Eyre_GReichard_Jugendhort.txt
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Jane und ihr Peiniger.
Es war an einem rauhen Wintertage. In Gateshead-Hall,
einem Schlosse in der Grafschaft.. shire im südlichen England
ruhte die Besitzerin des Schlosses, Mrs. Reed, umgeben von ihren
drei Lieblingen: Eliza, John und Georgina - auf einem Sofa ihres Salons. Glücklich betrachtete sie die Gesichtszüge ihrer Kinder, die in diesem Augenblick zufällig weder zankten noch schrien.
An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer, in
welchem ein großer Bücherschrank stand. Auf dem Sitz in der
Fenstervertiefung saß ein kleines Mädchen, die Beine gekreuzt wie
ein Türke; doch verdeckten dunkelrote Moire-Vorhänge das Kind
fast vollständig. Scharlachrote Draperien schlossen die Aussicht zur
rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben,
die einen Ausblick in den düstern Novembertag gestatteten. Das
Mädchen hatte ein Buch in der Hand, und wenn es die Blätter desselben wendete, fiel sein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel,
Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause,
vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom
Sturm wildgepeitschter Regen.
Wer war jenes Kind, und weshalb saß es so einsam dort?
Nun, meine liebe Leserin, ich will deine Wißbegierde gleich befriedigen. Dieses einsame Mädchen war Jane Eyre, eine elternlose Nichte der Mrs. Reed, und von dieser- wie sie sagte- aus
Gnade und Barmherzigkeit angenommen. Nichtsdestoweniger suchte
Mrs. Reed ihre Nichte stets so weit wie möglich von sich fern zu
halten. Als nun Jane nach dem Mittagsmähle sich ebenfalls der
Familie zugesellen und im Salon verweilen wollte, sprach ihre
Tante zu ihr: ,Ich bin gezwungen, dich von uns fern zu halten,
bis du angenehmere und freundlichere Manieren, sowie ein offenherzigeres Wesen zeigst; auch hat Bessie sich wieder über dich beklagt.
,Wessen klagt mich denn Bessie an? fragte das Kind dagegen.
,Ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen, erwiderte
die Tante darauf, ,und finde es geradezu häßlich, wenn ein Kind
ältere Leute in solcher Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest
du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger sprechen kannst.
Daraufhin hatte sich Jane in die Fensternische des Frühstückszimmers zurückgezogen, und so finden wir sie dort mit Bewicks Geschichte von Englands befiederten Bewohnern beschäftigt. Sie
blätterte von Bild zu Bild, sah auf den stillen, einsamen Friedhof,
auf jenes Tor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der
durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete. Die
beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille
befallen werden, hielt sie für Meergespenster.
Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen
Rücken festband, eilte sie flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand
des Schreckens für sie.
Und ein gleiches Entsetzen flößte ihr das schwarze, gehörnte
Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine
Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für ihren
unentwickelten Verstand geheimnisvoll, ihrem Empfinden unverständlich, stets aber flößte sie ihr das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem sie den Erzählungen Bessies, des Kindermädchens, horchte, wenn diese zuweilen an Winterabenden in
guter Laune war. Dann nämlich pflegte Bessie ihren Plättisch an
das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, und während sie dann
Mrs. Reeds Spitzen bügelte und kräuselte, ergötzte sie die Kinder
mit Erzählungen von alten Märchen und noch älteren Balladen.
Mit Bewick auf den Knien saß Jane so glücklich da; sie fürchtete
nichts als eine Unterbrechung, eine Störung- und diese kam nur
zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
,Bah, Frau Träumerin!'' ertönte John Reeds Stimme; dann
hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu
finden.
,Wo zum Teufel ist sie denn? fuhr er fort, ,Lizzy! Georgy!'
rief er seinen Schwestern zu, ,Jane ist nicht hier. Sagt doch
Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist- das böse Tier!'
,Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,
dachte Jane; und dann wünschte sie inbrünstig, daß er ihren Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals
entdeckt haben, aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und sagte
sofort:
,Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh
nur nach, John.
Jetzt trat Jane sofort heraus, denn sie zitterte bei dem Gedanken, daß John sie hervorzerren würde.
,Da bin ich, was wünscht ihr? sagte sie mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
,Ich will, daß du hierher kommst, lautete seine Antwort, und
indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er ihr durch eine
Geste zu verstehen, daß sie näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier
Jahre älter als Jane, denn diese war erst zehn Jahre alt; der
Knabe war groß und stark für sein Alter, mit einer ungesunden
Hautfarbe, schwerfälligen Gliedmaßen und großen Händen und
Füßen. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so voll zu pfropfen,
daß er schlecht gelaunt wurde; das machte seine Augen trübe und
seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein
müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach
Hause geholt, ,seiner zarten Gesundheit wegen. Mr Miles, der
Direktor der Schule, versicherte, daß es ihm außerordentlich gut
gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen
von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich
Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh
herrühre.
John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine
Schwestern, und eine starke Antipathie gegen seine Cousine. Er
quälte und strafte sie; nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht
ein- oder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in dem Kinde fürchtete ihn, und sie schauderte,
wenn er in ihre Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken,
den er ihr einflößte, sie ganz besinnungslos machte, denn sie hatte
niemanden, der sie gegen seine Drohungen und seine Tätlichkeiten
verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herrn zu
beleidigen, indem sie für Jane gegen ihn Partei ergriff, und Mrs.
Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn
er ihre Nichte schlug, sie hörte niemals, wenn er sie beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat: häufiger zwar noch
hinter ihrem Rücken.
Jane gehorchte John auch diesesmal und näherte sich seinem
Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, ihr
seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es nur bewerkstelligen konnte; und obgleich Jane eine tödliche Angst vor dem gewöhnlich folgenden Schlage empfand, vermochte sie es doch nicht,
ihren Abscheu über die häßliche Erscheinung des Burschen zu
unterdrücken. Plötzlich schlug er heftig und brutal auf das Kind
los. Jane taumelte; dann gewann sie das Gleichgewicht wieder
und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.
,Das ist für die Frechheit, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen
Augen gewahrte, du Ratte, du!
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es Jane niemals
ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern.
,Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht? fragte er
weiter.
,Ich habe gelesen, erwiderte sie.
,Zeige mir das Buch, gebot John.
Das Mädchen ging an das Fenster zurück und holte es
von dort.
,Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine
Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat
dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht
mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen
leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen,
die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren,
zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir,
und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in
einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Tür; nicht vor
den Spiegel oder die Fenster,'' rief John wütend.
Jane tat, wie ihr geheißen wurde. Da gewahrte sie aber, daß
er das Buch emporhob und mit demselben zielte; instinktiv sprang
sie zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; doch das Buch
wurde geschleudert und traf das Kind, so daß es mit dem Kopf
gegen die Tür schlug und sich verletzte. Die Wunde blutete, der
Schmerz war heftig.
,Du böser, grausamer Bube! schrie Jane jetzt. ,Du bist wie
ein Mörder-- du bist wie ein Sklaventreiber-- du bist wie die
römischen Kaiser!''
Sie hatte nämlich Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und so
von den Schandtaten Neros, Caligulas und anderer erfahren.
,Was! Was! schrie er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen!- Aber erst noch -
Er stürzte auf Jane zu. Sie fühlte, wie er ihr Haar und ihre
Schulter faßte; sie bemerkte, wie einzelne Blutstropfen von ihrem
Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden
Schmerz, und für den Augenblick siegte wahnsinnige Wut über den
Schmerz. Sie schlug und kratzte, während er fortwährend,ate!
Rate!'' schrie und aus Leibeskräften brüllte. Eliza und Georgina
holten Mrs. Reed. Diese erschien sofort und ihr folgten Bessie und
ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte die Kämpfenden und
dann ertönten die Worte:
,Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!?
,Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!?
Mrs. Reed aber gebot:
,Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein. Vier
Hände bemächtigten sich sofort des Mädchens und man trug sie
nach oben.
Zweites Kapitel.
Das rote Zimmer.
Auf dem ganzen Wege leistete Jane Widerstand; dies war
etwas neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und
Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese
ohnehin schon von ihr hegten; aber das Kind war vollständig außer
sich und trotzdem es wohl wußte, daß diese Empörung ihm außergewöhnliche Strafen zuziehen mußte, war es in seiner Verzweiflung
fest entschlossen, bis ans äußerste zu gehen.
, Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde
Katze.
,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!' rief die Kammerjungfer.,Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen
Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren
jungen Herrn!''
,Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin??
, Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun
nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie
sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!
Inzwischen hatten sie Jane in das von Mrs. Reed bezeichnete
Gemach gebracht und sie auf einen Stuhl geworfen; doch wie eine
Sprungfeder schnellte sie wieder von demselben empor. Vier Hände
hielten sie jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.
,Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,' sagte
Bessie und bat Miß Abbot einen Strick zu holen.
Schon wollte diese gehen, als die Aufregung Janes sich ein
wenig minderte.
,Gehen Sie nicht, schrie sie, ,ich werde ganz still sitzen, und
sie hielt sich mit beiden Händen an ihrem Sitz fest.
Als sich Bessie überzeugt hatte, daß sich Jane wirklich etwas
beruhigte, ließ sie sie los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit
gekreuzten Armen vor Jane hin und blickten finster und zweifelnd
in ihr Gesicht, als glaubten sie nicht an ihren gesunden Verstand.
,Das hat sie bis jetzt noch niemals getan,' sagte endlich Bessie
zu Abigail Abbot gewendet.
,Aber es hat schon lange in ihr gesteckt, lautete die Antwort.
,Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das
Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter
gesehen, das so schlau wäre.
Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu
Jane und sagte:
,Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed zu
Dank verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so
müßten Sie ins Armenhaus gehen.
Auf diese Worte erwiderte Jane nichts; sie waren ihr nicht
mehr neu; so weit sie in ihrem Leben zurückdenken konnte, hatte sie
Reden desselben Inhalts gehört. Nun fiel auch Miß Abbot ein:
,Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein
Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, weil Mrs. Reed Ihnen
gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden
einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen
demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.
,Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,'' fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden,,Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine
Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen
werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.
,Außerdem, sagte Miß Abbot, ,wird Gott Sie strafen. Er
könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und
wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie
allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben.
Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn
Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen. und Sie holen.
Sie gingen und schlossen die Türe hinter sich ab.
Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten
jemand schlief; man könnte beinahe sagen niemals oder nur dann,
wenn zufällig sehr viel Besucher auf Gateshead-Hall anwesend
waren; trotzdem war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Im Mittelpunkt desselhen stand ein Bett
von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von
dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren
Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und
Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war
rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten
Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf
lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe,
der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich hoch
und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des
Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Ebenso unheimlich stak ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl
hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein
Fußschemel befand.
Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil fast niemals
jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den Staub einer Woche von den Möbeln und
den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch
Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu
revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand.
In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers.
der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte
er seinen letzten Atemzug getan; hier lag er aufgebahrt; von hier
hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen -- und seit jenem
Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher
von seiner Schwelle fern gehalten.
Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot die
Kleine gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe
dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich davor auf;
zur Rechten Janes befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank; zu ihrer Linken waren die verhängten Fenster; ein großer
Spiegel zwischen denselben wiederholte die totenstille Majestät des
Bettes und des Zimmers. Jane war nicht ganz sicher, ob die Tür
zugeschlossen war; und als sie wieder Mut genug hatte, um sich zu
bewegen, stand sie auf und sah nach. Ach ja! Keine Kerkertür war
jemals sicherer verschlossen! Als sie wieder an die Ottomane zurückging, mußte sie an dem Spiegel vorüber, und ihr gebannter Blick
bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah
alles noch hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und Janes
seltsame, kleine Gestalt, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, mit
weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin- und herrollten, während sonst alles bewegungslos war diese kleine Gestalt. sah aus, wie
ein wirkliches Gespenst, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies
Dämmerstundengeschichten auftraten. Erschreckt kehrte Jane auf
ihren Sitz zurück.
Aber noch wurde die Furcht des Aberglaubens von der
Empörung zurückgehalten. Aus dem bewegten und aufgeregten
Gemüt des Kindes stiegen alle ihre Leiden an die Oberfläche. John
Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte sie stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werden?
Weshalb konnte sie niemals etwas recht machen? Weshalb war es
immer nutzlos, wenn sie versuchte, irgendeines Menschen Gunst zu
erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und
selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die
stets übelgelaunt und trotzig war. Ihre Schönheit, ihre rosigen
Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm
jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen
Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock
im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten
Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar ,liebe
Alte''; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und
beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, - und doch war er
,ihr einziger Liebling'. Sie wagte niemals, einen Fehler zu begehen, bemühte sich stets, ihre Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man sie unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig.
Ihr Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen
Schlage und dem Falle, welchen sie getan; niemand hatte John
einen Verweis erteilt, weil er sie grundlos geschlagen; aber weil sie
sich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren, unvernünftigen
Heftigkeit zu entgehen, hatten sie alle mit den lautesten
Schmähungen überhäuft.
, Ungerecht! - ungerecht!'' sagte das arme Mädchen zu sich
selbst, und ihr Geist sann auf allerhand Mittel, um eine Flucht aus
diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen --
sie dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht
möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu sich zu
nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.
,Ach,' fragte sich die arme, verzweifelte Jane, ,warum muß
ich soviel leiden?
Währenddessen begann das Tageslicht aus dem roten Zimmer
zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Jane hörte, wie der Regen
noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der
Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und
nach wurde ihr so kalt wie Marmor, und dann begann ihr Mut zu
sinken. Hilflose Traurigkeit bemächtigte sich ihrer und ihr Herz
wurde voller Zweifel. Alle sagten ja, daß sie boshaft sei- vielleicht war es der Fall, denn hatte sie nicht soeben den Gedanken gehegt, sich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war sie bereit zu sterben? oder war das Grabgewölbe
unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes
Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man ihr
gesagt hatte, und dieser Gedanke führte Jane dazu, sein Andenken
herauf zu beschwören und mit wachsendem Grauen bei demselben
zu verweilen. Sie konnte sich seiner nicht erinnern, aber sie wußte,
daß er ihr Onkel gewesen, der einzige Bruder ihrer Mutter-
daß er sie in sein Haus aufgenommen, als sie ein armes, elternloses
Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs.
Reed das Vorsprechen abgenommen hatte, sie wie ihr eigenes Kind
zu erziehen und zu versorgen.
So zweifelte Jane jetzt nicht, daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, sie mit Güte behandelt haben würde; und als sie
so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel
warf da begann sie sich an das zu erinnern, was sie von Toten
gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man
ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu
rächen; sie dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht,
welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte
verließ - und in diesem Zimmer vor ihr erscheinen könne. Sie
trocknete ihre Tränen und unterdrückte ihr Schluchzen; denn sie
fürchtete, daß diese lauten Äußerungen ihres Grams eine übernatürliche Stimme zu ihrem Troste erwecken oder aus dem sie umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über sie beugen werde. Das würde entsetzlich sein, und Jane bemühte sich deshalb, solche Gedanken zu unterdrücken. Sie strich das Haar von Stirn und Augen, erhob den Kopf und versuchte, in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick erglänzte
der Widerschein eines Lichtes an der Wand!-- War es vielleicht
der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang.
fragte sich Jane? Nein, das konnte nicht sein; die Mondesstrahlen
waren ruhig und dies Licht bewegte sich; während sie noch hinblickte,
glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über ihrem Kopfe. Wahrscheinlich waren diese Lichtstreifen der Schimmer einer Laterne,
welche jemand über den freien platz vor dem Hause trug; aber das
erschreckte und aufgeregte Gemüt des Kindes hielt den sich schnell
bewegenden Strahl für eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Ihr Herz pochte laut, ihr Kopf wurde heiß; in den Ohren spürte sie
ein Brausen, das sie für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas
schien sich ihr zu nähern; sie fühlte sich bedrückt, erstickt, ihr
Widerstandsvermögen gab nach; sie stürzte auf die Tür zu und
rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende
Schritte kamen: durch den äußeren Korridor daher; der
Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß
Abbot traten ein.
,Miß Eyre, sind Sie krank? fragte Bessie.
, Welch ein fürchterlicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!'' rief
Abbot aus.
,Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!'
schrie Jane ununterbrochen.
,Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen?' fragte Bessie wiederum.
,O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen
würde,'' erwiderte Jane und hatte sich jetzt Bessies Hand bemächtigt.
,Sie hat mit Absicht so geschrien, erklärte Abbot mit Abscheu.
, Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte,
so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts,
als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.''
, Was gibt es denn hier?? fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher.,Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde??
,Miß Jane schrie so laut, Madame,'! wandte Bessie zögernd ein.
,Laßt sie los, war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand
los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus
gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es
ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken
und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze
Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn
du mir das Versprechen gibst, vollkommen ruhig und unterwürfig
zu sein.
,O, Tante, hab Erbarmen! Vergib mir doch! Ich kann, ich
kann es nicht ertragen. Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich
komme um, wenn --, schrie Jane.
,Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!
entgegnete die Tante. Schnell warf sie Jane in das Zimmer zurück
und schloß sie ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein.
Jane hörte noch, wie sie davon rauschte, und bald darauf verfiel die
Ärmste in Krämpfe und Bewußtlosigkeit.
Drittes Kapitel.
Der gute Mr. Lloyd.
Als Jane wieder erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor sich sah sie eine unheimliche rote Glut, von
der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Sie hörte Stimmen, die
hohl an ihr Ohr klangen, als würden sie durch das Rauschen des
Wassers oder Toben des Windes übertönt. Aufregung, Ungewißheit und Entsetzen hielten alle ihre Sinne gefangen. Nach einigen
Augenblicken gewahrte sie, daß jemand sie berührte, aufhob und in
eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als sie bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben
hatte. Sie lehnte ihren Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und
fühlte sich unendlich wohl.
Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. jetzt wußte sie sehr wohl, daß sie in ihrem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als
das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze
brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende ihres Bettes und
hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben ihr und beugte sich über sie.
Jane empfand ein wohltuendes Gefühl des Beschütztseins, als
sie sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der
nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von
Mrs. Reed gehörte. Sich von Bessie abwendend, prüfte sie die
Gesichtszüge des Herrn; sie kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten
krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur
die Hilfe des Arztes in Anspruch.
,Nun, wer bin ich? fragte er.
Jane sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit
die Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte:,Ah, wir werden
uns jetzt langsam erholen. Dann legte er sie nieder, wandte sich
zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein undJane während der
Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt
und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde,
ging er fort zu Janes größter Betrübnis, denn als die Tür sich
hinter ihm schloß, verzagte ihr Herz von neuem.
,Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß? fragte Bessie
sie ungewöhnlich sanft.
,Ich will es versuchen,'' sagte Jane leise.
,Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?
,Nein, ich danke, Bessie.
,Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon
nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während,
der Nacht irgend etwas brauchen.
Durch Bessies Sanftmut beruhigt, wagte das Kind jetzt eine
Frage zu stellen.
,Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?
, Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank
geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz
gesund sein.
Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen.
Jane hörte, wie sie dort sagte:
, Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und
wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem
armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß -
Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich möchte doch
wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses
Mal aber auch zu hart gegen sie.
Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie flüsterten
wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander, und Jane hörte
noch einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, deren Hauptgegenstand
sie selbst war.
, Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet,
dann ist es verschwunden.' --,Ein großer, schwarzer Hund
hinter ihm.,Dreimal hatte es laut an der Zimmertür geklopft.--,Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem
Grabe'-- usw., usw.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In
schaurigem Wachen ging die Nacht für Jane langsam hin; Entsetzen und Angst hielten alle ihre Sinne wach. Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit und am nächsten Tage gegen Mittag war sie bereits aufgestanden und saß in einen warmen Schal gehüllt vor dem Kaminfeuer. Sie fühlte sich wohl körperlich schwach und gebrochen, aber ein unaussprechlicher Jammer erfüllte ihre Seele, ein Jammer, der ihr fortwährend stille Tränen entlockte. Und doch fühlte sie sich augenblicklich glücklich, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen
spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer,
und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und
Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich
freundliches Wort an Jane.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte ihr jetzt
einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten
Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel stets eine außerordentliche Bewunderung in der Waise wach gerufen hatte. Gar oft hatte
sie innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um
ihn genauer betrachten zu können, aber stets hatte man ihr eine
solche Gunst verweigert. Jetzt stellte Bessie ihr diesen kostbaren
Teller auf den Schoß und bat sie freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Vergebens! Die Gunst kam zu spät. Jane konnte den Kuchen nicht
essen, und das Gefieder des Vogels erschien ihr seltsam verblaßt; sie
schob sowohl Teller wie Gebäck von sich. Bessie fragte sie nun, ob
sie ein Buch haben wolle, und Jane bat sie, ihr,Gullivers Reisen'
aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte sie schon unzählige
Male mit Entzücken gelesen; sie hielt es für eine wahre Erzählung
und brachte ihr ein weit tieferes Interesse entgegen als allen
Märchen; denn nachdem sie die Elfen vergebens unter den Blättern
des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem,
von Efeu umrankten Gemäuer gesucht, hatte sie sich mit der
traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen
hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch
stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet
seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach ihrem
Glauben wirkliche Bestandteile der Erdoberfläche; sie zweifelte gar
nicht, daß, wenn sie eines Tages eine weite Reise machen könnte, sie
mit eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen
Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die
mächtigen Bullenbeißer, die Katzenungeheuer, die turmhohen
Männer und Frauen des anderen. Und doch, als sie den geliebten
Band jetzt in Händen hielt, als sie die Seiten umblätterte und in
den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie ihr bis jetzt
stets gewährt hatten, da war alles alt und trübselig. Sie schloß
das Buch und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück
Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des
Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte,
öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten.
prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:
Mein Körper ist mid und wund ist mein Fuß,
Weit ist der Weg, den ich wandern muß,
Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find',
Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,
Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?
Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind,
Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar,
Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:
Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,
Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am. Waldesrand
Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand,
So weiß ich doch, daß den Vater ich find',
Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,
Daß Gott da droben sein Kind doch liebt.
Jane wurde beim Anhören dieses Liedes von unendlicher
Traurigkeit erfaßt; Tränenbäche entströmten ihren Augen.
,Kommen Sie, Miß Jane, weinen Sie nicht, sagte Bessie,
als sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können
,brenne nicht!'' aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem
herzzerreißenden Schmerz haben können, dessen Beute das
arme Kind war. Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd
wieder.
,Wie? Schon aufgestanden ? rief er, als er in die Kinderstube trat. ,Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?
Bessie entgegnete, daß es ihr außerordentlich gut gehe.
,Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her,
Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?
,Ja, mein Herr, Jane Eyre!
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir
nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?
,Nein, Herr.
,Ah, ich vermute, daß sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed
spazieren fahren durfte, warf Bessie hier ein.
,O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch
zu alt.
Jane antwortete schnell: ,In meinem ganzen Leben habe ich
noch keine Tränen um solche Dinge vergossen. Ich hasse die
Spazierfahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
,Schämen Sie sich, Miß! rief Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt. Jane stand
vor ihm; er heftete seine Augen fest auf sie. Trotz der harten
Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht. Nachdem er das Kind lange
mit Muße betrachtet hatte, sagte er:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, sagte Bessie wieder einfallend.
, Gefallen! Nun, das ist gerade wieder wie ein Kind! Kann
sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen? Sie muß doch
acht oder neun Jahre alt sein?
,Jemand hat mich zu Boden geschlagen, lautete die derbe
Erklärung, welche der Schmerz gekränkten Stolzes der Waise entriß,,aber das hat mich nicht krank gemacht,' fügte sie hinzu, während Mr. Lloyd bedächtig eine Prise Tabak nahm.
Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief
der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er
wußte, was es bedeutete.,Das gilt Ihnen, Wärterin,' sagte er,
,Sie können hinunter gehen; ich werde Miß Jane einige Lehren
geben, bis Sie zurückkehren.
Bessie wäre lieber geblieben, aber sie war gezwungen zu
gehen, weil auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten in Gateshead-
Hall strenge gehalten wurde.
,Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was
war es denn? fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.
,Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht und es war schon lange dunkel,'' erwiderte Jane.
Sie sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. ,Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch nichts anderes,
als ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?
,Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem
Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst
jemand geht am Abend hinein; ach, es war so furchtbar grausam,
mich dort allein, ohne Licht, einzuschließen - so grausam, daß ich
glaube ich werde es niemals vergessen können.
, Unsinn! Und macht das Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt
bei Tage auch noch?
, Nein. Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder
Nacht. Und außerdem bin ich unglücklich, sehr unglücklich.
,Weshalb denn? Können Sie es mir nicht sagen?
Wie sehr wünschte Jane, offen und ehrlich auf diese Frage zu
antworten! Wie schwer war es aber, richtige Worte für eine solche
Antwort zu finden! Da sie aber fürchtete, daß diese erste und
einzige Gelegenheit, ihren Kummer durch Mitteilung zu erleichtern,
ungenützt vorübergehen könnte, brachte sie zwar eine unzulängliche,
aber wahre Antwort hervor.
, Erstens habe ich keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder,
keine Schwester,'' sprach sie.
,Aber Sie haben eine gütige Tante, einen lieben Vetter und
Cousinen.''
,Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen,'! rief sie aus,
,und meine Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.
Wieder holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor.
, Finden Sie denn nicht, daß Gateshead-Hall ein wunderschönes Haus ist?' fragte er. ,Sind Sie nicht dankbar, an einem so schönen Orte leben zu können??
,Es ist nicht mein eigenes Haus, Sir,' erwiderte Jane, ,und
Abbot sagt, daß ich weniger Recht habe, hier zu sein, als ein Dienstbote.
, Dummes Zeug! Sie können doch nicht so dumm sein, zu
wünschen, daß Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen
dürften?
,Wenn ich nur wüßte, wohin ich gehen sollte, ich wäre wahrhaftig froh zu gehen; aber ich darf Gateshead erst verlassen, wenn
ich erwachsen bin,' war Janes Antwort.
,Vielleicht doch früher - wer weiß? Haben Sie außer Mrs.
Reed keine Verwandte?
,Ich glaube nicht, Sir.
,Niemanden, der mit Ihrem Vater verwandt war?
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da
sagte sie, daß ich möglicherweise irgendwelche arme, heruntergekommene Verwandte, namens Eyre, haben könne, daß sie aber
nichts über sie wisse.
,Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?
Jane besann sich. Armut hat etwas Abschreckendes für erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; dies Wort erweckt in ihnen nur den Gedanken an zerlumpte Kleider, kärgliche Nahrung, einen kalten Ofen und rohe Manieren. Auch für Jane war Armut gleichbedeutend mit Entehrung.
, Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,' war ihre
Antwort.
, Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären??
Jane schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht begreifen, wie
arme Leute überhaupt die Mittel haben, gütig zu sein. Und dann
-- sprechen lernen wie sie-- ihre Manieren annehmen- schlecht
erzogen werden -- nein, sie war nicht entschlossen genug, um ihre
Freiheit mit Armut zu erkaufen.
,Aber sind Ihre Verwandten denn so arm ? Gehören sie zur
arbeitenden Klasse? fragte Mr. Lloyd jetzt weiter.
,Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt
Angehörige habe, so müssen sie Bettlergesindel sein. Nein, nein,
ich möchte nicht betteln gehen,'' entgegnete das Kind.
,Möchten Sie nicht in die Schule gehen?
Wiederum dachte Jane nach; kaum wußte sie, was eine Schule
eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Orte,
an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich
manierlich sind. John Reed haßte seine Schule und schmähte
seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten waren nicht für sie vorbildlich. Außerdem hatte Jane durch Bessies Erzählungen erfahren, daß die jungen Mädchen in einer Schule sich allerlei Talente und Kenntnisse aneignen könnten, wie das Malen von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, das Singen von Liedern und Klavierspielen. Schließlich wäre die Schule doch eine gänzliche Trennung von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.
,Ich möchte in der Tat in eine Schule gehen,'' war jetzt Janes
Antwort.
, Nun, nun, wer weiß denn, was geschieht!'' sagte Mr. Lloyd,
indem er sich erhob.,Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung,' fügte er hinzu, mit sich selbst redend, ,die Nerven sind in einer bösen Verfassung.
jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man
Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.
,Ist das Ihre Herrin, Wärterin? fragte Mr. Lloyd, ,ich
möchte noch mit ihr reden, bevor ich gehe.
Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und
geleitete ihn hinaus. Ohne Zweifel empfahl der Apotheker Mrs.
Reed, Jane in eine Schule zu schicken, denn als diese an einem der
folgenden Abende im Bette lag, und Bessie und Abbot sie schlafend
glaubten, sagte letztere: , Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu
froh, solch ein langweiliges, boshaftes Kind los zu werden; sie
sieht immer aus, als beobachte sie jeden Menschen und schmiede
heimliche Pläne.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Jane auch aus Miß Abbots
Mitteilungen an Bessie, daß ihr Vater ein armer Prediger gewesen,
den ihre Mutter gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet
habe. Über diesen Ungehorsam sei Großvater Reed so erzürnt gewesen, daß er seine Tochter gänzlich enterbte. Kaum ein Jahr nach
seiner Verheiratung sei Janes Vater dem Typhus erlegen. Er
hatte sich denselben zugezogen, als er die arme Bevölkerung einer
großen Fabrikstadt, in welcher diese schreckliche Krankheit ausgebrochen war, und die zu seiner Pfarre gehörte, besuchte. Einen
Monat später folgte ihm seine Gattin ins Grab.
Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte:
,Abbot, die arme Miß Jane ist auch zu bedauern.''
, Ja, ja,'' entgegnete Abbot, ,wenn sie ein liebes, gutes, hübsches Kind wäre, so könne man Mitleid mit ihr haben, weil sie so
gänzlich verlassen ist; aber solch eine scheußliche kleine Kröte kann
einem doch unmöglich Erbarmen einflößen.
,Nein, nicht viel,. stimmte Bessie ihr bei, ,auf jeden Fall
würde eine so prächtige Schönheit, wie Miß Georgina in einer
solchen Lage viel rührender sein.
,Ja, ja, ich bete Miß Georgina an! rief Abbot., Der
kleine süße Liebling!-- Mit ihren langen Locken und blauen
Augen, und den süßen, lieblichen Farben, gerade als ob sie angemalt wäre!-- Bessie, ich hätte wahrhaftig Appetit auf einen gerösteten Käse zum Abendbrot.
,Ich auch, ich auch- mit geschmorten Zwiebeln. Kommen
Sie, wir wollen hinunter gehen.'
Und sie gingen.
Viertes Kapitel.
Jane schöpfte jetzt sichere Hoffnung, bald aus Gateshead-Hall
fortzukommen, aber Tage und Wochen vergingen, ohne daß sie
irgend etwas davon vernahm. Oft betrachtete Mrs. Reed sie mit
strengen, finsteren Blicken, aber nur selten sprach sie zu ihr. Seit
Janes Erkrankung hatte ihre Tante eine schärfere Grenzlinie denn
je zwischen ihr und ihren eigenen Kindern gezogen; es war ihr eine
kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte
sie dazu verdammt, alle Mahlzeiten allein einzunehmen, und sie
mußte allein in der Kinderstube verweilen, während ihr Vetter
und die Cousinen sich stets im Wohnzimmer aufhielten.
Eliza und Georgina sprachen so wenig wie möglich mit Jane,
während John ihr die Zunge herausstreckte, sobald er sie erblickte
und einmal sogar sie zu züchtigen versuchte. Da sie sich aber augenblicklich gegen ihn wandte, und er in ihren Augen denselben Blick
wahrnahm, mit dem sie sich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte,
hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen
davon zu laufen, während er schrie, Jane habe ihm das Nasenbein
zertrümmert; allerdings hatte sie nach ihm einen Schlag geführt.
Jane hörte noch, wie er zu seiner Mutter eilte und derselben
mit stammelnden Lauten erzählte, ,wie diese abscheuliche Jane
Eyre'' einer wilden Kate gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger
Stimme unterbrach ihn seine Mutter.
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du
ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert; ich will nicht, daß du oder eine deiner Schwestern
mit ihr etwas zu tun haben.
In diesem Augenblick lehnte sich Jane über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten über ihre Worte
nachzudenken:,Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren.'
Mrs. Reed war zwar eine ziemlich starke Frau; als sie indessen
diese seltsamen und unverschämten Worte vernahm, kam sie ganz
leichtfüßig die Treppe herauf gelaufen, zog das Mädchen mit
Windeseile in die Stube, drückte sie an die Seite ihres kleinen
Bettes und verbot ihr, sich von dieser Stelle fortzurühren und
während des ganzen Tages auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
,Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?' war
Janes fast willenlos getane Frage.
,Was? zischte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so
kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, das der Furcht glich;
sie ließ Janes Arm los und blickte sie an, als wisse sie nicht recht, ob sie ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt faßte Jane erst recht Mut.
,Mein Onkel Reed ist im Himmel,' sagte sie, ,und kann alles
sehen, was Sie tun und sagen; und mein Vater und meine Mutter
auch; sie wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß
Sie nur wünschen, ich wäre tot.
Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte das Kind
heftig, ohrfeigte es aus allen Kräften und verließ es dann, ohne
eine Silbe zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie
dem Kinde eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie
ihr bewies, daß sie das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei,
das jemals unter einem Dache erzogen worden.
November, Dezember und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr waren in Gateshead in
der üblichen fröhlichen Weise gefeiert worden; Geschenke waren
nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittag- und Abendgesellschaften gegeben. Von jeder Feier und Festlichkeit war Jane natürlich ausgeschlossen; ihr Anteil an diesen bestand darin, daß sie
täglich mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgina auf das schönste
herausgeputzt, in ihren zarten Musselinkleidern und rosenroten
Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen;
und später horchte sie dann auf die Töne des Klaviers oder der
Harfe, die zu ihr heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und
die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die
Gläser klangen, während die Erfrischungen umhergereicht wurden.
Währenddessen saß Jane in der stillen einsamen Kinderstube,
wenn auch traurig, so doch nicht elend. Denn sie hegte nicht das
leiseste Verlangen nach der Gesellschaft, in der ihr niemand irgendwelche Beachtung schenkte. Ja, hätte Jane nur Bessie in etwas
freundlicherer Stimmung bei sich gehabt, so würde sie sich ganz zufrieden gefühlt haben, aber sobald das Kindermädchen ihre jungen
Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die Küche oder in das
Zimmer der Haushälterin zu begeben und gewöhnlich auch noch
die Lampe mit fortzunehmen. Dann saß Jane da mit ihrer Puppe
im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war und blickte zuweilen
ängstlich umher, um sich zu vergewissern, daß sich nichts Schlimmes
in dem düsteren Zimmer befand; wenn dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste war, entkleidete sie sich
hastig, riß und zerrte aus allen Kräften an den Bändern und
Haken ihrer Röcke und suchte in ihrem Bettchen Schutz vor der Kälte
und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm sie auch stets ihre
Puppe mit. Sie konnte nicht schlafen, wenn sie die Puppe nicht
in die Falten ihres Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn das
Spielzeug dort sicher und warm lag, fühlte sie sich glücklich,
weil sie glaubte, daß das Püppchen ebenfalls glücklich sein
müsse.
Wie lang schienen der armen Jane die Stunden, wenn sie auf
das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf den Widerhall
von Bessies Tritten auf der Treppe horchte. Zuweilen kam diese
auch in der Zwischenzeit herauf, um ihren Fingerhut und ihre
Schere zu suchen oder ihr irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht
einen Käsekuchen oder ein Milchbrot, zu bringen; dann pflegte sie
auf der Bettkante zu sitzen, während Jane aß, und wenn sie fertig
war, wickelte Bessie das Kind fest in die Decken und küßte es zweimal und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane''. Wenn Bessie so sanft
war, erschien sie der Kleinen wie das beste' und freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte sie so innig, daß Bessie
stets so fröhlich und liebenswürdig sein und sie niemals wieder
umherstoßen oder schelten oder ungerecht beschuldigen möchte, wie
sie es doch meistens tat. Bessie Lee war ein Mädchen mit guten
natürlichen Anlagen; in allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundersames Erzählungstalent. Sie
war schlank, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen, sehr hübsche
Züge und eine klare, gesunde Gesichtsfarbe; aber sie besaß ein
heftiges und launenhaftes Temperament; dem Kinde war sie lieber,
als irgendein anderes lebendes Wesen in Gateshead-Hall.
Es war am 1. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens.
Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; Janes Cousinen
waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade
ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern - eine Beschäftigung.
welche sie sehr liebte- und ebensoviel Vergnügen machte es ihr,
der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie
auf solche Weise erlangte, zusammenzusparen. Sie hatte viel Sinn
für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit;
dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern,
sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und junge Schößlinge; dieser Angestellte hatte
von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin
alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen
wünschte, abzukaufen - und Eliza würde jedes einzelne Haar von
ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften Gewinn
dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen
Winkeln und Ecken, in altes Lockenpapier oder in Lumpen gewickelt,
versteckt; aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem
Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete,
eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer
Mutter gegen unerhörte Wuchezinsen -- fünfzig oder sechzig Prozent - anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes
Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen
Notizbuche hierüber Rechnung.
Georgina saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr
Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen
und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in
einer Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Jane brachte
ihr Bett in Ordnung, denn Bessie hatte ihr den strengen Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; diese benutzte sie jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um
das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen
usw. Nachdem Jane die Bettdecke ausgebreitet und ihr Nachtkleid
zusammengefaltet hatte, ging sie an das Fensterbrett, um einige
Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georginas, ihre
Spielsachen nicht anzurühren (denn die Liliput Stühle und
-Spiegel, die Feen-Teller und -Tassen waren ihr Eigentun gebot
ihrem Tun Einhalt. In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing sie jetzt an, auf die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte, zu hauchen, und sich so eine kleine Offnung auf dem Glase zu verschaffen, durch welche sie in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.
Durch dieses Fenster war die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar und gerade als sie so viel von dem silberweißen
Laubgewinde, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um
hinausblicken zu können, sah sie, daß die Pforten geöffnet wurden
und ein Wagen durch das Tor rollte. Mit größter Gleichgültigkeit
verfolgte sie ihn; es kamen ja so oft Wagen nach Gateshead, aber
niemals brachten sie Besucher, welche auch für sie nur das geringste
Interesse hegten. Der Wagen hielt vor dem Hause, die Glocke
wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt Einlaß. Da dieser ganze
Vorgang Jane nicht kümmerte, fand ihre jetzt unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald lebhaftere Anziehungskraft in dem Anblick eines
kleinen, hungrigen Rotkehlchens, das sich piepend auf die entlaubten
Zweige eines Spalierkirschenbaumes nahe am Fenster setzte. Die
Überreste ihres Frühstücks von Brot und Milch standen auf dem
Tische, und nachdem sie eine Semmel in Krümel zerrieben hatte,
zog sie an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims
streuen zu können, als Bessie atemlos in die Kinderstube
stürzte.
,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie
da? Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?
Bevor das Kind antwortete, zog es noch einmal an der Fensterklinke, denn sie wollte dem Vogel gern sein kleines Mahl sichern;
die Klinke gab nach, sie streute die Brosamen aus, einige auf das
steinerne Gesimse, andere auf die Zweige des Kirschbaumes; dann
erst schloß sie das Fenster und entgegnete:
,Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.
,Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie da
jetzt? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgend ein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?
Darauf zerrte Bessie Jane an den Waschtisch, unterwarf ihre
Hände und ihr Gesicht einer erbarmungslosen Waschung mit Seife,
Wasser und einem groben Handtuch, ordnete ihren Kopf mit einer
scharfen Bürste, entkleidete sie der Schürze und riß sie dann schnell.
an die Treppe, wo sie ihr gebot, eilig hinunter zu gehen, da man
sie im Frühstückszimmer erwarte.
Jane hätte gern gewußt, wer sie erwartete; gern hätte sie gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davon
gelaufen und hatte die Kinderstubentür hinter sich geschlossen. Langsam stieg Jane die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte
Mrs. Reed sie nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war sie auf
die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer,
der Speisesaal und der Salon waren für sie Räume geworden, die
sie nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.
Sie stand jetzt in der leeren Halle; vor ihr war die Tür des
Frühstückszimmers. zitternd und furchtsam hielt sie inne. Zehn
Minuten stand sie so ängstlich zögernd, da ertönte heftiges Klingeln
der Glocke im Frühstückszimmer, und sie mußte eintreten.
Die Tür sprang auf, Jane trat ein, machte einen tiefen Knix,
blickte auf und sah einen schwarzen Pfeiler! Als ein solcher erschien ihr wenigstens auf den ersten Blick die lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, welche kerzengerade vor dem Kamin stand: das
ernste Gesicht, welches dieselbe krönte, sah aus wie eine geschnitzte
Maske, die als Kapitäl auf die Säule gestellt war.
Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin
inne. Sie machte Jane ein Zeichen, näher zu treten. Diese tat es
und Mrs. Reed stellte sie jetzt dem steinernen Fremden mit den
Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich
an Sie wandte.
Der Fremde wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf
welcher Jane stand, und nachdem er das Kind mit zwei neugierigen,
unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme:,Sie ist klein
von Gestalt, wie alt ist sie?
,Zehn Jahre.
,So alt? lautete die zweifelnde Antwort, und dann fuhr er
noch einige Minuten fort, Jane schweigend zu prüfen. Darauf
redete er sie an:
,Ihr Name, kleines Mädchen?
,Jane Eyre, mein Herr.
,Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?
Jane blieb schweigsam, denn die kleine Welt, die sie umgab,
war anderer Meinung. Mrs. Reed antwortete für sie, indem sie
sagte: ,Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst,
desto besser.
,Ich bedaure sehr, das zu hören,' erwiderte Mr. Brocklehurst,
indem er sich in einen, Mrs. Reed gegenüberstehenden, Lehnstuhl
sette. ,Kommen Sie hierher,'' fuhr er fort.
Jane ging über den Kaminteppich; er stellte sie gerade und
aufrecht vor sich. Welch ein Gesicht hatte er, welch eine ungeheure Nase! und welch ein Mund! welche großen, hervorstehenden
Zähne!
,Es gibt keinen schrecklicheren Anblick, als den eines unartigen
Kindes, begann er, ,besonders eines unartigen kleinen Mädchens!
Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben
sind?
,Sie kommen in die Hölle, lautete Janes schnelle Antwort.
,Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls
sagen?
,Eine Grube voll Feuer.
,Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort
für ewig brennen?
,Nein, Sir.
,Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?
Einen Augenblick überlegte sie ihre Antwort; dann erwiderte
sie:,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
,Aber täglich sterben doch Kinder, die jünger sind, als Sie. Erst
vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf
Jahren begraben - ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel
ist. Es steht zu befürchten, daß man dasselbe nicht von
Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen
würden.''
Jane schwieg und schlug die Augen nieder; dann ließ sie sie auf
den beiden ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Sie seufzte tief auf.
,Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens
kommt und daß Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohltäterin gewesen zu sein.'
,Wohltäterin! Wohltäterin!'' wiederholte Jane innerlich.
,Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin; wenn sie das
war, so ist eine Wohltäterin eine sehr unangenehme Sache.
,Sprechen Sie abends und morgens Ihr Gebet? fuhr der
Examinator fort.
,Ja. Sir.
,Lesen Sie Ihre Bibel?
,Zuweilen.
,Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?
,Ich liebe die Offenbarung, und das Buch Daniel und Genesis und Samuel, und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik, und Hiob und Ruth.
,Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch??
,Nein, Sir.
,Nein? o, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, vie!
jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn
Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuß zum Essen, oder
einen Vers aus den Psalmen zum Lernen haben möchte, so sagt er:
,O, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja Psalmen,
ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein,,
und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit
zwei Pfeffernüsse.
,Psalmen sind nicht interessant,'' bemerkte Jane.
,Das beweist, daß Sie ein bösartiges Herz haben und Sie
müssen Gott bitten, daß er Ihnen ein besseres gibt, ein neues, ein
reines; daß er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein
Herz von Fleisch gibt.
Jane war gerade im Begriff, eine Frage in Bezug darauf zu
tun, als Mrs. Reed sie unterbrach, indem sie ihr gebot,
sich zu setzen, dann fuhr sie fort, selbst die Unterhaltung zu
führen.
,Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen
ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe,
daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie
in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen
dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen
wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen,
ihrem schlimmsten Fehler, einen Hang zur Lüge und Verstellung.
entgegen zu arbeiten. Ich erwähne dieser Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst
täuschen zu wollen.
Wohl erkannte Jane an diesen Worten wiederum den ungerechten Haß ihrer Tante gegen sich, die sich schon jetzt bemühte, auch
auf ihrer Nichte künftigen Lebenspfad Abneigung und Unfreundlichkeit zu säen und sie deshalb in Mr. Brocklehursts Augen in ein
verschlagenes und eigensinniges Kind verwandelte.
Aber was konnte sie gegen dieses neue Unrecht tun? Nur
mühsam kämpfte sie mit ihren Tränen.
,Verstellung ist in der Tat ein trauriger Charakterfehler bei
einem Kinde, sagte Mr. Brocklehurst, ,ein Fehler, welcher mit
der Falschheit und Lügenhaftigkeit nahe verwandt ist, und alle
Lügner werden ihren Anteil haben an dem See, in welchem Pech
und Schwefel brennen; Jane soll indessen sorgsam bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und
Lehrerinnen sprechen.
,Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit
ihren Lebensaussichten übereinstimmt,' fuhr Mrs. Reed fort,
,sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben. Die Ferien soll
sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood bleiben.
,Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus vernünftig,'
entgegnete Mr. Brocklehurst. ,Die Demut ist ein Schmuck der
Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von
Lowood passend ist; ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege
eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium
darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des
Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist.
Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe
meiner Erfolge. Meine zweite Tochter, Auguste, ging mit ihrer
Mama, um die Schule zu besuchen und bei ihrer Rückkehr rief sie
aus: , mein teurer Papa, wie ruhig und einfach all die Mädchen
in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die
Ohren gestrichen ist und ihren langen Schürzen und den kleinen
Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen-- sie sehen beinahe
aus, wie die Kinder armer Leute! und,' fuhr sie fort, ,sie starrten
Mamas und mein Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch
kein seidenes Kleid gesehen hätten'.
, Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,’ erwiderte Mrs. Reed, ‘wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich keine Erziehungsweise gefunden
haben, die für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt haben würde.
,Festigkeit, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten,
und sie wird in Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten-- das ist die Tagesordnung für
das Haus und seine Bewohner.
,Ganz in der Ordnung, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen
und dort ihrer Stellung und ihren Lebensaussichten angemessen
erzogen wird?
,Ja, Madame, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte
auserlesener Pflanzen versetzt werden- und ich hoffe, daß sie sich
dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privilegium, welches ihr
dadurch zuteil wird.
,Ich werde sie also so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so
schnell wie irgend tunlich von einer Verantwortlichkeit befreit zu
werden, welche mir schon zu lästig geworden ist.
,Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel und jetzt will ich
Ihnen guten Morgen wünschen. In ungefähr zwei bis drei
Wochen werde ich nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein guter
Freund, der Erzbischof, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu
verlassen. Übrigens werde ich Miß Temple ankündigen, daß sie
ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine
Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl.
,Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst; machen Sie Mrs. und
Miß Brocklehurst ünd Augusta und Theodora und Ihren Sohn
Broughton Brocklehurst meine Empfehlungen.
,Das werde ich tun, Madame. Mein kleines Mädchen,
wandte er sich jetzt an Jane,,hier ist ein Buch mit dem Titel: ,Des
Kindes Führer'; lesen Sie es mit Gebeten, besonders jenen Teil,
welcher von dem fürchterlichen, plötzlichen Tode Marta G.s
handelt, eines unartigen Kindes, welches der Falschheit und Lüge
ergeben war.
Mii diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Heftchen, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war, in Janes Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte sich. Mrs. Reed und Jane blieben allein; mehrere Minuten verharrten sie im Schweigen; sie nähte, Jane beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, unter ihren farblosen Augenbraunen blizte ein Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Körperbeschaffenheit war fest und gesund-- eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter
ihrer Kontrolle; nur ihre Kinder trotten zuweilen ihrer Autorität
und verlachten sie höhnisch.
Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß Jane auf
einem niedrigen Schemel und ließ ihre Blicke prüfend auf ihrer
Tante Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt sie das Heftchen.
welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte; ihre Aufmerksamkeit war ganz besonders auf diese Erzählung gelenkt, weil
sie eine passende Warnung für sie enthalten sollte. Ihre Seele
war wund und schmerzhaft von dem, was soeben Mrs. Reed in
bezug auf sie mit Mr. Brocklehurst gesprochen hatte, und das
leidenschaftlichste Rachegefühl regte sich in ihr.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge bohrte sich
in das des Kindes.
,Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!'
sagte sie heftig. Jane stand auf, ging an die Tür, kam wieder zurück und trat dicht an Mrs. Reeds Lehnstuhl. Sie faßte ihren ganzen Mut zusammen und schleuderte ihrer Tante folgende,
leidenschaftliche Worte ins Gesicht:
,Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich
sogen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich nicht liebe.
ich hasse dich mehr als irgend jemand auf der ganzen Welt, John
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, denn sie
ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.
Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit; ihr
eisiges Auge bohrte sich erstarrend in das Janes.
, Hast du sonst noch etwas zu sagen ? fragte sie kalt.
Ihre kalte Stimme wühlte all' den Haß, der in dem Kinde
lebte, auf. Vom Kopfe bis zu den Füßen bebend, von einer Erregung geschüttelt, deren sie nicht mehr Herr werden konnte, fuhr
sie fort:
,Ich bin glücklich, daß Sie nicht meine Blutsverwandte sind.
Niemals, so lange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen.
Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um
Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich
Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und daß Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben.
,Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?
, Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann?
Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, daß ich kein Gefühl habe.
daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann
ich nicht leben - und Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen.
Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das
rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen- bis zu
meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich die
Todesangst mich verzehrte, obgleich ich vor Jammer und Entsetzen
fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte: ,Hab Erbarmen,
Tante Reed! Hab Erbarmen!' Und diese Strafe ließen Sie mich
erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug - mich
ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte -
gerade so, wie ich sie jetzt erzähle - werde ich jedem erzählen, der
mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber
Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und
falsch!
Ehe Jane noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann ein
seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit sich ihrer Seele zu bemächtigen. So hatte sie noch niemals empfunden. Es war, als wenn
unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären, und sie sich
endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und
dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über sie, denn-- Mrs.
Reed schien erschrocken und furchtsam; die Arbeit war von
ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin
und her, ihr Gesicht verzerrte sich, als wolle sie anfangen zu
weinen.
,Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen
Schluck Wasser trinken?
, Nein, Mrs. Reed.
,Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir
glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu
sein.
, Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter habe.
Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind.
und was Sie getan haben! Das schwöre ich Ihnen.
,Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von
ihren Fehlern geheilt werden.'
,Falschheit ist aber nicht mein Fehler!'' schrie Jane mit lauter,
wilder, gellender Stimme.
,Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das mußt du
zugeben. Und jetzt geh wieder in die Kinderstube- so-- das ist
ein gutes, liebes Kind! Geh und ruh dich ein wenig aus.
,Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht
ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs.
Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.
,Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,. murmelte Mrs. Reed. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.
Jane blieb nun allein, sie behauptete das Schlachtfeld. Es
war der erbittertste Kampf, den sie jemals gekämpft, und der erste
Sieg, den sie je errungen. Einige Augenblicke stand sie vor dem
Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und
genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte sie still vor sich
hin und fühlte sich gehoben. Aber diese trotzige Freude schwand
bald dahin, denn ein Kind kann nicht mit älteren Leuten so
streiten, wie Jane es getan, ohne daß es nachher die Qualen der
Gewissensbisse empfindet. Einem Streifen brennenden Heidelandes glich ihr Gemüt, als sie Mrs. Reed anklagte und bedrohte;
und demselben Heideland, schwarz und versengt, nachdem die
Flammen erloschen, glich es, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde den Wahnsinn ihres Vorgehens ihr
vor Augen geführt hatte.
Zum erstenmal hatte sie die Süßigkeit der Rache gekostet; aromatischer Wein dünkte sie ihr, der während des Trinkens süß und
feurig ist; sein Nachgeschmack aber ist herbe und metallisch
-- so hatte sie das Gefühl, als ob sie vergiftet sei. Gern wäre sie
gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber sie wußte
schon aus Erfahrung, daß Mrs. Reed sie dann nur mit doppelter
Verachtung zurückstoßen würde.
Gern hätte Jane jetzt Nahrung für ein sanfteres Gefühl gefunden, als das der finsteren Empörung. Sie nahm ein Buches waren arabische Erzählungen; sie setzte sich, um zu lesen, doch sie
konnte den Sinn des Ganzen nicht verstehen; eigene Gedanken
schwebten fortwährend zwischen den Zeilen. Sie öffnete die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte; die
jungen Anpflanzungen lagen so still da; der düstere Frost, weder
durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Sie bedeckte ihren Kopf und ihre Arme mit dem Rock
ihres Kleides und ging hinaus, um in einem abgeschiedenen Teil
des Parks zu spazieren aber sie fand keine Freude an den stillen,
bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den
braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammengefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Sie lehnte sich
gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher
keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt und welk
und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag; ein matter
Himmel, der voll. Schneewolken hing, wölbte sich über der Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den
hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben,
ohne zu schmelzen.
Da stand sie, ein unglückliches Kind, und flüsterte immer
wieder:,Was soll ich tun? -- Was soll ich tun?
Plötzlich hörte sie eine helle Stimme rufen:,Miß Jane! Wo
sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!
Sie wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber sie rührte sich
nicht von der Stelle; bald ertönte denn auch Bessies leichter Schritt
auf dem Gartenwege.
, Sie' unartiges, kleines Ding!'' sagte sie.,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Da schlang Jane beide Arme um Bessies Hals und sagte
schmeichelnd:,Komm, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgendeine, die sich Jane bis jetzt Bessie gegenüber erlaubt hatte; sie
mußte auch dem Mädchen gefallen.
,Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, sagte sie,
indem sie zu ihr herabblickte, ,ein kleines, ruheloses einsames Ding; also vermutlich wird man Sie jetzt in die Schule
schicken?
Jane nickte.
,Und wird es Ihnen nicht schwer, Ihre arme Bessie zu verlassen?
,Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer
nur,'' erwiderte Jane.
,Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines
Ding sind. Sie sollten dreister sein.
,Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?
, Unsinn! Aber es ist wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie,
daß sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen
möchte.-- Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen
etwas angenehmes zu erzählenl'
,Ach nein, Bessie, das hast du nicht.
, Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen
Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen
Damen und Master John fahren heute nachmittag zum Tee aus,
und Sie sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten,
daß sie Ihnen einen kleinen Kuchen bäckt, und später sollen Sie
mir helfen, Ihre Schränke und Schiebladen durchzusehen; denn
ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau
hat beschlossen, daß Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.
,Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten,
so lange ich noch hier bin.
, Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie
auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten.
Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bißchen
scharf spreche, das ist so ärgerlich!?
, Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir
fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und
gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu
fürchten habe.
,Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie
niemals lieb haben.
,Wie du es tust, Bessie?
,O, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von
Ihnen, als von all den anderen!''
,Aber du zeigst es mir nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz
anders. Was macht Sie denn so mutig, so waghalsig?
,Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem'
Jane war im Begriff, etwas von dem zu sagen, was zwischen
Mrs. Reed und ihr vorgefallen war, aber bald fühlte sie, daß es
doch besser sei, über diesen Punkt Schweigen zu bewahren.
,Sie sind also froh, mich zu verlassen?
,O gewiß nicht, Bessie; in der Tat, in diesem Augenblick tut
es mir beinahe leid.
,In diesem Augenblick! und ,beinahe!' Wie ruhig die kleine
Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem
Augenblick um einen Kuß bäte, so würden Sie ihn mir nicht geben.
Sie würden dann sagen, beinahe lieber nicht.
, Ich will dich küssen, und gern küssen; komm, biege deinen
Kopf zu mir herunter. Bessie neigte sich, sie umarmten sich, und
Jane folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmitiag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie ihr
einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang ihr ihre süßesten
Lieder vor. Sogar auf Janes Leben fiel dann und wann ein
Sonnenstrahl.
Fünftes Kapitel.
Der erste Tag im neuen Heim.
Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in Janes kleine Kammer brachte und
sie bereits außer Beti und halb angekleidet fand. Sie war schon
eine halbe Stunde vor Bessies Eintritt aufgestanden, hatte ihr
Gesicht gewaschen und sich beim Scheine des gerade untergehenden
Mondes, der seine Strahlen durch das schmale Fensterchen neben
ihrem Bette warf, angekleidet. An diesem Tage sollte sie Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an
dem Parktor des Herrenhauses vorüberfuhr. Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube
ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete jetzt das Frühstück
an demselben. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie
von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und Jane konnte
es auch nicht. Umsonst bat Bessie sie, nur einige Löffel voll von
dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für sie bereitet hatte;
sie weigerte sich hartnäckig; dann wickelte Bessie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und schob es in Janes Reisetasche. Darauf bekleidete sie das Kind mit Hut und Pelz, hüllte
sich in ein dickes Tuch und verließ mit Jane die Kinderstube. Als
sie an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte Bessie:
,Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?
, Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche
hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich
weder sie noch meine Cousinen heute morgen zu stören brauche,
und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine
beste Freundin gewesen, und dankbar von ihr zu sprechen und an
sie zu denken.
, Was antworteten Sie darauf, Fräulein?
,Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte
mich von ihr ab.
,Das war nicht recht, Miß Jane.
,Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine
Freundin gewesen, sie war meine erbittertste Feindin.
,O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!'
, Lebewohl Gateshead! rief Jane, als sie durch die Halle gingen und durch die große Haustür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel.
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen
durch plötzlichen Tau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und
rauh war dieser Wintermorgen, Janes Zähne schlugen vor Kälte
zusammen, als sie den Fahrweg hinuntereilten. Aus der Loge des
Portiers glänzte ein Licht. Als sie näher kamen, sahen sie, daß
die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Janes Koffer, welcher
schon am Abend vorher hinuntergetragen war, stand mit Stricken
geschnürt vor der Tür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an
sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder das Nahen der Postkutsche.
Jane ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daher kamen.
,Fährt sie allein?' fragte die Portiersfrau.
,Ja.
,Und wie weit ist es von hier?
,Fünfzig Meilen.
, Welch weiter Weg! Mich wundert es nur, daß Mrs. Reed
es wagt, sie die lange Strecke allein fahren zu lassen.
Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und
dem von Reisenden besetzten Dach vor der Tür; der Kutscher und
der Kondukteur trieben laut zur Eile an; Janes Koffer wurde hinauf gehißt; man zog sie von Bessie fort, deren Nacken sie umklammert hielt und die sie mit Küssen bedeckte.
, Daß Ihr nur gut acht auf das Kind gebt!' rief sie dem
Kondukteur zu, der Jane in das Innere des Wagens hob.
,Ja! Ja! Ja !' war seine Antwort. Die Tür wurde wieder
zugeschlagen, eine Stimme rief,Fertig', und vorwärts ging es.
So trennte sich Jane von Bessie und Gateshead-- so rollte sie
davon, einer unbekannten Zukunft entgegen.
Der Tag erschien dem Kinde von einer unnatürlichen Länge,
und es dünkte sie, als ob die Landstraße, auf welcher sie dahinfuhr, hunderte von Meilen lang sei. Sie kamen durch verschiedene
Städte, und in einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche
an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere stiegen
aus, um zu Mittag zu essen. Jane wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Aondukteur sie aufforderte, sich zum Speisen hinzusetzen; da sie jedoch keinen Appetit hatte, ließ er sie in einem großen
Zimmmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand;
ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand
war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene
musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemach ging sie lange
auf und ab; ihr war gar seltsam zumute und sie hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um sie zu rauben und
fortzuführen; denn sie glaubte an Kinderdiebe, ihre Taten hatten
in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle
gespielt. Endlich kam der Kondukteur zurück, noch einmal wurde
sie in die Kutsche gepackt; ihr Beschützer stieg auf seinen eigenen
Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselte der Postwagen
über die steinigen Straßen von L.
Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann Jane zu fühlen, daß sie in der Tat
schon weit von Gateshead entfernt sein mußte; Städte wurden
nicht mehr passiert; die Landschaft veränderte sich; große, graue
Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und
dunkler wurde, fuhr der Wagen in ein düsteres, dicht bewaldetes
Tal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte
und jede Aussicht unmöglich machte, hörte Jane den wilden Sturm
durch die Bäume rauschen.
Dieses Rauschen lullte sie ein, endlich schlief sie fest. Doch
hatte sie noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung sie weckte. Der Schlag der Postkutsche war
geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war,
stand daneben. Beim Schein der Laterne sah man ihr Gesicht und
ihre Kleidung.
,Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?
fragte sie. Jane antwortete ,ja'', und wurde dann herausgehoben; man setzte ihren Koffer ab, und augenblicklich fuhr der
Postwagen weiter.
Jane war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom
Lärm und der Bewegung der Kutsche; nachdem sie sich einigermaßen erholt hatte, blickte sie umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft; trotzdem unterschied sie eine Mauer vor sich
und eine geöffnete Tür in derselben. Durch diese Tür schritt sie
mit ihrer neuen Führerin; letztere verschloß die Tür, mit
vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein.
Die beiden gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf
und wurden durch eine Tür in das Haus eingelassen, dann führte
die Dienerin das Kind durch einen Korridor in ein Zimmer, wo
ein helles Kaminfeuer brannte. Nun blieb Jane allein.
Sie stand und wärmte ihre erstarrten Finger an der Glut,
dann blickte sie umher. Es brannte kein, Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte sie tapezierte Wände,
einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagonimöbel unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und
prächtig wie der Salon in Gateshead-Hall, aber dennoch hübsch
und gemütlich. Sie war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Tür
geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der
Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen
Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum
Teil durch einen Schal verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.
,Das Kind scheint doch zu jung, um diese Reise allein zu
machen,'' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte.
Mehrere Minuten betrachtete sie Jane aufmerksam, dann fügte sie
hinzu:
,Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht so
müde aus. Bist du müde? fragte sie und legte ihre Hand auf
Janes Schulter.
,Ein wenig, Madame.'
,Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miß
Miller, daß sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt.
Ist es das erstemal, daß du deine Eltern verlassen hast, mein
kleines Mädchen, um hier in die Anstalt zu kommen??
Jane erklärte ihr, daß sie keine Eltern habe. Sie fragte sie,
wie lange diese schon tot seien; dann wie alt sie sei, wie sie heiße, ob sie lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen. Endlich
berührte sie ihre Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte,,sie
hoffe, daß sie ein gutes Kind sein würde, und dann schickte sie die
Kleine mit Miß Miller fort.
Die Dame, die Jane soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit ihr ging, konnte um
einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre
Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf
die Waise. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, doch
trugen ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen; sie war
hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine
Menge der verschiedensten Dinge zu schaffen hat; in der Tat, man
sah auf den ersten Blick, sie war eine Unterlehrerin. Von ihr geführt, ging Jane von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor
durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude. Endlich hörte die vollständige und trübselige Stille des von ihnen durchschrittenen Teiles des Hauses auf, und bald schlug ein Gewirr von Stimmen an das
Ohr. Sie traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an
jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen und rund um dieselben saßen auf Bänken eine
Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zu zwanzig
Jahren. In dem trüben Schein der Talgkerzen schien ihre Anzahl
Legion, obgleich ihrer in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren.
Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern
nach ganz altmodischem Schnitt und lange, baumwollene Schürzen.
Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten, und das Gesumme von Stimmen, welches zuerst
vernehmbar war, entstand aus dem vereinigten Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen.
Miß Miller machte Jane ein Zeichen, sich auf eine Bank nahe
der Tür zu setzen; dann ging sie an das obere Ende des großen
Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:
,Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt
sie an ihren Platz
Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie
fort. Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort:
,Aufseherinnen, holt sie Bretter mit dem Abendessen!?
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich
zurück. Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von
irgendwelchem Essen, und in der Mitte eines jeden solchen Brettes
stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden
umher gereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe
an Jane kam, trank sie, denn sie war durstig; das Abendbrot selbst
ließ sie unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es ihr unmöglich zu essen, indessen sah sie, daß es ein dünner Kuchen von
Hafermehl war, der in Stücke geschnitten worden.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach
oben. jetzt hatte die Müdigkeit Jane vollständig überwältigt, sie
bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer
eigentlich war; sie sah nur, daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht mußte sie das Bett mit Miß Miller teilen;
diese half ihr beim Entkleiden. Als sie sich niederlegte, blickte sie
auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei
Teilhabern sich füllte; nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten; Jane
schlief ein.
Die Nacht verstrich schnell. Jane war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte sie und
vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume
brauste. Der Regen fiel in Strömen. jetzt gewahrte sie auch, daß
Miß Miller ihren Platz an ihrer Seite eingenommen hatte. Als sie
die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an ihr
Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich
an; der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter
brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch Jane sich; es war
bitter kalt, und sie kleidete sich an, so gut wie sie es vor Kälte bebend
vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch sie sich.
Allerdings mußte sie lange auf diese glückliche Fügung warten, denn
auf den Waschtischen, welche durch die Mitie des Zimmers entlang
standen, befand sich nur immer eine Schüssel fr je sechs Mädchen.
Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend zwei
und zwei in die Kolonne, und in dieser Ordnung gingen sie die
Treppe hinunter. Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor; dann rief sie
laut:
,Bildet bie Klassen!
Hierauf folgte ein großer Tumult, der einige Minuten anhielt.
Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen: ,Ruhe!'' und
, Ordnung !' Als diese endlich eingetreten, sah Jane, daß alle sich
in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor
vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen, und ein
großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem
leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während
welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von Zahlen.
Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen.
Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei
Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und
nahm ihren platz ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl,
welcher der Tür am nächsten stand, und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten; dieser letzten Klasse wurde auch Jane
zugewiesen und zwar als letzte in derselben.
jetzt begann die Arbeit. Die Aufgaben des Tages wurden
wiederholt, dann wurden mehrere Texte aus der heiligen Schrift
hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel,
welches eine ganze Stunde dauerte. Als man mit dieser Übung
zu Ende gelangt, war der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen
sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das
Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war Jane bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte
sie beinahe schon krank gemacht, denn Tags zuvor hatte sie fast gar
keine Nahrung zu sich genommen.
Das Speisezimmer war ein großes, niedriges, düsteres
Gemach. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen
Näpfen, das indessen zu Janes größter Enttäuschung einen Geruch
ausströmte, der nichts weniger als einladend war. Als der Dampf
dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane der Kinder drang, bemerkte
Jane eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit. Aus dem
Nachtrab des Zuges, den die großen Mädchen der ersten Klasse
bildeten, hörte man die geflüsterten Worte:
,Ekelhaftl Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!
,Ruhe!'' gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß.
Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen
dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch
und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an
einem der Tische Plat, während eine behäbigere Dame an den
anderen präsidierte. Umsonst hielt Jane Umschau nach der Gestalt,
welche sie am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miß
Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an
welchem Jane saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche
Dame- die französische Lehrerin - nahm denselben platz am
nächsten Tische ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine
Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die
Lehrerinnen herein, und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.
Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang Jane
mehrere Löffel voll von ihrer Portion, ohne an den Geschmack zu
denken; als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte
sie, daß ein übelriechendes Gemisch vor ihr stand. Angebrannter
Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln;
selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel wurden ganz
langsam in Bewegung gesetzt, Jane sah, wie jedes Mädchen die ihr
vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte, sie hinunterzuschlucken,
aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben.
Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Die
Mädchen sprachen das Dankgebet für etwas, was sie gar nicht bekommen hatten, und nachdem eine zweite Hynne abgesungen worden, leerte der Speisesaal' sich und alle begaben sich in das Schulzimmer. Jane war eine der letzten, die hinausging, und als sie die
Tische passierte, sah.ie, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit
Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten; sie blickte die
anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und
eine der Damen, die behäbige, flüsterte:
,Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!
Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt,
frei und laut zu sprechen; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, auf das alle ungeniert schalten. Die armen Dinger! Es war der einzige Trost, den sie hatten!
Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer. Einige
der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen s
mit ernsten, trotzigen Gebärden. Jane hörte von einigen Lippen den
Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte mißbilligend den
Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen; ohne Zweifel teilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miß
Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte,
die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:
,Ruhe! Auf die Plätze!
Die Schulzucht trug den Sieg davon. Nach fünf Minuten war,
Ordnung in die wirre Menge gekommen, und verhältnismäßige
Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel. Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein, und doch
schienen alle noch auf irgend etwas zu warten. Auf den Bänken,
swelche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen, saßen achtzig
Mädchen bewegungslos und kerzengerade; eine seltsame Versammlung. Allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht
eine Locke war sichtbar; in ihren braunen Kleidern, die bis an den
Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen
mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe hungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländers, die an der Vorderseite des
Kleides befestigt waren und den Zweck hatten, als Arbeitstasche zu
dienen -- dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten
Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt waren- ja, in der
Tat, eine seltsame Versammlung!- Ungefähr zwanzig der auf
biese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich
schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie
schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.
Jane betrachtete sie noch, und dann und wann auch die
Lehrerinnen, - da plötzlich, als ihre Blicke noch von einem Gesicht
zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und
wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in
die Höhe geschnellt.
Was war denn geschehen? Jane hatte keinen Befehl vernommen, sie war ganz bestürzt. Bevor sie sich noch gesammelt und
orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber
alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch Janes Blicke
jener Richtung und fielen auf die Dame, welche sie am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am
unteren Ende des Zimmers, an jedem Ende desselben befand sich
nämlich ein Kaminfeuer. Ernst und ruhig musterte sie die beiden
Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sich ihr und schien eine
Frage zu tun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren
Platz zurück und sagte laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie
den Globus.
Während diese Weisung befolgt wurde, ging die Dame, welche
befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Jetzt im hellen
Tageslicht sah sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen
mit wohlwollendem, klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern,
welche sie umgaben, hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Sie trug ihr schönes, dunkelbraunes Haar in
kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre
Kleidung bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von
spanischem Besatz aus schwarzem Samt. Eine goldene Uhr hing
an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß die
junge Leserin sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine
bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt, und dann hat sie so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Außeren der Miß Temple,
Maria Temple, wie Jane später einmal in einem Gebetbuche las, welches ihr anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.
Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood nahm ihren Sitz vor
einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, rief die exste
Klasse auf, sich um sie zu sammeln, und begann dann, eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben. Die niederen Klassen wurden
von den Lehrerinnen aufgerufen: Repetitionen in der Weltgeschichte, Grammatik usw. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte
Arithmetik und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen der
größeren Mädchen Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde
wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten,'
sagte sie.
Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden
einzutreten pflegt, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sieh sofort beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
,Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht
essen konntet, ihr müßt hungrig sein; ich habe befohlen, daß für euch
alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.
Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.
,Es soll auf meine Verantwortung geschehen,'' fügte sie hinzu,
gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen; gleich
darauf verließ sie das Zimmer.
Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt,
zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen
Schule. Und nun erging der Befehl: ,In den Garten! Jede
Schülerin setzte einen groben, häßlichen Strohhut mit Bändern von
buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um.
Jane wurde in gleicher Weise ausgerüstet, und dem Strome folgend, machte sie ihren Weg in die frische Luft hinaus.
Der Garten war ein weiter Plan, der mit so hohen Mauern
umgeben war, daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich
machte; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang, und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum, der in
unzählige, kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den
Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes
Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch,
wenn sie mit Blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen
Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der
winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte Jane, als sie so dastand und umherblickte. Der Tag war
der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es war kein
ordentlicher Regen, der alles durchnäßte, sondern ein dicker, gelber,
herabrieselnder Nebel. Der Boden unter ihren Füßen war durch
den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren der
Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen:
aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher, magerer
Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schus
und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, als der dichte Nebel
ihnen fast bis auf die. Haut drang, ein hohler, Böses verkündender
Husten.
Bis jetzt hatte Jane noch mit niemand gesprochen und niemand
schien ihr sonderliche Beachtung zu schenken, ganz einsam stand sie
da; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war sie ja gewöhnt,
es bedrückte sie nicht mehr als sonst. Sie lehnte sich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog ihren grauen Mantel fest um sich zusammen und indem sie versuchte, die Kälte, die sie von außen schmerzte,
und den unbefriedigten Hunger, der von innen an ihr nagte, zu
vergessen, gab sie sich ganz der Beschäftigung hin, zu beobachten
und nachzudenken. Sie wußte noch kaum, wo sie sich eigentlich befand. Gateshead und ihr bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und
unbestimmt und von der Zukunft wagte sie nicht, sich irgendein
Bild zu machen. Sie blickte in demr klösterlichen Garten umher,
dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine
Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war.
Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches
Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Tür trug die
Inschrift
,Institut von Lowood. Dieser Teil des Hauses wurde wieder
erbaut un. äon.... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-
Hall in dieser Grafschaft.
, Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Ev. Matthäi 16.
