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Meine lieben, jungen Freundinnen.

Es ist schon lange her, daß ich so jung war, wie Ihr es jetzt seid,
aber die Erinnerung an meine Jugendempfindungen ist mir deshalb
noch nicht abhanden gekommen. Ich weiß noch recht gut, was mir
damals Freude machte, mein Interesse erregte und meine Gedanken
beschäftigte. Ja, einige von den Neigungen, welche mich schon in
der Kindheit beherrschten, sind mir bis in mein Alter treu geblieben;
vor allen anderen die Lust am Lesen.

Heute schaue ich in jedes Buch hinein, das mir in die Hand
kommt, durchblättere es und entscheide für mich selbst, ob ich es lesen
will oder nicht. In meiner Jugend war das anders; da wurde mir
der Einblick in manches Buch versagt, dessen Titel schon genügte,
meine Phantasie in Feuer und Flamme zu versetzen und das ich mit
großem Herzeleid in den Tiefen eines verschlossenen Bücherschranks
verschwinden sah, wenn ich eben Miene machte, mir seinen Inhalt
anzueignen.

Ich glaube, damals hielt ich es fast für eine Art Grausamkeit, daß
ich nicht jedes Buch lesen durfte; jetzt freilich denke ich anders darüber.
Die Zeit hat mich einsehen gelehrt, daß selbst die Unterhaltungsbücher
lum diese handelte es sich damals vorzugsweise für mich oft Charaktere schildern, deren Handlungsweise begründen oder ihnen Schicksale andichten, für welche die Jugend noch kein Verständnis haben
kann, weil ihr einfach das Alter und mit ihm die Lebenserfahrungen
fehlen, welche dieses bedingt.

Später sind mir unter den Büchern, deren Lektüre mir in der
Jugend versagt wurde, viele begegnet, die mit einem Teile ihres
Inhaltes wohl geeignet sind, auch jungen Lesern Freude zu machen,
ihnen Unterhaltung und Belehrung zu bieten und sie ebenso zur Entwickelung des Guten, was in ihnen schlummert, anzuspornen, wie
zur Unterdrückung der ihnen innewohnenden Fehler.

Solche Bücher habe ich namentlich in der englischen Literatur
gefunden, die ihre Stoffe so vielfach dem täglichen Leben entnimmt
und uns in ihren Romanen so oft einen Spiegel unserer selbst und
unserer Umgebung vorhält.

Da habe ich oft gewünscht, der lieben Jugend diesen oder jenen
Spiegel auch vorhalten zu können, denn es ist heilsam und nötig,
daß der Mensch sich im Spiegel beschaue, in dem, welcher sein geistiges
Bild zurückwirft sowohl, als in dem, welcher sein leibliches wiedergiebt. Denn, sagt es selbst, wo können wir uns anders selbst sehen,
als im Spiegel? Und durch wen können wir es sicherer erfahren,
ob wir uns zu immer würdigeren Geschöpfen unseres Schöpfers
heranbilden, als durch den Spiegel?

Freilich gehört schon etwas Kunst dazu, in diesen Wunderspiegel
von Papier und Oruckerschwärze zu schauen und aus dem Vielen,
was er wiederspiegelt, herauszulesen, was uns angeht oder frommt;
doch ganz fremd wird Euch diese Kunst nicht sein und das Leben
vervollkommnet sie wunderbar bei Menschen, die das Wachstum in
der Selbsterkenntnis ernstlich suchen.

Daß Ihr das thut, setze ich zu Eurem eigenen Heile von Euch
voraus, meine lieben jungen Freundinnen, und wenn dieses Buch
solchem löblichen Streben etwas zu Hilfe kommen sollte, so würde
das innige Freude bereiten.

der Verfasserin.



Erstes Kapitel.

Es war unmöglich heute unsern gewöhnlichen Spaziergang zu
machen. Wir waren diesen Morgen eine Stunde lang durch den
laublosen Busch gewandert, aber seit dem Mittagessen (Mrs. Reed
aß zeitig zu Mittag, wenn sie keinen Besuch hatte, brachte der kalte
Winterwind so dunkle Wolken und einen so durchdringenden Regen
mit sich, daß an ein nochmaliges Ausgehen nicht zu denken war.

Ich freute mich darüber. Ich liebte lange Spaziergänge nicht;
am wenigsten an kalten Nachmittagen. Es war mir schrecklich, im
Zwielicht mit abgestorbenen Fingern und Zehen nach Hause zu kommen,
um Bessies, des Kindermädchens, Schelten zu hören; zudem fühlte ich
mich durch das Gefühl meiner Schwäche gedemütigt, gegenüber den
gegen Witterungseinflüsse unempfindlichen Geschwistern Eliza, John
und Georgiana Reed.

Besagte Eliza, John und Georgiana hatten sich jetzt im Wohnzimmer um ihre Mama geschart. Diese lag ausgestreckt auf dem
Sopha am Kamin und sah vollkommen glücklich aus in der Mitte
ihrer Lieblinge, die für den Augenblick weder weinten noch sich zankten.
Mir hatte sie verboten, mich der Gruppe anzuschließen, indem sie
sagte, ehe sie nicht von Bessie höre und aus eigener Beobachtung
sähe, daß ich ernstlich bemüht sei, ein kindlicheres und umgänglicheres
Wesen anzunehmen, könnte sie mir zu ihrem Leidwesen nicht erlauben,
die Vorrechte mitzugenießen, welche nur zufriedene und glückliche
kleine Kinder hätten.

,Wessen klagt mich denn Bessie an? fragte ich.
,Jane, ich liebe solche Fragen nicht. Es schickt sich durchaus
nicht für ein Kind, so zu älteren Leuten zu sprechen. Setze Dich
irgendwo hin und sei still, bis Du höflicher zu reden gelernt hast.
-
wissen und hing an dem Glauben, daß seine Blässe die Folge von
allzu großem Fleiße und vielleicht auch von Heimweh wäre.

John hatte wenig Liebe für seine Mutter und Schwestern und
eine Abneigung gegen mich. Er schlug und stieß mich, nicht etwa
mitunter, sondern unablässig. Jeder Nerv in mir fürchtete ihn, und
jedes meiner Glieder zitterte, wenn er mir nahe kam. Es gab Augenblicke, in denen ich aus Angst vor ihm außer mir war, denn ich fand
nirgends Schutz gegen seine Drohungen und Mißhandlungen. Die
Dienstleute scheuten sich, ihren jungen Herrn dadurch zu beleidigen,
daß sie Partei für mich nahm.en, und Mrs. Reed war, was ihren
Sohn betraf, blind und taub. Sie schien es nie zu sehen, wenn er
mich schlug, nie zu hören, wenn er mich schimpfte, obgleich er beides
zuweilen in ihrer Gegenwart that; häufiger freilich in ihrer Abwesenheit.

Gewohnheitsmäßig gehorsam gegen John, kam ich auf ihn zu.
Er füllte wohl drei Minuten damit aus, mir die Zunge so lang herauszustrecken, wie es ihm möglich war, ohne ihre Wurzel zu verletzen.
Ich wußte, er würde mich gleich schlagen, und während ich den gefürchteten Schlag erwartete, stellte ich meine Betrachtungen über sein
häßliches und abstoßendes Äußere an. Ich weiß nicht, ob er meine
Gedanken auf meinem Gesichte las; er schlug plötzlich, ohne zu sprechen,
heftig auf mich ein. Ich schwankte, und als ich mein Gleichgewicht
wieder erlangt hatte, zog ich mich um einige Schritte aus seiner
Nähe zurück.

,Das ist für die Frechheit, mit der Du Mama vorhin geantwortet hast, und für Deine schleichende Art, Dich hinter Vorhänge
zu verstecken, und für den Blick, mit dem Du mich soeben angesehen
hast, Du Ratte!’

An Johns Gezänk gewöhnt, fiel es mir nie ein, ihm zu antworten; ich dachte nur daran, wie ich den Schlag aushalten wollte,
der jeder Grobheit folgte.

,Was hast Du hinter dem Vorhang gemacht? fragte er.
,Gelesen.'
,Zeige das Buch.
Ich ging zum Fenster zurück und holte es.
,Wie kannst Du Dir einfallen lassen, unsere Bücher zu nehmen?
Du lebst von unsrer Gnade, sagt Mama; Du hast kein Geld, Dein
Vater hat Dir nichts hinterlassen. Du müßtest eigentlich betteln
gehen und nicht hier wie wir, die Kinder eines Edelmannes, leben,
dieselben Mahlzeiten wie wir essen und Kleider tragen, die Mama
bezahlt. - ich will Dich lehren, in meinem Bücherschrank zu kramen!
Das ganze Haus gehört mir oder wird mir in einigen Jahren gehören. Geh, stelle Dich an jene Thür.

Ich that es, ohne seine Absicht sogleich zu durchschauen, aber als
ich ihn das Buch erheben sah, um mich damit zu werfen, sprang
ich mit einem Schreckensschrei unwillkürlich auf die Seite, doch nicht
früh genug, denn der dicke Band traf mich, ich fiel mit dem Kopf
heftig gegen die Thür und verwundete mich. Die Wunde blutete,
der Schmerz war empfindlich. Da unterdrückte das Entsetzen jedes
andere Gefühl.

,Böser, grausamer Bube!' sagte ich. ,Du bist so schlimm wie
ein Mörder, wie ein Sklavenvoigt; Du bist wie die römischen Kaiser!'

Ich hatte Goldsmiths Geschichte von Rom gelesen und hatte mir
meine eigene Vorstellung von Nero, Caligula und so weiter gemacht.
Ich hatte in der Stille Vergleiche angestellt, aber nie gedacht, daß
ich meine Gedanken laut aussprechen würde.

,Wie? Was sagst Du? schrie er. ,Mir wagst Du das zu
sagen? Habt Ihr gehört, Eliza und Georgiana? Ich werde es
Mama sagen, aber zuvor -

Er rannte auf mich los, ich fühlte ihn meine Schulter und meine
Haare packen. Er hatte mit einer Verzweifelten angebunden. Ich sah
wirklich in ihm einen Tyrannen, einen Mörder. Ich fühlte Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Nacken hinunterrieseln und empfand
einen stechenden Schmerz. Diese Gefühle gewannen für den Augenblick die Herrschaft über meine Furcht, und ich trat ihm zornig entgegen. Ich bin mir nicht klar bewußt, was ich mit meinen Händen
that, erinnere mich aber wohl, daß er mich ,Ratte'! schalt und laut
schrie. Man kam ihm zu Hülfe. Eliza und Georgiana hatten ihre
Mutter gerufen, und sie erschien in der Thür, gefolgt von Bessie und
ihrer Jungfer Abbot. Wir wurden getrennt und ich hörte die Worte:

,Um Gottes willen! Welch ein Wahnsinn, Junker John so anzufallen!

,Hat man jemals eine ähnliche Wut gesehen!
Zunächst dem Wohnzimmer lag ein kleines Frühstückszimmer.
Ich schlüpfte hinein. Es enthielt einen Bücherschrank. Ich bemächtigte mich eines Buches, versicherte mich aber zuerst, daß Bilder darin
waren, dann kletterte ich auf die Fensterbank, zog meine Füße nach
und saß mit gekreuzten Beinen wie die Türken; nachdem ich den
dichten, roten Vorhang zugezogen hatte, fühlte ich mich geborgen in
meiner doppelten Zurückgezogenheit.

Auf der einen Seite schloß mich der Vorhang von der Außenwelt ab, auf der anderen waren die klaren Glasscheiben, welche mich
vor dem naßkalten Novemberwetter beschützten. Ab und zu, während
ich die Blätter meines Buches umwandte, vertiefte ich mich in die
Betrachtung des Winternachmittags. In der Ferne war nichts als
dichter weißer Nebel zu sehen, in der Nähe erblickte man eine feuchte
Ebene, auf der der Sturm das laublose Gesträuch schüttelte und über
welche der heulende Wind unaufhörlich den Regen vor sich her jagte.

Ich blickte wieder in mein Buch; - Bewicks Geschichte englischer
Vögel- im allgemeinen zog mich der Text wenig an; und doch
waren da einige einleitende Seiten, die ich nicht unbeachtet lassen
konnte, so sehr ich auch noch Kind war. Es waren diejenigen, welche
von den Seevögeln handeln; von den einsamen Felsen und Vorgebirgen;
von der norwegischen Küste, die so ganz von Inseln eingerahmt ist,
von ihrem südlichsten Ende an bis zum Nordkap; auch fesselte mich
die Beschreibung der Küsten von Lappland, Sibirien, Spitzbergen,
Grönland, die ganze nördliche Zone mit ihren endlosen Ebenen voll
blendenden Schnees, auf denen große Eisblöcke, seit Jahrhunderten
angesammelt, bis zur Höhe der Alpen aufragten und den Pol umgaben, alles mit entsetzlicher Kälte erfüllend. Von diesen verlassenen
Gegenden bildete ich mir meine eigene Vorstellung, schattenhaft, wie
alle halb verstandenen Begriffe, welche einem Kinde durch den Sinn
gehen, aber wunderbar eindrucksvoll. Der Text auf diesen einleitenden
Seiten stand im Zusammenhange mit den folgenden Zeichnungen.
Da war ein einsamer Felsen unter schäumenden Wellen; ein zerschelltes
Boot, an öder Küste gestrandet; der kalte, geisterhafte Mond zwischen
Wolkenschichten, ein soeben gesunkenes Wrack beleuchtend.

Jedes Bild erzählte eine Geschichte. Sie war oft geheimnisvoll
und unverständlich für meinen unentwickelten Geist und meine schlummernden Gefühle, aber immer unendlich interessant, so interessant wie die Erzählungen von Bessie. An Winterabenden pflegte diese, wenn
sie gerade guter Laune war, ihren Plätttisch am Kamin der Kinderstube aufzustellen und uns zu erlauben, uns um sie herumzusetzen;
während sie dann Mrs. Reeds Spitzenfraisen plättete und ihre Nachthauben fältelte, erzählte sie uns Märchen oder Abenteuer, welche sie
alten Balladen entnahm.

In Gesellschaft meines Buches war ich ganz glücklich, wenigstens
auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Störung, und die kam
bald genug. Die Zimmerthür öffnete sich.
,Heda, Schlafmütze!'' schrie John. Plötzlich hielt er inne, wahrscheinlich, weil er das Zimmer leer fand.

,Wo, zum Teufel, mag sie sein? Lizzy! Georgy! Jane ist nicht
hier, rief er seinen Schwestern zu. ,Sagt Mama, sie sei in den
Regen hinausgelaufen, das boshafte Tier.

,Wie gut, daß ich den Vorhang zuzog, dachte ich und wünschte
innig, daß er mein Versteck nicht finden möchte. Allein würde er
es auch nicht gefunden haben, denn er hatte ein schwaches Begriffsvermögen und keine Beobachtungsgabe, aber Eliza hatte kaum ihren
Kopf zur Thür hereingesteckt, so rief sie auch schon:

,Sie sitzt sicherlich in der Fensternische.
Ich kam sogleich zum Vorschein, denn ich zitterte bei dem Gedanken, von John hervorgezogen zu werden.

,Was willst Du von mir? fragte ich mit unverhohlenem Mißtrauen.

Seine Antwort war: ,Du sollst sagen ,was wünschen Sie,
Herr Reed?
John Reed war ein Schulknabe, vierzehn Jahre alt, also vier
Jahre älter als ich, die ich zehn Jahre zählte. Er war groß und
stark für sein Alter; er hatte eine dunkle ungesunde Gesichtsfarbe,
grobe Züge in einem breiten Gesicht und lange, ungelenke Gliedmaßen.
Er überaß sich regelmäßig bei Tische, wodurch er blöde und triefende
Augen und aufgeschwemmte Backen bekam und gallig wurde. Er
hätte jetzt auf der Schule sein müssen, aber seine Mama hatte ihn
auf ein bis zwei Monate zu sich genommen, seiner zarten Gesundheit
wegen. Mr. Miles, sein Lehrer, meinte zwar, er würde ganz gesund
sein, wenn man ihm weniger Süßigkeiten und Kuchen von Hause
schickte, aber seine Mutter wollte von dieser strengen Auffassung nichts

Dann fügte Mrs. Reed hinzu: ,Bringt sie in das rote Zimmer
und schließt sie dort ein. Vier Hände ergriffen mich sogleich und
ich wurde die Treppe hinaufgetragen.

Zweites Kapitel.

Ich sträubte. mich auf dem ganzen Wege. Das war etwas Ungewohntes an mir und bestärkte Bessie und Miß Abbot sehr in ihrer
schlechten Meinung von mir. Ich war in der That außer mir, wie
die Franzosen sagen würden. Ich wußte, daß meine Empörung mir
strenge Strafe eintragen würde, und war, wie jeder rebellische Sklave,
entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen.

,Halten Sie ihr die Arme fest Miß Abbot, sie ist wie eine
wilde Katze.’

,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich! schrie die Jungfer.
,Welch abscheuliches Betragen, Miß Eyre, den Junker zu
schlagen, den Sohn Ihrer Wohlthäterin, Ihren Herrn!’

,Herrn! Er ist mein Herr? Bin ich ein Dienstbote?’
,Nein, Sie sind weniger als ein Dienstbote; Sie thun gar nichts
dafür, daß Sie erhalten werden. Da, setzen Sie sich hin und denken
Sie über Ihre Schlechtigkeit nach.’

So sprechend, hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete
Zimmer gebracht und mich auf einen Stuhl niedergesetzt. ich wollte
aufspringen, aber sie hielten mich fest.

,Wenn Sie nicht still sitzen, müssen Sie festgebunden werden,'
sagte Bessie, ,Miß Abbot, leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder die
meinigen würde sie gleich zerreißen.

Miß Abbot schickte sich an, sie abzubinden. Diese Vorbereitung,
mich zu fesseln, kühlte meine Aufregung etwas ab.

,Binden Sie mich nicht fest, schrie ich. ,Ich will mich nicht
rühren.
Um sie von der Aufrichtigkeit meiner Worte zu überzeugen,
klammerte ich mich mit beiden Händen fest an den Stuhl.

,Hüten Sie sich, es zu thun,’ sagte Bessie. Als sie sich sicher
glaubte, daß ich gehorchte, ließ sie mich los; dann standen sie und Miß
Abbot mit verschränkten Armen vor mir und sahen mich ängstlich und
zweifelnd an, als ob sie glaubten, daß ich nicht recht' bei Sinnen
wäre.

,So habe ich sie noch nicht gesehen,’ sagte endlich Bessie, sich an
die Zofe wendend.

,Aber es lag immer in ihr,! war die Antwort. ,Ich habe es
Mrs. Reed oft gesagt, sie ist ein verstocktes kleines Ding, und
Mrs. Reed ist ganz meiner Meinung. Ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter gesehen, das so verschlossen gewesen wäre.

Bessie antwortete nicht. Bald darauf redete sie mich an und sagte:
, Sie sollten bedenken, Miß, daß Sie Mrs. Reed großen Dank
schuldig sind. Sie erhält Sie, und wenn sie ihre Hand von Ihnen
abzöge, kämen Sie in das Armenhaus.

Ich hatte auf diese Worte nichts zu erwidern, sie waren mir
nicht neu, meine frühsten Erinnerungen schlossen ähnliche Bemerkungen ein. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war meinem Ohr zu
einem unbestimmten Singsang geworden, der mir weh that und mich
niederdrückte, den ich aber nur halb verstand. Miß Abbot fügte hinzu:

,Und Sie müssen nicht etwa denken, daß die Misses und Junker
Reed Ihresgleichen find, weil Mrs. Reed so gütig ist, Sie mit ihnen
zu erziehen. Jene werden einmal sehr reich werden, und Sie haben
nicht das Geringste, darum sollten Sie demütig sein und darnach
trachten, sich bei ihnen beliebt zu machen.

,Wir sagen das zu Ihrem Besten,’ fügte Bessie mit strenger
Stimme hinzu. ,Sie sollten sich bemühen, nützlich und freundlich zu
sein, dann könnten Sie hier eine Heimat haben, wenn Sie heftig und
unartig bleiben, wird Sie Mrs. Reed sicherlich fortschicken.

,Und außerdem,' sagte Miß Abbot, ,wird Gott Sie strafen. Er
kann Sie mitten in Ihren Sünden sterben lassen, und wo würden Sie
dann hinkommen? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein lassen.
Ich möchte um Nichts in der Welt ihr schlechtes Herz haben. Wenn
Sie wieder zur Besinnung kommen, beten Sie, Miß Eyre, denn
wenn Sie nicht bereuen, wird der Böse durch den Schornstein
kommen und Sie mitnehmen.
Sie gingen und schlossen die Thür hinter sich zu.
Das rote Zimmer war ein unbenutztes Zimmer, in dem selten
jemand schlief, ich könnte fast behaupten niemals, es mußte denn
sein, daß ganz ungewöhnlich viel Besuch in Gatesheadhall vorsprach. Es
war dessen ungeachtet eines der größten und prächtigsten Zimmer im
ganzen Hause. In der Mitte desselben stand ein großes Bett von
Mahagoni mit einem Himmel von schwerem, dunkelrotem Damast, die
beiden Fenster, welche immer verhangen waren, hatten Draperien von
demselben Stoff; der Teppich war ebenfalls rot und der Tisch am
Fußende des Bettes war mit einer Decke von gleicher Farbe bedeckt,
die Wände waren von dunkler Farbe, Kleiderschrank, Toilettentisch,
Stühle von dunkel poliertem Mahagoni. Aus dieser düstren, schattenhaften Umgebung leuchteten um so heller das Bett mit seinen schneeweißen Kissen und ein ebenfalls weiß überzogener Lehnstuhl hervor,
der mir wie ein verblaßter Thronsessel erschien.

Das Zimmer war eisig kalt, weil selten ein Feuer darin brannte,
still, weil es von der Kinderstube und Küche weit ab lag; schauerlich, weil es selten ein menschlicher Fuß betrat. Es ward ängstlich gemieden, weil in diesem Zimmer vor neun Jahren Mr. Reed seinen
letzten Seufzer ausgehaucht hatte; weil hier seine sterblichen Reste
auf dem Paradebett lagen, bis sie zur ewigen Ruhe bestattet wurden.

Als Bessie und die böse Miß Abbot mich verlassen hatten, saß
ich eine zeitlang ganz still, ganz gedankenlos auf einer kleinen Ottomane neben dem Kamin, dann fiel mir ein, daß sie die Thür vielleicht doch nicht verschlossen hätten. Ich wagte es aufzustehen, um
nachzusehen. Ach, kein Gefängnis war leider sicherer verwahrt! Als
ich mich wieder von der Thür entfernte, kam ich bei dem Spiegel
vorüber, der zwischen beiden Fenstern hing. Ich sah unwillkürlich
hinein. In den Tiefen, die sich da enthüllten, erschien mir alles noch
kälter und dunkler, und das sonderbare kleine Wesen, welches mich
daraus anstarrte mit dem blassen Gesicht und den feurigen Augen,
die sich scheu und furchtsam nach allen Seiten umsahen, während sonst
alles unbeweglich war, machte mir den Eindruck einer Geistererscheinung. Meine Gespensterfurcht erwachte, aber noch sollte sie mich
nicht übermannen.

Johns Tyrannei, seiner Schwestern stolze Gleichgültigkeit, seiner
Mutter Abneigung gegen mich, die Parteilichkeit der Dienstboten, all
dies tauchte jetzt wieder vor meinem verstörten Geiste auf. Warum
mußte ich immer leiden, wurde geschlagen, angeklagt, verdammt?
Warum gefiel ich niemand, wenn ich mir auch alle Mühe gab, jedermanns Zuneigung zu gewinnen? Eliza, welche eigensinnig und selbstsüchtig war, wurde geehrt. Georgiana, welche launisch und boshaft
war, und ein widerspenstiges, ungezogenes Betragen hatte, wurde gehätschelt. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldenen Lockenschienen alle zu entzücken, welche sie ansahen, und schienen ihr Nachsicht mit alle ihren Fehlern einzutragen.

Johns Willen durchkreuzte niemand, noch weniger wurde er gestraft, mochte er den Tauben den Hals umdrehen, die jungen Pfauen
totschlagen, die Hunde auf die Schafe hetzen, die Obstspaliere ihrer
schönsten Früchte berauben oder im Treibhause von den auserlesensten
Pflanzen die Knospen abbrechen. Obgleich ihm seine Mutter alles
gestattete, nannte er sie ,alte Schraube', warf ihr ihre dunkle Hautfarbe vor, handelte frech ihren Wünschen zuwider, zerriß und beschmutzte oft ihre seidenen Kleider; aber trotz alledem blieb er ,ihr
einziger Liebling! Ich dagegen wagte nichts Unrechtes zu thun, ich
gab mir Mühe, meine Pflicht zu erfüllen, und ich wurde unartig,
unausstehlich, mürrisch und schleichend gescholten vom Morgen bis
zum Abend.

Mein Kopf schmerzte und blutete noch von dem Schlage, den ich
erhalten hatte, und niemand hatte John gescholten; ich dagegen wurde
mit schimpflicher Strafe belegt, weil ich mich gegen seine unvernünftige
Gewaltthätigkeit aufgelehnt hatte.

Das ist Ungerechtigkeit! schrie es in mir, und meine Empörung
rief den Entschluß wach, dieser unerträglichen Behandlung zu entfliehen, oder wenn das nicht möglich wäre, Hungers zu sterben.

Welch qualvoller Zustand an diesem traurigen Nachmittage!
Mein ganzes Denken und Fühlen war in Aufruhr, aber so viel ich
auch sann und mein Gehirn zermarterte, ich konnte keine Antwort
auf die Frage finden, warum ich so litt. Jetzt, so viele Jahre später
ist mir alles klar.

Ich war nicht an meinem Platze in Gatesheadhall, ich hatte nichts
gemein mit Mrs. Reed, ihren Kindern oder den Leuten, die zum
Hause gehörten. Wenn sie mich nicht liebten, so liebte ich sie ebenso
wenig. Welche Verpflichtung hatten sie, ein Kind mit Wohlwollen
zu betrachten, dessen Temperament, Fähigkeiten, Neigungen den ihrigen
ganz entgegengesetzt waren, ein nutzloses Ding, das unfähig war,
ihren Interessen. zu dienen, oder zu ihrem Behagen beizutragen, das
im Gegenteil Verachtung für ihre Behandlung sowohl, als für ihr
Urteil in sich nährte. Wenn ich ein fröhliches, sorgloses, hübsches.
ausgelassenes Kind gewesen wäre, so würde mich Mrs. Reed trotz
meiner Abhängigkeit und Verlassenheit geduldiger um sich gelitten
haben, ihre Kinder würden mir mehr Herzlichkeit und Freundschaft
bezeigt haben, und die Dienstleute würden weniger geneigt gewesen
sein, mich zum Sündenbock der Kinderstube zu machen.

Es war schon vier Uhr vorüber und das Tageslicht ging an
diesem regnerischen Nachmittage bereits in Dämmerung über. Der
Regen schlug unaufhörlich gegen das Treppenfenster und der Wind
heulte in dem Buschwerk hinter dem Hause Ich wurde nach und
nach so kalt wie Stein, und mein Mut verließ mich. Meine gewohnheitsmäßige Demut, mein Mißtrauen gegen mich selbst, meine Einsamkeit schlugen meinen schwindenden Zorn gänzlich nieder. Alle
sagten, ich wäre böse, war ich es denn nicht? Hatte ich nicht soeben
den Gedanken gehabt, verhungern zu wollen? Das war sicherlich
ein Verbrechen., War ich denn bereit zu sterben, und war die Gruft
unter der Kirche in Gatesheadhall ein einladender Aufenthalt? Sie
hatten mir erzählt, in einem solchen Gewölbe läge Onkel Reed begraben, und dadurch auf den Gedanken an ihn zurückgeführt, hing
ich demselben mit wachsender Furcht nach. Ich konnte mich seiner
nicht mehr erinnern, aber ich wußte, daß er mein rechter Onkel war,
der Bruder meiner Mutter, daß er mich als elternlose Waise in sein
Haus aufgenommen, und mit seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed
das Versprechen abgefordert hatte, mich zu behalten und wie ihr
eigenes Kind zu erziehen. Mrs. Reed hielt sich wahrscheinlich für
überzeugt, daß sie ihr Versprechen gehalten habe. Sie hatte es ja
auch gethan, so gut es ihr Charakter erlaubte, aber wie konnte sie einen
Eindringling gern sehen, mit dem sie nach dem Tode ihres Gatten
kein verwandtschaftliches Band mehr vereinte? Es konnte ihr nur
lästig sein, sich durch ein ihr abgerungenes Versprechen genötigt zu
sehen, Mutterstelle an einem Kinde zu vertreten, das sie nicht lieben
konnte, und in ihre Familie ein Wesen aufzunehmen, das ihr nicht
sympathisch war.

Wenn Mr. Reed gelebt hätte, er würde mich liebevoll behandelt
haben, das fühlte ich. Und als ich so da saß, auf das weiße Bett
sehend, einen ängstlichen Blick in die dunklen Ecken oder ab und zu
in den trüben Spiegel werfend, da stieg die Erinnerung an alles,
was ich über Abgeschiedene gehört hatte, in mir auf: daß sie keine
Ruhe im Grabe hätten, wenn man ihren letzten Willen nicht erfüllte,
daß sie es verließen, um die Übelthäter zu strafen und die Unterdrückten zu rächen.
Und ich dachte, Mr. Reeds Geist, ruhelos um des Unrechts
willen, das man seinem Schwesterkinde anthat, könnte wohl seinen
Sarg oder die unbekannte Welt der Verstorbenen verlassen und mir
in diesem Zimmer erscheinen. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen, aus Furcht, daß diese Zeichen heftigen Kummers eine überirdische Stimme wach rufen könnten, welche mich trösten
wollte, oder daß aus der Dunkelheit hervor ein hohläugiges Gesicht
mich mitleidig anblicken könnte.

So tröstlich diese Idee in der Theorie war, zur Wirklichkeit geworden würde sie entsetzlich gewesen sein, das fühlte ich. Mit aller
Kraft strebte ich sie zu unterdrücken, fest zu sein. Meine Haare ans
dem Gesicht streichend, hob ich den Kopf in die Höhe und bemühte
mich, mich furchtlos in dem dunklen Raume umzusehen; in diesem
Augenblick fiel ein Lichtschein auf die Wand. War es ein Mondstrahl, der sich durch irgend eine Öffnung im Rouleau stahl, fragte
ich mich selbst. Nein, das Mondlicht war ruhig und dieses bewegte
sich hin und her, während ich es anblickte, glitt es von der Wand
zur Decke und zitterte über meinem Kopfe. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, woher dieser Lichtstrahl kam, höchst wahrscheinlich
war es der Schimmer einer Laterne, mit der jemand über den Grasplatz ging; aber in der Aufregung, in welcher mein Geist und meine
Nerven waren, glaubte ich, das plötzlich eindringende Licht sei der
Vorbote einer kommenden Erscheinung aus der anderen Welt. Mein
Herz schlug zum Zerspringen, mein Kopf glühte, meine Ohren hörten
ein Brausen, wie das Rauschen von Schwingen; etwas schien mir
nahe zu sein, mein Atem stockte, ich war überwältigt, ich stürzte
an die Thür und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schloß.
Eilige Schritte kamen den Korridor entlang, der Schlüssel wurde umgedreht und Bessie und Abbot traten ein.

,Miß Eyre, fehlt Ihnen etwas? sagte Bessie.
,Welch entsetzlicher Lärm!’ rief Miß Abbot.
,Laßt mich hinaus! ich will in die Kinderstube!r flehte ich.

,Weshalb? Haben Sie sich gestoßen? Haben Sie sich vor etwas
gefürchtet?! fragte Bessie weiter.

,O, ich sah ein Licht und dachte, ein Geist würde kommen. Ich
hatte Bessies Hand ergriffen, und sie entzog sie mir nicht.

,Deshalb hat sie so geschrieen, erklärte Abbot verächtlich. ,Und
welch fürchterlicher Schrei war das, er ging mir durch und durch!
Wenn sie Schmerzen gehabt hätte, so wäre sie noch allenfalls zu entschuldigen, aber sie wollte nur, daß wir hierher kämen, ich kenne ihre
Schliche.

,Was hat das zu bedeuten? fragte eine strenge Stimme und
Mrs. Reed kam in zorniger Aufregung durch den Korridor. ,Abbot
und Bessie, ich denke doch, daß ich Befehl gab, Miß Eyre sollte in
dem roten Zimmer bleiben, bis ich selbst hierher käme!

,Miß Jane schrie so laut, Madame, entschuldigte sch Bessie.
,Laß sie,! war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand los,
Kind! Auf diese Art kommst Du nicht heraus, das versichere ich
Dich. Ich verabscheue Verstellung, besonders bei Kindern, es ist
meine Pflicht, Dir zu zeigen, daß Kunstgriffe Dir nichts helfen. Du
wirst jetzt noch eine Stunde länger hierbleiben, und nur unter der Bedingung, daß Du ganz still und fügsam bist, sollst Du dann frei sein.

,O, Tante, vergieb mir! Habe Mitleid! Ich kann es nicht
aushalten! Strafe mich auf eine andere Art! Ich muß sterben,
wenn-‘

,Still! Diese Heftigkeit ist abstoßend! Das war sicher ihre
aufrichtige Meinung. Ich war in ihren Augen eine abgefeimte
Schauspielerin.

Bessie und Abbot hatten sich zurückgezogen und Mrs. Reed, ungeduldig über meine wahnsinnige Angst und mein heftiges Schluchzen
stieß mich plötzlich von sich und schloß mich ohne weitere Antwort wieder ein. Ich hörte sie fortgehen und bald nachdem sie gegangen war, fiel ich, glaube ich, in eine Art von Ohnmacht, dann folgte eine lange Bewußtlosigkeit.



Drittes Kapitel.

Ich erwachte mit dem Gefühl, als hätte ich einen schrecklichen
Traum gehabt.

Ich sah vor mir einen entsetzlichen, roten Schein, den tiefdunkle
Streifen durchkreuzten und hörte hohle Stimmen sprechen, als würden.
sie durch das Rauschen des Windes oder Wassers gedämpft. Bald
darauf bemerkte ich, daß jemand sich bemühte, mich aufzurichten und
zwar auf eine so sanfte und liebreiche Art, wie es bisher niemand
gethan hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen ein Kissen oder einen
Arm und fühlte mich erleichtert.

Fünf Minuten später ließ meine Betäubung nach, und ich wurde
mir bewußt, daß ich in meinem eigenen Bette lag, und daß der rote
Glanz das Kaminfeuer in der Kinderstube war. Es war Nacht, ein
Licht brannte auf dem Tische, Bessie stand zu Füßen des Bettes, ein
Waschbecken in der Hand, und ein Herr saß über mich gebeugt auf
einem Stuhl am Kopfende desselben.

Ein unbeschreibliches Gefühl der Zufriedenheit durchströmte mich,
als ich einen Fremden im Zimmer sah, jemand, der nicht zu Gateshead gehörte und mit Mrs. Reed verwandt war, ich wußte mich in
Sicherheit und unter Schutz. Ich wandte mich von Bessie ab, obwohl mir ihre Gegenwart weit weniger zuwider war, als es die von
Abbot gewesen wäre, und betrachtete das Gesicht des Herrn. Ic
kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, der zuweilen gerufen
wurde, wenn die Dienstboten krank waren; für sich und die Kinder
nahm Mrs. Reed einen Arzt.

,Nun, wer bin ich?’ fragte er.
Ich nannte ihn beim Namen und streckte ihm zugleich meine
Hand hin, er nahm sie lächelnd und sagte: ,Es wird Alles mit
der Zeit gut werden. Dann legte er mich hin, und sich an Bessie
wendend, empfahl er ihr, sorgsam darauf zu achten, daß ich während
der Nacht nicht gestört würde. Nachdem er noch weitere Anordnungen gegeben und geäußert hatte, daß er morgen wiederkommen werde,
ging er, zu meinem Leidwesen. Während er da war, fühlte ich mic
so geborgen, und als sich die Thür hinter ihm schloß, beschlich mein
Herz unbeschreibliche Traurigkeit.

,Glauben Sie, daß Sie schlafen werden, Miß?’ fragte Bessie
ziemlich sanft.

Ich wagte kaum zu antworten, aus Furcht daß sie wieder so
unfreundlich wie sonst zu mir reden könnte. ,Ich will es versuchen.’

,Möchten Sie trinken, oder haben Sie Lust etwas zu essen?
,Nein, ich danke,’ Bessie.
,Dann will ich zu Bett gehen, denn Mitternacht ist schon vorüber,
aber wenn Sie etwas brauchen, dann rufen Sie mich.’

Welche ungewohnte Höflichkeit! Sie gab mir den Mut, eine
Frage zu thun.

,Bessie, was hat sich mit mir zugetragen? Bin ich krank?’
,Wir fanden Sie im roten Zimmer krank; vom vielen Weinen
sicherlich; Sie werden aber bald wieder gesund sein.’

Bessie ging in das Zimmer des Hausmädchens, welches nebenan
war, und ich hörte sie sagen:

,Sara, komm und schlafe bei mir in der Kinderstube. Ich
kann heute nicht mit der armen Kleinen allein schlafen. Wenn sie
nun stirbt? Diese Ohnmacht war doch sonderbar; ich möchte wohl
wissen, ob sie eine Erscheinung gesehen hat. Mrs. Reed. war zu hart
gegen sie.’

Sara kam mit Bessie herein und beide gingen zu Bett, aber
bevor sie einschliefen, unterhielten sie sich noch lange leise miteinander.
Ich hörte einige Sätze ihres Gesprächs, aus dem ich mir leicht das
übrige zusammen reimen konnte. ,Ein Geist, ganz in Weiß gekleidet,
ging bei ihr vorüber und verschwand! ,Einen großen schwarzen
Hund hinter sich? ,Es klopfte dreimal laut an die Zimmerthür'-
,Ein Licht auf dem Kirchhofe, gerade über seinem Grabe' —
u.s.w., u.s.w.

Endlich schliefen beide und das Licht und das Feuer verlöschten.
Für mich schlichen die Stunden dieser Nacht in schrecklicher Schlaflosigkeit vorüber; mein Auge, Ohr und Gehirn waren gespannt und erregt von Furcht, von einer Furcht, wie sie nur Kinder fühlen
können.

Diesem Ereignis folgte keine lange und ernste körperliche Krankheit, aber meine Nerven hatten einen Stoß bekommen, dessen Wirkungen ich heute noch fühle. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich ein quälendes Leiden. Aber ich vergebe Ihnen, denn Sie wußten
nicht, was Sie thaten; als Sie mein Herz zerrissen, glaubten Sie
nur meine schlechten Anlagen mit der Wurzel zu vertilgen.

Am nächsten Tage mittags war ich außer Bett und angezogen.
Ich saß in der Kinderstube am Kamin, in ein warmes Tuch gehüllt.
Ich fühlte mich körperlich, schwach und ganz zerschlagen, aber mein
schlimmstes Leiden war eine unbeschreibliche Niedergedrücktheit, die
mich fortwährend Thränen vergießen ließ. Kaum hatte ich einen
salzigen Tropfen abgewischt, so entfiel meinen Augen schon ein neuer.
Eigentlich hätte ich glücklich sein können, denn Reeds waren alle ausgefahren, Abbot nähte in einem entlegenen Zimmer, und Bessie, die
in der Kinderstube aufräumte, richtete mitunter ein freundliches Wort
an mich, was sie sonst nie that. Ich war so an fortwährendes
Schelten gewöhnt, daß mir dieser Stand der Dinge eigentlich hätte
paradiesisch friedvoll erscheinen müssen, aber meine zerrütteten Nerven
waren in einem Zustande, in denen sie keine Stille beruhigen und
keine Freude angenehm erregen konnte.

Bessie ging nach der Küche, und als sie wiederkam, brachte sie
mir ein Törtchen auf einem schön bemalten chinesischen Tablet, auf
dem ein Paradiesvogel zu sehen war, der sein Nest in einem Busch
von Rosenknospen hatte. Diese Malerei hatte immer mein höchstes
Entzücken wachgerufen, und ich hatte oft gebeten, das Tablet in die
Hand nehmen zu dürfen, um es recht genau zu besehen. Bis jetzt
hatte man mich dieser Erlaubnis immer für unwürdig gehalten.
Dieses kostbare Gerät wurde mir nun auf den Schoß gestellt und ich
wurde freundlich eingeladen, das ausgezeichnete Gebäck, welches darauf
lag, zu essen.

Verlorene Gunstbezeigung! Sie kam wie so viele, die man lange
ersehnt hat, und die lange hinausgeschoben wurden, zu spät. Ich
konnte die Torte nicht essen, und das Gefieder des Vogels, wie die
Farben der Blumen kamen mir sonderbar verblaßt vor. Ich setzte
Brett und Kuchen bei Seite. Bessie fragte, ob ich ein Buch haben
wollte. Das Wort Buch wirkte wie ein Reizmittel und ich bat sie,
Gullivers Reisen aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte
ich wieder und wieder mit Entzücken gelesen. Ich hielt seinen Inhalt
für wahr, den Märchen von Feen und Elfen gegenüber, und darum
zog es mich so an. Die Elfen suchte ich immer vergeblich in den
Blumenkelchen, unter Pilzen und anderen Orten, an denen sie hausen
sollten und war endlich zu der Überzeugung gekommen, das; sie alle
England verlassen hätten, und in ein Land gegangen wären, wo es
dickere Wälder und weniger Menschen gäbe, während ich glaubte,
daß Liliput und Brobdignag in irgend einem Theile dieser Erde
lägen; und ich zweifelte nicht daran, daß ich einst, wenn ich große

Reisen machen würde, mit eignen Augen diese kleinen Felder, Häuser,
Bäume, Kühe und Schafe des winzigen Völkchens oder die mächtig
großen Felder, Wälder, Ochsen und Katzen der turmhohen Riesen
sehen könnte. Aber als das geliebte Buch heute in meine Hand
gelegt wurde, als ich darin blätterte und in seinen wundervollen
Bildern den Reiz suchte, den ich bisher immer in ihnen gefunden
hatte, war alles verwandelt; die Riesen waren entsetzliche Gespenster,
die Zwerge boshafte Kobolde, Gulliver ein unglücklicher Wanderer,
der sich in schreckliche und gefährliche Regionen verirrt hatte. Ich
schloß das Buch und legte es auf den Tisch neben die unberührte Torte.

Bessie war endlich mit dem Aufräumen des Zimmers fertig und
öffnete eine kleine Schublade, in der prachtvolle Reste von Sammet
und Seide lagen.

Sie machte sich daran, ans ihnen einen neuen Hut für' Georgianas Puppe zu machen. Sie sang bei ihrer Arbeit:

In der Jugend schönen Tagen,
Lange, lange ist es her.

Ich hatte das Lied oft gehört und immer mit lebhaftem Entzücken, denn Bessie hatte eine schöne Stimme, wenigstens schien sie
mir so. Aber jetzt fand ich die Melodie unbeschreiblich traurig. Zuweilen, wenn sie von
ihrer Arbeit abgezogen wurde, sang sie den
Refrain sehr leise und langsam, daß er sich anhörte wie der düsterste
Grabgesang. Dann ging sie zu einem Liede über, das wirklich
melancholisch war:

Lang ist der Weg durch das wilde Gestein,
Die Füße sind wund und müde die Glieder,
Es fällt von des Mondes silbernem Schein
Kein Strahl auf den Pfad der Waise hernieder.

Weshalb denn muß ich so einsam und weit
Den Weg mir suchen durch Moore und Klüfte?
Die Menschen sind hart! Euch klag ich mein Leid,
Schützende Engel im Reiche der Lifte.

Euch sendet Gott durch die finstere Nacht,
Der Waise zum Trost, der Schwachen zur Hilfe,
Denn er ist barmherzig, und seine Macht
Schützt mich auch hier im morastigen Schilfe.

Und lockt dich das Irrlicht auch in den Tod
Und strauchelt Dein Fuß an des Abgrundes Rande,
Getrost, arme Waise, am Herzen von Gott
Erwachst Du in einem schöneren Lande.

,O, Miß Jane, weinen Sie nicht,’ sagte Bessie, als sie geendet
hatte.

Sie hätte ebenso gut zum Feuer sagen können, es solle nicht
brennen. Aber was wußte sie von dem tiefen Schmerz, der mich
verzehrte!

Im Laufe des Morgens kam Herr Lloyd wieder.
,Wie, schon auf!' sagte er, als er in die Kinderstube eintrat.
,Nun, Kindermädchen, wie steht es?’

Bessie antwortete, daß es mir ganz gut ginge.
,Dann müßte sie heitrer aussehen. Kommen Sie zu mir, Miß
Jane, Ihr Name ist Jane, nicht wahr?’

,Ja, Herr, Jane Eyre.’
,Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, können Sie mir sagen,
weshalb? Haben Sie Schmerzen?’

,Nein, Herr.’
,O, sie weint wahrscheinlich, weil sie nicht mit Mrs. Reed ausfahren konnte,’ schaltete Bessie ein.

,Deshalb gewiß nicht. Sie ist zu alt für solche Kinderei.’
So dachte ich auch, und weil mein Selbstgefühl durch diese Bemerkung verletzt war, antwortete ich sogleich. , Um dergleichen habe
ich in meinem Leben noch nicht geweint. Ich hasse das Ausfahren.
Ich weine, weil ich unglücklich bin.’

,O pfui, Miß!’ - sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien etwas verlegen zu werden; er betrachtete mich lange mit einem durchdringenden Blick. Seine Augen
waren klein und grau, nicht sehr glänzend, aber schlau; er hatte
starke Züge, aber ein wohlwollendes Gesicht. Nachdem er mich lange
angesehen, sagte er:

,Was machte Sie gestern krank?’
,Sie ist gefallen,’ sagte Bessie, sich wieder in das Gespräch
mischend.

,Gefallen, wie ein kleines Kind! Kann sie in dem Alter noch
nicht laufen? sie muß acht oder neun Jahre alt sein.’

,Ich wurde geschlagen!’ stieß ich aus gedemütigtem Stolze
hervor. ,Aber davon wurde ich nicht krank, fügte ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise nahm.

Als er seine Dose in die Westentasche steckte, läutete die Tischglocke für die Dienstboten. Er wußte, was das Läuten bedeutete
und sagte: ,Das gilt Ihnen, Kindermädchen. Gehen Sie ruhig,
ich werde Miß Jane eine Strafpredigt halten, während Sie fort
sind.’

Bessie wäre wohl lieber geblieben, aber in Gateshead war
Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten streng geboten, und so mußte sie
gehen.

,Von dem Fall wurden Sie nicht krank, wovon denn sonst?’
fuhr Mr. Lloyd fort als Bessie gegangen war.

,Ich wurde in ein Zimmer eingeschlossen, in dem es spukt, wenn
es dunkel ist.’

Ich sah Mr. Lloyd zu gleicher Zeit lächeln und die Stirn
runzeln.

,Spuken! Sie scheinen wirklich noch ein Baby zu sein. Fürchten
Sie sich vor Geistern?’

,Vor Mr. Reeds Geist, ja. Er starb in jenem Zimmer und
stand dort als Leiche. Weder Bessie noch sonst jemand wagt, es
des Abends zu betreten und es war grausam, mich dort im Dunkeln
einzuschließen, so grausam, daß ich es nie vergessen werde.’

,Unsinn! Und das macht Sie so unglücklich? Fürchten Sie sich
denn auch jetzt bei Tageslicht?’

,Nein, aber es wird bald wieder Abend werden, - und ich bin
unglücklich, sehr unglücklich um ganz andere Dinge!'

,Um welche andere Dinge? Schütten Sie nur Ihr Herzchen aus.’

O, wie gern hätte ich das gethan! Aber Kinder verstehen nicht
alles auszudrücken, was sie fühlen. Doch die Furcht, daß ich die
erste und einzige Gelegenheit verlieren könnte, mein Herz durch Mitteilung zu erleichtern, gab mir nach einer verlegenen Pause eine
Antwort ein, welche das Richtige traf, wenn sie auch nicht alles ausdrückte, was mich bekümmerte.

,Weil ich weder Eltern noch Geschwister habe.’
,Sie haben dafür eine gütige Tante und Cousins und Cousinen.’

Ich schwieg eine Weile, dann sagte ich stockend.
,Aber John schlug mich, und meine Tante sperrte mich im roten
Zimmer ein.’

Mr. Lloyd holte wieder seine Schnupftabaksdose hervor.
,Sind Sie nicht dankbar, daß Sie in einem solchen Hause
wohnen dürfen?’

,Es ist nicht meine Heimat, Herr Lloyd, und Abbot sagt, ich
hätte weniger Recht, hier zu sein, als ein Dienstbote.

,Oho, aber Sie können nicht so unverständig sein und diesen
schönen Ort zu verlassen wünschen.’

,Ich würde ihn sehr gern verlassen, wenn ich nur wüßte, wo ich
hin sollte, aber ich muß hier bleiben, bis ich groß bin.'

,Vielleicht- wer kann das wissen? Haben Sie noch andere
Verwandte, außer Mrs. Reed.’

,Ich glaube nicht.’
,Keine von Ihres Vaters Seite?
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed danach, sie
meinte, es wäre schon möglich, daß ich einige niedrige, arme Verwandte mit Namen Eyre hätte, aber sie wisse nichts von ihnen.’

,Wenn Sie welche hätten, würden Sie dann gern zu ihnen
gehen?’

Ich besann mich. Erwachsene scheuen schon die Armut, Kinder
aber noch weit mehr, sie haben keine Vorstellung von der arbeitsamen,
ehrenwerten Armut, sie verstehen unter Armut nur zerlumpte Kleidung, mangelhafte Nahrung, rohe Manieren und erniedrigende Laster;
Armut ist ihnen gleichbedeutend mit Verachtung. Meine Antwort
war deshalb:

,Nein, ich möchte nicht zu armen Leuten gehören.’
,Auch nicht, wenn sie gütig zu Ihnen wären?’
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht begreifen, daß arme
Leute auch gut sein könnten. Und wenn ich dann wie sie sprechen
und ihre Manieren annehmen müßte! Nein, ich hatte nicht Heldenmut genug, meine Freiheit um diesen Preis zu erkaufen.

,Aber sind Ihre Verwandten denn so sehr arm? Sind sie
Tagelöhner?’

,Ich weiß es nicht, aber Tante Reed sagt, wenn ich welche
hätte, so müßten sie Bettelpack sein. Ich mag nicht betteln.'

,Möchten Sie in einer Kostschule leben?’
Ich besann mich wieder. Ich wußte kaum, was eine Kostschule
war. Bessie schilderte sie mitunter als einen Ort, an dem viele junge
Mädchen zusammen wären, Gradehalter trügen und sich außerordentlich artig und liebenswürdig betragen müßten. John haßte die
Schule, aber Johns Neigungen waren den meinigen immer entgegengesetzt. Bessie hatte ihre Ansichten über Schuldisziplin von den
Töchtern einer anderen Familie, in der sie diente, ehe sie nach Gateshead kam. und wenn die Strenge in solchen Anstalten auch etwas
Abstoßendes für mich hatte, so war mir doch auf der anderen Seite
sehr verlockend, was sie über die Fertigkeiten erzählte, die man sich
dort erwerben konnte. Sie rühmte, daß die jungen Mädchen schöne
Landschaften und Blumen zu malen, herrliche Lieder zu singen und
Musikstücke zu spielen lernten, daß sie Börsen zu häkeln und französische Bücher zu übersetzen verstünden. Mein Verlangen, dies alles
auch zu lernen, wurde angeregt, während ich Bessie zuhörte. Und
wie mußte sich alles ändern, wenn ich in eine Schule kam? Ich
mußte dann eine weite Reise machen, mich ganz von Gateshead
trennen und ein vollkommen neues Leben beginnen.

Das Resultat meiner Überlegung war der Ausspruch: ,Sa, ich
würde gern in eine Schule gehen.

,Schön, schön, wer weiß, was geschieht,! sagte Mr. Lloyd, als
er aufstand. ,Das Kind muß in andere Luft und eine andere Umgebung,' fügte er, wie zu sich selbst sprechend hinzu, ,seine Nerven
sind zu aufgeregt.’

Bessie kam jetzt wieder und in demselben Augenblick hörte man
einen Wagen auf dem Kieswege heranrollen.

,Ist das Ihre Herrin, Kindermädchen?’ fragte Mr. Lloyd. ,Ich
möchte sie noch sprechen, ehe ich gehe.’

Bessie nötigte ihn in das Frühstückszimmer. Ich schließe aus
den später folgenden Begebenheiten, daß der Apotheker in seine
Unterredung mit Mrs. Reed dringend empfahl, daß man mich in
eine Kostschule schicken möge. Eines Abends, als Abbot und Bessie
im Kinderzimmer nähten und mich eingeschlafen wähnten, besprachen
sie die Sache, und Abbot äußerte:

,Ich glaube sicher, daß Mrs. Reed sehr zufrieden ist, das unausstehliche Kind los zu werden, das immer aussieht, als ob es jeden beobachtet und Böses sinnt.’

Aus Abbots Erzählungen an Bessie hörte ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, daß mein Vater ein armer Geistlicher
war, den meine Mutter gegen den Willen ihrer Familie geheiratet
hatte, weil diese die Heirat für nicht standesgemäß ansah; daß mein
Großvater Reed, aufgebracht über ihren Ungehorsam, sie enterbte;
daß, nachdem meine Eltern ein Jahr verheiratet waren, mein Vater
den Typhus bekam, der unter der Arbeiterbevölkerung der großen
Fabrikstadt ausgebrochen war, in welcher seine Parochie lag; daß
meine Mutter von ihm angesteckt wurde, und daß beide wenige Wochen
nacheinander starben.

Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sie und sagte: ,Die
arme Miß Jane, sie ist recht zu beklagen, Abbot.

,Ja,' antwortete Abbot, ,wenn sie ein hübsches, liebenswürdiges
Kind wäre, könnte man ihre Verlassenheit bejammern. Aber wer
kann eine solche häßliche kleine Kröte bemitleiden?’

,Eine Schönheit wie Miß Georgiana würde in denselben Verhältnissen weit bejammernswerter sein,' gab Bessie zu.

,Ja, ich bin ganz vernarrt in Miß Georgiana,’ rief Abbot.
,Das süße Geschöpfchen! - mit ihren langen Locken, ihren blauen
Augen und dem rosigen Gesichtchen, das wie gemalt aussieht.
Bessie, ich ahne, es giebt heute zum Abendessen ein französisches
Kaninchen.'

,Ich auch, - mit gerösteten Zwiebeln. Kommen Sie, wir wollen
hinuntergehen.’

Und sie gingen.



Viertes Kapitel.

Aus meinem Gespräche mit Mr. Lloyd und der erwähnten Unterhaltung zwischen Bessie und Abbot schöpfte ich die sichere Hoffnung,
daß eine Änderung meiner Lage bevorstand. Ich wartete geduldig.
Tage und Wochen vergingen, ich ward wieder gesund, aber es wurde
der Sache weiter keine Erwähnung gethan. Mrs. Reed beobachtete
mich mitunter mit bösen Blicken, redete mich aber selten an. Seit
meiner Krankheit hatte sie eine strengere Grenze zwischen mir
und ihren Kindern gezogen. Sie hatte mir ein kleines Zimmer angewiesen, in dem ich ganz allein schlief, hatte mich verdammt, allein
in der Kinderstube zu essen und meine ganze Zeit zuzubringen, während meine Cousinen sich im Eßzimmer aufhielten. Sie ließ nicht
die leiseste Andeutung fallen, daß sie mich in eine Schule schicken
wollte, aber ich fühlte instinktmäßig, sie würde mich nicht lange mehr
unter ihrem Dache dulden, denn wenn ihr Blick einmal auf mir
ruhte, so verriet er mehr denn je eine unüberwindliche Abneigung.

Eliza und Georgiana sprachen so wenig wie möglich mit mir;
es war ihnen augenscheinlich so vorgeschrieben. John steckte mir die
Zunge heraus, so oft er mich sah. Einmal zeigte er Lust, mich zu
schlagen; ich machte aber kaum Miene, mich ihm zu widersetzen, durch
dasselbe Gefühl von Zorn und Verzweiflung angetrieben, welches
mich damals beherrscht hatte, als er schon davon abließ und fortrannte, Verwünschungen ausstoßend und schreiend, ich hätte seine
Nase zerschlagen. Ich hatte ihr in der That einen so harten Schlag
versetzt, wie die Kraft meiner Faust es irgend gestattete, und als ich
sah, wie dies oder mein Blick ihn erschreckte, hatte ich die größte
Lust, meinen Vorteil zu verfolgen, aber er hatte schon Schutz bei
seiner Mama gesucht. Ich hörte ihn in aufgeregtem Tone die Erzählung beginnen, wie diese boshafte Jane Eyre sich wie eine wilde
Katze auf ihn gestürzt habe. Seine Mutter unterbrach ihn fast streng.

,Sprich nicht von ihr, John. Ich habe Euch ja verboten, ihr
nahe zu kommen. Sie ist nicht wert, daß man sie beachtet. Ich
wünsche nicht, daß Du und Deine Schwestern sich mit ihr einlassen.

Da rief ich plötzlich, ohne meine Worte zu bedenken:
,Sie verdienen nicht, daß ich mich mit ihnen einlasse!'

Als Mrs. Reed diese kühne Erklärung hörte, stürzte sie auf mich
los, schob mich schnell wie der Wind in die Kinderstube, stieß mic
in einem Winkel zur Erde und empfahl mir mit erhobener Stimme,
daß ich bis zum Abend nicht wagen solle, mich zu erheben oder eine
Silbe zu sprechen.

,Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte? war meine
unwillkürliche Frage. Ich sage unwillkürlich, denn es war, als ob
meine Zunge Worte sprach, ohne daß es meine Absicht war, sie zu
äußern.
,Was? rief Mrs. Reed atemlos. Ihr gewöhnlich kaltes, ruhiges
Auge wurde von einem Blicke getrübt, der fast Furcht verriet. Sie
ließ mich los und starrte mich an, als ob sie nicht wüßte, ob ich ein
Kind oder der böse Feind sei. Ich war jetzt im Zuge.

,Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was Du
thust und denkst, und Mama und Papa können es auch; sie wissen,
daß Du mich den ganzen Tag einsperrst, und daß Du wünschst, ich
wäre tot.

Mrs. Reed faßte sich bald; sie schüttelte mich heftig, ohrfeigte
mich und ging ohne ein weiteres Wort. Bessie erging sich hierauf
in einer stundenlangen Strafpredigt, in der sie zweifellos bewies,
daß ich das schlechteste, verlorenste Kind auf Gottes Erdboden sei.
Ich glaubte es ihr fast, denn ich fühlte in der That, daß mein Inneres
von bösen Gedanken und unedlen Gefühlen erfüllt war.

November, Dezember und der halbe Januar gingen vorüber.
Weihnachten und Neujahr waren in Gateshead mit dem gewöhnlichen
Festesjubel gefeiert worden; man hatte sich beschenkt und Mittags-
und Abendgesellschaften gegeben. Ich wurde selbstverständlich von
jedem Vergnügen ausgeschlossen. Mein Anteil an den Lustbarkeiten
bestand darin, daß ich zusah, wie Eliza und Georgiana geputzt wurden,
um in das Gesellschaftszimmer zu gehen; daß ich dann auf den Klang
des Flügels und der Harfe horchte, die unten gespielt wurden, und
auf das Hin- und Herlaufen der Dienerschaft; auf das Klingen der
Gläser und Klappern der Teller, wenn Erfrischungen gereicht wurden;
auf das Summen der Unterhaltung, wenn die Thür des Gesellschaftszimmers geöffnet wurde. Wenn ich lange genug auf der Treppe gelauscht hatte und dessen müde war, pflegte ich mich in die stille, einsame Kinderstube zurückzuziehen; dort saß ich dann wohl etwas traurig,
aber ich fühlte mich nicht unglücklich. Ich hatte, um die Wahrheit
zu sagen, nicht den geringsten Wunsch, unten in der Gesellschaft zu
sein, denn in ihr wurde ich selten beachtet, und wenn Bessie nur immer
gütig und zugänglich gewesen wäre, so würde ich es als ein Vergnügen angesehen haben, die Abende ruhig mit ihr zu verbringen.
Aber sobald Bessie ihre jungen Damen angezogen hatte, pflegte sie
nach der Küche oder dem Zimmer der Haushälterin zu gehen, wo sie
mehr Unterhaltung erwartete, und fast immer nahm sie das Licht mit
sich. Dann saß ich am Feuer, meine Puppe auf den Knieen, bis
es niederbrannte. Wenn das Zimmer dunkler wurde, schaute ich zuweilen mit spähenden Blicken um mich, ob auch nichts außer mir
darin war, und endlich zog ich mich hastig aus und flüchtete mich
vor der Kälte und Dunkelheit in mein Bett. In dieses nahm ich
immer meine Puppe mit. Jeder Mensch muß etwas lieben, und in
Ermangelung eines würdigeren Gegenstandes hing ich mein Herz an
jene verblaßte, zerlumpte, kleine Vogelscheuche. Ich erstaune noch jetzt
darüber, mit welcher innigen Zärtlichkeit ich an diesem Spielzeug
hing; ich hielt meine Puppe beinahe für lebendig und empfindungsfähig. Ich konnte nicht schlafen, bevor ich sie in meinen Nachtrock
eingewickelt hatte, und wenn sie dort warm und geborgen lag, so
fühlte ich mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, daß sie
auch glücklich sei.

Die Zeit wurde mir lang, wenn ich so auf den Aufbruch der
Gesellschaft oder Bessies Schritt auf der Treppe lauschte. Mitunter
kam sie, um mir etwas zum Abendbrot zu bringen, ein Stückchen
Kuchen oder dergleichen, dann setzte sie sich an mein Bett, während
ich aß, und wenn ich fertig war, wickelte sie mich in meine Decke.
Zweimal küßte sie mich und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane. Wenn
Bessie so liebreich war, schien sie mir das beste und lieblichste Wesen
in der Welt, und ich wünschte dann innig, daß sie immer so gütig
und liebenswürdig sein und mich niemals mehr stoßen, schelten oder
Unvernünftiges von mir verlangen möchte, was sie recht oft that.
Bessie Lee muß, glaube ich, von Natur gutherzig gewesen sein; sie
war lebhaft und hatte ein ausgezeichnetes Erzählertalent, das schließe
ich wenigstens aus dem Eindruck, den ihre Kinderstubengeschichten auf
mich gemacht haben. Sie war auch hübsch, wenn ich mich recht erinnere. Sie steht mir vor als ein schlankes, junges.Mädchen mit

schwarzen Haaren, dunklen Augen, hübschen Zügen und klarem Teint,
aber sie hatte ein launisches und heftiges Temperament und keinen
Sinn für Recht und Gerechtigkeit; doch wie sie auch sein mochte, ich
zog sie doch jedermann in Gateshead vor.

Es war der fünfte Januar, ungefähr neun Uhr morgens. Bessie
war hinuntergegangen, um zu frühstücken. Eliza setzte ihren Hut auf
und zog ihren warmen Mantel an. Sie wollte in den Hof gehen,
um ihr Federvieh zu füttern, eine Beschäftigung, welche sie ebenso
liebte wie die Gärtnerei, beide freilich um des Gewinnstes willen,
den sie dadurch erzielte. Sie trieb einen förmlichen Handel mit
Eiern, jungen Hühnern und den Erzeugnissen ihres Gärtchens. Das
Geld, welches sie einnahm, legte sie bei ihrer Mama auf Zinsen an,
die Auszahlung derselben überwachte sie mit ängstlicher Genauigkeit;
sie hatte alles in allem eine Freude am Gelde, die für ihr Alter
weder natürlich noch hübsch war.

Georgiana saß vor dem Spiegel, kämmte ihr Haar und durchflocht es mit Blumen und verblaßten Federn, von denen sie in einer
Schublade einen Vorrat gefunden hatte.

Ich machte mein Bett, denn Bessie hatte mir anbefohlen, es
fertig zu machen bis sie zurückkäme. (Bessie stellte mich jetzt häufig
als eine Art Stubenmädchen an; ich mußte die Kinderstube aufräumen,
den Staub wischen und so weiter. s Nachdem ich das Bett aufgeschüttelt und mein Nachtzeug zusammengelegt hatte, ging ich zur
Fensterbank, um einige Bilderbücher und Puppenstubenmöbel, die dort
umher lagen, fortzuräumen. Georgiana befahl mir, diese ihre Sachen
nicht anzurühren, und ich ließ von meiner Beschäftigung ab. In Ermangelung einer anderen verfiel ich darauf, gegen die gefrorenen
Scheiben zu hauchen. Ich taute auf diese Weise einige von den
Frostblumen ab, mit denen sie überdeckt waren, und gewann einen
Ausblick auf den Park, in dem alle? still und unter der Kälte erstarrt war.

Durch das Fenster war die Wohnung des Portiers und der
Fahrweg sichtbar. Gerade als ich die Scheibe soweit von Eis freigemacht hatte, um hindurch sehen zu können, wurde die Gitterthür
aufgemacht und ein Wagen fuhr hindurch. Ich betrachtete ihn gleichgültig. Wagen kamen oft nach Gateshead, aber sie brachten niemals
Besucher, die mich etwas angingen. Dieser hielt vor der Hausthür
still, die Hausglocke wurde geläutet und der Angekommene eingelassen.
Mich interessierte das nicht weiter; ich widmete meine ganze Aufmerksamkeit einem kleinen hungrigen Rotkehlchen, welches auf einem nahen Baume saß und zirpte. Ich bröckelte ein Milchbrot klein, daß noch
von meinem Frühstück übrig geblieben war, und bemühte mich, das
Fenster zu öffnen, um die Krümchen dem kleinen Hungernden hinauszuwerfen, als Bessie eilig die Treppe herauf und in das Zimmer kam.

,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab. Was thun Sie
da? Haben Sie schon Ihr Gesicht und Ihre Hände gewaschen?

In diesem Augenblicke glückte es mir, das Fenster zu öffnen;
ich streute die Brocken hinaus und schloß es wieder, bevor ich antwortete:

,Nein, Bessie, ich bin soeben erst mit Staubwischen fertig.
,Unartiges, nachlässiges Kind! Und was haben Sie jetzt gemacht? Sie sehen ganz rot aus, als hätten Sie etwas Unerlaubtes
gethan; weshalb haben Sie das Fenster geöffnet?

Die Antwort wurde mir erspart, denn Bessie schien zu eilig, um
auf Auseinandersetzungen zu hören, sie zog mich an den Waschtisch,
fuhr mir mit dem Seiflappen mitleidslos über Gesicht und Hände
und mit der Bürste ebenso über mein Haar, band meine Schürze los,
schob mich vor sich her bis an den Treppenrand und gebot mir, sogleich hinunter zu gehen, weil ich im Frühstückszimmer erwartet
werde.

Ich hätte so gern gefragt, wer mich erwartete; ob es Mrs. Reed
sei, aber Bessie war schon fort., Ich stieg zögernd die Treppe hinunter Fast seit drei Monaten hatte ich die unteren Zimmer nicht
betreten, und sie waren gefürchtete Regionen für mich geworden. Ich
stand zitternd vor der Thür des Frühstückszimmers. Welch einen erbärmlichen kleinen Feigling hatten Furcht und ungerechte Strafe aus
mir gemacht! Ich wagte weder vorwärts zu gehen, noch zurück in
die Kinderstube; ich stand wohl zehn Minuten ängstlich und unschlüssig
vor der Thür; da wurde im Zimmer heftig geklingelt; das brachte
mich zum Entschluß; ich trat ein. Ich sah im Zimmer außer Mrs. Reed
einen langen, hagern Mann mit einem grimmigen Gesicht.

Mrs. Reed saß auf ihrem gewöhnlichen Platz am Kamin; sie
bedeutete mir, näher zu kommen, und stellte mich dem unbeweglichen

Fremden mit den Worten vor: ,Dies ist das Kind, um dessentwillen
ich an Sie schrieb.

Er wandte seinen Kopf langsam nach mir um, musterte mich mit
durchdringenden Blicken und sagte langsam und mit tiefer Stimme:

,Sie ist noch klein wie alt ist sie?
,Zehn Jahre alt.
,So alt? war die zweifelnde Antwort, und er maß mich noch
einige Minuten lang mit seinen Blicken. Plötzlich redete er mich an:

,Wie heißt Du, Kleine?
,Jane Eyre, mein Herr.
,Jane Eyre, schön. Und bist Du ein artiges Kind?
Was sollte ich antworten, die meine ganze Umgebung für unartig hielt? Ich schwieg, aber Mrs. Reed antwortete für mich mit
einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes und fügte bald hinzu:

,Über diesen Punkt wollen wir lieber schweigen, Mr. Brocklehurst.
,Oh, das ist schlimm. Ich muß ein Wort mit ihr reden. Er
setzte sich in einen Stuhl, Mrs. Reed gegenüber. ,Komm hierher,'
sagte er zu mir.

Ich ging zu ihm hin und stellte mich ihm gerade gegenüber
,Es giebt keinen häßlicheren Anblick als ein unartiges Kind,
begann er, , besonders ein unartiges Mädchen. Weißt Du, wo die
Bösen nach dem Tode hinkommen?’

,Sie kommen in die Hölle,’ war meine ebenso schnelle, als orthodoxe
Antwort.
,Was ist die Hölle, kannst Du mir das sagen?
,Ein feuriger Abgrund.'
,Möchtest Du in diesen Abgrund fallen und ewig brennen?
,Nein, Herr.
,Was mußt Du thun, um Dich davor zu hüten?
Ich überlegte einen Augenblick und antwortete dann ,Ich muß
gesund bleiben und nicht sterben.'

,Wie willst Du das machen? Täglich sterben Kinder, die jünger
sind als Du. Erst vor wenig Tagen habe ich ein kleines Kind begraben, das fünf Jahre alt war - ein gutes, kleines Kind, dessen
Seele nun im Himmel ist. Ich fürchte, wenn Du abgerufen würdest,
könnte man nicht dasselbe von Dir sagen.

Weil ich nicht in der Lage war, seine Befürchtung zu zerstreuen,
schlug ich meine Augen auf seine großen Füße nieder und seufzte, mich
weit hinwegwünschend.

,Ich hoffe, dieser Seufzer kommt vom Herzen und Du bereust,
Deine edle Wohlthäterin betrübt zu haben.

,Wohlthäterin!' sagte ich innerlich. ,Alle nennen Mrs. Reed
meine Wohlthäterin. Wenn sie das wirklich ist, dann ist eine Wohlthäterin etwas recht Häßliches.

,Betest Du jeden Morgen und Abend? setzte er sein Verhör fort.
,Ja, Herr.
,Liest Du in der Bibel?
,Mitunter.
,Thust Du das gern? Liebst Du sie?
,Ich liebe die Offenbarung und das Buch Daniel, das erste
Buch Mosis, das Buch Samuel, das zweite Buch Mosis, einen Teil
der Könige, Chronika, den Propheten Josua und das Buch Hiob.

,Und die Psalmen? Die liebst Du hoffentlich auch.
,Nein, Herr.
,Nein? Das ist schlimm! Ich habe einen kleinen Knaben, der
jünger ist als Du; er weiß sechs Psalmen auswendig, und wenn man
ihn fragt, ob er lieber einen Psalm lernen oder eine Pfeffernuß haben
will, so sagt er: Oh, ich will lieber einen Psalm lernen, Engel
singen Psalmen und ich möchte dort oben auch gern ein Engel sein.
Dann bekommt er zwei Pfeffernüsse zur Belohnung für seine kindliche
Frömmigkeit.

,Die Psalmen sind so langweilig,! bemerkte ich.
,Das zeigt, daß Du ein schlechtes Herz hast. Du mußt Gott
bitten, daß er es bessere, daß er Dir für Dein hartes, steinernes
Herz eines von Fleisch und Blut gebe.

Ich war drauf und dran, zu fragen, wie wohl der liebe Gott
diese Auswechslung bewerkstelligen könnte, als Mrs. Reed sich einmischte. Sie befahl mir, mich hinzusetzen, und führte selbst die Unterhaltung fort.

,Soviel ich mich erinnere, Herr Brocklehurst, teilte ich Ihnen in
meinem Briefe mit, daß dieses Kind leider keinen guten Charakter
hat. Wenn Sie Jane in die Schule von Lowood aufnehmen, so
wünschte ich sehr, daß die Vorsteherin und Lehrerinnen ersucht würden,
ein wachsames Auge auf sie zu haben und besonders ihre Neigung
zur Heuchelei zu bekämpfen. Ich spreche hiervon in Deiner Gegenwart, Jane, damit Du keinen Versuch machst, Mr. Brocklehurst zu täuschen.'

Wie natürlich war es, daß ich Mrs. Reed fürchtete und verabscheute, denn wo sie mich sah, verletzte sie mich mit herzloser Grausamkeit; ich war in ihrer Gegenwart nie glücklich. Wenn ich ihr auch
noch so ängstlich gehorchte, und noch so sorgsam bemüht war, ihren
Beifall zu erringen, so wurden doch alle meine Bemühungen mit
ähnlichen Aussprüchen, wie der obige, belohnt. Diese Anklage, einem
Fremden gegenüber, traf mich ins Herz. ich hörte kaum noch, daß
sie von Hoffnung auf meine Besserung durch das neue Leben, was
ich nun beginnen sollte, sprach, ich fühlte nur, daß sie meinen ferneren
Lebenspfad dadurch zu erschweren bemüht war, daß sie mir das Vertrauen und Wohlwollen derer zu rauben suchte, die ihn in Zukunft
überwachen sollten. Was konnte ich dagegen thun?

,Nichts, gar nichts, dachte ich, indem ich mein Schluchzen unterdrückte und hastig meine Thränen, die Zeugen meiner Angst, trocknete.

,Heuchelei ist ein schlimmer Fehler, sagte Mr Brocklehurst; ,er
ist der Lüge verwandt, und die Lügner werden im höllischen Feuer
brennen. Sie soll aufmerksam beobachtet werden, Mrs. Reed; ich
werde mit Miß Temple und den Lehrerinnen sprechen.

,Ich wünsche, daß sie zu bescheidenen Ansprüchen erzogen wird
und sich nützlich zu machen lernt, fuhr meine Wohlthäterin fort.
,Was die Ferien anbetrifft, so wird sie dieselben mit Ihrer Erlaubnis
stets in Lowood zubringen.

,Ihre Wünsche sind durchaus gerechtfertigt. Die christliche Tugend
der Demut wird den Zöglingen von Lowood ganz besonders anerzogen.
Ich lasse es meine größte Sorge sein, das weltliche Gefühl des Stolzes
ganz in ihnen zu unterdrücken, und daß meine Bemühungen mit
Erfolg gekrönt sind, davon hatte ich neulich einen erfreulichen Beweis.
Meine zweite Tochter, Auguste, besuchte mit ihrer Mama die Schule,
und bei ihrer Rückkehr rief sie aus, lieber Papa, wie einfach
und bescheiden sehen die Mädchen in Lowood aus mit ihren hinter
die Ohren gekämmten Haaren, ihren langen Schürzen und den
leinenen Taschen an der Außenseite ihrer Kleider. Sie erscheinen
wie armer Leute Kinder und staunten Mamas und meinen Anzug
an, als hätten sie noch nie in ihrem Leben ein seidenes Kleid gesehen.

,So wünsche ich es gerade. Ich hätte, glaube ich, in ganz
England keine Erziehungsanstalt finden können, die geeigneter für
ein Kind wie Jane wäre. Ich darf also darauf rechnen, daß sie in
Lowood aufgenommen und ihren Aussichten entsprechend erzogen
wird?

,Das können Sie, gnädige Fran, und ich hoffe, sie wird sich
für das Glück, der Anstalt anzugehören, dankbar zeigen.

,Dann werde ich sie sobald als möglich schicken. Denn ich kann
Sie versichern, Mr. Brocklehurst, daß mich sehr danach verlangt, von
der Verantwortlichkeit befreit zu werden, sie wird mir zu drückend.

,Gewiß, gewiß, gnädige Frau. Und nun muß ich mich empfehlen.
Ich werde in ungefähr acht bis vierzehn Tagen nach Brocklehursthall
zurückkehren, früher wird mich mein Freund, der Archidiakonus, nicht
fortlassen, aber ich werde Miß Temple benachrichtigen, daß sie eine
neue Schülerin zu erwarten hat, und ihre Aufnahme wird dann keine
Schwierigkeiten mehr machen. Leben Sie wohl, gnädige Frau.'

,Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst, und empfehlen Sie mich
Ihrer Familie.

,Danke, Madame. Hier, Kleine, ist ein Buch; es heißt: Des
Kindes Führer, lies es mit Andacht, besonders die Stelle von dem
schrecklichen und plötzlichen Tode Martha Gs., sie war ein unartiges
Kind, der Lüge und Heuchelei ergeben.

Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein kleines Heft in
meine Hand, klingelte nach seinem Wagen und fuhr fort.

Mrs. Reed und ich waren allein. Einige Minuten lang herrschte
Stillschweigen, sie nähte und ich beobachtete sie, während ich auf
einem niedrigen Stuhl in geringer Entfernung von ihr saß. In
meiner Hand hielt ich die Schrift, und durch meinen Geist zogen die
Gedanken an die mich betreffende Unterredung, welche ich soeben gehört hatte. Jedes Wort hatte mich bis ins Innerste verletzt, und ein Gefühl des Grolls stieg in mir auf.

Mrs. Reed sah zu mir auf. ,Geh in die Kinderstube, war
ihr Gebot. Sie mußte aus meinem Blicke etwas Beleidigendes für
sie herausgelesen haben, denn sie sprach mit unterdrückter Heftigkeit.

Ich stand auf und ging nach der Thür, dann kehrte ih um, ging
aber durch das Zimmer ans Fenster und kam wieder zu ihr zurück.

Ich mußte sprechen. Man hatte mich zu schlecht behandelt, ich
mußte mich dagegen auflehnen. Aber was vermochte ich gegen meine
Widersacherin? Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte
erregt:

,Ich bin keine Heuchlerin. Wenn ich eine wäre, so würde ich
sagen, ich liebte Dich, aber ich sage Dir gerade, daß ich Dich nicht
liebe, daß ich, John ausgenommen, niemand weniger leiden kann,
als Dich, und dieses Buch von der Lügnerin kannst Du nur Georgiana geben, denn sie lügt, nicht ich.

Mrs. Reed legte ihre Arbeit in den Schoß und ihr eisiger Blick
blieb auf mir ruhen.

,Hast Du noch mehr zu sagen? fragte sie in einem Tone, den
man wohl einem Widersacher gleichen Alters, aber nicht einem Kinde
gegenüber braucht.

Dieser Blick und Ton regten den ganzen Widerwillen in mir
auf, den ich gegen sie hatte. Vom Kopf bis zum Fuß vor Aufregung zitternd, fuhr ich fort:

,Ich freue mich, daß Du nicht mit mir verwandt bist. So lange
ich lebe, will ich Dich nicht mehr Tante nennen, ich werde Dich nie
besuchen, wenn ich groß bin, und wenn mich Jemand fragt, ob ich
Dich leiden kann und wie Du mich behandelt hast, werde ich sagen,
daß mich der bloße Gedanke an Dich krank macht, und daß Du mich
mit entsetzlicher Grausamkeit behandelt hast.

,Wie kannst Du das zu sagen wagen, Jane Eyre?
,Wie ich das wagen kann, Mrs. Reed? Ich sage es, weil es die
Wahrheit ist. Du denkst, ich habe kein Gefühl und brauche keine Liebe
und keine Güte, aber ich kann nicht ohne leben. Du hast ein hartes
Herz. Ich werde nicht vergessen, wie rauh und heftig Du mich von
Dir gestoßen und in dem roten Zimmer eingeschlossen hast, mein
Lebelang werde ich es nicht vergessen. Ich war in Verzweiflung und
jammerte:,Hab Erbarmen, hab Erbarmen, Tante Reed!! Aber
Du bliebst ungerührt, und diese Strafe ließest Du mich dulden, weil
Dein böser Sohn mich ohne Ursache schlug. Ich will jeden, der
mich fragt, die Geschichte genau erzählen. Die Leute denken, Du
bist eine gute Fran, aber Du bist schlecht und hartherzig. Du
heuchelst.

Während ich sprach, kam ein Gefühl von Freiheit und Triumph
über mich, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Mir war zu Mute,
als wären unsichtbare Bande gesprengt. Dies Gefühl hatte seinen
Grund darin, daß Mrs. Reed erschrocken aussah. Ihre Arbeit war
ihr entfallen, sie rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her und
verzog das Gesicht zum Weinen.

,Jane, Du irrst Dich. Was hast Du! Warum zitterst Du so
heftig. Willst Du etwas Wasser trinken?

,Nein, Mrs. Reed.
,Hast Du sonst einen Wunsch, Jane? Ich versichere Dich, ich
wünsche Dir Freundin zu sein.'

,Das sagst Du? Und hast Du nicht Mr. Brocklehurst erzählt,
ich hätte einen schlechten Charakter und Anlage zur Heuchlerin? In
Lowood will ich Jedem erzählen, wie Du bist, und was Du gethan hast.

,Jane, Du verstehst davon nichts. Kinder müssen für ihre
Fehler gestraft werden.

,Heucheln ist nicht mein Fehler!' rief ich heftig.
,Aber Du bist heftig, das mußt Du zugeben, Jane. Und
nun gehe nach der Kinderstube- Liebchen - und lege Dich etwas
nieder.

,Ich bin nicht Dein Liebchen, und ich kann nicht still liegen.
Schicke mich bald nach Lowood, Mrs. Reed, ich verabscheue das
Leben hier.

,Ja, ich will Dich bald nach Lowood schicken! sagte Mrs. Reed
leise zu sich selbst, und ihre Arbeit aufraffend, verließ sie plötzlich
das Zimmer.

Ich ward allein gelassen und behauptete das Schlachtfeld. Es
war der härteste Kampf, den ich je gekämpft und der erste Sieg, den
ich errungen hatte. Eine Weile genoß ich das stolze Gefühl eines
Eroberers, doch wurde dasselbe ebenso schnell herabgestimmt, als sich
meine Pulse beruhigten. Ein Kind kann nicht gegen Altere so auftreten, wie ich es gethan, ohne nachher Reue zu fühlen.

Ich hatte zum ersten Male etwas wie Rache gekostet, aber die
Stille und das Nachdenken hatten mir bald das Thörichte und
Traurige meines Benehmens gezeigt. Gern hätte ich jetzt Mrs. Reed

um Verzeihung gebeten, aber ich wußte teils aus Erfahrung und
teils aus Instinkt, daß sie mich dann doppelt zornig von sich gestoßen haben und so meine Heftigkeit aufs Neue erregt haben würde.

Ich wollte versuchen etwas Besseres zu thun, als zornige Reden
zu halten und wollte mich von dem Gefühle finsterer Entrüstung losmachen, deshalb nahm ich ein Buch mit arabischen Märchen, setzte
mich und versuchte zu lesen. ich wußte nicht, was ich las und kehrte
immer zu meinen eigenen Gedanken zurück.

Ich öffnete die Glasthür, der Park war ganz still, der heftige
Frost regierte darin, unbezwungen von Sonne und Wind. ich zog
meinen Kleiderrock über den Kopf, wickelte die Arme hinein und
wanderte durch die erstarrten Büsche und über die verschneiten Grasplätze; aber die stillen Bäume, die bereiften Tannenzapfen und Blätter
nötigten mir heute keine Bewunderung ab. ich lehnte mich gegen
das Parkgitter und starrte in das leere Feld, auf dem sonst die
Schafe weideten und das Gras geschnitten und getrocknet wurde.
Es war ein düstrer Tag, ab und zu fielen Schneeflocken auf den
hart gefrorenen Weg, ohne zu schmelzen. Ich stand da, ein unglückliches Kind, und sagte immer wieder zu mir selbst: ,Was soll ich
thun? - was soll ich thun?
Auf einmal hörte ich eine klare Stimme rufen: ,Miß Jane, wo
sind Sie? Kommen Sie zum Frühstück.
Ich wußte sehr gut, daß es Bessie war, aber ich rührte mich
nicht; ihr leichter Schritt kam den Weg herunter.
,Sie unartiges, kleines Ding!' sagte sie.,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn Sie gerufen werden?
Bessies Gegenwart war den Gedanken gegenüber, welchen ich
nachgehangen hatte, erfreulich, obgleich sie, wie gewöhnlich, etwas
ärgerlich war. ich schlang meine Arme um sie und sagte: ,Sei gut,
Bessie, schilt nicht.
Dies Benehmen war dreister und furchtloser, als sie es an mir
gewohnt war, und deshalb mochte es ihr wohl gefallen.
,Sie sind ein wunderliches Kind, Miß Jane,' sagte sie, als sie
zu mir heruntersah, ,lo allein unter Eis und Schnee herum zu
streifen. Sie sollen wohl jetzt in Pension kommen?
Ich nickte.
,Und thut es Ihnen nicht leid, die arme Bessie zu verlassen??
,Was macht sich Bessie aus mir? Sie schilt mich ja immer.
,Weil Sie ein sonderbares, schüchternes, ängstliches kleines Ding
Sie müßten dreister sein.
,Warum! Damit ich noch häufiger gestoßen würde?'
,Unsinn! Aber man spielt Ihnen schlimm mit, das ist wahr.
Als mich meine Mutter in der vorigen Woche besuchte, sagte sie, sie
möchte keines von ihren Kindern an Ihrer Stelle wissen. jetzt
kommen Sie mit mir hinein, ich habe eine gute Neuigkeit für Sie.
,Für mich kann es nichts Gutes geben, Bessie.
,Was meinen Sie damit, Miß Jane, und wie traurig sehen
Sie mich an! - Hören Sie, Mrs. Reed, Ihre Cousine und der
junge Herr fahren diesen Nachmittag ans, und Sie sollen mit mir
Thee trinken. Ich werde die Köchin bitten, daß sie Ihnen einen
kleinen Kuchen backt, und dann helfen Sie mir Ihre Sachen durchzusehen, denn ich muß bald Ihren Koffer packen. Mrs. Reed hat
die Absicht, Sie in ein bis zwei Tagen fortzuschicken, und Sie sollen
sich die Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen wollen.
,Bessie, Du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten,
bis ich fortgehe.

,Ich will es versprechen, aber dann müssen Sie auch ein gutes
Kind sein, Sich nicht mehr vor mir fürchten, und Sich nicht erschrecken, wenn ich ein bischen streng spreche.
,Ich glaube, ich werde mich nie mehr vor Dir fürchten, Bessie,
weil ich mich an Dich gewöhnt habe. Ich werde bald ganz andere
Menschen zu fürchten haben.'
,Wenn Sie sie fürchten, werden sie Ihnen nicht gut sein.

,Wie Du, Bessie.’
,Oh, Miß Jane, ich glaube, ich habe Sie lieber, als alle die
anderen.

,Das zeigst Du nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie haben plötzlich eine ganz andere
Art zu sprechen angenommen! Was macht Sie so dreist und sicher?

,Vielleicht die Gewißheit, daß ich mich bald von Dir trennen
muß. Ich war nahe daran, zu verraten, was sich zwischen Mrs.
Reed und mir zugetragen hatte, aber ich besann mich eines Besseren
und schwieg.

,Und Sie freuen Sich wohl, mich zu verlassen?
,Nein, gewiß nicht, Bessie; ich bin vielmehr traurig darüber.
Bessie umarmte und küßte mich und ich erwiderte ihre Liebkosungen von Herzen, dann gingen wir miteinander ins Haus, und
der Nachmittag verging in Friede und Harmonie. Abends erzählte
mir Bessie eine ihrer schönsten Geschichten und sang mir ihre
rührendsten Lieder. So hatte selbst für mich das Leben seinen
Sonnenschein.



