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Jane und ihr Peiniger.
Es war an einem rauhen Wintertage. In Gateshead-Hall,
einem Schlosse in der Grafschaft.. shire im südlichen England
ruhte die Besitzerin des Schlosses, Mrs. Reed, umgeben von ihren
drei Lieblingen: Eliza, John und Georgina - auf einem Sofa ihres Salons. Glücklich betrachtete sie die Gesichtszüge ihrer Kinder, die in diesem Augenblick zufällig weder zankten noch schrien.
An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer, in
welchem ein großer Bücherschrank stand. Auf dem Sitz in der
Fenstervertiefung saß ein kleines Mädchen, die Beine gekreuzt wie
ein Türke; doch verdeckten dunkelrote Moire-Vorhänge das Kind
fast vollständig. Scharlachrote Draperien schlossen die Aussicht zur
rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben,
die einen Ausblick in den düstern Novembertag gestatteten. Das
Mädchen hatte ein Buch in der Hand, und wenn es die Blätter desselben wendete, fiel sein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel,
Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause,
vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom
Sturm wildgepeitschter Regen.
Wer war jenes Kind, und weshalb saß es so einsam dort?
Nun, meine liebe Leserin, ich will deine Wißbegierde gleich befriedigen. Dieses einsame Mädchen war Jane Eyre, eine elternlose Nichte der Mrs. Reed, und von dieser- wie sie sagte- aus
Gnade und Barmherzigkeit angenommen. Nichtsdestoweniger suchte
Mrs. Reed ihre Nichte stets so weit wie möglich von sich fern zu
halten. Als nun Jane nach dem Mittagsmähle sich ebenfalls der
Familie zugesellen und im Salon verweilen wollte, sprach ihre
Tante zu ihr: ,Ich bin gezwungen, dich von uns fern zu halten,
bis du angenehmere und freundlichere Manieren, sowie ein offenherzigeres Wesen zeigst; auch hat Bessie sich wieder über dich beklagt.
,Wessen klagt mich denn Bessie an? fragte das Kind dagegen.
,Ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen, erwiderte
die Tante darauf, ,und finde es geradezu häßlich, wenn ein Kind
ältere Leute in solcher Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest
du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger sprechen kannst.
Daraufhin hatte sich Jane in die Fensternische des Frühstückszimmers zurückgezogen, und so finden wir sie dort mit Bewicks Geschichte von Englands befiederten Bewohnern beschäftigt. Sie
blätterte von Bild zu Bild, sah auf den stillen, einsamen Friedhof,
auf jenes Tor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der
durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete. Die
beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille
befallen werden, hielt sie für Meergespenster.
Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen
Rücken festband, eilte sie flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand
des Schreckens für sie.
Und ein gleiches Entsetzen flößte ihr das schwarze, gehörnte
Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine
Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für ihren
unentwickelten Verstand geheimnisvoll, ihrem Empfinden unverständlich, stets aber flößte sie ihr das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem sie den Erzählungen Bessies, des Kindermädchens, horchte, wenn diese zuweilen an Winterabenden in
guter Laune war. Dann nämlich pflegte Bessie ihren Plättisch an
das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, und während sie dann
Mrs. Reeds Spitzen bügelte und kräuselte, ergötzte sie die Kinder
mit Erzählungen von alten Märchen und noch älteren Balladen.
Mit Bewick auf den Knien saß Jane so glücklich da; sie fürchtete
nichts als eine Unterbrechung, eine Störung- und diese kam nur
zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
,Bah, Frau Träumerin!'' ertönte John Reeds Stimme; dann
hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu
finden.
,Wo zum Teufel ist sie denn? fuhr er fort, ,Lizzy! Georgy!'
rief er seinen Schwestern zu, ,Jane ist nicht hier. Sagt doch
Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist- das böse Tier!'
,Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,
dachte Jane; und dann wünschte sie inbrünstig, daß er ihren Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals
entdeckt haben, aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und sagte
sofort:
,Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh
nur nach, John.
Jetzt trat Jane sofort heraus, denn sie zitterte bei dem Gedanken, daß John sie hervorzerren würde.
,Da bin ich, was wünscht ihr? sagte sie mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
,Ich will, daß du hierher kommst, lautete seine Antwort, und
indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er ihr durch eine
Geste zu verstehen, daß sie näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier
Jahre älter als Jane, denn diese war erst zehn Jahre alt; der
Knabe war groß und stark für sein Alter, mit einer ungesunden
Hautfarbe, schwerfälligen Gliedmaßen und großen Händen und
Füßen. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so voll zu pfropfen,
daß er schlecht gelaunt wurde; das machte seine Augen trübe und
seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein
müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach
Hause geholt, ,seiner zarten Gesundheit wegen. Mr Miles, der
Direktor der Schule, versicherte, daß es ihm außerordentlich gut
gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen
von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich
Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh
herrühre.
John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine
Schwestern, und eine starke Antipathie gegen seine Cousine. Er
quälte und strafte sie; nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht
ein- oder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in dem Kinde fürchtete ihn, und sie schauderte,
wenn er in ihre Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken,
den er ihr einflößte, sie ganz besinnungslos machte, denn sie hatte
niemanden, der sie gegen seine Drohungen und seine Tätlichkeiten
verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herrn zu
beleidigen, indem sie für Jane gegen ihn Partei ergriff, und Mrs.
Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn
er ihre Nichte schlug, sie hörte niemals, wenn er sie beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat: häufiger zwar noch
hinter ihrem Rücken.
Jane gehorchte John auch diesesmal und näherte sich seinem
Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, ihr
seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es nur bewerkstelligen konnte; und obgleich Jane eine tödliche Angst vor dem gewöhnlich folgenden Schlage empfand, vermochte sie es doch nicht,
ihren Abscheu über die häßliche Erscheinung des Burschen zu
unterdrücken. Plötzlich schlug er heftig und brutal auf das Kind
los. Jane taumelte; dann gewann sie das Gleichgewicht wieder
und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.
,Das ist für die Frechheit, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen
Augen gewahrte, du Ratte, du!
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es Jane niemals
ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern.
,Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht? fragte er
weiter.
,Ich habe gelesen, erwiderte sie.
,Zeige mir das Buch, gebot John.
Das Mädchen ging an das Fenster zurück und holte es
von dort.
,Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine
Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat
dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht
mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen
leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen,
die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren,
zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir,
und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in
einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Tür; nicht vor
den Spiegel oder die Fenster,'' rief John wütend.
Jane tat, wie ihr geheißen wurde. Da gewahrte sie aber, daß
er das Buch emporhob und mit demselben zielte; instinktiv sprang
sie zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; doch das Buch
wurde geschleudert und traf das Kind, so daß es mit dem Kopf
gegen die Tür schlug und sich verletzte. Die Wunde blutete, der
Schmerz war heftig.
,Du böser, grausamer Bube! schrie Jane jetzt. ,Du bist wie
ein Mörder-- du bist wie ein Sklaventreiber-- du bist wie die
römischen Kaiser!''
Sie hatte nämlich Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und so
von den Schandtaten Neros, Caligulas und anderer erfahren.
,Was! Was! schrie er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen!- Aber erst noch -
Er stürzte auf Jane zu. Sie fühlte, wie er ihr Haar und ihre
Schulter faßte; sie bemerkte, wie einzelne Blutstropfen von ihrem
Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden
Schmerz, und für den Augenblick siegte wahnsinnige Wut über den
Schmerz. Sie schlug und kratzte, während er fortwährend,ate!
Rate!'' schrie und aus Leibeskräften brüllte. Eliza und Georgina
holten Mrs. Reed. Diese erschien sofort und ihr folgten Bessie und
ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte die Kämpfenden und
dann ertönten die Worte:
,Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!?
,Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!?
Mrs. Reed aber gebot:
,Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein. Vier
Hände bemächtigten sich sofort des Mädchens und man trug sie
nach oben.

Zweites Kapitel.
Das rote Zimmer.
Auf dem ganzen Wege leistete Jane Widerstand; dies war
etwas neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und
Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese
ohnehin schon von ihr hegten; aber das Kind war vollständig außer
sich und trotzdem es wohl wußte, daß diese Empörung ihm außergewöhnliche Strafen zuziehen mußte, war es in seiner Verzweiflung
fest entschlossen, bis ans äußerste zu gehen.
, Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde
Katze.
,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!' rief die Kammerjungfer.,Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen
Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren
jungen Herrn!''
,Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin??
, Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun
nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie
sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!
Inzwischen hatten sie Jane in das von Mrs. Reed bezeichnete
Gemach gebracht und sie auf einen Stuhl geworfen; doch wie eine
Sprungfeder schnellte sie wieder von demselben empor. Vier Hände
hielten sie jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.
,Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,' sagte
Bessie und bat Miß Abbot einen Strick zu holen.
Schon wollte diese gehen, als die Aufregung Janes sich ein
wenig minderte.
,Gehen Sie nicht, schrie sie, ,ich werde ganz still sitzen, und
sie hielt sich mit beiden Händen an ihrem Sitz fest.
Als sich Bessie überzeugt hatte, daß sich Jane wirklich etwas
beruhigte, ließ sie sie los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit
gekreuzten Armen vor Jane hin und blickten finster und zweifelnd
in ihr Gesicht, als glaubten sie nicht an ihren gesunden Verstand.
,Das hat sie bis jetzt noch niemals getan,' sagte endlich Bessie
zu Abigail Abbot gewendet.
,Aber es hat schon lange in ihr gesteckt, lautete die Antwort.
,Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das
Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter
gesehen, das so schlau wäre.
Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu
Jane und sagte:
,Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed zu
Dank verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so
müßten Sie ins Armenhaus gehen.
Auf diese Worte erwiderte Jane nichts; sie waren ihr nicht
mehr neu; so weit sie in ihrem Leben zurückdenken konnte, hatte sie
Reden desselben Inhalts gehört. Nun fiel auch Miß Abbot ein:
,Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein
Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, weil Mrs. Reed Ihnen
gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden
einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen
demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.
,Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,'' fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden,,Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine
Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen
werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.
,Außerdem, sagte Miß Abbot, ,wird Gott Sie strafen. Er
könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und
wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie
allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben.
Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn
Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen. und Sie holen.
Sie gingen und schlossen die Türe hinter sich ab.
Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten
jemand schlief; man könnte beinahe sagen niemals oder nur dann,
wenn zufällig sehr viel Besucher auf Gateshead-Hall anwesend
waren; trotzdem war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Im Mittelpunkt desselhen stand ein Bett
von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von
dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren
Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und
Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war
rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten
Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf
lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe,
der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich hoch
und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des
Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Ebenso unheimlich stak ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl
hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein
Fußschemel befand.
Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil fast niemals
jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den Staub einer Woche von den Möbeln und
den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch
Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu
revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand.
In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers.
der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte
er seinen letzten Atemzug getan; hier lag er aufgebahrt; von hier
hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen -- und seit jenem
Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher
von seiner Schwelle fern gehalten.
Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot die
Kleine gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe
dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich davor auf;
zur Rechten Janes befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank; zu ihrer Linken waren die verhängten Fenster; ein großer
Spiegel zwischen denselben wiederholte die totenstille Majestät des
Bettes und des Zimmers. Jane war nicht ganz sicher, ob die Tür
zugeschlossen war; und als sie wieder Mut genug hatte, um sich zu
bewegen, stand sie auf und sah nach. Ach ja! Keine Kerkertür war
jemals sicherer verschlossen! Als sie wieder an die Ottomane zurückging, mußte sie an dem Spiegel vorüber, und ihr gebannter Blick
bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah
alles noch hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und Janes
seltsame, kleine Gestalt, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, mit
weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin- und herrollten, während sonst alles bewegungslos war diese kleine Gestalt. sah aus, wie
ein wirkliches Gespenst, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies
Dämmerstundengeschichten auftraten. Erschreckt kehrte Jane auf
ihren Sitz zurück.
Aber noch wurde die Furcht des Aberglaubens von der
Empörung zurückgehalten. Aus dem bewegten und aufgeregten
Gemüt des Kindes stiegen alle ihre Leiden an die Oberfläche. John
Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte sie stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werden?
Weshalb konnte sie niemals etwas recht machen? Weshalb war es
immer nutzlos, wenn sie versuchte, irgendeines Menschen Gunst zu
erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und
selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die
stets übelgelaunt und trotzig war. Ihre Schönheit, ihre rosigen
Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm
jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen
Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock
im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten
Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar ,liebe
Alte''; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und
beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, - und doch war er
,ihr einziger Liebling'. Sie wagte niemals, einen Fehler zu begehen, bemühte sich stets, ihre Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man sie unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig.
Ihr Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen
Schlage und dem Falle, welchen sie getan; niemand hatte John
einen Verweis erteilt, weil er sie grundlos geschlagen; aber weil sie
sich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren, unvernünftigen
Heftigkeit zu entgehen, hatten sie alle mit den lautesten
Schmähungen überhäuft.
, Ungerecht! - ungerecht!'' sagte das arme Mädchen zu sich
selbst, und ihr Geist sann auf allerhand Mittel, um eine Flucht aus
diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen --
sie dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht
möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu sich zu
nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.
,Ach,' fragte sich die arme, verzweifelte Jane, ,warum muß
ich soviel leiden?
Währenddessen begann das Tageslicht aus dem roten Zimmer
zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Jane hörte, wie der Regen
noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der
Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und
nach wurde ihr so kalt wie Marmor, und dann begann ihr Mut zu
sinken. Hilflose Traurigkeit bemächtigte sich ihrer und ihr Herz
wurde voller Zweifel. Alle sagten ja, daß sie boshaft sei- vielleicht war es der Fall, denn hatte sie nicht soeben den Gedanken gehegt, sich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war sie bereit zu sterben? oder war das Grabgewölbe
unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes
Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man ihr
gesagt hatte, und dieser Gedanke führte Jane dazu, sein Andenken
herauf zu beschwören und mit wachsendem Grauen bei demselben
zu verweilen. Sie konnte sich seiner nicht erinnern, aber sie wußte,
daß er ihr Onkel gewesen, der einzige Bruder ihrer Mutter-
daß er sie in sein Haus aufgenommen, als sie ein armes, elternloses
Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs.
Reed das Vorsprechen abgenommen hatte, sie wie ihr eigenes Kind
zu erziehen und zu versorgen.
So zweifelte Jane jetzt nicht, daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, sie mit Güte behandelt haben würde; und als sie
so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel
warf da begann sie sich an das zu erinnern, was sie von Toten
gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man
ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu
rächen; sie dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht,
welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte
verließ - und in diesem Zimmer vor ihr erscheinen könne. Sie
trocknete ihre Tränen und unterdrückte ihr Schluchzen; denn sie
fürchtete, daß diese lauten Äußerungen ihres Grams eine übernatürliche Stimme zu ihrem Troste erwecken oder aus dem sie umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über sie beugen werde. Das würde entsetzlich sein, und Jane bemühte sich deshalb, solche Gedanken zu unterdrücken. Sie strich das Haar von Stirn und Augen, erhob den Kopf und versuchte, in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick erglänzte
der Widerschein eines Lichtes an der Wand!-- War es vielleicht
der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang.
fragte sich Jane? Nein, das konnte nicht sein; die Mondesstrahlen
waren ruhig und dies Licht bewegte sich; während sie noch hinblickte,
glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über ihrem Kopfe. Wahrscheinlich waren diese Lichtstreifen der Schimmer einer Laterne,
welche jemand über den freien platz vor dem Hause trug; aber das
erschreckte und aufgeregte Gemüt des Kindes hielt den sich schnell
bewegenden Strahl für eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Ihr Herz pochte laut, ihr Kopf wurde heiß; in den Ohren spürte sie
ein Brausen, das sie für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas
schien sich ihr zu nähern; sie fühlte sich bedrückt, erstickt, ihr
Widerstandsvermögen gab nach; sie stürzte auf die Tür zu und
rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende
Schritte kamen: durch den äußeren Korridor daher; der
Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß
Abbot traten ein.
,Miß Eyre, sind Sie krank? fragte Bessie.
, Welch ein fürchterlicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!'' rief
Abbot aus.
,Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!'
schrie Jane ununterbrochen.
,Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen?' fragte Bessie wiederum.
,O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen
würde,'' erwiderte Jane und hatte sich jetzt Bessies Hand bemächtigt.
,Sie hat mit Absicht so geschrien, erklärte Abbot mit Abscheu.
, Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte,
so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts,
als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.''
, Was gibt es denn hier?? fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher.,Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde??
,Miß Jane schrie so laut, Madame,'! wandte Bessie zögernd ein.
,Laßt sie los, war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand
los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus
gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es
ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken
und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze
Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn
du mir das Versprechen gibst, vollkommen ruhig und unterwürfig
zu sein.
,O, Tante, hab Erbarmen! Vergib mir doch! Ich kann, ich
kann es nicht ertragen. Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich
komme um, wenn --, schrie Jane.
,Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!
entgegnete die Tante. Schnell warf sie Jane in das Zimmer zurück
und schloß sie ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein.
Jane hörte noch, wie sie davon rauschte, und bald darauf verfiel die
Ärmste in Krämpfe und Bewußtlosigkeit.

Drittes Kapitel.
Der gute Mr. Lloyd.
Als Jane wieder erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor sich sah sie eine unheimliche rote Glut, von
der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Sie hörte Stimmen, die
hohl an ihr Ohr klangen, als würden sie durch das Rauschen des
Wassers oder Toben des Windes übertönt. Aufregung, Ungewißheit und Entsetzen hielten alle ihre Sinne gefangen. Nach einigen
Augenblicken gewahrte sie, daß jemand sie berührte, aufhob und in
eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als sie bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben
hatte. Sie lehnte ihren Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und
fühlte sich unendlich wohl.
Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. jetzt wußte sie sehr wohl, daß sie in ihrem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als
das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze
brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende ihres Bettes und
hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben ihr und beugte sich über sie.
Jane empfand ein wohltuendes Gefühl des Beschütztseins, als
sie sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der
nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von
Mrs. Reed gehörte. Sich von Bessie abwendend, prüfte sie die
Gesichtszüge des Herrn; sie kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten
krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur
die Hilfe des Arztes in Anspruch.
,Nun, wer bin ich? fragte er.
Jane sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit
die Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte:,Ah, wir werden
uns jetzt langsam erholen. Dann legte er sie nieder, wandte sich
zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein undJane während der
Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt
und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde,
ging er fort zu Janes größter Betrübnis, denn als die Tür sich
hinter ihm schloß, verzagte ihr Herz von neuem.
,Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß? fragte Bessie
sie ungewöhnlich sanft.
,Ich will es versuchen,'' sagte Jane leise.
,Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?
,Nein, ich danke, Bessie.
,Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon
nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während,
der Nacht irgend etwas brauchen.
Durch Bessies Sanftmut beruhigt, wagte das Kind jetzt eine
Frage zu stellen.
,Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?
, Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank
geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz
gesund sein.
Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen.
Jane hörte, wie sie dort sagte:
, Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und
wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem
armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß -
Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich möchte doch
wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses
Mal aber auch zu hart gegen sie.
Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie flüsterten
wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander, und Jane hörte
noch einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, deren Hauptgegenstand
sie selbst war.
, Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet,
dann ist es verschwunden.' --,Ein großer, schwarzer Hund
hinter ihm.,Dreimal hatte es laut an der Zimmertür geklopft.--,Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem
Grabe'-- usw., usw.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In
schaurigem Wachen ging die Nacht für Jane langsam hin; Entsetzen und Angst hielten alle ihre Sinne wach. Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit und am nächsten Tage gegen Mittag war sie bereits aufgestanden und saß in einen warmen Schal gehüllt vor dem Kaminfeuer. Sie fühlte sich wohl körperlich schwach und gebrochen, aber ein unaussprechlicher Jammer erfüllte ihre Seele, ein Jammer, der ihr fortwährend stille Tränen entlockte. Und doch fühlte sie sich augenblicklich glücklich, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen
spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer,
und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und
Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich
freundliches Wort an Jane.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte ihr jetzt
einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten
Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel stets eine außerordentliche Bewunderung in der Waise wach gerufen hatte. Gar oft hatte
sie innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um
ihn genauer betrachten zu können, aber stets hatte man ihr eine
solche Gunst verweigert. Jetzt stellte Bessie ihr diesen kostbaren
Teller auf den Schoß und bat sie freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Vergebens! Die Gunst kam zu spät. Jane konnte den Kuchen nicht
essen, und das Gefieder des Vogels erschien ihr seltsam verblaßt; sie
schob sowohl Teller wie Gebäck von sich. Bessie fragte sie nun, ob
sie ein Buch haben wolle, und Jane bat sie, ihr,Gullivers Reisen'
aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte sie schon unzählige
Male mit Entzücken gelesen; sie hielt es für eine wahre Erzählung
und brachte ihr ein weit tieferes Interesse entgegen als allen
Märchen; denn nachdem sie die Elfen vergebens unter den Blättern
des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem,
von Efeu umrankten Gemäuer gesucht, hatte sie sich mit der
traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen
hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch
stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet
seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach ihrem
Glauben wirkliche Bestandteile der Erdoberfläche; sie zweifelte gar
nicht, daß, wenn sie eines Tages eine weite Reise machen könnte, sie
mit eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen
Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die
mächtigen Bullenbeißer, die Katzenungeheuer, die turmhohen
Männer und Frauen des anderen. Und doch, als sie den geliebten
Band jetzt in Händen hielt, als sie die Seiten umblätterte und in
den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie ihr bis jetzt
stets gewährt hatten, da war alles alt und trübselig. Sie schloß
das Buch und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück
Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des
Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte,
öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten.
prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:
Mein Körper ist mid und wund ist mein Fuß,
Weit ist der Weg, den ich wandern muß,
Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find',
Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,
Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?
Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind,
Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar,
Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:
Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,
Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am. Waldesrand
Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand,
So weiß ich doch, daß den Vater ich find',
Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,
Daß Gott da droben sein Kind doch liebt.
Jane wurde beim Anhören dieses Liedes von unendlicher
Traurigkeit erfaßt; Tränenbäche entströmten ihren Augen.
,Kommen Sie, Miß Jane, weinen Sie nicht, sagte Bessie,
als sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können
,brenne nicht!'' aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem
herzzerreißenden Schmerz haben können, dessen Beute das
arme Kind war. Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd
wieder.
,Wie? Schon aufgestanden ? rief er, als er in die Kinderstube trat. ,Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?
Bessie entgegnete, daß es ihr außerordentlich gut gehe.
,Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her,
Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?
,Ja, mein Herr, Jane Eyre!
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir
nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?
,Nein, Herr.
,Ah, ich vermute, daß sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed
spazieren fahren durfte, warf Bessie hier ein.
,O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch
zu alt.
Jane antwortete schnell: ,In meinem ganzen Leben habe ich
noch keine Tränen um solche Dinge vergossen. Ich hasse die
Spazierfahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
,Schämen Sie sich, Miß! rief Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt. Jane stand
vor ihm; er heftete seine Augen fest auf sie. Trotz der harten
Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht. Nachdem er das Kind lange
mit Muße betrachtet hatte, sagte er:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, sagte Bessie wieder einfallend.
, Gefallen! Nun, das ist gerade wieder wie ein Kind! Kann
sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen? Sie muß doch
acht oder neun Jahre alt sein?
,Jemand hat mich zu Boden geschlagen, lautete die derbe
Erklärung, welche der Schmerz gekränkten Stolzes der Waise entriß,,aber das hat mich nicht krank gemacht,' fügte sie hinzu, während Mr. Lloyd bedächtig eine Prise Tabak nahm.
Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief
der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er
wußte, was es bedeutete.,Das gilt Ihnen, Wärterin,' sagte er,
,Sie können hinunter gehen; ich werde Miß Jane einige Lehren
geben, bis Sie zurückkehren.
Bessie wäre lieber geblieben, aber sie war gezwungen zu
gehen, weil auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten in Gateshead-
Hall strenge gehalten wurde.
,Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was
war es denn? fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.
,Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht und es war schon lange dunkel,'' erwiderte Jane.
Sie sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. ,Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch nichts anderes,
als ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?
,Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem
Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst
jemand geht am Abend hinein; ach, es war so furchtbar grausam,
mich dort allein, ohne Licht, einzuschließen - so grausam, daß ich
glaube ich werde es niemals vergessen können.
, Unsinn! Und macht das Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt
bei Tage auch noch?
, Nein. Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder
Nacht. Und außerdem bin ich unglücklich, sehr unglücklich.
,Weshalb denn? Können Sie es mir nicht sagen?
Wie sehr wünschte Jane, offen und ehrlich auf diese Frage zu
antworten! Wie schwer war es aber, richtige Worte für eine solche
Antwort zu finden! Da sie aber fürchtete, daß diese erste und
einzige Gelegenheit, ihren Kummer durch Mitteilung zu erleichtern,
ungenützt vorübergehen könnte, brachte sie zwar eine unzulängliche,
aber wahre Antwort hervor.
, Erstens habe ich keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder,
keine Schwester,'' sprach sie.
,Aber Sie haben eine gütige Tante, einen lieben Vetter und
Cousinen.''
,Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen,'! rief sie aus,
,und meine Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.
Wieder holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor.
, Finden Sie denn nicht, daß Gateshead-Hall ein wunderschönes Haus ist?' fragte er. ,Sind Sie nicht dankbar, an einem so schönen Orte leben zu können??
,Es ist nicht mein eigenes Haus, Sir,' erwiderte Jane, ,und
Abbot sagt, daß ich weniger Recht habe, hier zu sein, als ein Dienstbote.
, Dummes Zeug! Sie können doch nicht so dumm sein, zu
wünschen, daß Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen
dürften?
,Wenn ich nur wüßte, wohin ich gehen sollte, ich wäre wahrhaftig froh zu gehen; aber ich darf Gateshead erst verlassen, wenn
ich erwachsen bin,' war Janes Antwort.
,Vielleicht doch früher - wer weiß? Haben Sie außer Mrs.
Reed keine Verwandte?
,Ich glaube nicht, Sir.
,Niemanden, der mit Ihrem Vater verwandt war?
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da
sagte sie, daß ich möglicherweise irgendwelche arme, heruntergekommene Verwandte, namens Eyre, haben könne, daß sie aber
nichts über sie wisse.
,Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?
Jane besann sich. Armut hat etwas Abschreckendes für erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; dies Wort erweckt in ihnen nur den Gedanken an zerlumpte Kleider, kärgliche Nahrung, einen kalten Ofen und rohe Manieren. Auch für Jane war Armut gleichbedeutend mit Entehrung.
, Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,' war ihre
Antwort.
, Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären??
Jane schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht begreifen, wie
arme Leute überhaupt die Mittel haben, gütig zu sein. Und dann
-- sprechen lernen wie sie-- ihre Manieren annehmen- schlecht
erzogen werden -- nein, sie war nicht entschlossen genug, um ihre
Freiheit mit Armut zu erkaufen.
,Aber sind Ihre Verwandten denn so arm ? Gehören sie zur
arbeitenden Klasse? fragte Mr. Lloyd jetzt weiter.
,Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt
Angehörige habe, so müssen sie Bettlergesindel sein. Nein, nein,
ich möchte nicht betteln gehen,'' entgegnete das Kind.
,Möchten Sie nicht in die Schule gehen?
Wiederum dachte Jane nach; kaum wußte sie, was eine Schule
eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Orte,
an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich
manierlich sind. John Reed haßte seine Schule und schmähte
seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten waren nicht für sie vorbildlich. Außerdem hatte Jane durch Bessies Erzählungen erfahren, daß die jungen Mädchen in einer Schule sich allerlei Talente und Kenntnisse aneignen könnten, wie das Malen von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, das Singen von Liedern und Klavierspielen. Schließlich wäre die Schule doch eine gänzliche Trennung von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.
,Ich möchte in der Tat in eine Schule gehen,'' war jetzt Janes
Antwort.
, Nun, nun, wer weiß denn, was geschieht!'' sagte Mr. Lloyd,
indem er sich erhob.,Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung,' fügte er hinzu, mit sich selbst redend, ,die Nerven sind in einer bösen Verfassung.
jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man
Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.
,Ist das Ihre Herrin, Wärterin? fragte Mr. Lloyd, ,ich
möchte noch mit ihr reden, bevor ich gehe.
Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und
geleitete ihn hinaus. Ohne Zweifel empfahl der Apotheker Mrs.
Reed, Jane in eine Schule zu schicken, denn als diese an einem der
folgenden Abende im Bette lag, und Bessie und Abbot sie schlafend
glaubten, sagte letztere: , Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu
froh, solch ein langweiliges, boshaftes Kind los zu werden; sie
sieht immer aus, als beobachte sie jeden Menschen und schmiede
heimliche Pläne.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Jane auch aus Miß Abbots
Mitteilungen an Bessie, daß ihr Vater ein armer Prediger gewesen,
den ihre Mutter gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet
habe. Über diesen Ungehorsam sei Großvater Reed so erzürnt gewesen, daß er seine Tochter gänzlich enterbte. Kaum ein Jahr nach
seiner Verheiratung sei Janes Vater dem Typhus erlegen. Er
hatte sich denselben zugezogen, als er die arme Bevölkerung einer
großen Fabrikstadt, in welcher diese schreckliche Krankheit ausgebrochen war, und die zu seiner Pfarre gehörte, besuchte. Einen
Monat später folgte ihm seine Gattin ins Grab.
Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte:
,Abbot, die arme Miß Jane ist auch zu bedauern.''
, Ja, ja,'' entgegnete Abbot, ,wenn sie ein liebes, gutes, hübsches Kind wäre, so könne man Mitleid mit ihr haben, weil sie so
gänzlich verlassen ist; aber solch eine scheußliche kleine Kröte kann
einem doch unmöglich Erbarmen einflößen.
,Nein, nicht viel,. stimmte Bessie ihr bei, ,auf jeden Fall
würde eine so prächtige Schönheit, wie Miß Georgina in einer
solchen Lage viel rührender sein.
,Ja, ja, ich bete Miß Georgina an! rief Abbot., Der
kleine süße Liebling!-- Mit ihren langen Locken und blauen
Augen, und den süßen, lieblichen Farben, gerade als ob sie angemalt wäre!-- Bessie, ich hätte wahrhaftig Appetit auf einen gerösteten Käse zum Abendbrot.
,Ich auch, ich auch- mit geschmorten Zwiebeln. Kommen
Sie, wir wollen hinunter gehen.'
Und sie gingen.

Viertes Kapitel.
Jane schöpfte jetzt sichere Hoffnung, bald aus Gateshead-Hall
fortzukommen, aber Tage und Wochen vergingen, ohne daß sie
irgend etwas davon vernahm. Oft betrachtete Mrs. Reed sie mit
strengen, finsteren Blicken, aber nur selten sprach sie zu ihr. Seit
Janes Erkrankung hatte ihre Tante eine schärfere Grenzlinie denn
je zwischen ihr und ihren eigenen Kindern gezogen; es war ihr eine
kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte
sie dazu verdammt, alle Mahlzeiten allein einzunehmen, und sie
mußte allein in der Kinderstube verweilen, während ihr Vetter
und die Cousinen sich stets im Wohnzimmer aufhielten.
Eliza und Georgina sprachen so wenig wie möglich mit Jane,
während John ihr die Zunge herausstreckte, sobald er sie erblickte
und einmal sogar sie zu züchtigen versuchte. Da sie sich aber augenblicklich gegen ihn wandte, und er in ihren Augen denselben Blick
wahrnahm, mit dem sie sich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte,
hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen
davon zu laufen, während er schrie, Jane habe ihm das Nasenbein
zertrümmert; allerdings hatte sie nach ihm einen Schlag geführt.
Jane hörte noch, wie er zu seiner Mutter eilte und derselben
mit stammelnden Lauten erzählte, ,wie diese abscheuliche Jane
Eyre'' einer wilden Kate gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger
Stimme unterbrach ihn seine Mutter.
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du
ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert; ich will nicht, daß du oder eine deiner Schwestern
mit ihr etwas zu tun haben.
In diesem Augenblick lehnte sich Jane über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten über ihre Worte
nachzudenken:,Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren.'
Mrs. Reed war zwar eine ziemlich starke Frau; als sie indessen
diese seltsamen und unverschämten Worte vernahm, kam sie ganz
leichtfüßig die Treppe herauf gelaufen, zog das Mädchen mit
Windeseile in die Stube, drückte sie an die Seite ihres kleinen
Bettes und verbot ihr, sich von dieser Stelle fortzurühren und
während des ganzen Tages auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
,Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?' war
Janes fast willenlos getane Frage.
,Was? zischte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so
kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, das der Furcht glich;
sie ließ Janes Arm los und blickte sie an, als wisse sie nicht recht, ob sie ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt faßte Jane erst recht Mut.
,Mein Onkel Reed ist im Himmel,' sagte sie, ,und kann alles
sehen, was Sie tun und sagen; und mein Vater und meine Mutter
auch; sie wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß
Sie nur wünschen, ich wäre tot.
Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte das Kind
heftig, ohrfeigte es aus allen Kräften und verließ es dann, ohne
eine Silbe zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie
dem Kinde eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie
ihr bewies, daß sie das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei,
das jemals unter einem Dache erzogen worden.
November, Dezember und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr waren in Gateshead in
der üblichen fröhlichen Weise gefeiert worden; Geschenke waren
nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittag- und Abendgesellschaften gegeben. Von jeder Feier und Festlichkeit war Jane natürlich ausgeschlossen; ihr Anteil an diesen bestand darin, daß sie
täglich mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgina auf das schönste
herausgeputzt, in ihren zarten Musselinkleidern und rosenroten
Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen;
und später horchte sie dann auf die Töne des Klaviers oder der
Harfe, die zu ihr heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und
die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die
Gläser klangen, während die Erfrischungen umhergereicht wurden.
Währenddessen saß Jane in der stillen einsamen Kinderstube,
wenn auch traurig, so doch nicht elend. Denn sie hegte nicht das
leiseste Verlangen nach der Gesellschaft, in der ihr niemand irgendwelche Beachtung schenkte. Ja, hätte Jane nur Bessie in etwas
freundlicherer Stimmung bei sich gehabt, so würde sie sich ganz zufrieden gefühlt haben, aber sobald das Kindermädchen ihre jungen
Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die Küche oder in das
Zimmer der Haushälterin zu begeben und gewöhnlich auch noch
die Lampe mit fortzunehmen. Dann saß Jane da mit ihrer Puppe
im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war und blickte zuweilen
ängstlich umher, um sich zu vergewissern, daß sich nichts Schlimmes
in dem düsteren Zimmer befand; wenn dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste war, entkleidete sie sich
hastig, riß und zerrte aus allen Kräften an den Bändern und
Haken ihrer Röcke und suchte in ihrem Bettchen Schutz vor der Kälte
und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm sie auch stets ihre
Puppe mit. Sie konnte nicht schlafen, wenn sie die Puppe nicht
in die Falten ihres Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn das
Spielzeug dort sicher und warm lag, fühlte sie sich glücklich,
weil sie glaubte, daß das Püppchen ebenfalls glücklich sein
müsse.
Wie lang schienen der armen Jane die Stunden, wenn sie auf
das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf den Widerhall
von Bessies Tritten auf der Treppe horchte. Zuweilen kam diese
auch in der Zwischenzeit herauf, um ihren Fingerhut und ihre
Schere zu suchen oder ihr irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht
einen Käsekuchen oder ein Milchbrot, zu bringen; dann pflegte sie
auf der Bettkante zu sitzen, während Jane aß, und wenn sie fertig
war, wickelte Bessie das Kind fest in die Decken und küßte es zweimal und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane''. Wenn Bessie so sanft
war, erschien sie der Kleinen wie das beste' und freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte sie so innig, daß Bessie
stets so fröhlich und liebenswürdig sein und sie niemals wieder
umherstoßen oder schelten oder ungerecht beschuldigen möchte, wie
sie es doch meistens tat. Bessie Lee war ein Mädchen mit guten
natürlichen Anlagen; in allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundersames Erzählungstalent. Sie
war schlank, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen, sehr hübsche
Züge und eine klare, gesunde Gesichtsfarbe; aber sie besaß ein
heftiges und launenhaftes Temperament; dem Kinde war sie lieber,
als irgendein anderes lebendes Wesen in Gateshead-Hall.
Es war am 1. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens.
Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; Janes Cousinen
waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade
ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern - eine Beschäftigung.
welche sie sehr liebte- und ebensoviel Vergnügen machte es ihr,
der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie
auf solche Weise erlangte, zusammenzusparen. Sie hatte viel Sinn
für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit;
dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern,
sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und junge Schößlinge; dieser Angestellte hatte
von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin
alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen
wünschte, abzukaufen - und Eliza würde jedes einzelne Haar von
ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften Gewinn
dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen
Winkeln und Ecken, in altes Lockenpapier oder in Lumpen gewickelt,
versteckt; aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem
Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete,
eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer
Mutter gegen unerhörte Wuchezinsen -- fünfzig oder sechzig Prozent - anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes
Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen
Notizbuche hierüber Rechnung.
Georgina saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr
Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen
und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in
einer Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Jane brachte
ihr Bett in Ordnung, denn Bessie hatte ihr den strengen Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; diese benutzte sie jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um
das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen
usw. Nachdem Jane die Bettdecke ausgebreitet und ihr Nachtkleid
zusammengefaltet hatte, ging sie an das Fensterbrett, um einige
Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georginas, ihre
Spielsachen nicht anzurühren (denn die Liliput Stühle und
-Spiegel, die Feen-Teller und -Tassen waren ihr Eigentun gebot
ihrem Tun Einhalt. In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing sie jetzt an, auf die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte, zu hauchen, und sich so eine kleine Offnung auf dem Glase zu verschaffen, durch welche sie in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.
Durch dieses Fenster war die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar und gerade als sie so viel von dem silberweißen
Laubgewinde, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um
hinausblicken zu können, sah sie, daß die Pforten geöffnet wurden
und ein Wagen durch das Tor rollte. Mit größter Gleichgültigkeit
verfolgte sie ihn; es kamen ja so oft Wagen nach Gateshead, aber
niemals brachten sie Besucher, welche auch für sie nur das geringste
Interesse hegten. Der Wagen hielt vor dem Hause, die Glocke
wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt Einlaß. Da dieser ganze
Vorgang Jane nicht kümmerte, fand ihre jetzt unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald lebhaftere Anziehungskraft in dem Anblick eines
kleinen, hungrigen Rotkehlchens, das sich piepend auf die entlaubten
Zweige eines Spalierkirschenbaumes nahe am Fenster setzte. Die
Überreste ihres Frühstücks von Brot und Milch standen auf dem
Tische, und nachdem sie eine Semmel in Krümel zerrieben hatte,
zog sie an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims
streuen zu können, als Bessie atemlos in die Kinderstube
stürzte.
,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie
da? Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?
Bevor das Kind antwortete, zog es noch einmal an der Fensterklinke, denn sie wollte dem Vogel gern sein kleines Mahl sichern;
die Klinke gab nach, sie streute die Brosamen aus, einige auf das
steinerne Gesimse, andere auf die Zweige des Kirschbaumes; dann
erst schloß sie das Fenster und entgegnete:
,Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.
,Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie da
jetzt? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgend ein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?
Darauf zerrte Bessie Jane an den Waschtisch, unterwarf ihre
Hände und ihr Gesicht einer erbarmungslosen Waschung mit Seife,
Wasser und einem groben Handtuch, ordnete ihren Kopf mit einer
scharfen Bürste, entkleidete sie der Schürze und riß sie dann schnell.
an die Treppe, wo sie ihr gebot, eilig hinunter zu gehen, da man
sie im Frühstückszimmer erwarte.
Jane hätte gern gewußt, wer sie erwartete; gern hätte sie gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davon
gelaufen und hatte die Kinderstubentür hinter sich geschlossen. Langsam stieg Jane die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte
Mrs. Reed sie nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war sie auf
die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer,
der Speisesaal und der Salon waren für sie Räume geworden, die
sie nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.
Sie stand jetzt in der leeren Halle; vor ihr war die Tür des
Frühstückszimmers. zitternd und furchtsam hielt sie inne. Zehn
Minuten stand sie so ängstlich zögernd, da ertönte heftiges Klingeln
der Glocke im Frühstückszimmer, und sie mußte eintreten.
Die Tür sprang auf, Jane trat ein, machte einen tiefen Knix,
blickte auf und sah einen schwarzen Pfeiler! Als ein solcher erschien ihr wenigstens auf den ersten Blick die lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, welche kerzengerade vor dem Kamin stand: das
ernste Gesicht, welches dieselbe krönte, sah aus wie eine geschnitzte
Maske, die als Kapitäl auf die Säule gestellt war.
Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin
inne. Sie machte Jane ein Zeichen, näher zu treten. Diese tat es
und Mrs. Reed stellte sie jetzt dem steinernen Fremden mit den
Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich
an Sie wandte.
Der Fremde wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf
welcher Jane stand, und nachdem er das Kind mit zwei neugierigen,
unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme:,Sie ist klein
von Gestalt, wie alt ist sie?
,Zehn Jahre.
,So alt? lautete die zweifelnde Antwort, und dann fuhr er
noch einige Minuten fort, Jane schweigend zu prüfen. Darauf
redete er sie an:
,Ihr Name, kleines Mädchen?
,Jane Eyre, mein Herr.
,Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?
Jane blieb schweigsam, denn die kleine Welt, die sie umgab,
war anderer Meinung. Mrs. Reed antwortete für sie, indem sie
sagte: ,Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst,
desto besser.
,Ich bedaure sehr, das zu hören,' erwiderte Mr. Brocklehurst,
indem er sich in einen, Mrs. Reed gegenüberstehenden, Lehnstuhl
sette. ,Kommen Sie hierher,'' fuhr er fort.
Jane ging über den Kaminteppich; er stellte sie gerade und
aufrecht vor sich. Welch ein Gesicht hatte er, welch eine ungeheure Nase! und welch ein Mund! welche großen, hervorstehenden
Zähne!
,Es gibt keinen schrecklicheren Anblick, als den eines unartigen
Kindes, begann er, ,besonders eines unartigen kleinen Mädchens!
Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben
sind?
,Sie kommen in die Hölle, lautete Janes schnelle Antwort.
,Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls
sagen?
,Eine Grube voll Feuer.
,Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort
für ewig brennen?
,Nein, Sir.
,Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?
Einen Augenblick überlegte sie ihre Antwort; dann erwiderte
sie:,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
,Aber täglich sterben doch Kinder, die jünger sind, als Sie. Erst
vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf
Jahren begraben - ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel
ist. Es steht zu befürchten, daß man dasselbe nicht von
Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen
würden.''
Jane schwieg und schlug die Augen nieder; dann ließ sie sie auf
den beiden ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Sie seufzte tief auf.
,Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens
kommt und daß Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohltäterin gewesen zu sein.'
,Wohltäterin! Wohltäterin!'' wiederholte Jane innerlich.
,Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin; wenn sie das
war, so ist eine Wohltäterin eine sehr unangenehme Sache.
,Sprechen Sie abends und morgens Ihr Gebet? fuhr der
Examinator fort.
,Ja. Sir.
,Lesen Sie Ihre Bibel?
,Zuweilen.
,Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?
,Ich liebe die Offenbarung, und das Buch Daniel und Genesis und Samuel, und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik, und Hiob und Ruth.
,Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch??
,Nein, Sir.
,Nein? o, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, vie!
jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn
Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuß zum Essen, oder
einen Vers aus den Psalmen zum Lernen haben möchte, so sagt er:
,O, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja Psalmen,
ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein,,
und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit
zwei Pfeffernüsse.
,Psalmen sind nicht interessant,'' bemerkte Jane.
,Das beweist, daß Sie ein bösartiges Herz haben und Sie
müssen Gott bitten, daß er Ihnen ein besseres gibt, ein neues, ein
reines; daß er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein
Herz von Fleisch gibt.
Jane war gerade im Begriff, eine Frage in Bezug darauf zu
tun, als Mrs. Reed sie unterbrach, indem sie ihr gebot,
sich zu setzen, dann fuhr sie fort, selbst die Unterhaltung zu
führen.
,Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen
ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe,
daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie
in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen
dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen
wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen,
ihrem schlimmsten Fehler, einen Hang zur Lüge und Verstellung.
entgegen zu arbeiten. Ich erwähne dieser Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst
täuschen zu wollen.
Wohl erkannte Jane an diesen Worten wiederum den ungerechten Haß ihrer Tante gegen sich, die sich schon jetzt bemühte, auch
auf ihrer Nichte künftigen Lebenspfad Abneigung und Unfreundlichkeit zu säen und sie deshalb in Mr. Brocklehursts Augen in ein
verschlagenes und eigensinniges Kind verwandelte.
Aber was konnte sie gegen dieses neue Unrecht tun? Nur
mühsam kämpfte sie mit ihren Tränen.
,Verstellung ist in der Tat ein trauriger Charakterfehler bei
einem Kinde, sagte Mr. Brocklehurst, ,ein Fehler, welcher mit
der Falschheit und Lügenhaftigkeit nahe verwandt ist, und alle
Lügner werden ihren Anteil haben an dem See, in welchem Pech
und Schwefel brennen; Jane soll indessen sorgsam bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und
Lehrerinnen sprechen.
,Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit
ihren Lebensaussichten übereinstimmt,' fuhr Mrs. Reed fort,
,sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben. Die Ferien soll
sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood bleiben.
,Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus vernünftig,'
entgegnete Mr. Brocklehurst. ,Die Demut ist ein Schmuck der
Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von
Lowood passend ist; ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege
eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium
darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des
Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist.
Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe
meiner Erfolge. Meine zweite Tochter, Auguste, ging mit ihrer
Mama, um die Schule zu besuchen und bei ihrer Rückkehr rief sie
aus: , mein teurer Papa, wie ruhig und einfach all die Mädchen
in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die
Ohren gestrichen ist und ihren langen Schürzen und den kleinen
Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen-- sie sehen beinahe
aus, wie die Kinder armer Leute! und,' fuhr sie fort, ,sie starrten
Mamas und mein Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch
kein seidenes Kleid gesehen hätten'.
, Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,’ erwiderte Mrs. Reed, ‘wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich keine Erziehungsweise gefunden
haben, die für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt haben würde.
,Festigkeit, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten,
und sie wird in Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten-- das ist die Tagesordnung für
das Haus und seine Bewohner.
,Ganz in der Ordnung, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen
und dort ihrer Stellung und ihren Lebensaussichten angemessen
erzogen wird?
,Ja, Madame, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte
auserlesener Pflanzen versetzt werden- und ich hoffe, daß sie sich
dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privilegium, welches ihr
dadurch zuteil wird.
,Ich werde sie also so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so
schnell wie irgend tunlich von einer Verantwortlichkeit befreit zu
werden, welche mir schon zu lästig geworden ist.
,Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel und jetzt will ich
Ihnen guten Morgen wünschen. In ungefähr zwei bis drei
Wochen werde ich nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein guter
Freund, der Erzbischof, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu
verlassen. Übrigens werde ich Miß Temple ankündigen, daß sie
ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine
Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl.
,Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst; machen Sie Mrs. und
Miß Brocklehurst ünd Augusta und Theodora und Ihren Sohn
Broughton Brocklehurst meine Empfehlungen.
,Das werde ich tun, Madame. Mein kleines Mädchen,
wandte er sich jetzt an Jane,,hier ist ein Buch mit dem Titel: ,Des
Kindes Führer'; lesen Sie es mit Gebeten, besonders jenen Teil,
welcher von dem fürchterlichen, plötzlichen Tode Marta G.s
handelt, eines unartigen Kindes, welches der Falschheit und Lüge
ergeben war.
Mii diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Heftchen, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war, in Janes Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte sich. Mrs. Reed und Jane blieben allein; mehrere Minuten verharrten sie im Schweigen; sie nähte, Jane beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, unter ihren farblosen Augenbraunen blizte ein Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Körperbeschaffenheit war fest und gesund-- eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter
ihrer Kontrolle; nur ihre Kinder trotten zuweilen ihrer Autorität
und verlachten sie höhnisch.
Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß Jane auf
einem niedrigen Schemel und ließ ihre Blicke prüfend auf ihrer
Tante Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt sie das Heftchen.
welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte; ihre Aufmerksamkeit war ganz besonders auf diese Erzählung gelenkt, weil
sie eine passende Warnung für sie enthalten sollte. Ihre Seele
war wund und schmerzhaft von dem, was soeben Mrs. Reed in
bezug auf sie mit Mr. Brocklehurst gesprochen hatte, und das
leidenschaftlichste Rachegefühl regte sich in ihr.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge bohrte sich
in das des Kindes.
,Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!'
sagte sie heftig. Jane stand auf, ging an die Tür, kam wieder zurück und trat dicht an Mrs. Reeds Lehnstuhl. Sie faßte ihren ganzen Mut zusammen und schleuderte ihrer Tante folgende,
leidenschaftliche Worte ins Gesicht:
,Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich
sogen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich nicht liebe.
ich hasse dich mehr als irgend jemand auf der ganzen Welt, John
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, denn sie
ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.
Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit; ihr
eisiges Auge bohrte sich erstarrend in das Janes.
, Hast du sonst noch etwas zu sagen ? fragte sie kalt.
Ihre kalte Stimme wühlte all' den Haß, der in dem Kinde
lebte, auf. Vom Kopfe bis zu den Füßen bebend, von einer Erregung geschüttelt, deren sie nicht mehr Herr werden konnte, fuhr
sie fort:
,Ich bin glücklich, daß Sie nicht meine Blutsverwandte sind.
Niemals, so lange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen.
Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um
Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich
Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und daß Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben.
,Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?
, Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann?
Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, daß ich kein Gefühl habe.
daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann
ich nicht leben - und Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen.
Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das
rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen- bis zu
meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich die
Todesangst mich verzehrte, obgleich ich vor Jammer und Entsetzen
fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte: ,Hab Erbarmen,
Tante Reed! Hab Erbarmen!' Und diese Strafe ließen Sie mich
erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug - mich
ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte -
gerade so, wie ich sie jetzt erzähle - werde ich jedem erzählen, der
mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber
Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und
falsch!
Ehe Jane noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann ein
seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit sich ihrer Seele zu bemächtigen. So hatte sie noch niemals empfunden. Es war, als wenn
unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären, und sie sich
endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und
dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über sie, denn-- Mrs.
Reed schien erschrocken und furchtsam; die Arbeit war von
ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin
und her, ihr Gesicht verzerrte sich, als wolle sie anfangen zu
weinen.
,Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen
Schluck Wasser trinken?
, Nein, Mrs. Reed.
,Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir
glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu
sein.
, Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter habe.
Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind.
und was Sie getan haben! Das schwöre ich Ihnen.
,Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von
ihren Fehlern geheilt werden.'
,Falschheit ist aber nicht mein Fehler!'' schrie Jane mit lauter,
wilder, gellender Stimme.
,Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das mußt du
zugeben. Und jetzt geh wieder in die Kinderstube- so-- das ist
ein gutes, liebes Kind! Geh und ruh dich ein wenig aus.
,Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht
ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs.
Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.
,Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,. murmelte Mrs. Reed. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.
Jane blieb nun allein, sie behauptete das Schlachtfeld. Es
war der erbittertste Kampf, den sie jemals gekämpft, und der erste
Sieg, den sie je errungen. Einige Augenblicke stand sie vor dem
Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und
genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte sie still vor sich
hin und fühlte sich gehoben. Aber diese trotzige Freude schwand
bald dahin, denn ein Kind kann nicht mit älteren Leuten so
streiten, wie Jane es getan, ohne daß es nachher die Qualen der
Gewissensbisse empfindet. Einem Streifen brennenden Heidelandes glich ihr Gemüt, als sie Mrs. Reed anklagte und bedrohte;
und demselben Heideland, schwarz und versengt, nachdem die
Flammen erloschen, glich es, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde den Wahnsinn ihres Vorgehens ihr
vor Augen geführt hatte.
Zum erstenmal hatte sie die Süßigkeit der Rache gekostet; aromatischer Wein dünkte sie ihr, der während des Trinkens süß und
feurig ist; sein Nachgeschmack aber ist herbe und metallisch
-- so hatte sie das Gefühl, als ob sie vergiftet sei. Gern wäre sie
gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber sie wußte
schon aus Erfahrung, daß Mrs. Reed sie dann nur mit doppelter
Verachtung zurückstoßen würde.
Gern hätte Jane jetzt Nahrung für ein sanfteres Gefühl gefunden, als das der finsteren Empörung. Sie nahm ein Buches waren arabische Erzählungen; sie setzte sich, um zu lesen, doch sie
konnte den Sinn des Ganzen nicht verstehen; eigene Gedanken
schwebten fortwährend zwischen den Zeilen. Sie öffnete die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte; die
jungen Anpflanzungen lagen so still da; der düstere Frost, weder
durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Sie bedeckte ihren Kopf und ihre Arme mit dem Rock
ihres Kleides und ging hinaus, um in einem abgeschiedenen Teil
des Parks zu spazieren aber sie fand keine Freude an den stillen,
bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den
braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammengefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Sie lehnte sich
gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher
keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt und welk
und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag; ein matter
Himmel, der voll. Schneewolken hing, wölbte sich über der Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den
hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben,
ohne zu schmelzen.
Da stand sie, ein unglückliches Kind, und flüsterte immer
wieder:,Was soll ich tun? -- Was soll ich tun?
Plötzlich hörte sie eine helle Stimme rufen:,Miß Jane! Wo
sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!
Sie wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber sie rührte sich
nicht von der Stelle; bald ertönte denn auch Bessies leichter Schritt
auf dem Gartenwege.
, Sie' unartiges, kleines Ding!'' sagte sie.,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Da schlang Jane beide Arme um Bessies Hals und sagte
schmeichelnd:,Komm, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgendeine, die sich Jane bis jetzt Bessie gegenüber erlaubt hatte; sie
mußte auch dem Mädchen gefallen.
,Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, sagte sie,
indem sie zu ihr herabblickte, ,ein kleines, ruheloses einsames Ding; also vermutlich wird man Sie jetzt in die Schule
schicken?
Jane nickte.
,Und wird es Ihnen nicht schwer, Ihre arme Bessie zu verlassen?
,Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer
nur,'' erwiderte Jane.
,Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines
Ding sind. Sie sollten dreister sein.
,Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?
, Unsinn! Aber es ist wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie,
daß sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen
möchte.-- Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen
etwas angenehmes zu erzählenl'
,Ach nein, Bessie, das hast du nicht.
, Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen
Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen
Damen und Master John fahren heute nachmittag zum Tee aus,
und Sie sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten,
daß sie Ihnen einen kleinen Kuchen bäckt, und später sollen Sie
mir helfen, Ihre Schränke und Schiebladen durchzusehen; denn
ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau
hat beschlossen, daß Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.
,Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten,
so lange ich noch hier bin.
, Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie
auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten.
Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bißchen
scharf spreche, das ist so ärgerlich!?
, Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir
fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und
gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu
fürchten habe.
,Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie
niemals lieb haben.
,Wie du es tust, Bessie?
,O, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von
Ihnen, als von all den anderen!''
,Aber du zeigst es mir nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz
anders. Was macht Sie denn so mutig, so waghalsig?
,Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem'
Jane war im Begriff, etwas von dem zu sagen, was zwischen
Mrs. Reed und ihr vorgefallen war, aber bald fühlte sie, daß es
doch besser sei, über diesen Punkt Schweigen zu bewahren.
,Sie sind also froh, mich zu verlassen?
,O gewiß nicht, Bessie; in der Tat, in diesem Augenblick tut
es mir beinahe leid.
,In diesem Augenblick! und ,beinahe!' Wie ruhig die kleine
Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem
Augenblick um einen Kuß bäte, so würden Sie ihn mir nicht geben.
Sie würden dann sagen, beinahe lieber nicht.
, Ich will dich küssen, und gern küssen; komm, biege deinen
Kopf zu mir herunter. Bessie neigte sich, sie umarmten sich, und
Jane folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmitiag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie ihr
einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang ihr ihre süßesten
Lieder vor. Sogar auf Janes Leben fiel dann und wann ein
Sonnenstrahl.