Wieder und wieder las Jane diese Worte. Sie fühlte, daß sie
noch eine Erklärung haben mußten, und war außerstande, ihren
ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte sie über die Bedeutung
des Wortes ,Institut'' nach und bemühte sich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als
ein hohler Husten hinter ihr sie veranlaßte, den Kopf zu
wenden.
Sie sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen; diese
war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln
schien. Von der Stelle aus, wo Jane stand, konnte sie den Titel
lesen: es war ,Ntasselas-, ein Name, der sie seltsam dünkte und sie
infolgedessen fesselte. Als die Leferin ein Blatt umwandte, blickte
sie zufällig auf, und sogleich sagte Jane:
,Ist dein Buch interessant? Sie hatte bereits den Entschluß
gefaßt, sie eines Tages zu bitten, daß sie es ihr leihen möge.
,Mir gefällt es,! sagte diese nach einer Pause von einigen
Sekunden, während welcher sie Jane angeblickt.
,Wovon handelt es denn? fuhr Jane fort.
,Du darfst es dir ansehen,' sagte das Mädchen und gab ihr
das Buch.
Das iat Jane. Eine kurze Besichtigung überzeugte sie, daß der
Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel.,Rasselas schien
ihrem ungebildeten Geschmack höchst langweilig; sie fand nichts von
Feen, von Genien; die enggedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechslung zu bieten. Sie gab ihr das Buch zurück. Sie
nahm es ruhig, und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im
Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben,
als Jane noch einmal wagte, sie zu stören:
, Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein
über der Tür bedeutet? Was ist ,nstitut von Lowood'?
,Es ist das Haus, in welchem du hier lebst. ?
, Und weshalb nennen sie es Institut? Ist es denn in irgendeiner Weise von anderen Schulen verschieden?
,Es ist zum Teil eine Mildtätigkeitsschule. Du und ich und
alle übrigen sind Mildtätigkeitszöglinge. Ich vermute, daß du eine
Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?
, Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung
mehr an sie.
, Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter
oder beide Eltern verloren, und man nennt dies ein Institut für
die Erziehung von Waisen.
,Vezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?
, Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich.
,Weshalb nennt man uns denn Mildtätigkeitskinder??
, Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und
Schule, und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht.
, Wer subskribiert denn?
, Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser
Gegend und in London.
,Wer war Naomi Brocklehurst??
,Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat,
wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und
anordnet.
, Weshalb tut er das?
,Weil er der Schazzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist.
,Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken
Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und Käse
bekommen sollten?
,Miß Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist
Mr. Brocklehurst für alles, was sie tut, verantwortlich. Mr.
Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.
,Wohnt er hier?
, Nein, zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen
Herrenhause.
,Ist er ein guter Mann?
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr vie!
Gutes tut.
PSagtest du, daß die schlanke Dame Miß Temple heißt?
.Va.
, Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?
,Die eine nnit den roten Wangen heißt Miß Smith, sie muß
auf die Handarbeiten achten und schneidet zu, denn wir nähen
unsere eigene Wäsche, unsere Kleider und unsere Mäntel - kurzum
alles; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd, sie
lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der
zweiten Klasse; die dritte, die ein Tuch trägt und das Taschentuch
mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame
Pierrot, sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch.
, Liebst du die Lehrerinnen?'
,O ja, so ziemlich.
,Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame?
Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie dr.
,Miß Scatcherd ist heftig; du mußt dich hüten, sie ärgerlich
zu machen. Madame Pierrot ist gerade keine böse Person.
,Aber Miß Temple ist die beste, nicht wahr?
,Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den
anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.
,Bist du schon lange hier?
,Zwei Jahre.
,Bist du eine Waise?
,Meine Mutter ist tot.
,Fühlst du dich hier glücklich?
,Du tust eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir
genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.
In diesem Augenblick erklang die Glocke, die zum Mittagessen rief. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher
jetzt den Speisesaal füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher die Nasen beim Frühstück erfüllt hatte. Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert, aus
denen ein scharfer Dampf aufstieg, der stark an ranziges Fett erinnerte. Das Gemengsel bestand aus Kartoffeln und seltsamen
Feten rötlichen Fleisches, die untereinander gerührt und zusammen
gekocht waren. Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin
eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Jane aß, so viel sie konnte
und fragte sich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage nicht
besser sein würde als diese.
Nach dem Mittagessen verfügten sich alle sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuen und dauerten bis
fünf Uhr.
Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß Jane sah, wie das Mädchen, mit dem sie, in der
Veranda gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf und Schande
aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen
Schulzimmers stehen mußte. Die Sirafe schien ihr im höchsten
Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen, das mehr
als dreizehn Jahre zu zählen schien. Sie erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen, aber zu
ihrem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie; gefaßt,
wenn auch ernst, stand sie da, aller Blicke waren auf sie gerichtet.
, Wie kann sie das so ruhig - so gefaßt tragen?' fragte sich Jane,
, Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich doch gewiß wünschen,
daß die Erde sich öffnen möchte, um mich zu verschlingen. Sie
sieht aus, als dächte sie an etwas, das über ihre Strafe hinaus
liegt. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie ist, ob gut
oder unartig.''
Bald nach fünf Uhr nachmittags gab es wieder eine Mahlzeit.
die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte
Schwarzbrot bestand. Jane verschlang ihr Brot und trank ihren
Kaffee mit wahrem Ergötzen. Aber sie wäre froh gewesen, wenn
sie doppelt so viel gehabt hätte, sie war noch hungrig. Darauf
folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Studien
von neuem. Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen
Haferkuchen, das Gebet und das Schlafengehen. Das war ihr
erster Tag in Lowood.
Sechstes Kapitel.
Helen Burns.
Der nächste Tag begann wie der vorige. Die Waisen standen
beim Lampenlicht auf und kleideten sich an; aber an diesem Morgen mußten sie vom Waschen dispensiert werden, denn das Wasser
war in den Wasserkrügen gefroren. Am Abend vorher war eine
Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind,
der die ganze Nacht durch die Ritzen in den Schlafzimmerfenstern
gepfiffen, hatte die Mädchen in ihren Betten vor Kälte beben und
den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.
Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des
Bibellesens zu Ende waren, war Jane nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem
Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Zubereitung der
Speise war nicht schlecht, aber ihre Menge ließ viel zu wünschen
übrig. Wie klein erschien Jane ihre Portion! Sie wünschte, sie
wäre doppelt so groß gewesen.
Im Laufe des Tages wurde Jane der vierten Klasse als
Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden ihr angewiesen; bis jetzt war sie nur Zuschauerin bei
den Vorgängen in Lowood gewesen, jetzt sollte sie eine der Mitspielenden werden. Da sie wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben ihr unendlich lang und schwer,
auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte
sie; sie war däher froh, als Miß Smith ihr gegen3 Uhr nachmittags
einen zwei Ellen langen Streifen weißen Musselins samt Fingerhut
und Schere gab und ihr gebot, sich in einen stillen Winkel des
Schulzimnners zu setzen, wo sie ihr Anweisungen gab, wie sie
säumen sollte. Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen'
Mädchen, nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit Lesen beschäftigt. Da tiefe Stille herrschte, konnte
man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen und
ebenso die Art und Weise, wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe
entledigte, oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab. Es war die englische Weltgeschichte.
Unter den Leserinnen bemerkte Jane ihre Bekannte von der
Veranda; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren platz als erste
der Klasse gehabt, aber wegen irgendeines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in bezug auf Interpunktion
wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt. Und
selbst noch in dieser Stellung blieb sie unausgesett ein Gegenstand
für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit; fortwährend
richtete sie Worte wie die folgenden an sie:
, Burns (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden
hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredets. ,Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die
Fußspitzen nach außen. ,Burns, weshalb steckst du das Kinn in
so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!'
,Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich
in solcher Stellung nicht vor mir sehen,'' usw., usw.
Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher
geschlossen und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen Teil
der Regierung Karls l. umfaßt, und es waren unterschiedliche
Fragen gestellt worden, welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen. Jede kleine Schwierigkeit jedoch
wurde gelöst, wenn sie zu Burns kam; ihr Gedächtnis schien die
ganze Lektion gefaßt zu haben, und sie hatte für jgden Punkt eine
Antwort bereit. Jane saß da und wartete freudig erregt, daß Miß
Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde, statt dessen rief sie
plötzlich aus:
,Du schmuziges, widerwärtiges Mädchen! Heute morgen hast
du deine Nägel wieder nicht gereinigt!''
Burns antwortete nicht, Jane wunderte sich über ihr
Schweigen.
,Weshalb,r dachte sie,,erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr
Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war??
Hier wurde Janes Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche sie aufforderte, ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein. Während sie ihn abwickelte, sprach sie von Zeit zu
Zeit mit Jane, fragte sie, ob sie schon früher eine Schule besucht
habe, ob sie zeichnen, sticken, stricken könne usw.; als sie Jane endlich entließ, konnte diese ihre Beobachtungen über Miß Scatcherds
Verhalten nicht fortsetzen. Als sie auf ihren Sitz zurückkehrte, erteilte diese Dame gerade einen Befehl, dessen Inhalt Jane nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und
trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt
wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und
trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel, das an einem Ende zusammen gebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie
Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix, dann löste sie
schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze und
augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Duzend
scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken. Nicht eine
einzige Träne trat in Burns Augen und während Jane mit ihrer
Arbeit innehielt, weil ein Gefühl ohnmächtigen, hilflosen Zorns
ihre Finger erbeben machte, veränderte sich nicht ein einziger Zug
in dem nachdenklichen, ernsten Gesichke Burns.
,Verhärtetes Mädchen!r rief Miß Scatcherd aus, ,nichts kann
dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! Trage die
Rute wieder fort.
Burns gehorchte. Jane sah ihr scharf ins Gesicht, als
sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und eine Träne
glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle, bleiche
Wange.
Die Spielstunde am Abend galt Jane als der angenehmste
Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot,
der Schluck Kaffee, den sie um fünf Uhr genossen, ihren Hunger
auch nicht gestillt, so hatte er wenigstens ihren Lebensmut neu beseelt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer
war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in demselben durften
heller brennen, weil sie in gewifsem Maße die Lichter erseyen sollten. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, das Durcheinander vieler Stimmen, rief ein wohliges Gefühl von Freiheit
hervor.
Am Abend des Tages, an dem Jane gesehen hatte, wie Miß
Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte,
ging sie wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und
Bänken und lachenden Gruppen umher, sie fühlte sich indessen nicht
einsam. Wenn sie an den Fenstern vorüberging, hob sie dann und
wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee
fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits
eine hohe Schicht; wenn sie ihr Ohr dicht an das Fenster legte,
konnte sie durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige
Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.
Wenn sie ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen
hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der sie
die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte.
Dieser draußen tobende Sturm würde ihr das Herz schwer gemacht haben, dieses düstere Chaos würde ihren Frieden gestört
haben; wie die Dinge aber lagen, rief das Getöse eine seltsame
Erregung in ihr wach. Sie wurde unruhig und fieberhaft, sie
wünschte, daß der Wind lauter heulen, die Dämmerung zur
Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.
Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend,
bahnte sie sich einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand sie auf
dem hohen Fender kniend Burns, welche bei dem matten Schein
der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte, was um sie hervorging.
, Ist es noch immer Rasselas? fragte Jrne hinter ihr
stehend.
,Ja, sagte sie, ,ich bin gerade damit zu Ende.
Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Jane
war froh darüber.
,jetzt,'! dachte sie,,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen. Sie setzte sich neben Burns auf den Fußboden.
,Welchen Namen hast du noch außer Burns?
.Helen.
,Bist du von weit hergekommen?
, Ich komme von Norden her, von der schottischen
Grenze.
,Wirst du jemals wieder nach Hause gehen?
, Ich hoffe es, aber niemand kann in die Zukunft sehen.
,Wünschest du nicht sehr, Lowood zu verlassen?
, Nein, weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin nach Lowood geschickt worden, unn eine gute Erziehung zu bekommen, und
nas würde es nüten, fortzugehen, wenn dieser Zweck nicht erreicht ist.
,Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd, ist doch so grausam
gegen dich?
,Grausam ? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie hat einen
großen Widerwillen gegen meine Fehler.
, Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen,
ich würde mich gegen sie auflehnen; wenn sie mich mit jener Rute
schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase
wkrde ich das Ding zerbrechen.?
, Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem tun, aber
wenn du es tätest, so würde Mr. Brocklehurst dich mit Schimpf
und Schande aus der Schule jagen. Und das wäre doch ein großer
Kummer für deine Angehörigen. Es ist viel besser, einen Schmerz
mit Geduld zu ertragen, den niemand fühlt, als du selbst, denn
eine unüberlegte Tat zu begehen, deren böse Folgen alle treffen.
die dir verwandt sind; und überdies gebietet die Bibel uns, Böses
mnit Gutem zu vergelten.
,Aber es ist doch entehrend, mit Ruten gepeitscht zu werden
und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen, das voller
Menschen ist, und du bist schon ein so großes Mädchen; ich bin viel
jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen.
, Und doch wäre es deine Pflicht, es zu ertragen, wenn du es
nicht vermeiden könntest. Es ist schwach und albern zu sagen, daß
du nicht ertragen kannst, was das Schicksal dir auferlegt.
Staunend hörte Jane ihr zu. Sie konnte diese Lehre der
Duldsamkeit nicht begreifen; und noch weniger konnte sie die Versöhnlichkeit, mit welcher Helen von ihrer Quälerin sprach, versiehen. Doch fühlte sie, daß Helen Burns alle Dinge in einem
Licht sah, das ihren Augen nicht sichtbar war. Sie vermutete, daß
Helen recht hatte und sie selbst unrecht.
,Du sagst, daß du Fehler hast, Helen, nenne sie mir doch.
Mir erscheinst du so gut.
, Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr unordentlich;
selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die
Vorschriften; ich lese, wenn ich meine Aufgaben machen sollte, und
zuweilen sage ich wie du, ich kann es nicht ertragen, mich bestimmten Einrichtungen zu unterwerfen. Alles dies ist sehr
ärgerlich für Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist.
,Und böse und grausam,! fügte Jane hinzu, aber Helen
Burns wollte diesen Zusay nicht gelten lassen, sie schwieg.
,Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie Miß
Scatcherd ? fragte Jane wieder.
Bei der Nennung von Miß Temples Namen flog ein sanftes
Lächeln über Helens sonst so ernstes Gesicht.
,Miß Temple ist voller Güte; es bereitet ihr Schmerz, gegen
irgend jemand strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste
Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt
mich mit Sanftmut über dieselben; wenn ich aber irgend etwas
Lobenswertes tue, so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen. Ein starker Beweis für meine unglückselig elende, fehlerhafte, schwache Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde,
so vernünftig, nicht genug Einfluß haben, um mich von meinen
Fehlern zu kurieren. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch
schäte, kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen.
,Das ist seltsam, sagte Jane, ,es ist doch so leicht, sorgsam
zu sein.'?
, Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute morgen
in deiner Klasse beobachtet und sah, wie unverwandt aufmerksam
, du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, während. Miss Miller die Lektion erklärte und dich befragte. Und die
meinen wandern fortwährend; wenn ich Miß Scatcherd zuhören
und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre
ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in
eine Art von Traum. Manchmal' glaube ich, daß ich in Northumberland bin, und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das
Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden,
ganz nahe unserem Hause, fließt; wenn dann die Reihe an mich
kommt zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich
dann von allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, da ich
dem Rauschen eines Baches zu lauschen glaubte, so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft,
, Aber du hast doch heute nachmittag so gut geantwortet.
, Das war ein reiner Zufall. Der Gegenstand, über den wir
gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Ich liebe König
Karl, ich achte ihn und ich bedauere den armen gemordeten König!
Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches
zu vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn
zn töten!'?
Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß
Jane wohl kaum imstande war, sie zu verstehen. Diese rief sie deshalb wieder auf ihren Standpunkt zurück.
, Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich
unterrichtet?
, Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple hat
inmer etwas zu sagen, das für meine eigenen Gedanken noch neu
ist. Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm, und die Belehrung, welche sie erteilt, ist meistens gerade das, was ich zu lernen
wünschte.
,Also mit Miß Temple bist du gut??
,Ja, aber ganz absichtslos. Ich mache keine besondere Anstrengung, ich folge nur, wohin meine Neigung mich führt. In
solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst.
,Ein großes Verdienst! Du bist gut mit denen, die gut mit dir
sind. Wahrhaftig, ich wünschte nur, daß ich das sein könnte. Wenn
die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber
wären, so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe; sie
würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern
immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne
Grund schlägt, so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen.
Ganz gewiß- das sollten wir tun, so kräftig, daß die Person,
welche es getan hat, sich wohl hüten würde, es jemals wieder
zu tun.'?
, Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter
wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen, das
es nicht besser gelernt hat.
, Aber das fühle ich doch klar, Helen, daß ich die hassen muß.
die fortfahren mich zu hassen, trotzdem ich alles tue, was ihnen
Freude machen kann; ich muß mich auflehnen gegen die, welche
mich ungerecht bestrafen. Es ist ebenso natürlich, wie daß ich jene
liebe, die mir Liebe zeigen, oder daß ich mich ruhig einer Strafe
unterwerfe, wenn ich fühle, daß sie verdient ist.
,Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Lehre, aber
Christen und zivilisierte Nationen erkennen sie nicht an.?
,Wie? Ich verstehe das nicht.
, Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu
besiegen, nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen
Wunden.
,Was sonst?
, Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt;
mache sein Wort zu deiner Richtschnur.
,Was sagt er?
,Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, tut wohl denen,
die euch hassen und euch beleidigen
,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht; ich
müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
Ihrerseits bat Helen Burns nun ihre kleine Gefährtin, ihre
Lebensgeschichte zu erzählen, und sofort begann Jane in ihrer
eigenen Weise, ihr die ganze Geschichte ihrer Leiden und Qualen,
die ganze ihr widerfahrene Unbill zu berichten. Wild und bitter
sprach sie ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.
Geduldig hörte Helen ihr bis zu Ende zu. Jane erwartete
dann, daß Helen irgendeine Bemerkung machen werde, aber diese
beharrte schweigend.
, Nun,' fragte Jane ungeduldig,,ist Mrs. Reed nicht ein herzloses, böses Weib?
,Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil sie,
das mußt du begreifen lernen, deinen Charakter ebenso häßlich
findet wie Miß Scatcherd den meinen. Wie genau du dich aber an
alles erinnerst, was sie dir getan, was sie dir gesagt hat! Welch
einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz
gemacht zu haben scheint! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen. Würdest
du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Empfindungen, welche diese
wachrief? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein, um es damit
hinzubringen, Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu
verzeichnen. Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern
beladen und er muß es sein; aber bald wird die Zeit kommen.
das hoffe ich zuversichtlich, wo wir sie ablegen zusammen mit
unserem vergänglichen, irdischen Leibe und nur der Geistesfunke
zurückbleibt. Er wird dorthin zurückkehren, woher er kam, vielleicht um in ein Wesen überzugehen, das höher und erhabener ist
als der Mensch, vielleicht um durch alle Zeiträume der Ewigkeit
zur Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen
Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen! Dieser Glaube ist meine
ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn er gewährt allen Hoffnung, er macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden, zur himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl mein
Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe in Frieden und denke an das Ende!''
Helens Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank noch
tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Jane sah es ihren
Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit ihr zu
reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte.
Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin.
ein großes, grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran
und rief im ausgeprägten cumberländischen Akzent:
, Helen Burns, wenn du nicht hinaufgehst und augenblicklich
Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit
sauber zusammenfaltest, so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie
bitten, sich die Sache anzusehen.'
Helen seufzte, als ihre Träumereien ein so jähes Ende
nahmen, aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne
Zögern, ohne Erwiderung.
Siebentes Kapitel.
Der schwarze Mann kommt.
Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte Jane ein Menschenalter, aber durchaus kein goldenes Zeitalter; es bedeutete für sie
einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit, sich in neue Regeln
und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten. Die Furcht, in
diesen Punkten zu unterliegen, quälte sie mehr als die körperlichen
Mühseligkeiten und Entbehrungen, trotzdem auch diese wahrlic
keine Kleinigkeiten waren.
Während der Monate Januar, Februar und März hinderten
der tiefe Schnee und, nachdem er fortgeschmolzen, die fast unpassierbaren Straßen die Mädchen daran, weiter zu gehen, als bis
an die Mauern des Gartens, nur der sonntägliche Weg in die
Kirche machte eine Ausnahme; aber doch mußten sie jeden Tag
eine Stunde in freier Luft zubringen. Ihre Bekleidung war nicht
hinreichend, um sie gegen die strenge Kälte zu schüten. Sie hatten
keine Stiefel, der Schnee drang in ihre Schuhe und schmolz darin;
ihre unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach
und nach mit Frostbeulen, ebenso ihreFüße. Sie hatten verzweifelte
Schmerzen zu erdulden, wenn ihre Füße sich entzündeten, und
wenn sie die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen
in die Schuhe zwängen mußten. Auch die Kargheit der Nahrung
brachte sie fast zur Verzweiflung; sie hatten den regen Appetit
von im Wachstum begriffener Kinder, und man gab ihnen kaum
genug, um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten.
Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch, welcher
schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich
den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot,
so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen
dahin, ihnen ihren Anteil abzutreten. Gar manchesmal teilte
Jane zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen
Schwarzbrot, den die Mädchen zur Teestunde bekamen, und nachdem sie dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte ihres
Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte sie den Rest zusammen mit
bitteren, geheimen Tränen hinunter, welche der Hunger ihr
auspreßte.
Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit. Die
Mädchen mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, wo ihr Schutherr den Gottesdienst verrichtete. Halb erfroren machten sie sich auf den Weg, noch erfrorener langten sie in
der Kirche an; während des Morgengottesdienstes lähmte sie die
Kälte beinahe. Der Weg war zu weit, um zum Mittagessen nach
Lomood zurückzukehren, daher reichte man ihnen zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Brot, welche
ebenso kärglich war, wie die bei ihren gewöhnlichen Mahlzeiten.
Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten sie
über eine hügelige, dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette schneebedeckter
Hügel von Norden her blies, riß ihnen beinahe die Haut von den
Wangen.
Miß Temple ging, fest in ihren schottischen Mantel gehüllt,
den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte, leichtfüßig und
schnell an den ermatteten Reihen entlang und ermunterte diese
durch Worte und Beispiel, Mut zu behalten und vorwärts zu
schreiten ,tapferen Soldaten gleich', wie sie zu sagen pflegte. Die
übrigen Lehrerinnen waren gewöhnlich selbst zu niedergeschlagen,
um andere zu trösten.
Wie sehnten sich die Armen nach dem Licht und der Wärme
eines hellen Feuers, wenn sie nach Hause kamen! Aber selbst dieser
Genuß blieb den Kleineren wenigstens versagt. Jeder Kamin im
Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer
Mädchen belagert und hinter diesen krochen die kleinen Kinder in
trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre
Schürzen hüllend.
Ein schwacher Trost ward den Bedauernswerten in der Teestunde in Gestalt einer doppelten Brotration, nämlich eine ganze
Scheibe anstatt einer halben, mit der köstlichen Zutat einer dünnen
Schicht von Butter; es war ein allwöchentlicher Genuß, dem sie
von Sabbat zu Sabbat sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich
gelang es Jane, die Hälfte dieses lukullischen Mahls für sich zu behalten, die andere Hälfte mußte sie unabänderlich jedesmal verschenken.
Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Kirchenkatechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums
St. Maithäi auswendig zu wiederholen, und eine lange Predigt
mit anzuhören, welche die arme Miß Miller, deren nicht zu unterdrückendes Gähnen ihre Müdigkeit verriet, den Kindern vorlas.
Gar häufig kam es vor, daß ungefähr ein halbes Dutzend kleiner
Mädchen, überwältigt von Müdigkeit, von der Bank fielen und
halbtot wieder emporgehoben wurden. Die Abhilfe hiergegen bestand darin, daß man sie in die Mitte des Schulzimmers hineinstieß, wo sie gezwungen wurden auszuharren, bis die Predigt zu
Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst und sie
sanken in einen hilflosen Klumpen zusammen; dann pflegte man sie
durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.
Noch ist der Besuche Mr. Brocklehursts nicht Erwähnung
getan worden, und in der Tat war dieser während des ersten
Monats von Janes Aufenthalt in Lowood von Hause abwesend;
vielleicht zog sein Besuch bei seinem Freunde, dem Erzbischof, sich
so sehr in die Länge.
Seine Abwesenheit war eine Erleichterung für Jane, denn
sie hatte ihre eigenen Gründe, sein Kommen zu fürchten. Aber
endlich kam er doch.
Eines Nachmittags, Jane war damals gerade vier Wochen in
Lowood gewesen, saß sie mit der Tafel in der Hand da und zerbrach sich den Kopf über ein langes Divisionsexempel, als ihre
Blicke sich ganz gedankenlos auf das Fenster richteten. In diesem
Augenblick schritt eine Gestalt an demselben vorbei, und fast wie
ein Blitz kam ihr der Gedanke an Mr. Brocklehurst in den Sinn.
Als zwei Minuten darauf die ganze Schule mit Inbegriff der
Lehrerinnen sich erhob, brauchte sie nicht aufzublicken, um sich zu
vergewissern, wessen Eintritt auf diese Weise begrüßt wurde. Ein
langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand
neben Miß Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, dieselbe
schwarze Säule, welche vor dem Kamin im Herrenhause von Gateshead-Hall so finster und unheilvoll auf Jane herabgeblickt hatte.
jetzt blickte Jane von der Seite auf diese Erscheinung. Ja, sie
hatte sich nicht getäuscht, es war Mr, Brocklehurst, fest in seinen s
Überzieher geknöpft, und länger, schmäler und steifer aussehend
denn je.
Jane erschrak heftig beim Anblick dieser Erscheinung. Denn sie erinnerte sich nur zu wohl der Worte, welche Mrs. Reed ihm
über ihren Charakter gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst
gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen von
ihrer lasterhaften, verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit hatte sie schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte sie nach diesem Manne, der sie
durch seine Auskunft über ihr vergangenes Leben und ihr Betragen als ein schlechtes Kind brandmarken konnte, ausgesehen--
jetzt war er da! Er stand neben Miß Temple und sprach leise zu
ihr ins Ohr. Jane zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr
Enthüllungen über ihre Schlechtigkeit machte; mit qualvoller
Angst beobachtete sie ihre Blicke, jede Minute erwartete sie Miß
Temples dunkles Auge sich voll Abscheu und Verachtung auf sie
heften zu sehen. Auch horchte sie. Und da sie am oberen Ende des
Zimmers saß, konnte sie den größten Teil des von ihm geführten
Gesprächs hören. Der Inhalt desselben befreite sie wenigstens
für den Augenblick von der Furcht.
,Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton
gekauft habe, genügen wird. Es fiel mir ein, daß diese Sorte
gerade für die Kalikohemden gut sein werde, und ich habe auch die
dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß Smith sagen,
daß ich vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche
wird sie indessen mehrere Päckchen derselben bekommen, und sagen
Sie ihr auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr
als eine Nadel zurzeit gibt; wenn sie mehrere davon haben, werden
sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, o, Miß Temple!
Ich wünschte wirklich, daß den wollenen Strümpfen mehr Beachtung geschenkt würde! Als ich das letztemal hier war, ging ich
in den Küchengarten und besah mir die Wäsche, welche auf der
Leine trocknete. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe war
auf die mangelhafteste Weise gestopft. Aus der Größe der Löcher,
welche ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert sein konnten. Hier hielt er inne.
,Ihre Weisungen sollen befolgt werden, Sir,. sagte Miß
Temple.
,Und Madame,' fuhr er fort, ,die Wäscherin erzählt mir,
daß einige der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche gehabt haben; das ist viel zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf
eine.’
,Ich glaube, Sir, daß ich diesen Umstand genügend erklären
kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und Katherine
Johnston eingeladen, bei ihren Freunden in Lowton den Tee zu
nehmen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, für diese Gelegenheit reine
Halskrausen anzulegen.
Mr. Brocklehurst nickte.
,Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie,
diesen Fall nicht zu oft eintreten zu lassen. Noch eine andere
Sache hat mich höchlichst überrascht. Indem ich die Rechnung mit
der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei
Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück serviert
worden ist, welches aus Brot und Käse bestand. Was bedeutet
das? Ich habe die Statuten durchlesen und fand dort keiner
Mahlzeit erwähnt, die sich Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese
Neuerung eingeführt und auf welche Autorität gestützt??
,Für diesen Umstand bin ich verantwortlich, Sir,'' entgegnete
Miß Temple, ,das Frühstück war so außergewöhnlich schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich durfte
nicht zugeben, daß sie bis zum Mittagessen fasteten.
,Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden.
Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser
Mädchen ist, sie nicht an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten und sie selbstverleugnend, geduldig und entsagend zu machen. Sollte nun einmal zufällig solch eine kleine
Enttäuschung des Appetits vorkommen, wie z. B. das Verderben
einer Mahlzeit, das Versalztwerden eines Fisches usw., so sollte dieser
kleine, unbedeutende Zwischenfall nicht unwirksam gemacht werden,
indem man den verlorenen Genuß noch durch einen größeren
Leckerbissen ersetzt und damit den Körper verweichlicht und den
Zweck und das Ziel dieser barmherzigen Stiftung verrückt. Man
sollte ein solches Vorkommnis dazu benützen den Schülerinnen eine geistige Erbauung zu schaffen, indem man sie ermutigt, auch
bei vorkommenden Entbehrungen ihre geistige Kraft zu behaupten.
Eine kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr angemessen sein. Ein kluger Lehrer würde z. B. auf die Leiden und
Entsagungen der ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der
Märtyrer, ja, sogar auf die Gebete unsers gesegneten Heilands
selbst, der seine Jünger ermahnt, ihr Kreuz auf sich zu nehmen
und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht
vom Brote allein lebt, sondern von einem jeglichen Worte, so aus
dem Munde Gottes gehet; auf seine göttlichen Tröstungen glücklich seid ihr, so ihr für mich Hunger oder Durst leidet!' O, Miß
Temple, wenn Sie anstatt des angebrannten Haferbreis Brot und
Käse in den Mund dieser Kinder legen, so füttern Sie allerdings
ihre sündigen Leiber, aber Sie denken wenig daran, daß Sie ihre unsterblichen Seelen verhungern lassen.
Mr. Brocklehurst hielt wieder inne - wahrscheinlich von
seinen Gefühlen übermannt. Beim Beginn seiner Rede hatte Miß
Temple zu Boden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin, und
ihr Gesicht, welches von Natur bleich wie Marmor war, schien auch
die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen; besonders ihr Mund schloß sich so fest, als hätte es des Meißels eines
Bildhauers bedurft, um ihn wieder zu öffnen, und auf ihrer Stirn
lagerte eine versteinerte Strenge.
Inzwischen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände
hatte er auf den Rücken gelegt und majestätisch ließ er seine Blicke
über die ganze Schule schweifen. Plötzlich zuckte er zusammen,
wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt worden
sei; dann wandte er sich um und schneller, als er bisher gesprochen.
sagte er:
,Miß Temple, Miß Temple, was- was ist jenes Mädchen
da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madame, lockig - ganz
und gar lockig? Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus
und zeigte nach dem entsetzlichen Gegenstande. Seine Hände zitterten vor Erregung.
,Es ist Julia Severn,' entgegnete Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Und weshalb hat sie oder irgendeine andere gelocktes Haar? Weshalb bekennt sie sich so offen
allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses entgegen zu den
Gelüsten der Welt, hier in einem evangelischen Institut der
Barmherzigkeit, daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust
von Locken zu tragen?’
,Julias Haar ist von Natur lockig,! entgegnete Miß Temple
noch ruhiger.
,Von Natur! Ja! Aber wir sollen uns der Natur nicht anpassen. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Und wozu jener Überfluß? Ich habe doch zu wiederholten
Malen angedeutet, daß ich das Haar einfach, bescheiden, glatt anliegend arrangiert zu sehen wünsche. Miß Temple, das Haar
jenes Mädchens muß augenblicklich abgeschnitten werden, förmlich
rasiert; morgen werde ich einen Barbier herausschicken; und ich
sehe noch andere, die viel zu viel von diesem Auswuchs haben--
das große Mädchen dort zum Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich
umdreht. Sagen Sie den Mädchen der ganzen ersten Bank, daß
sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als
wollte sie ein unwillkürliches Lächeln verjagen, daß dieselben.
kräuselte; indessen erteilte sie den gewünschten Befehl, und als die
erste Klasse verstanden hatte, was man von ihr verlangte, kam
sie demselben nach. Jane lehnte sich ein wenig auf ihrer Bank
zurück und konnte die Blicke und Grimassen wahrnehmen, mit
welchen die Mädchen die Ausführung dieses Befehls begleiteten,
schade, daß nicht auch Mr. Brocklehurst diesen Genuß haben
konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß, was er
auch mit der Außenseite der Schale und der Schüssel tun mochte,
die Innenseite seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu
begreifen imstande war.
Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er die Rückseite dieser
lebenden Puppen mit prüfenden Blicken, dann fällte er das Urteil.
Die Worte wirkten wie die Posaune des jüngsten Gerichts:
,All diese Haarflechten und Knoten müssen abgeschnitten
werden!''
Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.
,Madame,' fuhr er fort, ,ich diene einem Herrn, dessen Reich
nicht von dieser Welt ist; meine Mission ist es, diese Mädchen zu
lehren, daß sie sich mit Ehrbarkeit kleiden, nicht mit gesalbten
Haaren und köstlicher Gewandung; aber jede dieser jungen Personen da vor uns hat ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit dieser Welt geflochten hat, und diese, ich wiederhole es, müssen
abgeschnitten werden; denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an--'
Hier wurde Mr, Brocklehurst unterbrochen. Drei neue Besucher, Damen, traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher
kommen sollen, um diesen Vortrag über Kleidung zu hören, denn
sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die
beiden jüngeren Damen schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn
Jahren hatten graue Biberhüte, damals die neueste Mode, mit
wallenden Straußenfedern, und unter dem Rande dieser graziösen
Kopfbedeckung hervor fiel ein Reichtum von goldenen, künstlich gelockten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtschal gehüllt, der mit Hermelin verbrämt war; auf ihre Stirn fiel
eine Wolke von falschen französischen Locken.
Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann
auf die Ehrensitze am oberen Ende des Zimmers geleitet. Es
scheint, daß sie mit ihrem hochehrwürdigen Anverwandten in der
Equipage gekommen waren und die oberen Zimmer einer durchstöbernden, eingreifenden Besichtigung unterworfen hatten, während er mit der Haushälterin die Geschäfte ordnete, die Wäscherin
ausfragte und die Vorsteherin des Instituts maßregelte. Die
Damen begannen jetzt Miß Smith, welcher die Verwaltung der
Wäsche und die Beaufsichtigung der Schlafsäle anvertraut war,
einige scharfe Verweise zu erteilen.
Während Jane dem Gespräch zwischen Miß Temple und Mr.
Brocklehurst lauschte, hatte sie es dennoch nicht versäumt, Vorsichtsmaßregeln für ihre eigene persönliche Sicherheit zu treffen. Zu diesem Zweck hatte sie sich auf der Bank zurückgelehnt, und während
sie mit ihren Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt sie ihre Tafel
so, daß diese ihr Gesicht gänzlich verdecken mußte. Wahrscheinlich
wäre sie Mr. Brocklehursts Wachsamkeit auch entgangen, wenn die
Tafel nicht durch einen unglücklichen Zufall ihrer Hand entglitten
und mit einem lauten Krach zu Boden gefallen wäre. Sofort
waren aller Augen auf Jane gerichtet. Sie wußte, daß jetzt alles
zu Ende sei. Während sie sich bückte, um die Stücke ihrer Tafel zusammenzusuchen, sammelte sie alle Kräfte für das Schlimmste.
Es kam.
,Ein nachlässiges Mädchen!'' sagte Mr. Brocklehurst, und
gleich darauf --,Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin. Bevor
ich es vergesse, ich habe noch ein Wort in bezug auf sie zu
sagen.'! Dann laut, ach, wie laut erschien es der armen
Jane. ,Lassen Sie das Kind, das seine Tafel zerbrochen hat,
vortreten l''
Aus eigenem Antriebe hätte sich Jane nicht bewegen können;
sie war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die ihr zur Seite
saßen, stellten sie auf die Füße und schoben sie vorwärts, dem gefürchteten Richter entgegen; dann führte Miß Temple sie sanft dicht
vor ihn, und wie aus weiter Ferne vernahm Jane ihren geflüsterten Rat:
,Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.
Wie ein Dolch drang dieses gütige Flüstern der Armen ins
Herz.
, Noch eine Minute und sie wird mich als eine Heuchlerin verachten lernen,'' dachte Jane und bei dieser Überzeugung tobte eine
namenlose Wut gegen Mrs. Reed und Mr. Brocklehurst durch ihre
Adern. Nein, sie war keine Helen Burns.
,Holt jenen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst auf einen sehr
hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben erhoben hatte. Er wurde gebracht.
,Stellt jenes Kind hinauf.
Und hinauf gestellt wurde Jane, ohne zu wissen, von wem; sie
fühlte nur, daß sie ungefähr bis zur Höhe von Mr. Brocklehursts
Nase emporgehißt wurde, daß er kaum eine Elle lang von ihr entfernt stand und daß unter ihr eine Wolke von silbergrauen Federn,
dunkelrotem Seidenpelze und orangegelben Kleidern durcheinander
wogte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie gewandt, ,Miß
Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?
Jane fühlte, wie aller Augen sich auf sie richteten.
,Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat
auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine abschreckende Häßlichkeit kennzeichnet sie als einen gezeichneten
Charakter. Wer würde glauben, daß der Teufel in ihr bereits eine
Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch, es
schmerzt mich, es sagen zu müssen, ist dies der Fall.
Eine Pause. -- Jane versuchte, der Lähmung, die sie ergreifen wollte, Einhalt zu tun und sich zu sagen, daß sie der Prüfung
nicht mehr entgehen könne, sondern sie jetzt standhaft ertragen
müsse.
,Meine Kinder,'! fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit
Pathos fort,,dies ist eine traurige, eine betrübende Angelegenheit,
denn es ist meine Pflicht, euch vor diesem Mädchen zu warnen, das
eines von Gottes auserwählten Lämmern sein könnte und jetzt eine
Verworfene ist-- kein Mitglied der treuen Herde, sondern augenscheinlich eine Fremde, ein Eindringling. Ihr müßt auf eurer Hut
sein ihr gegenüber; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es
notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen
aus, habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. jetzt zu den
Lehrerinnen. Sie müssen sie überwachen, ihr Tun beobachten, ihre
Worte wohl erwägen und prüfen, ihre Taten untersuchen, ihren
Leib strafen, um ihre Seele zu retten, wenn in der Tat eine solche
Rettung noch möglich ist, denn, meine Zunge scheut sich, es auszusprechen, dieses Mädchen, dieses Kind, diese Eingeborene eines
christlichen Landes, schlimmer als manche kleine Heidin, dieses
Mädchen ist eine Lügnerin!?
jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. -- Die arme Jane
war wieder im Vollbesitz ihrer Sinne, ihres Verstandes und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame
sich hin und her wiegte und die beiden jüngeren flüsterten: ,Wie
entsetzlich!'
Mr, Brocklehurst begann von neuem.
,Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohltäterin; durch die
fromme und barmherzige Dame, welche sich der verlassenen Waise
annahm, sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren
Großmut dieses unglückliche Mädchen durch eine so schwarze, so
schändliche Undankbarkeit vergalt, daß ihre ausgezeichnete Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen Kindern zu
trennen, aus Furcht, daß ihre lasterhafte Verderbtheit die Reinheit
der Kleinen besudeln könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt
zu werden. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an,
lassen Sie die Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand
kommen.
Mit diesen erhabenen Schlußworten knöpfte Mr. Brocklehurst
den obersten Knopf seines Überziehers zu, und murmelte etwas zu
seiner Familie gewendet. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß
Temple, und dann segelten all die vornehmen Leute mit großem
Pomp zur Tür hinaus. Janes Richter aber wandte sich noch einmal um und sagte:
, Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen, und
daß keiner von euch während des ganzen übrigen Tages mit ihr
spricht.
Da stand Jane also, hoch erhoben über alle; sie, die so oft gesagt, daß sie die Schande nicht ertragen würde, in der Mitte des
Zimmers zu stehen, sie stand nun da, allen Blickän ausgeseht, auf
einer Säule der Schande. Worte vermögen nicht zu beschreiben,
welcher Art die Gefühle waren, die in ihr tobten, aber gerade in dem
Augenblick, wo diese ihr die Kehle zusammenschnürten und den Atem
zu rauben drohten, ging ein Mädchen an ihr vorbei. Und im Vorbeigehen richtete sie ihre Blicke auf Jane. Welch ein seltsames Licht
strömten sie über diese aus! Welch ein wunderbares Gefühl weckten
die Strahlen ihres Auges dem Kinde! Und wie stark dies bis jetzt
ungekannte Empfinden sie machte! Es war ihr, als sei ein Held, ein
Märtyrer an einem Sklaven oder an einem Opfer vorübergegangen
und hätte ihm dadurch Mut und Kraft eingeflößt. Jane beherrschte
und überwältigte den Weinkrampf, der sich ihrer bemächtigen
wollte, erhob das Haupt und stand dann fest und ohne Beben auf
dem Stuhl. Helen Burns stellte eine unbedeutende Frage über
ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der Unbedeutendheit derselben gescholten, ging an ihren Platz zurück und lächelte Jane im
Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!! Es konnte nur
der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes sein; es
verklärte ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Widerschein von der Gestalt eines
Engels. Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die
,Binde der Unordnung' an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde
hatte Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammt, ein
Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie eine Übung
beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte.
Achtes Kapitel.
Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist,
als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.
Ehe noch die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr.
Die Klassen wurden entlassen, und alle begaben sich zum Tee ins
Speisezimmer. jetzt wagte Jane, herabzusteigen: es herrschte tiefe
Dunkelheit. Sie ging in eine Ecke und setzte sich auf den Fußboden. Der Zauber, der sie soweit aufrecht erhalten hatte, begann
zu schwinden, und so überwältigend war bald der Schmerz, der sich
ihrer bemächtigte, daß sie auf das Antlitz zu Boden fiel. jetzt
weinte sie; Helen Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt
sie aufrecht; sich selbst überlassen, gab sie sich dem Jammer hin, und
ihre Tränen netten den Fußboden. Sie hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood so viel zu lernen, sich
viele Freunde zu erwerben, Achtung zu erringen und Liebe zu
ernten. Schon hatte sie sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war sie die Erste in ihrer Klasse geworden; Miß
Miller hatte sie warm gelobt; Miß Temple hatte ihr Beifall zugelächelt; sie hatte ihr versprochen, sie zeichnen zu lehren und
französisch lernen zu lassen, wenn sie noch zwei Monate fortfahren
würde, solche Fortschritte zu machen. Ihre Mitschülerinnen waren
ihr freundlich gesinnt; ihre Altersgenossinnen behandelten sie als
ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte sie; und jetzt lag
sie hier zertreten, zermalmt! Würde sie sich jemals wieder erheben
können?
,Niemals,! dachte die Arme; und brennend, glühend wurde
der Wunsch in ihr rege, sterben zu können. Während sie in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorstammelte, näherte sich ihr
jemand; sie fuhr empor- wiederum war Helen Burns ihr nahe;
das erlöschende Feuer ließ Jane gerade noch erkennen, wie Helen
durch das große, leere Zimmer daher kam; sie brachte ihr Kaffee
und Brot.
, Komm, iß ein wenig,'! sagte sie; aber Jane schob beides zurück; ihr war, als hätte ein Bissen, ein Tropfen in ihrem gegenwärtigen Zustande eine Erstickung herbeiführen müssen. Helen sah
sie wahrscheinlich mit Erstaunen an; wie sehr Jane sich auch bemühte, jetzt konnte sie ihrer Erregung nicht Herr werden. Sie fuhr
fort laut zu weinen. Helen setzte sich zu ihr auf den Fußboden,
schlang die Arme um ihre Knie und legte ihren Kopf auf dieselben;
in dieser Stellung verharrte sie regungslos wie ein Indianer.
Jane sprach zuerst:
,Helen, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
, Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Wesen,
welche dich so nennen hörten, und die Welt trägt ihrer Hunderte
von Millionen.
, Aber was habe ich mit Millionen zu tun? Die achtzig, welche
ich kenne, verachten mich.
, Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der
ganzen Schule, die dich verachtet oder dich haßt; viele-- dessen bin
ich gewiß-- bedauern dich von ganzem Herzen.
, Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt
hat, noch bedauern ??
, Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer
und bewunderter Mensch; man liebt ihn hier nicht; er hat auch niemals irgend etwas getan, um sich beliebt zu machen. Wenn er dich
wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du rund
umher nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche, wie die
Dinge jetzt aber liegen, würden die meisten Mädchen dir Liebe beweisen, wenn sie nur den Mut dazu hätten. Möglich ist es, daß
Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei, drei
Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub mir, freundliche Gefühle und Gesinnungen tragen sie für dich im Herzen. Und wenn
du fortfährst, gut und fleißig zu sein, so werden diese Gefühle
binnen kurzem um so augenscheinlicher zutage treten, weil sie eine
Zeitlang unterdrückt werden mußten. Außerdem, Jane''--
sie hielt inne.
, Nun, Helen ?' fragte Jane und legte ihre Hand in die He-
lens; zärtlich rieb diese Janes Finger, um sie zu erwärmen und
fuhr dann fort:
,Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für böse und gottlos hielt, so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes
Gewissen dich von Schuld freispricht und dir Recht gibt.
, Nein; ich weiß, daß ich selbst dann gut von mir denken würde;
aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will.
ich lieber sterben als leben; ich kann es nicht ertragen, einsam und
gehaßt und verachtet zu sein, Helen. Sieh doch, um von dir oder
Miß Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, ein wenig
wahre, aufrichtige Liebe zu erringen, würde ich mir gern den Knochen meines Armes zerbrechen oder mich von einem wilden Stier
aufspießen lassen oder mich einem scheu gewordenen Pferde in den
Weg werfen und meine Brust von seinen Hufen zertreten lassen
, Still, Jane, still! Du denkst zu viel an die Liebe der Menschen;
du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen
Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen Leib
erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere Stützen
als dein' schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso schwach wie
du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht gibt es eine
unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt umgibt uns,
denn sie ist überall, diese Geister bewachen uns, denn sie sind da,
um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer und Schande stürben, wenn Verachtung von allen Seiten auf uns eindränge, wenn
Haß uns zermalmte, so sehen Engel unsere Qualen, erkennen unsere
Unschuld, wenn wir unschuldig sind, und ich weiß, du bist schuldlos; diese Anklage, welche Mr. Brocklehurst von Mrs. Reed hat
und so jämmerlich und pathetisch gegen dich wiederholte, sie trifft
dich nicht; denn auf deiner reinen Stirn, in deinen lebensvollen
Augen steht es geschrieben, daß du eine wahre offenherzige Natur
bist; und Gott erwartet nur die Trennung der Seele vom
Fleische, um uns mit dem höchsten Lohn zu krönen. Nun denn,
weshalb von Leid überwältigt zu Boden sinken, wenn das Leben
so bald zu Ende ist, und der Tod uns den Eintritt zu Seligkeit
und Herrlichkeit bedeutet??
Jane schwieg, Helen hatte sie beruhigt: aber die Ruhe, welche
sie ihr gegeben, hatte einen Zusatz von unsäglicher Traurigkeit.
Rer
ein wenig schneller atmete und trocken und kurz hustete, vergaß sie
für einen Augenblick ihren eigenen Kummer und gab sich einer ,
unbestimmten Furcht und Unruhe in bezug auf Helen hin.
Ihren Kopf an Helens Schulter lehnend, schlang sie ben Arm
um ihre Taille; Helen zog Jane an sich, und so ruhten beide lange
schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Vjertelstunde trat
eine dritte Person ins Zimmer. Ein frischer Wind hatte einige
schwere Wolken vom Horizont fortgetrieben, und der Mond ging ,
klar auf; durch ein nahes Fenster warf er seine hellen Strahlen auf
die Sitzenden und die nahende Gestalt, in welcher sie sofort Miß
Temple erkannten.
,Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre, sagte sie, ,du sollst
in mein Zimmer kommen, und da Helen Burns bei dir ist, mag
sie uns begleiten.
Sie gingen. Unter Führung der Vorsteherin hatten, sie ihren
Weg durch ein Labyrinth von Korridoren zu suchen und eine Treppe .
emporzusteigen, bevor sie ihr Zimmer erreichten. Ein helles Feuer
brannte in demselben; es sah freundlich und behaglich aus. Miß
Temple bedeutete Helen Burns, sich in einen niedrigen Lehnsessel
an einer Seite des Kamins zu setzen; sie selbst nahm einen zweiten
und rief Jane an ihre Seite.
, Ist es jetzt vorüber?' fragte sie und blickte ihr ins Gesicht.
, Hast du deinen Kummer fortgeweint?
, Ich fürchte, das werde ich nicht können.
,Weshalb?
,Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und
jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für böse
und gottlos halten.
, Wir werden dich fürdas halten, mein Kind, als was du dich
erweist. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen und
du wirst mich zufrieden stellen.
,Gewiß, Miß Temple?
,Gewiß, Jane,' sagte sie und schlang ihren Arm um Jane.
,Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine
Wohltäterin nannte.
,Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot,
und er ließ mich in ihrer Obhut zurück,?
,Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; sie hat es sehr ungern getan; aber wie ich die
Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem Tode
das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.
,Nun also, Jane, du weißt ja, oder ich will es dir sagen, daß
wenn ein Verbrecher angeklagt wird, man ihm stets gestattet, seine
eigne Verteidigung zu führen. Man hat dich der Falschheit, der
Lügenhaftigkeit angeklagt; verteidige dich vor mir, so gut du kannst.
Sag alles, was dein Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann;
aber füge nichts hinzu, verschweige nichts, übertreibe nichts.
In der Tiefe ihres Herzens beschloß Jane, sich zu mäßigen.
so genau wie möglich in ihrer Erzählung zu sein; und nachdem
sie einige Augenblicke nachgedacht hatte, um das, was sie zu sagen
hatte, zusammenhängend zu ordnen, erzählte sie der Vorsteherin
die ganze Geschichte ihrer traurigen Kindheit. Durch die Erregung
sehr erschöpft, sprach sie in gemäßigteren Ausdrücken, als sie es sonst
zu tun pflegte, wenn sie auf dieses qualvolle Thema kam; und
Helens Warnung gedenkend, sich dem Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben, ließ sie viel weniger Galle und Wermut in die Erzählung einfließen, als es sonst wohl geschah. So vereinfacht und
beschränkt, klang sie sehr glaubwürdig: während sie sprach, empfand
sie, daß Miß Temple ihr vollen Glauben schenkte.
Im Laufe der Erzählung hatte sie erwähnt, daß Mr. Lloyd
gekommen sei, um sie nach jenem Krampfanfalle zu besuchen; denn
niemals vergaß sie die für sie so entsetzliche Episode in dem roten
Zimmer; wenn sie diese Dinge erzählte, konnte sie gewiß sein, daß
ihre Erregung in einem gewissen Grade die Grenzen überschritt;
denn noch hatte in ihrer Erinnerung die Todesangst sich frisch erhalten, welche sich ihrer bemächtigte, als Mrs. Reed ihr wildes
Flehen um Verzeihung verlachte und sie zum zweiten Male in das
düstere, gespenstische Zimmer sperrte.
Jane war zu Ende. Schweigend betrachtete Miß Temple sie
einige Minuten; dann sagte sie:
,Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben;
wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst j
du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich,
Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.'
Sie küßte Jane und behielt sie noch an ihrer Seite. Jane gewährte das Betrachten ihres Angesichts, ihres Kleides, ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände, ihrer weiße Stirn, ihrer
dicken, glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein
kindliches Vergnügen.
Zu Helen Burns gewandt, fuhr sie fort:
,Wie geht es dir heute abend, Helen? Hast du während des
ganzen Tages viel gehustet?’
,Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.
, Und der Schmerz in deiner Brust?
,Er ist nicht mehr so heftig.
Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und prüfte den Puls.
Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; sie seufzte leise. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann erwachte sie
gleichsam und sagte fröhlich:
,Aber heute abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch
als solche bewirten. Sie zog die Glocke.
, Barbara,'' sprach sie zu dem Mädchen, welches hierauf eintrat, ,ich habe noch keinen Tee getrunken, bringe das Teebrett und
bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen.'
Bald wurde das Teebrett gebracht. Wie hübsch erschienen der
glänzende Teetopf und die Porzellantassen Janes Augen, als sie
auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war
das Aroma des heißen Getränks. Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten! Zu Janes Bedauern, denn der Hunger
begann jetzt, sich bei ihr fühlbar zu machen, sah sie nur eine kleine
Portion davon auf dem Teller; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen.
, Barbara,'' sagte sie, ,könntest du mir nicht noch etwas Brot
und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.
Barbara ging hinaus. Gleich darauf kam sie zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnlichePortion
heraufgeschickt. ?
Es sei bemerkt, daß Mrs. Harden die Haushälterin war,
eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, die aus gleichen Teilen
Fischbein und Eisen zusammengesetzt war.
,Schon gut, schon gut!'' entgegnete Miß Temple; ,dann muß
es wohl für uns genug sein, Barbara. Als das Mädchen fort
war, fügte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise liegt es in meiner
Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.
Nachdem sie Helen und Jane aufgefordert hatte, sich an den
Tisch zu setzen, und jeder von ihnen eine Tasse heißen Tees und eine
Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte, erhob sie sich,
öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor den Augen der beiden Kinder
einen großen, prächtigen Krümelkuchen.
, Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mit
auf den Weg zu geben,'' sagte sie,, da man uns aber so wenig Brot
bewilligt hat, sollt ihr es jetzt schon haben,'' und sie begann mit
großmütiger Hand, den Kuchen in Scheiben zu schneiden.
Die Waisen schmausten an diesem Abend, als ob sie Nektar und
Ambrosia äßen; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes,
daß ihre Wirtin ihnen mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah,
wie sie ihren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen, welche sie
ihnen vorsetzte, stillten. Als der Tee getrunken und der Tisch abgeräumt war, rief sie die beiden wieder an den Kamin; sie setzten sich
an jede Seite von ihr, und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen
und der Vorsteherin, welchem lauschen zu dürfen allerdings eine
Begünstigung war.
Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem
Außeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in
ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Erregte, Ungestüme
ausschloß - ein Etwas, welches die Freude jener heiligte, die ihr
zuhörten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem
Augenblick war es auch Janes Empfindung: was aber Helen
Burns anbetraf, so überraschte diese ihre kleine Freundin aufs
höchste.
Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart
ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas
in ihrem eigenen, seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in
ihr geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in
den strahlenden Farben ihrer Wangen, welche Jane bis zu dieser
Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte;
dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten, die weder in der schönen
Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten
Augenbrauen lag, sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in
dem Glanz. jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache
floß wie ein brausender Quell daher. Es war, als wolle Helens
Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso voll und ganz
zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.
Sie sprachen über Dinge, von denen Jane niemals gehört
hatte; von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen
Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen; sie
sprachen von Büchern. Wie viele sie gelesen hatten! Welchen reichen
Schah von Kenntnissen sie besaßen! Dann schienen sie so vertraut
nit französischen Namen und französischen Schrifistellern; aber
Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann
nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat sie, eine Seite
des Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helen gehorchte und Janes
Sinn für Verehrung und Hochachtung erweiterte sich, während sie
lauschte. Kaum hatte Helen geendet, als die Glocke ertönte, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete; die Kinder durften nicht
länger verweilen; Miß Temple umarmte sie beide und sagte, während sie dieselben an ihr Herz zogt
,Gott segne euch, meine Kinder lr
Helen hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als Jane:
sie ließ sie widerstrebender von sich; Helen folgte ihr Auge bis an
die Tür; ihr galt der traurige Seufzer, welcher ihre Brust hob, ihr
die Träne, welche sie schnell zu trocknen bemüht war.
Als die Mädchen das Schlafzimmer erreichten, hörten sie Miß
Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung
waren; gerade hatte sie jene von Helen Burns herausgezogen, und
als sie eintraten, wurde Helen mit einem scharfen Verweise begrüßt
und die Lehrerin kündigte ihr an, daß sie am folgenden Tage mit
einem halben Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet umher gehen werde.
,Meine Sachen befanden sich allerdings in einer empörenden
Unordnung,' flüsterte Helen Jane zu, ,ich hatte die Absicht gehabt
aufzuräumen, aber ich vergaß es.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort ,Schlampe' und
band es wie einen Denkzettel um Helens große, intelligente und
milde Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum
Abend, es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß
Scatcherd sich nach den Nachmittagsunterrichtsstunden zurückgezogen, als Jane auf Helen losstürzte, das Papier herabriß und
es ins Feuer warf. Die Wut, deren Helen nicht fähig war, hatte
den ganzen Tag über in Janes Seele getobt, und große, heiße
Tränen hatten fortwährend ihre Wangen genett.
Ungefähr eine Woche nach den oben erwähnten Erzählungen
erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen
Antwort; wie es schien, ergänzte das, was er sagte, Janes Erzählung. Miß Temple rief die ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche gegen Jane Eyre erhoben, genau
und sorgfältig untersucht worden, und daß sie glücklich sei, diese von
jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf schüttelten die Lehrerinnen Jane die Hände und küßten sie, und ein Murmeln der
Freude lief durch die Reihen ihrer Gefährtinnen.
Eine schwere Last war Jane vom Herzen genommen; und von
dieser Stunde an begann sie von neuem ernstlich zu arbeiten; sie
war fest entschlossen, sich einen Weg über alle Schwierigkeiten hinfort zu bahnen; sie mühte sich ab, und der Erfolg entsprach ihren
Anstrengungen; ihr Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark
war, besserte sich durch stete Übung; ihr Verstand wurde durch die
Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde sie in eine höhere
Klasse versetzt; in weniger als zwei Monaten gestattete man ihr, mit
dem Französischen und Zeichnen zu beginnen. Sie lernte die ersten
beiden Zeiten des Verbums etre und skizzierte ihre erste Hütte,
derenMauern, nebenbei gesagt, an schrägerRichtung den hängenden
Turm von Pisa bei weitem übertrafen. Als sie an jenem Abend
zu Bette ging, vergaß sie, sich in ihrer Phantasie das Abendessen von
heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch
zu bereiten, mit dem sie sonst ihr inneres Sehnen zu befriedigen
pflegte; statt dessen ergötte sie sich an dem Anblick idealer Zeichnungen, welche sie im Dunkeln sah, alle das Werk ihrer eigenen
Hand: fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische Felsen und
Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von Schmetterlingen, welche halberschlossene Rosen umflogen; Vögel, welche an
reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen perlgroße
Eier lagen, während junge Efeuranken sie umwucherten. In Gedanken erwog sie auch die Möglichkeit, ob sie jemals imstande sein
würde, ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch, welches
Madame Pierrot ihr an jenem Tage gezeigt hatte, fließend übersetzen zu können; aber noch war ihre Ansicht hierüber nicht zu
ihrer Zufriedenheit gelöst, als sie sanft einschlief.
Wie richtig hat Salomo gesagt: ,Besser ein Mahl von
frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo
der Haß ist.
jetzt hätte Jane Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht
mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht.
Neuntes Kapitel.
Heimgang eines Engels.
Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in
Lowood wurden auch weniger. Der Frühling kam, die Winterfröste hörten auf, der Schnee schmolz, und die schneidenden Winde
ließen nach. Die armen Füße, welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten, begannen zu heilen und unter den
warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen; die
Nächte und Morgen ließen nicht länger das Blut in den Adern erfrieren; die Waisen ertrugen es jetzt, die Spielstunde im Garten
zuzubringen; zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es
schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün überzog die braunen Beete und wurde täglich frischer. Unter den
Blättern blickten Blumen hervor: Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen. An Donnerstagnachmittagen-- ein halber Ferialtag - machten die Mädchen jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain, unter den
Hecken noch schönere Blumen.
Jane entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen, ein Genuß,
welchem nur der Horizont eine Grenze setzte, außerhalb der hohen
und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern des Gartens lag;
dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht, welche eine lange
Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel bot, in einem
klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und
Strudel.
Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen, als Jane es
in Frost erstarrt, in ein Leichentuch von Schnee gehüllt, unter dem
bleiernen Himmel des Winters gesehen! Wenn todeskalte Nebel
vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über
Wiesen und Anhöhen hinunterrollten, bis sie sich mit dem gefrorenen Nebel des Baches vereinigten! Dieser Bach selbst war
damals ein Strom, zügellos und tobend; er durchriß den Wald
und erfüllte die Luft mit tosendem Lärm und wildem Sprühregen;
und der Wald an seinen Ufern war nichts als eine Reihe von Gerippen.
Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai; all seine
Tage brachten blauen Himmel und milden Sonnenschein und leise
westliche oder südliche Winde. Und jetzt reifte die Vegetation mit
Macht; Lowood schüttelte seine Locken; es wurde grün und blütenreich; seine großen Ulmen- und Eschen- und Eichen-Skelette wurden majestätischem Leben zurückgegeben. Waldpflanzen sprießten
in allen Ecken und Winkeln; zahllose Abarten von Moos füllten
die Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den
Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft konnte man an schattigen
Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein
halten. Und alles dies genoß Jane oft und voll, frei, unbewacht
und fast immer allein; diese ungewohnte Freiheit, dieses Vergnügen hatte eine Ursache, von welcher wir jetzt reden müssen.
Zwar war die Lage des Wohnsitzes der Waisen eine reizende,
in Hügel und Wald gebettet und am Rande eines Stromes sich erhebend; reizend in der Tat; ob aber gesund, das ist eine andere
Frage.
Jenes Waldtal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte
von Nebeln und einer aus Nebel entstandenen Seuche; diese wuchs
mit dem Frühling, kroch in das Waisenasyl, hauchte den Typhus
in die überfüllten Schlafsäle und Schulzimmer, und bevor der
Mai gekommen, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.
Durch Hunger und vernachlässigte Erkältungen war die
Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von
achtzig Mädchen wurden fünfundvierzig zu gleicher Zeit von der
Krankheit ergriffen. Die Schulstunden hörten auf, alle Regeln
blieben unbeachtet. Den Wenigen, welche gesund blieben, wurde
eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt bestand
auf der Notwendigkeit häufiger Bewegung in freier Luft, um sie
gesund zu erhalten; und selbst wenn es anders gewesen wäre, so
hatte niemand Zeit oder Lust, sie zu bewachen oder zurückzuhalten.
Miß Temples ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen
in Anspruch genommen; sie wohnte im Krankenzimmer; niemals
verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden der Nacht, wo
sie selbst die ihr so nötige Ruhe suchte. Die Lehrerinnen waren
vollauf mit dem Packen oder anderen notwendigen Vorbereitungen
für die Abreise jener Mädchen beschäftigt, welche glücklich genug
waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, die sie von dem
Seuchenherd entfernten. Viele, welche den Keim der Ansteckung
bereits in sich trugen, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und ruhig
begraben, da die Natur der Krankheit keinen Aufschub duldete.
Während so die entsetzliche Krankheit eine Bewohnerin von
Lowood geworden war und der Tod sein häufiger Besucher; während innerhalb seiner Mauern Furcht und Trauer herrschten;
während die Dünste eines Hospitals durch Zimmer und Korridore
zogen, und Tränke und Pastillen umsonst versuchten, der Ausdünstung des Todes entgegen zu wirken, leuchtete draußen der
strahlende Mai über stolze Hügel und herrliches Waldland. Der
Garten prangte im Blumenflor: Rosenpalmen waren so hoch wie
Bäume in die Höhe geschossen; Lilienkelche waren erschlossen,
Tulpen und Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete
strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten
Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen
ihren würzigen Duft aus, und diese blühenden Schätze waren jetzt
für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos, nur zuweilen
legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter, in den Sarg.
Aber Jane und die übrigen, welche gesund blieben, genossen
in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend;
man ließ sie wie Zigeuner im Walde umherstreifen; sie taten von
morgens bis abends nur, was ihnen gefiel, gingen wohin sie
wollten, und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher.
Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht
mehr zu nahe; die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht
mehr geprüft; die böse Haushälterin war fort; die Furcht vor
Ansteckung hatte sie fortgetrieben; ihre Nachfolgerin, welche in der
Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war, kannte die
Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte die
Waisen mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Außerdem waren
ihrer ja weniger, die da Nahrung verlangten; die Kranken konnten
wenig essen; die Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt; wenn
die Haushälterin keine Zeit hatte, ein regelrechtes Mittagessen herzurichten, ein Fall, der ziemlich häufig eintrat, pflegte sie den
Mädchen ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder eine große
Schnitte Brot und Käse, und diesen Proviant nahmen sie dann
mit sich in den Wald hinaus, wo jede von ihnen ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein königliches Mahl hielt.
Janes Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher
weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte; er war
nur zu erreichen, indem sie durch das Wasser watete, und diese Tat
vollbrachte sie denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein
war gerade breit genug, um außer ihr noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren; dies war Mary Ann Wilson,
damals Janes auserwählte Gefährtin; sie war ein kluges, beobachtendes Geschöpf, deren Gesellschaft ihr Freude machte. teilweise
weil sie witzig und originell war, und teilweise, weil sie Manieren
und Sitten hatte, welche Jane besonders zusagten. Um einige
Jahre älter als letztere, kannte sie mehr von der Welt und konnte
Jane von vielen Dingen erzählen, die sie gern hörte; in ihrer Gesellschaft wurde Janes Neugierde befriedigt; mit ihren Fehlern
hatte Mary die größte Nachsicht und niemals versuchte sie Janes
Worten Zwang oder Zügel anzulegen. Sie besaß ein großes Erzählertalent; sie liebte es, zu belehren und Jane zu fragen; so
wurden beide prächtig mit einander fertig und zogen, wenn auch
nicht viel Belehrung, so doch viel Vergnügen aus ihrem gegenseitigen Verkehr.
Und wo war inzwischen Helen Burns? Weshalb brachte sie
diese süßen Tage der Freiheit nicht in Janes Gesellschaft zu ? Hatte
diese sie vergessen? Oder war Jane so leichtsinnig, so unwürdig,
daß sie ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden? Gewiß
war die obenerwähnte Mary Ann Wilson Janes erster Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte ihr nur lustige Geschichten erzählen oder irgendeinen witzigen Klatsch wiederholen, der ihr gerade
Vergnügen machte, während Helen geeignet war, denen, welche das
Vorrecht ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für
höhere, reinere Dinge einzuflößen.
Aber, teure Leserin, Jane war auch Helen Burns Gesellschaft
noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte sie aufgehört,
für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl ihr Herz bewegt hatte. Wie hätte
es denn auch anders sein können, wenn Helen zu allen Zeiten
und unter allen Umständen Jane eine ruhige und treue Freundschaft bewiesen hatte, die keine böse Laune je verbitterte, kein Streit
jemals störte? Aber Helen war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war sie Janes Augen bereits entrückt; diese wußte
nicht, in welchem Zimmer sie sich jetzt befand. Man hatte ihr gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht
der Typhus, und Jane in ihrer Unwissenheit stellte sich unter
Schwindsucht etwas Mildes vor, das durch Pflege und Fürsorge
mit der Zeit geheilt werden müsse.
In dieser Idee wurde sie noch dadurch bestärkt, daß Helen
einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen herunter kam und
von Miß Temple in den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten gestattete man Jane aber nicht, mit Helen zu sprechen
oder sich ihr auch nur zu nähern; sie sah ihre Freundin nur aus
dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich;
denn Helen war in viele Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.
Eines Abends im Anfang des Monats Juni war Jane sehr
spät mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten
sie sich von den anderen getrennt und waren weit gewandert, so
weit, daß sie den Weg verloren und denselben in einer einsamen
Hütte erfragen mußten, wo ein Mann und eine Frau wohnten,
die eine Herde voll halb wilder Schweine zu hüten hatten, welche
von der Eichelmast im Walde gemästet wurden. Als sie endlich
zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony,
welches sie als dasjenige des Arztes erkannten, stand an der
Gartenpforte. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend
jemand schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät
am Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; Jane blieb
zurück, um noch eine Handvoll. Wurzeln, die sie im Walde ausgegraben, in ihrem Garten einzupflanzen; sie fürchtete, daß sie sonst
bis zum nächsten Morgen verwelken würden. Nachdem dies geschehen, verweilte Jane noch einige Minuten; die Blumen dufteten
so süß, als der Tau fiel; es war ein so wunderschöner Abend, so
rein, so ruhig, so warm, und der noch gerötete Westen versprach
wiederum einen schönen Tag. Im dunklen Osten stieg majestätisch
der Mond empor. Jane beobachtete dies alles und freute sich
daran, wie ein Kind sich zu freuen vermag, da plötzlich kam ihr ein
Gedanke, wie niemals zuvor.
,Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu
müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön,
wie entsetzlich wäre es, abberufen zu werden, und wer weiß wohin
gehen zu müssen!'!
Und dann machte ihre Seele die erste ernste Anstrengung, das
zu begreifen, was man in bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte; zum erstenmal blickte sie um sich und sah vor sich, neben
sich, hinter sich nichts als einen unermeßlichen Abgrund; zum
erstenmal bebte ihre Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte
nichts Sicheres mehr als den einen Punkt, auf welchem sie stand,
die Gegenwart; alles andere war eine formlose Wolke, eine unergründliche Tiefe; es schauderte sie bei dem Gedanken zu straucheln, zu wanken und in den Abgrund hinabzutauchen. Als sie
noch diesen neuen Gedanken nachhing, hörte sie, wie die große
Haustür geöffnet wurde; Mr. Bates trat heraus, mit ihm eine
Krankenwärterin. Nachdem die Wärterin gewartet, bis der Doktor
aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte sie die Tür
wiederum schließen. Jane lief zu ihr.
, Wie geht es Helen Burns ?
, Sehr schlecht, lautete die Antwort.
, War Mr. Bates ihretwegen gekommen ??
-Ja.-
, Und was sagt er?
, Er sagt, daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird.
Hätte Jane diese Redensart vor einiger Zeit gehört, so würde
sie nur geglaubt haben, daß man Helen nach Northumberland in
ihre Heimat bringen wolle. Sie würde nicht vermutet haben, daß
es bedeute, sie liege im Sterben. Aber jetzt begriff sie sofort; es
wurde ihr augenblicklich klar, daß Helen Burns Tage auf dieser
Welt gezählt seien, und daß sie bald hinauf in die Welt der Geister
gehen würde. Im ersten Moment bemächtigte sich ihrer ein namenloser Schrecken; dann empfand sie den heftigsten Schmerz, dann
einen Wunsch, den Wunsch sie zu sehen. Und sie fragte, in welchem
Zimmer Helen läge.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer,'' sagte die Wärterin.
, Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen?
,O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für
Sie Zeit, hineinzugehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn
Sie draußen sind, während der Tau fällt.
Die Wärterin schloß die Haustür; Jane ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; sie kam noch zu
rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die
Schülerinnen zum Schlafengehen.
Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr
sein; es war Jane nicht möglich gewesen einzuschlafen, und aus der
tiefen Ruhe, welche im Schlafzimmer herrschte, schloß sie, daß ihre
Gefährtinnen fest schliefen; leise stand sie auf, zog ihr Kleid über
ihr Nachtgewand und schlich barfuß aus dem Gemach, um Miß
Temples Zimmer zu suchen. Es befand sich am entgegengesetzen
Ende des Hauses; aber Jane kannte den Weg, und die Strahlen
des unbewölkten Sommermondes halfen ihr, ihn zu finden. Jane
verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem
Essig, als sie sich dem Zimmer der Fieberkranken näherte; schnell
eilte sie an der Tür vorüber, aus Furcht, daß die Krankenwärterin,
welche die ganze Nacht wachen mußte, sie hören könne. Sie hatte
Angst davor, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn sie mußte
Helen sehen, sie mußte sie umarmen, bevor sie starb, ihr einen
letzten Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprechen.
Nachdem sie die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil
vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es ihr gelungen war, ohne Geräusch zwei Türen zu öffnen, erreichte sie eine
zweite Treppe; diese stieg sie wieder hinauf und befand sich gerade
vor der Tür von Miß Temples Zimmer. Durch das Schlüsselloch
und eine Spalte unterhalb der Tür fiel ein Lichtschein; überall
herrschte tiefste Stille. Als Jane näher kam, fand sie die Tür ein
wenig geöffnet, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach
etwas Luft dringen zu lassen. Nicht gewillt zu zögern und
von ungeduldigem Drange beseelt, öffnete sie die Tür ganz und
blickte hinein. Ihr Auge suchte Helen und fürchtete, den Tod
zu finden.
Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt, stand ein kleines Bettchen. Jane
sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht
war durch die Gardinen verdeckt. Die Wärterin, mit welcher sie
im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und schlief;
eine halb herabgebrannte Kerze, die auf dem Tische stand, verbreitete ein trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später
erfuhr Jane, daß diese zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden. Jane wagte sich weiter ins Zimmer
hinein; dann stand sie neben dem kleinen Bette still; ihre Hand
faßte den Vorhang, doch hielt sie es für besser, zu sprechen,
bevor sie denselben zur Seite zog. Ein Schauer faßte sie bei
dem Gedanken, daß sie vielleicht nur noch eine Leiche sehen
könnte.
,Helen, flüsterte sie sanft, ,wachst du?
Helen bewegte sich, schob den Vorhang zurück und Jane
blickte in ihr bleiches, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien
so wenig verändert, daß Janes Furcht augenblicklich schwand.
, Bist du's wirklich, Jane? fragte sie mit ihrer gewohnten.
sanften Stimme.
,Ah !' dachte Jane, ,sie wird nicht sterben; sie irren sich alle;
wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig, so friedlich aussehen;
das wäre nicht möglich.
Jane ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und
ihre Wange war kalt und abgezehrt, und ihre Hände und ihre
Arme ebenfalls; aber ihr Lächeln war das alte geblieben.
,Weshalb kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf
Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.
,Ich kam, um dich zu sehen, Helen. Ich hörte, du seist sehr
krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich noch einmal mit
dir gesprochen hatte.
, Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen; wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.
,Willst du fort, Helen? Willst du etwa nach Hause.
,Ja, nach Hause, in meine letzte, meine ewige Heimat!'
,Nein, nein, Helen,' unterbrach Jane sie jammernd. Während sie versuchte, ihrer Tränen Herr zu werden, hatte Helen einen
heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin
nicht; als er vorüber, lag sie einige Minuten ganz erschöpft da;
dann flüsterte sie:
,Jane, deine kleinen Füße sind nackt; lege dich zu mir ins
Bett und decke dich mit meiner Decke zu.
Jane tat es; Helen schlang ihren Arm um sie, und Jane
schmiegte sich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr Helen
flüsternd fort:
,Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so mußt du mir versprechen, nicht zu trauern; denn es
ist nichts zu betrauern. Wir alle müssen ja eines Tages sterben,
und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie
schreitet langsam und schmerzlos fort; mein Gemüt ist in Frieden.
Ich hinterlasse niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur
einen Vater; er hat sich vor kurzem wieder verheiratet und wird
mich nicht vermissen. Ich sterbe jung, aber ich werde auch vielen
Leiden entgehen. Ich hatte keine Eigenschaften, keine Talente, die
mir geholfen hätten, einen guten Weg durch die Welt zu machen.
Fortwährend würde ich das Verkehrte getan haben.r
, Aber wohin gehst du denn, Helen? Kannst du es sehen?
Kannst du glauben??
, Ich glaube; ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu
Gott.
, Wo ist Got? Was ist Gott?
,Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann.
was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener großen,
bedeutungsvollen, die mich ihm zurückgeben soll, ihn mir von Angesicht zu Angesicht zeigen wird. ?
, Du bist also sicher, Helen, daß es ein Etwas gibt, das sich
Himmel nennt; und daß unsere Seelen dorthin gehen werden,
wenn wir sterben
, Ich bin sicher, daß es ein künftiges Leben gibt; ich glaube.
daß Gott gut ist; ich gebe ihm mein unsterbliches Teil vertrauens-
,Und werde ich dich wiedersehen, Helen, wenn ich sterbe?
,Du wirst in dieselbe Glückseligkeit kommen wie ich; derselbe
mächtige Allvater wird auch dich an sein Herz nehmen, Jane,
zweifle nicht daran.
Fester schlang sich Janes Arm um Helen; sie war ihr in diesem
Augenblick teurer denn je; ihr war, als könne sie ihre Freundin
nicht fortgehen lassen; sie verbarg ihr Gesicht an ihrer Brust. Gleich
darauf sagte Helen in ihrer süßesten Weise:
,Wie wohl ich mich fühle! Jener letzte Hustenanfall hat mich
ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; es ist so schön, dich so nahe zu wissen.
, Ich bleibe bei dir, süße Helen; niemand soll mich von hier
fortnehmen.
, Ist dir warm, mein Liebling?
,Ja.
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helen.
Sie küßten einander und bald schliefen beide.
Als Jane erwachte, war es Tag. Eine ungewöhnliche Bewegung weckte sie; sie öffnete die Augen; jemand hielt sie in den
Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug sie durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man erteilte ihr keinen Verweis
dafür, daß sie ihr Bett verlassen hatte; die Leute hatten an andere
Dinge zu denken. Auf Janes viele Fragen gab man ihr keine Erklärung, aber einige Tage später erfuhr sie, daß Miß Temple, als
sie in ihr Zimmer zurückgekehrt, sie in dem kleinen Bette gefunden
habe; Janes Gesicht ruhte auf Helen Burns Schulter, ihre Arme
umschlangen ihren Hals. Sie schlief, und Helen war tot.
Helens Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge; noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein
einfacher Grashügel. jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die
Stelle; darauf steht ihr Name und das Wort:,Resurgam.’
Zehntes Kapitel.
Wieder ein Wendepunkt.
Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte, verschwand es nach und nach von dort; aber
nicht, bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die
öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Ursache
dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Tatsachen entdeckt, welche die allgemeine öffentliche Empörung im
höchsten Grade wachriefen. Die ungesunde Lage des Instituts;
die geringe und schlechte Nahrung, welche den Kindern verabreicht
wurde; das schlechte, stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung
verwendet wurde; die elende, unzureichende Bekleidung der
Schülerinnen, alle diese Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte zwar einen sehr beschämenden Eindruck für Mr.
Brocklehurst, hatte aber eine wohltätige Wirkung für das Institut.
Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend
zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt.
Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut. Mr. Brocklehurst, welcher seiner Familienverbindungen und
seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte, behielt
das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner
Pflichten standen ihm Herren von milderer Sinnesart zur Seite;
auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen, welche
Strenge mit Vernunft, Behaglichkeit mit Sparsamkeit, Mitgefühl
mit Gerechtigkeit zu paaren wußten. In solcher Gestalt verbessert,
wurde das Institut mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und
edlen Gründung. Jane blieb noch acht Jahre nach der Erneuerung der Anstalt eine Bewohnerin ihrer Mauern: sechs Jahre
als Schülerin und zwei als Lehrerin.
Während dieser acht Jahre war Janes Leben außerordentlich
einförmig, aber nicht unglücklich, weil es nicht untätig war. Die
Mittel, sich eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen, waren ihr
an die Hand gegeben; eine Vorliebe für einige ihrer Studien, die
Absicht, in allen das Höchste zu erreichen, verbunden mit dem
innigen Wunsch, ihre Lehrerinnen zu befriedigen, besonders jene,
welche sie liebte; dies alles trieb sie vorwärts, und daher benutzte
sie in vollem Maße die Vorteile, welche sich ihr darboten. Mit der
Zeit stieg sie zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse
empor; dann wurde sie mit dem Amte einer Lehrerin betraut;
dieser Pflichten entledigte sie sich während zweier Jahre. Doch nach
Ablauf dieser Zeit wurde sie andern Sinnes.
Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin des
Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte Jane den besten
Teil ihrer Kenntnisse; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft
waren ihr immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle
einer Mutter bei ihr vertreten, sie war ihre Erzieherin und später
ihre Gefährtin gewesen. Um diese Zeit heiratete Miß Temple und
zog mit ihrem Gatten, einem Geistlichen, der ein ausgezeichneter
Mann und einer solchen Gattin würdig war, in eine entfernte
Grafschaft; für Jane war sie folglich verloren.
Seit dem Tage, wo sie die Anstalt verließ, war Jane nicht
mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit, jede Gemeinschaft, die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu ihrer
Heimat gemacht hatte, dahin. Jane hatte einiges von ihrer Natur, viele ihrer Gewohnheiten angenommen; harmonischere Gedanken, besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner ihrer
Seele geworden. Sie hatte sich der Pflicht und der Ordnung
unterworfen, war ruhig geworden; sie glaubte, daß sie zufrieden sei.
Aber als Miß Temple nach der Trauung im Reisekleide in die
Postchaise stieg, als der Wagen den Hügel hinauf fuhr und hinter
diesem Hügel verschwand, da ging Jane auf ihr Zimmer und verbrachte dort auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages, welchen man den Waisen der feierlichen Gelegenheit zu
Ehren gewährt hatte.
Viele Stunden lang ging sie im Zimmer auf und ab. Am
Abend aber wurde sie inne, daß mit Miß Temple auch ihre
ganze Zufriedenheit geschwunden sei. Sie fühlte, wie die alten,
wilden Gefühle wieder in ihr erwachten. Während vieler Jahre
war Lowood ihre ganze Welt gewesen; ihre Erfahrung kannte
nichts anderes als seine Vorschriften, seine Zucht. Jetzt aber fiel
ihr ein, daß die Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles
Feld von Furcht und Hoffnung jene erwarte, welche genug Mut
besäßen, auf diese Walstatt hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten ihrer Gefahren zu suchen.
Jane ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort
die Grenze von Lowood, weit hinten der hügelige Horizont. Ihr
Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den entferntesten haften zu bleiben: an den Gipfeln der Berge! Diese zu
übersteigen sehnte sie sich; alles was innerhalb ihrer Grenzen
von Felsen und Heide lag, schien ihr Gefängnisboden. Sie verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuß eines Berges
dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand,
mit den Augen. Ach! wie gern wäre sie ihr noch weiter gefolgt!
Sie erinnerte sich der Zeit, da sie in einer Postkutsche auf dieser
selben Straße des Weges gekommen; sie erinnerte sich, wie sie in
der Dämmerung jenen Hügel heruntergefahren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem Tage, der sie zuerst nach Lowood
geführt, und nicht eine Stunde hatte sie es seitdem verlassen. Alle
ihre Ferien waren in der Schule dahin gegangen; Mrs. Reed hatte
sie niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgendein Mitglied ihrer Familie Jane besucht. Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft
hatte Jane Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten;
Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken,
das war alles, was sie vom Dasein kannte. Und jetzt empfand
sie, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage
wurde sie des ewigen Einerlei von acht Jahren müde! Sie ersehnte die Freiheit; sie lechzte nach Freiheit; um die Freiheit betete
sie; der Wind, der sich leise erhob, schien das Gebet davonzutragen.
Dann gab sie die Freiheit auf und sprach einen demütigeren
Wunsch aus: sie bat um Veränderung, um irgendein Reizmittel,
denn alles erschien ihr so öde und tot. Schließlich rief sie in voller
Verzweiflung aus: ,Dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!
Jetzt rief sie eine Glocke, welche die Stunde des Abendessens
verkündete, in das Speisezimmer hinunter.
Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte sie ihren unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen; selbst dann hielt
sie noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit ihr teilte, durch ihre
Unterhaltung von dem Gegenstande fern, zu dem sie sich sehnte,
mit ihren Gedanken zurückkehren zu können. Wie wünschte sie,
daß der Schlaf ihre Gefährtin zum Schweigen bringe!
Endlich schlief Miß Gryce.
, Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas, sagte Jane zu
sich selbst. ,Es klingt zwar nicht wie die Worte Freiheit, Genuß;
aber für mich sind diese Worte doch nur hohle Laute; dienen kann
jeder. Ich habe hier acht Jahre gedient; und jetzt wünsche ich ja
nichts weiter, als anderswo dienen zu können. Kann ich meinen
eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen ?'
Mit diesen Gedanken saß Jane aufrecht im Bette; es war eine
frostige Nacht; sie bedeckte ihre Schultern mit einem Schal und
dann fing sie wieder mit allen Kräften an zu denken.
, Was wünsche ich denn eigentlich ? fragte sie sich selbst.,Eine
neue Stelle, in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter
neuen Verhältnissen. Dies wünsche ich. Wie machen es die Leute
nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Sie wenden sich an ihre
Freunde, wie ich vermute; ich habe keine Freunde. Es gibt
aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und sich selbst
umsehen müssen und sich selbst helfen. Welches sind denn nun,ihre
Hilfsquellen?
Fast eine Stunde lang arbeitete es so in Janes Kopfe. Dann
stand sie erregt auf und ging einigemal im Zimmer auf und nieder;
zog den Vorhang zurück, blickte hinauf zu den Sternen, zitierte vor
Kälte und kroch wieder in ihr Bett.
Plötzlich kam es ihr ruhig und natürlich in den Sinn: ,Leute,
welche Stellungen suchen, kündigen es an; du mußt es in einer
Zeitung ankündigen.'
,Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen,' sagte
sie sich wieder.
Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt.
,Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den
Herausgeber der Zeitung einschicken; bei der ersten Gelegenheit.
die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die
Post geben; die Antwort muß an . B. an das dortige Postamt
geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt,
kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgendeine Antwort
eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.
Zwei, dreimal überdachte sie diesen Plan; jetzt hatte sie ihn
genügsam verdaut, sie hatte ihn in eine klare, praktische Form
gefaßt; jetzt war sie zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.
Mit Tagesanbruch war sie auf. Ehe noch die Glocke ertönte,
welche die ganze Schule weckte, hatte sie ihre Annonce geschrieben,
kuvertiert und adressiert; sie lautete folgendermaßen:
,Eine junge Dame, welche im Lehren geübt ist, wünscht eine
Stellung in einer Familie zu finden, wo die Kinder unter vierzehn
Jahren sind. Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Zweigen.
welche zu einer guten, englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik.
Gefällige Adressen sind an I. K. poste restante Lowton, - shire
zu richten.'
Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in Janes
Schieblade verschlossen; nach dem Tee bat sie die neue Vorsteherin
ui die Erlaubnis, nach Lowton gehen zu dürfen, wo sie einige
Einkäufe für sich und zwei ihrer Mitlehrerinnen zu machen hatte.
Die Erlaubnis wurde ihr gern gewährt. Sie ging. Der Weg war
zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren
noch lang; sie ging in zwei, drei Läden, warf ihren Brief in den
Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück.
Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge
dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem herrlichen
Herbstabende befand sich Jane abermals zu Fuß unterwegs nach
Lowton. Es war ein romantischer Weg, der an dem Waldbach
und den herrlichsten Windungen des Tals entlang führte, aber an
diesem Tage dachte sie nur an die Briefe, die sie in dem kleinen
Marktflecken zu finden erwartete, nicht an die Reize von Berg und
Tal.
In dem Flecken angekommen, ließ sie sich zuerst Maß zu einem
Paar Schuhe nehmen und ging dann aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße in das Postbureau.
Eine alte Dame verwaltete dasselbe; sie trug eine Hornbrille auf
der Nase und schwarze, gestrickte Pulswärmer an den Händen.
,Sind irgendwelche Briefe für . V. angelangt ?' fragte
Jane, sich ein Herz fassend.
Sie blickte Jane über ihre Brille fort an; dann öffnete sie
eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher, daß Janes Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor
ihre Augengläser gehalten hatte, reichte sie es der Fragenden hin,
indem sie dieselbe zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete-- der Brief war an . K. adressiert.
,Ist nur ein einziger da? fragte Jane.
,Es sind keine weiteren da, sagte sie. Jane schob ihn in die
Tasche und machte sich auf den Nachhauseweg.
Bei ihrer Heimkehr harrte ihrer die Erfüllung verschiedener
Pflichten; sie hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu
überwachen; dann war an ihr die Reihe, das Gebet zu lesen,
darauf zu sehen, daß die Schülerinnen schlafen gingen und
dann nahm sie das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein.
Selbst als sie sich endlich für die Nacht zurückzog, war die unvermeidliche Miß Gryce noch ihre Gefährtin. Die Kerze im Leuchter
war fast herabgebrannt, als Miß Gryce zu sprechen aufhörte und
sanft einschlief. Schnell zog Jane ihren Brief hervor, das Siegel
trug den Anfangsbuchstaben b, sie erbrach es; der Inhalt war
kurz.
, Wenn J. E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce
in den-- shire Herald rücken ließ, die aufgezählten Fähigkeiten
besitzt, und wenn sie in der Lage ist, genügende Referenzen über
Charakter und Wirkungskreis geben zu können, so wird ihr eine
Stellung geboten, deren Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling
im Jahr beläuft; sie hat daselbst nur ein kleines Mädchen unter
zehn Jahren zu unterrichten — J. E. wird gebeten, Referenzen,
Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse:
, Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote-- shire.
Lange prüfte Jane das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Sicherlich, die Einsenderin war eine alte Dame. Mrs. Fairfax! Jane
sah sie schon in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube;
vielleicht etwas steif, aber nicht unhöflich. Thornfield! das war
ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, ordentliches Fleckchen Erde bei Millcote,-- shire! Jane frischte ihre
Erinnerung an die Karte von England auf; ja, da lagen sie vor
ihr, die Grafschaft sowohl wie die Stadt.-- shire war London
um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft, in welcher
sie jetzt lebte; das war schon eine große Empfehlung in ihren
Augen. Sie sehnte sich dorthin, wo Leben und Bewegung war;
Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des ... gelegen.
ein geschäftiger Ort ohne Zweifel. Desto besser, das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein.
Die Kerze erlosch; vollständige Dunkelheit herrschte, und Jane
schlief ein.
Am folgenden Tage machte Jane der Vorsteherin des Instituts Mitteilung von ihrem Vorhaben und bat um ihre Entlassung.
Diese wurde ihr nach einiger Zeit von Mr. Brocklehurst und dem
Komitee der Anstalt gewährt, indem man ihr zugleich die besten
Empfehlungen versprach.
Nach ungefähr einer Woche erhielt Jane demzufolge das
Zeugnis, schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, und erhielt die Antwort dieser Dame, welche besagte, daß sie zufrieden sei
und Jane sich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause einzufinden
habe, wo sie den Posten als Gouvernante antreten könne.
jetzt war Jane mit ihren Vorbereitungen beschäftigt; die
vierzehn Tage gingen schnell dahin. Sie hatte keine große Garderobe, obgleich sie ihren Bedürfnissen vollkommen entsprach. Der
letzte Tag genügte, um ihren Koffer zu packen, denselben, welchen
sie bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.
Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse aufgenagelt. Nach
einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton
mitzunehmen, wohin sie sich selbst am folgenden Morgen in früher
Stunde begeben wollte, um mit der Post weiter zu fahren. Sie
hatte ihr schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet, ihren
Hut, Muff und ihre Handschuhe zurecht gelegt, in allen Schiebladen nachgesucht, damit nichts zurückbliebe und jetzt, da sie nichts
mehr zu tun hatte, setzte sie sich und versuchte sich auszuruhen.
Doch das war unmöglich; obgleich sie während des ganzen Tages
auf den Füßen gewesen, konnte sie jetzt doch nicht einen Augenblick
Ruhe finden; sie war zu heftig erregt. Heute abend schloß sich ein
Abschnitt ihres Lebens, morgen begann ein anderer, unmöglich in
der Zwischenzeit zu schlafen. Fieberhaft mußte sie wachen, während der Übergang sich vollzog.
,Miß,' sagte ein Mädchen, welches Jane in dem Korridor,
wo sie wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging,
aufsuchte, , unten ist eine Person, die mit Ihnen sprechen
möchte.
,Ohne Zweifel der Bote,' dachte Jane und lief ohne weitere
Frage die Treppe hinunter. Sie ging an dem hintern Salon oder
Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Tür halb geöffnet
war, um in die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer
gestürzt kam.
,Sie ist's, wahrhaftig sie ist's! -- Überall hätte ich sie wiedererkannt!'' rief die Gestalt, die Jane in ihrem Laufe aufhielt und
ihre Hand ergriff.
Jane blickte auf. Vor ihr stand eine Frau, gekleidet wie eine
herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung; sie war
hübsch, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen und frische Gesichtsfarbe.
, Nun, wer ist's wohl?' fragte sie mit einem Lächeln und einer
Stimme, die Jane halb und halb erkannte; ,aber Miß Jane, ich
hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?
Nach einer halben Minute umarmte und küßte Jane sie voll
Entzücken: ,Bessie! Bessie! Bessie! weiter konnte sie nichts hervorbringen; Bessie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen
sie zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner
Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen.
,Das ist mein kleiner Junge,' sagte Bessie schnell.
,Du bist also verheiratet, Bessie?
, Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem
Kutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen,
das Jane getauft ist.
, Und du wohnst nicht mehr in Gateshead ?
,Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.
,Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Plat; und du, Bobby, komm zu
mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du ? aber Bobby zog
es vor, sich neben seine Mama zu stellen.
,Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark, fuhr Mrs. Leaven fort. ,Vermutlich hat man Sie
hier in der Schule nicht allzu gut gehalten. Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgina ist gewiß
zweimal so breit.
, Georgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in
London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert; aber mit
ihrer Schwester lebt sie wie Hund und Kate; sie zanken und
streiten unaufhörlich.
,Nun, und was ist ans John Reed geworden?
,Ach, er führt sich nicht so brav auf, wie seine Mutter es wohl
wünschen könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt;
dann wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte
studieren sollte. Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch,
ich glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.
,Wie sieht er aus?
, Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner
junger Mann ist. Aber er hat so dicke, aufgeworfene Lippen.'
,Und Mrs. Reed?
,Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus,
aber ich glaube nicht, daß sie sich im Gemüt wohl fühlt. Mr. Johns
Betragen gefällt ihr nicht; er braucht sehr, sehr viel Geld.
,Hat sie dich hergeschickt, Bessie?
,Nein, in der Tat; aber ich habe schon so lange gewünscht,
Sie zu sehen, und als ich hörte, daß Sie in eine andere Gegend
des Landes gehen wollten, dachte ich mir, daß ich mich auf die
Reise machen müsse, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz
außer meinem Bereich wären.
, Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen
getäuscht. Dies sagte Jane wohl lachend, aber sie hatte bemerkt,
daß Bessies Blicke, wenn sie auch achtungsvoll waren, in keiner
Weise Bewunderung ausdrückten.
,Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus;
Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie von
Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie auch keine Schönheit.
Jane mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln.
,Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind, fuhr Bessie, wie
um Jane zu trösten fort.,Was können Sie denn alles? Können
Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und
öffnete es; dann bat sie Jane, ihr ein Stück vorzuspielen. Jane
gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt.
,Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen!' sagte sie
triumphierend. ,Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen
übertreffen würden. Können Sie auch zeichnen?
,Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.
Eö war eine Landschaft in Wasserfarben, welche Jane der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittlung bei
dem Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen
hatte bringen lassen.
,Aber das ist wirklich schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer
der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von
den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden. Denen
könnte es bald jemand nachmachen. Haben Sie auch Französisch
gelernt?
,Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.
,Und können Sie auch sticken und nähen?’
,Gewiß, das kann ich.’
, O, Sie sind ja eine ganze Dame geworden, Miß Jane! Das
habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird's immer gut gehen, ob
Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. Ich wollte
Sie noch um etwas befragen. - Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört??
, Nein, in meinem ganzen Leben nicht.
,Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie
arm und ganz gemein wären; möglich, daß sie arm sind, aber
ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn eines
Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gates-
head und wünschte, Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Sie
fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht,
denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in zwei, drei Tagen von
London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube,
daß er Ihres Vaters Bruder war.
, Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie
,Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo
sie Wein machen-- der Kellermeister hat mir das gesagt.
, Nach Madeira vermutlich?
,Ja, ja, das war's. so hieß sie.
, Und dann ging er wieder fort?
,Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed
war sehr von oben herab mit ihm. Nachher sagte sie von ihm, er
sei ein armseliger Handelsmann'. Mein Robert glaubt, daß er
ein Weinhändler war.
, Sehr wahrscheinlich,'' entgegnete Jane, ,oder vielleicht der
Kommis oder der Agent eines Weinhändlers.
Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und Jane von
alten Zeiten, und dann war sie gezwungen, Jane zu verlassen. Als
Jane am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete,
sah sie Bessie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten sie sich vor der Tür des,Wappens von Brocklehurst'' daselbst;
jede zog dann ihre Straße; Bessie begab sich auf den Gipfel des
Lowood-Felsens, wo der Wagen vorüber kam, der sie nach Gates-
head' zurückführen sollte; Jane bestieg das Gefährt, das sie in die
unbekannte Gegend von Millcote brachte, einem neuen Leben und
neuen Pflichten entgegen.
Elftes Kapitel.
In Thornfield.
Bald darauf finden wir Jane in einem Zimmer in ,Georgs
Wirtshaus' in Millcote, mit so großblumigen Tapeten an den
Wänden, wie Gasthauszimmer sie gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln, Nippesfiguren auf dem Kamin,
Kupferstichen, einem Porträt von Georg ll., einem zweiten des
Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des General
Wolfe. Und alles dies sehen wir bei dem Schein einer Öllampe,
welche von der Decke herabhängt, und dem eines helles Kaminfeuers, neben welchem Jane in Mantel und Hut sitzt; Muff und
Regenschirm liegen auf dem Tische, und sie versucht, sich an der
Wärme des Ofens von der Steifheit und Betäubung zu erholen,
welche eine sechzehnstündige Reise in kaltem Oktoberwetter bei ihr
hervorgerufen hatte; um vier Uhr morgens hatte sie Lowton verlassen und die Stadtuhr von Millcote schlug jetzt gerade die ache
Stunde.
Sie befindet sich in ziemlich unbehaglicher Gemütsverfassung.
Sie hatte gehofft, hier bei Ankunft der Postkutsche jemanden zu
ihrem Empfange bereit zu finden. Als sie die hölzerne Treppe
hinabstieg, welche der Hausknecht zu ihrer größeren Bequemlichkeit
an den Wagen gestellt, blickte sie ängstlich umher, in der Erwartung, ihren Namen von irgend jemandem aussprechen zu hören
und einen Wagen zu erblicken, welcher ihrer harrte, um sie nach
Thornfield zu bringen. Aber nichts derartiges war sichtbar, und
als sie den Kellner fragte, ob jemand da gewesen, um sich nach Miß
Eyre zu erkundigen, wurde ihre Frage verneinend beantwortet.
So blieb ihr also nichts anderes übrig, als zu verlangen, daß man
ihr ein Zimmer anweise-- und hier sitzt sie nun, während Furcht
und Zweifel aller Art ihre Seele martern.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sic
plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen-- von allen Bekannten
getrennt -- ungewiß, ob sie das Ziel, nach welchem sie streben,
auch erreichen. Der Reiz der Neuheit, die Freude am Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein der Selbständigkeit
erwärmt es-- aber die Empfindung der Furcht dämpft es
und kaum war eine halbe Stunde vergangen, in welcher Jane
noch immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus
vorherrschend. Da fiel es ihr ein, dem Kellner zu läuten.
,Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?
fragte sie den Aufwärter, welcher auf ihr Klingeln erschienen war.
,Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein, ich werde mich
in der Schenkstube erkundigen. Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:
,Ist Ihr Name Eyre, Miß?
,Ja.
,Es wartet jemand auf Sie.
Jane sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
in den Korridor des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen
Tür und auf der von Laternen erhellten Straße konnte sie die
Umnisse eines einspännigen Gefährts unterscheiden.
,Dies ist wohl Ihr Gepäck? sagte der Mann in der Tür, als
er ihrer ansichtig wurde, und zeigte auf den Koffer, der im Gange
stand.
, Ja. Er hißte ihn auf den Wagen, welcher eine Art von
Karren war, hinauf, und dann stieg Jane nach. Ehe er die Tür
hinter ihr zuschlug, fragte sie, wie weit es bis Thornfield sei.
, Etwa sechs Meilen.
, Und wie lange fahren wir??
,Vielleicht anderthalb Stunden!'
Er schloß die Wagentür, kletterte auf seinen Sitz, und sie
fuhren ab. Langsam kamen sie vorwärts, und Jane hatte reichliche
Muße zum Nachdenken. Sie war zufrieden, dem Endziel ihrer
Reise so nahe zu sein, und als sie sich in das bequeme Gefährt zurücklehnte, gab sie sich ungestört ihren Gedanken hin.
,Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners
und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr vornehme
Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen Leuten
gelebt und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt. Ich
möchte wissen, ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt.
Wenn das der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig
ist, werde ich sehr gut mit ihr fertig werden. Ich werde mein
Bestes tun. Aber wie schade, daß es nicht immer genügt, sein
Bestes zu tun. In Lowood allerdings faßte ich diesen Entschluß,
führte ihn aus, und es gelang mir, allen zu gefallen; aber bei
Mrs. Reed erinnere ich mich, daß selbst mein Bestes immer nur
Hohn und Verachtung hervorrief. Ich flehe zu Gott, daß Mrs.
Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge. Wenn sie es aber ist,
so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Kommt das Schlimmste
zum Schlimmen, so kann ich ja immer noch wieder eine Annonce
in die Zeitung rücken lassen.
Nach solchen Gedanken ließ Jane das Fenster herab und
blickte hinaus. Millcote lag hinter ihnen; nach der Anzahl seiner
Lichter schien es ein Ort von beträchtlicher Größe, viel größer als
Lowton. So weit Jane es überblicken konnte, befanden sie sich
jetzt auf einer Ari Weide; aber über den ganzen Distrikt lagen
Häuser zerstreut; sie fühlte, daß sie sich in Gegenden befand, welche
sich sehr von denen Lowoods unterschieden; sie waren bevölkerter,
aber weniger malerisch.
Die Straßen waren kotig, die Nacht war neblig; der Kutscher
ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen. Nach zwei Stunden
endlich wandte er sich um und sagte:
,jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte Jane hinaus; sie fuhren an einer Kirche vorüber; sie sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel
abzeichnen, seine Glocken verkündeten die Viertelstunde; dann sah
sie auch eine schmale Reihe von Lichtern auf einer Anhöhe; es war
ein Dorf oder ein Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der
Kutscher ab und öffnete eine Pforte; der Wagen fuhr hindurch und
das Tor schlug hinter ihm zu. Jetzt kamen sie langsam über den
großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines
Hauses entlang; aus einem verhängten Bogenfenster fiel ein Lichtschein; alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der
Haustür. Eine Dienerin öffnete dieselbe; Jane stieg aus und
ging hinein.
,Bitte, diesen Weg, Fräulein,' sagte das Mädchen, und Jane
folgte ihr durch eine viereckige Halle, in welche von allen Seiten
Türen mündeten. Sie führte sie in ein Zimmer, dessen doppelte
Beleuchtung durch Kerzen und Kaminfeuer sie im ersten Augenblick blendete, denn sie stach zu stark von der Dunkelheit ab,
an welche ihre Augen sich während der letzten Stunden gewöhnt
hatten. Als sie jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich ihren
Blicken ein gemütliches und anheimelndes Bild dar.
Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an
einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein hochlehniger, altmodischer
Lehnstuhl, in welchem die denkbar zierlichste, ältere Dame saß. z
Sie trug eine Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine ,
schneeweiße Musselinschürze. Sie war mit Stricken beschäftigt;eine
große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen. Als Jane eintrat, erhob ß
sich die alte Dame und kam ihr schnell und freundlich entgegen.
,Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie eine
sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es s
muß Ihnen aber kalt sein, kommen Sie ans Feuer.
,Mrs. Fairfax vermutlich? fragte Jane.
,Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte Jane zu ihrem eigenen Stuhl und dort begann sie,
ihr den Schal abzunehmen und die Hutbänder zu lösen. Jane bat
sie, sich ihretwegen nicht so viel Umstände zu machen.
,O, das sind keine Umstände. Ihre eigenen Hände müssen
vor Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite recht heißen Tee und
streiche ein paar Butterbrote; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie ein Bund Schlüssel aus ihrer Tasche
und übergab es der Dienerin.
,Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,. fuhr sie fort.
,Nicht wahr, meine Liebe, Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?
,Jawohl, Madame.
,Ich werde dafür sorgen, daß man es auf Ihr Zimmer trägt,
sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.
Solch einen Empfang hatte Jane wahrlich nicht erwartet; er
glich wenig den Erzählungen, die sie von der Behandlung der
Gouvernanten gehört hatte.
Mrs. Fairfax kehrte zurück; sie räumte ihren Strickstrumpfapparat und mehrere Bücher vom Tische, um platz für das Speisenbrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte sie
selbst Jane die Erfrischungen. Diese ward ein wenig verwirrt, als
sie sich in dieser Weise zum Gegenstand so zarter, ungewohnter Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein, wie sie
glaubte, von ihrer Brotherrin; da diese selbst aber gar nicht zu
finden schien, daß sie etwas tat, was ihr nicht zukam, hielt sie
es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.
,Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute
abend zu sehen ? fragte Jane, nachdem sie gegessen hatte.
, Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig schwerhörig,' entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr Janes
Munde näherte.
Deutlicher wiederholte Jane die Frage.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der
Name Ihrer künftigen Schülerin.
, In der Tat? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?
,Nein. Ich habe keine Familie.
Wohl hatte Jane jetzt die Absicht, ihrer ersten Frage noch
einige andere folgen zu lassen; aber sie erinnerte sich noch zu rechter
Zeit, daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen.
, Ich bin so froh' fuhr Mrs. Fairfax fort, als sie sich Jane
gegenüber setzte und die Kate auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so
froh, daß Sie gekommen sind. jetzt wird das Leben hier mit einer
Gefährtin ganz angenehm sein. . Nun, es ist auch wohl zu allen
Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz; während der letzten Jahre ist es allerdings ein wenig vernachlässigt worden, aber immerhin ist es ein stattlicher Ort; aber Sie
wissen wohl, selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich zur
Winterszeit unglücklich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein
-- Leah ist gewiß ein liebes Mädchen, und John und sein Weib
sind anständige, brave Leute; aber sehen Sie, es sind doch immer
nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer zehn Schritte vom
Leibe halten aus Furcht, seine Autorität zu verlieren. Sie können
und es regnete-- kam vom November bis zum Februar nicht eine
lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme des Schlächters und
des Postboten; und ich wurde wahrhaftig ganz tiefsinnig, wie ich
so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß das arme Mädchen von dieser
Aufgabe nicht sonderlich entzückt war; sie kam sich dabei wohl wie
eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer ging es dann
natürlich besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen so
großen Unterschied. Und nun zu Anfang dieses Herbstes kam die
kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort
Leben ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werden wir am
Ende gar noch ganz lustig und vergnügt werden.'?
Als Jane die alte Dame so plaudern hörte, schlug ihr Herz
ihr warm entgegen; sie zog ihren Stuhl näher an den ihren und
sprach den aufrichtigen Wunsch aus, daß ihre Gesellschaft sich wirklich als so angenehm für Mrs. Fairfax erweisen möge, als diese
erwartete.
,Heute abend will ich Sie aber nicht lange wach halten,
sagte die alte Dame;, es ist jetzt Schlag zwölf Uhr, und Sie sind
den ganzen Tag unterwegs gewesen; Sie müssen ja todmüde sein.
Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt sind, will ich Ihnen Ihr
Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das
meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist nur ein kleines
Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein würde, als eins
der großen Vorderzimmer; allerdings haben diese prächtigere
Möbel, aber sie sind so düster und einsam; ich könnte niemals
darin schlafen.
Jane dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da sie sich
von der langen Reise wirklich ermüdet fühlte, zeigte sie sich bereit,
sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Mrs. Fairfax nahm ein Licht,
und Jane folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst überzeugte
sich Mrs. Fairfax, ob die große Haustür auch wirklich verschlossen
sei; nachdem sie den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie
Jane die Treppe hinauf. Stufen und Geländersäulen waren von
Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; sowohl
dieses, wie die lange Galerie, auf welche die Schlafzimmertüren
hinausgingen, sahen aus, als gehörten sie zu einer Kirche und nicht
zu einem Hause. Eine feuchte, dumpfige Luft wie in einem Gewölbe, herrschte auf der Treppe, eine Luft, die den Gedanken an
trostlos öde Räume wachrief, und Jane war froh, als sie endlich
in ihr Zimmer trat und fand, daß es ein kleiner Raum und zierlich, aber einfach möbliert sei.
Als Mrs. Fairfax ihr eine herzliche gute Nacht gewünscht,
und sie ihre Tür sorgsam verschlossen hatte, sah sie sich mit Muße
um; der Anblick ihres behaglichen, kleinen Zimmers löschte den
Eindruck aus, welchen die weite Halle, die düstere, große Treppe
und jene lange, kalte Galerie auf sie gemacht hatten, und bald kam
es ihr zum Bewußtsein, daß sie nach ein paar Tagen körperlicher
Ermüdung und geistiger Erregung nun endlich in einen sicheren
Hafen eingelaufen sei. Dankbarkeit schwellte ihr Herz; sie kniete
neben ihrem Bette nieder und sandte ein inniges Dankgebet zu dem
empor, dem sie Dank schuldete, und bevor sie sich wieder erhob,
vergaß sie nicht, weitere Hilfe für ihren Pfad zu erflehen, und um
die Gabe zu bitten, sich der Güte wert machen zu können, welche
ihr in so reichem Maße zuteil wurde. In dieser Nacht lag sie auf
keinem Dornenlager; ihr einsames Zimmer war von Ruhe und
Frieden erfüllt. Zugleich müde und zufrieden, schlief sie bald fest
ein. Als sie erwachte, war es bereits heller Tag.
In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Fenstervorhänge fiel, erschien Jane das Zimmer so freundlich und gemütlich; sie wurde fast mutig bei dem Anblick der tapezierten Wände
und des teppichbelegten Fußbodens, welche den buntfarbigen Kalkwänden und nackten Holzböden in Lowood so unähnlich waren.
Ihr war, als müsse jetzt eine schönere Lebenszeit für sie anbrechen,
eine Zeit, welche neben ihren Dornen und Mühseligkeiten auch ihre
Blüten und Freuden haben würde.
Sie erhob sich. Mit großer Sorgfalt kleidete sie sich an. Wenn
sie auch gezwungen war, einfach zu sein, sie hatte kein einziges
Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht war.
so hatte sie doch von Natur das größte Verlangen, sauber und nett
auszusehen. Nachdem sie das Fenster geöffnet und gesehen hatte,
daß sie auf dem Toilettetische alles sauber und ordentlich zurückließ,
ging sie hinaus.
Nachdem Jane die lange, mit Teppichen bedeckte Galerie entlang gegangen war, stieg sie die glänzend blanke Eichentreppe hinunter; dann kam sie in die Halle; hier stand sie eine Minute still.
und betrachtete einige Kupferstiche an den Wänden, eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große, alte Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz seltsam geschnitzt und durch die
Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien ihr sehr stattlich und großartig; aber sie war ja auch so
wenig an Glanz und Pracht gewöhnt. Die Tür der Halle, welche
halb aus Glas war, stand offen; sie überschritt die Schwelle. Es
war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbtes Laub und noch immer frische Felder herab; sie ging
auf den freien platz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großen Verhältnissen,
der Herrensitz eines Gentleman; Zinnen auf dem Dache gaben
dem Hause ein ritterliches Aussehen. Die graue Front hob sich
hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes ab, dessen
krächzende Bewohner jetzt flügge waren; sie flogen über den Grasplatz und den Park, um sich auf einer großen Weide niederzulassen,
von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt
waren; auf dieser Wiese stand eine lange Reihe alter, starker, knorriger Dornenbäume, mächtig wie Eichen, welche sofort die Bedeutung der Benennung des Herrenhauses, nämlich Dornenfeld,
kenntlich machten. Die Hügel in der Ferne waren nicht so hoch
wie jene um Lowood, nicht so zackig, nicht so ähnlich Grenzsperren,
welche alles von der übrigen Welt abschlossen, aber doch stille,
einsame Hügel, welche Thornfield eine gewisse Abgeschiedenheit
verliehen. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen überschattet waren, zog sich an einem der Hügel hinauf; die Kirche des
Bezirks stand näher an Thornfield, ihr alter Turm sah über einen
Hügel zwischen dem Hause und den Parkpforten hervor.
Jane freute sich noch an der friedlichen Aussicht und an der
frischen, angenehmen Luft, horchte noch mit Entzücken auf das
Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große, von der Zeit geschwärzte Front der Halle und dachte bei sich, welch ein weitläufiger Aufenthalt es für eine einzelne kleine Dame wie Mrs.
Fairfax sei, als diese Dame in der Tür erschien.
,Was? schon draußen? sagte sie.,Ich sehe, Sie sind gewöhnt früh aufzustehen.' Jane ging zu ihr und wurde mit einem
Kusse und einem herzlichen Händedruck bewillkommt.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte die alte Dame. Jane
sagte ihr, daß sie es sehr schön fände.
,Ja, erwiderte Mrs. Fairfax, ,es ist ein reizender Ort; aber
ich fürchte, die Besitzung wird vernachlässigt werden, wenn Mr.
Rochester nicht herkommt und seinen ständigen Wohnsitz hier
nimmt. Große Häuser und schöne Parks erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.
,Mr. Rochester!' rief Jane aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie ruhig. ,Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt ?
Natürlich wußte Jane das nicht, sie hatte ja noch niemals
von ihm gehört.
, Ich glaubte,! sagte Jane. , daß Thornfield Ihr Eigentum sei.'
,Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welch eine Idee!
Mein Eigentum ? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin.
Allerdings bin ich durch die Familie seiner Mutter entfernt mit
den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er
war ein Geistlicher, Pfründenbesitzer von Hay, jenes kleine Dorf
da drüben auf dem Hügel und die Kirche neben der Parkpforte
war die seine. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine
Fairfax und meines Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich
tue mir auf diese Verwandtschaft niemals etwas zugute und erlaube mir deshalb keine Freiheiten; ich betrachte mich selbst in dem
Lichte einer ganz gewöhnlichen Haushälterin; mein Brotherr ist
immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.
,Und das kleine Mädchen - meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine
Gouvernante für sie zu suchen. Doch- da kommt sie mit ihrer
,Bonne', wie sie ihre Wärterin nennt?
Diese freundliche, gütige, kleine Witwe war also keine große
Dame, sondern eine Untergebene wie Jane selbst. Aber um so
besser für diese. Ihre Stellung war deshalb um so viel freier.
Während Jane noch über diese Entdeckung nachdachte, kam
ein kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Jane betrachtete ihre Schülerin, welche sie
anfangs nicht zu' bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, blaß mit kleinen Gesichtszügen und einem Überfluß von Haar, das in Locken über die
Schultern wallte.
,Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mrs. Fairfax.,Kommen
Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin
sein wird, damit Sie eines Tages eine gescheite Dame werden.
Die Kleine kam näher.
,C’est la ma gouvernante?’ fragte sie zu ihrer Wärterin gewendet auf Jane zeigend; diese antwortete:
,Mais oui, certainement.’
,Sind sie Ausländer? fragte Jane, ganz erstaunt, die französische Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube auch, daß sie bis vor sechs Monaten dort verblieb. Als sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort
englisch sprechen; jetzt hat sie es so weit gebracht, ein wenig sprechen
zu können, doch ich verstehe sie nicht, sie vermischt es zu sehr mit
dem Französischen; aber ich vermute, daß Sie sehr gut begreifen
werden, was sie meint.
Zum Glück hatte Jane sich einen solchen Grad der Fertigkeit
und der Korrektheit in der französischen Sprache angeeignet, daß
sie sehr wohl imstande war, mit der kleinen Adele gleichen Schritt
zu halten.
Als sie hörte, daß Jane ihre Gouvernante sei, kam sie auf sie
zugelaufen und reichte ihr die Hand; dann führte Jane sie in das
Frühstückszimmer und richtete einige Worte in ihrer Muttersprache ?
an sie; im Anfang antwortete das Kind sehr kurz, aber nachdem ;
alle am Tische Platz genommen hatten und sie Jane ungefähr zehn
Minuten mit ihren großen hellbraunen Augen angesehen hatte,
begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.
,Ach, rief sie auf französisch aus. , Sie sprechen meine
Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen
reden wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich
sein; hier kann niemand die arme Sophie verstehen, Madame
Fairfax ist durch und durch englisch. Sophie ist meine Wärterin;
sie ist mit mir über das Meer gekommen in einem großen Schiffe
mit einem Schornstein, der rauchte - und wie er rauchte! -
und ich war krank, und Sophie war es auch und Mr. Rochester
auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen
Zimmer, das Salon genannt wurde, und Sophie und ich hatten
kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus
dem meinen herausgefallen, es war ganz wie ein Brett. Und.
Mademoiselle wie heißen Sie doch?
,Eyre - Jane Eyre.
,Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun also
weiter: gegen Morgen, der Tag war noch nicht ganz angebrochen,
hielt unser Schiff bei einer großen Stadt an -- bei einer sehr
großen Stadt, mit sehr düsteren Häusern, die ganz von Rauch geschwärzt waren; sie hatte gar keine Ähnlichkeit mit der sauberen,
hübschen Stadt, aus welcher ich kam. Und Mr. Rochester trug mich
auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam
hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an
ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und viel, viel
schöner als dieses, und es hieß ein Hotel'. Dort blieben wir beinahe eine Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen,
grünen Platz voller Bäume umher, den sie Park' nannten. Außer
mir waren noch viele, viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert
habe.
,Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell
plappert? fragte Mrs. Fairfax.
Jane verstand sie sehr gut, denn sie war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.
Dann fuhr die gute, alte Dame fort: ,Ich möchte gern, daß
Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll mich
doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?
,Adele, fragte sie, ,mit wem hast du in jener hübschen,
sauberen Stadt gewohnt, von welcher du mir erzählt hast?'
,Mit meiner Mama, aber die ist schon lange tot. Mama hat
mich auch tanzen und singen und schöne Verse hersagen gelehrt. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?
Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte
Jane ihr, eine Probe ihres Talents zu geben. Sie kletterte von
ihrem Stuhl herunter und kam zu Jane, um sich auf ihren Schoß
zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre
Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und
begann, eine Melodie aus irgend einer Oper zu singen.
Adele sang ganz geschmackvoll und mit der kindlichen Auffassung ihrer Jahre. Nachdem sie damit zu Ende, sprang sie von
Miß Eyres Schoße herab und sagte: ,jetzt, Mademoiselle, will ich
Ihnen etwas vordeklamieren.'
Dann begann sie: ‘La ligue des rats; fable de Lafontaine.’ Nun deklamierte sie das kleine Stück mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit
der Stimme und einer Zartheit der Bewegungen, welche für ihre
Jahre allerdings ungewöhnlich waren.
,Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt?' fragte Jane.
,Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ‘Ou’ avez-vous donc? lii dir un de des rats; parlez!’ Und dann ließ sie mich meine
Hand aufheben-- so um mich daran zu erinnern, daß ich die
Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas
vortanzen ??
,Nein. jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als
deine Mama gestorben war ??
,Bei Madame Frederich und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie
Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte
mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben
möchte; und ich sagte ja. Denn ich kannte Mr. Rochester, bevor
ich Madame Frederich kannte, und er war immer gütig gegen mich
und schenkte mir schöne Kleider und hübsche Spielsachen. Aber
Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe
ich ihn nie mehr.
Nach dem Frühstück zog sich Jane mit Adele in die Bibliothek
zurück; wie es schien, hatte Mr. Rochester bestimmt, daß dieser
Raum als Schulzimmer benutzt werden sollte. Die Mehrzahl der
Bücher war in Glasschränken verschlossen; aber ein Bücherschrank,
welcher offen stand, enthielt alles, was für den elementaren
Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren
Literatur, Poesie, Biographie, Reisebeschreibungen, einige
Romanzen usw. In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz
neues Klavier von herrlichem Ton; außerdem eine Staffelei und
mehrere Erdkugeln.
Jane fand ihre Schülerin ausßerordentlich liebenswürdig, aber
sehr zerstreut. Sie war niemals an eine regelmäßige Beschäftigung
irgendwelcher Art gewöhnt gewesen. Jane fühlte, daß es nicht
ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte sie ihr, als aus dem Morgen Mittag geworden war, und sie viel zu ihr gesprochen und sie ein wenig hatte
lernen lassen, zu ihrer Wärterin zurückzukehren. -Jetzt zeichnete
Jane einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch.
Als Jane darauf nach ihrem Zimmer ging, rief Mrs. Fairfax
ihr zu: ,Ihre Morgenschulstunden sind jetzt vorüber, wie ich vermute. Sie befand sich in einem Zimmer dessen Flügeltüren weit
geöffnet waren. Als sie Jane anredete, ging diese zu ihr hinein.
Es war ein großes, stattliches Gemach, mit purpurfarbigen
Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen buntfarbigen Fenster und einer
reich geschnitzten Decke. Mrs. Fairfax wischte den Staub von
einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf einem
Tischchen standen.
,Welch ein prächtiges Zimmer,! rief Jane aus, indem sie
umher blickte, denn sie hatte noch nichts gesehen, was auch nur
halb so schön gewesen wäre.
, Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster
geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein herein zu lassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht
und dumpfig. Drüben im großen Salon ist es gerade wie in
einem Gewölbe.
Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster
gegenüber lag und mit persischen Vorhängen, die in Bogen aufgerafft waren, dekoriert war. Als Jane zwei breite Stufen, welche
zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war es jhr, als täte
sie einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien ihr der Anblick,
welcher sich ihr darbot. Und doch war es nichts, als ein sehr
hübscher Salon mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, die mit bunten Blumengirlanden bedeckt schienen;
die Decke war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße
Weintrauben und Blätter darstellte; seltsam kontrastierten damit
die feuerroten Stühle und Ottomanen. Die Zierate, welche den
Kaminsims aus weißem, carrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem, rubinrotem, böhmiscem Glas, und in den
Spiegeln zwischen den Fenstern wiederholte sich die allgemeine
Mischung von Schnee und Feuer.
, Wie schön Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs.
Fairfax!'' rief Jane. ,Kein Staub, keine Überzüge aus Glanzleinwand. Man könnte wirklich, glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht ein wenig gruftartig wäre.
,Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur
selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich;
und da ich bemerkt habe, daß es ihn stets schlechter Laune macht,
wenn er alles eingehüllt findet und mitten in die Geschäftigkeit des
Räumens hineinkommt, so dachte ich mir, es sei das Beste, die
Zimmer stets in Bereitschaft zu halten.'?
,Ist Mr. Rochester ein strenger und kleinlicher Herr?' fragte
Jane.
,Nicht gerade das; aber er hat die Neigungen und Gewohnheiten eines Gentleman, und er erwartet, daß alle Dinge sich dem
anpassen.'
,Lieben Sie ihn? Ist er allgemein beliebt?
,O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit Menschengedenken hat alles Land in der Gegend,
so weit das Auge reicht, den Rochesters gehört.'
, Gut; aber lieben Sie ihn, ganz abgesehen von seinen Besitzungen? Lieben Sie ihn um seiner selbst willen?
,Ich habe keine Ursache, etwas anderes zu tun, als ihn zu
lieben, und ich glaube auch, daß seine Pächter und Untergebenen ihn als einen freigebigen und gerechter Gebieter betrachten; aber
er hat niemals viel unter ihnen gelebt.’
, Aber wie ist sein Charakter?’
, O, sein Charakter ist fleckenlos. Vielleicht ist er in manchen
Dingen ein klein wenig seltsam; ich vermute, daß er viel gereist ist
und viel von der Welt gesehen hat. Ich glaube auch, daß er sehr
gescheit ist, aber ich habe niemals Gelegenheit gehabt, mich viel mit
ihm zu unterhalten.’
,In welcher Weise ist er denn seltsam ?
,Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben -
nichts besonders Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst
redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Kurzum, man versteht
ihn nicht recht - wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das
schadet ja nichts; er ist ein sehr guter Herr und Gebieter.
Dies war alles, was Jane von Mrs. Fairfax über ihren Brotherrn erfahren konnte. Als sie das Speisezimmer verließen, schlug
Mrs. Fairfax Jane vor, ihr den übrigen Teil des Hauses zu zeigen;
und Jane folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles im
Gehen, denn alles war schön und geschmackvoll geordnet. Besonders die großen Zimmer an der Vorderseite des Hauses erschienen ihr prächtig, und einige der Zimmer des dritten Stocks, obgleich düster und niedrig, waren interessant durch ihr altertümliches
Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen der Mode von
Zeit zu Zeit hier herauf geschafft, und das unsichere Licht, welches
durch die niederen Fenster eindrang, fiel auf Bettstellen, welche
mehr als ein Jahrhundert zählten; Truhen aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien von Palmenzweigen
und Engelsköpfen aus wie ein Urbild der Arche Noäh; Reihen von
ehrwürdigen Stühlen mit schmalen und hohen Lehnen; noch ältere
Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverwitterter Stickereien, welche vor zwei Generationen von Fingern
gearbeitet waren, die längst im Grabe moderten. All diese Reliauien verliehen dem dritten Stockwerk von Thornfield-Hall das
Aussehen eines Heims der Vergangenheit, eines Schreins der Erinnerungen. Jane liebte die Ruhe, das Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume während der Tageszeit; aber sie wünschte
sich durchaus nicht das Vergnügen einer Nachtruhe auf diesen
großen und schweren Betten, deren einige durch Türen von Eichenholz abgeschlossen, andere mit schweren alten Vorhängen von englischer Arbeit verdeckt waren, deren Muster seltsame Blumen und
noch seltsamere Vögel und die allerseltsamsten menschlichen Gestalten darstellten-- wie seltsam würden erst all' diese Dinge im
bleichen Mondlicht ausgesehen haben!
,Schlafen die Diener in diesen Zimmern? fragte sie.
,Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Gemächer an der
Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand.
,Wollen Sie mit mir auf das Dach hinaufgehen? fuhr Mrs.
Fairfax fort,,um die Aussicht von dort zu genießen? Jane folgte
ihr über eine sehr enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und
von dort über eine Leiter und durch eine Falltür auf das Dach des
Herrenhauses. Sie befand sich jetzt auf gleicher Höhe mit der
Krähenkolonie und konnte einen Blick in ihre Nester werfen. Als
sie sich über die Zinnen lehnte und weit hinunter blickte, sah sie den
Park und die Gärten wie eine Landkarte vor sich liegen; der helle,
wie Samt geschorne Rasen, der sich dicht um das graue Fundament
des Hauses zog; die Felder und Wiesen, auf denen hier und da
große Haufen von starkem Bauholz lagen; der ernste, düstere Wald,
durch welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als
Sonnenlicht des Herbsttages hineinragten; der weite, tiefblaue,
mit leichten Federwölkchen besäte Himmelsbogen, das ganze vor
ihr liegende Bild hatte keinen besonders hervorragenden Zug, aber
es war lieblich und wohlgefällig. Als sie ihr Auge von demselben
abwandte und wieder durch die Falltür hinabstieg, konnte sie kaum
den Weg über die Leiter hinunter finden; im Vergleich mit dem
blauen Himmelsbogen, zu dem sie empor geblickt hatte, erschien
die Bodenkammer finster wie ein Gewölbe; düster wie ein Grab
nach jenem sonnigen Bilde des Parkes, der Weiden und grünen
Hügel, dessen Mittelpunkt das Herrenhaus war, und das sie soeben noch mit Wonne betrachtet hatte.
Kaum waren beide wieder in das untere Stockwerk gelangt,
als Adele lachend auf sie zukam.
,Mesdames, vous etes servies!' rief sie, ,j’ai bien faim,
moi!'
In Mrs. Fairfax' Zimmer fanden sie die Mahlzeit angerichtet.
Zwölftes Kapitel.
Eine Begegnung.
Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf ihrer Tage, welche
der erste Anfang in Thornfieldhall zu versprechen schien, wurde
nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in Wirklichkeit das, was sie zu sein schien, eine leidenschaftslose, gutherzige.
sich stets gleich bleibende Frau von guter Erziehung und einem
Durchschnittsverstande. Janes Schülerin war ein lebhaftes Kind,
welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig
und widerspenstig war; da sie indessen gänzlich ihrer Obhut anvertraut war, und keine unberufene und unvernünftige Einmischung von irgendeiner Seite jemals Janes Pläne und Absichten
in bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß das Kind bald
seine kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig. Adele
besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charakterzüge,
keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung, welche sie auch
nur um einen Zoll über andere Kinder empor gehoben hätte; aber
ebensowenig hatte sie irgendein Laster oder einen Fehler, welcher
nicht der eines Kindes gewesen wäre. Sie machte ziemlich gute
Fortschritte, hegte für Jane eine lebhafte Neigung und flößte ihr
durch ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen, ihr zu gefallen, so viel Liebe ein, daß Jane Freude und Vergnügen an des
Kindes Gesellschaft und in ihrer Tätigkeit fand.
Dann und wann, wenn Jane einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parktor hinunter gegangen war, um von
dort auf die Landstraße zu blicken, oder wenn Adele mit ihrer
Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte, kletterte Jane die drei Treppen hinauf, öffnete die
Falltür in der Bodenkammer und blickte, an die Galerie des
Daches gelehnt, weit über Felder und Hügel hinaus bis an die verschwommene Linie des Horizonts. Dann wünschte sie über jene
Grenzen fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt
und Städte und lebensvolle Gegenden waren, von denen sie wohl
gehört, die sie aber niemals gesehen hatte. Nicht die Ruhe ist es.
welche dem Menschen Zufriedenheit gibt, sondern vor allen die
Tätigkeit neben der Ruhe. So verließ Jane sehnsuchtsvoll' ihren
Ausblick und wanderte unruhig in der Galerie hin und her.
Nun noch einiges über die anderen Mitglieder des Haushalts. Diese, wie John und seine Frau, Leah das Hausmädchen
und Sophie, die französische Bonne, waren sehr anständige Leute,
aber in keiner Weise erhoben sie sich über das Gewöhnliche. Mit
Sophie pflegte Jane französisch zu sprechen und zuweilen richtete
sie auch Fragen über ihr Vaterland an sie; die Bonne besaß aber
weder die Gabe erzählen noch beschreiben zu können und gab
meistens so verwirrte und nichtssagende Antworten, daß sie
Janes Fragelust eher dämpften als ermutigten.
Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen Freitag für Adele
gebeten, weil diese sich eine heftige Erkältung zugezogen hatte, und
Jane gewähite diese Bitte. Obgleich sehr kalt, war es ein schöner,
windstiller Tag; den ganzen Morgen hatte Jane ruhig sitzend in
der Bibliothek zugebracht, jetzt war sie dessen müde; Mrs. Fairfax
hatte gerade einen Brief beendigt, welcher darauf harrte, zur Post
getragen zu werden, und so nahm Jane Hut und Mantel und erbot
sich freiwillig, denselben auf das Postamt nach Hay zu bringen;
die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, sollte ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für sie sein. Nachdem sie Adele
gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs. Fairfax’ Kaminfeuer festgesetzt und Jane ihr die schönste Wachspuppe, welche gewöhnlich in Silberpapier gewickelt in einer Schublade verwahrt
lag, zum Spielen gegeben hatte und dazu noch der Abwechslung
wegen ein Geschichtenbuch, machte sie sich auf den Weg.
Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, die Straße
einsam; Jane ging sehr schnell, bis sie sich erwärmt hatte, dann
verlangsamte sie ihren Schritt, um das Vergnügen des Weges so
recht zu genießen. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als sie
an dem Glockenturm vorüber ging; der Reiz der Stunde lag in der
herannahenden Dämmerung in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Jane war schon eine Meile von Thornfield
entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner
wilden Rosen, im Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige, Schätze in
Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine
herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Vereinsamung und laublosen, starren Ruhe. Selbst wenn ein Lüftchen
wehte, weckte es hier keinen Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün, welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn- und Haselnußbüsche lagen ebenso still da,
wie die weißen, ausgetretenen Steine, mit welchen der Fußpfad in
der Mitte gepflastert war. Weit und breit lagen zu jeder Seite nur
Felder, auf denen jetzt kein Vieh mehr weidete; und die kleinen,
braunen Vögel, welche sich dann und wann in der Hecke rührten,
sahen aus wie einzelne welke Blätter, die vergessen hatten, abzufallen.
Dieser Weg zog sich hügelaufwärts nach Hay; als Jane die
Mitte erreicht hatte, setzte sie sich an einem Zaun nieder, welcher sich
von dort quer über ein Feld zog. Sie hüllte sich dicht in ihren
Mantel, verbarg die Hände in ihrem Muff und fühlte auf diese
Weise die Kälte nicht, obgleich es scharf fror; dies bewies eine
dünne Eisschicht, welche den Fußpfad bedeckte, wo ein kleines, jetzt
gefrorenes Bächlein, noch vor wenigen Tagen nach starkem Tauwetter dahingerieselt war. Von ihrem Platze aus konnte sie auf
Thornfield hinunterblicken; das graue, mit Zinnen gekrönte
Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Tal zu
ihren Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben
sich gegen Westen. Sie verweilte, bis die Sonne hinter den
Bäumen versank und feurig und klar zur Ruhe ging. Dann
wandte sie sich ostwärts.
Über der Spitze des Hügels oberhalb des Weges stand der
aufgehende Mond; jetzt noch bleich aber mit jedem Augenblick
strahlender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in
Bäumen versteckt, aus seinen wenigen Schornsteinen einen bläulichen Rauch gen Himmel sandte; es lag noch eine Meile entfernt,
aber in der tiefen Stille drangen die Töne des schwachen Lebens,
welches in dem Orte pulsierte, bis zu Jane herauf. Ihr Ohr vernahm auch das Rauschen von Strömen; jenseits Hay waren aber
viele Hügel, und zweifellos auch viele Bäche, welche von ihren
Höhen herabrauschten. In der Ruhe dieses Abends verriet sich sowohl das Rieseln der nächsten Bäche wie das Rauschen der weit
entferntesten.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch dies zarte, ferne und doch so
klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein Trampeln, ein
metallisches Klirren.
Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die
Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam stetig näher;
Jane wollte gerade ihren platz verlassen, da der Pfad aber schmal
war, saß sie still, um es vorüber zu lassen. In jenen Tagen war
sie jung, und tausend helle und düstere Phantasien bemächtigten sich
ihres Gemüts; die Erinnerung an Kinderstubengeschichten lag dort
unter anderm Gerümpel aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke,
welche die Kindheit ihnen nicht zu geben vermocht hatte. Als dies
Pferd näher kam, und sie erwartete, es in der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel ihr eine von Bessies Geschichten ein, in welcher
ein Geist aus dem Norden Englands, namens Gytrash vorkam;
dieser suchte in Gestalt eines Pferdes, Maulesels oder großen
Hundes einsame Wege heim und überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, gerade so wie dieses Pferd jetzt auf sie zu kam.
Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da
vernahm Jane außer jenem Trapp, Trapp noch ein Rascheln unter
der Hecke, und dicht an den braunen Stämmen entlang lief ein
großer Hund, dessen schwarz und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte. Dies war nun gerade eine Maske aus Bessies Gytrash,
eine löwenähnliche Kreatur mit langer Mähne und großem Kopfe;
sie schlich indessen ruhig an ihr vorüber und blickte mit den seltsam
verständigen Hundeaugen nicht zu ihr auf, wie sie halb und halb
erwartete. Dann folgte das Pferd, ein starkes Roß, auf seinem
Rücken ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, brach den
Zauber sofort. Den Gytrash konnte niemand reiten, er stürmte
stets allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber
der Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch nicht, so viel Jane
wußte, die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war
also kein Gytrash, sondern nur ein Reisender, welcher den kürzesten
Weg nach Millcote einschlug. Er ritt vorüber, und Jane ging
weiter; doch nur wenige Schritte, dann wandte sie sich um. Ein
Laut, als glitte irgend etwas aus, ein Ausruf, ein polternder Fall
erregten ihre Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen am Boden;
sie waren auf der Eisfläche ausgeglitten, welche den gepflasterten
Fußpfad bedeckte. In großen Sprüngen kam der Hund zurück und
als er seinen Herrn in Verlegenheit sah und das Pferd stöhnen
hörte, begann er zu bellen, bis es von den Hügeln widerhallte. Er
beschnüffelte die auf dem Boden liegende Gruppe und dann kam
er zu Jane gelaufen; das war alles, was er tun konnte, keine andere
helfende Hand war zur Stelle. Jane folgte ihm und ging zu dem
Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde hervorzuarbeiten. Seine Anstrengungen waren so kräftig, daß sie
glaubte, er könne keinen großen Schaden genommen haben; aber
sie fragte dennoch:
,Haben Sie sich verletzt, mein Herr?
Er antwortete nicht.
,Kann ich irgend etwas für Sie tun? fragte sie wiederum.
,Stellen Sie sich auf die Seite,' entgegnete er, indem er sich
erhob, erst auf die Knie, dann auf die Füße. Jane tat, wie er sie
hieß. Dann begann ein Heben, Stampfen, Schlagen, begleitet von
einem Bellen und Springen, welches sie in der Tat einige Schritte
vorwärts trieb; sie wollte sich jedoch nicht ganz entfernen, bevor
sie das Resultat gesehen. Dieses war am Ende ein glückliches; das
Pferd stand wieder auf den Füßen und der Hund wurde mit einem
, Kusch, Pilot!'' zur Ruhe gebracht. Dann beugte der Reisende
sich nieder und betastete seinen Fuß und sein Bein, wie um sich zu
vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von
Jane näherte sich ihm wiederum.
,Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen,
so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall Hilfe herbeiholen,' sagte sie.
,Ich danke Ihnen. Ich werde allein fertig werden. Ich habe kein Glied gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,'' und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; die
Untersuchung preßte ihm aber ein unwillkürliches,Au' aus.
Das Tageslicht war noch nicht ganz gewichen und der Mond
schien bereits hell: Jane konnte ihn deutlich sehen. Die Gestalt
war in einen weiten Reitmantel mit Pelzkragen und Stahlschlössern versehen gehüllt. Sie sah, daß der Mann von mittlerer
Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein finsteres
Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen mit den
hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen sprühten in diesem
Augenblick Wut und Zorn; er war über die erste Jugend fort, das
mittlere Lebensalter hatte er aber noch nicht erreicht; er mochte
ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen. Wieder winkte er ihr, beiseite zu gehen, sie verharrte aber auf ihrem Platze und kündigte ihm an:
‘Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Gäßchen allein zu lassen, bevor ich gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.'
Als sie dies sagte, blickte er sie an. Bis dahin hatte er die
Augen kaum auf sie gerichtet.
,Mich dünkt, Sie sollten dafür sorgen, daß Sie selbst nach
Hause kämen,' sagte er, ,wenn Sie ein Haus in der Nähe haben.
Woher kommen Sie denn?
,Von dort unten; und ich fürchte mich durchaus nicht, spät
draußen auf der Landstraße zu sein, wenn der Mond scheint. Wenn
Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüber laufen; ich gehe in der Tat nach dort, um einen Brief auf die
Post zu geben.
,Sie wohnen dort unten? Sie meinen doch nicht in jenem
Hause dort mit den Zinnen?’ mit diesen Worten deutete er auf
Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein
warf; deutlich und hell hob es sich von den Wäldern ab, welche jetzt
im Gegensatz zu dem westlichen Himmel eine ungeheure, schattige
Masse bildeten.
,Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mr. Rochester.
,Kennen Sie Mr. Rochester?
,Nein, ich habe ihn niemals gesehen.
,Er wohnt also jetzt nicht dort?
,Nein.
,Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?
,Nein, das kann ich nicht.
,Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie
sind - er hielt inne und ließ die Augen über Janes Kleidung
schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer
Merinomantel, ein schwarzer Filzhut; beides würde nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer gewesen sein. Es
ward ihm schwer zu entscheiden, wer sie eigentlich sein könne. Sie
half ihm.
, Ich bin die Gouvernante.
,Ahl! die Gouvernante!' wiederholte er, ,die hatte ich ganz
vergessen! Die Gouvernante! Die Gouvernante!'' und wiederum
unterwarf er Janes Toilette einer eingehenden Prüfung. Nach
zwei Minuten erhob er sich von seinem Plate am Zaun; sein Gesicht drückte den größten Schmerz aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,? sagte
er; ,aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die
Güte haben wollen.
,Ja, mein Herr.
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stützte gebrauchen könnte?
,Nein.
,Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es
mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?
Wäre Jane allein gewesen, so würde sie sich gefürchtet haben,
ein Pferd zu berühren; da ihr jedoch geheißen wurde, es zu tun,
gehorchte sie. Sie legte ihren Muff am Zaun nieder und näherte
sich dem großen Pferde; sie bemühte sich, den Zügel zu fassen, es
war aber ein feuriges Tier und wollte sie seinem Kopfe nicht nahe
kommen lassen; all ihre Versuche blieben erfolglos; inzwischen
fürchtete sie sich beinahe zu Tode vor seinen Vorderhufen, mit denen
es unaufhörlich ausschlug. Der Fremde wartete und beobachtete
einige Zeit; endlich lachte er laut auf.
,Ich sehe schon,' sagte er, ,der Berg will sich nicht zu
Mahomet bringen lassen, daher können Sie weiter nichts tun als
Mahomet helfen, daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, herzukommen.
Sie ging.
,Verzeihen Sie mir, fuhr er fort, ,die Notwendigkeit zwingt
mich, Sie mir nützlich zu machen. Er legte eine schwere Hand auf
Janes Schulter, und sich mit Nachdruck auf sie lehnend, hinkte er
bis zu seinem Pferde. Als es ihm dann einmal gelungen war, den
Zügel zu fassen, beherrschte er es sofort und schwang sich in den
Sattel; aber seinem Gesichte merkte man es an, daß der verrenkte
Knöchel ihn heftig schmerzte.
,Jetzt,'' sagte er, ,geben Sie mir meine Peitsche; sie liegt dort
unter der Hecke.
Jane suchte und fand sie.
,Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay
und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.
Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein
Pferd sich bäumte und davon sprengte; der Hund folgte wie rasend
den Spuren, und alle drei verschwanden.
Jane nahm ihren Muff wieder auf und ging weiter. Bald
kam sie nach Hay, warf den Brief in den Schalter des Postbureaus
und machte sich auf den Weg nach Hause. Als sie wieder an den
Zaun kam, hielt sie eine Minute inne, blickte umher und horchte;
ihr war, als müsse sie wiederum Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Fußsteige vernehmen, als müßte wiederum ein Reiter
im Mantel und ein Gytrashähnlicher Neufundländer erscheinen,
aber sie sah nur eine Hecke und eine Pappelweide vor sich, die still
und bewegungslos und gerade in das kläre Mondeslicht hineinragten; sie hörte nur den leisen Windhauch, welcher eine Meile
weiter hügelabwärts dann und wann durch die Bäume fuhr, die
das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als sie der
Richtung, aus welcher das leise Murmeln kam, mit den Augen
folgte, sah sie, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte sie daran, daß es bereits spät sei,
und sie eilte weiter.
Als Jane an der Parkpforte angelangt war, zögerte sie noch
einen Augenblick mit dem Eintritt, denn der Abend dünkte sie gar
zu schön. Dann ging se auf der Terrasse hin und her; die Jalousien der Glastür waren herabgelassen; sie konnte nicht in das
Innere des Zimmers blicken, und sowohl ihre Augen wie ihre
Seele schienen von dem düsteren Hause fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren Himmelsbogen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer vor ihr ausbreitete; feierlich und majestätisch
stieg der Mond empor und ließ die Spitzen jener Hügel unter sich,
hinter denen er hervorgekommen war; er strebte dem tiefdunklen,
unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden
Sterne, denen sie mit bebendem Herzen nachblickte. Gar kleine und
geringe Dinge rufen uns oft auf die Erde zurück. In der Halle
schlug die Uhr, das genügte. Jane wandte ihre Augen von Mond
und Sternen ab, öffnete eine Seitentür und trat ins Haus.
Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz
erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing;
eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren
Teil der alten Eichentreppe. Ein heller Schein drang aus dem
großen Speisezimmer, dessen hohe Flügeltüren geöffnet waren und
ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem
Glanz zeigten sich die dunkelroten Draperien, die polierten Möbel,
die Marmorverkleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel
auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war
Jane derselben ansichtig geworden, kaum hatte sie den Ton fröhlicher Stimmen vernommen, unter denen sie jene Adelens zu unterscheiden glaubte, als die Tür auch schon wieder geschlossen wurde.
Sie eilte nach Mrs. Fairfax' Zimmer; auch dort brannte ein
Feuer, jedoch kein Licht. Mrs. Fairfax war nicht sichtbar. Statt
ihrer fand sie auf dem Kaminteppich, einsam, aufrechtsitzend, ernst,
einen großen, langhaarigen, schwarz und weißen Hund, ähnlich dem
Gytrash aus dem Heckengäßchen. Er war ihm in der Tat so ähnlich, daß sie näher ging und rief:
,Pilot! Das Tier erhob sich, kam auf sie zu und beschnüffelte
sie. Sie liebkoste und streichelte den Hund; er wedelte mit seinem
großen, schweren Schwanze; aber er sah ihr doch ein wenig zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und sie wußte nicht einmal, woher er gekommen. Sie zog die Glocke, denn sie wünschte
ein Licht, und überdies hoffte sie auch Auskunft über diesen Gast
zu erhalten. Leah trat ein.