Fünftes Kapitel.

Es hatte kaum fünf Uhr geschlagen am Morgen des neunzehnten
Januar, als Bessie mit Licht in meine Kammer trat, um mich zu
wecken. Ich war schon auf, hatte mich bereits gewaschen und halb
angezogen, wozu mir der Mond geleuchtet hatte, dessen Strahlen
durch das enge Fenster neben meinem Bette fielen. Ich sollte heute
Gateshead mit der Post verlassen, welche morgens sechs Uhr am
Parkthor vorüberfuhr. Bessie allein war aufgestanden; sie hatte
Feuer in der Kinderstube gemacht und bereitete mein Frühstück,
Wenige Kinder können in der Aufregung, die einer Reise vorangeht,
etwas essen; ich konnte es auch nicht. Bessie nötigte mich umsonst,
einige Theelöffel voll Milch und etwas Brot zu mir zu nehmen.
Als ich alles von mir wies, wickelte sie einige Biskuits ein und
steckte sie in meine Tasche, dann band sie mir meinen Pelz um, setzte
mir meinen Hut auf, hüllte sich selbst in ein großes Tuch und wir
gingen. Als wir an Mrs. Reeds Zimmer vorüber kamen, fragte sie:
,Wollen Sie der Tante Lebewohl sagen?
,Nein, Bessie, sie kam gestern, als Du zum Abendessen hinunter
gegangen warst, an mein Bett und sagte, daß ich sie und die Cousinen
morgens nicht stören sollte, daß ich daran denken sollte, wie sie immer
meine ,beste Freundin gewesen sei, und daß ich sie zu anderen Menschen
so nennen und ihr dankbar sein sollte.

,Und was antworteten Sie, Miß Jane?’
,Nichts!’ Ich zog die Bettdecke über das Gesicht und wendete
mich von ihr ab, der Wand zu.

,Das war nicht recht, Miß Jane.’
,Das war doch recht, Bessie. Deine Herrin war nie meine
Freundin, sie war meine Feindin.’

,Oh, Miß Jane, sprechen Sie nicht so!'
,Lebe wohl, Gateshead!’ rief ich, als wir durch den Flur
gingen und zur Hausthür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen, und es war sehr dunkel. Bessie
trug eine Laterne, deren Licht auf die Pfützen fiel, die im Kieswege
standen, der vom Thau ganz durchweicht war. Der Wintermorgen
war rauh und kalt, und meine Zähne klapperten vor Frost, als ich
auf dem Fahrwege vorwärts eilte.
Im Portierhause war Licht; mein Koffer, welchen man den
Abend zuvor hinunter geschafft hatte, stand vor der Thür bereit. Es
fehlten nur noch wenige Minuten an sechs Uhr, und gleich nachdem
es voll geschlagen hatte, zeigte ein entferntes Rollen von Rädern die
Annäherung des Postwagens an. Ich trat vor die Thür und sah
das Licht in den beiden Wagenlaternen sich schnell nähern.
,Reist sie allein?’ fragte die Frau des Portiers.
,Ja.’
,Wie weit ist es denn?’
,Fünfzig Meilen.'
,So weit! Mich wundert, daß Mrs. Reed es wagt, sie allein
so weit reisen zu lassen.’
Die Kutsche hielt am Parkgitter, der Kutscher und Kondukteur
riefen uns zu, uns zu beeilen; mein Koffer wurde aufgeladen, man
nahm mich Bessie aus den Armen, an der ich mit Küssen hing.

,Versprecht mir, gut für sie zu sorgen,’ rief sie dem Kondukteur
zu, als er mich in den Wagen hob.
,Schon gut, schon gut,’ war die Antwort; die Thür wurde zugeschlagen, eine Stimme rief: ,Vorwärts!’ und wir fuhren davon.
So wurde ich von Bessie und Gateshead getrennt und flog neuen,
ganz unbekannten Regionen zu.
Ich weiß nur wenig von dieser Reise. Ich erinnere mich nur,
daß mir der Tag ganz entsetzlich lang erschien, und daß es mir
vorkam, als ob unser Weg viel über hundert Meilen lang wäre.
Wir kamen durch mehrere Städte; in einer sehr großen Stadt hielt
die Post an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere
stiegen aus, um zu Mittag zu essen. Ich wurde in einen Gasthof
getragen, und der Kondukteur forderte für mich etwas zu essen. Als
er sah, daß ich keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen
Zimmer allein. Der Raum hatte zwei Kamine, ein Kronleuchter
hing von der Decke herunter, und oben an der einen Wand befand
sich eine kleine rote Galerie, auf der viele musikalische Instrumente
lagen. ich ging lange Zeit auf und ab, in beständiger Furcht, daß
jemand kommen könnte, um mich zu stehlen, denn ich glaubte an
Kindesräuber, ihre Thaten hatten oft den Inhalt von Bessies abendlichen Erzählungen ausgemacht. Endlich kam der Kondukteur wieder,
ich wurde zum zweiten Male in die Kutsche gesetzt, mein Beschützer
nahm seinen sitz ein, blies in sein Horn und dahin rasselten wir
über die steinige Straße, Lowood zu.

Der Nachmittag kam, es wurde feucht und neblig und als die
Dämmerung hereinbrach, mußte ich immer daran denken, wie weit,
sehr weit wir nun von Gateshead waren. Wir kamen durch keine
Städte mehr, die Gegend wurde ganz anders; große dunkle Hügel
erhoben sich am Horizont; als es dunkler wurde, fuhren wir in ein
Thal hinab, zuletzt konnte ich nichts mehr sehen, aber ich hörte, daß
der Wind sich erhob, und durch die Kronen der Bäume sauste. Eingelullt durch diese Musik, verfiel ich endlich in Schlaf. Ich hatte
nicht lange geschlafen, als das Gefährt plötzlich stillstand. Ich erwachte, schlug die Augen auf und sah den Kutschenschlag offen; davor
stand eine Frau, welche mir nach ihrem Anzuge eine Dienerin zu
sein schien.

,Ist hier ein kleines Mädchen, Jane Eyre genannt?’ fragte sie.
Ich antwortete ,Ja!’ Man hob mich aus den Wagen, gab meinen
Koffer vom Verdeck herunter, und der Wagen eilte sogleich weiter.

Ich war ganz steif vom langen Sitzen und ganz benommen von
dem Stoßen und Rütteln der Kutsche. ich suchte mich zu ermuntern
und zu sehen, wo ich mich befand. Regen, Wind und Dunkelheit
erfüllten die Luft, dessen ungeachtet nahm ich undeutlich eine Mauer
wahr und in derselben eine geöffnete Thür. Diese Thür durchschritt
ich mit meiner neuen Führerin, welche dieselbe wieder fest verschloß.
Ich konnte jetzt ein großes Haus mit vielen Fenstern sehen; in einigen
brannte Licht, ein breiter Kiesweg führte auf das Haus zu; wir
wurden eingelassen; man führte mich durch einen langen Gang in
ein Zimmer, in dem ein Kaminfeuer brannte und ließ mich allein.
Ich wärmte meine erstarrten Finger an der Flamme und schaute
mich um; es brannte kein Licht, aber bei dem flackernden Schein
des Feuers konnte ich tapezierte Wände, einen Teppich, Fenstervorhänge und glänzend mahagoni Möbel sehen; es war ein Sprechzimmer, nicht so groß und elegant wie das Besuchszimmer in Gateshead, aber behaglich. ich gab mir Mühe herauszufinden, was ein
Gemälde darstellte, das an der Wand hing, als die Thür aufging
und eine Gestalt mit Licht hereintrat, der eine zweite auf dem
Fuße folgte.
Die erste war eine große Dame mit schwarzem Haar, dunklen
Augen und einer hohen weißen Stirn. Sie war in einen Shawl gehüllt, trug sich grade und hatte ein ernstes Gesicht.

,Kind ist noch gar zu jung, um eine solche Reise allein zu
machen,' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Sie
betrachtete mich einige Minuten hindurch aufmerksam und fügte dann
hinzu:

,Es wird am besten sein, sie gleich zu Bett zu bringen; sie
sieht angegriffen aus. Bist Du müde, mein Kind?’ fragte sie mich,
ihre Hand auf meine Schulter legend.

,Ja, ein wenig.’
,Und ohne Zweifel auch hungrig. Geben Sie ihr etwas zu
essen, bevor sie zu Bett geht, Miß Miller. Hast Du Dich, um
hierher zu kommen, zum ersten Male von Deinen Eltern getrennt,
Kleine?’

Ich erzählte ihr, daß ich keine Eltern hätte. Sie fragte, wie
lange sie tot seien, wie alt ich wäre, wie ich hieße, ob ich schon lesen,
schreiben und etwas nähen könne; dann klopfte sie mir freundlich die
Backen, sagend, daß sie hoffe, ich werde ein artiges Kind sein, und
entließ mich mit Miß Miller.

Miß Miller, die jüngere der beiden Damen, welche, wie ich
später erfuhr, eine Unterlehrerin war, führte mich durch viele Gänge
und Abteilungen des weiten Gebäudes, in denen eine beängstigende
Stille herrschte, endlich aber hörten wir das Summen vieler Stimmen
und traten zuletzt in einen langen und breiten Raum, in dem viele
Tische standen, um welche herum auf hölzernen Bänken eine große
Menge Mädchen des verschiedensten Alters, von acht bis zu zwanzig
Jahren, saßen. Nur wenige Lichte brannten auf dem Tischen und
bei ihrem trüben Schein kam mir die Zahl der Mädchen' endlos vor,
obgleich es in Wirklichkeit nur achtzig waren. Sie waren alle gleich
gekleidet in braunen groben Stoff. Der Schnitt der Kleider war
sonderbar, dazu trugen sie alle lange holländische Schürzen.

Es war gerade Arbeitsstunde, und sie waren alle damit beschäftigt, ihre morgenden Aufgaben herzusagen; daher das Summen,
welches ich gehört hatte.
Miß Miller befahl mir, mich auf eine Bank nahe bei der Thür
zu setzen, dann ging sie an das Ende des großen Zimmers und rief:

,Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein und legt sie fort.’
Vier große Mädchen standen an verschiedenen Tischen auf,
sammelten die Bücher ein und trugen sie fort. Hierauf befahl Miß
Miller weiter:
,Holt die Schüssel!’
Die großen Mädchen gingen hinaus und kamen bald mit Tablets
zurück, in deren Mitte ein Wasserkrug und Becher standen, während
rund herum eingeteilte Portionen lagen, doch konnte ich nicht erkennen,
was es war. Die Portionen wurden herumgereicht, und wer wollte,
konnte trinken, doch mußten sich alle desselben Bechers bedienen.
Als er zu mir kam, trank ich, denn ich war sehr durstig, aber das
Essen rührte ich nicht an, ich war zu ermattet und aufgeregt, um
essen zu können, doch sah ich jetzt, daß es dünner Haferkuchen war,
den man in Stücke geschnitten hatte.
Als das Mahl zu Ende war, las Miß Miller den Abendsegen,
dann gingen die Mädchen zu zweien in langer Reihe zum Saal
hinaus und die Treppen hinauf in den Schlafsaal. Ich war so überwältigt von Müdigkeit, daß ich kaum noch sah, wie der Raum aussah, in dem wir schlafen sollten, ich bemerkte nur noch, daß er mindestens so lang wie das Schulzimmer war. Für die erste Nacht
war ich Miß Millers Bettgenossin, sie half mir beim Ausziehen. Als
ich mich niederlegte, sah ich noch wie jedes Bett in der langen Reihe
schnell von je zwei Mädchen in Besitz genommen wurde, nach zehn
Minuten wurde das einzige Licht, welches allen geleuchtet hatte, ausgelöscht, es trat völlige Stille ein und ich verfiel in tiefen Schlaf.
Die Nacht verging schnell. Ich war zu ermüdet, um auch nur
zu träumen. Einmal nur wachte ich auf, hörte den Wind heftig
heulen, den Regen in Strömen gegen die Fensterscheiben schlagen,
und fühlte, daß Miß Miller ihren platz an meiner Seite eingenommen hatte. Als ich meine Augen zum zweiten Male aufschlug,
ertönte eine laute Glocke, die Mädchen waren aufgestanden und zogen
sich an; der Tag war noch nicht angebrochen und ein oder zwei Talglichte brannten im Zimmer. Auch ich stand auf; es war bitter kalt;
ich zog mich an, so gut ich es, vor Kälte zitternd, konnte und wusch
mich, sobald ein Waschnapf frei war. Das dauerte lange, denn für
je sechs Mädchen war immer nur ein Waschbecken bestimmt. Bald
wurde wieder geläutet; alle traten zu zweien an, gingen in bestimmter
Ordnung die Treppe hinunter und betraten das kalte und spärlich
beleuchtete Schulzimmer. Hier wurde die Morgenandacht gehalten,
als dieselbe beendet war, rief Miß Miller:
,Bildet Klassen!’
Für einige Minuten entstand ein großer Lärm, in welchen Mis;
Miller hinein rief: ,Ruhe! und ,Ordnung! Als beides entstand,
sah ich sie alle in vier Halbkreisen sitzen und vier Stühle waren vor
die Tische gestellt; sie hielten alle Bücher in der Hand, und ein
großes Buch, das fast wie eine Bibel aussah, lag auf jedem Tische,
vor dem unbesetzten Stuhle. Es folgte eine Pause von einigen
Sekunden, in der man das leise unbestimmte Geräusch hörte, welches
das Gemurmel vieler Stimmen hervorbringt, Miß Miller ging von
Klasse zu Klasse, um vollkommene Ruhe herzustellen.
In der Ferne hörte man eine Glocke anschlagen, und gleich
darauf traten drei Damen in das Zimmer; jede von ihnen ging auf
einen Tisch zu und nahm ihren Sitz ein; Miß Miller setzte sich auf
den letzten freien Stuhl, welcher der Thür zunächst war, und um den
die kleinsten Kinder versammelt waren; zu dieser untersten Klasse
wurde auch ich berufen und mußte in ihr den letzten Platz einnehmen.
Nun begann der Unterricht: es wurde ein Spruch für den Tag
ausgegeben, Bibelstellen wurden hergesagt und dann lange Kapitel
in der Bibel gelesen; das dauerte eine Stunde. Als diese Uebung
beendet war, war es völlig Tag geworden. Die unermüdliche Glocke
erklang jetzt zum vierten Male, die Klassen ordneten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, zum Frühstück. Wie glücklich war
ich in der Aussicht, etwas zu essen zu bekommen! Ich war fast krank
vor Entkräftung, weil ich am Tage zuvor so wenig gegessen hatte.

Der Speisesaal war ein großer, niedriger, düsterer Raum; au:
zwei langen Tischen rauchten Näpfe mit etwas Heißem, das zu
meinem Entsetzen einen durchaus nicht einladenden Geruch verbreitete.
Alle Gesichter bezeugten Unzufriedenheit, als der Duft der Mahlzeit
in ihre Nasen stieg; aus der Vorhut des Zuges, die großen Mädchen
der ersten Klasse, verbreiteten sich die geflüsterten Worte:

,Ekelhaft! Die Suppe ist schon wieder angebrannt!'
,Ruhe!' befahl eine Stimme; nicht die von Miß Miller, sondern
von einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen brünetten Person, aufgeputzt; mit mürrischem Gesichtsausdruck, welche sich am oberen Ende
des Tisches niederließ, während eine freundlichere Dame am anderen
Tische präsidierte. Ich sah mich umsonst nach derjenigen um, die ich
am Abend vorher gesehen hatte; sie war nicht sichtbar. Miß Miller
nahm das untere Ende des Tisches ein, an dem ich saß, und eine
ältliche, fremdartig aussehende Dame, die französische Lehrerin wie
ich später erfuhr, setzte sich auf den gleichen platz an der anderen
Tafel. Ein langes Tischgebet wurde gesprochen und ein Hymnus
gesungen, dann brachte eine Dienerin den Thee für die Lehrerinnen,
und das Mahl begann.

Gierig verschlang ich einen oder zwei Löffel voll von meiner
Portion, ohne an ihren Geschmack zu denken, aber als der erste
Heißhunger gestillt war, bemerkte ich, daß das Gericht ekelhaft war;
angebrannte Suppe ist ebenso schlimm, wie faule Kartoffeln, der
Hunger vergeht ihnen gegenüber. Zögernd wurden die Löffel zum
Munde geführt; Jede versuchte die Suppe hinunter zu schlucken, aber
in den meisten Fällen wurde der Versuch wieder aufgegeben. Das
Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Ein Dankgebet wurde für die Mahlzeit gesprochen, welche wir nicht genossen
hatten, ein zweiter Hymnus gesungen und dann verließen wir den
Eßsaal und gingen wieder in das Schulzimmer. ich war eine der
letzten, welche hinaus gingen und sah, als ich bei den Tischen
vorüberkam, eine der Lehrerinnen die Suppe kosten; sie sah die anderen
an, und eine von ihnen flüsterte:

,Ein schauderhaftes Gericht! Es ist abscheulich!'
Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Unterricht wieder anfing;
und während dieser Zeit war ein entsetzlicher Lärm im Schulzimmer;
es schien erlaubt zu sein, in dieser Zwischenstunde laut zu sprechen
und dieses Recht wurde möglichst ausgeübt. Die ganze Unterhaltung
drehte sich um das Frühstück, über das alle schimpften. Die armen
Geschöpfe! Es war der einzige Trost, den sie hatten. Miß Miller
war jetzt die einzige Lehrerin im Zimmer; eine Gruppe von großen
Mädchen stand bei ihr, und sprach mit ärgerlichen Geberden. Ich
hörte den Namen von Mr. Brocklehurst unehrerbietig aussprechen,
wozu Miß Miller tadelnd den Kopf schüttelte, aber sie machte keine
großen Anstrengungen, die allgemeine Entrüstung zu unterdrücken;
ohne Zweifel war sie auch davon erfüllt.
Die Uhr im Schulzimmer schlug ,neun'. Miß Miller verließ
den sie umgebenden Kreis, trat in die Mitte des Zimmers und rief:
,Ruhe! Auf Eure Plätze!'
Die Ordnung gewann die Oberhand, und in fünf Minuten war
nachdem furchtbaren Lärm verhältnismäßige Stille eingetreten. Die
Oberlehrerinnen nahmen ihre Posten pünktlich ein, aber alle schienen
noch auf etwas zu warten. Ich betrachtete die Reihen der Mädchen
und dann auch nacheinander die Lehrerinnen, von denen mir keine
so recht gefiel. Als meine Augen von einer zur anderen wanderten,
erhob sich plötzlich die ganze Schule, wie von einer Feder in die
Höhe geschnellt.

Was ging denn vor? Ich hatte keinen Befehl gehört und war
ganz verwirrt. Als ich mich gefaßt hatte, hatten die Klassen sich
wieder gesetzt, aber aller Augen waren jetzt auf einen Punkt gerichtet; die meinigen folgten der Richtung und begegneten dem Anblick
der Dame, welche mich gestern empfangen hatte. Sie stand am
Kamin, am Ende des langen Zimmers und überschaute die beiden
Reihen der Mädchen ernst und ruhig. Miß Miller näherte sich ihr,
und schien sie etwas zu fragen; als sie eine Antwort erhalten hatte,
ging sie an ihren Platz zurück und rief:
-
durch das Zimmer. Meine Augen folgten ihr mit staunender Bewunderung. Jetzt bei hellem Tageslicht sah sie hübsch aus; sie hatte
feine Züge, eine hohe weiße Stirn und ihre großen braunen Augen
blickten wohlwollend. Es war Miß Maria Temple, die Vorsteherin
von Lowood.
Sie nahm ihren Sitz an dem Tische ein, auf welchen man den
Globus gestellt hatte, sammelte die erste Klasse um sich und begann
eine Geographiestunde zu geben. Die unteren Klassen scharten sich
um ihre Lehrerin nun und nahmen Wiederholungen von Geschichte und
Grammatik vor; das dauerte eine Stunde, dann folgte Schreiben und
Rechnen; Miß Temple gab einigen älteren Mädchen Musikstunde,
bis endlich die Uhr zwölf schlug. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe den Zöglingen etwas zu sagen!'
Der Tumult, welcher gewöhnlich der Beendigung des Unterrichts
folgte, war schon losgebrochen, aber beim Klange ihrer Stimme legte
er sich sogleich wieder. Sie fuhr fort:

,Ihr habt heute ein Frühstück bekommen, das Ihr nicht essen
konntet und müßt folglich hungrig sein; ich habe deshalb angeordnet,

daß Euch ein zweites Frühstück, in Brot und Käse bestehend, verabreicht werde.

Die Lehrerinnen sahen sie erstaunt an.
,Es geschieht auf meine Verantwortung, fügte sie in erklärendem
Tone hinzu und verließ gleich darauf das Zimmer.

Zum höchsten Entzücken und zur Erquickung der ganzen Schule
brachte man das versprochene Brot mit Käse und verteilte es, dann
wurde der Befehl gegeben, in den Garten zu gehen. Jede setzte
einen groben Strohhut mit Bändern von gefärbtem Kattun auf und
zog einen Mantel von grauem Fries an. Ebenso ausstaffiert, folgte
ich dem Strome hinaus in's Freie.

Der Garten war von hohen Mauern umgeben, welche jede
Aussicht benahmen; eine bedeckte Veranda nahm die eine Seite ein,
und breite Wege schlossen in der Mitte einen Raum ein, der in
lauter kleine Beete geteilt war, welche den Zöglingen gehörten, und
die sie bearbeiten mußten. Wenn sie mit Blumen bedeckt waren,
mochten sie ganz hübsch aussehen, aber jetzt, Ausgangs Januar, war
alles erfroren und verfault. Ich schauderte zusammen, als ich so
dastand und mich umsah, denn es war ein unfreundlicher, nebliger
Tag und der Erdboden war noch ganz durchweicht von dem gestrigen
Regen. Die kräftigeren Mädchen rannten umher und unternahmen
lebhafte Spiele, aber die blassen und schwächlichen suchten unter der
Veranda Schutz und Wärme, sich dicht an einander drängend; und
dennoch zitterten sie in dem feuchten Nebel vor Kälte, und ich hörte
unter ihnen oft den Klang eines recht hohlen Hustens. Bis jetzt
hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand schien mich zu
beachten. ich stand ganz verlassen da, doch bedrückte mich das nicht
besonders, weil ich daran gewöhnt war. Ich lehnte mich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog meinen Mantel fest um mich herum, versuchte Kälte und Hunger zu vergessen und
und Beobachten. Meine Gedanken waren
überließ mich dem Denken
zu unbestimmt und unklar,
wußte kaum wo ich war;
das gegenwärtige war mir fremd und von der Zukunft konnte
ich mir erst recht kein Bild machen. Ich betrachtete den klösterlichen Garten und dann das Haus. Es war ein großes Gebäude,
dessen eine Hälfte grau war und alt schien, während die andere
neu aussah; über der Thür der letzteren war eine Steintafel angebracht, welche folgende Inschrift trug

,Lowood Stiftung. Dieser Teil wurde neu erbaut von
Naomi Brocklehurst von Brocklehursthall in dieser Grafschaft. ,Lasset
Euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie Eure guten Werke
sehen und Euren Vater im Himmel preisen.' St. Matth. V. 16.

Ich las diese Worte wieder und wieder, und fühlte, daß sie
einer Erklärung bedurften, ohne die ich ihre Bedeutung nicht begriff.
Ich grübelte über das Wort , Stiftung! und suchte es zu dem Bibelspruch dahinter in Beziehung zu bringen, als jemand dicht neben mir
hustete. ich wandte mich um, und sah dicht neben mir ein Mädchen
auf einer Steinbank sitzen. Sie war in ein Buch vertieft. Ich
konnte den Titel von meinem Platz aus lesen, er hieß ,Rasselas ;
ein Name, der mir sehr sonderbar und demgemäß anziehend erschien. Ein
Blatt umwendend blickte das Mädchen auf, und ich fragte sie schnell:

,Ist Dein Buch interessant? Ich hatte schon den Vorsatz gefaßt, sie zu bitten, es mir später zu leihen.’
,Mir gefällt es,’ sagte sie nach einer Pause, in der sie mich beobachtet hatte.

,Wovon handelt es, fuhr ich fort. Ich weiß nicht, woher ich
die Dreistigkeit nahm, ein Gespräch mit einer Fremden anzufangen;
es war ganz gegen meine Gewohnheit, doch glaube ich, daß mich
ihre Beschäftigung sympathisch anzog, denn ich liebte das Lesen gleichfalls, wenn auch oberflächliche Lektüre, weil ich für die ernstere noch kein Verständnis hatte.

,Du kannst das Buch ansehen,' sagte das Mädchen, indem sie
es mir darbot. Ich nahm es, aber eine kurze Durchsicht machte mir
klar, daß sein Inhalt für meinen Geschmack weniger anziehend war,
als sein Titel; es schien mir recht langweilig, denn ich sah darin
nichts von Feen und Geistern. Ich gab es ihr zurück; sie nahm es
schweigend und schickte sich an, weiter zu lesen, als ich noch einmal
wagte, sie zu stören:
,Kannst Du mir sagen, was die Inschrift über der Thür dort
bedeutet? Was heißt das ,Lowood Stiftung?’
,So heißt das Haus, in dem Du jetzt lebst.’
,Und weshalb heißt es ,Stiftung'? Unterscheidet es sich in
irgend etwas von anderen Anstalten?’
,Es ist zum Teil eine milde Stiftung; Du und ich und alle
die anderen sind Freischülerinnen. Du bist wahrscheinlich eine Waise.
Ist nicht entweder Dein Vater oder Deine Mutter gestorben?
,Beide starben, ehe ich denken konnte.
,Nun wohl, alle diese Mädchen haben entweder den Vater oder
die Mutter, oder beide Eltern verloren, und dieses Haus wird deshalb eine Stiftung für die Erziehung von Waisen genannt.

,Bezahlen wir keine Pension? Erziehen sie uns aus Mildthätigkeit?
,Wir oder unsere Angehörigen bezahlen das Jahr fünfzehn
Pfund.’

,Weshalb nennen sie uns denn Freischülerinnen?’
,Weil fünfzehn Pfund nicht genug find für unsere Erhaltung
und unsern Unterricht, und weil das Fehlende durch milde Beiträge
aufgebracht wird.’

,Wer zahlt denn Beiträge?’
,Verschiedene wohlwollende Herren und Damen aus der Nachbarschaft und aus London.’

,Wer war Naomi Brocklehurst?’
,Die Dame, welche den neuen Teil des Hauses baute, wie die
Tafel es besagt und deren Sohn die Anstalt unter sich hat und
dirigirt.’
,Dann gehört das Haus nicht der großen Dame, welche uns
heute Brot und Käse geben ließ?’
,Der Miß Temple? Oh, nein! Ich wünschte wohl, es gehörte
ihr! Sie muß Mr. Brocklehurst von allem Rechenschaft geben, was
sie thut. Mr. Brocklehurst kauft alle Lebensmittel, alle Bekleidungsgegenstände u.s.w.’

,Wohnt er hier?’
,Nein - zwei Meilen von hier in einem großen Gutshause.’
,Ist er ein guter Mann?’
,Er ist ein Geistlicher und man sagt von ihm, daß er viel
Gutes thut.’

,Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?’
,Die mit den rothen Backen heißt Miß Smith; sie hat die
Arbeiten unter sich und schneidet zu, denn wir machen unsere Kleider
und Röcke und alles selbst; die Kleine mit den schwarzen Haaren ist
Miß Scatcherd, sie lehrt Geschichte und Grammatik, und die mit der
gelben Schleife ist Madame Pierrot; sie ist aus Lisle in Frankreich
und giebt den französischen Unterricht.’

,Kannst Du die Lehrerinnen leiden?’
,Recht gut.’
,Kannst Du auch die kleine Schwarze leiden und die Madame?
- ich kann ihren Namen nicht so wie Du aussprechen.’

,Miß Scatcherd ist heftig, Du mußt Dich hüten sie zu beleidigen;
Madame Pierrot ist nicht schlimm.’

,Aber Miß Temple ist die Beste - nicht wahr?’
,Miß Temple ist sehr gut und sehr klug; sie überragt alle
anderen mit ihren Kenntnissen.’

,Bist Du schon lange hier?’
,Zwei Jahre.’
,Bist Du auch eine Waise?’
,Meine Mutter ist tot.’
,Fühlst Du Dich hier glücklich?’
,Du fragst gar zu viel auf einmal. Für heute habe ich Dir
genug geantwortet und möchte wieder lesen.’

In diesem Augenblicke läutete aber die Tischglocke und wir gingen
ins Haus zurück. Der Duft, welcher jetzt den Speisesaal erfüllte, war
kaum einladender, als der, welcher uns diesen Morgen beim Frühstück
empfing; das Mittagessen war in zwei mächtig großen Zinnschüsseln
angerichtet, aus denen ein strenger Geruch nach ranzigem Fett aufstieg. Das Gericht bestand aus Kartoffeln und sonderbaren Stückchen
verdorbenen Fleisches, die zusammen gekocht waren. Von dieser
Mischung wurde jeder von uns eine ziemlich reichliche Portion zugeteilt. ich aß so viel ich konnte, und dachte bei mir, ob wohl das
Essen jeden Tag so wie heute sein würde. Nach dem Mittagessen
gingen wir sogleich wieder in das Schulzimmer; der Unterricht begann aufs neue und wurde bis fünf Uhr fortgesetzt. An diesem
Nachmittage war das einzige bemerkenswerte Ereignis, daß das
Mädchen, mit welchem ich im Garten gesprochen hatte, von Miß
Scatcherd in der Geschichtsstunde gescholten wurde und zur Strafe
für ein mir unbekanntes Vergehen in der Mitte des großen Schulzimmers ganz allein stehen mußte. Diese Strafe schien mir im
höchsten Grade schimpflich, besonders für ein so großes Mädchen -
sie schien wenigstens dreizehn Jahre alt zu sein. Ich erwartete, daß
sie sich sehr betrübt und beschämt zeigen würde; aber zu meinem
Erstaunen weinte sie weder, noch errötete sie; sie sah ganz ruhig,
wenn auch ernst aus. ,Wie sie das nur so ruhig ertragen kann,
dachte ich bei mir. ,Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich
wünschen, daß die Erde sich öffnen und mich verschlingen möchte.
Mich soll es wundern, ob sie ein gutes oder unartiges Mädchen ist.'

Bald nach fünf Uhr bekamen wir wieder eine Mahlzeit, die aus
einem kleinen Becher Kaffee und einem Stückchen schwarzen Brotes
bestand.
Ich verschlang das Brot und trank den Kaffee mit Behagen,
hätte aber wohl gewünscht, beides wäre mehr gewesen, denn ich war
noch hungrig. Nun folgte eine halbe Stunde Erholungszeit und
hierauf die Arbeitsstunde, dann kam das Glas Wasser und der
Haferkuchen wie gestern und endlich die Abendandacht und das Bett.
So verlief mein erster Tag in Lowood.



Sechstes Kapitel.

Der folgende Tag begann wie der vorige; wir standen auf und
zogen uns an, aber das Waschen mußten wir aufgeben, weil das
Wasser in den Krügen gefroren war. Das Wetter war umgeschlagen
und die ganze Nacht hindurch pfiff ein heftiger Nordostwind durch
die Spalten der undichten Fenster unseres Schlafzimmers, so daß wir
in unseren Betten vor Kälte zitterten.

Während der Stunde der Morgenandacht glaubte ich vor Kälte
zu vergehen und ich war froh, als endlich die Frühstücksstunde kam.
Dieses Mal war die Suppe nicht verbrannt; sie war eßbar, aber es
gab eine so kleine Portion; wie sehr wünschte ich, sie wäre doppelt
so groß gewesen! Im Laufe des Tages wurde ich in die vierte
Klasse eingereiht und nahm Teil an ihren regelmäßigen Aufgaben
und Beschäftigungen. ich war so wenig an das Auswendiglernen
gewöhnt, die Lehrstunden schienen mir so lang; der häufige Wechsel
der Lehrgegenstände so verwirrend, daß ich froh war, als mir um
drei Uhr Nachmittags Miß Smith einen zwei Ellen langen Streifen
Mousselin nebst Fingerhut, Schere u.s.w. in die Hand gab und
mir befahl, mich in eine stille Ecke des Schulzimmers zu setzen und
den Streifen zu säumen. Fast alle nähten gleichfalls, nur eine Klasse
stand um Miß Scatcherds Stuhl herum und las. Weil alles ruhig
war, konnte man den ganzen Inhalt ihres Unterrichts hören; und
ebensowohl die Art beobachten, in welcher sich jedes Mädchen ihrer
Aufgabe entledigte, als die Rügen oder Lobeserhebungen, welche
Miß Scatcherd an ihre Leistungen knüpfte. Der Gegenstand des
Unterrichts war englische Geschichte. Unter den Leserinnen bemerkte
ich meine Bekannte von der Veranda; zu Anfang der Stunde saß
sie auf dem ersten platz der Klasse, sie wurde aber plötzlich auf den
letzten verwiesen, weil sie einen Fehler in der Betonung machte und
ein Interpunktionszeichen nicht beachtete. Miß Scatcherd beobachtete
sie auch auf diesem untersten platz fortwährend und hatte allerhand
an ihr auszusetzen.

,Burns, rief sie zum Beispiel (wir wurden wie die Knaben beim
Zunamen gerufen, ,Burns, Du stehst ganz einwärts, kehre die Fußspitzen nach außen' oder ,Burns, Du streckst Dein Kinn vor, ziehe es
ein' oder ,Burns, ich verlange, daß Du Deinen Kopf in die Höhe
hältst, ich will Dich nicht in dieser Stellung sehen' u.s.w. u.s.w.

Als das Kapitel zweimal gelesen war, mußten die Mädchen die
Bücher schließen und wurden über den Inhalt examiniert. Es
handelte über einen kleinen Zeitraum der Regierung Karls des Ersten;
und verschiedene Fragen betrafen den Tonnenzoll und Pfundzoll für
Schiffsladungen, wie auch die Schiffssteuer. Die meisten Mädchen
wußten die Fragen nicht zu beantworten; sobald aber die Reihe an
Burns kam, wurde jede Frage genau beantwortet; sie schien den
Inhalt des Kapitels bis in das kleinste hinein genau behalten zu
haben. Ich erwartete, daß Miß Scatcherd sie um ihrer Aufmerksamkeit willen loben werde, statt dessen rief sie plötzlich:

,Du schmutziges, unausstehliches Mädchen, Du hast heute morgen
wieder Deine Nägel nicht gereinigt!'!

Burns antwortete nicht, und ich wunderte mich über ihr Stillschweigen.
,Warum, dachte ich, ,sagt sie nicht, daß sie weder ihre Nägel
reinigen, noch ihr Gesicht waschen konnte, weil das Wasser gefroren war?
Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt durch Miß Smith abgezogen,
welche mich bat, ihr eine Lage Garn zu halten; während sie es
wickelte sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir und fragte mich, ob ich
schon früher in einer Schule gewesen wäre, ob ich zeichnen, nähen,
stricken könne u.s.w. Während sie mich beschäftigte, konnte ich meine
Beobachtungen von Miß Scatcherds Thun nicht fortsetzen. Als ich
auf meinen platz zurückkehrte, gab sie gerade einen Befehl, dessen
Bedeutung ich nicht begriff; aber Burns verließ auf denselben sogleich
die Klasse, ging in ein kleines Hinterzimmer, in dem die Bücher
aufbewahrt wurden, und kehrte in wenig Augenblicken zurück, in der
Hand ein Bündel Reiser tragend, welches sie Miß Scatcherd mit
einer höflichen Verbeugung darbot; dann band sie ruhig, ohne
weiteren Befehl, ihre Schürze ab und die Lehrerin gab ihr mit der
Rute zwölf heftige Schläge auf den entblößten Hals. Keine Thräne
kam in Burns Augen, nicht ein Zug in ihrem gedankenvollen Gesicht
änderte seinen gewöhnlichen Ausdruck, während ich mit Nähen inne
hielt, weil meine Finger bei diesem Anblick vor Unwillen und Entrüstung zitterten.
,Unverbesserliches Kind, rief Miß Scatcherd, ,Du wirst Deine
unordentlichen Gewohnheiten niemals ablegen. Trage die Rute fort.

Burns gehorchte. Ich sah sie aufmerksam an, als sie aus der
Bibliothek zurückkam; sie steckte soeben ihr Taschentuch in die Tasche
und Spuren von Thränen glänzten auf ihrer eingefallenen Wange.
Amt Abend hatten wir eine Spielstunde, und sie schien mir in
Lowood der schönste Teil des Tages. Das Stückchen Brot und der
Schluck Kaffee, welchen wir um fünf Uhr erhielten, hatten mich neu
belebt, wenn auch nicht meinen Hunger gestillt; das Schulzimmer
war wärmer als am Morgen, man ließ die Kaminfeuer etwas heller
brennen, damit sie einigermaßen die Lichte ersetzten, welche noch nicht
angezündet waren, und die Unruhe und das Durcheinander von
Stimmen gab mir die Gewißheit, unbeachtet zu sein, und damit eine
Art Freiheitsgefühl.

Am Abend desselben Tages, an welchem Miß Scatcherd Burns
geschlagen hatte, wanderte ich, wie gewöhnlich, zwischen Stühlen und
Tischen und den lachenden Gruppen der Schülerinnen ohne Gefährtin
umher, doch fühlte ich mich nicht verlassen. Wenn ich am Fenster
vorüber kam, hob ich dann und wann das Rouleau empor und sah
hinaus; der Schnee fiel dicht, und wenn ich mein Ohr an das
Fenster legte, so hörte ich durch den fröhlichen Lärm im Zimmer
das Stöhnen des Windes draußen. Wenn ich kürzlich eine geliebte
Heimat und teure Eltern verlassen hätte, so würde ich um diese
Stunde den Trennungsschmerz am lebhaftesten gefühlt haben; dieser
Wind würde mir das Herz schwer gemacht, dieses dunkle Chaos
meinen Frieden gestört haben; so aber versetzte mich beides in eine
sonderbare Aufregung; von fieberhafter Unruhe erfüllt, wünschte ich,
daß der Wind noch wilder heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit
werden und das Stimmengeschwirr sich zum Lärm steigern möchte.

Ich sprang über Bänke und kroch unter Tischen hindurch, um
an einen Kamin zu kommen; dort fand ich Burns neben dem hohen
Drahtgitter knieend und ganz in ein Buch vertieft, welches sie bei
dem schwachen Licht des Kohlenfeuers las.

,Ist das noch Rasselas? fragte ich, zu ihr herantretend.
,Ja,! sagte sie, ,ich bin gleich damit zu Ende. Zu meiner
Freude klappte sie fünf Minuten darauf das Buch zu.

,jetzt, dachte ich,,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen.
Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden.

,Wie heißt Du noch außer Burns? fragte ich.
,Helene.
,Bist Du weit her?
,Ich komme von einem weiter nördlich, an den Grenzen Schottlands gelegenen Orte.
,Wirst Du einst dahin zurückkehren?
,Ich hoffe es, aber niemand ist der Zukunft sicher.
,Du mußt recht wünschen von Lowood fortzukommen.'
,Oh, nein. Weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin zu
meiner Ausbildung hierher geschickt, und es wäre nicht gut, wenn ich
fortginge, ohne sie erlangt zu haben.

,Aber diese Lehrerin, Fräulein Scatcherd, behandelt Dich so
grausam.
,Grausam? Oh, nein! Sie ist streng und haßt meine Fehler.
,Wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen und
würde mich ihr widersetzen, wenn sie mich mit jener Rute schlagen
wollte; ich würde sie ihr aus der Hand reißen und sie vor ihrer
Nase zerbrechen.

,Wahrscheinlich würdest Du das nicht thun; aber wenn Du es
thätest, so würde Dich Mr. Brocklehurst aus der Anstalt ausstoßen
und das würde Deine Angehörigen sehr bekümmern. Es ist viel
besser, geduldig einen Schmerz zu ertragen, den man allein fühlt,
als eine unüberlegte Handlung zu begehen, deren Folgen sich auf
alle erstrecken, die mit uns zusammenhängen, und außerdem gebietet
uns die Bibel, Böses mit Gutem zu vergelten.

,Aber es ist so entehrend, geschlagen zu werden und zur Strafe
in der Mitte des Zimmers stehen zu müssen, den Blicken so vieler
Mädchen ausgesetzt. Du bist noch dazu schon so groß. Ich bin viel
kleiner und jünger als Du, und könnte es doch nicht ertragen.

,Wenn Du es nicht hindern könntest, so würde es Deine Pflicht
sein, es zu ertragen. Es ist eine Schwäche zu sagen, Du kannst
nicht tragen, was Dir zu tragen auferlegt ist.

Ich hörte ihr mit Erstaunen zu. Ich konnte diese Lehre vom
Ertragen nicht begreifen, aber noch weniger konnte ich die Duldsamkeit verstehen und mitfühlen, mit der sie über ihre Quälerin
sprach. Aber ich fühlte, daß Helene Burns die Dinge in einem
Lichte betrachtete, das mir unbekannt war. Ich ahnte, daß sie recht
und ich unrecht haben könnte, aber ich wollte nicht tiefer darüber
nachdenken, und verschob das auf eine passendere Zeit.

,Du sagst, Du hast Fehler, Helene; welche Fehler hast Du?
Mir scheinst Du sehr gut zu sein.

,Dann lerne an mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen
soll. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, nachlässig; ich bringe und
halte meine Sachen nicht in Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die vorgeschriebenen Gesetze; lese, wenn ich meine Aufgaben
lernen sollte; habe keine Methode und sage auch mitunter wie Du,
ich kann es nicht ertragen, so bestimmten Regeln unterworfen zu
sein. Das alles ärgert Miß Scatcherd sehr, die von Natur sehr
ordentlich, eigen und pünktlich ist.

,Und unfreundlich und grausam, fügte ich hinzu. Aber Helene
wollte nicht zustimmen, sondern schwieg still.
,Ist Miß Temple ebenso streng zu Dir, wie Miß Scatcherd?
Als ich Miß Temples Namen aussprach, flog ein sanftes Lächeln
über ihr ernstes Gesicht. ,Miß Temple ist unendlich gut. Es schmerzt
sie, irgend jemand, selbst die Schlechtesten, streng zu behandeln.
Sie sieht meine Fehler und macht mich freundlich aufmerksam auf
sie, und wenn ich irgend etwas Lobenswertes thue, erkennt sie es
aufs gütigste an. Ein sicheres Zeichen, welche schlechten Anlagen
und Fehler ich habe, ist, daß selbst ihre Ermahnungen, so mild und
vernünftig sie auch sind, nicht die Kraft haben, mich zu bessern, und
selbst ihre Anerkennung, so hoch ich sie schätze, kann mich nicht zu
unausgesetzter Aufmerksamkeit und Vorsorge anfeuern.

,Das ist wunderbar, sagte ich; ,es ist so leicht, aufmerksam
zu sein.'
,Für Dich mag es leicht sein; ich glaube es wohl. Ich beobachtete Dich diesen Morgen während des Unterrichts und sah Dich
ganz gespannt aufmerken; Deine Gedanken schienen nie abzuschweifen, während Miß Miller erklärte und Dich fragte. Die
meinigen wandern stets, und statt auf Miß Scatcherd zu hören und
sorgsam in mich aufzunehmen, was sie sagt, höre ich oft nicht einmal mehr ihre Stimme und träume. Mitunter scheint es mir dann,
als wäre ich in Northumberland, und das Geräusch, welches ich
um mich herum höre, dünkt mich das Gemurmel eines kleinen Baches
zu sein, der durch Deepden dicht an unserm Hause vorüber fließt;
wenn dann die Reihe an mir ist, zu antworten, so muß ich geweckt
werden, und weil ich nicht gehört habe, was gelesen wurde, so habe
ich keine Antwort bereit.
,Aber diesen Nachmittag hast Du so schön geantwortet.
,Das war ein Zufall; der Gegenstand über den wir lasen, interessierte mich. Anstatt von Deepden zu träumen, dachte ich, wie ein
Mensch, der gern gut sein möchte, so ungerecht und unweise handeln
konnte, wie Karl der Erste das oft that. Und ich bedauerte, daß
er bei seiner Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit keine größeren Ziele
ins Auge faßte, als das, die Rechte der Krone zu wahren. Wenn
er nur etwas mehr Voraussicht gehabt hätte, und hätte berücksichtigen
können, was der Zeitgeist forderte. Ich liebe aber Karl den Ersten
trotzdem, ich achte ihn und bemitleide ihn, den armen hingeopferten
König! Seine Feinde waren doch schlimmer als er; sie vergossen
Blut, das zu vergießen sie kein Recht hatten. Wie konnten sie
wagen, ihn zu enthaupten!
Das letzte sprach Helene nur für sich selbst, denn ich konnte sie
nicht verstehen. Ich wußte kaum von der Existenz Karls des Ersten
und war zu jung, um ihre Gedanken darüber zu fassen; aber das
hatte sie ganz vergessen. ich lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder
auf mich.

,Wandern denn Deine Gedanken auch, wenn Miß Temple Dich
unterrichtet?

,Dann nur selten; denn was Miß Temple lehrt, ist gewöhnlich
neuer, als meine eigenen Gedanken; ihre Art zu sprechen ist mir
besonders angenehm und oft lehrt sie gerade das, was ich zu lernen
wünschte.
,In Miß Temples Stunden bist Du also gut?
,Ja, ohne etwas dazu zu thun. Ich folge nur meiner Neigung, und dabei ist kein Verdienst.

,Oh, doch! Du bist gut bei denen, welche gut zu Dir sind. Mehr
würde ich von mir gar nicht verlangen! Wenn man immer gut und
gehorsam zu den Grausamen und Ungerechten wäre, dann würden
sie immer ihren Willen haben; sie wurden sich nie fürchten, Böses zu
thun und nie besser, sondern nur immer schlechter und schlechter
werden. Wenn wir ohne Veranlassung geschlagen werden, so sollten
wir wieder schlagen; ja das sollten wir, und zwar so kräftig, daß
Die, welche uns schlugen, es nicht noch einmal wagen!'

,Ich hoffe, wenn Du älter wirst, wirst Du Deine Meinung
ändern! Jetzt bist Du noch ein kleines unerzogenes Mädchen.
,Aber ich fühle, Helene, daß ich nie diejenigen werde leiden
mögen, welche unfreundlich gegen mich bleiben, wenn ich auch alles
thue, mich ihnen angenehm zu machen. Ich werde immer denen
Widerstand entgegen setzen müssen, welche mich ungerecht bestrafen.
Das ist ebenso natürlich, als daß ich die lieben muß, welche mir
Zuneigung zeigen, oder mich einer Strafe unterwerfen muß, von der
ich fühle, daß sie verdient ist.

,Heiden und Wilde bekennen sich zu dieser Lehre, aber Christen
und zivilisierte Nationen haben sich von ihr losgesagt.

,Wieso? Das verstehe ich nicht.
,Es ist nicht die Gewalt, welche den Haß am sichersten überwindet, noch die Rache, welche Beleidigungen am empfindlichsten
straft.

,Was ist es denn?
,Lies das neue Testament und beachte, was Christus darüber
sagt und wie er handelt, und dann mache seine Lehre zu Deiner
Richtschnur und sein Verhalten zu Deinem Vorbilde.
,Was sagt er denn?
,Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; thut wohl denen,
die euch beleidigen und verfolgen.

,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben, und das kann ich nicht;
und ich müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
jetzt war es an Helene mich zu fragen, und ich schüttete mein
ganzes Herz aus und erzählte auf meine Art die Geschichte meiner
Leiden. Voll Groll und Bitterkeit sprach ich, wie ich fühlte, ohne
Rückhalt und ohne zu beschönigen.

Helene hörte mich geduldig bis zu Ende. Ich erwartete, sie
würde eine Bemerkung machen, aber sie schwieg.

,Nun, fragte ich ungeduldig, ,ist Mrs. Reed nicht eine hartherzige, böse Frau.'

,Sie ist unfreundlich gegen Dich gewesen, ohne Zweifel, weil
sie, wie Du siehst, Deinen Charakter ebenso wenig leiden kann, wie
Miß Scatcherd den meinigen. Aber wie Du alles bis aufs kleinste
behalten hast, was sie zu Dir gesagt hat. Ihre Ungerechtigkeit
scheint einen wunderbar tiefen Eindruck auf Dich gemacht zu haben.
Mein Gefühl wird durch schlechte Behandlung nicht so nachhaltig erregt. Würdest Du nicht glücklicher sein, wenn Du Dich bemühtest,
ihre Strenge und die leidenschaftliche Erregung, welche sie hervorgerufen hat, zu vergessen? Mir scheint das Leben zu kurz, um es
dazu anzuwenden, Erbitterung zu nähren und die Erinnerung an
das Schlimme zu bewahren. Wir alle in dieser Weht haben Fehler
und müssen sie haben, aber ich glaube fest, daß die Zeit kommt, wo
wir sie mit unserem gebrechlichen Körper ablegen und nur der Geist
so rein und schuldlos zurückbleibt, wie er vom Schöpfer ausging und
sich als glänzender Seraph in den Himmel erhebt. Dann wird er
nie mehr zum Bösen abirren können! Diesen Glauben halte ich fest,
wie mein teuerstes Gut. Mit ihm kann ich so sicher den Verbrecher
von seinem Verbrechen unterscheiden, kann dem ersten so aufrichtig
vergeben, während ich das zweite verabscheue; durch ihn findet die
Rache nie Raum in meinem Herzen und die Ungerechtigkeit drückt
mich nie zu tief nieder; in ihm habe ich Frieden und sehe dem Ende
ruhig entgegen.
Helenes Kopf, den sie immer gebeugt trug, sank bei diesem
Ausspruch noch etwas tiefer auf die Brust. Ich sah an ihrem Blick,
daß sie nicht mehr mit mir reden, sondern lieber ihren eigenen Gedanken überlassen sein wollte. Aber es wurde ihr nicht lange Zeit
zum Nachdenken gegönnt; eine Aufseherin, ein großes, grobes Mädchen,
kam auf sie zu und sagte in unfreundlichem Tone:

,Helene Burns, wenn Du nicht augenblicklich Deine Arbeit
zusammenfaltest und Deine Schublade in Ordnung bringst, sage ich
Miß Scatcherd, daß sie sich Deine Sachen einmal ansehen möchte.

Helene seufzte, als sie ihren Träumereien entrissen wurde, stand
aber auf und folgte der Aufseherin sogleich ohne zu antworten.



Siebentes Kapitel.

Mein erstes Vierteljahr in Lowood schien mir ein Jahrhundert
lang, und wie das goldene Zeitalter kam es mir auch nicht vor. Es
bestand aus lästigen Kämpfen mit der Schwierigkeit, mich an die
herrschenden Gesetze und an ungewohnte Aufgaben zu gewöhnen.
Während des Januar, Februar und eines Teils des März
waren die Wege durch den tiefen und später durch den schmelzenden
Schnee ungangbar, und wir kamen deshalb nicht über die Gartenmauer hinaus, den Gang zur Kirche ausgenommen; aber innerhalb
dieser Mauer mußten wir täglich eine Stunde in freier Luft zubringen.
Unsere Bekleidung war unzureichend, um uns gegen die Kälte zu
schützen. Wir hatten keine Stiefel; in unsere Schuhe drang der
Schnee ein; Handschuh bekamen wir nicht, und so starben unsere
Hände in der Kälte ab und waren mit Frostbeulen bedeckt, und
unsere Füße desgleichen. Ich erinnere mich noch sehr wohl des ohnmächtigen Zornes, der sich meiner jeden Abend bemächtigte, wenn
meine Füße brannten und jeden Morgen, wenn ich die geschwollenen,
steifen Zehen in meine Schuhe zwängen mußte. Auch das karge
Maß von Nahrung, was uns zugeteilt wurde, war eine Plage; bei
dem regen Appetit im Wachstum begriffener Kinder, erhielten wir
kaum soviel, als genügt hätte, einen zarten Kranken am Leben zu
erhalten. Aus diesem Mangel an Nahrung entsprang ein Mißbrauch,
welcher die jüngeren Zöglinge hart bedrückte: sobald die hungrigen
großen Mädchen eine Gelegenheit fanden, schreckten sie die kleinen
mit Drohungen, bis diese ihre Portion hergaben. Oftmals habe ich
beim Vesper das kostbare Stück Schwarzbrod zwischen zwei Mitschülerinnen geteilt, welche Anspruch darauf erhoben, und nachdem
ich einer dritten die Hälfte meines Bechers Kaffee überlassen hatte,
den Rest mit einer Zugabe von geheimen Thränen hinuntergeschluckt,
welche mir der heftige Hunger auspreßte.

Die Sonntage waren traurige Tage in dieser Winterszeit. Wir
mußten zwei Meilen nach der Kirche von Brocklebridge wandern, wo
unser Patron den Gottesdienst abhielt. Wir froren schon, wenn wir
fortgingen, wenn wir in die Kirche kamen, waren wir noch mehr
durchkältet und während des Morgengottesdienstes lähmte uns die
Kälte förmlich.

Nach dem Schluß der Nachmittagskirche gingen wir auf einer
offenen hügeligen Straße zurück, über die der Nordwind von einer
schneebedeckten Hügelkette hinwegfegte und fast die Haut von unseren
Gesichtern riß.
Ich kann mich Miß Temples erinnern, wie sie leichtfüßig und
schnell unsere verzagten Reihen entlang schritt, uns durch Lehre und
Beispiel anfeuernd, tapfer auszuhalten und vorwärts zu gehen, wie
gestählte Soldaten. Die anderen Lehrerinnen waren gewöhnlich
selbst zu niedergedrückt, um zu versuchen Andere aufzurichten.

Wie sehnten wir uns nach dem Schein und. der Wärme eines
strahlenden Feuers, wenn wir nach Hause kamen! Aber, den Kleinen
wenigstens, war diese Wohlthat versagt, denn jeder Kamin im Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer Mädchen
umgeben, und hinter ihnen kauerten die kleinen Kinder in Gruppen,
ihre erstarrten Arme in ihre Schürzen wickelnd.
Eine kleine Erleichterung brachte die Vesperzeit in einer doppelten
Ration Brot mit der köstlichen Zugabe von etwas Butter. Ich
brachte es gewöhnlich dahin, die Hälfte dieser Mahlzeit für mich zu
behalten, aber die andere Hälfte mußte ich stets hergeben.
Der Sonntag Abend wurde dazu angewendet den Katechismus
auswendig herzusagen, ebenso wie das fünfte, sechste und siebente
Kapitel aus dem Evangelium Mathäi, und einer langen Predigt zuzuhören, welche Miß Miller las, die vor Müdigkeit unaufhörlich
gähnte. Eine häufige Unterbrechung dieser Andacht entstand dadurch,
daß ein halbes Dutzend kleiner Mädchen, vom Schlafe überwältigt,
hinfielen. Sie wurden dann in die Mitte des Schulzimmers gebracht
und genötigt dort zu stehen, bis die Predigt beendigt war. Mitunter versagten ihnen die Füße den Dienst und sie fielen alle übereinander.

Ich habe der Besuche von Mr. Brocklehurst noch nicht erwähnt.
Er war während des ersten Monats meiner Anwesenheit in Lowood
von Hause abwesend, und seine Abwesenheit war eine Erleichterung

für mich. ich brauche nicht zu sagen, daß ich meine besonderen
Gründe hatte, sein Kommen zu fürchten. Endlich kam er aber doch.
Eines Nachmittags saß ich, eine Schiefertafel in der Hand; ganz
verwirrt durch eine lange Reihe von Zahlen, richtete ich meine Blicke
in der Zerstreuung auf das Fenster und gewahrte eine Gestalt, welche
gerade daran vorbeiging. Ich erkannte fast instinktmäßig diese hageren
Umrisse, und als zwei Minuten später die ganze Schule, die Lehrerinnen mit eingeschlossen, sich erhob, hatte ich nicht nötig aufzusehen,
um genau zu wissen, wen sie so begrüßten. Ein langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand neben Miß Temple,
die ebenfalls aufgestanden war, dieselbe schwarze Säule, welche mic
in Gateshead so stirnrunzelnd angeblickt hatte. Ich sah nach der
Seite. Ja, ich hatte Recht, es war Mr. Brocklehurst in seinem zugeknöpften Ueberzieher, länger, dünner und strenger aussehend, als
jemals.

Ich hatte guten Grund über diese Erscheinung erschrocken zu
sein, denn ich erinnerte mich nur zu gut der boshaften Bemerkungen
Mrs. Reeds über meinen Charakter u. s. w., und des Versprechens,
welches Mr. Brocklehurst gegeben hatte, Miß Temple und die übrigen
Lehrerinnen von meinen schlimmen Anlagen in Kenntniß zu setzen.
Ich hatte die Erfüllung dieses Versprechens schon lange gefürchtet
und mit Entsetzen dem Kommen Mr. Brocklehursts entgegengesehen.
Da stand er nun neben Miß Temple und sprach ihr leise ins Ohr.
Ich zweifelte nicht daran, daß er ihr Eröffnungen über meine
Schlechtigkeit machte, und ich sah ängstlich nach ihren Augen, jeden
Augenblick erwartend, daß ihre dunkle Pupille mich mit Abscheu und
Verachtung anblicken werde. ich horchte auch, und da ich gerade
am Ende des Zimmers saß, hörte ich das meiste, was er sagte, was
dazu beitrug, mich wenigstens für den Augenblick von meinen Befürchtungen zu befreien.
,Ich denke, Miß Temple, der Zwirn, den ich in Lowton gekauft
habe, wird gut sein; er schien mir ganz passend zu den baumwollenen
Hemden und die Nadeln habe ich passend sortiert. Sagen Sie doch
Miß Smith, daß ich vergessen habe, mir eine Notiz wegen der Stopfnadeln zu machen, aber ich werde ihr nächste Woche welche senden;
sie soll aber auf keinen Fall jeder Schülerin mehr als eine geben, wenn
die Kinder mehr haben, so gehen sie zu sorglos damit um und verlieren
sie. Und, Fräulein, ich wünschte, daß sorgfältiger nach den wollenen
Strümpfen gesehen würde! Als ich das letzte Mal hier war, ging
ich durch den Küchengarten und untersuchte die Kleider, welche auf
der Leine getrocknet wurden; da bemerkte ich eine Menge schwarzer
-

Er hielt inne.
,Und Fräulein, fuhr er fort, ,die Wäscherin sagt mir, daß
einige der Mädchen zwei reine Halskragen in der Woche getragen
haben, das ist zu viel, es ist ihnen nur einer gestattet.
,Darüber kann ich Auskunft geben, Mr. Brocklehurst. Am
letzten Donnerstag waren Agnes und Katharina Johnstone zu Freunden
in Lowton zum Thee geladen, und ich gab ihnen die Erlaubnis, bei
dieser Gelegenheit reine Kragen umzubinden.
Mr. Brocklehurst nickte.

,Gut, für einmal mag es hingehen, aber sorgen Sie, bitte, daß
sich das nicht oft wiederholt. Noch etwas hat mich in Erstaunen
gesetzt; als ich die Rechnungen der Haushälterin durchsah, fand ich,
daß zweimal während der letzten vierzehn Tage den Mädchen ein
Frühstück, aus Brot und Käse bestehend, gegeben worden ist. Was
hat das zu bedeuten? Ich sah die Statuten durch und fand kein
zweites Frühstück verzeichnet. Wer hat die Neuerung eingeführt?
und mit welchem Rechte?

,Dafür bin ich verantwortlich, mein Herr,' versetzte Miß Temple,
,das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß die Zöglinge es unmöglich essen konnten, und ich wagte nicht, sie bis zum Mittagessen
fasten zu lassen.'
,Erlauben Sie, Madame. Es ist Ihnen doch wohl bekannt,
daß es nicht meine Absicht ist, diese Mädchen zu einem luxuriösen
und trägen Leben zu erziehen, sondern sie abzuhärten und sie an
Geduld und Selbstverleugnung zu gewöhnen. Wenn ihr Appetit
einmal dadurch enttäuscht wird, daß zufällig irgend eine Mahlzeit
verdorben ist, so sollte man diese Gelegenheit, die Kinder in der
Entsagung zu üben, nicht dadurch verscherzen, daß man ihnen zum
Ersatz für die verlorene Mahlzeit eine noch schmackhaftere bietet. Bei
solchen Gelegenheiten würde eine kurze Ansprache sehr am Orte sein,
in der ein weiser Erzieher auf die Leiden der ersten Christen und
Märtyrer hinweisen müßte, wie auf die Qualen des Erlösers selbst
und seine Aufforderung an die Jünger, ihr Kreuz auf sich zu nehmen
und ihm nachzufolgen; auf seine Mahnung, daß der Mensch nicht vom
Brote allein lebt, sondern vom Worte Gottes; auf seine göttlichen
Tröstungen: , selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit. Oh, Madame, wenn sie die Münder dieser Kinder mit Butter
und Käse füllen, anstatt mit angebrannter Suppe, nähren sie wohl
ihre irdischen Leiber, aber sie denken nicht daran, wie sie ihre unsterblichen Seelen verschmachten lassen.'

Mr. Brocklehurst hielt inne- vermuthlich weil er von seinen
Gefühlen überwältigt wurde. Als er anfing zu sprechen, hatte Miß
Temple zur Erde geblickt, aber jetzt sah sie ihm gerade ins Gesicht;
sie, die von Natur blaß war, wurde marmorbleich und nahm nach
und nach einen Ausdruck ganz ungewohnter Strenge an.
Unterdessen stand Mr. Brocklehurst am Kamin, und überschaute
(die Arme auf dem Rücken) die ganze Schule mit majestätischen
Blicken. Er mußte etwas besonders Auffälliges erblickt haben, denn
plötzlich sagte er in erregterem Tone als bisher:
,Miß Temple, Miß Temple, was- wer ist dieses Mädchen
mit dem krausen Haar? Notes Haar, Madame, und über und über
gelockt? Er erhob seinen Stock und zeigte mit zitternder Hand auf
den Gegenstand seines Entsetzens.

,Es ist Julia Severn, versetzte Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Weshalb hat sie oder irgend eine
andere krauses Haar. Wie kann sie hier in einer evangelischen milden
Stiftung, allen Prinzipien, die in dieser Anstalt herrschen, zum Trotz,
ihr Haar so weltlich tragen?

,Julias Haar ist von Natur gelockt,' gab Miß Temple noch
ruhiger zurück.

,Von Natur! Wir wollen uns aber danach nicht richten. Ich
habe zu wiederholten Malen geäußert, daß ich wünsche, daß die
Mädchen ihr Haar anliegend, bescheiden, glatt tragen. Miß Temple,
das Haar dieses Kindes muß ganz und gar abgeschnitten werden.
Ich sehe noch manche andere, die einen viel zu üppigen Haarwuchs
haben. Befehlen Sie diesen großen Mädchen und der ganzen ersten
Abteilung aufzustehen und sich mit dem Gesicht gegen die Wand zu
stellen.

Miß Temple verbarg das unwillkürliche Lächeln, welches auf
ihre Lippen trat hinter ihrem Taschentuche und gab den gewünschten
Befehl, dem die erste Klasse gehorchte. Mich ein wenig auf meinem
Sitz zurücklehnend, konnte ich die Blicke und Grimassen sehen, mit
denen sie das Manöver begleiteten. Es war ein Jammer, daß
Mr. Brocklehurst sie nicht auch sehen konnte, sonst würde er wohl
inne geworden sein, daß er über den inneren Menschen bei keiner
dieser Mädchen eine Macht hatte, so weit auch sonst seine Gewalt
reichen mochte. Er musterte die Kehrseite alle dieser Köpfe fünf
Minuten lang und fällte dann seinen Richterspruch. Seine Worte
wirkten wie ein Verdammungsurteil:

,Alle diese Flechten müssen abgeschnitten werden.'
Miß Temple schien Einwendungen zu machen.
,Madame,! fuhr er fort, ,ich diene einem Herrn, dessen Reich
nicht von dieser Welt ist; meine Aufgabe ist, alle weltlichen Gelüste
in diesen Mädchen zu unterdrücken, sie zu lehren, sich einfach und bescheiden zu kleiden, nicht ihr Haar aufzuputzen und dergleichen. Jede
dieser jungen Mädchen hat ein Gewirr von Flechten auf dem Kopf,
das die Eitelkeit allein erfunden haben kann; ich wiederhole, diese

Zöpfe müssen abgeschnitten werden. Denken Sie an die Zeitverschwendung, welche-!

Hier wurde Mr. Brocklehurst dadurch unterbrochen, daß drei,
Damen in das Zimmer traten. Sie hätten eigentlich etwas früher
kommen müssen, um seine Predigt über den Anzug zu hören, denn
sie waren prachtvoll in Sammet, Seide und Pelzwerk gekleidet. Die
beiden jüngsten Damen (hübsche Mädchen von sechszehn und siebzehn
Jahren; trugen graue Biberhüte mit großen Straußenfedern, und
unter dieser graziösen Kopfbedeckung sah man eine Fülle blonden,
sorgfältig gekräuselten Haares; die ältere Dame war in einen kostbaren mit Hermelin besetzten Umhang gehüllt und trug vorn falsche
französische Locken.
Die Damen, Frau Brocklehurst und Töchter, wurden zuvorkommend von Miß Temple empfangen und zu Ehrensitzen am Ende
des Zimmers geführt. Sie schienen mit ihrem ehrenwerten Familienhaupt zu Wagen gekommen zu sein und die oberen Zimmer durchstöbert zu haben, während er mit der Haushälterin und Wäscherin
unterhandelt und die Vorsteherin zurechtgewiesen hatte. Sie richteten
jetzt verschiedene Bemerkungen und Rügen an Miß Smith, welche für
das Leinenzeug zu sorgen und die Schlafsäle zu überwachen hatte;

aber ich hatte keine Zeit, auf das zu achten, was sie sagten, denn
meine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem in Anspruch genommen.

Während ich dem Gespräch von Mr. Brocklehurst und Miß Temple
lauschte, hatte ich die Vorsicht gebraucht, mich hinter meiner Schiefertafel zu verbergen, indem ich mir den Anschein gab, eifrig zu rechnen;
wahrscheinlich wäre ich auf diese Weise der Aufmerksamkeit Mr Brocklehursts entgangen, wäre nicht meine Tafel meinen Händen entschlüpft und mit einem Lärm zu Boden gefallen, der aller Blicke auf
mich zog. Jetzt wußte ich, was ich zu erwarten hatte. Ich stand
auf, um die Scherben zu sammeln, und machte mich auf das
Schlimmste gefaßt. Es ließ nicht auf sich warten.
,Ein fahrlässiges Kind- sagte Mr. Brocklehurst, und fuhr gleich
darauf fort: ,Es ist die neue Schülerin, wie ich sehe. Ich darf
nicht vergessen, daß ich eine Eröffnung über sie zu machen habe; sie
soll vortreten.

Aus eigenem Antriebe würde ich mich nicht gerührt haben; ich
war wie gelähmt, aber zwei große Mädchen bemächtigten sich meiner
und schleppten mich vor den gefürchteten Richter, dann trat Miß
Temple an mich heran und flüsterte mir in gütigem Ton den Rat zu:

,Fürchte Dich nicht, Jane, ich sah, daß es nur Mißgeschick war,
Du sollst nicht bestraft werden.'
Dieser gütige Zuspruch traf mein Herz wie ein Dolchstoß.

,Noch eine Minute,' dachte ich, ,lo wird sie mich als Heuchlerin
verachten, und bei dieser Überzeugung ergriff mich Wut gegen
Reed, Brocklehurst und Kompagnie, denn ich war eben keine Helene
Burns.

,Bringt einen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst und deutete auf
einen sehr hohen, den soeben eine Aufseherin verlassen hatte; er wurde
gebracht.

,Stellt das Kind darauf.
Ich wurde auf den Stuhl gestellt; von wem, weiß ich nicht,
denn ich war nicht in der Verfassung auf Einzelheiten zu achten; ich
gewahrte nur, daß sie mich zur Höhe von Mr. Brocklehursts Nase
erhoben, die kaum zwei Fuß von mir entfernt war, und daß der
-
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen,' sagte er, sich seiner Familie zuwendend, ,Miß
Temple, die Lehrerinnen alle und auch Ihr, Kinder, betrachten Sie
dieses Mädchen.'

Das thaten sie; denn ich fühlte, wie mich ihre Blicke trafen und
schmerzten, als ob Brenngläser mir die Haut versengten.

,Sie sehen, sie ist noch jung; sie hat das Aussehen anderer
Kinder; Gott hat ihr in seiner Gnade dieselbe Bildung wie uns verliehen; kein entstellendes Merkmal läßt auf einen ungewöhnlichen
Charakter schließen. Wer sollte glauben, daß der Böse schon eine
Anhängerin und ein williges Werkzeug in ihr gefunden hat. Aber
leider ist dem so, so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen.

Es trat eine Pause ein, in der ich bemüht war, meine Nervenaufregung zu unterdrücken. Der Rubikon war überschritten, und die
Prüfung, der nicht mehr zu entgehen war, mußte geduldig getragen
werden.

,Meine lieben Kinder,' fuhr der schwarze, harte Geistliche fort,
,es ist eine traurige Aufgabe, aber meine Pflicht, Euch zu warnen
vor diesem Kinde, das ein Lamm Gottes sein könnte, aber eine kleine
Verlorene ist. Ihr müßt vor ihr auf Eurer Hut sein; ihr Beispiel
scheuen und, wenn es nötig ist, ihre Gesellschaft meiden, sie von
Euren Spielen und Eurer Unterhaltung ausschließen. Sie, meine
Damen,'' er wandte sich an die Lehrerinnen, , müssen sie überwachen,
ihre Worte und Handlungen prüfen, und sie häufig körperlichen
Strafen unterwerfen, um ihre Seele zu retten, wenn solche Errettung
überhaupt noch möglich ist, denn es wird mir so schwer, es auszusprechen, daß mir fast die Stimme versagt, dieses Mädchen, in einem
christlichen Lande geboren, ist schlimmer als manche kleine Heidin,
die zu Brahma oder anderen Götzen betet, dieses Mädchen ist -
eine Lügnerin!!

Nun kam eine Pause von zehn Minuten. Ich war wieder ganz
ruhig geworden, und bemerkte deutlich alles was vorging. Die weiblichen Brocklehursts holten ihre Taschentücher hervor und trockneten
sich die Augen, die ältere Dame schüttelte mit bekümmerter Miene
den Kopf und die jungen Mädchen flüsterten:, Wie schrecklich!'

Mr. Brocklehurst nahm seine Rede wieder auf.
,Ich erfuhr dies von ihrer Wohlthäterin; von einer frommen
und mildthätigen Dame, welche die Waise an Kindesstatt annahm
und wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte und Großmut
die Undankbare durch ein so schreckliches Betragen lohnte, daß ihre
gütige Beschützerin sich zuletzt genötigt sah, sie von ihren eigenen
Kindern zu trennen, aus Furcht, daß ihr böses Beispiel den unschuldigen verderblich werden könnte. Sie hat sie zu ihrer Heilung hierher
geschickt, wie die alten Juden ihre Aussätzigen nach Bethseda schickten,
damit sie gereinigt würden.

Nach diesem erhabenen Schluß knöpfte Mr. Brocklehurst seinen
Rock zu und raunte seiner Familie einige Worte zu; diese erhob sich,
verbeugte sich gegen Miß Temple und die ganze erhabene Gesellschaft
verließ würdevoll das Zimmer. Sich an der Thür umwendend sagte
mein Richter noch:

,Man lasse sie eine halbe Stunde auf dem Stuhle stehen und
während des übrigen Tages niemand mit ihr sprechen.'
Da stand ich nun hoch erhaben; ich, die ich gesagt hatte, daß
ich die Schande nicht ertragen könnte, in der Mitte des Zimmers auf
meinen eigenen Füßen zu stehen, war nun aller Augen gleichsam auf
einer Schandsäule ausgesetzt. Keine Worte vermögen meine Gefühle
zu beschreiben; sie schnürten mir die Kehle zu, und würden sich wohl
in einem Thränenstrom Luft gemacht haben, wenn nicht in diesem
Augenblick eines der Mädchen bei mir vorübergegangen wäre und
ihren Blick zu mir erhoben hätte. Welch wunderbarer Glanz ging
von ihm aus! Wie durchzuckte er mich und stärkte mich! Es war,
als ob ein Märtyrer, ein Held einem armen Sklaven oder Opfer
von seiner Kraft mitgeteilt hätte. ich überwand meine Schwäche,
erhob mein Haupt, und stellte mich fester auf den Stuhl. Helene
Burns that irgend eine unbedeutende Frage über ihre Arbeit an Miß
Smith, ward über das Unnütze derselben gescholten, kehrte auf ihren
Platz zurück und lächelte mir zu, als sie das zweite Mal an mir
vorüber ging. Welch ein Lächeln! Ich erinnere mich desselben jetzt
noch, es war der Ausfluß eines edlen Geistes und wahren Mutes;
es verklärte ihre markierten Züge, ihr schmales Gesicht, ihre eingesunkenen Augen wie der Wiederschein von eines Engels Antlitz. Und
trotzdem trug Helene Burns in diesem Augenblicke an ihrem Arm
den Schandzettel, und ich hatte kaum vor einer Stunde gehört, daß
sie Miß Scatcherd morgen zu einer Mittagsmahlzeit von Brot und
Wasser verdammt hatte, weil sie eine Abschrift befleckt hatte. So
unvollkommen ist das menschliche Urteil! Auf der Scheibe des klarsten
Planeten finden sich Flecken; Miß Scatcherd konnte nur diese verschwindenden Unvollkommenheiten sehen und war blind für den Glanz
und die Klarheit der schönen Himmelserscheinung.



Achtes Kapitel.

Bevor die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr; die
Schülerinnen wurden entlassen und begaben sich zum Vesper in den

Speisesaal. Ich wagte nun von meinem Stuhl herabzusteigen. Es
war tiefe Dämmerung; ich zog mich in einen Winkel zurück, und
setzte mich auf die Diele. Die Kraft, welche mich bisher aufrecht
erhalten hatte, begann nachzulassen, mein Kummer gewann die Oberhand und überwältigte mich so, daß ich mich mit dem Gesicht auf
die Erde warf und den Fußboden mit meinen Thränen benetzte. Ich
hatte mir vorgenommen, in Lowood so artig und fleißig zu sein, mir
Achtung zu erwerben und Liebe und Freundschaft dazu. Ich hatte
schon sichtliche Fortschritte gemacht; war diesen Morgen in meiner
Klasse die erste geworden; Miß Miller hatte mich warm gelobt; Miß
Temple mir ein anerkennendes Lächeln geschenkt; sie hatte mir versprochen, mich das Zeichnen zu lehren, und mir die Aussicht eröffnet,
daß ich französisch lernen dürfte, wenn ich noch zwei Monate hindurch
den gleichen Fleiß zeigte. Auch von meinen Mitschülerinnen war ich
wohl gelitten; die gleichaltrigen behandelten mich wie ihresgleichen;
und nun lag ich hier in den Staub getreten! Würde ich mich jemals
wieder erheben können?

,Niemals, dachte ich, und wünschte sehnsüchtig zu sterben.
Während ich schluchzend so klagte, näherte sich mir jemand. Ich fuhr
auf. Es war wieder Helene Burns, ich sah sie bei dem flackernden
Feuerschein durch das lange, öde Zimmer auf mich zukommen; sie
brachte meinen Kaffee und Brot.

,Komm, iß etwas, sagte sie; aber ich wies alles von mir.
Helene betrachtete mich, wahrscheinlich mit Erstaunen; ich konnte
meine Erregung jetzt nicht unterdrücken, so große Mühe ich mir auch
gab; ich fuhr fort laut zu weinen. Sie setzte sich neben mich auf den
Fußboden und legte meinen Kopf auf ihren Schoß. In dieser
Stellung verharrte sie schweigend, wie ein Indianer. Ich war die
erste, welche zu reden anfing: ,Helene, weshalb bleibst Du bei mir,
die jedermann für eine Lügnerin hält?

,Jedermann, Jane? Nur achtzig Menschen haben Dich so
nennen hören und die Welt besteht aus Hunderten von Millionen.
,Was gehen mich die Millionen an? Ich weiß, die Achtzig
verachten mich.

,Da bist Du im Irrtum, Jane! Wahrscheinlich verachtet Dich
nicht eine in der Anstalt, und ich bin überzeugt, daß viele Dich bemitleiden.
,Wie können sie mich bemitleiden, nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt hat?
,Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist hier weder bewundert
noch geliebt; er hat nie danach getrachtet, sich die Liebe der Schülerinnen zu erwerben. Wenn er Dich wie seinen auserwählten Liebling behandelt hätte, würdest Du offene oder heimliche Feinde gefunden haben, aber so würden die meisten Mädchen Dir gern ihr
Mitleid zu erkennen geben, wenn sie es wagten. Vielleicht werden
Lehrerinnen und Schülerinnen einen bis zwei Tage kalt an Dir
vorübergehen, aber im Herzen sind sie Dir doch freundlich gesinnt,
und wenn Du fortfährst, Deine Pflicht zu thun, und gut zu sein, so
werden sich ihre Gefühle nach ihrer augenblicklichen Zurückhaltung
nur um so deutlicher zeigen. Außerdem Jane,' sie hielt inne.

,Nun, Helene,' sagte ich, meine Hand in die ihrige legend; sie
umschloß sie fest, um sie zu erwärmen, und fuhr fort:

,Wenn die ganze Welt Dich haßte und Dich für schlecht hielte;
wenn nur Dein eignes Gewissen Dich frei spricht, so wirst Du nicht
ohne Freunde sein.'
,Nein, ich weiß, Du wirst nicht schlecht von mir denken; aber
das ist nicht genug, wenn mich nicht auch andere lieben, dann möchte
ich lieber sterben- ich kann es nicht ertragen, gemieden und ungeliebt zu sein, Helene. Wenn Du oder Miß Temple oder sonst
jemand mich aufrichtig liebte, dann könnte ich alles ertragen; ich
wollte nicht murren, wenn man mir den Arm bräche, mich einem
wütenden Bullen vor die Hörner würfe oder mir von den Hufen der
Pferde die Brust zertreten ließe -
,Ruhig, ruhig, Jane! Du fragst zu viel nach der Liebe irdischer
Wesen; Du bist zu leidenschaftlich und heftig. Der Herr, welcher
Dich schuf, hat Dir andere Quellen des Trostes gegeben, als die
Zuneigung der Menschen. Jenseits dieser Welt ist eine unsichtbare
Welt, ein Königreich der Geister, diese Geister umgeben und behüten
uns als Schutzengel; sie kennen unsere Unschuld, wenn wir auch in
Schmach und Schande leben, und Gott der Herr erwartet nur die Zeit,
wo der Geist sich vom Körper loslöst, um uns mit seiner himmlischen
Krone für die Leiden dieser Erde zu belohnen. Warum sollten wir
dem Jammer erliegen, wenn doch das Leben so bald zu Ende ist,
und wenn der Tod so sicher zu Glück und Herrlichkeit führt?
Ich schwieg. Helene hatte mich beruhigt, aber die Ruhe, welche
sie mir einflößte, hatte eine Beimischung von unendlicher Traurigkeit.
Ich hatte ein Gefühl von Leid, während sie sprach, aber ich wußte
keine Ursache dafür. Als sie schwieg, atmete sie etwas schneller und
hustete trocken und kurz, so daß ich für den Augenblick meinen eigenen
Kummer vergaß und mich einem unbestimmten Gefühl des Mitleids
für sie hingab
Meinen Kopf an Helenens Schulter legend, umschlang ich sie
mit meinen Armen, sie zog mich an sich, und wir saßen so eine
Weile still bei einander. Doch wir blieben nicht lange allein. Der
Wind hatte die schweren Wolken verjagt, welche den Mond verdeckten;
sein Licht strömte jetzt durch das nahe Fenster und schien voll auf
uns und die nahende Gestalt, in der wir Miß Temple erkannten.

,Ich suchte Dich, Jane Eyre,’ sagte sie; ,ich wollte Dich in
mein Zimmer holen, und da Helene Burns bei Dir ist, mag sie auch
mitkommen.’
Wir folgten der Führung der Vorsteherin, mußten ein Gewirr
von Korridoren durchschreiten und dann eine Treppe empor steigen, bevor
wir ihr Zimmer erreichten; in demselben brannte ein helles Kaminfeuer, und es sah behaglich aus. Miß Temple wies Helene Burns
einen niedrigen Lehnstuhl an einer Seite des Kamins an, sie selbst
setzte sich in den gegenüberstehenden und rief mich zu sich.
,Ist jetzt alles vorbei?’ fragte sie, mir in's Gesicht sehend.
,Hast Du Deinen Kummer ausgeweint?’
,Das werde ich wohl nie können.’
,Wie so?’
,Weil ich ungerecht beschuldigt bin; und Sie, Madame, und
jedermann mich für schlecht halten wird.’
,Man wird Dich für das halten, mein Kind, als was Du Dich
zeigst. Fahre fort ein braves Kind zu sein, und Du wirst mich zufrieden stellen.’

,Werde ich das, Miß Temple?’
,Gewiß,' sagte sie, mich in den Arm nehmend. , Und nun erzähle mir, wer die Dame ist, welche Mr. Brocklehurst Deine Wohlthäterin nannte?’
,Mrs. Reed, meines Onkels Frau. Mein Onkel ist tot, und er
empfahl mich auf dem Sterbebette ihrer Fürsorge.’

,Hat sie Dich nicht aus eigenem Antriebe angenommen?’
,Nein, Madame, sie that es sehr ungern, aber ich hörte oft die
Dienstboten sagen, daß sie meinem Onkel das feierliche Versprechen
geben mußte, mich bei sich zu behalten.’

,Wenn Du es noch nicht weißt, Jane, so will ich es Dir sagen,
daß jeder Übelthäter, den man anklagt, das Recht hat, sich zu verteidigen. Du bist der Falschheit angeklagt, nun verteidige Dich mir
gegenüber, so gut Du kannst. Erzähle mir alles, dessen Du Dich
erinnerst, aber dichte nichts hinzu und übertreibe nichts.’

Ich beschloß in der Tiefe meines Herzens, daß ich so maßvoll
und genau sein wollte, wie nur möglich, und nachdem ich mich etwas
gesammelt hatte, um folgerichtig erzählen zu können, was ich zu sagen
hatte, erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner traurigen Kindheit. Von Aufregung erschöpft, sprach ich ruhiger, als es gewöhnlich
der Fall war, wenn ich mich über dieses Thema verbreitete; auch erinnerte ich mich an Helenes Warnungen vor Unduldsamkeit und Unversöhnlichkeit, und mischte meiner Erzählung viel weniger Bitterkeit
als gewöhnlich bei; sie klang dadurch glaubwürdiger und ich fühlte,
während ich sprach, daß Miß Temple völlig überzeugt von der Wahrheit meines Berichtes war.

Im Laufe der Erzählung erwähnte ich Mr. Lloyds, welcher mich
nach der Ohnmacht besuchte, die mich während meiner Gefangenschaft
im roten Zimmer befiel. Wenn ich diesen Vorfall erzählte, kam ich
immer in Aufregung; nichts konnte in meiner Erinnerung das Entsetzen verwischen, welches mich erfaßte, als Mrs. Reed, trotz meines
verzweifelten Flehens um Vergebung, mich zum zweiten male in das
dunkle Spukzimmer einschloß.
Ich hatte geendet. Miß Temple blickte mich einige Minuten
schweigend an, dann sagte sie:

,Ich kenne Mr. Lloyd; ich werde ihm schreiben, und wenn seine
Antwort mit Deinem Berichte übereinstimmt, werde ich Dich öffentlich von jeder Verunglimpfung freisprechen; vor mir stehst Du jetzt
rein da, Jane.’

Sie küßte mich und hielt mich neben sich fest, wodurch ich sehr
beglückt war, denn mit der Freude und Bewunderung eines Kindes
beobachtete ich gern ihr Gesicht, ihren Anzug, ihren Schmuck, ihre
weiße Stirn, ihre reichen glänzenden Locken und ihre strahlenden
dunklen Augen. Sie wandte sich jetzt an Helene Burns:
,Wie geht es Dir heute, Helene? Hast Du heute viel gehustet?’

,Ich denke nicht ganz so viel, wie sonst, Madame.’
,Und die Schmerzen in der Brust?’
,Sie haben etwas nachgelassen.’

Miß Temple stand auf, nahm ihre Hand und befühlte ihren
Puls, dann nahm sie ihren eigenen Sitz wieder ein, wobei ich sie
leise seufzen hörte. Sie war einige Minuten nachdenklich, dann raffte
sie sich auf und sagte freundlich:
,Aber Ihr seid heute Abend meine Gäste, und ich muß Euch
als solche bewirten.’
Sie klingelte.
‘Barbara,’ sagte sie zu den Mädchen, welches eintrat, ‘ich habe
noch keinen Thee gehabt, bringe das Theezeug und auch zwei Tassen
für diese beiden jungen Mädchen.’

Das Theegeschirr kam bald. Wie schön erschien meinen Augen
das Porzellan und die glänzende Theekanne, welche auf den kleinen
Tisch vor dem Kamin gestellt wurde. Wie appetitlich war der
Geruch des Getränkes und Toastes, von dem ich zu meinem Schmerz
nur eine sehr kleine Portion erhielt, denn ich war sehr hungrig gee
worden. Miß Temple hatte selbst zu wenig.

,Barbara, sagte sie, ,kannst Du nicht etwas mehr Brot und
Butter bringen? Es ist nicht genug für drei Personen.'
Barbara ging hinaus und kehrte bald zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie hätte so viel wie gewöhnlich
heraufgeschickt.
Mrs. Harden war die Haushälterin, eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, aus ähnlichem Stoff, wie er.

,Schon gut, versetzte Miß Temple, ,dann müssen wir uns einzurichten suchen,’ und als das Mädchen sich entfernt hatte, setzte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise habe ich es diesesmal in meiner Macht, das Fehlende zu beschaffen.
Sie lud Helene und mich ein, am Tische Platz zu nehmen, und
setzte vor Jede von uns eine Tasse Thee mit einem köstlichen, aber
dünnen Stück Toast, dann stand sie auf, schloß einen Kasten auf,
nahm ein in Papier gewickeltes Packet heraus und enthüllte vor
unseren Augen eine appetitlich aussehende Sandtorte.
,Ich hatte die Absicht, Jeder von Euch hiervon ein Stückchen.
mitzugeben,'' sagte sie, ,da wir aber so wenig Toast haben, müßt Ihr
es jetzt essen, und sie zerschnitt mit freigiebiger Hand den Kuchen
in Stücke.
Die Mahlzeit schmeckte uns, als ob wir Nectar tranken und
Ambrosia aßen.
Unsere Wirtin betrachtete uns mit einem Lächeln der Befriedigung, während wir unseren Hunger mit den köstlichen Sachen stillten,
die sie uns so reichlich zuteilte. Als der Thee vorüber und der Tisch
abgeräumt war, rief sie uns wieder an das Feuer, und nun folgte
eine Unterhaltung zwischen ihr und Helene, der zuzuhören eine große
Vergünstigung war.
Miß Temple hatte immer einen Ausdruck von Heiterkeit und
Würde, und eine edle Ausdrucksweise, an die ich schon gewöhnt war,
aber Helene Burns setzte mich heute in Erstaunen.
Die erfrischende Mahlzeit, das belebende Feuer, die Anwesenheit
und Güte der geliebten Lehrerin und mehr als dies alles vielleicht ihr
eigener hoher Geist, hatten alle ihre Anlagen wach gerufen. Ihre
Wangen, welche ich bis jetzt nur blaß und blutleer gesehen hatte,
röteten sich; ihre Augen glänzten und schienen mir für den Augenblick fast schöner, wie Miß Temples. Ihre ganze Seele schien sich
auf die Lippen zu drängen! sie sprach begeistert, durch wessen Eingebung weiß ich nicht, denn Herz und Geist eines Mädchens von
14 Jahren sind doch gewöhnlich noch nicht so reich, um eine Quelle
reiner, mächtiger und inniger Beredsamkeit zu sein.