Fünftes Kapitel.
Der erste Tag im neuen Heim.
Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in Janes kleine Kammer brachte und
sie bereits außer Beti und halb angekleidet fand. Sie war schon
eine halbe Stunde vor Bessies Eintritt aufgestanden, hatte ihr
Gesicht gewaschen und sich beim Scheine des gerade untergehenden
Mondes, der seine Strahlen durch das schmale Fensterchen neben
ihrem Bette warf, angekleidet. An diesem Tage sollte sie Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an
dem Parktor des Herrenhauses vorüberfuhr. Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube
ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete jetzt das Frühstück
an demselben. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie
von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und Jane konnte
es auch nicht. Umsonst bat Bessie sie, nur einige Löffel voll von
dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für sie bereitet hatte;
sie weigerte sich hartnäckig; dann wickelte Bessie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und schob es in Janes Reisetasche. Darauf bekleidete sie das Kind mit Hut und Pelz, hüllte
sich in ein dickes Tuch und verließ mit Jane die Kinderstube. Als
sie an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte Bessie:
,Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?
, Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche
hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich
weder sie noch meine Cousinen heute morgen zu stören brauche,
und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine
beste Freundin gewesen, und dankbar von ihr zu sprechen und an
sie zu denken.
, Was antworteten Sie darauf, Fräulein?
,Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte
mich von ihr ab.
,Das war nicht recht, Miß Jane.
,Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine
Freundin gewesen, sie war meine erbittertste Feindin.
,O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!'
, Lebewohl Gateshead! rief Jane, als sie durch die Halle gingen und durch die große Haustür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel.
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen
durch plötzlichen Tau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und
rauh war dieser Wintermorgen, Janes Zähne schlugen vor Kälte
zusammen, als sie den Fahrweg hinuntereilten. Aus der Loge des
Portiers glänzte ein Licht. Als sie näher kamen, sahen sie, daß
die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Janes Koffer, welcher
schon am Abend vorher hinuntergetragen war, stand mit Stricken
geschnürt vor der Tür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an
sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder das Nahen der Postkutsche.
Jane ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daher kamen.
,Fährt sie allein?' fragte die Portiersfrau.
,Ja.
,Und wie weit ist es von hier?
,Fünfzig Meilen.
, Welch weiter Weg! Mich wundert es nur, daß Mrs. Reed
es wagt, sie die lange Strecke allein fahren zu lassen.
Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und
dem von Reisenden besetzten Dach vor der Tür; der Kutscher und
der Kondukteur trieben laut zur Eile an; Janes Koffer wurde hinauf gehißt; man zog sie von Bessie fort, deren Nacken sie umklammert hielt und die sie mit Küssen bedeckte.
, Daß Ihr nur gut acht auf das Kind gebt!' rief sie dem
Kondukteur zu, der Jane in das Innere des Wagens hob.
,Ja! Ja! Ja !' war seine Antwort. Die Tür wurde wieder
zugeschlagen, eine Stimme rief,Fertig', und vorwärts ging es.
So trennte sich Jane von Bessie und Gateshead-- so rollte sie
davon, einer unbekannten Zukunft entgegen.
Der Tag erschien dem Kinde von einer unnatürlichen Länge,
und es dünkte sie, als ob die Landstraße, auf welcher sie dahinfuhr, hunderte von Meilen lang sei. Sie kamen durch verschiedene
Städte, und in einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche
an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere stiegen
aus, um zu Mittag zu essen. Jane wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Aondukteur sie aufforderte, sich zum Speisen hinzusetzen; da sie jedoch keinen Appetit hatte, ließ er sie in einem großen
Zimmmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand;
ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand
war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene
musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemach ging sie lange
auf und ab; ihr war gar seltsam zumute und sie hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um sie zu rauben und
fortzuführen; denn sie glaubte an Kinderdiebe, ihre Taten hatten
in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle
gespielt. Endlich kam der Kondukteur zurück, noch einmal wurde
sie in die Kutsche gepackt; ihr Beschützer stieg auf seinen eigenen
Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselte der Postwagen
über die steinigen Straßen von L.
Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann Jane zu fühlen, daß sie in der Tat
schon weit von Gateshead entfernt sein mußte; Städte wurden
nicht mehr passiert; die Landschaft veränderte sich; große, graue
Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und
dunkler wurde, fuhr der Wagen in ein düsteres, dicht bewaldetes
Tal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte
und jede Aussicht unmöglich machte, hörte Jane den wilden Sturm
durch die Bäume rauschen.
Dieses Rauschen lullte sie ein, endlich schlief sie fest. Doch
hatte sie noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung sie weckte. Der Schlag der Postkutsche war
geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war,
stand daneben. Beim Schein der Laterne sah man ihr Gesicht und
ihre Kleidung.
,Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?
fragte sie. Jane antwortete ,ja'', und wurde dann herausgehoben; man setzte ihren Koffer ab, und augenblicklich fuhr der
Postwagen weiter.
Jane war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom
Lärm und der Bewegung der Kutsche; nachdem sie sich einigermaßen erholt hatte, blickte sie umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft; trotzdem unterschied sie eine Mauer vor sich
und eine geöffnete Tür in derselben. Durch diese Tür schritt sie
mit ihrer neuen Führerin; letztere verschloß die Tür, mit
vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein.
Die beiden gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf
und wurden durch eine Tür in das Haus eingelassen, dann führte
die Dienerin das Kind durch einen Korridor in ein Zimmer, wo
ein helles Kaminfeuer brannte. Nun blieb Jane allein.
Sie stand und wärmte ihre erstarrten Finger an der Glut,
dann blickte sie umher. Es brannte kein, Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte sie tapezierte Wände,
einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagonimöbel unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und
prächtig wie der Salon in Gateshead-Hall, aber dennoch hübsch
und gemütlich. Sie war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Tür
geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der
Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen
Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum
Teil durch einen Schal verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.
,Das Kind scheint doch zu jung, um diese Reise allein zu
machen,'' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte.
Mehrere Minuten betrachtete sie Jane aufmerksam, dann fügte sie
hinzu:
,Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht so
müde aus. Bist du müde? fragte sie und legte ihre Hand auf
Janes Schulter.
,Ein wenig, Madame.'
,Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miß
Miller, daß sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt.
Ist es das erstemal, daß du deine Eltern verlassen hast, mein
kleines Mädchen, um hier in die Anstalt zu kommen??
Jane erklärte ihr, daß sie keine Eltern habe. Sie fragte sie,
wie lange diese schon tot seien; dann wie alt sie sei, wie sie heiße, ob sie lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen. Endlich
berührte sie ihre Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte,,sie
hoffe, daß sie ein gutes Kind sein würde, und dann schickte sie die
Kleine mit Miß Miller fort.
Die Dame, die Jane soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit ihr ging, konnte um
einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre
Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf
die Waise. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, doch
trugen ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen; sie war
hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine
Menge der verschiedensten Dinge zu schaffen hat; in der Tat, man
sah auf den ersten Blick, sie war eine Unterlehrerin. Von ihr geführt, ging Jane von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor
durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude. Endlich hörte die vollständige und trübselige Stille des von ihnen durchschrittenen Teiles des Hauses auf, und bald schlug ein Gewirr von Stimmen an das
Ohr. Sie traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an
jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen und rund um dieselben saßen auf Bänken eine
Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zu zwanzig
Jahren. In dem trüben Schein der Talgkerzen schien ihre Anzahl
Legion, obgleich ihrer in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren.
Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern
nach ganz altmodischem Schnitt und lange, baumwollene Schürzen.
Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten, und das Gesumme von Stimmen, welches zuerst
vernehmbar war, entstand aus dem vereinigten Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen.
Miß Miller machte Jane ein Zeichen, sich auf eine Bank nahe
der Tür zu setzen; dann ging sie an das obere Ende des großen
Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:
,Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt
sie an ihren Platz
Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie
fort. Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort:
,Aufseherinnen, holt sie Bretter mit dem Abendessen!?
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich
zurück. Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von
irgendwelchem Essen, und in der Mitte eines jeden solchen Brettes
stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden
umher gereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe
an Jane kam, trank sie, denn sie war durstig; das Abendbrot selbst
ließ sie unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es ihr unmöglich zu essen, indessen sah sie, daß es ein dünner Kuchen von
Hafermehl war, der in Stücke geschnitten worden.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach
oben. jetzt hatte die Müdigkeit Jane vollständig überwältigt, sie
bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer
eigentlich war; sie sah nur, daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht mußte sie das Bett mit Miß Miller teilen;
diese half ihr beim Entkleiden. Als sie sich niederlegte, blickte sie
auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei
Teilhabern sich füllte; nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten; Jane
schlief ein.
Die Nacht verstrich schnell. Jane war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte sie und
vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume
brauste. Der Regen fiel in Strömen. jetzt gewahrte sie auch, daß
Miß Miller ihren Platz an ihrer Seite eingenommen hatte. Als sie
die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an ihr
Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich
an; der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter
brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch Jane sich; es war
bitter kalt, und sie kleidete sich an, so gut wie sie es vor Kälte bebend
vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch sie sich.
Allerdings mußte sie lange auf diese glückliche Fügung warten, denn
auf den Waschtischen, welche durch die Mitie des Zimmers entlang
standen, befand sich nur immer eine Schüssel fr je sechs Mädchen.
Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend zwei
und zwei in die Kolonne, und in dieser Ordnung gingen sie die
Treppe hinunter. Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor; dann rief sie
laut:
,Bildet bie Klassen!
Hierauf folgte ein großer Tumult, der einige Minuten anhielt.
Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen: ,Ruhe!'' und
, Ordnung !' Als diese endlich eingetreten, sah Jane, daß alle sich
in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor
vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen, und ein
großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem
leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während
welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von Zahlen.
Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen.
Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei
Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und
nahm ihren platz ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl,
welcher der Tür am nächsten stand, und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten; dieser letzten Klasse wurde auch Jane
zugewiesen und zwar als letzte in derselben.
jetzt begann die Arbeit. Die Aufgaben des Tages wurden
wiederholt, dann wurden mehrere Texte aus der heiligen Schrift
hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel,
welches eine ganze Stunde dauerte. Als man mit dieser Übung
zu Ende gelangt, war der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen
sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das
Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war Jane bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte
sie beinahe schon krank gemacht, denn Tags zuvor hatte sie fast gar
keine Nahrung zu sich genommen.
Das Speisezimmer war ein großes, niedriges, düsteres
Gemach. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen
Näpfen, das indessen zu Janes größter Enttäuschung einen Geruch
ausströmte, der nichts weniger als einladend war. Als der Dampf
dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane der Kinder drang, bemerkte
Jane eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit. Aus dem
Nachtrab des Zuges, den die großen Mädchen der ersten Klasse
bildeten, hörte man die geflüsterten Worte:
,Ekelhaftl Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!
,Ruhe!'' gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß.
Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen
dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch
und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an
einem der Tische Plat, während eine behäbigere Dame an den
anderen präsidierte. Umsonst hielt Jane Umschau nach der Gestalt,
welche sie am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miß
Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an
welchem Jane saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche
Dame- die französische Lehrerin - nahm denselben platz am
nächsten Tische ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine
Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die
Lehrerinnen herein, und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.
Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang Jane
mehrere Löffel voll von ihrer Portion, ohne an den Geschmack zu
denken; als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte
sie, daß ein übelriechendes Gemisch vor ihr stand. Angebrannter
Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln;
selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel wurden ganz
langsam in Bewegung gesetzt, Jane sah, wie jedes Mädchen die ihr
vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte, sie hinunterzuschlucken,
aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben.
Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Die
Mädchen sprachen das Dankgebet für etwas, was sie gar nicht bekommen hatten, und nachdem eine zweite Hynne abgesungen worden, leerte der Speisesaal' sich und alle begaben sich in das Schulzimmer. Jane war eine der letzten, die hinausging, und als sie die
Tische passierte, sah.ie, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit
Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten; sie blickte die
anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und
eine der Damen, die behäbige, flüsterte:
,Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!
Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt,
frei und laut zu sprechen; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, auf das alle ungeniert schalten. Die armen Dinger! Es war der einzige Trost, den sie hatten!
Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer. Einige
der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen s
mit ernsten, trotzigen Gebärden. Jane hörte von einigen Lippen den
Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte mißbilligend den
Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen; ohne Zweifel teilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miß
Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte,
die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:
,Ruhe! Auf die Plätze!
Die Schulzucht trug den Sieg davon. Nach fünf Minuten war,
Ordnung in die wirre Menge gekommen, und verhältnismäßige
Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel. Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein, und doch
schienen alle noch auf irgend etwas zu warten. Auf den Bänken,
swelche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen, saßen achtzig
Mädchen bewegungslos und kerzengerade; eine seltsame Versammlung. Allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht
eine Locke war sichtbar; in ihren braunen Kleidern, die bis an den
Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen
mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe hungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländers, die an der Vorderseite des
Kleides befestigt waren und den Zweck hatten, als Arbeitstasche zu
dienen -- dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten
Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt waren- ja, in der
Tat, eine seltsame Versammlung!- Ungefähr zwanzig der auf
biese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich
schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie
schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.
Jane betrachtete sie noch, und dann und wann auch die
Lehrerinnen, - da plötzlich, als ihre Blicke noch von einem Gesicht
zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und
wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in
die Höhe geschnellt.
Was war denn geschehen? Jane hatte keinen Befehl vernommen, sie war ganz bestürzt. Bevor sie sich noch gesammelt und
orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber
alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch Janes Blicke
jener Richtung und fielen auf die Dame, welche sie am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am
unteren Ende des Zimmers, an jedem Ende desselben befand sich
nämlich ein Kaminfeuer. Ernst und ruhig musterte sie die beiden
Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sich ihr und schien eine
Frage zu tun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren
Platz zurück und sagte laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie
den Globus.
Während diese Weisung befolgt wurde, ging die Dame, welche
befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Jetzt im hellen
Tageslicht sah sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen
mit wohlwollendem, klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern,
welche sie umgaben, hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Sie trug ihr schönes, dunkelbraunes Haar in
kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre
Kleidung bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von
spanischem Besatz aus schwarzem Samt. Eine goldene Uhr hing
an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß die
junge Leserin sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine
bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt, und dann hat sie so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Außeren der Miß Temple,
Maria Temple, wie Jane später einmal in einem Gebetbuche las, welches ihr anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.
Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood nahm ihren Sitz vor
einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, rief die exste
Klasse auf, sich um sie zu sammeln, und begann dann, eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben. Die niederen Klassen wurden
von den Lehrerinnen aufgerufen: Repetitionen in der Weltgeschichte, Grammatik usw. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte
Arithmetik und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen der
größeren Mädchen Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde
wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten,'
sagte sie.
Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden
einzutreten pflegt, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sieh sofort beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
,Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht
essen konntet, ihr müßt hungrig sein; ich habe befohlen, daß für euch
alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.
Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.
,Es soll auf meine Verantwortung geschehen,'' fügte sie hinzu,
gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen; gleich
darauf verließ sie das Zimmer.
Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt,
zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen
Schule. Und nun erging der Befehl: ,In den Garten! Jede
Schülerin setzte einen groben, häßlichen Strohhut mit Bändern von
buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um.
Jane wurde in gleicher Weise ausgerüstet, und dem Strome folgend, machte sie ihren Weg in die frische Luft hinaus.
Der Garten war ein weiter Plan, der mit so hohen Mauern
umgeben war, daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich
machte; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang, und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum, der in
unzählige, kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den
Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes
Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch,
wenn sie mit Blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen
Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der
winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte Jane, als sie so dastand und umherblickte. Der Tag war
der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es war kein
ordentlicher Regen, der alles durchnäßte, sondern ein dicker, gelber,
herabrieselnder Nebel. Der Boden unter ihren Füßen war durch
den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren der
Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen:
aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher, magerer
Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schus
und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, als der dichte Nebel
ihnen fast bis auf die. Haut drang, ein hohler, Böses verkündender
Husten.
Bis jetzt hatte Jane noch mit niemand gesprochen und niemand
schien ihr sonderliche Beachtung zu schenken, ganz einsam stand sie
da; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war sie ja gewöhnt,
es bedrückte sie nicht mehr als sonst. Sie lehnte sich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog ihren grauen Mantel fest um sich zusammen und indem sie versuchte, die Kälte, die sie von außen schmerzte,
und den unbefriedigten Hunger, der von innen an ihr nagte, zu
vergessen, gab sie sich ganz der Beschäftigung hin, zu beobachten
und nachzudenken. Sie wußte noch kaum, wo sie sich eigentlich befand. Gateshead und ihr bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und
unbestimmt und von der Zukunft wagte sie nicht, sich irgendein
Bild zu machen. Sie blickte in demr klösterlichen Garten umher,
dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine
Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war.
Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches
Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Tür trug die
Inschrift
,Institut von Lowood. Dieser Teil des Hauses wurde wieder
erbaut un. äon.... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-
Hall in dieser Grafschaft.
, Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Ev. Matthäi 16.
Wieder und wieder las Jane diese Worte. Sie fühlte, daß sie
noch eine Erklärung haben mußten, und war außerstande, ihren
ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte sie über die Bedeutung
des Wortes ,Institut'' nach und bemühte sich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als
ein hohler Husten hinter ihr sie veranlaßte, den Kopf zu
wenden.
Sie sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen; diese
war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln
schien. Von der Stelle aus, wo Jane stand, konnte sie den Titel
lesen: es war ,Ntasselas-, ein Name, der sie seltsam dünkte und sie
infolgedessen fesselte. Als die Leferin ein Blatt umwandte, blickte
sie zufällig auf, und sogleich sagte Jane:
,Ist dein Buch interessant? Sie hatte bereits den Entschluß
gefaßt, sie eines Tages zu bitten, daß sie es ihr leihen möge.
,Mir gefällt es,! sagte diese nach einer Pause von einigen
Sekunden, während welcher sie Jane angeblickt.
,Wovon handelt es denn? fuhr Jane fort.
,Du darfst es dir ansehen,' sagte das Mädchen und gab ihr
das Buch.
Das iat Jane. Eine kurze Besichtigung überzeugte sie, daß der
Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel.,Rasselas schien
ihrem ungebildeten Geschmack höchst langweilig; sie fand nichts von
Feen, von Genien; die enggedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechslung zu bieten. Sie gab ihr das Buch zurück. Sie
nahm es ruhig, und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im
Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben,
als Jane noch einmal wagte, sie zu stören:
, Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein
über der Tür bedeutet? Was ist ,nstitut von Lowood'?
,Es ist das Haus, in welchem du hier lebst. ?
, Und weshalb nennen sie es Institut? Ist es denn in irgendeiner Weise von anderen Schulen verschieden?
,Es ist zum Teil eine Mildtätigkeitsschule. Du und ich und
alle übrigen sind Mildtätigkeitszöglinge. Ich vermute, daß du eine
Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?
, Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung
mehr an sie.
, Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter
oder beide Eltern verloren, und man nennt dies ein Institut für
die Erziehung von Waisen.
,Vezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?
, Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich.
,Weshalb nennt man uns denn Mildtätigkeitskinder??
, Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und
Schule, und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht.
, Wer subskribiert denn?
, Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser
Gegend und in London.
,Wer war Naomi Brocklehurst??
,Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat,
wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und
anordnet.
, Weshalb tut er das?
,Weil er der Schazzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist.
,Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken
Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und Käse
bekommen sollten?
,Miß Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist
Mr. Brocklehurst für alles, was sie tut, verantwortlich. Mr.
Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.
,Wohnt er hier?
, Nein, zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen
Herrenhause.
,Ist er ein guter Mann?
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr vie!
Gutes tut.
PSagtest du, daß die schlanke Dame Miß Temple heißt?
.Va.
, Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?
,Die eine nnit den roten Wangen heißt Miß Smith, sie muß
auf die Handarbeiten achten und schneidet zu, denn wir nähen
unsere eigene Wäsche, unsere Kleider und unsere Mäntel - kurzum
alles; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd, sie
lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der
zweiten Klasse; die dritte, die ein Tuch trägt und das Taschentuch
mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame
Pierrot, sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch.
, Liebst du die Lehrerinnen?'
,O ja, so ziemlich.
,Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame?
Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie dr.
,Miß Scatcherd ist heftig; du mußt dich hüten, sie ärgerlich
zu machen. Madame Pierrot ist gerade keine böse Person.
,Aber Miß Temple ist die beste, nicht wahr?
,Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den
anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.
,Bist du schon lange hier?
,Zwei Jahre.
,Bist du eine Waise?
,Meine Mutter ist tot.
,Fühlst du dich hier glücklich?
,Du tust eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir
genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.
In diesem Augenblick erklang die Glocke, die zum Mittagessen rief. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher
jetzt den Speisesaal füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher die Nasen beim Frühstück erfüllt hatte. Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert, aus
denen ein scharfer Dampf aufstieg, der stark an ranziges Fett erinnerte. Das Gemengsel bestand aus Kartoffeln und seltsamen
Feten rötlichen Fleisches, die untereinander gerührt und zusammen
gekocht waren. Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin
eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Jane aß, so viel sie konnte
und fragte sich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage nicht
besser sein würde als diese.
Nach dem Mittagessen verfügten sich alle sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuen und dauerten bis
fünf Uhr.
Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß Jane sah, wie das Mädchen, mit dem sie, in der
Veranda gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf und Schande
aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen
Schulzimmers stehen mußte. Die Sirafe schien ihr im höchsten
Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen, das mehr
als dreizehn Jahre zu zählen schien. Sie erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen, aber zu
ihrem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie; gefaßt,
wenn auch ernst, stand sie da, aller Blicke waren auf sie gerichtet.
, Wie kann sie das so ruhig - so gefaßt tragen?' fragte sich Jane,
, Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich doch gewiß wünschen,
daß die Erde sich öffnen möchte, um mich zu verschlingen. Sie
sieht aus, als dächte sie an etwas, das über ihre Strafe hinaus
liegt. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie ist, ob gut
oder unartig.''
Bald nach fünf Uhr nachmittags gab es wieder eine Mahlzeit.
die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte
Schwarzbrot bestand. Jane verschlang ihr Brot und trank ihren
Kaffee mit wahrem Ergötzen. Aber sie wäre froh gewesen, wenn
sie doppelt so viel gehabt hätte, sie war noch hungrig. Darauf
folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Studien
von neuem. Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen
Haferkuchen, das Gebet und das Schlafengehen. Das war ihr
erster Tag in Lowood.

Sechstes Kapitel.
Helen Burns.
Der nächste Tag begann wie der vorige. Die Waisen standen
beim Lampenlicht auf und kleideten sich an; aber an diesem Morgen mußten sie vom Waschen dispensiert werden, denn das Wasser
war in den Wasserkrügen gefroren. Am Abend vorher war eine
Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind,
der die ganze Nacht durch die Ritzen in den Schlafzimmerfenstern
gepfiffen, hatte die Mädchen in ihren Betten vor Kälte beben und
den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.
Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des
Bibellesens zu Ende waren, war Jane nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem
Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Zubereitung der
Speise war nicht schlecht, aber ihre Menge ließ viel zu wünschen
übrig. Wie klein erschien Jane ihre Portion! Sie wünschte, sie
wäre doppelt so groß gewesen.
Im Laufe des Tages wurde Jane der vierten Klasse als
Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden ihr angewiesen; bis jetzt war sie nur Zuschauerin bei
den Vorgängen in Lowood gewesen, jetzt sollte sie eine der Mitspielenden werden. Da sie wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben ihr unendlich lang und schwer,
auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte
sie; sie war däher froh, als Miß Smith ihr gegen3 Uhr nachmittags
einen zwei Ellen langen Streifen weißen Musselins samt Fingerhut
und Schere gab und ihr gebot, sich in einen stillen Winkel des
Schulzimnners zu setzen, wo sie ihr Anweisungen gab, wie sie
säumen sollte. Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen'
Mädchen, nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit Lesen beschäftigt. Da tiefe Stille herrschte, konnte
man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen und
ebenso die Art und Weise, wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe
entledigte, oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab. Es war die englische Weltgeschichte.
Unter den Leserinnen bemerkte Jane ihre Bekannte von der
Veranda; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren platz als erste
der Klasse gehabt, aber wegen irgendeines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in bezug auf Interpunktion
wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt. Und
selbst noch in dieser Stellung blieb sie unausgesett ein Gegenstand
für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit; fortwährend
richtete sie Worte wie die folgenden an sie:
, Burns (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden
hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredets. ,Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die
Fußspitzen nach außen. ,Burns, weshalb steckst du das Kinn in
so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!'
,Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich
in solcher Stellung nicht vor mir sehen,'' usw., usw.
Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher
geschlossen und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen Teil
der Regierung Karls l. umfaßt, und es waren unterschiedliche
Fragen gestellt worden, welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen. Jede kleine Schwierigkeit jedoch
wurde gelöst, wenn sie zu Burns kam; ihr Gedächtnis schien die
ganze Lektion gefaßt zu haben, und sie hatte für jgden Punkt eine
Antwort bereit. Jane saß da und wartete freudig erregt, daß Miß
Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde, statt dessen rief sie
plötzlich aus:
,Du schmuziges, widerwärtiges Mädchen! Heute morgen hast
du deine Nägel wieder nicht gereinigt!''
Burns antwortete nicht, Jane wunderte sich über ihr
Schweigen.
,Weshalb,r dachte sie,,erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr
Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war??
Hier wurde Janes Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche sie aufforderte, ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein. Während sie ihn abwickelte, sprach sie von Zeit zu
Zeit mit Jane, fragte sie, ob sie schon früher eine Schule besucht
habe, ob sie zeichnen, sticken, stricken könne usw.; als sie Jane endlich entließ, konnte diese ihre Beobachtungen über Miß Scatcherds
Verhalten nicht fortsetzen. Als sie auf ihren Sitz zurückkehrte, erteilte diese Dame gerade einen Befehl, dessen Inhalt Jane nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und
trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt
wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und
trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel, das an einem Ende zusammen gebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie
Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix, dann löste sie
schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze und
augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Duzend
scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken. Nicht eine
einzige Träne trat in Burns Augen und während Jane mit ihrer
Arbeit innehielt, weil ein Gefühl ohnmächtigen, hilflosen Zorns
ihre Finger erbeben machte, veränderte sich nicht ein einziger Zug
in dem nachdenklichen, ernsten Gesichke Burns.
,Verhärtetes Mädchen!r rief Miß Scatcherd aus, ,nichts kann
dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! Trage die
Rute wieder fort.
Burns gehorchte. Jane sah ihr scharf ins Gesicht, als
sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und eine Träne
glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle, bleiche
Wange.
Die Spielstunde am Abend galt Jane als der angenehmste
Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot,
der Schluck Kaffee, den sie um fünf Uhr genossen, ihren Hunger
auch nicht gestillt, so hatte er wenigstens ihren Lebensmut neu beseelt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer
war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in demselben durften
heller brennen, weil sie in gewifsem Maße die Lichter erseyen sollten. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, das Durcheinander vieler Stimmen, rief ein wohliges Gefühl von Freiheit
hervor.
Am Abend des Tages, an dem Jane gesehen hatte, wie Miß
Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte,
ging sie wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und
Bänken und lachenden Gruppen umher, sie fühlte sich indessen nicht
einsam. Wenn sie an den Fenstern vorüberging, hob sie dann und
wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee
fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits
eine hohe Schicht; wenn sie ihr Ohr dicht an das Fenster legte,
konnte sie durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige
Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.
Wenn sie ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen
hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der sie
die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte.
Dieser draußen tobende Sturm würde ihr das Herz schwer gemacht haben, dieses düstere Chaos würde ihren Frieden gestört
haben; wie die Dinge aber lagen, rief das Getöse eine seltsame
Erregung in ihr wach. Sie wurde unruhig und fieberhaft, sie
wünschte, daß der Wind lauter heulen, die Dämmerung zur
Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.
Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend,
bahnte sie sich einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand sie auf
dem hohen Fender kniend Burns, welche bei dem matten Schein
der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte, was um sie hervorging.
, Ist es noch immer Rasselas? fragte Jrne hinter ihr
stehend.
,Ja, sagte sie, ,ich bin gerade damit zu Ende.
Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Jane
war froh darüber.
,jetzt,'! dachte sie,,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen. Sie setzte sich neben Burns auf den Fußboden.
,Welchen Namen hast du noch außer Burns?
.Helen.
,Bist du von weit hergekommen?

