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,Die Waise von Lowood. -- Dieser Name wird manchem unserer
jugendlichen Leser bekannt klingen, vielleicht hat er ihn schon auf einer
Theaterankündigung gelesen oder das Schauspiel dieses Namens im
Theater selbst gesehen. Obwohl es schon vor fünfzig Jahren zum ersten
Male gegeben wurde, hat es bis auf unsere Zeit an Zugkraft nichts verloren und seiner Verfasserin, Charlotte Birch-Pfeiffer, viel Anerkennung und
Ehre eingebracht. Aber sein Inhalt entsprang nicht der eigenen Idee der
Verfasserin, sondern lehnte sich an eine Geschichte an, welche unter dem
Titel ,Jane Eyre’ 1818 in England erschien und großes Aufsehen
erregte. Die Titelheldin Jane Eyre war die Waise von Lowood. Die
Verfasserin, Charlotte Bronte, nannte sich als Schriftstellerin Currer
Bell. Sie wurde am A. April 181 zu Thornton geboren, wo ihr
Vater Prediger war. Sie genoß eine gute Erziehung und ging dann
selbst als Erzieherin nach Belgien. Hier schrieb sie ihre erste Erzählung
,Der Professor, für welche sie aber keinen Verleger finden konnte. Nach
England zurückgekehrt, ließ sie ,Jane Eyre' in Form einer Selbstbiographie
erscheinen. worin sie mit vortrefflicher Zeichnung die gesellschaftlichen Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung Englands schilderte. Das Buch erregte ein ungeheures Aufsehen, erlebte in kurzer Zeit viele Auflagen und
wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Charlotte Bronte heiratete
185s den Pfarrverweser ihres Vaters, Arthur Bell Nichols mit Namen,
starb aber schon im nächsten Jahre. Nach ihrem Tode erschien auch ihr
Erstlingswerk ,Der Professor, und die namhaftesten englischen Zeitschriften
widmeten der Dahingeschiedenen warme Nachrufe und brachten Schilderungen
ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit,
Unser Buch ist in erster Linie ein Roman, der Erlobtes und Erdachtes, Wahrheit und Dichtung vereinigt. In seinen romanhaften Zügen
konnte er der Jugend natürlich nicht geboten werden; diese sind bei der
Bearbeitung ausgeschaltet. Aber das, was unsere Kinder an der Waise
von Lowood mitfühlen und miterleben, das, was auf ihr Herz und Gemüt
belehrend, unterhaltend und erziehend wirken kann, hat seinen vollen Platz
behalten. Das Romanhafte der Erzählung liegt in ihrem letzten
Teile, der dementsprechend gekürzt und bearbeitet ist, während die dem
Kindesalter so naheliegenden Jugenderlebnisse der Waise unverändert
gelassen sind.
Mit dieser Anordnung und Sichtung des Materials glaube ich dafür gesorgt zu haben, daß Eltern und Erzieher das spannend und lichtvoll geschriebene Buch ihren Kindern in die Hand legen können.
1. Kapitel.
Im Hause der Tante zu Gateshead-Hall.
Der kalte Winterwind hatte so düstere Wolken und einen so
durchdringenden Regen mit sich gebracht, daß es unmöglich war,
an diesem Tage einen Spaziergang zu machen.
Das war mir lieb: lange Spaziergänge, besonders an frostigen Tagen, waren mir stets unlieb; widerwärtig war es mir, in
der rauhen Dämmerung nach Hause zu kommen, mit halberfrorenen Händen und Füßen, mit einem Herzen, das durch das Schelten
der Kinderwärterin Bessie tieftraurig war, gedemütigt durch das
Bewußtsein, unter Eliza, John und Georgina Reed physisch so tief
zu stehen.
Eliza, John und Georgina hatten sich im Wohnzimmer um
ihre Mama geschart: diese lag auf einem Sofa in der Nähe des
Kamins und umgeben von ihren Lieblingen, die zufälligerweise in
diesem Augenblick weder weinten noch sich zankten, sah sie vollkommen glücklich aus. Ich durfte mich nicht daran beteiligen, indem sie sagte, daß sie mir erst verzeihen würde, wenn sie es selbst
sähe und durch Bessies Worte zu der Überzeugung gelangt sein
würde, daß ich mich ernstlich bestrebte, mir ein kindlicheres, offenherzigeres, natürlicheres Benehmen anzueignen, wie es zufriedenen
Kindern gezieme.
,Was sagt denn Bessie, was ich getan habe? fragte ich.
,Jane, ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen; es ist
mir widerlich, wenn ein Kind sich gegen ältere Leute in dieser Weise
benimmt. Setze dich irgendwo hin und schweig, bis du freundlicher reden kannst.
Ein kleines Frühstückszimmer stieß an das Wohnzimmer; ich
schlüpfte hinein. Hier stand ein Bücherschrank. Bald hatte ich
mich eines großen Bandes bemächtigt, nachdem ich mich zuerst vorsichtig vergewissert hatte, daß Bilder darin waren. Ich stieg auf
die Fensterbank, zog die Füße nach und kreuzte die Beine wie ein
Türke; dann zog ich die dunkelroten MoireeVorhänge fest zusammen und saß so in einer doppelten Verborgenheit.
In Zwischenräumen, wenn ich die Blätter meines Buches
wendete, betrachtete ich durch das Fenster das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als blasser Nebel;
in der Nähe der feuchte platz vor dem Hause und ein unaufhörlicher vom heulenden Sturm getriebener Regen.
Ich kehrte zu meinem Buche zurück --,Bewicks Geschichte der
britischen Vögel''; im allgemeinen kümmerte ich mich wenig um
den gedruckten Text des Werkes, und doch waren da einige einleitende Seiten, welche ich, obgleich ich noch ein Kind war, nicht gänzlich übergehen konnte. Es waren jene, die von den Schlupfwinkeln der Seevögel handelten, von den einsamen Felsen und Klippen, welche nur sie bewohnen, von der Küste Norwegens, von
ihrer äußersten Spitze,bem Lindesnäs, bis zum Nordkap mit seinen
Inseln.
Wo der nördliche Ozean, in wildem Wirbel
Um die nackten, einsamen Inseln tobt,
Dieses fernste Eiland; und das Atlantische Meer
Sich stürmisch zwischen die Hebriden wälzt.
Auch konnte ich nicht unbeachtet lassen: die Beschreibung von
den düsteren Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novazemblas, Islands, Grönlands, mit der arktischen Zone und den
einsamen Regionen von Eis und Schnee, welche den Nordpol umgeben. Von diesen schauerlich kalten Regionen machte ich mir
meine eigene Vorstellung: schattenhaft, wie alle unverstandenen
Gedanken, die durch eines Kindes Hirn gehen, aber einen seltsam
tiefen Eindruck hinterlassend. Die Worte dieser einleitenden Seiten
verbanden sich mit den darauffolgenden Bildern: jenem Felsen,
der aus einem Meer von Wellen und Wogenschaum emporragte;
dem zertrümmerten Boote, das an öder Küste gestrandet; dem kalten, geisterhaften Monde, der durch düstere Wolkenschichten auf ein
sinkendes Wrack herabblickt.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für meinen
unentwickelten Verstand geheimnisvoll, stets aber interessant, so
interessant wie die Erzählungen Bessies, wenn sie zuweilen an
Winterabenden in guter Laune war; dann pflegte sie ihren Plätttisch an dem Kaminfeuer der Kinderstube aufzustellen und erlaubte
uns, unsere Stühle um denselben zu setzen, und während sie dann
Mrs. Reeds Spitzenvolants bügelte und die Spitzen ihrer Nachthauben kräuselte, erzählte sie uns Abenteuer und uralte Märchen.
Mit Bewick auf meinen Knien war ich glücklich: glücklich
wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete nichts als eine Störung
- und diese kam nur zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer
öffnete sich.
,Heda, Träumerin!' rief John Reed; dann hielt er inne;
offenbar war er erstaunt, das Zimmer leer zu finden.
,Wo zum Teufel ist sie denn? fuhr er fort, Lizzy! Georgy!'
rief er seinen Schwestern zu. ,Jane ist nicht hier. Sagt doch
Mama, daß sie in den Regen hinausgelaufen ist-- das böse Tier!''
,Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,
dachte ich; und dann wünschte ich inbrünstig, daß er mein Versteck
nicht entdecken möge; er würde es auch niemals entdeckt haben;
er war langsam, sowohl von Begriffen wie in seinem Beobachtungsvermögen; aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und
sagte sofort:
,Sie ist sicherlich im Fenstersitz.
Ich trat sofort heraus, denn ich zitterte bei den Gedanken,
daß der erwähnte Jack mich hervorziehen würde.
,Da bin ich, was wünschst du? fragte ich mit Mißtrauen.
,Es heißt: Was wünschen Sie, Mr. Reed, lautete seine
Antwort.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier
Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn Jahre alt; groß und
stark für sein Alter, mit einer ungesunden Gesichtsfarbe; große
Züge in einem breiten Gesicht, plumpe Gliedmaßen und große
Hände und Füße. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so vollzuessen, daß er gallig wurde; dadurch wurden seine Augen trübe
und seine Wangen schlaff. Er hätte jetzt in der Schule sein müssen,
aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach Hause
genommen, , seiner zarten Gesundheit wegen''. Mr. Miles, sein
Lehrer, versicherte, daß es ihm außerordentlich gut gehen würde,
wenn man ihm nur weniger Kuchen und Konfekt von Hause schicken
wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich bei einer so lieblosen Meinung und neigte mehr zu der Ansicht hin, daß Johns
blasse Farbe von allzu großem Fleiße und vielleicht auch von
Heimweh herrühre.
John hatte wenig Liebe für seine Mutter und seine Schwestern
und eine starke Abneigung gegen mich. Er quälte und schlug mic;
nicht etwa dann und wann, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in mir fürchtete ihn, wenn er in meine Nähe kam.
Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mic
ganz verwirrt machte; denn ich fand niemand, der mich gegen seine
Drohungen und Tätlichkeiten verteidigte; die Dienerschaft mochte
ihren jungen Herrn nicht beleidigen, indem sie für mich gegen ihn
Partei ergriff, und Mrs. Reed war blind und taub. Sie sah niemals, wenn er mich schlug, sie hörte niemals, wenn er mich beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat; häufiger noch peinigte er mich hinter ihrem Rücken.
Aus Gewohnheit gehorchte ich John auch dieses Mal und
näherte mich seinem Stuhl: ungefähr drei Minuten streckte er mir
seine Zunge so weit entgegen, wie er es ermöglichen konnte; ich
wußte, daß er mich jetzt gleich schlagen würde, und obgleich ich den
Schlag fürchtete, vermochte ich doch über das häßliche Gesicht des
Burschen meine Betrachtungen anzustellen. Ich weiß nicht, ob er
diese Gedanken auf meinem Gesichte las, denn plötzlich, ohne ein
Wort zu sagen, schlug er heftig auf mich los. Ich taumelte; dann
gewann ich das Gleichgewicht wieder und trat einige Schritte von
seinem Stuhl zurück.
,Das ist für die Frechheit, mit der du vor einer Weile Mama
eine Antwort gegeben hast,'! sagte er, , und dafür, daß du dich
hinter den Vorhang verkriechst und für den Blick, den ich vor zwei
Minuten in deinen Augen gewahrte, du Ratte, du!'
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es mir niemals ein,
irgend etwas auf dieselben zu erwidern; ich dachte nur daran, wie
ich den Schlag aushalten sollte, der unfehlbar auf die Schmähung
folgen würde.
,Was hast du da hinter dem Vorhang gemacht? fragte er
weiter.
,Ich habe gelesen.'
Zeige mir das Buch.
Ich ging an das Fenster zurück und holte es.
,Du hast keine Erlaubnis, unsere Bücher zu nehmen; du bist
eine Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein
Vater hat dir nichts hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und
hier nicht mit vornehmen Kindern, wie wir es sind, zusammenleben und dieselben Mahlzeiten essen wie wir und Kleider tragen,
die Mama bezahlen muß. Nun, ich will dich lehren, zwischen
meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir, und das
ganze Haus gehört mir oder wird mir wenigstens in einigen Jahren gehören. Geh' und stell' dich an die Tür!r
Ich gehorchte, da ich keine Ahnung von seiner Absicht hatte;
als ich aber gewahrte, daß er das Buch emporhob und mit demselben zielte, sprang ich unwillkürlich zur Seite und stieß einen
Schreckensschrei aus, jedoch nicht früh genug; das Buch traf mich,
und ich fiel mit dem Kopf gegen die Tür und verletzte mich. Die
Wunde blutete, der Schmerz war heftig.
,Böser, grausamer Bube!'' schrie ich. , Du bist wie ein Mörder-- du bist wie ein Sklaventreiber-- du bist wie die römischen
Kaiser!
Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine
eigene Ansicht über Nero, Caligula und andere gebildet. Im
stillen hatte ich Vergleiche angestellt, welche laut zu äußern ich
mir allerdings niemals vorgenommen hatte.
,Was! Was!' schrie er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das werde ich der Mama erzählen! Aber zuvor-
Er rannte auf mich zu; ich fühlte, wie er mein Haar und
meine Schulter faßte; er kämpfte mit einer Verzweifelten. Ich sah
wirklich in ihm einen Tyrannen, - einen Mörder. Ich fühlte
dann, wie Blutstropfen von meinem Kopfe auf den Hals herabträufelten und empfand einen stechenden Schmerz. Diese Gefühle
siegten für den Augenblick über die Furcht, und ich trat ihm in
wahnsinniger Wut entgegen. Was ich mit meinen Händen tat,
kann ich jetzt nicht mehr sagen, aber er schrie fortwährend laut:
,Ratte, Ratte!? Bald kam ihm Hilfe. Mrs. Reed erschien auf
der Szene, und ihr folgten Bessie und ihr Kammermädchen Abbot.
Man trennte uns; dann vernahm ich die Worte:
,Um des Himmels willen! Welch eine Furie, so auf Mr.
John loszustürzen!'
,Hat man jemals ein so wütendes Geschöpf gesehen!'
Dann fügte Mrs. Reed hinzu:
,Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein.' Vier
Hände ergriffen mich, und ich wurde die Treppe hinaufgetragen.
2. Kapitel.
Meine Hausgenossen.
Auf dem ganzen Wege leistete ich Widerstand; dies war etwas
Neues bei mir und ein Umstand, der Bessie und Miß Abbot in der
schlechten Meinung bestärkte, welche diese ohnehin schon von mir
hegten. Tatsache ist, daß ich vollständig außer mir war. Ich
wußte sehr wohl, daß die Empörung dieses einen Augenblicks mir
schon schwere Strafen zugezogen haben mußte, und wie viele rebellische Sklaven war ich fest entschlossen, bis zum Äußersten zu
gehen.
,Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde
Kate.
,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!'' rief das Kammermädchen. ,Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, den jungen Herrn zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren Herrn!'
,Herr! Wie, ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin?
,Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun
nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie
sich und denken Sie über Ihre Bosheit nach!
Unterdessen hatten sie mich in das von Mrs. Reed bezeichnete
Gemach gebracht und mich auf einen Stuhl geworfen; wie eine
Sprungfeder wollte ich wieder von demselben emporschnellen; vier
Hände hielten mich jedoch augenblicklich wie mit eisernen Klammern fest.
,Wenn Sie nicht stillsitzen, werden wir Sie anbinden,'' sagte
Bessie. ,Miß Abbot, leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder; denn
die meinen würde sie bald zerreißen.
Diese Vorbereitungen zu meiner Fesselung und die neue
Schande minderten meine Aufregung ein wenig.
,Machen Sie sich keine Mühe, schrie ich, ,ich werde ganz
stillsitzen.
Zum Beweise hielt ich mich mit beiden Händen an meinem
Sitz fest.
,Rühren Sie sich ja nicht,' sagte Bessie; und als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich anfing, mich zu beruhigen, ließ sie mich
los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit gekreuzten Armen
vor mich und blickten mich finster an, als zweifelten sie an meinem
gesunden Verstande.
,Das hat sie bis jetzt noch niemals getan,'' sagte endlich Bessie
zur Abigail gewendet.
,Aber es hat schon lange in ihr gelegen,'' war die Antwort.
,Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das
Kind gesagt, und sie denkt ebenso. Sie ist für ihr Alter ein verstocktes und verschlossenes Ding.
Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu
mir und sagte:
,Fräulein, Sie sollten doch bedenken, daß Sie Mrs. Reed
verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortjagte, so müßten
Sie ins Armenhaus gehen.'
Auf diese Wort fand ich nichts zu erwidern; sie waren mir
nicht mehr neu. Dieser Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren fast zum leeren Singsang geworden. Nun fiel auch
Miß Abbot ein:
, Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie den Damen Reed
und Mr. Reed ebenbürtig sind, weil Mrs. Reed Ihnen gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden einmal sehr reich werden, und Sie sind arm. Sie müssen bescheiden
sein und versuchen, sich bei ihnen beliebt zu machen.'
, Was wir Ihnen sagen, ist nur zu Ihrem Besten, fügte
Bessie hinzu, , Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu
machen, dann würden Sie hier vielleicht eine Heimat finden; wenn
Sie aber heftig und ungezogen werden, so wird Mrs. Reed Sie
zweifellos fortschicken.
,Außerdem, sagte Miß Abbot, , wird Gott Sie strafen. Er
könnte Sie in Ihrem Zorn tot zu Boden fallen lassen, und wohin
kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie allein
lassen; um nichts in der Welt möchte ich ihr Herz haben. Sagen
Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie
nicht bereuen, könnte etwas durch den Kamin herunterkommen
und Sie mitnehmen.
Sie gingen und schlossen die Tür hinter sich zu.
Das rote Zimmer war ein Gemach, in dem nur selten jemand
schlief. Und doch war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer in Gateshead-Hall. Im Mittelpunkt stand ein Bett von
Mahagoni, mit Vorhängen von dunkelrotem Damast behängt; die
beiden großen Fenster wurden durch Draperien von demselben
Stoffe halbverhüllt; der Teppich war rot; der Tisch am Fußende
des Bettes war mit einer roten Decke belegt; die Wände waren
mit einem Stoffe behängt, der auf lichtbraunem Grunde ein zartes
rosa Muster trug; der Kleiderschrank, der Toilettetisch, die Stühle
waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen
düsteren Schatten erhoben sich weiß und glänzend die Kopfkissen
unheimlich stach ein ebenfalls weißer Lehnstuhl hervor. Damals
erschien er mir wie ein geisterhafter Thron.
Das Zimmer war eisigkalt, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil niemals jemand dasselbe betrat.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte
er seinen letzten Atemzug getan; hier lag er aufgebahrt; von hier
hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen - und seit jenem
Tage wurde dieser Raum ängstlich gemieden.
Auch mich ergriff bald die Angst in diesem unheimlichen
Aufenthaltsorte. Ich stand auf, um nachzusehen, ob die Tür zu
öffnen sei. Ach! Keine Kerkertür konnte sicherer verschlossen sein!
Als ich wieder zurückging, mußte ich an dem Spiegel vorüber. In
ihm sah alles noch kühler und hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und die wunderliche, kleine Gestalt, die mir aus ihm entgegen blickte, mit blassem Gesicht und Armen, die scharf aus der
Dunkelheit hervorleuchteten, sah aus, wie ein wirkliches Gespenst;
ich dachte an einen jener Kobolde, wie sie in Bessies Dämmerstunden-Geschichten aus wilden Schluchten und düsteren Mooren hervorkamen. Ich kehrte auf meinen Sit zurück,
Mancherlei Empfindungen stiegen jetzt in mir auf: John
Reeds rohe Tyrannei die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte ich stets leiden, stets mit verächtlichen
Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt
werden? Weshalb konnte ich es niemand recht machen? Vor
Eliza, die so eigensinnig und selbstsüchtig war, hatte man Achtung.
Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die stets übelgelaunt
und trotzig und boshaft war. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte, und ihk Nachsicht für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm
jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen
Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetze; er nannte
seine Mutter sogar ,alte Tante''; zerriß und beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, - und doch war er ,ihr einziger Lieb
ling'. I ch wagte niemals, einen Fehler zu begehen; ich gab mir
Mühe, meine Pflicht zu tun, und mich nannte man unartig, mürrisch und hinterlistig, vom Morgen bis zum Abend.
Mein Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen
Schlage und dem Falle, welchen ich getan hatte; niemand hatte
John einen Verweis erteilt, weil er mich grundlos geschlagen; aber
weil ich mich gegen ihn aufgelehnt hatte, hatten alle mich mit den
lautesten Schmähungen überschüttet.
Wie erregt war mein Gemüt, wie furchtbar empört mein Herz!
Ich hatte keine Antwort auf die unaufhörlich wiederkehrende
Frage, weshalb ich so viel leiden mußte. jetzt nach Verlauf
von vielen Jahren ist mir alles klar.
Ich war in Gateshead-Hall ein Stein des Anstoßes. Sie liebten mich nicht, und in der Tat, ich liebte sie ebensowenig. Es war
auch nicht ihre Pflicht, mit Liebe auf ein Wesen zu blicken, welches
mit niemand sympathisieren konnte; ein nutzloses Wesen, welches
ihrem Interesse nicht dienen, zu ihrem Vergnügen nichts beitragen
konnte. Ich weiß wohl, daß, wenn ich ein geistreiches, schönes,
wildes Kind gewesen wäre - wenn auch ebenso abhängig und
freundlos-- so würde Mrs. Reed meine Gegenwart mit mehr Geduld ertragen haben; ihre Kinder hätten für mich ein freundlicheres Gefühl der Gemeinsamkeit gehegt; die Dienstboten wären
weniger geneigt gewesen, mich zum Sündenbock der Kinderstube
zu machen.
Auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Ich hörte den Regen noch unaufhörlich gegen das
Fenster der Treppe schlagen, wie den Wind in den Gebüschen
hinter dem Herrenhause heulen; nach und nach wurde ich so
kalt wie Stein, und dann begann mein Mut zu sinken. Die
gewöhnliche Demut, Zweifel an mir selbst, einsame Traurigkeit bemächtigten sich meiner und schlugen die Asche meiner dahinschwindenden Wut nieder. Alle sagten ja, daß ich boshaft sei --
vielleicht war es der Fall, denn hatte ich nicht soeben den Gedanken
gefaßt, mich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: war ich bereit zu sterben ? oder war das Gewölbe unter
der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ziel?
In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man mir gesagt
hatte. Ich konnte mich seiner nicht erinnern; aber ich wußte, daß
er mein Onkel gewesen,- der einzige Bruder meiner Mutter -
daß er mich in sein Haus aufgenommen, als ich ein armes, elternloses Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken
Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen. Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der
Überzeugung, daß sie dieses Versprechen gehalten habe, und soweit
ihr Charakter ihr dies erlaubte, hatte sie es auch getan; aber wie
sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe
hegen, der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres
Gatten durch keine Bande mehr an sie geknüpft war? Es mußte
allerdings ärgerlich sein, sich durch ein unter solchen Umständen
gegebenes Versprechen gebunden zu sehen, an einem fremden Kinde,
das sie nicht lieben konnte, Mutterstelle zu vertreten.
Eine sonderbare Idee stieg in mir auf. Ich dachte, wie Mr.
Reeds Geist, gequält durch das Unrecht, welches man dem Kinde
seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte verließ - entweder in
dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen und in diesem Zimmer mir erscheinen könne. Ich
trocknete meine Tränen und unterdrückte mein Schluchzen; denn ich
fürchtete, daß diese lauten Äußerungen meines Kummers eine
übernatürliche Stimme zu meinem Troste wachrufen könnten, oder
aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz hervorleuchten lassen
könnten, das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte. Mein
Haar von Stirn und Augen streichend, erhob ich den Kopf und
versuchte in dem dunklen Zimmer umherzublicken. In diesem
Augenblick sah ich einen Lichtschein an der Wand!-- War es vielleicht der Mondstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang
drang, fragte ich mich? Nein, die Mondstrahlen waren ruhig, und
dies Licht bewegte sich; während ich noch hinblickte, glitt es zur
Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe. jetzt kann ich freilich begreifen, daß dieser Lichtstreifen wahrscheinlich der Schimmer
einer Laterne war, welche jemand über den freien Plat vor dem
Hause trug; aber damals hielt ich in meinem aufgeregten Gemüt
den sich schnell bewegenden Strahl für den Vorboten einer Erscheinung aus einer anderen Welt. Mein Herz pochte laut, mein Kopf
wurde heiß; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen, das ich für
das Rauschen der Flügel hielt. Ich fühlte meinen Atem stocken,
ich stürzte auf die Tür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende Schritte kamen durch den äußeren
Korridor daher; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht,
Bessie und Miß Abbot traten ein.
,Miß Eyre, sind Sie krank? fragte Bessie.
,Welch ein schrecklicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!'' rief
Abbot aus.
,Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube!
schrie ich.
,Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen?' fragte Bessie wiederum.
,O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen
würde. Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt, und sie
entzog sie mir nicht.
,Sie hat mit Absicht so geschrien,' erklärte Abbot mit einigem Widerwillen. ,Und welch ein Geschrei! Wenn sie Schmerzen
gehabt hätte, so könnte man es noch entschuldigen, aber ihre einzige -
Absicht war, uns alle herbeizulocken. Ich kenne ihre Unarten
schon.'
,Was geht hier vor? fragte eine andere Stimme gebieterisch;
und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher. ,Abbot und Bessie, ich
glaube, daß ich befohlen habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer
zu lassen, bis ich selbst sie holen würde?
ein.
,Miß Jane schrie so laut, Madame, wandte Bessie zögernd
, Laß sie los, war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand
los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht
durchkommen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern;
es ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit solchen Kniffen
nicht weit kommst. jetzt wirst du noch eine Stunde hierbleiben,
und nur unter der Bedingung gebe ich dich frei, wenn du mir das
Versprechen gibst, vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein.'
, O, Tante hab' Erbarmen! Vergib mir doch! Ich kann es
nicht ertragen.-- Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich komme
, Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz empörend! Ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen. In lhren Augen
war ich eine frühreife Schauspielerin.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, warf Mrs.
Reed, die meiner wahnsinnigen Angst und meines lauten Schluchzens wohl überdrüssig geworden sein mochte, mich rasch in das
Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Worte wieder ein.
Ich hörte sie davonrauschen; und bald, nachdem sie gegangen war,
umfing mich Bewußtlosigkeit.
3. Kapitel.
Bessie, die einzige mitleidige Seele.
Als ich erwachte, hörte ich Stimmen, die hohl an mein Ohr
klangen, als würden sie durch das Rauschen des Wassers oder
Toben des Windes übertönt. Die Aufregung, die Ungewißheit
und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine
Sinne gefangen. Nach einiger Zeit fühlte ich, daß jemand mich berührte, mich aufrichtete und mich in eine sitzende Stellung brachte,
und zwar viel liebreicher und sorgsamer, als mich bis jetzt irgend
jemand emporgehoben hatte. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen
Arm oder ein Polster und fühlte mich behaglich.
Fünf Minuten später wurde es mir klar, daß ich in meinem
eigenen Bette lag. Es war Nacht, eine Kerze brannte auf dem
Tische; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt
ein Waschbecken in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle
neben mir und beugte sich über mich.
Ich empfand eine wohltuende Sicherheit, als ich sah, daß sich
ein Fremder im Zimmer befand, der nicht zum Haushalt von
Gateshead, nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte. Es
war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen
ließ, wenn ihre Dienstboten krank waren. Für sich selbst und die
Kinder nahm sie einen Arzt.
,Nun, wer bin ich? fragte er.
Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit
meine Hand entgegen; er nahm sie lächelnd und sagte: ,Ah, es
wird langsam besser mit uns werden. Dann legte er mich nieder und befahl Bessie, mich während der Nacht nicht zu stören.
Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte, daß
er am folgenden Tage wiederkommen würde, ging er zu meiner
größten Betrübnis fort. Als er fortgegangen war, verzagte mein
Herz von neuem.
,Glauben Sie, daß Sie schlafen werden, Miß? fragte Bessie
mich ziemlich sanft.
Kaum wagte ich, ihr zu antworten, denn ich fürchtete, daß im
nächsten Augenblick sie wieder unfreundlich mit mir reden würde.
,Ich will es versuchen,' sagte ich.
,Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?
,Nein, ich danke, Bessie.
,Nun, dann werde ich zu Bett gehen, denn es ist schon nach
Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während der
Nacht etwas brauchen.''
Welche auffällige Höflichkeit! Sie ermutigte mich, eine Frage
zu stellen.
,Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?
,Ich vermute, daß Sie von Ihrem vielen Schreien im roten
Zimmer krank geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald
wieder ganz gesund sein.'
Bessie ging in das Zimmer der Hausmädchen. Ich hörte,
wie sie dort sagte:
,Sara, komm' und schlaf' bei mir in der Kinderstube; ich
kann diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben; es
könnte sterben! Ich möchte doch wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war aber auch zu hart gegen sie.
Sara kam mit ihr zurück; beiden gingen zu Bett; sie flüsterten
wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander, bevor sie einschliefen. Ich hörte einige Sätze ihrer Unterhaltung, und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihres Gesprächs.
,Etwas ist an ihr vorübergegangen, ganz in Weiß gekleidet,
dann ist es verschwunden.'-- Ein großer, schwarzer Hund hinter
ihm. ,Dreimal hat es laut an der Zimmertür geklopft.
,Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe- usw.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In
schaurigem Wachen brachte ich die Nacht hin; Entsetzen und Angst
hielten Ohren, Augen und Sinne wach.
Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange,
ernste, körperliche Krankheit; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven, die ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde. Ja,
Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich gar manche Seelenqual.
Am nächsten Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen Shawl gehüllt am Kamin. Ich fühlte mich
körperlich und geistig schwach und gebrochen. Und doch meinte ich,
daß ich augenblicklich glücklich sein müßte, denn keiner von den
Reeds war da, alle waren mit ihrer Mutter spazierengefahren;
auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und Bessie richtete,
während sie hin- und herging, dann und wann ein ungewöhnlich
freundliches Wort an mich. Dieser Zustand der Dinge wäre für
mich ein Paradies des Friedens gewesen, für mich, die ich nur an
unaufhörliches Tadeln und grausame Sklaverei gewöhnt war,
aber meine Nerven waren jetzt in einem solchen Zustande, daß sie
keine Ruhe mehr besänftigen konnte.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt
einen Kuchen auf einem buntbemalten Porzellanteller herauf. Gar
oft hatte ich gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen,
um ihn genauer betrachten zu können, bis jetzt hatte man mich
aber stets einer solchen Erlaubnis für unwürdig gehalten. jetzt
stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat
mich freundlich, das Stückchen köstlichen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Vergebliche Gunst! Sie kam zu spät, wie
so manche andere, die so innig erwünscht und so lange versagt worden war! Ich konnte den Kuchen nicht essen und stellte sowohl
Teller wie Gebäck beiseite.
Bessie fragte mich, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort
Buch wirkte einen Augenblick wie ein Sporn, und ich bat sie, mir
,Gullivers Reisen'' aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch
hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen; ich hielt es
für eine Erzählung von Tatsachen und entdeckte in ihm eine Ader,
die ein weit tieferes Interesse für mich hatte, als dasjenige, welches
ich in Märchen gefunden hatte; denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume,
Unter Pilzen und altem, von Efeu bekleideten Gemäuer gesucht,
hatte ich mein Gemüt mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß
sie alle England verlassen hätten, um in ein unbekanntes Land zu
gehen, wo die Wälder noch stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach meinem Glauben feste Bestandteile der Erdoberfläche; ich zweifelte gar nicht, daß, wenn ich eines Tages eine
weite Reise machen könnte, ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen Menschen, die zierlichen Kühe,
Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso
die baumhohen Kornfelder, die mächtigen Bullenbeißer, die riesigen Katzen, die turmhohen Männer und Frauen des anderen. Und
doch, als ich den geliebten Band jetzt in Händen hielt -- als ich
die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Zauber suchte, welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten - da war
alles alt und trübselig; die Riesen waren hagere Kobolde; die
Pigmäen boshafte und scheußliche Gnomen, Gulliver ein unglücklicher Wanderer in öden und gefährlichen Regionen. Ich schloß
das Buch, in dem ich nicht länger zu lesen wagte und legte es auf
den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, öffnete
sie eine kleine Schieblade, welche mit den schönsten Läppchen von
Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Sie sang dazu ein Lied, welches
lautete:
,Als wir noch als lustige Zigeuner lebten,
Vor langer, langer Zeit.
Wie oft hatte ich dies Lied schon gehört und immer mit dem
größten Entzücken; denn Bessie hatte eine schöne Stimme - wenigstens wie ich es mir dachte. Aber jetzt, obgleich ihre Stimme noch
immer lieblich klang, lag für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit
in dieser Melodie. Zuweilen, wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm, sang sie den Refrain sehr leise, sehr langsam: ,Vor
langer, langer Zeit''; dann klang es wie die Trauermelodie eines
Grabliedes. Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen,
diesmal eine wirklich traurige.
Mein Körper ist müd' und wund ist mein Fuß,
Weit ist der Weg, den ich wandern muß,
Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find,
Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,
Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?
Die Menschen sind hart! Doch Engel sind lind,
Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar,
Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:
Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,
Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand
Oder ins Meer versink', wo mich führt keine Hand,
So weiß ich doch. daß den Vater ich find',
Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,
Daß Gott da droben sein Kind noch liebt.
Bei ihm dort oben die Heimat ich find',
Er liebt auch das arme Waisenkind!
,Miß Jane, weinen Sie nicht,' sagte Bessie, als sie zu Ende
war. Ebensogut hätte sie zum Feuer sagen können ,Brenne nicht!
Aber, was wußte sie von dem tiefen Weh, das mich zu Boden
drückte! Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd wieder.
,Wie? Schon aufgestanden? rief er, als er in die Kinderstube trat. .Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?
Bessie entgegnete, daß es mir außerordentlich gut gehe.
,Dann müßte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her,
Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?
,Ja, mein Herr, Jane Eyre!'
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir
nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?
,Nein, Herr.
,Ah, sie weinte wahrscheinlich, weil sie nicht mit Mrs. Reed
spazierenfahren durfte,' warf Bessie hier ein.
,O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch
,In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Tränen um
solche Dinge vergossen,' fiel ich ein.,Ich weine, weil ich unglücklich bin.
,Aber pfui, Miß! rief Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verlegen. Er heftete
seine Augen fest auf mich und fragte:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen,' sagte Bessie wieder einfallend.
,Gefallen! Wie ein Kind! Kann sie bei ihrem Alter denn
noch nicht allein gehen? Sie muß doch acht oder neun Jahre alt
sein?
,Man hat mich zu Boden geschlagen,' war die Erklärung.
welche ich mit gekränktem Stolze gab. ,Aber das hat mich nicht
krank gemacht,'' fügte ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise
nahm.
Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief
eine Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er wußte, was es
bedeutete: ,Das gilt Ihnen, Wärterin, sagte er zu Bessie, ,Sie
können hinuntergehen; ich werde Miß Jane einige Lehren geben,
bis Sie zurückkehren.
Bessie wäre lieber geblieben, aber Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten war eine Sache, auf welche in Gateshead-Hall strenge gehalten wurde.
,Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was war es
denn? fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.
,Ich wurde in ein Zimmer eingesperrt, wo ein Geist kam.
Ich sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. ,Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch wirklich noch
ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?
,Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem
Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst
jemand geht am Abend hinein, wenn es nicht dringend notwendig
ist; und es war so furchtbar grausam, mich dort allein, ohne Licht,
einzuschließen - so grausam, daß ich es niemals werde vergessen
können.
,Unsinn! Das macht Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt
bei Tage auch noch?
,Nein. Aber es dauert nicht lange, und dann wird es wieder
Nacht. Und außerdem, ich bin unglücklich, sehr unglücklich um
anderer Dinge willen.r
,Was für Dinge denn? Nennen Sie mir diese!
Nach einer unruhigen Pause gelang es mir, eine unzulängliche, aber wahre Antwort hervorzubringen.
,Erstens habe ich weder Vater, noch Mutter, noch Bruder,
noch Schwester.
,Aber Sie haben eine gütige Tante und Vettern und Cousinen.'
Wiederum hielt ich inne, dann rief ich stotternd aus:
,Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen, und meine
Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.
Zum zweitenmal holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdofe
hervor.
,Haben Sie außer Mrs. Reed keine Verwandten? fragte er
forschend.
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da
sagte sie, daß ich einige arme Verwandte, namens Eyre, haben
könne, daß sie aber nichts über sie wisse.
,Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?
Ich besann mich. Armut hat etwas Abschreckendes für erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; sie verstehen unter
Armut nur zerlumpte Kleider, spärliche Nahrung, einen kalten
Ofen, rohe Manieren und entwürdigende Laster.
,Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,' war meine
Antwort.
,Auch nicht, wenn sie Sie gütig behandelten?
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte nicht begreifen, wie arme
Leute gütig sein können. Und dann -- sprechen lernen wie sie --
ihre Manieren annehmen-- schlecht erzogen werden -- aufwachsen wie eins jener armen Weiber, die ich zuweilen vor den Türen
der Hütten ihre Kinder warten und ihre Kleider waschen sah?
Nein, ich war nicht heroisch genug, meine Freiheit um einen solchen
Preis zu erkaufen.
,Aber sind Ihre Verwandten denn so arm? Sind sie Arbeiter?
,Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt
Angehörige habe, so müssen sie Bettlerpack sein. Nein, nein, ich
möchte nicht betteln gehen.
,Möchten Sie nicht in die Schule gehen?
Wiederum dachte ich nach; kaum wußte ich, was eine Schule
denn eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem
Orte, an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich manierlich und geziert sind; John Reed haßte seine
Schule und schmähte seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten
und Geschmack waren keine Regel für die meinen, und wenn Bessies
Berichte über Schuldisziplin (diese stammten von den Töchtern
einer Familie, in welcher sie gedient hatte, bevor sie nach Gates-
head kam) etwas abschreckend lauteten, so waren die Erzählungen
von verschiedenen Talenten und Kenntnissen, welche diese selben
jungen Damen sich angeeignet hatten, andererseits höchst verlockend. Sie prahlte von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, welche sie vollendet, von Liedern, die sie
singen und Liedern, die sie spielen, von Geldbörsen, die sie häkeln,
von französischen Büchern, die sie übersetzen konnten, bis mein
Gemüt, während ich ihr lauschte, zur Nachahmung angeregt wurde.
Außerdem wäre die Schule doch eine gründliche Abwechselung,
damit war eine lange Reise verknüpft, eine gänzliche Trennung
von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.
,O, das möchte ich wohl,' war meine Antwort.
, Gut, gut, wer weiß denn, was geschieht!' sagte Mr. Lloyd,
indem er sich erhob.
Jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man
Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.
,Ist das Ihre Herrin, Wärterin? fragte Mr. Lloyd, ,ich
möchte sie noch sprechen, bevor ich gehe.
Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und
geleitete ihn hinaus. Wie ich aus den nachfolgenden Begebenheiten schloß, empfahl der Apotheker Mrs. Reed, daß sie mich in
eine Schule schicke; und ohne Zweifel wurde dieser Rat sehr bereitwillig aufgenommen, denn als ich an einem der folgenden Abende
im Bette lag, und Bessie und Abbot mich schlafend glaubten, sagte
letztere: , Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu froh, solch ein
heimtückisches, boshaftes Kind los zu werden; sie sieht immer aus,
als beobachte sie jeden Menschen und schmiede heimliche Pläne.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus Miß Abbots Mitteilungen an Bessie, daß mein Vater ein armer Geistlicher gewesen
sei, und daß meine Mutter ihn gegen den Willen ihrer Angehörigen
geheiratet habe. Ich hörte auch, daß mein Großvater Reed so ungehalten über ihren Ungehorsam gewesen sei, daß er sie gänzlich
enterbte; daß mein Vater, nachdem er kaum ein Jahr mit meiner
Mutter verheiratet gewesen, ein typhöses Fieber bekommen, während er die arme Bevölkerung einer großen Fabrikstadt, in welcher
seine Pfarre lag, besuchte; und daß meine Mutter kaum einen
Monat später starb.
Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte:
,Abbot, die arme Miß Jane ist doch recht zu bedauern.
,Ja, entgegnete Abbot, ,wenn sie ein liebes, gutes, hübsches
Kind wäre, so könnte man ihre Verlassenheit bedauern; aber solch
eine häßliche, kleine Kröte kann einem doch unmöglich Erbarmen
einflößen.
,Ja, stimmte Bessie ihr bei,,auf jeden Fall würde eine so
prächtige Schönheit wie Miß Georgina in einer solchen Lage viel
rührender sein.
4. Kapitel.
Mr. Brocklehurst macht mir klar, wie schlecht ich bin.
Tage und Wochen vergingen; ich hatte meine Gesundheit wiedererlangt. Oft betrachtete Mrs. Reed mich mit strengen Blicken,
aber nur selten sprach sie zu mir. Seit meiner Krankheit hatte sie
eke schärfere Grenze denn je zwischen mir und ihren eigenen Kindern gezogen; mir war eine kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte mich verbannt, allein in der Kinderstube zu verweilen, während meine Vettern und Cousinen sich stets
im Wohnzimmer aufhielten. Indessen fiel noch immer kein Wink
über den Plan, mich in die Schule zu schicken; und doch hegte ich
die instinktive Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unter
ihrem Dache dulden würde; denn mehr als je drückte ihr Blick,
wenn er auf mich fiel, einen unüberwindlichen Abscheu aus.
Eliza und Georgina sprachen so wenig wie möglich mit mir;
John streckte die Zunge aus, sobald er mich erblickte und versuchte
sogar einmal, mich zu züchtigen; da ich mich aber augenblicklich
gegen ihn wandte, und er in meinen Blicken dieselbe Wut wahrnahm, in welcher ich mich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte,
hielt er es für besser, abzulassen und unter läuten Verwünschungen davonzulaufen,während er behauptete, ich habe ihm das Nasenbein zertrümmert. Allerdings hatte ich ihm einen Schlag versetzt ,
so heftig, wie meine Knöchel ihn auszuteilen vermochten; und als
ich sah, daß entweder dieser Schlag oder meine Blicke ihn eingeschüchtert hatten, spürte ich die größte Neigung, meinen Vorteil
noch weiter zu verfolgen; er war indessen schon zu seiner Mutter
gelaufen. Ich hörte, wie er mit stammelnden Lauten eine Geschichte begann, ,wie diese abscheuliche Jane Eyre'' einer wilden
Katze gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger Stimme fiel ihm
seine Mutter ins Wort:
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du
ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert.
In diesem Augenblick lehnte ich mich über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten meine Wort abzuwägen:
,Sie sind nicht wert, daß ich mich mit Ihnen einlasse.
ls Mrs. Reed diese kühnen Worte vernahm, kam sie ganz
schnell die Treppe heraufgelaufen, brachte mich mit Windeseile
in die Kinderstube und verbot mir, mich von dieser Stelle fortzurühren und während des ganzen Tages auch nur eine einzige Silbe
zu sprechen.
,Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte
war meine unwillkürliche Frage.
,Was? sagte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so
kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, was wie Furcht
aussah; sie ließ meinen Arm los und blickte mich an, als wisse sie
nicht, ob ich ein Kind oder der böse Feind sei. Jetzt war ich im
Zuge:
,Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was
Sie tun und sagen; und mein Vater und meine Mutter auch; sie
wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß Sie nur
wünschen, ich wäre tot.
Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte mich heftig,
sie ohrfeigte mich aus allen Kräften und verließ mich ohne ein
Wort.
Der Spätherbst verging. Weihnachten kam heran. In der
Familie wurde das liebliche Fest fröhlich gefeiert. Ich war davon
ausgeschlossen; mein Anteil an diesem bestand darin, daß ich täglich
mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgina auf das schönste herausgeputzt, in ihren zarten Kleidern und roten Schärpen mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen; und später horchte
ich dann auf die Töne des Klaviers oder der Harfe, die zu mir
heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und die Diener hin
und her liefen, wie die Teller klapperten und die Gläser klangen,
während die Erfrischungen umhergereicht wurden; und wenn die
Türen des Salons geöffnet und wieder geschlossen wurden, drangen sogar abgebrochene Sätze der Unterhaltung an mein Ohr.
Wenn ich des Lauschens müde geworden, verließ ich meinen Posten
auf dem Treppenabsatz und ging in die stille, einsame Kinderstube
zurück; dort, wenn ich auch traurig war, fühlte ich mich wenigstens
nicht elend. Offen gestanden, hegte ich nicht das leiseste Verlangen,
in Gesellschaft zu gehen, denn in der Gesellschaft schenkte mir selten
irgend jemand Beachtung; und wenn Bessie nur ein wenig liebenswürdig und freundlich gewesen wäre, so hätte ich es für eine Bevorzugung angesehen, die Abende ruhig mit ihr anstatt unter den
gefürchteten Augen von Mrs. Reed, in einem Kreise von mir gleichgültigen Herren und Damen zubringen zu dürfen. Aber sobald
Bessie ihre jungen Damen angekleidet hatte, pflegte sie in die
lebhafteren Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin hinunterzugehen und gewöhnlich auch noch die Lampe
mit fortzunehmen. Dann saß ich da mit meiner Puppe im Arm,
bis das Feuer abgebrannt war, und blickte zuweilen ängstlich umher, um mich zu vergewissern, daß sich nichts Schlimmeres als ich
selbst in dem düsteren Zimmer befand; wenn sich dann nur noch
ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste befand, entkleidete
ich mich hastig und suchte in meinem Bettchen Schutz vor Kälte und
der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm ich auch stets meine
Puppe mit; jedes menschliche Wesen muß et w as lieben, und da
mir jeder andere Gegenstand für meine Liebe fehlte, fand ich meine
Glückseligkeit darin, ein Gebilde zu lieben, das noch häßlicher als
eine MiniaturVogelscheuche war. In der Erinnerung scheint es
mir jetzt unbegreiflich, daß ich mit so alberner Zärtlichkeit an diesem kleinen Spielzeug hängen konnte; oft bildete ich mir ein, daß
es lebendig sei und mit mir empfinden könnte. Ich konnte nicht
schlafen, wenn ich es nicht in die Falten meines Nachthemdchens
gehüllt hatte, und wenn es dort sicher und warm lag, fühlte ich
mich verhältnismäßig glücklich, weil ich glaubte, daß es ebenfalls
glücklich sein müsse.
Wie lang schienen mir die Stunden, wenn ich auf das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf Bessies Tritte auf der
Treppe horchte. -- Zuweilen kam sie auch in der Zwischenzeit
herauf, um ihren Fingerhut und ihre Schere zu suchen oder mir
irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht ein Milchbrot heraufzubringen; dann pflegte sie auf der Bettkante zu sitzen, während ich
aß, und wenn ich fertig war, wickelte sie mich fest in die Decken und
küßte mich zweimal und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane. Wenn
Bessie so sanft war, erschien sie mir wie das beste, freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte ich so innig, daß sie stets
so fröhlich und liebenswert sein und mich niemals wieder umherstoßen oder schelten oder mich ungerecht beschuldigen möchte, wie
es doch meistens ihre Gewohnheit war. ich glaube, daß Bessie
Lee ein Mädchen mit guten, natürlichen Anlagen gewesen sein
muß, denn in allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein eigentümliches Erzählertalent, oder wenigstens schien mir es so nach dem Eindruck, welchen ihre Kinderstubengeschichten auf mich machten. Sie steht vor mir schlank und
jung, mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr hübschen Zügen
und einer klaren, gesunden Gesichtsfarbe; aber sie war von heftigem und launenhaftem Temperament-- und doch, wie und was
sie auch sein mochte, sie war mir lieber als irgend ein anderes
lebendes Wesen in Gateshead-Hall.
Es war am 15. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens.
Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; meine Cousinen
waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade
ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern- eine Beschäftigung,
welche sie sehr liebte-- und ebensoviel Vergnügen machte es ihr,
der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie
auf solche Weise erlangte, zusammenzusparen. Sie hatte viel
Sinn für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit; dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern
und Eiern, sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner
um Blumenpflanzen, Samen und junge Stengel; dieser Beamte
hatte von Mrs. Reed den strengen Befehl' erhalten, der jungen
Herrin alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen wünschte, abzukaufen, und Eliza würde jedes einzelne
Haar von ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften
Vorteil dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen
möglichen Winkeln und Ecken, in alte Lumpen gewickelt, versteckt;
aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete, eines
Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer Mutter gegen unerhörte Wucherzinsen-- fünfzig oder sechzig Prozent
-- anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes Vierteljahr ein und führte mit genauer Sorgfalt in einem kleinen Notizbuche hierüber Rechnung.
Georgina saß auf einem hohen Stuhl und ordnete ihr Haar
vor dem Spiegel;' in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen und
verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in einer
Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Ich brachte mein
Bett in Ordnung, denn Bessie hatte mir den genauen Befehl erteilt,
damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; sie benutzte
mich jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um
das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen
usw.-- Nachdem ich die Bettdecke ausgebreitet und mein Nachtkleid zusammengefaltet hatte, ging ich an das Fensterbrett, un
einige Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort
umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georginas,
ihre Spielsachen nicht anzurühren, gebot meinem Tun Einhalt.
In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing ich jetzt an, auf
die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert
hatte, zu hauchen, und mir so eine kleine Öffnung auf dem Glase
zu verschaffen, durch welche ich in den Garten blicken konnte, wo
der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.
Durch das Fenster war die Fahrstraße sichtbar, und gerade,
als ich so viel von den gefrorenen Fensterscheiben fortgehaucht
hatte, um hinausblicken zu können, sah ich, daß die Pforten geöffnet wurden und ein Wagen durch das Tor rollte. Er hielt vor
dem Hause, die Glocke wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt
-
,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab. Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen'- Bevor ich antwortete, streute ich noch einige Brotkrumen für die hungernden
Vögel auf das Fenstergesims; dann erst schloß ich das Fenster und entgegnete:
,Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Staubwischen fertig
geworden.'
,Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie
da jetzt?
Die Antwort blieb mir erspart, denn Bessie hatte es eilig; sie
zerrte mich an den Waschtisch, rieb meine Hände und mein Gesicht
erbarmungslos mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch;
ordnete mein Haar mit einer scharfen Bürste, band meine Schürze
los und riß mich dann schnell an die Treppe, wo sie mir gebot,
eilig hinunterzugehen, da man mich im Frühstückszimmer erwarte.
Ich hätte gern gewußt, wer mich erwartete; gern hätte ich gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davongelaufen und hatte die Kinderstubentür hinter sich geschlossen.
Langsam ging ich die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten
hatte Mrs. Reed mich nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war
ich auf die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer, der Speisesaal und der Salon waren für mich Regionen
geworden, die ich nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.
Ich stand jetzt in der leeren Halle; vor mir war die Tür des
Frühstückszimmers. zitternd und furchtsam hielt ich inne. Welch
einen elenden, kleinen Feigling hatte die Furcht vor ungerechter
Behandlung in jenen Tagen aus mir gemacht! Ich fürchtete mich,
in die Kinderstube zurückzugehen; ich fürchtete mich, in das Wohnzimmer einzutreten! Zehn Minuten stand ich ängstlich zögernd
da; das heftige Klingeln der Glocke im Frühstückszimmer entschied:
ich mußte eintreten.
,Wer konnte nach mir verlangen?' fragte ich mich, als ich
mit beiden Händen die Türklinke erfaßte, welche mehrere Sekunden
meinen Anstrengungen widerstand. ,Wen würde ich noch auf;er
Tante Reed in dem Zimmer erblicken?- Einen Mann oder eine
Frau?- Die Klinke gab nach. Die Tür sprang auf.
Ich trat ein und erblickte-- einen schwarzen Pfeiler! - Als ein solcher erschien mir wenigstens auf den ersten Blick die lange,
schmale, schwarzgekleidete Gestalt mit ernster Miene, welche kerzengerade auf dem Teppich stand.
Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin inne. Sie gab mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich tat es, und
sie stellte mich dem steinernen Gaste mit den Worten vor:,Dies ist
das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich an Sie wandte.'
Er wandte den Kopf langsam nach mir um, und nachdem er mich mit seinen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich
mit einer tiefen Stimme:,Sie ist klein von Gestalt, wie alt ist sie?’
,Zehn Jahre.’
,So alt?' lautete die zweifelnde Antwort. Darauf redete er mich an: ,Ihr Name, kleines Mädchen?
,Jane Eyre, mein Herr.’
,Nun, Jane Eyre, sind Sie ein artiges Kind?’
Wie sollte ich diese Frage beantworten? Die Welt, die mich umgab, war anderer Meinung -- ich schwieg. Mrs. Reed antwortete für mich mit einem ausdrucksvollen Schütteln des Kopfes und fügte hinzu:,Je weniger man hierüber spricht, Mr. Brocklehurst, desto besser.’
,Das ist mir nicht lieb zu hören!' antwortete er und setzte sich in den Lehnstuhl, welcher Mrs. Reed gegenüberstand. ,Kommen Sie hierher,'' sagte er.
Ich ging über den Kaminteppich; er stellte mich gerade und aufrecht vor sich.
,Es gibt keinen widerwärtigeren Anblick, als den eines unartigen Kindes,! begann er, ,besonders eines unartigen kleinen
Mädchens! Wissen Sie, wohin die Gottlosen nach dem Tode kommen?’
,Sie kommen in die Hölle, lautete meine schnelle und strenggläubige Antwort.’
,Und was ist die Hölle?’
,Ein Abgrund voll Feuer.’
,Und möchten Sie wohl in diesen Abgrund fallen und dort ewig brennen?’
‘Nein, Herr.’
,Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?’
Einen Augenblick überlegte ich meine Antwort; dann sagte ich
aufs Geratewohl: ,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.''
,Wie können Sie denn gesund bleiben? Täglich sterben Kinder, die jünger sind als Sie. Erst vor zwei oder drei Tagen habe
ich ein kleines Kind von fünf Jahren begraben - ein gutes
Find, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Ich fürchte, daß man dasselbe nicht von Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben
abberufen würden.
Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu zerstreuen,
schlug ich nur die Augen nieder und ließ sie auf den beiden großen
Füßen ruhen, die auf dem Kaminteppich standen. Dann seufzte
ich tief auf. Ich wünschte mich weit, weit fort.
,Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens
kommt, und daß Sie bedauern, Ihrer ausgezeichneten Wohltäterin
so ungehorsam gewesen zu sein.
,Wohltäterin! Wohltäterin!' wiederholte ich innerlich.
,Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin; wenn sie das
war, so ist eine Wohltäterin eine häßliche Sache.
,Verrichten Sie abends und morgens Ihr Gebet?' fuhr er
fort.
.Ja. Herr.
,Lesen Sie Ihre Bibel?
,Zuweilen.
,Mit Freude? Leben Sie Ihre Mote
,Ich liebe die Offenbarung und das Buch Daniel und das
erste Buch Mosis und das Buch Samuelis und ein wenig vom Buch
der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik und Hiob
und Ruth.
,Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch?
,Nein, Herr.
,Nein? O, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, viel
jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn
man ihn fragt, ob er lieber eine Pfeffernuß zum Essen, oder einen
Vers aus den Psalmen zum Auswendiglernen haben möchte, so
sagt er: .,den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja
Psalmen,' sagt er, ,ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner
Engel sein,'' dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit zwei Pferffernüsse.
,Psalmen sind nicht interessant,'' bemerkte ich.
,Das beweist, daß Sie ein böses Herz haben und Sie müssen
Gott bitten, daß er es besser macht; daß er Ihnen Ihr Herz von
Stein nimmt und Ihnen ein Herz von Fleisch gibt.
Ich war gerade im Begriff, eine Frage zu tun, als Mrs. Reed
mich unterbrach:
,Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen
ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe,
daß dieses kleine Mädchen keinen guten Charakter hat. Ich würde
Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer in
Lowood ersuchen wollten, ein wachsames Auge auf sie zu haben
und vor allen Dingen, ihrem schlimmsten Fehler, der Neigung zur
Lüge und Verstellung, entgegenzuarbeiten. Ich erwähne diese
Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch
Mr. Brocklehurst zu täuschen.'
Diese Beschuldigung, vor einem Fremden ausgesprochen,
schnitt mir tief ins Herz. Ich merkte, daß Mrs. Reed bemüht war,
Argwohn und Unfreundlichkeit auf meinen künftigen Lebenspfad
zu säen; ich sah, wie ich mich in Mr. Brocklehursts Augen in ein
verschlagenes, eigensinniges Kind verwandelte; und was konnte
ich tun, um dies gegen mich begangene Unrecht abzuwenden?
,Nichts, in der Tat! dachte ich, als ich kämpfte, um ein
Schluchzen zu unterdrücken, und hastig einige Tränen, die ohnmächtigen Zeugen meiner Herzensangst, abtrocknete.
,Verstellung ist in der Tat ein trauriger Fehler bei einem
Kind,' sagte Mr. Brocklehurst. ,Alle Lügner müssen einstmals
in Pech und Schwefel brennen; sie soll indessen scharf bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und
Lehrerinnen sprechen.
,Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit
ihren Lebensaussichten übereinstimmt,' fuhr meine Wohltäterin
fort, ,sie soll sich nützlich machen und bescheiden bleiben. Die
Ferien soll sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood zubringen,
,Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus richtig,' entgegnete Mr. Brocklehurst.,Die Demut ist eine christliche Tugend,
die ganz besonders für die Schülerinnen von Lowood passend ist;
ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege eine besondere
Sorgfalt gewidmet wird. Ich lasse es stets meine Sorge sein, zu
ergründen, wie das weltliche Gefühl des Stolzes am besten in
meinen Schülern zu ersticken ist. Und vor wenigen Tagen erst
hatte ich eine angenehme Probe meiner Erfolge. Meine zweite
Tochter, Auguste, ging mit ihrer Mama, um die Schule zu besuchen, und bei ihrer Rückkehr rief sie aus: ,O, mein teurer Papa,
wie ruhig und einfach all die Mädchen in Lowood aussehen! Mit
ihrem Haar, das glatt hinter die Ohren gestrichen ist, und ihren
langen Schürzen und den kleinen Taschen, welche sie über ihren
Kleidern tragen-- sie sehen beinahe aus wie die Kinder armer
Leute! und, fuhr sie fort, ,sie starrten Mamas und mein Kleid
an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch kein seidenes Kleid gesehen hätten.
,Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,' erwiderte Mrs. Reed, ,wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich kein System gefunden haben,
das für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt
haben würde. Konsequenz und Festigkeit, mein lieber Mr. Brocklehurst, ich befürworte Konseguenz in allen Dingen!''
,Konsequenz. Madame, ist die erste der christlichen Pflichten,
und sie wird in dem Etablissement von Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung,
einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten-- das ist die Tagesordnung für das Haus und seine Bewohner.
,Ganz in der Ordnung, mein Herr,'' war Mrs. Reeds Antwort. ,Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als
Schülerin in Lowood aufgenommen und dort ihrer Stellung und
ihren Lebensaussichten angemessen erzogen wird.
,Ja, Madame, das können Sie. Und ich hoffe, daß sie sich
dankbar zeigen wird für das unschätzbare Glück, welches ihr dadurch zuteil wird.
,Ich werde sie so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst,
denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so schnell
wie möglich von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, welche
mir endlich drückend geworden ist,
,Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel, und jetzt will ich mich
empfehlen. In ungefähr zwei bis drei Wochen werde ich nach
Brocklehurst-Hall zurückkehren. übrigens werde ich Miß Temple
ankündigen, daß sie ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit es
bei ihrem Eintritt keine Schwierigkeiten gibt.
,Mein kleines Mädchen, hier ist ein Buch mit dem Titel:,Des
Kindes Führer''; lesen Sie es mit Andacht, besonders jenen Teil,
welcher von dem schrecklichen, plötzlichen Tode Martha G.s handelt,
einem unartigen Kinde, welches der Heuchelei und Lüge ergeben
war.
Mit diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein kleines Heft in
meine Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte
sich unter herzlicher Verabschiedung von Mrs. Reed.
Mrs. Reed und ich blieben allein. Mehrere Minuten verharrten wir im Schweigen; sie nähte, ich beobachtete sie. Mrs.
Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig
Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten
Schultern und starken Knochen. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, der Unterkiefer war hervortretend und stark entwickelt; ihre
Stirn war niedrig, das Kinn breit, Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig; unter ihren farblosen Augenbrauen blitzte ein
Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Haut war dunkel und
matt, das Haar flachsblond; ihre Konstitution war fest und gesund-- eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine
strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft
standen vollständig unter ihrer Aufsicht; nur ihre Kinder trotten
zuweilen ihrer Würde und verlachten sie höhnisch; sie kleidete sich
hübsch und verstand es, eine schöne Toilette mit Anstand zu tragen.
Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß ich auf
einem niedrigen Schemel und ließ meine Blicke prüfend auf ihrer
Gestalt und ihren Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt ich das
Schriftchen, welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte. Noch war meine Seele tief verletzt von dem, was soeben
geschehen war, was Mrs. Reed in bezug auf mich mit Mr. Brocklehurst gesprochen, von dem ganzen Inhalt ihres Gesprächs. Ich
hatte jedes Wort ebenso tief empfunden, wie ich es deutlich
gehört hatte, und ein leidenschaftliches Gefühl der Rache begann sich in mir zu regen.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf.
,Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!? In meinem Blicke oder in meinen Bewegungen mußte sie
etwas Herausforderndes gesehen haben, denn sie sprach in heftigster, wenn auch unterdrückter Bewegung. Ich stand auf; ich ging
an die Tür; ich kam wieder zurück; dann ging ich an das Fenster,
durch das Zimmer, und stellte mich dicht vor sie hin.
Sprechen mußte ich, man hatte mich zu schwer verletzt,
ich mußte mich auflehnen, doch wie? Ich faßte meinen ganzen
Mut zusammen und schleuderte ihr folgende Worte ins Gesicht:
,Ich bin nicht heuchlerisch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so
würde ich sagen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich
nicht liebe, ich hasse dich mehr als irgend jemanden auf der ganzen Welt, John Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der
Geschichte einer Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgiana
geben, denn sie ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.
Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit; ihr eiskaltes Auge blickte starr in das meine:
,Hast du sonst noch mehr zu sagen? fragte sie mich in schneidendem Tone.
,Ich bin glücklich, fuhr ich bebend fort,,daß Sie nicht meine
Verwandte sind. Niemals, solange ich lebe, werde ich Sie wieder
Tante nennen. Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich
kommen, um Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich Sie leiden kann und wie Sie mich behandelt
haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie mich allein
schon krank macht, und daß Sie mich mit entsetzlicher Grausamkeit
behandelt haben.’
,Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?
,Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Weil es die Wahrheit ist. Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen. Ich werde
niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen. Vor Jammer und
Entsetzen fast erstickend, schrie und flehte ich aus allen Kräften:
,Hab' Erbarmen, Tante Reed! Hab' Erbarmen!? Und diese
Strafe ließen Sie mich erdulden, weil Ihr boshafter Sohn mich ohne Grund zu Boden schlug. Und diese Geschichte werde ich jedem
erzählen, der mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig und falsch!’
Mrs. Reed sah erschrocken aus; die Arbeit war von ihren Knien gefallen, sie erhob die Hände, wiegte sich hin und her und
verzog ihr Gesicht zum Weinen.
,Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du etwas Wasser trinken?’
,Nein, Mrs. Reed.’
,Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir glauben, ich wünsche nichts anderes, als deine Freundin zu sein.'
,Nein, das wollen Sie nicht. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen und bösen Charakter habe. Aber
ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind und was Sie getan haben.’
,Jane, das verstehst du nicht. Kinder müssen für ihre Fehler gestraft werden.’
,Falschheit ist aber nicht mein Fehler!’ schrie ich mit lauter, wilder Stimme.
,Aber du bist heftig, Jane, das mußt du zugeben. Und jetzt geh' wieder in die Kinderstube, mein liebes Kind! -- Geh' und ruh'
dich ein wenig aus.
,Ich bin nicht Ihr liebes Kind! Ich kann mich nicht ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs.
Reed, das Leben hier verabscheue ich.'
,Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,? murmelte Mrs. Reed. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.
Ich blieb nun allein, ich behauptete das Schlachtfeld. Es war der erbitterste Kampf, den ich jemals gekämpft, und der erste
Sieg, den ich je errungen. Einige Augenblicke stand ich vor dem Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte ich still vor mich hin und fühlte mich gehoben; aber diese wilde Freude schwand dahin in demselben Maße, wie das beschleunigte Tempo meines Pulsschlages nachließ. Ein Kind kann nicht mit älteren Leuten streiten, wie ich es getan-- kann seinen unbemeisterten Gefühlen nicht ungehindert Ausdruck verleihen, wie es soeben non mir geschehen -- ohne daß es nachher die Qualen der Gewissensbisse, den Schauder der Gegenwirkung empfindet. Ein Streifen brennenden Heidelandes, glühend, tobend, verzehrend-- das wäre eine passende Verbildlichung meines Gemütes gewesen, als ich Mrs. Reed anklagte und bedrohte. Und dasselbe Heideland, schwarz und versengt, nachdem die Flammen erloschen, würde ebenso treffend meinen späteren Gemütszustand versinnbildlicht haben, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde mir den Wahnsinn meines Vorgehens und die Trostlosigkeit meiner verhaßten Lage und hassenden Stimmung vor Augen geführt hatte.
Zum erstenmal empfand ich die Süßigkeit der Rache; dann aber beschlich mich ein Gefühl der Reue. Gern wäre ich gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber ich wußte, teils aus Erfahrung, teils aus Instinkt, daß sie mich dann nur mit doppelter Verachtung zurückstoßen und meine Heftigkeit aufs neue erwecken würde.
Ich öffnete die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer
in den Garten führte; das Buschwerk lag so still da; der düstere
Frost, weder durch Sonne noch Wind gestört, herrschte im Garten.
Ich lehnte mich gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame
Weide, auf welcher keine Schafe mehr grasten. Es war ein sehr
grauer Tag; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf
den hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben, ohne zu schmolzen.
Da stand ich, ein unglückliches Kind und flüsterte immer wieder:,Was soll ich tun? Was soll ich tun?
Plötzlich hörte ich eine helle Stimme rufen: ,Miß Jane! Wo
sind Sie? Kommen Sie zum Frühstück herein!'
Ich wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber ich rührte mich
nicht von der Stelle. Sie kam auf dem Gartenwege herab.
,Sie unartiges, kleines Ding !' sagte sie. ,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Bessies Gegenwart war erheiternd im Vergleich zu meinen
düsteren Gedanken, wenngleich sie etwas zornig war. Ich schlang
denn meine beiden Arme um ihren Hals und sagte schmeichelnd:
,Sei gut, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgend
eine, die ich mir bis jetzt erlaubt hatte; sie mußte auch dem Mädchen gefallen.
,Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane,' sagte sie, ,ein
kleines, ruheloses, einsames Ding; also vermutlich wird man Sie
jetzt in die Schule schicken?’
Ich nickte.
,Und wird es Ihnen nicht leid sein, Ihre arme Bessie zu verlassen?’
,Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer
nur.’
,Well Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines Ding sind. Sie sollten dreister sein.’
,Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?’
,Unsinn! Aber es ist wahr, man geht hart mit Ihnen um. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie, daß sie
keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen möchte. Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe gute Nachrichten für
Sie.’
,Ach nein, Bessie, die hast du nicht.’
,Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen
Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen
Damen und Master John fahren heute nachmittag aus, und Sie
sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten, daß sie
Ihnen einen kleinen Kuchen backt, und später helfen Sie mir, Ihre
Kleider durchzusehen; denn ich werde bald Ihren Koffer packen
müssen. Die gnädige Frau hat beschlossen, daß Sie in ein bis
zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen wollen.'
,Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten, solange ich noch hier bin.'
,Nun, das will ich! Aber nun müssen Sie auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten.'
,Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir
fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und gar
bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu fürchten
habe.
,Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie niemals lieb haben.'
,Wie du es tust, Bessie?’
,ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von Ihnen, als von all den anderen!'
,Aber du zeigst es mir nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz anders. Was macht Sie denn so mutig und kühn?’
, Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem -- ich war im Begriff etwas von den zu sagen, was zwischen Mrs.
Reed und mir vorgefallen war, aber ich besann mich und schwieg.
, Sie sind also froh, mich zu verlassen?’
,O, gewiß nicht, Bessie; in der Tat, in diesem Augenblick tut es mir fast leid.’
Bessie neigt sich zu mir, wir umarmten uns, und ich folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmittag verging in Frieden
und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie mir einige ihrer schönsten Geschichten und sang mir ihre lieblichsten Lieder vor. Sogar mein Leben hatte also einen Sonnenstrahl.
5. Kapitel.
Die Reise nach Lowood. -- Die ersten Eindrücke.
Am 19. Januar sollte ich Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an dem Parktor vorüberfuhr.
Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube Feuer angezündet und bereitete jetzt mein Frühstück. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und ich konnte es auch nicht.
Vergebens bat Bessie mich, nur einige Löffel voll von dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für mich bereitet hatte; ich weigerte
mich hartnäckig; dann wickelte sie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und steckte sie in meine Reisetasche. Darauf
bekleidete sie mich mit Hut und Pelz, hüllte sich in ein großes Tuch und verließ mit mir die Kinderstube. Als wir an Mrs. Reeds
Schlafzimmer vorüberkamen, sagte sie: ,Wollen Sie Ihrer Tante Lebewohl sagen?’
,Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich
sie und meine Cousinen heute morgen nicht stören sollte. Dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine beste Freundin gewesen sei und dankbar von ihr zu sprechen und an sie zu denken.
,Was antworteten Sie darauf, Fräulein?’
,Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte mich der Wand zu.
,Das war nicht recht, Miß Jane.’
,Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine Freundin gewesen, sie war meine Feindin.’
,O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!'
,Lebewohl, Gateshead!' rief ich, als wir durch die Halle gingen und zur Haustür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen, und es war sehr dunkel.
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Treppenstufen und einen durch Tauwetter aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und
rauh war dieser Wintermorgen, meine Zähne schlugen vor Kälte zusammen, als wir den Fahrweg hinabeilten. Es fehlten nur
noch wenige Minuten an secs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder
das Herannahen des Postwagens. ich ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daherkamen.
Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und dem von Reisenden besetzten Dach vor der Tür; der Kutscher und
der Schaffner trieben laut zur Eile an; mein Koffer wurde hinaufgehißt; man zog mich von Bessie fort, die ich mit Küssen bedeckte.
,Geben Sie nur gut acht auf das Kind rief sie dem Schaffner zu, der mich in den Wagen hob.
,Ja! ja!'' war die Antwort. Die Tür wurde wieder zugeschlagen, eine Stimme rief,Fertig'', und vorwärts ging es. So
trennte ich mich von Bessie und Gateshead-- so flog ich davon, unbekannten und fernen Regionen entgegen.
Von der Reise weiß ich nicht viel mehr. Ich weiß nur noch, daß der Tag mir sehr lang vorkam, und daß es mich dünkte, als
ob die Landstraße, auf welcher wir dahinfuhren, hunderte von Meilen lang sei. Wir kamen durch verschiedene Städte, und in
einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche an; die Pferde wurden ausgespannt, und die Passagiere stiegen aus, um zu Mittag zu essen. ich wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Schaffner mich aufforderte, mich zum Speisen hinzusetzen; da ich jedoch keinen Appetit hatte, ließ er mich in einem großen Zimmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand; ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand war eine kleine,
rote Galerie angebracht, auf der verschiedene musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemache ging ich lange auf und ab; mir war gar seltsam zumute, und ich hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um mich zu rauben und fortzuführen, denn ich glaubte an Kinderdiebe; ihre Taten hatten in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle gespielt. Endlich kam der Schaffner zurück, noch einmal wurde ich in die Kutsche gepackt; mein Beschützer stieg auf seinen eigenen Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselten wir über die steinigen Straßen von L.
Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann ich zu fühlen, daß wir in der Tat schon
weit von Gateshead entfernt sein mußten; wir hörten auf, Städte
zu passieren; die Landschaft veränderte sich; große, graue Hügel
begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und dunkler wurde, fuhren wir in ein düsteres, dicht bewaldetes Tal hinab,
und lange, nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte und jede Aussicht unmöglich machte, hörte ich den wilden Sturm durch die
Bäume rauschen.
Das Rauschen lullte mich ein, endlich schlief ich fest. Das
plötzliche Aufhören der Bewegung weckte mich. Der Schlag der
Postkutsche war geöffnet, und eine Person, die wie eine Dienerin
gekleidet war, stand daneben.
,Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?’ fragte sie. Ich antwortete ,Ja' und wurde herausgehoben; man setzte meinen Koffer ab, und der Postwagen fuhr weiter.
Ich war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom Gerassel der Kutsche; nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte,
blickte ich umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft;
trotzdem unterschied ich eine Mauer vor mir und eine geöffnete
Tür in ihr. jetzt wurde ein Haus sichtbar. Wir wurden eingelassen, dann führte die Dienerin mich durch einen Korridor in ein
Zimmer, wo ein helles Kaminfeuer brannte, und ließ mich allein.
Ich war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Tür geöffnet
wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der Hand trug: eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum Teil durch einen Shawl verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.
,Das Kind ist noch gar zu jung, um eine solche Reise allein zu machen,' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte. Mehrere Minuten betrachtete sie mich aufmerksam, dann fügte sie hinzu:
,Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht ermüdet aus. Bist du müde?’ fragte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter.
,Ein wenig, Madame.
,Und wohl auch hungrig. Geben Sie ihr, Miß Miller, etwas zu essen, bevor sie sich schlafen legt. Ist es das erste Mal, daß du
deine Eltern verlassen hast, meine Kleine, um hier in die Schule zu kommen?
Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern hätte. Sie fragte mich. wie lange sie schon tot seien; dann wie alt ich sei, wie ich heiße, ob
ich lesen könne und auch schreiben und etwas nähen. Endlich berührte sie meine Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte, sie
hoffe, daß ich ein artiges Kind sein würde, und dann entließ sie mich mit Miß Miller.
Die Dame, die ich soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit mir ging, konnte um
einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf
mich. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, ihr Teint war gesund, obgleich ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen trugen; sie war hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine Menge der verschiedensten Dinge zu besorgen hat; in der Tat, man sah auf den ersten Blick, daß sie war, was
ich späterhin erfuhr -- eine Unterlehrerin.
Von dieser geführt, ging ich von Zimmer zu Zimmer, von
Korridor zu Korridor durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude.
