Zimmer, holen Sie aus meiner Kommode reine Wäsche und bringen Sie sie hierher.
Ich war rasch wieder oben.
,Treten Sie hinter das Bett, Johanna, während wir ihn ankleiden, aber bleiben Sie im Zimmer, falls wir Ihrer noch bedürfen.
War unten schon jemand auf den Beinen?
,Nein, Herr,' antwortete ich, ,es war noch alles still.
,Nun, dann werden wir dich noch ohne Aufsehen fortschaffen
können, Dick. Das ,ist das Beste für dich und für das beklagenswerte Geschöpf dort drüben. Sol nun sind wir fertig! Nun er-
manne dich, Junge. Der Doktor und ich, wir führen dich. Reiß dich
zusammen, Mensch - es muß und wird gehen!' Johanna, springen
Sie in Masons Zimmer und holen Sie seinen Pelzmantel -- er
kann in diesem verwünschten kalten Klima keine halbe Meile ohne
ihn reisen. Und dann laufen Sie hinaus vor das Hoftor und sagen
Sie dem Kutscher des Wagens, den Sie dort sehen werden, er solle
sich sofort bereit machen.
Es war inzwischen sechs Uhr geworden, und die Sonne ging
auf. Am Hoftor fand ich den Wagen, der Kutscher saß schon auf dem
Bocke und hielt die Zügel. Im Hause schlief noch alles, selbst an den
Fenstern der Dienstbotenzimmer war noch kein Laden geöffnet. Die
Herren brachten den Kranken und hoben ihn in den Wagen, Carter
setzte sich zu ihm.
,Geben Sie wohl auf ihn acht, Doktor, sagte Rochester, die
Wagentür schließend. ,Behalten Sie ihn in Ihrem Hause, bis er
völlig wiederhergestellt ist. In zwei Tagen schau' ich mal nach. Lassen
Sie das Fenster an dieser Seite herunter, es ist windstill, und die
frische Luft wird ihm guttun. Lebe wohl, Dick, mein Junge!
,Fairfax, sagte Mason, ,laß sie sorgsam behüten -- laß sie
nachsichtig behandeln -- laß sie -- Er verstummte und brach in
Tränen aus.
,Ich tue, was in meinen Kräften steht,k antwortete Rochester.
,Das habe ich stets getan - das werde ich immer tun. Kutscher,
fahr zu! O, wenn doch alles ein Ende hätte! stöhnte er tief auf
und drehte sich herum, während der Wagen davonfuhr.
Wir standen uns beide gegenüber.
,Kommen Sie ein wenig mit in den Obstgarten, Johanna,
sagte er, ,in reinere Luft das Haus dort ist ein wahrer Kerker.
,Mich dünkt, es ist ein prächtiges Schloß, Herr,r sagte ich.
,Sie sehen es mit unerfahrenen Augen an,'' versetzte er. ,Sie
können noch nicht erkennen, daß das Gold Schlamm, die Seide
Spinngewebe ist. Aber hier,' setzte er hinzu und trat unter einen
breiten, schönen Apfelbaum, ,hier ist alles rein, süß, unverdorben. !
Die Sonne strahlte majestätisch auf den Garten herab, und das
Gras funkelte im Morgentau. Die Wege waren still und lauschig, die
Bäume schienen noch zu schlummern.
,Das war eine böse Nacht, Johanna, murmelte er. ,Sie sehen
ganz blaß aus. Haben Sie sich gefürchtet - so allein mit Mason?
,Vor ihm nicht - aber vor der Person im Innenzimmer.
,Das hatte ich ja zugeschlossen, sagte er.
,Wird Grace Poole noch lange hier bleiben? fragte ich.
,Grace Poole?' antwortete er. ,Jawohl selbstverständlich
-- doch- denken Sie nicht an sie - zerbrechen sie sich nicht den
Kopf über sie.
,Aber Herr Rochester, Sie sind ja Ihres Lebens nicht sicher,
solange sie im Hause weilt.
,O, ich werde mich in acht zu nehmen wissen. Ich bin es schon
gewöhnt, auf einem Vulkan zu leben, der alle Augenblicke sich auftun und mich verschlingen kann. Doch ich sage Ihnen, zerbrechen
Sie sich nicht den Kopf über mich oder über andere Personen -
denken Sie weder an Mason noch an Grace Poole es hat keinen
Zweck. Johanna, wann werden Sie wieder mit mir wachen?
,Sobald ich Ihnen damit von Nutzen sein kann, Herr.
aZum Beispiel in der Nacht vor meiner Hochzeit mit Blanche
Ingram ? fragte er in bitterm Tone. ,Da werde ich gewiß nicht
schlafen können. Wollen Sie mir da auch Gesellschaft leisten? Zu
Ihnen als zu einer guten Freundin kann ich ja von meiner Geliebten
sprechen. Sie kennen sie ja nun auch. Ein Prachtweib! Potzblitz, da
gehen Dent und Lynn ja schon in die Pferdeställe. Hollah, meine
Herrenl' rief er den beiden zu- während ich rasch ins Gebüsch
trat und einen Seitenpfad einschlug. ,Mason ist Ihnen allen zu-
Ein Wiedersehen.
Am Nachmittag wurde mir gesagt, es sei jemand angekommen,
der mich zu sprechen wünsche. Ich ging sogleich ins Empfangszimmer
und sah einen mir ganz unbekannten, wie ein herrschaftlicher Diener
gekleideten Mann vor mir. Er trug einen schwarzen Anzug und
einen Flor von der gleichen Farbe um den Hut.
,Sie erkennen mich nicht wieder? sprach der Fremdling. ,Ich
bin Robert Leaven, der Kutscher der Frau Reed das heißt, wie
Sie noch dort waren, war ich Kutscher - jetzt bin ich ja Portier
geworden.
,Ah, Sie sind's, Robertl' rief ich. ,O ja, jetzt erinnere ich mich
Ihrer. Sie sind ja doch jetzt mit Bessie verheiratet, nicht wahr?
,Ja, und wir haben jetzt ein drittes Kind bekommen. Sind
aber alle gesund und munter.
,Das freut mich -- und hoffentlich läßt sich das gleiche von der
Herrschaft sagen.
,Das ist eben nicht der Fall. Es geht augenblicklich sehr
schlecht.
,Ist denn gar jemand gestorben? fragte ich, auf seinen
schwarzen Anzug deutend.
,Der junge Herr Reed - vor acht Tagen - in London. Er
hat's gar arg getrieben, Fräulein - Schulden gemacht - das
Geld verpraßt - und zuletzt wit dem Strafrichter zu tun bekommen.
Zweimal kam er ins Gefängnis - zweimal half seine Mutter ihm
-- aber jedesmal geriet er wieder in schlechte Gesellschaft. Da kam
er nun nach Gateshead und verlangte von der Gnädigen, sie solle
ihm ihr ganzes Besitztum verschreiben. Das konnte sie natürlich
nicht. Ist sie doch selbst seinetwegen in große Bedrängnis geraten
und hat Geld auf hohe Zinsen aufnehmen müssen. Er fuhr wieder
nach London, und das nächste, was wir von ihm hörten, war, daß
er tot sei. Er soll sich selbst umgebracht haben.
Ich schwieg entsetzt.
,Die Gnädige ist darüber schwerkrank geworden, fuhr Robert
fort. ,Die Furcht vor der Armut richtet sie zugrunde. Sie hat einen
Schlaganfall erlitten. Drei Tage konnte sie nicht sprechen - nachher
wurde es besser. Meine Frau pflegt sie und hat mir denn gesagt,
sie spräche immer Ihren Namen aus. Bringt mir Johanna Eyre
her, - das sei das einzige, was man von ihr verstehen könne.
Deshalb bin ich nun hergereist, und ich möchte Sie gern gleich mitnehmen.
,Gewiß, ich mache mich fertig. Augenblicklich bitte ich um
Urlaub.
Ich suchte Herrn Rochester und fand ihn endlich im Billardsaal, wo er mit Fräulein Ingram eine Partie Karambolage spielte.
Als er mich eintreten sah, legte er das Queue aus der Hand und
fragte nach meinem Begehr.
,Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Herr Rochester.
Er trat mit mir auf den Korridor hinaus
,Was wünschen Sie denn, Johanna?
,ich muß um Urlaub auf vierzehn Tage bitten.
,Um Urlaub? Was haben Sie vor?
,Ich muß eine kranke Dame besuchen, die nach mir schickt.
,Was für eine Dame?
,Frau Reed in Gateshead-Hall.
,Das ist ja hundert Meilen von hier. Ich kannte früher einen
Reed aus Gateshead - er war Ratsherr -?
,Die Dame ist seine Witwe.
,Aber was haben Sie mit ihr zu schaffen?
,Herr Reed war mein Oheim.
,Ihr Onkel? Warum haben Sie mir das nicht längst gesagt?
Sie sagten doch, Sie hätten keine Verwandten?
,Keine, die mich anerkannten oder sich um mich kümmerten,
habe ich gesagt. Mein Onkel ist lange tot - und Frau Reed hat mich
verstoßen.
mit Haß verfolgt.
,Aber der Ratsherr Reed hatte Kinder - Sie müssen also Vettern und Basen haben. Richtig, Lynn erzählte mir letztens von
einem Hans Reed, der in London als verkommener Mensch berüchtigt sei, und Ingrams sprachen mal von einer Georgina Reed,
die eine berühmte Schönheit sein soll.
,Das sind die Kinder der Witwe Reed. Hans Reed ist jetzt
gestorben, nachdem er seine Familie fast an den Bettelstab gebracht
hat. Er soll Selbstmord verübt haben. Frau Reed ist darüber
todkrank geworden und verlangt nun nach mir.
,Und Sie wollen auch gleich zu ihr, trotzdem sie Sie verstoßen,
wie Sie sagen? Das sieht Ihnen ähnlich.
,Das ist schon lange her, Herr Rochester, und damals war auch
alles anders. Ich würde nie wieder Ruhe finden, wenn ich ihr diesen
Wunsch nicht erfüllte.
,Und wie lange wollen Sie fortbleiben?
,Höchstens zwei Wochen.
,Zurückkommen werden Sie also bestimmt, nicht wahr? Sie
denken nicht daran, dauernd zu ihr zu ziehen?
,Nein, selbstverständlich komme ich wieder. Allerdings wird
ja hier meines Bleibens nicht mehr lange sein.
,Wieso nicht?
,Sie beabsichtigen sich demnächst zu verheiraten, da werden
Sie wohl Adele in eine Pension schicken müssen.
, Um sie meiner Frau aus den Augen zu schaffen, denn Blanche
Ingram wird sie nicht gern um sich haben. Das dürfte zutreffen.
Und deshalb müssen Sie - geradeswegs zum Teufel gehn?
,Das nicht, Herr Rochester, aber ich werde mir eine andere
Stellung suchen müssen.
,Das hat Zeit!' rief er heftig und verzog dabei das Gesicht
zu einer halb scherzhaften, halb traurigen Miene. ,Ich selbst werde
Ihnen eine solche besorgen, wenn es nottut. Versprechen Sie mir,
vorher keinen Schritt zu tun.
,Das will ich gern, Herr Rochester, wenn Sie Ihrerseits mir
versprechen, Adele und mich anderswo unterzubringen, ehe Ihre
junge Frau das Haus betritt.
,Angenommen. Darauf kann ich Ihnen mein Wort geben.
Und also wollen Sie morgen reisen, und wir müssen uns auf lange
Zeit Lebewohl sagen. Nun denn ade und auf Wiedersehn!
Er drehte sich rasch herum und trat wieder ins Billardzimmer. -
Am Nachmittag des ersten Mai langte ich in Gateshead-Hall an.
Bessie empfing mich.
,Ich wußte, daß Sie kommen würden!' rief sie bei meinem
Eintritt aus.
,Hoffentlich komme ich nicht zu spät? antwortete ich. ,Lebt
Frau Reed noch?
,Ja, und hat teilweise die Besinnung wiedererlangt. Der Doktor meint, es könne sich noch zwei Wochen hinziehen, aber auf ein
glückliches Ende sei doch nicht mehr zu hoffen. Heute erst hat sie
wieder von Ihnen gesprochen und den Wunsch geäußert, Sie zu
sehen. Meistens liegt sie den ganzen Nachmittag wie betäubt da und
erwacht erst gegen sieben Uhr. Wollen Sie sich hier bei mir eine
Stunde ausruhen, Fräulein? Wir gehen dann zusammen hinüber.
Ich war damit einverstanden, und sie setzte mir Tee vor. Nun
ging es ans Erzählen, und ich mußte ihr natürlich ausführlichen
Bericht von meinem Lebenslauf seit unserm letzten Zusammentreffen
berichten. So verging die Zeit gar schnell, bis die Stunde gekommen
war, ins Herrenhaus zu gehen. Neun Jahre war es her, seit ich
das letzte Mal diesen Weg gegangen. Erinnerungen stürmten auf
mich ein, und wieder griff jener alte Schmerz der Geächteten, mit
dem ich dieses Haus verlassen, an mein Herz. Doch nur auf einen
Moment -- dann fühlte ich, die Wunde war geheilt, der Haß war
erloschen.
,Sie müssen zuerst ins Frühstückszimmer gehen, sagte Bessie.
,Die jungen Damen werden wohl dort sein.
Im nächsten Augenblick stand ich in diesem Zimmer.
Es sah darin noch genau so aus wie an jenem Morgen, als-
Herr Brocklehurst nach Gateshead-Hall gekommen war. Vorm Kamin
lag noch derselbe Teppich, auf dem er gestanden. In den Bücherschränken schimmerten die goldenen Rücken der Bücher noch in der-
selben Ordnung, als wenn niemand nach mir in ,Tausendundeine
Nacht' oder in ,Gullivers Reisen' gelesen hätte. Die leblosen Dinge
hatten sich nicht verändert - die Menschen aber waren kaum wiederzuerkennen.
Ich sah zwei junge Damen vor mir. Die eine war groß und
hager, von scharfen Zügen, von blasser Farbe und überaus einfach
- gekleidet. Um den Hals trug sie eine Kette aus schwarzen Holzperlen, woran ein Kruzifix, hing. Das war Elisa. Und die andere
war Georgina - aber auch sie sah ganz anders aus als früher, wo
sie noch ein schlankes, blondes Mädchen von elf Jahren gewesen.
Sie war jetzt eine Dame - voll erblüht, weiß und zart wie Alabaster
-- schön von Angesicht. Auch sie war schwarz gekleidet, doch ihr
Kleid war nicht so einfach, sondern mit allerlei Ausputz versehen.
Beide Mädchen hatten einen Zug von ihrer Mutter - doch jede
nur einen. Die magere, blasse Elisa hatte das hervortretende Auge
-- die üppigere Georgina das breite, volle Kinn, das ihrem hübschen
Gesicht etwas Grobes, Hartes verlieh.
Ich trat auf die Damen zu, die sich erhoben und mich als ,Fräulein Eyre anredeten. Elisa sprach ihren Gruß kurz und trocken,
ohne eine Miene zu verziehen. Sie setzte sich auch gleich wieder,
starrte ins Feuer und nahm weiter keine Notiz von mir. Georgina
fühlte sich bewogen, ihrem ,Wie geht es Ihnen? noch ein paar
Bemerkungen über die lange Reise und das Wetter hinzuzufügen.
Sie betrachtete mich von Kopf zu Füßen mit einer Miene, der es eben
nicht an Hochmut gebrach.
Aber diese Ueberhebung meiner Cousinen ließ mich jetzt ganz
kalt. Ich wunderte mich über mich selbst, daß die vollständige Nichtachtung seitens der einen und die erzwungene Höflichkeit der andern
mir ganz gleichgültig war.
,Wie befindet sich Frau Reed? fragte ich und sah Georgina an.
,Mama ist sehr krank, antwortete diese. ,Ich glaube nicht.
daß Sie heute noch zu ihr können.
,Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ihr sagen wollten, daß ich
da bin.
Georgina schien dies als eine empörende Zumutung zu empfinden und riß ihre blauen Augen weit auf.
,Ich weiß, sie hat den besonderen Wunsch geäußert, mich zu
sehen,' setzte ich hinzu. ,Ich möchte ihr diesen Wunsch so rasch wie
möglich erfüllen, damit ich hier nicht länger zu bleiben brauche, als
absolut notwendig ist.
,Mama läßt sich am Abend nicht gern stören, sagte Elisa.
Darauf legte ich, ohne auf eine Aufforderung zu warten, Hut
und Handschuhe ab und sagte, ich wolle zu Bessie gehen, die wohl in
der Küche sei. Dort würde ich ja wohl Gewißheit darüber erhalten,
ob Frau Reed mich noch an diesem Abend zu sehen wünsche. Ich
fand Bessie und schickte sie zu der kranken Hausherrin hinauf.
Wenn man mich noch vor einem Jahre so unhöflich empfangen
hätte, wie jetzt in Gateshead, ich würde sofort wieder gegangen sein;
jetzt aber begriff ich, daß dies sehr töricht gewesen wäre. Denn ich
hatte eine weite Reise gemacht, um meine Tante zu sehen, und nun
mußte ich bleiben, bis sie wieder gesund geworden oder gestorben
war. An die Unverschämtheit und Dummheit ihrer Töchter durfte
ich mich dabei nicht kehren. Ich wandte mich deshalb auch ohne
weiteres an die Wirtschafterin und ließ mir ein Zimmer anweisen,
indem ich ihr bedeutete, ich würde wohl auf einige Zeit hier zu Gast
bleiben müssen.
Auf dem Wege zu meinem Zimmer begegnete mir Bessie.
,Die Gnädige ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, Sie
seien da. Wir wollen nun sehen, ob sie Sie erkennen wird.
Ich brauchte keinen Führer nach dem wohlbekannten Zimmer
und eilte Bessie voran. Auch hier sah alles noch genau so aus wie
früher. Die Lampe auf dem Tische - das große Himmelbett mit
den gelben Vorhängen, der Toilettentisch, der Lehnstuhl, der Fußschemel auf dem ich zur Strafe wohl hundertmal hatte knieen müssen:
alles war noch auf dem alten Flecke. Ja ich sah sogar nach einer
Ecke hin, in der Erwartung, dieselbe Reitgerte dort hängen zu sehen.
mit der ich oft wegen Sünden, die ich nicht begangen, gezüchtigt
worden war.
Ich trat an das Bett zog die Vorhänge zurück und beugte mich
über die hochaufgetürmten Kissen.
In Haß und Abscheu war ich von Frau Reed fortgegangen;
aber die alles heilende Zeit hatte auch meine Gefühle besänftigt;
während ich jetzt hier stand, wußte mein Herz nichts mehr von dem
alten Groll. Ich fühlte Mitleid mit dem großen Leid, das ihr Sohn
über sie gebracht, ich hegte das innige Verlangen, alles Unrecht zu
vergeben, mich mit ihr auszusöhnen, an Stelle der alten Feindschaft
Freundschaft treten zu lassen.
Ich erblickte das wohlbekannte Gesicht. Es hatte sich fast gar
nicht verändert, dieselben finstern, strengen Züge, dieselben kalten
Augen, die gleichen herrisch geschwungenen Brauen. Und wie oft
hatten diese Augen mich voll Haß und Zorn angefunkelt! Wie mußte
ich bei diesem Anblick an die Schrecken und Grausamkeiten meiner
Kindheit zurückdenken! Trotz allem aber beugte ich mich über sie
und küßte sie auf die Stirn.
,Ist das Johanna Eyre?' fragte sie, aufblickend.
,Ja, Tante. Wie geht es Ihnen
Wohl hatte ich gelobt, sie nie wieder Tante zu nennen; aber ich
hielt es für kein Vergehen, in diesem Moment das Gelübde zu
brechen. Ich nahm ihre Hand in die meine; ein leiser Händedruck-
ihrerseits hätte genügt, den letzten Zwang von meinem Herzen zu
lösen. Aber Frau Reed entzog mir ihre Hand, wandte das Gesicht
ab und murmelte, es sei sehr warm an diesem Abend. Dann heftete
sie die Augen noch einmal auf mich, aber mit einem so eisigkalten
Blick, daß ich nicht daran zweifeln konnte, sie war mir auch jetzt nicht
im mindesten freundlicher gesinnt als früher. Ich las es in diesem
steinharten Auge, das nie eine Träne geweint und nie in Zärtlichkeit
aufgeleuchtet hatte, sie war entschlossen, mich bis zum letzten Moment
ihres Lebens für ein schlechtes, falsches Geschöpf zu halten.
Das schmerzte mich zuerst - dann erbitterte es mich. Aber ich
unterdrückte beide Empfindungen und nahm mir vor, ihren starren
Troy durch Güte zu überwinden. Ich drängte die Tränen des Grolls
zurück, die mir wieder in die Augen schossen, wie oftmals in der
Kindheit, setzte mich an das Kopfende und beugte mich noch einmal
über das Bett.
,Sie haben nach mir geschickt, und hier bin ich, sagte ich. ,Auch
will ich nun bleiben, bis es besser mit Ihnen wird.
,gewiß. Bist du schon bei den Mädchen gewesen?
.Ja.
,So sage ihnen, daß ich dich hier zu behalten wünsche, bis ich
mir dir über gewisse Dinge habe sprechen können. Heute abend
geht's nicht mehr es fällt mir jetzt auch schwer, mich auf die Sache
zu besinnen. Aber eins wollte ich dir sagen - was war das doch
gleicher
Die matte Stimme, der wirre Blick ließen mich erkennen, wie
weit die Zerstörung schon in diesem einst so kraftvollen Körper
vorgeschritten war. Sie warf sich unruhig hin und her und riß,
an der Bettdecke herum. Ich legte den Arm auf ihr Kopfkissen und
wollte ihr Haar streicheln. Sie wurde sofort wieder heftig.
,Weg da! rief sie. ,Willst du mich auch jetzt noch ärgern.
Bist du wirklich Johanna Eyre?
,Ich bin es.
,Dieses Mädchen hat mir unendlich viel Kummer und Beschwerden bereitet. Daß mir auch solch eine Last aufgebürdet werden
mußte! Täglich, nein, stündlich hat ihre Verstocktheit mir Aerger verursacht. Sie war ein überaus widerhaariges Ding ein ganz unbegreiflicher Charakter. Wie böse sie werden konnte - wie giftig!
Und wie sie fortwährend auf alles horchte und überall ihre Augen
herumgehen ließ! Ich kann sagen, sie hat eines Tages zu mir Worte
gesprochen, die noch nie zuvor über die Lippen eines Kindes gekommen sind. Ach, wie froh war ich, daß sie aus dem Hause kam!
Was mag in Lowood aus ihr geworden sein. Der Typhus hat dort
gehaust, und viele Zöglinge sind dran gestorben. Sie aber nicht!
Ich habe sie trotzdem nachher für tot ausgegeben. Für mich
war sie ja auch tot -- und ich wünsche auch jetzt noch, sie wäre
gestorben.
,Ein sonderbarer Wunsch, Frau Reed. Weshalb war ich Ihnen
so verhaßt?
,Ich habe schon Johannas Mutter gehaßt, denn sie war die
einzige Schwester meines Mannes, und er hing sehr an ihr. Als
sie eine Mißheirat schloß und die Familie sich von ihr zurückzog.
blieb er ihr in Liebe treu. Als sie starb, weinte er wie ein Irrsinniger. Er bestand darauf, das kleine Mädchen seiner Schwester
zu sich zu nehmen, obwohl ich ihn bat, es in Kost zu geben. Ich
haßte es von dem Moment an, wo ich es zum ersten Male erblickte.
Es war ein kränkliches, empfindliches Ding und schrie in einem
fort -- nein, eigentlich kann man es nicht Schreien nennen, denn
die Töne waren nicht so herzhaft und kräftig wie bei andern Kindern
es war mehr ein klägliches Wimmern. Und mein Mann opferte
sich auf für dieses Kind. Er liebkoste es, als wäre es sein eigenes
gewesen. Ja er gab sich mehr mit ihm ab als mit den seinen. Aus
denen hat er sich nie so viel gemacht, als sie so klein waren. Er
versuchte auch, Freundschaft zwischen unsern Kindern und dem kleinen
Wechselbalg zu stiften, aber meine Lieblinge mochten sie nicht leiden.
Als mein Mann krank wurde, ließ er es fortwährend an sein Bett
bringen, und eine halbe Stunde vor seinem Tode ließ er mich noch
einen heiligen Eid schwören, daß ich für das Kind stets sorgen wolle.
Ja, Reed war eben ein gutmütig dummer Mensch. Gott sei Dank,
das hat sein Sohn nicht von ihm geerbt. Der ist mehr nach mir -
mehr ein Gibson als ein Reed. Wenn er mich nur nicht fortwährend um Geldsendungen angehen möchte! Wo soll ich all das Geld hernehmen? Ich habe nichts mehr- wir stehn vor der Armut. Schon -
die Hälfte der Dienerschaft habe ich entlassen müssen- ich kann
nur noch einen Teil des Hauses benützen - die andern Räume werde
ich wohl vermieten müssen. Das widerstrebt mir natürlich aber
wie sollen wir sonst unser Leben fristen? Ich muß ja zwei Drittel
meines Einkommens hingeben, um allein die Wucherzinsen für die
Schulden meines Sohnes und für die Darlehen, die ich um seinetwillen aufgenommen habe, zu bezahlen. Hans spielt so viel und
verliert immer dabei. Er ist ganz heruntergekommen und sieht jetzt
schrecklich schlecht aus, der arme Junge. Man könnte sich seiner fast
schämen.
Sie geriet in heftige Erregung.
‘Jetzt gehe ich wohl besser, sagte ich zu Bessie.
,Ich glaube auch, Fräulein. Abends spricht sie meistens in dieser
Weise, morgens ist sie viel ruhiger.
Bessie flößte ihr ein wenig Medizin ein, die besänftigend wirkte,
dann versank Frau Reed in eine Art Halbschlummer, und wir verließen sie.
Zehn Tage verflossen, bevor ich wieder Gelegenheit hatte, mit ihr
zu sprechen. In dieser Zeit versuchte ich mit den beiden Schwestern,
so gut es ging, auszukommen. Sie lebten auf beständigem Kriegs-
fuße miteinander. Seit Elisa aus Neid Georgina um einen Verehrer
gebracht hatte, der die ernstliche Absicht gehabt, sie zu heiraten, bestand zwischen beiden heftige Feindschaft. Die ältere hüllte sich
stets in Schweigen und beachtete mich nach wie vor fast gar nicht. ;
Georgina klagte mir öfter ihr Leid und erzählte von ihrer unglücklichen Liebe und von dem Streich, den die böse Schwester ihr gespielt
hatte. Elisa hatte den Entschluß gefaßt, ins Kloster zu gehen, und
Georgina kannte keinen heißeren Wunsch, als daß die Mutter sterben
und ihre Tante Gibson sie zu sich nach London nehmen möchte.
Eines Tages, als mir Georginas Geschwätz zur Last wurde,
ging ich hinauf, um nach der Kranken zu sehen. Wie ich erwartet
hatte, war die Wärterin, um die sich niemand kümmerte, zu den
Dienstmädchen in die Küche gegangen; Bessie, die zwar sehr pflichttreu war, aber doch auch ihre eigene Familie zu versorgen hatte,
war im Pförtnerhäuschen; die Kranke lag ganz allein anscheinend
in Ohnmacht. Das Feuer im Kamin drohte zu erlöschen. Ich legte
frische Scheite auf. Frau Reed erwachte bei dem Geräusch und
murmelte:
,Wer ist dee
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer?' fragte sie wieder. ,Wer ist es? Und sie sah mich mit
einem Blick des Schreckens, doch nicht des Zornes an. ,Ich kenne
dich nicht - wo ist Bessie?
,Im Pförtnerhause, Tante.
,Wer nennt mich Tante?' sagte sie. ,Du bist doch keine Gibson
-- und doch - diese Stirn, diese Augen die sollte ich kennen --
du siehst aus wie - ja - wie Johanna Eyre. Aber das bist du
nicht.
Ich schwieg, denn ich fürchtete sie aufs neue aufzuregen.
,Ich wünschte wohl, Johanna käme noch einmal her.
Vorsichtig brachte ich ihr bei, ich sei Johanna Eyre, und teilte
ihr auch mit, daß Bessie ihren Mann nach Thornfield geschickt habe.
um mich zu holen.
,Ich weiß, ich bin sehr krank, sprach Frau Reed. ,Vor einem
Weilchen versuchte ich, mich im Bett herumzudrehen, und konnte
kein Glied mehr rühren. Es wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, ehe ich sterbe. Wenn wir gesund sind, machen wir
uns wenig Gedanken, aber wenn wir erkranken oder gar den Tod
nahe fühlen, dann lastet gar manches schwer auf uns. Ist außer
dir noch jemand im Zimmer?
,Wir sind allein.
,Ich habe mich doppelt an dir versündigt und bereue es jetzt.
Einmal, indem ich das Gelübde brach, das ich meinem Manne gab:
dich wie mein eigenes Kind zu halten; und zweitens- doch vielleicht ist meine Krankheit nicht so schwer - vielleicht werde ich doch
wieder gesund. Und dann wäre es mir schrecklich, mich vor dir
gedemütigt zu haben.
Sie versuchte abermals sich zu bewegen, doch die heftigen
Schmerzen überzeugten sie von neuem, daß ihr Zustand sehr ernst sei.
,Es muß doch wohl geschehen, fuhr sie fort. ,Geh an den
Toilettenkasten und nimm einen Brief heraus, den du dort finden
wirst.
Ich tat, wie sie befahl.
'Lies ihn,' sagte sie.
Das Schreiben lautete folgendermaßen:
,Gnädige Frau! Schicken Sie mir doch bitte die Adresse meiner
Nichte Johanna Eyre und lassen Sie mich wissen, wie es ihr geht.
Ich möchte sie nämlich hier bei mir in Madeira haben. Es ist mir-
hier recht gut gegangen, und ich habe ein Vermögen erworben. Da
ich unverheiratet bin, so will ich sie bei Lebzeiten adoptieren und ihr
alles verschreiben, was ich besitze. Mit Hochachtung
Johann Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Warum ist mir dies nicht mitgeteilt worden? fragte ich.
,Weil ich dir ein solches Glück nicht gönnte. Ich haßte dich
noch immer und vermochte die Wut nicht zu vergessen, mit der du
einmal gegen mich aufgetreten bist. Ich hatte mich in diesem Augenblick vor dir gefürchtet. Gib mir zu trinken schnell?
,Liebe Frau Reed,' sagte ich, ihr ein Glas Wasser reichend,
,denken Sie doch nicht mehr an all diese Dinge. Verzeihen Sie mir,
daß ich damals mich so sehr hinreißen ließ ich war noch ein Kind,
das es nicht besser verstand und seitdem sind ja neun Jahre vergangen.
Sie hörte nicht, was ich sagte, trank und fuhr fort:
,Ich konnte das nicht vergessen und mußte mich dafür rächen.
Und deshalb schrieb ich an diesen Onkel von dir, der dir nun zu
Wohlstand und Glück verhelfen wollte, der Typhus sei in Lowood
ausgebrochen, und du wärest gestorben. Nun tu, was du willst,
schreib ihm und zeihe mich derLüge. Du warst eben doch nur zu meiner
Qual geboren, und noch meine letzte Stunde muß durch den Gedanken
an eine Tat, zu der du mich veranlaßt hast, vergällt werden. Du bist
ein böses Kind ich kann deinen Charakter heute noch nicht verstehen. Es ist mir unbegreiflich, daß du neun Jahre lang alle schlechte
Behandlung erduldet und dich dann plötzlich im zehnten wie eine
giftige Schlange gegen mich aufgebäumt hast.
,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Frau
Reed, ich bin wohl heftig, aber nicht bösartig. Als kleines Kind
sehnte ich mich nach Liebe und wäre glücklich gewesen, wenn Sie
sich von mir hätten lieben lassen. Auch jetzt wünsche ich mich mit
Ihnen zu versöhnen. Geben Sie mir einen Kuß, Tante.
Als ich mich über das Bett lehnte, hob sie abwehrend die Hände
und sagte, es mache sie ängstlich, wenn ihr jemand so nahe käme.
-' Sie begehrte noch einmal zu trinken, und als ich sie stützte und
meine warme Hand auf ihre eiskalten Finger legte, sah sie bebend
zur Seite.
,Wie Sie wollen, Frau Reed, sagte ich. ,Lieben Sie mich
oder fahren Sie fort mich zu hassen. Jedenfalls haben Sie meine
volle Verzeihung. Bitten Sie Gott, daß auch er Ihnen verzeihe und
seinen Frieden gebe.
Bessie und die Wärterin traten ein. Ich blieb noch eine halbe
Stunde bei ihr, doch vergebens wartete ich auf eine Gebärde, die auf
eine Wandlung zur Sanftmut hätte schließen lassen. Frau Reed
hatte mich ihr Leben lang gehaßt - nun war es zu spät für sie,
andern Sinnes zu werden -- sie mußte mich auch im Tode noch
hassen. Sie sank mehr und mehr zusammen - dann verlor sie das
Bewußtsein.
In der Nacht, um zwölf Uhr, starb sie.
Ich war nicht im Zimmer, um ihr die Augen zudrücken zu
können, auch ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Erst am nächsten
Morgen erfuhr ich von Bessie, das alles vorüber sei. Georgina
weigerte sich, an das Bett der Toten zu treten. Sie könne so etwas
nicht sehen, erklärte sie. Elisa ging mit mir. Da lag nun die einst
so energische, so kraftvolle Frau leblos da, - starr, kalt und still.
Das Gesicht trug noch den Stempel des unerbittlichen, rücksichtlosen
Charakters. Der Anblick dieses Leichnams hatte etwas Schreckhaftes
für mich: ein sanftes, mildes Totenantlitz muß zur Rührung hinreißen und auch den Fernstehenden zur Trauer stimmen; aber dieses
aller Sanftmut, aller Weichheit entbehrende Antlitz erfüllte mich nur
mit Grauen.
,So robust wie sie war, hätte sie ein hohes Alter erreichen
können,' sagte Elisa. ,Aber großer Kummer hat sie frühzeitig
zugrunde gerichtet.
Dann verzog sich ihr Mund -- doch nur auf einen Augenblick.
Gleich darauf wandte sie sich um und ging hinaus. Ich folgte ihr.
Wir hatten beide keine Träne vergossen.
11. Kapitel.
Eine unerwartete Wendung.
Wenige Tage nach dem Begräbnis reiste Georgina mit ihrem
Onkel Gibson nach London ab, während Elisa die Reise nach einem
Kloster im Norden Englands antrat. Ich hatte meinen Urlaub bereits erheblich überschritten und kehrte nun nach Thornfield zurück.
Da ich späterhin keine Gelegenheit haben werde, noch einmal auf
meine Cousinen zurückzukommen, will' ich hier gleich erwähnen, daß Georgina wenige Jahre später einen reichen, aber sehr verlebten
Edelmann heiratete und Elisa jetzt Oberin ihres Klosters geworden ist, dem sie auch ihr Vermögen vermacht hat. - Während meiner Reise
schüttelte ich alle Gedanken an Frau Reed, an ihr Ende und an ihre s
Töchter von mir ab und richtete Sinn und Herz wieder auf Thornfield, das meine Heimat gewesen war. Und dieser Gedanke stimmte
mich alsbald wieder bange und traurig. Wohl war es meine Heimat
gewesen -- doch wie lange würde ich noch dort bleiben können?
fragte ich mich. Frau Fairfax hatte mir nach Gateshead-Hall geschrieben, die lustige Gesellschaft sei auseinandergegangen und Herr ?
Rochester nach London gereist, um, wie sie vermute, die letzten Vorbereitungen zu seiner Hochzeit zu treffen.
,Wohin soll ich dann? Das war die große, schwere Frage, die
nun vor mich hintrat.
In Milcote verließ ich die Postkutsche, um von dort aus über
die Felder nach Thornfield zu laufen. Es war ein schöner Tag. Auf
den Wiesen waren die Mäher mit ihrem Tagewerk zu Ende und
machten sich, die Sensen und Heugabeln über der Schulter, auf den
Heimweg. Die Rosen blühten an den Hecken. Ich bog um ein
dichtes Gestrüpp herum, dessen Zweige tief über den Pfad herniederhingen - da sah ich eine Zaunstiege vor mir und daneben saß -
ein Buch in der Hand - Herr Rochester.
Ich schreckte zurück und wollte kehrtmachen, um einen andern
Weg einzuschlagen. Aber er hatte mich schon gesehen.
-,Hollah!’ rief er, ,da sind Sie ja! Sie bleiben lange aus.
Einen ganzen Monat sind Sie von Hause weggeblieben. Sicherlich
haben Sie mich ganz vergessen, Sie kleine Tagediebin?
Ich hatte es vorher gewußt, es würde eine große Freude für
mich sein, meinen Herrn wiederzusehen, wenn sie auch durch die
Furcht gedämpft wurde, daß er nicht mehr lange mein Herr sein
würde. Nun schienen seine letzten Worte gar anzudeuten, daß es
ihm nicht ganz gleichgültig sei, ob ich ihn vergäße oder nicht, und
er hatte Thornfield mein Heim genannt. Ach! rief es in mir, wenn
es mir das doch bleiben könnte!
Er gab die Stiege nicht frei, und ich hatte nicht den Mut, ihn
darum zu bitten, daß er mir Platz mache. Dann fragte ich ihn, ob
er nicht in London gewesen sei.
,Jawohl, kleine Fee! Vermutlich hat die Gabe des zweiten
Gesichts Sie das erraten lassen.
,Nein, Frau Fairfax hat es mir geschrieben.
,Sie müssen den Wagen sehen, Johanna, den ich für meine
zukünftige Gattin gekauft habe. Ich meine, sie wird wie eine Königin darin aussehen. Ich wünschte nur, ich wäre äußerlich ein
wenig passender für sie. Sie sind doch eine Elfe, wissen Sie kein
Zaubermittel - keinen Trunk und kein Bad oder dergleichen -
das einen schönen Mann aus mir machen könnte?
,Dazu reicht keine Zauberkraft aus, Herr Rochester,'' antwortete
ich, und bei mir selber setzte ich hinzu: ,Dem liebenden Auge ist
alles schön, und der Ernst Ihres Gesichts hat eine Macht, die mehr
ist als alle Schönheit.
Herr Rochester hatte oft schon Gedanken, die ich unausgesprochen
ließ, mit einem mir ganz unerklärlichen Scharfsinn von meinem
Gesicht abgelesen. Diesmal jedoch schien er keine Notiz von meiner
Antwort zu nehmen; aber um seine Lippen spielte jenes nur ihm
eigene Lächeln, das gleich einem Sonnenstrahl sein Antlitz erleuchtete
und wie ein solcher auch mich erwärmte.
,Gehen Sie heim, Johanna,'' sagte er und machte mir Platz.
,Lassen Sie Ihren kleinen müden Fuß am Kamin eines Freundes
ruhen.
Ich ging schweigend an ihm vorüber und wollte weitergehn, aber
eine rätselhafte Macht, ein unwiderstehlicher Impuls zwang mich,
stehenzubleiben, mich nach ihm umzusehen und, mir selber unbewußt,
die Worte zu sprechen: ,Ich danke Ihnen für Ihre große Güte,
Herr Rochester. Es macht mich in der Seele froh, wieder bei Ihnen
zu sein, und wo Sie sind, da ist auch wirklich mein Heim - da
und nur da.
Dann eilte ich so schnell davon, daß er mich nicht einholen
konnte, auch wenn er es gewollt hätte. Adele war halb närrisch vor
Entzücken, als sie mich erblickte. Frau Fairfax empfing mich mit
gewohnter Herzlichkeit; selbst Lea und Sophie freuten sich. Das
alles tat mir wohl; es ist doch das größte Glück, sich von seinen
Nebenmenschen geliebt zu sehen.,
Als ich an diesem Abend mit Adele und Frau Fairfax beim Tee
saß, hatte ich das Gefühl, als umschlösse uns ein goldner Ring der
Sympathie und Freundschaft, und ich sandte ein stilles Gebet gen
Himmel, daß unsere Trennung noch nicht so bald bevorstehen möchte.
Herr Rochester trat ein und schien sich über diese Gruppe zu freuen.
Vierzehn Tage verflossen, und nichts geschah. Man sprach nicht
von der Hochzeit, und ich bemerkte auch keine Vorbereitungen, die auf
ein solches Fest hätten schließen lassen. Frau Fairfax wußte auch
nichts Genaues; sie erzählte mir, sie habe Herrn Rochester einmal
geradeheraus gefragt, wann er nun seine junge Frau heimführen
wolle, da habe er ihr aber mit einem so seltsamen Blick geantwortet.
daß ihr alle Neugierde vergangen sei.
Ingram-Park, der Wohnsitz Blanches, lag nur zwanzig Meilen
entfernt, und dennoch ritt Herr Rochester nie hinüber, und es wurden
keine Besuche mehr ausgetauscht. Eine sträfliche Hoffnung begann
sich in mein Herz zu schleichen; eine Stimme flüsterte mir zu, die
Verbindung sei abgebrochen worden; Blanche oder Herr Rochester
selbst hätte sich anders besonnen. Ich prüfte heimlich das Antlitz
meines Herrn, aber ich fand keine Spur von Trot oder Mißmut
darin; es war nie so klar und ruhig gewesen wie jetzt. Und wenn er
entdeckte, daß ich traurig war, dann konnte er sogar lustig werden
und lachte laut auf. Wie um mich zu quälen, verlangte er jetzt oft
nach meiner Gesellschaft und behandelte mich sehr freundlich - und
ich - ach, ich Arme, ich hatte ihn nie inniger geliebt als jetzt.
Wir hatten jetzt herrliches Wetter; Tag für Tag war wolken-
los blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Die Wiesen um
Thornfield waren abgemäht, die Bäume prangten im dunkelsten
Grün, die Straßen waren heiß und staubig. Am Johannisabend
war Adele zeitig zu Bett gegangen, und ich ging in den Garten.
Es war die schönste von allen vierundzwanzig Stunden. Die Hitze
war erloschen, und auf Blumen und Blätter fiel der wohltätige Tau.
Gleich Hochofenglut loderte am Horizont das Abendrot. Der erste
Stern schimmerte im tiefblauen Osten; bald sollte der Mond ihm
folgen.
Ich ging auf der gepflasterten Terrasse auf und ab; ein wohlbekannter Duft - das Aroma einer Zigarre - drang aus einem
geöffneten Fenster; es war das der Bibliothek, das eine Handbreit
offen stand. Ich fürchtete, von dort aus beobachtet zu werden und
ging in den Obstgarten, den ruhigsten und idyllischsten Winkel von
ganz Thornfield. Hier standen die schattigsten Bäume, hier wuchsen
die duftigsten Blumen; eine hohe Mauer trennte ihn vom Wirtschaftshofe. Hier konnte man ungesehen lustwandeln. Es wurde
dunkler und dunkler, stiller und stiller, ich überließ mich meinen
Träumen. Doch, als ich den obern Teil der Anlagen betrat, mischte
sich in den Duft der Blumen plötzlich wieder jenes verräterische
Aroma einer Zigarre.
Ich blieb stehen und sah umher. Keine menschliche Gestalt war
sichtbar, kein Schritt zu hören; und doch wurde der Geruch stärker.
Ich wollte mich entfernen, und als ich durch das Pförtchen ging, das
in die Baumschule führt, sah ich Herrn Rochester eintreten. Rasch
schlüpfte ich zur Seite - vielleicht bemerkte er mich nicht. Er schlenderte denn auch ruhig weiter, hob die Stachelbeerzweige empor, um
nach den Früchten zu sehen, pflückte eine reife Kirsche vom Spalier
und beugte sich dann zu einem Blumenbeet hinab.
,Jetzt wendet er mir den Rücken,' dachte ich, ,jetzt kann ich entfliehen.
Geräuschlos wollte ich zur Tür hinaus, da rief er, ohne sich um ,Johanna, kommen Sie doch mal her; es ist eine Sünde, an
zuwenden:
solch einem schönen Abend im Hause zu hocken. Leisten Sie mir
Gesellschaft.
Ich wußte nichts zu antworten und folgte ihm schweigend, obwohl es mir nicht angenehm war, zu solcher Stunde mit Herrn Rochester allein im Obstgarten zu sein.
,Es ist eigentlich auch ganz schön hier, namentlich im Sommer,
plauderte er weiter. ,Thornfield muß Ihnen auch schon lieb und
wert geworden sein.
.Gewiß.
,Ich bemerke auch, Sie hegen Zuneigung für die kleine Adele
und sogar für die gute alte Frau Fairfax.
,Ja, Herr, ich habe beide - jede auf besondere Art herzlich lieb.
,Da wird es Ihnen wohl schwerfallen, sich von dem allen zu
trennen. Schade!' Er schwieg ein Weilchen, dann fuhr er fort:
,So geht es immer im Leben, kaum fühlt man sich wohl, so heißt
es: Scheiden!
,Muß denn geschieden sein, Herr Rochester?
,Ich glaube, ja. Es tut mir selbst leid, Johanna, aber ich
glaube, Sie müssen fort.
Es traf mich wie ein Schlag, aber ich ertrug ihn.
,Ich werde bereit sein, Herr Rochester, wenn der Befehl zum
Aufbruch kommt.
,Ich muß ihn heute abend schon erteilen.
,Also wollen Sie sich nun verheiraten?
,Erraten! Klug, wie immer, haben Sie den Nagel auf den
Kopf getroffen. Und wie Sie selbst einmal sagten - von Ihnen
stammt ja der Gedanke eigentlich - so muß nun Adele in ein --
Institut, und Sie müssen eine andere Stellung annehmen. Ich
heirate in einem Monat. In der Zwischenzeit werde ich mich für Sie
nach etwas Passendem umsehen.
,Ich danke, Ihnen, Herr Rochester. Entschuldigen Sie, daß ich
Ihnen so viele Mühe mache!
,Davon ist keine Rede. Wenn eine Untergebene ihre Pflicht
so trefflich erfüllt, wie Sie es getan haben, dann kann sie auch nach
meiner Meinung von ihrem Brotherrn eine kleine Unterstützung
verlangen. Ich habe durch meine zukünftige Schwiegermutter auch
schon in einem Hause anfragen lassen, wo Sie sehr gut aufgehoben
sein würden. Es handelt sich um die Erziehung der fünf Töchter -
einer gewissen Frau Dionysius O’Gall auf Bitternutlodge in
Irland.
,Das ist ja so weit von hier.
,Das spielt dabei keine Rolle. Ein so vernünftiges Mädchen
wie Sie kehrt sich doch nicht an eine etwas lange Reise.
,Die Reise das ist das wenigste aber die Entfernung im
allgemeinen - und dann die See das ist doch immer eine Scheidewand -!
,Zwischen wem, Johanna?
,Zwischen mir und England - zwischen mir und Thornfield
und -!
,Und zwischen wem noch?
,Und zwischen Ihnen, Herr Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir fast wider Willen, und ebenso
ganz gegen meinen Willen, stürzten mir die Tränen aus den Augen.
Der Gedanke an diese Frau O Gall mit ihren fünf Töchtern, an das
Meer, an das ferne Land fiel mir schwer aufs Herz, und noch schwerer
bedrückte mich der Gedanke, durch ein noch tieferes, noch unwegsameres Meer - das der sogenannten gesellschaftlichen Konvention -
von dem Manne getrennt zu sein, den ich ewig lieben mußte.
,Es ist so sehr weit von hier,' sagte ich noch einmal unter
Tränen.
,Ja doch, und wenn Sie einmal in Irland sind, dann werde ich
Sie wohl nie wiedersehen. Das steht fest. Ich reise im Leben nicht
nach Irland. Habe gar kein Verlangen, es kennen zu lernen. Na,
Johanna, wir sind aber doch gute Freunde gewesen, nicht wahr?
.Ia, Herr Rochester.
,Es wird mir ja selber schwer, meine kleine Freundin nach
Irland zu schicken, das so sehr weit von hier ist. Aber es liegt
nicht in meiner Macht, es zu ändern. Glauben Sie, Johanna,
zwischen uns beiden besteht eine gewisse Seelenharmonie.
Ich konnte darauf nichts antworten; mein Herz war in diesem
Augenblick zu voll.
,Manchmal, besonders wenn Sie mir so nahe sind, wie eben
jetzt, habe ich die Empfindung, als wenn hier unter meiner linken
Rippe hervor sich ein Faden nach der gleichen Seite Ihres kleinen,
zarten Körpers hinüberspönne, und ich fürchte, dieses Band wird
zerreißen, wenn das stürmische Meer und mehr als zweihundert
Meilen Landes zwischen uns liegen. Ja, ich habe sogar Angst, ich
könnte dann an innerer Verblutung sterben. Sie, ja, Sie würden
mich ja rasch vergessen.
,Niemals, Herr Rochester, und Sie wissen das recht wohl.
Mehr konnte ich nicht hervorstammeln.
,Johanna, hören Sie doch, wie die Nachtigall dort drüben
schlägt!
Indem ich auf den süßen Schall lauschte, begann ich plötzlich
krampfhaft zu schluchzen; ich vermochte die Gefühle nicht länger
zurückzudrängen; sie rissen mich mit sich fort. Mein lange verhaltener Schmerz schüttelte mich am ganzen Körper.
,O, wäre ich nie geboren!' rief ich aus, denn nun fand ich auch
die Sprache wieder. Mein Schmerz wollte und mußte sich in
Worten Luft machen. ,O, daß ich Thornfield verlassen muß das
geliebte Thornfield! Hier habe ich die einzigen Jahre der Freude
verlebt, die mir bisher beschert gewesen waren. Man hat mich
hier nicht mit Füßen getreten, und man hat mich wie einen Menschen
behandelt. Ja, mein Gebieter selbst ist freundlich zu mir gewesen
und hat mich seines Umgangs gewürdigt. Ich habe von Angesicht
zu Angesicht zu ihm reden dürfen und einen kraftvollen, großmütigen,
weitblickenden Mann in ihm kennen gelernt. Und nun soll ich mich
,Wieso müssen Sie denn? fragte er plötzlich.
,Sie haben es doch selbst gesagt.
,Aber wer zwingt Sie denn dazu?
,Nun, Fräulein Blanche Ingram, Ihre Braut--?
,Meine Braut? Ich habe keine Braut!
,Aber Sie werden bald eine haben!
,Jawohl, das werde ich - bald- sehr bald!'Und er preßte
die Zähne aufeinander, als wenn er sich zu etwas Schwerem entschlossen hätte.
,Und deshalb muß ich gehen-!
,Nein, Sie müssen bleiben, ich habe es geschworen.
,Und ich sage Ihnen, ich muß gehen! Meinen Sie, ich könnte
bleiben und Ihnen, wenn Sie verheiratet sind, ein Nichts sein?
Meinen Sie, ich bin eine Maschine, ein gefühlloser Automat. Glauben Sie, ich hätte kein Herz, keine Seele, weil ich arm und einsam
bin? Ich habe ebensoviel Seele wie Sie, ebensoviel Herz wie Sie!
Hätte ich nur Schönheit und Reichtum, so würde ich es Ihnen ebenso
schwer machen, sich von mir zu trennen, wie Sie es jetzt mir machen,
Sie zu verlassen.
,Ebenso schwer, Sie zu verlassen, Johanna. Das ist es auch
ohnedem, antwortete er, und plötzlich umfaßte er mich mit beiden
Armen, drückte mich an seine Brust und preßte den Mund auf meine
Lippen. ,Johanna, ich biete Ihnen mein Herz und meine Hand
and einen Teil von allem, was ich besitze. Ich bitte Sie, an meiner
Seite durchs Leben zu gehen. Ich begehre Sie zum Weibe - Sie
sind's, die ich heiraten will!'
Ich glaubte, er spotte meiner. Ich riß mich von ihm los und
stand hochaufgerichtet vor ihm.
,Herr Rochester, Sie spielen eine Posse. Ihre Braut ?
,Meine Braut sind Sie, antwortete er und zog mich abermals
an sich. ,Johanna, willst du mich heiraten? Sage ja, Johanna!
Ich antwortete nicht, sondern suchte mich seinen Armen zu entwinden.
,Zweifeln Sie denn an meiner Ehrlichkeit? Haben Sie kein
Vertrauen zu mir? fragte er.
,Nein!'
,Bin ich ein Lügner in Ihren Augen, Kleingläubige?' versetze
er in leidenschaftlichem Tone. ,Wie können Sie nur denken, ich
liebte Fräulein Ingram. Sie fühlten es ja selbst, daß sie unter
mir steht, daß sie meiner nicht würdig ist. Und ebenso wissen Sie,
daß Fräulein Ingram mich nicht liebt. Ich ließ nur das Gerücht
verbreiten, mein Vermögen betrage nur ein Drittel von dem, was
man vermutete, und alsbald empfing sie mich sehr kalt. Es wäre
freilich gar nicht nötig gewesen, diese Probe aufs Exempel zu machen,
aber ich wollte ihr schließlich doch nicht unrecht tun. Um keinen
Preis könnte ich Fräulein Ingram heiraten. Nein, ich liebe nur
Sie, Sie kleine Fee, Sie liebliche Elfe! Ich liebe Sie wie mein
eigenes Ich! Und ich flehe Sie an, nehmen Sie mich.'
,Mich wollen Sie heiraten? rief ich aus und begann zu glauben. ,Mich armes Mädel!r
,Ja, Sie! Wollen Sie die Meine sein? Sagen Sie ja, schnell,
schnell!'
,Herr Rochester, kehren Sie das Gesicht dem Mondlicht zu, lassen
Sie mich in Ihr Gesicht sehen!
,Weshalb?
,Weil ich darin lesen will.
,Sie werden es kaum leserlicher finden als eine halbverlöschte
Schrift. Doch lesen Sie immerhin! Nur beeilen Sie sich und spannen Sie mich nicht mehr lange auf die Folter.
Sein Antlitz verriet tiefe Erregung, seine Wangen waren purpurrot, seine Augen schossen seltsame Blitze.
,O, Johanna, Sie quälen mich mit diesen forschenden, treuen. -
großherzigen Blicken!' rief er aus.
,Wie kann Sie das quälen? erwiderte ich. ,Wenn Ihr Antrag ernst gemeint ist, kann es Sie nicht quälen. Und ist es wahrhaftig Ihr Ernst? Wünschen Sie aufrichtig, mich zum Weibe zu haben?
,Ich wünsche es, ja! Wenn ich's beschwören soll, will ich's tun.
Nur nehmen Sie mich an, schnell, schnell! Sagen Sie: Ja, Eduard;
nennen Sie mich beim Namen!'
,Ja, teurer Eduard, ich will Sie heiraten!
,Kommen Sie zu mir,' sagte er, und indem er die Wange an
die meine legte, flüsterte er mir in seinem innigsten Ton ins Ohr:
,Mache du mein Glück, ich werde das deine machen! Gott möge
mir verzeihen!'' setzte er nach einer Pause hinzu, ,und die Menschen
mögen mich in Ruhe lassen. Ich habe dich - und werde dich mir erhalten! Bist du glücklich, Johanna?
-Ja, ja!
Sein Blick war mehr wild, als liebevoll, und in fast grimmigem
Flüstern fuhr er fort: ,Sie ist arm, verwaist und ohne Freunde
- ich liebe sie über alles- das wird mich vor Gottes Thron rein
waschen -- und nach dem Urteil. der Welt frag' ich nicht. Es kümmert mich nicht. Der Meinung der Menschen biete ich Troy.
Der Abend hatte sich verwandelt. Schweres Gewölk war aufgezogen, und ehe wir das noch bemerkten, zuckte ein bläulicher Funke
auf, dem ein furchtbares Krachen und Prasseln folgte. Ich verbarg
das Gesicht wie geblendet an Herrn Rochesters Schulter. Alsbald
begann es heftig zu regnen, und Rochester zog mich rasch auf den
Gartenpfad mit sich. Ehe wir das Haus erreichten, waren wir völlig
durchnäßt. Frau Fairfax stand in der Halle; sie hatte eben nach dem
Wetter schauen wollen. Wir sahen sie im ersten Augenblick nicht.
Die Uhr schlug eben zwölf.
,Zieh rasch die nassen Kleider aus, daß du dich nicht erkältest,
sagte Herr Rochester zu mir. ,Und nun gute Nacht, mein einziger
Liebling! Träume von mir!
Er küßte mich. Ich entwand mich seinen Armen und erblickte
nun Frau Fairfax, die mich fassungslos anstarrte. Ich lächelte ihr
nur zu und eilte die Treppe hinauf.
,Morgen erfährt sie es noch früh genug!' dachte ich. Doch
oben in meinem Zimmer schmerzte mich der Gedanke, daß sie auch
nur für einen Augenblick mißdeuten könne, was sie eben gesehen.
Aber ich war zu glückselig, um lange an die gute Alte denken zu können.
Und draußen zuckte Blitz auf Blitz, und der Donner grollte in furchtbaren Schlägen, der Regen klatschte gegen mein Fenster. Ich aber
fürchtete mich nicht. Mir war so wohl, ich fühlte mich so ruhig, so
sicher wie noch nie in meinem Leben.
Am andern Morgen erzählte mir Adele, der Blitz habe am vergangenen Abend den großen Kastanienbaum am Ende des Gartens
zerschmettert.
11 Kapitel.
Ein neues Rätsel.
Während ich mich ankleidete, überdachte ich das Geschehene noch
einmal und fragte mich verwundert, ob nicht alles ein Traum sei.
Fast wollte ich nicht an die Wirklichkeit glauben. Als ich in den Spiegel sah, kam ich mir nicht mehr häßlich vor; das Glück hatte mein
Antlitz verschönert; die Wangen waren rosig, die Augen strahlten,
der Mund lächelte unbewußt. Und als ich zum Fenster hinaussah,
war auf die Sturmesnacht ein herrlicher Junimorgen gefolgt.
Frau Fairfax war in der Halle, sah mich ernst, fast traurig an
und fragte, ob ich zum Frühstück kommen wolle. Während der Mahlzeit war sie still, aber ich erkannte nun, daß ich selbst ihr die Aufklärung, nach der sie verlangte, nicht geben könne, daß Herr Rochester
es tun mußte. Ich aß und trank rasch meinen Teil und eilte davon.
Auf dem Korridor lief mir Adele in die Arme.
,Wohin? wohin? rief ich. ,Es ist Zeit zum Unterricht.
,Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt,. antwortete sie.
,Wo ist er?
Sie zeigte auf das Zimmer, aus dem sie eben gekommen war,
und ich trat ein. Wohlgemut ging ich zu ihm. Er umfing mich mit
einer herzlichen Umarmung, mit einem innigen Kusse, und das schien
mir jetzt ganz natürlich.
aJohanna, wie blühend du aussiehst! Wirklich hübsch. Was
ist aus meiner blassen, zarten Elfe geworden? Ein sonniges Mägdlein mit rosigen Lippen und Grübchen in den Backen, mit seiden-
weichem Haar und strahlenden Augen!'
,Und doch ist es nur Johanna Eyre.
,Und wird bald Johanna Rochester sein - in vier Wochen -
keinen Tag länger. Was hast du? Du wirst mit einem Male
wieder blaß.
,Sie gaben mir einen neuen Namen - Johanna Rochester -
wie seltsam das klingt!
,Ja, doch ich gebe dir nicht nur den Namen der Rochester,
sondern auch die Juwelen, die Diamanten der Herrin von Thornfield- die Erbstücke des Hauses. Ich will dich in Samt und Seide
kleiden, und du sollst Rosen im Haar tragen. Und das Haupt, das
mir über alles teuer ist, will ich in einen köstlichen, unschätzbaren
Schleier hüllen! Noch heute fahren wir beide nach Milcote. Wir
heiraten in vier Wochen. Die Trauung wird in der Dorfkirche dort
unten vollzogen, und dann führe ich dich gleich nach London, um von
dort mit dir nach Frankreich und Italien zu reisen. Wir werden
dieselben Stätten aufsuchen, die ich vor Jahren wie ein Wahnsinniger
durchirrte. Ekel, Haß und Wut waren damals meine Gefährten.
jetzt werde ich geheilt, geläutert dieselben Straßen ziehen, einen
Engel zur Seite!
,Ich bin kein Engel,' antwortete ich lachend, ,und werde wohl
auch nicht eher einer sein, als bis ich im Paradiese bin. Erwarten
Sie nichts Himmlisches von mir, Herr Rochester, wie auch ich nichts
Derartiges von Ihnen erwarte. Ich denke mir vielmehr, Sie werden
nur eine kurze Weile so bleiben, wie Sie jetzt sind. Dann werden
Sie kalt und launenhaft, dann streng und rücksichtslos sein, und ich
werde meine Mühe haben, Sie zufriedenzustellen. Aber wenn Sie
sich ganz an mich gewöhnt haben, dann werden Sie mich vielleicht
wieder liebhaben.
,Ich bin nur Frauen gegenüber, an denen mir nichts gefällt
als ihr Gesicht, launenhaft und hart. Aber gegen eine Frau mit
klarem Auge und aufrichtiger Rede, mit feuriger Seele und einem
Charakter, der sich wohl beugt, aber nicht bricht, der zugleich biegsam
und stark ist, gegen solch eine Frau bin ich immer treu und wahr.
,Haben Sie je solch einen Charakter kennen gelernt? Je solch
eine Frau geliebt?
,jetzt liebe ich sie. Vor dir niemals. Ich habe nie deines-
gleichen gefunden. Du scheinst dich mir zu unterwerfen und beherrschest mich doch. Ich bin beeinflußt, besiegt, und dieser Einfluß
ist unsagbar süß. Daß ich dir den Sieg lassen muß, ist wohltuender
als irgendein Triumph, den ich erringen könnte.
,Und Blanche Ingram, Herr Rochester?
,Was ist's mit ihr? Ich machte ihr nur scheinbar den Hof, um
dich ebenso wahnsinnig verliebt in mich zu machen, wie ich schon in
dich war.
,Das war sehr unrecht von Ihnen. Dachten Sie denn gar nicht
an Fräulein Ingrams Gefühle?
,Deren hat sie nur eins, nämlich maßlosen Stolz, und dem
schadet eine kleine Demütigung gar nichts. Warst du denn gar nicht
eifersüchtig, Johanna?
,Lassen wir das, Herr Rochester. Es kann Sie wirklich nicht
interessieren, das zu wissen. Antworten Sie mir bitte aufrichtig:
Wird Fräulein Ingram nicht um ihren Verlust trauern?
,Unsinn! Ich habe dir doch gesagt, daß sie mir gewissermaßen
den Laufpaß gegeben hat, als ich das Gerücht aussprengte, ich sei dem
Bankerott nahe.
-»BrRr
den ich selbst vor kurzem empfunden habe?
,Das darfst du, meine Kleine. Auf der ganzen Welt gibt es
kein zweites Wesen, das die gleiche reine Liebe für mich hegt wie du.
Der Glaube an diese reine Liebe, Johanna, ist der Balsam, der
meiner Seele nottut.
Ich drückte die Lippen auf seine- Hand. Ich liebte ihn inniger
als Worte auszudrücken vermocht hätten.
,Teilen Sie bitte Ihre Absichten Frau Fairfax mit. Sie hat
uns beide gestern abend gesehen und ist empört. Es tut mir weh,
von einer so braven Frau falsch beurteilt zu werden.
,Gut. Nun geh auf dein Zimmer und mache dich reisefertig.
Wir fahren: nach Milcote. Inzwischen will ich die alte Dame beruhigen.