, Ich komme von Norden her, von der schottischen
Grenze.
,Wirst du jemals wieder nach Hause gehen?
, Ich hoffe es, aber niemand kann in die Zukunft sehen.
,Wünschest du nicht sehr, Lowood zu verlassen?
, Nein, weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin nach Lowood geschickt worden, unn eine gute Erziehung zu bekommen, und
nas würde es nüten, fortzugehen, wenn dieser Zweck nicht erreicht ist.
,Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd, ist doch so grausam
gegen dich?
,Grausam ? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie hat einen
großen Widerwillen gegen meine Fehler.
, Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen,
ich würde mich gegen sie auflehnen; wenn sie mich mit jener Rute
schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase
wkrde ich das Ding zerbrechen.?
, Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem tun, aber
wenn du es tätest, so würde Mr. Brocklehurst dich mit Schimpf
und Schande aus der Schule jagen. Und das wäre doch ein großer
Kummer für deine Angehörigen. Es ist viel besser, einen Schmerz
mit Geduld zu ertragen, den niemand fühlt, als du selbst, denn
eine unüberlegte Tat zu begehen, deren böse Folgen alle treffen.
die dir verwandt sind; und überdies gebietet die Bibel uns, Böses
mnit Gutem zu vergelten.
,Aber es ist doch entehrend, mit Ruten gepeitscht zu werden
und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen, das voller
Menschen ist, und du bist schon ein so großes Mädchen; ich bin viel
jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen.
, Und doch wäre es deine Pflicht, es zu ertragen, wenn du es
nicht vermeiden könntest. Es ist schwach und albern zu sagen, daß
du nicht ertragen kannst, was das Schicksal dir auferlegt.
Staunend hörte Jane ihr zu. Sie konnte diese Lehre der
Duldsamkeit nicht begreifen; und noch weniger konnte sie die Versöhnlichkeit, mit welcher Helen von ihrer Quälerin sprach, versiehen. Doch fühlte sie, daß Helen Burns alle Dinge in einem
Licht sah, das ihren Augen nicht sichtbar war. Sie vermutete, daß
Helen recht hatte und sie selbst unrecht.
,Du sagst, daß du Fehler hast, Helen, nenne sie mir doch.
Mir erscheinst du so gut.
, Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr unordentlich;
selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die
Vorschriften; ich lese, wenn ich meine Aufgaben machen sollte, und
zuweilen sage ich wie du, ich kann es nicht ertragen, mich bestimmten Einrichtungen zu unterwerfen. Alles dies ist sehr
ärgerlich für Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist.
,Und böse und grausam,! fügte Jane hinzu, aber Helen
Burns wollte diesen Zusay nicht gelten lassen, sie schwieg.
,Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie Miß
Scatcherd ? fragte Jane wieder.
Bei der Nennung von Miß Temples Namen flog ein sanftes
Lächeln über Helens sonst so ernstes Gesicht.
,Miß Temple ist voller Güte; es bereitet ihr Schmerz, gegen
irgend jemand strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste
Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt
mich mit Sanftmut über dieselben; wenn ich aber irgend etwas
Lobenswertes tue, so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen. Ein starker Beweis für meine unglückselig elende, fehlerhafte, schwache Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde,
so vernünftig, nicht genug Einfluß haben, um mich von meinen
Fehlern zu kurieren. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch
schäte, kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen.
,Das ist seltsam, sagte Jane, ,es ist doch so leicht, sorgsam
zu sein.'?
, Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute morgen
in deiner Klasse beobachtet und sah, wie unverwandt aufmerksam
, du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, während. Miss Miller die Lektion erklärte und dich befragte. Und die
meinen wandern fortwährend; wenn ich Miß Scatcherd zuhören
und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre
ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in
eine Art von Traum. Manchmal' glaube ich, daß ich in Northumberland bin, und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das
Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden,
ganz nahe unserem Hause, fließt; wenn dann die Reihe an mich
kommt zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich
dann von allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, da ich
dem Rauschen eines Baches zu lauschen glaubte, so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft,
, Aber du hast doch heute nachmittag so gut geantwortet.
, Das war ein reiner Zufall. Der Gegenstand, über den wir
gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Ich liebe König
Karl, ich achte ihn und ich bedauere den armen gemordeten König!
Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches
zu vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn
zn töten!'?
Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß
Jane wohl kaum imstande war, sie zu verstehen. Diese rief sie deshalb wieder auf ihren Standpunkt zurück.
, Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich
unterrichtet?
, Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple hat
inmer etwas zu sagen, das für meine eigenen Gedanken noch neu
ist. Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm, und die Belehrung, welche sie erteilt, ist meistens gerade das, was ich zu lernen
wünschte.
,Also mit Miß Temple bist du gut??
,Ja, aber ganz absichtslos. Ich mache keine besondere Anstrengung, ich folge nur, wohin meine Neigung mich führt. In
solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst.
,Ein großes Verdienst! Du bist gut mit denen, die gut mit dir
sind. Wahrhaftig, ich wünschte nur, daß ich das sein könnte. Wenn
die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber
wären, so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe; sie
würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern
immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne
Grund schlägt, so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen.
Ganz gewiß- das sollten wir tun, so kräftig, daß die Person,
welche es getan hat, sich wohl hüten würde, es jemals wieder
zu tun.'?
, Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter
wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen, das
es nicht besser gelernt hat.
, Aber das fühle ich doch klar, Helen, daß ich die hassen muß.
die fortfahren mich zu hassen, trotzdem ich alles tue, was ihnen
Freude machen kann; ich muß mich auflehnen gegen die, welche
mich ungerecht bestrafen. Es ist ebenso natürlich, wie daß ich jene
liebe, die mir Liebe zeigen, oder daß ich mich ruhig einer Strafe
unterwerfe, wenn ich fühle, daß sie verdient ist.
,Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Lehre, aber
Christen und zivilisierte Nationen erkennen sie nicht an.?
,Wie? Ich verstehe das nicht.
, Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu
besiegen, nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen
Wunden.
,Was sonst?
, Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt;
mache sein Wort zu deiner Richtschnur.
,Was sagt er?
,Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, tut wohl denen,
die euch hassen und euch beleidigen
,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht; ich
müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
Ihrerseits bat Helen Burns nun ihre kleine Gefährtin, ihre
Lebensgeschichte zu erzählen, und sofort begann Jane in ihrer
eigenen Weise, ihr die ganze Geschichte ihrer Leiden und Qualen,
die ganze ihr widerfahrene Unbill zu berichten. Wild und bitter
sprach sie ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.
Geduldig hörte Helen ihr bis zu Ende zu. Jane erwartete
dann, daß Helen irgendeine Bemerkung machen werde, aber diese
beharrte schweigend.
, Nun,' fragte Jane ungeduldig,,ist Mrs. Reed nicht ein herzloses, böses Weib?
,Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil sie,
das mußt du begreifen lernen, deinen Charakter ebenso häßlich
findet wie Miß Scatcherd den meinen. Wie genau du dich aber an
alles erinnerst, was sie dir getan, was sie dir gesagt hat! Welch
einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz
gemacht zu haben scheint! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen. Würdest
du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Empfindungen, welche diese
wachrief? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein, um es damit
hinzubringen, Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu
verzeichnen. Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern
beladen und er muß es sein; aber bald wird die Zeit kommen.
das hoffe ich zuversichtlich, wo wir sie ablegen zusammen mit
unserem vergänglichen, irdischen Leibe und nur der Geistesfunke
zurückbleibt. Er wird dorthin zurückkehren, woher er kam, vielleicht um in ein Wesen überzugehen, das höher und erhabener ist
als der Mensch, vielleicht um durch alle Zeiträume der Ewigkeit
zur Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen
Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen! Dieser Glaube ist meine
ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn er gewährt allen Hoffnung, er macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden, zur himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl mein
Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe in Frieden und denke an das Ende!''
Helens Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank noch
tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Jane sah es ihren
Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit ihr zu
reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte.
Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin.
ein großes, grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran
und rief im ausgeprägten cumberländischen Akzent:
, Helen Burns, wenn du nicht hinaufgehst und augenblicklich
Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit
sauber zusammenfaltest, so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie
bitten, sich die Sache anzusehen.'
Helen seufzte, als ihre Träumereien ein so jähes Ende
nahmen, aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne
Zögern, ohne Erwiderung.

Siebentes Kapitel.
Der schwarze Mann kommt.
Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte Jane ein Menschenalter, aber durchaus kein goldenes Zeitalter; es bedeutete für sie
einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit, sich in neue Regeln
und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten. Die Furcht, in
diesen Punkten zu unterliegen, quälte sie mehr als die körperlichen
Mühseligkeiten und Entbehrungen, trotzdem auch diese wahrlic
keine Kleinigkeiten waren.
Während der Monate Januar, Februar und März hinderten
der tiefe Schnee und, nachdem er fortgeschmolzen, die fast unpassierbaren Straßen die Mädchen daran, weiter zu gehen, als bis
an die Mauern des Gartens, nur der sonntägliche Weg in die
Kirche machte eine Ausnahme; aber doch mußten sie jeden Tag
eine Stunde in freier Luft zubringen. Ihre Bekleidung war nicht
hinreichend, um sie gegen die strenge Kälte zu schüten. Sie hatten
keine Stiefel, der Schnee drang in ihre Schuhe und schmolz darin;
ihre unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach
und nach mit Frostbeulen, ebenso ihreFüße. Sie hatten verzweifelte
Schmerzen zu erdulden, wenn ihre Füße sich entzündeten, und
wenn sie die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen
in die Schuhe zwängen mußten. Auch die Kargheit der Nahrung
brachte sie fast zur Verzweiflung; sie hatten den regen Appetit
von im Wachstum begriffener Kinder, und man gab ihnen kaum
genug, um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten.
Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch, welcher
schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich
den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot,
so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen
dahin, ihnen ihren Anteil abzutreten. Gar manchesmal teilte
Jane zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen
Schwarzbrot, den die Mädchen zur Teestunde bekamen, und nachdem sie dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte ihres
Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte sie den Rest zusammen mit
bitteren, geheimen Tränen hinunter, welche der Hunger ihr
auspreßte.
Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit. Die
Mädchen mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, wo ihr Schutherr den Gottesdienst verrichtete. Halb erfroren machten sie sich auf den Weg, noch erfrorener langten sie in
der Kirche an; während des Morgengottesdienstes lähmte sie die
Kälte beinahe. Der Weg war zu weit, um zum Mittagessen nach
Lomood zurückzukehren, daher reichte man ihnen zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Brot, welche
ebenso kärglich war, wie die bei ihren gewöhnlichen Mahlzeiten.
Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten sie
über eine hügelige, dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette schneebedeckter
Hügel von Norden her blies, riß ihnen beinahe die Haut von den
Wangen.
Miß Temple ging, fest in ihren schottischen Mantel gehüllt,
den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte, leichtfüßig und
schnell an den ermatteten Reihen entlang und ermunterte diese
durch Worte und Beispiel, Mut zu behalten und vorwärts zu
schreiten ,tapferen Soldaten gleich', wie sie zu sagen pflegte. Die
übrigen Lehrerinnen waren gewöhnlich selbst zu niedergeschlagen,
um andere zu trösten.
Wie sehnten sich die Armen nach dem Licht und der Wärme
eines hellen Feuers, wenn sie nach Hause kamen! Aber selbst dieser
Genuß blieb den Kleineren wenigstens versagt. Jeder Kamin im
Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer
Mädchen belagert und hinter diesen krochen die kleinen Kinder in
trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre
Schürzen hüllend.
Ein schwacher Trost ward den Bedauernswerten in der Teestunde in Gestalt einer doppelten Brotration, nämlich eine ganze
Scheibe anstatt einer halben, mit der köstlichen Zutat einer dünnen
Schicht von Butter; es war ein allwöchentlicher Genuß, dem sie
von Sabbat zu Sabbat sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich
gelang es Jane, die Hälfte dieses lukullischen Mahls für sich zu behalten, die andere Hälfte mußte sie unabänderlich jedesmal verschenken.
Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Kirchenkatechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums
St. Maithäi auswendig zu wiederholen, und eine lange Predigt
mit anzuhören, welche die arme Miß Miller, deren nicht zu unterdrückendes Gähnen ihre Müdigkeit verriet, den Kindern vorlas.
Gar häufig kam es vor, daß ungefähr ein halbes Dutzend kleiner
Mädchen, überwältigt von Müdigkeit, von der Bank fielen und
halbtot wieder emporgehoben wurden. Die Abhilfe hiergegen bestand darin, daß man sie in die Mitte des Schulzimmers hineinstieß, wo sie gezwungen wurden auszuharren, bis die Predigt zu
Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst und sie
sanken in einen hilflosen Klumpen zusammen; dann pflegte man sie
durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.
Noch ist der Besuche Mr. Brocklehursts nicht Erwähnung
getan worden, und in der Tat war dieser während des ersten
Monats von Janes Aufenthalt in Lowood von Hause abwesend;
vielleicht zog sein Besuch bei seinem Freunde, dem Erzbischof, sich
so sehr in die Länge.
Seine Abwesenheit war eine Erleichterung für Jane, denn
sie hatte ihre eigenen Gründe, sein Kommen zu fürchten. Aber
endlich kam er doch.
Eines Nachmittags, Jane war damals gerade vier Wochen in
Lowood gewesen, saß sie mit der Tafel in der Hand da und zerbrach sich den Kopf über ein langes Divisionsexempel, als ihre
Blicke sich ganz gedankenlos auf das Fenster richteten. In diesem
Augenblick schritt eine Gestalt an demselben vorbei, und fast wie
ein Blitz kam ihr der Gedanke an Mr. Brocklehurst in den Sinn.
Als zwei Minuten darauf die ganze Schule mit Inbegriff der
Lehrerinnen sich erhob, brauchte sie nicht aufzublicken, um sich zu
vergewissern, wessen Eintritt auf diese Weise begrüßt wurde. Ein
langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand
neben Miß Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, dieselbe
schwarze Säule, welche vor dem Kamin im Herrenhause von Gateshead-Hall so finster und unheilvoll auf Jane herabgeblickt hatte.
jetzt blickte Jane von der Seite auf diese Erscheinung. Ja, sie
hatte sich nicht getäuscht, es war Mr, Brocklehurst, fest in seinen s
Überzieher geknöpft, und länger, schmäler und steifer aussehend
denn je.
Jane erschrak heftig beim Anblick dieser Erscheinung. Denn sie erinnerte sich nur zu wohl der Worte, welche Mrs. Reed ihm
über ihren Charakter gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst
gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen von
ihrer lasterhaften, verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit hatte sie schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte sie nach diesem Manne, der sie
durch seine Auskunft über ihr vergangenes Leben und ihr Betragen als ein schlechtes Kind brandmarken konnte, ausgesehen--
jetzt war er da! Er stand neben Miß Temple und sprach leise zu
ihr ins Ohr. Jane zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr
Enthüllungen über ihre Schlechtigkeit machte; mit qualvoller
Angst beobachtete sie ihre Blicke, jede Minute erwartete sie Miß
Temples dunkles Auge sich voll Abscheu und Verachtung auf sie
heften zu sehen. Auch horchte sie. Und da sie am oberen Ende des
Zimmers saß, konnte sie den größten Teil des von ihm geführten
Gesprächs hören. Der Inhalt desselben befreite sie wenigstens
für den Augenblick von der Furcht.
,Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton
gekauft habe, genügen wird. Es fiel mir ein, daß diese Sorte
gerade für die Kalikohemden gut sein werde, und ich habe auch die
dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß Smith sagen,
daß ich vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche
wird sie indessen mehrere Päckchen derselben bekommen, und sagen
Sie ihr auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr
als eine Nadel zurzeit gibt; wenn sie mehrere davon haben, werden
sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, o, Miß Temple!
Ich wünschte wirklich, daß den wollenen Strümpfen mehr Beachtung geschenkt würde! Als ich das letztemal hier war, ging ich
in den Küchengarten und besah mir die Wäsche, welche auf der
Leine trocknete. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe war
auf die mangelhafteste Weise gestopft. Aus der Größe der Löcher,
welche ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert sein konnten. Hier hielt er inne.
,Ihre Weisungen sollen befolgt werden, Sir,. sagte Miß
Temple.
,Und Madame,' fuhr er fort, ,die Wäscherin erzählt mir,
daß einige der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche gehabt haben; das ist viel zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf
eine.’
,Ich glaube, Sir, daß ich diesen Umstand genügend erklären
kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und Katherine
Johnston eingeladen, bei ihren Freunden in Lowton den Tee zu
nehmen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, für diese Gelegenheit reine
Halskrausen anzulegen.
Mr. Brocklehurst nickte.
,Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie,
diesen Fall nicht zu oft eintreten zu lassen. Noch eine andere
Sache hat mich höchlichst überrascht. Indem ich die Rechnung mit
der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei
Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück serviert
worden ist, welches aus Brot und Käse bestand. Was bedeutet
das? Ich habe die Statuten durchlesen und fand dort keiner
Mahlzeit erwähnt, die sich Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese
Neuerung eingeführt und auf welche Autorität gestützt??
,Für diesen Umstand bin ich verantwortlich, Sir,'' entgegnete
Miß Temple, ,das Frühstück war so außergewöhnlich schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich durfte
nicht zugeben, daß sie bis zum Mittagessen fasteten.
,Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden.
Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser
Mädchen ist, sie nicht an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten und sie selbstverleugnend, geduldig und entsagend zu machen. Sollte nun einmal zufällig solch eine kleine
Enttäuschung des Appetits vorkommen, wie z. B. das Verderben
einer Mahlzeit, das Versalztwerden eines Fisches usw., so sollte dieser
kleine, unbedeutende Zwischenfall nicht unwirksam gemacht werden,
indem man den verlorenen Genuß noch durch einen größeren
Leckerbissen ersetzt und damit den Körper verweichlicht und den
Zweck und das Ziel dieser barmherzigen Stiftung verrückt. Man
sollte ein solches Vorkommnis dazu benützen den Schülerinnen eine geistige Erbauung zu schaffen, indem man sie ermutigt, auch
bei vorkommenden Entbehrungen ihre geistige Kraft zu behaupten.
Eine kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr angemessen sein. Ein kluger Lehrer würde z. B. auf die Leiden und
Entsagungen der ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der
Märtyrer, ja, sogar auf die Gebete unsers gesegneten Heilands
selbst, der seine Jünger ermahnt, ihr Kreuz auf sich zu nehmen
und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht
vom Brote allein lebt, sondern von einem jeglichen Worte, so aus
dem Munde Gottes gehet; auf seine göttlichen Tröstungen glücklich seid ihr, so ihr für mich Hunger oder Durst leidet!' O, Miß
Temple, wenn Sie anstatt des angebrannten Haferbreis Brot und
Käse in den Mund dieser Kinder legen, so füttern Sie allerdings
ihre sündigen Leiber, aber Sie denken wenig daran, daß Sie ihre unsterblichen Seelen verhungern lassen.

Mr. Brocklehurst hielt wieder inne - wahrscheinlich von
seinen Gefühlen übermannt. Beim Beginn seiner Rede hatte Miß
Temple zu Boden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin, und
ihr Gesicht, welches von Natur bleich wie Marmor war, schien auch
die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen; besonders ihr Mund schloß sich so fest, als hätte es des Meißels eines
Bildhauers bedurft, um ihn wieder zu öffnen, und auf ihrer Stirn
lagerte eine versteinerte Strenge.
Inzwischen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände
hatte er auf den Rücken gelegt und majestätisch ließ er seine Blicke
über die ganze Schule schweifen. Plötzlich zuckte er zusammen,
wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt worden
sei; dann wandte er sich um und schneller, als er bisher gesprochen.
sagte er:
,Miß Temple, Miß Temple, was- was ist jenes Mädchen
da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madame, lockig - ganz
und gar lockig? Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus
und zeigte nach dem entsetzlichen Gegenstande. Seine Hände zitterten vor Erregung.
,Es ist Julia Severn,' entgegnete Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Und weshalb hat sie oder irgendeine andere gelocktes Haar? Weshalb bekennt sie sich so offen
allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses entgegen zu den
Gelüsten der Welt, hier in einem evangelischen Institut der
Barmherzigkeit, daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust
von Locken zu tragen?’
,Julias Haar ist von Natur lockig,! entgegnete Miß Temple
noch ruhiger.
,Von Natur! Ja! Aber wir sollen uns der Natur nicht anpassen. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Und wozu jener Überfluß? Ich habe doch zu wiederholten
Malen angedeutet, daß ich das Haar einfach, bescheiden, glatt anliegend arrangiert zu sehen wünsche. Miß Temple, das Haar
jenes Mädchens muß augenblicklich abgeschnitten werden, förmlich
rasiert; morgen werde ich einen Barbier herausschicken; und ich
sehe noch andere, die viel zu viel von diesem Auswuchs haben--
das große Mädchen dort zum Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich
umdreht. Sagen Sie den Mädchen der ganzen ersten Bank, daß
sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als
wollte sie ein unwillkürliches Lächeln verjagen, daß dieselben.
kräuselte; indessen erteilte sie den gewünschten Befehl, und als die
erste Klasse verstanden hatte, was man von ihr verlangte, kam
sie demselben nach. Jane lehnte sich ein wenig auf ihrer Bank
zurück und konnte die Blicke und Grimassen wahrnehmen, mit
welchen die Mädchen die Ausführung dieses Befehls begleiteten,
schade, daß nicht auch Mr. Brocklehurst diesen Genuß haben
konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß, was er
auch mit der Außenseite der Schale und der Schüssel tun mochte,
die Innenseite seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu
begreifen imstande war.
Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er die Rückseite dieser
lebenden Puppen mit prüfenden Blicken, dann fällte er das Urteil.
Die Worte wirkten wie die Posaune des jüngsten Gerichts:
,All diese Haarflechten und Knoten müssen abgeschnitten
werden!''
Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.
,Madame,' fuhr er fort, ,ich diene einem Herrn, dessen Reich
nicht von dieser Welt ist; meine Mission ist es, diese Mädchen zu
lehren, daß sie sich mit Ehrbarkeit kleiden, nicht mit gesalbten
Haaren und köstlicher Gewandung; aber jede dieser jungen Personen da vor uns hat ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit dieser Welt geflochten hat, und diese, ich wiederhole es, müssen
abgeschnitten werden; denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an--'
Hier wurde Mr, Brocklehurst unterbrochen. Drei neue Besucher, Damen, traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher
kommen sollen, um diesen Vortrag über Kleidung zu hören, denn
sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die
beiden jüngeren Damen schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn
Jahren hatten graue Biberhüte, damals die neueste Mode, mit
wallenden Straußenfedern, und unter dem Rande dieser graziösen
Kopfbedeckung hervor fiel ein Reichtum von goldenen, künstlich gelockten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtschal gehüllt, der mit Hermelin verbrämt war; auf ihre Stirn fiel
eine Wolke von falschen französischen Locken.
Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann
auf die Ehrensitze am oberen Ende des Zimmers geleitet. Es
scheint, daß sie mit ihrem hochehrwürdigen Anverwandten in der
Equipage gekommen waren und die oberen Zimmer einer durchstöbernden, eingreifenden Besichtigung unterworfen hatten, während er mit der Haushälterin die Geschäfte ordnete, die Wäscherin
ausfragte und die Vorsteherin des Instituts maßregelte. Die
Damen begannen jetzt Miß Smith, welcher die Verwaltung der
Wäsche und die Beaufsichtigung der Schlafsäle anvertraut war,
einige scharfe Verweise zu erteilen.
Während Jane dem Gespräch zwischen Miß Temple und Mr.
Brocklehurst lauschte, hatte sie es dennoch nicht versäumt, Vorsichtsmaßregeln für ihre eigene persönliche Sicherheit zu treffen. Zu diesem Zweck hatte sie sich auf der Bank zurückgelehnt, und während
sie mit ihren Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt sie ihre Tafel
so, daß diese ihr Gesicht gänzlich verdecken mußte. Wahrscheinlich
wäre sie Mr. Brocklehursts Wachsamkeit auch entgangen, wenn die
Tafel nicht durch einen unglücklichen Zufall ihrer Hand entglitten
und mit einem lauten Krach zu Boden gefallen wäre. Sofort
waren aller Augen auf Jane gerichtet. Sie wußte, daß jetzt alles
zu Ende sei. Während sie sich bückte, um die Stücke ihrer Tafel zusammenzusuchen, sammelte sie alle Kräfte für das Schlimmste.
Es kam.
,Ein nachlässiges Mädchen!'' sagte Mr. Brocklehurst, und
gleich darauf --,Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin. Bevor
ich es vergesse, ich habe noch ein Wort in bezug auf sie zu
sagen.'! Dann laut, ach, wie laut erschien es der armen
Jane. ,Lassen Sie das Kind, das seine Tafel zerbrochen hat,
vortreten l''
Aus eigenem Antriebe hätte sich Jane nicht bewegen können;
sie war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die ihr zur Seite
saßen, stellten sie auf die Füße und schoben sie vorwärts, dem gefürchteten Richter entgegen; dann führte Miß Temple sie sanft dicht
vor ihn, und wie aus weiter Ferne vernahm Jane ihren geflüsterten Rat:
,Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.
Wie ein Dolch drang dieses gütige Flüstern der Armen ins
Herz.
, Noch eine Minute und sie wird mich als eine Heuchlerin verachten lernen,'' dachte Jane und bei dieser Überzeugung tobte eine
namenlose Wut gegen Mrs. Reed und Mr. Brocklehurst durch ihre
Adern. Nein, sie war keine Helen Burns.
,Holt jenen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst auf einen sehr
hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben erhoben hatte. Er wurde gebracht.
,Stellt jenes Kind hinauf.
Und hinauf gestellt wurde Jane, ohne zu wissen, von wem; sie
fühlte nur, daß sie ungefähr bis zur Höhe von Mr. Brocklehursts
Nase emporgehißt wurde, daß er kaum eine Elle lang von ihr entfernt stand und daß unter ihr eine Wolke von silbergrauen Federn,
dunkelrotem Seidenpelze und orangegelben Kleidern durcheinander
wogte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie gewandt, ,Miß
Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?
Jane fühlte, wie aller Augen sich auf sie richteten.
,Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat
auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine abschreckende Häßlichkeit kennzeichnet sie als einen gezeichneten
Charakter. Wer würde glauben, daß der Teufel in ihr bereits eine
Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch, es
schmerzt mich, es sagen zu müssen, ist dies der Fall.
Eine Pause. -- Jane versuchte, der Lähmung, die sie ergreifen wollte, Einhalt zu tun und sich zu sagen, daß sie der Prüfung
nicht mehr entgehen könne, sondern sie jetzt standhaft ertragen
müsse.
,Meine Kinder,'! fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit
Pathos fort,,dies ist eine traurige, eine betrübende Angelegenheit,
denn es ist meine Pflicht, euch vor diesem Mädchen zu warnen, das
eines von Gottes auserwählten Lämmern sein könnte und jetzt eine
Verworfene ist-- kein Mitglied der treuen Herde, sondern augenscheinlich eine Fremde, ein Eindringling. Ihr müßt auf eurer Hut
sein ihr gegenüber; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es
notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen
aus, habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. jetzt zu den
Lehrerinnen. Sie müssen sie überwachen, ihr Tun beobachten, ihre
Worte wohl erwägen und prüfen, ihre Taten untersuchen, ihren
Leib strafen, um ihre Seele zu retten, wenn in der Tat eine solche
Rettung noch möglich ist, denn, meine Zunge scheut sich, es auszusprechen, dieses Mädchen, dieses Kind, diese Eingeborene eines
christlichen Landes, schlimmer als manche kleine Heidin, dieses
Mädchen ist eine Lügnerin!?
jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. -- Die arme Jane
war wieder im Vollbesitz ihrer Sinne, ihres Verstandes und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame
sich hin und her wiegte und die beiden jüngeren flüsterten: ,Wie
entsetzlich!'
Mr, Brocklehurst begann von neuem.
,Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohltäterin; durch die
fromme und barmherzige Dame, welche sich der verlassenen Waise
annahm, sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren
Großmut dieses unglückliche Mädchen durch eine so schwarze, so
schändliche Undankbarkeit vergalt, daß ihre ausgezeichnete Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen Kindern zu
trennen, aus Furcht, daß ihre lasterhafte Verderbtheit die Reinheit
der Kleinen besudeln könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt
zu werden. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an,
lassen Sie die Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand
kommen.
Mit diesen erhabenen Schlußworten knöpfte Mr. Brocklehurst
den obersten Knopf seines Überziehers zu, und murmelte etwas zu
seiner Familie gewendet. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß
Temple, und dann segelten all die vornehmen Leute mit großem
Pomp zur Tür hinaus. Janes Richter aber wandte sich noch einmal um und sagte:
, Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen, und
daß keiner von euch während des ganzen übrigen Tages mit ihr
spricht.
Da stand Jane also, hoch erhoben über alle; sie, die so oft gesagt, daß sie die Schande nicht ertragen würde, in der Mitte des
Zimmers zu stehen, sie stand nun da, allen Blickän ausgeseht, auf
einer Säule der Schande. Worte vermögen nicht zu beschreiben,
welcher Art die Gefühle waren, die in ihr tobten, aber gerade in dem
Augenblick, wo diese ihr die Kehle zusammenschnürten und den Atem
zu rauben drohten, ging ein Mädchen an ihr vorbei. Und im Vorbeigehen richtete sie ihre Blicke auf Jane. Welch ein seltsames Licht
strömten sie über diese aus! Welch ein wunderbares Gefühl weckten
die Strahlen ihres Auges dem Kinde! Und wie stark dies bis jetzt
ungekannte Empfinden sie machte! Es war ihr, als sei ein Held, ein
Märtyrer an einem Sklaven oder an einem Opfer vorübergegangen
und hätte ihm dadurch Mut und Kraft eingeflößt. Jane beherrschte
und überwältigte den Weinkrampf, der sich ihrer bemächtigen
wollte, erhob das Haupt und stand dann fest und ohne Beben auf
dem Stuhl. Helen Burns stellte eine unbedeutende Frage über
ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der Unbedeutendheit derselben gescholten, ging an ihren Platz zurück und lächelte Jane im
Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!! Es konnte nur
der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes sein; es
verklärte ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Widerschein von der Gestalt eines
Engels. Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die
,Binde der Unordnung' an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde
hatte Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammt, ein
Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie eine Übung
beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte.

Achtes Kapitel.
Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist,
als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.
Ehe noch die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr.
Die Klassen wurden entlassen, und alle begaben sich zum Tee ins
Speisezimmer. jetzt wagte Jane, herabzusteigen: es herrschte tiefe
Dunkelheit. Sie ging in eine Ecke und setzte sich auf den Fußboden. Der Zauber, der sie soweit aufrecht erhalten hatte, begann
zu schwinden, und so überwältigend war bald der Schmerz, der sich
ihrer bemächtigte, daß sie auf das Antlitz zu Boden fiel. jetzt
weinte sie; Helen Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt
sie aufrecht; sich selbst überlassen, gab sie sich dem Jammer hin, und
ihre Tränen netten den Fußboden. Sie hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood so viel zu lernen, sich
viele Freunde zu erwerben, Achtung zu erringen und Liebe zu
ernten. Schon hatte sie sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war sie die Erste in ihrer Klasse geworden; Miß
Miller hatte sie warm gelobt; Miß Temple hatte ihr Beifall zugelächelt; sie hatte ihr versprochen, sie zeichnen zu lehren und
französisch lernen zu lassen, wenn sie noch zwei Monate fortfahren
würde, solche Fortschritte zu machen. Ihre Mitschülerinnen waren
ihr freundlich gesinnt; ihre Altersgenossinnen behandelten sie als
ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte sie; und jetzt lag
sie hier zertreten, zermalmt! Würde sie sich jemals wieder erheben
können?
,Niemals,! dachte die Arme; und brennend, glühend wurde
der Wunsch in ihr rege, sterben zu können. Während sie in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorstammelte, näherte sich ihr
jemand; sie fuhr empor- wiederum war Helen Burns ihr nahe;
das erlöschende Feuer ließ Jane gerade noch erkennen, wie Helen
durch das große, leere Zimmer daher kam; sie brachte ihr Kaffee
und Brot.
, Komm, iß ein wenig,'! sagte sie; aber Jane schob beides zurück; ihr war, als hätte ein Bissen, ein Tropfen in ihrem gegenwärtigen Zustande eine Erstickung herbeiführen müssen. Helen sah
sie wahrscheinlich mit Erstaunen an; wie sehr Jane sich auch bemühte, jetzt konnte sie ihrer Erregung nicht Herr werden. Sie fuhr
fort laut zu weinen. Helen setzte sich zu ihr auf den Fußboden,
schlang die Arme um ihre Knie und legte ihren Kopf auf dieselben;
in dieser Stellung verharrte sie regungslos wie ein Indianer.
Jane sprach zuerst:
,Helen, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
, Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Wesen,
welche dich so nennen hörten, und die Welt trägt ihrer Hunderte
von Millionen.
, Aber was habe ich mit Millionen zu tun? Die achtzig, welche
ich kenne, verachten mich.
, Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der
ganzen Schule, die dich verachtet oder dich haßt; viele-- dessen bin
ich gewiß-- bedauern dich von ganzem Herzen.
, Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt
hat, noch bedauern ??
, Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer
und bewunderter Mensch; man liebt ihn hier nicht; er hat auch niemals irgend etwas getan, um sich beliebt zu machen. Wenn er dich
wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du rund
umher nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche, wie die
Dinge jetzt aber liegen, würden die meisten Mädchen dir Liebe beweisen, wenn sie nur den Mut dazu hätten. Möglich ist es, daß
Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei, drei
Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub mir, freundliche Gefühle und Gesinnungen tragen sie für dich im Herzen. Und wenn
du fortfährst, gut und fleißig zu sein, so werden diese Gefühle
binnen kurzem um so augenscheinlicher zutage treten, weil sie eine
Zeitlang unterdrückt werden mußten. Außerdem, Jane''--
sie hielt inne.
, Nun, Helen ?' fragte Jane und legte ihre Hand in die He-
lens; zärtlich rieb diese Janes Finger, um sie zu erwärmen und
fuhr dann fort:
,Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für böse und gottlos hielt, so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes
Gewissen dich von Schuld freispricht und dir Recht gibt.
, Nein; ich weiß, daß ich selbst dann gut von mir denken würde;
aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will.
ich lieber sterben als leben; ich kann es nicht ertragen, einsam und
gehaßt und verachtet zu sein, Helen. Sieh doch, um von dir oder
Miß Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, ein wenig
wahre, aufrichtige Liebe zu erringen, würde ich mir gern den Knochen meines Armes zerbrechen oder mich von einem wilden Stier
aufspießen lassen oder mich einem scheu gewordenen Pferde in den
Weg werfen und meine Brust von seinen Hufen zertreten lassen
, Still, Jane, still! Du denkst zu viel an die Liebe der Menschen;
du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen
Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen Leib
erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere Stützen
als dein' schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso schwach wie
du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht gibt es eine
unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt umgibt uns,
denn sie ist überall, diese Geister bewachen uns, denn sie sind da,
um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer und Schande stürben, wenn Verachtung von allen Seiten auf uns eindränge, wenn
Haß uns zermalmte, so sehen Engel unsere Qualen, erkennen unsere
Unschuld, wenn wir unschuldig sind, und ich weiß, du bist schuldlos; diese Anklage, welche Mr. Brocklehurst von Mrs. Reed hat
und so jämmerlich und pathetisch gegen dich wiederholte, sie trifft
dich nicht; denn auf deiner reinen Stirn, in deinen lebensvollen
Augen steht es geschrieben, daß du eine wahre offenherzige Natur
bist; und Gott erwartet nur die Trennung der Seele vom
Fleische, um uns mit dem höchsten Lohn zu krönen. Nun denn,
weshalb von Leid überwältigt zu Boden sinken, wenn das Leben
so bald zu Ende ist, und der Tod uns den Eintritt zu Seligkeit
und Herrlichkeit bedeutet??
Jane schwieg, Helen hatte sie beruhigt: aber die Ruhe, welche
sie ihr gegeben, hatte einen Zusatz von unsäglicher Traurigkeit.
Rer
ein wenig schneller atmete und trocken und kurz hustete, vergaß sie
für einen Augenblick ihren eigenen Kummer und gab sich einer ,
unbestimmten Furcht und Unruhe in bezug auf Helen hin.
Ihren Kopf an Helens Schulter lehnend, schlang sie ben Arm
um ihre Taille; Helen zog Jane an sich, und so ruhten beide lange
schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Vjertelstunde trat
eine dritte Person ins Zimmer. Ein frischer Wind hatte einige
schwere Wolken vom Horizont fortgetrieben, und der Mond ging ,
klar auf; durch ein nahes Fenster warf er seine hellen Strahlen auf
die Sitzenden und die nahende Gestalt, in welcher sie sofort Miß
Temple erkannten.
,Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre, sagte sie, ,du sollst
in mein Zimmer kommen, und da Helen Burns bei dir ist, mag
sie uns begleiten.
Sie gingen. Unter Führung der Vorsteherin hatten, sie ihren
Weg durch ein Labyrinth von Korridoren zu suchen und eine Treppe .
emporzusteigen, bevor sie ihr Zimmer erreichten. Ein helles Feuer
brannte in demselben; es sah freundlich und behaglich aus. Miß
Temple bedeutete Helen Burns, sich in einen niedrigen Lehnsessel
an einer Seite des Kamins zu setzen; sie selbst nahm einen zweiten
und rief Jane an ihre Seite.
, Ist es jetzt vorüber?' fragte sie und blickte ihr ins Gesicht.
, Hast du deinen Kummer fortgeweint?
, Ich fürchte, das werde ich nicht können.
,Weshalb?
,Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und
jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für böse
und gottlos halten.
, Wir werden dich fürdas halten, mein Kind, als was du dich
erweist. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen und
du wirst mich zufrieden stellen.
,Gewiß, Miß Temple?
,Gewiß, Jane,' sagte sie und schlang ihren Arm um Jane.
,Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine
Wohltäterin nannte.
,Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot,
und er ließ mich in ihrer Obhut zurück,?
,Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; sie hat es sehr ungern getan; aber wie ich die
Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem Tode
das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.
,Nun also, Jane, du weißt ja, oder ich will es dir sagen, daß
wenn ein Verbrecher angeklagt wird, man ihm stets gestattet, seine
eigne Verteidigung zu führen. Man hat dich der Falschheit, der
Lügenhaftigkeit angeklagt; verteidige dich vor mir, so gut du kannst.
Sag alles, was dein Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann;
aber füge nichts hinzu, verschweige nichts, übertreibe nichts.
In der Tiefe ihres Herzens beschloß Jane, sich zu mäßigen.
so genau wie möglich in ihrer Erzählung zu sein; und nachdem
sie einige Augenblicke nachgedacht hatte, um das, was sie zu sagen
hatte, zusammenhängend zu ordnen, erzählte sie der Vorsteherin
die ganze Geschichte ihrer traurigen Kindheit. Durch die Erregung
sehr erschöpft, sprach sie in gemäßigteren Ausdrücken, als sie es sonst
zu tun pflegte, wenn sie auf dieses qualvolle Thema kam; und
Helens Warnung gedenkend, sich dem Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben, ließ sie viel weniger Galle und Wermut in die Erzählung einfließen, als es sonst wohl geschah. So vereinfacht und
beschränkt, klang sie sehr glaubwürdig: während sie sprach, empfand
sie, daß Miß Temple ihr vollen Glauben schenkte.
Im Laufe der Erzählung hatte sie erwähnt, daß Mr. Lloyd
gekommen sei, um sie nach jenem Krampfanfalle zu besuchen; denn
niemals vergaß sie die für sie so entsetzliche Episode in dem roten
Zimmer; wenn sie diese Dinge erzählte, konnte sie gewiß sein, daß
ihre Erregung in einem gewissen Grade die Grenzen überschritt;
denn noch hatte in ihrer Erinnerung die Todesangst sich frisch erhalten, welche sich ihrer bemächtigte, als Mrs. Reed ihr wildes
Flehen um Verzeihung verlachte und sie zum zweiten Male in das
düstere, gespenstische Zimmer sperrte.
Jane war zu Ende. Schweigend betrachtete Miß Temple sie
einige Minuten; dann sagte sie:
,Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben;
wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst j
du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich,
Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.'
Sie küßte Jane und behielt sie noch an ihrer Seite. Jane gewährte das Betrachten ihres Angesichts, ihres Kleides, ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände, ihrer weiße Stirn, ihrer
dicken, glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein
kindliches Vergnügen.
Zu Helen Burns gewandt, fuhr sie fort:
,Wie geht es dir heute abend, Helen? Hast du während des
ganzen Tages viel gehustet?’
,Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.
, Und der Schmerz in deiner Brust?
,Er ist nicht mehr so heftig.
Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und prüfte den Puls.
Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; sie seufzte leise. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann erwachte sie
gleichsam und sagte fröhlich:
,Aber heute abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch
als solche bewirten. Sie zog die Glocke.
, Barbara,'' sprach sie zu dem Mädchen, welches hierauf eintrat, ,ich habe noch keinen Tee getrunken, bringe das Teebrett und
bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen.'
Bald wurde das Teebrett gebracht. Wie hübsch erschienen der
glänzende Teetopf und die Porzellantassen Janes Augen, als sie
auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war
das Aroma des heißen Getränks. Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten! Zu Janes Bedauern, denn der Hunger
begann jetzt, sich bei ihr fühlbar zu machen, sah sie nur eine kleine
Portion davon auf dem Teller; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen.
, Barbara,'' sagte sie, ,könntest du mir nicht noch etwas Brot
und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.
Barbara ging hinaus. Gleich darauf kam sie zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnlichePortion
heraufgeschickt. ?
Es sei bemerkt, daß Mrs. Harden die Haushälterin war,
eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, die aus gleichen Teilen
Fischbein und Eisen zusammengesetzt war.
,Schon gut, schon gut!'' entgegnete Miß Temple; ,dann muß
es wohl für uns genug sein, Barbara. Als das Mädchen fort
war, fügte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise liegt es in meiner
Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.
Nachdem sie Helen und Jane aufgefordert hatte, sich an den
Tisch zu setzen, und jeder von ihnen eine Tasse heißen Tees und eine
Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte, erhob sie sich,
öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor den Augen der beiden Kinder
einen großen, prächtigen Krümelkuchen.
, Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mit
auf den Weg zu geben,'' sagte sie,, da man uns aber so wenig Brot
bewilligt hat, sollt ihr es jetzt schon haben,'' und sie begann mit
großmütiger Hand, den Kuchen in Scheiben zu schneiden.
Die Waisen schmausten an diesem Abend, als ob sie Nektar und
Ambrosia äßen; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes,
daß ihre Wirtin ihnen mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah,
wie sie ihren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen, welche sie
ihnen vorsetzte, stillten. Als der Tee getrunken und der Tisch abgeräumt war, rief sie die beiden wieder an den Kamin; sie setzten sich
an jede Seite von ihr, und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen
und der Vorsteherin, welchem lauschen zu dürfen allerdings eine
Begünstigung war.
Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem
Außeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in
ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Erregte, Ungestüme
ausschloß - ein Etwas, welches die Freude jener heiligte, die ihr
zuhörten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem
Augenblick war es auch Janes Empfindung: was aber Helen
Burns anbetraf, so überraschte diese ihre kleine Freundin aufs
höchste.

Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart
ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas
in ihrem eigenen, seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in
ihr geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in
den strahlenden Farben ihrer Wangen, welche Jane bis zu dieser
Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte;
dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten, die weder in der schönen
Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten
Augenbrauen lag, sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in
dem Glanz. jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache
floß wie ein brausender Quell daher. Es war, als wolle Helens
Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso voll und ganz
zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.
Sie sprachen über Dinge, von denen Jane niemals gehört
hatte; von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen
Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen; sie
sprachen von Büchern. Wie viele sie gelesen hatten! Welchen reichen
Schah von Kenntnissen sie besaßen! Dann schienen sie so vertraut
nit französischen Namen und französischen Schrifistellern; aber
Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann
nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat sie, eine Seite
des Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helen gehorchte und Janes
Sinn für Verehrung und Hochachtung erweiterte sich, während sie
lauschte. Kaum hatte Helen geendet, als die Glocke ertönte, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete; die Kinder durften nicht
länger verweilen; Miß Temple umarmte sie beide und sagte, während sie dieselben an ihr Herz zogt
,Gott segne euch, meine Kinder lr
Helen hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als Jane:
sie ließ sie widerstrebender von sich; Helen folgte ihr Auge bis an
die Tür; ihr galt der traurige Seufzer, welcher ihre Brust hob, ihr
die Träne, welche sie schnell zu trocknen bemüht war.
Als die Mädchen das Schlafzimmer erreichten, hörten sie Miß
Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung
waren; gerade hatte sie jene von Helen Burns herausgezogen, und
als sie eintraten, wurde Helen mit einem scharfen Verweise begrüßt
und die Lehrerin kündigte ihr an, daß sie am folgenden Tage mit
einem halben Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet umher gehen werde.
,Meine Sachen befanden sich allerdings in einer empörenden
Unordnung,' flüsterte Helen Jane zu, ,ich hatte die Absicht gehabt
aufzuräumen, aber ich vergaß es.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort ,Schlampe' und
band es wie einen Denkzettel um Helens große, intelligente und
milde Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum
Abend, es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß
Scatcherd sich nach den Nachmittagsunterrichtsstunden zurückgezogen, als Jane auf Helen losstürzte, das Papier herabriß und
es ins Feuer warf. Die Wut, deren Helen nicht fähig war, hatte
den ganzen Tag über in Janes Seele getobt, und große, heiße
Tränen hatten fortwährend ihre Wangen genett.
Ungefähr eine Woche nach den oben erwähnten Erzählungen
erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen
Antwort; wie es schien, ergänzte das, was er sagte, Janes Erzählung. Miß Temple rief die ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche gegen Jane Eyre erhoben, genau
und sorgfältig untersucht worden, und daß sie glücklich sei, diese von
jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf schüttelten die Lehrerinnen Jane die Hände und küßten sie, und ein Murmeln der
Freude lief durch die Reihen ihrer Gefährtinnen.
Eine schwere Last war Jane vom Herzen genommen; und von
dieser Stunde an begann sie von neuem ernstlich zu arbeiten; sie
war fest entschlossen, sich einen Weg über alle Schwierigkeiten hinfort zu bahnen; sie mühte sich ab, und der Erfolg entsprach ihren
Anstrengungen; ihr Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark
war, besserte sich durch stete Übung; ihr Verstand wurde durch die
Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde sie in eine höhere
Klasse versetzt; in weniger als zwei Monaten gestattete man ihr, mit
dem Französischen und Zeichnen zu beginnen. Sie lernte die ersten
beiden Zeiten des Verbums etre und skizzierte ihre erste Hütte,
derenMauern, nebenbei gesagt, an schrägerRichtung den hängenden
Turm von Pisa bei weitem übertrafen. Als sie an jenem Abend
zu Bette ging, vergaß sie, sich in ihrer Phantasie das Abendessen von
heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch
zu bereiten, mit dem sie sonst ihr inneres Sehnen zu befriedigen
pflegte; statt dessen ergötte sie sich an dem Anblick idealer Zeichnungen, welche sie im Dunkeln sah, alle das Werk ihrer eigenen
Hand: fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische Felsen und
Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von Schmetterlingen, welche halberschlossene Rosen umflogen; Vögel, welche an
reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen perlgroße
Eier lagen, während junge Efeuranken sie umwucherten. In Gedanken erwog sie auch die Möglichkeit, ob sie jemals imstande sein
würde, ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch, welches
Madame Pierrot ihr an jenem Tage gezeigt hatte, fließend übersetzen zu können; aber noch war ihre Ansicht hierüber nicht zu
ihrer Zufriedenheit gelöst, als sie sanft einschlief.
Wie richtig hat Salomo gesagt: ,Besser ein Mahl von
frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo
der Haß ist.
jetzt hätte Jane Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht
mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht.