,Wo kommt dieser Hund her?
,Er ist mit dem Herrn gekommen.
,Mit wem??
,Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen.
,In der Tat! Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?
,Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer
und John ist eben gegangen, um einen Wundarzt zu holen; denn
unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt und
er hat sich den Knöchel verrenkt. !
,Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?
,Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Glatteise gestürzt.
,Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen? Ich bitte
Sie darum.
Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf
dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu,
daß Mr. Carter gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann
eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Tee zu treffen.
Jane ging nach oben, um Hut und Mantel abzulegen.
Dreizehntes Kapitel.
Mr. Rochester.
Mr. Rochester befolgte den Befehl des Arztes, indem er an
diesem Abend frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen
stand er spät auf. Als er dann herunterkam, war es nur, um sich
den Geschäften zu widmen; sein Bevollmächtigter und einige seiner
Pächter waren gekommen und warteten jetzt, um mit ihm sprechen
zu können.
Adele und Jane mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen;
es sollte täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen. Im
oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug Jane
die Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im
Laufe des Morgens hatte sie noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß
Thornfield-Hall ein anderer Ort geworden; es war nicht mehr still
wie in einer Kirche; zu jeder Stunde hallte ein lautes Klopfen an
der Tür oder der Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten
Schritte in der Halle; von unten herauf vernahm man den Schall
fremder Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch ihr stilles Heim. Thornfield hatte einen Herrn bekommen. Ihr gefiel es jetzt besser.
An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten; sie
konnte sich nicht sammeln. Jeden Augenblick lief sie zur Tür und
blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht
einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann erfand
sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen. Als Jane dann
ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu sitzen, begann sie
unaufhörlich von ihrem ‘Ami, Monsieur Edouard Fairfax de
Rochester,' wie sie ihn taufte, zu sprechen, und Vermutungen über
die Geschenke anzustellen, welche er ihr möglicherweise mitgebracht
hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet,
daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel
finden würde, deren Inhalt sie möglicherweise interessieren könne.
,Et cela doit signifier,’ sagte sie, ‘qu’il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez once et un peu pale. J’ai dit que oui: car c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’
Wie gewöhnlich speiste Jane mit ihrer Schülerin in Mrs.
Fairfax’ Wohnzimmer. Der Nachmittag war rauh und es
schneite, und sie brachten denselben im Schulzimmer zu. Mit
Dunkelwerden erlaubte sie Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen
und hinunter zu laufen; denn aus der verhältnismäßigen Stille
unten und dem Aufhören des Läutens an der Haustürglocke schloß
sie, daß Mr. Rochester jetzt unbeschäftigt sei. Allein geblieben,
trat sie ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die
Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und
verbargen sogar das Gebüsch auf dem Wiesenplan vor dem Hause.
Sie zog die Vorhänge zusammen und setzte sich wieder an das
Feuer. Sinnend saß sie so da, als Mrs. Fairfax eintrat.
,Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und
Und das soll bedeuten, daß ein Geschenk für mich darin sein wird,
und vielleicht auch für Sie, Fräulein. Der Herr hat von Ihnen gesprochen:
er hat mich nach dem Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob diese nicht
eine kleine Person sei, ziemlich dünn und ein wenig bleich. Ich habe Ja
gesagt; denn es ist wahr, Fräulein, nicht wahr?
Ihre Schülerin heute abend den Tee mit ihm im Salon einnehmen
wollten,' sagte sie,,er ist während des ganzen Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er bis jetzt keine Zeit gehabt, Sie aufzusuchen.
,Um welche Zeit nimmt er den Tee? fragte Jane.
,O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe
Stunden. Es wäre am besten, wenn Sie jetzt schon gingen, um
Ihre Toilette zu wechseln. Ich werde mit Ihnen gehen, um Ihnen
zu helfen. Hier ist eine Kerze.
,Ist es denn durchaus notwendig, meine Kleidung zu
wechseln?
,Ja, es ist besser, wenn Sie es tun. Ich mache stets Toilette
für den Abend, wenn Mr. Rochester hier ist.
Diese Sitte erschien Jane ein wenig prahlerisch. Indessen begab sie sich auf ihr Zimmer und mit Mrs. Fairfax' Hilfe tauschte
sie ihr schwarzes wollenes Kleid gegen ein seidenes von gleicher
Farbe; es war das beste und nebenbei auch das einzige, welches sie
besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach ihren
Toilettenbegriffen, die sie aus Lowood mitgebracht, zu prächtig
und elegant war, um es bei anderen als höchst feierlichen Gelegenheiten zu tragen.
,Sie brauchen noch eine Brosche, sagte Mrs. Fairfax, Jane
besaß einen einzigen kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen,
welchen Miß Temple ihr beim Abschied als Andenken geschenkt
hatte; diesen legte sie an und dann gingen sie hinunter. Sie war
nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es fast
eine schwere Prüfung für sie, so förmlich aufgefordert vor Mr.
Rochester zu erscheinen. Sie ließ Mrs. Fairfax zuerst in das
Speisezimmer eintreten und hielt sich in ihrem Schatten, als sie
dieses Gemach durchschritten. Dann gingen sie unter dem Bogen
durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und traten in die
elegante Vertiefung, welche sich hinter demselben befand.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem
Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers
lag Pilot, neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem
Ruhebett lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Polster gestützt; er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers
fiel voll auf sein Gesicht. Jane erkannte sofort den Reiter mit der
hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen wieder;
das schwarze Haar ließ die Stirn noch weißer erscheinen.
Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax' und ihren Eintritt wohl
bemerkt haben; aber er war nicht in der Laune, Notiz von ihnen zu
nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, als sie näher
traten.
,Hier ist Miß Eyre, mein Herr, sagte Mrs. Fairfax in ihrer
ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er
noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.
,Lassen Sie Miß Eyre platz nehmen,'' sagte er, und in der
förmlichen, steifen Verbeugung lag etwas, das zu sagen schien:
,Was kümmert es mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem
Augenblick verspüre ich keine Lust, mit ihr zu sprechen.'?
Jane setzte sich und ihre Verlegenheit war gänzlich geschwunden. Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde sie wahrscheinlich verwirrt haben; sie hätte ihn nicht durch Eleganz ihrerseits erwidern können; aber solche schroffe Launen legten ihr keine
Verpflichtung auf. Außerdem war ihr sein eigentümliches Benehmen interessant, und sie beobachtete, wie es nun weiter gehen
würde.
Er benahm sich also weiter, wie eine Statue es ungefähr getan haben würde; das heißt, er sprach weder, noch bewegte er sich.
Da begann Mrs. Fairfax zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich
und auch sehr alltäglich, begann sie ihn wegen der dringenden Geschäfte zu bemitleiden, mit welchen er während des ganzen Tages
überbürdet gewesen, wegen der Verrenkung, welche ihm große
Schmerzen verursachen müsse; dann empfahl sie ihm Geduld und
Ausdauer während des Verlaufs seiner Heilung.
,Madame, ich bitte um eine Tasse Tee,' lautete die einzige
Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen;
und als das Teebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen,
Löffel usw. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und
Jane gingen an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.
,Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen? sagte Mrs.
Fairfax zu Jane. ,Adele könnte den Tee verschütten.
Jane tat, was sie begehrte. Als er ihr die Tasse aus der
Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Bitte zu Janes Gunsten auszusprechen:
,N’est-ce pas, Monsieur, qu’il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?’
,Wer redet von cadeau?’ fragte er rauh. ,Haben Sie ein
Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?
und forschend blickte er ihr ins Gesicht mit Augen, in denen Zorn
und Ärger blitzten.
,Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung
wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr
angenehme Dinge.
,Im allgemeinen hält man sie dafür!! Aber was halten Sie
davon??
,Ich müßte mir wirklich Zeit nehmen, Sir, um zu überlegen,
bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Annahme würdig
wäre. Ein Geschenk hat viele Gesichter. Nicht wahr? Und man
sollte jedes einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine
Beschaffenheit ausspricht.
,Miß Eyre, Sie sind nicht so harmlos und einfach wie Adele;
sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie
hingegen klopfen auf den Busch.
,Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als
Adele; sie kann das Recht der Gewohnheit und die alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets
Spielsachen zu schenken pflegten. Mir würde es aber die größte
Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgendeinen berechtigten Anspruch
an Sie erheben sollte, denn ich bin eine Fremde und habe nichts
getan, um eine Belohnung von Ihnen zu verdienen.
,D, bitte, verfallen Sie jetzt nicht in das Extrem zu großer
Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich
Nicht wahr, mein Herr, in Ihrem Koffer liegt ein Geschenk für
Fräulein Eyre?
mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders aufgeweckt; sie hat kein großes Talent, und doch hat sie in kurzer Zeit
große Fortschritte gemacht.
,Sir, jetzt haben Sie mir mein cadeau gegeben; ich bin Ihnen
außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere Freude
machen als Lob über die Fortschritte seiner Schüler.
,Bah!' sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Tee schweigend aus.
,Kommen Sie hierher ans Feuer,'' sagte der Hausherr, als
das Teegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem
Strickzeug in einen Winkel setzte, und Adele sie an der Hand durch
das ganze Zimmer führte, um ihr all die prächtigen Bücher und
Nippsachen auf Konsolen und Kommoden zu zeigen. Sie gehorchte pflichtschuldig. Adele wollte auf ihrem Schoß Plat
nehmen, aber es wurde ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie halten sich jetzt schon drei Monate in meinem Hause auf?!
.Ja, Sir.
, Und Sie kamen aus - - -
, Aus der Schule zu Lowood in .. shire.
, Ah! eine Wohltätigkeitsanstalt! Wie lange waren Sie
dori?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte,.
daß die Hälfte der Zeit genügen müsse, um jede Gesundheit aufzureiben! Kein Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen
Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt
gefragt, woher Sie ein solches Gesicht haben könnten. Als Sie
mir gestern abend in dem Heckenwege entgegenkamen, mußte ich
unwillkürlich an Gespenstergeschichten denken, und ich hatte schon
die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Wer sind
Ihre Eltern?
,Ich habe keine.
, Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie
sich ihrer nicht?
,Nein.
, Nun,'' fuhr Mr. Rochester fort, , wenn Sie nun auch Ihre
Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgendwelche Verwandte
haben, Onkel oder Tanten?
, Keine, die ich jemals gesehen.'
, Und Ihr Heim?
, Ich habe keins.
, Wo leben denn Ihre Brüder und Schwestern?!
, Ich habe weder Brüder noch Schwestern.
,Wer empfahl Ihnen denn, hierher zu kommen?!
,Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete diese Annonce.
,Ja,! sagte die gute Dame, ,und täglich danke ich der Vorsehung für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist
eine unschätzbare Gefährtin für mich, und eine gütige, sorgsame.
pflichtgetreue Lehrerin für Adele.
,Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,' entgegnete Mr. Rochester, ,Lobeserhebungen ködern mich nicht. Ich
werde für mich selbst urteilen. Sie hat damit angefangen, mein
Pferd zu Boden zu strecken,'' sagte er scherzend.
,Sir? sagte Mrs. Fairfax.
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken,' fuhr er scheinbar
ernst fort.
Die Witwe blickte beide erstaunt an.
,Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jeweils in einer Stadt
gewohnt??
,Nein, Sir.
,Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?
, Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.
,Haben Sie viel gelesen?
,Nur solche Bücher, deren ich zufällig habhaft werden konnte;
und diese waren weder sehr zahlreich noch sehr gelehrt.
, Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel
sind Sie in religiösen Formen gut geschult; Brocklehurst, welcher, wie ich glaube, Direktor von Lowood, ist ein Prediger, wenn
ich nicht irre?
,Ja, Sir.
,Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich.
,O nein!
,Sie sind sehr aufrichtig!
,Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand
mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter Mann, der
unendlich übermütig war und sich stets Übergriffe erlaubte. Er
ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er
schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum
nähen konnten.'
,Das war eine sehr verkehrte Sparsamkeit,r bemerkte Mrs.
Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder aufnehmen
konnte.
, Und war dies das größte und schwärzeste seiner Verbrechen? fragte Mr. Rochester.
, Er ließ uns beinahe verhungern, als er die alleinige Aufsicht über die Verwaltung der Verpflegung führte, bevor noch das
Komitee eingesetzt wurde; und wöchentlich einmal langweilte er
uns mit langen Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus
Büchern, die er selbst zu wählen pflegte; diese handelten stets von
plötzlichen Todesfällen und fürchterlichen Strafen, so daß wir
abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
, Ungefähr zehn Jahre alt.
, Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt
achtzehn Jahre alt?
Jane nickte bejahend.
,Wie Sie sehen ist die Rechenkunst sehr nützlich. Ohne ihre
Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es
ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und
Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie es
bei Ihnen der Fall ist. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in
Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen??
,Ein wenig.
, Natürlich ein wenig'. Das ist so die gewöhnliche Antwort.
Gehen Sie in die Bibliothek,d. h. wenn Sie so liebenswürdig sein
wollen. Verzeihen Sie meinen Kommandoton; ich bin daran gewöhnt zu sagen: Tun Sie dies', und es ist geschehen; ich kann
meine alten Gewohnheiten eines einzigen neuen Hausgenossen
zuliebe nicht ablegen. Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen
Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Tür offen, setzen Sie sich ans
Klavier und spielen Sie ein Lied.
Jane ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.
, Genug !' rief er nach wenigen Minuten. ,Sie spielen allerdings ein wenig', ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber durchaus
nicht gut.
Jane schloß das Klavier und kehrte in das Wohnzimmer zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
, Adele hat mir heute morgen einige Skizzen gezeigt, von
denen sie sagte, daß es die Ihrigen seien. Ich weiß nicht, ob dieselben Ihr Werk allein sind, wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen
dabei geholfen??
, Nein, gewiß nicht!' rief Jane schnell.
,Ah! da erwacht die Eitelkeit. Gut also, holen Sie Ihre
Mappe, wenn Sie dafür bürgen können, daß sie nur Originale enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz
sicher sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.
, Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden
selbst urteilen.
Jane holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Bringen Sie mir den Tisch heran,' sagte er, und Jane schob
denselben an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch
heran, um die Bilder zu sehen.
, Kein Gedränge,'' sagte Mr. Rochester, ,nehmen Sie mir die
Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken
Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.
Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei
von diesen legte er beiseite; die anderen schob er von sich, nachdem er
sie geprüft hatte.
, Nehmen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,
sagte er, ,und betrachten Sie sie mit Adele; Sie, Miß Eyre, nehmen
Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe,
daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?
.Ja.
,Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert.
,Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, als
ich keine andere Beschäftigung hatte.
,Woher haben Sie die Motive genommen?
,Aus meinem eigenen Kopfe.
,Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich?
,Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren noch bessere in
sich trägt.
Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie
abwechselnd.
Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt. Das erste
stellte düstere, blaugraue, niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in Finsternis da und
ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn
es war gar kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl
fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf
welchem ein Wasserrabe saß, dunkel und groß, dessen Flügel mit
Wellenschaum bespritzt waren; im Schnabel hielt er ein goldenes
Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte
die Malerin die reichsten Farben verliehen, welche ihre Palette
herzugeben vermocht. Hinter Mast und Vogel schien ein Ertrunkener in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das
einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband
herunter gespült oder gerissen.
Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige
Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter und Grashalme
wie vom Winde getrieben, herabrollten. Hinter und über dem
Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus, tiefblau wie zur
Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer
Frau, in weichen und unbestimmten Farben gemalt. Die klare
Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah
man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten dunkel und
wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke.
welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat.
Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges, welcher
in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß
ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor.
Diese in die Ferne schleudernd, erhob sich im Vordergrund ein
Kopf, ein kolossaler Kopf, welcher sich dem Eisberg zuneigte und
an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter der Stirn
kreuzten und diese stützten, zogen einen schwarzen Schleier vor die
unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und
ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als
den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen,
zwischen turbanartigen Falten einer düstern Drapiere, die in Form
und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war, glänzte ein Ring von
weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von intensiverem
Glanz leuchteten. Dieser blasse Halbkreis war das Ebenbild einer
Königskrone; was diese krönte, war die Form, die keine
Form hat.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?' fragte
Mr. Rochester.
,Ich hatte mich in die Arbeit vertieft, Sir; ja -- ich war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich eine der höchsten Freuden, die
ich jemals gekannt.
, Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung
sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie
sich in einer Art von KünstlersTraumland befanden, als Sie diese
seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen.
Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?
,Ich hatte nichts anderes zu tun, da es Ferienzeit war, und
ich saß von Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend
dabei. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung
zum Fleiß.
, Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?
,Weit entfernt davon. Der Abstand zwischen meiner Idee
und meiner Ausführung quälte mich; in jedem dieser drei Fälle
hatte mir etwas vorgeschwebt, was ich außerstande gewesen zu
verwirklichen.''
, Nicht ganz. Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten, ist
Ihnen gelungen; mehr wahrscheinlich nicht. Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse, um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können; jedoch sind die Zeichnungen
für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert. Die Ideen sind
vollständig elfenartig, geisterhaft. Diese Augen in dem Abendstern' müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben
Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wieder
zu geben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre
Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe.
Und wer hat Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm. Hier,
tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.
Kaum hatte Jane die Bänder ihrer Zeichenmappe wieder zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so
lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.
Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer
verließ.
,Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,r sagte er und
machte eine Handbewegung nach der Tür, zum Zeichen, daß er der
Gesellschaft müde sei und sie entließe. Mrs. Fairfax legte ihre
Strickerei zusammen; Jane nahm ihre Zeichenmappe; sie verneigten
sich vor ihm, erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß, und zogen sich dann zurück.
,Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,'' bemerkte Jane, als sie wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem sie Adele ins Bett gebracht
hatte.
,Nun, und besitzt er deren??
,Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.
,Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem
Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an seine Art und
Weise gewöhnt, daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber
mache. Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern, wenn
seine Laune nicht immer gleichmäßig ist.
,Weshalb das?
,Teilweise, weil es in seiner Natur liegt, und keiner von uns
kann gegen seine Natur kämpfen; hauptsächlich aber, weil er
wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn
peinigen und seine gute Laune stören.
,Was quält ihn denn?
,Familienkummer vor allen Dingen.
,Aber er hat ja keine Familie.
,Jetzt nicht mehr, aber er hatte eine; Verwandte wenigstens.
Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.
,Seinen älteren Bruder?
,Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr
lange im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit
neun Jahren.
,Neun Jahre sind eine lange Zeit! Liebte er seinen Bruder
so zärtlich, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist?
,Nein, nein, das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber,
daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und
vielleicht war er es auch, der den Vater gegen ihn einnahm.
Aus diesem Grunde hält sich Mr. Rochester auch nicht gern in
Thornfield auf, um nicht den alten Erinnerungen zu erliegen.
Vierzehntes Kapitel.
Mrs. Reeds Tod.
Mr. Rochester hielt sich dieses Mal länger in Thornfield auf
als gewöhnlich, und Jane erkannte bald ihr Unrecht, wenn sie ihn
für hochmütig und launenhaft hielt. Im Gegenteil sah sie bald
ein, daß er trotz seiner anscheinenden Strenge und Rauheit ein
gutes und vor allem gerecht denkendes Herz hatte. Bald war er
ihr gegenüber nicht mehr steif und herrisch, sondern mitteilsam und
vertraulich. Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite
sie vom quälenden Zwange; seine freundliche Offenherzigkeit tat ihr
wohl. Zuweilen war es ihr, als sei er ihr nahe verwandt, sie vergaß
ganz, daß er eigentlich ihr Brotherr war. Wohl war er hier und da noch
gebieterisch und herrisch; aber das kränkte sie nicht mehr, da sie nun
wußte, daß es nun einmal so seine Art sei. So fühlte sie sich zufrieden und glücklich; auch ihre körperliche Gesundheit wurde besser,
sie wurde stark und kräftig.
Besonders dankbar aber war sie ihrem Brotherrn für die
geistige Nahrung, die er ihr bot. Er gab ihr Bücher aus seiner
Bibliothek, deren Inhalt er dann in den Mußestunden mit ihr besprach. Auch schenkte er ihr einen prächtigen Farbenkasten und
Malutensilien und ermahnte sie, ihr ausgezeichnetes Maltalent zu
pflegen. So förderte er Jane auf jede Weise.
In dieses friedliche Leben Janes platzte wie, eine Bombe eine
Nachricht von ihrer Tante, der beinahe vergessenen Mrs. Reed hinein. Eines Tages befand sich Jane in ihrem Zimmer, als Leah ihr
mitteilte, daß jemand sie in Mrs. Fairfax Zimmer erwarte.
Als Jane hinunter kam, fand sie einen Mann, der auf sie
wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Kammerdiener; er war
in tiefe Trauer gekleidet und der Hut, welchen er in der Hand trug,
war in Krepp gehüllt.
,Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,' sagte er,
indem er sich bei Janes Eintritt erhob, ,aber mein Name ist
Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren in Gateshead waren,
war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren
Diensten.
,O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß
Georgines braunem Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie
sind doch mit Bessie verheiratet??
,Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke fr die Nachfrage. Wir haben jetzt drei Kinder, und Mutter und Kinder befinden sich wohl.
Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?
,Es tut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren
Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr
schlecht, sie haben großen Kummer.
,Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist,' sagte Jane,
indem sie auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf
den Krepp an seinem Hute und sagte:
,Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in
London gestorben.''
,Mr. John?’
,Ja. Miß.’
,Und wie trägt seine Mutter es?
,Nun sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück; er hat ein gar wildes Leben geführt. Während der letzten
drei Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben, und sein Tod
war fürchterlich.
, Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut war.
,Nicht gut war! Barmherziger Gott! Er konnte nichts
Schlimmeres tun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter zugrunde gerichtet in der schlechtesten Gesellschaft. Er geriet in
Schulden und ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm
heraus geholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen
alten Gewohnheiten zurückkehrte. Sein Kopf war niemals stark,
Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er
lebte, betrogen und foppten ihn in der unerhörtesten Weise. Vor
ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum übergeben
solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung sind ihre
Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So kehrte er
denn wieder um nach London, und das nächste, was wir von ihm
hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist- Gott
mag es wissen! Die Leute sagen, daß er sich umgebracht hat.
Jane schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.
Robert Leaven fuhr fort:
,Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist
sehr stark geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust
des Geldes und die Furcht vor Armnut richteten sie schier zugrunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und die Art, wie er
herbeigeführt, kam zu plötzlich: das führte einen Schlaganfall. herbei. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten
Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war, als wollte
sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen
und murmelte unverständliche Worte. Erst gestern morgen konnte
Bessie verstehen, daß sie Ihren Namen aussprach, und zuletzt verstand sie ganz deutlich, wie sie sagte: Bringt mir Jane, holt Jane
Eyre, ich muß mit ihr sprechen. Bessie weiß nun nicht, ob sie bei
Sinnen ist, und ob sie irgend etwas mit den Worten meint; aber
sie hat es Miß Reed und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten,
Sie, Miß, holen zu lassen. Die jungen Damen wollten anfangs
nichts davon wissen; aber ihre Mutter wurde so ruhelos, und rief.
so oft Jane! Jane! Jane!! daß sie endlich einwilligten. Ich verließ Gateshead gestern; und wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten, Miß, so würde ich Sie gern mitnehmen.
,Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich doch
gehen.
,Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz
gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten
müssen, ehe Sie gehen?
,Gewiß. Und ich werde es augenblicklich tun. Dann führte
Jane ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem sie ihn der
Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit
warm empfohlen hatte, machte sie sich auf den Weg, um Mr.
Rochester zu suchen.
Mr. Rochester befand sich im Billardzimmer und spielte gerade
mit mehreren Gästen eine Partie, als er Jane bemerkte. Er folgte
ihr auf den Korridor.
,Nun, Fräulein? fragte er, indem er sich mit dem Rücken an
die Tür des Schulzimmers lehnte.
,Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von einer Woche
von Ihnen zu erbitten.
,Was wollen Sie damit? Wohin gehen Sie?
,Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.
,Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?
,In Gateshead, in - - - shire.
, -shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Was kann sie
Ihnen sein, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung
um ihretwillen zurückzulegen?
,Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.
Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead,
der Ratsherr war.
,Sie ist seine Witwe, Sir,
, Und was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen Sie sie
überhaupt?
,Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen
Mutter.
,War er das? Weshalb haben Sie mir das nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten hätten.'
,Keine, die mich anerkannten, Sir. Mr. Reed ist tot, und
seine Witwe hat mich verstoßen.
,Weshalb?
,Weil ich arm und ihr eine Last war. Sie hat mich mit leidenschaftlichem Hasse verfolgt.
,Reed hat aber, so viel ich weiß, Kinder hinterlassen. Sie
müssen also doch auch Vettern und Cousinen haben? Ein Bekannter
von mir sprach erst gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie
er sagte, einer der verkommensten Menschen in London sei,!
,John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir, en hat sich selbst vollständig zugrunde gerichtet und seine Familie zur Hälfte mit in
diesen Ruin hineingezogen. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese fürchterliche Nachricht hat seine arme
Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen Schlaganfall erlitten hat.
, Und was können Sie ihr nützen? Es würde mir niemals in
den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame zu
sehen, die möglicherweise schon tot ist, nenn Sie an Ihrem Bestimmungsort ankommen. Außerdem erzählten Sie mir ja soeben
noch, daß sie Sie verstoßen hat.
, Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die
Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder
Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.
,Wie lange werden Sie fortbleiben?
,So kurze Zeit wie irgend möglich, Sir.
,Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben.'
,Ich möchte Ihnen das nicht mit Sicherheit versprechen, doch
hoffe ich in dieser Zeit wieder zurück zu sein.
,Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran,
die hundert Meilen allein zu reisen ?
,Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.
,Ein vertrauenswürdiger Mensch ?
,Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.
Mr. Rochester sann nach.
,Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?
,Morgen in aller Frühe, Sir.
,Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie können unmöglich ohne
Geld reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie
haben von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie
noch in dieser Welt? fragte er gutmütig lächelnd.
Jane zog ihre Börse hervor; sie war allerdings ein mageres
Ding. ,Fünf Schilling, Sir.
Er nahm ihr die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen
Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese armselige Summe
ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er seine Brieftasche hervor:
,Hier,'! sagte er und bot ihr eine Banknote. Es waren fünfzig
Pfund, und er schuldete ihr nur fünfzehn. Sie sagte ihm, daß sie
die Note nicht wechseln könne.
,Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Es ist nur Ihr Gehalt.
Sie weigerte sich, mehr anzunehmen, als ihr rechtmäßig zukam. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, wie wenn ihm
plötzlich ein Gedanke gekommen wäre:
,Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich
Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen,
könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, drei Monate fort zu
bleiben. Hier haben Sie zehn; ist das nicht reichlich?
,Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
,Sie können wieder kommen, um diese einzukassieren. Sie
haben jetzt bei mir, Ihrem Banquier, vierzig Pfund gut. Mit
diesen Worten begab er sich zu seinen Gästen zurück.
Jane sah ihn an diesem Tage nicht wieder, und am nächsten
Morgen war sie schon lange unterwegs, bevor jemand im Hause
aufgestanden war.
Am Nachmittage des ersten Mai erreichte Jane das Parkhüterhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor
sie nach dem Herrenhause hinaufging, trat sie hier ein. Es war
außerordentlich sauber und hübsch. Vor den architektonisch schönen
Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge; der Fußboden war
fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren blank poliert, und
das Feuer loderte lustig empor. Bessie saß in der Ofenecke und
spielte mit ihrem Jüngsten. Robert und sein Schwesterchen unterhielten sich still. in einem Winkel des traulichen Gemaches.
, Gott segne Sie! ich wußte ja, daß Sie kommen würden!
rief Mrs. Leaven bei Janes Eintritt aus.
,Ja, Bessie, sagte diese, und umarmte die Dienerin.
, Hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed?
Sie ist doch noch am Leben??
,Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder
erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch eine oder zwei Wochen mit
ihr dauern kann; aber auf eine endliche Besserung dürfen wir nicht
hoffen.
,Hat sie meiner kürzlich wieder erwähnt?
, Heute morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jest schläft sie. Wenigstens
schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in einer Art
von Erstarrung und erwacht erst gegen sechs oder sieben Uhr. Miß,
wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen? Später werde ich
dann mit Ihnen hinaufgehen.
Hier trat ihr Mann ein, und Bessie legte ihr jetzt schlafendes
Kind in die Wiege, um ihn zu bewillkommnen. Dann bestand sie
darauf, daß Jane ihren Hut abnehmen und eine Tasse Tee trinken
solle; denn sie sehe so müde und blaß aus, sagte sie. Jane war
froh und nahm ihre Gastfreundschaft dankend an. So widerstandslos wie sie sich als Kind von ihr entkleiden ließ, gestatteie sie
ihr auch jet, ihr die Reisekleider abzunehmen.
Wie die alten Zeiten in ihrer Erinnerung wieder auflebten,
als sie ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie deckte den Teetisch
mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen
Teekuchen, und gab dem kleinen Robert und ihrem Töchterchen
Jane hier und da einen keinen Schlag oder Stoß, gerade so wie
sie es in vergangenen Tagen mit Jane Eyre zu tun pflegte. Bessie
hatte sich ihr rasches Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten
Schritt und ihr hübsches Gesicht.
Als der Tee fertig war, wollte sich Jane an den Tisch setzen, aber
in ihrem alten, befehlenden Ton sagte Bessie ihr, sie solle still sitzen.
Sie sagte, sie müsse ihr am Kaminfeuer servieren; und dann stellte
sie einen kleinen, runden Tisch mit einer Tasse und einem Teller
gerösteter Weißbrotschnitten vor sie hin; gerade so wie sie sie früher
mit irgendeinem heimlich erbeuteten Leckerbissen zu versorgen
pflegte, wenn sie in ihrem Kinderstuhl saß. Jane lächelte und gehorchte ihr, wie sie es damals getan. Bessie wollte dann
wissen, ob Jane glücklich in Thornfield-Hall sei, und sie
sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des
Hauses sei. Und als Jane ihr gesagt, daß Thornfield nur
einen Herrn habe, wollte sie wieder wissen, ob er liebenswürdig
und gut sei. Jane erzählte ihr, daß er durchaus ein Gentleman
sei, daß er sie mit großer Güte behandle, und sie sich dort glücklich
fühle.
Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell.
Bessie brachte Jane ihren Hut und ihre Schals wieder, und von
ihr begleitet verließ sie das Parkhüterhäuschen, um sich hinauf ins
Herrenhaus zu begeben. Von ihr begleitet war Jane auch vor fast
neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den sie jetzt hinaufging.
An einem düstern, nebeligen, rauhen Januarmorgen hatte sie mit
verzweifeltem, erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen,
um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem
fernen, unbekannten Lande. Und dort stieg nun wieder jenes
feindliche Dach vor ihr empor. Noch immer schmerzte ihr das
Herz. Noch immer war sie nur ein einsamer Wanderer auf diesem
Erdenball, aber sie hatte ein festeres Vertrauen zu sich selbst und
zu ihrer Kraft erlangt; sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein. Die schmerzende Wunde, die man ihr so grausam in den
Tagen der Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt; die Flamme des
lodernden Hasses war erloschen.
,Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die
jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,'' sagte Bessie, als
sie Jane vorauf in die Halle trat.
Nach einem kurzen Augenblick befand sich Jane in dem genannten Zimmer.
Jedes Einrichtungsstück stand noch da, wie an jenem Morgen,
als Jane Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der
Teppich, auf dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als ihr
Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte, war ihr's.
als ständen jene zwei Bände ,Bewick, Vögel Englands' noch auf
ihrem alten Plate auf dem dritten Regal, und ,Gullivers Reisen'
und ,Tausend und eine Nacht'' standen gerade darüber. Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben, die Menschen
jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Jane erblickte zwei junge Damen vor sich; die eine war sehr
groß und mager, von blassem Aussehen und strengen harten
Zügen. Sie war mit außerordentlicher Einfachheit gekleidet. Sie
trug ein schwarzwollenes Kleid mit glattem Rock, einen weißen
Leindwandkragen und einen nonnenhaften Schmuck, der aus einer
Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte nicht anders sein- dies war Eliza, obgleich in
ihrem langen, blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem
früheren Selbst zu entdecken war.
Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht
jene Georgina, deren Jane sich erinnern konnte, jenes schlanke,
blonde Mädchen von elf Jahren.
Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß
und zart wie Wachs, mit schönen, regelmäßigen Zügen, blauen
Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes
Kleid; dasselbe war aber so verschieden von dem ihrer Schwester,
so viel kleidsamer und graziöser, daß es ebenso modern aussah, wie
das andere einfach erschien.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter,
doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter hatte
das hervorstehende Auge; das blühende, üppige, jüngere Mädchen
hatte ihr Kinn. Vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert,
aber dennoch gaben sie dem sonst so hübschen Gesicht Georginas
einen Zug von unbeschreiblicher Härte.
Als Jane auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um sie
zu bewillkommnen, und beide redeten sie mit Miß Eyre an. Elizas
Gruß wurde in kurzer, verächtlicher Weise ausgesprochen, ohne daß
sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach
der Begrüßung setzte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das
Kaminfeuer und schien Janes Anwesenheit nicht weiter zu bemerken. Georgina fügte ihrem,Wie geht es Ihnen'' noch mehrere
alltägliche Bemerkungen über die Reise, das Wetter usw. hinzu.
Sie maß Jane von Kopf bis zu Fuß, und ein gewisser Hochmut lag
in ihrem Blick.
Aber diese Überhebung ihrer Cousinen machte auf Jane nicht
mehr denselben Eindruck als sonst. Als sie so dasaß zwischen den
beiden, war sie ganz erstaunt, zu finden, wie gleichgültig ihr die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbe Höflichkeit der
andern war. Eliza vermochte sie nicht zu demütigen, Georgina
konnte sie nicht aus ihrem Gleichmut bringen.
,Wie befindet sich Mrs. Reed? fragte Jane alsbald, indem
sie Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend,
bei dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte Freiheit, die Jane sich erlaubte.
,Mrs. Reed?? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute abend noch
sehen können.'
, Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.
Georgina schreckte förmlich empor und riß ihre blauen Augen
weit und wild auf.
,Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich
zu sehen,' fügte Jane hinzu, ,und ich möchte die Erfüllung dieses
Wunsches nicht weiter hinausschieben als absolut notwendig ist.
, Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,''
bemerkte Eliza. Bald darauf erhob sich Jane, nahm unaufgefordert ruhig ihren Hut und ihre Handschuhe ab und sagte, daß sie für
einen Augenblick zu Bessie hinausgehen wolle, die vermutlich in der
a AR
sie Bessie gefunden und sie mit ihrem Auftrag hinaufgeschickt hatte,
fuhr sie fort, weitere Maßregeln zu ergreifen.
Bis jetzt war es stets ihre Gewohnheit gewesen, sich vor jeder
Unverschämtheit zurückzuziehen, förmlich vor derselben zu fliehen;
hätte man sie noch vor einem Jahre irgendwo empfangen, wie man
sie heute in Gateshead empfing, so würde sie das Haus binnen
weniger Stunden bereits verlassen haben; jetzt sah sie aber plötzlich
ein, daß das ein sehr törichtes Verfahren gewesen wäre. Sie hatte
eine Reise von über hundert Meilen gemacht, um ihre Tante zu
sehen, und sie mußte jetzt bei ihr bleiben, bis sie besser war oder tot.
Den Stolz und die Dummheit ihrer Töchter mußte sie unbeachtet
lassen, ja, sich vollständig unabhängig davon machen.
Sie wandte sich also an die Haushälterin, verlangte von ihr,
daß sie ihr ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß sie wahrscheinlich
einige Zeit als Gast hier im Hause weilen würde, ließ ihren Koffer
auf ihr Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls hinauf.
Auf der Treppe begegnete ihr Bessie.
,Mistreß ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, daß Sie
da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie erkennen
wird.
Jane bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten
Zimmer. Wie oft war sie in früheren Tagen hineingerufen worden,
um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Sie eilte Bessie
voran und öffnete vorsichtig und leise die Tür. Die Lampe auf
dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große
Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in
alien Zeiten. Dort der Toilettetisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem zu knien sie wohl hundertmal verurteilt gewesen.
Wie oft hatte sie dort Verzeihung für Sünden erflehen müssen, die
sie niemals begangen hatte. Sie blickte in einen gewissen Winkel
und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer
einst so gefürchteten Reitgerte zu sehen, die dort auf sie zu lauern
pflegte und nur darauf wartete, wie ein böser Kobold herausspringen und auf ihrem Rücken oder ihren Armen umhertanzen können.
Sie näherte sich dem Bette; sie zog die Vorhänge zurück und
lehnte sich über die hochaufgetürmten Polster.
Gar wohl erinnerte sie sich des Gesichts von Mrs. Reed und
eifrig suchte sie nach den bekannten Zügen. Diese Frau hatte sie
einst in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte sie mit keiner
anderen Empfindung zu ihr zurück als mit einer Art von Erbarmen
über ihr großes Leid, und einem innigen Verlangen, alles Unrecht
zu vergeben und zu vergessen, sich zu versöhnen und ihre Hand in
Freundschaft zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, strenge, erbarmungslos wie immer, jenes eigentümliche Auge, dessen Blick
nichts zu besänftigen vermochte, die geschwungenen, herrschsüchtigen, despotischen Brauen. Wie oft hatte dies Auge nur Haß und
Zorn und Drohungen auf Jane herabgeblitzt! Wie erwachte die
Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der Kindheit wieder
in ihr, als sie diese harten Gesichtszüge wieder erblickte! Und doch
beugte sie sich zu ihr hinab und küßte sie.
Sie blickte zu Jane auf.
,Ist es Jane Eyre? fragte sie.
,Ja, Tante Reed. Wie fühlen Sie sich, liebe Tante?’
Wohl hatte Jane einmal geschworen, daß sie Mrs. Reed nie wieder Tante nennen wollte. Aber sie hielt es für keine Sünde
jenes Gelübde in diesem Augenblick zu brechen. Ihre Finger
hielten die Hand der Kranken umschlossen; hätte sie dieselben
freundlich gedrückt, so würde Jane eine warme, innige Freude
empfunden haben. Aber Mrs. Reed zog ihre Hand fort und indem
sie ihr Gesicht von Jane abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr
warmer Abend sei. Und wieder blickte sie Jane an, so eisig kalt,
daß diese augenblicklich fühlte, wie ihre Ansichten über sie, ihre
Empfindungen für sie nicht verändert waren, überhaupt keiner
Änderung fähig waren. Jane sah es dem versteinerten Auge, welches niemals durch Tränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, sie bis zum letzten
Augenblick für ein schlechtes Geschöpf zu halten.
Jane empfand Kummer, dann bemächtigte sich ihrer der Zorn,
und schließlich faßte sie den Entschluß, die Tante zu besiegen, ihrer
Herr zu werden trot ihrer hartherzigen Natur und ihres starren
Willens. Die Tränen waren ihr in die Augen gestiegen, gerade so
wie in den Tagen ihrer Kindheit, aber sie drängte sie an ihre Quelle
zurück. Dann brachte sie einen Stuhl an das Kopfende des Bettes.
Sie setzte sich und beugte sich über die Polster.
,Sie haben mich holen lassen, sagte sie, ,und jetzt bin ich
hier; und es ist meine Absicht, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es
sich mit Ihnen zum Besseren wendet.
,O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?
Ja.
,Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die mir auf
der Seele lasten. Heute abend ist es zu spät, und es wird mir jetzt
auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber etwas
wollte ich dir sagen -- ja - was war es doch gleich--
Der wirre Blick und die veränderte Sprache zeigten Jane nur
zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen
Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf Mrs. Reed sich
hin und her und begann, an der Bettdecke zu zupfen. Janes Arm,
der auf dem Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie wieder ärgerlich.
,Laß los!' sagte sie, ,ärgere mich nicht, indem du mich festzuhalten suchst! Bist du wirklich Jane Eyre?
,Ich bin Jane Eyre.
,Ich habe mehr Mühe und Kummer und Verdrießlichkeiten
mit dem Kinde gehabt, als irgendein Mensch glauben würde. Mir
eine solche Last aufzubürden! Und wieviel Ärger sie mir täglich
und stündlich mit ihren unbegreiflichen Charakteranlagen verursacht
hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen,
fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man tat! Ich
kann versichern, sie hat eines Tages zu mir gesprochen wie eine
Wahnsinnige; kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen
wie sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause loszuwerden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht?
Das Fieber brach dort aus, und viele, viele Schülerinnen sind gestorben. Aber sie, sie starb nicht. Ich habe trotzdem gesagt, daß sie
tot sei! Ach, wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!'?
,Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie
so sehr?
,Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige
Schwester meines Mannes und er hing mit unsäglicher Liebe an
ihr. Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene
niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem Tode kam,
weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das Baby geholt
werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in Kost zu geben
und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich haßte es schon, als
meine Augen es zum ersten Male sahen, ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch konnte es in
seiner Wiege liegen und winseln, es schrie nicht herzlich und kräftig
wie andere Kinder, nein, es stöhnte und wimmerte. Reed hatte
Erbarmen mit ihm. Und er pflegte es zu liebkosen und zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre, nein, mehr
als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte, als sie in jenem
Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder freundlich gegen
die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten
sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie ihre Abneigung
zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es fortwährend an
sein Bett bringen, und kaum eine Stunde vor seinem Tode ließ
er mich einen heiligen Eid ablegen, daß ich das Geschöpf stets erhalten und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen, wenn
man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur
Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach von Natur.
John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich, und ich bin froh
darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern, er ist ein
ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit seinen
Bettelbriefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich
ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der
Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen oder
es ganz vermieten. Aber ich kann mich nicht darein finden, das
zu tun; und doch, wie sollen wir sonst weiter leben? Zwei Drittel
meines Einkommens gehen drauf, um die Zinsen der Wucherschulden zu bezahlen. John spielt ganz fürchterlich und er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern und
Tagedieben umgeben. John ist ganz gesunken und verkommen -
er sieht grauenhaft aus- ich schäme mich seiner, wenn ich ihn
sehe.
Jetzt geriet die Kranke in eine furchtbare Aufregung.
,Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse,' sagte
Jane zu Bessie, die an der andern Seite des Bettes stand.
,Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie
oft in dieser Weise -- des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.
Jane erhob sich.
,Bleib!' rief Mrs. Reed aus. ,Ich habe noch etwas anderes
zu sagen. John droht mir, er droht mir unaufhörlich mit seinem
Tode oder dem meinen. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn
mit einer großen Wunde im Halse oder mit blutigem, entstelltem,
geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen.
Ich habe schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu tun?
Woher soll ich das Geld nehmen?
jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie ein Beruhigungsmittel nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich
darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in eine Art von Halbschlaf. Dann ließen sie sie allein.
Mehr als zehn Tage vergingen, bevor sich wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Kranken bot. Sie lag entweder im Fieber oder völlig bewußtlos; und der Doktor verbot
alles, was sie schmerzlich erregen könnte. Inzwischen stellte sich
Jane mit Eliza und Georgina so gut es eben gehen wollte.
Anfangs waren sie in der Tat sehr kalt. Eliza pflegte halbe Tage
hindurch dazusitzen und zu nähen, zu schreiben oder zu lesen, ohne
auch nur eine einzige Silbe mit ihrer Schwester oder Jane zu
sprechen. Georgina konnte stundenlang Unsinn mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne ihre Cousine auch nur im entferntesten zu beachten. Aber Jane war entschlossen, sich Zerstreuung oder Beschäftigung zu verschaffen. Sie hatte ihre Zeichen- und Malutensilien mitgebracht, und diese verschafften ihr beides.
Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen,
pflegte sie entfernt von den Schwestern in einem Fenster ihr
fliegendes Atelier aufzuschlagen und sich damit zu beschäftigen,
Phantasiestücke zu zeichnen, indem sie jedes Bild zu Papier brachte,
das sich ihr in ihrer fortwährend wechselnden Einbildungskraft
darbot: einen Blick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch; der
aufgehende Mond und ein Schiff, das an der rotglühenden Scheibe
vorübersegelt; eine Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien,
aus welcher der Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade
emportaucht; eine Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen
aus dem Nest eines Zaunkönigs herauslugt.
Eines Morgens malte sie einen Kopf.
,Ist es das Porträt eines Menschen, den Sie kennen ?' fragte
Eliza, welche unbemerkt an sie herangetreten war.
Jane entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei. Auch
Georgina kam; sie besahen auch die anderen Zeichnungen und sie
gefielen ihnen ganz außerordentlich; beide schienen von Janes Geschicklichkeit sehr überrascht. Jane erbot sich, ihre Porträts zu
skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftsilhouette. Schließlich brachte Georgina ihr Album. Jane versprach ihr, eine Wasserfarbenskizze für dasselbe, und jetzt war sie augenblicklich in der
besten Laune. Sie schlug Jane einen Spaziergang im Park vor.
Und als sie kaum zwei Stunden draußen gewesen, waren sie mitten
in einer vertraulichen Unterhaltung, die sich hauptsächlich um die
Beschreibung des glänzenden Winters, den sie vor zwei Jahren
in London zugebracht hatte, drehte. Täglich machte sie jetzt mit Jane
Spaziergänge, aber es war seltsam, daß sie hierbei niemals mit
einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des fürchterlichen
Todes ihres Bruders und des augenblicklichen traurigen Zustands
der Familienangelegenheiten gedachte. Ihr Gemüt schien sich nur
mit der Erinnerung an entschwundenes Glück und der Hoffnung
auf künftige Zerstreuungen zu beschäftigen. Jeden Tag brachte
sie ungefähr fünf Minuten in dem Krankenzimmer ihrer Mutter
zu, das war alles.
Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie
keine Zeit für die Unterhaltung. Sie schien immer beschäftigt.
Und doch wäre es schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich tat,
oder vielmehr, irgendein Resultat ihrer Geschäftigkeit zu entdecken.
Sie hatte eine Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Schon
vor dem Frühstück beschäftigte sie sich fleißig, nach demselben hatte
sie ihre Zeit in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte
die ihr zugeschriebene Arbeit. Dreimal am Tage studierte sie ein
kleines Buch, welches sich nach einer genaueren Besichtigung Janes
als das ,allgemeine Gebetbuch' erwies. Jane fragte sie einmal,
worin die große Anziehungskraft dieses Buches für sie liege, und
sie entgegnete ihr: In der Gebetordnung. Drei Stunden widmete
sie der Beschäftigung, mit Goldfäden den Rand eines viereckigen
Tuchstücks zu besticken, welches für einen Teppich beinahe groß
genug gewesen wäre. Auf Janes Frage in bezug auf die Verwendung dieses Gegenstandes sagte sie ihr, daß es eine Altardecke
für eine Kirche sei, welche vor kurzem in der Nähe von Gateshead
erbaut worden war. Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche;
zwei weitere arbeitete sie allein im Küchengarten; eine brauchte sie
für die Regelung ihrer Rechnungen und Bücher. Sie schien keiner
Gesellschaft, keines Verkehrs, keiner Unterhaltung zu bedürfen. Sie
schien auf ihre Weise sehr glücklich zu sein; diese sich täglich wiederholende Beschäftigungsweise genügte ihr; und nichts verursachte ihr größeren Ärger, als wenn irgendein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die peinliche Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten
abzuändern.
Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war
als gewöhnlich, sagte sie Jane, daß Johns Aufführung und der
drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen und nagenden
Kummers für sie gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen zu
sichern habe sie Sorge getragen, und wenn ihre Mutter stürbe, denn
es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen
oder daß es noch lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie sehr
ruhig- so würde sie einen lange gehegten Plan ausführen: dort
eine Zuflucht suchen, wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert seien, und zwischen sich und der gottlosen
Welt eine mächtige Scheidewand aufrichten.
Jane fragte, ob Georgina sie begleiten würde.
Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein, hätten auch niemals die gleichen Interessen verfolgt. Unter keinen Umständen würde sie sich diese Last aufbürden.
Georgina solle nur ihren eigenen Weg gehen; sie, Eliza, würde den
ihrigen finden.
Wenn Georgina Jane nicht gerade ihr Herz ausschüttete, so
brachte sie fast ihre ganze Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über die Düsterkeit des Hauses und wiederholte unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie einladen möchte, mit
ihr nach London zu gehen.
,Es wäre so viel besser,' pflegte sie zu sagen, ,wenn ich auf
ein oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.
Jane fragte sie nicht, was sie mit dem ,alles vorüber'' meinte,
aber sie wußte wohl, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer
Mutter bezog und auf den düsteren, darauf folgenden Begräbnisbrauch. Eliza nahm von dem Müßiggange und den Klagen ihrer
Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein murmelndes, stöhnendes, träges Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre.
Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und
ihre Stickerei zur Hand nahm, fing sie plötzlich an, ihr folgendermaßen die Wahrheit zu sagen.
,Georgina, ein dümmeres, eitleres und alberneres Geschöpf
als du hat sicherlich niemals auf Erden gewandelt. Du hattest nicht
einmal das Recht, geboren zu werden, denn du weißt keinen Nutzen
aus dem Leben zu ziehen. Anstatt für dich, mit und in dir zu
leben, wie jedes vernünftige Wesen es tun sollte, suchst du nur, dich
mit deiner Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn
du niemand findest, der willig ist, sich mit einem so nutzlosen,
schwächlichen Ding belasten zu lassen, so schreist und jammerst du,
daß du vernachlässigt, elend und mißhandelt bist! Für dich soll das
Dasein einen immerwährenden Wechsel und ewige Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du verlangst Musik, Tanz
und Gesellschaft, oder du verschmachtest und stirbst. Hast du denn
nicht soviel Verstand, daß du eine Art un Weise erfinden kannst,
die dich unabhängig macht von jedem anderen Willen als dem
deinen? Nimm dir doch den Tag; teile ihn in Abschnitte ein; jedem
Abschnitt weise seine Aufgabe an; laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten übrig, wende sie alle an. Tue
jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner Zeit und mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu Ende sein, bevor du gemerkt
hast, daß er überhaupt begonnen hat. Und du bist keinem zu,
Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat, einen leeren Augenblick
hinzubringen. Du bist nicht genötigt gewesen, irgendeines Menschen Gesellschaft aufzusuchen, von ihm Unterhaltung, oder Nachsicht zu verlangen; kurzum, dann hast du gelebt, wie ein unabhängiges Wesen leben sollte. Nimm meinen Rat, es ist der erste
und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich noch irgendeinen Menschen brauchen, was auch kommen möge. Vernachlässigst
du diesen Nat hingegen, fährst du fort zu faulenzen, zu jammern,
zu stöhnen, zu wünschen wie bisher, dann trage auch die Folgen
deiner Dummheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein
mögen. Eines sage ich dir offen, höre auf mich; denn wenn ich
auch niemals wiederholen werde, was ich dir zu sagen im Begriff
bin, so werde ich doch strenge danach handeln. Nach dem Tode
meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu tun haben; von dem
Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead
tragen wird, sind wir, du und ich, so weit von einander geschieden,
als ob wir uns niemals gekannt hätten. Du brauchst dir nicht einzubilden, daß ich jemals irgendeinen Anspruch deinerseits an mich
anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben.
Ich sage dir dies: wenn das ganze menschliche Geschlecht, mit Ausnahme von uns beiden, plötzlich von der Erde vertilgt würde, und
wir allein auf der Erdoberfläche stünden, so würde ich dich allein in
der alten Welt lassen und mich selbst in die neue hinüber begeben.
Hier schwieg sie.
, Du hättest dir die Mühe ersparen können, diese Redensarten
loszulassen,' antwortete Georgina. ,Jeder Mensch weiß, daß du
das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes weitem Erdenrund bist, und ich kenne deinen trotzigen Haß besonders gegen
mich. Hierauf zog Georgina ihr Taschentuch hervor und weinte
noch eine ganze Stunde lang. Eliza saß unbewegt da und arbeitete
fleißig wie immer an ihrer Altardecke.
Es war ein feuchter, winterlicher Nachmittag. Georgina war
bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza
war gegangen, um in der neuen Kirche dem Gottesdienste beizuwohnen, denn in Religionssachen war sie sehr streng. Kein Wetter
konnte sie jemals an der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre
kirchlichen Pflichten hielt; ob schön, ob Regen, sie ging an jedem
Sonntag dreimal in die Kirche und an jedem Wochentage, der
einem Heiligen geweiht war, ebenfalls.
Jane fiel es ein, nach oben gehen zu wollen, um zu sehen, wie
es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte.
Ihre eigenen Dienstboten erwiesen ihr eine nur sehr kärgliche Aufmerksamkeit; und die gemietete Krankenwärterin, welche in keiner
Weise kontrolliert wurde, entwischte aus dem Zimmer, so oft sie
konnte. Bessie war zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene
Familie kümmern und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Jane fand das Krankenzimmer unbehütet, wie sie
es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die
Patientin lag still und anscheinend in Bewußtlosigkeit; ihr bleiches
Gesicht war in die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer
dem Verlöschen nahe.
Jane legte frische Nahrung auf die Kohlen, ordnete die Betten
und ließ ihre Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche
sie jetzt nicht ansehen konnte, dann trat sie ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind pfiff
und heulte um das Haus. Da dachte Jane: hier liegt nun eine.
die bald über alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird.
Und wohin wird jener Geist, der sich jetzt aus seiner körperlichen
Hülle losringt, fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?
Indem sie über dies große Geheimnis grübelte, dachte sie an
Helen Burns, ihre letzten Worte kehrten in ihr Gedächtnis zurück,
ihr Glaube, ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten
Seelen. Noch horchte sie im Geiste auf die Laute ihrer unvergeßlich
süßen Stimme, noch rief sie sich ihr bleiches, vergeistigtes Gesicht,
ihre schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so still
auf ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte sie
ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des allmächtigen Vaters zurückkehren zu dürfen, als eine schwache Stimme vom
Bette her murmelte:
,Wer ist da?
Jane wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Kehrte sie denn zum Leben zurück? Sie ging zu ihr
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer -- ich!'' lautete ihre Antwort. ,Wer bist du? und
dabei blickte sie Jane erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch
nicht wild und abwesend an. ,Du bist mir ja ganz fremd - wo
ist Bessie?
,Sie ist im Parkhüterhäuschen, Tante.
,Tante!' wiederholte sie. ,Wer nennt mich Tante? Du bist
doch keine von den Gibsons? und doch kenne ich dich-- das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen- das alles ist mir so bekannt; du siehst aus wie-- wie -- nun ja, wie Jane Eyre!
Aber du bist es doch nicht!
Jane schwieg, denn sie fürchtete, eine Katastrophe herbeizuführen, wenn sie sich für Jane Eyre erklärte.
,Und doch, sagte Mrs. Reed weiter,,wünschte ich Jane Eyre
zu sehen.
Sanft und vorsichtig erklärte Jane, daß sie Jane Eyre sei, und
als sie bemerkte, daß die Tante sie verstand, und daß sie vollständig
bei Besinnung war, teilte sie ihr mit, daß Bessie ihren Mann nach
Thornfield geschickt habe, um sie nach Gateshead zu holen.
,Ich weiß, daß ich sehr krank bin, sagte Mrs. Reed nach einer
Weile. Vor ein paar Minuten versuchte ich, mich im Bette umzudrehen und fühlte, daß ich kein Glied mehr rühren kann. Es
wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, bevor ich sterbe.
Was uns wenig zu denken gibt, wenn wir gesund sind, lastet schwer
auf uns in einer Stunde, wie diese es für mich ist. Wärterin, sind
Sie da? Oder ist außer dir noch jemand im Zimmer??
Jane versicherte ihr, daß sie allein seien.
, Nun, ich habe dir zweimal ein Unrecht zugefügt, das ich
jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches
ich meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten
zu wollen; das andere' hier hielt sie inne.
, Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,'
murmelte sie vor sich hin, ,und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre der Gedanke schrecklich, mich so vor ihr gedemütigt zu haben.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber
es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien eine innere
Bewegung zu spüren, vielleicht die Vorboten des letzten
Kampfes.
, Nun, ich muß darüber fortkommen. Die Ewigkeit liegt
vor mir. Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. Geh an meinen
Toilettekasten, öffne ihn und nimm den Brief heraus, den du dort
finden wirst.
Jane tat, wie sie ihr befahl.
, Lies den Brief,. sagte sie.
Er war kurz und enthielt folgendes:
,Madame!
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es
ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, ich habe mir
ein Vermögen erworben. Und da ich unverheiratet und kinderlos, so bin ich willens, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und
ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen
kann.
Ich zeichne mich, Madame, usw. usw.
John Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden?' fragte
Jane langsam.
,Weil ich dich zu sehr und zu unabänderlich haßte, um die
Hand dazu zu leihen, daß du zu Wohlstand gelangtest. Ich konnte
dein Betragen gegen mich nicht vergessen,Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst gegen mich gewandt hast; den Ton
nicht, in welchem du mir erklärt, daß du mich mehr hassest als irgend
jemand auf der Welt; die unkindliche Stimme nicht, nicht den unnatürlichen Blick, mit dem du gesagt, daß der bloße Gedanke an
mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit der
elendesten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine eigenen
Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich
hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder
geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und
mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte. Bring mir
einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich! O! Beeile dich!''
,Liebe Mrs. Reed!' sagte Jane, indem sie ihr den gewünschten Trunk reichte, ,denken Sie nicht mehr an all diese Dinge.
schlagen Sie sich dieselben aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir
meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht,
fast neun Jahre sind seit jenem Tage vergangen.'
Sie beachtete Janes Worte nicht; als sie aber das Wasser getrunken und tief Atem geholt hatte, fuhr sie folgendermaßen fort:
,Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen, und ich suchte meine
Rache. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein Onkel
dich adoptieren und dich damit zu Glück und Wohlstand gelangen
lassen wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, daß es mir leid täte
um den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei
tot, sie sei am Typhus in Lowood gestorben. jetzt magst du tun,
was dich gut dünkt; schreib ihm und widersprich meinen Angaben,
decke meine Lügen auf, sobald du willst. Ich glaube, du warst
nur mir zur Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die
Erinnerung an eine Tat gemartert, welche ich niemals zu begehen
versucht gewesen, wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.
,Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr
an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Nachsicht
und Vergebung anzusehen
,Du hast einen sehr bösen Charakter,. sagte sie, ,und dazu
einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen imstande gewesen. Ich werde es nie verstehen, wie du während neun
Jahren jede schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen
konntest, um im zehnten in Wut und Heftigkeit auszubrechen.
,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Tante
Reed, ich bin leidenschaftlich, aber nicht boshaft. Als ich ein
kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn
Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich
jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich,
Tante.
Jane näherte ihre Wange den Lippen ihrer Tante; aber sie
berührte dieselbe nicht. Sie sagte, es beängstige sie, wenn sich
jemand über das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken.
Als Jane sie wieder niederlegte, denn während des Trinkens hatte
sie sie aufgerichtet und mit ihrem Arm gestützt, bedeckte sie ihre eis-
Janes Blick.
,Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,!
sagte diese endlich,, Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie
jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung und finden Sie
Frieden.'
Armes, gequältes Weib! jetzt war es zu spät für sie. Jetzt
konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu
ändern. Während ihres Lebens hatte sie Jane nur gehaßt, auch
im Tode mußte sie sie noch hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein und Bessie folgte ihr.
Jane verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen
von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst,
die Sterbende sah sie nicht mehr. Sie sank immer mehr und mehr in
Bewußtlosigkeit; die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf
Uhr in jener Nacht starb sie.
Jane war nicht da, um ihre Augen zudrücken zu können; auch
ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kamen
die Wärterin und Bessie, um ihnen mitzuteilen, daß alles vorüber
sei. Man hatte sie schon auf das Paradebett gelegt. Eliza und
Jane gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in
lautes, krampfhaftes Weinen aus und sagte, sie habe nicht den
Mut zu gehen. Da lag nun Sarah Feeds einstmals so kräftiger,
lebensvoller Körper, starr und kalt und still. Die kalten Lider
bedeckten das scharfe, erbarmungslose Auge; die Stirn und die
starren Züge trugen noch den Stempel ihrer unbeugsamen, unerbittlichen Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für Jane. Mit Schauer und Kummer blickte sie auf ihn
herab: nichts Sänftigendes, nichts Friedliches, nichts Erbarmungsreiches oder Hoffnung erweckendes oder ruhig Stimmendes
flößte er ihr ein; nur einen herzzerreißenden, angstvollen Jammer
um ihr Weh und ein düsteres, tränenloses Entsetzen über die
Grauen des Todes in dieser Gestalt.
Eliza blickte ruhig auf ihre Mutter herab. Nach einigen Minuten des Schweigens bemerkte sie:
,Mit ihrer Körperbeschaffenheit hätte sie ein schönes, hohes
Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.
Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf wandte
sie sich ab und ging zur Tür hinaus. Dasselbe tat Jane. Keine
hatte eine Träne vergossen.
Fünfzehntes Kapitel.
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, waren Kisten und
Kasten schwer; als ich wieder kam, als ich wieder kam, war alles leer.
Mr. Rochester hatte Jane nur eine Woche Urlaub gegeben,
aber trotzdem verflossen mehr als sechs Wochen, ehe sie Gateshead
verließ. Sie wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen,
aber Georgina flehte sie an zu bleiben, bis es ihr möglich sein
würde, nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson,
sie nun endlich, endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester
zu treffen und die Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen.
Georgina sagte, sie fürchte sich mit Eliza allein zu bleiben; von
ihr hatte sie weder Hilfe in ihrer Bedrängnis noch Unterstützung
bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug Jane
denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen
se gut sie konnte und tat ihr Bestes, indem sie für Georgina nähte
und arbeitete und Wäsche und Kleider für sie einpackte. Es ist
wahr, daß die müßig umherging, während Jane arbeitete, und
gar oft dachte Jane in ihrem Sinne: ‘Nun Cousine, wenn wir beide verurteilt wären, miteinander zu leben, so würden wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig
darein finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir
deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen ihn zu
tun, wenn er nicht ungetan bleiben sollte. Und ich würde auch
darauf bestehen, daß du einige dieser nur halb aufrichtig empfundenen, schleppenden Klagelieder in deine eigene Brust verschlössest.
Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und
in eine sehr traurige Zeit fällt, finde ich mich darein, so geduldig
und gutwillig dir gegenüber zu sein.
Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt
war die Reihe an Eliza, Jane zu bitten, daß sie noch eine Woche
dableibe. Wie sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie war im Begriff, in irgendein unbekanntes Land abzureisen und während des ganzen Tages hielt
sie sich in ihrem Zimmer auf. Die Tür war von innen verschlossen,
und sie beschäftigte sich damit, Koffer zu packen, Schiebladen zu
leeren, Papiere zu verbrennen, ohne daß jemand sie bei dieser Arbeit hätte stören dürfen. Von Jane wünschte sie, daß sie sich um
den Haushalt kümmere, Besucher empfing und Kondolenzschreiben
beantworte.
Eines Morgens sagte sie Jane, daß sie ihrer jetzt nicht weiter
bedürfe.,Und,’ fügte sie hinzu, ,ich bin Ihnen sehr verbunden
für Ihre außerordentlichen Dienste und Ihr vornehmes Verhalten.
Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder
mit Georgina. Sie tragen Ihre eigene Last in Leben und quälen
und belästigen niemand. Morgen,'' fuhr sie fort, ,begebe ich mich
nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause bei Lisle nehmen ein Nonnenkloster, wie man
es zu nennen pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben.
Ich werde mich für einige Zeit der Prüfung des römisch-katholischen Dogmas widmen und sorgfältig die Werke über diese Lehre ;
prüfen. Wenn ich finde, wie ich es halb und halb erwarte, daß
es dasjenige ist, welches darauf berechnet ist, alle Dinge des Lebens in guter Ordnung und ruhig ausführen zu können, so werde
ich mich zu den Lehren bekennen, welche von Rom ausgegangen
sind, und wahrscheinlich den Schleier nehmen.
Jane drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß
aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen.
Als sie sich trennten, sagte sie: ,Leben Sie wohl, Cousine
Jane Eyre; möge es Ihnen gut gehen, Sie besitzen ziemlich viel
Einsicht und Verstand.
Mit diesen Worten trennte sie sich von Jane und jede ging
ihres Weges.
Da keine Gelegenheit mehr sein wird, wieder auf sie oder ihre
Schwester zurückzukommen, soll hier für die neugierige Leserin
noch erwähnt werden, daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit
einem sehr reichen Manne von Welt schloß, und daß Eliza in der
Tat den Schleier nahm und heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie
demselben ebenfalls vermacht.
Endlich war für Jane wieder die Zeit der Freiheit gekommen
und sie sehnte sich sehr nach Thornfield und seinen Bewohnern.
So beschleunigte sie ihre Vorbereitungen zur Rückkehr und bald
saß sie im Postwagen. Die Reise war sehr langweilig. Fünfzig
Meilen am ersten Tage, Nachtruhe in einem Landwirtshause,
fünfzig Meilen am zweiten Tage. Während der ersten zwölf
Stunden dachte sie an Mrs. Reed und ihre letzten Stunden. Dann
fielen ihr Eliza und Georgina ein. Sie sah die eine inmitten aller
Vergnügungen, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle.
Die späte Ankunft in dem Landstädtchen F... verjagte diese
Gedanken; die Nacht zog herbei und Jane schlief fest.
Tief am Nachmittage des zweiten Tages kam sie in Millcote an.
Sie hatte Mrs. Fairfax den Tag ihrer Ankunft nicht bekannt
gegeben, denn sie wünschte nicht, daß man ihr irgendein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte. Sie hatte sich vorgenommen,
die Strecke Weges ruhig allein zu gehen und nachdem sie ihren
Koffer in dem Gasthause zurückgelassen hatte, machte sie sich unbemerkt aus dem Hotel zum heiligen Georg' davon und schlug an
einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach
Thornfield ein, einem Weg, der hauptsächlich durch Felder führte
und wenig benutzt wurde.
Es war ein warmer, linder, aber kein strahlender, heißer
Sommerabend; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt; der Himmel versprach gutes Wetter für die kommenden Tage; seine Bläue war milde, und einzelne Wolken zogen
hoch und durchsichtig dahin. Auch der Westen war warm; keine
wässerigen Strahlen störten das Bild, es war, als sei ein Feuer
angezündet, als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange, und wo dieser hier und da zerrissen war, schien eine goldige
Röte hervor.
Fröhlichkeit kam über Jane, als sie den vor ihr liegenden
Weg immer kürzer werden sah; sie wurde so froh, als ob sie wieder
in ihr eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz, oder an
einen Ort zurückkehre, wo treue Freunde ihrer harrten und ihre
Ankunft herbeisehnten.
Sie dachte des freundlichen Lächelns von Mrs. Fairfax, Sie
sah schon die kleine Adele in die Hände klatschen und vor Freude
springen, auch blickte sie erwartungsvoll ihrem gütigen Herrn entgegen.
Immer schneller eilte Jane, um die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen! Mit welchem Gefühl sie einzelne
Bäume bewillkommte, die sie kannte. Liebgewordene Aussichten
auf Wiesen und Hügel! Endlich erhoben der Park und das Gehölz sich vor ihr. Düster lag der Krähenhorst da: ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Abends. Ein seltsames Entzücken kam über Jane. Sie rannte fast vorwärts. Noch ein
Feld zu durchkreuzen - einer gewundenen Heckengasse nachzugehen - und da lagen die Mauern des Hofes, die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst war noch inter dem Krähenhorst verborgen.
,Zuerst will ich es an der Vorderseite wiedersehen, beschloß
Jane, ,wo die kühnen Zinnen sofort einen erhabenen Eindruck auf
das Auge machen.
Jane war an der niederen Mauer des Obstgartens entlang
gegangen, jetzt wandte sie sich um die Ecke; gerade hier war eine
Pforte, welche auf die Wiese hinausging zwischen zwei steinernen
Pfeilern, welche von großen Steinkugeln gekrönt waren. Hinter
einem Pfeiler hervor würde sie ruhig auf die volle Front des
Herrenhauses blicken können. Von diesem Standpunkt aus beherrschte sie sowohl die lange Vorderseite, wie die Fensterreihen
und die Zinnen. jetzt ein kühner, langer Blick auf die Front: Da,
entsetzlich!
Höre ein Bild, liebe Leserin!
Denke dir, ein Sohn ist nach jahrelanger Abwesenheit zurückgekehrt in seine Heimat. Er hat seine Mutter nicht benachrichtigt,
denn er will sie überraschen. Stürmisch eilt er in ihr Haus, ihre
Wohnung. Er findet sein Mütterchen schlafend auf dem Ruhebett. Klopfenden Herzens nähert er sich ihr. Er will die lang
Entbehrte mit einer Umarmung, einem Kusse, erwecken. Er umschlingt die teure Gestalt, aber keine Bewegung in ihr, keine Antwort! Wild hallt sein Schrei, denn diejenige, von der er glaubt,
daß sie schläft, wird er nicht mehr erwecken, sie ist tot!
Also erging es der armen Jane.
Mit zitternder Freude hatte sie den Blick auf ein stattliches
Haus gerichtet: sie sah nur von Rauch geschwärzte Ruinen.
Es war nicht mehr nötig, sich hinter einem Thorpfeiler zusammen zu kauern, nach den Fenstern emporzublicken. Es war
nicht mehr nötig, dem Offnen und Schließen von Türen zu
lauschen oder sich einzubilden, daß menschliche Tritte auf der Terrasse oder den Kieswegen zu vernehmen seien. Der Garten, der
Park waren niedergetreten und verwüstet; das Portal gähnte ihr
in fürchterlicher Leere entgegen. Die Vorderseite des Hauses war
nur eine hohle Mauer, hoch und zerbrechlich aussehend, hier und
da durch leere Fensterhöhlen unterbrochen. Kein Dach, keine Zinnen, keine Schornsteine -- alles war in Trümmer gefallen.
Und überall herrschte die Ruhe des Todes, die Stille einer
öden Wildnis!
Wie war doch das Schreckliche geschehen? Wessen Leben war
zu beklagen? Wo befanden sich die Insassen des Hauses? Der
gütige Herr, die freundliche Haushälterin, das liebe Kind und die
treuen Diener? Schreckliche Frage! Niemand war da, der Jane
diese Fragen beantworten könnte, und doch mußte sie Antwort
haben.
Da fiel ihr ein, daß sie nur in dem Wirtshause eine solche erhalten konnte, und sie begab sich dorthin. Der Wirt selbst brachte
ihr das bestellte Frühstück ins Wohnzimmer.
,Sie kennen Thornfield-Hall natürlich ? gelang es ihr endlich hervorzubringen.
,Ja, Madam, ich habe mich dort einmal aufgehalten. Ich
war der Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester.'
Des verstorbenen! Mit voller Wucht war der Schlag auf
Jane gefallen.
,Des verstorbenen!'' stieß sie endlich mühsam hervor. ,Ist
er denn tot?
,Ja, erwiderte der Wirt.
Er erzählte jetzt, daß das Schloß das Opfer eines furchtbaren
Frevels geworden sei. Schon seit längerer Zeit hätte sich in den
Wäldern um Thornfield eine Zigeunerbande umhergetrieben.
welche der ganzen Umgegend durch ihr beispiellos freches Rauben
und Plündern lästig geworden sei. Ja, zuletzt ging die Frechheit
dieser Elenden so weit, daß sie ihre Raubzüge sogar bis nach Thornfield-Hall ausdehnten. Hierbei sei einer dieser Halunken gefaßt,
von dem wütenden Mr. Rochester ordentlich durchgeprügelt und
dann der Polizei übergeben worden. Die Zigeuner schwuren dem
Schloßherrn furchtbare Rache und bald zeigte es sich, daß dies
keine leere Drohung war.
Vor etwa vier Wochen schlichen sich mitten in der Nacht, als
alles im Schlosse fest schlief, einige Mitglieder der Diebesbande
ins Schloß und zündeten dieses an mehreren Seiten zugleich an,
nachdem sie noch vorher an möglichst vielen Orten des Gebäudes
reichliches Brennmaterial aufgestapelt hatten. Als die Bewohner
des Schlosses erwachten, stand das Haus schon voller Flammen,
und man konnte nur an Rettung des nackten Lebens denken. Fast
alle wurden besonders durch die tatkräftige Hilfe des Herrn gerettet. Da hörte dieser, daß sich im obern Stockwerk noch eine
Dienerin befände, und gleich darauf vernahm er ihren Hilferuf.
Den wackeren Mr. Rochester hielt nichts mehr. Obgleich
schon an Bart und Haar versengt stürzte er abermals in das
Flammenmeer. Er trug die Hilfeflehende mitten durch Rauch
und Flammen die Treppen hinunter. Schon jauchzten ihm die
draußen Stehenden zu, als ein Balken sich löste, und gerade auf
Mr. Rochesters Haupt fiel; die von ihm Gerettete war nur leicht
verletzt worden, den braven Retter zog man tot unter dem Balken
hervor.