Ich war bald angekleidet. Als ich Herrn Rochester aus dem
Zimmer der Frau Fairfax treten sah, eilte ich zu ihr. Sie saß vor
ihrer Bibel, und die Brille lag zwischen den aufgeschlagenen Blättern. Sie starrte nach der gegenüberliegenden Wand. Als sie mich
erblickte, lächelte sie und stammelte ein paar Worte der Beglückwünschung. Dann sete sie die Brille auf, schob die Bibel fort und
rückte den Stuhl vom Tische
,Was soll man nun dazu sagen?' sprach sie. ,Ich weiß nicht.
was man dazu sagen soll, Fräulein. Ich bin überrascht. Mir ist, als
hätte ich geträumt. Aber es ist doch wohl Wahrheit, nicht wahr? Er
hat Ihnen tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht, nicht wahr? Er
will Sie tatsächlich in vier Wochen zum Altar führen, nicht wahr?
.Ja.
,Das hätte ich nie geglaubt. Er ist ein stolzer Mann - das
waren die Rochesters alle. Und sein Vater war obendrein auch dem
Gelde sehr gut. Und von ihm sagt man, er sei zum mindesten sparsam. Und er will Sie tatsächlich heiraten?
Sie betrachtete mich von Kopf bis zu Fuß. Ich las in ihrem
Blicke, daß sie nichts Bezauberndes an meinem Aeußern entdecken
könne, und sich fragte, was er wohl an mir hübsch fände.
,Es geht über meinen Verstand,r fuhr sie fort, ,Gott mag
wissen, was daraus wird. Es ist in solchen Fällen immer gut, wenn
man auf gleicher Stufe steht, und wenn beide reich sind. Auch was
das Alter anbetrifft, sind Sie sehr auseinander, er könnte Ihr Vater
sein. Ob er Sie wirklich aus reiner Liebe heiratet? Es tut mir
leid, daß meine Bedenken Ihnen wehtun, aber Sie sind noch so jung.
Sie können nicht vorsichtig genug sein. Versuchen Sie, ihn in einer
gewissen Entfernung zu halten. Trauen Sie ihm nicht gar zu viel.
Herren von seinem Stande heiraten im allgemeinen keine Gouvernanten.
Ich wurde nun aber wirklich verdrießlich. Zum Glück ließ Herr
Rochester mich rufen. Wir fuhren nach Milcote.
Die vier Wochen bis zum Hochzeitstage waren vorüber wie im
Fluge. Alle Vorbereitungen waren getroffen; an der Wand meines
Zimmers standen die Koffer gepackt, verschlossen und verschnürt.
Morgen um diese Zeit sollten sie auf dem Wege nach London sein --
und ich auch, oder eigentlich nicht ich, sondern eine gewisse Frau Jo-
hanna Rochester, eine Person, die ich noch nicht kannte. Ihre Toiletten: die seidenen Kleider, das prachtvolle Hochzeitsgewand und vor
allem ein kostbarer, langer Schleier, hatten die schlichten Kleider von
Lowood verdrängt.
Aber es war nicht Allein die Nähe des Ereignisses, die mich
krank machte, nicht allein das Vorgefühl der großen Veränderung
meines Lebens es war noch ein dritter Umstand, der mehr als
die beiden andern mein Gemüt bedrückte. Es war über Nacht etwas
geschehen, das mir unbegreiflich war. Außer mir hatte es niemand
gesehen, hatte niemand davon gehört. Herr Rochester war an dem
Tage nach dieser Nacht fort und kehrte erst gegen Abend wieder. Er
mußte noch mehrere Geschäfte mit seinen Pächtern vor seiner Abreise persönlich erledigen. Nun wartete ich auf ihn und sehnte mich
danach, ihm mein Herz auszuschütten, ihn um die Lösung des unheimlichen Rätsels zu fragen.
Ich ging am Abend, als ich nicht länger meine Ungeduld bezähmen konnte in den Obstgarten; aber auch dort fand ich keine
Ruhe, und ich machte mich auf den Weg, Herrn Rochester entgegenzugehen. Ich brauchte nicht weit zu laufen, da hörte ich Hufschläge.
Ein Reiter kam, begleitet von einem Hunde.
,Sieh da! rief Herr Rochester, neigte sich vom Pferde herab
und streckte die Hand aus. ,Du hast keine Ruhe ohne mich, da sieht
man's. Steige auf meinen Stiefel und gib mir beide Hände. So -
und nun hopp!
Ich saß vor ihm im Sattel. Er gab mir einen herzlichen Willkommenskuß.
,Aber was hat dich hinausgetrieben? Ist ein Unglück passiert?
,Ja, es ist etwas passiert -- wenn auch kein Unglück. Ich erzähle es Ihnen, wenn wir zu Hause sind.
Er ließ sein Pferd im Galopp laufen, und wir hatten rasch die kurze Strecke zurückgelegt. Beim Abendessen leistete ich ihm Gesellschaft, und er beeilte sich, da er es nicht erwarten konnte zu hören,
was mich beunruhigt hätte. Ich nahm einen Hocker und setzte mich
zu Füßen meines Herrn nieder.
,Es ist Mitternacht,' sagte ich, ,und doch möchte ich nicht schlafen
gehen, denn ich fürchte mich. Ich wünschte, diese Stunde, wo wir so
traulich beisammen sitzen, ginge nie vorüber! Wer weiß, was die
nächste uns bringen mag?
,Was ist denn geschehen? Haben die Vorbereitungen dich allzusehr erschöpft? Was hat dir Ruhe und Glück gestört?
,Ruhe und Glück? murmelte ich. ,Sind Sie denn ruhig und
glückliche
,Ruhig? nein! aber glücklich - ja bis ins Innerste meines
Herzens, Doch du machst mix fast Angst, Johanna. Was bedeutet
dieser seltsame Blick, dieser fragende Ausdruck? Erkläre dich!
,So hören Sie denn, Herr Rochester! Eben schlägt es zwölf
Uhr, und ich will Ihnen erzählen, was sich gestern nacht um dieselbe
Stunde zugetragen hat. Sie waren den ganzen Tag über fort. Auch
ich hatte alle Hände voll zu tun gehabt und war recht müde, als
ich mich zur Ruhe legte. Während des Einschlafens dachte ich natürlich noch immer an die Geschenke, die Sie für mich gekauft haben, und
vor allem an den prachtvollen Brautschleier, den ich Ihnen zuliebe
tragen soll, obgleich ein so aristokratischer Schmuck für mein plebejisches Haupt kaum paßt. Die Nacht war stürmisch, der Wind heulte
laut, die Bäume rauschten, und als ich einschlief, nahm ich das Bild
dieser schaurigen Nacht mit in meine Träume hinüber. Mein erster
Traum führte mich auf einem vielverschlungenen Wege durch tiefe
Finsternis; Regen durchnäßte mich; im Arme hielt ich ein kleines
Kind, das jämmerlich schrie. Ich hatte das Gefühl, als seien Sie auf
dieser Straße vorausgegangen, aber schon weit von mir fort, und
ich spannte alle Kräfte an, um Sie einzuholen. Ich rief auch nach
Ihnen, aber die Stimme versagte mir den Dienst.
, Und dieser Traum bedrückt dich noch jetzt, wo du an meiner
Seite bist? Vergiß dein eingebildetes Leid und denke nur an dein
wirkliches Glück!'
,Ich hatte noch einen andern Traum,' fuhr ich fort. ,Ich sah
Thornfield als Ruine, als einen wüsten Trümmerhaufen. Alles war
zusammengebrochen, in der Ferne hörte ich Hufschläge, und ich eilte
auf eine Anhöhe und sah Sie. Aber Sie ritten von dannen und
verschwanden in der Finsternis. Ich wollte nacheilen, fiel von der
Anhöhe jäh herab und erwachte.
,Nun war das Träumen hoffentlich zu Ende, Johanna?
,Die Träume waren zu Ende - die Schrecken begannen erst.
Als ich die Augen aufschlug, sah ich ein brennendes Licht, den Schein
einer Kerze. Ich vermutete, Sophie sei eingetreten. Die Kerze stand
auf meinem Ankleidetisch, und die Tür des kleinen Nebenraums.
in den ich meine neuen Kleider getragen hatte, war offen. Ein Geräusch kam von dort. Ich rief: ,Sophie, was tun Sie dort?
Niemand antwortete, aber eine Gestalt kam zum Vorschein, nahm
das Licht und betrachtete nun eingehend die an den Riegeln hängenden Sachen. Ich rief wieder: ,Sophie! Sophie!r richtete mich im
Bett auf und neigte mich vor. Da erstarrte mir das Blut in den
Adern - denn es war nicht Sophie, es war nicht Frau Fairfax --
es war nicht einmal jene rätselhafte Person, die Grace Poole. Es
war eine mir ganz fremde Frau, die ich noch nie gesehen, solange
ich in Thornfield bin. Sie hatte langes, schwarzes Haar und trug
ein weites, weißes Gewand, das wie ein Leichentuch aussah. Sie
nahm meinen Schleier zur Hand, hielt ihn hoch, sah ihn an, warf
ihn sich selbst über den Kopf und betrachtete sich im Spiegel. Nun
sah ich ihr Gesicht: es war furchtbar anzuschauen - gespenstisch
häßlich und abschreckend die Augen blutunterlaufen - die Haut
braunschwarz- die Lippen wulstig-- die Brauen dick und tiefschwarz. Die Erscheinung erinnerte mich an jenes entsetzliche Gespenst
der Fabelwelt: an den Vampir. Das Weib nahm meinen Schleier,
riß ihn mitten entzwei, warf die Stücke auf den Boden und trat
darauf herum. Dann hob es die Kerze, kam an mein Bett und starrte
mich an. Vor meinen Augen blies es das Licht aus - ich fühlte im
Finstern, wie sein Gesicht sich dem meinen näherte - dann verlor ich
das Bewußtsein. Herr Rochester, sagen Sie mir nun, wer und was
war dieses Weih.'
,Eine Ausgeburt deiner Phantasie, Johanna, nichts weiter. Du
hast dir nur eingebildet, du wachtest, in Wahrheit hast du weitergeträumt.
,Herr Rochester, als ich erwachte, lag der Schleier vor mir auf
dem Boden, mitten durchgerissen!
Er erschrak, umfing mich mit beiden Armen und zitterte selbst.
,Allmächtiger Gott,r stieß er hervor, ,welch ein Glück, daß
sie sich nur an dem Schleier vergriffen hat! O, was hätte da geschehen
können! Ich muß dich sorgsam behüten, mein Schatz. Nun, dann
muß es doch wohl Wirklichkeit gewesen sein, Johanna. Glaube mir,
es war Grace Poole, niemand weiter. Du weißt ja schon, wie
wunderlich sie ist. Daß sie dir so abschreckend erschien, das war die
Folge des halbwachen Zustandes, in dem du lagst, des Alpdrückens,
das dich vorher heimgesucht hatte. Weshalb ich solch ein Geschöpf
in meinem Hause behalte, fragst du mich. Wenn wir Jahr und Tag
verheiratet sind, Johanna, werde ich dir alles erklären. Jetzt aber
noch nicht. Bist du damit zufrieden? Genügt dir meine Darlegung
des Geheimnisses?
In der Tat sie erschien mir als die einzig mögliche. Zufrieden
war ich freilich noch nicht, doch ihm zuliebe tat ich, als sei ich es.
In dieser Nacht schlief ich mit Adele zusammen und verschloß die Tür
aufs sorgsamste. Ich fand keinen Schlummer, hielt das Kind in
den Armen und bewachte seinen ruhigen, friedlichen Schlaf. Mit
Sonnenaufgang stand ich auf. Um sieben Uhr kam Sophie, um mich
anzukleiden. Ich mußte nun schließlich doch an Stelle des prunk-
vollen Schleiers, den Herr Rochester trotz meines Einspruchs für
mich gekauft, den einfachen Tüllschleier nehmen, den ich mir selbst
ausgesucht hatte. Das Mädchen brauchte lange Zeit, mich fertig zu
machen; denn Herr Rochester wurde ungeduldig.
,Johanna!' rief er herauf, und ich eilte die Treppe hinunter
und flog in seine Arme.
Er führte mich ins Speisezimmer und betrachtete mich von allen
Seiten. Die Musterung schien ihn zufriedenzustellen.
,Wir haben zum Frühstück nur zehn Minuten Zeit, sagte er
und klingelte.
Ein Diener, den er vor kurzem erst gemietet hatte, trat ein.
,Der Kutscher soll den Wagen und das Gepäck in Ordnung
bringen. Sie selbst gehen nach der Kirche und sorgen dafür, daß
der Küster und der Geistliche rechtzeitig da sind. Zum Wege in die
Kirche wünsche ich den Wagen nicht, aber er soll reisefertig vor der
Tür warten.
Der Diener eilte, die Befehle seines Herrn auszuführen. In
zehn Minuten waren wir fertig.
Kapitel.
Zerschelltes Glück.
Wir hatten keinen Brautführer, keine Brautjungfern. Keine
Angehörigen gaben uns das Geleit. Ich ging ganz allein an Herrn
Rochesters Arm. Frau Fairfax stand in der Halle, aber Herr Rochester ließ mir keine Zeit, mit ihr zu sprechen. Ich sah, er wünschte
nicht den geringsten Aufschub mehr, und ich möchte wohl wissen,
ob es je einen Bräutigam gegeben hat, dessen Antlitz eine so grimmige Entschlossenheit, zum Ziele zu kommen, ausgedrückt hat, wie
das des Herrn Rochesters. Unter seinen gerunzelten Brauen
schossen seine Augen Blitze einer fast verzweifelten Energie. Erst
vor der Kirchtür blieb er einen Augenblick stehen und ließ mich zu
Atem kommen.
Ich sehe noch, als wäre es heute, die kleine Kirche vor mir.
Eine Krähe umschwebte den Turm. Rings lagen die grünen Grabhügel, und die Gestalten zweier Männer traten, als sie uns erblickten, rasch in die Kirche. Herr Rochester sah sie nicht, weil er mich
anschaute; aber aus meinem Antlitz wich für den Augenblick alles
Blut, ein kalter Angstschweiß perlte auf meiner Stirn, und meine
Lippen wurden eisigkalt. Dennoch hätte ich den Grund dieser plötzlichen Beklemmung nicht angeben können.
Wir gingen hinein. Der Prediger stand im Chorrock am Altar
und wartete. Der Küster war an seiner Seite. In einem fernen
Winkel bewegten sich zwei Schatten; dort standen zwei Fremde,
kehrten uns den Rücken zu und betrachteten die Grabmäler der
Ahnen des Hauses Rochester. Wir stellten uns vor dem Altar auf.
Der Gottesdienst begann - einer der Fremden näherte sich uns.
Der Geistliche sprach die vorgeschriebenen Worte und fuhr dann
fort:
,Und so fordere ich euch auf, im Hinweis auf die Rechenschaft,
die ihr am jüngsten Tage von euren Handlungen ablegen müßt,
jedes etwaige Hindernis, das sich eurer Eheschließung entgegenstellen
könnte, jetzt noch offen zu bekennen.
Er hielt inne, wie es vorgeschrieben ist, obgleich wohl binnen
hundert Jahren die Pause nach dieser Frage niemals durch eine
Antwort unterbrochen wird. Der Geistliche erhob die Hand und
wollte eben, indem er sich an Herrn Rochester wendete, die Frage
stellen: ,Willst du dieses Mädchen hier zum Weibe nehmen? als
eine fremde Stimme deutlich und klar die Worte sprach:
,Die Trauung kann nicht stattfinden. Es besteht ein Hindernis.
- Der Prediger sah auf. Er und der Küster standen sprachlos
da. Herr Rochester fuhr auf, als wenn die Erde unter seinen Füßen
gebebt hätte. Dann hob er das Haupt, sah den Geistlichen fest an
und rief: ,Walten Sie weiter Ihres Amtes.
,Das kann ich nicht, ohne Nachforschungen über den Einspruch
anzustellen, der hier eben erfolgt ist,r' antwortete der Pastor. ,Ich
muß untersuchen, ob es Wahrheit oder Lüge ist, was da behauptet
wird.
,Die Trauung ist abzubrechen, sagte die Stimme hinter uns.
,Ich kann beweisen, daß ich die Wahrheit sage. Es besteht ein unüberwindliches Hindernis gegen diese Eheschließung.
Herr Rochester stand starr und steif da, er vermochte kein Glied
zu rühren und sich nicht nach dem Fremden umzuschauen, nur meine
Hand packte er fester. Und wie marmorbleich erschien mir seine
hohe, blasse Stirn in diesem Augenblick, wie ruhig und doch wie
feurig blitzte sein Auge!
Der Prediger wußte nicht, was er tun sollte.
,Und worin besteht das Hindernis, von welchem Sie sprechen?
fragte er. ,Läßt es sich vielleicht hinwegräumen — überwinden?
Der Fremde lehnte sich über das Gitter des Altarraums und
antwortete ruhig:
,Es besteht einfach darin, daß Herr Rochester schon verheiratet
ist und seine Gattin noch lebt.
Diese leise gesprochenen Worte wirkten niederschmetternder auf
mich, als ein Donnerschlag vermocht hätte. Dennoch war ich gefaßt,
und keine Ohnmacht drohte mir. Ich sah Herrn Rochester an -
sein Gesicht erschien mir in diesem Augenblick wie farbloses Gestein.
Er leugnete nichts. Er sah nur aus, als sei er entschlossen, dem
Himmel und der Erde Trotz zu bieten. Er umschlang mich fest und
hielt mich an seiner Seite.
,Wer sind Sie? fragte er den Mann.
,Briggs - Advokat aus London.
,Und Sie wollen mir eine Gattin aufschwatzen?
,Nein, Sie nur an die Existenz Ihrer rechtmäßigen Ehefrau
erinnern. Ihre Ehe ist vor dem Gesetz gültig, wenngleich Sie anderer
Meinung zu sein scheinen.
Nach diesen Worten zog er ein Blatt Papier hervor und las in
geschäftsmäßigem Tone das Folgende:
,Ich bestätige und kann beweisen, daß am W. Oktober des
Jahres . - - - 'hier folgte ein Datum, das um fünfzehn Jahre
zurücklag Eduard Fairfax Rochester, Eigentümer von Thornfield-Hall und Ferndean-Haus, aus England, mit meiner Schwester
Bertha Antoinette Mason, Tochter des Kaufmanns Jonas Mason
und seiner Gattin Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche Allerheiligen zu Spanish-Town auf Jamaika getraut worden ist. Das
Protokoll darüber findet sich in den Registern der genannten Kirche
--- eine Abschrift habe ich in Händen. Richard Mason.
,Das beweist wohl, sagte Herr Rochester, ,daß ich einmal verheiratet war, aber nicht, daß die Person, die darin als meine Gattin
bezeichnet wird, noch am Leben ist.
,Sie war vor drei Monaten noch am Leben - das wenigstens
ist bewiesen, versetzte der Rechtsanwalt.
,Woher wissen Sie das?
,Ich habe einen Zeugen dafür.
,Bringen Sie ihn zur Stelle!r
,Er ist hier -- Herr Mason, wollen Sie vortreten.
Als Herr Rochester diesen Namen hörte, knirschte er mit den
Zähnen und zitterte heftig. Der zweite Fremde, der bis jetzt im
Hintergrunde geblieben war, trat nun auch vor, und ein bleiches
Gesicht sah über die Schulter des Sachwalters nach uns hin. Ja,
es war Herr Mason selbst. Herr Rochester drehte sich um und starrte
nach ihm hin. Sein Antlitz färbte sich mit einer Glut, die wie Feuer
aus seinem gemarterten Herzen heraufstieg. Dann erhob er den
starken Arm und machte Miene, Mason niederzuschlagen. Der aber
zuckte zusammen und schrie in jämmerlichem Tone: ,Allmächtiger
Gott!'
Da sank Herrn Rochesters Arm nieder; mit dem Ausdruck
grenzenloser Verachtung fragte er: ,Was hast du noch zu sagen,
Unglückskind?
Eine unhörbare Antwort entrang sich den bleichen Lippen
Masons.
,Der Teufel soll dich holen !' schrie Rochester.
,Herr, rief der Geistliche dazwischen, ,vergessen Sie nicht, wo
Sie sich befinden. Dann wandte er sich an Mason und fragte:
,Ist Ihnen bekannt, ob die Ehefrau dieses Herrn noch am Leben
ist?-
,Sie lebt in Thornfield-Hall,' antwortete Mason. ,Im April
noch habe ich sie gesehen. Ich bin ihr Bruder.
,Das ist nicht möglich, sagte der Geistliche. ,Ich wohne seit
langer Zeit schon hier und habe nie etwas von einer Frau Rochester auf Thornfield-Hall gehört.
,Nein, wahrlich nicht, rief Rochester mit finsterm Lächeln.
,Denn ich habe Sorge getragen, daß kein Mensch etwas von ihr
erfahren solle.
Zehn Minuten bangen Schweigens verstrichen, dann raffte Rochester sich gewaltsam auf und rief mit einer Stimme, die wie Donner rollte:
,Genug! Nun soll alles heraus wie die Kugel aus der Kanone!
Pastor, klappen Sie Ihr Buch zu! Heute findet keine Trauung mehr
statt. Das Schicksal hat mich überlistet die Vorsehung gebietet
mir Einhalt. Mein Plan ist gescheitert. Was dieser Advokat und
sein Klient sagen, ist wahr: ich bin verheiratet -- und das Weib,
mit dem ich verheiratet bin, lebt. Sie heißt Bertha Mason und ist
die Schwester des Hasenfußes, der dort steht und an allen Gliedern
zittert. Pastor, Rechtsanwalt, ich lade Sie ein, sich meine Gattin
anzusehen! Kommen Sie mit mir und betrachten Sie nur auf einen
Augenblick die Schutzbefohlene der Grace Poole, meine Gattin! Sie
sollen mit eigenen Augen sehen, wie man mich betrogen hat, als man
mich dazu verleitete, dieses Geschöpf zu heiraten! Und dann beurteilen Sie, ob es unmenschlich von mir war, daß ich m.ich für berechtigt hielt, eine solche Ehe als nicht bestehend anzusehen. Pastor,
dieses Mädchen wußte ebensowenig wie Sie um dieses widerliche Geheimnis. Sie glaubte, es sei alles in Ordnung. Sie hatte keine
Ahnung davon, daß sie eine Scheinehe mit einem elenden Betrüger
eingehen sollte, der schon mit einem wahnsinnigen, vertierten Weibe
verheiratet ist! Folgen Sie mir alle, alle, alle!'
Noch immer hielt er mich mit eiserner Faust fest und stürmte
zur Kirche hinaus.
Fahr zurück in den Stall, John,' sprach er zum Kutscher. ,Wir
brauchen heute keinen Brautwagen!'
Als wir in Thornfield-Hall ankamen, traten uns Frau Fairfax, Lea und Sophie entgegen, um uns zu beglückwünschen.
,Hinweg mit euch!' schrie ihr Gebieter. ,Gehe jeder an seine
Arbeit! Wer braucht Glückwünsche? Ich nicht! Sie kommen um
fünfzehn Jahre zu spät!'
Und noch immer meine Hand umklammernd, eilte er die
Treppen hinauf, bis ins dritte Stockwerk, und führte uns in jenes
Zimmer mit den Gobelins, wo ich an der Seite des verwundeten
Herrn Mason gewacht hatte. Er hob die Wandteppiche auf und enthüllte jene geheime Tür, die ich schon einmal gesehen hatte. Er schloß
In einem fensterlosen Zimmer brannte ein helles Feuer, und eine Lampe hing von der Decke herab.
Grace Poole stand am Kamin,
offenbar beschäftigt, in einem Tiegel etwas zu kochen. Am andern
Ende des Zimmers, in tiefem Schatten, lief eine Frauengestalt unaufhörlich hin und her wie ein gefangenes Tier im Käfig. Gleich
einem Tier knurrte und heulte sie auch; aber sie trug menschliche
Kleider, und menschliches Haar hing ihr um Gesicht und Schultern.
,Guten Morgen, Frau Poole!' rief Herr Rochester. ,Was macht
Ihre Schutzbefohlene heute?
,Sie ist bissig, aber frei von Tobsucht, antwortete Grace Poole
ruhig.
Im nächsten Moment erklang ein wilder Schrei, der diese Worte
Lügen zu strafen schien. Das tierische Weib, das zuerst auf allen
Vieren herumgekrochen war, erhob sich und stand groß und gewaltig
vor uns.
,O. Herr, sie hat Sie gesehen! Gehen Sie fort!' rief Grace
Poole.
Es war schon zu spät. Die menschliche Hyäne stürzte mit einem
furchtbaren Geheul auf Herrn Rochester los, packte ihn bei der
Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht. Ich trat entsetzt
zurück: in dieser Wahnsinnigen hatte ich die geheimnisvolle Fremde
erkannt, die in der vorletzten Nacht meinen Schleier zerrissen hatte.
Herr Rochester rang mit ihr. Sie war sehr stark und außerdem
korpulent und schwer. Mit einem wuchtigen Schlage hätte er sie
zu Boden werfen können, aber er wollte nicht schlagen, er wollte nur
mit ihr kämpfen. Endlich hatte er sie niedergezwungen, Grace Poole
warf ihm einen Strick zu, und er fesselte sie. Dabei stieß die Irre
ein gräßliches Geschrei aus. Herr Rochester wandte sich an die Zuschauer und sagte mit einem bittern Lächeln:
,Das ist mein Weib! und das hier, fügte er hinzu und legte
die Hand auf meine Schulter, ,sollte mein Weib sein! Betrachten
Sie den Unterschied, meine Herren, und beglückwünschen Sie mich
dazu, daß es mir fehlgeschlagen! Und du, Priester des Evangeliums.
verurteile mich, wenn du kannst! Du Mann des Gesetzes, tue desgleichen! Aber vergeßt die Worte nicht: Richtet nicht, auf daß ihr
nicht gerichtet werdet! Und nun fort! Ich muß meinen Schatz hier
erst wieder einschließen!'
Wir gingen alle. Auf der Treppe wandte der Rechtsanwalt sich
an mich:
,Sie trifft dabei kein Tadel, Fräulein,' sagte er. ,Ihr Onkel
wird sich freuen, wenn er das hört - sobald Herr Mason wieder
in Madeira ist.
,Mein Onkel in Madeira? stieß ich hervor. ,Was hat das hier
mit ihm zu schaffen?
,Herr Mason kennt ihn, antwortete der Advokat. ,Ihr Onkel
ist eine Zeitlang, ehe er sich selbständig machte, der Buchhalter in
der Madeira-Filiale der Firma Mason gewesen. Als Ihr Onkel von
Ihnen jenen Brief erhielt, in welchem Sie ihm von Ihrer bevorstehenden Verheiratung mit Herrn Rochester schrieben, befand sich
Herr Mason gerade auf Madeira, um dort Genesung zu suchen.
Er besuchte Ihren Oheim, da sie ja alte Bekannte sind. Im Laufe
des Gesprächs erfuhr er nun die ganze Sache. Ihr Onkel, wie ich
Ihnen leider mitteilen muß, ist sehr krank. Er hat die Schwindsucht, und ich glaube nicht, daß er je wieder gesund werden wird.
Er konnte deshalb nichts tun, um Sie zu warnen, aber er ersuchte
Herrn Mason, hierher zu reisen und diese unrechtmäßige und ungültige Heirat zu verhindern. Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß
Sie Ihren Onkel nicht mehr lebend antreffen werden, so würde ich
Ihnen raten, gleich mit Herrn Mason nach Madeira zu reisen; wie
die Dinge aber liegen, ist es wohl besser, Sie bleiben hier und
warten, bis Sie etwas von Herrn Eyre hören.
Er ging mit Herrn Mason fort. Ich begab mich auf mein
Zimmer und schloß mich ein. Dann fing ich an - nicht zu weinen,
noch zu trauern, dazu war ich noch zu ruhig - sondern ganz langsam meinen Hochzeitsstaat abzulegen and das schlichte, wollene
Kleid aus Lowood wieder anzuziehen. Dann setzte ich mich. Ich
war müde. Ich legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf.
Und nun begann ich zu überlegen. Bis jetzt hatte ich mich nur
bewegt - zur Kirche und zurück - treppauf und treppab, wohin
man mich zog -- jetzt fing ich an zu denken.
der Leidenschaft, ohne Wehklagen, ohne Tränen. Der Einspruch
gegen die Trauung war in sachlicher Form geschehen, auf einige
aufgebrachte Fragen Herrn Rochesters waren sachliche Antworten
gegeben worden -- und dann hatten wir den lebenden Beweis
für die Rechtskraft des Einspruchs gesehen. Nun war alles vorüber.
- Ich befand mich wieder in meinem Zimmer - wieder als
Johanna Eyre - nicht als Frau Rochester. Johanna, die ein
liebendes, erwartungsvolles Weib, beinahe schon Gattin gewesen,
war wieder ein einsames Mädchen. Ein harter Winterfrost war über
die blühenden Blumen hingebraust, Schneewehen hatten die knospenden Rosen getötet, ein eisiges Leichentuch hatte sich über die grünende
Pracht gebreitet. Meine gestern noch so üppig prangenden Wünsche
waren tot; meine Liebe lag in meinem Herzen wie ein krankes
Kind in einer kalten Wiege. Der Glaube war dahin -- das Vertrauen zerstört - die Hoffnung gebrochen! Herr Rochester war für
mich nicht mehr das, was er gewesen, denn er war nicht das, für
was ich ihn gehalten. Und nun mußte ich fort aus seiner Nähe,
das sah ich klar. Doch wohin? wohin?
Dunkelheit umgab mich - wie, schwarze Wogen fluteten wirre
Gedanken um mich her. Kraftlos trieb ich in ihrem reißenden
Strome, und ich wünschte mir den Tod herbei. Wie eine erdrückende
Lawine brach das Bewußtsein meines zerstörten Lebens, meiner
verlorenen Liebe, meiner vernichteten Hoffnungen über mich herein.
Kapitel.
Abschied.
So saß ich bis zum Nachmittag. Dann fragte ich mich: ,Was
soll ich nun beginnen? Die Antwort, die mir meine eigene Seele
gab: ,Thornfield auf der Stelle verlassen!’ kam so furchtbar schnell,
daß ich mir die Ohren zuhielt. ,Es ist ja das wenigste, sprach ich
zu mir selbst, ,daß ich nicht seine Gattin sein kann - nein, daß
ich nun nicht mehr bei ihm bleiben kann, daß ich ihn verlassen muß,
jetzt und auf immerdar - das ist das Entsetzliche! Und das vermag ich nicht!'
Doch eine innere Stimme sagte mir, daß ich es doch könne,
daß ich es ausführen würde. Ich sprang plötzlich auf. War ich nicht
schon jetzt verlassen und überflüssig? Ich hatte den ganzen Tag noch
nichts gegessen und getrunken, und niemand hatte daran gedacht,
nach mir zu fragen, mir etwas zu schicken. Weder Frau Fairfax
noch Adele hatten an meine Tür geklopft. Ich taumelte zum Zimmer
hinaus, denn ich konnte nicht länger einsam sein - ich wankte durch
den Korridor - ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Ich strauchelte
über irgendetwas, das am Boden lag - mich schwindelte - und
ich fiel. Doch nicht auf die Erde - ein Arm hielt mich auf. Ich
sah empor - es war Herr Rochester, der mich stützte.
,Endlich kommst du zum Vorschein, sagte er. ,Ich warte und
horche schon lange -- aber kein Geräusch, keine Bewegung. Todesähnliche Stille. Schon war ich willens, die Tür dort wie ein Räuber
aufzubrechen. So weichst du mir aus? Trauerst allein? Ach, wärst
du mit heftigen Vorwürfen vor mich hingetreten! Auf eine leidenschaftliche Szene, auf heftige Tränenfluten war ich vorbereitet, nicht
aber auf dieses stumme Dulden. Ich sehe, du hast nicht einmal geweint, Johanna! Kein Wort des Tadels, keine Silbe der Erbitterung? Du sitzest ganz still dort, wohin ich dich gesetzt habe, und siehst
mich mit müden Augen an. Kannst du mir jemals verzeihen?
Ach, ich hatte ihm schon verziehen! In seinen Augen sprach
sich so tiefe Reue aus, in seiner Stimme so wahres Mitleid, in seinem
Wesen so männliche Energie, daß ich ihm alles verzieh. Doch nicht
in Worten, nicht nach außen hin - sondern still. für mich, in der
Tiefe meines Herzens.
Als ich noch immer schwieg, schüttelte ihn ein Schauer, er nahm
mich auf den Arm und trug mich hinunter ins Bibliothekszimmer.
Dort saß ich nun in seinem Stuhle und er war dicht neben mir.
,Wenn ich jetzt ganz plötzlich und ohne jähen Schmerz aus dem
Leben scheiden könnte, so würde mir wohl sein, dachte ich bei mir
selbst. ,Dann brauchte ich mir nicht das Herz zu zerreißen, indem
ich mich von Herrn Rochester losreiße. Und ich muß ihn ja verlassen - ich muß ja!'
Ich trank etwas von dem Wein, den er mir reichte; er stellte
das Glas wieder auf den Tisch, trat vor mich hin und betrachtete
mich. Und plötzlich wandte er sich ab mit einem unterdrückten
Schrei, den der wahnsinnige Schmerz ihm entpreßte. Dann neigte
er sich über mich, als wollte er mich küssen. Doch ich wandte den
Kopf zur Seite und schob ihn sanft von mir. Für mich waren jetzt
alle Liebkosungen verboten.
,Was bebeutet das? fragte er. ,Ah, du willst den Gatten
jener Bertha Mason nicht mehr küssen? Also hältst du mich doch für
einen Schurken, der dich in eine Schlinge locken wollte, der dir nur
Liebe heuchelte, um dir Ehre und Selbstachtung zu rauben? Ich sehe,
du weißt gar nichts zu antworten. Erstens bist du noch zu müde,
und zweitens hast du dich noch nicht daran gewöhnt, mich mit
Lästerungen zu überhäufen. Ach, Johanna, ich sehe es jetzt selbst, es
war unrecht von mir, dich nach Thornfield-Hall kommen zu lassen,
da ich ja wußte, welches fürchterliche Gespenst hier umgeht. Ich hatte
ja freilich stets Sorge getragen, das Geheimnis vor, aller Welt zu
verbergen, und außer Grace Poole, auf die ich mich verlassen konnte,
und dem Wundarzt Carter wußte niemand davon. Aber ich hätte
dir die Existenz dieser Wahnsinnigen nicht verheimlichen sollen. Ich
hätte offen und ehrlich mit dir darüber sprechen sollen. Wie die
Dinge nun stehen, ist nichts zu ändern. Ich werde dich jetzt von
- für Geld tut Grace viel dann lasse ich die Einfahrt vernageln,
die unteren Fenster vermauern und schließe das ganze Haus von
aller Welt ab. Mlles ist zur schleunigen Abreise gerüstet, das weißt
du, Johanna. Halte nur noch eine Nacht unter diesem verwunschenen
Dache aus, dann bringe ich dich an einen Ort, wo wir ein sicheres
Heiligtum finden werden, wohin uns keine verhaßten Erinnerungen
folgen sollen.
Ich schüttelte den Kopf. Es erforderte einen gewissen Mut, um
auch nur dieses Zeichen von Weigerung zu machen - aufgeregt wie
er war. Er sah mich scharf an - ich blickte zur Seite und bemühte
mich, ruhig und gefaßt zu bleiben.
,Da haben wir nun den Haken in Johannas Charakter, fuhr
er fort. ,Bis hierher ist alles glatt und weich gegangen, nun ist
der Knoten da. Bei Gott, es wandelt mich die Lust an, diesen Knoten
wie Werg zu zerreißen.
Er schritt auf und nieder und blieb dann wieder dicht vor mir
stehen.
,Johanna, willst du Vernunft annehmen? Sonst werde ich Gewalt gebrauchen!
Seine Stimme klang heiser. Er sah mich an wie jemand, der
alle Fesseln sprengen und sich Hals über Kopf in die wildeste
Zügellosigkeit stürzen will. Das begriff ich und wußte, daß ich im
nächsten Augenblick, wenn seine Wut auch nur um ein Atom noch
zunahm, nichts mehr bei ihm erreichen könne. Die gegenwärtige
Sekunde war die letzte Gelegenheit, ihn zu beherrschen, ihn zurückzuhalten. Ich fürchtete mich nicht das Bewußtsein meiner innern
Kraft hielt mich aufrecht. Ich hatte in diesem Moment das Gefühl
eines Menschen, der in einem Kanoe über Stromschnellen hinsaust,
aber ich verlor das Steuer nicht aus der Hand. Sanft und beruhigend löste ich die Finger seiner Faust.
Setzen Sie sich, sagte ich. ,Dann will ich Ihnen zuhören,
solange Sie wollen.
Er setzte sich denn auch, aber fürs erste fand er noch keine Worte.
Dafür kamen mir nun plötzlich die Tränen - ich konnte sie nicht
länger zurückhalten. Ich gab mir auch keine Mühe, sie zu unterdrücken, denn ich wußte, daß er mich nicht weinen sehen konnte.
Bald bat er mich denn auch inständig, mich zu fassen. Ich antwortete,
ich könne das nicht solang er so zornig sei. ,Zornig bin ich ja
gar nicht, Johanna- es ist alles nur die zu große Liebe.
Dein kleines blasses Gesicht sah mich zu hart und kalt an. Sei nun
still und weine nicht mehr.
Der weiche Ton seiner Worte zeigte mir an, daß er nachgab;
da wurde auch ich wieder ruhig. Er wollte den Kopf an meine
Schulter lehnen - ich erlaubte es ihm nicht. Er wollte mich an sich
ziehen, auch das verwehrte ich ihm.
,Johanna, sagte er so traurig, daß jeder Nerv in mir zuckte,
,liebst du mich nicht mehr?
Ach, wie schnitten diese Worte mir ins Herz!
,Ich liebe Sie mehr als je, antwortete ich. ,Aber ich darf
meine Liebe nun nicht mehr zeigen, und dies ist auch das letzte Mal,
daß ich ihr Ausdruck verleihe!
,Das letzte Mal? Willst du neben mir leben, mich täglich sehen
und doch bei all deiner Liebe kalt und fremd bleiben?
,Das könnte ich nimmermehr, und deshalb gibt es nur einen
Ausweg - aber ich darf ihn ja nicht nennen, Sie geraten gleich
wieder in Zorn.
,Nenne ihn - ich werde ruhig bleiben.
.Ich muß Sie verlassen, Herr Rochester.
,Für einige Minuten, Johanna? Um dir das Haar zu
ordnen?
,Ich muß Thornfield verlassen ich muß für immer Abschied l
von Ihnen nehmen. Ich muß unter einem andern Himmel, unter ;
andern Menschen ein neues Leben beginnen.
,Das sagte ich dir ja selbst schon - aber als Frau Rochester,
denn das sollst du werden, nicht nur dem Namen nach, sondern in
der Tat. Ich werde zu dir halten, solange ich lebe. Ich habe eine
Villa am Meer in Südfrankreich - dorthin gehen wir. Weshalb
schüttelst du den Kopf? Johanna, nimm Vernunft an - oder die
Wut faßt mich von neuem
Herr Rochester,' erwiderte ich ruhig, .Ihre Gattin lebt noch.
,Johanna, ich besitze nicht viel Sanftmut, stieß er hervor.
,Nicht viel Geduld - ich bin auch nicht kalt und ohne Leidenschaft.
Lege deine Hand an meinen Puls - fühle, wie er klopft - und
hüte dich!'
Er hielt mir den Arm hin, sein Gesicht war aschfahl geworden.
Ich wußte mir keinen Rat mehr -- ihn noch länger durch Widerstand zu reizen, war grausam, ihm nachzugeben war ganz unmöglich.
Da tat ich, was der Mensch in höchster Not instinktiv immer tut, ich
schlug die Augen zum Himmel auf, und die Worte: ,So möge Gott
mir helfen!' kamen unbewußt von meinen Lippen.
,Ich bin ein Narr!' rief er. ,Da rede ich dir immer vor, ich
sei nicht verheiratet, und erkläre es dir nicht. Du weißt ja nichts
von dieser unglückseligen Verbindung und von dem Drum und Dran.
Wenn du alles weißt, wirst du mir gewiß Recht geben. Willst du
mich anhören?
,Stundenlang, Herr Rochester.
,Es soll nur ein paar Minuten dauern. Hast du schon einmal
gehört, daß ich kein Erstgeborener war, sondern einen älteren Bruder
hatte?
,Frau Fairfax sprach einmal davon.
,Und hast du auch mal gehört, daß mein Vater sehr habsüchtig
und geldgierig war?
.Ja.
,Nun, er hatte infolgedessen beschlossen, sein Besitztum nicht zu
teilen, sondern ganz meinem Bruder zu hinterlassen, und um mich
in unabhängige Verhältnisse zu bringen, suchte er mir eine reiche
Braut. Er fand sie in der Tochter eines westindischen Farmers,
eines Herrn Mason, der für sehr reich galt. Die Mitgift sollte denn
auch dreiviertel Million betragen, das genügte ja. Man schickte mich
nach Jamaika, um die Braut heimzuführen, die bereits für mich
geworben war. Sie war sehr schön - von spanischem Typus. Ich
sah sie aber nie allein und konnte kein einziges Mal mit ihr unter
vier Augen sprechen. Allein da sie allgemein umworben wurde, nahm
ich an, sie sei wirklich begehrenswert und machte mir keine Gedanken
weiter. Ihre Verwandten kamen mir entgegen, sie selbst ermutigte
mich, Nebenbuhler reizten mich, den Sieg davonzutragen, und so
war ich eines Tages mit ihr verheiratet, fast wußte ich nicht, wie es
geschah. O, wie verachte ich mich selbst, wenn ich daran denke! Ich
kannte sie ja noch nicht einmal! Ich wußte nicht, ob sie tugendsam,
gut, offenherzig sei- ob sie eine reine Seele, ein edles Herz hätte!
Nichts wußte ich. Ihre Mutter hatte ich nie gesehen. Ich glaubte,
sie sei tot. Erst nach Ablauf der Flitterwochen erfuhr ich, daß ihre
Mutter im Irrenhause lebte, daß ein Bruder von ihr ebenfalls verrückt war, und daß der ältere - den hast du ja hier kennen gelernt
- auch langsam dem Schicksal geistiger Umnachtung entgegenginge.
Nach kurzer Zeit erkannte ich nun, was ich an meiner jungen Frau
hatte: sie kehrte ohne Scheu ihren gemeinen, häßlichen Charakter
hervor. Sie war ganz unfähig, sich irgendwelchen höheren Dingen
zuzuwenden. Ich mußte einsehen, daß mir an der Seite dieser Person
nicht ein einziger Abend, ja nicht einmal eine Stunde der Ruhe
und des Behagens beschert sein würde. Nach kurzer Zeit ergab sie
sich dem Trunke, und damit nahm alles ein rasches, furchtbares Ende.
Die ersten Zeichen, daß die Krankheit ihrer Mutter, der Wahnsinn,
auch bei ihr ausbräche, machten sich nun bald in erschreckender Weise
bemerkbar. Das Leiden nahm rasch überhand. Ich stand am Rande
der Verzweiflung und wollte mir das Leben nehmen; doch ich rang
mich durch diesen furchtbaren Schmerz empor und wurde mit mir
selbst darüber einig, daß diese Ehe vor Gott und den Menschen
keine Gültigkeit haben könne. Ich beschloß, nach Europa zurückzukehren, wo niemand etwas von meiner Verheiratung wußte. Inzwischen waren kurz hintereinander mein Vater und mein Bruder
gestorben, und ich war in den Besitz des ganzen Vermögens meiner
Familie gelangt. Vater und Bruder hatten sich, im Bewußtsein ihrer
Niederträchtigkeit, wohl gehütet, etwas von meiner Frau zu erzählen. In Europa also konnte ich nach wie vor als unverheiratet
gelten, und ich kam nun auf den Gedanken, mein Weib in einem
meiner Schlösser von aller Welt abzusperren, ihr eine treue Wächterin zu geben und dann selbst Ausschau nach einer andern Gattin
zu halten, an deren Seite ich trotz allem noch glücklich werden könnte.
So schloß ich sie in Thornfield-Hall ein und mietete Grace Poole
zum Cerberus dieser Hölle. Grace versieht ihr Amt im allgemeinen
sehr gut und sehr gewissenhaft, aber sie trinkt gern, und wenn sie
über ihrem Porterkrug einschläft, macht sich die Tobsüchtige manchmal doch noch die Gelegenheit zumute und entschlüpft ihr. So damals, als sie mein Bett in Brand steckte und dann in jener Nacht,
wo sie deinen Schleier zerriß. O, was hätte da geschehen können!
Wenn ich daran denke, wie sie mich heute morgen bei der Gurgel
packte, dann überläuft mich ein Schauer bei dem Gedanken, daß
diese Teufelin in der Nacht am Nestchen meines zarten, unschuldigen Lieblings, meiner sanften Taube, gewesen ist. Nun, Johanna,
durchstreifte ich ganz Europa, weilte in Italien, in Deutschland, in
Frankreich, besuchte alle Bäder und vornehmen Städte und hielt
überall Umschau nach einer Frau, mit der ich glücklich werden
könnte, und fand keine.
,Aber Sie durften doch gar nicht heiraten, Herr Rochester.
aIch war fest überzeugt, daß ich es dürfe und müsse. Ich wollte
auch ursprünglich keine Täuschung begehen, wie ich nun mit dir getan.
Es war meine Absicht, der Auserwählten alles offen zu bekennen,
weil es mir als selbstverständlich erschien, daß mein Wunsch, eine
andere glückliche Ehe zu schließen, für berechtigt gehalten würde.
Aber als ich dann jahraus, jahrein kein Weib fand, das meinen
Anforderungen an Herz und Gemüt entsprach, da nahm ich mit
vor, über die ganze Sache Stillschweigen zu bewahren. Nach vielen
Jahren der Irrfahrt kehrte ich nach Thornfield-Hall zurück und
hier fand ich nun die Langgesuchte-- hier fand ich dich, Johanna.
Nun weißt du, wie die Dinge stehen - du bist meine Liebe -
du bist der stille Hafen, in dem das Wrack Ruhe nach wilden Stürmen findet - du bist mein besseres Ich - mein guter Genius.
Wohl, ich hätte gerade dir alles offen bekennen sollen, ich hätte
an deine Großmut, an deinen Edelsinn appellieren sollen. Ich tat
es nicht, weil ich schließlich doch alteingewurzelte Vorurteile fürchtete.
Das war feige von mir Erst nach der Offenbarung meiner Verhältnisse hätte ich dich um den Treuschwur bitten sollen. Nun tue ich
es jetzt - gib ihn mir, Johanna!
Ich litt Todesqualen. Eine feurige Hand griff mir nach dem
Keim alles Lebens. Kein lebendes Wesen konnte sich eine innigere
Liebe wünschen, als mir zuteil wurde kein lebendes Wesen konnte
inniger wiederlieben, als ich es tat und dennoch mußte ich meinem
Abgott, meiner Liebe entsagen.
,Johanna, warum schweigst du - du verstehst mich doch? Ich
will von dir nur die Worte hören: Herr Rochester, ich will die
Ihrige sein.
,Herr Rochester,' antwortete ich nun fest und laut, ,ich will
nicht die Ihrige sein.
Er schwieg lange-
Dann rief er nur: ,Johanna!r doch in solchem Tone der
Liebe und Sanftmut, der Angst und des Entsetzens, daß mein Blut
erstarrte.
,Johanna, willst du etwa deinen Weg für dich gehn und mich
den meinen für mich gehn lassen?
,Das will ich - das muß ich!'
,O, das ist bitter! Johanna, wäre es denn eine Sünde, mich
zu lieben? Denke doch, welch furchtbares Leben mir winkt, wenn
du mich verläßt. Mit dir geht alles Glück von mir! Was bleibt
dann übrig? Wieder nur die Tobsüchtige da oben - und die kalte,
fremde Welt. Wo soll ich da Ruhe und Glück finden? Du machst
mich zum ärmsten Menschen der Weltl Du verdammst mich, unglücklich zu leben und fluchbeladen zu sterben. Du beraubst mich der
Liebe und der Unschuld - du stößt mich zurück in Laster und
Leidenschaft!
Herr Rochester, ich stoße Sie ebensowenig in ein solches Schicksal, wie ich ihm verfallen werde. Wir sind geboren, um zu kämpfen
und zu leiden. Tun Sie es denn! Sie werden mich früher vergessen als ich Sie.
,Nein und abermals nein! Schmähe meine Ehre nicht durch
solche Worte! Ich habe dir feierlich erklärt, meine Liebe zu dir
wird sich nicht ändern! Und ist dein Verhalten nicht widersinnig,
verkehrt, unmenschlich? Ist es besser, einen Nebenmenschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein Gesetz zu übertreten, das doch nur
von Menschen gemacht ist? Und wer wird geschädigt, wenn du es
übertrittst? Du hast keine Verwandten, die du dadurch verletzen
könntest, daß du bei mir bleibst.'
Das war wahr. Und während er sprach, wurden Gewissen
und Vernunft an mir zu Verrätern und wollten mir aus meiner
Weigerung ein Verbrechen machen.
,Denk an sein Elend!' sprach es in mir. ,Denk an die Gefahren, die ihn umdrohen werden, wenn er allein ist - denk an
seine Zügellosigkeit, an seine Leidenschaft, an den wilden Grimm,
der auf die Verzweiflung folgen muß. Rette ihn! Bleibe bei ihm!
Du hast ja auf der weiten Welt auch niemand, der dich liebt, außer
ihn! Und du schädigst niemand durch deine Tat.
Aber eine andere Stimme sprach dagegen: ,Du liebst aber auch
dich selbst. Du darfst dir die Selbstachtung nicht verscherzen. Du
mußt das Gesetz halten, das nun einmal unter den Menschen
gültig ist. Du mußt die Grundsätze befolgen, die du dir vorsetzest,
als du noch bei vollen Sinnen warst. Wenn du sie in diesem Augenblick gering achten möchtest, so kommt es nur daher, weil du jetzt
nicht bei Vernunft bist. Vorgefaßte Meinungen, frühere Entschließungen sind alles, was dich in dieser Stunde retten kann!
Daran also halte fest!'
Und ich tat es. Herr Rochester las in meinen Zügen, was geschehen war und wie meine letzte Entschließung ausfiel. Seine
Leidenschaft erreichte nun ihren Höhepunkt, und er mußte ihr auf
einen Augenblick die Zügel schießen lassen. Er umschlang mich mit
beiden Armen. Körperlich fühlte ich mich in diesem Moment so
schwach wie trockenes Stroh, das der Glut des Hochofens nahe ist,
aber meine Seele hatte das Gefühl völliger Sicherheit, und die
Seele hat glücklicherweise im Auge einen untrüglichen Dolmetsch.
Ich sah Herrn Rochester an, da ließ er mich los.
,Niemals hat es ein Geschöpf gegeben, murmelte er, ,das
zugleich so zart, so schwach und unbeugsam, so unbezwinglich gewesen. In meiner Hand ist sie ein schwaches Rohr, mit Daumen
und Zeigefinger könnte ich sie zerbrechen. Aber Mut, Freiheit und
fester Wille leuchten aus ihrem Auge. O, du wildes, schönes Geschöpf!'
Er tat mir nichts mehr, er sah mich nur noch an - aber
war weit schwerer, diesem Blicke zu widerstehen, als der. Gewalt
seiner Fäuste. Ich schritt auf die Tür zu.
,So willst du nun gehen, Johanna? Du willst mich verlassen?
,Ja, Herr.
,Gut, geh! Doch vergiß nie, in welchen Qualen du mich zurückläßt! O Johanna - meine Hoffnung - meine Liebe -- mein
Leben! - Ein herzzerreißendes Schluchzen folgte.
Ich war schon an der Tür, aber ich ging noch einmal zurück,
küßte ihm die Tränen von den Wangen und streichelte sein verworrenes Haar.
,Gott segne Sie, teurer Herr Rochester, flüsterte ich, und
halte Sie zurück von Unrecht und Sünde! Er führe Sie - er gebe
Ihnen Trost! Und vor allem belohne er Sie für alle Güte, die Sie
mir erwiesen haben!
,Die Liebe meiner kleinen Johanna wäre mir der beste Lohn
dafür gewesen!' rief er. ,Schenke sie mir, Johanna, brich mein
Herz nicht! Sei edel, sei großmütig!'
Er sprang auf und stand gerade vor mir. Er breitete die Arme
aus - ich aber entzog mich seiner Umarmung und verließ das
Zimmer.
,Lebe wohl!' schrie es in meinem Herzen. ,Auf immerdar!'
setzte die Verzweiflung hinzu.
Am selben Abend packte ich meine wenigen Habseligkeiten. Die
Schmucksachen, die Herr Rochester mir in den Tagen unsers Verlöbnisses geschenkt hatte, ließ ich zurück. Meine Börse, die zwanzig
Schillinge enthielt - mein ganzes Besitztum - steckte ich in die
Tasche, und als der Morgen graute trat ich nach einer schlaflosen
Nacht auf den Korridor.
,Leben Sie wohl, gute Frau Fairfax!' flüsterte ich, als ich an
ihrem Zimmer vorüberkam.
,Lebe wohl, liebe Adele!’ sprach ich an der Tür des Kinderzimmers.
Und nun schlich ich ganz leise und behutsam, denn ich kam an -'
seinem Zimmer vorbei. Wider Willen hielt ich an und lauschte. Ich
hörte ihn auf- und niedergehen, auf und nieder. Auch er hatte keine
Ruhe gefunden. Ich brauchte nur die Tür zu öffnen, ich brauchte nur
zu sagen: ,Ich bleibe bei Ihnen bis an das Ende Ihres Lebens!
und ich würde dadurch, das fühlte ich, mich selbst überglücklich
machen. Doch ich berührte die Türklinke nicht und schlich weiter.
In der Küche fand ich den Schlüssel zu einer Seitentür des Hauses
und der Parkmauer. Nach wenigen Minuten schon lag Thornfield
hinter mir.
Ich wagte keinen Blick um mich her zu tun - ich schritt aufs
Geratewohl fürbaß. Und wie ich nicht nach außen blickte, so verschloß
ich mich auch jedem Gedanken an die Zukunft. Ich hatte das Gefühl
eines Menschen, der nach einer Sintflut über sein verwüstetes Land
wandert und nicht weiß, wo er wieder eine Wohnstätte finden solle.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dahinschritt, ohne Ziel, ohne
Bewußtsein. Das Rollen von Rädern erweckte mich aus meiner
Betäubung. Eine Postkutsche fuhr von hinten an mir vorbei. Ich
rief den Kutscher an und fragte, wohin er fahre. Er nannte mir
einen weit entfernten Ort. Die Fahrt sollte dreißig Schillinge kosten.
Ich antwortete ihm, ich hätte nur zwanzig, und er meinte, zur Not
könne er mich auch dafür mitnehmen. Ich stieg ein - die Tür fiel
zu- der Wagen rollte fort.
O, möge kein Mensch wieder fühlen, was ich in diesen Stunden
empfand! D, mögen keines Menschen Augen je wieder so sengende,
blutige Tränen vergießen, wie sie jetzt meinen Augen entquollen.
Kapitel.
In der Irre.
Zwei Tage waren verflossen. Die Postkutsche hatte mich an einem
Orte, der Whitecroß hieß, abgesetzt. Für zwanzig Schillinge konnte
er mich nicht weiter mitnehmen, und ich stand nun ohne einen
Pfennig da. Der Wagen war schon längst wieder fort, und ich war
ganz allein. Nun erst fiel mir ein, daß ich mein Paket im Wagen
hatte liegen lassen. So war ich denn nun von allen Mitteln entblößt.
Whitecroß war keine Stadt, nicht einmal ein Flecken. Es war
nur ein steinerner Pfeiler, am Kreuzpunkt von vier Wegen aufgestellt. Die nächste Stadt, die an diesem Wegweiser angegeben war,
lag noch zehn, die weiteste noch zwanzig Meilen entfernt. Die Namen
dieser Städte aber waren mir bekannt, so daß ich nun wenigstens
erfuhr, in welcher Gegend ich mich befand. Zu beiden Seiten der
Landstraße sah ich weite Torfmoore. Das Heidekraut stand dicht und
üppig - bis an den Wegesrand heran. Auf der Chaussee war weit
und breit kein Mensch zu sehen - aber mich verlangte auch nicht nach
Menschen. Mir war, als sei jedes Band, das mich mit ihnen verknüpfte, zerrissen. Ich hatte nichts weiter als unser aller Mutter,
die Natur! Bei ihr wollte ich Ruhe suchen.
Ich bog von der Straße ab und wagte mich über das Moorland,
indem ich mich in einem kleinen Durchgange hielt, der die weiche,
dunkle Erde durchfurchte. Als ich an einen von Moos übersponnenen
Granitblock kam, machte ich halt und ruhte mich aus. Rings herrschte
tiefe Stille. Ich fühlte mich sicher, und als ich eine Zeit lang dumpf
vor mich hingebrütet hatte, kehrte auch allmählich die Fähigkeit des
Nachdenkens zurück.
Was sollte ich anfangen? wohin sollte ich gehen? Wenn es nun
sehr weit war bis zu den nächsten menschlichen Wohnungen? Wenn
ich keine offene Tür, keine Arbeit, kein Erbarmen fand - was dann?
Ich berührte den Boden um mich her - er war trocken. Ein Stern
schimmerte gerade über mir - der Himmel war wolkenlos. Es
fiel nur wenig Tau, und die Luft war frei von Wind. Ich beschloß,
diese Nacht im Freien zuzubringen. Ich hatte noch den Rest von
einer Semmel in der Tasche, die ich mir unterwegs gekauft hatte,
für einen losen Groschen, das einzige Geldstück, über das ich hatte
verfügen können. Ringsum wuchsen Heidelbeeren, und ich pflückte
mir zu meinem Brote einen würzigen Imbiß. Dann suchte ich mir
eine Stelle aus, wo das Kraut dicht und buschig stand, und hier
legte ich mich nieder, sprach mein Abendgebet und versuchte zu
schlafen.
Doch mein gequältes Herz summte wie eine Harfe, deren
Saiten zerrissen sind. Die innerlich blutenden Wunden der Seele
ließen mir keine Ruhe. Der Gedanke an Herrn Rochester ließ nicht
von mir. Das Haupt auf die Erde gepreßt, weinte ich bitterlich.
Erschöpft von diesen Qualen, erhob ich mich auf die Knie.
Die Nacht war gekommen. Die ganze Sternenpracht strahlte am
tiefschwarzen Himmel; es war eine so stille, schöne Nacht, daß das
Gefühl der Furcht nicht aufkommen konnte. Wir wissen, Gott ist
allgegenwärtig; aber am deutlichsten fühlen wir seine Gegenwart,
wenn seine größten, herrlichsten Werke glanzvoll vor uns ausgebreitet liegen. Der wolkenlose Nachthimmel, an welchem die fernen
Welten ihre stille Bahn zogen, ließ auch mich nun Gottes Allmacht
und Unendlichkeit tief empfinden. Ich war fest überzeugt, daß er
erhalten und schützen würde, was er erschaffen, und daß er weder
Herrn Rochester noch mich würde untergehn lassen.
Nach inbrünstigem Gebet legte ich das Haupt wieder auf die
Erde, und nun kam auch der wohltuende Schlaf. Doch am nächsten
Tage trat die Not hart und jäh an mich heran. Ein herrlicher Tag
war um mich her das weite, wüste Moor lag in goldenem Sonnenscheine. Eidechsen huschten über die Steinblöcke - Bienen summten
im Heidekraut. Sie hatten Nahrung und Obdach - und ich? Ich
wünschte jetzt, Gott hätte über Nacht meine Seele zu sich genommen.
Aber das Leben mit seinen Forderungen, mit seiner Verantwortlichkeit und Not trat wieder an mich heran.
Ich machte mich auf den Weg. Zuerst ging ich zu dem Weiser
von Whitecroß zurück und schlug nun eine der vier Straßen ein,
und zwar die, die von der Sonne wegführte. Lange schritt ich vorwärts, bis die Müdigkeit mich übermannte. Dann setze ich mich auf
einen Stein. Plötzlich hörte ich eine Glocke läuten. Ich war so
versunken dahingegangen, daß ich das nahe Torf, das zwischen den
Hügeln dicht vor mir lag, gar nicht gesehen hatte. Menschliches Leben,
menschliche Arbeit waren mir also nahe. Ich schleppte mich weiter,
denn es galt nun mein Leben durch Arbeit zu fristen.
Am Eingang des Dorfs war ein kleiner Bäckerladen. Mich
verlangte nach einem Stück Brot; es war vier Uhr nachmittags,
und ich hatte seit dem letzten Abend noch nichts wieder genossen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau war darin. Sie vermutete wohl
eine vornehme Dame in mir, denn sie begrüßte mich mit großer
Höflichkeit. Ich schämte mich zu Tode, und die Bitte, die ich mir
zurechtgelegt hatte, erstarb auf der Zunge. Ich wollte ihr mein
seidnes Halstuch und meine Handschuhe zum Tausch gegen ein Stück
Brot anbieten, aber ich konnte es nun doch nicht. Ich fragte nur,
ob sie mir nicht sagen könne, wo man im Dorfe Arbeit finden könnte,
und womit man hauptsächlich Handel triebe. Als ich nur mürrische
Antworten erhielt, ging ich weiter. Ich wanderte bis zum Ende
des Dorfes und betrachtete die Häuser rechts und links. Doch der
Mut, irgendwo anzusprechen, fehlte mir. Ein Stück weit ging ich
ins Freie; dann kehrte ich erschöpft in das Dorf zurück, schlug einen
Heckenweg ein und setzte mich an einem entlegenen Plätzchen ins
Gras. Es hielt mich hier nicht lange. Ich mußte zu irgendeinem Entschluß kommen, irgend etwas tun; ich durfte mich nicht so widerstandslos von der Not zu Boden werfen lassen. Am Ende des Gäßchens lag ein weißes Haus in einem hübschen Gärtchen. Ich trat
herzu und klopfte an. Eine saubere Frau mit sanftem Gesicht machte
auf. Mit gitternder Stimme sagte ich, ob vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
,Nein, wir machen uns unsere Arbeit allein, war die Antwort.
,Können Sie mir nicht sagen, ob ich hier irgendwo Arbeit
finden kann? fragte ich weiter.
Sie könne mir das leider nicht sagen, erwiderte sie. Darauf
machte sie leise die Tür zu.
Wenn sie sie noch einen Augenblick hätte offen gelassen, so würde
ich um ein Stück Brot gebeten haben. Der Hunger hatte mich jetzt
in seinen Krallen. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und noch
immer umstreifte ich wie ein verlaufener Hund das schmutzige, geizige
Dorf, wo mir keine Hilfe zuteil wurde. In der Nähe des Friedhofs
fand ich ein Haus, das ich für die Pfarre hielt. Ich klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Ich fragte, ob hier der Pfarrer
wohne.
,Ja, aber er ist nicht zu Hause.
,Wann wird er denn wiederkommen?
,So bald nicht er ist nach außerhalb. Sein Vater ist plötzlich gestorben.
,Ist denn die Frau Pastor nicht da?
,Er ist unverheiratet, und ich führe ihm die Wirtschaft.
Und abermals vermochte ich nicht zu betteln und schleppte mich
weiter. Ich band das Halstuch ab, zog die Handschuhe aus und
suchte jenen Bäckerladen wieder auf. Nun wagte ich die Bitte, ob
man mir ein Stück Brot für mein Halstuch geben wolle. Die Frau
antwortete, sie pflege solche Geschäfte nicht zu machen. Dabei betrachtete sie mich mit unverhohlenem Mißtrauen. Oder für meine
Handschuhe? fragte ich weiter. Sie meinte, sie könne damit doch
nichts anfangen. Beschämt eilte ich von dannen. Vor einem Hoftor
saß ein Bauer und aß sein Abendbrot. Ich blieb stehen.
,Wollen Sie mir nicht ein Stückchen Brot abgeben? fragte ich.