Neuntes Kapitel.
Heimgang eines Engels.
Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in
Lowood wurden auch weniger. Der Frühling kam, die Winterfröste hörten auf, der Schnee schmolz, und die schneidenden Winde
ließen nach. Die armen Füße, welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten, begannen zu heilen und unter den
warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen; die
Nächte und Morgen ließen nicht länger das Blut in den Adern erfrieren; die Waisen ertrugen es jetzt, die Spielstunde im Garten
zuzubringen; zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es
schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün überzog die braunen Beete und wurde täglich frischer. Unter den
Blättern blickten Blumen hervor: Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen. An Donnerstagnachmittagen-- ein halber Ferialtag - machten die Mädchen jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain, unter den
Hecken noch schönere Blumen.
Jane entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen, ein Genuß,
welchem nur der Horizont eine Grenze setzte, außerhalb der hohen
und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern des Gartens lag;
dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht, welche eine lange
Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel bot, in einem
klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und
Strudel.
Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen, als Jane es
in Frost erstarrt, in ein Leichentuch von Schnee gehüllt, unter dem
bleiernen Himmel des Winters gesehen! Wenn todeskalte Nebel
vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über
Wiesen und Anhöhen hinunterrollten, bis sie sich mit dem gefrorenen Nebel des Baches vereinigten! Dieser Bach selbst war
damals ein Strom, zügellos und tobend; er durchriß den Wald
und erfüllte die Luft mit tosendem Lärm und wildem Sprühregen;
und der Wald an seinen Ufern war nichts als eine Reihe von Gerippen.
Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai; all seine
Tage brachten blauen Himmel und milden Sonnenschein und leise
westliche oder südliche Winde. Und jetzt reifte die Vegetation mit
Macht; Lowood schüttelte seine Locken; es wurde grün und blütenreich; seine großen Ulmen- und Eschen- und Eichen-Skelette wurden majestätischem Leben zurückgegeben. Waldpflanzen sprießten
in allen Ecken und Winkeln; zahllose Abarten von Moos füllten
die Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den
Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft konnte man an schattigen
Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein
halten. Und alles dies genoß Jane oft und voll, frei, unbewacht
und fast immer allein; diese ungewohnte Freiheit, dieses Vergnügen hatte eine Ursache, von welcher wir jetzt reden müssen.
Zwar war die Lage des Wohnsitzes der Waisen eine reizende,
in Hügel und Wald gebettet und am Rande eines Stromes sich erhebend; reizend in der Tat; ob aber gesund, das ist eine andere
Frage.
Jenes Waldtal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte
von Nebeln und einer aus Nebel entstandenen Seuche; diese wuchs
mit dem Frühling, kroch in das Waisenasyl, hauchte den Typhus
in die überfüllten Schlafsäle und Schulzimmer, und bevor der
Mai gekommen, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.
Durch Hunger und vernachlässigte Erkältungen war die
Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von
achtzig Mädchen wurden fünfundvierzig zu gleicher Zeit von der
Krankheit ergriffen. Die Schulstunden hörten auf, alle Regeln
blieben unbeachtet. Den Wenigen, welche gesund blieben, wurde
eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt bestand
auf der Notwendigkeit häufiger Bewegung in freier Luft, um sie
gesund zu erhalten; und selbst wenn es anders gewesen wäre, so
hatte niemand Zeit oder Lust, sie zu bewachen oder zurückzuhalten.
Miß Temples ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen
in Anspruch genommen; sie wohnte im Krankenzimmer; niemals
verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden der Nacht, wo
sie selbst die ihr so nötige Ruhe suchte. Die Lehrerinnen waren
vollauf mit dem Packen oder anderen notwendigen Vorbereitungen
für die Abreise jener Mädchen beschäftigt, welche glücklich genug
waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, die sie von dem
Seuchenherd entfernten. Viele, welche den Keim der Ansteckung
bereits in sich trugen, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und ruhig
begraben, da die Natur der Krankheit keinen Aufschub duldete.
Während so die entsetzliche Krankheit eine Bewohnerin von
Lowood geworden war und der Tod sein häufiger Besucher; während innerhalb seiner Mauern Furcht und Trauer herrschten;
während die Dünste eines Hospitals durch Zimmer und Korridore
zogen, und Tränke und Pastillen umsonst versuchten, der Ausdünstung des Todes entgegen zu wirken, leuchtete draußen der
strahlende Mai über stolze Hügel und herrliches Waldland. Der
Garten prangte im Blumenflor: Rosenpalmen waren so hoch wie
Bäume in die Höhe geschossen; Lilienkelche waren erschlossen,
Tulpen und Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete
strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten
Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen
ihren würzigen Duft aus, und diese blühenden Schätze waren jetzt
für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos, nur zuweilen
legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter, in den Sarg.
Aber Jane und die übrigen, welche gesund blieben, genossen
in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend;
man ließ sie wie Zigeuner im Walde umherstreifen; sie taten von
morgens bis abends nur, was ihnen gefiel, gingen wohin sie
wollten, und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher.
Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht
mehr zu nahe; die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht
mehr geprüft; die böse Haushälterin war fort; die Furcht vor
Ansteckung hatte sie fortgetrieben; ihre Nachfolgerin, welche in der
Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war, kannte die
Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte die
Waisen mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Außerdem waren
ihrer ja weniger, die da Nahrung verlangten; die Kranken konnten
wenig essen; die Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt; wenn
die Haushälterin keine Zeit hatte, ein regelrechtes Mittagessen herzurichten, ein Fall, der ziemlich häufig eintrat, pflegte sie den
Mädchen ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder eine große
Schnitte Brot und Käse, und diesen Proviant nahmen sie dann
mit sich in den Wald hinaus, wo jede von ihnen ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein königliches Mahl hielt.
Janes Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher
weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte; er war
nur zu erreichen, indem sie durch das Wasser watete, und diese Tat
vollbrachte sie denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein
war gerade breit genug, um außer ihr noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren; dies war Mary Ann Wilson,
damals Janes auserwählte Gefährtin; sie war ein kluges, beobachtendes Geschöpf, deren Gesellschaft ihr Freude machte. teilweise
weil sie witzig und originell war, und teilweise, weil sie Manieren
und Sitten hatte, welche Jane besonders zusagten. Um einige
Jahre älter als letztere, kannte sie mehr von der Welt und konnte
Jane von vielen Dingen erzählen, die sie gern hörte; in ihrer Gesellschaft wurde Janes Neugierde befriedigt; mit ihren Fehlern
hatte Mary die größte Nachsicht und niemals versuchte sie Janes
Worten Zwang oder Zügel anzulegen. Sie besaß ein großes Erzählertalent; sie liebte es, zu belehren und Jane zu fragen; so
wurden beide prächtig mit einander fertig und zogen, wenn auch
nicht viel Belehrung, so doch viel Vergnügen aus ihrem gegenseitigen Verkehr.
Und wo war inzwischen Helen Burns? Weshalb brachte sie
diese süßen Tage der Freiheit nicht in Janes Gesellschaft zu ? Hatte
diese sie vergessen? Oder war Jane so leichtsinnig, so unwürdig,
daß sie ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden? Gewiß
war die obenerwähnte Mary Ann Wilson Janes erster Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte ihr nur lustige Geschichten erzählen oder irgendeinen witzigen Klatsch wiederholen, der ihr gerade
Vergnügen machte, während Helen geeignet war, denen, welche das
Vorrecht ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für
höhere, reinere Dinge einzuflößen.
Aber, teure Leserin, Jane war auch Helen Burns Gesellschaft
noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte sie aufgehört,
für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl ihr Herz bewegt hatte. Wie hätte
es denn auch anders sein können, wenn Helen zu allen Zeiten
und unter allen Umständen Jane eine ruhige und treue Freundschaft bewiesen hatte, die keine böse Laune je verbitterte, kein Streit
jemals störte? Aber Helen war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war sie Janes Augen bereits entrückt; diese wußte
nicht, in welchem Zimmer sie sich jetzt befand. Man hatte ihr gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht
der Typhus, und Jane in ihrer Unwissenheit stellte sich unter
Schwindsucht etwas Mildes vor, das durch Pflege und Fürsorge
mit der Zeit geheilt werden müsse.
In dieser Idee wurde sie noch dadurch bestärkt, daß Helen
einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen herunter kam und
von Miß Temple in den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten gestattete man Jane aber nicht, mit Helen zu sprechen
oder sich ihr auch nur zu nähern; sie sah ihre Freundin nur aus
dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich;
denn Helen war in viele Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.
Eines Abends im Anfang des Monats Juni war Jane sehr
spät mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten
sie sich von den anderen getrennt und waren weit gewandert, so
weit, daß sie den Weg verloren und denselben in einer einsamen
Hütte erfragen mußten, wo ein Mann und eine Frau wohnten,
die eine Herde voll halb wilder Schweine zu hüten hatten, welche
von der Eichelmast im Walde gemästet wurden. Als sie endlich
zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony,
welches sie als dasjenige des Arztes erkannten, stand an der
Gartenpforte. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend
jemand schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät
am Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; Jane blieb
zurück, um noch eine Handvoll. Wurzeln, die sie im Walde ausgegraben, in ihrem Garten einzupflanzen; sie fürchtete, daß sie sonst
bis zum nächsten Morgen verwelken würden. Nachdem dies geschehen, verweilte Jane noch einige Minuten; die Blumen dufteten
so süß, als der Tau fiel; es war ein so wunderschöner Abend, so
rein, so ruhig, so warm, und der noch gerötete Westen versprach
wiederum einen schönen Tag. Im dunklen Osten stieg majestätisch
der Mond empor. Jane beobachtete dies alles und freute sich
daran, wie ein Kind sich zu freuen vermag, da plötzlich kam ihr ein
Gedanke, wie niemals zuvor.
,Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu
müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön,
wie entsetzlich wäre es, abberufen zu werden, und wer weiß wohin
gehen zu müssen!'!
Und dann machte ihre Seele die erste ernste Anstrengung, das
zu begreifen, was man in bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte; zum erstenmal blickte sie um sich und sah vor sich, neben
sich, hinter sich nichts als einen unermeßlichen Abgrund; zum
erstenmal bebte ihre Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte
nichts Sicheres mehr als den einen Punkt, auf welchem sie stand,
die Gegenwart; alles andere war eine formlose Wolke, eine unergründliche Tiefe; es schauderte sie bei dem Gedanken zu straucheln, zu wanken und in den Abgrund hinabzutauchen. Als sie
noch diesen neuen Gedanken nachhing, hörte sie, wie die große
Haustür geöffnet wurde; Mr. Bates trat heraus, mit ihm eine
Krankenwärterin. Nachdem die Wärterin gewartet, bis der Doktor
aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte sie die Tür
wiederum schließen. Jane lief zu ihr.
, Wie geht es Helen Burns ?
, Sehr schlecht, lautete die Antwort.
, War Mr. Bates ihretwegen gekommen ??
-Ja.-
, Und was sagt er?
, Er sagt, daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird.
Hätte Jane diese Redensart vor einiger Zeit gehört, so würde
sie nur geglaubt haben, daß man Helen nach Northumberland in
ihre Heimat bringen wolle. Sie würde nicht vermutet haben, daß
es bedeute, sie liege im Sterben. Aber jetzt begriff sie sofort; es
wurde ihr augenblicklich klar, daß Helen Burns Tage auf dieser
Welt gezählt seien, und daß sie bald hinauf in die Welt der Geister
gehen würde. Im ersten Moment bemächtigte sich ihrer ein namenloser Schrecken; dann empfand sie den heftigsten Schmerz, dann
einen Wunsch, den Wunsch sie zu sehen. Und sie fragte, in welchem
Zimmer Helen läge.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer,'' sagte die Wärterin.
, Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen?
,O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für
Sie Zeit, hineinzugehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn
Sie draußen sind, während der Tau fällt.
Die Wärterin schloß die Haustür; Jane ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; sie kam noch zu
rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die
Schülerinnen zum Schlafengehen.
Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr
sein; es war Jane nicht möglich gewesen einzuschlafen, und aus der
tiefen Ruhe, welche im Schlafzimmer herrschte, schloß sie, daß ihre
Gefährtinnen fest schliefen; leise stand sie auf, zog ihr Kleid über
ihr Nachtgewand und schlich barfuß aus dem Gemach, um Miß
Temples Zimmer zu suchen. Es befand sich am entgegengesetzen
Ende des Hauses; aber Jane kannte den Weg, und die Strahlen
des unbewölkten Sommermondes halfen ihr, ihn zu finden. Jane
verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem
Essig, als sie sich dem Zimmer der Fieberkranken näherte; schnell
eilte sie an der Tür vorüber, aus Furcht, daß die Krankenwärterin,
welche die ganze Nacht wachen mußte, sie hören könne. Sie hatte
Angst davor, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn sie mußte
Helen sehen, sie mußte sie umarmen, bevor sie starb, ihr einen
letzten Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprechen.
Nachdem sie die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil
vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es ihr gelungen war, ohne Geräusch zwei Türen zu öffnen, erreichte sie eine
zweite Treppe; diese stieg sie wieder hinauf und befand sich gerade
vor der Tür von Miß Temples Zimmer. Durch das Schlüsselloch
und eine Spalte unterhalb der Tür fiel ein Lichtschein; überall
herrschte tiefste Stille. Als Jane näher kam, fand sie die Tür ein
wenig geöffnet, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach
etwas Luft dringen zu lassen. Nicht gewillt zu zögern und
von ungeduldigem Drange beseelt, öffnete sie die Tür ganz und
blickte hinein. Ihr Auge suchte Helen und fürchtete, den Tod
zu finden.
Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt, stand ein kleines Bettchen. Jane
sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht
war durch die Gardinen verdeckt. Die Wärterin, mit welcher sie
im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und schlief;
eine halb herabgebrannte Kerze, die auf dem Tische stand, verbreitete ein trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später
erfuhr Jane, daß diese zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden. Jane wagte sich weiter ins Zimmer
hinein; dann stand sie neben dem kleinen Bette still; ihre Hand
faßte den Vorhang, doch hielt sie es für besser, zu sprechen,
bevor sie denselben zur Seite zog. Ein Schauer faßte sie bei
dem Gedanken, daß sie vielleicht nur noch eine Leiche sehen
könnte.
,Helen, flüsterte sie sanft, ,wachst du?
Helen bewegte sich, schob den Vorhang zurück und Jane
blickte in ihr bleiches, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien
so wenig verändert, daß Janes Furcht augenblicklich schwand.
, Bist du's wirklich, Jane? fragte sie mit ihrer gewohnten.
sanften Stimme.
,Ah !' dachte Jane, ,sie wird nicht sterben; sie irren sich alle;
wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig, so friedlich aussehen;
das wäre nicht möglich.
Jane ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und
ihre Wange war kalt und abgezehrt, und ihre Hände und ihre
Arme ebenfalls; aber ihr Lächeln war das alte geblieben.
,Weshalb kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf
Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.
,Ich kam, um dich zu sehen, Helen. Ich hörte, du seist sehr
krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich noch einmal mit
dir gesprochen hatte.
, Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen; wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.
,Willst du fort, Helen? Willst du etwa nach Hause.
,Ja, nach Hause, in meine letzte, meine ewige Heimat!'
,Nein, nein, Helen,' unterbrach Jane sie jammernd. Während sie versuchte, ihrer Tränen Herr zu werden, hatte Helen einen
heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin
nicht; als er vorüber, lag sie einige Minuten ganz erschöpft da;
dann flüsterte sie:
,Jane, deine kleinen Füße sind nackt; lege dich zu mir ins
Bett und decke dich mit meiner Decke zu.
Jane tat es; Helen schlang ihren Arm um sie, und Jane
schmiegte sich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr Helen
flüsternd fort:
,Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so mußt du mir versprechen, nicht zu trauern; denn es
ist nichts zu betrauern. Wir alle müssen ja eines Tages sterben,
und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie
schreitet langsam und schmerzlos fort; mein Gemüt ist in Frieden.
Ich hinterlasse niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur
einen Vater; er hat sich vor kurzem wieder verheiratet und wird
mich nicht vermissen. Ich sterbe jung, aber ich werde auch vielen
Leiden entgehen. Ich hatte keine Eigenschaften, keine Talente, die
mir geholfen hätten, einen guten Weg durch die Welt zu machen.
Fortwährend würde ich das Verkehrte getan haben.r
, Aber wohin gehst du denn, Helen? Kannst du es sehen?
Kannst du glauben??
, Ich glaube; ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu
Gott.
, Wo ist Got? Was ist Gott?
,Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann.
was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener großen,
bedeutungsvollen, die mich ihm zurückgeben soll, ihn mir von Angesicht zu Angesicht zeigen wird. ?
, Du bist also sicher, Helen, daß es ein Etwas gibt, das sich
Himmel nennt; und daß unsere Seelen dorthin gehen werden,
wenn wir sterben
, Ich bin sicher, daß es ein künftiges Leben gibt; ich glaube.
daß Gott gut ist; ich gebe ihm mein unsterbliches Teil vertrauens-

,Und werde ich dich wiedersehen, Helen, wenn ich sterbe?
,Du wirst in dieselbe Glückseligkeit kommen wie ich; derselbe
mächtige Allvater wird auch dich an sein Herz nehmen, Jane,
zweifle nicht daran.
Fester schlang sich Janes Arm um Helen; sie war ihr in diesem
Augenblick teurer denn je; ihr war, als könne sie ihre Freundin
nicht fortgehen lassen; sie verbarg ihr Gesicht an ihrer Brust. Gleich
darauf sagte Helen in ihrer süßesten Weise:
,Wie wohl ich mich fühle! Jener letzte Hustenanfall hat mich
ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; es ist so schön, dich so nahe zu wissen.
, Ich bleibe bei dir, süße Helen; niemand soll mich von hier
fortnehmen.
, Ist dir warm, mein Liebling?
,Ja.
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helen.
Sie küßten einander und bald schliefen beide.
Als Jane erwachte, war es Tag. Eine ungewöhnliche Bewegung weckte sie; sie öffnete die Augen; jemand hielt sie in den
Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug sie durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man erteilte ihr keinen Verweis
dafür, daß sie ihr Bett verlassen hatte; die Leute hatten an andere
Dinge zu denken. Auf Janes viele Fragen gab man ihr keine Erklärung, aber einige Tage später erfuhr sie, daß Miß Temple, als
sie in ihr Zimmer zurückgekehrt, sie in dem kleinen Bette gefunden
habe; Janes Gesicht ruhte auf Helen Burns Schulter, ihre Arme
umschlangen ihren Hals. Sie schlief, und Helen war tot.
Helens Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge; noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein
einfacher Grashügel. jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die
Stelle; darauf steht ihr Name und das Wort:,Resurgam.’

Zehntes Kapitel.
Wieder ein Wendepunkt.
Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte, verschwand es nach und nach von dort; aber
nicht, bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die
öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Ursache
dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Tatsachen entdeckt, welche die allgemeine öffentliche Empörung im
höchsten Grade wachriefen. Die ungesunde Lage des Instituts;
die geringe und schlechte Nahrung, welche den Kindern verabreicht
wurde; das schlechte, stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung
verwendet wurde; die elende, unzureichende Bekleidung der
Schülerinnen, alle diese Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte zwar einen sehr beschämenden Eindruck für Mr.
Brocklehurst, hatte aber eine wohltätige Wirkung für das Institut.
Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend
zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt.
Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut. Mr. Brocklehurst, welcher seiner Familienverbindungen und
seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte, behielt
das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner
Pflichten standen ihm Herren von milderer Sinnesart zur Seite;
auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen, welche
Strenge mit Vernunft, Behaglichkeit mit Sparsamkeit, Mitgefühl
mit Gerechtigkeit zu paaren wußten. In solcher Gestalt verbessert,
wurde das Institut mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und
edlen Gründung. Jane blieb noch acht Jahre nach der Erneuerung der Anstalt eine Bewohnerin ihrer Mauern: sechs Jahre
als Schülerin und zwei als Lehrerin.
Während dieser acht Jahre war Janes Leben außerordentlich
einförmig, aber nicht unglücklich, weil es nicht untätig war. Die
Mittel, sich eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen, waren ihr
an die Hand gegeben; eine Vorliebe für einige ihrer Studien, die
Absicht, in allen das Höchste zu erreichen, verbunden mit dem
innigen Wunsch, ihre Lehrerinnen zu befriedigen, besonders jene,
welche sie liebte; dies alles trieb sie vorwärts, und daher benutzte
sie in vollem Maße die Vorteile, welche sich ihr darboten. Mit der
Zeit stieg sie zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse
empor; dann wurde sie mit dem Amte einer Lehrerin betraut;
dieser Pflichten entledigte sie sich während zweier Jahre. Doch nach
Ablauf dieser Zeit wurde sie andern Sinnes.
Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin des
Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte Jane den besten
Teil ihrer Kenntnisse; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft
waren ihr immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle
einer Mutter bei ihr vertreten, sie war ihre Erzieherin und später
ihre Gefährtin gewesen. Um diese Zeit heiratete Miß Temple und
zog mit ihrem Gatten, einem Geistlichen, der ein ausgezeichneter
Mann und einer solchen Gattin würdig war, in eine entfernte
Grafschaft; für Jane war sie folglich verloren.
Seit dem Tage, wo sie die Anstalt verließ, war Jane nicht
mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit, jede Gemeinschaft, die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu ihrer
Heimat gemacht hatte, dahin. Jane hatte einiges von ihrer Natur, viele ihrer Gewohnheiten angenommen; harmonischere Gedanken, besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner ihrer
Seele geworden. Sie hatte sich der Pflicht und der Ordnung
unterworfen, war ruhig geworden; sie glaubte, daß sie zufrieden sei.
Aber als Miß Temple nach der Trauung im Reisekleide in die
Postchaise stieg, als der Wagen den Hügel hinauf fuhr und hinter
diesem Hügel verschwand, da ging Jane auf ihr Zimmer und verbrachte dort auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages, welchen man den Waisen der feierlichen Gelegenheit zu
Ehren gewährt hatte.
Viele Stunden lang ging sie im Zimmer auf und ab. Am
Abend aber wurde sie inne, daß mit Miß Temple auch ihre
ganze Zufriedenheit geschwunden sei. Sie fühlte, wie die alten,
wilden Gefühle wieder in ihr erwachten. Während vieler Jahre
war Lowood ihre ganze Welt gewesen; ihre Erfahrung kannte
nichts anderes als seine Vorschriften, seine Zucht. Jetzt aber fiel
ihr ein, daß die Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles
Feld von Furcht und Hoffnung jene erwarte, welche genug Mut
besäßen, auf diese Walstatt hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten ihrer Gefahren zu suchen.
Jane ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort
die Grenze von Lowood, weit hinten der hügelige Horizont. Ihr
Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den entferntesten haften zu bleiben: an den Gipfeln der Berge! Diese zu
übersteigen sehnte sie sich; alles was innerhalb ihrer Grenzen
von Felsen und Heide lag, schien ihr Gefängnisboden. Sie verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuß eines Berges
dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand,
mit den Augen. Ach! wie gern wäre sie ihr noch weiter gefolgt!
Sie erinnerte sich der Zeit, da sie in einer Postkutsche auf dieser
selben Straße des Weges gekommen; sie erinnerte sich, wie sie in
der Dämmerung jenen Hügel heruntergefahren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem Tage, der sie zuerst nach Lowood
geführt, und nicht eine Stunde hatte sie es seitdem verlassen. Alle
ihre Ferien waren in der Schule dahin gegangen; Mrs. Reed hatte
sie niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgendein Mitglied ihrer Familie Jane besucht. Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft
hatte Jane Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten;
Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken,
das war alles, was sie vom Dasein kannte. Und jetzt empfand
sie, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage
wurde sie des ewigen Einerlei von acht Jahren müde! Sie ersehnte die Freiheit; sie lechzte nach Freiheit; um die Freiheit betete
sie; der Wind, der sich leise erhob, schien das Gebet davonzutragen.
Dann gab sie die Freiheit auf und sprach einen demütigeren
Wunsch aus: sie bat um Veränderung, um irgendein Reizmittel,
denn alles erschien ihr so öde und tot. Schließlich rief sie in voller
Verzweiflung aus: ,Dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!
Jetzt rief sie eine Glocke, welche die Stunde des Abendessens
verkündete, in das Speisezimmer hinunter.
Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte sie ihren unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen; selbst dann hielt
sie noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit ihr teilte, durch ihre
Unterhaltung von dem Gegenstande fern, zu dem sie sich sehnte,
mit ihren Gedanken zurückkehren zu können. Wie wünschte sie,
daß der Schlaf ihre Gefährtin zum Schweigen bringe!
Endlich schlief Miß Gryce.
, Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas, sagte Jane zu
sich selbst. ,Es klingt zwar nicht wie die Worte Freiheit, Genuß;
aber für mich sind diese Worte doch nur hohle Laute; dienen kann
jeder. Ich habe hier acht Jahre gedient; und jetzt wünsche ich ja
nichts weiter, als anderswo dienen zu können. Kann ich meinen
eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen ?'
Mit diesen Gedanken saß Jane aufrecht im Bette; es war eine
frostige Nacht; sie bedeckte ihre Schultern mit einem Schal und
dann fing sie wieder mit allen Kräften an zu denken.
, Was wünsche ich denn eigentlich ? fragte sie sich selbst.,Eine
neue Stelle, in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter
neuen Verhältnissen. Dies wünsche ich. Wie machen es die Leute
nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Sie wenden sich an ihre
Freunde, wie ich vermute; ich habe keine Freunde. Es gibt
aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und sich selbst
umsehen müssen und sich selbst helfen. Welches sind denn nun,ihre
Hilfsquellen?
Fast eine Stunde lang arbeitete es so in Janes Kopfe. Dann
stand sie erregt auf und ging einigemal im Zimmer auf und nieder;
zog den Vorhang zurück, blickte hinauf zu den Sternen, zitierte vor
Kälte und kroch wieder in ihr Bett.
Plötzlich kam es ihr ruhig und natürlich in den Sinn: ,Leute,
welche Stellungen suchen, kündigen es an; du mußt es in einer
Zeitung ankündigen.'
,Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen,' sagte
sie sich wieder.
Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt.
,Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den
Herausgeber der Zeitung einschicken; bei der ersten Gelegenheit.
die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die
Post geben; die Antwort muß an . B. an das dortige Postamt
geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt,
kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgendeine Antwort
eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.
Zwei, dreimal überdachte sie diesen Plan; jetzt hatte sie ihn
genügsam verdaut, sie hatte ihn in eine klare, praktische Form
gefaßt; jetzt war sie zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.
Mit Tagesanbruch war sie auf. Ehe noch die Glocke ertönte,
welche die ganze Schule weckte, hatte sie ihre Annonce geschrieben,
kuvertiert und adressiert; sie lautete folgendermaßen:
,Eine junge Dame, welche im Lehren geübt ist, wünscht eine
Stellung in einer Familie zu finden, wo die Kinder unter vierzehn
Jahren sind. Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Zweigen.
welche zu einer guten, englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik.
Gefällige Adressen sind an I. K. poste restante Lowton, - shire
zu richten.'
Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in Janes
Schieblade verschlossen; nach dem Tee bat sie die neue Vorsteherin
ui die Erlaubnis, nach Lowton gehen zu dürfen, wo sie einige
Einkäufe für sich und zwei ihrer Mitlehrerinnen zu machen hatte.
Die Erlaubnis wurde ihr gern gewährt. Sie ging. Der Weg war
zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren
noch lang; sie ging in zwei, drei Läden, warf ihren Brief in den
Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück.
Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge
dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem herrlichen
Herbstabende befand sich Jane abermals zu Fuß unterwegs nach
Lowton. Es war ein romantischer Weg, der an dem Waldbach
und den herrlichsten Windungen des Tals entlang führte, aber an
diesem Tage dachte sie nur an die Briefe, die sie in dem kleinen
Marktflecken zu finden erwartete, nicht an die Reize von Berg und
Tal.
In dem Flecken angekommen, ließ sie sich zuerst Maß zu einem
Paar Schuhe nehmen und ging dann aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße in das Postbureau.
Eine alte Dame verwaltete dasselbe; sie trug eine Hornbrille auf
der Nase und schwarze, gestrickte Pulswärmer an den Händen.
,Sind irgendwelche Briefe für . V. angelangt ?' fragte
Jane, sich ein Herz fassend.
Sie blickte Jane über ihre Brille fort an; dann öffnete sie
eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher, daß Janes Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor
ihre Augengläser gehalten hatte, reichte sie es der Fragenden hin,
indem sie dieselbe zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete-- der Brief war an . K. adressiert.
,Ist nur ein einziger da? fragte Jane.
,Es sind keine weiteren da, sagte sie. Jane schob ihn in die
Tasche und machte sich auf den Nachhauseweg.
Bei ihrer Heimkehr harrte ihrer die Erfüllung verschiedener
Pflichten; sie hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu
überwachen; dann war an ihr die Reihe, das Gebet zu lesen,
darauf zu sehen, daß die Schülerinnen schlafen gingen und
dann nahm sie das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein.
Selbst als sie sich endlich für die Nacht zurückzog, war die unvermeidliche Miß Gryce noch ihre Gefährtin. Die Kerze im Leuchter
war fast herabgebrannt, als Miß Gryce zu sprechen aufhörte und
sanft einschlief. Schnell zog Jane ihren Brief hervor, das Siegel
trug den Anfangsbuchstaben b, sie erbrach es; der Inhalt war
kurz.
, Wenn J. E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce
in den-- shire Herald rücken ließ, die aufgezählten Fähigkeiten
besitzt, und wenn sie in der Lage ist, genügende Referenzen über
Charakter und Wirkungskreis geben zu können, so wird ihr eine
Stellung geboten, deren Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling
im Jahr beläuft; sie hat daselbst nur ein kleines Mädchen unter
zehn Jahren zu unterrichten — J. E. wird gebeten, Referenzen,
Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse:
, Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote-- shire.
Lange prüfte Jane das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Sicherlich, die Einsenderin war eine alte Dame. Mrs. Fairfax! Jane
sah sie schon in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube;
vielleicht etwas steif, aber nicht unhöflich. Thornfield! das war
ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, ordentliches Fleckchen Erde bei Millcote,-- shire! Jane frischte ihre
Erinnerung an die Karte von England auf; ja, da lagen sie vor
ihr, die Grafschaft sowohl wie die Stadt.-- shire war London
um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft, in welcher
sie jetzt lebte; das war schon eine große Empfehlung in ihren
Augen. Sie sehnte sich dorthin, wo Leben und Bewegung war;
Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des ... gelegen.
ein geschäftiger Ort ohne Zweifel. Desto besser, das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein.
Die Kerze erlosch; vollständige Dunkelheit herrschte, und Jane
schlief ein.
Am folgenden Tage machte Jane der Vorsteherin des Instituts Mitteilung von ihrem Vorhaben und bat um ihre Entlassung.
Diese wurde ihr nach einiger Zeit von Mr. Brocklehurst und dem
Komitee der Anstalt gewährt, indem man ihr zugleich die besten
Empfehlungen versprach.
Nach ungefähr einer Woche erhielt Jane demzufolge das
Zeugnis, schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, und erhielt die Antwort dieser Dame, welche besagte, daß sie zufrieden sei
und Jane sich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause einzufinden
habe, wo sie den Posten als Gouvernante antreten könne.
jetzt war Jane mit ihren Vorbereitungen beschäftigt; die
vierzehn Tage gingen schnell dahin. Sie hatte keine große Garderobe, obgleich sie ihren Bedürfnissen vollkommen entsprach. Der
letzte Tag genügte, um ihren Koffer zu packen, denselben, welchen
sie bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.
Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse aufgenagelt. Nach
einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton
mitzunehmen, wohin sie sich selbst am folgenden Morgen in früher
Stunde begeben wollte, um mit der Post weiter zu fahren. Sie
hatte ihr schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet, ihren
Hut, Muff und ihre Handschuhe zurecht gelegt, in allen Schiebladen nachgesucht, damit nichts zurückbliebe und jetzt, da sie nichts
mehr zu tun hatte, setzte sie sich und versuchte sich auszuruhen.
Doch das war unmöglich; obgleich sie während des ganzen Tages
auf den Füßen gewesen, konnte sie jetzt doch nicht einen Augenblick
Ruhe finden; sie war zu heftig erregt. Heute abend schloß sich ein
Abschnitt ihres Lebens, morgen begann ein anderer, unmöglich in
der Zwischenzeit zu schlafen. Fieberhaft mußte sie wachen, während der Übergang sich vollzog.
,Miß,' sagte ein Mädchen, welches Jane in dem Korridor,
wo sie wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging,
aufsuchte, , unten ist eine Person, die mit Ihnen sprechen
möchte.
,Ohne Zweifel der Bote,' dachte Jane und lief ohne weitere
Frage die Treppe hinunter. Sie ging an dem hintern Salon oder
Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Tür halb geöffnet
war, um in die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer
gestürzt kam.
,Sie ist's, wahrhaftig sie ist's! -- Überall hätte ich sie wiedererkannt!'' rief die Gestalt, die Jane in ihrem Laufe aufhielt und
ihre Hand ergriff.
Jane blickte auf. Vor ihr stand eine Frau, gekleidet wie eine
herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung; sie war
hübsch, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen und frische Gesichtsfarbe.
, Nun, wer ist's wohl?' fragte sie mit einem Lächeln und einer
Stimme, die Jane halb und halb erkannte; ,aber Miß Jane, ich
hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?
Nach einer halben Minute umarmte und küßte Jane sie voll
Entzücken: ,Bessie! Bessie! Bessie! weiter konnte sie nichts hervorbringen; Bessie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen
sie zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner
Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen.
,Das ist mein kleiner Junge,' sagte Bessie schnell.
,Du bist also verheiratet, Bessie?
, Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem
Kutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen,
das Jane getauft ist.
, Und du wohnst nicht mehr in Gateshead ?
,Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.
,Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Plat; und du, Bobby, komm zu
mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du ? aber Bobby zog
es vor, sich neben seine Mama zu stellen.
,Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark, fuhr Mrs. Leaven fort. ,Vermutlich hat man Sie
hier in der Schule nicht allzu gut gehalten. Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgina ist gewiß
zweimal so breit.
, Georgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in
London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert; aber mit
ihrer Schwester lebt sie wie Hund und Kate; sie zanken und
streiten unaufhörlich.
,Nun, und was ist ans John Reed geworden?
,Ach, er führt sich nicht so brav auf, wie seine Mutter es wohl
wünschen könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt;
dann wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte
studieren sollte. Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch,
ich glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.
,Wie sieht er aus?
, Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner
junger Mann ist. Aber er hat so dicke, aufgeworfene Lippen.'
,Und Mrs. Reed?
,Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus,
aber ich glaube nicht, daß sie sich im Gemüt wohl fühlt. Mr. Johns
Betragen gefällt ihr nicht; er braucht sehr, sehr viel Geld.
,Hat sie dich hergeschickt, Bessie?
,Nein, in der Tat; aber ich habe schon so lange gewünscht,
Sie zu sehen, und als ich hörte, daß Sie in eine andere Gegend
des Landes gehen wollten, dachte ich mir, daß ich mich auf die
Reise machen müsse, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz
außer meinem Bereich wären.
, Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen
getäuscht. Dies sagte Jane wohl lachend, aber sie hatte bemerkt,
daß Bessies Blicke, wenn sie auch achtungsvoll waren, in keiner
Weise Bewunderung ausdrückten.
,Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus;
Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie von
Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie auch keine Schönheit.
Jane mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln.
,Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind, fuhr Bessie, wie
um Jane zu trösten fort.,Was können Sie denn alles? Können
Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und
öffnete es; dann bat sie Jane, ihr ein Stück vorzuspielen. Jane
gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt.
,Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen!' sagte sie
triumphierend. ,Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen
übertreffen würden. Können Sie auch zeichnen?
,Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.
Eö war eine Landschaft in Wasserfarben, welche Jane der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittlung bei
dem Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen
hatte bringen lassen.
,Aber das ist wirklich schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer
der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von
den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden. Denen
könnte es bald jemand nachmachen. Haben Sie auch Französisch
gelernt?
,Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.
,Und können Sie auch sticken und nähen?’
,Gewiß, das kann ich.’
, O, Sie sind ja eine ganze Dame geworden, Miß Jane! Das
habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird's immer gut gehen, ob
Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. Ich wollte
Sie noch um etwas befragen. - Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört??
, Nein, in meinem ganzen Leben nicht.
,Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie
arm und ganz gemein wären; möglich, daß sie arm sind, aber
ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn eines
Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gates-
head und wünschte, Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Sie
fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht,
denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in zwei, drei Tagen von
London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube,
daß er Ihres Vaters Bruder war.
, Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie
,Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo
sie Wein machen-- der Kellermeister hat mir das gesagt.
, Nach Madeira vermutlich?
,Ja, ja, das war's. so hieß sie.
, Und dann ging er wieder fort?
,Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed
war sehr von oben herab mit ihm. Nachher sagte sie von ihm, er
sei ein armseliger Handelsmann'. Mein Robert glaubt, daß er
ein Weinhändler war.
, Sehr wahrscheinlich,'' entgegnete Jane, ,oder vielleicht der
Kommis oder der Agent eines Weinhändlers.
Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und Jane von
alten Zeiten, und dann war sie gezwungen, Jane zu verlassen. Als
Jane am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete,
sah sie Bessie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten sie sich vor der Tür des,Wappens von Brocklehurst'' daselbst;
jede zog dann ihre Straße; Bessie begab sich auf den Gipfel des
Lowood-Felsens, wo der Wagen vorüber kam, der sie nach Gates-
head' zurückführen sollte; Jane bestieg das Gefährt, das sie in die
unbekannte Gegend von Millcote brachte, einem neuen Leben und
neuen Pflichten entgegen.