Miß Temple und Helene unterhielten sich von Dingen, von denen
ich nie gehört hatte, von fremden Nationen und vergangenen Zeiten;
von Naturkräften, die man entdeckt hatte, oder denen man nachforschte; sie sprachen auch von Büchern. Wie viele hatten sie gelesen, welche Schätze von Wissen angesammelt! Sie schienen so vertraut mit französischen Namen und Schriftstellern. Als aber Miß
Temple Helene fragte, ob sie noch ihre freien Augenblicke benutzte,
um das Latein zu wiederholen, was ihr Vater sie gelehrt hatte, da
erreichte mein Erstaunen seinen Gipfelpunkt. Miß Temple nahm ein
Buch vom Bücherbrett und bat Helene, ihr einen Abschnitt aus dem
Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helene gehorchte und meine Verehrung für sie wuchs mit jeder Zeile, die sie las. Sie hatte kaum
geendigt, als die Glocke zum Zubettgehen rief; da war kein längeres
Verweilen gestattet; Miß Temple zog uns beide an ihr Herz, indem
sie sagte:

,Gott segne Euch, meine Kinder!'
Helene hielt sie etwas länger umschlossen und ließ sie zögernd
los; Helene folgten ihre Augen bis an die Thür, dieser sandte sie
einen bekümmerten Seufzer nach und für sie fiel eine Thräne auf
ihre Wange. Als wir in den Schlafsaal traten, hörten wir die Stimme
von Miß Scatcherd; sie untersuchte die Schubladen und hatte gerade
die von Helene Burns aufgezogen. Helene wurde mit einer scharfen
Rüge begrüßt, und es wurde ihr eröffnet, daß ihr morgen ein halbes
Dutzend schlecht zusammengelegter Sachen an die Schulter geheftet
werden würden, und daß sie diesen Schmuck den Tag über tragen
solle.
,Meine Sachen waren wirklich in unverantwortlicher Unordnung,'
sagte Helene leise zu mir. ,Ich hatte die Absicht sie zu ordnen, aber
ich vergaß es.
Am andern Morgen schrieb Miß Scatcherd mit in die Augen
fallenden Buchstaben das Wort ,Schlumpe’ auf ein Stück Papier
und band es als Denkzettel auf Helenes hohe, milde, kluge Stirn.
Sie trug es bis zum Abend geduldig und ohne zu grollen, denn sie
sah es als verdiente Strafe an. Nach Beendigung des Nachmittags-
Unterrichts, in dem Augenblick, wo sich Miß Scatcherd zurückzog, lief
ich zu Helene, riß ihr die Pappe ab und warf sie in das Feuer.
In meiner Seele hatte den ganzen Tag über die Wut gekocht, deren
sie unfähig war, und heiße, große Thränen waren mir oft genug
über die Wangen gerollt, denn der Anblick ihrer sanften Ergebung
bereitete meinem Herzen einen unerträglichen Schmerz.
Ungefähr eine Woche nach diesen Ereignissen erhielt Miß Temple
die Antwort von Mr. Lloyd, an den sie geschrieben hatte. Es schien,
als ob er die Wahrheit meiner Erzählung bestätigt hätte. Miß Temple
versammelte alle Zöglinge und kündigte an, daß man über Jane Eyres
Verhalten vor ihrem Eintritt in die Anstalt Erkundigungen eingezogen
hätte, und daß sie sich freue, dieselbe von der gegen sie erhobenen
Beschuldigung völlig freisprechen zu können. Hierauf gaben mir
die Lehrerinnen die Hand und küßten mich und durch die Reihen
meiner Mitschülerinnen rann ein freudiges Gemurmel.

Ich war von einem schweren Druck befreit und ging von dieser
Stunde an mit frischen Kräften an die Arbeit, entschlossen, jede
Schwierigkeit, die sich mir in den Weg stellen würde, zu überwinden.
Ich arbeitete angestrengt, und der Erfolg war meinen Anstrengungen
angemessen; mein Gedächtniß, das von Natur nicht sehr gut war,
stärkte sich durch Übung; mein Fassungsvermögen ebenso. In weniger
als Monatsfrist wurde mir erlaubt, das Französische und Zeichnen
anzufangen. Ich lernte die beiden ersten Zeiten des Zeitworts strs
und zeichnete mein erstes Bauernhaus (dessen Wände, nebenbei gesagt,
an Schiefheit noch den schiefen Turm von Pisa übertrafen) an demselben Tage. Als ich an jenem Abend zu Bett ging, vergaß ich,
meine Fantasie mit der Vorstellung eines köstlichen Abendessens von
heißen Röstkartoffeln oder Weißbrod mit frischer Milch zu beschäftigen,
an der sich gewöhnlich mein inneres Verlangen weidete; ich sättigte
mich statt dessen an der Vorstellung idealer Zeichnungen, die ich in
der Dunkelheit sah, und die alle von meiner Hand waren: aus freier
Hand gezeichnete Häuser und Bäume; malerische Felsen; Gruppen
von Rindvieh; zarte Aquarellen von Schmetterlingen, die sich auf
halb erblühten Rosen wiegten; von Vögeln, die reife Kirschen anpickten, von Vogelnestern, in denen gesprenkelte Eierchen lagen und
die mit Epheu bekränzt waren. Ich erwog auch in Gedanken, ob es
wohl möglich wäre, daß ich einstmals ein kleines französisches Geschichtenbuch, das mir Madame Pierrot heute gezeigt hatte, würde
geläufig übersetzen können. Ehe noch die Frage zu meiner Zufriedenheit entschieden war, schlief ich ein.
Jetzt hätte ich Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht mehr
mit Gateshead und seinem Wohlleben vertauschen mögen.




Neuntes Kapitel.

Aber die Entbehrungen oder wenigstens die Beschwerden verringerten sich. Der Frühling rückte näher, oder war eigentlich schon
da. Es hatte aufgehört zu frieren, der Schnee war geschmolzen und
der schneidende Wind milder geworden. Meine kranken Füße, die
entzündet und bis zur Lahmheit geschwollen waren, fingen bei der
milderen Aprilluft zu heilen an; die Nächte und Morgen erstarrten
nicht mehr das Blut in unseren Adern durch ihre canadische Temperatur; wir konnten es jetzt während der Spielstunde im Freien aushalten, an sonnigen Tagen war sie sogar angenehm; über die braunen
Beete breitete sich ein grüner Schimmer aus und nahm jeden Tag
zu und Blumen schauten unter den Blättern hervor: Schneeglöckchen,
Krokus, rote Aurikeln und goldäugige Stiefmütterchen. Des Donnerstags, wo wir nachmittags frei hatten, machten wir Spaziergänge,
und fanden noch schönere Blumen, die unter den Hecken an der Seite
des Weges sproßten.

Ich entdeckte, daß viel Schönes hinter den hohen Mauern unseres
Gartens lag. Ein Ausblick auf hohe Berge und ein großes, grünes
schattenreiches Thal zwischen ihnen, auf einen silberhellen Bach voll
dunkler Steine und schäumender Strudel entzückte das Auge. Wie
anders hatte diese Landschaft ausgesehen, als ich sie unter dem bleischweren Winterhimmel, mit Schnee bedeckt und im Frost erstarrt,
zuerst sah. Damals lag dicker Nebel auf den Bergen, den Wiesen,
den Abhängen und dem Bache. Dieser war damals ein Strom, der
Holz und Geröll mit sich fortriß und die Luft mit einem tobenden
Geräusch erfüllte, das oft noch durch das Rauschen des Regens und
Poltern des Hagels verstärkt wurde; und der schöne Wald an seinen
Ufern sah mit seinen kahlen Bäumen, die Reihen von Skeletten
glichen, traurig aus.
Aus dem April wurde Mai, und ein schöner heiterer Mai;
blauer Himmel, sanfter Sonnenschein und weiche West- oder Südwinde herrschten während des ganzen Monats; alles grünte und
blühte; die Skelette der mächtigen Ulmen, Eschen und Eichen bedeckten
sich mit Blättern; unter ihnen sproßten Waldpflanzen in reicher Fülle,
zahllose Arten von Moos wuchsen in den Vertiefungen und die
gelben Schlüsselblumen bedeckten stellenweise den Boden so dicht,
daß es fast aussah, als ob auf den schattigsten Stellen heller Sonnenschein läge. Alles dies konnte ich oft, unbewacht, in vollster Freiheit,
meist ganz allein genießen. Dieser ungewohnte Genuß hatte eine
besondere Ursache, von der ich jetzt berichten muß.
Wenn ich soeben unser Asyl schilderte, wie es in Hügeln und
Wäldern eingebettet an den Ufern des Wassers lag, so bot ich dem
Leser doch wohl ein erfreuliches Bild? Freundlich genug war Lowood
gelegen, aber ob es auch eine gesunde Lage hatte, das ist eine
andere Frage.
Das Waldthal, in welchem Lowood lag, war der Herd von ungesunden Nebeln, die ansteckende Krankheiten erzeugten. Mit dem
schnell hereinbrechenden Frühling schlichen sie sich in unsere Anstalt
ein, in dem überfüllten Hause brach der Typhus aus und machte
es zu einem Lazareth, noch ehe der Mai da war.

Mangelhafte Ernährung und vernachlässigte Erkältungen hatten
die meisten Schülerinnen für die Ansteckung empfänglich gemacht;
von den achtzig Mädchen lagen fünf und vierzig zu gleicher Zeit
krank darnieder. Der Unterricht wurde ausgesetzt, die Hausgesetze

weniger streng durchgeführt. Den wenigen, welche noch gesund waren,
wurde die größte Freiheit gestattet, weil der Arzt darauf bestand,
daß sie sich möglichst viel im Freien bewegen sollten, um der Ansteckung zu entgehen, auch hatte ja niemand Zeit, sie zu überwachen
und im Hause festzuhalten. Miß Temple widmete ihre ganze Kraft
den Patienten; sie verließ das Krankenzimmer nur, um einige Stunden
in der Nacht zu ruhen. Die Lehrerinnen waren vollauf mit dem
Einpacken für diejenigen Schülerinnen beschäftigt, welche glücklich genug
waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, bei denen sie Aufnahme
finden und so der Gefahr der Ansteckung entgehen konnten. Manche,
die schon angesteckt waren, reisten nur nach Hause, um dort zu sterben;
einige starben in der Anstalt und wurden so still und schnell wie
möglich begraben, denn die Natur der Krankheit gestattete keinen
Aufschub.
Während im Hause Krankheit und Tod wüteten, war draußen
alles Herrlichkeit: die Lilien hatten' ihre Kelche erschlossen, die Tulpen
und Rosen standen in voller Blüthe, die Einfassungen der kleinen
Beete sahen reizend aus; sie bestanden aus rosa, roten und weißen
Tausendschönchen; morgens und abends strömten die blühenden Gewächse die herrlichsten Düfte aus und diese kostbaren Schätze gingen
für die Insassen von Lowood gänzlich verloren, sie gaben nur mitunter eine Hand voll Grün und Blumen für einen Sarg her.
Aber ich und alle, die gesund geblieben waren, genossen diese
Herrlichkeiten in vollen Zügen. Man ließ uns wie die Zigeuner
vom Morgen bis zum Abend umherlaufen; wir thaten was wir
wollten, liefen wohin wir wollten und wurden überdies noch besser
verpflegt. Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen jetzt nie nach
Lowood; in Haushaltsangelegenheiten sprach niemand mehr mit; die
Wirtschafterin war aus Furcht vor Ansteckung entflohen, und ihre
Nacfolgerin, welcher die Gewohnheiten von Lowood fremd waren,
versorgte uns mit verhältnismäßiger Freigiebigkeit. Es waren ja
auch weniger Münder satt zu machen, denn die Kranken konnten
wenig essen; unsere Frühstückschüsseln waren voller, und wenn keine
Zeit war, ein regelrechtes Mittagessen zu bereiten, was sich oft ereignete, gab sie uns ein großes Stück kalter Pastete oder eine dicke Scheibe
Brot mit Käse, das nahmen wir mit uns in den Wald, wählten
jede den platz, welcher uns am besten gefiel, und dinierten mit Behagen.
Mein Lieblingssitz war ein glatter, großer Steinblock, welcher
sich in der Mitte des Baches befand und den man nur durch das
Wasser watend erreichen konnte, was ich barfuß bewerkstelligte. Der
Stein war gerade groß genug, um mich und ein anderes Mädchen
bequem zu fassen. Zu dieser Zeit war meine bevorzugte Gefährtin
Anna Wilson, eine schlaue, scharf beobachtende Person, an deren
Gesellschaft ich Gefallen fand, zum Teil weil sie witzig und originell
war, zum Teil weil sie ein Wesen hatte, das mir zusagte. Sie war
einige Jahre älter als ich, wußte mehr von der Welt und konnte
mir manches erzählen, was mich interessierte. Sie liebte zu belehren,
ich zu fragen und so entsprang aus unserem Verkehr viel Vergnügen
für uns und zugleich förderten wir einander.

Und wo war Helene Burns während dieser Zeit? Warum
brachte ich diese goldenen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu? Hatte
ich sie vergessen oder war ich ihrer edlen Gesellschaft überdrüssig und
darum unwürdig? Anna Wilson stand tief unter meiner ersten Bekannten; sie konnte mir nur amüsante Geschichten erzählen und
Klatschereien wiederholen, während Helene diejenigen, welche das
Glück ihrer Unterhaltung genossen, zu veredeln verstand.

Ich wußte und fühlte das, und obgleich ich ein unvollkommenes
Wesen bin, mit vielen Fehlern und wenig Vorzügen, so wurde ich
doch Helenes niemals überdrüssig und hörte nie auf mit einer so
innigen, zärtlichen und ehrfurchtsvollen Zuneigung an ihr zu hängen,
wie deren mein Herz nur irgend fähig war. Wie konnte das auch
anders sein? Bezeigte mir doch Helene zu jeder Zeit und unter allen
Verhältnissen eine gleichmäßige, treue Freundschaft, die nie von übler
Laune getrübt wurde. Aber Helene war jetzt krank. Schon vor
Wochen war sie in, ich weiß nicht, welches Zimmer, eine Treppe
höher gebracht worden, denn ihr Leiden war nicht Typhus, sondern
Schwindsucht, und unter Schwindsucht verstand ich in meiner Unwissenheit etwas Ungefährliches, das die Zeit und Pflege sicher beseitigen werde.
In dieser Überzeugung wurde ich dadurch bestärkt, daß Helene
an sehr warmen, sonnigen Nachmittagen von Miß Temple einige
Male in den Garten geführt wurde. Aber bei diesen Gelegenheiten
durfte ich nicht mit ihr sprechen, ich sah sie nur aus dem Fenster
des Schulzimmers und konnte sie nicht einmal deutlich erkennen, wie
sie in Tücher eingehüllt unter der Veranda saß.

Eines Abends, Anfang Juni, war ich mit Anna sehr lange
draußen im Walde gewesen. Wir hatten uns wie gewöhnlich von
den übrigen getrennt und waren weit fort gewandert, so weit, daß
wir uns verirrten und in einer einsamen Hütte nach dem Wege fragen
mußten. Als wir zu Hause anlangten, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony, welchen ich als den des Arztes kannte, stand
an der Gartenthür. Anna meinte, es müsse wohl jemand sehr krank
sein, weil man so spät abends nach Mr. Bates geschickt hätte. Sie
ging in das Haus, und ich blieb noch einige Minuten im Garten
zurück, um einige Pflanzen in die Erde zu stecken, die ich im Walde
ausgegraben hatte und von denen ich fürchtete, sie möchten verdorren,
wenn ich sie bis zum Morgen liegen ließe. Ich verweilte noch etwas,
nachdem ich dies besorgt hatte, denn die Blumen dufteten so schön,
und es war ein herrlicher Abend, so klar, so warm. Die rote Glut,
welche noch den Westen erhellte, versprach für morgen wieder einen
schönen Tag, und im Osten stieg der Mond so majestätisch empor!
Ich freute mich dieser Schönheiten, wie ein Kind es eben vermag,
und zum ersten Male in meinem Leben kam mir der Gedanke: ,Wie
traurig muß es sein, jetzt auf dem Krankenbette zu liegen und vielleicht
sterben zu müssen! Die Welt ist so schön; es muß doch schrecklich
sein, aus ihr abgerufen zu werden und nicht zu wissen, wohin man
geht!

Ich machte die erste ernstliche Anstrengung zu begreifen, was
man mich über die Vorstellungen von Himmel und Hölle gelehrt
hatte; zum ersten Male erfaßte meine Seele Unsicherheit und Angst,
sie sah auf allen Seiten einen endlosen Abgrund; sie fühlte nur die
Gegenwart als den einzig sicheren Punkt im Weltall, alles übrige
war unbestimmt und schwankend und sie zitterte bei dem Gedanken,
in dieses Chaos unterzutauchen. Während ich diesen Gedanken nachhing, wurde die Hausthür geöffnet; Mr. Bates trat heraus in Begleitung der Wärterin. Sie wartete bis er sein Pferd bestiegen
hatte und fortgeritten war und war eben im Begriff, die Thür zu
schließen, als ich auf sie zulief.

,Wie geht es Helene Burns? fragte ich.
,Sehr schlecht,' war die Antwort.
,Ist der Doktor um ihretwillen gekommen?
,Ja
,Und was sagt er über sie?
,Er sagt, sie wird nicht mehr lange hier sein.'
Hätte man mir das gestern gesagt, so würde ich nur dabei gedacht haben, daß man sie nach Northumberland in ihre Heimat
bringen wolle; es würde mir nicht eingefallen sein, daß man damit
meinen könne, sie müsse sterben; heute verstand ich augenblicklich, daß
ihre Tage in dieser Welt gezählt seien, daß sie bald in die Regionen
der Geister entrückt werden würde, wenn es solche wirklich gäbe. Mich
überkam zuerst Entsetzen, dann Trauer und endlich die unbezwingliche
Sehnsucht, sie noch einmal zu sehen, und ich fragte, in welchem
Zimmer sie läge.
,Sie liegt in Miß Temples Zimmer, sagte die Wärterin.

,Darf ich zu ihr gehen und mit ihr sprechen?
,Oh, nein, Kind! Das geht nicht! Jetzt ist es aber Zeit, daß
Du ins Haus kommst, wenn Du so lange draußen bleibst, bis der
Thau fällt, kannst Du das Fieber bekommen.
Die Wärterin schloß die Thür, und ich ging in das Schulzimmer, wo ich gerade rechtzeitig eintrat, um Miß Millers Aufforderung an die Schülerinnen zu hören, zu Bette zu gehen.

Es mochte zwei Stunden später sein, wahrscheinlich ungefähr elf
Uhr als ich - ich hatte nicht schlafen können und schloß aus der
tiefen Stille im Schlafsaal, daß meine Gefährtinnen alle entschlummert
waren- leise aufstand, mein Kleid über den Nachtrock zog und ohne
Schuhe leise aus dem Zimmer schlich, um Miß Temples Stube aufzusuchen. Sie lag am entgegengesetzten Ende des Hauses, aber ich
kannte meinen Weg und der helle Mondschein, welcher durch die
Fenster des Korridors fiel, setzte mich in den Stand, ihn ohne
Schwierigkeit zu finden. Der Geruch von Kampher und Essig verriet mir das Zimmer, in dem die Fieberkranken lagen; ich huschte
schnell an der Thür desselben vorüber aus Furcht, daß die Wärterin,
welche die Nachtwache hatte, mich hören könnte. Ich wollte nicht
entdeckt und zurückgeschickt sein; ich mußte Helene sehen: ich mußte
sie noch einmal in meine Arme schließen, ehe sie starb; mußte ihr
einen letzten Kuß geben, ein letztes Wort mit ihr sprechen.

Ich mußte eine Treppe hinabsteigen und einen Gang des unteren
Geschosses passieren; es gelang mir auch, zwei Thüren ohne Geräusch
auf- und zuzumachen und eine andere Treppenflucht zu erreichen;
diese stieg ich empor und stand gerade Miß Temples Zimmer gegenüber.

Durch das Schlüsselloch und die Thürspalte drang ein Lichtschein;
tiefe Stille herrschte rings umher. Als ich näher kam, fand ich die
Thür nur leicht angelehnt, vielleicht um etwas frische Luft in das
Krankenzimmer einzulassen. ich dachte nicht daran zu warten; alle

meine Gefühle waren aufgeregt, und alle meine Sinne zitterten vor
Todesangst, ich öffnete die Thür und sah mich im Zimmer um.
Meine Augen suchten Helene, die ich tot zu finden fürchtete.

Dicht neben Miß Temples Bett, noch halb von dessen weißen
Vorhängen verhüllt, stand ein kleines Bett. Ich sah die Umrisse
einer Gestalt unter den Betttüchern, aber das Gesicht war von den
Gardinen verhüllt; die Wärterin, mit der ich im Garten gesprochen
hatte, saß in einem Lehnstuhl und war eingeschlafen; ein ungeputztes
Licht auf dem Tische brannte trübe. Miß Temple war nicht zu sehen;
ich hörte später, daß man sie zu einer Sterbenden in das Krankenzimmer gerufen hatte. Ich schritt vorwärts, aber an der Seite des
Bettes stand ich still und meine Hand, die den Vorhang aufheben
wollte, hielt inne; ich zog es vor zu sprechen, bevor ich ihn zurückschlug, denn ich entsetzte mich vor der Möglichkeit, eine Leiche zu
finden.
,Helene!' flüsterte ich, ,bist Du wach?
Sie richtete sich auf, schob den Vorhang zur Seite und ich sah
ihr Gesicht, das blaß und abgezehrt aber ganz ruhig war; sie sah
so wenig verändert aus, daß meine Furcht gleichzerstreut wurde.
,Kannst Du das sein, Jane?’ fragte sie mit ihrer früheren
sanften Stimme.
,Oh,' dachte ich, ,sie wird nicht sterben, die das denken, irren
sich; sie könnte nicht so ruhig sprechen und aussehen, wenn sie sterben
müßte.’

Ich kletterte auf ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt,
ihre Wangen und Hände ebenfalls, aber sie lächelte wie ehedem.
,Warum kommst Du, Jane? Es ist elf Uhr vorbei; ich hörte
es vor einigen Minuten schlagen.’
,Ich wollte Dich so gern sehen, Helene. Ich hörte, daß Du
sehr krank wärst und konnte nicht schlafen, ehe ich mit Dir gesprochen
hatte.’

,Du kamst um mir Lebewohl zu sagen; Du bist wahrscheinlich
zur rechten Zeit gekommen.’
,Gehst Du wo anders hin, Helene? Gehst Du nach Hause?’

,Ja, in meine ewige - meine letzte Heimat.’
,Nein, nein, Helene!’ Ich hielt angstvoll inne. Während ich
bemüht war, meine Thränen' hinunter zu schlucken, wurde Helene von
einem Hustenanfall ergriffen; er erweckte aber die Wärterin nicht.
Als er vorüber war, lag sie eine Weile erschöpft still, dann flüsterte
sie: ,Jane, Deine kleinen Füße sind nackt, strecke Dich aus und decke
Dich mit meinem Deckbett zu.

Ich that es, sie schlang ihren Arm um mich, und ich schmiegte
mich eng an sie an. Nacheiner langen Pause hub sie leise wieder an:

,Ich bin sehr glücklich, Jane; Du mußt daran denken, wenn ich
tot bin, und Dich nicht grämen; es ist kein Grund zur Trauer. Wir
müssen alle sterben, und die Krankheit, der ich erliege, ist nicht
schmerzhaft. Ich habe niemand, der meinen Tod sehr beklagen
könnte; ich habe nur einen Vater, der sich kürzlich wieder verheiratet
hat und mich nicht vermissen wird. Dadurch, daß ich jung sterbe,
entgehe ich vielen Leiden. Ich habe keine Anlagen und Talente, die
mir meinen Weg durch die Welt leicht gemacht hätten; ich würde oft
gefehlt haben.
,Aber wo gehst Du hin, Helene? Kannst Du das sehen, weißt
Du das?’

,Ich glaube und vertraue, daß ich zu Gott gehe.’
,Wo ist Gott? Wer ist Gott?’
,Mein Vater und der Deinige, der die nicht verleugnen wird,
welche er geschaffen hat. Ich baue fest auf seine Macht und seine
Güte; ich zähle die Stunden bis zu der, welche mich ihm vereinigen,
ihn mir enthüllen wird.’
,Du weißt es also sicher, Helene, daß es einen Himmel giebt,
in den unsere Seelen eingehen, wenn wir sterben?’

,Ich glaube an ein Leben nach dem Tode! ich glaube an Gottes
Güte und befehle ihm meine unsterbliche Seele vertrauensvoll. Gott
ist mein Vater und mein Freund, ich liebe ihn und glaube, daß er
mich wieder liebt.’

,Und werde ich Dich wiedersehen, wenn ich sterbe, Helene?’
,Du wirst auch in jenes Land der Glückseligkeit und zu demselben mächtigen Vater aller kommen, daran zweifle ich nicht, Jane.’
Ich fragte weiter, aber dieses Mal nur in meinen Gedanken:
Wo ist jenes Land? Giebt es ein solches? Und ich schlang meine
Arme fester um Helene; sie war mir theurer als jemals; ich fühlte,
daß ich mich nicht von ihr trennen konnte und barg mein Gesicht an
ihrem Halse. Plötzlich sagte sie mit sanfter Stimme:

,Wie wohl mir ist! Dieser letzte Hustenanfall hat mich etwas
müde gemacht, ich glaube, ich kann schlafen; aber verlaß mich nicht,
Jane, ich habe Dich so gern neben mir.’

,Ich will bei Dir bleiben, liebe Helene; niemand wird mich
fortbringen.’
,Bist Du warm, mein Liebling?’
,Ja.’
,Gute Nacht, Jane.’
,Gute Nacht, Helene.’
Sie küßte mich und ich sie, und bald schliefen wir beide.

Als ich erwachte war es heller Tag; ich sah auf, und sah mich
in den Armen der Wärterin, welche mich durch die Korridore in den
Schlafsaal zurücktrug. Ich wurde nicht darüber gescholten, daß ich
das Bett verlassen hatte; man hatte an andres zu denken. Auf
meine vielen Fragen wurde mir damals keine Auskunft, aber einige
Tage später hörte ich, daß Miß Temple, als sie bei Tagesanbruch
in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich gefunden hatte, meinen Kopf an
Helenes Schulter geschmiegt und meine Arme um ihren Hals geschlungen. Ich schlief und Helene war - tot.

Ihr Grab ist auf dem Kirchhofe von Brocklebridge. Fünfzehn
Jahre hindurch war es nur von einem Rasenhügel bedeckt, aber jetzt
schmückt es eine Tafel von grauem Marmor, auf der ihr Name und
das Wort ,Auferstehen' steht.



Zehntes Kapitel.

Bis jetzt habe ich die Ereignisse in meinem unbedeutenden
Dasein mit allen Einzelheiten berichtet, und über die ersten zehn
Jahre meines Lebens fast ebenso viele Kapitel geschrieben; jetzt aber
gehe ich über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg, der dem
Leser wenig Interessantes bieten kann, und begnüge mich damit, nur
dasjenige zu berichten, was für den Zusammenhang dieser Lebensbeschreibung notwendig ist.
Als der Typhus sein Zerstörungswerk in Lowood gethan hatte,
verschwand er nach und nach, doch nicht ohne durch seine Heftigkeit
und die große Zahl seiner Opfer die öffentliche Aufmerksamkeit auf
Lowood gelenkt zu haben. Es wurde Nachfrage gehalten über den
Ursprung der Epidemie und nach und nach brachte man verschiedene
Thatsachen in Erfahrung, welche die Entrüstung des Publikums im
höchsten Grade erregten. Das Ungesunde der Lage, die schlechte
Beschaffenheit und Unzulänglichkeit der Nahrung, das salzige, faule
Wasser, mit dem sie zubereitet wurde, die ärmliche unangemessene
Kleidung der Zöglinge; alle diese Dinge kamen ans Licht, und diese
Entdeckung war sehr demütigend für Mr. Brocklehurst, wurde aber
der Anstalt zum Segen.
Mehrere reiche und wohlwollende Bewohner der Landschaft
brachten große Summen für die Errichtung eines neuen Gebäudes in
besserer Lage zusammen; neue Statuten wurden entworfen; Verbesserungen, die Nahrung und Kleidung betreffend, gemacht und die
Verwaltung des Anstaltsvermögens einem Aufsichtsrat anvertraut.
Mr. Brocklehurst, den man, wegen seines Reichtums und seiner einflußreichen Familienverbindungen, nicht übergehen konnte, behielt den Posten als Schatzmeister, wurde aber in der Ausübung seiner Pflichten von einem Herrn unterstützt, der nicht so engherzige Ansichten und eine wohlwollendere Gesinnung hatte. Seine Stellung als Inspektor wurde außerdem von Männern geteilt, die Vernunft mit Strenge,
Bequemlichkeit mit Sparsamkeit, Teilnahme mit Rechtschaffenheit zu
verbinden verstanden. Die so verbesserte Anstalt wurde mit der Zeit
ein sehr nützliches und geachtetes Institut. Ich gehörte ihr nach ihrer
Umgestaltung noch acht Jahre an; sechs als Schülerin und zwei als
Lehrerin und kann in beiden Eigenschaften Zeugnis für ihren Wert
ablegen.

Während dieser acht Jahre war mein Leben einförmig, aber nicht
unglücklich, denn es war der Arbeit geweiht. Es war mir die Gelegenheit geboten, außerordentlich guten Unterricht zu genießen; ich
hatte an der größten Zahl meiner Studien Freude und den Wunsch, mich
in allen Fächern auszuzeichnen; auch den Wunsch, meinen Lehrerinnen
zu gefallen, besonders denen, die ich liebte, und ich machte mir deshalb
die Vorteile, die sich mir boten, in vollem Maße zu nutze. Mit
der Zeit wurde ich die erste von der ganzen Anstalt und dann mit
dem Amte einer Lehrerin betraut, dem ich zwei Jahre hindurch mit
Eifer vorstand; dann aber verließ ich Lowood.
Miß Temple war die ganze Zeit hindurch Vorsteherin des Seminars geblieben und ihrer Belehrung verdanke ich den besten Teil
meiner Kenntnisse; ihre Freundschaft war mein größter Trost; sie
stand mir zur Seite als Mutter, Erzieherin und später als Gefährtin.
Nach dieser Zeit verheiratete sie sich mit einem Geistlichen, einem
ausgezeichneten Manne, der eines solchen Weibes würdig war; sie
zog mit ihrem Gatten in eine entfernte Landschaft und war infolgedessen für mich verloren.
Von dem Tage an, an welchem sie Lowood verließ, war ich nicht
mehr dieselbe; mit ihr hatte mich alles verlassen, was mich hier
fesselte und mir Lowood gewissermaßen zur Heimat gemacht hatte.
Ich hatte viel von ihrem Wesen in mich aufgenommen und ebenso
von ihren Gewohnheiten; meine Gedanken waren harmonischer, meine
Gefühle verstand ich besser zu beherrschen, ich war ruhig; ich glaubte,
ich wäre zufrieden; in den Augen anderer und meist auch in meinen
eigenen schien ich einen gesetzten und fügsamen Charakter zu haben.

Da trat das Schicksal, in Gestalt seiner Ehrwürden Mr. Nasmyth,
zwischen Miß Temple und mich. Ich sah sie kurz nah der Trauung
in ihrem Reiseanzuge in den Postwagen steigen; ich sah diesen den
Berg hinauf fahren und den Wagen im Walde verschwinden. Ich ging
auf mein Zimmer und brachte dort in Einsamkeit den größten Teil des
Feiertages zu, der uns aus Anlaß ihrer Hochzeit bewilligt war. Ich
ging die meiste Zeit in meinem Zimmer auf und ab, und bildete
mir ein, nur über meinen Verlust zu trauern und daran zu denken,
wie er mir ersetzt werden könnte, als ich aber aus meinen Träumereien
erwachte, konnte ich mich der Wahrheit nicht verschließen, daß eine
vollständige Umwandlung mit mir vorgegangen war, daß mein Geist
alles abgestreift hatte, was er von Miß Temple erborgt hatte, oder
vielmehr, daß sie die reine Atmosphäre mit sich genommen hatte, in
der ich unter ihren Augen atmete, daß ich jetzt wieder in meinem
Elemente war und meine alten Leidenschaften sich wieder erhoben.
Wenn es mir auch nicht an der Macht gebracht, sie niederzuhalten,
so schien doch mit Miß Temple die Veranlassung verschwunden, um
derentwillen ich es thun sollte. Viele Jahre hindurch war Lowood
meine Welt gewesen; alle meine Erfahrungen wurzelten hier; nun
erinnerte ich mich plötzlich, daß die wirkliche Welt weit war, und daß
diejenigen, welche den Mut hatten, in sie hinauszugehen, und in ihren
Gefahren Lebenserfahrung zu suchen, ein weites Feld für ihr Hoffen
und Fürchten, ihr Denken und Fühlen finden mußten.

Ich ging an das Fenster, öffnete es und blickte um mich. Da
lagen vor mir die beiden Flügel des Gebäudes, der Garten, die
ganze Umgebung von Lowood bis an die den Horizont begrenzenden
Hügel. Mein Auge schweifte über dies alles hin, um endlich in der
Ferne an den blauen Bergen zu haften; diese sehnte ich mich zu
überschreiten; alles, was von ihnen eingeschlossen war, schien mir ein
Gefängnis, ein Land der Verbannung zu sein. Mein Blick folgte
der hell schimmernden Straße, welche sich um den Fuß eines Berges
wand, um dann in einem Thale zwischen zwei Hügeln zu verschwinden.
Wie verlangte mich auf ihr davon zu eilen! Ich gedachte des Tages,
an dem ich als Kind auf dieser Straße im Postwagen fuhr, und im
Zwielicht den Hügel herabkam; ein Jahrhundert schien seitdem vergangen zu sein, und ich war niemals über Lowood hinaus gekommen.
Meine Ferien hatte ich immer hier verlebt; Mrs. Reed hatte mich nie
nach Gateshead holen lassen; weder sie noch die Ihrigen hatten mich
jemals besucht; nicht einmal durch Briefe hatte ich eine Verbindung
mit der Außenwelt; Schulgesetze, Schulpflichten, Schulgewohnheiten,
Schulsympathieen und Antipathieen, das war alles, was ich vom Leben
kannte. Jetzt fühlte ich, daß dies nicht genug wäre; an einem einzigen Nachmittage wurde ich dessen überdrüssig, was mir acht Jahre
hindurch zur Gewohnheit geworden war. Ich sehnte mich nach Freiheit, ich schmachtete nach ihr; ich bat Gott um Freiheit. Mein Gebet
schien im Winde zu verwehen; mein Flehen nahm einen demütigeren
Charakter an; ich bat um Wechsel, um Anregung, aber auch diese
Bitte schien in weiter Ferne zu verhallen; endlich rief ich in halber
Verzweiflung: ,Gieb mir, o Herr, wenigstens ein neues Feld der
Dienstbarkeit.’ Da rief mich plötzlich die Glocke nach unten zum
Abendessen.

Ich hatte vor Schlafenszeit keinen freien Augenblick, um meinen
unterbrochenen Gedankengang wieder aufzunehmen; selbst dann hielt
mich noch eine Lehrerin, mit der ich das Schlafzimmer teilte, durch
ein langes, gleichgültiges Gespräch ab, mich dem ersehnten Gegenstande wieder zuzuwenden. Wie wünschte ich, daß der Schlaf ihr
den Mund verschließen möchte! Es schien mir, als ob mir irgend
eine plötzliche Eingebung das Herz erleichtern würde, wenn es mir
nur vergönnt wäre, noch einmal zu den Gedanken zurückzukehren, die
mich erfaßten, als ich an meinem Fenster stand.
Endlich schnarchte Miß Gryce. Diese ihre Gewohnheit war bisher
von mir immer als eine Plage betrachtet worden, aber heute hörte
ich die ersten gurgelnden Töne mit Genugthuung, und sobald ich vor
Unterbrechung sicher war, wurden meine halb verwischten Gedanken
wieder lebendig.
,Ein neues Feld der Dienstbarkeit,' dachte ich, ,das wäre ein
Ausweg. Dienstbarkeit! das klingt freilich nicht so süß wie: Freiheit,
Anregung, Genuß, doch diese ersehnten Güter find nicht erreichbar
für mich. Aber Dienstbarkeit! das läßt sich hören. Dienen kann
jeder. Ich habe hier acht Jahre gedient und alles, was ich verlange,
ist, wo anders zu dienen. Kann ich das nicht erreichen? Ist das
unmöglich? Nein, nein, das ist nicht so schwer, ich muß nur überlegen, wie ich es anfange.
Ich richtete mich im Bette auf und strengte mein Gehirn an.

Es war eine kalte Nacht; ich schlug ein Tuch um meine Schultern
und sann und sann:
,Was fehlt mir? Eine andere Stellung in einem anderen Hause,
unter anderen Menschen in anderen Verhältnissen; ich ersehne sie,
weil etwas Besseres unerreichbar ist. Wie gelangen andere zu einer
solchen Stellung? Sie wenden sich an ihre Freunde; ich habe keine
Freunde. Aber es giebt außer mir noch viele Menschen, die keine
Freunde haben, die nur auf sich selbst gestellt find; wie fangen die
es an ??

Ich konnte keine Antwort auf diese Frage finden, so sehr ich
auch mein Hirn anstrengte. Ich wurde immer aufgeregter, alle meine
Pulse schlugen, aber mir kam kein rettender Gedanke. Fast eine
Stunde saß ich so, bis ich mich von der vergeblichen Anstrengung
wie im Fieber fühlte; da stand ich auf, ging im Zimmer auf und
ab; endlich zog ich den Fenstervorhang zurück; die Sterne standen
am Himmel; ich schaute zu ihnen empor, bis ich vor Kälte zitterte
und kroch wieder in mein Bett.
Während ich es verlassen hatte, hatte gewiß eine gütige Fee die
Eingebung auf mein Kopfkissen niedergelegt, denn ganz plötzlich kam
mir der Gedanke:,diejenigen, welche eine Stellung suchen, inserieren
in der Zeitung; Du mußt im -shire Herald inserieren.'

,Wie soll ich das machen; ich verstehe dergleichen nicht.
jetzt kamen die Antworten schnell und wie von selbst.’

,Du mußt das Inserat und die Bezahlung dafür unter Couvert
an den Herausgeber des Herald schicken, mußt es bei der ersten
Gelegenheit, die sich Dir bietet, in Lowton auf die Post geben, und
die Antworten poste restante dorthin senden lassen; eine Woche,
nachdem Du Deinen Brief abgeschickt hast, kannst Du die Antworten
abholen, wenn solche kommen.

Ich durchdachte diesen Plan zwei- oder dreimal, und als ich ihn
als praktisch und ausführbar erkannt hatte, fühlte ich mich beruhigt
und schlief ein. Mit Tagesanbruch stand ich auf und schrieb meine
Annonce; ehe noch die Glocke die Schülerinnen aus den Betten rief,
war sie kouvertiert; sie lautete, wie folgt:
,Eine junge Dame, im Unterrichten geübt'? (war ich nicht zwei
Jahre hindurch Lehrerin gewesen?, ,wünscht eine Stellung in einer
Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren? (ich dachte daran, daß
ich kaum achtzehn Jahre alt war, und nicht die Erziehung von Mädchen
meines Alters übernehmen könnte. , Sie ist befähigt alles zu lehren,
was gewöhnlich von einer Erzieherin gefordert wird, besonders:
Französisch, Zeichnen und Musik' (zu damaliger Zeit wurden bescheidene
Kenntnisse in diesen Lehrfächern höher als jetzt angeschlagen?. ,Adresse
J. E. poste restante, Lowtonshire.

Den ganzen Tag über lag dieses Dokument in meiner Kommode
eingeschlossen; nachdem Thee erbat ich mir von der neuen Vorsteherin
Urlaub, um nach Lowton zu gehen und einige Besorgungen für mich
und mehrere meiner Kolleginnen zu machen; die Erlaubnis wurde
willig gegeben, und ich ging. ich hatte einen Weg von zwei Meilen
zurückzulegen; der Abend war feucht, aber die Tage noch lang; ich
ging in verschiedene Läden, steckte den Brief in den Briefkasten, und
ging durch strömenden Regen wieder nach Hause, wo ich mit durchnäßten Kleidern aber mit erleichtertem Herzen wieder ankam.

Die folgende Woche schien mir entsetzlich lang, doch ging sie
auch einmal zu Ende, wie alle irdischen Dinge, und ich befand mich
an einem schönen Herbstabende wieder auf dem Wege nach Lowton.
Es war, nebenbei gesagt, ein malerischer Pfad, auf dem ich wandelte,
immer an der Seite des Baches entlang, der sich in reizenden Windungen durch das Thal schlängelte; aber heute dachte ich mehr an
die Briefe, welche ich in dem kleinen Flecken, dem ich zustrebte, finden
oder nicht finden würde, als an die Reize der Landschaft.

Dieses Mal hatte ich für meinen Ausgang den Vorwand gebraucht, daß ich mir ein Paar Schuhe anmessen lassen wolle; ich
führte dieses Vorgeben erst aus und ging von dem Laden des Schuhmachers quer über die saubere, enge Straße nach der Post. Am
Schalter saß eine alte Dame, welche eine Hornbrille auf der Nase
und schwarze Handschuhe ohne Finger auf den Händen hatte.
,Sind einige Briefe für J. E. da? fragte ich.
Sie sah mich über ihre Brille hinweg an, dann öffnete sie eine
Schublade und wühlte lange Zeit in deren Inhalt, so lange, daß
meine Hoffnungen sanken. Endlich reichte sie mir einen Brief, nachdem sie das Dokument fast fünf Minuten durch die Brille besehen
hatte und nicht ohne mir einen fragenden und mißtrauischen Blick
zuzuwerfen; der Brief war für J. E.
,Ist nur einer da?’ fragte ich.

,Mehr sind nicht da, sagte sie. Ich steckte ihn in meine Tasche
und wendete mich heimwärts; ich konnte ihn nicht gleich öffnen, denn
die Hausordnung verlangte, daß ich um acht Uhr zurück wäre, und
es war schon halb acht Uhr. Verschiedene Pflichten erwarteten mich
bei meiner Rückkehr: ich mußte die Arbeitsstunde der Schülerinnen
beaufsichtigen, dann war ich an der Reihe, das Abendgebet zu halten,
das Zubettgehen zu überwachen, und nachher mußte ich mit den
übrigen Lehrerinnen zu Abend essen. Als wir uns endlich zur Nachtruhe zurückzogen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch da. Wir
hatten auf unserem Leuchter nur ein kurzes Ende Licht, und ich
fürchtete, daß sie schwatzen würde, bis es niedergebrannt wäre, aber
glücklicherweise hatte das reichliche Abendessen, welches sie genossen
hatte, eine einschläfernde Wirkung; sie schnarchte schon, bevor ich ausgezogen war. Ein Stückchen Licht war noch da; ich nahm meinen
Brief aus der Tasche und erbrach das Siegel, welches den Buchstaben
F. trug. Der kurze Inhalt des Schriftstücks lautete:
,Wenn J. E., welche am letzten Donnerstage im -shire Herald
inserierte, die erwähnten Fähigkeiten besitzt und genügende Zeugnisse
für ihren Charakter und ihre Kenntnisse aufzuweisen hat, bietet sich
ihr eine Stellung bei einem kleinen Mädchen von zehn Jahren, mit
einem Gehalt von dreißig Pfund jährlich. J. E. wird gebeten, ihre
Zeugnisse, ihre Adresse und einen Bericht über alle Einzelheiten an
Mrs. Fairfax, Thornfield, bei Millcote —shire zu senden.
Ich unterwarf das Dokument einer langen Prüfung; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, als ob sie einer ältlichen
Dame angehöre. Dieser Umstand war befriedigend, denn mich hatte
eine innere Furcht beschlichen, daß mein eigenmächtiges Handeln mich
in Gefahren stürzen könnte, und ich wünschte doch vor allen Dingen
eine achtbare Stellung zu erringen. Ich fühlte, daß eine ältliche
Dame eine sehr angenehme Zugabe für mein Unternehmen sein würde.
Mrs. Fairfax! Ich sah sie schon im Geiste im Trauerkleide und der
Wittwenhaube; vielleicht war sie streng, aber nicht unhöflich; sie erschien mir als das Muster einer achtbaren englischen Matrone. Thornfield! Das war zweifellos der Name ihres Hauses; sicherlich ein
sauberes, nettes Plätzchen, von dessen Aussehen mir meine Phantasie
aber kein ganz genaues Bild zu schaffen wußte. Millcote, -shire;
ich suchte meine Kenntnisse von der Karte von England zusammen;
ja ich erinnerte mich an beides, die Grafschaft und die Stadt. Die
Grafschaft lag siebzig Meilen näher an London, als der abgelegene
Landstrich, in dem ich jetzt hauste; das war eine Empfehlung für
mich. Ich sehnte mich nach einer Gegend zu kommen, in der reges
Leben herrschte. Millcote war eine große Fabrikstadt an den Ufern
des A., jedenfalls kein ruhiger Ort; um so besser, dann war der
Wechsel um so größer. Meine Phantasie ergötzte sich freilich nicht
bei dem Gedanken an hohe Schornsteine und dicke Rauchwolken, aber
ich schloß, Thornfield wird wohl ein ganzes Stück von der Stadt
entfernt liegen.
Da fiel das letzte Stückchen Licht um, und der Docht ging aus.
Am anderen Tage waren verschiedene Schritte zu thun; ich
konnte meine Pläne nicht länger mehr in mich verschließen, sondern
mußte sie, um ihren Erfolg zu sichern, anderen mitteilen. Ich suchte
während der Mittagsmahlzeit eine Audienz bei der Vorsteherin nach,
teilte ihr mit, daß ich eine Stelle in Aussicht hätte, in der mir das
Doppelte des Gehaltes geboten würde, welches ich in Lowood erhielt,
und bat sie, Mr. Brocklehurst oder das Komite davon in Kenntnis
zu setzen und sie für mich um die Erlaubnis zu bitten, mich auf ihr
Zeugnis berufen zu dürfen. Sie willigte freundlich ein, die Vermittelung in dieser Angelegenheit zu übernehmen, und teilte am
nächsten Tag Mr. Brocklehurst meine Wünsche mit. Dieser war der
Meinung, daß an Mrs. Reed geschrieben werden müsse, weil sie mein
natürlicher Vormund sei. Dies geschah, und es kam die Antwort
zurück, ,ich möge thun und lassen, was mir beliebe, sie habe seit
langer Zeit jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben'.
Dieser Brief wurde dem Komité eingesandt und endlich, nach dieser,
wie es mir schien, höchst langweiligen und unnützen Verzögerung,
ward mir in aller Form die Erlaubnis erteilt, mich um eine bessere
Stellung zu bewerben, und das Zeugnis beigefügt, daß ich mich
immer gut geführt hätte, sowohl als Schülerin, wie als Lehrerin der
Lowoodstiftung, und daß mir ein Zeugnis über meinen Charakter
und meine Befähigung von den Vorstehern der Anstalt ausgestellt
werden würde.

Dieses Zeugnis erhielt ich nach Ablauf einer Woche; ich sandte
eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, erhielt die Antwort, daß
es ihr genüge, und daß sie wünsche, ich möge in vierzehn Tagen
meine Stellung als Erzieherin in ihrem Hause antreten.

Ich traf meine Vorbereitungen für die Reise, unter denen die
vierzehn Tage schnell vergingen. Ich hatte keine große Garderobe,
wenn sie auch für meine Bedürfnisse ausreichend war, und so reichte
der letzte Tag hin, meinen Koffer zu packen, denselben Koffer, welchen
ich vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte. Er war beschnürrt, die Adresse aufgenagelt und der Fuhrmann, welcher ihn nach
Lowton bringen sollte, wurde in einer halben Stunde erwartet; ich
selbst mußte am nächsten Morgen in aller Frühe dort ein, um die
Post zu benutzen. Ich hatte mein schwarzes Reisekleid ausgebürstet,
meinen Hut, Handschuhe und Muff bereit gelegt, und durchsuchte alle
meine Schubladen, um zu sehen, ob ich auch nichts vergessen hätte;
als ich fertig war, setzte ich mich nieder und versuchte auszuruhen;
aber obgleich ich den ganzen Tag auf den Füßen gewesen war, konnte
ich keine Ruhe finden; ich war zu aufgeregt. Heute endete ein Abschnitt meines Lebens; morgen sollte ein neuer beginnen; wer hätte
da an Schlaf denken können? Während sich dieser Wechsel vollzog,
mußte ich wachen.
,Miß, sagte ein Dienstmädchen, welches mich in der Vorhalle
traf, in der ich wie ein ruheloser Geist auf- und abwanderte, ,unten
ist jemand, der Sie zu sprechen wünscht.'

,Jedenfalls der Fuhrmann,’ dachte ich und lief hinunter, ohne
weiter zu fragen. ich ging an einem Hinterzimmer vorüber, das
die Lehrerinnen gewöhnlich als gemeinschaftliches Wohnzimmer benutzten und dessen Thür jetzt offen stand, eine Frau trat heraus und
kam auf mich zu:

,Sie sind es; ich irre mich nicht! Ich hätte Sie unter
Hunderten wieder erkannt!' rief sie, mir den Weg vertretend und
meine Hand fassend.
Ich sah auf; vor mir stand eine gut, doch einfach gekleidete
Frau, welche recht hübsch und noch jung aussah; sie hatte schwarze
Augen und Haare und eine lebhafte Gesichtsfarbe.

,Nun, wer bin ich?' sagte sie mit einer Stimme und einem
Lächeln, die mir bekannt vorkamen, ,ich hoffe, Sie haben mich nicht
ganz vergessen, Miß Jane.

Im Augenblick darauf umarmte und küßte ich sie voll Entzücken:
,Bessie! Bessie! Bessie!' war alles, was ich sagte; sie lachte unter
Thränen und wir traten beide in das Zimmer. Am Kamin stand
ein kleiner Knabe von drei Jahren.
,Das ist mein Junge,’ sagte Bessie.
,Du bist also verheiratet,’ Bessie
,Ja, seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem Kutscher;
und ich habe außer Bobby noch ein kleines Mädchen, die wir Jane
getauft haben.

,Wohnst Du nicht mehr in Gateshead?’
,Ja, im Portierhause; der alte Portier ist fort.’
,Und wie geht es allen? Erzähle mir alles, Bessie; aber zuerst
setze Dich; und Du, Bobby, komm auf meinen Schoß, willst Du?’
aber Bobby zog es vor, sich an seine Mutter zu schmiegen.

,Sehr groß und stark sind Sie nicht geworden, Miß Jane,’
fuhr Mrs. Leaven fort. ,Sie sind in der Anstalt gewiß nicht gut
gepflegt worden; Miß Reed ist einen Kopf größer als Sie und Miß
Georgiana zweimal so breit.’

,Georgiana ist gewiß hübsch, denke ich mir.’
,Sehr hübsch. Sie war im vorigen Winter mit ihrer Mama
in London; sie ist dort allgemein bewundert worden; und ein junger
Lord verliebte sich in sie, aber seine Familie wollte die Heirat nicht
zugeben. Ich glaube, sie hätte ihn gern geheiratet, schon um aus
dem Hause zu kommen, denn sie lebt mit ihrer Schwester wie Hund
und Katze.’

,Und wie geht es John Reed?’
,Er thut nicht gut und macht seiner Mama große Sorge. Er
war auf der Schule, wurde aber fortgejagt; seine Oheime wünschten,
er möchte Advokat werden und Jura studieren, aber er ist so zerstreut;
ich glaube aus ihm wird niemals etwas werden.’

,Wie sieht er aus?’
,Er ist sehr groß; viele Leute finden ihn hübsch, aber er hat so
dicke Lippen.’

,Und Mrs. Reed?’
,Mrs. Reed sieht wohl und kräftig aus, aber ich glaube, daß
ihr das Herz oft schwer ist, denn Mr. Johns Aufführung macht ihr
Kummer- er verschwendet so viel Geld.’

,Hat sie Dich hergeschickt, Bessie?’

,Oh, nein! Aber ich hatte schon lange Sehnsucht, Sie zu sehen,
und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen angekommen wäre, und
daß Sie in eine ganz andere Gegend gingen, da machte ich mich
hierher auf, in der Furcht, Sie möchten später gar nicht mehr für
mich zu erreichen sein.'
,Ich fürchte, Du hast mich anders zu sehen erwartet, Bessie,
und bist nun arg enttäuscht,’ sagte ich lachend, denn ich bemerkte,
daß in Bessies Blick keineswegs Bewunderung, wenn auch Achtung lag.
,Nein, Miß Jane, durchaus nicht; Sie sind hübsch genug geworden und sehen vornehm aus; mehr hatte ich von Ihnen nicht
erwartet, denn Sie waren schon als Kind keine Schönheit.’

Ich lächelte über Bessies offenherzige Antwort. Daß sie das
Richtige traf, wußte ich und gestehe, daß ich keineswegs unempfindlich
für Bessies Urteil war. Mit achtzehn Jahren wünschen sich die
meisten Menschen zu gefallen, und die Überzeugung, daß ihre äußere
Erscheinung nicht geeignet ist, diesen Wunsch zu unterstützen, ist durchaus nicht angenehm.
,Gewiß sind Sie auch klug,’ fuhr Bessie in der Absicht mich
zu trösten fort. ,Was haben Sie denn alles gelernt? Können Sie
Klavier spielen?’
‘Ein wenig.’
Es stand ein Klavier im Zimmer; Bessie öffnete es und bat mich
ein Stückchen zu spielen; ich spielte einige Walzer, und sie war
entzückt.

,So schön können die Misses Reed nicht spielen!’ sagte sie begeistert. ,Ich habe immer gesagt, daß Sie mehr lernen würden!
Können Sie auch zeichnen?’
,Das Gemälde über dem Kamin ist von mir. Es war eine
Landschaft in Wasserfarben, mit welcher ich der Vorsteherin ein Geschenk gemacht hatte, um mich ihr erkenntlich zu zeigen für ihre Fürsprache zu meinen Gunsten bei dem Komité; sie hatte das Bild einrahmen lassen.’
,Oh, ist das schön! Miß Jane. Schöner könnte es der Zeichenlehrer der Miß Reed nicht machen, und daß Ihre Cousinen das jemals
lernten, daran ist gar nicht zu denken. Haben Sie auch Französisch
gelernt?’

,Oh, ja! Ich kann es lesen, schreiben und sprechen.’
,Und Sie können auch weiß und bunt sticken?’
,Auch das kann ich.’
,Oh, Sie sind eine vollkommene Dame, Miß Jane! Ich wußte,
daß Sie es werden würden; und Sie werden schon durch die Welt
kommen, ob sich Ihre Verwandten um Sie kümmern oder nicht. — Eins wollte ich Sie noch fragen, Miß Jane: Haben Sie jemals
etwas von Ihres Vaters Familie, den Eyres gehört?’
,Niemals!'
,Nun, Sie wissen ja, daß Mrs. Reed immer verächtlich von
ihnen sprach. Arm mögen sie vielleicht sein, aber ich glaube, daß sie
ebenso vornehme Leute wie die Reeds sind, denn eines Tages, es
müssen fast sieben Jahre her sein, kam ein Mr. Eyre nach Gateshead
und wünschte Sie zu sehen. Als Mrs. Reed sagte, Sie wären in
einem Pensionat, fünfzig Meilen von Gateshead entfernt, schien er
sehr niedergeschlagen, denn er konnte Sie nicht mehr aufsuchen, weil
er eine Reise übers Meer antreten wollte und das Schiff in ein oder
zwei Tagen von London abging. Er sah ganz wie ein Gentleman
aus; ich glaube, es war Ihres Vaters Bruder.’

,Wo reiste er hin, Bessie?’
,Nach einer Insel, tausend Meilen weit, wo es schönen Wein
giebt, wie mir der Kellermeister sagte-‘

,Madeira? schaltete ich ein.
,Ja, so hieß sie.

,Er ging also wieder fort?’
,Ja, er blieb nur wenige Minuten. Mrs. Reed benahm sich sehr
hochmütig gegen ihn; sie nannte ihn später einen jämmerlichen Krämer,
aber mein Robert glaubt, daß er ein Weinhändler war.
,Das ist schon möglich,’ erwiderte ich, ,vielleicht auch Commis
oder Agent eines Weinhändlers.’

Eine Stunde lang plauderten Bessie und ich noch von alten Zeiten,
dann mußte sie fort. Ich sah sie am nächsten Morgen noch für einige
Minuten in Lowton, während ich auf die Post wartete. Wir trennten
uns endlich vor der Posthalterei; sie suchte das Fuhrwerk auf, welches
sie nach Lowood zurück bringen sollte, und ich bestieg die Postkutsche,
welche mich neuen Pflichten und einem neuen Leben in der unbekannten Umgebung von Millcote entgegen führte.

Elftes Kapitel.

Ein neues Kapitel in einer Erzählung gleicht gewissermaßen
einem neuen Aufzuge in einem Schauspiele. Wenn ich jetzt den Vorhang aufziehe, mußt Du, lieber Leser, Dir ein Zimmer im Gasthofe
zum Ritter Georg in Millcote vorstellen; die Wände sind mit großen
Figuren bemalt, wie in den meisten Gasthauszimmern; Teppich,
Meublement, die Schmuckgegenstände auf dem Kamin unterscheiden
sich in nichts von den allgemein üblichen; sogar ein Bildnis von
Georg dem Dritten und ein zweites vom Prinzen von Wales fehlen
in der Zimmerausstattung nicht. Alles dies kannst Du beim Lichte
einer Öllampe bemerken, die von der Decke herabhängt; dazu denke
Dir ein behagliches Kaminfeuer, an dem ich in Hut und Mantel
sitze, um mich, nach einer Fahrt von sechzehn Stunden in dem
rauhen Oktoberwetter, zu erwärmen. Ich verließ Lowton um vier
Uhrmorgens und jetzt schlägt die Thurmuhr in Millcote die achte
Stunde.

Obgleich ich äußerlich in sehr angenehmer Lage zu sein scheine,
fühle ich mich durchaus nicht innerlich ruhig, lieber Leser. Ich hatte
geglaubt, es würde mich jemand hier erwarten; als ich aus dem
Wagen stieg, schaute ich mich ängstlich um, in der Voraussetzung, ich
würde meinen Namen aussprechen hören und einen Wagen sehen, der
mich weiter nach Thornfield bringen sollte. Aber nichts dergleichen
war zu erblicken. Ich fragte den Kellner, ob sich jemand nach Miß
Eyre erkundigt habe; er verneinte es; da blieb mir denn nichts anderes übrig, als ein Zimmer zu verlangen; und hier warte ich nun,
und alle möglichen Zweifel und Befürchtungen erfüllen meine Gedanken.

Für die unerfahrene Jugend ist es ein ganz sonderbares Gefühl,
sich so ganz allein in der Welt zu wissen; von denen, die man kennt,
vollständig abgeschnitten; unsicher, ob man das Ziel, dem man zustrebt, erreichen wird, und doch nicht im stande, an seine frühere Heimstätte zurückzukehren. Der Reiz des Abenteuerlichen versüßt dieses
Gefühl, die Macht des Stolzes erwärmt es, aber Furcht macht es
auch wiederum beängstigend; und bei mir wurde die Furcht überwiegend, als eine halbe Stunde vergangen und ich noch immer allein
war. Ich entschloß mich zu klingeln.

,Giebt es hier in der Nachbarschaft einen Ort, Thornfield genannt?' fragte ich den eintretenden Kellner.

,Thornfield? Ich weiß es nicht Ma'am, aber ich werde sogleich
danach fragen. Er verschwand, kehrte aber augenblicklich zurück.

,Ihr Name ist Eyre, Miß? sagte er.
,Ja.
,Es erwartet Sie jemand.
Ich sprang auf, nahm meinen Muff und Regenschirm und eilte
nach dem Flur; dort stand ein Mann in der offenen Thür und ich
sah bei der Straßenlaterne draußen undeutlich ein einspänniges
Fuhrwerk.
,Vermutlich ist dies Ihr Gepäck? sagte der Mann ziemlich
kurz, als er mich sah, und zeigte auf meinen Koffer.

,Ja. Er hob ihn auf das Fuhrwerk, welches eine Art von
Kabriolet war, dann stieg ich ein, ihn fragend, wie weit es noch bis
Thornfield wäre.
,Ungefähr sechs Meilen.'
,Wie lange haben wir zu fahren?’
, Beinahe eine und eine halbe Stunde.'

Er schloß die Wagenthür, kletterte auf den Kutschersitz und wir
fuhren ab. Wir kamen langsam vorwärts und ich hatte vollauf Zeit,
meinen Gedanken nachzuhängen. Ich war zufrieden, endlich dem
Ziel meiner Reise so nahe zu sein und lehnte mich behaglich in den
Fond des bequemen, wenn auch nicht eleganten Wagens zurück.

Nach der Einfachheit des Gefährts und Dieners zu urteilen,
scheint Mrs. Fairfax keine besonders hochgestellte Dame zu sein,
dachte ich; das war mir um so lieber, denn ich hatte mich damals
sehr elend gefühlt, als ich das eine Mal in meinem Leben unter vornehmen Leuten gewesen war. Ob sie wohl niemand als das kleine

Mädchen bei sich hat? In diesem Falle werde ich gewiß mit ihr
fertig werden, wenn sie nur einigermaßen liebenswürdig ist; ich will
mir alle Mühe geben; es ist nur traurig, daß dies nicht immer zum
Ziele führt. In Lowood hatte ich den Vorsatz auch gefaßt, führte ihn
durch und erwarb mir auch Achtung und Zuneigung, aber bei Mrs.
Reed waren meine größten Anstrengungen erfolglos. ich bat Gott,
er möge mich davor bewahren, daß Mrs. Fairfax sich als eine zweite
Mrs. Reed erwiese; glücklicherweise war ich ja nicht genötigt, auf
alle Fälle bei ihr zu bleiben, wenn ich mich unglücklich bei ihr fühlte,
konnte ich ja durch die Zeitung eine neue Stellung suchen. Wie weit
mögen wir wohl jetzt sein?

Ich sah mich um. Millcote lag bereits hinter uns; nach den
vielen Lichtern zu urteilen, mußte es eine Stadt von namhafter
Größe sein, weit größer als Lowton. So viel ich sehen konnte,
waren wir jetzt auf einer Ebene, die mit zerstreuten Häusern übersät
war; ich fühlte, daß ich in einer ganz anderen Umgebung als in
Lowood war, sie war volkreicher und weniger malerisch, unruhiger
und weniger romantisch.

Die Wege waren ausgefahren und das Wetter nebelich; der
Kutscher ließ das Pferd laufen, wie es wollte, und so kam es denn,
daß die anderthalb Stunden sich wohl zu zweien ausdehnten; endlich
wendete er sich auf seinem Sitze nach mir um und sagte:

,Jetzt sind wir in Thornfield.'
Ich sah wieder zum Wagen hinaus, und bemerkte, daß wir an
einer Kirche vorüber fuhren; ihr breiter, niedriger Turm zeichnete
sich gegen den Himmel ab; ich sah auch eine lange Reihe von Lichten
am Abhange eines Hügels, welche verrieten, daß dort ein Dorf lag.
Nach zehn Minuten sprang der Kutscher von seinem Sitz herunter
und öffnete ein Gitterthor, wir fuhren hindurch und es fiel hinter
uns wieder in's Schloß; langsam fuhren wir weiter und hielten
endlich vor der Front eines großen Hauses; ein Bogenfenster desselben war erleuchtet, alle übrigen dunkel. Die Hausthür wurde von
einem Mädchen geöffnet; ich stieg aus und trat ein.

,Bitte, hier entlang, Miß,! sagte das Mädchen und ich folgte
ihr durch eine quadratische Halle, welche nach allen Seiten hin
Thüren hatte. Sie nötigte mich in ein Zimmer, dessen doppelte Beleuchtung durch Lichte und Kaminfeuer mich zuerst durch den Kontrast
mit der Dunkelheit draußen blendete, an die meine Augen seit zwei
Stunden gewöhnt waren; als ich endlich sehen konnte, bot sich mir
ein angenehmer, traulicher Anblick dar.

Ein behagliches kleines Zimmer; ein runder Tisch vor einem
hellen Kaminfeuer, ein hochlehniger, altmodischer Armstuhl, in dem
die sauberste alte Dame saß, die man sich vorstellen kann; sie trug
die Wittwenhaube, ein schwarzseidenes Kleid, eine schneeweiße
Musselinschürze, und entsprach genau der Vorstellung, die ich mir
von Mrs. Fairfax gemacht hatte, nur daß sie weniger steif und viel
freundlicher aussah. Sie strickte; eine große Katze saß still zu ihren
Füßen; kurz, es fehlte nichts, um das Ideal einer gemütlichen Häuslichkeit zu vervollständigen. Ermutigender konnte der erste Eindruck
für eine Erzieherin kaum sein; da war nichts von überwältigender
Großartigkeit, keine Steifheit, keine Unruhe. Als ich eintrat, stand
die alte Dame auf und kam sogleich freundlich auf mich zu.
,Guten Abend, Miß, sagte sie. , ich fürchte, Sie haben eine
recht langweilige Fahrt gehabt. John fährt so langsam. Sie müssen
ganz durchgekältet sein; kommen Sie recht nahe an das Feuer.'
,Mrs. Fairfax, vermute ich?
,Ja, die bin ich. Bitte, nehmen Sie platz.
Sie führte mich zu ihrem eigenen Stuhl, dann nahm sie mir
meinen Shawl ab, band meine Hutbänder auf und war so geschäftig
um mich, daß ich sie bitten mußte, sich nicht so zu bemühen.

,Oh, das ist keine Mühe; ihre eigenen Hände sind ja ganz
klamm vor Kälte. Leah, mache etwas heiße Limonade und bringe
einige belegte Butterbrote; hier sind die Schlüssel von der Vorratskammer.

Sie nahm aus ihrer Tasche einen sehr hausmütterlichen Schlüsselbund und händigte ihn dem Mädchen ein.

,Nun rücken Sie näher zum Feuer,' fuhr sie fort ,Ihr Gepäck
haben Sie doch wohl mitgebracht, meine Liebe?

,Ja, Madame.
,Ich will es auf Ihr Zimmer bringen lassen, sagte sie und
ging geschäftig hinaus.
,Sie behandelt mich wie einen Besuch,! dachte ich.,Diese Aufnahme habe ich mir nicht träumen lassen; ich erwartete Zurückhaltung
und Kälte. Mein Empfang stimmt durchaus nicht mit dem überein,
was ich über die Behandlung der Erzieherinnen gehört habe; aber
ich darf nicht zu früh frohlocken.

Mrs. Fairfax kehrte zurück und nahm eigenhändig ihr Strickzeng
und einige Bücher vom Tisch, um platz für das Tablet zu machen,
das Leah jetzt brachte; dann reichte sie mir selbst die Erfrischungen
zu. Es machte mich ganz verwirrt, der Gegenstand von ß viel Aufmerksamkeit zu sein, mehr als mir bisher jemals zu teil geworden
war, aber Mrs. Fairfax selbst schien ihre Dienstleistungen durchaus
nicht als etwas in ihrer Stellung Ungehöriges anzusehen, und so
hielt ich es für das beste, ihre Zuvorkommenheit ruhig anzunehmen.
Nachdem ich den Erfrischungen zugesprochen hatte, welche sie mir
anbot, fragte ich:

,Werde ich heute Abend noch die Freude haben, Miß Fairfax
kennen zu lernen?’
,Wie sagten Sie, meine Liebe? Ich bin etwas schwerhörig,' erwiderte die alte Dame, ihr Ohr meinem Munde nähernd.

Ich wiederholte die Frage so deutlich, wie es mir möglich war.
,Miß Fairfax? Oh, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der
Name Ihres künftigen Zöglings.’

,Varens! Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?’
,Nein, - ich habe keine Familie.’
Ich hätte gern weitere Erkundigungen eingezogen, um zu erfahren, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis Miß Varens zu
zu Miß Fairfax stand, aber mir fiel noch zu rechter Zeit ein, daß es
unhöflich sei, viel zu fragen; ich mußte ja auch mit der Zeit alles
erfahren.

,Ich freue mich so' sagte sie, sich mir gegenübersetzend und
die Katze auf den Schoß nehmend; ‘ich freue mich so, daß Sie gekommen sind; es muß so angenehm sein, immer jemand um sich zu
haben! Es ist hier freilich zu allen Zeiten angenehm, denn Thornfield
ist ein schöner Wohnsitz; in den letzten Jahren freilich etwas vernachlässigt, aber trotzdem schön; aber im Winter fühlt man sich auch in der besten Umgebung bedrückt, wenn man ganz einsam lebt. Ich habe ja freilich Leah um mich, die ein gutes Mädchen ist, und John und seine Frau sind auch sehr achtbare Leute, aber es sind doch nur
Dienstboten, und man kann sich mit ihnen nicht wie mit seinesgleichen unterhalten; man muß sie immer in einer gewissen Entfernung von sich halten, damit man nicht die Autorität über sie verliert. Ich kann Sie versichern, daß letzten Winter- Sie werden
sich erinnern daß er sehr streng war, und daß es entweder fortwährend schneite oder regnete und stürmte-, daß letzten Winter außer dem Schlächter und Postboten vom November bis Februar nicht eine Seele hier war; ich wurde wirklich ganz melancholisch, weil ich jeden Abend hier allein saß. Mitunter ließ ich mir freilich von Leah vorlesen, aber ich glaube, daß dem armen Mädchen diese Beschäftigung recht zuwider war; sie schien sich wie eingesperrt vorzukommen. Im Frühling und Sommer erträgt sich die Abgeschlossenheit besser; der Sonnenschein belebt den Menschen und die langen Tage erleichtern
jede Beschäftigung; zu Anfang des Herbstes kam dann die kleine
Adele Varens mit ihrer Wärterin. Ein Kind macht gleich das ganze
Haus lebendig, und jetzt, wo auch Sie hier sind, werde ich ganz aufleben.

Mein Herz erwärmte sich immer mehr für die alte Dame,
während sie plauderte; ich rückte näher zu ihr heran und sprach den
aufrichtigen Wunsch aus, daß sie meine Gesellschaft so angenehm
finden möchte, wie sie voraussetzte.

,Aber,’ sagte sie, ,Sie dürfen heute Abend nicht so lange aufbleiben; es wird gleich zwölf schlagen; Sie müssen müde sein, denn
Sie sind den ganzen Tag gefahren; wenn Sie sich jetzt ordentlich
aufgewärmt haben, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen. Ich
habe das Zimmer dicht neben dem meinigen für Sie herrichten lassen;
es ist nur klein, aber ich dachte, es würde Ihnen lieber sein, als eines
von den großen Vorderzimmern; sie sind freilich eleganter ausgestattet, aber sie sehen so düster und ungemütlich aus; ich mag nicht
in ihnen schlafen.’

Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvollen Anordnungen und zeigte
mich bereit, mich zurückzuziehen, da ich mich nach der langen Reise
wirklich sehr ermüdet fühlte. Sie nahm das Licht und ich folgte ihr.
Zuerst sah sie nach, ob die Hausthür verschlossen war; nahm den
Schlüssel aus dem Schloß und führte mich dann die Treppe hinauf;
diese war ebenso, wie das Geländer, von Eichenholz, das Treppenfenster hoch und vergittert. Das Treppenhaus sowohl, als die lange
Galerie, auf welche die Schlafstubenthüren mündeten, schienen eher
einer Kirche als einem Wohnhaus anzugehören; die Gewölbe machten
einen erkältenden Eindruck, und als ich endlich mein Zimmer betrat,
war ich froh, es nicht so weit und groß zu finden, wie ich es nach
dem Anblick der Halle erwartet hatte, sondern von kleinen Dimensionen und nach der üblichen herrschenden Mode möbliert.

Als Mrs. Fairfax mir freundlich eine gute Nacht gewünscht und
ich meine Thür verschlossen hatte, sah ich mich in meinem Reiche
um; die behagliche Einrichtung meines kleinen Zimmers erwischte
einigermaßen den unheimlichen Eindruck, welchen die weite Halle und
die dunkle, mächtige Treppe auf mich gemacht hatten, und ich fühlte
beglückt, daß ich nach einem Tage voll Anstrengung und voll ängstlicher Befürchtungen endlich im sicheren Hafen war. Das Gefühl
des Dankes schwellte mein Herz und ich kniete an der Seite meines
Bettes nieder, um ihn dem darzubringen, dem er gebührte, und flehte
ihn an, meine Schritte ferner zu lenken und mir die Kraft zu geben,
mir die gütige Gesinnung zu verdienen, welche man mir entgegenbrachte, ehe ich etwas hatte thun können, um sie zu gewinnen. In
dieser Nacht war mein Lager ohne Dornen; müde und ruhigen Herzens schlief ich bald fest ein, und als ich erwachte, war heller Tag.
Mein Zimmer sah so freundlich aus, als die Sonne durch die hellblauen Fenstergardinen auf die tapezierten Wände und den getäfelten
Fußboden schien, es war solch ein Abstand gegen die kahlen Wände
und den gepflasterten Fußboden von Lowood, daß der Anblick mein
Herz erfreute.

Auf die Jugend machen Äußerlichkeiten einen großen Eindruck;
es schien mir, als ob ein neuer Lebensabschnitt für mich begönne, der
ebensowohl Blumen und Genüsse bringen würde, wie Dornen und
Mühen. Meine Fähigkeiten erwachten alle und schienen zu wachsen,
weil ihnen ein neuer Wirkungskreis angewiesen wurde. Ich kann
nicht genau schildern, welches Glück mir für die Zukunft vorschwebte,
aber ich wußte, es würde kommen; wenn auch nicht heute oder in
diesem Monat, so doch in einer unbestimmten fernen Zeit.

Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Einfach konnte
mein Anzug nur sein (ich hatte nicht ein Garderobestück, das nicht
von äußerster Einfachheit wars, aber ich hielt stets darauf nett, zu
gehen. Gleichgültig gegen den Eindruck, welchen ich machte, war ich
niemals, im Gegenteil, ich wünschte immer so gut wie irgend möglich auszusehen und so gut zu gefallen, wie mein Mangel an Schönheit es erlaubte. Ich beklagte es mitunter, daß ich nicht hübscher war und wünschte, daß ich rote Backen, eine gerade Nase, einen
kleinen Kirschenmund hätte und groß und stattlich von Figur wäre;
ich empfand es als ein Unglück, daß ich so klein und blaß war und
so unregelmäßige, scharfe Züge hatte. Und aus welchem Grunde
wünschte und bedauerte ich das? Das zu sagen möchte schwer sein;
wußte ich es damals doch selbst noch nicht; und dennoch hatte ich
einen Grund dafür, einen natürlichen vernünftigen Grund. Ich machte
also mein Haar recht glatt und zog mein schwarzes Kleid an, das,
obgleich es etwas Quäkerhaftes hatte, doch den Vorzug beanspruchen
konnte, ausgezeichnet zu sitzen; legte einen reinen, weißen Kragen um
und dachte, daß ich so mit Ehren vor Mrs. Fairfax erscheinen könne,
und daß mein neuer Zögling nicht vor mir zurückzuschrecken brauche.
Nachdem ich das Fenster geöffnet und mich überzeugt hatte, daß mein
Toilettentisch sauber und alle Gegenstände auf ihm in Ordnung
waren, wagte ich mich aus dem Zimmer. Die lange, mit Teppichen
belegte Galerie durchschreitend, stieg ich die glatten, eichenen Stufen
hinunter und betrat die Halle; hier hielt ich mich einige Minuten
auf, um die Gemälde an den Wänden zu betrachten (eines stellte,
wie ich mich erinnere, einen finsteren Mann in einer Rüstung, das
andere eine Dame mit gepudertem Haar und einem Perlenhalsbande
dar). An der Decke hing eine Lampe von Bronze und an der einen
Wand stand eine große Uhr, deren Gehäuse künstlich aus Eichenholz
geschnitzt war und das die Zeit und häufiges Polieren so glänzend
wie Ebenholz gemacht hatten. Dies alles erregte meine Bewunderung; es sah so stattlich und großartig aus. Eine Glasthür führte
aus der Halle ins Freie; sie stand offen und ich trat hinaus. Es
war ein schöner Herbstmorgen; die Sonne schien hell auf die bräunlich gefärbten Wälder und die noch grünen Felder. Ich trat in die
Mitte des Grasplatzes und überschaute von dort aus die Front des
großen Herrenhauses. Es war drei Stock hoch, von stattlicher,
wenn auch nicht großartiger Ausdehnung, und machte nicht den Eindruck eines aristokratischen Wohnsitzes, wohl aber der Heimstätte eines
wohlhabenden Gentlemans; Zinnen liefen um das Dach des Gebäudes
und gaben ihm ein malerisches Ansehen. Krähen nisteten hinter
diesen Zinnen; sie flogen jetzt krächzend in großen Scharen über die
Grasplätze und das Buschwerk hin und ließen sich auf einer großen
Wiese nieder, welche nur durch einen eingefallenen Zaun vom Parke
getrennt war, in dessen Nähe mächtige alte Hagedornbüsche standen,
stark knotig und fast so dick wie Eichen; ihr Anblick machte mir auf einmal den Ursprung des Namens klar, welche dieser Landsitz trug. In der Ferne erblickte ich Hügel; sie waren nicht so hoch wie diejenigen in der Nähe von Lowood, die so rauh und starr zwischen
uns und der Welt standen, nein, es waren sanfte, freundliche Höhen,
welche Thornfield wie schützend umschlossen, daß kein Laut von dem
unruhigen Treiben in Millcote herüber drang. An einem dieser
Hügel zog sich ein Dörfchen empor, dessen Dächer von Bäumen beschattet waren; die Kirche, welche Thornfield näher lag, schaute durch
eine Lichtung des Parks. ich genoß mit Entzücken den friedlichen
Anblick, die köstliche frische Luft, ergötzte mich am Geschrei der Krähen
und übersah das große, graue Wohngebäude, denkend, welch ein ausgedehntes Besitztum es für eine so einsame kleine Dame wie Mrs. Fairfax wäre, als diese selbst in der Thür erschien.

,Wie! schon draußen? sagte sie. , Sie sind keine Langschläferin,
wie ich sehe.
Ich ging auf sie zu und wurde mit einem herzlichen Kuß und
Händedruck empfangen.

,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie. Ich antwortete ihr,
daß es mir sehr gefiele.

,Ja, sagte sie, ,es ist ein schönes Gut; aber ich fürchte, die
Wirtschaft wird sehr in Unordnung geraten, wenn sich Mr. Rochester
nicht entschließen kann, hier für immer seinen Wohnsitz zu nehmen,
oder wenigstens häufiger her zu kommen. Große Besitzungen fordern
das wachsame Auge des Herrn.

,Mr. Rochester!' rief ich aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie ruhig. ,Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt?

Das wußte ich in der That nicht- ich hatte bisher nicht das
Geringste von seinem Dasein gehört, aber die alte Dame schien
vorauszusetzen, daß er jedermann bekannt sein müßte!

,Ich glaubte, fuhr ich fort, ,Thornfield gehörte Ihnen.'
,Mir? Welche Idee, liebes Kind! Mir? Ich bin nur die
Haushälterin, die Wirtschafterin. Freilich bin ich von mütterlicher
Seite den Rochesters entfernt verwandt, oder wenigstens mein Mann;
er war Geistlicher, Prediger in Hay, jenem kleinen Dorfe dort auf
dem Hügel, und diese Kirche, welche Sie hinter den Bäumen sehen,
war die seinige. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine
Fairfax, mit meinem Manne Geschwisterkind. Ich berufe mich aber
nie auf die Verwandtschaft - sie geht mich nichts an; ich betrachte
mich nur wie eine ganz gewöhnliche Haushälterin; mein Prinzipal
ist immer höflich und mehr beanspruche ich nicht.
,Und das kleine Mädchen - meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel. Er beauftragte mich, eine
Erzieherin für sie zu engagieren. Es scheint, er will das Kind hier
in -shire erziehen lassen. Da kommt sie mit ihrer Bonne, wie sie
ihre Wärterin nennt. ! Das Räthsel war jetzt gelöst; diese freundliche, kleine Witwe war keine große Dame, sondern in einer ebenso
abhängigen Stellung, wie ich selbst. Mir gefiel sie deshalb nur um
so besser. Die Gleichheit zwischen uns bestand wirklich und ihre
Freundlichkeit gegen mich war nicht das Resultat einer Herablassung
von ihrer Seite; um so besser, das gestaltete meine Stellung viel
freier.

Während ich über diese Entdeckung nachdachte, kam ein kleines
Mädchen über den Grasplatz, gefolgt von ihrer Wärterin. Ich betrachtete meine Schülerin, welche mich erst nicht zu beachten schien.
Sie war ein Kind von sieben oder acht Jahren, zart gebaut, mit
einem blassen, schmalen Gesicht und einer Fülle von Haaren, die in
Locken über ihren Hals fielen.
,Guten Morgen, Miß Adele, sagte Mrs. Fairfax. ,Kommen
Sie und begrüßen Sie die Dame, welche Sie unterrichten, und ein
kluges Mädchen aus Ihnen machen wird. Sie näherte sich.

,C’est là ma gouvernante?’ sagte sie zu ihrer Bonne, auf
mich deutend; diese antwortete:
,Mais oui certainenment.’
,Sind Sie Ausländer? fragte ich, erstaunt die französische
Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adele wurde auf dem
Festlande geboren; ich glaube, sie war auch immer dort bis vor sechs
Monaten. Als sie herkam, konnte sie kein Wort englisch sprechen,
jetzt kann sie es etwas radebrechen, ich verstehe sie aber nicht, sie
mischt es so mit französisch; Sie werden gewiß besser mit ihr zurecht
kommen.
Glücklicherweise hatte ich das Französische bei einer Französin
gelernt. Ich hatte die Gelegenheit gesucht, so oft als möglich mit
Madame Pierrot zu sprechen, und hatte außerdem während der letzten
sieben Jahre täglich einen Abschnitt Französisch auswendig gelernt;
ich hatte mich dabei bemüht, die Aussprache meiner Lehrerin so genau
als möglich nachzuahmen und hatte auf diese Weise eine solche
Herrschaft über die Sprache erlangt, daß ich Miß Adele gegenüber
nicht leicht in Verlegenheit kommen konnte. Als sie hörte, daß ich
ihre Erzieherin wäre, begrüßte sie mich, mir die Hand reichend; und
ich richtete einige Worte in ihrer eigenen Sprache an sie, während
ich sie in das Frühstückszimmer führte; sie antwortete zuerst kurz,
aber als wir am Frühstückstische saßen und sie mich mit ihren nußbraunen Augen etwa zehn Minuten hindurch beobachtet hatte, begann
sie plötzlich munter zu schwatzen.
,Oh!’ rief sie auf Französisch, ,Sie sprechen meine Sprache
ebenso gut, wie Mr. Rochester; ich kann mit Ihnen ebenso gut, wie
mit ihm sprechen, und Du auch, Sophie. Sie wird sich so freuen,
denn niemand versteht sie hier; Madame Fairfax ist ganz und gar
englisch. Sophie ist meine Wärterin; sie kam mit mir über die See
auf einem großen Schiff, mit einem Schornstein, welcher rauchte -
oh, wie der rauchte! - und ich war seekrank, und Sophie und Mr.
Rochester auch. Mr. Rochester lag auf dem Sofa in einem schönen
Raume, sie nannten ihn den Salon, und Sophie und ich hatten in
einem anderen Raume ganz kleine Betten. Ich fiel beinahe heraus
aus meinem Bett; es war wie ein Brett. Und Mademoiselle - wie
ist doch Ihr Name?
,Eyre - Jane Eyre.’
,Aire? Bah! ich kann das nicht aussprechen. Nun gut, unser
Schiff legte am Morgen, ehe es noch Tag wurde, bei einer großen
Stadt an, einer mächtigen Stadt mit schmutzigen, rauchigen Häusern;
sie war lange nicht so schön, wie die saubere, herrliche Stadt, aus
der ich kam. Mr. Rochester trug mich über die Schiffsplanken an
das Land und Sophie kam nach; wir stiegen alle in eine Kutsche
und fuhren nach einem schönen, großen Hause, es war viel schöner
und größer als dieses hier; sie nannten es: Hotel. Hier blieben wir
fast eine Woche; Sophie und ich gingen jeden Tag nach einem großen
grünen Platz, auf dem viele Bäume standen, welcher der Park hieß;
da waren noch viele Kinder außer mir, und ein Teich mit schönen
Vögeln darauf, die ich mit Semmelkrumen fütterte.’
,Können Sie sie denn verstehen, wenn sie so schnattert?’ fragte
Mrs. Fairfax.
Ich verstand sie sehr gut, denn ich war an die geläufige Zunge
von Madame Pierrot gewöhnt.
,Ich wünschte wohl,’ fuhr die alte Dame fort, ,Sie könnten
sie nach ihren Eltern fragen; ich möchte gern wissen, ob sie sich derselben erinnert.’
,Adele,' fragte ich, ,bei wem warst Du in der schönen, sauberen
Stadt, von welcher Du sprachst?’
,Früher war ich bei Mama und Papa in einem schönen eleganten
Hause. Es kamen viele geputzte Damen und Herren zu uns, die
alle meine Sprache sprachen; nur Papa sprach auch englisch; er hatte
es gewiß gelernt, weil er so oft nach England reiste. Mama und
mich nahm er niemals mit; Mama wollte auch nicht mit, sie sagte,
es wäre so rauchig dort.’

,Wo sind denn jetzt Deine Eltern?’
,Sie werden wohl beide im Himmel sein. Papa gewiß, denn
ich habe selbst gesehen, daß er tot war. Der arme Papa, nun kann
er nicht mehr mit mir spielen, und kann mir, wenn ich groß bin,
das schöne Pferd nicht mehr schenken, das er mir versprochen hat.
Wir freuten uns so darauf, daß wir zusammen ausreiten würden; er
ritt so gern. Aber warum nahm er auch immer so wilde Pferde,
nun hat ihn der Almansor abgeworfen, und sie brachten ihn mit zerbrochenen Beinen nach Hause und legten ihn auf sein Bett. Er sagte
gleich, er würde sterben, aber er müßte noch einen Brief schreiben.
Mama hat so geweint und Papa gebeten, er möchte doch bei uns
bleiben; ich mußte ihn auch bitten, aber er hat es doch nicht gethan;
eines Morgens brachten sie mich an Papas Bett und sagten mir, er
wäre tot und würde nun in den Himmel gehen. Papa sah aus, als
ob er schliefe, aber er war so kalt, huh, so kalt. Ich fragte Mama,
ob er denn im Himmel wieder warm werde? Mama antwortete
mir gar nicht, aber sie nahm Papas Hände und fing sie an zu reiben,
sie wollte ihn gewiß warm machen, aber er blieb immer kalt; da
holte sie aus dem Kamin eine Schippe voll glühender Kohlen, legte
sie in Papas Bett und sagte zu mir: ,Nun wird er warm werden.'!
Das gab aber einen schrecklichen Dampf im Zimmer und mit einem
Male stand das Bett in hellen Flammen und Mamas Kleider auch.
Da schrie ich vor Angst; die Bedienten stürzten herein, und als sie
den Brand sahen, kamen sie mit großen Decken, in die sie Mama
wickelten und gossen das Feuer mit Wasser aus. Mama war aber
sehr böse, daß Papa nun nicht mehr warm werden konnte; sie machte
so schreckliche Augen, daß ich mich ordentlich vor ihr fürchtete; ich
glaube, sie wollte die Diener schlagen. Meine Bonne brachte mich
schnell aus dem Zimmer.’