,Mich hungert so sehr.
Er sah mich erstaunt an. Er hielt mich wohl nicht für eine
Bettlerin, sondern für eine exzentrische Dame, die mal Appetit auf
Bauernbrot hatte. Deshalb schnitt er ein derbes Stück ab und gab .
es mir. Als er mich nicht mehr sehen konnte, aß ich es.
Mein Nachtquartier suchte ich im Walde: aber diese Nacht war weniger angenehm als die erste. Der Boden war feucht, die Luft
war kalt. Gegen Morgen regnete es; den ganzen Tag über war
schlechtes Wetter. Ich suchte Arbeit wie am vergangenen Tage und
fand nichts. An der Tür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen
mit einer Schüssel voll Haferbrei, den sie in den Schweinetrog
schütten wollte.
,Bitte, gib mir das lieber? sprach ich.
,Mutter, rief die Kleine und starrte mich an, ,hier ist ein
Weib, das den Brei haben will.
,So gib ihn ihr, wenn's ne Bettlerin ist, die Schweine werden
auch so satt, rief die Bäuerin aus dem Hause,
Das Mädchen schüttete das kalte Zeug in meine Hände, und ich
verzehrte es mit Gier.
Als es dunkelte, schlug ich einen einsamen, schmalen Reitweg
ein und verfolgte ihn lange. Meine Kräfte gingen zu Ende; mich
schauderte vor dem Gedanken, auch diese kalte, nasse Nacht unter
freiem Himmel zubringen zu müssen. Ich blickte mit von Tränen
blinden Augen über die verschwommene, neblige Landschaft hin.
Ich hatte mich weit von dem Dorfe entfernt -- es war meinen
Blicken ganz entschwunden. Hügel erhoben sich vor mir.
Ich suchte eine Höhle, um mich darinnen zu verkriechen, als ich
in weiter Ferne zwischen den Höhen ein Licht erblickte. Es leuchtete
still und stetig herüber, als wenn es mir winken wollte.
,Kerzenschein in einem Hause, dachte ich. ,Doch ich kann es
nicht mehr erreichen, es ist zu weit weg. Und was nützte es mir?
Man macht mir ja doch wieder die Tür zu.
Ich sank nieder, wo ich stand, und lag ein Weilchen still da. Der
Nachtwind heulte über das Land, der Regen rann unablässig hernieder und durchnäßte mich bis auf die Haut. Es war zu kalt und
feucht, und ich sprang wieder auf. Das Licht war noch immer da.
Ich schleppte mich ihm langsam entgegen. Es leitete mich durch einen
Sumpf, der im Winter unwegsam gewesen wäre und selbst jetzt in
der gewöhnlich trocknen Zeit unsicher war. Als ich über ihn hinweg
war, sah ich eine weiße Spur geradeswegs auf das Licht hinführen.
Das war ein Pfad, auf dem ich ohne Gefahr weitergehen konnte.
So kam ich an eine Mauer, fand eine Tür, die nicht verschlossen war,
trat in einen Hof und sah ein Haus vor mir. Das Licht kam aus
den Scheiben eines vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch
über dem Erdboden lag und von Efeu umrankt war. Das Gezweig
war so dicht, daß man Vorhänge für unnötig hielt. Als ich die
Ranken ein wenig zur Seite schob, konnte ich alles sehen, was drinnen,
vorging-
Ein Zimmer lag vor mir, dessen Fußboden weiß gescheuert
und mit Sand bestreut war. Auf einem Geschirrschrank stand eine
Reihe von Zinntellern, die so blitzblank geputzt waren, daß der
Schein eines Torffeuers sich in ihnen spiegelte. Ein Tisch, ein paar
Stühle, eine Wanduhr vervollständigten die Einrichtung. Beim
Scheine des Lichts saß eine alte Frau, ein Strickzeug in der Hand.
Aber sie interessierte mich weit weniger als die beiden andern
Insassen dieses Zimmers - zwei junge Damen in tiefer Trauer,
von denen die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem
Schemel saß. Auf dem Schoße des einen Mädchens ruhte der Kopf
eines großen Vorstehhundes, die andere hatte eine schwarze Katze
auf den Knien.
Zwischen ihnen stand ein kleiner Tisch, auf welchem neben einer
Kerze dicke Bücher lagen. Sie hatten sie zugeklappt, als seien sie für
diesen Abend mit dem Studieren fertig. Unmöglich konnten sie die
Töchter der ältlichen Frau sein, denn diese sah ziemlich bäurisch aus,
während die Mädchen feine, blasse und sehr ernste Gesichter hatten,
zu denen ich mich beim ersten Anblick seltsam hingezogen fühlte.
Die Gruppe gab ein so ruhiges Bild ab, daß ich glaubte, die Uhr
ticken und die Asche im Kamin auf den Rost fallen zu hören.
,Diana und Mary, sagte die Matrone ,ihr habt heute genug
getan. Ihr müßt müde sein.
,Das sind wir, antwortete eins der Mädchen. ,Und du gewiß auch, Hannah.
,Gewiß, erwiderte die Alte. ,St. John J wird bald nach Hause
kommen. Es ist zehn Uhr. Er bleibt lange. Und es regnet so sehr.
,Hannah, sieh doch nach dem Feuer im Wohnzimmer, sagte
eines der Mädchen.
Die alte Frau erhob sich und öffnete eine Tür, durch die ich
einen Korridor erblickte. Ich hörte nun, wie sie in einem inneren
Zimmer ein Feuer schürte. Gleich darauf. kam sie zurück.
,Ach, Kinder,r sagte sie und trocknete sich mit der Schürze die
Augen, ,es ist doch recht bitter, wenn man nun in das Zimmer
reinschaut, wo der Lehnstuhl leer dasteht. Aber er ist wohl aufgehoben - und er' hat einen sanften Tod gehabt.
,Und er hat gar nicht mehr von uns gesprochen, sagst du?
fragte eine der jungen Damen.
,Dazu hatte er keine Zeit, Kinderchen; in einer Minute war's
vorbei. Als euer Bruder St. John ins Zimmer kam, war er schon
tot. Ach, Kinder, er war der letzte vom alten Stamm, denn ihr
und Herr St. John seid schon von einem andern Geschlecht. Eure
Mutter hatte viel Aehnlichkeit mit euch und war ebenso gelehrt. Du
bist ihr Ebenbild, Diana, - die Mary ist mehr nach dem armen
Vater. Da schlägt es zehn. Nun müßt ihr euer Abendbrot haben.
Sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis jetzt hatte ich zugesehen und zugehört und darüber für den Augenblick meine Not
vergessen. Jetzt fiel sie mir wieder ein. Ich klopfte an die Tür.
Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie verwundert, als sie eine Frauensperson vor dem Hause sah.
,Darf ich ein Wort mit Ihren jungen Damen sprechen?
,Was wollen Sie von ihnen? wer sind Sie denn?
.Ich bin fremd hier.
,Was haben Sie da hier zu solcher Zeit zu suchen?
aIch suche einen Unterschlupf für die Nacht - sei es auch in
einem Stalle - und ein Stücklein Brot.
Hannah sah mich mißtrauisch an.
,Ein Stück Brot sollen Sie haben, aber beherbergen können
wir eine Landstreicherin nicht. Das geht nicht gut an.
,Lassen Sie mich ein Wort mit Ihren Damen sprechen.
,Das gibt's nicht. Die könnten auch nichts für Sie tun. Um
solche Zeit läuft man doch nicht mehr draußen herum. Das ist verdächtig.
,Aber wohin soll ich gehn, wenn man mich auch hier fortjagt?
Was soll ich denn anfangen?
,Ei, Sie werden schon wissen, wo Sie hingehören. Uebrigens
geht's mich nichts an. Da haben Sie einen Groschen - und nun
fort - fort!
,Einen Groschen kann ich nicht essen, und ich habe keine Kraft weiterzugehn. Ach, machen Sie mir doch nicht die Tür zu -- tun
Sie's doch um Gotteswillen nicht!'
,Ich muß - es regnet herein. Fort - fort!
,Aber ich muß sterben, wenn man mich fortjagt!
,Unsinn. Solches Volk stirbt nicht. Tun Sie nur nichts Böses.
Wer zu solcher Zeit vor den Häusern anderer Leute herumlungert,
dem ist nicht zu trauen. Vielleicht haben Sie Helfershelfer in der
Nähe - Einbrecher oder so was Aehnliches. Na, wir haben einen
Mann bei uns -- und Flinten und Hunde.
Mit diesen Worten schloß die ehrliche, aber unerbittliche Magd
die Tür zu und schob innen den Riegel vor.
Die Verzweiflung zerriß mir das Herz. Ich war völlig erschöpft und konnte keinen Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach ich zusammen, rang die Hände und wimmerte in Todesangst. Ich wähnte meine letzte Stunde gekommen.
,So muß ich denn sterben,' sprach ich vor mich hin. ,Ich will
versuchen, in Demut abzuwarten, wie Gott an mir tun wird.
,Wir müssen alle sterben, sprach eine Stimme neben mir.
,Aber dennoch wäre es ein hartes Los, so jung zu sterben, und hilflos
und elend.
,Wer spricht da? rief ich entsetzt, denn es war so finstere Nacht,
daß ich die Hand nicht vor Augen zu sehen vermochte. Allmählich
unterschied ich die Umrisse einer menschlichen Gestalt und hörte,
wie jemand laut an die Tür des Hauses klopfte.
,Sind Sie es, Herr St. John? erklang Hannahs Stimme.
aJa, mach schnell auf!r
,Ist Ihnen was passiert? Es ist eine schlimme Nacht, Herr,
sagte die Magd und öffnete. ,Und es ist auch eine Bettlerin hier
gewesen; es ist gar nicht geheuer - aber, weiß Gott, sie ist nicht
fortgegangen - sie hat sich einfach hier niedergelegt. Da hört doch
alles auf!'
,Still, Hannah!r unterbrach sie der Ankömmling. ,Du tatest
deine Pflicht, indem du sie fortschicktest, jetzt laß mich die meine
tun und sie aufnehmen. Ich muß die Sache näher untersuchen -
es ist nicht so kurz abzutun, wie du es gemacht hast. Junge Frauensperson, stehen Sie auf und gehen Sie ins Haus.
Ich gehorchte mühselig. Gleich darauf befand ich mich in der
reinen, warmen Küche. Zitternd, entstellt von Hunger und Anstrengung, beschmutzt und zerlumpt, stand ich da und ließ mich von
den jungen Damen, von der Magd, von Herrn St. John anstarren
,Wer ist denn das? riefen die Mädchen.
,Ich weiß nicht, antwortete der Bruder, ,sie lag vor der Tür.
,Sie sieht kreideweiß aus - sie wird umfallen - laßt sie
sich setzen.
Und wahrlich befiel mich ein Schwindel - aber man stellte
mir rechtzeitig einen Stuhl hin.
.Hannah, hol ein wenig frisches Wasser, sagte St. John. ,Sie
ist völlig erschöpft. Sie hat ja keinen Tropfen Blut mehr in den
Wangen.
,Das reine Gespenst! meinte Hannah. ,Ob sie etwa krank ist
,Wohl nur halb verhungert. Gib mir die Milch da her und
ein Stück Brot.
Diana zerbröckelte Brot in die Schale voll Milch und reichte
sie mir. Ich sah sie an, und warmes Mitleid sprach aus ihren großen
Augen.
,Essen Sie,' sagte sie voll Rührung.
aJa, ja, es wird Ihnen gut tun, setzte Mary hinzu und nahm
mir den nassen Hut ab. Ich aß erst zaghaft, dann aber mit großer,
Gier. -
,Nicht zuviel auf einmal,r sagte St. John. ,Sie hat jetzt
genug.'
Und er nahm mir den Teller weg.
,Schwester, versuch' einmal, ob sie sprechen kann. Frage sie nach
ihrem Namen.
,Ich heiße Johanna Elliot, antwortete ich; denn ich hatte mir
schon vorher vorgenommen, nicht meinen wahren Namen anzugeben,
um mich vor jeder Nachforschung von Thornfield aus zu schützen.
,Wo sind Sie zu Hause? Wo haben Sie Angehörige oder
Freunde?
Ich schwieg.
,Können wir jemand holen lassen?
Ich schüttelte den Kopf.
,Können Sie uns Auskunft über sich selbst geben?
Seit ich die Schwelle dieses Hauses überschritten, begann ich,
mich wieder zu fühlen. Der Mut, mich in meiner natürlichen Weise
zu geben, kehrte zurück, die Landstreicherin war vergessen.
,Herr, antwortete ich auf die letzte Frage, ,heute abend bin.
ich nicht imstande, Ihnen etwas Näheres mitzuteilen.
,Was soll ich denn nun für Sie tun?
,Nichts, antwortete ich.
,Soll das besagen, wir hätten nun alle Hilfe geleistet, die
Ihnen nottut, und könnten Sie jetzt wieder in Regen und Nacht
hinausschicken? fragte Diana.
Ich sah in ihr kluges, gütiges Gesicht.
,Ihnen will ich vertrauen, sprach ich. ,Wenn ich ein verlaufener Hund wäre, würden Sie mich heute nacht nicht mehr fortjagen. Tun Sie mit mir, was Sie wollen - nur erlassen Sie mir
das Reden - es bereitet mir Brustschmerzen.
,Hannah, sagte St. John nach kurzem Schweigen, ,wir wollen
sie in Ruhe lassen. Gib ihr den Rest von der Milch und dem Brote,
dann führe sie hinauf in das Fremdenstübchen. Dort mag sie
schlafen.
16. Kapitel.
Ein neues Heim.
Der nächsten drei Tage kann ich mich so gut wie gar nicht
erinnern. Ich lag bewegungslos im Bette, hatte keinen Begriff von
der Zeit und merkte nichts von Morgen, Mittag und Abend. Die
Personen, die ins Zimmer kamen, nach mir zu schauen, erkannte ich
wohl, ich verstand auch, was sie sagten - aber selbst die Lippen
zu bewegen oder auch nur ein Glied zu rühren, dazu war ich nicht
imstande. St. John kam nur einmal. Er erklärte, es sei nicht
nötig, einen Arzt zu holen. Mein Zustand rühre daher, daß durch irgendwelche Geschehnisse alle Nerven in mir aufs höchste angespannt worden seien; da wäre es das beste, der Natur freien Lauf
zu lassen und die Betäubung, in die ich nun verfallen sei, nicht zu
stören. Eine Krankheit sei es nicht. Er sagte dies in kurzen Worten
und mit leiser, ruhiger Stimme.
,Sie hat ein eigentümliches Gesicht, setzte er hinzu. ,Wie eine
gemeine, heruntergekommene Person sieht sie nicht aus.
,Im Gegenteil!' rief Diana. ,Ich fühle mich sehr zu ihr hingezogen. Ich wünschte, wir könnten sie für immer behalten.
,Das ist wohl ausgeschlossen, antwortete ihr Bruder. ,Sie
wird sich mit den Ihrigen gezankt haben und törichterweise weggelaufen sein. Vielleicht können wir sie dorthin zurückbringen, wenn
sie nicht zu eigensinnig ist. Allerdings deuten gewisse Züge ihres
Gesichts auf große Widerstandskraft. Klug sieht sie aus - hübsch
j gerade nicht.
,Sie ist jetzt sehr krank, St. John.
,Ob krank oder gesund, sie kann nie hübsch aussehen. Die Harmonie der Schönheit fehlt diesem Gesicht ganz und gar.
Am vierten Tage konnte ich mich aufrichten und bewegen.
Hannah brachte mir zu essen, und ich aß zum ersten Male wieder
mit Behagen und Wohlgeschmack. Als die Magd gegangen war, wollte
ich mich ankleiden, so wohl fühlte ich mich. Allein ich schämte mich.
in den nassen, schmutzigen Kleidern, mit denen ich auf der Erde
gelegen, vor meine Wohltäterinnen zu treten. Da sah ich, daß meine
Sachen, hübsch rein und trocken, auf dem Stuhle lagen. Man hatte
sie gewaschen und geplättet, ja sogar die Schuhe waren geputzt. Es
wurde mir sehr schwer, mich anzuziehen, und ich fühlte auch, wie
mager ich in den wenigen Tagen geworden war. Ich hing nur noch
in meinen Röcken. Mühsam kroch ich dann die steinerne Treppe
hinab, mich am Geländer festhaltend. Ich kam in den Korridor und
fand gleich darauf die Küche.
Hannah war beim Backen. Sie lächelte, als sie mich erblickte.
,Was? Aufgestanden? rief sie. ,Also fühlen Sie sich nun
besser? Sezen Sie sich an den Herd.
Sie fuhr in ihrer Arbeit fort und sah mich ab und zu von der
Seite an. Plötzlich wandte sie sich um und fragte geradezu:
,Haben Sie schon öfter gebettelt, ehe Sie zu uns kamen?
,Sie verkennen mich, wenn Sie mich für eine Bettlerin halten,
erwiderte ich ruhig. ,Ich bin das ebensowenig wie Ihre jungen
Damen hier.
,Na, das verstehe ich nicht,' sagte sie nach einer Pause. ,Sie
haben doch kein Heim und kein Geld.
,Deswegen bin ich noch immer keine Bettlerin.
,Sind Sie - was man so nennt - gebildet
,Gewiß.
,Aber Sie waren doch nie in einer Pension, wie?
,Ich bin acht Jahre in einer Pension gewesen.
.Und da können Sie sich nicht selbst unterhalten?
,Das habe ich bisher gekonnt und hoffe es sehr bald wieder
zu können, Doch, kümmern Sie sich nicht länger um meine Angelegenheiten. Sagen Sie mir lieber, wo ich mich eigentlich befinde.
Wie heißt das Haus hier?
,Man nennt es das Moor-Haus.
,Und der Herr davon heißt St. John?
,Nein, der wohnt nicht hier. Er ist nur auf kurze Zeit da.
Der wohnt drüben in Morton - im Pfarrhause.
Mir fiel die Antwort der alten Wirtschafterin in der Pfarre des
Dorfes ein, als ich dort nach dem Prediger gefragt hatte.
,So ist dies wohl das Haus seines Vaters?
,Ja, der alte Herr Rivers hat hier gewohnt. Er ist vor drei
Wochen gestorben - am Schlagfluß. Die beiden Mädchen sind seine
Töchter. Die Mutter ist auch schon lange tot.
,Da sind Sie wohl schon viele Jahre hier?
,Dreißig Jahre - habe die drei Kinder allein großgezogen.
,Da müssen Sie eine treue, brave Dienerin sein. Die Gerechtigkeit muß ich Ihnen angedeihen lassen, obwohl Sie mich eine
Bettlerin nannten und hartherzig davonjagten.
,Das dürfen Sie mir nicht übelnehmen, antwortete sie kleinlaut, ,es läuft so viel diebisches Gesindel herum. Ich war mit den
Kinderchen allein im Hause - da ist man ängstlich. Seien Sie mir
nicht mehr böse drum.
Sie streckte mir ihre Hand entgegen und lächelte gutmütig. Von
diesem Augenblick an waren wir Freunde.
Hannah plauderte gern und erzählte mir nun alles von meinen
neuen Gefährten. Der alte Herr Rivers entstammte einer alleingesessenen Familie, die schon seit vielen Generationen im Moor-Hause
wohnte. Frau Rivers war ihrem Manne in Bildung überlegen und
hatte die Bücher geliebt, während ihr Mann nur für die Landwirtschaft und allenfalls für die Jagd Sinn hatte. Aber die Frau hatte
es doch durchgesetzt, daß der Sohn auf die Universität kam und
Theologie studierte. Sie schickte auch die Mädchen in die Pension
und ließ sie zu Lehrerinnen heranbilden. Es zeigte sich auch später,
wie gut das gewesen war; denn durch einen Bankkrach verlor Herr
Rivers einen großen Teil seines Vermögens, und die Kinder mußten
nun für sich selbst sorgen. Die Mädchen bekamen Stellungen als
Erzieherinnen, und der Sohn erhielt den Posten des Predigers im
nahen Dorfe. Der Tod des Vaters hatte die Kinder nun auf kurze
Zeit wieder im Elternhause vereint. Sie waren in London und in
vielen anderen Städten gewesen, aber die Heimat, das Moorland
und das Moorhaus, liebten sie doch über alles.
Das alles erfuhr ich von der guten Alten, während sie ihren
Stachelbeerkuchen buk. Es war um die Mitternacht, da kehrten Diana
und Mary mit ihrem Bruder von einem Spaziergang ins Dorf
zurück. Als St. John mich sah, verneigte er sich nur kurz und ging
weiter. Mary sprach ein paar Worte der Freude, mich schon auf zu
sehen. Diana aber schüttelte den Kopf und rief:
,Sie hätten warten sollen, bis ich Ihnen erlaubte aufzustehen.
Sie sehen noch so blaß aus.
Sie hatte Augen, in die man immer nur mit Entzücken blicken
konnte. Ihr Antlitz war sehr anmutig und von regelmäßigen, reizvollen Zügen. Auch Mary sah klug und hübsch aus - aber ihr Gesicht und ihr ganzes Wesen atmete eine gewisse Zurückhaltung.
Dianas Blick und Gebaren verriet große Selbständigkeit und die
Gewohnheit, auf eigene Verantwortung zu handeln und zu befehlen.
Es lag nun in meiner Natur, mich einer solchen Ueberlegenheit zu
beugen, wo ich sie mit gutem Gewissen, und ohne meiner Selbstachtung Eintrag zu tun, anerkennen konnte. Deshalb gewöhnte
ich mich rasch und leicht daran, in Diana, obwohl wir fast gleichen
Alters waren, sozusagen die Herrin dieses Haushalts und auch, solange ich darin weilte, meine Gebieterin zu erblicken.
,Was haben Sie überhaupt hier zu tun? fuhr sie fort. ,Sie
sind Gast. Ihr Platz ist im Wohnzimmer.
,Ich fühle mich aber sehr behaglich hier, sagte ich.
,Das kann nicht sein, meinte sie, ,Hannah wirtschaftet hier
mit Mehl herum und macht Sie ganz weiß.
,Das Herdfeuer erhitzt Sie auch zu sehr,k setzte Mary hinzu.
Diana nahm mich an der Hand und führte mich ins Wohnzimmer.
,So, hier seen Sie sich her,' sagte sie, mich aufs Sofa drückend.
,Wir machen inzwischen den Tee fertig, damit Hannah ungestört
weiter backen kann.
Ich war mit St. John allein. Er saß mir gegenüber am Tische
und las eine Zeitung. Das Zimmer war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Ein paar alte Familienbilder hingen an den Wänden. In einem Glasschranke sah ich ein paar Bücher und wertvolles
Porzellan. Ueberflüssige Luxusgegenstände gab es nicht - ebenso
kein einziges neumodisches Möbelstück. Nachdem ich das Zimmer
gemustert, betrachtete ich mein Gegenüber. St. John verhielt sich
ebenso still wie eins der dunkeln Bilder an den Wänden. Sein Auge
blieb fest auf seine Lektüre geheftet, seine Lippen öffneten sich nicht.
Eine Statue hätte der eingehenden Besichtigung nicht ruhiger standhalten können als er. Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig
Jahre alt sein und war groß und schlank. Sein Gesicht war ernst
und von jenem würdevollen, regelmäßigen Schnitt, den wir an den
Bildwerken der alten Griechen finden. Seine Augen waren groß und
blau und hatten lange, dunkle Wimpern. Die blonden Locken fielen
zwanglos auf die hohe Stirn, die weiß und glatt wie Marmor war.
Ein Mann mit so vollkommen regelmäßigen Zügen mochte sich wohl
Und doch, obwohl der Mann so still saß, machte er nicht den
Eindruck eines sanften, nachgiebigen Charakters. Gewisse Züge um
Mund und Nase deuteten auf eine harte, heftige Natur. Er
sprach kein Wort mit mir, er sah mich nicht einmal an. Nach einer
Weile kamen die Schwestern wieder und brachten mir Tee und
Butterbrot. Ich zauderte nicht zu essen, denn mich hungerte. Herr
Rivers schloß nun sein Buch und heftete seine blauen Augen fest auf
mich. Jetzt lag eine rücksichtslose Geradheit in seinem Blicke, an
welcher ich erriet, daß er bisher nicht aus Zurückhaltung oder Gleichgültigkeit, sondern in einer ganz bestimmten Absicht geschwiegen
hatte.
,Sie sind sehr hungrig, sagte er nach einer Weile.
,Das bin ich, Herr Rivers, antwortete ich.
,Es war gut, daß Sie infolge des leichten Fiebers ein paar
Tage karg gelebt haben. Es wäre gefährlich gewesen, wenn Sie gleich
dem Heißhunger so nachgegeben hätten. Jetzt dürfen Sie essen, aber,
immer noch mit Maßen.
,Ich hoffe, nicht lange auf Ihre Kosten zu essen,' erwiderte ich,
und es war gewiß eine unpassende und unhöfliche Antwort.
,Wenn Sie uns den Wohnort Ihrer Angehörigen angeben
wollten, versetzte er kalt, ,so würden wir Sie zu Ihrer Familie zurückbringen.
,Ich habe keine Verwandten.
Die Schwestern und der Bruder sahen mich an, doch lag kein
Mißtrauen in ihren Blicken.
,Stehen Sie denn so ganz allein da?
,Ja. Ich bin an niemand gebunden, und es gibt in der ganzen
Welt kein Dach, wo ich Aufnahme zu fordern berechtigt wäre.
,Eine seltsame Lage für ein so junges Mädchen!r rief er. Dann
warf er einen prüfenden Blick auf meine Hände und fragte: ,Sind
Sie verheiratet gewesen?
,Aber St. John,' rief Diana lachend, ,sie ist doch höchstens
achtzehn Jahre alt.
,Ich bin neunzehn, Fräulein, aber ich bin nicht verheiratet.
Eine dunkle Glut überzog mein Gesicht, denn bei diesen Worten
mußte ich an all mein Unglück zurückdenken. Die Mädchen sahen
meine Verlegenheit und blickten zur Seite; der kalte, harte Bruder
aber starrte mich unentwegt an, bis seine Rücksichtslosigkeit mir
heiße Tränen entpreßte.
,Wo haben Sie zuletzt gelebt?' fragte er weiter.
,Du bist neugierig, Bruder, sagte Diana; aber St. John
beugte sich über den Tisch herüber und forderte mit seinem durchdringenden Blick eine Antwort heraus.
,Der Name meines letzten Aufenthalts und der Person, bei der
ich war, ist mein Geheimnis, antwortete ich mit Bestimmtheit.
,Und Sie haben nach meiner Meinung ein Recht, das zu verschweigen, bemerkte Diana ruhig.
,Wenn ich nichts darüber weiß, kann ich Ihnen keine Hilfe
leisten, sagte der Bruder. ,Und Hilfe tut Ihnen doch not, wie?
,Sie tut mir not, und ich suche sie, aber ich verlange nicht
mehr, als daß eine menschenfreundliche Person mir Arbeit nachweist,
durch die ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen kann.'
,An was für Arbeit sind Sie denn gewöhnt, und was können
Sie leisten?
Ich hatte inzwischen meinen Tee getrunken und fühlte mich
bei frischen Kräften. Ich fand nun den Mut, diesem hartnäckigen
jungen Richter Rede und Antwort zu stehen.
Herr Rivers, sagte ich und sah ihn ebenso offen an, wie er
mich ansah, ,Sie und Ihre Schwestern haben mir den größten Dienst
geleistet, denMenschen ihrenMitmenschen erweisen können; Sie haben
mich vom sichern Tod errettet. Durch diese Wohltat haben Sie Anspruch auf meine unbegrenzte Dankbarkeit und auch auf mein Vertrauen. Ich will. Ihnen gern von der Geschichte der Wanderin, die
Sie beherbergen, soviel erzählen, wie ich kann, ohne meinen Seelenfrieden aufs neue zu gefährden. Ich bin ein Waisenkind, die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern sind so früh gestorben, daß ich
mich ihrer nicht erinnern kann. Ich wurde in der Anstalt von Lowood, die Ihnen vielleicht bekannt ist, erzogen und war dort sechs
Jahre als Schülerin, zwei Jahre als Lehrerin. Dann nahm ich eine
Stelle als Gouvernante an und fühlte mich in dem Hause meines
Brotherrn sehr wohl. Was mich dann gezwungen hat, die Stellung
aufzugeben, kann ich nicht erzählen - es würde Ihnen auch nicht
glaubhaft klingen. Genug, die Katastrophe, die mich aus diesem
Hause trieb, war seltsamer, schrecklicher Art. Da ich so rasch wie
möglich fort wollte und auch nicht wissen lassen mochte, wohin ich mich
gewendet habe, gab ich für die Postfahrt alles Geld hin,
das ich besaß, und so kam es, daß ich, in Whitecroß angelangt, nicht
einen Pfennig mehr hatte. Zwei Nächte schlief ich unter freiem
Himmel, und ich war nahe daran, vor Hunger zu sterben, als ich vor
Ihr Haus kam und hier zu meinem Glück in letzter Stunde Aufnahme fand. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich getan haben; denn in meiner Betäubung war ich doch nicht ganz ohne
Wahrnehmung. Ich danke dem wahren, ungeheuchelten Mitleid der
jungen Damen ebensoviel wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit, Herr
St. John.
,Laß sie nun aber in Ruhe, Bruder, sagte Diana, ,so große
Aufregung schadet ihr noch. Kommen Sie jetzt hier auf das Sofa,
Fräulein Elliot.
Als ich diesen falschen Namen hörte, erschrak ich. Ich hatte gar
nicht mehr daran gedacht, daß ich mich so genannt hatte. Dem scharfen Blick St. Johns entging diese Bewegung nicht.
,Sie sagten doch aber, Ihr Name sei Elliot, meinte er.
,Ich halte es für zweckmäßig, mich einstweilen so zu nennen,
antwortete ich ruhig. ,In Wirklichkeit heiße ich anders.
,Ihren wahren Namen wollen Sie nicht angeben?
,Nein. Ich will einer Entdeckung vorbeugen und muß alles
vermeiden, was dazu führen könnte.'
,Daran tun Sie ganz recht, sagte Diana. ,Und nun laß sie
aber wirklich in Ruhe, Bruder.
St. John schwieg, doch nur um eine Zeitlang nachzudenken,
dann fuhr er unerschütterlich fort:
,Sie wünschen unsere Gastfreundschaft nicht lange zu gebrauchen und sich sowohl von dem Mitleid meiner Schwestern als von
meiner Barmherzigkeit zu befreien. Ich habe den feinen Unterschied,
den Sie in Ihrer Ausdrucksweise machten, wohl bemerkt, zürne
Ihnen deshalb auch nicht, denn er ist nur gerechtfertigt. Nicht wahr,
Sie möchten bald von uns fort?
,Gewiß möchte ich das. Es verlangt mich nach Arbeit. Ich
will mir mein Brot verdienen. Und ich bitte nur darum, verschaffen
Sie mir Arbeit, sei es auch in der niedrigsten Hütte.
,Sie müssen hier bleiben,' rief Diana, und Mary stimmte
ihr bei.
St. John aber antwortete kalt ,Wie Sie sehen, würden meine
Schwestern Sie gern hier behalten, aber ich werde mein Möglichstes
tun, um Ihnen eine Anstellung zu verschaffen. Mein Bekanntenkreis ist hier in dieser armen Landgemeinde natürlich sehr gering,
und ich kann nicht sagen, ob sich hier etwas finden läßt. Schließlich
müßten Sie selbst sich anderswo umschauen.
Nach diesen Worten nahm er seine Zeitung wieder zur Hand
und las weiter. Ich zog mich bald zurück, denn ich war nun für eine
Genesende schon zu lange auf den Beinen gewesen und hatte fast schon
mehr gesprochen, als meine noch immer geringen Kräfte eigentlich
erlaubten.
Ich lernte nun die Bewohner von Moor-Haus näher kennen,
und sie gefielen mir mehr und mehr. Nach wenigen Tagen war ich
wieder so kräftig, daß ich den ganzen Tag über aufbleiben konnte.
Nun machte ich auch kurze Spaziergänge und half den Schwestern
bei allen Arbeiten, die ihr häusliches Leben mit sich brachte. Auch
an dem Studium, das sie trieben, nahm ich teil. Ich fand Gefallen
an den Büchern, die sie lasen - wie mir überhaupt alles gefiel, was
sie gern hatten.
Sie waren beide gebildeter und weit belesener als ich, und ich
ließ mich von ihnen belehren und im Wissen fördern. Die Bücher,
die sie mir liehen, las ich mit großem Fleiß, und am Abend machte
es uns allen dann Freude, über das, was ein jeder gelesen hatte, zu
sprechen. In ihrer Denkweise harmonierten sie sehr mit mir -
kurzum, wir paßten alle drei sehr gut zueinander.
In unserm Kleeblatt gab es jedoch eine, die den Ton angab:
das war Diana. Sie war das unbestrittene Oberhaupt. In den
ersten Stunden des Abends sprach ich selbst gern mit, doch später
liebte ich es, mich auf einen Schemel zu Dianas Füßen hinzusetzen,
den Kopf an ihren Schoß zu lehnen und zuzuhören, wie sie und Mary
das begonnene Thema gründlich erörterten. Diana begann mir
auch Unterricht in der deutschen Sprache zu geben, die sie sehr gut
beherrschte. Es war eine Freude, sich von Diana unterrichten zu
lassen. Dafür konnte ich ihr und Mary Malstunden erteilen. So
vergingen uns in nützlicher Arbeit und in vergnüglicher Kurzweil.
die Stunden, die Tage, die Wochen.
Während ich mich mit den Schwestern in ein vertrautes, ja
freundschaftliches Verhältnis hineinlebte, blieb zwischen mir und
St. John eine gewisse Spannung bestehen. Er war ja freilich auch
selten zu Hause. Seine Gemeinde war sehr ausgedehnt, und es
kostete ihn viel Zeit, die Kranken und Armen auf den weit verstreuten Gehöften zu besuchen. Von diesen Ausflügen des Seelsorgers
ließ er sich durch Wind und Wetter nicht abhalten.
,Man muß sich daran gewöhnen, sagte er manchmal, wenn man
ihm riet, des Regens wegen zu Hause zu bleiben, ,besonders wenn
man einer solchen Zukunft entgegengeht wie ich.
Auf diese Worte folgte dann gewöhnlich ein Seufzer von seiten
Dianas oder Marys, und sie schauten dann ein paar Minuten recht
traurig drein.
Aber abgesehen von den wenigen Stunden, die er im Moor-Hause verweilte, war er auch von Charakter sehr reserviert und unzugänglich. Dies war ein zweiter Grund, weshalb das vertrauliche
Verhältnis, in das ich zu den andern Bewohnern gelangte, sich nicht
auf ihn ausdehnte. Obwohl er sein Amt sehr ernst nahm und alle
seine Pflichten aufs gewissenhafteste erfüllte, schien er doch nicht jene
innere Befriedigung zu finden, die der Lohn eines jeden echten
Christen und tätigen Menschenfreundes ist. Da er nicht mitteilsam
war, erhielt ich nur wenig Aufschluß über die Regungen seiner Seele.
Erst als ich ihn einmal in Morton predigen hörte, tat ich einen Einblick in die Tiefe dieses Gemüts.
Die Predigt blieb fast bis zu Ende ruhig und maßvoll, aber aus
jedem seiner Worte atmete der Eifer einer fast kalvinistisch starren
Doktrin. Eine seltsame Bitterkeit und Schroffheit durchwehte das
Ganze; strenge Mahnungen, Worte wie Seelenheil, Verdammnis,
Gnadenwahl kamen sehr oft vor, und jeder Hinweis auf derartige
Begriffe klang wie ein zürnendes Menetekel. Als er zu Ende war,
fühlte ich mich nicht gestärkt, sondern in tiefe Trauer versetzt. Er
hatte mir keinen Frieden geben können, und so mochte er wohl selbst
des wahren Friedens nicht teilhaftig sein.
Inzwischen war ein Monat verflossen. Man sprach nun davon,
daß Diana und Mary bald in ihre Stellungen zurückkehren würden,
weilten sie doch eben nur auf Urlaub hier. Herr St. John hatte
noch kein Wort darüber gesprochen, ob er Aussicht habe, mir Beschäftigung zu verschaffen. Als ich eines Morgens mit ihm allein war,
wollte ich ihn danach fragen, als er - was er sehr selten getan
hatte - ganz von selbst ein Gespräch mit mir begann.
,Sie wollen eine Frage an mich richten, nicht wahr? sagte er.
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie Arbeit für mich gefunden haben.
,Ich wollte davon schon vor zwei Wochen sprechen, doch ich sah, daß
Sie sich hier sehr wohl fühlten, und daß namentlich meine Schwestern
Sie augenscheinlich liebgewonnen hatten; da wollte ich das gute Einvernehmen nicht früher stören, als bis die nahe bevorstehende Abreise meiner Schwestern auch Ihrem Hierbleiben ein Ende machen muß.’
,Das ist ja nun der Fall, sagte ich. ,In drei Tagen reisen die
jungen Damen.’
‘Ja, und ich kehre nach Morton zurück; Hannah begleitet mich,
und das alte Haus hier wird zugemacht.’
,Und haben Sie nun für mich etwas im Auge, Herr Rivers
‘Jenun, ja - aber vergessen Sie nicht, was ich gleich sagte. Ich
kann Ihnen nur so helfen wie der Blinde dem Lahmen, denn ich
bin arm. Mein Vater hat so gut wie nichts hinterlassen. Wer weiß,
ob mein Angebot Ihnen zusagt? Sie sind selbst wohl kaum an die
Armut gewöhnt, die uns umgibt -- das heißt, die mich in meinem
Dorfe umgibt. Sie sind bisher daran gewöhnt gewesen, unter wohlhabenden Menschen zu leben, vermute ich. Aber ich meine doch, kein
Dienst, der dazu beiträgt, die Armen zu bessern, emporzuheben, kann
entehrend sein. Je vernachlässigter der Boden ist, der dem Christen
zur Urbarmachung angewiesen wird, je geringere Ausbeute die
Arbeit für ihn selbst abwirft, um so größer ist die Ehre- Je kleiner
der Verdienst, um so größer das Verdienst! Unter solchen Umständen hat er das Amt eines Pioniers, und die ersten Pioniere des
Evangeliums waren die Apostel - ihr Meister war Christus selbst.
,Weshalb fahren Sie nicht fort? fragte ich, als er innehielt.
Doch er sah mich eine Zeitlang stumm an, als wolle er in meinem
Gesicht wie in einem aufgeschlagenen Buche lesen. Das Ergebnis
dieser schweigenden Prüfung sprach er dann in seinen nächsten Worten aus.
,Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen, den ich Ihnen
zu bieten habe, sagte er. ,Freilich werden Sie nur eine gewisse Zeit
darin aushalten, wie auch ich nicht allzu lange das Amt eines beengten, weltfernen Landpredigers verwalten möchte. Sie, wie auch mich,
treibt es zu energischerer Tätigkeit, zu größeren Aufgaben. Hören Sie
also! jetzt, nach dem Tode meines Vaters, werde ich nicht mehr lange
in Morton bleiben. Vielleicht kein ganzes Jahr mehr. Gewiß,
solange ich da bin, werde ich meine Pflicht aufs peinlichste erfüllen
und alle Kräfte anspannen, das kleine Torf möglichst zu fördern.
Als ich vor zwei Jahren herkam, hatte es noch keine Schule; ich habe
eine für Knaben eingerichtet, nun will ich auch eine zweite für Mädchen eröffnen. Es ist dazu schon ein Häuschen gemietet worden;
auch ein kleines mit zwei Zimmerchen als Wohnung für die Lehrerin.
Das Gehalt der Lehrerin wird dreißig Pfund im Jahre betragen.
Die Wohnung ist bereits möbliert. Fräulein Oliver, die einzige
Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde - er besitzt hier eine Nadelfabrik, einen Hochofen und eine Eisengießerei -
hat das Geld dazu gestiftet. Dieselbe Dame wird auch für Kost und
Kleidung eines Waisenmädchens sorgen, das der Lehrerin als
Dienstmädchen zur Verfügung stehen soll. Wollen Sie das Amt der
Lehrerin übernehmen?
Nach der langen Erklärung kam diese Frage fast überstürzt
heraus. Es war, als erwartete er eine Zurückweisung seines Anerbietens. Es war ja auch eine äußerst bescheidene, kärgliche Stelle,
die er mir anbot, aber es war etwas Sicheres. Es war ein Obdach,
und das brauchte ich jetzt vor allen Dingen. Im Grunde hegte ich
Furcht und Abscheu davor, als Gouvernante zu reichen Leuten zu
gehen; das Amt einer Dorfschullehrerin gewährte mir immerhin eine
gewisse Unabhängigkeit.
,Ich danke für Ihre Bemühung, Herr Rivers, antwortete ich
ohne Zaudern, ,und nehme den Vorschlag gern an.
,Sie verstehen, nicht wahr,' sagte er, ,es ist eine Dorfschule -
ihre Schülerinnen sind arme Mädchen - Kinder von Taglöhnern
oder im besten Falle von Pächtern. Stricken, Nähen, Lesen und
Schreiben, das ist alles, worin Sie zu unterrichten haben. Ihre Talente werden Sie nicht verwerten können. Von der großen Tiefe
Ihres Gemüts, von der Fülle Ihrer Empfindungen, von Ihrem
ausgewählten Geschmack werden Sie keinen Gebrauch machen
können.
,Die spare ich mir auf, sie verderben ja nicht.
,Sie wissen also zu beurteilen, was Sie da auf sich nehmen?
aIch weiß es.
Jetzt lächelte er nicht mehr bitter, sondern freundlich und zufrieden.
,Und wann wollen Sie Ihr Amt antreten?
,Morgen schon ziehe ich nach Morton, und mit Beginn der neuen
Woche soll der Unterricht anfangen.
,Recht so.
etwa 15 Mark.
Er schritt auf und nieder, dann blieb er wieder vor mir stehen
und schüttelte den Kopf.
Haben Sie noch irgendwelche Bedenken, Herr Rivers?
,Sie werden nicht lange in Morton bleiben nein, nein! Ich
sehe es Ihnen an den Augen an: Sie verlangen nach einem
wechselvollen Lebenswege.
Ich bin nicht ehrgeizig.
Er fuhr zusammen.
,Ehrgeizig? Wieso? Wer spricht von Ehrgeiz? Doch ja, ich
weiß ja, ich bin es. Woran haben Sie das gemerkt?
,Ich sprach nur von mir selbst.
,Nun, ich habe jedenfalls die Ueberzeugung, es wird Ihnen
nicht lange in der Einsamkeit und Beschränktheit gefallen - ebensowenig wie mir. Ich sehne mich danach, aus dieser Enge, aus diesen
Morasten und nebligen Bergen herauszukommen. Ich mag die
Fähigkeiten, die mir Gott geschenkt hat, nicht hier verkümmern lassen.
Sie denken, ich widerspreche mir? Weil ich eben erst sogar den Beruf eines Holzhackers, wenn er nur Gott dient, gepriesen habe? Und
ich, sein gesalbter Bote, tobe in Ruhelosigkeit! Angeborene Neigungen und eingeprägte Grundsätze müssen schließlich auf irgendeine
Weise miteinander versöhnt werden.
Er ging hinaus. Ich hatte ihn in dieser kurzen Stunde besser
kennen gelernt als in dem ganzen Monat, der inzwischen verflossen war.
Diana und Mary wurden immer stiller und trauriger, je näher
die Stunde ihrer Abreise kam. Die ältere Schwester gab mir zu verstehen, daß sie sich diesmal wahrscheinlich für immer von ihrem Bruder trennen müßten.
,Er verfolgt große Pläne und wird ihnen alles opfern - auch
die Liebe zu seinen Schwestern, sagte sie. ,Er ist nicht so ruhig, wie
er aussieht, Johanna; ein wildes Fieber verzehrt ihn. Und dennoch
erlaubt mir mein Gewissen nicht, ihm von seinen Entschlüssen abzuraten - ich kann ihn nicht tadeln. Was er unternehmen will, ist
edel und christlich, wenn es auch mir und Mary fast das Herz
bricht.
,Wir haben keinen Vater mehr und werden nun auch bald
keinen Bruder mehr haben, setzte Mary hinzu.
In diesem Augenblick trat St. John mit einem Briefe herein.
,Eben schreibt man mir, sagte er, ,daß unser Onkel John
gestorben ist.
Beiden Schwestern schien diese Nachricht weniger des Verlustes
wegen als aus einer andern Ursache Schmerz zu bereiten. Sie sahen
ihren Bruder bestürzt an und fragten dann einstimmig: ,Und
was nun?
,Lies!' sagte St. John ruhig und warf Diana den Brief in den
Schoß.
Sie überflog ihn und reichte ihn Mary, die ihn las und dem
Bruder zurückgab. Dann sahen sich alle drei mit traurigem
Lächeln an.
,Nun, wenn auch!' sagte Diana, ,wir haben noch zu leben.
,Wir stehen deshalb nicht schlechter da, meinte Mary,
St. John legte den Brief zusammen, steckte ihn ein und ging
hinaus.
,Du wunderst dich gewiß über uns, Johanna, sagte Diana
hierauf. ,Aber wir haben diesen Onkel nie kennen gelernt. Es war
ein Bruder von unserer Mutter. Vor vielen Jahren hat er sich mit
unserem Vater entzweit. Auf seinen Rat nämlich spekulierte der
Vater an der Börse und verlor dabei einen Teil seines Vermögens.
Der Onkel hat nun später mehr Glück gehabt und ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund erworben. Er ist nicht verheiratet gewesen,
und wir und noch eine einzelnstehende Person, die ihm aber auch
nicht näher steht als wir, sind seine einzigen Verwandten. Hier
schreibt man uns nun, daß er sein ganzes Geld bis auf 80 Pfund
dieser andern Person hinterlassen hat. Die 80 Pfund sollen wir
drei, Mary, ich und St. John, unter uns teilen. Wir hatten ja kein
Recht, uns Hoffnung auf sein Geld zu machen, aber nun sind wir
doch ein wenig enttäuscht. Wenn er uns Schwestern auch nur tausend
Pfund vermacht hätte, würden wir uns für reich gehalten haben.
Auch St. John hätte diese Summe sehr gut brauchen können, angesichts dessen, was er vorhat.
Am folgenden Tage zog ich nach Morton; Diana und Mary
traten die Reise in ihre Stellungen an, Hannah kam auf den Pfarrhof - und das alte Moor-Haus stand leer.
Der Missionar.
Eine Hütte war nun mein Heim: ein kleiner Raum mit weißgetünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; vier gestrichene Stühle, ein Tisch, eine Uhr, ein Schrank mit ein paar
Tellern und Schüsseln, ein Teeservice: das war die Einrichtung
meiner Küche. Darüber lag ein ebenso großes oder richtiger ebenso
kleines Gemach mit einem Bett und einer Kommode. Zum Lohn für
ihre Hilfe hatte ich an diesem ersten Tage der kleinen Waise, die
mir als Dienstmädchen zur Seite stand, eine Apfelsine geschenkt.
Nun war sie fort und ich allein an meinem Herde. Am Morgen
war die Mädchenschule eröffnet worden. Ich hatte zwanzig Schülerinnen, von denen nur drei lesen konnten. Rechnen und schreiben
konnte keine. Ein paar hatten daheim auch schon ein wenig nähen
und stricken gelernt. Sie sprachen den breitesten Dialekt jener
Gegend, und es wurde mir zunächst sehr schwer, sie überhaupt zu verstehen. Mehrere waren unwirsch, viele aber auch sanft, wißbegierig
und anstellig. Viel Freude erwartete ich nicht von dem Leben, das
mir nun bevorstand, aber ich war fest entschlossen, vom ersten Augenblick an meine Pflicht zu erfüllen und die Kräfte bis zum äußersten
anzuspannen.
Ich war freilich nicht ganz bei der Sache, so sehr ich mich auch
bezwang, denn ich fühlte mich trotz aller theoretischen Grundsätze von
vornherein am falschen Platze; ich dünkte mich ein wenig zu schade für
diesen Posten. Aber ich sagte mir immer wieder, das sei Unrecht von
mir, und nahm mir vor, dagegen anzukämpfen. Es war mir gelungen, die Pracht im Hause des Herrn Rochester zu überwinden,
meine Selbstachtung gegen Reichtum und Glück zu erhalten - es
würde mir, davon war ich überzeugt, mit der Zeit auch gelingen, auch
inmitten der Armut, des Schmutzes, des völligen Mangels an Bildung den Wert meiner Persönlichkeit zu wahren.
Während ich solchen Gedanken nachhing, vernahm ich ein Geräusch
an der Tür. Carlo, der alte Jagdhund des verstorbenen Herrn Rivers,
der mit in die Pfarre übergesiedelt war, stieß mit der Schnauze die
Tür auf und kam herein. St. John, sein Herr, folgte ihm.
,Nur auf ein paar Minuten, sagte der Pfarrer. ,Ich bringe
Ihnen ein Päckchen, das meine Schwestern für Sie zurückgelassen
haben: Malkasten mit Zubehör, glaube ich. Wie war es heute?
Schwerer, als Sie erwarteten?
,Im Gegenteil. Ich werde mit der Zeit sehr gut mit meinen
Schülerinnen fertig werden.
,Aber sind Sie auch sonst zufrieden - mit Ihrer Wohnung hier?
,Es ist alles sauber und wetterfest. Das Mobiliar ist aus-
reichend. Ich bin dankbar dafür. Vor fünf Wochen war ich obdachlos, eine Bettlerin auf der Landstraße; jetzt habe ich Freunde, Arbeit
und ein Heim. Ich staune über Gottes Güte.
,Und doch bedrückt die Einsamkeit Sie?
,Nein. Noch habe ich nicht Zeit gehabt, mich meiner Ruhe recht
zu freuen, da sollte ich schon seufzen, weil ich's einsam habe?
,Nun, ich weiß ja nicht, was Sie verlassen haben, als Sie hierherkamen. Aber ich rate Ihnen doch, weisen Sie standhaft jede Versuchung von sich und erfüllen Sie getreu die Pflichten Ihres neuen
Amts - wenigstens ein paar Monate hindurch. Es ist sehr schwer,
gegen seine Neigungen und angeborenen Triebe anzukämpfen. Aber
man kann es. Ich weiß es aus Erfahrung. Gott hat uns die Macht
gegeben, bis zu einem gewissen Maße uns selbst unser Schicksal zu
gestalten. Auch ich war vor einem Jahre noch tiefunglücklich, weil
ich glaubte, in der Wahl des Predigerberufs einen Fehlgriff getan
zu haben. Mich verlangte hinaus aus den einförmigen Pfarrerspflichten, hinaus in ein tätiges Leben mitten in der großen Welt.
Künstler, Schriftsteller, Redner: das hätte ich sein mögen, nur kein
Priester. Unter dem Talar schlug das Herz eines Politikers, eines
Soldaten. Ich wünschte berühmt zu werden und führte nun hier
ein elendes, armes Dasein. Nach langer Zeit der Verzweiflung kam
mir endlich die Erleuchtung - mein Horizont erweiterte sich hier -
ich faßte den Entschluß, Missionar zu werden. Nun war ich der
Fesseln ledig, und wenn auch mein Vater meinem Vorsatz widersprach, er ist ja nun tot, meine Angelegenheiten sind alle geordnet,
ein Nachfolger ist gefunden -- ich habe noch einen letzten Kampf, in
dem ich meines Sieges im voraus gewiß bin, weil ich mir geschworen
habe zu siegen - und dann fort aus Europa - übers Meer nach
Indien!'
Er sah nach der aufgehenden Sonne. Ein langes Schweigen
herrschte zwischen uns, das erst durch eine Stimme unterbrochen
wurde, die von der Tür her laut und lustig rief:
,Guten Abend, Herr Rivers! Carlo, Ihr Hund, erkennt seine
Freunde rascher als Sie. Sie drehen mir noch immer den Rücken
zu, während er mich schon lange schweifwedelnd umkreist.
Herr Rivers fuhr zusammen, als träfe ihn ein Donnerkeil, dann
drehte er sich langsam um. Vor uns stand ein Mädchen in weißem
Kleide, jugendlich, anmutig, von zarter Erscheinung. Unter dem
wallenden Schleier sah ein Antlitz von großer Schönheit, ja von vollkommener Schönheit hervor. Ich hatte noch niemals ein so liebreizendes, regelmäßiges Gesicht in der Natur gesehen: große dunkle
Augen, lange, schleierartige Wimpern, geschweifte Brauen, eine rosig
angehauchte Haut, ovale, weiche Wangen, frische, volle Lippen von
süßestem Schnitt, leuchtende, fehlerlose Zähne, ein Kinn mit schelmischem Grübchen und reiches, schweres Haar: kurz, ein Antlitz, wie
man es auf den Gemälden berühmter Meister nicht schöner finden
kann. Es brauchte mir niemand zu sagen, daß dies Fräulein Oliver
sei, die Tochter des einzigen reichen Mannes von Morton.
Was dachte Herr St. John von diesem Engel in Menschengestalt? Es war natürlich, daß ich mir diese Frage stellte und die
Antwort auf seinem Gesicht suchte.
,So schön der Abend ist, sagte er kalt, ,So ist es doch schon zu
spät für Sie, noch allein draußen zu bleiben.
,Ich bin erst heute nachmittag zurückgekommen. Papa sagte
mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin sei gekommen. Deshalb mußte ich natürlich nach dem Tee gleich noch einmal herkommen. Ist das die Lehrerin?
Ja, das ist sie, sagte St. John.
,Glauben Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird? fragte
sie mich in kindlich naivem Tone.
.Das hoffe ich.
,Sind Ihre Schülerinnen heute schon hübsch aufmerksam gewesen?
.O ?
.Und gefällt Ihnen Ihr Häuschen?
.Es ist sehr hübsch.'
,Und habe ich in Alice Wood ein gutes Dienstmädchen für Sie
gefunden?
.Sehr gut. Sie ist anstellig und behend.
,Ich werde hin und wieder herüberkommen und Ihnen beim
Unterricht helfen. Es ist ja für mich auch eine Abwechslung, Sie zu
besuchen. O, Herr Rivers, in der Stadt war's hübsch, so lustig.
Gestern noch habe ich bis zwei Uhr getanzt - mit Offizieren. Sehr
nette Herren!
St. John verzog den Mund und sah das lachende Mädchen ernst
an. Sie schlug die Augen nieder und spielte mit dem Hunde.
,Nicht wahr, Carlo, sagte sie in scherzendem Tone, ,du bist gut
zu deinen Freunden und nicht gleich so streng. Wenn du nur
sprechen könntest!r
Während sie den Kopf des Hundes streichelte, sah St. John auf
sie herab, und eine purpurne Glut überzog sein Gesicht. Ein plötzliches Feuer schmolz den harten Ausdruck seiner Züge, und in seinen
Augen flackerte eine unterdrückte Rührung auf. Mit dieser Röte auf
den Wangen sah er als Mann ebenso schön aus wie sie als Weib. Er
atmete tief und schwer auf, als wenn sein Herz sich mit Anstrengung
von einem harten Zwange befreite. Auf ihr zartes Entgegenkommen
antwortete er nicht.
,Papa wundert sich, daß Sie gar nicht mehr zu uns kommen,
sagte Fräulein Oliver. ,Heute abend ist er ganz allein und fühlt
sich nicht recht wohl. Wollen Sie da ein bißchen mitkommen?
aZu so später Stunde möchte ich Ihren Herrn Vater doch nicht
mehr belästigen, antwortete St. John.
,Ach wo! Es ist gerade die richtige Zeit,r rief das Mädchen.
,jetzt ist Feierabend, und Papa hat Ruhe vom Geschäft. Bitte, kommen Sie nur mit! Weshalb sind Sie denn so furchtbar ernst und
zurückhaltend? Doch richtig! Ihre Schwestern sind ja wieder ab
gereist, und Sie haben MoorHaus verlassen. Da sind Sie nun auch
sehr einsam. Ach, Sie tun mir so leid. Kommen Sie nur mit, bitte,
bitte!
ihn
,Heute abend nicht, Fräulein Rosamund.
Er sprach diese Worte fast tonlos aus. Nur er wußte, was es
kostete, ihr diese Bitte abzuschlagen.
,Na, wenn Sie so eigensinnig sind, kann ich's auch nicht ändern,
sagte sie. ,Ich muß nun gehen, sonst wird es wirklich zu spät. Es
fällt schon Tau. Gute Nacht.’
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und er berührte sie leicht
mit der seinen.
,Gute Nacht!' wiederholte er wie ein Echo. Dabei wurde er
blaß wie die Wand. Sie ging hinaus, und auch er verließ mein
Häuschen und schritt in entgegengesetzter Richtung von dannen, ohne
sich ein einziges Mal nach Fräulein Oliver umzusehen.
Sie tat mir leid. Und das Mitgefühl mit ihrer unglücklichen
Liebe lenkte meine Gedanken von meinem eigenen Kummer ab.
Diana Rivers hatte einmal gesagt, ihr Bruder sei ,unerbittlich wie
der Tod'. Sie hatte nicht übertrieben.
Ich widmete mich nun meinem Lehramt mit aller Treue und
Energie. Zuerst war es eine schwere Arbeit, doch als ich unter meinen
Schülerinnen viele ziemlich befähigte Kinder kennen lernte, fand ich
langsam Freude daran. Unter meiner Leitung entwickelten sich nun
mehrere dieser erst so schwerfälligen und dumm gaffenden Bauerndirnen zu verständigen, anstelligen Mädchen. Einige machten sogar
überraschend schnelle Fortschritte, und ich war wirklich stolz auf diese
Erfolge. Für diese besten unter den Mädchen hegte ich auch große
Zuneigung, und auch sie gewannen mich lieb. Bei manchen, deren
Eltern auf Gütern der Umgegend in Pacht saßen, verkehrte ich in
der Familie und war stets ein sehr gern gesehener Gast. Kurz, ich
wurde der Liebling meiner Umgebung, und wenn ich mich draußen
sehen ließ, wurden mir überall freundliche Grüße zuteil. Und allgemein geachtet zu sein, wenn es auch die Achtung einfacher Arbeiter
und Bauern ist, gleicht dem Gefühl, ruhig im warmen Sonnenstrahl
zu sitzen. Tagsüber vergaß ich nun auch mein Leid. Ruhe und
Dankbarkeit wohnten in meinem Herzen. Aber des Nachts träumte
ich wirr und schwer, und Herr Rochester war der Mittelpunkt dieser
wilden Phantasien.
Rosamund Oliver besuchte mich sehr oft in der Schule. Wenn
sie auf ihrem täglichen Morgenritt vorüberkam, unterließ sie es fast
nie, abzusteigen und hereinzuschauen. Der Livreediener, der hinter
ihr herritt, hielt dann ihr Pferd. Man kann sich kaum eine lieblichere Erscheinung denken als Fräulein Oliver im Reitkostüm aus
dunkelrotem Stoff, das schwarze Samthütchen graziös auf den lang
herabwallenden Locken. Gewöhnlich richtete sie es so ein, daß sie zu
der Zeit kam, wo Herr Rivers Katechismusstunde abhielt. Er ließ
sich dadurch nicht stören, aber selbst wenn er bei ihrem Eintritt ihr
den Rücken kehrte, schien er doch instinktiv zu fühlen, wer gekommen
war, sein Gesicht färbte sich blutrot, und seine Züge veränderten sich
in unbeschreiblicher Weise.
Natürlich wußte sie, welchen Einfluß sie auf ihn ausübte;
und er gab sich auch keine Mühe, es ihr zu verhehlen, weil er das einfach nicht konnte. Aber sein erster Blick sagte ihr immer wieder:
,Wenn ich auch weiß, du liebst mich und würdest mein Herz annehmen, wenn ich es dir darböte -- mein Herz liegt bereits auf dem
heiligen Altar, die Opferflamme brennt - es muß zu Asche werden. - Und er fand eine Art wilder Freude an diesem Märtyrertum; es lag in seiner Natur, durch irdische Liebe nicht ein Atom von
seiner Anwartschaft auf das Himmelreich zu verscherzen.
Fräulein Oliver kam so oft, daß ich sie rasch genau kennen
lernte. Auch gab sie sich stets ganz, wie sie war, Verstellung kannte
sie nicht. Sie war kokett, aber nicht herzlos, gebieterisch, aber nicht
engherzig, verwöhnt, aber doch nicht verzogen, eitel (was ihr ja nicht
zu verdenken wars, aber nicht geziert, freigebig, urwüchsig, intelligent, lebhaft, frohsinnig und frei von allem Protzentum, das man so
oft bei großem Reichtum findet. Sie fand viel Gefallen an mir und
pries meine Vorzüge als Lehrerin mit naiver Offenherzigkeit. Eines
Abends sah sie zufällig meine Zeichenmappe und betrachtete die
einzelnen Bilder mit Entzücken. Sogleich äußerte sie den Wunsch,
einmal von mir porträtiert zu werden, was ich sehr gern tat, da es
für mich ein künstlerischer Genuß war, nach einem so vollkommenen
Modell zu malen. Die Malsitzungen fanden regelmäßig statt.
Sie kam dazu in dunklem Samtkleid, das Arme und Nacken
freiließ; sie trug weiter keinen Schmuck, als ihre langen dunklen
Flechten, die in natürlicher Anmut auf ihre herrlichen Schultern
herabfielen. Als dieses Bild fertig war, kam eines Tages auch ihr
Vater mit: ein hochgewachsener Graukopf, neben dem seine liebliche Tochter aussah wie ein Blümlein neben einer eisgrauen Tanne.
Er schien schweigsam und hochmütig, doch zu mir war er freundlich.
Das Bild hatte ihm sehr gut gefallen, und er lud mich zu Gaste. Ich
ging hin und fand ein prachtvolles Haus, das hinreichend Zeugnis
von dem Reichtum seines Besitzers ablegte. Von St. John und von
der ganzen Familie Rivers sprach Herr Oliver mit größter Hochachtung. Sie seien, erzählte er mir, die älteste Familie weit im
Umkreise, und den Vorfahren hätte einmal ganz Morton gehört.
Er meinte, es sei jammerschade, daß ein so schöner, talentvoller
Mann wie St. John die fixe Idee hätte, Missionar zu werden. Das
hieße wirklich ein aussichtsvolles, sicherlich erfolgreiches Leben verschleudern. Offenbar also war Herr Oliver einer Verbindung seiner
Tochter mit St. John durchaus nicht abgeneigt.
Es war der 5. November und ein Feiertag. Ich saß in meiner
Küche, mit einer neuen Malerei beschäftigt, und in der offenen Malmappe lag zufällig die in Wasserfarben ausgeführte Skizze von
Rosamund Olivers Porträt zu oberst. Es klopfte an meine Tür,
und Herr Rivers trat ein.
,Ich wollte nur mal nachsehen, sagte er, ,wie Sie Ihren Feierabend verbringen? Nicht in Gedanken versunken? Das ist ein
gutes Zeichen. Ah, Sie malen. Dabei werden Sie sich nicht einsam fühlen.
Sein Blick fiel auf die Mappe. Er zuckte zusammen, als er die
Porträtskizze erblickte. Ich sah ihn an; sein Auge wandte sich ab.
,Er verschließt Freude und Schmerz und verleiht seinen Gefühlen keine Worte, dachte ich bei mir. ,Aber ich bin überzeugt,
es würde ihm wohltun, ein wenig über diese Rosamund sprechen zu
können, die er nicht heiraten zu dürfen glaubt. Ich empfinde jetzt
klarer, ruhiger als er und bin daher im Vorteil gegen ihn. Ich will
ihn zum Reden bringen. Nehmen Sie Plat Herr Rivers, sagte
ich laut.
Er antwortete, er wolle sich nicht aufhalten.