Elftes Kapitel.
In Thornfield.
Bald darauf finden wir Jane in einem Zimmer in ,Georgs
Wirtshaus' in Millcote, mit so großblumigen Tapeten an den
Wänden, wie Gasthauszimmer sie gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln, Nippesfiguren auf dem Kamin,
Kupferstichen, einem Porträt von Georg ll., einem zweiten des
Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des General
Wolfe. Und alles dies sehen wir bei dem Schein einer Öllampe,
welche von der Decke herabhängt, und dem eines helles Kaminfeuers, neben welchem Jane in Mantel und Hut sitzt; Muff und
Regenschirm liegen auf dem Tische, und sie versucht, sich an der
Wärme des Ofens von der Steifheit und Betäubung zu erholen,
welche eine sechzehnstündige Reise in kaltem Oktoberwetter bei ihr
hervorgerufen hatte; um vier Uhr morgens hatte sie Lowton verlassen und die Stadtuhr von Millcote schlug jetzt gerade die ache
Stunde.
Sie befindet sich in ziemlich unbehaglicher Gemütsverfassung.
Sie hatte gehofft, hier bei Ankunft der Postkutsche jemanden zu
ihrem Empfange bereit zu finden. Als sie die hölzerne Treppe
hinabstieg, welche der Hausknecht zu ihrer größeren Bequemlichkeit
an den Wagen gestellt, blickte sie ängstlich umher, in der Erwartung, ihren Namen von irgend jemandem aussprechen zu hören
und einen Wagen zu erblicken, welcher ihrer harrte, um sie nach
Thornfield zu bringen. Aber nichts derartiges war sichtbar, und
als sie den Kellner fragte, ob jemand da gewesen, um sich nach Miß
Eyre zu erkundigen, wurde ihre Frage verneinend beantwortet.
So blieb ihr also nichts anderes übrig, als zu verlangen, daß man
ihr ein Zimmer anweise-- und hier sitzt sie nun, während Furcht
und Zweifel aller Art ihre Seele martern.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sic
plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen-- von allen Bekannten
getrennt -- ungewiß, ob sie das Ziel, nach welchem sie streben,
auch erreichen. Der Reiz der Neuheit, die Freude am Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein der Selbständigkeit
erwärmt es-- aber die Empfindung der Furcht dämpft es
und kaum war eine halbe Stunde vergangen, in welcher Jane
noch immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus
vorherrschend. Da fiel es ihr ein, dem Kellner zu läuten.
,Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?
fragte sie den Aufwärter, welcher auf ihr Klingeln erschienen war.
,Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein, ich werde mich
in der Schenkstube erkundigen. Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:
,Ist Ihr Name Eyre, Miß?
,Ja.
,Es wartet jemand auf Sie.
Jane sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
in den Korridor des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen
Tür und auf der von Laternen erhellten Straße konnte sie die
Umnisse eines einspännigen Gefährts unterscheiden.
,Dies ist wohl Ihr Gepäck? sagte der Mann in der Tür, als
er ihrer ansichtig wurde, und zeigte auf den Koffer, der im Gange
stand.
, Ja. Er hißte ihn auf den Wagen, welcher eine Art von
Karren war, hinauf, und dann stieg Jane nach. Ehe er die Tür
hinter ihr zuschlug, fragte sie, wie weit es bis Thornfield sei.
, Etwa sechs Meilen.
, Und wie lange fahren wir??
,Vielleicht anderthalb Stunden!'
Er schloß die Wagentür, kletterte auf seinen Sitz, und sie
fuhren ab. Langsam kamen sie vorwärts, und Jane hatte reichliche
Muße zum Nachdenken. Sie war zufrieden, dem Endziel ihrer
Reise so nahe zu sein, und als sie sich in das bequeme Gefährt zurücklehnte, gab sie sich ungestört ihren Gedanken hin.
,Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners
und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr vornehme
Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen Leuten
gelebt und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt. Ich
möchte wissen, ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt.
Wenn das der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig
ist, werde ich sehr gut mit ihr fertig werden. Ich werde mein
Bestes tun. Aber wie schade, daß es nicht immer genügt, sein
Bestes zu tun. In Lowood allerdings faßte ich diesen Entschluß,
führte ihn aus, und es gelang mir, allen zu gefallen; aber bei
Mrs. Reed erinnere ich mich, daß selbst mein Bestes immer nur
Hohn und Verachtung hervorrief. Ich flehe zu Gott, daß Mrs.
Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge. Wenn sie es aber ist,
so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Kommt das Schlimmste
zum Schlimmen, so kann ich ja immer noch wieder eine Annonce
in die Zeitung rücken lassen.
Nach solchen Gedanken ließ Jane das Fenster herab und
blickte hinaus. Millcote lag hinter ihnen; nach der Anzahl seiner
Lichter schien es ein Ort von beträchtlicher Größe, viel größer als
Lowton. So weit Jane es überblicken konnte, befanden sie sich
jetzt auf einer Ari Weide; aber über den ganzen Distrikt lagen
Häuser zerstreut; sie fühlte, daß sie sich in Gegenden befand, welche
sich sehr von denen Lowoods unterschieden; sie waren bevölkerter,
aber weniger malerisch.
Die Straßen waren kotig, die Nacht war neblig; der Kutscher
ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen. Nach zwei Stunden
endlich wandte er sich um und sagte:
,jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte Jane hinaus; sie fuhren an einer Kirche vorüber; sie sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel
abzeichnen, seine Glocken verkündeten die Viertelstunde; dann sah
sie auch eine schmale Reihe von Lichtern auf einer Anhöhe; es war
ein Dorf oder ein Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der
Kutscher ab und öffnete eine Pforte; der Wagen fuhr hindurch und
das Tor schlug hinter ihm zu. Jetzt kamen sie langsam über den
großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines
Hauses entlang; aus einem verhängten Bogenfenster fiel ein Lichtschein; alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der
Haustür. Eine Dienerin öffnete dieselbe; Jane stieg aus und
ging hinein.
,Bitte, diesen Weg, Fräulein,' sagte das Mädchen, und Jane
folgte ihr durch eine viereckige Halle, in welche von allen Seiten
Türen mündeten. Sie führte sie in ein Zimmer, dessen doppelte
Beleuchtung durch Kerzen und Kaminfeuer sie im ersten Augenblick blendete, denn sie stach zu stark von der Dunkelheit ab,
an welche ihre Augen sich während der letzten Stunden gewöhnt
hatten. Als sie jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich ihren
Blicken ein gemütliches und anheimelndes Bild dar.
Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an
einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein hochlehniger, altmodischer
Lehnstuhl, in welchem die denkbar zierlichste, ältere Dame saß. z
Sie trug eine Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine ,
schneeweiße Musselinschürze. Sie war mit Stricken beschäftigt;eine
große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen. Als Jane eintrat, erhob ß
sich die alte Dame und kam ihr schnell und freundlich entgegen.
,Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie eine
sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es s
muß Ihnen aber kalt sein, kommen Sie ans Feuer.
,Mrs. Fairfax vermutlich? fragte Jane.
,Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte Jane zu ihrem eigenen Stuhl und dort begann sie,
ihr den Schal abzunehmen und die Hutbänder zu lösen. Jane bat
sie, sich ihretwegen nicht so viel Umstände zu machen.
,O, das sind keine Umstände. Ihre eigenen Hände müssen
vor Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite recht heißen Tee und
streiche ein paar Butterbrote; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie ein Bund Schlüssel aus ihrer Tasche
und übergab es der Dienerin.
,Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,. fuhr sie fort.
,Nicht wahr, meine Liebe, Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?
,Jawohl, Madame.
,Ich werde dafür sorgen, daß man es auf Ihr Zimmer trägt,
sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.
Solch einen Empfang hatte Jane wahrlich nicht erwartet; er
glich wenig den Erzählungen, die sie von der Behandlung der
Gouvernanten gehört hatte.
Mrs. Fairfax kehrte zurück; sie räumte ihren Strickstrumpfapparat und mehrere Bücher vom Tische, um platz für das Speisenbrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte sie
selbst Jane die Erfrischungen. Diese ward ein wenig verwirrt, als
sie sich in dieser Weise zum Gegenstand so zarter, ungewohnter Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein, wie sie
glaubte, von ihrer Brotherrin; da diese selbst aber gar nicht zu
finden schien, daß sie etwas tat, was ihr nicht zukam, hielt sie
es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.
,Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute
abend zu sehen ? fragte Jane, nachdem sie gegessen hatte.
, Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig schwerhörig,' entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr Janes
Munde näherte.
Deutlicher wiederholte Jane die Frage.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der
Name Ihrer künftigen Schülerin.
, In der Tat? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?
,Nein. Ich habe keine Familie.
Wohl hatte Jane jetzt die Absicht, ihrer ersten Frage noch
einige andere folgen zu lassen; aber sie erinnerte sich noch zu rechter
Zeit, daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen.
, Ich bin so froh' fuhr Mrs. Fairfax fort, als sie sich Jane
gegenüber setzte und die Kate auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so
froh, daß Sie gekommen sind. jetzt wird das Leben hier mit einer
Gefährtin ganz angenehm sein. . Nun, es ist auch wohl zu allen
Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz; während der letzten Jahre ist es allerdings ein wenig vernachlässigt worden, aber immerhin ist es ein stattlicher Ort; aber Sie
wissen wohl, selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich zur
Winterszeit unglücklich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein
-- Leah ist gewiß ein liebes Mädchen, und John und sein Weib
sind anständige, brave Leute; aber sehen Sie, es sind doch immer
nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer zehn Schritte vom
Leibe halten aus Furcht, seine Autorität zu verlieren. Sie können

und es regnete-- kam vom November bis zum Februar nicht eine
lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme des Schlächters und
des Postboten; und ich wurde wahrhaftig ganz tiefsinnig, wie ich
so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß das arme Mädchen von dieser
Aufgabe nicht sonderlich entzückt war; sie kam sich dabei wohl wie
eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer ging es dann
natürlich besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen so
großen Unterschied. Und nun zu Anfang dieses Herbstes kam die
kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort
Leben ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werden wir am
Ende gar noch ganz lustig und vergnügt werden.'?
Als Jane die alte Dame so plaudern hörte, schlug ihr Herz
ihr warm entgegen; sie zog ihren Stuhl näher an den ihren und
sprach den aufrichtigen Wunsch aus, daß ihre Gesellschaft sich wirklich als so angenehm für Mrs. Fairfax erweisen möge, als diese
erwartete.
,Heute abend will ich Sie aber nicht lange wach halten,
sagte die alte Dame;, es ist jetzt Schlag zwölf Uhr, und Sie sind
den ganzen Tag unterwegs gewesen; Sie müssen ja todmüde sein.
Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt sind, will ich Ihnen Ihr
Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das
meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist nur ein kleines
Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein würde, als eins
der großen Vorderzimmer; allerdings haben diese prächtigere
Möbel, aber sie sind so düster und einsam; ich könnte niemals
darin schlafen.
Jane dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da sie sich
von der langen Reise wirklich ermüdet fühlte, zeigte sie sich bereit,
sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Mrs. Fairfax nahm ein Licht,
und Jane folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst überzeugte
sich Mrs. Fairfax, ob die große Haustür auch wirklich verschlossen
sei; nachdem sie den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie
Jane die Treppe hinauf. Stufen und Geländersäulen waren von
Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; sowohl
dieses, wie die lange Galerie, auf welche die Schlafzimmertüren
hinausgingen, sahen aus, als gehörten sie zu einer Kirche und nicht
zu einem Hause. Eine feuchte, dumpfige Luft wie in einem Gewölbe, herrschte auf der Treppe, eine Luft, die den Gedanken an
trostlos öde Räume wachrief, und Jane war froh, als sie endlich
in ihr Zimmer trat und fand, daß es ein kleiner Raum und zierlich, aber einfach möbliert sei.
Als Mrs. Fairfax ihr eine herzliche gute Nacht gewünscht,
und sie ihre Tür sorgsam verschlossen hatte, sah sie sich mit Muße
um; der Anblick ihres behaglichen, kleinen Zimmers löschte den
Eindruck aus, welchen die weite Halle, die düstere, große Treppe
und jene lange, kalte Galerie auf sie gemacht hatten, und bald kam
es ihr zum Bewußtsein, daß sie nach ein paar Tagen körperlicher
Ermüdung und geistiger Erregung nun endlich in einen sicheren
Hafen eingelaufen sei. Dankbarkeit schwellte ihr Herz; sie kniete
neben ihrem Bette nieder und sandte ein inniges Dankgebet zu dem
empor, dem sie Dank schuldete, und bevor sie sich wieder erhob,
vergaß sie nicht, weitere Hilfe für ihren Pfad zu erflehen, und um
die Gabe zu bitten, sich der Güte wert machen zu können, welche
ihr in so reichem Maße zuteil wurde. In dieser Nacht lag sie auf
keinem Dornenlager; ihr einsames Zimmer war von Ruhe und
Frieden erfüllt. Zugleich müde und zufrieden, schlief sie bald fest
ein. Als sie erwachte, war es bereits heller Tag.
In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Fenstervorhänge fiel, erschien Jane das Zimmer so freundlich und gemütlich; sie wurde fast mutig bei dem Anblick der tapezierten Wände
und des teppichbelegten Fußbodens, welche den buntfarbigen Kalkwänden und nackten Holzböden in Lowood so unähnlich waren.
Ihr war, als müsse jetzt eine schönere Lebenszeit für sie anbrechen,
eine Zeit, welche neben ihren Dornen und Mühseligkeiten auch ihre
Blüten und Freuden haben würde.
Sie erhob sich. Mit großer Sorgfalt kleidete sie sich an. Wenn
sie auch gezwungen war, einfach zu sein, sie hatte kein einziges
Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht war.
so hatte sie doch von Natur das größte Verlangen, sauber und nett
auszusehen. Nachdem sie das Fenster geöffnet und gesehen hatte,
daß sie auf dem Toilettetische alles sauber und ordentlich zurückließ,
ging sie hinaus.
Nachdem Jane die lange, mit Teppichen bedeckte Galerie entlang gegangen war, stieg sie die glänzend blanke Eichentreppe hinunter; dann kam sie in die Halle; hier stand sie eine Minute still.
und betrachtete einige Kupferstiche an den Wänden, eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große, alte Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz seltsam geschnitzt und durch die
Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien ihr sehr stattlich und großartig; aber sie war ja auch so
wenig an Glanz und Pracht gewöhnt. Die Tür der Halle, welche
halb aus Glas war, stand offen; sie überschritt die Schwelle. Es
war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbtes Laub und noch immer frische Felder herab; sie ging
auf den freien platz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großen Verhältnissen,
der Herrensitz eines Gentleman; Zinnen auf dem Dache gaben
dem Hause ein ritterliches Aussehen. Die graue Front hob sich
hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes ab, dessen
krächzende Bewohner jetzt flügge waren; sie flogen über den Grasplatz und den Park, um sich auf einer großen Weide niederzulassen,
von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt
waren; auf dieser Wiese stand eine lange Reihe alter, starker, knorriger Dornenbäume, mächtig wie Eichen, welche sofort die Bedeutung der Benennung des Herrenhauses, nämlich Dornenfeld,
kenntlich machten. Die Hügel in der Ferne waren nicht so hoch
wie jene um Lowood, nicht so zackig, nicht so ähnlich Grenzsperren,
welche alles von der übrigen Welt abschlossen, aber doch stille,
einsame Hügel, welche Thornfield eine gewisse Abgeschiedenheit
verliehen. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen überschattet waren, zog sich an einem der Hügel hinauf; die Kirche des
Bezirks stand näher an Thornfield, ihr alter Turm sah über einen
Hügel zwischen dem Hause und den Parkpforten hervor.
Jane freute sich noch an der friedlichen Aussicht und an der
frischen, angenehmen Luft, horchte noch mit Entzücken auf das
Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große, von der Zeit geschwärzte Front der Halle und dachte bei sich, welch ein weitläufiger Aufenthalt es für eine einzelne kleine Dame wie Mrs.
Fairfax sei, als diese Dame in der Tür erschien.
,Was? schon draußen? sagte sie.,Ich sehe, Sie sind gewöhnt früh aufzustehen.' Jane ging zu ihr und wurde mit einem
Kusse und einem herzlichen Händedruck bewillkommt.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte die alte Dame. Jane
sagte ihr, daß sie es sehr schön fände.
,Ja, erwiderte Mrs. Fairfax, ,es ist ein reizender Ort; aber
ich fürchte, die Besitzung wird vernachlässigt werden, wenn Mr.
Rochester nicht herkommt und seinen ständigen Wohnsitz hier
nimmt. Große Häuser und schöne Parks erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.
,Mr. Rochester!' rief Jane aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie ruhig. ,Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt ?
Natürlich wußte Jane das nicht, sie hatte ja noch niemals
von ihm gehört.
, Ich glaubte,! sagte Jane. , daß Thornfield Ihr Eigentum sei.'
,Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welch eine Idee!
Mein Eigentum ? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin.
Allerdings bin ich durch die Familie seiner Mutter entfernt mit
den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er
war ein Geistlicher, Pfründenbesitzer von Hay, jenes kleine Dorf
da drüben auf dem Hügel und die Kirche neben der Parkpforte
war die seine. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine
Fairfax und meines Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich
tue mir auf diese Verwandtschaft niemals etwas zugute und erlaube mir deshalb keine Freiheiten; ich betrachte mich selbst in dem
Lichte einer ganz gewöhnlichen Haushälterin; mein Brotherr ist
immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.
,Und das kleine Mädchen - meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine
Gouvernante für sie zu suchen. Doch- da kommt sie mit ihrer
,Bonne', wie sie ihre Wärterin nennt?
Diese freundliche, gütige, kleine Witwe war also keine große
Dame, sondern eine Untergebene wie Jane selbst. Aber um so
besser für diese. Ihre Stellung war deshalb um so viel freier.
Während Jane noch über diese Entdeckung nachdachte, kam
ein kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Jane betrachtete ihre Schülerin, welche sie
anfangs nicht zu' bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, blaß mit kleinen Gesichtszügen und einem Überfluß von Haar, das in Locken über die
Schultern wallte.
,Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mrs. Fairfax.,Kommen
Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin
sein wird, damit Sie eines Tages eine gescheite Dame werden.
Die Kleine kam näher.
,C’est la ma gouvernante?’ fragte sie zu ihrer Wärterin gewendet auf Jane zeigend; diese antwortete:
,Mais oui, certainement.’
,Sind sie Ausländer? fragte Jane, ganz erstaunt, die französische Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube auch, daß sie bis vor sechs Monaten dort verblieb. Als sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort
englisch sprechen; jetzt hat sie es so weit gebracht, ein wenig sprechen
zu können, doch ich verstehe sie nicht, sie vermischt es zu sehr mit
dem Französischen; aber ich vermute, daß Sie sehr gut begreifen
werden, was sie meint.
Zum Glück hatte Jane sich einen solchen Grad der Fertigkeit
und der Korrektheit in der französischen Sprache angeeignet, daß
sie sehr wohl imstande war, mit der kleinen Adele gleichen Schritt
zu halten.
Als sie hörte, daß Jane ihre Gouvernante sei, kam sie auf sie
zugelaufen und reichte ihr die Hand; dann führte Jane sie in das
Frühstückszimmer und richtete einige Worte in ihrer Muttersprache ?
an sie; im Anfang antwortete das Kind sehr kurz, aber nachdem ;
alle am Tische Platz genommen hatten und sie Jane ungefähr zehn
Minuten mit ihren großen hellbraunen Augen angesehen hatte,
begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.
,Ach, rief sie auf französisch aus. , Sie sprechen meine
Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen
reden wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich
sein; hier kann niemand die arme Sophie verstehen, Madame
Fairfax ist durch und durch englisch. Sophie ist meine Wärterin;
sie ist mit mir über das Meer gekommen in einem großen Schiffe
mit einem Schornstein, der rauchte - und wie er rauchte! -
und ich war krank, und Sophie war es auch und Mr. Rochester
auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen
Zimmer, das Salon genannt wurde, und Sophie und ich hatten
kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus
dem meinen herausgefallen, es war ganz wie ein Brett. Und.
Mademoiselle wie heißen Sie doch?
,Eyre - Jane Eyre.
,Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun also
weiter: gegen Morgen, der Tag war noch nicht ganz angebrochen,
hielt unser Schiff bei einer großen Stadt an -- bei einer sehr
großen Stadt, mit sehr düsteren Häusern, die ganz von Rauch geschwärzt waren; sie hatte gar keine Ähnlichkeit mit der sauberen,
hübschen Stadt, aus welcher ich kam. Und Mr. Rochester trug mich
auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam
hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an
ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und viel, viel
schöner als dieses, und es hieß ein Hotel'. Dort blieben wir beinahe eine Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen,
grünen Platz voller Bäume umher, den sie Park' nannten. Außer
mir waren noch viele, viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert
habe.
,Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell
plappert? fragte Mrs. Fairfax.
Jane verstand sie sehr gut, denn sie war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.
Dann fuhr die gute, alte Dame fort: ,Ich möchte gern, daß
Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll mich
doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?
,Adele, fragte sie, ,mit wem hast du in jener hübschen,
sauberen Stadt gewohnt, von welcher du mir erzählt hast?'
,Mit meiner Mama, aber die ist schon lange tot. Mama hat
mich auch tanzen und singen und schöne Verse hersagen gelehrt. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?
Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte
Jane ihr, eine Probe ihres Talents zu geben. Sie kletterte von
ihrem Stuhl herunter und kam zu Jane, um sich auf ihren Schoß
zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre
Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und
begann, eine Melodie aus irgend einer Oper zu singen.
Adele sang ganz geschmackvoll und mit der kindlichen Auffassung ihrer Jahre. Nachdem sie damit zu Ende, sprang sie von
Miß Eyres Schoße herab und sagte: ,jetzt, Mademoiselle, will ich
Ihnen etwas vordeklamieren.'
Dann begann sie: ‘La ligue des rats; fable de Lafontaine.’ Nun deklamierte sie das kleine Stück mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit
der Stimme und einer Zartheit der Bewegungen, welche für ihre
Jahre allerdings ungewöhnlich waren.
,Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt?' fragte Jane.
,Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ‘Ou’ avez-vous donc? lii dir un de des rats; parlez!’ Und dann ließ sie mich meine
Hand aufheben-- so um mich daran zu erinnern, daß ich die
Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas
vortanzen ??
,Nein. jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als
deine Mama gestorben war ??
,Bei Madame Frederich und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie
Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte
mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben
möchte; und ich sagte ja. Denn ich kannte Mr. Rochester, bevor
ich Madame Frederich kannte, und er war immer gütig gegen mich
und schenkte mir schöne Kleider und hübsche Spielsachen. Aber
Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe
ich ihn nie mehr.
Nach dem Frühstück zog sich Jane mit Adele in die Bibliothek
zurück; wie es schien, hatte Mr. Rochester bestimmt, daß dieser
Raum als Schulzimmer benutzt werden sollte. Die Mehrzahl der
Bücher war in Glasschränken verschlossen; aber ein Bücherschrank,
welcher offen stand, enthielt alles, was für den elementaren
Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren
Literatur, Poesie, Biographie, Reisebeschreibungen, einige
Romanzen usw. In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz
neues Klavier von herrlichem Ton; außerdem eine Staffelei und
mehrere Erdkugeln.
Jane fand ihre Schülerin ausßerordentlich liebenswürdig, aber
sehr zerstreut. Sie war niemals an eine regelmäßige Beschäftigung
irgendwelcher Art gewöhnt gewesen. Jane fühlte, daß es nicht
ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte sie ihr, als aus dem Morgen Mittag geworden war, und sie viel zu ihr gesprochen und sie ein wenig hatte
lernen lassen, zu ihrer Wärterin zurückzukehren. -Jetzt zeichnete
Jane einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch.
Als Jane darauf nach ihrem Zimmer ging, rief Mrs. Fairfax
ihr zu: ,Ihre Morgenschulstunden sind jetzt vorüber, wie ich vermute. Sie befand sich in einem Zimmer dessen Flügeltüren weit
geöffnet waren. Als sie Jane anredete, ging diese zu ihr hinein.
Es war ein großes, stattliches Gemach, mit purpurfarbigen
Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen buntfarbigen Fenster und einer
reich geschnitzten Decke. Mrs. Fairfax wischte den Staub von
einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf einem
Tischchen standen.
,Welch ein prächtiges Zimmer,! rief Jane aus, indem sie
umher blickte, denn sie hatte noch nichts gesehen, was auch nur
halb so schön gewesen wäre.
, Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster
geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein herein zu lassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht
und dumpfig. Drüben im großen Salon ist es gerade wie in
einem Gewölbe.
Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster
gegenüber lag und mit persischen Vorhängen, die in Bogen aufgerafft waren, dekoriert war. Als Jane zwei breite Stufen, welche
zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war es jhr, als täte
sie einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien ihr der Anblick,
welcher sich ihr darbot. Und doch war es nichts, als ein sehr
hübscher Salon mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, die mit bunten Blumengirlanden bedeckt schienen;
die Decke war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße
Weintrauben und Blätter darstellte; seltsam kontrastierten damit
die feuerroten Stühle und Ottomanen. Die Zierate, welche den
Kaminsims aus weißem, carrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem, rubinrotem, böhmiscem Glas, und in den
Spiegeln zwischen den Fenstern wiederholte sich die allgemeine
Mischung von Schnee und Feuer.
, Wie schön Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs.
Fairfax!'' rief Jane. ,Kein Staub, keine Überzüge aus Glanzleinwand. Man könnte wirklich, glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht ein wenig gruftartig wäre.
,Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur
selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich;
und da ich bemerkt habe, daß es ihn stets schlechter Laune macht,
wenn er alles eingehüllt findet und mitten in die Geschäftigkeit des
Räumens hineinkommt, so dachte ich mir, es sei das Beste, die
Zimmer stets in Bereitschaft zu halten.'?
,Ist Mr. Rochester ein strenger und kleinlicher Herr?' fragte
Jane.
,Nicht gerade das; aber er hat die Neigungen und Gewohnheiten eines Gentleman, und er erwartet, daß alle Dinge sich dem
anpassen.'
,Lieben Sie ihn? Ist er allgemein beliebt?
,O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit Menschengedenken hat alles Land in der Gegend,
so weit das Auge reicht, den Rochesters gehört.'
, Gut; aber lieben Sie ihn, ganz abgesehen von seinen Besitzungen? Lieben Sie ihn um seiner selbst willen?
,Ich habe keine Ursache, etwas anderes zu tun, als ihn zu
lieben, und ich glaube auch, daß seine Pächter und Untergebenen ihn als einen freigebigen und gerechter Gebieter betrachten; aber
er hat niemals viel unter ihnen gelebt.’
, Aber wie ist sein Charakter?’
, O, sein Charakter ist fleckenlos. Vielleicht ist er in manchen
Dingen ein klein wenig seltsam; ich vermute, daß er viel gereist ist
und viel von der Welt gesehen hat. Ich glaube auch, daß er sehr
gescheit ist, aber ich habe niemals Gelegenheit gehabt, mich viel mit
ihm zu unterhalten.’
,In welcher Weise ist er denn seltsam ?
,Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben -
nichts besonders Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst
redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Kurzum, man versteht
ihn nicht recht - wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das
schadet ja nichts; er ist ein sehr guter Herr und Gebieter.
Dies war alles, was Jane von Mrs. Fairfax über ihren Brotherrn erfahren konnte. Als sie das Speisezimmer verließen, schlug
Mrs. Fairfax Jane vor, ihr den übrigen Teil des Hauses zu zeigen;
und Jane folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles im
Gehen, denn alles war schön und geschmackvoll geordnet. Besonders die großen Zimmer an der Vorderseite des Hauses erschienen ihr prächtig, und einige der Zimmer des dritten Stocks, obgleich düster und niedrig, waren interessant durch ihr altertümliches
Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen der Mode von
Zeit zu Zeit hier herauf geschafft, und das unsichere Licht, welches
durch die niederen Fenster eindrang, fiel auf Bettstellen, welche
mehr als ein Jahrhundert zählten; Truhen aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien von Palmenzweigen
und Engelsköpfen aus wie ein Urbild der Arche Noäh; Reihen von
ehrwürdigen Stühlen mit schmalen und hohen Lehnen; noch ältere
Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverwitterter Stickereien, welche vor zwei Generationen von Fingern
gearbeitet waren, die längst im Grabe moderten. All diese Reliauien verliehen dem dritten Stockwerk von Thornfield-Hall das
Aussehen eines Heims der Vergangenheit, eines Schreins der Erinnerungen. Jane liebte die Ruhe, das Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume während der Tageszeit; aber sie wünschte
sich durchaus nicht das Vergnügen einer Nachtruhe auf diesen
großen und schweren Betten, deren einige durch Türen von Eichenholz abgeschlossen, andere mit schweren alten Vorhängen von englischer Arbeit verdeckt waren, deren Muster seltsame Blumen und
noch seltsamere Vögel und die allerseltsamsten menschlichen Gestalten darstellten-- wie seltsam würden erst all' diese Dinge im
bleichen Mondlicht ausgesehen haben!
,Schlafen die Diener in diesen Zimmern? fragte sie.
,Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Gemächer an der
Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand.
,Wollen Sie mit mir auf das Dach hinaufgehen? fuhr Mrs.
Fairfax fort,,um die Aussicht von dort zu genießen? Jane folgte
ihr über eine sehr enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und
von dort über eine Leiter und durch eine Falltür auf das Dach des
Herrenhauses. Sie befand sich jetzt auf gleicher Höhe mit der
Krähenkolonie und konnte einen Blick in ihre Nester werfen. Als
sie sich über die Zinnen lehnte und weit hinunter blickte, sah sie den
Park und die Gärten wie eine Landkarte vor sich liegen; der helle,
wie Samt geschorne Rasen, der sich dicht um das graue Fundament
des Hauses zog; die Felder und Wiesen, auf denen hier und da
große Haufen von starkem Bauholz lagen; der ernste, düstere Wald,
durch welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als
Sonnenlicht des Herbsttages hineinragten; der weite, tiefblaue,
mit leichten Federwölkchen besäte Himmelsbogen, das ganze vor
ihr liegende Bild hatte keinen besonders hervorragenden Zug, aber
es war lieblich und wohlgefällig. Als sie ihr Auge von demselben
abwandte und wieder durch die Falltür hinabstieg, konnte sie kaum
den Weg über die Leiter hinunter finden; im Vergleich mit dem
blauen Himmelsbogen, zu dem sie empor geblickt hatte, erschien
die Bodenkammer finster wie ein Gewölbe; düster wie ein Grab
nach jenem sonnigen Bilde des Parkes, der Weiden und grünen
Hügel, dessen Mittelpunkt das Herrenhaus war, und das sie soeben noch mit Wonne betrachtet hatte.
Kaum waren beide wieder in das untere Stockwerk gelangt,
als Adele lachend auf sie zukam.
,Mesdames, vous etes servies!' rief sie, ,j’ai bien faim,
moi!'
In Mrs. Fairfax' Zimmer fanden sie die Mahlzeit angerichtet.

Zwölftes Kapitel.
Eine Begegnung.
Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf ihrer Tage, welche
der erste Anfang in Thornfieldhall zu versprechen schien, wurde
nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in Wirklichkeit das, was sie zu sein schien, eine leidenschaftslose, gutherzige.
sich stets gleich bleibende Frau von guter Erziehung und einem
Durchschnittsverstande. Janes Schülerin war ein lebhaftes Kind,
welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig
und widerspenstig war; da sie indessen gänzlich ihrer Obhut anvertraut war, und keine unberufene und unvernünftige Einmischung von irgendeiner Seite jemals Janes Pläne und Absichten
in bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß das Kind bald
seine kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig. Adele
besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charakterzüge,
keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung, welche sie auch
nur um einen Zoll über andere Kinder empor gehoben hätte; aber
ebensowenig hatte sie irgendein Laster oder einen Fehler, welcher
nicht der eines Kindes gewesen wäre. Sie machte ziemlich gute
Fortschritte, hegte für Jane eine lebhafte Neigung und flößte ihr
durch ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen, ihr zu gefallen, so viel Liebe ein, daß Jane Freude und Vergnügen an des
Kindes Gesellschaft und in ihrer Tätigkeit fand.
Dann und wann, wenn Jane einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parktor hinunter gegangen war, um von
dort auf die Landstraße zu blicken, oder wenn Adele mit ihrer
Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte, kletterte Jane die drei Treppen hinauf, öffnete die
Falltür in der Bodenkammer und blickte, an die Galerie des
Daches gelehnt, weit über Felder und Hügel hinaus bis an die verschwommene Linie des Horizonts. Dann wünschte sie über jene
Grenzen fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt
und Städte und lebensvolle Gegenden waren, von denen sie wohl
gehört, die sie aber niemals gesehen hatte. Nicht die Ruhe ist es.
welche dem Menschen Zufriedenheit gibt, sondern vor allen die
Tätigkeit neben der Ruhe. So verließ Jane sehnsuchtsvoll' ihren
Ausblick und wanderte unruhig in der Galerie hin und her.
Nun noch einiges über die anderen Mitglieder des Haushalts. Diese, wie John und seine Frau, Leah das Hausmädchen
und Sophie, die französische Bonne, waren sehr anständige Leute,
aber in keiner Weise erhoben sie sich über das Gewöhnliche. Mit
Sophie pflegte Jane französisch zu sprechen und zuweilen richtete
sie auch Fragen über ihr Vaterland an sie; die Bonne besaß aber
weder die Gabe erzählen noch beschreiben zu können und gab
meistens so verwirrte und nichtssagende Antworten, daß sie
Janes Fragelust eher dämpften als ermutigten.
Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen Freitag für Adele
gebeten, weil diese sich eine heftige Erkältung zugezogen hatte, und
Jane gewähite diese Bitte. Obgleich sehr kalt, war es ein schöner,
windstiller Tag; den ganzen Morgen hatte Jane ruhig sitzend in
der Bibliothek zugebracht, jetzt war sie dessen müde; Mrs. Fairfax
hatte gerade einen Brief beendigt, welcher darauf harrte, zur Post
getragen zu werden, und so nahm Jane Hut und Mantel und erbot
sich freiwillig, denselben auf das Postamt nach Hay zu bringen;
die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, sollte ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für sie sein. Nachdem sie Adele
gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs. Fairfax’ Kaminfeuer festgesetzt und Jane ihr die schönste Wachspuppe, welche gewöhnlich in Silberpapier gewickelt in einer Schublade verwahrt
lag, zum Spielen gegeben hatte und dazu noch der Abwechslung
wegen ein Geschichtenbuch, machte sie sich auf den Weg.
Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, die Straße
einsam; Jane ging sehr schnell, bis sie sich erwärmt hatte, dann
verlangsamte sie ihren Schritt, um das Vergnügen des Weges so
recht zu genießen. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als sie
an dem Glockenturm vorüber ging; der Reiz der Stunde lag in der
herannahenden Dämmerung in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Jane war schon eine Meile von Thornfield
entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner
wilden Rosen, im Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige, Schätze in
Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine
herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Vereinsamung und laublosen, starren Ruhe. Selbst wenn ein Lüftchen
wehte, weckte es hier keinen Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün, welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn- und Haselnußbüsche lagen ebenso still da,
wie die weißen, ausgetretenen Steine, mit welchen der Fußpfad in
der Mitte gepflastert war. Weit und breit lagen zu jeder Seite nur
Felder, auf denen jetzt kein Vieh mehr weidete; und die kleinen,
braunen Vögel, welche sich dann und wann in der Hecke rührten,
sahen aus wie einzelne welke Blätter, die vergessen hatten, abzufallen.
Dieser Weg zog sich hügelaufwärts nach Hay; als Jane die
Mitte erreicht hatte, setzte sie sich an einem Zaun nieder, welcher sich
von dort quer über ein Feld zog. Sie hüllte sich dicht in ihren
Mantel, verbarg die Hände in ihrem Muff und fühlte auf diese
Weise die Kälte nicht, obgleich es scharf fror; dies bewies eine
dünne Eisschicht, welche den Fußpfad bedeckte, wo ein kleines, jetzt
gefrorenes Bächlein, noch vor wenigen Tagen nach starkem Tauwetter dahingerieselt war. Von ihrem Platze aus konnte sie auf
Thornfield hinunterblicken; das graue, mit Zinnen gekrönte
Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Tal zu
ihren Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben
sich gegen Westen. Sie verweilte, bis die Sonne hinter den
Bäumen versank und feurig und klar zur Ruhe ging. Dann
wandte sie sich ostwärts.
Über der Spitze des Hügels oberhalb des Weges stand der
aufgehende Mond; jetzt noch bleich aber mit jedem Augenblick
strahlender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in
Bäumen versteckt, aus seinen wenigen Schornsteinen einen bläulichen Rauch gen Himmel sandte; es lag noch eine Meile entfernt,
aber in der tiefen Stille drangen die Töne des schwachen Lebens,
welches in dem Orte pulsierte, bis zu Jane herauf. Ihr Ohr vernahm auch das Rauschen von Strömen; jenseits Hay waren aber
viele Hügel, und zweifellos auch viele Bäche, welche von ihren
Höhen herabrauschten. In der Ruhe dieses Abends verriet sich sowohl das Rieseln der nächsten Bäche wie das Rauschen der weit
entferntesten.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch dies zarte, ferne und doch so
klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein Trampeln, ein
metallisches Klirren.
Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die
Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam stetig näher;
Jane wollte gerade ihren platz verlassen, da der Pfad aber schmal
war, saß sie still, um es vorüber zu lassen. In jenen Tagen war
sie jung, und tausend helle und düstere Phantasien bemächtigten sich
ihres Gemüts; die Erinnerung an Kinderstubengeschichten lag dort
unter anderm Gerümpel aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke,
welche die Kindheit ihnen nicht zu geben vermocht hatte. Als dies
Pferd näher kam, und sie erwartete, es in der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel ihr eine von Bessies Geschichten ein, in welcher
ein Geist aus dem Norden Englands, namens Gytrash vorkam;
dieser suchte in Gestalt eines Pferdes, Maulesels oder großen
Hundes einsame Wege heim und überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, gerade so wie dieses Pferd jetzt auf sie zu kam.
Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da
vernahm Jane außer jenem Trapp, Trapp noch ein Rascheln unter
der Hecke, und dicht an den braunen Stämmen entlang lief ein
großer Hund, dessen schwarz und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte. Dies war nun gerade eine Maske aus Bessies Gytrash,
eine löwenähnliche Kreatur mit langer Mähne und großem Kopfe;
sie schlich indessen ruhig an ihr vorüber und blickte mit den seltsam
verständigen Hundeaugen nicht zu ihr auf, wie sie halb und halb
erwartete. Dann folgte das Pferd, ein starkes Roß, auf seinem
Rücken ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, brach den
Zauber sofort. Den Gytrash konnte niemand reiten, er stürmte
stets allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber
der Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch nicht, so viel Jane
wußte, die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war
also kein Gytrash, sondern nur ein Reisender, welcher den kürzesten
Weg nach Millcote einschlug. Er ritt vorüber, und Jane ging
weiter; doch nur wenige Schritte, dann wandte sie sich um. Ein
Laut, als glitte irgend etwas aus, ein Ausruf, ein polternder Fall
erregten ihre Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen am Boden;
sie waren auf der Eisfläche ausgeglitten, welche den gepflasterten
Fußpfad bedeckte. In großen Sprüngen kam der Hund zurück und
als er seinen Herrn in Verlegenheit sah und das Pferd stöhnen
hörte, begann er zu bellen, bis es von den Hügeln widerhallte. Er
beschnüffelte die auf dem Boden liegende Gruppe und dann kam
er zu Jane gelaufen; das war alles, was er tun konnte, keine andere
helfende Hand war zur Stelle. Jane folgte ihm und ging zu dem
Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde hervorzuarbeiten. Seine Anstrengungen waren so kräftig, daß sie
glaubte, er könne keinen großen Schaden genommen haben; aber
sie fragte dennoch:
,Haben Sie sich verletzt, mein Herr?
Er antwortete nicht.
,Kann ich irgend etwas für Sie tun? fragte sie wiederum.
,Stellen Sie sich auf die Seite,' entgegnete er, indem er sich
erhob, erst auf die Knie, dann auf die Füße. Jane tat, wie er sie
hieß. Dann begann ein Heben, Stampfen, Schlagen, begleitet von
einem Bellen und Springen, welches sie in der Tat einige Schritte
vorwärts trieb; sie wollte sich jedoch nicht ganz entfernen, bevor
sie das Resultat gesehen. Dieses war am Ende ein glückliches; das
Pferd stand wieder auf den Füßen und der Hund wurde mit einem
, Kusch, Pilot!'' zur Ruhe gebracht. Dann beugte der Reisende
sich nieder und betastete seinen Fuß und sein Bein, wie um sich zu
vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von

Jane näherte sich ihm wiederum.
,Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen,
so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall Hilfe herbeiholen,' sagte sie.
,Ich danke Ihnen. Ich werde allein fertig werden. Ich habe kein Glied gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,'' und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; die
Untersuchung preßte ihm aber ein unwillkürliches,Au' aus.
Das Tageslicht war noch nicht ganz gewichen und der Mond
schien bereits hell: Jane konnte ihn deutlich sehen. Die Gestalt
war in einen weiten Reitmantel mit Pelzkragen und Stahlschlössern versehen gehüllt. Sie sah, daß der Mann von mittlerer
Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein finsteres
Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen mit den
hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen sprühten in diesem
Augenblick Wut und Zorn; er war über die erste Jugend fort, das
mittlere Lebensalter hatte er aber noch nicht erreicht; er mochte
ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen. Wieder winkte er ihr, beiseite zu gehen, sie verharrte aber auf ihrem Platze und kündigte ihm an:
‘Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Gäßchen allein zu lassen, bevor ich gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.'
Als sie dies sagte, blickte er sie an. Bis dahin hatte er die
Augen kaum auf sie gerichtet.
,Mich dünkt, Sie sollten dafür sorgen, daß Sie selbst nach
Hause kämen,' sagte er, ,wenn Sie ein Haus in der Nähe haben.
Woher kommen Sie denn?
,Von dort unten; und ich fürchte mich durchaus nicht, spät
draußen auf der Landstraße zu sein, wenn der Mond scheint. Wenn
Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüber laufen; ich gehe in der Tat nach dort, um einen Brief auf die
Post zu geben.
,Sie wohnen dort unten? Sie meinen doch nicht in jenem
Hause dort mit den Zinnen?’ mit diesen Worten deutete er auf
Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein
warf; deutlich und hell hob es sich von den Wäldern ab, welche jetzt
im Gegensatz zu dem westlichen Himmel eine ungeheure, schattige
Masse bildeten.
,Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mr. Rochester.
,Kennen Sie Mr. Rochester?
,Nein, ich habe ihn niemals gesehen.
,Er wohnt also jetzt nicht dort?
,Nein.
,Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?
,Nein, das kann ich nicht.
,Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie
sind - er hielt inne und ließ die Augen über Janes Kleidung
schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer
Merinomantel, ein schwarzer Filzhut; beides würde nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer gewesen sein. Es
ward ihm schwer zu entscheiden, wer sie eigentlich sein könne. Sie
half ihm.
, Ich bin die Gouvernante.
,Ahl! die Gouvernante!' wiederholte er, ,die hatte ich ganz
vergessen! Die Gouvernante! Die Gouvernante!'' und wiederum
unterwarf er Janes Toilette einer eingehenden Prüfung. Nach
zwei Minuten erhob er sich von seinem Plate am Zaun; sein Gesicht drückte den größten Schmerz aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,? sagte
er; ,aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die
Güte haben wollen.
,Ja, mein Herr.
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stützte gebrauchen könnte?
,Nein.
,Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es
mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?
Wäre Jane allein gewesen, so würde sie sich gefürchtet haben,
ein Pferd zu berühren; da ihr jedoch geheißen wurde, es zu tun,
gehorchte sie. Sie legte ihren Muff am Zaun nieder und näherte
sich dem großen Pferde; sie bemühte sich, den Zügel zu fassen, es
war aber ein feuriges Tier und wollte sie seinem Kopfe nicht nahe
kommen lassen; all ihre Versuche blieben erfolglos; inzwischen
fürchtete sie sich beinahe zu Tode vor seinen Vorderhufen, mit denen
es unaufhörlich ausschlug. Der Fremde wartete und beobachtete
einige Zeit; endlich lachte er laut auf.
,Ich sehe schon,' sagte er, ,der Berg will sich nicht zu
Mahomet bringen lassen, daher können Sie weiter nichts tun als
Mahomet helfen, daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, herzukommen.
Sie ging.
,Verzeihen Sie mir, fuhr er fort, ,die Notwendigkeit zwingt
mich, Sie mir nützlich zu machen. Er legte eine schwere Hand auf
Janes Schulter, und sich mit Nachdruck auf sie lehnend, hinkte er
bis zu seinem Pferde. Als es ihm dann einmal gelungen war, den
Zügel zu fassen, beherrschte er es sofort und schwang sich in den
Sattel; aber seinem Gesichte merkte man es an, daß der verrenkte
Knöchel ihn heftig schmerzte.
,Jetzt,'' sagte er, ,geben Sie mir meine Peitsche; sie liegt dort
unter der Hecke.
Jane suchte und fand sie.
,Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay
und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.
Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein
Pferd sich bäumte und davon sprengte; der Hund folgte wie rasend
den Spuren, und alle drei verschwanden.
Jane nahm ihren Muff wieder auf und ging weiter. Bald
kam sie nach Hay, warf den Brief in den Schalter des Postbureaus
und machte sich auf den Weg nach Hause. Als sie wieder an den
Zaun kam, hielt sie eine Minute inne, blickte umher und horchte;
ihr war, als müsse sie wiederum Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Fußsteige vernehmen, als müßte wiederum ein Reiter
im Mantel und ein Gytrashähnlicher Neufundländer erscheinen,
aber sie sah nur eine Hecke und eine Pappelweide vor sich, die still
und bewegungslos und gerade in das kläre Mondeslicht hineinragten; sie hörte nur den leisen Windhauch, welcher eine Meile
weiter hügelabwärts dann und wann durch die Bäume fuhr, die
das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als sie der
Richtung, aus welcher das leise Murmeln kam, mit den Augen
folgte, sah sie, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte sie daran, daß es bereits spät sei,
und sie eilte weiter.
Als Jane an der Parkpforte angelangt war, zögerte sie noch
einen Augenblick mit dem Eintritt, denn der Abend dünkte sie gar
zu schön. Dann ging se auf der Terrasse hin und her; die Jalousien der Glastür waren herabgelassen; sie konnte nicht in das
Innere des Zimmers blicken, und sowohl ihre Augen wie ihre
Seele schienen von dem düsteren Hause fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren Himmelsbogen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer vor ihr ausbreitete; feierlich und majestätisch
stieg der Mond empor und ließ die Spitzen jener Hügel unter sich,
hinter denen er hervorgekommen war; er strebte dem tiefdunklen,
unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden
Sterne, denen sie mit bebendem Herzen nachblickte. Gar kleine und
geringe Dinge rufen uns oft auf die Erde zurück. In der Halle
schlug die Uhr, das genügte. Jane wandte ihre Augen von Mond
und Sternen ab, öffnete eine Seitentür und trat ins Haus.
Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz
erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing;
eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren
Teil der alten Eichentreppe. Ein heller Schein drang aus dem
großen Speisezimmer, dessen hohe Flügeltüren geöffnet waren und
ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem
Glanz zeigten sich die dunkelroten Draperien, die polierten Möbel,
die Marmorverkleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel
auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war
Jane derselben ansichtig geworden, kaum hatte sie den Ton fröhlicher Stimmen vernommen, unter denen sie jene Adelens zu unterscheiden glaubte, als die Tür auch schon wieder geschlossen wurde.
Sie eilte nach Mrs. Fairfax' Zimmer; auch dort brannte ein
Feuer, jedoch kein Licht. Mrs. Fairfax war nicht sichtbar. Statt
ihrer fand sie auf dem Kaminteppich, einsam, aufrechtsitzend, ernst,
einen großen, langhaarigen, schwarz und weißen Hund, ähnlich dem
Gytrash aus dem Heckengäßchen. Er war ihm in der Tat so ähnlich, daß sie näher ging und rief:
,Pilot! Das Tier erhob sich, kam auf sie zu und beschnüffelte
sie. Sie liebkoste und streichelte den Hund; er wedelte mit seinem
großen, schweren Schwanze; aber er sah ihr doch ein wenig zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und sie wußte nicht einmal, woher er gekommen. Sie zog die Glocke, denn sie wünschte
ein Licht, und überdies hoffte sie auch Auskunft über diesen Gast
zu erhalten. Leah trat ein.
,Wo kommt dieser Hund her?
,Er ist mit dem Herrn gekommen.
,Mit wem??
,Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen.
,In der Tat! Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?
,Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer
und John ist eben gegangen, um einen Wundarzt zu holen; denn
unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt und
er hat sich den Knöchel verrenkt. !
,Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?
,Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Glatteise gestürzt.
,Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen? Ich bitte
Sie darum.
Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf
dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu,
daß Mr. Carter gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann
eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Tee zu treffen.
Jane ging nach oben, um Hut und Mantel abzulegen.