Endlich traten wir in ein großes, langes Zimmer, in welchem an
jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen, und rund um dieselben saßen auf Bänken eine
Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zwanzig
Jahren. Sie trugen sämtlich braune wollene Kleider nach Cä
altmodischem Schnitt. Sie hatten jetzt Arbeitsstunde, in welcher
sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten.
Miß Miller hieß mich auf einer Bank nahe der Tür Platz nehmen; dann ging sie an das obere Ende des großen Zinnners und
rief mit lauter Stimme:
,Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher ein!
Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie fort.
Von neuem erscholl das Kommandowort:
,Aufseherinnen, holt das Abendessen!’
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich
zurück. Jedes trug ein großes Präsentierbrett. In der Mitte
eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein
Becher und die Schüssel mit der Eßportion. Die Portionen wurden umhergereicht, wer wollte, konnte auch einen Scluck Wasser
trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die
Reihe an mich kam, trank ich, denn ich war durstig; die Speise ließ
ich unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich, zu essen.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei
nach oben. Diese Nacht mußte ich das Bett mit Miß Miller teilen,
sie half mir beim Ausziehen. Als ich mich niederlegte, blickte ich
auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei
Mädchen sich füllte, nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht. Stille und völlige Dunkelheit herrschten; ich schlief ein.
Als ich die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer
Glocke an mein Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden
und kleideten sich an. Widerwillig erhob auch ich mich, es war
bitter kalt, und ich kleidete mich an, so gut es vor Kälte gehen
mochte. Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen
Abend zwei und zwei in die Reihe, und in dieser Ordnung gingen
sie die Treppe hinunter. Sie traten in das spärlich beleuchtete und
kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor;
dann rief sie laut:
,Bildet die Klassen!’
Hierauf folgte ein großer Lärm, der einige Minuten anhielt.
Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen:, Ruhe!' und
,Ordnung!' Als diese endlich eingetreten, sah ich, daß alle sich in
vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen, und ein großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl.
Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei
Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen Tisch und
nahm ihren Plat ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl, welcher der Tür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder
sich versammelt hatten. Dieser untersten Klasse wurde auch ich zugewiesen, und zwar mußte ich den letzten Platz einnehmen.
Jetzt begann der Unterricht. Die Losung des Tages wurde wiederholt, dann wurden mehrere Stellen aus der Heiligen Schrift
hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der
Bibel, welches eine ganze Stunde dauerte. Als wir mit dieser
Übung zu Ende gekommen, war der Tag vollständig angebrochen.
Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen
sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer zum Frühstück. Wie froh war ich bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu
essen zu bekommen! Der Hunger hatte mich schon schwachgemacht, denn tags zuvor hatte ich sehr wenig zu mir genommen.
Im Speisezimmer auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen, das einen nichts weniger als einladenden Geruch ausströmte.
,Ekelhaft! Die Suppe ist schon wieder angebrannt!' flüsterte es in meiner Umgebung.
,Ruhe!' gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß Millers, sondern gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen,
dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an
einem der Tische Plat, während eine behäbigere Dame an den anderen präsidierte. Umsonst hielt ich Umschau nach der Gestalt,
welche ich am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar.
Miß Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen,
an welchem ich saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche Dame-- die französische Lehrerin, wie ich später erfuhr -
nahm denselben Platz am nächsten Tische ein.
Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die Lehrerinnen herein,
und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.
Vollständig ausgehungert verschlang ich mehrere Löffel voll
von meiner Portion, ohne an den Geschmack zu denken; als aber
der erste Hunger gestillt war, bemerkte ich, daß ein übelriechendes
Zeug vor mir stand. Angebrannter Haferbrei ist beinahe ebenso
abscheulich wie verfaulte Kartoffeln; selbst die Hungernot schreckt
davor zurück. Die Löffel wurden ganz langsam in Bewegung gesetzt, ich sah, wie jedes Mädchen die ihr vorgesetzte Nahrung kostete
und versuchte, sie hinunterzuschlucken, aber in den meisten Fällen
wurden diese Bemühungen aufgegeben. Das Frühstück war vorüber, und niemand hatte gefrühstückt. Wir sprachen das Dankgebet für etwas, was wir gar nicht bekommen hatten, und nachdem
eine zweite Hymne abgesungen worden, leerte das Refektorium sich,
und wir begaben uns in das Schulzimmer. Ich war eine der letzten die hinausging, und als ich die Tische passierte, sah ich, wie eine
der Lehrerinnen einen Napf mit Haferbrei nahm, um den Inhalt
desselben zu kosten; sie blickte die anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und eine der Damen, die behäbige,
flüsterte:
,Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!’
Eine Viertelstunde verging, bis der Unterricht wieder begann. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein ungeheurer Tumult. Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, auf das alle schalten. Außer Miß Miller war keine
andere Lehrerin im Zimmer. Einige der erwachsenen Mädchen
bildeten eine Gruppe um sie und sprachen mit ernsten Gebärden.
Ich hörte den Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte
mißbilligend den Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, die allgemeine Entrüstung zu unterdrücken; ohne Zweifel
teilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun.
D Oberlehrerinnen nahmen jetzt ihre Posten ein, und doch
schienen alle noch auf etwas zu warten. Auf den Bänken, welche
sich an den Seiten des Zimmers entlangzogen, saßen achtzig Mädchen bewegungslos und kerzengerade, eine seltsame Versammlung
in der Tat-- allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt,
nicht eine Locke war sichtbar -- in ihren braunen Kleidern, die bis
an den Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abgeschlossen - mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe ungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländer, die an der Vorderseite des Kleides befestigt waren und den Zweck hatten als
Arbeitstasche zu dienen- dazu die wollenen Strümpfe und die
einfach gearbeiteten Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt
waren - ja, in der Tat, eine seltsame Versammlung! - Ungefähr
zwanzig der auf diese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen
oder eigentlich schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm
kleidete sie schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein
sonderbar abstoßendes Aussehen.
Ich betrachtete sie noch, und dann und wann auch die Lehrerinnen, von denen keine einzige mir besonders gefiel, denn die Behäbige hatte etwas gewöhnliches, die Dunkle sah sehr trotzig aus,
die Fremde heftig und grotesk, und Miß Miller, das arme Ding.
sah blaurot und abgehärmt und überarbeitet aus.
Plötzlich, als meine Blicke von einem Gesicht zum anderen
wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und wie auf
Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in die Höhe
geschnellt.
Was war denn geschehen? Da sich jetzt aber alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch die meinen jener Richtung
-- und fielen auf die Dame, welche mich am vorhergehenden Abende empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am unteren
Ende des Zimmers. Ernst und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen, die wieder ihre Plätze eingenommen hatten.
Miß Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu tun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren Platz zurück und
sagte laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie den Globus.”
Während der Befehl ausgeführt wurde, ging die Dame, welche befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Noch
heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung, mit welchem ich ihren Schritten folgte. Erst bei hellem Tage sah
sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen nit wohlwollendem Blick und fein gezeichnete Wimpern, welche sie umgaben, hoben
ihre weiße Stirn noch besonders hervor. Nach der Mode jener Zeit, wo weder glatte Scheitel noch lange Schmachtlocken gebräuchlich waren, trug sie ihr schönes, dunkelbraunes Haar in kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre Kleidung.
ebenfalls nach der Mode des Tages, bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet.
Eine goldene Uhr (Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen) hing an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß der Leser sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt - und dann hat er, so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple, der Vorsteherin von Lowood. Sie nahm ihren Sitz vor
einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, ließ die erste Klasse herantreten und begann dann, eine Unterrichtsstunde in
Geographie zu geben. Die niederen Klassen versammelten sich um ihre Lehrerinnen, welche in der Weltgeschichte und Grammatik
unterrichteten. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte Rechnen und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen größeren
Mädchen Musikstunde, bis es zwölf schlug. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten.’
Der Tumult, welcher nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegte, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sich sofort
beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
,Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht essen konntet, ihr müßt hungrig sein - ich habe befohlen
daß für euch alle ein zweites Frühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.’
Die Lehrerinnen sahen sie mit Erstaunen an.
,Es geschieht auf meine Verantwortung,' fügte sie erklärend für die Damen hinzu; gleich darauf verließ sie das Zimmer.
Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt, zum größten Ergötzen und zur Erquickung der ganzen Schule. Und
nun hieß es:, In den Garten ! Jede Schülerin setzte einen groben, hässlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaitun auf
und warf einen Mantel von grauem Fries um. Ich wurde in gleicher Weise ausgestattet, und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus.
Der Garten war mit hohen Mauern umgeben. Jede Aussicht in die Ferne war unmöglich. Kleine Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes Beet hatte eine Eigentümerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch, wenn sie mit Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen Ende des
Monats Januar zeigten sie sich nur im Bilde der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte mich, als
ich so umherblickte. Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren
unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen: aber unter der Veranda standen bleiche, magere Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schutz und Wärme.
Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen, und niemand hatte von mir Kenntnis genommen, ganz einsam stand ich da;
aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt, es bedrückte mich nicht mehr als sonst. Ich lehnte mich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen, und indem ich versuchte, die Kälte, die mich von außen
schmerzte, und den ungestillten Hunger, der von innen an mir nagte. zu vergessen, gab ich mich ganz der Beschäftigung hin, zu
beobachten und nachzudenken. Ich blickte in den klösterlichen Garten umher, dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war. Eine steinerne Tafel über der Tür dieses neuen Teils trug die Inschrift:
,Lowood-Stiftung.-- Dieser Teil des Hauses wurde wiedererbaut Anno domini...- durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-Hall in dieser Grafschaft.'
,Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.’ Ev. Matthäi, 5,16.
Wieder und wieder las ich diese Worte. Ich fühlte, daß sie noch eine Erklärung haben mußten und konnte ihren Inhalt nicht
erfassen. Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes ,Stiftung' nach und bemühte mich, einen Zusammenhang zwischen den
ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als ich hinter mir husten hörte und den Kopf umwandte.
Ich sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sihen, sie war in ein Buch vertieft. Von dem Plate aus, wo ich stand, konnte ich
den Titel lesen - es war ,Rasselas-, ein Name, der mir seltsam vorkam und mich infolgedessen fesselte. Als sie ein Blatt umwandte, blickte sie zufällig auf, und sogleich sagte ich:
,Ist dein Buch interessant?’
,Mir gefällt es,’ sagte sie nach einer Pause und blickte mich an.
,Du darfst es dir ansehen.’
,Wovon handelt es denn? fuhr ich fort. Noch weiß ich kaum, woher ich den Mut nahm, in dieser Weise eine Unterhaltung
mit einer gänzlich Unbekannten anzufangen, -- es war so gänzlich meiner sonstigen Gewohnheit und meiner Natur entgegen, aber ich
glaube, das ihre Beschäftigung irgend eine sympathische Saite in mir berührt hatte, denn auch ich liebte die Lektüre, obgleich die
meine stets kindisch und nichtssagend gewesen war; die schwere und ernste konnte ich weder verstehen noch verdauen.
Eine kurze Durchsicht überzeugte mich, daß der Inhalt weit weniger anziehend war als der Titel. ,Rasselas erschien mir
höchst langweilig, denn es enthielt kein Märchen und Abenteuer.
Ich gab ihr das Buch zurück. Sie nahm es ruhig, und ohne ein
weiteres Wort zu sprechen, war sie im Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben, als ich noch einmal wagte,
sie zu stören:
,Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein
über der Tür bedeutet? Was ist Stiftung von Lowood?
,Es ist das Haus, in welchem du hier lebst.’
,Und weshalb nennen sie es Stiftung? Ist es denn in irgend
einer Weise von anderen Schulen verschieden?’
,Es ist zum Teil eine Armen-Schule. Du und ich und alle
übrigen sind Armen-Zöglinge. Ich vermute, aß du eine Waise
bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?’
,Sie sind beide tot, solange ich denken kann.’
,Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren, und man nennt dies eine Stiftung
für die Erziehung von Waisen.’
,Wer unterhält die Stiftung?’
,Verschiedene wohltätige Damen und Herren in dieser Gegend und in London.’
,Wer war Naomi Brocklehurst?’
,Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat, wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und
leitet.’
,Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und
Käse bekommen sollen?
,Miß Temple? O nein! Ich wünschte wohl, es gehörte ihr! Sie muß Herrn Brocklehurst für alles, was sie tut, Rechenschaft
ablegen. Mr. Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.’
,Wohnt er hier?’
,Nein - zwei Meilen von hier, in einem großen Herrenhause.’
,Ist er ein guter Mann?’
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr viel Gutes tut.’
,Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?’
,Die eine mit den roten Wangen heißt Miß Smith; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd; die dritte, die ein
Tuch trägt und das Taschentuch mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame Pierrot, sie kommt aus Lisle
in Frankreich.’
,Liebst du die Lehrerinnen?
,O ja. so ziemlich.’
,Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame? Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie du.'
,Miß Scatcherd ist heftig-- du musst dich hüten, sie ärgerlich
zu machen. Madame Pierrot ist leidlich.’
,Aber Miß Temple ist die beste-- nicht wahr?’
,Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den
anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.’
,Bist du schon lange hier?’
‘Zwei Jahre.’
,Bist du eine Waise?
,Meine Mutter ist tot.’
‘Fühlst du dich hier glücklich?’
,Du fragst eigentlich viel. Für jetzt habe ich dir genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.’
In diesem Augenblick erklang die Glocke zum Mittagessen. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher jetzt das
Speisezimmer füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher unsere Nasen beim Frühstück empfangen hatte. Das Mittagessen
bestand aus Kartoffeln und seltsamen Fetzen rötlichen Fleisches, die zusammen gekocht waren. Von dieser Mischung wurde jeder
Schülerin eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Ich aß soviel ich konnte und fragte mich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage ebenso wie heute sein würde.
Nach dem Mittagessen verfügten wir uns sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuem und dauerten bis
fünf Uhr.
Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß ich sah, wie das Mädchen, mit dem ich draußen
gesprochen hatte, von Miß Scatcherd gescholten wurde und inmitten des großen Schulzimmers stehen mußte. Zu meinem größten
Erstaunen weinte sie weder, noch errötete sie; gefaßt, wenn auch
ernst, stand sie da.,Wie kann sie das so ruhig - so gefaßt tragen? fragte ich mich. ,Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde
ich doch gewiß wünschen, daß die Erde sich öffnen möchte, um mich
zu verschlingen. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie
ist- ob gut oder unartig.
Bald nach fünf Uhr nachmittags bekamen wir einen kleinen Becher Kaffee und eine halbe Schnitte Schwarzbrot. Ich verschlang
mein Brot und trank meinen Kaffee mit Behagen. Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich noch einmal soviel gehabt hätte- ich war
noch hungrig. Darauf folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Schularbeiten von neuem. Schließlich kam das
Glas Wasser mit dem Stückchen Haferkuchen, das Gebet und das Bett. -- Das war mein erster Tag in Lowood.
6. Kapitel.
Helene Burns.
Der nächste Tag begann wie der vorige. Wir standen beim Lampenlicht auf und kleideten uns an. aber an diesem Morgen mußten wir von der Zeremonie des Waschens dispensiert werden -- das Wasser in den Wasserkrügen war gefroren. Am Abend vorher war eine Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind, der die ganze Nacht durch die Ritzen in unseren Schlafzimmerfenstern gepfiffen, hatte uns in unseren Betten vor
Kälte beben und den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.
Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des Bibellesens zu Ende waren, war ich nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Qualität war
eßbar, die Quantität lies; viel zu wünschen übrig. Wie klein erschien mir doch meine Portion! Ich wünschte, sie wäre doppelt so
groß gewesen.
Im Laufe des Tages wurde ich der vierten Klasse als Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben wurden mir angewiesen; bis jetzt war ich nur Zuschauerin bei den Vorgängen in Lowood gewesen. Da ich wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben mir unendlich lang und
schwer. ich war daher froh, als Miss Smith mir gegen drei Uhr nachmittags einen zwei Ellen langen Streifen weißen Musselins samt Fingerhut und Schere gab und mir gebot, mich in einen stillen Winkel des Schulzimmers zu setzen, wo ich den Streifen säumen sollte. Um diese Zeit nähten auch die meisten anderen Mädchen, nur eine Klasse stand noch um Miß Scatcherds Stuhl herum und las. Da tiefe Stille herrschte, konnte man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen. Unter den Leserinnen bemerkte ich meine Bekannte aus dem Garten. Sie wurde ohne Unterlaß von Miß Scatcherd getadelt und gescholten.
,Burns, (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredet), ,Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die Fußspitzen nach außen.'!-- ,Burns, weshalb streckst du das Kinn in so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!'-- ,Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich in solcher Stellung nicht vor mir sehen,' usw., usw.
Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher zugemacht und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen
Teil der Regierung Karls 1 behandelt, und es waren unterschiedliche Fragen über Tonnengeld und Pfund- und Schiffszoll gestellt
worden, welche die meisten der Mädchen nicht beantworten konnten. Jede kleine Schwierigkeit jedoch wurde gelöst, wenn die Frage
an Burns kam; ihr Gedächtnis schien den Inhalt der ganzen Lektion gefaßt zu haben. Ich wartete, daß Miß Scatcherd ihre Aufmerksamkeit loben würde, statt dessen rief sie plötzlich aus:
,Du schmutziges Mädchen! Heute morgen hast du deine Nägel wieder nicht gereinigt!'
Burns antwortete nicht, ich wunderte mich über ihr Schweigen.
,Weshalb, dachte ich, ,erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr Gesicht waschen, noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war?
Just wurde meine Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche mich bat, ihr Garn zu halten. Während sie es abwickelte, sprach sie von Zeit zu Zeit mit mir, fragte, ob ich schon früher eine Schule besucht habe, ob ich zeichnen, sticken, stricken könne usw.; als sie mich endlich entließ, konnte ich meine Beobachtungen über Miß Scatcherds Verhalten nicht fortsetzen. Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte, erteilte sie gerade einen Befehl, den ich nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und trug in ihrer Hand ein Bündel Reiser, das an einem Ende zusammengebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie Miß Scatcherd mit einem ehrerbietigen Knix, dann löste sie schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze - und augenblicklich versetzt e die Lehrerin ihr mindestens ein Dutzend scharfer Streiche mit der Rute auf den Nacken. Keine Träne kam in Burns Augen, während ich vor Zorn bebte.
,Halsstarriges Mädchen!'' rief Miß Scatcherd aus, ,nichts kann dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! -
Trage die Rute wieder fort.-
Burns gehorchte. Ich sah sie scharf an, als sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch
wieder in die Tasche, und eine Träne glänzte in ihrem Auge.
Die Spielstunde am Abend war für mich der angenehmste Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot,
der Schluck Kaffee, den ich um fünf Uhr genossen, meinen Hunger auch nicht gestillt hatte, so hatte er wenigstens meinen Lebensmut
wieder angeregt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in
demselben durften heller brennen, weil sie in gewissem Maße die Lichter ersetzen sollten, die noch nicht eingeführt waren. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, die Menge vieler Stimmen rief ein wohliges Gefühl von Freiheit hervor.
Am Abend des Tages, an dem ich gesehen hatte, wie Miß Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte, ging ich wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und Bänken und lachenden Gruppen umher, ich fühlte mich indessen nicht einsam. Wenn ich an den Fenstern vorüberging, hob ich dann und
wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits
eine hohe Schicht; wenn ich mein Ohr dicht an das Fenster legte, konnte ich durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige
Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.
Wenn ich ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der ich
die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte.
Dieser draußen tobende Sturm würde mir das Herz schwer gemacht und meinen Frieden gestört haben- wie die Dinge aber
lagen, rief das Getöse eine seltsame Erregung in mir wach. Ich wurde unruhig und fieberhaft, ich wünschte, daß der Wind lauter
heulen, die Dämmerung zur Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.
Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend, bahnte ich mir einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand ich an
dem hohen Drahtgitter knieend und in ein Buch vertieft Burns, während die glühende Asche nur einen matten Schein verbreitete.
,Ist es noch immer,Rasselas’, fragte ich sie.
,Ja,’ sagte sie, ,ich bin gerade damit zu Ende.’
Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Das war mir lieb.
,Jetzt,' dachte ich, ,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen. Ich setzte mich neben sie auf den Fußboden.’
,Welchen Namen hast du noch außer Burns?’
,Helene.'
,Bist du von weit hergekommen?’
,Ich komme weiter von Norden her, von der schottischen Grenze.’
,Wirst du jemals wieder zurückkehren?’
,Ich hoffe es, aber niemand kann über die Zukunft verfügen.’
,Wünschest du nicht sehr, von Lowood fortzukommen?
,Nein, weshalb sollte ich das? Ich bin nach Lowood geschickt
worden, um eine gute Erziehung zu bekommen, und es würde
zwecklos sein, fortzugehen, wenn diese Absicht nicht erreicht ist.'
,Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd, ist doch so grausam gegen dich?’
‘Grausam? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie haßt meine Fehler.’
,Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, ich würde ihr Widerstand leisten; wenn sie mich mit jener Rute
schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase würde ich das Ding zerbrechen.''
,Wahrscheinlich würdest du das lassen, aber wenn du es tätest, so würde Mr. Brocklehurst dich aus der Schule jagen, und du würdest deinen Angehörigen Kummer machen. Es ist viel besser, einen Schmerz mit Geduld zu ertragen, den man nur allein fühlt, als eine unüberlegte Tat zu begehen, deren böse Folgen alle treffen, die dir verwandt sind-- und überdies gebietet die Bibel uns, Böses mit Gutem zu vergelten.
Verwundert hörte ich ihr zu. Ich konnte diese Lehre vom Dulden nicht begreifen. Doch fühlte ich, daß Helene Burns alle
Dinge in einem Lichte sah, das meinen Augen noch verborgen war. Ich vermutete aber, daß sie recht hatte und ich unrecht.
,Du sagst, daß du Fehler hast, Helene, welche? Mir scheinst du gut zu sein.
,Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr nachlässig, halte
keine Ordnung zwischen meinen Sachen. Ich bin unachtsam; ich vergesse die Vorschriften. Zuweilen sage ich wie du, ich kann es
nicht ertragen, mich der Schulordnung zu fügen. Alles dies ärgert Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und pünktlich ist.
,Und unfreundlich und grausam, fügte ich hinzu, aber Helene Burns wollte diesem Zusatz nicht zustimmen, sondern schwieg.
Bei der Nennung von Miß Temples Namen flog ein sanftes Lächeln über ihr Gesicht.
,Miß Temple ist die Güte selbst; es bereitet ihr Schmerz, gegen irgend jemand strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt mich freundlich darüber; wenn ich aber irgend etwas Lobenswertes tue, so hält sie nicht mit ihren Lobeserhebungen zurück. Ein starker Beweis für meine fehlerhafte Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde, so vernünftig, nicht soviel Einfluß haben,
um mich von meinen Fehlern zu heilen. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch schätze, kann mich nicht zu andauernder Aufmerksamkeit und Überlegung anspornen.'
,Das ist seltsam,'! sagte ich, ,es ist doch leicht, aufmerksam zu sein.”
,Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute morgen beobachtet und sah, wie aufmerksam du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, wie die meinigen, während Miß Miller die Lektion erklärt und fragt. Und die meinen wandern fortwährend, wenn ich Miß Scatcherd zuhören und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre ich oft sogar
den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in eine Art von
Traum. Manchmal glaube ich, daß ich in Northumberland bin
und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das Plätschern
und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden, ganz nahe
unserem Hause fließt: - wenn dann die Reihe an mich kommt,
zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich dann von
allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, weil ich dem Rauschen des vermeintlichen Baches lauschte, so habe ich niemals eine
Antwort in Bereitschaft.'
,Aber du hast doch heute nachmittag so gut geantwortet.’
,Das war Zufall. Der Gegenstand, über den wir gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Anstatt von Deepden zu
träumen, dachte ich heute nachmittag verwundert darüber nach, wie ein Mann, der so innig wünschte, das Gute zu tun, oft so ungerecht
und unklug handeln konnte, wie Karl I. es getan; und ich dachte, wie traurig es gewesen, daß er bei all seiner Rechtschaffenheit und
Gewissenhaftigkeit nicht weiter blicken konnte, als bis zu den Vorrechten der Krone. Wenn er nur imstande gewesen wäre, in die
Ferne zu blicken und zu sehen, wohin das, was man den Geist der Zeit nennt, eigentlich strebte! Und doch-- ich liebe Karl-- ich
achte ihn-- ich bedauere ihn, den armen, gemordeten König! Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches zu
vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn zu töten!
Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß ich wohl kaum imstande war, sie zu verstehen-- daß ich unwissend
war, daß der Gegenstand, über den sie sich ereiferte, mir fast unbekannt war. Ich rief sie wieder auf meinen Standpunkt zurück.
,Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich unterrichtet?
,Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple besitzt eine angenehme Sprechweise, und die Belehrung, welche sie erteilt,
ist meistens gerade das, was ich zu lernen wünschte.
,Also mit Miß Temple bist du gut?’
,Ja, aber nur aus Neigung, und darin liegt kein besonderes Verdienst.'
,Doch! Du bist gut mit denen, die gut mit dir sind. Das ist genug. Wenn die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber wären, so würden sie vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne Grund schlägt, so sollten wir wieder
schlagen, und zwar so kräftig, daß der andere sich wohl hüten würde, es jemals wieder zu tun.'
,Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen.
Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt, wie er handelt - mache seine Lehre zu deiner Richtschnur, sein Tun zu
deinem Beispiel.’
,Was sagt er?’
,Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen und verfolgen.
,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben, und das kann ich nicht;
ich müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
Ihrerseits bat Helene Burns nun, mich ihr zu erklären, und
sofort begann ich ihr die ganze Geschichte meiner Leiden und Qualen zu erzählen. Wild und bitter, wenn ich erregt war, sprach ich,
wie ich fühlte, ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.
Geduldig hörte Helene mir bis zu Ende zu. Ich erwartete
dann, daß sie eine Bemerkung machen werde, aber sie schwieg.
,Nun, fragte ich ungeduldig, ,ist Mrs Reed nicht eine herzlose, böse Frau?
,Sie ist unfreundlich gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil
sie deinen Charakter ebenso unausstehlich findet, wie Miß Scatcherd
den meinigen. Wie genau du dich aber an alles erinnerst, was sie
dir getan, was sie dir gesagt hat! Welch einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz gemacht zu haben scheint!
So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem
Gefühl nicht einzuprägen. Würdest du nicht glücklicher sein, wenn
du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Erregungen, welche diese wachrief? Das Leben scheint mir
doch zu kurz zu sein, um es damit hinzubringen, Feindseligkeit zu
nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen. Ein jeder hat Fehler;
aber bald wird die Zeit kommen, das hoffe ich zuversichtlich, wo
wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen, irdischen
Leibe; wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen
Fleische von uns streifen, und nur der Geist zurückbleibt - dieser
unerschütterliche,, unverrückbare Grundstein des Lebens und des
Gedankens, so rein geblieben wie er war, als er vom Schöpfer ausging, um die Kreatur zu beleben; er wird dorthin zurückkehren,
von wannen er kam-- vielleicht um in ein Wesen überzugehen,
das höher und erhabener ist als der Mensch-- vielleicht um zur
Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen Seele
bis hinauf zum Seraph zu steigen! Denn gewiß, nimmer kann es
doch sein, daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren? Nein. Das kann ich nicht glauben. Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes. Niemand hat es mich jemals gelehrt, und nur selten spreche ich davon, aber es ist meine ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn es gewährt allen Hoffnung -- es macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden - zur
himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Und
außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit, zwischen dem
Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden. Ich bin imstande, ersterem von Herzen zu vergeben, während ich seine Tat
verabscheue. Und dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl
mein Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe
in Frieden und denke an das Ende.’
Helenes Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank
noch tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Ich sah es ihren
Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit mir zu
reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein' sein wollte.
Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin,
ein großes, grobes Mädchen, trat in diesem Augenblick an sie heran
und rief in ausgeprägtem cumberländischen Accent:
,Helene Burns, wenn du nicht hinaufgehst und augenblicklich
Ordnung in deiner Schieblade machst, so werde ich Miß Scatcherd
rufen und sie bitten, sich die Sache anzusehen.'
Helene seufzte, als sie aus ihren Träumereien gerissen wurde,
aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern, ohne
Erwiderung.
7. Kapitel.
Mr. Brocklehurst stellt mich an den Pranger.
Das erste Vierteljahr in Lowood schien mir ein Menschenalter,
aber durchaus nicht das goldene Zeitalter; es bedeutete einen
ärgerlichen Kampf mit der Schwierigkeit, mich an neue Regeln und
ungewöhnte Aufgaben zu gewöhnen.
Während der Monate Januar, Februar und März hinderte
uns der tiefe Schnee, weiter zu gehen, als bis an die Mauern des
Gartens - nur der sonntägliche Weg in die Kirche machte eine Ausnahme -- aber innerhalb dieser Grenzen mußten wir jeden
Tag eine Stunde in freier Luft zubringen. Unsere Bekleidung war nicht hinreichend, um uns gegen die strenge Kälte zu schützen. Wir
hatten keine Stiefel, der Schnee drang in unsere Schuhe ein; unsere Hände, für welche es keine Handschuhe gab, erstarrten und bedeckten sich nach und nach mit Frostbeulen, ebenso unsere Füße. Ich erinnere mich noch der Qualen, welche ich jeden Abend erduldete,
wenn meine Füße sich entzündeten, und der Schmerzen, wenn ich die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen in die Schuhe zwängen mußte. Auch die Knappheit der Nahrung brachte uns fast zur Verzweiflung. Daraus entstand ein Mißbrauch, welcher schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot, so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen dahin, ihnen ihre Portion abzutreten. Gar manchesmal habe ich zwischen zwei Anspruchmachenden das kostbare Stück Schwarzbrot geteilt, das wir zur Teestunde bekamen, und nachdem ich dann
noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte meines Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte ich den Rest zusammen mit geheimen Tränen
hinunter, welche der Hunger mir abpreßte.
Die Sonntage waren traurige Tage in dieser Winterzeit. Wir mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklebridge gehen, wo
unser Patron den Gottesdienst verrichtete. Fröstelnd machten wir uns auf den Weg, noch erfrorener langten wir in der Kirche an;
während des Morgengottesdienstes lähmte uns die Kälte beinahe.
Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten wir
nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette
schneebedeckter Hügel von Norden her fegte, riß uns beinahe die
Haut vom Gesicht.
Wie wir uns nach dem Licht und der Wärme eines hellen
Feuers sehnten, wenn wir nach Hause kamen! Aber diese Wohltat blieb uns versagt - den Kleineren wenigstens. Jeder Kamin
im Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer Mädchen belagert, und hinter diesen kauerten die kleinen Kinder in trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre Schürzen hüllend.
Ein winziger Trost ward uns in der Teestunde in Gestalt einer doppelten Brotration - eine ganze Scheibe anstatt einer halben - mit der köstlichen Zugabe einer dünnen Schicht von Butter. Auf diesen allwöchentlichen Genuß freuten wir uns von einem Sonntag zum andern.
Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Katechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums St. Matthäi anzusagen und eine lange Predigt mit anzuhören, welche die Miß Miller unter nicht zu unterdrückendem Gähnen uns vorlas.
Eine häufige Unterbrechung dieser Andacht geschah dadurch, daß ein halbes Duzend der kleinen Mädchen, überwältigt von Müdigkeit, von der Bank fielen und halbtot wieder emporgehoben wurden. Sie wurden in die Mitte des Zimmers gestellt und gezwungen, auszuharren, bis die Predigt zu Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst, und sie sanken in einen Haufen zusammen; dann pflegte man sie durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.
Eines Nachmittags-- ich war damals gerade drei Wochen in Lowood gewesen - saß ich mit der Tafel in der Hand da und zerbrach mir den Kopf über einem langen Divisionsexempel, als meine Blicke sich zerstreut auf das Fenster richteten. Ich erkannte die
hageren Umrisse einer Gestalt, und als zwei Minuten später die
ganze Schule, die Lehrerinnen mit eingeschlossen, sich erhob.
brauchte ich nicht aufzublicken, um zu wissen, wessen Eintritt auf
diese Weise begrüßt wurde. Ich hatte mich nicht getäuscht, es war
Mr. Brocklehurst, fest in seinen Überzieher geknöpft, und länger,
hagerer und strenger aussehend denn je.
Ich hatte meine besonderen Gründe, beim Anblick dieser Erscheinung zu erschrecken. Ich erinnere mich nur zu wohl der nichtswürdigen Winke, welche Mrs. Reed ihm über meinen Charakter
gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen von meiner lasterhaften,
verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit
hatte ich schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte ich nach dem ,Manne, der da kommen sollte'', um durch
seine Auskunft über mein vergangenes Leben und mein Betragen
mich als ein schlechtes Kind zu brandmarken, ausgesehen - jetzt
war er da!
Er trat zu Miß Temple und sprach leise zu ihr ins Ohr. Ich
zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr Eröffnungen über
meine Schlechtigkeit machte; mit peinvoller Angst beobachtete ich
ihre Blicke, jede Minute erwartete ich, daß ihr dunkles Auge voll
Abscheu und Verachtung mich ansehen würde.
,Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton
gekauft habe, der passende sein wird. Ich glaube, er wird gerade
für die Kattunhemden gut sein, und ich habe auch die dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß; Smith sagen, daß ich
vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche wird sie
indessen mehrere Päckchen derselben bekommen, und sagen Sie ihr
auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr als
eine Nadel zu gleicher Zeit gilt; wenn sie mehr davon haben, werden sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, Miß
Temple! Ich wünschte wirklich, daß auf die wollenen Strümpfe
mehr geachtet würde! - Als ich das letztemal hier war, ging ich in
den Küchengarten und besah mir die Kleidungsstücke, welche auf
der Leine trockneten. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe
war in mangelhaftem Zustande. Aus der Größe der Löcher, welche
ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert
waren.
Hier hielt er inne.
,Und, fuhr er fort, ,die Wäscherin erzählt mir, daß einige
der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche getragen
haben; das ist zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf eine.
,Ich glaube, Herr Brocklehurst, daß ich diesen Umstand genügend erklären kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und
Katharine Johnston von ihren Freunden in Lowton zum Tee eingeladen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, bei dieser Gelegenheit reine
Halskrausen anzulegen.''
Mr. Brocklehurst nickte.
,Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie, diesen Fall nicht zu oft vorkommen zu lassen. Noch eine andere Sache
hat mich überrascht. Indem ich die Rechnung mit der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei Wochen den
Mädchen zweimal ein Gabelfrühstück gereicht worden ist, welches
aus Brot und Käse bestand. Wio kommt das? Ich habe die Statuten durchgelesen und fand dort keiner Mahlzeit erwähnt, die sich
Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese Neuerung eingeführt und mit
welchem Rechte?
,Dafür bin ich verantwortlich, mein Herr,'' entgegnete Miß
Temple, , das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich konnte es nicht mit ansehen,
daß sie bis zum Mittagessen fasteten.
,Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden.
- - Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser Miben ist, sie nicht an Luxus zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten
und sie an Geduld und Selbstverleugnung zu gewöhnen. Sollte
nun einmal zufällig solch eine kleine Enttäuschung des Appetits
vorkommen, weil etwa eine Mahlzeit verdorben ist, so sollte dieser
kleine Ausfall nicht durch einen Leckerbissen ersetzt werden. Eine
kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr am Platze
sein. Man könnte z. B. auf die Leiden und Entsagungen der
ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der Märtyrer, ja, sogar
auf die Gebete unseres Erlösers selbst, der seine Jünger ermahnt,
ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von
einem jeglichen Worte, so durch den Mund Gottes geht; auf seine
göttlichen Trostesworte: , Selig seid ihr, so ihr um meinetwillen
Hunger oder Durst leidet! O, Miß Temple, wenn Sie anstatt
der angebrannten Suppe mit Brot und Käse den Mund dieser
Kinder füllen, so nähren Sie allerdings ihre sterblichen Leiber, aber
Sie denken nicht daran, daß Sie die unsterblichen Seelen verhungern lassen.
Mr. Brocklehurst hielt wieder inne- wahrscheinlich von seinen Gefühlen überwältigt. Beim Veginn seiner Rede hatte Miß
Temple zu Voden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin,
und ihr Gesicht wurde marmorbleich.
Unterdessen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände
hatte er auf den Rücken gelegt, und majestätisch ließ er seine Blicke
über die ganze Schule schweifen. Plötzlich sah man ihn zusammenzucken, wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt
worden sei; dann wandte er sich um, und rascher als er bisher gesprochen, sagte er:
,Miß Temple, Mß; Temple, was--was ist jenes Mädchen
da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madame, lockig - durchweg lockig? - Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus
und zeigte nach dem Gegenstande seines Entsetzens.
,Es ist Julia Severn,' entgegnete Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Und weshalb hat sie oder irgend
eine andere gelocktes Haar? Weshalb richtet sie sich so offen gegen
alle Vorschriften und Grundsätze dieses Hauses nach der weltlichen
Mode, daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust von Locken
zu tragen?
.Julias Haar ist von Natur lockig,' entgegnete Miß Temple
noch ruhiger.
,Von Natur! Aber wir sollen uns nicht nach der Natur richten. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Ich habe doch zu wiederholten Malen angedeutet, daß das
Haar einfach und glatt anliegend getragen werden soll. Miß
Temple, das Haar jenes Mädchens muß abgeschnitten werden;
morgen werde ich einen Barbier schicken, und ich sehe noch andere,
die viel zu viel Haarwuchs haben- das große Mädchen dort zum
Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich umdreht. Sagen Sie den
Mädchen der ganzen ersten Bank, daß sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als
wollte sie ein unwillkürliches Lächeln wegwischen, indessen erteilte
sie den gewünschten Befehl, dem die erste Klasse nachkam. Ich
lehnte mich ein wenig auf meiner Bank zurück und konnte die Blicke
und Grimassen wahrnehmen, mit welchen die Mädchen dies Manöver begleiteten. Wie schade war es, daß nicht auch Mr. Brocklehurst sie sehen konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß, was er auch mit der Außenseite tun mochte, die Innenseite
seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu begreifen imstande war.
Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er die Kehrseite dieser lebenden Medaillen mit prüfenden Blicken-- dann fällte er das
Urteil. Die Worte klangen wie das Urteil des jüngsten Gerichts:
,Alle diese Haarflechten müssen abgeschnitten werden!
Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.
,Madame, fuhr er fort, ,jede dieser jungen Personen da vor uns trägt ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit
geflochten hat- und diese, ich wiederhole es, müssen abgeschnitten werden, denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an-‘
Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen. Drei Damen traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher kommen sollen, um seinen Vortrag über Kleidung zu hören, denn sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die beiden jüngeren Damen (schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn Jahren) hatten graue
Biberhüte mit Straußenfedern, und unter dem Rande dieser zierlichen Kopfbedeckung hervor zeigte sich eine Fülle von blonden, sorgfältig gekräuselten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtschal gehüllt, der mit Hermelin beset war; auf ihrer Stirn trug sie falsche französische Locken.
Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann
zu den Ehrensitzen am Ende des Zimmers geleitet. Die Damen begannen jetzt, an Miß Smith, welche die Verwaltung der Wäsche
und die Beaufsichtigung der Schlafsäle unter sich hatte, einige verweisende Bemerkungen zu richten, aber ich hatte keine Zeit, auf das
zu horchen, was sie sagten; denn meine Aufmerksamkeit wurde jetzt anderweitig in Anspruch genommen.
Ich hatte mich auf der Bank zurückgelehnt, und während ich mit meinen Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt ich meine Tafel
so, daß sie mein Gesicht gänzlich verdecken mußte. Durch einen unglücklichen Zufall entglitt diese meiner Hand und fiel mit lautem
Krach zu Boden. Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ich wußte, was jetzt über mich ergehen würde. Während ich mich
bückte, um die Scherben meiner Tafel zusammenzusuchen, rüstete ich mich für das Schlimmste. Es kam.
,Ein nachlässiges Mädchen!' sagte Mr. Brocklehurst, und gleich darauf--,Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin. Ehe
ich es vergesse, ich habe noch ein Wort über sie zu sagen. Das Kind,
das seine Tafel zerbrochen hat, soll vortreten!'
Ich war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die mir
zur Seite saßen, stellten mich auf die Füße und schoben mich vorwärts dem gestrengen Richter entgegen, dann trat Miß Temple
dicht vor ihn, und flüsterte mir zu:
Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.
Wie ein Dolch ging mir dieser gütige Zuspruch durchs Herz.
,Holt jenen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst, auf einen sehr
hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben
erhoben hatte. Er wurde gebracht.
,Stellt das Kind hinauf.’
Ich fühlte nur, daß ich ungefähr bis zur Höhe von Mr.
Brocklehursts Nase emporgehißt wurde, daß er kaum einen Schritt von mir entfernt stand und daß mich eine Wolke von silbergrauen
Federn, dunkelroter Seide und orangegelben Kleidern umschwebte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie gewandt, ,Miß
Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?
Natürlich sahen sie es; denn ich hatte das Gefühl, als ob ihre
Augen wie Brenngläser meine Haut versengten.
,Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat
auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine Entstellung kennzeichnet sie als einen mit einem Makel behafteten Charakter. Wer würde glauben, daß der Böse in ihr bereits eine Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch -- es
schmerzt mich, es sagen zu müssen - ist dies der Fall.
Eine Pause folgte. Ich versuchte meine Nerven für weitere
Aufregungen zu stählen.
,Meine Kinder,’ fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit
Pathos fort, ,ihr müßt vor diesem verworfenen Kinde auf eurer
Hut sein; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen aus.
habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. Die Lehrerinnen
müssen sie überwachen, ihre Worte wohl erwägen und prüfen, ihre
Taten untersuchen, ihren Leib strafen, um ihre Seele zu retten
- wenn überhaupt eine solche Rettung noch möglich ist, denn
meine Zunge scheut sich, es auszusprechen-- dieses Kind, obwohl
im christlichen Lande geboren, ist schlimmer als manche kleine Hei
din, die ihr Gebet zu Brahma spricht und vor dem Götzenbild Juggernaut kniet-- dies Mädchen ist eine Lügnerin!'
Jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. Ich war wieder
ruhig geworden und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts
ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame sich hin und her wiegte; die beiden Töchter
aber flüsterten; ,Wie entsetzlich!'
Mr. Brocklehurst fuhr fort:
,Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohltäterin; durch die fromme und barmherzige Dame, welche sich der Waise annahm,
sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren Großmut
diese Unglückselige durch eine so schnöde Undankbarkeit vergalt,
daß ihre edle Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen
Kindern zu trennen, aus Furcht, daß ihr schlechtes Beispiel deren
Reinheit beflecken könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt zu werden, wie die Juden des Altertums ihre Aussätzigen an den
Teich Bethesda schickten. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an, lassen Sie die Wasserwellen um dieses Kind nicht
stillstehen.’
Mit diesem erhabenen Schlusse knöpfte Mr. Brocklehurst den
obersten Knopf seines Überziehers zu und murmelte etwas seiner
Familie zu. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß Temple
und dann verließen die vornehmen Leute das Zimmer. Mein
Richter aber wandte sich an der Tür noch einmal um und sagte:
,Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen,
und keinen während des ganzen übrigen Tages mit ihr sprechen.'
Da stand ich also, hoch erhoben über alle; ich, die ich so oft gesagt, daß ich die Schande nicht ertragen würde, auf meinen eigenen Füßen in der Mitte des Zimmers zu stehen-- ich stand nun da, allen Blicken ausgesetzt, als Säule der Schande. Worte vermögen meine Gefühle nicht zu beschreiben, die in mir tobten; aber gerade in dem Augenblick, wo sie mir die Kehle zusammenschnürten und mir den Atem zu rauben drohten, ging ein Mädchen an
mir vorbei. Welch ein seltsames Licht strömten seine auf mich gerichteten Augen aus! Es war, als habe ein Held, ein Märtyrer
einem Sklaven Mut und Kraft eingeflößt. Ich überwältigte den
Weinkrampf, der sich meiner bemächtigen wollte, erhob das Haupt
und stellte mich auf den Stuhl. Helene Burns stellte eine unbedeutende Frage über ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der
Geringfügigkeit derselben gescholten, ging an ihren Plat zurück
und lächelte mir im Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!
Noch heute erinnere ich mich dessen, und ich weiß, daß es der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes war; es verklärte
ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Wiedersein von der Gestalt eines Engels.
Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die ,Binde der Unordnung' an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde hatte ich erst
vernommen, wie Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammte, ein Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie
eine Übung beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte. So unvollkommen ist die Natur des Menschen! Solche Flecken gibt es auf der
Scheibe des strahlendsten Planeten, und Augen wie Miß Scatcherds sind nur imstande diese kleinlichen Mängel und Fehler zu
entdecken; für den vollen Glanz des Gestirns sind sie blind!
8. Kapitel
Miß Temple, mein Trost im Leid.
Ehe noch die halbe Stunde um war, schlug es fünf Uhr. Die Schülerinnen wurden entlassen und begaben sich zum Tee in den
Speisesaal. jetzt wagte ich herabzusteigen: es herrschte tiefe Dunkelheit. Ich ging in einen Winkel und setzt e mich auf den Fußboden. jetzt weinte ich,- Helene Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt mich aufrecht; mir selbst überlassen, von
Kummer überwältigt, benetzte ich mit meinen Tränen den Fußboden. Ich hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood viel zu lernen; mir Achtung zu erringen und Liebe zu erwerben. Schon hatte ich sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war ich die Erste in meiner Klasse geworden; Miß Miller hatte mich warm gelobt; Miß Temple hatte mir versprochen, mich zeichnen zu lehren und
mich französisch lernen zu lassen, wenn ich noch zwei Monate fortfahren würde, solche Fortschritte zu machen. Auch von meinen
Mitschülerinnen war ich gern gelitten, meine Altersgenossinnen
behandelten mich als ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte mich - und jetzt lag ich hier in den Staub getreten! Würde
ich mich jemals wieder erheben können?
,Niemals, dachte ich und wünschte sehnlichst, sterben zu können. Während ich in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorschluchzte, näherte sich mir jemand; ich fuhr empor - wiederum war Helene Burns mir nahe; das erlöschende Feuer ließ
mich gerade noch erkennen, wie sie durch das große, leere Zimmer
daherkam, sie brachte mir Kaffee und Brot.
,Komm, iß etwas, sagte sie; aber ich schob beides zurück.
Helene sah mich mit Erstaunen an; wie sehr ich mich auch bemühte,jetzt konnte ich meiner Erregung nicht Herr werden. Ich
fuhr fort laut zu weinen. Sie setzte sich neben mich auf den Fußboden, schlang die Arme um ihre Kniee und legte ihren Kopf
darauf; in dieser Stellung verharrte sie schweigsam wie ein Indianer. Ich war die erste, die sprach:
,Helene, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
,Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Menschen,
welche dich so nennen hörten, und die Welt hält doch Hunderte von
Millionen.''
,Aber was gehen mich die Millionen an? Die achtzig, welche
ich kenne, verachten mich.
,Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der ganzen Schule, die dich verachtet; viele- dessen bin ich gewiß - bedauern dich von ganzem Herzen.
,Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt
hat, noch bedauern?
,Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer
und bewunderter Mensch; er ist hier nicht beliebt; er hat auch
niemals irgend etwas getan, um sich beliebt zu machen. Wenn er
dich wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du
nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche,- wie die
Dinge jetzt aber stehen, würden die meisten Mädchen die Sympathie gern beweisen, wenn sie es nur wagten. Möglich ist es, daß
Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei,
drei Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub' mir, im Herzen sind sie dir freundlich gesinnt. Und wenn du fortfährst, gut
zu sein, so werden diese Gefühle binnen kurzem um so deutlicher
zutagetreten. Außerdem, Jane''-- sie hielt inne.
,Nun, Helene?' fragte ich und legte meine Hand in die ihre;
zärtlich rieb sie meine Finger, um sie zu erwärmen, und fuhr dann
fort:
,Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für schlecht hielt,
so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes Gewissen
dich von Schuld freispricht.
,Nein; ich weiß, daß ich von mir selbst gut denken würde;
aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will
ich lieber sterben als leben - ich kann es nicht ertragen, gehaßt
und verachtet zu sein, Helene. Sieh doch um von dir oder Miß
Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, geliebt zu werden,
würde ich mir gern den Knochen meines Arms zerbrechen oder mich
von einem wilden Stier niederstoßen lassen oder meine Brust von
den Hufen scheugewordener Pferde zertreten lassen.
,Ruhig, Jane! Du hältst zu viel von der Liebe der Menschen;
du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen
Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen
Leib erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere
Stützen als dein schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso
schwach wie du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht
gibt es eine unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt
umgibt uns, denn sie ist überall, diese Geister wachen über uns,
denn sie sind da, um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer
und Schande stürben, wenn Haß uns zu Boden drückte-- so sehen
Engel unsere Qualen, erkennen unsere Unschuld. Gott erwartet
nur die Trennung der Seele vom Leibe, um uns mit dem höchsten
Lohn zu krönen. Nun denn, weshalb von Leid überwältigt zu
Boden sinken, wenn das Leben so bald zu Ende ist und nach dem
Tode uns die Krone der Herrlichkeit winkt?’
Ich schwieg. Helene hatte mich beruhigt; aber die Ruhe,
welche sie mir gegeben, hatte einen Zusatz von unendlicher Traurigkeit. Sie atmete schneller und hustete trocken und kurz; ich vergaß für einen Augenblick meinen eigenen Kummer und gab mich
einer unbestimmten Besorgnis um ihre Gesundheit hin.
Meinen Kopf an Helenens Schulter lehnend, umschlang ich sie
mit meinen Armen; sie zog mich an sich, und so ruhten wir lange
schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde trat
Miß Temple ins Zimmer.
.Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre, sagte sie,,du sollst
in mein Zimmer kommen, und da Helene Burns bei dir ist, mag
sie uns begleiten.
Ein helles Feuer brannte dort; es sah behaglich aus.
,Hast du deinen Kummer fortgeweint? fragte sie und blickte
mir ins Gesicht.
,Ich fürchte, das werde ich nicht können.
,Weshalb?
,Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und
jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für
böse und gottlos halten.
,Wir werden dich für das halten, mein Kind, als was du dich
erweist. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen, und
du wirst mich zufrieden stellen.
,Gewiß, Miß Temple?
,Gewiß, Jane,' sagte sie und schlang ihre Arme um mich.
,Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst
deine Wohltäterin nannte.'
,Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot,
und er ließ mich in ihrer Pflege zurück.
,Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; sie hat es sehr ungern getan; aber wie ich
die Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem
Tode das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.r'
,Nun, Jane, du weißt, man hat dich der Falschheit angeklagt;
verteidige dich vor mir so gut du kannst. Sag' alles, was dein
Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann; aber füge nichts hinzu
und übertreibe nichts.’
In der Tiefe meines Herzens beschloß ich, so maßvoll wie möglich zu erzählen, und nachdem ich einige Augenblicke nachgedacht
hatte, um das, was ich zu sagen hatte, richtig zu ordnen, erzählte
ich ihr die ganze Geschichte meiner traurigen Kindheit. Durch die
Erregung sehr erschöpft, sprach ich in gemäßigterem Tone, als ich
es sonst zu tun pflegte, und bedachte Helenes Warnung, mich dem
Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben.
Als ich zu Ende gekommen war, betrachtete mich Miß Temple
einige Minuten; dann sagte sie:
,Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben;
wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst
du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich,
Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.’
Sie küßte mich und sagte zu Helene Burns gewandt:
‘Wie geht es dir heute Abend, Helene? Hast du viel gehustet?’
,Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.
,Und der Schmerz in deiner Brust?
,Damit ist es besser.
Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und befühlte den
Puls. Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; ich hörte, wie sie
leise seufzte. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann raffte sie sich gleichsam auf und sagte fröhlich:
,Aber heute abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch als solche bewirten.' Sie zog die Glocke.
,Barbara, sprach sie zu dem Mädchen, welches eintrat, ,ich habe noch keinen Tee getrunken, bringe das Teebrett und bringe
auch Tassen für diese beiden jungen Mädchen.
Bald wurde das Teebrett gebracht. Wie hübsch erschienen die Porzellantassen und der glänzende Teetopf meinen Augen, als
sie auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war der Duft des Getränkes und der gerösteten Weißbrotschnitten,
von denen ich freilich nur eine kleine Portion entdeckte!
,Barbara,'' sagte sie, ,könntest du mir nicht noch etwas Brot
und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.
Barbara ging hinaus.-- Gleich darauf kam sie zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion heraufgeschickt.'
,Schon gut, schon gut!' entgegnete Miß Temple;,dann werden wir uns schon einrichten, Barbara.- Als das Mädchen fort
war, fügte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise liegt es in meiner Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.''
Nachdem sie Helene und mich aufgefordert hatte, uns an den Tisch zu setzen, und jeder von uns eine Tasse heißen Tees und eine
Scheibe gerösteten Weißbrots gegeben hatte, stand sie auf, öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes
Paket und enthüllte vor unseren Augen einen großen Streuselkuchen.
,Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mitzugeben,'' sagte sie,,da man uns aber so wenig Weißbrot bewilligt
hat, sollt ihr es jetzt schon bekommen,'' und sie begann mit freigebiger Hand, den Kuchen in Stücke zu schneiden.
Die Mahlzeit schmeckte uns wie Nektar und Ambrosia. Unsere
Wirtin sah mit zufriedenem Lächeln, wie wir unseren Appetit an
den köstlichen Leckerbissen, welche sie uns vorsetzte, stillten. Als
der Tee getrunken und der Tischabgeräumt war, rief sie uns wieder an den Kamin; wir setzten uns an jede Seite von ihr, und jetzt
folgte ein Gespräch zwischen Helene und ihr, welches anhören zu
dürfen ein Vorzug war.
Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem
Äußeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in
ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Feurige, Erregte,
Ungestüme ausschloß -- ein etwas, welches die Freude jener heiligte, welche ihr zuhörten, welche sie anblickten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem Augenblick war es auch meine Empfindung; was aber Helen Burns anbetraf, so überraschte sie mich aufs höchste.
Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart ihrer geliebten Lehrerin, oder vielleicht mehr als alles dies etwas in
ihrem eigenen, seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in ihr
geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in den
strahlenden Farben ihrer Wangen, welche ich bis zu dieser Stunde
niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte; dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine
Schönheit bekommen hatten, die noch eigentümlicher war, als jene
Miß Temples-- eine Schönheit, die weder in der schönen Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten Augenbrauen lag, - sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in dem Glanz. jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache
floß --- aus welcher Quelle weiß ich nicht -- denn hat ein vierzehnjährige Mädchen ein Herz, das groß genug, stark und kräftig genug ist, um den brausenden Quell der reinen, vollen, feurigen Beredsamkeit fassen zu können? Dies war die Eigenart von Helens
Gespräche an diesem mir unvergeßlichen Abende; es war, als wolle ihr Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso
voll und ganz zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.
Sie sprachen über Dinge, von denen ich niemals gehört hatte;
von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen-- sie
sprachen von vielen Büchern, die sie gelesen hatten! Dann schienen
sie so vertraut mit französischen Namen und französischen Schriftstellern; aber mein Erstaunen stieg aufs höchste, als Miß Temple
Helene fragte, ob sie zuweilen einen freien Augenblick erübrigen
könne, um das Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat
sie, eine Seite des Vergil zu lesen und zu übersetzen; Helene gehorchte, und meine Verehrung wuchs, während ich lauschte. Kaum
hatte sie geendet, als die Glocke ertönte, welche die Zeit des Schlafengehens verkündete; wir durften nicht länger verweilen; Miß
Temple sagte, während sie uns an ihr Herz zogt
,Gott segne euch, meine Kinder!'
Helene hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als mich;
sie ließ sie widerstrebender von sich; Helene folgte ihr Auge bis
an die Tür; ihr galt die Träne, welche sie schnell zu trocknen bemüht war.
Als wir das Schlafzimmer erreichten, hörten wir Miß Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung
waren; gerade hatte sie jene von Helene Burns herausgezogen,
und als wir eintraten, wurde Helene mit einem scharfen Verweise
begrüßt, und die Lehrerin kündigte ihr an, daß ihr am folgenden
Tage ein halbes Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet werde.
,Meine Sachen befanden sich allerdings in einer auffälligen
Unordnung, flüsterte Helene mir zu, ,ich hatte die Absicht gehabt
aufzuräumen, aber ich vergaß es.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort ,Schlampe'
und band es wie einen Denkzettel um Helenes hohe und milde
Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum Abend,
es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß Scatcherd sich nach den Nachmittags-Unterrichtsstunden zurückgezogen,
als ich auf Helene losstürzte, es herabriß und es ins Feuer warf.
Die Wut, deren sie nicht fähig war, hatte den ganzen Tag über
in meiner Seele gekocht, und große, heiße Tränen hatten fortwährend auf meinen Wangen gebrannt; denn der Anblick ihrer traurigen Ergebung bereitete mir einen unerträglichen Schmerz.
Ungefähr eine Woche nach diesen Vorgängen erhielt Miß
Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen Antwort;
wie es schien, bestätigte er meinen Bericht. Miß Temple rief die
ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche
gegen Jane Eyre erhoben, genau untersucht worden, und daß sie
sich freue, mich von jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf
schüttelten die Lehrerinnen mir die Hände und küßten mich, und
ein Murmeln der Freude lief durch die Reihen meiner Mitschülerinnen.
Eine schwere Last war mir vom Herzen genommen; und von dieser Stunde an begann ich von neuem ernstlich zu arbeiten, fest
entschlossen, alle Schwierigkeiten hinfort zu überwinden; ich gab
mir Mühe, und der Erfolg entsprach meinen Anstrengungen; mein
Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark war, besserte sich
durch stete Übung; mein Verstand wurde durch die Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde ich in eine höhere Klasse verseht; in weniger als zwei Monaten durfte ich mit dem Französischen und Zeichnen beginnen. Ich lernte die ersten beiden Zeiten
des Verbums etre und skizzierte meine erste Hütte - deren schräge
Mauern, nebenbei gesagt, den hängenden Turm von Pisa bei weitem übertrafen- an demselben Tage. Als ich an jenem Abend
zu Bette ging, vergaß ich, in meiner Phantasie das Barmeciden Souper von heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch zu bereiten, mit dem ich sonst mein inneres Sehnen zu
befriedigen pflegte; statt dessen ergötze ich mich an dem Anblick
idealer Zeichnungen, welche ich im Dunkeln sah, alle das Werk meiner eigenen Hand; fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische
Felsen und Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von
Schmetterlingen, welche halberschlossene Rosen umflogen; Vögel,
welche an reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen
perlgroße Eier lagen, während junge Efeuranken sie umwucherten.
Im Gedanken ventilierte ich auch die Möglichkeit, ob ich jemals
imstande sein würde, ein gewisses, kleines, französisches Geschichtenbuch, welches Madame Pierrot mir an jenem Tage gezeigt hatte,
fließend übersetzen zu können;-- aber noch war dieses Problem
nicht zu meiner Zufriedenheit gelöst, als ich sanft einschlief.
Wie richtig hat Salomo gesagt:,Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.
Jetzt hätte ich Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht mehr mit Gateshead-Hall und seinem Luxus vertauschen mögen.
9. Kapitel.
Der liebsten Freundin seliger Heimgang.
Aber die Entbehrungen oder richtiger gesagt die Mühseligkeiten in Lowood verringerten sich. Der Frühling kam; die Winterfröste hatten aufgehört; der Schnee war geschmolzen, die schneidenden Winde waren milder geworden. Meine armen Füße, welche im Winter entzündet waren, begannen zu heilen. An besonders sonnigen Tagen begann es schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün begann sich über die braunen Beete
auszubreiten. Unter den Blättern blickten Blumen hervor: Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und goldäugige
Stiefmütterchen. An den schulfreien Donnerstagnachmittagen machten wir jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain,
unter den Hecken noch schönere Blumen.
Ich entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen außerhalb unseres Gartens lag. Er bestand nämlich in der Aussicht auf eine
lange Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel und einen klaren Bach voll dunkler Steine und glitzernder Strudel.
Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai mit blauem Himmel und mildem Sonnenschein. Die anscheinend dürren Ulmen und Eschen und Eichen wurden belaubt. Waldpflanzen sproßten in allen Ecken und Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft habe
ich an schattigen Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein gehalten. Und alles dies genoß ich frei, unbewacht und fast immer allein.
Reizend in der Tat wär die Lage von Lowood, ob aber gesund oder nicht, das ist eine andere Frage.
Das Waldtal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte von Nebeln, welche Krankheiten in die Stiftung einführten. Der Typhus brach aus, und bevor der Mai herbeikam, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.
Durch mangelhafte Ernährung und vernachlässigte Erkältungen wau die Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von achtzig Mädchen lagen fünfundvierzig zu gleicher Zeit an der Krankheit danieder. Die Schulstunden hörten auf, alle
Vorschriften blieben unbeachtet. Den wenigen, welche gesund blieben, wurde eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt
bestand zu ihrer Gesunderhaltung auf der Notwendigkeit häufiger
Bewegung in freier Luft. Miß Temple wohnte im Krankenzimmer; niemals verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden
der Nacht, wo sie selbst etwas ruhte. Viele, welche bereits angesteckt
waren, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und in der Stille begraben,
da die Natur der Krankheit keinen Aufschub gestattete.
Während so die entsetzliche Krankheit in Lowood wütete und
der Tod so häufig Besuch hielt, leuchtete draußen der strahlende
Mai über stolze Hügel und den herrlichen Wald. Der Garten
prangte im Blumenflor: Lilienkelche waren erschlossen, Tulpen und
Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete strahlten in
ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen ihren würzigen
Duft aus-- und diese blühenden Schätze waren jetzt für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos - nur zuweilen legte
man ihnen eine Handvoll Blüten und Blätter in den Sarg.
Aber ich und die übrigen, welche gesund blieben, genossen in
vollen Zügen die Schönheit der Gegend und der Jahreszeit; man
ließ uns wie Zigeuner im Walde umherstreifen; wir taten von morgens bis abends nur, was uns gefiel, gingen wohin wir wollten
-- und wurden auch besser beköstigt. Mr. Brocklehurst und seine
Familie kamen jetzt gar nicht mehr nach Lowood; die Furcht vor
Ansteckung hatte die geizige Wirtschafterin fortgetrieben; ihre Nachfolgerin kannte die Gewohnheit Lowoods noch nicht und versorgte
uns mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Die Kranken konnten
ja auch weniger essen. Wenn sie keine Zeit hatte, ein regelrechtes
Mittagessen herzurichten -- ein Fall, der ziemlich häufig eintrat,
pflegte sie uns ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder
ein großes Stück Brot und Käse; damit gingen wir in den Wald
hinaus, wo jede von uns ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein
üppiges Mahl hielt.
Mein Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher sich
weiß und trocken mitten aus dem Waldlache heraushob; er war
nur zu erreichen, indem ich durch das Wasser watete, und das tat
ich denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein war gerade
breit genug, um auf,er mir noch ein anderes Mädchen aufzunehmen; dies war Mary Ann Wilson, ein kluges, beobachtendes Kind,
dessen Gesellschaft mir Freude machte, teilweise weil sie witzig und
originell war, und teilweise, weil sie eine Art hatte, welche mir besonders zusagte. Mit meinen Fehlern hatte sie die größte Nachsicht. Sie liebte es, zu belehren- ich, zu fragen; so wurden wir
gut miteinander fertig und zogen viel Vergnügen aus unserem
gegenseitigen Verkehr.
Und wo war inzwischen Helene Burns? Weshalb brachte ich
diese süßen Tage der Freiheit nicht mit ihr zu ? Hatte ich sie vergessen? Oder war ich ihrer veredelnden Gesellschaft überdrüssig
geworden? Gewiß war die erwähnte Mary Ann Wilson jener
meiner ersten Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte mir nur lustige
Geschichten erzählen oder irgend einen witzigen Klatsch wiederholen, der mir gerade Vergnügen machte, während Helen, wenn
ich die Wahrheit über sie gesprochen habe, geeignet war, dene.
welche das Vorrecht, die Begünstigung ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für höhere, reinere Dinge einzuflößen.
Das ist wahr, mein teurer Leser, und ich wußte und fühlte das;
und obgleich ich ein unvollkommenes Geschöpf bin mit vielen
Fehlern und wenigen guten Eigenschaften, so war ich Helene
Burns doch noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte
ich aufgehört, für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich
und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl mein Herz bewegt
hat. Wie hätte es denn auch anders sein können, wenn Helene zu
allen Zeiten und unter allen Umständen mir eine ruhige und treue
Freundschaft bewiesen hatte, welche keine böse Laune je verbitterte, kein Streit jemals störte?
Helene war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war
sie meinen Augen bereits entrückt; ich wußte nicht, in welches Zimmer sie eine Treppe höher gebracht worden war. Man hatte mir
gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht
der Typhus, und ich in meiner Unwissenheit stellte mir unter
Schwindsucht eine harmlose Krankheit vor, die durch Pflege und
Fürsorge mit der Zeit geheilt werden müsse.
In diesen Gedanken wurde ich noch dadurch bestärkt, daß sie
einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen von Miß Temple in
den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten durfte ich
nicht mit ihr sprechen; ich sah sie nur aus dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich; denn sie war in viele
Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.
Eines Abends, im Anfang des Monats Juni, war ich sehr spät
mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten wir
uns von den anderen getrennt und waren weit umhergestreift, so
weit, daß wir uns verirrten und den Weg in einer einsamen Hütte,
wo ein Mann und eine Frau wohnten, erfragen mußten. Als wir
endlich zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony,
welchen wir als denjenigen des Arztes erkannten, stand an der
Gartentür. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend jemand
schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät am
Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; ich blieb zurück,
um noch eine Handvoll Wurzeln, die ich im Walde ausgegraben
hatte, in meinem Garten einzupflanzen. Es war ein so wunderschöner Abend, so rein, so ruhig, so warm. Im dunklen Osten
stieg majestätisch der Mond empor. Ich freute mich darüber, wie
-
,Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu
müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön
-- es muß doch entsetzlich sein, abberufen zu werden und wer weiß
wohin gehen zu müssen!
Und meine Seele machte die erste erste Anstrengung, das zu
begreifen, was man in bezug auf Himmel und Hölle sie gelehrt
hatte; zum erstenmal erblickte ich überall einen unermeßlichen Abgrund; zum erstenmal bebte meine Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte nichts Sicheres mehr als die Gegenwart, alles andere war eine leere Tiefe- es schauderte mich bei dem Gedanken, in dies Chaos hinabzutauchen. Als ich noch diesen Gedanken nachhing, hörte ich, wie die große Hausthür geöffnet wurde; Mr.
Bates trat heraus, mit ihm eine Krankenwärterin. Nachdem sie
gewartet, bis er aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte
sie die Tür wiederum schließen. Ich lief auf sie zu.
,Wie geht es Helene Burns?
,Sehr schlecht, lautete die Antwort.
,War Mr. Bates ihretwegen gekommen?
,Ja.,Und was sagt er?
,Er sagt, daß sie nicht mehr lange hier verweilen wird.'
Im ersten Augenblick bemächtigte sich meiner ein namenloser
Schrecken; dann empfand ich den heftigsten Schmerz, dann einen
Wunsch-- den Wunsch, sie zu sehen. Und ich fragte, in welchem
Zimmer sie läge.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer,'' sagte die Wärterin.
,Kann ich hinaufgehen und mit ihr sprechen?'
,O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für
Sie Zeit, hineinzugehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn
Sie draußen sind, während der Tau fällt.
Die Wärterin schloß die Haustür: ich ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; ich kam noch zu rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die Schülerinnen zum Schlafengehen.
Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr
sein; leise stand ich auf, zog mein Kleid über mein Nachtgewand
und schlich barfuß aus dem Gemach, um Miß Temples Zimmer zu
suchen. Es befand sich am entgegengesetzten Ende des Hauses;
aber ich kannte den Weg, und der helle Mondschein half mir, ihn
zu finden. Ich verspürte einen scharfen Geruch von Kampfer
und Essig, als ich mich dem Zimmer der Fieberkranken näherte;
schnell eilte ich an der Tür vorüber, aus Furcht, das die Krankenwärterin mich hören könne. Ich mußte Helene selen,-- ich
mußte sie umarmen, bevor sie starb, -- ich musste ihr einen letzten
Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprachen.
Nachdem ich die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil
vom Erdgeschoß des unteren Hauses durchschritten hatte und es
mir gelungen war, ohne Geräuschzwei Türen zu öffnen, kam ich
an eine zweite Treppe; diese stieg ich wieder hinauf und befand
mich gerade vor der Tür von Miß Temples Zimmer. Durch das
Schlüsselloch und eine Spalte unterhalb der Tür fiel ein Lichtschein; ringsumher herrschte tiefe Stille. AlS ich näher kam, fand
ich die Tür nur angelehnt, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach etwas Luft einzulassen. In heftigem Schmerz erbebend,
öffnete ich die Tür ganz und blickte hinein. Mein Auge suchte
Helene und fürchtete, den Tod au finden.
Dicht neben Miß Temples Bett stand ein kleines Bettchen.
Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht war durch die Vorhänge verdeckt. Die Wärterin, mit welcher
ich im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und war
eingeschlafen; ein ungeputztes Licht auf dem Tische verbreitete ein
trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später erfuhr ich,
daß sie zu einer Fieberkranken gerufen worden. -- Ich stand neben
dem kleinen Bette still; meine Hand faßte den Vorhang, doch hielt
ich es für besser, zu sprechen, bevor ich denselben zur Seite zog.
Ein Schauer faßte mich bei der Möglichkeit, daß ich vielleicht nur
noch eine Leiche sehen könnte. ,Helene,flüsterte ich, ,wachst du?’
Sie bewegte sich, schob den Vorhang zurück-- und ich blickte
in ihr blasses, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien so
wenig verändert, daß meine Furcht augenblicklich schwand.
,Bist du's wirklich, Jane? fragte sie mit ihrer gewohnten,
sanften Stimme.
,Ah!' dachte ich, ,sie wird nicht sterben; sie irren sich alle;
wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig aussehen.''
Ich ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und
ihre Wange, ihre Hände und ihre Arme ebenfalls; aber sie lächelte
wie früher.
,Warum kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf
Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.'
,Ich kam, um dich zu sehen, Helene. Ich hörte, du seist sehr
krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich mit dir gesprochen
hatte.
,Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen: wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.'
,Willst du fort, Helene? Willst du etwa nach Hause?
,Ja, nach Hause-- in meine ewige, meine letzte Heimat.’
,Nein, nein, Helene,'! unterbrach ich sie jammernd. Während ich versuchte, meine Tränen zu unterdrücken, hatte Helene
einen heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin nicht; als er vorüber war, lag sie einige Minuten ganz
erschöpft da; dann flüsterte sie:
,Jane, deine kleinen Füße sind nackt; decke dich mit meiner
Decke zu.
Ich tat es; sie schlang ihren Arm um mich, und ich schmiegte
mich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr sie flüsternd fort:
h
,Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so sollst du dich nicht darum grämen. Wir alle müssen
ja sterben, und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie schreitet langsam und schmerzlos fort. Ich hinterlasse
niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur einen Vater; er hat
sich vor kurzem wieder verheiratet und wird mich nicht vermissen.
Indem ich jung sterbe, werde ich vielen Leiden entgehen. Ich hatte
keine Eigenschaften, keine Talente, die mir meinen Lebensweg
glücklich hätten machen können. Fortwährend würde ich gefehlt
haben.'
,Aber wohin gehst du denn, Helene? Kannst du es sehen?
Kannst du glauben?
,Ich glaube; ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu
Gott.
,Wo ist Gott? Was ist Gott?
,Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann,
was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener bedeutungsvollen, da ich ihn von Angesicht zu Angesicht schauen soll.'
,Und werde ich dich wiedersehen, Helene, wenn ich sterbe?'
,Du wirst in dieselben Regionen der Glückseligkeit kommen
wie ich; derselbe allmächtige Allvater wird auch dich zu sich nehmen, Jane, zweifle nicht daran.'
Fester schlang ich meine Arme um Helene; sie war mir in diesem Augenblick teurer denn je; mir war, als könne ich mich nicht
von ihr trennen. Gleich darauf sagte sie in ihrer lieblichen Weise:
,Wie wohl ich mich fühle! Der letzte Hustenanfall hat mich
ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; ich möchte dich nahe bei mir wissen.''
,Ich bleibe bei dir, teure Helene; niemand soll mich von hier
fortbringen.'
,Ist dir warm, mein Liebling?
.Ja.
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helene.
Sie küßte mich, und ich küßte sie; bald schliefen wir beide.
ls ich erwachte, war es Tag. ich öffnete die Augen; jemand
hielt mich in den Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug
mich durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man gab mir
keinen Verweis dafür, daß ich mein Bett verlassen hatte; die Leute
hatten an andere Dinge zu denken. Auf meine vielen Fragen gab
man mir damals keine Erklärungen; aber einige Tage später erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt
war, mich in dem kleinen Bette gefunden habe; mein Gesicht ruhte
an Helene Burns Schulter, meine Arme umschlangen ihren Hals.
Ich schlief, und Helene war tot.
Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge;
noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein einfacher
Grashügel. jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die Stelle;
darauf steht ihr Name und das Wort: ,Auferstehen.''
10. Kapitel.
Der Typhus in Lowood.-- Neue Ziele.
Der Typhus verschwand nach und nach in Lowood; aber seine
Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer hatte die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Ursache dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Tatsachen entdeckt, welche
die allgemeine öffentliche Entrüstung im höchsten Grade erregten.
Die ungesunde Lage des Instituts; die schlechte Beschaffenheit der
Nahrung, welche den Kindern verabreicht wurde; das salzige.
stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung verwendet wurde;
die elende, unzureichende Bekleidung der Schülerinnen - alle diese
Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte einen sehr
beschämenden Eindruck für Mr. Brocklehurst, hatte aber eine
segensreiche Wirkung für die Anstalt.
Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute spendeten
große Summen für die Errichtung eines passenderen Gebäudes
in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt. Verbesserungen in Nahrung und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Ausschusses anvertraut. Mr. Brocklehurst behielt zwar das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner Pflichten standen ihm
Herren von einsichtsvollerer und menschlicherer Sinnesart zur
Seite. Ich blieb noch acht Jahre nach ihrer Umgestaltung eine Bewohnerin ihrer Mauern; sechs Jahre als Schülerin und zwei als
Lehrerin. In beiden Eigenschaften kann ich nur ihren großen
Wert und ihre Wichtigkeit bezeugen.