,Gut, dachte ich bei mir, ,so bleibe stehen. So rasch sollst du
jedenfalls nicht fortkommen. -- Finden Sie das Porträt ähnlich?
fragte ich geradezu.
,Aehnlich? Wem denn? Ich habe es nur ganz flüchtig gesehen, antwortete er.
,Sie haben es vielmehr sehr genau gesehen, Herr Rivers,' versetzte ich ruhig.
Er erschrak über meine plötzlich Derbheit. - ,, es soll' noch
anders kommen,' dachte ich bei mir. ,Ich lasse mich diesmal durch
deine Kälte nicht zurückschrecken. Vielleicht kann ich dir und Fräulein Oliver doch noch einen Dienst erweisen. - Ich habe aber nichts
dagegen , sprach ich laut, ,daß Sie sich das Porträt noch einmal
ansehen. Dabei reichte ich es ihm hin.
,Gut gemacht, sagte er, ,sehr zart im Kolorit, sehr fein in der
Linienführung.
,Das weiß ich selbst. Aber ist es ähnlich? Wem ist es ähnlich?
aFräulein Oliver soll es sein, nicht wahr?
aJa. Soll ich Ihnen ein Duplikat davon malen? Ich würde
es gern tun, wenn es Ihnen Freude machte.
Er sah das Bild jetzt lange und fest an - mit einem Ausdruck
der Innigkeit.
,Sehr ähnlich, murmelte er. ,as Auge prachtvoll getroffen.
Teint und Ausdruck ausgezeichnet. Und der lächelnde Mund!
,Würden Sie gern eine Kopie haben? Sagen Sie es mir doch.
Wenn Sie nun in Indien sind, würde es Ihnen ein Trost sein, ein
solches Andenken zu haben?
Mit einem fast scheuen Blick sah er auf, dann fuhr er fort, das
Bild zu betrachten.
,O, ich würde es wohl gern haben, die Frage ist nur, ob es ratsam wäre.
Ich hatte mir's in den Kopf gesetzt, das Verhältnis zwischen
Rosamund und St. John, seitdem ich wußte, daß der Vater sie gern
als Paar gesehen hätte, zu fördern, weil ich mir sagte, daß St. John,
einmal im Besitz dieses großen Vermögens, mindestens ebensoviel
Gutes stiften könne, wie als Missionar in Indien, wo er unter der
tropischen Sonne rasch hinwelken würde.
,Soweit ich die Dinge beurteilen kann, sagte ich kurzweg.
,wäre es überhaupt das ratsamste, Sie sicherten sich anstelle einer
Kopie das Original.
Er hatte sich jetzt einen Stuhl genommen und betrachtete das
Bild mit unverhohlener Zärtlichkeit.
Ob sie mich liebt? murmelte er.
,Ganz gewiß, antwortete ich, ,sie spricht fortwährend von
Ihnen, das ist ihr Lieblingsthema. Und ihr Vater schätzt Sie sehr
hoch. Sie sollten sie wirklich heiraten.
,Seltsam,' erwiderte er. ,Ich liebe sie auch grenzenlos, leidenschaftlich, und doch habe ich das feste, klare Bewußtsein, daß ich nicht
glücklich mit ihr werden würde, daß sie nicht die Lebensgefährtin sei,
die zu mir paßt, daß unsere Ehe binnen Jahresfrist schon in Scherben gehen müsse. Auf die Seligkeit dieser kurzen Frist würde dann
das Elend, die Reue eines langen Lebens folgen. Ein Teil meines
Herzens ist empfänglich und begeistert für ihre Reize und Vorzüge;
der andere Teil fühlt sich verletzt durch ihre Mängel und Fehler.
Rosamund eine Dulderin, eine Märtyrerin, eine Missionarsfrau!
Nein, nimmermehr!'
,Aber Sie brauchen doch gar nicht Missionar zu werden. Das
würden Sie dann eben aufgeben?
,Aufgeben? wiederholte er starr. ,Meinen Beruf? Mein
Werk? Den Grundstein, den ich hienieden für eine Wohnung dort
droben gelegt habe? Nein! Mein Vorsatz ist mir teurer als das
Blut in meinen Adern.
,Und Fräulein Oliver? warf ich ein. ,Bedeutet ihr Kummer
Ihnen gar nichts?
,Sie hat ein Heer von Schmeichlern um sich her,s versetzte er.
,Sie wird mich bald vergessen und einen Mann heiraten, der sie
glücklicher machen wird, als ich es könnte.
,Dennoch erröten Sie jedesmal, wenn Fräulein Oliver in die
Schule kommt.
,Wohl wahr, allein ich verachte diese Schwäche, ich finde sie
selbst unedel an mir. Sie dringt indessen nicht in die Tiefe meiner
Seele - der Grund darinnen ist fest. Erkennen Sie mich als das,
was ich im Grunde bin: ein kalter, harter Mann! Meine Leiterin
ist die Vernunft, nicht das Gefühl. Mein Ehrgeiz kennt keine Grenzen. Mein Verlangen, höher zu steigen, mehr zu vollbringen als
andere Menschen ist unersättlich. Ich bringe ihm alles zum Opfer.
Er warf noch einen letzten Blick auf das Porträt und murmelte:
,Sie ist sehr schön, Rosamund! Sie trägt ihren Namen mit Recht:
Rose der Welt.
,Und soll ich ein zweites für Sie malen? fragte ich nochmals.
,Cui bono?” versetzte er. ,Nein!'
Er breitete den Bogen weißen Papiers, den ich beim Malen
unterlegte, um das Bild selbst nicht zu beschmutzen, über das Porträt.
Was er plötzlich auf diesem weißen Blatt entdeckte, kann ich nicht
sagen. Aber irgend etwas war ihm aufgefallen. Er hob es hastig
auf, besah den Rand, guckte mich ganz eigentümlich an, öffnete die
Lippen, als wollte er sprechen, und sagte dann doch nichts.
,Was haben Sie denn? fragte ich.
,Nichts, gar nichts, stieß er hervor. Dabei riß er verstohlen
ein Stück von dem Rande des Blattes ab, verbarg es in seinem
Handschuh, sagte hastig: ,Guten Abend!r und ging fort.
,So absonderlich ist er ja noch nie gewesen, dachte ich.
Dann betrachtete ich selbst das Papier, aber ich konnte nichts
daran finden als ein paar Farbenkleckse, die ich darauf gemacht
hatte, um die Mischungen zu probieren. Da ich keine Lösung für das
Geheimnis fand, gab ich es auf, mir den Kopf darüber zu zerbrechen,
und vergaß es bald ganz- welchem
18.Kapitel.
Reichtum.
Am nächsten Tage - um dieselbe Stunde des Abends - stellte
St. John sich wieder ein. Draußen schneite es heftig, und er stampfte
den an seinen Schuhsohlen haftenden Schnee ab.
,Ich werde Ihren weißen Fußboden beschmutzen, sagte er,
,aber Sie müssen mir verzeihen. Es war ein saures Stück Arbeit
hierher zu kommen, zweimal bin ich bis an den Leib eingesunken.
,Was führt Sie denn her? fragte ich.
aHm, es klingt nicht sehr gastfrei, so eine trockene, kurze Frage,
aber da Sie einmal fragen, will ich Ihnen antworten. Ich komme
bloß, um ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Ich muß Ihnen eine
Geschichte erzählen sie wird Ihnen wohl etwas abgedroschen vorkommen - aber dafür ist sie nicht lang.'
Er setzte sich ans Feuer. Die Uhr schlug acht. Mit unwillkürlicher Verwunderung sah ich ihn an.
Zwanzig Jahre ist's her, begann er, ,da verliebte sich ein
armer junger Hilfsgeistlicher - der Name spielt augenblicklich keine
Rolle -- in die Tochter eines reichen Mannes. Da sie ihn auch
liebte, heirateten sie sich gegen den Willen des Vaters, und die Eltern
sagten sich von ihrer Tochter los. Zwei Jahre später war dieses unbedachte Pärchen tot und hinterließ eine Tochter, die bei reichen Verwandten ihres Vaters Aufnahme fand, bei einer Tante namens
Reed - Sie sehen, jetzt fallen mir die Namen auch ein. Worüber
erschrecken Sie? Gibt es hier Ratten? - Also weiter! Frau Reed
behielt die Waise zehn Jahre bei sich. Ich weiß nicht, ob das Kind
es dort gut gehabt hat. Darüber habe ich nie etwas erfahren. Nach
diesen zehn Jahren schickte sie die Kleine in die Anstalt von Lowood,
die Sie ja auch kennen. Sie brachte es dort zur Lehrerin - sonder-
bar, nicht? daß es ihr in diesem Punkte ganz ebenso ging wie Ihnen.
Dann wurde das Mädchen Gouvernante und übernahm die Erziehung eines Kindes, dessen Vormund ein gewisser Herr Rochester war.
Herr Rivers!' unterbrach ich ihn.
Ich errate Ihre Gefühle,fuhr er fort, ,doch nur einen Moment noch Geduld, ich bin gleich zu Ende. Von Herrn Rochesters
Charakter weiß ich nichts; mir ist nur bekannt, daß er das Mädchen
heiraten wollte, während er doch schon verheiratet war -- allerdings mit einer Wahnsinnigen. Als die Gouvernante diese Tatsache
entdeckte, verließ sie plötzlich das Haus, und niemand kann sagen,
wohin sie gegangen ist. Jede Nachforschung blieb erfolglos. Doch
wurde mit großem Eifer nach ihr geforscht, weil man durchaus ermitteln wollte, wo sie weile. Man annoncierte in Zeitungen, und
ich selbst erhielt auch einen Brief von einem Rechtsanwalt, namens
Briggs, der mir diese Einzelheiten mitteilte. Ist das nicht eine
schnurrige Geschichte?
,Sie wissen ja sehr viel,' antwortete ich. ,Da können Sie mir
wohl noch eins sagen: Was ist aus Herrn Rochester geworden?
Was macht er? Wie geht es ihm?
,Ich weiß gar nichts über ihn. Gs steht in dem Briefe nichts
von ihm, als was ich Ihnen erzählt habe. Sie sollten mich lieber
nach dem Namen der Gouvernante fragen und nach dem Umstande,
wegen dessen man ihren Aufenthalt unbedingt ermitteln muß.
,Hat man denn nicht an Herrn Roche,ter selbst geschrieben?
,Gewiß, aber an seiner Stelle antwortete nur eine gewisse Frau
Fairfax.
Ein eiskalter Schauer überlief mich. So waren meine schlimmsten Befürchtungen zur Wahrheit geworden. Herr Rochester hatte
England verlassen; er irrte auf dem Festlande umher-- haltlos, wie
früher. D, mein armer Geliebter! Einst fast mein Gatte!
,Er muß ein schlechter Mensch gewesen sein, warf St. John
hin. - ,Sie kennen ihn nicht,' versetzte ich. , Urteilen Sie also
nicht über ihn.
,Hab' auch an andere Dinge zu denken als an ihn, sagte er.
,Da Sie nach dem Namen der Gouvernante nicht fragen, muß ich
ihn aus eigenem Antrieb nennen. Doch, warten Sie, ich habe ihn
hier schwarz auf weiß.
Er zog aus seiner Brieftasche ein kleines Stück Papier, das
irgendwo abgerissen worden war. Er hielt es mir vor die Augen,
und ich erkannte an den matten Farbflecken das Stück vom Rande
meines Papierbogens. Als ich näher hinsah, fand ich darauf, von
meiner eigenen Hand in schwarzer Tusche hingekritzelt, die zwei
Worte: ,Johanna Eyre.
,Von einer Johanna Eyre schrieb Rechtsanwalt Briggs an mich.
Nach einer Johanna Eyre suchte man durch die Zeitungsannoncen.
Ich selbst aber kannte wohl eine Johanna, doch war ihr Vatersname
Elliot, nicht Eyre. Aber ich hegte dennoch Argwohn, und gestern
nachmittag, als ich das Stückchen Papier fand, wurde mein Argwohn zur Gewißheit. Bekennen Sie sich zu dem Namen Eyre?
Ja, ja. Doch was wollte der Rechtsanwalt Briggs von mir?
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel John Eyre in Madeira
gestorben ist und Ihnen sein ganzes Vermögen hinterließ. Sie sind
also jetzt reich. Natürlich müssen Sie beweisen, daß Sie auch wirklich
Johanna Eyre sind, aber das wird ja keine Schwierigkeiten haben.
Ihr Vermögen ist in der Englischen Bank angelegt; Briggs hat die
betreffenden Urkunden und Papiere.
Es ist eine schöne Sache, in einem Augenblick von der Armut
zum Reichtum emporgehoben zu werden, aber immerhin begreift
man es nicht im Handumdrehen.
,Wieviel ist es denn? stammelte ich nach langem Schweigen.
,O, nur eine Kleinigkeit,' antwortete er. ,Nur zwanzigtausend Pfund.
Eine derartige Summe hatte ich nicht erwartet. Diese Nachricht raubte mir tatsächlich den Atem, und ich rang nach Luft. St.
John, den ich noch nie hatte lachen hören, lachte jet über mich.
,Nun, wenn Sie einen Mord begangen hätten und ich Sie verhaften wollte, so könnten Sie nicht erstaunter dreinschauen.
,Es ist eine sehr große Summe, antwortete ich. ,Ist's auch
kein Irrtum? Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen. Es
werden wohl nur zweitausend sein.
,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen, antwortete
er, noch immer lachend. ,Wenn es nicht so schlechtes Wetter wäre,
würde ich Ihnen Hannah herüberschicken. Aber die arme Alte findet
nicht durch den Schnee. Ich muß Sie also - so unglücklich Sie auch
aussehen - allein Ihrem Kummer überlassen.'
,Noch einen Augenblick! rief ich. ,Es wundert mich, daß
Briggs an Sie geschrieben hat. Woher kannte er Sie? Wie konnte
er annehmen, daß Sie etwas von jener Johanna Eyre wüßten?
,Ich bin Prediger, antwortete er. ,Geistliche werden ja über
allerhand Dinge befragt.
,Das ist eine Ausrede, versetzte ich. ,Sagen Sie mir die
Wahrheit!'
,Ein andermal.
,Nein! Heute abend!' und ich vertrat ihm die Tür. ,Sie
müssen mir erst alles sagen, eher lasse ich Sie nicht fort.
,Ersparen Sie mir's wenigstens heute noch. Es wäre mir
lieber, Diana oder Mary sprächen darüber mit Ihnen.
,Sie sollen es mir sagen -- Sie müssen es mir sagen' beharrte ich.
,Nun gut, so gebe ich nach, erwiderte er. ,Sie müssen es eines
Tages doch erfahren. Also, Johanna Eyre, zunächst eins: ich bin ein
Namensvetter von Ihnen. Ich bin getauft St. John Eyre Rivers.
Jetzt plötzlich fiel mir ein, daß ich in seinen Büchern auch den
Buchstaben E. gefunden hatte. Ein Licht ging mir auf, und ich ahnte.
wie die Sache zusammenhänge, ehe noch St. John weitersprach.
,Meine Mutter,' fuhr er fort, ,hieß Eyre und hatte zwei Brüder: einer war ein Geistlicher und heiratete Fräulein Reed von
Gateshead; der andere Bruder war Kaufmann und starb vor kurzem
erst auf Madeira. Herr Briggs war der Rechtsanwalt dieses Kaufmanns Eyre und teilte uns als solcher vor kurzem den Tod seines
Klienten mit. Sie wissen schon, was er uns von dem Testament
schrieb. Infolge eines Streits mit meinem Vater, durch den er sich
beleidigt fühlte, hat der Onkel uns in seinem Testament nur karg
bedacht. Vor wenigen Wochen nun schrieb Briggs uns noch einmal
und teilte mit, die Erbin sei nicht zu finden. Ob wir nichts von ihr
wüßten? Ein Name, den ich zufällig auf jenem Bogen Papier las,
machte es mir möglich, Sie ausfindig zu machen. Das ist alles.
Er wollte wieder gehen, doch ich vertrat ihm abermals die Tür.
,Aber dann sind wir ja verwandt!’ rief ich aus. ,Sie sind mein
Cousin, ich bin Ihre Cousine,
,So ist es.
Ich sah ihn freudestrahlend an. Mir war's, als hätte ich einen
Bruder gefunden, und noch dazu einen, auf den ich sehr stolz sein
konnte - als hätte ich zwei Schwestern gefunden, die mir ja schon
als fremde Menschen durch ihre vorzüglichen Eigenschaften Liebe und
Bewunderung abgewonnen hatten. Die Leute, vor deren Haus ich
sterbend zusammenbrach, waren meine nächsten, meine einzigen Verwandten! Welche glückliche Entdeckung für eine Verlassene! Welcher Reichtum für mein Herz! In einer plötzlichen Aufwallung von
Jubel klatschte ich in die Hände.
,O, ich bin so froh, ich bin so froh!' rief ich aus.
,Als ich Ihnen sagte, Sie hätten ein Vermögen geerbt, wurden
Sie ernst, und doch war das die Hauptsache, sagte St. John lächelnd.
,Und nun sind Sie freudig erregt über einen Umstand, der eigentlich
ganz Nebensache ist.
,Nebensache? Wie meinen Sie das? Ja, Sie haben Schwestern,
Ihnen ist es gleichgültig, ob sie noch eine Cousine haben, aber ich hatte
gar niemand, und nun habe ich plötzlich drei Verwandte oder wenigstens zwei, wenn Sie nicht mitgerechnet zu werden wünschen. D, ich
bin so glücklich! Schreiben Sie an Diana und Mary! Lassen Sie sie
herkommen. Diana hat mir oft gesagt, sie würde sich mit tausend
Pfund für reich erachten. So wird sie wohl mit fünftausend Pfund
sehr gut leben können.
,Ich will Ihnen ein Glas Wasser holen, Sie sind wirklich sehr
aufgeregt, sagte St. John.
,Unsinn! Ich bin ganz ruhig. Und wird diese Erbschaft nun
Ihre Entschlüsse ändern? Werden Sie nun Fräulein Oliver
heiraten?
,Sie phantasieren. Ich hätte Ihnen die Nachricht doch nicht so
Hals über Kopf mitteilen sollen. Es geht über Ihre Kräfte.
,Ich bin vollständig bei Vernunft, Herr Rivers. Die Sache ist
doch auch ganz klar. Die zwanzigtausend Pfund müssen zu gleichen
Teilen zwischen den vier vorhandenen Verwandten des Erblassers
verteilt werden, das gibt für jeden von uns fünftausend Pfund.
Teilen Sie nun Ihren Schwestern mit, welche Summe sie geerbt
haben.
,Das ist nur so Ihre erste Eingebung. Sie müssen es sich erst
reiflich überlegen und sich an den Gedanken, reich zu sein, gewöhnen,
antwortete St. John gelassen. ,Gewiß hat Ihre Teilungsidee eine
gewisse Gerechtigkeit für sich, aber sie widerspricht dem Brauch. Und
schließlich sind Sie die gesetzliche Universalerbin. Der Onkel hat das
Geld durch eigene Anstrengungen erworben; es stand ihm also frei,
es zu hinterlassen, wem immer er wollte. Das Gesetz erlaubt Ihnen,
es anzunehmen und zu behalten. Sie können das mit reinem Gewissen tun.
,Ich muß nach meinem Gefühl handeln. Ich bin nicht selbstsüchtig, brutal und ungerecht. Außerdem habe ich eine Dankesschuld
abzutragen. Und wenn Sie ein ganzes Jahr lang mit mir stritten,
Sie würden mich nicht davon abbringen.
,Seien Sie nur erst im Besitz des Vermögens, merken Sie nur
erst, was es bedeutet, so reich zu sein, was für Vorteile es mit sich
bringt, welche Stellung in der Gesellschaft Ihnen das Geld verschafft! Es ist unmöglich, daß Sie
,Und ebenso unmöglich ist es Ihnen, sich einen Begriff von
schwesterlicher Liebe zu machen, fiel ich ihm ins Wort. ,Heimat und
Geschwister hat es bisher nie für mich gegeben - jetzt will ich sie
haben, muß sie haben. Ist es Ihnen denn so zuwider, mich als
Schwester aufzunehmen?
,Nein, Johanna. Ich will Ihnen Bruder, meine Schwestern
werden Ihnen Schwestern sein - doch auch ohne daß Sie uns
opfern, was Ihnen nun von Rechts wegen zusteht. Außerdem, wenn
Sie sich nach Familienglück sehnen, nach einem Heim, Sie könnten
sich doch verheiraten.
,Ich heirate niemals.
Sagen Sie das nicht so schroff.
,Mit zwanzigtausend Pfund und heiraten? Aus Liebe würde
mich keiner nehmen, und zur Geldspekulation bin ich mir zu schade.
Ich will mit meinen Verwandten leben, nicht mit fremden, unsympathischen Menschen. Sie sagten, Sie wollten mir ein Bruder sein.
Sagten Sie das aufrichtig? Wiederholen Sie es.
,Ich glaube, ich kann das versprechen. Meine eigenen Schwestern
habe ich stets lieb gehabt. Ich weiß auch, worauf meine Liebe sich
gründet: auf der Achtung vor den Fähigkeiten der beiden Mädchen.
Und auch Sie haben Herz, Gemüt, Charakter. Sie ähneln darin
Diana und Mary, Ihre Gesellschaft ist mir angenehm. Ich fühle.
ich kann Ihnen leicht einen Platz in meinem Herzen einräumen.
Ja, Sie sind meine dritte und jüngste Schwester.
,Ich danke Ihnen! Für heute abend bin ich damit zufrieden.
Nun aber müssen Sie wohl gehen, sonst regen Sie mich vielleicht
durch mißtrauische Gewissensbisse von neuem auf.
,Und die Schule, Fräulein Eyre? Die werden wir nun wohl
schließen müssen.
,Ich bleibe Lehrerin, bis Sie einen Ersatz für mich gefunden
haben.
Er lächelte. Dann drückte er mir die Hand und ging.
Meine Verwandten willigten nicht ohne weiteres in meinen
Vorschlag ein. Ich hatte einen harten Kampf zu bestehen, bis ich
meinen Willen durchsetzte. Da sie aber schließlich einsahen, daß es
unwiderruflich fest bei mir stand, eine gerechte, gleichmäßige Verteilung des Geldes durchzuführen, und da sie im Grunde ihres Herzens die Billigkeit dieser Handlungsweise zugeben mußten und sich
außerdem wohl auch bewußt waren, daß sie an meiner Stelle ebenso
gehandelt hätten, so gaben sie schließlich insoweit nach, als sie einwilligten, die Angelegenheit dem Spruch eines Schiedsgerichts zu
unterbreiten. Das Schiedsgericht bestand aus Herrn Oliver und
einem Rechtsanwalt; beide stimmten meiner Ansicht bei.
wurde notariell abgeschlossen, und St. John, Diana und Mary
waren von nun an im Besitz eines kleinen Vermögens, das sie vor
allen Nahrungssorgen schützte.
Nach Weihnachten schloß ich die Schule von Morton. Ein kleines
Abschiedsfest veranstalteten mir meine dankbaren Schülerinnen, und
es freute mich zu sehen, daß es mir wirklich gelungen war, einen
Play im Herzen dieser Mädchen zu gewinnen, die ich als anständige,
bescheidene, gut unterrichtete Kinder verließ. Ich versprach ihnen
daß ich in jeder Woche einmal nach Morton kommen und ihnen eine
Unterrichtsstunde geben würde.
,Ist Ihnen nun nicht doch ein großer Lohn zuteil geworden?
fragte Herr Rivers, als die Kinder fort waren. ,Macht Ihnen das
Bewußtsein, dem Menschengeschlecht wirklich einen Dienst geleistet
zu haben, nicht große Freude?
,Und doch haben Sie nur wenige Monate gearbeitet! Ist es
nun nicht etwas Herrliches, ein ganzes Leben der Aufgabe zu widmen,
das Menschengeschlecht zu bessern?
Ja. Dennoch hätte ich nicht bis an mein Ende dieses Leben
führen können. Ich will' mich meiner eigenen Talente und Fähigkeit ebensosehr selbst erfreuen, wie ich die meiner Nebenmenschen
fördern möchte.
Er sah mich ernst an.
,Hat die krankhafte Sucht nach Zerstreuung Sie nun schon erfaßt? fragte er. ,Was haben Sie vor?
Zu arbeiten. Und vor allem muß ich Sie bitten, mir Hannah
zu überlassen und eine andere Wirtschafterin anzunehmen.'
,Brauchen Sie Hannah?
,Ja, sie soll mit mir nach Moor-Haus. In dieser Woche kommen
Diana und Mary, Bis dahin muß alles in schönster Ordnung sein.
,Ah so! Gut! Da mag Hannah mit Ihnen gehen.
,Sie soll sich morgen früh fertig halten. Morgen gebe ich Ihnen
auch die Schlüssel von der Schule und meinem Häuschen.
,Sie liefern Sie sehr freudig ab. Welches Ziel, welchen Ehrgeiz verfolgen Sie denn nun?
Zunächst will ich Moor-Haus von Grund aus säubern und neu
herrichten, einmal ordentlich große Wäsche halten, alles blitzblank
putzen, überall tüchtig Feuer machen und Braten und Kuchen schaffen,
so daß die Schwestern bei ihrer Ankunft einen recht fröhlichen
Empfang haben.
,Ganz gut und schön für den Augenblick. Ich hoffe aber doch,
daß Ihr Blick sich auf höhere Ziele richten wird, wenn diese erste
Freude vorüber ist. Ich hoffe, Sie werden sich nicht auf Moor-Haus
beschränken und nicht in selbstsüchtige Ruhe und Behaglichkeit versinken.
Ich sah ihn erstaunt an.
,St. John, antwortete ich, ,es ist beinahe gottlos, so zu
sprechen. Ich will so glücklich und zufrieden sein wie eine Königin,
und Sie versuchen schon von neuem mir die Ruhe zu vergällen.
Wozu?
Sie sollen die Talente, die Fähigkeiten, die Gott Ihnen gegeben, in seinem Sinne verwerten. Eines Tages wird er Sie zur
Rechenschaft rufen, wie Sie mit dem Ihnen anvertrauten Pfunde
gewuchert haben. Johanna, geben Sie sich nicht so sehr häßlichen
Genüssen hin. Richten Sie Ihre Energie auf Höheres! Verzetteln
Sie Ihre Kräfte nicht an Wertloses.
Ich ließ ihn reden und blieb bei meinem Vorsatz. Nach zwei
Tagen heillosester Verwirrung brachte ich mit Hannahs emsiger Hilfe
Ordnung in das von unten zu oberst gekehrte Moor-Haus. Die Möbel blieben zum größten Teile, doch mußte viel Neues besorgt werden,
denn es mangelte an Teppichen, Polstersachen und Spiegeln. Endlich kam der ersehnte Donnerstag heran. Wir erwarteten die
Schwestern um die Dämmerstunde, und alles war zum Empfange
bereit.
Zuerst kam St. John. Ich hatte ihn gebeten, nicht eher zu kommen, als bis alles in Ordnung sei. Nun fragte er mich, ob meine
Laune, als Hausmädchen zu wirtschaften, nun befriedigt sei. Statt
aller Antwort führte ich ihn im ganzen Hause herum. Er sah in alle
Stuben und meinte, ich hätte mich wohl sehr tummeln müssen, um
in so kurzer Zeit so große Veränderungen zu bewerkstelligen. Doch
mit keiner Silbe deutete er an, daß er an der Verschönerung seines
Vaterhauses Freude hätte.
Er verdarb mir dadurch das ganze Vergnügen. Ich glaubte, ich
hätte vielleicht hier und da gegen die Pietät alter Erinnerungen gesündigt und fragte in niedergeschlagenem Tone danach.
,Durchaus nicht, erwiderte er. ,Was mir lieb und wert ist,
haben Sie im Gegenteil verschont. Sie legen der ganzen Sache zuviel
Wichtigkeit bei. Sie machen mehr drum her, als daran ist. Was
haben Sie da an Zeit vergeudet!'
Das mißfiel mir an ihm, und ich erkannte jetzt, daß er die Wahrheit über sich gesprochen, als er sich einen kalten, harten Mann
nannte. Das Angenehme des Lebens galt ihm gar nichts, für die
friedlichen Genüsse des Alltags hatte er keinen Sinn. Sein ganzes
Augenmerk war darauf gerichtet, Großes, Erhabenes zu erstreben.
Er kannte die Ruhe nicht, er wollte keine Ruhe. Und er konnte auch
die Leute um sich her nicht ruhen sehen.
Als ich auf seine hohe, weiße Stirn sah, die einem Leichensteine
glich, in seine schönen Züge, die das Studium streng und herb gemacht hatte, da fühlte ich plötzlich, dieser Mann könnte nie ein guter
Ehemann sein, seine Gattin müsse es einmal sehr, sehr schwer haben.
Für ihn war kein Plat an einem häuslichen Herde. Er hatte recht,
den Beruf eines Missionars zu wählen.
,Sie kommen! sie kommen! rief Hannah und riß die Tür auf.
Der alte Carlo sprang bellend auf und schoß hinaus. Es war
dunkel geworden. Ich eilte vor die Tür und hörte deutlich das
Rollen von Rädern. Hannah zündete eine Laterne an. Der Wagen
fuhr vor, der Kutscher öffnete, Diana und Mary sprangen heraus.
Sie küßten mich, lachten und weinten in einem Atem und saßen im
nächsten Moment am warmen Herde. Sie waren von der Fahrt zur
kalten Winterzeit wie gerädert und halb erfroren; aber in der behaglichen Stube tauten sie rasch auf. Nun kam auch St. John, begrüßte sie mit einem ruhigen, leidenschaftslosen Kusse und sprach
einige wenige leise Worte des Willkommens. Nach ein paar Minuten schien ihm der Tumult zu groß zu sein, und er kehrte in das
Wohnzimmer zurück.
Nun ging es an die Besichtigung des Hauses. Jetzt wurde mir
erst mein Lohn zuteil; die Freude der Schwestern kannte keine
Grenzen. Wir wurden in unserm Jubel glücklicherweise auch nicht
mehr durch St. John beeinträchtigt, denn er wurde zu einer kranken
Frau gerufen, die man dem Tode nahe glaubte.
Ich fürchte, die ganze nächste Woche stellte seine Geduld auf eine
harte Probe, denn wir Frauen vertändelten die Zeit mit sorglosem
Geplauder. Diana und Mary erholten sich erst einmal an der gesunden, freien Landluft. St. John sprach kein Wort gegen unser
fröhliches Nichtstun, aber er verließ das Haus, so oft es anging, und
durchstreifte stundenlang seine Gemeinde, Kranke und Arme besuchend. Eines Tages fragte Diana ihn, ob sein Vorsatz noch immer
unverändert sei.
,Unverändert und unabänderlich,' antwortete er und teilte uns
nun mit, daß er bestimmt anfangs des nächsten Jahres abreisen
würde.
,Und Rosamund Oliver?' fragte Mary,
St. John las in einem Buche und blickte auf.
,Rosamund Oliver,'' antwortete er, ,wird sich demnächst mit Sir
Frederik Granby, einem reichen Erben, verheiraten. Ihr Vater hat
es mir gestern mitgeteilt.
Wir drei Frauen sahen ihn erstaunt an; er war kalt und still wie
ein Marmorbild.
,Sie müssen sich sehr rasch verlobt haben, sagte Diana. ,Sie
kann ihn erst seit kurzem kennen.
,Seit zwei Monaten. Im Oktober sind sie auf einem Ball einander vorgestellt worden. Es sind keine Hindernisse die Ehe erscheint vorteilhaft und wünschenswert -- also ist auch kein Aufschub
nötig.
Ich war fast willens, ihn zu fragen, ob er nun unglücklich sei;
aber er schien der Sympathie so wenig zu bedürfen, daß ich nichts
dazu sagte. In der letzten Zeit hatte ich auch schon wieder alle Uebung
verloren, zwanglos mit ihm zu sprechen; er war in seine alte Zurückhaltung verfallen, so daß unter der Eiskruste seines Wesens meine
Offenherzigkeit wieder erfroren war. Sein Versprechen, mich als
seine dritte Schwester zu behandeln, hielt er nicht; fortwährend machte
er zwischen mir und seinen eigentlichen Schwestern kleine feine
Unterschiede, die mich befremdeten. Ja, ich empfand jetzt, wo unsere
Verwandtschaft sich herausgestellt hatte, eine weit größere Kluft
zwischen mir und ihm, als jemals in unsern Beziehungen geherrscht
hatte. Selbst als Dorflehrerin hatte ich ihm nicht so ferngestanden.
Wenn ich daran dachte, wie weit er mich doch eines Tages schon ins
Vertrauen gezogen hatte, konnte ich seine eisige Zurückhaltung nicht
begreifen.
Kapitel.
Ein Antrag.
Nach dem Weihnachtsfest begannen wir Frauen endlich wieder
uns ernsthaft mit nützlicher Arbeit zu beschäftigen, und ich nahm
meine allwöchentlichen Besuche in der Schule von Morton wieder
auf. Darüber freute St. John sich sehr. Wenn Diana und Mary
mich des schlechten Wetters wegen zurückhalten wollten, dann drang
er in mich, meine Pflicht zu tun.
,Johanna ist nicht der Schwächling, den ihr als ihr machen
wollt,' sagte er zu seinen Schwestern. ,Gebirgswind, Regenschauer
und Schneeflocken machen ihr nichts aus. Sie hat eine kräftige
Natur und einen kerngesunden Körper und trotzt allen Schwankungen
des Klimas.
Wenn ich ermattet, halb erfroren zurückkehrte, wagte ich nicht
zu klagen, weil ich wußte, daß er sich darüber ärgern würde.
Eines Tages blieb ich aber doch zu Hause, weil ich sehr erkältet
war, und die Schwestern gingen an meiner Stelle nach Morton. Ich
war allein mit St. John. Wir saßen beide in der Wohnstube, jeder
über einem Buche. Als ich aufschaute, sah ich, daß St. John mich
mit seinen blauen Augen unverwandt musterte. Ich erschrak fast.
,Was lesen Sie denn eigentlich? fragte er.
,Schiller."
,Geben Sie das Deutsch auf, Johanna, und lernen Sie Hindostanisch.
,Das kann Ihr Ernst nicht sein?
,Es ist mein voller Ernst, und Sie müssen mir willfahren. Ich
will Ihnen auch sagen, warum. Ich selbst muß perfekt Hindostanisch
können, wenn ich als Missionar in Indien wirken will. Je weiter
ich in dem Studium vorrücke, um so größer wird die Gefahr, die Anfangsgründe wieder zu vergessen. Da ist es für mich sehr vorteilhaft,
eine Schülerin zu haben, durch deren Unterricht ich diese Anfangsgründe immer wieder zu repetieren gezwungen bin. Erst wollte ich
eine meiner Schwestern zur Schülerin nehmen, aber ich sehe, Sie
haben doch die größte Ausdauer zum Arbeiten und Lernen. Bringen -
Sie mir nun bitte dieses Opfer. Es ist ja nicht auf lange Zeit. In
drei Monaten reise ich.
Man konnte St. John schwer eine Bitte abschlagen. Ich willigte
daher ein. Er war wohl ein geduldiger und nachsichtiger, aber dennoch sehr strenger Lehrer. Er erwartete große Leistungen von mir,
und wenn ich sie erfüllte, gab er mir auch seine Zufriedenheit offen
zu erkennen. Nach und nach gewann er durch diesen Unterricht einen
großen Einfluß auf mich, der zuletzt zu einer Art unangenehmen
Zwanges wurde. Ich getraute mich in seiner Anwesenheit kaum noch
laut zu lachen und vergnügt zu sein. Er begann mich zu unterjochen,
und ich fühlte, daß meine Kraft nicht mehr ausreichte, den eisigen
Zauber zu brechen, mit dem er mich umstrickte. Wenn er sagte:
,Gehen Sie!r so ging ich. Wenn er sagte: ,Kommen Sie!' so kam
ich. Wenn er sagte: ,Tun Sie das !' so tat ich es. Aber diese
Knechtschaft widerstrebte mir. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich
hätte mich nicht mit ihm eingelassen.
Da es nun einmal geschehen, so wollte ich ihn aber doch zufriedenstellen. Ich empfand täglich deutlicher, daß ich, um dies zu vollbringen, meine Natur zur Hälfte verleugnen, meine Neigungen
unterdrücken und mich zu Beschäftigungen zwingen müsse, zu denen
ich gar nicht veranlagt war. Er wollte mich auf eine Höhe führen,
zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Es war mir das ebenso
unmöglich, wie meinem unregelmäßigen Gesicht die klassische Schönheit des seinen, meinen grünlich schillernden Augen die wasserblaue
Farbe, den ruhigen Glanz der seinen zu verleihen.
Es kam noch eins hinzu. Ich war jetzt immer traurig gestimmt.
Seitdem die Not mich nicht mehr im Bann hielt, seitdem die tägliche
Arbeit meine Gedanken nicht mehr ganz für sich beanspruchte, mußte
ich wieder oft und viel an Herrn Rochester denken, und es erfüllte
mich mit bangem Weh, daß ich über sein Schicksal so völlig im unklaren war. Ich schrieb an Rechtsanwalt Briggs, mit dem ich in
der Erbschaftssache viel korrespondierte; aber er konnte mir keine
Auskunft geben; dann schrieb ich an Frau Fairfax, Ich war fest
überzeugt, die gute Alte würde mir antworten; doch als auf einen
zweiten Brief von mir nach zwei Monaten noch keine Antwort eintraf, da fiel ich der tödlichen Angst zum Opfer.
- Ein halbes Jahr wartete ich vergebens, dann starb alle Hoffnung in mir. Und nun ward es dunkel um mich her.
Der Frühling zog ins Land; es sproßte und blühte rings umher. Diana riet mir, an die See zu gehen, doch St. John erklärte,
mir fehle es nur an Beschäftigung; mein jetziges Leben sei ohne
Zweck, ohne Ziel. Eine Aufgabe, das sei es, was mir nottäte. Er
verlängerte nun die Unterrichtsstunden und drang darauf, daß ich -
mich im Hindostanischen vervollkommne. Und ich Närrin widersprach ihm nicht; ich konnte ihm einfach nicht widerstehen.
An einem herrlichen Frühlingstage kam endlich ein Brief an;
ich zitterte vor Freude, als ich ihn öffnete. Doch als ich ihn las,
war es nur ein ganz unwichtiger Geschäftsbrief von Herrn Briggs.
Meine Augen flossen von Tränen über; schluchzend sank ich nieder.
St. John gab mir eben Unterricht. Er nahm gar keine Notiz von
meinem Schmerz. Ruhig unterbrach er die Stunde mit den Worten:
,Wir machen eine Pause, Johanna, bis Sie wieder ruhig sind.
Nun saß er mir regungslos gegenüber, wie ein Arzt, der einen
interessanten Fall beobachtet. Als das Schluchzen sich gelegt hatte,
trocknete ich mir die Augen, murmelte ein paar Worte der Entschuldigung und nahm meine Arbeit wieder auf. Aber St. John klappte
meine und seine Bücher zu und sagte plötzlich:
,Johanna, wir wollen heute lieber einen Spaziergang machen.
,Dann will ich Diana und Mary rufen, sagte ich.
,Nein, heute will ich mit Ihnen allein sein, erwiderte er.
,Gehen Sie zur Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach der
Marschenschlucht ein. In wenigen Minuten bin ich bei Ihnen.
Es gab für mich keine Mittelstraße. Im Umgang mit harten,
energischen Charakteren, die dem meinen schroff entgegengesetzt
waren, habe ich mich nie zwischen völliger Unterwerfung und starrsinniger Auflehnung halten können, und oft bin ich eine Zeitlang
getreu den einen Weg gegangen, bis ich plötzlich mit vulkanischer Heftigkeit den andern einschlug. Jetzt stand ich St. John gegenüber noch
auf der Bahn der Unterwerfung und gehorchte ihm auch in diesem
Falle ohne Widerspruch. Zehn Minuten später war ich unterwegs
zur Marschenschlucht.
Bald darauf war St. John an meiner Seite. Als wir mitten
zwischen Hügeln standen, sagte' er:
,Wir wollen uns hier ausruhen.
Wir waren in einer Talenge zwischen ziemlich dicht aneindergerückten Hügeln. Von der einen Seite des Abhangs rauschte ein
Wasserfall hernieder, ein Labyrinth von Felsblöcken war hüben und
drüben zu Tal gestürzt und in der Fülle der Jahre dicht von Moos
und Heidekraut übersponnen worden.
Ich setzte mich. St. John blieb neben mir stehen. Er ließ den
Blick dem Bächlein folgen, das den Grund durchströmte, sah zum
Himmel auf, schaute an den Höhen empor und nahm den Hut ab,
so daß seine Locken im Winde spielten.
,Und ich werde es wiedersehen,' sprach er plötzlich mit lauter
Stimme, ,wenn ich an den Ufern des Ganges schlafe, werde ich es
im Traume wiedersehen.
Seltsame Aeußerung einer seltsamen Liebe! Die Freude des
rauhen Patrioten an seinem Vaterlande! Eine halbe Stunde wohl
verfloß, ohne daß wir ein Wort miteinander sprachen. Dann begann er:
,Johanna, in sechs Wochen reise ich; meine Kajüte ist bereits
gemietet. Das Schiff segelt am W. Juni ab.
,Gott wird Sie beschützen, sagte ich, ,Sie arbeiten ja für ihn.
,Das ist auch mein Stolz und meine Zuversicht. Ich bin der
Diener eines unfehlbaren Herrn. Ich gehe nicht in menschlicher
Sache hinaus, nicht in irdischem Interesse - mein Auftraggeber ist
der Allgewaltige. Es befremdet mich, daß nicht alle, die mich um
geben, sich um dieselbe Fahne scharen, sich an meinem Werk beteiligen
wollen.
,Nicht alle haben die gleiche Kraft, und von einem Schwachen
wäre es Torheit.
,Von den Schwachen spreche ich auch nicht, ich denke nur an
die, die sowohl würdig als auch fähig wären.
.Solche gibt es nur wenige, und sie sind nicht so leicht zu
finden.'
,Sehr wahr; aber wenn man sie gefunden hat, dann hat man
die Pflicht, sie zu werben - sie anzuspornen, ihnen zu zeigen, zu
welchem Zwecke sie ihre Fähigkeiten erhalten haben, ihnen die Botschaft des Himmels zuzurufen.
,Ich meine, wer dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist, dem
wird es zu allererst sein eigenes Herz sagen.
Mir war, als umfinge mich mehr und mehr ein furchtbarer
Zauber, und ich fürchtete, ein verhängnisvolles Wort aussprechen zu
hören, das diesen Zauber gleichzeitig erklären und lösen würde.
,Und was sagte Ihnen Ihr Herz?' fragte St. John.
,Mein Herz ist stumm, antwortete ich.
,Dann muß ich für Ihr Herz sprechen, fuhr er fort. ,Johanna,
kommen Sie mit nach Indien - als meine Helferin, als meine
Kollegin! Gott und die Natur haben sie zum Weibe eines Missionars
auserlesen. Sie haben nicht nur körperlich, sondern auch geistig alle
Eigenschaften dazu. Sie müssen die Gattin eines Missionars werden.
Sie müssen mein werden. Ich fordere Sie nicht für mich - nicht für
mein persönliches Glück, sondern für den Dienst des allmächtigen
Herrn.
,Nein, antwortete ich jetzt ganz ruhig und bestimmt, ,dazu
passe ich nicht - ich fühle nicht den Beruf dazu in mir.
Auf leichte Einwendungen war er gefaßt. Er kreuzte die Arme
über der Brust, lehnte sich an die Felswand und antwortete im
Tone eines Mannes, der sich gerüstet hat, einen langen, heftigen
Widerstand zu brechen und mit Geduld den Sieg zu erringen:
,Demut, Johanna, ist angebracht. Sie tun recht daran zu bezweifeln, ob Sie sich für die Arbeit eignen. Auch ich bin ja nur
Staub und Asche. Wie der Apostel Petrus halte ich mich für den
niedrigsten aller Sünder. Aber ich sage mir doch auch, wenn Gott
sich einen solchen schwachen Menschen zum Werkzeug erkürt, dann
wird er ihm auch die Mittel geben, die Aufgabe zu erfüllen. Vertrauen Sie, wie auch ich vertraue!
,Aber ich verstehe nichts von den Arbeiten eines Missionars.
,Darin kann ich Sie unterweisen. Ich kann Ihnen von Stunde
zu Stunde Ihr Pensum geben und Ihnen von Tag zu Tag weiterhelfen. Binnen kurzem werden Sie ebenso tüchtig sein wie ich und
meiner Hilfe nicht mehr bedürfen.r
,Ich bin mir keiner Kraft zu diesem Beruf bewußt. Keine
innere Stimme rät mir dazu. Sie wollen mich zu einem Versuch
überreden, der nur fehlschlagen kann.
,Ich habe Sie von unserer ersten Begegnung an beobachtet,
habe kleine unmerkliche Proben mit Ihnen angestellt und gefunden,
daß Sie Arbeiten, selbst wenn sie Ihren Neigungen und Gewohnheiten zuwider sind, wie die Leitung der Dorfschule, mit großer
Energie und Aufopferung bewältigen können. Und an der Ruhe,
mit der Sie die Nachricht von dem Ihnen zugefallenen Reichtum aufnahmen, erkannte ich, daß Ihr Gemüt frei ist von allen Lastern. An
der Bereitwilligkeit, mit der Sie Ihren Reichtum mit andern teilten,
erkannte ich ein Herz, das fähig ist und den Mut hat, Opfer zu
bringen. Und wie gefügig gaben Sie das Studium der deutschen
Sprache auf, um Hindostanisch zu lernen, nur weil es mich interessierte, wie energisch überwanden Sie die Schwierigkeiten dieser
Sprache! Ja, Johanna, Sie sind sanftmütig, fleißig, selbstlos,
treu, ausdauernd und tapfer. Mißtrauen Sie sich nicht selbst. Ich
habe großes Vertrauen zu Ihnen. Als Leiterin indischer Schulen,
als Führerin indischer Frauen werden Sie mir unschätzbare Dienste
leisten können.
Wo blieb mein Widerstand? Wo meine Ueberzeugung, mich
nicht dazu zu eignen? Sie schmolzen unter dem Feuer seiner Worte.
Ruhig wartete er auf Antwort, während ich vor mich hinbrütete.
Die Kraft, den Mut, dachte ich bei mir, hätte ich wohl. Aber ich würde
die indische Sonne nicht lange ertragen können. Und wenn ich dann
stürbe, würde er mich in aller Seelenruhe dem Gott zurückgeben, der
mich ihm geschenkt. Damit würde die Sache für ihn erledigt sein.
England zu verlassen, wäre mir freilich nicht schwer, denn Herr
Rochester weilte nicht mehr in England, und selbst wenn er noch im
Land wäre, was hätte das für mich zu besagen? Meine Aufgabe
wäre ja gerade, ohne ihn zu leben. Ja! aber ich sollte ja nun St.
Johns Gattin werden - das war der Punkt! Das war unmöglich.
Er liebte mich ja nur, wie der Soldat eine gute Waffe liebt -
anders nicht. An seiner Seite konnte kein Weib glücklich werden.
Als seine Schwester mitzugehn, das hätte ich vielleicht vermocht --
doch nicht als seine Gattin. Und das sagte ich ihm nun.
Er schüttelte den Kopf.
,Das wäre eine halbe Sache und würde den Zweck nicht erfüllen. Ja, wenn Sie wirklich meine Schwester wären, dann brauchte
ich kein Weib zu suchen. So aber muß unser Zusammenleben durch
die kirchliche Trauung geheiligt sein. Sehen Sie das nicht ein,
Johanna? Denken Sie nur einmal nach!'
Ich dachte wohl nach, aber meine Vernunft wiederholte nur
die Tatsache, wir könnten nicht Mann und Weib sein - ich könnte
ihn nicht heiraten.
,Sie sind mir lieb wie ein Bruder, St. John, sagte ich zu ihm.
,Lassen Sie mich Ihnen nach wie vor nur Schwester sein.'
,Das geht nicht an, versetzte er kurz. ,Sie haben gegen die
Hauptsache - gegen das Mitkommen - nichts einzuwenden. Sie
haben schon sozusagen die Hand an den Pflug gelegt. Sie wieder
zurückzunehmen, widerspricht nun schon Ihrem beständigen Charakter. Es gilt für Sie nur noch zu überlegen, wie die Arbeit
am besten bewältigt werden kann, wie die Aufgabe Gottes am
würdigsten erfüllt werden kann. Und da gibt es nur den einen Weg:
Sie müssen einen Gatten haben - nicht bloß einen Bruder, das
wäre ein zu schwaches Band. Und auch ich brauche keine Schwester,
sondern eben eine Gattin. Wir müssen beide bis zum Tode des
einen unlösbar aneinander gefesselt sein. Ich wiederhole noch einmal, ich suche keine Gefährtin für meine Person - ich suche sie nur
für den Missionar.
,Und ich bin bereit, dem Missionar meine Kräfte zu widmen -
und nur die verlangt er ja, nicht mich selbst.'
,Mit einem halben Opfer gibt Gott sich nicht zufrieden. Es
ist Gottes Armee, für die ich dich werbe, in die ich dich einreihe.
Ein halber Treueid genügt nicht.
,O, ich bin willens, Gott mein Herz ganz zu geben - denn
Sie beanspruchen ja keinen Teil davon,' antwortete ich.
Ich kann nicht sagen, ob ich diese Worte in etwas spöttischem
Tone sagte. Bis jest hatte ich St. John gefürchtet, weil er mir unverständlich blieb. Er hatte mir Schrecken eingeflößt, weil er mich
im Zweifel über seine wahre Natur ließ. jetzt aber lag sein ganzes
Wesen offen vor mir. Ich begriff, daß dieser schöne Mann, der so
malerisch vor mir stand, ein irrender Mensch war wie ich selbst
nicht mehr. Der zauberische Schleier fiel von seiner Härte und seiner
Tyrannei. Ich erkannte seine Unvollkommenheiten und konnte Mut
fassen. Ich hatte wieder das Gefühl, ich stände meinesgleichen gegenüber einem Menschen, dem ich Widerstand leisten könne, wenn es
nötig wäre.
Er schwieg nach meinen letzten Worten und sah mich erstaunt,
fast neugierig an. Sein Blick schien zu fragen: ,Spottet sie jetzt
über mich? Wie kommt sie dazu?
Und nach einer Weile fuhr er laut fort: ,Vergessen wir doch
nicht, man darf nicht leichtfertig über eine so ernste Sache reden.
Gewiß, es ist alles, was ich verlange, daß Sie Ihr Herz Gott weihen
sollen. Sie sollen ja eben Ihr Herz von allem Irdischen befreien
und ganz der göttlichen Aufgabe zuwenden.
,Ich wiederhole noch einmal,'' vermochte ich nur zu antworten,
,als Ihre Kollegin, -Als Hilfsmissionarin will ich mitkommen -
aber heiraten kann ich Sie nicht!
Und mit festem Blick sah ich in seine hellen, kalten Augen, auf
seine hohe, steinerne Stirn. Ja, als seine Kameradin, als seine
Kollegin - das war möglich! Da konnte ich wohl Meere mit ihm
durchkreuzen, Wüsten mit ihm durchwandern - ich würde seinen
Mut, seine Hingebung, seine Energie bewundern und an seiner
Seite arbeiten und streben. Ich würde mich ruhig seinem Despotismus unterordnen, über seinen untilgbaren Ehrgeiz lächeln, den
Christen in ihm achten und dem Menschen in ihm nichts nachtragen.
Ich würde wohl viel leiden und unter dem Joch seiner Herrschaft
seufzen aber ich war dann doch selbst immer noch frei, mein Ich
gehörte noch mir selber. Es gab dann in meiner Seele noch Zufluchtsorte, wohin sich mein vereinsamtes Empfinden flüchten konnte,
die nur mir gehörten, in die er nicht eindringen konnte. Ich hatte
dann noch einen mir vorbehaltenen Boden im Herzen, auf dem ich
Gefühle blühen lassen konnte, die sein Tyrannenschritt nicht zertreten durfte.
,Du mußt aber mein Weib werden,'' sagte er abermals, ,sonst
ist der ganze Handel ungültig. Ein Mann von noch nicht dreißig
Jahren kann unmöglich zusammen mit einem erst neunzehn Jahre
alten Mädchen in Indien auftreten, wenn dieses Mädchen nicht seine
Gattin ist. Wir müssen verheiratet sein.
,Wir brauchen es nicht, versetzte ich hartnäckig. ,Es würde
gerade so gut gehen, als wenn ich tatsächlich Ihre Schwester wäre
oder auch ein Mann, ein Geistlicher wie Sie selbst.
,Man weiß, Sie sind nicht meine Schwester, und häßliches Mißtrauen würde uns verfolgen. Es würde uns beiden bald leid tun,
wenn wir unverheiratet hingingen. Und nach der Heirat wird sich
gewiß soviel Liebe einstellen, um die Beziehungen zwischen uns
erträglich zu machen.
Ich verabscheue Ihre Begriffe von der Liebe, sagte ich, erhob
mich und stand nun vor ihm, ,ich verachte das unechte Gefühl, von
dem Sie da sprechen, und ich verachte Sie selbst, daß Sie es mir
anbieten können.
Er preßte die schönen Lippen aufeinander. Ich kann nicht sagen,
ob er empört oder überrascht war; er hatte sein Gesicht so sehr in der
Gewalt, daß es seine Empfindungen nicht verriet.
,Ich glaube doch nichts gesprochen oder getan zu haben, antwortete er in sehr sanftem Tone, ,was Verachtung verdiente.
Diese sanfte Stimme, dieses ruhige, erhabene Gesicht rührten
mich nun wieder.
,Verzeihen Sie mir, daß ich mich hinreißen ließ, so unüberlegt
zu sprechen, sagte ich. ,aber Sie sind selbst schuld daran. Wir
denken als verschiedene Naturen über den Gegenstand, den Sie hier
zur Sprache brachten, eben ganz verschieden. Wir zanken uns schon
um das bloße Wort Liebe! Wie würde uns erst ums Herz sein,
wenn Liebe zwischen uns beiden wirklich da sein müßte? Geben Sie
diesen Heiratsgedanken auf.
,Das kann ich nicht - nur so lassen meine Pläne sich verwirklichen. Aber ich will heute nicht weiter in Sie dringen -
morgen reise ich nach Cambridge. Ich muß mich von einigen Freunden verabschieden und werde vierzehn Tage wegbleiben. Sie haben
also Zeit, sich die Sache zu überlegen. Vergessen Sie nicht, wenn Sie
meinen Vorschlag zurückweisen, lehnen Sie sich nicht gegen mich auf,
sondern gegen Gott. Ich bin ja nur sein Werkzeug- aber nur als
meine Gattin können Sie den Pfad betreten, auf den er Sie weist.
Weigern Sie sich, mein Weib zu werden, so verschließen Sie sich
gegen Gottes Gebot, so verleugnen Sie den Glauben, und das ist
bei einem Gläubigen eine schlimmere Tat als aller Unglaube.
Er schwieg und trat mit mir den Heimweg an. In eisigem
Schweigen schritt er neben mir her. Ich las es in seinen Zügen,
nur sein christlicher Sinn bewog ihn, Geduld mit mir zu haben, mir
so lange Frist zu gönnen. Hätte er seiner Natur die Zügel gelassen,
so würde er versucht haben, mich zum Gehorsam zu zwingen. Als
er an diesem Abend schlafen ging, gab er mir nicht einmal die Hand.
Das fiel den Schwestern auf, und ich fühlte mich durch diese Unhöflichkeit so sehr verletzt, daß mir die Tränen in die Augen traten.
,Du hast dich mit St. John auf deinem Spaziergange gezankt,
Johanna, sagte Diana. ,Geh ihm nach - er ist noch auf dem
Flur - er will sich mit dir aussöhnen.
Ich habe in solchen Fällen keinen Stolz. Weit lieber bin ich
glücklich und fröhlich, als immer nur würdevoll. Ich lief ihm deshalb nach. Er stand am Fuß der Treppe und wollte hinaufgehen.
,Gute Nacht, St. John!' rief ich.
,Gute Nacht, Johanna!'
,Geben Sie mir die Hand!'
Er legte die Finger flüchtig in die meinen. Wohl war er tiefverletzt durch meinen Widerstand, aber Tränen stimmten ihn nicht weich,
freundliches Entgegenkommen ließ ihn kalt. Mit ihm sich herzlich
auszusöhnen, war unmöglich. Man durfte kein großmütiges Wort,
kein verträgliches Lächeln von ihm erwarten. Aber der Christ in ihm
ließ ihn Ruhe und Geduld zeigen, und als ich ihn fragte, ob er
mir verziehen habe, sagte er, er pflege Kränkungen nie im Gedächtnis
zu behalten, er fühle sich nicht beleidigt und hätte daher auch nichts
zu verzeihen.
Mit diesen Worten ging er. Es wäre mir lieber gewesen, wenn
er mit einem Faustschlag geantwortet hätte.
Kapitel
Ein Ruf.
Am folgenden Tage reiste er nicht nach Cambridge, obwohl er
es gesagt hatte, sondern er schob die Reise um eine volle Woche auf,
und in dieser Zeit ließ er es mich fühlen, auf welche Weise ein
strenger, unbeugsamer Mann eine Person, die ihn beleidigt hatte,
strafen könnte. Es kam zu keinem Wort des Vorwurfs, geschweige
denn zu irgendeiner Handlung offener Feindseligkeit, und dennoch
brachte er mir die Gewißheit bei, daß ich bei ihm in Ungnade gefallen sei.
Durch seine Grundsätze und wohl auch von Natur war er erhaben über jede Rachsucht, und er hatte mir wirklich verziehen. Die
Worte aber, daß ich ihn verachte, hatte er dennoch nicht vergessen,
und er konnte sie nicht vergessen, solange er lebte. Wenn er mich
ansah, las ich es in seinem Blicke, daß diese meine Worte von nun
an stets zwischen ihm und mir in der Luft geschrieben ständen. In
meinen Augen war dieser Mensch jetzt nicht mehr Fleisch und Blut,
sondern Marmor, sein Auge war ein kalter, klarer, blauer Edelstein,
seine Zunge eine Sprechmaschine - weiter nichts.
Ich litt unter dieser Handlungsweise Folterqualen. Ein langsames Feuer der Empörung, ein immerwährend reger Groll marterte
mich. Ich fühlte, dieser gute Mensch, der so rein war wie eine
lautere Quelle, würde mich binnen kurzem umgebracht haben, wenn
ich seine Frau wäre. Ohne mir einen Tropfen Blutes zu entziehen.
hätte dieser Mann an mir zum Mörder werden können, und sein
kristallklares Gewissen brauchte darnach nicht einmal vom Hauche
eines Verbrechens getrübt zu werden. Unsere Entfremdung tat ihm
nichts an; er hatte nicht das Verlangen sich zu versöhnen. Obwohl
meine Tränen oft auf das Buch fielen, in dem wir beide lasen -
denn wir studierten nach wie vor zusammen Hindostanisch - so
rührte ihn das gar nicht. Gegen seine Schwestern dagegen war er
herzlicher als sonst. Er tat auch das aus Grundsatz. Als wenn er
glaubte, daß es noch nicht genüge, kalt gegen mich zu sein, fügte er
noch die Wirkung des Kontrasts hinzu.
Am Abend vor seiner Abreise sah ich ihn im Garten auf- und
niedergehen. Bei seinem Anblick mußte ich unwillkürlich wieder
daran denken, daß dieser Mann, der mich so hart behandelte, mein
Leben gerettet habe und ein naher Verwandter von mir sei. Dies
veranlaßte mich, ein letztes Mal um seine Freundschaft zu werben.
Ich trat zu ihm und begann sofort von dem zu reden, wessen
mein Herz voll war.
,St. John, ich bin unglücklich, daß Sie mir noch immer zürnen.
Seien Sie doch wieder gut mit mir!'
,Wir sind doch Freunde, hoffe ich, antwortete er ganz ruhig,
ohne den Blick vom Monde abzulenken, nach dem er schon geschaut
hatte, als ich zu ihm trat.
,Nicht mehr wie früher. Das wissen Sie recht wohl.
,Nicht? Das wäre Unrecht. Ich für meine Person wünsche
Ihnen nur alles Gute.
,Das glaube ich schon. Sie sind ja auch gar nicht imstande,
jemand etwas Böses zu wünschen. Aber ich bin doch Ihre Verwandte, da erwarte ich denn doch ein bißchen mehr Liebe als jene
allgemeine Menschenliebe, die Sie auch für Fremde hegen.
,Ein ganz natürlicher Wunsch, sagte er. ,Und ich sehe ja auch
keine Fremde in Ihnen.
Das sprach er ganz ruhig, und doch klang es fast verletzend.
Wenn ich auf meinen Stolz, auf meinen Groll gehört hätte, würde ich
jetzt auf der Stelle von ihm gegangen sein. Aber etwas, das stärker
war als diese Gefühle, regte sich in mir. Ich schätzte die Grundsätze,
die Fähigkeiten meines Vetters sehr hoch, und es hatte mir leid
getan, seine Freundschaft zu verlieren. Deshalb gab ich es nicht
so rasch auf, sie wieder zu erobern.
,Wollen wir so auseinandergehn, St. John? fragte ich. ,Wenn
Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich da ohne ein freundliches
Wort verlassen?
Jetzt sah er mir voll ins Gesicht.
,Johanna - gehen Sie denn nicht mit nach Indien? rief er.
,Sie sagten ja, das ginge nicht, ich müßte Sie denn heiraten.
,Und wollen Sie mich denn nicht heiraten? Beharren Sie auf
Ihrer Weigerung?
Er war - das fühlte ich wieder mit allem Nachdruck bei diesen
Worten - einer jener herzenskalten Menschen, die mit ihren eisigen
Fragen tief ins Herz bohren können, deren Zorn einer Lawine oder
dem Eisgange eines Stromes gleichen.
,Nein, ich werde Sie nicht heiraten,' versetzte ich. ,Ich bleibe
fest bei meiner Weigerung.
,Und weshalb weigern Sie sich?
,Bisher tat ich's, weil Sie mich nicht liebten, entgegnete ich.
,Jetzt tu ich's, weil Sie mich beinah hassen. Wenn ich Sie heirate,
würden Sie mich töten. Ja darauf gehn Sie jetzt schon aus.
Seine Wangen und Lippen wurden totenbleich.
,Sie töten? Und ich ginge jetzt schon darauf aus? So etwas
sollte man nie sprechen -- am wenigsten als Weib. Das deutet auf
ein unseliges Gemüt. Das verdient strenge Zurechtweisung. Das
wäre ganz unverzeihlich, wenn es nicht Christenpflicht wäre, seinem
Mitmenschen zu verzeihen, sei es auch siebenzig mal siebenmal.
,Und nun werden Sie mich wirklich hassen,' versetzte ich. ,Es
wäre ganz nutzlos von mir, noch eine Versöhnung anzustreben. Ich
habe Sie mir zum ewigen Feinde gemacht.
Mit diesen Worten tat ich ihm nur neues Unrecht - und zwar
ein um so schlimmeres, als sie der Wahrheit nahekamen. Seine
blutlosen Lippen zitterten heftig.
,Dennoch mißverstehen Sie mich,'' setzte ich hinzu, seine Hand
erfassend. ,Ich wollte Sie nicht verletzen - wirklich nicht.
Er lächelte bitter und entzog mir schroff seine Hand.
,Und nun nehmen Sie wohl auch Ihr Versprechen zurück,
antwortete er, ,und gehn überhaupt nicht mit nach Indien.
,Doch, ich gehe mit, aber nur als Ihre Mitarbeiterin."