Dreizehntes Kapitel.
Mr. Rochester.
Mr. Rochester befolgte den Befehl des Arztes, indem er an
diesem Abend frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen
stand er spät auf. Als er dann herunterkam, war es nur, um sich
den Geschäften zu widmen; sein Bevollmächtigter und einige seiner
Pächter waren gekommen und warteten jetzt, um mit ihm sprechen
zu können.
Adele und Jane mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen;
es sollte täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen. Im
oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug Jane
die Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im
Laufe des Morgens hatte sie noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß
Thornfield-Hall ein anderer Ort geworden; es war nicht mehr still
wie in einer Kirche; zu jeder Stunde hallte ein lautes Klopfen an
der Tür oder der Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten
Schritte in der Halle; von unten herauf vernahm man den Schall
fremder Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch ihr stilles Heim. Thornfield hatte einen Herrn bekommen. Ihr gefiel es jetzt besser.
An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten; sie
konnte sich nicht sammeln. Jeden Augenblick lief sie zur Tür und
blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht
einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann erfand
sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen. Als Jane dann
ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu sitzen, begann sie
unaufhörlich von ihrem ‘Ami, Monsieur Edouard Fairfax de
Rochester,' wie sie ihn taufte, zu sprechen, und Vermutungen über
die Geschenke anzustellen, welche er ihr möglicherweise mitgebracht
hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet,
daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel
finden würde, deren Inhalt sie möglicherweise interessieren könne.
,Et cela doit signifier,’ sagte sie, ‘qu’il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez once et un peu pale. J’ai dit que oui: car c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’
Wie gewöhnlich speiste Jane mit ihrer Schülerin in Mrs.
Fairfax’ Wohnzimmer. Der Nachmittag war rauh und es
schneite, und sie brachten denselben im Schulzimmer zu. Mit
Dunkelwerden erlaubte sie Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen
und hinunter zu laufen; denn aus der verhältnismäßigen Stille
unten und dem Aufhören des Läutens an der Haustürglocke schloß
sie, daß Mr. Rochester jetzt unbeschäftigt sei. Allein geblieben,
trat sie ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die
Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und
verbargen sogar das Gebüsch auf dem Wiesenplan vor dem Hause.
Sie zog die Vorhänge zusammen und setzte sich wieder an das
Feuer. Sinnend saß sie so da, als Mrs. Fairfax eintrat.
,Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und
Und das soll bedeuten, daß ein Geschenk für mich darin sein wird,
und vielleicht auch für Sie, Fräulein. Der Herr hat von Ihnen gesprochen:
er hat mich nach dem Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob diese nicht
eine kleine Person sei, ziemlich dünn und ein wenig bleich. Ich habe Ja
gesagt; denn es ist wahr, Fräulein, nicht wahr?
Ihre Schülerin heute abend den Tee mit ihm im Salon einnehmen
wollten,' sagte sie,,er ist während des ganzen Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er bis jetzt keine Zeit gehabt, Sie aufzusuchen.
,Um welche Zeit nimmt er den Tee? fragte Jane.
,O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe
Stunden. Es wäre am besten, wenn Sie jetzt schon gingen, um
Ihre Toilette zu wechseln. Ich werde mit Ihnen gehen, um Ihnen
zu helfen. Hier ist eine Kerze.
,Ist es denn durchaus notwendig, meine Kleidung zu
wechseln?
,Ja, es ist besser, wenn Sie es tun. Ich mache stets Toilette
für den Abend, wenn Mr. Rochester hier ist.
Diese Sitte erschien Jane ein wenig prahlerisch. Indessen begab sie sich auf ihr Zimmer und mit Mrs. Fairfax' Hilfe tauschte
sie ihr schwarzes wollenes Kleid gegen ein seidenes von gleicher
Farbe; es war das beste und nebenbei auch das einzige, welches sie
besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach ihren
Toilettenbegriffen, die sie aus Lowood mitgebracht, zu prächtig
und elegant war, um es bei anderen als höchst feierlichen Gelegenheiten zu tragen.
,Sie brauchen noch eine Brosche, sagte Mrs. Fairfax, Jane
besaß einen einzigen kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen,
welchen Miß Temple ihr beim Abschied als Andenken geschenkt
hatte; diesen legte sie an und dann gingen sie hinunter. Sie war
nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es fast
eine schwere Prüfung für sie, so förmlich aufgefordert vor Mr.
Rochester zu erscheinen. Sie ließ Mrs. Fairfax zuerst in das
Speisezimmer eintreten und hielt sich in ihrem Schatten, als sie
dieses Gemach durchschritten. Dann gingen sie unter dem Bogen
durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und traten in die
elegante Vertiefung, welche sich hinter demselben befand.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem
Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers
lag Pilot, neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem
Ruhebett lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Polster gestützt; er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers
fiel voll auf sein Gesicht. Jane erkannte sofort den Reiter mit der
hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen wieder;
das schwarze Haar ließ die Stirn noch weißer erscheinen.
Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax' und ihren Eintritt wohl
bemerkt haben; aber er war nicht in der Laune, Notiz von ihnen zu
nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, als sie näher
traten.
,Hier ist Miß Eyre, mein Herr, sagte Mrs. Fairfax in ihrer
ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er
noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.
,Lassen Sie Miß Eyre platz nehmen,'' sagte er, und in der
förmlichen, steifen Verbeugung lag etwas, das zu sagen schien:
,Was kümmert es mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem
Augenblick verspüre ich keine Lust, mit ihr zu sprechen.'?
Jane setzte sich und ihre Verlegenheit war gänzlich geschwunden. Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde sie wahrscheinlich verwirrt haben; sie hätte ihn nicht durch Eleganz ihrerseits erwidern können; aber solche schroffe Launen legten ihr keine
Verpflichtung auf. Außerdem war ihr sein eigentümliches Benehmen interessant, und sie beobachtete, wie es nun weiter gehen
würde.
Er benahm sich also weiter, wie eine Statue es ungefähr getan haben würde; das heißt, er sprach weder, noch bewegte er sich.
Da begann Mrs. Fairfax zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich
und auch sehr alltäglich, begann sie ihn wegen der dringenden Geschäfte zu bemitleiden, mit welchen er während des ganzen Tages
überbürdet gewesen, wegen der Verrenkung, welche ihm große
Schmerzen verursachen müsse; dann empfahl sie ihm Geduld und
Ausdauer während des Verlaufs seiner Heilung.
,Madame, ich bitte um eine Tasse Tee,' lautete die einzige
Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen;
und als das Teebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen,
Löffel usw. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und
Jane gingen an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.
,Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen? sagte Mrs.
Fairfax zu Jane. ,Adele könnte den Tee verschütten.
Jane tat, was sie begehrte. Als er ihr die Tasse aus der
Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Bitte zu Janes Gunsten auszusprechen:
,N’est-ce pas, Monsieur, qu’il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?’
,Wer redet von cadeau?’ fragte er rauh. ,Haben Sie ein
Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?
und forschend blickte er ihr ins Gesicht mit Augen, in denen Zorn
und Ärger blitzten.
,Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung
wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr
angenehme Dinge.
,Im allgemeinen hält man sie dafür!! Aber was halten Sie
davon??
,Ich müßte mir wirklich Zeit nehmen, Sir, um zu überlegen,
bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Annahme würdig
wäre. Ein Geschenk hat viele Gesichter. Nicht wahr? Und man
sollte jedes einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine
Beschaffenheit ausspricht.
,Miß Eyre, Sie sind nicht so harmlos und einfach wie Adele;
sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie
hingegen klopfen auf den Busch.
,Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als
Adele; sie kann das Recht der Gewohnheit und die alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets
Spielsachen zu schenken pflegten. Mir würde es aber die größte
Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgendeinen berechtigten Anspruch
an Sie erheben sollte, denn ich bin eine Fremde und habe nichts
getan, um eine Belohnung von Ihnen zu verdienen.
,D, bitte, verfallen Sie jetzt nicht in das Extrem zu großer
Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich
Nicht wahr, mein Herr, in Ihrem Koffer liegt ein Geschenk für
Fräulein Eyre?
mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders aufgeweckt; sie hat kein großes Talent, und doch hat sie in kurzer Zeit
große Fortschritte gemacht.
,Sir, jetzt haben Sie mir mein cadeau gegeben; ich bin Ihnen
außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere Freude
machen als Lob über die Fortschritte seiner Schüler.
,Bah!' sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Tee schweigend aus.
,Kommen Sie hierher ans Feuer,'' sagte der Hausherr, als
das Teegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem
Strickzeug in einen Winkel setzte, und Adele sie an der Hand durch
das ganze Zimmer führte, um ihr all die prächtigen Bücher und
Nippsachen auf Konsolen und Kommoden zu zeigen. Sie gehorchte pflichtschuldig. Adele wollte auf ihrem Schoß Plat
nehmen, aber es wurde ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie halten sich jetzt schon drei Monate in meinem Hause auf?!
.Ja, Sir.
, Und Sie kamen aus - - -
, Aus der Schule zu Lowood in .. shire.
, Ah! eine Wohltätigkeitsanstalt! Wie lange waren Sie
dori?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte,.
daß die Hälfte der Zeit genügen müsse, um jede Gesundheit aufzureiben! Kein Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen
Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt
gefragt, woher Sie ein solches Gesicht haben könnten. Als Sie
mir gestern abend in dem Heckenwege entgegenkamen, mußte ich
unwillkürlich an Gespenstergeschichten denken, und ich hatte schon
die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Wer sind
Ihre Eltern?
,Ich habe keine.
, Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie
sich ihrer nicht?
,Nein.
, Nun,'' fuhr Mr. Rochester fort, , wenn Sie nun auch Ihre
Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgendwelche Verwandte
haben, Onkel oder Tanten?
, Keine, die ich jemals gesehen.'
, Und Ihr Heim?
, Ich habe keins.
, Wo leben denn Ihre Brüder und Schwestern?!
, Ich habe weder Brüder noch Schwestern.
,Wer empfahl Ihnen denn, hierher zu kommen?!
,Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete diese Annonce.
,Ja,! sagte die gute Dame, ,und täglich danke ich der Vorsehung für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist
eine unschätzbare Gefährtin für mich, und eine gütige, sorgsame.
pflichtgetreue Lehrerin für Adele.
,Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,' entgegnete Mr. Rochester, ,Lobeserhebungen ködern mich nicht. Ich
werde für mich selbst urteilen. Sie hat damit angefangen, mein
Pferd zu Boden zu strecken,'' sagte er scherzend.
,Sir? sagte Mrs. Fairfax.
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken,' fuhr er scheinbar
ernst fort.
Die Witwe blickte beide erstaunt an.
,Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jeweils in einer Stadt
gewohnt??
,Nein, Sir.
,Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?
, Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.
,Haben Sie viel gelesen?
,Nur solche Bücher, deren ich zufällig habhaft werden konnte;
und diese waren weder sehr zahlreich noch sehr gelehrt.
, Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel
sind Sie in religiösen Formen gut geschult; Brocklehurst, welcher, wie ich glaube, Direktor von Lowood, ist ein Prediger, wenn
ich nicht irre?
,Ja, Sir.
,Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich.
,O nein!
,Sie sind sehr aufrichtig!
,Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand
mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter Mann, der
unendlich übermütig war und sich stets Übergriffe erlaubte. Er
ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er
schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum
nähen konnten.'
,Das war eine sehr verkehrte Sparsamkeit,r bemerkte Mrs.
Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder aufnehmen
konnte.
, Und war dies das größte und schwärzeste seiner Verbrechen? fragte Mr. Rochester.
, Er ließ uns beinahe verhungern, als er die alleinige Aufsicht über die Verwaltung der Verpflegung führte, bevor noch das
Komitee eingesetzt wurde; und wöchentlich einmal langweilte er
uns mit langen Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus
Büchern, die er selbst zu wählen pflegte; diese handelten stets von
plötzlichen Todesfällen und fürchterlichen Strafen, so daß wir
abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
, Ungefähr zehn Jahre alt.
, Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt
achtzehn Jahre alt?
Jane nickte bejahend.
,Wie Sie sehen ist die Rechenkunst sehr nützlich. Ohne ihre
Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es
ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und
Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie es
bei Ihnen der Fall ist. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in
Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen??
,Ein wenig.
, Natürlich ein wenig'. Das ist so die gewöhnliche Antwort.
Gehen Sie in die Bibliothek,d. h. wenn Sie so liebenswürdig sein
wollen. Verzeihen Sie meinen Kommandoton; ich bin daran gewöhnt zu sagen: Tun Sie dies', und es ist geschehen; ich kann
meine alten Gewohnheiten eines einzigen neuen Hausgenossen
zuliebe nicht ablegen. Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen
Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Tür offen, setzen Sie sich ans
Klavier und spielen Sie ein Lied.
Jane ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.
, Genug !' rief er nach wenigen Minuten. ,Sie spielen allerdings ein wenig', ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber durchaus
nicht gut.
Jane schloß das Klavier und kehrte in das Wohnzimmer zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
, Adele hat mir heute morgen einige Skizzen gezeigt, von
denen sie sagte, daß es die Ihrigen seien. Ich weiß nicht, ob dieselben Ihr Werk allein sind, wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen
dabei geholfen??
, Nein, gewiß nicht!' rief Jane schnell.
,Ah! da erwacht die Eitelkeit. Gut also, holen Sie Ihre
Mappe, wenn Sie dafür bürgen können, daß sie nur Originale enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz
sicher sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.
, Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden
selbst urteilen.
Jane holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Bringen Sie mir den Tisch heran,' sagte er, und Jane schob
denselben an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch
heran, um die Bilder zu sehen.
, Kein Gedränge,'' sagte Mr. Rochester, ,nehmen Sie mir die
Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken
Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.
Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei
von diesen legte er beiseite; die anderen schob er von sich, nachdem er
sie geprüft hatte.
, Nehmen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,
sagte er, ,und betrachten Sie sie mit Adele; Sie, Miß Eyre, nehmen
Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe,
daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?
.Ja.
,Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert.
,Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, als
ich keine andere Beschäftigung hatte.
,Woher haben Sie die Motive genommen?
,Aus meinem eigenen Kopfe.
,Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich?
,Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren noch bessere in
sich trägt.
Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie
abwechselnd.
Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt. Das erste
stellte düstere, blaugraue, niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in Finsternis da und
ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn
es war gar kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl
fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf
welchem ein Wasserrabe saß, dunkel und groß, dessen Flügel mit
Wellenschaum bespritzt waren; im Schnabel hielt er ein goldenes
Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte
die Malerin die reichsten Farben verliehen, welche ihre Palette
herzugeben vermocht. Hinter Mast und Vogel schien ein Ertrunkener in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das
einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband
herunter gespült oder gerissen.
Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige
Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter und Grashalme
wie vom Winde getrieben, herabrollten. Hinter und über dem
Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus, tiefblau wie zur
Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer
Frau, in weichen und unbestimmten Farben gemalt. Die klare
Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah
man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten dunkel und
wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke.
welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat.
Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges, welcher
in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß
ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor.
Diese in die Ferne schleudernd, erhob sich im Vordergrund ein
Kopf, ein kolossaler Kopf, welcher sich dem Eisberg zuneigte und
an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter der Stirn
kreuzten und diese stützten, zogen einen schwarzen Schleier vor die
unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und
ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als
den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen,
zwischen turbanartigen Falten einer düstern Drapiere, die in Form
und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war, glänzte ein Ring von
weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von intensiverem
Glanz leuchteten. Dieser blasse Halbkreis war das Ebenbild einer
Königskrone; was diese krönte, war die Form, die keine
Form hat.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?' fragte
Mr. Rochester.
,Ich hatte mich in die Arbeit vertieft, Sir; ja -- ich war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich eine der höchsten Freuden, die
ich jemals gekannt.
, Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung
sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie
sich in einer Art von KünstlersTraumland befanden, als Sie diese
seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen.
Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?
,Ich hatte nichts anderes zu tun, da es Ferienzeit war, und
ich saß von Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend
dabei. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung
zum Fleiß.
, Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?
,Weit entfernt davon. Der Abstand zwischen meiner Idee
und meiner Ausführung quälte mich; in jedem dieser drei Fälle
hatte mir etwas vorgeschwebt, was ich außerstande gewesen zu
verwirklichen.''
, Nicht ganz. Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten, ist
Ihnen gelungen; mehr wahrscheinlich nicht. Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse, um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können; jedoch sind die Zeichnungen
für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert. Die Ideen sind
vollständig elfenartig, geisterhaft. Diese Augen in dem Abendstern' müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben
Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wieder
zu geben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre
Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe.
Und wer hat Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm. Hier,
tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.
Kaum hatte Jane die Bänder ihrer Zeichenmappe wieder zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so
lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.
Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer
verließ.
,Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,r sagte er und
machte eine Handbewegung nach der Tür, zum Zeichen, daß er der
Gesellschaft müde sei und sie entließe. Mrs. Fairfax legte ihre
Strickerei zusammen; Jane nahm ihre Zeichenmappe; sie verneigten
sich vor ihm, erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß, und zogen sich dann zurück.
,Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,'' bemerkte Jane, als sie wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem sie Adele ins Bett gebracht
hatte.
,Nun, und besitzt er deren??
,Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.
,Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem
Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an seine Art und
Weise gewöhnt, daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber
mache. Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern, wenn
seine Laune nicht immer gleichmäßig ist.
,Weshalb das?
,Teilweise, weil es in seiner Natur liegt, und keiner von uns
kann gegen seine Natur kämpfen; hauptsächlich aber, weil er
wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn
peinigen und seine gute Laune stören.
,Was quält ihn denn?
,Familienkummer vor allen Dingen.
,Aber er hat ja keine Familie.
,Jetzt nicht mehr, aber er hatte eine; Verwandte wenigstens.
Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.
,Seinen älteren Bruder?
,Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr
lange im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit
neun Jahren.
,Neun Jahre sind eine lange Zeit! Liebte er seinen Bruder
so zärtlich, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist?
,Nein, nein, das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber,
daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und
vielleicht war er es auch, der den Vater gegen ihn einnahm.
Aus diesem Grunde hält sich Mr. Rochester auch nicht gern in
Thornfield auf, um nicht den alten Erinnerungen zu erliegen.

Vierzehntes Kapitel.
Mrs. Reeds Tod.
Mr. Rochester hielt sich dieses Mal länger in Thornfield auf
als gewöhnlich, und Jane erkannte bald ihr Unrecht, wenn sie ihn
für hochmütig und launenhaft hielt. Im Gegenteil sah sie bald
ein, daß er trotz seiner anscheinenden Strenge und Rauheit ein
gutes und vor allem gerecht denkendes Herz hatte. Bald war er
ihr gegenüber nicht mehr steif und herrisch, sondern mitteilsam und
vertraulich. Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite
sie vom quälenden Zwange; seine freundliche Offenherzigkeit tat ihr
wohl. Zuweilen war es ihr, als sei er ihr nahe verwandt, sie vergaß
ganz, daß er eigentlich ihr Brotherr war. Wohl war er hier und da noch
gebieterisch und herrisch; aber das kränkte sie nicht mehr, da sie nun
wußte, daß es nun einmal so seine Art sei. So fühlte sie sich zufrieden und glücklich; auch ihre körperliche Gesundheit wurde besser,
sie wurde stark und kräftig.
Besonders dankbar aber war sie ihrem Brotherrn für die
geistige Nahrung, die er ihr bot. Er gab ihr Bücher aus seiner
Bibliothek, deren Inhalt er dann in den Mußestunden mit ihr besprach. Auch schenkte er ihr einen prächtigen Farbenkasten und
Malutensilien und ermahnte sie, ihr ausgezeichnetes Maltalent zu
pflegen. So förderte er Jane auf jede Weise.
In dieses friedliche Leben Janes platzte wie, eine Bombe eine
Nachricht von ihrer Tante, der beinahe vergessenen Mrs. Reed hinein. Eines Tages befand sich Jane in ihrem Zimmer, als Leah ihr
mitteilte, daß jemand sie in Mrs. Fairfax Zimmer erwarte.
Als Jane hinunter kam, fand sie einen Mann, der auf sie
wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Kammerdiener; er war
in tiefe Trauer gekleidet und der Hut, welchen er in der Hand trug,
war in Krepp gehüllt.
,Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,' sagte er,
indem er sich bei Janes Eintritt erhob, ,aber mein Name ist
Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren in Gateshead waren,
war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren
Diensten.
,O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß
Georgines braunem Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie
sind doch mit Bessie verheiratet??
,Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke fr die Nachfrage. Wir haben jetzt drei Kinder, und Mutter und Kinder befinden sich wohl.
Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?
,Es tut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren
Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr
schlecht, sie haben großen Kummer.
,Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist,' sagte Jane,
indem sie auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf
den Krepp an seinem Hute und sagte:
,Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in
London gestorben.''
,Mr. John?’
,Ja. Miß.’
,Und wie trägt seine Mutter es?
,Nun sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück; er hat ein gar wildes Leben geführt. Während der letzten
drei Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben, und sein Tod
war fürchterlich.
, Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut war.
,Nicht gut war! Barmherziger Gott! Er konnte nichts
Schlimmeres tun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter zugrunde gerichtet in der schlechtesten Gesellschaft. Er geriet in
Schulden und ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm
heraus geholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen
alten Gewohnheiten zurückkehrte. Sein Kopf war niemals stark,
Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er
lebte, betrogen und foppten ihn in der unerhörtesten Weise. Vor
ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum übergeben
solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung sind ihre
Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So kehrte er
denn wieder um nach London, und das nächste, was wir von ihm
hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist- Gott
mag es wissen! Die Leute sagen, daß er sich umgebracht hat.
Jane schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.
Robert Leaven fuhr fort:
,Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist
sehr stark geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust
des Geldes und die Furcht vor Armnut richteten sie schier zugrunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und die Art, wie er
herbeigeführt, kam zu plötzlich: das führte einen Schlaganfall. herbei. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten
Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war, als wollte
sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen
und murmelte unverständliche Worte. Erst gestern morgen konnte
Bessie verstehen, daß sie Ihren Namen aussprach, und zuletzt verstand sie ganz deutlich, wie sie sagte: Bringt mir Jane, holt Jane
Eyre, ich muß mit ihr sprechen. Bessie weiß nun nicht, ob sie bei
Sinnen ist, und ob sie irgend etwas mit den Worten meint; aber
sie hat es Miß Reed und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten,
Sie, Miß, holen zu lassen. Die jungen Damen wollten anfangs
nichts davon wissen; aber ihre Mutter wurde so ruhelos, und rief.
so oft Jane! Jane! Jane!! daß sie endlich einwilligten. Ich verließ Gateshead gestern; und wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten, Miß, so würde ich Sie gern mitnehmen.
,Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich doch
gehen.
,Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz
gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten
müssen, ehe Sie gehen?
,Gewiß. Und ich werde es augenblicklich tun. Dann führte
Jane ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem sie ihn der
Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit
warm empfohlen hatte, machte sie sich auf den Weg, um Mr.
Rochester zu suchen.
Mr. Rochester befand sich im Billardzimmer und spielte gerade
mit mehreren Gästen eine Partie, als er Jane bemerkte. Er folgte
ihr auf den Korridor.
,Nun, Fräulein? fragte er, indem er sich mit dem Rücken an
die Tür des Schulzimmers lehnte.
,Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von einer Woche
von Ihnen zu erbitten.
,Was wollen Sie damit? Wohin gehen Sie?
,Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.
,Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?
,In Gateshead, in - - - shire.
, -shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Was kann sie
Ihnen sein, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung
um ihretwillen zurückzulegen?
,Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.
Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead,
der Ratsherr war.
,Sie ist seine Witwe, Sir,
, Und was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen Sie sie
überhaupt?
,Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen
Mutter.
,War er das? Weshalb haben Sie mir das nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten hätten.'
,Keine, die mich anerkannten, Sir. Mr. Reed ist tot, und
seine Witwe hat mich verstoßen.
,Weshalb?
,Weil ich arm und ihr eine Last war. Sie hat mich mit leidenschaftlichem Hasse verfolgt.
,Reed hat aber, so viel ich weiß, Kinder hinterlassen. Sie
müssen also doch auch Vettern und Cousinen haben? Ein Bekannter
von mir sprach erst gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie
er sagte, einer der verkommensten Menschen in London sei,!
,John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir, en hat sich selbst vollständig zugrunde gerichtet und seine Familie zur Hälfte mit in
diesen Ruin hineingezogen. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese fürchterliche Nachricht hat seine arme
Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen Schlaganfall erlitten hat.
, Und was können Sie ihr nützen? Es würde mir niemals in
den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame zu
sehen, die möglicherweise schon tot ist, nenn Sie an Ihrem Bestimmungsort ankommen. Außerdem erzählten Sie mir ja soeben
noch, daß sie Sie verstoßen hat.
, Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die
Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder
Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.
,Wie lange werden Sie fortbleiben?
,So kurze Zeit wie irgend möglich, Sir.
,Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben.'
,Ich möchte Ihnen das nicht mit Sicherheit versprechen, doch
hoffe ich in dieser Zeit wieder zurück zu sein.
,Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran,
die hundert Meilen allein zu reisen ?
,Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.
,Ein vertrauenswürdiger Mensch ?
,Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.
Mr. Rochester sann nach.
,Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?
,Morgen in aller Frühe, Sir.
,Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie können unmöglich ohne
Geld reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie
haben von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie
noch in dieser Welt? fragte er gutmütig lächelnd.
Jane zog ihre Börse hervor; sie war allerdings ein mageres
Ding. ,Fünf Schilling, Sir.
Er nahm ihr die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen
Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese armselige Summe
ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er seine Brieftasche hervor:
,Hier,'! sagte er und bot ihr eine Banknote. Es waren fünfzig
Pfund, und er schuldete ihr nur fünfzehn. Sie sagte ihm, daß sie
die Note nicht wechseln könne.
,Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Es ist nur Ihr Gehalt.
Sie weigerte sich, mehr anzunehmen, als ihr rechtmäßig zukam. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, wie wenn ihm
plötzlich ein Gedanke gekommen wäre:
,Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich
Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen,
könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, drei Monate fort zu
bleiben. Hier haben Sie zehn; ist das nicht reichlich?
,Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
,Sie können wieder kommen, um diese einzukassieren. Sie
haben jetzt bei mir, Ihrem Banquier, vierzig Pfund gut. Mit
diesen Worten begab er sich zu seinen Gästen zurück.
Jane sah ihn an diesem Tage nicht wieder, und am nächsten
Morgen war sie schon lange unterwegs, bevor jemand im Hause
aufgestanden war.
Am Nachmittage des ersten Mai erreichte Jane das Parkhüterhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor
sie nach dem Herrenhause hinaufging, trat sie hier ein. Es war
außerordentlich sauber und hübsch. Vor den architektonisch schönen
Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge; der Fußboden war
fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren blank poliert, und
das Feuer loderte lustig empor. Bessie saß in der Ofenecke und
spielte mit ihrem Jüngsten. Robert und sein Schwesterchen unterhielten sich still. in einem Winkel des traulichen Gemaches.
, Gott segne Sie! ich wußte ja, daß Sie kommen würden!
rief Mrs. Leaven bei Janes Eintritt aus.
,Ja, Bessie, sagte diese, und umarmte die Dienerin.
, Hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed?
Sie ist doch noch am Leben??
,Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder
erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch eine oder zwei Wochen mit
ihr dauern kann; aber auf eine endliche Besserung dürfen wir nicht
hoffen.
,Hat sie meiner kürzlich wieder erwähnt?
, Heute morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jest schläft sie. Wenigstens
schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in einer Art
von Erstarrung und erwacht erst gegen sechs oder sieben Uhr. Miß,
wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen? Später werde ich
dann mit Ihnen hinaufgehen.
Hier trat ihr Mann ein, und Bessie legte ihr jetzt schlafendes
Kind in die Wiege, um ihn zu bewillkommnen. Dann bestand sie
darauf, daß Jane ihren Hut abnehmen und eine Tasse Tee trinken
solle; denn sie sehe so müde und blaß aus, sagte sie. Jane war
froh und nahm ihre Gastfreundschaft dankend an. So widerstandslos wie sie sich als Kind von ihr entkleiden ließ, gestatteie sie
ihr auch jet, ihr die Reisekleider abzunehmen.
Wie die alten Zeiten in ihrer Erinnerung wieder auflebten,
als sie ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie deckte den Teetisch
mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen
Teekuchen, und gab dem kleinen Robert und ihrem Töchterchen
Jane hier und da einen keinen Schlag oder Stoß, gerade so wie
sie es in vergangenen Tagen mit Jane Eyre zu tun pflegte. Bessie
hatte sich ihr rasches Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten
Schritt und ihr hübsches Gesicht.
Als der Tee fertig war, wollte sich Jane an den Tisch setzen, aber
in ihrem alten, befehlenden Ton sagte Bessie ihr, sie solle still sitzen.
Sie sagte, sie müsse ihr am Kaminfeuer servieren; und dann stellte
sie einen kleinen, runden Tisch mit einer Tasse und einem Teller
gerösteter Weißbrotschnitten vor sie hin; gerade so wie sie sie früher
mit irgendeinem heimlich erbeuteten Leckerbissen zu versorgen
pflegte, wenn sie in ihrem Kinderstuhl saß. Jane lächelte und gehorchte ihr, wie sie es damals getan. Bessie wollte dann
wissen, ob Jane glücklich in Thornfield-Hall sei, und sie
sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des
Hauses sei. Und als Jane ihr gesagt, daß Thornfield nur
einen Herrn habe, wollte sie wieder wissen, ob er liebenswürdig
und gut sei. Jane erzählte ihr, daß er durchaus ein Gentleman
sei, daß er sie mit großer Güte behandle, und sie sich dort glücklich
fühle.
Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell.
Bessie brachte Jane ihren Hut und ihre Schals wieder, und von
ihr begleitet verließ sie das Parkhüterhäuschen, um sich hinauf ins
Herrenhaus zu begeben. Von ihr begleitet war Jane auch vor fast
neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den sie jetzt hinaufging.
An einem düstern, nebeligen, rauhen Januarmorgen hatte sie mit
verzweifeltem, erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen,
um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem
fernen, unbekannten Lande. Und dort stieg nun wieder jenes
feindliche Dach vor ihr empor. Noch immer schmerzte ihr das
Herz. Noch immer war sie nur ein einsamer Wanderer auf diesem
Erdenball, aber sie hatte ein festeres Vertrauen zu sich selbst und
zu ihrer Kraft erlangt; sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein. Die schmerzende Wunde, die man ihr so grausam in den
Tagen der Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt; die Flamme des
lodernden Hasses war erloschen.
,Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die
jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,'' sagte Bessie, als
sie Jane vorauf in die Halle trat.
Nach einem kurzen Augenblick befand sich Jane in dem genannten Zimmer.
Jedes Einrichtungsstück stand noch da, wie an jenem Morgen,
als Jane Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der
Teppich, auf dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als ihr
Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte, war ihr's.
als ständen jene zwei Bände ,Bewick, Vögel Englands' noch auf
ihrem alten Plate auf dem dritten Regal, und ,Gullivers Reisen'
und ,Tausend und eine Nacht'' standen gerade darüber. Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben, die Menschen
jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Jane erblickte zwei junge Damen vor sich; die eine war sehr
groß und mager, von blassem Aussehen und strengen harten
Zügen. Sie war mit außerordentlicher Einfachheit gekleidet. Sie
trug ein schwarzwollenes Kleid mit glattem Rock, einen weißen
Leindwandkragen und einen nonnenhaften Schmuck, der aus einer
Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte nicht anders sein- dies war Eliza, obgleich in
ihrem langen, blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem
früheren Selbst zu entdecken war.
Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht
jene Georgina, deren Jane sich erinnern konnte, jenes schlanke,
blonde Mädchen von elf Jahren.
Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß
und zart wie Wachs, mit schönen, regelmäßigen Zügen, blauen
Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes
Kleid; dasselbe war aber so verschieden von dem ihrer Schwester,
so viel kleidsamer und graziöser, daß es ebenso modern aussah, wie
das andere einfach erschien.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter,
doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter hatte
das hervorstehende Auge; das blühende, üppige, jüngere Mädchen
hatte ihr Kinn. Vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert,
aber dennoch gaben sie dem sonst so hübschen Gesicht Georginas
einen Zug von unbeschreiblicher Härte.
Als Jane auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um sie
zu bewillkommnen, und beide redeten sie mit Miß Eyre an. Elizas
Gruß wurde in kurzer, verächtlicher Weise ausgesprochen, ohne daß
sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach
der Begrüßung setzte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das
Kaminfeuer und schien Janes Anwesenheit nicht weiter zu bemerken. Georgina fügte ihrem,Wie geht es Ihnen'' noch mehrere
alltägliche Bemerkungen über die Reise, das Wetter usw. hinzu.
Sie maß Jane von Kopf bis zu Fuß, und ein gewisser Hochmut lag
in ihrem Blick.
Aber diese Überhebung ihrer Cousinen machte auf Jane nicht
mehr denselben Eindruck als sonst. Als sie so dasaß zwischen den
beiden, war sie ganz erstaunt, zu finden, wie gleichgültig ihr die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbe Höflichkeit der
andern war. Eliza vermochte sie nicht zu demütigen, Georgina
konnte sie nicht aus ihrem Gleichmut bringen.
,Wie befindet sich Mrs. Reed? fragte Jane alsbald, indem
sie Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend,
bei dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte Freiheit, die Jane sich erlaubte.
,Mrs. Reed?? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute abend noch
sehen können.'
, Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.
Georgina schreckte förmlich empor und riß ihre blauen Augen
weit und wild auf.
,Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich
zu sehen,' fügte Jane hinzu, ,und ich möchte die Erfüllung dieses
Wunsches nicht weiter hinausschieben als absolut notwendig ist.
, Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,''
bemerkte Eliza. Bald darauf erhob sich Jane, nahm unaufgefordert ruhig ihren Hut und ihre Handschuhe ab und sagte, daß sie für
einen Augenblick zu Bessie hinausgehen wolle, die vermutlich in der
a AR
sie Bessie gefunden und sie mit ihrem Auftrag hinaufgeschickt hatte,
fuhr sie fort, weitere Maßregeln zu ergreifen.
Bis jetzt war es stets ihre Gewohnheit gewesen, sich vor jeder
Unverschämtheit zurückzuziehen, förmlich vor derselben zu fliehen;
hätte man sie noch vor einem Jahre irgendwo empfangen, wie man
sie heute in Gateshead empfing, so würde sie das Haus binnen
weniger Stunden bereits verlassen haben; jetzt sah sie aber plötzlich
ein, daß das ein sehr törichtes Verfahren gewesen wäre. Sie hatte
eine Reise von über hundert Meilen gemacht, um ihre Tante zu
sehen, und sie mußte jetzt bei ihr bleiben, bis sie besser war oder tot.
Den Stolz und die Dummheit ihrer Töchter mußte sie unbeachtet
lassen, ja, sich vollständig unabhängig davon machen.
Sie wandte sich also an die Haushälterin, verlangte von ihr,
daß sie ihr ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß sie wahrscheinlich
einige Zeit als Gast hier im Hause weilen würde, ließ ihren Koffer
auf ihr Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls hinauf.
Auf der Treppe begegnete ihr Bessie.
,Mistreß ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, daß Sie
da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie erkennen
wird.
Jane bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten
Zimmer. Wie oft war sie in früheren Tagen hineingerufen worden,
um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Sie eilte Bessie
voran und öffnete vorsichtig und leise die Tür. Die Lampe auf
dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große
Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in
alien Zeiten. Dort der Toilettetisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem zu knien sie wohl hundertmal verurteilt gewesen.
Wie oft hatte sie dort Verzeihung für Sünden erflehen müssen, die
sie niemals begangen hatte. Sie blickte in einen gewissen Winkel
und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer
einst so gefürchteten Reitgerte zu sehen, die dort auf sie zu lauern
pflegte und nur darauf wartete, wie ein böser Kobold herausspringen und auf ihrem Rücken oder ihren Armen umhertanzen können.
Sie näherte sich dem Bette; sie zog die Vorhänge zurück und
lehnte sich über die hochaufgetürmten Polster.
Gar wohl erinnerte sie sich des Gesichts von Mrs. Reed und
eifrig suchte sie nach den bekannten Zügen. Diese Frau hatte sie
einst in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte sie mit keiner
anderen Empfindung zu ihr zurück als mit einer Art von Erbarmen
über ihr großes Leid, und einem innigen Verlangen, alles Unrecht
zu vergeben und zu vergessen, sich zu versöhnen und ihre Hand in
Freundschaft zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, strenge, erbarmungslos wie immer, jenes eigentümliche Auge, dessen Blick
nichts zu besänftigen vermochte, die geschwungenen, herrschsüchtigen, despotischen Brauen. Wie oft hatte dies Auge nur Haß und
Zorn und Drohungen auf Jane herabgeblitzt! Wie erwachte die
Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der Kindheit wieder
in ihr, als sie diese harten Gesichtszüge wieder erblickte! Und doch
beugte sie sich zu ihr hinab und küßte sie.
Sie blickte zu Jane auf.
,Ist es Jane Eyre? fragte sie.
,Ja, Tante Reed. Wie fühlen Sie sich, liebe Tante?’
Wohl hatte Jane einmal geschworen, daß sie Mrs. Reed nie wieder Tante nennen wollte. Aber sie hielt es für keine Sünde
jenes Gelübde in diesem Augenblick zu brechen. Ihre Finger
hielten die Hand der Kranken umschlossen; hätte sie dieselben
freundlich gedrückt, so würde Jane eine warme, innige Freude
empfunden haben. Aber Mrs. Reed zog ihre Hand fort und indem
sie ihr Gesicht von Jane abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr
warmer Abend sei. Und wieder blickte sie Jane an, so eisig kalt,
daß diese augenblicklich fühlte, wie ihre Ansichten über sie, ihre
Empfindungen für sie nicht verändert waren, überhaupt keiner
Änderung fähig waren. Jane sah es dem versteinerten Auge, welches niemals durch Tränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, sie bis zum letzten
Augenblick für ein schlechtes Geschöpf zu halten.
Jane empfand Kummer, dann bemächtigte sich ihrer der Zorn,
und schließlich faßte sie den Entschluß, die Tante zu besiegen, ihrer
Herr zu werden trot ihrer hartherzigen Natur und ihres starren
Willens. Die Tränen waren ihr in die Augen gestiegen, gerade so
wie in den Tagen ihrer Kindheit, aber sie drängte sie an ihre Quelle
zurück. Dann brachte sie einen Stuhl an das Kopfende des Bettes.
Sie setzte sich und beugte sich über die Polster.
,Sie haben mich holen lassen, sagte sie, ,und jetzt bin ich
hier; und es ist meine Absicht, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es
sich mit Ihnen zum Besseren wendet.
,O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?
Ja.
,Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die mir auf
der Seele lasten. Heute abend ist es zu spät, und es wird mir jetzt
auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber etwas
wollte ich dir sagen -- ja - was war es doch gleich--
Der wirre Blick und die veränderte Sprache zeigten Jane nur
zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen
Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf Mrs. Reed sich
hin und her und begann, an der Bettdecke zu zupfen. Janes Arm,
der auf dem Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie wieder ärgerlich.
,Laß los!' sagte sie, ,ärgere mich nicht, indem du mich festzuhalten suchst! Bist du wirklich Jane Eyre?
,Ich bin Jane Eyre.
,Ich habe mehr Mühe und Kummer und Verdrießlichkeiten
mit dem Kinde gehabt, als irgendein Mensch glauben würde. Mir
eine solche Last aufzubürden! Und wieviel Ärger sie mir täglich
und stündlich mit ihren unbegreiflichen Charakteranlagen verursacht
hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen,
fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man tat! Ich
kann versichern, sie hat eines Tages zu mir gesprochen wie eine
Wahnsinnige; kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen
wie sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause loszuwerden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht?
Das Fieber brach dort aus, und viele, viele Schülerinnen sind gestorben. Aber sie, sie starb nicht. Ich habe trotzdem gesagt, daß sie
tot sei! Ach, wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!'?
,Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie
so sehr?
,Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige
Schwester meines Mannes und er hing mit unsäglicher Liebe an
ihr. Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene
niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem Tode kam,
weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das Baby geholt
werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in Kost zu geben
und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich haßte es schon, als
meine Augen es zum ersten Male sahen, ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch konnte es in
seiner Wiege liegen und winseln, es schrie nicht herzlich und kräftig
wie andere Kinder, nein, es stöhnte und wimmerte. Reed hatte
Erbarmen mit ihm. Und er pflegte es zu liebkosen und zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre, nein, mehr
als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte, als sie in jenem
Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder freundlich gegen
die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten
sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie ihre Abneigung
zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es fortwährend an
sein Bett bringen, und kaum eine Stunde vor seinem Tode ließ
er mich einen heiligen Eid ablegen, daß ich das Geschöpf stets erhalten und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen, wenn
man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur
Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach von Natur.
John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich, und ich bin froh
darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern, er ist ein
ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit seinen
Bettelbriefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich
ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der
Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen oder
es ganz vermieten. Aber ich kann mich nicht darein finden, das
zu tun; und doch, wie sollen wir sonst weiter leben? Zwei Drittel
meines Einkommens gehen drauf, um die Zinsen der Wucherschulden zu bezahlen. John spielt ganz fürchterlich und er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern und
Tagedieben umgeben. John ist ganz gesunken und verkommen -
er sieht grauenhaft aus- ich schäme mich seiner, wenn ich ihn
sehe.
Jetzt geriet die Kranke in eine furchtbare Aufregung.
,Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse,' sagte
Jane zu Bessie, die an der andern Seite des Bettes stand.
,Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie
oft in dieser Weise -- des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.
Jane erhob sich.
,Bleib!' rief Mrs. Reed aus. ,Ich habe noch etwas anderes
zu sagen. John droht mir, er droht mir unaufhörlich mit seinem
Tode oder dem meinen. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn
mit einer großen Wunde im Halse oder mit blutigem, entstelltem,
geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen.
Ich habe schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu tun?
Woher soll ich das Geld nehmen?
jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie ein Beruhigungsmittel nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich
darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in eine Art von Halbschlaf. Dann ließen sie sie allein.
Mehr als zehn Tage vergingen, bevor sich wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Kranken bot. Sie lag entweder im Fieber oder völlig bewußtlos; und der Doktor verbot
alles, was sie schmerzlich erregen könnte. Inzwischen stellte sich
Jane mit Eliza und Georgina so gut es eben gehen wollte.
Anfangs waren sie in der Tat sehr kalt. Eliza pflegte halbe Tage
hindurch dazusitzen und zu nähen, zu schreiben oder zu lesen, ohne
auch nur eine einzige Silbe mit ihrer Schwester oder Jane zu
sprechen. Georgina konnte stundenlang Unsinn mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne ihre Cousine auch nur im entferntesten zu beachten. Aber Jane war entschlossen, sich Zerstreuung oder Beschäftigung zu verschaffen. Sie hatte ihre Zeichen- und Malutensilien mitgebracht, und diese verschafften ihr beides.
Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen,
pflegte sie entfernt von den Schwestern in einem Fenster ihr
fliegendes Atelier aufzuschlagen und sich damit zu beschäftigen,
Phantasiestücke zu zeichnen, indem sie jedes Bild zu Papier brachte,
das sich ihr in ihrer fortwährend wechselnden Einbildungskraft
darbot: einen Blick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch; der
aufgehende Mond und ein Schiff, das an der rotglühenden Scheibe
vorübersegelt; eine Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien,
aus welcher der Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade
emportaucht; eine Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen
aus dem Nest eines Zaunkönigs herauslugt.
Eines Morgens malte sie einen Kopf.
,Ist es das Porträt eines Menschen, den Sie kennen ?' fragte
Eliza, welche unbemerkt an sie herangetreten war.
Jane entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei. Auch
Georgina kam; sie besahen auch die anderen Zeichnungen und sie
gefielen ihnen ganz außerordentlich; beide schienen von Janes Geschicklichkeit sehr überrascht. Jane erbot sich, ihre Porträts zu
skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftsilhouette. Schließlich brachte Georgina ihr Album. Jane versprach ihr, eine Wasserfarbenskizze für dasselbe, und jetzt war sie augenblicklich in der
besten Laune. Sie schlug Jane einen Spaziergang im Park vor.
Und als sie kaum zwei Stunden draußen gewesen, waren sie mitten
in einer vertraulichen Unterhaltung, die sich hauptsächlich um die
Beschreibung des glänzenden Winters, den sie vor zwei Jahren
in London zugebracht hatte, drehte. Täglich machte sie jetzt mit Jane
Spaziergänge, aber es war seltsam, daß sie hierbei niemals mit
einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des fürchterlichen
Todes ihres Bruders und des augenblicklichen traurigen Zustands
der Familienangelegenheiten gedachte. Ihr Gemüt schien sich nur
mit der Erinnerung an entschwundenes Glück und der Hoffnung
auf künftige Zerstreuungen zu beschäftigen. Jeden Tag brachte
sie ungefähr fünf Minuten in dem Krankenzimmer ihrer Mutter
zu, das war alles.
Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie
keine Zeit für die Unterhaltung. Sie schien immer beschäftigt.
Und doch wäre es schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich tat,
oder vielmehr, irgendein Resultat ihrer Geschäftigkeit zu entdecken.
Sie hatte eine Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Schon
vor dem Frühstück beschäftigte sie sich fleißig, nach demselben hatte
sie ihre Zeit in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte
die ihr zugeschriebene Arbeit. Dreimal am Tage studierte sie ein
kleines Buch, welches sich nach einer genaueren Besichtigung Janes
als das ,allgemeine Gebetbuch' erwies. Jane fragte sie einmal,
worin die große Anziehungskraft dieses Buches für sie liege, und
sie entgegnete ihr: In der Gebetordnung. Drei Stunden widmete
sie der Beschäftigung, mit Goldfäden den Rand eines viereckigen
Tuchstücks zu besticken, welches für einen Teppich beinahe groß
genug gewesen wäre. Auf Janes Frage in bezug auf die Verwendung dieses Gegenstandes sagte sie ihr, daß es eine Altardecke
für eine Kirche sei, welche vor kurzem in der Nähe von Gateshead
erbaut worden war. Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche;
zwei weitere arbeitete sie allein im Küchengarten; eine brauchte sie
für die Regelung ihrer Rechnungen und Bücher. Sie schien keiner
Gesellschaft, keines Verkehrs, keiner Unterhaltung zu bedürfen. Sie
schien auf ihre Weise sehr glücklich zu sein; diese sich täglich wiederholende Beschäftigungsweise genügte ihr; und nichts verursachte ihr größeren Ärger, als wenn irgendein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die peinliche Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten
abzuändern.
Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war
als gewöhnlich, sagte sie Jane, daß Johns Aufführung und der
drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen und nagenden
Kummers für sie gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen zu
sichern habe sie Sorge getragen, und wenn ihre Mutter stürbe, denn
es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen
oder daß es noch lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie sehr
ruhig- so würde sie einen lange gehegten Plan ausführen: dort
eine Zuflucht suchen, wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert seien, und zwischen sich und der gottlosen
Welt eine mächtige Scheidewand aufrichten.
Jane fragte, ob Georgina sie begleiten würde.
Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein, hätten auch niemals die gleichen Interessen verfolgt. Unter keinen Umständen würde sie sich diese Last aufbürden.
Georgina solle nur ihren eigenen Weg gehen; sie, Eliza, würde den
ihrigen finden.
Wenn Georgina Jane nicht gerade ihr Herz ausschüttete, so
brachte sie fast ihre ganze Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über die Düsterkeit des Hauses und wiederholte unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie einladen möchte, mit
ihr nach London zu gehen.
,Es wäre so viel besser,' pflegte sie zu sagen, ,wenn ich auf
ein oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.
Jane fragte sie nicht, was sie mit dem ,alles vorüber'' meinte,
aber sie wußte wohl, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer
Mutter bezog und auf den düsteren, darauf folgenden Begräbnisbrauch. Eliza nahm von dem Müßiggange und den Klagen ihrer
Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein murmelndes, stöhnendes, träges Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre.
Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und
ihre Stickerei zur Hand nahm, fing sie plötzlich an, ihr folgendermaßen die Wahrheit zu sagen.
,Georgina, ein dümmeres, eitleres und alberneres Geschöpf
als du hat sicherlich niemals auf Erden gewandelt. Du hattest nicht
einmal das Recht, geboren zu werden, denn du weißt keinen Nutzen
aus dem Leben zu ziehen. Anstatt für dich, mit und in dir zu
leben, wie jedes vernünftige Wesen es tun sollte, suchst du nur, dich
mit deiner Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn
du niemand findest, der willig ist, sich mit einem so nutzlosen,
schwächlichen Ding belasten zu lassen, so schreist und jammerst du,
daß du vernachlässigt, elend und mißhandelt bist! Für dich soll das
Dasein einen immerwährenden Wechsel und ewige Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du verlangst Musik, Tanz
und Gesellschaft, oder du verschmachtest und stirbst. Hast du denn
nicht soviel Verstand, daß du eine Art un Weise erfinden kannst,
die dich unabhängig macht von jedem anderen Willen als dem
deinen? Nimm dir doch den Tag; teile ihn in Abschnitte ein; jedem
Abschnitt weise seine Aufgabe an; laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten übrig, wende sie alle an. Tue
jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner Zeit und mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu Ende sein, bevor du gemerkt
hast, daß er überhaupt begonnen hat. Und du bist keinem zu,
Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat, einen leeren Augenblick
hinzubringen. Du bist nicht genötigt gewesen, irgendeines Menschen Gesellschaft aufzusuchen, von ihm Unterhaltung, oder Nachsicht zu verlangen; kurzum, dann hast du gelebt, wie ein unabhängiges Wesen leben sollte. Nimm meinen Rat, es ist der erste
und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich noch irgendeinen Menschen brauchen, was auch kommen möge. Vernachlässigst
du diesen Nat hingegen, fährst du fort zu faulenzen, zu jammern,
zu stöhnen, zu wünschen wie bisher, dann trage auch die Folgen
deiner Dummheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein
mögen. Eines sage ich dir offen, höre auf mich; denn wenn ich
auch niemals wiederholen werde, was ich dir zu sagen im Begriff
bin, so werde ich doch strenge danach handeln. Nach dem Tode
meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu tun haben; von dem
Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead
tragen wird, sind wir, du und ich, so weit von einander geschieden,
als ob wir uns niemals gekannt hätten. Du brauchst dir nicht einzubilden, daß ich jemals irgendeinen Anspruch deinerseits an mich
anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben.
Ich sage dir dies: wenn das ganze menschliche Geschlecht, mit Ausnahme von uns beiden, plötzlich von der Erde vertilgt würde, und
wir allein auf der Erdoberfläche stünden, so würde ich dich allein in
der alten Welt lassen und mich selbst in die neue hinüber begeben.
Hier schwieg sie.
, Du hättest dir die Mühe ersparen können, diese Redensarten
loszulassen,' antwortete Georgina. ,Jeder Mensch weiß, daß du
das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes weitem Erdenrund bist, und ich kenne deinen trotzigen Haß besonders gegen
mich. Hierauf zog Georgina ihr Taschentuch hervor und weinte
noch eine ganze Stunde lang. Eliza saß unbewegt da und arbeitete
fleißig wie immer an ihrer Altardecke.
Es war ein feuchter, winterlicher Nachmittag. Georgina war
bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza
war gegangen, um in der neuen Kirche dem Gottesdienste beizuwohnen, denn in Religionssachen war sie sehr streng. Kein Wetter
konnte sie jemals an der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre
kirchlichen Pflichten hielt; ob schön, ob Regen, sie ging an jedem
Sonntag dreimal in die Kirche und an jedem Wochentage, der
einem Heiligen geweiht war, ebenfalls.
Jane fiel es ein, nach oben gehen zu wollen, um zu sehen, wie
es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte.
Ihre eigenen Dienstboten erwiesen ihr eine nur sehr kärgliche Aufmerksamkeit; und die gemietete Krankenwärterin, welche in keiner
Weise kontrolliert wurde, entwischte aus dem Zimmer, so oft sie
konnte. Bessie war zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene
Familie kümmern und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Jane fand das Krankenzimmer unbehütet, wie sie
es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die
Patientin lag still und anscheinend in Bewußtlosigkeit; ihr bleiches
Gesicht war in die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer
dem Verlöschen nahe.
Jane legte frische Nahrung auf die Kohlen, ordnete die Betten
und ließ ihre Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche
sie jetzt nicht ansehen konnte, dann trat sie ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind pfiff
und heulte um das Haus. Da dachte Jane: hier liegt nun eine.
die bald über alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird.
Und wohin wird jener Geist, der sich jetzt aus seiner körperlichen
Hülle losringt, fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?
Indem sie über dies große Geheimnis grübelte, dachte sie an
Helen Burns, ihre letzten Worte kehrten in ihr Gedächtnis zurück,
ihr Glaube, ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten
Seelen. Noch horchte sie im Geiste auf die Laute ihrer unvergeßlich
süßen Stimme, noch rief sie sich ihr bleiches, vergeistigtes Gesicht,
ihre schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so still
auf ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte sie
ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des allmächtigen Vaters zurückkehren zu dürfen, als eine schwache Stimme vom
Bette her murmelte:
,Wer ist da?
Jane wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Kehrte sie denn zum Leben zurück? Sie ging zu ihr
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer -- ich!'' lautete ihre Antwort. ,Wer bist du? und
dabei blickte sie Jane erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch
nicht wild und abwesend an. ,Du bist mir ja ganz fremd - wo
ist Bessie?
,Sie ist im Parkhüterhäuschen, Tante.
,Tante!' wiederholte sie. ,Wer nennt mich Tante? Du bist
doch keine von den Gibsons? und doch kenne ich dich-- das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen- das alles ist mir so bekannt; du siehst aus wie-- wie -- nun ja, wie Jane Eyre!
Aber du bist es doch nicht!
Jane schwieg, denn sie fürchtete, eine Katastrophe herbeizuführen, wenn sie sich für Jane Eyre erklärte.
,Und doch, sagte Mrs. Reed weiter,,wünschte ich Jane Eyre
zu sehen.
Sanft und vorsichtig erklärte Jane, daß sie Jane Eyre sei, und
als sie bemerkte, daß die Tante sie verstand, und daß sie vollständig
bei Besinnung war, teilte sie ihr mit, daß Bessie ihren Mann nach
Thornfield geschickt habe, um sie nach Gateshead zu holen.
,Ich weiß, daß ich sehr krank bin, sagte Mrs. Reed nach einer
Weile. Vor ein paar Minuten versuchte ich, mich im Bette umzudrehen und fühlte, daß ich kein Glied mehr rühren kann. Es
wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, bevor ich sterbe.
Was uns wenig zu denken gibt, wenn wir gesund sind, lastet schwer
auf uns in einer Stunde, wie diese es für mich ist. Wärterin, sind
Sie da? Oder ist außer dir noch jemand im Zimmer??
Jane versicherte ihr, daß sie allein seien.
, Nun, ich habe dir zweimal ein Unrecht zugefügt, das ich
jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches
ich meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten
zu wollen; das andere' hier hielt sie inne.
, Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,'
murmelte sie vor sich hin, ,und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre der Gedanke schrecklich, mich so vor ihr gedemütigt zu haben.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber
es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien eine innere
Bewegung zu spüren, vielleicht die Vorboten des letzten
Kampfes.
, Nun, ich muß darüber fortkommen. Die Ewigkeit liegt
vor mir. Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. Geh an meinen
Toilettekasten, öffne ihn und nimm den Brief heraus, den du dort
finden wirst.
Jane tat, wie sie ihr befahl.
, Lies den Brief,. sagte sie.
Er war kurz und enthielt folgendes:
,Madame!
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es
ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, ich habe mir
ein Vermögen erworben. Und da ich unverheiratet und kinderlos, so bin ich willens, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und
ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen
kann.
Ich zeichne mich, Madame, usw. usw.
John Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden?' fragte
Jane langsam.
,Weil ich dich zu sehr und zu unabänderlich haßte, um die
Hand dazu zu leihen, daß du zu Wohlstand gelangtest. Ich konnte
dein Betragen gegen mich nicht vergessen,Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst gegen mich gewandt hast; den Ton
nicht, in welchem du mir erklärt, daß du mich mehr hassest als irgend
jemand auf der Welt; die unkindliche Stimme nicht, nicht den unnatürlichen Blick, mit dem du gesagt, daß der bloße Gedanke an
mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit der
elendesten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine eigenen
Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich
hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder
geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und
mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte. Bring mir
einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich! O! Beeile dich!''
,Liebe Mrs. Reed!' sagte Jane, indem sie ihr den gewünschten Trunk reichte, ,denken Sie nicht mehr an all diese Dinge.
schlagen Sie sich dieselben aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir
meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht,
fast neun Jahre sind seit jenem Tage vergangen.'
Sie beachtete Janes Worte nicht; als sie aber das Wasser getrunken und tief Atem geholt hatte, fuhr sie folgendermaßen fort:
,Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen, und ich suchte meine
Rache. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein Onkel
dich adoptieren und dich damit zu Glück und Wohlstand gelangen
lassen wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, daß es mir leid täte
um den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei
tot, sie sei am Typhus in Lowood gestorben. jetzt magst du tun,
was dich gut dünkt; schreib ihm und widersprich meinen Angaben,
decke meine Lügen auf, sobald du willst. Ich glaube, du warst
nur mir zur Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die
Erinnerung an eine Tat gemartert, welche ich niemals zu begehen
versucht gewesen, wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.
,Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr
an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Nachsicht
und Vergebung anzusehen
,Du hast einen sehr bösen Charakter,. sagte sie, ,und dazu
einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen imstande gewesen. Ich werde es nie verstehen, wie du während neun
Jahren jede schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen
konntest, um im zehnten in Wut und Heftigkeit auszubrechen.
,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Tante
Reed, ich bin leidenschaftlich, aber nicht boshaft. Als ich ein
kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn
Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich
jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich,
Tante.
Jane näherte ihre Wange den Lippen ihrer Tante; aber sie
berührte dieselbe nicht. Sie sagte, es beängstige sie, wenn sich
jemand über das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken.
Als Jane sie wieder niederlegte, denn während des Trinkens hatte
sie sie aufgerichtet und mit ihrem Arm gestützt, bedeckte sie ihre eis-