Schluchzend vernahm Jane dieses furchtbare Ereignis und
konnte lange nicht ihrer Tränen Herr werden. Auf weiteres Befragen erfuhr sie, daß Mrs. Fairfax, der schon zu Lebzeiten des
Mr. Rochester eine Leibrente ausgesetzt gewesen sei, nach ihrer Heimat zurückgekehrt wäre, einem Dorfe in der Grafschaft... shire
im nördlichen England, und daß sich Adele bei ihr befinde; die
Bonne des Kindes habe eine Stellung in London angenommen.
So war wieder alles aus für die arme Jane. Die neue Heimat, die lieben Menschen, die Ruhe und der Frieden war wie ein
Hauch in der Luft entschwunden, wie eine Fata Morgana - wie
ein Nichts.
Was sollte sie jetzt beginnen? Keine Heimat, keine Zuflucht.
keinen Freund. Wohl besaß sie noch etwas Geld, doch wie weit
würde das reichen. Nur weg wollte sie jetzt, weg von dem Orte
des Grauens und des Unglücks. Am nächsten Morgen schon
wollte sie ihre freudlose Wanderschaft aufnehmen.
Sechzehntes Kapitel.
In der Irre.
Eine Meile von Thornfield hinter den Feldern zog sich eine
Straße hin, welche in die entgegengesetzte Richtung von Millcote
führte; auf dieser geht früh am anderen Morgen unsere Jane.
Sie ging an den Feldern entlang, an Hecken und Gäßchen,
bis die Sonne aufgegangen war. Es war ein unendlich lieblicher
Sommermorgen. Aber sie blickte weder zur Sonne empor, noch
zu dem lächelnden Himmel, noch herab auf die eiwachende Natur,
sie dachte nur an das heimatlose Umherwandern.
Als sie die Landstraße erreichte, war sie gezwungen, sich zu
setzen und unter einer Hecke auszuruhen. Wie sie so dasaß, vernahm sie das Geräusch von Rädern und sah einen Wagen des
Weges kommen. Sie stand auf und winkte mit der Hand. Als
der Wagen anhielt, fragte sie, wohin er führe. Der Kutscher
nannte einen weit entfernten Ort. Sie fragte, für welche Summe
er sie nach dort mitnehmen würde; er antwortete: für dreißig z
Schillinge; sie entgegnete ihm, daß sie nur zwanzig besäße. Nun,
er wolle sie auch dafür mitnehmen. Dann erlaubte er ihr noch,
sich in das Innere des Wagens zu setzen, da er leer war. Sie stieg
ein. Die Tür wurde zugeschlagen und der Wagen fuhr
weiter.
Zwei Tage sind vorüber. Es ist ein Sommerabend. Der
Kutscher hat Jane an einem Orte abgesetzt, der Whitcroß heißt.
Für die Summe, die sie ihm gezahlt, konnte er sie nicht weiter mitnehmen, und auf der ganzen Welt besaß sie nicht einen einzigen
Schilling mehr. Um diese Zeit ist der Wagen schon eine ganze Meile
weit fort. Sie ist allein. Und jetzt entdeckt sie, daß sie vergessen
hat, ihr Paket aus der Wagentasche zu nehmen. Dieses hatte sie
aus den notwendigsten Reisegegenständen gebildet, nachdem sie
dem Gastwirt in Millcote ihren Reisekoffer überlassen. jetzt ist sie
von allen Mitteln entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Marktflecken; es
ist nur ein steinerner Pfeiler, welcher dort aufgerichtet ist, wo vier
Wege sich kreuzen; weiß angestrichen, damit er in der Ferne und in
der Dunkelheit sichtbarer und in die Augen fallender ist. Vier
Arme gehen von seiner oberen Spitze aus; die nächstgelegene
Stadt, zu welcher diese zeigen, ist der Inschrift nach noch zehn Meilen
von hier entfernt. Durch den wohlbekannten Namen dieser Stadt
erfährt Jane, in welcher Grafschaft sie ausgestiegen ist. Eine nördliche Binnenland-Grafschaft, mit düsterem Moorland, von Bergen
eingerahmt. Hinter ihr und zu beiden Seiten von ihr sind große
Torfmoore. Die Bevölkerung hier ist nur spärlich und weder
Fußgänger noch Reiter sind auf diesen Straßen zu sehen. Sie alle s
sind über das Moor gelegt und das Haidekraut wächst wild und
üppig bis an den Grabenrand. Sie schritt bald direkt auf die
Haide und hielt sich in einem kleinen Durchgang, welcher die
braune Moorerde tief durchfurchte. Sie watete knietief in der dunklen
Vegetation, folgte all seinen Biegungen und als sie einen moosbewachsenen Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand,
setzte sie sich. Hohe Moordämme umgaben sie, die Klippe beschütte ihr Haupt. Und über all. diesem war der Himmel.
Es verging einige Zeit, bevor sie sich selbst hier sicher fühlte.
Sie hatte eine unbestimmte Furcht, daß wilde Viehherden in der
Nähe sein könnten, oder daß ein Wilddieb sie entdecken könne. Wenn
ein Windstoß über die Fläche fortfegte, blickte sie erschreckt empor
und meinte, es könne der ungestüme Anlauf eines Stiers sein;
wenn ein Regenvogel pfiff, so glaubte sie, es seien menschliche
Laute. Mls sie indessen einsah, daß ihre Befürchtungen unbegründet seien, und die tiefe Stille, welche beim Hereinbrechen der Nacht
herrschte, sie beruhigte, da faßte sie Vertrauen.
Doch was sollte sie jetzt beginnen? Wohin sich wenden?
Wenn ihre müden, zitternden Glieder noch einen langen, langen
Weg zurücklegen mußten, bevor sie menschliche Wohnungen erreichen konnte, wenn sie das kalte Mitleid in Anspruch nehmen
mußte, bevor sie eine Unterkunft fand; widerstrebende Barmherzigkeit anrufen, herzlose Zurückweisungen ertragen, ehe überhaupt
jemand ihre Not anhören, oder ihr irgendwelche Arbeit bieten
würde. Sie berührte den Haideboden, er war trocken und noch warm
von der Hitze des Sommertages. Sie blickte zum Himmel empor;
er war klar; ein freundlicher Stern funkelte gerade über dem
Gipfel der Felsenklippe. Der Tau fiel, aber glücklicherweise sehr
schwach; nicht ein Windhauch störte die Ruhe. Die Natur schien
ihr gut und wohlwollend; sie glaubte, daß sie die arme Verlassene
liebe. Heute Nacht wollte sie wenigstens ihr Gast sein. Mutter
Natur würde ihr ja Obdach gewähren ohne Geld, ohne Preis.
Jane hatte noch einen kleinen Bissen Brot, den Rest einer Semmel,
welche sie in einer Stadt gekauft, die sie um die Mittagszeit passiert, gekauft mit einem losen Pfennig, den sie noch zufällig bei sich
gefunden. Hier und da sah sie reife Heidelbeeren; sie pflückte eine
Handvoll davon und aß sie zu dem Brote. Ihr zuvor noch nagender Hunger war, wenn auch nicht gestillt, so doch gemildert durch
dieses Einsiedlermahl. Zuletzt sagte sie ihr Abendgebet und dann
suchte sie ihr Nachtlager.
Neben der Felsenklippe war das Haidekraut sehr hoch. Als !
sie sich niederlegte, waren ihre Füße beinahe darin begraben; an
beiden Seiten wuchs es so hoch, daß es fast über ihr zusammenschlug und dem Hereindringen der Nachtluft nur wenig Raum gewährte. Sie legte ihren Schal doppelt zusammen und breitete
ihn wie eine Decke über sich; eine unmerkbare, moosige Erhöhung
bildete ihr Kopfpolster. So verwahrt, spürte sie wenigstens beim
Beginn der Nacht keine Kälte.
Die Nacht war gekommen und ihre Planeten waren aufgegangen; eine schöne, stille Nacht, zu rein und klar, als daß man
der Furcht hätte Raum geben können. Wohl wissen wir, daß Gott
allgegenwärtig ist; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am
deutlichsten, wenn seine größten und herrlichsten Werke im Glanze
vor uns ausgebreitet liegen. Und der unbewölkte Nachthimmel,
an dem seine Welten ihren stillen Kreislauf vollenden, macht uns
am meisten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwärtigkeit empfinden! Jane hatte sich auf die Knie erhoben, um
zu beten. Als sie mit tränenblinden Augen aufsah, erblickte sie
die gewaltige Milchstraße. Indem sie sich erinnerte, was sie eigentlich sei, eine Million von Welten, fühlte sie die Macht und die Kraft
Gottes. Sie war sicher, daß ohne seinen Willen kein Geschöpf
untergehen könnte.
Sie legte sich wieder an die Brust der Erde und nicht lange
dauerte es, so hatte sie im Schlaf allen Kummer vergessen.
Aber am nächsten Tage trat die Not bleich und hager an
sie heran. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen
hatten, lange nachdem die Bienen während der süßen Jugend des
Tages den Honig aus den Haideblüten gesogen, bevor der Tau noch
getrocknet, erhob sie sich und blickte umher.
Welch ein stiller, warmer, herrlicher Tag! Welch eine goldene
Wüste dieses weite Moor! Überall Sonnenschein! Sie sah eine
Eidechse über den Felsen huschen; sie sah eine Biene geschäftig
zwischen den süßen Haidelbeeren. Wie gern wäre sie in diesem
Augenblick Biene oder Eidechse gewesen; dann hätte sie hier hinreichende Nahrung, schützendes Obdach gefunden. Aber sie war
ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines mensch
lichen Wesens. Sie durfte nicht weilen, wo sie nichts fand, um
sie zu befriedigen. Sie erhob sich und blickte zurück auf das Lager,
das sie verlassen. Sie hegte nur den einen Wunsch: daß der
Schöpfer es für gut befunden hätte, während ihres Schlafes dieser
Nacht die Seele von ihr zurückzufordern. Aber das Leben war
noch immer in ihr mit seinen Erfordernissen und Bedürfnissen.
Diese mußten befriedigt werden.
Sie machte sich auf den Weg.
Als sie Whitcroß wieder erreicht hatte, schlug sie einen Weg
ein, welcher von der Sonne fortführte, die jetzt bereits hoch stand
und glühend herabbrannte. Lange ging sie vorwärts, und endlich
setzte sie sich ermüdet auf einen nahen Stein; da hörte sie eine
Glocke erklingen, eine Kirchenglocke.
Sie wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Schall
kam, und dort, zwischen den Hügeln sah sie einen Weiler und einen
Kirchturm. Das ganze Tal zu ihrer Rechten war voll von Weiden,
Kornfeldern und Wäldern; ein glitzernder Strom lief zickzack durch
die verschiedenen Schattierungen der Wiesen, des reifenden Korns.
der düsteren Wälder und der hellen, sonnigen Fluren. Das schwere
Rollen von Rädern lenkte ihre Gedanken wieder auf die vor ihr
liegende Straße; sie sah einen hochbeladenen Wagen hügelaufwärts streben und eine kurze Strecke dahinter erblickte sie zwei
Kühe mit ihrem Treiber. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren ihr also nahe. Sie wollte sich nun weiter schleppen,
versuchen zu leben und zu arbeiten wie die übrigen.
Gegen vier Uhr nachmittags kam sie in das Dorf. Am Ende
seiner einzigen Straße war ein kleiner Laden mit einigen Semmeln
und Broten im Fenster. Sie sehnte sich nach einem Laib Brot.
Durch solche Erfrischung war es ihr vielleicht möglich, einen gewissen Grad von Kraft wieder zu erlangen; ohne dieselbe war es
ihr unmöglich, weiter zu gehen. Sie fühlte, daß es entehrend sei,
an der Dorfstraße vor Hunger ohnmächtig zu werden. Besaß sie
denn nichts, was sie jenen Leuten zum Tausch gegen eins jener
Brote anbieten konnte? Sie dachte nach. Um den Hals hatte sie
ein kleines, seidenes Tuch geschlungen; sie hatte auch Handschuhe.
Sie wußte ja nicht, ob die Leute irgendeinen dieser Gegenstände
annehmen würden; wahrscheinlich würden sie es nicht tun aber
sie mußte es versuchen.
Sie trat in den Laden. Eine Frau war darin anwesend. Als
sie eine anständig gekleidete Person sah, eine Dame, wie sie vermutete, trat sie mit größter Höflichkeit vor. Womit sie der Dame
dienen könne? Jane kam fast um vor Scham! Ihre Zunge
konnte die wohlvorbereitete Bitte nicht hervorstammeln. Sie
wagte nicht, ihr die abgenützten Handschuhe oder das zerdrückte
Seidentuch anzubieten. Sie bat sie nur um die Erlaubnis, sich
einen Augenblick setzen zu dürfen, da sie sehr ermüdet sei. Getäuscht in ihrer Erwartung auf einen Kunden, gewährte sie Janes
Bitte fast widerstrebend. Sie zeigte auf einen Stuhl. Jane brach
darauf zusammen. Die Tränen waren ihr nahe, doch hielt sie sie
zurück.
Gleich darauf fragte sie die Bäckersfrau, ob im Dorfe eine h
Schneiderin oder eine einfache Handarbeiterin sei.
Ja, zwei oder drei. Gerade so viele, wie dort Beschäftigung?
finden könnten.
Jane dachte nach. Sie war aufs äußerste gekommen. Sie
sah der Not jetzt Aug' in Aug'.
,Ob sie von irgend einer Stelle in der Nachbarschaft wisse,
wo eine Dienerin gebraucht werde?
,Nein, sie wisse von keiner.
,Welches der hauptsächliche Handel an diesem Orte sei?
Womit die Mehrzahl der Leute sich beschäftige?
,Einige seien Landleute; viele von ihnen arbeiteten in der
Nadelfabrik von Mr. Oliver und in der Gießerei?
,Ob Mr. Oliver auch Frauen beschäftige?
,Nein, es sei Männerarbeit.
,Und womit beschäftigten sich die Frauen?
,Weiß nicht,' lautete die Antwort. ,Einige tun dies, andere
das. Arme Leute müssen zusehen, daß sie durchkommen.
Die Frau schien jetzt der Fragen müde zu sein, ein oder zwei
Nachbarn traten ein; augenscheinlich brauchte man den Stuhl.
Jane verabschiedete sich.
Sie ging die Straße hinauf und im Vorübergehen blickte sie
jedes Haus zur Linken und zur Rechten an. Aber sie konnte
keinen Vorwand, keine Veranlassung finden, irgendwo einzutreten.
Sie streifte im Dorfe umher; dann ging sie wieder ins Freie hinaus, um darauf eine Stunde oder später zurückzukehren. Völlig
erschöpft und leidend durch den Mangel an Nahrung schlug sie
einen Heckenweg ein und setzte sich unter die Hecke. Aber nur
wenige Minuten vergingen und sie war wieder auf den Füßen;
sie suchte immerwährend nach einem Ausweg oder doch nach jemandem, der ihr Auskunft geben konnte. Ein hübsches, kleines Haus
mit einem Garten davor stand am Ende des Gäßchens; der Garten
war außerordentlich wohl gepflegt und prangte im schönsten Blumenflor. Sie stand still vor demselben. Sie trat näher und klopfte
an. Eine sauber gekleidete, junge Frauensperson mit milden Gesichtszügen öffnete ihr die Tür. Mit einer leisen, stammelnden
Stimme fragte sie, ob man hier ein Dienstmädchen brauche.
,Nein,' sagte sie, , wir halten keine Magd.
,Können Sie mir denn nicht sagen, wo ich Beschäftigung
irgendwelcher Art finden kann? fuhr Jane fort. ,Ich bin hier
fremd, ohne Bekannte oder Freunde am Ort.
,Es täte ihr leid, ihr keine Auskunft geben zu können, und
die weiße Tür wurde geschlossen, zwar leise und höflich, aber Jane
war ausgeschlossen!
Der Hunger quälte Jane immer mehr. Sie näherte sich
wieder den Häusern; sie verließ sie und kehrte doch wieder zurück.
Dann wanderte sie von neuem fort, immer wieder fortgetrieben
durch das Bewußtsein, daß sie kein Recht zu betteln habe, kein
Recht zu erwarten, daß irgend jemand an ihrer verzweifelten Lage
Anteil nehme. Inzwischen neigte der Nachmittag sich seinem Ende
zu, während sie wie ein verlorener, verlassener Hund umherwanderte. Als sie über ein Feld ging, sah sie den Kirchturm vor
sich, sie eilte näher. In der Nähe des Friedhofes, inmitten eines
Gartens, stand ein kleines, aber schön gebautes Haus, welches
sie sofort für den Pfarrhof hielt. Es fiel ihr ein, daß es das
Amt des Priesters sei, denen zu helfen, welche sich selbst helfen
wollen. Ihr war's, als hätte sie etwas wie ein Recht, sich hier
Rat zu holen. So belebte sich denn ihr Mut von neuem und indem
sie den letzten schwachen Rest ihrer Kräfte zusammen nahm, wanderte sie vorwärts. Sie erreichte das Haus und klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Sie fragte, ob dies das
Pfarrhaus sei.
Ja.
,Ob der Pfarrer zu Hause sei.
,Nein,
,Ob er bald nach Hause kommen würde.
,Nein, er sei eine ziemliche Strecke vom Hause entfernt.
,Sehr weit?
,Nicht so sehr weit -- vielleicht drei Meilen. Er sei durch
den plötzlichen Tod seines Vaters abberufen; augenblicklich sei er
in Marsh End und würde dort wahrscheinlich noch vierzehn Tage
bleiben.
,Ob denn nicht die Hausfrau da sei?
,Nein, außer ihr niemand, und sie sei die Haushälterin.
Aber noch vermochte Jane nicht zu betteln. Sie kroch weiter.Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine
Brotkruste! Nur einen Mund voll, um sich von dem grausamen Hungertode zu erretten! Wieder wandte sie das Gesicht dem Dorfe zu; sie fand den Laden und trat ein, und obgleich sich außer der Frau noch
mehr Leute dort befanden, wagte sie doch die Bitte, ob sie ihr
nicht ein Brötchen für das Seidentuch geben wolle.
Mit augenscheinlichem Mißtrauen blickte die Frau sie an.
,Nein, sie sei nicht gewohnt, auf diese Weise ihre Ware an
den Mann zu bringen.
Fast verzweifelt bat Jane um ein halbes Brot. Sie schlug
es ihr wieder ab. ,Wie könne sie denn wissen, wie sie zu dem Ding,
gekommen sei? sagte sie.
,Ob sie denn ihre Handschuhe wolle?
,Nein! Was sie damit anfangen solle?
Jane ging weiter. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam sie
Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen
Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine Brot-
an einem Meierhofe vorbei, an dessen geöffneter Tür der Pächter
saß und sein Abendbrot verzehrte, das aus Brot und Käse bestand.
Sie stand still und sagte:
,Wollen Sie mir ein Stück Brot geben? Ich bin sehr
hungrig.
Er warf einen Blick des Erstaunens auf sie; aber ohne zu
antworten, schnitt er eine derbe Schnitte von seinem Brot und
gab sie ihr. Er hielt sie nicht für eine Bettlerin, sondern nur für
eine Dame, welche von einem plötzlichen Appetit auf sein Schwarzbrot befallen war. Sobald Jane außer Sehweite war, sette sie
sich hin und begann zu essen.
Wieder war die Nacht angebrochen, und Jane suchte Zuflucht in einem nahen Walde. Aber es war eine fürchterliche
Nacht, sie fand keine Ruhe. Die Erde war feucht, die Luft kalt.
Kein Gefühl von Ruhe oder Sicherheit kam über sie. Gegen
Morgen regnete es. Der ganze folgende Tag war naßkalt. Wie
zuvor suchte Jane Arbeit, wie zuvor wurde sie abgewiesen, und
wie zuvor hungerte sie, nur einmal kam Nahrung über ihre Lippen.
An der Tür einer Hütte sah sie ein kleines Mädchen, das im Begriff stand, eine Schüssel voll kalten Haferbreis in den Schweinetrog zu schütten.
,Willst du mir das nicht geben? bat sie.
Das Kind starrte Jane an.
,Mutter,' rief sie dann aus, ,hier ist ein Weib, das den Brei
haben will.r
,Nun, Mädel,' erwiderte die Stimme von drinnen, ,gib ihn
ihr, wenn es eine Bettlerin ist. Das Schwein braucht ihn nicht.
Das Mädchen schüttete den steifen Brei in Janes Hand und
diese verschlang ihn gierig.
Als die naßkalte Dämmerung herabsank, hielt sie auf einem
einsamen Reitwege inne, den sie schon seit länger als einer Stunde
verfolgt hatte.
,Meine Kräfte verlassen mich jetzt gänzlich,! sagte sie im
Selbstgespräch.,Ich fühle, daß ich nicht viel weiter gehen kann.
Werde ich diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein? Muß ich
mein Haupt auf den kalten, durchweichten Erdboden legen, während der Regen in Strömen herabfließt? Ich fürchte, es wird
mir nichts anderes übrig bleiben. Aber es wird furchtbar sein;
mit diesem Gefühl des Hungers, der Ohnmacht, der Kälte, der
Trostlosigkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ich noch vor
Tagesanbruch sterben.
,O Gott! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht!
Hilf mir! Führe mich!
Ihr trübes Auge schweifte über die nebelige, verschwommene
Landschaft. Sie sah, daß sie weit vom Dorfe fortgeirrt war; es
war ihren Blicken gänzlich entschwunden. Auf Kreuzwegen und
Nebenpfaden war sie noch einmal dem Moorlande wieder nahe
gekommen, und jetzt lagen nur noch wenige Acker, die fast ebenso
wild und unfruchtbar waren wie die Heide, zwischen ihr und nebligen Bergen.
Nun, ich will lieber dort drüben sterben, als an der Landstraße oder an einem verkehrsreichen Wege,' dachte sie.
So wandte sie sich also den Hügeln zu. Sie erreichte diese.
Jetzt blieb ihr nur noch übrig, eine Höhlung zu finden, in der sie
sich verbergen, wenn auch nicht sicher fühlen konnte. Aber die
ganze Oberfläche der Einöde sah eben aus. Sie zeigte nur eine
Abwechslung: sie war grün, wo Binsen und Moose den Marschboden bedeckten, schwarz, wo der trockne Erdboden nichts trug als
Heidekraut.
Janes Auge schweifte noch über die düsteren Anhöhen, und
entlang dem Rande des Torfmoors, das sich in die wildeste
Szenerie verlor, als plötzlich an einem entfernten Punkt, weit hinein zwischen den Marschen und Höhen ein Licht aufblitzte.
,Das ist ein Irrlicht,' war ihr erster Gedanke, und sie erwartete, daß es bald wieder verschwinden werde. Es brannte indessen ganz stetig; es kam weder näher, noch entfernte es sich.
,Ist es denn ein Freudenfeuer, das soeben erst angezündet istE
fragte sie sich weiter. Sie beobachtete, ob es sich weiter ausdehnen werde; aber nein; so wenig wie es größer wurde, verkleinerte es sich.
,Es wird Kerzenschein aus einem Hause sein,'' vermutete sie
dann, ,aber wenn es auch der Fall, so werde ich es doch nimmer
erreichen können. Es ist viel zu weit entfernt. Und selbst, wenn es
nur eine Klafter weit von mir wäre, was könnte es nützen? Ich würde doch nur an die Tür klopfen, um zu eben, wie sie vor mir
geschlossen wird.’
Und sie sank zusammen, wo sie stand und drückte das Gesicht
gegen den Erdboden. Eine Weile lang lag sie still. Der Nachtwind zog über den Hügel und starb ächzend in der Ferne dahin.
Der Regen fiel unablässig und durchnäßte sie von neuem bis auf
die Haut. Wenn sie nur hätte erstarren können in der freundlichen, barmherzigen Kälte des Todes, so hätte er auf sie herabrieseln mögen, sie hätte ihn nicht gefühlt; aber ihr lebenswarmer
Körper schauderte zusammen unter seinem erkältenden Einfluß.
Es dauerte nicht lange, und sie erhob sich wieder.
Das Licht war noch immer da; es schien trübe aber beständig
durch den Regen. Jane versuchte, wieder zu gehen; sie schleppte
ihre erschöpften Glieder dem Lichte langsam entgegen. Dieses
leitete sie schräge über den Hügel durch einen weiten Sumpf, der
im Winter unpassierbar gewesen wäre und selbst jetzt im Hochsommer naß und unsicher war. Hier fiel sie zweimal. Aber ebenso
oft erhob sie sich wieder und nahm von neuem den Rest ihrer
Kräfte zusammen. Dieses Licht war ihr letzter Wagesatz im Hazardspiel des Lebens- sie mußte gewinnen!
Nachdem sie den Sumpf verlassen, sah sie eine weiße Spur
über das Moor führen. Sie näherte sich ihr; es war eine Straße
oder ein Pfad, der direkt auf das Licht hinführte, das jetzt
zwischen einer Gruppe von Bäumen heraus von einer Art Spitze
oder Gipfel herabschien. Die Bäume waren, soweit Jane es in
der Dunkelheit unterscheiden konnte, Tannen oder Fichten. Als
sie näher kam, verschwand ihr Stern; irgend ein Hindernis war
zwischen ihn und sie getreten. Jane streckte die Hand aus, um
die dunkle Masse vor sich zu fühlen; sie unterschied die rauhen
Steine einer niedrigen Mauer; darüber etwas, das Pallisaden
glich, und innerhalb eine hohe und dornige Hecke. Sie tastete sich
weiter. Wiederum leuchtete ein weißer Gegenstand vor ihr; es
war eine Pforte; sie bewegte sich in ihren Angeln, als Jane sie berührte.
Siebzehntes Kapitel.
Die Rettung.
Als sie in die Pforte trat und an den Büschen vorüberging.
erhob sich die Silhouette eines Hauses vor ihren Blicken. Schwarz.
niedrig und ziemlich lang; aber das rettende Licht schien nirgends
mehr. Alles war Dunkelheit. Hatten die Bewohner sich zur
Ruhe begeben? Sie fürchtete, daß es so sei. Als sie die Tür
suchte, kam sie um eine Ecke; da schoß der freundliche Lichtstrahl
wieder empor aus den länglichen Scheiben eines kleinen, vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen
war; es war noch kleiner geworden durch die Ranken eines Efeus
oder irgend einer anderen Schlingpflanze, deren Blätter den ganzen Teil des Hauses bedeckten, in welchem diese Fensterhöhlung
sich befand. Die Öffnung war so verwachsen und eng, daß man
Vorhänge oder Fensterladen für unnötig erachtet hatte; und als
Jane sich hinabbeugte und die grünende Ranke beiseite schob,
welche es bedeckte, konnte sie alles sehen, was drinnen vorging.
Sie sah deutlich ein Zimmer mit einem reingescheuerten, sandbestreuten Fußboden; eine Kredenz von Nußholz, auf welcher zinnerne Teller in langen Reihen aufgestellt waren; diese waren so
blank, daß der Glanz und der rote Schein eines Torffeuers sich in
ihnen spiegelte. Sie konnte eine Ühx sehen, einen weißen Tisch
von Tannenholz und einige Stühle. Das Licht, dessen Strahl
ihr Leuchtturm gewesen, brannte auf dem Tische; und bei seinem
Schein strickte eine ältliche Frau, die ein wenig rauh aber peinlich
sauber aussah, an einem Strumpfe.
Jane bemerkte diese Dinge nur flüchtig; es lag nichts Außergewöhnliches in ihnen. Am Herde saß eine Gruppe, die mehr
Interesse in Anspruch nahm. Zwei junge, anmutige Damen saßen,
die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem niederen
Schemel; beide trugen tiefe Trauer; dies düstere Gewand ließ ihre
zarten Gesichter ganz besonders hervortreten; ein großer, alter
Vorstehhund hatte seinen Kopf auf den Schoß des einen Mädchens
gelegt; auf den Knien der anderen lag eine schwarze Kate gebettet.
Welch ein seltsamer Aufenthalt war diese bescheidene Küche
für solche Insassen! Wer waren sie? Unmöglich konnten sie die
Töchter jener ältlichen Person am Tische sein; denn diese sah aus
wie eine Bäuerin, und die Damen waren ganz Zartheit und Verfeinerung.
Es war so still innen, daß Jane die Asche durch den Rost
fallen, die Uhr in seinem dunklen Winkel ticken hören konnte; ja,
sie bildete sich sogar ein, daß sie das Klappern der Stricknadeln
jener alten Frau vernehmen könne. Als daher endlich eine
Stimme diese seltsame Stille unterbrach, war sie ihr deutlich und
hörbar genug.
,Hör doch, Diana, sagte eine der emsigen Leserinnen,
,Franz und der alte Daniel sind bei Nachtzeit zusammen und
Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Entsetzen erwacht ist,
hör nur!' Und mit leiser Stimme las sie etwas, wovon Jane
nicht ein einziges Wort verständlich war; denn es war in einer ihr
unbekannten Sprache.
,Gibt es denn wirklich und wahrhaftig ein Land, wo die Leute
so eine sonderbare Sprache reden? fragte die alte Frau, indem sie
von ihrer Arbeit aufsah.
,Ja Hannah, ein viel größeres Land als England, wo sie gar
nicht anders reden.
,Nun, meiner Seel, da begreif ich doch nicht, wie sie einander
verstehen können; wenn nun eine von euch dorthin reiste - glaubt
ihr, daß ihr jemand verstehen könntet?
,Wahrscheinlich würden wir etwas von dem verstehen, was
die Leute dort sprechen, wenn auch nicht alles- denn wir sind
nicht so gelehrt, wie du meinst, Hannah. Wir sprechen nicht so gut
deutsch und wir können es nicht lesen, ohne ein Wörterbuch zur
Hilfe zu nehmen.
, Und was für Gutes habt ihr davon?!
, Wir beabsichtigen, es eines Tages zu lehren - oder doch
wenigstens die Anfangsgründe, wie man es nennt; dann werden
wir mehr Geld verdienen, als wir jetzt können.
, Kann schon sein! Aber jetzt laßt das Studieren; für heute abend habt ihr genug getan.''
,Ich glaube auch. Wenigstens bin ich müde. Mary, bist du
es ebenfalls?
,Todesmüde. Schließlich ist es doch schwere und zähe Arbeit,
sich mit einer Sprache abzuplagen, ohne einen anderen Lehrer als
das Lexikon zu haben.'
,Das ist es wahrhaftig. Besonders eine Sprache wie dies
harte aber herrliche Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John
nach Hause kommen wird,'' sagte die Vorleserin.
, Gewiß wird er jetzt nicht mehr lange ausbleiben; es ist gerade
zehn Uhr. Es regnet heftig. Hannah, willst du so gut sein und
nach dem Feuer im Wohnzimmer sehen??
Die Frau erhob sich; sie öffnete eine Tür, durch welche
Jane undeutlich einen Korridor sehen konnte. Bald hörte sie, wie
die Alte in einem inneren Zimmer ein Feuer anschürte. Gleich
darauf kam sie zurück.
,Ach, Kinderchen!'' sagte sie,,es wird mir gar so schwer, jetzt
in jenes Zimmer zu gehen; es sieht so einsam und verlassen aus mit
dem leeren Stuhl, der in den Winkel geschoben dasteht!
Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze. Die beiden jungen Mädchen, die vorher ernst ausgesehen, wurden jetzt traurig.
, Aber er ist an einem bessern Ort,'' fuhr Hannah fort; ,wir
dürfen ihn nicht wieder her wünschen. Und dann, einen sanfteren
Tod als er hatte, hat niemand.
,Du sagst, daß er unserer gar nicht mehr erwähnt hat? fragte
eine der jungen Damen.
, Er hatte keine Zeit, Kinderchen; es war vorüber in einer
Minute. Er war nicht ganz wohl gewesen, wie Tags zuvor, aber
es hatte nichts zu bedeuten; und als Mr. St. John ihn fragte, ob
eine von euch geholt werden solle, da lachte er ihm gerade ins Gesicht. Am nächsten Tage fing es dann wieder mit der Schwere im
Kopfe an, das sind nun ja schon vierzehn Tage her, und er fiel in
Schlaf und wachte nimmermehr auf. Er war beinahe schon kalt,
als euer Bruder zu ihm ins Zimmer kam und ihn fand. Ach Kinderehen, das war der letzte von dem alten Stamm, denn ihr und
Me Si. John seid von einer anderen Sorte als die, die schon fort
sind. Eure Mutter hatte auch viel Ähnlichkeit mit euch und war
beinahe ebenso gelehrt. Du bist ihr Ebenbild, Mary; Diana sieht
ihrem armen Vater ähnlicher.
Es schlug jetzt zehn Uhr.
, Ihr werdet gewiß euer Abendbrot wollen,! bemerkte
Hannah, , und Mr. St. John wird seins auch verlangen, wenn er
nach Hause kommt. !
Und sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis zu diesem
Augenblick war Jane so damit beschäftigt gewesen, sie zu beobachten,
daß sie ihre eigene verzweifelte Lage fast vergessen hatte. Jetzt fiel
sie ihr wieder ein. Durch den Kontrast erschien sie ihr trostloser,
entsetzlicher denn zuvor. Und wie unmöglich dünkte es sie, den Bewohnern dieses Hauses Teilnahme für sich einzuflößen, sie zu bewegen, daß sie ihr nur eine kurze Rast unter ihrem Dache gewährten!
Als sie sich an die Tür getastet hatte und zögernd anklopfte,
fühlte sie, daß ihre Hoffnung vergeblich sei.
Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie mit erstaunter Stimme, als sie
Jane beim Schein der Kerze, die sie in der Hand hielt, prüfend
ansah.
,Darf ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen?! fragte
diese.
,Sagen Sie mir nur lieber, was Sie von ihnen wollen. Woher kommen Sie denn eigentlich?
,Ich bin hier fremd.
,Was haben Sie denn um diese Stunde hier zu suchen??
,Ich bitte um Nachtquartier in einem Stalle oder sonst wo,
und um ein Stückchen Brot.
Mißtrauen war auf Hannahs Gesicht zu lesen.
,Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer
Pause; ,aber wir können einer Landstreicherin doch kein Obdach
geben. Das ist doch nicht zu verlangen!'
,Lassen Sie mich mit den Damen sprechen!
,Nein, gewiß nicht. Was könnten die für Sie tun? Sie
sollten um diese Zeit nicht mehr so umherlaufen. Das sieht sehr
verdächtig aus !''
,Aber wohin soll ich gehen, wenn ich hier auch fortgejagt
werde? Was soll ich nur beginnen?!
,Ach! ich wette, Sie wissen schon, wohin Sie zu gehen haben
und was Sie zu tun haben. Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie
nichts Unrechtes tun! Sonst geht's mich nichts an. Hier ist ein
Pfennig, und nun fort -
,Einen Pfennig kann ich nicht essen und ich habe keine Kraft
weiterzugehen. Ah! machen Sie die Tür nicht zu - tun Sie's
nicht! Um Gottes willen nicht!'
,Ich muß; der Regen schlägt herein.
,Sagen Sie den jungen Damen Bescheid. Lassen Sie mich
sie sehen.
,Ganz gewiß nicht, nein, ganz gewiß nicht! Sie sind nicht,
was Sie sein sollten, sonst würden Sie nicht solchen Lärm machen.
Fort mit Ihnen! Schnell fort!
,Aber ich muß sterben, wenn ich fortgejagt werde.
,Unsinn! Solches Volk stirbt nicht. Ich bin nur bange, daß
Sie was Böses vorhaben. Wozu treiben Sie sich sonst um diese
Zeit vor den Häusern anderer Leute umher? Wenn Sie vielleicht
noch Helfershelfer haben, Einbrecher oder dergleichen, die hier in
der Nähe versteckt sind, so sagen Sie denen nur, daß wir nicht allein
im Hause sind; wir haben einen Mann hier und Hunde und
Flinten.
Bei diesen Worten schlug die ehrliche aber unbeugsame Magd
Jane die Tür vor der Nase zu und verriegelte sie von innen.
Dies war das Letzte! Ein Weh der qualvollsten Art zerriß
Jane das Herz. Sie war vollständig erschöpft; sie konnte keinen
Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach sie zusammen;
sie stöhnte, sie rang die Hände, sie weinte in ihrer Todesangst.
, Ich kann nur noch sterben,' sagte sie sich, ,und ich glaube an
Gott. Laß mich versuchen, seinen Willen ergeben abzuwarten.
Diese Worte dachte sie aber nicht nur, sondern sprach sie mit
lauter Stimme.
,Jeder Mensch muß sterben,' sagte eine Stimme in ihrer
Nähe; ,aber nicht alle sind verurteilt, ein langsames oder vorzeitiges Ende zu finden, so wie das Ihre es sein würde, wenn Sie
hier vor Mangel umkämen.'
,Wer oder was spricht?! fragte Jane entsetzt bei den unerwarteten Lauten; denn jetzt war sie nicht mehr imstande, Hoffnung
auf Hilfe zu schöpfen. Eine Gestalt war nahe-- welche Gestalt--
das hinderte sie die stockfinstere Nacht und ihre geschwächte Sehkraft zu unterscheiden. Mit lautem, langem Klopfen meldete der
Neuangekommene sich an der Tür.
,Sind Sie es, Mr. St. John? fragte Hannah.
Ja, ja, mach nur schnell auf.
,Ach, du meine Güte, wie kalt und durchnäßt Sie in einer
solchen Nacht sein müssen! Kommen Sie nur herein! Ihre
Schwestern haben schon große Angst um Sie. Und ich glaube gar
noch, daß sich hier böse Gesellen umhertreiben. Eine Bettlerin ist
hier gewesen, aber wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! Sie hat
sich hier hergelegt! -- Steht auf! Es ist eine Schande. Fort! fort!
sage ich noch einmal!'
,Still Hannah! Ich habe ein Wort mit dieser Frau zu
sprechen. Du hast deine Pflicht getan, als du sie ausschlossest, jetzt
laß mich die meine tun, indem ich sie hereinlasse. Ich war in der
Nähe und habe gehört, was ihr beide miteinander spracht. Ich
glaube, dies ist ein ganz besonderer Fall, wenigstens muß ich ihn
untersuchen. Junge Frau, stehen Sie auf und gehen Sie vor mir
ins Haus.
Mit der größten Schwierigkeit gehorchte Jane ihm. Gleich
darauf stand sie in jener reinlichen, hellen Küche vor jenem Herd
zitternd, schwächer und schwächer werdend, wohl wissend, daß sie
im höchsten Grade zerlumpt und abschreckend aussah. Die beiden
jungen Damen, ihr Bruder Mr. St. John und die alte Dienerin
- alle starrten sie an.
,St. John, wer ist sie? hörte Jane die eine fragen.
,Ich weiß es nicht. Ich fand sie vor der Tür,' lautete seine
Antwort.
,Sie sieht ganz weiß aus, warf Hannah ein.
,So weiß wie Kreide oder der Tod, antwortete jemand, ,sie
wird umfallen, laß sie niedersitzen.
Und in der Tat ward Jane schwindlig, sie sank um, aber ein
Stuhl nahm sie auf. Sie war noch im Besitz ihrer Sinne, obgleich
sie in diesem Augenblick nicht sprechen konnte.
,Vielleicht würde etwas frisches Wasser sie neu beleben.
Hannah, hole ein wenig. Aber sie ist ja gänzlich erschöpft. Wie
mager ist sie! Und nicht ein Tropfen Blut in den Wangen!
,Ein wahres Gespenst.
,Ist sie krank oder nur verhungert?
,Verhungert, glaube ich. Hannah, ist das Milch? Gib sie mir
und ein Stück Brot dazu.
,Diana zerbröckelte ein wenig Brot, tunkte es in Milch und
hielt es an Janes Lippen. Ihr Gesicht war dem Janes ganz nahe.
Diese sah das Mitleid darin und hörte dann: ,Versuchen Sie zu
essen.
,Ja, versuchen Sie es,' wiederholte Mary sanft; und Marys
Hand entfernte ihren durchnäßten Hut und hob ihren Kopf empor.
Jane nahm von dem, was sie ihr angeboten, zuerst matt, dann aber
gierig.
,Nicht zu viel mit einemmal-- haltet sie zurück, sagte der
Bruder, ,sie hat genug bekommen. Und er nahm die Tasse mit
Milch ind den Teller mit Brot fort.
,Ein wenig noch, St. John-- sieh doch die ängstliche Gier in
ihren Augen.
,Für den Augenblick nicht mehr, Schwester. Versuch, ob sie
jetzt sprechen kann -- frag sie nach ihrem Namen.
Jane fühlte, daß sie sprechen konnte und sie entgegnete:
,Mein Name ist Jane Eyre.
,Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Angehörigen, Ihre
Freunde?
Jane schwieg.
,Können wir irgendeine Person holen lassen, die Sie kennen?
Sie schüttelte den Kopf.
Nach einer kurzen Pause sagte Jane:
,Sir, ich bin nicht fähig, Ihnen heute abend noch Näheres
mitzuteilen.
,Aber was erwarten Sie denn von mir, daß ich für Sie tun
soll? fragte er.
,Nichts!' entgegnete sie. Ihre Kraft reichte nur für kurze
Antworten hin. Diana nahm das Wort.
,Wollen Sie damit sagen, daß wir Ihnen jetzt alle Hilfe geleistet haben, deren Sie bedürfen? fragte sie, ,und daß wir Sie
wieder hinaus in den Regen und auf den durchweichten Sumpf
lassen können?
Jane blickte sie an. Sie fand, daß sie ein Gesicht hatte, in dem
sich Klugheit, Kraft und Güte vereinten. Plötzlich faßte sie Mut.
Indem sie ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortete,
sagte sie: Ihnen will ich vertrauen. Wenn ich ein herrenloser, verlaufener Hund wäre, so weiß ich, daß Sie mich heute abend nicht
mehr aus Ihrem Hause jagen würden. Wie es nun ist, hege ich
wirklich keine Furcht. Tun Sie mit mir und für mich, was Sie
wollen; aber erlassen Sie mir das Reden - mein Atem ist kurz---
ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.
Alle drei beobachteten Jane und alle drei verhielten; sic
schweigend.
,Hannah,' sagte Mr. St. John endlich, ,laß sie dort für den
Augenblick noch sitzen und richte keine Fragen an sie. Nach Ablauf
von zehn Minuten gib ihr den Rest von der Milch und den Brote.
Mary und Diana, laßt uns ins Wohnzimmer gehen und die Sache
weiter überlegen.
Sie zogen sich zurück. Sehr bald kehrte eine von den Damen
zurück - Jane konnte nicht unterscheiden, welche. Eine Art angenehmer Bewußlosigkeit bemächtigte sich ihrer, als sie so neben dem
belebenden Feuer saß. Mit leiser Stimme erteilte die Zurückgekehrte Hannah einige Befehle. Es dauerte nicht mehr lange, und
Jane vermochte mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinanzusteigen; ihre durchnäßten Kleider wurden ihr ausgezogen, und bald
lag sie in einem trocknen, angenehm durchwärmten Bette. Sie
dankte Gott für ihre Rettung und schlief ein.
Achtzehntes Kapitel.
Gastfreundschaft.
Drei Tage und drei Nächte ruhte Jane völlig erschöpft in
ihrem Bette. Sie nahm alles sie Umgebende nur wie in einem
Traume wahr. Ein- oder zweimal täglich erschienen Diana und
Mary im Zimmer. Sie flüsterte viel an Janes Bette, ungefähr
wie folgt:
,Ich bin froh, daß wir sie aufnahmen.
,Ja. Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel
tot vor unserer Tür gefunden worden, wenn wir sie die ganze
Nacht draußen gelassen hätten. Ich möchte nur wissen, was sie
alles durchgemacht hat.
,Seltene Trübsal und Entbehrungen, glaube ich- armes.
verhungertes, bleiches Menschenkind!
,Sie ist keine ungebildete Person, vermute ich, nach ihrer
Sprache zu urteilen. Ihr Akzent war sehr rein; und die Kleider,
welche sie abgelegt hat, waren, wenn auch naß und schmutzig, so
doch fein und wenig abgenützt.
In all ihren Gesprächen hörte Jane niemals auch nur eine
einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, welche sie
ihr gewährt hatten; oder ein Wort des Mißtrauens gegen sie.
Sie war also beruhigt.
Mr. St. John kam nur einmal; er sah sie an und sagte, daß
ihr Zustand das Resultat übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei. Er erklärte es für unnötig, einen Doktor holen zu
lassen; es sei seiner Überzeugung nach am besten, wenn man der
Natur ihren freien Lauf ließe. Es sei durchaus keine Krankheit.
Er glaube, daß Janes Genesung, wenn sie einmal begonnen, eine
sehr schnelle sein werde. Diese Ansichten sprach er in wenigen
Worten aus, mit einer leisen, ruhigen Stimme. Und nach einer
Pause fügte er in dem Tone eines Mannes, der wenig an erläuternde Bemerkungen gewöhnt ist, hinzu: ,ein ziemlich ungewöhnliches Gesicht; ganz entschieden aber trägt sie nicht das Gepräge der Verderbtheit.
,Weit entfernt davon,? entgegnete Diana.,Ehrlich gesprochen, St. John - mein Herz zieht mich zu der armen, kleinen
Seele. Ich wollte, daß wir ihr für die Dauer nützlich sein könnten.
,Das ist kaum anzunehmen,' lautete seine Antwort. ,Ihr
werdet finden, daß sie ein junges Mädchen ist, welches einen Streit
mit seinen Angehörigen gehabt und diese dann unvernünftigerweise
verlassen hat. Vielleicht gelingt es uns, sie jenen wieder zuzuführen, wenn sie nicht allzu eigensinnig ist; aber ich sehe Linien in
ihrem Gesicht, die auf Widerstandskraft schließen lassen und mich
zweifelhaft in bezug auf ihre Lenksamkeit machen.
Er stand und betrachtete Jane während einiger Minuten, dann
fügte er hinzu: ,Sie sieht klug aus, aber sie ist durchaus nicht
hübsch.
Am dritten Tage fühlte Jane sich besser; am vierten konnte
sie sprechen, sich bewegen, im Bette aufsitzen und sich umdrehen.
Es war um die Mittagsstunde, als Hannah ihr ein wenig Grütze
und einige geröstete Brotschnittchen brachte. Sie hatte mit Appetit
gegessen, die Nahrung war gut. Als Hannah sie verließ, fühlte sie
sich neu belebt und verhältnismäßig stark, und bald darauf wurde
sie der Ruhe müde. Sie wollte aufstehen; aber welche Kleider
sollte sie anlegen? Nur ihre feuchten, beschmutzten Gewänder, in
welchen sie auf dem Erdboden geschlafen hatte und auf dem Moor
gefallen war? Sie sah sich um. Auf einem Stuhl neben ihrem
Bette lagen all ihre eigenen Kleidungsstücke, jedoch rein und trocken.
Ihr schwarzseidener Rock hing an der Wand. Die Spuren des
Schlammes waren davon entfernt, die Falten, welche durch die
Nässe entstanden, waren geglättet: er sah durchaus anständig aus.
Sogar ihre Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und wieder
brauchbar gemacht. Alle Gegenstände zum Waschen befanden sich
im Zimmer, sogar Kamm und Bürste, um ihr Haar zu ordnen.
Nach einem sehr langwierigen Verlauf, bei dem sie sich alle fünf
Minuten ausruhen mußte, war es ihr gelungen, sich anzukleiden.
Ihre Kleider hingen lose auf ihr, denn sie war sehr abgemagert;
aber diese Mängel bedeckte sie mit einem Schal, und endlich wieder sauber und anständig aussehend-- kein Körnchen Schmut,
keine Spur von Unordnung, die sie so sehr haßte, kroch sie
die steinerne Treppe hinunter, sich fortwährend am Geländer haltend; sie gelangte in einen engen Korridor und fand gleich darauf
den Weg in die Küche.
Diese war voll von dem Duft frisch gebackenen Brotes, und
ein großes, helles Feuer durchwärmte sie. Hannah war mit
Backen beschäftigt.
,Was! Sie sind aufgestanden!' rief sie aus.,Da sind Sie
also endlich besser? Wenn Sie wollen, dürfen Sie sich in meinen
Stuhl am Herd setzen.
Sie zeigte auf den Schaukelstuhl. Jane nahm ihn. Hannah
wirtschaftete in der Küche umher und warf ihr von Zeit zu Zeit
einen prüfenden Seitenblick zu. Indem sie einige Brote aus dem
Backofen nahm, wandte sie sich zu ihr und sagte derb:
, Haben Sie schon früher gebettelt, ehe Sie zu uns kamen??
Einen Augenblick war Jane empört; aber glücklicherweise fiel
es ihr ein, daß sie sich nicht ärgern dürfe, und daß sie in Hannahs
Augen allerdings wie eine Bettlerin erscheinen müsse; daher antwortete sie ruhig:
, Sie irren sich, wenn Sie meinen, daß ich eine Bettlerin sei.
Ich bin ebensowenig eine Bettlerin wie Sie oder Ihre jungen Gebieterinnen.
Nach einer Pause sagte sie wieder: ,Nun, das verstehe ich
nicht. Sie haben doch keinen Pfennig Geld?
,Daß ich kein Geld besitze, macht mich noch immer nicht zur
Bettlerin.
,Sind Sie denn büchergelehrt? fragte sie gleich darauf.
,Ja, sehr!
, Aber Sie sind doch niemals in einer Pension gewesen?
,Ich war acht Jahre hindurch in einer Pension.'
Sie riß die Augen weit auf. ,Und dann können Sie sich nicht
einmal selbst erhalten?
,Ich habe mich selbst ernährt und hoffe, es sehr bald wieder
zu können. Was wollen Sie denn mit diesen Stachelbeeren
machen?' fragte Jane dann, als sie einen Korb dieser Früchte
herbeitrug.
,Kuchen davon backen.
,Geben Sie sie mir, ich will sie auslesen.
,Nein. Ich mag nicht, daß Sie etwas tun.
,Aber ich muß mich doch mit irgend etwas beschäftigen!
Geben Sie sie nur her!
Endlich willigte Hannah ein und brachte ihr sogar ein reines
Handtuch, um es über ihr Kleid zu breiten, ,damit es nicht
schmutzig werde,' wie sie sagte.
,Sie sind wohl nicht an Hausarbeit gewöhnt gewesen; das
sehe ich an Ihren Händen,' bemerkte sie.,Wahrscheinlich sind Sie
Schneiderin.
,Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht um das,
was ich gewesen bin, sondern sagen Sie mir, wo ich mich eigentlich befinde, wie dieses Haus heißt.
, Einige Leute nennen es Marsh-End, andere nennen es
MoorHouse.
,Und der Herr, welcher hier wohnt, heißt Mr. St. John?
,Nein, er wohnt nicht hier; er hält sich hier nur für einige
Zeit auf. Wenn er zu Hause ist, dann ist er in seinem eigenen
Hause, und das ist der Pfarrhof von Morton.
,Das Dorf einige Meilen von hier?
.Ja. ia.
,Und was ist er?
,Er ist Prediger.
Jane fiel die Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhofe
ein, als sie gebeten hätte, mit dem Prediger sprechen zu dürfen.
,War denn dies das Haus seines Vaters?
,Ja, ja. Der alte Mr. Rivers wohnte hier, und sein Vater
und sein Großvater, und sein Urgroßvater vor ihm.
,Der Name dieses Herrn ist also Mr. St. John Rivers?
,Ja, ja. St. John ist so etwas wie sein Taufname.
,Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?
.Va.
,Ihr Vater ist tot?
,Vor drei Wochen gestorben. Schlagfluß.
,Sie haben keine Mutter?
,Die ist schon lange Jahre tot.
,Sind Sie schon lange in der Familie?
,Ich bin schon dreißig Jahre hier. Hab' ja die drei Kinder
allein auferzogen.
,Das beweist, daß Sie eine treue und ehrliche Dienerin sein
Wieder sah sie Jane ganz erstaunt an.
,Am Ende glaube ich doch, daß ich mich in meinen Gedanken
über Sie ein bißchen geirrt habe,' sagte sie dann; ,aber Sie
müssen mir doch vergeben, denn es gehen ja so viele Betrügerinnen
umher, daß man gar nicht vorsichtig genug sein kann.
,Und,' fuhr Jane in ziemlich strengem Ton fort, Sie wollten
mich von der Tür fortjagen, in einer Nacht, wo Sie nicht einmal
einen Hund hätten hinausjagen dürfen.
,Na ja! Es war hart, aber was kann der Mensch tun?
Ich dachte ja doch mehr an die Kinderchen, als an mich selbst. Die
armen Dingerchen! Für sie sorgt niemand als nur ich. Muß ich
da nicht so ängstlich sein? Sie dürfen aber nicht allzu schlimm von
mir denken, fing sie dann wieder an, ,und ich sehe ein, daß ich unrecht hatte - aber jetzt, meiner Seel, denke ich auch anders von
Ihnen als früher. Sie sehen ja wirklich aus wie eine anständige
kleine Person.
,Das ist genug - jetzt vergebe ich Ihnen. Geben Sie mir
die Hand,! sagte Jane.
So war der Friede zwischen beiden geschlossen.
Hannah liebte es augenscheinlich sehr zu schwatzen und während Jane die Beeren auslas, und sie selbst den Teig zu dem
Kuchen machte, erzählte sie die ganze Lebensgeschichte ihrer
Herrschaft.
Der alte Mr. Rivers, sagte sie, sei ein einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung, und aus einer so
alten Familie, wie es kaum eine ältere gäbe. Dennoch gab sie zu,
,daß der alte Herr ganz wie andere Menschen gewesen sei, nichts
Besonderes, aber toll im Jagen und in der Landwirtschaft und
solchen Dingen. Die Frau war anders gewesen. Sie beschäftigte
sich viel mit Lesen und studierte immer, und die ,Kinderchen
waren ihr ganz nachgeraten. Sie hatten ihresgleichen nicht in
dieser Gegend; von dem Tag an, wo sie sprechen konnten, hatten
sie beinahe schon angefangen zu lernen, und sie hatten schon immer
,was so Apartes gehabt''. Als Mr. St. John größer geworden,
hatte er auf die Universität gehen und Prediger werden wollen,
und die Mädchen, sobald sie die Schule verlassen, hatten Gouvernanten werden wollen, denn wie sie erzählte, hatte Mr, Rivers
vor mehreren Jahren durch den Bankrott eines Bankiers, dem er
sein Vermögen anvertraut, einen großen Teil desselben verloren.
Und da er ihnen kein Vermögen mitgeben konnte, wollten sie nun
selbst für sich sorgen. Seit langer Zeit waren sie nur selten mehr
im alten Heim gewesen, und jetzt hatte der Tod ihres Vaters sie
auch nur für einige Wochen hergerufen; aber sie liebten Marsh-
End und Morton und all diese Hügel und Täler und Moore und
Heiden so innig. Sie waren in London und vielen anderen großen
Städten gewesen, aber immer hatten sie gesagt, der Heimat käme,
doch nichts gleich, und dann hatten sie sich einander so lieb und
zankten nie und machten keinen Lärm. Sie meine, eine solche
Familie, was Einigkeit beträfe, sei gar nicht mehr zu finden.
Nachdem Jane mit der Arbeit des Beerenlesens zu Ende war,
fragte sie, wo die beiden jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien.
,Nach Morton hinüber spaziert; aber in einer halben Stunde
werden sie zum Tee zurück sein.
Sie kehrten innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchentür ein. Als Mr. St. John Jane
sah, verbeugte er sich nur und ging vorüber; die beiden Damen
verweilten, Mary drückte in wenigen Worten freundlich und ruhig
ihre Freude darüber aus, daß Jane wohl genug sei, um herunter
zu kommen. Diana schüttelte den Kopf, indem sie Janes Hand
ergriff.
, Sie hätten meine Erlaubnis zum Herunterkommen abwarten sollen,' sagte sie. ,Sie sehen noch so fürchterlich blaß aus
-- und so abgezehrt! Armes Kind! - armes Mädchen! Und was
haben Sie hier zu tun? fuhr sie fort.,Dies ist kein platz für
Sie. Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche, weil wir zu
Hause gern einmal tun, was uns beliebt, aber Sie sind ein Gast
und müssen ins Wohnzimmer kommen.
,Ich fühle mich hier aber sehr behaglich.
, Das kann nicht sein, mit Hannah, die umherwirtschaftet und
Sie mit Mehl bestäubt.
,Außerdem erhitzt das Herdfeuer Sie auch zu sehr,! warf
Mary hier ein.
, Gewiß,' fügte ihre Schwester hinzu. ,Kommen Sie. Gehorsam müssen Sie sein. Und indem sie Janes Hand noch immer
hielt, ließ sie sie aufstehen und führte sie in das innere Zimmer.
,Nehmen Sie dort Platz,' sagte sie, indem sie Jane auf das
Sofa niederdrückte, ,während wir unsere Mäntel ablegen und
den Tee bereiten.
Sie schloß die Tür und ließ Jane allein mit Mr. St. John,
der ihr gegenübersaß mit einem Buche oder einer Zeitung in der
Hand. Prüfend ließ Jane ihre Blicke durch das Wohnzimmer
schweifen.
Das Wohnzimmer war ein ziemlich kleiner, außerordentlich
einfach ausgestatteter Raum; aber es war gemütlich, weil die peinlichste Sauberkeit darin herrschte. Die altmodischen Stühle waren
blankpoliert und der Nußbaumtisch glänzte wie ein Spiegel. Einige
seltsame, alte Porträts von Männern und Frauen vergangener
Tage zierten die gemalten Wände. Ein Glasschrank enthielt
einige Bücher und ein altes, wertvolles Porzellanservice. Im ganzen Zimmer waren keine überflüssigen Luxusgegenstände-- nicht
ein einziges neumodisches Möbelstück, außer zwei Arbeitskasten
und einem Damenschreibtisch von Rosenholz; sonst sah alles, mit
Einschluß des Teppichs und der Vorhänge aus, als sei es stets benutzt und stets geschont.
Bald traten die Schwestern wieder ein. Als Diana bei den
Vorbereitungen zum Tee aus- und einging, brachte sie Jane einen
kleinen Kuchen, der auf der Platte des Backofens gebacken war.
,Essen Sie das jetzt,'' sagte sie, ,Sie müssen ja hungrig sein.
Hannah sagt, daß Sie seit dem Frühstück nur ein wenig Grütze
gegessen haben.
Jane weigerte sich nicht, denn ihr Appetit war ganz und voll.
zurückgekehrt. Mr. Rivers schloß sein Buch jetzt, näherte sich dem
Tische und heftete seine Augen voll und fest auf Jane, indem er
Platz nahm. jetzt lag eine prüfende, bestimmte Festigkeit in seinem
Blicke.
,Sie sind sehr hungrig,'' sagte er.
,Das bin ich, Sir. Es war Janes Art, dem Kurzen mit
Kürze, dem Geraden mit Geradheit zu begegnen.
,Es war ein Glück für Sie, daß ein leichtes Fieber Sie seit
drei Tagen zum Fasten gezwungen hat; es wäre sehr gefährlich
gewesen, wenn Sie gleich dem Verlangen Ihres Appetits nachgegeben hätten. jetzt dürfen Sie essen, aber immer doch nur mäßig.
,Ich hoffe, daß ich nicht lange auf Ihre Kosten essen werde,
war Janes Antwort.
,Nein,'' sagte er kalt, ,wenn Sie uns den Wohnort Ihrer
Angehörigen mitgeteilt haben werden, so können wir ihnen schreiben, und Sie werden Ihrer Familie wiedergegeben.
,Ich muß Ihnen undweg erklären, daß es nicht in meiner
Macht liegt, das zu tun, da ich weder ein Heim noch irgendwelche
Anverwandte habe.
Die drei blickten Jane an, aber nicht mißtrauisch; sie fühlte,
daß kein Mangel an Vertrauen in ihren Blicken lag, mehr eine
Regung der Neugierde.
,Wollen Sie damit sagen,'' fragte St. John, , daß Sie vollständig allein im Leben dastehen?
,Ja. Kein Land fesselt mich an irgendein lebendes Wesen;
ich habe kein Recht, die Aufnahme unter irgendein Dach in ganz
England zu beanspruchen.'
,Eine seltsame Lage in Ihrem Alter! Sie bedürfen der
Hilfe, nicht wahr? fragte er weiter.
,Ja, ich bedarf ihrer und ich suche sie, insoweit Sir, daß ich
einen Menschenfreund suche, der mir Arbeit schafft, die ich verrichten kann, und deren Ertrag mir die Mittel zum Leben gibt;
wenn auch nur die allernotwendigsten.
,Ich bin willens, Ihnen mit allen mir zu Gebote stehenden
Kräften in der Ausführung eines so ehrlichen Vorsatzes zu helfen.
Sagen Sie mir also vor allen Dingen, an welche Art von Arbeit
Sie gewöhnt sind und was Sie leisten können.
jetzt hatte Jane ihren Tee getrunken. Er hatte sie sehr erfrischt; gerade so, als ob ein Riese Wein getrunken hätte.
,Mr. Rivers,? sagte sie, indem sie sich zu ihm wandte und
ihn offen und ohne Furcht ansah. ,Sie und Ihre Schwestern
haben mir einen großen Dienst geleistet - den größten, welchen
ein Mitmensch dem andern leisten kann; Sie haben mich durch
Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese Wohltat gibt
Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und
bis zu einem gewissen Grade auch Anspruch auf mein Vertrauen.
Ich werde Ihnen deshalb die Geschichte des Wanderers erzählen,
den Sie beherbergt haben.
,Ich bin eine Waise; die Tochter eines Geistlichen. Meine
Eltern starben, bevor ich sie kennen lernte. Ich wurde in Abhängigkeit und in einer gemeinnützigen Anstalt erzogen. Der Name
dieser Anstalt ist Lowood. Dort brachte ich sechs Jahre als
Schülerin und zwei als Lehrerin zu. Se werden davon gehört
haben, Mr. Rivers. Der ehrwürdige Mr. Brocklehurst ist der Verwalter.
,Ich habe von Mr. Brocklehurst gehört und ich kenne die
Schule.
,Vor ungefähr einem Jahre verließ ich Lowood, um Gouvernante in einer Familie zu werden. Ich hatte eine gute Stellung
und war glücklich. Nach meiner Rückkehr von einer Reise zu meiner
sterbenden Tante, fand ich die Besitzung meines gütigen Herrn
niedergebrannt, ihn selbst tot; er hatte sich edelmütig für die Rettung eines anderen aufgeopfert; seine Leute waren in alle Winde
zerstreut. Was blieb mir übrig, ohne Anhang und ohne Verwandte, als mir Arbeit zu suchen. Fast ganz ohne Mittel ergriff
ich die Wanderschaft, um irgendwo eine Tätigkeit zu finden, und
so kam ich ins Unglück. Zwei Nächte schlief ich draußen in Gottes
freier Natur, und zwei Tage wanderte ich umher, ohne die Schwelle
einer menschlichen Wohnung zu betreten. Nur zweimal während
dieser Zeit kam etwas Nahrung über meine Lippen; und als Sie,
Mr. Rivers, es hinderten, daß ich vor Hunger und Mangel an
Ihrer Tür umkam, indem Sie mich in Ihr Haus aufnahmen,
hatten Hunger und Verzweiflung und Erschöpfung mich dem Tode
nahegebracht. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich
getan haben, denn während meiner anscheinenden Betäubung war
ich nicht immer besinnungslos, und ihrem echten, freiwilligen, ungeheuchelten Mitleid verdanke ich ebensoviel, wie Ihrer christlichen
Barmherzigkeit.
, saß sie jetzt nicht mehr reden, St. John, sagte Diana, als
Jane innehielt; ,wie du siehst, ist sie noch keiner Art von Aufregung gewachsen. Kommen Sie jetzt hier aufs Sofa und setzten
Sie sich, Miß Eyre.
Als St. John einige Minuten nachgedacht hatte, fing er von
neuem an.
,Sie möchten nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig sein?
, Gewiß möchte ich das. Ich sagte es ja schon. Zeigen Sie
mir, wie ich Arbeit finden kann, das ist alles, um was ich jetzt bitte,
dann lassen Sie mich ziehen, und wenn es in die niedrigste Hütte
ist, aber bis dahin gestatten Sie mir, hier zu bleiben. Ich kann
nicht noch einmal den Kampf mit den Schrecken der heimatlosen
Armut aufnehmen,' erwiderte Jane.
,In der Tat, Sie werden hier bleiben,'' sagte Diana, indem
sie ihre weiße Hand auf Janes Kopf legte.
, Sie werden bleiben,'' wiederholte Mary in dem Ton anspruchsloser Aufrichtigkeit, der ihr eigen zu sein schien.
,Wie Sie sehen, macht es meinen Schwestern Freude, Sie
hier zu behalten,'' sagte Mr. St. John, , gerade so wie es ihnen
Freude bereiten würde, einen halberfrorenen Vogel, den der winterliche Wind in ihr Fenster getrieben hat, zu hegen und zu
pflegen. Ich allerdings bin mehr geneigt, Ihnen die Möglichkeit
zu schaffen, für sich selbst zu sorgen, und ich werde mich auch bemühen, das zu tun. Aber meine Hilfe kann nur der allerbescheidensten Art sein. Wenn Sie also geneigt sind, das Wenige gering
zu achten, so müssen Sie wirksamere Hilfe suchen, als ich Ihnen
bieten kann.
,Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten
will, deren sie fähig ist,' antwortete Diana für Jane; ,und du
weißt, St. John, sie hat keine Wahl; sie ist gezwungen, mit so
rauhen Menschen vorlieb zu nehmen, wie du.
,Ich will Schneiderin werden, ich will eine einfache Arbeiterin werden; eine Magd, eine Kinderwärterin, wenn sich nichts
anderes findet,'' antwortete Jane.
,Recht so, sagte Mr. St. John sehr kalt.,Wenn das Ihre
Gesinnung ist, so verspreche ich Ihnen zu helfen, sobald ich Zeit
und Mittel finde.
Dann nahm er das Buch wieder auf, mit dem er vor dem
Tee beschäftigt gewesen. Jane zog sich bald zurück, denn sie war
so lange außerhalb des Bettes gewesen und hatte so viel gesprochen,
nie es der augenblickliche Zustand ihrer Kräfte nur irgend erlaubte.
Neunzehntes Kapitel.
Ein neues Amt.
Je näher Jane die Bewohner von Moorhouse kennen lernte,
desto besser gefielen sie ihr. Nach wenigen Tagen hatte sie ihre
Gesundheit schon so weit wieder erlangt, daß sie den ganzen Tag
über aufbleiben und sogar schon kurze Spaziergänge machen konnte. Sie konnte sich mit Diana und Mary in all ihre Beschäftigungen teilen. Sie liebte die Lektüre, welche die Schwestern
liebten, und was ihnen Freude machte, entzückte auch Jane.
Sie waren beide viel gebildeter und hatten mehr gelesen, als
Jane, aber emsig folgte diese ihnen auf dem Pfade des Wissens.
welchen sie schon vor ihr betreten hatten. Jane verschlang die
Bücher, welche sie ihr geborgt hatten, und dann gewährte es ihr
die größte Befriedigung, am Abend das mit ihnen zu besprechen,
was sie während des Tages gelesen hatte. Der Schwestern Gedanken paßten genau zu denjenigen Janes, ihre Ansichten teilte
auch diese-- kurzum, sie harmonierten in allem vollkommen.
Aber in dem Trio gab es eine Erste, eine Anführerin. Das
war Diana. Wenn der Abend begann, vermochte Jane eine Zeitlang zu reden, aber wenn der erste Strom ihrer Rede vorüber war.
liebte sie es, sich auf einen Schemel zu Dianas Füßen zu setzen,
den Kopf in ihren Schoß zu legen und abwechselnd ihr und Mary
zuzuhören, während sie das Thema, welches Jane nur flüchtig berührt hatte, gründlich erörterten. Diana erbot sich, Jane deutsch
zu lehren. Es war Jane eine Freude, von Diana zu lernen. Ihre
Naturen ergänzten sich: gegenseitige Liebe der wärmsten Art war
das Resultat davon. Die Schwestern entdeckten, daß Jane malen
konnte: augenblicklich standen ihre Bleistifte und Farbenkasten zu
Janes Verfügung.-- So vergingen die Tage wie Stunden, die
Wochen wie Tage.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Mary
sollten Moor-House bald wieder verlassen und zu dem sehr verschiedenen Leben und Treiben zurückkehren, welches ihrer als Gouvernanten in einer großenStadt imSüdenEnglands harrte.-- Hier
hatte jede von ihnen eine Stelle in Familien inne, deren hochmütige,
reiche Mitglieder sie nur wie armselige Dienerinnen betrachteten.
keine ihrer ausgezeichneten Eigenschaften suchten oder kannten,
und ihre hervorragenden Fähigkeiten nur so zu schätzen wußten,
wie sie die Geschicklichkeit ihres Kochs oder den auserlesenen Geschmack ihrer Kammerfrauen zu würdigen verstanden.
Mr. St. John hatte noch nicht eine Silbe mit Jane über die
Stellung gesprochen, welche er ihr zu verschaffen gelobt; und doch
wurde es jetzt dringend notwendig, daß sie einen Beruf irgendwelcher Art erwählte. Aber als sie eines Morgens mit ihm allein war, faßte sie Mut und näherte sich ihm.
Er blickte auf und sagte: , Sie wollen eine Frage an mich
richten?
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie von irgendeiner Arbeit gehört haben, zu deren Verrichtung ich mich erbieten könnte.
,Schon vor drei Wochen fand oder plante ich etwas für Sie;
da Sie hier aber glücklich schienen und sich nützlich machten, da
meine Schwestern Sie augenscheinlich lieb gewonnen hatten und
Ihre Gesellschaft den beiden außerordentliche Freude gewährte,
so hielt ich es nicht für ratsam, Ihr gegenseitiges Wohlbehagen
früher zu stören, als ihre nahe bevorstehende Abreise von Marsh-
End auch die Ihre notwendig machen würde.
,Sie reisen aber schon in drei Tagen ab,'' entgegnete Jane.
,Ja, und wenn sie reisen, kehre ich nach dem Pfarrhause von
Morton zurück. Hannah wird mich begleiten, und dies alte Haus
wird zugeschlossen.
, Und welches war die Beschäftigung, Mr. Rivers, welche Sie
für mich im Auge hatten? Ich hoffe, daß dieser Aufschub nicht die
Schwierigkeit noch vergrößert hat, sie für mich zu sichern ?' fragte
Jane.
, O nein. Da es eine Beschäftigung ist, welche nur ich zu vergeben, und Sie nur anzunehmen haben. Und ich glaube, daß Sie
den Platz, welchen ich Ihnen anbieten will, annehmen werden.
,Erklären Sie sich,'' drängte Jane, als er innehielt.
, Das will ich, und Sie werden hören, wie armselig das Anerbieten ist-- wie klein-- wie knapp. Solange ich in Morton
bleibe, werde ich meine Kräfte bis auf das äußerste anspannen,
um den Ort zu fördern und zu verbessern. Als ich vor zwei Jahren
nach Morton kam, hatte es keine Schule; die Kinder der Armen
waren von jeder Hoffnung auf Emporkommen ausgeschlossen. Ich
gründete eine für Knaben; jetzt beabsichtige ich eine zweite für
Mädchen zu eröffnen. Ich habe zu diesem Zweck ein Gebäude
gemietet, und ein dazu gehöriges Häuschen mit zwei Zimmern,
welches der Lehrerin als Wohnung dienen soll. Ihr Gehalt wird
dreißig Pfund im Jahr betragen; Ihr Haus ist bereits eingerichtet,
sehr einfach, aber ausreichend. Ein Waisenmädchen aus dem Arbeitshause wird sie in jenen groben Arbeiten ihres Haushalts
unterstützen, welche selbst zu verrichten ihr Amt des Lehrens sie
hindert. Wollen Sie die Lehrerin sein??
In der Tat, das Amt war bescheiden, aber es war sicher, und
Jane brauchte vor allen Dingen ein geschütztes Asyl; es war mühevoll und anstrengend, aber im Vergleich mit dem Lose einer Gouvernante in einem reichen Hause war es doch immerhin unabhängig. Und die Furcht vor Abhängigkeit von fremden Leuten
folterte Janes Seele wie ein glühendes Eisen.
,Ich danke Ihnen für den Vorschlag, Mr. Rivers, ich nehme
denselben mit voller Dankbarkeit an,' erwiderte Jane.
, Aber Sie verstehen mich ? sagte er. ,Es ist eine Dorfschule; ihre Schülerinnen werden nur arme Mädchen sein Kinder von Tagelöhnern im besten Falle Kinder von Pächtern.