Hier schwieg Adele still und schien über etwas nachzusinnen, was
ihr bei diesen Vorgängen nicht klar geworden war; mich aber ergriff
eine schreckliche Ahnung ,Und wo ist Deine Mama jetzt?’ fragte
ich nach einer Weile.

,Ja, das weiß ich eben nicht; ich habe Mama nicht wiedergesehen. Meine Bonne sagte, sie wäre sehr krank, aber die alte Haushälterin meinte, sie wäre schlimmer als tot. Was ist denn schlimmer
als tot? Gewiß hat sie sich mit Papa in die schwarze Erde eingraben lassen, und kann nun nicht wieder heraus.’
Ich suchte ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben, indem
ich sie nach ihren weiteren Erlebnissen fragte:

,Bliebst Du denn lange in dem großen schönen Hause?’
,Nein, nicht lange mehr,’ sagte sie traurig. ,Madame Friedrich
und ihr Mann nahmen mich mit sich. Ich glaube, sie sind arm,
denn sie hatten kein schönes Haus. Ich blieb nur kurze Zeit bei
ihnen, dann kam Mr. Rochester und fragte mich, ob ich mit ihm nach
England kommen und bei ihm bleiben wollte. Er war so gut zu
mir und brachte mir so viele schöne Spielsachen, darum sagte ich:
,Ja.’ Aber er hat sein Wort nicht gehalten; er hat mich nach England gebracht und ist wieder fortgereist; ich sehe ihn gar nicht mehr.’
Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in die Bibliothek
zurück, welche Mr. Rochester uns, wie es schien, als Schulzimmer
angewiesen hatte. Die meisten Bücher waren in verschlossenen Glasschränken; nur ein Schrank war offen geblieben, aber er enthielt alles, was für den Elementarunterricht erforderlich war und außerdem
einige Bände leichter Literatur: Poesie, Biographieen, Reisen, einige
Romane u.s.w. Ich vermute, er hatte vorausgesetzt, daß dies für
die Bedürfnisse einer Erzieherin genüge; und ich war in der That
für den Augenblick vollkommen befriedigt, mit der spärlichen Bibliothek in Lowood verglichen schienen diese Bücher einen reichen Schatz
der Belehrung und Unterhaltung in sich zu schließen. In der Bibliothek stand auch ein ganz neuer Flügel von ausgezeichnetem Ton, eine
Staffelei zum Malen und zwei Globen.

Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, wenn auch wenig
zum Lernen geneigt; sie war nicht an regelmäßige Beschäftigung
irgend welcher Art gewöhnt. Ich fühlte, daß es unvernünftig sein
würde, sie gleich zuerst zu sehr anzustrengen, deshalb erlaubte ich ihr
gegen Mittag zu ihrer Wärterin zurückzukehren, nachdem ich ihr viel
erzählt und erreicht hatte, daß sie ein klein wenig behielt. Ich versprach ihr, in der übrigen Zeit einige kleine Zeichenvorschriften für
ihren Gebrauch anzufertigen.

Als ich die Treppe hinauf ging, um meine Mappe und meine
Bleistifte zu holen, rief mir Mrs. Fairfax zu ,Ihr Vormittagsunterricht ist doch gewiß jetzt beendigt? Sie war in einem Zimmer,
dessen Flügelthüren weit offen standen. Ich ging zu ihr hinein, als
sie mich anredete. Das Zimmer war groß und elegant, mit purpurroten Polstermöbeln und eben solchen Gardinen, einem türkischen
Teppich, Nußbaumpanelen an den Wänden, einem großen gemalten
Fenster und einer hohen, schön gewölbten Decke. Mrs. Fairfax war
beschäftigt, einige Vasen von schönem roten Marmor abzustauben,
welche auf einem Seitentischchen standen.

,Welch wundervolles Zimmer!' rief ich aus, denn ich hatte in
meinem Leben keines gesehen, das nur halb so stattlich aussah.
,Ja! Es ist das Eßzimmer. Ich habe das Fenster ein wenig
aufgemacht, um Luft und Sonnenschein herein zu lassen, denn in
Zimmern, die selten bewohnt werden, wird es leicht so dumpfig.
Das Gesellschaftszimmer drüben kommt mir wie ein Keller vor.

Sie zeigte auf ein großes Bogenfenster gegenüber, welches ebenfalls rote, jetzt aufgezogene Vorhänge hatte. Ich konnte einen Blick
in das Zimmer werfen, das meinem unverwöhnten Auge feenhaft
schön erschien. Es war wirklich ein wundervolles Gesellschaftszimmer
mit anstoßendem Boudoir; in beiden lagen weiße mit glänzenden
Blumen bestreute Teppiche; beide Zimmer hatten weiße, gewölbte Decken,
deren Stuckverzierungen aus Weinblättern und Trauben bestanden,
gegen welche die scharlachroten Ottomanen und Polsterstühle prächtig
abstachen; die Schmuckstücke auf dem Kaminsims von weißem, parischem Marmor waren von Rubinglas, und mächtige Spiegel zwischen
den Fenstern strahlten diesen schneeigen und feurigen Glanz noch einmal
zurück.
,Wie schön Sie diese Zimmer halten, Mrs. Fairfax!' sagte ich.
,Da ist keine Spinnwebe, kein Stäubchen zu sehen. Wenn nicht
die Luft darin so eisig wäre, könnte man denken, sie seien täglich
bewohnt.
,Freilich, Miß Eyre. Weil Mr. Rochesters Besuche hier stets
unerwartet sind, und ich bemerkte, daß es ihm unangenehm war,
wenn es bei seiner Ankunft an ein Räumen und Abziehen der
Möbelbezüge ging, hielt ich es für das Beste, die Zimmer immer
für seine Ankunft bereit zu halten.

,Ist Mr. Rochester ein strenger und stolzer Herr?
,Das nicht gerade; aber er hat den Geschmack und die Gewohnheiten eines vornehmen Mannes, und verlangt, daß man alles danach
einrichtet.
,Mögen Sie ihn gern? Ist er im allgemeinen beliebt?
,h, ja; die Familie hat hier in der Gegend stets in großer
Achtung gestanden. Fast alles Land hier herum, so weit Sie sehen
können, hat in alten Zeiten den Rochesters gehört.

,Ist er aber auch um seiner selbst willen geliebt, wenn man
seinen Besitz ganz außer Acht läßt; mögen Sie ihn leiden?

,Ich habe keine Ursache, ihn nicht gern zu haben; ich glaube
auch, daß er von seinen Pächtern als ein gerechter und freigiebiger
Herr angesehen wird; aber er hat nie lange unter ihnen gelebt.
,Hat er keine Eigentümlichkeiten? Kurz, wie ist sein Charakter?

,Oh, sein Charakter ist sicher fleckenlos. Er hat wohl seine
Eigenheiten, ja. Er ist viel gereist, und hat, wie es scheint, viel
von der Welt gesehen. ich glaube, er ist sehr klug, aber mit mir
hat er sich nie viel unterhalten.'

,Welche Eigenheiten hat er?
,Ja, das ist schwer zu sagen. Seine Sonderbarkeiten sind nicht
besonders auffallend, aber man empfindet sie, wenn man mit ihm
spricht; man weiß oft nicht genau, ob er im Ernst oder Scherz redet

und ist nicht immer sicher, ob er zufrieden oder das Gegenteil ist;
ich wenigstens weiß es nicht. Aber das schadet nichts; er ist doch
ein sehr guter Herr.

Das war alles, was ich von Mrs. Fairfax über ihren und
meinen Prinzipal erfuhr. Es giebt Leute, welche kein Talent haben,
einen Charakter zu zeichnen und die hervorragendsten Eigenschaften
an Personen und Dingen zu beobachten und wiederzugeben; zu dieser
Klasse von Menschen gehörte augenscheinlich die gute, alte Dame.
In ihren Augen war Mr. Rochester ein angesessener Landedelmann,
weiter nichts. Sie fragte und forschte nicht weiter und wunderte sich
offenbar über meinen Wunsch, eine bestimmte Vorstellung von seinem
Wesen zu gewinnen.

Als wir das Eßzimmer verließen, schlug sie mir vor, mir auch
die übrigen Räume des Hauses zu zeigen; und ich folgte ihr Trepp'
auf, Trepp' ab, alles bewundernd, denn alles war schön eingerichtet.
Die geräumigen Vorderzimmer kamen mir besonders großartig vor,
und einige von den Zimmern im dritten Stock interessierten mich
durch ihre Altertümlichkeit. Die Möbel waren aus der unteren
Etage nach und nach hier herauf gebracht, wenn sie unmodern geworden waren, und das unzulängliche Licht, welches durch die kleinen
Scheiben in die niedrigen Zimmer eindrang, fiel auf Bettstellen, die
hundert Jahre alt waren, auf Kommoden von Eichen- und Nußbaumholz mit wunderlichen Schnitzereien, die mit ihren Palmen und
Cherubsköpfen wie Modelle zur Arche Noah aussahen. Da standen
lange Reihen ehrwürdiger Stühle mit hohen und niedrigen Lehnen,
noch ältere Fußbänke mit halbverblaßten Stickereien, welche Hände
gearbeitet hatten, die schon längst in Staub zerfallen waren. Alle
diese Reliquieen gaben dem dritten Stockwerk von Thornfieldhall das
Ansehen einer Heimat für Vergangenes. Am Tage fand ich die Stille,
Dunkelheit und seltsame Einrichtung dieser Räume wunderschön, aber
eine Nacht in ihnen zuzubringen, durch die schweren eichenen Thüren
von der Welt abgeschnitten, dachte ich mir schrecklich. Wie sonderbar
mochten wohl diese schweren Bettvorhänge aussehen, wenn das Mondlicht auf diese phantastischen Blumen, Vögel und Menschengebilde
fiel, mit denen sie bedeckt waren; es war gewiß ein schauriger Anblick.
,Schläft hier die Dienerschaft?
,Nein, sie bewohnt eine Reihe kleiner Zimmer auf der Rückseite
des Hauses. Hier schläft niemals jemand. Wenn es in Thornfield
Geister gäbe, würden sie gewiß hier ihren Spuk treiben.'

,Geister haben Sie also hier nicht? sagte ich.
,Nicht, daß ich wüßte, erwiderte Mrs. Fairfax lächelnd.
,Auch keine Sagen von umgehenden Geistern?
,Ich glaube nicht. Aber man sagt, die Rochesters find früher
eher ein gewaltthätiges als friedfertiges Geschlecht gewesen; vielleicht
verhalten sie sich deshalb um so ruhiger in ihren Gräbern.'

,Ja, nach dem aufregenden Fieber des Lebens, schlafen sie fest,'
murmelte ich. ,Wo gehen Sie jetzt hin, Mrs. Fairfax? fragte ich,
als sie sich anschickte, fortzugehen.

,Auf den Boden; wollen Sie mitkommen, um die Aussicht von
dort zu sehen? Ich folgte ihr, stieg die enge Treppe zu den Dachkammern empor und dann eine Leiter hinauf zu einer Fallthüre, die
auf das Dach der Halle führte. Ich war nun auf gleicher Höhe
mit der Krähenkolonie, und konnte in ihre Nester sehen. Mich über
die Mauer lehnend, konnte ich tief hinunter sehen; wie eine Landkarte lag die Umgegend vor mir ausgebreitet; den Fuß des grauen
Herrenhauses umgaben die sammetgrünen Grasplätze wie ein Gürtel;
das Feld war wie ein großer Park mit alten Bäumen bestanden; der
Wald sah schwarzbraun aus von dem welken Laube, das noch in den
Baumkronen saß; ein Pfad wand sich hindurch, welcher ganz mit
Moos überwachsen und grüner war, als das Laub der Bäume; ich
sah die Kirche, den Fahrweg, die stillen Hügel von der klaren Herbstsonne beschienen, den Horizont von einem prächtig azurblauen, mit
weißen Wölkchen durchzogenen Himmel begrenzt. Auffallend schön
war die Landschaft nicht, aber sehr lieblich. Als ich mich umwandte
und wieder durch die Fallthür hinabstieg, konnte ich meinen Weg
zur Leiter kaum finden, so geblendet war ich von dem blauen Himmel
und Sonnenschein.

Mrs. Fairfax blieb etwas hinter mir zurück, um die Fallthür
wieder zu verschließen; ich stieg inzwischen die enge Treppe nach dem
oberen Stockwerk hinunter und wartete in dem langen Gange,
welcher die Vorder - von den Hinterzimmern trennte; er war eng,
niedrig und dunkel, hatte nur am äußersten Ende ein kleines Fenster
und sah mit den beiden Reihen niedriger, schwarzer Thüren, welche
alle geschlossen waren, wie ein Korridor in dem Schlosse irgend
welches Blaubarts aus.

Während ich langsam vorwärts ging, traf mein Ohr ein Laut,
den ich hier am wenigsten zu hören erwartet hätte, nämlich ein
Lachen. Es war ein sonderbares Lachen, deutlich, hohl, ohne Fröhlichkeit. Ich stand still; das Lachen verstummte, aber nur für einen
Augenblick, dann wiederholte es sich lauter und wurde dann zu einem
entsetzlichen Geschrei, das in jedem der verlassenen Zimmer ein Echo
zu wecken schien, obgleich es nur aus einem kam, und ich hätte mit
Bestimmtheit dasjenige angeben können, in dem es seinen Ursprung hatte.

,Mrs. Fairfax!' rief ich, denn ich hörte sie jetzt die Treppe
herunter kommen. ,Hörten Sie das laute Lachen? Wer kann das
gewesen sein?

,Vermutlich irgend jemand von den Dienstleuten, antwortete
sie, ,vielleicht Grace Poole.

,Hörten Sie es? fragte ich wieder.
,Ja, ganz deutlich; ich höre sie öfter so lachen; sie näht in
einem dieser Zimmer. Mitunter ist Leah bei ihr und dann sind sie
häufig recht laut.

Das Lachen wiederholte sich in tiefen, abgebrochenen Tönen und
endete in einem häßlichen Gemurmel.

,Grace!' rief Mrs. Fairfax.
Ich erwartete nicht, daß irgend eine Grace dem Rufe folgen
würde, denn das Lachen war so tragisch, so unnatürlich, wie ich nie
ein ähnliches gehört hatte, und ich würde an Geisterspuk gedacht
haben, wenn es nicht hoher Mittag gewesen wäre; aber der Augenschein zeigte mir deutlich, daß ich eine Närrin war, irgend etwas
Außergewöhnliches zu fürchten.

Die nächste Thür öffnete sich, und eine Dienerin trat heraus,
eine Fran im Alter zwischen vierzig und fünfzig Jahren, von untersetzter Gestalt, rothaarig, mit einem ganz gewöhnlichen Gesicht; mit
einem Worte, eine Erscheinung, die weniger romantisch und geisterhaft kaum gedacht werden konnte.

,Viel zu viel Lärm Grace, sagte Mrs. Fairfax.,Denke an
Deine Instruktion. Grace verbeugte sich schweigend und ging wieder
in ihr Zimmer zurück.

,Wir haben diese Person zum Nähen angenommen; auch muß
sie mitunter Leah bei der Hausarbeit helfen,! fuhr die Witwe fort,
,sie hat manche Fehler, ist aber im ganzen doch brauchbar. Aber
erzählen Sie mir doch, wie Sie mit Ihrer neuen Schülerin fertig
geworden sind.

So wandte sich die Unterhaltung auf Adele und blieb hei diesem
Thema, bis wir die hellen und freundlichen Regionen unten erreichten.
Adele lief uns in der Halle entgegen.

,Mesdames, vous êtes servies!’ rief sie, hinzufügend: ‘j’ai
bien faim, moi!’

Wir fanden in Mrs. Fairfaxs Zimmer das Mittagessen bereit.



Zwölftes Kapitel.

Ich deutete schon an, daß mir die ersten Eindrücke in Thornfieldhall ein zufriedenes, angenehmes Leben zu versprechen schienen,
und diese Voraussetzung bestätigte sich bei näherer Bekanntschaft mit
den Personen meiner Umgebung. Mrs. Fairfax war, was sie schien,
eine sanfte, wohlwollende Frau von ausreichender Bildung und
mittelmäßigen Geistesgaben. Meine Schülerin, ein lebhaftes Kind,
war verzogen und vernachlässigt worden und deshalb oft eigensinnig,
da sie aber meiner Leitung ganz überlassen blieb und meine Bemühungen sie zu ändern von keiner Seite durch unvernünftiges Verhalten durchkreuzt wurden, vergaß sie bald ihre kleinen Ungezogenheiten und wurde gehorsam und gelehrig. Sie hatte weder große
Talente, noch besonders hervortretende Charaktereigenschaften oder besonders entwickelte Gefühle, welche sie über Kinder ihres Alters
stellten, aber auch keine Fehler oder Laster. Sie machte angemessene
Fortschritte, zeigte zu mir eine lebhafte, wenn auch vielleicht nicht
sehr tiefe Zuneigung, und erfüllte mich durch ihre Aufrichtigkeit, ihr
lustiges Geplauder und ihre Bemühungen, mich zufrieden zu stellen,
mit einem Grade von Anhänglichkeit für sich, der genügte, uns unser
Beisammensein gegenseitig angenehm und erfreulich zu machen.

Personen, welche eine hohe Meinung von der engelhaften Natur
der Kinder haben und es für die Pflicht ihrer Erzieher halten, sie
abgöttisch zu lieben, werden obige Sprache sehr kühl nennen; aber es
ist nicht meine Absicht, der elterlichen Eigenliebe zu schmeicheln, in
Heucheleien einzustimmen oder Unsinn zu nähren; ich will unverfälschte Wahrheit reden. Ich überwachte Adeles Wohlergehen und
ihre Fortschritte mit gewissenhafter Sorge und hatte ihre kleine Person
gern; wie ich auch Mrs. Fairfax für ihre Güte gegen mich dankbar
zugethan und mein Vergnügen an ihrer Gesellschaft der ruhigen
Achtung angemessen war, mit der sie mich behandelte.
Der Leser wird meinen, daß ich nach obigem alle Ursache hatte,
mit meinem Leben in Thornfield sehr zufrieden zu sein, aber mag er
mich tadeln oder nicht, es gab dennoch Momente, in denen ich mich
nicht vollkommen befriedigt fühlte. Ab und zu ging ich allein in den
Feldern spazieren, schaute durch das Parkgitter die Fahrstraße entlang oder klomm die Bodentreppe empor, öffnete die Fallthür und
vertiefte mich in den Anblick der Felder und Hügel, die sich am fernen
Horizont ins Unbestimmte verloren; dann ergriff mich ein Verlangen,
ich möchte mit meinem Blicke über sie hinausreichen können, bis hinein in die geschäftige Welt der Städte und in Gegenden des lebhaften Verkehrs, die ich nie gesehen hatte; dann wünschte ich mir
mehr praktische Erfahrung, als ich besaß, mehr Umgang mit meinesgleichen und mit verschieden gearteten Menschen. ich schätzte alles
Gute in Mrs. Fairfax und Adele, aber ich glaubte, daß es noch
höher veranlagte Geister und Charaktere gäbe, und weil ich daran
glaubte, wollte ich sie auch kennen lernen.
Wer will mich deshalb tadeln? Sicherlich viele werden es thun
und werden mich unzufrieden schelten. Aber ich konnte mir nicht
helfen, diese Rastlosigkeit lag einmal in meiner Natur und wurde
mir zuweilen zur Qual. Dann suchte ich Erleichterung darin, daß
ich auf dem Korridor des dritten Stockwerks auf- und abschritt und
hier in der Stille und Einsamkeit mich auf den Flügeln der Phantasie
in die Regionen tragen ließ, welche voll von der ersehnten Aufregung
und Anregung waren.

Es ist unvernünftig, von den Menschen zu verlangen, daß sie in
der Abgeschiedenheit zufrieden sein sollen; sie müssen Abwechslung
haben, und wo sie dieselbe nicht finden, werden sie sie schaffen.

Millionen sind zu einem einförmigeren Leben verdammt, als ich es
war, und Millionen lehnen sich heimlich dagegen auf. Niemand weiß,
wie viel Revolutionen außer den politischen sich unter den Menschenmassen vollziehen, welche die Erde bedecken. Man hält die Frauen
im allgemeinen für leichter befriedigt in engeren Verhältnissen und
nimmt an, ihre geistigen Bedürfnisse seien geringer; aber Frauen
fühlen genau so wie die Männer; sie haben für ihre Fähigkeiten
ebenso gut wie diese einen angemessenen Wirkungskreis, nötig; sie
leiden unter zu strenger Zurückgezogenheit genau so, wie die Männer
leiden würden, und es ist engherzig von ihren bevorzugten Mitbrüdern, wenn sie behaupten, Frauen müßten sich nur der Aufgabe
widmen, Puddings zu machen, Strümpfe zu stricken, Klavier zu spielen,
zu sticken u. s. w. Es ist gedankenlos, sie zu verdammen oder auszulachen, wenn sie mehr zu lernen suchen, als es nach alt hergebrachter
Sitte bei ihrem Geschlechte üblich ist.

Wenn ich hier oben allein war, hörte ich nicht selten Grace
Poole lachen, dasselbe durchdringende, deutliche, langsame Haha,
was mich so erschreckte, als ich es das erste Mal hörte; oft folgte
auch ein erregtes Gemurmel, was noch sonderbarer als ihr Lachen
klang. Es gab Tage, an denen sie ganz still war, aber wieder
andere, an denen sie so wunderbare Töne ausstieß, daß ich mir dieselben nicht zu erklären wußte. Zuweilen sah ich sie aus ihrem
Zimmer herauskommen, ein Becken, eine Schüssel oder ein Tablet in
der Hand; sie ging dann in die Küche hinunter, kam aber immer
gleich wieder zurück, meistenteils (oh, romantischer Leser, vergieb,
wenn ich die ungeschminkte Wahrheit sage mit einem Kruge Porter
bewaffnet. Ihre Erscheinung wirkte immer wie ein Dämpfer auf die
Neugierde, welche mich in bezug auf sie beschlich, wenn ich sie lachen
und murmeln hörte; ihre harten, unbeweglichen Züge konnten kein
Interesse erwecken. Ich machte verschiedene Versuche, eine Unterhaltung mit ihr anzufangen, aber gewöhnlich schnitt eine einsilbige
Antwort von ihrer Seite jedes Gespräch ab.

Die anderen Mitglieder des Haushalts, d. h. John und seine
Frau; Leah, das Hausmädchen, und Sophie, die französische Bonne,
waren achtbare, aber in keiner Hinsicht besonders bemerkenswerte
Leute. Mit Sophie pflegte ich französisch zu sprechen und sie mitunter über ihre Heimat auszufragen, aber sie verstand es weder zu
beschreiben noch zu erzählen und gab gewöhnlich so unbestimmte und
wirre Antworten, daß sie mehr geeignet waren, den Fragenden still
zu machen, als ihn zu weiterem Forschen zu ermutigen. So vergingen Oktober, November und Dezember. Eines Nachmittags im
Januar erbat Mrs. Fairfax für Adele Urlaub, weil sie erkältet war, und als Adele diese Bitte mit einem Eifer unterstützte, der mich daran erinnerte, wie kostbar mir als Kind unverhoffte Feiertage gewesen waren, erfüllte ich ihr Verlangen. Es war ein schöner, windstiller,
wenn auch kalter Tag; Mrs. Fairfax hatte gerade einen Brief geschrieben, der auf seine Beförderung zur Post harrte; ich war von
dem langen Stillsitzen gelangweilt, so zog ich denn meinen Mantel
an, setzte meinen Hut auf und erbot mich, den Brief nach Hay zu
tragen- die zwei Meilen Weges dorthin waren ein schöner Spaziergang. Ich setzte Adele zuvor bequem in ihren kleinen Stuhl an
das Kaminfeuer in Mrs. Fairfax Wohnzimmer, hüllte sie warm ein,
gab ihr ihre beste Wachspuppe, die ich gewöhnlich in Silberpapier
gewickelt und verschlossen hielt, zum spielen, dazu ein Geschichtenbuch,
damit sie Abwechslung hatte, die sie sehr liebte; antwortete auf ihr:
,Reverent bientôt, ma Bonne Jamie, ma Chöre Mademoiselle Jeannette,’ mit einem Kuß und machte mich auf. Das Erdreich
war hart gefroren, die Luft still und mein Weg einsam; ich ging erst
schnell, bis ich warm wurde, dann aber langsamer, um mir des Genusses dieses schönen Spazierganges recht bewußt zu werden. Es
schlug drei Uhr vom Kirchturm, als ich daran vorbeiging. Die
hereinbrechende Dämmerung und die tiefstehende Sonne mit ihrem
matten Glanze gaben der Landschaft einen besonderen Reiz. Ich befand mich eine Meile von Thornfield auf einem Pfade, der berühmt
war im Sommer wegen der wilden Rosen, die an seinen Rändern
wuchsen, im Herbst wegen der Nüsse und Brombeeren, die man dort
fand, und der selbst jetzt im Winter noch einen Schatz von roten,
wie Korallen glänzenden Hagebutten barg, aber sein höchster Reiz in
dieser Jahreszeit lag doch in seiner vollkommenen Einsamkeit und
Stille. Hier rührte sich kein Lüftchen, die entblätterten Weißdorn- und Hazelbüsche waren so still, wie die meisten verwitterten Steine,
welche mitten im Wege lagen. Zu beiden Seiten desselben breiteten
sich weite Felder und Wiesen aus, auf denen jetzt kein Vieh weidete,
und kleine braune Vögel, welche zufällig in den Hecken aufflogen,
sahen wie einzelne vertrocknete Blätter aus, welche vergessen hatten
abzufallen.
Dieser Weg stieg bis Hay immer den Hügel hinan; als ich die
Hälfte zurückgelegt hatte, setzte ich mich auf einen großen Stein,
wickelte mich in meinen Mantel, barg die Hände im Muff und fühlte
so keine Kälte, obgleich es stark fror, was sich deutlich an einer Stelle
des Weges sehen ließ, die ein kleiner Bach beim letzten Thauwetter
überflutet hatte und die nun mit spiegelglattem Eis überdeckt war.
Von meinem Sitz aus konnte ich Thornfield unter mir liegen sehen;
das graue Herrenhaus war der hervorragendste Gegenstand in dem
Thale zu meinen Füßen; die dunkle Krähenansiedlung und die Wälder
zeichneten sich scharf am Abendhimmel ab. Ich wartete, bis die Sonne
wie eine glühende Kugel hinter den Bäumen versank, dann wendete
ich mich nach Osten.
Über dem Hügel vor mir stand der aufgehende Mond; er war
noch blaß wie ein Wölkchen, nahm aber von Minute zu Minute an
Glanz zu; dort drüben lag auch Hay, halb unter Bäumen versteckt;
aus seinen Schornsteinen stiegen Rauchwölkchen empor; es war noch
eine Meile entfernt, aber in der absoluten Stille konnte ich deutlich
die murmelnden Laute vernehmen, welche das in diesem Örtchen pulsierende Leben hervorrief.
Ein deutlicher Ton unterbrach plötzlich dieses gleichmäßige Geräusch; ein Klappern: trab, trab, welches mich aus meinen süßen,
träumerischen Gedanken aufstörte. Das Geräusch kam von dem Fußpfade, ein Pferd mußte es verursachen, das eine Windung des Weges
meinen Augen noch verbarg, aber es kam näher. Ich war im Begriff, meinen Sitz zu verlassen, doch weil der Weg eng war, blieb ich
lieber sitzen, um es erst vorbei zu lassen. Ich war damals jung
und mein Gehirn von allerhand Phantasieen erfüllt, sowohl lichten
als düsteren; das Andenken an die Kinderstubengeschichten spukte dort
neben anderem Unsinn, und die reifende Jugend verlieh ihnen, wenn
sie in der Erinnerung auftauchten, eine Lebendigkeit, welche die Einbildungskraft des Kindes ihnen unmöglich zu geben vermocht hatte.
Während das Pferd sich näherte und ich im Zwielicht sein Erscheinen
erwartete, gedachte ich einer Erzählung von Bessie, in der ein Geist,

,Gytrash! genannt, die Gestalt eines Pferdes, Esels oder Hundes annahm, auf einsamen Wegen umging und oft verspätete Wanderer
überfiel; gerade so kam jetzt dieses Pferd auf mich zu.

Ich sah es noch nicht, aber es war schon sehr nahe; da hörte
ich außer seinem trab, trab ein Rascheln unter der Hecke, und unter
den Haselsträuchern kam ein großer Hund hervor, dessen schwarz und
weiße Farbe ihn deutlich gegen den dunklen Hintergrund abzeichnete.
Es war ganz zutreffend eine der Gestalten, welche Bessies Gytrash
annahm- ein löwenartiges Geschöpf mit langem Haar und dickem
Kopf; es lief ruhig genug an mir vorüber und blieb nicht stehen, um
mich mit mordlustigen Blicken anzusehen, wie ich halb und halb erwartet hatte; das Pferd folgte ihm, ein schönes großes Tier, dessen
Rücken einen Reiter trug. Die Erscheinung eines Menschen zerstörte
plötzlich den Zauber, denn Gytrash hatte nie einen Reiter, er kam
immer allein, und Gespenster konnten in meiner Vorstellung wohl die
Gestalt von Tieren, aber nie die von ganz gewöhnlichen Menschen
annehmen. Das war also kein Gytrash, sondern nur ein Reisender,
der durch Benutzung dieses Fußpfades seinen Weg nach Millcote abkürzte. Er ritt vorüber und ich ging meinen Weg. Ich hatte nur
wenige Schritte gethan, da hörte ich einen Fall und den Ausruf:
,Was Teufel, ist jetzt zu machen!'! Ich wandte mich um; Reiter und
Pferd lagen am Boden; die Eisfläche, welche an der Stelle, wo der
Bach ausgetreten war, den Pfad überdeckte, hatte sie zu Falle gebracht. Der Hund kam in großen Sätzen zurück, und als er seinen
Herrn am Boden sah und das Pferd stöhnen hörte, bellte er, daß die
Hügel wiederhallten. Er beschnüffelte die liegende Gruppe und lief
dann auf mich zu; es war alles, was er thun konnte, denn andere
Hülfe war nicht zur Hand. Ich gehorchte ihm und näherte mich dem
Reisenden, der jetzt bemüht war, sich von seinem Pferde loszumachen.
Seine Bewegungen waren so heftig, daß ich mir nicht denken konnte,
er habe Schaden gelitten, dennoch fragte ich ihn:
,Sind Sie beschädigt, mein Herr?
Ich glaube, er fluchte, wenn ich auch dessen nicht gewiß bin,
wenigstens murmelte er etwas, das ihn verhinderte, mir direkt zu
antworten.

,Kann ich Ihnen behilflich sein? fragte ich wieder.
,Gehen Sie auf die Seite, sagte er, als er sich aufrichtete; ich
that es; dann folgte ein Stoßen, Stampfen, Klappern, begleitet von
einem Bellen und Heulen, das den Erfolg hatte, mich einige Ellen
zurückzutreiben. Endlich war das Pferd wieder auf seine Füße gebracht, der Hund mit einem ,Nieder, Pilot!'' beruhigt, und der Reisende befühlte jetzt sein Bein, wie um sich zu versichern, daß es unverletzt wäre; augenscheinlich hatte er Schmerzen, denn er hielt sich
an dem Stein fest, von dem ich vorhin aufgestanden war und setzte
sich dann auf ihn nieder.

Ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen, oder wenigstens dienstwillig zu zeigen und näherte mich wieder.

,Wenn Sie beschädigt sind und der Hülfe bedürfen, mein Herr,
kann ich entweder jemand aus Thornfieldhall oder aus Hay holen.

,Ich danke Ihnen; es wird gehen; ich habe mein Bein nicht
gebrochen, nur verstaucht,' und er stand wieder auf und prüfte seinen
Fuß, aber der Schmerz entlockte ihm ein unwillkürliches ,Ugh.’

Es war noch ein Schimmer von Tageslicht und der Mond
strahlte immer heller; ich konnte ihn ganz deutlich sehen. Er trug
einen Reitanzug mit Pelzkragen, war von mittelgroßem Wuchs und
entsprechender Breite; er hat ein dunkles Gesicht, mit strengen Zügen
und dicken Brauen; sein Blick verriet Zorn und Leidenschaft; über
die Jugend war er hinaus; er konnte ungefähr fünfunddreißig Jahre
alt sein. Er flößte mir keine Furcht ein, nur etwas Scheu. Wäre
er ein schöner, heldenhaft aussehender junger Mann gewesen, dann
hätte ich nicht gewagt, ihn so wider seinen Willen zu befragen, und
ihm unaufgefordert meine Dienste anzubieten, denn vor Schönheit
und Eleganz hatte ich eine Ehrfurcht, die mich stets in gemessener
Ferne hielt; selbst wenn der Fremde gelächelt und gutgelaunt mein
Anerbieten, ihm beizustehen, abgelehnt hätte, würde ich ruhig meiner
Wege gegangen sein, und mich weiter nicht um ihn bekümmert haben,
aber seine Rauheit reizte mich; ich blieb also ruhig stehen, als er
mir durch einen Wink zu gehen gebot und sagte:
,Es fällt mir nicht ein zu gehen, mein Herr und Sie auf diesem
einsamen Wege allein zu lassen, bis ich mich überzeugt habe, daß
Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.
Er sah auf, als ich so sprach; bisher hatte er mich kaum angesehen.

,Mich dünkt, Sie sollten um diese Zeit zu Hause sein, wenn
Ihre Heimat hier in der Nachbarschaft ist? Woher kommen Sie?
,Von dort unten. Wenn der Mond scheint, fürchte ich mich
gar nicht, so spät draußen zu sein. Wenn Sie es wünschen, will ich
gern von Hay Beistand für Sie holen; ich gehe so wie so dort hin,
um einen Brief auf die Post zu geben.

,Sie wohnen dort unten - meinen Sie jenes Haus dort mit
den Zinnen? fragte er, auf Thornfieldhall zeigend, das der Mond
hell beleuchtete und klar von dem dunklen Walde dahinter abhob.
,Ja, Herr.’
,Wem gehört das Haus?’
,Mr. Rochester.’
,Kennen Sie Mr. Rochester.’
,Nein, ich habe ihn noch nie gesehen.’
,Er wohnt also nicht dort?’
,Nein.’
,Können Sie mir sagen, wo er sich aufhält?’
,Ich weiß es nicht.’
,Sie können doch keine Dienerin in jenem Hause sein. Sie
sind!’- er hielt inne und warf einen Blick auf meinen Anzug, der
wie gewöhnlich ganz einfach war; ich trug einen schwarz wollenen
Mantel und einen Biberhut, beide selbst für eine Kammerjungfer
nicht fein genug. Er schien in Verlegenheit, was er aus mir machen
sollte; ich half ihm.

,Ich bin die Erzieherin.’
,Ah, die Erzieherin!' wiederholte er. ,Der Teufel soll mich
holen, wenn ich das nicht ganz vergessen hatte. Die Erzieherin!'
und wieder wurde mein Anzug einer Prüfung unterworfen. Nach
einigen Minuten erhob er sich von dem Stein; man sah ihm an,
daß diese Bewegung ihm Schmerzen verursachte.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hülfe herbeizuholen, sagte
er; ,aber wenn Sie so gütig sein wollen, können Sie mir selbst
etwas helfen.'

,Ja, mein Herr.’
,Haben Sie vielleicht einen Regenschirm, den ich als Stock benutzen könnte?’

,Leider nicht.’
,Dann versuchen Sie den Zügel meines Pferdes zu fassen, und
führen Sie es zu mir her. Sie fürchten sich doch nicht?’
Ich fürchtete mich freilich ein Pferd zu berühren, war aber
dennoch gewillt, seinen Wunsch zu erfüllen. Ich legte meinen Muff
auf den Stein und ging auf das große Pferd zu, ich bemühte mich,
den Zügel zu ergreifen, aber das feurige Tier ließ mich nicht in seine
Nähe kommen; ich versuchte es immer aufs neue, aber immer vergebens, und dabei hatte ich entsetzliche Angst vor seinen stampfenden
Hufen. Der Reisende wartete und beobachtete mich eine Zeit lang,
dann lachte er.

,Ich sehe,' sagte er, ,der Berg will durchaus nicht zu Mahomet
kommen, Sie können also nur Mahomet helfen, daß er zum Berge
geht; ich muß Sie bitten, hierher zu kommen.’

Ich kam. ,Entschuldigen Sie, fuhr er fort, ,die Not zwingt
mich, mich auf Sie zu stützen.' Er legte seine schwere Hand auf
meine Schulter und sich mit seiner ganzen Wucht auf mich stützend,
hinkte er bis zu seinem Pferde. Sobald er den Zügel erfaßt hatte,
ward er auch desselben Meister und sprang in den Sattel, furchtbare
Gesichter schneidend, weil die Anstrengung ihm Schmerzen bereitete.

,Nun, sagte er, ,geben Sie mir gefälligst meine Reitpeitsche,
sie liegt dort unter der Hecke.'
Ich suchte und fand sie.
,Danke; jetzt beeilen Sie sich, Ihren Brief in Hay abzugeben
und kommen Sie so schnell als möglich zurück.

Er spornte sein Pferd, das erst einen entsetzten Sprung nach
rückwärts machte und dann in der Richtung auf Thornfieldhall
davon jagte, der Hund raste hinterdrein und alle Drei entschwanden
meinen Blicken.

Ich nahm meinen Muff auf und setzte meinen Weg fort. Der
Zwischenfall versetzte mich in eine angenehme, erregte Stimmung; es
war ja kein romantisches oder interessantes Abenteuer, was ich erlebt
hatte, aber doch ein Ereignis, das wenigstens in eine Stunde meines
einförmigen Leben etwas Abwechslung gebracht hatte. Meine Hilfe
war in Anspruch genommen worden; ich war erfreut, etwas genützt
zu haben; so unbedeutend meine That auch war, ich hatte doch etwas
geleistet; ich war meines bisher unthätigen Lebens so durchaus müde.
Außerdem hatte ich mit dem neuen Gesicht meinem Gedächtnis ein
neues Portrait einverleiht, es war noch dazu sehr von denjenigen
verschieden, welche ich bis jetzt darin bewahrte, einmal, weil es ein
männliches war, und dann weil es düster, ernst und streng aussah.
Ich hatte es immer noch vor mir, als ich in Hay ankam und den
Brief in den Schalter warf, und ich sah es den ganzen Weg über,
wie ich bergab nach Hause ging. Als ich wieder an den Stein kam,
stand ich einen Augenblick still und horchte, als ob ich dächte, ich
müsse wieder den Hufschlag des Pferdes auf dem Fußwege hören
und den Reiter und den Neufundländer wieder erscheinen sehen: ich
sah nur die Hecke und eine geköpfte Weide vor mir, vom Mondlicht
bestrahlt; ich hörte nur das schwache Säuseln des Windes, der sich
in den Bäumen um Thornfield erhob, das noch eine Meile entfernt
war; als ich meinen Blick über die Front des Herrenhauses gleiten
ließ, gewahrte ich Licht in einem Fenster, das mahnte mich daran,
daß ich mich verspätet hatte und ich beschleunigte meine Schritte.

Ich kehrte ungern nach Thornfield zurück. Seine Schwelle überschreiten hieß wieder dem alten Einerlei anheimfallen; ich mußte
wieder die einsame, totenstille Halle durchkreuzen, die matterleuchtete
Treppe emporsteigen, um in mein eigenes, kleines Zimmer zu gelangen; mußte wieder mit der gleichmäßig ruhigen Mrs. Fairfax die
langen Winterabende verleben; mit ihr ganz allein; der Gedanke war
geeignet, die frohe Erregung, welche mein Spaziergang in mir erzeugt, vollständig auszulöschen; mein Leben floß zu einförmig
dahin, und ich verlernte die sichere behagliche Existenz, welche mir
meine Stellung bereitete, nach ihrem wahren Wert zu schätzen.
Welche Wohlthat würde es für mich gewesen sein, wenn ich eine
Zeit lang mitten in die Stürme des Lebens und das Ringen und
Kämpfen um mein tägliches Brot hinein verseht worden wäre, und
die rauhe und bittere Erfahrung mich gelehrt hätte, mich nach der
Ruhe zu sehnen, die mich jetzt bedrückte!

Ich zögerte am Parkthor; ich schlich langsam über den Grasplatz; ich ging vor dem Hause auf und ab; die Laden der Glasthür
waren geschlossen, ich konnte nicht hinein sehen; mein Blick und meine
Gedanken wendeten sich von dem düsteren Hause ab, dem Himmel zu,
der sich wie ein blaues Meer vor mir ausbreitete; der Mond stieg
majestätisch immer höher und höher in ungemessene Fernen; meine
Sehnsucht folgte ihm, mein Herz schlug höher, meine Pulse fieberten.
Wenn wir uns so in das Unendliche verlieren, rufen uns die geringfügigsten Diuge in die Alltäglichkeit zurück; dieses Mal that es die
Uhr in der Halle, welche schlug; das genügte; ich wendete mich ah
von Mond und Sternen, öffnete die Seitenthür und trat ein.

Die Halle war nicht dunkel; sie war durch die große bronzene
Lampe erhellt, welche von der Decke herab hing; behagliche Wärme
durchdrang sie und teilte sich noch dem unteren Teile der großen,
eichenen Treppe mit. Ein rötlicher Schimmer ging von dem großen
Eßzimmer aus, dessen Flügelthüren offen standen und durch die man
ein großes Feuer im Kamin sah, welches seine weiße Marmorbekleidung und die eisernen Feuergerätschaften beleuchtete und die purpurnen
Vorhänge und polierten Meubles mit einem erfreulichen, belebenden
Schimmer übergoß. Es ließ auch eine Gruppe von menschlichen
Gestalten in der Nähe des Kamins erkennen; doch hatte ich diese
kaum ins Auge gefaßt, als sich die Thür schloß; ich hörte nur noch
ein Durcheinander von fröhlichen Stimmen, unter denen ich Adeles
zu unterscheiden glaubte.

Ich ging in das Zimmer von Mrs. Fairfax, dort brannte auch
ein Kaminfeuer, aber kein Licht und Mrs. Fairfax war nirgend zu
sehen; statt dessen sah ich einen großen, weiß und schwarzen, langhaarigen Hund auf dem Teppich sitzen, welcher gravitätisch in die
Flamme starrte und genau dem Gytrash glich, der heute meinen Weg
gekreuzt hatte. Er war ihm so ähnlich, daß ich auf ihn zuging und
,Pilot'' rief. Er stand auf, kam zu mir heran und beschnüffelte
mich. Ich liebkoste ihn und er wedelte mit seinem großen Schweif;
aber er kam mir so allein wie eine Erscheinung vor; ich konnte mir
nicht erklären, wo er herkam. Ich klingelte nach Licht. Leah kam.

,Was ist das für ein Hund?’ fragte ich.
,Er kam mit dem Herrn.’
,Mit wem?’
,Mit dem Herrn- mit Mr. Rochester- er ist eben angekommen.’
,Wirklich! Ist Mrs. Fairfax bei ihm?’
,Ja, und Miß Adele auch; sie sind im Eßzimmer, und John
ist nach dem Wundarzt geschickt worden, der Herr hatte einen Unfall,
sein Pferd ist gestürzt, und dabei hat er sich den Fuß verstaucht.’

,Stürzte das Pferd auf dem Wege nach Hay?’
,Ja, als er den Berg herunter kam; es glitt auf dem Eise aus.’
,Bringen Sie mir, bitte, ein Licht, Leah.’
Leah brachte es; zugleich mit ihr kam Mrs. Fairfax und wiederholte Leahs Bericht, hinzufügend, daß Mr. Carter, der Wundarzt gekommen wäre und jetzt bei Mr. Rochester sei, dann ging sie wieder hinaus, um das Abendessen anzuordnen, während ich auf mein
Zimmer ging, meine Sachen abzulegen.



Dreizehntes Kapitel.

Wahrscheinlich auf den Rat des Wundarztes ging Mr. Rochester
diesen Abend früh zu Bett und stand am nächsten Morgen erst spät
auf. Als er herunter kam, widmete er sich dem Geschäft; sein Geschäftsführer und einige seiner Pächter waren angekommen, um ihn
zu sprechen.
Adele und ich wurden jetzt aus der Bibliothek vertrieben, sie
wurde jetzt täglich als Empfangszimmer für Besucher gebraucht.
Man heizte eins von den oberen Zimmern, ich trug unsere Bücher
dort hin und richtete es als Schulzimmer ein. ich erfuhr im Laufe
des Vormittags, das Thornfieldhall wie mit einem Zauberschlage
ganz verändert und nicht mehr still wie eine Kirche war; mehrere
Male in der Stunde erschallte der Klopfer an der Thür oder hörte
man klingeln; oft schallten Schritte in der Halle, mir unbekannte

Stimmen sprachen unten in den verschiedensten Tonarten; ein frischer
Luftzug aus der Welt draußen durchdrang das Haus; man merkte,
es hatte einen Herrn und mir gefiel es so besser.
Es war schwer, Adele an diesem Tage zu unterrichten, sie konnte
nicht aufmerksam sein; sie rannte unaufhörlich hinaus und guckte über
das Treppengeländer, um Mr. Rochester zu erblicken, sie suchte Vorwände hinunter zu gehen, um, wie ich wohl merkte, in die Bibliothek
einzudringen, wo man sie nicht haben wollte. ich wurde endlich
etwas ärgerlich und brachte sie zum Stillsitzen, dann aber erzählte
sie unaufhörlich von ihrem ,ami, Monsieur Edouard Fairfax Rochester’, wie sie ihn nannte (ich hatte diese Beinamen früher nie gehört und sprach Vermutungen aus, was er ihr wohl für Geschenke mitgebracht haben könnte; es schien als hätte er am Abend vorher
erwähnt, daß sich unter seinem Gepäck, welches von Millcote geholt
werden sollte, eine Schachtel befände, deren Inhalt sie näher anginge.

‘Et cels doit signifier,’ sagte sie, quill y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez mince et un peu pâle. J’ait dit que oui: c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’

Adele und ich aßen wie gewöhnlich in Mrs. Fairfax Zimmer zu
Mittag; der Nachmittag war schneeig und stürmisch, wir gingen deshalb nicht hinaus, sondern verbrachten ihn im Schulzimmer. Als es
dunkel wurde, erlangte ich Adele ihre Bücher und ihre Arbeit beiseite
zu legen und hinunter zu laufen, denn ich schloß aus der Stille, die
jetzt dort herrschte und aus dem Schweigen der Hausglocke, daß Mr.
Rochester jetzt Muße habe. Mit mir allein gelassen, trat ich an das
Fenster, aber dort war nichts zu sehen; es herrschte Zwielicht, das
dicke Schneeflocken noch verdunkelten; die Büsche waren schon ganz
eingeschneit. ich ließ die Vorhänge nieder und trat an den Kamin.
Ich schaute in die Flamme und überließ mich nicht allzu erfreulichen Gedanken, welche mich in meiner Verlassenheit beschlichen, als
Mrs. Fairfax eintrat.
,Es wird Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und Adele
- diesen Abend mit ihm den Thee im Gesellschaftszimmer trinken wollen;
er war den ganzen Tag so in Anspruch genommen, daß er Sie nicht
früher zu sich bitten konnte.

,Wann wird der Thee serviert?’
‘Oh, um sechs Uhr; hier auf dem Lande hält er seine Mahlzeiten früh. Es wird gut sein, wenn Sie sich gleich umziehen; ich
will Ihnen dabei behilflich sein. Hier ist ein Licht.

,Muß ich mich umziehen?
,Ja, das wird wohl nötig sein. Wenn Mr. Rochester hier ist,
ziehe ich mich abends immer besser an.’
Mir kam diese Sitte etwas steif vor, nichtsdestoweniger ging ich
auf mein Zimmer und vertauschte mit Mrs. Fairfax Hilfe mein
schwarzwollenes Kleid mit einem schwarzseidenen, das einzige bessere,
was ich außer einem hellgrauen hatte; dieses letztere hielt ich aber,
bei meinen aus Lowood stammenden Ansichten über den Anzug, nur
für geeignet bei außerordentlichen Gelegenheiten getragen zu werden,
weil es mir zu elegant schien.
,Es fehlt noch eine Broche,’ sagte Mrs. Fairfax. Ich hatte
ein kleines Schmuckstück dieser Art, das mir Miß Temple beim Abschiede zum Andenken gab; ich steckte es an und ging dann hinunter.
Ich war an den Umgang mit Fremden so wenig gewöhnt, daß es
etwas Schweres für mich war, eine so förmliche Begegnung mit Mr.
Rochester vor, mir zu haben. Ich ließ Mrs. Fairfax vorangehen
und hielt mich hinter ihr, während wir das Eßzimmer durchschritten;
wir mußten die Portiere aufheben, welche heute niedergelassen war,
und betraten den eleganten Raum, in dem sich Mr. Rochester aufhielt.

Zwei Wachslichte brannten auf dem Tische und zwei andere auf
dem Kaminsims; vor dem Kaminfeuer lag Pilot, sich behaglich wärmend und neben ihm kniete Adele. Mr. Rochester lag halb zurückgelehnt auf einer Ottomane; sein beschädigter Fuß ruhte auf einem
Kissen; er beobachtete Adele und den Hund, und der Feuerschein fiel
voll auf sein Gesicht. Ich erkannte in ihm sogleich jenen Reisenden
mit seinen buschigen Augenbrauen und seiner breiten Stirn, die
durch sein zurückgekämmtes Haar noch breiter aussah; ich erkannte
seine entschiedene Nase wieder, die nicht gerade schön war, aber in
der Charakter lag; seinen strengen Mund und das ausgesprochene Kinn,
die auf große Entschiedenheit, vielleicht auch auf ein heftiges Temperament schließen ließen. Seine Gestalt, welche jetzt zum Teil unter einem breiten Mantel verborgen war, schien an Breite seinem Gesicht entsprechend, athletisch zu sein.

Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax und meinen Eintritt bemerkt
haben, aber er schien nicht in der Laune, davon Notiz zu nehmen,
denn er wendete seinen Blick nicht von der Gruppe am Kamin ab,
als wir uns näherten.
,Hier ist Miß Eyre, Herr,' sagte Mrs. Fairfax in ihrer ruhigen
Weise. Er verbeugte sich, ohne mich anzusehen.

,Bitten Sie, Miß Eyre Platz zu nehmen, sagte er, und es lag
etwas in der erzwungenen Verbeugung und dem ungeduldigen, wenn
auch höflichen Tone, das auszudrücken schien: ,Was Teufel geht es
mich an, ob Miß Eyre hier ist oder nicht? Ich bin jetzt nicht aufgelegt, mich um sie zu kümmern.
Ich setzte mich und war von jeder Scheu befreit. Es würde
mich wahrscheinlich verlegen gemacht haben, wenn ich mit ausgesuchter
Höflichkeit aufgenommen worden wäre; denn ich hätte nicht Gewandtheit genug gehabt, sie zu erwidern, aber rauhe Launenhaftigkeit
legte mir keine Verpflichtungen auf; im Gegenteil durch bescheidenes
Schweigen war ich, diesem grillenhaften Benehmen gegenüber, im
Vorteil. Nebenbei war mir dieses sonderbare Betragen auch interessant, und ich war neugierig, wie das weiter gehen würde.

Er blieb so stumm und unbeweglich wie eine Statue. Mrs.
Fairfax schien es von der Höflichkeit geboten zu finden, daß irgend
jemand spräche. Gütig wie immer, aber auch ebenso langweilig, beklagte sie ihn, wegen seiner Überhäufung mit Arbeit und der Unannehmlichkeit, eine so schmerzvolle Verstauchung bei dem Sturze davongetragen zu haben; dann empfahl sie ihm Geduld und Vorsicht u.s.w.

,Madame, ich wünsche meinen Thee,' war die einzige Erwiderung, welche ihr zu teil wurde. Sie beeilte sich, die Glocke zu
ziehen, und als das Theegeschirr kam, den Theetisch möglichst schnell
herzurichten. Adele und ich traten an den Tisch, aber der Hausherr
verließ seinen Sitz nicht.
,Wollen Sie so gütig sein, Mr. Rochester, diese Tasse Thee zu
bringen?' sagte Mrs. Fairfax zu mir; ,Adele könnte ihn verschütten.

Ich erfüllte ihr Verlangen. Als er mir die Tasse aus der Hand
nahm, rief Adele, die wahrscheinlich den Augenblick für geeignet hielt,
eine Frage zu meinen Gunsten zu thun:

’N’est ce pas, Monsieur, qu’il-y-a un cadeau pour Mademoiselle Ehre, dans votre petit coffre?’


,Wer spricht von Geschenken?’ sagte er unwirsch; ,erwarteten
Sie ein Geschenk, Miß Eyre? Lieben Sie Geschenke? und er erforschte
mein Gesicht mit Augen, die dunkel und durchdringend waren.

,Das weiß ich kaum zu sagen, mein Herr; ich habe gar keine
Erfahrung darin; im allgemeinen hält man Geschenke für etwas Angenehmes.’

,Im allgemeinen! Aber wie denken Sie darüber?’
,Ich müßte mich erst bedenken, ehe ich Ihnen eine befriedigende
Antwort geben könnte. Ein Geschenk hat verschiedene Seiten, und
man müßte sie alle in Betracht ziehen, ehe man ein Urteil über seinen
Wert aussprechen kann.'

,Miß Eyre, Sie sind nicht so aufrichtig wie Adele. Sie fordert
ungestüm ein ,cadeau’ von mir in dem Augenblicke, in welchem sie
mich sieht; Sie klopfen erst auf den Busch.’

,Weil ich weniger Vertrauen auf meine Berechtigung habe, wie
Adele. Sie kann sich auf das Recht einer alten Bekanntschaft und das
der Gewohnheit stützen, denn sie sagt, daß Sie ihr immer Spielsachen
geschenkt haben, aber ich bin eine Fremde für Sie und ich würde
verlegen sein, irgend eine Leistung meinerseits zu entdecken, die mir
ein Anrecht auf eine besondere Anerkennung gäbe.’

,Oh, keine falsche Bescheidenheit! ich habe Adele examiniert und
mich überzeugt, daß Sie sich große Mühe mit ihr gegeben haben;
sie ist nicht befähigt, hat auch keine Talente und hat doch in kurzer
Zeit große Fortschritte gemacht.’

,Ich danke, mein Herr; ich habe soeben mein Geschenk erhalten,
denn das Lob über die Fortschritte ihrer Schüler schätzen Lehrer am
höchsten.

,Hm!' sagte Mr. Rochester und trank schweigend seinen Thee.
Der Theetisch wurde abgeräumt, Mrs. Fairfax setzte sich mit
ihrem Strickzeug in eine Ecke und Adele nahm mich an die Hand
und führte mich im Zimmer umher, mir alle die schönen Bücher,
Schmuckgegenstände, Consolen und Möbel zeigend.

,Kommen Sie hier an das Feuer, sagte plötzlich Mr. Rochester.
Wir gehorchten pflichtmäßig. Adele wollte sich auf meinen Schoß
setzen, aber er befahl ihr, sich mit Pilot zu unterhalten.

,Sie sind drei Monate hier im Hause?
,Ja, Herr.
,Und Sie kamen aus-?

,Aus der Lowoodstiftung in -shire.
,Eine Wohlthätigkeitsanstalt. Wie lange waren Sie dort?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. ich sollte
denken, die Hälfte der Zeit müßte genügen, um die Kräftigsten zu
Grunde zu richten. Da wundert es mich nicht mehr, daß Sie aussehen, als gehörten Sie einer anderen Welt an. Ich habe mir schon
den Kopf zerbrochen, woher Ihr Gesicht stammt. Als Sie mir gestern
auf dem Wege nach Hay begegneten, dachte ich unwillkürlich an
Märchenerzählungen, und hatte große Lust, Sie zu fragen, oh sie mein
Pferd behext hätten; ich bin auch noch nicht ganz klar darüber. Wer
sind Ihre Eltern.'
,Ich habe keine.
,Haben auch niemals welche gehabt, wie mir scheint. Erinnern
Sie sich ihrer?
,Nein.
,Das dachte ich mir. Sie warteten also auf die Ihrigen, als
Sie auf dem Steine saßen?
,Auf wen, mein Herr?
,Auf die Elfen; es war ein herrlicher Mondscheinabend für Euer
Treiben. Habe ich einen Ihrer Kreise gestört, daß Sie dies verdammte Eis auf den Weg zauberten?

Ich schüttelte den Kopf. ,Die Elfen haben England schon vor
hundert Jahren verlassen,' sagte ich, so ernsthaft redend wie er selbst.
,Nicht einmal auf jenem Pfade oder den umliegenden Feldern werden
sie noch eine Spur von ihnen finden. ich denke, der Mond wird
ihren Reigen zu keiner Jahreszeit mehr bescheinen.'
Mrs. Fairfax ließ ihr Strickzeug in den Schoß fallen und
hörte mit weit aufgerissenen, verwunderten Augen dieser ihr unverständlichen Unterhaltung zu.

,Nun wohl,' fuhr Mr. Rochester fort, wenn Sie Ihre Eltern
verleugnen, so müssen Sie wenigstens Verwandte haben, Onkel und
Tanten.
,Nein, ich kenne keine.
,Und wo ist Ihre Heimat?

,Ich habe keine.
,Wo leben Ihre Geschwister?
,Ich habe keine Geschwister.
,Wer empfahl Ihnen diese Stellung hier?
,Ich inserierte im -shire Herald, und Mrs. Fairfax nahm von
meinem Inserate Notiz, trat mit mir in Korrespondenz und engagierte
mich.

,Ja, sagte die gute Dame, welche nun sicheren Boden in der
Unterhaltung fühlte, ,und ich bin der Vorsehung täglich dankbar,
daß sie mich eine so gute Wahl treffen ließ. Miß Eyre war für mich
eine unschätzbare Gesellschafterin und für Adele eine gütige, sorgsame
Lehrerin.'
,Geben Sie sich keine Mühe, sie herauszustreichen,' versetzte
Mr. Rochester, mich bestechen solche Lobeserhebungen nicht, ich urteile
nach eigener Beobachtung. Sie begann damit, mein Pferd zu Falle
zu bringen.
,Sie, Herr? fragte Mrs. Fairfax.
,Ich verdanke ihr diese Verstauchung.

Die Witwe sah ihn erschreckt an.
,Haben Sie jemals in einer Stadt gelebt, Miß Eyre?’
,Nein, Herr.
,Haben Sie sich viel in der Gesellschaft bewegt?’
,Nur unter meinen Zöglingen und den Lehrerinnen in Lowood;
außer ihnen kenne ich nur die Bewohner von Thornfield.’

,Haben Sie viel gelesen?’
,Nur die Bücher, welche mir gerade in den Weg kamen, und
sie waren weder zahlreich noch besonders gelehrt.
,Sie haben wie eine Nonne gelebt und werden ohne Zweifel
im religiösen Formenwesen sehr geschult sein. Brocklehurst, der
wie ich hörte, Vorsteher von Lowood ist, ist ein Geistlicher, nicht wahr?’

,Ja, mein Herr.
,Und Ihr jungen Mädchen verehrtet ihn natürlich, wie die
Nonnen eines Klosters ihren Oberhirten anbeten.'
,Oh, nein.’
,Sie sind sehr kühl. Nein! Wie? Eine Novize, die ihren
Priester nicht anbetet! Das klingt wie eine Lästerung.’

,Mir war Mr. Brocklehurst zuwider, und ich stand mit diesem
Gefühl nicht allein. Er ist ein harter Mann, prahlerisch und intrigant; er ließ uns unser Haar abschneiden und kaufte uns aus Sparsamkeit schlechten Zwirn und schlechte Nadeln, mit denen wir kaum
nähen konnten.’
,Das war eine sehr falsche Sparsamkeit,’ bemerkte Mrs. Fairfax,
die jetzt den Faden der Unterhaltung wieder fand.
,Und welches war sein Hauptvergehen?’ fragte Mr. Rochester.

,Er ließ uns hungern, so lange er noch allein über die Verpflegung zu bestimmen hatte, bevor ein Komite eingesetzt war. Dann
langweilte er uns jede Woche mit einer langen Strafpredigt, und
quälte uns damit, daß wir des Abends Bücher lesen mußten, die er
selbst verfaßt hatte, und die über den plötzlichen Tod und schreckliches
Gericht in jener Welt handelten. Wir fürchteten uns nach dieser
Lektüre immer zu Bett zu gehen.’

,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?’
,Ungefähr zehn Jahre.’

,Und Sie blieben dort acht Jahre, folglich sind Sie achtzehn
Jahre alt.
Ich stimmte zu.
,Die Rechenkunst ist nützlich, wie Sie sehen; ohne Ihre Hülfe
würde ich Ihr Alter kaum erraten haben. Bei Ihren beweglichen
Gesichtszügen und dem ewig wechselnden Ausdruck Ihrer Augen ist
es schwer, das Alter festzustellen. Und nun, was haben Sie in
Lowood gelernt? Können Sie Klavier spielen?’
,Ein wenig.’
,Natürlich! Das ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in
die Bibliothek- ich meine, wenn Sie die Güte haben wollen.
Entschuldigen Sie meinen befehlenden Ton; ich bin so daran gewöhnt,
und kann meine Gewohnheiten um einer neuen Hausgenossin willen
nicht ändern. Gehen Sie also in die Bibliothek, nehmen Sie ein
Licht mit, lassen Sie die Thür offen, setzen Sie sich an den Flügel
und spielen Sie etwas.’
Ich ging und gehorchte seinem Befehl.
,Genug!' rief er nach wenigen Minuten. ,Sie spielen ein
wenig, höre ich; wie jedes andere englische Schulmädchen; vielleicht
eine Kleinigkeit besser, als die meisten, aber nicht besonders gut.
-
behauptete, sie seien von Ihrer Hand. Ich weiß nicht, ob Sie dieselben allein gemacht haben, vermutlich hat Ihnen ein Lehrer dabei
geholfen.
,Nein, keineswegs! rief ich heftig.

,Aha, das verletzt den Stolz! Wohl, holen Sie mir Ihre
Zeichenmappe, wenn Sie dafür gut sagen können, daß sie nur Originale enthält; aber verbürgen Sie sich nicht dafür, wenn Sie dessen
nicht ganz gewiß sind; ich erkenne Flickwerk unfehlbar heraus.’

,Dann will ich gar nichts sagen, und Sie mögen selbst urteilen.'

Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Schieben Sie den Tisch heran, sagte er; und ich rollte den
Tisch an die Ottomane. Adele und Mrs. Fairfax kamen näher, um
die Zeichnungen ebenfalls zu sehen.
,Nicht so nahe,' sagte Mr. Rochester; ,nehmt mir die Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin, aber kommt nicht
mit Euren Köpfen so nahe an mein Gesicht.’

Er prüfte bedächtig jedes Blatt. Drei Blätter legte er beiseite,
die anderen schob er fort.

,Nehmen Sie diese auf den andern Tisch,' sagte er zu Mrs.
Fairfax, ,und betrachten Sie sie dort mit Adele; Sie,' fuhr er mich
ansehend fort, ,behalten Ihren Platz und beantworten meine Fragen.
Ich sehe diese Malereien sind unter ein und derselben Hand entstanden; war das die Ihrige?’

,Ja.’
,Und wo haben Sie die Zeit dazu hergenommen? Denn sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken gekostet.

,ich habe sie in Lowood in den beiden letzten Ferien gemacht,
wo ich keine andere Beschäftigung hatte.

,Wo haben Sie Ihre Vorlagen hergenommen?’
,Aus meinem eigenen Kopfe.’
,Beherbergt dieser Kopf noch mehr dergleichen?’
,Ich denke wohl; hoffentlich beherbergt er noch manches Bessere.
Er breitete die Gemälde wieder vor sich aus und betrachtete sie
aufs neue nach einander.

Während er so beschäftigt ist, will ich Dir, lieber Leser, erzählen,
was sie darstellen, doch muß ich zuvor bemerken, daß sie nichts Bewundernswertes sind. Was sie darstellten, hatte in der That lebhaft
vor meiner Seele gestanden; ich sah es klar und deutlich mit meinem
geistigen Auge, bevor ich es zu verkörpern suchte; aber meine Hand
kam meiner Phantasie nicht nach, und ich brachte in jedem Falle nur
ein schwaches Abbild dessen zu stande, was mir vorschwebte. Die
Gemälde waren in Wasserfarben. Das erste stellte eine bewegte See
dar, über der niedrige und schwere Wolken lagen; der ganze Hintergrund war dunkel und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die erste
Welle, denn Land war nirgend auf dem Bilde. Ein Lichtstrahl beleuchtete einen halb versunkenen Mast, auf dem ein dunkler, großer
Seerabe mit von Schaum bedeckten Schwingen saß; in seinem Schnabel
hielt er ein mit Juwelen besetztes Armband, das ich mit den glänzendsten
Farben gemalt hatte, die meine Palette enthielt, und so hervortretend,
wie ich es nur im stande war. Hinter dem Mast und Vogel sah
man durch das grüne Wasser eine im Untersinken begriffene Leiche;
das einzige Glied derselben, welches man noch deutlich erkennen
konnte, war ein schöner Arm, dem das Wasser oder der Rabe das
Armband entrissen haben mußte. Das zweite Gemälde zeigte im
Vordergrund die Spitze eines Hügels, der mit Gras bewachsen war.
Darüber und darunter breitete sich der Himmel aus, so dunkelblau,
wie er um die Dämmerungszeit auszusehen pflegt. In dem Blau
des Himmels zeichnete sich eine Frauengestalt ab, für die ich die
Farben so zart gemischt hatte, wie ich es irgend vermochte. Die
blasse Stirn war von einem Sterne gekrönt; ihre übrigen Züge waren
wie vom Nebel verhüllt; die Augen blickten düster und wild; das
Haar umfloß sie wie ein dunkler Schatten, wie eine Wolke, welche
der Sturm zerrissen hatte; auf dem Nacken lag ein blasser Schein,
wie vom Licht des Mondes und derselbe Schein streifte die dünnen
Wolken, aus denen die Erscheinung des Abendsterns auftauchte. Das
dritte Bild zeigte die Spitze eines Eisbergs, welche den nordischen
Winterhimmel durchdrang; ein Nordlicht am Horizont warf seine
blassen Strahlen auf den Hintergrund. Im Vordergrund erhob sich
ein Kopf, ein kolossaler Kopf, der dem Eisberg zugeneigt war und
sich an ihn anlehnte. Zwei dünne Hände stützten den Kopf und verhüllten den unteren Teil des Gesichts mit einem schwarzen Schleier;
der obere war blutlos und totenblaß, und aus ihm blickte ein Auge
hervor, das hohl und starr aussah, aber in dem dennoch die Verzweiflung zu erkennen war. Über den Schläfen, zwischen den Falten
der turbanartigen Kopfbedeckung, schimmerte matt ein weißer Flammenring hindurch, auf den mitunter ein hellerer Lichtstrahl fiel. Dieser
blasse Reifen war ,das Abbild einer Königskrone', und was sie
krönte war der Schatten des Todes.

,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?'
,Ich war ganz in die Idee versenkt und war auch glücklich, ja;
denn sie zu malen, war einer der höchsten Genüsse, die ich kannte.’

,Das will nicht viel sagen, denn nach Ihrer eigene: Erzählung
haben Sie in Ihrem Leben noch nicht viele Genüsse kennen gelernt;
aber ich glaube, Sie lebten gewissermaßen in einem künstlerischen
Traumlande, während Sie Ihre Farben mischten und diese wunderbaren Bilder entwarfen. Haben Sie viele Stunden am Tage daran
gemalt?’
,Ich hatte in den Ferien weiter nichts zu thun, und so malte
ich vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zum Abend;
die Länge der Tage begünstigte meine Arbeitslust.

,Und Sie waren zufrieden mit dem Erfolge ihrer Arbeit?
,Durchaus nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und ihrer
Ausführung quälte mich. Ich konnte in keinem Falle erreichen, was
mir vorschwebte.’

,Sie übertreiben, aber Sie haben wahrscheinlich nur den Schatten
ihrer Vorstellungen festhalten können. Sie sind nicht künstlerisch gebildet genug, um mehr erreichen zu können, aber für ein Schulmädchen sind ihre Zeichnungen hervorragend, und die Gedanken, die zu Grunde liegen, find elfenhaft. Diese Augen im Abendstern müssen
Sie im Traume gesehen haben. Wie konnten Sie ihnen einen so
klaren Blick geben, ohne sie glänzend zu machen? Denn der Stern
über ihnen dämpft ihren Glanz. Und welcher Ausdruck liegt in
ihrer ernsten Tiefe? Und wer lehrte Sie den Wind zu malen?
Über diesen Himmel und Hügel jagt der Wind hin. Wo haben Sie
Latmos gesehen? Denn das ist Latmos. Hier- nehmen Sie die
Zeichnungen fort.’

Ich hatte kaum die Bänder meiner Mappe zugebunden, als er
nach seiner Uhr sehend, plötzlich sagte:

,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Adele so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.
Adele gab ihm einen Kuß, ehe sie das Zimmer verließ. Er
duldete die Liebkosung, aber sie schien ihm kaum so zu behagen, als
wenn Pilot ihn umschmeichelte.

,Ich wünsche Ihnen Allen jetzt gute Nacht, sagte er, eine Bewegung mit der Hand nach der Thür machend, welche andeutete,
daß er unserer Gesellschaft müde war und uns zu entlassen wünschte.
Mrs. Fairfax legte ihr Strickzeug zusammen, ich nahm meine Mappe,
wir verbeugten uns, empfingen eine frostige Verbeugung als Erwiderung und zogen uns zurück.

,Sie sagten, Mr. Rochester hätte keine auffallenden Sonderbarkeiten, Mrs. Fairfax,'' bemerkte ich, als ich die alte Dame in ihrem
Zimmer aufsuchte, nachdem ich Adele zu Bett gebracht hatte.
,Ja; hat er denn welche?
,Ich denke doch; er ist sehr launenhaft und barsch.
,Nun, einem Fremden mag er wohl so erscheinen; ich bin an
sein Wesen gewöhnt und mache mir keine Gedanken darüber; auch
verdient er wohl Nachsicht, wenn er Eigentümlichkeiten hat.

,Weshalb?’
,Einmal, weil sie ihm angeboren sind, und niemand kann wider
seine Natur, dann aber auch, weil er sicher trübe Gedanken hat,
welche ihn quälen und seine Stimmung ungleich machen.
,Worüber denn trübe Gedanken.
,Er hat Kummer in seiner Familie.
,Ich denke, er hat keine Familie.
,Jetzt nicht mehr. Sein ältester Bruder starb vor einigen Jahren.
,Sein älterer Bruder?
,Ja, der jetzige Mr. Rochester ist noch nicht lange im Besitz des
Gutes, etwa erst seit neun Jahren.

,Neun Jahre sind eine lange Zeit. Hat er seinen Bruder so
sehr geliebt, daß er jetzt noch untröstlich über seinen Verlust ist?

,Das wohl nicht. ich glaube sogar, die Brüder verstanden sich
nicht recht; und der alte Mr. Rochester war auch nicht gerecht gegen
Mr. Edward; er bevorzugte immer den älteren Sohn. Mr. Edward
hatte viel zu leiden; er ist nicht sehr nachgiebig und brach mit seiner
Familie; dann führte er mehrere Jahre hindurch ein unstätes Leben.

Ich glaube, daß er seit dem Tode seines Bruders sich noch nicht
vierzehn Tage hinter einander in Thornfield aufgehalten. Es ist
auch kein Wunder, daß er Thornfield meidet.

,Warum sollte er es meiden?
,Es kommt ihm vielleicht düster vor.
Die Antwort war ausweichend; ich hätte gern mehr erfahren,
aber Mrs. Fairfax konnte oder durfte keine nähere Auskunft über
die Prüfungen geben, die Mr. Rochester durchgemacht hatte. Sie
gab vor, daß sie ihr selbst ein Geheimnis wären, und daß sie nur
von anderen gehört hätte, was sie etwa wüßte. Es war augenscheinlich, daß sie wünschte, ich möchte das Gespräch fallen lassen, was ich
natürlich auch that.



Vierzehntes Kapitel.

Während der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester nur flüchtig
Vormittags schien er sehr von Geschäften in Anspruch genommen zu
sein und nachmittags hatte er häufig Besuch von Herren aus Millcote
und der Nachbarschaft, die zuweilen zum Mittagessen bei ihm blieben.
Als seine Verstauchung sich besserte, ritt er viel aus; wahrscheinlich
erwiderte er die Besuche seiner Nachbarn, denn er kam oft erst spät
in der Nacht zurück.

Während dieser Zeit schickte er sogar selten nach Adele und mein
Verkehr mit ihm beschränkte sich auf gelegentliche Begegnungen in
der Halle, auf der Treppe oder im Korridor; er ging dann vornehm
und kalt an mir vorüber, nur durch ein Kopfnicken oder einen kalten
Blick, zuweilen freilich auch durch eine Verbeugung und ein höfliches
Lächeln zu erkennen gebend, daß er mich bemerke. Seine wechselnde
Laune beleidigte mich nicht, weil ich sah, daß sie mich nichts anging
und daß ihre Ebbe und Flut von Dingen abhing, die zu mir in
keiner Beziehung standen.

Eines Tages gab er ein Diner und sandte im Verlaufe desselben
nach meiner Zeichenmappe, wahrscheinlich um ihren Inhalt zu zeigen.
Die Herren brachen zeitig auf, um, wie mir Mrs. Fairfax mitteilte,
einem Verein in Millcote beizuwohnen, aber Mr. Rochester begleitete
sie nicht, weil das Wetter regnerisch und rauh war. Bald nachdem
sie fort waren, ertönte die Glocke, und ich empfing die Weisung, mit
Adele hinunter zu kommen. Ich bürstete Adeles Haar und machte
sie nett, dann versicherte ich mich selbst, daß mein Anzug in seiner
gewöhnlichen Ordnung war und wir gingen hinab. Adele erging
sich auf der Treppe in Vermutung, ob wohl der kleine Koffer endlich
angekommen sei, dessen Ankunft sich durch ein Mißverständnis bis jetzt
verzögert hatte. Sie wurde zufriedengestellt, denn es stand ein
kleiner Karton auf dem Tische, als wir in das Zimmer traten. Sie
schien ihn instinktmäßig als den ihrigen zu erkennen.
,Ma boîte, ma boîte’ rief sie, darauf zueilend.
,Ja- da ist Deine ,boîte’ endlich; nimm sie in irgend eine
Ecke, Du schlaue Pariserin, und unterhalte Dich damit, sie auszupacken, sprach Mr. Rochesters tiefe, etwas spöttische Stimme aus
der Tiefe eines Lehnstuhls hervor, der am Kamin stand. ,Und laß
Dir gesagt sein,’ fuhr er fort, ,daß Du mich nicht mit Deinem Geschwätz über den Inhalt der Schachtel u. s. w. langweilst; verhalte
Dich still - tiens-toi tranguille, enfant; comprends tu?
Adele schien dieser Warnung garnicht zu bedürfen; sie zog sich
schon mit ihrem Schatzkästlein auf das Sopha zurück und war eifrig
beschäftigt, die Schnur zu lösen, welche dasselbe verschloß. Nachdem
sie dieses Hindernis beseitigt und einige in Silberpapier eingewickelte
Packete geöffnet hatte, rief sie fröhlich aus:
,Oh. Ciel! Que c’est beau!’ und blieb dann still in begeisterte
Bewunderung versunken.

,Ist Miß Eyre hier?’ fragte jetzt Mr. Rochester, indem er sich
halb von seinem Sitze erhob, um sich nach der Thür umzusehen, an
welcher ich noch stand.
,Ah, gut! Kommen Sie näher und setzen Sie sich hierher,’
sagte er, einen Stuhl an den seinigen heranziehend., Ich liebe
Kindergeschwätz nicht,! fuhr er fort; ,für einen alten Junggesellen,
wie mich, wäre es unerträglich, einen ganzen Abend allein mit dieser
Brut verbringen zu müssen. Rücken Sie den Stuhl nicht weiter ab,
Miß Eyre, setzen Sie sich genau da hin, wo ich ihn hingestellt habe
- das heißt, wenn es Ihnen gefällig ist. Diese verwünschten Höflichkeitsformen vergesse ich regelmäßig! Aber ich wollte noch sagen,
daß ich außer der Unterhaltung mit Kindern auch die mit beschränkten
alten Damen nicht besonders liebe; trotzdem muß ich aber meine alte
Dame herbitten lassen; es würde unrecht sein, sie zu vernachlässigen,
denn sie ist eine Fairfax oder war wenigstens an einen Fairfax verheiratet, und ein altes Sprichwort sagt: Blut ist dicker als Wasser.
Er klingelte und übersandte eine Einladung an Mrs. Fairfax;
diese erschien denn auch bald mit ihrem Strickkorbe.

,Guten Abend, Madame; ich bat Sie hierher zu kommen, weil
ich Sie um ein Werk der Barmherzigkeit ersuchen möchte; ich habe
nämlich Adele verboten, über ihre Geschenke zu mir zu reden, und
sehe ihr nun an, daß sie, vor Verlangen sich auszusprechen, fast vergeht; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin zu dienen, sie werden
damit eine der edelsten Thaten begehen, die Sie jemals vollbracht
haben.’

Adele hatte in der That Mrs. Fairfax kaum gesehen, als sie dieselbe auch schon zu sich an das Sopha rief und ihren Schoß mit alle
dem porzellanenen, elfenbeinernen und wächsernen Inhalt ihrer ,boîte’
füllte, indem sie zugleich erklärende oder entzückte Äußerungen in dem
gebrochenen Englisch that, das ihr zu Gebote stand.

,Nun habe ich den Pflichten eines guten Wirtes genügt,' sagte
Mr. Rochester, ,habe meinen Gästen die Gelegenheit gegeben, sich
mit einander zu amüsieren, jetzt darf ich mir auch die Freiheit nehmen,
an mein eigenes Vergnügen zu denken. Miß Eyre, rücken Sie Ihren
Stuhl noch etwas näher, Sie sitzen so im Schatten, daß ich Sie
nicht sehen kann, ohne meine bequeme Lage in diesem Stuhle aufzugeben, und das zu thun, bin ich nicht willens.

Ich that, was er wünschte, obgleich ich lieber meinen dunklen
Platz behalten hätte, aber Mr. Rochester sprach seine Befehle so bestimmt aus, daß es selbstverständlich schien, ihm ohne Widerrede zu
gehorchen.

Wir befanden uns im Eßzimmer, der Kronleuchter, den man
des Diners wegen angezündet hatte, erfüllte den Raum mit festlichem Glanze; das Feuer im Kamin strahlte in rotem Lichte, die
purpurnen Gardinen hingen in reichen Falten von den hohen Fenstern
und der noch höheren Thüre hernieder; alles war still, bis auf das
leise Geplauder von Adele (sie wagte nicht laut zu reden) und den
Regen, welcher an die Scheiben schlug.

Mr. Rochester sah in seinem roten Lehnstuhl ganz anders aus,
als ich ihn bisher gekannt hatte, nicht halb so streng und mürrisch;
auf seinen Lippen lag ein Lächeln und seine Augen glänzten; ob infolge des genossenen Weines, weiß ich nicht, doch ist es sehr wahrscheinlich. Er war mitteilsamer und heiterer in dieser Nachmittagstimmung, als in seiner frostigen Vormittagslaune, dennoch sah er
streng aus, wie er jetzt seinen mächtigen Kopf gegen die schwellenden
Kissen des Polsterstuhls lehnte und das Feuer seine erzenen Gesichtszüge und seine großen, dunklen Augen hell beschien- denn er hatte
große, dunkle, sogar schöne Augen, in denen zuweilen ein Ausdruck
lag, der, wenn er nicht von Weichheit und Herzensgüte zeugte, doch
wenigstens daran erinnerte.
Er sah mehrere Minuten hindurch in das Feuer und ich sah
während derselben Zeit ihn an, als er sich plötzlich umwandte und
meinen forschend auf ihn gerichteten Blick bemerkte.
,Sie beobachten mich, Miß Eyre,' sagte er, ,halten Sie mich
für hübsch?’
Bei einiger Überlegung würde ich auf diese Frage irgend eine
unbestimmte, höfliche Antwort gegeben haben, aber so kam mir fast
unbewußt die Antwort: ,Nein, Herr,' über die Lippen.
,So! Auf mein Wort, Sie find ein eigentümliches Wesen!' sagte
er. ,Sie sehen wie eine kleine Nonne aus: zierlich, ruhig, ernst und
einfach; wenn Sie so da sitzen mit gefalteten Händen, die Augen
meist auf den Boden geheftet (ausgenommen, wenn sie durchdringend
auf mich gerichtet sind, wie z. B eben jetzt, und wenn man Sie fragt
oder eine Bemerkung macht, auf die Sie zu antworten genötigt sind,
so geben Sie eine so unumwundene Erwiderung, die, wenn nicht
unhöflich, so doch barsch ist. Was ist Ihre Absicht dabei.
,Ich war zu geradezu, Herr, und bitte um Entschuldigung. Ich
hätte sagen sollen, daß es nicht leicht sei, über das Aussehen eines
Menschen ein schnelles Urteil zu fällen; daß der Geschmack verschieden
sei, daß die Schönheit keinen Wert habe, oder etwas Ähnliches.

,Dergleichen hätten Sie nicht antworten sollen. Die Schönheit
keinen Wert haben, wahrhaftig! Unter dem Vorwande, die Beleidigung auszulöschen und mich zu beruhigen, stoßen Sie mir ein feines
Messer ins Ohr. Fahren Sie nur fort; was gefällt Ihnen nicht an
mir, bitte? Ich denke doch, meine Gliedmaßen und Gesichtszüge sind
wie die jedes anderen Mannes.

,Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen, ich beabsichtigte nicht zu verletzen, es war nur eine Unbeholfenheit.

,Gewiß; das denke ich auch, und Sie sollen mir Genugthuung
geben, indem Sie mir sagen, was Ihnen nicht an mir gefällt.

Er strich seine wolligen Haarmassen zurück, welche die Stirn
verdeckten, und zeigte, daß sie hoch und geistreich war, wenn auch für
das Organ des Wohlwollens kein platz auf ihr zu sein schien.
,Nun, Miß, gehöre ich zu den Einfältigen?

,Gewiß nicht, Herr. Aber Sie werden mich vielleicht für
unhöflich halten, wenn ich zurückfrage, ob Sie ein Menschenfreund
sind?

,Da - schon wieder ein Stich mit dem Federmesser, obgleich
sie sich den Anschein giebt, als wollte sie mich streicheln; und warum?
- weil ich gesagt habe, ich liebe nicht die Gesellschaft von Kindern
und alten Weibern (leise sei es gesagt!s. Nein, meine junge Dame,
ich bin im ganzen kein Menschenfreund, aber ich habe ein Gewissen;
und er deutete auf die Erhebungen auf seinem Schädel, welche vorzugsweise der Sitz der Eigenschaften sein sollen, aus denen sich das
Gewissen zusammensetzt, und die, glücklicherweise für ihn, sehr hervortretend waren und seinem Kopf in der That eine bemerkliche Breite
gaben. ,Als ich so alt wie Sie war, gab es in meinem Herzen noch
eine Art rauher Zärtlichkeit, ich war ein ganz gefühlvoller Junge
und hatte besonders Teilnahme für die Unmündigen, Hungernden
und Unglücklichen; aber das Leben hat mir seitdem arg mitgespielt,
hat mich gestoßen und betrogen, und jetzt hoffe ich so hart zu sein,
wie die Kugel eines indianischen Räubers; unverwundbar, einige
kleine schwache Stellen ausgenommen und mit nur einem fühlenden
Punkt im ganzen Menschen. Ist da noch Hoffnung für mich vorhanden?
,Hoffnung, Herr? Hoffnung, worauf?
,Auf meine Rückverwandlung aus einem indianischen Räuber in
einen Menschen.'

Sicher hat er zu viel getrunken, dachte ich bei mir, denn ich
wußte nicht, was ich aus seiner sonderbaren Frage machen sollte.

,Sie sehen jetzt sehr verlegen aus, Miß Eyre, und obgleich Sie
durchaus nicht hübscher sind, als ich, steht Ihnen die Verlegenheit
doch sehr gut; außerdem ist sie mir angenehm, denn sie zieht ihre
durchdringenden Augen von meinem Gesicht ab und fesselt sie an die
verblühten Blumen des Teppichs. Ich bin heute in geselliger und
mitteilsamer Stimmung, meine junge Dame.

Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Sitze und
stellte sich an den Kamin, einen Arm auf dessen Sims stützend. In
dieser Stellung konnte man seine Figur ebenso deutlich sehen, wie
sein Gesicht, und die unverhältnismäßige Breite derselben im Vergleich zu ihrer Größe fiel sehr in die Augen. Ich glaube sicher, die
meisten Menschen würden ihn für einen häßlichen Mann gehalten
haben; und doch lag in seiner Haltung so viel Stolz und Ungezwungenheit, so viel Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung, so viel
Zuversicht und männliche Kraft, daß sie für ein anziehendes Äußere
entschädigen konnten, und daß man in einem gewissen, wenn auch beschränkten Sinne, Vertrauen zu ihm gewann.

,Ich bin heute Abend in geselliger und mitteilsamer Stimmung,
wiederholte er; ,und deshalb habe ich Sie rufen lassen. Das Kaminfeuer und die Lichte waren keine ausreichende Gesellschaft für mich;
auch Pilot nicht, denn sie können alle nicht sprechen. Adele wäre
schon um einen Grad besser, aber mir noch nicht genügend, und
Mrs. Fairfax gleichfalls; Sie können mich unterhalten, wenn Sie
wollen, davon bin ich überzeugt; Sie verstanden es, mich zu interessieren, als ich Sie das erste Mal hier herunter bitten ließ. Seitdem habe ich Sie fast vergessen; mir gingen andere Dinge durch
den Kopf; aber heute bin ich entschlossen, es mir behaglich zu machen,
alles Lästige von mir zu weisen und zu thun, was mir gefällt. Es
gefällt mir aber, Sie auszuforschen, etwas über Sie zu erfahren -
darum sprechen Sie.

Statt zu sprechen, lächelte ich, und zwar weder sehr höflich noch
sehr unterwürfig.
,Sprechen Sie,' drängte er.
,Worüber, Herr?
,Worüber es Ihnen beliebt. Ich überlasse Ihnen die Wahl
des Themas sowohl, wie die Art es zu behandeln.'

Natürlich schwieg ich still und dachte nur: Er verlangt von
mir, daß ich nur reden soll, um zu reden, oder um meine Kenntnisse
auszukramen, aber ich werde ihm zeigen, daß er sich verrechnet hat.