Janes Blick.
,Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,!
sagte diese endlich,, Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie
jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung und finden Sie
Frieden.'
Armes, gequältes Weib! jetzt war es zu spät für sie. Jetzt
konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu
ändern. Während ihres Lebens hatte sie Jane nur gehaßt, auch
im Tode mußte sie sie noch hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein und Bessie folgte ihr.
Jane verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen
von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst,
die Sterbende sah sie nicht mehr. Sie sank immer mehr und mehr in
Bewußtlosigkeit; die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf
Uhr in jener Nacht starb sie.
Jane war nicht da, um ihre Augen zudrücken zu können; auch
ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kamen
die Wärterin und Bessie, um ihnen mitzuteilen, daß alles vorüber
sei. Man hatte sie schon auf das Paradebett gelegt. Eliza und
Jane gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in
lautes, krampfhaftes Weinen aus und sagte, sie habe nicht den
Mut zu gehen. Da lag nun Sarah Feeds einstmals so kräftiger,
lebensvoller Körper, starr und kalt und still. Die kalten Lider
bedeckten das scharfe, erbarmungslose Auge; die Stirn und die
starren Züge trugen noch den Stempel ihrer unbeugsamen, unerbittlichen Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für Jane. Mit Schauer und Kummer blickte sie auf ihn
herab: nichts Sänftigendes, nichts Friedliches, nichts Erbarmungsreiches oder Hoffnung erweckendes oder ruhig Stimmendes
flößte er ihr ein; nur einen herzzerreißenden, angstvollen Jammer
um ihr Weh und ein düsteres, tränenloses Entsetzen über die
Grauen des Todes in dieser Gestalt.
Eliza blickte ruhig auf ihre Mutter herab. Nach einigen Minuten des Schweigens bemerkte sie:
,Mit ihrer Körperbeschaffenheit hätte sie ein schönes, hohes
Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.
Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf wandte
sie sich ab und ging zur Tür hinaus. Dasselbe tat Jane. Keine
hatte eine Träne vergossen.

Fünfzehntes Kapitel.
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, waren Kisten und
Kasten schwer; als ich wieder kam, als ich wieder kam, war alles leer.

Mr. Rochester hatte Jane nur eine Woche Urlaub gegeben,
aber trotzdem verflossen mehr als sechs Wochen, ehe sie Gateshead
verließ. Sie wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen,
aber Georgina flehte sie an zu bleiben, bis es ihr möglich sein
würde, nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson,
sie nun endlich, endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester
zu treffen und die Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen.
Georgina sagte, sie fürchte sich mit Eliza allein zu bleiben; von
ihr hatte sie weder Hilfe in ihrer Bedrängnis noch Unterstützung
bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug Jane
denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen
se gut sie konnte und tat ihr Bestes, indem sie für Georgina nähte
und arbeitete und Wäsche und Kleider für sie einpackte. Es ist
wahr, daß die müßig umherging, während Jane arbeitete, und
gar oft dachte Jane in ihrem Sinne: ‘Nun Cousine, wenn wir beide verurteilt wären, miteinander zu leben, so würden wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig
darein finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir
deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen ihn zu
tun, wenn er nicht ungetan bleiben sollte. Und ich würde auch
darauf bestehen, daß du einige dieser nur halb aufrichtig empfundenen, schleppenden Klagelieder in deine eigene Brust verschlössest.
Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und
in eine sehr traurige Zeit fällt, finde ich mich darein, so geduldig
und gutwillig dir gegenüber zu sein.
Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt
war die Reihe an Eliza, Jane zu bitten, daß sie noch eine Woche
dableibe. Wie sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie war im Begriff, in irgendein unbekanntes Land abzureisen und während des ganzen Tages hielt
sie sich in ihrem Zimmer auf. Die Tür war von innen verschlossen,
und sie beschäftigte sich damit, Koffer zu packen, Schiebladen zu
leeren, Papiere zu verbrennen, ohne daß jemand sie bei dieser Arbeit hätte stören dürfen. Von Jane wünschte sie, daß sie sich um
den Haushalt kümmere, Besucher empfing und Kondolenzschreiben
beantworte.
Eines Morgens sagte sie Jane, daß sie ihrer jetzt nicht weiter
bedürfe.,Und,’ fügte sie hinzu, ,ich bin Ihnen sehr verbunden
für Ihre außerordentlichen Dienste und Ihr vornehmes Verhalten.
Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder
mit Georgina. Sie tragen Ihre eigene Last in Leben und quälen
und belästigen niemand. Morgen,'' fuhr sie fort, ,begebe ich mich
nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause bei Lisle nehmen ein Nonnenkloster, wie man
es zu nennen pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben.
Ich werde mich für einige Zeit der Prüfung des römisch-katholischen Dogmas widmen und sorgfältig die Werke über diese Lehre ;
prüfen. Wenn ich finde, wie ich es halb und halb erwarte, daß
es dasjenige ist, welches darauf berechnet ist, alle Dinge des Lebens in guter Ordnung und ruhig ausführen zu können, so werde
ich mich zu den Lehren bekennen, welche von Rom ausgegangen
sind, und wahrscheinlich den Schleier nehmen.
Jane drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß
aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen.
Als sie sich trennten, sagte sie: ,Leben Sie wohl, Cousine
Jane Eyre; möge es Ihnen gut gehen, Sie besitzen ziemlich viel
Einsicht und Verstand.
Mit diesen Worten trennte sie sich von Jane und jede ging
ihres Weges.
Da keine Gelegenheit mehr sein wird, wieder auf sie oder ihre
Schwester zurückzukommen, soll hier für die neugierige Leserin
noch erwähnt werden, daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit
einem sehr reichen Manne von Welt schloß, und daß Eliza in der
Tat den Schleier nahm und heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie
demselben ebenfalls vermacht.
Endlich war für Jane wieder die Zeit der Freiheit gekommen
und sie sehnte sich sehr nach Thornfield und seinen Bewohnern.
So beschleunigte sie ihre Vorbereitungen zur Rückkehr und bald
saß sie im Postwagen. Die Reise war sehr langweilig. Fünfzig
Meilen am ersten Tage, Nachtruhe in einem Landwirtshause,
fünfzig Meilen am zweiten Tage. Während der ersten zwölf
Stunden dachte sie an Mrs. Reed und ihre letzten Stunden. Dann
fielen ihr Eliza und Georgina ein. Sie sah die eine inmitten aller
Vergnügungen, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle.
Die späte Ankunft in dem Landstädtchen F... verjagte diese
Gedanken; die Nacht zog herbei und Jane schlief fest.
Tief am Nachmittage des zweiten Tages kam sie in Millcote an.
Sie hatte Mrs. Fairfax den Tag ihrer Ankunft nicht bekannt
gegeben, denn sie wünschte nicht, daß man ihr irgendein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte. Sie hatte sich vorgenommen,
die Strecke Weges ruhig allein zu gehen und nachdem sie ihren
Koffer in dem Gasthause zurückgelassen hatte, machte sie sich unbemerkt aus dem Hotel zum heiligen Georg' davon und schlug an
einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach
Thornfield ein, einem Weg, der hauptsächlich durch Felder führte
und wenig benutzt wurde.
Es war ein warmer, linder, aber kein strahlender, heißer
Sommerabend; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt; der Himmel versprach gutes Wetter für die kommenden Tage; seine Bläue war milde, und einzelne Wolken zogen
hoch und durchsichtig dahin. Auch der Westen war warm; keine
wässerigen Strahlen störten das Bild, es war, als sei ein Feuer
angezündet, als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange, und wo dieser hier und da zerrissen war, schien eine goldige
Röte hervor.
Fröhlichkeit kam über Jane, als sie den vor ihr liegenden
Weg immer kürzer werden sah; sie wurde so froh, als ob sie wieder
in ihr eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz, oder an
einen Ort zurückkehre, wo treue Freunde ihrer harrten und ihre
Ankunft herbeisehnten.
Sie dachte des freundlichen Lächelns von Mrs. Fairfax, Sie
sah schon die kleine Adele in die Hände klatschen und vor Freude
springen, auch blickte sie erwartungsvoll ihrem gütigen Herrn entgegen.
Immer schneller eilte Jane, um die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen! Mit welchem Gefühl sie einzelne
Bäume bewillkommte, die sie kannte. Liebgewordene Aussichten
auf Wiesen und Hügel! Endlich erhoben der Park und das Gehölz sich vor ihr. Düster lag der Krähenhorst da: ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Abends. Ein seltsames Entzücken kam über Jane. Sie rannte fast vorwärts. Noch ein
Feld zu durchkreuzen - einer gewundenen Heckengasse nachzugehen - und da lagen die Mauern des Hofes, die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst war noch inter dem Krähenhorst verborgen.
,Zuerst will ich es an der Vorderseite wiedersehen, beschloß
Jane, ,wo die kühnen Zinnen sofort einen erhabenen Eindruck auf
das Auge machen.
Jane war an der niederen Mauer des Obstgartens entlang
gegangen, jetzt wandte sie sich um die Ecke; gerade hier war eine
Pforte, welche auf die Wiese hinausging zwischen zwei steinernen
Pfeilern, welche von großen Steinkugeln gekrönt waren. Hinter
einem Pfeiler hervor würde sie ruhig auf die volle Front des
Herrenhauses blicken können. Von diesem Standpunkt aus beherrschte sie sowohl die lange Vorderseite, wie die Fensterreihen
und die Zinnen. jetzt ein kühner, langer Blick auf die Front: Da,
entsetzlich!
Höre ein Bild, liebe Leserin!
Denke dir, ein Sohn ist nach jahrelanger Abwesenheit zurückgekehrt in seine Heimat. Er hat seine Mutter nicht benachrichtigt,
denn er will sie überraschen. Stürmisch eilt er in ihr Haus, ihre
Wohnung. Er findet sein Mütterchen schlafend auf dem Ruhebett. Klopfenden Herzens nähert er sich ihr. Er will die lang
Entbehrte mit einer Umarmung, einem Kusse, erwecken. Er umschlingt die teure Gestalt, aber keine Bewegung in ihr, keine Antwort! Wild hallt sein Schrei, denn diejenige, von der er glaubt,
daß sie schläft, wird er nicht mehr erwecken, sie ist tot!
Also erging es der armen Jane.
Mit zitternder Freude hatte sie den Blick auf ein stattliches
Haus gerichtet: sie sah nur von Rauch geschwärzte Ruinen.
Es war nicht mehr nötig, sich hinter einem Thorpfeiler zusammen zu kauern, nach den Fenstern emporzublicken. Es war
nicht mehr nötig, dem Offnen und Schließen von Türen zu
lauschen oder sich einzubilden, daß menschliche Tritte auf der Terrasse oder den Kieswegen zu vernehmen seien. Der Garten, der
Park waren niedergetreten und verwüstet; das Portal gähnte ihr
in fürchterlicher Leere entgegen. Die Vorderseite des Hauses war
nur eine hohle Mauer, hoch und zerbrechlich aussehend, hier und
da durch leere Fensterhöhlen unterbrochen. Kein Dach, keine Zinnen, keine Schornsteine -- alles war in Trümmer gefallen.
Und überall herrschte die Ruhe des Todes, die Stille einer
öden Wildnis!
Wie war doch das Schreckliche geschehen? Wessen Leben war
zu beklagen? Wo befanden sich die Insassen des Hauses? Der
gütige Herr, die freundliche Haushälterin, das liebe Kind und die
treuen Diener? Schreckliche Frage! Niemand war da, der Jane
diese Fragen beantworten könnte, und doch mußte sie Antwort
haben.
Da fiel ihr ein, daß sie nur in dem Wirtshause eine solche erhalten konnte, und sie begab sich dorthin. Der Wirt selbst brachte
ihr das bestellte Frühstück ins Wohnzimmer.
,Sie kennen Thornfield-Hall natürlich ? gelang es ihr endlich hervorzubringen.
,Ja, Madam, ich habe mich dort einmal aufgehalten. Ich
war der Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester.'
Des verstorbenen! Mit voller Wucht war der Schlag auf
Jane gefallen.
,Des verstorbenen!'' stieß sie endlich mühsam hervor. ,Ist
er denn tot?
,Ja, erwiderte der Wirt.
Er erzählte jetzt, daß das Schloß das Opfer eines furchtbaren
Frevels geworden sei. Schon seit längerer Zeit hätte sich in den
Wäldern um Thornfield eine Zigeunerbande umhergetrieben.
welche der ganzen Umgegend durch ihr beispiellos freches Rauben
und Plündern lästig geworden sei. Ja, zuletzt ging die Frechheit
dieser Elenden so weit, daß sie ihre Raubzüge sogar bis nach Thornfield-Hall ausdehnten. Hierbei sei einer dieser Halunken gefaßt,
von dem wütenden Mr. Rochester ordentlich durchgeprügelt und
dann der Polizei übergeben worden. Die Zigeuner schwuren dem
Schloßherrn furchtbare Rache und bald zeigte es sich, daß dies
keine leere Drohung war.
Vor etwa vier Wochen schlichen sich mitten in der Nacht, als
alles im Schlosse fest schlief, einige Mitglieder der Diebesbande
ins Schloß und zündeten dieses an mehreren Seiten zugleich an,
nachdem sie noch vorher an möglichst vielen Orten des Gebäudes
reichliches Brennmaterial aufgestapelt hatten. Als die Bewohner
des Schlosses erwachten, stand das Haus schon voller Flammen,
und man konnte nur an Rettung des nackten Lebens denken. Fast
alle wurden besonders durch die tatkräftige Hilfe des Herrn gerettet. Da hörte dieser, daß sich im obern Stockwerk noch eine
Dienerin befände, und gleich darauf vernahm er ihren Hilferuf.
Den wackeren Mr. Rochester hielt nichts mehr. Obgleich
schon an Bart und Haar versengt stürzte er abermals in das
Flammenmeer. Er trug die Hilfeflehende mitten durch Rauch
und Flammen die Treppen hinunter. Schon jauchzten ihm die
draußen Stehenden zu, als ein Balken sich löste, und gerade auf
Mr. Rochesters Haupt fiel; die von ihm Gerettete war nur leicht
verletzt worden, den braven Retter zog man tot unter dem Balken
hervor.
Schluchzend vernahm Jane dieses furchtbare Ereignis und
konnte lange nicht ihrer Tränen Herr werden. Auf weiteres Befragen erfuhr sie, daß Mrs. Fairfax, der schon zu Lebzeiten des
Mr. Rochester eine Leibrente ausgesetzt gewesen sei, nach ihrer Heimat zurückgekehrt wäre, einem Dorfe in der Grafschaft... shire
im nördlichen England, und daß sich Adele bei ihr befinde; die
Bonne des Kindes habe eine Stellung in London angenommen.
So war wieder alles aus für die arme Jane. Die neue Heimat, die lieben Menschen, die Ruhe und der Frieden war wie ein
Hauch in der Luft entschwunden, wie eine Fata Morgana - wie
ein Nichts.
Was sollte sie jetzt beginnen? Keine Heimat, keine Zuflucht.
keinen Freund. Wohl besaß sie noch etwas Geld, doch wie weit
würde das reichen. Nur weg wollte sie jetzt, weg von dem Orte
des Grauens und des Unglücks. Am nächsten Morgen schon
wollte sie ihre freudlose Wanderschaft aufnehmen.

Sechzehntes Kapitel.
In der Irre.
Eine Meile von Thornfield hinter den Feldern zog sich eine
Straße hin, welche in die entgegengesetzte Richtung von Millcote
führte; auf dieser geht früh am anderen Morgen unsere Jane.
Sie ging an den Feldern entlang, an Hecken und Gäßchen,
bis die Sonne aufgegangen war. Es war ein unendlich lieblicher
Sommermorgen. Aber sie blickte weder zur Sonne empor, noch
zu dem lächelnden Himmel, noch herab auf die eiwachende Natur,
sie dachte nur an das heimatlose Umherwandern.
Als sie die Landstraße erreichte, war sie gezwungen, sich zu
setzen und unter einer Hecke auszuruhen. Wie sie so dasaß, vernahm sie das Geräusch von Rädern und sah einen Wagen des
Weges kommen. Sie stand auf und winkte mit der Hand. Als
der Wagen anhielt, fragte sie, wohin er führe. Der Kutscher
nannte einen weit entfernten Ort. Sie fragte, für welche Summe
er sie nach dort mitnehmen würde; er antwortete: für dreißig z
Schillinge; sie entgegnete ihm, daß sie nur zwanzig besäße. Nun,
er wolle sie auch dafür mitnehmen. Dann erlaubte er ihr noch,
sich in das Innere des Wagens zu setzen, da er leer war. Sie stieg
ein. Die Tür wurde zugeschlagen und der Wagen fuhr
weiter.
Zwei Tage sind vorüber. Es ist ein Sommerabend. Der
Kutscher hat Jane an einem Orte abgesetzt, der Whitcroß heißt.
Für die Summe, die sie ihm gezahlt, konnte er sie nicht weiter mitnehmen, und auf der ganzen Welt besaß sie nicht einen einzigen
Schilling mehr. Um diese Zeit ist der Wagen schon eine ganze Meile
weit fort. Sie ist allein. Und jetzt entdeckt sie, daß sie vergessen
hat, ihr Paket aus der Wagentasche zu nehmen. Dieses hatte sie
aus den notwendigsten Reisegegenständen gebildet, nachdem sie
dem Gastwirt in Millcote ihren Reisekoffer überlassen. jetzt ist sie
von allen Mitteln entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Marktflecken; es
ist nur ein steinerner Pfeiler, welcher dort aufgerichtet ist, wo vier
Wege sich kreuzen; weiß angestrichen, damit er in der Ferne und in
der Dunkelheit sichtbarer und in die Augen fallender ist. Vier
Arme gehen von seiner oberen Spitze aus; die nächstgelegene
Stadt, zu welcher diese zeigen, ist der Inschrift nach noch zehn Meilen
von hier entfernt. Durch den wohlbekannten Namen dieser Stadt
erfährt Jane, in welcher Grafschaft sie ausgestiegen ist. Eine nördliche Binnenland-Grafschaft, mit düsterem Moorland, von Bergen
eingerahmt. Hinter ihr und zu beiden Seiten von ihr sind große
Torfmoore. Die Bevölkerung hier ist nur spärlich und weder
Fußgänger noch Reiter sind auf diesen Straßen zu sehen. Sie alle s
sind über das Moor gelegt und das Haidekraut wächst wild und
üppig bis an den Grabenrand. Sie schritt bald direkt auf die
Haide und hielt sich in einem kleinen Durchgang, welcher die
braune Moorerde tief durchfurchte. Sie watete knietief in der dunklen
Vegetation, folgte all seinen Biegungen und als sie einen moosbewachsenen Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand,
setzte sie sich. Hohe Moordämme umgaben sie, die Klippe beschütte ihr Haupt. Und über all. diesem war der Himmel.
Es verging einige Zeit, bevor sie sich selbst hier sicher fühlte.
Sie hatte eine unbestimmte Furcht, daß wilde Viehherden in der
Nähe sein könnten, oder daß ein Wilddieb sie entdecken könne. Wenn
ein Windstoß über die Fläche fortfegte, blickte sie erschreckt empor
und meinte, es könne der ungestüme Anlauf eines Stiers sein;
wenn ein Regenvogel pfiff, so glaubte sie, es seien menschliche
Laute. Mls sie indessen einsah, daß ihre Befürchtungen unbegründet seien, und die tiefe Stille, welche beim Hereinbrechen der Nacht
herrschte, sie beruhigte, da faßte sie Vertrauen.
Doch was sollte sie jetzt beginnen? Wohin sich wenden?
Wenn ihre müden, zitternden Glieder noch einen langen, langen
Weg zurücklegen mußten, bevor sie menschliche Wohnungen erreichen konnte, wenn sie das kalte Mitleid in Anspruch nehmen
mußte, bevor sie eine Unterkunft fand; widerstrebende Barmherzigkeit anrufen, herzlose Zurückweisungen ertragen, ehe überhaupt
jemand ihre Not anhören, oder ihr irgendwelche Arbeit bieten
würde. Sie berührte den Haideboden, er war trocken und noch warm
von der Hitze des Sommertages. Sie blickte zum Himmel empor;
er war klar; ein freundlicher Stern funkelte gerade über dem
Gipfel der Felsenklippe. Der Tau fiel, aber glücklicherweise sehr
schwach; nicht ein Windhauch störte die Ruhe. Die Natur schien
ihr gut und wohlwollend; sie glaubte, daß sie die arme Verlassene
liebe. Heute Nacht wollte sie wenigstens ihr Gast sein. Mutter
Natur würde ihr ja Obdach gewähren ohne Geld, ohne Preis.
Jane hatte noch einen kleinen Bissen Brot, den Rest einer Semmel,
welche sie in einer Stadt gekauft, die sie um die Mittagszeit passiert, gekauft mit einem losen Pfennig, den sie noch zufällig bei sich
gefunden. Hier und da sah sie reife Heidelbeeren; sie pflückte eine
Handvoll davon und aß sie zu dem Brote. Ihr zuvor noch nagender Hunger war, wenn auch nicht gestillt, so doch gemildert durch
dieses Einsiedlermahl. Zuletzt sagte sie ihr Abendgebet und dann
suchte sie ihr Nachtlager.
Neben der Felsenklippe war das Haidekraut sehr hoch. Als !
sie sich niederlegte, waren ihre Füße beinahe darin begraben; an
beiden Seiten wuchs es so hoch, daß es fast über ihr zusammenschlug und dem Hereindringen der Nachtluft nur wenig Raum gewährte. Sie legte ihren Schal doppelt zusammen und breitete
ihn wie eine Decke über sich; eine unmerkbare, moosige Erhöhung
bildete ihr Kopfpolster. So verwahrt, spürte sie wenigstens beim
Beginn der Nacht keine Kälte.
Die Nacht war gekommen und ihre Planeten waren aufgegangen; eine schöne, stille Nacht, zu rein und klar, als daß man
der Furcht hätte Raum geben können. Wohl wissen wir, daß Gott
allgegenwärtig ist; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am
deutlichsten, wenn seine größten und herrlichsten Werke im Glanze
vor uns ausgebreitet liegen. Und der unbewölkte Nachthimmel,
an dem seine Welten ihren stillen Kreislauf vollenden, macht uns
am meisten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwärtigkeit empfinden! Jane hatte sich auf die Knie erhoben, um
zu beten. Als sie mit tränenblinden Augen aufsah, erblickte sie
die gewaltige Milchstraße. Indem sie sich erinnerte, was sie eigentlich sei, eine Million von Welten, fühlte sie die Macht und die Kraft
Gottes. Sie war sicher, daß ohne seinen Willen kein Geschöpf
untergehen könnte.
Sie legte sich wieder an die Brust der Erde und nicht lange
dauerte es, so hatte sie im Schlaf allen Kummer vergessen.
Aber am nächsten Tage trat die Not bleich und hager an
sie heran. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen
hatten, lange nachdem die Bienen während der süßen Jugend des
Tages den Honig aus den Haideblüten gesogen, bevor der Tau noch
getrocknet, erhob sie sich und blickte umher.
Welch ein stiller, warmer, herrlicher Tag! Welch eine goldene
Wüste dieses weite Moor! Überall Sonnenschein! Sie sah eine
Eidechse über den Felsen huschen; sie sah eine Biene geschäftig
zwischen den süßen Haidelbeeren. Wie gern wäre sie in diesem
Augenblick Biene oder Eidechse gewesen; dann hätte sie hier hinreichende Nahrung, schützendes Obdach gefunden. Aber sie war
ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines mensch
lichen Wesens. Sie durfte nicht weilen, wo sie nichts fand, um
sie zu befriedigen. Sie erhob sich und blickte zurück auf das Lager,
das sie verlassen. Sie hegte nur den einen Wunsch: daß der
Schöpfer es für gut befunden hätte, während ihres Schlafes dieser
Nacht die Seele von ihr zurückzufordern. Aber das Leben war
noch immer in ihr mit seinen Erfordernissen und Bedürfnissen.
Diese mußten befriedigt werden.
Sie machte sich auf den Weg.
Als sie Whitcroß wieder erreicht hatte, schlug sie einen Weg
ein, welcher von der Sonne fortführte, die jetzt bereits hoch stand
und glühend herabbrannte. Lange ging sie vorwärts, und endlich
setzte sie sich ermüdet auf einen nahen Stein; da hörte sie eine
Glocke erklingen, eine Kirchenglocke.
Sie wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Schall
kam, und dort, zwischen den Hügeln sah sie einen Weiler und einen
Kirchturm. Das ganze Tal zu ihrer Rechten war voll von Weiden,
Kornfeldern und Wäldern; ein glitzernder Strom lief zickzack durch
die verschiedenen Schattierungen der Wiesen, des reifenden Korns.
der düsteren Wälder und der hellen, sonnigen Fluren. Das schwere
Rollen von Rädern lenkte ihre Gedanken wieder auf die vor ihr
liegende Straße; sie sah einen hochbeladenen Wagen hügelaufwärts streben und eine kurze Strecke dahinter erblickte sie zwei
Kühe mit ihrem Treiber. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren ihr also nahe. Sie wollte sich nun weiter schleppen,
versuchen zu leben und zu arbeiten wie die übrigen.
Gegen vier Uhr nachmittags kam sie in das Dorf. Am Ende
seiner einzigen Straße war ein kleiner Laden mit einigen Semmeln
und Broten im Fenster. Sie sehnte sich nach einem Laib Brot.
Durch solche Erfrischung war es ihr vielleicht möglich, einen gewissen Grad von Kraft wieder zu erlangen; ohne dieselbe war es
ihr unmöglich, weiter zu gehen. Sie fühlte, daß es entehrend sei,
an der Dorfstraße vor Hunger ohnmächtig zu werden. Besaß sie
denn nichts, was sie jenen Leuten zum Tausch gegen eins jener
Brote anbieten konnte? Sie dachte nach. Um den Hals hatte sie
ein kleines, seidenes Tuch geschlungen; sie hatte auch Handschuhe.
Sie wußte ja nicht, ob die Leute irgendeinen dieser Gegenstände
annehmen würden; wahrscheinlich würden sie es nicht tun aber
sie mußte es versuchen.
Sie trat in den Laden. Eine Frau war darin anwesend. Als
sie eine anständig gekleidete Person sah, eine Dame, wie sie vermutete, trat sie mit größter Höflichkeit vor. Womit sie der Dame
dienen könne? Jane kam fast um vor Scham! Ihre Zunge
konnte die wohlvorbereitete Bitte nicht hervorstammeln. Sie
wagte nicht, ihr die abgenützten Handschuhe oder das zerdrückte
Seidentuch anzubieten. Sie bat sie nur um die Erlaubnis, sich
einen Augenblick setzen zu dürfen, da sie sehr ermüdet sei. Getäuscht in ihrer Erwartung auf einen Kunden, gewährte sie Janes
Bitte fast widerstrebend. Sie zeigte auf einen Stuhl. Jane brach
darauf zusammen. Die Tränen waren ihr nahe, doch hielt sie sie
zurück.
Gleich darauf fragte sie die Bäckersfrau, ob im Dorfe eine h
Schneiderin oder eine einfache Handarbeiterin sei.
Ja, zwei oder drei. Gerade so viele, wie dort Beschäftigung?
finden könnten.
Jane dachte nach. Sie war aufs äußerste gekommen. Sie
sah der Not jetzt Aug' in Aug'.
,Ob sie von irgend einer Stelle in der Nachbarschaft wisse,
wo eine Dienerin gebraucht werde?
,Nein, sie wisse von keiner.
,Welches der hauptsächliche Handel an diesem Orte sei?
Womit die Mehrzahl der Leute sich beschäftige?
,Einige seien Landleute; viele von ihnen arbeiteten in der
Nadelfabrik von Mr. Oliver und in der Gießerei?
,Ob Mr. Oliver auch Frauen beschäftige?
,Nein, es sei Männerarbeit.
,Und womit beschäftigten sich die Frauen?
,Weiß nicht,' lautete die Antwort. ,Einige tun dies, andere
das. Arme Leute müssen zusehen, daß sie durchkommen.
Die Frau schien jetzt der Fragen müde zu sein, ein oder zwei
Nachbarn traten ein; augenscheinlich brauchte man den Stuhl.
Jane verabschiedete sich.
Sie ging die Straße hinauf und im Vorübergehen blickte sie
jedes Haus zur Linken und zur Rechten an. Aber sie konnte
keinen Vorwand, keine Veranlassung finden, irgendwo einzutreten.
Sie streifte im Dorfe umher; dann ging sie wieder ins Freie hinaus, um darauf eine Stunde oder später zurückzukehren. Völlig
erschöpft und leidend durch den Mangel an Nahrung schlug sie
einen Heckenweg ein und setzte sich unter die Hecke. Aber nur
wenige Minuten vergingen und sie war wieder auf den Füßen;
sie suchte immerwährend nach einem Ausweg oder doch nach jemandem, der ihr Auskunft geben konnte. Ein hübsches, kleines Haus
mit einem Garten davor stand am Ende des Gäßchens; der Garten
war außerordentlich wohl gepflegt und prangte im schönsten Blumenflor. Sie stand still vor demselben. Sie trat näher und klopfte
an. Eine sauber gekleidete, junge Frauensperson mit milden Gesichtszügen öffnete ihr die Tür. Mit einer leisen, stammelnden
Stimme fragte sie, ob man hier ein Dienstmädchen brauche.
,Nein,' sagte sie, , wir halten keine Magd.
,Können Sie mir denn nicht sagen, wo ich Beschäftigung
irgendwelcher Art finden kann? fuhr Jane fort. ,Ich bin hier
fremd, ohne Bekannte oder Freunde am Ort.
,Es täte ihr leid, ihr keine Auskunft geben zu können, und
die weiße Tür wurde geschlossen, zwar leise und höflich, aber Jane
war ausgeschlossen!
Der Hunger quälte Jane immer mehr. Sie näherte sich
wieder den Häusern; sie verließ sie und kehrte doch wieder zurück.
Dann wanderte sie von neuem fort, immer wieder fortgetrieben
durch das Bewußtsein, daß sie kein Recht zu betteln habe, kein
Recht zu erwarten, daß irgend jemand an ihrer verzweifelten Lage
Anteil nehme. Inzwischen neigte der Nachmittag sich seinem Ende
zu, während sie wie ein verlorener, verlassener Hund umherwanderte. Als sie über ein Feld ging, sah sie den Kirchturm vor
sich, sie eilte näher. In der Nähe des Friedhofes, inmitten eines
Gartens, stand ein kleines, aber schön gebautes Haus, welches
sie sofort für den Pfarrhof hielt. Es fiel ihr ein, daß es das
Amt des Priesters sei, denen zu helfen, welche sich selbst helfen
wollen. Ihr war's, als hätte sie etwas wie ein Recht, sich hier
Rat zu holen. So belebte sich denn ihr Mut von neuem und indem
sie den letzten schwachen Rest ihrer Kräfte zusammen nahm, wanderte sie vorwärts. Sie erreichte das Haus und klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Sie fragte, ob dies das
Pfarrhaus sei.
Ja.
,Ob der Pfarrer zu Hause sei.
,Nein,
,Ob er bald nach Hause kommen würde.
,Nein, er sei eine ziemliche Strecke vom Hause entfernt.
,Sehr weit?
,Nicht so sehr weit -- vielleicht drei Meilen. Er sei durch
den plötzlichen Tod seines Vaters abberufen; augenblicklich sei er
in Marsh End und würde dort wahrscheinlich noch vierzehn Tage
bleiben.
,Ob denn nicht die Hausfrau da sei?
,Nein, außer ihr niemand, und sie sei die Haushälterin.
Aber noch vermochte Jane nicht zu betteln. Sie kroch weiter.Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine
Brotkruste! Nur einen Mund voll, um sich von dem grausamen Hungertode zu erretten! Wieder wandte sie das Gesicht dem Dorfe zu; sie fand den Laden und trat ein, und obgleich sich außer der Frau noch
mehr Leute dort befanden, wagte sie doch die Bitte, ob sie ihr
nicht ein Brötchen für das Seidentuch geben wolle.
Mit augenscheinlichem Mißtrauen blickte die Frau sie an.
,Nein, sie sei nicht gewohnt, auf diese Weise ihre Ware an
den Mann zu bringen.
Fast verzweifelt bat Jane um ein halbes Brot. Sie schlug
es ihr wieder ab. ,Wie könne sie denn wissen, wie sie zu dem Ding,
gekommen sei? sagte sie.
,Ob sie denn ihre Handschuhe wolle?
,Nein! Was sie damit anfangen solle?
Jane ging weiter. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam sie
Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen
Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine Brot-
an einem Meierhofe vorbei, an dessen geöffneter Tür der Pächter
saß und sein Abendbrot verzehrte, das aus Brot und Käse bestand.
Sie stand still und sagte:
,Wollen Sie mir ein Stück Brot geben? Ich bin sehr
hungrig.
Er warf einen Blick des Erstaunens auf sie; aber ohne zu
antworten, schnitt er eine derbe Schnitte von seinem Brot und
gab sie ihr. Er hielt sie nicht für eine Bettlerin, sondern nur für
eine Dame, welche von einem plötzlichen Appetit auf sein Schwarzbrot befallen war. Sobald Jane außer Sehweite war, sette sie
sich hin und begann zu essen.
Wieder war die Nacht angebrochen, und Jane suchte Zuflucht in einem nahen Walde. Aber es war eine fürchterliche
Nacht, sie fand keine Ruhe. Die Erde war feucht, die Luft kalt.
Kein Gefühl von Ruhe oder Sicherheit kam über sie. Gegen
Morgen regnete es. Der ganze folgende Tag war naßkalt. Wie
zuvor suchte Jane Arbeit, wie zuvor wurde sie abgewiesen, und
wie zuvor hungerte sie, nur einmal kam Nahrung über ihre Lippen.
An der Tür einer Hütte sah sie ein kleines Mädchen, das im Begriff stand, eine Schüssel voll kalten Haferbreis in den Schweinetrog zu schütten.
,Willst du mir das nicht geben? bat sie.
Das Kind starrte Jane an.
,Mutter,' rief sie dann aus, ,hier ist ein Weib, das den Brei
haben will.r
,Nun, Mädel,' erwiderte die Stimme von drinnen, ,gib ihn
ihr, wenn es eine Bettlerin ist. Das Schwein braucht ihn nicht.
Das Mädchen schüttete den steifen Brei in Janes Hand und
diese verschlang ihn gierig.
Als die naßkalte Dämmerung herabsank, hielt sie auf einem
einsamen Reitwege inne, den sie schon seit länger als einer Stunde
verfolgt hatte.
,Meine Kräfte verlassen mich jetzt gänzlich,! sagte sie im
Selbstgespräch.,Ich fühle, daß ich nicht viel weiter gehen kann.
Werde ich diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein? Muß ich
mein Haupt auf den kalten, durchweichten Erdboden legen, während der Regen in Strömen herabfließt? Ich fürchte, es wird
mir nichts anderes übrig bleiben. Aber es wird furchtbar sein;
mit diesem Gefühl des Hungers, der Ohnmacht, der Kälte, der
Trostlosigkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ich noch vor
Tagesanbruch sterben.
,O Gott! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht!
Hilf mir! Führe mich!
Ihr trübes Auge schweifte über die nebelige, verschwommene
Landschaft. Sie sah, daß sie weit vom Dorfe fortgeirrt war; es
war ihren Blicken gänzlich entschwunden. Auf Kreuzwegen und
Nebenpfaden war sie noch einmal dem Moorlande wieder nahe
gekommen, und jetzt lagen nur noch wenige Acker, die fast ebenso
wild und unfruchtbar waren wie die Heide, zwischen ihr und nebligen Bergen.
Nun, ich will lieber dort drüben sterben, als an der Landstraße oder an einem verkehrsreichen Wege,' dachte sie.
So wandte sie sich also den Hügeln zu. Sie erreichte diese.
Jetzt blieb ihr nur noch übrig, eine Höhlung zu finden, in der sie
sich verbergen, wenn auch nicht sicher fühlen konnte. Aber die
ganze Oberfläche der Einöde sah eben aus. Sie zeigte nur eine
Abwechslung: sie war grün, wo Binsen und Moose den Marschboden bedeckten, schwarz, wo der trockne Erdboden nichts trug als
Heidekraut.
Janes Auge schweifte noch über die düsteren Anhöhen, und
entlang dem Rande des Torfmoors, das sich in die wildeste
Szenerie verlor, als plötzlich an einem entfernten Punkt, weit hinein zwischen den Marschen und Höhen ein Licht aufblitzte.
,Das ist ein Irrlicht,' war ihr erster Gedanke, und sie erwartete, daß es bald wieder verschwinden werde. Es brannte indessen ganz stetig; es kam weder näher, noch entfernte es sich.
,Ist es denn ein Freudenfeuer, das soeben erst angezündet istE
fragte sie sich weiter. Sie beobachtete, ob es sich weiter ausdehnen werde; aber nein; so wenig wie es größer wurde, verkleinerte es sich.
,Es wird Kerzenschein aus einem Hause sein,'' vermutete sie
dann, ,aber wenn es auch der Fall, so werde ich es doch nimmer
erreichen können. Es ist viel zu weit entfernt. Und selbst, wenn es
nur eine Klafter weit von mir wäre, was könnte es nützen? Ich würde doch nur an die Tür klopfen, um zu eben, wie sie vor mir
geschlossen wird.’
Und sie sank zusammen, wo sie stand und drückte das Gesicht
gegen den Erdboden. Eine Weile lang lag sie still. Der Nachtwind zog über den Hügel und starb ächzend in der Ferne dahin.
Der Regen fiel unablässig und durchnäßte sie von neuem bis auf
die Haut. Wenn sie nur hätte erstarren können in der freundlichen, barmherzigen Kälte des Todes, so hätte er auf sie herabrieseln mögen, sie hätte ihn nicht gefühlt; aber ihr lebenswarmer
Körper schauderte zusammen unter seinem erkältenden Einfluß.
Es dauerte nicht lange, und sie erhob sich wieder.
Das Licht war noch immer da; es schien trübe aber beständig
durch den Regen. Jane versuchte, wieder zu gehen; sie schleppte
ihre erschöpften Glieder dem Lichte langsam entgegen. Dieses
leitete sie schräge über den Hügel durch einen weiten Sumpf, der
im Winter unpassierbar gewesen wäre und selbst jetzt im Hochsommer naß und unsicher war. Hier fiel sie zweimal. Aber ebenso
oft erhob sie sich wieder und nahm von neuem den Rest ihrer
Kräfte zusammen. Dieses Licht war ihr letzter Wagesatz im Hazardspiel des Lebens- sie mußte gewinnen!
Nachdem sie den Sumpf verlassen, sah sie eine weiße Spur
über das Moor führen. Sie näherte sich ihr; es war eine Straße
oder ein Pfad, der direkt auf das Licht hinführte, das jetzt
zwischen einer Gruppe von Bäumen heraus von einer Art Spitze
oder Gipfel herabschien. Die Bäume waren, soweit Jane es in
der Dunkelheit unterscheiden konnte, Tannen oder Fichten. Als
sie näher kam, verschwand ihr Stern; irgend ein Hindernis war
zwischen ihn und sie getreten. Jane streckte die Hand aus, um
die dunkle Masse vor sich zu fühlen; sie unterschied die rauhen
Steine einer niedrigen Mauer; darüber etwas, das Pallisaden
glich, und innerhalb eine hohe und dornige Hecke. Sie tastete sich
weiter. Wiederum leuchtete ein weißer Gegenstand vor ihr; es
war eine Pforte; sie bewegte sich in ihren Angeln, als Jane sie berührte.