Stricken, nähen, lesen, schreiben, rechnen- das wird alles sein,
was Sie zu lehren haben. Was werden Sie mit Ihren Talenten
anfangen?
,Sie aufbewahren, bis sie gebraucht werden. Sie halten sich.
,Sie wissen also, was Sie unternehmen?
,Ich weiß es.
Jetzt lächelte er freundlich und zufrieden.
Und wann wollen Sie mit der Ausübung Ihrer Pflichten
beginnen ?
,Ich will schon morgen in die mir angewiesene Wohnung
ziehen und mit Anfang der nächsten Woche die Schule eröffnen,
wenn es Ihnen recht ist.
,Gut. Sei es so.'
Diana und Mary Rivers wurden immer stiller und schweigsamer, je näher der Tag kam, an dem sie ihren Bruder und ihr Heim
verlassen sollten. Beide versuchten nicht anders zu erscheinen als
gewöhnlich. Aber der Kummer, gegen welchen sie zu kämpfen
hatten, war der Art, daß er weder leicht zu besiegen noch zu verheimlichen war.
In diesem Augenblick ging St. John einen Brief lesend am
Fenster vorüber. Dann trat er ein.
, Unser Onkel John ist tot, sagte er.
Beide Schwestern schienen bestürzt; aber nicht erschreckt oder
entsetzt. Die Nachricht schien ihnen mehr plötzlich als betrübend zu
kommen.
,Tot? wiederholte Diana.
Ja.
Sie heftete einen prüfenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders. ,Und was jetzt? fragte sie mit leiser Stimme.
,Und was jetzt, Diana?' wiederholte er, seine marmorne
Ruhe des Gesichtsausdrucks bewahrend.,Was jetzt? Nun--
nichts! Lies!?
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie durchflog ihn
schnell und reichte ihn dann Mary. Mary durchlas ihn schweigend
und gab ihn darauf dem Bruder zurück, Mlle drei blickten einander
an und alle drei lächelten- ein trauriges, nachdenkliches Lächeln
war es.
,Amen! Wir haben noch zu leben,'' sagte Diana endlich.
,Auf jeden Fall wird unsere Lage nicht schlimmer, als sie vorher war,'' bemerkte Mary.
John faltete den Brief zusammen, verschloß ihn in sein Pult
und ging wieder hinaus.
Während einiger Minuten sprach niemand. Dann wandte
Diana sich zu Jane.
, Jane, du wirst dich über uns und unsere Geheimnisse wundern,' sagte sie, ,und uns für hartherzige Geschöpfe halten, weil
wir über den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Onkel es ist,
nicht mehr Betrübnis an den Tag legen. Aber wir haben ihn
niemals gekannt noch gesehen. Er war der Bruder meiner Mutter.
Vor langen Jahren hatten er und mein Vater einen Streit, und
sie entzweiten sich. Es geschah auf seinen Rat, daß mein Vater den
größten Teil seines Vermögens in jene Spekulation steckte, welche
ihn ruinierte. Gegenseitige Vorwürfe flogen zwischen ihnen hin
und her; sie trennten sich im Zorn und versöhnten sich niemals
wieder. Mein Onkel wurde später in glücklichere Unternehmungen
hineingezogen; wie es scheint, erwarb er ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund. Er war niemals verheiratet und hatte
außer uns und noch einer Person, die ihm durchaus nicht näher
steht als wir, keine nahen Verwandten. Mein Vater hegte stets
den Glauben, daß er seinen Irrtum wieder gut machen würde, indem er uns sein Vermögen hinterließ. Doch dieser Brief unterrichtet uns davon, daß er jeden Pfennig jener anderen Person
hinterläßt mit Ausnahme von dreißig Pfund, welche zwischen
St. John, Diana und Mary Rivers geteilt werden sollen, um drei
Trauerringe dafür zu kaufen. Natürlich hatte er ein Recht, mit
seinem Gelde zu machen, was er wollte, und doch wirft eine solche
Nachricht eine augenblickliche Verstimmung auf das Gemüt. Mary
und ich würden uns reich erachtet haben, wenn er jeder von uns
tausend Pfund hinterlassen hätte; und für St. John wäre dieselbe
Summe von großem Wert gewesen um der Wohltaten wegen, die
er mit derselben hätte ausüben können.
Nach dieser Erklärung wurde das Thema fallen gelassen und
niemand, weder Mr. Rivers noch seine Schwestern, erwähnten desselben wieder.
Am folgenden Tage übersiedelte Jane von Marsh-End nach
Morton. Tags darauf begaben Diana und Mary sich auf die
Reise nach dem weit entfernten B« Eine Woche später zogen Mr.
Rivers und Hannah nach dem Pfarrhofe und nun lag das alte
Haus verödet da.
Jane hatte also wieder ein Heim gefunden, eine Hütte: ein
kleiner Raum mit weiß getünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; darin stehen vier gemalte Stühle und ein Tisch
eine Uhr, ein Schrank mit zwei, drei Tellern und Schüsseln und ein
Teeservice von Delfter Steingut. Darüber ein Zimmer von derselben Größe der Küche mit einer Bettstelle aus Tannenholz und
einer Kommode, die zwar klein, aber dennoch zu groß ist, als daß
ihre ärmlichen Kleidungsstücke sie hätten ausfüllen können; obgleich
. ihre gütigen, großmütigen Freunde dieselben durch einen kleinen
Vorrat der allernotwendigsten Dinge vermehrt hatten.
Es ist Abend. Mit einer Orange als Belohnung hat sie die
kleine Waise entlassen, welche ihr als Hausmädchen dient. Sie
sitzt allein am Herd. Heute morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Sie hat zwanzig Schülerinnen. Nur drei von dieser Zahl
können lesen; nicht eine einzige schreiben oder rechnen. Mehrere
stricken, nur einige nähen ein wenig. Sie sprechen den breitesten
Akzent der Gegend. Für den Augenblick bietet sich ihnen wie Jane
noch die Schwierigkeit, ihre gegenseitige Sprache zu verstehen.
Einige von ihnen sind ebenso ungezogen, roh, unumgänglich wie
unwissend; andere wieder sind sanft, hegen große Lernbegierde und
zeigen Anlagen, welche Jane Freude machen. Sie darf aber nicht
Herzen schlummern wie in dem der Höchstgeborenen. Ihre Pflicht
ist es, diese Keime zu entwickeln; gewiß wird es ihr Befriedigung
und Genugtuung gewähren, wenn sie gewissenhaft dieses Amtes
waltet. Ja viel Freude erwartet sie noch vom Leben; denn Schaffen
und Arbeiten waren von jeher ihre Lust, und so wird sie auch hier
ihre Kräfte bis aufs äußerste anstrengen. Sie fühlte sich freudig
und zufrieden in dem kahlen, bescheidenen Schulzimmer, merkte sie
doch, daß sie jetzt ihres Lebens Endzweck erreicht habe. Und noch
fröhlicher und wohlgemuter wurde ihr Geist, als sie bald entdeckte,
daß sie die Liebe ihrer Schülerinnen, ja, die Achtung der Dorfbewohner erwarb. Freilich vermißte sie eine höhere geistige Anregung, doch das war nur vorläufig. Bald stellte der junge Prediger
die neue Lehrerin dem reichen Fabrikherrn Mr. Oliphant vor, der
mit seiner Tochter gerade durch das Dorf spazieren ging. während
St. John sich mit Jane an der Tür des Schulhauses unterhielt.
Von dem Fabrikbesitzer, dessen Landhaus in der Nähe des Dorfes
lag, und seiner Tochter aufgefordert, machte Jane einen baldigen
Besuch bei ihnen und wurde aufs freundlichste empfangen. Bald
gestaltete sich zwischen den beiden jungen Damen ein regelmäßiger
und freundschaftlicher Verkehr, und Jane hatte nun auch den so
lange vermißten, geistig anregenden Verkehr gefunden. So fühlte
sich Jane Eyre immer zufriedener in ihrer neuen Lebenslage; aber
ein größeres Glück sollte ihr noch zuteil werden.
Zwanzigstes Kapitel.
Die Erbschaft.
Eines Tages trat St. John in Janes Wohnzimmer; gelassen
zog er seine Brieftasche hervor, öffnete sie und suchte etwas darin;
aus einer der kleinen Abteilungen zog er ein Schreiben. Er stand
auf, hielt es Jane dicht vor die Augen und sie las, eine Anfrage
eines Advokaten Briggs, der sich nach einer Jane Eyre erkundigte.
Da Jane schwieg, fragte sie der Pfarrer: ,Wollen Sie nicht
wissen, was der Advokat von Ihnen wollte?
, Nun, was wollte er??
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel, Mr. Eyre auf Madeira.
tot sei, daß er Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen habe, und
daß Sie jetzt reich seien - nur das-- weiter gar nichts.
,Ich! reich?
,Ja! Sie, reich- eine Erbin!
Darauf entstand eine Pause.
,Ihr Vermögen ist in der englischen Bank angelegt; Briggs
hat das Testament und die nötigen Dokumente.
So war es denn mit einem Schlage anders geworden! Eg ist -
eine schöne Sache, liebe Leserin, in einem kurzen Augenblick von
Armut zu Reichtum emporgehoben zu werden, aber allerlei Bedenken gehen dem davon Betroffenen doch- durch den Kopf; die
Worte Vermächtnis und Hinterlassenschaft stehen Seite an Seite
mit den Worten Tod und Begräbnis. Jane hatte gehört, daß ihr
Onkel, ihr einziger Verwandter, tot sei. Von dem Augenblick an, .
da sie einst von seiner Existenz gehört, hatte sie auch gehofft, ihn
eines Tages zu sehen; und jetzt war auch das vorbei. Und dann
bekam ja auch nur sie allein dies Vermögen, nicht sie und eine
glückliche Familie, nur ihr einsames Ich! Ohne Zweifel war es
eine großartige Gabe, und Unabhängigkeit mußte ein gar köstliches
Ding sein - ja, das fühlte sie, dieser Gedanke machte ihr Herz vor
Wonne erzittern.
,Endlich blicken Sie wieder auf,. sagte Mr. Rivers, ,ich
glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie seien zu Stein geworden; vielleicht werden Sie mich jetzt auch fragen, wieviel. Sie
wert sind?
,Wieviel bin ich wert?
,O, eine Kleinigkeit! Nichts, das der Mühe verlohnte zu
nennen; nur zwanzigtausend Pfund Sterling, glaube ich, wurde
gesagt. Aber was ist denn da!
,Zwanzigtausend Pfund?
Dies war ein neues Erstaunen für Jane. Sie hatte auf vier
oder fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht beraubte sie in
der Tat für einen Augenblick des Atems. Mr. St. John, den sie
noch niemals lachen gehört, Mr. St. John lachte jetzt über sie.
,Nun,' sagte er, ,wenn Sie einen Mord begangen hätten und
ich Ihnen sagte, daß Ihre Tat entdeckt wäre, so könnten Sie nicht
bestürzter aussehen.
,Es ist eine große Summe; glauben Sie nicht, daß hier
irgendein Irrtum obwaltet?
,Durchaus kein Irrtum.
,Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen - es werden
nur zweitausend sein!
,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen- zwanzigtausend.’
Jetzt erhob sich Mr. Rivers und nahm seinen Mantel um.
,Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre, sagte er, ,so
würde ich Hannah herunter senden, um Ihnen Gesellschaft zu
leisten. Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus; man sollte Sie
nicht allein lassen. Aber das arme Weib, die Hannah, könnte nicht
so gut durch die Schneewehen kommen wie ich; ihre Beine sind nicht
ganz so lang. Daher muß ich Sie schon einsam Ihrem Kummer
überlassen,'' scherzte er.
Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und zog den Riegel zurück. Da kam Jane ein plötzlicher Gedanke.
,Warten Sie eine Minute,' rief sie.
,Nun?
, Es macht mir Kopfzerbrechen, weshalb Mr. Briggs an Sie
über mich schrieb; oder woher er Sie kannte und wie er glauben
konnte, daß Sie, der Sie in einem so weltentlegenen Winkel wohnen,
die Macht besäßen, ihm zu meiner Entdeckung behilflich zu sein.
, O! ich bin ein Prediger,'' sagte er, ,und an die Geistlichen
wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.
Wieder rasselte der Riegel.
, Nein, das genügt mir nicht!'' rief sie aus. Und in der Tat
lag etwas in der hastigen, unklaren Antwort, das ihre Neugierde
nur noch mehr reizte, anstatt sie zu befriedigen.
,Das ist eine seltsame Geschichte,' sagte sie, ,und ich muß noch
mehr darüber erfahren.
,Ein ander Mal.r
, Nein, heute abend!- heute abend !' und als er sich von der
Tür abwandte, stellte sie sich zwischen diese und ihn. Er sah ziemlich verlegen aus.
,Sie werden bestimmt nicht von hier gehen, bevor Sie mir
nicht alles gesagt haben!' sagte Jane.
,Erlassen Sie mir das, für den Augenblick wenigstens.
,Sie sollen- Sie müssen!
,Ich möchte lieber, daß Diana oder Mary mit Ihnen darüber
spräche.
Natürlich machten seine Einwendungen sie nur noch erregter.
Ihr Verlangen, alles zu erfahren, hatte den höchsten Grad erreicht.
Es mußte befriedigt werden, und das ohne Verzug. Sie sagte
ihm das.
,Ich sagte Ihnen vorher, daß ich hartköpfig bin,' sagte er.
,Und ich bin ebenfalls hartköpfig,'' erwiderte sie.
,Und dann,'' fuhr er fort, ,bin ich kaltblütig; keine Leidenschaft reißt mich hin.
,Während ich heißblütig bin, und Feuer schmilzt Eis. Das
Holzfeuer dort hat allen Schnee auf Ihrem Mantel schmelzen gemacht; und jetzt ist er auf meinen Fußboden herabgeronnen und
hat ihn zu einer schmutzigen Straße gemacht. Mr. Rivers, wenn
Sie hoffen, daß Sie Vergebung für das Verbrechen finden werden,
den sandbestreuten Fußboden einer Küche beschmutzt zu haben, so
sagen Sie mir alles, was ich zu erfahren wünsche.
,Nun, sagte er, ,gut; ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem
Ernst, so doch Ihrer Ausdauer; gerade so wie auch der Stein durch
einen fortwährenden Tropfenfall ausgehöhlt wird. Überdies
müssen Sie es ja doch eines Tages erfahren.
,Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Ihr Namensvetter bin?
daß ich St. John Eyre Rivers getauft bin?
,Nein, in der Tat; ich erinnere mich jetzt wohl, in den Büchern,
welche Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt haben, auch den
Buchstaben E gesehen zu haben; doch fragte ich niemals, für welchen
Namen er stehe. Und nun weiter?
,Der Name meiner Mutter war Eyre; sie hatte zwei Brüder;
der eine war Geistlicher und heiratete Miß Reed von Gateshead;
der andere John Eyre Esg., Kaufmann, ist vor kurzem in Funchal
auf Madeira gestorben. Da Mr. Briggs Mr. Eyres Sachwalter
ist, schrieb er im letzten August an uns und teilte uns den Tod
unseres Onkels mit; zugleich unterrichtete er uns davon, daß er
sein Vermögen einer anderen Verwandten hinterlassen habe; wir
waren übergangen infolge eines Streites zwischen ihm und meinem
Vater, dem er niemals vergeben hatte. Vor einigen Wochen schrieb
Mr. Briggs wieder, um uns zu sagen, daß die Erbin Jane Eyre
heiße und unauffindbar sei und anzufragen, ob wir nichts von ihr
wüßten.
Und wiederum wollte er gehen, aber Jane stellte sich vor
die Tür.
,Lassen Sie mich sprechen,'' sagte sie,,geben Sie mir nur einen
Augenblick, um aufzuatmen und nachzudenken.
Sie hielt inne; er stand vor ihr, den Hut in der Hand, und sah
sehr ruhig und gefaßt aus.
Jane fuhr fort:
,Ihre Mutter war die Schwester meines Vaters.
,Ja.
,Folglich meine Tante.
Er nickte.
Mein Onkel John war Ihr Onkel John? Sie, Diana und
Mary sind die Kinder seiner Schwester, ebenso wie ich das Kind
seines Bruders bin?
,Ohne Zweifel.
,Sie sind also meine Vettern und Cousinen; die Hälfte unseres
Bluts fließt also aus derselben Quelle?
,Wir sind Vettern und Cousinen; ja.
Jane beobachtete ihn. Ihr war's, als hätte sie einen Bruder
gefunden, und noch dazu einen, auf den sie stolz sein konnte, den
sie lieben konnte; und zwei Schwestern, welche so große, erhabene
Eigenschaften besaßen, daß sie ihr schon, als sie für sie nur fremde
Menschen waren, die größte Liebe und Bewunderung eingeflößt
hatten. Die beiden Mädchen, auf welche sie an jenem Abend, als
sie auf dem feuchten Erdboden kniete und durch das niedrige, vergitterte Fenster der Küche von Moorhouse sah, mit einem so bitteren
Gemisch von Interesse und Verzweiflung geblickt, sie waren ihre
nächsten Verwandten! Und der junge, stattliche Mann, welcher
sie fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, er war durch Bande
des Blutes an sie gebunden. Welche Entdeckung für eine Einsame!
Dies war Reichtum in der Tat! Reichtum für ihr Herz!-- Dies
war eine Himmelswohltat, rein, klar, neubelebend. In einer plötzlichen Aufwallung von Freude klatschte sie in die Hände, ihre
Pulse flogen,- in ihren Schläfen hämmerte es.
,O, ich bin so froh! - ich bin so froh! rief sie aus.
St. John lächelte.
Jane ging schnell durch das Zimmer. Dann hielt sie inne. Die
Gedanken, welche schneller kamen, als sie sie erfassen, begreifen,
ordnen konnte, erstickten sie fast. Sie starrte die kahle Wand an;
sie erschien ihr wie ein Himmel, der dicht mit leuchtenden Sternen
übersäet war, und jeder einzelne derselben bedeutete ihr ein Glück.
Jetzt konnte sie jenen Wohltaten erweisen, die ihr das Leben gerettet, und die sie bis zu diesem Augenblick nur untätig hatte wieder
lieben können. Ihre Wohltäter lebten in einem Joche, Jane konnte
sie befreien; sie waren in der Welt zerstreut, Jane konnte sie wieder
vereinigen; die Unabhängigkeit, der Überfluß, dessen sie sich erfreute, sie konnten auch ihnen zuteil werden. Zwanzigtausend Pfund
in gleiche Teile geteilt, würde für jeden fünftausend geben -- reichlich genug; der Gerechtigkeit sollte Genüge geschehen, aller Glück
gesichert werden. jetzt lastete der Reichtum nicht schwer auf Jane,
jetzt war es nicht nur ein Erbteil an Geld und Geldeswert -- nein,
es war ein Legat an Leben, Hoffnung und Genuß!
Sie sprach eifrig zu St. John: , Schreiben Sie schon morgen
an Diana und Mary und sagen Sie ihnen, daß sie sofort nach Hause
kommen, Diana hat mir oft gesagt, daß sie sich für reich halten
würden, wenn sie tausend Pfund hätten, folglich werden sie mit
fünftausend Pfund sehr gut leben können.
,Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser holen kann,.
sagte St. John, , Sie müssen sich wirklich beruhigen und Ihre
Gefühle zu beherrschen suchen.
, Mr. Rivers! Sie machen mich wirklich ungeduldig; ich bin
vollkommen vernünftig; Sie sind es, welcher mich mißversteht,
oder welcher vielmehr vorgibt, mich mißzuverstehen,'' erwiderte
Jane.
,Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich klarer
ausdrückten.
, Klarer ausdrücken! Was ist denn hier noch klarer auszudrücken. Sie müssen doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund, die
in Frage stehende Summe, zu gleichen Teilen zwischen dem Neffen
und den drei Nichten meines Onkels verteilt, fünftausend Pfund
für jeden ergeben? Was ich will, ist, daß Sie an Ihre Schwestern
,Ihnen selbst, wollen Sie sagen.
,Ich habe Ihnen deutlich meine Ansicht über die Sache erklärt.
Eine andere vermag ich nicht zu fassen. Ich bin nicht selbstsüchtig,
nicht ungerecht, nicht undankbar. Außerdem bin ich entschlossen,
mein Heim zu gründen, mir Verwandte zu schaffen. Ich liebe
MoorHouse, und in MoorHouse will. ich wohnen. Ich liebe Diana
und Mary, und bei Diana und Mary will ich mein Lebelang
bleiben. Es wird mir ein Segen und eine Freude sein, fünftausend
Pfund zu besitzen; aber es würde mich quälen und bedrücken,
zwanzigtausend mein eigen zu nennen; und außerdem könnten sie
mir niemals von Rechts wegen gehören, wenn auch das Gesetz sie
mir zuspricht. So überlasse ich Ihnen nur das, was für mich absolut überflüssig wäre.
,Dies heißt nach der ersten Eingebung handeln; Sie bedürfen
mehrerer Tage, um die Sache zu überlegen, bevor ich Ihr Wort als
gültig annehmen kann.
,O! Wenn es nur die Aufrichtigkeit und Dauer meines
Willens ist, die Sie bezweifeln, so bin ich ruhig. Sehen Sie denn
wenigstens die Gerechtigkeit der Sache ein ??
,Ja; eine gewisse Gerechtigkeit erkenne ich an; doch läuft sie
jedem hergebrachten Brauch entgegen. Außerdem haben Sie Anspruch an das ganze Vermögen; mein Onkel erwarb es durch seine
eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem
er wollte: er hinterließ es Ihnen. Und schließlich erlaubt das
Gesetz Ihnen, es zu behalten. Mit reinem Gewissen können Sie
es als Ihnen gehörig betrachten.'?
,Bei mir ist es ebensogut eine Sache des Gewissens wie des
Gefühls, sagte sie., Und ich muß nach meinem Gefühl handeln.
Ich habe bis jetzt so selten Gelegenheit gehabt, das zu tun. Und
wenn Sie während der Dauer eines ganzen Jahres mit mir
stritten, mich ärgerten und mir widersprächen, so würde ich mir
die selige Freude nicht versagen, die sich mir in dieser Stunde
flüchtig offenbart hat - nämlich, zum Teil eine schwerwiegende
Verbindlichkeit abzuzahlen und mir Freunde für das ganze Leben
zu erringen.
, So denken Sie jetzt,! begann St. John wiederum, ,weil
Sie nicht wissen, was es heißt, Reichtum zu besitzen und folglich
sich desselben zu erfreuen; Sie haben keinen Begriff von der Wichtigkeit, welche der Besitz von zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würde; von der Stellung, welche sie Ihnen in der Gesellschaft geben würden; von den Aussichten, welche sich Ihnen dadurch eröffnen würden; Sie können nicht-
,Und Sie,'' unterbrach sie ihn, ,können sich keinen Begriff
machen von der Sehnsucht, welche ich nach schwesterlicher und
brüderlicher Liebe empfinde. Ich hatte niemals eine Heimat, niemals Brüder oder Schwestern. Ich will und muß sie jetzt haben.
Widerstrebt es Ihnen denn, mich aufzunehmen und anzuerkennen?
,Jane, ich will Ihnen ein Bruder sein- meine Schwestern
werden Ihre Schwestern sein-- ohne daß Sie uns das Opfer
Ihrer gerechten Ansprüche bringen.
,Bruder? Ja! In kühler Entfernung. Schwestern? Ja!
Die ein Sklavenleben zwischen Fremden führen! Und ich reich!
Überschüttet mit Gold, das ich mir nicht erworben und das ich nicht
verdiene! Und ihr arm! Großartige Gleichberechtigung und
Brüderlichkeit! Enge, innige Vereinigung! Herzliche Liebe und
Anhänglichkeit!?
,Und die Schule, Miß Eyre? Die wird jetzt doch vermutlich
geschlossen werden müssen?’
,Nein; ich werde den Platz einer Lehrerin behalten und ausfüllen, denn dieser Platz ist mir lieb und wert geworden.
Er lächelte zustimmend. Dann drückten sie sich die Hände
und er ging.
Die Angelegenheit wurde trot längeren Zauderns der Geschwister doch in Janes Sinne geordnet; ein jeder von den Vieren
erhielt fünftausend Pfund Sterling. Jane hatte zwar beschlossen,
ihre Stelle als Lehrerin zu behalten, doch wollte sie von nun an
in Moor House wohnen.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zu gutem Ende.
Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen, ehe alles
geordnet war; die Zeit des Festes der ganzen Christenheit war
nahe. Jetzt schloß Jane die Schule von Morton für einige Zeit
und bat St. John, daß er ihr Hannah abtrete.
,Wozu brauchen Sie sie?
,Um mit mir nach Moor House zu gehen. In einer Woche
werden Diana und Mary zu Hause sein, und bei ihrer Ankunft
sollen sie alles in der schönsten Ordnung finden.
,Ich verstehe. Hannah soll Sie begleiten.
,Sagen Sie ihr also, daß sie sich morgen bereit hält.
,Was gedenken Sie denn in Moor-House zu tun,'' fragte er
dann.
,Mein erstes Ziel ist, Moor-House vom Boden bis zum Keller
einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. DaS nächste, es mit
Bienenwachs, Ol und einer unbestimmten Anzahl von Tüchern zu
reiben, bis es blitzt; das dritte, jeden Tisch, jeden Stuhl, jedes
Bett, jeden Teppich mit mathematischer Präzision zu arrangieren;
darauf werde ich Sie beinahe zugrunde richten durch ungezählte
Massen von Torf und Holz, um in jedem Zimmer ein hellloderndes
Feuer zu unterhalten; und endlich und zuletzt werden die beiden
letzten Tage, welche der Ankunft Ihrer Schwestern voraufgehen,
von Hannah und mir dem Schlagen von Eiern, Auslesen von Rosinen, Rösten von Gewürzen, Backen von Weihnachtskuchen,
Schneiden von Fleisch und anderen schönen Dingen gewidmet
sein, von welchem Uneingeweihte, wie Sie, doch keinen Begriff
haben. Kurz und gut, mein Zweck ist es, vor nächstem Donnerstag alles in einem Zustande der vollkommensten Bereitschaft
zu Dianas und Marys Empfang zu, haben.
St. John lächelte fast unmerklich und entfernte sich.
Jane war jetzt glücklich in Moor-House, und angestrengt arbeitete sie. Desgleichen Hannah. Diese war entzückt, zu sehen,
wie fröhlich Jane sein konnte inmitten der Unruhe eines Hauses,
in welchem das unterste zu oberst gekehrt war - wie gut sie bürsten, abstäuben, reinigen und kochen konnte. Und wirklich nach
zwei Tagen der heillosesten Verwirrung war es reizend mit anzusehen, wie sie nach und nach Ordnung in das Chaos brachten, das
sie erst selbst hervorgerufen hatten. Kurz vorher hatte Jane noch
eine Reise nach S. unternommen, um einige neue Möbelstücke zu
kaufen, nachdem ihre Cousinen ihr freie Hand gelassen und eine
bestimmte Summe zu dem Zwecke gegeben hatten, alle sie gut dünkenden Änderungen zu treffen. Das gewöhnliche Wohnzimmer
und die Schlafzimmer ließ sie ganz so, wie sie gewesen, denn sie
wußte, daß Diana und Mary mehr Freude an dem Wiedersehen der
häßlichen, alten Stühle und Tische haben würden, als an dem Anblick der prächtigsten Neuerungen. Und doch war einiges Neue
notwendig, um ihrer Heimkehr das Ungewöhnliche zu verleihen,
womit sie es gern umkleiden wollte. Diesem Zweck entsprachen
nun neue, schöne, dunkle Teppiche und Vorhänge, eine Zusammenstellung sorgsam ausgewählter, antiker Ornamente in Porzellan
wirken. Ein Fremden, Wohn- und Schlafzimmer möblierte sie ganz
neu mit Mahagoni und roten Polstermöbeln; in den Korridor und
auf die Treppe legte sie Teppiche. Als alles fertig war, erschien
das Innere von MoorHouse ihr ebenso freundlich und sauber und
gemütlich, wie es draußen um diese Jahreszeit winterlich einsam
und öde und traurig war.
Endlich kam der ereignisreiche Donnerstag. Die Schwestern
wurden um die Dämmerstunde erwartet, und lange vorher wurden schon oben und unten die Kaminfeuer angezündet. Die Küche
war in vollkommenster Ordnung. Hannah und Jane waren angekleidet. Alles war bereit.
Zuerst kam St. John. Jane hatte ihn innig gebeten, das
Haus nicht eher zu betreten, als bis alles arrangiert sei; und in der
Tat hatte der bloße Gedanke an die Unruhe und Verwirrung,
und Bronze, neuer Möbelbezüge, Spiegel und Toilette»Necessaire
für die Ankleidezimmer: alles dies sah frisch aus, ohne störend zu
welche innerhalb der vier Wände vor sich ging, hingereicht, ihn
dem Hause völlig zu entfremden. Er fand Jane in der Küche mit
dem Backen einiger Kuchen für den ersten Teeabend beschäftigt.
Indem er sich dem Herde näherte, fragte er, ob sie nun endlich
mit der Arbeit eines Hausmädchens zufrieden sei. Sie antwortete
ihm, indem sie ihn einlud, sie auf einer Generalinspektionsreise
durch das Haus zu begleiten, um das Resultat ihrer Anstrengungen
zu begutachten. Mit einiger Mühe gelang es ihr, ihn zu diesem
Rundgang zu überreden. Dann aber zeigte er offen, welche
Freude er an der Verschönerung seines väterlichen Hauses
empfände,
Da stürmte Hannah herein. ,Sie kommen! sie kommen!’ rief
sie, indem sie die Tür des Wohnzimmers weit aufriß. In demselben Augenblick hob auch der alte Carlo an freudig zu bellen.
Jane lief hinaus. jetzt war es dunkel geworden, aber deutlich vernahm man das Rollen der Räder. Hannah hatte schnell eine
Laterne angezündet. Der Wagen hatte vor dem Gittertor angehalten. Der Kutscher öffnete den Wagenschlag; zuerst stieg eine
wohlbekannte Gestalt heraus, dann die zweite. Im nächsten
Augenblick war Janes Gesicht unter ihrenHüten, zuerst inBerührung
mit Marys weicher Wange, dann mit Dianas reichen Locken.
Sie lachten, küßten sie-- dann Hannah; liebkosten Carlo,
der fast wild vor Freude war, fragten eifrig, ob alles wohl und in
Ordnung sei, und eilten ins Haus, als. ihre Frage bejahend beantwortet wurde.
Sie waren wie gerädert durch die lange Fahrt auf dem
schlechten Wege von Whitcroß; ihre Glieder waren in der eisigen
Nachtluft fast erstarrt; aber sie tauten vor dem lustig flackernden
Kaminfeuer zusehends auf. Während der Kutscher und Hannah
die Koffer hereinbrachten, fragten sie nach St. John. In diesem
Augenblick trat er aus dem Wohnzimmer. Beide umarmten ihn
zugleich. Er küßte und bewillkommnete sie herzlich.
Jane hatte die Kerzen angezündet, um beide nach oben zu
geleiten, aber Diana hatte vorher noch gastfreie Befehle in Bezug
auf den Kutscher zu erteilen; nachdem dies geschehen, folgten beide.
Sie waren über die Neuerungen und Ausschmückungen ihrer Zimmer entzückt. In reichstem Maße sprachen sie ihre Freude über die
neuen Vorhänge, die frischen Teppiche und reich bemalten Porzellanvasen aus. Jane hatte die Genugtuung zu fühlen, daß ihre
Anordnungen ihren Wünschen vollkommen entsprachen, und daß
alles, was sie getan hatte, ihrer freudigen Heimkehr noch einen
großen Reiz verliehen hatte. Es war ein wonniger Abend.
Hiermit sind wir an das Ende unserer Erzählung gelangt;
denn welchen schöneren Abschluß könnte es geben, als die arme
Waise, welche alles Elend eines elternlosen und verlassenen Kindes
hat durchkosten müssen, in wohlhabenden Verhältnissen, in geachteter Stellung und im Kreise lieber Verwandten zu sehen? Bald
wurde Jane Eyres Liebeskreis noch erweitert; denn sobald sie
durch andauernde Nachforschungen Mrs. Fairfax's Aufenthaltsort entdeckt hatte, ließ sie die kleine Adele, welche jetzt ganz einsam
bei der gütigen, alten Dame noch weilte, zu sich kommen. So
hatte Jane noch eine besondere Liebespflicht zu erfüllen, und sie
widmete sich derselben mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit.
Die Waise aus Lowood
Jane.
Erste Abteilung in einem Aufzug.
Personen.
Mistreß Sarah Reed, eine reiche Witwe.
John (15 Jahr alt), ihr Sohn.
Kapitän Henry Wytfield, ihr Bruder.
Dr. Blackhorst, Vorsteher einer Waisenstiftung.
Jane Eyre (16 Jahr alt), eine Waise.
Bessie, Bonne im Hause der Mistreß Reed.
Die Handlung spielt auf Gateshead, dem Gute der Mistreß Reed.
Rochester.
Zweite Abteilung.
Charaktergemälde in drei Aufzügen.
Personen.
Lord Rowland Rochester.
Lord Clawdon.
Lady Clawdon.
Francis Steenworth, Baronet.
Edward Harder, Esquire.
Mistreß Reed.
Lady Georgine Clarens, Witwe.
Kapitän Henry Wytfield.
Mistreß Judith Harleigh, Rochesters Verwandte.
Jane Eyre.
in Rochesters Hause.
Adele, ein Kind von acht Jahren
Gratia Poole
Sam, Diener
Patrik, Reitknecht
Die Handlung spielt acht Jahre nach der ersten Abteilung auf Thornfield-Hall, einem Gute Rochesters.
Erste Abteilung.
Jane
Ein Zimmer bei Mistreß Sarah Reed mit Bücherschränken und Statuen. Mittelthür. Seitenthüren rechts und links. Links ein hohes Fenster mit einem roten Damastvorhang, der zurückgeschlagen ist, davor ein
Stuhl. Rechts ein Kamin; über dem Kamin das lebensgroße Bild eines schönen stattlichen Mannes von einigen vierzig Jahren; davor ein Sofa, daneben ein Lehnstuhl und Tisch. Alles verrät Reichtum.
(Rechts und links vom Schauspieler.)
Die mit Klammern [] versehenen Stellen können bei der Aufführung wegfallen.
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (kommt, nachdem sie vorher den Kopf zur Thür hereingesteckt, von links, tritt auf den Zehen lauschend ein und sieht sich ringsum; dann huscht sie leicht durch das Zimmer und eilt auf den Kamin zu; ihr Gesicht ist bleich, lange dunkle Locken umwogen ihr Haupt, sie trägt ein ärmliches dunkles Kattunkleid, darauf eine schwarze Schürze mit einem gleichen Brustlätzchen, ein kleines weißes Tuch um Hals und Schultern geschlungen; sie bleibt vor dem Bilde stehen, faltet die Hände und sieht mit ernsten Blicken dazu auf. Nach einer Pause). Onkel Reed, mein guter Onkel Reed! Siehst du mich? -- Du lächelst, du siehst mich! Warum lächelst du? Nein, weine, weine! Sie sagen ja alle, daß
ich böse, verdorben, verloren, daß ich ein undankbares Kind sei, da muß es wohl so sein! -- Ach, warum hast du mich verlassen! Ich hatte dich so lieb, du hattest mich so lieb, sie aber hassen mich alle; muß ich denn dankbar sein für Haß? Drüben schmausen sie und freuen sich; gestern war Weihnacht, sie beschenken sich, sie schwimmen in Glück und Freude, deiner aber denken sie nicht, Onkel Reed – und (sie sinkt plötzlich auf die Knie) es ist dein Geburtstag heute; du hast ihnen alles gegeben, worin sie schwelgen, du bist's, der sie beschenkt noch aus dem Grabe herauf -- und sie denken deiner nicht! -- Ach Onkel, ich kann dir nichts bringen als meine Thränen, ich habe ja sonst nichts, es ist alles, was sie mir gelassen, nimm sie hin, ich weine aus Liebe, aus Dankbarkeit -- und sie sagen, ich sei undankbar! -- Glaubst du's, Onkel? Nein, nein, du glaubst es nicht!
Zweiter Auftritt.
Jane. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Gott steh' mir bei! Ich dachte mir's! Jane, was machst du, du trittst hier ein, wohin es dir verboten ist, den Fuß zu setzen! Nicht einen Augenblick darf man dich doch aus den Augen lassen! Was thust du?
Jane (ist bei ihrem Eintritt aufgesprungen, mit wildem Blick). Ich habe Onkel Reed Glück zu seinem Geburtstag gewünscht! Ich that es, Bessie, weil alle anderen es vergaßen!
Bessie (ergriffen und verlegen). Wie? Ist denn heute –
Jane. Der zweite Weihnachtsfeiertag – der nie vergessen wurde, als Onkel Reed noch lebte, um an diesem Tage das ganze Haus zu beschenken!
Bessie (verwirrt). Aber Jane, er ist ja schon fünf Jahre tot, wer kann sich das alles merken, es ist ja eine Ewigkeit!
Jane (bitter). Fünf Jahre! Jawohl, eine Ewigkeit! Welch glückliches Kind war ich! Ehe Onkel Reed starb, wußte ich nicht, daß gute Menschen sterben und arme Waisen so elend werden können!
Bessie. Du hattest ja aber doch Vater und Mutter verloren.
Jane (schüttelt traurig den Kopf). Die kannte ich nicht. Onkel Reeds Arme, die mich aufnahmen, waren so weich; als er lebte, wußte ich nicht, daß ich eine Waise sei! (In wildem Ausbruch.) Ach, Onkel Reed, wo bist du? Willst du mich denn nicht holen?
Bessie (ängstlich). Komm fort, Jane, du fällst wieder in den wilden Ton, der dir vom Fieber geblieben, an dem du im vorigen Jahre kranktest! (Sanft.) Du wirst wieder böse.
Jane. Warum schiltst du mich denn nicht mehr wie früher, Bessie, warum zerrst du mich denn nicht gewaltsam fort, warum schlägst du mich nicht? Mistreß Reed hat es dir doch befohlen!
Bessie (verlegen). Weil du kein Kind mehr, weil du ein erwachsenes Mädchen bist.
Jane. O nicht deshalb; ich bin erwachsen - und ein Kind an Hilflosigkeit, an Unwissenheit! Aber du wagst es nicht, weil du an eine Nacht denkst, wo ihr mich in Onkels Sterbezimmer eingeschlossen --- wo du mich für tot heruntertrugst. Du fürchtest dich wohl jetzt, mich umzubringen?
Bessie. Ich fürchte mich, dich bei Missis noch mehr verhaßt zu machen, als du es ohnedem schon selbst gethan, und -nun ja, ich halte es für Pflicht, dich zu schonen, weil deine Nerven - (sie stockt) komm jetzt fort, Jane, wenn man dich hier fände -
Jane (trotzig). Ich will nicht fort!
Bessie. Jane! (Bittend). Sei gut! Mache mir keinen Verdruß!
Jane (plötzlich an ihrem Hals). Ach, Bessie! Schilt mich nicht, mein Herz thut so weh!
Bessie. Seltsames Geschöpf, nun bist du mild, und erst --
Jane. Ich kann nicht dafür, Bessie! Du bist ja auch so oft böse mit mir -- und so selten lieb! Ich bitte dich, laß mich hier! Siehst du - auch heute denkt kein Mensch an die Bücher hier -- ich will auch Weihnachten haben, ich will ein Stündchen lesen! Ich habe so lange kein Buch in die Hand bekommen, Georgine hat mich überall ausgeschlossen! Laß mich lesen, Bessie, es ist meine einzige Freude!
Bessie (mit sich selbst kämpfend). Ich möchte dir's wohl gönnen -- aber wenn man dich sieht--
Jane (fliegt zu einem Schranke, nimmt rasch ein Buch heraus und sagt froh). Niemand, niemand wird mich sehen! Da ist's! Humes Geschichte Englands! (Sie kommt atemlos vor Freude zurück). Auf den ersten Griff hatte ich's, siehst du? O, ich habe mir den Platz gemerkt. (Sie eilt zum Fenster links, das ein sehr breites Gesims hat, welches in das Zimmer hineingeht, stellt rasch den Stuhl davor, läßt die Gardine vorfallen und springt leichtfüßig auf den Stuhl. Indem sie sich auf das Gesims setzt, strahlend vor Freude). Nun, Bessie, ziehe ich die Gardine um mich her, der helle Wintertag leuchtet so frisch durchs Fenster -- so findet mich niemand, und ich kann die Geschichte meines Vaterlandes studieren? (vergnügt) Nicht wahr, das geht? Etwas muß ich doch wissen, und sie läßt mich gar nichts mehr lernen, gar nichts!
Bessie. In Gottes Namen! In einer Stunde hole ich dich-- rühre dich nur nicht, denke an mich, wenn du nicht an dich denken willst! Du kennst Mistreß Reed!
Jane (zieht die Gardine so um sich, daß man sie nicht mehr gewahrt). Sei nur ruhig, ich will mich weniger rühren als eine Maus!
Bessie (für sich). Mag mich Missis schelten - ich kann's nicht über mich gewinnen, dem unglücklichen Geschöpf die einzige Feiertagsfreude, die ich ihr zu gewähren vermag, zu nehmen! (Sie will nach links abgehen).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. John, elegant gekleidet durch die Mitte.
John (rauh). Ah, Bessie? Was machst du hier? -- Bleib da. --
Bessie (erschrocken und verwirrt). Ich habe keine Zeit, junger Herr!
John (befehlend). Du sollst dableiben, ich will unterhalten sein. Onkel Wytfield, der aus Spanien gekommen ist, und Mama schwatzen so langweiliges Zeug; das hält kein vernünftiger Mensch aus; und dabei sitzt Georgine steif wie eine Puppe -- und zieht Gesichter, wenn ich sie mit Brot werfe, als wäre sie eine große Dame!
Bessie. Es schickt sich auch nicht, daß Sie die Schwester mit Brot werfen. Miß Georgine ist älter als Sie – Sie müssen ihr Respekt zeigen!
John (wirft sich auf das Sofa, streckt die Beine von sich und die Hände in die Taschen). Respekt? Ihr? -- Ich habe vor niemand Respekt -- nicht vor der Mama. Sie werden einmal alle bei mir das Gnadenbrot essen wie diese elende Jane Eyre jetzt das unsere! Wenn ich erst mündig bin und die Güter antrete, bin ich hier Herr -- und wer jetzt nicht pariert, wie ich es will, der soll nachher schon büßen! Merke
dir das, Bessie!
Bessie (trocken). Damit wird es noch Zeit haben!
John (springt auf). Du langweilst mich, Bessie -- du unterhältst mich nicht! -- Es ist schade, daß Mama dieser Jane verboten hat, den ersten Stock zu betreten --
Bessie (wie oben). Freilich! Sie haben nun niemand, an dem sie Ärger und Bosheit auslassen dürfen, nicht wahr? Pfui, schämen Sie sich, John, Sie haben damals das arme Geschöpf geschlagen, schickt sich das für Ihren Stand?
John. Ich schlug sie, weil ich sie hasse! Es ist schon lange her, aber ich denke noch immer mit Vergnügen daran, daß ich es that. Und die abscheuliche Katze kratzte und biß mich!
Bessie. Leider that sie es, aber sie war in Verzweiflung; Sie schlugen sie mit dem Hammer, und das Mädchen hatte keine Waffe als Nägel und Zähne, um sich zu wehren.
John. Sie sollte sich nicht wehren, wenn ich sie schlug; ich bin der Herr vom Hause -- und sie ist ein Bettelkind, das uns das Brot wegißt! (Die Augen fest auf den Vorhang links gerichtet). Was -- was ist denn dort? Sieh nur, die Gardine bewegt sich --
Bessie (erschrocken hinsehend). Wahrhaftig! Kommen Sie fort, junger Herr, es ist nicht geheuer.
John (triumphierend). Nicht geheuer? Dahinter steckt jemand -- ich wette, es ist die Katze --- (Er fliegt hin und schlägt die Gardine auf). Aha! Richtig! Was machst du hier, unverschämtes Geschöpf?
Bessie (für sich). O Gott! Ich dachte es!
Jane (sitzt wie vorher auf dem Gesims, die Füße auf dem Stuhl, beide Hände mit dem Buch auf den Knien; ihre Blicke sind unstät und wild, sie zittert an allen Gliedern und starrt John drohend an).
John (tritt etwas verblüfft zurück). Nun - was stierst du so? Kannst du nicht antworten? Was versteckst du dich hier, um die Leute zu ängstigen? Ich werfe dich herunter, wenn du nicht auf der Stelle Rechenschaft giebst, du Unke! (Er streckt die Hand aus, um sie zu ergreifen).
Jane (wie oben). Rühre mich nicht an, John! Vor einem Jahr war ich noch eine Katze und kratzte dich, weil ich mich nicht mit dem Hammer totschlagen lassen konnte, jetzt bin ich ein Mädchen!
John (lacht höhnisch). Da denkst du wohl, ich schlage dich nicht mehr? Das sollst du gleich --- (Er geht auf sie zu.)
Jane (mit funkelnden Augen, aber ohne Bewegung). Wenn du es thust, John, dann kratze ich dich nicht mehr -- sie springt hinab und steht mit einem Satz auf dem Bodens ich töte dich! Drum laß mich ruhig gehen!
John (sehr erschrocken zurück). Bah! Das läßt du wohl bleiben!
Jane (trocken). Wenn du mich nicht schlägst, gewiß!
Bessie (faßt sanft ihre Hand). Komm fort, Jane.
Jane (ohne das Auge von John zu wenden). Wenn er erst geht.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Mistreß Reed, eine hohe Frau von einigen vierzig Jahren, stolz, schroff, finster, in dunkler sehr eleganter und glänzender Kleidung, ihre Art ruhig, kalt würdevoll, kommt mit Henry Wytfield durch die Mitte.
Mistreß Reed. Was giebt es? (Sie erblickt Jane und wendet sich mit einem Blick voll Abscheu ab). Ha! Das Geschöpf hier? Wie untersteht sie sich --
John (auf sie zu). Mama, Jane hat sich heimlich hinter die Gardine versteckt und mir gedroht, mich zu töten, wenn ich ihr nahe komme.
Mistreß Reed (sich überwindend). Warum ließest du dich mit ihr ein? Es ist deine Schuld, du hast mein Verbot nicht geachtet. Zu Jane. Was machst du hier?
Jane (die von dem Augenblick, wo Mistreß Reed eintrat, in scheuem Entsetzen, zitternd und unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen dastand, leise). Ich las, Tante Reed.
Mistreß Reed (sich beherrschend, immer kalt und ernst). Ist dir nicht verboten, den ersten Stock zu betreten?
Jane. Ja.
Mistreß Reed. Nun? Wie konntest du es wagen, dich hier einzuschleichen, wo dich mein Wille verbannt?
Jane (immer bescheiden, aber Ernst). Georgine und John haben mir alle Bücher fortgenommen, auch die, welche durch Onkel Reeds Güte mein Eigentum waren. Man hat mich auf die Oberstube angewiesen, seit Georgine in den ersten Stock kam, dort ist es aber so kalt und öde. Ich sehnte mich so sehr nach einem guten Buche, und hier ist es warm und einsam.
Henry (schüttelt den Kopf, halblaut). Sarah! Laß sie!
Mistreß Reed (wirft ihm einen drohenden Blick zu, dann wie oben zu Jane). Du konntest mich um ein Buch bitten, dann hattest du nicht nötig, dich ungehorsam zu zeigen.
Jane (mit einem scharfen Blick sie fest ansehend). Ich kam auch nicht um des Buches willen allein--
Mistreß Reed (schroff). Weshalb kamst du also? Um zu erhorchen, was hier nebenan geschieht!
Jane (wie oben). Nein! Um Onkel Reed zu besuchen (sie zeigt nach rechts auf das Bild) und ihm ein Gebet zu weihen, da ich keine Blumen habe, um sein Bild zu seinem Geburtstage zu schmücken.
Mistreß Reed (fährt zusammen und beißt sich auf die Lippen, für sich). Natter!
Henry (sieht Mistreß Reed erstaunt an). Ja - wahrhaftig, der zweite Weihnachtsfeiertag! Das war zu meines Schwagers Lebzeiten ein großer Festtag hier im Hause! Daran dachte man heute nicht, wie es scheint!
John (aufgeblasen). Papa ist aber auch schon so lange tot, wer kann immer daran denken!
Mistreß Reed (herrisch) Schweig! Henry. Ich begreife, daß Jane Eyre diesen Tag nicht vergißt; ist es doch mein seliger Gatte allein, dessen Verzärtelung sie den Starrsinn, den Hochmut, den Trotz verdankt, welche sie zum Kobold dieses ruhigen Hauses machen. (Sie sieht sie finster an). Habe ich dir nicht verboten, die Haare gelockt zu tragen? Weißt du nicht, daß Georgine dies nicht duldet? Diese Frisur paßt nur für Töchter großer Häuser, wie meine Georgine, die zum Befehlen, nicht für solche, die zum Dienen bestimmt sind wie du. Antworte, warum thust du das?
Jane (führt wie träumend mit der Hand durch ihre Locken, sie langsam durch die Finger ziehend). Ich wußte nicht, daß ich eine ,Frisur' trage, ich thue es nicht, Tante Reed, das kommt so von selbst; dies widerspenstige Haar will nicht anders fallen; gewiß, ich kann nicht dafür.
Mistreß Reed. Dein Haar ist also das Sinnbild deines Charakters! -- Hast du John gedroht, ihn zu töten?
Jane (ruhig). Wenn er mich wieder schlagen würde, wie damals -- ja.
Mistreß Reed. Wirklich? So bitte ihn um Verzeihung!
Jane (sieht vor sich nieder, ohne sich zu rühren).
Mistreß Reed (sieht sie durchbohrend an). Wirst du nicht?
Jane (ruhig). Nein!
Mistreß Reed (mit funkelnden Augen). Du bittest nicht um Verzeihung?
Jane (wie oben). Wenn er erst mich bittet, ihm alle die Schmähungen, mit denen er “das Bettelkind” überhäuft, zu vergeben.
Mistreß Reed (zu Wytfield). Hörst du, Henry, hörst du? Zu Jane. Geh!
Jane (neigt das Haupt und will gehen).
Mistreß Reed. Lege erst das Buch ab.
Jane (kämpft schwer mit sich selbst, kehrt dann um und legt es mit schmerzlichem Ausdruck auf den Tisch).
Mistreß Reed. Du wirst hier nur noch einmal erscheinen, wenn ich dich rufen lasse -
Jane (sieht sie groß an).
Mistreß Reed. Geh! Befreie mich von dem Anblick eines undankbaren und bösen Geschöpfes.
Jane (geht mit gesenktem Haupt links ab)
John (triumphierend zu Bessie). Ha, das will ich schnell Georgine erzählen! Wie wird die sich freuen! (Er läuft durch die Mitte ab.
Bessie folgt ihm kopfschüttelnd).
Fünfter Auftritt.
Mistreß Reed. Henry Wytfleld.
Mistreß Reed (In voller ausbrechender Wut). Nun hast du sie gesehen und gehört, die Schlange, die den Frieden dieses Hauses gestört, seit sie es betrat! Begreifst du nun, was ich unter der Pflichterfüllung litt, die meines Gatten Härte mir auferlegte? Gott sei gepriesen, daß es nun zu Ende ist!
Henry. Ich war zu lange von hier entfernt, um alle Verhältnisse mit einem Blick zu durchschauen. Ich begreife nur, daß die Stellung dieser Waise in deinem Hause eine falsche, eine sehr traurige und das Resultat einer mangelhaften Erziehung ist, denn sie trägt schwer an deinem Hasse.
Mistreß Reed. Ja, ich hasse sie! Möglich, daß ich sie nicht zu erziehen verstand, möglich, daß ich es nicht wollte, ich weiß nur, daß dieses Geschöpf wie Schierling auf gesunder Weise hier zwischen uns aufwuchs, daß es meine Kinder verdarb, sie mißhandelte, meine Ruhe störte, und daß ich eine gewissenhafte Thörin war, bis jetzt diese Bürde getragen zu haben!ß Ich that das Unsäglichste, ich versuchte alles an ihr, um sie gefügig, gehorsam zu machen, allein sie ist unverbesserlich; sie haßt meine Kinder, trotzt meinem Willen, und muß fort; so nur kann Friede in mein Herz und Haus kommen, denn sie ist das Ebenbild ihrer Mutter, eigenwillig und verstockt wie diese es war.
Henry (kopfschüttelnd). Du hattest, wenn ich mich recht erinnere, schon gegen die Mutter einen heftigen Widerwillen.
Mistreß Reed. Hatte ich kein Recht dazu? Sie hat unseren Namen mit Schande bedeckt, lief mit einem armen Seeoffizier davon, verheiratete sich mit diesem Elenden, der ihr Vermögen vergeudete und sie nach wenig Jahren mit diesem Kinde als hilflose Witwe, als Bettlerin zurückließ! Was habe ich nicht damals schon erduldet, als sie eines Abends hier ankam und der schwache romantische Reed sie mit offenen Armen aufnahm! Ich mußte ihren Anblick ertragen, sie pflegen und warten, bis mich ihr Tod von dieser Marter erlöste! Ich atmtete auf, ich glaubte, der Kelch sei geleert, ich täuschte mich, das Bitterste war noch zurück - sie hatte ihm ihre Waise ans Herz gelegt! Du gingst eben damals nach Spanien, du weißt nicht, was mir auferlegt wurde! Reed war ein strenger eigenwilliger Mann, ich durfte ihn nicht ahnen lassen, wie sehr ich dieses kleine Geschöpf haßte, das seine ganze Liebe, seine ungeteilte Aufmerksamkeit besaß! – Abgöttisch hing er an dem Kinde, stundenlang konnte er sie auf den Knien halten, mit ihren schwarzen Locken tändeln und ihrem albernen Geschwätz lauschen. Es war, als hätte sie die Fähigkeit, seine eigenen Kind er zu lieben, gänzlich vernichtet, denn als alle drei am Scharlach erkrankten, saß er Tag und Nacht an Janes Bett, hatte nur für ihre Gefahr Augen, für ihre Klagen ein Ohr, und überließ unsere Kinder mir und dem Schicksal! Ich aber mußte es tragen und schweigen! Ja, noch als der Tod ihn plötzlich überraschte, waren seine letzten Gedanken bei diesem unheimlichen Wesen, denn er ließ mich schwören, sie nie zu verlassen, sie mit meinen Kindern in denselben Rechten zu erziehen -- (fast knirschend) in den Rechten meiner Kinder! Die Bettlerin! So hat er noch über sein Grab hinaus die Bürde auf meine Schultern gewälzt, die ich indes lange genug getragen habe, um es vor meinem Gewissen verantworten zu können, wenn ich sie jetzt abwerfe, damit ich nach vierzehn langen Jahren wieder frei atmen kann in meinem eigenen Hause!
Henry (erstaunt). Was hast du mit ihr vor?
Mistreß Reed. Ich schicke sie in die Lowoodstiftung; der Direktor, derselbe, welcher gestern hier ankam, ist damit einverstanden, und ich erwarte ihn jeden Augenblick, um sie ihm zu übergeben.
Henry. Die Lowoodstiftung? Ist das nicht ein Waisenhaus, eine Art Armenschule, die von milden Gaben existiert -- in sehr ungesunder Gegend, achtzig Meilen von hier?
Mistreß Reed (kalt). Ein Waisenhaus, allerdings. Die Gegend kenne ich nicht, doch weiß ich, daß junge Mädchen dort streng, einfach und in Gottesfurcht gelehrt und zur Arbeit und Demut angehalten werden. [Ich bezahle achtzehn Pfund Jahrgeld für sie und werde diese Summe für vier Jahre im voraus erlegen.] Dort wird Jane Eyre erzogen, wie es für ihre Zukunft nötig ist -- von dort aus kann sie eine Stelle als Dienerin oder Lehrerin suchen, je nachdem sie diese vier Jahre zu eigenem Wohl verwendet, und so
glaube ich ihr die größte Wohlthat zu erweisen und meiner Pflicht Genüge zu thun!
Henry. Jedenfalls thust du es zu spät, Sarah. [Vor wenig Jahren noch konnte sie sich in diesen furchtbaren Wechsel ihres Geschickes finden, sie konnte lernen, jetzt ist sie nicht mehr jung genug für ein solches Pensionat--] und mir scheint, du erfüllst auf diesem Wege das Versprechen nicht, das du deinem Gatten gabst – in einem Waisenhause wollte er sie sicher nicht erziehen lassen.
Mistreß Reed (bitter). O nein! Gewiß nicht! Das erste Pensionat Londons würde ihm für Jane Eyre zu gering erschienen sein, und hätte er Zeit gehabt zu testieren – er hätte sie wohl zum Nachteil seiner Kinder reichlich bedacht! Aber Gott ist gerecht und wollte es anders! (Sich rasch zu ihm wendend.) Wenn du übrigens, wie es scheint, mein Verfahren nicht billigst, so steht es bei dir, für Jane Eyres Zukunft zu sorgen, ich überlasse dir diese mit Freuden.
Henry. Du spottest bitter, Sarah! [Du weißt sehr wohl, daß du wenig hattest, als Thymoty Reed dich durch seine Hand zur reichen Frau machte, und daß ich im Kriegsdienst meine Stellung im Leben gründen mußte, denn ich hatte nicht viel mehr als du!] Meine Verhältnisse erlauben nicht wie die deinen, die Zukunft dieser Waise zu sichern!
Mistreß Reed (kalt). So wirst du sehr wohl daran thun, sie dem Schicksal zu überlassen, das ich als das Angemessenste für sie erachte. Die ganze Gegend kennt und lobt, was ich für dieses fremde Kind gethan, und ich glaube, dies Lob zu verdienen!
Henry (zuckt die Achseln). Wohl dir, wenn dein Gewissen es dir nicht anders sagt!
Mistreß Reed (will heftig antworten).
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Mistreß! Master Blackhorst bittet –
Mistreß Reed (belebt). Ah, willkommen! Rufe Jane Eyre.
Bessie. Ich habe James nach ihr hinauf geschickt, sie wird gleich da sein. (Sie geht, öffnet dle Mittelthür und geht hinter Blackhorst ab.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Blackhorst, ganz schwarz, in einer Art geistlichen Tracht, fünfzig Jahre alt, kommt durch die Mitte.
Blackhorst (unterthänig gegen Mistreß Reed, seine Züge hart und kalt). Mistreß haben erlaubt--?
Mistreß Reed (verwandelt, sobald er eintritt, ihr Gesicht; sie wird sanft, würdevoll und gütig). Sehr willkommen, mein ehrenwerter Herr! (Sie geht nach dem Sofa und zeigt auf den Stuhl daneben.)
Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet.
Blackhorst (setzt sich, Henry begrüßend). Zu gütig, Mistreß Reed.
Mistreß Reed (mit Salbung). Mit Sehnsucht kann ich wohl sagen, denn ich sehe in Ihnen das Werkzeug, welches der Allgütige gewählt, um Herzen, die ihm verloren gehen könnten, mit fester Hand zurückzuführen zu dem wahren Heil ihrer Seele!
Blackhorst (demütig, mit einem scharfen Blick.) Mit harter Hand sogar, Mistreß Reed, wo Härte Balsam ist, gewiß! Gott hat seinen demütigen Diener zu einem solchen Werkzeug erwählt -- und ich werde ihn preisen, wenn es mir gelingen sollte, das junge Lamm, welches sich, trotz Ihrer Wohlthaten, wie mir Ihre Briefe melden, so weit von der Herde verirrt, auf die rechte Bahn zurückzuführen!
Mistreß Reed (wie oben). Leider war ich Ihnen diese traurige Wahrheit schuldig, wenn ich es Ihnen möglich machen wollte, die Leitung dieses Kindes zum Besseren zu vollbringen.
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Jane von links durch die Seitenthür, bleibt an der Thür stehen.
Mistreß Reed (Jane erblickend, winkt ihr). Tritt näher, du sollst nicht sagen, daß ich hinter deinem Rücken sprach.
Jane (kommt staunend und ängstlich näher).
Mistreß Reed. Ich habe an Jane Eyre alles gethan, was Gott befiehlt, den Waisen zu erweisen. Sie lebte seit ihrem zweiten Jahre unter meinem Dach -- sie teilte alles mit meinen Kindern, sie wurde erzogen wie diese, doch der Same meines Wohlthuns fiel auf steinigen Boden, (mit einem schweren Seufzer) sie hat kein Herz! Sie ist undankbar, sie lügt -- und heuchelt! Ich habe an diesem Charakter vergebens alles versucht -- ich bin es ihrem künftigen Wohl schuldig, sie in strengere Hände, als die meinigen sind, zu geben!
Blackhorst. Es ist entsetzlich, was Mistreß Reed mir da sagen! Doch sein Sie ohne Sorge; ich habe schon manches starre Herz, manches böse Gemüt gebeugt! Mit Gottes Hilfe wird es auch hier gelingen -- obgleich es schon etwas spät ist, [diese junge Seele noch auf den Weg des Rechten zu führen!]
Mistreß Reed. Jane Eyre, du siehst den ehrenwerten Mann, in dessen Hände ich dein Schicksal von jetzt an lege. Du wirst in wenig Tagen nach der Lowoodstiftung reisen, wohin ich dich auf vier Jahre in Pension gegeben habe.
Jane (mit freudigem Schreck). Wie? Ich soll fort von hier?
Mistreß Reed. Du hörst es.
Jane. Sie schicken mich auf die Schule?
Blackhorst. Wo man böse Herzen Gott erkennen lehrt.
Jane, (mißt ihn mit einem ernsten Bick). Diesen Unterricht hat mein Onkel Reed übernommen, Sir-- ich erkenne und liebe Gott, der mir gnädig aus diesem Hause hilft! Sagen Sie mir lieber, was ich sonst noch bei Ihnen lernen werde, Sir.
Blackhorst (sehr verwundert). Wenn Sie Lust zum Lernen haben, sehr viel, Miß!
Jane. O, ich habe Lust, ich habe Fleiß, ich will alles lernen, alles, Sir, was mich selbständig -- was mich unabhängig von Wohlthaten macht, die wie Feuer auf meiner Seele brennen!
Blackhorst (streng). Nun, Miß, Sie sollen vor allem Demut lernen, denn nur ein demütiges Herz taugt in ein Waisenhaus wie das zu Lowood, das seine Existenz nur edlen Wohlthätern dankt.
Jane (erbebend). Waisenhaus? Sie schicken mich in ein Waisenhaus, Mistreß Reed?
Mistreß Reed (kalt). Es ist der Ort, wohin du gehörst, wo du so ausgebildet wirst, wie es deinen Aussichten in die Zukunft angemessen scheint.
Jane (das Haupt zu dem Bilde erhebend). Hörst du es, Onkel Reed? Dein Herzenskind, deine Jane verstößt man, ein Waisenhaus ist ihre Heimat! Sei es! Ich werde nicht mehr böse sein, wie sie mich hier nennen, denn wenn mich auch der Haß verfolgt und quält und peinigt - so wird es der Haß Fremder sein, nicht derer, welche mir Verwandten.
Blackhorst (faltet die Hände). Gerechter Gott! Welche Sprache eines Kindes vor seinen Wohlthätern!
Jane (zuckt zusammen). Wohlthätern ! -- Du hörst es, Onkel Reed!
Blackhorst. Erlauben Sie, Mistreß Reed, daß ich mich entferne! Ich sah und hörte genug, um zu bedauern, daß Sie sich nicht schon vor Jahren entschlossen, dieses Mädchen einer Stiftung zu übergeben. Sie waren zu schonend, Sie haben mir noch nicht einmal die ganze Wahrheit gesagt! (Er ist aufgestanden und will sich entfernen.)
Jane (deren Brust heftig arbeitet, tritt ihm entschlossen in den Weg; ihre Augen funkeln, ihre Lippen zittern, doch sind ihre Bewegungen ruhig und fast starr). Nein, Sir, sie hat Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt! Sie sollen sie von mir hören, Sie sollen mich kennen lernen, ehe ich Ihnen folge und diesem Hause auf immer den Rücken zuwende. [Ich würde sterben, wenn ich es nicht einmal aussprechen könnte, was seit Jahren in mir gärt, und hinter ihrem Rücken (auf Mistreß Reed) hätte ich es nie gethan.] -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich sei undankbar. Es ist nicht wahr! Ich vergesse eine Wohlthat nie, das kleinste Zeichen von Güte ist in mein Herz begraben für immer. (Zu dem Bild gewendet.) Du weißt es, Onkel Reed! -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich lüge und sei eine Heuchlerin! Das ist nicht wahr! Wenn ich lügen könnte, so würde ich sagen: ich liebe Mistreß Reed, sie hat mir Gutes gethan, sie war mir wie eine Mutter; wenn ich heucheln könnte, so würde ich jetzt vor Ihnen weinen und klagen, daß ich aus diesem Hause verstoßen bin, denn ich weiß, dies würde mir Vorteil bei Ihnen bringen! Aber ich sage Ihnen -- ich verabscheue nichts auf der Welt so sehr wie diese Frau, deren Blicke Dolche, deren Worte Stacheln für mich waren, seit ich zu denken und zu fühlen begann; ich juble darüber, dieses Haus zu verlassen, diese Frau und ihre bösen Kinder nicht mehr sehen zu müssen, und welche Zukunft mir auch bestimmt sei, ich werde nie zu ihr zurückkehren und sie nie wieder “Tante” nennen, und wenn ich alles Glück der Welt mit diesem einen Wort erkaufen könnte! (Sich plötzlich ganz zu Mistreß Reed wendend.) Denn Sie haben mich seit fünf Jahren mit kalter elender Grausamkeit behandelt -- mich, die Ihnen nichts zuleid gethan hat, als daß sie Gott erschuf!
Mistreß Reed (überwältigt von Staunen und Schreck). Wie kannst du wagen, mir das zu sagen, vor diesem fremden Herrn!
Jane (leidenschaftlich, bis fast zu Thränen). Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed! Wie ich es wagen kann? Weil es Wahrheit ist, was ich sage! Sie glauben, mein Herz sei von Stein, es bedürfe keiner Liebe, aber ich bedarf Liebe, ich war Liebe gewohnt -- ein klein wenig Liebe hätte mich gut gemacht, für ein klein wenig Liebe hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe! Aber Sie kennen kein Mitleid, Sie wissen nichts von Erbarmen! In meiner Todesstunde noch werde ich des Abends vor einem Jahre gedenken, als mich Ihr böser Sohn ohne Grund und Ursache mit dem Hammer niedergeschlagen hatte, als ich mich blutend und verzweifelnd zur Wehr setzte, und Sie mich deshalb nach dem Saale schleppen ließen, wo einst Onkel Reeds Leiche ausgestellt war, wo Bessie sagt, daß sein Geist klagend wandle -- als Sie mich dort im Finstern durch eine lange fürchterliche Nacht eingeschlossen schmachten ließen, obgleich ich vor Jammer fast erstickend flehte: “Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Tante Reed, haben Sie Mitleid!” -- O ich will es aller Welt erzählen, was Ihr Mitleid, Ihr Erbarmen ist! Sie ließen mich dort verzweifeln -- es kümmerte Sie nicht, daß der Arzt nachher sagte: Sie hätten mich zerstört fürs ganze Leben! -- Wenn ich böse geworden, bin ich es durch Sie! Sie sind, was Sie mich nennen: eine Heuchlerin -- ja, Sie sind mehr, Sie sind eine Meineidige –
Mistreß Reed (unfähig sich länger zu halten, entsetzt). Jane!
Jane (außer sich, ohne sich unterbrechen zu lassen). Eine meineidige an den Toten-- denn Sie haben in meinem Beisein in die kalten Hände meines sterbenden Onkels geschworen, mich zu halten wie Ihre eignen Kinder, mir gleiche Rechte, gleiche Liebe zu gewähren, mich nie zu verlassen, und Sie haben mich mit Haß erzogen, haben mich verbannt aus den Zimmern, die Sie und Ihre Kinder bewohnen, haben mir die Lehrer Ihrer Kinder versagt, damit ich unwissend bleiben sollte -- und heute stoßen Sie mich in ein Waisenhaus, da ich schon zu alt zum Lernen und zu jung bin, um meinem Schicksal allein überlassen werden zu dürfen! So haben Sie Ihren Eid erfüllt -- und wenn Sie ihn (sie zeigt auf das Bild) in jenem Leben wiederfinden, und er Sie fragen wird: “Was hast du mit der Waise meiner Schwester gemacht und was ist aus deinem Eid geworden?” so sagen Sie ihm: “Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen!”' (Zu Blackhorst.) Nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie gut machen können, was der Haß an mir verdarb! (Sie eilt durch die Mitte ab
Mistreß Reed (sinkt zitternd in das Sofa und verhüllt ihr Gesicht).
Blackhorst (stand sehr verlegen und folgt Jane).
Henry (zu Mistreß Reed tretend, zuckt die Achseln).
Der Vorhang fällt rasch.
Zweite Abteilung.
Rochester.
Erfter Aufzug.
Salon auf Thornfield-Hall in düsterer Pracht aus den letzten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts. Im Rokokostil möbliert, sodaß die Möbel moderner erscheinen als der Saal. Die Mittelthür der allgemeine Eingang, die Thür zur Rechten führt zu Rochesters Zimmern, die zur Linken in die Bibliothek. Rechts vorn ein Fenster. Links vorn ein großartiger Kamin, über demselben das Wappen der Rochester in Marmor ausgehauen; auf dem Sims des Kamins zwei silberne Armleuchter mit brennenden Lichtern und mehrere Vasen mit Blumen; im Kamin brennt ein starkes Feuer; dicht am Kamin eine Chaiselongue; daneben ein kleiner Marmortisch. Rechts der gleiche Tisch, daneben zwei Lehnstühle. Im Hintergrunde rechts von der Mittelthür ein servierter Theetisch mit silberner Theemaschine und silbernem Gerät, links von derselben Thür ein Stuhl.
Auf den beiden Tischchen stehen gleichfalls brennende Lichter.
(Rechts und links immer vom Schauspieler.)
Erster Auftritt.
Sam. Mistreß Judith Harleigh.
Sam (ein Mann von einigen fünfzig Jahren, hat eben die letzte Blumenvase auf den Tisch gesetzt). So! Hier wäre alles in Ordnung! Ich denke, er könnte zufrieden sein, wenn er heute wirklich noch zum Thee herüber kommt.
Judith (die ordnend an dem Theetisch stand). Warum sollte er nicht?
Sam. Er kam ja in fürchterlicher Laune an und ging nach seinem Zimmer, ohne nach elfmonatlicher Abwesenheit einen Menschen zu begrüßen als Gratia Pool, mit der er sich einschloß.
Judith (ruhig, setzt sich auf den Lehnstuhl rechts). Dafür ist er der Herr! Seine Laune geht niemand an, und warum er zuerst mit Gratia Pool spricht, wißt Ihr.
Sam (gewichtig). Wohl weiß ich es, und ich denke, ich bin dem Lord ein treuer verschwiegener Diener!
Judith. Gewiß. Das seid ihr, Sam. Aber er hat ja selbst mir, seiner Verwandten, noch keine Silbe gegönnt! Das kümmert mich nicht, er ist einmal der Herr!
Sam (ärgerlich). Und so mir nichts dir nichts ins Schloß hereinzufallen, ohne nur ein Wort zu schreiben!
Judith. Er treibt es ja immer so, seit er aus Indien zurückkam; was habt Ihr nur, Sam, daß Ihr heute so besonders verdrießlich seid?
Sam (brummend). Ach, Sie wissen es, Mistreß Harleigh, warum fragen Sie? Früher war Ihnen meine Frau, die gute Lea, alles, aber seit diese bleichsüchtige hochnäsige Miß Eyre auf Thornfield-Hall einzog, sind wir hintenangesetzt.
Judith (lächelnd und immer lebhafter werdend?) Ihr seid alte Thoren, Ihr und Lea! Ist die Erscheinung dieses Mädchens nicht ein glückliches Ereignis, für das wir alle dankbar sein müssen? [Mit Ausnahme der wenigen Wochen, die Lord Rochester zuweilen hier zubringt, seit er sein Erbe antrat, saßen wir einsam in diesem unheimlichen Schloß wie auf einer wüsten Insel; sind wir einsam, seit dies wackre Mädchen mit ihren klugen Augen alles hier belebt? Hat sie uns nicht von der Plage erlöst, welche uns diese kleine Adele bereitete, die der Lord aus Frankreich mitbrachte? In drei Monaten ist sie Herr dieses verzogenen Kobolds geworden, den zwei Jahre lang kein Mensch, selbst der Lord nicht, zu bändigen wußte. Sie ist stets gefällig, stets zufrieden, niemals zeigt sie müßige Neugier und das - ist viel wert, Sam! Ich weiß, was ich mit der gefährlichen Neugier der früheren Gouvernante ausstand, bis ich sie endlich aus dem Schlosse hatte! Darum danke ich täglich Gott, der uns dieses gute Mädchen schickte! Versteht Ihr?