,Ich habe es Ihnen doch des langen und breiten auseinandergesetzt, daß mir eine weibliche Mithilfe nicht genügt - ich muß eine
Gattin haben. Doch scheinbar können Sie es nicht übers Herz bringen,
mit mir zu gehen. Wenn Sie es dennoch ehrlich meinen, so will' ich
mit einem mir bekannten Missionar sprechen, dessen Frau eine Mitarbeiterin braucht. Auf diese Weise erspare ich Ihnen die Schmach,
Ihr Versprechen zu brechen und der Aufgabe untreu zu werden,
zu der Sie sich verpflichtet haben.
,Von Schmach ist hier gar keine Rede, erwiderte ich. ,Ebenso
wenig von dem Bruch eines Versprechens oder von Untreue gegen
eine Verpflichtung. Ich habe mich gar nicht bestimmt verpflichtet,
nach Indien zu gehen, mit Fremden überhaupt nicht. Mit Ihnen
zusammen hätte ich viel gewagt, weil ich Ihnen vertraue. Freilich
weiß ich genau, ich würde das indische Klima nicht lange vertragen.
.Ah, Sie fürchten für Ihre Person,' sprach er in spöttischem
,Allerdings. Gott gab mir das Leben nicht, daß ich es wegwerfe. Jetzt beginne ich sogar zu glauben, es wäre einem Selbstmord
gleich zu erachten, wenn ich täte, was Sie von mit verlangen. Ich
kann vielleicht hier in England mich nützlicher betätigen. Es gibt
eine Frage, an die ich schon lange mit qualvoller Hartnäckigkeit
denken muß. Ich kann keine Reise antreten, ehe nicht dieser Zweifel
von mir genommen ist,
,Was Sie beschäftigt, ist unheilig und gegen das Gesetzes. Sie
müßten erröten, es auch nur zu erwähnen. Sie denken an Herrn
Rochester.
,Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist!' versetzte ich.
,Nun, so bleibt mir nichts zu tun, als für Sie zu beten,' sagte
er, -zu Gott zu flehen, daß er Sie nicht ganz zu einer Verworfenen
werden lasse. Ich vermutete eine Auserwählte in Ihnen. Aber
Gott sieht mit anderen Augen als wir Menschen. Sein Wille geschehe!"
Er ging durch das Tor und war meinen Blicken entschwunden.
Im Wohnzimmer fand ich Diana. Sie stand am Fenster, in
trübe Gedanken versunken. Als sie mich erblickte, rief sie:
,Johanna, du bist blaß und aufgeregt. Was ist geschehen?
Verzeih mir, daß ich dir als Spionin erscheinen muß, aber es geht
etwas zwischen dir und St. John vor, das fällt mir schon seit längerer
Zeit auf. Er bekundet ein so großes Interesse für dich, daß es mir
nachgerade absonderlich vorkommt. Mary und ich haben uns schon
eingebildet, er trage sich gar mit dem Gedanken, dich zu heiraten.
,Das tut er auch, antwortete ich. ,Er hat mich zum Weibe
begehrt.
Diana klatschte in die Hände.
,So ist es, wie wir hofften. Und du wirst ihn heiraten, nicht
wahr? Dann muß er ja in England bleiben.
,Nein, Diana, er will nur heiraten, um eine Gehilfin für seine
Arbeit in Indien zu haben.
,Was? Du sollst mit nach Indien? Das ist ja Wahnwitz! Du
würdest es dort keine drei Monate aushalten. Das darfst du auf
keinen Fall tun. Du hast doch nicht etwa eingewilligt?
,Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten. Aber ich habe mich
erboten, als seine Schwester mit ihm zu gehen,'
,Wie töricht von dir, Johanna! Du bist für solch eine Riesenarbeit viel zu zart. Daran gehen ja starke Männer zugrunde. Aber
freilich sieht man, du zwingst dich mit allen Kräften, das zu
vollbringen, was St. John von dir verlangt. Mich wundert nur,
daß du dich aufgerafft hast, seine Hand zurückzuweisen. Du liebst
ihn also nicht?
,Nicht, wie man einen Gatten lieben muß.
,Und doch ist er ein schöner Mann.
,Ja, und ich bin so häßlich. Wir würden schlecht zueinander
passen.
,Häßlich? Keineswegs. Du bist für Kalkutta überhaupt viel
zu hübsch. Nein, nein! schlag dir's nur aus dem Sinn, mit nach
Indien zu gehn!'
,Das muß ich in der Tat, Diana. Doch dort kommt er. Ich
möchte jetzt nicht mit ihm zusammentreffen.
Da ich St. John in den Garten treten sah, eilte ich die Treppe
hinauf. Doch beim Abendessen mußte ich ihm begegnen. Er benahm
sich bei dieser Mahlzeit so ruhig wie sonst. Ich hatte geglaubt, er
würde gar nicht mit mir sprechen und seinen Heiratsgedanken nicht
mehr zur Sprache bringen; aber ich sollte bald eines anderen belehrt werden. Er unterhielt sich mit mir und beobachtete die peinlichste Höflichkeit. Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen
Geistes angefleht im Kampfe gegen den Groll, den ich in ihm entfesselt hatte.
Zum Abendgebet las er uns das einundzwanzigste Kapitel der
Offenbarung Johannis vor. Ihm zuzuhören, wenn er mit seiner
vollen, tiefen Stimme die Worte der Bibel vorlas, war stets ein
Genuß. Heute Abend klang es noch feierlicher als sonst. Mich überlief ein frommer Schauer, als er die folgende Stelle vortrug:
,Wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werde sein
Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Den Verzagten und Ungläubigen und Greulichen und Totschlägern und Zauberern und Abgöttischen und allen Lügnern, deren Teil wird sein in dem Pfuhl,
der mit Feuer und Schwefel brennet, welches ist der andere Tod."
Von diesem Augenblick an wußte ich, daß St. John mich zu den
Verdammten zählte. Als er die Schlußworte des Kapitels las, hörte
man seine Zuversicht heraus, daß ihm der Einzug in die Stadt der
himmlischen Herrlichkeit vergönnt sein werde, während ich als eine
Heidin ausgeschlossen bleiben würde. Auf das Bibelkapitel ließ er
sein Gebet folgen, in das er all seine Energie hineinlegte, all seinen
starren Eifer. Er flehte um Kraft für die Schwachen, um Erleuchtung für die Blinden, um Rettung der verirrten Lämmer, um Rückkehr noch in der elften Stunde von allen Versuchungen des Fleisches.
Sein Ernst, seine Inbrunst versetzte mich zuerst in Staunen, dann in
Rührung. zuletzt in Furcht. Die Aufrichtigkeit seines Flehens riß
uns alle mit sich fort.
Als er zu Ende war, nahmen wir Abschied von ihm, denn er
wollte am folgenden Morgen zu früher Stunde abreisen. Diana und
Mary gingen-- ich glaube, infolge eines Winkes, den er ihnen
gab -- hinaus und ließen mich mit ihm allein. Ich reichte ihm die
Hand und wünschte ihm glückliche Reise.
Haben Sie Dank, Johanna, antwortete er. ,Wenn ich dem
menschlichen Stolz Gehör schenkte, so würde ich kein Wort mehr von
einer Heirat mit Ihnen sprechen; aber ich muß meine Pflicht befolgen, alle Dinge zur Ehre Gottes zu tun. Ich kann Sie nicht der
ewigen Verdammnis anheimfallen lassen. Bereuen Sie, raffen Sie
sich auf, solange es noch Zeit ist. Wir wollen wirken, solange es Tag
ist. Wachet und betet, denn Ihr wißt weder die Zeit noch die Stunde!"
Bei diesen Worten legte er mir die Hand aufs Haupt. Er hatte
in ernstem, sanftem Tone gesprochen. Er sah mich nicht an, wie ein
Liebender die Geliebte ansieht, sondern wie ein Hirt, der ein von der
Herde verlaufenes Lamm nach Hause trägt. Da überkam mich eine
seltsame Schwäche, die Lust wandelte mich an, mich vom Strome
seines Willens fortreißen zu lassen. Und doch war es Torheit!
Ich hatte mich von ihm in die Enge treiben lassen, wie einst von
einem andern. Wenn ich damals jenem andern nachgegeben hätte,
wäre es ein Verbrechen gegen die Moral gewesen; wenn ich jetzt St.
John nachgegeben hätte, wäre es ein Vergehen gegen die gesunde
Vernunft gewesen. So denke ich heute; in jener Stunde aber war
mir die Erkenntnis genommen.
Ich befand mich unter dem Bann eines Zauberers. Alle Weigerung war vergessen, aller Widerstand gebrochen. Das Unmögliche - die Heirat mit St. John - erschien mir als möglich, ja als
notwendig. Gott befahl, mein eigenes Dasein dünkte mich ein
Nichts. Wie Del die Wogen des wilden Meere, so hatte St.
Johns große Milde und Güte allen Sturm meines Herzens geglättet;
seine Sanftmut machte mich schwach wie ein Rohr. Und doch wußte
ich selbst in diesem Moment noch, daß er mich - auch wenn ich nachgab - meinen früheren Widerstand eines Tages schwer würde büßen
lassen.
,Sind Sie nun willens? fragte er leise.
,Ich wäre willens, war meine Antwort, ,wenn ich die Gewißheit hätte, es ist Gottes Wille, daß ich Sie heirate. Dann würde ich
hier und jetzt den Eid darauf leisten, möge später geschehen, was
da wolle!"
,Mein Gebet hat Erhörung gefunden!r rief St. John. Er legte
beide Hände fest auf meinen Kopf, als nähme er Besitz von mir.
,O, Gott im Himmel rief ich in meiner Not, ,gib mir einen
Fingerzeig! Weise mir den Weg, den ich gehen soll!"
Denn mich erfüllte eine heiße Sehnsucht, das Rechte zu tun.
Ich war so erregt, wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ob nun
das, was jetzt geschah, eine Wirkung meiner Erregtheit war oder
auf andern Ursprung zurückzuführen ist, weiß ich nicht zu beurteilen.
Im ganzen Hause herrschte tiefe Stille; außer mir und St. John
schlief alles. Die Kerze auf dem Tisch erlosch; nur noch der Mond
erleuchtete das Zimmer. Mein Herz schlug so laut, daß ich jeden
Pulsschlag hören konnte.
Und plötzlich stand mein Herz still. Ein unbeschreibliches Gefühl durchzuckte mich jäh von Kopf bis zu Füßen, wie ein elektrischer
Schlag, scharf, blitzschnell und beängstigend. Dann stand ich wie erstarrt da und lauschte voll banger Erwartung und wußte nicht,
worauf. Jeder Nerv zitterte in mir.
Ich sah nichts; aber ich hörte eine Stimme, die rief: ,Johanna!
Johanna! Johanna!
Ich schrie laut auf: ,O, Gott! was ist das?
Die Stimme, die ich so deutlich hörte, erklang gleichwohl nicht ;
im Zimmer, nicht im Hause, nicht im Garten, sie kam auch nicht aus
der Luft, nicht aus der Erde herauf, nicht vom Himmel herab. Ich
hatte sie nur vernommen -- wie, wo, woher, das konnte ich nicht
sagen. Und es war die Stimme eines Menschen; eine vertraute,
geliebte, nie vergessene Stimme: die Stimme Eduard Fairfax Rochesters. Sie schrie in wildem Schmerz und tiefem Jammer.
,Ich komme! ich komme!’ rief ich. ,Warte auf mich!"
Ich stürzte in den Garten hinaus - es war niemand da.
,Wo bist du? rief ich.
Meine eigenen Worte klangen nur als mattes Echo von den
Hügeln zurück. Der Wind seufzte in den Binsen. Nichts war um
mich her als einsames Moorland und mitternächtliche Stille.
,Das ist kein Gaukelspiel, kein Spuk!" rief ich aus. ,Es war
ein Wunder - ein Wunder, das alles entscheidet.
Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war. Jetzt
war der Bann gelöst; der Eiferer hatte keine Gewalt mehr über mich.
,Fragen Sie mich nach nichts, rief ich. ,Sagen Sie nichts!
Verlassen Sie mich, ich muß allein sein.
Ich ging auf mein Zimmer und schloß mich ein. Ich betete -
anders als St. John, aber doch auch wirkungsvoll. Meine Seele
strömte von Dankbarkeit über. Dann legte ich mich schlafen, neue
Hoffnung im Herzen. In heißer Sehnsucht erwartete ich den Tag.
Das Ende von Thornfield-Hall.
Beim Morgengrauen stand ich auf und packte meine Sachen zu
der Reise, die nun für mich notwendig geworden war. Ich hörte
St. John sein Zimmer verlassen. Als er an meiner Tür vorüberging, trat er nicht ein, wie ich fürchtete, sondern schob durch die Spalte
nur einen Streifen Papier herein. Ich hob ihn auf und las folgende Worte:
,Sie gingen gestern abend sehr plötzlich von mir. Wären Sie
noch ein kleines Weilchen geblieben, so hätte ich Ihnen das Krenz
des Christen in die Hand drücken können. Der Geist war willig,
aber das Fleisch blieb schwach. Ich werde stündlich für Sie beten!
Der Ihre
St. John.
Wir hatten den 1 Juni, aber es war ein kalter, bewölkter Morgen. Ich trat ans Fenster und sah St. John durch den Garten
gehen. Er schritt nach Whitecroß zu, wo er den Postwagen zu erwarten hatte. Diana und Mary waren auf St. Johns ausdrückliches Geheiß hin, nachdem sie schon am Abend vorher feierlich und
innig von ihm Abschied genommen hatten, nicht zum Vorschein gekommen. Ich sah sie erst zum Frühstück und teilte ihnen nun mit,
daß ich verreisen wolle und mindestens vier Tage wegbleiben würde.
,Allein, Johanna? fragten sie.
aJa, ich muß mich über jemand erkundigen, um den ich mich
schon lange sorge.
Sie enthielten sich jeder Bemerkung, nur Diana fragte, ob ich
mich zu einer Reise auch wohl genug fühle; ich sähe seit einiger Zeit
leidend aus. Ich beruhigte sie über diesen Punkt und beendete mit
ihrer Hilfe rasch die wenigen Vorbereitungen, die ich zu treffen hatte.
Um drei Uhr nachmittags verließ ich Moor-Haus, und um vier Uhr
stand ich an dem Wegweiser von Whitecroß, auf die Postkutsche wartend. Ich dachte an die Zeit zurück, wo ich aus demselben Wagen
lebensmüde, hoffnungslos und bettelarm ausgestiegen war.
Die Reise dauerte sechsunddreißig Stunden. Am Dienstag-
nachmittag war ich von Whitecroß abgefahren, und am Donnerstagmorgen stieg ich an dem Gasthofe, der als Poststation diente und wo
die Pferde gewechselt wurden, aus. Ich sah mich um, und die bekannte Landschaft erschien mir wie ein liebes, trautes Angesicht, in
das ich seit langer Zeit wieder einmal blickte. Ich gab mein Gepäck dem Hausknecht und bezahlte den Postschaffner, dem ich diesmal
nicht mein ganzes Vermögen zu opfern brauchte.
Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf das
Wirtshausschild; die Inschrift lautete: ,Zum Wappen des Hauses
Rochester. Mein Herz klopfte laut. Ich stand also schon auf dem
Grund und Boden meines geliebten Herrn.
,Wie weit ist es noch bis Thornfield
,Vier Kilometer, meine Dame, wenn Sie gerade über die Felder
gehen.
Ich wollte mich sofort auf den Weg machen, da kam mir zum
erstenmal der Gedanke: ,Ja, was denn aber, wenn er gar nicht in
Thornfield ist? wenn er auf dem Festlande herumirrt? Und selbst
wenn er hier ist wer wird außer ihm noch hier sein? Seine wahnsinnige Gattin!"
Ich dachte daran, die Leute in der Schenke zu fragen, aber ich
fürchtete mich vor einer Antwort, die mich vielleicht zur Verzweiflung
treiben würde. Kurz entschlossen, schritt ich feldein. Ich ging rasch
vorwärts, und bald tauchten die Bäume des Parks am Horizont auf.
Eine seltsame Wonne durchrieselte mich. Ich eilte weiter. Noch ein
Feld war zu überschreiten, dann sah ich schon die Mauern des Hofs,
die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst lag noch hinter dem hohen
Baume mit dem Krähenhorst.
Die Mauer des Obstgartens lag nun vor mir. Ich ging um
ein Ecke herum und stand vor einem wohlbekannten Tor, hinter
dessen Pfeilern hervor ich ungestört die ganze Front des Herrscherhauses betrachten konnte.
Was sah ich nun? An Stelle des prachtvollen Herrenhauses
eine Ruine, einen Trümmerhaufen mit Resten rauchgeschwärzter
Mauern!
Im selben Augenblick fiel mir auch der Traum ein, den ich einmal in Thornfield gehabt. Genau so hatte da das Haus ausgesehen:
geborstene Wände, leere Fensterhöhlen, kein Dach, keine Zinnen,
keine Schornsteine! Und überall herrschte die Stille des Todes, die
unheimliche Ruhe völliger Verwüstung. Kein Wunder, daß auf
Briefe, die hierher gerichtet wurden, keine Antwort kam. Ebensogut
hätte man Episteln in ein Grabgewölbe schicken können. Thornfield-Hall war durch eine Feuersbrunst vernichtet worden. Wie aber war
das gekommen? Wie war es abgelaufen? Waren Menschen dabei
ums Leben gekommen? Und wer? wer? Mit Schaudern dachte
ich an jene Nacht zurück, wo ich Herrn Rochester vom Feuertode errettet hatte! War ihm auch diesmal ein Retter nahe gewesen? fragte
ich mich.
Ich wanderte zwischen den Trümmern umher und erkannte, daß
der Brand schon vor längerer Zeit geschehen war. In den geborstenen Torbogen mußte schon der Schnee eines Winters gelegen
haben, und zwischen einem Gewirr von zertrümmertem Hausrat
keimte schon Gras und Unkraut. Wo hatte inzwischen der unglückliche Besitzer geweilt? War er noch am Leben? Oder lag er in der
Familiengruft in der Ruhe des engen Marmorhauses?
Hier war niemand, der mir auf diese Frage Antwort geben
konnte. Und dennoch mußte ich Antwort haben. Ich kehrte in das
Wirtshaus zurück, bestellte Frühstück und rief den Wirt heran.
,Sie kennen doch Thornfield-Hall? fragte ich.
,Selbstverständlich,' war die Antwort, ,bin ja selbst mal dort
in Dienst gewesen.
,Doch nicht zu meiner Zeit? dachte ich, ,denn mir bist du
fremd.
,Ich war ja Kellermeister des verstorbenen Herrn Rochester,
setze der Wirt hinzu.
,Des verstorbenen! Diese Worte trafen mich wie ein Schlag.
,Ist denn Herr Rochester tot? stieß ich mühsam hervor.
,Ach, ich meine doch den Vater des jetzigen Herrn Eduard
Rochester.
Ich atmete auf - ich lebte auf. Herr Eduard Rochester,
mein Herr Rochester war also nicht tot. Mir war, als könnte ich
alles ruhig mitzuhören, was nun folgen mochte, wie furchtbar auch
die weiteren Enthüllungen lauteten.
,Sie sind wohl fremd hier, erzählte der Wirt, ,Sonst hätten
Sie doch hören müssen, was im vergangenen Herbst passiert ist. Zur
Erntezeit brach Feuer aus in Thornfield-Hall, und es ist ganz
niedergebrannt. Schrecklich, wissen Sie! Was da alles mitverbrannt ist! Soviel wertvolle Sachen! Nichts hat man retten
können. Es ging mitten in der Nacht los, und als die Feuerwehr
von Milcote erschien, war es zu spät. Das ganze Haus stand
schon in hellen Flammen. Grauenhaft, sage ich Ihnen. Ich hab's
selbst mitangesehen. Mitten in der Nacht, denken Sie sich doch!
,Mithin in der Nacht!" dachte ich. Ja, ich wußte ja, die Mitternacht war eine verhängnisvolle Stunde für Thornfield. ,Weiß man,
wie es entstanden ist?' fragte ich laut.
,Man hatte gewisse Vermutungen, und es ist ja wohl auch über
allen Zweifel festgestellt worden. Wissen Sie, sagte er leise und
rückte mit seinem Stuhl näher, ,da war nämlich eine Dame im
Hause - eine Verrückte. Sie wurde sehr streng bewacht, und niemand bekam sie zu sehen. Ja man wußte viele Jahre gar nichts von
ihrem Vorhandensein. Wer oder was sie sei, das konnte kein Mensch
sagen. Man munkelte, Herr Eduard hätte sie aus der Fremde mitgebracht. Na, kurz und gut, vor etwa einem Jahre passierte etwas
sehr Sonderbares.
Ich fürchtete, er würde meine eigene Geschichte erzählen, und
versuchte, ihn zur Hauptsache zurückzubringen.
,Und diese geheimnisvolle Frau? fragte ich.
,Es stellte sich heraus, daß sie Herrn Rochesters Gemahlin war.
Und zwar auf schnurrige Weise kam das ans Tageslicht. Da war
nämlich ein junges Mädchen in Thornfield - die Gouvernante der
kleinen Adele -
,Aber das Feuer unterbrach ich ihn.
,Ich komme gleich darauf, meine Dame. In diese Gouvernante
verliebte sich Herr Rochester, und zwar bis über die Ohren, wie ich
mir habe sagen lassen. Er hat sie nicht mehr aus den Augen gelassen.
Wer weiß, was er an ihr fand. Außer ihm hat wohl niemand sie hübsch
gefunden. Klein, unscheinbar und noch wie ein Kind, hab' ich mir
sagen lassen. Herr Rochester war etwa vierzig, und die Gouvernante noch nicht zwanzig. Na und wenn ein Mann so um die vierzig rum sich noch mal in ein junges Ding verliebt, dann tut er's
gleich ordentlich. Kurz und gut, er wollte sie heiraten.
,Ich möchte doch aber nur von der Feuersbrunst hören - und
von der irrsinnigen Frau ' fiel ich ihm ins Wort.
,Das hängt eben alles damit zusammen, meine Dame. Die
Irrsinnige hatte eine Wärterin, eine gewisse Grace Poole, und die
trank gern ein bißchen über den Durst. Man kann es ihr nicht verdenken, denn sie hatte einen schweren Posten, und es muß wohl ein
hartes Stück Arbeit sein, tagaus, tagein immer bloß mit so ner
Verrückten zusammenzusein. Na, wenn nun Frau Poole berauscht
war und einschlief, dann entschlüpfte ihr die Verrückte, wanderte im
Hause herum und richtete allerlei Unheil an. Schon einmal soll sie
versucht haben, Herrn Rochesters Bett anzuzünden, aber ich weiß
nicht, ob das wahr ist. An dem Abend jedoch, von dem ich hier erzähle, steckte sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer an, das neben dem
ihren lag, und dann ging sie in das Zimmer der Gouvernante und
steckte das Bett in Brand. Aber zum Glück schlief niemand mehr
drin, denn das Fräulein war vor zwei Monaten davongelaufen.
Herr Rochester ließ Nachforschungen anstellen und suchte sie wie einen
verlorenen Edelstein, aber man konnte nichts über sie erfahren. Der
gnädige Herr wurde selber halb verrückt, als sie fort war. Er schickte
Frau Fairfax, die alte treue Haushälterin, zu Verwandten, schickte
die kleine Adele in ein Institut, und wollte ganz allein sein. Mit
keinem Menschen hielt er Umgang. Er lebte wie ein Einsiedler.
,So ist er nicht ins Ausland gegangen?
,Ins Ausland? Du meine Güte! Kaum in seinen eigenen
Park, und wenn, dann höchstens in finstrer Nacht, wie ein Geist.
Ach, ich glaube, er ist behext worden. Denn er war so lustig, so unternehmend, so leutselig, ehe dieses kleine Ding von Gouvernante ihm
in den Weg kam. Er hat nie gespielt, nie getrunken und nie auf
Pferde gewettet. Hübsch war er ja freilich nie, aber energisch und
couragiert. Ich kannte ihn schon als kleinen Jungen. D, ich habe
manchmal gewünscht, Fräulein Eyre wäre im tiefsten Meer ertrunken, statt nach Thornfield zu kommen!"
,Er war also zu Hause, als das Feuer ausbrach?
, Und ob! Er ist ja noch in die Dachkammer hinaufgerannt, als
unten schon alles brannte. Er hat die Dienerschaft aus den Betten
geholt, und dann lief er noch einmal zurück, um seine wahnsinnige
Frau zu retten. Sie lief dort oben zwischen den Zinnen umher
und schrie, daß man es meilenweit hörte. Ich hab's mit eigenen
Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Sie war groß und
dick, und ihr langes, schwarzes Haar flatterte im Winde. Die Flammen schlugen an ihr empor. Wir sahen nun auch ihn durch das
Oberlicht hinaufsteigen und sich ihr nähern. Doch als er sie anrief,
stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und stürzte sich herab. Zerschmettert lag sie auf der Terrasse.
,Tot wie die Steine.
,Großer Gott!"
,Na, und dann ist eben das Haus vollends runtergebrannt.
,Hat sonst noch jemand das Leben verloren?
,Nein! Doch für Herrn Rochester wäre es vielleicht besser gewesen, er hätte dies nicht überlebt. Der arme Mann! Manche
sagen, es sei die Strafe des Himmels, weil er seine erste Ehe geheim gehalten und eine zweite habe schließen wollen. Aber mir tut er
doch furchtbar leid.
,Aber Sie sagten doch, er lebt. Sie sagten doch, er sei in
England.
,Freilich ist er hier. Er kann ja auch gar nicht fort, selbst wenn
er möchte.
,Was ist ihm denn geschehen?
,Er ist erblindet.
Ich hatte Schlimmeres erwartet. Ich hatte gefürchtet, er habe
den Verstand verloren. Nun fragte ich, wie das Unglück geschehen sei.
,Als er vom Dache zurückkehrte, brach mit furchtbarem Krach
das Treppenhaus zusammen. Schwerverletzt zog man ihn unter
den Trümmern hervor. Ein Balken war so gestürzt, daß er den
unglücklichen Herrn im Fall vor der Last der Gesteinsmassen geschützt
hatte. Doch ein Auge war ihm ausgeschlagen worden, und das andere
war von Rauch, Staub und Splittern so sehr beschädigt worden, daß
er auch darauf die Sehkraft verloren hat. Eine Hand war so zerquetscht, daß der Wundarzt Carter sie ihm gleich amputieren mußte;
Und nun ist er ganz hilflos ein Blinder, ein Krüppel.
,Wo hält er sich auf?
,In seiner Besitzung Ferndean, dreißig Meilen von hier."
,Wer ist bei ihm.
,Sein Kutscher John mit seiner Frau. Er duldet sonst niemand um sich.
,Haben Sie einen Wagen?
,Sogar eine sehr schöne Kalesche, meine Dame.
,Lassen Sie gleich anspannen, und wenn Ihr Stallknecht mich
heute noch nach Ferndean fährt, so zahle ich ihm und Ihnen doppeltes
Fahrgeld.
Kapitel.
Wiedergefunden.
Das Herrenhaus von Ferndean lag mitten im Walde. Ich hatte
oft davon sprechen hören, und Herr Rochester war manchmal hinübergefahren. Sein Vater hatte die Besitzung als Jagdhaus gekauft.
Später hätte er das Haus gern vermietet, aber da es in ungesunder
Gegend lag, fand sich kein Pächter. Daher blieb Ferndean unmöbliert
und unbewohnt, bis auf zwei Zimmer, die für den Eigentümer in
Bereitschaft gehalten wurden. Ich kam am Abend eines unfreundlichen Tages dort an. Selbst wenn man unmittelbar vor dem Hause
stand, so sah man es vor dichten Bäumen noch nicht. Ein eisernes
Tor zwischen zwei Granitpfeilern wies mir den Eingang. Dahinter
lag eine Allee, über der sich das schwere Laub der Bäume zum Bogen
zusammenschloß. Ich folgte einem von Gras überwucherten Pfade,
aber er schien nicht zum Hause zu führen, sondern verlor sich tiefer
und tiefer in dem einem Urwalde ähnlichen Park.
Ich glaubte, ich hätte mich nach der falschen Seite gewandt und
den Weg verfehlt. Es wurde mit jeder Minute finsterer. Ich sah
mich nach einem andern Wege um, aber es gab weiter keinen.
Ich ging weiter. Endlich wurde der Pfad breiter. Die Bäume
standen nicht mehr so dicht. Ich kam an ein Gitter, hinter dem ich,
ganz versteckt und kaum sichtbar, ein altes Haus erblickte. Ich trat
durch das Tor und befand mich nun auf einer halbkreisförmigen
Waldlichtung; ein breiter Kiesweg führte rings um diese herum, ein
anderer Weg gerade auf das Haus zu. Es war still wie in einer
Kirche, trostlos, finster, fast unheimlich.
,Können hier Menschen wohnen? fragte ich mich.
Da wurde die Haustür geöffnet eine Gestalt erschien - ein
Mann ohne Hut er streckte die Hand aus, um den Regen zu fühlen.
Obwohl es finster war, hatte ich Herrn Rochester erkannt. Ich hielt
den Atem an, blieb stehen und beobachtete ihn. Es wurde mir
schwer, keinen Aufschrei zu tun; ich fühlte mich versucht, zu ihm
zu eilen.
Er ging noch so aufrecht wie früher und sah noch ebenso kraftvoll aus. Seine Züge hatten sich nicht verändert. Das eine Jahr
des Leidens hatte seinem edeln Mannesmut nichts anhaben können.
Aber der Ausdruck seines Gesichts war düster, verzweifelt. Er sah
aus wie ein gefesseltes Tier.
Er stieg die Steinstufen herab und kam auf die Lichtung zu-
Den kühnen, raschen Schritt seiner früheren Tage hatte er nicht
mehr. Dann blieb er stehen, unschlüssig, nach welcher Seite er sich
wenden solle. Er hob die Hand, öffnete die Augenlider und sah zum
Himmel auf und dann nach dem Walde doch für ihn war ja alles
Finsternis. Er reckte den rechten Arm vor sich hin (den verstümmelten trug er in der Tasche als wenn er durch Berührung seine nächste
Umgebung erkennen wollte. Doch auch hier fand er nur leere Luft.
Da gab er seine Bemühung auf, kreuzte die Arme und stand nun
regungslos und stumm im Regen, der unablässig auf seinen unbedeckten Kopf fiel.
John, der Kutscher, den ich zuvor nicht bemerkt hatte, trat an
ihn heran.
,Gnädiger Herr, nehmen Sie meinen Arm, es wird gleich stark
gießen. Gehen Sie lieber ins Haus.
,Laß mich in Ruhe, war die Antwort.
John ging, ohne mich zu sehen. Herr Rochester versuchte zu
gehen, aber es gelang ihm nicht. Er war zu unsicher. Er tastete sich
nach dem Hause zurück, ging hinein und schloß die Tür hinter sich.
Jetzt klopfte ich an. Johns Frau machte mir auf.
,Marie, sagte ich, .wie geht es Ihnen?
Sie erschrak, als hätte sie ein Gespenst erblickt. ,Sind Sie es
wirklich? rief sie. , Zu solcher Stunde?
Ich folgte ihr in die Küche, wo John am Feuer saß.
In kurzen Worten sagte ich ihnen, daß ich über alles, was seit
meinem Weggang von Thornfield geschehen, unterrichtet sei. Ich
bat John, zum Schlagbaumwärter zu gehen, bei dem ich meinen
Koffer zurückgelassen hatte, legte Hut und Tuch ab und fragte Marie,
ob sie mir diese Nacht Quartier geben könne. Es machte Schwierigkeiten, weil man in Ferndean auf keinen Besuch eingerichtet war,
aber es ließ sich schließlich einrichten. Als wir uns darüber verständigt hatten, erklang die Glocke des Wohnzimmers.
,Wenn Sie hineingehen, Marie, so sagen Sie dem Herrn, es
sei jemand da, der mit ihm zu sprechen wünsche. Nennen Sie aber
meinen Namen nicht.
,Ich glaube nicht, daß er Sie vorlassen wird,r meinte sie.
Als sie zurückkehrte, sagte sie: ,Er läßt fragen, wer Sie seien
und was Sie wollten. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser und
stellte es auf ein Tablett neben zwei brennenden Kerzen.
,Hat er danach verlangt?' fragte ich.
,Ja. Kerzen läßt er sich stets bringen, wenn's finster wird, obwohl er blind ist.
,Geben Sie mir das Tablett, ich will es hineintragen.'
Ich nahm es ihr aus der Hand und ließ mir die Tür des Wohnzimmers zeigen. Das Tablett zitterte in meiner Hand, und ich verschüttete von dem Wasser. Mein Herz klopfte zum Zerspringen.
Marie machte mir die Tür auf und schloß sie wieder.
Es sah düster aus in dem Zimmer. Am Kamin, über das
Feuer gebeugt, stand der Besitzer von Ferndean. Sein alter Hund,
Pilot, lag vor ihm. Das Tier spitzte die Ohren, als ich eintrat,
sprang empor, stürzte auf mich zu, beschnüffelte mich und sprang an
mir in die Höhe, so daß er mir fast das Tablett aus der Hand gestoßen hätte.
Ich stellte es auf den Tisch, streichelte den Hund und sagte leise:
‘leg dich, Pilot!" Herr Rochester drehte sich um. Da er aber nichts
sehen konnte, wandte er den Kopf wieder ab und seufzte laut:
,Her mit dem Wasser, Marie, befahl er.
Ich trat mit dem nur noch halb gefüllten Glase zu ihm. Pilot
folgte mir, mit dem Schweife wedelnd.
,Was ist denn das? murmelte er.
‘Leg dich, Pilot!' sagte ich noch einmal und jetzt lauter. Er
wollte eben das Glas an den Mund seen und hielt inne. Er schien
zu lauschen, dann aber trank er und setzte das Glas hin.
,Du bist es doch, nicht wahr, Marie?
,Marie ist in der Küche,' antwortete ich.
,Wer spricht da? rief er aus und öffnete die Lider der armen
blinden Augen, als versuchte er zu sehen.
,Wollen Sie noch mehr Wasser, Herr Rochester? Ich habe die
Hälfte verschüttet," sagte ich.
,Wer ist das? Wer spricht da? rief er wieder,
,Pilot hat mich erkannt - John und Marie wissen, daß ich
da bin ich kam vor einer halben Stunde erst an.
,Mein Gott! Ist das Trug, ist das Wahnsinn?
,Keins von beiden.
,Und wo ist die, die da spricht? Oder ist es nur eine Stimme?
O, sehen kann ich nicht, aber fühlen muß ich, sonst bricht mir das
Herz. Wer du auch sein magst, berühre mich, oder es ist mein Tod.
Ich faßte seine tastende Hand und umschloß sie mit der meinen.
,Das sind ihre kleinen feinen Finger, sagte er. ,So ist auch
mehr von ihr da.
Er ergriff meinen Arm, meine Schulter, meinen Hals, meinen
Leib. Er zog mich an sich und hielt mich umschlungen.
,Ist es Johanna? Oder was sonst? Ihre Gestalt ist's ihre
Größe auch -
,Und auch ihre Stimme, setzte ich hinzu. ,Sie ist hier, ganz
und gar, mit Leib und Herzen. D, Gott segne Sie, mein gütiger
Herr! Ich bin glücklich, noch einmal bei Ihnen zu sein!"
,Johanna Eyre, Johanna Eyre!’ Das war alles, was er sagen
konnte.
,Mein teurer Herr, ja, ich bin's; ich habe Sie wiedergefunden.
,Mein Liebling! Und leibhaftig! Ich kann's nicht glauben,
daß mir nach all dem Elend noch soviel Glück beschert sein soll
o, ich erwachte stets aus diesen Träumen und sah, es war bittere
Täuschung gewesen. Du sanfter, süßer Traum, der du mir jetzt im
Arm ruhst, auch du wirst mich wieder verlassen.
,Ich werde Sie nun und nimmer verlassen, Herr Rochester!"
,Küsse mich, Johanna, meine geliebte Johanna!"
,Ja, Herr Rochester, einmal - und noch einmal!"
Ich preßte die Lippen auf die armen lichtlosen Augen, die einst
so gestrahlt hatten - ich strich ihm das Haar aus der Stirn und
küßte auch diese.
,Und es ist wirklich Johanna? So bist du nicht gestorben, nicht
elend umgekommen, nicht verstoßen und unglücklich unter fremden
Menschen? -
,Nein, Herr Rochester, ich bin jetzt vielmehr völlig unabhängig.
Mein Oheim auf Madeira ist gestorben und hat mir fünftausend
Pfund hinterlassen.
,Ah, das ist etwas Praktisches! Wir stehen auf dem Boden der
Wirklichkeit. Ich höre wieder den eigenartigen, pikanten Ton dieser
frischen, lebhaften Stimme. Wie wohl tut das meinem kranken
Herzen. Also reich bist du, Hannchen? Nun, dann wirst du gewiß
Freunde und Bekannte gefunden haben, die nicht dulden werden, daß
du dich ganz einem armen Blinden widmest.
,Ich bin meine eigene Herrin.
,Und willst bei mir bleiben?
,Gewiß, das heißt, wenn es Ihnen recht ist. Sie wohnen hier
sehr einsam und traurig; da leiste ich Ihnen Gesellschaft. Ich lese
Ihnen vor, gehe mit Ihnen spazieren, pflege und bediene Sie, ersetzte Ihnen Auge und Hand. Mein teurer Herr, schauen Sie nicht
mehr so traurig drein. Solange ich lebe, sollen Sie nie mehr einsam sein.'
Ja, ja. Du darfst nie wieder gehen, Johanna, antwortete er,
mich fester an sich pressend. ,Ich bedarf deiner. Meine Seele verlangt nach dir. Und dies Verlangen muß erfüllt werden, oder meine
kranke Seele nimmt furchtbare Rache an ihrer irdischen Hülle.
,Ich sagte Ihnen ja, daß ich bei Ihnen bleiben wolle.
aJa, aber wir verstehen beide etwas Verschiedenes unter diesem
Hierbleiben. Du bist vielleicht bereit, neben mir zu sitzen und mich
zu pflegen, als meine kleine Wärterin - und das sollte mir wohl
auch genügen, ich sollte jetzt wohl nur väterliche Empfindungen zu
dir hegen. Nicht wahr, das denkst du? Aber, Hannchen, dann
könntest du auch nicht auf immer meine Pflegerin bleiben du
bist noch jung - du wirst dich eines Tages verheiraten wollen -!
aDazu verspüre ich gar keine Lust.
,Das kommt aber schließlich doch einmal. Wenn ich noch so
aussähe wie früher, würde ich dir schon Lust machen, aber jetzt -
ein blinder Krüppel.
Er versank in trübes Sinnen.
,Vor allem muß man Sie ein bißchen menschlicher machen, Herr
Rochester, sagte ich und strich sein vernachlässigtes Haar glatt. ,Sie
verwandeln sich hier langsam in einen Löwen oder so etwas Aehnliches. Ihr Haar erinnert an Adlerfedern. Ob Ihre Nägel schon
gewachsen sind wie Vogelkrallen, habe ich noch nicht sehen können.
,An dem Arm hier habe ich weder Nägel noch Finger,' sagte er
und zog den verstümmelten Arm aus der Brust. ,Nur noch einen
Stumpf - sieht furchtbar aus, nicht wahr, mein kleines Hannchen?
,Nicht furchtbar, sondern traurig. Und traurig ist's auch, Ihre
Augen anzusehen - und die Narbe auf Ihrer Stirn. Das Allerschlimmste daran ist, man muß Sie um dieses Unglücks willen sehr
liebhaben und Sie verhätscheln.
,Ich glaubte, du würdest dich entsetzen, Johanna, wenn du
meinen Arm und mein entstelltes Gesicht sähest.
,Was fällt Ihnen ein! Doch muß ich gehen und vorerst mehr
Feuer machen. Können Sie es sehen, wenn es im Kamin hell auflodert
,Ja, mit dem rechten Auge sehe ich etwas wie einen rötlichen
Nebel."
,Sehen Sie auch die Kerzen?
,Ganz matt wie helle Wölkchen.
,Können Sie mich sehen?
,Nein, meine Elfe, aber ich bin schon dankbar, wenn ich dich
fühle und höre.
,Wann essen Sie zu abend?
,Ueberhaupt nicht mehr.
,Heute müssen Sie es tun - mir zuliebe, denn ich bin hungrig.
Ich rief Marie herbei, und wir bereiteten ein schmackhaftes
Nachtmahl. Während des Speisens unterhielt ich ihn gut und verkürzte ihm auch nachher mit Plaudern noch eine volle Stunde. Er
lächelte, und Freude thronte auf seiner Stirn. Sein finsteres Gesicht nahm einen weichen, milden Ausdruck an.
,Eine zauberhafte Stunde,'' sagte er, ,die ich jetzt mit dir verlebe. Kein Mensch kann sich vorstellen, was für ein düsteres, leeres,
trost- und hoffnungsloses Leben ich seit Monaten führe! Ich tat
nichts mehr. Ich merkte von Tag und Nacht nichts mehr; wohl
fühlte ich Kälte, wenn das Feuer erlosch, und Hunger, wenn ich zu
essen vergessen hatte - aber das einzig Dauernde war für mich ein
niemals endender Schmerz, ein manchmal bis zum Wahnsinn gesteigertes Verlangen, meine Johanna noch einmal wiederzusehen;
Ich sehnte mich nach ihr weit mehr als nach dem verlorenen Augenlicht, und nun ist sie bei mir und sagt mir, sie liebt mich! Wird sie
nicht ebenso plötzlich verschwinden, wie sie gekommen ist? Ich
fürchte, morgen ist sie nicht mehr da.
Ich fühlte, es sei das beste, auf diese Worte mit etwas ganz
Trivialem zu antworten.
,Haben Sie einen Taschenkamm, Herr Rochester? fragte ich.
.Wozu?
,Um diese schwarze Mähne auszukämmen. Wenn man sie genau
anschaut, könnte man sich ja vor Ihnen fürchten. Sie sagen, ich sei
eine Elfe - nun, ich finde, Sie sehen einem Waldschratt weit ähnlicher.
,Bin ich abschreckend häßlich, Johanna?
,Sehr häßlich, Herr Rochester. Aber Sie wissen ja, das waren
Sie immer schon.
,Nun, wo du auch gesteckt haben magst, deine Bosheit hast du
behalten. Wo warst du denn übrigens?
,Heute abend bringen Sie das nicht mehr aus mir heraus, Sie
müssen bis morgen warten. Wenn ich heute nichts erzähle, sind Sie
auch sicher, daß ich zum Frühstück wiederkomme. So! Jetzt habe ich
Sie ein wenig manierlich gemacht. Nun will ich Sie verlassen. Ich
bin zwei Tage im Postwagen gewesen und recht müde. Gute Nacht!
Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn unruhig von einem
Zimmer ins andere wandern. Sobald Marie sich sehen ließ, fragte
er sie: ,Ist Fräulein Eyre noch da? Welches Zimmer hast du ihr
gegeben? War auch alles in Ordnung? Geh und frage, ob es ihr
an etwas fehlt und wann sie herunterkommen will.
Ich ging hinunter, sobald ich das Frühstück zubereitet glaubte.
Ich trat leise ins Zimmer. Er saß in seinem Stuhl-- still,
doch innerlich nicht ruhig. Sein Antlitz erinnerte mich an eine gewaltsam ausgelöschte Lampe, die darauf wartet, wieder angezündet
zu werden.
Ich hatte mir vorgenommen, fröhlich und sorglos zu sein, aber
die Hilflosigkeit dieses kraftvollen Mannes ergriff mich aufs tiefste.
,Der Morgen ist sonnig und warm, sagte ich. ,Es regnet nicht
mehr. Wir wollen nach dem Frühstück zusammen spazieren gehen.
In seinem Antlitz leuchtete es auf.
,O, meine süße Lerchel' rief er, ,bist du noch da? Nicht fortgeflogen? Scheint die Sonne? Ach, wo du bist, Johanna, da ist
für mich immer Sonnenschein.
Die Tränen traten mir in die Augen, als er so seine Abhängigkeit eingestand.
Wir brachten den größten Teil des Morgens im Freien zu. Ich
führte ihn aus dem finstern Walde auf die sonnigen Felder. Ich beschrieb ihm, wie grün alles sei, wie die Blumen blühten, wie blau
der Himmel sei. An einem entlegenen Platze setzte er sich auf einen
Baumstumpf; ich ließ mich neben ihm nieder. Pilot lag neben uns.
Ringsum war tiefer Friede und heilige Stille.
Er schloß mich in die Arme und rief:
,Grausame Ausreißerin! D, Johanna, wie war mir zumute,
als ich entdeckte, daß du Thornfield verlassen hattest! Wie habe ich
dich gesucht! Und du hattest kein Geld mitgenommen und auch sonst
nichts, was dir an Geldesstatt hätte dienen können. Ein Perlenhalsband, das ich dir geschenkt hatte, lag unberührt im Etui, deine
Koffer standen alle verschnürt und verschlossen da. Was konnte mein
Liebling beginnen, fragte ich mich immer wieder, ohne Geld, aller
Mittel entblößt? Und was hast du denn nur angefangen? Laß es
mich jetzt wissen.
Nun erzählte ich ihm alles.
,Hättest nicht so gehen sollen!" rief er, als ich zu Ende war.
aHättest dich besser schützen müssen! Was hätte dir geschehen können
-- denke nur - so ohne jeden Pfennig. Und ich hätte dir gern mein
halbes Vermögen hingegeben, ohne einen Kuß als Belohnung zu verlangen. Gewiß hast du noch viel mehr gelitten, als du jetzt gebeichtet
hast. Dieser St. John ist also dein Vetter?
,Ja.
,Du hast viel von ihm erzählt. Hattest du ihn lieb?
,Er ist gut und nett.
,Was heißt das? Achtbar und ruhig, und fünfzig Jahre alt?
,O nein, erst neunundzwanzig.'
,Also noch jung. Klein, phlegmatisch und häßlich? Ein Mensch.
dessen Tugend eigentlich mehr darin besteht, daß er keine Laster hat?
,Er widmet sein ganzes Leben nur großen Taten.
,Also ist er ein gescheiter Mensch? Ein Mann von Bildung?
,Sehr gescheit und grundgelehrt.
,Aber seine Manieren, sagtest du wohl, sind nicht nach deinem
Geschmack- steifleinen und pastoral.
,Davon habe ich ja gar nicht gesprochen. Seine Manieren gefielen mir im Gegenteil sehr gut. Er ist ruhig und höflich.
,Und sein Aeußeres? Ein ungehobelter Landpfarrer mit weißer
Krawatte und plumpen Stiefeln?
,Er kleidet sich immer geschmackvoll und gut. Und dann ist er
wirklich schön, schlank, blaß, mit blauen Augen und einem echt griechischen Profil.
Ich merkte natürlich längst, daß die liebe Eifersucht meinen
guten Herrn Rochester plagte. Aber diese kleine Qual war gesund
für ihn, sie riß ihn aus seiner Melancholie heraus. Deshalb fuhr ich
auch fort, ihn noch ein Weilchen zu necken.
,Schön, schlank, bleich, blaue Augen, griechisches Profil,
brummte er.. ,Sehr gut gezeichnet. Du mußt ihn dir gut vergegenwärtigen können. Und wen hast du jet vor dir? Einen Vulkanus
-- einen wahren Grobschmied, braun, breitschulterig - obendrein
blind und verkrüppelt.
,Aehnlichkeit mit einem Vulkanus haben Sie allerdings, Herr
Rochester.
,Und diesen St. John hattest du also lieb, sprach Herr Rochester weiter. ,Er hat dir auch die Stelle in Morton verschafft -
den Posten als Lehrerin?
,Ja.
,Warst du oft mit ihm zusammen? Kam er viel in die Schule?
,Täglich.
,Hat er dich auch in deinem kleinen Häuschen aufgesucht?
,Dann und wann.
,Wie lange hast du denn nachher noch mit ihm und seinen
Schwestern zusammen gewohnt?
Fünf Monate.
,Verbrachte St. John viel Zeit in eurer Gesellschaft?
,Ja. Das Wohnzimmer war für uns alle, wir Frauen saßen
am Fenster und er am Tische.
,Studierte er viel?"
,Sehr viel."
,Was denn?
,Hindostanische Sprache.
,Und was tatest du dabei?
,Zuerst habe ich Deutsch gelernt.
,Hat er dir Unterricht gegeben?
,Deutsch konnte er nicht.
,Hat er dich gar nichts gelehrt?
,Doch. Hindostanisch.
,Hindostanisch? Auch seine Schwestern?
,Nein, nur mich allein.
,Hast du ihn darum gebeten?
,Nein.
,Also gab er dir aus eigenem Interesse Unterricht?
,Ja.
,Aber was sollte dir Hindostanisch nützen?
aIch sollte mit ihm nach Indien gehen.
,Ah, da haben wir's. Du solltest seine Frau werden?
,Ja, er hielt um meine Hand an.
,Du, das ist eine Lüge -- du willst mich bloß ärgern.
,Pardon, es ist die volle Wahrheit. Er hat mir mehr als einmal einen Heiratsantrag gemacht.
,So? so? Geh fort von mir. Warum sitzst du eigentlich neben
mir!
,Weil ich mich hier wohl fühle.
,Nein, du fühlst dich nicht wohl bei mir. Dein Herz weilt bei
Herrn Rivers, bei dem Manne mit den blauen Augen und dem
griechischen Profil. D, bisher habe ich immer noch geglaubt - selbst
nach deiner Flucht- du gehörtest nur mir allein. Das war noch
der einzige süße Tropfen in meinem bittern Leidenskelche. So viele
heiße Tränen ich auch um dich geweint habe, niemals habe ich geglaubt, du könnest einen andern lieben. Doch was nützt das Jammern? Geh nur und heirate deinen St. John.
,Ich denke ja gar nicht dran. Wenn Sie mich nicht fortjagen,
von selbst geh ich nicht.
,O, Johanna, wie gern höre ich deine Stimme! Sie erweckt
immer wieder Hoffnung- sie klingt so ehrlich - so wahr. Wenn
ich sie höre, denke ich, es sei noch alles, wie vor einem Jahre. Ich
vergesse, daß du inzwischen neue Bande angeknüpft hast. Doch ich
bin kein Tor - geh -
,Wohin denn?
,Geh deinen Weg mit dem Gatten, den du dir erwählt hast."
,Und wer wäre das?
,Du fragst noch? St. John Rivers.
,Der wird nie mein Gatte werden. Er liebt mich ja nicht -
und ich liebe ihn auch nicht. Er hat mich nur heiraten wollen, weil
ich nach seiner Meinung sehr gut zur Missionarsfrau tauge. Er ist
gut und edel, aber kalt wie ein Eisberg. Ich könnte an seiner Seite
nicht glücklich werden; er ist nicht wie Sie, Herr Rochester. Keine
Spur von Zärtlichkeit. Und an mir fand er auch nichts weiter -
nur einige tüchtige, brauchbare Eigenschaften -'
Unwillkürlich überlief es mich kalt, und ich schmiegte mich fester
an meinen geliebten blinden Herrn.
,Ist das wahr? So stehst du mit St. John?
,So und nicht anders. Sie haben keinen Grund zur Eifersucht.
Ich wollte Sie ja nur ein bißchen necken, damit Sie Ihre Traurigkeit
vergäßen. Aerger ist heilsam gegen Kummer. Ach, könnten Sie nur
sehen, wie grenzenlos meine Liebe zu Ihnen ist, Sie würden stolz
und zufrieden sein. Mein Herz, meine Seele gehören Ihnen ganz
allein."
Er küßte mich. Doch wieder trübten sich seine Züge.
.O, daß ich dich jetzt nicht sehen kann, daß ich das Augenlicht
verloren habe! murmelte er.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu beruhigen. Er wandte den Kopf
zur Seite, und ich sah eine Träne aus den geschlossenen Lidern hervorrinnen und über seine gebräunte Wange rollen. Mein Herz
klopfte laut und heftig.
,Ich bin ja nur noch ein vom Blitz zerschmetterter Baum,
sagte er nach längerem Schweigen. ,Wie soll der von einer blühenden
Waldrebe verlangen, daß sie seinen Stumpf mit frischem Grün bedecke?
,Sie sind kein toter Baumstumpf - kein vom Blitz zerschmetterter Stamm, Herr Rochester, antwortete ich. ,Sie sind noch grün
und stark. Und wer sich an Sie lehnt und Sie umschlingt, dem werden
Sie noch festen Halt geben.
Er lächelte. Meine Worte waren ihm ein Trost.
Dennoch antwortete er in schwermütigem Tone:
,Aber wer soll sich an mich lehnen? Wer mich umschlingen?
Was ich brauche, ist eine Gattin.
,Wirklich, Herr Rochester?
,Ueberrascht dich das?
,Gewiß. Sie haben bisher noch nichts davon gesagt.
,Ist es dir unangenehm?
,Das hängt doch nur von der Wahl ab, die Sie treffen werden.
,Wählen sollst du für mich. Von deinem Entschluß will ich
mein Heil erwarten.
,So wählen Sie die, Herr Rochester, die Sie am meisten liebt.
,Jedenfalls werde ich die wählen, die ich am meisten liebe.
Johanna, willst du meine Gattin werden?
,Ja."
,Du willst mich heiraten? Einen armen Blinden, den du an
der Hand führen mußt?
,Ja."
,Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist als du?
,Ja.
,Wirklich und wahrhaftig?
,Wirklich und wahrhaftig!"
,Mein Liebling! Gott segne und belohne dich!"
,Herr Rochester, für alle guten Taten so ich welche in meinem
Leben getan habe - für alle guten Gedanken, die ich gedacht haben
kann - für alle innigen Gebete, die ich je gebetet habe - werde
ich jetzt belohnt. Ihre Gattin zu werden ist für mich das größte
Glück, das mir auf dieser Welt widerfahren kann!
,Weil es dich glücklich macht, Opfer zu bringen.
,Opfer? was opfere ich denn? Hunger und Durst gegen Speise
und Trank - Sehnsucht gegen Erfüllung. Daß es mir vergönnt
ist, den geliebten Mann ans Herz zu drücken - heißt das ein
Opfer bringen?
,Aber meine Gebrechlichkeit? mein schwacher Zustand?
,Für mich ist es keine Gebrechlichkeit und keine Schwäche. jetzt,
wo ich Ihnen wirklich nützlich sein kann, liebe ich Sie noch weit
mehr- wenn dies möglich ist -- als früher, da Sie noch stolz
und unabhängig vor mir standen und jede andere Rolle als die
des Gebers und Beschützers verschmähten.
,Ja, ja. Bisher war es mir verhaßt, mich führen zu lassen -
das ist nun anders geworden. Es war mir schrecklich, die Hand in
die einer gemieteten Person zu legen, aber es ist eine Wohltat, wenn
Hannchens feine Finger sie umschließen. Ich wollte lieber in völliger
Einsamkeit leben, als immer von Dienstboten umgeben sein; aber
Hannchens sanfte, geduldige Pflege wird eine immerwährende Freude
für mich sein. Hannchen ist mir sympathisch. Bin ich es dir auch?
,Bis in die zarteste Regung meines Wesens.
,Dann brauchen wir auf nichts mehr zu warten und können
gleich heiraten. Es darf kein Aufschub mehr sein. In drei Tagen
machen wir Hochzeit, Johanna. Du brauchst keine schönen Kleider
und Juwelen, das sehe ich ein. Alles das ist keinen Pfifferling
wert.
,Einstweilen aber wollen wir nach Hause gehen, es ist Mittagszeit, und Pilot macht sich schon allein auf den Heimweg. Wir wollen
durch den Wald gehen, dort ist es jetzt schattig.
Während wir gemächlich fürbaß schritten, hing er seinen Gedanken nach.
,Johanna, du hältst mich gewiß für einen ungläubigen Heiden;
aber in diesem Augenblick ist mein Herz voll Dankbarkeit gegen den
allmächtigen Gott. Er sieht klarer als wir Menschen, er urteilt
unendlich weiser als wir. Ich war im Unrecht. Ich wollte meine
reine Blume beflecken - da entriß der Allmächtige sie mir. In
meinem Grimm verwünschte ich diese Fügung. Ich trotte dem göttlichen Spruch, statt mich ihm zu unterwerfen. Aber Gottes Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Das Unglück warf mich fast darnieder,
der Tod sah mir ins Auge. Gott züchtigte mich, bis ich demütig ward.
Du weißt, wie stolz ich auf meine Kraft war. Was ist es nun damit?
Ohne die Hand eines andern bin ich nichts. Doch auch erst seit kurzem
erkannte ich Gottes Wort in meinem Zustande, erkannte ich mein
Unglück als gerechte Strafe. Nun fühlte ich Reue und wünschte mich
mit meinem Schöpfer auszusöhnen. Ich betete - nur kurz - doch
aufrichtig. Da - vor vier Tagen - am Abend des letzten Montags
--- ergriff mich eine seltsame Rührung. Die Wut wich von mir -
Schmerz und Kummer nahmen mich gefangen. Ich war seit langem
schon überzeugt, du müssest tot sein, da alles Suchen nach dir erfolglos
blieb. Spät an jenem Montagabend - es war zwischen elf und
zwölf Uhr wollte ich zur Ruhe gehen und betete vorher noch zu
Gott, mich bald von diesem Leben zu erlösen und mich in sein Reich
aufzunehmen, wo ich meine Johanna wiederzufinden hoffte. Ich saß
am offenen Fenster - die würzige, linde Nachtluft tat mir wohl.
Die Sterne konnte ich nicht erkennen, aber als einen Nebelfleck sah
ich den vollen Mond. O, Hannchen, ich sehnte mich nach dir. Ich
sehnte mich von ganzer Seele nach dir. Ich fragte Gott in Demut
und Angst, ob ich nicht lange genug einsam gewesen sei, ob ich nie
wieder Glück und Frieden finden solle, ob ich noch lange leiden müsse.
Und ich schrie zu ihm auf, daß ich es nicht mehr ertragen könne. Und
da brach plötzlich das A und O all meiner Qual und Sehnsucht von
meinen Lippen in dem einen lauten Schrei: ,Johanna! Johanna!
Johanna!
,Sie haben laut gerufen?
,Ja. Mit aller Gewalt meiner Stimme. Wenn es jemand
gehört hat, er muß mich für wahnsinnig gehalten haben.
,Und es war am vergangenen Montag - gegen Mitternacht?
aJa-- die Zeit hat nichts zu sagen - das Seltsamste war,
was danach nun geschah. Du hältst mich gewiß für abergläubisch -
nun ja, ich habe ein bißchen davon im Blute. Dennoch ist es wahr,
was ich jetzt erzähle. Als ich den Ruf: Johanna! Johanna! Johanna! getan hatte, antwortete eine Stimme, die ich kannte - doch
wußte ich nicht, von wannen sie kam. Der Wind trug mir die Worte
zu. ,Ich komme - warte auf mich! und gleich darauf erklang
es: ,Wo bist du? Es klang, als kämen die Worte aus einem
Tale, denn ein Berg schien sie widerzuhallen. Johanna, ich glaube,
in diesem Moment fanden unsere Seelen sich - unsere Seelen
tauschten Zwiesprache aus. Denn es war deine Stimme, Johanna,
so wahr ich lebe, es war deine Stimme.
Am Montag Abend - um die Mitternacht -- hatte auch ich
jenen seltsamen Ruf vernommen, auf den ich antwortete. Ich hörte
Herrn Rochesters Erzählung an, sagte aber nichts dazu. Das Zusammentreffen war mir zu unfaßbar, zu furchtbar, als daß ich darüber hätte sprechen können. Was hätte ich auch sagen sollen? Gs
hätte doch einen tiefen, schweren Eindruck auf das Gemüt meines
Zuhörers machen müssen; und sein Gemüt war nach allen seinen
Leiden schon an sich düster genug; es brauchte nicht noch der Schatten
darauf zu fallen, den das Uebernatürliche stets auf uns Menschen
wirft. Ich behielt mein Erlebnis für mich und sann allein darüber
nach.
,Nun wunderst du dich wohl auch nicht mehr, daß ich dich zuerst,
als ich dich wieder sprechen hörte, nur für eine Erscheinung, für ein
Gespenst hielt. Ich dachte, du würdest verschwinden, zerrinnen, wie
jenes mitternächtliche Flüstern und Bergesecho. Doch nun weiß ich
es besser und danke Gott von Herzen!"
Er nahm ehrerbietig den Hut vom Kopfe, senkte die Augen
und stand lange in stummer Andacht da. Nur die letzten Worte seines
Gebets sprach er laut:
,Und so danke ich dir, Gott, daß du in deiner Strafe Gnade
walten läßt. Gib mir Kraft, von nun an ein reineres, besseres Leben
zu führen als bisher
Dann gab er mir die Hand, daß ich ihn führe. Ich ergriff die
teure Hand und drückte sie an die Lippen. Wir schritten durch den
Wald - heimwärts.
28. Kapitel
Schluß.
Ich heiratete ihn. Wir hielten stille Hochzeit. Nur der Geistliche und der Küster waren anwesend. Als wir aus der Kirche zurückgekehrt waren, ging ich zu Marie, die in der Küche den Braten herrichtete. John putte die Messer.
,Marie,' sagte ich, ,ich bin eben mit dem gnädigen Herrn getraut worden.
Sie gehörten beide zu jener Sorte anständiger, schwerfälliger
Leute, denen man allzeit etwas Außergewöhnliches mitteilen kann,
ohne befürchten zu müssen, daß einem zuerst durch einen schrillen
Aufschrei das Trommelfell zerrissen und man nachher in einer Flut
von Worten des Erstaunens ertränkt würde. Marie sah auf und
starrte mich an. Der Braten wäre dabei fast angebrannt das war
das einzige Unglück, das meine Mitteilung hätte hervorrufen können.
John hielt im Polieren inne. Gleich darauf begoß Marie das Fleisch
wieder mit Butter und sagte nur:
,Ach, das ist aber hübsch.
Und nach einem Weilchen fügte sie hinzu:
,Ich sah wohl, daß Sie mit dem gnädigen Herrn ausgingen -
aber daß Sie zu einer Trauung gingen? Nein, das hätte ich mir
nicht träumen lassen.
Wieder zischte die Butter über den Braten hin.
John grinste mich vergnügt an.
,Ich hab's meiner Frau gleich gesagt, daß so was los wäre,
meinte er. ,Ich wußte, was Herr Eduard im Sinne hatte, und daß
er's nicht lange aufschieben würde. Na, es ist das Beste so, und ich
wünsche Ihnen viel Glück, Fräulein - oder vielmehr, gnädige
Frau - entschuldigen Sie!"
Dabei zupfte er ehrerbietig an seiner Stirnlocke.
‘Ich danke Ihnen, John. Und das hier hat mir Herr Rochester für Sie beide gegeben.
Daben drückte ich ihm ein Fünfpfundnote in die Hand.
Ich schrieb sogleich nach MoorHaus, benachrichtigte meine Verwandten von meiner Trauung und erklärte ihnen ausführlich die
Beweggründe, die mich dabei geleitet hatten. Diana und Mary
billigten meine Handlungsweise rückhaltlos, und die erstere schrieb,
sobald wir glücklich über den Honigmonat hinweg wären, wollten
sie uns besuchen.
Es wäre besser, sie warteten nicht so lange, sagte Herr Rochester. ,Denn der Honigmonat wird bei uns ewig währen.
Wie St. John, dem ich nach Indien schrieb, die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht. Er antwortete mir erst nach einem halben
Jahre, erwähnte in seinem Briefe aber nichts von Herrn Rochester
und nichts von meiner Heirat. Er sprach die Hoffnung aus, daß
ich glücklich sei, und die Zuversicht, daß ich nicht zu jenen Menschen
gehöre, die im Wohlleben ihres Gottes vergäßen und in irdischen
Wonnen Genüge fänden.