Während dieser acht Jahre war mein Leben außerordentlich
einförmig; aber nicht unglücklich, weil es nicht untätig war. Mit der Zeit stieg ich zum Range der ersten Schülerin der ersten Klasse
empor; dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut; dieser Pflichten erledigte ich mich während zweier Jahre. Doch nach
Ablauf dieser Zeit nahm ich eine andere Stelle an.
Bei allen Veränderungen war Miß Temple Vorsteherin des
Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte ich den größten
Teil meiner Kenntnisse; ihre Freundschaft war mein immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle einer Mutter bei mir
vertreten, sie wurde meine Erzieherin und später meine Gefährtin.
Um diese Zeit heiratete sie und zog mit ihrem Gatten-- einem
Geistlichen, der ein ausgezeichneter Mann und einer solchen Gattin
würdig gewesen war -- in eine entfernte Grafschaft; für mich
war sie infolgedessen verloren.
Seit dem Tage, wo sie uns verließ, war ich nicht mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Gemeinschaft, die Lowood gewissermaßen zu meiner Heimat gemacht hatte, dahin. Die Empfindungen meiner Seele waren geregelter geworden. Ich hatte
mich der Pflicht und der Ordnung unterworfen; ich war ruhig
geworden und glaubte, daß ich zufrieden sei.
Aber das Schicksal in Gestalt Seiner Hochehrwürden des
Herrn Nasmyth trat zwischen Miß Temple und mich;- ich sah
sie kurz nach der Trauung im Reisekleide in den Postwagen steigen;
ich sah den Wagen den Hügel hinauffahren und hinter dem Walde
verschwinden. Dann ging ich auf mein Zimmer. Und dort verbrachte ich auch in Einsamkeit den größten Teil des Tages.
Viele Stunden lang ging ich im Zimmer auf und ab. Ich
bildete mir ein, daß ich nur meinen Verlust betrauere und daran
dächte, ihn zu ersehen; als ich aber den Schluß meiner Betrachtungen zog, da dämmerte die Entdeckung vor mir auf: ich fühlte,
daß sie die reine Atmosphäre, welche ich in ihrer Nähe eingeatmet
hatte, mit sich genommen habe, und daß ich jetzt in mein eigenes
natürliches Element zurückversetzt sei. Ich fühlte, wie die alten
Leidenschaften wieder in mir erwachten. Es war nicht, als ob eine
Stütze mir genommen sei, sondern vielmehr, als ob eine bewegende
Kraft verloren gegangen; nicht als ob die Fähigkeit, ruhig
und zufrieden zu sein, geschwunden sei, sondern als ob die Ursache
zur Zufriedenheit dahin sei. Während vieler Jahre war Lowood meine ganze Welt gewesen; meine Erfahrung kannte
nichts anderes als seine Vorschriften. jetzt aber fiel mir ein,
daß die wirkliche Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles
Feld von Furcht und Hoffnung, von Empfindung und Anregung
jene erwarte, welche genug Mut besäßen, hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung zu suchen.
Ich ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort
die Grenze von Lowood, dahinter der hügelige Horizont. Mein
Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den
entferntesten, den blauen Vergspitzen, haften zu bleiben. Diese
zu übersteigen, sehnte ich mich; alles innerhalb ihrer Grenzen von
Felsen und Heide erschien mir Gefängnis und Verbannung. Ich
verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuße eines
Berges dahinzog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand, mit den Augen. Da erinnerte ich mich der Zeit, da ich
in einer Postkutsche auf derselben Straße des Weges gekommen
war; ich erinnerte mich, wie wir in der Dämmerung jenen Hügel
herunterfuhren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem
Tage, der mich zuerst nach Lowood brachte -- und nicht eine
Stunde hatte ich es seitdem verlassen. Alle meine Ferien hatte ich
in der Schule verlebt; Mrs. Reed hatte mich niemals wieder nach
Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgend
ein Mitglied ihrer Familie mich besucht. Weder schriftlich noch
mündlich hatte ich einen Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken, Stimmen, Gesichter, Phrasen, Kostüme, Sympathien und
Antipathien -- das war alles, was ich vom Leben kannte. Und
jetzt fühlte ich, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage wurde ich dessen überdrüssig, was mir in acht Jahren zur
Gewohnheit geworden war. Ich ersehnte die Freiheit; ich lechzte
nach Freiheit; um die Freiheit betete ich; der Wind, der sich leise
erhob, schien das Gebet zu verwehen. Dann gab ich die Freiheit
auf und sprach eine demütigere Bitte aus: ich bat um Veränderung, um irgend eine Anregung. Aber auch diese Bitte schien sich
kn bem weiten Raum zu verlieren.,Dann,'' rief ich in halber
Verzweiflung aus, ,dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!
Hier rief mich die Glocke zum Abendessen.
Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte ich meine unterbrochenen Gedankengang nicht wieder aufnehmen; selbst dann hielt mich
noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit mir teilte, durch interesseloses Geschwätz von dem Gegenstande fern, dem ich mich mit
meinen Gedanken wieder zuwenden wollte. Wie wünschte ich, daß
der Schlaf sie endlich zum Schweigen bringen möchte!
Endlich schnarchte Miß Gryce; sie war eine schwerfällige Walliserin, und bis jetzt hatte ich ihre Schnarchlaute nur als eine Belästigung betrachtet; heute abend aber begrüßte ich die ersten tiefen
Töne mit innerster Befriedigung; ich brauchte keine Unterbrechung
mehr zu fürchten; meine halbverwischten Gedanken belebten sich
von neuem.
,Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas, sagte ich zu
mir selbst. ,Es klingt nicht allzu süß; es klingt nicht wie die Worte
Freiheit, Aufregung, Genuß- entzückende Klänge in der Tat;
aber für mich doch nichts als Klänge. Aber Dienstbarkeit! Das
ist eine Tatsache! Jeder kann dienen! Ich habe hier acht Jahre
gedient; und jetzt verlange ich nichts weiter, als anderswo dienen
zu können. Ist die Sache denn nicht ausführbar? Ja - ja -
das Ende ist nicht so schwer, wenn mein Gehirn nur erfinderisch
genug wäre, um die Mittel, es zu erreichen, aufspüren zu können.'
Ich richtete mich im Bette auf, um mein vorerwähntes Hirn
zur Tätigkeit anzuspornen; es war eine frostige Nacht; ich bedeckte
meine Schultern mit einem Schal, und dann fing ich wieder mit
allen Kräften an zu denken.
,Was fehlt mir eigentlich? Eine neue Stelle in einem neuen
Hause, unter neuen Gesichtern, unter neuen Verhältnissen. Dies
wünsche ich, weil es nichts nützt, etwas Besseres zu wünschen.
Wie macht man es nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Man
wendet sich an seine Freunde, ich habe keine Freunde. Es gibt
aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und selbst für
sich sorgen müssen und sich selbst helfen. Wie machen Sie das?’
Mein Hirn arbeitete schneller und schneller; ich fühlte die Pulse
in meinem Kopf und meinen Schläfen klopfen; aber fast eine Stunde lang arbeitete es in einem Chaos und ohne Erfolg. Fieberhaft erregt durch die vergebliche Anstrengung erhob ich mich wieder und ging einigemal im Zimmer auf und ab; zog den Vorhang zurück, blickte zu den Sternen, zitterte vor Kälte und kroch
wieder in mein Bett.
Während meines Umherwanderns hatte eine gütige Fee gewiß die erflehte Antwort auf mein Kopfkissen niedergelegt, denn
als ich wieder lag, kam ein Gedanke in meinen Sinn: ,Leute,
welche Stellungen suchen, fragen in der Zeitung an: du mußt es
im ,—shire Herald’ ankündigen.'
,Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen.
Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt:
,Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den Herausgeber des ,Herald' einschicken; bei der ersten Gelegenheit,
die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die Post
geben; die Antwort muß an J. E. an das dortige Postamt geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt, kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgend eine Antwort eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.'
Zwei, dreimal überdachte ich diesen Plan; jetzt hatte ich ihn genügend verarbeitet; ich hatte ihn in eine klare, praktische Form
gefaßt; jetzt war ich zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.
Mit Tagesanbruch war ich auf. Ehe noch die Glocke ertönte,
hatte ich meine Annonce geschrieben, couvertiert und adressiert; sie
lautete folgendermaßen:
,Eine junge, im Lehren geübte Dame wünscht eine Stellung
in einer Familie bei Kindern unter vierzehn Jahren. Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Fächern, welche zu einer guten englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik. Gefällige Adressen sind an J. E.,
postlagernd Lowton,-shire, zu richten.’
Nach dem Tee bat ich die neue Vorsteherin um die Erlaubnis, nach Lowton gehen zu dürfen, wo ich einige Besorgungen für mich
und zwei meiner Mitlehrerinnen zu machen hatte. Die Erlaubnis wurde mir gern gewährt. Ich ging. Der Weg war zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren noch lang; ich ging in mehrere Läden, warf meinen Brief in den Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern,
aber mit erleichtertem Herzen zurück.
Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem anmutigen
Herbstabende befand ich mich abermals zu Fuß unterwegs nach Lowton.
Mein Vorwand bei dieser Gelegenheit war gewesen, mir das Maß zu einem paar Schuhe nehmen zu lassen; folglich machte ich
dieses Geschäft zuerst ab, und nachdem es erledigt, ging ich aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße
in das Postamt. Eine alte Dame verwaltete es; sie trug eine Hornbrille auf der Nase und schwarze Handschuhe.
,Sind Briefe für J. E. angelangt? fragte ich.
Sie blickte mich über ihre Brille fort an; dann öffnete sie eine
Schieblade und wühlte solange zwischen dem Inhalt umher, daß
meine Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein
Dokument mindestens fünf Minuten lang vor ihre Augengläser
gehalten hatte, reichte sie es mir durch den Postschalter hin, indem
sie diese Tat zugleich mit einem fragenden und mißtrauischen
Blicke begleitete -- der Brief war an J. E. adressiert.
,Ist nur er da? fragte ich.
,Ja,' sagte sie; ich schob ihn in die Taschen und machte mich
auf den Nachhauseweg. Jetzt konnte ich ihn nicht öffnen; die
Hausordnung verlangte, daß ich um acht Uhr zurück wäre, und
es war bereits halb acht.
Als wir uns endlich für die Nacht zurückzogen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch meine Gefährtin. Ich fürchtete, daß Miß Gryce sprechen würde, bis das kleine Restchen Licht verlöschen würde; glücklicherweise hatte das reichliche Mahl, welches sie zu sich genommen hatte, eine einschläfernde Wirkung. Sie schnarchte schon, bevor ich mich entkleidet hatte. Noch war ein Zolllang Kerze vorhanden- ich zog meinen Brief hervor, das Siegel trug den
Anfangsbuchstaben F - ich erbrach es, der kurze Inhalt lautete:
,Wenn J. E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce in
den “—shire Herald” rücken ließ, die erwähnten Fähigkeiten besitzt und wenn sie genügend Auskunft über Charakter und Kenntnis geben kann, so wird ihr eine Stellung geboten, wo sie nur ein kleines Mädchen unter zehn Jahren zu unterrichten hat. Gehalt
dreißig Pfund Sterling im Jahre.- . . wird gebeten, Zeugnisse, Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der
Adresse:,Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote,-shire.’
Lange prüfte ich das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Dieser
Umstand war befriedigend, denn eine Furcht hatte mich gequält,
daß ich durch dieses eigenmächtige Handeln ins Unheil geraten
würde; und vor allen Dingen wünschte ich doch auch, in ein achtbares Haus zu kommen. Mrs. Fairfax! Ich sah sie in einem
schwarzen Kleide und in der Witwenhaube; vielleicht etwas kalt -
aber nicht unhöflich: ein Muster der ältlichen, englischen Respektabilität. Thornfield! das war ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, nettes Plätzchen. Millcote, -shire!
Ich frischte meine Erinnerung an die Karte von England auf; ja,
da lagen sie vor mir, die Grafschaft sowohl wie die Stadt. Sie
war London um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft,
in welcher ich jetzt lebte: das war schon eine Empfehlung für mich.
Ich sehnte mich dorthin, wo Leben war; Millcote war eine große
Fabrikstadt, ein lebhafter Ort ohne Zweifel; desto besser, das
würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein. Nicht daß meiner Phantasie etwa die Gedanken an hohe Fabrikschornsteine
und Rauchwolken zugesagt hätten - ,aber,' folgerte ich weiter, ,Thornfield liegt wahrscheinlich eine gute Strecke Wegs von der
Stadt entfernt.’
Hier erlosch die Kerze.
Am folgenden Tage mußten neue Schritte getan werden.
Meine Pläne konnten nicht länger in der eigenen Brust verschlossen
bleiben; um sie ihrer Ausführung näher zu bringen, mußte ich sie
anderen mitteilen. Nachdem ich bei der Vorsteherin eine Audienz
erhalten hatte, teilte ich ihr während der Mittags-Erholungsstunde mit, daß ich Aussicht auf eine neue Stellung habe, in welcher das Gehalk das Doppelte von dem betragen würde, das ich in Lowood erhielt. Sehr freundlich willigte sie ein, in dieser Sache
als Vermittlerin auftreten zu wollen. Am nächsten Tage trug sie
Mr. Brocklehurst die Angelegenheit vor; dieser erwiderte, daß man
an Mrs. Reed schreiben müssen, da diese mein Vormund sei.
Infolgedessen ging eine Notiz an diese Dame ab, auf welche sie
antwortete, daß ich ganz nach eigenem Belieben handeln könne, da
sie längst jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben
habe. Dieser Brief machte die Runde bei dem Komitee, und nach
sehr unnötiger Verzögerung erhielt ich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn ich könnte. Dieser Einwilligung folgte
die Versicherung, daß man mir, da ich sowohl als Lehrerin wie als
Schülerin mir die vollständige Zufriedenheit der Lehrerinnen in
Lowood erworben, unverzüglich ein Zeugnis über Charakter wie
über Fähigkeiten, das von allen Vorstehern der Anstalt unterzeichnet, zustellen würde.
Nach ungefähr einer Woche erhielt ich das Zeugnis, schickte
eine Abschrift an Mrs. Fairfax und erhielt die Antwort, daß sie
zufrieden sei und ich binnen vierzehn Tagen den Posten als Gouvernante antreten könnte.
Die vierzehn Tage gingen schnell dahin. Ich hatte keine große
Garderobe, wenn sie auch meinen Bedürfnissen vollkommen genügte. Der letzte Tag reichte hin, um meinen Koffer zu packen - -
denselben, welchen ich bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.
Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse aufgenagelt. Nach
einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton
mitzunehmen, wohin ich selbst mich am folgenden Morgen in früher Stunde begeben sollte, um mit der Post weiter zu fahren. Ich
hatte mein schwarzwollenes Reisekleid ausgebürstet, meinen Hut,
Muff und meine Handschuhe zurechtgelegt; in allen Schiebladen
nachgesucht, damit nichts zurückbliebe, und jet, da ich nichts mehr
zu tun hatte, setzte ich mich und versuchte mich auszuruhen. Doch
das war unmöglich; obgleich ich während des ganzen Tages auf
den Füßen gewesen, konnte ich jetzt doch nicht einen Augenblick
Ruhe finden; ich war zu aufgeregt. Heute abend schloß ein Abschnitt meines Lebens ab; morgen begann ein anderer. Fieberhaft mußte ich wachen, während der Wechsel sich vollzog.
,Miß,' sagte ein Mädchen, welches mich in dem Korridor, wo
ich wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging, traf,
,unten ist jemand, der mit Ihnen sprechen möchte.
,Ohne Zweifel der Bote,' dachte ich und lief ohne weitere
Frage die Treppe hinunter. Ich ging an dem hinteren Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Tür halb geöffnet war, um in
die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer gestürzt kam.
, Sie ist's, ich weiß es gewiß!-- überall hätte ich sie wiedererkannt!'' rief die Gestalt, die mich in meinem Laufe aufhielt und
meine Hand ergriff.
Ich blickte auf. Vor mir stand eine Frau, gekleidet wie eine
herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung, mit
schwarzem Haar, dunklen Augen, frischer Gesichtsfarbe.
,Nun, wer ist's wohl? fragte sie mit einem Lächeln und einer
Stimme, die ich halb und halb erkannte; ,aber Miß Jane, ich
hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?
Im Augenblick darauf umärmte und küßte ich sie voll Entzücken: ,Bessie! Bessie! Bessie! weiter konnte ich nichts hervorbringen; sie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen
wir zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner Bursche von ungefähr drei Jahren.
,Das ist mein kleiner Junge,' sagte Bessie schnell.
,Du bist also verheiratet, Bessie?
,Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem
sKutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen, das ich Jane habe taufen lassen.'
,Und du wohnst nicht mehr in Gateshead?
,Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.
,Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Platz; und du, Bobby, komm zu
mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du? Aber Bobby zog
es vor, sich neben seine Mama zu setzen.
,Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark, fuhr Mrs. Leaven fort. ,Man hat Sie wohl hier in
der Schule nicht allzu gut gehalten? Miß Reed ist mindestens
einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgina ist gewiß zweimal
so breit.
,Georgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie.’
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in
London gewesen, und dort hat jedermann sie bewundert; ein junger Lord hat sich in sie verliebt; aber seine Verwandten waren
gegen die Heirat; und-- was denken Sie wohl?-- er und Miß
Georgina verabredeten, miteinander davonzulaufen. Aber sie
wurden entdeckt und aufgehalten. jetzt leben sie und ihre Schwester wie Hund und Kate miteinander; sie zanken und streiten unaufhörlich.
,Nun, und was macht John Reed?
,Ach, er ist nicht so gut, wie seine Mutter es wohl wünschen
könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt; dann
wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte studieren sollte. Aber er ist ein so zerstreuter junger Mensch, ich
glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.
,Wie sieht er aus?
,Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner
junger Mann ist. Aber er hat so dicke Lippen.?
,Und Mrs. Reed?
,Die gnädige Frau sieht stark und wohl genug aus, aber ich
glaube, daß sie sich in ihrem Gemüt oft krank fühlt. Mr. Johns
Betragen gefällt ihr nicht - er verbraucht sehr viel Geld.
,Hat sie dich hergeschickt, Bessie?
,Nein, in der Tat; aber ich habe schon solange gewünscht, Sie
zu sehen, und als ich hörte, daß ein Brief von Ihnen gekommen
sei, und daß Sie in eine andere Gegend des Landes gehen wollten,
dachte ich mir, daß ich mich auf den Weg machen müsse, um Sie
noch einmal zu sehen, bevor Sie mir ganz entrückt wären.
,Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen
getäuscht. Dies sagte ich wohl lachend, aber ich hatte bemerkt,
daß Bessies Blicke in keiner Weise Bewunderung ausdrückten, wenn
auch Achtung darin lag.
,Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus;
Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie
von Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie schon keine Schönheit.
Ich lächelte über Bessies offenherzige Antwort. Ich fühlte,
daß sie treffend war, aber ich muß gestehen, daß ich doch nicht ganz
unempfindlich gegen ihren Inhalt war. Mit achtzehn Jahren wünschen die meisten Menschen zu gefallen, und die Überzeugung.
daß ihr Äußeres nicht geeignet ist, ihnen die Erfüllung dieses Wunsches zu verschaffen, ist nicht angenehm.
,Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind, fuhr Bessie, wie um mich zu trösten, fort. ,Was können Sie denn alles?
Können Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und öffnete es; dann bat sie mich, ihr ein Stück vorzuspielen. Ich
spielte einige Walzer, und sie war entzückt.
,Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen !' sagte sie
freudig.,Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen übertreffen würden. Können sie auch zeichnen?
,Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.
Es war eine Landschaft in Wasserfarben, welche ich der Vorsteherin
aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittelung bei dem
Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen hatte
bringen lassen.
,Aber das ist schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer der Miß
Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von den jungen
Damen selbst will' ich schon gar nicht reden. Haben Sie auch Französisch gelernt?
,Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.
,Und können Sie auch sticken?
,Gewiß, das kann ich.
,O, Sie sind ja eine vollkommene Dame geworden, Miß
Jane! Das habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird es immer
gut gehen, ob sich nun Ihre Verwandte um Sie kümmern oder
nicht. Ich wollte Sie noch um etwas befragen. -- Haben Sie
jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört?
,Niemals.
,Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie
arm und von geringem Stande wären; möglich, daß sie arm
sind, aber ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn
eines Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach
Gateshead und wünschte Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Se
fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht,
denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in wenigen Tagen von
London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube,
es war Ihres Vaters Bruder.
,Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie?
,Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo sie
Wein machen- der Kellermeister hat mir das gesagt.
,Madeira? fiel ich ein.
Ja. ja, das war's, so hieß sie.
,Und dann ging er wieder fort?
,Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed
war sehr hochmütig zu ihm. Nachher sagte sie von ihm, er sei ein
,armseliger Krämer''. Mein Robert glaubt, daß er ein Weinhändler war.
Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und ich von alten
Zeiten, und dann war sie gezwungen, mich zu verlassen. Als ich
am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete, sah
ich sie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten wir
uns vor dem Posthause; sie begab sich auf die Höhe des Lowood-
Felsens, wo der Wagen vorüberkam, der sie nach Gateshead zurückführen sollte; ich bestieg das Gefährt, das mich in die unbekannte Gegend von Millcote brachte, zu einem neuen Leben und
zu neuen Pflichten.
11. Kapitel.
Die Reise nach Thornfieldhall.- Meine neuen Lebensgefährten.
Ein neues Kapitel in einem Roman ist mit einem neuen Akt
in einem Schauspiel zu vergleichen; wenn ich den Vorhang wiederum in die Höhe ziehe, lieber Leser, mußt du dir vorstellen, daß
du ein Zimmer im ,Georgs Wirtshaus- in Millcote siehst, mit so
großblumigen Tapeten an den Wänden, wie Gasthauszimmer sie
gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln,
Nippesfiguren auf dem Kamin, Kupferstichen, einem Porträt von
Georg 1l., einem zweiten des Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des Generals Wolfe. Und alles dies siehst du
bei dem Schein einer Öllampe, welche von der Decke herabhängt,
und dem eines hellen Kaminfeuers, neben welchem ich in Mantel
und Hut sitze; mein Muff und Regenschirm liegen auf dem Tische,
und ich versuche, mich an der Wärme des Ofens von der Betäubung zu erholen, welche eine sechzehnstündige Reise in kaltem
Oktoberwetter bei mir hervorgerufen hatte; um vier Uhr morgens
hatte ich Lowton verlassen, und die Stadtuhr von Millcote schlug
jetzt gerade die achte Stunde.
Ich hatte gehofft, bei meiner Ankunft jemanden in Millcote
zu meinem Empfange bereit zu finden. Ich blickte ängstlich am
Posthause umher, in der Erwartung meinen Namen von irgend
jemandem aussprechen zu hören und einen Wagen zu erblicken,
welcher mich nach Thornfield bringen sollte. Aber nichts derartiges war sichtbar, und als ich den Kellner fragte, ob jemand da gewesen sei, um sich nachMi; Eyre zu erkundigen, erhielt ich eine verneinende Antwort. So blieb mir also nichts anderes übrig, als
ein Zimmer zu verlangen, und hier saß ich nn, während Furcht
und Zweifel aller Art meine Gedanken beherrschten.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sich
plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen-- von allen Bekannten abgeschnitten - ungewiß, ob der Hafen, dem man zusteuert,
auch erreichbar ist, und ob man nicht verhindert ist, nach dem
Hafen, den man verlassen hat, wieder zurückzukehren. Der Reiz
des Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein des Stolzes erwärmt es -- aber die Empfindung der Furcht dämpft es;
und kaum war eine halbe Stunde vergangen, in welcher ich noch
immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus überwiegend. Da fiel mir ein zu klingeln.
,Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?
fragte ich den Aufwärter, welcher auf mein Klingeln erschienen war.
,Thornfield? Ich weiß nicht, Madame; ich werde mich in
der Gaststube erkundigen. Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:
,Ist Ihr Name Eyre. Miß?
Ja.
,Es wartet jemand auf Sie.
Ich sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
in den Flur des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen
Tür, und bei der Straßenlaterne sah ich ein einspänniges Gefährt.
,Das ist wohl Ihr Gepäck? sagte der Mann und zeigte auf
meinen Koffer, der im Gange stand.
,Ja. Er hißte ihn auf den Wagen hinauf, und dann stieg
ich ein. Ehe er die Tür hinter mir zuschlug, fragte ich, wie weit es
bis Thornfield sei.
,Etwa sechs Meilen.’
,Und wie lange fahren wir?’
,Vielleicht anderthalb Stunden!
Er kletterte auf seinen Si, und wir fuhren ab. Langsam
kamen wir vorwärts, und ich hatte reichliche Zeit zum Nachdenken.
Ich war zufrieden, dem Endziel meiner Reise so nahe zu sein, und
als ich mich in das bequeme, wenn auch durchaus nicht elegante
Gefährt zurücklehnte, konnte ich mich ungestört meinen Gedanken
hingeben.
,Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr hochgestellte Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen
Leuten gelebt, und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt.
Ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt? Wenn das
der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig ist, werde
ich sehr gut mit ihr auskommen. Ich werde mein Bestes tun. Aber
wie schade, daß es nicht immer genügt, sein Bestes zu tun. In
Lowood allerdings faßte ich diesen Vorsatz, führte ihn aus, und es
gelang mir, allen zu gefallen; aber bei Mrs. Reed erinnere ich mich,
daß selbst mein Bestes nur mit Hohn aufgenommen wurde. Ich
flehe zu Gott, daß Mr. Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge.
Wenn sie es aber ist, so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Im
schlimmsten Falle kann ich ja wieder in der Zeitung anfragen.''
Millcote lag jetzt hinter uns; nach der Anzahl seiner Lichter
schien es ein Ort von ziemlicher Größe, viel größer als Lowton
zu sein. So weit ich es überblicken konnte, befanden wir uns jetzt
auf einer Art Weide; aber über die ganze Gegend lagen Häuser
zerstreut; ich fühlte, daß wir uns in Regionen befanden, welche
sehr verschieden waren von denen Lowoods; sie waren bevölkerter,
aber weniger malerisch; sehr belebt, aber weniger romantisch.
Die Straßen waren schwierig, die Nacht war neblig; mein
Kutscher ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen, und ich
glaube, daß sich anderthalb Stunden zu mindestens zwei ausdehnten. Endlich wandte er sich um und sagte:
,Jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte ich hinaus; wir fuhren an einer Kirche vorüber;
ich sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel abzeichnen, seine Uhr schlug ein Viertel; dann sah ich auch eine schmale
Reihe von Lichtern längs einer Anhöhe; es war ein Dorf oder ein
Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der Kutscher ab und
öffnete ein Tor. jetzt kamen wir langsam über den großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines Hauses
entlang; aus einem verhängten Bogenfenster schimmerte ein Licht;
alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der Haustür.
Eine Dienerin öffnete diese; ich stieg aus und ging hinein.
,Mike, hier, Fräulein, sagte das Mädchen, und ich folgte ihr,
und sie führte mich in ein Zimmer, dessen doppelte Erleuchtung
durch Kerzen und Kaminfeuer mich im ersten Augenblick blendete.
Als ich jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich meinen
Blicken ein gemütliches und trauliches Bild.
Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an
einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein altmodischer Lehnstuhl, in
welchem die denkbar sauberste ältere Dame saß. Sie trug eine
Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine schneeweiße
Musselinschürze: gerade so wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt
hatte, nur weniger stattlich und milder aussehend. Sie war mit
Stricken beschäftigt; eine große Katze lag still zu ihren Füßen, --
kurzum, nichts fehlte, um das Ideal häuslichen Wohlbehagens zu
vervollständigen. Eine beruhigendere Einführung für eine neue
Gouvernante ließ sich kaum denken; keine Erhabenheit, die überwältigte, keine anmaßende Vornehmheit, die in Verlegenheit setzte.
ls ich eintrat, erhob die alte Dame sich und kam mir schnell und
freundlich entgegen.
,Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie eine
sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es
muß Sie frieren, kommen Sie ans Feuer.
,Mrs. Fairfax vermutlich? fragte ich.
,Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte mich zu ihrem Stuhl und dort begann sie, mir
meinen Schal abzunehmen und meine Hutbänder zu lösen. Ich
bat sie, sich meinetwegen nicht so viel Mühe zu machen.
das ist keine Mühe. Ihre eigenen Hände müssen vor
Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite ein wenig heiße Limonade
und bringe ein paar Butterbrote; hier sind die Schlüssel zur
Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie ein Bund Schlüssel aus ihrer Tasche
und übergab es der Dienerin.
,Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,' fuhr sie fort.
,Nicht wahr, meine Liebe. Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?’
.Ja wohl, Madame
,Ich werde es auf Ihr Zimmer bringen lassen,' sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.
,Sie behandelt mich wie einen Gast,' dachte ich. ,Solch einen
Empfang habe ich wahrlich nicht erwartet; dies gleicht nicht den
Erzählungen, die ich von der Behandlung der Erzieherinnen gehört
habe; aber ich darf nicht zu früh frohlocken.'
Sie kehrte zurück; mit ihren eigenen Händen räumte sie ihren
Strickstrumpf und einige Bücher vom Tische, um Platz für das
Speisebrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte
sie selbst mir die Erfrischungen. Ich ward ein wenig verblüfft,
als ich mich in dieser Weise zum Gegenstand so vieler Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein von meiner Herrin;
da sie selbst aber gar nicht zu finden schien, daß sie etwas tat, was
ihr nicht zukam, hielt ich es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.
,Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute abend zu sehen? fragte ich, nachdem ich von dem Vorgesetzten
etwas genossen hatte.
,Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig taub,
entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr meinem Munde
näherte.
Deutlicher wiederholte ich die Frage.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der Name Ihrer künftigen Schülerin.
,In der Tat? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?’
,Nein.- Ich habe keine Familie.’
Ich hätte meiner ersten Frage noch einige andere folgen lassen
sollen und mich erkundigen, in welcher Weise Miß Varens denn
mit ihr verwandt sei; aber ich erinnerte mich noch zu rechter Zeit,
daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen; überdies mußte
ich es ja ohnehin mit der Zeit erfahren.
,Ich bin so froh'-- fuhr sie fort, als sie sich mir gegenübersetzte und die Kate auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so froh, daß
Sie gekommen sind. jetzt wird das Leben hier mit einer Gesellschafterin ganz angenehm sein. Nun, es ist auch wohl zu allen
Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz, während der letzten Jahre allerdings ein wenig vernachlässigt,
aber immerhin stattlich; aber Sie wissen wohl, Selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich im Winter traurig, wenn man ganz allein
ist. Ich sage allein-- Leah ist gewiß ein gutes Mädchen, und
John und seine Frau sind anständige Leute; aber sehen Sie, es
sind doch in:mer nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen
wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer in gewisser Entfernung halten aus Furcht, damit man seine Achtung
nicht verliert. Im letzten Winter kam vom November bis zum
Februar nicht eine lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme
des Schlächters und des Postboten; und ich wurde ganz melancholisch, als ich so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte.
Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß dem armen Mädchen diese Aufgabe nicht sonderlich erwünscht war; sie kam sich
dabei wohl wie eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer
ging es dann besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen
großen Unterschied. Zu Anfang dieses Herbstes kam die kleine
Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort Leben
ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werde ich am Ende gar
noch ganz vergnügt werden.'
Mein Herz wurde warm, als ich die würdige alte Dame so
plaudern hörte; ich zog meinen Stuhl näher zu ihr hin und sprach
den aufrichtigen Wunsch aus, daß sie meine Gesellschaft wirklich als
so angenehm finden möge, als sie erwartete.
, Heute abend will ich Sie aber nicht lange aufhalten,' sagte
sie;,es ist jetzt zwölf Uhr, und Sie sind den ganzen Tag gefahren;
Sie müssen müde sein. Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt
sind, will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist
nur ein kleines Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein
würde, als eins der großen Vorderzimmer; allerdings sind diese
prächtiger ausgestattet, aber sie sind so düster und öde; ich könnte
niemals darin schlafen.'
Ich dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Anordnung, und da ich
mich von der langen eise wirklich ermüdet fühlte, zeigte ich mich
bereit, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen. Sie nahm ihr Licht,
und ich folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst sah sie nach,
ob die große Haustür auch wirklich verschlossen sei; nachdem sie
den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie mich die Treppe
hinauf. Stufen und Geländer waren von Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; dieses, wie die lange Galerie,
auf welche die Schlafzimmertüren hinausgingen, sahen aus, als
gehörten sie zu einer Kirche und nicht zu einem Hause. Eine feuchte
Luft wie aus einem Gewölbe lag auf der Treppe wie in der Galerie, und ich war froh, als ich endlich in mein Zimmer trat und
fand, daß es klein und in gewöhnlich modernem Stil möbliert sei.
Als Mrs. Fairfax mir eine herzliche Gutenacht gewünscht,
und ich meine Tür verschlossen hatte, sah ich mich mit Muße um;
der Anblick meines behaglichen Zimmers verdrängte einigermaßen
den Eindruck, welchen die weite Halle, die große Treppe und jene
lange, kalte Galerie auf mich gemacht hatten, und endlich kam es
mir zum Bewußtsein, daß ich mich nach einem Tage körperlicher
Ermüdung und ängstlicher Erwartung nun endlich in einem sicheren Hafen befinden würde. Das Gefühl der Dankbarkeit schwellte
mein Herz, ich kniete neben meinem Bette nieder und sandte ein
Dankgebet zu dem empor, dem ich Dank schuldete; und bevor ich
mich wieder erhob, vergaß ich nicht, weitere Hilfe für meinen Pfad
zu erflehen und um die Kraft zu bitten, mich der Güte würdig
machen zu können, welche mir zuteil wurde, bevor ich sie noch hatte
verdienen können. In dieser Nacht hatte ich kein Dornenlager;
mein einsames Zimmer kannte keine Furcht. Zugleich müde und
zufrieden, schlief ich bald und fest ein. Als ich erwachte, war es
bereits heller Tag.
In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Fenstervorhänge fiel, erschien mir mein Zimmer freundlich und traulich.
Äußerlichkeiten üben einen so großen Einfluß auf die Jugend. Mir
war, als müsse jetzt ein schöner Abschnitt meines Lebens für mich
anbrechen, ein Abschnitt, welcher ebenso Dornen und Mühseligkeiten wie Blüten und Freuden haben würde. Ich kann nicht
genau wiedergeben, was ich erwartete, aber es war etwas Freudiges: nicht vielleicht gerade für einen bestimmten Tag oder Monat, sondern für irgend eine unbestimmte, ferne Zeit.
Ich stand auf und kleidete mich sorgfältig an. Wenn ich auch
gezwungen war, einfach zu sein- ich hatte kein einziges Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht wäre -
so achtete ich doch darauf, sauber und nett auszusehen. Es war
durchaus nicht meine Gewohnheit, gleichgültig gegen mein Äußeres
zu sein, im Gegenteil, ich wünschte stets, so hübsch wie möglich zu
sein und so sehr zu gefallen, wie mein Mangel an Schönheit es gestattete. Wie oft bedauerte ich, nicht hübscher zu sein! Wie lebhaft wünschte ich, rosige Wangen, eine gerade Nase und einen kleinen Kirschenmund zu besitzen; ich hätte schlank und stattlich sein
mögen; ich empfand es wie ein Unglück, so klein und bleich zu sein,
so unregelmäßige, scharfe Züge zu haben. Aber weshalb hatte ich dies Verlangen? dieses Bedauern? Das wäre schwierig gewesen zu
sagen. Damals hätte ich es mir selbst nicht erklären können. Als
ich jedoch mein Haar sehr sorgsam gekämmt und mein schwarzes
Kleid angezogen hatte, welches trot seiner Quäkerhaftigkeit den
Vorzug hatte, aufs genaueste zu passen, als ich eine reine, weiße
Halskrause umgebunden, glaubte ich sauber genug auszusehen, um
vor Mrs. Fairfax erscheinen zu können. Von meiner Schülerin
hoffte ich, daß sie wenigstens nicht vor mir zurückschrecken werde.
Nachdem ich das Fenster geöffnet und mich überzeugt hatte, daß ich
auf dem Toilettentisch alles sauber und ordentlich zurückließ, wagte
ich mich hinaus.
Nachdem ich die lange, mit Teppichen belegte Galerie entlanggegangen war, stieg ich die glatte Eichentreppe hinunter;
dann kam ich in die Halle; hier stand ich eine Minute still; ich betrachtete einige Bilder an den Wänden,- noch heute erinnere ich ,
mich derselben, das eine stellte einen finsteren Mann in einem Harnisch dar; das andere eine Dame mit gepuderten Haaren und einem Perlhalsband —- eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz künstlich geschnitzt und durch die Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien mir sehr stattlich und großartig. Die Tür der Halle, welche halb aus Glas war, stand offen; ich überschritt die Schwelle. Es war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbte Wälder und noch grüne Felder herab; ich ging auf den freien Rasenplatz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großer Ausdehnung, der Sitz eines vornehmen Herrn.
Zinnen auf dem Dache gaben dem Hause ein malerisches Aussehen.
Die graue Front hob sich hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes ab, dessen krächzende Bewohner jetzt über den Grasplatz und den Park flogen, um sich auf einer großen Weide niederzulassen, von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt waren. In der Ferne waren Hügel, nicht so hoch wie jene
um Lowood, nicht so selsig, nicht so ähnlich Schranken, welche einen von der übrigen Welt abschlossen, aber doch Hügel, welche Thornfield eine gewisse Abgeschiedenheit verliehen. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen beschattet waren, zog sich an einem der
Hügel hinauf; die Kirche des Distrikts stand näher an Thornfield, ihre alte Turmspitze sah über einen Hügel zwischen dem House und
dem Parktor hervor.
Ich erfreute mich noch an der friedlichen Aussicht und an der
angenehmen, frischen Luft, horchte noch mit Vergnügen auf das
Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große Front der Halle
und dachte bei mir, welch ein großer Besitz es für eine einzelne
kleine Dame wie Mrs. Fairfax sei, als diese Dame in der Tür erschien.
,Was? schon draußen? sagte sie.,Ich sehe, Sie lieben es, früh aufzustehen. Ich ging zu ihr und wurde mit einem Kusse
und einem herzlichen Händedruck empfangen.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie. Ich antwortete
ihr, daß ich es sehr schön fände.
,Ja,' sagte sie,,es ist ein reizender Ort; aber ich fürchte, es
wird in Verfall geraten, wenn Mr. Rochester sich nicht entschließt,
herzukommen und für immer hier zu wohnen oder wenigstens
häufiger herzukommen. Große Häuser und schöne Besitzungen erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.'
,Mr. Rochester!' rief ich aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield,' antwortete sie ruhig. ,Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt?
Natürlich wußte ich das nicht-- ich hatte ja noch niemals von
ihm gehört; aber die alte Dame schien sein Dasein für eine so allgemein bekannte Tatsache zu halten, daß jedermann sie kennen
mußte.
,Ich glaubte, fuhr ich fort, ,daß Thornfield Ihr Eigentum sei.’
,Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welch eine Idee!
Mein Eigentum? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin.
Allerdings bin ich von mütterlicher Seite entfernt mit den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er war
Pfarrer jenes kleinen Dorfes da drüben auf dem Hügel. Die
Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine Fairfax und meines
Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich berufe mich auf diese
Verwandtschaft niemals und mache mir gar nichts daraus; ich betrachte mich ganz wie eine gewöhnliche Haushälterin; mein Herr
ist immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.
,Und das kleine Mädchen- meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine Erzieherin für sie zu suchen. Ich glaube, daß er die Absicht hegt, sie
in -shire erziehen zu lassen. Da kommt sie mit ihrer ,Bonne'', wie sie ihre Wärterin nennt.
Das Rätsel war also gelöst; diese freundliche, kleine Witwe war keine große Dame, sondern eine Untergebene wie ich selbst.
Deshalb war sie mir nicht weniger lieb; im Gegenteil, ich fühlte mich wohler als zuvor. Meine Stellung war deshalb um so viel
freier.
Während ich noch über diese Entdeckung nachdachte, kam ein
kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Ich betrachtete meine Schülerin, welche mich
anfangs nicht zu bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, mit einer Fülle von
Haar, das in Locken über die Schultern wallte.
,Guten Morgen, Miß Adele, sagte Mrs. Fairfax. ,Kommen Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin sein und Sie zu einem klugen Mädchen erziehen wird. Sie kam näher.
,C’est là ma gouvernante?’ fragte sie zu ihrer Wärterin
gewendet auf mich zeigend; diese antwortete:
,Mais qui, certainemente!’
,Sind sie Ausländerin?’ fragte ich, erstaunt, die französische Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin, und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube, daß sie bis vor sechs Monaten
immer dort war. ls sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort englisch sprechen; jetzt hat sie es ein wenig gelernt; ich verstehe sie
nicht, sie vermischt es so sehr mit dem Französischen; aber ich vermute daß Sie sich mit ihr schon zurechtfinden werden.
Zum Glück hatte ich französisch von einer Französin gelernt; und da ich es mir stets hatte angelegen sein lassen, so viel wie möglich mit Madame Pierrot zu reden und überdies während der letzten sieben Jahre täglich etwas französisch auswendig gelernt hatte,
war es mir möglich geworden, mir einen Grad der Fertigkeit in der Sprache anzueignen, welcher mich in den Stand setzte, mit
Mademoiselle Adele fertig zu werden.
Als sie hörte, daß ich ihre Erzieherin sei, kam sie und reichte mir die Hand; dann führte ich sie in das Frühstückszimmer und
richtete einige Worte in ihrer Muttersprache an sie; im Anfang antwortete sie sehr kurz, aber als wir am Tische saßen und sie mich
ungefähr zehn Minuten mit ihren großen, hellbraunen Augen gemustert hatte, begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.
,Ach,' rief sie auf französisch aus, ,Sie sprechen meine Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen reden
wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich sein;
hier kann niemand sie verstehen, Madame Fairfax ist durch und
durch englisch. Sophie ist meine Wärterin; sie ist mit mir über
das Meer gekommen in einem großen Schiffe mit einem Schornstein, der rauchte- und wie er rauchte! -- und ich war krank,
und Sophie auch und Mr. Rochester auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen Zimmer, das Salon genannt
wurde, und Sophie und ich hatten kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus meinem Bette herausgefallen, es
war ganz wie ein Brett. Und, Mademoiselle, wie heißen Sie doch?’
,Eyre -- Jane Eyre.
,Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun gut: gegen Morgen, vor Tage, hielt unser Schiff bei einer großen Stadt
mit sehr schmutzigen, verräucherten Häusern an. Mr. Rochester trug
mich auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam
hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an
ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und schöner als
dieses, und es hieß ein ,Hotel'. Hier blieben wir beinahe eine
Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen grünen Plat
voller Bäume umher, den sie , Park' nannten. Außer mir waren
noch viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln -'
darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert habe.'
,Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell
plappert? fragte Mrs. Fairfax,
Ich verstand sie sehr gut, denn ich war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.
Dann fuhr die gute, alte Dame fort: ,Ich wünschte es wohl, daß Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll.
mich doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?'
,Adele,' fragte ich, ,bei wem warst du in jener hübschen, sauberen Stadt, von welcher du mir erzählt hast?’
,Mit meiner Mama, aber das ist schon lange her; sie ist in den Himmel gegangen. Mama hat mich auch tanzen und singen
und Verse hersagen gelehrt. Viele Herren und Damen kamen zu Mama, und dann pflegte ich ihnen etwas vorzutanzen oder vorzusingen. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?’
Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte
ich ihr, mir eine Probe ihrer Fertigkeit zu geben. Sie kletterte von
ihrem Stuhl herunter und kam zu mir, um sich auf meinen Schoß
zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre
Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und
begann eine Melodie aus einer Oper zu singen. Es war ein Lied
von einer verlassenen Frau, welche anfangs die Treulosigkeit ihres
Geliebten beweint und dann ihren Stolz zu Hilfe ruft; darauf befiehlt sie ihrer Begleiterin, ihr die schönsten Gewänder und ihre
prächtigsten Juwelen zu bringen und beschließt, dem Falschen am Abend auf einem Balle zu begegnen und ihm durch ihre Fröhlichkeit zu beweisen, wie wenig seine Treulosigkeit sie ergriffen hat.
Das Lied schien seltsam gewählt für eine so kindliche Sängerin; aber ich vermute, daß der Schwerpunkt des Vortrages darin
lag, diese Töne und Worte der Liebe und Eifersucht von den Lippen des Kindes zu hören; und sehr geschmacklos schien mir diese
Pointe zu sein.
Adele sang die Kanzonette ganz geschmackvoll und mit der Naivetät ihrer Jahre.
Nachdem sie damit zu Ende war, sprang sie von meinem Schoße herab und sagte: ,Jetzt, Mademoiselle, will ich Ihnen
etwas vordeklamieren.'
Dann nahm sie eine Attitüde an und begann: ,La ligue des rats, fable de La Fontaine.’ Nun deklamierte sie das kleine Stück
mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Angemessenheit der Bewegungen, welche in ihren Jahren allerdings ungewöhnlich waren undeutlich bewiesen, daß sie sorgsam geschult worden war.
,Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt? fragte ich.
,Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ,Qu’avez-vous donc? lii dir un de des rats; parlez!’ Und dann ließ sie mich meine
Hand aufheben - so - um mich daran zu erinnern, daß ich die Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas
vortanzen?
,Nein. Jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als deine Mama in den Himmel gegangen war, wie du sagst?
,Bei Madame Frederic und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte
mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben möchte, und ich sagte Ja. Denn ich kannte Mr. Rochester, bevor ich
Madame Frederich kannte, und er war immer gütig gegen mich und schenkte mir schöne Kleider und Spielsachen. Aber Sie sehen, er
hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe ich ihn nie
mehr.
Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adele in die Bibliothek zurück, welche, wie es schien, uns Mr. Rochester als Schulzimmer
angewiesen hatte. Die Mehrzahl der Bücher standen in Glasschränken; aber ein Bücherschrank, welcher offen stand, enthielt
alles, was für den elementaren Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren Literatur, Poesie, Biographie,
Reisebeschreibungen, einige Romane usw. Ich vermute, daß er der Ansicht gewesen, dies sei für die Privatlektüre einer Erzieherin
genug, und in der Tat genügten sie mir vollauf für den Augenblick; im Vergleich zu dem kärglichen Büchervorrat in Lowood
schienen diese Bände mir einen reichen Schatz von Unterhaltung und Belehrung zu bieten. In diesem Zimmer befand sich auch ein
ganz neues Klavier von vortrefflichem Ton; außerdem eine Staffelei und mehrere Erdkugeln.
Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, aber nicht lernbegierig. Sie war nicht an eine regelmäßige Beschäftigung irgend
welcher Art gewöhnt. Ich fühlte, daß es nicht ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte
ich ihr, gegen Mittag zu ihrer Wärterin zurückzukehren. Und dann nahm ich mir vor, bis zur Stunde des Mittagessens einige kleine
Skizzen für ihren Gebrauch zu zeichnen.
Als ich hinaufging, um meine Mappe und meine Zeichenstifte zu holen, rief Mrs. Fairfax mir zu: ,Ihre Schulstunden für den
Morgen sind jetzt vorüber, wie ich vermute. Sie befand sich in einem Zimmer, dessen Flügeltüren weit geöffnet waren; als sie
mich anredete, ging ich hinein. Es war ein großes, stattlicher Zimmer, mit purpurfarbigen Möbeln und Vorhängen, einem türkischen
Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen, buntfarbigen Fenster und einer reich verzierten Decke. Mrs. Fairfax wischte den
Staub von einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf
einem Nebentische standen.
,Welch ein prachtvolles Zimmer,' rief ich aus, indem ich umherblickte, denn ich hatte noch nie ein Zimmer gesehen, was auch
nur halb so schön gewesen wäre.
,Ja, dies ist bas Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster
geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein hereinzulassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht.
Drüben im großen Gesellschaftszimmer ist es gerade wie in einem
Kellergewölbe.
e
Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster
gegenüberlag und mit purpurroten Vorhängen dekoriert war. Als
ich zwei breite Stufen, welche zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war mir's, als täte ich einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien meinem unerfahrenen Auge der Anblick, welcher sich
ihm darbot. Und doch war es nichts als ein sehr hübscher Salon
mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, auf
welche bunte Blumengirlanden gelegt zu sein schienen; die Decke
war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße Weintrauben
und Blätter darstellte; seltsam stachen davon die feuerroten Stühle
und Ottomanen ab. Die Zierrate, welche den Kaminsims aus weisem, karrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem,
rubinrotem, böhmischem Glas, und in den Spiegeln zwischen den
Fenstern wiederholte sich die allgemeine Verschmelzung von Schnee
und Feuer.
,Wie gut Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs. Fairfax!'' rief ich. ,Kein Staub, keine Überzüge! Man könnte wirklich glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht
ein wenig eisig wäre.
,Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich;
und da ich bemerkt habe, daß es ihm mißfällt, wenn er alles eingehüllt findet, so dachte ich mir, es sei das Beste, die Zimmer stets
in Bereitschaft zu halten.
,Ist Mr. Rochester ein strenger und anspruchsvoller Herr?
fragte ich.
,Das gerade nicht; aber er hat den Geschmack und die Gewohnheiten eines Gentleman und er erwartet, daß alle Dinge sich
danach einrichten.'
,Mögen Sie ihn gern? Ist er allgemein beliebt?
,O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit undenklichen Zeiten hat alles Land in der Gegend,
soweit das Auge reicht, den Rochesters gehört.
,Gut; aber ist er auch beliebt, ganz abgesehen von seinen Besitzungen?
,Ich glaube wohl, daß seine Pächter ihn als einen freigebigen und gerechten Herrn betrachten; aber er hat niemals viel unter
ihnen gelebt.’
,Aber hat er keine Eigentümlichkeiten? Kurz, wie ist sein
Charakter?
,O, sein Charakter ist fleckenlos. Er hat seine Eigenheiten;
ich vermute, daß er viel gereist ist und viel von der Welt gesehen
hat. Ich glaube auch, daß er sehr klug ist, aber ich habe mich noch
nicht viel mit ihm unterhalten.
,Welche Eigenheiten hat er?
,Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben -
nichts besonderes Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst
redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das schadet ja nichts; er ist ein sehr guter
Herr.
Dies war alles, was ich von Mrs. Fairfax über ihren Herrn
und den meinen erfahren konnte. Es gibt Leute, welche meist nicht
imstande zu sein scheinen, einen Charakter beschreiben zu können
und weder bei Menschen noch bei Dingen hervorragende Eigentümlichkeiten bemerken, - und augenscheinlich gehörte die gute
Dame zu diesen; meine Fragen verblüfften sie, konnten aber nichts
aus ihr herausbringen. Mr. Rochester war in ihren Augen Mr.
Rochester, ein Gentleman, ein Gutsbesitzer -- nichts anderes; sie
wunderte sich augenscheinlich über meinen Wunsch, eine bestimmte
Vorstellung seiner Person zu bekommen.
Als wir das Speisezimmer verließen, schlug sie mir vor, mir
den übrigen Teil des Hauses zu zeigen; und ich folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles, denn alles war schön eingerichtet. Besonders die Vorderzimmer erschienen mir prächtig, und
einige der Zimmer des dritten Stocks waren interessant durch ihr
altertümliches Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren
Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen
der Mode von Zeit zu Zeit hier heraufgeschafft, und das unzulängliche Licht, welches durch die niederen Fenster eindrang, fiel
auf Bettstellen, welche wohl ein Jahrhundert alt waren; Truhen
aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien
von Palmenzweigen und Engelsköpfen aus wie die Typen der alttestamentlichen Bundeslade; Reihen von ehrwürdigen Stühlen mit
schmalen und hohen Lehnen; noch ältere Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverblaßter Stickereien zu erkennen waren, welche vor zwei Generationen von Fingern gearbeitet waren, die längst zu Staub zerfallen waren. Die Ruhe, das
Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume am Tage gefiel
mir, aber ich wünschte durchaus nicht, in diesen großen und schweren Betten, durch Türen von Eichenholz von der Welt abgeschlossen, eine Nacht zuzubringen!
-
Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand; man möchte fast
sagen, daß, wenn wir in Thornfield-Hall einen Geist hätten, dies
sein Schlupfwinkel wäre.
,Das glaube ich auch. Sie haben also keinen Geist hier?
,Nicht, daß ich wüßte,' entgegnete Mrs. Fairfax lächelnd.
,Auch keine Geistergeschichten?
.Ich glaube nicht. Und doch sagt man, daß die Rochesters
ihrer Zeit ein mehr gewalttätiges als friedliches Geschlecht gewesen
seien. Aber vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb sie jetzt
ruhig in ihren Gräbern liegen.
,Ja, ja- sie ruhen aus nach dem verzehrenden Fieber des
Lebens.' murmelte ich. ,Wohin gehen Sie denn jetzt, Mrs.
Fairfax? fragte ich, als sie weiterging.
,Hinauf auf das Bleidach; wollen Sie mit mir gehen, um die
Aussicht von dort zu genießen? Ich folgte ihr über eine sehr
enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und von dort über
eine Leiter und durch eine Falltür auf das Dach des Herrenhauses.
Ich befand mich jetzt auf gleicher Höhe mit der Krähenkolonie und
konnte in ihre Nester sehen. Als ich mich über die Zinnen lehnte
und weit hinunterblickte, sah ich den Park und die Gärten wie eine
Landkarte vor mir liegen; der lichtgrüne Rasenplatz, der sich dicht
um das Haus zog; die Felder und Wiesen; der düstere Wald, durch
welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als das
Laub der Bäume; die Kirche an der Parkpforte; die Landstraße;
die Hügel, welche ruhig in das klare Sonnenlicht des Herbsttages
hineinragten; der tiefblaue, mit leichten Wölkchen bezogene Himmelsbogen, das ganze vor mir liegende Bild hatte keinen besonders
schönen Zug, aber es war lieblich und wohlgefällig. Als ich mein
Auge von demselben abwandte und wieder durch die Falltür hinabstieg, konnte ich kaum meinen Weg über die Leiter hinunterfinden,
so geblendet war ich von dem sonnigen Bild, das ich erschaut hatte.
Mrs. Fairfax blieb einen Augenblick zurück, um die Falltür
zu schließen; ich tastete mich an den Ausgang der Bodentür und begann dann die enge Bodentreppe hinunterzusteigen. In dem
langen Gange, welcher zu dieser führte, und die Vorderzimmer und
Hinterzimmer der dritten Etage trennte, wartete ich; er war eng
und dunkel, mit einem einzigen kleinen Fenster am äußersten Ende
sah er mit seinen beiden Reihen kleiner, niedriger, schwarzer Türen
aus wie ein Korridor in Ritter Blaubarts Schloß.
Als ich dann leise vorwärtsschritt, traf ein Ton, den ich in
diesen Regionen am wenigsten erwartet haben würde - ein lautes
Lachen- mein Ohr. Es war ein seltsames Lachen, deutlich, gemessen, freudlos. Ich stand still. Der Ton verstummte; doch nur
für einen Augenblick; dann begann das Lachen von neuem, lauter,
denn anfangs war es, wenn auch deutlich, doch nur leise gewesen.
Es endigte mit entsetzlichem Schall, welcher in jedem einsamen
Zimmer ein Echo zu wecken schien; es kam aber nur aus einem einzigen hervor, und ich hätte die Tür bezeichnen können, aus welcher
die Töne kamen.
,Mrs. Fairfax!' rief ich, denn jetzt hörte ich sie die große
Treppe herabkommen. ,Haben Sie das laute Lachen gehört?
Woher kommt es? Wer war es?
,Wahrscheinlich eins der Dienstmädchen,' entgegnete sie,
,vielleicht Grace Poole.
,Haben Sie es auch gehört?' fragte ich wieder.
Ja, ganz deutlich. Ich höre sie oft, sie näht in einem dieser
Zimmer. Zuweilen ist Leah bei ihr; sie machen oft großen Lärm
miteinander,
Das leise, eintönige Lachen wiederholte sich und endigte mit
einem seltsamen Gemurmel.
,Grace!' rief Mrs. Fairfax.
Ich erwartete wirklich nicht, daß irgend eine Grace auf diesen
Ruf antworten werde; denn das Lachen klang so tragisch, so unnatürlich, wie ich es noch niemals vernommen habe; und wenn
nicht heller Mittag gewesen wäre, so würde ich eine abergläubische
Furcht empfunden haben.
Die Tür, neben welcher ich stand, öffnete sich und eine Dienerin trat heraus; sie war eine Frau zwischen dreißig und vierzig,
eine untersetzte Gestalt mit rotem Haar und einem harten, häßlichen Gesicht; eine weniger romantische oder geisterhafte Erscheinung ließ sich kaum denken.
Zu viel Lärm, Grace,' sagte Mrs. Fairfax, ,denke an deine
Weisungen!' Ohne ein Wort zu sagen, verbeugte sich Grace und
ging wieder ins Zimmer.
,Sie ist eine Person, die wir hier haben, um zu nähen und
Leah bei ihrer Hausarbeit zu helfen, fuhr die Witwe fort, ,in
manchen Dingen ist sie nicht fehlerfrei, aber sie ist im allgemeinen
brauchbar. Übrigens, wie waren Sie heute morgen mit Ihrer
Schülerin zufrieden?
So kam das Gespräch auf Adele, und wir fuhren fort, über
sie zu sprechen, bis wir die sonnigen, hellen Regionen des unteren
Stockwerks erreicht hatten. Adele kam uns in der Halle entgegengelaufen und rief:
,Mesdames, vous etes servies! Dann fügte sie hinzu:
,J’ai bien faim, moi!'
In Mrs. Fairfax' Zimmer fanden wir das Mittagessen angerichtet.
12. Kapitel.
Mr. Rochester.
Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf meiner Tage, welche
mein erster, ruhiger Eindruck in Thornfield-Hall zu versprechen
schien, wurde nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und
seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in
Wirklichkeit das, was sie zu sein scheint, eine gutherzige, freundliche
Frau von guter Erziehung und einem mittelmäßigen Verstande.
Meine Schülerin war ein lebhaftes Kind, welches verzogen und
verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig war; da sie indessen gänzlich meiner Erziehung anvertraut war und keine unvernünftige Einmischung von irgend einer Seite jemals meine Pläne und Absichten in bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß sie
bald ihre kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig.
Sie besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charaktereigenschaften, keine besondere Geschmacksentwicklung, welche sie
über andere Kinder emporgehoben hätte; aber auch keineLaster und
Fehler. Sie machte ziemlich gute Fortschritte, hegte für mich eine
lebhafte, wenn auch nicht sehr tiefgehende Neigung und flößte
mir ihrerseits durch ihr einfaches Wesen, ihr fröhliches Plaudern
und ihre Bemühungen, mir zu gefallen, einen Grad von Liebe ein,
welcher hinreichte, um uns eine gewisse Anhänglichkeit an unserer
gegenseitigen Gesellschaft finden zu lassen.
Leute, welche heiligen Grundsätzen über die engelgleiche Natur der Kinder huldigen und verlangen, daß jene, welchen ihre Erziehung anvertraut ist, diese abgöttisch lieben sollen, werden meine Wort für kalt halten; aber ich schreibe nicht, um der elterlichen Eigenliebe zu schmeicheln, um Unsinn nachzubeten oder Heuchler zu unterstützen, - ich erzähle nur die Wahrheit. Ich verwandte
große Sorgfalt auf Adeles Wohlergehen und Fortschritte und ein ruhiges Wohlgefallen an ihrer kleinen Person; gerade so, wie ich
für Mrs. Fairfax' Güte dankbar war und an ihrer Gesellschaft Vergnügen fand.
Mag mich tadeln, wer da will, wenn ich noch hinzufüge, daß ich dann und wann, wenn ich einen Spaziergang im Parke gemacht hatte oder nach dem Parktor hinuntergegangen war, um von dort auf die Landstraße zu blicken, oder wenn Adele mit ihrer Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte, daß ich dann die drei Treppen hinaufkletterte, die Falltür in der Bodenkammer öffnete, an die Galerie des Daches
trat und weit über Felder und Hügel bis an die ferne Linie des Horizonts hinblickte. Dann wünschte ich mir, über jene Grenzen
fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt und lebhafte Städte waren, von denen ich wohl gehört, die ich aber niemals gesehen hatte. Dann ersehnte ich mir mehr praktische Erfahrung, mehr Verkehr mit meinesgleichen, mehr Kenntnis verschiedener Charaktere, als ich mir hier erringen konnte. Ich wußte das Gute in Mrs. Fairfax und das Gute in Adele zu schätzen, aber ich glaubte, es müsse eine andere, eine lebensvollere Güte geben, und
ich wünschte, das, was ich glaubte, mit eigenen Augen zu sehen.
Wer tadelt mich? Sehr viele wahrscheinlich, und man wird mich unzufrieden und ungenügsam nennen. Ich konnte nichts dafür; die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur und quälte mich. Dann
fand ich die einzige Erleichterung darin, in dem Korridor des dritten Stockwerkes hin und her zu gehen, wo ich mich in der Einsamkeit des Ortes wohl und sicher fühlte, um das geistige Auge auf den
herrliche Visionen ruhen zu lassen, die sich vor demselben ausbreiteten-- und es waren ihrer viele und prächtige und farbenglühende und mein Herz schwellen zu lassen von lebensvoller Sehnsucht, die, wenn auch schmerzhaft, doch wenigstens Leben war;
und vor allen Dingen mein inneres Ohr auf eine Geschichte horchen
zu lassen, die niemals endigte-- eine Geschichte, welche meine
Phantasie schuf und fortwährend wiederholte, - eine Geschichte,
in welcher all das Leben, das Feuer, die Empfindungen pulsierten,
nach denen ich mich sehnte, und die mein wirkliches Dasein mir
nicht boten.
Es ist vergebens, zu sagen, daß der Mensch zufrieden sein
sollte, wenn er Ruhe hat, er muß auch Arbeit haben, und
er wird sie sich verschaffen, wenn er sie nicht findet. Millionen
sind zu einem stilleren Lose verdammt als das meinige, und Millionen empören sich lautlos gegen ihr Los. Niemand weiß, wieviel Empörungen außer politischen Empörungen in den Menschenmassen gären, welche die Erde bevölkern. Im allgemeinen nimmt
man an, daß Frauen sehr ruhig sind, aber Frauen empfinden genau so wie Männer; auch sie brauchen einen Wirkungskreis für
ihre Fähigkeiten, wie ihre Brüder es tun; sie leiden unter strengem
Zwange, unter vollständigem Stillstand gerade so, wie Männer
leiden würden; und es ist engherzig, wenn ihre begünstigteren
Mitmenschen sagen, daß sie sich darauf beschränken sollten, Puddings zu machen und Strümpfe zu stopfen, Klavier zu spielen und
Tabaksbeutel zu sticken. Es ist gedankenlos, sie zu verdammen
oder über sie zu lachen, wenn sie versuchen, mehr zu arbeiten und
mehr zu lernen, als das, was das alte Herkommen für ihr Geschlecht nötig erachtet.
Wenn ich allein war, hörte ich gar oft Grace Pooles Lachen,
dasselbe Lachen, dasselbe leise, langsame Ha! ha! das mich so erschüttert hatte, als ich es zuerst vernommen; ich hörte auch ihr sonderbares Gemurmel, das noch seltsamer klang als ihr Lachen. Es
gab Tage, an denen sie sich ganz still verhielt, aber wiederum andere, wo mir die Laute, welche sie ausstieß, unerklärlich schienen.
Zuweilen sah ich sie; dann pflegte sie mit einem Teller oder einer
Schüssel oder einem Speisebrett aus ihrem Zimmer zu kommen,
in die Küche hinunterzugehen und gewöhnlich - o, verzeihe mir,
romantische Leserin, wenn ich die Wahrheit sage - mit einem Topf
voll Porterbier zurückzukommen. Ihre Erscheinung dämpfte stets
die Neugierde, welche ihre rednerischen Seltsamkeiten erregt hatten; ihre harten Züge vermochten kein Interesse zu wecken. Ich
machte einige Versuche, eine Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen,
die anderen Mitglieder des Haushalts, wie John und seine
Frau, Leah, das Hausmädchen, und Sophie, die französische
Bonne, waren sehr anständige, aber in keiner Weise bemerkenswerte Leute. Mit Sophie pflegte ich französisch zu sprechen, und
zuweilen fragte ich sie über ihr Vaterland aus; sie verstand aber
weder zu erzählen noch zu beschreiben, und gab meistens so verworrene und nichtssagende Antworten, daß sie meine Neugierde
eher dämpften als ermutigten.
Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen freien Tag für
Adele gebeten, weil diese sich eine Erkältung zugezogen hatte;
da Adele diese Bitte mit einem Eifer unterstützte, welcher mich
daran erinnerte, wie kostbar solch ein gelegentlicher freier Tag
mir selbst in meiner Kindheit gewesen, gewährte ich ihn. Es war
ein schöner, windstiller Tag; de ganzen Morgen hatte ich ruhig
sitzend in der Bibliothek zugebracht, jetzt war ich dessen müde; Mrs.
Fairfax hatte gerade einen Brief geschrieben, welcher darauf
harrte, zur Post getragen zu werden, und so nahm ich Hut und
Mantel und erbot mich freiwillig, denselben auf das Postamt nach
Hay zu tragen; die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, war ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für mich.
Nachdem ich Adele gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs.
Fairfax' Kaminfeuer gesetzt und ihr die schönste Wachspuppe,
welche ich in einer Schublade verwahrt hielt, zum Spielen gegeben
hatte und dazu noch ein Geschichtenbuch, machte ich mich auf den
Weg, nachdem ich Adeles ,Revenez bientôt, ma bonne amie, ma
chère Mademoiselle Jeanette!' noch mit einem herzlichen
Kuß beantwortet hatte.
Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, meine
Straße einsam; ich ging sehr schnell, bis ich warm wurde, dann
ging ich langsam, um das Vergnügen des Spazierganges recht zu
genießen. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als ich an dem
Glockenturm vorüberging; der Reiz der Stunde lag in der herannahenden Dämmerung, in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Ich war eine Meile von Thornfield entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner wilden Rosen, im
Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige Schäe in Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Einsamkeit und starren
Stille. Selbst wenn ein Lüftchen wehte, weckte es hier keinen
Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün,
welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn-
und Haselnußbüsche lagen ebenso still da, wie die weißen, morschen
Steine, mit welchen der Fußpfad in der Mitte gepflastert war.
Als ich die Mitte des Weges erreicht hatte, setze ich mich an
einem Zaun nieder, welcher sich von dort quer über ein Feld zog.
Ich hüllte mich dicht in meinen Mantel, verbarg die Hände in meinem Muff und fühlte auf diese Weise die Kälte nicht, obgleich es
scharf fror, wie eine dünne Eisschicht auf einer Pfütze bewies. Von
meinem Plate aus konnte ich Thornfield liegen sehen; das graue
Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Tal zu
meinen Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben
sich am Westhimmel ab. Ich verweilte, bis die Sonne hinter den
Bäumen versank und feurig zur Ruhe ging. Dann wandte ich mich
ostwärts.
Über der Spitze des Hügels vor mir stand der aufgehende
Mond; jetzt noch bleich, aber mit jedem Augenblick glänzender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in Bäumen versteckt, aus
seinen Schornsteinen einen bläulichen Rauch in die Luft sandte; es
lag noch eine Meile entfernt, aber in der tiefen Stille konnte ich
die Töne des Lebens vernehmen.
Plötzlich unterbrach ein lebhaftes Geräusch dies zarte, ferne
und doch so klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein Klirren
wie von Pferdehufen.
Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die
Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam näher; ich
wollte gerade meinen Plat verlassen, da der Pfad aber schmal war,
saß ich still, um es vorbeizulassen. In jenen Tagen war ich jung
und mancherlei Phantasiegebilde bemächtigten sich meines Gemüts; die Erinnerung an Kindermärchen lag dort unter anderen:
Unsinn aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke, wie es die Kindheit nicht vermocht hatte. Als dies Pferd näher kam, und ich erwartete, es aus der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel mir eine
von Bessies Geschichten ein, in welcher ein Geist aus dem Norden
Englands, namens Gytrash auftrat, dieser spukte in Gestalt eines
Pferdes, Maulesels oder großen Hundes auf einsamen Wegen und
überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, gerade so wie dieses Pferd
jetzt auf mich zukam.
Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da
vernahm ich außer jenem trapp, trapp noch ein Rascheln unter der
Hecke, und dicht an den Sträuchern entlang lief ein großer Hund,
dessen schwarze und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte.
Dies war nun gerade eine Erscheinung aus Bessies Gytrash, ein
löwenähnliches Tier mit langer Mähne und ungeheurem Kopfe;
es schlich indessen ruhig an mir vorüber und blickte mit seinen seltsamen Hundeaugen nicht zu mir auf, wie ich halb und halb erwartete. Dann folgte das Pferd -- ein starkes Roß, auf seinem Rücken
ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, machte dem Zauber sofort ein Ende. Den Gytrash ritt niemand, er stürmte stets
allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber der
Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch, soviel ich wußte, nicht
die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war also kein
Gytrash -- sondern nur ein Reisender, welcher auf dem näheren
Wege nach Millcote ritt. ich ging weiter; nur wenige Schritte,
dann wandte ich mich um; ein Laut, als glitte irgend etwas aus,
ein Ausruf: ,Was zum Henker ist jetzt zu machen?' ein polternder Fall weckten meine Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen
am Boden; sie waren auf einer Eisfläche ausgeglitten. In großen Sprüngen kam der Hund zurück, und als er seinen Herrn in
dieser Lage sah und das Pferd stöhnen hörte, begann er zu bellen,
bis es von den Hügeln widerhallte. Er beschnüffelte die auf dem
Boden liegende Gruppe und dann kam er zu mir gelaufen; das
war alles, was er tun konnte-- keine andere helfende Hand war
zur Stelle. Ich folgte ihm und ging zu dem Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde loszumachen. Seine
Austrengungen waren so kräftig, daß ich glaubte, er könne keinen
großen Schaden genommen haben; aber ich fragte ihn:
,Haben Sie sich verletzt, mein Herr?
Ich glaube beinahe, daß er fluchte, aber ich bin dessen nicht
gewiß; indessen brummte er etwas wie eine Antwort.
,Kann ich irgend etwas für Sie tun? fragte ich wiederum.
,Gehen Sie auf die Seite,' entgegnete er, indem er sich erhob, erst auf die Knie, dann auf die Füße. Ich tat, wie er mich
hieß. Dann begann ein Stoßen, Stampfen, Schlagen, begleitet
vom Bellen des Hundes, welches mich in der Tat einige Schritte
vorwärtstrieb; ich wollte mich jedoch nicht ganz entfernen, bevor
ich den Ausgang nicht gesehen hatte. Dieser war am Ende ein
glücklicher; das Pferd stand wieder auf den Füßen, und der Hund
wurde mit einem ,Ruhig, Pilot!' zum Schweigen gebracht. Dann
beugte der Reisende sich nieder und befühlte seinen Fuß und sein
Bein, wie um sich zu vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von dieser Untersuchung zufrieden gestellt, denn
er hinkte bis zu dem Plat am Zaun, wo ich aufgestanden war, und
ließ sich nieder.
Ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen oder doch
wenigstens mich gefällig zu zeigen, denn ich näherte mich ihm wiederum.
,Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen,
so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall. Hilfe herbeiholen.''
,Ich danke Ihnen. Es wird schon gehen. Ich habe nichts
gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,''
und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; der Versuch
preßte ihm aber ein umwillkürliches ,Uh' aus.
Das Tageslicht war noch nicht ganz erloschen, und der Mond
schien bereits hell; ich konnte ihn deutlich sehen. Er trug einen
weiten Reitmantel mit Pelzkragen; ich sah, daß der Mann von
mittlerer Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein
dunkles Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen
mit den hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen verrieten
Wut und Zorn; er mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre alt sein.
Ich fürchtete mich nicht vor ihm und hatte nur wenig Scheu. Wäre
er ein schöner, heroisch aussehender, junger Mann gewesen, so
würde ich nicht gewagt haben, so dazustehen und ihm meine Dienste
unaufgefordert anzubieten und ihn gegen seinen Willen mit Fragen zu belästigen.
Und wenn dieser Fremde mich angelächelt hätte oder freundlich gewesen wäre, als ich ihn anredete; wenn er mein Anerbieten,
ihm Hilfe zu leisten, dankbar und liebenswürdig abgelehnt hätte
-- so würde ich wahrscheinlich meines Wegs gegangen sein und
durchaus keinen Beruf in mir verspürt haben, mein Anerbieten zu
erneuern; aber die Rauheit des Reisenden machten, daß ich ganz
harmlos blieb. Als er mir winkte, beiseite zu gehen, blieb ich
stehen und kündigte ihm an:
,Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Wege allein zu lassen, bevor ich nicht gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.'
Als ich dies sagte, blickte er mich an. Bis dahin hatte er mich kaum angesehen.
,Mich dünkt, Sie sollten selbst daran denken, nach Hause zu
kommen,' sagte er, ,wenn Sie ein Haus in der Nähe haben. Woher kommen Sie denn?’
,Von dort unten; und ich fürchte mich nicht, wenn der Mond scheint. Wenn Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüberlaufen-- ich gehe in der Tat nach dort, um einen Brief auf die Post zu geben.
,Sie wohnen dort unten?-- Sie meinen doch nicht in jenem Hause dort mit den Zinnen ?' sagte er und deutete auf Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein warf, wodurch es sich deutlich und hell von den Wäldern abhob.
,Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mr. Rochester.’
‘Kennen Sie Mr. Rochester?'
,Nein, ich habe ihn niemals gesehen.'
,Er wohnt also jetzt nicht dort?’
,Nein.’
,Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?’
,Nein, ich weiß es nicht.'
,Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie sind- er hielt inne und ließ die Augen über meine Kleidung schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer Merinomantel, ein schwarzer Biberhut; beides nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer. Es machte ihm anscheinend Verlegenheit, zu entscheiden, wer ich eigentlich sein könne.
Ich half ihm.
,Ich bin die Gouvernante.'
,Ah! die Gouvernante!' wiederholte er.,Der Henker soll mich holen, das hatte ich ganz vergessen! Die Gouvernante!' und wiederum unterwarf er meine Toilette einer Prüfung. Nach zwei Minuten versuchte er aufzustehen, aber sein Gesicht drückte Schmerz
aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,' sagte er; ,aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die Güte haben wollen.
,Ja, mein Herr.’
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stock gebrauchen könnte?’