,Sie sind stumm, Miß Eyre.
Ich blieb stumm. Er beugte seinen Kopf etwas vor und suchte
mit einem durchdringenden, schnellen Blicke meine Gedanken zu erforschen.
,Hartnäckig?' sagte er, ,und ärgerlich. Ah, es ist klar; ich
stellte meine Forderung in einer unpassenden, verletzenden Art. Ich
bitte um Entschuldigung, Miß Eyre. Es ist meine Absicht nicht, ein
für allemal sei es gesagt, Sie wie eine Untergebene zu behandeln;
das heißt,'! verbesserte er sich selbst, ,ich beanspruche nur das Übergewicht, welches mir zwanzig Jahre Altersverschiedenheit und meine
sehr weit reichenden Erfahrungen geben. Dazu bin ich berechtigt,
und I'z tiens,? um mit Adele zu reden, und im Sinne dieser Überlegenheit allein bitte ich Sie, jetzt zu mir zu sprechen und meine
Gedanken etwas zu zerstreuen, die müde vom Grübeln über ein und
dasselbe Thema sind.'
Er hatte sich zu einer Erklärung, gewissermaßen sogar zu einer
Abbitte herabgelassen. Ich war nicht unempfänglich gegen diese Nachgiebigkeit und wollte es auch nicht scheinen.

,Ich bin bereit, Sie zu unterhalten, Herr; gern bereit, aber ich
kann kein Thema anregen, denn wie kann ich wissen, was Sie interessiert? Fragen Sie mich und ich will antworten, so gut ich es
vermag.

,Dann also zuerst: stimmen Sie mit mir in der Ansicht überein,
daß ich ein Recht habe, etwas gebieterisch und kurz in meinen Forderungen zu sein, aus dem schon angeführten Grunde, daß ich alt genug
bin, um Ihr Vater sein zu können, und daß ich mich mit vielen
Menschen und Nationen umhergeschlagen und, den ganzen Erdball
durchstreifend, Erfahrungen gesammelt habe, während Sie ruhig unter
denselben Menschen und demselben Dache gewohnt haben?

,Thun Sie, was Ihnen beliebt, Mr. Rochester.
,Das ist keine Antwort oder ist vielmehr eine sehr verletzende,
weil sie sehr unbestimmt ist- antworten Sie ohne Umschweife.
,Ich denke, Herr, daß Ihr höheres Alter und Ihre reichere Erfahrung Ihnen noch kein Recht giebt, mir Befehle zu erteilen. Ihr
Recht, sich über mich zu stellen, hängt davon ab, welchen Gebrauch
Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht haben.
, Dm, das ist deutlich gesprochen. Aber ich kann diese Ansicht
nicht gelten lassen, sie findet keine Anwendung auf mich, weil ich von
beiden Vorzügen oft gar keinen Gebrauch gemacht habe. So wollen
wir denn die Rechtsfrage unörtert lassen, aber Sie müssen mir versprechen, mitunter meinen Befehlen zu gehorchen, ohne empfindlich
oder durch meine Art und Weise beleidigt zu sein- wollen Sie das?

Ich lächelte und dachte bei mir selbst: Mr. Rochester ist
sonderbar - er scheint ganz und gar zu vergessen, daß er mir jährlich H0 Pfund bezahlt, damit ich seinen Befehlen gehorche!
,Es ist schön, daß Sie lächeln,! sagte er, augenblicklich diesen
vorübergehenden Ausdruck auf meinem Gesichte bemerkend, ,aber
Sie müssen auch sprechen.'

,Ich dachte eben daran, daß es wohl wenig Herren geben
möchte, die sich darum kümmern, ob ihre bezahlten Untergebenen
durch ihre Befehle verletzt werden oder nicht.

,Bezahlte Untergebene! Wie, find Sie meine bezahlte Untergebene? Ach, richtig, ich hatte den Gehalt vergessen. Schön, wollen
Sie aus diesem kaufmännischen Grunde darin willigen, daß ich zuweilen den Eisenfresser spiele?
,Nein, Herr, aus diesem Grunde nicht, wohl aber deshalb, weil
Sie ihn vergaßen, und danach fragen, ob jemand, der von Ihnen
abhängig ist, sich in dieser Abhängigkeit wohl befindet, deshalb
willige ich von Herzen ein.
,Und wollen Sie mir ein gutes Teil Redensarten erlassen,
ohne zu glauben, daß ich es nicht aus Unhöflichkeit an ihnen fehlen
lasse?
,Ich weiß ganz genau, daß ich Mangel an Förmlichkeit nie
mit Unhöflichkeit verwechseln könnte; Förmlichkeit liebe ich gar nicht,
aber Unhöflichkeit wird kein Freigeborener ertragen, selbst nicht für
Gehalt.

,Unsinn! Die meisten Freigeborenen thun für Gehalt alles;
darum sprechen Sie nur von Ihren eigenen Empfindungen und übertragen Sie dieselben nicht auf die Allgemeinheit, denn davon verstehen Sie gar nichts. Dennoch reiche ich Ihnen im Geiste die
Hand für Ihre Äußerung, obgleich sie durchaus nicht zutreffend ist;
auch die Art, in der sie ausgesprochen war, ist mir sympathisch, fie
war freimütig und aufrichtig; dieser Art begegnet man nicht oft, im
Gegenteil, man empfängt für seine Aufrichtigkeit oft Antworten,
welche Ziererei, Kälte, Dummheit oder grobes Mißverstehen der
wahren Meinung des Gesagten diktiert haben. Nicht drei unter dreitausend Gouvernanten würden mir so' geantwortet haben, wie Sie
soeben. Aber ich will Ihnen nicht schmeicheln; wenn Sie sich von
der Mehrzahl unterscheiden, so ist das nicht Ihr Verdienst, sondern
das der Natur. Außerdem ziehe ich zu schnelle Schlüsse, vielleicht
sind Sie auch nicht besser, als die übrigen; Sie können ja auch
unerträgliche Fehler haben, welche Ihren wenigen guten Seiten die
Wage halten.
Und das kann auch mit Dir der Fall sein, dachte ich. Als
dieser Gedanke mir durch den Sinn ging, begegnete mein Blick dem
seinigen; er schien ihn erraten zu haben, denn er beantwortete ihn,
als ob ich ihn ausgesprochen hätte.

,Ja, ja, Sie haben recht, sagte er; ich habe selbst viele Fehler;
ich weiß es und will sie nicht beschönigen; aber schlimme Erfahrungen
in meiner Jugend tragen mit die Schuld daran; ich hätte unter
anderen Verhältnissen ein ganz anderer Mensch werden können, so
gut, so fleckenlos und weiser wie Sie. ich beneide Sie um Ihre
Gemütsruhe, Kleine, um Ihr reines Gewissen Ihre ungetrübten
Erinnerungen. Ungetrübte Erinnerungen müssen eine unversiegbare
Quelle reiner Freuden sein. Ist dem nicht so?

,Welche Erinnerungen hatten Sie, als Sie, wie ich, achtzehn
Jahre alt waren?

,Ja, da war es anders; da war mein Gewissen so rein, wie
jetzt das Ihrige, Miß Eyre. Ich hatte von Natur keine schlimmen
Anlagen; ich hätte ein guter Mensch werden können, aber Sie sehen,
daß ich das nicht bin. Sie sehen es nicht, wollen Sie sagen, wenigstens glaube ich das in Ihren Augen zu lesen. Hüten Sie sich,
Ihre Gedanken durch die Augen auszudrücken, wenn Sie sie verbergen
wollen, denn ich verstehe diese Sprache sehr gut. ich gebe Ihnen
mein Wort, daß ich kein schlechter Mensch bin; kein größerer Sünder,
als so viele, die sich nicht beugen mögen, und starr an ihrem Willen
hängen, selbst wenn Unheil daraus entsteht. Wundern Sie sich, daß
ichIhnen das mitteile? Sie werden im Laufe Ihres Lebens von
Ihren Bekannten noch oft zur Vertrauten ihrer Geheimnisse gemacht
werden; sie werden so gut, wie ich, herausfinden, daß Sie keine
Anlage haben von sich zu reden, wohl aber Talent denen zuzuhören,
welche es thun; sie werden auch herausfühlen, daß Sie ihren Herzensergüssen nicht mit Übelwollen oder Spott, sondern mit innerlicher
Sympathie begegnen, die deshalb nicht weniger wohlthuend und ermutigend ist, weil sie mit ihren äußeren Kundgebungen zurückhält.

,Woher wissen Sie?- woher erraten Sie dies alles, Herr?
,ich weiß es ganz sicher, und darum spreche ich so offen zu
Ihnen, als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuchschriebe. Ich
hätte mich über die Verhältnisse erheben, hätte meinen Eigenwillen
unterdrücken müssen, wollen Sie sagen, - gewiß, ich hätte es thun
sollen; ich wollte, ich hätte es gethan! Gott weiß, wie innig ich es
wünsche. Aber als mir Unrecht geschah, war ich noch nicht weise
genug, ruhig zu bleiben, ich verzweifelte, und- wenn Ihnen die
Versuchung naht, fürchten Sie die Gewissensbisse, Miß Eyre, Gewissensbisse vergiften das Leben.
,Reue bringt Versöhnung, sagt man.
,Reue nicht- Besserung mag es thun. Aber wenn uns die
durch den Tod entrückt sind, an welchen wir ein Unrecht gutzumachen haben, was dann?

,Dann setze man diejenigen, welche ihnen lieb waren, zu Erben
seiner guten Vorsätze und Thaten ein, oder lasse sie der ganzen
Menschheit zu Gute kommen.

,Dann setze man diejenigen, welche ihnen lieb waren, zu Erben
seiner guten Thaten und Vorsätze ein,? wiederholte er wie träumend.
,Das ist mein Bemühen, kleine Weisheit, aber mein Gewissen fühlt
sich nicht erleichtert, weil ich die Unzurechnungsfähigen vor dem Verderben schütze oder die Unmündigen kleiden und erziehen lasse.'

Mein Blick suchte Adele.
,Ja, ja, sagte er, ,Sie haben recht, meine Gedanken stehen
im Zusammenhange mit ihr.
,Und wollen Sie weiter nichts an ihr thun, Herr, als sie kleiden
und erziehen lassen? Wollen Sie nicht auch versuchen, ihr die Liebe,
welche Eltern für ihre Kinder haben, durch warme Teilnahme wenigstens oder besser auch durch Liebe zu ersetzen.

,Teilnahme? Habe ich sie denn nicht für sie?
,Vielleicht; aber Sie geben sie dem Kinde nicht zu erkennen.
,Nicht zu erkennen! Ist sie nicht so eben beschäftigt mit den
Beweisen meiner Teilnahme und sind sie nicht vollkomnmen ausreichend,
um sie mit der höchsten Befriedigung zu erfüllen? sagte er mit einem
spöttischen Lächeln.

,h, Herr, Sie wollen mich nicht verstehen, oder Sie haben
keinen Begriff davon, wie wohlthuend für ein verwaistes Kinderherz
die Teilnahme und Liebe seiner Umgebung ist, wie unter ihrem
Sonnenschein die edelsten Blüten sich entfalten, und wie im Gegenteil Kälte und Gleichgültigkeit die schönsten Keime ersticken. Oh,
wenn Sie es lernten, Herr, sich die Liebe derer zu erwerben, denen
Sie Gutes thun, Sie würden einen Schatz beseligender, wohlthuender
Erinnerungen erwerben, die wohl im stande sein könnten, die trüben,
welche Sie quälen, zu verdrängen.

,Oh, Sie ernsthafter kleiner Prediger! Sie glauben an Ihre
Worte, ich weiß es,' sagte er, mich halb mitleidig, halb traurig, anblickend. ,Können Sie auch lachen, Miß Eyre, fragte er plötzlich.
,Sparen Sie sich die Antwort, - ich sehe Sie lachen selten, aber
Sie können sehr heiter lachen. Die Zurückhaltung, welche man Sie
in Lowood gelehrt, ist ihnen noch eigen und beherrscht Ihre Mienen,
dämpft Ihre Stimme und bestimmt Ihre Bewegungen und Sie sind
in Gegenwart eines Mannes, Vaters, Bruders oder Herren, wenn
deshalb küßte ich sie vielleicht heute inniger als gewöhnlich und sagte
in einem wärmeren Tone als sonst:

,Schlaf wohl, mein Liebling.
Sie schlang ihre Armchen um meinen Hals, drückte mich fest an
sich, und ,Je vous aime,’ flüsterte sie mir ins Ohr; ,dormez-bien,
ma chère Madamoiselle Jeannette.’



Fünfzehntes Kapitel.

Ich sah jetzt Mr. Rochester häufiger. Wenn Adele und ich spazieren gingen, so gesellte er sich mitunter zu uns, auch wurde ich
zuweilen in die Bibliothek entboten, um ihm vorzulesen; ich hatte
auch dann und wann Gelegenheit, ihn im Verkehr mit seinen Untergebenen zu beobachten. Er war gegen sie oft ungerecht streng, besaß
viel Stolz und Sarkasmus und eine Unduldsamkeit gegen geistige
Flachheit, die aller Beschreibung spottete; er war auch launisch und
unberechenbar in seiner Laune, sein Gesicht hatte oft einen mürrischen,
zuweilen einen fast bösen Ausdruck, aber trotz alledem konnte ich mich
der Überzeugung nicht erwehren, daß ihn nur ein widriges Geschick
zu dem gemacht hatte, was er jetzt zu sein schien, daß er von Natur
ein wohlwollendes Gemüt, einen für das Schöne und Gute empfänglichen Sinn und viele edle Eigenschaften besaß, welche nur die Verhältnisse zum Teil unterdrückt hatten und die Erziehung zum andern
Teil zu entwickeln versäumt hatte. Ich kann nicht leugnen, daß ich
ihn von Herzen beklagte und viel darum gegeben hätte, wenn ich ihn
hätte von dem Kummer befreien können, der auf ihm lastete; es war
die Dankbarkeit, welche mich das wünschen ließ, denn gegen mich
war er immer gütig, und wenn ich auch seine Fehler nie vergaß, so
verbanden sich mit seiner Erscheinung für mich doch so viele Erinnerungen an unterhaltende Gespräche und stets die Aussicht, aus seinem
reichen Schatz an Wissen und Erfahrung zu lernen, daß ich kein
Gesicht lieber sah, als das seinige und mir seine Gegenwart das
Zimmer mehr zu erhellen schien, als der hellste Lichterglanz. Die
Leichtigkeit seiner Manieren überwand meine Zurückhaltung; die
freundliche Offenheit, mit der er mich behandelte, zog mich zu ihm
hin. Ich hatte zuweilen das Gefühl, als sei er viel eher ein Verwandter von mir, als mein Herr; mitunter nahm er freilich auch
gegen mich einen gebieterischen Ton an, aber er verletzte mich nicht;
ich wußte, das war so seine Gewohnheit. Ich war so zufrieden mit
dem neuen Leben, das seine Anwesenheit in Thornfield hier schuf,
daß ich aufhörte, mich nach eigenen Verwandten zu sehnen; ich fühlte
mich befriedigt und das blieb nicht ohne günstigen Einfluß auf meine
Gesundheit; ich wurde stärker und kräftiger.
Eines Abends, als ich mich zu Bett gelegt und mein Licht bereits ausgelöscht hatte, überkam es mich wie eine Furcht, daß Mr.
Rochester abreisen könnte, und wir zu der früheren einförmigen Lebensweise zurückkehren müßten. Gewiß wird er bald wieder fortgehen,
dachte ich. Mrs. Fairfax sagt ja, daß er selten länger als vierzehn
Tage hier bleibt und jetzt ist er schon acht Wochen hier. Was mag
ihn diesem Hause so entfremden? Wenn er fortgeht und etwa den
Frühling, Sommer und Herbst hindurch fortbleibt, kann ich mir die
sonnigen und schönen Tage gar nicht froh denken.

Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Gedanken eingeschlafen war
oder nicht, wenigstens fuhr ich von meinem Lager empor und war
völlig wach, als ich ein sonderbares Geräusch über meinem Haupte,
wie es mir schien, vernahm; ein dumpfes, unverständliches Murmeln.
Ich wünschte, ich hätte mein Licht brennen lassen, denn die Nacht
war stockfinster. Ich setzte mich im Bett aufrecht und horchte. Das
Geräusch verstummte.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz klopfte ängstlich. Die Uhr in der Halle schlug zwei. Da war es mir, als ob
etwas den Korridor entlang schlich und sich mit den Händen an der
Wand entlang tastend, meine Stubenthür berührte. , Wer ist daR
rief ich. Niemand antwortete. Ich war von Furcht gelähmt.

Plötzlich fiel mir ein, daß es Pilot sein könnte; es kam nicht
selten vor, daß die Küchenthür ofen blieb, und er dann den Weg zu
Mr. Rochesters Zimmer suchte und sich auf dessen Schwelle niederlegte; ich selbst hatte ihn zuweilen dort gefunden, wenn ich morgens
vorüber ging. Dieser Gedanke beruhigte mich etwas, und ich legte
mich wieder nieder. Stille beruhigt die Nerven, und da jetzt wieder
im ganzen Hause vollkommene Ruhe herrschte, fühlte ich, daß auch
der Schlaf wiederkehrte. Aber das Schicksal wollte nicht, daß ich in
dieser Nacht schlafen sollte. Kaum war ich wieder in einen traumhaften Schlummer versunken, als ich aufs neue emporgeschreckt wurde;
dieses Mal durch ein dämonisches, leises, unterdrücktes Lachen, das
durch das Schlüsselloch iu mein Zimmer zu dringen schien und mir
das Mark erstarren machte. Das Kopfende meines Bettes war nahe
an der Thür, und ich dachte zuerst, der gespenstige Lacher stünde neben
mir oder kauerte neben meinem Kopfkissen; ich richtete mich anf,
blickte mich um, konnte aber nichts sehen; während ich noch ins Leere
starrte, wiederholte sich der unnatürliche Klang und ich wurde mir
bewußt, daß er von außen kam. Meine erste Regung war aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, meine zweite wieder zu rufen:
Wer ist da?
Ich hörte ein grollendes Gemurmel und bald darauf vernahm
ich Schritte nach der Treppe vom dritten Stockwerk zu; vor dieser
Treppe war kürzlich eine verschließbare Thür gemacht worden, die ich
öffnen und zuschlagen hörte, dann war alles still.

War das Grace Poole? und ist sie vom Teufel besessen? dachte
ich. Ich konnte nicht länger allein bleiben; ich mußte Mrs. Fairfax
aufsuchen. Ich warf eilig mein Kleid über, band ein Tuch um, schob
den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Draußen
auf dem Teppich des Korridors stand ein brennendes Licht; dieser
Umstand überraschte mich, aber noch erstaunter war ich, die Luft ganz
dick und mit Rauch angefüllt zu finden, und als ich nach rechts und
links umschaute, um zu erforschen, woher der blaue Dunst käme, bemerkte ich einen starken Brandgeruch. Ich hörte ein Knistern, Mr.
Rochesters Thür stand halb offen und dicke Rauchwolken entströmten
ihr. Ich dachte jetzt weder mehr an Mrs. Fairfax noch an Grace
Poole, ich war in einem Augenblick im Zimmer. Die Flammen
züngelten rund um das Bett, die Bettgardinen brannten, und mitten
in Flammen und Rauch lag Mr. Rochester und schlief fest.
,Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!'' rief ich; aber der Rauch
hatte ihn betäubt, er murmelte nur Unverständliches und wendete
sich auf die andere Seite. Es war kein Augenblick zu verlieren,
denn die Betttücher fingen schon an zu brennen. Ich nahm seinen
Wasserkrug und Waschbecken und goß es auf die Flammen; flog in
dunkel im Zimmer, aber ich wußte, daß die Wasserschauer und das
Zerschellen meines Kruges, der mir aus der Hand glitt, Mr. Rochester
erweckt hatten, denn ich hörte ihn fluchen.

,Ist die Sündflut hereingebrochen? rief er.
,Nein, Herr, aber es war Feuer.
,In aller Elfen Namen, ist das Jane Eyre, die da spricht?
Wollen Sie mich ertränken?
,In des Himmels Namen stehen Sie auf, Herr. Jemand wollte
Sie verbrennen und sie können nicht schnell genug ausfindig machen,
wer es war.'

,Ja, ja, ich stehe schon auf; zum Glück haben Sie nicht alle
meine Sachen mit einer solchen Flut überschüttet, wie das Bett.
So, nun bin ich in meinen Kleidern; jetzt holen Sie ein Licht.
Ich brachte das Licht, welches auf dem Korridor stand; er nahm
es mir aus der Hand, hielt es hoch und betrachtete das Bett und
den Teppich; beides war verkohlt, geschwärzt und ganz durchnäßt.

,Was ist das? und wer that es? fragte er.
Ich erzählte ihm kurz, was ich gehört, gesehen und gethan.
Er hörte mir sehr ernst zu, doch drückte sein Gesicht mehr
Kummer als Erstaunen aus; als ich geendet hatte, schwieg er noch
eine Weile.

,Soll ich Mrs. Fairfax rufen? fragte ich.
,Nein, lassen Sie sie ruhig schlafen.
,Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken.'
,Nein, setzen Sie sich ruhig in diesen Lehnstuhl und verhalten
Sie sich mäuschenstill, bis ich wiederkomme, ich muß dem oberen
Stockwerk einen Besuch abstatten.'

Er ging; ich verfolgte den Schein des Lichtes, bis es hinter der
Treppenthür verschwand und ich in tiefster Dunkelheit zurückblieb.
Lange Zeit verging; ich wurde müde und fror und war auf dem
Punkte, Mr. Rochesters Befehl ungehorsam zu werden und mein Zimmer
wieder aufzusuchen, da hörte ich Schritte. Hoffentlich ist er es, und
nichts Schlimmeres dachte ich.

Er kam blaß und mit verdüsterten Zügen zurück. ,Ich weiß,
wer es war,' sagte er; ,es ist alles, wie ich vermutete.

,Wie? Herr.
Er antwortete nicht. Nach einigen Minuten fragte er in einem
eigentümlichen Tone:
,Sahen Sie gar nichts, als Sie Ihre Stubenthür öffneten?
,Nein, Herr, nur das Licht auf dem Fußboden.
,Aber Sie hörten ein häßliches Lachen? Haben Sie dieses
Lachen schon öfter gehört?

,Ja, Herr; es ist eine Näherin im Haus, Grace Poole mit
Namen, sie lacht zuweilen auf diese sonderbare Art.
,Ja, Sie haben es erraten; es war Grace Poole;- ich werde
überlegen, was zu thun ist,' sprach er in abgerissenen Sätzen. ,Es
ist mir übrigens lieb, daß niemand außer Ihnen und mir mit den
Einzelheiten dieses nächtlichen Ereignisses bekannt ist. Sie sind nicht
schwatzhaft, darum werden Sie mir den Gefallen thun, über diese
Vorgänge zu schweigen. Die Erklärung dieser Verwüstung nehme
ich auf mich, sagte er, auf das Bett deutend. ,jetzt gehen Sie
zur Ruhe; ich werde die wenigen Stunden bis zum Morgen auf dem
Sofa in der Bibliothek verbringen.

,Gute Nacht denn, Herr, sagte ich, mich zum Gehen anschickend.
,Wie? so wollen Sie mich verlassen? rief er. ,Sie haben mich
vor einem schrecklichen, qualvollen Tode bewahrt und wollen wie
eine Fremde von mir gehen? Reichen Sie mir wenigstens die Hand
zum Abschiede.

Ich gab ihm meine Hand, die er in seine beiden nahm.
,Sie haben mir das Leben gerettet, und damit bin ich für alle
Zeiten ihr Schuldner geworden. Jedem Andern gegenüber würde
mir eine solche Schuld unerträglich drückend sein, aber Ihnen gegenüber ist es anders; es macht mir Freude, Ihnen so viel zu verdanken. Ich wußte, daß Sie mir auf irgend eine Weise Gutes thun würden, wußte es, als ich Sie das erste Mal sah; ich las es
in Ihren Augen; es mußte ein Vorgefühl davon sein'- er stockte -
,daß- er fuhr hastig fort - ,daß ihr Ausdruck und ihr klarer
Blick mich ins innerste Herz traf. Die Leute glauben an Sympathie
der Seelen; Märchen erzählen uns von guten Geistern- es ist doch
in jeder Fabel ein Korn Weisheit und Wahrheit. Gute Nacht,
meine liebe Retterin.

Seine Augen glänzten wunderbar und seine Stimme klang sehr
erregt.

,Ich freue mich, daß ich wach war, und Gott mir beistand, das
Unglück von Ihnen abzuwenden, sagte ich und ging.
In mein Zimmer zurückgekehrt, warf ich mich erschöpft auf mein
Bett, aber der Schlaf floh mich; ich wälzte mich bis zum Morgen
unruhig hin und her; mir war, als ob ich auf wogender See triebe;
ich sah die Küsten eines paradiesischen Landes vor mir, ein sanfter
Wind trieb mich ihnen entgegen und Entzücken erfüllte mein Herz
in der Hoffnung, daß ich sie erreichen könnte, da erhob sich eine
widrige Strömung und trieb mich zurück. So lag ich ruhelos bis
zum Morgengrauen, mit dem ich mich erhob.

Bald hörte ich, daß es im Hause lebendig wurde, es gab ein
Laufen und Lärmen in der Richtung von Mr. Rochesters Zimmer
und ich merkte wohl, daß man von dem Brande Kenntnis erhalten
und jetzt beschäftigt war, alles in Ordnung zu bringen. Ich zerbrach
mir den Kopf, wie Mr. Rochester wohl die Entstehung des Feuers
erklärt haben mochte und erwartete ihn jeden Augenblick in das Schulzimmer treten zu sehen; er zeigte sich zwar selten hier, aber nach den
Vorfällen dieser Nacht kommt er gewiß, dachte ich bei mir. Aber
der Vormittag verging wie gewöhnlich und nichts unterbrach den
ruhigen Verlauf von Adeles Studien.

Als ich zum Mittagessen hinunterging und an Mr. Rochesters
Zimmer vorüberkam, sah ich durch die offene Thür, daß alles wieder
in Ordnung war, nur die Bettgardinen fehlten, Leah stand am
Fenster und reinigte die rauchigen Scheiben und neben dem Bette
saß ein anderes weibliches Wesen und nähte Ringe an einen neuen
Vorhang. Die Frau blickte auf - zu meinem höchsten Erstaunen
war es Grace Poole.

Sie blickte mich so ruhig an, wie es ihre gewohnte Art war
und sagte in dem gleichmütigen Tone, den ich an ihr kannte:

,Guten Morgen, Miß.
Auch nicht der kleinste Zug in ihrem Gesicht, nicht das unbedeutendste Zeichen verriet, daß ihr Gewissen mit dem Bewußtsein eines
geplanten Verbrechens belastet war; diese Undurchdringlichkeit überstieg
meine Begriffe. Ich redete sie an:

,Guten Morgen, Grace. Hat sich hier irgend etwas Besonderes
zugetragen; ich hörte diesen Morgen ungewöhnlich viel Hin- und
Herlaufen auf dem Korridor.

,Der Herr hat gestern Abend im Bett gelesen und ist eingeschlafen, bevor er sein Licht ausgelöscht hatte; da haben die Vorhänge Feuer gefangen; glücklicherweise ist er erwacht, ehe die Betttücher und das Bettgestell selbst vom Brande ergriffen wurden und
es ist ihm gelungen, die Flammen mit dem Wasser von seinem
Toilettentische zu löschen.'
,Hat Mr. Rochester niemand geweckt? Hat ihn niemand gehört? fragte ich sie scharf ansehend.

,Die Dienstboten schlafen so weit ab; und Mrs. Fairfax ist,
wie Sie wissen, etwas taub, aber Sie sind jung, Miß, und haben
gewiß einen leiseren Schlaf, vielleicht haben Sie etwas gehört.

,Ja, ich hörte ein Schleichen und ein Lachen auf dem Korridor,'
sagte ich mit so gedämpfter Stimme, daß mich Leah nicht hören
konnte.
,Sie haben wohl geträumt, Miß.
,Nein, ich habe nicht geträumt,' sagte ich mit einiger Heftigkeit,
denn diese unzerstörbare Ruhe reizte mich.

,Haben Sie denn nicht Ihre Thür aufgemacht und auf den
Korridor hinausgesehen?

,Ich habe im Gegenteil meine Thür verriegelt.
,So! Thun Sie das nicht immer, Miß? Das sollten Sie doch
thun. Wir wohnen zwar in einem friedlichen Landstriche, in dem man
von Räubern lange nichts gehört hat, aber es ist doch weise, sich
auch gegen unvermutete Gefahren zu schützen.

In diesem Augenblick trat die Köchin ein und rief Grace Poole
zum Mittagessen; als sie mich sah, teilte sie mir mit, daß das unserige
bereit sei und Mrs. Fairfax mich schon erwarte.

Ich hörte kaum Mrs. Fairfax Bericht über den Vorfall, so sehr
waren meine Gedanken mit Grace Poole beschäftigt; ich konnte es
nicht begreifen, daß sie nicht in das Gefängniß abgeliefert oder
wenigstens aus dem Dienste entlassen war. Unser Mittagsmahl war
heute schnell beendigt; Mrs. Fairfax war außergewöhnlich beschäftigt,
und ich zu aufgeregt, um mehr als wenige Bissen zu mir zu nehmen.
Der Tag verging langsam; ich war nach der schlaflosen Nacht
wie im Fieber und kaum im stande, meine Gedanken so weit zu
sammeln, um mich mit Adele in den Unterrichtsstunden zu beschäftigen;
sie kehrten immer zu Mr. Rochester und Grace Poole zurück. Als
der Abend kam, wartete ich mit Ungeduld, daß ich hinuntergerufen
würde, um Mr. Rochester zu begegnen; ich hatte ihm so viel zu
sagen und brannte darauf, das Gespräch auf Grace Poole zu lenken
und ihn zu fragen, was es mit ihr für eine Bewandtnis habe und
warum er sie nicht den Gerichten überliefere. Ich war so erregt,
daß es mir gleichgültig war, ob meine neugierigen Fragen etwa
seinen Zorn reizen könnten.

Endlich kam Leah, um mir anzuzeigen, daß der Thee in Mrs.
Fairfax Zimmer bereit wäre Ich war froh, wenigstens aus meiner
Einsamkeit erlöst zu sein und ging mit Leah hinunter.

,Sie müssen nach Ihrem Thee verlangen,' sagte die gute, alte
Dame, ,denn Sie haben mittags so wenig gegessen. Ich fürchte,
Sie fühlen sich nicht wohl, Sie sehen erhitzt und fieberisch aus.

,Oh, ich fühle mich ganz wohl.
Mrs. Fairfax war beschäftigt, die Fenstervorhänge zuzuziehen
und bemerkte, einen Blick durch das Fenster werfend:

,Es ist ein schöner, wenn auch sternloser Abend; im ganzen hat
Mr. Rochester schönes Wetter zu seiner Reise.

,Reise! Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte nichts davon.
,Er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen! Er besucht
Mr. Esthon, dessen Gut zehn Meilen jenseit Millcote liegt. Ich
glaube, es ist eine große Gesellschaft dort versammelt.

,Erwarten Sie ihn diese Nacht zurück?
,Nein, heute nicht. Ich denke mir, er wird wohl eine Woche
oder darüber fortbleiben. Wenn diese vornehmen Leute beisammen
sind, giebt es so viele Vergnügungen, daß sie sich nicht leicht wieder
trennen. Besonders Mr. Rochester hält man gern fest; er ist so
lebhaft und hat so viele gesellige Talente; ich glaube, er ist in Gesellschaft der allgemeine Liebling, besonders der Damen, obgleich er
gar nicht hübsch ist.

,Sind auch Damen dort?
,Oh, ja, Mrs. Esthon und ihre drei Töchter, dann Miß Blanche
und Mary Ingram, wunderschöne Mädchen. Ich sah sie alle auf
einem Balle, den Mr. Rochester einmal zu Weihnachten gab. Miß
Ingram war die Schönste von allen; sie war in der That die Königin
des Festes.
,Sie wurde wohl sehr bewundert?

,Gewiß! aber nicht allein um ihrer Schönheit, sondern auch um
ihrer Talente willen. Sie singt wundervoll und sang ein Duett mit
Mr. Rochester.

,Ich wußte gar nicht, daß Mr. Rochester singt. Und diese
schöne, talentvolle Dame ist noch unverheiratet?
,Es wundert mich auch, daß sich nicht schon ein reicher Herr
um ihre Hand beworben hat, z B. Mr. Rochester; sie ist zwar nicht
reich, aber er ist es desto mehr und ganz unabhängig, er kann ganz
nach seinen Wünschen wählen. Nun, was nicht ist, kann ja noch
werden.

Mit diesem tröstlichen Ausspruch der Mrs. Fairfax war unsere
Unterhaltung über diesen Gegenstand beendigt, aber mich beschäftigte
unser Gespräch noch lange, als ich wieder allein war. Ich sah im
Geiste die schöne Miß Ingram; sah Mr. Rochester ihr den Ho!
machen: sah sie als ein Paar vor dem Altare stehen; sah alle die
Hoffnungen, welche seit einiger Zeit mein Herz beschlichen, entfliehen;
alle die Luftschlösser, welche ich gebaut in Trümmer fallen und kam
zu der Überzeugung, daß es keine zweite Närrin, wie mich, in der
Welt gäbe, die sich einbilden konnte, sie gefiele Mr. Rochester und er
kümmere sich um sie; mir kam es nur zu, für sein Glück zu beten,
und das wollte ich mit der ganzen Kraft, die mir zu Gebote stand.

Ich ging ruhig meinen Pflichten nach, aber oft überkam mich
ein unbestimmtes Vorgefühl, daß Verhältnisse eintreten könnten, die
mich wünschen ließen, Thornfield zu verlassen, und ich verfaßte in
Gedanken Stellengesuche, die ich inserieren lassen wollte.
Wir hatten vierzehn Tage hindurch nichts von Mr. Rochester
gehört, da brachte eines Tages die Post einen Brief von ihm an
Mrs. Fairfax. Sie erbrach das Siegel und las.

,Nun, sagte sie, ,ich habe oft gedacht, wir leben hier gar zu
still, aber es scheint, wir werden für einige Zeit genug Unruhe und
Arbeit bekommen.
,Kommt Mr. Rochester zurück? fragte ich mit erzwungener
Gleichgültigkeit.
,Ja, in drei Tagen, und nicht allein, er bringt viele Gäste mit.
Er befiehlt, daß alle Schlafzimmer in Bereitschaft gesetzt, Dienerschaft
gemietet, Vorräte angeschafft und Gott weiß was alles besorgt werde,
und sie beendete eiligst ihr Frühstück und eilte fort, um ihre Vorbereitungen zu beginnen.
Adele wurde durch die Nachricht, daß Besuch erwartet werde, in
unbeschreibliches Entzücken versetzt; ich konnte es nur mit Strenge
erreichen, daß sie ihre Gedanken während der Schulstunden notdürftig
zusammenhielt; in der übrigen Zeit that sie nichts, als alle Zimmer
zu durchstöbern und Mrs. Fairfax mit Fragen über die zu erwartenden Gäste zu quälen.

Endlich kam der große Tag, den sie mit Ungeduld erwartete.
Das ganze Haus zeigte sich in festlichem Glanze, alle Zimmer waren
mit prachtvollen Blumen geschmückt und Mrs. Fairfax konnte mit
Genugthuung auf ihr vollendetes Werk blicken. Sie selbst hatte sich
in ihren höchsten Staat, ein schwarzes Atlaskleid, geworfen, ihre
goldene Uhr angelegt, Handschuhe angezogen und stand bereit, die
Gäste zu empfangen, denn Mr. Rochester erwartete von ihr, daß sie
den Damen die Zimmer anweise. ich hatte Adeles Bitten nachgegeben und ihr erlaubt, ein Musselinkleid anzulegen, obgleich wohl
wenig Aussicht war, daß sie noch diesen Abend Erlaubnis erhielt,
sich den Gästen zu zeigen.

,Es wird spät, sagte Mrs. Fairfax, ,ich freue mich, daß ich
das Mittagessen eine Stunde später angeordnet habe, als befohlen
war. Da kommt John, den ich auf Kundschaft ausgeschickt habe.
Kommen sie, John?

,Ja, Madame; in zehn Minuten werden sie hier sein.r!
Die zehn Minuten schienen mir lang, aber endlich hörte man
die Wagen rollen und sah vier Reiter dem Zuge voran auf das Haus
zusprengen. Die ersten waren zwei junge Herren, ihnen folgte
Mr. Rochester auf seinem schwarzen Pferde Mesrour, Pilot sprang
vor ihm her und eine Dame ritt an seiner Seite. Ihr rotes Reitkleid berührte fast den Erdboden, ihr Schleier wehte im Winde und
unter dem Hut fielen lange rabenschwarze Locken auf die Schultern
herab.
,Miß Ingram! rief Mrs. Fairfax und eilte auf ihren Posten. ,
Jetzt hörte man ein fröhliches Durcheinander von Stimmen in
der Halle, dann wurden Thüren auf- und zugemacht, worauf einige
Ruhe eintrat.

,Elles changent de toilettes,’ sagte Adele, die jedem Geräusch
mit aufmerksamem Ohre folgte, mit einem Seufzer.
Es kam, wie ich gedacht hatte, niemand kümmerte sich diesen
Abend um Adele, und es kostete sie Thränen, zu Bett gehen zu müssen,
ohne die fremden Damen gesehen zu haben.
Der folgende Tag war sonnig und schön, die Gesellschaft hatte
einen Ausflug in die Nachbarschaft beschlossen. Ich stand mit Mrs.
Fairfax am Fenster, als sie aufbrach; Miß Ingram war wieder die
einzige Dame zu Pferde.
,Ich wollte, ich könnte Miß Ingram einmal in der Nähe sehen,
ich habe noch keinen Blick in ihr Gesicht thun können.'

,Dazu werden Sie heute Abend Gelegenheit haben, sagte Mrs.
Fairfax. Ich teilte Mr. Rochester mit, wie sehnlich Adele wünscht,
den Damen vorgestellt zu werden, und er sagte:

,Oh, lassen Sie sie heute Abend in das Gesellschaftszimmer
kommen und bitten Sie Miß Eyre, sie zu begleiten.

,Ist es nicht möglich, daß Adele ohne mich geht?
,Nein, es war Mr. Rochesters ausdrücklicher Wunsch, daß Sie
herunter kommen sollten, und Sie wissen, daß man seinen Befehlen
nicht zuwider handeln darf.'

So entschloß ich mich denn, Toilette zu machen; eine Beschäftigung, die mir niemals besondere Freude machte, und heute weniger
als je. Adele dagegen war ganz beseligt, daß sie ihr rosa Atlaskleid anziehen durfte, und zeigte bei dem Prozeß des Ankleidens eine
Geduld und Ausdauer, die sie sonst nicht hatte.

Als sie fertig war, stiegen wir die Treppe hinab und begaben
uns in das Gesellschaftszimmer, das noch leer war und zum Glück
noch einen anderen Eingang, als den durch den Speisesaal hatte.
Obgleich die Thür nach diesem offen und von dem roten Vorhang
nur halb verdeckt war, hörte man die Unterhaltung drinnen doch nur
als ein unverständliches Gemurmel. Adele setzte sich auf mein Geheiß
still auf eine Fußbank nieder und ich zog mich in eine Fensternische
zurück.

Jetzt ließ sich das Rücken von Stühlen vernehmen, der Vorhang
wurde emporgehoben und ungefähr acht Damen betraten das Zimmer.
Ich will Dich nicht damit ermüden, lieber Leser, sie Dir alle zu
schildern, sondern Dir nur im allgemeinen sagen, daß sie alle stattliche und schöne Erscheinungen waren, neben denen ich mir wie eine
häßliche, kleine Zwergin vorkam; aber die Schönste war doch Miß
Ingram.
Als sie eintraten, machte ihnen Adele ein schulgerechtes Kompliment und sagte mit emphatischer Betonung:
,Bon Jour, mesdames.
Miß Ingram sah spöttisch auf sie herab und rief: ,Oh, welche
kleine Drahtpuppe!'
,Vermutlich ist das Mr. Rochesters Mündel, die kleine Französin,
von welcher er sprach, sagte eine andere Dame; eine dritte küßte sie,
einige andere brachen in Ausrufe des Entzückens aus und riefen sie
zu sich' auf das Sofa.

Sie fand allgemeine Beachtung, schwatzte nach Herzenslust, teils
Französisch, teils in gebrochenem Englisch und war ganz in ihrem
Elemente!

Endlich wurde der Kaffee gebracht und die Herren gesellten sich
wieder zu den Damen. Mr. Rochester trat zuletzt ein. Kaum erschien er in der Thür, so wandte sich aller Aufmerksamkeit ihm zu.
Auch ich konnte meine Augen nicht mehr von ihm abwenden; er dagegen würdigte mich keines Blickes. Wie anders hatte ich ihm gegenüber gestanden, als wir uns das letzte Mal begegneten; wie gütig
und warm hatte er zu mir gesprochen; die Wandlung erfüllte mich
mit einem bisher ungekannten Wehe; ich fühlte, daß mir niemand
auf der Welt theurer war, als er; aber ich wußte auch, daß ich meine
Gefühle unterdrücken mußte, daß seine Geburt und sein Reichtum uns
für immer trennten. Mr. Rochester zeichnete Miß Ingram besonders
aus; immer war er an ihrer Seite, begegnete ihren Wünschen mit
der größten Zuvorkommenheit und schien großes Gefallen an ihrer
Unterhaltung zu finden; warum sollte er sie sonst immer wieder aufgesucht haben? Mir erschien diese Unterhaltung freilich sehr oberflächlich, garnicht mit der Hingabe geführt zu sein, die ich an ihm
kannte, aber in einer so bunten Gesellschaft ließ sich nicht wohl ein
ernstes Gespräch beginnen.
Als ich mich gänzlich unbeachtet sah, hielt ich den Augenblick
für gekommen, mich zurückzuziehen; da traten Miß Ingram und
Mr. Rochester an den Flügel, um ein Duett zu fingen. Ich blieb
nach den ersten Tönen wie gebannt an meinem Platze. Mrs. Fairfax
hatte mir erzählt, Mr. Rochester habe eine schöne Stimme. Er hatte
einen wundervollen und mächtigen, dabei aber milden Baß und legte
so viel Seele in seinen Gesang, daß er mir in das innerste Herz
drang. Ich wartete, bis die letzte Note verhallt war, dann schlich ich
zur Seitenthür hinaus, die sich glücklicherweise in meiner Nähe befand.
Von ihr führte ein schmaler Gang in die Halle; als ich sie durchschritt, ging mein Arbeitskasten auf und sein Inhalt fiel zu Boden.
Während ich beschäftigt war, die zahllosen Kleinigkeiten wieder aufzusammeln, öffnete sich die Thür des Speisesaals, Mr. Rochester trat
heraus und stand mir gegenüber.

,Wie geht es Ihnen? fragte er
,Sehr gut, Herr.
,Weshalb haben Sie mich dort drinnen nicht angeredet?
Mir schien, ich hätte ihm die Frage zurückgeben können, aber ich
antwortete nur:
,Ich wollte Sie nicht belästigen; Sie schienen sehr in Anspruch
genommen.

,Was haben Sie während meiner Abwesenheit gemacht?
,Ich habe nichts Besonderes gethan, nur wie gewöhnlich Adele
unterrichtet.

,Und sind bedeutend magerer geworden! Ich sah es auf den
ersten Blick. Was fehlt Ihnen?

,Mir fehlt gar nichts, Herr.’
,Haben Sie sich etwa in jener Nacht, in welcher Sie mich fast
ertränkten, erkältet?’
,Durchaus nicht.’

,Gehen Sie wieder in das Gesellschaftszimmer zurück; Sie haben
es zu früh verlassen.’

,Ich bin müde, Herr.’
Er sah mich eine Minute lang forschend an.

,Und etwas niedergedrückt,' sagte er: ,Was fehlt Ihnen?
,Nichts, nichts, Herr. Ich bin nicht niedergedrückt.
,Aber ich weiß, daß Sie es sind, so sehr sind, daß nicht viel
fehlt, und diese Augen füllen sich mit Thränen. Sehen Sie, da sind
sie schon; so eben ist ein Tropfen auf die Fliesen gefallen. Wenn ich
nur Zeit hätte, dann müßte ich wissen, was das zu bedeuten hat.
Heute will ich Sie entschuldigen; aber ich wünsche, daß Sie jeden
Abend im Gesellschaftszimmer bleiben, so lange meine Gäste hier
sind; es ist mein ausdrücklicher Wunsch; richten Sie sich danach.
Jetzt gehen Sie und lassen Sie Adele durch Sophie holen. Gute
Nacht, mein-‘ er stockte, biß sich auf die Lippen und wandte sich
kurz ab.



Sechzehntes Kapitel.

Das war jetzt ein fröhliches, geschäftiges Leben in Thornfieldhall; himmelweit verschieden von den ersten einförmigen und einsamen drei Monaten, die ich unter diesem Dache zugebracht hatte.
Man konnte nicht über den Korridor gehen, nicht die sonst so verlassenen Vorderzimmer betreten, ohne wenigstens einer Jungfer oder
einem Diener zu begegnen. Und in den Gesellschaftszimmern herrschte
ein munteres Treiben; es wurden abwechselnd Spiele gemacht, musiziert, lebende Bilder gestellt und was dergleichen Unterhaltungen
mehr sind. Die Seele aller dieser Unternehmungen waren Miß Ingram
und Mr. Rochester. Letzterer forderte mich einmal auf, auch thätigen
Anteil an den allgemeinen Spielen und Beschäftigungen zu nehmen;
ich lehnte es ab und zog mich, wenn es irgend anging, auf meinen
gewöhnlichen Platz in der Fensternische zurück, wo ich unbeachtet die
ganze Gesellschaft beachten konnte; eigentlich sollte ich sagen Miß
Ingram und Mr. Rochester; denn die übrige Gesellschaft interessierte
mich nur in sehr geringem Maße. Blanche Ingram, das sah ich
wohl, nahm mit jedem Tage mehr eine Stellung ein, die sie eigentlich als die Herrin des Hauses erscheinen ließ; jeder fragte sie um
Rat und fügte sich höflich in ihre Wünsche; der Dienerschaft erteilte
sie Befehle und Zurechtweisungen und Mr. Rochester ließ das alles
als etwas ganz Selbstverständliches geschehen, und er, der nie einen
anderen Willen über sich gekannt, fügte sich dem ihrigen mit einer
Beflissenheit, die es jedermann als eine ausgemachte Sache erscheinen
ließ, daß er die stolze Blanche bald zur Gebieterin von Thornfieldhall
machen werde. Die Gäste flüsterten es sich gegenseitig im Salon z,
-
mir da in den Sinn kommen, anderer Meinung zu sein, als meine
ganze Umgebung. Aber mit derselben Genugthuung wie sie konnte
ich diesem Ereignis nicht entgegensehen. Wäre Miß Ingram ebenso
geistvoll, liebenswürdig und warmherzig gewesen, wie sie flach, launisch
und kalt war, ich würde anders gedacht haben. Denke nicht, lieber
Leser, daß ich hart und ungerecht urteile, wenn ich sie so nenne; ich
hatte zu oft beobachtet, wie mürrisch und wortkarg sie zu Zeiten war
und wie plötzlich diese Stimmung umschlug, wenn z B. Mr. Rochester
in das Gesellschaftszimmer trat; ich hatte zu oft gehört, wie sie jede
einigermaßen tiefere Unterhaltung durch ihre oberflächlichen, geistlosen
Bemerkungen, welche sie dazwischen warf, unmöglich machte; zu oft
die Takt- und Herzlosigkeit empfunden, mit der sie über meinesgleichen in meiner Gegenwart sprach, oder mit der sie Adele von sich
stieß, wenn sie zufällig in ihre Nähe kam. Und Mr. Rochester, er
sah das alles auch, ich kannte ihn schon zu gut und wußte, welch
ein feiner Menschenkenner er war, um nicht zu bemerken, wie ihm
kein Zug in dem Charakter seiner künftigen Lebensgefährtin entging.
Was mochte ihn bestimmen, sie dazu zu machen? War es ihre gleiche
Geburt, waren es Familienrücksichten, war es ihre kalte, stolze Schönheit? Ich sah nie, daß er dieser einen anderen als gleichgültigen
Blick schenkte, bemerkte nie, daß ein wärmeres Gefühl ihn zu ihr
hinzog. Er liebte sie nicht, konnte sie nicht lieben, das war meine
innerste Überzeugung und dies Bewußtsein erfüllte mich mit unendlicher Trauer. Wäre sie seiner wert gewesen und hätte ich mich überreden können, daß er an ihrer Seite das verdiente Glück finden werde,
dann würde ich vielleicht Ruhe und Friede errungen haben. Er
schien mir immer mehr des höchsten würdig, denn ich war in letzter
Zeit selbst gegen seine Fehler sehr nachsichtig geworden und forschte
unaufhörlich Gründen nach, die sie entschuldigen oder mildern konnten.

So saß ich am Nachmittage eines trüben Tages am Fenster
meines Zimmers und beschäftigte mich in Gedanken wieder mit Mr.
Rochester und Miß Ingram; Ersterer war in Geschäften ausgeritten
und man erwartete ihn zum Mittagessen zurück. Adele kniete neben
mir auf der Fensterbank und suchte sich die Zeit so gut wie möglich
zu vertreiben, indem sie mir dies und das erzählte, was sie im Salon
gesehen oder gehört hatte, diesem Eldorado ihrer Sehnsucht, dessen
Schwelle sie ja zu ihrem Leidwesen erst in einigen Stunden wieder betreten durfte. Sie blickte zuweilen forschend auf den Reitweg hinaus,
der sich schon in ziemlicher Nähe vom Hause in der hereinbrechenden
Dämmerung verlor.

,Voilà Monsieur Rochester, qui revient,’ rief sie plötzlich.
Mein Auge folgte dem ihrigen.

,Das kann nicht Mr. Rochester sein,' sagte ich; ,er war zu
Pferde und dort kommt ein Wagen.'
Es war in der That eine Postchaise, die bald darauf vor dem
Hause hielt. John sprang hinzu, öffnete den Schlag und half eineu
Herrn heraus. Adele folgte diesem Vorgange mit der gewöhnlichen
kindlichen Neugier; kaum hatte sie aber den Ankömmling erblickt, so
rief sie in einem unbeschreiblichen Tone des Entzückens:
,Grand Dieu, c’est mon oncle Mason,’ sprang mit einem
Satze von der Fensterbank herunter und eilte zur Thür hinaus, ihm
entgegen, ehe ich noch im stande war, sie zurückzuhalten. Ich eilte
ihr nach in die Halle, denn ich hatte nie von ihr eines Onkels erwähnen hören und hatte den Verdacht (den ich ihr jetzt noch abbitte,
so oft ich daran denke), ihr Ausruf und ihre Flucht sei wieder einer
jener blitzartigen Einfälle, durch die sie sich zuweilen meiner Aufsicht
zu entziehen und in die unteren Regionen zu entschlüpfen suchte,
wenn sie der Sehnsucht nach ihnen nicht widerstehen konnte; Einfälle,
die aber nie darauf abzielten, mich dauernd zu täuschen, dazu war
Adele eine zu offene Natur und mir zu ergeben, die ihr aber ein
köstlicher Spaß erschienen und die sie, selbst wenn sie ihren Zweck
nicht erreichte, so herzlich belachte, daß ich notgedrungen in ihre
Heiterkeit einstimmen mußte. Dieses Mal hatte sie aber nicht daran
gedacht, mich hinter das Licht zu führen, sondern ich fand sie am
Halse des Fremden hängend, ihn mit Küssen bedeckend, während
dieser sie mit inniger Zärtlichkeit an das Herz drückte, ihre Locken
streichelte und Thränen ihm die Wangen herabrollten. Bei diesem
Anblick wollte ich mich zurückziehen, als Adele meiner ansichtig wurde
und die Aufmerksamkeit Mr. Masons auf mich lenkte, indem sie, mich
gleichsam vorstellend, rief:
,Ma gouvernante.’
Er verneigte sich grüßend und redete mich mit etwas fremdartigem Accent, aber in gutem Englisch an.
,Mein Freund, Mr. Rochester, ist nicht zu Hause, wie ich höre?

,Leider nicht, mein Herr; aber er wird jeden Augenblick zurückerwartet.
,Er hat viel Gesellschaft, wie mir der Diener sagte.
,Sa, mein Herr.
,Würden Sie wohl die Güte haben, mir ein Zimmer anzuweisen, in dem ich ihn erwarten kann; es liegt mir daran, ihn allein
zu sprechen, ehe ich mich seinen Gästen vorstelle.

Ich führte ihn in die Bibliothek, denn ich wußte, daß diese
jetzt leer sein mußte; alle Herren und Damen hatten sich bereits auf
ihre Zimmer zurückgezogen und machten Toilette für die Mittagsmahlzeit. Ehe ich Mr. Mason verließ, bat er mich noch, den Herrn
des Hauses von seiner Ankunft zu benachrichtigen, sobald er zurückkehre; ich versprach es und ging Mrs. Fairfax aufzusuchen, um sie
von der Ankunft des neuen Gastes in Kenntnis zu setzen. Ich wandte
mich nach der Küche, die in einem Seitengebäude lag, und in der
ich um diese Zeit die alte Dame am sichersten zu finden hoffte, weil
sie gewöhnlich vor dem Mittagessen noch Anordnungen zu treffen
hatte; auf dem Wege dorthin mußte ich an der Hofthür vorüber,
welche zufällig offen stand. Ich warf einen Blick in den Hof und
sah von den Ställen her Mr. Rochester gerade auf diese Thür zukommen, er mußte von der hinteren Seite in den Hof gekommen und
hier vom Pferde gestiegen sein. Ich erwartete ihn. Als er mich erblickte, rief er in komischem Zorn:
,Den Teufel auch, ist man denn vor Ihren lauernden Blicken
niemals sicher? Im Gesellschaftszimmer verfolgen Sie mich damit
und nun spionieren Sie mich auch hier aus. Was haben Sie hier
zu suchen?
,Ich wartete auf Sie, Herr.
,Auf mich? fragte er erstaunt, und sah mich mit einem forschenden, fast ängstlichen Blicke an.
,Ja! Es ist ein Herr angekommen, der sich Ihren Freund nennt
und Sie ins Geheim zu sprechen wünscht; er bat mich, Ihnen dies
gleich bei Ihrer Rückkehr zu melden.

,Ein Freund von mir; ich erwarte niemand. Wer könnte
das sein?’
,Ein Onkel von Adele, Mr. Mason.’
,Mason?’ fiel er mir ins Wort. Er sprach den Namen in
einem Tone, der mich vermuten ließ, daß sich mit der Person des
Fremden keine angenehmen Erinnerungen für Mr. Rochester verbanden. Er hatte unwillkürlich meinen Arm ergriffen, wie um sich
darauf zu stützen, und während er ihn krampfhaft drückte, fühlte ich,
daß seine ganze Gestalt zitterte; er war leichenblaß geworden und
atmete schwer. Aber sein starker Wille gewann bald wieder die Herrschaft über seine Bewegung.
,Wo ist er?’ fragte er, mich loslassend.
,In der Bibliothek: Adele ist bei ihm.’
,Sagen Sie ihm, daß ich zurück sei und gleich zu ihm kommen
werde, und nehmen Sie Adele mit auf Ihr Zimmer.’
Es kostete mich einige Überredung, Adele zu bewegen, daß sie
mit mir ging, doch folgte sie mir endlich und ließ sich durch die Aussicht zufrieden stellen, daß sie ihren Onkel gleich nach dem Mittagessen im Gesellschaftszimmer wieder finden werde. Die Zeit bis dahin
wurde uns Beiden lang; wir erwarteten sie mit einer gewissen fieberhaften Unruhe, die bei mir den Charakter einer ängstlichen Spannung
annahm. Mr. Rochesters Benehmen, als ich ihm die Nachricht von
der Ankunft des neuen Gastes brachte, ließ mich vermuten, daß die
Begegnung der beiden Herren keine freundliche sein werde, und ich
war begierig, sie bei einander zu sehen.
Adele wußte mir von ihrem Onkel wenig mehr zu erzählen, als
daß er ein älterer Bruder ihrer Mutter war, daß sie ihn nur selten
gesehen habe, zuletzt am Begräbnistage ihres Vaters, daß er ihr aber
sehr gut sei, so oft sie ihn gesehen, sie reich beschenkt und immer so
schön mit ihr gespielt habe und daß sie ihn herzlich liebe.

In unserer Ungeduld stiegen wir früher als gewöhnlich in das
Gesellschaftszimmer hinab. Die Gesellschaft nebenan schien heute in
ungewöhnlich lebhafter Unterhaltung begriffen, aber die Stimme Mr.
Rochesters, der sich sonst stets lebhaft am Gespräch beteiligte, hörte
ich heute nur selten und in kurzen Sätzen. Adele konnte die Zeit
nicht erwarten, bis die Tafel aufgehoben wurde und sie ihren Onkel
wiedersehen durfte. Endlich traten wenigstens die Damen ein und
sie vergaß bald ihre Sehnsucht und Unruhe, als diese sie zum Mittelpunkte ihrer Aufmerksamkeit machten. Der Fremde war durch sein
unerwartetes Erscheinen der Gegenstand allgemeiner Neugierde geworden, sie hatten bereits herausgebracht, daß Adele seine Nichte
sei und hofften durch sie Näheres über ihn und seine Beziehungen zu
Mr. Rochester zu erfahren. Dieses Verlangen konnte die Kleine
zwar nicht befriedigen, aber ihr Geplauder hatte doch mit einem Male
Interesse für die versammelten Damen gewonnen, und so schwatzte
sie fort, bis die Herren erschienen.

Ich saß in meiner gewöhnlichen Ecke und konnte ihr Eintreten
beobachten. Unwillkürlich forschte mein Blick zuerst nach Mr. Rochester;
er trat mit seinem gewöhnlichen verbindlichen Lächeln in den Salon
und sein Wesen schien unverändert; daß er mir im Laufe des Abends
schweigsamer als sonst schien, war leicht zu erklären; trug doch
Mr. Mason fast allein die Kosten der Unterhaltung. Er war weit
gereist und wußte gut zu erzählen und zu schildern, und schien sich
das Interesse der Gesellschaft, Herren wie Damen, im Fluge erobert
zu haben. Ich hörte, wie sie zuweilen flüsternd ihre Urteile über
ihn austauschten. Sie nannten ihn einen vollendeten Gentleman,
bezeichneten ihn als ihr Ideal von Schönheit, priesen im einzelnen
seinen hübschen kleinen Mund, seine feine Nase, seinen sanften Gesichtsausdruck im Gegensatz zu Mr. Rochesters finsteren Brauen und
seinen ernsten, energischen Zügen. Letzterer stand hinter seinem Gaste
an den Kamin gelehnt, während dieser dicht am Feuer auf einem
Sessel saß und Adele auf seinen Knieen hatte; ich konnte so beide
bequem vergleichen. Ich mußte gewissermaßen dem Urteile über Mr.
Masons Erscheinung, das ich soeben gehört hatte, beipflichten; er
hatte schöne, regelmäßige Züge, aber seine ganze Erscheinung machte
den Eindruck des Weichlichen, um nicht zu sagen Weibischen, wie er
so fröstelnd am Kaminfeuer saß, während mir Mr. Rochester als das
Urbild der Kraft, Energie und ächter Männlichkeit erschien. Der
heutige Abend war nur der Konversation gewidmet, in der sich Adele
- mit der Zeit als ein störendes Element erwies; sie konnte es nicht
ertragen, daß die Gesellschaft ihr fortwährend ihren Onkel entzog und
suchte sich ihm abwechselnd durch kindische Fragen, die sie zwischen
die Unterhaltung warf und stürmische Liebkosungen bemerkbar zu
machen. Beides wurde ihm offenbar lästig, obgleich er wohl zu gütig
war, sich den kleinen Quälgeist abzuwehren. Da legte sich Mr.
Rochester ins Mittel.
,Es ist schon spät, Adele, sagte er, ,bitte Miß Eyre, daß sie
Dich zu Bett bringt.

Sie machte ein bekümmertes Gesichtchen, gehorchte aber sogleich,
bot der Gesellschaft eine ,gute Nacht? und wir zogen uns zurück.
Das überraschende Wiedersehen mit ihrem Onkel hatte sie so
aufgeregt, daß sie lange nicht einschlafen konnte; sie bat mich so
flehentlich, bei ihr zu bleiben, daß ich mich an ihr Bettchen setzte,
ihre kleinen Hände in die meinen nahm und geduldig wartete, bis
der Schlummer ihr die Augen schloß. Darüber war es spät geworden, zu spät, um noch einmal in das Gesellschaftszimmer hinunterzugehen; ich tröstete mich damit, daß Mr. Rochesters Aufmerksamkeit heute gewiß zu sehr von seinem neuen Gaste in Anspruch
genommen war, als daß er es bemerken oder zürnen würde, wenn
ich sein Gebot, bis zu einer späteren Stunde im Gesellschaftszimmer
auszuhalten, übertrat; so zog ich mich denn in mein eigenes kleines
Asyl zurück und legte mich frühzeitig zu Bett.

Nach einiger Zeit hörte ich die Gesellschaft ihre Zimmer aufsuchen und vernahm, unweit meiner Thür, Mr. Rochesters Stimme,
welche sagte: ,Hier entlang, Mason, hier ist Dein Zimmer.
Alles wurde still und ich schlief bald ein. Ich hatte vergessen,
meinen Fenstervorhang niederzulassen; draußen war heller Mondschein, und als die glänzende Mondscheibe in ihrem Laufe immer
weiter vorrückte, fielen ihre Strahlen in mein Fenster gerade auf
mein Gesicht und erweckten mich. Ich öffnete meine Augen und
schaute hinein in das sanfte, strahlende Licht; ich mußte es aber von
meinem Lager bannen, denn es war noch tief in der Nacht und ich
wollte noch schlafen; so schickte ich mich denn an aufzustehen und die
Vorhänge zu schließen. Aber meine Glieder erstarrten, meine Pulse
stockten und mein Herz stand still, ein so fürchterlicher Schrei gellte
durch das Haus. Guter Gott, was konnte das zu bedeuten haben?
Der Schrei kam wieder aus der dritten Etage gerade über meinem
Haupte, ich hörte einen heftigen Kampf, ein gewaltsames Ringen
und dann den Ruf einer halb erstickten Stimme:
,Hilfe, Hilfe, Hilfe! - Kommt denn Niemand? -
Rochester, Rochester, um Gottes Willen Hilfe.’

Eine Zimmerthür wurde geöffnet, es rannte jemand den Korridor
entlang die Treppe hinauf, von oben her schien noch eine Person
herbeizukommen, dann fiel etwas Schweres zu Boden und alles
wurde still.

Ich hatte meine Kleider angezogen und trat aus meinem Zimmer
auf den Korridor hinaus. Das ganze Haus war in Bewegung.
alles stürzte auf den Gang heraus, den das Mondlicht nur matt erhellte: ,Was ist geschehen? ,Ist jemand verwundet? ,Holt
doch Licht- ,Ist Feuer? , Sind Räuber ins Haus eingedrungen? so rief und schrie man durcheinander.
,Wo zum Teufel ist Rochester? rief einer der Herren, ,ich kann
ihn nicht in seinem Bette finden.

,Hier bin ich,' gab die Stimme Mr. Rochesters zurück, der
aus der oberen Etage kam. ,Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften.

Alle eilten auf ihn zu: , Was ist denn Schreckliches geschehen?
riefen sie, wie aus einem Munde.

,Nichts, gar nichts, was Sie beunruhigen dürfte,'! sagte er, sich
gewaltsam zur Ruhe zwingend; wie erregt er war, sah ich aus der
weiten Ferne, in der ich stand, an dem Lichte, das in seiner Hand
zitterte.,Ich bedaure unendlich, daß Sie um eines so unbedeutenden Vorfalls willen alle aus dem Schlafe aufgestört worden sind. Es
hat nur eine Dienerin Alpdrücken gehabt, sie ist eine etwas wunderliche, nervöse Person, scheint ihre Träume für wahrhaftige Geistererscheinungen genommen zu haben, ist vor Entsetzen mit jenem furchtbaren Schrei in Ohnmacht gefallen und hat sich sehr verletzt, das ist
die ganze Geschichte. Die Verwundung scheint aber nicht gefährlich,
doch muß ich nach ihr sehen und nötigenfalls Hilfe holen; das kann
ich aber nicht, ehe ich Sie nicht alle wieder in Ihren Zimmern weiß.
Gehen Sie, überlassen Sie sich der Ruhe; ich werde sorgen, daß Sie
nichts mehr stören soll. Gehen Sie, gehen Sie; Sie werden sich auf
diesem eisigen Korridor erkälten. So brachte er es mit Ueberredung nach und nach dahin, daß sich alle in ihre Zimmer zurückzogen.

Ich war unbeachtet wieder in das meinige zurückgeschlüpft, wie
ich es unbeachtet verlassen hatte, aber ich legte mich nicht nieder,
sondern vervollständigte meine hastige Toilette und beschloß, den
Morgen wachend zu erwarten. Ich wußte, daß Mr. Rochesters Erzählung nur eine Erfindung war, mit der er seine Gäste beruhigen
wollte; vielleicht hatte niemand außer mir die Worte gehört, welche
dem Schrei folgten; mir gaben sie die Überzeugung, daß sich irgend
etwas Schreckliches zugetragen hatte, und ich war sicher, daß mich
der Schlaf in dieser Nacht fliehen mußte vor meinen ängstlichen Gedanken; so setzte ich mich denn an das Fenster und sah lange in die
mondhelle Nacht hinaus. Es blieb alles still. Da hörte ich auf
einmal eine Hand vorsichtig und leise die Klinke an meiner Thür
berühren.
,Wünscht man etwas von mir?

,Sind Sie wach? fragte Mr. Rochesters Stimme, welche ich
zu hören erwartet hatte.

,Ja, Herr.’
,Und angezogen?’
,Ja.’
,Dann kommen Sie heraus.’
Ich gehorchte. Mr. Rochester stand auf dem Korridor, ein Licht
in der Hand.

,Ich bedarf Ihrer,' sagte er, ,kommen Sie mit, aber gehen
Sie leise.

Meine Schuhe waren leicht und ich konnte auf den Teppichen
so leise wie eine Katze gehen. Mr. Rochester ging den Flur entlang,
stieg die Treppe nach dem oberen Stockwerk empor und blieb in dem
langen, niederen Gange stehen, ich war ihm gefolgt und stand dicht
neben ihm.

,Haben Sie einen Schwamm und Riechsalz in ihrem Zimmer?’
,Ja.’
,Dann holen Sie beides schnell.’
Ich eilte zurück, und als ich wiederkam, stand er, mich erwartend,
noch an derselben Stelle. Er hatte einen Schlüssel in der Hand,
und sich einer der schmalen, schwarzen Thüren nähernd, steckte er ihn
in das Schlüsselloch. Bevor er aufschloß, wandte er sich wieder
zu mir:
,Sie können doch Blut sehen, ohne ohnmächtig zu werden?’
fragte er.
,Ich habe es noch nicht versucht, aber ich denke, ich werde es
können,’ war meine Antwort.
,Geben Sie mir Ihre Hand; wenn ich fürchten muß, daß Sie
ohnmächtig werden, kann ich es nicht wagen. Nein, Ihre Hand ist
warm und Ihr Puls ruhig,’ bemerkte er und öffnete die Thür.

Ich kannte das Zimmer wieder, in das wir jetzt eintraten; ich
hatte einen Blick hineingeworfen, als mir Mrs. Fairfax damals das
ganze Haus zeigte, hatte aber nicht bemerkt, daß eine Tapetenthür
von dort aus in andere Räume führte; jetzt fiel ein Lichtschimmer
durch ihre Spalten. Mr. Rochester setzte das Licht auf den Tisch,
hieß mich einen Augenblick warten und verschwand im Nebenzimmer.
Er wurde mit jenem entsetzlichen Gelächter begrüßt, das ich nun
schon zu wiederholten Malen gehört hatte. Grace Poole war also
dort drinnen; ich schauderte. Er schien irgend eine Anordnung zu
treffen; eine leise Stimme antwortete ihm, dann kehrte er zu mir
zurück und schloß die Thür.

,Hier Jane, sagte er, an ein Bett tretend, dessen Vorhänge
mir bisher verbargen, daß in dem großen Raume, den sie einschlossen,
noch ein Lehnstuhl stand, in welchem jemand saß. Mr. Rochester
erhob das Licht und ich blickte in die totenbleichen Züge Mr. Masons.
Ich hätte geglaubt, eine Leiche vor mir zu sehen, wäre nicht von
seinem rechten Arm unaufhörlich das Blut auf das Kissen niedergeträufelt, das man ihm zu seiner Unterstützung untergeschoben hatte.
Man hatte dem Verwundeten den Rock ausgezogen und den Arm
notdürftig verbunden.

,Halten Sie das Licht,' sagte Mr. Rochester, nahm den Waschnapf vom Toilettentisch, gab ihn mir ebenfalls zu halten und befeuchtete die Schläfe des Leidenden; hierauf hielt er ihm das Riechsalz unter die Nase; Mr. Mason that einen langen Atemzug und
schlug die Augen auf. Sein Freund öffnete das Hemd; das Blut
tropfte unablässig von der verwundeten Schulter nieder.
,Ist es gefährlich?’ fragte der Verletzte mit schwacher Stimme.

,Nicht im Geringsten! Ermanne Dich; es ist nicht viel mehr
als eine Schramme! Ich werde jetzt einen Wundarzt holen, und
wenn der Morgen hereinbricht, wirst Du gewiß abreisen können.
Jane,' fuhr er fort, ,ich muß Sie jetzt für ein bis zwei Stunden
mit diesem Herrn hier allein lassen; Sie werden ihm das Blut, so
wie ich jetzt, abwaschen, wenn es sich zeigt, werden ihm zu trinken
geben, wenn er danach verlangt und ihm das Salz unter die Nase
halten, wenn er ohnmächtig werden sollte, aber hüten Sie sich, unter
irgend einem Vorwande mit ihm zu sprechen. Und Du, Richard,
wenn Dir Dein Leben lieb ist, rede keine Silbe, denn wenn Du Dich
aufregst, so kann ich nicht für die Folgen stehen.’

Der arme Mann stöhnte; Mr. Rochester gab mir den blutigen
Schwamm und ging; an der Thür wendete er sich um: ,Hüte Dich
zu sprechen,! warnte er noch einmal und verließ das Zimmer; ich
hörte wie er die Thür verschloß, den Schlüssel abzog und sein Schritt
auf dem Gange verhallte.
Ich trat mein Amt an, wusch das Blut ab, befeuchtete die
Lippen des Kranken und suchte seine Lebensgeister durch das Riechsalz
zu beleben, aber während ich das alles verrichtete und in das blasse
Antlitz vor mir schaute, auf dem sich Furcht, Entsetzen, und wer weiß,
welche wechselnden Empfindungen malten, marterte ich mein Hirn
mit Gedanken über die Ursache dieser furchtbaren Vorgänge bis zu
einem Grade, der meine Kräfte zu erschöpfen drohte; dazu gesellte
sich die Furcht, daß Grace Poole, die nur durch eine dünne Wand
von mir getrennt war, plötzlich auf mich hereinstürzen könnte. Trotzdem nebenan alles still war und ich nur einige Male ein schwaches
Murmeln hörte, wuchs meine Aufregung von Minute zu Minute. Ich
konnte mich nicht mehr aufrechthalten, wenn Mr. Rochester nicht bald
zurückkam. Da endlich hörte ich Schritte, der Schlüssel drehte sich
im Schloß und der Ersehnte trat in Begleitung des Wundarztes ein.

,Nun, Carter, beeilen Sie sich,' sagte er zu diesem. ,Ich gebe
Ihnen eine halbe Stunde Zeit, die Wunde zu verbinden und ihn
fortzuschaffen.'

,Ist er transportabel, Herr?’
,Ohne Zweifel. Nun, alter Freund, fasse Mut, jetzt wird alles
gut werden. Carter, versichern Sie ihm, daß keine Gefahr ist.’

,Das kann ich mit gutem Gewissen,’ sagte Carter, welcher schon
den Verband abgenommen hatte. ,Ich wünschte nur, daß ich früher
gekommen wäre, damit er nicht unnütz so viel Blut verloren hätte.
Aber was ist das; diese Wunde hier an der Schulter rührt von keinem
Messer her, da sind die Spuren von Zähnen.’

,Sie hat mich gebissen; sie hat mich wie eine Tigerin gewürgt,
als Rochester ihr das Messer entwunden hatte. Oh, es war schrecklich,’ sagte er schaudernd, ,und erst sah sie so ruhig aus; ich war
gar nicht darauf gefaßt.’

,Ich warnte Dich,’ war Mr. Rochesters Antwort. ,Warum
hast Du auch nicht bis zum Morgen gewartet und mich mit Dir
genommen; es war eine Thorheit, so allein und mitten in der Nacht
zu ihr zu gehen.'

,Ich dachte, mein Besuch würde ihr wohlthun.’
,Dachte, dachte,' wiederholte Mr. Rochester ungeduldig. ,Carter,
Garter beeilen Sie sich, die Sonne geht schon auf, und er muß fort.’

,Gleich, Herr,’ war die Antwort, ,die Wunde ist schon verbunden.’

Ich hatte unterdessen am Fenster gestanden und meine Blicke
von dem traurigen Vorgange abgewendet. Jetzt schickte man mich
hin und her; ich mußte reine Wäsche, stärkende Tropfen, Mr. Masons
Pelz und noch viele andere Dinge holen, deren man bedurfte, um
ihn reisefertig zu machen.
,Es ist ein Glück, daß Sie solchen Katzentritt haben, Jane.
Nun, Carter, fassen Sie Mason unter den andern Arm, ich stütze
diesen hier und ich wette, wir bringen ihn ganz gut die Treppen
hinunter. Laufen Sie voran nach der Hinterthür, Jane, dort wird
eine Postchaise halten; sagen Sie dem Postillon, daß er sich bereit
halten solle; wenn Ihnen jemand begegnet, kommen Sie unten an
die Treppe und husten Sie.’
Ich that, wie mir geheißen. Es war noch alles still im Hause;
unbemerkt wurde Mr. Mason in den Wagen gebracht und der Wundarzt folgte ihm.

,Pflegen Sie ihn gut, Carter, und lassen Sie ihn nicht abreisen,
bis er sich ganz erholt hat, ich komme in einigen Tagen, um nach
ihm zu sehen. Nun, wie geht es Dir, Dick?’
,Die frische Luft belebt mich.’

,Lassen Sie das Fenster offen, Carter, der Wind kommt nicht
von dieser Seite und nun lebe wohl, Dick.’
,Edward!'
,Nun, was soll’s?’
,Sorge gut für sie; laß sie so rücksichtsvoll behandeln wie es
möglich ist; laß sie—‘ er stockte und brach in Thränen aus.

,Ich thue, was ich kann, habe es immer gethan und werde es
immer thun.’

Er schlug die Wagenthür zu und das Fuhrwerk setzte sich in
Bewegung. Mr. Rochester sah ihm lange nach.

,Wollte Gott, das hätte bald alles ein Ende,’ murmelte er.
,Nun, gehen Sie, Jane, und versuchen Sie einen Teil der verlorenen
Nachtruhe nachzuholen.’

Ich suchte mein Zimmer wieder auf und Mr. Rochester ging in
den Garten, dort konnte ich ihn von meinem Fenster aus lange
ruhelos auf- und abgehen sehen. Nach und nach wurde es auch im
Hause lebendig, und einige junge Herren betraten den Garten ebenfalls. Er bemerkte sie schon von weitem.

,Schon so früh auf?' rief er ihnen zu. ,Mason hat Euch aber
doch den Rang abgelaufen; er ist schon um fünf Uhr abgereist und
ich bin bereits um vier Uhr aufgestanden, um ihn auf den Weg zu
bringen.



Siebzehntes Kapitel.

Noch eine Woche hindurch blieben die Gäste, und diese verfloß
wie die früheren. Mr. Rochester war unerschöpflich in Erfindung
von unterhaltenden Beschäftigungen und im Arrangement von Ausflügen zu Wagen und zu Pferde, welche das besser werdende Wetter
begünstigte. Ich kam in dieser Zeit selten in seine Nähe; nur hier
und da wechselte ich einige flüchtige Worte mit ihm, und ich würde
geglaubt haben, er gedenke des nächtlichen Vorfalles gar nicht mehr,
hätte mich nicht mitunter ein Blick von ihm gestreift, der Sorge, ja
fast Furcht verriet. Las er vielleicht in meinen Augen die stumme
Frage, was jenes schauerliche Ereignis zu bedeuten habe; oder was
aus Mr. Mason geworden sei? und fürchtete er, ich könne sie laut
aussprechen? Ich trug diese Fragen immer mit mir herum, aber
über meine Lippen kamen sie nicht; ich wartete auf eine gelegenere
Zeit, zu der ich sie aussprechen könnte, oder zu der Mr. Rochester sie
mir unaufgefordert beantworten werde.

,Mason empfiehlt sich meinen werten Gästen,’ sagte er eines
Tages; ,ich hatte gestern einen Brief von ihm, daß er sich heute nach
Madeira einschifft.’
Es leuchtete in seinen Augen etwas wie Befriedigung bei dieser
Mitteilung auf und ich kann sagen, daß sie mich sowohl um Mr.
Rochesters als Mr. Masons willen mit herzlicher Freude erfüllte;
seine Verwundung mußte also leicht gewesen und gänzlich geheilt sein.

An einem herrlichen Frühlingsmorgen brachen endlich die Besucher auf mit alle dem Lärm und der Unruhe, die bei solchen Gelegenheiten unvermeidlich ist. Adele war heute unfähig, dem Gange
des Unterrichts zu folgen; sie horchte auf jedes Geräusch und machte
unaufhörlich Bemerkungen über alles, was draußen vorgehen mochte;
ich mußte mich überzeugen, daß heute nichts in ihren Kopf hineinzubringen sei; so erlaubte ich ihr denn lieber, hinunterzugehen, und
die Abreise von Mr. Rochesters Gästen zu beobachten. Ich nahm
meinen Hut und mein Tuch und suchte der Unruhe im Hause durch
einen Spaziergang in den Wald zu entfliehen.

Oh, wie herrlich war es dort draußen! Die Sträucher, ja selbst
die Bäume waren schon wie mit einem Schleier von dem ersten
jungen Grün bedeckt, welches der warme Sonnenschein der letzten
Tage herausgelockt hatte; der blaue Frühlingshimmel leuchtete so
freundlich durch die Zweige der Baumkronen, welche ihm den Durchblick auf den Rasenteppich des Waldes noch nicht wehrten, aus
dem Anemonen und Schlüsselblumen zu tausenden ihre Köpfchen erhoben; die Luft war so balsamisch und erquickend, die ganze Welt
schien mir so schön, daß mein Herz vor Freude an ihr hätte aufjauchzen mögen, hätte mir die Erinnerung an jene schreckliche Nacht
nicht immer wieder einen Druck auf die Seele gelegt.
Und war es denn diese allein? Oh, nein, Jane, sei ehrlich
gegen Dich, sagte ich zu mir selbst, es ist vielmehr die Sorge um
das Wohl und Wehe Deines Gebieters. Weit häufiger noch als zu
jenen Vorgängen im dritten Stock kehren Deine Gedanken zu Miß
Ingram, seiner erwählten Braut zurück; und daß Du außer ihrer
Schönheit nichts an ihr entdecken kannst, was sie seiner würdig
machte, und daß Du an Mr. Rochester nichts von der Liebe wahrnimmst, die ein Mann für das Wesen empfinden muß, an das er
sein ganzes Leben kettet, das ist es, was Dich ängstigt und quält.

Wie träumend wandelte ich in solche Gedanken vertieft lange
Zeit dahin, da schreckte mich ein Geräusch aus meinen Grübeleien
auf; es raschelte in den dürren Blättern, welche hier und da noch
den Boden bedeckten, und als ich aufblickte, sah ich in großen Sätzen
Pilot auf mich zukommen; zugleich hörte ich Adeles Stimme:
,La voilà, Monsieur Rochester,’ rief sie diesem zu, welcher in
einiger Entfernung folgte, als das Kind, fröhlich in die Hände
klatschend, mir entgegenlief und sich an meinen Arm hing. Langsam
kam auch Mr. Rochester heran.

,Nun, kleine Elfe, sind Sie hier heraus geschlüpft, um mit Ihrer
Sippschaft ein Stelldichein für die nächste Mondscheinnacht zu verabreden? Ich sah noch eben ihr Kleid hinter den Baumstämmen
verschwinden, als ich meinen Gästen in den Wagen half. Nun muß
doch Adele wieder zu ihrer Lehrerin kommen, die ihr durchgegangen
ist und so kam ich mit ihr, Sie zu suchen.'

,Ich gab diesen Morgen den Versuch auf, ihre Gedanken zu
fesseln,’ erwiderte ich; , vielleicht haben meine Bemühungen jetzt, wo
wieder Ruhe eingetreten ist, besseren Erfolg. Komm, Adele,' wandte
ich mich an diese, ,wir wollen heim und den Unterricht fortsetzen.

Adele ließ das Köpfchen hängen, wandte sich aber gehorsam mit
mir zum Gehen. Mr. Rochester rief sie zurück.

,Du möchtest wohl lieber mit Pilot hier im Walde um die
Wette laufen, als Weisheit von Miß Eyres Lippen saugen?! fragte
er. Adele nickte.
,Nun, so lauf, so weit Du kannst; ich habe ohnehin mit Miß
Eyre zu reden.'

Adele ließ sich das nicht zweimal sagen, wie ein Pfeil flog sie
davon, Pilot jagte hinter ihr her.
Ich war stehen geblieben und sah Mr. Rochester fragend an.
,Lassen Sie uns langsam folgen,' sagte er; , ich denke hier unter
Gottes hellem Himmel wird es mir leichter als dort drinnen (auf
das Haus zeigend), wo es schon seit acht Tagen wie ein Alp auf
mir liegt, Ihnen die Erklärung zu geben, welche ich Ihnen schulde.
Ein unglücklicher Zufall hat Sie in das schauerliche Geheimnis eingeweiht, das Thornfieldhall birgt. Ich hätte es Ihnen gern erspart,
Mitwisserin zu werden; aber ich lese seit jener schrecklichen Nacht tagtäglich in ihren Augen die Frage: Was hatte das alles zu bedeuten?
Ist es ein Verbrechen, was dieses düstere Haus in sich schließt? Ich
kann diese stumme Frage nicht mehr ertragen und weiß es, Sie sind
meines Vertrauens wert; ja jene Nacht hat Ihnen ein Recht darauf
gegeben. So hören Sie mich denn ruhig an, Miß Eyre, wenn ich
Ihnen jetzt ein Bild meines Jugendlebens entrolle, mit dem die
geheimnisvolle Bewohnerin jenes dritten Stocks in engem Zusammenhange steht; ich will es so kurz wie möglich machen, denn die Aufgabe, alle Ereignisse und Empfindungen jener Zeit, all' mein Unglück
und alle meine Schuld wieder in der Erinnerung heraufzubeschwören,
ist ohnehin schon schwer genug für mich.'

,Oh, Herr, ich kann auf jede Erklärung verzichten, wenn sie
Ihnen Schmerz bereitet,’ sagte ich.
Er sah mich mit einem Blicke an, in dem etwas wie Freude
aufglänzte.
,Nein, ich will thun, was recht und billig ist,' sagte er dann
energisch. ,So hören Sie also: Nur zweimal in meiner Vergangenheit habe ich eine kunze Zeit des Glückes genossen; zuerst in meiner
sonnigen Kindheit, wo noch die liebenden Augen meiner Mutter auf
mir ruhten. Zwar war auch diese Zeit nicht ganz ungetrübt, denn
die Strenge, ja Härte, mit der mich mein Vater im Gegensatz zu
meinem älteren Bruder behandelte, bekümmerte und empörte abwechselnd mein Herz. Es ist ja wahr, mein Bruder war ein lenksamerer Knabe als ich; immer willig, die Wünsche des Vaters zu erfüllen, niemals einen Widerspruch laut werden lassend, niemals durch
eine unfreundliche Miene verratend, daß es doch auch ihm mitunter
schwer wurde, sich den Geboten des Vaters zu fügen; dazu war er
schön, sehr schön und auch in dieser Beziehung meines Vaters Stolz
und Freude. Ich war von der Natur mit keinem gefälligen Äußeren
bedacht, zeigte schon von früh an einen eigenen Willen, der sich gegen
viele Anordnungen meines Vaters aufbäumte, sich willig und unbedingt nur überzeugenden Gründen fügte, und gegen ungerechte Strenge
mit einer Gewaltsamkeit rebellierte, die mir damals vollkommen gerechtfertigt schien, von der ich aber jetzt sagen muß, daß sie wenig
Liebenswürdiges an sich hatte. Und dennoch war ich nicht unbeugsam. Unter dem liebenden Zuspruch meiner Mutter schmolz all' mein
Widerstand, all' mein Trotz dahin, wie Wachs an der Sonne.
,Oh, daß sie so früh sterben mußte!’ Er seufzte tief und schmerzlich
auf, und als er seine Augen gen Himmel richtete, wie um die Verklärte dort zu suchen, schimmerten sie feucht. ,So lange sie lebte,'
fuhr er nach einer längeren Pause fort, ,suchte sie mir mit doppelter
Liebe zu ersetzen, was ich von seiten meines Vaters entbehren mußte
und das Verhältnis zwischen diesem und mir so gut wie möglich zu
erhalten; auch die geschwisterliche Zuneigung unter uns Brüdern
wußte sie mit ihrem liebreichen Wesen zu beleben und so waren die
Tage meiner Jugend immerhin glückliche und sonnige zu nennen.
Da starb meine treue Mutter gerade zu einer Zeit, wo ich ihrer am
meisten bedurft hätte, als ich an der Schwelle von der Kindheit zur
Jugend stand. Ich will sie nicht wieder heraufbeschwören die Gefühle
des verzweiflungsvollen Schmerzes, der trostlosen Vereinsamung,
welche mich damals ergriffen. Eine kurze Zeit hindurch hielt ja das
Band des gemeinsamen Schmerzes mich mit meinem Vater und
Bruder verbunden; der Vater, der sich mir früher mehr fern gehalten
und dem Einfluß meiner Mutter überlassen hatte, mochte es wohl
wie eine Pflicht empfinden, sich mehr um mich zu bekümmern; aber
mein Hang zur Selbständigkeit ließ mich die ungewohnte Kontrolle
alle meiner Gedanken und Handlungen schwer empfinden; ich begann
mich trotzig dagegen aufzulehnen; der Vater begegnete mir immer
strenger und härter; das rief alle meine schlimmen Anlagen wach;
es machte mir ordentlich Freude, gegen ihn alles, was verwerflich in
mir war, herauszukehren und alle meine besseren Regungen sorgfältig
vor ihm zu verheimlichen; es war wahrlich kein Wunder, daß er mir
am Ende seine väterliche Zuneigung ganz entzog und unser Verhältnis
sehr unerträglich wurde. Mein Bruder versuchte oft den Vater zu
versöhnen; ich glaube jetzt sogar, daß er mich bemitleidete, um der
oft ungerechten Behandlung willen, die mir mein Vater angedeihen
ließ, aber es war ihm nicht gegeben, für seine Überzeugung mit Entschiedenheit einzutreten; mich empörten seine zaghaften Verteidigungen
meines Thuns und Lassens mehr als sie mich rührten; dazu nährte
die offenbare Bevorzugung meines Bruders eine Art Grimm gegen
ihn; nicht daß ich ihn beneidete; nein, ich sah ihn nur gewissermaßen
als die Ursache meiner Zurücksetzung an, und mein Herz entfremdete
sich ihm immer mehr.