Sam (faltet die Hände). Gott behüte, Mistreß Harleigh, kommen Sie zu Atem! (Giftig.) Ich wünsche nur, daß der Lord auch einen solchen Schatz in ihr entdeckt, ihre Herrlichkeit dürfte sonst nicht lange hier dauern.
Judith. Ich will hoffen, daß er mir Jane Eyre hoch in Ehren hält, denn wenn sie uns auch verläßt, so kann er seine kleine Französin erziehen lassen, wo er will, ich bringe keine Gouvernante mehr ins Schloß!
Sam (lauernd). Wissen Sie nicht, Mistreß, wo er das Kind aufgelesen, und wem es gehört?
Judith (trocken). Nein! Habe nie danach gefragt, geht uns auch nichts an.
(Man hört von rechts einen langgezogenen Glockenton, der nicht ganz nahe sein darf.)
Sam (fährt zusammen). Der Herr!
Judith (horchend). Nur einmal, das geht den Kammerdiener an.
(Ein zweiter Glockenzug.)
Judith. Nein, es gilt Euch -- rasch Sam!
Sam (eilt durch die Seitenthür rechts ab).
Zweiter Auftritt.
Judith allein.
Judith. Ehe er nicht dreimal klingelt, geht es mich nicht an, und er kommt wohl heute nicht mehr herüber! Aber wenn es ihm doch einfiele, wenn er die neue Erzieherin sehen wollte, und Jane ist noch nicht da! [Warum mußte ich auch den Postboten von Millcote heute versäumen! Nun hat sich das wackre Mädchen erboten, meinen Brief an die Base selbst nach Hay-Lane zur Post zu tragen. Hätte ich es doch nicht angenommen!] Es ist schon stockfinster! (hin und her gehend). Wem konnte aber auch einfallen, daß der Lord grade heute, wie vom Himmel geschneit, ankommen würde! Und das arme Kind hat
einen Weg von zwei Stunden zu machen. Wenn ihr nur nichts zugestoßen ist!
Dritter Auftritt.
Die Vorige. Jane steckt den Kopf durch die Mittelthür. Sie trägt ein kornblumenblaues Tibetkleid bis zum Hals geschlossen, ein feines weißes Spitzenkrägelchen und gleiche Manschetten an der Handwurzel. Das Haar einfach gescheitelt. Auf dem Hinterkopf ein zierliches Kantenhäubchen mit weißem Band. Ihr Gesicht ist etwas mehr gerötet als im Vorspiel, aber nur leicht, ihre Haltung aufrechter, auch ist es nötig, daß die Darstellerin sich durch die Schuhe größer macht, als sie früher war. Ihre Miene spricht ernste Zufriedenheit, ohne Heiterkeit, aus.
Jane. Ei! Hier muß man Mistreß suchen?
Judith. Ah, da sind Sie! Gott sei Dank! Kommen Sie geschwind! Wo blieben Sie? Ich war so in Angst!
Jane (freundlich auf Judith zugehend). Ihr Brief ist bestens besorgt, Mistreß Harleigh. Ich ging nur nach meinem Zimmer, um Hut und Mantel abzulegen, [suchte Sie vergebens in dem Ihrigen und erfuhr von Lea, die mir auf dem Korridor eiligst vorüberlief, daß ich Sie hier fände.] (Mit großen Augen umhersehend.) Aber wie hell ist es hier, und wie warm, wie wohnlich! Gar Blumen auf dem Kamin? Was bedeuten denn diese großen Anstalten, Mistreß Harleigh?
Judith. Sie bedeuten, daß während Ihrer Abwesenheit ganz plötzlich unser Herr angekommen ist.
Jane (ohne Schrecken). Lord Rochester? In der That? Wußten Sie denn –
Judith. Niemand wußte, er treibt es immer so.
Jane (ruhig). Ach welch ein ereignisvoller Tag! Ich dachte schon, alle Abenteuer wären überstanden, und nun kommt erst die Hauptsache.
Judith (neugierig). Abenteuer? Wieso? Hatten Sie--?
Jane (lächelnd). Wohl hatte ich das seltsamste Abenteuer! Die Luft war diesen Nachmittag so frisch, der Schnee knisterte unter meinen Füßen, der lange Spaziergang that mir wohl, ich lief rasch und ward ein bißchen müde. Auf dem Hügel, eine halbe Stunde vor Hay-Lane, setzte ich mich auf die Steinbank, sah in die prächtige Winterlandschaft hinaus und dachte dabei: daß unser Herr doch sehr reich sein müßte, denn Sie sagten mir einmal: alles Land, was ich von dort übersehen könne, sei sein eigen! Plötzlich höre ich den Berg herauf Hufschlag, und zugleich beschnobbert ein ungeheurer Neufundländer meine Füße und glotzt mich mit feurigen Augen drohend an; ich erschrecke, springe rasch auf, und in demselben Augenblick sprengt ein Reiter an, dessen Pferd sich bei meinem Augenblick bäumt, überschlägt und seinen Herrn unter sich begräbt!
Judith. Großer Gott!
Jane. Ich höre einen wilden Schrei, dann einen derben Fluch, und als ich entsetzt herzu eile, ruft mich eine tiefe, klangvolle Stimme, wie eine Feuerglocke dröhnend, an: “Wenn Sie keine böse Fee sind und mein Pferd nicht fürchten, so reichen Sie mir die Hand, daß ich unter dem tollen Tier hervorkomme!” Ich fürchtete mich wohl ein wenig, obgleich nicht allzuviel, aber ich wollte mutig sein, und da ging es. Ich brachte ihn glücklich in die Höhe. Kaum war er auf, faßte er mit gewaltiger Hand den Zügel und rief: “Auf, Mesrour, auf!”
Judith (erschrocken). Mesrour nannte er das Tier?
Jane. Gewiß, und es verstand den Ruf, denn es machte eine kräftige Anstrengung und stand plötzlich, sich schauernd, auf den Füßen. Das erste, was der rohe Mensch that, war, dem schönen Pferde einen Streich zu versetzen, daß es hoch aufsprang. “Strafe muß sein,” sagte er kaltblütig, “warum hast du mich abgeworfen?”
Judith (zitternd). Nun -- und was geschah dann ?
Jane. Dann wollte er es besteigen, aber er hatte sich den Fuß verrenkt und schien zu leiden. Ich fragte: “Herr, kann ich nichts für Sie thun? Ich möchte Ihnen gern helfen. Er sah mich aus schwarzen Augen mit einem Blick an, scharf und tief genug, um mir ins Mark zu dringen, so seltsam, halb gut, halb verächtlich. Dann sagte er trocken: “So leihen Sie mir Ihre Schulter, schwankes Rohr, wenn Sie nicht unter meiner Last zu brechen fürchten!” Ich lächelte und hielt ihm die Schulter hin, mich recht fest auf die Füße stellend, und das war nötig, denn er legte eine Hand schwer wie Blei auf meine Achsel, stützte sich darauf und mit einem Ruck war er im Sattel. Ohne zu danken, fuhr er dahin wie der Sturmwind über die Haide; der Hund in tollen Sätzen vor ihm her! (humoristisch). War das nicht ein frisches echtes Winterabenteuer?
Judith. Armes Kind! Wissen Sie, wer der Reiter war? Lord Rochester -- kein anderer!
Jane (erschrocken). Unser Herr! Zu Pferde?
Judith. Ja, sehen Sie, das ist so eine seiner Sonderlingslaunen! Stets läßt er den Reisewagen in irgend einer Stadt zurück, hierher kommt er nie anders als zu Pferde, und wir wissen nie, wann noch woher. Heute, scheint's, ist ihm der Ritt schlecht bekommen.
Jane (in trübem Sinnen). O weh! Das ist eine böse Empfehlung!
Judith. Nun verstehe ich erst, warum er sich sogleich auf sein Zimmer zurückzog; gewiß hat er Schmerzen, und er liebt es nicht, daß man ihn leidend sieht, es ist so eine seiner Eigenheiten!
Jane (aufmerksam). Eigenheiten? Sie sagten mir doch, als ich Sie frug, wie ich ihn zu behandeln hätte, er habe keine?
Judith (verlegen). Ja, das heißt -- ich meinte -- er sei gut zu behandeln, wenn man ihn sich selbst überließe, aber er hat denn auch so seine besondere Art, wie jeder Mensch.
Jane (sinnend). Höflich ist der Lord jedenfalls nicht, davon zeugt schon diese kleine Probe.
Judith (mit Überwindung, ihr ganz nahe tretend) Kind, ich habe Ihnen nie darüber gesprochen, ich liebe das Schwatzen nicht. Aber jetzt -- da es nötig, muß ich reden, denn ich habe Sie zu lieb, um nicht herzlich zu wünschen, daß Sie dem Herrn guten Eindruck machen! Lord Rochester ist der jüngere Sohn des Hauses und war arm, indes sein Bruder Herr des großen Erbes werden sollte. Sie hatten sich ziemlich vertragen, bis ein geheimnisvoller Vorgang zwischen den sie in Zwiespalt stürzte. Was vorgegangen, weiß ich nicht, denn ich lebte damals noch auf einem alten Jagdschloß der Familie, ich weiß nur, daß der alte Lord sich gezwungen, um die Brüder für immer zu trennen, unseren jetzigen Herrn nach Westindien zu schicken; dort lebte er fast vergessen, vor einigen Jahren, wo sein Bruder plötzlich starb, und ihm die Erbschaft zufiel. Da er nun sein halbes Leben in der Fremde zubrachte, und Spanisch Town in Jamaika bekanntlich eben keine Hochschule für feine Lebensart genannt werden kann, so ist der Herr etwas -- kurz angebunden und --- ungeniert geworden, das ist alles. Im übrigen ist Lord Rochester ein echter Gentleman an Herz und Gesinnung, und seit er hier Herr ist, ein Vater der Armen und Bedrängten in der ganzen Grafschaft! (Geheimnisvoll sich umsehend.) Nur eines wollte ich Ihnen noch raten, Kind! Sie erzählten mir neulich, daß Sie ein seltsames Lachen im Schloß gehört ---
Jane (zusammenzuckend). Ja, ein seltsames --- ein grausiges gespenstiges Lachen, Mistreß, das durch die Stille der Nacht aus dem dritten Stock des Turmes herab bis in mein Zimmer drang und mir das Blut starren machte!
Judith. Nun, Sie wissen jetzt, daß es von der armen Gratia Poole kam, dieser treuen Dienerin, die oft solchen Anfällen unterworfen ist.
Jane (sie fest ansehend). Ja, das sagten Sie mir; auch daß ihr befohlen ist, ihr Zimmer im dritten Stock des Abends nie zu verlassen, und doch begegnete ich ihr soeben auf der Treppe, und als ich die Galerie heraufging, hörte ich dieses entsetzliche Lachen wieder!
Judith (erschrocken). Wie? (Sich fassend). Ah, richtig --- Gratia Poole war ja drüben bei ihm.
Jane (sehr aufmerksam). Bei ihm, bei dem Lord?
Judith (verwirrt). Ich weiß nicht -- ich glaube. Aber – nehmen Sie sich in acht, Kind, sprechen Sie vor dem Herrn nie von diesem Vorfall und beachten Sie Gratia Poole gar nicht – (gutmütig) es ist zu Ihrem Besten, was ich Ihnen rate.
Jane. Ich danke Ihnen, Mistreß Harleigh, ich werde gehen.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Gratia kommt aus der Seitenthür rechts. Eine ältliche Frau; sie trägt ein dunkles Wollenkleid, darüber eine weiße Schürze, ein zierliches aber einfaches weißes Tüchelchen über dem Kleide. Das Haar schlicht gescheitelt, darauf eine einfache weiße Mütze, die das Gesicht umschließt. Ihre Miene ist ernst und einfach, ihre Haltung fest und gerade ihr Ton männlich, sie macht keine Bewegungen.
Jane (leise zu Judith). Da ist das Weib!
Gratia. Mistreß Harleigh, der Herr wird hier den Thee nehmen.
Judith (froh). Gottlob! Wer ist jetzt bei ihm?
Gratia. Adele und der Doktor [Speenley], den Lea gerufen, er hatte einen Unfall.
Judith (mit einem bedeutsamen Blick auf Jane). Mein Himmel, ist das so schlimm?
Gratia (trocken). Weiß nicht, er klagt ja nie. Haben Sie alles in Bereitschaft gesetzt für die Nacht?
Judith. Steht alles unten.
Gratia. Der Herr will die neue Erzieherin beim Thee sehen. (Sie geht).
Judith. Gut! -- Gratia!
Gratia (bleibt stehen). Was?
Judith (mit Bedeutung). Zu viel Lärm, zu viel Lärm! Haltet mehr Ruhe, Gratia!
Gratia (kalt). Ich werde Ruhe halten. (Ab durch die Mitte.)
Fünfter Auftritt.
Jane. Judith.
Jane (die Gratia nicht aus den Augen ließ, für sich). Seltsam!
Judith (geschäftig). Es ist ein gutes Zeichen, daß er herüberkommt -- das Übel muß nicht so schlimm sein! Horch, ist das nicht Adelens Stimme?
Jane. Mein Gott, hat sie denn die Bonne noch nicht zu Bette gebracht?
Judith. O, wenn der Lord hier ist, bringt sie kein Mensch zum Schlafen! (Erschrocken). Ha! Ich glaube, das ist sein schwerer Gang -- er kommt jetzt schon? (Sie geht nach der Thür rechts, horcht, geht dann zu dem Theetisch und entzündet die Flamme unter der Maschine.)
Jane (für sich). Mein Herz klopft! Ich habe ihm Unglück gebracht bei dem ersten Blick; er müßte ein seltener Charakter sein, um mich ohne Vorurteil wiederzusehen! (Sie zieht nach dem Hintergrunde zurück.)
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Adele, ein Kind von höchstens acht Jahren, graziös aber einfach gekleidet, lebhaft, fröhlich, ganz Französin, kommt von rechts mit Rowland, einem Mann von vierzig Jahren; sein Gesicht kräftig, seine Stirn: ernst, fast finster, starkes, dunkles Haar, ein schwarzer leicht gekräuselter Bart. Er trägt einen dunklen modernen Sammetpelz, mit Zobel verziert, darunter einfache moderne Kleidung, auf dem Kopf eine rote moderne Sammetmütze mit Gold. Seine Art zu sprechen kurz, tief,
herrisch; sein Ausdruck hat zuweilen etwas Wildes, was aber rasch vorübergeht. Als er eintritt, ist sein Kopf etwas gesenkt, er sieht weder Jane noch Judith an. Hinter ihm
Sam.
Adele. Ah, siehst du, mein Freund, das ist meine gute Miß Jane. (Sie will auf Jane zu).
Rowland (gebieterisch zu Adele). Schon gut, Adele, sei ruhig! (Er geht etwas hinkend über die Bühne nach der Chaiselongue.) Sam!
Sam (rasch). Zu Befehl, Mylord!
Rowland (auf die Chaiselongue zeigend). Rückt mir das näher zum Feuer. In diesem alten Dohlennest schützt nicht Pelz noch Flamme vor Frost! (Er beißt sich auf die Lippen und fährt unwillkürlich nach dem Knie.) Hölle! -- Sam, Eueren Arm!
Sam (springt hinzu). Mylord!
Rowland (sich auf ihn stüzend, geht bis zur Chaiselongue und läßt sich mühsam nieder). Es ist gut! Rückt mir den Tisch her!
Sam (rückt ihm rasch das Marmortischchen zu Häupten der Chaiselongue).
Rowland (stützt den Arm auf das Tischchen und legt den Kopf auf die Hand). Gut! Geh!
Sam (im Vorbeigehen leise zu Judith, spöttisch). Nun kommt Ihr Kleinod an die Reihe. Wünsche Glück! (Ab durch die Mitte.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen ohne Sam.
Rowland (sitzt in Gedanken).
Adele (vor ihm auf den Knien kauernd, streichelt seine herabhängende Hand). Bist du böse, Rowland?
Rowland (kurz). Nein!
Adele (schmeichelnd). Hast du mir auch etwas mitgebracht?
Rowland (kurz). Wollen sehen, ob du es verdienst.
Adele (aufspringend, klatscht in die Hände). O, ich habe viel verdient, gewiß! (zu
Jane laufend.) Nicht wahr, Miß?
Jane (legt ihr die Hand auf den Mund und neigt sich leise flüsternd zu ihr herab).
Rowland (wirft einen halben Blick auf Jane, als erwarte er eine Antwort. Nach einer kleinen Pause, da Jane sich nicht rührt, wendet er den Kopf zu Judith, trocken). Guten Abend, Base Judith!
Judith (ebenso trocken). Gott grüße Sie, Lord Rochester! (Sich etwas nähernd). Sie haben einen Unfall gehabt?
Rowland. Wie immer, wenn ich diesen Mauern zu nahe komme.
Judith. Wie kam's?
Rowland. Eine verwünschte häßliche Hexe hat mir Mesrour scheu gemacht.
Jane (für sich, humoristisch). O weh, wie aufrichtig!
Judith (sehr ängstlich und verlegen). Das that sie gewiß nicht mit Willen.
Rowland. Gleichviel! (Er bewegt sich, den Schmerz verbeißend). Die Wirkung ist dieselbe. (Abwehrend.) Thee!
Adele (springt hinzu). Mir, mir! Ich darf ihm die Tasse bringen! (Sie hüpft um Judith her.)
Judith. Nichts da, du wirst sie wieder verschütten, ich kenne deine Sprünge schon. Miß Eyre, bitte! (Sie zeigt auf Rowland und giebt ihr die Tasse, ihr etwas zuflüsternd; später giebt sie Adele Thee.)
Adele (setzt sich auf einen der Stühle im Hintergrund und trinkt).
Rowland (für sich). Zudringlich scheint diese neue Gouvernante nicht. Entweder ist sie sehr schüchtern oder sehr klug.
Jane (setzt die Tasse auf einen silbernen Präsentierteller und kommt bescheiden, aber ohne alle Verlegenheit nach dem Vordergrund, sie ihm anbietend).
Rowland (kurz). Auf den Tisch!
Jane (stellt die Tasse auf das Tischchen).
Rowland (sie anschauend). Ei! Alle Wetter! Guten Abend, böse Fee!
Jane (verbeugt sich).
Rowland. Sie haben doch nicht meinen Thee verzaubert, wie diesen Nachmittag mein Pferd?
Jane (ihn ruhig ansehend, bescheiden). Ich fürchte, Herr, die Schuld lag mehr an Mesrour, welchen mein häßlicher Anblick erschreckte, als an einer Zauberkraft, von deren Vorhandensein ich wenigstens bis jetzt keine Beweise hatte.
Rowland (sieht sie sehr frappiert an). So? Hm! Nehmen Sie einen Stuhl.
Jane (geht zu dem Lehnstuhl rechts).
Rowland (für sich) Kurz angebunden! Die “häßliche Hexe” hat sie verdrossen. (verächtlich.) Sie ist eitel, wie alle! (Laut.) Rücken Sie den Stuhl zu mir.
Jane (bringt ruhig den Stuhl und setzt ihn zu den Füßen der Chaiselongue, sodaß sie ihm fast gegenüber sitzt).
Rowland (für sich.) Furchtsam ist sie wenigstens nicht. (Laut.) Sind die neue Erzieherin ?
Jane. Ja, Herr!
Judith (die in ängstlicher Spannung von ferne stand, kommt rasch vor.) Zu dienen, Lord Rochester. Sie ist es, für deren Gewinn ich täglich Gott danke!
Rowland (kurz.) Hat die junge Person Thee erhalten?
Jane. Ich danke, Herr!
Rowland (wie oben zu Judith). So nehmen Sie Ihren Thee, Muhme, setzen Sie sich dann dort (er zeigt auf den Stuhl rechts, der auf der anderen Seite des Tisches steht) zu uns, und bleiben Sie ruhig.
Judith (nimmt, ohne den geringsten Arger zu zeigen, ihren Thee mit, zieht ihr Strickzeug hervor und setzt sich, wo er befahl, zuweilen trinkend, immer aber auf das Gespräch lauschend).
Adele (vorkommend). Aber süßer Rowland, was hast du mir denn nun mitgebracht? Sag doch!
Rowland (trocken zu Jane). Hat sie etwas verdient?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. So geh zu meinem Kammerdiener und laß dir das Kistchen geben!
Adele (jubelnd). Ah -- Dank, tausend Dank! (Sich besinnend.) Du hast doch für Miß Eyre auch ein Geschenk mitgebracht?
Rowland (wirft einen mißtrauischen Blick auf Jane). Weiß nicht.
Adele. So will ich ihr von dem meinen etwas geben, nicht wahr, ich darf? (Sie läuft durch die Seitenthür rechts ab.)
Achter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Rowland (mit scharfem Blick auf Jane, wie oben). Haben Sie ein Geschenk erwartet, lieben Sie Geschenke, Miß?
Jane (immer vollständig ruhig, ohne Furcht, wie [sic] ohne Unbescheidenheit) Ich weiß es nicht, Herr! Ich habe nie Geschenke erhalten, noch erwartet.
Rowland. Sie sind nicht so ehrlich wie Adele! Sie fordert ihre Geschenke mit Ungestüm und verhehlt ihre Freude darüber nicht. Sie aber, Miß, halten hinter dem Berge.
Jane. Adele macht den Anspruch alter Bekanntschaft und das Recht der Gewohnheit geltend; sie erzählte mir, daß Sie nie ankommen, ohne sie reich zu beschenken. Wenn ich aber einen Grund ausfindig machen sollte, der mich berechtigte, ein Geschenk von Ihnen zu erwarten, so würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich bin Ihnen gänzlich fremd und habe noch nichts gethan, das solche Ansprüche rechtfertigte.
Rowland (finster). Kokettieren Sie nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich habe Adele in diesen wenigen Stunden geprüft und staune über die Fortschritte, die sie gemacht. Sie hat in dieser kurzen Zeit mehr englisch gelernt, als bis jetzt in zwei Jahren!
Jane (heiter, neigt das Haupt leicht). Dank, Herr! Ich habe mein Geschenk.
Rowland (sieht sie nicht ohne Wohlgefallen an, nimmt seine Tasse und trinkt). Hm ! (immer aufmerksamer.) Wie heißen Sie?
Jane. Jane Eyre.
Rowland. Sie sind erst drei Monate in meinem Hause?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Und kommen --- woher?
Jane. Aus der Lowoodstiftung, zwanzig Meilen von Millcot.
Rowland (wie bedauernd.) Aus der Lowoodstiftung ? O! -- Wie lange waren Sie dort?
Jane. Acht Jahre!
Rowland. Acht Jahre? Dann müssen Sie eine Konstitution von Eisen haben, Miß, denn so viel ich weiß, werden die Zöglinge in dieser milden Stiftung halb ausgehungert und von dem heuchlerischen Blackhorst mit schonungsloser Strenge zum Lernen und Beten getrieben. Darum kamen Sie mir heute auf dem Berge vor, als stammten Sie aus einer anderen Welt; wußte ich doch gar nicht, wo ich diese Art von Gesicht hinthun sollte! Aber was machten Sie denn so lange in Lowood?
Jane. Vier Jahre war ich Zögling, und als ich nichts mehr bekam, meine Pension zu bezahlen, ward ich für die übrige Zeit Lehrerin dort, mit fünf Pfund jährlichem Gehalt.
Rowland (halb mitleidig, halb spöttisch). Fünf Pfund! Hm! Da haben Sie freilich keine Reichtümer gesammelt. Wie kamen Sie denn aber in mein Haus?
Jane. Ich las in der Zeitung, daß zu Thornfield – Hall eine Gouvernantenstelle zu vergeben sei; die Bedingungen waren sehr glänzend. Ich fühlte, daß ich einen besseren Wirkungskreis verdiente und auszufüllen fähig bin, sandte meine Zeugnisse an Mistreß Harleigh, sie ließ mich augenblicklich kommen, und--
Judith (stolz). Und das war das Klügste, was ich in meinem Leben gethan.
Rowland (mit einem seltsamen Blick auf Jane, fast unwillkürlich). Wer weiß!
Judith (hoch aufhorchend). Wie?
Rowland (winkt abbrechend mit der Hand). Gut, gut. —Bleibt ruhig, Base Judith! (Zu Jane.) Da man Sie in Lowood erzog, sind Sie eine Waise?
Jane (ernst, ohne alle Sentimentalität.) Ich habe meine Eltern nie gekannt.
Rowland. Nun, Sie werden doch eine Familie haben, Schwestern, Brüder --
Jane (wie oben). Ich habe nie welche gehabt.
Rowland (ungeduldig.) Aber doch Verwandte: Onkel, Tante --
Jane (schmerzlich berührt). Ich hatte --- einen guten Onkel: er ist tot. Ich habe niemand.
Rowland. Niemand? Gar niemand?
Jane (ruhig). Man sagte mir einst von einem Bruder meines Vaters, der nach Amerika ging -- ich habe nie wieder von ihm gehört! ich bin allein in der Welt.
Rowland (mit einem sarkastischen Lächeln). Aber nicht hilflos, wie mich dünkt.
Jane (sieht ihn verwundert an). Herr!
Rowland (lächelnd, deutet auf die Stirn). Sie haben hier einige tapfere Hilfstruppen. Nun, Miß – (ärgerlich) wie heißen Sie?
Jane (trocken). Eyre; Jane Eyre, Herr!
Rowland (sie mit einem scharfen Blick streifend). Richtig—Miß Eyre! Was haben Sie denn in Lowood alles gelernt? Spielen Sie Klavier?
Jane. Ein wenig.
Rowland. Ich kann es denken. “Ein wenig” – gleich jedem anderen Schulmädchen, das will nicht viel sagen.
Jane (ohne Verdruß zu zeigen). Sie mögen wohl recht haben,Herr!
Rowland (sie immer scharf beobachtend). Sind die Zeichnungen, die mir Adele vorhin zeigte, von Ihnen?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Haben Sie deren mehrere?
Jane. Hier nebenan, in der Bibliothek, wo ich heute arbeitete, liegt meine Mappe noch.
Rowland. Holen Sie dieselbe.
Jane (steht auf).
Rowland. Das heißt – (mit Überwindung) ich bitte Sie, dieselbe zu holen; Sie wissen, ich kann nicht gut von der Stelle.
Jane (geht).
Rowland (ihr nachrufend). Wenn die Mappe etwa nur Kopien enthält, so lassen Sie es lieber --
Jane (ruhig). Sie werden ja urteilen können, Herr, wenn Sie erst gesehen. Gut oder schlecht - jedenfalls finden Sie Originale, ich habe nie verstanden, wiederzugeben, was nicht in mir selbst seinen Ursprung hat. (Sie geht in die Seitenthür links.)
Neunter Auftritt.
Judith. Rowland.
Rowland (sieht Jane nach). Hm! Stolze Hexe! Nun bringt sie gewiß Stümpereien an.
Judith (mit schlecht verhehltem Ärger). Das glaube ich nicht, Mylord; wenn Jane Eyre sagt: das kann ich, so dürfen Sie sicher sein, daß sie es kann.
Rowland. Ei, Muhme, Ihr habt wohl dieses Persönchen so verzogen, daß sie bei anscheinend äußerer Bescheidenheit sich mir gegenüberstellt mit einer Stirn von Eisen; dergleichen von Kreatur ist mir nie zuvor begegnet!
Judith. Wird Ihnen auch nicht wieder begegnen, Mylord, wenn Sie die aus dem Schloß treiben.
Rowland (trocken). Sie ist noch nicht draußen, Mistreß! Der Sprung von fünf Pfund Jahrgeld in Lowood auf dreißig Pfund in Thornfield ist ihr zu gut bekommen, als daß sie den Fuß so schnell zurückziehen sollte.
Judith. Nehmen Sie sich in acht! Wer es acht Jahre in Lowood aushielt, hat Charakter, und mit Charakteren ist nicht gut experimentieren!
Rowland (zuckt verächtlich lächelnd die Achseln).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Jane mit einer großen ledernen Mappe.
Jane (legt die Mappe vor Rowland nieder und öffnet sie).
Rowland. Setzen Sie sich.
Jane (setzt sich).
Rowland (durchblättert die Mappe). Das sind Aquarelle. Sie malen?
Jane. Ja, Herr. Mit dem Crayon vermochte ich stets nur dem Gedanken Ausdruck zu geben -- um Gefühle zu gestalten, bedurfte ich der Farben.
Rowland (der sein Staunen nicht verbergen kann, in die Blätter sehend). Welch seltsame Ideen! Hier -- nichts als wogendes Meer, vom Sturm gepeitscht -- ein weißer Arm umklammert den zerschellten Mastbaum, der auf den Wellen treibt, auf diesem sitzt ein Rabe, der ein glänzendes Armband im Schnabel hält -- er hat es diesem erstarrten Arm geraubt! Nichts Lebendes über dem Wassergrab als dieser höllische Vogel -- und doch alles Leben! Wer gab Ihnen die Idee zu diesem Bilde?
Jane. Mein Kopf.
Rowland (sieht sie groß an). Dieser kleine Kopf da, der zwischen Ihren Schultern sitzt?
Jane. Ja, Herr!
Rowland (humoristisch). Enthält er noch mehr Stoff solcher Art?
Jane. Ich hoffe noch besseren.
Rowland (ergreift ein neues Blatt, stützt den Kopf auf den Arm und beugt sich über den Tisch, es mit Staunen betrachtend; wie zufällig faßt er sein Käppchen an, wirft einen halben Blick auf Jane und zieht es langsam ab, es neben sich legend.
Judith (für sich). Sie hat gewonnen -- er nimmt die Mütze ab!
Rowland (erhebt den Kopf, schüttelt die Haare aus der Stirne und wendet sich rasch zu ihr). Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder schufen, Miß Eyre? Es sind ernste finstere Phantasien.
Jane. Ich versenkte mich dabei in meine Gedankenwelt und war glücklich, so lang ich malte, obgleich nicht der Kontrast zwischen meiner Idee und dem Werk meiner Hand sehr quälte; ich fühlte peinlich den Mangel an Fähigkeit, das zu erreichen, was ich erreichen wollte!
Rowland (in das Bild sehend). Sie haben sich doch wenigstens den Schatten Ihres Gedankens gesichert, wenn auch Ihre künstlerische Ausbildung nicht an seine Größe reichte. Jedenfalls sind diese Phantasiegebilde einer Schülerin aus Lowood merkwürdig genug! Sie sind voll Poesie! Diese Augen des Abendsterns, den Sie hier verkörpern, müssen Sie irgendwo im Traum gesehen haben -- welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! (Er faßt schnell das andere Blatt, immer leidenschaftlicher werdend.) Wer lehrte Sie den Wind malen? Welcher Sturm fegt da über die Heide? Wo sahen Sie Latmos, denn das ist Latmos-- was kocht in Ihnen, daß Ihr Gehirn solche Blasen wirft? (Er hält plötzlich inne, wie über sich selbst erschreckend, sein Ton ändert sich augenblicklich, er schiebt die Blätter von sich. Dieses tolle Zeug wird mich um den Schlaf bringen, oder sich in meine Träume drängen. Es muß spät sein. (Er nimmt während des folgenden die Mappe wieder auf).
Judith. Elf Uhr vorüber, Mylord!
Rowland (aufspringend, verdrießlich). Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, daß Sie Adele noch nicht zu Bett bringen ließen? Wollen Sie eine neue Ordnuung in diesem alten Schlosse einführen ? (Er geht, bleibt stehen und beißt sich vor Schmerz in die Lippen.) Hölle! dieses verwünschte Bein! (Halb lächelnd, halb zornig.) Es wird mich noch einige Tage an Ihren abscheulichen Kastorhut erinnern, Miß Eyre! Gute Nacht! (Er geht mit sichtlicher Anstrengung, die Mappe unter dem Arm, in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (ist aufgestanden, als er sich erhob, beobachtete ihn ernst und ruhig und sieht ihm jetzt ebenso nach).
Elfter Auftritt.
Judith. Jane.
Judith (sehr bekümmert). Was ihm nur einfiel! Da ist Ihnen wieder alles bei ihm verdorben.
Jane (wie unwlllkürlich, in Gedanken). Ich denke nicht.
Judith (sie nicht begreifend). Wie meinen Sie?
Jane (wieder zu sich kommend). Sie sagten, Lord Rochester habe keine Eigenheiten und sei leicht zu behandeln? Ich denke, er ist aus Eigenheiten zusammengesetzt ---- und sehr schwer mit ihm fertig zu werden. Aber--
[Judith. Aber -- Sie waren doch gar nicht furchtsam?
Jane (wieder in Gedanken). Ich weiß es selbst nicht – er kam mir vor wie ein Löwe; man ist verloren, wenn man diesem Tier nicht furchtlos ins Auge blickt. Das gab mir Mut.
Judith. Sie vergleichen den Herrn mit einem Raubtier? O weh! Ich fürchtete wohl, daß er Ihnen nicht gefallen würde!
Jane (heiter). Wer sagt Ihnen das? Gerade so wie er ist, gefällt er mir, und] ich meine: wenn er sich nur erst an die “häßliche Hexe” und den “abscheulichen Kastorhut” gewöhnt hat, werde ich es wohl zustande bringen, in Frieden mit ihm auszukommen! Lassen Sie uns getrost zu Bett gehen – ich werde sehr gut schlafen diese Nacht, wir sind ja jetzt nicht sehr einsam in diesem weiten Schloß, wir haben einen strengen aber sicheren Schutz, nicht wahr? Wir haben nun einen Mann im Hause!
Beide durch die Mitte ab.
Der Vorhang fällt.
Zweiter Aufzug.
Dieselbe Dekoration wie im vorigen Aufzug
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (steht am Fenster rechts und sieht gedankenvoll hinaus). Wie der Frühling mit Macht das Haupt erhebt, [wie schon von allen Seiten grüne Augen aus den Sträuchern sehen! Mir ist, als ginge die Zeit wie in einem Traume an mir vorüber.] Da draußen alles Leben, alles Erwachen aus dem Wintertraum – (sie geht vom Fenster) und in dem finsteren Schloß hier alles Stille und kalte Ruhe. Eines Morgens stand ich auf, und es hieß: “Der Herr ist fortgeritten.” Das sind wohl zwölf Tage her -- und er kommt nicht wieder. (kopfschüttelnd). Sonderbarer Mann! Wochen sind seit jenem Abend verstrichen, wo es schien, als mißfalle ihm meine Art nicht, und hat mir sein Stolz seitdem ein freundliches Wort gegönnt? Es ist, [als ärgere er sich jetzt über die kurze Beachtung, deren er das “kleine Schulmädchen” gewürdigt, und doch scheint es mir oft -- gerade, wenn er thut, als bemerke er mich gar nicht --] als laure er darauf, daß ich ihn anreden solle! O, ich werde mich wohl hüten, ihm mit einem halben Wort nur in die Quere zu kommen, damit er mich rauh anlassen könnte. (Sie geht ein paar Schritte.) Dennoch aber giebt er mir meine Bilder nicht heraus, die ich seitdem nicht wiedersah -- und nicht von ihm zu fordern wage. Was hat er nur daran? (Sie steht wieder still. Ich möchte wohl wissen, wo er sich jetzt herumtreibt? (Pause.) Hm! Was geht es mich an! Dieser wunderbare Charakter beschäftigt mich fortwährend, wie ein Rätsel, das ich lösen möchte - und-- nicht lösen darf! Seltsam, es ist, als ob seine Gegenwart eisern auf seiner Umgebung laste, und doch-- ich fürchte ihn nicht, und mir ist als wären wir jetzt erst einsam hier, seitdem er nicht mehr in diesem Saale grollt und schweigt.
Judith (noch nicht sichtbar). Schnell, Lea, alle Kamine geheizt, die Fremdenzimmer gelüftet!
Jane (aufhorchend). Die Fremdenzimmer gelüftet? Ei! Was bedeutet das? Sie kommt. Auf der Hut, Jane; nur keine Neugier, das ziemt dir nicht.
Zweiter Auftritt.
Jane. Judith und Patrik durch die Mitte.
Judith (im Eintreten sehr eilig und geschäftig). Sam! Sam! Wo steckt Ihr? (zu Patrik.) In einer Stunde, sagt Ihr, Patrik?
Patrik (in Reitkleidern). Länger wird es wohl nicht dauern, wollen wir wetten? Der Lord wenigstens folgt mir auf der Ferse, die anderen fahren.
Judith (eilig). Aber es ist doch auch gar zu toll, daß man so was nicht früher erfährt!
Patrik. Ist ihnen auch diesen Morgen erst eingefallen.
Judith (Jane erblickend). Ah-- Miß Jane, gut, daß Sie da sind! Kleiden Sie sich geschwinde, machen Sie sich hübsch; rasch, rasch, auf Ihr Zimmer, ich habe Ihnen das Paket hinaufgeschickt. Ja, ja! Nicht gestaunt und nicht gewundert, vorwärts, kein Augenblick ist zu verlieren, Kind! Sie hören ja, daß sie in einer Stunde eintreffen!
Jane. Wer denn? Für wen soll ich mich hübsch machen?
Judith (reicht ihr einen offenen Brief). Da steht's, lesen Sie geschwind; ich muß den Sam haben, das alte Murmeltier. He, Sam, seid Ihr denn taub geworden? (Sie eilt in die Seitenthür links ab.)
Dritter Auftritt.
Jane. Patrik.
Jane (sieht ihr verwundert nach, öffnet den Brief und liest). Eine Stunde nach diesem Briefe treffe ich mit Gästen ein. Mistreß Harleigh wird die Fremdenzimmer instandsetzen, auch für Damen. Beifolgendes Seidenkleid für die Gouvernante, sie wird der Gesellschaft den Thee bereiten, und ich will sie anständig vor meinen Gästen sehen. Rochester.” (für sich, mit humoristischer Empfindlichkeit.) Sieh einmal, “die Gouvernante !” Meinen Namen kann er nicht merken! (Zu Patrik) Also Damenbesuch bekommen wir?
Patrik (verschmitzt). Jawohl, Miß, und schönen—das heißt, die Junge; die Alte --- na, das ist Geschmacksache, wenn sie nicht eine Lady wäre, mir gefiele sie nicht, wollen wir wetten?
Jane (lächelnd). Aber die Junge, die gefällt Euch wohl sehr, Patrik.
Patrik. O, die gefällt noch ganz anderen Leuten als unsereinem! Wetten wir?
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Judith kommt von links zurück.
Judith. So. Das ist abgemacht! Nun, Kind, ist unser Herr nicht ein Engel? Sie sollen sehen, wie reizend Ihnen das rosenrote Seidenkleid lassen wird.
Jane (ruhig). Ich werde es nicht tragen, Mistreß.
Judith. Was, nicht tragen? Der Lord hat es eigens aus London kommen lassen, nicht wahr, Patrik
Patrik. Das will ich meinen! Es ist nach dem Maß von Lady Clarens Kammerjungfer gemacht, die hat fast Ihren Wuchs, wollen wir wetten?
Jane. Wirklich! Und wer ist Lady Clarens?
Patrik. Ei, eine schöne, stolze, junge Witwe, deren Man ihr einen großen Namen, aber eine kleine Besitzung, sechs Meilen von hier, hinterließ.
Jane (trocken). Da giebt es wohl eine Heirat?
Judith (lebhaft). Ei behüte! Ja, wenn es von der Lady abhinge, die hatte schon vor drei Jahren, als der Lord aus Frankreich kam, ein Auge auf ihn geworfen, aber das hilft ihr nichts, er bemerkt so etwas nicht.
Patrik (wie oben). Na, na, diesmal hat er doch die Augen weit aufgemacht, Mistreß! Wetten wir?
Judith. Patrik, schwatzt nicht in den Tag hinein! Ich sage, das hilft der schönen Lady nichts.
Patrik. Und ich sage --- mit Verlaub, Mistreß, das hat schon geholfen! Da hat doch nun der Lord die üblichen Besuche in der Gegend gemacht und blieb überall nur einen Tag --- drüben aber auf Clarens-House haben sie ein solches Wesens mit ihm gemacht, haben ihn seit acht Tagen nicht fortgelassen --- und gesungen haben sie miteinander, der Lord und die schöne Lady, wie die Lerchen; und nun kommt er gar mit Mutter, Tochter und der ganzen Sippschaft hier angeschleppt. Es sind noch viel mehr Gäste geladen, und wenn das nicht was ganz Besonderes bedeutet, so ----
Judith (kopfschüttelnd). Ich kann es nicht glauben!
Patrik. [Warum nicht? Wegen seiner vierzig Jahre etwa? Ja, da fangen wir Männer erst recht toll an, und verfängt sich da einer in ein Paar hübsche Augen, so läßt er nicht mehr los!] Ich kenne den Lord erst seit ein paar Jahren, aber ich sage Ihnen doch: das giebt eine Hochzeit! Wetten wir? (Er streckt die Hand aus.)
Judith. Ach, laßt mich zufrieden! Geht lieber hinunter und macht Platz für die fremden Pferde.
Patrik (im Gehen). Werden bald nicht mehr fremd sein in unserem Stall. Wollen wir wetten? (ab durch die Mitte.
Judith (unruhig). Der Starrkopf, solches Zeug zu behaupten! Und es ist nicht wahr, es kann nicht sein! (Sie geht in ernsten Gedanken durch die Mitte ab.)
Fünfter Auftritt.
Jane allein.
Jane. Wenn er nun aber doch heiratete? Und—warum sollte er nicht? (Sie schüttelt sinnend den Kopf.) Hm! Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Lord nicht als Bräutigam denken kann. (lächelnd.) Es kommt mir vor, als müßte er alles, was sich ihm unbedingt zu eigen giebt, verschlingen, aus Liebe oder Haß, wie er gerade bei Laune ist! (zusammenfahrend.) Horch! Das ist er. Ich kenne diesen gebieterischen Tritt von Eisen; (humoristisch) es ist immer, als ärgere ihn der Boden, den er beschreitet, weil er es wagt, ihm zu widerstehen.
Sechster Auftritt.
Die Vorige. Rowland kommt rasch durch die Mitte, in einem eleganten Reitkleid, den Hut auf dem Kopf, die Peitsche in der Hand.
Rowland (mit finsterer Miene rufend). Nun, zum Wetter, wo sind -- (Jane erblickend, sein Ton wird etwas milder.) Ei! Guten Abend, Miß Eyre!
Jane (sich verbeugend). Guten Abend, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland (wirft Hut und Peitsche auf den Tisch, halb ärgerlich, halb gutmütig). Laufen Sie schon wieder vor mir?
Jane (bleibt stehen). Ich laufe vor niemand.
Rowland. Nun gut, dann bleiben Sie; ich habe mit Ihnen reden, und es ist mir lieb, daß ich gerade Sie zuerst treffe, denn es fiel mir unterwegs manches ein --- was ich Ihnen längst hätte sagen müssen. Ich hatte in der letzten Woche zu viel Plackereien mit meinen Pächtern, ich hatte Sie wahrhaftig ganz vergessen. (Er wirft sich auf den Diwan und sieht sie groß an.) Sie haben Ihr neues Kleid nicht angelegt?
Jane. Nein, ich danke, Herr!
Rowland (auffahrend). Warum nicht?
Jane (immer sehr ruhig und bescheiden). Weil ich mich nicht über meine Stellung erheben und keine Farbe tragen will, die so schlecht zu meinem Außern paßt. Ich danke Ihnen nochmals, ich werde Mittel finden, “anständig” erscheinen zu können, ohne Ihre Güte mißbrauchen zu müssen.
Rowland (schroff). Sie haben meinen Brief an Mistreß Harleigh gelesen?
Jane. Sie gab ihn mir zu diesem Zweck.
Rowland. Sie sind empfindlich, daß mir Ihre einförmige Tracht nicht gefällt?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Sie sind es und wollen nicht begreifen, daß diesen finsteren Schloß, [in dieser schweren Luft] dem Auge helle, heitere Farben Wohlthat sind. Dann --- haben Sie zu viel Dünkel, um Geschenke nehmen zu wollen.
Jane (sieht ihn erstaunt an). Herr – ich --
Rowland (ohne sich unterbrechen zu lassen, bestimmt). Ich kenne Sie, wenn ich gleich nicht tausend Worte mit Ihnen gesprochen habe. Hinter Ihrer demütigen Einfachheit steckt eine gute Portion von Ansprüchen. [Sie haben Ihren eigenen Kopf!] Meine Art ist Ihnen wohl zu herrisch, zu befehlend? Das Leben in Indien und die Erbärmlichkeit der Menschen haben mich rauh gemacht, ich verletze Sie mit diesem geraden Wesen, nicht wahr?
Jane (sieht ihn groß an).
Rowland. Was sehen Sie mich jetzt so sonderbar an, was denken Sie?
Jane. Ich dachte eben, Mylord, ob es wohl viele Herren giebt, die sich die Mühe nehmen, bezahlte Untergebene zu fragen, ob sie sich durch ihre Art verletzt fühlen oder nicht!
Rowland (mit großen Augen). Meine bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ah so -- ja, ich vergaß, weshalb ich so scharf ritt, daß ich den Wagen eine Stunde Vorsprung abgewonnen. Es quälte mich schon seit meiner Abwesenheit, daß ich nicht sogleich, als ich Sie kennen lernte, offen gegen Sie war; aber - das kommt daher, daß Sie selbst versteckt sind. Sie beurteilen mich ohne Zweifel falsch, und ich will gerechtfertigt sein, ehe die anderen kommen. Ich bin heute zur Mitteilung aufgelegt, und das ist eine Stimmung, die mich so selten anwandelt – [als die Lust, zur Beichte zu gehen!] Darum hören Sie aufmerksam, wer weiß, wann es mir wieder einmal einfällt, mit Ihnen zu schwatzen.
Jane (ihren Sinnen nicht trauend). Aber Herr --
Rowland (bestimmt. Sie sind Adeles Gouvernante -- was dachten Sie über mein Verhältnis zu diesem Kinde?
Jane (frappiert, aber es schnell unterdrückend). Ich dachte nichts, Herr; ich spähe den Verhältnissen meiner Herrschaft nicht nach.
Rowland (sie scharf anschauend). Miß Eyre, Sie dachten darüber! Sie sprechen zu wenig, um nicht viel zu denken! Sie dachten, Adele sei mein Kind.
Jane (die Augen niederschlagend). Und wenn ich das gedacht hätte, wem sind Sie Rechenschaft darüber schuldig, Herr?
Rowland. Schuldig bin ich sie niemand -- außer Ihnen, die Sie sich in dies öde Schloß mit ihr einschließen müssen. Sie haben ein Recht zu fragen: “Wessen Kind erziehe ich?” Das ist nur billig. Adele ist eine Waise, und ich habe allen Grund zu glauben, daß sie die Frucht eines verbrecherischen Verhältnisses ist. Ich habe einem Verstorbenen gegenüber heilige Pflichten gegen sie zu erfüllen, habe sie deshalb von Paris hierher geholt und sorge für ihre Erziehung, wie ich es für recht halte -- und dennoch bin ich nicht ihr Vater.
Jane (mit einem unwillkürlichen Atemzug). Um so edler ist das, was Sie jetzt für sie thun.
Rowland (gleichgültig). Bah! Davon ist nicht die Rede! Sie wissen nun, Miß Eyre, daß es wahrscheinlich ein ungesetzliches Kind ist, dem Sie sich widmen. Ich glaube einem ehrenhaften Mädchen wie Sie diese Erklärung schon deshalb schuldig zu sein, weil ich in nächster Zeit vornehme Gäste hier sehen muß, die Sie kennen lernen werden. Sie verstehen es, zu erziehen, Sie haben viel gelernt, Sie können eines Tages [ehrenwerte Anerbietungen,] eine glänzendere Stellung bei legitimen Töchtern eines großen Hauses finden, dann darf Ihrem Glücke nichts im Wege stehen.
Jane (mit funkelnden Augen). Glauben Sie wirklich, Herr, daß mich eine solche Aussicht verlocken könnte, dieses unglückliche Kind zu verlassen, [das nichts mit der Schuld seiner Erzeuger gemein hat, das ich liebe?] Giebt es eine glänzendere Stellung, als die Mutter einer Waise zu sein? O Mylord, ich bin eine Waise, ich kenne diesen höchsten Fluch, der das schuldlose Haupt eines Kindes treffen kann: vater- und mutterlos zu sein! Ich (innig) danke Ihnen für diese edelmütige Offenheit! Ich werde Adele jetzt noch zärtlicher lieben, ich werde sie gut machen-- denn nur Mangel an Liebe macht das Herz eines Kindes böse, ich werde sie dreifach lieben, [da sie niemand liebt als ich,] und sie nicht verlassen – (Plötzlich stockend, sieht ihn zweifelnd an.) Sie müßten mich denn selbst fortschicken.
Rowland (hat sie mit Staunen betrachtet, mit einer Mischung von Achtung und Wärme). Sie sind ein wackeres Mädchen, Miß Eyre! Ich nehme Sie beim Wort. Sie versprechen, nicht zu gehen, bis ich Sie fortschicke. (Ihr die Hand hinhaltend.) Schlagen Sie ein!
Jane (mit einem frohen Lächeln einschlagend). Wie gern, Herr!
Rowland (sieht sie überrascht an). Ei sieh, da lächeln Sie ja -- ich wußte gar nicht, daß Sie das können!
Jane. Herr!
Rowland. Wissen Sie wohl, daß das wie ein Sonnenstrahl über Sie hinzieht? Sie müssen öfter so -- gut lächeln, Miß Eyre!
(Man hört entfernt Peitschengeknall und Wagengerassel.)
(Es wird dunkel.)
Rowland (auffahrend). Alle Wetter! Da sind sie schon! Es ist ja indes fast Nacht geworden, und ich habe die Kleider noch nicht einmal gewechselt. (Ärgerlich.) Das Schwatzen wollte auch gar kein Ende nehmen! (Barsch.) Sie werden die Gäste empfangen, Miß Eyre, und ein wenig hier zurückhalten, bis ich komme. (im Abgehen bleibt er stehen, freundlicher.) Das heißt: ich bitte Sie zu thun, was Ihnen so sehr zuwider ist, mit den Fremden zu plaudern, wollen Sie?
Jane. Gern, Herr!
Rowland (im Gehen). Aber dann -- die Menschen sehen nun einmal nur nach der Außenseite -- (mit Überwindung, halb bittend) dann ziehen Sie auch später das andere Kleid an -- nicht?
Jane (ohne Trotz, aber fest). Nein, Herr -- es muß so gut sein.
Rowland (zornig im Gehen). Nun so lassen Sie es—ich werde Sie nicht mit Gewalt hübsch machen! (Er geht rasch in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (sieht ihm sinnend nach). Seltsamer, wunderbarer, rechtschaffener Mann! (Sie steht mit gesenktem Haupt in Gedanken.)
Siebenter Auftritt.
Sam öffnet die Mittelthür, tritt mit zwei Armleuchtern mit brennenden Kerzen ein, die er auf die Tische im Vordergrund stellt. Die Bühne wird dadurch sofort erhellt. Judith kommt voran. Dann tritt Mistreß Reed, von Francis geführt, durch die Mitte ein. Sie trägt ein Reisekleid von grauem Damast. darüber ein schwarzes Pelzmäntelchen, einen kleinen grauen Hut mit schwarzem Spitzenschleier. Ihr Haar ist grau geworden, ihr Gesicht bleich und schmal, ihre Züge finsterer und schroffer als im Vorspiel; ihre Haltung ist aufrecht und ihr Gang fest. Georgine folgt in einem eleganten Reisekleide von dunklem Sammet, einem Sammethut mit Federn, eine kostbare Boa malerisch um Hals und Schultern geschlungen; eine hohe glänzende Gestalt; ihre Haltung stolz, fast übermütig, ihre Art decidiert aber graziös, und ihr Benehmen den Umgang mit der großen Welt verratend.
Judith. Wenn es gefällig ist, hier einzutreten: Ihre Zimmer sind noch nicht gehörig erwärmt.
Mistreß Reed (geht in den Vordergrund und läßt sich auf das Sofa links nieder). Dank, Sir!
Jane (hat sich, im Vordergrund stehend, nach den Eintretenden umgewendet: als sie Mistreß Reed erblickt, fährt sie wie vom Blitz berührt zusammen, je mehr diese nach dem Vordergrund kommt, je mehr tritt sie, Schritt für Schritt, zurück; ihre Glieder beben, sie preßt die Hand krampfhaft auf die Brust und starrt sie mit großen Augen wild, wie eine Erscheinung an, als Mistreß Reed sich setzt, und spricht für sich).
Mistreß Reed (Ihre Augen funkeln im schnellerwachten Haß, doch sammelt sie sich allmählich, tritt unbemerkt hinter den Tisch und von da in den Hintergrund.)
Georgine (sieht mit funkelnden Augen umher). Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mistreß, (zu Judith) daß Sie die Pflichten Lord Rochesters übernehmen und seine Gäste empfangen. Seine Herrlichkeit ist wohl beschäftigt?
Jane (im Hintergrunde, für sich). Das ist Georgine! Also sie -- sie ist es!
Judith (die sich schon beim Eintritt sehr bestürzt nach Rowland umsah). Der Lord hat die Herrschaften wohl nicht so früh erwartet; indes wird er sogleich -- (Sie giebt Sam einen Wink.)
Sam (eilt rechts ab).
Francis (spöttisch). Wahrlich ist es die ungewöhnliche Sorgfalt, welche Lord Rochester heute ausnahmsweise seiner Toilette schuldig zu sein glaubt, die ihn zurückhält.
Georgine (mit einem verächtlichen Seitenblick auf Francis). Es wäre wohl das erste Mal in seinem Leben, daß Rochester sich der Tyrannin eines Londoner Dandys, der Mode, unterworfen hätte! Seinen Willen wird die Toilette nie beherrschen!
Francis (bitter). Meine schöne Base scheint die Charaktere ihrer Anbeter sorgsam zu studieren!
Georgine (scharf). Nicht alle, das lohnte wahrlich der Mühe nicht! Diesen einen nur -- weil Probleme lösen ein stolzes Vergnügen ist.
Francis (wendet sich gekränkt zu Mistreß Reed).
Jane (für sich). Ha, sie hat ihn erkannt!
Georgine (sich links in den Lehnshl werfend, hochfahrend). Mistreß Harleigh, bitte, haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß wir uns bald in unsere Gemächer zurückziehen können. Wir sind sehr ermüdet.
Judith. Soll augenblicklich geschehen, und ich hoffe, daß es an nichts fehlen wird. (Sie geht rasch durch die Mitte ab.)
Achter Auftritt.
Mistreß Reed. Francis. Georgine. Jane.
Mistreß Reed (die anfangs ohne Teilnahme vor sich hinsah, wird nach und nach unruhlg, als empfinde sie einen peinlichen Eindruck; sie knüpft während des Dialogs den Hut auf, nimmt ihn endlich ganz ab und legt ihn neben sich; sie trägt ein schwarzes Spitzenhäubchen. Ihre Unruhe wächst, sie legt endlich die Hand auf die Brust, als wäre ihr Atem beengt, läßt das Mäntelchen hinter sich fallen und fährt mit der Hand über die Stirn). Es ist hier heiß und dumpf.
Georgine (wirft ihre Boa ab). Das ist es! Warum auch wickeltest du uns in Sammet und Pelz, Mama, die Frühlingsluft macht ja all diese Wintermaßregeln lächerlich!
Mistreß Reed (dumpf). Aber ich friere beständig.
Georgine (kurz). Das macht dein kaltes Blut, Mama. (Sie nimmt rasch den Hut ab und wirft ihn auf den Tisch neben sich, ihre Locken fallen lang und voll an den Wangen herab, sie schleudert sie unwillig aus dem Gesicht.) Es ist wirklich unerträglich heiß!
Francis (halblaut, sich zu ihr niederbeugend). Das ist Ihr Gewissen, Georgine, was Ihnen das Blut zu Kopfe jagt.
Georgine (verächtlich lächelnd). Mein Gewissen? Ha, ha, ha!
Francis. Dies Lachen wird Ihnen schwer! Sie waren mir gut, Sie gaben mir Hoffnung, ehe dieser Krösus zurückkehrte, um Sie zu verwandeln! Sie lieben ihn nicht!
Georgina. Man täuscht sich manchmal über sich selbst!
Francis (bitter). Besitze ich auch kein Thornfield-Hall, so habe genug für uns beide -- und einen unbefleckten Namen! Wissen Sie, wessen man diesen Rochester beschuldigt?
Georgine. Nein, ich will es auch nicht wissen, was die Alltäglichkeit dem Ungewöhnlichen andichtet.
Francis (wütend für sich). Ich aber will Gewißheit -- oder nicht das Leben haben!
Mistreß Reed (immer unruhiger). Mein Gott, wie wird mir?
Georgine (sieht sie überrascht an und steht auf, ziemlich kühl). Mama, was ist dir?
Mistreß Reed. Ich weiß es nicht. Seit ich dies Zimmer betrat, hat mich jene Beklommenheit, jene Angst wieder beschlichen, die mir jedes Unglück meines Lebens anzukündigen pflegt!
Georgine (wegwerfend). Gott bewahre!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich sage dir, Georgine, in diese Luft liegt etwas Unheimliches -- etwas Feindliches! Laß uns umkehren, hier lauert ein Unglück!
Georgine (verächtlich lächelnd). Aber Mama -- welch ein Aberglaube!
Mistreß Reed (mit der Hand an der Stirn.) Kein Aberglaube -- mir ist unwohl!
Georgine (zu Francis). Bitte, rufen sie Bessie, sie soll ein Flacon für Mama bringen.
Francis (wendet sich nach der Mittelthür und erblickt Jane_. Ah, da ist jemand.-- Wollten Sie vielleicht so gefällig sein Miß --
Jane (welche, mit sich selbst kämpfend, noch immer im Hintergrund stand, tritt jetzt näher; ihr Ton ist bescheiden, aber fest). Kann ich Ihnen dienen, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat mich beauftragt, Sie zu empfangen.
Georgine (stolz). Wirklich? Das ist sehr gütig von dem Lord! (Sie mit einem verächtlichen Blick messend. Und wer sind Sie, die einer solchen Ehre gewürdigt wird!
Jane (wie oben). Die Gouvernante im Hause Seiner Herrlichkeit.
Georgine (mit verächtlichem Erstaunen). Die Gouvernante?
Mistreß Reed (die bei den ersten Worten von Jane zusammenfuhr, horcht hoch auf, ohne den Mut zu haben, sich nach ihr umzuwenden; sie dreht sich jetzt mit Überwindung nach ihr und stößt einen dumpfen Schrei aus). Ach -- ich wußte es –
Francls (sieht sie sehr verwundert an).
Georgine (erstaunt). Was?
(Ganz im Vordergrund und so rasch wie möglich.)
Mistreß Reed (zwischen den Zähnen, dumpf). Daß Verhaßtes in meiner Nähe ist!
Georgine (leise). Aber so fasse dich doch, ich verstehe dich nicht!
Mistreß Reed (faßt mit einer krampfhaften Bewegung ihre Hand und zieht sie an sich, leise mit fürchterlichem Blick). Bist du blind? Siehst du Jane Eyre nicht?
Georgine (fährt zusammen, wirft einen raschen Blick auf Jane, in sich hinein). Bei Gott!
Mistreß Reed (leise). Sie wird ihr Recht an uns gelten machen!
Georgine (nach einem Blick auf Jane). Sie wird es nicht -- wenn ich Jane Eyre je gekannt habe!
Francls (der die Gruppe sehr erstaunt betrachtet, zu Jane). Kennen Sie diese Damen vielleicht, Miß?
Jane (die vollständig ruhig dastand, betrachtet Mistreß Reed mit einem kalten Blick, ihre Augen begegnen sich) Nein, Sir; ich sehe sie zum estenmal.
Mistreß Reed (zuckt zusammen).
Georgine (leise). Du hast recht, das ist Jane Eyre!
Francis (für sich). Seltsam! Wie sie verstört sind!
Neunter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts, im Gesellschaftskleid, sorgfältig frisiert, den Bart zierlich geordnet, mit vor Heiterkeit strahlender Stirn, ein ganz anderer als früher.
Rowland (alle begrüßend). Ah, meine schöne Amazone, meine werten Gäste, Sie überflügeln alle meine Hoffnungen und rauben mir dadurch die Freude, meine Pflicht als Wirt zu erfüllen. Seien Sie herzlich willkommen!
Alle (verbeugen sich).
Rowland. Auf Ihrer Stirn schwebt eine Wolke, Lady Georgine, ich will nicht fürchten, daß sie mich bedroht? ( Er faßt ihre Hand.)
Georgine (ihm die Hand entziehend). Gewiß nicht, Lord Rochester – (mit einem ironischen Lächeln) ich fürchte nur für den Ruf Ihres weltberühmten Mesrour, wenn es in der Grafschaft ruchbar wird, daß Sie mit uns zugleich von Clarens-House abritten und es unseren armen Rappen vergönnt ward, das schnellste Pferd in Alt-England zu überholen.
Rowland. Daran ist Mesrour unschuldiger als sein Herr--
Georgine (rasch und finster). Wie? Sie bekennen, Lord Rochester --
Rowland (immer nur mit Georgine beschäftigt). Ich bekenne -- daß ich unterwegs, in seltsame mir neue Träumereien versenkt, das edle Tier unwillkürlich zwang, im Schritt zu gehen. Dafür machte mich aber auch der Schaum seiner fiebernde Ungeduld fast unkenntlich, als ich hier ankam.
Jane (für sich). Ei!
Georgine (mit einem Strahl von hoffnungsvollem Triumpf über ihrem Gesicht). Das klingt fast, als ob Sie sich entschuldigen könnten, und als ob man Ihnen vergeben müßte! (sie reicht ihm die Hand.) Ich will es auch.
Rowland (ihre Hand küssend). Sie sind zu schön, wenn Sie milde sind, um lange eine Wolke auf dieser Stirn zu dulden. (Als ob er sich eben auf Jane erinnere.) Aber-- ich hoffe doch, daß man Sie so hier empfing, daß Sie den Wirt nicht vermißten?
Georgine (mit verächtlichem Achselzucken). Wer sollte Ihre Gegenwart ersetzen! Diese junge Person vielleicht? Sie ist uns unbekannt.
Rowland (mit einem stechenden Blick auf Jane). Hat sie sich Ihnen nicht vorgestellt?
Jane. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, Herr!
Rowland (sie präsentierend, leicht). Miß Jane Eyre, die Gouvernante Adeles.
Georgine (scharf). Adele? Ah ja, die kleine Französin, die Sie vor drei Jahren aus Paris mitbrachten! Also existiert dieser Pariser Arlequin noch hier?
Rowland. Allerdings.
Georgine (gezwungen lächelnd). Man muß wirklich bei allem fragen: Existiert das oder jenes noch auf Thornfield-Hall? --- denn dieses Schloß liegt unter siebenfachen Siegeln, wenn Sie fern sind, wie ein Gespensterhaus; ich glaube, die Luft muß Rechenschaft geben, von wannen sie kommt, ehe sie durch die Schlüssellöcher rauschen darf! Aber ich dachte ja, Miß Ellen Warner sei die Erzieherin Ihrer kleinen Protegée?
Rowland. Seit fünf Monaten ist es Miß Eyre.
Mistreß Reed (kalt, vollständig wieder Herr über sich). Wirklich? Worin unterrichtet sie das Kind?
Rowland (etwas verwundert). Nun, in Sprachen, Musik, kurz, in allem, was man von einer Gouvernante fordert. Miß Eyre malt sogar, und zwar etwas besser, als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Georgine (pikiert). In der That, dies Zeugnis von Ihnen, der so viel fordert, setzt mich in Erstaunen. Aber Miß – (sich besinnend) seltsamer Name, den ich nicht so leicht behalten werde --- wo lernten Sie denn alle Ihre Künste?
Jane (trocken). In der Lowoodstiftung, Mylady.
Georgine (schlägt die Augen nieder).
Mistreß Reed (wie oben). Ich wußte nicht, daß in dieser Waisenanstalt derlei weltliche Künste gelehrt werden; ich hatte stets gehört, daß der fromme Doktor Blackhorst seine Zöglinge vor allem Religion, Demut und Arbeit lehre.
Jane (wie oben). Das thut er, Mistreß --- (Zu Rowland.) Entschuldigen Sie, Herr - ich habe nicht die Ehre, den Namen dieser Dame zu kennen --
Rowland (beißt sich auf die Lippen). Ah, ich vergaß — Mistreß Reed.
Jane. Mistreß Reed können sich überzeugt halten, daß ich in der Lowoodstiftung alles lernte, was Doktor Blackhorst jemals gelehrt hat, und daß ich denen ewig dankbar sein werde, die mich dieses Unterrichts teilhaftig werden ließen.
Rowland (lachend). Miß Eyre, Sie sind sehr genügsam. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, weiß also nicht, aus welchem Grund es geschah -- so viel ist aber sicher, geliebt hat Sie derjenige nicht, der Sie auf diese Galeere schickte!
Jane. Das glaube ich auch nicht, Herr, aber er hat mir wohlgethan. Segen über seine Hand!
Mistreß Reed (für sich). Ha, Fluch! Fluch!
Georgine (um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben). Aber -- daß sie so gut malen soll, setzt mich in Erstaunen! (Sie droht Rowland lächelnd.) Wenn nur Lord Rochester hier nicht parteiisch ist –
Rowland (trocken). Für Miß Eyre? Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme! Sie mögen selbst urteilen. (Er geht rasch nach seinem Zimmer.)
Jane (ihm nach, schüchtern). O Herr, ich bitte –
Rowland (mißt sie mit einem strengen Blicke). Keine Affektation, Miß Eyre! (Ab rechts.)
Jane (steht im Hintergrund still und sieht vor sich nieder).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen ohne Rowland.
Georgine (leise zu Misteß Reed.) Findest du es nicht seltsam, wie bemüht der Lord ist, uns von dem Talent dieser Person zu überführen?
Mistreß Reed (welche stets starr vor sich hinaussah). An ihren Talenten habe ich nie gezweifelt.
Georgine (leise). Mama, du verrätst dich!
Mistreß Reed (wie aus einem Traume, leise). Hüte dich – dieses Krokodil liegt nicht umsonst auf unserem Wege!
Francis (der Jane mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtet hatte). Was haben sie nur? Was ist mit dem Mädchen! Da geht etwas vor.
Elfter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts zurück.
Rowland (hält die Mappe vom ersten Aufzug in der Hand, tritt zu dem Tisch rechts, öffnet sie und ruft.) Nun, Lady Georgine, sehen Sie sich das einmal an, es ist merkwürdig genug für ein Schulmädchen aus Lowood!
Jane (macht eine unwillkürliche Bewegung, bittend). Herr!
Rowland (sieht sie groß und finster an). Was giebt’s?
Jane (sieht vor sich nieder und bleibt regungslos).
Georgine. Sie werden gestatten, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für morgen erbitte, Lord Rochester. Meine Mutter fühlt sich unwohl, und mich selbst verlangt nach Ruhe!
Rowland (wirft die Mappe zu und wendet sich rasch zu ihr). Wie? Sie wollen nicht mit mir zur großen Halle kommen, wo alles bereit ist--
Mistreß Reed. Zu spät für heute -- ich danke, Mylord! Ich bin alt, die Fahrt war lang, ich bedarf des Schlafes; auch ist in diesem Schloß eine Atmosphäre, an die ich mich erst gewöhnen muß! Komm, Georgine!
Francis (reicht Mistreß Reed den Arm). Wenn Sie erlauben, Mistreß Reed, so unterstütze ich Sie.
Mistreß Reed (ihren Arm in seinen legend). Dank, Dank, Sir! (für sich) Sie oder ich -- eins muß hier weichen! (Sie geht langsam mit ihm durch die Mitte ab.)
Rowland zu Georgine. Sie verschmähen mich also ganz für diesen Abend, Lady Clarens? Sie sind mir noch böse!
Georgine (lächelnd mit Koketterie.) Für heute bedarf ich nur noch Ihren Arm, um mich in diesem Zauberschloß zurecht zu finden, und morgen, wenn wir so manches verschlafen haben werden, wollen wir zusehen, ob man Ihnen noch böse sein kann. (Sie legt ihren Arm in seinen.)
Rowland. Sie sind es schon nicht mehr, ich kenne Ihre Augen, Georgine! (Hingeworfen im Gehen.) Miß Eyre, Sie können immer zu Bett gehen – (im Abgehen) für heute sind Sie Ihres Amtes entlassen. (Mit Georgine durch die Mitte ab.)
Zwölfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (hat mit Erstaunen und nach und nach mit sichtlicher Unruhe Rowlands Benehmen verfolgt. Ihr Atem geht schnell, ihre Augen funkeln, sie sieht ihm lange schweigend nach.) Für heute nur? Wer weiß, vielleicht -- für immer! Ist das Lord Rochester? Derselbe Herr, der mich seit zwei Monaten auf jedes Wort, jedes Lächeln tagelang warten ließ? [Derselbe finstere Geist, dessen Gedanken verschlossen schienen wie ein Schatz im Schoß der Erde?] (Sie schüttelt den Kopf.) Das ist er nicht; oder --
(sie fährt leicht zusammen) er liebt! - Ha, und Georgine ist es, die ihn umgewandelt! Auf welche Schlange trat ich denn, daß diese Gespenster meiner Jugend plötzlich wieder vor mir erstehen, und alles, was ich so tief gebettet, was böse, was feindlich in mir war, sich mit Eins bäumend in mir erheben will! (Ihr Blick fallt auf die Mappe.) Ah -- meine Bilder! Jetzt könnte -- (Sie tritt zu dem Tisch und will danach greifen, fährt aber plötzlich zusammen, horcht auf und läßt die Arme sinken.) Er schon zurück? Sie hat ihn schnell verabschiedet, wie es scheint --
Dreizehnter Auftritt.
Die Vorige. Rowland mit Sam durch die Mitte.
Rowland (im Eintreten zu Sam, finster). Sorgt dafür, Sam, daß Ruhe im Schlosse wird.
Die Damen bedürfen derselben. Ich habe Gratia im Korridor gesehen --
Sam (etwas verlegen). Daß ich nicht wüßte, Mylord.
Rowland (streng). Ich habe sie gesehen, so rasch sie auch vorüberhuschte --- was macht sie um diese Zeit im ersten Stockwerk?
Sam. Die Fremden haben sie wohl aufgescheucht.
Rowland. Die Neugier, wollt Ihr sagen, sie gehört an ihren Platz! (Fürchterlich.) Weh ihr, wenn ich sie nachlässig finde! Sagt ihr das und treibt sie hinauf. Geht!
Sam (ab durch die Mitte).
Vierzehnter Auftritt.
Rowland. Jane. Dann wieder Sam.
Rowland (wie er sich nach rechts zu seiner Thür wendet, erblickt er Jane, auffahrend). Ha! Was giebt es hier? (Mit untergeschlagenen Armen sie forschend betrachtend.) Ich befahl Ihnen, sich schlafen zu legen, Miß Eyre, warum gehorchten Sie nicht?
Jane (vor sich niedersehend). Ich war nicht schläfrig, Herr!
Rowland. Nicht schläfrig? Hm, so scheint es, da Sie hier blieben - um mich zu belauern!
Jane (will lebhaft antworten, besinnt sich aber und sagt ruhig). Befehlen Mylord noch weiteres?
Rowland (ärgerlich). Nein!
Jane (verbeugt sich stumm und geht).
Rowland (ihr nach). Ei, hören Sie! Wie gefällt Ihnen Lady Clarens?
Jane (die stehen blieb, ohne ihr Befremden zu verbergen). Das weiß ich noch nicht.
Rowland. Nicht? -- Ich denke, Sie sahen sie doch lange genug.
Sam (tritt wieder ein und bleibt im Hintergrunde stehen, erstaunt zuhörend).
Jane. Ich sah sie, ja; aber wenn ich sagen soll, wie mir eine Dame gefällt, muß ich wissen, wie sie ist -- nicht wie sie aussieht. Gute Nacht, Herr! (Sie geht rasch durch die Mitte ab).
Fünfzehnter Auftritt.
Rowland. Sam.
Rowland (im Vordergrund, für sich). Immer hat sie das letzte Wort, nicht eines Haares breit giebt sie nach in ihrer verwünschten Demut. (Mit dem Fuße stampfend.) Nie gab es ein unausstehlicheres Geschöpf! Wer errät wohl die Gedanken dieses Kobolds? Welche Schlüssel öffnen dieses verstockte Herz? Nicht einmal Beleidigung hat Gewalt, sie zum Reden zu bringen. (Er wendet sich zum Gehen; Sam erblickend.) Sam! -- Was wollt Ihr noch hier?