,Nein.’
,Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?’
Ich würde mich gefürchtet haben, ein Pferd zu berühren; da
mir jedoch befohlen wurde, es zu tun, war ich geneigt zu gehorchen.
Ich legte meinen Muff nieder und näherte mich dem großen
Pferde; ich bemühte mich, den Zügel zu fassen, es war aber ein
feuriges Tier und wollte mich seinem Kopfe nicht nahe kommen
lassen; ich versuchte es immer aufs neue, aber vergebens; inzwischen hatte ich eine Todesangst vor seinen stampfenden Vorderhufen. Der Fremde wartete und beobachtete einige Zeit; endlich lachte er.
,Ich sehe schon,’ sagte er, ‘der Berg will nicht zu Mahomet
kommen, daher können Sie weiter nichts tun, als Mahomet helfen,
daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, hierher zu kommen.'
Ich ging.
,Entschuldigen Sie, fuhr er fort, ,die Notwendigkeit zwingt
mich, Sie mir nützlich zu machen.’ Er legte eine schwere Hand auf
meine Schulter, und sich kräftig auf mich stützend, hinkte er bis zu
seinem Pferde. Als er den Zügel fassen konnte, beherrschte er es
sofort und schwang sich in den Sattel. Dabei schnitt er furchtbare
Grimassen, denn der verrenkte Knöchel machte sich durch Schmerzen
bemerkbar.
,Jetzt,' sagte er und biß auf die Unterlippe, ,geben Sie mir
meine Peitschte; sie liegt dort unter der Hecke.’
Ich suchte sie und fand sie.
,Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay, und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.
Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein Pferd sich bäumte und dann davonsprengte; der Hund raste hinterdrein, und alle drei verschwanden.
Ich nahm meinen Muff wieder auf und ging weiter. Der Zwischenfall war jetzt vorüber, ohne Bedeutung, ohne Romantik, ohne Interesse in gewisser Beziehung, und doch kennzeichnete er eine einzige Stunde eines einförmigen Lebens. Meine Hilfe war
in Anspruch genommen worden, ich hatte sie geleistet; es freute mich, irgend etwas getan zu haben; ich war ja der bisherigen Untätigkeit so müde geworden. Als ich von Hay an die Stelle zurückkam, hielt ich eine Minute inne, blickte umher und horchte; mir war, als müsse ich wiederum Hufschläge auf der Straße vernehmen, als müsse wiederum ein Reiter im Mantel und ein Gytrash-ähnlicher Neufundländer erscheinen-- aber ich sah nur eine Hecke und eine geköpfte Weide vor mir, die still und gerade in das klare Mondeslicht hineinragten; ich hörte nur den leisen Windhauch, welcher durch die Bäume fuhr, welche das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als ich dieser Richtung mit den Augen folgte, sah ich, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte mich daran, daß ich mich verspätet hatte.
Ich eilte weiter.
Es machte mir keine Freude, Thornfield wieder zu betreten.
Seine Schwelle überschreiten hieß in mein träges Leben zurückkehren, durch die totenstille Halle gehen, die düstere Treppe hinaufsteigen, mein einsames Zimmer aufsuchen und später mit der ruhigen Mrs. Fairfax den langen Winterabend zubringen.
Wie wohltuend würde es mir zu jener Zeit gewesen sein, in
den Stürmen eines unsicheren, kämpfenden Lebens hin und her
geworfen zu werden und durch rauhe und bittere Erfahrung die
Sehnsucht nach der Ruhe zu empfinden, welche mich jetzt fast erdrückten!
An der Parkpforte zögerte ich; ich zögerte auf dem Rasenplatz;
ich ging auf dem Pflaster hin und her; die Läden der Glastür
waren geschlossen; ich konnte nicht in das Innere des Zimmers
blicken, und sowohl meine Augen wie meine Seele schienen von dem
düsteren Hause fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren
Himmelsmeer, an welchem der Mond feierlich emporstieg. Er ließ
die Spitzen jener Hügel unter sich, hinter denen er hervorgekommen war; er strebte dem dunklen, unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden Sterne, denen ich mit bebendem Herzen, mit fiebernden Pulsen nachblickte. Geringfügige Dinge rufen uns auf diese Erde zurück; in der Halle schlug die Uhr;
das genügte; ich wandte mich von Mond und Sternen ab, öffnete
eine Seitentür und trat ins Haus.
Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz
erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing;
eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren
Teil der alten Eichentreppe. Ein rötlicher Schein drang aus dem
großen Speisezimmer, dessen hohe Flügeltüren geöffnet waren und
ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem
Glanz zeigten sich die purpurroten Draperien, die polierten Möbel,
die Marmorbekleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel
auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war ich
derselben ansichtig geworden, kaum hatte ich den Ton froher Stimmen vernommen, unter denen ich jene Adeles zu unterscheiden glaubte, als die Tür auch schon wieder geschlossen wurde.
Ich eilte nach Mrs. Fairfax’ Zimmer; auch dort brannte ein
Feuer, jedoch kein Licht. Keine Mrs. Fairfax war sichtbar. Statt
ihrer sah ich auf dem Kaminteppich einen großen, langhaarigen
schwarz und weißen Hund, ähnlich dem Gytrash am Heckenwege.
Er war ihm so ähnlich, daß ich auf ihn zuging und rief:
,Pilot!’ Das Tier erhob sich, kam auf mich zu und beschnüffelte mich. Ich streichelte den Hund; er wedelte mit seinem großen Schwanze; aber er sah zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und ich wußte nicht einmal, woher er gekommen. Ich zog
die Glocke, denn ich brauchte ein Licht. Leah trat ein.
,Wo kommt dieser Hund her?’
,Er ist mit dem Herrn gekommen.’
,Mit wem?’
,Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen?
,Wirklich? Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?’
,Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer, und John ist nach einem Wundarzte geschickt; denn unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt, und er hat sich den Fuß verrenkt.’
,Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?’
,Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Eise ausgeglitten.'
,Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen?’
Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf
dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu,
daß der Wundarzt, Mr. Carter, gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Tee zu treffen. Ich ging nach oben, meine Sachen abzulegen.
13. Kapitel.
Die erste Unterredung.
Mr Rochester befolgte den Rat des Arztes, indem er an diesem Abende frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen stand er spät auf. Als er dann herunterkam, geschah es, um sich den Geschäften zu widmen; sein Verwalter und einige seiner Pächter
waren gekommen und warteten auf ihn.
Adele und ich mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen, da
es täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen sollte. Im
oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug ich
unsere Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im
Laufe des Morgens hatte ich noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß
Thornfield-Hall sich verändert hatte. Es war nicht mehr still wie
in einer Kirche; zu jeder Stunde wurde an die Tür geklopft oder
man hörte den Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten
Schritte in der Halle; von unten herauf drang der Schall fremder
Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch
unser stilles Heim. Das Haus hatte einen Herrn bekommen. Mir
gefiel es jetzt besser.
An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten;
sie war zerstreut. Sie lief zur Tür und blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann suchte sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen; ich vermute, daß sie nur in die Bibliothek gehen wollte, wo sie doch durchaus nicht gebraucht wurde.
Als ich dann ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu
sitzen, begann sie unaufhörlich von ihrem ,Ami, Monsieur Edouard Fairfax de Rochester,’ wie sie ihn nannte, zu sprechen,
-- ich hatte seine Vornamen bis jetzt noch nicht gekannt-- und Vermutungen über die Geschenke anzustellen, welche er ihr wohl mitgebracht hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet, daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel finden würde, deren Inhalt ihr willkommen sein dürfte.
‘Et cela doit signifier,’ sagte sie, qu’il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez mince et un peu pâle. J’ais dit que oui car c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’
Wie gewöhnlich speisten meine Schülerin und ich in Mrs. Fairfax’ Wohnzimmer. Der Nachmittag war stürmisch und erlaubte ich Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen und hinunterzulaufen; denn aus der Stille unten und dem Aufhören des Läutens an der Türglocke schloß ich, daß Mr. Rochester jetzt freie Zeit habe. Als ich allein wan, trat ich ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und verbargen sogar das Gebüsch auf dem Rasenplatz vor dem Hause. Ich ließ die Vorhänge herab und setzte
mich wieder an den Kamin.
Da trat Mrs. Fairfax ein.
,Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und
Ihre Schülerin heute abend den Tee mit ihm im Gesellschaftszimmer einnehmen wollten,' sagte sie, ,er ist während des ganzen
Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er Sie noch nicht früher zu
sich bitten konnte.
,Um welche Zeit trinkt er den Tee?’ fragte ich.
,O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe Stunden. Es wird gut sein, wenn Sie jetzt schon gingen, um sich umzukleiden. Ich werde Ihnen helfen. Hier ist eine Kerze.’
,Ist es denn durchaus notwendig, ein anderes Kleid anzuziehen?’
,Ja, Sie werden gut daran tun. Ich ziehe mich stets für den Abend besser an, wenn Mr. Rochester hier ist.’
Diese Zeremonie erschien mir ein wenig steif. Indessen begab
ich mich auf mein Zimmer, und mit Mrs. Fairfax’ Hilfe tauschte
ich mein schwarzes, wollenes Kleid gegen ein schwarzseidenes; es
war das einzige, welches ich besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach meinen aus Lowood mitgebrachten Ansichten,
zu prächtig und elegant war, um bei anderen als höchst feierlichen
Gelegenheiten getragen zu werden.
,Sie brauchen noch eine Brosche,' sagte Mrs. Fairfax. Ich
besaß einen einzigen, kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen,
welchen Miß Temple mir beim Abschied als Andenken gegeben
hatte; diesen legte ich an, und dann gingen wir hinunter. Ich war
nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es
fast eine schwere Aufgabe für mich, so nach einer so förmlichen Aufforderung vor Mr. Rochester zu erscheinen. Ich ließ Mrs. Fairfax zuerst in das Speisezimmer eintreten. Wir gingen unter dem Bogen durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und trat in das elegante Gemach, welches dahinter sich befand.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem
Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers
lag Pilot-- neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem
Sofa lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Kissen gestützt;
er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers fiel voll
auf sein Gesicht. Ich erkannte sofort den Reiter mit den dichten,
kohlschwarzen Augenbrauen wieder. Ich erkannte seine scharf geschnittene Nase wieder, die mehr charakteristisch als schön war; sein grimmer Mund, das Kinn, die Kinnbacken - ja, alle drei waren grimmig, darüber konnte keine Täuschung obwalten. Seine Gestalt, die jetzt von keinem Mantel verdeckt war, entsprach seinem
Gesicht. Ich vermute, daß man sie vom athletischen Standpunkt
aus schön hätte nennen können.
Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax' und meinen Eintritt wohl
bemerkt haben; aber ich vermute, daß er nicht in der Stimmung
war, Notiz von uns zu nehmen, denn er wandte nicht einmal den
Kopf, als wir näher traten.
,Hier ist Miß Eyre, mein Herr, sagte Mrs. Fairfax in ihrer
ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er
noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.
,Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen,' sagte er, und in der
förmlichen Verbeugung, in dem ungeduldigen, gezwungenen Ton
lag etwas, das zu sagen schien: ,Was zum Henker kümmert es
mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem Augenblick bin
ich nicht aufgelegt, mit ihr zu sprechen.’
Ich setzte mich und meine Scheu war gänzlich geschwunden.
Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde mich wahrscheinlich
verwirrt haben; ich hätte ihn nicht durch Eleganz oder Grazie meinerseits erwidern können; aber solche rauhen Launen legten mir keine Verpflichtung auf; im Gegenteil, ich errang durch Schweigen einen leichten Vorteil über ihn durch seinen Mangel an gutem Benehmen, den ich schweigend zu ignorieren schien. Außerdem war
mir das Außergewöhnliche seines Verfahrens interessant. Es verlangte mich zu beobachten, wie es nun weiter gehen würde.
Er benahm sich also weiter, wie eine Bildsäule; das heißt, er
sprach weder, noch bewegte er sich. Mrs. Fairfax schien es für notwendig zu halten, daß wenigstens einer von uns sich liebenswürdig
zeige, und so begann sie zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich
und wie gewöhnlich auch zuerst sehr langweilig begann sie ihn
wegen der Überbürdung mit dringenden Geschäften während des
ganzen Tages zu bemitleiden, wegen der Verrenkung, welche ihm
große Schmerzen verursachen müsse,-- dann begann sie, ihm Geduld und Beharrlichkeit anzuempfehlen.
,Madame, ich bitte um eine Tasse Tee,' lautete die einzige
Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen;
und als das Teebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen, Löffel
usw. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und ich gingen
an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.
,Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen? sagte Mrs. Fairfax zu mir. ,Adele möchte den Tee verschütten.
Ich tat, was sie wünschte. Als er mir die Tasse aus der Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Frage zu meinen Gunsten zu tun:
,N’est-ce pas, Monsieur, gu'il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?’
,Wer redet von cadeaux? fragte er rauh. ,Haben Sie ein Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?’ und forschend blickte er mir ins Gesicht mit dunklen, zornigen Augen.
,Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr angenehme Dinge.’
,Im allgemeinen hält man sie dafür! Aber was halten Sie davon?’
,Dazu brauchte ich Zeit, Sir, um zu überlegen, bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Frage würdig wäre. Ein Geschenk hat viele Seiten. Nicht wahr? Und man sollte jede einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine Beschaffenheit ausspricht.’
,Miß Eyre, Sie sind weniger natürlich als Adele; sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie hingegen klopfen auf den Busch.’
,Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als Adele; sie kann ihre alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets Spielsachen schenkten. Mir würde es aber die größte Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgend
einen berechtigten Anspruch auf eine Belohnung an Sie erhebe sollte.'
,O, bitte, keine zu große Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders befähigt, und doch hat sie in kurzer Zeit große Fortschritte gemachte.'
,Sir, jetzt haben Sie mir mein Geschenk gegeben; ich bin
Ihnen außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere
Freude machen als das Lob über die Fortschritte seiner Schüler.
,Hm!' sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Tee schweigend aus.
,Kommen Sie hierher ans Feuer,' sagte der Hausherr, als
das Teegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem
Strickzeug in eine Ecke setzte, und Adele mich an der Hand durch
das Zimmer führte, um mir all die Bücher und Nippsachen auf
Wandgestellen und Eckbrettern zu zeigen. Wir gehorchten pflichtschuldigst. Adele wollte sich auf meinen Schoß seen, aber es wurde
ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie sind jetzt schon drei Monate in meinem Hause?
,Ja. Sir.
, Und Sie kamen aus?
,Aus der Schule zu Lowood.
,Ah! eine Wohltätigkeitsanstalt! Wie lange waren Sie
dort?’
,Acht Jahre.’
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte,
die Hälfte der Zeit müsse jede Konstitution aufreiben! Kein
Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt gefragt, woher Ihr Gesicht stammt. Als Sie mir gestern abend in dem Heckenwege entgegenkamen, mußte ich unwillkürlich an Feenmärchen denken,
und ich hatte schon die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Ganz sicher bin ich meiner Sache auch jetzt noch nicht. Wer sind Ihre Eltern?
,Ich habe keine.’
,Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie sich ihrer nicht?’
,Nein.’
,Das dachte ich mir. So warteten Sie also auf Ihre Leute, als Sie dort an der Hecke saßen.’
,Auf wen, Sir?’
,Auf die grünen Zaubermännchen. Es war gerade eine rechte Mondscheinnacht für sie. Habe ich vielleicht einen Ihrer Zauber gebrochen, daß Sie das verdammte Eis über den Weg zogen?’
Ich schüttelte den Kopf. ,Die grünen Männchen gibt's jetzt nicht mehr,' sagte ich und sprach ebenso ernst, wie er es getan hatte.
,Und nicht einmal im Heckengäßchen von Hay oder auf den umliegenden Feldern würden Sie jetzt noch eine Spur von ihnen finden. Ich glaube, daß weder Herbst, noch Sommer-, noch Wintermond jemals wieder auf ihre Reigen herabscheinen wird.’
Mrs. Fairfax hatte ihr Strickzeug auf den Schoß sinken lassen, und mit verwunderten Augen hörte sie erstaunt auf unser Gespräch.
‘Nun,' fuhr Mr. Rochester fort, ,wenn Sie nun auch Ihre Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgend welche Verwandte haben, Onkel oder Tanten?’
,Keine, die ich jemals gesehen hätte.’
Und Ihre Heimat?’
,Ich habe keine.’
,Wo leben denn Ihre Geschwister?’
,Ich habe keine Geschwister.’
,Wer empfahl Ihnen denn hierher zu kommen?’
,Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete sie.’
,Ja,' sagte die gute Dame, welche jetzt wußte, auf welchem
Boden wir uns bewegten, ,und täglich danke ich der Vorsehung
für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist eine unschätzbare Gefährtin für mich und eine gütige, sorgsame Lehrerin für Adele.’
,Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,' entgegnete Mr. Rochester, ,Lobeserhebungen wirken auf mich nicht. Ich urteile nach eigener Erfahrung. Sie hat damit angefangen, mein Pferd zu Fall zu bringen.’
,Sir?’ sagte Mrs. Fairfax.
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken.’
Die Witwe blickte uns erschrocken an.
,Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jemals in einer Stadt
gewohnt?’
,Nein, Sir.’
Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?’
,Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.’
,Haben Sie viel gelesen?’
,Nur solche Bücher, die ich zufällig in die Hand bekam; und
diese waren weder sehr zahlreich noch gelehrt.’
,Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel sind Sie in religiösen Formen gut geschult; Brocklehurst, welcher, wie ich hörte, Direktor von Lowood ist, ist ein Geistlicher, wenn ich nicht irre?’
‘Ja. Sir.’
,Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich.’
,Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter und übermütiger Mann. Er ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum nähen konnten.’
,Das war eine Sparsamkeit am falschen Orte,’ bemerkte Mrs. Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder fand.
,Und war dies sein größtes Verbrechen?’ fragte Mr. Rochester.
,Er ließ uns beinahe verhungern, als er noch allein die Aufsicht führte; und wöchentlich einmal langweilte er uns mit langen
Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus Büchern seiner Auswahl; diese handelten stets von plötzlichen Todesfällen und
fürchterlichen Gerichten, so daß wir abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.’
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
,Ungefähr zehn Jahre alt.
,Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt achtzehn Jahre alt?’
Ich bejahte.
,Wie Sie sehen, ist die Rechenkunst sehr nützlich. Ohne ihre Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie bei Ihnen. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen?’
,Ein wenig.’
,Natürlich ,ein wenig'. Das ist die gewöhnliche Antwort.
Gehen Sie in die Bibliothek-- d. h. wenn Sie die Güte haben wollen. Verzeihen Sie meinen Befehlston; ich bin daran gewöhnt; ich kann meine alten Gewohnheiten eines einzigen Hausgenossen zu Liebe nicht ablegen. Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Tür offen, setzen
Sie sich ans Klavier und spielen Sie etwas.’
Ich ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.
,Genug!'' rief er nach wenigen Minuten. , Sie spielen allerdings ,ein wenig'',ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber nicht gut.’
Ich schloß das Klavier und kehrte zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
,Adele hat mir heute morgen einige Skizzen gezeigt, von denen sie behauptete, daß sie von Ihnen herrührten. Ich weiß
nicht, ob diese Ihr Werk allein sind,-- wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen dabei geholfen?
,Nein, gewiß nicht! rief ich schnell.
,Ah! das verletzt den Stolz. Gut also, holen Sie Ihre
Mappe, wenn Sie dafür bürgen können, daß es nur Originale
enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz sicher
sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.
,Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden
selbst urteilen.’
Ich holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Schieben Sie mir den Tisch heran, sagte er, und ich rollte
ihn an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch heron,
um die Bilder zu sehen.
,Kein Gedränge,' sagte Mr. Rochester,,nehmen Sie mir die
Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken
Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.
Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei
von diesen legte er beiseite; die anderen schob er von sich, nachdem
er sie angesehen hatte.
,Legen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,' sagte
er, ,und betrachten Sie sie mit Adele;-- Sie mit einem Blick auf
mich nehmen Ihren Platz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe, daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?’
‘Ja.’
,Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken gekostet.’
,Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, wo ich
keine andere Beschäftigung hatte.’
,Woher haben Sie die Vorlagen genommen?’
,Aus meinem Kopfe.’
,Aus dem Kopfe, den ich jetzt da auf Ihren Schultern sehe?'
‘Ja, Sir.’
,Beherbergt er noch dergleichen Vorräte mehr in sich?’
,Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren noch bessere
in sich trägt.-‘
Während er noch damit beschäftigt ist, will ich dir, lieber Leser,
erzählen, was sie vorstellen, aber ich muß vorausschicken, daß sie
durchaus nichts Außergewöhnliches sind. Die Vorlagen hatten
sich mir lebhaft aufgedrängt. Als ich sie mit dem geistigen
Auge sah, bevor ich versuchte, sie zu verkörpern, waren sie allerdings außergewöhnlich; aber mein Pinsel konnte mit meiner Phantasie nicht gleichen Schritt halten, und in jedem Falle war die Aufführung nur ein schwaches Abbild dessen geworden, was mir vorgeschwebt hatte.
Die Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das erste stellte blaugraue, niedrighängende Wolken über einer bewegten See dar. Der ganze Hintergrund lag in Finsternis da und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn es war gar
kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl fiel auf einen
halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf welchem ein Seerabe saß; im Schnabel hielt er ein goldenes Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte ich die reichsten Farben verliehen, welche meine Palette herzugeben vermocht. Hinter Mast und Vogel schien ein ertrunkener Leichnam in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband abgespült oder abgerissen worden.
Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte die neblige Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter und Grashalme vom Winde herabgetrieben wurden. Hinter und über dem Bergesgipfel breitete sich das Himmelsgewölbe aus, tiefblau wie zur
Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer Frau, in so weichen Farben gemalt, wie es mir nur möglich gewesen war. Die dunkle Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten düster und wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke, welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat. Auf ihrem Nacken lag ein bleicher Schein, wie ein Abglanz von Mondesstrahlen.
Das dritte Bild zeigte die Spitze eines Eisberges, welcher in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor. In Vordergrunde erhob sich ein Kopf, welcher sich dem Eisberge zuneigte und an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter
der Stirn kreuzten und diese stützten, warfen einen schwarzen Schein vor die unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen, zwischen turbanartigen Falten einer düsteren Draperie glänzte ein Ring von weißen Flammen. Dieser blasse Halbkreis war ,das Ebenbild einer Königskrone'; was diese krönte, war die Form, die keine Form hat.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?’ fragte Mr. Rochester.
,Ich hatte mich in die Arbeit versenkt, Sir; ja- ich war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich das höchste Vergnügen, das ich jemals gekannt habe.
,Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie in einer Art künstlerischen Traumlandes lebten, als Sie diese seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen. Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?’
,Ich hatte nichts anderes zu tun, da es Ferienzeit war, und ich saß dabei vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum
Abend. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Arbeitsluft.
,Und waren Sie mit dem Ergebnis Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?
,Keineswegs. Der Abstand zwischen meiner Idee und meiner Ausführung quälte mich.’
,Nicht ganz. Die Zeichnungen sind für ein Schulmädchen
immerhin beachtenswert. Die Ideen sind vollständig geisterhaft.’
Diese Augen in dem ,Abendstern' müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wiederzugeben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre Strahlen. Und welche Bedeutung
liegt in ihrer ernsten Tiefe? Und wer hat Sie gelehrt, den Wind
zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Hügel weht ein
heftiger Sturm. Wo haben Sie Latmos gesehen? denn das ist
Latmos. Hier- tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.’
Kaum hatte ich meine Zeichenmappe wieder zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.'
Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer verließ. Er duldete die Liebkosung, aber er schien kaum mehr Wohlgefallen daran zu finden, als Pilot es getan haben würde.
,Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,. sagte er und
machte eine Handbewegung nach der Tür, zum Zeichen, daß er
unserer Gesellschaft müde sei und uns entließe. Mrs. Fairfax
legte ihre Stickerei zusammen; ich nahm meine Zeichenmappe: wir
verneigten uns vor ihm, erhielten dafür eine kalte Verbeugung als
Gegengruß und zogen uns dann zurück.
,Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,'' bemerkte ich, als ich wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem ich Adele ins Bett gebracht hatte.
,Nun, und besitzt er welche?’
,Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.’
,Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an ihn gewöhnt, daß
ich mir gar keine Gedanken mehr darüber mache. Und überdies
sollte man sich nicht darüber wundern, wenn er nicht immer gleichmäßig gelaunt ist.’
‘Weshalb das?’
Teilweise, weil es in seiner Natur liegt—und keiner von uns kann gegen seine Natur; hauptsächlich aber, weil er wohl oft
traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn peinigen und seine Stimmung verderben.'
,Was quält ihn denn?’
,Familiensorgen vor allen Dingen.’
,Aber er hat ja keine Familie.’
,Jetzt nicht-- aber er hatte eine; - Verwandte wenigstens.
Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.'
,Seinen älteren Bruder?’
,Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr lange
im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit neun
Jahren.’
,Neun Jahre sind eine lange Zeit! Hat er seinen Bruder so lieb gehabt, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich is?
,Nein, nein -- das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber, daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr.
Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und vielleicht nahm er den Vater gegen ihn ein. Der alte Herr
liebte das Geld gar sehr und war stets ängstlich darauf bedacht, das Familienleben und die Güter zusammenzuhalten. Das Besitztum durch Teilung zu verringeun, war ihm unangenehm, und doch wünschte er, daß auch Mr. Edward reich sein solle, um den
Glanz des Namens aufrecht zu erhalten; und bald nachdem er
großjährig geworden, wurden einige Schritte getan, die nicht ganz
gerecht waren und sehr viel Unheil anrichteten. Er brach mit seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein unstätes Leben geführt. Ich glaube nicht, daß er seit dem Tode seines Bruders, der ohne Testament starb und ihn als Erben der Güter hinterließ, vierzehn Tage hintereinander in Thornfield ausgehalten hat. Und in der Tat, es ist kein Wunder, wenn er den alten Ort meidet.’
,Weshalb sollte er ihn denn meiden?’
‘Vielleicht erscheint er ihm zu unheimlich.’
Die Antwort klang ausweichend-- ich hätte gern eine klarere
gehört; aber Mrs. Fairfax wollte oder konnte mir keine genauere Auskunft über die Ursache oder die Art von Mr. Rochesters Prüfungen geben. Sie behauptete, daß sie auch für sie ein Geheimnis seien, und daß alles, was sie wisse, sich nur auf Vermutungen gründe. Es war augenscheinlich, daß sie wünschte, ich möge den Gegenstand fallen lassen, was ich auch tat.
14. Kapitel.
Meine Schülerin Adele.
Während der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester wenig.
Des Morgens schien er ganz von Geschäften in Anspruch genommen zu sein, und am Nachmittag kamen gewöhnlich Herren aus
Millcote oder der Nachbarschaft, um ihre Besuche zu machen und
zuweilen auch, um zum Mittagessen bei ihm zu bleiben. Als seine
Verrenkung so weit geheilt war, daß er ausreiten konnte, ritt er
viel aus. Wahrscheinlich erwiderte er jene Besuche, denn gewöhnlich kam er erst spät in der Nacht zurück.
Während dieser Zeit ließ er Adele nur selten zu sich kommen,
und mein ganzer Verkehr mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle, auf der Treppe oder im Korridor;
zuweilen ging er stolz und kalt an mir vorüber und grüßte nur
durch eine steife Verbeugung oder einen kalten Blick; ein anderes
Mal begrüßte er mich durch ein höfliches Lächeln. Seine wechselnde
Laune beleidigte mich nicht, denn ich sah bald ein, daß meine Person daran keine Schuld hatte.
Eines Tages hatte er zum Mittagessen eine Gesellschaft gehabt und meine Zeichenmappe holen lassen, ohne Zweifel, um ihren
Inhalt zu zeigen.
Die Herren entfernten sich früh, um einer öffentlichen Versammlung in Millcote beizuwohnen, wie Mrs. Fairfax mir mitteilte; da der Abend aber regnerisch und rauh war, begleitete Mr.
Rochester sie nicht. Bald nachdem sie sich entfernt hatten, zog er
die Glocke. Es kam die Weisung, daß Adele und ich nach unten
kommen sollten. Ich bürstete Adelens Haar und machte sie schmuck,
und nachdem ich mich vergewissert hatte, daß mein Anzug in Ordnung war, gingen wir hinunter. Adele fragte mich, ob ich glaube,
daß der petit koffre endlich angekommen sei; denn durch irgend
ein Versehen hatte seine Ankunft sich bis jetzt verzögert. Ihre Hoffnung ging in Erfüllung; da stand er, der kleine Karton, auf. dem
Tische, als wir in das Speisezimmer traten. Instinktiv schien sie
ihn zu kennen.
,Ma boîte!’ rief sie, darauf zueilend.
,Ja, da ist deine ‘boîte’ endlich. Nimm sie dir in eine Ecke, du echte Pariserin, und amüsiere dich mit dem Auspacken, sagte
Mr. Rochester mit seiner tiefen und ziemlich spöttischen Stimme,
die aus der Tiefe eines großen, tiefen Lehnstuhles vom Kamin her
ertönte. ,Und merke es dir,'' fuhr er fort, ,guäle mich nicht mit
den Einzelheiten des Inhaltes - tiens-toi tranquille, mon enfant; comprends-tu?’
Es schien dieser Warnung bei Adele gar nicht zu bedürfen; sie
hatte sich mit ihrem Schatz bereits auf ein Sofa zurückgezogen und war damit beschäftigt, die Schnur zu lösen. Nachdem sie dies Hindernis entfernt und einige in Silberpapier eingehüllte Gegenstände emporgehoben hatte, rief sie nur aus:
,Oh, ciel, gue c’est beau!' Dann blieb sie regungslos in begeisterter Betrachtung stehen.
,Ist Miß Eyre da? fragte der Herr des Hauses jetzt, indem er sich halb aus seinem Sitze erhob und sich nach der Tür umblickte, an welcher ich noch immer stand.
,O! das ist gut! Treten Sie näher, und sehen Sie sich zu mir. Er zog einen Stuhl an den seinen heran. ,Ich liebe das Geplauder der Kinder nicht,' fuhr er fort, ,denn ein alter Junggeselle wie ich hat keine freundlichen Erinnerungen, die sich daran knüpfen könnten. Es wäre unerträglich für mich, wenn ich einen ganzen Abend allein mit solch einem Kinde zubringen sollte. Ziehen Sie den Stuhl nicht weiter zurück, Miß Eyre, setzen Sie sich
gerade da, wohin ich ihn gestellt habe, das heißt, wenn es Ihnen recht ist. Zum Henker mit diesen Förmlichkeiten! Ich vergesse sie immer wieder. Für einfache, alte Damen habe ich auch keine besondere Vorliebe. Dabei fällt mir ein, für die meine sollte ich
sie doch haben; es würde nichts Gutes daraus entstehen, wenn ich sie vernachlässigen wollte. Sie ist eine Fairfax, oder war doch wenigstens mit einem solchen verheiratet; und Blut ist dicker als Wasser, wie das Sprichwort sagt.
Er zog die Glocke und sandte eine Aufforderung an Mrs. Fairfax, welche gleich darauf mit ihrem Strickkorbe erschien.
,Guten Abend, Madame; ich ließ Sie zu einem menschenfreundlichen Zwecke hierher bitten: ich habe Adele verboten mit mir über ihre Geschenke zu sprechen und sie vergeht jetzt beinahe
vor verhaltener Aufregung; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin zu dienen; es wäre eine der barmherzigsten Taten, die Sie jemals vollbracht haben.'
In der Tat hatte Adele kaum Mrs. Fairfax erblickt, als sie diese schon an das Sofa zu kommen aufforderte. Dort füllte sie ihr den Schoß mit dem ganzen Inhalt von Porzellan, Elfenbein und Wachs ihrer boîte und gab zugleich ihr Entzücken in ihrem gebrochenen Englisch zu erkennen.
,Jetzt habe ich die Rolle eines guten Wirtes gespielt und meinen Gästen Gelegenheit zur Unterhaltung gegeben,' fuhr Mr. Rochester fort, ,nun darf ich wohl auch an mein eigenes Vergnügen denken. Miß Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein klein wenig näher; ich kann Sie nicht sehen, ohne meine bequeme Lage in diesem Stuhl aufzugeben; und dazu habe ich allerdings keine Lust.
Ich tat, wie mir geheißen wurde, obgleich ich viel lieber ein wenig im Schatten geblieben wäre; aber Mr. Rochester hatte eine Art, seine Befehle zu erteilen, daß ihm augenblicklich zu gehorchen, selbstverständlich war.
Wir befanden uns im Speisezimmer; der Kronleuchter, dessen Kerzen für die Mittagstafel angezündet gewesen, erfüllte das Zimmer mit einem festlichen Glanz; das Feuer im Kamin brannte rot; die roten Vorhänge hingen in reichen Falten vor dem hohen Bogenfenster und der noch höheren Bogentür; ringsum herrschte Ruhe, nur Adeles leises Geplauder-- sie wagte nicht laut zu sprechen und der an die Fenster schlagende Regen unterbrach die Stille.
Wie Mr. Rochester so in seinem prunkhaften Lehnstuhl dasaß,
sah er ganz anders aus, als er mir bis dahin erschienen war, -
nicht ganz so strenge, weniger finster. Auf seinen Lippen ruhte ein
Lächeln, seine Augen funkelten; ob vom Wein oder nicht-- das weiß ich nicht; aber ich halte es für wahrscheinlich. Kurzum, er war in seiner ,Nach-dem-Mittagessen-Stimmung' lebhafter, mitteilsamer, nicht so strenge und kalt als des Morgens. Und doch sah er noch ein wenig grimmig aus, wie er seinen massiven Kopf gegen die schwellenden Polster des Lehnstuhls legte und der Schein des Feuers auf seine wie aus Granit gehauenen Züge und seine großen, dunklen, schönen Augen fiel.
Zwei Minuten hatte er ins Feuer geblickt, und ebenso lange hatte ich ihn angesehen- da wandte er sich plötzlich um und bemerkte meinen Blick, der auf sein Gesicht geheftet gewesen.
,Sie sehen sich mein Gesicht an, Miß Eyre,' sagte er, ,finden Sie mich schön?
Wenn ich überlegt hätte, so würde ich ihm auf diese Frage mit irgend einer unbestimmten Antwort gedient haben; aber ehe ich selbst es recht wußte, entschlüpfte die Antwort meinen Lippen:
,Nein, Sir!’
,Ah! Auf mein Ehrenwort, Sie sind ein eigentümliches Wesen, sagte er,,Sie sehen aus wie eine kleine Nonne; einfach, ruhig, ernst, wie Sie so mit gefalteten Händen dastehen und die
Blicke gewöhnlich auf den Teppich heften - ausgenommen, nebenbei gesagt, wenn sie durchbohrend auf meinem Gesicht ruhen, wie eben jetzt zum Beispiel und wenn man dann eine Frage an Sie richtet oder eine Bemerkung macht, auf welche Sie zu antworten gezwungen sind, so kommen Sie mit einer recht kurz angebundenen Entgegnung. Was ist eigentlich Ihre Absicht dabei?
,Sir, ich war wohl zu dreist. Ich bitte um Entschuldigung. Ich hätte antworten müssen, daß es nicht so leicht ist, aus dem Stegreif Antwort auf eine Frage über die äußere Erscheinung eines Menschen zu geben; daß der Geschmack verschieden ist; daß Schönheit keinen Wert hat oder irgend etwas Ähnliches.
,Nein, Sie hätten durchaus nichts Ähnliches antworten müssen, Schönheit keinen Wert! In der Tat! Und so, unter dem Vorwande, die vorhergehende Beleidigung wieder gut zu machen,
mich zu streicheln und zu beruhigen, stoßen Sie mir ein feines,
kleines Messer in das Ohr! Fahren Sie fort. Was haben Sie an
mir auszusetzen? Bitte, sprechen Sie. Ich denke doch, daß all
meine Gesichtszüge und meine Gliedmaßen gerade so sind wie die
anderer Leute?
,Mr. Rochester, erlauben Sie mir, meine erste Antwort zurückzunehmen; ich hatte nicht die Absicht, spitz zu sein, es war wirklich nur ein Versehen.
,Da haben Sie recht. Das glaube ich auch. Und Sie sollen mir dafür Rede stehen. Kritisieren Sie mich. Gefällt meine Stirn Ihnen nicht?
Er strich die schwarzen Haarwellen, welche über seine Stirn fielen, zur Seite und zeigte eine hohe, geistreiche Stirn, wo indessen das sanfte Zeichen des Wohlwollens sich hätte erheben sollen, war ein plötzlicher Mangel sichtbar.
,Nun, Fräulein, bin ich ein Dummkopf?’
,Durchaus nicht, Sir. Vielleicht halten Sie mich für unhöflich, wenn ich Sie als Erwiderung frage, ob Sie ein Menschenfreund sind?’
,Also wieder! Noch ein Stich mit dem feinen, kleinen Federmesser, während Sie vorgaben, meinen Kopf zu streicheln. Und das nur, weil ich gesagt habe, daß ich die Gesellschaft kleiner Kinder und alter Frauen — leise sei es gesagt - nicht liebe! Nein,
meine junge Dame, ich bin kein Menschenfreund, aber ich habe ein Gewissen, und außerdem wohnte meinem Herzen einst eine rohe
Art von Zärtlichkeit inne. Als ich so alt war wie Sie, war ich ein
ganz gefühlvoller Bursche; ich hatte Mitleid mit den Unterdrückten, den Vernachlässigten, den Unglücklichen; aber seitdem das
Schicksal auf mich losgeschlagen hat, bin ich so hart und so zähe
wie ein Kautschukball. In der Mitte des Klumpens ist nur noch
ein kleiner, empfindlicher Punkt, und an einer oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas einzudringen. Ja! Ist da noch
irgend eine Hoffnung für mich vorhanden?
Hoffnung auf was, Sir?
,Auf meine schließliche Wiederumgestaltung aus Kautschuk zu Fleisch und Blut?’
,Offenbar hat er zu viel Wein getrunken,' dachte ich bei mir, und ich wußte nicht, welche Antwort ich auf seine sonderbare Frage
geben sollte.
,Sie sehen ganz verlegen aus, Miß Eyre; und obgleich Sie ebensowenig hübsch sind wie ich schön bin, steht Ihnen diese verblüffte Miene ausgezeichnet; außerdem ist sie mir erwünscht, denn sie lenkt Ihre prüfenden Blicke von meinem Gesicht ab und beschäftigt sie mit den gewebten Blumen auf dem Kaminteppich; also
seien Sie nur weiter verlegen. Meine junge Dame, heute abend bin ich in der Stimmung, gesellig und mitteilsam zu sein.
Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Stuhl, ging an das Feuer und stützte den Arm auf den Kaminsims. In dieser
Stellung sah man seine Gestalt ebenso deutlich wie sein Gesicht und die ungewöhnliche Breite seiner Schultern, welche zu seiner Höhe
in gar keinem Verhältnis stand. Ich bin überzeugt, daß die meisten Menschen ihn für einen häßlichen Mann gehalten haben würden; und doch lag in seiner Haltung so viel ungezwungener Stolz, in seinen Bewegungen so viel Leichtigkeit; in seiner Miene eine so vollkommene Gleichgültigkeit gegen seine eigene äußere Erscheinung; eine so stolze Zuversicht auf die Macht innerer und äußerer Kraft, daß man unwillkürlich diese Gleichgültigkeit teilen mußte,
wenn man ihn ansah, und in einem gewissen Sinne an sein Selbstvertrauen zu glauben begann.
,Ich bin heute abend in der Stimmung, gesellig und mitteilsam zu sein,'' wiederholte er, ,und deshalb habe ich Sie hierher
bitten lassen; das Kaminfeuer und der Kronenleuchter genügten mir nicht als Gesellschaft, und auch Pilot nicht, denn keines von
diesen kann reden. Adele ist um einen Grad besser, doch noch tief unter der Linie; Mrs. Fairfax dito, aber Sie können mich unterhalten, wenn Sie wollen, dessen bin ich gewiß. Sie verblüfften mich schon an dem ersten Abend, als ich Sie einlud, herunterzukommen. Seitdem hatte ich Sie beinahe schon wieder vergessen.
Andere Gedanken haben Sie aus meinem Kopfe vertrieben; heute abend aber bin ich entschlossen, es mir behaglich zu machen, alles
zu verbannen, was lästig ist, das ins Gedächtnis zurückzurufen,
was angenehm ist. jetzt würde es mir Freude machen, Sie auszuforschen, mehr von Ihnen zu erfahren-- deshalb sprechen Sie.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich. Aber es war weder ein unterwürfiges noch ein gefälliges Lächeln.
,Sprechen Sie,’ drängte er.
,Über was denn, Sir?
,Über was Sie wollen. Die Wahl des Themas und die Art
und Weise es zu behandeln, überlasse ich Ihnen.''
Ich sagte gar nichts.
,Sie sind stumm, Miß Eyre.
Ich war noch immer stumm. Er beugte den Kopf vor und
schien mit einem einzigen Blicke in meine Seele eindringen zu
wollen.
,Eigensinnig?- fragte er, ,und ärgerlich? Ah, es ist klar.
Ich stellte meine Frage in einer eigentümlichen, beinahe unverschämten Form. Miß Eyre, ich bitte Sie um Verzeihung. Ein
für allemal muß ich Ihnen nämlich sagen, daß ich Sie nicht wie
eine Untergebene behandeln möchte. Das heißt''-- hier verbesserte er sich--- ,ich nehme nur jene Überlegenheit für mich in
Anspruch, welche die zwanzig Jahre Unterschied im Alter und die
hundert Jahre in Erfahrung mir geben. Das ist mein Recht, et j’y tiens, wie Adele sagen würde; und kraft dieser Überlegenheit und nur dieser allein bitte ich Sie, daß Sie die Güte haben möchten, jetzt ein wenig mit mir zu plaudern und meine Gedanken
zerstreuen, die durch vieles Grübeln ganz gallig geworden sind.
Ich war nicht unempfindlich für seine Herablassung, aber ich wollte es nicht merken lassen.
,Ich will Sie sehr gern unterhalten, Sir, sehr gern; aber ich kann keinen Gesprächsstoff finden, weil ich nicht weiß, was Sie
interessieren kann. Fragen Sie mich nur, und ich will Ihnen antworten, so gut ich kann.''
,Also fürs erste stimmen Sie mit mir überein, daß ich das Recht habe, ein wenig herrisch und seltsam, zuweilen vielleicht auch
ein wenig anspruchsvoll zu sein, aus Gründen, die ich Ihnen angeführt habe; nämlich, daß ich alt genug bin, um Ihr Vater zu sein
und daß ich mit vielen Menschen und vielen Nationen die verschiedenartigsten Erfahrungen gemacht und mehr als die Hälfte des
Erdballs durchstreift habe, während Sie ruhig mit denselben Menschen in demselben Hause gelebt haben.''
,Tun Sie, was Ihnen gefällt, Sir.
,Das ist keine Antwort oder vielmehr eine sehr ärgerliche,
weil es eine ausweichende ist,-- bitte, drücken Sie sich klar aus.
,Ich glaube nicht, Sir, daß Sie ein Recht haben, mir zu befehlen, nur weil Sie älter sind als ich, oder weil Sie mehr von der
Welt gesehen haben als ich; Ihr Anspruch auf Überlegenheit hängt davon ab, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihren
Erfahrungen gemacht haben.'
,Hm! Das ist gut gesagt. Aber ich kann das nicht zugeben, weil ich sehe, daß es meiner Sache nicht nützen würde. Ich habe
von beiden Vorteilen einen gleichgültigen, um nicht zu sagen schlechten Gebrauch gemacht. Wenn wir die ,Überlegenheit'' nun auch
ganz aus dem Spiele lassen, so müssen Sie es sich doch gefallen lassen, dann und wann meine Befehle entgegenzunehmen, ohne sich
durch den befehlenden Ton, in welchem ich sie gebe, verletzt zu fühlen; wollen Sie das?
Ich lächelte. Ich dachte bei mir: ,Mr. Rochester ist ein sonderbarer Mann, -- er scheint zu vergessen, daß er mir dreißig
Pfund Sterling jährlich zahlt, damit ich seine Befehle ausführe.
,Das Lächeln ist sehr schön,' sagte er, indem er augenblicklich den vorübergehenden Gesichtsausdruck bemerkte, ,aber Sie müssen auch sprechen.'
, Ich dachte darüber nach, daß sehr wenig Herren sich darum kümmern würden, ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre Befehle verletzt wären oder nicht.
,Bezahlte Untergebene! Was? Sie sind meine bezahlte Untergebene? Sind Sie das? Ach ja, ich hatte das Gehalt vergessen! Gut also! Wollen Sie mir auf diesen krämerischen Grund hin erlauben, Sie ein wenig anmaßend zu behandeln?
,Nein, Sir; aufde n Grund hin nicht; aber auf den Grund hin, daß Sie ihn vergessen konnten, und daß Sie sich darum kümmern, ob eine Untergebene in ihrer Abhängigkeit sich wohl befindet oder nicht, willige ich von Herzen gern ein.’
,Und wollen Sie mir eine ganze Menge herkömmlicher Formen und Phrasen erlassen, ohne zu glauben, daß diese Unterlassung
aus Unhöflichkeit geschieht?’
,Ich bin überzeugt, Sir, daß ich Formlosigkeit niemals mit Unhöflichkeit verwechseln würde; für das eine habe ich eine gewisse
Schwäche, dem anderen würde sich kein Freigeborener fügen, nicht einmal um eines Lohnes willen.'
,Unsinn! Die meisten freigeborenen Menschen würden alles ertragen um eines Lohnes willen; deshalb urteilen Sie nur für
sich selbst und sprechen Sie nicht über Allgemeinheiten, von denen Sie nichts verstehen. Indessen drücke ich Ihnen im Geiste die Hand
für Ihre Antwort, obgleich diese nicht zutreffend war, und ebensosehr für die Art, in welcher Sie es sagten, als wegen des Inhaltes;
die Art und Weise war offen und aufrichtig; man trifft sie nicht allzu oft an; nein, im Gegenteil Verstellung, oder Kälte, oder dummes, grobes Mißverständnis der Absicht sind der gewöhnliche Lohn für Aufrichtigkeit. Unter dreitausend Gouvernanten würden nicht drei mir geantwortet haben, wie Sie es soeben getan haben. Aber ich habe nicht die Absicht, Ihnen zu schmeicheln; wenn Sie in eine andere Form gegossen sind als die Mehrzahl, so ist das nicht Ihr
Verdienst, die Natur hat es getan. Und dann bin ich auch wahrscheinlich zu schnell in meinen Schlüssen, denn wie kann ich eigentlich wissen, ob Sie besser sind als die übrigen. Sie können ja unerträgliche Fehler haben, wodurch Ihre guten Seiten wieder aufgewogen werden.
,Das können Sie ebenfalls,' dachte ich bei mir. Als dieser
Gedanke in meinem Geiste aufstieg, begegnete mein Blick dem seinen; er schien ihn zu erraten und er antwortete mir, als hätte ich
ihn in Worten ausgedrückt:
,Ia, ja! Sie haben recht, sagte er, ,ich selbst habe viele
Fehler; ich weiß das sehr wohl und will' sie nicht beschönigen, dessen
versichere ich Sie. Gott weiß, daß ich keine Ursache habe, anderen
gegenüber zu strenge zu sein. Im Alter von einundzwanzig Jahren betrat ich einen falschen Pfad, und seitdem ist es mir noch nicht
geglückt, den rechten Weg wiederzufinden; aber ich hätte ein anderer Mensch sein können; ich hätte ebenso gut sein können wie Sie
- klüger -fast ebenso rein. Ich beneide Sie um Ihre Gemütsruhe und Ihr reines Gewissen. Eine Erinnerung ohne einen Vorwurf muß ein großer Schatz sein, - eine unerschöpfliche Quelle reinster Freuden-- ist es nicht so?
,Wie waren denn Ihre Erinnerungen, als Sie achtzehn Jahre
zählten?
,O, damals war alles noch gut, klar, gesund. Mit achtzehn
Jahren war ich Ihnen gleich -- ganz gleich. Die Natur hatte mich
im großen Ganzen zu einem guten Menschen bestimmt, Miß Eyre,
zu einem besseren wenigstens- und wie Sie sehen, bin ich es doch
nicht geworden. Sie können mir nun erwidern, daß Sie es nicht
sehen; wenigstens schmeichle ich mir, daß ich das in Ihrem Auge
lese. Aber nehmen Sie mein Wort darauf- ich bin kein Schurke,
das dürfen Sie nicht denken. Wundern Sie sich darüber, daß ich
Ihnen dies Geständnis mache? Wissen Sie denn, daß Sie in Zukunft noch oft zu unfreiwilliger Vertrauten der Geheimnisse Ihrer
Freunde gemacht werden. Instinktiv werden die Menschen stets,
wie ich es getan habe, herausfinden, daß es nicht Ihre schwache
Seite ist, von sich selbst zu reden, sondern zuzuhören, während
andere von sich sprechen; sie werden auch herausfühlen, daß Sie
nicht mit boshafter Verachtung auf die Ergüsse ihres Herzens horchen, sondern mit wirklicher Sympathie, welche nicht weniger tröstlich und ermutigend wirkt, weil sie in ihren Kundgebungen weder
laut noch aufdringlich ist.
,Woher wissen Sie das? Wie können Sie alles dies erraten, Sir?
,Ich weiß es sehr wohl, deshalb spreche ich so offenherzig, als
ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch schriebe. Sie möchten sagen,
daß ich die Verhältnisse hätte überwinden sollen, -- ja, das hätte
ich tun müssen; aber Sie sehen- ich tat es nicht. Als das Schicksal mir unrecht tat, besaß ich nicht genug Weisheit, um kalt und
besonnen zu bleiben; ich geriet in Verzweiflung. Wenn die Versuchung an Sie herantritt, Miß Eyre, so fürchten Sie sich vor Gewissensbissen! Sie sind das Gift des Lebens!'
,Aber, Sir, man sagt, daß die Reue sie heilt!
,Nein, Neue heilt sie nicht! Besserung mag es tun. Ich
könnte mich bessern-- ich besitze noch Kraft genug dazu -
wenn aber was nützt es denn, auch nur daran zu denken, gehindert, belastet, verflucht wie ich bin? Und außerdem, da das
Glück mir unwiderruflich versagt ist, habe ich das Recht, dem Leben
soviel Freuden abzuringen, wie möglich, und diese will ich
haben, koste es, was es wolle!'
,Aber dann werden Sie noch tiefer sinken, Sir,
-;
,Das ist möglich! Aber weshalb sollte ich, wenn ich süße,
neue Freuden haben kann? Und ich kann deren haben, so süß,
so frisch wie der wilde Honig, welchen die Biene im Walde
sammelt.
,Aber diese Freuden werden bitter schmecken, Sir!'
,Wie können Sie das wissen? Sie haben es ja niemals
versucht. Wie unendlich ernst- wie feierlich Sie aussehen! Und
Sie verstehen so wenig von der Sache wie diese Camee hier,' --
er nahm eine solche vom Kaminsims.
,Sie haben kein Recht, mir zu predigen; Sie sind ein Neuling, welcher noch nicht durch das Tor des Lebens eingegangen
und mit seinen Geheimnissen gänzlich unbekannt ist,
,Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte, Sir. Sie
sagten, daß ein begangenes Unrecht nur Gewissensbisse bringe, und
Sie erklärten Gewissensbisse für das Gift des Lebens.
,Und wer spricht denn jetzt noch von Unrecht? Ich glaube
kaum, daß der Gedanke, welcher mein Hirn durchkreuzte, ein Unrecht war. Ich glaube, es war eher eine Eingebung als eine Versuchung, es war sehr beruhigend, sehr belebend-- das weiß
ich. Und hier kommt dieser Gedanke schon wieder! Es ist kein
Teufel, ich versichere Sie; oder wenn es einer ist, so hat er sich doch
in das Gewand eines Engels gehüllt. Einen so schönen Gast muß
ich doch einlassen, wenn er so bittend Eingang in mein Herz begehrt!
,Mißtrauen Sie ihm, Sir; es ist kein echter Engel
,Noch einmal, wie können Sie das wissen? Vermöge welchen
Instinkts glauben Sie zwischen einem gefallenen Engel aus dem
Abgrund der Hölle und einem Boten von dem Thron des Ewigen
unterscheiden zu können - zwischen einem Führer und einem Verführer?
,Ich urteile nach Ihrem Gesichte, Sir, und dieses sah kummervoll aus, als Sie sagten, daß jener Gedanke Sie abermals heimsuche. Ich bin überzeugt, daß er noch mehr Elend über Sie bringt, wenn Sie ihn anhören.'
,Durchaus nicht. Es ist die wonnigste Botschaft der Welt;
und überdies sind Sie ja nicht mein Gewissensrat, deshalb beruhigen Sie sich. Hier herein, lieblicher Wanderer!'
Die letzten Worte sprach er wie zu einer Erscheinung, die bloß seinem Auge sichtbar war. Dann verschränkte er die Arme, welche
er halb ausgebreitet hatte, über der Brust und schien das unsichtbare Wesen an sich zu drücken.
,Jetzt,' fuhr er zu mir gewendet fort, ,habe ich den Pilger eingelassen - eine verkleidete Gottheit, wie ich glaube. Sie hat
mir wohlgetan; mein Herz war eine Art von Beinhaus; jetzt wird es ein Heiligtum sein.'
,Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, Sir, so verstehe ich Sie
durchaus gar nicht. Ich kann dem Gespräche nicht folgen, weil es
über meine Begriffe hinausgeht. Ich weiß nur eins: Sie sagten,
daß Sie nicht so gut seien, wie Sie selbst es zu sein wünschten; und
daß Sie Ihre eigene Unvollkommenheit tief beklagten,- das kann
ich wohl verstehen; Sie deuteten an, daß es ein ewig wirkendes Gift
sei, eine Vergangenheit zu haben, welche nicht ganz rein ist. Mir
ist's, als würden Sie es mit der Zeit möglich finden, das zu werden, was Sie selbst wünschen, wenn Sie es ernstlich versuchten.
,Sehr richtig gedacht und richtig gesagt, Miß Eyre; und in
diesem Augenblick pflastere ich den Weg zur Hölle aus allen Kräften mit guten Vorsätzen.
,Sir?
,Ich lege gute Vorsätze nieder, welche ich ebenso hart wie Kieselsteine glaube. Ganz gewiß, meine Gefährten, meine Freunde,
meine Beschäftigungen sollen andere werden, als sie es bisher
waren.'
,Und bessere?
,Und bessere- um so viel, wie reines Gold besser als wertlose Schlacken ist. Sie scheinen an mir zu zweifeln; ich selbst zweifle
nicht. Ich kenne mein Ziel, ich kenne meine Beweggründe; und jetzt, in diesem Augenblick, erlasse ich ein Gesetz, unabänderlich, unantastbar wie das der Meder und Perser, daß beide die einzig richtigen sind.
,Das können sie nicht sein, Sir, wenn es eines neuen Gesetzes
bedarf, um sie zu legalisieren.'
,Sie sind es doch, Miß Eyre, obgleich sie durchaus ein neues Gesetz verlangen. Unerhörtes Zusammenwirken von Umständen und Verhältnissen verlangt auch ungewöhnliche Maßregeln.
,Das scheint mir eine gefährliche Maxime, Sir; weil man auf den ersten Blick sehen kann, daß sie leicht mißbraucht werden kann.
,Tiefsinnige Philosophie! So ist es: aber ich schwöre bei meinen Hausgöttern, daß ich sie nicht mißbrauchen werde.
,Sie sind auch nur ein Mensch und nicht unfehlbar.’
,Das weiß ich- aber Sie sind es ebenfalls. Was dann?’
,Die, die da menschlich sind und fehlbar, sollten sich nicht eine Macht aneignen, welche nur der Ewige mit Sicherheit handhaben kann.'
,Welche Macht?
,Jene, von seltsamen und unheiligen Handlungen sagen zu dürfen: Sie sollen gerecht sein.'
,Sie sollen gerecht sein. Ja, ja, das sind die rechten Worte: Sie haben sie ausgesprochen.'
,Mögen sie denn gerecht sein,' sagte ich, indem ich mich erhob.
,Wohin gehen Sie?
,Ich will Adele ins Bett bringen; es ist bereits über ihre gewöhnliche Schlafenszeit hinaus.'
,Sie fürchten sich vor mir, weil ich dunkel spreche wie eine
Sphynx.
,Ihre Sprache ist allerdings rätselhaft, Sir; aber obgleich ich
nicht alles verstehe, fürchte ich mich doch nicht.
,Sie fürchten sich doch; Ihre Selbstliebe fürchtet sich, einen
Irrtum zu begehen.'
,Ja; in dieser Beziehung fürchte ich mich allerdings - ich
wünsche nicht, Unsinn zu schwatzen.''
,Und wenn Sie dies wirklich täten, so würde es in einer so
ernsten, ruhigen Weise geschehen, daß ich es für sehr vernünftig
halten würde. Lachen Sie niemals, Miß Eyre? Bemühen Sie
sich nicht, mir zu antworten-- ich sehe, Sie lachen nur selten; aber
Sie können sehr fröhlich lachen. Der Zwang von Lowood lastet
noch immer ein wenig auf Ihnen; er beherrscht Ihre Züge, dämpft
Ihre Stimme und hindert Ihre Glieder; und Sie fürchten in
Gegenwart einesMannes und Bruders - oder Vaters oder Herrn,
sei es, wer es sei - zu fröhlich zu lachen, zu frei zu sprechen oder
sich zu schnell zu bewegen; aber ich hoffe, daß Sie mir gegenüber
natürlich sind, denn ich finde es ganz unmöglich, mit Ihnen förmlich zu verkehren, und dann werden Ihre Züge und Ihre Bewegungen lebhafter werden als jetzt. Zuweilen sehe ich durch die engen
Stäbe eines Käfigs den Blick eines seltsamen Vogels; ein lebhafter,
ruheloser, entschlossener Gefangener sitzt drinnen; wäre er aber
frei, so würde er hoch in die Wolken steigen. Wollen Sie noch
immer gehen?
,Es hat bereits neun Uhr geschlagen.’
,Das schadet nichts. Warten Sie noch eine Minute. Adele
ist noch nicht bereit, sich schlafen zu legen. Vor ungefähr zehn
Minuten zog sie einen kleinen rosa seidenen Rock aus ihrem Koffer;
Entzücken leuchtete auf ihren Zügen, als sie ihn entfaltete. ,Il faut que je l’essaie!’ rief sie, ‘et à l’instant mime!’ und mit
diesen Worten stürzte sie aus dem Zimmer hinaus. Sie ist jetzt bei
Sophie und kleidet sich um.'
Nicht lange dauerte es, und wir hörten Adeles Füßchen durch
die Halle trippeln. Sie trat umgewandelt ein. Ein Kleid von
rosafarbiger Seide, sehr kurz und faltenreich, ersetzte das braune
Kleidchen, welches sie vorher getragen hatte; ein Kranz von Rosenknospen umschloß ihre Stirn; seidene Strümpfe und weiße Atlasschuhe bekleideten ihre Füße.
,Est-ce gue ma robe va bien?’ rief sie vorwärts hüpfend, ,et mes souliers? et mes bas? Tenez, je crois gue je vais danser!’
Und indem sie ihr Kleid emporhob, chassierte sie durch das Zimmer. Als sie Mr. Rochester erreicht hatte, wirbelte sie vor ihm
leicht auf den Zehen herum, ließ sich dann vor seinen Füßen auf
ein Knie nieder und rief aus:
,Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté,’ dann erhob sie sich und fügte hinzu: ,C’est comme cela que maman faisait, n’est-ce pas, Monsieur?’
,Gerade so,' lautete die Antwort, und comme cela lockte sie
mir auch das englische Gold aus meinen brittischen Hosentaschen.
- Ich war auch einmal jung, Miß Eyre - ach ja, jung, und kein
frühlingsfrischer Hauch schmückt Sie jetzt, der nicht auch einst auf
mir geruht hätte! Mein Frühling ist dahin indessen, aber er hat
mir jene kleine französische Blütenknospe hinterlassen, welche ich
in manchen Stimmungen oft gern wieder los sein möchte. Ich
schätze und verehre die Wurzel nicht mehr, welcher sie entsprungen;
ich habe seitdem erfahren, daß jene zu einer Abart gehörte, welche
nur mit Goldstaub gedüngt werden konnte, - und ich liebe die
Blüte nur noch zur Hälfte, besonders wenn sie so künstlich aussieht,
wie in diesem Augenblick. Ich erhalte sie und pflege sie eigentlich
nur nach jener Lehre der römisch-katholischen Kirche, die da sagt,
daß wir durch ein e gute Tat unzählige Sünden zu sühnen vermögen. Alles dies werde ich Ihnen ein andermal erklären. Gute
Nacht!'
e
15. Kapitel.
Der geheimnisvolle Brand.-- Es kommt Besuch ins Haus.
Ich kam jetzt mit Mr. Rochester oft ins Gespräch. Seine
freundliche Offenherzigkeit zog mich zu ihm hin. Zuweilen war
mir, als sei er mir nahe verwandt, ich vergaß ganz, daß er eigentlich mein Herr; wohl war er hier und da noch gebieterisch und herrisch; aber es kränkte mich nicht mehr; ich wußte, daß dies nun einmal seine Art sei. Ich wurde so zufrieden, so glücklich mit dieser
neuen Bekanntschaft, daß ich aufhörte, mich nach anderen Menschen
zu sehnen; die Leere meines Daseins war ausgefüllt; meine körperliche Gesundheit wurde besser, ich wurde stark und kräftig.
Eines Abends war ich zu Bett gegangen. Es kam mir der
Gedanke, wie schmerzlich ich es empfinden würde, wenn Mr. Rochester Thornfield verlassen würde. Obgleich ich meine Kerze jetzt
ausgelöscht hatte, konnte ich nicht schlafen. Wenn er nun Frühling, Sommer und Herbst fortbliebe: wie freudlos würde dann
der Sonnenschein, wie traurig würden die schönen Tage für mich
sein!
Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Gedanken eingeschlafen war
oder nicht; auf jeden Fall fuhr ich aber erschreckt empor, als ich
ein undeutliches Geräusch, seltsam und unheimlich, vernahm, das,
wie ich glaubte, gerade über meinem Kopfe war. Ich wünschte,
daß ich meine Kerze hätte brennen lassen; die Nacht war dunkel,
mein Gemüt war bedrückt. Ich richtete mich im Bette auf, um zu
horchen. Das Geräusch verstummte.
Wiederum versuchte ich zu schlafen; aber mein Herz klopfte
ängstlich, meine innere Ruhe war hin. Weit unten im Schlosse verkündete die Uhr die zweite Stunde. In diesem Augenblick war es,
als hätte jemand sich durch die dunkle Galerie an den Holzverkleidungen der Wand entlang getastet. Ich rief:,Wer ist da? Niemand antwortete. Die Furcht machte mich beben.
Plötzlich fiel es mir ein, daß es Pilot sein könne, welcher oft,
wenn die Küchentür nicht geschlossen war, seinen Weg bis an die
Schwelle von Mr. Rochesters Zimmer fand und sich dort niederlegte. Oft hatte ich ihn am Morgen selbst dort liegen sehen.
Einigermaßen durch diesen Gedanken beruhigt, legte ich mich wieder. Stille stärkt die Nerven, und da jetzt eine ununterbrochene
Stille im ganzen Hause herrschte, fühlte ich, wie der Schlaf sich
wiederum einstellte. Aber das Schicksal hatte beschlossen, daß ich
in dieser Nacht keinen Schlummer finden sollte. Kaum hatte ein
Traum begonnen, als er erschreckt von dannen floh, von einem
markerschütternden Zwischenfall verjagt.
Es war ein dämonisches Lachen- leise, unterdrückt, tief -
welches durch das Schlüsselloch in mein Zimmer drang. Das
Kopfende meines Bettes stand nahe an der Tür, und im ersten
Augenblick glaubte ich, daß dieser geisterhafte Lacher neben meinem
Bette stehe oder vielmehr sich auf mein Kopfpolster ducke; aber
ich stand auf, blickte umher und konnte nichts sehen; als ich noch
ins Dunkel starrte, wiederholte sich der übernatürliche Laut, und
ich wußte dann, daß er von außen kam. Mein erster Gedanke war
aufzustehen und den Riegel vorzuschieben; der nächste wiederum
auszurufen: ,Wer ist da?
Ich hört ein Gurgeln, ein Stöhnen und darauf leise Schritte,
die sich über die Galerie nach dem dritten Stockwerk zurückzogen;
auf jener Treppe war vor kurzem eine verschließbare Tür angebracht; diese wurde geöffnet und wiedar geschlossen. Dann war
alles still.
,War das Grace Poole? Und ist sie vom Teufel besessen?
dachte ich. Jetzt war es unmöglich, länger allein zu bleiben, ich
mußte zu Mrs. Fairfax gehen. Eilig warf ich mir Kleid und
Schal über und öffnete die Tür mit zitternder Hand. Draußen
stand auf dem Teppich, welcher in der Galerie lag, ein brennendes
Licht. Dieser Umstand setzte mich in Erstaunen; aber noch erstaunter war ich, zu bemerken, daß die Luft ganz trübe war, wie mit
Rauch angefüllt; und während ich nach links und rechts blickte, um
zu entdecken, woher die blauen, sich kräuselnden Wolken kamen,
machte sich schon ein starker Brandgeruch bemerkbar.
Ein Knarren; es war eine halb geöffnete Tür; diese Tür
führte zu Mr. Rochesters Zimmer, und daraus kamen auch jetzt
dichte Rauchwolken. Ich dachte nicht mehr an Mrs. Fairfax. Ich
dachte nicht mehr an Grace Poole oder an das Lachen, - in einem
Augenblick befand ich mich in jenem Gemache. Rund um das Bett
züngelten Flammen empor, die Vorhänge brannten. Inmitten
dieses Feuers, dieses Rauches lag Mr. Rochester bewegungslos
ausgestreckt, in tiefem Schlafe.
,Wachen Sie auf! Wachen Sie auf!' schrie ich- ich schüttelte
ihn, aber er murmelte nur etwas Unverständliches und wandte sich
um. Der Rauch hatte ihn bereits betäubt. Es war kein Augenblick zu verlieren; schon brannten die Betttücher. Ich stürzte an
die Waschschüssel und an den Wasserkrug; zum Glück waren beide
mit Wasser angefüllt. Ich hob sie auf, überflutete das Bett und
den darin Liegenden, flog zurück in mein eigenes Zimmer, brachte
meinen Wasserkrug, überschüttete das Lager von neuem, und mit
Gottes Hilfe gelang es mir, die Flammen zu löschen.
Das Zischen des verlöschenden Elements und das Zerbrechen
des Kruges, den ich wegwarf, als er geleert war, weckten Mr. Rochester endlich.
,Ist das die Sintflut? schrie er.
,Nein, Sir,' entgegnete ich, ,aber es war ein Feuer; stehen
Sie auf, ich flehe Sie an, Sie sind gänzlich durchnäßt; ich werde
ein Licht holen.
,Im Namen aller Feen der Christenheit, ist das Jane Eyre?
fragte er. ,Was haben Sie mit mir gemacht, Hexe, Zauberin?
Wer ist noch im Zimmer? Wollen Sie mich ertränken?
,Ich werde Ihnen ein Licht holen, Sir; und stehen Sie auf
um Gottes willen! Irgend jemand hat einen bösen Schlag gegen
Sie ausführen wollen; Sie können nicht früh genug untersuchen,
wer es war.
,So, jetzt bin ich auf; aber es geht auf Ihre eigene Gefahr,
wenn Sie jetzt ein Licht holen. Warten Sie noch zehn Minuten,
bis ich trockene Kleider finde, wenn es deren hier überhaupt noch
gibt-- ja, hier ist mein Schlafrock, jetzt eilen Sie!
Und ich eilte. Ich brachte das Licht, welches noch in der Galerie stand. Er nahm es mir aus der Hand, hielt es in die Höhe
und betrachtete das Bett, welches ganz schwarz und versengt war,
die Betttücher waren durchnäßt, der Teppich rund umher stand
unter Wasser.
,Was ist es? Und wer hat es getan?' fragte er.
Ich erzählte ihm kurz, was ich bemerkt hatte.
Er hörte sehr ernst zu; als ich fortfuhr, drückte sein Gesicht
mehr Kummer als Erstaunen aus. Als ich zu Ende war, schwieg
er noch eine Weile.
,Soll ich Mrs. Fairfax rufen?' fragte ich.
,Mrs. Fairfax? Nein. Lassen Sie sie ruhig schlafen.
,Dann will ich Leah holen und John und seine Frau wecken.
,Nein. Seien Sie nur ganz still. Setzen Sie sich in jenen
Lehnstuhl. Ich werde Sie ein paar Minuten allein lassen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis ich zurückkomme. Ich nehme das Licht
mit. jetzt muß ich in das zweite Stockwerk hinaufgehen, um zu
sehen, ob auch dort etwas geschehen. Rühren Sie sich nicht. Rufen
Sie niemanden, ich bitte darum.
Er ging. Es verging eine Zeit, die mich fast eine Ewigkeit dünkte. Ich wurde müde und wollte in mein Zimmer zurückgehen,
als der schwache Schein des Lichts wiederum an der Mauer der Galerie sichtbar wurde, und ich seinen Schritt auf dem Teppich der Galerie vernahm.
,Ich hoffe, daß er es ist, dachte ich, ,und nichts Schlimmeres.
Er trat wieder ein, blaß und verdüstert. ,Ich habe jetzt alles entdeckt,' sagte er, indem er den Leuchter auf den Waschtisch stellte,
es ist alles so, wie ich vermutete.
,Wie, Se
Er entgegnete nichts. Nach Verlauf von einigen Minuten
fragte er mit seltsamem Ton:
,Ich habe vergessen, ob Sie mir sagten, daß Sie irgend etwas
gesehen, als Sie die Tür Ihres Zimmers öffneten,
,Nein, Sir, ich sah nur den Leuchter auf dem Teppich.'
,Aber Sie hörten ein seltsames Lachen? Haben Sie es oder
ein ähnliches schon früher gehört?
,Ja, Sir. Eine Näherin ist hier; sie heißt Grace Poole -- sie
lacht in dieser Weise. Überhaupt ist sie ein sonderbares Geschöpf.
,Ja. Grace Poole- Sie haben es erraten. Sie ist, wie
Sie sagen, sonderbar- sehr sonderbar. Nun, ich werde über die
Sache nachdenken. Übrigens bin ich froh, daß Sie außer mir die
einzige Person sind, welche die Einzelheiten von dem Vorfalle dieser Nacht kennt. Sie sind keine Schwätzerin- also sprechen Sie
nicht darüber. Für das hier auf das Bett zeigend will ich schon
eine Erklärung finden. Und jetzt kehren Sie in Ihr Zimmer zurück. Ich werde den Rest der Nacht auf dem Sofa in der Bibliothek zubringen. Es ist beinahe vier Uhr: - in zwei Stunden werden die Dienstboten wach sein.
,Gute Nacht denn, Sir,. sagte ich, im Begriff fortzugehen.
Er schien erstaunt- mir war das unerklärlich, denn er hatte
mir ja soeben gesagt, ich sollte gehen.
,Wie!' rief er aus, ,Sie verlassen mich schon, und in dieser
Weise?
,Sie sagten ja, daß ich gehen könne!
,Aber doch nicht, ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne ein
oder zwei Worte des Dankes. Sie haben mir das Leben gerettet!'
Er streckte seine Hand aus; ich gab ihm die meine.
,Sie haben mir das Leben gerettet. Ich habe Ihnen gegenüber eine große Pflicht der Dankbarkeit.
Ich fühlte immer, daß Sie mir zu irgend einer Zeit Gutes
erweisen würden; - als ich Sie zum erstenmal erblickte, sah ich
es in Ihren Augen! Nicht umsonst - (hier hielt er inne - nicht
umsonst - und hastig weiter sprechend-traf Ihr Lächeln, Ihr
sympathischer Ausdruck mein Herz. Ich habe von gütigen Schutzengeln gehört- selbst in den albernsten Fabeln gibt es doch ein
Körnchen Wahrheit. Meine liebe Lebensretterin, gute Nacht.
,Ich bin froh, daß ich zufällig wach war,' sagte ich und ging.
Ich begab mich zu Bett, aber ich dachte nicht an Schlaf. Mis
zum Tagesanbruch wurde ich wie auf einem bewegten, tobenden
Meere umhergeworfen. Zuweilen war mir's, als sähe ich hinter
jenen wilden Gewässern ein liebliches Ufer; dann und wann trug
eine erfrischende Brise, durch die Hoffnung geweckt, meine Seele
dem Ufer entgegen, aber ich konnte es nicht erreichen. Zu fieberhaft aufgeregt, um ruhen zu können, erhob ich mich mit Tagesanbruch.
An dem Morgen, welcher dieser schlaflosen Nacht folgte, fürchtete und wünschte ich zugleich, Mr. Rochester wiederzusehen. Ich
sehnte mich, seine Stimme zu hören, und doch fürchtete ich, seinem
Blicke zu begegnen. Während der ersten Morgenstunden erwartete
ich jeden Augenblick, ihn kommen zu sehen. Es war nicht seine
stete Gewohnheit, in das Schulzimmer zu kommen, aber zuweilen
trat er auf einige Minuten ein, und ich hatte die Idee, daß er an
diesem Tage gewiß kommen würde.
Aber der Morgen ging hin wie gewöhnlich; nichts trug sich
zu, das den ruhigen Verlauf von Adelens Studien hätte stören
können. Nur kurz nach dem Frühstück vernahm ich einigen Lärm
in der Nähe von Mr. Rochesters Zimmer, Mrs. Fairfax' Stimme,
und Leahs und der Köchin, welche Johns Frau war, - sogar
Johns eigene rauhe Töne hörte ich. Ich vernahm Ausrufe, wie
,Welch ein Glück, daß unser Herr nicht in seinem eigenen Bette
verbrannt ist! ,Es ist stets gefährlich, ein Licht während der
Nacht brennen zu lassen!' ,Welch ein glücklicher Zufall, daß er
Geistesgegenwart genug hatte, an den Wasserkrug zu denken!
,Es wundert mich, daß er niemand geweckt hat. ,Hoffentlich
wird er sich bei dem Schlafen auf dem Sofa der Bibliothek nicht
erkälten' usw.