Da kündigte mir mein Vater eines Tages in wenig freundlichen
Ausdrücken an, ich möge auf Reisen gehen; er sähe dies als ein
letztes Mittel an, mich zu bessern und mein für ihn unerträgliches
Wesen durch das Beispiel und vielleicht auch manche herbe Lehre,
die mir die Welt geben werde, abzulegen.
Reisen! Wie oft hatte der Wunsch, die Welt zu sehen, mich mit
fast unbezwinglicher Sehnsucht erfüllt! Wie dankbar wäre ich dem
Menschen erfüllen sollte, in einer anderen Form gemacht! So sah ich
mit verbittertem Gemüte in ihr nur die Verbannung vom Vaterhause.
Warum schickte er meinen Bruder nicht fort? Er war älter als ich
und hatte ein früheres Anrecht auf die Genüsse des Lebens als ich;
aber von ihm konnte er sich nicht trennen; an ihm hing sein ganzes
Herz; mich wollte er dagegen los sein, mich haßte er! Mit solchen
Empfindungen und ohne ein Wort des Dankes nahm ich meines
Vaters Anerbieten an. Wohl that mir das Herz weh, als der Tag
meiner Abreise heranrückte; mein Vater war alt, ich sollte mich auf
lange von ihm trennen. Werde ich ihn jemals wiedersehen? fragte
ich mich. Es gab Augenblicke, in denen ich mich hätte an seine
Brust werfen und ihn bitten mögen: Vater, laß alles vergessen sein,
was zwischen uns stand und gieb mir Deine Liebe; aber der Trotz
siegte über meine besseren Gefühle; wir trennten uns unversöhnt mit
kaltem Händedruck.

So lange ich noch in meinem Vaterlande war, konnte ich mich
nicht von einem gewissen Schuldbewußtsein frei machen, und meine
Stimmung war eine recht gedrückte, als ich aber nach Dover kam,
um mich nach Frankreich einzuschiffen und immer mehr neue Eindrücke
meine Sinne und Gedanken gefangennahmen, da meldete sich die
Stimme des Gewissens immer leiser und seltener.

Ich kam nach Paris. Sie kennen noch nichts von der Welt,
Miß Eyre, und können sich keinen Begriff davon machen, welchen
Zauber diese Stadt mit ihrer Eleganz, ihren berauschenden Vergnügungen, ihrem ganzen fröhlichen Treiben auf die Jugend ausübt;
mir schien sie die Perle der Welt zu sein, und ich konnte mich gar
nicht wieder von ihr trennen. Hier war es, wo ich Mason kennen
lernte. Ich schloß mich an den guten, leichtlebigen Burschen um so
inniger an, als ich niemand hatte, dem ich mich sonst mitteilen konnte,
und der Jugend ist Mitteilung ein Bedürfnis. Ihnen nicht, ich weiß
es wohl,! sagte er, mich ansehend, ,aber Sie find auch eine Ausnahme und nicht nur hierin allein.
Mason lebte in bescheidenen Verhältnissen mit seiner Mutter und
Schwester zusammen, wie er sagte; er bildete sich zum Naturforscher
aus, fand aber bei seinem Studium immer noch Zeit, mir einen
guten Teil des Tages zu widmen. So waren wir fast unzertrennlich;
und ich kam mir ganz verlassen und unglücklich vor, als der Freund
einige Tage gänzlich ausblieb. Ich hatte mich nicht einmal darum
bekümmert, wo er wohnte, und als mich endlich bei seinem längeren
Ausbleiben die Sorge ergriff, es möchte ihm ein Unfall zugestoßen
sein, da konnte ich mir nicht einmal Beruhigung dadurch verschaffen,
daß ich ihn aufsuchte. Endlich kam ein Billetchen von ihm, das
meine Befürchtungen bestätigte; er hatte durch einen Sturz von der
Treppe den Fuß gebrochen und bat mich, seine Adresse beifügend,
daß ich ihn aufsuchen möchte.
Ich eilte sogleich zu ihm. In einer bescheidenen aber behaglichen
Wohnung empfingen mich eine würdige Matrone und ein junges
Mädchen von so bezaubernder Anmut und Kindlichkeit, daß ich meinte,
nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben; es waren Masons Mutter
und Schwester. Ich kam von da ab oft und immer öfter in das
Haus; Sie werden leicht erraten, daß es immer weniger meines
kranken Freundes, immer mehr Aimees wegen war. Um es kurz zu
sagen, sie nahm mein ganzes Herz gefangen, ich bot es ihr und
meine Hand dazu und wechselte mit ihr den Schwur der Treue. Und
wie hat sie ihn gehalten? Ich glaubte an ihre Liebe und die meine
überschüttete sie mit Beweisen meiner Zärtlichkeit. Nichts war mir
zu schön, sie damit zu schmücken, kein Opfer zu groß, ihr eine Freude
zu machen. Mich beglückte das Entzücken, welches ihr meine Aufmerksamkeiten bereiteten; in meinem Vertrauen auf ihre Neigung zu
mir, kam mir nie der Gedanke, daß diese vielleicht mehr einem Gefühle der Dankbarkeit, als wahrer inniger Liebe entsprang, und daß
sie die Erwartung einer glänzenden Zukunft möglicherweise über ihre
Empfindungen täuschte; daß dem so war, sollte ich bald genug erfahren.
Meines Vaters und Bruders hatte ich im Rausche meines
Glückes ganz vergessen; ich war ja davon entwöhnt, mit ihnen meine
Gedanken und Gefühle auszutauschen; es war muir das schon lange
kein Bedürfnis mehr und jetzt um so weniger, wo ich ein Herz mein
nannte, bei dem ich volles Verständnis für alles voraussetzte, was
mich bewegte. Da kam eines Tages ein Brief aus der Heimat, in
dem mein Vater seinen ganzen Zorn auf mich ausschüttete, weil ich
noch immer kein Lebenszeichen von mir gegeben. Ich antwortete
durch die kurze Benachrichtigung, daß ich mich mit Aimee verlobt
habe. Diese trug einen bürgerlichen Namen und gehörte einer Kaufmannsfamilie an. Ich kannte meines Vaters Abneigung gegen diesen
Stand; er war stolz darauf, daß in seine Familie aus diesem Stande
nie ein Glied aufgenommen war, und in der Furcht, daß er meiner
Wahl seine Zustimmung versagen könnte und würde, bemühte ich mich
erst gar nicht, sie ihm abzugewinnen. Wie sich die Zukunft für Aimee
und mich gestalten würde, daran dachte ich wenig, ich lebte der glücklichen Gegenwart, bis das Verhängnis über mich hereinbrach. Es
kam in Gestalt meines Bruders, den der Vater infolge meines
Briefes abgesendet hatte, um mich, wie er sagte, den Schlingen zu
entreißen, in die ich geraten war. Er verlangte im Namen meines
Vaters, ich solle auf der Stelle mein Verlöbnis lösen, wenn mir
daran gelegen sei, noch ferner sein Sohn zu heißen und solle Paris
verlassen, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Als er mich nicht
dazu bewegen konnte, ihm mein Versprechen zu geben, daß ich den
Befehlen des Vaters folgen wolle, fielen harte Worte zwischen uns;
mein Bruder sagte, er könne es nicht begreifen, wie ich lieber ein
schlechter Sohn sein wolle, als ein Mädchen aufgeben; Alt-England
habe doch so viele liebenswerte Mädchen, mit denen sich die leichtsinnigen Französinnen gar nicht messen könnten.

,Ich möchte wohl wissen, ob Du eben so urteilen würdest, wenn
Du Aimee gesehen hättest!' gab ich ihm zur Antwort.

,Nun, das kannst Du leicht erfahren, meinte er, ,laß uns zu
ihr gehen.’

Ich weiß nicht, warum mich der Vorschlag so erschreckte;
vielleicht war es ein Vorgefühl, daß es mir Unglück bringen würde,
wenn ich auf ihn einging und so lehnte ich ihn ab.

,Du wirst Dir wohl bewußt sein, daß der Anblick Deiner Aimee
meine Ansichten nicht umstimmen könnte,’ höhnte mein Bruder.

Das reizte mich. ,So komm - rief ich meines Sieges sicher,
griff nach meinem Hute und wir gingen.
Als wir bei Aimee eintraten, kam sie mir mit ihrer gewöhnlichen
herzgewinnenden Fröhlichkeit entgegen; doch wie sie meines Bruders
ansichtig wurde, richtete sie ihre großen, flammenden Augen einen
Augenblick forschend auf ihn und schlug sie dann verwirrt zu Boden;
als ich ihr Richard als meinen Bruder vorstellte, nahm ihre Befangenheit zu und ein Zittern durchlief ihre ganze Gestalt. Das
war ja wohl natürlich, welches Mädchen beschliche nicht eine gewisse
Furcht, wenn sie zum ersten Male den Angehörigen ihres Erwählten
begegnet; sie wird. sich unwillkürlich bewußt, daß sie eine Art von
Prüfung zu bestehen hat, in der vielleicht nicht immer Unparteilichkeit
den Blick schärft und Wohlwollen das Wort führt. Ich sah mit
Genugthuung, daß meine schöne Braut in ihrer Verwirrung nur noch
schöner aussah und blickte meinen Bruder triumphierend an, der ganz
in ihren lieblichen Anblick verloren schien. Erschreckend schnell verwandelte sich mein Triumph in Verzweiflung. Ich vermag Ihnen
nicht zu beschreiben, wie mir nach und nach die Überzeugung kam,
daß mein Bruder mir Aimees Herz entwendet, ja, daß ich es vielleicht
nie ganz besessen habe; und wie in den Beiden schon beim ersten
Begegnen die Gewißheit zum Bewußtsein gekommen war, daß sie
für einander geschaffen seien. Als Mason abgeschickt wurde, Aimees
Freiheit von mir zurückzufordern, da hatte ich längst gewußt, was
da kommen werde. Ich gab sie ihr zurück, aber ich gab damit auch
den Glauben an Treue, an Glück, an alles Gute in den Menschen
für lange Zeit, wie ich damals wähnte, für immer hin. Ich durchlebte entsetzliche Tage und Wochen; Paris war mir jetzt ebenso zuwider, wie es mich vorher entzückt hatte und ich beschloß, es so bald wie möglich zu verlassen.
Mason hatte seine Studien gerade beendet, er wollte jetzt eine
Forschungsreise antreten; er beredete mich, ihn zu begleiten. Ich
glaube, der gute Junge war besorgt um mich, und mochte mich in meiner verdüsterten Stimmung nicht mir selbst überlassen.

Am Vorabende unserer Abreise zog mich die Sehnsucht noch
einmal nach dem Hause hin, in dem ich die glücklichste Zeit meines
Daseins verlebt. Nur noch einmal wollte ich aus der Ferne einen
Blick darauf werfen, um ihm dann für ewig Lebewohl zu sagen.
Mein Weg führte mich an einer kleinen Kapelle vorüber; die Thür
stand offen und in dem Augenblicke, wo ich an ihr vorbei wollte,
fuhr ein Wagen vor, mechanisch fiel mein Blick auf die Aussteigenden,
da (ein Schwindel faßte mich, ich mußte mich an einer Säule des
Portikus halten, der ich zunächst stands, da sah ich Aimees liebliches
Gesicht von Myrtenkranz und Schleier umrahmt im Fond des Wagens;
war das nicht mein Bruder, der ihr freudestrahlend heraushalf und
sie an seinem Arme in die Kapelle führte?! Mechanisch folgte ich
und schlüpfte instinktmäßig hinter einen Kirchenpfeiler; von dort aus
sah ich das Unglaubliche mit an. Aimee wurde meinem Bruder angetraut. Heimlich, ohne Vorwissen meines Vaters; das war mir
sofort klar. Richard wußte, daß er die Erlaubnis zu solchem Bunde
nie erhalten würde, und er, gerade der Sohn, der die ganze Liebe
seines Vaters besaß, hinterging ihn so, während ich, der zurückgesetzte,
daran nie gedacht hatte. Welche Gefühle während des Trauaktes
in mir tobten ist unsagbar. Daß Wut und Schmerz mich nicht so
weit übermannten, daß ich störend in die heilige Handlung eingriff,
ist mir noch heute wunderbar, denn ich war meiner nicht mehr
mächtig; es mußte wohl die von Kindheit anerzogene Scheu vor der
Heiligkeit des Ortes sein, welche mich an meinem Platze festhielt.
Als das Brautpaar und die Zeugen längst die Kirche verlassen hatten,
stand ich noch wie angewurzelt auf derselben Stelle und es bedurfte
erst einer Aufforderung des Kirchendieners, die Kirche zu verlassen,
um mich aus meiner Erstarrung aufzuwecken.
In dieser Stunde hatte sich alle Liebe, die für meinen Bruder
vielleicht noch in meinem Herzen schlummerte, in unauslöschlichen Haß
verwandelt. Er, dem schon die ganze Liebe meines Vaters zufiel,
hatte mir nun auch noch die Liebe geraubt, an der die ganze Seligkeit meines Lebens hing. Und dieser Vater! Mit welcher Bitterkeit
gedachte ich seiner. Diesen Sohn also liebte er, diesen Sohn zog er
mir vor, der ihn so schmählich betrog! Es erfaßte mich ein unwiderstehlicher Drang nach Rache; ehe ich mir recht bewußt wurde, was
ich that, ergriff ich die Feder und teilte meinem Vater in einem
kurzen Briefe mit, daß ich heute ungesehen der heimlichen Trauung
seines Lieblingssohnes Richard mit meiner Braut beigewohnt habe
und unterschrieb mich als sein schmählich betrogener und mißhandelter
Sohn. Als ich den Brief der Post übergeben hatte, erfaßte mich für
einen Augenblick ein Gefühl der Reue, aber es wurde bald wieder
von der Aufregung und Verzweiflung erstickt, welche mich ganz und
gar beherrschten.
Am anderen Morgen kam Mason, um mich abzuholen.
,Du wagst es, mir unter die Augen zu treten? herrschte ich
ihn vor Wut zitternd an. ,Hinterlistiger, ich weiß alles, was Du
mir verheimlicht hast.
,So danke ich Gott, daß mir die schwere Aufgabe erspart ist,
es Dir mitzuteilen,' war seine Antwort. ,Ich wollte es erst thun,
wenn wir Paris im Rücken hätten. Glaube mir, Edward, es ist
wider meinen Willen geschehen. Ich konnte meiner Schwester die
Bitte zwar nicht abschlagen, ihr Brautführer zu sein, aber ich habe
es nur unter der Bedingung gethan, daß wir fortan geschieden sind.
Komm, laß uns diese Stadt des Unglücks so schnell als möglich
verlassen.'

Ich folgte ihm willenlos wie ein Kind; er, den mein Wille sonst
gelenkt und bestimmt hatte, war jetzt der Energische, Handelnde, und
ich ordnete mich ihm unter in dem Gefühle, daß er es aufrichtig
und gut mit mir meine und daß ich unfähig war, für mich zu sorgen.
Wir durchreisten Frankreich bis zum mittelländischen Meere!
In stumpfer Gleichgültigkeit ging ich an allen Schönheiten dieses
gesegneten Landes vorüber; erst nach Tagen fing ich an, die Eindrücke, welchen ich ausgesetzt war, in mich aufzunehmen und etwas
Interesse an ihnen zu gewinnen.
Wir kamen in Marseille an, da traf mich ein neuer Schlag.
Ich fand dort einen Brief vom Haushofmeister meines Vaters vor,
der mich an das Sterbebett desselben rief. Das Schreiben war des
Inhalts: wahrscheinlich habe ihn der Schlag infolge einer unerwarteten, erschütternden Nachricht getroffen, denn man habe ihn am
Boden seines Zimmers liegend gefunden, einen Brief in der Hand.
Ich wußte, daß es mein Brief war. Das Bewußtsein habe ihn
noch nicht verlassen, meldete das Schreiben ferner; er habe energisch
gefordert, daß man den Brief vor seinen Augen verbrenne, den er
krampfhaft mit den Fingern umschlossen hielt, habe dann nach Gerichtspersonen verlangt und sein Testament gemacht; jetzt seien aber seine
Kräfte in schneller Abnahme begriffen, die Ärzte gäben gar keine
Hoffnung und ich möge eilen, wenn ich ihn noch am Leben finden
wolle, denn gerade nach mir verlange er ohne Unterlaß.

Da erwachte in meinem Herzen wieder die unterdrückte Kindesliebe mit aller Macht und von Sehnsucht getrieben, von Gewissensbissen gefoltert, trat ich unverzüglich den Weg nach meinem Heimatlande an; Tag und Nacht unausgesetzt reisend, um schneller an das
Ziel zu kommen. Aber England ist weit von Marseille und ich kam
zu spät. Er hielt schmerzlich bewegt inne und ging lange in Gedanken vertieft neben mir her; es schien, als habe er meine Anwesenheit ganz vergessen.

Ich fühlte, daß er wünschen mußte, seine traurigen Bekenntnisse
auf einmal abzulegen, und so hielt ich es für das Beste, ihn daran
zu erinnern, daß seine Erzählung noch nicht beendet sei und erweckte
ihn aus seinem Sinnen mit der Frage: ,Und Ihr Bruder folgte
seinem Vater bald in das Grab nach?’

,Mein Bruder? Nein; er lebte noch fast neun Jahre. Freilich, für die Welt war er gestorben. Mein Vater hatte ihn in seinem
Testamente von der Erbfolge gänzlich ausgeschlossen und ihm nur
unter der Bedingung ein Kapital, das ihm standesgemäß zu leben
ermöglichte, vermacht, daß er England miede, er und seine Nachkommen, und daß er einen anderen Namen annähme, denn seine Frau
wolle er nie als ein Glied seiner Familie anerkannt wissen. Können
Sie mir nachfühlen, Jane, mit welchen Empfindungen ich die Herrschaft über den großen Besitz antrat, den mir mein Vater hinterließ?
Ich wußte ja, ich verdankte ihn nicht seiner Liebe, sondern dem Haß
gegen meinen Bruder, in den die Neigung für seinen Lieblingssohn
sich durch dessen Handlungsweise verwandelt hatte; durch meine Schuld
ward dieser aus seinen Rechten verdrängt. Mein Gewissen verdammte
mich vielleicht strenger, als Sie es jetzt thun werden, Miß Eyre.

,Ich verdamme Sie nicht, Herr, wenn ich Sie auch tadeln muß,
ich beklage Sie vielmehr.
Er warf mir einen dankbaren Blick zu.
,Aber konnten Sie nicht Ihren Bruder wieder in seine Rechte
einsetzen? fuhr ich fort.

,Wie oft habe ich ihn dazu zu bewegen gesucht, aber er war zu
stolz, aus meinen Händen sein Erbe wieder anzunehmen; alle meine
Briefe, in denen ich ihn reuig darum beschwor, blieben ohne Erfolg.
Da hatte ich gehört, daß er oft heimlich nach England käme, um das
Grab unseres Vaters zu besuchen; ich wußte es einzurichten, daß ich
einmal dort mit ihm zusammentraf; ich flehte ihn bei den Manen
unseres Vaters an, mir zu verzeihen; sich mit mir zu versöhnen und
wieder in seinen Besitz einzutreten; er stieß mich als Verräter und
und Vatermörder von sich, und wir schieden auf Nimmerwiedersehen!

Mir ließ es keine Ruhe mehr in meinem Heimatlande; ich hatte
schon die ganze Dienerschaft entlassen und neue Leute angenommnen,
um nicht durch jene immer an die traurige Vergangenheit erinnert
zu werden; aber was half das, jeder Baum, jeder Strauch in Thornfieldhall brachte sie mir schon in Erinnerung. Da beschloß ich, mich
den quälenden Eindrücken auf einmal zu entreißen und ging auf
Reisen. Ich sah fast alle bekannten Länder der Erde, lernte viel
Schönes und Interessantes kennen und auch viele Menschen; diese
beobachtete und beurteilte ich aber mit verbittertem Gemüt, sah in
ihnen, den Erfahrungen meiner Jugend gemäß, nur Wesen, vor denen
man auf seiner Hut sein müsse, weil sieVertrauen mit Falschheit,
Liebe mit Treulosigkeit, Aufrichtigkeit mit Haß lohnten und so
schloß ich mich ihnen nie an. Manchmal ergriff mich dann die
Sehnsucht nach meinem Heimatlande, nach den Stätten, wo ich meine
Kindheit verlebt, nach den Gräbern meiner Eltern, besonders nach
dem Grabe meiner heißgeliebten Mutter. Dann kam ich wohl einmal
nach Thornfieldhall zurück; aber lange litt es mich hier nie in den
verödeten Räumen meines Hauses; ich mußte wieder hinaus in die
weite Welt. In Spanien traf ich auf meinen Reisen einmal zufällig
mit Mason zusammen. Er hatte kränklichkeitshalber seinem früheren
Berufe entsagen müssen, war Weinhändler geworden, lebte in Paris
und war soeben auf einer Reise begriffen, um Einkäufe für sein Geschäft zu machen. Er erzählte mir auch, daß mein Bruder auch seinen
Wohnsitz in Paris habe, dort unter dem bescheidenen Namen Varens
lebe und Vater einer Tochter sei. Sie erraten leicht, daß Adele diese
Tochter ist.
Ich blieb von da ab mit Mason in Verbindung und wenn wir
auch keine eifrige Korrespondenz führten, so hörten wir doch ab und
zu durch Briefe von einander.
Im August vorigen Jahres hielt ich mich in Palermo auf; da
erhielt ich eines Tages wieder einen Brief von Mason, schrecklichen
Inhalts. Er meldete, daß mein Bruder mit dem Pferde gestürzt
und unter unsäglichen Schmerzen nach wenigen Tagen verschieden
und daß seine Witwe aus Gram und Verzweiflung über den Verlust
des Gatten tobendem Wahnsinn anheimgefallen sei.'
Mir fielen jetzt Adeles Erzählungen vom ersten Tage, den ich
in Thornfieldhall verlebte, wieder ein; ich hatte nach ihnen das Schicksal
ihrer unglücklichen Mutter geahnt.
,In Masons Brief,'! fuhr Mr. Rochester fort, ,waren einige
Zeilen von der Hand meines Bruders eingelegt, die mich tief erschütterten. Er hatte sie auf dem Totenbette geschrieben, bat mich
in ihnen wegen seiner Unversöhnlichkeit um Verzeihung, versicherte
mich in herzlichen, brüderlichen Worten seiner Vergebung und empfahl
sein Weib und sein Kind meinem Schutze. Richards Brief rief alle
meine Liebe für ihn wach; ich fühlte mit einem Male, daß er mir
theurer war, als ich es selbst gedacht, und ich trauerte aufrichtig um
ihn. Mein ganzes Herz hing jetzt daran, seinen letzten Wunsch zu
erfüllen und den Seinen ein treuer Beschützer zu sein. Ich eilte,
so schnell ich es vermochte, nach Paris und suchte Mason auf. Er
gab mir eine treue Schilderung von den letzten Tagen meines armen
Bruders und weinte bittere Thränen über das unglückliche Schicksal
seiner Schwester, die er als unheilbar in eine Irrenanstalt hatte
bringen müssen; er hatte es mit schwerem Herzen gethan, aber er
konnte sie nicht in seinem Hause behalten, das in dem unruhigsten
Teile von Paris lag und täglich von geschäftlichen Besuchern wimmelte und in dem eine so schlimme Kranke weder Ruhe noch die
nötige Überwachung finden konnte; selbst für Adele war es kein geeignetes Haus; Mason hatte sie deshalb in die Obhut eines kinderlosen Ehepaars gegeben. Doch das Kind fühlte sich unglücklich bei
den ältlichen Leuten, und als ich sie in dem ernsten Bestreben, an
ihr wieder gut zu machen, was ich an ihrem Vater verschuldet, fragte,
ob sie mit mir gehen wollte, da willigte sie entzückt ein.
Ich bin kein Freund von Kindern, Miß Eyre, und brachte
diesem Kinde keine Sympathie entgegen; daß ich es mit mir nahm,
betrachtete ich nur als einen Akt der Sühne gegen meinen Bruder,
aber das Opfer hat sich gelohnt, denn durch Adele kamen Sie in
mein Haus und mit Ihnen, ja mit Ihnen, er hielt inne, sah mich
mit einem wunderbaren, unerklärlichen Blicke an und fuhr dann
schnell fort - ,mit Ihnen hoffentlich die Person, welche es vermag,
in Adele Besseres zu wecken, als ich bisher in ihrem leichtfertigen,
oberflächlichen Wesen zu entdeckten wußte.

,Sie werden sie, so hoffe ich, mit der Zeit besser beurteilen,
Herr; sie hat tieferes Gefühl, als man ihr von vornherein zutraut,
und besonders für Liebe eine rührende Dankbarkeit.’

,Vielleicht lernt sie von Ihnen, selbstlose, hingebende Liebe nicht
mit Treulosigkeit zu vergelten, wie es ihre Mutter gethan. Und doch
erfaßte mich tiefes Mitleid mit dieser, denn meinen Bruder hatte
sie geliebt, so heiß geliebt, um nicht mehr sie selbst zu sein, als er
sie verlassen mußte, um in Verzweiflung über seinen Tod in finsteren
Wahnsinn zu verfallen. Ich faßte den Entschluß, auch sie zu sehen,
und suchte sie mit Mason an ihrem traurigen Aufenthaltsorte auf.
Es war ein erschütterndes Wiedersehen! Sie glaubte in mir ihren
Gatten wiederzufinden, sie hing sich an meinen Hals und bat mich,
Todesangst in jedem Zuge des Gesichts und in jeder Gebärde, sie
vor ihrem Bruder zu schützen; er wolle nicht leiden, daß sie mich
pflege, wenn ich krank sei; er habe ihr das Feuer aus der Hand gerissen, mit dem sie mein Bett anzünden wolle, um mich zu wärmen,
wenn ich kalt sei; er habe sie hier eingesperrt. Sie beschwor mich,
sie mit sich zu nehmen, und ich, vom Jammer ihres Anblicks überwältigt, versprach es ihr. ich mietete eine Wärterin und brachte sie
hierher in mein einsames Haus, um ihre Pflege zu überwachen und
ihr ihren trostlosen Zustand so zu erleichtern, wie es irgend möglich
war. Dort oben haust sie nun,' sagte er, auf das Haus deutend,
dem wir uns inzwischen genähert hatten, , mit ihrer Wärterin Grace
Poole, und Sie werden nun Vieles begreifen, was Ihnen bisher unklar war.’

,Ich thue es, Herr, und bewundere Sie.’

,Nichts von bewundern. Geben Sie mir die Hand darauf, daß
Sie nicht schlecht von mir denken nach allem, was ich Ihnen erzählt,
und ich will Gott dafür danken.'

Ich that es und so trennten wir uns.



Achtzehntes Kapitel.

Ich ging durch mein Tagewerk, wie immer, aber meine Gedanken waren heute ebensowenig bei der Sache, wie Adeles; wie die
ihrigen in Feld und Wald hinaus, oder zu den abwechselnden Genüssen der letzten Wochen zurück, so schweiften die meinigen oft zu
Mr. Rochester hinüber, mit tiefem unsäglichen Mitgefühl für das,
was er erfahren, und mit dem Verlangen, daß ich es vermöchte, das
Andenken an seine früheren Leiden auszulöschen. Oh, welche tiefen,
,wie es schien immer wieder aufbrechenden Wunden, hatte seine Gattin
zu heilen! Und war Miß Ingram wohl das Wesen, die das vermochte; brachte sie seinem tiefen, unter Rauheit und Satyre versteckten
Gefühl das rechte Verständnis und ein warmes Herz entgegen? Nein
und nein, rief es in meinem Herzen, und es zog sich schmerzlich zusammen bei dem Gedanken einer Verbindung Rochesters mit ihr.
Ich zergrübelte mich, was ihn bewegen konnte, gerade sie zu wählen;
ich überraschte mich bei dem vergeblichen Versuche, dieses Problem zu
lösen während des Unterrichts und hatte ihn noch nicht aufgegeben,
als ich in der Dämmerstunde an meinem Fenster saß und Adele
längst zu Mr. Rochester hinuntergegangen war. Ich überhörte sogar,
daß es wiederholt an meine Thür geklopft hatte und fuhr überrascht
aus meinem Sinnen auf, als ich Leah plötzlich im Zimmer stehen sah.
,Mrs. Fairfax läßt Sie bitten, sich in ihr Zimmer zu bemühen,
Miß; es erwartet Sie dort jemand,! sagte Leah.
Ich folgte ihr verwundert. Wer konnte mich erwarten? Ich
hatte ja außer Mrs. Nasmyth, die frühere Miß Temple, niemand in
der Welt, der sich um mich kümmerte; mit ihr stand ich ja freilich
noch in Korrespondenz, aber sie lebte weit ab von Thornfield und
es war nicht daran zu denken, daß sie mich hier aufsuchte.

Als ich in Mrs. Fairfax Zimmer eintrat, sah ich in der Nähe
der Thür einen Mann stehen, der ungefähr das Aussehen eines
Dieners hatte; er war in tiefe Trauer gekleidet, und um seinen Hut,
welchen er in der Hand hielt, war ein breites Kreppband geschlungen.
,Sie kennen mich wohl nicht mehr, Miß?’ redete er mich an;
,es sind auch mehr als acht Jahre her, daß wir uns gesehen haben;
ich war damals Kutscher in Gateshead.’
,Guten Tag, Robert; oh, ja, ich erinnere mich Eurer jetzt sehr
gut; Ihr habt mich damals manches Mal auf Miß Georgianas Pony
reiten lassen. Ich weiß auch, daß Ihr jetzt Portier seid und Bessie
Euer Weib ist. Wie geht es ihr und den Kindern.
,Danke, Miß, sehr gut,' gab er zur Antwort; ,die Meinigen
sind alle gesund.’
,Und wie steht es im Herrenhause?’ fragte ich weiter, und mein
Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Krepp an seinem Hut.

,Es thut mir leid, Miß, daß ich Ihnen da nichts Günstiges zu
melden habe. Mrs. Reed lebt und die beiden jungen Damen sind
gesund, aber Mr. John - er stockte - Mr. John ist heute vor acht
Tagen gestorben und seine Mutter hat die Nachricht so erschreckt, daß
sie jetzt krank darniederliegt. Es war ein Schlaganfall. Sie wissen,
Miß Eyre, Mr. John machte seiner Mutter vielen Kummer; er ist in
London in schlechte Gesellschaft geraten und hat viel Geld durchgebracht; Mrs. Reed hat oft seine Schulden bezahlt und ihr halbes
Vermögen hingegeben; vor vierzehn Tagen kam Mr. John plötzlich
nach Hause; er mußte wieder Schlimmes mitbringen, wie gewöhnlich,
denn Bessie hat von den übrigen Dienstleuten gehört, daß es viele
aufregende Scenen gegeben hat. Nach einigen Tagen reiste Mr. John
ebenso plötzlich ab, wie er gekommen war; seine Mutter hatte sich
geweigert, ihm den letzten Rest ihres Vermögens hinzugeben; er schied
erzürnt von ihr und vor acht Tagen kam die Nachricht von seinem
Tode. Sie sagen, er habe sich selbst entleibt,' setzte er
zögernd hinzu.
,Und wie trägt es seine Mutter?’ Robert.
,Sie fiel bei der Nachricht vom Schlage getroffen zu Boden,
und seitdem ist sie noch nicht wieder recht zu sich gekommen, sagt
Bessie. Aber ihren Namen Miß spricht sie oft aus, nur konnte
Bessie viele Tage hindurch nicht verstehen, was sie damit wollte; sie
sprach so undeutlich; endlich brachte sie heraus, daß sie Sie sehen
wollte. Bessie sagte es den jungen Damen und riet ihnen, Sie
holen zu lassen, aber diese wollten nicht hören; doch Mrs. Reed wurde
so unruhig und rief so ungeduldig nach Ihnen, daß ich geschickt
wurde. Man kann zwar nicht wissen, wie Mrs. es meint, daß sie
nach ihnen verlangt, aber Bessie denkt, Sie würden sich gewiß nicht
weigern zu kommen.’
,Gewiß nicht, Robert.’
,Dann würde ich Sie gern morgen früh mit mir nehmen, Miß
Jane. Aber Sie müssen wohl erst Erlaubnis nachsuchen?’

,Ja, das muß ich, und ich werde es gleich thun.’
Ich nahm Robert mit mir in die Küche, empfahl ihn dort der
Fürsorge Leahs und ging sogleich Mr. Rochester zu suchen. Ich fand
ihn in der Bibliothek vor seinem Schreibtisch sitzend; doch schien er
nicht zu schreiben, er saß, den Kopf in die Hand gestützt, ganz in
Gedanken verloren und bemerkte meinen Eintritt garnicht.
,Mr. Rochester,' redete ich ihn an.
,Jane? sagte er, den Kopf erhebend und mich erstaunt anblickend. ,Was giebt es?’
,Mr. Rochester,' wiederholte ich, ,ich möchte mir auf ein bis
zwei Wochen Urlaub erbitten, um eine kranke Verwandte zu besuchen,
welche nach mir geschickt hat.’

,Eine Verwandte? Sie haben mir ja gesagt, Sie hätten keine
Verwandte,’ gab er zurück, mich fast finster anblickend.
,Keine, die mich anerkennen wollten.’
,Wie heißt denn diese Verwandte?’
,Mrs. Reed auf Gateshead in -shire.’
,Reed von Gateshead! Ich kannte einen Landrat Reed auf
Gateshead.'
,Das war mein Onkel, Herr, der Bruder meiner Mutter, und
die jetzt nach mir schickt, ist seine Witwe.’
,Und warum haben Sie nie von dieser Tante gesprochen?’
,Sie hat mich verstoßen.'
,Weshalb?’
,Weil ich arm und ihr lästig war und weil sie mich nicht leiden
mochte.’
,Und dann wollen Sie hundert Meilen reisen, um ihr einen
Wunsch zu erfüllen? Unsinn, Jane! Sie muß ja eigene Kinder
haben; mag sie sich von denen pflegen lassen! Ich weiß, sie hat zwei
Töchter und einen Sohn, der als Tunichtgut in London eine Art von Berühmtheit genoß.’

,Ja, Herr. Dieser Sohn hat sich zu Grunde gerichtet und so
ziemlich auch seine Familie; sein plötzlicher Tod wird dem Selbstmorde zugeschrieben. Die Nachricht von diesem Unglück hat seine
Mutter so schwer getroffen, daß sie vom Schlage gerührt worden ist.’

,Was können Sie ihr da helfen? Und Sie sagen ja, daß die
Tante Sie verstoßen hat.’
,Ja, Herr, aber das ist lange her; und damals war sie in anderen Verhältnissen. Ich würde kein ruhiges Gewissen haben, wenn ich ihre Wünsche nicht erfüllte.’
,Ja, dann muß ich Sie wohl gehen lassen; aber versprechen Sie
mir, nicht länger als acht Tage fortzubleiben.’
,Ich möchte mein Wort nicht verpfänden, Herr, aus Furcht,
daß ich genötigt werden könnte, es zu brechen.’
,Dann geben Sie mir wenigstens die Hand darauf, daß Sie
sich nicht bereden lassen, immer bei ihr zu bleiben und daß Sie
wiederkommen, sobald sie können.'

,Meine Hand darauf!' sagte ich, sie ihm darreichend. Er nahm
sie in seine beiden Hände, hielt sie lange fest und sagte mit einem
Tone, der fast eine Beimischung von Wehmut hatte:
,Dann reisen Sie mit Gott, Jane, und vergessen Sie nie, daß
Sie hier Ihre Heimat und gute Freunde haben, die nach Ihrer
Rückkehr verlangen.
,Ich danke, Herr, für dieses gütige Wort, versetzte ich gerührt
und verließ das Zimmer, um mich für die morgende Abreise vorzubereiten.
Zwei Tage darauf langte ich in Gateshead an. Ich trat zuerst
bei Bessie ein.
,Gott segne Sie, Miß Jane!' rief sie, als sie meiner ansichtig
wurde. ,Ich wußte, daß Sie kommen würden.'

,Hoffentlich komme ich nicht zu spät, sagte ich, Bessie und ihre
Kleinen der Reihe nach küssend. ,Wie geht es Mrs. Reed? Sie ist
doch noch am Leben?
,Ja, es geht ihr sogar augenblicklich besser. Der Doktor meint,
sie könnte wohl noch acht bis vierzehn Tage leben, aber daß sie wieder
ganz gesund wird, glaubt er nicht.’
,So laß uns zu ihr gehen, Bessie.’
,Nein,' antwortete diese, ,Sie müssen sich erst nach der weiten
Reise ausruhen und stärken; zudem schläft Mrs. Reed gewöhnlich in
diesen Nachmittagsstunden. Und wie in meiner Kinderzeit nahm
Bessie mir Hut und Tuch ab, setzte mir einen Stuhl an den Kamin,
stellte ein Tischchen davor und bewirtete mich mit Thee und Toast,
und ich ließ es mir gern gefallen, denn ich war in der That von der
weiten Reise ermüdet und einiger Ruhe und Erquickung bedürftig.

Nachdem ich mich etwas erholt hatte, begleitete mich Bessie nach
dem Herrenhause und meldete meinen Cousinen meine Ankunft. Als
ich das Wohnzimmer betrat, kamen mir beide entgegen und begrüßten
mich, wie ich das kaum anders erwartet hatte, mit hochmütiger
Kälte. Ich wunderte mich über mich selbst, wie wenig mich das unhöfliche Entgegenkommen meiner Cousinen berührte, und wie gleichmütig ich es aufnahm, daß sie mich mit Miß Eyre anredeten; vor
wenigen Monaten noch hätte es mich vielleicht sehr gekränkt, jetzt aber
fühlte ich mich gehoben in dem Bewußtsein, daß ich an einem anderen
Orte gute Freunde, die mich achteten und für den Augenblick auch
eine Heimat hatte. So ließ ich mich durch das Benehmen der
Schwestern nicht beirren und fragte ruhig:
‘Wie geht es Mrs. Reed?’
Georgiana schien ganz erstaunt, daß ich es wagte, eine direkte Frage an sie zu richten, bequemte sich aber doch endlich, mir zu antworten:
,Sehr schlecht!'
,Wollen Sie nicht die Güte haben, sie zu benachrichtigen, daß
ich hier bin? ich weiß, daß sie den dringenden Wunsch hat, mich zu
sehen, und möchte ihn nicht länger unerfüllt lassen, als durchaus
nötig ist.

,Mama läßt sich Abends nicht gern stören, bemerkte Eliza, mich
von oben herab betrachtend.
Ich ließ mich durch ihren verächtlichen Blick nicht einschüchtern,
und als ich sah, daß weder sie noch Georgiana Anstalt machten,
meinem Verlangen nachzukommen, stand ich ruhig auf, legte Hut und
Tuch unaufgefordert ab und sagte, ich wolle zu Bessie gehen und von
ihr zu erfahren suchen, ob ich meine Tante noch heute sprechen könne.
Wäre ich meinem augenblicklichen Gefühle gefolgt, so würde ich
sogleich wieder abgereist sein, aber ich sah nach einiger Überlegung
ein, daß das thöricht gewesen wäre; wozu hätte ich denn wohl den
Weg von hundert Meilen gemacht? Ich faßte also den Entschluß,
zu bleiben, so lange es mir nötig scheinen würde, und suchte deshalb
zuerst die Haushälterin auf. Ich teilte ihr mit, daß ich für einige
Zeit im Hause zu bleiben gedenke, bezeichnete ihr ein Zimmer, das
sie für mich herrichten lassen sollte und ordnete an, daß man meinen
Koffer dort hinschaffen möge. Als ich zuletzt fragen wollte, wo Bessie
zu finden sei, kam diese mir schon von der Treppe herab entgegen.
,Lassen Sie uns jetzt gehen, Miß, sagte sie, ,Mrs. Reed ist
erwacht, wir wollen versuchen, ob Sie sie jetzt sprechen können.
Ich trat leise in die Krankenstube, in welcher eine Nachtlampe
nur ein mattes Licht ausstrahlte, schlich auf den Fußspitzen an
das Bett und blickte nach langen Jahren zum ersten Male wieder in
das Gesicht, das mir so oft Furcht und Schrecken eingeflößt hatte.
Es trug noch die selben harten, strengen Züge. Aber wie eingefallen
und vergrämt sah es aus und wie schneeweiß waren dis Haare geworden, die es einrahmten! Mein Herz wurde weich bei dem Anblick,
alle schrecklichen Erinnerungen, welche sich für mich an dieses Antlitz
knüpften, gingen in dem innigsten Mitgefühl unter und ich beugte
mich nieder, um es zu küssen.
,Wer ist das?’ sagte sie mit schwacher Stimme und sah mich
mit einem leeren Blicke an, an dem zu erkennen war, daß ihre
Geisteskräfte geschwächt waren.
,Ich bin es, Tante Reed, Jane Eyre. Wie geht es Dir, liebe
Tante?’
Ich hatte einst geschworen, sie nie wieder Tante zu nennen,
doch hielt ich es für keine Sünde, den Schwur jetzt zu brechen.

,Jane Eyre ist das nicht; Jane Eyre haßte mich und ich haßte
sie, und mein John konnte sie auch nicht leiden. Wo ist John? Ist
er noch nicht wieder da von London? Oh, wenn er kommt, dann will
er wieder Geld haben, und ich habe ihm schon so viel gegeben.
Du machst mich ganz arm, John; ich habe schon die Hälfte
der Dienerschaft entlassen, um Dir immer mehr Geld zu geben; höre
doch auf, mich immer um Geld zu quälen. Du mußt nicht spielen,
John. Ich weiß, Du verlierst immer, armer Junge, aber ich kann
das Haus nicht verkaufen, ich kann Dir nicht alles geben, wovon
sollen Deine Schwestern leben? - John, drohe mir nicht immer mit
Deinem Tode, ich kann es nicht ertragen. Wo bist Du John?’
fragte sie, sich plötzlich mit einer gewaltigen Anstrengung aufrichtend
und wild um sich starrend.
Ich nahm sie in den Arm, um sie zu beruhigen, aber sie stieß
mich mit einer Kraft von sich, die ich in diesem verfallenen Körper
nicht mehr vermutet hätte.
,John, John,’ schrie sie noch einmal verzweiflungsvoll und fiel
dann erschöpft in die Kissen zurück. Bessie brachte ihr mit Mühe
einen beruhigenden Trank bei, nachdem sie, wenn auch erst nach langer
Zeit, in einen leichten Schlummer verfiel.
,So spricht sie oft des Abends, sagte Bessie, ,heute scheint sie
mir freilich besonders aufgeregt; Ihr Anblick mag so auf sie gewirkt
haben, wenn sie Sie auch kaum erkannt zu haben scheint.

Ich verließ Mrs. Reed für heute und zog mich auf mein Zimmer
zurück. Am nächsten Morgen erfuhr ich von der Wärterin, daß es
mit der Kranken wieder schlechter gehe und daß sie in einen völlig
apathischen Zustand verfallen sei. Als ich mein Frühstück eingenommen
hatte, begab ich mich in das Krankenzimmer, bemühte mich aber, der
Patientin meine Anwesenheit zu verbergen, doch konnte ich mich bald
überzeugen, daß sie niemand, also auch mich nicht erkannte, und so
beschloß ich, den Besuch des Arztes hier abzuwarten und mit ihm zu
beraten, was ferner zu thun sei, denn, wenn meine Anwesenheit
der Tante keine Erleichterung, sondern nur mehr aufregende Gefühle
brachte, so schien es mir besser, daß ich wieder abreiste.
Der frühere Arzt von Mrs. Reed, den ich schon kannte, war inzwischen gestorben, aber sein Nachfolger hatte zum Glück ein vertrauenerweckendes, mir sehr sympathisches Gesicht; ich konnte mir
gleich ein Herz fassen, ihm von meinem Verhältnisse zu der Leidenden
so viel mitzuteilen, als nötig war. Er hörte mir aufmerksam zu,
ging, als ich geendet, wenige Minuten mit sich zu Rate und sagte
dann:

,Ihre Erzählung, mein Fräulein, zusammengehalten mit dem
Umstand, daß Mrs. Reed schon vor Ihrer Ankunft dringend nach
Ihnen verlangt hat, läßt es fast unzweifelhaft erscheinen, daß sie
Ihnen eine Mitteilung zu machen hat, durch die sie ihr Herz erleichtern möchte; sei es, daß sie sich mit Ihnen auszusöhnen wünscht,
oder sei es etwas anderes, das sich nicht erraten läßt. Mir würde
es gut scheinen, wenn Sie hier und so viel als möglich um die
Tante blieben. Bleiben Sie ihr fern, so würde sie bei einer notwendigen Zusammenkunft ihr Anblick wahrscheinlich ebenso wie gestern
aufregen, während sie sich in dem teilnahmlosen Zustande, in welchem
sie sich jetzt befindet und der erst nach und nach weichen kann, allmählich daran gewöhnen wird, Sie um sich zu sehen.
Mir war dieser Rat willkommen, denn er hielt in mir die Hoffnung wach, daß ich doch noch etwas zur Beruhigung der armen
Leidenden thun könnte und gab mir die Möglichkeit, meinen Verkehr
mit den Cousinen dadurch, daß ich bestimmte Pflichten übernahm,
nach Belieben einzuschränken. So etablierte ich mich denn im Krankenzimmer. Ich schickte die Wärterin, so oft es anging, fort und that
Mrs. Reed selbst alle Handreichungen; es machte mir Freude, zu bemerken, daß sie sich mit der Zeit an meine Dienste gewöhnte, es
sogar lieber zu haben schien, wenn ich ihr die Kissen zurecht rückte
und ihr die Medizin reichte, als wenn es die Wärterin that. Tagelang lag sie in fortwährendem Halbschlummer und schlug die Augen
nie auf; einige Male wollte es mich zwar bedünken, als schlossen sich
ihre Lider in dem Augenblicke, als ich sie von meinem Platze am
Fenster aus ansah, an dem ich meinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte,
weil ich zu meiner Beschäftigung Licht brauchte (ich hatte meine
Zeichenutensilien mitgebracht, und weil ich von ihm zugleich das Bett
meiner Tante überschauen konnte; ich mußte mich aber wohl geirrt
haben, denn als ich mich der Kranken näherte, schlief sie jedesmal
fest. Zweimal fühlte ich auch einen schwachen Händedruck, als ich
sie gerade wieder bequem gebettet hatte und sie litt es ohne Widerstreben, wenn ich ihr mitunter die welke Hand streichelte oder die
eingefallene Wange küßte.
Eliza und Georgiana kamen jeden Tag nur einmal auf etwa
fünf Minuten in das Krankenzimmer, erkundigten sich nach dem Befinden ihrer Mutter, wie man einer Pflicht der Höflichkeit genügt,
ohne einen Schatten von Besorgnis oder das geringste Gefühl von
Teilnahme zu verraten, es schien vielmehr in ihrem Benehmen eine
gewisse Ungeduld zu liegen, daß der Zustand der Kranken sich so
unveränderlich gleich blieb. Mich beachteten sie in den ersten Tagen
ebensowenig, wie ich sie. Mit der Zeit aber fingen sie an, meiner
Beschäftigung einige Aufmerksamkeit zu schenken, sahen mir etliche
Minuten zu, wie ich zeichnete oder malte, richteten wohl auch einige
Fragen über die Zeichnungen an mich, welche sie unter meinen
Händen entstehen sahen. Nach und nach schien ich in ihrer Achtung
zu steigen und Georgiana überraschte mich eines Morgens mit dem
Vorschlage, einen Spaziergang mit ihr zu machen. Ich wies diesen
Versuch eines Entgegenkommens nicht zurück, holte mein Tuch und
meinen Hut und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die Kranke
augenblicklich meiner nicht bedurfte und der Wärterin anempfohlen
hatte, sie nicht zu verlassen, bis ich wiederkäme, ging ich mit meiner
Cousine. Wie frei und leicht atmete es sich hier draußen, wie so
ganz anders als in der dumpfen Luft des Krankenzimmers, und wie
wohl that dem Auge der Blick in die Weite, nachdem ich von den
Fenstern aus nur die beschränkte Aussicht auf die grünen Bäume des
Parkes gehabt hatte! Oh, wie sehnte ich mich mit einem Male hinaus aus diesem Hause, zwischen andere Felder, heim, oh heim. Denn
ich hatte ja eine Heimat; hatte Mr. Rochester nicht gesagt, ich solle
das nie vergessen? Ja, ich hatte sie, aber auf wie lange? Mr.
Rochester wollte mir wohl, ich wußte es, er würde mir in Thornfieldhall immer eine Heimat gewähren, aber seine stolze Braut, das
fühlte ich, würde mich bald, ach, nur zu bald, aus diesem Paradiese
vertreiben!
Georgiana ließ mir nicht Zeit, meinen Gedanken weiter nachzuhängen, sie forderte meine ganze Aufmerksamkeit für ihre Klagelieder. Worüber hatte sie alles zu klagen! Über ihren Bruder John,
der eine Schande der Familie gewesen; über die Schwäche ihrer
Mutter, die ihm den größten Teil ihres Vermögens geopfert und die
sich jetzt das Schicksal dieses Verlorenen so zu Herzen nähme, daß
sie so lange krank und das ganze Haus ausgestorben sei. Dann gab
sie ihrer Sehnsucht nach London Ausdruck, begnadigte mich mit einer
Erzählung der Triumphe, die sie dort gefeiert, klagte Eliza an, daß
sie ihr diese nicht gegönnt und machte mich zur Vertrauten aller
ihrer Zänkereien mit der gefühllosen und neidischen Schwester, wie sie
Eliza nannte. Sprach ich diese, denn auch sie würdigte mich jetzt
mitunter einiger vertraulicher Mitteilungen, so machte sie ihrer Entrüstung über Georgiana Luft, klagte sie der Eitelkeit und des Müßigganges an, und diese Anschuldigungen waren im Grunde nicht so
ungerechtfertigt, denn Georgiana brachte die längste Zeit des Tages
vor dem Spiegel oder auf dem Sofa liegend und Romane lesend
zu, während Eliza unablässig beschäftigt war. Ihre Beschäftigungen
schienen mir zwar keinen besonders hohen Zweck zu haben, sie bestanden hauptsächlich darin, Rechnungen über ihren Besitz anzustellen,
den Stand der Börsenpapiere zu studieren und mit äußerster Pünktlichkeit zu bestimmten Tageszeiten in einem Buche zu lesen, das
religiöse Betrachtungen enthielt. Das alles schien sie mit einer
großen Achtung vor ihrem eigenen Thun zu erfüllen, aber ich habe
nicht einmal bemerkt, daß ihre religiösen Übungen eine Regung der
Milde und Freundlichkeit oder ein Gefühl der Demut und Verträglichkeit hervorriefen.
So durchlebten wir mehrere Wochen. Ich hatte zuweilen an
Mrs. Fairfax geschrieben und von ihr gehört, daß Mr. Rochester nach
London gereist sei, um, wie es schiene, Vorbereitungen für seine bevorstehende Hochzeit zu treffen, obgleich er immer noch keine bestimmte
Äußerung über seine Absichten gethan habe; einmal habe sie es sogar
gewagt, ihn direkt nach seinen Plänen zu fragen, aber er habe ihr
nur mit einem Scherzwort und einer seiner gewöhnlichen Grimassen
geantwortet. In jedem Briefe sprach sie ihren Wunsch, mich bald
wiederzusehen, und Adeles Verlangen nach mir aus. Wie gern wäre
ich zu ihnen geeilt, aber jetzt hielt mich doch hier meine nächste Pflicht.

Eines Abends war ich wieder allein bei der Kranken; ich hatte
die Wärterin zum Abendessen in die Küche geschickt. Auf dem Tische
neben dem Krankenbette brannte die beschattete Nachtlampe; es war
nur ein mattes Dämmerlicht im Zimmer und so recht die Zeit, sich
seinen sehnsuchtsvollen Gedanken in die Ferne zu überlassen, mit denen
ich mich denn auch in meinen Schlupfwinkel am Fenster zurückgezogen hatte, da Mrs. Reed, wie gewöhnlich, in ihrem Halbschlummer
lag. Ich saß lange unbeweglich, da weckte mich plötzlich aus meinem
Sinnen eine schwache Stimme.

,Bin ich ganz allein? fragte die Kranke, und zugleich machte sie
einen Versuch, sich aufzurichten.
,Ich bin bei Dir, Tante Reed, sagte ich und war sogleich an
ihrer Seite.
,Warum bist Du jetzt bei mir, Jane? Du hassest mich ja und
wolltest mich nie wieder Tante nennen.

,Oh, ich war ein unverständiges Kind, wie ich das sagte; es
ist schon so lange her; denke nicht mehr daran, liebe Tante, und vergieb es mir.
,Du hattest ein Recht, mich zu hassen, denn ich verstieß Dich
und war grausam gegen Dich und -
,Rege Dich nicht auf, liebe Tante, das ist alles vergessen und
vergeben, beruhigte ich sie, ihr die Hände küssend, ,ich hätte Dich
schon damals gern geliebt, wenn Du es mir nur erlaubt hättest.

Sie streichelte mir die Wange und ihr sonst so strenges Auge
blickte so milde, wie ich es nie zuvor gesehen; sie lehnte sich in die
Kissen zurück und blieb einige Minuten ganz still; ich setzte mich
auf den Rand des Bettes und hielt ihre Hände in den meinigen.
Plötzlich nahm ihr Gesicht einen verstörten Ausdruck an.

,Ich kann nicht sterben, Jane, rief sie verzweiflungsvoll, ,wie
soll ich dort drüben Deinem Onkel begegnen? Ich habe ihm versprochen, Dich mit meinen eigenen Kindern, wie eines von ihnen, zu
erziehen, und habe mein Wort gebrochen.
,Er wird es Dir verzeihen, wie ich es Dir verziehen habe,
suchte ich sie zu beruhigen. ,Es war vielleicht gut so für mich und
notwendig, daß ich in anderen Verhältnissen auferzogen wurde. In
diesem Sinne redete ich ihr noch eine Weile zu; sie ließ sich beschwichtigen, aber es wollte mir dennoch scheinen, als ob ihr Gemüt
vor einem drückenden Gedanken, den sie nicht auszusprechen wagte,
nicht recht zur Ruhe kommen wollte.
,Es thut mir wohl, Jane, sagte sie nach einiger Zeit wieder,
,daß Du bei mir bist und mich Tante nennst, und mich nicht mehr
mit den fürchterlichen Augen ansiehst, wie damals; ich fürchte
mich davor, daß Du es wieder thust und mich wieder hassest, darum
wird es mir so schwer, Dir zu sagen, warum ich Dich herkommen
ließ.
,Wenn es Dein Herz erleichtern kann, so schütte es mir aus,
liebe Tante, das meinige hat jetzt keinen Raum für Haß.

Sie sah mich einige Sekunden ängstlich forschend an.
,Es muß sein!' sagte sie endlich. ,Ich werde bald vor dem
ewigen Richter stehen, und wenn ich Gnade vor seinen Augen finden
will, so muß ich meine Sünden hier wieder gut machen, so weit es
in meinen Kräften steht. Hole das Kästchen dort von der Kommode, Jane.

Ich that, wie sie mir geheißen.
,Hier ist der Schlüssel, sagte sie, einen kleinen Schlüssel unter
ihrem Kopfkissen hervorziehend, ,öffne es, nimm den Brief heraus,
den Du darin findest und lies.'

Sie sprach das Alles in abgebrochenen Sätzen, aufgeregt und
nach Atem ringend, der Entschluß, mir den Inhalt des Kästchens
preiszugeben, wurde ihr offenbar sehr schwer. Der Brief, den ich
lesen sollte, war in einer mir ganz fremden Handschrift und enthielt
nur wenige Zeilen; er lautete:

,Madame, wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner
Nichte, Jane Eyre, zu übersenden und mich von ihrem Ergehen in
Kenntnis zu setzen; es ist meine Absicht, sie möglichst bald zu mir
nach Madeira kommen zu lassen. Die Vorsehung hat meiner Arbeit
Segen verliehen; es ist mir gelungen, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben, und da ich unverheiratet und kinderlos bin, so
ist es mein Wunsch, meine Nichte noch bei meinen Lebzeiten zu
adoptieren und ihr nach meinem Tode meine Besitztümer zu hinterlassen. Ich bin, Madame, u.s.w., u.s w.
John Eyre, Madeira.

Der Brief war drei Jahre zurück datiert.
,Wie kommt es, daß ich davon nie etwas gehört habe?
fragte ich.

,Oh, Jane, ich haßte Dich damals; ich konnte den Gedanken
nicht ertragen, daß Du reich und glücklich werden solltest, während
ich mit den Meinen immer mehr dem Ruin entgegenging. Ich
schrieb Deinem Onkel, Du seist in Lowood am Typhus gestorben!
Es war unrecht, es war schlecht; vergieb, vergieb, rief sie,
und streckte ihre mageren Arme flehend nach mir aus.

Ich kann nicht leugnen, daß mich zuerst ein Gefühl von Erbitterung und Entrüstung überkam, daß mich die Mißgunst während
dreier Jahre um das Glück gebracht hatte, unter dem Schutze und in
der Liebe eines so nahen Verwandten zu leben, der mir beides gewähren wollte, als ich aber in das angsterfüllte Antlitz meiner Tante
schaute und ihre verlangend nach mir ausgestreckten Arme sah, da
konnte ich nicht anders, als ihr um den Hals fallen und sagen:

,Habe Frieden, arme Seele, ich vergebe Dir von ganzem
Herzen!
Ich hielt sie eine Weile umschlungen, legte sie dann sanft in
die Kissen zurück und blieb an ihrem Bette sitzen; wir sprachen beide
kein Wort weiter, denn die Kräfte der Kranken waren durch die Aufregung erschöpft, ich wollte ihr Zeit lassen, sich zu beruhigen und
mußte auch meine eigenen Gefühle erst beschwichtigen. Sie hielt
meine eine Hand in den ihrigen, bis sie endlich einschlief, da machte
ich mich sanft von ihr los und ging auf mein eigenes Zimmer.
Du wirst es begreifen, lieber Leser, wenn ich Dir sage, daß ich
dort hart mit mir zu ringen hatte, um allen Groll, alle Bitterkeit in
mir niederzukämpfen, welche die Enthüllungen meiner Tante in mir
wachgerufen hatten, aber ich kämpfte tapfer und gewann den Sieg,
ich hatte wirklich meiner Tante von Herzen vergeben.

Als ich am anderen Morgen in ihr Zimmer trat, empfing mich
die Wärterin mit der Nachricht, daß sie in dieser Nacht hinüber geschlummert sei.

Ich trat an das Bett. Dort lag sie still und kalt, ihr sonst
so strenges Gesicht hatte einen ruhigen, friedlichen Ausdruck angenommen, es gemahnte mich in keinem Zuge mehr an das harte,
strenge Antlitz, das der Schrecken meiner Kinderjahre gewesen, ich
dachte nur daran, daß schweres Leiden diese Linien gesänftigt habe
und bat Gott, die arme gemarterte und reuige Seele gnädig
zu richten. Ich konnte es nicht hindern, daß eine Thräne auf die erkalteten Hände fiel, als ich sie noch einmal küßte; es war wohl die
einzige, welche um die Tote geweint wurde; ihre Kinder hatten
wenigstens keine für sie. Bald nach mir betraten auch sie das Sterbezimmer.
,Sie hätte noch lange und in Wohlhabenheit und Glück leben
können, sagte Georgiana, ihre Mutter ruhig und kalt betrachtend,
,wäre sie nicht so schwach gegen John gewesen.'

,Ja, fügte Eliza hinzu. ,sie hatte sich und uns ein trauriges
Geschick bereitet; hätte ich nicht selbst für mich zu sorgen gewußt, dann-!
Die Beisetzungsfeierlichkeiten waren vorüber. Mrs. Reeds
Bruder war dazu von London nach Gateshead gekommen. Georgiana
bat ihn, sie mit sich zu nehmen, denn sie könne, wie sie sagte, in
ihrer jetzigen Gemütsverfassung Elizas gefühlloses Wesen und die
trostlose Stille im Hause nicht ertragen. Ihr Onkel kam ihren
Bitten nach und sie rüstete sich zur Abreise. Ich schickte mich auch
an, Gateshead wieder zu verlassen, wo ich nun schon über drei Wochen
weilte, aber Georgiana quälte so lange, daß ich sie nicht mit ihrer
Schwester allein lassen möge, denn sie fürchte nichts auf der Welt
so sehr, als mit Eliza allein zu sein, daß ich mich entschloß, noch
acht Tage zu bleiben. Sie wußte in dieser Woche meine Zeit nützlich
auszufüllen, indem sie mich anstellte, ihre Garderobe in Ordnung zu
bringen und ihre Koffer zu packen, während sie selbst ruhig auf dem
Sofa lag und mir zusah. Ich hätte mich der mir zuerteilten Arbeit
gewiß nicht so gutwillig und ohne Georgiana selbst dazu anzuhalten,
unterzogen, hätte ich nicht gewußt, daß es wohl das letzte Mal war,
daß ich ihr einen Dienst erwies, denn unsere Wege waren fortan geschieden; so unterzog ich mich denn geduldig der Erfüllung ihrer
Wünsche und dachte nicht wieder an meine eigene Abreise, als bis
sie mit ihrem Onkel den Reisewagen bestiegen hatte und zum Thore
von Gatesheadpark hinausrollte.

Da ich nicht ferner Gelegenheit haben werde, ihrer zu erwähnen,
so will ich hier gleich bemerken, daß sie später einen vornehmen,
reichen, aber ganz alten Mann in London heiratete, als dessen
Frau sie während der Londoner Saison noch viele Triumphe
als gefeierte Schönheit genoß. Als der Wagen, welcher Georgiana
davontrug, hinter dem Parkgitter verschwand, ging ich eilig daran,
meinen Koffer zu packen. ich hatte kaum damit begonnen, so trat
Eliza in mein Zimmer und begehrte nun auch ihrerseits, ich sollte ihr
noch Hilfe bei der Ausführung eines großen Planes leisten; sie beabsichtige, sich nämlich ganz aus dieser Welt von Müßiggängern,
Verschwendern und Schwachköpfen (auf wen sie damit anspielte, war
unschwer zu erraten? zurückzuziehen. Sie habe mit ihrem Vermögen
so hausgehalten, daß sie sich jetzt damit den Eintritt in einen stillen
Zufluchtsort erkaufen könne, wo Ordnung, Arbeitsamkeit und Vernunft herrsche; sie haben einen solchen in Lisle, in Frankreich gefunden, werde in zwei Tagen dorthin abreisen, und wenn sich alles
ihren Erwartungen entsprechend zeigte, so werde sie für immer dort
bleiben. Ich solle ihr nur helfen, noch alle ihre Angelegenheiten zu
ordnen, verschiedene Briefe zu schreiben u.s.w. und es ihr ermöglichen, ihre Reise zur festgesetzten Zeit anzutreten. Mir könne sie nur
raten, einst denselben Weg einzuschlagen, denn ich schiene ihr gesunden Menschenverstand genug zu haben, um zu begreifen, daß es
im Kloster besser sei, als in dieser Welt voll hohler, eitler Menschen.
,Jedem das Seine,! sagte ich, , Cousine Eliza,! ohne ihr von
ihrem Vorhaben abzuraten, was auch völlig nutzlos gewesen wäre;
,ich bleibe meinem Glauben treu und habe, so jung ich bin, in dieser
Welt schon Menschen gefunden, auf die Deine Ansicht über unseresgleichen keine Anwendung findet, und es gelüstet mich, noch mehr
dergleichen zu entdecken. Meine Hilfe will ich Dir aber noch leihen.

Sie zuckte die Achseln und wir gingen an die Arbeit.
Nach einem Jahre hörte ich von ihr, daß sie wirklich zum Katholizismus übergegangen und als Nonne in das Kloster zu Lisle eingetreten sei, an dessen Spitze sie später als Abtissin gestanden haben
soll. Wir haben uns im Leben nie wiedergesehen!



Neunzehntes Kapitel.

Jetzt, lieber Leser, meinst Du mich nun gewiß endlich auf
meinem Wege nach Thornfield begleiten zu können. Oh, könnte ich
Dich doch mit mir dorthin nehmen! Aber das Schicksal will es
anders.

Es war mein letzter Abend in Gateshead. Ich hatte eben Anordnungen getroffen, daß man morgen zeitig einen Wagen für mich
bereit halten sollte, der mich an die nächste Poststation brächte, da
trat Bessie in mein Zimmer
,Diesen Brief bringt soeben ein expresser Bote, Miß, und fragt,
ob er etwa die Antwort nach der Station mit zurücknehmen solle.

Ich erkannte Mr. Rochesters Handschrift. Was es auch sei,
dachte ich, ich selbst komme jetzt schneller als jede Antwort nach
Thornfield, und hieß Bessie den Boten wieder fortschicken. Als ich
wieder allein war, öffnete ich den Brief; ein anderer war darin eingeschlossen, von einer Handschrift, die ich erst einmal gesehen hatte,
die ich aber unter tausenden wieder erkannt hätte; es waren die
Schriftzüge meines Okels.

Mr. Rochester hatte wenige Zeilen beigefügt, sie lauteten:

,Alle guten Geister haben Thornfieldshall verlassen und Dämonen
treiben hier ihr Wesen! Sie spuken in Adele und machen sie verwirrt und gedankenlos, wenn sie mir ihre Aufgaben hersagen soll
(denn ich bin ihr Schulmeister geworden, seit ihr richtiger davongelaufen ist; aber der Teufel hole das Schulmeistern!s; sie jagen sie
wohl hundertmal den Tag an das Fenster oder auf den Weg nach
Millcote; sie machen Mrs. Fairfax kopfhängerisch und Mr. Rochester
wild, daß er sich jetzt um Dinge kümmern soll, die ihn nichts angehen.

Werden Sie nun bald kommen und alle die bösen Geister zur
Ruhe bringen? Sie können es, Sie haben sie früher in Schach gehalten. Daß Sie so etwas von einer Hexe in sich haben, habe ich
auf den ersten Blick gesehen.
Wenn Sie Ihren Herrn nicht ungeduldig und zornig machen
wollen, so kommen Sie schnell und übernehmen Sie Ihr Amt wieder,
denn er hat für andere Dinge zu sorgen. In spätestens vier Wochen
denkt er seine Angebetete als Gattin heimzuführen und muß sich auf
einen würdigen Empfang vorbereiten.

Der einliegende Brief ist als eilig bezeichnet. Wie kommt es,
daß jemand, der allein in der Welt zu stehen behauptet, außer Verwandten in -shire, nun auch einen Korrespondenten in Madeira hat?
Hoffentlich ist es nicht wieder eine Tante, die Sie an ihr
Sterbebett ladet. Dann muß sie allein sterben, denn Ihr Urlaub
wird nun nicht mehr verlängert.
Edward Fairfax-Rochester.
Ich hatte gelächelt, als ich die ersten Zeilen des Briefes las;
warum strömte mir jetzt plötzlich alles Blut zum Herzen und warum
zitterte das Papier in meinen Händen? Wußte ich denn nicht, daß
Mr. Rochester sich bald verheiraten würde, auch ohne daß er es mir
selbst gesagt? Oh, wenn es nur nicht diese Blanche Ingram wäre.
die ihn nicht glücklich machen konnte, nicht glücklich machen würde!
Ich ging die Hände ringend im Zimmer auf und ab; ich suchte mir
Lady Ingrams Bild bis in seine kleinsten Züge in das Gedächtnis
zurückzurufen; ich war bestrebt, auch nur irgend einen Charakterzug
in ihr zu entdecken, der glückverheißend für Mr. Rochester war; ich
konnte nur Kälte, Oberflächlichkeit, Hochmut und noch vieles andere
entdecken, was mich mit Angst und Sorge erfüllte. Oh, wie hätte
ich ihn lieben wollen! wie- Aber welcher Wahnsinn, daran
auch nur zu denken! Was sollte nun aus mir werden? Daß ich
nicht in Thornfield bleiben konnte, das fühlte ich; sobald Mrs. Rochester
seine Schwelle überschritt, mußte ich es verlassen. Aber wo sollte
ich hin? Ich wollte sogleich eine Anzeige machen und eine neue
Stelle suchen.

Da fiel mir plötzlich der Brief meines Onkels ein; ihn hatte
ich ganz vergessen, war es denn nicht möglich, daß er an der Heimatlosen, der Verlorengeglaubten, von der er nun Kunde erhalten haben
mußte, jetzt auch noch seine früheren Pläne auszuführen gedachte?
Ich öffnete auch dieses Schreiben.

Theures Kind,

das ich schon als tot beweint habe und das der Himmel mir
nun zurückgegeben, komm an mein Herz, von dem man Dich so lange
fern gehalten; aus welchen Absichten vermag ich nicht zu begreifen.
Du mußt es sein, deren Tod mir Mrs. Reed gemeldet. In dem
Bilde, das mir mein Freund Mason von Dir entwirft, stimmt jeder
Zug mit demjenigen überein, was ich noch von meinem geliebten
Bruder in der Erinnerung trage. Der Himmel kann nicht so grausam
sein, daß er jetzt wieder alle meine Hoffnuungen zu Schanden werden
läßt. Es war gewiß seine Fügung, daß Mason nach Thornfieldhall
kommen, daß er Dich dort finden mußte.

Wenn Du es wirklich bist, das einzige Kind meines theuren
Bruders Bill, so eile zu mir, daß ich Dich noch von Angesicht zu
Angesicht sehe, so lange ich lebe! Denn meine Tage find gezählt,
mein liebes Kind; ich bin krank und schwach.

Dein Prinzipal, wenn er irgend ein billig denkender Mann ist, und
Mason sagt, daß er es ist, kann es Dir nicht versagen, Dich augenblicklich aus Deiner Stellung zu entlassen. Am 1. Juni geht ein
Schiff von Plymouth ab, welches auf seinem Wege nach der Capstadt
die direkte Route nachMadeira innehält, auf diesem findest Du in
der Frau eines Geschäftsfreundes, Mrs. Rivers, die von einem Besuche bei ihren Verwandten in England hierher zurückkehrt, eine
würdige Dame, die Dich auf der weiten Reise gern in ihren Schutz
nehmen wird. Mit dem Kapitän des Schiffes habe ich mich schon
in Beziehung gesetzt; er ist von Deinem Kommen unterrichtet, wird
einen Platz für Dich belegt haben und Dich mit Geld und allem
versehen, dessen Du bedarfst, wenn Du ihm die kleine Karte vorzeigst, welche Du in dem Couvert dieses Briefes findest.
Gott schütze Dich auf der weiten Reise, mein geliebtes Kind,
und führe Dich bald in die Arme Deines alten, nach Deinem Anblick
innig verlangenden Onkels

,Ja, ich komme, theurer Onkel, ich komme!' rief ich. ,Oh, wie
sehne ich mich nach Liebe, auf die mir schon die Geburt ein Recht
gegeben, nach der Liebe eines theuren Verwandten. Ich komme, um
bei Dir Schutz und eine Heimat zu suchen, welche mir beide das
Leben bisher versagt hat und der Himmel wird nicht wollen, daß
Dein Tod mir das nie gekannte Glück der Verwandtenliebe, dem
mein ganzes Herz entgegenschlägt, schon so bald wieder raubt; Du
wirst leben, geliebter Onkel, noch lange leben, denn ich will Dich
hüten und pflegen, als mein Theuerstes auf Erden.

Mein Theuerstes? Ja hüten und pflegen wollte ich ihn; ich
wollte ihn lieben mit der ganzen Liehe eines Kindes; aber in diesem
Augenblicke fühlte ich es klar, ich trug noch eine andere Liebe im
Herzen, eine Liebe, zu der ich kein Recht hatte, die ich bekämpfen
mußte mit der ganzen Stärke meines Willens. Der Himmel kam
mir selbst dabei zu Hilfe; er legte das Weltmeer zwischen Mr. Rochester und mich, er gab mir neue schöne Pflichten und so konnte er
mich mit der Zeit auch zu vergessen lehren; nein, vergessen niemals,
wohl aber in Ergebung und Demut mich bescheiden lehren. Nur
glücklich möge der Himmel meinen Freund machen, so glücklich, wie
ihn zu machen meine höchste Seligkeit gewesen wäre.

Und ich sollte England verlassen, ohne ihn noch einmal zu sehen,
ohne ihm noch einmal die Hand zu drücken, für alle Güte, die er der
Heimatlosen erwiesen hatte? Er wird zürnen, mich undankbar schelten,
dachte ich. Ac, nein, er kannte mich zu gut; er wußte, daß ich nicht
undankbar war; er mußte aus dem Briefe meines Onkels, den ich
ihm schicken wollte, so gut wie ich sehen, wo meine nächste Pflicht
lag und wenn er auch nicht wußte, wie mein Herz blutete bei dem
Gedanken, Thornfield und seine theuren Insassen nicht wiederzusehen,
daß es mir wehe that, fühlte er sicher und vielleicht beschlich auch
ihn ein Bedauern, daß er mir kein freundliches Wort mehr mit auf
den Weg geben konnte.

Ich schrieb einige Worte, wie sie mir gerade aus dem Herzen
kamen, an Mr. Rochester und siegelte sie mit dem Briefe meines
Onkels ein, mir vorbehaltend, an Mrs. Fairfax und Adele noch ausführlicher zu schreiben, dann schickte ich einen reitenden Boten mit
den Briefe nach der Poststation, nicht um ihn schneller zu befördern,
sondern um so schnell als möglich Postpferde für mich zu bestellen,
denn bis Plymouth war eine weite Reise; ich mußte Tag und Nacht
fahren, wollte ich noch zu rechter Zeit dort eintreffen; der Brief
meines Onkels mußte eine langsame Beförderung gehabt haben, wäre
er nur wenige Stunden später eingetroffen, so hätte ich das bezeichnete
Schiff nicht mehr erreichen können. Nachdem ich alles so angeordnet
hatte, daß ich abreisen konnte, sobald die Postpferde eintrafen, ging
ich zu Bessie hinüber und setzte sie von dem Wechsel meines Geschickes in Kenntnis. Sie freute sich, die treue Seele, denn sie war
mir immer gut gewesen und sie wußte nicht, daß es mich auch etwas
koste, meine Stellung in Thornfield aufzugeben.

Ich beschenkte ihre Kinder mit allem, was ich eben entbehren
konnte; küßte sie, reichte Robert zum Abschiede die Hand und erbat
mir von ihm die Erlaubnis, Bessie mit mir zu nehmen und bei mir
zu behalten, bis ich Gateshead verließ; ich sah sie vielleicht zum
letzten Male in diesem Leben und mochte gern in den letzten Stunden,
die ich in diesem öden Hause zubrachte, das einzige Wesen um mich
haben, an das sich hier für mich freundliche Erinnerungen knüpften.

Auch jetzt sorgte Bessie wieder in ihrer alten Weise für mich;
sie zwang mich, noch ein kräftiges Abendessen und ein Glas starken
Weines zu mir zu nehmen, um mich für die weite Fahrt zu stärken.
Ich that ihr den Gefallen, wenn es mir in meiner Aufregung auch
schwer wurde; dann packte sie noch allerhand Mundvorrat für mich
zusammen; hüllte mich, als sie den Wagen kommen hörte, sorglich
ein, damit ich gegen die kalte Nachtluft geschützt wäre, fiel mir weinend um den Hals und küßte mich wieder und immer wieder; auch
ich mußte mir eine Thräne abwischen, als ich der lieben Getreuen
zum letzten Male die Hand drückte; ich lehnte mich aus dem Wagen,
so lange ich sie noch sehen konnte, die vom Mondlicht hell beleuchtet
auf den Stufen des Hauseingangs stand, dann lehnte ich mich in
die Wagenecke zurück und versank in traurige Gedanken.
Ich will Dich nicht ermüden, lieber Leser, mit der Erzählung
alles dessen, was ich auf dem weiten Wege dachte und fühlte, Du
weißt ja schon so viel von meinem Leben und Wesen, daß Du Dich
gewiß in meine Empfindungen hineindenken kannst. So laß mich
denn nur sagen, daß ich zwei Nächte und einen Tag ohne Rast und
Ruhe weiterfuhr und endlich am Morgen des 1. Juni in Plymouth
anlangte.

Ich suchte zuerst den Kapitän des Schiffes auf, der ein freundlicher, biederer Seemann war. Von ihm empfing ich auch die Adresse
meiner Reisegefährtin, die schon wiederholentlich nach mir gefragt
hatte. Daß sie mich so lange vergeblich erwartet und die Hoffnung
mich mit sich nehmen zu können, wohl schon ganz aufgegeben hatte,
machte meinen Empfang von seiten der alten, würdigen Dame wohl
doppelt freundlich und herzlich; sie pries sich ein über das andere
Mal glücklich, daß sie meinem Onkel, ihren langjährigen Freunde,
nun nicht die Enttäuschung bereiten dürfe, ohne mich zurückzukommen
und konnte nicht müde werden, mir sein liebreiches Wesen, seinen
außerordentlichen Charakter und seine glänzenden Verhältnisse zu
rühmen, kurz mir alles vor die Seele zu führen, was meinen Mut
beleben konnte, eine weite Reise zu unternehmen, um meine nächste
Zukunft wenigstens einem mir unbekannten Verwandten zu widmen,
und in einem fremden Lande unter mir ganz fremden Menschen zu
wohnen.

Noch vor einem Jahre hätte es hierzu keiner besonderen Ermutigung bedurft; ich würde mein Vaterland vielleicht kaum mit Bedauern
verlassen haben, denn außer der Anhänglichkeit, die wohl jeder Mensch
an das Land seiner Geburt und an das Volk hat, das seine Sprache
spricht und in seiner Weise denkt und empfindet, hatte es mir nichts
von dem gewährt, was uns das Heimatland lieb und theuer macht;
ich hatte dort kein Herz, an dem das meine mit besonderer Liebe
hing, kannte keine Stätte, von der ich mich mit besonders schmerzlichen Gefühlen losgerissen hätte. Wie anders war das jetzt! Ich
hatte ja freilich auch kein größeres Heimatsrecht an Thornfield als
an Lowood oder Gateshead, aber ich liebte dieses Fleckchen Erde,
wie keinen anderen Ort in der Welt; ich liebte es um der Menschen
willen, die mir dort freundlich begegnet und mein Auge füllte sich
mit Thränen und mein Herz zog sich schmerzlich zusammen bei dem
Gedanken, daß ich diese theuren Menschen vielleicht nie wiedersehen
sollte. Wenigstens hören mußte ich von ihnen, wie hätte ich die
Trennung sonst ertragen können! Noch heute wollte ich Mrs. Fairfax
bitten, mir recht, recht bald zu schreiben und mir alles zu erzählen,
was sich in Thornfield zutrug, da nichts zu unbedeutend sei, was die
lieben Insassen von Thornfieldhall betreffen könne, um mich nicht zu
interessieren. Ich erbat mir also von meiner freundlichen, alten Reisegefährtin Urlaub und verbrachte die Zeit bis zu unserer Einschiffung,
welche noch diesen Abend erfolgen mußte, damit, ausführliche Briefe
an Mrs. Fairfax und Adele zu schreiben. Ich schrieb noch immer,
als Mrs. Rivers nach einigen Stunden bei mir eintrat, um mich
daran zu erinnern, daß es Zeit sei, sich zur Abreise zu rüsten. So
mußte ich denn meinen Brief schließen und ich that es mit dem Versprechen, recht bald wieder von mir hören zu lassen und mit der
Bitte, mein Schreiben recht bald zu beantworten.
Jetzt folgten nun Stunden der Aufregung und Unruhe. Ein
Wagen führte uns an den Hafen; dort lag der stattliche Dampfen,
dem wir uns nun für viele Tage anvertrauen sollten; schon rauchten
die Schlote und in und um ihn entfaltete sich das ganze bunte
Treiben, welches die nahe Abfahrt desselben verriet. Noch viele
Passagiere überschritten mit uns die schmale Brücke, welche das Schiff
augenblicklich noch mit dem Lande verband; viele Abschiedsgrüße und
Küsse wurden ausgetauscht und manche bittere Abschiedsthräne geweint. Die Matrosen eilten geschäftig hin und her; Köche und Kellner
vervollständigten noch die Vorräte des Schiffes durch frische Gemüse
und Früchte, welche sie aus den Booten, die das Schiff umlagerten,
in Körben emporzogen und diesem unruhigen und geschäftigen Treiben
setzte erst die Dämmerung und der Kommandoruf des Kapitäns ein
Ziel, welcher die Verbindungsbrücke abbrechen hieß. Es wurde dunkler
und dunkler, wir sahen die Lichte sich in der fernen Stadt entzünden
und sich im Wasser spiegeln und der Lärm und die Unruhe verwandelte sich allmählich in lautlose Stille. Meine alte Reisegefährtin
seufzte erleichtert auf, daß sie nun dem lärmenden, rastlosen Leben
in England Lebewohl sagen konnte und die Rückkehr nach der schönen
Insel in Aussicht hatte, die ihr eine zweite und liebere Heimat geworden war; mir dagegen war zu Mute, als wäre die Brücke zwischen
mir und meinem Glücke abgebrochen und wäre es nicht so dunkel
gewesen, so wären Mrs. Rivers die Thränen gewiß nicht verborgen
geblieben, welche wider meinen Willen meine Wangen überströmten.

Endlich suchten wir unsere Kabine auf, richteten uns so häuslich
wie möglich in derselben ein und verfügten uns zu Bett; doch konnte
ich lange keinen Schlaf finden; immer und immer eilten meine Gedanken wieder nach Thornfield zurück und fiel ich ja einmal in einen
Halbschlummer, so schreckten mich beängstigende Träume wieder aus
demselben empor; endlich forderte die Natur aber doch ihr Recht und
ich schlief fest ein. Gegen Morgen erweckte mich ein seltsames Stöhnen
und Brausen; ich fuhr erschreckt auf und hätte mir bald den Kopf
an der niedrigen Decke meines Bettes eingestoßen, das sich in der
Wand über dem von Mrs. Rivers befand. Verwundert blickte ich
mich um und kam erst allmählich zu dem Bewußtsein, wo ich mich
befand. Das Schiff krachte plötzlich in allen seinen Fugen, Kommandorufe drangen vom Deck bis zu uns herunter, die Dampfmaschine
schien gewaltige Atemzüge zu thun und plötzlich setzte sich der große
schwimmende Koloß in Bewegung. Ich bewerkstelligte eiligst meine
Toilette und stieg auf das Deck in dem Augenblicke, in dem das Schiff
den Hafen verließ. Die Wehmut wollte mich wieder übermannen,
als wir uns nun immer mehr von der Küste Englands entfernten,
aber ich kämpfte sie tapfer nieder und suchte gewaltsam Geist und
Sinne den neuen und mannigfaltigen Eindrücken zu öffnen, welche
sich mir darboten und ich glaube nicht, daß meine freundliche Gefährtin oder die übrigen Mitreisenden es bemerkt haben, von wie
widerstreitenden Gefühlen mein Herz bewegt war. Ich trat mit der
Zeit in ein angenehmes Verhältnis zu allen, nahm Teil an ihren
Interessen und muß gestehen, daß das Leben auf dem Schiffe sich zu
einem recht angenehmen gestaltete und daß ich, jung und unverwöhnt
wie ich war, seine Freuden auch wirklich genoß; das schloß ja nicht
aus, daß mein Herz immer wieder zu denen zurückverlangte, an denen
es hing, und daß ich das Gefühl, als Gleichberechtigte unter meiner
Umgebung dazustehen, das mich oft wie etwas unendlich Wohlthätiges
überkam, nicht augenblicklich für die Seligkeit hingegeben hätte, wieder
am Kaminfeuer in Thornfield Mr. Rochester gegenüber zu sitzen und
eine der gewohnten Unterhaltungen mit ihm zu führen, die Mrs.
Fairfax ein verwundertes Kopfschütteln abnötigten und deren Sinn
zu fassen selbst Adele in letzter Zeit bemüht war, weil es Mr. Rochester liebte, seine Gedanken in das Gewand der Fabel und des
Märchens zu kleiden; eine Ausdrucksweise, deren Poesie kindliche
Gemüter besonders anzieht. Für jene traulichen Abende in Thornfieldhall gab es keinen Ersatz auf dem Schiffe; so wie Mr. Rochester
erzählte niemand, so tiefe Gedanken wie er knüpfte niemand an die
augenblicklichen und wechselnden Eindrücke; aber ich lernte es, mich
mit ihm im Geiste zu unterhalten und ihm nachzufühlen, was er
wohl den Naturwundern gegenüber empfunden haben würde, die
während der Reise an meinen Sinnen vorüberzogen; in dieser stummen
Unterhaltung verlebte ich die seligsten Stunden auf der langen Seefahrt.
Alle die entzückenden Bilder zu beschreiben, welche sich meinem
Auge auf der Reise darboten, vermag ich nicht; wenn ich auch vielleicht
etwas von dem Blicke des Malers habe, der die Schönheit der Natur
in sich aufzunehmen und zu bewahren vermag, so habe ich doch nicht
die Gabe, durch Worte die glühenden Farben zu ersetzen, die seinem
Pinsel zu Gebote stehen, wenn er die Farbenpracht des Südens
wiedergeben will, in der Himmel und Meer und auch die Küsten
strahlten, denen wir uns oft näherten, als unser Schiff Frankreich
und die pyrenäische Halbinsel passierte.
Nach einer zehntägigen, glücklichen Fahrt näherten wir uns endlich
unserem Ziele. An einem schönen, leuchtenden Morgen tauchte am
Horizont die grüne Insel vor unseren Blicken auf und stieg immer
höher aus dem Meere empor; bald konnten wir in der südlich klaren
Luft schon die Weinberge unterscheiden, dann zu deren Füßen auch
die Stadt San Jiorge und endlich fuhren wir unter dem Jubel der
Bevölkerung, welche die gemeldete Ankunft des Schiffes an den Strand
gelockt hatte und unter dem fröhlichen Jauchzen unserer Matrosen in
den Hafen ein und warfen die Anker aus.

Das scharfe Auge von Mrs. Rivers hatte unter der, der Ankömmlinge harrenden Menge bald ihren Mann und meinen Onkel.
erkannt und als wir aus dem Boot stiegen, das uns an das Land
gebracht hatte, umfingen mich die liebenden Arme des letzteren und
hielten mich so fest umschlungen, als wollten sie mich nie wieder
lassen.
Ich hatte erwartet, einen hinfälligen Greis in ihm zu finden
und war freudig überrascht, einen anscheinend rüstigen und geistesfrischen Herrn in ihm zu sehen, auf den die Schilderung gar nicht
paßte, welche mir meine Reisegefährtin von ihm gemacht hatte.
Freilich schien diese selbst erstaunt, ihn so verwandelt zu finden, wie
sie sagte und meinte, das müsse die Freude zuwegegebracht haben,
endlich seine ersehnte Nichte bei sich zu sehen. Es mochte in der
That so sein, denn bald stellten sich bei meinem guten Onkel die
alten Leiden wieder ein, von denen er schon vor Wochen erwartet
hatte, daß sie seinem Leben ein Ende machen würden. Eine kurze
Zeit lebten wir freilich noch dem Glücke, uns gefunden zu haben,
ohne daß es von der Befürchtung einer baldigen Zerstörung getrübt
wurde. Der liebe Alte überhäufte mich mit Güte und Liebe und
mit allen Herrlichkeiten dieser Erde; er meinte, ich müsse nun alles
nachholen, was ich bisher entbehrt und ich hatte nur fortwährend
seiner Freigebigkeit und Opferwilligkeit zu steuern. Ich fand in
ihm einen so würdigen Menschen, daß ihm bald mein ganzes Henz
gehörte und ihm schien meine kindliche Liebe wohlzuthnn. So verlebten wir einige glückliche Wochen, da fiel mein armer Onkel in
sein altes Siechtum zurück und kaum drei Monate waren verflossen,
so stand ich aufs neue verwaist an seinem Sterbelager und war allein
in dem fremden Lande; so fern von meiner Heimat, so fern von denen,
die ich außer diesem Toten noch liebte.