Sam (der im Hintergrund stand, trotzig). Ich warte, bis Eure Herrlichkeit zu Bett sind, um hier die Lichter zu verlöschen. Es ist eine stürmische Nacht geworden, man kann nicht sorglich genug sein, Mylord.
Rowland (aufatmend). Eine stürmische Nacht? Ja wahrlich, der Wind bläst mit vollen Backen durch den Schornstein. Bei dieser Musik läßt sich's gut schlafen! (Im Gehen.) Habt Ihr Gratia gefunden?
Sam. Nein, Mylord. Sie ist wohl längst hinauf.
Rowland (unter der Thür). Und die Herrschaften?
Sam. Sind alle zur Ruhe gegangen!
Rowland. Gut, wir wollen es ihnen nachthun – (im Abgehen, für sich) wenn wir können! (Ab Seitenthür rechts.)
Sechzehnter Auftritt.
Sam allein.
Sam geht zu den Lichtern und fängt an, sie zu löschen). Hat man je dergleichen erlebt? Wenn ich’s nicht selbst sähe, keinem Menschen würde ich es glauben. Der stolze Herr läßt sich mit diesem hochnasigen Waisenhausprodukt förmlich in Gespräche ein. Sie widerspricht ihm, ohne eine Miene zu verziehen, und wenn er sie anfährt, daß unsereiner an Arm und Beinen zitterte, geht sie kaltblütig ihrer Wege und läßt ihn stehen, wie eben jetzt! (Er bleibt in Mitte des Salons stehen, faltet die Hände.) Wir, die wir sein Geheimnis in Händen haben, wir sollten uns dergleichen beikommen lassen, ich glaube, er würfe uns kopfüber aus dem Fenster! – Diese Person muß hexen können, das lasse ich mir nicht nehmen, und ein gutes Ende nimmt das nicht, (vergnügt) das ist noch mein einziger Trost! (Er hat alle Lichter ausgelöscht, bis auf das letzte, das er jetzt von dem Leuchter nimmt.) Horch -- der Wind
rasselt greulich im Kamin! Da wird es für Gratia eine böse Nacht geben. (Im Gehen stillstehend.) Sie sagen unten, er wolle die große Lady heiraten. Wenn's nur so wäre, die würde mit dieser Miß Eyre kurzen Prozeß machen! Trübselig. Aber --- ich denke, er läßt das Heiraten fein bleiben! Schade! Jammerschade! (Er geht durch die Seitenthür links ab.)
(Tiefe Nacht bedeckt den Salon, der einige Sekunden leer bleibt. Man hört den Wind sausen, sehr fern, nicht auffallend.)
Siebzehnter Auftritt.
Jane allein. Sie sieht vorsichtig zur Mitte herein und tritt dann erst ein. Später Rowlands Stimme.
Jane. Alles leer, es ist, als lebte ich allein, so totenstill ist es im Schloß! (Sie trägt einen kleinen Handleuchter, worauf ein halbabgebranntes Licht brennt, die Hand vorhaltend.) Gott sei Dank! Niemand hat mich bemerkt! (Sie geht zu dem kleinen Tischchen und setzt das Licht nieder.) Ich glaube, ich habe mich ein wenig gefürchtet, als ich herabschlich, denn mir war, als schlüpfe ein dunkles Etwas lautlos an seiner Kabinettsthür hin durch den Korridor. Es war gewiß mein eigener Schatten, der mich erschreckte. Wie kindisch! (Sie steht suchend umher.) Ich kann nicht schlafen, ehe ich meine Bilder gerettet habe. (Sie sieht die Mappe liegen und fliegt zu dem Tisch.) Ha, da ist sie! Glücklich hat er sie vergessen! Mein größter Schatz! -- Und das einzige geistige Eigentum, das ich besitze, diese Schöpfung meiner schwer kämpfenden Seele will er ihr preisgeben? [Ihre Augen, die Dolche, die meine Jugend getötet, sollen darauf haften, ihre Lippen die Blüten meiner stillen Träume verhöhnen?] Ich nehme sie, da er sie mir nicht giebt! Ich darf den Augenblick der Nacht stehlen, der sich mir am Tage verweigert – (sie hat die Mappe aufgefaßt und drückt sie fest an sich) er könnte nicht wiederkehren.
(Ein heftiger Windstoß.)
Jane (nimmt das Licht von dem Tisch und wendet sich rasch; durch diese Bewegung erlöscht das Licht in ihrer Hand, sie läßt es erschrocken fallen).
(Es wird Nacht.)
Jane (fährt entsetzt zusammen). O weh, was ist das? Mein Licht ist erloschen! -- Tiefe Nacht! -- Wie abscheulich!-- Wie unheimlich! -- Horch -- da huscht wahrhaftig draußen etwas an der Thür vorbei! (auffahrend.) Bin ich von Sinnen? -- Ist es nicht, als taste sich jemand vorsichtig an der Wand durch den Korridor? -- Nichts mehr -- alles still! Es war wohl der Sturm, der sich schon vorhin erhob, als ich herabging. Ja, ja, so ist es! (Sich schüttelnd.) Welche Thorheit! Weil ein Windstoß aus dem Kamin mein Licht ausbläst, überläuft mich ein Grausen, das mir das Haar sträubt – und das Sausen des Sturmes hat mich in Lowood so oft in den Schlaf gesungen. Pfui, schäme dich, Jane! Wenn Adele sich so kindisch gehabte, wie würde ich sie schelten, und nun rieselt es mir selber eiskalt durch die Adern. (Sie tappt im Dunkeln nach dem Hintergrund.) Possen! Ich muß eben im Finstern den Weg durch die öden Gänge nach meinem zweiten Stockwerk suchen! (Als sie sich gegen die Mittelthür wendet, hört man plötzlich das heisere gespenstige Lachen einer Frau, das, sich in zwei Absätzen wiederholend, sich immer mehr entfernt.)
Jane (bleibt wie festgebannt stehen, die Mappe entfällt ihr). Großer Gott! Da ist es wieder, dies gräßliche Lachen! Gratia Poole! Schreckliches Weib! Warum darfst du so ungescheut dein dämonisches Wesen hier treiben! Hört denn niemand als ich diese Töne, die aus der Hölle zu stammen scheinen? (Horchend). Alles wieder still. -- Ich höre nichts mehr als die lauten Schläge meines Herzens! -- Ich wage nicht, hier zu bleiben, und -- bei dem Gedanken, hinauszutreten, wird mein Blut zu Eis! (Sie schüttelt sich.) Hu! Das ist dasselbe Grauen, das mich einst in Onkels Sterbezimmer halb rasend machte! -- Hilf mir fort, mein Gott! (Sie verhüllt das Gesicht und steht eine Welle wie erstarrt; plötzlich erhebt sie das Haupt.) Was ist das? Welch ein erstickender Qualm umgiebt mich plötzlich? Das ist Rauch! — (Aufschreiend.) Das ist Feuer! (sie wendet sich nach dem Hintergrund. Ha -- dort, durch die Thür ein heller Schein! (Sie fliegt nach der Thür rechts, stößt beide Flügel auf, man sieht in ein Zimmer, von rotem Licht erhellt, Dampfwolken dringen in den Salon.) Die Thür seines Kabinetts steht offen, das brennt bei ihm! Entsetzlich! (sie eilt in das Zimmer, die Thür bleibt offen, man hört sie in Absätzen rufen.) Herr! -- Herr! -- Lord Rochester! Erwachen Sie, oder Sie sind verloren! -- Hören Sie doch! Feuer, Feuer!
Rowland (nicht sichtbar, stammelnd). Wa -- was ist – was soll’s! -- Laßt, laßt mich!
Jane. Um Gott, so erwachen Sie, ermannen Sie sich doch! Auf! Auf!
(Der Salon bleibt leer, die Röte im Hintergrunde verschwindet nach und nach und erlischt ganz, sodaß es dunkel ist, als die Kommenden eintreten.)
Achtzehnter Auftritt.
Rowland in einem kostbaren Schlafrock von indischer Seide gehüllt, das Haar wie genäßt um Gesicht und Nacken hängend, bleich, betäubt, den einen Arm um Janes Nacken geschlungen, den Kopf auf ihrem Haupte liegend, kommt langsam, mit schwankenden Schritten, von rechts. Jane kommt mit ihm, den einen Arm, ihn unterstützend, um seinen Leib geschlungen, in der anderen Hand ein Licht auf silbernem Leuchter tragend
Jane (bleich, aber fest und energisch). Hierher, Herr, hier ist die Luft reiner. Sie sind halb erstickt. (Sie führt ihn währenddessen zur Chaiselongue.) Ruhen Sie, erholen Sie ich, ich werden nun Leute rufen.
Rowland (läßt sich nieder).
Jane (will gehen).
Rowland (schwer atmend, dumpf). Nein, nein, still – keinen Laut – nicht von der Stelle! (Er faßt krampfhaft ihren Arm.) Wollen Sie meine Gäste nicht rufen? Soll ich das Märchen der ganzen Gesellschaft werden?
Jane (setzt den Leuchter auf den Marmortisch). Aber Herr, das Feuer –
Rowland (sich schüttelnd, als wollte er sich ermannen). Pah! Feuer. Das bißchen Flamme der Bettgardine hatten Sie ja im Nu erstickt, da Sie diese herabrissen und mich mit den Fluten meiner Waschtoilette fast ersäuften.
Jane. Ich mußte, Herr, Sie wären lebendig verbrannt, so unbegreiflich fest war Ihr Schlaf!
Rowland (ganz erholt). Oder die Betäubung durch den Rauch. (Sich besinnend.) Ich hatte mich angekleidet auf das Bett geworfen, ich las. Der Schlaf hat mich wohl überwältigt, ich vergaß, das Licht zu löschen, und so entstand –
Jane (fest). Das Licht hier (sie zeigt darauf) ist unschuldig, es brannte ruhig zu Ihren Häupten, indes die Gardine an dem Fußende flammte und die Thüre des Kabinetts, die nach dem Korridor führt, offen stand.
Rowland (betreten). Offen? – So vergaß ich, sie zu verschließen –
Jane. Und eine frevelnde Hand wußte diesen Umstand zu nützen; man wollte Sie verderben, Herr!
Rowland (dumpf, den Kopf senkend). Ja, ja, so wird es wohl sein! Aber – wer sollte -- (sie beobachtend) wer, glauben Sie, daß solch ein Verbrechen gewagt?
Jane (wie oben). Gratia Poole, Herr!
Rowland (erleichtert, mit einem tiefen Atemzüge). Ja, ja – Gratia Poole!
Jane (mit Abscheu). Dies Weib, das so gräßlich lacht, scheint mir ein ganzer Teufel!
Rowland (scherzend, um seine Erschütterung zu verbergen). Möglich! Dafür sind Sie ein ganzer Engel, Jane Eyre, denn ohne Sie wäre ich wahrhaftig verbrannt! – Nun, sein Sie vernünftig und schweigen Sie – wenn Sie es vermögen, über diesen tollen Vorfall; verraten Sie mich nicht mit einem Atemzug an meine Gäste!
Jane (sieht ihn verwundert an). Ich werde schweigen, Herr, wenn Sie es befehlen.
Rowland (gebieterisch). Ich befehle es, Miß! (Milder.) Versprechen Sie mir auch, der Sache nicht nachzuforschen – wenn Ihre Neugier das vermag.
Jane (sieht ihn groß an). Ich bin nicht neugierig, ich will nicht forschen – aber – (ihn fixierend) dieses Weib wird also nicht bestraft?
Rowland (kurz). Das ist meine Sache!
Jane (trocken, indem sie ihr Licht vom Boden aufnimmt und an dem brennenden anzündet). Gut, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland. Noch eins! Was suchten Sie denn eigentlich um diese Stunde hier?
Jane (sich plötzlich besinnend, nimmt die Mappe auf). Meine Bilder, Herr!
Rowland (sehr frappiert). So? Hm! Sie wollen sie mir also nicht lassen?
Jane (ruhig). Ihnen, ja –aber sonst keinem.
Rowland. Ei—Lady Georgine soll sie also nicht sehen?
Jane (trocken). So ist es, Herr! (Sie geht.)
Rowland (für sich, fast heiter). Das ist seltsam! (Mit Überwindung.) Sie gehen – ohne mir nur die Hand zu reichen! So sehr habe ich Sie diesen Abend verletzt?
Jane (steht, ohne sich zu regen). Herr!
Rowland (fast bittend). Geben Sie mir die Hand, kleiner Trotzkopf!
Jane (tritt ruhig zu ihm und reicht ihm die Hand). Hier, Herr!
Rowland (faßt ihre Hand erst mit der einen, dann mit beiden Händen, warm). So! Ich danke Ihnen, Jane Eyre!
Jane (entzieht ihm langsam die Hand). Nicht Ursache, Herr! Ich bin ja keine Heidin, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wasser retten kann. Was aber Mesrours Sturz von damals betrifft, den Sie mir noch nicht vergeben haben – sind wir doch nun quitt, Herr?
Rowland (sieht ihr glühend ins Auge). Das sind wir längst – ich denke – da mußten Sie fühlen. (Er faßt rasch ihre linke Hand wieder, halt sie kräftig fest und legt den Arm um ihre Schultern.)
Jane (zuckt zusammen und steht unbeweglich).
Rowland. Kleines Mädchen, du hast den Mut eines Mannes und den Takt einer Frau! Meine Pulse stürmen, und ich wette -- nicht ein Blutstropfen rollt schneller durch ihr Adern, so wenig liegt ihr daran, daß sie mich gerettet.
Jane (senkt plötzlich den Kopf und will' ihm die Hand entziehen).
Rowland (zusammenfahrend, ohne sie loszulassen.) Was--- was -- bei Gott - nein, in jeder Fingerspitze rast ein Puls --- das Licht zittert in ihrer Hand – (Jubelnd.) Ihr Blut ist ehrlicher als ihr Gesicht, es verrät sie!
Jane (empört, ihm ihre Hand mit Gewalt entreißen). Gute Nacht, Herr! (Sie stürzt durch die Mitte ab.)
Rowland (ihr die Arme nachstreckend. Kleines Schulmädchen -- du bist ein gefährlicher Kobold! -- Jane Eyre, ich fürchte, mir wäre besser, du hättest mich verbrennen lassen! (Er geht nach seinem Zimmer.)
Der Vorhang fällt rasch.
Dritter Aufzug
Wieder dieselbe Dekoration.
Erster Auftritt.
Mistreß Reed, Georgine und Lady Clawdon in eleganter Vormittagstoilette. Rowland. Francis. Oberst Clawdon. Edward Harder. Adele. Jane trägt ein hohes Kleid in grauer Seide, einfach aber kleidsam gemacht, das Haar frei, ohne Haube. Sam und ein Diener gehen mit Präsentiertellern herum, nehmen Kaffeetassen ab oder sevieren. Die leeren Tassen bringt Sam zu Jane, die einschenkt; als zum zweitenmal serviert wird, nimmt niemand mehr von den Gästen.
Georgine (in einem großen Album blätternd, das vor ihr liegt.) Dieses indische Album entzückt mich, Lord Rochester – die Bilder sind wohl von Ihnen?
Adele (sitzt im Festkleid zu ihren Füßen auf einem Schemelchen).
Rowland (zu ihr hinüber gelehnt). Nach der Natur, zu dienen.
Georgine. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie sich nach so langem Aufenthalt unter dieser wunderbaren Zone in unserem kalten England wieder angewöhnen konnten. Dort, wo alles lebt, duftet, glüht - freilich sagt man, in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange.
Rowland (lächelnd). Glauben Sie, daß derlei Kreaturen in England nicht auch existieren?
Georgine. Wenigstens stecken sie nicht hinter Blumen. (Sie tritt zu Edward, mit dem sie leise spricht.)
Mistreß Reed (die an einer Tapisserie arbeitet und zuweilen einen lauernden Blick auf Rowland und Georgine wirft). Desto öfter hinter Büchern!
Rowland. Wie das?
Mistreß Reed (Bitter). Nun, es giebt eine Art Schlangen, die sich leicht in große Häuser einschleichen, die still ihre Schlingen weben und schwer zu verdrängen sind, wo man sie einmal ihr Nest bauen läßt.
Rowland (als verstände er sie nicht). Ei, zu welcher Gattung gehören diese Reptilien?
Mistreß Reed. Zu der der Erzieher und Gouvernanten, die um so gefährlicher sind, als sie unbemerkt ihr Gift in Kopf und Herzen ihrer Zöglinge niederlegen.
Jane (richtet, ohne sich zu bewegen, einen festen Blick auf Mistreß Reed).
Rowland (sich in die Lippen beißend). Hm! Sie haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst gemacht?
Mistreß Reed (sieht ihn starr an). Wie meinen Sie das, Lord Rochester?
Rowland. Nun, ich meine, daß nur eigene Erfahrung Sie zu einem so harten Urteil berechtigen kann.
Lord Clawdon. Aber Mistreß Reed hat recht! Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl von Erzieherinnen.
Adele (die altklug und graziös dasaß und Georgine immer mit Bewunderung betrachtet, hat dem Gespräch aufmerksam zugehört). Ich habe eine gute liebe Gouvernante, nicht wahr, Rowland?
Rowland (trocken). Das hast du!
Adele (spring auf und schmiegt sich an Georgine). Sie haben gewiß auch solch eine gute Miß Jane gehabt, weil Sie so schön und liebenswürdig sind. Ich werde auch so werden, nicht wahr?
Georgine (sie von sich wegschiebend). Ei, Kind, du zerdrückst mir ja das Kleid! Geh! -- Aber sagen Sie, teuerster Lord, ich dachte ja immer, Sie liebten Kinder nicht besonders?
Rowland (streckt die Hand nach Adele aus.) Das thue ich auch nicht.
Adele (die sehr verdutzt dastand, tritt zu ihm).
Georgine. Was bewog Sie denn, diese Pariser Puppe anzunehmen? Wo haben Sie sie aufgelesen?
Rowland (zu Adele sanft). Geh zu Miß Eyre.
Adele (geht mit gesenktem Kopf und legt sich in Janes Arme, bitterlich weinend).
Jane (beschäftigt sich zärtlich mit ihr).
Rowland. Ich habe sie nicht aufgelesen, ich habe sie geerbt, wie dieses Schloß, meine Gärten, meinen Park – (er wirft einen Blick auf Jane) und bin zufrieden mit allem!
Georgine (beißt sich in die Lippen; nach einer Wendung des Gesprächs suchend.) Ihr Park, Mylord, ist das Reizendste, was man sich denken kann -- er muß im Sommer ein Paradies sein!
Rowland (sarkastisch). Und noch dazu ohne Schlangen!
Georgine (spitz). So? Meinen Sie? -- Wer weiß ! – [Aber in der That, diese himmelhohen Baumgruppen, der prächtige Fluß und das alte Schloß mit seine Türmen, alles das ist wahrhaft romantisch!] Diese sechs Tage, seit wir hier sind, entschwanden mir wie ein Traum!
Rowland (gallant). Mögen Ihnen noch viele Tage so hier entschwinden.
Georgine (zärtlich). Ah, dazu könnte Rat werden – denn Sie wissen uns immer neue Überraschungen zu bereiten. Was haben Sie nun heute wieder vor?
Rowland. Ah, leider so dringende Geschäfte, daß ich für wenige Nachmittagsstunden um Nachsicht bitten muß. Lord Clawdon hat mir versprochen, die Honneurs für mich zu machen und die Gesellschaft nach der alten Abtei zu führen. Es ist ein Teil meines Besitztums, der noch von Heinrich dem Achten erbaut wurde.
Georgine. Ach, das ist entzückend! (Etwas schmollend.) Und Lord Clawdon wird uns eskortieren?
Francis und Edward (lebhaft). Wir alle!
Lord Clawdon (der an einem Tischchen mit Francis Schach spielt, sarkastisch, indem er eine Schachfigur rückt). Leider müssen sich Mylady mit uns begnügen.
Georgine (lachend.) O, ich werde Sie vernachlässigen, um mich mit den historischen Erinnerungen an Heinrich den Achten zu beschäftigen, denn Sie müssen wissen, daß ich einen gewaltigen Respekt vor diesem genialen Tyrannen habe.
Francis (höhnisch, eine Schachfigur rückend). Lady Clarens ist gewiß trostlos, daß er zu seinen Ahnen ging, sie wäre imstande gewesen, ihn zu heiraten.
Jane (steht auf, als wolle sie sich entfernen).
Rowland (wirft ihr einen befehlenden Blick zu, wendet sich aber dann wieder zu Georgine). Das hätte Lady Georgine nicht gethan.
Jane (setzt sich wieder, das Haupt gesenkt).
Sam geht durch die Mitte ab.
Georgine (lebhaft). Warum nicht? Gewiß! Denn war Heinrich der Achte auch ein Tyrann, so war er doch ein Mann.
Mistreß Reed (hat fortwährend forschende Blicke auf Rowland geworfen und nimmt wenig Anteil an dem Gespräch). Gott bewahre dich vor einem solchen!
Georgine. Warum, Mama? Ich bin einmal so; nach meinem Geschmack ist ein Mann höchst bedeutungslos, wenn er nicht etwas Weniges Teufel in sich trägt!
[Lord Clawdon und Edward (lachen).
Francis (mit einem scharfen Blick auf Rowland). O, dergleichen findet sich!
Lord Clawdon (sehr ernst). Ei! Ei!
Rowland (küßt Georgine leicht die Hand). Bravo! (Sein Blick fliegt nach Jane.)
Jane (sitzt unbeweglich, ohne ihn anzusehen).
Georgine (immer lebhafter werdend.) Bei meiner Ehre!] Ich bin dieser Dandys der heutigen Zeit herzlich überdrüssig! Diese armen winzigen Geschöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre Mondschein-Gesichter, ihre weißen Hände und schlanken Taillen verwenden, als ob ein Mann überhaupt etwas mit Schönheit zu thun hätte, als ob diese nicht das einzige Vorrecht des Weibes, ihre Mitgift, ihre natürliche Erbschaft wäre! (Mit einem Blick auf Jane.) Ein häßliches Weib ist ein Brandmal im Gesicht der Schöpfung -- ein, Mann ist immer schön, wenn seine Devise “Kraft, Geist und Ehre” ist!
Rowland (hat wieder einen raschen Blick auf Jane geworfen, die ganz teilnahmlos bleibt). Das ist großartig gedacht, Lady Georgine --
Georgine (steht auf). Ich bin schön, ich weiß das, und habe ein Recht, es zu sein; wenn ich mich jemals wieder verheirate, so will ich eine Stütze, keinen Nebenbuhler in meinem Gatten besitzen -- er soll seine Neigung nicht zwischen mir und der Gestalt teilen, die er in seinem Spiegel sieht; es soll für ihn nur eine Schönheit geben, die meine! Habe ich nicht recht, Rochester?
Rowland (ihre Hand fassend). Sie haben recht! Aber, nur ein Weib wie Sie darf so denken und sprechen.
Francis (für sich). Bei Gott, sie verdient die Strafe, die sie erwartet!
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Sam tritt wieder ein.
Sam (sagt leise etwas zu Jane).
Jane (etwas näher tretend). Mylord, die Wagen sind vorgefahren.
Rowland (rasch). Dann bitte ich die Damen, ihre Toilette zu beschleunigen, denn der Weg ist nicht kurz, Sie haben vieles zu sehen, und ich erwarte Sie zu Tische zurück.
Georgine. O, wir werden bald fertig sein. Komm, Mama!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich fürchte die angreifende Frühlingsluft.
Georgine. Du bist gewiß die einzige, die sich ausschließt. Wer ist mit von der Partie?
Lord Clawdon, Lord Clawdon, Francis, Edward. Wir alle!
Georgine. Ah, ich wußte es! Vorwärts denn! Wir wollen versuchen, uns ohne unseren Wirt zu amüsieren!
Rowland. Das wird Ihnen nur zu gut gelingen!
Georgine (mit einem vielsagenden Blick, leiser). Wer weiß! (Sich zum Gehen wendend, bemerkt sie, daß ihr Schuhband auf ist.) O weh, mein Schnürband hat sich gelöst.
Francis (mit einem Blick auf Rowland). Welchem Glücklichen wird der Ritterdienst vergönnt werden, es zu binden?
Georgine (die mit erwartendem Blick auf Rowland sah, nach einer kleinen Pause, pikiert). Keinem von Ihnen, meine Herren, Sie sind weder würdig, mir das Schuhband zu lösen, noch zu binden! (Sie wirft die Locken zurück und winkt Adele; hochfahrend.) Komm einmal her, kleine Puppe, und thue deine Pflicht.
Adele (vorkommend, sieht sie groß an). Was soll ich?
Georgine (ungeduldig). Nun – binde mir das Schuhband, Kind!
Adele (schüttelt ben Kopf). Ich will nicht.
Rowland (auffahrend). Adele! Gehorche!
Adele (fest). Nein -- sie ist nur schön, nicht gut – ich will nicht.
Rowland (ganz versteinert, mit einem Blick auf Jane). Was ist das?
Mistreß Reed (kalt). Die Erziehungsmethode der Miß Eyre!
Georgine (mit einem langen Blick Jane messend). Von der sie jedenfalls keine Demut lernte.
Rowland (finster). So scheint es!
Jane (mit einem festen Blick auf Mistreß Reed, bescheiden). Adele ist seit fünf Monaten mein Zögling, und Sie wissen wohl, Mistreß, daß eine verwahrloste Erziehung oft kaum in Jahren gut gemacht wird. (Zu Georgine.) Vergeben Sie dem Kinde und gestatten Sie mir, seinen Fehler zu sühnen. (Sie läßt sich rasch auf ein Knie nieder und bindet das Band.)
Sam (giebt seine boshafte Freude zu erkennen).
Rowland (macht eine Bewegung, als wollte er sie zurückhalten, schlägt plötzlich die Arme übereinander, kreuzt sie fest auf der Brust, schwer atmend und den Blick, als ertrüge er den Anblick nicht, zu Boden gesenkt).
Georgine (ist so überrascht, daß sie alles geschehen läßt). O, sehr gütig, Miß!
Jane (steht auf, verbeugt sich, nimmt Adeles Hand und tritt mit ihr etwas zurück). Geh auf dein Zimmer, Adele.
Adele (geht mit gesenktem Kopfe in die Seitenthür links ab).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Georgine (leise zu Rowland). Nun, strenger Gebieter, man muß es Ihnen lassen, Sie haben Ihre Schlange trefflich dressiert! Man könnte sich fast vor Ihnen fürchten – wenn -- man Ihnen weniger gut wäre!
Rowland (mit Mühe sich selbst bekämpfend). Zu viel Güte –
Georgine (mit Vorwurf). O Rochester!
Francis (hat indes ein Taschentuch vom Sitz genommen und reicht jetzt Georgine, dicht zu ihr tretend). Ihr Tuch, Lady Clarens. -- Mylord werden erlauben, daß ich meinen Ritterdienst schon hier beginne. (Er reicht Georgine den Arm.)
Georgine (nimmt ihn, nachdem sie vergebens auf eine Einrede Rowlands gewartet).
Francis. Ich hoffe, daß Sie sich nicht allein mit den Erinnerungen an Heinrich den Achten unterhalten sollen, Mylady.
Rowland (reicht Lady Clawdon den Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.)
Francis (leise zu Georgine). Auch dies Schloß hat seine Geschichte, deren Entdeckung für Sie nicht ohne Interesse sein dürfte!
Georgine (sieht ihn frappiert an).
Francls (fortfahrend, laut). Die Wagen warten, eilen wir.
Mistreß Reed (ist ebenfalls im Begriff zu gehen).
Georgine (indem sie sich wendet, berührt sie mit den Armen Mistreß Reed. Ah, Mama, auf Wiedersehen! (Sie geht mit Francis durch die Mitte voran.)
Edward (folgt).
Lord Clawdon und Mistreß Reed (sind die letzten; er bietet ihr den Arm, sie dankt; er folgt den übrigen, die durch die Mitte abgehen).
Mistreß Reed (folgt langsam, geht an Jane vorüber, ohne sie anzusehen, bleibt plötzlich stehen, mit sich selbst kämpfend, wendet sich dann zu ihr und sagt kalt).
Jane Eyre, ich muß Sie sprechen.
Jane (zuckt zusammen, da sie sie anredet). Mich?
Mistreß Reed. Wenn alles ruhig ist im Schloß, werden Sie sich hier einfinden?
Jane (sieht sie groß und ruhig an). Zu Befehl, Mistreß.
Mistreß Reed (geht langsam durch die Mitte ab). Gut.
Vierter Auftritt.
Jane allein.
Jane (sieht ihr starr nach). Sie will mich sprechen, mich? Was will sie noch von mir? Ah -- trage ich nicht schwer genug! [(Sie fährt mit der Hand über die Stirn.) Kein Wort, kein Blick löst mir das dämonische Rätsel jener schrecklichen Nacht! Gratia Poole waltet stumm und unheimlich wie immer -- welche Rechte hat sie an seine Nachsicht? Fürchtet er diese finstere Gestalt? Welch ein lichtscheues Geheimnis umschließt dies Schloß - oder vielleicht - Rochesters Brust? O! (Sie preßt die Hand auf die Brust). Ich weiß es nun - Georgine beherrscht seine Sinne -- er ertrug es, meine Demütigung zu sehen, nicht die Hand regte er, um mich abzuhalten!] Ruhig -- ruhig, gefoltertes Herz - du hast ja nicht einmal das Recht zu brechen!
[Fünfter Auftritt.
Jane. Adele kommt von links.
Adele (steckt den Kopf herein, sieht sich ängstlich um und fliegt dann zitternd auf Jane zu, sie weinend umschlingend). Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Jane (erstaunt, sanft verweisend). Adele! Befahl ich dir nicht, nach deinem Zimmer zu gehen?
Adele. Ach, sein Sie gut! Sam hielt mich ab, er nahm mich mit in die Unterstube und drohte mir und sagte: Rowland werde mich in den östlichen Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte!
Jane (schmerzlich getroffen, sich gewaltsam fassend). Sam ist ein boshafter Mensch; sei ruhig, Lord Rochester ist kein Tyrann -- du weißt es ja. Weine nicht!
Adele (die Tränen trockend). Ja -- aber Sir Francis Bedienter sagte doch: “Rowland sperrte alle Leute, auf die er böse ist, in den Turm, wie seine Lady!”
Jane (zusammenzuckend). Wie -- wen ?
Adele (leise und geheimnisvoll). “Seine Lady,'” sagte er, das wisse alle Welt, daß im Turm Rowlands Lady gefangen sitze.
Jane (fest und gebieterisch). Wiederhole das nie wieder, Adele, es ist eine Lüge! (Zusammenfahrend.) Horch -- das ist er!
Adele (flehend). Rowland? O kommen Sie -- ich fürchte mich so sehr! (Sie läuft nach links ab.)
Jane (ihr folgend). So höre doch!]
Sechster Auftritt.
Jane. Rowland durch die Mitte.
Rowland (ihr in den Weg tretend). Sie noch hier, Miß Eyre? Werden Sie nicht mitfahren?
Jane (wieder vollkommen ruhig). Ich blieb zurück, um Sie zu bitten, Herr, daß Sie mich von dieser Pflicht entbinden. Adele muß hier bleiben, sie hat diese Strafe verdient; allein ich überlasse das Kind nicht gern sich selbst, wenn es gefehlt hat.
Rowland (sieht sie forschend an). Und denken wohl, daß ich kein Recht habe, Sie für meine Gäste in Anspruch zu nehmen, und daß Sie schon genug für diese gethan?
Jane. Ich weiß wenigstens, daß ich dort nicht vermißt werde, und für Adele bin ich nötig.
Rowland (mit halbem Vorwurf). Für Adele? Hm! – Für niemand sonst?
Jane (rasch). O gewiß, für die arme Mistreß Harleigh, die unter der Wirtschaftslast jetzt fast erliegt.
Rowland. Für niemand sonst?
Jane (ruhig). Für niemand, Herr!
Rowland (wendet sich unwillig ab). Und -- Sie haben mir nichts zu sagen?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Mich nichts zu fragen, Jane Eyre?
[Jane (wie oben). Ich werde Sie nie um etwas befragen: denn ich weiß, daß Sie mir ungefragt sagen werden, was mir zu wissen nötig ist, und daß keine Frage Ihnen ablocken würde, was Sie verschweigen wollen.
Rowland. So? Sie sind spitzfindig, Jane Eyre; und doch giebt es eine Frage, die seit jener Nacht auf Ihren Lippen, in Ihren Augen schwebt, zu der Sie ein Recht haben -- (ungeduldig) warum denn fragen Sie nicht? Lohnt es Ihnen nicht der Mühe, sind Sie nicht als Weib geboren, daß Sie die Neugier nicht kennen, daß Sie nicht wissen wollen, warum man mich verbrennen will-- oder haben Sie jenem Nacht --- vergessen?
Jane. Wenn ich Ja sagte, würde ich Sie belügen, Herr, und ich lüge nie.
Rowland (finster). Sie wollen also nicht fragen und haben mir nichts zu sagen – (sie fest ins Auge fassend) gar nichts!]
Jane. Nein! Jetzt nicht -- vielleicht später.
Rowland. Später! So! Und -- wenn ich Ihnen nun -- (Er stockt, geht ein paar Schritte, dann plötzlich vor sie hintretend.) Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich mich ganz plötzlich verheiratete?
Jane (ohne irgend eine Bewegung). Ich würde sagen, daß Sie recht daran thun, Herr!
Rowland. So! Und das wäre Ihnen ganz einerlei?
Jane. Nein, Herr! Ich würde mich freuen, wenn Sie glücklich würden!
Rowland (sie fest, fast schmerzlich betrachtend). Wirklich? (Mit sich kämpfend.) Miß Eyre -- Sie – (Er faßt sich, trocken.) Sie können gehen.
Jane (ruhig den Kopf neigend, geht durch die Mitte ab).
Rowland (stampft wütend mit dem Fuße). Sie geht! Kein Wort! Kein Blick verrät ihr Inneres! Diese Sphinx wird mich rasend machen!
Siebenter Auftritt.
Rowland. Judith durch die Mitte.
Rowland. Ah, Base! Sind die Pächter da?
Judith (in großer Aufregung, aber sich bezwingend). Nein, Mylord; aber ich bin da, um ein paar ernste Worte mit Ihnen zu reden.
Rowland (befremdet). Oho! das klingt ja sehr wichtig; ich denke aber, ich habe Wichtigeres zu thun, als Ihr Geschwätz zu hören, Base!
Judith. Das glaube ich kaum! Sie wissen, ob ich jemals Lust gezeigt, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, oder Ihnen Ratschläge zu geben -- Sie können sich sagen, daß Wichtiges mich bestimmen muß, wenn ich jetzt gezwungen bin, beides zu thun!] Hören Sie mich aufmerksam an. Als Sie nach Ihres Bruders Tod Ihr Erbe antraten, als Sie kurz darauf befahlen, die lichten Zimmer im östlichen Turm für einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und dann in dunkler Nacht ganz plötzlich ein verschleiertes Weib hierher brachten -- deren Antlitz noch bis heute niemand sah -- als Sie befahlen, ihrer Wärterin, jener Gratia Poole, in allem zu Willen zu sein und reichlich für die Bedürfnisse der Fremden zu sorgen, habe ich die Lippen nie zu einer Frage geöffnet. Sie befahlen mir, die Anwesenheit der Dame nicht zu verraten und nie nach ihrem Schicksal zu forschen -- ich gehorchte stillschweigend, ich hielt Ihr Geheimnis so heilig, als wäre es das meine. That ich so oder nicht?
[Rowland (unmutig). Sie thaten Ihre Pflicht!
Judith. Ich that sie, ohne Groll über den Mangel an Vertrauen, das eine alte Verwandte Ihres Hauses wohl verdient hätte! Meine Nächte wurden oft gestört durch das wahnsinnige Lachen, das in dem öden Schloß wiederhallte, meine Tage durch die stete Sorge, müßige Neugier fernzuhalten -- Sie haben nie eine Klage darüber von mir gehört, Lord Rochester! Nun aber machen Sie plötzlich all’ unser Mühen zunichte, Sie selbst geben das Geheimnis preis, das ich so angstvoll gehütet -- Sie schleppen eine Schar unnützer Gäste in das Schloß --
Rowland. Ich mußte der Nachbarschaft einmal wieder mein Haus öffnen, wollte ich nicht selbst das alberne Gerücht nähren, das leise, aber bedrohlich durch die Grafschaft schleicht.
Judith (decidiert). Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es bald nicht mehr leise, sondern überlaut auftreten wird, wenn Sie diese neugierigen Gäste nicht rasch entfernen. -- In vergangener Nacht hörte Gratia Geräusch im Turm, und als sie ihre Thür öffnete, lagerte ein fremder Diener auf der Schwelle, der wohl die ganze Nacht da auf der Lauer lag. Er floh bei ihrem Anblick. Diesen Morgen aber vernahm Lea in der Küche Reden, die sich das fremde Gesinde zuflüsterte, die so seltsam klangen, daß ich sie Ihnen nicht wiederholen möchte! Das mußten Sie wissen, Lord Rochester. Sie sollen mich nicht beschuldigen, Ihre Geheimnisse verraten zu haben, während Sie selbst es sind, der --
Rowland (sie unterbrechend). Eine solche Beschuldigung haben Sie nie von mir zu fürchten, Judith! Denn man verrät niemals -- was man nicht weiß!
Judith (wendet sich empört und gekränkt ab).]
Rowland (gutmütig). Geben Sie sich zufrieden, Base; ich weiß ja, daß Sie wacker sind und mein Haus in guten Händen ist. Ich bin dankbar, das wissen Sie.
Judith (ausbrechend). Das sind Sie nicht, Lord Rochester! Sie glauben, mit Gold sei alles abgethan. Was hilft mir das? Ein Herz bedurfte mein freudloses Alter, ein helles frohes Auge, das die Finsternis dieses Hauses wie Sonne durchstrahlte -- ich hatte es gefunden, ich lebte wieder! Nun aber jagen Sie mir Jane Eyre fort, ich soll wieder allein und verlassen sein. (Sie kämpft mit Thränen.) Das ist zu viel für mich -- das ist grausam, das ist Ihrer nicht würdig!
Rowland (sieht sie groß an). Wer sagt Ihnen denn, daß ich Miß Eyre fortjagen will. Ich denke nicht dran!
Judith. Sie denken nicht dran? Nun -- aber Jane Eyre denkt daran!
Rowland (wendet sich rasch nach ihr). Das wagt sie nicht!
Judith. Sie wagt nicht? Ei sieh! Habe ich Ihnen nicht am ersten Tage, da Sie kamen, gesagt, daß mit Charakteren nicht gut experimentieren ist? Gott weiß, was Sie mit dem unglücklichen Geschöpf vorhaben! Sie lassen sie rufen, wenn sie einen Morgen beim Frühstück oder einen Abend beim Thee fehlt, und kommt sie, so thun Sie, als existiere sie nicht, und dulden, daß diese hoffärtige Lady sich vor Ihren Augen das Schuhband von dem edlen Geschöpf binden läßt! Der boshafte Sam hat mir alles erzählt! Ich wollte sie trösten, als sie eben still und entschlossen an mir vorbeikam – sie sah mich nicht an -- aber ich sah –
Rowland (rasch). Nun? Was?
Judith. Daß sie leichenblaß und schwankend vor sich hin sah, und dabei stürzten ihre Thränen stromweis auf die fest verschlungenen Hände herab. Ich wußte genug! Ihr Herz ist gebrochen, ihre Ehre verletzt! Sie wollten Jane Eyre biegen, das können Sie nicht, aber Sie werden sie brechen! Sie geht! Glauben Sie mir, ich kenne diese stolze feinfühlende Seele! Halten Sie sie zurück um des armen Kindes, um Ihrer selbst willen!
Rowland (seine Bewegung niederkämpfend, fixiert sie lauernd). Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig besorgt?
Judith (sieht ihn entsetzt an). Meinen Auftrag? Sie könnten glauben – (Mit Würde, tief gekränkt). O wie unwürdig denken Sie von mir und dem edlen Mädchen! Ich beklage Sie, daß Sie das Verständnis einer Seele wie Jane Eyres verloren haben! Lassen Sie sie ziehen. Dieses Haus des Fluches scheint keine Heimat für reine Geister-- und habe ich Ihnen gesagt, was Ihnen nicht gefällt, so senden Sie mich ihr getrost nach, ich gehe gern, wenn Jane Eyre fortgeschickt wird. Eine Wohlthat aber will ich der armen Jane noch erweisen; sie weinte um Sie, den sie wie ein höheres Wesen verehrt, das weiß ich; ich aber, Herr, wenn ich auch blindlings gehorche, bin nicht blind -- ich werde meine Pflicht thun und Jane Eyre belehren, daß ich Lord Rochester ihrer Thränen nicht würdig halte; das wird ihr den Abschied sehr erleichtern! (Sie geht entschlossen.)
Rowland (zusammenfahrend, ihr nachrufend). Judith – was wollen Sie thun ! (Er bleibt stehen.) Nein!
Judith (bleibt erwartungsvoll in der Mittelthür stehen).
Rowland (plötzlich entschlossen und befehlend.) Gehen Sie und thun Sie, wozu Sie Lust haben!
Judith (eilt unwillig durch die Mitte ab.)
Rowland. Sei es! Endlich muß der Streich doch fallen! Und wenn ihr Herz dabei in Trümmer ginge, das wird sie reden lehren! Es ist gut so! (Ab nach rechts).
Achter Auftritt.
Mistreß Reed allein, sie kommt durch die Mitte.
Mistreß Reed (sich umsehend). Noch nicht da! (Sie geht ein paar Schritte. Sie läßt sich erwarten. (Sie legt die Hand an die Stirn, wie im Fieber). O! Schwerer Schritt, zu dem ich den Fuß erhob -- ihr entgegen! Aber es muß, es muß!-- Welch eine Wechselwirkung zwischen diesem Geschöpf und Rochester besteht, kann ich nicht enträtseln, aber sie besteht, ich fühle es [und kann Georgines Siegeswahn nicht teilen, so lange diese stille Natter zwischen ihm und unserem Glück liegt.] (Fieberhaft.) Mit welchem Stolz sie sich vor Georgine demütigten -- o sie ist gefährlich --! (Pause.) Sie wird mir eine eiserne Stirn, die unbeugsame Macht des Hasses entgegenstellen! Haß denn gegen Haß, ich will ihr alles sagen!
Neunter Auftritt.
Die Vorige. Jane durch die Mitte.
Jane (bleich, aber ruhig und sanft, wie nach einem gefaßten Entschluß). Mistreß Reed haben befohlen –
Mistreß Reed (mit Überwindung, kalt). Kommen Sie näher! Wir wollen uns ohne Heuchelei gegenüber treten, wollen uns nicht täuschen. Die Zeit hat keine Macht an Charakteren wie den unseren. Wir haben uns gehaßt, hassen uns und werden uns hassen. [Verstellung wäre zwischen uns eine Unwürdigkeit, die uns vor uns selbst verächtlich machen müßte.]
Jane (ruhig). Sie hassen mich, Mistreß Reed, und werden mich leider immer hassen; doch thun Sie unrecht, unsere Charaktere zusammenzustellen. Sie sind eine Frau bei Jahren, Sie halten wohl fest an dem einmal gefaßten Vorurteil, selbst wenn Sie dessen Unbilligkeit einsähen, ich hingegen war damals so jung --
Mistreß Reed (peinlich von ihrer Stimme aufgeregt, sieht sie starr und immer starrer an). Sie sind dieselbe geblieben, Sie sind älter geworden, aber es sind dieselben bleichen scheuen Züge des starrsinnigen unheimlichen Wesens -- das nie ein Kind war; es sind dieselben dunklen Augen, aus denen mich und die Meinen stets der böse Blick verfolgte! [Ah -- die ganze fürchterliche Zeit steigt aus diesem stummen Gesicht vor mir auf. Was litt ich, was meine armen Kinder! Warum hatte Reed dich mir aufgebürdet -- welch furchtbare Last! Täglich und stündlich, durch Jahre und Jahre, quälte mich diese unbegreifliche Gemütsart, diese stille fürchterliche Beobachtung!] Ah, wie war mir wohl, als du fort warst, und nun stehst du wieder vor mir -- du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht, du, die mein reines Gewissen mit Qual belastet hat!
Jane (die geduldig und ruhig zuhörte). Ich-- ich habe Ihr Gewissen belastet?
Mistreß Reed. Ja -- du, du allein! (Dumpf.) Darum muß ich dich in alle Ewigkeit hassen, wie du mich, und darum können wir nicht zusammen leben und atmen unter einem Dach! (Dumpf in sich hinein.) Jane Eyre, die reiche Mistreß Reed ist arm geworden! Freut dich das?
Jane (erschrocken). O Gott beschütze mich! Wie konnten Sie arm werden?
Mistreß Reed (wie im Fieber wehklagend). Ich gab meinem lieben John alles, ich verkaufte Gateshead, ich zog zu Georgine, ich muß nun bei ihr leben, denn ich habe nichts mehr, John hatte alles nötig.
Jane (faltet die Hände). O der Elende!
Mistreß Reed (auffahrend). Er ist mein lieber Junge, man braucht viel in London -- es quälte mich, ihn darben zu lassen. (Wie zu sich selbst kommend.) Nun habe ich nur noch Georgine, und da sie den Lord heiratet, werde ich hier wohnen. Jane Eyre, du siehst ein, daß du hier fort mußt, damit ich bleiben kann!
Jane (schmerzlich). O Mistreß Reed, das sah ich längst ein; daß aber Sie es sind, die mich auch aus diesem Asyl verjagt, daß Ihnen die acht Jahre in Lowood nicht für mich genügen, daß Sie es sind, die die arme Waise zum zweitenmal hilflos in die weite Welt jagt, das -- ist hart, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (hastig). Nicht arm, nicht hilflos, reicher als ich – wenn du willst.
Jane (starrt sie an). Was sagen Sie?
Mistreß Reed (vor sich hinaussehend, fast tonlos). Du warst schon lange in Lowood -- da kam eines Tages ein Brief aus Madeira, von Tybald Eyre, deines Vaters Bruder. Er verlangte dich von mir, er schrieb, daß er reich geworden, daß er dich zur Erbin machen wolle, wenn du zu ihm zögst.
Jane. Großer Gott! Und dieser Brief, warum hörte ich nie davon?
Mistreß Reed (wie oben). Weil ich den Gedanken nicht ertrug, dich im Wohlstand zu sehen, indes mein Vermögen täglich schwand, [und Georgine nicht viel mehr besaß als ich!] Weil ich [die Wut, mit der du dich einst gegen mich erhobst] die Beschimpfungen nicht vergeben konnte, mit denen du mich vor Blackhorst und meinem Bruder gebrandmarkt! [Ich konnte nicht vergessen, was ich empfand, als du mir sagtest: du verabscheutest auf der Welt nichts so sehr als mich und meine Kinder -- als du, die jahrelang geschwiegen, so plötzlich das kochende Gift deiner Seele über mich ausgossest, als du gelobtest, mich nie wieder Tante zu nennen! Ich hatte ein Gefühl, als hätte ein Tier, das ich getreten, mich mit menschlicher Stimme verflucht!] Darum konnte ich dir nicht verzeihen, mußte dich hassen -- und darum (schaudernd) belastete ich mein Gewissen.
Jane (sanft). Ich habe ja längst vergessen, was Sie mir gethan; ich war gewiß ein böses Kind -- ich bin durch Sie gebessert worden -- vergessen Sie auch, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Wenn du gehst, Jane Eyre!
Jane (den Kopf senkend, sieht starr vor sich hinaus).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Henry Wytfield tritt im Reisekleid durch die Mitte ein. Rowland kommt von rechts und bleibt staunend stehen.
Henry. Ah, hier bist du, Sarah!
Mistreß Reed (wendet sich rasch, zusammenfahrend). Henry! Du bringst ein Unglück!
Henry. Ich fürchte es! (Auf Jane blickend.) Aber – wir sind nicht allein!
Jane (seine Hand fassend, herzlich). Es ist Jane Eyre, die Sie begrüßt, mein lieber Vetter Wytfield!
Henry. Jane Eyre? -- Sie, Miß--? Ja wahrlich -- das sind Sie! Und hier? Bei dir,
Sarah? Ah, da ist Versöhnung!
Mistreß Reed (an seinen Blicken hangend, hört kaum, was vorgeht). Du kommst von Clarens-House, du hast Briefe von John?
Henry (zieht einen Brief hervor). Nicht von ihm, aber ich konnte es nicht verschieben -- du mußt alles wissen, Sarah, denn vielleicht ist noch Rettung möglich.
Mistreß Reed (bebend). Rettung! Rettung?
Henry. [Du hast meine Warnungen nie gehört, du warst blind für diesen Elenden, zu deinem eigenen Verderben!] Ich kann dir's nicht ersparen, die Zeit drängt. John Reed ist -- entflohen -- nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht hat, die eingelöst werden müssen, wenn die Schmach unseren Namen nicht unauslöschlich --
Mistreß Reed (hat jedes Wort zuckend begleitet, wird starr und sinkt lautlos in Janes Arme).
Jane (fängt sie auf). O Gott, mein Gott!
Rowland (der im Begriff ist, einzutreten, bleibt bei Janes Ausruf wieder stehen und tritt etwas zurück).
Henry (eilt hinzu, sie bringen Mistreß Reed auf die Chaiselongue links).
Jane (ihre Hand und Stirn reibend). Tante Reed! Fassen Sie sich! Tante Reed, hören Sie mich?
Henry (leise). Ah -- die Unglückliche weiß das Ärgste nicht -- es ist alle Wahrscheinlichkeit, daß John sich selbst entleibt hat!
Jane (faltet die Hände). Gott der Barmherzigkeit!
Henry (finster). Gott der Gerechtigkeit müssen Sie sagen, Jane Eyre! Sie büßt schwer, was sie an Ihnen verschuldet hat!
Jane (in Thränen). O, sagen Sie nicht so! Ihr Haß war eine Krankheit ihrer Seele, die Onkel Reed vielleicht durch seine übergroße Liebe für mich erzeugte!
Mistreß Reed (bewegt sich und schlägt die Augen auf). Ah!
Jane. Sie lebt! (Mild und tröstend). Tante Reed, wie ist Ihnen?
Mistreß Reed. Du nennst mich Tante -- du hast es einst verschwören!
Jane (in Thränen). Ich war ein wildes ergrimmtes Kind, ich wußte nicht, wie böse ich gegen Sie war! Tante Reed, vergeben Sie mir, daß ich Ihr Leben getrübt, Ihr Gewissen belastet habe!
Mistreß Reed. Ich habe dich nach Lowood verbannt, ich hatte meinem Manne versprochen, dich wie mein Kind zu halten -- ich that es nicht -- ich habe dir zweimal unrecht gethan, habe dir daher nichts zu vergeben; es war ein Unglück, daß du geboren worden.
Jane (das Gesicht in beiden Händen verbergend). Ja, ja! O ja!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Es ist etwas Entsetzliches geschehen -- ich weiß es, ich fühle es, da, da! (Sie drückt die geballte Faust auf die Brust.) Mein Herz brennt wie Feuer! Ich habe nichts auf der Welt geliebt als John, nur er konnte mein Herz so zerfleischen. (In schmerzlichem Aufschrei.) John ist tot.
Jane (schüchtern). Aber -- Sie haben noch eine Tochter!
Mistreß Reed (auffahrend). Ja -- ja! Und sie muß glücklich, muß reich werden, und wir müssen leben! Darum mußt du fort.
Rowland (steht mit untergeschlagenen Armen und macht eine Bewegung, als verstände er plötzlich, was vorgeht).
Mistreß Reed (zieht mit zitternder Hand ein Portefeuille aus der Tasche, öffnet es, indem sie spricht). Dein Onkel lebt und harrt noch auf dich -- da, da ist sein erster und --- zweiter Brief, ich habe mich nie davon getrennt, ich dachte immer: einmal komme doch der Augenblick, diese Last von meinem Gewissen zu wälzen! Ha, er ist da! Da nimm -- und geh nun, Jane Eyre, wir sind quitt!
Jane (die Briefe nehmend). Ich werde gehen, Tante Reed -- wenn Sie mir Ihren Segen mitgeben! (Sie streckt beide Arme nach ihr und will ihre Hand fassen.)
Mistreß Reed (schaudernd, fährt zurück). Meinen Segen?! Du hast John gehaßt, hast ihn einmal umbringen wollen -- nein, nein -- ich kann dich nicht segnen, der Segen des Hasses wäre Gotteslästerung! Aber -- du gehst, um Georgine glücklich zu machen, ich werde dir Gutes wünschen --- mehr kann ich nicht, (schwer atmend) mehr kann ich nicht!
Rowland (erhebt entschlossen das Haupt und tritt zurück).
Mistreß Reed (fortfahrend). Gott allein ist die Gerechtigkeit, Gott wird es recht mit uns machen! (Sie stützt sich, dem Umsinken nahe, auf Henrys Arm und geht mit ihm durch die Mitte ab.)
Henry (reicht im Abgehen Jane die Hand).
Elfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (stand wie erstarrt und schaudernd, in wilder Verzweiflung ausbrechend). Haß! Haß! Haß -- und nirgend Liebe für die Waise! (Mistreß Reed nachsehend.) Ja, Unglückselige, ich gehe; einsam gehe ich durch alle die Millionen Lebenden – einsam nach einem fernen Weltteil zu dem Einzigen auf Gottes großer Erde, der nach Jane Eyre verlangt! (Mit finsterem Entschluß.) Ich bin sein! (Sie wendet sich zum Abgang).
Zwölfter Auftritt.
Die Vorige. Rowland ernst und ruhig von rechts.
Jane (zusammenfahrend, erblickt Rowland). Ah, da ist er! Es ist Gottes Wille!
Rowland (näher kommend). Wohin, Miß Eyre?
Jane (gefaßt und fest). Ich suchte Sie, Herr!
Rowland. Das ist wohl das erste Mal, seit wir uns kennen!
Jane. Ich hatte Ihnen auch noch nie eine Bitte vorzutragen, Herr!
Rowland. Eine Bitte? Sie? Was wollen Sie von mir?
Jane (fest). Ich bitte Sie -- mich fortzuschicken.
Rowland (sehr erleichtert). Ah! Warum erbitten Sie, was in Ihrem freien Willen steht?
Jane. Ich gab Ihnen das Wort, daß ich nicht von hier gehen werde, ehe Sie mich selbst fortschicken.
Rowland. Ah, jetzt besinne ich mich! Richtig, es ist so. -- -- Nun wohl, wenn Sie gehen wollen, ich schicke Sie fort!
Jane. Ich danke Ihnen, Herr!
Rowland. Was aber treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? -- Sie schweigen? Mir deucht, ich verstehe die Schrift um diesen stummen Mund -- Judith hat Ihnen gesagt: ich sei ein Ungeheuer, ich halte ein armes Weib hier gefangen, mein Weib!
Jane (ruhig). Nicht sie, Herr, andere sagten das.
Rowland (immer ruhig und prüfend). Und Sie haben dies Gerücht mit dem Ereignis jener Nacht in Verbindung gebracht – [finstere Gedanken, unheimliche Zweifel sind in Ihnen erwacht, haben Ihr Urteil über mich verwirrt -- nicht so?
Jane (sieht ihn groß und klar an). Nein, Herr, ich wußte, daß alles das Lüge sei.
Rowland (von einem Freudenstrahl durchzuckt, sich gewaltsam bezwingend). Ei! -- Und woher kommt Ihnen diese Überzeugung?
Jane. Aus meiner Achtung für Sie, Herr -- die mein Stab und meine Stütze sein wird, wenn -- ich allein in der Fremde lebe.
Rowland. Das ist gut, das ist brav von Ihnen, Jane Eyre, und damit Ihnen nichts diese Stütze rauben könne -- auch wenn wir für immer scheiden-- soll es klar zwischen uns werden. Der Zufall oder Ihr Verhängnis haben Sie in ein Geheimnis eingeweiht, das Sie unter allen Lebenden allein mit dem Friedensrichter der Grafschaft und mir teilen sollen, Sie, die Sie zu schweigen wissen wie ein Mann!] Sie wollten nicht fragen, so lege ich mein Vertrauen freiwillig auf Ihr Herz. Jener Dämon, der mich lebendig verbrennen wollte, ist nicht Gratia Poole, wie Sie glaubten -- es ist eine Wahnsinnige, der ich Schonung schulde, die ich keiner Anstalt, keiner Pflege als der Gratias anvertrauen darf, denn sie hat den Namen dieses Hauses entehrt -- es ist --
Jane (mit krampfhaft gefalteten Händen und bebendem Ton). Lady -- Rochester?
Rowland (finster, fast tonlos). Lady Hariette Rochester.
Jane (zuckt zusammen, sieht vor sich nieder und steht regunglos).
(Pause.)
Rowland (betrachtet sie scharf, als erwarte er eine Antwort, und fährt dann kalt und mit untergeschlagenen Armen fort). Sie war meine erste -- und bis vor wenigen Monden -- meine einzige Liebe! Gelebt hatte ich, wild und zügellos -- geliebt nicht mehr! Ich war der jüngere Sohn, also arm -- aber wir liebten uns -- sie ward meine Braut. Man sandte mich für ein Jahr nach London -- als ich wiederkehrte -- hielt sie eben Hochzeit mit dem reichen Erben unseres Hauses -- sie hatte Arthur dem armen Rowland vorgezogen -- sie ward --
Jane (ihre Freude gewaltsam bekämpfend, schreit auf). Ihres -- Bruders Weib?
Rowland (fast tonlos jedes Wort abwägend). Meines -- Bruders Weib! In jener Nacht wollte ich ihn erwürgen -- aber man band den jungen Kain, mein zärtlicher Vater erklärte mich für toll -- man schleppte mich auf ein Schiff, und erst in Indien fand ich die Vernunft -- aber nicht den Glauben an Gott und Menschheit wieder. Mein Vater starb -- mein Bruder zog mit ihr nach dem Kontinent -- ich hörte endlich, daß auch sie dort gestorben--- ich blieb kalt, ich konnte selbst der Toten nicht vergeben, mein Herz war vergiftet! -- Jahre vergingen, als ich eines Tages die Nachricht von dem Ableben meines Bruders empfing. Der Tod hatte unter den Schuldigen aufgeräumt; ich kehrte nach England zurück, trat mein Erbe an, und mit ihm – empfing ich in geheimer Zuschrift das grauenvolle Vermächtnis, das die Reue des Heimgegangenen mir an das Bruderherz legte. Arthur hatte mir die Braut geraubt -- und (fürchterlich) Hariette Rochester hatte mich dafür so furchtbar an ihm und sich selbst gerächt, wie es keine menschliche Phantasie, selbst meine rachelechzende Seele nicht erdacht hätte! (Wieder ruhiger, aber hastig.) Ihre Verblendung war einem glühenden Haß gegen Arthur gewichen; das Unglück seiner Ehe zu verbergen, brachte er sie nach dem Kontinent- in Genf erkrankte er tödlich -- und als er genas-- war die Elende mit einem schönen Polen -- verschwunden.
Jane (zurückfahrend, sieht entsetzt und erglühend vor sich nieder).
Rowland. Stolz und grausam, wie Arthur es war, meldete er den Tod seiner Gattin nach England, verfolgte still und rastlos die Spur der Flüchtigen bis, nach kaum einem Jahr, ihr Geschick sie in Paris in seine Hand gab. Den Verführer durchstach er vor ihren Augen, ein Kind, das sie im Arm hielt, entriß er ihr und übergab es einer Pension -- sie selbst schleppte er mit ihrer Amme, Gratia Poole, nach England und vergrub sich mit ihr in unser fernes Waldschloß Fardean. Niemand ahnte sein Geheimnis, das er mit Fieberangst hütete. [Er hatte sich die Nemesis selbst angekettet!] Als er der Unseligen Adele entriß, hatte sie den Verstand verloren, und nichts von Erinnerungen war ihr geblieben als der glühende Haß gegen den Mörder ihres Geliebten! -- Arthurs Rache war gesättigt, aber die Angst um sein Geheimnis, vielleicht auch Reue, verzehrte ihn. Der letzte Wille des Sterbenden legte mir die Pflicht auf, jenes verlassene Kind nach England, die Wahnsinnige aus der Moorluft in Fardean in dieses feste Schloß zu bringen und die Schande unsers Hauses heilig zu bewahren. Wie ich diese Pflicht bis heute erfüllte – wissen Sie, Jane Eyre!
Jane (mit bebender Stimme, ihre Bewegung niederkämpfend). Auch wie Ihre Wohlthat belohnt wird, Herr -- dieses Weib wollte Sie ermorden.
Rowland. Das galt nicht mir! Sie begreift nicht, daß ihr Gatte tot sei, in ihrem wirren Geist lebt Arthur in mir, der leider seine Züge trägt. Mit dem Instinkt des Hasses errät sie stets meine Nähe hier -- und strebt mit der Schlauheit des Wahnsinns unermüdet, mich zu verderben! So benutzte sie Gratias kurze Abwesenheit, um Feuer an mein Lager zu legen, und ohne die Elende hätte ich nie erfahren -- welch eine entschlossene Seele in dem zarten Leib Jane Eyres wohnt!
Jane (ohne ihre innere Bewegung zu verraten, wie reflektierend). So sind Sie also der Pfleger des Weibes geworden, das Sie verriet, und der Vater eines Kindes, dessen Mutter Ihr Glück zerstörte. Das ist edel, Herr -- das ist groß!
Rowland (trocken). Ich wollte keine Kritik meines Verhaltens von Ihnen, Jane Eyre, ich wollte Ihnen nur das Erröten ersparen, wenn Sie einst Ihres -- Herrn gedenken. Oder -- gehen Sie vielleicht jetzt nicht mehr?
Jane (zusammenfahrend). Ob ich gehe, Herr? -- O ja – (heftig) gewiß -- noch heute!
Rowland (sieht sie forschend an). Also nicht deshalb wollen Sie fort?
Jane. Nein, Herr, nicht deshalb -- ich hielt Sie nie für schuldig.
Rowland (forschend). Weshalb aber gehen Sie denn! — Weil es dieses Weib, das Sie so sehr haßt, Ihre Tante, von Ihnen fordert?
Jane (sieht ihn groß an). Mistreß Reed? -- Nein, ich war vorher dazu entschlossen.
Rowland. So? Seit wann?
Jane. Sie sagten mir, daß Sie heiraten.
Rowland. Das ist wahr, ich denke zu heiraten -- und bald soll es geschehen!
Jane (gefaßt, aber sanft). Dann wird Adele auf eine Schule geschickt werden und bedarf keiner Gouvernante mehr.
Rowland (nickend). Hm! Das könnte wohl sein, Georgine macht sich nicht viel aus Kindern, und Sie wollen meiner Frau aus dem Wege gehen, nicht wahr? -- Sie ist Ihnen zu hochmütig?
Jane (mit leiser, bebender Stimme). Das ist es nicht. Ich fühle nur, daß ich nicht mehr hierher passe, wenn Sie verheiratet sind, Herr!
Rowland (als dächte er nach). Sie mögen recht haben, ich glaube es selbst. Aber -- wo wollen Sie hin? Sie haben keine Stelle --
Jane. Meine Stelle ist gefunden -- ich gehe zu meinem Onkel nach Madeira.
Rowland (immer ernst und ruhig). Nach Madeira? Hm! Das ist ein weiter Weg, Jane Eyre!
Jane (kaum hörbar). Ja -- ein weiter Weg!
Rowland. Zwar -- für ein Mädchen von Ihrem Verstande und festen Sinn ist das kein Hindernis! Indessen -- das Weltmeer wird sich zwischen Sie und Ihr Vaterland legen --
Jane (schwer atmend. Das Weltmeer -- ja –
Rowland (mild). Und auch zwischen -- uns!
Jane (wie sein Echo, leise). Zwischen uns.
Rowland. Wir werden nichts mehr von einander hören.
Jane (wie oben). Nichts mehr!
Rowland. Wir werden einander nie wiedersehen!
Jane (zitternd). Nie -- nie wiedersehen! (Sie bricht plötzlich in Thränen aus.)
Rowland (ruhig). Weshalb -- weinen Sie, Miß Eyre?
Jane (die Thränen zurückdrängend). Ich liebe Thornfield, es war ein schönes glückliches Asyl für die verlassene Waise. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten, wie ich es gewohnt war so viele Jahre; [man hat mich geweckt aus der Versteinerung meines Unglücks -- man hat mich nicht bei untergeordneten (immer wärmer werdend) Geistern begraben,] ich habe Angesicht zu Angesicht mit dem verkehrt, was ich verehre, was mich erhob, [mit einem kräftigen, genialen und umfassenden Geist,] ich habe Sie erkennen gelernt, Lord Rochester! Ich fühle die Notwendigkeit, mich von allem hier loszureißen, aber sie gleicht für mich der Notwendigkeit des Todes! Soll ich da nicht weinen, Herr? (Sie verbirgt das Gesicht schluchzend in ihren Händen.)
Rowland. Das ist alles wahr, aber wenn Sie so schwer gehen, können Sie ja hier bleiben.
Jane (läßt die Hände plötzlich fallen, wendet sich rasch nach ihm, ihre Augen funkeln von innerem Zorn). Bei Ihnen bleiben? – Wenn Sie verheiratet sind?
Rowland. Gewiß! Sie halten die Trennung nicht aus, Sie müssen bleiben!
Jane (zitternd, leidenschaftlicher werdend, bis sie endlich in ihren ursprünglichen Charakter zurückfällt). Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen, die Trennung werde ich aushalten -- das Leben hier nimmermehr! Denken Sie, ich könnte es tragen, nichts mehr für Sie zu sein, [ein überflüssiges Möbel aus alter Zeit, das man aus Pietät nicht eben den Flammen übergiebt? Halten Sie mich für einen Automaten, für eine Maschine ohne Empfindung, die sich den Tropfen lebendigen Wassers, nach dem sie lechzt, von den Lippen nehmen läßt, ohne zu zucken?] Glauben Sie, weil ich arm und klein, einfach und verlassen bin, ich hätte deshalb kein Herz, keine Seele? -- Sie irren sich in Ihrem Hochmut, ich habe so viel Seele wie Sie, und ebenso viel Herz! [Ich verstehe Sie besser als alle anderen, denn jene sind nicht von Ihrer Art -- ich aber, ich bin von Ihrer Art, Herr, ich fühle etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich Ihnen verwandt macht, was mich geistig Ihnen vereint! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichtum gesegnet hätte -- so sollte es Ihnen gewiß ebenso schwer werden, mich gehen zu sehen, als es mir ist, Sie zu verlassen.] Ich rede jetzt nicht nach Sitte und Herkommen, noch vermöge meines irdischen Teils, nein, es ist mein Geist, der Ihren Geist anredet, als wären wir schon gestorben und unsere Seelen ständen sich gleich, wie sie sind, zu den Füßen Gottes!
Rowland (dessen Brust heftig arbeitet, der regungslos stand, um den Strom ihrer Worte nicht zu hemmen, schlingt plötzlich die Arme um sie und preßt sie an sich). Gleich, wie wir sind! So, so, meine kleine Jane!
Jane (überrascht, aber ohne aus dem früheren Ton zu fallen, steht in seiner Umarmung). Ja -- so -- und doch nicht so -- denn Sie sind so gut wie verheiratet, und zwar an ein Wesen, das Sie nicht wahrhaft lieben können, weil es tief unter Ihnen steht! Und nun -- lassen Sie mich, ich habe meine Gesinnung ausgesprochen, nun kann ich gehen, wohin ich will!
Rowland (sie fester an sich drückend). Das kannst du nicht mehr, Jane Eyre, das Netz schlug über dir zusammen, du bist gefangen.
Jane (sich rasch von ihm losmachend). Ich zerreiße es! Ich bin ein freies Wesen mit unabhängigem Willen.
Rowland. Und du glaubst, ich würde dich lassen, nachdem du so zu mir gesprochen? (Umfaßt sie plötzlich mit beiden Armen.) Weißt du, daß ich dich brechen kann wie Rohr, kleines Mädchen, ehe ich dich von mir gehen lasse?
Jane (steht unbeweglich in seinen Armen und sieht ihn groß und ruhig an). Das können Sie, Herr; mein Leib ist schwächer als der Ihre -- meine Seele ist stärker -- und meine Seele ist mein!
Rowland (sie mit glühenden Blicken betrachtend). O, wie sie mich kennt und sich, wie sie wahr spricht! Was will ich denn! Diesen Geist, diesen gewaltigen, trotzigen, diesen großen Geist will ich, und er würde mir durch die Finger schlüpfen, wie flüchtiges Kali, wenn ich den Käfig zertrümmerte, der ihn fesselt! (Er schiebt sie von sich.) Nun denn, dein Wille soll dein Geschick entscheiden, Jane Eyre! Endlich hast du mir deine Seele geöffnet -- so blicke auch auf den Grund der meinen. Seit ich dich zum erstenmal sah, seit ich ein Stück von meinem Wesen in dir erkannte, kämpfe ich mit meiner vollen Manneskraft gegen dich, armes Lamm; umsonst, du hast meine Seele mit zauberhafter Gewalt an dich gerissen, sie ist dein, mein Herz ist dein, was ich bin und habe, ist dein -- nimm auch noch das Geringste, was du übrig ließest, meine Hand! (Er streckt ihr die rechte Hand hin.)
Jane (sieht ihn groß an und tritt ganz von ihm zurück). O -- spielen Sie nicht mit mir in dieser ernsten Stunde!
Rowland (zitternd vor Ungeduld und Leidenschaft). Jane, komm her zu mir!
Jane (heftig atmend, finster). Ich kann nicht, Ihre Braut steht zwischen uns, Herr!
Rowland (glühend). Ich habe keine Braut!
Jane (ihn scheu von der Seite ansehend). So haben Sie Georgine, die Sie liebt, betrogen!
Rowland. Georgine liebt nichts als sich selbst – und den Reichtum.
Jane. Was sollte sie denn hier?
Rowland. Mir den Schlüssel leihen zu deiner festverschlossenen Seele, starrsinniges Kind! Die Eifersucht mußte dir die Liebe klar machen! Nie habe ich von Liebe und Heirat mit Georgine gesprochen. Niemand, niemand hat Anspruch an mein Herz als du, wunderlicher Kobold, trotziges Schulmädchen! (Immer heftiger werbend.) Dich will ich! Arm und klein, verlassen und einfach, wie du bist, will ich dich, nur dich! [Sieh mich nicht an, als ob dein ganzes Gesicht Auge würde, so träumend, so ungläubig -- du quälst mich fürchterlich!] (Flehend). Jane, nimm mich zum Gatten, nimm mich schnell, bedenke es nicht lange -- sage: “Rowland, ich will dein Weib sein, Rowland, ich will dich lieben!” Sag's schnell, oder meine Fibern reißen, und etwas Schreckliches geschieht!
Rowland. Du, nur du! Willst du? -- Willst du?
Jane (zitternd, in Thränen). Ach Rowland, mein Herr -- meine Welt-- da hast du mich! (Sie stürzt in seine Arme).
Rowland (sie mit Entzücken an sich drückend). Und will dich ewig halten!
[Dreizehnter Auftritt.
Die Vorigen. Francis, Georgine, Lord Clawdon, Lady Clawbon, Clarisse, Judith, Mistreß Reed durch die Mitte.
Francis (höhnisch). Vergebung, Lord Rochester wir konnten nicht ahnen, so zur ungelegenen Zeit hier zu stören, um Zeuge zu werden --
Rowland (großartig, sich mit Stolz zu der Gesellschaft wendend). Wie ich Jane Eyre mit Stolz und Entzücken vor allen Lebenden als meine Braut erkenne!
Alle (in starrem Staunen). Seine Braut!
Mistreß Reed (tonlos). Ich wußte es! (Sie verhüllt das Gesicht und bleibt unbeweglich.)
Rowland (Jane umschlingend). Ja, meine Braut, mein Weib, mein Kleinod, das meine starken Arme fortan wahren werden -- und Gott, der die verlassene Waise durch die Hand des Hasses an das Herz der Liebe führte, wird zwei Seelen schützen, die nichts zu ihrem Glück bedürfen als sich selbst -- und (er legt die Hand auf Janes Haupt und streckt den Arm zum Himmel) seinen Segen!
Allgemeine Gruppe.
Georgine (reicht stolz, mit einem verächtlichen Blick auf Rowland Francis die Hand).
Francis (drückt ihre Hand an seine Lippen).
Judith (giebt ihre Freude zu erkennen).
Die übrigen (in verschiedenen Gruppen, ihre Teilnahme ausdrückend).
Jane (hat die Hände gefaltet und scheint zu beten).]
Der Vorhang fällt rasch.