Auf dies endlose, vertrauliche Gespräch folgte das Geräusch
von Reiben und Waschen und Aufräumen.
Als ich auf dem Wege zum Mittagessen an Mr. Rochesters Zimmer vorüberging, sah ich durch die geöffnete Tür,
daß sich alles bereits wieder in der alten Ordnung befand;
nur die Bettvorhänge fehlten. Leah stand am Fenster und rieb die
Glasscheiben, welche durch den Rauch geschwärzt waren. Neben
dem Bette saß eine Frau und nähte Ringe an die neuen Vorhänge.
Diese Frau war keine andere als Grace Poole.
Da saß sie, ruhig und schweigsam wie gewöhnlich, in ihrem
braunen Wollkleide, der karrierten Schürze, dem weißen Halstuche
und der Haube. Sie war emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, in
welcher alle ihre Gedanken aufzugehen schienen. Sie fuhr nicht
zusammen, als ich sie ansah, keine Blässe verriet irgend eine Bewegung, von der man auf ein Schuldbewußtsein hätte schließen können oder auf eine Furcht vor Entdeckung. Sie sagte: Guten Morgen, Fräulein' in ihrer gewöhnlichen, kurzen, phlegmatischen Weise
und fuhr fort zu nähen.
, Guten Morgen, Grace!'' redete ich sie an. ,Ist hier irgend
etwas geschehen? Mir war, als hätte ich vor kurzem viele Stimmen hier gehört.
,Der Herr hat nur gestern abend im Bette gelesen; er ist eingeschlafen, während das Licht brannte; so gerieten die Vorhänge
in Brand; aber zum Glück ist er aufgewacht, ehe die Betten oder
das Holz der Bettstelle Feuer fingen, und es ist ihm gelungen, das
Feuer mit dem Wasser aus dem Waschkruge zu löschen.'
,Hat Mr. Rochester niemanden geweckt? Hat ihn niemand
gehört?
,Sie wissen, Fräulein,' war die Antwort, ,die Dienstboten
schlafen so weit fort; wahrscheinlich würden sie ihn nicht gehört
haben. Aber Sie sind jung, Fräulein, und ich sollte doch meinen,
daß Sie einen leichten Schlaf haben. Vielleicht haben Sie das Geräusch vernommen?
,Das habe ich!' sagte ich so leise wie möglich, so daß Leah,
welche noch immer die Fensterscheiben putte, mich nicht hören
konnte, , und anfangs glaubte ich, daß es Pilot sei; aber Pilot
kann nicht lachen; und ich bin sicher, daß ich ein Lachen vernommen habe, ein seltsames noch dazu.
,Sie müssen geträumt haben, Fräulein.
,Ich habe nicht geträumt, sagte ich mit einiger Heftigkeit,
denn ihre eiserne Hartnäckigkeit reizte mich.
,Haben Sie nicht daran gedacht, Ihre Tür zu öffnen und in
die Galerie hinauszusehen? fragte sie weiter.
,Im Gegenteil,' sagte ich. ,ich verriegelte meine Tür.
,So pflegen Sie Ihre Tür also nicht jeden Abend zu verriegeln, bevor Sie sich schlafen legen? Sie werden daran gut tun.
Diese Gegend ist so ruhig und sicher, und ich habe nicht gehört, daß
irgend ein Raubversuch gemacht worden ist. Aber ich halte es
immer für das Beste, wenn man recht vorsichtig ist; eine Tür ist
bald geschlossen, und es kann nicht schaden, wenn man einen vorgeschobenen Riegel zwischen sich und einem Unheil hat.
Ich stand noch vollständig verblüfft und verdutzt über das,
was ich für Heuchelei hielt, als die Köchin eintrat und mir anzeigte, daß Mrs. Fairfax mich erwarte. Dann ging ich.
So sehr war ich damit beschäftigt, meinen Kopf über Grace
Pooles rätselhaften Charakter zu zerbrechen, daß ich während des
Mittagessens auf Mrs. Fairfax' Erzählung von dem Vorhangbrand gar nicht achtete. Ich fragte mich, weshalb man sie an diesem Morgen nicht ins Gefängnis gesteckt, oder sie doch wenigstens
aus Mr. Rochesters Dienst entlassen habe. In diesem aufgeregten
Zustande verbrachte ich den Rest des Tages.
Als die Dämmerung hereingebrochen war, und Adele mich
vom Unterricht verlassen hatte, um mit Sophie in der Kinderstube
zu spielen, sehnte ich mich nach einem: Wiedersehen mit Mr. Rochester. Ich horchte, ob die Glocke unten in der Halle nicht ertönen
werde; ich horchte, ob Leah nicht mit einer Botschaft nach oben
kommen würde, zuweilen bildete ich mir ein, Mr. Rochesters
Schritt zu hören, und ich wandte mich der Tür zu in der festen Erwartung, ihn eintreten zu sehen. Die Tür blieb geschlossen, nur
Dunkelheit blickte ins Fenster. ich beabsichtigte, das Gespräch auf
Grace Poole zu lenken, um zu hören, was er mir antworten
würde; ich wollte ihn fragen, ob er wirklich glaube, daß sie den
schändlichen Anschlag auf sein Leben von gestern abend begangen,
und wenn es der Fall, weshalb er dann ein Geheimnis aus ihrer
Bosheit mache. Es sollte mich wenig kümmern, ob meine Neugierde ihn ärgerte. Ich kannte das Vergnügen, ihn abwechselnd
zu reizen und wieder zu besänftigen; es war eins, an dem ich besondere Freude fand, und ein sicherer Instinkt bewahrte mich stets
davor, zu weit zu gehen; über die Grenze des Reizens ging ich
niemals hinaus, aber ich liebte es, meine Geschicklichkeit auf der
äußersten Grenze zu prüfen. Indem ich selbst die kleine Förmlichkeit der Hochachtung, jede Pflicht meines Standes beobachtete,
konnte ich mich doch ohne unbehaglichen Zwang, ohne Furcht mit
ihm auf Argumente einlassen, und dies unterhielt sowohl ihn
wie mich.
Endlich trat Leah ein, aber es war nur, um mir anzuzeigen,
daß der Tee in Mrs. Fairfax' Zimmer bereitet sei. Dorthin begab ich mich, erfreut überhaupt hinuntergehen zu können.
,Sie müssen nach Ihrem Tee Verlangen tragen,'' sagte die
gute Dame, als ich zu ihr ins Zimmer kam, ,Sie haben heute
mittag so wenig gegessen. Ich fürchte, fuhr sie fort. ,daß Sie
heute nicht ganz wohl sind, Sie sehen fieberhaft und erhitzt aus.
,O, ich bin durchaus wohl, ich habe mich niemals wohler gefühlt.
,Es ist ein schöner Abend,' sagte sie, indem sie einen Blick
durch die Scheiben warf, ,wenn es auch nicht gerade sternenklar
ist. Im ganzen hat Mr. Rochester einen günstigen Tag für seine
Reise gehabt.
,Reise! Ist Mr. Rochester verreist? Ich wußte es gar
nicht.
,Ah! er ist gleich nach dem Frühstück aufgebrochen! Er ist zu
Mr. Eshton, der zehn Meilen jenseit Millcote wohnt. Ich glaube.
es ist dort eine große Gesellschaft versammelt, Lord Ingram, Sir
John Lynn, Oberst Dent und noch viele andere.
,Erwarten Sie ihn heute abend noch zurück?
,Nein. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er eine Woche und noch
länger fortbleibt; wenn diese vornehmen Leute zusammenkommen,
sind sie derartig von Eleganz und Heiterkeit umgeben, so gut mit
allem versehen, was gefällt und unterhält, daß sie durchaus keine
Eile zeigen, sich zu trennen. Besonders Mr. Rochester wird gern
gesehen, und er ist in Gesellschaft so gesellig und lebhaft, daß ich
glaube, er ist ein allgemeiner Liebling, besonders der Damen.'
,Sind in Leas auch Damen?
,Mrs. Eshton und ihre drei Töchter sind dort, sehr elegante,
junge Damen in der Tat; und dann sind noch Miß Blanche und
Marg Ingram da, wie ich vermute sehr schöne Mädchen; in der
Tat, ich habe Manche einmal gesehen. Sie kam hierher zu einer
Weihnachtsgesellschaft mit Ball, welche Mr. Rochester gab. Ich
glaube, es waren mindestens fünfzig Herren und Damen hier-
alle aus den ersten Familien der Grafschaft. Und Miß Ingram
war die Schönheit des Abends.
,Sie sagen, daß Sie sie gesehen hatten, Mrs. Fairfax? Wie
sah sie aus?
,Ja, ich habe sie gesehen. Die Türen des Speisezimmers
waren geöffnet; und da es Weihnachtszeit war, war es den Dienstboten gestattet, sich in der Halle zu versammeln, um einige der
Damen singen und spielen zu hören. Mr. Rochester wollte, daß ich
hineinkomme, und so setzte ich mich in einen stillen Winkel und
beobachtete sie alle. Niemals in meinem Leben habe ich ein prächtigeres Bild gesehen; die Damen waren in kostbarsten Toiletten; die meisten - wenigstens die jüngeren - sahen sehr schön aus;
aber Miß Ingram war entschieden die Königin.'
,Groß, eine herrliche Figur, breite Schultern, einen schlanken
Hals; einen matten, dunklen, klaren Teint, edle Züge; Augen,
welche denen Mr. Rochesters gleichen, groß und schwarz und ebenso
strahlend wie ihre Juwelen. Und dann hat sie ein schönes und
reiches Haar, rabenschwarz, und kleidsam geordnet. Sie war
schneeweiß gekleidet und trug eine ebenfalls schneeweiße Blume im
Haar, welche sehr gut gegen die rabenschwarze Masse ihrer Locken
abstach. Sie war eine der Damen, die sang, ein Herr begleitete
sie auf dem Piano. Sie und Mr. Rochester sangen ein Duett.
,Mr. Rochester? Ich wußte nicht, daß er singt. Und diese
schöne und talentvolle Dame ist noch nicht verheiratet?'
,Nein, und es nimmt mich wunder, daß kein reicher Edelmann oder Gentleman sich um sie bewirbt. Mr. Rochester zum
Beispiel. Er ist doch sehr reich. Aber Sie essen ja nicht. Sie
haben nichts gegessen, seitdem Sie sich an den Teetisch gesetzt
haben.’
,Nein, ich bin zu durstig, um zu essen. Wollen Sie mir noch
eine Tasse Tee geben?
Va.
Ich war im Begriff, auf die Möglichkeit einer Verbindung
zwischen Mr. Rochester und der schönen Blanche zurückzukommen,
als Adele ins Zimmer kam und die Unterhaltung eine andere Richtung erhielt.
Als ich wieder allein war, dachte ich über die Mitteilungen
nach, welche mir gemacht worden; ich sah in mein eigenes Herz.
prüfte seine Gedanken und Gefühle, und bemühte mich ernstlich,
solche, welche durch die end- und pfadlose Wüste der Einbildungskraft geschweift waren, mit fester Hand in die enge Bahn des nüchternen Verstandes zurückzuführen.
Vor meinem Innersten angeklagt, hatte mein Gedächtnis
Zeugnis abgelegt von den Hoffnungen, Wünschen und Gefühlen,
die seit der letzten Nacht in mir erstanden waren- von dem allgemeinen Gemütszustand, dem ich seit beinahe vierzehn Tagen verfallen war; die Vernunft brach sich Bahn und hatte in ihrer eigenen ruhigen Weise eine einfache, ungeschmückte Erzählung gegeben,
wie ich die Wirklichkeit verworfen und das Ideal mit Heißhunger
verschlungen hatte. Ich sprach ein Urteil des Inhaltes aus:
,Daß eine größere Närrin als Jane Eyre niemals auf diesem
Erdenrunde geatmet habe; daß kein phantastischerer Schwachkopf
jemals in süßeren Lügen geschwelgt, daß niemals ein denkendes
Geschöpf mit größerer Begierde Gift verschluckt habe, als wenn es
Nektar wäre.
,Du,' sagte ich, ,von Mr. Rochester wohl gelitten? Du besitzest die Macht, ihm zu gefallen? Du von irgend einer Bedeutung für ihn? Geh! Deine Torheit widert mich an. Du hast an
gelegentlichen Zeichen der Bevorzugung Freude gefunden- sehr
zweideutige Zeichen, welche ein Gentleman von Familie, ein Mann
von Welt einer Unerfahrenen, einer Untergebenen zuteil werden
läßt. Wie konntest du auf solche Gedanken kommen? Arme,
dumme Närrin! Konnte nicht einmal dein Eigenruf dich weiser
machen? Du hast dir heute morgen die kurze Szene der letzten
Nacht immer und immer wieder vor Augen geführt? Verhülle
dein Angesicht und schäme dich! Er sagte etwas zum Lobe deiner
Augen, wie? Blinde Törin! Offne deine verblendeten Lider und
sieh auf deine eigene Sinnlosigkeit! Es ist keinem Weibe gut, wenn
es sich von einem Höherstehenden schmeicheln läßt, dem es nicht
einfällt, es zu heiraten; und jede Frau begeht eine Torheit, wenn
sie eine heimliche Liebe in sich wachsen läßt, die, wenn sie unerwidert und unentdeckt bleibt, das Leben verzehren muß, durch welches sie genährt wird; und welche, wenn sie entdeckt und erwidert
wird, irrlichtähnlich in sumpfige Wildnis führen muß, wo kein
Ausweg ist.
Jane Eyre, höre also deinen Urteilsspruch: nimm morgen den
Spiegel, stelle ihn vor dich und zeichne dann so getreu wie möglich
dein eignes Bild, ohne irgend einen Mangel zu mildern, ohne eine
harte Linie fortzulassen; glätte keine unliebsamen Unregelmäßigkeit hinweg, und schreibe darunter: Porträt einer armen, alleinstehenden, häßlichen Gouvernante.
Später nimm ein Stück weißen Elfenbeins- du hast ein solches in deinem Malkasten vorbereitet; nimm deine Palette, mische
deine frischesten, schönsten, klarsten Farben; wähle deine zartesten Kamelhaarpinsel; zeichne mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht,
welches deine Einbildungskraft dir vorzaubert, male es in den
weichsten Tönen und süßesten Farben nach der Beschreibung, welche
Mrs. Fairfax dir von Blanche Ingram gemacht hat. Vergiß nicht
die rabenschwarzen Locken, das orientalische Auge. Wie! Du
willst dir diejenigen Mr. Rochesters zum Vorbilde nehmen?
Ordnung! Kein Schluchzen! Kein Gefühl! Kein Bedauern! Hier darf nur Vernunft und feste Entschlossenheit
herrschen! Rufe dir die majestätischen und doch harmonischen
Linien, den griechischen Nacken, die antike Gestalt ins Gedächtnis
zurück; laß die zarte Hand sichtbar sein; vergiß weder das Armband noch den Diamantring; male getreu den Anzug, die luftigen
Spitzengewebe, den schillernden Atlas, die graziöse Schärpe, die
goldene Rose; nenne es:,Blanche, eine liebenswürdige und schöne
Dame von Rang !'
Wenn du dir in Zukunft einbilden solltest, daß Mr. Rochester
gut von dir denkt, so nimm diese beiden Bilder und sage: Mr. Rochester könnte wahrscheinlich die Liebe dieser edlen Dame gewinnen,
wenn er sich die Mühe geben wollte, dieselbe zu erobern, ist es
aber wahrscheinlich, daß er diesem armen, unbedeutenden Mädchen
auch nur einen Gedanken schenken würde?
Ich werde es tun,' beschloß ich, und nachdem dieser Entschluß
besiegelt war, wurde ich ruhig und fiel in einen tiefen Schlaf.
Ich hielt mein Wort. Ein oder zwei Stunden genügten, um
mein eigenes Bild in Crayon zu zeichnen; und in weniger als einer
Stunde hatte ich ein Miniaturbild einer eingebildeten Blanche Ingram auf Elfenbein vollendet. Es war ein gar liebliches Bild,
und wenn ich es mit dem der Wirklichkeit nacgezu.eneten Kopfe
in Kreide verglich, so war der Kontrast so groß, wie die Selbsterkenntnis ihn nur immer wünschen konnte. Die Arbeit war eine
Wohltat für mich. Sie hatte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Eindrücken, welche ich unauslöschlich in
mein Herz graben wollte, Kraft und Festigkeit verliehen.
Eine Woche verging, und von Mr. Rochester kam keine Nachricht. Zehn Tage; und immer kam er noch nicht. Mrs. Fairfax
sagte, daß sie durchaus nicht erstaunt sein würde, wenn er direkt
nach London und von dort nach dem Kontinent gehen würde, ohne
vor Ablauf eines ganzen Jahres den Fuß wieder nach Thornfield-Hall zu setzen. Schon oft habe er das alte Haus ebenso unerwartet und jäh verlassen. Als ich dies hörte, glaubte ich ein betäubendes, niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung zu verspüren; aber all meinen Verstand zusammenraffend und mich meiner
erst kürzlich gefaßten Grundsätze erinnernd, rief ich mit aller Gewalt meine Vernunft wieder zur Ordnung.
Mr. Rochester war ungefähr vierzehn Tage abwesend gewesen,
als die Post einen Brief für Mrs. Fairfax brachte.
,Er ist von unserem Herrn, sagte sie, als sie die Adresse las
,Vermutlich werden wir jetzt erfahren, ob wir ihn bald zurückerwarten dürfen oder nicht.
Sie brach das Siegel und las den Inhalt langsam durch.
,Nun, manchmal ist mir's,' sagte sie, ,als lebten wir hier zu
einsam; aber jetzt werden wir für eine kurze Weile vielleicht genug
zu tun bekommen,'' sagte Mrs. Fairfax, während sie noch immer
den Brief vor ihre Brille hielt.
,Vermutlich kehrt Mr. Rochester noch fürs erste nicht zurück? fragte ich.
,Ja, er kehrt zurück- in drei Tagen schon, wie er sagt. Das
würde also am nächsten Donnerstag sein, und zwar kommt er nicht
allein. Er befiehlt mir, daß all die besten Fremdenzimmer instand gesetzt werden, und die Bibliothek und die Salons sollen
gereinigt werden. Hilfspersonal soll ich mir für die Küche holen
lassen. Die Damen werden ihre Kammerjungfern und die Herren
ihre Kammerdiener mitbringen; wir werden also ein volles Haus
haben.'? und Mrs. Fairfax verschlang schnell ihr Frühstück und
eilte davon, um mit den Vorbereitungen zu beginnen.
Adele wurde durch die Nachricht von dem bevorstehenden Besuche förmlich in Entzücken versetzt. Sie wollte, daß Sophie all
ihre ,'Toiletten', wie sie ihre Kleider nannte, genau durchsehen
solle; jene, welche ,passées seien, seien wieder aufzufrischen und
die neuen zu nähen und aufzuputzen. Was sie selbst anbetraf, tat
sie nichts, als in den Vorderzimmern umherzulaufen, auf die Bettstellen hinauf und wieder herab zu hüpfen und sich auf den aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen und Federpolstern umherzuwälzen. Von allen Schulpflichten war sie entbunden; Mrs. Fairfax hatte mich gezwungen, ihr Dienste zu leisten, und ich war während des ganzen Tages in den Vorratskammern, ihr und der
Köchin helfend oder auch sie in ihrer Arbeit hindernd; ich lernte
Käsekuchen und französische Pasteten und Eierrahm machen, Dessertschüsseln garnieren und Wildbraten spicken.
Der festliche Tag kam heran; am Abend zuvor waren wir
mit aller Arbeit fertig geworden; die Teppiche waren gelegt, die
Bettvorhänge aufgesteckt, glänzend weiße Bettdecken ausgebreitet,
Toilettentische in Ordnung gebracht; die Möbel abgerieben, Blumen in Vasen gesteckt. Auch die große Halle war gereinigt, die
Stufen und Geländer der Treppe sowie die alte, geschnitzte Stehuhr waren so blank gerieben wie Glas; im Speisezimmer blitzte
das Silberzeug auf dem Nebentische; im Boudoir und Salon
prangten überall Vasen mit exotischen Blumen.
Der Nachmittag kam. Mrs. Fairfax legte ihr bestes schwarzes Atlaskleid, ihre Handschuhe, ihre goldene Uhr an, denn es lag
ihr ob, die Gesellschaft zu empfangen und die Damen in ihre Zimmer zu führen. Um Adele eine Freude zu machen, gestattete ich
Sophie, ihr eins ihrer reichen, vollen, weißen Musselinklelder anzuziehen, obwohl ich der Ansicht war, daß sie an demselben Tage
nicht in die Gesellschaft eingeführt werden würde. Was mich anbetraf, so hatte ich nicht nötig, irgend eine Änderung an meiner
Toilette vorzunehmen; von mir würde ja niemand verlangen, das
Heiligtum meines Schulzimmers zu verlassen- denn ein Heiligtum war es jetzt für mich geworden- eine Zufluchtsstätte in Zeiten der Not und der Unruhe.
,Es wird spät,. bemerkte Mrs. Fairfax, die in ihrem rauschenden Staat eintrat., ich bin nur froh, daß ich das Mittagessen eine Stunde später, als bestellt war, angeordnet habe; es ist
jetzt sechs Uhr vorüber. Ich habe John hinunter an die Parkpforten geschickt, um zu sehen, oh auf der Landstraße schon irgend
etwas sichtbar ist. Da kommt er schon. ,Nun, John, rief sie, sich
hinauslehnend, ,was gibt es? Irgend etwas zu sehen?
,Sie kommen, Madame, lautete die Antwort. ,In zehn
Minuten werden sie hier sein.'
Adele flog ans Fenster. Ich folgte ihr, mich behutsam auf
der Seite haltend, damit ich vom Vorhang geschützt sehen konnte,
ohne gesehen zu werden.
Die zehn Minuten, welche John prophezeit, schienen sehr
lang; aber endlich hörten wir das Rollen der Räder; vier Reiter
sprengten den Fahrweg herauf und ihnen folgten zwei offene
Wagen. Wehende Schleier und wogende Federn füllten die Equipagen; zwei der Kavaliere waren junge Herren; der dritte war
Mr. Rochester auf seinem schwarzen Pferde Messour; Pilot sprang
vor ihm her; an seiner Seite ritt eine Dame. Ihr dunkelrotes
Reitkleid berührte beinahe den Boden, ihr Schleier flatterte im
Winde; reiche, rabenschwarze Locken schimmerten durch seine durchsichtigen Falten.
,Miß Ingram!' rief Mrs. Fairfax aus und eilte auf ihren
Posten unten in der Halle.
Jetzt tönte ein fröhliches Lärmen in der Halle. Dann kamen
leichte Tritte die Treppe herauf, und aus der Galerie vernahm man
ein Trippeln und leises, fröhliches Lachen, ein Offnen und Schließen von Türen, und dann trat eine Stille ein.
,Elles changent de toilettes,’ sagte Adele, welche aufmerksam horchte.
Adele wurde, wie ich es vorausgesehen hatte, nicht gerufen.
Bis zum späten Abend hatte sie schmerzlich darauf gewartet. Es
schlug elf Uhr. Ich blickte auf Adele, die ihren Kopf an meine
Schultern gelehnt hatte; ihre Augenlider wurden schwer, deshalb
nahm ich sie in meine Arme und trug sie ins Bett. Es war fast
ein Uhr, als die Herren und Damen sich in ihre Zimmer begaben.
Der folgende Tag war ebenso schön wie sein Vorgänger. Die
Gesellschaft hatte sich vorgenommen, einen Ausflug in die Nachbarschaft zu unternehmen. Früh am Vormittag machten sie sich auf
den Weg, einige zu Pferd, die meisten zu Wagen. Ich sah sowohl
die Abfahrt wie die Wiederkehr. Wie tags zuvor war Miß Ingram wieder die einzige Reiterin, und wie tags zuvor ritt Mr.
Rochester wieder an ihrer Seite.
,Ich möchte Miß Ingrams Gesicht so gern sehen; bis jetzt ist
es mir nicht gelungen.''
,Sie werden sie heute abend sehen,' antwortete Mrs. Fairfax,
,Zufällig bemerkte ich Mr. Rochester gegenüber, wie sehr Adele
wünscht, den Damen vorgestellt zu werden, und da sagte er: ,O! Lassen Sie sie nach dem Mittagessen in dasGesellschaftszimmer kommen, und bitten Sie Miß Eyre, sie zu begleiten. Wenn sie Einwendungen macht, so sagen Sie ihr, daß es mein ausdrücklicher Wunsch ist; und wenn sie dann noch widerspricht, so sagen Sie nur, daß ich
kommen werde, sie im Falle des Ausbleibens zu holen, welcher ich mich mit meiner Pflegebefohlenen in den Salon hinunterbegeben sollte. Adele war während des ganzen Tages in einem Zustande der größten Erregung gewesen, nachdem sie gehört
hatte, daß sie am Abend den Damen vorgestellt werden sollte.
Dann nahm die Wichtigkeit des Ankleidens sie bald gänzlich in Anspruch, und als sie dann endlich ihr Haar in glänzenden, tief herabwallenden Locken geordnet sah, ihr rosa Atlaskleid angelegt hatte, ihre lange Schärpe geknüpft und die zarten Spitzenhandschuhe angezogen hatte, sah sie so ernst aus wie ein Richter. Und nun gingen wir hinunter.
Glücklicherweise gab es noch einen anderen Eingang in den
Salon als den durch den Speisesaal, in welchem alle Gäste beim
Diner saßen. Wir fanden das Zimmer leer. Der feuerrote Vorhang wallte vor dem hohen Türbogen herab; wie leicht auch die
Draperie sein mochte, die uns von der Gesellschaft im anstoßenden
Salon trennte, so drang von ihrer Konversation doch nichts zu uns
heraus als ein gedämpftes Gemurmel.
Adele setzte sich ohne zu sprechen auf den Fußschemel, den ich
ihr bezeichnete. Ich zog mich in eine Fenstervertiefung zurück,
nahm ein Buch vom nächsten Tische und bemühte mich zu lesen.
Jetzt vernahm man das Geräusch des Rückens der Stühle;
der Vorhang vor dem Türbogen wurde zurückgezogen; unter der
Wölbung stand eine Gesellschaft von Damen; sie traten ein, und
der Vorhang fiel wieder hinter ihnen.
Es waren ihrer nur acht; als sie jedoch ins Zimmer eintraten, schien es, als wären sie in weit größerer Anzahl. Ich erhob
mich und verneigte mich vor ihnen; eine oder zwei nickten als Erwiderung mit dem Kopfe; die anderen starrten mich nur an.
Das Außere Miß Ingrams entsprach Punkt für Punkt sowohl
meinem Bilde wie Miß Fairfax’ Beschreibung.
Als die Damen eintraten, erhob sich Adele, ging ihnen entgegen, machte eine stattliche Verbeugung und sagte gravitätisch:
,Bonjour, mesdames.
Und Miß Ingram hatte mit spöttischer Miene auf sie niedergeblickt und ausgerufen: ,O, welch eine kleine Drahtpuppe!'
Eine andere Dame hatte bemerkt:,Vermutlich ist es Mr.
Rochesters Mündel- die kleine Französin, von der er uns gesprochen hat.
Eine dritte hatte sie freundlich bei der Hand genommen und
ihr einen Kuß gegeben. Andere hatten gleichzeitig ausgerufen:
,Welch ein reizendes Kind!
Und dann hatten sie sie auf ein Sofa genommen, wo sie jetzt
saß, und abwechselnd Französisch und gebrochenes Englisch sprach.
Endlich wurde der Kaffee gebracht, und man rief die Herren.
Mr. Rochester trat zuletzt ein.
Kaum erschien er in der Tür, so wurde aller Aufmerksamkeit
auf ihn gelenkt, auch ich heftete meine Augen auf sein Gesicht.
,Er ist für sie nicht, was er für mich ist, dachte ich. ,er ist nicht
von ihrer Art. Ich glaube, er ist von meiner Art - ich bin dessen
gewiß- ich fühle mich ihm verwandt- ich verstehe die Sprache
seiner Bewegungen, seiner Gesichtszüge; wenn auch Rang und
Reichtum uns trennen, so habe ich etwas in meinem Kopf und
Herzen, in meinem Blut und meinen Nerven, das mich ihm geistig
gleichstellt.
Mr. Rochester beschäftigte sich viel mit Miß Ingram. Eine
längere Erörterung nahm die Erziehung Adeles in Anspruch. Als
das Thema erschöpft war, schlug Miß Ingram Mr. Rochester vor,
mit ihr ein Duett zu singen.
,Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich fortzuschleichen, dachte
ich, aber die Töne, welche in diesem Augenblick an mein Ohr schlugen, hielten mich zurück. Mrs. Fairfax hatte gesagt, daß Mr. Rochester eine schöne Stimme besitze. Das war der Fall- ein voller,
kräftiger Baß, in dem seine ganze Kraft, all sein Gefühl lag, der
einen Weg durch das Ohr zum Herzen fand und dort eine wunderbare Empfindung weckte. Ich wartete, bis der letzte Ton verhallt war; dann verließ ich meinen einsamen Winkel und ging
durch eine Seitentür hinaus, die mir glücklicherweise sehr nahe
war. Von dieser führte ein schmaler Korridor in die Halle; als
ich durch dieselbe schritt, bemerkte ich, daß meine Schuhbänder sich
gelöst hatten; ich beugte mich, um sie wieder festzubinden und
stellte meinen Fuß zu diesem Zweck auf den Teppich der Treppe.
Da öffnete sich die Tür des Speisezimmers; ein Herr trat heraus;
-
,Wie geht es Ihnen? fragte er.
,Es geht mir sehr gut, Sir.
,Weshalb kamen Sie im Zimmer nicht, um mit mir zu
sprechen?
Ich dächte, daß ich ihm wohl mit derselben Frage antworten
könnte, aber ich nahm mir diese Freiheit nicht heraus. Ich antwortete:
,Ich wollte Sie nicht stören, Sir.
,Was haben Sie während meiner Abwesenheit gemacht?
,Nichts besonderes; ich habe Adele unterrichtet wie gewöhnlich.
, Und sind sehr viel blasser geworden, als Sie waren; das
sah ich auf den ersten Blick. Was ist geschehen?
,Gar nichts, Sir.
,Haben Sie sich an jenem Abend, als Sie mich beinahe ertränkten, erkältet?
,Durchaus nicht.
,Gehen Sie in das Gesellschaftszimmer zurück; Sie entfernen
sich zu früh.
,Ich bin müde, Sir.
Er sah mich eine Minute lang an.
,Und ein wenig niedergeschlagen, sagte er. ,Was fehlt
Ihnen? Sagen Sie es mir.
,Nichts- nichts, Sir. Ich bin nicht niedergeschlagen.
,Aber ich versichere Sie, daß Sie es sind,-- so niedergeschlagen, daß Ihnen die Tränen in die Augen treten würden, wenn ich
noch einige Worte spräche- in der Tat, ich sehe sie dort schimmern
und glänzen, und jetzt ist ein Tröpfchen herabgerollt. Wenn ich
Zeit hätte, so würde ich bald herausfinden, was dies alles bedeutet.
Nun, für heute abend will ich Sie entschuldigen; aber verstehen
Sie wohl, daß ich erwarte, Sie jeden Abend im Gesellschaftszimmer zu sehen, so lange meine Gäste hier sind. Es ist mein Wunsch.
Jetzt gehen Sie. Schicken Sie Sophie, daß sie Adele holt. Gute
Nacht, mein -
Hier hielt er inne, biß sich auf die Lippen und verließ mich
plötzlich.
16. Kapitel.
Der nächtliche Überfall.
Wee verschieden waren jetzt die fröhlichen, geschäftigen Tage
in Thornfield-Hall von den ersten drei Monaten, die ich dort in der
Stille zugebracht hatte! Überall war Leben, während des ganzen
Tages alles in Bewegung. Durch die einst so stille Galerie, in die
Vorderzimmer, die sonst keine Seele bewohnt, konnte niemand
gehen, ohne einer Kammerjungfer, einem Kammerdiener zu begegnen.
Die Zerstreuungen im Hause oder im Freien wurden immer
zahlreicher und lustiger und mannigfaltiger. Miß Ingram war
immer an Mr. Rochesters Seite.
Mein Leser, ich habe dir gesagt, daß ich gelernt hatte, Mr.
Rochester zu lieben! Und ich konnte dies Gefühl jetzt doch nicht in
mir ersticken, nur weil ich fand, daß er gänzlich aufgehört hatte,
meine Gegenwart zu bemerken- weil ich stundenlang in seiner
Nähe weilen konnte, ohne daß er auch nur ein einzigesmal einen
Blick zu mir herübersandte - weil ich sah, wie seine ganze Aufmerksamkeit sich auf eine schöne und vornehme Dame konzentrierte,
die mich nicht einmal für würdig hielt, den Saum ihres Gewandes
zu berühren, wenn sie stolz an mir vorüberrauschte; die ihr dunkles, herrschsüchtig gebieterisches Auge sofort von mir abwandte,
wenn ein Blick aus demselben mich zufällig traf, als ob ich ein
Gegenstand sei, der zu gering, zu unbedeutend wäre für die Betrachtung eines so hochstehenden Wesens.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden
Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntnis der
Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Konvenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heiraten etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand
hauptsächlich meine Verblendung, hatte ich sie endlich nach einer
strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle
gerechtfertigt. Im Anfang unserer Bekanntschaft studierte ich die
starke und schwache Seite seines Charakters, ich beobachtete seine
Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir
ein gerechtes Urteil über sein moralisches Ganze zu verschaffen.
Aber seit einiger Zeit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur
noch das an ihm, was mir gefiel. Die Strenge, die mich anfangs
empört, die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte, erschienen mir nur noch wie Gewürze an einem seltenen Gericht,
welches durch den Mangel derselben an Wohlgeschmack verloren
haben würde. Der unbestimmte Schatten, das geheimnisvolle
Wesen, das über diesen Geist gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein kühner Plan beschäftigte, eine entfernte
Sorge quälte, dieses Rätsel, das jedem aufmerksamen Beobachter
in die Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester
stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Rätsel, das mich anfangs
mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimnis schien mit einer Gefahr für Rochester verknüpft zu sein, und fürchtete ich auch nicht das Wesen der Gefahr
zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne jemand etwas davon zu sagen, waren die Gäste
von Thornfield-Hall in einer ziemlich verdrießlichen Stimmung
versammelt; man wußte nicht, wozu man sich entschließen, welchen
Zeitvertreib man vornehmen, welche Partie man improvisieren
sollte. Plötzlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
Eine Postchaise fuhr vor.
,Was mag ihm nur eingefallen sein, auf diese Weise nach
Hause zu kommen!' sagte Miß Ingran. ,ritt Messour den
Rappen, nicht wahr? Und Pilot war doch bei ihm, als er fortritt? Was kann er mit den Tieren angefangen haben?
Indem sie dies sagte, kam sie mit ihrer hohen Gestalt und
ihren weiten Kleidern dem Fenster so nahe, daß ich mich weit zurücklehnen mußte, und fast das Rückgrat gebrochen hätte. In
ihrer Aufgeregtheit bemerkte sie mich im ersten Augenblick fast
gar nicht, und als ihr Blick denn doch auf mich fiel, kräuselte sie die
Lippen höhnisch und wandte sich einem anderen Fenster zu.
Die Postchaise hielt an. Der Kutscher zog die Glocke zur großen Eingangstür, und ein Herr in Reisekleidern entstieg dem Gefährt. Aber es war nicht Mr. Rochester, sondern ein großer,
schlanker, elegant gutsehender Mann, ein Fremder.
Jetzt wurde draußen in der Halle ein kurzes Gespräch hörbar,
und gleich darauf trat er ein. Er verbeugte sich tief vor Lady
Ingram, die er wahrscheinlich für die älteste der anwesenden Damen hielt.
,Es scheint, Madame, daß ich zu sehr ungelegener Zeit
komme,' sagte er, ,denn mein Freund Rochester ist nicht zu Hause.
Aber ich komme von einer sehr langen und ermüdenden Reise, und
daher darf ich wohl die Rechte einer sehr alten Freundschaft geltend
machen und hier bis zu der Rückkehr meines Freundes aufhalten.'
Ich trat an ihn heran und bat ihn höflichst, in das Bibliothekszimmer einzutreten.
Ehe ich Mr. Mason verließ, bat er mich noch, den Herrn des
Hauses von seiner Ankunft zu benachrichtigen, sobald er zurückkehre; ich versprach es und ging Mrs. Fairfax aufzusuchen, um sie
von der Ankunft des neuen Gastes in Kenntnis zu setzen. Ich
wandte mich nach der Küche, die in einem Seitengebäude lag, und
in der ich um diese Zeit die alte Dame am sichersten zu finden
hoffte, weil sie gewöhnlich vor dem Mittagessen noch Anordnungen
zu treffen hatte; auf dem Wege dorthin mußte ich an der Hoftür
vorüber, welche zufällig offen stand. Ich warf einen Blick in den
Hof und sah von den Ställen her Mr. Rochester gerade auf diese
Tür zukommen, er mußte von der hinteren Seite in den Hof gekommen und hier vom Pferde gestiegen sein. Ich erwartete ihn.
Als er mich erblickte, rief er in komischem Zorn:
,Ist man denn vor Ihren lauernden Blicken niemals sicher?
Im Gesellschaftszimmer verfolgen Sie mich damit, und nun spionieren Sie mich auch hier aus. Was haben Sie hier zu suchen?'
,Ich wartete auf Sie, Herr.
,Auf mich? fragte er erstaunt, und sah mich mit einem forschenden, fast ängstlichen Blicke an.
,Ja, wissen Sie denn nicht, Mr. Rochester, daß während Ihrer
Abwesenheit ein Fremder hier eingetroffen ist?
,Ein Fremder! - nein; wer mag es sein? Ich erwarte niemanden. Ist er wieder fort? Hat er seinen Namen genannt?'
,Adele nannte ihn Mason, Sir; Mrs. Fairfax erzählte, daß
er aus Westindien komme; aus Spanisch-Town auf Jamaika, wenn
ich nicht irre.
Mr. Rochester stand neben mir; er hatte meine Hand gefaßt,
wie um mich zu einem Sessel zu führen. Als ich die letzten Worte sprach, umfaßte er mein Handgelenk mit einem konvulsivischen
Griffe; das Lächeln auf seinen Lippen erstarrte; es war, als hätte
ein Krampf ihn erfaßt.
,Mason! Westindien!' sagte er, und die Worte entrangen
sich einzeln seinen Lippen, ungefähr so, wie ein redender Automat
sie gesprochen haben würde. ,Mason! Westindien!' wiederholte
er noch einmal; dreimal wiederholte er mechanisch die Worte und
wurde dabei aschfahl. Er schien kaum noch zu wissen, was er tat.
,Fühlen Sie sich krank, Sir? fragte ich.
,Jane, ich habe einen Schlag erlitten - einen furchtbaren
Schlag, Jane!' stammelte er.
,Sir! stützen Sie sich auf mich.
,Jane, Sie haben mir schon einmal Ihren Arm als Stütze
geboten; geben Sie ihn mir jetzt.
,Ja. Sir, ja!
Er setzte sich, und ich mußte mich ihm zur Seite setzen. Er streichelte meine Hand, die er in der seinen hielt. Dann heftete er einen
traurigen, müden Blick auf mich, der aber dennoch liebevoll war.
,Meine liebe Freundin!' sagte er; ,ich wollte, ich wäre allein
mit Ihnen auf einer stillen, einsamen Insel, fern von Angst und
Kummer und Arger.'
,Kann ich Ihnen helfen, Sir? Ich würde willig mein Leben
hingeben, wenn ich Ihnen damit nützen könnte.
,Jane, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei Ihnen suchen;
das kann ich Ihnen versprechen.
,Ich danke Ihnen, Sir; sagen Sie mir, was ich tun soll,
ich werde wenigstens versuchen, es zu tun.'
,Gut, Jane; gehen Sie in das Gesellschaftszimmer; gehen Sie
still und unbemerkt zu Mason und flüstern Sie ihm ins Ohr, daß
Mr. Rochester zurückgekehrt sei und mit ihm zu sprechen wünsche.
Führen Sie ihn zu mir herein und verlassen Sie uns alsdann
wieder.
,Ja, Sir.
Ich tat, wie er mir geheißen. Die ganze Gesellschaft starrte
mich an, als ich mitten durch sie hindurchschritt. Ich suchte Mr.
Mason, richtete ihm jene Botschaft aus und ging dann ihm voran
zum Zimmer hinaus. Vor der Tür der Bibliothek angekommen,
öffnete ich dieselbe und ging auf mein Zimmer.
In der Nacht, als ich schon längst mein Lager aufgesucht hatte,
hörte ich, wie die Gäste sich auf ihre Zimmer begaben. Ich unterschied Mr. Rochesters Stimme und hörte ihn sagen:,Hierher,
Mason, dies ist Ihr Zimmer -
Ich hatte vergessen, die Vorhänge herabzulassen. Die Folge
davon war, daß der strahlende Vollmond mich mit seinem weißen
Glanze aufweckte. Ich erhob mich im Bette, um die Vorhänge, die
es schütten, zusammenzuziehen.
Allbarmherziger Gott! Welch ein Schrei! Die Nacht -
die Stille - die Ruhe wurden unterbrochen durch einen wilden,
scharfen, gellenden Schrei, welcher das Herrenhaus von Thornfield-Hall von einem Ende bis zum andern durchdrang.
Meine Pulse hörten auf zu schlagen - mein Herz stand still;
mein ausgestreckter Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb
und wiederholte sich nicht.
Der Schrei war aus dem dritten Stockwerk gekommen, denn
er zog über meinem Kopfe fort. Und über mir - ja, gerade in
dem Zimmer über dem meinen hörte ich ein Ringen; nach dem
Lärm zu urteilen, schien es ein Kampf auf Leben und Tod zu sein;
und eine halberstickte Stimme schrie: ,Hilfe! Hilfe! Hilfe! dreimal
hintereinander.
,Kommt mir denn niemand zu Hilfe? rief es wieder.
Und als dann das Ringen und Stampfen und Schreien oben
fortgesetzt wurde, hörte ich deutlich durch die Zimmerdecke:
,Rochester! Rochester! Um Gottes willen! Komm mir zu
Hilfe! Komm!
Eine Tür wurde geöffnet; jemand stürzte lautlos aber schnell.
durch die Galerie. Ein anderer Tritt stampfte über meinem Kopfe.
Dann ein fürchterlicher, schwerer Fall. Und jetzt war alles still.
Ich hatte schnell einige Kleidungsstücke übergeworfen und trat
aus meinem Zimmer heraus. Alle Schläfer waren aufgewacht:
Ausrufe des Schreckens tönten aus allen Zimmern; eine Tür nac
der anderen wurde aufgerissen; ein Gesicht kam zum Vorschein,
dann ein zweiter, bald ein dritter Kopf. Sowohl Herren wie
Damen hatten ihre Betten verlassen, und von allen Seiten hörte
man ein wirres Stimmengemisch:
,O, was bedeutet das? ,Was ist geschehen?,Wer ist
verletzt? ,Holt ein Licht!' ,Ist Feuer ausgebrochen?
,Haben sich Diebe und Mörder eingeschlichen?
,Wo zum Henker ist Rochester? rief einer der Herren. ,In
seinem Bette kann ich ihn nicht finden.'
,Hier, hier!' rief eine andere Stimme in Erwiderung. ,Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften! Ich komme sofort.
Mr. Rochester erschien in der Tür, in der Hand trug er eine
brennende Kerze. Eine der Damen lief direkt auf ihn zu; sie packte
ihn am Arm.
,Welch entsetzliches Ereignis hat sich zugetragen?' sagte sie.
,Sprechen Sie! Lassen Sie uns gleich das Schlimmste erfahren.
,Alles in Ordnung! - alles in Ordnung!' rief er. ,Es ist
nur eine Probe von Viel Lärm um nichts. Meine Damen, bitte,
entfernen Sie sich.
Eine Dienerin war vom Alpdrücken befallen; das ist alles.
Sie ist eine leicht erregbare, nervöse Person. Ohne Zweifel hielt
sie ihren Traum für einen Geist oder irgend etwas Ähnliches und
bekam vor Schrecken einen Krampfanfall. Nun, meine Herrschaften, muß ich Sorge tragen, daß Sie alle sicher in Ihre Zimmer
zurückgelangen; denn bevor die Bewohner des Hauses sich nicht
beruhigt halten, kann für die Person nichts geschehen. Meine Herren, haben Sie die Güte, den Damen mit gutem Beispiel voranzugehen. So nötigte er jedermann halb scherzend, halb unwillig
in sein Zimmer zurückzukehren. Ich war unbemerkt in mein Zimmer geschlüpft, aber nicht, um mich wieder schlafen zu legen, im
Gegenteil, ich begann mich sorgfältig anzukleiden. Das Geräusch,
welches ich unmittelbar nach jenem gräßlichen Angstschrei vernommen und die Worte, welche an mein Ohr gedrungen, hatte wahrscheinlich außer mir niemand gehört, denn sie kamen aus dem Zimmer, welches sich über dem meinen befand; aber ich hatte die Gewißheit, daß es nicht der Traum einer Dienerin gewesen, welcher
mit einem solchen Schrecken das ganze Haus erfüllt hatte. Ich
wußte ebenfalls, daß die Erklärung, welche Mr. Rochester gegeben
hatte, nur eine Erfindung war, deren er sich bedient, um seine
Gäste zu beruhigen. Ich kleidete mich an und setzte mich ans Fenster. Lange blickte ich auf den stillen Park und die vom silbernen
Mondlicht beschienen Felder hinaus und wartete auf - ich weiß
nicht was. Da klopfte es mit leiser Hand an die Tür.
,Will jemand mit mir sprechen? fragte ich.
,Sind Sie wach? fragte Mr. Rochester, dessen Stimme ich
erkannte.
,Ja. Sir.
,Und angekleidet?
,Ja.
,Dann kommen Sie leise heraus.
Ich gehorchte. Mr. Rochester stand in der Galerie; in der
Hand hielt er eine brennende Kerze.
,Ich bedarf Ihrer,' sagte er ,kommen Sie mit mir, aber
nehmen Sie sich in acht und gehen Sie leise.
Meine Schuhe waren leicht. Ich schlich über die mit Teppichen belegten Dielen so leise wie eine Kate. Er ging die Treppe
hinauf und hielt in dem niedrigen, düsteren Korridor des verhängnisvollen Stockwerks inne. Ich war ihm gefolgt und stand
neben ihm.
,Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer?' fragte er.
Ja. Sir.
,Haben Sie auch irgend ein Salz - Riechsalz?
,Gewiß.
,Gehen Sie zurück und holen Sie beides.
Ich ging zurück, suchte den Schwamm auf dem Waschtisch, das
Riechsalz in meiner Kommode und schlich noch einmal auf demselben Wege zurück. Er wartete noch auf mich; in der Hand hielt
er einen Schlüssel; indem er sich einer der kleinen, schwarzen Türen
näherte, steckte er ihn in das Schlüsselloch. Dann hielt er inne und
sprach wiederum zu mir gewendet:
,Wird Ihnen übel beim Anblick von Blut?
,Ich glaube kaum. Ich war noch niemals in der Lage.
Ein Schaudern überlief mich, als ich ihm diese Antwort gab;
aber es war weder Kälte noch Schwindel.
,Dann geben Sie mir Ihre Hand,' sagte er, ,wir dürfen es
nicht auf einen Ohnmachtsanfall ankommen lassen.'
Ich legte meine Hand in die seine. ,Sie ist warm und zittert
nicht,' bemerkte er. Dann drehte er den Schlüssel im Schloß um
und öffnete die Tür.
Vor mir sah ich ein Zimmer, das ich schon einmal gesehen zu
haben mich erinnerte- an jenem Tage, als Mrs. Fairfax mir
das ganze Haus zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt.
In diesem Augenblick waren die Gobelins indessen an einer Stelle
in die Höhe genommen und dadurch war eine Tür sichtbar geworden, welche früher verborgen gewesen. Diese Tür war geöffnet,
ein Lichtstrahl schimmerte aus dem inneren Zimmer. Von dort
kam ein knurrender Ton, der fast wie das Knurren eines Hundes
klang. Indem Mr. Rochester die Kerze auf den Tisch setzte, sagte
er zu mir:,Warten Sie einen Augenblick,'' und ging dann in das
innere Gemach. Ein grelles Lachen begrüßte ihn bei seinem Eintritt; zuerst war es lärmend und tobend, aber es endete in Grace
Pooles eigenartigem gnomenhaften Ha! Ha! Ha! Sie war also
da. Er ordnete mancherlei, ohne zu sprechen, obgleich ich eine leise
Stimme vernahm, die ihn anredete. Dann kam er heraus und
schloß die Tür hinter sich.
,Hier, Jane!'' sagte er, und ich trat an die andere Seite eines
großen Bettes, welches einen großen Teil des Zimmers einnahm.
Am Kopfende des Bettes stand ein Lehnstuhl; in diesem saß ein
Mann. Mr. Rochester hielt das brennende Licht über ihn. In
dem bleichen und anscheinend leblosen Gesicht erkannte ich den
Fremden, Mr. Mason wieder. Ich sah auch, daß sein Hemd an
der einen Seite von Blut durchtränkt war.
,Halten Sie das Licht, sagte Mr. Rochester, und ich nahm
es. Er holte eine Schlüssel mit Wasser vom Waschtisch. ,Halten
Sie sie,' sagte er. Ich gehorchte. Er nahm den Schwamm, tauchte
ihn in das Wasser und befeuchtete damit Masons Gesicht. Dann
verlangte er mein Riechfläschchen und hielt es ihm unter die Nase.
Bald darauf öffnete Mr. Mason die Augen; er stöhnte vor
Schmerz. Mr. Rochester öffnete das Hemd des Verwundeten,
dessen Arm und Schulter verbunden war. Er wusch mit dem
Schwamm das herabtropfende Blut ab.
,Bin ich gefährlich verwundet? fragte Mr. Mason mit
matter Stimme.
,Bah! keineswegs- kaum geritzt. Laß den Mut nicht sinken,
Mensch! Ich werde selbst einen Wundarzt holen. Ich hoffe, daß
wir dich morgen schon fortbringen können. Jane- fuhr er fort.
,Sir?
,Ich bin gezwungen, Sie für ungefähr eine Stunde mit diesem Herrn allein zu lassen; vielleicht werden auch zwei Stunden
daraus. Sie werden das herabträufelnde Blut abwaschen, wie ich
es tue. Wenn er ohnmächtig wird, führen Sie das Glas, welches
auf jenem Tische steht, an seine Lippen und das Riechsalz an die
Nase. Sie dürfen unter keinen Umständen mit ihm reden - und-
Richard- dein Leben steht auf dem Spiel, wenn du mit ihr
sprichst. Öffnest du auch nur die Lippen - regst du dich auf- so
kann ich für die Folgen nicht stehen.'
Wiederum stöhnte der arme Mensch. Mr. Rochester reichte
mir den von Blut durchtränkten Schwamm, und ich fuhr fort, ihn
zu handhaben, wie er es getan hatte. Er beobachtete mich eine
Minute und sagte dann:,Vergessen Sie nicht!-- Jede Unterhaltung ist verboten. Gleich darauf verließ er das Zimmer. Ein
seltsames Gefülhl überkam mich, als ich hörte, wie er den Schlüssel
im Schloß drehte und seine Schritte dann in dem langen Korridor
verhallten.
Nun mußte ich, trotz des blutigen und bleichen Bildes vor
meinen Augen, auf meinem Posten ausharren. Immer wieder
mußte ich meine Hand in die Schüssel voll Blut und Wasser tauchen, um das geronnene Blut abzuwischen.
Nun begannen meine eigenen Gedanken mich zu quälen. Was
für ein Verbrechen war es, das Mensch geworden, in diesem Hause
abgesondert lebte, und welches der Besitzer weder zu bezwingen
noch zu verbannen imstande war? Welch ein Geheimnis war es,
das sich in der Totenstille der Nacht bald durch Feuer, bald durch
Blut offenbarte? Was für ein Geschöpf war es, das die Gestalt
und das Gesicht eines gewöhnlichen Weibes trug und bald die
Töne eines hohnlachenden Dämons, bald die eines beutegierigen
Raubvogels ausstieß?
Und dieser Mann, über den ich mich beugte - dieser stille
Fremde - wie war er in dieses Schreckensgewebe verwickelt worden? Weshalb hatte jene Furie sich auf ihn gestürzt?
,Wann wird er kommen? Wann wird er wiederkommen?
rief ich in meinem Sinne, als die Stunden der Nacht hinschwanden
- als der blutende Kranke schwächer und schwächer und kränker
wurde und stöhnte- und die heiß ersehnte Hilfe ausblieb!
Und jetzt vernahm ich Pilots fernes Bellen, das aus einer
Hundehütte im Hofe zu mir heraufdrang - neue Hoffnung kam
über mich.
Sie war nicht grundlos gewesen, denn nach fünf Minuten
wurde der Schlüssel im Schlosse gedreht, die Tür wurde geöffnet
- meine Nachtwache hatte ein Ende.
Mr. Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt, welchen er
herbeigeholt hatte.
,Jetzt beeilen Sie sich, Carter,' sagte er zu letzterem gewendet,
,ich gebe Ihnen nur eine halbe Stunde, um die Wunde zu untersuchen, den Verband anzulegen, den Patienten nach unten zu transportieren und ihn fortzuschaffen.
,Kann er fortgeschafft werden, Sir
,Ohne Zweifel! Er ist durchaus keine ernstliche Verwundung.
Nun, mein guter Junge, fasse Mut! Heute über vierzehn Tage wirst
du die ganze Sache bereits vergessen haben. Du hast ein wenig
Blut verloren. Das ist die ganze Geschichte. Carter, versichern
Sie ihm doch, daß nicht die mindeste Gefahr vorhanden ist.
,Das kann ich mit bestem Gewissen tun,' sagte Carter, welcher
jetzt den Verband gelöst hatte, ich wünschte nur, ich wäre früher
zur Stelle gewesen: er hätte dann nicht soviel Blut verloren.
Aber was bedeutet dies? Das Fleisch hier auf der Schulter ist
zerschnitten, aber auch zerrissen. Diese Wunde rührt nicht von
einem Messer her: hier haben Zähne gewütet!’
,Sie hat mich gebissen,' murmelte er. ,Als Rochester ihr
das Messer entrissen, zerfleischte sie mich wie eine Tigerin. Ich
war gar nicht darauf gefaßt, denn anfangs sah sie so ruhig und
vernünftig aus.
,Ich habe dich gewarnt,' lautete die Antwort seines Freundes. ,Ich sagte dir: ,Sei auf deiner Hut, wenn du ihr nahe kommst. Außerdem hättest du bis zum Morgen warten können,
-
,Ich glaubte, ich würde etwas Gutes damit bewirken.
,Du glaubtest! Du glaubtest! Carter! Beeilen Sie sich!
Beeilen Sie sich! Es ist die höchste Zeit! Die Sonne wird bald
aufgehen - und er muß sobald wie möglich fort von hier!
,Gleich, Sir, gleich! Die Schulter ist bereits verbunden.
,Jane,' sagte Mr. Rochester jetzt zu mir, gehen Sie hinunter in mein Schlafzimmer und von dort geradeswegs in mein
Ankleidezimmer; öffnen Sie die obere Schublade der Kommode
und nehmen Sie ein reines Hemd und ein Halstuch aus derselben.
Beides bringen Sie her. Aber beeilen Sie sich!
Ich fand die genannten Gegenstände und kam mit ihnen in
das dritte Stockwerk zurück.
,So, jetzt habe ich noch einen Auftrag für Sie,' sagte mein
unermüdlicher Herr, ,Sie müssen noch einmal hinunter in mein
Zimmer laufen. Welch ein Glück, Jane, daß Sie Samtschuhe
haben! Ein Bote mit Holzpantoffeln würde bei dieser Gelegenheit kaum zu verwenden sein! Sie müssen die mittlere Schublade
meines Toilettentisches öffnen und ein kleines Fläschchen und ein
kleines Glas, welche Sie dort finden werden, herausnehmen. Bringen Sie es mir schnell!'
Ich flog hinunter und wieder hinauf und brachte die gewünschten Dinge.
,So ist's gut! Jetzt, Doktor, werde ich mir die Freiheit erlauben, ihm selbst eine Dosis beizubringen, auf meine eigene Verantwortung. Jane, ein wenig Wasser!
Er reichte mir das kleine Glas, das ich bis zur Hälfte mit
Wasser aus der Flasche vom Waschtische füllte.
,So ist's genug. Jetzt befeuchten Sie den Rand der Flasche.
Ich tat wie mir geheißen. Er goß zwölf Tröpfen einer roten
Flüssigkeit hinein und reichte es Mason hin.
,Trink, Richard; es wird dir für eine Stunde wenigstens den
Mut geben, der dir fehlt.
,Ich fühle mich besser, bemerkte Mr. Mason nach einer Weile.
,Das wußte ich vorher. Nun, Jane, gehen Sie uns vorauf
zur Hintertreppe; riegeln Sie die Tür des Seitenkorridors auf
und sagen Sie dem Postillon, er soll sich bereit halten. Wir kommen gleich. Und noch eins, Jane, wenn Sie unten irgend jemand
wachfinden, so kommen Sie an den Fuß der Treppe und räuspern
Sie sich.
Inzwischen war es halb sechs geworden, und die Sonne war
im Begriff aufzugehen. Im Hofe herrschte noch Ruhe. Die Tore
standen aber weit geöffnet, und draußen hielt eine Postkutsche; die
Pferde waren eingespannt, der Kutscher saß auf dem Bocke.
Mr. Mason, welcher sich auf Mr. Rochester und den Arzt
stützte, schien bereits wieder mit Leichtigkeit gehen zu können. Sie
halfen ihm den Wagen besteigen; Carter setzte sich zu ihm.
,Lassen Sie ihm sorgfältige Pflege angedeihen,' sagte Mr.
Rochester zu dem letztgenannten gewendet, , und behalten Sie ihn
in Ihrem Hause, bis er ganz wieder hergestellt ist. In ein oder
zwei Tagen werde ich hinüberkommen, um zu sehen, wie seine Genesung fortschreitet. Richard, wie fühlst du dich jetzt?
,Die frische Luft belebt mich, Fairfax!'
,Carter, lassen Sie das Fenster an seiner Seite herab; es ist
ganz windstill. Die frische Luft schadet ihm nicht. Lebewohl, Dick,
mein Junge!
,Fairfax -
,Nun, was gibt's noch?
,Laß sie sorgsam behüten; laß sie so nachsichtig behandeln wie
möglich, laß sie - hier hielt er inne und brach in Tränen aus.
,Ich tue mein Bestes; ich habe es getan und werde es auch
in Zukunft tun, lautete die Antwort. Dann schlug er die Wagentür zu, und die Postkutsche rollte davon.
,O, wollte Gott doch, daß dies alles ein Ende hätte!' seufzte
Mr. Rochester tief auf, als er die schweren Holztore zumachte und
verriegelte.
,Dies war eine seltsame Nacht, Jane.
,Ja, Slr.
,Und sie hat Sie bleich gemacht! Empfanden Sie Furcht,
als ich Sie mit Mason allein ließ?
,Ich fürchtete nur, daß jemand aus dem inneren Zimmer
kommen könne.
,Aber Sie hatten doch gesehen, wie ich die Tür abschloß -
den Schlüssel trug ich in der Tasche. Ich wäre ein pflichtvergessener Hirte gewesen, wenn ich ein Lamm- mein Lieblingslamm-
unbehütet so nahe bei der Höhle des Löwen gelassen hätte; nein,
Sie waren in Sicherheit. Doch nun gehen Sie ins Haus und versuchen Sie, sich von den Stürmen dieser Nacht zu erholen.
Während ich auf dem einen Wege davonging, schlug er den
anderen ein, und ich hörte noch, wie er mit heiterer Stimme im
Hofe einigen jungen Herren zurief:
,Mason ist euch allen heute früh zuvorgekommen. Noch vor
Sonnenaufgang ist er auf und davongegangen. Ich bin um vier
Uhr aufgestanden, um von ihm Abschied zu nehmen.
17. Kapitel.
Des Rätsels Lösung.-- Wieder in Gateshead-Hall.
Ich kann mir denken, wie meine Leser darauf brennen werden,
daß ich ihnen über die geheimnisvollen und unheimlichen Vorgänge zur nächtlichen Weile in Thornfieldhall Aufschluß erteile.
Wie's ihnen ergeht, so erging es mir damals, aber ich hatte die
Überzeugung, daß Mr. Rochester bald Gelegenheit nehmen werde,
mir klaren Aufschluß zu erteilen. Und ich hatte mich in meiner Erwartung nicht getäuscht. Bei einem Spaziergang im Park am
nächsten Tage näherte sich mir mein Herr und erklärte mir, daß er
das Geheimnis, das wie ein Alpdruck auf seiner Seele laste, mir
anvertrauen wolle. Es war eine lange, romanhafte, schauerliche
Geschichte, mit deren Aufzählung im einzelnen ich meine Leser verschonen will. Nur das Hauptsächlichste sei hier wiedergegeben.
Mr. Rochesters ältester Bruder wurde Besitzer des Schlosses
Thornfieldhall, während der jüngere, mein Herr, von seinem
Vater nach Jamaika geschickt wurde, um nach dessen Willen die
Tochter eines steinreichen Pflanzers, namens Mason, zu heiraten,
mit welchem er in Geschäftsverbindung stand. Er war von ihrer
Schönheit geblendet, und die Heirat wurde vollzogen, ehe er recht
zur Überlegung gekommen war. Die Mutter seiner Frau war im
Irrenhause gestorben, und auch bei ihrem Bruder, demselben, der
bei uns in Thornfieldhall den nächtlichen Überfall erlebt hatte, und
dessen Tochter meine Schülerin Adele war, traten Zeichen von Irrsinn ein. Das hatte man dem unglücklichen Mr. Rochester vor der
Hochzeit verschwiegen. Bald stellte sich auch heraus, daß das Einvernehmen zwischen ihm und seiner Gattin ein gespanntes wurde.
Eine freundliche Unterhaltung mit ihr war eine Unmöglichkeit, im
hause herrschte die größte Unordnung, kein Diener konnte die beständigen Ausbrüche ihres heftigen Temperamentes und ihrer unvernünftigen Launen ertragen. So wurde dem armen Manne
diese Ehe zur entsetzlichen Last, und sie wurde noch drückender, als
seine Gattin anfing, sich dem Trunke zu ergeben. Unterdessen starb
sein Bruder und sein Vater. Er mußte sein väterliches Besitztum
antreten und nach Europa übersiedeln, als bei seiner Gattin der
Wahnsinn in furchtbarster Weise ausbrach. Der schwergeprüfte
Mann war in Verzweiflung. Ich will ihn selbst erzählen lassen:
,Ich brachte sie mit nach England, eine fürchterliche Reise, die
ich da mit einem solchen Ungeheuer auf dem Schiffe hatte. Ich
war froh, als ich sie endlich nach Thornfield brachte und sie in
jenem Zimmer im dritten Stocke in sicherer Verwahrung hatte, in
jenem Zimmer, aus dessen geheimem, innerem Kabinett sie nun seit
zehn Jahren die Höhle einer wilden Bestie gemacht hat. Es war
nicht so leicht, eine Wärterin für sie zu finden, da es notwendig
war, eine auszuwählen, auf deren Treue man sich verlassen konnte;
denn die Wahnsinnige mußte mein Geheimnis früher oder später
verraten, sei es in den Zeiten ihrer Raserei, sei es in den Tagen.
ja bisweilen Wochen, in denen sie lichte Augenblicke hatte und die
sie damit ausfüllte, daß sie weidlich auf mich schimpfte. An Ende
dingte ich Grace Poole von Grimsby Retreat. Sie und der Wundarzt Carter, der Masons Wunde verband in jener Nacht, als er
meuchlings gestochen und gebissen wurde- sind die einzigen, denen
ich mein Geheimnis mitgeteilt habe. Wohl mag Mrs. Fairfax etwas geargwöhnt haben, indessen konnte sie nichts Genaueres wissen.
Im ganzen hat Grace sich als eine gute Wärterin erwiesen, obgleich
ihre Wachsamkeit mehr denn einmal eingeschläfert und getäuscht
worden ist. Die Wahnsinnige ist listig und bösartig, nie hat sie
ermangelt, die Augenblicke, wo ihre Wärterin sich vergaß, zu benutzen; einmal hat sie sich bei einer solchen Gelegenheit des Messers
bemächtigt, womit sie ihren Bruder gestochen, und zweimal, um sich
in den Besitz des Schlüssels zu ihrer Zelle zu setzen und während
der Nacht letztere zu verlassen. O, wenn doch der Himmel es fügen
wollte, daß ich von dieser entsetzlichen Pein, die mir alle Freude
am Leben zerstört, befreit würde.
Ich will mich kurz fassen. Viel schneller, als er ahnte, sollte
dieser berechtigte Wunsch in Erfüllung gehen. In einer finsteren
Nacht hatte die Unglückliche ihr Zimmer verlassen, war auf der
Treppe ausgeglitten und .hatte sich das Genick gebrochen. Das
alles hatte sich während meiner Reise nach Gateshead zugetragen.
,Nach Gateshead? werden meine Leser verwundert fragen. ,War
das nicht der Ort, wo die Erzählerin ihre ersten traurigen Jugendjahre unter der Obhut ihrer hartherzigen Tante, ihrer hochmütigen
Töchter und ihres ungezogenen Sohnes in Kummer und Elend
verbracht hat? Ganz recht- dieses Gateshead ist es, und wie
ich zu der Reise kam, will ich jetzt erzählen.
Eines Nachmittages kam eine Dienerin mit der Botschaft zu
mir, daß in Mrs. Fairfax' Zimmer jemand sei, der mich zu sprechen
wünsche. Als ich hinunterkam, fand ich einen Mann, der auf mich
wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Diener; er war in tiefe
Trauer gekleidet, und um den Hut, welchen er in der Hand trug,
war ein Flor gewunden.
,Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,' sagte er,
indem er sich bei meinem Eintritt erhob, ,aber mein Name ist
Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren in Gateshead waren,
war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren
Diensten.
,O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß
Georginas Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie sind doch
mit Bessie verheiratet?
,Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke für die Nachfrage; wir haben jetzt drei Kinder, und Mutter und Kinder gedeihen gut.’
,Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?
,Es tut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren
Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr
schlecht.
,Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist, sagte ich,
indem ich auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf
den Flor an seinem Hute und sagte:
,Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in
London gestorben.'
,Mr. John?’
‘Ja, Miß.’
,Und wie trägt seine Mutter es?
,Nun, sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück:
er hat ein gar tolles Leben geführt. Während der letzten drei
Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben - und sein Tod war
fürchterlich.
,Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut tat.’
,Nicht gut tat! Barmherziger Gott! Er konnte nichts
Schlimmeres tun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter
zugrunde gerichtet in schlechtester Gesellschaft. Er geriet in Schulden und- ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm herausgeholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen alten Kumpanen und alten Gewohnheiten zurückkehrte. Er war
keiner von den Klügsten, Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er lebte, betrogen ihn in der unerhörtesten
Weise. Vor ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum
übergeben solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung
sind ihre Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So
kehrte er denn wieder um nach London, und das nächste, was wir
von ihm hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist
- Gott mag es wissen! Die Leute sagen, daß er sich selbst ums
Leben gebracht hat.
Ich schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.
Robert Leaven fuhr fort:
,Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist
sehr stark geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust des Geldes und die Furcht vor der Armut richteten sie fast
zugrunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tod und die Art, wie
er herbeigeführt, kam zu plötzlich: sie wurde vom Schlage getroffen. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten
Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war, als wollte
sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen
und sprach ganz undeutlich. Erst gestern morgen konnte Bessie
verstehen, daß sie Ihren Namen aussprach, und zuletzt verstand
sie ganz deutlich, wie sie sagte: ,Bringt mir Jane - holt Jane
Eyre, ich muß mit ihr sprechen.
,Bessie ist nun nicht gewiß, ob sie bei Sinnen ist, und ob sie
irgend etwas mit den Worten meint; aber sie hat es Miß Reed
und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten, Sie, Miß, holen zu
lassen. Die jungen Damen wollten anfangs nichts davon wissen;
aber ihre Mutter wurde so unruhig, und rief so oft, Jane! Jane!
Jane!'' daß sie endlich einwilligten. Ich habe Gateshead gestern
verlassen, und wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten,
Miß, so würde ich Sie mitnehmen.'
,Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich gehen.
,Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz
gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten
müssen, ehe Sie gehen?
,Gewiß. Und ich werde es augenblicklich tun. Dann führte
ich ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem ich ihn der
Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit
warm empfohlen hatte, machte ich mich auf den Weg, um Mr. Rochester zu suchen.
Er war in keinem der unteren Zimmer, er war nicht im Hofe,
nicht in den Ställen, nicht im Park. Ich fragte Mrs. Fairfax, ob
sie ihn gesehen habe; - ja, sie glaubte, er sei im Billardzimmer
und spiele mit Miß Ingram. Ich eilte daher ins Billardzimmer.
Das Aneinanderschlagen der Billardkugeln und das Gemurmel
von Stimmen ließ sich von dort hören. Mr. Rochester, Miß Ingram, zwei andere Damen und zwei Herren, alle waren mit dem
Spiel beschäftigt. Mein Anliegen war derart, daß es keinen Aufschub duldete; daher näherte ich mich meinem Herrn, der neben
Miß Ingram stand.
Bei meiner Annäherung wandte sie sich um und blickte mich
hochmütig an; ihre Augen schienen zu fragen: ,Was kann diese
Schleicherin jetzt wollen? Und als ich mit leiser Stimme sagte:
,Mr. Rochester,' machte sie eine Bewegung, als wenn sie mich entfernen wollte. Noch heute steht ihre Erscheinung vor mir- sie
trug ein Morgenkleid von himmelblauem Crepe, ein durchsichtiges,
azurfarbenes Band schlang sich durch ihre Locken. Sie war dem
Spiel mit großer Lebhaftigkeit gefolgt, und zürnender Hochmut
konnte den stolzen Linien ihres herrlichen Gesichts nichts anhaben.
,Will die Person etwas von Ihnen? fragte sie zu Mr. Rochester gewendet. Und Mr. Rochester wandte sich um, zu sehen,
wer die ,Person' sei. Er machte ein sonderbares Gesicht, warf
das Billardqueue fort und folgte mir aus dem Zimmer.
,Nun, Jane? fragte er, indem er sich mit dem Rücken an die
Tür des Schulzimmers lehnte, die er soeben geschlossen hatte.
,Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von ein oder zwei
Wochen von Ihnen zu erbitten.'
,Wohin wollen Sie?
,Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.
,Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?
,In Gateshead, in -shire.’
‘-shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Wer ist die
Dame, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung um
ihretwillen zurückzulegen?’
,Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.
,Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead, der Bürgermeister war.
,Sie ist seine Witwe, Sir.’
,Und was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen Sie sie
überhaupt?’
,Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen
Mutter.’
,Zum Henker! War er das? Weshalb haben Sie mir das
nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten
hätten.'
,Keine, die mich anerkannten, Sir. Mr. Reed ist tot und
seine Witwe hat mich verstoßen.’
,Weshalb?’
,Weil ich arm war und ihr zur Last fiel. Sie hat mich mit
leidenschaftlichem Hasse verfolgt.’
,Aber Reed hat doch Kinder hinterlassen? Sie müssen also
doch auch Vettern und Cousinen haben? Ein Herr meines Besuchs
sprach gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie er sagte,
einer der verkommensten Menschen in London sei; und Miß Ingram erwähnte eine Miß Georgina Reed von demselben Gute,
eine berühmte Schönheit, die vor einigen Jahren in London sehr
gefeiert worden ist.’
,John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir; er hat sich selbst vollständig zugrunde gerichtet und seine Familie beinahe. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese Nachricht
hat seine Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen
Schlaganfall erlitten hat.’
,Und was können Sie ihr nützen? Es würde mir niemals in
den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame
zu sehen, die vielleicht schon tot ist, wenn Sie an Ort und Stelle
ankommen, noch dazu, da sie Sie verstoßen hat.’
,Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die
Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder
Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.’
,Aber auf jeden Fall werden Sie doch zurückkommen;
Sie versprechen mir wenigstens, sich unter keinen Umständen überreden lassen zu wollen, Ihren Wohnsitz für immer bei ihr aufzuschlagen?’
,O nein! Ich werde zurückkehren, wenn alles wieder gut geworden ist,'
,Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran,
die hundert Meilen allein zu reisen?
,Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.
,Ein zuverlässiger Mensch?
Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.
Mr. Rochester dachte nach.
,Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?
,Morgen in aller Frühe, Sir.
,Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie können nicht ohne Geld
reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie haben
von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie überhaupt, Jane? fragte er lächelnd.
Ich zog meine Börse hervor; sie war allerdings ein mageres
Ding. ,Fünf Schilling, Sir.
Er nahm mir die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese kleine
Summe ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er
seine Brieftasche hervor:
,Hier, sagte er und bot mir eine Banknote. Es waren fünfzig Pfund, und er schuldete mir nur fünfzehn. Ich sagte ihm, daß
ich die Note nicht wechseln könne.
,Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Das wissen Sie. Es
ist Ihr Gehalt.
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als ich rechtmäßig zu
fordern hatte. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, als wäre
ihm plötzlich etwas eingefallen:
,Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich
Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen,
könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, länger fortzubleiben.
Hier haben Sie zehn.
,Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
,Sie können wiederkommen, um diese zu holen. Sie haben
jetzt bei mir, Ihrem Bankier, vierzig Pfund gut.
,Mr. Rochester, da sich mir jetzt gerade Gelegenheit dazu
bietet, kann ich gleich noch von einer anderen Angelegenheit mit
Ihnen sprechen.'
,Ja, was denn?
,Sie haben mir neulich in ziemlich klaren Worten mitgeteilt,
Sir, daß Sie sich binnen kurzem verheiraten werden.'
,Nun ja. Was weiter?
,In diesem Falle, Sir, müßte Adele doch in eine Schule geschickt werden. Ich bin überzeugt, daß auch Sie diese Notwendigkeit einsehen.
,Um sie meiner Frau aus dem Wege zu räumen, die das arme
Kind sonst am Ende übersehen würde. Es liegt Sinn und Verstand in diesem Ratschlage, ohne Zweifel. Ja, ja, wie Sie sagen.