Die kleine Adele nahm ich wieder nach Hause. Sie war in dem
Institut mager und' blaß geworden. Ihre Freude, mich wiederzusehen, rührte mich aufs tiefste. Aber da ich mich doch vollauf meinem
Gatten widmen mußte, konnte ich nicht mehr ihre Lehrerin sein und
mußte sie schließlich doch wieder in die Schule schicken; aber ich fand
eine, wo sie besser aufgehoben war als in der Pension, in der sie
bisher gewesen. Sie machte gute Fortschritte, die kleinen Mängel,
die ihr stets angehaftet, verloren sich mit der Zeit, und als sie die
Schule verließ, war sie mir stets eine liebenswürdige und liebevolle
Gefährtin von sanftem Wesen, gutem Willen und festem Charakter.
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Nur noch ein paar
Worte über die Hauptpersonen!
Zehn Jahre bin ich nun verheiratet. Ich weiß, was es heißt,
ganz für den Mann zu leben, der einem das Liebste auf der Welt ist.
Ich bin sehr glücklich - glücklicher, als Worte ausdrücken können -
weil ich meinem Gatten ebenso wert und ebenso unentbehrlich bin,
wie er mir. Keine Frau stand ihrem Manne jemals näher als ich
dem meinen: ich bin Blut von seinem Blut, Fleisch von seinem
Fleisch. Seine Gesellschaft wird mir nie zur Last; er ist keine Stunde
ohne mich. Wir brauchen niemand weiter. Unsere gegenseitige Nähe
ersetzt uns die ganze Welt. Er besitzt mein volles Vertrauen, und
ich das seine. Wir ergänzen uns in vollkommenster Uebereinstimmung der Charaktere.
Zwei Jahre nach unserer Trauung war Herr Rochester noch
blind. Ich war sein Augenlicht - ja, ich war buchstäblich, wie er
mich nannte, sein Augapfel. Er sah durch mich - er las durch
mich. Und ich wurde niemals müde, ihm zu beschreiben, was ich
Schönes erblickte: die Landschaft, die Felder, die Stadt, Himmel,
Wolken und Sonne. Und ich wurde niemals müde, ihm vorzulesen
--- ihn zu führen, wohin er geführt sein wollte für ihn zu tun,
was er getan wünschte.
Es war ihm keine Demütigung, von mir all diese Dienstleistungen zu verlangen und anzunehmen. Er liebte mich so wahr,
daß er niemals zauderte, sich von mir helfen zu lassen; er fühlte,
daß ich ihn über alles liebte, daß es mein größtes Glück war, ihn
zu pflegen.
Am Ende dieser zwei Jahre schrieb ich eines Morgens einen
Brief, den er mir diktierte, er beugte sich über mich und fragte mich
plötzlich:
,Johanna, trägst du einen blitzenden Schmuck am Halse?
Ich trug in der Tat eine goldene Uhrkette.
,Hast du ein hellblaues Kleid an?
Auch das traf zu. Nun offenbarte er mir, daß er seit einiger
Zeit schon die Empfindung hätte, als ob der dunkle Schleier über
dem einen Auge sich lichtete. Wir reisten zu einem berühmten Augenarzt nach London, und Herr Rochester erlangte die Sehkraft des einen
Auges wieder. Wenn er es auch sehr schonen muß und weder viel
lesen noch viel schreiben darf, so wandert er doch nicht mehr in völliger
Nacht; die Wiese ist keine farblose Fläche mehr für ihn, der Himmel kein leerer Raum.
Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte, konnte
er erkennen, daß das Kind die gleichen dunkeln, großen, leuchtenden
Augen hatte, die einst ihm eigen waren.
Diana und Mary haben sich verheiratet und leben ebenfalls sehr
glücklich. Sie besuchen uns alljährlich, und auch wir reisen zu ihnen.
Dianas Mann ist Marinekapitän, ein tapferer Offizier und guter
Gatte. Marys Mann ist Geistlicher, ein Studienfreund ihres
Bruders. Er ist seiner vortrefflichen Gemahlin durchaus würdig.
St. John arbeitet in Indien. Noch heute wandelt er auf dem
Wege, den er sich vorgezeichnet. Ein unermüdlicherer, unerschrocknerer
Pionier des Glaubens hat nie in heidnischen Landen gepredigt. Fest
und treu arbeitet er für das Menschengeschlecht und für Gottes Wort.
Gleich einem Riesen überwindet er die Hindernisse, die das Heidentum und die Vorurteile der Andersgläubigen ihm in den Weg legen.
Er ist hart und streng - aber seine Härte, seine Strenge ist die des
Feldherrn, der seine Schar gegen wilde Horden in den Kampf führt.
Er ist noch unverheiratet und wird es bleiben. Seine eigne
Kraft hat zu seinem Werke ausgereicht, und nun geht sein Werk
dem Ende zu. Er steht vor dem Abschluß seiner Laufbahn, er sieht
seinem sichern Lohn entgegen, die Zuversicht auf die himmlische Krone
wird ihm den Tod leicht machen. Den nächsten Brief aus Indien
wird eine fremde Hand schreiben, der treue Diener Gottes wird dann
zu den ewigen Freuden seines Herrn einberufen sein. Weshalb
sollte ich darüber weinen? St. John braucht den Tod nicht zu
fürchten; freien Geistes, unerschrockenen Herzens, unerschütterlich
im Glauben, wird er sterben. Er ist allaugenblicklich bereit, zu
Christum einzugehen.
Ende.
Die Waise aus Lowood
Jane.
Erste Abteilung in einem Aufzug.
Personen.
Mistreß Sarah Reed, eine reiche Witwe.
John (15 Jahr alt), ihr Sohn.
Kapitän Henry Wytfield, ihr Bruder.
Dr. Blackhorst, Vorsteher einer Waisenstiftung.
Jane Eyre (16 Jahr alt), eine Waise.
Bessie, Bonne im Hause der Mistreß Reed.
Die Handlung spielt auf Gateshead, dem Gute der Mistreß Reed.
Rochester.
Zweite Abteilung.
Charaktergemälde in drei Aufzügen.
Personen.
Lord Rowland Rochester.
Lord Clawdon.
Lady Clawdon.
Francis Steenworth, Baronet.
Edward Harder, Esquire.
Mistreß Reed.
Lady Georgine Clarens, Witwe.
Kapitän Henry Wytfield.
Mistreß Judith Harleigh, Rochesters Verwandte.
Jane Eyre.
in Rochesters Hause.
Adele, ein Kind von acht Jahren
Gratia Poole
Sam, Diener
Patrik, Reitknecht
Die Handlung spielt acht Jahre nach der ersten Abteilung auf Thornfield-Hall, einem Gute Rochesters.
Erste Abteilung.
Jane
Ein Zimmer bei Mistreß Sarah Reed mit Bücherschränken und Statuen. Mittelthür. Seitenthüren rechts und links. Links ein hohes Fenster mit einem roten Damastvorhang, der zurückgeschlagen ist, davor ein
Stuhl. Rechts ein Kamin; über dem Kamin das lebensgroße Bild eines schönen stattlichen Mannes von einigen vierzig Jahren; davor ein Sofa, daneben ein Lehnstuhl und Tisch. Alles verrät Reichtum.
(Rechts und links vom Schauspieler.)
Die mit Klammern [] versehenen Stellen können bei der Aufführung wegfallen.
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (kommt, nachdem sie vorher den Kopf zur Thür hereingesteckt, von links, tritt auf den Zehen lauschend ein und sieht sich ringsum; dann huscht sie leicht durch das Zimmer und eilt auf den Kamin zu; ihr Gesicht ist bleich, lange dunkle Locken umwogen ihr Haupt, sie trägt ein ärmliches dunkles Kattunkleid, darauf eine schwarze Schürze mit einem gleichen Brustlätzchen, ein kleines weißes Tuch um Hals und Schultern geschlungen; sie bleibt vor dem Bilde stehen, faltet die Hände und sieht mit ernsten Blicken dazu auf. Nach einer Pause). Onkel Reed, mein guter Onkel Reed! Siehst du mich? -- Du lächelst, du siehst mich! Warum lächelst du? Nein, weine, weine! Sie sagen ja alle, daß
ich böse, verdorben, verloren, daß ich ein undankbares Kind sei, da muß es wohl so sein! -- Ach, warum hast du mich verlassen! Ich hatte dich so lieb, du hattest mich so lieb, sie aber hassen mich alle; muß ich denn dankbar sein für Haß? Drüben schmausen sie und freuen sich; gestern war Weihnacht, sie beschenken sich, sie schwimmen in Glück und Freude, deiner aber denken sie nicht, Onkel Reed – und (sie sinkt plötzlich auf die Knie) es ist dein Geburtstag heute; du hast ihnen alles gegeben, worin sie schwelgen, du bist's, der sie beschenkt noch aus dem Grabe herauf -- und sie denken deiner nicht! -- Ach Onkel, ich kann dir nichts bringen als meine Thränen, ich habe ja sonst nichts, es ist alles, was sie mir gelassen, nimm sie hin, ich weine aus Liebe, aus Dankbarkeit -- und sie sagen, ich sei undankbar! -- Glaubst du's, Onkel? Nein, nein, du glaubst es nicht!
Zweiter Auftritt.
Jane. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Gott steh' mir bei! Ich dachte mir's! Jane, was machst du, du trittst hier ein, wohin es dir verboten ist, den Fuß zu setzen! Nicht einen Augenblick darf man dich doch aus den Augen lassen! Was thust du?
Jane (ist bei ihrem Eintritt aufgesprungen, mit wildem Blick). Ich habe Onkel Reed Glück zu seinem Geburtstag gewünscht! Ich that es, Bessie, weil alle anderen es vergaßen!
Bessie (ergriffen und verlegen). Wie? Ist denn heute –
Jane. Der zweite Weihnachtsfeiertag – der nie vergessen wurde, als Onkel Reed noch lebte, um an diesem Tage das ganze Haus zu beschenken!
Bessie (verwirrt). Aber Jane, er ist ja schon fünf Jahre tot, wer kann sich das alles merken, es ist ja eine Ewigkeit!
Jane (bitter). Fünf Jahre! Jawohl, eine Ewigkeit! Welch glückliches Kind war ich! Ehe Onkel Reed starb, wußte ich nicht, daß gute Menschen sterben und arme Waisen so elend werden können!
Bessie. Du hattest ja aber doch Vater und Mutter verloren.
Jane (schüttelt traurig den Kopf). Die kannte ich nicht. Onkel Reeds Arme, die mich aufnahmen, waren so weich; als er lebte, wußte ich nicht, daß ich eine Waise sei! (In wildem Ausbruch.) Ach, Onkel Reed, wo bist du? Willst du mich denn nicht holen?
Bessie (ängstlich). Komm fort, Jane, du fällst wieder in den wilden Ton, der dir vom Fieber geblieben, an dem du im vorigen Jahre kranktest! (Sanft.) Du wirst wieder böse.
Jane. Warum schiltst du mich denn nicht mehr wie früher, Bessie, warum zerrst du mich denn nicht gewaltsam fort, warum schlägst du mich nicht? Mistreß Reed hat es dir doch befohlen!
Bessie (verlegen). Weil du kein Kind mehr, weil du ein erwachsenes Mädchen bist.
Jane. O nicht deshalb; ich bin erwachsen - und ein Kind an Hilflosigkeit, an Unwissenheit! Aber du wagst es nicht, weil du an eine Nacht denkst, wo ihr mich in Onkels Sterbezimmer eingeschlossen --- wo du mich für tot heruntertrugst. Du fürchtest dich wohl jetzt, mich umzubringen?
Bessie. Ich fürchte mich, dich bei Missis noch mehr verhaßt zu machen, als du es ohnedem schon selbst gethan, und -nun ja, ich halte es für Pflicht, dich zu schonen, weil deine Nerven - (sie stockt) komm jetzt fort, Jane, wenn man dich hier fände -
Jane (trotzig). Ich will nicht fort!
Bessie. Jane! (Bittend). Sei gut! Mache mir keinen Verdruß!
Jane (plötzlich an ihrem Hals). Ach, Bessie! Schilt mich nicht, mein Herz thut so weh!
Bessie. Seltsames Geschöpf, nun bist du mild, und erst --
Jane. Ich kann nicht dafür, Bessie! Du bist ja auch so oft böse mit mir -- und so selten lieb! Ich bitte dich, laß mich hier! Siehst du - auch heute denkt kein Mensch an die Bücher hier -- ich will auch Weihnachten haben, ich will ein Stündchen lesen! Ich habe so lange kein Buch in die Hand bekommen, Georgine hat mich überall ausgeschlossen! Laß mich lesen, Bessie, es ist meine einzige Freude!
Bessie (mit sich selbst kämpfend). Ich möchte dir's wohl gönnen -- aber wenn man dich sieht--
Jane (fliegt zu einem Schranke, nimmt rasch ein Buch heraus und sagt froh). Niemand, niemand wird mich sehen! Da ist's! Humes Geschichte Englands! (Sie kommt atemlos vor Freude zurück). Auf den ersten Griff hatte ich's, siehst du? O, ich habe mir den Platz gemerkt. (Sie eilt zum Fenster links, das ein sehr breites Gesims hat, welches in das Zimmer hineingeht, stellt rasch den Stuhl davor, läßt die Gardine vorfallen und springt leichtfüßig auf den Stuhl. Indem sie sich auf das Gesims setzt, strahlend vor Freude). Nun, Bessie, ziehe ich die Gardine um mich her, der helle Wintertag leuchtet so frisch durchs Fenster -- so findet mich niemand, und ich kann die Geschichte meines Vaterlandes studieren? (vergnügt) Nicht wahr, das geht? Etwas muß ich doch wissen, und sie läßt mich gar nichts mehr lernen, gar nichts!
Bessie. In Gottes Namen! In einer Stunde hole ich dich-- rühre dich nur nicht, denke an mich, wenn du nicht an dich denken willst! Du kennst Mistreß Reed!
Jane (zieht die Gardine so um sich, daß man sie nicht mehr gewahrt). Sei nur ruhig, ich will mich weniger rühren als eine Maus!
Bessie (für sich). Mag mich Missis schelten - ich kann's nicht über mich gewinnen, dem unglücklichen Geschöpf die einzige Feiertagsfreude, die ich ihr zu gewähren vermag, zu nehmen! (Sie will nach links abgehen).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. John, elegant gekleidet durch die Mitte.
John (rauh). Ah, Bessie? Was machst du hier? -- Bleib da. --
Bessie (erschrocken und verwirrt). Ich habe keine Zeit, junger Herr!
John (befehlend). Du sollst dableiben, ich will unterhalten sein. Onkel Wytfield, der aus Spanien gekommen ist, und Mama schwatzen so langweiliges Zeug; das hält kein vernünftiger Mensch aus; und dabei sitzt Georgine steif wie eine Puppe -- und zieht Gesichter, wenn ich sie mit Brot werfe, als wäre sie eine große Dame!
Bessie. Es schickt sich auch nicht, daß Sie die Schwester mit Brot werfen. Miß Georgine ist älter als Sie – Sie müssen ihr Respekt zeigen!
John (wirft sich auf das Sofa, streckt die Beine von sich und die Hände in die Taschen). Respekt? Ihr? -- Ich habe vor niemand Respekt -- nicht vor der Mama. Sie werden einmal alle bei mir das Gnadenbrot essen wie diese elende Jane Eyre jetzt das unsere! Wenn ich erst mündig bin und die Güter antrete, bin ich hier Herr -- und wer jetzt nicht pariert, wie ich es will, der soll nachher schon büßen! Merke
dir das, Bessie!
Bessie (trocken). Damit wird es noch Zeit haben!
John (springt auf). Du langweilst mich, Bessie -- du unterhältst mich nicht! -- Es ist schade, daß Mama dieser Jane verboten hat, den ersten Stock zu betreten --
Bessie (wie oben). Freilich! Sie haben nun niemand, an dem sie Ärger und Bosheit auslassen dürfen, nicht wahr? Pfui, schämen Sie sich, John, Sie haben damals das arme Geschöpf geschlagen, schickt sich das für Ihren Stand?
John. Ich schlug sie, weil ich sie hasse! Es ist schon lange her, aber ich denke noch immer mit Vergnügen daran, daß ich es that. Und die abscheuliche Katze kratzte und biß mich!
Bessie. Leider that sie es, aber sie war in Verzweiflung; Sie schlugen sie mit dem Hammer, und das Mädchen hatte keine Waffe als Nägel und Zähne, um sich zu wehren.
John. Sie sollte sich nicht wehren, wenn ich sie schlug; ich bin der Herr vom Hause -- und sie ist ein Bettelkind, das uns das Brot wegißt! (Die Augen fest auf den Vorhang links gerichtet). Was -- was ist denn dort? Sieh nur, die Gardine bewegt sich --
Bessie (erschrocken hinsehend). Wahrhaftig! Kommen Sie fort, junger Herr, es ist nicht geheuer.
John (triumphierend). Nicht geheuer? Dahinter steckt jemand -- ich wette, es ist die Katze --- (Er fliegt hin und schlägt die Gardine auf). Aha! Richtig! Was machst du hier, unverschämtes Geschöpf?
Bessie (für sich). O Gott! Ich dachte es!
Jane (sitzt wie vorher auf dem Gesims, die Füße auf dem Stuhl, beide Hände mit dem Buch auf den Knien; ihre Blicke sind unstät und wild, sie zittert an allen Gliedern und starrt John drohend an).
John (tritt etwas verblüfft zurück). Nun - was stierst du so? Kannst du nicht antworten? Was versteckst du dich hier, um die Leute zu ängstigen? Ich werfe dich herunter, wenn du nicht auf der Stelle Rechenschaft giebst, du Unke! (Er streckt die Hand aus, um sie zu ergreifen).
Jane (wie oben). Rühre mich nicht an, John! Vor einem Jahr war ich noch eine Katze und kratzte dich, weil ich mich nicht mit dem Hammer totschlagen lassen konnte, jetzt bin ich ein Mädchen!
John (lacht höhnisch). Da denkst du wohl, ich schlage dich nicht mehr? Das sollst du gleich --- (Er geht auf sie zu.)
Jane (mit funkelnden Augen, aber ohne Bewegung). Wenn du es thust, John, dann kratze ich dich nicht mehr -- sie springt hinab und steht mit einem Satz auf dem Bodens ich töte dich! Drum laß mich ruhig gehen!
John (sehr erschrocken zurück). Bah! Das läßt du wohl bleiben!
Jane (trocken). Wenn du mich nicht schlägst, gewiß!
Bessie (faßt sanft ihre Hand). Komm fort, Jane.
Jane (ohne das Auge von John zu wenden). Wenn er erst geht.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Mistreß Reed, eine hohe Frau von einigen vierzig Jahren, stolz, schroff, finster, in dunkler sehr eleganter und glänzender Kleidung, ihre Art ruhig, kalt würdevoll, kommt mit Henry Wytfield durch die Mitte.
Mistreß Reed. Was giebt es? (Sie erblickt Jane und wendet sich mit einem Blick voll Abscheu ab). Ha! Das Geschöpf hier? Wie untersteht sie sich --
John (auf sie zu). Mama, Jane hat sich heimlich hinter die Gardine versteckt und mir gedroht, mich zu töten, wenn ich ihr nahe komme.
Mistreß Reed (sich überwindend). Warum ließest du dich mit ihr ein? Es ist deine Schuld, du hast mein Verbot nicht geachtet. Zu Jane. Was machst du hier?
Jane (die von dem Augenblick, wo Mistreß Reed eintrat, in scheuem Entsetzen, zitternd und unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen dastand, leise). Ich las, Tante Reed.
Mistreß Reed (sich beherrschend, immer kalt und ernst). Ist dir nicht verboten, den ersten Stock zu betreten?
Jane. Ja.
Mistreß Reed. Nun? Wie konntest du es wagen, dich hier einzuschleichen, wo dich mein Wille verbannt?
Jane (immer bescheiden, aber Ernst). Georgine und John haben mir alle Bücher fortgenommen, auch die, welche durch Onkel Reeds Güte mein Eigentum waren. Man hat mich auf die Oberstube angewiesen, seit Georgine in den ersten Stock kam, dort ist es aber so kalt und öde. Ich sehnte mich so sehr nach einem guten Buche, und hier ist es warm und einsam.
Henry (schüttelt den Kopf, halblaut). Sarah! Laß sie!
Mistreß Reed (wirft ihm einen drohenden Blick zu, dann wie oben zu Jane). Du konntest mich um ein Buch bitten, dann hattest du nicht nötig, dich ungehorsam zu zeigen.
Jane (mit einem scharfen Blick sie fest ansehend). Ich kam auch nicht um des Buches willen allein--
Mistreß Reed (schroff). Weshalb kamst du also? Um zu erhorchen, was hier nebenan geschieht!
Jane (wie oben). Nein! Um Onkel Reed zu besuchen (sie zeigt nach rechts auf das Bild) und ihm ein Gebet zu weihen, da ich keine Blumen habe, um sein Bild zu seinem Geburtstage zu schmücken.
Mistreß Reed (fährt zusammen und beißt sich auf die Lippen, für sich). Natter!
Henry (sieht Mistreß Reed erstaunt an). Ja - wahrhaftig, der zweite Weihnachtsfeiertag! Das war zu meines Schwagers Lebzeiten ein großer Festtag hier im Hause! Daran dachte man heute nicht, wie es scheint!
John (aufgeblasen). Papa ist aber auch schon so lange tot, wer kann immer daran denken!
Mistreß Reed (herrisch) Schweig! Henry. Ich begreife, daß Jane Eyre diesen Tag nicht vergißt; ist es doch mein seliger Gatte allein, dessen Verzärtelung sie den Starrsinn, den Hochmut, den Trotz verdankt, welche sie zum Kobold dieses ruhigen Hauses machen. (Sie sieht sie finster an). Habe ich dir nicht verboten, die Haare gelockt zu tragen? Weißt du nicht, daß Georgine dies nicht duldet? Diese Frisur paßt nur für Töchter großer Häuser, wie meine Georgine, die zum Befehlen, nicht für solche, die zum Dienen bestimmt sind wie du. Antworte, warum thust du das?
Jane (führt wie träumend mit der Hand durch ihre Locken, sie langsam durch die Finger ziehend). Ich wußte nicht, daß ich eine ,Frisur' trage, ich thue es nicht, Tante Reed, das kommt so von selbst; dies widerspenstige Haar will nicht anders fallen; gewiß, ich kann nicht dafür.
Mistreß Reed. Dein Haar ist also das Sinnbild deines Charakters! -- Hast du John gedroht, ihn zu töten?
Jane (ruhig). Wenn er mich wieder schlagen würde, wie damals -- ja.
Mistreß Reed. Wirklich? So bitte ihn um Verzeihung!
Jane (sieht vor sich nieder, ohne sich zu rühren).
Mistreß Reed (sieht sie durchbohrend an). Wirst du nicht?
Jane (ruhig). Nein!
Mistreß Reed (mit funkelnden Augen). Du bittest nicht um Verzeihung?
Jane (wie oben). Wenn er erst mich bittet, ihm alle die Schmähungen, mit denen er “das Bettelkind” überhäuft, zu vergeben.
Mistreß Reed (zu Wytfield). Hörst du, Henry, hörst du? Zu Jane. Geh!
Jane (neigt das Haupt und will gehen).
Mistreß Reed. Lege erst das Buch ab.
Jane (kämpft schwer mit sich selbst, kehrt dann um und legt es mit schmerzlichem Ausdruck auf den Tisch).
Mistreß Reed. Du wirst hier nur noch einmal erscheinen, wenn ich dich rufen lasse -
Jane (sieht sie groß an).
Mistreß Reed. Geh! Befreie mich von dem Anblick eines undankbaren und bösen Geschöpfes.
Jane (geht mit gesenktem Haupt links ab)
John (triumphierend zu Bessie). Ha, das will ich schnell Georgine erzählen! Wie wird die sich freuen! (Er läuft durch die Mitte ab.
Bessie folgt ihm kopfschüttelnd).
Fünfter Auftritt.
Mistreß Reed. Henry Wytfleld.
Mistreß Reed (In voller ausbrechender Wut). Nun hast du sie gesehen und gehört, die Schlange, die den Frieden dieses Hauses gestört, seit sie es betrat! Begreifst du nun, was ich unter der Pflichterfüllung litt, die meines Gatten Härte mir auferlegte? Gott sei gepriesen, daß es nun zu Ende ist!
Henry. Ich war zu lange von hier entfernt, um alle Verhältnisse mit einem Blick zu durchschauen. Ich begreife nur, daß die Stellung dieser Waise in deinem Hause eine falsche, eine sehr traurige und das Resultat einer mangelhaften Erziehung ist, denn sie trägt schwer an deinem Hasse.
Mistreß Reed. Ja, ich hasse sie! Möglich, daß ich sie nicht zu erziehen verstand, möglich, daß ich es nicht wollte, ich weiß nur, daß dieses Geschöpf wie Schierling auf gesunder Weise hier zwischen uns aufwuchs, daß es meine Kinder verdarb, sie mißhandelte, meine Ruhe störte, und daß ich eine gewissenhafte Thörin war, bis jetzt diese Bürde getragen zu haben!ß Ich that das Unsäglichste, ich versuchte alles an ihr, um sie gefügig, gehorsam zu machen, allein sie ist unverbesserlich; sie haßt meine Kinder, trotzt meinem Willen, und muß fort; so nur kann Friede in mein Herz und Haus kommen, denn sie ist das Ebenbild ihrer Mutter, eigenwillig und verstockt wie diese es war.
Henry (kopfschüttelnd). Du hattest, wenn ich mich recht erinnere, schon gegen die Mutter einen heftigen Widerwillen.
Mistreß Reed. Hatte ich kein Recht dazu? Sie hat unseren Namen mit Schande bedeckt, lief mit einem armen Seeoffizier davon, verheiratete sich mit diesem Elenden, der ihr Vermögen vergeudete und sie nach wenig Jahren mit diesem Kinde als hilflose Witwe, als Bettlerin zurückließ! Was habe ich nicht damals schon erduldet, als sie eines Abends hier ankam und der schwache romantische Reed sie mit offenen Armen aufnahm! Ich mußte ihren Anblick ertragen, sie pflegen und warten, bis mich ihr Tod von dieser Marter erlöste! Ich atmtete auf, ich glaubte, der Kelch sei geleert, ich täuschte mich, das Bitterste war noch zurück - sie hatte ihm ihre Waise ans Herz gelegt! Du gingst eben damals nach Spanien, du weißt nicht, was mir auferlegt wurde! Reed war ein strenger eigenwilliger Mann, ich durfte ihn nicht ahnen lassen, wie sehr ich dieses kleine Geschöpf haßte, das seine ganze Liebe, seine ungeteilte Aufmerksamkeit besaß! – Abgöttisch hing er an dem Kinde, stundenlang konnte er sie auf den Knien halten, mit ihren schwarzen Locken tändeln und ihrem albernen Geschwätz lauschen. Es war, als hätte sie die Fähigkeit, seine eigenen Kind er zu lieben, gänzlich vernichtet, denn als alle drei am Scharlach erkrankten, saß er Tag und Nacht an Janes Bett, hatte nur für ihre Gefahr Augen, für ihre Klagen ein Ohr, und überließ unsere Kinder mir und dem Schicksal! Ich aber mußte es tragen und schweigen! Ja, noch als der Tod ihn plötzlich überraschte, waren seine letzten Gedanken bei diesem unheimlichen Wesen, denn er ließ mich schwören, sie nie zu verlassen, sie mit meinen Kindern in denselben Rechten zu erziehen -- (fast knirschend) in den Rechten meiner Kinder! Die Bettlerin! So hat er noch über sein Grab hinaus die Bürde auf meine Schultern gewälzt, die ich indes lange genug getragen habe, um es vor meinem Gewissen verantworten zu können, wenn ich sie jetzt abwerfe, damit ich nach vierzehn langen Jahren wieder frei atmen kann in meinem eigenen Hause!
Henry (erstaunt). Was hast du mit ihr vor?
Mistreß Reed. Ich schicke sie in die Lowoodstiftung; der Direktor, derselbe, welcher gestern hier ankam, ist damit einverstanden, und ich erwarte ihn jeden Augenblick, um sie ihm zu übergeben.
Henry. Die Lowoodstiftung? Ist das nicht ein Waisenhaus, eine Art Armenschule, die von milden Gaben existiert -- in sehr ungesunder Gegend, achtzig Meilen von hier?
Mistreß Reed (kalt). Ein Waisenhaus, allerdings. Die Gegend kenne ich nicht, doch weiß ich, daß junge Mädchen dort streng, einfach und in Gottesfurcht gelehrt und zur Arbeit und Demut angehalten werden. [Ich bezahle achtzehn Pfund Jahrgeld für sie und werde diese Summe für vier Jahre im voraus erlegen.] Dort wird Jane Eyre erzogen, wie es für ihre Zukunft nötig ist -- von dort aus kann sie eine Stelle als Dienerin oder Lehrerin suchen, je nachdem sie diese vier Jahre zu eigenem Wohl verwendet, und so
glaube ich ihr die größte Wohlthat zu erweisen und meiner Pflicht Genüge zu thun!
Henry. Jedenfalls thust du es zu spät, Sarah. [Vor wenig Jahren noch konnte sie sich in diesen furchtbaren Wechsel ihres Geschickes finden, sie konnte lernen, jetzt ist sie nicht mehr jung genug für ein solches Pensionat--] und mir scheint, du erfüllst auf diesem Wege das Versprechen nicht, das du deinem Gatten gabst – in einem Waisenhause wollte er sie sicher nicht erziehen lassen.
Mistreß Reed (bitter). O nein! Gewiß nicht! Das erste Pensionat Londons würde ihm für Jane Eyre zu gering erschienen sein, und hätte er Zeit gehabt zu testieren – er hätte sie wohl zum Nachteil seiner Kinder reichlich bedacht! Aber Gott ist gerecht und wollte es anders! (Sich rasch zu ihm wendend.) Wenn du übrigens, wie es scheint, mein Verfahren nicht billigst, so steht es bei dir, für Jane Eyres Zukunft zu sorgen, ich überlasse dir diese mit Freuden.
Henry. Du spottest bitter, Sarah! [Du weißt sehr wohl, daß du wenig hattest, als Thymoty Reed dich durch seine Hand zur reichen Frau machte, und daß ich im Kriegsdienst meine Stellung im Leben gründen mußte, denn ich hatte nicht viel mehr als du!] Meine Verhältnisse erlauben nicht wie die deinen, die Zukunft dieser Waise zu sichern!
Mistreß Reed (kalt). So wirst du sehr wohl daran thun, sie dem Schicksal zu überlassen, das ich als das Angemessenste für sie erachte. Die ganze Gegend kennt und lobt, was ich für dieses fremde Kind gethan, und ich glaube, dies Lob zu verdienen!
Henry (zuckt die Achseln). Wohl dir, wenn dein Gewissen es dir nicht anders sagt!
Mistreß Reed (will heftig antworten).
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Mistreß! Master Blackhorst bittet –
Mistreß Reed (belebt). Ah, willkommen! Rufe Jane Eyre.
Bessie. Ich habe James nach ihr hinauf geschickt, sie wird gleich da sein. (Sie geht, öffnet dle Mittelthür und geht hinter Blackhorst ab.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Blackhorst, ganz schwarz, in einer Art geistlichen Tracht, fünfzig Jahre alt, kommt durch die Mitte.
Blackhorst (unterthänig gegen Mistreß Reed, seine Züge hart und kalt). Mistreß haben erlaubt--?
Mistreß Reed (verwandelt, sobald er eintritt, ihr Gesicht; sie wird sanft, würdevoll und gütig). Sehr willkommen, mein ehrenwerter Herr! (Sie geht nach dem Sofa und zeigt auf den Stuhl daneben.)
Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet.
Blackhorst (setzt sich, Henry begrüßend). Zu gütig, Mistreß Reed.
Mistreß Reed (mit Salbung). Mit Sehnsucht kann ich wohl sagen, denn ich sehe in Ihnen das Werkzeug, welches der Allgütige gewählt, um Herzen, die ihm verloren gehen könnten, mit fester Hand zurückzuführen zu dem wahren Heil ihrer Seele!
Blackhorst (demütig, mit einem scharfen Blick.) Mit harter Hand sogar, Mistreß Reed, wo Härte Balsam ist, gewiß! Gott hat seinen demütigen Diener zu einem solchen Werkzeug erwählt -- und ich werde ihn preisen, wenn es mir gelingen sollte, das junge Lamm, welches sich, trotz Ihrer Wohlthaten, wie mir Ihre Briefe melden, so weit von der Herde verirrt, auf die rechte Bahn zurückzuführen!
Mistreß Reed (wie oben). Leider war ich Ihnen diese traurige Wahrheit schuldig, wenn ich es Ihnen möglich machen wollte, die Leitung dieses Kindes zum Besseren zu vollbringen.
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Jane von links durch die Seitenthür, bleibt an der Thür stehen.
Mistreß Reed (Jane erblickend, winkt ihr). Tritt näher, du sollst nicht sagen, daß ich hinter deinem Rücken sprach.
Jane (kommt staunend und ängstlich näher).
Mistreß Reed. Ich habe an Jane Eyre alles gethan, was Gott befiehlt, den Waisen zu erweisen. Sie lebte seit ihrem zweiten Jahre unter meinem Dach -- sie teilte alles mit meinen Kindern, sie wurde erzogen wie diese, doch der Same meines Wohlthuns fiel auf steinigen Boden, (mit einem schweren Seufzer) sie hat kein Herz! Sie ist undankbar, sie lügt -- und heuchelt! Ich habe an diesem Charakter vergebens alles versucht -- ich bin es ihrem künftigen Wohl schuldig, sie in strengere Hände, als die meinigen sind, zu geben!
Blackhorst. Es ist entsetzlich, was Mistreß Reed mir da sagen! Doch sein Sie ohne Sorge; ich habe schon manches starre Herz, manches böse Gemüt gebeugt! Mit Gottes Hilfe wird es auch hier gelingen -- obgleich es schon etwas spät ist, [diese junge Seele noch auf den Weg des Rechten zu führen!]
Mistreß Reed. Jane Eyre, du siehst den ehrenwerten Mann, in dessen Hände ich dein Schicksal von jetzt an lege. Du wirst in wenig Tagen nach der Lowoodstiftung reisen, wohin ich dich auf vier Jahre in Pension gegeben habe.
Jane (mit freudigem Schreck). Wie? Ich soll fort von hier?
Mistreß Reed. Du hörst es.
Jane. Sie schicken mich auf die Schule?
Blackhorst. Wo man böse Herzen Gott erkennen lehrt.
Jane, (mißt ihn mit einem ernsten Bick). Diesen Unterricht hat mein Onkel Reed übernommen, Sir-- ich erkenne und liebe Gott, der mir gnädig aus diesem Hause hilft! Sagen Sie mir lieber, was ich sonst noch bei Ihnen lernen werde, Sir.
Blackhorst (sehr verwundert). Wenn Sie Lust zum Lernen haben, sehr viel, Miß!
Jane. O, ich habe Lust, ich habe Fleiß, ich will alles lernen, alles, Sir, was mich selbständig -- was mich unabhängig von Wohlthaten macht, die wie Feuer auf meiner Seele brennen!
Blackhorst (streng). Nun, Miß, Sie sollen vor allem Demut lernen, denn nur ein demütiges Herz taugt in ein Waisenhaus wie das zu Lowood, das seine Existenz nur edlen Wohlthätern dankt.
Jane (erbebend). Waisenhaus? Sie schicken mich in ein Waisenhaus, Mistreß Reed?
Mistreß Reed (kalt). Es ist der Ort, wohin du gehörst, wo du so ausgebildet wirst, wie es deinen Aussichten in die Zukunft angemessen scheint.
Jane (das Haupt zu dem Bilde erhebend). Hörst du es, Onkel Reed? Dein Herzenskind, deine Jane verstößt man, ein Waisenhaus ist ihre Heimat! Sei es! Ich werde nicht mehr böse sein, wie sie mich hier nennen, denn wenn mich auch der Haß verfolgt und quält und peinigt - so wird es der Haß Fremder sein, nicht derer, welche mir Verwandten.
Blackhorst (faltet die Hände). Gerechter Gott! Welche Sprache eines Kindes vor seinen Wohlthätern!
Jane (zuckt zusammen). Wohlthätern ! -- Du hörst es, Onkel Reed!
Blackhorst. Erlauben Sie, Mistreß Reed, daß ich mich entferne! Ich sah und hörte genug, um zu bedauern, daß Sie sich nicht schon vor Jahren entschlossen, dieses Mädchen einer Stiftung zu übergeben. Sie waren zu schonend, Sie haben mir noch nicht einmal die ganze Wahrheit gesagt! (Er ist aufgestanden und will sich entfernen.)
Jane (deren Brust heftig arbeitet, tritt ihm entschlossen in den Weg; ihre Augen funkeln, ihre Lippen zittern, doch sind ihre Bewegungen ruhig und fast starr). Nein, Sir, sie hat Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt! Sie sollen sie von mir hören, Sie sollen mich kennen lernen, ehe ich Ihnen folge und diesem Hause auf immer den Rücken zuwende. [Ich würde sterben, wenn ich es nicht einmal aussprechen könnte, was seit Jahren in mir gärt, und hinter ihrem Rücken (auf Mistreß Reed) hätte ich es nie gethan.] -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich sei undankbar. Es ist nicht wahr! Ich vergesse eine Wohlthat nie, das kleinste Zeichen von Güte ist in mein Herz begraben für immer. (Zu dem Bild gewendet.) Du weißt es, Onkel Reed! -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich lüge und sei eine Heuchlerin! Das ist nicht wahr! Wenn ich lügen könnte, so würde ich sagen: ich liebe Mistreß Reed, sie hat mir Gutes gethan, sie war mir wie eine Mutter; wenn ich heucheln könnte, so würde ich jetzt vor Ihnen weinen und klagen, daß ich aus diesem Hause verstoßen bin, denn ich weiß, dies würde mir Vorteil bei Ihnen bringen! Aber ich sage Ihnen -- ich verabscheue nichts auf der Welt so sehr wie diese Frau, deren Blicke Dolche, deren Worte Stacheln für mich waren, seit ich zu denken und zu fühlen begann; ich juble darüber, dieses Haus zu verlassen, diese Frau und ihre bösen Kinder nicht mehr sehen zu müssen, und welche Zukunft mir auch bestimmt sei, ich werde nie zu ihr zurückkehren und sie nie wieder “Tante” nennen, und wenn ich alles Glück der Welt mit diesem einen Wort erkaufen könnte! (Sich plötzlich ganz zu Mistreß Reed wendend.) Denn Sie haben mich seit fünf Jahren mit kalter elender Grausamkeit behandelt -- mich, die Ihnen nichts zuleid gethan hat, als daß sie Gott erschuf!
Mistreß Reed (überwältigt von Staunen und Schreck). Wie kannst du wagen, mir das zu sagen, vor diesem fremden Herrn!
Jane (leidenschaftlich, bis fast zu Thränen). Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed! Wie ich es wagen kann? Weil es Wahrheit ist, was ich sage! Sie glauben, mein Herz sei von Stein, es bedürfe keiner Liebe, aber ich bedarf Liebe, ich war Liebe gewohnt -- ein klein wenig Liebe hätte mich gut gemacht, für ein klein wenig Liebe hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe! Aber Sie kennen kein Mitleid, Sie wissen nichts von Erbarmen! In meiner Todesstunde noch werde ich des Abends vor einem Jahre gedenken, als mich Ihr böser Sohn ohne Grund und Ursache mit dem Hammer niedergeschlagen hatte, als ich mich blutend und verzweifelnd zur Wehr setzte, und Sie mich deshalb nach dem Saale schleppen ließen, wo einst Onkel Reeds Leiche ausgestellt war, wo Bessie sagt, daß sein Geist klagend wandle -- als Sie mich dort im Finstern durch eine lange fürchterliche Nacht eingeschlossen schmachten ließen, obgleich ich vor Jammer fast erstickend flehte: “Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Tante Reed, haben Sie Mitleid!” -- O ich will es aller Welt erzählen, was Ihr Mitleid, Ihr Erbarmen ist! Sie ließen mich dort verzweifeln -- es kümmerte Sie nicht, daß der Arzt nachher sagte: Sie hätten mich zerstört fürs ganze Leben! -- Wenn ich böse geworden, bin ich es durch Sie! Sie sind, was Sie mich nennen: eine Heuchlerin -- ja, Sie sind mehr, Sie sind eine Meineidige –
Mistreß Reed (unfähig sich länger zu halten, entsetzt). Jane!
Jane (außer sich, ohne sich unterbrechen zu lassen). Eine meineidige an den Toten-- denn Sie haben in meinem Beisein in die kalten Hände meines sterbenden Onkels geschworen, mich zu halten wie Ihre eignen Kinder, mir gleiche Rechte, gleiche Liebe zu gewähren, mich nie zu verlassen, und Sie haben mich mit Haß erzogen, haben mich verbannt aus den Zimmern, die Sie und Ihre Kinder bewohnen, haben mir die Lehrer Ihrer Kinder versagt, damit ich unwissend bleiben sollte -- und heute stoßen Sie mich in ein Waisenhaus, da ich schon zu alt zum Lernen und zu jung bin, um meinem Schicksal allein überlassen werden zu dürfen! So haben Sie Ihren Eid erfüllt -- und wenn Sie ihn (sie zeigt auf das Bild) in jenem Leben wiederfinden, und er Sie fragen wird: “Was hast du mit der Waise meiner Schwester gemacht und was ist aus deinem Eid geworden?” so sagen Sie ihm: “Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen!”' (Zu Blackhorst.) Nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie gut machen können, was der Haß an mir verdarb! (Sie eilt durch die Mitte ab
Mistreß Reed (sinkt zitternd in das Sofa und verhüllt ihr Gesicht).
Blackhorst (stand sehr verlegen und folgt Jane).
Henry (zu Mistreß Reed tretend, zuckt die Achseln).
Der Vorhang fällt rasch.
Zweite Abteilung.
Rochester.
Erfter Aufzug.
Salon auf Thornfield-Hall in düsterer Pracht aus den letzten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts. Im Rokokostil möbliert, sodaß die Möbel moderner erscheinen als der Saal. Die Mittelthür der allgemeine Eingang, die Thür zur Rechten führt zu Rochesters Zimmern, die zur Linken in die Bibliothek. Rechts vorn ein Fenster. Links vorn ein großartiger Kamin, über demselben das Wappen der Rochester in Marmor ausgehauen; auf dem Sims des Kamins zwei silberne Armleuchter mit brennenden Lichtern und mehrere Vasen mit Blumen; im Kamin brennt ein starkes Feuer; dicht am Kamin eine Chaiselongue; daneben ein kleiner Marmortisch. Rechts der gleiche Tisch, daneben zwei Lehnstühle. Im Hintergrunde rechts von der Mittelthür ein servierter Theetisch mit silberner Theemaschine und silbernem Gerät, links von derselben Thür ein Stuhl.
Auf den beiden Tischchen stehen gleichfalls brennende Lichter.
(Rechts und links immer vom Schauspieler.)
Erster Auftritt.
Sam. Mistreß Judith Harleigh.
Sam (ein Mann von einigen fünfzig Jahren, hat eben die letzte Blumenvase auf den Tisch gesetzt). So! Hier wäre alles in Ordnung! Ich denke, er könnte zufrieden sein, wenn er heute wirklich noch zum Thee herüber kommt.
Judith (die ordnend an dem Theetisch stand). Warum sollte er nicht?
Sam. Er kam ja in fürchterlicher Laune an und ging nach seinem Zimmer, ohne nach elfmonatlicher Abwesenheit einen Menschen zu begrüßen als Gratia Pool, mit der er sich einschloß.
Judith (ruhig, setzt sich auf den Lehnstuhl rechts). Dafür ist er der Herr! Seine Laune geht niemand an, und warum er zuerst mit Gratia Pool spricht, wißt Ihr.
Sam (gewichtig). Wohl weiß ich es, und ich denke, ich bin dem Lord ein treuer verschwiegener Diener!
Judith. Gewiß. Das seid ihr, Sam. Aber er hat ja selbst mir, seiner Verwandten, noch keine Silbe gegönnt! Das kümmert mich nicht, er ist einmal der Herr!
Sam (ärgerlich). Und so mir nichts dir nichts ins Schloß hereinzufallen, ohne nur ein Wort zu schreiben!
Judith. Er treibt es ja immer so, seit er aus Indien zurückkam; was habt Ihr nur, Sam, daß Ihr heute so besonders verdrießlich seid?
Sam (brummend). Ach, Sie wissen es, Mistreß Harleigh, warum fragen Sie? Früher war Ihnen meine Frau, die gute Lea, alles, aber seit diese bleichsüchtige hochnäsige Miß Eyre auf Thornfield-Hall einzog, sind wir hintenangesetzt.
Judith (lächelnd und immer lebhafter werdend?) Ihr seid alte Thoren, Ihr und Lea! Ist die Erscheinung dieses Mädchens nicht ein glückliches Ereignis, für das wir alle dankbar sein müssen? [Mit Ausnahme der wenigen Wochen, die Lord Rochester zuweilen hier zubringt, seit er sein Erbe antrat, saßen wir einsam in diesem unheimlichen Schloß wie auf einer wüsten Insel; sind wir einsam, seit dies wackre Mädchen mit ihren klugen Augen alles hier belebt? Hat sie uns nicht von der Plage erlöst, welche uns diese kleine Adele bereitete, die der Lord aus Frankreich mitbrachte? In drei Monaten ist sie Herr dieses verzogenen Kobolds geworden, den zwei Jahre lang kein Mensch, selbst der Lord nicht, zu bändigen wußte. Sie ist stets gefällig, stets zufrieden, niemals zeigt sie müßige Neugier und das - ist viel wert, Sam! Ich weiß, was ich mit der gefährlichen Neugier der früheren Gouvernante ausstand, bis ich sie endlich aus dem Schlosse hatte! Darum danke ich täglich Gott, der uns dieses gute Mädchen schickte! Versteht Ihr?
Sam (faltet die Hände). Gott behüte, Mistreß Harleigh, kommen Sie zu Atem! (Giftig.) Ich wünsche nur, daß der Lord auch einen solchen Schatz in ihr entdeckt, ihre Herrlichkeit dürfte sonst nicht lange hier dauern.
Judith. Ich will hoffen, daß er mir Jane Eyre hoch in Ehren hält, denn wenn sie uns auch verläßt, so kann er seine kleine Französin erziehen lassen, wo er will, ich bringe keine Gouvernante mehr ins Schloß!
Sam (lauernd). Wissen Sie nicht, Mistreß, wo er das Kind aufgelesen, und wem es gehört?
Judith (trocken). Nein! Habe nie danach gefragt, geht uns auch nichts an.
(Man hört von rechts einen langgezogenen Glockenton, der nicht ganz nahe sein darf.)
Sam (fährt zusammen). Der Herr!
Judith (horchend). Nur einmal, das geht den Kammerdiener an.
(Ein zweiter Glockenzug.)
Judith. Nein, es gilt Euch -- rasch Sam!
Sam (eilt durch die Seitenthür rechts ab).
Zweiter Auftritt.
Judith allein.
Judith. Ehe er nicht dreimal klingelt, geht es mich nicht an, und er kommt wohl heute nicht mehr herüber! Aber wenn es ihm doch einfiele, wenn er die neue Erzieherin sehen wollte, und Jane ist noch nicht da! [Warum mußte ich auch den Postboten von Millcote heute versäumen! Nun hat sich das wackre Mädchen erboten, meinen Brief an die Base selbst nach Hay-Lane zur Post zu tragen. Hätte ich es doch nicht angenommen!] Es ist schon stockfinster! (hin und her gehend). Wem konnte aber auch einfallen, daß der Lord grade heute, wie vom Himmel geschneit, ankommen würde! Und das arme Kind hat
einen Weg von zwei Stunden zu machen. Wenn ihr nur nichts zugestoßen ist!
Dritter Auftritt.
Die Vorige. Jane steckt den Kopf durch die Mittelthür. Sie trägt ein kornblumenblaues Tibetkleid bis zum Hals geschlossen, ein feines weißes Spitzenkrägelchen und gleiche Manschetten an der Handwurzel. Das Haar einfach gescheitelt. Auf dem Hinterkopf ein zierliches Kantenhäubchen mit weißem Band. Ihr Gesicht ist etwas mehr gerötet als im Vorspiel, aber nur leicht, ihre Haltung aufrechter, auch ist es nötig, daß die Darstellerin sich durch die Schuhe größer macht, als sie früher war. Ihre Miene spricht ernste Zufriedenheit, ohne Heiterkeit, aus.
Jane. Ei! Hier muß man Mistreß suchen?
Judith. Ah, da sind Sie! Gott sei Dank! Kommen Sie geschwind! Wo blieben Sie? Ich war so in Angst!
Jane (freundlich auf Judith zugehend). Ihr Brief ist bestens besorgt, Mistreß Harleigh. Ich ging nur nach meinem Zimmer, um Hut und Mantel abzulegen, [suchte Sie vergebens in dem Ihrigen und erfuhr von Lea, die mir auf dem Korridor eiligst vorüberlief, daß ich Sie hier fände.] (Mit großen Augen umhersehend.) Aber wie hell ist es hier, und wie warm, wie wohnlich! Gar Blumen auf dem Kamin? Was bedeuten denn diese großen Anstalten, Mistreß Harleigh?
Judith. Sie bedeuten, daß während Ihrer Abwesenheit ganz plötzlich unser Herr angekommen ist.
Jane (ohne Schrecken). Lord Rochester? In der That? Wußten Sie denn –
Judith. Niemand wußte, er treibt es immer so.
Jane (ruhig). Ach welch ein ereignisvoller Tag! Ich dachte schon, alle Abenteuer wären überstanden, und nun kommt erst die Hauptsache.
Judith (neugierig). Abenteuer? Wieso? Hatten Sie--?
Jane (lächelnd). Wohl hatte ich das seltsamste Abenteuer! Die Luft war diesen Nachmittag so frisch, der Schnee knisterte unter meinen Füßen, der lange Spaziergang that mir wohl, ich lief rasch und ward ein bißchen müde. Auf dem Hügel, eine halbe Stunde vor Hay-Lane, setzte ich mich auf die Steinbank, sah in die prächtige Winterlandschaft hinaus und dachte dabei: daß unser Herr doch sehr reich sein müßte, denn Sie sagten mir einmal: alles Land, was ich von dort übersehen könne, sei sein eigen! Plötzlich höre ich den Berg herauf Hufschlag, und zugleich beschnobbert ein ungeheurer Neufundländer meine Füße und glotzt mich mit feurigen Augen drohend an; ich erschrecke, springe rasch auf, und in demselben Augenblick sprengt ein Reiter an, dessen Pferd sich bei meinem Augenblick bäumt, überschlägt und seinen Herrn unter sich begräbt!
Judith. Großer Gott!
Jane. Ich höre einen wilden Schrei, dann einen derben Fluch, und als ich entsetzt herzu eile, ruft mich eine tiefe, klangvolle Stimme, wie eine Feuerglocke dröhnend, an: “Wenn Sie keine böse Fee sind und mein Pferd nicht fürchten, so reichen Sie mir die Hand, daß ich unter dem tollen Tier hervorkomme!” Ich fürchtete mich wohl ein wenig, obgleich nicht allzuviel, aber ich wollte mutig sein, und da ging es. Ich brachte ihn glücklich in die Höhe. Kaum war er auf, faßte er mit gewaltiger Hand den Zügel und rief: “Auf, Mesrour, auf!”
Judith (erschrocken). Mesrour nannte er das Tier?
Jane. Gewiß, und es verstand den Ruf, denn es machte eine kräftige Anstrengung und stand plötzlich, sich schauernd, auf den Füßen. Das erste, was der rohe Mensch that, war, dem schönen Pferde einen Streich zu versetzen, daß es hoch aufsprang. “Strafe muß sein,” sagte er kaltblütig, “warum hast du mich abgeworfen?”
Judith (zitternd). Nun -- und was geschah dann ?
Jane. Dann wollte er es besteigen, aber er hatte sich den Fuß verrenkt und schien zu leiden. Ich fragte: “Herr, kann ich nichts für Sie thun? Ich möchte Ihnen gern helfen. Er sah mich aus schwarzen Augen mit einem Blick an, scharf und tief genug, um mir ins Mark zu dringen, so seltsam, halb gut, halb verächtlich. Dann sagte er trocken: “So leihen Sie mir Ihre Schulter, schwankes Rohr, wenn Sie nicht unter meiner Last zu brechen fürchten!” Ich lächelte und hielt ihm die Schulter hin, mich recht fest auf die Füße stellend, und das war nötig, denn er legte eine Hand schwer wie Blei auf meine Achsel, stützte sich darauf und mit einem Ruck war er im Sattel. Ohne zu danken, fuhr er dahin wie der Sturmwind über die Haide; der Hund in tollen Sätzen vor ihm her! (humoristisch). War das nicht ein frisches echtes Winterabenteuer?
Judith. Armes Kind! Wissen Sie, wer der Reiter war? Lord Rochester -- kein anderer!
Jane (erschrocken). Unser Herr! Zu Pferde?
Judith. Ja, sehen Sie, das ist so eine seiner Sonderlingslaunen! Stets läßt er den Reisewagen in irgend einer Stadt zurück, hierher kommt er nie anders als zu Pferde, und wir wissen nie, wann noch woher. Heute, scheint's, ist ihm der Ritt schlecht bekommen.
Jane (in trübem Sinnen). O weh! Das ist eine böse Empfehlung!
Judith. Nun verstehe ich erst, warum er sich sogleich auf sein Zimmer zurückzog; gewiß hat er Schmerzen, und er liebt es nicht, daß man ihn leidend sieht, es ist so eine seiner Eigenheiten!
Jane (aufmerksam). Eigenheiten? Sie sagten mir doch, als ich Sie frug, wie ich ihn zu behandeln hätte, er habe keine?
Judith (verlegen). Ja, das heißt -- ich meinte -- er sei gut zu behandeln, wenn man ihn sich selbst überließe, aber er hat denn auch so seine besondere Art, wie jeder Mensch.
Jane (sinnend). Höflich ist der Lord jedenfalls nicht, davon zeugt schon diese kleine Probe.
Judith (mit Überwindung, ihr ganz nahe tretend) Kind, ich habe Ihnen nie darüber gesprochen, ich liebe das Schwatzen nicht. Aber jetzt -- da es nötig, muß ich reden, denn ich habe Sie zu lieb, um nicht herzlich zu wünschen, daß Sie dem Herrn guten Eindruck machen! Lord Rochester ist der jüngere Sohn des Hauses und war arm, indes sein Bruder Herr des großen Erbes werden sollte. Sie hatten sich ziemlich vertragen, bis ein geheimnisvoller Vorgang zwischen den sie in Zwiespalt stürzte. Was vorgegangen, weiß ich nicht, denn ich lebte damals noch auf einem alten Jagdschloß der Familie, ich weiß nur, daß der alte Lord sich gezwungen, um die Brüder für immer zu trennen, unseren jetzigen Herrn nach Westindien zu schicken; dort lebte er fast vergessen, vor einigen Jahren, wo sein Bruder plötzlich starb, und ihm die Erbschaft zufiel. Da er nun sein halbes Leben in der Fremde zubrachte, und Spanisch Town in Jamaika bekanntlich eben keine Hochschule für feine Lebensart genannt werden kann, so ist der Herr etwas -- kurz angebunden und --- ungeniert geworden, das ist alles. Im übrigen ist Lord Rochester ein echter Gentleman an Herz und Gesinnung, und seit er hier Herr ist, ein Vater der Armen und Bedrängten in der ganzen Grafschaft! (Geheimnisvoll sich umsehend.) Nur eines wollte ich Ihnen noch raten, Kind! Sie erzählten mir neulich, daß Sie ein seltsames Lachen im Schloß gehört ---
Jane (zusammenzuckend). Ja, ein seltsames --- ein grausiges gespenstiges Lachen, Mistreß, das durch die Stille der Nacht aus dem dritten Stock des Turmes herab bis in mein Zimmer drang und mir das Blut starren machte!
Judith. Nun, Sie wissen jetzt, daß es von der armen Gratia Poole kam, dieser treuen Dienerin, die oft solchen Anfällen unterworfen ist.
Jane (sie fest ansehend). Ja, das sagten Sie mir; auch daß ihr befohlen ist, ihr Zimmer im dritten Stock des Abends nie zu verlassen, und doch begegnete ich ihr soeben auf der Treppe, und als ich die Galerie heraufging, hörte ich dieses entsetzliche Lachen wieder!
Judith (erschrocken). Wie? (Sich fassend). Ah, richtig --- Gratia Poole war ja drüben bei ihm.
Jane (sehr aufmerksam). Bei ihm, bei dem Lord?
Judith (verwirrt). Ich weiß nicht -- ich glaube. Aber – nehmen Sie sich in acht, Kind, sprechen Sie vor dem Herrn nie von diesem Vorfall und beachten Sie Gratia Poole gar nicht – (gutmütig) es ist zu Ihrem Besten, was ich Ihnen rate.
Jane. Ich danke Ihnen, Mistreß Harleigh, ich werde gehen.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Gratia kommt aus der Seitenthür rechts. Eine ältliche Frau; sie trägt ein dunkles Wollenkleid, darüber eine weiße Schürze, ein zierliches aber einfaches weißes Tüchelchen über dem Kleide. Das Haar schlicht gescheitelt, darauf eine einfache weiße Mütze, die das Gesicht umschließt. Ihre Miene ist ernst und einfach, ihre Haltung fest und gerade ihr Ton männlich, sie macht keine Bewegungen.
Jane (leise zu Judith). Da ist das Weib!
Gratia. Mistreß Harleigh, der Herr wird hier den Thee nehmen.
Judith (froh). Gottlob! Wer ist jetzt bei ihm?
Gratia. Adele und der Doktor [Speenley], den Lea gerufen, er hatte einen Unfall.
Judith (mit einem bedeutsamen Blick auf Jane). Mein Himmel, ist das so schlimm?
Gratia (trocken). Weiß nicht, er klagt ja nie. Haben Sie alles in Bereitschaft gesetzt für die Nacht?
Judith. Steht alles unten.
Gratia. Der Herr will die neue Erzieherin beim Thee sehen. (Sie geht).
Judith. Gut! -- Gratia!
Gratia (bleibt stehen). Was?
Judith (mit Bedeutung). Zu viel Lärm, zu viel Lärm! Haltet mehr Ruhe, Gratia!
Gratia (kalt). Ich werde Ruhe halten. (Ab durch die Mitte.)
Fünfter Auftritt.
Jane. Judith.
Jane (die Gratia nicht aus den Augen ließ, für sich). Seltsam!
Judith (geschäftig). Es ist ein gutes Zeichen, daß er herüberkommt -- das Übel muß nicht so schlimm sein! Horch, ist das nicht Adelens Stimme?
Jane. Mein Gott, hat sie denn die Bonne noch nicht zu Bette gebracht?
Judith. O, wenn der Lord hier ist, bringt sie kein Mensch zum Schlafen! (Erschrocken). Ha! Ich glaube, das ist sein schwerer Gang -- er kommt jetzt schon? (Sie geht nach der Thür rechts, horcht, geht dann zu dem Theetisch und entzündet die Flamme unter der Maschine.)
Jane (für sich). Mein Herz klopft! Ich habe ihm Unglück gebracht bei dem ersten Blick; er müßte ein seltener Charakter sein, um mich ohne Vorurteil wiederzusehen! (Sie zieht nach dem Hintergrunde zurück.)
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Adele, ein Kind von höchstens acht Jahren, graziös aber einfach gekleidet, lebhaft, fröhlich, ganz Französin, kommt von rechts mit Rowland, einem Mann von vierzig Jahren; sein Gesicht kräftig, seine Stirn: ernst, fast finster, starkes, dunkles Haar, ein schwarzer leicht gekräuselter Bart. Er trägt einen dunklen modernen Sammetpelz, mit Zobel verziert, darunter einfache moderne Kleidung, auf dem Kopf eine rote moderne Sammetmütze mit Gold. Seine Art zu sprechen kurz, tief,
herrisch; sein Ausdruck hat zuweilen etwas Wildes, was aber rasch vorübergeht. Als er eintritt, ist sein Kopf etwas gesenkt, er sieht weder Jane noch Judith an. Hinter ihm
Sam.
Adele. Ah, siehst du, mein Freund, das ist meine gute Miß Jane. (Sie will auf Jane zu).
Rowland (gebieterisch zu Adele). Schon gut, Adele, sei ruhig! (Er geht etwas hinkend über die Bühne nach der Chaiselongue.) Sam!
Sam (rasch). Zu Befehl, Mylord!
Rowland (auf die Chaiselongue zeigend). Rückt mir das näher zum Feuer. In diesem alten Dohlennest schützt nicht Pelz noch Flamme vor Frost! (Er beißt sich auf die Lippen und fährt unwillkürlich nach dem Knie.) Hölle! -- Sam, Eueren Arm!
Sam (springt hinzu). Mylord!
Rowland (sich auf ihn stüzend, geht bis zur Chaiselongue und läßt sich mühsam nieder). Es ist gut! Rückt mir den Tisch her!
Sam (rückt ihm rasch das Marmortischchen zu Häupten der Chaiselongue).
Rowland (stützt den Arm auf das Tischchen und legt den Kopf auf die Hand). Gut! Geh!
Sam (im Vorbeigehen leise zu Judith, spöttisch). Nun kommt Ihr Kleinod an die Reihe. Wünsche Glück! (Ab durch die Mitte.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen ohne Sam.
Rowland (sitzt in Gedanken).
Adele (vor ihm auf den Knien kauernd, streichelt seine herabhängende Hand). Bist du böse, Rowland?
Rowland (kurz). Nein!
Adele (schmeichelnd). Hast du mir auch etwas mitgebracht?
Rowland (kurz). Wollen sehen, ob du es verdienst.
Adele (aufspringend, klatscht in die Hände). O, ich habe viel verdient, gewiß! (zu
Jane laufend.) Nicht wahr, Miß?
Jane (legt ihr die Hand auf den Mund und neigt sich leise flüsternd zu ihr herab).
Rowland (wirft einen halben Blick auf Jane, als erwarte er eine Antwort. Nach einer kleinen Pause, da Jane sich nicht rührt, wendet er den Kopf zu Judith, trocken). Guten Abend, Base Judith!
Judith (ebenso trocken). Gott grüße Sie, Lord Rochester! (Sich etwas nähernd). Sie haben einen Unfall gehabt?
Rowland. Wie immer, wenn ich diesen Mauern zu nahe komme.
Judith. Wie kam's?
Rowland. Eine verwünschte häßliche Hexe hat mir Mesrour scheu gemacht.
Jane (für sich, humoristisch). O weh, wie aufrichtig!
Judith (sehr ängstlich und verlegen). Das that sie gewiß nicht mit Willen.
Rowland. Gleichviel! (Er bewegt sich, den Schmerz verbeißend). Die Wirkung ist dieselbe. (Abwehrend.) Thee!
Adele (springt hinzu). Mir, mir! Ich darf ihm die Tasse bringen! (Sie hüpft um Judith her.)
Judith. Nichts da, du wirst sie wieder verschütten, ich kenne deine Sprünge schon. Miß Eyre, bitte! (Sie zeigt auf Rowland und giebt ihr die Tasse, ihr etwas zuflüsternd; später giebt sie Adele Thee.)
Adele (setzt sich auf einen der Stühle im Hintergrund und trinkt).
Rowland (für sich). Zudringlich scheint diese neue Gouvernante nicht. Entweder ist sie sehr schüchtern oder sehr klug.
Jane (setzt die Tasse auf einen silbernen Präsentierteller und kommt bescheiden, aber ohne alle Verlegenheit nach dem Vordergrund, sie ihm anbietend).