Oh, wie mächtig ergriff mich da wieder das Verlangen nach
Thornfieldhall. Hätte ich nur einen Blick in das geliebte Haus
thun, nur erfahren können, was sich dort zugetragen und warum
nicht einer meiner vielen Briefe, die ich dort hingerichtet hatte, beantwortet worden war. Die Angst, daß sich dort irgend ein Unglück
zugetragen haben müßte, hatte mich schon oft gefoltert, jetzt am
Sterbelager meines Onkels steigerte sie das Gefühl der Verlassenheit
fast bis zur Unerträglichkeit. Ganz ohne Freunde war ich ja auch
in S. Jiorgo nicht oder wenigstens gab es dort viele Menschen, die
meinem Onkel nahe gestanden und die sich voll Güte und Teilnahme
meiner annahmen; sie standen mir bei in allem, was die nächsten
traurigen Wochen von mir forderten; sie hatten manches wohlthuende
Wort für mich und suchten mich liebevoll über das Gefühl der Vereinsamung hinwegzutäuschen. Ich war gewiß nicht undankbar für
so viel Güte, aber ich war unter meines Onkels Bekannten niemand
so nahe getreten, daß ich mich ihm hätte ganz und innig anschließen
können; wenn ich auch für die gute Mrs. Rivers eine nahezu töchterliche Zuneigung hatte, mein ganzes Herz konnte sie doch nicht ausfüllen. So wuchs denn von Tag zu Tag in mir die Sehnsucht nach
einer Stätte in dieser Welt, an die mich wieder ernste Pflichten
fesselten; ich fühlte, daß ich nur so die Überzeugung gewinnen konnte,
heimatsberechtigt an jener Stätte zu sein und kam manchmal zu dem
Glauben, daß es eigentlich mein Beruf sei, als Gouvernante zu leben
und zu sterben.
Wenn mich derartige Gedanken heimsuchten, flüchtete ich mich
mit ihnen an den Strand des Meeres, an welches der Garten der
Villa meines Onkels stieß; auf einer kleinen Anhöhe dort war mein
Lieblingsplatz. Hier saß ich auch eines Abends und blickte, wie ich
es so gern that, weit hinaus in das unabsehbare Meer; auf den
tiefblauen Wellen schaukelten die Boote der Fischer, hier und da
segelte auch ein Boot an mir vorüber, das fröhliche Gesellschaften
hinaustrug in die kühle, erfrischende See und in weiter Ferne steuerte
ein großes Schiff dem Norde: zu Mit ihn zogen meine Gedanken
hinüber nach dem geliebten Heimatlande.
,Oh, könnte ich mit Dir ziehen, dachte ich, heim, heim. Wohl
hast Du keine eigentliche Heimat dort, Jane,! fuhr ich in meinem
Selbstgespräche fort, aber Du möchtest doch wieder unter dem Volke
leben, das Deine Sprache spricht, dessen Sinn und Wesen Du so
viel besser begreifst, das Dir so viel sympathischer ist als die liebenswürdige Oberflächlichkeit diese: Südländer. Und was hindert Dich
denn nach England zurückzukehren? Bist Du durch die gütige Fürsorge Deines Onkels nicht unabhängig, ja fast reich? Kannst Du
Dir nicht eine traute Heimstätte gründen? Unweit Thornfield muß
sie liegen, daß Du von den liehen Menschen dort wenigstens hörst,
denn die Rückkehr dorthin wide Dir das kalte, hochmütige Wesen
Mrs. Rochesters, die jetzt dort herrschen muß, wohl unmöglich machen.
Adele wird sie gewiß auch nicht mehr dulden; das arme Kind war
ihr immer zuwider. Was mag aus Adele geworden sein? Oh,
welches Mitleid fühle ich mit dem unglücklichen Kinde, das elternlos
wie ich zu nennen ist, denn seine Mutter kennt es gar nicht mehr.
Da blitzte plötzlich der Gedanke in mir auf: Wie, wenn ich ihm eine
Heimat bereitete und mich seiner Erziehung widmete? Ja, so sollte
es sein. Diese glückliche Eingebung belebte mich neu; alle Energie
meines Wesens erwachte wieder und allen Gram und Schmerz für
den Augenblick vergessend, rief ich aufspringend, fast fröhlich über das
blaue Meer hinüber. ,Ich komme, ich komme, kleine Verlassene und
will Dich lieben und hegen wie eine treue Mutter oder Schwester.

,Jane!' rief da plötzlich hinter mir eine wohlbekannte Stimme,
eine Stimme, bei deren Klang mir alles Blut zum Herzen strömte.
Wie vom Schwindel erfaßt, schwankte ich und griff unwillkürlich nach
der Lehne der Bank, aber ehe ich sie noch ergreifen konnte, hatten
mich zwei starke Arme umfaßt und Mr. Rochesters liebes Gesicht
beugte sich zu mir nieder und seine forschenden Blicke suchten in
meinen Augen zu lesen.

,Habe ich Dich erschreckt kleine Zauberin? fragte er in einem
Tone, der mehr Freude als Besorgnis verriet; , ich meinte, Du müßtest
meine Nähe fühlen, da Du es doch warst, die mich so unwiderstehlich
Dir nachzog auf dieses weltentrückte Eiland.
,Oh, scherzen Sie nicht! - dieser Stunde, Herr! Mir ist ernst,
feierlich ernst zu Sinne. Sie können es freilich wohl nicht ahnen,
was es für mich, die ich hier in der Fremde allein stehe, bedeutet,
einen Freund, den einzigen Freund wiederzusehen, den ich in der
Heimat hatte! sagte ich, mich aus seinen schützenden Armen befreiend.
,Dank sei dem gütigen Geschick, das Sie nach dieser Insel führt!
,Und was mag es mir wohl bedeuten, daß ich das Weltmeer
durchschiffe, um einen Flüchtling einzufangen. Wenn ich ihn endlich
erreicht, werde ich ihn fassen und halten oder wird er mir wieder
entweichen und mit ihm das Glück eines Lebens?
Befremdet blickte ich zu Mr. Rochester auf; aber ich mußte gleich
wieder die Augen niederschlagen, denn aus seinen Augen traf mich
ein Blick so liebevoll, so angstvoll und flehend, daß mein thörichtes
Herz sich wohl einbilden konnte, e: richtete diese Frage an mich.
Aber das konnte ja nicht sein; er wan ja verheiratet. Wie kam ich
nur zu diesen thörichten Gedanken? ich wollte und mußte sie von
mir weisen und fast unbewußt griff ich nach der sichersten Schutzwehr
gegen solche Einbildungen, indem ich nachMrs. Rochester fragte und
den Wunsch äußerte, mich ihr während ihres Aufenthaltes in S. Jiorgo
gefällig zu zeigen.
Ein befremdliches Lächeln flog über Mr. Rochesters Gesicht.
,Mrs. Rochester hat mich nicht begleitet,' sagte er; ,sie ist
hoffentlich schon lange vor mir hier angekommen. Jane, Jane, kannst
Du denn nicht in meiner Seele lesen, wie ich in der Deinigen?
Weißt Du denn noch immer nicht, daß Du es bist, die ich liebe, daß
Du es bist, die ich zum Weibe begehre und nicht jene kalte, herzlose
Schönheit, Miß Ingram. Du liebst mich, Jane; Du kannst es mir
nicht verbergen; komm an mein Herz und sage, daß Du die Meine
sein willst.
Er wollte mich wieder in seine Arme nehmen, aber ich wehrte
ihm. ,Ja, ich liebe Dich, rief es in meinem Herzen, aber ich sprach
es nicht aus; ich konnte nicht an das Glück glauben, von ihm geliebt
zu sein, der noch vor wenig Monaten vor meinen Augen sich um
seine schöne Nachbarin beworben und vor aller Welt für ihren zukünftigen Gemahl gegolten hatte, ja vielleicht noch galt.
,Wollen Sie mit mir spielen, Herr, wie Sie mit Miß Ingram
gespielt? sagte ich fast ohne es zu wollen. ,Vielleicht haben Sie ihr
Herz gebrochen, wie Sie auch das meinige brechen können.

,Das Herz Miß Ingrams?’ lachte er bitter. ,Sie hat kein
Herz! Ich habe sie nie geliebt.’

,Und doch sie und andere glauben gemacht, daß Sie sie zum
Weibe begehrten?’

,Warum habe ich das gethan? Um Dein Herz zu prüfen, um
zu erfahren, ob ich in ihm Liebe für mich erwecken könnte und ob sie
sich mir verraten würde, wenn Du wähntest, ich schenke einer Unwürdigen meine Neigung. Und unwürdig war sie; sie strebte nur
nach meiner Hand, um meines Reichtums willen und als ich ein
Gerücht ausgesprengt hatte, daß mein Besitz kaum den dritten Teil.
dessen betrage, was sie annahm, da wurde ich mit abweisender Kälte
behandelt. Klagst Du noch um das arme gebrochene Herz, Jane?
Er hatte mich schon längst wieder an sich gezogen und ich ließ
es willig geschehen, mit unendlicher Wonne überströmte mich nach
und nach die Überzeugung, daß er Wahrheit rede, daß sich jetzt erfüllen sollte, was ich kaum zu träumen gewagt, daß ich das Weib
des einzigen Mannes werden sollte, den ich liebte und ewig geliebt
haben würde, wäre ich auch für ewig von ihm getrennt geblieben.
Jetzt konnte, jetzt durfte ich es ihm gestehen, denn ich war Mr.
Rochesters glückliche Braut.
,Und fragst Du denn gar nicht,' sagte er, nachdem wir unsere
innersten Gefühle ausgetauscht, ,warum Du gar nichts von mir, von
Thornfield gehört; warum alle Deine Briefe unbeantwortet geblieben?’

Es fiel mir wie ein schwererer Vorwurf auf das Herz, daß ich
noch nicht nach Adele und nach der guten Mrs. Fairfax gefragt.

,Oh, Jane, fuhr mein Edward fort (denn so durfte und mußte
ich ihn jetzt nennen. ,was hat sich in Thornfieldhall alles zugetragen,
seit Du uns verließest! Soll ich Dir meine Verzweiflung schildern,
als Dein Brief eintraf? Wenn Du mich liebst, wie ich Dich, so
mußt Du mir nachempfinden können, was ich empfand. In dem
Augenblicke sollte ich Dich verlieren, in dem ich schon am Ziele zu
sein glaubte; in dem ich Dich zurückerwartete und Dich für ewig an
mich fesseln wollte! Dein Brief traf spät am Abend ein. Ohne
mich zu besinnen, ohne jemand von meinem Vorhaben in Kenntnis
zu setzen, warf ich mich auf das Pferd und jagte von dannen in der
schnaubte; ich hielt einen Augenblick an, ihn verschnaufen zu lassen
und wendete mich, um einen Blick nach Thornfield hinunterzuwerfen,
obgleich es finstere Nacht war. Aber was war das? Fast aus jedem
Fenster meines Wohnsitzes strahlte mir heller Lichtschein entgegen;
nicht wie ein ödes, verlassenes, nein, wie ein zum festlichen Empfange
von Gästen erleuchtetes Haus sah Thornfieldhall aus; wie gebannt
hielt ich auf der Stelle und staunte die wunderbare Erscheinung an,
dann wendete ich mein Pferd, und ohne weiter meiner Absicht,
Plymouth so schnell als möglich zu erreichen, zu gedenken, flog ich
mit verhängtem Zügel den Weg wieder zurück, den ich gekommen
war, denn blitzschnell hatte mich die Überzeugung erfaßt, daß es
Feuer sein müsse und nicht Kerzenglanz, der mir dort aus allen
Fensteröffnungen entgegenstrahlte. Es war Feuer Ich hatte das
Haus noch nicht wieder erreicht, da züngelten schon die Flammen zum
Dache hinaus. Ich warf mich vom Pferde und stürzte in das brennende Haus. Adele und ihre Wärterin kamen mir schon entgegen,
ebenso einige Dienstleute retteten sich schnell in das Freie, es gelang
mir auch bald die, welche sich schon zur Ruhe begeben, aus dem
Schlafe aufzustören und in Sicherheit zu bringen; nur Mrs. Fairfax
hatte bei ihrer Taubheit noch nichts von dem Lärmen und der Aufregung vernommen; ich stürmte in ihr Zimmer; die Flammen hatten
es noch nicht erreicht, sie wüteten mehr in den Gesellschaftsräumen,
,aber mit erstickendem Qualm war es angefüllt; da galt kein Zaudern,
ich ergriff die alte Dame mit ihren Decken und Kissen und trug sie
hinaus in das Freie, wo ich sie der Sorge Leahs übergab. Nun erst
konnte ich an die Bergung meines Eigenthums denken, aber hoffnungslos stand ich davon ab, als ich sah, wie die Flammen durch
das ganze Haus wüteten; da war kein Zimmer, das sie nicht ergriffen hatten, schon züngelten sie an der Treppe empor, die Balken
knisterten und stöhnten und die Decken des unteren Geschosses drohten
einzubrechen. Da durchzuckte mich plötzlich der Gedanke: ,Oh, Gott,
Grace Poole und ihre Pflegebefohlene, sie sind noch nicht gerettet!' Ich
stürzte noch einmal in das Haus; meine Leute riefen mir entsetzt zu,
es nicht zu wagen; ich hörte nicht auf sie, flog die Treppen hinan;
ich fand die Thür nach dem dritten Stock offen; vom Korridor tönte
mir ein Wutgeschrei entgegen und als ich ihn erreicht, sah ich Grace
in verzweifelten Kampfe mit der Wahnsinnigen, welche ihre Wärterin
umschlossen hielt und es ihr unmöglich machte, der Gefahr zu entfliehen. Sobald die Kranke meiner ansichtig wurde, gab sie ihr Opfer
frei und floh vor mir die Bodentreppe empor, hinauf auf das Dach.
Ich eilte ihr nach, aber kaum tauchte mein Kopf aus der Fallthür
auf, so schwang sie sich mit einem Satze auf die hohe Ballustrade,
und ehe ich sie noch erreichen konnte, stürzte sie sich mit einem
gellenden Schrei in die Tiefe. Mir schauderte und ich schmiegte mich
fester an Mr. Rochester. ,Einen Augenblick stand ich ganz gelähmt
vom Schreck,! fuhr er fort, ,dann aber trieb mich die wachsende Gefahr und der Selbsterhaltungstrieb wieder die Treppen hinunter.
Ich fand Grace noch auf derselben Stelle, auf der ich sie verlassen
hatte; sie sträubte sich sogar, mir zu folgen; ich mußte sie mit Gewalt
die Treppen hinunterschleppen: ,Lassen Sie mich sterben, Herr,'
jammerte sie; ,ich verdiene es nicht besser, warum konnte ich es nicht
lassen, das fatale Trinken! Sie war so schlau; sie hat mir wieder
den Schlüssel aus der Tasche gezogen und das Haus in Brand gesteckt,' so kam es in abgerissenen Sätzen von ihren Lippen, bis Rauch
und Dampf ihre Stimme erstickten. Wir hatten glücklich die letzte
Treppe erreicht; sie stand auf einer Seite in hellen Flammen, aber
an der anderen war es noch möglich, hinunter zu kommen; ich zog
Grace hinter mir her, nun waren wir unten, nur noch wenige
Schritte, dann hatten wir die Ausgangsthür erreicht; ich setzte schon
einen Fuß auf die Schwelle, da ertönte ein furchtbarer Krach und
besinnungslos stürzte ich zusammen.
Entsetzt blickte ich zu Mr. Rochester auf, als müßte ich mich
versichern, daß er es wirklich war, der mich lebend in seinen
Armen hielt.
,Ja, ich bin es, Jane, noch lebend und heil,! sagte er, mich
fest an das Herz drückend und liebevoll lächelnd auf mich niederschauend, ,aber es hat lange gedauert, bis ich wieder zu mir selbst
kam; nach monatelangem Krankenlager genas ich endlich; die arme
Grace haben sie nicht mehr lebend unter den Trümmern hervorgezogen und Mrs. Fairfax ist auch vor wenigen Wochen erst von
einer schlimmen Krankheit erstanden, die der Schreck und die Aufregung ihr zugezogen haben. Jetzt ist sie aber wieder munter und
überwacht den Bau des neuen Hauses, das sich aus den Trümmern
erhebt; wenn Du als Mrs. Rochester dort einziehst, Geliebte, dann
wird sie es wieder zu einem Schmuckkästchen hergerichtet haben, denn
niemand wie sie führt so gewissenhaft jede Anordnung aus, die ich
treffe. Aber es muß noch lange Zeit vergehen, bis wir in' das wieder
erstandene Heim einziehen können; Adele muß ihre kleine Erzieherin
noch eine Weile entbehren. Ich habe sie vorläufig in eine Pension
in der Schweiz gebracht und ihr versprochen, sie zu besuchen, wenn
ich mit Mrs. Rochester auf meiner Tour durch Europa auch in dieses
Land komme. Nun muß ich aber zuerst danach trachten, Dich durch
ein unauflösliches Band an mich zu fesseln, denn über Deine Natur
bin ich noch immer nicht klar geworden, Jane, ob Du aus dem Geschlecht der Elfen stammst, und ich riskiere, daß Du mir auf einem
Mondenstrahl wieder enteilst, oder ob diese Perlen, die jetzt aus
Deinen Augen über die Wangen rollen, der Meerestiefe entstammen
und darauf hindeuten, daß Du die Nixen zu Deiner Sippschaft zählst
und ich fürchten muß, daß Du von mir zu ihnen in die blaue Tiefe
fliehst. Laß sie mich fortküssen, diese Perlen, und sage mir, ob Du
mir am Altar schwören willst, für das Leben bei mir auszuhalten in
der Welt der Prosa?

Ich nickte stumm.
,Dann sollst Du diesen Eid schwören, sobald wie möglich, und
dann entführe ich Dich mit dem ersten Schiff dieser Insel und zeige
Dir die Pracht der Erde, und Dich, ihr höchstes Kleinod in meinen
Augen, der Welt.

Und nun, lieber Leser, will ich von Dir scheiden. Du hast mich
treu begleitet durch die Leiden meiner Kindheit, durch die Kämpfe
und Erfahrungen meiner späteren Jahre, bis an die Pforten einer
Glück verheißenden Zukunft. Wenn es mir auch gelungen sein sollte,
Dir von meiner Vergangenheit eine zutreffende Schilderung zu geben;
daß ich für die Seligkeit der Gegenwart keine Worte finde, fühle ich
klar. Vielleicht giebt Dir Dein eigenes Gefühl ein vollkommeneres
Bild meines Glücks, als es meine Feder könnte, oder eine gütige
Vorsehung schenkt Dir ein ähnliches Glück; dann wirst Du aus
vollem Herzen mit mir sprechen:

,Sie that recht, ihre Feder niederzulegen, denn für das höchste
Glück giebt es keine Worte!


Erste Abtheilung.
Die Waise im Hause ihrer Tante.

Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin abgewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die
Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die
Tränen zu trocknen und manchen durch Leid und Mißgeschick Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin,
zunächst, sei diese Erzählung gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde
früh eine Waise und wüßte von diesem Augenblicke an, für
die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein
Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner
unglückliche Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz
ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid
preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund,
weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann
in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche
Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie
seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach
meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich
schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch
jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene
waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher
Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagt habe, war der ächte Typus
eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig
und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um
so ungestörter entwickeln zu können, als er gegen mich den
doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer
der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wozu ihn, wie ich
glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde
meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da
ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage,
jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens
sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master
Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in
mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen
werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die
Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht
durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner
Erziehung eine andere Richtung gegeben.

Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage
in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meine
gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte,
das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte.
Es waren die »Vögel Englands von Bowick.“ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen,
colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem
Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen
Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte
mich auf.
"Hierher, Schläferin! rief mein liebenswürdiger
Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. "Wo Teufel mag sie sich
versteckt haben? fuhr er fort. Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier... Mama
glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still,
indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine
Spur. Ich sonnte nicht mehr zurückweichen; ich schob
daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das
nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter
einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor
meinem jungen Tyrannen.
"Was willst Du von mir? fragte ich ihn in einem
Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
"Was willst Du von mir, Master Reed? wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten
Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich
will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf,
winkte er mich, näher zu treten und vor ihn stehen zu
bleiben.
"John war damals ein plumper Bursche von etwa
vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem
Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt
allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im
Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte
Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war,
konnte ihm, gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im
Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck
auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort
zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und
als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er
mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich
weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben
ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche
Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er dese stumme
Sprache, dem er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte
zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den. Füßen zu
erhalten.
Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht
zu antworten, wenn ich Dich rufe, sagte er zu mir,
"und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere
Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei
langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte
Spinne.
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf
den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
"Was machtest Du dort? frage er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so trauriges
und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
»Ich las.
"Zeige mir das Buch.
Ich holte es herbei.
"Ich will Dich lehren, fuhr er fort, „in meinen
Bibliotheken herumzustöbern und: meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel ... nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht
errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle
befand, wurde mir les klar, denn ich sah, wie er den
dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in
der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich
auf die Seite; aber es war zu spät John hatte richtig
gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel
gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich
fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand,
mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder
zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte, dem Gefühle,
das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die
römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen
mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus
"Du bist ein böser und grausamer Mensch ... Du
gleichst einem Mörder ... einem Sklavenhändler ... den
Kaisern von Rom!
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen.
Sie erbitterte ihn aufs Höchste und in rasender Wuth
stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich
bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige
warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir
hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete
einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine
Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die
Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der
Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die
beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei
und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu
trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme
meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
»Mutter, sieh nur wie Jane mich zugerichtet hat,

rief John ihr entgegen- sie hat mich geschlagen, gekratzt
und gebissen, und was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr
verbot, mir meine Bücher zu verderben.
"Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt -- wollte ich entgegnen, aber meine Stimme
wurde von der meiner Tante übertönt.
"Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen
Sohn thätlich zu vergreifen? Ist das der Respekt, den Du
"ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten,
die wir Dir gewähren?
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
"In die' rothe Kammer! rief sie; „schließt sie ein
und laßt sie dort!
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese
"gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für
mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem
Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen
Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen
und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie
anrufen und wie sie die „wüthende Katze“ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte
die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie,
das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen
Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.
Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß, sagte
sie zu mir, „so müssen wir Sie binden. Miß Abbott,
setzte sie hinzu, leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.
Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr
gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf
voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine
gewisse erzwungene Ruhe gab.
"Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott! rief ich
aus; „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu
rühren.
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich
mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich
wider meinen Willen gesetzt worden war.
"Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die
beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine
lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen
und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm
und schutzlos war, dem Willen Derjenigen unterwerfen
müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen
und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte
ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen
die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten,
habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein
großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in
Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses
öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte,
wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett mit
Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den
zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden.
Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über
den vor dem Bett sehenden Tisch war ein ähnliches Tuch
gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet
auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem,
dunklem Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der
besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl mit einem gleichen
Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen
Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie
Feuer angezündet wurde. Da es von der Kinderstube und
der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrsche fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des
mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume,
der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von
meinem Seite auf und ging nach der Thür, die, wie ich
wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter
Schauder ergriff mich, als ich sah, saß sie wirklich fest
verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren,
müßte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem
ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes
erblickt hatte. Mein Blick versenke sich unwillkührlich in
die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun
darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer
allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab.
In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf,
dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme
sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das
eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach
einiger Zeit... die unglückliche Nichte der Mistreß Reed.
Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich
mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person
allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren
Bildern, die an meiner übereizten Phantasie vorüberzogen
und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die
so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir
hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage,
von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner
kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel
war, und von meiner angeborenen Senschenscheu, welche
noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe
und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum
ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach
und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend
seine Schmerzensthränen vergoß, daß der Wind traurig
in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine
entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen,
und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das
Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf, diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu

sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes... dies
war der Gnadenstoß für mich. -- --
„Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden
wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Bestäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte.
Man muße den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht
vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles
war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed
zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male im Streit
miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich
mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß,
den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz
schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichendem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm
besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen
setzte, da es - mir noch nie begegnet war. Er fand mich
sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen
und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem
Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel
gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter
Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht
interessirten.
"Dies ist ein Beweis, sagte er, „daß Du ein böses
Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß
Gott Dich davon befreit und Dir ein anderes dafür giebt,
ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.e
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen
beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne
ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Brocklehurst. Er war
der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über
meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die
Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am
darauf folgenden l. Januar, einer der denkwürdigen Tage
meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit
einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed
zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich
mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie
wieder den Namen »Tante“ zu geben, ein Beweis, daß
ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen
hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die
Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen
Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich
in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den
Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von
seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben.
Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein
vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.

Zweite Abtheilung.

Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines
Oheims verfolgt, so warn es nun Entbehrungen aller Art,
denen ich entgegen ging. Ich habe 8 Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache
Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen;
die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden
Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber,
die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig
wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den
Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger
Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien,
der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in
meinem Gedächtniß zurückgelassen haben!
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame
Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen.
Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost,
den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den
Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und
den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein:
aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von
der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab; den nämlichen Haarputz ohne Locken,
die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an
unsrem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die
nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe
mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir von allen Mitteln
entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns, im Winter in
großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht
das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich
diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel
der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klimas
äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte
eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund.
Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber und
der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten


das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus
in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns
schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur
und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten
Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war
für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate
sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf
einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich
alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den
Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher
nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu
geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige
Bewegung als das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche
von der Krankheit verschont blieben, den Garten und ich
habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den
Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder
den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause
gestattet war: Rasselas, liebe Freundin, ja, Rasselas,
Prinz von Abyssinien!"
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu
lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas
wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie
war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte,
daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß
nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise,
wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift
und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse
frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere
von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeit
und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte
den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können,
mit dem man se ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären,
das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet
haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin
eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der
größten Ruhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am
meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis
zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen; wollte
ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation
Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren
Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß
sie das Buch.
„Ich wette, sagte ich ohne Einleitung zu ihr, daß
Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
"Ich? erwiederte sie, indem sie mich mich ungeheucheltem Erstaunen anblickte; »ich bitte Dich, warum denn?
Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?
Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja
so grausam gegen Dich?"
"Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng.
Meine Fehler mißfallen ihr.
"An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich
würde mich ihr wiedersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie
sie Dich geschlagen hat, würde ich ihr den Stock aus der
Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen."
"Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn
Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen
werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr
betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen,
der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von
Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, dass
Böse mit Gutem zu vergelten.
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack
an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der
Mangel jedes Grolls gegen die Person, über welche sich,
meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen hatte.
Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt befaß, das mir
noch fehlte.
»Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler
hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz
tadellos.
"Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren,
nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin,
wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich niet den Regeln der Anstalt, aber es geschieht

häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese
ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner
systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß
Scatcherd nicht, dem sie ist im Gegentheil außerordentlich
genau, pünktlich, eigen...
"Gehässig und hartherzig, setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie
schwieg.
"Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, warum
bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.
"Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane.
Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir
Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du ihr aufmerksam zu und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd
mit mir spricht und ich nur nach ihr hören sollte, daß ich
zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke
in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als
befände ich mich in Northumberland und als wäre das
Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen
Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses
vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten,
so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt
werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten
Rauschen des heimatlichen Wassers gelauscht habe, so bin
ich auf keine passende Antwort vorbereitet.
"Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler
geantwortet.
"Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des

Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich
mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König
zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln
konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine
hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner
Krone hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können... Doch trotz
alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung
und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten König.
Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut,
das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten
sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die
Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete,
ohne es zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres
Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
"Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt,
Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen,
wenn sie gerecht ist.
"Das, ist aber gegen die Lehren der Religion, erwiderte Helene ruhig -- welche diese, Grundsätze verwirft.
"Verwirft? das ist mir unbegreiflich.
"Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß
nicht entwaffnet wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht
wieder aufhebt.

Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehend
„Darüber eben geben die Hehren der Religion Auskunft, welche allein vermögen, Dich dauernd zu beglücken.
Zu alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten
sie in diesem Falle: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch
fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.
"Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, müßte ich
Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht; ich müßte
ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.
"Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz
natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem
Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen,
Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt
verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt
habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden
so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen,
ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte
nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man
hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle
meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte
einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche
vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben
mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der
Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt,
daß Miß Temple, diejenige unserer Lehrerinnen, welche
Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an
warmen Nachmittagen in den Garten führte! Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu
sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht
immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
"Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im
Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn
Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß
wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt
sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem
kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen
pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte,
weil sie verwelken könnten, wenn ich dis morgen wartete.
Die von Thränen des Abends benetzten Blumen strömten
süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war,
der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Osten
empor, und dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß
es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein
so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich
dache ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand
kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er
schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn

auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde,
der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen
Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die
Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates
"erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete,
bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das
Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
"Wie geht es Helene Burns? fragte ich sie.
"Nicht zum Besten, war die einzige Antwort, die
ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
"Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?
.Allerdings.
. »Und was sagt er dazu?"
"Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche
Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt haben,
Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland
zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen
Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein klares
und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon bienieden ihre letzten
Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen
Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht
hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und
ein tiefer Schmerz... dann fühlte ich ein unwiderstehliches
Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu
sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene
in Miß Temples Zimmer lag; aber mehr konnte ich nicht
von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal.
Es hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille
schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus
meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich
barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer
aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete
der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein
Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber
an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch,
von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich
eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten
Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den
Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden
hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.
Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die
Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig
Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zaudere nicht länger, meine Besorgnisse waren
verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu
sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem
Vorbange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein
schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Gestalt
abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische
stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß

sie zu einer andern Schülerin gerufen worden wat, welche
phantasirte.
Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn
zurückzog.
"Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre? dachte ich.
"Helene, bist Du wach? fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie
von selbst und ich erblickte ein blaßes, eingefallenes, aber
vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren
sogleich verschwunden.
"Wie, Jane, Du bist hier? fragte mich Helene mit
der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen
Stimme kann man nicht sterben, sagte ich zu mir selbst
und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu
umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls;
ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln
war noch das ähnliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren,
da ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte
nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.
"Nun wohl, entgegnete sie, Du kommst gerade noch
zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.
Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause
zurück?
"Ja, erwiderte sie, nach Hause... nach Hause,
für immer.
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme
versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin
nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am
Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
"Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und
verbirg sie unter der Decke.
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm
um mich und drückte mich an ihre Brust.
"Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr
sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme
fort. Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so
betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth. Früher
oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit,
welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert
sich allmählig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem
ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht
das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu
bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln
und über mich zu klagen haben.
"Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, weißt Du,
wohin Du gehst?
"Ich gebe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich
zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke
übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein
Vater und mein Freund.
"Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?
"Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns
Beide erschaffen hat.
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine
Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich

schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte
ich sie zurückhalten.
Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke! hob sie
wieder an. Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt
fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht
fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber
es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
Nein, antwortete ich, und kein Mensch soll mich
jetzt von Dir trennen.
„Gute Nacht, Jane!
"Gute Nacht, Helene !
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem
Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte
eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete,
sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich
in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein
Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich
keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß
Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf
an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Macken
geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene
war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der
einzigen Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood
einigermaßen erträglich machte. Denken Sie sich meinen
Schmerz! Miß Temple, diejenige der Lehrerinnen, welche
mir und Helenen noch die meiste Theilnahme bewies, ist fast
die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem
traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen kann. Sechs
Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte während

dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung
so gut benutzt, daß ich die letzten 2 Jahre meines Aufenthaltes zur Unterlehrerin avancirte. Ich war selbst eine
leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich
gewandt des Pinsels, was für meine späteren Jahre die
Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet
ist. Ist es mir doch fast selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem
andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches
zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen. Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von
diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu
haben schien, gehalten hatte, nichts Anderes war, als die
Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen
Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und
zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen,
wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die
Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht
nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte
ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft
darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu
engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen

konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb
dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte. Ich dachte fort
während an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen,
an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedenken, mich hinein
zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth
schwand bald wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem Schicksal entgegen gehen könne, wie ich
es im Hause meiner Tante erfahren hatte. Diese Befürchtung
war es, welche meinen Aufenthalt in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich
ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und
ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach
Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht
einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche
Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stile im Schlafsaale;
nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war,
erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich
die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich
wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus
entziehen wollte. Ale meine Gedanken concentrirten sich
jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood
zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten
sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar
verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäfstigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in mir auf:
"Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen
von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich
ihn nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß
ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige
Stellung anzunehmen, als de, welche mir das Schicksal
angewiesen hat?
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur
eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu
gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des
Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt,
die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn
Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch,
Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter
der Adresse: Miß J. E, poste restante Lowton. Dann
nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand
geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich
einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen
enthielt:
"Wenn J. E., welche ich am vergangenen Donnerstage in dem ..shire Herald als Gouvernante offerirt
hat, wirklich die angeführten Talente besitzt und wenn
sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer
frühern Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10 Jahren zu
leiten hat. Der Gehalt besteht in 30 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen der Personen, auf deren
Empfehlung sie sich beruft, an die Herren Fairfax in
Thornfield bei Millcote in der Grafschaft ** einsenden.

Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig,
altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer
Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts
Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das
Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield
war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit
kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich
mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon,
daß es ein bedeutender Fabrikort war, der an dem Flusse
A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war,
einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler
Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen
und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein
geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie es sich
hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd in den
Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte
nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die
Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen,
sodaß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie
schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine
Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen
Tagen mit einem Zeugniß meiner guten und treuen Dienste
volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich
rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax
geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem
Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.

Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht
Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine,
wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen
Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem
Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende
Diligence und sechszehn Stunden nachher, gegen acht Uhr
Abends, befand ich mich, in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an
den Wänden des »Galons“ ein Portrait von Georg III.,
ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten
Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern
konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie
lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß
geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde
betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich
klingelte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze
mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote
liegen sollte.
"Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner,
"aber ich will nachfragen.
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und
fragte mich:
"Sind Sie vielleicht Miß Eyre?
"Allerdings.
"Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen
Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den
Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn fragte,
ob Thornfjeld weit sei:
"Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalb
Stunden sind wir dort.
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über
Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Wittwe,
die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich
indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer
einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben,
die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und
Liebenswürdigkeit schmückte.


Dritte Abtheilung.

Die Waise in Thornfield-Hall.

Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir
bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der
Kutscher öffnete und das sich hinter uns mit Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines
Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann führte
sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große
Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von einem
behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von, außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren
Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte mich nichts
schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als
ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin
mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?
Wie sagen Sie, meine Liebe? versetzte die gute
Dame. Ich höre ein wenig schwer.
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
Miß Fairfax? Ab so... Sie meinen Miß Varens.
So beißt Ihr künftiger Zögling.
"Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas
verwundert.
Mein, ich habe keine Kinder.
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege
zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß
jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugeben, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine
weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir
sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und
der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse
verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine
einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen
konnte.
"Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß
Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so
wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß,

zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit
machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und
verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da
ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich
doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf
den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen
Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß,
sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen
graue Facade sich von dem braunen Hintergrunde eines
Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert Krähen ihr
Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese
nieder, die zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren
in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen
Wald bildeten.
"Thornfield, dachte ich, heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens
hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in
einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch
Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über
die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
"Gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie mich dann.

"Außerordentlich, erwiderte ich mit dem Ausdrucke
der Wahrheit.
Es ist in der That nicht übel, versetzte Mistreß
Fairfax. »Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen, oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit, des Besitzers unerläßlich.
Master Rochester? rief ich aus; wen meinen
Sie damit?
»Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit
großer Ruhe. Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester
beißt?
Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.
"Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin
bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn
Sie wollen. Ich bin allerdings, daß beißt, mein Gatte
war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des
jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten
Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier
nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.
"Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?...
"Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt
sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht
Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das
von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre frangösische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele
war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend
zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde,
nachdem Mistreß Fairfax, mich ihr vorgestellt, hatte sie mir
bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht
so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht
was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit
ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger
Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als
eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit
hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus
in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer
traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin
getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein
Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln
zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an
den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit
gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und
böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein

schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch
den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, würde
ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche
ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt,
daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und
stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung
und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm
ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm
diesen kleinen Verdruß zu ersparen.
Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?
Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und
scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es
sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.
"Ist er allgemein beliebt?
Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung.
Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.
"Verzeihen Sie... ich verstand meine Frage anders.
Lieben Sie Herrn Rochester?"
"Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben.
Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.
"Aber sein Charakter..."
"Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas
Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber
wir haben uns nicht darüber zu beklagen.
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun
als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer
des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch eine
lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte
Temperatur, vergilbtes Neublement und altmodische Tapeten unwillkührlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich
bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen
Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax
mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf
die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte
mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer
doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig
still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts,
als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus einem
dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes
Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes,
regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte.
Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein
sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
Mistreß Fairfax! rief ich, als ich mich ein wenig
von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin
auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. Haben
Sie dieses Lachen gehört?
Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie, leicht
hingeworfen.
»Aber haben Sie es denn gehört?

"Allerdings, ich höre es oft. Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
"Grace! rief Mistreß Fairfax.
Dieser Dame schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich
indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien
eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und
auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
"Grace, sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem
ganz gewöhnlichen Geschöpf; es ist zu geräuschvoll hier,
Ihr wißt, was Euch befohlen ist...
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.

Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann
glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein
Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu
gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen
Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax
besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung
erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß.
Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit
fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich
im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie
viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen
der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den
unscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür
tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu
stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken,
welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen
haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend
und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December
und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen
starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die
Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich
anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude
ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner
freien Verfügung zu haben. Adele hat dringender und ich
gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen
Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die
Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne
schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da
ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen hatte, selbst
den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei
Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie
ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben,
um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden,
welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich zu diesen Auserwählten
gehörte, wenn ich den magischen Pinsel eines Constable

besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der
Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als
die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug.
Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich
langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in
einer Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der
Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin,
ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine
Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen
können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume
bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die
weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne
erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen
kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin
und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter
zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht
dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von
einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte,
den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit,
hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände
tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von Bäumen, an dem von den
Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch
erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield
begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher
auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter
seine hohen Mauern hinabgesunken war. Jetzt erst dachte
ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch
einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich
plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber ganz deutlich,
den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages,
welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren
Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen
Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit
jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter
vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei
Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach
der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer
Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden
Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist
die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes,
eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise
die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden
viel zu schaffen macht... und ich selbst hatte mich in diesem
Augenblicke verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch,
über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen
Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen
Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz
und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der
Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner
Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und
dicken Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig
an mir vorüberging, indem er mich kaum eines allerdings
übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem
eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt,
daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz,
und, was noch schlimmer war, mit einen Reiter auf dem
Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst
nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war
also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger
werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei
geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der
Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay
fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der
unmittelbar darauf folgende Ausruf: Verwünschte Geschichte!
veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war
auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte,
um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam,
um meinen Beistand anzusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien
es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige
Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu,
während er sich mit großer Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte.

Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte
man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete
fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen
halblauten Fluch ausstieß.
"Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen? fragte
ich ihn weiter.
Sie können mir aus dem Wege gehen erwiderte
er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann
ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen
und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte.
Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und
der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er
brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem
Hunde mit einem sehr kräftigen: -Ruhe, Pilot! Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine
und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine
mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein
Pferd zu besteigen, setzte er sich an die Barriere, die ich
vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
"Wenn Sie verwundet find, mein Herr, und irgend
eine Hilfe bedürfen, sagte ich zu ihn, "so könnte ich sie
Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall zusenden.

"Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst
aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen,
sondern mir nur den Fuß verrenkt.
"Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm
einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen
Sonne geröthet und an östlichen Horizont glänzte der Mond.
Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich
zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen
Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden
konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war.
Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und
der Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihn die zusammengezogenen Braunen und die noch zornfunkelnden Augen ein
wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er
noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man
konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens
fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war
mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen
jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch
viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je
einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu
haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets
als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für
dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt
und dabei schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen,

hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet,
so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen
sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten
beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink
gab, mich zu entfernen, rief ich aus:
"Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in
einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht
überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder
zu besteigen.
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem
so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte
mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
Aber mich dünkt, entgegnete er fast sogleich, daß
Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in
der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich
fragen darf?
"Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich
durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich
würde gern nach Hay geben, um Ihnen Hilfe zu senden;
übrigens gehe ich ohnedies dahin.
Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie?
Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit
den Schießscharten? fragte mich der Fremde, indem er
nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
"Ja, mein Herr.
"Und wem gehört dieses Haus?
"Herrn Rochester.
Kennen Sie Herrn Rochester?"
Nein, ich habe ihn nie gesehen.

Bewohnt er sein Haus
Nein.
Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?
"Dies weiß ich nicht.
Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse;
Sie sind . . .
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu
betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus
einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Gastorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche
Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben
würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
"Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner
Ungewißheit ein Ende zu machen.
"Ah so, die Gouvernante, versetzte er; auf Ehre,
ich dachte nicht mehr daran.
Er betrachte mich von Neuem. Nach einigen Minuten
versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz
malte sich in seinen Zügen.
"Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,
sagte er endlich, Beistand für mich herbeizuholen; aber
wenn Sie die Güte haben wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen
Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?...
Mein ... nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie
Muth genug dazu?
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben; aber ich weiß selbst nicht warum, es war
mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barriere
und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien,
sich zu bäumen und dessen Hofe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg
meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte
er laut auf.
Ich sehe wohl, sagte er, daß das Pferd nicht zu
mir kommen wird, und daß ich also versuchen muß, zu
dem Pferde zu gelangen. Haben Sie die Güte, hierher zu
kommen.
Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.
"Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, fuhr er fort,
aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Stütze
zu benutzen.
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte,
fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem Pferde,
das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An
seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehr
ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
"Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie
liegt dort an der Hecke.
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
"Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay,
und kommen Sie baldmöglichst zurück.
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem
Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann
im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach
und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich
seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit
lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und
von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt
und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens
der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommnen hatte,
so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes
von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum
ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem wenn nicht
schönen, aber doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor
meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um
den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann
vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder,
als ich auf dem Rückwege an die Barriere kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich
konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten
Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp
eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen
Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen
Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in
Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte,
war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete
Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches
Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin
ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und
scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah
ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen
an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich
mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild
hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax,
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich
weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen
lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und
weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß
ich mich der Illusion völlig hingab.
Pilot! rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
"Wem gehört dieser Hund? fragte ich sie.
»Dem Herrn.
.Welchem Herrn?
"Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?
Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie
sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.
"Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?
Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.
Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen
zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen;
Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als
gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns
ihre Freude über die Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es
war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke
anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren
Inhalt sie interessiren werde.
"Dies bedeutet, sagte sie, daß auch ein Geschenk
für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat
von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante beißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blaße
Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Dem nicht wahr,
es ist so, Mademoiselle?
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette
bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich
brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerke übrigens von diesem Morgen an, daß
Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer
Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der
Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte
im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen
Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn
erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen
veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen
Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis
dahin nach besten Kräften zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während
ich mich, damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen
eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, denn setzte sie hinzu, ich kleide mich stets des
Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.
Dies erschien mir etwas ceremnoniös; um jedoch dem
bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte
ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der
nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen,
dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich
nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar,
daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte
ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft
und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.

Vierte Abtheilung.

Master Rochester.

Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte
auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes
Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit ihren
kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren des
treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine breite
und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte
wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst
nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte,
sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
"Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese volkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich
setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es

nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu
sein. Sie tischte uns eine Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
"Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu
haben schien, ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax
mir das Theebret, damit Mr. Rochester gezwungen wurde,
einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß
noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
"Nicht wahr, sagte sie zu ihm, in Ihrem Koffer
ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?
Was schwatzest Du von Geschenken? entgegnete
Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. Halten Sie
Geschenke für zweckmäßig? setzte er hinzu, indem er mich
mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
"Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ich bin nicht an
dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.
"Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.
"Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten,
bedurfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke
sind allerdings verschieden.
"Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele
hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie
etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.
"Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf
Ansprüche, wie auch weniger Wertrauen zu der Erfüllung
meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?

"Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit, erwiderte Mr. Rochester. Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben.
Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich
sie keine glänzenden Anlagen hat.
"Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am
meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen
geringen Werth in meinen Augen haben.
"Wirklich? versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte
er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß
Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich
hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der
Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.
"Spielen Sie Pianoforte? fragte er mich zuletzt.
"Ein wenig, antwortete ich.
"Das versteht sich von selbst? ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer
... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also
in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die
Thüre offen und spielen Sie etwas.
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle.
Mach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie
alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber
keineswegs gut.
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen
Platz zurück.
"Diesen Morgen, fuhr Mr. Rochester fort, hat mir
Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen
sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?
"Nein gewiß nicht! rief ich aus.

"Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie
mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß
diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie
Ihr Wort nicht leichtsinnig, dem ich verstehe mich auf
Flickwerk.
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek
das verlangte Portefeuilte.
"Einen Tisch!
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß
Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
"Nicht so, sagte Mr. Rochester. Nehmen Sie die
Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege;
ich kann es nicht leiden, daß Köpfe dem meinigen so
nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei
von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ
er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen
andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er
rief mich zurück.
"Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?
fragte er mich hierauf; und ist diese Hand die Ihrige?
"Ja, antwortete ich.

Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? dem
solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch
manches Andre...
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden
daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
"Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?
"Aus meinem Kopfe.
"Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?
"Allerdings.
"Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
"Wahrscheinlich... vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich
Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee
nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß
diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen
Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer
hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern
Partien waren in Dunkel. gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser
hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran
mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß.
Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold
und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Colorits scharf
hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter
einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man
einen ertrunkenen Leichnahm, von welchem man nur einen
Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das
Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den
dunklen Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an
dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb.
Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich hatte
anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur
wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde
Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes
Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt
oder deren feuchte Bruchstücke durch electrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußern
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab
die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung
diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges
durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des
Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem
mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen
Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein
männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei
abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich
unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche
Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck
als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf
glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen
Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und

da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen
Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton
der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
"Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?
fragte mich Mr. Rochester.
"Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft
glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte
fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken
konnte.
"Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis
jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig
gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben.
Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des
Schönen befriedigt?
"Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner
Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend.
Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen
hatte ...
"Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie
haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres
Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten
Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel,
demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige
Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus
einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem
Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und
ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ...
Welch' ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke!..
Und wer hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu
malen? dem es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen
Himmel und über diesen Berg dahinbraus't. Wo endlich
haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That
Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er
auf seine Uhr blickte:
"Schon neun Uhr vorüber!... Woran denken Sie
denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen?
Bingen Sie sie sogleich zu Bett!... Gute Sacht, meine
Damen.
So endigte unser erster Abend.

Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester
uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange
und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher
Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus
der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu geben,
äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu
begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich
kleidete die schon sehr kokette Adele aufs Beste an und
sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast
tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den

Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der
Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens
Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen angekommen. Ihr Vormund
gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches
die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte
und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und
bei jeder neuen Entdeckung. machte sie ihren Gefühlen durch
laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald
zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und
hat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen
Pariserin ein gefälliges Ohr zu leiden.
"Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt, sagte
er dann zu mir, und ich denke mir wohl, daß ich jetzt
für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem
das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. »Miß Eyre,
setzte er hinzu, rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig
vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir
und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage
zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir
diesen Zwang auflege.
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre
ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden
Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen
gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich
nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte
nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken,
wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer
zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte
hin und wieder seine Zügen und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz zu welchem
die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich, das Ihrige
beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem
Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen, Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes
verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelt sich in
seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in
das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete
meinen Augen.
"Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre?
sagte er in heiterem Tone; finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?
Ich bäte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen
Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes Nein, mein Herr! entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
"Vortrefflich! rief er in dem nämlichen Tone. Sie
haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem
Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine
gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten,
deren Hände stets an ihren Platze und deren Augen immer,
das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und
wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine
Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn
auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen
Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?
Entschuldigen Sie meine allzu große Freimüthigkeit.
Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der
Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe
sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen
muß, dann ...
"Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben
so viele Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstich. Eine
offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich
sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück
haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime
Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares
zurück.
"Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?
"Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich
beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug
von Philanthropie darauf erblicken soll?
"Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne
Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ, -- er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- daß ich weder die
Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte.
Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein
Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht
nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können.
In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch,
der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen und
Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen,
mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so
daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin wie Kautschuk.
Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine
gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige
Hoffnung vorhanden ist??
"Was für eine Hoffnung?
"Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu
sehen.
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache,
wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte,
die. mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters
zu zweifeln.
"Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,
fuhr er fort, und obgleich Dame Natur Sie nicht viel
reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen,
daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat
überdies noch den Vortheil, daß sie Ihre gefährlichen
Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs
herabzusenken, anstatt meine darmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu
studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden.
Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in
einer außerordentlich geselligen Stimmung.
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in
einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine
kräftige, ebenmäßige. Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an
den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten. nur. noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten,
fuhr er fort:

Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen
angenehmen Abond verlebe. Sie sind mir immer als ein
höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde
mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte
meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last
nie weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax
erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen
sehr dankbar dafür sein.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube
fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
Sprechen Sie, wiederholte er mit Ungeduld.
"Sprechen Sie wovon Sie wollen und wie es Ihnen
beliebt.
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm
zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir
sehr an sie Unrechte kam. Er errieth daß endlich.
Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und
fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß
Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie
als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität
zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre,
welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von
Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgeben wird.
Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar
sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen
quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit
peinigen.
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und
ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde.
Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß
ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu
unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche
er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie
mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben
übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie
er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht
daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend
machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz
gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und
sinnloser Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein
Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht
ein peinliches Gefühl, wenn man einen Meischen sieht, der
sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse
mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf
gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen
wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist,
und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von
ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er das Gift des
Lebens nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln,
versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die
ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle.
Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich
einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch
später Aufklärung erhielt.

Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten
außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm
erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten
wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der
Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen
und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die
Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über
seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde
er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die
Furcht, daß er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf
welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir
wünschenswerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer
Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die Gelegenheit, als
es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht werde, sagte mir,
sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu
versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem
Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen
an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen,
wie eine raffinirte Komödiantin.
"Stebt mir das Kleid gut? rief sie, zwischen uns
tretend; und die schönen Schuhe? und die seidenen Strümpfe?
Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den
Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette
beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
"Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte! sagt sie
in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte
hinzu: Machte es Mama nicht auch so?
"Ganz genau so, erwiderte Mr. Rochester mit einem
erzwungenen Lächeln. Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,
sagte er hierauf zu mir; ich werde Ihnen dies später
einmal erzählen.

So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen
verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr.
Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem
Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens,
gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche
Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der
von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen
Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen
worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil
er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem
Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten
und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlosen
Muter verlassen wurde.
"Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,
sagte er am Schlusse seiner Erzählung, um sie auf den
gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens

zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze
Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt, fuhr er
fort, Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter
einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir
erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal
werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle
gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer
anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig
gerathen?
Keineswegs, erwiderte ich; Adele ist weder für
Ihre Fehler noch für die ihrer Mutter verantwortlich.
Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da
ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und
von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine
Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie
wachen.
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese
unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein
Zimmer kann, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung
nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken,
die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten
war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis
seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen
Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden
Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft
auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn
ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort
und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich
des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich
deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der

Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als
ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach
mein Herz. Seine durch die Erzählungen, welche mir
eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein
durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle
Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem
Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und
daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters,
doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes
einflößte... mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise,
um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende
Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor
ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen,
von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.

Fünfte Abtheilung.

Das Geheimniß von Thornfield-Hall.

Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie
waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen
hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der
ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit,
um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und
Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht,
und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter
war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches
Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben
haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war
ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer
muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend
aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz
schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir
unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite
Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem
nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an
der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand
durch den Corridor schlich. Ich frage: »Wer ist da?
Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche
Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß
Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich
vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft
des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte
mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte
das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten
Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der
Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese
Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so
wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes
Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da
das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so
glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht
an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem
her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht, von der
ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts.
Mach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von
Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der
Thür. Seine erste Bewegung war, aufzuspringen und den
Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: Wer
ist da?
Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine
Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf
der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor
Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht
worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann
war Alles still.
"Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei
mir, und sollte sie vom Teufel besessen sein?
In meinem Zweifel schien es mir unmöglich nicht, auf
der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher
ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog
den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür.
Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes
Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in
einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang
selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach
allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte
ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür.
Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang
in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten
Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen
umzingelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen
waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag
Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche
schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich
auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte,
war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum
Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm
Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und
auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und, es gelang mir
unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu
löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der
Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren
Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären
konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab,
erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe
ertränken wollen; dann hat er mich, ihn ein Licht zu holen.
Besonders aber, setzte er hinzu, kommen Sie nicht
unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß,
ob ich ein einziges trockenes Kleidungsstück finde, das ich
überwerfen kann... Doch halt, da ist mein Schlafrock.
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken
und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich.
Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm
von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten
Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden
des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen, Mittheilungen
eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor,
Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?
versetzte er heftig. Lassen Sie sie und meine Leute ruhig
schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie
meinen Mantel um, wenn Sie friert und nehmen Sie Platz.

Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie
nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn
ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen.
Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders
ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei
Ihnen sein.
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der
vollständigsten Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir
verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch
diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr.
Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
Es war ganz so wie ich dachte, sprach er halblaut,
indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust
gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem
ziemlich sonderbaren Tone:
Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?...
"Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.
"Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört?... ich dächte, Sie hätten mir früher eine
ähnliche Geschichte erzählt.
"Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens
Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist
ein wunderliches Geschöpf.
"Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnet haben.
Sie st eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr
über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nöthig,
daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte,
werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht
zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren
Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs
stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem
Sophia in der Bibliothek ruhn.
"Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht, erwiderte ich,
idem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er
mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte:
"Wollen Sie mich denn schon verlassen? rief er aus,
"und auf solche Art?
Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen...
Aber nicht ohne Abschied zu nehmen... nicht ohne
ein freundliches Wort... nicht mit dieser kalten und
strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet,
haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir
sollten uns trennen wie zwei Fremde?... Geben Sie mir
wenigstens Ihre Hand.
Er reichte mir die seinige... ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken,
ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
"Sie haben mir das Leben gerettet, sagte er dann
tief ergriffen. Es macht mich glücklich, Ihnen eine so
große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen
nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in
dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte
verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es
etwas Anderes... eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.
"Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die
meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen
Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst
zu versagen.
Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester, erwiderte
ich ihm. »Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch
von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede
sein...
"Ich wußte es, unterbrach er mich, daß Sie mir
früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen
wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren
Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah... Ihr
freundlicher Blick ließ nicht umsonst...
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
Nein, fuhr er dann fort, nicht umsonst hat Ihr
freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den
innersten Tiefen meines Herzens erweckt...
Dies sagte er auffallend rasch.
"Man spricht von natürlichen Sympathien, setzte
er hinzu, auch von guten Genien... Gute Nacht denn
liebes Kind, Sie, haben mir das Leben gerettet!
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem
Blicke.
Es freut mich, fügte er hinzu, daß ich nicht wie
gewöhnlich eingeschlafen war.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
Sie verlassen mich also?
»Ich friere.
Ja, es ist wahr... und Ihre Füße stehen im
Wasser. Gehen Sie, Jane, geben Sie rasch.
"Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte
nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich
mich auf ein Mittel.
"Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,
sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können
sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine
Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit
dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende
Ufer, das, ich jenseits der Sogen erblickte. Dann warf
mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es
ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft,
bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters
Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder
in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen
über die Begebenheiten dieser Macht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat
ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht
wenig überrascht, als ich eine mit dem Mähen eines Vorbanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war,
als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt
war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen.
Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit
war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze
des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den

Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg,
richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm
dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ
sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber
von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir
vor, diese empörende Gleichgültigkeit auf die Probe zu stellen.
"Guten Morgen, Grace, sagte ich zu ihr, was ist
denn diese Macht hier vorgefallen?
"Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und
ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten
Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.
"Eine sonderbare Geschichte, sagte ich halblaut, indem
ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. Hat dem
Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?"
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken
zu erforschen.
"Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier,
wie Sie wissen, erwiderte sie dann. Mistreß Fairfax,
deren Zimmer an dieses stößt, hat einen sehr festen Schlaf
und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß
Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.
"Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser,
"als ein Gelächter, wie es wenige giebt.
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:

Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat,
während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben
ohne Zweifel geträumt, Miß.
"Nein, ich habe nicht geträumt, erwiderte ich, indem
ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte
mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen
Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert. Sie blickte
mich abermals forschend an und fragte mich:
"Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?
"Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.
"Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu
öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir
der Gedanke bei, daß sie, wenn sie ahnte, daß ich wußte,
woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich
spielen könnte, ich lenkte daher ein.
"Im Gegentheil, erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ich verriegelte meine Thür.
"Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu
Bett gehen?
"Schändliches Weib! dachte ich, sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.
Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich
damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr
sein würde.
"Daran werden Sie sehr wohl thun, war ihre ganze
Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der
Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.

Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole? fragte
er dann.
"Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.
"Und Ihren Sago?
"Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn
vor dem Thee selbst besorgen.
Mach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade
auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über
die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit
dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime
Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus
dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu
überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher
er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese
Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel,
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht
etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existirte, das früher, als
Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des
Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie
auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt,
dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor
der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen,
welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr.
Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts
mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes
Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.

Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu
beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ
mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher
im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten
werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
"Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter
zu kommen.
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und
ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den
ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr.
Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der
Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
"Kommen Sie rasch, mein liebes Kind, sagte die
gute Dame, sobald sie mich erblickte. Sie müssen sehr
hungrig sein, dem Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein. ... Ich denke
nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
"Ist Mr. Rochester nicht hier?
Nein, er ist nach dem Frühstück nach Pres-Clos zu
Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.
Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?
Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl
etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und
namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.

Blanca Ingram wohne 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur
alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und
die von den 4l Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt
wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines
Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax
schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize;
ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre
großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne
zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie
erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor
einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche
schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten,
die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander
geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend
nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten
Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein
strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über
sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches, häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren
mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine
arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte
denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch
käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für
meine törigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor,
nicht wieder darauf zurückzukommen, und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen
gefunden hätte.

Mr. Rochester blieb l4 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles
zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten,
den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus
seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste
aufzunehmen.

Sechste Abtheilung.

Blanca Ingram.

Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene
Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde
Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine
Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester
auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galopirte
keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast
den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer
grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes
Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
"Dies ist Miß Ingram, sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses
rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster
und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war,
daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und
den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen
durfte.
"Wenn Mama Besuch hatte, sagte sie fast weinend
zu mir, und besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen
ankleiden, und das war so unterhaltend... man lernt dabei
am besten, wie man sich kleiden muß.
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz
aus den Augen verloren, und ich mußte meine Zuflucht
zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge
nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der
Erde das Schloß, um einen Ausflug in die. Umgegend zu
machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am
vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an.
Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und
Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der
übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um
einige wahrscheinlich sehr vertraute orte zu wechseln.
"Nun, wie gefällt sie Ihnen?- fragte mich Mistreß
Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es
bemerkt hatte.
"Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht
gut zu erkennen.
"Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß
er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt,
setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es
sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs

zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich
in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war
und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus Furcht,
eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars in
Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Mach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und
hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen
sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches
Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen, bald in
ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele
den thätigsten Antheil nahm.

Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person,
um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren.
Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen
Liebreiz. Er drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen,
daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns
war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit
einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses
schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu
sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung besaß als
sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als
das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten
Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen
Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
"Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?
dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem,
was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen
Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr. Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die
Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft
jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der
seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet,
mit bewegter Stimme zu mir sprach, während sein Herz
von der Freude überströmte, daß er mir das Leben zu
verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen,
ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen.
Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von
der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit
Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach
einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse;
die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender
Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der
vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin,
nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Duelle beugt
und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
»Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den
man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies
nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht,
diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn,
diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser
strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war
nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es
für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der
That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade
gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich
so überwältigt und mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie
lieben wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten
Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen
Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er vom Neuem die ganze Herrschaft
über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte. Ohne
daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder

zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen
gelernt hat, der kenne das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische,
anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht
lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben
und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück?
Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, gebt zu ihm hin und knüpft ein
Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was
darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen,
diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle
erwecken nur mein Mitleid. Alls das Thema erschöpft ist,
schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr
zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich
das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde
schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemandem
gesehen worden zu sein.
In Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in
Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke
wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich
eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
»Wie befinden Sie sich? fragte er mich.
"Ganz wohl, erwiderte ich.
"Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte
ich mir nicht herausnehmen.
"Ich fürchtete Sie zu stören.
.Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?
"Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
"Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben,
dem Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir
vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie
haben Sich doch jene Macht in meinem Schlafzimmer nicht
erkältet?
Nicht im Enferntesten.
"Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen
uns zu früh.
"Ich bin müde.
"Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen
Sie es mir.
»Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.
"Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen
die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon
in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine
davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit
hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier
findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen
wissen. Für diesen Abend will ich Sie entschuldigen, aber
ich erwarte... oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange
meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen...
Gute Nacht, meine...
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.

Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen
Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann
nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu
müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte
ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich
zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem Gebieter
in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine
große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder
doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer
vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig
hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte
man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken; aber
ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken. Nichts
keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven
Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte
noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende
Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es
war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist
und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit
in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse,
den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens
einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die
Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches
Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein,
daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus
Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu sichern,
oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren Mängel
seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und
wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei.
Hätten sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige
Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen
Qualen unerwiederter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten
müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr.
Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder
gar Liebe einflößen zu können.
Wenn ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß
ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen
falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich
bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie
immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen,
um Rochester für immer an sich zu lieben, zu fesseln,
zu erobern,... so waren diese Beobachtungen eben so

interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens
werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen
Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich
ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gebatzten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde.
Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen
etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die
Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann
aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung,
hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines
Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im
Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und
schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine
Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um
mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte
meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereitzt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte, dieses
Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die Augen
fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester stets
gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.

Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester
verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der
Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die
Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu sagen,
waren die Gäste von Thornfield-Hall in einer ziemlich
verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu
man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen,
welche Partie man improvisiren sollte. Plötzlich hörte man auf
dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines
Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern;
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg
aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses
sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß
Ingram als die älteste der anwesenden Dannen natürlich die
Honneurs machte.
"Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen.
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein
etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber
nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine
Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das
heißt etwa 4l Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen
diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen schönen Mannes, ohne Kraft, ohne Feuer,
ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönen
Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich,
daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wußte
bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, dem
nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten
Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden
Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem
Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton leise einige
Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times
hören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwidere:
"Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn se
nicht gutwillig geht.
Was giebt es denn? fragten sogleich mehrere
Stimmen.
"Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier, versetzte der
erste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche
den Damen wahrsagen will?
"Nun warum nicht? rief Blanca Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter
sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:
Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um

zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er
entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß
die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre
Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in des Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre
Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen
Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber
augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei
andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele
und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen
und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge
gesagt... unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und
wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier
der anwesenden jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente,
welcher das Amt des Huissiers versah, erklärte, daß die
Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch im
Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie
ihre Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch
diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die
Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging,
ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen
Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn
zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie
las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen schwarzen

Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können.
Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei
sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes
tiefer in die Augen zu drücken.
Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage, fragte
sie mich.
"Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
Lassen Sie Ihre Hand sehen.
"Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht
erschrecken.
Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann
damit nichts anfangen.
"Ich habe es mir gedacht, versetzte ich.
"Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
Augen selbst.
Es folgten nun eben nicht Prophezeiungen, wie die
Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe
Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen,
wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre
Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des
Mr. Rochester gewahrte.
"Genug des Scherzes, rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen
Mantels zerriß, so daß er herabfiel. Sie zürnen mir
wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe,
vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen
würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan
haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer

Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte.
Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum,
sine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon? fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, uns ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier
angekommen ist?
Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?
Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft
mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.
"Hat er seinen Namen nicht genannt?
.Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von
Spanish-Town auf der Insel Jamaika.
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte
auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automat; Mason!... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl? fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane... ein fürchterlicher Schlag!

Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich, rief ich aus.
"Ach ja!... wie früher... wie immer, nicht wahr?
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin, stammelte er mit
bebender Stimme und starrem Blicke, ich möchte allein mit
Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen,
von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen
Erinnerungen befreit wäre.
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer.
Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf,
als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten
Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane, sagte er zu mir, gehen Sie in
den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts
Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist
und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem...
Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte...
führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane! rief mir Rochester nach,
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?
"Was ich thun würde? versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich

die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die
Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber, fuhr er fort, ihnen entgegenginge
und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische
Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich
nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane?
würden Sie mich auch verlassen?
"Ich ... ich glaube nicht.
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu trösten?
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände.
"Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem
Unglücke verfluchten?
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu
Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen,
der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und
Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie,
was ich Ihnen aufgetragen habe.
Mein Eintritt in den Speisesaal. wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm,
erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der
Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst
zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen

und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen
sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters
Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason, sagte er, Ihr
Zimmer ist dort.
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.

Siebente Abtheilung.

Die geheimnißvolle Verwundung.

Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Machthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es
mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe
zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüßig und
stand auf, um den Vorhang zuzuzieben.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich
ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen,
mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage.
Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht.
Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte
Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst
verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,
ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte
vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über
dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das
Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen

eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: Zu
Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!
"Kommt denn Niemand? setzte die nämliche Stimme
bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen
der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren
Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte:
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so
kommen Sie doch!
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald
darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer
Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich
verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von
dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor,
und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne
Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand
verwundet? Ist Feuer im Hanse? Sind Diebe eingebrochen?
Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in
dem halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da
vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher,
ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand
eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten
schon, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich
geschehen war.
Wo mag nur Rochester sein? rief endlich ein junger

Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine
Fassung verloren hatte; ich finde ihn nicht in seinem Bett ?
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!
rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und
ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden
Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu
müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen
Machtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,
sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam. Es ist eine reine Mystification, nichts
Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los... ich bin
ein gefährliches Thier.
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen
schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß
er in der That gefährlich war. Aber er unterdrückte
gewaltsam seine heftige Aufregung.
Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, nichts
als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte.
Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen
Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer
zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit
ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren,
gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran...
und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über

mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß
ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben
schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf
Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ
meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche
schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Macht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der
Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu geben, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm in an meiner Thür ein
außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir? fragte ich.
Sind Sie aufgestanden? entgegnete die Stimme Mr.
Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf.
"Und angekleidet?
"Ja.
So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem
Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes, sagte er zu mir; kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen
vor Allem Niemanden aufwecken.
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so
bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und niedrigen

Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er
plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?
fragte er mich.
"O ja.
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?
"Ich habe etwas in meinem Zimmer.
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie
mir diese Gegenstände.
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein
Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester
erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel
in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er
damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche
m die Dachkammern führen mußten. Auf der Schwelle
hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies
hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.
"Geben Sie mir Ihre Hand versetzte er. Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: Es hat keine
Gefahr, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.

Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte fein Licht auf einen Tisch, hat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort
zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir
nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir
und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane.
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem
Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester
das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit
Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir,
"und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann
wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte
Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen
mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit
einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun
den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide
sorgfältig und verband sie hierauf.

"Ist die Wunde gefährlich? fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht, erwiderte Rochester im Tone leichten
Vorwurfs; eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen
Sie sich also und kommen Sie wieder zu sich, ich will.
sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie
hoffentlich abreisen können. Jane, setzte er hinzu, ich muß
Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein
lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen,
so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen
Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm
Ihr Riechfläschchen unter dir Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache
ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen
der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen.
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus
und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein,
sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihn die
Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes
Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmer und
verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch
eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher
Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte... Sie werden zugeben, daß
es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.

Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich. meine zitternde Hand von Zeit zu
Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen
einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel
in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten,
die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten,
welches das düstere Gemälde erleuchtete.
"Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht,
denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von
einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das
unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Manne einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte er
sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer
er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser
den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie
mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien
keine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde

Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer,
und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst
zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich
flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um
das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen
Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte
ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges den matten
Dämmerschein des anbrechenden Sorgens, und ich hörte
Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden
Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf, und ich wurde
nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der
Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang,
deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu
Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber
manche Sache in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
Aber wird es sein Zustand erlauben?
Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir
müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also
eilen Sie.
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte
zu ihm:
Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit
so stieren Augen an. Sagen Sie ihm. Carter, daß nicht
die geringste Gefahr vorhanden ist.
Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern, entgegnete der Arzt, nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben,
und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das? setzte
er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete;
das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten,
sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein
Messer allein hervorgebracht... ich sehe deutlich die Spur
von Zähnen!
Sie hat mich in der That gebissen, erwiderte der
Kranke; sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr
Rochester das Messer entrissen hatte.
Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern
sie umschlingen und festhalten, versetzte Rochester.
Konnte ich es denn? entgegnete Mason in kläglichem
Tone. O, es war gräßlich! setzte er schaudernd hinzu.
Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien
so ruhig zu sein.
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens
hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen,
damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten
in der Nacht allein zu ihr zu gehen.
Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.
Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich
sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner

Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen
verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch,
Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an
einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß, wie
es scheint.
"Ja, sagte Mason, sie trank mein Blut, sie wollte
mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in
seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie
dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich
gar nicht mehr daran erinnern.
Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn
Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie
wieder in Spanish-Town sind, werden Sie nur noch wie
an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken... wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch
an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je
vergesse!
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry?
Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr
Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so
todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder
munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache
ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen... Jane wird uns dabei behülflich sein.

Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That
nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne
welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der
Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen
zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er
goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von
einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache
seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte
eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der
sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache gebt gut, sagte Rochester dann, und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, aus
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht
gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter...
öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie
werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr
vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon verboten,
auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir
kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf der Treppe
begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen.

Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herrn langsam hinabgingen -- denn Mason war
noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam und
blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst
an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch
verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den
blühenden Bäumen zu zwitschern. deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf
dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem
Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts
gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommenen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei sich. Mach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie
ist Ihnen jetzt, Henry?
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig.
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es gebt nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!
"Fairfax! rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?
"Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht...
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.

"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun, erwiederte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie
zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren
Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur,
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte,
den ihm dieser Mason einflößte. über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser
Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er
Mason diese oder jene, Verhaltungsvorschriften dictirte, aus
dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der
Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche
Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das
Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig

befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indisereten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft
sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr
kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er
machte seiner schönen Braut, Miß Ingram, fortwährend
den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen
zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es
kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller
Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm
die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich
voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield
früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich
mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche
daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich
ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen
Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren
Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß
mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines
Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der
Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte
mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war.
Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten
durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung,
welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:

Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse
meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen,
in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in
Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach
Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt,
ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin
unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher
für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem
Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame a. e.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.

Unter dem Briefe standen folgende Worte von der
Hand der Mistreß Reed:
"Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule
zu Lowood am Typus gestorben sei.
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit,
welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß
sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt
hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses
Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen,
denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe
meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren
Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich
dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John
Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt
hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein

Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manen dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte,
und den ich Ihnen, ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen
eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste
von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß
vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit
Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher
mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest
beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage
des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon.
Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen
nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts
sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester
die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden
Scherze und einem sardonischen Blicke, mit dem man nicht
wußte, was man machen sollte, wie sich Mistreß Fairfax
sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereis't
waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester
nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf
dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram Park sah.
Allerdings leg Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber

was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es
namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester,
diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir,
welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner
Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden
Sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters,
um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu
entdecken, aber noch zu keiner Zeit war wir dieses Gesicht
so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke
erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich
mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von
Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte
er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und
aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner
eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war
er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie
hatte ich ihn so sehr geliebt!

Achte Abteilung.

Rochester's Heirathsantrag.

Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe
gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich
hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete
einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht
neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine
sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine
Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man
über eine Wolfsgrube in's Freie. Dahin führte eine Art
Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit
Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen
Abend zu genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte ich mich jedoch niedergesetzt, so spürte
ich den Rauch einer Cigarre, wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in
den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum
zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mir.
"Noch so spät im Garten, Miß Eyre?

Ich wollte den schönen Abend genießen.
"Dieser Wunsch hat auch mich ins Freie geführt.
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite
meines Gebieters noch länger zu verweilen. Mach einigen
gewöhnlichen Worten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester
eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
"Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht,
sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände
zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick
zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem
emporsteigenden Mond gegenübersteht.
Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im
Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen
kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung
anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß
mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth
ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck
ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen,
und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben
sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß
ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden
Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann,
aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen, so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich,
daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte.
Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein
mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr
ernster Natur.
"Jane, begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer
Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?
"Ganz gewiß.
Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben,
denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was dir
Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.
"Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.
"Noch mehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum,
eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu
Mistreß Fairfax gefaßt?
"Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich
duf verschiedene Weise.
"Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich
von ihnen trennen müßten?
"Gewiß.
Wie Schade! rief er mit einer Art von Seufzer.
"Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen
Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so
befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen
und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.
"Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?
"Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich
glaube sogar, es muß sein.

Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur
Abreise, er wird mich bereit finden.
.Treffen, Sie Ihre Anstalten so bald als möglich.
Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen
schon diesen Abend geben.
"Sie wollen sich also vermählen?
So ist's; Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem
ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.
"Und ohne Zweifel bald?
"Sehr bald, meine... Miß Eyre, wollte ich sagen.
Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die
Idee mit mir sprachen, daß ich ein unwürdiger Hagestolz,
in den heiligen Ehestand treten wollte. ... Aber Sie hören
nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht
ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erse
Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir
sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß,
sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das
Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den
etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den
wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit
Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten
darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt
treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern
Stelle umsehen.
"Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung
rücken lassen. Einstweilen denke ich...
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah,
daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.

"In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe, fuhr
Rochester fort, wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde
mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle
zu, verschaffen.
"Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid,
daß Sie sich um meinetwillen bemühen...
"Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante
die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als
Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr
ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit
meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die
fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen
haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie
werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten
allgemein für sehr brave Leute.
"Ist es sehr weit von hier?
"Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges
und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine
mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.
"Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung...
dann trennte mich das Meer...
"Wovon, Jane?
"Von England... von Thornfield... von...
"Nun? vollenden Sie!
"Von Ihnen, Mr. Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben
so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester
leicht entgehen konnte.

Es ist in der That wahrscheinlich, versetzte er, daß
wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wieder
sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute
Freunde gewesen, nicht wahr?
"Ohne allen Zweifel.
"Wohlan wenn ein paar Freunde sich bald trennen
müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in
ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen
uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen
und ruhig von Ihrer Reise plaudern.
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten
Bank und setzte sich an meine Seite.
"Jane, begann er nun wieder, es thut mir leid,
daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen
sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als
stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig
verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir
durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt.
Senn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen
schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt,
so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden
Herzen bluten... Doch, was sage ich?... Sie werden
mich bald vergessen!
"Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies...
"Jane, unterbrach er mich, hören Sie in dem fernen
Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stile brach mein
lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich
wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um

den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich
nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?
fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl
nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all'
mein Widerstand.
"Ja, rief ich aus, ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt
habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein
gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen
Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes
Entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am
meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und
weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester?... nachdem ich Sie kennen
gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe
wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die
Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut
machen zu können.
"Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?
fragte er mich plötzlich.
"Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor
Augen gelegt.
"Unter welcher Form denn?
.Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und
liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.

Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe
keine Braut.
Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?
"Ich will... ja... ich will! ... ich will!
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen
und mit einem fast wilden Ausdrucke.
"Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß;
haben Sie es nicht selbst gesagt?
"Nein... Sie sollen bleiben... ich schwöre es, und
ich werde diesen Schwur halten.
"Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß
fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu
bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung?
Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose
Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe
weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie dem, mein
Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie
die Ihrigen... und wenn ich bei einiger Schönheit ein
Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr.
Rochester, es würde ich Ihnen die Trennung von mir eben
so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die
Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es
selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein
Geist spricht, zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab
überschritten und ständen völlig gleich am Throne des
Herrn, ... denn dort werden wir es sein, ja wir sind es
schon jetzt, ich fühle es.
"Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,
wiederholte Rochester, dessen Stimme setzt mehr als die

meinige zitterte. »So kommen Sie denn, Jane, kommen
Sie an mein Herz.
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube,
seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn
heftig zurück.
Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner
Rede fortgerissen, nein, wir sind nicht gleich, denn Sie
wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes
Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter
Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung
einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil
Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen
Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch
beugen... ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich
abreisen!
"Nach Irland, Jane?
Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe
gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.
»Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so
in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel,
der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.
"Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem
Reize. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen,
der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses
Willens, um mich von Ihnen zu trennen.
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen
Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
Es sei denn, r entgegnete er mir; Ihr Wille allein
mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine

Hand, mein Herz und Ihren Antheil an Allem an, was
ich auf der Welt besiege.
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt,
meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen
davon geben könnte.
"Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester
und doch...
"Und doch ist nichts ernster, als das, fiel er ein.
"Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen,
welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen
mit gutem Beispiele vorangehen.
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein
Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die
dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor
sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch
erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz, Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester
sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
"Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören.
Kommen Sie, was fürchten Sie denn?
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
"Ihre Braut steht zwischen uns, sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit Einem Schritte
neben mir.
"Meine Braut ist hier! rief er aus, indem er mich
von Neuem an sich zog. Hier ist sie, denn hier habe ich
meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin
werden?

Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
"Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren
Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten,
daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre
Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Rühe genommen.
sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem
Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile
meines Vermögens verloren hätte. Von diesem, Augenblicke
an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten,
daß sie mir gewährt würde. eine Berechnung bewährte
sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und
Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen
Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern
meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat
in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die
sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die
Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine
Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie
sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser
Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und
de so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte,
meine Hand anzunehmen.
"Ist dies wirklich wahr? rief ich aus, gerade wegen
der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit
überzeugt; ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen
andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind,...
ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben
haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.
"Warum?

»Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.
"In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein,
wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte
etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich,
denn ich leide Höllenqualen.
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war
offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken
seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze
seiner Augen.
"O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, hören
Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel
Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz
zerreißt.
Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit,
und ich sehe nicht ein...
"Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht
sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.
"Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich
ernstlich zur Gattin?
"Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines
Eides? nun wohl, ich schwöre es Ihnen!
"So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin
werden will!
Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte,
meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir
doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode
errettetest, das jene Entsetzliche...
Welche Entsetzliche? fragte ich.
Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann
meiner bemächtigt. -- An Deiner Seite, liebe Jane, werden

jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An
Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück
zu erringen, dem ich bis jetzt nachgestrebt habe, ohne es zu
finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen
beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter
geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum.
Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem
Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume
bewegt. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es
an zu regnen.
"Wir müssen ins Haus gehen, sagte Rochester, denn
das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum
Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!
"Und ich nicht minder! dachte ich. Vielleicht würde
ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte
aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren.
Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er
zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch
ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden
Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten
Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie
ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben
zwölf Uhr.
"Lege rasch Deine nassen Kleider ab, sagte Rochester
zu mir, und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht,
mein Engel!

Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte
wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und
aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von
Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich
erntfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr
in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber
in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst,
indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch
nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge
sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten
könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der
entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Macht hindurch;
vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen
die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine
Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung
vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an
meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl
fühle oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth
gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde
von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte,
die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über
die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu
fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie
mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing
mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein
kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern

es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich
bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut
mit meinem Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz
natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes
Aussehen gesagt hatte, über meine Schönheit sogar und
über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach
Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere
Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen
vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag
mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben
und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier
deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge,
denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt
zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs
mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über
ihn selbst lustig zu machen.
"Du vergissest, sagte ich zu ihm, daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame
verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt,
würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre
in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen
haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit
Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernheiden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der
Krause um den Hals und den Halbmantel auf der Schulter,
als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel
zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner
Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es
bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit

in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Saite in mir, indem er von
den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten,
sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, es
Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm
besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte,... konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
"Außerdem will ich, setzte er hinzu, daß Du noch
diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche
von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur
hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich
würde es ganz bestimmt versuchen.
Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch
ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten
Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und
vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an
die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.
"Jane, Du bist ein böses Kind! rief Mr. Rochester,
doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch
diesen Abend abgehen.
"Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß
meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde...
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine
dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn
verfinsterte sich.
"Denke an Eva und Psyche, sagte er mit einem

erzwungenen Lächeln zu mir; Beide bereuten es, daß sie
hatten zu viel wissen wollen.
Kann ich wenigstens wissen, entgegnete ich, warum
Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du
sie nicht liebst.
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
"Ich habe nicht geglaubt, meine Jane, erwiederte
er, daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären.
Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel
ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du
nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein
wollte?
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn
verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein
dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß
Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher
Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat,
ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in
Unkenntniß bleibt.
"Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane. --
Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin,
um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu
offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend
für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich
einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der
strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in
ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der
Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug
auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.

"So ist Alles vortrefflich, sagte sie endlich, und ich
bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger
Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht
sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie,
nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn
Rochester um Mitternacht...
"Davon wollen wir nicht mehr sprechen, rief ich mit
einem Anflug von Ungeduld, da Sie jetzt wissen, woran
Sie sind.
"Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche
gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes
Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, Mißtrauen
Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht
alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante
seiner Kinder heirathet.
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele's
Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Rein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr.
Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren.
Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens
ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden,
um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich
Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich
jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir
unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit
denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin
zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl
er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt

sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte.
Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann, kehrten wir nach Thornfield zurück.
»Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen,
mit mir zu speisen? fragte er mich bei unserer Ankunft.
"Nein, dafür muß ich danken.
Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?
Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische
gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben
Platz nehmen soll, als bis...
"Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen?
Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.
Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.
Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte,
unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen
haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine
verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem
zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz
besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung,
welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem
Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese
so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun
muße "ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung
schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob
eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens
sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des
Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir
drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich
mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an

dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben; um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte
keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit
über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte
und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichte
dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der
Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim
noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall
war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht
mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel;
schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem
Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei
dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von
ihm leben mußte.
Ein andres Bedenken für mich bestand darin, während
der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne,
der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen
seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkt
unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich
lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem
Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen
konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich
immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn wenn
ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war
es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes,
den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen,
der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst
standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder
gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu
hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß
die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für
jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele
und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem
Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war
mein Idol geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast
jeden Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur
Hochzeit übrig wären. Dann und wann schien eine trübe
Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn hat,
mir die Befürchtung mitzutheilen, welche ihn zu quälen schien,
so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln, hätte ich
in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung
erkannt, und weh! -- sie nur zu sehr getheilt haben.

Ende des ersten Bandes.

Erste Abtheilung.

Die Braut am Traualtar.

Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden
und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war
Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vor
bereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines
Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen
Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen
einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden,
und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester
ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen
Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige
Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich
den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens
entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte
und küßte mich. Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise -- sagte er -- das arme, von den Launen
des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist Du bald, mein, auf ewig meine
zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes,
der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der
es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken. - Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir
allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die
Worte erinnerlich sind: »Du bist schön wie eine Lilie.
Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft
mehrere Befehle zu ertheilen. Wenn wir aus der Kirche
zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur
Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher
auf dem Bocke sein hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Die kurze Zeit, welche ich allein im Saal war, benutzte ich, um der Vorsehung, die mich durch des Lebens
Irrwege so wunderbar bis hierher geleitet hatte, meinen Dank
darzubringen, und mir die schöne Bestimmung, der ich nun
entgegen ging, durch folgende Betrachtungen zu vergegenwärtigen.

Herrlich sind der Almacht Werke!
Im Menschen schuf sie Kraft und Stärke,
Verband mit Mild' und Weichheit sie.
Mann und Weib stehn Kraft und Milde
Einander sich zum Schutz und Schilde
Vermählt in schöner Harmonie.
Weit um sich wirkt die Kraft,
Wo stil die Milde schafft,
Und, wenn die Stärke niederreißt,
Um aufzubau'n;
Erhält des Weibes sanfter Geist.
Sel’ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Hoch und hehr ist Frauenwürde,
Empfängt des Lebens Glück und Bürde
Als Segen einer Vaterhand.
Sie adelt und erhebt,
Der Kranz, nach dem sie strebt,
Er ist der Frauen schönste Zier,
Giebt und erhält
In Eintracht mit sich selbst sie hier.
Mit der Liebe milden Händen
Die reinsten Freuden auszuspenden,
Hat Gottes Hand das Weib geweiht;
Wiederschaffen soll’s hienieden
Der goldnen Zeit verlornen Frieden
Im Schooße stiller Häuslichkeit
Verwandelnd Trotz in Muth,
Der Leidenschaften Wuth
Gebieten in des Mannes Brust;
Sanft sie bedräun,
Des schönen Sieges sich bewußt
Soll des Lebens Last und Mühen,
Die Blumen, die am Wege blühen,
Gleich theilen, Lieb' und Huld im Blick!
An die Kraft des Willens mahnen,
Beugt auf des Lebens rauhern Bahnen
Das Herz des Mannes das Geschick.
Durch Treue bis in's Grab
Den Himmel zieh'n herab
Auf die Erde, und in sein Herz;
Und hoffend es
Erheben über Weh' und Schmerz.
In der Hausgenossen Mitte
Sol es das Vorbild frommer Sitte,
Der Ordnung, Zucht, des Fleißes sein!
Unbefleckten Herzens wandeln,
In Glauben, Lieb' und Hoffnung handeln,
Mild, wie des Mondes Silberschein.
Mit edlem Selbstvertraun
Auf zu dem Himmel schaun,
Wenn der Verkennung Schmerz es beugt;
Vor Gott und sich des innern Friedens überzeugt.
Sel'ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Froh geh' ich dem Ziel entgegen.
Willkommen reicher Lebensfegen,
Willkommen heil’ger Pflichten Band!
O herrlicher Beruf,
Zu dem mich Gott erschuf,
Ehrwürdig sei und bleibe mir!
Gieb mir in dir
Des Himmels Vorgefühl schon hier!

Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren,
aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen
Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er
mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich
nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm
und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte,
ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul
und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir
nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da
besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute
Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der Wille in
denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das
Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte!
Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester
Vorsatz sprach, ein mir unbekanntes Hinderniß um jeden
Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier
erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
"Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er
zu mir. Wir wollen einen Augenblick sehen bleiben, Jane,
stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille
Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen,
den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen
Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne
Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier
Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers
umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige
halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern.
Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine
der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht
auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte
mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem
Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war
still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten
waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das
alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein
knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der
zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen war,
und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth,
bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten
wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch
hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden
Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher
kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester
den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte;
dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester
geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am
Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich
sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es
nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch
ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren.
Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem
Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn zu fragen!
"Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an? sprach
eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre,
daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als
wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er

faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.
"Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte
die nämliche Stimme, und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung. Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und streng,
als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und welch ein
wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß? fragte endlich Mr.
Wood; ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den Arm
auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache war
ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck von
innere Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei einer
Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz einfach
in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester hat
eine Frau, die noch am Leben ist!
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone

gesprochenen Worte. Rein Blut empfand die Wirkung derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte oder des
Feuers empfunden hatte. Es gelang mir indessen, mich
vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang in, mich
ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske;
seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen. Ohne zu
sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte,
legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an
seine Seite.
"Wer sind Sie? fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich beiße Briggs und bin Advokat in London.
"Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau
beehren?
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt.
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie
ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?
"Allerdings, mein Herr.
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus
seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß
Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der
Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der
Grafschaft *** in England, am 20. October 18..
(vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha
Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns,
und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in
der *** Kirche zu Spanish-Town ehelich verbunden
worden ist. Dir Originalurkunde dieser Ehe existirt
in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtigem
lieg eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,
versetzte Rochester, so beweist sie höchstens mir, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der
man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der
Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen darfür, den Sie wohl schwerlich
verwerfen werden.
"So stellen Sie diesen Zeugen oder geben Sie zum
Teufel! rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte,
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche
Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Se näher, Mr. Mason.
Dieser Manne brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein, bemerkte. Der
zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten
und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der Schulter des
Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm
einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten
ließ. Ich möchte ihn mit einen Vulkan vergleichen, dessen
bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine
gewaltige Hand nach ihm... und ich glaubte diesen schon
am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief,
und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie
ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters,
der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu
Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem
Tone, daß sie Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu; sagen Sie Alles, was Sie wissen.
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall, sagte
Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr Bruder,
habe sie im vergangenen Monat April gesehen.
"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn
ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie
gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt.
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam
eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren
gut getroffen.
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn
zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht
weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen
Sie Ihr Chorhemd ab. John Green so hieß der Messedieners, Sie können sich entfernen, es wird heute keine
Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach
Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe
daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das
Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die
Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am Rande
des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren,
mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein
Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer
noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es
wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen
hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen
wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester
oder auch eine verlassene Geliebte?... Nein, sie ist meine
Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die
Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine
Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß
geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie
diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist.
Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im
Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten
Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu
sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei
Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt
hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die
angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Masons wurde.
Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen
gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger
Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch
Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen
Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann
sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden
zu halten. Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort,
indem er auf mich zeigte, so wußte sie von dem Allen
eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie
war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Ee verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest
an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen
Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem
Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz
ruhig zu dem Kutscher; ich reise heute nicht ab.
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten
uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. Ich danke
für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie
kommen fünfzehn Jahre zu spät.

Zweite Abtheilung.

Das enthüllte Geheimniß.
Mach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die
kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason? fragte
Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone. Hier war
es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen
wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück
der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Uebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche
durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter
ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol
in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging.
gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf
ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab...
dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden,
ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene
Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und
ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr
Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere
nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole. fragte Mr. Rochester, wie
geht es hier diesen Morgen?
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie ihren
Tiegel behutsam über das Feuer setzte; sie brummt nur
ein wenig, das ist Alles.
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke
Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren
Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den
heftigsten Zorn verrieth.
Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester, sagte Grace
Poole, bleiben Sie nicht hier.
.Nur einige Minuten.
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht... um
des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die
Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und
blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat
einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur, sagte Rochester, indem er sie auf
die Seite schob; sie hat hoffentlich kein Messer, und ich
bin auf meiner Hut.
"Wer weiß? entgegnete Grace, sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die
Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So
rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war
ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem Manne gewachsen
war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage
zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen,
und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände
fest, die er von Grace Poole binden ließ, und band sie
dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne
sich an ihr fürchterliches Geschrei und an ihr Sträuben
zu kehren.
Ass diese Operation beendigt war, wendete er sich an
die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und'
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier
ist Die, setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine
Schulter legte, deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst
über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und
freundlichen Blick mit jenen von Blut unterlaufenen Augen,
diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese
schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere
Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie,
Herr Advokat, im Namen des Gesetzes, auf, über meine
Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß

man einst für seinen Untertheilsspruch verantwortlich ist!
Jetzt können Sie sich entfernen.
Mir ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester
blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben, und
als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu
meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es
gewiß nicht, Miß. Ihr Obeim wird dies nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Mr. Masons Zurückkunft nach Madeira, noch am Leben ist.
Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie
ihn denn?
Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch,
daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in Madeira
aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilungen führte zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren Folge
Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück --
und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte eben so denken
als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen,
ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu verhindern, an welchem
Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich und
ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte,
nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war so ruhig, daß
ich mich über mich selbst wunderte, sondern um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen, das ich bisher täglich
getragen, und das ich am vergangenen Abend für immer
abzulegen geglaubt hatte.
Schwach und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl.
Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte den Kopf
in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin.
Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis jetzt, ohne selbst
einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen, den erschütterndsten Scenen beigewohnt, deren rasche Aufeinanderfolge mich
fast betäubt hatte. Jetzt, da ich mich sammeln und nie
von Allem, was ich gesehen und erfahren, Rechenschaft geben
konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über
meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte Worte,
einige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen, ein
Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis zu Gunsten?
seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft, um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind, was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung eines emporsteigenden
Gestirnes sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Mach dem äußeren Anscheine zu urtheilen, war
ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen. Und
doch, wo war die frühere Jane Eyre? wo war das, was
ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die
glühende Hoffnung, welche seit einem Monate die ganze
Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten
Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr

Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, an welchem eine
eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen Früchte
und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgiebt und
ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen
und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und
man wird eine ungefähre Idee von dem Zustande meines
Innern haben. Die theuersten Wünsche meines Herzens,
gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer
zerstörte und todte Gedanken. Meine Liebe, diese Liebe,
welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt
in der Tiefe meines Herzens wie ein krankes Kind in einer
Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn
zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen
verloren halte, und daß ich mich von ihm trennen nutzte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte
mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand
einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem
Stuhle ein.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden,
Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich zum
Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten, welche
sie mir auferlegte, zu bringen. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen Gräßlichkeit,
und trotz der Ohnmacht meines Willens, gegen den die
spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft ankämpften, welche
ihre Illusionen überlebte, fühlte ich die Unerläßlichkeit einer
gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mir
das Herz zusammen, als ich daran dachte, daß ich schon
seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war,
ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die
kleine Adele, noch er zu mir gekommen war, um sich nach
mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme
zu sagen. Ich trocknete so gut als möglich die Thränen,
welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel
zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich
bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür,
schob den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus;
aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber
ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm
Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers
sitzend, erwartete.
Endlich! sagte er zu mir; ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an
meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen. ... Wie,
Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, hast Du
nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Du bleibst
unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe,
und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?...
Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen?
Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum
dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert,
das von seinem Brote aß, aus seinem Glase trank und das
er an seinem Busen erwärmte. Die Reue und Verzweiflung
dieses Menschen ist nichts gegen die meinige. Wirst Da
mir nie vergeben?
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe Freundin,
wenn ich Ihnen sage, daß ich diesem Manne, der mein
Unglück war, auf der Stelle und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen drückten
eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so
innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen benehmen, in seiner Sprache und in seiner Haltung eine so
wahre und dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß
ich ihm, nicht mit Worten, oder durch einen Blick, oder
durch ein Lächeln, wohl aber aus dem Grunde meines
Herzens vergab Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine Schwäche
versunken.
Sprich, geliebtes Kind! fuhr Rochester fort; sprich
mit mir, wäre es auch nur, um mir zu fluchen!
Ich kann nicht... ich bin krank... ich möchte ein
wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in seine
Arme und trug mich hinunter in's Erdgeschoß; in welches
Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte nur,
daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten und
daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte
kehrten so allmählich zurück, und ich konnte mechanisch einige
Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich
sah nun, daß ich mich in, dem Bibliothekzimmer und in dem

Arbeitslehnstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand
neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, ohne zu große
Schmerzen aus dem Leben gehen könnte... bevor ich mich
von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen müßte!
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden
sich seiner Brust einige unartikulirte, schmerzliche Laute;
dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher,
kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte sich zu mir
herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß feine Liebkosungen mir
nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
Ja, ja, rief er aus, es ist der Gatte Bertha
Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hälst
Du mich dem wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und
es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der Strom
Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen hervorbrechen.
Du willst von keinen Erklärungen, von keinen Vorwürfen,
von keiner Scene irgend einer Art etwas wissen... Du
hältst es für unnöthig, zu sprechen, und denkst nur darüber nach, was Tu thun sollst. O, ich kenne Dich!...
und ich bin auf meiner Hut!
Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte.
Die Stimme versagte mir, und ich mußte innehalten.

Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht, entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet, sinnest
Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet, und deshalb willst Du fliehen, willst meinen Liebkosungen ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's Gouvernante hier
zu bleiben und die geringsten Beweise meiner Liebe als eine
Beleidigung, als eine Gefahr von Dir zu weisen. Habe
ich es errathen?
Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten.
Du hast Recht, auch ich habe schon, daran gedacht;
ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens
können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in diesem
Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns
enthält. Ich könnte und hätte schon längst das fürchterliche
Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern
Ort versetzt; aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen
Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses
Schloß würde mich zu schnell und zu sicher von der
Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet.
Einem Jeden seine Lasten; ich würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am meisten hasse.
Sie sind unerbittlich, rief ich aus, unerbittlich gegen
ein Unglück, das nur Mitleid verdient!
Jane, meine Heißgeliebte, Du bist es noch immer,
warum soll' ich Dich also nicht so nennen? Du thust mir
Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses
Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn Du
wahnsinnig wärest?
"Allerdings.
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich fähig

bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in Dir, das
ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil meiner selbst.
Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und sollte es auf
irgend einer Art zerrüttet werden, so würde er es dennoch
bleiben. In Deinem Delirium würden Dich keine andern
Bande fesseln, als meine Arme, und wenn Du Dich auf
mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen, so würde ich
Dich mit einer eben so zärtlichen als unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield,
dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen Fenster sämmtlich
vergittert werden sollen, und wo Mistreß Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mit meiner Frau bleiben
wird. Dich, Jane, lasse ich keine einzige Nacht mehr an
diesem traurigen Orte. Es ist Alles zur Abreise bereit,
und ich weiß eine Zufluchtsstätte, wohin die schmerzlichen
Erinnerungen und selbst die Verleumdungen dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche
Abgeschiedenheit ist nicht gut für verwundete Herzen.
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst Du
mich jetzt?
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich mich,
mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten, und dies
war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber,
wie die, welche aus Rochesters Worten hervorzuleuchten
begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob seine
Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte mich mit
einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich wendete
bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer, und bemühte mich nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen ruhig
zu scheinen.
"Das ist die Eigenheit im Charakter meiner Jane,
sagte er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet
hätte. Bis hierher ließ sich die Seidendocke ziemlich leicht
abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf
ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgniß und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft
eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen, in die
ich mich verwickeln werde?
Er begann von Neuem umherzugeben, dann blieb er
wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt
anwenden.
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge waren
die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich sah
deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung
seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der Verlängerung des unertäglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle
Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen, und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche uns
Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes, einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem,
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden Abgrund
am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten soll. Uebrigens hielt
ich mich noch für stark genug, um mich nicht werfen zu
lassen. Ich nahm die zusammengeballte Hand Rochesters,
brachte die Finger in ihre natürliche Lage und sagte in dem
versöhnlichsten Tone.
"Setzen Sie sich, wir wollen so lange zusammen
sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören,
was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter
sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühle, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit
dem Beginn dieser sonderbaren Scene, gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm
waren, um so besser für mich. Ich weinte also, ohne mich
zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den
Knieen und hat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich erst

dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner
Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt
hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte
er seinen Kopf auf meine Schulter legen, aber ich duldete
es nicht. Er wollte mich an sein Herz ziehen: der nämliche
Widerstand von meiner Seite.
"Jane, Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
tiefsten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich nie
geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten? Und jetzt,
da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann, stößest Du
mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als wäre ich ein
häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich nichts
auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte, allein er
verletzte mich zu tief, um mir nicht ein fast unwillkürliches
Geständniß zu entreißen.
"Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je zuvor. Prägen Sie es sich wohl in's Gedächtniß ein, denn
es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem
Munde hören.
Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können, und mir
täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und Abneigung
zu begegnen?
Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß, mich
einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich
feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie nicht wieder
in Zorn.
"Was schadet es Dir? hast Du nicht das Talent,
Thränen zu vergießen?

Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen?... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser zu
benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten Gedanken,
Jane; nicht von mir, nur von Thornfield mußt Du Dich
trennen. Hier kannst Du nicht sein, was Du werden sollst:
meine theuere, geliebte Gattin. Aber ich besitze im südlichen
Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende
Villa mit schneeweißen Rauern. Dort wirst Du glücklich,
frei und unschuldig leben. Fürchte nicht, daß ich Dich je
zu etwas verleiten werde, was Du als einen Fehltritt betrachten könnest; glaube nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je daran gedacht habe, Dich zu
meiner Geliebten zu machen. Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane, und sei verständig, wenn Du
mich nicht wahnsinnig machen willst!
Seine Stimme und seine Hände zitterten von Neuem,
seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte ich es, ihm
zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte, wie Sie
es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies wissen
Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so
hieße dies der Wahrheit spotten.
"Jane, Du vergißt, daß ich kein phlegmatischer Mann
bin... es fehlt mir an Geduld... ich habe weder kaltes
Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid für mich,
aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger an meinen
Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine Adern
rollt... und schone meiner!

Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel
seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten
Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen
Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn durch
einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war
es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm nachzugeben. In
dieser bedenklichen Lage that ich, was alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester. Sie
glaubt, ich bin verheirathet... muß ich se nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird
sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane,
laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige
Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?
Stunden lang, wenn es sein muß.
"O, ich bedarf nur einiger Minuten. So höre denn,
meine Jane. Um meinem ältern Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch
ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen,
waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet,
mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen.
Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason
auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend
Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied
über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde
ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde dort
eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der
Colonie. Und dies war keine Lebertreibung. Auch die Eltern
der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher
Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um
den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine

Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ehrgeiz wurden
zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem
doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von
den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die
stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie
zu kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich
von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine
Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend,
damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen,
den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des
jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens
erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von
Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit.
Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der
drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig
meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde
unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden
Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem
ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen
und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen
Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte.
Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich
die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit... Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr
öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich von
ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser
Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal Preis gegeben, das mir die
Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason
und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
"Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen
und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte
sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz
meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig
verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein
Bruder mit Tode abgegangen sei. So fielen denn alle
väterlichen Besitzungen wieder mir zu, und dennoch bei allen
Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?
Auf Jamaika war mein Unglück allbekannt. Man
heuchelte mir Mitleiden über den Schiffbruch meines häuslichen Glückes und unter dieser heuchlerischen Maske schimmerte doch nur Spott und Hohn hervor. Mein dortiger
Aufenthalt wurde mir unerträglich und da ich wegen der
Regelung meiner brüderlichen Erbschaft ohnehin nach England
zurück mußte, so beschloß ich, die Wahnsinnige, die schon
damals kaum mehr menschenähnlich war, mit dorthin zu
nehmen. Ihr Wahnsinn war nach dem einstimmigen Ausspruch verschiedener Aerzte unheilbar und so hätte es mir
nichts nützen können, sie in einer Heilanstalt für Geisteskranke unterzubringen, wodurch ohnehin diese Verhältnisse,
deren ich mich schämte, auch in meinem Vaterlande bekannt
geworden wären; ich zog es vor, mein Unglück den Augen
der Welt zu entziehen und ließ hier alles zur Aufnahme
der Wahnsinnigen in Stand setzen, wo sie, von einer

Hüterin bewacht, den Rest ihres thierähnlichen Lebens verbringen sollte.
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch
weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem
so leicht hinzureißenden Charakter, der namentlich bei dem
Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines
Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen
Mann überallhin verfolgte, war es wohl nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu
zu bleiben. Darum entstanden eine Menge von Verirrungen,
welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen
nicht nach rohen Genüssen, sondern nach einer Liebe, welche
der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und
immer getäuschtes Hoffen und Trachten; es waren Schätze
von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder,
auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt
nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Cöline Varens und
die Geburt Adelen's bildeten die ergreifendste Episode dieses
traurigen Zeitraums, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig
waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die unglücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht
erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre,
daß, wenn ich mich unter was für einem Vorwande hätte
vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich

Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern
seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der
nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden
Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen
Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugeben hoffte.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von
Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle
Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren
konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen
füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das
förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein
fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter
Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein
menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte
den Mann, der mich so liebte, und auf diese Liebe, auf
mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht
concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte:
Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort
sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester,
ich bin die Ihrige.
"Herr Rochester, erwiderte ich, ich werde nie die
Ihrige!
Es erfolgte eine lange Pause.

"Jane, hob er noch einmal an, und seine Stimme
war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich
mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor
wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, Jane, es kann Dein Wille nicht
sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte
Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.
"Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte
und mich mit seinem Arme umschlang, willst Du es auch
jetzt noch?
"Ja!
"Und jetzt?... Er bedeckte meine Stirn und meine
Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich
mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten
Ausdruck an, den ich noch nie an ihnen bemerkt hatte. Er
richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt
wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir
als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein,
denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor,
welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast.
Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau
ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du
mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere
Liebe mehr zu haben als die ihrige?
Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst
leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.

"Tu willst also nicht nachgeben?
"Nein.
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und
Fluch beladen sterbe?
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender
Donner.
"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und
wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen...
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge
und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh,
welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren
sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen
in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu
übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die
Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise
erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte,
die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder
in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten...
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit
Meine Ueberzeugung und mein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet wurden, waren nahe
daran, mich in's Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis zu geben,
welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben konnte?
Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn! sagte mir eine innere

Stimme. Sage ihm, daß Du ihn liebst und daß Du ihm
ganz angehören willst! Ver kümmert sich denn in dieser
Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen
Fehltritt begehst?
Aber von der Stimme des Gewissens vernahm ich die
unwiderlegliche Antwort Ich selbst muß mich um mich
kümmern. Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und
Stützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst
schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das Gott
gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von
den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig
erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke
thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen
Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei denen mein Herz klopft,
meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch
meine Adern rollt? ein, was ich geglaubt, was fromme
und würdige Frauen mich gelehrt haben, das allein ist die
Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich
bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß,
auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen
alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß
mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand. Was auch
daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad
erreicht, und er mußte ihm erliegen. Er durchschritt das
Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer
krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang
mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer
Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer
Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung

eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und
mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher,
der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht.
Dieser untrüglicher Dolmetscher ist der Blick. Meine Augen
erhoben sich bis zu denen Rochesters und während ich sie
auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand sich meiner
Brust ein unwillkührlicher Seufzer. Seine wilde Umarmung
verursachte mir einen wirklichen Schmerz und meine Kräfte
begannen mich zu verlassen.
"Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
"nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner Hand
keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr
(ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner
Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich könnte sie mit
meinen Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen,
wenn ich sie knickte und zerträte? Man sehe dieses feste,
entschlossene Auge, man denke an diesen unergreifbaren Geist,
dessen unerschrockenen Willen, furchtlose Unabhängigkeit und
mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner
Hülfe kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn
erreichen?... Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe,
wird er freier aus demselben hervorgeben als je. Ich kann
mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin
wohnende Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum
Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner
ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest Du
Dich an meinen Busen flüchten, aber dazu bedarf es Deines
Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich zu zwingen,

so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige Essenz aus der
Hand, welche ihren Duft festzuhalten glaubt... O, Jane!
wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Sorte sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und
unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert,
ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und mußte ich
nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
"Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein verzweifeltes Flehen vermag
nichts über Dich?...
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem
Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können, welches
Muthes es bedurfte, um in festem Tone zu wiederholen:
Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere
Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh
hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich
Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste
vorüberziehen... denke an mich!

Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha,
verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen
erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe...
mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen ein tiefer Seufzer
Ich stand schon auf der Schwelle der Thür... und
doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch
einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse,
sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den
Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen
Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein
schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut, um
sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze diese
Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine
Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme
aus. ... Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch
einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
"Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in
meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!

Dritte Abtheilung.

Die Flucht der Waise.

Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen würde;
aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich den Kopf
auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor
Tagesanbruch und im Juli sind die Nächte bekanntlich
nicht lang.
Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht
früh genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf mich einstürmte.
Ich stand daher auf und meine Toilette war bald beendigt,
denn als ich mich auf mein Bett geworfen, hatte ich nur
meine Fußbekleidung abgelegt. Dann suchte ich im Dunkeln
in meiner Kommode ein wenig Wäsche, eine Agrafe und
einen Ring. Dabei begegneten meine Hände den Perlen
eines prachtvollen Colliers, das Mr. Rochester einige Tage
vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den
Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der
chimärischen Braut, die wie ein Traum verschwunden war.
Aus dem Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm
meine Geldbörse, welche zwanzig Schillinge,' mein ganzes
Vermögen enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und indem
ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig hinaus in
den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
"ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adele! sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube,
denn ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein feines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser Schwelle
stand, die mein Geist so oft überschritten hatte, stockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten
mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere Male
glaubte ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu
vernehmen. Und dort, hinter dieser schwachen Thür erwartete
mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige
Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfachen Worte
zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie
bis zum Tode lieben, bis zum Tode will ich Ihre treue
Gefährtin sein, -- und eine Duelle der höchsten Wonne
hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.
Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Dieser Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte nicht
schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der
Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich
war fort. Er ließ mich überall suchen... vergebens! Er
sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke... Aber ich zog sie wieder zurück und
entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden
hatte, wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel zu
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit Del
und eine Feder mit, um den Schlüssel und das Schloß
einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte.
Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein wenig Brot und
trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht
lange würde zu Fuß geben müssen und fürchtete, meine so
heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines
Planes nicht ausreichen. Dies Alles geschah ohne das
leiseste Geräusch. Ich öffnete die Hausthür und verschloß
sie wieder. Die Morgendämmerung begann den Hof ein
wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber
ich wußte, daß eine kleine Nebenthür in einem derselben
nur von innen verriegelt war. Durch diese Thür trat ich
in's Freie.
Eine Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen an eine Straße, welche nach einer, Millcote entgegengesetzten Richtung führte. Ich war noch nie auf derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der mir
eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen könnte.
Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir die geringste
Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick rückwärts oder
vorwärts, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu

werfen... in de süße, heitere Vergangenbeit, und in die
dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis die
Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß die Sonne
an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte Erinnerung
habe ich nur davon, daß der Thau bald durch meine dünnen
Schuhe drang und meine Füße kältete. Alles Uebrige um
mich ber existirte nicht für mich. Der Verurtheilte, welcher
dem Tode entgegengeht, sieht die Blumen am Wege nicht,
die ihm zulächeln. Er denkt nur an den Henkerblock, an
das Beil, an den letzten Sprung des abgeschlagenen Kopfes
und an den dunklen Abgrund, der ihm empfängt. Ich sah
nichts vor mir, als eine ewige Trennung, die öde Wüste,
die ich von nun an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz,
den ich diesem Manne als Vergeltung für seine aufopfernde
Liebe bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens
bedurft, denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der
Verlassenheit zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mit Widerhaken versehene Pfeil, den ich
vergebens aus meiner Wunde zu reißen versuchte; es war
der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es
war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet; es
war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche der
Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt und
verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes, der

sich meines festen Rillens, auf dem rechten Wege zu bleiben,
annahm und mir verbot, nach Thornfield zurückzukehren;
denn ich erinnere mich, daß ich weinte, als ich mich immer
weiter entfernte, und doch schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über die unwiderstehliche Gewalt
erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung, die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen
frische Feuchtigkeit allem mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten fühlte ich mich wieder etwas gestärkt... Ich konnte mich
auf den Händen und Knieen ein Stück weiter schleppen,
dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der
Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in der Ferne
erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo Mr.
Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte.
Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig Schilling. Ich
bot dem Conducteur zwanzig, indem ich ihm sagte, daß ich
nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr, so nahm er
das Gebot an und erlaubte mir sogar aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des Wagens einzunehmen.

Ich stieg ein, die Thür wurde zugeworfen und als der
Wagen fortrollte, fühlte ich, daß Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese
Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden
sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn
sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so
harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu
vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst
und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes gleichen,
hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden! Möchte sie
endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu
empfinden haben, für den Mann, den sie mit aller Kraft
ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und der
Verzweiflung zu werden!
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge weit
genug gefahren habe, und hieß mich ganz wider mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens Whitcroß
aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein kleines
Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von Thornfield
mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit bemerkte,
hatte die Diligence schon einen Vorsprung von wenigstens
einer Meile gewonnen. Es blieb mir daher nichts Andres
übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir
diese Vervollständigung meines Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser

am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger
sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen Namen
mehr oder weniger verdienen, und von denen die nächste
zehn Meilen entfern ist. Daher sind sie auch nicht frequent
und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer in der ganzen
Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus mir werden sollte,
damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser und die breiten
Bänder der Straßen zu betrachten, die sich in unabsehbare
Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich halte
keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken konnte,
mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von
denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung, noch
wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das mir bis
an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande der
Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken an
einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel ein Endpunkt dieses
grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war noch lästig,
hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt. Ich setzte
mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal zu erschrecken,
so oft der Wind das Gestrüpp bewegte und mich die Annäherung eines entlauffenen Stieres oder eines Wilddiebes
befürchten ließ. Meine Besorgnisse wurden jedoch durch
nichts gerechtfertigt, so daß ich mich endlich beruhigte und
über meine Lage nachdenken konnte, welche keineswegs
tröstlich war.

Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen
Ausdrücken sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß ich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht hoffen
durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und das ich
mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige Brombeeren, welche
hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten, und dieses
kärgliche Mal beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen
Hunger. Nachdem ich sodann mein Abendgebet gesprochen,
streckte ich mich auf mein Lager, das auf dem üppig
wuchernden Heidekraute ganz erträglich war. Mein doppelt
zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der
Macht, welche übrigens, besonders im Anfange, durchaus
nicht empfindlich war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte; aber
ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger durch den
Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels wurde, machte
mich endlich etwas ruhiger und ich schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete mich
das Elend wie ein bleiches, naktes Gespenst, das neben mir
saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete jetzt das
Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch schwärmen

sah, aus denn sie ihre, Nahrung sog, oder der Eidechse,
welche munter aus den Spalten des Gesteins hervorschlüpfte.
Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer nicht gefallen hatte,
mich während dieses Schlummers, in dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden gefunden hatte,
von der Welt abzurufen. Da er mich aber noch am Leben
gelassen, so mußte ich auf die Mittel denken, die Last meiner
Trübsal weiter zu tragen und meine Aufgabe zu vollenden.
Ich brach daher wieder auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, so lange meine
Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß ich dahin ging,
wohin Gott mich rief. Als ich einen Augenblick stehen
blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte nach der Gegend, woher
das Läuten kam und bemerkte hinter den Bäumen halb
verborgen das Dach einer Kirche. Zu gleicher Zeit sah
ich auf dem Wege, den ich gekommen war, einen mit Ochsen
bespannten schweren Karren. So erschienen mir das Gebet
und die Arbeit, als die beiden großen Heilmittel aller Uebel des Lebens, zusammen vereinigt. Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand.
Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes für mich
sein würde, wenn ich vor Hunger auf der Straße dieses
Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher fragte ich mich
sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, ich einige von

diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte nichts als
das seidene Tuch, das ich um den Hals trug, und meine
Handschuhe. Aber wie sollte ich, diesen Tausch anbieten,
und mußte ich nicht erwarten, daß er mir abgeschlagen
wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin
befand, kam mir sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch
machen zu können schien, was ich wünschte. Diese unpassende Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr
für möglich, meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit, um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick
sitzen zu dürfen, indem ich mich mit einer außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrießlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen, indem
sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich mich niederließ.
Bald traten mir die Thränen in die Augen; da ich aber
fühlte, wie wenig sie hier an ihrem Platze sein würden,
unterdrückte ich sie, so gut ich konnte, und fragte die Frau
nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.

Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?
Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und wie
konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte ich, ihre
Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand sich eine
Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah, daß mein
Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. Ss
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke am
Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte indessen
meine Machforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den
übrigen abgesondert stehendes Haus, das sauberer war und
einen schönen Garten hatte, der in seinem vollen Blumenschmucke glänzte. Die Thür war schneeweiß und der messinge Hammer blitzte in der Sonne. Dieses wohlhabende
Aeußere zog mich an und ich klopfte an die Thür, ohne
noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses
freundlichen Landhauses erwecken könnte.

Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir. Mit
schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur von einem
hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
"Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
"Könnten Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
"auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden. Ich
wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge Frau
erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber geben
könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das Dorf
zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer Entfernung
ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler Schatten mich
anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so matt und so
hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkührlich in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt. Ich
ging daher wieder nach dem Dorfe zu, um mich abermals
zu entfernen, indem ich bald einem Gefühle von Stolz, bald
der gebieterischen Nothwendigkeit gehorchte, die mich mit
ihren unbarmherzigen Klauen zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte. Ich kam
sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich, sich zuerst

an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie ein gewisses Recht auf seinen
Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen Muth,
und indem ich alle meine moralische Kraft zusammennahm,
klopfte ich leise, nicht an die Hausthür, sondern an die der
Küche. Eine alte Frau erschien, welche mir kurz und trocken
auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrerwohnung?
»Ja.
"Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
"Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
"Nein, er ist verreist.
"Verreist!... weit von hier?
"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirthschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr keine
christliche Milde zu hoffen war. Zum Betteln aber konnte
ich mich noch nicht entschließen; ich schleppte mich daher
aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und kehrte nach
dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich schon gesprochen
habe. Die Bäckerin war nicht allein; dennoch trat ich ein
und hat sie, mir ein Brötchen für das seidene Tuch zu
geben. Sie blickte mich staunend an und erwiderte in einem
argwöhnischen Tone:
Auf einen solchen Handel lassen wir uns nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr das
Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte sich
entschiedener als vorher. Konnte sie wissen, wie ich zu diesem
Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten
Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie Ihnen
erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem Abscheu
und der Demüthigung in meinem Herzen, welche ich damals
empfand. Ich will daher Ihre Qual und auch die meinige
abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kam mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch heute
mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten hielt,
die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem Brotes
fühlte.
Sie dem auch sein möge, ich entfernte mich von dem
Pachthofe, und sobald mich der Mann nicht mehr sehen
konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot zu essen.
Die acht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt hatte.
Allein diese zweite Macht war nicht so still und warm als
die erste. Der Erdboden war feucht und die Luft kühl.
Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger vorüberkommen, und da ich fürchtete von ihnen gesehen zu werden,
veränderte ich meinen Zufluchtsort. Gegen Morgen fing
es an zu regnen, und mit kurzen Unterbrechungen regnete
es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung. Wie
gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern quälte
mich der Hunger.
Esa ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt
und irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr, aber vom
Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche es mir
unmöglich machten, auf einer Stelle zu bleiben. Ein Licht,
das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog meinen Blick
auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes. Ich
komme an ein langes, niedriges Haus, an dem ein einziges
Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen Blick hinein und
sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit nach zu urtheilen
Schwestern, am Kamin sitzen und lesen. Neben ihnen strickt
eine alte Dienerin. Die jungen Dannen sind ganz in Trauer
gekleidet; aus einigen Bruchstücken ihres Gesprächs, welche
ich durch das Fenster vernahm, erfuhr ich, daß ihr Vater
vor Kurzem gestorben war, und daß sie diesen Abend die
Zurückkunft ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.

Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malte sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie sich Brot
kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht für
eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
"Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
"Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein! rief
ich aus; wenn Sie mich abweisen, so ist es um mich
geschehen!
"Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre
schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen, wenn Sie das wären, wofür Sie sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn
und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter geben konnte ich nicht, denn ich hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine Kräfte waren
gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir neue Thränen
aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände und fiel auf die
feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth hatte mich
verlassen. Mit einem letzten Schimmer des Vertrauens
flüsterte ich indessen noch die Worte vor mir hin:
"Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen, als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir seinen
Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm Schweigen
zu gebieten.

Vierte Abtheilung.

Die Rettung der Waise.

"Jedes Geschöpf muß sterben, sagte plötzlich eine
ernste Stimme, welche zwei Schritte von mir aus der
Dunkelheit kam; aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen, wird.
Eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor,
näherte sich der Thür und klopfte mehrere Male mit dem
Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John? rjef die Stimme
der alten Magd im Innern.
"Ich bin es; öffne sogleich.
Die Alte gehorchte. Da ist die Landstreicherin noch,
rief sie, als sie mich erblickte. Allein der Hausherr gebot
ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du
dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie
eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie in's
Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen,
so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen

mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor
einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen
bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren
Elends und meines unordentlichen Anzuges nur um so
peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von
einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher
an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den
sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften,
und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich durch
ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit
Milch an den Mund, in welche sie einige Semmelschnitte
gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich
ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir die Tasse
aus der Hand.
"O, warum thust Du das, lieber Bruder! rief die
ältere von den beiden Mädchen.
Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du
willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er
mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot, antwortete ich, denn ich
hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
"Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben
Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären Sie
Ihre gegenwärtige Lage?
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn

als ich mich unter einem gastlichen Dache und unser Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer
Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen,
man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.
"Was erwarten Sie dann von mir? entgegnete er
mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden
Schwestern, welche er mit dem Namen Diana bezeichnet
hatte, daß wir es bei dem, was mir gethan haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und bei einem
solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle
Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
"Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung,
erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie wollen,
aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich
entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden
Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer,
um sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,
doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren
begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte, eine
Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in
ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb bewußtlos,
dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in
eine Lethargie, aus der ich nicht so bald wieder erwachen
sollte.
Sie dauerte, drei Tage, während deren ich mich weder
bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wuße ich ziemlich genau, was um mich her vorging
und merkte, daß ich Der Gegenstand der Theilnahme der
Hausbewohner bildete und mich ihrer Fürsorge erfreute.
Bei, Diana schien He mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßigt und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie
unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche Folge
ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den se mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt
fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen
einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon
der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen. Aengstlich
blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine beschmutzten
und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und
ich sah mit inniger Freude, daß meine vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand
zu setzen. Sie hatten zu diesem Zwecke weder Bürsten;
noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand
ich in meinem Zimmer alle zur Toilette unentbehrlichen
Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe
und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich
bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigee Haltung, welche
Sie alte Hannah vielleicht wider ihren Willen annahm, als
ich unvermuthet in die Küche trat.
"O wie haben Sie sich verändert, Demoiselle, sagte

Hannah, heute sehen Sie ganz anders aus als an jenem
Abend, wie Sie zuerst um ein Nachtquartier ansprachen.
Hätten Sie damals so ausgesehen wie heute, dann würde
ich kein Bedenken getragen haben, Ihnen zu öffnen, aber
nehmen Sie es mir nicht übel, an jenem Abend sahen Sie
wie eine Landstreicherin, eine Bettlerin, wenn nicht als etwas
noch Schlimmeres aus.
"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch Geld.
"Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Neinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst einem
verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr Unrecht ein,
entschuldigte sich nach besten Kräften und hat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche
aufhielte. Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo mich
Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem fragte,
wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen Abriß
meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs
irgend ein Fehler oder Vergeben, dessen ich mich schämen

nützte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde
Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend,
denn Mr. Saint-John, der mich mit der ganzen Strenge
eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit
eines Geistlichen anhörte, nahm mich zuletzt für das, wofür
ich mich ausgab und versprach mir auf meine wiederholten
Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behülftlich
zu sein.
Vor der Hand, sagte die liebenswürdige Diana
Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es
noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur einige
Wochen hier in Folge des Todes unsres Vaters. Nach
Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John nach
Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer
rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört haben, nach
Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. vergessen Sie also für kurze Zeit alle Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie
Sie sie nennen, in keiner Hinsicht drückend erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese hochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ
mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen, sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern
Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden, einen armen
Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und Hunger getrieben,
hierher geflüchtet hätte. Ich meines Theils gebe Ihnen
nochmals die Versicherung, daß ich alles Mögliche thun
werde, um Sie in den Stand zu setzen, sich durch eigene
Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt verdienen zu können; aber

vergessen Sie nicht, daß ich nur der arme Pfarrer einer
sehr armen Gemeinde bin. Erwarten Sie also nur einet
sehr beschränkten Beistand von mir und wenn Ihnen der
bescheidene Wirkungskreis, den ich Ihnen verschaffen könnte,
zu gering scheinen sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine
kräftigere Unterstützung zu suchen.
"Alles, was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun, um
selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war noch
außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten, meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen
mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen Sprache,
wogegen ich sie in der Malerei unterrichten: konnte. Dies
war mein großer, aber auch mein einziger Vorzug, den ich
vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren
Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische Begeisterung mir ein
Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung
gemischt war. Ich hatte in der That nie dieses reine
Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie
genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch
er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil
eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen Mann
mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns an die
herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums erinnern.
Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes Haar, eine
hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie werden mir sagen,
daß hierin gewiß nichts lag, was mich hätte erschrecken
können. Ich gebe dies zu; aber diese schönen blauen
Augen hatten einen ungewöhnlich strengen Ausdruck und
dieser wohlgeformte Mund lächelte nur höchst selten. Und
dabei beobachtete er eine wahrhaft mönchische Regelmäßigkeit
in der Erfüllung seiner Pflichten. Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man ihn an seinem Arbeitstische sitzen
und in Sanscritgrammatiken oder indischen Wörterbüchern
studiren. Später ging er mit seinem Stocke in der Hand
und von dem alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das
Wetter mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in
der Umgegend Trost, Rath und Hülfe zu spenden, je nachdem, sie deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen Anstrengungen, versuchten seine Schwestern oft, ihn
zurückzuhalten, indem sie ihn dringend baten, einen Tag auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen Wetter
auszusetzen.
"Glaubt Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen, das ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf die
ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung
meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend geben.
Dieser Diener der Religion hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missionairs in fernen Gegenden gewidmet.

Er strebte nach andren Unternehmungen, andren Gefahren
und andren Pflichten als die gewöhnlichen Diener Gottes.
In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten, denen er seine
Pläne mitgetheilt hatte, ihm die Laufbahn eröffneten, zu der
ihn sein frommer Eifer hinzog, studirte er unablässig und
bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen
Kämpfe, auf die heilige Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit seinen
Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft, in denen
ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte ihn einmal
predigen, und als ich den Eindruck studirte, den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam ich zu der
Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet seines
frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit und seines
wahren, glühenden Feuereifers noch nicht den Frieden der
Seele gefunden hatte, der über alles Wissen erhaben ist,
so wenig, als ich ihn selbst bei der geheimen, aber deshalb
nur um so heißeren Sehnsucht fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig verlorenes Paradies in
mir zurückgelassen. Sie sehen, daß ich nicht oft auf diese
Sehnsucht zurückkomme, welche beständig an meinem Herzen
nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich meinen Zweck.
"Sie wollen ohne Zweifel wissen, sagte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch
Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen würden,
hielt ich es für unnöthig, diese Trennung eher herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag von heute
festgesetzte Abreise meiner Schwestern unerläßlich wurde.
Ich selbst kehre dann nach Morton zurück, nehme die alte
Hannah mit mir und dieses Haus wird gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf die Stelle sein, welche Ihre Güte
mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hängt ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
sie Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken, wie
ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von Ihrer
vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen und
Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen ist. Da ich
selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich Ihnen nur
einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen. Werden Sie
ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, zu, Sie
werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen, die
ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer in
derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich, wenn
auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt. Die
Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht mehr
am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon vor zwei

Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet und
seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die ersten Elemente
einer christlichen Erziehung erhalten können. Die Güte der
Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes,
den die Gemeinde zu den Ihrigen zählt, hat mir gestattet,
ein den Bedürfnissen der kleinen Anstalt entsprechendes Haus
zu miethen, das beißt einen ziemlich geräumigen Schuppen,
der zu einer Schule eingerichtet worden ist, und ein Häuschen
mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der
Gehalt dieser letzteren ist. auf dreißig Pfund Sterling jährlich
festgesetzt. Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von einem Bauermädchen, das zu gleicher Zeit ihre
Schülerin und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene
Stelle, die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl,
daß sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie werden nur mit Kindern
der ungebildetsten Klasse zu thun haben und Ihr Unterricht
muß sich nur auf die Gegenstände beschränken, die ihnen zu
wissen nöthig sind, das heißt Lesen, Schreiben, ein wenig
Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen Sie die
Stelle an?
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem Tone
starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiederte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber wie wollen Sie Ihre Talente, Ihre vielseitigen
höheren Kenntnisse anwenden?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich anwenden kann.

"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
"Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen?
Werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen.
Er blickte mich mit einem Lächeln an und entfernte sich.
Ich begab mich schon am folgenden Tage nach Morton,
und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den
Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück. Mr. Rivers
und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das
mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer
und verlassen auf der öden sumpfigen Haide.

Fünfte Abtheilung.

Die Waise als Vorsteherin der Dorfschule.

Hier eine Beschreibung meiner neuen Wohnung. Es
war eine Hütte m der wahren Bedeutung dieses oft falsch
angewendeten Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene
hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen
kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern und ein Theeservice von Delster Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen
Größe mit einem Bett und einer Kommode von ordinairem
Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von sehr geringer
Dimension, aber noch immer zu groß für die höchst dürftige
Garderobe, die ich darin aufzubewahren hatte, obgleich sich
meine neuen Freundinnen der ihnen nicht unbedingt nöthigen
Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen konnten
lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren Namen zu
schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten
mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige begannen zu
nähen. Alle sprachen einen abscheulichen Dialect mit dem
gedehnten Accent der Gegend, so daß wir uns im Anfange nur mit Mühe verständlich machen konnten. Bei nicht
wenigen unter ihnen gesellte sich zu der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige
Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften und
ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir schien,
als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt. Es
kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben würde,
das er mir an der Küste des Mittelmeeres unter dem
heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt hatte.
Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer wieder genug
verständige Einsicht in mir, um den rauhen Pfad der Ehre
den vergifteten und vorübergehenden Freuden einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner Gedanken. Indem er mich nach sich selbst beurtheilte, errieth

er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen
ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden, obwohl strengen
Worte führten mich, wenn auch oft ein wenig unsanft, zu
der richtigsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen
Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach einer
Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich von
einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt gefühlt und
den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem Missionsamt zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
"guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,
welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrack er,
als ob unvermuthet ein Blitz ans heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der nämlichen
Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hatte. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder
und wendete sich um, die Neuangekommene zu begrüßen;
diese war nichts Geringeres, als eines der reizendsten jungen
Mädchen, die ich in England, wo nichts so selten ist, als
jugendliche Schönheit, je gesehen habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und durchsichtiger Teint, schöne

schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht,
ein lieblicher, frischer Mund, eine reine Fülle schwarzer
Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den
herrlichen Naturgaben, die ein für die Liebe geschaffenes
Weib sich nur wünschen kann, fehlte diesem glücklichen
Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung und
über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu haben sich
rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß Miß Oliver,
de reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere Schule ihr Dasein verdankte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwiedert wurde.
Ich sah es an seinem ganzen Benehmen, an dem ganzen
Ausdrucke seiner Gesichtszüge, als das offenherzige, unbefangene Mädchen ihm von einem am vorigen Tage in der
Stadt, aus der sie kam, stattgefundenen Balle und von dem
Glanze erzählte, den die Anwesenheit der Offiziere des 20.
Husarenregiments diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der leidende und
schwermüthige Ausdruck, der über das schöne Gesicht des
jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines Automaten.

Man sah deutlich, daß es ihm eine fast übermenschliche
Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.
Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen Sieg
davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden
Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau entfernte,
begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer
tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie ging rechts und
er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes,
gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine
Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was
Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er
doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß
Diana's Vergleich keineswegs übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen
Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der
Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu mir theilte
sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht
ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand.
Die Erkenntlichkeit der Armen ist erfinderischer, wenn nicht
aufrichtiger als die der Reichen, und scheint unmittelbarer
aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit

allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann.
Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung,
die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf
welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin
den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und
wußte es zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem Sie auf meinem Tische einen Band
von Schiller's Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen.
Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so übertriebene Lobeserbebungen über mich, daß der reiche Fabrikherr
mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte meine Zeichnungen, hat mich dringend, ihn zuweilen mit meinem Besuche zu beehren und ersuchte mich förmlich um das
Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne dieses Umstandes nur deshalb, weil er
zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern,
kurz er sucht irgend eine wirkliche Veranlassung oder einen
Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das Leben angenehmer zu machen.
So brachte er mir auch eines Abends ein neu erschienenes Buch von Walter Scott mit, und er schien außerordentlich erfreut, mich an meiner Staffelei beschäftigt zu
finden.
"Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn man
zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald. Sie allein sind,
Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht und gequält, die mir allerdings nicht bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte und
in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt hatte;
warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit. Kaum
aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie näher zu
betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem nämlichen unwillkührlichen Schrecken, den ich schon einmal an im beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß eingeprägt hatte!
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu entziehen.
"Finden Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn.
"Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung des
Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts, es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
"Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
"Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine Zeit
und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes
Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu können.

"Antworten Sie mir aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an Ihre
ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal später
am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar, oder in
Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
"Es würde mir ohne Zweifel angenehm sein, wenn ich
eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte; aber ob es
gut und vernünftig wäre, das ist eine andere Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr leicht
Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte,
in den Stand setzen würde, eben so viel Gutes zu thun
als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so
sagte ich zu ihm:
"Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre, wenn Sie
anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen,
dessen Züge es versinnlicht.
Ich sprach diese kühnen Worte, fast mit einer geheimen
Angst aus; allein ich bemerkte bald, daß sie nicht übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf einen Stuhl
gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf in beide Hände
gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne sich durch meine
Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im Gegentheil, meine
etwas unsanfte Ausdrucksweise und die Furchtlosigkeit, mit
der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete Erleichterung zu
gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen, vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen, aber
dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren, jedoch mehr affectirten als wahren Ausdruck von
Zweifel.
Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Anderen, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen, als von Ihnen.
Glauben Sie, Miß Jane?... O, sprechen Sie weiter... es thut mir wohl, Sie anzuhören.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mir den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem Herzen
verschließen?
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionairs denken?
Aber wer zwingt Sie denn, Missionair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
"Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf
verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der hehren
Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will?
ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar
der Männer gezählt zu werden, welche sich über die Bestrebungen dieser Welt erheben und sich die Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das errettende Licht
und die Lehren des Friedens und der Wahrheit zu verbreiten?... Nein, ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber Mr. Saint-John übersehen und vergessen Sie
denn, daß man auch sehr wohl ein würdiger Diener der
Religion sein und Werke des Friedens und der Liebe verrichten kann, ohne Missionair zu sein. Diese Schule und
die Knabenschule ist Ihr Werk. Alle Bewohner des Dorfs
und der Umgegend erschöpfen sich in Lobeserhebungen über
den Beistand, den Sie dem Unglück und der Hülflosigkeit
angedeihen lassen. Konnten Sie so viel Gutes bei Ihren
beschränkten Mitteln fördern, was würden Sie erst leisten,
wenn Sie über das Vermögen Rosamunden's zu verfügen
hätten. Ueberlassen Sie das Missionswerk Andern, welchen
eine weniger glückliche Zukunft lächelt und genießen Sie das
Glück, welches Sie so sehr verdienen.
Der junge Geistliche schwieg, es trat eine ziemliche
Pause ein; er schien zu bedenken, ob und was er mir antworten solle. Plötzlich ergriff er seinen Hut und mit einem
Händedruck und mir eine gute Nacht wünschend, entfernte
er sich von mir.

Sechste Abtheilung.

Die Erbschaft aus Madeira.

Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung an
mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine: ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst, der
mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen zu hindern. Ich las in einem Buche, als Mr. Rivers, ohne
vorher anzuklopfen, ganz unerwartet bei mir eintrat und an
der Thür den Schnee von seinen Füßen abschüttelte.
Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen; aber
er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine schlimme
Nachricht bringe und hat mich um Entschuldigung, daß er
mich durch seinen unvermutheten Besuch in meiner häuslichen
Ruhe störe.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich ihn
etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage; da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte, ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Reine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilen mich, und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines
Menschen, dem man den Anfang einer sehr interessanten
Geschichte erzählt hat und der gern den Ausgang wissen
möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben möchte.
Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war vollkommen
ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige Augenblicke
nachdenkend und stillschweigend, das Herz von lebhaftem
Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und Blässe
seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah, daß er
nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen, drehte ich
den Docht meiner Lampe ein wenig empor und fuhr fort
zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch, einen
Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus, den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an Ort und
Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in tiefes
Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern

habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte; aber ich erhielt nichts als
bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort. Endlich,
nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug die Uhr
acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers aus seinem
Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite,
sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher an den Kamin.
Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte wissen
möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich will
Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an, wurde
ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen seiner Zeit
nennen werde, von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Tochter
eines sehr reichen Mannes ergriffen. Sie liebte ihn wieder
und bewilligte ihm ihre Hand, den Wünschen ihrer Eltern
entgegen, welche sich, auf's Höchste gegen sie aufgebracht,
sogleich nach dieser unseligen Verbindung gänzlich von ihr
lossagten. Noch ehe zwei Jahre verstrichen, waren beide
junge Leute gestorben und ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie hinterließen eine Tochter, welche
unmittelbar nach dieser Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es war ein kaltes Asyl für sie, eben so

kalt war der Schnee, in den meine Füße auf dem Wege
hierher versanken. Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das keinen Freund auf der Welt hatte, in dem
Hause reicher Verwandter ihrer Mutter aufgenommen, sie
wurde von einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick
den Namen zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß
Reed von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
"Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs.
"Briggs?... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten Herrn,
in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot, als
Gouvernante gewesen ist. Er giebt mir zu verstehen, daß
Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre, nicht
immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen habe,
denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame, Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung, welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte,

so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht nach
der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne
Interesse waren.
"Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete mir Saint-John, indem er ein Stück Papier welches
ich beim Malen zum Probiren der Farben benutzt hatte, aus
seinem Portefeuille nahm. Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung eigenhändig mit einem Pinsel den Namen
darauf geschrieben, den ich meinem Beschützer verschwiegen hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indickum, sagte ich lächelnd.
"Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den Times,
in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der Aufenthalt der
Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte, ihm denselben wissen
zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
"Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte ich
wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen haben...?
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen zu lassen,
wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache und
kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt wurde,
die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine sehr mäßige
Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener und meinen
täglichen Wünschen entsprechender gewesen, so würde mir
dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich in einem heitereren
Lichte erschienen sein; aber gerade die Größe des mir
zufallenden Vermögens machte ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten Worte
in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete, äußerte
keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde ihn vielleicht
gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miß Jane,
sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte, daß Sie
eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß nicht
meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu zeigen. Und
wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend Pfund
Sterling einer Person gleichen, die wenig Appetit hat und
an einer reich servirten Tafel sitzt, so denken Sie an die
armen Gäste, welche von dem Ueberflusse des Gastmahles
genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er hinzu, indem er
seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht
so abscheulich wäre, so würde ich Ihnen Hannah schicken,
damit sie Ihnen Gesellschaft leistete, denn es scheint mir
ganz so, als sähen Sie mit Bangen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden. Aber die gute Hannah
würde sich kaum durch den Schnee hindurcharbeiten, worin
ich selbst auf dem Herwege fast versunken wäre.

Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich, und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die Frage
vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne welche die
Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für mich verloren
gewesen wären, nicht an meinem neuen Glücke Theil nehmen
lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich nahe
daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als die Thüren
von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten. Ich erinnerte
mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle Empfang
mir daselbst zu Theil geworden war. Da ich mir übrigens
früher oder später eine Adoptivfamilie wählen mußte, so
lag der Plan einer ehelichen Verbindung meinen Aussichten
gänzlich fern, und ich brauche Ihnen wohl kaum den Grund
davon zu sagen, denn welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana und die brave Mary ersetzen, auf
welchen Bruder hätte ich stolzer sein können als auf
Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang reiflich
überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte, kündigte ich ihm
denselben an, wie er mir mein Glück angekündigt hatte, das
heißt, in kurzen, bestimmten, kategorischen Worten. Meine
Willensmeinung war, mich mit der Hälfte der Erbschaft zu
begnügen, und zehntausend Pfund Sterling dem würdigen
Geistlichen und seinen Schwestern zu überlassen.
Saint-John verzichtete seinerseits auf jede Theilnahme
an mein Geschenk, Diana und Mary Rivers nahmen jedoch

mit Dank das ihnen gewachte Anerbieten an. Wir trafen
das Uebereinkommen, fortan zusammen zu wohnen und zusammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
"Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe meinen
Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin für mich
gefunden haben
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Sippen meines
neuen Vetters, welchen Titel er verabredetermaßen von
nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand mit
größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich an dem Tage
mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die Direction der
Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart der versammelten
sechzig Schülerinnen die Schlüssel einhändigte. Es war
ohngefähr zwei Monate nach der Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir Einige
wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch darüber,
wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war, so
daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt

die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange zu
ergeben. Für's Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
"Bedürfen Sie ihrer?
"Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End zu nehmen, wohin ich für nächsten Dienstag
Diana und Mary eingeladen habe. Ich will, daß Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen und
gereinigt werden soll. Von oben bis unten, hören Sie
wohl. Ich möchte fast sagen, daß Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen werden, obgleich sie weder
Sanskrit noch Pali sind. Man muß sich im Fußboden der
Zimmer spiegeln können; es darf weder Holz noch Steins
kohlen gespart werden, um alle Feuchtigkeit aus dem Hause
zu entfernen; es muß jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl,
jeder Tisch und jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt werden, und was die Vorräthe von Kuchen,
Confituren und Gelees betrifft, so verlassen Sie sich auf
die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen unterstützen werde. Mit Einem Worte, ich will,
und diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für
Sie haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das schöne
Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem flüchtigen, Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
"Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihrer
neuen Verwandten zu genießen; aber nachher hoffe ich, daß

Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden. Ich blickte ihn erstaunt an.
"Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit mir,
Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl, daß ich
es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun Sie das?
"Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er Ihnen
verlieben hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig über
deren gute Benutzung wachen werde, denn es ist meine Pflicht
und mein Recht. Daher rathe ich Ihnen, schon jetzt den
unbesonnenen Eifer zu mäßigen, mit welchem Sie sich rein
weltlichen Genüssen hingeben. Ihre Thatkraft und Energie
wollen zu weniger alltäglichen Beschäftigungen verwendet
sein. Lenken Sie sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
"Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe, glück- und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen, denen
es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche Haus,
keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie
ich es hätte thun können, sondern nur durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr und einige ernste
Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken
Wohnung entsprachen, verjüngt und verschönert zu finden.
Sie nahmen von Herzen gern an unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet Hannah's gutem Willen

noch nicht beendigt waren, und namentlich in den ersten
Wochen erfüllte ihr fröhliches Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis zum Abend. Saint-John schien sich
daselbst nicht mehr heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich
zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich,
daß wir einen störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen
Studien ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen
Besuche ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der
Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise
unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß er
recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er offenbar
nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah ein, daß
ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine unwürdige
Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn gleichsam und
fand in ihm alle Elemente, aus denen die Natur ebensowohl
heidnische als christliche Helden, das beißt solche Männer
bildet, welche dazu bestimmt sind, Gesetze zu geben, Länder
zu erobern und Völker zu regieren; ich mußte mir sagen,
daß er eine mächtige Stütze der erhabenen Interessen der
Religion werden konnte; aber an häuslichen Heerde war
ein Kind besser, als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionair! dachte ich eines Tages,
aber ein langweiliger Gatte!
Mach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser

Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger bei
uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ob.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana,
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden war,
ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären, und ihr
Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich
werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten
Jahres abreisen.
"Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer
Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
"Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel und
Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr Vater hat
mich gestern Abend von dieser bevorstehenden Verbindung
in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt und
unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
"Aber Rosamunde kannte diesen jungen Mann gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver haben sich
letzten Monat October zum ersten Male auf einem Balle
gesehen, von dem mir Rosamunde am nächstfolgenden Tage
erzählte... erinnern Sie sich noch, Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen, und ich

konnte mich nicht genug wundern über den stoischen Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den schmerzlichsten
Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir schon
einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde mich jedem
Andern gegenüber ermuthigt haben, von Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich intimen Unterredung
war Saint-John wieder so verschlossen und zurückhaltend
geworden, daß er eben so unzugänglich war als früher.
Und diese Zurückhaltung hatte zur Folge, daß ich mich
meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er
trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen
Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine
Unterschiede zwischen ihnen und mir, welche den Gedanken
an ein volles und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen
ließen.
Ich staunte daher nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilten Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu mir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der
Sieg ist mein.
"Haben Sie auch die Gewißbeit, entgegnete ich ihm
nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer erkauft
haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg nicht zum
Verderben gereichen?
Ich glaube nicht; aber wozu sollte ich mich deshalb
beunruhigen? werde ich je wieder einen solchen Kampf zu
bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder auf
und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den Augenblick nichts mehr mit einander zu sprechen hatten. Ich ließ
es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle entgegen
zu handeln.
Eines Tages überraschte mich Saint-John durch die
Anfrage, ob ich wohl die Anfangsgründe der hindostanischen
Sprache bei ihm erlernen möchte, er wolle mich darin unterrichten.
"Was könnte diese Sprache einem Mädchen nützen?
fragte ich.
"Vielleicht hat Gott Sie wie mich zu einem Werkzeug
erkohren um die Lehren der Religion unter den Heiden zu
verbreiten.
"Ich fühle keinen solchen Beruf in mir und noch weniger mich demselben gewachsen.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe
zu geben, pflegte Saint-John seine Schwestern zu küssen,
nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich
dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche mit einem heitern Charakter
einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie
der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügte; daß
ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, das Saint-John
versprochen habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich will
es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern,
das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein wenig zu
mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die
meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch Versuchsküsse geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht denken
können, war diese Wirkung so gut als gar keine. Ich bin
fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber
vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als gewöhnlich;
denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie ein Siegel,
das auf die Ketten gedrückt wurde, deren Last ich zu fühlen
begann.
Von diesem Abend an wurde die Ceremnonie des Kusses
regelmäßig eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit, mit
der ich mich derselben unterwarf, schien meinem frommen
Vetter Freude zu machen.
"Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Tage eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende
mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte
die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen von
ihrem natürlichen Hange ablenken, nach Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren.
Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen, wo
ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen
unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines
Gesichts geben, oder die Farbe meiner Augen verwandeln
und ihnen das dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und nach
den beitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen
hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch hegte,
Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu erlangen.
Mehr als einmal hatte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt meines
ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr. Briggs stand
mit den Bewohnern von Thornfield-Hall nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief könnte
verloren gegangen sein. Aber es verging ein Monat, zwei
Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte Hoffnung war
endlich ganz von nur gewichen, doc nicht ohne einen tiefen
Kummer zurückzulassen, über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
"Jane, wir wollen einen Spaziergang machen, redete
mich Saint-John eines Morgens an.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.
"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen geben.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg zwischen
unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben gekannt, besonders gebieterischen Charakteren gegenüber, die
mit dem meinigen in directen Widerspruch standen. Da
Saint-John nichts von mir verlangte, was ein Sträuben
oder selbst nur einen bloßen Einwand von meiner Seite
gerechtfertigt hätte, so begleitete ich ihn nach dem Thale und
wir lustwandelten neben einander unter einem vollkommen
reinen Himmel und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche,
der mit weißen und gelben Blümchen durchwirkt war.

Siebente Abtheilung.

Des Pfarrers Heirathsantrag.

Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des, den Horizont begrenzenden
Gebirgs gebildet wurde. Hier machte Saint-John Halt
und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock. Mein
Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen. Seine Augen
schweiften von den Bergen zu dem Bette des Waldstromes
und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Mach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen für
das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den Schmerzen
des Exils hat und noch einen Blick des Abschiedes auf die
Gegend wirft, deren unvergängliche Erinnerungen er bald
mit sich nehmen wird.
So verweilten wir ungefähr eine halbe Stunde, nach
deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe schon
meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am 7. Juni
unter Segel geht.

Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener, behüten, erwiederte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren Herrn und es ist mein Stolz und meine Freude, daß
ich in dieser Welt nur dem Willen des vollkommensten
Wesens gehorche. Nur dünkt es mich sonderbar, daß nicht
Alles, was mich umgiebt, sich ebenfalls unter sein glorreiches
Banner schaart.
"Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es
wäre thöricht von den Schwachen, sich mit denselben Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
"Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und von
ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen, die des
großen Werkes würdig und geeignet sind, daran Theil zu
nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht viele und sie sind
schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es eine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie über ihre Befähigung aufzuklären sie zu edlen
Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Stellung zu zeigen,
die ihnen Gott unter seinen Auserwählten bestimmt hat
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
um mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich die
herannahenden Gefahr noch nicht klar erkannte.
"Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufes stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
"Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts!.. nichts! erwiderte ich mit einem Schauder,
denn diese einfache Frage schnitt mir den Odem ab.
"Dann will ich anstatt seiner sprechen, fuhr er mit

seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren ernste
Töne das Echo der nahen Berge wiederholte. Jane,
geben Sie mit mir nach Indien, seien Sie meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich zu
drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es war
wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten Apostel
nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich war kein Apostel
und dieser Befehl von Oben lähmte nicht ganz meine
Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, der in der Erfüllung
dessen, was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid noch
Bedenklichkeiten kannte.
"Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie
so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionairs es sein
muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit versagt,
Ihnen aber Energie der Seele und des Geistes verliehen.
Sie sind nicht für die Liebe, sondern für heilige Werke
geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur Gattin wünsche, so
geschieht es nicht um meines persönlichen Glückes willen,
sondern zum Nutzen meines erhabenen Gebieters.
"Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind im
Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist nicht
der, den Sie meinen.
Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet und sich mit der nöthigen Geduld und Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich aus seinem
ganzen Benehmen, als er, an den Felsen gelehnt und die
Arme über der Brust gekreuzt, mit einer unerschütterlichen

Ruhe alle meine Einwendungen einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit dem festen Vorsatze, mich zu
unterrichten, mich zu leiten und zu unterstützen bis zu der
nicht fernen Zeit, wo ich allein gehen und dann ihn nöthigen
falls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus keinen
Eifer; durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir erweckten,
so versicherte er mir, daß er mich seit zehn Monaten genau
studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich
einer unbegrenzten Hingebung fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und meine Pflichten mir vorgezeichnet
wären. Er sagte, er habe mich stets fügsam, eifrig uneigennützig, fleißig, muthig, heldenmütig und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und
müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Ich erkannte die Nothwendigkeit, die beiden von dem
würdigen Geistlichen an mich gerichteten Wünsche auf einmal
entschieden abzulehnen. Um ihn jedoch nicht zu beleidigen,
erbat ich mir eine viertel Stunde Bedenkzeit, da ich von
der richtigen Voraussetzung ausging, daß meine Antwort
ihm dann als das Resultat einer sorgfältigen Prüfung erscheinen und ihn verhindern würde, mich mit weiteren Bitten
zu bestürmen.
Er entfernte sich und ich sah in weiter Entfernung ihn
zum Gebet knieen und sich dann niedersetzen.
Nach einiger Zeit hatte Saint-John seinen Sitzplatz
verlassen und ging langsam auf mich zu, ich ging ihm
entgegen.
"Nun, Jane, fragte er mich.
"Saint-John! in dem ehrenden Antrage, den Sie mir
gemacht haben, erkenne ich das Vertrauen, mit welchem

Sie mich beehren, ich kann Ihnen aber nur wiederholen,
daß ich nicht den Beruf zu Missions-Werken in mir erkenne.
Da Sie dies nun für Ihre Lebensaufgabe halten, so kann
ich nicht Ihre Gattin werden; aber Sie sind mein Adoptivbruder und haben mich als Schwester angenommen. Diese
fingirte Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, jedoch
an keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Ein Seufzer war die ganze Antwort, welche Saint-John für mich hatte. Schweigend ging er von meiner
Seite nach Hause zurück.

Achte Abtheilung.

Sehnsucht nach Thornfield-Hall.

Beinahe ein Jahr war jetzt seit meiner Entfernung
von Thornfield-Hall verflossen. Alle meine Bemühungen,
irgend eine Auskunft über Rochester zu erhalten, waren
erfolglos geblieben und so wurde der Wunsch in mir rege,
mich selbst nach der Umgegend von Thornfield-Hall zu begeben, um an Ort und Stelle Auskunft über den zu erhalten, der, wie ich mir selbst sagen mußte, doch noch
immer meine ganze Liebe besaß.
An einem Juni-Morgen sagte ich meinen Freundinnen,
die mich ihre Schwester nannten, beim Frühstück, daß ich
Marsh-End auf kurze Zeit verlassen wolle, um einen Freund
zu besuchen, dessen Schicksal mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unseren vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber ein
zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern. Sie fügten sich stillschweigend
allen meinen Wünschen und ließen mir die nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.

Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem ich
an einem schönen Sommerabende an der nämlichen Stelle
gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und mit einer
Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unheilbar hielt.
Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung des Platzes
mein ganzes Vermögen ausgeben zu müssen, und als ich
mich auf dem Wege nach Thornfield befand, fühlte ich mich
so heiter und vergnügt, wie die Taube in der Schrift, als
sie nach der Arche zurückflog, wohin der Herr sie sendete.
"Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden. Am
Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause und
der Kutscher spannte die Pferde aus, um zu füttern. Weit
verschieden von der düstern und feuchten Einöde, aus der
ich kam, erschien mir die Gegend mit ihren grünen Hecken,
die große Felder umzäunten, und mit ihren. freundlichen
Anhöhen, wie der Anblick eines alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
"Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall?
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.
"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum hatte
ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand meine
Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in

diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, wirst Du
es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen?
Dann wäre deine Mühe verloren und Du thätest also besser,
sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls hättest Du erst bei
dem Gastwirth einige Erkundigungen einziehen sollen, er
würde Dir gewiß haben sagen können, ob Mr. Rochester
England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Rathschlägen zu
folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der Ungewißheit
war die Verlängerung des Gedankens an die Zukunft, der
mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns
noch ein Sal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens,
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von Bienen
bewohnt war, deren lautes Summen die Stille des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von Freude drängte
mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes Feld und ein
Stück Heideland überschritten, das mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor den Mauern des Hofes
bei den Wirthschaftsgebäuden. Das Wohnhaus selbst wurde
nur noch von dem erwähnten Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo mein
Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann. Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er steht
frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren. Wenn
ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen? ...
oder müßte ich dies unterlassen? Was würde geschehen,
wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht
sieht er in diesem Augenblicke die Sonne hinter den Pyrenäen aufgeben,... vielleicht überschaut er die blitzenden
Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken, was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie selbst
ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern vorging,
als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes eine halb
verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern standen noch
und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene Fensterstöcke
herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut; der feine
Sand in den Gängen war von profanen Füßen zerscharrt,
das prächtige Portal stand für Jedermann offen. Das
Schicksal Thornfield-Halls war leicht aus den von Rauch
geschwärzten Trümmern zu erkennen. Eine Feuersbrunst
hatte das alte Stammschloß der Rochester zerstört, und sie
mußte schon im vergangenen Jahre stattgefunden haben,
denn der Schnee des Winters und der Regen des Sommers

hatte eine Vegetation vorbereitet, welche im letzten Frühling
emporgesproßt war. Zwischen den geschwärzten Steinen
und den halbverkohlten Balken wuchs schon Gras, und
überdies: beschränkte sich das Unglück auf das, was meine
Augen sahen? war nur ein Gebäude zerstört worden? lag
nicht vielleicht unter diesen Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte, und
ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht vielleicht
schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn,
Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore,
ruhte.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir selbst
mein Frühstück und ich hat ihn, einen Augenblick Platz zu
nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen wünschte. Aber
nach dieser Einleitung wußte ich nicht mehr, was ich noch
hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
"Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort
gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen Mr.
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte ich;
er lebt also nicht mehr?
Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards,
des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig und

ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen noch
nöthig war.
"Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall? fragte ich weiter.
Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen Sie
nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der Nacht
aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote eintreffen
konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen.
Es war ein schauerlicher Anblick!... Ich habe ihn mit
angesehen, und das Herz wollte mir brechen.
"Also in der Nacht dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr ich
laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks nicht
entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der Wirth,
leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher an den
Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu sehen bekam...
von der man nichts Genaues wußte... die Mr. Edward
von seinen Reisen mitgebracht hatte und die man für seine
ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt ergab sich's, daß
sie seine Frau war... bei einer ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich sterblich in eine junge
Gouvernante verliebt hatte... und Sie wissen, daß Männer
in seinem Alter, wenn sie ein junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich den
Gastwirtt kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer angelegt habe.

"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und wann
einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender, aber
sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, entfernte
sich leise und streifte im Schlosse umher, wo sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den Sinn kam. ,In
jener Macht nun, zündete sie zuerst die Vorhänge in dem
Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt
hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von
Eifersucht, dem man sagt, daß sie etwas geahnt habe,
Feuer an das Bett, in dem zum Glück Niemand schlief.
Die erwähnte Gouvernante hatte sich zwei Monate zuvor
heimlich entfernt, und man muß gestehen, daß Mr. Rochester
kein Mittel unversucht ließ, um sie wiederzufinden. Seit
ihrer Flucht entließ er fast seine sämmtlichen Dienstleute,
entfernte eine Verwandte, die seine Wirthschaft geführt
hatte, und brachte ein kleines Mädchen, die man für seine
Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr
lebte wie eine Eremit, oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig geworden und sein Wahnsinn
sei zu gewissen Zeiten höchst gefährlich.
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester.

"Er war im Schlosse?"
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,
die nach dem Feuer zu, im Winde flatterten. Wir alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wir
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte, stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf und in der nächsten Secunde lag sie zerschmettert auf
dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stebe Ihnen dafür, dem die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn besprützt... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der bloßen
Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt... aber ich kann Ihnen versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...

"Wie so?... Warum?... Wie meinen Sie das?... Ist er in England ? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.
Ich litt Höllenqualen und der Gastwirth schien es
sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich hatte
geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu fragen, was
Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen habe.
"Der Schreck und die großen Anstrengungen, welchen
er sich beim Feuer ausgesetzt hatte, vielleicht auch die Flammen
selbst, veranlaßten ihm eine Augenentzündung, in deren Folge
er blind wurde. Kein Arzt hat ihm seine Sehkraft wiederzugeben vermocht.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
"Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?
"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
"Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und wenn
Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach Ferndean
bringen kann, so will ich das doppelte Ihrer gewöhnlichen
Fahrtaxe bezahlen.

Neunte Abtheilung.

Reise nach Ferndean-Manor.

Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean Manor
gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher Bauart, das mitten in einem großen Walde lag. Sein Vater
hatte es gekauft, nicht um der Wohnung selb willen, die
er gern nur gemiethet hätte, sondern wegen der vortrefflichen
Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welcher der Besitzer inne
hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen dort
aufspielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte meine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das er mit
einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte, suchte ich
einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren
Wohnung.
Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das

in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreibe von
Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen so tief herab,
daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen vermischten. In
dieser dunkeln Allee ging ich immer weiter, ohne das Haus
zu erreichen, das ich bei jeder Krümmung zu erblicken hoffte.
Ich glaubte schon, ich hätte mich geirrt und war im Begriff, umzukehren, als sich die Bäume lichteten und ich zuerst
ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das
man kaum von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine
dunkeln und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern
fast ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoos'ten
Stämme und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich in
einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete, wo ein
mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen Rasenplatz zog. Die Vorderseite des Hauses bot dem Auge
zwei spitzige Giebel und einige schmale, vergitterte Fenster
mit in Blei gefaßten Scheiben. Die ebenfalls schmale Thür
schien dazu bestimmt zu sein, sich nie zu öffnen; eine einzige
Stufe führte nach der Schwelle. Im ganzen genommen,
hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus
auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck des
Bildes.
"Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen
bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das Leben
sich wirklich durch ein leises Geräusch kund gab; es war
die Eingangsthür, welche in ihren Angeln knarrte.
"Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich
im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte einen

kann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als
wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich
eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte ich
doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter,
Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung war, mich
seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß
er mich nicht sehen konnte! Ich blieb daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete
die Veränderungen, welche sein Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher,
das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war es
auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht
vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern, diese
athletische, blühende Manneskraft zu schwächen. Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen Schmerz
verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte, welche
man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht hat, deren
düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der sie zu stören
wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn
sehen, wo unter einem Kusse diese drohende Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlieder sich erheben und diese
zusammengepreßten Lippen sich öffnen würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.

Mr. Rochester kam die Stufe herab: und ging mit
langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu. Großer
Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich
an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Er legte
die Hand an seine Augen, ößfnete erst das eine, dann das
andere und suchte dann mit angestrengtem Blicke den Himmel
und den Wald, ohne einen schwachen Lichtschein vom tiefen
Dunkel unterscheiden zu können. Er streckte die rechte Hand
aus, dann die linke, aber die Hand traf nur die Luft, denn
die nächsten Bäume waren noch einige Schritte entfern.
Er gab nun sein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte die
Arme über die Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der sein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mit seiner Frau Mary die ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Mähe, um auf den ersten
Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem Rochester
noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab er die
Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach dem Hause
zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als er eingetreten
war, ließ er se hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung und
Schreck fast ungefallen, als sie mich an der Stimme erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß ich Alles
wußte, was sich seit meiner Entfernung in Thornfield-Hall
zugetragen hatte, hat John, mein Gepäck zu holen, das ich
in einem Chausseehause gelassen, und besprach mit Mary
die nöthigen Anstalten, damit ich die Macht in Ferndean
zubringen konnte, was nicht eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn geben, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen Sie meinen Namen nicht.
Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden vor sich lassen, ehe er den Namen der Person und
den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte, stellte
sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings; er muß stets zwei Lichter in seinem Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist
das nicht sonderbar?
Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen Händen
zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein fast
erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem Feuer
herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des
großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.

Sein alter Hund Pilot lag zusammengerolt in einem
Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen, die ihn
zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir wie früher entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den Händen
gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch und Mr.
Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen, woher das
Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer kehrte er das
Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu mir.
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es ihm
in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mir empor
springen und ich rief daher unbedachtsam:
"Couche, Pilot! leg' Dich!
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antworte ich ihm mit einen
unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.
Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben
Sie noch Durst?

"Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Es sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen, zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
"Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre
Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich! wiederholte er immer wieder.
"Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie
nie sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen hingab.
Sollte dies auch wieder ein Traum sein?... Ach, wenn
Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher Schatten, dann
geschehe es wenigstens nicht eher, als bis deine Lippen
meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief ich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen, dann strich ich
sein Haar zurück und küßte ihn auf die noch immer
schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine Zweifel.
Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder
bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens
umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
"Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.

"Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mit
zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
Sie sind sehr reich, meine liebe Jane.
"Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Mähe ein
Haus. baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen.
"Aber Ihre Freunde, Jane -- dem jett haben Sie
gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei einem
alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich geworden
bin?
Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig
bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre
Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein,
kurz Ihnen die Augen zu ersetzen. Fassen Sie also Muth,
mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie
nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines
Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend,
er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne
ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte
sich auch mir mit. Ich fürchtete gegen den Takt verstoßen,
durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in
seinem Innern verletzt zu haben. Alles, was ich gesagt
hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er
mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun
von meinem vertraulichen Entgegenkommen denken, wenn ich
mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen,
aber er drückte mich nur noch fester an sich.
"O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben

sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein Herz
sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt kann ich
Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir
übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit
tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es
Sie entbehren müßte, würde es sich dafür an dieser verstümmelten Hülle rächen.
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben
nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies
sind Sie noch so jung... Sie müssen sich früher oder
später verheirathen.
"Daran denke ich nicht und ich sehne mich durchaus
nicht danach.
"O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach, wenn
ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich es
versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine!...
Er versank wieder in sein schmerzliches Machsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
"Wann essen Sie gewöhnlich zu Abend? unterbrach
ich die eingetretene Pause.
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn ich
habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Mach wenigen Augenblicken wurde
uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch nahm

sogleich den natürlichen, ungezwungenen Charakter an, den
es ehemals zwischen uns hatte. Ich fühlte mich schon ganz
heimisch und mein Herz war mit inniger Freude erfüllt.
Fest entschlossen, meinen geliebten Herrn nicht in eine traurige
Stimmung fallen zu lassen, lenkte ich die Unterhaltung,
sobald mir seine Worte eine Erinnerung an sein Unglück
verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven
Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn
mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen
Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar
ein wenig in Ordnung bringen könne.
"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich
mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiederte ich ihm in
dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer
vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise
und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr
angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien,
war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend,
mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen
und verdrießlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter
und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieser gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie
kamen mir die Thränen in die Augen. Ich mußte mir
indessen Gewalt anthun und ihn so anreden, wie ich es mir
zur Pflicht gemacht hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und
ihm einen Spaziergang vorschlug.
Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief
er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene
Lampe, der man neues Oel giebt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist
nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre
ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen
zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für
mein Ohr, als die aufgebende Sonne Glanz für meine
Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für
mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein,
daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals
Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit gezwungen hätte. Rochester kam mir
vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und
zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings
anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter,
fröhlich und scherzhaft. Mach dem Frühstück nahm ich
Rochester, mit mir aus dem düstern Zimmer in's Freie und
unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen.
Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze,
wo ich ihm auf einem seit langer Zeit ungehauenen Baume
einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann, sogar gestattete,
mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen,
da wir uns Beide in gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?...
Pilot legte sich neben uns und mehrere Minuten lang herrschte

eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rohester mich
stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie
mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immer von mir geschieden
sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren, und ohne
Existenzmittel!... selbst das Perlenhalsband hatten Sie
Ihrer Kommode und die noch für unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird
aus meiner Jane werden, die keine Hilfsmittel und keinen
Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung.
In der That, Jane, wo waren Sie eigentlich diese ganze
Zeit über?
"So durch Fragen gedrängt, begann ich die, Erzählung
meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres.
Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich die
Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit dem
Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte.
Wozu sollte ich ohne Noth dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen
viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen
wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in
seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in die
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die
Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die
Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieser Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen
Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein
Mann war er denn?
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das
Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten
nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters
Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck
an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton
weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und
unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das
Profil eines Antonius, schöne blaue Augen und einen edlen
Anstand habe, unterbrach mich plötzlich Rochester mit den
Worten:
"Ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte werden,
denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben so wenig.
Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag, und diese
Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein -- ein schönes
junges Mädchen, daß er mit trockenem Auge die Gattin
eines Andern hat werden sehen, während es nur von ihm
abhing, ihre Hand zu erhalten. Er erblickte in mir nur
den Typus einer Gattin, wie sie nach seinen Ideen ein
Missionair braucht. Aber ohne allen Zweifel war er in
einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst
und streng, und für mich kälter als ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht. Ich fühle mich nicht glücklich in

seiner Nähe, er war weder nachsichtig noch liebevoll gegen
mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht.
Er gestand mir höchstens einige Talente zu, aus denen man
nöthigenfalls Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich
jetzt noch auf, zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und
schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige
Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von
Neuem.
"Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in
wehmüthigem Tone.
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir nicht
erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit nicht.
Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir ab, und
da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte, bog ich mich
zur Seite, um ihn näher betrachten zu können, und ich sah
eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern
hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder
an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum im
Garten von Thornfield... Und mit welchem Rechte könnte
ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen
Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die
Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind noch
grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht, es werden

noch junge Pflanzen zwischen ihren Wurzeln emporkeimen
und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und
wenn diese Pflanzen heranwachsen, werden sie sich dem
schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen eine so feste Stütze
bietet, um ihn bald zu umschlingen.
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu
trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können
meine Gattin nicht werden.
Aber Sie gedenken doch nicht für immer Wittwer zu
bleiben?
Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen
Sie mir.
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müssen, ist die, welche
Sie am meisten liebt.
"Oder wenigstens Die, welche ich am meisten
liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihre Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Blinden, den Sie werden führen
müssen?
»Ja.
"Ist es wirklich wahr?
"Es ist mein voller Ernst.
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige
Gott es Ihnen vergelten!
Mr. Rochester, sagte ich tief ergriffen, wenn ich
je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente,
wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch

gehabt, ei Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich
bis zu ihm zu erheben,... so bin ich jetzt reichlich dafür
belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste
Glück; nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.
"Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr
heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.
"Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr
Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich
habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.
Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will
ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden. Ich
sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich mich irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie meine Gattin. Was Ihren
Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel
an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden
ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es
hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen, seit dem Tage,
an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor...
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten,
behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
"Und jetzt, fuhr Rochester fort, muß ich Ihnen
noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den
Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen
und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande.
Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte. Aber der Alls
mächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen. Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen, ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte ich der
Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir
zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich eitel prahlte, hat Gott
so vollständig gebrochen, daß ich in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines
Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät,
aber mit zerknirschtem und reuigem Herzen auf die Kniee
gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit
dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade
vor seinen Augen gefunden zu haben, denn das Liebste und
Theuerste, was ich auf Erden besitze, ich habe es in Dir
wieder erlangt, meine Jane!
Mach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete zu
Gott, streckte Rochester die Hand aus und bedeutete mir
so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure Hand
und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um meinen
Macken und auf meine Schulter legte. So diente ich ihm
zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zurück.


Zehnte Abtheilung.

Der Waise Vermählung.

Am nächsten Dienstag wurde ich Rochester's Gattin;
ich brauche Ihnen nicht zu sagen, werthe Freundin, welche
Gefühle an diesem Tage mich bestürmten und wie lebhaft
die Erinnerung an den Tag bei mir wurde, an welchem vor
einem Jahr meine Hochzeit angesetzt war. Unsre Trauung
fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen gehülfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen, ging
ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten
zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben, sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester
und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier ist
unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf
den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf.
"Ist es möglich, Miß? erwiderte Mary; nun das
freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
degegen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, und einer
ehrerbietigen Verbeugung, ich habe es mir gedacht, daß

Mr. Edward dies im Sinne hatte, und ich glaube, er hat
wohl daran gethan.
Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End, um das
Geschehene zu berichten und es unter dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht von meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber
ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit einer
Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten,
doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung
war, daß ich Adele in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Eine sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für
ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie
daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante mit ihr fortzusetzen. Aber dies war nur eine
schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten
fortan einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch
nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete.
Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
wo die Erziehung den Fähigkeiten unsrer kleinen Französin,
welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere
Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen,
liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die
kleinen Mühen und Verdrießlichkeiten bei ihrer Erziehung
entschädigt.
In den ersten zwei Jahren nach unsrer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und dieses Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so
vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir
schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner
Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste. Ich
meinestheils hatte einen fortdauernden Beweis seiner Liebe
in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze
Charakter ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und
Gefälligkeit von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem
angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre,
einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich
meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, eine goldene Kette!

"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That diese Farbe. Rochester sagte
mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre
der Schleier vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit.
Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich
nicht irrte.
Ich erkannte nun die Möglichkeit, daß durch die Hülfleistung geschickter Aerzte meinem theuren Gatten vielleicht seine Sehkraft wieder gegeben werden könnte. Auf meinen
Wunsch reisten wir schon am folgenden Morgen nach London,
wo durch die Untersuchung und Berathschlagung eines Collegiums von Augenärzten das Resultat sich herausstellte, daß wenn mein Gatte sich einer Augen-Operation unterzöge, die
Hoffnung, daß er seine Sehkraft wieder erlange, einige
Wahrscheinlichkeit für sich habe. Nach der Meinung der
Aerzte hatte besonders der Aufenthalt auf dem gleich nach
dem Brande bezogenen Jagdschloß (welches wegen seiner
morastigen Umgebung selbst einem Gesunden Sachtheile bringen
konnten), das Augenübel bedeutend verschlimmert. Mein Mann
unterwarf sich dieser Operation, und denken Sie sich meine
Freude und seinen Jubel, als er nach Verlauf einiger Tage,
die er in einem finsteren Zimmer hatte zubringen müssen,
mir die Mittheilung machte, daß seine Augen sich entschieden
gebessert hätten.
"Liebe Jane, sagte er zu mir, mich zärtlich umarmend, Du wirst nun hoffentlich bald keinen Blinden mehr
zu führen, sondern an der Seite Deines Dich verehrenden
Gatten alle Freuden des Lebens genießen können, und des
Glücks theilhaftig werden, welches Du so sehr verdienst.
Die Aerzte hatten es meinem Gatten entschieden verboten, wieder nach Ferndean-Manor zurückzukehren. Wir mietheten nun während des Sommers eine reizende Villa an den Ufern der Themse, wo mein Gatte sich vollständig wieder erholte und bald zum vollständigen Besitz seiner Sehkraft gelangte.
Rochester ließ das Schloß auf Thornfield-Hall wieder aufbauen, wo wir unsern gewöhnlichen Wohnsitz nahmen.
Zur Abwechselung und Erheiterung unternahmen wir während der folgenden Jahre kürzere und weitere Reisen nach Frankreich und Deutschland.
An dem Tage, an welchem man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt
groß, schwarz und feurig. Auch an diesem Tage beugte er
sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des
Allerhöchsten, welcher die Strenge seiner gerechten Strafen
immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr wenn wir in England sind, empfangen
wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir besuchen sie zur Abwechselung;
Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffizier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein
entschlossenerer und unermüdlicherer Arbeiter seinen Tag durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt.

Er hat sich nicht verheirathet und wird sich nicht verheirathen. Wie wollte er auch eine Gattin erlangen, die seinen Ansprüchen genügt und seine Mühen und Gefahren
theilte.
Jetzt, zehn Jahre nach meiner Vermählung, wo ich diese Memoiren für Sie aufgeschrieben habe, beste Freundin, besteht meine Familie aus fünf lieblichen Kindern -- drei Knaben und zwei Mädchen -- welche Rochester's Stolz und meine Freude ausmachen. Wir berathschlagen schon über die Erziehung, welche wir ihnen zu geben beabsichtigen, und ich habe wenigstens so viel erlangt, daß Rochester bei den Mädchen sich ganz meinen Anordnungen fügen will.
Adele hat einen geachteten englischen Gutsbesitzer geheirathet.

Ob ich recht glücklich geworden bin? höre ich Sie fragen -- beste Freundin. -- Ja, ich fühle mich sehr glücklich. Das Band der innigsten Liebe, welches mich mit meinem Gatten verbindet, scheint mit jedem zunehmenden Jahr sich noch fester knüpfen zu wollen.
Ein einziges Herz schlägt in unserer Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen. Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charaktere
aber ist die reinste und höchste Seligkeit.

Ihr alle aber, Leserinnen und Leser, schöpft aus meinem Leben die Beruhigung, daß das wahre Glück des Menschen nicht außer ihm, sondern in ihm liegt, daß Leiden und Verfolgungen leichter zu ertragen sind, wenn solche unverdient sind, und daß ein vorwurfsfreies Leben das höchste Gut des Menschen ist, haben wir auch mit Mühen und Beschwerden zu kämpfen. Aus dem folgenden Gedicht habe ich in Stunden der Prüfung und in Leiden, wenn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sich meiner bemächtigen wollten, großen Trost geschöpft, möge es denselben Erfolg bei Euch haben.

Weine nicht,
Wenn auch Setter schwül und dicht
Deinen Wanderpfad umgeben;
Lerne Deinen Blick erheben,
Bis die Sonn' aus Wolken bricht
Weine nicht,
Wenn Dir Hohn die Bosheit spricht!
Edelmuth und Eigenwürde
Leichtern jede Schmach und Bürde,
Und ein Gott hält einst Gericht.
Weine nicht,
Senn der Läst'rung Matter sticht!
Unschuld tilgt den Schlangengeifer;
Drum mit Deinem Tugendeifer
Weiche nie von Recht und Pflicht
Weine nicht,
Wenn der Hoffnung Anker bricht!
Mach den Sternen mußt Du streben;
Auf das Glück im Erdenleben
Thut ein weises Herz Verzicht.
Weine nicht,
Wenn kein Fleiß Dir Frucht verspricht
Nicht die Zeit kann Dir vergelten;
Schau empor in beß’re Welten,
Wo die Treue Kränze flicht
Weine nicht,
Wenn Dein Herz im Tode bricht.
Dann verbluten alle Wunden
Wenn der Geist vom Staub entbunden
Eilt zum reinen Aetherlicht!
Weine nicht!

Ende des zweiten und letzten Bandes.