Adele muß in eine Schule geschickt werden. Und Sie müssen natürlich geraden Weges - zum Kuckuck gehen.
,Das hoffe ich nicht, Sir, aber ich werde mir eine andere Stellung suchen müssen.'
,Dann werden Sie wahrscheinlich die alte Mutter Reed und
ihre Tochter jetzt ersuchen, Ihnen eine Stellung zu besorgen?
,Nein, Sir. Ich stehe mit meinen Verwandten nicht auf
einem solchen Fuße, daß ich das Recht hätte, Gefälligkeiten von
ihnen zu verlangen. Aber ich werde in den Zeitungen annoncieren
lassen.''
, Sie werden die ägyptischen Pyramiden hinaufklettern!'
murmelte er. ,Aber annoncieren Sie nur immer auf Ihre eigene
Gefahr hin! Ich wollte wahrhaftig, ich hätte Ihnen nur eine
Guinee anstatt jener zehn Pfund gegeben. Geben Sie mir neun
Pfund zurück. Ich brauche sie, Jane, ich brauche sie notwendig.
,Und ich brauche sie ebenfalls, Sir,' entgegnete ich, indem ich
meine Hand mit der Börse in die Tasche steckte. ,Ich könnte Ihnen
das Geld unter keinen Umständen wiedergeben.'
,Kleiner Geizhals! sagte er, ,Sie schlagen meine Bitte um
Geld wirklich ab! So geben Sie mir fünf Pfund, Jane.
,Nicht einmal fünf Schilling, Sir; nein, nicht fünf elende
Pence.
,Zeigen Sie mir das Geld noch einmal.
,Nein, Sir, ich kann Ihnen nicht trauen.
,Jane!'
,Sir
,Versprechen Sie mir eins!
,Ich bin gern bereit, Sir, Ihnen alles zu versprechen, was
ich möglicherweise halten kann.'
,Also versprechen Sie, daß Sie keine Annonce in die Zeitung
rücken lassen werden und mir dieses Finden einer passenden Stellung für Sie überlassen. Wenn es Zeit ist, werde ich Ihnen eine
solche besorgen.'
,Das will ich mit Freuden tun, Sir, wenn Sie mir Ihrerseits versprechen, daß Sie sowohl mich wie Adele aus dem Hause
entlassen wollen, bevor Ihre junge Frau es betritt.
,Sehr gut! Sehr gut! Angenommen! Darauf kann ich
Ihnen mein Wort geben! Sie reisen also morgen?
,Ja. Sir, sehr früh.
,Werden Sie heute nach dem Mittagessen in das Gesellschaftszimmer hinunterkommen?'
,Nein, Sir. Ich muß meine Reisevorbereitungen treffen.
,So müssen wir uns denn jetzt schon für einige Zeit Lebewohl
sagen?
,Vermutlich, Sir.
,Und wie nehmen die Menschen voneinander Abschied, Jane?
Lehren Sie mich das. Ich verstehe mich nicht recht darauf.
,Sie sagen: Lebewohl oder irgend ein anderes Wort, das
ihnen gerade einfällt.'
,Also sagen Sie es.
,Leben Sie wohl für einige Zeit, Mr. Rochester.
,Und was muß ich sagen?
,Dasselbe, wenn Sie wollen, Sir.
,Leben Sie wohl für einige Zeit, Miß Eyre! Und ist das
alles?
Ja.
Nach meinen Begriffen klingt das unfreundlich und kalt und
herzlos. Sie wollen also nichts weiter tun, als mir einfach Lebewohl sagen, Jane?
,Es genügt, Sir; ein einziges Wort enthält oft mehr Herzlichkeit als deren viele.’
,Vielleicht! Aber es klingt doch leer und kalt, dies Lebewohl!'
,Wie lange wird er noch so mit dem Rücken an die Tür gelehnt dastehen? fragte ich mich, ,ich möchte gern mit dem Packen
anfangen.'
Die Mittagsglocke wurde geläutet, und plötzlich rannte er
schnell ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus. Ich sah ihn an
diesem Tage nicht wieder, und am nächsten Morgen war ich schon
lange unterwegs, bevor jemand im Hause aufgestanden war.
Am Nachmittage des ersten Mai erreichte ich das Parkhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor ich nach
dem Herrenhause hinaufging, trat ich hier ein. Es war sehr reinlich und nett. Vor den Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge;
der Fußboden war fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren
blank poliert, und das Feuer brannte hell. Bessie saß in der Ofen-
-
,Gott segne Sie!- ich wußte ja, daß Sie kommen würden!'
rief Mrs. Leaven bei meinem Eintritt aus.
,Ja, Bessie,' sagte ich, nachdem ich sie umarmt hatte, ,und
hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed?
Ich hoffe, Sie ist doch noch am Leben?
,Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder
erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch ein oder zwei Wochen mit
ihr dauern kann; aber an eine endliche Besserung darf man nicht
denken.
,Hat sie meinen Namen kürzlich wieder erwähn?
,Heute morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jetzt schläft sie. Wenigstens schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause
war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in
einer Art von Schlafsucht und erwacht erst gegen sechs oder sieben
Uhr. Miß, wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen?
Später gehe ich dann mit Ihnen hinauf.
Hier trat Robert ein, und Bessie legte ihr schlafendes Kind in
die Wiege, um ihn zu bewillkomnen. Dann bestand sie darauf,
daß ich meinen Hut abnehmen und Tee trinken solle; denn ich sähe
so müde und blaß aus, sagte sie. Ich war froh und ließ mir meine
Reisekleider von ihr abnehmen.
Wie die alten Zeiten in meiner Erinnerung wieder auflebten,
als ich ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie deckte den Teetisch
mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen
Teekuchen und gab dem kleinen Robert und Jane hier und da
einen kleinen Schlag oder Stoß - gerade so wie sie es in vergangenen Tagen mit mir zu tun pflegte. Bessie hatte sich ihr rasches
Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten Schritt und ihr hübsches Gesicht.
Als der Tee fertig war, wollte ich mich an den Tisch setzen,
aber in ihrem alten, entschiedenen Ton sagte sie mir, ich solle still
sitzen. Sie sagte, sie müsse mir am Kaminfeuer servieren; und
dann stellte sie einen kleinen, runden Tisch mit meiner Tasse und
sorgen pflegte, wenn ich in meinem Kinderstuhl saß. Ich lächelte
und gehorchte ihr wie in vergangenen Tagen.
Sie wollte dann wissen, ob ich glücklich in Thornfield-Hall sei,
und ich sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des
Hauses sei. Und als ich ihr gesagt, daß Thornfield nur einen
Herrn habe, wollte sie wissen, ob er liebenswürdig und gut sei
und ich ihn gern habe. Ich erzählte ihr, daß er ein Gentleman sei,
daß er mich freundlich behandle, und ich mich dort glücklich fühle.
Ferner beschrieb ich ihr die lustige Gesellschaft, die sich jetzt im
Thornfield-Herrenhause aufhielt, und diesen Einzelheiten hörte
Bessie mit großem Interesse zu; es waren Dinge, die einen großen
Reiz für sie hatten.
Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell. Bessie
brachte mir meinen Hut und meine Schals wieder, und von ihr
begleitet, war ich auch vor fast neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den ich jetzt hinaufging. An einem finsteren, nebeligen,
rauhen Januarmorgen hatte ich mit verzweifeltem, verbittertem
Herzen ein feindliches Dach verlassen- übermannt fast von einem
Gefühle des Geächtetseins, ja, des Verdammtseins- um in den
frostigen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem fernen, unbekannten Lande. Und dort zeigte sich nun wieder jenes feindliche
Dach vor mir. Noch immer waren meine Aussichten zweifelhaft
- noch immer tat mir das Herz weh. Noch immer war ich nur
ein einsamer Wanderer auf der Erde- aber ich hatte ein festeres
Vertrauen zu mir selbst und meiner Kraft; ich fürchtete mich nicht
mehr vor einer Last. Die schmerzende Wunde des Unrechts, die
man mir so grausam in den Tagen meiner Kindheit geschlagen, war
jetzt geheilt; die Flamme des Hasses war erloschen.
,Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die
jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,' sagte Bessie, als
sie mir vorauf in die Halle trat.
Nach einem kurzen Augenblick befand ich mich in diesem
Zimmer.
Alles sah noch so aus wie an jenem Morgen, als ich Mr.
Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der Teppich, auf
dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als mein Blick über
die Bücherschränke und ihren Inhalt schweiften, war mir's, als
ständen jene zwei Bände, Bewick, Vögel Englands noch auf ihrem
alten Plate auf dem dritten Regal, und ,Gullivers Reisen'' und
,Tausend und eine Nacht'' standen gerade darüber. Die leblosen
Dinge hatten sich nicht verändert, wohl aber die Menschen.
Ich erblickte zwei junge Damen vor mir; die eine war sehr
groß, fast so groß wie Miß Ingram- sehr mager und knochig,
mit blassem Gesicht und strengen Zügen. Es lag etwas Hartes in
ihrem Blick, das noch erhöht wurde durch die außerordentliche Einfachheit eines schwarzwollenen Kleides mit glattem Rock, einem
weißen Leinewandkragen, aus der Stirne gekämmtem Haar und
einem nonnenhaften Schmuck, der aus einer Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte
nicht anders sein - dies war Eliza, obgleich ich in ihrem langen,
farblosen Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrer früheren Erscheinung
entdecken konnte.
Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht
jene Georgina, deren ich mich erinnern konnte, - jenes schlanke,
blonde Mädchen von elf Jahren.
Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß
und zart wie Wachs, mit regelmäßigen Zügen, schmachtenden,
blauen Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes Kleid; der Schnitt aber war so verschieden von dem ihrer
Schwester - so viel kleidsamer und zierlicher- daß es ebenso
modern aussah, wie das andere puritanisch erschien.
Jede der beiden Schwestern hatten einen Zug von der Mutter- doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter
hatte das stechende Auge, das blühende, jüngere Mädchen hatte
ihr Kinn und ihre Unterkiefer- vielleicht ein wenig gemildert,
aber dennoch gaben sie dem sonst so gesunden Gesichte einen Zug
von unbeschreiblicher Härte.
Als ich auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um
mich zu bewillkomnen, und beide redeten mich Miß Eyre an.
Elizas Gruß wurde in kurzer Weise ausgesprochen, ohne daß sie
bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach der
Begrüßung seyte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das Kaminfeuer und schien mich zu vergessen. Georgina fügte ihrem,Wie
geht es Ihnen'' noch mehrere alltägliche Bemerkungen hinzu. Sie
sprach in langgezogenem Tone und maß mich dabei seitwärts mit
vielsagenden Blicken von Kopf bis zu Fuß; bald musterte sie den
Faltenwurf meines braunen Merino-Pelzmantels, bald weilte ihr
Auge auf meinem sehr einfachen Reisehute. Junge Damen haben
eine merkwürdige Art, einen Menschen wissen zu lassen, daß sie ihn
für altmodisch halten, ohne die Worte geradezu auszusprechen.
Ein gewisser übermütiger Blick, Kälte im Wesen, Nachlässigkeit im
Ton drücken hinlänglich ihre Gefühle und Ansichten in dieser Beziehung aus, ohne daß sie noch besonders durch Unhöflichkeit in
Wort oder Tat zu kränken brauchen.
Ein Naserümpfen, ob nun versteckt oder offen, machte jetzt
nicht mehr denselben Eindruck auf mich, den es sonst zu üben
pflegte. Als ich so dasaß zwischen meinen Cousinen, war ich ganz
erstaunt zu finden, wie wohl mir bei der vollständigen Vernachlässigung der einen und der halbsarkastischen Höflichkeit der anderen war. Eliza vermochte nicht mich zu demütigen, Georgina
konnte mich nicht aus dem Gleichgewicht bringen.
In der Tat, ich hatte andere Dinge zu bedenken. Während
der letzten Monate waren Gefühle und Empfindungen in mir wach
geworden, die viel mächtiger waren, als irgend welche, die sie zu
erregen vermochten.
,Wie befindet sich Mrs. Reed? fragte ich alsbald, indem ich
Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend, bei
dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte
Freiheit, die ich mir erlaubte.
,Mrs. Reed? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute abend noch
sprechen können.
,Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen
wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.
Georgina fuhr vor Schrecken zusammen und riß ihre blauen
Augen weit und wild auf.
,Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich
zu sehen, fügte ich hinzu, und ich möchte die Erfüllung dieses
Wunsches nicht weiter hinausschieben als unumgänglich notwendig ist.
,Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,.
bemerkte Eliza. Bald darauf erhob ich mich, nahm unaufgefordert
und ruhig meinen Hut und meine Handschuhe ab und sagte, daß
ich für einen Augenblick zu Bessie hinaufgehen wolle, um diese zu
bitten, daß sie nachsehe, ob Mrs. Reed mich heute abend noch sehen
wolle oder nicht. Ich ging, und nachdem ich Bessie gefunden und
sie mit meinem Auftrag hinaufgeschickt hatte, fuhr ich fort, weitere
Maßregeln zu treffen.
Bis jetzt war es stets meine Gewohnheit gewesen, mich vor
jeder Anmaßung zurückzuziehen; hätte man mich noch vor einem
Jahre irgendwo empfangen, wie man mich heute in Gateshead
empfing, so würde ich das Haus binnen weniger Stunden bereits
verlassen haben; jetzt sah ich aber plötzlich ein, daß das eine Torheit gewesen wäre. Ich hatte eine Reise von hundert Meilen gemacht, um meine Tante zu sehen, und ich mußte jetzt bei ihr bleiben, bis sie besser war- oder tot. Denn der Stolz und die
Dummheit ihrer Töchter konnten mich daran nicht hindern.
Ich wandte mich also an die Haushälterin, verlangte von ihr,
daß sie mir ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß ich wahrscheinlich
einige Zeit als Gast hier im Hause weilen würde, ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls
hinauf. Auf der Treppe begegnete mir Bessie.
,Mistreß ist wach. sagte sie.,Ich habe ihr erzählt, daß Sie
da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie wiedererkennt.
Ich bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten Zimmer. Wie oft war ich in früheren Tagen hineingerufen worden,
um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Ich eilte Bessie
voran und öffnete vorsichtig und leise die Tür. Die Lampe auf
dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große
Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in
alten Zeiten. Dort der Toilettentisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem 'ch wohl hundertmal hatte knieen müssen. Wie
oft hatte ich dort Verzeihung für Sünden erfleht, die ich niemals
begangen hatte. Ich blickte in einen gewissen Winkel und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer einst so
gefürchteten Rute zu sehen, die dort auf mich zu lauern pflegte und
nur darauf wartete, herauszuspringen und auf meinem Nacken
oder meinen Armen umhertanzen zu können.
Ich näherte mich dem Bette; ich zog die Vorhänge zurück und
lehnte mich über die hochaufgetürmten Kissen.
Gar wohl erinnerte ich mich des Gesichts von Mrs. Reed, und
eifrig suchte ich nach den bekannten Zügen. Es ist wahrlich ein
Glück, daß die alles mildernde Zeit auch die Rachbegierde erstickt
und die Eingebungen der Wut und des Abscheus sänftigt: diese
Frau hatte ich in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte ich
mit keiner anderen Empfindung zu ihr zurück, als mit einer Art
Mitleids über ihr großes Leid, und dem lebhaften Verlangen, alles
Unrecht zu vergeben und zu vergessen - mich zu versöhnen und
ihre Hand in Freundschaft zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, streng wie immer
- jenes eigentümliche Auge, dessen Blick nichts zu besänftigen
vermochte die geschwungenen, herrschsüchtigen Brauen. Wie oft
hatte dies Auge nur Haß und Zorn auf mich herabgeblitzt! Wie
erwachte die Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der
Kindheit wieder in mir, als ich diese harten Gesichtszüge wieder
erblickte! Und doch beugte ich mich nieder und küßte sie.
Sie blickte zu mir auf.
,Ist es Jane Eyre? fragte sie.
,Ja, Tante Reed. Wie befinden Sie sich, liebe Tante?.
Ich hatte einmal gelobt, daß ich sie nie wieder Tante nennen
wollte. Aber ich hielt es für keine Sünde, jenes Gelübde in diesem Augenblicke zu brechen. Meine Finger hielten die Hand umschlossen, welche auf der Bettdecke lag: hätte sie meine Hand freundlich gedrückt, so würde ich eine warme, innige Freude empfunden
haben. Aber Mrs. Reed zog ihre Hand zurück, und indem sie ihr
Gesicht von mir abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr warmer
Abend sei. Und wieder blickte sie mich an, so eisig kalt, daß ich
augenblicklich fühlte, wie ihre Empfindungen für mich unverändert
geblieben waren. Ich sah es ihrem versteinerten Auge, welches
niemals durch Tränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet
hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, mich bis zum letzten Augenblick für schlecht zu halten; denn im Guten an mich zu glauben,
wäre nur eine Demütigung für sie gewesen.
Ich empfand Kummer, dann bemächtigte sich meiner der Zorn,
und schließlich faßte ich den Entschluß, sie zu besiegen- ihrer
Herr zu werden trotz ihrer hartherzigen Natur und ihres starren
Willens. Die Tränen waren mir in die Augen gestiegen, gerade
so wie in den Tagen meiner Kindheit- aber ich drängte sie an
ihre Quelle zurück. Dann brachte ich einen Stuhl an das Kopfende des Bettes. Ich setzte mich und beugte mich über die Polster.
,Sie haben mich holen lassen,' sagte ich, ,und jetzt bin ich
hier; und ich habe die Absicht, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es
Ihnen besser geht.
,O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?
,Ja.
, Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die ich auf
dem Herzen habe. Heute abend ist es zu spät, und es wird mir
jetzt auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber
etwas wollte ich dir sagen - ja - was war es doch -
Der verstörte Blick und die veränderte Sprache zeigten mir
nur zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf sie sich
hin und her und schlug auf die Bettdecke. Mein Arm, der auf dem
Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie
wieder ärgerlich.
,Laß los! sagte sie,,halte mich nicht fest! Bist du wirklich
Jane Eyre?
-
ein Mensch vorstellen kann. Mir eine solche Last aufzubürden!
Und wieviel Arger sie mir täglich und stündlich mit ihrer unbegreiflichen Gemütsart verursacht hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen, fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man tat! Ich kann versichern, sie hat eines
Tages zu mir gesprochen wie eine Wahnsinnige oder - wie ein
Teufel- kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen wie
sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause los zu werden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht? Das
Fieber brach dort aus, und viele Schülerinnen sind gestorben. Aber
sie- sie starb nicht. Ich habe aber gesagt, daß sie tot sei! Ach,
wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!
,Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie
so sehr?
,Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige
Schwester meines Mannes, und er hing mit großer Liebe an ihr.
Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene abscheuliche, niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem
Tode kam, weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das
Kind geholt werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in
Pflege zu geben und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich konnte
es schon von Anfang an nicht leiden- ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch schrie es in seiner
Wiege- es schrie nicht kräftig wie andere Kinder- nein, es
stöhnte und wimmerte. Reed hatte Erbarmen mit ihm. Und er
pflegte es zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen
wäre, nein, mehr als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte,
als sie in jenem Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder
freundlich gegen die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie
ihren Widerwillen zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es
fortwährend an sein Bett bringen, und kaum eine Stunde vor
seinem Tode ließ er mich feierlich versprechen, daß ich das Geschöpf
stets erziehen und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen,
wenn man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach
von Natur. John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich - und
ich bin froh darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern -
er ist ein ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit
seinen Briefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich
ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der
Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen-
oder es vermieten. Aber wie sollen wir sonst weiter leben?
Zwei Drittel meines Einkommens werden von den Zinsen der
Wucherschulden verschlungen. John spielt ganz fürchterlich, und
er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern
und Tagedieben umgeben. John ist ganz verlumpt und verkommen- er sieht grauenhaft aus- ich schäme mich seiner, wenn ich
ihn sehe.
Jetzt geriet sie in eine furchtbare Aufregung.
,Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse, sagte ich
zu Bessie, die an der anderen Seite des Bettes stand.
,Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie
oft in dieser Weise - des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.
Ich stand auf.
,Bleib!' rief Mrs Reed aus. ,Ich habe noch etwas anderes
zu sagen. Er droht mir - er droht mir unaufhörlich mit seinem
oder mit meinem Tode. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn
mit einer großen Wunde am Halse oder mit blutigem, geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen. Ich habe
schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu tun? Woher soll
ich das Geld nehmen??
Jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie einen beruhigenden Trank nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich
darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in einen Halbschlummer. Dann ließ ich sie allein.
Mehr als zehn Tage vergingen, bevor ich wieder mit ihr
sprechen konnte. Sie lag entweder im Delirium oder in Bewußtlosigkeit, und der Arzt verbot alles, was sie schmerzlich erregen
könnte. Inzwischen verkehrte ich mit Eliza und Georgina so gut
es eben gehen wollte. Anfangs waren sie in der Tat sehr kalt.
Eliza pflegte halbe Tage hindurch dazusitzen und zu nähen, zu
schreiben oder zu lesen, ohne auch nur eine einzige Silbe mit ihrer
Schwester oder mir zu sprechen. Georgina konnte stundenlang
dummes Zeug mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne mich zu
beachten. Aber ich war entschlossen, mir nicht den Anschein zu
geben, als fehle es mir an Zerstreuung oder Beschäftigung; ich
hatte meine Zeichen- und Malsachen mitgebracht, und diese verschafften mir beides.
Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen, setzte ich mich gewöhnlich allein ans Fenster, um Phantasievignetten zu zeichnen, indem ich jedes Bild zu Papier brachte, das
sich mir meiner Einbildungskraft darbot: einen Blick auf die See
zwischen zwei Felsen hindurch; der aufgehende Mond und ein
Schiff, das an der rotglühenden Scheibe vorübersegelt; eine
Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien, aus welcher der
Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade emportaucht; eine
Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen aus dem Nest eines
Zaunkönigs herauslugt.
Eines Morgens begann ich ein Gesicht zu skizzieren. Ich
wußte selbst nicht recht, was für ein Gesicht es werden sollte. Ich
nahm einen weichen, schwarzen Stift, gab ihm eine stumpfe Spite
und arbeitete darauf los. Bald hatte ich eine breite, hervorragende
Stirn auf das Papier geworfen, die Linien des Untergesichts
waren scharf und eckig. Diese Umrisse machten mir Freude, und
geschäftig fuhren meine Finger fort, die übrigen Züge hineinzuzeichnen. Scharf markierte, horizontale Augenbrauen mußten
unter jene Stirn gesetzt werden; dann folgte natürlich eine schön
gezeichnete Nase mit geradem Rücken und nun ein weicher Mund;
ein festes Kinn, das in der Mitte gespalten war; jetzt brauchte ich
natürlich einen schwarzen Backenbart und kohlschwarzes Haar, das
sich an Stirn und Schläfen schmiegte. Die Augen hatte ich zuletzt
gelassen, weil sie die sorgsamste Arbeit verlangten. Ich zeichnete
sie groß und formte sie schön; die Augenwimpern wurden lang und
dunkel, die Iris glänzend und groß.
, Sehr gut, aber doch nicht ganz ähnlich,' sagte ich zu mir
selbst, als ich das Ganze betrachtete: ,die Augen brauchen mehr
Kraft und Geist''; und ich machte den Schatten noch dunkler, damit das Licht mehr zur Geltung kam- ein oder zwei glückliche
Striche waren von vollster Wirkung. So, jetzt hatte ich das Gesicht eines Freundes vor meinen Blicken. Was machte es nun noch
aus, daß die jungen Damen mir den Rücken wandten? Ich sah
die Zeichnung an und mußte über die sprechende Ähnlichkeit lächeln
Ich war zufrieden und glücklich.
,Ist es das Porträt eines Herrn, den Sie kennen? fragte
Eliza, welche unbemerkt an mich herangetreten war.
Ich entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei und legte die
Zeichnung eilig unter die anderen Blätter. Natürlich sprach ich die
Unwahrheit, denn es war ein sehr getreues Porträt Mr. Rochesters. Aber was kümmerte das sie? Oder irgend jemand außer
mir? Auch Georgina kam, um einen Blick darauf zu werfen
Die anderen Zeichnungen gefielen ihr ganz außerordentlich, aber
ihn nannte sie ,einen häßlichen Mann'. Beide schienen von meiner Geschicklichkeit sehr überrascht. Ich erbot mich, auch ihre Porträts zu skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftskizze
Schließlich brachte Georgina ihr Album. Ich versprach ihr etwas
in Wasserfarbe zu malen, und jetzt war sie augenblicklich in der
besten Laune. Sie schlug mir einen Spaziergang im Park vor.
Und als wir kaum zwei Stunden draußen gewesen, waren wir
mitten im vertraulichen Gespräch; sie erzählte mir von dem glänzenden Winier, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht hatte
und von der Bewunderung, die sie erregt hatte- von den Aufmerksamkeiten, die man ihr erwiesen, und sie ließ sogar eine Andeutung von der hochadeligen Eroberung durchblicken, die sie gemacht hatte. Im Laufe des Nachmittags und des Abends kam
sie wieder auf diese Andeutungen zurück und wurde noch bestimmter. Täglich machte sie mir neue Mitteilungen, wenn sie auch stets
von demselben Thema handelten- von ihr, ihrer Liebe und ihrem
Leid. Es war seltsam, daß sie niemals mit einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des Todes ihres Bruders und den
augenblicklichen traurigen Aussichten der Familie erwähnte.
Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie
keine Zeit für die Unterhaltung. Ich habe niemals eine geschäftigere Person gesehen, als sie zu sein schien. Und doch wäre es
schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich tat, oder vielmehr,
irgend ein Resultat ihres Fleißes zu entdecken. Sie hatte eine
Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Ich weiß nicht, was
sie vor dem Frühstück machte;na ch demselben hatte sie ihre Zeit
in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte ihre Aufgabe.
Dreimal am Tage las sie in einem kleinen Buche, welches sich nach
einer genaueren Besichtigung meinerseits als das ,Allgemeine
Gebetbuch'' erwies. Drei Stunden widmete sie der Beschäftigung.
mit Goldfäden den Rand eines viereckigen Tuchstücks zu besticken,
welches für einen Teppich beinahe groß genug gewesen wäre. Auf
meine Frage, wozu dieser Gegenstand verwendet werden solle,
sagte sie mir, daß es eine Altardecke für eine Kirche sei, welche vor
kurzem in der Nähe von Gateshead erbaut worden war. Zwei
Stunden widmete sie ihrem Tagebuche; zwei weitere arbeitete sie
allein im Küchengarten; eine brauchte sie für die Regelung ihrer
Rechnungen. Sie schien keiner Gesellschaft, keiner Unterhaltung
zu bedürfen. Ich glaube, daß sie auf ihre Weise sehr glücklich war;
diese sich täglich wiederholende Regelmäßigkeit genügte ihr; und
nichts verursachte ihr größeren Arger, als wenn irgend ein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die streng abgemessene Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten abzuändern.
Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war
als gewöhnlich, sagte sie mir, daß Johns Aufführung und der
drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen Kummers für sie
gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr
Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen habe sie in Sicherheit
gebracht, und wenn ihre Mutter stürbe- denn es sei durchaus
unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen oder daß es noch
lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie ruhig- so würde sie
einen lange gehegten Plan ausführen: dort eine Zuflucht suchen,
wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert
seien, und zwischen sich und der leichtsinnigen Welt eine sichere
Schranke aufrichten.
Ich fragte, ob Georgina sie begleiten würde.
Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein. Unter keinen Umständen würde sie sich die Last
ihrer Gesellschaft auferlegen. Georgina solle nur ihren eigenen
Weg gehen; sie, Eliza, würde den ihrigen finden.
Wenn Georgina mir nicht ihr Herz ausschüttete, so brachte
sie den größten Teil ihrer Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über da langweilige Leben im Hause und wiederholie unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie zu sich nach der
Stadt einladen möchte.
,Es wäre viel besser,' pflegte sie zu sagen, ,wenn ich auf ein
oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.
Ich fragte sie nicht, was sie mit dem ,alles vorüber'' meinte,
aber ich vermutete, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer Mutter bezog. Eliza nahm von der Trägheit und den Klagen ihrer
Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein mürrisches, träges
Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre. Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und ihre Stickerei zur
Hand nahm, fiel sie folgendermaßen über sie her:
,Georgina, ein eitleres und alberneres Geschöpf als du hat
sicherlich niemals auf: Erden gewandelt. Du hattest nicht einmal
das Recht geboren zu werden, denn du ziehst aus dem Leben keinen
Nuten. Anstatt für dich, mit und in dir zu leben, wie jedes vernünftige Wesen es tun sollte, suchst du nur, dich mit deiner
Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn du niemand
findest, der willig ist, sich mit einem so nutzlosen Ding belasten zu
lassen, so schreist und jammerst du, daß du vernachlässigt und mißhandelt bist! Für dich soll das Dasein eine immerwährende Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt
bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du verlangst Musik,
Tanz und Gesellschaft, oder du verschmachtest. Hast du denn nicht
soviel Verstand, daß du eine Lebensweise ausdenken kannst, die
dich unabhängig macht von allen anderen Anstrengungen, jedem
anderen Willen als dem meinen? Nimm dir doch den Tag; teile
ihn in Abschnitte ein; jedem Abschnitte weise seine Aufgabe an;
laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten
übrig, wende sie alle an. Tue jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner
Zeit, aber mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu
Ende sein, bevor du gemerkt hast, daß er überhaupt begonnen hat.
Und du bist keinem zu Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat,
einen leeren Augenblick hinzubringen. Nimm meinen Rat- es
ist der erste und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich
noch irgend einen Menschen brauchen, was auch kommen möge.
Vernachlässigst du diesen Rat hingegen - fährst du fort zu faulenzen, zu jammern, zu stöhnen, zu wünschen wie bisher - dann
trage auch die Folgen deiner Torheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein mögen. Eines sage ich dir offen, beachte es
wohl; denn wenn ich auch niemals wiederholen werde, was ich dir
zu sagen im Begriff bin, so werde ich doch strenge danach handeln.
Nach dem Tode meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu tun
haben; von dem Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead tragen wird, sind wir, du und ich, so weit
voneinander geschieden, als ob wir uns niemals gekannt hätten.
Du brauchst nicht zu denken, daß ich jemals irgend einen Anspruch
deinerseits an mich anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben. Ich sage dir dies: wenn das ganze Menschengeschlecht- mit Ausnahme von uns beiden- plötzlich von
der Erde vertilgt würde und wir allein auf der Erde stünden, so
würde ich dich allein in der alten Welt lassen und mich selbst in
die neue flüchten. Hier schwieg sie.
,Du hättest dir die Mühe ersparen können, diesen Redeschwall
loszulassen,' antwortete Georgina. ,Jeder Mensch weiß, daß
du das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes Erdboden
bist, und ich kenne deinen boshaften Haß, besonders gegen mich.
Ich hatte ja eine Probe davon, als du mir jenen bösen Streich mit
Lord Edwin Bere spieltest; du konntest es nicht ertragen, daß ich
höher stehen sollte als du, daß ich einen Adelstitel haben und in
Gesellschaften kommen würde, in denen du nicht einmal wagen
darfst, dein Gesicht zu zeigen. Und deshalb spieltest du die Spionin
und die Angeberin und zerstörtest für immer alle meine Hoffnungen.
Dann saßen die beiden Schwestern eine Stunde lang stumm
gegenüber.
Es war ein feuchter, windiger Nachmittag. Georgina war
bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza
wohnte einem Gottesdienste bei; kein Wetter konnte sie jemals an
der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre kirchlichen Pflichten
hielt: ob Sonnenschein, ob Regen, sie ging an jedem Sonntag in
die Kirche.
Mir fiel es ein, die Treppe hinaufzugehen, um zu sehen, wie
es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte.
Selbst ihre Dienstboten erwiesen ihr eine nur oberflächliche Aufmerksamkeit; und die Krankenwärterin, welche wenig beaufsichtigt
wurde, entwischte aus dem Zimmer so oft sie konnte. Bessie war
zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene Familie kümmern
und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Ich
fand das Krankenzimmer unbewacht, wie ich es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die Patientin lag still und
anscheinend in bewußtlosem Zustande; ihr bleiches Gesicht war in
die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer dem Verlöschen nahe.
Ich schüttete Kohlen auf, ordnete die Betten und ließ meine
Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche mich jetzt
nicht ansehen konnte, - dann trat ich ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind heulte
um das Haus. Da dachte ich: hier liegt nun eine, die bald über
alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird. Und wohin
wird jener Geist, der sich jetzt von seiner körperlichen Hülle scheidet,
fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?
Indem ich, über dies große Geheimnis grübelte, dachte ich an
Helene Burns - ihre letzten Worte kehrten in mein Gedächtnis zurück- ihr Glaube- ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten Seelen. Noch horchte ich im Geiste auf die Laute ihrer,unvergeßlichen Stimme noch rief ich mir ihr bleiches Gesicht, ihre
schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so still auf
ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte ich
ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des himmlischen Vaters zurückkehren zu dürfen- als eine schwache Stimme
vom Bette her murmelte: ,Wer ist da?
Ich wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Lebte sie wieder auf? Ich ging zu ihr.
,Ich bin es, Tante Reed.'
,Wer- ich!' lautete ihre Antwort.,Wer bist du? und
dabei blickte sie mich erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch
nicht verstört an.,Du bist mir ja ganz fremd- wo ist Bessie?
,Sie ist im Parkhäuschen, Tante.
,Tante!'' wiederholte sie. ,Wer nennt mich Tante? Du bist
doch keine von den Gibsons?- und doch kenne ich dich- das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen- das alles ist mir so bekannt; du siehst aus wie- wie- wie Jane Eyre!
Ich schwieg. Denn ich fürchtete eine Erschütterung herbeizuführen, wenn ich die Richtigkeit ihrer Annahme bestätigte.
,Und doch,' sagte sie, ,fürchte ich, daß ich mich irre. Meine
Gedanken täuschen mich. Ich wünschte Jane Eyre zu sehen,
und jetzt finde ich eine Ähnlichkeit, wo keine vorhanden ist. Außerdem muß sie sich doch während dieser acht Jahre verändert haben!
Sanft und vorsichtig erklärte ich, daß ich die Person sei, welche
sie vermutete, und als ich bemerkte, daß sie mich verstand und daß
sie vollständig bei Sinnen war, teilte ich ihr mit, daß Bessie ihren
Mann nach Thornfield geschickt habe, um mich nach Gateshead zu
holen.
,Ich weiß, daß ich sehr krank bin,' sagte sie nach einer Weile.
,Vorhin versuchte ich, mich im Bette umzuwenden und fühlte, daß
ich kein Glied mehr rühren kann. Es wäre gut, wenn ich ruhig
werden könnte, bevor ich sterbe. Ist die Wärterin da? Oder ist
außer dir noch jemand im Zimmer?
Ich versicherte sie, daß wir allein seien.
,Nun, ich habe dir zweimal unrecht getan, das ich jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches ich
meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten
zu wollen; das andere- hier hielt sie inne.
Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,
murmelte sie vor sich hin, ,und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre es mir peinlich, mich so vor ihr gedemütigt
zu haben.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber
es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien einen inneren Schmerz zu spüren - vielleicht die Vorboten des letzten
Kampfes.
,Nun, ich muß es überwinden. Die Ewigkeit steht vor mir.
Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. Geh' an meinen Toilettentisch, öffne ihn und nimm den Brief heraus, den du dort
finden wirst.
Ich tat, wie sie mir befohlen hatte
,Lies den Brief, sagte sie.
Er war kurz und lautete:
,Madame!
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es
ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen, mir ein sorgenfreies Leben zu
verschaffen, gesegnet. Da ich unverheiratet und kinderlos bin,
so habe ich die Absicht, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und
ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen
kann.
Ich bin, Madame, usw., usw.
John Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden? fragte ich
langsam.
,Weil ich dich zu sehr haßte, um dazu beizutragen, daß du zu
Wohlstand gelangtest. Ich konnte dein Betragen gegen mich nicht
vergessen, Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst
gegen mich gewandt hast; den Ton nicht, in welchem du mir erklärt,
daß du mich mehr haßtest als irgend jemand auf der Welt; den
unkindlichen Blick nicht, nicht dein Wort, daß der bloße Gedanke
an mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit
der abscheulichsten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine
eigenen Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte.
Bring' mir einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich!
,Liebe Mrs. Reed! sagte ich, indem ich ihr den gewünschten
Trunk reichte, ,denken Sie nicht mehr an all diese Dinge, schlagen
Sie sie sich aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht, fast neun Jahre sind
seit jenem Tage vergangen.
Sie hörte nichts von dem, was ich sagte; als sie aber das
Wasser getrunken und tief Atem geschöpft hatte, fuhr sie fort:
,Ich sage dir; ich konnte es nicht vergessen und nahm meine
Rache dafür. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein
Onkel dich adoptieren und dich damit zu Wohlstand gelangen lassen
wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, das; es mir leid täte um
den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei tot,
sie sei am Typhus in Lowood gestorben. Handle nun, wie du
willst; schreib' ihm und widersprich meinen Angaben- decke meine
Lügen auf, sobald du willst. Ich glaube, du warst nur mir zur
Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die Erinnerung an
eine Tat verbittert, welche ich niemals zu begehen versucht gewesen,
wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.
,Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr
an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Versöhnlichkeit anzusehen
,Du hast einen sehr bösen Charakter,' sagte sie, ,und dazu
einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen vermag.
Ich werde es nie verstehen, wie du während neun Jahre jede
schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen konntest, um
im zehnten in Wut auszubrechen.
,Mein Charakter ich nicht so schlecht, wie Sie glauben, Tante
Reed, ich bin leidenschaftlich, aber nicht rachsüchtig. Als ich ein
kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn
Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich
jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich,
Tante.
Ich näherte meine Wangen ihren Lippen; sie berührte aber
diese nicht. Sie sagte, es verursache ihr Angst, wenn ich mich über
das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken. Als ich sie
wieder niederlegte - denn während des Trinkens hatte ich sie aufgerichtet und mit meinem Arm gestützt- bedeckte ich ihre eiskalte,
feuchte Hand mit der meinigen; die schwachen Finger zuckten unter
meiner Berührung zusammen - die gläsernen Augen wichen meinem Blicke aus.
,Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,'
sagte ich endlich, ,Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie
jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung - und finden Sie
Frieden.
Armes, gequältes Weib! Jetzt war es zu spät für sie. Jetzt
konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu
ändern. Während ihres Lebens hatte sie mich nur gehaßt - auch
auf dem Totenbett blieb sie unversöhnlich.
Jetzt trat die Wärterin ein, und Bessie folgte ihr.
Ich verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen
von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst,
sie sah mich nicht mehr. Die Bewußtlosigkeit nahm zu, die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf Uhr in jener Nacht starb sie.
Ich war nicht da, um ihr die Augen zuzudrücken; auch ihre Töchter
weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kam die Wärterin und
Bessie, um uns mitzuteilen, daß alles vorüber sei. Eliza und ich
gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in lautes
Weinen aus und sagte, sie habe nicht den Mut zu gehen. Da lag
nun Sara Reeds einstmals so kräftiger, lebensvoller Körper, starr
und still. Die kalten Lider bedeckten das scharfe Auge; die Stirn
und die starren Züge trugen noch den Zug ihrer unerbittlichen
Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für
mich. Nichts Friedliches, nichts Hoffnungserweckendes flößte er
mir ein; nur einen angstvollen Jammer um ihr Weh - nicht um
meinen Verlust - und ein düsteres, tränenloses Entsetzen über
die Grauen eines solchen Todes in dieser Gestalt.
Eliza blickte ruhig ihre Mutter an. Nach einigen Minuten
des Schweigens bemerkte sie:
,Mit ihrer Konstitution hätte sie ein schönes, hohes Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.
Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Gleich darauf wandte sie sich ab und ging zur Tür hinaus.
Dasselbe tat ich. Keine von uns hatte eine Träne vergossen.
Ich wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen, aber
Georgina flehte mich an zu bleiben, bis es ihr möglich sein würde,
nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson, sie nun
endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle
Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester zu treffen und die
Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen. Ich will hier gleich
vorwegnehmen, daß ich nach langen Verhandlungen einige Jahre
später in den Besitz des Vermögens meines inzwischen in Madeira
verstorbenen Onkels gelangt bin. Georgina sagte, sie fürchte sich
mit Eliza allein zu bleiben; von ihr hatte sie weder Sympathie in
ihrer Traurigkeit noch Hilfe in ihrer Bedrängnis und Unterstützung bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug
ich denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen
so gut ich konnte und tat mein Bestes, indem ich für sie nähte und
einpackte. Es ist wahr, daß sie müßig umherging, während ich
arbeitete, und gar oft dachte ich bei mir selbst: ,Nun, Cousine,
wenn wir beide verurteilt wären, miteinander zu leben, so würden
wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig darin finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir
deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen,
ihn zu tun, wenn er nicht ungetan bleiben sollte. Und ich würde
auch darauf dringen, daß du deine Klagen in deine eigene Brust
verschlössest. Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und in eine sehr traurige Zeit fällt, habe ich
mich herbeigelassen, so geduldig und gutwillig dir gegenüber
zu sein.
Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt
wurde ich von Eliza gebeten, noch eine Woche dazubleiben. Wie
sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in
Anspruch. Sie war im Begriff, in irgend ein unbekanntes Land
abzureisen, und während des ganzen Tages hielt sie sich in ihrem
Zimmer auf. Die Tür war verriegelt, und sie beschäftigte sich damit, Koffer zu packen, Schubladen zu leeren, Papiere zu verbrennen, ohne jemand zu beachten. Von mir wünschte sie, daß ich mich
um den Haushalt kümmere, Besucher empfinge und Kondolenzschreiben beantwortete.
Eines Morgens sagte sie mir, daß ich nun frei wäre. ,Und,
fügte sie hinzu, ,ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für Ihre
schätzbaren Dienste und Ihr verständiges Verhalten. Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder mit Georgina. Sie erfüllen Ihre Aufgabe im Leben und belästigen niemand. Morgen,'' fuhr sie fort, ,begebe ich mich nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause
bei Lisle nehmen- ein Nonnenkloster, wie man es zu nennen
pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben. Wenn ich finde
- wie ich es halb und halb erwarte- daß mich mein Entschluß
nicht reut, so werde ich wahrscheinlich den Schleier nehmen.
Ich drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß
aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen.
,Dieser Beruf wird aufs Haar für dich passen,' dachte ich, ,möge
es dir dabei gut gehen!'
Als wir uns trennten, sagte sie: ,Leben Sie wohl, Cousine
Jane Eyre; ich wünsche Ihnen eine glückliche Zukunft, Sie besitzen
viel Verstand.
Und ich entgegnete: ,Auch Sie sind nicht ohne Verstand, Cousine Eliza; aber was Sie davon besitzen, wird wahrscheinlich binnen Jahresfrist in einem französischen Kloster eingemauert sein.
Indessen geht das mich nichts an, und wenn Sie sich wohl dabei
fühlen, ist es mir gleichgültig.
,Sie haben recht,'' entgegnete sie. Und mit diesen Worten
trennten wir uns und gingen jede unseres Weges.
Da ich nicht Gelegenheit haben werde, wieder auf sie oder ihre
Schwester zurückzukommen, kann ich hier ebensogut noch erwähnen,
daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit einem sehr reichen
Herrn schloß, und daß Eliza in der Tat den Schleier nahm und
heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie demselben ebenfalls vermagt.
18. Kapitel.
Verlobung und Hochzeit.
Eine herrliche Mittsommerzeit war über England gekommen,
so klar war der Himmel, so strahlend der Sonnenschein, wie wir
ihn selten erlebt hatten. Es war, als ob eine Menge von italienischen Tagen wie eine Schar prächtiger Zugvögel vom Süden heraufgekommen wäre und sich, um auszuruhen, auf den Felsen
Albions niedergelassen hätte. Alles Heu war hereingebracht.
Die Wiesen um Thornfield waren grün und kurz geschoren; die
Landstraßen waren weiß und staubig, die Bäume prangten in
dunklem Grün. Hecken und Bäume in ihrem vollen dunklen Blätterschmuck kontrastierten auf das prächtigste mit den lichtgrünen
Matten, auf welchen sie standen.
Am Johannisabend war Adele, die den ganzen Tag wilde
Erdbeeren in Haylane gesucht hatte, mit der Sonne schlafengegangen. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie einschlief. Dann verließ ich
sie und ging in den Garten.
Das war die süßeste von allen vierundzwanzig Stunden.
Das glühende Feuer des Tages war erloschen, und auf die lechzende Erde und die ausgedörrten Hügel fiel der Tau. Wo die
Sonne in ihrer einfachen Pracht untergegangen war, ohne sich mit
dem Pomp der Wolken zu umgeben, zog sich ein roter Streifen hin,
in dem es hier und da funkelte wie das Feuer eines köstlichen Edelsteins oder die Flamme eines Hochofens. Hoch und weit, schwächer und schwächer werdend, zog er sich über den halben Horizont.
Im tiefblauen Osten stieg ein einziger Stern empor, bald sollte
ihm der Mond folgen; jetzt war er noch unter dem Horizont.
Während einiger Minuten ging ich auf dem Steinpflaster hin
und her; aber bald drang ein wohlbekannter Duft - der einer
Zigarre - aus einem der Fenster; ich bemerkte, daß die Fenstertür des Bibliothekzimmers ungefähr eine Handbreit offen stand,
und ich wußte, daß man mich von dort aus beobachten konnte;
deshalb ging ich hinunter in den Obstgarten. Im ganzen Park
hätte sich kein Winkel an Ruhe und Schönheit mit diesem vergleichen können; die Bäume spendeten Schatten, die duftendsten
Blumen wuchsen hier; eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem
Wirtschaftshofe an der einen Seite, an der anderen schied ihn eine
Buchenallee vom großen dahinter liegenden Grasplatz. Am
äußersten Ende war ein zerfallener Zaun, die einzige Scheide zwischen den einsamen Feldern; zu diesem Zaun führte ein gewundener Fußpfad, an welchem Lorbeerbäume sich entlangzogen und der
vor einem gewaltigen Kastanienbaum endigte, um dessen Stamm
eine Bank aufgestellt war. Hier konnte man ungesehen umherwandern. Der Tau fiel, es wurde dunkler und stiller, und mir
war, als könnte ich in diesem Schatten für immer weilen. Als ich
aber die Blumenbeete und Baumgruppen überblickte, wurde mein
Schritt plötzlich gehemmt - nicht durch einen Gegenstand, nicht
durch einen Laut, sondern wiederum durch einen verräterischen
Duft.
Duftende Sträucher, Nelken und Rosen haben längst ihr
abendliches Opfer an Weihrauch dargebracht; dieser neue Duft entsteigt weder einer Blume noch einem Strauch - er entströmt, ich
weiß es nur zu wohl, Mr. Rochesters Zigarre. Ich blicke umher
und horche. Ich sehe die Bäume mit reifenden Früchten beladen.
In einem Gehölz, eine halbe Meile von hier entfernt, höre ich eine
Nachtigall schlagen. Keine menschliche Gestalt ist sichtbar, kein
nahender Schritt hörbar, aber jener Duft wird stärker: ich muß
mich flüchten. Ich schreite auf die Gitterpforte zu, welche in die
Allee führt - und sehe Mr. Rochester eintreten. Ich trete seitwärts in eine mit Efeu berankte Nische; er wird ja nicht lange verweilen; bald wird er dorthin zurückkehren, von wo er gekommen,
und wenn ich mich ruhig verhalte, wird er mich nicht sehen.
Aber nein die Abendruhe ist ihm so wohltuend, und dieser
altertümliche Garten übt die gleiche Anziehungskraft auf ihn; und
weiter schlendert er. Jetzt hebt er den Zweig eines Stachelbeerbusches empor, um die reifenden Früchte zu prüfen, welche so groß
wie Pflaumen sind und schwer zu Boden hängen. Dann pflückt
er eine reife Kirsche von der Mauer; nun wieder beugt er sich zu -
einer Baumgruppe nieder, entweder um ihren Duft einzuatmen
oder die Tautropfen an ihren Blumenblättern zu bewundern.
Eine große Motte schwärmt an mir vorüber; sie läßt sich auf einer
Pflanze zu Mr. Rochesters Füßen nieder; er sieht sie und beugt sich,
um sie genau anzusehen.
,Jetzt kehrt er mir den Rücken zu,r' dachte ich, ,und ist beschäftigt; wenn ich sehr leise gehe, kann ich vielleicht unbemerkt
entschlüpfen.
Ich schlich am Rande der Beete entlang, damit das Knirschen
der Kieselsteine auf dem Wege mich nicht verraten sollte, einige Fußbreit von der Stelle entfernt, an welcher ich vorbei mußte, stand er
zwischen den Baumgruppen; augenscheinlich beschäftigte die Motte
ihn. ,Ich werde unbemerkt vorbeikommen,'' dachte ich. Als ich
über seinen Schatten, welchen der eben aufgegangene Mond über
den Fußpfad warf, hinwegschritt, sagte er ruhig, ohne sich umzuwenden:
,Jane, kommen Sie her und sehen Sie dies Tier an.
Ich hatte kein Geräusch gemacht: er hatte auch keine Augen
auf dem Rücken - konnte sein Schatten fühlen? Im ersten Augenblick stutzte ich, dann näherte ich mich ihm.
,Sehen Sie die Flügel an,' sagte er, ,sie erinnern mich an
ein westindisches Insekt; in England sieht man einen so großen und
lustigen Nachtfalter nicht oft: ah! nun fliegt er davon!'
und die Motte flog fort. Auch ich wollte mich leise davonmachen; aber Mr. Rochester folgte mir, und als wir die Pforte erreichten, sagte er:
,Kehren Sie mit mir um; es wäre unverantwortlich, an
einem so herrlichen Abend im Hause zu sitzen; und niemand kann
doch wünschen, sein Lager aufzusuchen, wenn Sonnenuntergang
und Mondaufgang so wundersam zusammentreffen.
Es ist einer meiner Mängel, daß meine Zunge, die oft so leicht
die passende Antwort findet, mich im Stiche läßt, wenn es gilt, eine
Entschuldigung oder einen Vorwand vorzubringen, um aus einer
peinlichen Verlegenheit herauszukommen. Es war mir nicht angenehm, um diese Stunde mit Mr. Rochester allein im Obstgarten
spazieren zu gehen; aber mir fiel kein Vorwand ein, unter dem ich
ihn hätte verlassen können.
Mit langsamen Schritten folgte ich ihm, mein Kopf mühte sich
ab, ein Mittel zu finden, um von ihm loszukommen, aber er selbst
sah so ruhig und ernst aus, daß ich mich meiner Verwirrung
schämte. Das Unrecht - wenn überhaupt davon die Rede sein
konnte - lag nur auf meiner Seite; seine Stimmung schien gefaßt
zu sein.
,Jane,' begann er von neuem, als wir in den Lorbeerweg traten und langsam in der Richtung des verfallenen Zaunes und des
Kastanienbaumes hinschritten, ,Jane, Thornfield ist ein prächtiger
Aufenthalt im Sommer, nicht wahr?
Ja, Sir.
,Das Haus müssen Sie doch schon ein wenig lieb gewonnen
haben,-- Sie, die Sie ein Auge für Naturschönheit haben und
einen stark ausgebildeten Sinn der Seßhaftigkeit.
,Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield.
,Und obgleich ich nicht begreife, wie es zugeht, so bemerke ich
doch, daß Sie eine Art von Zuneigung für das törichte kleine Ding,
die Adele, gefaßt haben und ebenso für die schlichte Dame Fairfax.
,Ja, Sir, in verschiedener Weise habe ich beide herzlich lieb.
,Und würde es Ihnen schwer fallen, sich von beiden zu
trennen?
,Gewiß.
,Wie schade! sagte er seufzend. Dann schwieg er lange. ,So
geht es immer im Leben,' fuhr er nach einer Weile fort, ,kaum
hat man einen glücklichen Ruhefleck gefunden, so ertönt die
Stimme, die einem zuruft aufzustehen und weiterzugehen, denn die
Stunde der Ruhe ist vorüber.
,Muß ich denn weitergehen, Sir?’ fragte ich. ,Muß ich
Thornfield wieder verlassen?'
,Ich glaube, Sie müssen, Jane. Es tut mir leid, Jane, aber
ich glaube wirklich, daß Sie fort müssen.
Das war ein Schlag; aber ich ließ mich nicht von ihm zu
Boden drücken.
,Nun, Sir, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Aufbruch kommt.
,Er kommt jetzt- ich muß ihn schon heute abend erteilen.
,Sie wollen sich also verheiraten, Sir?
,Sie haben es erraten - vollkommen erraten. Mit Ihrer
gewohnten Scharfsicht haben Sie wieder den Nagel auf den Kopf
getroffen.
,Bald, Ehe?
,Sehr bald, meine -- ich wollte sagen Miß Eyre; und Sie
werden sich noch erinnern, als das Gerücht oder ich Ihnen zum
erstenmal mitteilte, daß es meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das heilige Joch der Ehe zu beugen, Miß Ingram an mein Herz und meinen Herd zu nehmen, kurzum -
also . . nun, wie ich Ihnen schon sagte- hören Sie mich an,
Jane! Sie wenden den Kopf doch nicht ab, um noch mehr Motten
zu suchen? Ich wollte Sie nur daran erinnern, daß Sie die erste
waren, die mir sagte- allerdings mit jener Vorsicht und Bescheidenheit, welche Ihrer abhängigen Stellung zukommen daß Sie
und die kleine Adele für den Fall, daß ich Miß Ingram heiraten
sollte, fortgehen würden. Ich will nicht von der Beleidigung
reden, welche in diesem Begehren für die Angebetete meines Herzens liegt; in der Tat, Jane, wenn Sie weit fort sein werden, will.
ich sogar versuchen, diese Beleidigung zu vergessen; ich will nur an
Ihren guten Rat denken, welcher darin liegt; dieser war so groß,
daß ich ihn sogar zur Richtschnur für meine Handlungsweise
machen will. Adele muß in eine Schule geschickt werden, und Sie,
Miß Eyre, müssen eine andere Stellung haben.
,Ja, Sir, ich will' es sofort in die Zeitungen rücken lassen, inzwischen aber vermute ich- ich wollte sagen, ,vermute ich, daß
ich hier bleiben darf, bis ich ein anderes Obdacht gefunden habe,
aber ich hielt inne, weil ich fühlte daß ich mich nicht an einen so
langen Sat wagen dürfe, da ich meine Stimme in diesem Augenblick nicht beherrschen konnte.
,In ungefähr einem Monat hoffe ich Hochzeit zu halten, fuhr
Mr, Rochester fort, .und in der Zwischenzeit werde ich selbst nach
einer Stellung und einem Obdach für Sie Umschau halten.
,Danke, Sir, es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Mühe verursache.
O?
-
hat, wie Sie, das Recht hat, von ihrem Herrn einigen Beistand zu
verlangen, welchen er ihr ohne große Mühe leisten kann; ich habe
sich darum, die Erziehung der fünf Töchter einer gewissen Mrs.
Dionysius O Gall auf Bitternutlodge, in der Grafschaft Connaught in Irland zu übernehmen. Irland wird Ihnen gefallen,
-
,Das ist aber so weit von hier, Sir.
,Das tut nichts- ein so verständiges Mädchen wie Sie wird
sich doch nicht an die lange Reise oder die Entfernung stoßen -
nicht wahr?
,Nicht an die Reise - aber an die Entfernung, und dann ist
die See doch immerhin eine Schranke.
,Zwischen wem, Jane?’
,Zwischen England, Thornfield und -
,Nun?
,Und Ihnen, Sir.
Diese Worte entschlüpften mir fast umwillkürlich; und ohne
daß ich etwas dagegen zu tun vermochte, stürzten mir die Tränen
aus den Augen. Indessen weinte ich nicht so laut, daß man mich
hätte hören können; ich enthielt mich wenigstens des Schluchzens.
Der Gedanke an Mrs. O Gall in Bitternutlodge machte mir fast
das Herz erstarren.
,Es ist so weit von hier,' sagte ich noch einmal.
,Gewiß ist es das, und wenn Sie einmal in Bitternutlodge,
Grafschaft Connaught in Irland, sind, dann werde ich Sie nie
wiedersehen, Jane, das ist unumstößlich gewiß. Denn ich gehe
niemals nach Irland hinüber, ich habe keine Vorliebe für dieses
Land. Aber nicht wahr, Jane, wir sind immer gute Freunde gewesen?
,Ja, Sir.
, Und wenn gute Freunde am Vorabend einer Trennung
stehen, dann sind sie glücklich, wenn sie die kurze Zeit, die ihnen noch
bleibt, beieinander verleben können. Kommen Sie - lassen Sie
uns für eine Stunde oder länger ruhig über den Abschied und die
Reise sprechen, und betrachten wir dabei die Sterne, wie sie still
einer nach dem anderen am Himmel aufgehen. Hier auf dieser
Bank unter dem Kastanienbaum. Lassen wir uns heute abend in
Frieden dort nieder; vielleicht hat das Schicksal gefügt, daß wir
niemals wieder dort sitzen sollen. Er drückte mich auf die Bank
nieder und setzte sich neben mich.
,Der Weg nach Irland ist sehr weit, Jane, und es wird mir
schwer, meine kleine Freundin auf eine so lange Reise zu schicken;
wenn ich aber etwas Besseres tun könnte was dann? Glauben
Sie, daß Sie mir seelenverwandt sind, Jane?
Es war mir in diesem Augenblick nicht möglich, irgend eine
Antwort zu geben; mein Herz war zu voll.
,Zuweilen,' fuhr er fort, ,habe ich nämlich eine so seltsame
Empfindung Ihnen gegenüber, besonders wenn Sie mir so nahe
sind wie in diesem Augenblick; es ist, als hätte ich unter meiner
linken Rippe irgendwo einen Faden, welcher fest und unauflöslich
mit einem gleichen Faden an derselben Stelle Ihres kleinen Körpers verknüpft wäre. Und ich fürchte, daß dies Band für immer
zerreißt, wenn das stürmische Meer und mehr als zweihundert
Meilen Landes zwischen uns liegen. Und ich hege eine Angst, daß
ich mich dann verbluten müßte. Was Sie anbetrifft - Sie -
würden mich bald vergessen.
,Das könnte ich niemals, Sir Sie wissen das?
weiter vermochte ich nicht zu sprechen.
,Jane, hören Sie die Nachtigall dort drüben im Walde schlagen? Horchen Sie nur.
Indem ich aufhorchte, begann ich krampfhaft zu schluchzen;
denn ich konnte mein Empfinden nicht länger unterdrücken; ich
mußte nachgeben, und mein Schmerz schüttelte mich von Kopf bis
zu Fuß. Als ich wiederum redete, geschah es nur, um den leidenschaftlichen Wunsch auszusprechen, daß ich niemals geboren oder
niemals nach Thornfield gekommen wäre.
,Weil es Ihnen so leid wird, wiederum von hier fortzugehen,
Jane?
Die Gewalt jener Empfindungen, welche Liebe und Kummer
in mir erweckt hatten, rang nach der Oberherrschaft und zwang
mich zu reden.
,Ich bin bedrückt, weil ich Thornfield verlassen soll, denn ich
liebe Thornfield- ich liebe es, weil ich hier ein volles, frohes
Leben gelebt habe- für kurze Augenblicke wenigstens. Man hat
mich hier nicht mit Füßen getreten. Man hat mich nicht mit unter
mir stehenden Menschen zusammengeworfen, ich bin nicht ausgeschlossen worden von dem Verkehr mit allem, was hell und strahlend und kraftvoll ist. Ich habe von Angesicht zu Angesicht mit
dem reden können, was ich verehre; mit einem großmütigen, weitblickenden, eigenartigen Charakter. Ich habe Sie kennen gelernt,
Mr. Rochester, und es erfüllt mich mit Angst und Schrecken, daß ich
für immer von Ihnen getrennt sein soll. Ich sehe die Notwendigkeit der Abreise vor mir, und mir ist zumute, als ob ich dem Tode
entgegengehen müßte.''
,Wo sehen Sie die Notwendigkeit? fragte er mich dann
plötzlich.
,In der Gestalt von Miß Ingram, einer edlen, schönen
Frauengestalt -- Ihrer Braut.'
,Meiner Braut! Welcher Braut? Ich habe keine Braut!
,Aber Sie werden eine haben.'
,Ja, ich werde! - ich werde! Und fest entschlossen biß er
die Zähne zusammen.
,Und deshalb muß ich gehen - Sie selbst haben es ja gesagt.
,Nein! Sie müssen bleiben! Ich schwöre es! Und diesen
Eid werde ich halten.'
,Und ich sage Ihnen, daß ich gehen muß, entgegnete ich
mit Leidenschaft. ,Glauben Sie, daß ich bleiben kann, um Ihnen
nichts zu werden? Meinen Sie denn, daß ich ein Automat bin?
- eine Maschine ohne Gefühl? Und daß ich es ertragen kann,
mir den Bissen Brot von den Lippen entreißen, den Kelch mit dem
Tropfen klaren Wassers aus den Händen reißen zu lassen? Glauben Sie, daß ich ohne Seele, ohne Herz bin, weil ich arm und klein
bin? Nein, Sie irren! Ich habe ebensoviel Seele wie Sie -
ebensoviel Herz wie Sie! Wenn Gott mir nur ein wenig Schönheit und großen Reichtum geschenkt hätte, so würde ich es Ihnen
ebenso schwer gemacht haben, mi ch zu verlassen, wie es mir jetzt
wird, von Ihnen zu scheiden. Ich spreche in diesem Augenblick
nicht nach Gewohnheit und Brauch zu Ihnen - nein, nicht einmal
das Fleisch ist es, was zum Fleische spricht - es ist meine Seele,
die zu der Ihren redet, es ist, als wären beide durch die dunkle
Pforte des Todes gegangen, und wir ständen vor Gott, vor dem
wir gleich sind.
,Vor dem wir gleich sind!' wiederholte Mr. Rochester, so,
fügte er hinzu und schloß mich in seine Arme, zog mich an sein Herz,
preßte seinen Mund auf meine Lippen und sagte:,So, Jane! Ich
begehre von Ihnen, daß Sie mein Weib werden; nur Sie beabsichtige ich zu heiraten
Ich schwieg. Ich glaubte, er spotte meiner.
,Kommen Sie, Jane,- hier an meine Seite.
,Ihre Braut steht zwischen uns, Sir.
Er erhob sich und stand mit wenigen Schritten an meiner Seite.
,Meine Braut steht hier,' sagte er, und zog mich wieder an
sich, ,weil sie meinesgleichen und weil sie mir ähnlich ist. Jane,
wollen Sie mich heiraten?
,Ja, Sir - ich will Sie heiraten.
,Edward, sagen Sie Edward - mein kleines Weib.
,Teurer Edward!
,Kommen Sie zu mir - kommen Sie für Zeit und Ewigkeit
zu mir, sagte er und fügte in seinem innigsten Tone hinzu, indem
er seine Wange an die meine legte und mir ins Ohr flüsterte:
,Mach du mein Glück- ich werde das deine machen.
Immer und immer wieder fragte er mich: ,Bist du glücklich,
Jane?’
Und immer wieder antwortete ich: ,Ja, ja!’
Was war aber aus dem lichten Abend geworden? Der Mond
konnte noch nicht untergegangen sein- und doch saßen wir bereits
im Schatten. Ich konnte kaum das Gesicht meines Herrn sehen,
wie nahe ich ihm auch war. Der Wind heulte in dem Lorbeerwäldchen und fuhr sausend über uns dahin.
,Wir müssen hineingehen, sagte Mr. Rochester, ,das Wetter
verändert sich, ich hätte bis zum Morgen mit dir hier sitzen können,
Jane!
Unsere Hochzeit war einige Monate später. Sie wurde still
gefeiert. Wie glücklich ich war, brauche ich meinen Lesern nicht
zu versichern. Zum erstenmal in meinem vielgeprüften Leben zog
Friede in mein Herz ein. Nun hatte Gott es alles zum besten gewandt.
Lieber Leser, hoffentlich hast du die kleine Adele noch nicht
ganz vergessen? Ich wenigstens gedachte ihrer. Bald nach meiner
Verheiratung erbat und erhielt ich von meinem Mann die Erlaubnis, sie in ihrer Schule besuchen zu dürfen, in welche er sie gebracht
hatte. Ihre grenzenlose Freude bei meinem Anblick rührte mich
aufs tiefste. Sie war blaß und mager und klagte mir, daß sie nicht
glücklich sei. Ich fand, daß die Regeln der Schule zu strenge gehandhabt wurden, daß der Lehrplan für ein Kind in ihren Jahren
zu anstrengend sei. Deshalb nahm ich sie mit mir nach Hause. Ich
suchte und fand später eine Schule, welche nach einem nachsichtigeren System geführt wurde und uns nahe genug gelegen war, um
sie öfter besuchen und dann und wann nach Hause nehmen zu können. Ich trug Sorge, daß ihr nichts fehlte, was zu ihrem Wohlbefinden notwendig war; daher fühlte sie sich an ihrem neuen
Aufenthaltsorte bald heimisch, wurde dort sehr glücklich und machte
in ihren Studien ausgezeichnete Fortschritte. Als sie heranwuchs,
ersetzte eine gesunde englische Erziehung in großem Maße die ihrem
französischen Charakter anhaftenden Mängel; und nachdem sie die
Schule verlassen hatte, fand ich in ihr eine stets liebenswürdige
Gefährtin; sie war sanft, gutmütig und hatte strenge Grundsätze.
Durch die dankbare Aufmerksamkeit, welche sie mir und den Meinen erweist, hat sie längst jede Freundlichkeit und Güte vergolten,
welche ihr zu erweisen einst in meiner Macht lag.
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Nur noch ein kurzes
Schlußwort.
Jetzt bin ich seit zehn Jahren verheiratet. Ich weiß, was es
heißt, ganz fur den und mit dem zu leben, den man auf dieser
Welt am liebsten hat. Ich halte mich für außerordentlich glücklich -
glücklicher als Worte es beschreiben können, weil ich meinem
Gatten ebenso teuer bin, wie er es mir ist. Kein Weib stand jemals
ihrem Gatten näher als ich dem meinen: wir sind geistig und körperlich miteinander verwachsen. Edwards Gesellschaft ermüdet
mich niemals; er ist niemals ohne mich; der Pulsschlag seines Herzens ist der meine- mein Pulsschlag ist der seine. Beieinandersein bedeutet für uns so froh sein wie in großer Gesellschaft, - so
frei wie in der Einsamkeit. Ich glaube, wir sprechen den ganzen
Tag miteinander; das ist nur eine hörbarere und lebhaftere Art
des Denkens. Ich schenke ihm mein ganzes Vertrauen; er hat mir
das seine vollständig geschenkt; unsere Charaktere passen genau zueinander - folglich herrscht die vollkommenste Übereinstimmung
zwischen uns.
Erste Abtheilung.
Die Waise im Hause ihrer Tante.
Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin abgewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die
Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die
Tränen zu trocknen und manchen durch Leid und Mißgeschick Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin,
zunächst, sei diese Erzählung gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde
früh eine Waise und wüßte von diesem Augenblicke an, für
die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein
Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner
unglückliche Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz
ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid
preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund,
weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann
in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche
Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie
seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach
meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich
schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch
jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene
waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher
Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagt habe, war der ächte Typus
eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig
und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um
so ungestörter entwickeln zu können, als er gegen mich den
doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer
der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wozu ihn, wie ich
glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde
meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da
ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage,
jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens
sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master
Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in
mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen
werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die
Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht
durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner
Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage
in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meine
gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte,
das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte.
Es waren die »Vögel Englands von Bowick.“ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen,
colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem
Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen
Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte
mich auf.
"Hierher, Schläferin! rief mein liebenswürdiger
Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. "Wo Teufel mag sie sich
versteckt haben? fuhr er fort. Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier... Mama
glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still,
indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine
Spur. Ich sonnte nicht mehr zurückweichen; ich schob
daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das
nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter
einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor
meinem jungen Tyrannen.
"Was willst Du von mir? fragte ich ihn in einem
Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
"Was willst Du von mir, Master Reed? wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten
Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich
will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf,
winkte er mich, näher zu treten und vor ihn stehen zu
bleiben.
"John war damals ein plumper Bursche von etwa
vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem
Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt
allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im
Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte
Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war,
konnte ihm, gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im
Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck
auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort
zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und
als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er
mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich
weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben
ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche
Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er dese stumme
Sprache, dem er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte
zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den. Füßen zu
erhalten.
Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht
zu antworten, wenn ich Dich rufe, sagte er zu mir,
"und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere
Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei
langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte
Spinne.
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf
den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
"Was machtest Du dort? frage er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so trauriges
und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
»Ich las.
"Zeige mir das Buch.
Ich holte es herbei.
"Ich will Dich lehren, fuhr er fort, „in meinen
Bibliotheken herumzustöbern und: meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel ... nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht
errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle
befand, wurde mir les klar, denn ich sah, wie er den
dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in
der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich
auf die Seite; aber es war zu spät John hatte richtig
gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel
gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich
fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand,
mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder
zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte, dem Gefühle,
das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die
römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen
mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus
"Du bist ein böser und grausamer Mensch ... Du
gleichst einem Mörder ... einem Sklavenhändler ... den
Kaisern von Rom!
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen.
Sie erbitterte ihn aufs Höchste und in rasender Wuth
stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich
bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige
warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir
hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete
einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine
Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die
Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der
Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die
beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei
und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu
trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme
meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
»Mutter, sieh nur wie Jane mich zugerichtet hat,
rief John ihr entgegen- sie hat mich geschlagen, gekratzt
und gebissen, und was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr
verbot, mir meine Bücher zu verderben.
"Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt -- wollte ich entgegnen, aber meine Stimme
wurde von der meiner Tante übertönt.
"Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen
Sohn thätlich zu vergreifen? Ist das der Respekt, den Du
"ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten,
die wir Dir gewähren?
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
"In die' rothe Kammer! rief sie; „schließt sie ein
und laßt sie dort!
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese
"gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für
mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem
Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen
Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen
und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie
anrufen und wie sie die „wüthende Katze“ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte
die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie,
das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen
Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.
Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß, sagte
sie zu mir, „so müssen wir Sie binden. Miß Abbott,
setzte sie hinzu, leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.
Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr
gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf
voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine
gewisse erzwungene Ruhe gab.
"Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott! rief ich
aus; „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu
rühren.
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich
mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich
wider meinen Willen gesetzt worden war.
"Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die
beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine
lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen
und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm
und schutzlos war, dem Willen Derjenigen unterwerfen
müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen
und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte
ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen
die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten,
habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein
großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in
Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses
öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte,
wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett mit
Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den
zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden.
Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über
den vor dem Bett sehenden Tisch war ein ähnliches Tuch
gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet
auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem,
dunklem Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der
besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl mit einem gleichen
Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen
Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie
Feuer angezündet wurde. Da es von der Kinderstube und
der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrsche fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des
mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume,
der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von
meinem Seite auf und ging nach der Thür, die, wie ich
wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter
Schauder ergriff mich, als ich sah, saß sie wirklich fest
verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren,
müßte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem
ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes
erblickt hatte. Mein Blick versenke sich unwillkührlich in
die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun
darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer
allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab.
In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf,
dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme
sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das
eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach
einiger Zeit... die unglückliche Nichte der Mistreß Reed.
Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich
mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person
allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren
Bildern, die an meiner übereizten Phantasie vorüberzogen
und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die
so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir
hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage,
von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner
kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel
war, und von meiner angeborenen Senschenscheu, welche
noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe
und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum
ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach
und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend
seine Schmerzensthränen vergoß, daß der Wind traurig
in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine
entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen,
und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das
Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf, diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu
sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes... dies
war der Gnadenstoß für mich. -- --
„Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden
wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Bestäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte.
Man muße den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht
vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles
war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed
zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male im Streit
miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich
mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß,
den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz
schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichendem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm
besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen
setzte, da es - mir noch nie begegnet war. Er fand mich
sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen
und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem
Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel
gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter
Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht
interessirten.
"Dies ist ein Beweis, sagte er, „daß Du ein böses
Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß
Gott Dich davon befreit und Dir ein anderes dafür giebt,
ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.e
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen
beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne
ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Brocklehurst. Er war
der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über
meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die
Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am
darauf folgenden l. Januar, einer der denkwürdigen Tage
meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit
einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed
zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich
mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie
wieder den Namen »Tante“ zu geben, ein Beweis, daß
ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen
hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die
Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen
Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich
in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den
Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von
seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben.
Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein
vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.
Zweite Abtheilung.
Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines
Oheims verfolgt, so warn es nun Entbehrungen aller Art,
denen ich entgegen ging. Ich habe 8 Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache
Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen;
die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden
Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber,
die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig
wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den
Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger
Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien,
der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in
meinem Gedächtniß zurückgelassen haben!
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame
Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen.
Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost,
den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den
Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und
den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein:
aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von
der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab; den nämlichen Haarputz ohne Locken,
die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an
unsrem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die
nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe
mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir von allen Mitteln
entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns, im Winter in
großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht
das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich
diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel
der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klimas
äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte
eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund.
Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber und
der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten
das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus
in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns
schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur
und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten
Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war
für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate
sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf
einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich
alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den
Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher
nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu
geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige
Bewegung als das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche
von der Krankheit verschont blieben, den Garten und ich
habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den
Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder
den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause
gestattet war: Rasselas, liebe Freundin, ja, Rasselas,
Prinz von Abyssinien!"
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu
lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas
wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie
war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte,
daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß
nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise,
wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift
und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse
frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere
von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeit
und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte
den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können,
mit dem man se ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären,
das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet
haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin
eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der
größten Ruhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am
meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis
zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen; wollte
ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation
Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren
Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß
sie das Buch.
„Ich wette, sagte ich ohne Einleitung zu ihr, daß
Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
"Ich? erwiederte sie, indem sie mich mich ungeheucheltem Erstaunen anblickte; »ich bitte Dich, warum denn?
Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?
Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja
so grausam gegen Dich?"
"Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng.
Meine Fehler mißfallen ihr.
"An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich
würde mich ihr wiedersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie
sie Dich geschlagen hat, würde ich ihr den Stock aus der
Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen."
"Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn
Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen
werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr
betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen,
der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von
Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, dass
Böse mit Gutem zu vergelten.