Rowland (kurz). Auf den Tisch!
Jane (stellt die Tasse auf das Tischchen).
Rowland (sie anschauend). Ei! Alle Wetter! Guten Abend, böse Fee!
Jane (verbeugt sich).
Rowland. Sie haben doch nicht meinen Thee verzaubert, wie diesen Nachmittag mein Pferd?
Jane (ihn ruhig ansehend, bescheiden). Ich fürchte, Herr, die Schuld lag mehr an Mesrour, welchen mein häßlicher Anblick erschreckte, als an einer Zauberkraft, von deren Vorhandensein ich wenigstens bis jetzt keine Beweise hatte.
Rowland (sieht sie sehr frappiert an). So? Hm! Nehmen Sie einen Stuhl.
Jane (geht zu dem Lehnstuhl rechts).
Rowland (für sich) Kurz angebunden! Die “häßliche Hexe” hat sie verdrossen. (verächtlich.) Sie ist eitel, wie alle! (Laut.) Rücken Sie den Stuhl zu mir.
Jane (bringt ruhig den Stuhl und setzt ihn zu den Füßen der Chaiselongue, sodaß sie ihm fast gegenüber sitzt).
Rowland (für sich.) Furchtsam ist sie wenigstens nicht. (Laut.) Sind die neue Erzieherin ?
Jane. Ja, Herr!
Judith (die in ängstlicher Spannung von ferne stand, kommt rasch vor.) Zu dienen, Lord Rochester. Sie ist es, für deren Gewinn ich täglich Gott danke!
Rowland (kurz.) Hat die junge Person Thee erhalten?
Jane. Ich danke, Herr!
Rowland (wie oben zu Judith). So nehmen Sie Ihren Thee, Muhme, setzen Sie sich dann dort (er zeigt auf den Stuhl rechts, der auf der anderen Seite des Tisches steht) zu uns, und bleiben Sie ruhig.
Judith (nimmt, ohne den geringsten Arger zu zeigen, ihren Thee mit, zieht ihr Strickzeug hervor und setzt sich, wo er befahl, zuweilen trinkend, immer aber auf das Gespräch lauschend).
Adele (vorkommend). Aber süßer Rowland, was hast du mir denn nun mitgebracht? Sag doch!
Rowland (trocken zu Jane). Hat sie etwas verdient?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. So geh zu meinem Kammerdiener und laß dir das Kistchen geben!
Adele (jubelnd). Ah -- Dank, tausend Dank! (Sich besinnend.) Du hast doch für Miß Eyre auch ein Geschenk mitgebracht?
Rowland (wirft einen mißtrauischen Blick auf Jane). Weiß nicht.
Adele. So will ich ihr von dem meinen etwas geben, nicht wahr, ich darf? (Sie läuft durch die Seitenthür rechts ab.)
Achter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Rowland (mit scharfem Blick auf Jane, wie oben). Haben Sie ein Geschenk erwartet, lieben Sie Geschenke, Miß?
Jane (immer vollständig ruhig, ohne Furcht, wie [sic] ohne Unbescheidenheit) Ich weiß es nicht, Herr! Ich habe nie Geschenke erhalten, noch erwartet.
Rowland. Sie sind nicht so ehrlich wie Adele! Sie fordert ihre Geschenke mit Ungestüm und verhehlt ihre Freude darüber nicht. Sie aber, Miß, halten hinter dem Berge.
Jane. Adele macht den Anspruch alter Bekanntschaft und das Recht der Gewohnheit geltend; sie erzählte mir, daß Sie nie ankommen, ohne sie reich zu beschenken. Wenn ich aber einen Grund ausfindig machen sollte, der mich berechtigte, ein Geschenk von Ihnen zu erwarten, so würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich bin Ihnen gänzlich fremd und habe noch nichts gethan, das solche Ansprüche rechtfertigte.
Rowland (finster). Kokettieren Sie nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich habe Adele in diesen wenigen Stunden geprüft und staune über die Fortschritte, die sie gemacht. Sie hat in dieser kurzen Zeit mehr englisch gelernt, als bis jetzt in zwei Jahren!
Jane (heiter, neigt das Haupt leicht). Dank, Herr! Ich habe mein Geschenk.
Rowland (sieht sie nicht ohne Wohlgefallen an, nimmt seine Tasse und trinkt). Hm ! (immer aufmerksamer.) Wie heißen Sie?
Jane. Jane Eyre.
Rowland. Sie sind erst drei Monate in meinem Hause?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Und kommen --- woher?
Jane. Aus der Lowoodstiftung, zwanzig Meilen von Millcot.
Rowland (wie bedauernd.) Aus der Lowoodstiftung ? O! -- Wie lange waren Sie dort?
Jane. Acht Jahre!
Rowland. Acht Jahre? Dann müssen Sie eine Konstitution von Eisen haben, Miß, denn so viel ich weiß, werden die Zöglinge in dieser milden Stiftung halb ausgehungert und von dem heuchlerischen Blackhorst mit schonungsloser Strenge zum Lernen und Beten getrieben. Darum kamen Sie mir heute auf dem Berge vor, als stammten Sie aus einer anderen Welt; wußte ich doch gar nicht, wo ich diese Art von Gesicht hinthun sollte! Aber was machten Sie denn so lange in Lowood?
Jane. Vier Jahre war ich Zögling, und als ich nichts mehr bekam, meine Pension zu bezahlen, ward ich für die übrige Zeit Lehrerin dort, mit fünf Pfund jährlichem Gehalt.
Rowland (halb mitleidig, halb spöttisch). Fünf Pfund! Hm! Da haben Sie freilich keine Reichtümer gesammelt. Wie kamen Sie denn aber in mein Haus?
Jane. Ich las in der Zeitung, daß zu Thornfield – Hall eine Gouvernantenstelle zu vergeben sei; die Bedingungen waren sehr glänzend. Ich fühlte, daß ich einen besseren Wirkungskreis verdiente und auszufüllen fähig bin, sandte meine Zeugnisse an Mistreß Harleigh, sie ließ mich augenblicklich kommen, und--
Judith (stolz). Und das war das Klügste, was ich in meinem Leben gethan.
Rowland (mit einem seltsamen Blick auf Jane, fast unwillkürlich). Wer weiß!
Judith (hoch aufhorchend). Wie?
Rowland (winkt abbrechend mit der Hand). Gut, gut. —Bleibt ruhig, Base Judith! (Zu Jane.) Da man Sie in Lowood erzog, sind Sie eine Waise?
Jane (ernst, ohne alle Sentimentalität.) Ich habe meine Eltern nie gekannt.
Rowland. Nun, Sie werden doch eine Familie haben, Schwestern, Brüder --
Jane (wie oben). Ich habe nie welche gehabt.
Rowland (ungeduldig.) Aber doch Verwandte: Onkel, Tante --
Jane (schmerzlich berührt). Ich hatte --- einen guten Onkel: er ist tot. Ich habe niemand.
Rowland. Niemand? Gar niemand?
Jane (ruhig). Man sagte mir einst von einem Bruder meines Vaters, der nach Amerika ging -- ich habe nie wieder von ihm gehört! ich bin allein in der Welt.
Rowland (mit einem sarkastischen Lächeln). Aber nicht hilflos, wie mich dünkt.
Jane (sieht ihn verwundert an). Herr!
Rowland (lächelnd, deutet auf die Stirn). Sie haben hier einige tapfere Hilfstruppen. Nun, Miß – (ärgerlich) wie heißen Sie?
Jane (trocken). Eyre; Jane Eyre, Herr!
Rowland (sie mit einem scharfen Blick streifend). Richtig—Miß Eyre! Was haben Sie denn in Lowood alles gelernt? Spielen Sie Klavier?
Jane. Ein wenig.
Rowland. Ich kann es denken. “Ein wenig” – gleich jedem anderen Schulmädchen, das will nicht viel sagen.
Jane (ohne Verdruß zu zeigen). Sie mögen wohl recht haben,Herr!
Rowland (sie immer scharf beobachtend). Sind die Zeichnungen, die mir Adele vorhin zeigte, von Ihnen?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Haben Sie deren mehrere?
Jane. Hier nebenan, in der Bibliothek, wo ich heute arbeitete, liegt meine Mappe noch.
Rowland. Holen Sie dieselbe.
Jane (steht auf).
Rowland. Das heißt – (mit Überwindung) ich bitte Sie, dieselbe zu holen; Sie wissen, ich kann nicht gut von der Stelle.
Jane (geht).
Rowland (ihr nachrufend). Wenn die Mappe etwa nur Kopien enthält, so lassen Sie es lieber --
Jane (ruhig). Sie werden ja urteilen können, Herr, wenn Sie erst gesehen. Gut oder schlecht - jedenfalls finden Sie Originale, ich habe nie verstanden, wiederzugeben, was nicht in mir selbst seinen Ursprung hat. (Sie geht in die Seitenthür links.)
Neunter Auftritt.
Judith. Rowland.
Rowland (sieht Jane nach). Hm! Stolze Hexe! Nun bringt sie gewiß Stümpereien an.
Judith (mit schlecht verhehltem Ärger). Das glaube ich nicht, Mylord; wenn Jane Eyre sagt: das kann ich, so dürfen Sie sicher sein, daß sie es kann.
Rowland. Ei, Muhme, Ihr habt wohl dieses Persönchen so verzogen, daß sie bei anscheinend äußerer Bescheidenheit sich mir gegenüberstellt mit einer Stirn von Eisen; dergleichen von Kreatur ist mir nie zuvor begegnet!
Judith. Wird Ihnen auch nicht wieder begegnen, Mylord, wenn Sie die aus dem Schloß treiben.
Rowland (trocken). Sie ist noch nicht draußen, Mistreß! Der Sprung von fünf Pfund Jahrgeld in Lowood auf dreißig Pfund in Thornfield ist ihr zu gut bekommen, als daß sie den Fuß so schnell zurückziehen sollte.
Judith. Nehmen Sie sich in acht! Wer es acht Jahre in Lowood aushielt, hat Charakter, und mit Charakteren ist nicht gut experimentieren!
Rowland (zuckt verächtlich lächelnd die Achseln).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Jane mit einer großen ledernen Mappe.
Jane (legt die Mappe vor Rowland nieder und öffnet sie).
Rowland. Setzen Sie sich.
Jane (setzt sich).
Rowland (durchblättert die Mappe). Das sind Aquarelle. Sie malen?
Jane. Ja, Herr. Mit dem Crayon vermochte ich stets nur dem Gedanken Ausdruck zu geben -- um Gefühle zu gestalten, bedurfte ich der Farben.
Rowland (der sein Staunen nicht verbergen kann, in die Blätter sehend). Welch seltsame Ideen! Hier -- nichts als wogendes Meer, vom Sturm gepeitscht -- ein weißer Arm umklammert den zerschellten Mastbaum, der auf den Wellen treibt, auf diesem sitzt ein Rabe, der ein glänzendes Armband im Schnabel hält -- er hat es diesem erstarrten Arm geraubt! Nichts Lebendes über dem Wassergrab als dieser höllische Vogel -- und doch alles Leben! Wer gab Ihnen die Idee zu diesem Bilde?
Jane. Mein Kopf.
Rowland (sieht sie groß an). Dieser kleine Kopf da, der zwischen Ihren Schultern sitzt?
Jane. Ja, Herr!
Rowland (humoristisch). Enthält er noch mehr Stoff solcher Art?
Jane. Ich hoffe noch besseren.
Rowland (ergreift ein neues Blatt, stützt den Kopf auf den Arm und beugt sich über den Tisch, es mit Staunen betrachtend; wie zufällig faßt er sein Käppchen an, wirft einen halben Blick auf Jane und zieht es langsam ab, es neben sich legend.
Judith (für sich). Sie hat gewonnen -- er nimmt die Mütze ab!
Rowland (erhebt den Kopf, schüttelt die Haare aus der Stirne und wendet sich rasch zu ihr). Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder schufen, Miß Eyre? Es sind ernste finstere Phantasien.
Jane. Ich versenkte mich dabei in meine Gedankenwelt und war glücklich, so lang ich malte, obgleich nicht der Kontrast zwischen meiner Idee und dem Werk meiner Hand sehr quälte; ich fühlte peinlich den Mangel an Fähigkeit, das zu erreichen, was ich erreichen wollte!
Rowland (in das Bild sehend). Sie haben sich doch wenigstens den Schatten Ihres Gedankens gesichert, wenn auch Ihre künstlerische Ausbildung nicht an seine Größe reichte. Jedenfalls sind diese Phantasiegebilde einer Schülerin aus Lowood merkwürdig genug! Sie sind voll Poesie! Diese Augen des Abendsterns, den Sie hier verkörpern, müssen Sie irgendwo im Traum gesehen haben -- welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! (Er faßt schnell das andere Blatt, immer leidenschaftlicher werdend.) Wer lehrte Sie den Wind malen? Welcher Sturm fegt da über die Heide? Wo sahen Sie Latmos, denn das ist Latmos-- was kocht in Ihnen, daß Ihr Gehirn solche Blasen wirft? (Er hält plötzlich inne, wie über sich selbst erschreckend, sein Ton ändert sich augenblicklich, er schiebt die Blätter von sich. Dieses tolle Zeug wird mich um den Schlaf bringen, oder sich in meine Träume drängen. Es muß spät sein. (Er nimmt während des folgenden die Mappe wieder auf).
Judith. Elf Uhr vorüber, Mylord!
Rowland (aufspringend, verdrießlich). Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, daß Sie Adele noch nicht zu Bett bringen ließen? Wollen Sie eine neue Ordnuung in diesem alten Schlosse einführen ? (Er geht, bleibt stehen und beißt sich vor Schmerz in die Lippen.) Hölle! dieses verwünschte Bein! (Halb lächelnd, halb zornig.) Es wird mich noch einige Tage an Ihren abscheulichen Kastorhut erinnern, Miß Eyre! Gute Nacht! (Er geht mit sichtlicher Anstrengung, die Mappe unter dem Arm, in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (ist aufgestanden, als er sich erhob, beobachtete ihn ernst und ruhig und sieht ihm jetzt ebenso nach).
Elfter Auftritt.
Judith. Jane.
Judith (sehr bekümmert). Was ihm nur einfiel! Da ist Ihnen wieder alles bei ihm verdorben.
Jane (wie unwlllkürlich, in Gedanken). Ich denke nicht.
Judith (sie nicht begreifend). Wie meinen Sie?
Jane (wieder zu sich kommend). Sie sagten, Lord Rochester habe keine Eigenheiten und sei leicht zu behandeln? Ich denke, er ist aus Eigenheiten zusammengesetzt ---- und sehr schwer mit ihm fertig zu werden. Aber--
[Judith. Aber -- Sie waren doch gar nicht furchtsam?
Jane (wieder in Gedanken). Ich weiß es selbst nicht – er kam mir vor wie ein Löwe; man ist verloren, wenn man diesem Tier nicht furchtlos ins Auge blickt. Das gab mir Mut.
Judith. Sie vergleichen den Herrn mit einem Raubtier? O weh! Ich fürchtete wohl, daß er Ihnen nicht gefallen würde!
Jane (heiter). Wer sagt Ihnen das? Gerade so wie er ist, gefällt er mir, und] ich meine: wenn er sich nur erst an die “häßliche Hexe” und den “abscheulichen Kastorhut” gewöhnt hat, werde ich es wohl zustande bringen, in Frieden mit ihm auszukommen! Lassen Sie uns getrost zu Bett gehen – ich werde sehr gut schlafen diese Nacht, wir sind ja jetzt nicht sehr einsam in diesem weiten Schloß, wir haben einen strengen aber sicheren Schutz, nicht wahr? Wir haben nun einen Mann im Hause!
Beide durch die Mitte ab.
Der Vorhang fällt.
Zweiter Aufzug.
Dieselbe Dekoration wie im vorigen Aufzug
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (steht am Fenster rechts und sieht gedankenvoll hinaus). Wie der Frühling mit Macht das Haupt erhebt, [wie schon von allen Seiten grüne Augen aus den Sträuchern sehen! Mir ist, als ginge die Zeit wie in einem Traume an mir vorüber.] Da draußen alles Leben, alles Erwachen aus dem Wintertraum – (sie geht vom Fenster) und in dem finsteren Schloß hier alles Stille und kalte Ruhe. Eines Morgens stand ich auf, und es hieß: “Der Herr ist fortgeritten.” Das sind wohl zwölf Tage her -- und er kommt nicht wieder. (kopfschüttelnd). Sonderbarer Mann! Wochen sind seit jenem Abend verstrichen, wo es schien, als mißfalle ihm meine Art nicht, und hat mir sein Stolz seitdem ein freundliches Wort gegönnt? Es ist, [als ärgere er sich jetzt über die kurze Beachtung, deren er das “kleine Schulmädchen” gewürdigt, und doch scheint es mir oft -- gerade, wenn er thut, als bemerke er mich gar nicht --] als laure er darauf, daß ich ihn anreden solle! O, ich werde mich wohl hüten, ihm mit einem halben Wort nur in die Quere zu kommen, damit er mich rauh anlassen könnte. (Sie geht ein paar Schritte.) Dennoch aber giebt er mir meine Bilder nicht heraus, die ich seitdem nicht wiedersah -- und nicht von ihm zu fordern wage. Was hat er nur daran? (Sie steht wieder still. Ich möchte wohl wissen, wo er sich jetzt herumtreibt? (Pause.) Hm! Was geht es mich an! Dieser wunderbare Charakter beschäftigt mich fortwährend, wie ein Rätsel, das ich lösen möchte - und-- nicht lösen darf! Seltsam, es ist, als ob seine Gegenwart eisern auf seiner Umgebung laste, und doch-- ich fürchte ihn nicht, und mir ist als wären wir jetzt erst einsam hier, seitdem er nicht mehr in diesem Saale grollt und schweigt.
Judith (noch nicht sichtbar). Schnell, Lea, alle Kamine geheizt, die Fremdenzimmer gelüftet!
Jane (aufhorchend). Die Fremdenzimmer gelüftet? Ei! Was bedeutet das? Sie kommt. Auf der Hut, Jane; nur keine Neugier, das ziemt dir nicht.
Zweiter Auftritt.
Jane. Judith und Patrik durch die Mitte.
Judith (im Eintreten sehr eilig und geschäftig). Sam! Sam! Wo steckt Ihr? (zu Patrik.) In einer Stunde, sagt Ihr, Patrik?
Patrik (in Reitkleidern). Länger wird es wohl nicht dauern, wollen wir wetten? Der Lord wenigstens folgt mir auf der Ferse, die anderen fahren.
Judith (eilig). Aber es ist doch auch gar zu toll, daß man so was nicht früher erfährt!
Patrik. Ist ihnen auch diesen Morgen erst eingefallen.
Judith (Jane erblickend). Ah-- Miß Jane, gut, daß Sie da sind! Kleiden Sie sich geschwinde, machen Sie sich hübsch; rasch, rasch, auf Ihr Zimmer, ich habe Ihnen das Paket hinaufgeschickt. Ja, ja! Nicht gestaunt und nicht gewundert, vorwärts, kein Augenblick ist zu verlieren, Kind! Sie hören ja, daß sie in einer Stunde eintreffen!
Jane. Wer denn? Für wen soll ich mich hübsch machen?
Judith (reicht ihr einen offenen Brief). Da steht's, lesen Sie geschwind; ich muß den Sam haben, das alte Murmeltier. He, Sam, seid Ihr denn taub geworden? (Sie eilt in die Seitenthür links ab.)
Dritter Auftritt.
Jane. Patrik.
Jane (sieht ihr verwundert nach, öffnet den Brief und liest). Eine Stunde nach diesem Briefe treffe ich mit Gästen ein. Mistreß Harleigh wird die Fremdenzimmer instandsetzen, auch für Damen. Beifolgendes Seidenkleid für die Gouvernante, sie wird der Gesellschaft den Thee bereiten, und ich will sie anständig vor meinen Gästen sehen. Rochester.” (für sich, mit humoristischer Empfindlichkeit.) Sieh einmal, “die Gouvernante !” Meinen Namen kann er nicht merken! (Zu Patrik) Also Damenbesuch bekommen wir?
Patrik (verschmitzt). Jawohl, Miß, und schönen—das heißt, die Junge; die Alte --- na, das ist Geschmacksache, wenn sie nicht eine Lady wäre, mir gefiele sie nicht, wollen wir wetten?
Jane (lächelnd). Aber die Junge, die gefällt Euch wohl sehr, Patrik.
Patrik. O, die gefällt noch ganz anderen Leuten als unsereinem! Wetten wir?
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Judith kommt von links zurück.
Judith. So. Das ist abgemacht! Nun, Kind, ist unser Herr nicht ein Engel? Sie sollen sehen, wie reizend Ihnen das rosenrote Seidenkleid lassen wird.
Jane (ruhig). Ich werde es nicht tragen, Mistreß.
Judith. Was, nicht tragen? Der Lord hat es eigens aus London kommen lassen, nicht wahr, Patrik
Patrik. Das will ich meinen! Es ist nach dem Maß von Lady Clarens Kammerjungfer gemacht, die hat fast Ihren Wuchs, wollen wir wetten?
Jane. Wirklich! Und wer ist Lady Clarens?
Patrik. Ei, eine schöne, stolze, junge Witwe, deren Man ihr einen großen Namen, aber eine kleine Besitzung, sechs Meilen von hier, hinterließ.
Jane (trocken). Da giebt es wohl eine Heirat?
Judith (lebhaft). Ei behüte! Ja, wenn es von der Lady abhinge, die hatte schon vor drei Jahren, als der Lord aus Frankreich kam, ein Auge auf ihn geworfen, aber das hilft ihr nichts, er bemerkt so etwas nicht.
Patrik (wie oben). Na, na, diesmal hat er doch die Augen weit aufgemacht, Mistreß! Wetten wir?
Judith. Patrik, schwatzt nicht in den Tag hinein! Ich sage, das hilft der schönen Lady nichts.
Patrik. Und ich sage --- mit Verlaub, Mistreß, das hat schon geholfen! Da hat doch nun der Lord die üblichen Besuche in der Gegend gemacht und blieb überall nur einen Tag --- drüben aber auf Clarens-House haben sie ein solches Wesens mit ihm gemacht, haben ihn seit acht Tagen nicht fortgelassen --- und gesungen haben sie miteinander, der Lord und die schöne Lady, wie die Lerchen; und nun kommt er gar mit Mutter, Tochter und der ganzen Sippschaft hier angeschleppt. Es sind noch viel mehr Gäste geladen, und wenn das nicht was ganz Besonderes bedeutet, so ----
Judith (kopfschüttelnd). Ich kann es nicht glauben!
Patrik. [Warum nicht? Wegen seiner vierzig Jahre etwa? Ja, da fangen wir Männer erst recht toll an, und verfängt sich da einer in ein Paar hübsche Augen, so läßt er nicht mehr los!] Ich kenne den Lord erst seit ein paar Jahren, aber ich sage Ihnen doch: das giebt eine Hochzeit! Wetten wir? (Er streckt die Hand aus.)
Judith. Ach, laßt mich zufrieden! Geht lieber hinunter und macht Platz für die fremden Pferde.
Patrik (im Gehen). Werden bald nicht mehr fremd sein in unserem Stall. Wollen wir wetten? (ab durch die Mitte.
Judith (unruhig). Der Starrkopf, solches Zeug zu behaupten! Und es ist nicht wahr, es kann nicht sein! (Sie geht in ernsten Gedanken durch die Mitte ab.)
Fünfter Auftritt.
Jane allein.
Jane. Wenn er nun aber doch heiratete? Und—warum sollte er nicht? (Sie schüttelt sinnend den Kopf.) Hm! Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Lord nicht als Bräutigam denken kann. (lächelnd.) Es kommt mir vor, als müßte er alles, was sich ihm unbedingt zu eigen giebt, verschlingen, aus Liebe oder Haß, wie er gerade bei Laune ist! (zusammenfahrend.) Horch! Das ist er. Ich kenne diesen gebieterischen Tritt von Eisen; (humoristisch) es ist immer, als ärgere ihn der Boden, den er beschreitet, weil er es wagt, ihm zu widerstehen.
Sechster Auftritt.
Die Vorige. Rowland kommt rasch durch die Mitte, in einem eleganten Reitkleid, den Hut auf dem Kopf, die Peitsche in der Hand.
Rowland (mit finsterer Miene rufend). Nun, zum Wetter, wo sind -- (Jane erblickend, sein Ton wird etwas milder.) Ei! Guten Abend, Miß Eyre!
Jane (sich verbeugend). Guten Abend, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland (wirft Hut und Peitsche auf den Tisch, halb ärgerlich, halb gutmütig). Laufen Sie schon wieder vor mir?
Jane (bleibt stehen). Ich laufe vor niemand.
Rowland. Nun gut, dann bleiben Sie; ich habe mit Ihnen reden, und es ist mir lieb, daß ich gerade Sie zuerst treffe, denn es fiel mir unterwegs manches ein --- was ich Ihnen längst hätte sagen müssen. Ich hatte in der letzten Woche zu viel Plackereien mit meinen Pächtern, ich hatte Sie wahrhaftig ganz vergessen. (Er wirft sich auf den Diwan und sieht sie groß an.) Sie haben Ihr neues Kleid nicht angelegt?
Jane. Nein, ich danke, Herr!
Rowland (auffahrend). Warum nicht?
Jane (immer sehr ruhig und bescheiden). Weil ich mich nicht über meine Stellung erheben und keine Farbe tragen will, die so schlecht zu meinem Außern paßt. Ich danke Ihnen nochmals, ich werde Mittel finden, “anständig” erscheinen zu können, ohne Ihre Güte mißbrauchen zu müssen.
Rowland (schroff). Sie haben meinen Brief an Mistreß Harleigh gelesen?
Jane. Sie gab ihn mir zu diesem Zweck.
Rowland. Sie sind empfindlich, daß mir Ihre einförmige Tracht nicht gefällt?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Sie sind es und wollen nicht begreifen, daß diesen finsteren Schloß, [in dieser schweren Luft] dem Auge helle, heitere Farben Wohlthat sind. Dann --- haben Sie zu viel Dünkel, um Geschenke nehmen zu wollen.
Jane (sieht ihn erstaunt an). Herr – ich --
Rowland (ohne sich unterbrechen zu lassen, bestimmt). Ich kenne Sie, wenn ich gleich nicht tausend Worte mit Ihnen gesprochen habe. Hinter Ihrer demütigen Einfachheit steckt eine gute Portion von Ansprüchen. [Sie haben Ihren eigenen Kopf!] Meine Art ist Ihnen wohl zu herrisch, zu befehlend? Das Leben in Indien und die Erbärmlichkeit der Menschen haben mich rauh gemacht, ich verletze Sie mit diesem geraden Wesen, nicht wahr?
Jane (sieht ihn groß an).
Rowland. Was sehen Sie mich jetzt so sonderbar an, was denken Sie?
Jane. Ich dachte eben, Mylord, ob es wohl viele Herren giebt, die sich die Mühe nehmen, bezahlte Untergebene zu fragen, ob sie sich durch ihre Art verletzt fühlen oder nicht!
Rowland (mit großen Augen). Meine bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ah so -- ja, ich vergaß, weshalb ich so scharf ritt, daß ich den Wagen eine Stunde Vorsprung abgewonnen. Es quälte mich schon seit meiner Abwesenheit, daß ich nicht sogleich, als ich Sie kennen lernte, offen gegen Sie war; aber - das kommt daher, daß Sie selbst versteckt sind. Sie beurteilen mich ohne Zweifel falsch, und ich will gerechtfertigt sein, ehe die anderen kommen. Ich bin heute zur Mitteilung aufgelegt, und das ist eine Stimmung, die mich so selten anwandelt – [als die Lust, zur Beichte zu gehen!] Darum hören Sie aufmerksam, wer weiß, wann es mir wieder einmal einfällt, mit Ihnen zu schwatzen.
Jane (ihren Sinnen nicht trauend). Aber Herr --
Rowland (bestimmt. Sie sind Adeles Gouvernante -- was dachten Sie über mein Verhältnis zu diesem Kinde?
Jane (frappiert, aber es schnell unterdrückend). Ich dachte nichts, Herr; ich spähe den Verhältnissen meiner Herrschaft nicht nach.
Rowland (sie scharf anschauend). Miß Eyre, Sie dachten darüber! Sie sprechen zu wenig, um nicht viel zu denken! Sie dachten, Adele sei mein Kind.
Jane (die Augen niederschlagend). Und wenn ich das gedacht hätte, wem sind Sie Rechenschaft darüber schuldig, Herr?
Rowland. Schuldig bin ich sie niemand -- außer Ihnen, die Sie sich in dies öde Schloß mit ihr einschließen müssen. Sie haben ein Recht zu fragen: “Wessen Kind erziehe ich?” Das ist nur billig. Adele ist eine Waise, und ich habe allen Grund zu glauben, daß sie die Frucht eines verbrecherischen Verhältnisses ist. Ich habe einem Verstorbenen gegenüber heilige Pflichten gegen sie zu erfüllen, habe sie deshalb von Paris hierher geholt und sorge für ihre Erziehung, wie ich es für recht halte -- und dennoch bin ich nicht ihr Vater.
Jane (mit einem unwillkürlichen Atemzug). Um so edler ist das, was Sie jetzt für sie thun.
Rowland (gleichgültig). Bah! Davon ist nicht die Rede! Sie wissen nun, Miß Eyre, daß es wahrscheinlich ein ungesetzliches Kind ist, dem Sie sich widmen. Ich glaube einem ehrenhaften Mädchen wie Sie diese Erklärung schon deshalb schuldig zu sein, weil ich in nächster Zeit vornehme Gäste hier sehen muß, die Sie kennen lernen werden. Sie verstehen es, zu erziehen, Sie haben viel gelernt, Sie können eines Tages [ehrenwerte Anerbietungen,] eine glänzendere Stellung bei legitimen Töchtern eines großen Hauses finden, dann darf Ihrem Glücke nichts im Wege stehen.
Jane (mit funkelnden Augen). Glauben Sie wirklich, Herr, daß mich eine solche Aussicht verlocken könnte, dieses unglückliche Kind zu verlassen, [das nichts mit der Schuld seiner Erzeuger gemein hat, das ich liebe?] Giebt es eine glänzendere Stellung, als die Mutter einer Waise zu sein? O Mylord, ich bin eine Waise, ich kenne diesen höchsten Fluch, der das schuldlose Haupt eines Kindes treffen kann: vater- und mutterlos zu sein! Ich (innig) danke Ihnen für diese edelmütige Offenheit! Ich werde Adele jetzt noch zärtlicher lieben, ich werde sie gut machen-- denn nur Mangel an Liebe macht das Herz eines Kindes böse, ich werde sie dreifach lieben, [da sie niemand liebt als ich,] und sie nicht verlassen – (Plötzlich stockend, sieht ihn zweifelnd an.) Sie müßten mich denn selbst fortschicken.
Rowland (hat sie mit Staunen betrachtet, mit einer Mischung von Achtung und Wärme). Sie sind ein wackeres Mädchen, Miß Eyre! Ich nehme Sie beim Wort. Sie versprechen, nicht zu gehen, bis ich Sie fortschicke. (Ihr die Hand hinhaltend.) Schlagen Sie ein!
Jane (mit einem frohen Lächeln einschlagend). Wie gern, Herr!
Rowland (sieht sie überrascht an). Ei sieh, da lächeln Sie ja -- ich wußte gar nicht, daß Sie das können!
Jane. Herr!
Rowland. Wissen Sie wohl, daß das wie ein Sonnenstrahl über Sie hinzieht? Sie müssen öfter so -- gut lächeln, Miß Eyre!
(Man hört entfernt Peitschengeknall und Wagengerassel.)
(Es wird dunkel.)
Rowland (auffahrend). Alle Wetter! Da sind sie schon! Es ist ja indes fast Nacht geworden, und ich habe die Kleider noch nicht einmal gewechselt. (Ärgerlich.) Das Schwatzen wollte auch gar kein Ende nehmen! (Barsch.) Sie werden die Gäste empfangen, Miß Eyre, und ein wenig hier zurückhalten, bis ich komme. (im Abgehen bleibt er stehen, freundlicher.) Das heißt: ich bitte Sie zu thun, was Ihnen so sehr zuwider ist, mit den Fremden zu plaudern, wollen Sie?
Jane. Gern, Herr!
Rowland (im Gehen). Aber dann -- die Menschen sehen nun einmal nur nach der Außenseite -- (mit Überwindung, halb bittend) dann ziehen Sie auch später das andere Kleid an -- nicht?
Jane (ohne Trotz, aber fest). Nein, Herr -- es muß so gut sein.
Rowland (zornig im Gehen). Nun so lassen Sie es—ich werde Sie nicht mit Gewalt hübsch machen! (Er geht rasch in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (sieht ihm sinnend nach). Seltsamer, wunderbarer, rechtschaffener Mann! (Sie steht mit gesenktem Haupt in Gedanken.)
Siebenter Auftritt.
Sam öffnet die Mittelthür, tritt mit zwei Armleuchtern mit brennenden Kerzen ein, die er auf die Tische im Vordergrund stellt. Die Bühne wird dadurch sofort erhellt. Judith kommt voran. Dann tritt Mistreß Reed, von Francis geführt, durch die Mitte ein. Sie trägt ein Reisekleid von grauem Damast. darüber ein schwarzes Pelzmäntelchen, einen kleinen grauen Hut mit schwarzem Spitzenschleier. Ihr Haar ist grau geworden, ihr Gesicht bleich und schmal, ihre Züge finsterer und schroffer als im Vorspiel; ihre Haltung ist aufrecht und ihr Gang fest. Georgine folgt in einem eleganten Reisekleide von dunklem Sammet, einem Sammethut mit Federn, eine kostbare Boa malerisch um Hals und Schultern geschlungen; eine hohe glänzende Gestalt; ihre Haltung stolz, fast übermütig, ihre Art decidiert aber graziös, und ihr Benehmen den Umgang mit der großen Welt verratend.
Judith. Wenn es gefällig ist, hier einzutreten: Ihre Zimmer sind noch nicht gehörig erwärmt.
Mistreß Reed (geht in den Vordergrund und läßt sich auf das Sofa links nieder). Dank, Sir!
Jane (hat sich, im Vordergrund stehend, nach den Eintretenden umgewendet: als sie Mistreß Reed erblickt, fährt sie wie vom Blitz berührt zusammen, je mehr diese nach dem Vordergrund kommt, je mehr tritt sie, Schritt für Schritt, zurück; ihre Glieder beben, sie preßt die Hand krampfhaft auf die Brust und starrt sie mit großen Augen wild, wie eine Erscheinung an, als Mistreß Reed sich setzt, und spricht für sich).
Mistreß Reed (Ihre Augen funkeln im schnellerwachten Haß, doch sammelt sie sich allmählich, tritt unbemerkt hinter den Tisch und von da in den Hintergrund.)
Georgine (sieht mit funkelnden Augen umher). Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mistreß, (zu Judith) daß Sie die Pflichten Lord Rochesters übernehmen und seine Gäste empfangen. Seine Herrlichkeit ist wohl beschäftigt?
Jane (im Hintergrunde, für sich). Das ist Georgine! Also sie -- sie ist es!
Judith (die sich schon beim Eintritt sehr bestürzt nach Rowland umsah). Der Lord hat die Herrschaften wohl nicht so früh erwartet; indes wird er sogleich -- (Sie giebt Sam einen Wink.)
Sam (eilt rechts ab).
Francis (spöttisch). Wahrlich ist es die ungewöhnliche Sorgfalt, welche Lord Rochester heute ausnahmsweise seiner Toilette schuldig zu sein glaubt, die ihn zurückhält.
Georgine (mit einem verächtlichen Seitenblick auf Francis). Es wäre wohl das erste Mal in seinem Leben, daß Rochester sich der Tyrannin eines Londoner Dandys, der Mode, unterworfen hätte! Seinen Willen wird die Toilette nie beherrschen!
Francis (bitter). Meine schöne Base scheint die Charaktere ihrer Anbeter sorgsam zu studieren!
Georgine (scharf). Nicht alle, das lohnte wahrlich der Mühe nicht! Diesen einen nur -- weil Probleme lösen ein stolzes Vergnügen ist.
Francis (wendet sich gekränkt zu Mistreß Reed).
Jane (für sich). Ha, sie hat ihn erkannt!
Georgine (sich links in den Lehnshl werfend, hochfahrend). Mistreß Harleigh, bitte, haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß wir uns bald in unsere Gemächer zurückziehen können. Wir sind sehr ermüdet.
Judith. Soll augenblicklich geschehen, und ich hoffe, daß es an nichts fehlen wird. (Sie geht rasch durch die Mitte ab.)
Achter Auftritt.
Mistreß Reed. Francis. Georgine. Jane.
Mistreß Reed (die anfangs ohne Teilnahme vor sich hinsah, wird nach und nach unruhlg, als empfinde sie einen peinlichen Eindruck; sie knüpft während des Dialogs den Hut auf, nimmt ihn endlich ganz ab und legt ihn neben sich; sie trägt ein schwarzes Spitzenhäubchen. Ihre Unruhe wächst, sie legt endlich die Hand auf die Brust, als wäre ihr Atem beengt, läßt das Mäntelchen hinter sich fallen und fährt mit der Hand über die Stirn). Es ist hier heiß und dumpf.
Georgine (wirft ihre Boa ab). Das ist es! Warum auch wickeltest du uns in Sammet und Pelz, Mama, die Frühlingsluft macht ja all diese Wintermaßregeln lächerlich!
Mistreß Reed (dumpf). Aber ich friere beständig.
Georgine (kurz). Das macht dein kaltes Blut, Mama. (Sie nimmt rasch den Hut ab und wirft ihn auf den Tisch neben sich, ihre Locken fallen lang und voll an den Wangen herab, sie schleudert sie unwillig aus dem Gesicht.) Es ist wirklich unerträglich heiß!
Francis (halblaut, sich zu ihr niederbeugend). Das ist Ihr Gewissen, Georgine, was Ihnen das Blut zu Kopfe jagt.
Georgine (verächtlich lächelnd). Mein Gewissen? Ha, ha, ha!
Francis. Dies Lachen wird Ihnen schwer! Sie waren mir gut, Sie gaben mir Hoffnung, ehe dieser Krösus zurückkehrte, um Sie zu verwandeln! Sie lieben ihn nicht!
Georgina. Man täuscht sich manchmal über sich selbst!
Francis (bitter). Besitze ich auch kein Thornfield-Hall, so habe genug für uns beide -- und einen unbefleckten Namen! Wissen Sie, wessen man diesen Rochester beschuldigt?
Georgine. Nein, ich will es auch nicht wissen, was die Alltäglichkeit dem Ungewöhnlichen andichtet.
Francis (wütend für sich). Ich aber will Gewißheit -- oder nicht das Leben haben!
Mistreß Reed (immer unruhiger). Mein Gott, wie wird mir?
Georgine (sieht sie überrascht an und steht auf, ziemlich kühl). Mama, was ist dir?
Mistreß Reed. Ich weiß es nicht. Seit ich dies Zimmer betrat, hat mich jene Beklommenheit, jene Angst wieder beschlichen, die mir jedes Unglück meines Lebens anzukündigen pflegt!
Georgine (wegwerfend). Gott bewahre!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich sage dir, Georgine, in diese Luft liegt etwas Unheimliches -- etwas Feindliches! Laß uns umkehren, hier lauert ein Unglück!
Georgine (verächtlich lächelnd). Aber Mama -- welch ein Aberglaube!
Mistreß Reed (mit der Hand an der Stirn.) Kein Aberglaube -- mir ist unwohl!
Georgine (zu Francis). Bitte, rufen sie Bessie, sie soll ein Flacon für Mama bringen.
Francis (wendet sich nach der Mittelthür und erblickt Jane_. Ah, da ist jemand.-- Wollten Sie vielleicht so gefällig sein Miß --
Jane (welche, mit sich selbst kämpfend, noch immer im Hintergrund stand, tritt jetzt näher; ihr Ton ist bescheiden, aber fest). Kann ich Ihnen dienen, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat mich beauftragt, Sie zu empfangen.
Georgine (stolz). Wirklich? Das ist sehr gütig von dem Lord! (Sie mit einem verächtlichen Blick messend. Und wer sind Sie, die einer solchen Ehre gewürdigt wird!
Jane (wie oben). Die Gouvernante im Hause Seiner Herrlichkeit.
Georgine (mit verächtlichem Erstaunen). Die Gouvernante?
Mistreß Reed (die bei den ersten Worten von Jane zusammenfuhr, horcht hoch auf, ohne den Mut zu haben, sich nach ihr umzuwenden; sie dreht sich jetzt mit Überwindung nach ihr und stößt einen dumpfen Schrei aus). Ach -- ich wußte es –
Francls (sieht sie sehr verwundert an).
Georgine (erstaunt). Was?
(Ganz im Vordergrund und so rasch wie möglich.)
Mistreß Reed (zwischen den Zähnen, dumpf). Daß Verhaßtes in meiner Nähe ist!
Georgine (leise). Aber so fasse dich doch, ich verstehe dich nicht!
Mistreß Reed (faßt mit einer krampfhaften Bewegung ihre Hand und zieht sie an sich, leise mit fürchterlichem Blick). Bist du blind? Siehst du Jane Eyre nicht?
Georgine (fährt zusammen, wirft einen raschen Blick auf Jane, in sich hinein). Bei Gott!
Mistreß Reed (leise). Sie wird ihr Recht an uns gelten machen!
Georgine (nach einem Blick auf Jane). Sie wird es nicht -- wenn ich Jane Eyre je gekannt habe!
Francls (der die Gruppe sehr erstaunt betrachtet, zu Jane). Kennen Sie diese Damen vielleicht, Miß?
Jane (die vollständig ruhig dastand, betrachtet Mistreß Reed mit einem kalten Blick, ihre Augen begegnen sich) Nein, Sir; ich sehe sie zum estenmal.
Mistreß Reed (zuckt zusammen).
Georgine (leise). Du hast recht, das ist Jane Eyre!
Francis (für sich). Seltsam! Wie sie verstört sind!
Neunter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts, im Gesellschaftskleid, sorgfältig frisiert, den Bart zierlich geordnet, mit vor Heiterkeit strahlender Stirn, ein ganz anderer als früher.
Rowland (alle begrüßend). Ah, meine schöne Amazone, meine werten Gäste, Sie überflügeln alle meine Hoffnungen und rauben mir dadurch die Freude, meine Pflicht als Wirt zu erfüllen. Seien Sie herzlich willkommen!
Alle (verbeugen sich).
Rowland. Auf Ihrer Stirn schwebt eine Wolke, Lady Georgine, ich will nicht fürchten, daß sie mich bedroht? ( Er faßt ihre Hand.)
Georgine (ihm die Hand entziehend). Gewiß nicht, Lord Rochester – (mit einem ironischen Lächeln) ich fürchte nur für den Ruf Ihres weltberühmten Mesrour, wenn es in der Grafschaft ruchbar wird, daß Sie mit uns zugleich von Clarens-House abritten und es unseren armen Rappen vergönnt ward, das schnellste Pferd in Alt-England zu überholen.
Rowland. Daran ist Mesrour unschuldiger als sein Herr--
Georgine (rasch und finster). Wie? Sie bekennen, Lord Rochester --
Rowland (immer nur mit Georgine beschäftigt). Ich bekenne -- daß ich unterwegs, in seltsame mir neue Träumereien versenkt, das edle Tier unwillkürlich zwang, im Schritt zu gehen. Dafür machte mich aber auch der Schaum seiner fiebernde Ungeduld fast unkenntlich, als ich hier ankam.
Jane (für sich). Ei!
Georgine (mit einem Strahl von hoffnungsvollem Triumpf über ihrem Gesicht). Das klingt fast, als ob Sie sich entschuldigen könnten, und als ob man Ihnen vergeben müßte! (sie reicht ihm die Hand.) Ich will es auch.
Rowland (ihre Hand küssend). Sie sind zu schön, wenn Sie milde sind, um lange eine Wolke auf dieser Stirn zu dulden. (Als ob er sich eben auf Jane erinnere.) Aber-- ich hoffe doch, daß man Sie so hier empfing, daß Sie den Wirt nicht vermißten?
Georgine (mit verächtlichem Achselzucken). Wer sollte Ihre Gegenwart ersetzen! Diese junge Person vielleicht? Sie ist uns unbekannt.
Rowland (mit einem stechenden Blick auf Jane). Hat sie sich Ihnen nicht vorgestellt?
Jane. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, Herr!
Rowland (sie präsentierend, leicht). Miß Jane Eyre, die Gouvernante Adeles.
Georgine (scharf). Adele? Ah ja, die kleine Französin, die Sie vor drei Jahren aus Paris mitbrachten! Also existiert dieser Pariser Arlequin noch hier?
Rowland. Allerdings.
Georgine (gezwungen lächelnd). Man muß wirklich bei allem fragen: Existiert das oder jenes noch auf Thornfield-Hall? --- denn dieses Schloß liegt unter siebenfachen Siegeln, wenn Sie fern sind, wie ein Gespensterhaus; ich glaube, die Luft muß Rechenschaft geben, von wannen sie kommt, ehe sie durch die Schlüssellöcher rauschen darf! Aber ich dachte ja, Miß Ellen Warner sei die Erzieherin Ihrer kleinen Protegée?
Rowland. Seit fünf Monaten ist es Miß Eyre.
Mistreß Reed (kalt, vollständig wieder Herr über sich). Wirklich? Worin unterrichtet sie das Kind?
Rowland (etwas verwundert). Nun, in Sprachen, Musik, kurz, in allem, was man von einer Gouvernante fordert. Miß Eyre malt sogar, und zwar etwas besser, als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Georgine (pikiert). In der That, dies Zeugnis von Ihnen, der so viel fordert, setzt mich in Erstaunen. Aber Miß – (sich besinnend) seltsamer Name, den ich nicht so leicht behalten werde --- wo lernten Sie denn alle Ihre Künste?
Jane (trocken). In der Lowoodstiftung, Mylady.
Georgine (schlägt die Augen nieder).
Mistreß Reed (wie oben). Ich wußte nicht, daß in dieser Waisenanstalt derlei weltliche Künste gelehrt werden; ich hatte stets gehört, daß der fromme Doktor Blackhorst seine Zöglinge vor allem Religion, Demut und Arbeit lehre.
Jane (wie oben). Das thut er, Mistreß --- (Zu Rowland.) Entschuldigen Sie, Herr - ich habe nicht die Ehre, den Namen dieser Dame zu kennen --
Rowland (beißt sich auf die Lippen). Ah, ich vergaß — Mistreß Reed.
Jane. Mistreß Reed können sich überzeugt halten, daß ich in der Lowoodstiftung alles lernte, was Doktor Blackhorst jemals gelehrt hat, und daß ich denen ewig dankbar sein werde, die mich dieses Unterrichts teilhaftig werden ließen.
Rowland (lachend). Miß Eyre, Sie sind sehr genügsam. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, weiß also nicht, aus welchem Grund es geschah -- so viel ist aber sicher, geliebt hat Sie derjenige nicht, der Sie auf diese Galeere schickte!
Jane. Das glaube ich auch nicht, Herr, aber er hat mir wohlgethan. Segen über seine Hand!
Mistreß Reed (für sich). Ha, Fluch! Fluch!
Georgine (um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben). Aber -- daß sie so gut malen soll, setzt mich in Erstaunen! (Sie droht Rowland lächelnd.) Wenn nur Lord Rochester hier nicht parteiisch ist –
Rowland (trocken). Für Miß Eyre? Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme! Sie mögen selbst urteilen. (Er geht rasch nach seinem Zimmer.)
Jane (ihm nach, schüchtern). O Herr, ich bitte –
Rowland (mißt sie mit einem strengen Blicke). Keine Affektation, Miß Eyre! (Ab rechts.)
Jane (steht im Hintergrund still und sieht vor sich nieder).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen ohne Rowland.
Georgine (leise zu Misteß Reed.) Findest du es nicht seltsam, wie bemüht der Lord ist, uns von dem Talent dieser Person zu überführen?
Mistreß Reed (welche stets starr vor sich hinaussah). An ihren Talenten habe ich nie gezweifelt.
Georgine (leise). Mama, du verrätst dich!
Mistreß Reed (wie aus einem Traume, leise). Hüte dich – dieses Krokodil liegt nicht umsonst auf unserem Wege!
Francis (der Jane mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtet hatte). Was haben sie nur? Was ist mit dem Mädchen! Da geht etwas vor.
Elfter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts zurück.
Rowland (hält die Mappe vom ersten Aufzug in der Hand, tritt zu dem Tisch rechts, öffnet sie und ruft.) Nun, Lady Georgine, sehen Sie sich das einmal an, es ist merkwürdig genug für ein Schulmädchen aus Lowood!
Jane (macht eine unwillkürliche Bewegung, bittend). Herr!
Rowland (sieht sie groß und finster an). Was giebt’s?
Jane (sieht vor sich nieder und bleibt regungslos).
Georgine. Sie werden gestatten, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für morgen erbitte, Lord Rochester. Meine Mutter fühlt sich unwohl, und mich selbst verlangt nach Ruhe!
Rowland (wirft die Mappe zu und wendet sich rasch zu ihr). Wie? Sie wollen nicht mit mir zur großen Halle kommen, wo alles bereit ist--
Mistreß Reed. Zu spät für heute -- ich danke, Mylord! Ich bin alt, die Fahrt war lang, ich bedarf des Schlafes; auch ist in diesem Schloß eine Atmosphäre, an die ich mich erst gewöhnen muß! Komm, Georgine!
Francis (reicht Mistreß Reed den Arm). Wenn Sie erlauben, Mistreß Reed, so unterstütze ich Sie.
Mistreß Reed (ihren Arm in seinen legend). Dank, Dank, Sir! (für sich) Sie oder ich -- eins muß hier weichen! (Sie geht langsam mit ihm durch die Mitte ab.)
Rowland zu Georgine. Sie verschmähen mich also ganz für diesen Abend, Lady Clarens? Sie sind mir noch böse!
Georgine (lächelnd mit Koketterie.) Für heute bedarf ich nur noch Ihren Arm, um mich in diesem Zauberschloß zurecht zu finden, und morgen, wenn wir so manches verschlafen haben werden, wollen wir zusehen, ob man Ihnen noch böse sein kann. (Sie legt ihren Arm in seinen.)
Rowland. Sie sind es schon nicht mehr, ich kenne Ihre Augen, Georgine! (Hingeworfen im Gehen.) Miß Eyre, Sie können immer zu Bett gehen – (im Abgehen) für heute sind Sie Ihres Amtes entlassen. (Mit Georgine durch die Mitte ab.)
Zwölfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (hat mit Erstaunen und nach und nach mit sichtlicher Unruhe Rowlands Benehmen verfolgt. Ihr Atem geht schnell, ihre Augen funkeln, sie sieht ihm lange schweigend nach.) Für heute nur? Wer weiß, vielleicht -- für immer! Ist das Lord Rochester? Derselbe Herr, der mich seit zwei Monaten auf jedes Wort, jedes Lächeln tagelang warten ließ? [Derselbe finstere Geist, dessen Gedanken verschlossen schienen wie ein Schatz im Schoß der Erde?] (Sie schüttelt den Kopf.) Das ist er nicht; oder --
(sie fährt leicht zusammen) er liebt! - Ha, und Georgine ist es, die ihn umgewandelt! Auf welche Schlange trat ich denn, daß diese Gespenster meiner Jugend plötzlich wieder vor mir erstehen, und alles, was ich so tief gebettet, was böse, was feindlich in mir war, sich mit Eins bäumend in mir erheben will! (Ihr Blick fallt auf die Mappe.) Ah -- meine Bilder! Jetzt könnte -- (Sie tritt zu dem Tisch und will danach greifen, fährt aber plötzlich zusammen, horcht auf und läßt die Arme sinken.) Er schon zurück? Sie hat ihn schnell verabschiedet, wie es scheint --
Dreizehnter Auftritt.
Die Vorige. Rowland mit Sam durch die Mitte.
Rowland (im Eintreten zu Sam, finster). Sorgt dafür, Sam, daß Ruhe im Schlosse wird.
Die Damen bedürfen derselben. Ich habe Gratia im Korridor gesehen --
Sam (etwas verlegen). Daß ich nicht wüßte, Mylord.
Rowland (streng). Ich habe sie gesehen, so rasch sie auch vorüberhuschte --- was macht sie um diese Zeit im ersten Stockwerk?
Sam. Die Fremden haben sie wohl aufgescheucht.
Rowland. Die Neugier, wollt Ihr sagen, sie gehört an ihren Platz! (Fürchterlich.) Weh ihr, wenn ich sie nachlässig finde! Sagt ihr das und treibt sie hinauf. Geht!
Sam (ab durch die Mitte).
Vierzehnter Auftritt.
Rowland. Jane. Dann wieder Sam.
Rowland (wie er sich nach rechts zu seiner Thür wendet, erblickt er Jane, auffahrend). Ha! Was giebt es hier? (Mit untergeschlagenen Armen sie forschend betrachtend.) Ich befahl Ihnen, sich schlafen zu legen, Miß Eyre, warum gehorchten Sie nicht?
Jane (vor sich niedersehend). Ich war nicht schläfrig, Herr!
Rowland. Nicht schläfrig? Hm, so scheint es, da Sie hier blieben - um mich zu belauern!
Jane (will lebhaft antworten, besinnt sich aber und sagt ruhig). Befehlen Mylord noch weiteres?
Rowland (ärgerlich). Nein!
Jane (verbeugt sich stumm und geht).
Rowland (ihr nach). Ei, hören Sie! Wie gefällt Ihnen Lady Clarens?
Jane (die stehen blieb, ohne ihr Befremden zu verbergen). Das weiß ich noch nicht.
Rowland. Nicht? -- Ich denke, Sie sahen sie doch lange genug.
Sam (tritt wieder ein und bleibt im Hintergrunde stehen, erstaunt zuhörend).
Jane. Ich sah sie, ja; aber wenn ich sagen soll, wie mir eine Dame gefällt, muß ich wissen, wie sie ist -- nicht wie sie aussieht. Gute Nacht, Herr! (Sie geht rasch durch die Mitte ab).
Fünfzehnter Auftritt.
Rowland. Sam.
Rowland (im Vordergrund, für sich). Immer hat sie das letzte Wort, nicht eines Haares breit giebt sie nach in ihrer verwünschten Demut. (Mit dem Fuße stampfend.) Nie gab es ein unausstehlicheres Geschöpf! Wer errät wohl die Gedanken dieses Kobolds? Welche Schlüssel öffnen dieses verstockte Herz? Nicht einmal Beleidigung hat Gewalt, sie zum Reden zu bringen. (Er wendet sich zum Gehen; Sam erblickend.) Sam! -- Was wollt Ihr noch hier?
Sam (der im Hintergrund stand, trotzig). Ich warte, bis Eure Herrlichkeit zu Bett sind, um hier die Lichter zu verlöschen. Es ist eine stürmische Nacht geworden, man kann nicht sorglich genug sein, Mylord.
Rowland (aufatmend). Eine stürmische Nacht? Ja wahrlich, der Wind bläst mit vollen Backen durch den Schornstein. Bei dieser Musik läßt sich's gut schlafen! (Im Gehen.) Habt Ihr Gratia gefunden?
Sam. Nein, Mylord. Sie ist wohl längst hinauf.
Rowland (unter der Thür). Und die Herrschaften?
Sam. Sind alle zur Ruhe gegangen!
Rowland. Gut, wir wollen es ihnen nachthun – (im Abgehen, für sich) wenn wir können! (Ab Seitenthür rechts.)
Sechzehnter Auftritt.
Sam allein.
Sam geht zu den Lichtern und fängt an, sie zu löschen). Hat man je dergleichen erlebt? Wenn ich’s nicht selbst sähe, keinem Menschen würde ich es glauben. Der stolze Herr läßt sich mit diesem hochnasigen Waisenhausprodukt förmlich in Gespräche ein. Sie widerspricht ihm, ohne eine Miene zu verziehen, und wenn er sie anfährt, daß unsereiner an Arm und Beinen zitterte, geht sie kaltblütig ihrer Wege und läßt ihn stehen, wie eben jetzt! (Er bleibt in Mitte des Salons stehen, faltet die Hände.) Wir, die wir sein Geheimnis in Händen haben, wir sollten uns dergleichen beikommen lassen, ich glaube, er würfe uns kopfüber aus dem Fenster! – Diese Person muß hexen können, das lasse ich mir nicht nehmen, und ein gutes Ende nimmt das nicht, (vergnügt) das ist noch mein einziger Trost! (Er hat alle Lichter ausgelöscht, bis auf das letzte, das er jetzt von dem Leuchter nimmt.) Horch -- der Wind
rasselt greulich im Kamin! Da wird es für Gratia eine böse Nacht geben. (Im Gehen stillstehend.) Sie sagen unten, er wolle die große Lady heiraten. Wenn's nur so wäre, die würde mit dieser Miß Eyre kurzen Prozeß machen! Trübselig. Aber --- ich denke, er läßt das Heiraten fein bleiben! Schade! Jammerschade! (Er geht durch die Seitenthür links ab.)
(Tiefe Nacht bedeckt den Salon, der einige Sekunden leer bleibt. Man hört den Wind sausen, sehr fern, nicht auffallend.)
Siebzehnter Auftritt.
Jane allein. Sie sieht vorsichtig zur Mitte herein und tritt dann erst ein. Später Rowlands Stimme.
Jane. Alles leer, es ist, als lebte ich allein, so totenstill ist es im Schloß! (Sie trägt einen kleinen Handleuchter, worauf ein halbabgebranntes Licht brennt, die Hand vorhaltend.) Gott sei Dank! Niemand hat mich bemerkt! (Sie geht zu dem kleinen Tischchen und setzt das Licht nieder.) Ich glaube, ich habe mich ein wenig gefürchtet, als ich herabschlich, denn mir war, als schlüpfe ein dunkles Etwas lautlos an seiner Kabinettsthür hin durch den Korridor. Es war gewiß mein eigener Schatten, der mich erschreckte. Wie kindisch! (Sie steht suchend umher.) Ich kann nicht schlafen, ehe ich meine Bilder gerettet habe. (Sie sieht die Mappe liegen und fliegt zu dem Tisch.) Ha, da ist sie! Glücklich hat er sie vergessen! Mein größter Schatz! -- Und das einzige geistige Eigentum, das ich besitze, diese Schöpfung meiner schwer kämpfenden Seele will er ihr preisgeben? [Ihre Augen, die Dolche, die meine Jugend getötet, sollen darauf haften, ihre Lippen die Blüten meiner stillen Träume verhöhnen?] Ich nehme sie, da er sie mir nicht giebt! Ich darf den Augenblick der Nacht stehlen, der sich mir am Tage verweigert – (sie hat die Mappe aufgefaßt und drückt sie fest an sich) er könnte nicht wiederkehren.
(Ein heftiger Windstoß.)
Jane (nimmt das Licht von dem Tisch und wendet sich rasch; durch diese Bewegung erlöscht das Licht in ihrer Hand, sie läßt es erschrocken fallen).
(Es wird Nacht.)
Jane (fährt entsetzt zusammen). O weh, was ist das? Mein Licht ist erloschen! -- Tiefe Nacht! -- Wie abscheulich!-- Wie unheimlich! -- Horch -- da huscht wahrhaftig draußen etwas an der Thür vorbei! (auffahrend.) Bin ich von Sinnen? -- Ist es nicht, als taste sich jemand vorsichtig an der Wand durch den Korridor? -- Nichts mehr -- alles still! Es war wohl der Sturm, der sich schon vorhin erhob, als ich herabging. Ja, ja, so ist es! (Sich schüttelnd.) Welche Thorheit! Weil ein Windstoß aus dem Kamin mein Licht ausbläst, überläuft mich ein Grausen, das mir das Haar sträubt – und das Sausen des Sturmes hat mich in Lowood so oft in den Schlaf gesungen. Pfui, schäme dich, Jane! Wenn Adele sich so kindisch gehabte, wie würde ich sie schelten, und nun rieselt es mir selber eiskalt durch die Adern. (Sie tappt im Dunkeln nach dem Hintergrund.) Possen! Ich muß eben im Finstern den Weg durch die öden Gänge nach meinem zweiten Stockwerk suchen! (Als sie sich gegen die Mittelthür wendet, hört man plötzlich das heisere gespenstige Lachen einer Frau, das, sich in zwei Absätzen wiederholend, sich immer mehr entfernt.)
Jane (bleibt wie festgebannt stehen, die Mappe entfällt ihr). Großer Gott! Da ist es wieder, dies gräßliche Lachen! Gratia Poole! Schreckliches Weib! Warum darfst du so ungescheut dein dämonisches Wesen hier treiben! Hört denn niemand als ich diese Töne, die aus der Hölle zu stammen scheinen? (Horchend). Alles wieder still. -- Ich höre nichts mehr als die lauten Schläge meines Herzens! -- Ich wage nicht, hier zu bleiben, und -- bei dem Gedanken, hinauszutreten, wird mein Blut zu Eis! (Sie schüttelt sich.) Hu! Das ist dasselbe Grauen, das mich einst in Onkels Sterbezimmer halb rasend machte! -- Hilf mir fort, mein Gott! (Sie verhüllt das Gesicht und steht eine Welle wie erstarrt; plötzlich erhebt sie das Haupt.) Was ist das? Welch ein erstickender Qualm umgiebt mich plötzlich? Das ist Rauch! — (Aufschreiend.) Das ist Feuer! (sie wendet sich nach dem Hintergrund. Ha -- dort, durch die Thür ein heller Schein! (Sie fliegt nach der Thür rechts, stößt beide Flügel auf, man sieht in ein Zimmer, von rotem Licht erhellt, Dampfwolken dringen in den Salon.) Die Thür seines Kabinetts steht offen, das brennt bei ihm! Entsetzlich! (sie eilt in das Zimmer, die Thür bleibt offen, man hört sie in Absätzen rufen.) Herr! -- Herr! -- Lord Rochester! Erwachen Sie, oder Sie sind verloren! -- Hören Sie doch! Feuer, Feuer!
Rowland (nicht sichtbar, stammelnd). Wa -- was ist – was soll’s! -- Laßt, laßt mich!
Jane. Um Gott, so erwachen Sie, ermannen Sie sich doch! Auf! Auf!
(Der Salon bleibt leer, die Röte im Hintergrunde verschwindet nach und nach und erlischt ganz, sodaß es dunkel ist, als die Kommenden eintreten.)
Achtzehnter Auftritt.
Rowland in einem kostbaren Schlafrock von indischer Seide gehüllt, das Haar wie genäßt um Gesicht und Nacken hängend, bleich, betäubt, den einen Arm um Janes Nacken geschlungen, den Kopf auf ihrem Haupte liegend, kommt langsam, mit schwankenden Schritten, von rechts. Jane kommt mit ihm, den einen Arm, ihn unterstützend, um seinen Leib geschlungen, in der anderen Hand ein Licht auf silbernem Leuchter tragend
Jane (bleich, aber fest und energisch). Hierher, Herr, hier ist die Luft reiner. Sie sind halb erstickt. (Sie führt ihn währenddessen zur Chaiselongue.) Ruhen Sie, erholen Sie ich, ich werden nun Leute rufen.
Rowland (läßt sich nieder).
Jane (will gehen).
Rowland (schwer atmend, dumpf). Nein, nein, still – keinen Laut – nicht von der Stelle! (Er faßt krampfhaft ihren Arm.) Wollen Sie meine Gäste nicht rufen? Soll ich das Märchen der ganzen Gesellschaft werden?