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack
an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der
Mangel jedes Grolls gegen die Person, über welche sich,
meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen hatte.
Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt befaß, das mir
noch fehlte.
»Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler
hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz
tadellos.
"Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren,
nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin,
wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich niet den Regeln der Anstalt, aber es geschieht
häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese
ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner
systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß
Scatcherd nicht, dem sie ist im Gegentheil außerordentlich
genau, pünktlich, eigen...
"Gehässig und hartherzig, setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie
schwieg.
"Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, warum
bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.
"Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane.
Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir
Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du ihr aufmerksam zu und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd
mit mir spricht und ich nur nach ihr hören sollte, daß ich
zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke
in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als
befände ich mich in Northumberland und als wäre das
Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen
Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses
vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten,
so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt
werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten
Rauschen des heimatlichen Wassers gelauscht habe, so bin
ich auf keine passende Antwort vorbereitet.
"Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler
geantwortet.
"Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des
Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich
mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König
zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln
konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine
hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner
Krone hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können... Doch trotz
alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung
und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten König.
Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut,
das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten
sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die
Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete,
ohne es zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres
Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
"Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt,
Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen,
wenn sie gerecht ist.
"Das, ist aber gegen die Lehren der Religion, erwiderte Helene ruhig -- welche diese, Grundsätze verwirft.
"Verwirft? das ist mir unbegreiflich.
"Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß
nicht entwaffnet wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht
wieder aufhebt.
Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehend
„Darüber eben geben die Hehren der Religion Auskunft, welche allein vermögen, Dich dauernd zu beglücken.
Zu alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten
sie in diesem Falle: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch
fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.
"Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, müßte ich
Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht; ich müßte
ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.
"Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz
natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem
Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen,
Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt
verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt
habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden
so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen,
ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte
nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man
hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle
meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte
einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche
vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben
mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der
Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt,
daß Miß Temple, diejenige unserer Lehrerinnen, welche
Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an
warmen Nachmittagen in den Garten führte! Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu
sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht
immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
"Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im
Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn
Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß
wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt
sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem
kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen
pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte,
weil sie verwelken könnten, wenn ich dis morgen wartete.
Die von Thränen des Abends benetzten Blumen strömten
süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war,
der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Osten
empor, und dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß
es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein
so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich
dache ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand
kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er
schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn
auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde,
der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen
Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die
Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates
"erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete,
bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das
Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
"Wie geht es Helene Burns? fragte ich sie.
"Nicht zum Besten, war die einzige Antwort, die
ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
"Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?
.Allerdings.
. »Und was sagt er dazu?"
"Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche
Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt haben,
Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland
zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen
Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein klares
und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon bienieden ihre letzten
Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen
Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht
hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und
ein tiefer Schmerz... dann fühlte ich ein unwiderstehliches
Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu
sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene
in Miß Temples Zimmer lag; aber mehr konnte ich nicht
von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal.
Es hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille
schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus
meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich
barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer
aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete
der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein
Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber
an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch,
von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich
eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten
Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den
Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden
hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.
Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die
Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig
Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zaudere nicht länger, meine Besorgnisse waren
verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu
sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem
Vorbange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein
schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Gestalt
abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische
stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß
sie zu einer andern Schülerin gerufen worden wat, welche
phantasirte.
Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn
zurückzog.
"Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre? dachte ich.
"Helene, bist Du wach? fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie
von selbst und ich erblickte ein blaßes, eingefallenes, aber
vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren
sogleich verschwunden.
"Wie, Jane, Du bist hier? fragte mich Helene mit
der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen
Stimme kann man nicht sterben, sagte ich zu mir selbst
und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu
umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls;
ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln
war noch das ähnliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren,
da ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte
nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.
"Nun wohl, entgegnete sie, Du kommst gerade noch
zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.
Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause
zurück?
"Ja, erwiderte sie, nach Hause... nach Hause,
für immer.
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme
versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin
nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am
Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
"Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und
verbirg sie unter der Decke.
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm
um mich und drückte mich an ihre Brust.
"Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr
sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme
fort. Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so
betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth. Früher
oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit,
welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert
sich allmählig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem
ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht
das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu
bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln
und über mich zu klagen haben.
"Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, weißt Du,
wohin Du gehst?
"Ich gebe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich
zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke
übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein
Vater und mein Freund.
"Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?
"Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns
Beide erschaffen hat.
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine
Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich
schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte
ich sie zurückhalten.
Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke! hob sie
wieder an. Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt
fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht
fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber
es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
Nein, antwortete ich, und kein Mensch soll mich
jetzt von Dir trennen.
„Gute Nacht, Jane!
"Gute Nacht, Helene !
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem
Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte
eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete,
sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich
in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein
Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich
keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß
Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf
an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Macken
geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene
war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der
einzigen Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood
einigermaßen erträglich machte. Denken Sie sich meinen
Schmerz! Miß Temple, diejenige der Lehrerinnen, welche
mir und Helenen noch die meiste Theilnahme bewies, ist fast
die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem
traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen kann. Sechs
Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte während
dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung
so gut benutzt, daß ich die letzten 2 Jahre meines Aufenthaltes zur Unterlehrerin avancirte. Ich war selbst eine
leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich
gewandt des Pinsels, was für meine späteren Jahre die
Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet
ist. Ist es mir doch fast selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem
andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches
zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen. Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von
diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu
haben schien, gehalten hatte, nichts Anderes war, als die
Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen
Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und
zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen,
wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die
Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht
nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte
ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft
darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu
engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen
konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb
dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte. Ich dachte fort
während an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen,
an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedenken, mich hinein
zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth
schwand bald wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem Schicksal entgegen gehen könne, wie ich
es im Hause meiner Tante erfahren hatte. Diese Befürchtung
war es, welche meinen Aufenthalt in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich
ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und
ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach
Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht
einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche
Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stile im Schlafsaale;
nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war,
erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich
die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich
wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus
entziehen wollte. Ale meine Gedanken concentrirten sich
jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood
zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten
sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar
verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäfstigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in mir auf:
"Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen
von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich
ihn nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß
ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige
Stellung anzunehmen, als de, welche mir das Schicksal
angewiesen hat?
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur
eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu
gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des
Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt,
die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn
Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch,
Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter
der Adresse: Miß J. E, poste restante Lowton. Dann
nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand
geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich
einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen
enthielt:
"Wenn J. E., welche ich am vergangenen Donnerstage in dem ..shire Herald als Gouvernante offerirt
hat, wirklich die angeführten Talente besitzt und wenn
sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer
frühern Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10 Jahren zu
leiten hat. Der Gehalt besteht in 30 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen der Personen, auf deren
Empfehlung sie sich beruft, an die Herren Fairfax in
Thornfield bei Millcote in der Grafschaft ** einsenden.
Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig,
altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer
Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts
Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das
Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield
war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit
kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich
mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon,
daß es ein bedeutender Fabrikort war, der an dem Flusse
A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war,
einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler
Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen
und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein
geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie es sich
hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd in den
Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte
nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die
Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen,
sodaß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie
schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine
Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen
Tagen mit einem Zeugniß meiner guten und treuen Dienste
volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich
rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax
geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem
Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht
Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine,
wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen
Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem
Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende
Diligence und sechszehn Stunden nachher, gegen acht Uhr
Abends, befand ich mich, in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an
den Wänden des »Galons“ ein Portrait von Georg III.,
ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten
Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern
konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie
lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß
geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde
betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich
klingelte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze
mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote
liegen sollte.
"Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner,
"aber ich will nachfragen.
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und
fragte mich:
"Sind Sie vielleicht Miß Eyre?
"Allerdings.
"Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen
Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den
Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn fragte,
ob Thornfjeld weit sei:
"Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalb
Stunden sind wir dort.
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über
Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Wittwe,
die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich
indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer
einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben,
die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und
Liebenswürdigkeit schmückte.
Dritte Abtheilung.
Die Waise in Thornfield-Hall.
Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir
bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der
Kutscher öffnete und das sich hinter uns mit Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines
Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann führte
sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große
Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von einem
behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von, außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren
Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte mich nichts
schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als
ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin
mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?
Wie sagen Sie, meine Liebe? versetzte die gute
Dame. Ich höre ein wenig schwer.
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
Miß Fairfax? Ab so... Sie meinen Miß Varens.
So beißt Ihr künftiger Zögling.
"Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas
verwundert.
Mein, ich habe keine Kinder.
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege
zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß
jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugeben, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine
weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir
sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und
der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse
verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine
einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen
konnte.
"Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß
Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so
wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß,
zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit
machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und
verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da
ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich
doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf
den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen
Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß,
sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen
graue Facade sich von dem braunen Hintergrunde eines
Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert Krähen ihr
Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese
nieder, die zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren
in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen
Wald bildeten.
"Thornfield, dachte ich, heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens
hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in
einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch
Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über
die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
"Gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie mich dann.
"Außerordentlich, erwiderte ich mit dem Ausdrucke
der Wahrheit.
Es ist in der That nicht übel, versetzte Mistreß
Fairfax. »Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen, oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit, des Besitzers unerläßlich.
Master Rochester? rief ich aus; wen meinen
Sie damit?
»Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit
großer Ruhe. Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester
beißt?
Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.
"Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin
bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn
Sie wollen. Ich bin allerdings, daß beißt, mein Gatte
war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des
jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten
Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier
nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.
"Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?...
"Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt
sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht
Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das
von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre frangösische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele
war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend
zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde,
nachdem Mistreß Fairfax, mich ihr vorgestellt, hatte sie mir
bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht
so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht
was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit
ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger
Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als
eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit
hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus
in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer
traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin
getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein
Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln
zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an
den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit
gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und
böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein
schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch
den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, würde
ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche
ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt,
daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und
stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung
und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm
ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm
diesen kleinen Verdruß zu ersparen.
Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?
Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und
scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es
sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.
"Ist er allgemein beliebt?
Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung.
Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.
"Verzeihen Sie... ich verstand meine Frage anders.
Lieben Sie Herrn Rochester?"
"Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben.
Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.
"Aber sein Charakter..."
"Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas
Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber
wir haben uns nicht darüber zu beklagen.
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun
als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer
des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch eine
lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte
Temperatur, vergilbtes Neublement und altmodische Tapeten unwillkührlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich
bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen
Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax
mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf
die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte
mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer
doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig
still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts,
als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus einem
dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes
Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes,
regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte.
Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein
sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
Mistreß Fairfax! rief ich, als ich mich ein wenig
von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin
auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. Haben
Sie dieses Lachen gehört?
Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie, leicht
hingeworfen.
»Aber haben Sie es denn gehört?
"Allerdings, ich höre es oft. Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
"Grace! rief Mistreß Fairfax.
Dieser Dame schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich
indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien
eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und
auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
"Grace, sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem
ganz gewöhnlichen Geschöpf; es ist zu geräuschvoll hier,
Ihr wißt, was Euch befohlen ist...
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann
glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein
Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu
gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen
Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax
besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung
erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß.
Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit
fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich
im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie
viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen
der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den
unscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür
tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu
stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken,
welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen
haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend
und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December
und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen
starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die
Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich
anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude
ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner
freien Verfügung zu haben. Adele hat dringender und ich
gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen
Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die
Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne
schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da
ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen hatte, selbst
den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei
Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie
ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben,
um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden,
welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich zu diesen Auserwählten
gehörte, wenn ich den magischen Pinsel eines Constable
besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der
Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als
die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug.
Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich
langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in
einer Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der
Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin,
ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine
Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen
können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume
bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die
weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne
erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen
kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin
und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter
zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht
dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von
einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte,
den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit,
hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände
tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von Bäumen, an dem von den
Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch
erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield
begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher
auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter
seine hohen Mauern hinabgesunken war. Jetzt erst dachte
ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch
einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich
plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber ganz deutlich,
den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages,
welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren
Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen
Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit
jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter
vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei
Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach
der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer
Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden
Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist
die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes,
eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise
die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden
viel zu schaffen macht... und ich selbst hatte mich in diesem
Augenblicke verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch,
über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen
Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen
Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz
und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der
Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner
Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und
dicken Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig
an mir vorüberging, indem er mich kaum eines allerdings
übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem
eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt,
daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz,
und, was noch schlimmer war, mit einen Reiter auf dem
Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst
nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war
also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger
werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei
geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der
Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay
fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der
unmittelbar darauf folgende Ausruf: Verwünschte Geschichte!
veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war
auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte,
um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam,
um meinen Beistand anzusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien
es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige
Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu,
während er sich mit großer Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte.
Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte
man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete
fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen
halblauten Fluch ausstieß.
"Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen? fragte
ich ihn weiter.
Sie können mir aus dem Wege gehen erwiderte
er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann
ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen
und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte.
Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und
der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er
brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem
Hunde mit einem sehr kräftigen: -Ruhe, Pilot! Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine
und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine
mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein
Pferd zu besteigen, setzte er sich an die Barriere, die ich
vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
"Wenn Sie verwundet find, mein Herr, und irgend
eine Hilfe bedürfen, sagte ich zu ihn, "so könnte ich sie
Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall zusenden.
"Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst
aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen,
sondern mir nur den Fuß verrenkt.
"Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm
einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen
Sonne geröthet und an östlichen Horizont glänzte der Mond.
Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich
zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen
Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden
konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war.
Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und
der Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihn die zusammengezogenen Braunen und die noch zornfunkelnden Augen ein
wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er
noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man
konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens
fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war
mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen
jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch
viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je
einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu
haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets
als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für
dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt
und dabei schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen,
hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet,
so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen
sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten
beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink
gab, mich zu entfernen, rief ich aus:
"Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in
einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht
überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder
zu besteigen.
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem
so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte
mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
Aber mich dünkt, entgegnete er fast sogleich, daß
Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in
der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich
fragen darf?
"Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich
durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich
würde gern nach Hay geben, um Ihnen Hilfe zu senden;
übrigens gehe ich ohnedies dahin.
Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie?
Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit
den Schießscharten? fragte mich der Fremde, indem er
nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
"Ja, mein Herr.
"Und wem gehört dieses Haus?
"Herrn Rochester.
Kennen Sie Herrn Rochester?"
Nein, ich habe ihn nie gesehen.
Bewohnt er sein Haus
Nein.
Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?
"Dies weiß ich nicht.
Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse;
Sie sind . . .
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu
betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus
einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Gastorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche
Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben
würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
"Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner
Ungewißheit ein Ende zu machen.
"Ah so, die Gouvernante, versetzte er; auf Ehre,
ich dachte nicht mehr daran.
Er betrachte mich von Neuem. Nach einigen Minuten
versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz
malte sich in seinen Zügen.
"Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,
sagte er endlich, Beistand für mich herbeizuholen; aber
wenn Sie die Güte haben wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen
Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?...
Mein ... nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie
Muth genug dazu?
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben; aber ich weiß selbst nicht warum, es war
mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barriere
und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien,
sich zu bäumen und dessen Hofe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg
meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte
er laut auf.
Ich sehe wohl, sagte er, daß das Pferd nicht zu
mir kommen wird, und daß ich also versuchen muß, zu
dem Pferde zu gelangen. Haben Sie die Güte, hierher zu
kommen.
Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.
"Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, fuhr er fort,
aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Stütze
zu benutzen.
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte,
fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem Pferde,
das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An
seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehr
ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
"Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie
liegt dort an der Hecke.
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
"Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay,
und kommen Sie baldmöglichst zurück.
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem
Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann
im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach
und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich
seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit
lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und
von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt
und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens
der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommnen hatte,
so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes
von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum
ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem wenn nicht
schönen, aber doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor
meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um
den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann
vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder,
als ich auf dem Rückwege an die Barriere kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich
konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten
Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp
eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen
Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen
Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in
Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte,
war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete
Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches
Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin
ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und
scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah
ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen
an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich
mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild
hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax,
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich
weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen
lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und
weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß
ich mich der Illusion völlig hingab.
Pilot! rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
"Wem gehört dieser Hund? fragte ich sie.
»Dem Herrn.
.Welchem Herrn?
"Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?
Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie
sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.
"Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?
Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.
Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen
zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen;
Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als
gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns
ihre Freude über die Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es
war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke
anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren
Inhalt sie interessiren werde.
"Dies bedeutet, sagte sie, daß auch ein Geschenk
für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat
von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante beißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blaße
Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Dem nicht wahr,
es ist so, Mademoiselle?
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette
bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich
brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerke übrigens von diesem Morgen an, daß
Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer
Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der
Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte
im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen
Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn
erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen
veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen
Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis
dahin nach besten Kräften zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während
ich mich, damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen
eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, denn setzte sie hinzu, ich kleide mich stets des
Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.
Dies erschien mir etwas ceremnoniös; um jedoch dem
bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte
ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der
nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen,
dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich
nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar,
daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte
ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft
und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.
Vierte Abtheilung.
Master Rochester.
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte
auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes
Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit ihren
kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren des
treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine breite
und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte
wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst
nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte,
sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
"Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese volkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich
setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es
nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu
sein. Sie tischte uns eine Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
"Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu
haben schien, ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax
mir das Theebret, damit Mr. Rochester gezwungen wurde,
einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß
noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
"Nicht wahr, sagte sie zu ihm, in Ihrem Koffer
ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?
Was schwatzest Du von Geschenken? entgegnete
Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. Halten Sie
Geschenke für zweckmäßig? setzte er hinzu, indem er mich
mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
"Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ich bin nicht an
dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.
"Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.
"Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten,
bedurfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke
sind allerdings verschieden.
"Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele
hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie
etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.
"Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf
Ansprüche, wie auch weniger Wertrauen zu der Erfüllung
meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?
"Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit, erwiderte Mr. Rochester. Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben.
Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich
sie keine glänzenden Anlagen hat.
"Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am
meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen
geringen Werth in meinen Augen haben.
"Wirklich? versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte
er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß
Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich
hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der
Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.
"Spielen Sie Pianoforte? fragte er mich zuletzt.
"Ein wenig, antwortete ich.
"Das versteht sich von selbst? ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer
... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also
in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die
Thüre offen und spielen Sie etwas.
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle.
Mach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie
alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber
keineswegs gut.
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen
Platz zurück.
"Diesen Morgen, fuhr Mr. Rochester fort, hat mir
Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen
sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?
"Nein gewiß nicht! rief ich aus.
"Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie
mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß
diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie
Ihr Wort nicht leichtsinnig, dem ich verstehe mich auf
Flickwerk.
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek
das verlangte Portefeuilte.
"Einen Tisch!
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß
Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
"Nicht so, sagte Mr. Rochester. Nehmen Sie die
Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege;
ich kann es nicht leiden, daß Köpfe dem meinigen so
nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei
von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ
er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen
andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er
rief mich zurück.
"Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?
fragte er mich hierauf; und ist diese Hand die Ihrige?
"Ja, antwortete ich.
Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? dem
solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch
manches Andre...
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden
daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
"Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?
"Aus meinem Kopfe.
"Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?
"Allerdings.
"Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
"Wahrscheinlich... vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich
Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee
nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß
diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen
Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer
hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern
Partien waren in Dunkel. gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser
hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran
mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß.
Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold
und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Colorits scharf
hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter
einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man
einen ertrunkenen Leichnahm, von welchem man nur einen
Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das
Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den
dunklen Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an
dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb.
Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich hatte
anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur
wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde
Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes
Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt
oder deren feuchte Bruchstücke durch electrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußern
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab
die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung
diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges
durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des
Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem
mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen
Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein
männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei
abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich
unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche
Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck
als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf
glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen
Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und
da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen
Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton
der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
"Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?
fragte mich Mr. Rochester.
"Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft
glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte
fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken
konnte.
"Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis
jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig
gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben.
Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des
Schönen befriedigt?
"Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner
Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend.
Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen
hatte ...
"Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie
haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres
Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten
Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel,
demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige
Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus
einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem
Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und
ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ...
Welch' ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke!..
Und wer hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu
malen? dem es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen
Himmel und über diesen Berg dahinbraus't. Wo endlich
haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That
Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er
auf seine Uhr blickte:
"Schon neun Uhr vorüber!... Woran denken Sie
denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen?
Bingen Sie sie sogleich zu Bett!... Gute Sacht, meine
Damen.
So endigte unser erster Abend.
Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester
uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange
und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher
Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus
der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu geben,
äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu
begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich
kleidete die schon sehr kokette Adele aufs Beste an und
sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast
tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den
Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der
Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens
Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen angekommen. Ihr Vormund
gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches
die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte
und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und
bei jeder neuen Entdeckung. machte sie ihren Gefühlen durch
laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald
zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und
hat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen
Pariserin ein gefälliges Ohr zu leiden.
"Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt, sagte
er dann zu mir, und ich denke mir wohl, daß ich jetzt
für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem
das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. »Miß Eyre,
setzte er hinzu, rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig
vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir
und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage
zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir
diesen Zwang auflege.
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre
ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden
Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen
gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich
nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte
nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken,
wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer
zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte
hin und wieder seine Zügen und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz zu welchem
die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich, das Ihrige
beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem
Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen, Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes
verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelt sich in
seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in
das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete
meinen Augen.
"Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre?
sagte er in heiterem Tone; finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?
Ich bäte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen
Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes Nein, mein Herr! entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
"Vortrefflich! rief er in dem nämlichen Tone. Sie
haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem
Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine
gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten,
deren Hände stets an ihren Platze und deren Augen immer,
das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und
wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine
Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn
auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen
Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?
Entschuldigen Sie meine allzu große Freimüthigkeit.
Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der
Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe
sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen
muß, dann ...
"Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben
so viele Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstich. Eine
offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich
sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück
haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime
Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares
zurück.
"Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?
"Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich
beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug
von Philanthropie darauf erblicken soll?
"Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne
Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ, -- er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- daß ich weder die
Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte.
Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein
Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht
nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können.
In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch,
der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen und
Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen,
mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so
daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin wie Kautschuk.
Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine
gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige
Hoffnung vorhanden ist??
"Was für eine Hoffnung?
"Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu
sehen.
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache,
wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte,
die. mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters
zu zweifeln.
"Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,
fuhr er fort, und obgleich Dame Natur Sie nicht viel
reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen,
daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat
überdies noch den Vortheil, daß sie Ihre gefährlichen
Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs
herabzusenken, anstatt meine darmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu
studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden.
Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in
einer außerordentlich geselligen Stimmung.
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in
einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine
kräftige, ebenmäßige. Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an
den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten. nur. noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten,
fuhr er fort:
Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen
angenehmen Abond verlebe. Sie sind mir immer als ein
höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde
mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte
meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last
nie weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax
erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen
sehr dankbar dafür sein.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube
fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
Sprechen Sie, wiederholte er mit Ungeduld.
"Sprechen Sie wovon Sie wollen und wie es Ihnen
beliebt.
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm
zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir
sehr an sie Unrechte kam. Er errieth daß endlich.
Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und
fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß
Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie
als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität
zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre,
welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von
Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgeben wird.
Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar
sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen
quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit
peinigen.
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und
ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde.
Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß
ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu
unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche
er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie
mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben
übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie
er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht
daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend
machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz
gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und
sinnloser Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein
Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht
ein peinliches Gefühl, wenn man einen Meischen sieht, der
sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse
mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf
gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen
wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist,
und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von
ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er das Gift des
Lebens nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln,
versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die
ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle.
Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich
einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch
später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten
außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm
erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten
wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der
Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen
und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die
Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über
seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde
er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die
Furcht, daß er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf
welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir
wünschenswerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer
Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die Gelegenheit, als
es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht werde, sagte mir,
sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu
versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem
Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen
an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen,
wie eine raffinirte Komödiantin.
"Stebt mir das Kleid gut? rief sie, zwischen uns
tretend; und die schönen Schuhe? und die seidenen Strümpfe?
Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den
Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette
beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
"Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte! sagt sie
in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte
hinzu: Machte es Mama nicht auch so?
"Ganz genau so, erwiderte Mr. Rochester mit einem
erzwungenen Lächeln. Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,
sagte er hierauf zu mir; ich werde Ihnen dies später
einmal erzählen.
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen
verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr.
Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem
Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens,
gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche
Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der
von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen
Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen
worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil
er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem
Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten
und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlosen
Muter verlassen wurde.
"Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,
sagte er am Schlusse seiner Erzählung, um sie auf den
gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens
zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze
Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt, fuhr er
fort, Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter
einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir
erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal
werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle
gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer
anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig
gerathen?
Keineswegs, erwiderte ich; Adele ist weder für
Ihre Fehler noch für die ihrer Mutter verantwortlich.
Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da
ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und
von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine
Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie
wachen.
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese
unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein
Zimmer kann, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung
nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken,
die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten
war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis
seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen
Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden
Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft
auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn
ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort
und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich
des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich
deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der
Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als
ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach
mein Herz. Seine durch die Erzählungen, welche mir
eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein
durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle
Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem
Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und
daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters,
doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes
einflößte... mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise,
um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende
Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor
ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen,
von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.
Fünfte Abtheilung.
Das Geheimniß von Thornfield-Hall.
Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie
waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen
hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der
ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit,
um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und
Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht,
und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter
war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches
Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben
haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war
ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer
muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend
aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz
schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir
unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite
Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem
nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an
der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand
durch den Corridor schlich. Ich frage: »Wer ist da?
Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche
Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß
Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich
vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft
des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte
mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte
das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten
Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der
Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese
Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so
wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes
Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da
das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so
glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht
an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem
her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht, von der
ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts.
Mach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von
Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der
Thür. Seine erste Bewegung war, aufzuspringen und den
Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: Wer
ist da?
Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine
Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf
der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor
Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht
worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann
war Alles still.
"Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei
mir, und sollte sie vom Teufel besessen sein?
In meinem Zweifel schien es mir unmöglich nicht, auf
der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher
ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog
den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür.
Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes
Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in
einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang
selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach
allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte
ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür.
Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang
in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten
Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen
umzingelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen
waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag
Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche
schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich
auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte,
war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum
Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm
Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und
auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und, es gelang mir
unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu
löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der
Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren
Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären
konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab,
erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe
ertränken wollen; dann hat er mich, ihn ein Licht zu holen.
Besonders aber, setzte er hinzu, kommen Sie nicht
unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß,
ob ich ein einziges trockenes Kleidungsstück finde, das ich
überwerfen kann... Doch halt, da ist mein Schlafrock.
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken
und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich.
Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm
von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten
Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden
des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen, Mittheilungen
eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor,
Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?
versetzte er heftig. Lassen Sie sie und meine Leute ruhig
schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie
meinen Mantel um, wenn Sie friert und nehmen Sie Platz.
Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie
nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn
ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen.
Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders
ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei
Ihnen sein.
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der
vollständigsten Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir
verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch
diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr.
Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
Es war ganz so wie ich dachte, sprach er halblaut,
indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust
gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem
ziemlich sonderbaren Tone:
Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?...
"Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.
"Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört?... ich dächte, Sie hätten mir früher eine
ähnliche Geschichte erzählt.
"Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens
Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist
ein wunderliches Geschöpf.
"Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnet haben.
Sie st eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr
über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nöthig,
daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte,
werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht
zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren
Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs
stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem
Sophia in der Bibliothek ruhn.
"Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht, erwiderte ich,
idem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er
mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte:
"Wollen Sie mich denn schon verlassen? rief er aus,
"und auf solche Art?
Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen...
Aber nicht ohne Abschied zu nehmen... nicht ohne
ein freundliches Wort... nicht mit dieser kalten und
strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet,
haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir
sollten uns trennen wie zwei Fremde?... Geben Sie mir
wenigstens Ihre Hand.
Er reichte mir die seinige... ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken,
ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
"Sie haben mir das Leben gerettet, sagte er dann
tief ergriffen. Es macht mich glücklich, Ihnen eine so
große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen
nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in
dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte
verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es
etwas Anderes... eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.
"Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die
meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen
Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst
zu versagen.
Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester, erwiderte
ich ihm. »Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch
von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede
sein...
"Ich wußte es, unterbrach er mich, daß Sie mir
früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen
wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren
Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah... Ihr
freundlicher Blick ließ nicht umsonst...
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
Nein, fuhr er dann fort, nicht umsonst hat Ihr
freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den
innersten Tiefen meines Herzens erweckt...
Dies sagte er auffallend rasch.
"Man spricht von natürlichen Sympathien, setzte
er hinzu, auch von guten Genien... Gute Nacht denn
liebes Kind, Sie, haben mir das Leben gerettet!
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem
Blicke.
Es freut mich, fügte er hinzu, daß ich nicht wie
gewöhnlich eingeschlafen war.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
Sie verlassen mich also?
»Ich friere.
Ja, es ist wahr... und Ihre Füße stehen im
Wasser. Gehen Sie, Jane, geben Sie rasch.
"Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte
nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich
mich auf ein Mittel.
"Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,
sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können
sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine
Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit
dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende
Ufer, das, ich jenseits der Sogen erblickte. Dann warf
mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es
ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft,
bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters
Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder
in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen
über die Begebenheiten dieser Macht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat
ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht
wenig überrascht, als ich eine mit dem Mähen eines Vorbanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war,
als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt
war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen.
Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit
war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze
des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den
Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg,
richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm
dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ
sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber
von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir
vor, diese empörende Gleichgültigkeit auf die Probe zu stellen.
"Guten Morgen, Grace, sagte ich zu ihr, was ist
denn diese Macht hier vorgefallen?
"Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und
ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten
Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.
"Eine sonderbare Geschichte, sagte ich halblaut, indem
ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. Hat dem
Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?"
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken
zu erforschen.
"Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier,
wie Sie wissen, erwiderte sie dann. Mistreß Fairfax,
deren Zimmer an dieses stößt, hat einen sehr festen Schlaf
und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß
Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.
"Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser,
"als ein Gelächter, wie es wenige giebt.
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat,
während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben
ohne Zweifel geträumt, Miß.
"Nein, ich habe nicht geträumt, erwiderte ich, indem
ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte
mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen
Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert. Sie blickte
mich abermals forschend an und fragte mich:
"Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?
"Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.
"Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu
öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir
der Gedanke bei, daß sie, wenn sie ahnte, daß ich wußte,
woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich
spielen könnte, ich lenkte daher ein.
"Im Gegentheil, erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ich verriegelte meine Thür.
"Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu
Bett gehen?
"Schändliches Weib! dachte ich, sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.
Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich
damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr
sein würde.
"Daran werden Sie sehr wohl thun, war ihre ganze
Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der
Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.
Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole? fragte
er dann.
"Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.
"Und Ihren Sago?
"Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn
vor dem Thee selbst besorgen.
Mach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade
auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über
die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit
dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime
Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus
dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu
überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher
er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese
Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel,
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht
etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existirte, das früher, als
Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des
Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie
auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt,
dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor
der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen,
welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr.
Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts
mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes
Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu
beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ
mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher
im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten
werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
"Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter
zu kommen.
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und
ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den
ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr.
Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der
Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
"Kommen Sie rasch, mein liebes Kind, sagte die
gute Dame, sobald sie mich erblickte. Sie müssen sehr
hungrig sein, dem Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein. ... Ich denke
nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
"Ist Mr. Rochester nicht hier?
Nein, er ist nach dem Frühstück nach Pres-Clos zu
Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.
Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?
Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl
etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und
namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.
Blanca Ingram wohne 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur
alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und
die von den 4l Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt
wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines
Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax
schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize;
ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre
großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne
zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie
erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor
einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche
schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten,
die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander
geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend
nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten
Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein
strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über
sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches, häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren
mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine
arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte
denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch
käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für
meine törigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor,
nicht wieder darauf zurückzukommen, und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen
gefunden hätte.
Mr. Rochester blieb l4 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles
zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten,
den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus
seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste
aufzunehmen.
Sechste Abtheilung.
Blanca Ingram.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene
Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde
Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine
Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester
auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galopirte
keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast
den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer
grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes
Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
"Dies ist Miß Ingram, sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses
rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster
und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war,
daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und
den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen
durfte.
"Wenn Mama Besuch hatte, sagte sie fast weinend
zu mir, und besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen
ankleiden, und das war so unterhaltend... man lernt dabei
am besten, wie man sich kleiden muß.
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz
aus den Augen verloren, und ich mußte meine Zuflucht
zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge
nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der
Erde das Schloß, um einen Ausflug in die. Umgegend zu
machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am
vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an.
Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und
Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der
übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um
einige wahrscheinlich sehr vertraute orte zu wechseln.
"Nun, wie gefällt sie Ihnen?- fragte mich Mistreß
Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es
bemerkt hatte.
"Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht
gut zu erkennen.
"Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß
er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt,
setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es
sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs
zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich
in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war
und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus Furcht,
eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars in
Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Mach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und
hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen
sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches
Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen, bald in
ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele
den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person,
um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren.
Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen
Liebreiz. Er drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen,
daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns
war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit
einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses
schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu
sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung besaß als
sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als
das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten
Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen
Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
"Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?
dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem,
was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen
Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr. Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die
Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft
jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der
seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet,
mit bewegter Stimme zu mir sprach, während sein Herz
von der Freude überströmte, daß er mir das Leben zu
verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen,
ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen.
Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von
der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit
Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach
einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse;
die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender
Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der
vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin,
nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Duelle beugt
und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
»Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den
man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies
nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht,
diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn,
diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser
strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war
nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es
für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der
That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade
gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich
so überwältigt und mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie
lieben wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten
Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen
Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er vom Neuem die ganze Herrschaft
über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte. Ohne
daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder
zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen
gelernt hat, der kenne das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische,
anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht
lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben
und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück?
Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, gebt zu ihm hin und knüpft ein
Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was
darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen,
diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle
erwecken nur mein Mitleid. Alls das Thema erschöpft ist,
schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr
zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich
das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde
schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemandem
gesehen worden zu sein.
In Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in
Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke
wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich
eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
»Wie befinden Sie sich? fragte er mich.
"Ganz wohl, erwiderte ich.
"Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte
ich mir nicht herausnehmen.
"Ich fürchtete Sie zu stören.
.Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?
"Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
"Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben,
dem Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir
vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie
haben Sich doch jene Macht in meinem Schlafzimmer nicht
erkältet?
Nicht im Enferntesten.
"Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen
uns zu früh.
"Ich bin müde.
"Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen
Sie es mir.
»Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.
"Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen
die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon
in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine
davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit
hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier
findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen
wissen. Für diesen Abend will ich Sie entschuldigen, aber
ich erwarte... oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange
meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen...
Gute Nacht, meine...
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.
Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen
Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann
nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu
müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte
ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich
zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem Gebieter
in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine
große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder
doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer
vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig
hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte
man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken; aber
ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken. Nichts
keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven
Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte
noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende
Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es
war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist
und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit
in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse,
den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens
einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die
Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches
Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein,
daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus
Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu sichern,
oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren Mängel
seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und
wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei.
Hätten sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige
Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen
Qualen unerwiederter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten
müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr.
Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder
gar Liebe einflößen zu können.
Wenn ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß
ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen
falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich
bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie
immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen,
um Rochester für immer an sich zu lieben, zu fesseln,
zu erobern,... so waren diese Beobachtungen eben so
interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens
werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen
Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich
ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gebatzten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde.
Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen
etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die
Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann
aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung,
hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines
Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im
Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und
schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine
Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um
mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte
meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereitzt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte, dieses
Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die Augen
fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester stets
gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester
verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der
Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die
Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu sagen,
waren die Gäste von Thornfield-Hall in einer ziemlich
verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu
man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen,
welche Partie man improvisiren sollte. Plötzlich hörte man auf
dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines
Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern;
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg
aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses
sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß
Ingram als die älteste der anwesenden Dannen natürlich die
Honneurs machte.
"Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen.
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein
etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber
nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine
Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das
heißt etwa 4l Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen
diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen schönen Mannes, ohne Kraft, ohne Feuer,
ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönen
Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich,
daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wußte
bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, dem
nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten
Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden
Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem
Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton leise einige
Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times
hören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwidere:
"Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn se
nicht gutwillig geht.
Was giebt es denn? fragten sogleich mehrere
Stimmen.
"Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier, versetzte der
erste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche
den Damen wahrsagen will?
"Nun warum nicht? rief Blanca Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter
sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:
Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um
zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er
entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß
die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre
Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in des Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre
Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen
Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber
augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei
andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele
und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen
und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge
gesagt... unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und
wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier
der anwesenden jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente,
welcher das Amt des Huissiers versah, erklärte, daß die
Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch im
Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie
ihre Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch
diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die
Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging,
ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen
Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn
zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie
las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen schwarzen
Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können.
Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei
sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes
tiefer in die Augen zu drücken.
Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage, fragte
sie mich.
"Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
Lassen Sie Ihre Hand sehen.
"Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht
erschrecken.
Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann
damit nichts anfangen.
"Ich habe es mir gedacht, versetzte ich.
"Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
Augen selbst.
Es folgten nun eben nicht Prophezeiungen, wie die
Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe
Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen,
wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre
Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des
Mr. Rochester gewahrte.
"Genug des Scherzes, rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen
Mantels zerriß, so daß er herabfiel. Sie zürnen mir
wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe,
vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen
würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan
haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer
Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte.
Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum,
sine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon? fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, uns ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier
angekommen ist?
Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?
Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft
mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.
"Hat er seinen Namen nicht genannt?
.Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von
Spanish-Town auf der Insel Jamaika.
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte
auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automat; Mason!... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl? fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane... ein fürchterlicher Schlag!
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich, rief ich aus.
"Ach ja!... wie früher... wie immer, nicht wahr?
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin, stammelte er mit
bebender Stimme und starrem Blicke, ich möchte allein mit
Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen,
von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen
Erinnerungen befreit wäre.
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer.
Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf,
als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten
Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane, sagte er zu mir, gehen Sie in
den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts
Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist
und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem...
Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte...
führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane! rief mir Rochester nach,
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?
"Was ich thun würde? versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich
die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die
Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber, fuhr er fort, ihnen entgegenginge
und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische
Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich
nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane?
würden Sie mich auch verlassen?
"Ich ... ich glaube nicht.
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu trösten?
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände.
"Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem
Unglücke verfluchten?
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu
Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen,
der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und
Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie,
was ich Ihnen aufgetragen habe.
Mein Eintritt in den Speisesaal. wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm,
erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der
Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst
zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen
und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen
sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters
Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason, sagte er, Ihr
Zimmer ist dort.
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.
Siebente Abtheilung.
Die geheimnißvolle Verwundung.
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Machthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es
mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe
zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüßig und
stand auf, um den Vorhang zuzuzieben.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich
ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen,
mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage.
Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht.
Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte
Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst
verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,
ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte
vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über
dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das
Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen
eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: Zu
Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!
"Kommt denn Niemand? setzte die nämliche Stimme
bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen
der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren
Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte:
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so
kommen Sie doch!
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald
darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer
Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich
verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von
dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor,
und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne
Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand
verwundet? Ist Feuer im Hanse? Sind Diebe eingebrochen?
Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in
dem halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da
vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher,
ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand
eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten
schon, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich
geschehen war.
Wo mag nur Rochester sein? rief endlich ein junger
Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine
Fassung verloren hatte; ich finde ihn nicht in seinem Bett ?
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!
rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und
ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden
Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu
müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen
Machtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,
sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam. Es ist eine reine Mystification, nichts
Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los... ich bin
ein gefährliches Thier.
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen
schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß
er in der That gefährlich war. Aber er unterdrückte
gewaltsam seine heftige Aufregung.
Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, nichts
als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte.
Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen
Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer
zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit
ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren,
gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran...
und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über
mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß
ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben
schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf
Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ
meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche
schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Macht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der
Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu geben, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm in an meiner Thür ein
außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir? fragte ich.
Sind Sie aufgestanden? entgegnete die Stimme Mr.
Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf.
"Und angekleidet?
"Ja.
So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem
Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes, sagte er zu mir; kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen
vor Allem Niemanden aufwecken.
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so
bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und niedrigen
Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er
plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?
fragte er mich.
"O ja.
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?
"Ich habe etwas in meinem Zimmer.
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie
mir diese Gegenstände.
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein
Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester
erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel
in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er
damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche
m die Dachkammern führen mußten. Auf der Schwelle
hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies
hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.
"Geben Sie mir Ihre Hand versetzte er. Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: Es hat keine
Gefahr, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte fein Licht auf einen Tisch, hat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort
zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir
nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir
und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane.
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem
Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester
das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit
Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir,
"und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann
wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte
Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen
mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit
einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun
den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide
sorgfältig und verband sie hierauf.
"Ist die Wunde gefährlich? fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht, erwiderte Rochester im Tone leichten
Vorwurfs; eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen
Sie sich also und kommen Sie wieder zu sich, ich will.
sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie
hoffentlich abreisen können. Jane, setzte er hinzu, ich muß
Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein
lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen,
so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen
Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm
Ihr Riechfläschchen unter dir Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache
ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen
der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen.
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus
und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein,
sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihn die
Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes
Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmer und
verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch
eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher
Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte... Sie werden zugeben, daß
es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich. meine zitternde Hand von Zeit zu
Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen
einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel
in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten,
die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten,
welches das düstere Gemälde erleuchtete.
"Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht,
denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von
einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das
unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Manne einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte er
sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer
er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser
den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie
mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien
keine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde
Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer,
und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst
zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich
flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um
das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen
Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte
ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges den matten
Dämmerschein des anbrechenden Sorgens, und ich hörte
Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden
Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf, und ich wurde
nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der
Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang,
deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu
Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber
manche Sache in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
Aber wird es sein Zustand erlauben?
Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir
müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also
eilen Sie.
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte
zu ihm:
Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit
so stieren Augen an. Sagen Sie ihm. Carter, daß nicht
die geringste Gefahr vorhanden ist.
Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern, entgegnete der Arzt, nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben,
und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das? setzte
er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete;
das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten,
sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein
Messer allein hervorgebracht... ich sehe deutlich die Spur
von Zähnen!
Sie hat mich in der That gebissen, erwiderte der
Kranke; sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr
Rochester das Messer entrissen hatte.
Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern
sie umschlingen und festhalten, versetzte Rochester.
Konnte ich es denn? entgegnete Mason in kläglichem
Tone. O, es war gräßlich! setzte er schaudernd hinzu.
Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien
so ruhig zu sein.
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens
hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen,
damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten
in der Nacht allein zu ihr zu gehen.
Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.
Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich
sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner
Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen
verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch,
Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an
einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß, wie
es scheint.
"Ja, sagte Mason, sie trank mein Blut, sie wollte
mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in
seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie
dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich
gar nicht mehr daran erinnern.
Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn
Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie
wieder in Spanish-Town sind, werden Sie nur noch wie
an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken... wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch
an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je
vergesse!
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry?
Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr
Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so
todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder
munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache
ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen... Jane wird uns dabei behülflich sein.
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That
nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne
welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der
Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen
zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er
goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von
einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache
seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte
eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der
sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache gebt gut, sagte Rochester dann, und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, aus
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht
gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter...
öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie
werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr
vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon verboten,
auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir
kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf der Treppe
begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen.
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herrn langsam hinabgingen -- denn Mason war
noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam und
blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst
an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch
verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den
blühenden Bäumen zu zwitschern. deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf
dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem
Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts
gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommenen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei sich. Mach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie
ist Ihnen jetzt, Henry?
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig.
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es gebt nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!
"Fairfax! rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?
"Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht...
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun, erwiederte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie
zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren
Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur,
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte,
den ihm dieser Mason einflößte. über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser
Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er
Mason diese oder jene, Verhaltungsvorschriften dictirte, aus
dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der
Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche
Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das
Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig
befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indisereten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft
sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr
kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er
machte seiner schönen Braut, Miß Ingram, fortwährend
den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen
zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es
kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller
Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm
die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich
voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield
früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich
mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche
daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich
ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen
Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren
Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß
mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines
Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der
Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte
mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war.
Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten
durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung,
welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse
meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen,
in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in
Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach
Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt,
ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin
unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher
für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem
Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame a. e.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der
Hand der Mistreß Reed:
"Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule
zu Lowood am Typus gestorben sei.
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit,
welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß
sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt
hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses
Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen,
denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe
meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren
Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich
dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John
Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt
hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein
Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manen dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte,
und den ich Ihnen, ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen
eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste
von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß
vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit
Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher
mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest
beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage
des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon.
Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen
nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts
sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester
die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden
Scherze und einem sardonischen Blicke, mit dem man nicht
wußte, was man machen sollte, wie sich Mistreß Fairfax
sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereis't
waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester
nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf
dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram Park sah.
Allerdings leg Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber
was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es
namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester,
diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir,
welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner
Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden
Sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters,
um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu
entdecken, aber noch zu keiner Zeit war wir dieses Gesicht
so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke
erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich
mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von
Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte
er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und
aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner
eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war
er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie
hatte ich ihn so sehr geliebt!
Achte Abteilung.
Rochester's Heirathsantrag.
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe
gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich
hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete
einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht
neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine
sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine
Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man
über eine Wolfsgrube in's Freie. Dahin führte eine Art
Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit
Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen
Abend zu genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte ich mich jedoch niedergesetzt, so spürte
ich den Rauch einer Cigarre, wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in
den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum
zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mir.
"Noch so spät im Garten, Miß Eyre?
Ich wollte den schönen Abend genießen.
"Dieser Wunsch hat auch mich ins Freie geführt.
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite
meines Gebieters noch länger zu verweilen. Mach einigen
gewöhnlichen Worten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester
eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
"Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht,
sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände
zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick
zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem
emporsteigenden Mond gegenübersteht.
Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im
Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen
kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung
anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß
mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth
ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck
ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen,
und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben
sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß
ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden
Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann,
aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen, so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich,
daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte.
Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein
mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr
ernster Natur.
"Jane, begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer
Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?
"Ganz gewiß.
Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben,
denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was dir
Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.
"Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.
"Noch mehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum,
eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu
Mistreß Fairfax gefaßt?
"Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich
duf verschiedene Weise.
"Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich
von ihnen trennen müßten?
"Gewiß.
Wie Schade! rief er mit einer Art von Seufzer.
"Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen
Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so
befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen
und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.
"Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?
"Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich
glaube sogar, es muß sein.
Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur
Abreise, er wird mich bereit finden.
.Treffen, Sie Ihre Anstalten so bald als möglich.
Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen
schon diesen Abend geben.
"Sie wollen sich also vermählen?
So ist's; Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem
ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.
"Und ohne Zweifel bald?
"Sehr bald, meine... Miß Eyre, wollte ich sagen.
Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die
Idee mit mir sprachen, daß ich ein unwürdiger Hagestolz,
in den heiligen Ehestand treten wollte. ... Aber Sie hören
nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht
ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erse
Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir
sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß,
sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das
Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den
etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den
wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit
Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten
darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt
treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern
Stelle umsehen.
"Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung
rücken lassen. Einstweilen denke ich...
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah,
daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
"In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe, fuhr
Rochester fort, wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde
mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle
zu, verschaffen.
"Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid,
daß Sie sich um meinetwillen bemühen...
"Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante
die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als
Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr
ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit
meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die
fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen
haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie
werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten
allgemein für sehr brave Leute.
"Ist es sehr weit von hier?
"Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges
und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine
mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.
"Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung...
dann trennte mich das Meer...
"Wovon, Jane?
"Von England... von Thornfield... von...
"Nun? vollenden Sie!
"Von Ihnen, Mr. Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben
so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester
leicht entgehen konnte.
Es ist in der That wahrscheinlich, versetzte er, daß
wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wieder
sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute
Freunde gewesen, nicht wahr?
"Ohne allen Zweifel.
"Wohlan wenn ein paar Freunde sich bald trennen
müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in
ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen
uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen
und ruhig von Ihrer Reise plaudern.
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten
Bank und setzte sich an meine Seite.
"Jane, begann er nun wieder, es thut mir leid,
daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen
sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als
stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig
verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir
durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt.
Senn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen
schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt,
so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden
Herzen bluten... Doch, was sage ich?... Sie werden
mich bald vergessen!
"Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies...
"Jane, unterbrach er mich, hören Sie in dem fernen
Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stile brach mein
lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich
wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um
den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich
nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?
fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl
nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all'
mein Widerstand.
"Ja, rief ich aus, ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt
habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein
gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen
Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes
Entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am
meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und
weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester?... nachdem ich Sie kennen
gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe
wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die
Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut
machen zu können.
"Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?
fragte er mich plötzlich.
"Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor
Augen gelegt.
"Unter welcher Form denn?
.Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und
liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.
Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe
keine Braut.
Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?
"Ich will... ja... ich will! ... ich will!
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen
und mit einem fast wilden Ausdrucke.
"Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß;
haben Sie es nicht selbst gesagt?
"Nein... Sie sollen bleiben... ich schwöre es, und
ich werde diesen Schwur halten.
"Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß
fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu
bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung?
Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose
Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe
weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie dem, mein
Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie
die Ihrigen... und wenn ich bei einiger Schönheit ein
Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr.
Rochester, es würde ich Ihnen die Trennung von mir eben
so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die
Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es
selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein
Geist spricht, zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab
überschritten und ständen völlig gleich am Throne des
Herrn, ... denn dort werden wir es sein, ja wir sind es
schon jetzt, ich fühle es.
"Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,
wiederholte Rochester, dessen Stimme setzt mehr als die
meinige zitterte. »So kommen Sie denn, Jane, kommen
Sie an mein Herz.
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube,
seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn
heftig zurück.
Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner
Rede fortgerissen, nein, wir sind nicht gleich, denn Sie
wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes
Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter
Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung
einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil
Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen
Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch
beugen... ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich
abreisen!
"Nach Irland, Jane?
Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe
gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.
»Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so
in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel,
der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.
"Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem
Reize. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen,
der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses
Willens, um mich von Ihnen zu trennen.
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen
Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
Es sei denn, r entgegnete er mir; Ihr Wille allein
mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine
Hand, mein Herz und Ihren Antheil an Allem an, was
ich auf der Welt besiege.
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt,
meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen
davon geben könnte.
"Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester
und doch...
"Und doch ist nichts ernster, als das, fiel er ein.
"Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen,
welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen
mit gutem Beispiele vorangehen.
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein
Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die
dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor
sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch
erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz, Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester
sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
"Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören.
Kommen Sie, was fürchten Sie denn?
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
"Ihre Braut steht zwischen uns, sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit Einem Schritte
neben mir.
"Meine Braut ist hier! rief er aus, indem er mich
von Neuem an sich zog. Hier ist sie, denn hier habe ich
meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin
werden?
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
"Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren
Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten,
daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre
Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Rühe genommen.
sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem
Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile
meines Vermögens verloren hätte. Von diesem, Augenblicke
an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten,
daß sie mir gewährt würde. eine Berechnung bewährte
sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und
Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen
Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern
meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat
in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die
sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die
Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine
Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie
sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser
Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und
de so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte,
meine Hand anzunehmen.
"Ist dies wirklich wahr? rief ich aus, gerade wegen
der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit
überzeugt; ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen
andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind,...
ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben
haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.
"Warum?
»Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.
"In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein,
wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte
etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich,
denn ich leide Höllenqualen.
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war
offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken
seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze
seiner Augen.
"O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, hören
Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel
Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz
zerreißt.
Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit,
und ich sehe nicht ein...
"Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht
sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.
"Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich
ernstlich zur Gattin?
"Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines
Eides? nun wohl, ich schwöre es Ihnen!
"So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin
werden will!
Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte,
meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir
doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode
errettetest, das jene Entsetzliche...
Welche Entsetzliche? fragte ich.
Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann
meiner bemächtigt. -- An Deiner Seite, liebe Jane, werden
jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An
Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück
zu erringen, dem ich bis jetzt nachgestrebt habe, ohne es zu
finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen
beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter
geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum.
Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem
Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume
bewegt. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es
an zu regnen.
"Wir müssen ins Haus gehen, sagte Rochester, denn
das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum
Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!
"Und ich nicht minder! dachte ich. Vielleicht würde
ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte
aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren.
Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er
zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch
ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden
Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten
Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie
ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben
zwölf Uhr.
"Lege rasch Deine nassen Kleider ab, sagte Rochester
zu mir, und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht,
mein Engel!
Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte
wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und
aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von
Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich
erntfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr
in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber
in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst,
indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch
nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge
sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten
könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der
entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Macht hindurch;
vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen
die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine
Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung
vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an
meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl
fühle oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth
gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde
von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte,
die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über
die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu
fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie
mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing
mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein
kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern
es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich
bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut
mit meinem Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz
natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes
Aussehen gesagt hatte, über meine Schönheit sogar und
über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach
Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere
Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen
vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag
mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben
und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier
deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge,
denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt
zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs
mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über
ihn selbst lustig zu machen.
"Du vergissest, sagte ich zu ihm, daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame
verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt,
würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre
in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen
haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit
Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernheiden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der
Krause um den Hals und den Halbmantel auf der Schulter,
als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel
zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner
Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es
bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit
in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Saite in mir, indem er von
den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten,
sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, es
Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm
besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte,... konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
"Außerdem will ich, setzte er hinzu, daß Du noch
diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche
von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur
hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich
würde es ganz bestimmt versuchen.
Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch
ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten
Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und
vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an
die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.
"Jane, Du bist ein böses Kind! rief Mr. Rochester,
doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch
diesen Abend abgehen.
"Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß
meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde...
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine
dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn
verfinsterte sich.
"Denke an Eva und Psyche, sagte er mit einem
erzwungenen Lächeln zu mir; Beide bereuten es, daß sie
hatten zu viel wissen wollen.
Kann ich wenigstens wissen, entgegnete ich, warum
Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du
sie nicht liebst.
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
"Ich habe nicht geglaubt, meine Jane, erwiederte
er, daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären.
Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel
ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du
nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein
wollte?
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn
verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein
dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß
Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher
Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat,
ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in
Unkenntniß bleibt.
"Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane. --
Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin,
um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu
offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend
für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich
einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der
strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in
ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der
Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug
auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
"So ist Alles vortrefflich, sagte sie endlich, und ich
bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger
Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht
sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie,
nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn
Rochester um Mitternacht...
"Davon wollen wir nicht mehr sprechen, rief ich mit
einem Anflug von Ungeduld, da Sie jetzt wissen, woran
Sie sind.
"Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche
gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes
Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, Mißtrauen
Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht
alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante
seiner Kinder heirathet.
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele's
Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Rein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr.
Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren.
Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens
ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden,
um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich
Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich
jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir
unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit
denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin
zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl
er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt
sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte.
Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann, kehrten wir nach Thornfield zurück.
»Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen,
mit mir zu speisen? fragte er mich bei unserer Ankunft.
"Nein, dafür muß ich danken.
Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?
Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische
gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben
Platz nehmen soll, als bis...
"Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen?
Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.
Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.
Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte,
unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen
haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine
verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem
zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz
besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung,
welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem
Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese
so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun
muße "ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung
schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob
eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens
sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des
Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir
drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich
mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an
dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben; um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte
keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit
über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte
und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichte
dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der
Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim
noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall
war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht
mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel;
schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem
Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei
dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von
ihm leben mußte.
Ein andres Bedenken für mich bestand darin, während
der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne,
der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen
seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkt
unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich
lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem
Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen
konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich
immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn wenn
ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war
es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes,
den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen,
der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst
standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder
gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu
hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß
die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für
jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele
und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem
Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war
mein Idol geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast
jeden Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur
Hochzeit übrig wären. Dann und wann schien eine trübe
Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn hat,
mir die Befürchtung mitzutheilen, welche ihn zu quälen schien,
so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln, hätte ich
in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung
erkannt, und weh! -- sie nur zu sehr getheilt haben.
Ende des ersten Bandes.
Erste Abtheilung.
Die Braut am Traualtar.
Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden
und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war
Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vor
bereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines
Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen
Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen
einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden,
und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester
ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen
Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige
Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich
den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens
entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte
und küßte mich. Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise -- sagte er -- das arme, von den Launen
des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist Du bald, mein, auf ewig meine
zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes,
der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der
es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken. - Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir
allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die
Worte erinnerlich sind: »Du bist schön wie eine Lilie.
Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft
mehrere Befehle zu ertheilen. Wenn wir aus der Kirche
zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur
Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher
auf dem Bocke sein hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Die kurze Zeit, welche ich allein im Saal war, benutzte ich, um der Vorsehung, die mich durch des Lebens
Irrwege so wunderbar bis hierher geleitet hatte, meinen Dank
darzubringen, und mir die schöne Bestimmung, der ich nun
entgegen ging, durch folgende Betrachtungen zu vergegenwärtigen.
Herrlich sind der Almacht Werke!
Im Menschen schuf sie Kraft und Stärke,
Verband mit Mild' und Weichheit sie.
Mann und Weib stehn Kraft und Milde
Einander sich zum Schutz und Schilde
Vermählt in schöner Harmonie.
Weit um sich wirkt die Kraft,
Wo stil die Milde schafft,
Und, wenn die Stärke niederreißt,
Um aufzubau'n;
Erhält des Weibes sanfter Geist.
Sel’ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Hoch und hehr ist Frauenwürde,
Empfängt des Lebens Glück und Bürde
Als Segen einer Vaterhand.
Sie adelt und erhebt,
Der Kranz, nach dem sie strebt,
Er ist der Frauen schönste Zier,
Giebt und erhält
In Eintracht mit sich selbst sie hier.
Mit der Liebe milden Händen
Die reinsten Freuden auszuspenden,
Hat Gottes Hand das Weib geweiht;
Wiederschaffen soll’s hienieden
Der goldnen Zeit verlornen Frieden
Im Schooße stiller Häuslichkeit
Verwandelnd Trotz in Muth,
Der Leidenschaften Wuth
Gebieten in des Mannes Brust;
Sanft sie bedräun,
Des schönen Sieges sich bewußt
Soll des Lebens Last und Mühen,
Die Blumen, die am Wege blühen,
Gleich theilen, Lieb' und Huld im Blick!
An die Kraft des Willens mahnen,
Beugt auf des Lebens rauhern Bahnen
Das Herz des Mannes das Geschick.
Durch Treue bis in's Grab
Den Himmel zieh'n herab
Auf die Erde, und in sein Herz;
Und hoffend es
Erheben über Weh' und Schmerz.
In der Hausgenossen Mitte
Sol es das Vorbild frommer Sitte,
Der Ordnung, Zucht, des Fleißes sein!
Unbefleckten Herzens wandeln,
In Glauben, Lieb' und Hoffnung handeln,
Mild, wie des Mondes Silberschein.
Mit edlem Selbstvertraun
Auf zu dem Himmel schaun,
Wenn der Verkennung Schmerz es beugt;
Vor Gott und sich des innern Friedens überzeugt.
Sel'ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Froh geh' ich dem Ziel entgegen.
Willkommen reicher Lebensfegen,
Willkommen heil’ger Pflichten Band!
O herrlicher Beruf,
Zu dem mich Gott erschuf,
Ehrwürdig sei und bleibe mir!
Gieb mir in dir
Des Himmels Vorgefühl schon hier!
Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren,
aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen
Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er
mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich
nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm
und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte,
ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul
und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir
nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da
besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute
Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der Wille in
denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das
Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte!
Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester
Vorsatz sprach, ein mir unbekanntes Hinderniß um jeden
Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier
erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
"Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er
zu mir. Wir wollen einen Augenblick sehen bleiben, Jane,
stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille
Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen,
den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen
Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne
Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier
Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers
umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige
halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern.
Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine
der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht
auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte
mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem
Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war
still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten
waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das
alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein
knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der
zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen war,
und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth,
bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten
wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch
hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden
Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher
kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester
den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte;
dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester
geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am
Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich
sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es
nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch
ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren.
Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem
Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn zu fragen!
"Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an? sprach
eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre,
daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als
wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er
faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.
"Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte
die nämliche Stimme, und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung. Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und streng,
als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und welch ein
wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß? fragte endlich Mr.
Wood; ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den Arm
auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache war
ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck von
innere Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei einer
Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz einfach
in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester hat
eine Frau, die noch am Leben ist!
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone
gesprochenen Worte. Rein Blut empfand die Wirkung derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte oder des
Feuers empfunden hatte. Es gelang mir indessen, mich
vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang in, mich
ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske;
seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen. Ohne zu
sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte,
legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an
seine Seite.
"Wer sind Sie? fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich beiße Briggs und bin Advokat in London.
"Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau
beehren?
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt.
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie
ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?
"Allerdings, mein Herr.
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus
seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß
Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der
Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der
Grafschaft *** in England, am 20. October 18..
(vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha
Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns,
und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in
der *** Kirche zu Spanish-Town ehelich verbunden
worden ist. Dir Originalurkunde dieser Ehe existirt
in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtigem
lieg eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,
versetzte Rochester, so beweist sie höchstens mir, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der
man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der
Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen darfür, den Sie wohl schwerlich
verwerfen werden.
"So stellen Sie diesen Zeugen oder geben Sie zum
Teufel! rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte,
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche
Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Se näher, Mr. Mason.
Dieser Manne brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein, bemerkte. Der
zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten
und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der Schulter des
Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm
einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten
ließ. Ich möchte ihn mit einen Vulkan vergleichen, dessen
bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine
gewaltige Hand nach ihm... und ich glaubte diesen schon
am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief,
und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie
ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters,
der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu
Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem
Tone, daß sie Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu; sagen Sie Alles, was Sie wissen.
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall, sagte
Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr Bruder,
habe sie im vergangenen Monat April gesehen.
"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn
ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie
gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt.
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam
eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren
gut getroffen.
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn
zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht
weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen
Sie Ihr Chorhemd ab. John Green so hieß der Messedieners, Sie können sich entfernen, es wird heute keine
Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach
Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe
daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das
Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die
Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am Rande
des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren,
mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein
Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer
noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es
wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen
hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen
wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester
oder auch eine verlassene Geliebte?... Nein, sie ist meine
Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die
Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine
Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß
geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie
diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist.
Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im
Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten
Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu
sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei
Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt
hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die
angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Masons wurde.
Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen
gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger
Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch
Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen
Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann
sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden
zu halten. Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort,
indem er auf mich zeigte, so wußte sie von dem Allen
eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie
war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Ee verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest
an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen
Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem
Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz
ruhig zu dem Kutscher; ich reise heute nicht ab.
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten
uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. Ich danke
für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie
kommen fünfzehn Jahre zu spät.
Zweite Abtheilung.
Das enthüllte Geheimniß.
Mach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die
kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason? fragte
Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone. Hier war
es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen
wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück
der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Uebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche
durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter
ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol
in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging.
gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf
ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab...
dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden,
ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene
Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und
ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr
Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere
nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole. fragte Mr. Rochester, wie
geht es hier diesen Morgen?
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie ihren
Tiegel behutsam über das Feuer setzte; sie brummt nur
ein wenig, das ist Alles.
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke
Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren
Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den
heftigsten Zorn verrieth.
Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester, sagte Grace
Poole, bleiben Sie nicht hier.
.Nur einige Minuten.
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht... um
des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die
Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und
blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat
einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur, sagte Rochester, indem er sie auf
die Seite schob; sie hat hoffentlich kein Messer, und ich
bin auf meiner Hut.
"Wer weiß? entgegnete Grace, sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die
Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So
rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war
ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem Manne gewachsen
war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage
zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen,
und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände
fest, die er von Grace Poole binden ließ, und band sie
dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne
sich an ihr fürchterliches Geschrei und an ihr Sträuben
zu kehren.
Ass diese Operation beendigt war, wendete er sich an
die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und'
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier
ist Die, setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine
Schulter legte, deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst
über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und
freundlichen Blick mit jenen von Blut unterlaufenen Augen,
diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese
schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere
Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie,
Herr Advokat, im Namen des Gesetzes, auf, über meine
Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß
man einst für seinen Untertheilsspruch verantwortlich ist!
Jetzt können Sie sich entfernen.
Mir ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester
blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben, und
als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu
meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es
gewiß nicht, Miß. Ihr Obeim wird dies nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Mr. Masons Zurückkunft nach Madeira, noch am Leben ist.
Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie
ihn denn?
Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch,
daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in Madeira
aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilungen führte zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren Folge
Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück --
und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte eben so denken
als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen,
ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu verhindern, an welchem
Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich und
ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte,
nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war so ruhig, daß
ich mich über mich selbst wunderte, sondern um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen, das ich bisher täglich
getragen, und das ich am vergangenen Abend für immer
abzulegen geglaubt hatte.
Schwach und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl.
Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte den Kopf
in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin.
Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis jetzt, ohne selbst
einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen, den erschütterndsten Scenen beigewohnt, deren rasche Aufeinanderfolge mich
fast betäubt hatte. Jetzt, da ich mich sammeln und nie
von Allem, was ich gesehen und erfahren, Rechenschaft geben
konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über
meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte Worte,
einige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen, ein
Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis zu Gunsten?
seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft, um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind, was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung eines emporsteigenden
Gestirnes sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Mach dem äußeren Anscheine zu urtheilen, war
ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen. Und
doch, wo war die frühere Jane Eyre? wo war das, was
ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die
glühende Hoffnung, welche seit einem Monate die ganze
Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten
Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr
Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, an welchem eine
eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen Früchte
und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgiebt und
ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen
und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und
man wird eine ungefähre Idee von dem Zustande meines
Innern haben. Die theuersten Wünsche meines Herzens,
gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer
zerstörte und todte Gedanken. Meine Liebe, diese Liebe,
welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt
in der Tiefe meines Herzens wie ein krankes Kind in einer
Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn
zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen
verloren halte, und daß ich mich von ihm trennen nutzte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte
mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand
einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem
Stuhle ein.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden,
Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich zum
Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten, welche
sie mir auferlegte, zu bringen. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen Gräßlichkeit,
und trotz der Ohnmacht meines Willens, gegen den die
spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft ankämpften, welche
ihre Illusionen überlebte, fühlte ich die Unerläßlichkeit einer
gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mir
das Herz zusammen, als ich daran dachte, daß ich schon
seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war,
ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die
kleine Adele, noch er zu mir gekommen war, um sich nach
mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme
zu sagen. Ich trocknete so gut als möglich die Thränen,
welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel
zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich
bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür,
schob den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus;
aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber
ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm
Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers
sitzend, erwartete.
Endlich! sagte er zu mir; ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an
meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen. ... Wie,
Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, hast Du
nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Du bleibst
unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe,
und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?...
Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen?
Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum
dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert,
das von seinem Brote aß, aus seinem Glase trank und das
er an seinem Busen erwärmte. Die Reue und Verzweiflung
dieses Menschen ist nichts gegen die meinige. Wirst Da
mir nie vergeben?
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe Freundin,
wenn ich Ihnen sage, daß ich diesem Manne, der mein
Unglück war, auf der Stelle und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen drückten
eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so
innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen benehmen, in seiner Sprache und in seiner Haltung eine so
wahre und dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß
ich ihm, nicht mit Worten, oder durch einen Blick, oder
durch ein Lächeln, wohl aber aus dem Grunde meines
Herzens vergab Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine Schwäche
versunken.
Sprich, geliebtes Kind! fuhr Rochester fort; sprich
mit mir, wäre es auch nur, um mir zu fluchen!
Ich kann nicht... ich bin krank... ich möchte ein
wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in seine
Arme und trug mich hinunter in's Erdgeschoß; in welches
Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte nur,
daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten und
daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte
kehrten so allmählich zurück, und ich konnte mechanisch einige
Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich
sah nun, daß ich mich in, dem Bibliothekzimmer und in dem
Arbeitslehnstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand
neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, ohne zu große
Schmerzen aus dem Leben gehen könnte... bevor ich mich
von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen müßte!
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden
sich seiner Brust einige unartikulirte, schmerzliche Laute;
dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher,
kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte sich zu mir
herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß feine Liebkosungen mir
nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
Ja, ja, rief er aus, es ist der Gatte Bertha
Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hälst
Du mich dem wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und
es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der Strom
Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen hervorbrechen.
Du willst von keinen Erklärungen, von keinen Vorwürfen,
von keiner Scene irgend einer Art etwas wissen... Du
hältst es für unnöthig, zu sprechen, und denkst nur darüber nach, was Tu thun sollst. O, ich kenne Dich!...
und ich bin auf meiner Hut!
Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte.
Die Stimme versagte mir, und ich mußte innehalten.
Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht, entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet, sinnest
Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet, und deshalb willst Du fliehen, willst meinen Liebkosungen ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's Gouvernante hier
zu bleiben und die geringsten Beweise meiner Liebe als eine
Beleidigung, als eine Gefahr von Dir zu weisen. Habe
ich es errathen?
Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten.
Du hast Recht, auch ich habe schon, daran gedacht;
ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens
können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in diesem
Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns
enthält. Ich könnte und hätte schon längst das fürchterliche
Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern
Ort versetzt; aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen
Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses
Schloß würde mich zu schnell und zu sicher von der
Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet.
Einem Jeden seine Lasten; ich würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am meisten hasse.
Sie sind unerbittlich, rief ich aus, unerbittlich gegen
ein Unglück, das nur Mitleid verdient!
Jane, meine Heißgeliebte, Du bist es noch immer,
warum soll' ich Dich also nicht so nennen? Du thust mir
Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses
Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn Du
wahnsinnig wärest?
"Allerdings.
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich fähig
bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in Dir, das
ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil meiner selbst.
Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und sollte es auf
irgend einer Art zerrüttet werden, so würde er es dennoch
bleiben. In Deinem Delirium würden Dich keine andern
Bande fesseln, als meine Arme, und wenn Du Dich auf
mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen, so würde ich
Dich mit einer eben so zärtlichen als unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield,
dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen Fenster sämmtlich
vergittert werden sollen, und wo Mistreß Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mit meiner Frau bleiben
wird. Dich, Jane, lasse ich keine einzige Nacht mehr an
diesem traurigen Orte. Es ist Alles zur Abreise bereit,
und ich weiß eine Zufluchtsstätte, wohin die schmerzlichen
Erinnerungen und selbst die Verleumdungen dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche
Abgeschiedenheit ist nicht gut für verwundete Herzen.
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst Du
mich jetzt?
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich mich,
mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten, und dies
war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber,
wie die, welche aus Rochesters Worten hervorzuleuchten
begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob seine
Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte mich mit
einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich wendete
bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer, und bemühte mich nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen ruhig
zu scheinen.
"Das ist die Eigenheit im Charakter meiner Jane,
sagte er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet
hätte. Bis hierher ließ sich die Seidendocke ziemlich leicht
abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf
ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgniß und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft
eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen, in die
ich mich verwickeln werde?
Er begann von Neuem umherzugeben, dann blieb er
wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt
anwenden.
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge waren
die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich sah
deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung
seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der Verlängerung des unertäglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle
Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen, und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche uns
Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes, einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem,
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden Abgrund
am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten soll. Uebrigens hielt
ich mich noch für stark genug, um mich nicht werfen zu
lassen. Ich nahm die zusammengeballte Hand Rochesters,
brachte die Finger in ihre natürliche Lage und sagte in dem
versöhnlichsten Tone.
"Setzen Sie sich, wir wollen so lange zusammen
sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören,
was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter
sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühle, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit
dem Beginn dieser sonderbaren Scene, gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm
waren, um so besser für mich. Ich weinte also, ohne mich
zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den
Knieen und hat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich erst
dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner
Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt
hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte
er seinen Kopf auf meine Schulter legen, aber ich duldete
es nicht. Er wollte mich an sein Herz ziehen: der nämliche
Widerstand von meiner Seite.
"Jane, Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
tiefsten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich nie
geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten? Und jetzt,
da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann, stößest Du
mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als wäre ich ein
häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich nichts
auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte, allein er
verletzte mich zu tief, um mir nicht ein fast unwillkürliches
Geständniß zu entreißen.
"Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je zuvor. Prägen Sie es sich wohl in's Gedächtniß ein, denn
es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem
Munde hören.
Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können, und mir
täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und Abneigung
zu begegnen?
Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß, mich
einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich
feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie nicht wieder
in Zorn.
"Was schadet es Dir? hast Du nicht das Talent,
Thränen zu vergießen?
Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen?... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser zu
benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten Gedanken,
Jane; nicht von mir, nur von Thornfield mußt Du Dich
trennen. Hier kannst Du nicht sein, was Du werden sollst:
meine theuere, geliebte Gattin. Aber ich besitze im südlichen
Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende
Villa mit schneeweißen Rauern. Dort wirst Du glücklich,
frei und unschuldig leben. Fürchte nicht, daß ich Dich je
zu etwas verleiten werde, was Du als einen Fehltritt betrachten könnest; glaube nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je daran gedacht habe, Dich zu
meiner Geliebten zu machen. Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane, und sei verständig, wenn Du
mich nicht wahnsinnig machen willst!
Seine Stimme und seine Hände zitterten von Neuem,
seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte ich es, ihm
zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte, wie Sie
es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies wissen
Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so
hieße dies der Wahrheit spotten.
"Jane, Du vergißt, daß ich kein phlegmatischer Mann
bin... es fehlt mir an Geduld... ich habe weder kaltes
Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid für mich,
aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger an meinen
Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine Adern
rollt... und schone meiner!
Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel
seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten
Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen
Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn durch
einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war
es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm nachzugeben. In
dieser bedenklichen Lage that ich, was alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester. Sie
glaubt, ich bin verheirathet... muß ich se nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird
sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane,
laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige
Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?
Stunden lang, wenn es sein muß.
"O, ich bedarf nur einiger Minuten. So höre denn,
meine Jane. Um meinem ältern Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch
ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen,
waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet,
mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen.
Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason
auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend
Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied
über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde
ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde dort
eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der
Colonie. Und dies war keine Lebertreibung. Auch die Eltern
der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher
Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um
den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine
Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ehrgeiz wurden
zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem
doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von
den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die
stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie
zu kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich
von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine
Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend,
damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen,
den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des
jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens
erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von
Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit.
Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der
drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig
meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde
unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden
Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem
ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen
und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen
Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte.
Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich
die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit... Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr
öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich von
ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser
Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal Preis gegeben, das mir die
Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason
und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
"Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen
und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte
sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz
meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig
verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein
Bruder mit Tode abgegangen sei. So fielen denn alle
väterlichen Besitzungen wieder mir zu, und dennoch bei allen
Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?
Auf Jamaika war mein Unglück allbekannt. Man
heuchelte mir Mitleiden über den Schiffbruch meines häuslichen Glückes und unter dieser heuchlerischen Maske schimmerte doch nur Spott und Hohn hervor. Mein dortiger
Aufenthalt wurde mir unerträglich und da ich wegen der
Regelung meiner brüderlichen Erbschaft ohnehin nach England
zurück mußte, so beschloß ich, die Wahnsinnige, die schon
damals kaum mehr menschenähnlich war, mit dorthin zu
nehmen. Ihr Wahnsinn war nach dem einstimmigen Ausspruch verschiedener Aerzte unheilbar und so hätte es mir
nichts nützen können, sie in einer Heilanstalt für Geisteskranke unterzubringen, wodurch ohnehin diese Verhältnisse,
deren ich mich schämte, auch in meinem Vaterlande bekannt
geworden wären; ich zog es vor, mein Unglück den Augen
der Welt zu entziehen und ließ hier alles zur Aufnahme
der Wahnsinnigen in Stand setzen, wo sie, von einer
Hüterin bewacht, den Rest ihres thierähnlichen Lebens verbringen sollte.
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch
weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem
so leicht hinzureißenden Charakter, der namentlich bei dem
Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines
Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen
Mann überallhin verfolgte, war es wohl nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu
zu bleiben. Darum entstanden eine Menge von Verirrungen,
welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen
nicht nach rohen Genüssen, sondern nach einer Liebe, welche
der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und
immer getäuschtes Hoffen und Trachten; es waren Schätze
von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder,
auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt
nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Cöline Varens und
die Geburt Adelen's bildeten die ergreifendste Episode dieses
traurigen Zeitraums, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig
waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die unglücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht
erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre,
daß, wenn ich mich unter was für einem Vorwande hätte
vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich
Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern
seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der
nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden
Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen
Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugeben hoffte.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von
Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle
Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren
konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen
füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das
förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein
fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter
Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein
menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte
den Mann, der mich so liebte, und auf diese Liebe, auf
mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht
concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte:
Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort
sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester,
ich bin die Ihrige.
"Herr Rochester, erwiderte ich, ich werde nie die
Ihrige!
Es erfolgte eine lange Pause.
"Jane, hob er noch einmal an, und seine Stimme
war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich
mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor
wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, Jane, es kann Dein Wille nicht
sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte
Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.
"Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte
und mich mit seinem Arme umschlang, willst Du es auch
jetzt noch?
"Ja!
"Und jetzt?... Er bedeckte meine Stirn und meine
Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich
mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten
Ausdruck an, den ich noch nie an ihnen bemerkt hatte. Er
richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt
wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir
als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein,
denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor,
welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast.
Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau
ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du
mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere
Liebe mehr zu haben als die ihrige?
Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst
leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.
"Tu willst also nicht nachgeben?
"Nein.
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und
Fluch beladen sterbe?
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender
Donner.
"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und
wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen...
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge
und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh,
welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren
sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen
in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu
übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die
Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise
erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte,
die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder
in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten...
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit
Meine Ueberzeugung und mein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet wurden, waren nahe
daran, mich in's Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis zu geben,
welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben konnte?
Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn! sagte mir eine innere
Stimme. Sage ihm, daß Du ihn liebst und daß Du ihm
ganz angehören willst! Ver kümmert sich denn in dieser
Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen
Fehltritt begehst?
Aber von der Stimme des Gewissens vernahm ich die
unwiderlegliche Antwort Ich selbst muß mich um mich
kümmern. Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und
Stützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst
schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das Gott
gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von
den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig
erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke
thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen
Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei denen mein Herz klopft,
meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch
meine Adern rollt? ein, was ich geglaubt, was fromme
und würdige Frauen mich gelehrt haben, das allein ist die
Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich
bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß,
auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen
alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß
mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand. Was auch
daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad
erreicht, und er mußte ihm erliegen. Er durchschritt das
Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer
krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang
mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer
Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer
Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung
eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und
mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher,
der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht.
Dieser untrüglicher Dolmetscher ist der Blick. Meine Augen
erhoben sich bis zu denen Rochesters und während ich sie
auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand sich meiner
Brust ein unwillkührlicher Seufzer. Seine wilde Umarmung
verursachte mir einen wirklichen Schmerz und meine Kräfte
begannen mich zu verlassen.
"Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
"nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner Hand
keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr
(ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner
Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich könnte sie mit
meinen Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen,
wenn ich sie knickte und zerträte? Man sehe dieses feste,
entschlossene Auge, man denke an diesen unergreifbaren Geist,
dessen unerschrockenen Willen, furchtlose Unabhängigkeit und
mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner
Hülfe kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn
erreichen?... Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe,
wird er freier aus demselben hervorgeben als je. Ich kann
mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin
wohnende Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum
Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner
ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest Du
Dich an meinen Busen flüchten, aber dazu bedarf es Deines
Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich zu zwingen,
so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige Essenz aus der
Hand, welche ihren Duft festzuhalten glaubt... O, Jane!
wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Sorte sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und
unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert,
ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und mußte ich
nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
"Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein verzweifeltes Flehen vermag
nichts über Dich?...
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem
Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können, welches
Muthes es bedurfte, um in festem Tone zu wiederholen:
Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere
Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh
hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich
Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste
vorüberziehen... denke an mich!
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha,
verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen
erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe...
mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen ein tiefer Seufzer
Ich stand schon auf der Schwelle der Thür... und
doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch
einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse,
sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den
Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen
Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein
schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut, um
sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze diese
Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine
Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme
aus. ... Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch
einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
"Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in
meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!
Dritte Abtheilung.
Die Flucht der Waise.
Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen würde;
aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich den Kopf
auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor
Tagesanbruch und im Juli sind die Nächte bekanntlich
nicht lang.
Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht
früh genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf mich einstürmte.
Ich stand daher auf und meine Toilette war bald beendigt,
denn als ich mich auf mein Bett geworfen, hatte ich nur
meine Fußbekleidung abgelegt. Dann suchte ich im Dunkeln
in meiner Kommode ein wenig Wäsche, eine Agrafe und
einen Ring. Dabei begegneten meine Hände den Perlen
eines prachtvollen Colliers, das Mr. Rochester einige Tage
vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den
Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der
chimärischen Braut, die wie ein Traum verschwunden war.
Aus dem Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm
meine Geldbörse, welche zwanzig Schillinge,' mein ganzes
Vermögen enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und indem
ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig hinaus in
den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
"ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adele! sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube,
denn ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein feines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser Schwelle
stand, die mein Geist so oft überschritten hatte, stockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten
mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere Male
glaubte ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu
vernehmen. Und dort, hinter dieser schwachen Thür erwartete
mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige
Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfachen Worte
zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie
bis zum Tode lieben, bis zum Tode will ich Ihre treue
Gefährtin sein, -- und eine Duelle der höchsten Wonne
hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.
Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Dieser Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte nicht
schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der
Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich
war fort. Er ließ mich überall suchen... vergebens! Er
sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke... Aber ich zog sie wieder zurück und
entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden
hatte, wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel zu
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit Del
und eine Feder mit, um den Schlüssel und das Schloß
einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte.
Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein wenig Brot und
trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht
lange würde zu Fuß geben müssen und fürchtete, meine so
heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines
Planes nicht ausreichen. Dies Alles geschah ohne das
leiseste Geräusch. Ich öffnete die Hausthür und verschloß
sie wieder. Die Morgendämmerung begann den Hof ein
wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber
ich wußte, daß eine kleine Nebenthür in einem derselben
nur von innen verriegelt war. Durch diese Thür trat ich
in's Freie.
Eine Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen an eine Straße, welche nach einer, Millcote entgegengesetzten Richtung führte. Ich war noch nie auf derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der mir
eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen könnte.
Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir die geringste
Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick rückwärts oder
vorwärts, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu
werfen... in de süße, heitere Vergangenbeit, und in die
dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis die
Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß die Sonne
an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte Erinnerung
habe ich nur davon, daß der Thau bald durch meine dünnen
Schuhe drang und meine Füße kältete. Alles Uebrige um
mich ber existirte nicht für mich. Der Verurtheilte, welcher
dem Tode entgegengeht, sieht die Blumen am Wege nicht,
die ihm zulächeln. Er denkt nur an den Henkerblock, an
das Beil, an den letzten Sprung des abgeschlagenen Kopfes
und an den dunklen Abgrund, der ihm empfängt. Ich sah
nichts vor mir, als eine ewige Trennung, die öde Wüste,
die ich von nun an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz,
den ich diesem Manne als Vergeltung für seine aufopfernde
Liebe bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens
bedurft, denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der
Verlassenheit zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mit Widerhaken versehene Pfeil, den ich
vergebens aus meiner Wunde zu reißen versuchte; es war
der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es
war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet; es
war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche der
Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt und
verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes, der
sich meines festen Rillens, auf dem rechten Wege zu bleiben,
annahm und mir verbot, nach Thornfield zurückzukehren;
denn ich erinnere mich, daß ich weinte, als ich mich immer
weiter entfernte, und doch schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über die unwiderstehliche Gewalt
erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung, die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen
frische Feuchtigkeit allem mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten fühlte ich mich wieder etwas gestärkt... Ich konnte mich
auf den Händen und Knieen ein Stück weiter schleppen,
dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der
Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in der Ferne
erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo Mr.
Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte.
Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig Schilling. Ich
bot dem Conducteur zwanzig, indem ich ihm sagte, daß ich
nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr, so nahm er
das Gebot an und erlaubte mir sogar aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des Wagens einzunehmen.
Ich stieg ein, die Thür wurde zugeworfen und als der
Wagen fortrollte, fühlte ich, daß Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese
Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden
sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn
sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so
harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu
vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst
und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes gleichen,
hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden! Möchte sie
endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu
empfinden haben, für den Mann, den sie mit aller Kraft
ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und der
Verzweiflung zu werden!
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge weit
genug gefahren habe, und hieß mich ganz wider mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens Whitcroß
aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein kleines
Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von Thornfield
mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit bemerkte,
hatte die Diligence schon einen Vorsprung von wenigstens
einer Meile gewonnen. Es blieb mir daher nichts Andres
übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir
diese Vervollständigung meines Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser
am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger
sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen Namen
mehr oder weniger verdienen, und von denen die nächste
zehn Meilen entfern ist. Daher sind sie auch nicht frequent
und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer in der ganzen
Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus mir werden sollte,
damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser und die breiten
Bänder der Straßen zu betrachten, die sich in unabsehbare
Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich halte
keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken konnte,
mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von
denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung, noch
wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das mir bis
an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande der
Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken an
einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel ein Endpunkt dieses
grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war noch lästig,
hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt. Ich setzte
mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal zu erschrecken,
so oft der Wind das Gestrüpp bewegte und mich die Annäherung eines entlauffenen Stieres oder eines Wilddiebes
befürchten ließ. Meine Besorgnisse wurden jedoch durch
nichts gerechtfertigt, so daß ich mich endlich beruhigte und
über meine Lage nachdenken konnte, welche keineswegs
tröstlich war.
Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen
Ausdrücken sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß ich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht hoffen
durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und das ich
mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige Brombeeren, welche
hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten, und dieses
kärgliche Mal beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen
Hunger. Nachdem ich sodann mein Abendgebet gesprochen,
streckte ich mich auf mein Lager, das auf dem üppig
wuchernden Heidekraute ganz erträglich war. Mein doppelt
zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der
Macht, welche übrigens, besonders im Anfange, durchaus
nicht empfindlich war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte; aber
ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger durch den
Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels wurde, machte
mich endlich etwas ruhiger und ich schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete mich
das Elend wie ein bleiches, naktes Gespenst, das neben mir
saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete jetzt das
Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch schwärmen
sah, aus denn sie ihre, Nahrung sog, oder der Eidechse,
welche munter aus den Spalten des Gesteins hervorschlüpfte.
Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer nicht gefallen hatte,
mich während dieses Schlummers, in dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden gefunden hatte,
von der Welt abzurufen. Da er mich aber noch am Leben
gelassen, so mußte ich auf die Mittel denken, die Last meiner
Trübsal weiter zu tragen und meine Aufgabe zu vollenden.
Ich brach daher wieder auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, so lange meine
Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß ich dahin ging,
wohin Gott mich rief. Als ich einen Augenblick stehen
blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte nach der Gegend, woher
das Läuten kam und bemerkte hinter den Bäumen halb
verborgen das Dach einer Kirche. Zu gleicher Zeit sah
ich auf dem Wege, den ich gekommen war, einen mit Ochsen
bespannten schweren Karren. So erschienen mir das Gebet
und die Arbeit, als die beiden großen Heilmittel aller Uebel des Lebens, zusammen vereinigt. Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand.
Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes für mich
sein würde, wenn ich vor Hunger auf der Straße dieses
Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher fragte ich mich
sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, ich einige von
diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte nichts als
das seidene Tuch, das ich um den Hals trug, und meine
Handschuhe. Aber wie sollte ich, diesen Tausch anbieten,
und mußte ich nicht erwarten, daß er mir abgeschlagen
wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin
befand, kam mir sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch
machen zu können schien, was ich wünschte. Diese unpassende Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr
für möglich, meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit, um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick
sitzen zu dürfen, indem ich mich mit einer außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrießlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen, indem
sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich mich niederließ.
Bald traten mir die Thränen in die Augen; da ich aber
fühlte, wie wenig sie hier an ihrem Platze sein würden,
unterdrückte ich sie, so gut ich konnte, und fragte die Frau
nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.
Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?
Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und wie
konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte ich, ihre
Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand sich eine
Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah, daß mein
Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. Ss
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke am
Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte indessen
meine Machforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den
übrigen abgesondert stehendes Haus, das sauberer war und
einen schönen Garten hatte, der in seinem vollen Blumenschmucke glänzte. Die Thür war schneeweiß und der messinge Hammer blitzte in der Sonne. Dieses wohlhabende
Aeußere zog mich an und ich klopfte an die Thür, ohne
noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses
freundlichen Landhauses erwecken könnte.
Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir. Mit
schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur von einem
hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
"Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
"Könnten Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
"auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden. Ich
wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge Frau
erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber geben
könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das Dorf
zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer Entfernung
ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler Schatten mich
anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so matt und so
hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkührlich in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt. Ich
ging daher wieder nach dem Dorfe zu, um mich abermals
zu entfernen, indem ich bald einem Gefühle von Stolz, bald
der gebieterischen Nothwendigkeit gehorchte, die mich mit
ihren unbarmherzigen Klauen zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte. Ich kam
sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich, sich zuerst
an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie ein gewisses Recht auf seinen
Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen Muth,
und indem ich alle meine moralische Kraft zusammennahm,
klopfte ich leise, nicht an die Hausthür, sondern an die der
Küche. Eine alte Frau erschien, welche mir kurz und trocken
auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrerwohnung?
»Ja.
"Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
"Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
"Nein, er ist verreist.
"Verreist!... weit von hier?
"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirthschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr keine
christliche Milde zu hoffen war. Zum Betteln aber konnte
ich mich noch nicht entschließen; ich schleppte mich daher
aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und kehrte nach
dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich schon gesprochen
habe. Die Bäckerin war nicht allein; dennoch trat ich ein
und hat sie, mir ein Brötchen für das seidene Tuch zu
geben. Sie blickte mich staunend an und erwiderte in einem
argwöhnischen Tone:
Auf einen solchen Handel lassen wir uns nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr das
Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte sich
entschiedener als vorher. Konnte sie wissen, wie ich zu diesem
Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten
Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie Ihnen
erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem Abscheu
und der Demüthigung in meinem Herzen, welche ich damals
empfand. Ich will daher Ihre Qual und auch die meinige
abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kam mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch heute
mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten hielt,
die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem Brotes
fühlte.
Sie dem auch sein möge, ich entfernte mich von dem
Pachthofe, und sobald mich der Mann nicht mehr sehen
konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot zu essen.
Die acht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt hatte.
Allein diese zweite Macht war nicht so still und warm als
die erste. Der Erdboden war feucht und die Luft kühl.
Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger vorüberkommen, und da ich fürchtete von ihnen gesehen zu werden,
veränderte ich meinen Zufluchtsort. Gegen Morgen fing
es an zu regnen, und mit kurzen Unterbrechungen regnete
es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung. Wie
gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern quälte
mich der Hunger.
Esa ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt
und irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr, aber vom
Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche es mir
unmöglich machten, auf einer Stelle zu bleiben. Ein Licht,
das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog meinen Blick
auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes. Ich
komme an ein langes, niedriges Haus, an dem ein einziges
Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen Blick hinein und
sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit nach zu urtheilen
Schwestern, am Kamin sitzen und lesen. Neben ihnen strickt
eine alte Dienerin. Die jungen Dannen sind ganz in Trauer
gekleidet; aus einigen Bruchstücken ihres Gesprächs, welche
ich durch das Fenster vernahm, erfuhr ich, daß ihr Vater
vor Kurzem gestorben war, und daß sie diesen Abend die
Zurückkunft ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.
Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malte sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie sich Brot
kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht für
eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
"Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
"Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein! rief
ich aus; wenn Sie mich abweisen, so ist es um mich
geschehen!
"Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre
schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen, wenn Sie das wären, wofür Sie sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn
und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter geben konnte ich nicht, denn ich hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine Kräfte waren
gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir neue Thränen
aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände und fiel auf die
feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth hatte mich
verlassen. Mit einem letzten Schimmer des Vertrauens
flüsterte ich indessen noch die Worte vor mir hin:
"Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen, als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir seinen
Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm Schweigen
zu gebieten.
Vierte Abtheilung.
Die Rettung der Waise.
"Jedes Geschöpf muß sterben, sagte plötzlich eine
ernste Stimme, welche zwei Schritte von mir aus der
Dunkelheit kam; aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen, wird.
Eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor,
näherte sich der Thür und klopfte mehrere Male mit dem
Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John? rjef die Stimme
der alten Magd im Innern.
"Ich bin es; öffne sogleich.
Die Alte gehorchte. Da ist die Landstreicherin noch,
rief sie, als sie mich erblickte. Allein der Hausherr gebot
ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du
dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie
eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie in's
Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen,
so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen
mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor
einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen
bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren
Elends und meines unordentlichen Anzuges nur um so
peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von
einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher
an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den
sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften,
und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich durch
ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit
Milch an den Mund, in welche sie einige Semmelschnitte
gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich
ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir die Tasse
aus der Hand.
"O, warum thust Du das, lieber Bruder! rief die
ältere von den beiden Mädchen.
Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du
willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er
mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot, antwortete ich, denn ich
hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
"Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben
Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären Sie
Ihre gegenwärtige Lage?
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn
als ich mich unter einem gastlichen Dache und unser Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer
Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen,
man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.
"Was erwarten Sie dann von mir? entgegnete er
mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden
Schwestern, welche er mit dem Namen Diana bezeichnet
hatte, daß wir es bei dem, was mir gethan haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und bei einem
solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle
Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
"Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung,
erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie wollen,
aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich
entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden
Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer,
um sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,
doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren
begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte, eine
Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in
ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb bewußtlos,
dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in
eine Lethargie, aus der ich nicht so bald wieder erwachen
sollte.
Sie dauerte, drei Tage, während deren ich mich weder
bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wuße ich ziemlich genau, was um mich her vorging
und merkte, daß ich Der Gegenstand der Theilnahme der
Hausbewohner bildete und mich ihrer Fürsorge erfreute.
Bei, Diana schien He mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßigt und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie
unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche Folge
ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den se mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt
fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen
einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon
der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen. Aengstlich
blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine beschmutzten
und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und
ich sah mit inniger Freude, daß meine vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand
zu setzen. Sie hatten zu diesem Zwecke weder Bürsten;
noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand
ich in meinem Zimmer alle zur Toilette unentbehrlichen
Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe
und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich
bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigee Haltung, welche
Sie alte Hannah vielleicht wider ihren Willen annahm, als
ich unvermuthet in die Küche trat.
"O wie haben Sie sich verändert, Demoiselle, sagte
Hannah, heute sehen Sie ganz anders aus als an jenem
Abend, wie Sie zuerst um ein Nachtquartier ansprachen.
Hätten Sie damals so ausgesehen wie heute, dann würde
ich kein Bedenken getragen haben, Ihnen zu öffnen, aber
nehmen Sie es mir nicht übel, an jenem Abend sahen Sie
wie eine Landstreicherin, eine Bettlerin, wenn nicht als etwas
noch Schlimmeres aus.
"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch Geld.
"Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Neinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst einem
verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr Unrecht ein,
entschuldigte sich nach besten Kräften und hat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche
aufhielte. Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo mich
Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem fragte,
wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen Abriß
meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs
irgend ein Fehler oder Vergeben, dessen ich mich schämen
nützte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde
Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend,
denn Mr. Saint-John, der mich mit der ganzen Strenge
eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit
eines Geistlichen anhörte, nahm mich zuletzt für das, wofür
ich mich ausgab und versprach mir auf meine wiederholten
Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behülftlich
zu sein.
Vor der Hand, sagte die liebenswürdige Diana
Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es
noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur einige
Wochen hier in Folge des Todes unsres Vaters. Nach
Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John nach
Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer
rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört haben, nach
Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. vergessen Sie also für kurze Zeit alle Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie
Sie sie nennen, in keiner Hinsicht drückend erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese hochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ
mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen, sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern
Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden, einen armen
Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und Hunger getrieben,
hierher geflüchtet hätte. Ich meines Theils gebe Ihnen
nochmals die Versicherung, daß ich alles Mögliche thun
werde, um Sie in den Stand zu setzen, sich durch eigene
Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt verdienen zu können; aber
vergessen Sie nicht, daß ich nur der arme Pfarrer einer
sehr armen Gemeinde bin. Erwarten Sie also nur einet
sehr beschränkten Beistand von mir und wenn Ihnen der
bescheidene Wirkungskreis, den ich Ihnen verschaffen könnte,
zu gering scheinen sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine
kräftigere Unterstützung zu suchen.
"Alles, was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun, um
selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war noch
außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten, meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen
mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen Sprache,
wogegen ich sie in der Malerei unterrichten: konnte. Dies
war mein großer, aber auch mein einziger Vorzug, den ich
vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren
Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische Begeisterung mir ein
Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung
gemischt war. Ich hatte in der That nie dieses reine
Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie
genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch
er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil
eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen Mann
mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns an die
herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums erinnern.
Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes Haar, eine
hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie werden mir sagen,
daß hierin gewiß nichts lag, was mich hätte erschrecken
können. Ich gebe dies zu; aber diese schönen blauen
Augen hatten einen ungewöhnlich strengen Ausdruck und
dieser wohlgeformte Mund lächelte nur höchst selten. Und
dabei beobachtete er eine wahrhaft mönchische Regelmäßigkeit
in der Erfüllung seiner Pflichten. Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man ihn an seinem Arbeitstische sitzen
und in Sanscritgrammatiken oder indischen Wörterbüchern
studiren. Später ging er mit seinem Stocke in der Hand
und von dem alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das
Wetter mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in
der Umgegend Trost, Rath und Hülfe zu spenden, je nachdem, sie deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen Anstrengungen, versuchten seine Schwestern oft, ihn
zurückzuhalten, indem sie ihn dringend baten, einen Tag auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen Wetter
auszusetzen.
"Glaubt Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen, das ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf die
ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung
meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend geben.
Dieser Diener der Religion hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missionairs in fernen Gegenden gewidmet.
Er strebte nach andren Unternehmungen, andren Gefahren
und andren Pflichten als die gewöhnlichen Diener Gottes.
In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten, denen er seine
Pläne mitgetheilt hatte, ihm die Laufbahn eröffneten, zu der
ihn sein frommer Eifer hinzog, studirte er unablässig und
bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen
Kämpfe, auf die heilige Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit seinen
Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft, in denen
ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte ihn einmal
predigen, und als ich den Eindruck studirte, den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam ich zu der
Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet seines
frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit und seines
wahren, glühenden Feuereifers noch nicht den Frieden der
Seele gefunden hatte, der über alles Wissen erhaben ist,
so wenig, als ich ihn selbst bei der geheimen, aber deshalb
nur um so heißeren Sehnsucht fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig verlorenes Paradies in
mir zurückgelassen. Sie sehen, daß ich nicht oft auf diese
Sehnsucht zurückkomme, welche beständig an meinem Herzen
nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich meinen Zweck.
"Sie wollen ohne Zweifel wissen, sagte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch
Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen würden,
hielt ich es für unnöthig, diese Trennung eher herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag von heute
festgesetzte Abreise meiner Schwestern unerläßlich wurde.
Ich selbst kehre dann nach Morton zurück, nehme die alte
Hannah mit mir und dieses Haus wird gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf die Stelle sein, welche Ihre Güte
mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hängt ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
sie Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken, wie
ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von Ihrer
vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen und
Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen ist. Da ich
selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich Ihnen nur
einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen. Werden Sie
ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, zu, Sie
werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen, die
ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer in
derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich, wenn
auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt. Die
Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht mehr
am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon vor zwei
Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet und
seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die ersten Elemente
einer christlichen Erziehung erhalten können. Die Güte der
Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes,
den die Gemeinde zu den Ihrigen zählt, hat mir gestattet,
ein den Bedürfnissen der kleinen Anstalt entsprechendes Haus
zu miethen, das beißt einen ziemlich geräumigen Schuppen,
der zu einer Schule eingerichtet worden ist, und ein Häuschen
mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der
Gehalt dieser letzteren ist. auf dreißig Pfund Sterling jährlich
festgesetzt. Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von einem Bauermädchen, das zu gleicher Zeit ihre
Schülerin und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene
Stelle, die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl,
daß sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie werden nur mit Kindern
der ungebildetsten Klasse zu thun haben und Ihr Unterricht
muß sich nur auf die Gegenstände beschränken, die ihnen zu
wissen nöthig sind, das heißt Lesen, Schreiben, ein wenig
Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen Sie die
Stelle an?
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem Tone
starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiederte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber wie wollen Sie Ihre Talente, Ihre vielseitigen
höheren Kenntnisse anwenden?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich anwenden kann.
"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
"Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen?
Werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen.
Er blickte mich mit einem Lächeln an und entfernte sich.
Ich begab mich schon am folgenden Tage nach Morton,
und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den
Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück. Mr. Rivers
und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das
mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer
und verlassen auf der öden sumpfigen Haide.
Fünfte Abtheilung.
Die Waise als Vorsteherin der Dorfschule.
Hier eine Beschreibung meiner neuen Wohnung. Es
war eine Hütte m der wahren Bedeutung dieses oft falsch
angewendeten Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene
hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen
kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern und ein Theeservice von Delster Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen
Größe mit einem Bett und einer Kommode von ordinairem
Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von sehr geringer
Dimension, aber noch immer zu groß für die höchst dürftige
Garderobe, die ich darin aufzubewahren hatte, obgleich sich
meine neuen Freundinnen der ihnen nicht unbedingt nöthigen
Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen konnten
lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren Namen zu
schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten
mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige begannen zu
nähen. Alle sprachen einen abscheulichen Dialect mit dem
gedehnten Accent der Gegend, so daß wir uns im Anfange nur mit Mühe verständlich machen konnten. Bei nicht
wenigen unter ihnen gesellte sich zu der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige
Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften und
ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir schien,
als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt. Es
kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben würde,
das er mir an der Küste des Mittelmeeres unter dem
heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt hatte.
Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer wieder genug
verständige Einsicht in mir, um den rauhen Pfad der Ehre
den vergifteten und vorübergehenden Freuden einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner Gedanken. Indem er mich nach sich selbst beurtheilte, errieth
er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen
ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden, obwohl strengen
Worte führten mich, wenn auch oft ein wenig unsanft, zu
der richtigsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen
Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach einer
Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich von
einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt gefühlt und
den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem Missionsamt zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
"guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,
welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrack er,
als ob unvermuthet ein Blitz ans heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der nämlichen
Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hatte. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder
und wendete sich um, die Neuangekommene zu begrüßen;
diese war nichts Geringeres, als eines der reizendsten jungen
Mädchen, die ich in England, wo nichts so selten ist, als
jugendliche Schönheit, je gesehen habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und durchsichtiger Teint, schöne
schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht,
ein lieblicher, frischer Mund, eine reine Fülle schwarzer
Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den
herrlichen Naturgaben, die ein für die Liebe geschaffenes
Weib sich nur wünschen kann, fehlte diesem glücklichen
Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung und
über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu haben sich
rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß Miß Oliver,
de reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere Schule ihr Dasein verdankte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwiedert wurde.
Ich sah es an seinem ganzen Benehmen, an dem ganzen
Ausdrucke seiner Gesichtszüge, als das offenherzige, unbefangene Mädchen ihm von einem am vorigen Tage in der
Stadt, aus der sie kam, stattgefundenen Balle und von dem
Glanze erzählte, den die Anwesenheit der Offiziere des 20.
Husarenregiments diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der leidende und
schwermüthige Ausdruck, der über das schöne Gesicht des
jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines Automaten.
Man sah deutlich, daß es ihm eine fast übermenschliche
Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.
Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen Sieg
davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden
Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau entfernte,
begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer
tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie ging rechts und
er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes,
gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine
Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was
Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er
doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß
Diana's Vergleich keineswegs übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen
Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der
Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu mir theilte
sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht
ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand.
Die Erkenntlichkeit der Armen ist erfinderischer, wenn nicht
aufrichtiger als die der Reichen, und scheint unmittelbarer
aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit
allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann.
Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung,
die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf
welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin
den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und
wußte es zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem Sie auf meinem Tische einen Band
von Schiller's Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen.
Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so übertriebene Lobeserbebungen über mich, daß der reiche Fabrikherr
mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte meine Zeichnungen, hat mich dringend, ihn zuweilen mit meinem Besuche zu beehren und ersuchte mich förmlich um das
Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne dieses Umstandes nur deshalb, weil er
zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern,
kurz er sucht irgend eine wirkliche Veranlassung oder einen
Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das Leben angenehmer zu machen.
So brachte er mir auch eines Abends ein neu erschienenes Buch von Walter Scott mit, und er schien außerordentlich erfreut, mich an meiner Staffelei beschäftigt zu
finden.
"Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn man
zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald. Sie allein sind,
Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht und gequält, die mir allerdings nicht bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte und
in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt hatte;
warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit. Kaum
aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie näher zu
betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem nämlichen unwillkührlichen Schrecken, den ich schon einmal an im beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß eingeprägt hatte!
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu entziehen.
"Finden Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn.
"Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung des
Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts, es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
"Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
"Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine Zeit
und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes
Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu können.
"Antworten Sie mir aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an Ihre
ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal später
am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar, oder in
Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
"Es würde mir ohne Zweifel angenehm sein, wenn ich
eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte; aber ob es
gut und vernünftig wäre, das ist eine andere Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr leicht
Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte,
in den Stand setzen würde, eben so viel Gutes zu thun
als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so
sagte ich zu ihm:
"Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre, wenn Sie
anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen,
dessen Züge es versinnlicht.
Ich sprach diese kühnen Worte, fast mit einer geheimen
Angst aus; allein ich bemerkte bald, daß sie nicht übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf einen Stuhl
gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf in beide Hände
gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne sich durch meine
Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im Gegentheil, meine
etwas unsanfte Ausdrucksweise und die Furchtlosigkeit, mit
der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete Erleichterung zu
gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen, vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen, aber
dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren, jedoch mehr affectirten als wahren Ausdruck von
Zweifel.
Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Anderen, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen, als von Ihnen.
Glauben Sie, Miß Jane?... O, sprechen Sie weiter... es thut mir wohl, Sie anzuhören.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mir den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem Herzen
verschließen?
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionairs denken?
Aber wer zwingt Sie denn, Missionair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
"Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf
verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der hehren
Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will?
ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar
der Männer gezählt zu werden, welche sich über die Bestrebungen dieser Welt erheben und sich die Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das errettende Licht
und die Lehren des Friedens und der Wahrheit zu verbreiten?... Nein, ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber Mr. Saint-John übersehen und vergessen Sie
denn, daß man auch sehr wohl ein würdiger Diener der
Religion sein und Werke des Friedens und der Liebe verrichten kann, ohne Missionair zu sein. Diese Schule und
die Knabenschule ist Ihr Werk. Alle Bewohner des Dorfs
und der Umgegend erschöpfen sich in Lobeserhebungen über
den Beistand, den Sie dem Unglück und der Hülflosigkeit
angedeihen lassen. Konnten Sie so viel Gutes bei Ihren
beschränkten Mitteln fördern, was würden Sie erst leisten,
wenn Sie über das Vermögen Rosamunden's zu verfügen
hätten. Ueberlassen Sie das Missionswerk Andern, welchen
eine weniger glückliche Zukunft lächelt und genießen Sie das
Glück, welches Sie so sehr verdienen.
Der junge Geistliche schwieg, es trat eine ziemliche
Pause ein; er schien zu bedenken, ob und was er mir antworten solle. Plötzlich ergriff er seinen Hut und mit einem
Händedruck und mir eine gute Nacht wünschend, entfernte
er sich von mir.
Sechste Abtheilung.
Die Erbschaft aus Madeira.
Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung an
mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine: ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst, der
mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen zu hindern. Ich las in einem Buche, als Mr. Rivers, ohne
vorher anzuklopfen, ganz unerwartet bei mir eintrat und an
der Thür den Schnee von seinen Füßen abschüttelte.
Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen; aber
er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine schlimme
Nachricht bringe und hat mich um Entschuldigung, daß er
mich durch seinen unvermutheten Besuch in meiner häuslichen
Ruhe störe.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich ihn
etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage; da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte, ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Reine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilen mich, und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines
Menschen, dem man den Anfang einer sehr interessanten
Geschichte erzählt hat und der gern den Ausgang wissen
möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben möchte.
Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war vollkommen
ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige Augenblicke
nachdenkend und stillschweigend, das Herz von lebhaftem
Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und Blässe
seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah, daß er
nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen, drehte ich
den Docht meiner Lampe ein wenig empor und fuhr fort
zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch, einen
Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus, den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an Ort und
Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in tiefes
Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern
habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte; aber ich erhielt nichts als
bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort. Endlich,
nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug die Uhr
acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers aus seinem
Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite,
sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher an den Kamin.
Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte wissen
möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich will
Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an, wurde
ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen seiner Zeit
nennen werde, von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Tochter
eines sehr reichen Mannes ergriffen. Sie liebte ihn wieder
und bewilligte ihm ihre Hand, den Wünschen ihrer Eltern
entgegen, welche sich, auf's Höchste gegen sie aufgebracht,
sogleich nach dieser unseligen Verbindung gänzlich von ihr
lossagten. Noch ehe zwei Jahre verstrichen, waren beide
junge Leute gestorben und ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie hinterließen eine Tochter, welche
unmittelbar nach dieser Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es war ein kaltes Asyl für sie, eben so
kalt war der Schnee, in den meine Füße auf dem Wege
hierher versanken. Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das keinen Freund auf der Welt hatte, in dem
Hause reicher Verwandter ihrer Mutter aufgenommen, sie
wurde von einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick
den Namen zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß
Reed von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
"Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs.
"Briggs?... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten Herrn,
in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot, als
Gouvernante gewesen ist. Er giebt mir zu verstehen, daß
Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre, nicht
immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen habe,
denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame, Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung, welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte,
so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht nach
der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne
Interesse waren.
"Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete mir Saint-John, indem er ein Stück Papier welches
ich beim Malen zum Probiren der Farben benutzt hatte, aus
seinem Portefeuille nahm. Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung eigenhändig mit einem Pinsel den Namen
darauf geschrieben, den ich meinem Beschützer verschwiegen hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indickum, sagte ich lächelnd.
"Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den Times,
in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der Aufenthalt der
Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte, ihm denselben wissen
zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
"Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte ich
wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen haben...?
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen zu lassen,
wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache und
kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt wurde,
die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine sehr mäßige
Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener und meinen
täglichen Wünschen entsprechender gewesen, so würde mir
dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich in einem heitereren
Lichte erschienen sein; aber gerade die Größe des mir
zufallenden Vermögens machte ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten Worte
in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete, äußerte
keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde ihn vielleicht
gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miß Jane,
sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte, daß Sie
eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß nicht
meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu zeigen. Und
wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend Pfund
Sterling einer Person gleichen, die wenig Appetit hat und
an einer reich servirten Tafel sitzt, so denken Sie an die
armen Gäste, welche von dem Ueberflusse des Gastmahles
genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er hinzu, indem er
seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht
so abscheulich wäre, so würde ich Ihnen Hannah schicken,
damit sie Ihnen Gesellschaft leistete, denn es scheint mir
ganz so, als sähen Sie mit Bangen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden. Aber die gute Hannah
würde sich kaum durch den Schnee hindurcharbeiten, worin
ich selbst auf dem Herwege fast versunken wäre.
Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich, und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die Frage
vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne welche die
Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für mich verloren
gewesen wären, nicht an meinem neuen Glücke Theil nehmen
lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich nahe
daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als die Thüren
von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten. Ich erinnerte
mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle Empfang
mir daselbst zu Theil geworden war. Da ich mir übrigens
früher oder später eine Adoptivfamilie wählen mußte, so
lag der Plan einer ehelichen Verbindung meinen Aussichten
gänzlich fern, und ich brauche Ihnen wohl kaum den Grund
davon zu sagen, denn welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana und die brave Mary ersetzen, auf
welchen Bruder hätte ich stolzer sein können als auf
Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang reiflich
überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte, kündigte ich ihm
denselben an, wie er mir mein Glück angekündigt hatte, das
heißt, in kurzen, bestimmten, kategorischen Worten. Meine
Willensmeinung war, mich mit der Hälfte der Erbschaft zu
begnügen, und zehntausend Pfund Sterling dem würdigen
Geistlichen und seinen Schwestern zu überlassen.
Saint-John verzichtete seinerseits auf jede Theilnahme
an mein Geschenk, Diana und Mary Rivers nahmen jedoch
mit Dank das ihnen gewachte Anerbieten an. Wir trafen
das Uebereinkommen, fortan zusammen zu wohnen und zusammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
"Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe meinen
Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin für mich
gefunden haben
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Sippen meines
neuen Vetters, welchen Titel er verabredetermaßen von
nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand mit
größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich an dem Tage
mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die Direction der
Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart der versammelten
sechzig Schülerinnen die Schlüssel einhändigte. Es war
ohngefähr zwei Monate nach der Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir Einige
wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch darüber,
wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war, so
daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt
die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange zu
ergeben. Für's Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
"Bedürfen Sie ihrer?
"Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End zu nehmen, wohin ich für nächsten Dienstag
Diana und Mary eingeladen habe. Ich will, daß Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen und
gereinigt werden soll. Von oben bis unten, hören Sie
wohl. Ich möchte fast sagen, daß Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen werden, obgleich sie weder
Sanskrit noch Pali sind. Man muß sich im Fußboden der
Zimmer spiegeln können; es darf weder Holz noch Steins
kohlen gespart werden, um alle Feuchtigkeit aus dem Hause
zu entfernen; es muß jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl,
jeder Tisch und jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt werden, und was die Vorräthe von Kuchen,
Confituren und Gelees betrifft, so verlassen Sie sich auf
die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen unterstützen werde. Mit Einem Worte, ich will,
und diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für
Sie haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das schöne
Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem flüchtigen, Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
"Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihrer
neuen Verwandten zu genießen; aber nachher hoffe ich, daß
Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden. Ich blickte ihn erstaunt an.
"Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit mir,
Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl, daß ich
es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun Sie das?
"Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er Ihnen
verlieben hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig über
deren gute Benutzung wachen werde, denn es ist meine Pflicht
und mein Recht. Daher rathe ich Ihnen, schon jetzt den
unbesonnenen Eifer zu mäßigen, mit welchem Sie sich rein
weltlichen Genüssen hingeben. Ihre Thatkraft und Energie
wollen zu weniger alltäglichen Beschäftigungen verwendet
sein. Lenken Sie sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
"Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe, glück- und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen, denen
es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche Haus,
keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie
ich es hätte thun können, sondern nur durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr und einige ernste
Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken
Wohnung entsprachen, verjüngt und verschönert zu finden.
Sie nahmen von Herzen gern an unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet Hannah's gutem Willen
noch nicht beendigt waren, und namentlich in den ersten
Wochen erfüllte ihr fröhliches Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis zum Abend. Saint-John schien sich
daselbst nicht mehr heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich
zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich,
daß wir einen störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen
Studien ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen
Besuche ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der
Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise
unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß er
recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er offenbar
nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah ein, daß
ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine unwürdige
Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn gleichsam und
fand in ihm alle Elemente, aus denen die Natur ebensowohl
heidnische als christliche Helden, das beißt solche Männer
bildet, welche dazu bestimmt sind, Gesetze zu geben, Länder
zu erobern und Völker zu regieren; ich mußte mir sagen,
daß er eine mächtige Stütze der erhabenen Interessen der
Religion werden konnte; aber an häuslichen Heerde war
ein Kind besser, als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionair! dachte ich eines Tages,
aber ein langweiliger Gatte!
Mach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser
Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger bei
uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ob.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana,
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden war,
ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären, und ihr
Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich
werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten
Jahres abreisen.
"Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer
Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
"Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel und
Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr Vater hat
mich gestern Abend von dieser bevorstehenden Verbindung
in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt und
unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
"Aber Rosamunde kannte diesen jungen Mann gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver haben sich
letzten Monat October zum ersten Male auf einem Balle
gesehen, von dem mir Rosamunde am nächstfolgenden Tage
erzählte... erinnern Sie sich noch, Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen, und ich
konnte mich nicht genug wundern über den stoischen Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den schmerzlichsten
Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir schon
einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde mich jedem
Andern gegenüber ermuthigt haben, von Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich intimen Unterredung
war Saint-John wieder so verschlossen und zurückhaltend
geworden, daß er eben so unzugänglich war als früher.
Und diese Zurückhaltung hatte zur Folge, daß ich mich
meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er
trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen
Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine
Unterschiede zwischen ihnen und mir, welche den Gedanken
an ein volles und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen
ließen.
Ich staunte daher nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilten Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu mir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der
Sieg ist mein.
"Haben Sie auch die Gewißbeit, entgegnete ich ihm
nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer erkauft
haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg nicht zum
Verderben gereichen?
Ich glaube nicht; aber wozu sollte ich mich deshalb
beunruhigen? werde ich je wieder einen solchen Kampf zu
bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder auf
und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den Augenblick nichts mehr mit einander zu sprechen hatten. Ich ließ
es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle entgegen
zu handeln.
Eines Tages überraschte mich Saint-John durch die
Anfrage, ob ich wohl die Anfangsgründe der hindostanischen
Sprache bei ihm erlernen möchte, er wolle mich darin unterrichten.
"Was könnte diese Sprache einem Mädchen nützen?
fragte ich.
"Vielleicht hat Gott Sie wie mich zu einem Werkzeug
erkohren um die Lehren der Religion unter den Heiden zu
verbreiten.
"Ich fühle keinen solchen Beruf in mir und noch weniger mich demselben gewachsen.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe
zu geben, pflegte Saint-John seine Schwestern zu küssen,
nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich
dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche mit einem heitern Charakter
einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie
der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügte; daß
ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, das Saint-John
versprochen habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich will
es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern,
das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein wenig zu
mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die
meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch Versuchsküsse geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht denken
können, war diese Wirkung so gut als gar keine. Ich bin
fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber
vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als gewöhnlich;
denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie ein Siegel,
das auf die Ketten gedrückt wurde, deren Last ich zu fühlen
begann.
Von diesem Abend an wurde die Ceremnonie des Kusses
regelmäßig eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit, mit
der ich mich derselben unterwarf, schien meinem frommen
Vetter Freude zu machen.
"Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Tage eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende
mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte
die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen von
ihrem natürlichen Hange ablenken, nach Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren.
Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen, wo
ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen
unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines
Gesichts geben, oder die Farbe meiner Augen verwandeln
und ihnen das dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und nach
den beitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen
hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch hegte,
Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu erlangen.
Mehr als einmal hatte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt meines
ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr. Briggs stand
mit den Bewohnern von Thornfield-Hall nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief könnte
verloren gegangen sein. Aber es verging ein Monat, zwei
Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte Hoffnung war
endlich ganz von nur gewichen, doc nicht ohne einen tiefen
Kummer zurückzulassen, über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
"Jane, wir wollen einen Spaziergang machen, redete
mich Saint-John eines Morgens an.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.
"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen geben.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg zwischen
unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben gekannt, besonders gebieterischen Charakteren gegenüber, die
mit dem meinigen in directen Widerspruch standen. Da
Saint-John nichts von mir verlangte, was ein Sträuben
oder selbst nur einen bloßen Einwand von meiner Seite
gerechtfertigt hätte, so begleitete ich ihn nach dem Thale und
wir lustwandelten neben einander unter einem vollkommen
reinen Himmel und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche,
der mit weißen und gelben Blümchen durchwirkt war.
Siebente Abtheilung.
Des Pfarrers Heirathsantrag.
Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des, den Horizont begrenzenden
Gebirgs gebildet wurde. Hier machte Saint-John Halt
und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock. Mein
Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen. Seine Augen
schweiften von den Bergen zu dem Bette des Waldstromes
und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Mach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen für
das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den Schmerzen
des Exils hat und noch einen Blick des Abschiedes auf die
Gegend wirft, deren unvergängliche Erinnerungen er bald
mit sich nehmen wird.
So verweilten wir ungefähr eine halbe Stunde, nach
deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe schon
meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am 7. Juni
unter Segel geht.
Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener, behüten, erwiederte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren Herrn und es ist mein Stolz und meine Freude, daß
ich in dieser Welt nur dem Willen des vollkommensten
Wesens gehorche. Nur dünkt es mich sonderbar, daß nicht
Alles, was mich umgiebt, sich ebenfalls unter sein glorreiches
Banner schaart.
"Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es
wäre thöricht von den Schwachen, sich mit denselben Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
"Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und von
ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen, die des
großen Werkes würdig und geeignet sind, daran Theil zu
nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht viele und sie sind
schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es eine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie über ihre Befähigung aufzuklären sie zu edlen
Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Stellung zu zeigen,
die ihnen Gott unter seinen Auserwählten bestimmt hat
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
um mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich die
herannahenden Gefahr noch nicht klar erkannte.
"Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufes stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
"Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts!.. nichts! erwiderte ich mit einem Schauder,
denn diese einfache Frage schnitt mir den Odem ab.
"Dann will ich anstatt seiner sprechen, fuhr er mit
seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren ernste
Töne das Echo der nahen Berge wiederholte. Jane,
geben Sie mit mir nach Indien, seien Sie meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich zu
drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es war
wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten Apostel
nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich war kein Apostel
und dieser Befehl von Oben lähmte nicht ganz meine
Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, der in der Erfüllung
dessen, was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid noch
Bedenklichkeiten kannte.
"Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie
so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionairs es sein
muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit versagt,
Ihnen aber Energie der Seele und des Geistes verliehen.
Sie sind nicht für die Liebe, sondern für heilige Werke
geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur Gattin wünsche, so
geschieht es nicht um meines persönlichen Glückes willen,
sondern zum Nutzen meines erhabenen Gebieters.
"Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind im
Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist nicht
der, den Sie meinen.
Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet und sich mit der nöthigen Geduld und Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich aus seinem
ganzen Benehmen, als er, an den Felsen gelehnt und die
Arme über der Brust gekreuzt, mit einer unerschütterlichen
Ruhe alle meine Einwendungen einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit dem festen Vorsatze, mich zu
unterrichten, mich zu leiten und zu unterstützen bis zu der
nicht fernen Zeit, wo ich allein gehen und dann ihn nöthigen
falls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus keinen
Eifer; durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir erweckten,
so versicherte er mir, daß er mich seit zehn Monaten genau
studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich
einer unbegrenzten Hingebung fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und meine Pflichten mir vorgezeichnet
wären. Er sagte, er habe mich stets fügsam, eifrig uneigennützig, fleißig, muthig, heldenmütig und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und
müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Ich erkannte die Nothwendigkeit, die beiden von dem
würdigen Geistlichen an mich gerichteten Wünsche auf einmal
entschieden abzulehnen. Um ihn jedoch nicht zu beleidigen,
erbat ich mir eine viertel Stunde Bedenkzeit, da ich von
der richtigen Voraussetzung ausging, daß meine Antwort
ihm dann als das Resultat einer sorgfältigen Prüfung erscheinen und ihn verhindern würde, mich mit weiteren Bitten
zu bestürmen.
Er entfernte sich und ich sah in weiter Entfernung ihn
zum Gebet knieen und sich dann niedersetzen.
Nach einiger Zeit hatte Saint-John seinen Sitzplatz
verlassen und ging langsam auf mich zu, ich ging ihm
entgegen.
"Nun, Jane, fragte er mich.
"Saint-John! in dem ehrenden Antrage, den Sie mir
gemacht haben, erkenne ich das Vertrauen, mit welchem
Sie mich beehren, ich kann Ihnen aber nur wiederholen,
daß ich nicht den Beruf zu Missions-Werken in mir erkenne.
Da Sie dies nun für Ihre Lebensaufgabe halten, so kann
ich nicht Ihre Gattin werden; aber Sie sind mein Adoptivbruder und haben mich als Schwester angenommen. Diese
fingirte Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, jedoch
an keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Ein Seufzer war die ganze Antwort, welche Saint-John für mich hatte. Schweigend ging er von meiner
Seite nach Hause zurück.
Achte Abtheilung.
Sehnsucht nach Thornfield-Hall.
Beinahe ein Jahr war jetzt seit meiner Entfernung
von Thornfield-Hall verflossen. Alle meine Bemühungen,
irgend eine Auskunft über Rochester zu erhalten, waren
erfolglos geblieben und so wurde der Wunsch in mir rege,
mich selbst nach der Umgegend von Thornfield-Hall zu begeben, um an Ort und Stelle Auskunft über den zu erhalten, der, wie ich mir selbst sagen mußte, doch noch
immer meine ganze Liebe besaß.
An einem Juni-Morgen sagte ich meinen Freundinnen,
die mich ihre Schwester nannten, beim Frühstück, daß ich
Marsh-End auf kurze Zeit verlassen wolle, um einen Freund
zu besuchen, dessen Schicksal mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unseren vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber ein
zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern. Sie fügten sich stillschweigend
allen meinen Wünschen und ließen mir die nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.
Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem ich
an einem schönen Sommerabende an der nämlichen Stelle
gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und mit einer
Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unheilbar hielt.
Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung des Platzes
mein ganzes Vermögen ausgeben zu müssen, und als ich
mich auf dem Wege nach Thornfield befand, fühlte ich mich
so heiter und vergnügt, wie die Taube in der Schrift, als
sie nach der Arche zurückflog, wohin der Herr sie sendete.
"Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden. Am
Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause und
der Kutscher spannte die Pferde aus, um zu füttern. Weit
verschieden von der düstern und feuchten Einöde, aus der
ich kam, erschien mir die Gegend mit ihren grünen Hecken,
die große Felder umzäunten, und mit ihren. freundlichen
Anhöhen, wie der Anblick eines alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
"Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall?
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.
"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum hatte
ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand meine
Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in
diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, wirst Du
es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen?
Dann wäre deine Mühe verloren und Du thätest also besser,
sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls hättest Du erst bei
dem Gastwirth einige Erkundigungen einziehen sollen, er
würde Dir gewiß haben sagen können, ob Mr. Rochester
England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Rathschlägen zu
folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der Ungewißheit
war die Verlängerung des Gedankens an die Zukunft, der
mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns
noch ein Sal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens,
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von Bienen
bewohnt war, deren lautes Summen die Stille des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von Freude drängte
mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes Feld und ein
Stück Heideland überschritten, das mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor den Mauern des Hofes
bei den Wirthschaftsgebäuden. Das Wohnhaus selbst wurde
nur noch von dem erwähnten Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo mein
Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann. Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er steht
frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren. Wenn
ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen? ...
oder müßte ich dies unterlassen? Was würde geschehen,
wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht
sieht er in diesem Augenblicke die Sonne hinter den Pyrenäen aufgeben,... vielleicht überschaut er die blitzenden
Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken, was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie selbst
ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern vorging,
als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes eine halb
verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern standen noch
und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene Fensterstöcke
herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut; der feine
Sand in den Gängen war von profanen Füßen zerscharrt,
das prächtige Portal stand für Jedermann offen. Das
Schicksal Thornfield-Halls war leicht aus den von Rauch
geschwärzten Trümmern zu erkennen. Eine Feuersbrunst
hatte das alte Stammschloß der Rochester zerstört, und sie
mußte schon im vergangenen Jahre stattgefunden haben,
denn der Schnee des Winters und der Regen des Sommers
hatte eine Vegetation vorbereitet, welche im letzten Frühling
emporgesproßt war. Zwischen den geschwärzten Steinen
und den halbverkohlten Balken wuchs schon Gras, und
überdies: beschränkte sich das Unglück auf das, was meine
Augen sahen? war nur ein Gebäude zerstört worden? lag
nicht vielleicht unter diesen Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte, und
ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht vielleicht
schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn,
Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore,
ruhte.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir selbst
mein Frühstück und ich hat ihn, einen Augenblick Platz zu
nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen wünschte. Aber
nach dieser Einleitung wußte ich nicht mehr, was ich noch
hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
"Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort
gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen Mr.
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte ich;
er lebt also nicht mehr?
Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards,
des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig und
ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen noch
nöthig war.
"Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall? fragte ich weiter.
Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen Sie
nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der Nacht
aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote eintreffen
konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen.
Es war ein schauerlicher Anblick!... Ich habe ihn mit
angesehen, und das Herz wollte mir brechen.
"Also in der Nacht dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr ich
laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks nicht
entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der Wirth,
leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher an den
Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu sehen bekam...
von der man nichts Genaues wußte... die Mr. Edward
von seinen Reisen mitgebracht hatte und die man für seine
ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt ergab sich's, daß
sie seine Frau war... bei einer ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich sterblich in eine junge
Gouvernante verliebt hatte... und Sie wissen, daß Männer
in seinem Alter, wenn sie ein junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich den
Gastwirtt kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer angelegt habe.
"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und wann
einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender, aber
sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, entfernte
sich leise und streifte im Schlosse umher, wo sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den Sinn kam. ,In
jener Macht nun, zündete sie zuerst die Vorhänge in dem
Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt
hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von
Eifersucht, dem man sagt, daß sie etwas geahnt habe,
Feuer an das Bett, in dem zum Glück Niemand schlief.
Die erwähnte Gouvernante hatte sich zwei Monate zuvor
heimlich entfernt, und man muß gestehen, daß Mr. Rochester
kein Mittel unversucht ließ, um sie wiederzufinden. Seit
ihrer Flucht entließ er fast seine sämmtlichen Dienstleute,
entfernte eine Verwandte, die seine Wirthschaft geführt
hatte, und brachte ein kleines Mädchen, die man für seine
Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr
lebte wie eine Eremit, oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig geworden und sein Wahnsinn
sei zu gewissen Zeiten höchst gefährlich.
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester.
"Er war im Schlosse?"
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,
die nach dem Feuer zu, im Winde flatterten. Wir alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wir
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte, stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf und in der nächsten Secunde lag sie zerschmettert auf
dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stebe Ihnen dafür, dem die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn besprützt... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der bloßen
Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt... aber ich kann Ihnen versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...
"Wie so?... Warum?... Wie meinen Sie das?... Ist er in England ? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.
Ich litt Höllenqualen und der Gastwirth schien es
sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich hatte
geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu fragen, was
Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen habe.
"Der Schreck und die großen Anstrengungen, welchen
er sich beim Feuer ausgesetzt hatte, vielleicht auch die Flammen
selbst, veranlaßten ihm eine Augenentzündung, in deren Folge
er blind wurde. Kein Arzt hat ihm seine Sehkraft wiederzugeben vermocht.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
"Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?
"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
"Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und wenn
Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach Ferndean
bringen kann, so will ich das doppelte Ihrer gewöhnlichen
Fahrtaxe bezahlen.
Neunte Abtheilung.
Reise nach Ferndean-Manor.
Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean Manor
gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher Bauart, das mitten in einem großen Walde lag. Sein Vater
hatte es gekauft, nicht um der Wohnung selb willen, die
er gern nur gemiethet hätte, sondern wegen der vortrefflichen
Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welcher der Besitzer inne
hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen dort
aufspielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte meine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das er mit
einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte, suchte ich
einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren
Wohnung.
Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das
in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreibe von
Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen so tief herab,
daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen vermischten. In
dieser dunkeln Allee ging ich immer weiter, ohne das Haus
zu erreichen, das ich bei jeder Krümmung zu erblicken hoffte.
Ich glaubte schon, ich hätte mich geirrt und war im Begriff, umzukehren, als sich die Bäume lichteten und ich zuerst
ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das
man kaum von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine
dunkeln und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern
fast ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoos'ten
Stämme und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich in
einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete, wo ein
mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen Rasenplatz zog. Die Vorderseite des Hauses bot dem Auge
zwei spitzige Giebel und einige schmale, vergitterte Fenster
mit in Blei gefaßten Scheiben. Die ebenfalls schmale Thür
schien dazu bestimmt zu sein, sich nie zu öffnen; eine einzige
Stufe führte nach der Schwelle. Im ganzen genommen,
hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus
auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck des
Bildes.
"Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen
bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das Leben
sich wirklich durch ein leises Geräusch kund gab; es war
die Eingangsthür, welche in ihren Angeln knarrte.
"Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich
im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte einen
kann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als
wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich
eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte ich
doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter,
Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung war, mich
seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß
er mich nicht sehen konnte! Ich blieb daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete
die Veränderungen, welche sein Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher,
das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war es
auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht
vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern, diese
athletische, blühende Manneskraft zu schwächen. Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen Schmerz
verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte, welche
man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht hat, deren
düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der sie zu stören
wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn
sehen, wo unter einem Kusse diese drohende Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlieder sich erheben und diese
zusammengepreßten Lippen sich öffnen würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.
Mr. Rochester kam die Stufe herab: und ging mit
langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu. Großer
Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich
an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Er legte
die Hand an seine Augen, ößfnete erst das eine, dann das
andere und suchte dann mit angestrengtem Blicke den Himmel
und den Wald, ohne einen schwachen Lichtschein vom tiefen
Dunkel unterscheiden zu können. Er streckte die rechte Hand
aus, dann die linke, aber die Hand traf nur die Luft, denn
die nächsten Bäume waren noch einige Schritte entfern.
Er gab nun sein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte die
Arme über die Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der sein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mit seiner Frau Mary die ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Mähe, um auf den ersten
Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem Rochester
noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab er die
Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach dem Hause
zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als er eingetreten
war, ließ er se hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung und
Schreck fast ungefallen, als sie mich an der Stimme erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß ich Alles
wußte, was sich seit meiner Entfernung in Thornfield-Hall
zugetragen hatte, hat John, mein Gepäck zu holen, das ich
in einem Chausseehause gelassen, und besprach mit Mary
die nöthigen Anstalten, damit ich die Macht in Ferndean
zubringen konnte, was nicht eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn geben, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen Sie meinen Namen nicht.
Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden vor sich lassen, ehe er den Namen der Person und
den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte, stellte
sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings; er muß stets zwei Lichter in seinem Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist
das nicht sonderbar?
Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen Händen
zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein fast
erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem Feuer
herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des
großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.
Sein alter Hund Pilot lag zusammengerolt in einem
Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen, die ihn
zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir wie früher entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den Händen
gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch und Mr.
Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen, woher das
Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer kehrte er das
Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu mir.
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es ihm
in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mir empor
springen und ich rief daher unbedachtsam:
"Couche, Pilot! leg' Dich!
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antworte ich ihm mit einen
unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.
Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben
Sie noch Durst?
"Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Es sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen, zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
"Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre
Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich! wiederholte er immer wieder.
"Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie
nie sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen hingab.
Sollte dies auch wieder ein Traum sein?... Ach, wenn
Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher Schatten, dann
geschehe es wenigstens nicht eher, als bis deine Lippen
meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief ich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen, dann strich ich
sein Haar zurück und küßte ihn auf die noch immer
schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine Zweifel.
Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder
bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens
umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
"Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.
"Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mit
zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
Sie sind sehr reich, meine liebe Jane.
"Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Mähe ein
Haus. baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen.
"Aber Ihre Freunde, Jane -- dem jett haben Sie
gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei einem
alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich geworden
bin?
Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig
bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre
Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein,
kurz Ihnen die Augen zu ersetzen. Fassen Sie also Muth,
mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie
nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines
Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend,
er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne
ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte
sich auch mir mit. Ich fürchtete gegen den Takt verstoßen,
durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in
seinem Innern verletzt zu haben. Alles, was ich gesagt
hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er
mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun
von meinem vertraulichen Entgegenkommen denken, wenn ich
mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen,
aber er drückte mich nur noch fester an sich.
"O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben
sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein Herz
sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt kann ich
Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir
übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit
tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es
Sie entbehren müßte, würde es sich dafür an dieser verstümmelten Hülle rächen.
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben
nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies
sind Sie noch so jung... Sie müssen sich früher oder
später verheirathen.
"Daran denke ich nicht und ich sehne mich durchaus
nicht danach.
"O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach, wenn
ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich es
versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine!...
Er versank wieder in sein schmerzliches Machsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
"Wann essen Sie gewöhnlich zu Abend? unterbrach
ich die eingetretene Pause.
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn ich
habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Mach wenigen Augenblicken wurde
uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch nahm
sogleich den natürlichen, ungezwungenen Charakter an, den
es ehemals zwischen uns hatte. Ich fühlte mich schon ganz
heimisch und mein Herz war mit inniger Freude erfüllt.
Fest entschlossen, meinen geliebten Herrn nicht in eine traurige
Stimmung fallen zu lassen, lenkte ich die Unterhaltung,
sobald mir seine Worte eine Erinnerung an sein Unglück
verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven
Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn
mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen
Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar
ein wenig in Ordnung bringen könne.
"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich
mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiederte ich ihm in
dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer
vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise
und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr
angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien,
war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend,
mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen
und verdrießlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter
und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieser gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie
kamen mir die Thränen in die Augen. Ich mußte mir
indessen Gewalt anthun und ihn so anreden, wie ich es mir
zur Pflicht gemacht hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und
ihm einen Spaziergang vorschlug.
Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief
er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene
Lampe, der man neues Oel giebt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist
nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre
ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen
zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für
mein Ohr, als die aufgebende Sonne Glanz für meine
Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für
mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein,
daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals
Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit gezwungen hätte. Rochester kam mir
vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und
zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings
anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter,
fröhlich und scherzhaft. Mach dem Frühstück nahm ich
Rochester, mit mir aus dem düstern Zimmer in's Freie und
unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen.
Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze,
wo ich ihm auf einem seit langer Zeit ungehauenen Baume
einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann, sogar gestattete,
mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen,
da wir uns Beide in gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?...
Pilot legte sich neben uns und mehrere Minuten lang herrschte
eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rohester mich
stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie
mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immer von mir geschieden
sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren, und ohne
Existenzmittel!... selbst das Perlenhalsband hatten Sie
Ihrer Kommode und die noch für unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird
aus meiner Jane werden, die keine Hilfsmittel und keinen
Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung.
In der That, Jane, wo waren Sie eigentlich diese ganze
Zeit über?
"So durch Fragen gedrängt, begann ich die, Erzählung
meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres.
Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich die
Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit dem
Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte.
Wozu sollte ich ohne Noth dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen
viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen
wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in
seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in die
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die
Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die
Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieser Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen
Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein
Mann war er denn?
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das
Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten
nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters
Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck
an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton
weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und
unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das
Profil eines Antonius, schöne blaue Augen und einen edlen
Anstand habe, unterbrach mich plötzlich Rochester mit den
Worten:
"Ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte werden,
denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben so wenig.
Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag, und diese
Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein -- ein schönes
junges Mädchen, daß er mit trockenem Auge die Gattin
eines Andern hat werden sehen, während es nur von ihm
abhing, ihre Hand zu erhalten. Er erblickte in mir nur
den Typus einer Gattin, wie sie nach seinen Ideen ein
Missionair braucht. Aber ohne allen Zweifel war er in
einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst
und streng, und für mich kälter als ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht. Ich fühle mich nicht glücklich in
seiner Nähe, er war weder nachsichtig noch liebevoll gegen
mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht.
Er gestand mir höchstens einige Talente zu, aus denen man
nöthigenfalls Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich
jetzt noch auf, zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und
schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige
Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von
Neuem.
"Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in
wehmüthigem Tone.
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir nicht
erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit nicht.
Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir ab, und
da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte, bog ich mich
zur Seite, um ihn näher betrachten zu können, und ich sah
eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern
hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder
an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum im
Garten von Thornfield... Und mit welchem Rechte könnte
ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen
Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die
Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind noch
grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht, es werden
noch junge Pflanzen zwischen ihren Wurzeln emporkeimen
und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und
wenn diese Pflanzen heranwachsen, werden sie sich dem
schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen eine so feste Stütze
bietet, um ihn bald zu umschlingen.
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu
trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können
meine Gattin nicht werden.
Aber Sie gedenken doch nicht für immer Wittwer zu
bleiben?
Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen
Sie mir.
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müssen, ist die, welche
Sie am meisten liebt.
"Oder wenigstens Die, welche ich am meisten
liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihre Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Blinden, den Sie werden führen
müssen?
»Ja.
"Ist es wirklich wahr?
"Es ist mein voller Ernst.
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige
Gott es Ihnen vergelten!
Mr. Rochester, sagte ich tief ergriffen, wenn ich
je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente,
wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch
gehabt, ei Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich
bis zu ihm zu erheben,... so bin ich jetzt reichlich dafür
belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste
Glück; nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.
"Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr
heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.
"Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr
Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich
habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.
Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will
ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden. Ich
sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich mich irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie meine Gattin. Was Ihren
Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel
an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden
ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es
hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen, seit dem Tage,
an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor...
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten,
behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
"Und jetzt, fuhr Rochester fort, muß ich Ihnen
noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den
Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen
und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande.
Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte. Aber der Alls
mächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen. Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen, ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte ich der
Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir
zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich eitel prahlte, hat Gott
so vollständig gebrochen, daß ich in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines
Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät,
aber mit zerknirschtem und reuigem Herzen auf die Kniee
gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit
dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade
vor seinen Augen gefunden zu haben, denn das Liebste und
Theuerste, was ich auf Erden besitze, ich habe es in Dir
wieder erlangt, meine Jane!
Mach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete zu
Gott, streckte Rochester die Hand aus und bedeutete mir
so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure Hand
und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um meinen
Macken und auf meine Schulter legte. So diente ich ihm
zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zurück.
Zehnte Abtheilung.
Der Waise Vermählung.
Am nächsten Dienstag wurde ich Rochester's Gattin;
ich brauche Ihnen nicht zu sagen, werthe Freundin, welche
Gefühle an diesem Tage mich bestürmten und wie lebhaft
die Erinnerung an den Tag bei mir wurde, an welchem vor
einem Jahr meine Hochzeit angesetzt war. Unsre Trauung
fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen gehülfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen, ging
ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten
zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben, sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester
und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier ist
unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf
den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf.
"Ist es möglich, Miß? erwiderte Mary; nun das
freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
degegen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, und einer
ehrerbietigen Verbeugung, ich habe es mir gedacht, daß
Mr. Edward dies im Sinne hatte, und ich glaube, er hat
wohl daran gethan.
Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End, um das
Geschehene zu berichten und es unter dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht von meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber
ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit einer
Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten,
doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung
war, daß ich Adele in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Eine sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für
ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie
daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante mit ihr fortzusetzen. Aber dies war nur eine
schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten
fortan einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch
nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete.
Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
wo die Erziehung den Fähigkeiten unsrer kleinen Französin,
welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere
Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen,
liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die
kleinen Mühen und Verdrießlichkeiten bei ihrer Erziehung
entschädigt.
In den ersten zwei Jahren nach unsrer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und dieses Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so
vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir
schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner
Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste. Ich
meinestheils hatte einen fortdauernden Beweis seiner Liebe
in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze
Charakter ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und
Gefälligkeit von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem
angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre,
einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich
meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, eine goldene Kette!
"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That diese Farbe. Rochester sagte
mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre
der Schleier vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit.
Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich
nicht irrte.
Ich erkannte nun die Möglichkeit, daß durch die Hülfleistung geschickter Aerzte meinem theuren Gatten vielleicht seine Sehkraft wieder gegeben werden könnte. Auf meinen
Wunsch reisten wir schon am folgenden Morgen nach London,
wo durch die Untersuchung und Berathschlagung eines Collegiums von Augenärzten das Resultat sich herausstellte, daß wenn mein Gatte sich einer Augen-Operation unterzöge, die
Hoffnung, daß er seine Sehkraft wieder erlange, einige
Wahrscheinlichkeit für sich habe. Nach der Meinung der
Aerzte hatte besonders der Aufenthalt auf dem gleich nach
dem Brande bezogenen Jagdschloß (welches wegen seiner
morastigen Umgebung selbst einem Gesunden Sachtheile bringen
konnten), das Augenübel bedeutend verschlimmert. Mein Mann
unterwarf sich dieser Operation, und denken Sie sich meine
Freude und seinen Jubel, als er nach Verlauf einiger Tage,
die er in einem finsteren Zimmer hatte zubringen müssen,
mir die Mittheilung machte, daß seine Augen sich entschieden
gebessert hätten.
"Liebe Jane, sagte er zu mir, mich zärtlich umarmend, Du wirst nun hoffentlich bald keinen Blinden mehr
zu führen, sondern an der Seite Deines Dich verehrenden
Gatten alle Freuden des Lebens genießen können, und des
Glücks theilhaftig werden, welches Du so sehr verdienst.
Die Aerzte hatten es meinem Gatten entschieden verboten, wieder nach Ferndean-Manor zurückzukehren. Wir mietheten nun während des Sommers eine reizende Villa an den Ufern der Themse, wo mein Gatte sich vollständig wieder erholte und bald zum vollständigen Besitz seiner Sehkraft gelangte.
Rochester ließ das Schloß auf Thornfield-Hall wieder aufbauen, wo wir unsern gewöhnlichen Wohnsitz nahmen.
Zur Abwechselung und Erheiterung unternahmen wir während der folgenden Jahre kürzere und weitere Reisen nach Frankreich und Deutschland.
An dem Tage, an welchem man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt
groß, schwarz und feurig. Auch an diesem Tage beugte er
sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des
Allerhöchsten, welcher die Strenge seiner gerechten Strafen
immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr wenn wir in England sind, empfangen
wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir besuchen sie zur Abwechselung;
Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffizier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein
entschlossenerer und unermüdlicherer Arbeiter seinen Tag durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt.
Er hat sich nicht verheirathet und wird sich nicht verheirathen. Wie wollte er auch eine Gattin erlangen, die seinen Ansprüchen genügt und seine Mühen und Gefahren
theilte.
Jetzt, zehn Jahre nach meiner Vermählung, wo ich diese Memoiren für Sie aufgeschrieben habe, beste Freundin, besteht meine Familie aus fünf lieblichen Kindern -- drei Knaben und zwei Mädchen -- welche Rochester's Stolz und meine Freude ausmachen. Wir berathschlagen schon über die Erziehung, welche wir ihnen zu geben beabsichtigen, und ich habe wenigstens so viel erlangt, daß Rochester bei den Mädchen sich ganz meinen Anordnungen fügen will.
Adele hat einen geachteten englischen Gutsbesitzer geheirathet.
Ob ich recht glücklich geworden bin? höre ich Sie fragen -- beste Freundin. -- Ja, ich fühle mich sehr glücklich. Das Band der innigsten Liebe, welches mich mit meinem Gatten verbindet, scheint mit jedem zunehmenden Jahr sich noch fester knüpfen zu wollen.
Ein einziges Herz schlägt in unserer Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen. Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charaktere
aber ist die reinste und höchste Seligkeit.
Ihr alle aber, Leserinnen und Leser, schöpft aus meinem Leben die Beruhigung, daß das wahre Glück des Menschen nicht außer ihm, sondern in ihm liegt, daß Leiden und Verfolgungen leichter zu ertragen sind, wenn solche unverdient sind, und daß ein vorwurfsfreies Leben das höchste Gut des Menschen ist, haben wir auch mit Mühen und Beschwerden zu kämpfen. Aus dem folgenden Gedicht habe ich in Stunden der Prüfung und in Leiden, wenn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sich meiner bemächtigen wollten, großen Trost geschöpft, möge es denselben Erfolg bei Euch haben.
Weine nicht,
Wenn auch Setter schwül und dicht
Deinen Wanderpfad umgeben;
Lerne Deinen Blick erheben,
Bis die Sonn' aus Wolken bricht
Weine nicht,
Wenn Dir Hohn die Bosheit spricht!
Edelmuth und Eigenwürde
Leichtern jede Schmach und Bürde,
Und ein Gott hält einst Gericht.
Weine nicht,
Senn der Läst'rung Matter sticht!
Unschuld tilgt den Schlangengeifer;
Drum mit Deinem Tugendeifer
Weiche nie von Recht und Pflicht
Weine nicht,
Wenn der Hoffnung Anker bricht!
Mach den Sternen mußt Du streben;
Auf das Glück im Erdenleben
Thut ein weises Herz Verzicht.
Weine nicht,
Wenn kein Fleiß Dir Frucht verspricht
Nicht die Zeit kann Dir vergelten;
Schau empor in beß’re Welten,
Wo die Treue Kränze flicht
Weine nicht,
Wenn Dein Herz im Tode bricht.
Dann verbluten alle Wunden
Wenn der Geist vom Staub entbunden
Eilt zum reinen Aetherlicht!
Weine nicht!
Ende des zweiten und letzten Bandes.