Jane (setzt den Leuchter auf den Marmortisch). Aber Herr, das Feuer –
Rowland (sich schüttelnd, als wollte er sich ermannen). Pah! Feuer. Das bißchen Flamme der Bettgardine hatten Sie ja im Nu erstickt, da Sie diese herabrissen und mich mit den Fluten meiner Waschtoilette fast ersäuften.
Jane. Ich mußte, Herr, Sie wären lebendig verbrannt, so unbegreiflich fest war Ihr Schlaf!
Rowland (ganz erholt). Oder die Betäubung durch den Rauch. (Sich besinnend.) Ich hatte mich angekleidet auf das Bett geworfen, ich las. Der Schlaf hat mich wohl überwältigt, ich vergaß, das Licht zu löschen, und so entstand –
Jane (fest). Das Licht hier (sie zeigt darauf) ist unschuldig, es brannte ruhig zu Ihren Häupten, indes die Gardine an dem Fußende flammte und die Thüre des Kabinetts, die nach dem Korridor führt, offen stand.
Rowland (betreten). Offen? – So vergaß ich, sie zu verschließen –
Jane. Und eine frevelnde Hand wußte diesen Umstand zu nützen; man wollte Sie verderben, Herr!
Rowland (dumpf, den Kopf senkend). Ja, ja, so wird es wohl sein! Aber – wer sollte -- (sie beobachtend) wer, glauben Sie, daß solch ein Verbrechen gewagt?
Jane (wie oben). Gratia Poole, Herr!
Rowland (erleichtert, mit einem tiefen Atemzüge). Ja, ja – Gratia Poole!
Jane (mit Abscheu). Dies Weib, das so gräßlich lacht, scheint mir ein ganzer Teufel!
Rowland (scherzend, um seine Erschütterung zu verbergen). Möglich! Dafür sind Sie ein ganzer Engel, Jane Eyre, denn ohne Sie wäre ich wahrhaftig verbrannt! – Nun, sein Sie vernünftig und schweigen Sie – wenn Sie es vermögen, über diesen tollen Vorfall; verraten Sie mich nicht mit einem Atemzug an meine Gäste!
Jane (sieht ihn verwundert an). Ich werde schweigen, Herr, wenn Sie es befehlen.
Rowland (gebieterisch). Ich befehle es, Miß! (Milder.) Versprechen Sie mir auch, der Sache nicht nachzuforschen – wenn Ihre Neugier das vermag.
Jane (sieht ihn groß an). Ich bin nicht neugierig, ich will nicht forschen – aber – (ihn fixierend) dieses Weib wird also nicht bestraft?
Rowland (kurz). Das ist meine Sache!
Jane (trocken, indem sie ihr Licht vom Boden aufnimmt und an dem brennenden anzündet). Gut, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland. Noch eins! Was suchten Sie denn eigentlich um diese Stunde hier?
Jane (sich plötzlich besinnend, nimmt die Mappe auf). Meine Bilder, Herr!
Rowland (sehr frappiert). So? Hm! Sie wollen sie mir also nicht lassen?
Jane (ruhig). Ihnen, ja –aber sonst keinem.
Rowland. Ei—Lady Georgine soll sie also nicht sehen?
Jane (trocken). So ist es, Herr! (Sie geht.)
Rowland (für sich, fast heiter). Das ist seltsam! (Mit Überwindung.) Sie gehen – ohne mir nur die Hand zu reichen! So sehr habe ich Sie diesen Abend verletzt?
Jane (steht, ohne sich zu regen). Herr!
Rowland (fast bittend). Geben Sie mir die Hand, kleiner Trotzkopf!
Jane (tritt ruhig zu ihm und reicht ihm die Hand). Hier, Herr!
Rowland (faßt ihre Hand erst mit der einen, dann mit beiden Händen, warm). So! Ich danke Ihnen, Jane Eyre!
Jane (entzieht ihm langsam die Hand). Nicht Ursache, Herr! Ich bin ja keine Heidin, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wasser retten kann. Was aber Mesrours Sturz von damals betrifft, den Sie mir noch nicht vergeben haben – sind wir doch nun quitt, Herr?
Rowland (sieht ihr glühend ins Auge). Das sind wir längst – ich denke – da mußten Sie fühlen. (Er faßt rasch ihre linke Hand wieder, halt sie kräftig fest und legt den Arm um ihre Schultern.)
Jane (zuckt zusammen und steht unbeweglich).
Rowland. Kleines Mädchen, du hast den Mut eines Mannes und den Takt einer Frau! Meine Pulse stürmen, und ich wette -- nicht ein Blutstropfen rollt schneller durch ihr Adern, so wenig liegt ihr daran, daß sie mich gerettet.
Jane (senkt plötzlich den Kopf und will' ihm die Hand entziehen).
Rowland (zusammenfahrend, ohne sie loszulassen.) Was--- was -- bei Gott - nein, in jeder Fingerspitze rast ein Puls --- das Licht zittert in ihrer Hand – (Jubelnd.) Ihr Blut ist ehrlicher als ihr Gesicht, es verrät sie!
Jane (empört, ihm ihre Hand mit Gewalt entreißen). Gute Nacht, Herr! (Sie stürzt durch die Mitte ab.)
Rowland (ihr die Arme nachstreckend. Kleines Schulmädchen -- du bist ein gefährlicher Kobold! -- Jane Eyre, ich fürchte, mir wäre besser, du hättest mich verbrennen lassen! (Er geht nach seinem Zimmer.)
Der Vorhang fällt rasch.
Dritter Aufzug
Wieder dieselbe Dekoration.
Erster Auftritt.
Mistreß Reed, Georgine und Lady Clawdon in eleganter Vormittagstoilette. Rowland. Francis. Oberst Clawdon. Edward Harder. Adele. Jane trägt ein hohes Kleid in grauer Seide, einfach aber kleidsam gemacht, das Haar frei, ohne Haube. Sam und ein Diener gehen mit Präsentiertellern herum, nehmen Kaffeetassen ab oder sevieren. Die leeren Tassen bringt Sam zu Jane, die einschenkt; als zum zweitenmal serviert wird, nimmt niemand mehr von den Gästen.
Georgine (in einem großen Album blätternd, das vor ihr liegt.) Dieses indische Album entzückt mich, Lord Rochester – die Bilder sind wohl von Ihnen?
Adele (sitzt im Festkleid zu ihren Füßen auf einem Schemelchen).
Rowland (zu ihr hinüber gelehnt). Nach der Natur, zu dienen.
Georgine. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie sich nach so langem Aufenthalt unter dieser wunderbaren Zone in unserem kalten England wieder angewöhnen konnten. Dort, wo alles lebt, duftet, glüht - freilich sagt man, in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange.
Rowland (lächelnd). Glauben Sie, daß derlei Kreaturen in England nicht auch existieren?
Georgine. Wenigstens stecken sie nicht hinter Blumen. (Sie tritt zu Edward, mit dem sie leise spricht.)
Mistreß Reed (die an einer Tapisserie arbeitet und zuweilen einen lauernden Blick auf Rowland und Georgine wirft). Desto öfter hinter Büchern!
Rowland. Wie das?
Mistreß Reed (Bitter). Nun, es giebt eine Art Schlangen, die sich leicht in große Häuser einschleichen, die still ihre Schlingen weben und schwer zu verdrängen sind, wo man sie einmal ihr Nest bauen läßt.
Rowland (als verstände er sie nicht). Ei, zu welcher Gattung gehören diese Reptilien?
Mistreß Reed. Zu der der Erzieher und Gouvernanten, die um so gefährlicher sind, als sie unbemerkt ihr Gift in Kopf und Herzen ihrer Zöglinge niederlegen.
Jane (richtet, ohne sich zu bewegen, einen festen Blick auf Mistreß Reed).
Rowland (sich in die Lippen beißend). Hm! Sie haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst gemacht?
Mistreß Reed (sieht ihn starr an). Wie meinen Sie das, Lord Rochester?
Rowland. Nun, ich meine, daß nur eigene Erfahrung Sie zu einem so harten Urteil berechtigen kann.
Lord Clawdon. Aber Mistreß Reed hat recht! Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl von Erzieherinnen.
Adele (die altklug und graziös dasaß und Georgine immer mit Bewunderung betrachtet, hat dem Gespräch aufmerksam zugehört). Ich habe eine gute liebe Gouvernante, nicht wahr, Rowland?
Rowland (trocken). Das hast du!
Adele (spring auf und schmiegt sich an Georgine). Sie haben gewiß auch solch eine gute Miß Jane gehabt, weil Sie so schön und liebenswürdig sind. Ich werde auch so werden, nicht wahr?
Georgine (sie von sich wegschiebend). Ei, Kind, du zerdrückst mir ja das Kleid! Geh! -- Aber sagen Sie, teuerster Lord, ich dachte ja immer, Sie liebten Kinder nicht besonders?
Rowland (streckt die Hand nach Adele aus.) Das thue ich auch nicht.
Adele (die sehr verdutzt dastand, tritt zu ihm).
Georgine. Was bewog Sie denn, diese Pariser Puppe anzunehmen? Wo haben Sie sie aufgelesen?
Rowland (zu Adele sanft). Geh zu Miß Eyre.
Adele (geht mit gesenktem Kopf und legt sich in Janes Arme, bitterlich weinend).
Jane (beschäftigt sich zärtlich mit ihr).
Rowland. Ich habe sie nicht aufgelesen, ich habe sie geerbt, wie dieses Schloß, meine Gärten, meinen Park – (er wirft einen Blick auf Jane) und bin zufrieden mit allem!
Georgine (beißt sich in die Lippen; nach einer Wendung des Gesprächs suchend.) Ihr Park, Mylord, ist das Reizendste, was man sich denken kann -- er muß im Sommer ein Paradies sein!
Rowland (sarkastisch). Und noch dazu ohne Schlangen!
Georgine (spitz). So? Meinen Sie? -- Wer weiß ! – [Aber in der That, diese himmelhohen Baumgruppen, der prächtige Fluß und das alte Schloß mit seine Türmen, alles das ist wahrhaft romantisch!] Diese sechs Tage, seit wir hier sind, entschwanden mir wie ein Traum!
Rowland (gallant). Mögen Ihnen noch viele Tage so hier entschwinden.
Georgine (zärtlich). Ah, dazu könnte Rat werden – denn Sie wissen uns immer neue Überraschungen zu bereiten. Was haben Sie nun heute wieder vor?
Rowland. Ah, leider so dringende Geschäfte, daß ich für wenige Nachmittagsstunden um Nachsicht bitten muß. Lord Clawdon hat mir versprochen, die Honneurs für mich zu machen und die Gesellschaft nach der alten Abtei zu führen. Es ist ein Teil meines Besitztums, der noch von Heinrich dem Achten erbaut wurde.
Georgine. Ach, das ist entzückend! (Etwas schmollend.) Und Lord Clawdon wird uns eskortieren?
Francis und Edward (lebhaft). Wir alle!
Lord Clawdon (der an einem Tischchen mit Francis Schach spielt, sarkastisch, indem er eine Schachfigur rückt). Leider müssen sich Mylady mit uns begnügen.
Georgine (lachend.) O, ich werde Sie vernachlässigen, um mich mit den historischen Erinnerungen an Heinrich den Achten zu beschäftigen, denn Sie müssen wissen, daß ich einen gewaltigen Respekt vor diesem genialen Tyrannen habe.
Francis (höhnisch, eine Schachfigur rückend). Lady Clarens ist gewiß trostlos, daß er zu seinen Ahnen ging, sie wäre imstande gewesen, ihn zu heiraten.
Jane (steht auf, als wolle sie sich entfernen).
Rowland (wirft ihr einen befehlenden Blick zu, wendet sich aber dann wieder zu Georgine). Das hätte Lady Georgine nicht gethan.
Jane (setzt sich wieder, das Haupt gesenkt).
Sam geht durch die Mitte ab.
Georgine (lebhaft). Warum nicht? Gewiß! Denn war Heinrich der Achte auch ein Tyrann, so war er doch ein Mann.
Mistreß Reed (hat fortwährend forschende Blicke auf Rowland geworfen und nimmt wenig Anteil an dem Gespräch). Gott bewahre dich vor einem solchen!
Georgine. Warum, Mama? Ich bin einmal so; nach meinem Geschmack ist ein Mann höchst bedeutungslos, wenn er nicht etwas Weniges Teufel in sich trägt!
[Lord Clawdon und Edward (lachen).
Francis (mit einem scharfen Blick auf Rowland). O, dergleichen findet sich!
Lord Clawdon (sehr ernst). Ei! Ei!
Rowland (küßt Georgine leicht die Hand). Bravo! (Sein Blick fliegt nach Jane.)
Jane (sitzt unbeweglich, ohne ihn anzusehen).
Georgine (immer lebhafter werdend.) Bei meiner Ehre!] Ich bin dieser Dandys der heutigen Zeit herzlich überdrüssig! Diese armen winzigen Geschöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre Mondschein-Gesichter, ihre weißen Hände und schlanken Taillen verwenden, als ob ein Mann überhaupt etwas mit Schönheit zu thun hätte, als ob diese nicht das einzige Vorrecht des Weibes, ihre Mitgift, ihre natürliche Erbschaft wäre! (Mit einem Blick auf Jane.) Ein häßliches Weib ist ein Brandmal im Gesicht der Schöpfung -- ein, Mann ist immer schön, wenn seine Devise “Kraft, Geist und Ehre” ist!
Rowland (hat wieder einen raschen Blick auf Jane geworfen, die ganz teilnahmlos bleibt). Das ist großartig gedacht, Lady Georgine --
Georgine (steht auf). Ich bin schön, ich weiß das, und habe ein Recht, es zu sein; wenn ich mich jemals wieder verheirate, so will ich eine Stütze, keinen Nebenbuhler in meinem Gatten besitzen -- er soll seine Neigung nicht zwischen mir und der Gestalt teilen, die er in seinem Spiegel sieht; es soll für ihn nur eine Schönheit geben, die meine! Habe ich nicht recht, Rochester?
Rowland (ihre Hand fassend). Sie haben recht! Aber, nur ein Weib wie Sie darf so denken und sprechen.
Francis (für sich). Bei Gott, sie verdient die Strafe, die sie erwartet!
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Sam tritt wieder ein.
Sam (sagt leise etwas zu Jane).
Jane (etwas näher tretend). Mylord, die Wagen sind vorgefahren.
Rowland (rasch). Dann bitte ich die Damen, ihre Toilette zu beschleunigen, denn der Weg ist nicht kurz, Sie haben vieles zu sehen, und ich erwarte Sie zu Tische zurück.
Georgine. O, wir werden bald fertig sein. Komm, Mama!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich fürchte die angreifende Frühlingsluft.
Georgine. Du bist gewiß die einzige, die sich ausschließt. Wer ist mit von der Partie?
Lord Clawdon, Lord Clawdon, Francis, Edward. Wir alle!
Georgine. Ah, ich wußte es! Vorwärts denn! Wir wollen versuchen, uns ohne unseren Wirt zu amüsieren!
Rowland. Das wird Ihnen nur zu gut gelingen!
Georgine (mit einem vielsagenden Blick, leiser). Wer weiß! (Sich zum Gehen wendend, bemerkt sie, daß ihr Schuhband auf ist.) O weh, mein Schnürband hat sich gelöst.
Francis (mit einem Blick auf Rowland). Welchem Glücklichen wird der Ritterdienst vergönnt werden, es zu binden?
Georgine (die mit erwartendem Blick auf Rowland sah, nach einer kleinen Pause, pikiert). Keinem von Ihnen, meine Herren, Sie sind weder würdig, mir das Schuhband zu lösen, noch zu binden! (Sie wirft die Locken zurück und winkt Adele; hochfahrend.) Komm einmal her, kleine Puppe, und thue deine Pflicht.
Adele (vorkommend, sieht sie groß an). Was soll ich?
Georgine (ungeduldig). Nun – binde mir das Schuhband, Kind!
Adele (schüttelt ben Kopf). Ich will nicht.
Rowland (auffahrend). Adele! Gehorche!
Adele (fest). Nein -- sie ist nur schön, nicht gut – ich will nicht.
Rowland (ganz versteinert, mit einem Blick auf Jane). Was ist das?
Mistreß Reed (kalt). Die Erziehungsmethode der Miß Eyre!
Georgine (mit einem langen Blick Jane messend). Von der sie jedenfalls keine Demut lernte.
Rowland (finster). So scheint es!
Jane (mit einem festen Blick auf Mistreß Reed, bescheiden). Adele ist seit fünf Monaten mein Zögling, und Sie wissen wohl, Mistreß, daß eine verwahrloste Erziehung oft kaum in Jahren gut gemacht wird. (Zu Georgine.) Vergeben Sie dem Kinde und gestatten Sie mir, seinen Fehler zu sühnen. (Sie läßt sich rasch auf ein Knie nieder und bindet das Band.)
Sam (giebt seine boshafte Freude zu erkennen).
Rowland (macht eine Bewegung, als wollte er sie zurückhalten, schlägt plötzlich die Arme übereinander, kreuzt sie fest auf der Brust, schwer atmend und den Blick, als ertrüge er den Anblick nicht, zu Boden gesenkt).
Georgine (ist so überrascht, daß sie alles geschehen läßt). O, sehr gütig, Miß!
Jane (steht auf, verbeugt sich, nimmt Adeles Hand und tritt mit ihr etwas zurück). Geh auf dein Zimmer, Adele.
Adele (geht mit gesenktem Kopfe in die Seitenthür links ab).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Georgine (leise zu Rowland). Nun, strenger Gebieter, man muß es Ihnen lassen, Sie haben Ihre Schlange trefflich dressiert! Man könnte sich fast vor Ihnen fürchten – wenn -- man Ihnen weniger gut wäre!
Rowland (mit Mühe sich selbst bekämpfend). Zu viel Güte –
Georgine (mit Vorwurf). O Rochester!
Francis (hat indes ein Taschentuch vom Sitz genommen und reicht jetzt Georgine, dicht zu ihr tretend). Ihr Tuch, Lady Clarens. -- Mylord werden erlauben, daß ich meinen Ritterdienst schon hier beginne. (Er reicht Georgine den Arm.)
Georgine (nimmt ihn, nachdem sie vergebens auf eine Einrede Rowlands gewartet).
Francis. Ich hoffe, daß Sie sich nicht allein mit den Erinnerungen an Heinrich den Achten unterhalten sollen, Mylady.
Rowland (reicht Lady Clawdon den Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.)
Francis (leise zu Georgine). Auch dies Schloß hat seine Geschichte, deren Entdeckung für Sie nicht ohne Interesse sein dürfte!
Georgine (sieht ihn frappiert an).
Francls (fortfahrend, laut). Die Wagen warten, eilen wir.
Mistreß Reed (ist ebenfalls im Begriff zu gehen).
Georgine (indem sie sich wendet, berührt sie mit den Armen Mistreß Reed. Ah, Mama, auf Wiedersehen! (Sie geht mit Francis durch die Mitte voran.)
Edward (folgt).
Lord Clawdon und Mistreß Reed (sind die letzten; er bietet ihr den Arm, sie dankt; er folgt den übrigen, die durch die Mitte abgehen).
Mistreß Reed (folgt langsam, geht an Jane vorüber, ohne sie anzusehen, bleibt plötzlich stehen, mit sich selbst kämpfend, wendet sich dann zu ihr und sagt kalt).
Jane Eyre, ich muß Sie sprechen.
Jane (zuckt zusammen, da sie sie anredet). Mich?
Mistreß Reed. Wenn alles ruhig ist im Schloß, werden Sie sich hier einfinden?
Jane (sieht sie groß und ruhig an). Zu Befehl, Mistreß.
Mistreß Reed (geht langsam durch die Mitte ab). Gut.
Vierter Auftritt.
Jane allein.
Jane (sieht ihr starr nach). Sie will mich sprechen, mich? Was will sie noch von mir? Ah -- trage ich nicht schwer genug! [(Sie fährt mit der Hand über die Stirn.) Kein Wort, kein Blick löst mir das dämonische Rätsel jener schrecklichen Nacht! Gratia Poole waltet stumm und unheimlich wie immer -- welche Rechte hat sie an seine Nachsicht? Fürchtet er diese finstere Gestalt? Welch ein lichtscheues Geheimnis umschließt dies Schloß - oder vielleicht - Rochesters Brust? O! (Sie preßt die Hand auf die Brust). Ich weiß es nun - Georgine beherrscht seine Sinne -- er ertrug es, meine Demütigung zu sehen, nicht die Hand regte er, um mich abzuhalten!] Ruhig -- ruhig, gefoltertes Herz - du hast ja nicht einmal das Recht zu brechen!
[Fünfter Auftritt.
Jane. Adele kommt von links.
Adele (steckt den Kopf herein, sieht sich ängstlich um und fliegt dann zitternd auf Jane zu, sie weinend umschlingend). Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Jane (erstaunt, sanft verweisend). Adele! Befahl ich dir nicht, nach deinem Zimmer zu gehen?
Adele. Ach, sein Sie gut! Sam hielt mich ab, er nahm mich mit in die Unterstube und drohte mir und sagte: Rowland werde mich in den östlichen Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte!
Jane (schmerzlich getroffen, sich gewaltsam fassend). Sam ist ein boshafter Mensch; sei ruhig, Lord Rochester ist kein Tyrann -- du weißt es ja. Weine nicht!
Adele (die Tränen trockend). Ja -- aber Sir Francis Bedienter sagte doch: “Rowland sperrte alle Leute, auf die er böse ist, in den Turm, wie seine Lady!”
Jane (zusammenzuckend). Wie -- wen ?
Adele (leise und geheimnisvoll). “Seine Lady,'” sagte er, das wisse alle Welt, daß im Turm Rowlands Lady gefangen sitze.
Jane (fest und gebieterisch). Wiederhole das nie wieder, Adele, es ist eine Lüge! (Zusammenfahrend.) Horch -- das ist er!
Adele (flehend). Rowland? O kommen Sie -- ich fürchte mich so sehr! (Sie läuft nach links ab.)
Jane (ihr folgend). So höre doch!]
Sechster Auftritt.
Jane. Rowland durch die Mitte.
Rowland (ihr in den Weg tretend). Sie noch hier, Miß Eyre? Werden Sie nicht mitfahren?
Jane (wieder vollkommen ruhig). Ich blieb zurück, um Sie zu bitten, Herr, daß Sie mich von dieser Pflicht entbinden. Adele muß hier bleiben, sie hat diese Strafe verdient; allein ich überlasse das Kind nicht gern sich selbst, wenn es gefehlt hat.
Rowland (sieht sie forschend an). Und denken wohl, daß ich kein Recht habe, Sie für meine Gäste in Anspruch zu nehmen, und daß Sie schon genug für diese gethan?
Jane. Ich weiß wenigstens, daß ich dort nicht vermißt werde, und für Adele bin ich nötig.
Rowland (mit halbem Vorwurf). Für Adele? Hm! – Für niemand sonst?
Jane (rasch). O gewiß, für die arme Mistreß Harleigh, die unter der Wirtschaftslast jetzt fast erliegt.
Rowland. Für niemand sonst?
Jane (ruhig). Für niemand, Herr!
Rowland (wendet sich unwillig ab). Und -- Sie haben mir nichts zu sagen?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Mich nichts zu fragen, Jane Eyre?
[Jane (wie oben). Ich werde Sie nie um etwas befragen: denn ich weiß, daß Sie mir ungefragt sagen werden, was mir zu wissen nötig ist, und daß keine Frage Ihnen ablocken würde, was Sie verschweigen wollen.
Rowland. So? Sie sind spitzfindig, Jane Eyre; und doch giebt es eine Frage, die seit jener Nacht auf Ihren Lippen, in Ihren Augen schwebt, zu der Sie ein Recht haben -- (ungeduldig) warum denn fragen Sie nicht? Lohnt es Ihnen nicht der Mühe, sind Sie nicht als Weib geboren, daß Sie die Neugier nicht kennen, daß Sie nicht wissen wollen, warum man mich verbrennen will-- oder haben Sie jenem Nacht --- vergessen?
Jane. Wenn ich Ja sagte, würde ich Sie belügen, Herr, und ich lüge nie.
Rowland (finster). Sie wollen also nicht fragen und haben mir nichts zu sagen – (sie fest ins Auge fassend) gar nichts!]
Jane. Nein! Jetzt nicht -- vielleicht später.
Rowland. Später! So! Und -- wenn ich Ihnen nun -- (Er stockt, geht ein paar Schritte, dann plötzlich vor sie hintretend.) Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich mich ganz plötzlich verheiratete?
Jane (ohne irgend eine Bewegung). Ich würde sagen, daß Sie recht daran thun, Herr!
Rowland. So! Und das wäre Ihnen ganz einerlei?
Jane. Nein, Herr! Ich würde mich freuen, wenn Sie glücklich würden!
Rowland (sie fest, fast schmerzlich betrachtend). Wirklich? (Mit sich kämpfend.) Miß Eyre -- Sie – (Er faßt sich, trocken.) Sie können gehen.
Jane (ruhig den Kopf neigend, geht durch die Mitte ab).
Rowland (stampft wütend mit dem Fuße). Sie geht! Kein Wort! Kein Blick verrät ihr Inneres! Diese Sphinx wird mich rasend machen!
Siebenter Auftritt.
Rowland. Judith durch die Mitte.
Rowland. Ah, Base! Sind die Pächter da?
Judith (in großer Aufregung, aber sich bezwingend). Nein, Mylord; aber ich bin da, um ein paar ernste Worte mit Ihnen zu reden.
Rowland (befremdet). Oho! das klingt ja sehr wichtig; ich denke aber, ich habe Wichtigeres zu thun, als Ihr Geschwätz zu hören, Base!
Judith. Das glaube ich kaum! Sie wissen, ob ich jemals Lust gezeigt, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, oder Ihnen Ratschläge zu geben -- Sie können sich sagen, daß Wichtiges mich bestimmen muß, wenn ich jetzt gezwungen bin, beides zu thun!] Hören Sie mich aufmerksam an. Als Sie nach Ihres Bruders Tod Ihr Erbe antraten, als Sie kurz darauf befahlen, die lichten Zimmer im östlichen Turm für einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und dann in dunkler Nacht ganz plötzlich ein verschleiertes Weib hierher brachten -- deren Antlitz noch bis heute niemand sah -- als Sie befahlen, ihrer Wärterin, jener Gratia Poole, in allem zu Willen zu sein und reichlich für die Bedürfnisse der Fremden zu sorgen, habe ich die Lippen nie zu einer Frage geöffnet. Sie befahlen mir, die Anwesenheit der Dame nicht zu verraten und nie nach ihrem Schicksal zu forschen -- ich gehorchte stillschweigend, ich hielt Ihr Geheimnis so heilig, als wäre es das meine. That ich so oder nicht?
[Rowland (unmutig). Sie thaten Ihre Pflicht!
Judith. Ich that sie, ohne Groll über den Mangel an Vertrauen, das eine alte Verwandte Ihres Hauses wohl verdient hätte! Meine Nächte wurden oft gestört durch das wahnsinnige Lachen, das in dem öden Schloß wiederhallte, meine Tage durch die stete Sorge, müßige Neugier fernzuhalten -- Sie haben nie eine Klage darüber von mir gehört, Lord Rochester! Nun aber machen Sie plötzlich all’ unser Mühen zunichte, Sie selbst geben das Geheimnis preis, das ich so angstvoll gehütet -- Sie schleppen eine Schar unnützer Gäste in das Schloß --
Rowland. Ich mußte der Nachbarschaft einmal wieder mein Haus öffnen, wollte ich nicht selbst das alberne Gerücht nähren, das leise, aber bedrohlich durch die Grafschaft schleicht.
Judith (decidiert). Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es bald nicht mehr leise, sondern überlaut auftreten wird, wenn Sie diese neugierigen Gäste nicht rasch entfernen. -- In vergangener Nacht hörte Gratia Geräusch im Turm, und als sie ihre Thür öffnete, lagerte ein fremder Diener auf der Schwelle, der wohl die ganze Nacht da auf der Lauer lag. Er floh bei ihrem Anblick. Diesen Morgen aber vernahm Lea in der Küche Reden, die sich das fremde Gesinde zuflüsterte, die so seltsam klangen, daß ich sie Ihnen nicht wiederholen möchte! Das mußten Sie wissen, Lord Rochester. Sie sollen mich nicht beschuldigen, Ihre Geheimnisse verraten zu haben, während Sie selbst es sind, der --
Rowland (sie unterbrechend). Eine solche Beschuldigung haben Sie nie von mir zu fürchten, Judith! Denn man verrät niemals -- was man nicht weiß!
Judith (wendet sich empört und gekränkt ab).]
Rowland (gutmütig). Geben Sie sich zufrieden, Base; ich weiß ja, daß Sie wacker sind und mein Haus in guten Händen ist. Ich bin dankbar, das wissen Sie.
Judith (ausbrechend). Das sind Sie nicht, Lord Rochester! Sie glauben, mit Gold sei alles abgethan. Was hilft mir das? Ein Herz bedurfte mein freudloses Alter, ein helles frohes Auge, das die Finsternis dieses Hauses wie Sonne durchstrahlte -- ich hatte es gefunden, ich lebte wieder! Nun aber jagen Sie mir Jane Eyre fort, ich soll wieder allein und verlassen sein. (Sie kämpft mit Thränen.) Das ist zu viel für mich -- das ist grausam, das ist Ihrer nicht würdig!
Rowland (sieht sie groß an). Wer sagt Ihnen denn, daß ich Miß Eyre fortjagen will. Ich denke nicht dran!
Judith. Sie denken nicht dran? Nun -- aber Jane Eyre denkt daran!
Rowland (wendet sich rasch nach ihr). Das wagt sie nicht!
Judith. Sie wagt nicht? Ei sieh! Habe ich Ihnen nicht am ersten Tage, da Sie kamen, gesagt, daß mit Charakteren nicht gut experimentieren ist? Gott weiß, was Sie mit dem unglücklichen Geschöpf vorhaben! Sie lassen sie rufen, wenn sie einen Morgen beim Frühstück oder einen Abend beim Thee fehlt, und kommt sie, so thun Sie, als existiere sie nicht, und dulden, daß diese hoffärtige Lady sich vor Ihren Augen das Schuhband von dem edlen Geschöpf binden läßt! Der boshafte Sam hat mir alles erzählt! Ich wollte sie trösten, als sie eben still und entschlossen an mir vorbeikam – sie sah mich nicht an -- aber ich sah –
Rowland (rasch). Nun? Was?
Judith. Daß sie leichenblaß und schwankend vor sich hin sah, und dabei stürzten ihre Thränen stromweis auf die fest verschlungenen Hände herab. Ich wußte genug! Ihr Herz ist gebrochen, ihre Ehre verletzt! Sie wollten Jane Eyre biegen, das können Sie nicht, aber Sie werden sie brechen! Sie geht! Glauben Sie mir, ich kenne diese stolze feinfühlende Seele! Halten Sie sie zurück um des armen Kindes, um Ihrer selbst willen!
Rowland (seine Bewegung niederkämpfend, fixiert sie lauernd). Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig besorgt?
Judith (sieht ihn entsetzt an). Meinen Auftrag? Sie könnten glauben – (Mit Würde, tief gekränkt). O wie unwürdig denken Sie von mir und dem edlen Mädchen! Ich beklage Sie, daß Sie das Verständnis einer Seele wie Jane Eyres verloren haben! Lassen Sie sie ziehen. Dieses Haus des Fluches scheint keine Heimat für reine Geister-- und habe ich Ihnen gesagt, was Ihnen nicht gefällt, so senden Sie mich ihr getrost nach, ich gehe gern, wenn Jane Eyre fortgeschickt wird. Eine Wohlthat aber will ich der armen Jane noch erweisen; sie weinte um Sie, den sie wie ein höheres Wesen verehrt, das weiß ich; ich aber, Herr, wenn ich auch blindlings gehorche, bin nicht blind -- ich werde meine Pflicht thun und Jane Eyre belehren, daß ich Lord Rochester ihrer Thränen nicht würdig halte; das wird ihr den Abschied sehr erleichtern! (Sie geht entschlossen.)
Rowland (zusammenfahrend, ihr nachrufend). Judith – was wollen Sie thun ! (Er bleibt stehen.) Nein!
Judith (bleibt erwartungsvoll in der Mittelthür stehen).
Rowland (plötzlich entschlossen und befehlend.) Gehen Sie und thun Sie, wozu Sie Lust haben!
Judith (eilt unwillig durch die Mitte ab.)
Rowland. Sei es! Endlich muß der Streich doch fallen! Und wenn ihr Herz dabei in Trümmer ginge, das wird sie reden lehren! Es ist gut so! (Ab nach rechts).
Achter Auftritt.
Mistreß Reed allein, sie kommt durch die Mitte.
Mistreß Reed (sich umsehend). Noch nicht da! (Sie geht ein paar Schritte. Sie läßt sich erwarten. (Sie legt die Hand an die Stirn, wie im Fieber). O! Schwerer Schritt, zu dem ich den Fuß erhob -- ihr entgegen! Aber es muß, es muß!-- Welch eine Wechselwirkung zwischen diesem Geschöpf und Rochester besteht, kann ich nicht enträtseln, aber sie besteht, ich fühle es [und kann Georgines Siegeswahn nicht teilen, so lange diese stille Natter zwischen ihm und unserem Glück liegt.] (Fieberhaft.) Mit welchem Stolz sie sich vor Georgine demütigten -- o sie ist gefährlich --! (Pause.) Sie wird mir eine eiserne Stirn, die unbeugsame Macht des Hasses entgegenstellen! Haß denn gegen Haß, ich will ihr alles sagen!
Neunter Auftritt.
Die Vorige. Jane durch die Mitte.
Jane (bleich, aber ruhig und sanft, wie nach einem gefaßten Entschluß). Mistreß Reed haben befohlen –
Mistreß Reed (mit Überwindung, kalt). Kommen Sie näher! Wir wollen uns ohne Heuchelei gegenüber treten, wollen uns nicht täuschen. Die Zeit hat keine Macht an Charakteren wie den unseren. Wir haben uns gehaßt, hassen uns und werden uns hassen. [Verstellung wäre zwischen uns eine Unwürdigkeit, die uns vor uns selbst verächtlich machen müßte.]
Jane (ruhig). Sie hassen mich, Mistreß Reed, und werden mich leider immer hassen; doch thun Sie unrecht, unsere Charaktere zusammenzustellen. Sie sind eine Frau bei Jahren, Sie halten wohl fest an dem einmal gefaßten Vorurteil, selbst wenn Sie dessen Unbilligkeit einsähen, ich hingegen war damals so jung --
Mistreß Reed (peinlich von ihrer Stimme aufgeregt, sieht sie starr und immer starrer an). Sie sind dieselbe geblieben, Sie sind älter geworden, aber es sind dieselben bleichen scheuen Züge des starrsinnigen unheimlichen Wesens -- das nie ein Kind war; es sind dieselben dunklen Augen, aus denen mich und die Meinen stets der böse Blick verfolgte! [Ah -- die ganze fürchterliche Zeit steigt aus diesem stummen Gesicht vor mir auf. Was litt ich, was meine armen Kinder! Warum hatte Reed dich mir aufgebürdet -- welch furchtbare Last! Täglich und stündlich, durch Jahre und Jahre, quälte mich diese unbegreifliche Gemütsart, diese stille fürchterliche Beobachtung!] Ah, wie war mir wohl, als du fort warst, und nun stehst du wieder vor mir -- du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht, du, die mein reines Gewissen mit Qual belastet hat!
Jane (die geduldig und ruhig zuhörte). Ich-- ich habe Ihr Gewissen belastet?
Mistreß Reed. Ja -- du, du allein! (Dumpf.) Darum muß ich dich in alle Ewigkeit hassen, wie du mich, und darum können wir nicht zusammen leben und atmen unter einem Dach! (Dumpf in sich hinein.) Jane Eyre, die reiche Mistreß Reed ist arm geworden! Freut dich das?
Jane (erschrocken). O Gott beschütze mich! Wie konnten Sie arm werden?
Mistreß Reed (wie im Fieber wehklagend). Ich gab meinem lieben John alles, ich verkaufte Gateshead, ich zog zu Georgine, ich muß nun bei ihr leben, denn ich habe nichts mehr, John hatte alles nötig.
Jane (faltet die Hände). O der Elende!
Mistreß Reed (auffahrend). Er ist mein lieber Junge, man braucht viel in London -- es quälte mich, ihn darben zu lassen. (Wie zu sich selbst kommend.) Nun habe ich nur noch Georgine, und da sie den Lord heiratet, werde ich hier wohnen. Jane Eyre, du siehst ein, daß du hier fort mußt, damit ich bleiben kann!
Jane (schmerzlich). O Mistreß Reed, das sah ich längst ein; daß aber Sie es sind, die mich auch aus diesem Asyl verjagt, daß Ihnen die acht Jahre in Lowood nicht für mich genügen, daß Sie es sind, die die arme Waise zum zweitenmal hilflos in die weite Welt jagt, das -- ist hart, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (hastig). Nicht arm, nicht hilflos, reicher als ich – wenn du willst.
Jane (starrt sie an). Was sagen Sie?
Mistreß Reed (vor sich hinaussehend, fast tonlos). Du warst schon lange in Lowood -- da kam eines Tages ein Brief aus Madeira, von Tybald Eyre, deines Vaters Bruder. Er verlangte dich von mir, er schrieb, daß er reich geworden, daß er dich zur Erbin machen wolle, wenn du zu ihm zögst.
Jane. Großer Gott! Und dieser Brief, warum hörte ich nie davon?
Mistreß Reed (wie oben). Weil ich den Gedanken nicht ertrug, dich im Wohlstand zu sehen, indes mein Vermögen täglich schwand, [und Georgine nicht viel mehr besaß als ich!] Weil ich [die Wut, mit der du dich einst gegen mich erhobst] die Beschimpfungen nicht vergeben konnte, mit denen du mich vor Blackhorst und meinem Bruder gebrandmarkt! [Ich konnte nicht vergessen, was ich empfand, als du mir sagtest: du verabscheutest auf der Welt nichts so sehr als mich und meine Kinder -- als du, die jahrelang geschwiegen, so plötzlich das kochende Gift deiner Seele über mich ausgossest, als du gelobtest, mich nie wieder Tante zu nennen! Ich hatte ein Gefühl, als hätte ein Tier, das ich getreten, mich mit menschlicher Stimme verflucht!] Darum konnte ich dir nicht verzeihen, mußte dich hassen -- und darum (schaudernd) belastete ich mein Gewissen.
Jane (sanft). Ich habe ja längst vergessen, was Sie mir gethan; ich war gewiß ein böses Kind -- ich bin durch Sie gebessert worden -- vergessen Sie auch, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Wenn du gehst, Jane Eyre!
Jane (den Kopf senkend, sieht starr vor sich hinaus).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Henry Wytfield tritt im Reisekleid durch die Mitte ein. Rowland kommt von rechts und bleibt staunend stehen.
Henry. Ah, hier bist du, Sarah!
Mistreß Reed (wendet sich rasch, zusammenfahrend). Henry! Du bringst ein Unglück!
Henry. Ich fürchte es! (Auf Jane blickend.) Aber – wir sind nicht allein!
Jane (seine Hand fassend, herzlich). Es ist Jane Eyre, die Sie begrüßt, mein lieber Vetter Wytfield!
Henry. Jane Eyre? -- Sie, Miß--? Ja wahrlich -- das sind Sie! Und hier? Bei dir,
Sarah? Ah, da ist Versöhnung!
Mistreß Reed (an seinen Blicken hangend, hört kaum, was vorgeht). Du kommst von Clarens-House, du hast Briefe von John?
Henry (zieht einen Brief hervor). Nicht von ihm, aber ich konnte es nicht verschieben -- du mußt alles wissen, Sarah, denn vielleicht ist noch Rettung möglich.
Mistreß Reed (bebend). Rettung! Rettung?
Henry. [Du hast meine Warnungen nie gehört, du warst blind für diesen Elenden, zu deinem eigenen Verderben!] Ich kann dir's nicht ersparen, die Zeit drängt. John Reed ist -- entflohen -- nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht hat, die eingelöst werden müssen, wenn die Schmach unseren Namen nicht unauslöschlich --
Mistreß Reed (hat jedes Wort zuckend begleitet, wird starr und sinkt lautlos in Janes Arme).
Jane (fängt sie auf). O Gott, mein Gott!
Rowland (der im Begriff ist, einzutreten, bleibt bei Janes Ausruf wieder stehen und tritt etwas zurück).
Henry (eilt hinzu, sie bringen Mistreß Reed auf die Chaiselongue links).
Jane (ihre Hand und Stirn reibend). Tante Reed! Fassen Sie sich! Tante Reed, hören Sie mich?
Henry (leise). Ah -- die Unglückliche weiß das Ärgste nicht -- es ist alle Wahrscheinlichkeit, daß John sich selbst entleibt hat!
Jane (faltet die Hände). Gott der Barmherzigkeit!
Henry (finster). Gott der Gerechtigkeit müssen Sie sagen, Jane Eyre! Sie büßt schwer, was sie an Ihnen verschuldet hat!
Jane (in Thränen). O, sagen Sie nicht so! Ihr Haß war eine Krankheit ihrer Seele, die Onkel Reed vielleicht durch seine übergroße Liebe für mich erzeugte!
Mistreß Reed (bewegt sich und schlägt die Augen auf). Ah!
Jane. Sie lebt! (Mild und tröstend). Tante Reed, wie ist Ihnen?
Mistreß Reed. Du nennst mich Tante -- du hast es einst verschwören!
Jane (in Thränen). Ich war ein wildes ergrimmtes Kind, ich wußte nicht, wie böse ich gegen Sie war! Tante Reed, vergeben Sie mir, daß ich Ihr Leben getrübt, Ihr Gewissen belastet habe!
Mistreß Reed. Ich habe dich nach Lowood verbannt, ich hatte meinem Manne versprochen, dich wie mein Kind zu halten -- ich that es nicht -- ich habe dir zweimal unrecht gethan, habe dir daher nichts zu vergeben; es war ein Unglück, daß du geboren worden.
Jane (das Gesicht in beiden Händen verbergend). Ja, ja! O ja!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Es ist etwas Entsetzliches geschehen -- ich weiß es, ich fühle es, da, da! (Sie drückt die geballte Faust auf die Brust.) Mein Herz brennt wie Feuer! Ich habe nichts auf der Welt geliebt als John, nur er konnte mein Herz so zerfleischen. (In schmerzlichem Aufschrei.) John ist tot.
Jane (schüchtern). Aber -- Sie haben noch eine Tochter!
Mistreß Reed (auffahrend). Ja -- ja! Und sie muß glücklich, muß reich werden, und wir müssen leben! Darum mußt du fort.
Rowland (steht mit untergeschlagenen Armen und macht eine Bewegung, als verstände er plötzlich, was vorgeht).
Mistreß Reed (zieht mit zitternder Hand ein Portefeuille aus der Tasche, öffnet es, indem sie spricht). Dein Onkel lebt und harrt noch auf dich -- da, da ist sein erster und --- zweiter Brief, ich habe mich nie davon getrennt, ich dachte immer: einmal komme doch der Augenblick, diese Last von meinem Gewissen zu wälzen! Ha, er ist da! Da nimm -- und geh nun, Jane Eyre, wir sind quitt!
Jane (die Briefe nehmend). Ich werde gehen, Tante Reed -- wenn Sie mir Ihren Segen mitgeben! (Sie streckt beide Arme nach ihr und will ihre Hand fassen.)
Mistreß Reed (schaudernd, fährt zurück). Meinen Segen?! Du hast John gehaßt, hast ihn einmal umbringen wollen -- nein, nein -- ich kann dich nicht segnen, der Segen des Hasses wäre Gotteslästerung! Aber -- du gehst, um Georgine glücklich zu machen, ich werde dir Gutes wünschen --- mehr kann ich nicht, (schwer atmend) mehr kann ich nicht!
Rowland (erhebt entschlossen das Haupt und tritt zurück).
Mistreß Reed (fortfahrend). Gott allein ist die Gerechtigkeit, Gott wird es recht mit uns machen! (Sie stützt sich, dem Umsinken nahe, auf Henrys Arm und geht mit ihm durch die Mitte ab.)
Henry (reicht im Abgehen Jane die Hand).
Elfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (stand wie erstarrt und schaudernd, in wilder Verzweiflung ausbrechend). Haß! Haß! Haß -- und nirgend Liebe für die Waise! (Mistreß Reed nachsehend.) Ja, Unglückselige, ich gehe; einsam gehe ich durch alle die Millionen Lebenden – einsam nach einem fernen Weltteil zu dem Einzigen auf Gottes großer Erde, der nach Jane Eyre verlangt! (Mit finsterem Entschluß.) Ich bin sein! (Sie wendet sich zum Abgang).
Zwölfter Auftritt.
Die Vorige. Rowland ernst und ruhig von rechts.
Jane (zusammenfahrend, erblickt Rowland). Ah, da ist er! Es ist Gottes Wille!
Rowland (näher kommend). Wohin, Miß Eyre?
Jane (gefaßt und fest). Ich suchte Sie, Herr!
Rowland. Das ist wohl das erste Mal, seit wir uns kennen!
Jane. Ich hatte Ihnen auch noch nie eine Bitte vorzutragen, Herr!
Rowland. Eine Bitte? Sie? Was wollen Sie von mir?
Jane (fest). Ich bitte Sie -- mich fortzuschicken.
Rowland (sehr erleichtert). Ah! Warum erbitten Sie, was in Ihrem freien Willen steht?
Jane. Ich gab Ihnen das Wort, daß ich nicht von hier gehen werde, ehe Sie mich selbst fortschicken.
Rowland. Ah, jetzt besinne ich mich! Richtig, es ist so. -- -- Nun wohl, wenn Sie gehen wollen, ich schicke Sie fort!
Jane. Ich danke Ihnen, Herr!
Rowland. Was aber treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? -- Sie schweigen? Mir deucht, ich verstehe die Schrift um diesen stummen Mund -- Judith hat Ihnen gesagt: ich sei ein Ungeheuer, ich halte ein armes Weib hier gefangen, mein Weib!
Jane (ruhig). Nicht sie, Herr, andere sagten das.
Rowland (immer ruhig und prüfend). Und Sie haben dies Gerücht mit dem Ereignis jener Nacht in Verbindung gebracht – [finstere Gedanken, unheimliche Zweifel sind in Ihnen erwacht, haben Ihr Urteil über mich verwirrt -- nicht so?
Jane (sieht ihn groß und klar an). Nein, Herr, ich wußte, daß alles das Lüge sei.
Rowland (von einem Freudenstrahl durchzuckt, sich gewaltsam bezwingend). Ei! -- Und woher kommt Ihnen diese Überzeugung?
Jane. Aus meiner Achtung für Sie, Herr -- die mein Stab und meine Stütze sein wird, wenn -- ich allein in der Fremde lebe.
Rowland. Das ist gut, das ist brav von Ihnen, Jane Eyre, und damit Ihnen nichts diese Stütze rauben könne -- auch wenn wir für immer scheiden-- soll es klar zwischen uns werden. Der Zufall oder Ihr Verhängnis haben Sie in ein Geheimnis eingeweiht, das Sie unter allen Lebenden allein mit dem Friedensrichter der Grafschaft und mir teilen sollen, Sie, die Sie zu schweigen wissen wie ein Mann!] Sie wollten nicht fragen, so lege ich mein Vertrauen freiwillig auf Ihr Herz. Jener Dämon, der mich lebendig verbrennen wollte, ist nicht Gratia Poole, wie Sie glaubten -- es ist eine Wahnsinnige, der ich Schonung schulde, die ich keiner Anstalt, keiner Pflege als der Gratias anvertrauen darf, denn sie hat den Namen dieses Hauses entehrt -- es ist --
Jane (mit krampfhaft gefalteten Händen und bebendem Ton). Lady -- Rochester?
Rowland (finster, fast tonlos). Lady Hariette Rochester.
Jane (zuckt zusammen, sieht vor sich nieder und steht regunglos).
(Pause.)
Rowland (betrachtet sie scharf, als erwarte er eine Antwort, und fährt dann kalt und mit untergeschlagenen Armen fort). Sie war meine erste -- und bis vor wenigen Monden -- meine einzige Liebe! Gelebt hatte ich, wild und zügellos -- geliebt nicht mehr! Ich war der jüngere Sohn, also arm -- aber wir liebten uns -- sie ward meine Braut. Man sandte mich für ein Jahr nach London -- als ich wiederkehrte -- hielt sie eben Hochzeit mit dem reichen Erben unseres Hauses -- sie hatte Arthur dem armen Rowland vorgezogen -- sie ward --
Jane (ihre Freude gewaltsam bekämpfend, schreit auf). Ihres -- Bruders Weib?
Rowland (fast tonlos jedes Wort abwägend). Meines -- Bruders Weib! In jener Nacht wollte ich ihn erwürgen -- aber man band den jungen Kain, mein zärtlicher Vater erklärte mich für toll -- man schleppte mich auf ein Schiff, und erst in Indien fand ich die Vernunft -- aber nicht den Glauben an Gott und Menschheit wieder. Mein Vater starb -- mein Bruder zog mit ihr nach dem Kontinent -- ich hörte endlich, daß auch sie dort gestorben--- ich blieb kalt, ich konnte selbst der Toten nicht vergeben, mein Herz war vergiftet! -- Jahre vergingen, als ich eines Tages die Nachricht von dem Ableben meines Bruders empfing. Der Tod hatte unter den Schuldigen aufgeräumt; ich kehrte nach England zurück, trat mein Erbe an, und mit ihm – empfing ich in geheimer Zuschrift das grauenvolle Vermächtnis, das die Reue des Heimgegangenen mir an das Bruderherz legte. Arthur hatte mir die Braut geraubt -- und (fürchterlich) Hariette Rochester hatte mich dafür so furchtbar an ihm und sich selbst gerächt, wie es keine menschliche Phantasie, selbst meine rachelechzende Seele nicht erdacht hätte! (Wieder ruhiger, aber hastig.) Ihre Verblendung war einem glühenden Haß gegen Arthur gewichen; das Unglück seiner Ehe zu verbergen, brachte er sie nach dem Kontinent- in Genf erkrankte er tödlich -- und als er genas-- war die Elende mit einem schönen Polen -- verschwunden.
Jane (zurückfahrend, sieht entsetzt und erglühend vor sich nieder).
Rowland. Stolz und grausam, wie Arthur es war, meldete er den Tod seiner Gattin nach England, verfolgte still und rastlos die Spur der Flüchtigen bis, nach kaum einem Jahr, ihr Geschick sie in Paris in seine Hand gab. Den Verführer durchstach er vor ihren Augen, ein Kind, das sie im Arm hielt, entriß er ihr und übergab es einer Pension -- sie selbst schleppte er mit ihrer Amme, Gratia Poole, nach England und vergrub sich mit ihr in unser fernes Waldschloß Fardean. Niemand ahnte sein Geheimnis, das er mit Fieberangst hütete. [Er hatte sich die Nemesis selbst angekettet!] Als er der Unseligen Adele entriß, hatte sie den Verstand verloren, und nichts von Erinnerungen war ihr geblieben als der glühende Haß gegen den Mörder ihres Geliebten! -- Arthurs Rache war gesättigt, aber die Angst um sein Geheimnis, vielleicht auch Reue, verzehrte ihn. Der letzte Wille des Sterbenden legte mir die Pflicht auf, jenes verlassene Kind nach England, die Wahnsinnige aus der Moorluft in Fardean in dieses feste Schloß zu bringen und die Schande unsers Hauses heilig zu bewahren. Wie ich diese Pflicht bis heute erfüllte – wissen Sie, Jane Eyre!
Jane (mit bebender Stimme, ihre Bewegung niederkämpfend). Auch wie Ihre Wohlthat belohnt wird, Herr -- dieses Weib wollte Sie ermorden.
Rowland. Das galt nicht mir! Sie begreift nicht, daß ihr Gatte tot sei, in ihrem wirren Geist lebt Arthur in mir, der leider seine Züge trägt. Mit dem Instinkt des Hasses errät sie stets meine Nähe hier -- und strebt mit der Schlauheit des Wahnsinns unermüdet, mich zu verderben! So benutzte sie Gratias kurze Abwesenheit, um Feuer an mein Lager zu legen, und ohne die Elende hätte ich nie erfahren -- welch eine entschlossene Seele in dem zarten Leib Jane Eyres wohnt!
Jane (ohne ihre innere Bewegung zu verraten, wie reflektierend). So sind Sie also der Pfleger des Weibes geworden, das Sie verriet, und der Vater eines Kindes, dessen Mutter Ihr Glück zerstörte. Das ist edel, Herr -- das ist groß!
Rowland (trocken). Ich wollte keine Kritik meines Verhaltens von Ihnen, Jane Eyre, ich wollte Ihnen nur das Erröten ersparen, wenn Sie einst Ihres -- Herrn gedenken. Oder -- gehen Sie vielleicht jetzt nicht mehr?
Jane (zusammenfahrend). Ob ich gehe, Herr? -- O ja – (heftig) gewiß -- noch heute!
Rowland (sieht sie forschend an). Also nicht deshalb wollen Sie fort?
Jane. Nein, Herr, nicht deshalb -- ich hielt Sie nie für schuldig.
Rowland (forschend). Weshalb aber gehen Sie denn! — Weil es dieses Weib, das Sie so sehr haßt, Ihre Tante, von Ihnen fordert?
Jane (sieht ihn groß an). Mistreß Reed? -- Nein, ich war vorher dazu entschlossen.
Rowland. So? Seit wann?
Jane. Sie sagten mir, daß Sie heiraten.
Rowland. Das ist wahr, ich denke zu heiraten -- und bald soll es geschehen!
Jane (gefaßt, aber sanft). Dann wird Adele auf eine Schule geschickt werden und bedarf keiner Gouvernante mehr.
Rowland (nickend). Hm! Das könnte wohl sein, Georgine macht sich nicht viel aus Kindern, und Sie wollen meiner Frau aus dem Wege gehen, nicht wahr? -- Sie ist Ihnen zu hochmütig?
Jane (mit leiser, bebender Stimme). Das ist es nicht. Ich fühle nur, daß ich nicht mehr hierher passe, wenn Sie verheiratet sind, Herr!
Rowland (als dächte er nach). Sie mögen recht haben, ich glaube es selbst. Aber -- wo wollen Sie hin? Sie haben keine Stelle --
Jane. Meine Stelle ist gefunden -- ich gehe zu meinem Onkel nach Madeira.
Rowland (immer ernst und ruhig). Nach Madeira? Hm! Das ist ein weiter Weg, Jane Eyre!
Jane (kaum hörbar). Ja -- ein weiter Weg!
Rowland. Zwar -- für ein Mädchen von Ihrem Verstande und festen Sinn ist das kein Hindernis! Indessen -- das Weltmeer wird sich zwischen Sie und Ihr Vaterland legen --
Jane (schwer atmend. Das Weltmeer -- ja –
Rowland (mild). Und auch zwischen -- uns!
Jane (wie sein Echo, leise). Zwischen uns.
Rowland. Wir werden nichts mehr von einander hören.
Jane (wie oben). Nichts mehr!
Rowland. Wir werden einander nie wiedersehen!
Jane (zitternd). Nie -- nie wiedersehen! (Sie bricht plötzlich in Thränen aus.)
Rowland (ruhig). Weshalb -- weinen Sie, Miß Eyre?
Jane (die Thränen zurückdrängend). Ich liebe Thornfield, es war ein schönes glückliches Asyl für die verlassene Waise. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten, wie ich es gewohnt war so viele Jahre; [man hat mich geweckt aus der Versteinerung meines Unglücks -- man hat mich nicht bei untergeordneten (immer wärmer werdend) Geistern begraben,] ich habe Angesicht zu Angesicht mit dem verkehrt, was ich verehre, was mich erhob, [mit einem kräftigen, genialen und umfassenden Geist,] ich habe Sie erkennen gelernt, Lord Rochester! Ich fühle die Notwendigkeit, mich von allem hier loszureißen, aber sie gleicht für mich der Notwendigkeit des Todes! Soll ich da nicht weinen, Herr? (Sie verbirgt das Gesicht schluchzend in ihren Händen.)
Rowland. Das ist alles wahr, aber wenn Sie so schwer gehen, können Sie ja hier bleiben.
Jane (läßt die Hände plötzlich fallen, wendet sich rasch nach ihm, ihre Augen funkeln von innerem Zorn). Bei Ihnen bleiben? – Wenn Sie verheiratet sind?
Rowland. Gewiß! Sie halten die Trennung nicht aus, Sie müssen bleiben!
Jane (zitternd, leidenschaftlicher werdend, bis sie endlich in ihren ursprünglichen Charakter zurückfällt). Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen, die Trennung werde ich aushalten -- das Leben hier nimmermehr! Denken Sie, ich könnte es tragen, nichts mehr für Sie zu sein, [ein überflüssiges Möbel aus alter Zeit, das man aus Pietät nicht eben den Flammen übergiebt? Halten Sie mich für einen Automaten, für eine Maschine ohne Empfindung, die sich den Tropfen lebendigen Wassers, nach dem sie lechzt, von den Lippen nehmen läßt, ohne zu zucken?] Glauben Sie, weil ich arm und klein, einfach und verlassen bin, ich hätte deshalb kein Herz, keine Seele? -- Sie irren sich in Ihrem Hochmut, ich habe so viel Seele wie Sie, und ebenso viel Herz! [Ich verstehe Sie besser als alle anderen, denn jene sind nicht von Ihrer Art -- ich aber, ich bin von Ihrer Art, Herr, ich fühle etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich Ihnen verwandt macht, was mich geistig Ihnen vereint! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichtum gesegnet hätte -- so sollte es Ihnen gewiß ebenso schwer werden, mich gehen zu sehen, als es mir ist, Sie zu verlassen.] Ich rede jetzt nicht nach Sitte und Herkommen, noch vermöge meines irdischen Teils, nein, es ist mein Geist, der Ihren Geist anredet, als wären wir schon gestorben und unsere Seelen ständen sich gleich, wie sie sind, zu den Füßen Gottes!
Rowland (dessen Brust heftig arbeitet, der regungslos stand, um den Strom ihrer Worte nicht zu hemmen, schlingt plötzlich die Arme um sie und preßt sie an sich). Gleich, wie wir sind! So, so, meine kleine Jane!
Jane (überrascht, aber ohne aus dem früheren Ton zu fallen, steht in seiner Umarmung). Ja -- so -- und doch nicht so -- denn Sie sind so gut wie verheiratet, und zwar an ein Wesen, das Sie nicht wahrhaft lieben können, weil es tief unter Ihnen steht! Und nun -- lassen Sie mich, ich habe meine Gesinnung ausgesprochen, nun kann ich gehen, wohin ich will!
Rowland (sie fester an sich drückend). Das kannst du nicht mehr, Jane Eyre, das Netz schlug über dir zusammen, du bist gefangen.
Jane (sich rasch von ihm losmachend). Ich zerreiße es! Ich bin ein freies Wesen mit unabhängigem Willen.
Rowland. Und du glaubst, ich würde dich lassen, nachdem du so zu mir gesprochen? (Umfaßt sie plötzlich mit beiden Armen.) Weißt du, daß ich dich brechen kann wie Rohr, kleines Mädchen, ehe ich dich von mir gehen lasse?
Jane (steht unbeweglich in seinen Armen und sieht ihn groß und ruhig an). Das können Sie, Herr; mein Leib ist schwächer als der Ihre -- meine Seele ist stärker -- und meine Seele ist mein!
Rowland (sie mit glühenden Blicken betrachtend). O, wie sie mich kennt und sich, wie sie wahr spricht! Was will ich denn! Diesen Geist, diesen gewaltigen, trotzigen, diesen großen Geist will ich, und er würde mir durch die Finger schlüpfen, wie flüchtiges Kali, wenn ich den Käfig zertrümmerte, der ihn fesselt! (Er schiebt sie von sich.) Nun denn, dein Wille soll dein Geschick entscheiden, Jane Eyre! Endlich hast du mir deine Seele geöffnet -- so blicke auch auf den Grund der meinen. Seit ich dich zum erstenmal sah, seit ich ein Stück von meinem Wesen in dir erkannte, kämpfe ich mit meiner vollen Manneskraft gegen dich, armes Lamm; umsonst, du hast meine Seele mit zauberhafter Gewalt an dich gerissen, sie ist dein, mein Herz ist dein, was ich bin und habe, ist dein -- nimm auch noch das Geringste, was du übrig ließest, meine Hand! (Er streckt ihr die rechte Hand hin.)
Jane (sieht ihn groß an und tritt ganz von ihm zurück). O -- spielen Sie nicht mit mir in dieser ernsten Stunde!
Rowland (zitternd vor Ungeduld und Leidenschaft). Jane, komm her zu mir!
Jane (heftig atmend, finster). Ich kann nicht, Ihre Braut steht zwischen uns, Herr!
Rowland (glühend). Ich habe keine Braut!
Jane (ihn scheu von der Seite ansehend). So haben Sie Georgine, die Sie liebt, betrogen!
Rowland. Georgine liebt nichts als sich selbst – und den Reichtum.
Jane. Was sollte sie denn hier?
Rowland. Mir den Schlüssel leihen zu deiner festverschlossenen Seele, starrsinniges Kind! Die Eifersucht mußte dir die Liebe klar machen! Nie habe ich von Liebe und Heirat mit Georgine gesprochen. Niemand, niemand hat Anspruch an mein Herz als du, wunderlicher Kobold, trotziges Schulmädchen! (Immer heftiger werbend.) Dich will ich! Arm und klein, verlassen und einfach, wie du bist, will ich dich, nur dich! [Sieh mich nicht an, als ob dein ganzes Gesicht Auge würde, so träumend, so ungläubig -- du quälst mich fürchterlich!] (Flehend). Jane, nimm mich zum Gatten, nimm mich schnell, bedenke es nicht lange -- sage: “Rowland, ich will dein Weib sein, Rowland, ich will dich lieben!” Sag's schnell, oder meine Fibern reißen, und etwas Schreckliches geschieht!
Rowland. Du, nur du! Willst du? -- Willst du?
Jane (zitternd, in Thränen). Ach Rowland, mein Herr -- meine Welt-- da hast du mich! (Sie stürzt in seine Arme).
Rowland (sie mit Entzücken an sich drückend). Und will dich ewig halten!
[Dreizehnter Auftritt.
Die Vorigen. Francis, Georgine, Lord Clawdon, Lady Clawbon, Clarisse, Judith, Mistreß Reed durch die Mitte.
Francis (höhnisch). Vergebung, Lord Rochester wir konnten nicht ahnen, so zur ungelegenen Zeit hier zu stören, um Zeuge zu werden --
Rowland (großartig, sich mit Stolz zu der Gesellschaft wendend). Wie ich Jane Eyre mit Stolz und Entzücken vor allen Lebenden als meine Braut erkenne!
Alle (in starrem Staunen). Seine Braut!
Mistreß Reed (tonlos). Ich wußte es! (Sie verhüllt das Gesicht und bleibt unbeweglich.)
Rowland (Jane umschlingend). Ja, meine Braut, mein Weib, mein Kleinod, das meine starken Arme fortan wahren werden -- und Gott, der die verlassene Waise durch die Hand des Hasses an das Herz der Liebe führte, wird zwei Seelen schützen, die nichts zu ihrem Glück bedürfen als sich selbst -- und (er legt die Hand auf Janes Haupt und streckt den Arm zum Himmel) seinen Segen!
Allgemeine Gruppe.
Georgine (reicht stolz, mit einem verächtlichen Blick auf Rowland Francis die Hand).
Francis (drückt ihre Hand an seine Lippen).
Judith (giebt ihre Freude zu erkennen).
Die übrigen (in verschiedenen Gruppen, ihre Teilnahme ausdrückend).
Jane (hat die Hände gefaltet und scheint zu beten).]
Der Vorhang fällt rasch.