Siebzehntes Kapitel.
Die Rettung.
Als sie in die Pforte trat und an den Büschen vorüberging.
erhob sich die Silhouette eines Hauses vor ihren Blicken. Schwarz.
niedrig und ziemlich lang; aber das rettende Licht schien nirgends
mehr. Alles war Dunkelheit. Hatten die Bewohner sich zur
Ruhe begeben? Sie fürchtete, daß es so sei. Als sie die Tür
suchte, kam sie um eine Ecke; da schoß der freundliche Lichtstrahl
wieder empor aus den länglichen Scheiben eines kleinen, vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen
war; es war noch kleiner geworden durch die Ranken eines Efeus
oder irgend einer anderen Schlingpflanze, deren Blätter den ganzen Teil des Hauses bedeckten, in welchem diese Fensterhöhlung
sich befand. Die Öffnung war so verwachsen und eng, daß man
Vorhänge oder Fensterladen für unnötig erachtet hatte; und als
Jane sich hinabbeugte und die grünende Ranke beiseite schob,
welche es bedeckte, konnte sie alles sehen, was drinnen vorging.
Sie sah deutlich ein Zimmer mit einem reingescheuerten, sandbestreuten Fußboden; eine Kredenz von Nußholz, auf welcher zinnerne Teller in langen Reihen aufgestellt waren; diese waren so
blank, daß der Glanz und der rote Schein eines Torffeuers sich in
ihnen spiegelte. Sie konnte eine Ühx sehen, einen weißen Tisch
von Tannenholz und einige Stühle. Das Licht, dessen Strahl
ihr Leuchtturm gewesen, brannte auf dem Tische; und bei seinem
Schein strickte eine ältliche Frau, die ein wenig rauh aber peinlich
sauber aussah, an einem Strumpfe.
Jane bemerkte diese Dinge nur flüchtig; es lag nichts Außergewöhnliches in ihnen. Am Herde saß eine Gruppe, die mehr
Interesse in Anspruch nahm. Zwei junge, anmutige Damen saßen,
die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem niederen
Schemel; beide trugen tiefe Trauer; dies düstere Gewand ließ ihre
zarten Gesichter ganz besonders hervortreten; ein großer, alter
Vorstehhund hatte seinen Kopf auf den Schoß des einen Mädchens
gelegt; auf den Knien der anderen lag eine schwarze Kate gebettet.
Welch ein seltsamer Aufenthalt war diese bescheidene Küche
für solche Insassen! Wer waren sie? Unmöglich konnten sie die
Töchter jener ältlichen Person am Tische sein; denn diese sah aus
wie eine Bäuerin, und die Damen waren ganz Zartheit und Verfeinerung.
Es war so still innen, daß Jane die Asche durch den Rost
fallen, die Uhr in seinem dunklen Winkel ticken hören konnte; ja,
sie bildete sich sogar ein, daß sie das Klappern der Stricknadeln
jener alten Frau vernehmen könne. Als daher endlich eine
Stimme diese seltsame Stille unterbrach, war sie ihr deutlich und
hörbar genug.
,Hör doch, Diana, sagte eine der emsigen Leserinnen,
,Franz und der alte Daniel sind bei Nachtzeit zusammen und
Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Entsetzen erwacht ist,
hör nur!' Und mit leiser Stimme las sie etwas, wovon Jane
nicht ein einziges Wort verständlich war; denn es war in einer ihr
unbekannten Sprache.
,Gibt es denn wirklich und wahrhaftig ein Land, wo die Leute
so eine sonderbare Sprache reden? fragte die alte Frau, indem sie
von ihrer Arbeit aufsah.
,Ja Hannah, ein viel größeres Land als England, wo sie gar
nicht anders reden.
,Nun, meiner Seel, da begreif ich doch nicht, wie sie einander
verstehen können; wenn nun eine von euch dorthin reiste - glaubt
ihr, daß ihr jemand verstehen könntet?
,Wahrscheinlich würden wir etwas von dem verstehen, was
die Leute dort sprechen, wenn auch nicht alles- denn wir sind
nicht so gelehrt, wie du meinst, Hannah. Wir sprechen nicht so gut
deutsch und wir können es nicht lesen, ohne ein Wörterbuch zur
Hilfe zu nehmen.
, Und was für Gutes habt ihr davon?!
, Wir beabsichtigen, es eines Tages zu lehren - oder doch
wenigstens die Anfangsgründe, wie man es nennt; dann werden
wir mehr Geld verdienen, als wir jetzt können.
, Kann schon sein! Aber jetzt laßt das Studieren; für heute abend habt ihr genug getan.''
,Ich glaube auch. Wenigstens bin ich müde. Mary, bist du
es ebenfalls?
,Todesmüde. Schließlich ist es doch schwere und zähe Arbeit,
sich mit einer Sprache abzuplagen, ohne einen anderen Lehrer als
das Lexikon zu haben.'
,Das ist es wahrhaftig. Besonders eine Sprache wie dies
harte aber herrliche Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John
nach Hause kommen wird,'' sagte die Vorleserin.
, Gewiß wird er jetzt nicht mehr lange ausbleiben; es ist gerade
zehn Uhr. Es regnet heftig. Hannah, willst du so gut sein und
nach dem Feuer im Wohnzimmer sehen??
Die Frau erhob sich; sie öffnete eine Tür, durch welche
Jane undeutlich einen Korridor sehen konnte. Bald hörte sie, wie
die Alte in einem inneren Zimmer ein Feuer anschürte. Gleich
darauf kam sie zurück.
,Ach, Kinderchen!'' sagte sie,,es wird mir gar so schwer, jetzt
in jenes Zimmer zu gehen; es sieht so einsam und verlassen aus mit
dem leeren Stuhl, der in den Winkel geschoben dasteht!
Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze. Die beiden jungen Mädchen, die vorher ernst ausgesehen, wurden jetzt traurig.
, Aber er ist an einem bessern Ort,'' fuhr Hannah fort; ,wir
dürfen ihn nicht wieder her wünschen. Und dann, einen sanfteren
Tod als er hatte, hat niemand.
,Du sagst, daß er unserer gar nicht mehr erwähnt hat? fragte
eine der jungen Damen.
, Er hatte keine Zeit, Kinderchen; es war vorüber in einer
Minute. Er war nicht ganz wohl gewesen, wie Tags zuvor, aber
es hatte nichts zu bedeuten; und als Mr. St. John ihn fragte, ob
eine von euch geholt werden solle, da lachte er ihm gerade ins Gesicht. Am nächsten Tage fing es dann wieder mit der Schwere im
Kopfe an, das sind nun ja schon vierzehn Tage her, und er fiel in
Schlaf und wachte nimmermehr auf. Er war beinahe schon kalt,
als euer Bruder zu ihm ins Zimmer kam und ihn fand. Ach Kinderehen, das war der letzte von dem alten Stamm, denn ihr und
Me Si. John seid von einer anderen Sorte als die, die schon fort
sind. Eure Mutter hatte auch viel Ähnlichkeit mit euch und war
beinahe ebenso gelehrt. Du bist ihr Ebenbild, Mary; Diana sieht
ihrem armen Vater ähnlicher.
Es schlug jetzt zehn Uhr.
, Ihr werdet gewiß euer Abendbrot wollen,! bemerkte
Hannah, , und Mr. St. John wird seins auch verlangen, wenn er
nach Hause kommt. !
Und sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis zu diesem
Augenblick war Jane so damit beschäftigt gewesen, sie zu beobachten,
daß sie ihre eigene verzweifelte Lage fast vergessen hatte. Jetzt fiel
sie ihr wieder ein. Durch den Kontrast erschien sie ihr trostloser,
entsetzlicher denn zuvor. Und wie unmöglich dünkte es sie, den Bewohnern dieses Hauses Teilnahme für sich einzuflößen, sie zu bewegen, daß sie ihr nur eine kurze Rast unter ihrem Dache gewährten!
Als sie sich an die Tür getastet hatte und zögernd anklopfte,
fühlte sie, daß ihre Hoffnung vergeblich sei.
Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie mit erstaunter Stimme, als sie
Jane beim Schein der Kerze, die sie in der Hand hielt, prüfend
ansah.
,Darf ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen?! fragte
diese.
,Sagen Sie mir nur lieber, was Sie von ihnen wollen. Woher kommen Sie denn eigentlich?
,Ich bin hier fremd.
,Was haben Sie denn um diese Stunde hier zu suchen??
,Ich bitte um Nachtquartier in einem Stalle oder sonst wo,
und um ein Stückchen Brot.
Mißtrauen war auf Hannahs Gesicht zu lesen.
,Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer
Pause; ,aber wir können einer Landstreicherin doch kein Obdach
geben. Das ist doch nicht zu verlangen!'
,Lassen Sie mich mit den Damen sprechen!
,Nein, gewiß nicht. Was könnten die für Sie tun? Sie
sollten um diese Zeit nicht mehr so umherlaufen. Das sieht sehr
verdächtig aus !''
,Aber wohin soll ich gehen, wenn ich hier auch fortgejagt
werde? Was soll ich nur beginnen?!
,Ach! ich wette, Sie wissen schon, wohin Sie zu gehen haben
und was Sie zu tun haben. Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie
nichts Unrechtes tun! Sonst geht's mich nichts an. Hier ist ein
Pfennig, und nun fort -
,Einen Pfennig kann ich nicht essen und ich habe keine Kraft
weiterzugehen. Ah! machen Sie die Tür nicht zu - tun Sie's
nicht! Um Gottes willen nicht!'
,Ich muß; der Regen schlägt herein.
,Sagen Sie den jungen Damen Bescheid. Lassen Sie mich
sie sehen.
,Ganz gewiß nicht, nein, ganz gewiß nicht! Sie sind nicht,
was Sie sein sollten, sonst würden Sie nicht solchen Lärm machen.
Fort mit Ihnen! Schnell fort!
,Aber ich muß sterben, wenn ich fortgejagt werde.
,Unsinn! Solches Volk stirbt nicht. Ich bin nur bange, daß
Sie was Böses vorhaben. Wozu treiben Sie sich sonst um diese
Zeit vor den Häusern anderer Leute umher? Wenn Sie vielleicht
noch Helfershelfer haben, Einbrecher oder dergleichen, die hier in
der Nähe versteckt sind, so sagen Sie denen nur, daß wir nicht allein
im Hause sind; wir haben einen Mann hier und Hunde und
Flinten.
Bei diesen Worten schlug die ehrliche aber unbeugsame Magd
Jane die Tür vor der Nase zu und verriegelte sie von innen.
Dies war das Letzte! Ein Weh der qualvollsten Art zerriß
Jane das Herz. Sie war vollständig erschöpft; sie konnte keinen
Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach sie zusammen;
sie stöhnte, sie rang die Hände, sie weinte in ihrer Todesangst.
, Ich kann nur noch sterben,' sagte sie sich, ,und ich glaube an
Gott. Laß mich versuchen, seinen Willen ergeben abzuwarten.
Diese Worte dachte sie aber nicht nur, sondern sprach sie mit
lauter Stimme.
,Jeder Mensch muß sterben,' sagte eine Stimme in ihrer
Nähe; ,aber nicht alle sind verurteilt, ein langsames oder vorzeitiges Ende zu finden, so wie das Ihre es sein würde, wenn Sie
hier vor Mangel umkämen.'
,Wer oder was spricht?! fragte Jane entsetzt bei den unerwarteten Lauten; denn jetzt war sie nicht mehr imstande, Hoffnung
auf Hilfe zu schöpfen. Eine Gestalt war nahe-- welche Gestalt--
das hinderte sie die stockfinstere Nacht und ihre geschwächte Sehkraft zu unterscheiden. Mit lautem, langem Klopfen meldete der
Neuangekommene sich an der Tür.
,Sind Sie es, Mr. St. John? fragte Hannah.
Ja, ja, mach nur schnell auf.
,Ach, du meine Güte, wie kalt und durchnäßt Sie in einer
solchen Nacht sein müssen! Kommen Sie nur herein! Ihre
Schwestern haben schon große Angst um Sie. Und ich glaube gar
noch, daß sich hier böse Gesellen umhertreiben. Eine Bettlerin ist
hier gewesen, aber wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! Sie hat
sich hier hergelegt! -- Steht auf! Es ist eine Schande. Fort! fort!
sage ich noch einmal!'
,Still Hannah! Ich habe ein Wort mit dieser Frau zu
sprechen. Du hast deine Pflicht getan, als du sie ausschlossest, jetzt
laß mich die meine tun, indem ich sie hereinlasse. Ich war in der
Nähe und habe gehört, was ihr beide miteinander spracht. Ich
glaube, dies ist ein ganz besonderer Fall, wenigstens muß ich ihn
untersuchen. Junge Frau, stehen Sie auf und gehen Sie vor mir
ins Haus.
Mit der größten Schwierigkeit gehorchte Jane ihm. Gleich
darauf stand sie in jener reinlichen, hellen Küche vor jenem Herd
zitternd, schwächer und schwächer werdend, wohl wissend, daß sie
im höchsten Grade zerlumpt und abschreckend aussah. Die beiden
jungen Damen, ihr Bruder Mr. St. John und die alte Dienerin
- alle starrten sie an.
,St. John, wer ist sie? hörte Jane die eine fragen.
,Ich weiß es nicht. Ich fand sie vor der Tür,' lautete seine
Antwort.
,Sie sieht ganz weiß aus, warf Hannah ein.
,So weiß wie Kreide oder der Tod, antwortete jemand, ,sie
wird umfallen, laß sie niedersitzen.
Und in der Tat ward Jane schwindlig, sie sank um, aber ein
Stuhl nahm sie auf. Sie war noch im Besitz ihrer Sinne, obgleich
sie in diesem Augenblick nicht sprechen konnte.
,Vielleicht würde etwas frisches Wasser sie neu beleben.
Hannah, hole ein wenig. Aber sie ist ja gänzlich erschöpft. Wie
mager ist sie! Und nicht ein Tropfen Blut in den Wangen!
,Ein wahres Gespenst.
,Ist sie krank oder nur verhungert?
,Verhungert, glaube ich. Hannah, ist das Milch? Gib sie mir
und ein Stück Brot dazu.
,Diana zerbröckelte ein wenig Brot, tunkte es in Milch und
hielt es an Janes Lippen. Ihr Gesicht war dem Janes ganz nahe.
Diese sah das Mitleid darin und hörte dann: ,Versuchen Sie zu
essen.
,Ja, versuchen Sie es,' wiederholte Mary sanft; und Marys
Hand entfernte ihren durchnäßten Hut und hob ihren Kopf empor.
Jane nahm von dem, was sie ihr angeboten, zuerst matt, dann aber
gierig.
,Nicht zu viel mit einemmal-- haltet sie zurück, sagte der
Bruder, ,sie hat genug bekommen. Und er nahm die Tasse mit
Milch ind den Teller mit Brot fort.
,Ein wenig noch, St. John-- sieh doch die ängstliche Gier in
ihren Augen.
,Für den Augenblick nicht mehr, Schwester. Versuch, ob sie
jetzt sprechen kann -- frag sie nach ihrem Namen.
Jane fühlte, daß sie sprechen konnte und sie entgegnete:
,Mein Name ist Jane Eyre.
,Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Angehörigen, Ihre
Freunde?
Jane schwieg.
,Können wir irgendeine Person holen lassen, die Sie kennen?
Sie schüttelte den Kopf.
Nach einer kurzen Pause sagte Jane:
,Sir, ich bin nicht fähig, Ihnen heute abend noch Näheres
mitzuteilen.
,Aber was erwarten Sie denn von mir, daß ich für Sie tun
soll? fragte er.
,Nichts!' entgegnete sie. Ihre Kraft reichte nur für kurze
Antworten hin. Diana nahm das Wort.
,Wollen Sie damit sagen, daß wir Ihnen jetzt alle Hilfe geleistet haben, deren Sie bedürfen? fragte sie, ,und daß wir Sie
wieder hinaus in den Regen und auf den durchweichten Sumpf
lassen können?
Jane blickte sie an. Sie fand, daß sie ein Gesicht hatte, in dem
sich Klugheit, Kraft und Güte vereinten. Plötzlich faßte sie Mut.
Indem sie ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortete,
sagte sie: Ihnen will ich vertrauen. Wenn ich ein herrenloser, verlaufener Hund wäre, so weiß ich, daß Sie mich heute abend nicht
mehr aus Ihrem Hause jagen würden. Wie es nun ist, hege ich
wirklich keine Furcht. Tun Sie mit mir und für mich, was Sie
wollen; aber erlassen Sie mir das Reden - mein Atem ist kurz---
ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.
Alle drei beobachteten Jane und alle drei verhielten; sic
schweigend.
,Hannah,' sagte Mr. St. John endlich, ,laß sie dort für den
Augenblick noch sitzen und richte keine Fragen an sie. Nach Ablauf
von zehn Minuten gib ihr den Rest von der Milch und den Brote.
Mary und Diana, laßt uns ins Wohnzimmer gehen und die Sache
weiter überlegen.
Sie zogen sich zurück. Sehr bald kehrte eine von den Damen
zurück - Jane konnte nicht unterscheiden, welche. Eine Art angenehmer Bewußlosigkeit bemächtigte sich ihrer, als sie so neben dem
belebenden Feuer saß. Mit leiser Stimme erteilte die Zurückgekehrte Hannah einige Befehle. Es dauerte nicht mehr lange, und
Jane vermochte mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinanzusteigen; ihre durchnäßten Kleider wurden ihr ausgezogen, und bald
lag sie in einem trocknen, angenehm durchwärmten Bette. Sie
dankte Gott für ihre Rettung und schlief ein.

Achtzehntes Kapitel.
Gastfreundschaft.
Drei Tage und drei Nächte ruhte Jane völlig erschöpft in
ihrem Bette. Sie nahm alles sie Umgebende nur wie in einem
Traume wahr. Ein- oder zweimal täglich erschienen Diana und
Mary im Zimmer. Sie flüsterte viel an Janes Bette, ungefähr
wie folgt:
,Ich bin froh, daß wir sie aufnahmen.
,Ja. Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel
tot vor unserer Tür gefunden worden, wenn wir sie die ganze
Nacht draußen gelassen hätten. Ich möchte nur wissen, was sie
alles durchgemacht hat.
,Seltene Trübsal und Entbehrungen, glaube ich- armes.
verhungertes, bleiches Menschenkind!
,Sie ist keine ungebildete Person, vermute ich, nach ihrer
Sprache zu urteilen. Ihr Akzent war sehr rein; und die Kleider,
welche sie abgelegt hat, waren, wenn auch naß und schmutzig, so
doch fein und wenig abgenützt.
In all ihren Gesprächen hörte Jane niemals auch nur eine
einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, welche sie
ihr gewährt hatten; oder ein Wort des Mißtrauens gegen sie.
Sie war also beruhigt.
Mr. St. John kam nur einmal; er sah sie an und sagte, daß
ihr Zustand das Resultat übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei. Er erklärte es für unnötig, einen Doktor holen zu
lassen; es sei seiner Überzeugung nach am besten, wenn man der
Natur ihren freien Lauf ließe. Es sei durchaus keine Krankheit.
Er glaube, daß Janes Genesung, wenn sie einmal begonnen, eine
sehr schnelle sein werde. Diese Ansichten sprach er in wenigen
Worten aus, mit einer leisen, ruhigen Stimme. Und nach einer
Pause fügte er in dem Tone eines Mannes, der wenig an erläuternde Bemerkungen gewöhnt ist, hinzu: ,ein ziemlich ungewöhnliches Gesicht; ganz entschieden aber trägt sie nicht das Gepräge der Verderbtheit.
,Weit entfernt davon,? entgegnete Diana.,Ehrlich gesprochen, St. John - mein Herz zieht mich zu der armen, kleinen
Seele. Ich wollte, daß wir ihr für die Dauer nützlich sein könnten.
,Das ist kaum anzunehmen,' lautete seine Antwort. ,Ihr
werdet finden, daß sie ein junges Mädchen ist, welches einen Streit
mit seinen Angehörigen gehabt und diese dann unvernünftigerweise
verlassen hat. Vielleicht gelingt es uns, sie jenen wieder zuzuführen, wenn sie nicht allzu eigensinnig ist; aber ich sehe Linien in
ihrem Gesicht, die auf Widerstandskraft schließen lassen und mich
zweifelhaft in bezug auf ihre Lenksamkeit machen.
Er stand und betrachtete Jane während einiger Minuten, dann
fügte er hinzu: ,Sie sieht klug aus, aber sie ist durchaus nicht
hübsch.
Am dritten Tage fühlte Jane sich besser; am vierten konnte
sie sprechen, sich bewegen, im Bette aufsitzen und sich umdrehen.
Es war um die Mittagsstunde, als Hannah ihr ein wenig Grütze
und einige geröstete Brotschnittchen brachte. Sie hatte mit Appetit
gegessen, die Nahrung war gut. Als Hannah sie verließ, fühlte sie
sich neu belebt und verhältnismäßig stark, und bald darauf wurde
sie der Ruhe müde. Sie wollte aufstehen; aber welche Kleider
sollte sie anlegen? Nur ihre feuchten, beschmutzten Gewänder, in
welchen sie auf dem Erdboden geschlafen hatte und auf dem Moor
gefallen war? Sie sah sich um. Auf einem Stuhl neben ihrem
Bette lagen all ihre eigenen Kleidungsstücke, jedoch rein und trocken.
Ihr schwarzseidener Rock hing an der Wand. Die Spuren des
Schlammes waren davon entfernt, die Falten, welche durch die
Nässe entstanden, waren geglättet: er sah durchaus anständig aus.
Sogar ihre Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und wieder
brauchbar gemacht. Alle Gegenstände zum Waschen befanden sich
im Zimmer, sogar Kamm und Bürste, um ihr Haar zu ordnen.
Nach einem sehr langwierigen Verlauf, bei dem sie sich alle fünf
Minuten ausruhen mußte, war es ihr gelungen, sich anzukleiden.
Ihre Kleider hingen lose auf ihr, denn sie war sehr abgemagert;
aber diese Mängel bedeckte sie mit einem Schal, und endlich wieder sauber und anständig aussehend-- kein Körnchen Schmut,
keine Spur von Unordnung, die sie so sehr haßte, kroch sie
die steinerne Treppe hinunter, sich fortwährend am Geländer haltend; sie gelangte in einen engen Korridor und fand gleich darauf
den Weg in die Küche.
Diese war voll von dem Duft frisch gebackenen Brotes, und
ein großes, helles Feuer durchwärmte sie. Hannah war mit
Backen beschäftigt.
,Was! Sie sind aufgestanden!' rief sie aus.,Da sind Sie
also endlich besser? Wenn Sie wollen, dürfen Sie sich in meinen
Stuhl am Herd setzen.
Sie zeigte auf den Schaukelstuhl. Jane nahm ihn. Hannah
wirtschaftete in der Küche umher und warf ihr von Zeit zu Zeit
einen prüfenden Seitenblick zu. Indem sie einige Brote aus dem
Backofen nahm, wandte sie sich zu ihr und sagte derb:
, Haben Sie schon früher gebettelt, ehe Sie zu uns kamen??
Einen Augenblick war Jane empört; aber glücklicherweise fiel
es ihr ein, daß sie sich nicht ärgern dürfe, und daß sie in Hannahs
Augen allerdings wie eine Bettlerin erscheinen müsse; daher antwortete sie ruhig:
, Sie irren sich, wenn Sie meinen, daß ich eine Bettlerin sei.
Ich bin ebensowenig eine Bettlerin wie Sie oder Ihre jungen Gebieterinnen.
Nach einer Pause sagte sie wieder: ,Nun, das verstehe ich
nicht. Sie haben doch keinen Pfennig Geld?
,Daß ich kein Geld besitze, macht mich noch immer nicht zur
Bettlerin.
,Sind Sie denn büchergelehrt? fragte sie gleich darauf.
,Ja, sehr!
, Aber Sie sind doch niemals in einer Pension gewesen?
,Ich war acht Jahre hindurch in einer Pension.'
Sie riß die Augen weit auf. ,Und dann können Sie sich nicht
einmal selbst erhalten?
,Ich habe mich selbst ernährt und hoffe, es sehr bald wieder
zu können. Was wollen Sie denn mit diesen Stachelbeeren
machen?' fragte Jane dann, als sie einen Korb dieser Früchte
herbeitrug.
,Kuchen davon backen.
,Geben Sie sie mir, ich will sie auslesen.
,Nein. Ich mag nicht, daß Sie etwas tun.
,Aber ich muß mich doch mit irgend etwas beschäftigen!
Geben Sie sie nur her!
Endlich willigte Hannah ein und brachte ihr sogar ein reines
Handtuch, um es über ihr Kleid zu breiten, ,damit es nicht
schmutzig werde,' wie sie sagte.
,Sie sind wohl nicht an Hausarbeit gewöhnt gewesen; das
sehe ich an Ihren Händen,' bemerkte sie.,Wahrscheinlich sind Sie
Schneiderin.
,Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht um das,
was ich gewesen bin, sondern sagen Sie mir, wo ich mich eigentlich befinde, wie dieses Haus heißt.
, Einige Leute nennen es Marsh-End, andere nennen es
MoorHouse.
,Und der Herr, welcher hier wohnt, heißt Mr. St. John?
,Nein, er wohnt nicht hier; er hält sich hier nur für einige
Zeit auf. Wenn er zu Hause ist, dann ist er in seinem eigenen
Hause, und das ist der Pfarrhof von Morton.
,Das Dorf einige Meilen von hier?
.Ja. ia.
,Und was ist er?
,Er ist Prediger.
Jane fiel die Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhofe
ein, als sie gebeten hätte, mit dem Prediger sprechen zu dürfen.
,War denn dies das Haus seines Vaters?
,Ja, ja. Der alte Mr. Rivers wohnte hier, und sein Vater
und sein Großvater, und sein Urgroßvater vor ihm.
,Der Name dieses Herrn ist also Mr. St. John Rivers?
,Ja, ja. St. John ist so etwas wie sein Taufname.
,Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?
.Va.
,Ihr Vater ist tot?
,Vor drei Wochen gestorben. Schlagfluß.
,Sie haben keine Mutter?
,Die ist schon lange Jahre tot.
,Sind Sie schon lange in der Familie?
,Ich bin schon dreißig Jahre hier. Hab' ja die drei Kinder
allein auferzogen.
,Das beweist, daß Sie eine treue und ehrliche Dienerin sein
Wieder sah sie Jane ganz erstaunt an.
,Am Ende glaube ich doch, daß ich mich in meinen Gedanken
über Sie ein bißchen geirrt habe,' sagte sie dann; ,aber Sie
müssen mir doch vergeben, denn es gehen ja so viele Betrügerinnen
umher, daß man gar nicht vorsichtig genug sein kann.
,Und,' fuhr Jane in ziemlich strengem Ton fort, Sie wollten
mich von der Tür fortjagen, in einer Nacht, wo Sie nicht einmal
einen Hund hätten hinausjagen dürfen.
,Na ja! Es war hart, aber was kann der Mensch tun?
Ich dachte ja doch mehr an die Kinderchen, als an mich selbst. Die
armen Dingerchen! Für sie sorgt niemand als nur ich. Muß ich
da nicht so ängstlich sein? Sie dürfen aber nicht allzu schlimm von
mir denken, fing sie dann wieder an, ,und ich sehe ein, daß ich unrecht hatte - aber jetzt, meiner Seel, denke ich auch anders von
Ihnen als früher. Sie sehen ja wirklich aus wie eine anständige
kleine Person.
,Das ist genug - jetzt vergebe ich Ihnen. Geben Sie mir
die Hand,! sagte Jane.
So war der Friede zwischen beiden geschlossen.
Hannah liebte es augenscheinlich sehr zu schwatzen und während Jane die Beeren auslas, und sie selbst den Teig zu dem
Kuchen machte, erzählte sie die ganze Lebensgeschichte ihrer
Herrschaft.
Der alte Mr. Rivers, sagte sie, sei ein einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung, und aus einer so
alten Familie, wie es kaum eine ältere gäbe. Dennoch gab sie zu,
,daß der alte Herr ganz wie andere Menschen gewesen sei, nichts
Besonderes, aber toll im Jagen und in der Landwirtschaft und
solchen Dingen. Die Frau war anders gewesen. Sie beschäftigte
sich viel mit Lesen und studierte immer, und die ,Kinderchen
waren ihr ganz nachgeraten. Sie hatten ihresgleichen nicht in
dieser Gegend; von dem Tag an, wo sie sprechen konnten, hatten
sie beinahe schon angefangen zu lernen, und sie hatten schon immer
,was so Apartes gehabt''. Als Mr. St. John größer geworden,
hatte er auf die Universität gehen und Prediger werden wollen,
und die Mädchen, sobald sie die Schule verlassen, hatten Gouvernanten werden wollen, denn wie sie erzählte, hatte Mr, Rivers
vor mehreren Jahren durch den Bankrott eines Bankiers, dem er
sein Vermögen anvertraut, einen großen Teil desselben verloren.
Und da er ihnen kein Vermögen mitgeben konnte, wollten sie nun
selbst für sich sorgen. Seit langer Zeit waren sie nur selten mehr
im alten Heim gewesen, und jetzt hatte der Tod ihres Vaters sie
auch nur für einige Wochen hergerufen; aber sie liebten Marsh-
End und Morton und all diese Hügel und Täler und Moore und
Heiden so innig. Sie waren in London und vielen anderen großen
Städten gewesen, aber immer hatten sie gesagt, der Heimat käme,
doch nichts gleich, und dann hatten sie sich einander so lieb und
zankten nie und machten keinen Lärm. Sie meine, eine solche
Familie, was Einigkeit beträfe, sei gar nicht mehr zu finden.
Nachdem Jane mit der Arbeit des Beerenlesens zu Ende war,
fragte sie, wo die beiden jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien.
,Nach Morton hinüber spaziert; aber in einer halben Stunde
werden sie zum Tee zurück sein.
Sie kehrten innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchentür ein. Als Mr. St. John Jane
sah, verbeugte er sich nur und ging vorüber; die beiden Damen
verweilten, Mary drückte in wenigen Worten freundlich und ruhig
ihre Freude darüber aus, daß Jane wohl genug sei, um herunter
zu kommen. Diana schüttelte den Kopf, indem sie Janes Hand
ergriff.
, Sie hätten meine Erlaubnis zum Herunterkommen abwarten sollen,' sagte sie. ,Sie sehen noch so fürchterlich blaß aus
-- und so abgezehrt! Armes Kind! - armes Mädchen! Und was
haben Sie hier zu tun? fuhr sie fort.,Dies ist kein platz für
Sie. Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche, weil wir zu
Hause gern einmal tun, was uns beliebt, aber Sie sind ein Gast
und müssen ins Wohnzimmer kommen.
,Ich fühle mich hier aber sehr behaglich.
, Das kann nicht sein, mit Hannah, die umherwirtschaftet und
Sie mit Mehl bestäubt.
,Außerdem erhitzt das Herdfeuer Sie auch zu sehr,! warf
Mary hier ein.
, Gewiß,' fügte ihre Schwester hinzu. ,Kommen Sie. Gehorsam müssen Sie sein. Und indem sie Janes Hand noch immer
hielt, ließ sie sie aufstehen und führte sie in das innere Zimmer.
,Nehmen Sie dort Platz,' sagte sie, indem sie Jane auf das
Sofa niederdrückte, ,während wir unsere Mäntel ablegen und
den Tee bereiten.
Sie schloß die Tür und ließ Jane allein mit Mr. St. John,
der ihr gegenübersaß mit einem Buche oder einer Zeitung in der
Hand. Prüfend ließ Jane ihre Blicke durch das Wohnzimmer
schweifen.
Das Wohnzimmer war ein ziemlich kleiner, außerordentlich
einfach ausgestatteter Raum; aber es war gemütlich, weil die peinlichste Sauberkeit darin herrschte. Die altmodischen Stühle waren
blankpoliert und der Nußbaumtisch glänzte wie ein Spiegel. Einige
seltsame, alte Porträts von Männern und Frauen vergangener
Tage zierten die gemalten Wände. Ein Glasschrank enthielt
einige Bücher und ein altes, wertvolles Porzellanservice. Im ganzen Zimmer waren keine überflüssigen Luxusgegenstände-- nicht
ein einziges neumodisches Möbelstück, außer zwei Arbeitskasten
und einem Damenschreibtisch von Rosenholz; sonst sah alles, mit
Einschluß des Teppichs und der Vorhänge aus, als sei es stets benutzt und stets geschont.
Bald traten die Schwestern wieder ein. Als Diana bei den
Vorbereitungen zum Tee aus- und einging, brachte sie Jane einen
kleinen Kuchen, der auf der Platte des Backofens gebacken war.
,Essen Sie das jetzt,'' sagte sie, ,Sie müssen ja hungrig sein.
Hannah sagt, daß Sie seit dem Frühstück nur ein wenig Grütze
gegessen haben.
Jane weigerte sich nicht, denn ihr Appetit war ganz und voll.
zurückgekehrt. Mr. Rivers schloß sein Buch jetzt, näherte sich dem
Tische und heftete seine Augen voll und fest auf Jane, indem er
Platz nahm. jetzt lag eine prüfende, bestimmte Festigkeit in seinem
Blicke.
,Sie sind sehr hungrig,'' sagte er.
,Das bin ich, Sir. Es war Janes Art, dem Kurzen mit
Kürze, dem Geraden mit Geradheit zu begegnen.
,Es war ein Glück für Sie, daß ein leichtes Fieber Sie seit
drei Tagen zum Fasten gezwungen hat; es wäre sehr gefährlich
gewesen, wenn Sie gleich dem Verlangen Ihres Appetits nachgegeben hätten. jetzt dürfen Sie essen, aber immer doch nur mäßig.
,Ich hoffe, daß ich nicht lange auf Ihre Kosten essen werde,
war Janes Antwort.
,Nein,'' sagte er kalt, ,wenn Sie uns den Wohnort Ihrer
Angehörigen mitgeteilt haben werden, so können wir ihnen schreiben, und Sie werden Ihrer Familie wiedergegeben.
,Ich muß Ihnen undweg erklären, daß es nicht in meiner
Macht liegt, das zu tun, da ich weder ein Heim noch irgendwelche
Anverwandte habe.
Die drei blickten Jane an, aber nicht mißtrauisch; sie fühlte,
daß kein Mangel an Vertrauen in ihren Blicken lag, mehr eine
Regung der Neugierde.
,Wollen Sie damit sagen,'' fragte St. John, , daß Sie vollständig allein im Leben dastehen?
,Ja. Kein Land fesselt mich an irgendein lebendes Wesen;
ich habe kein Recht, die Aufnahme unter irgendein Dach in ganz
England zu beanspruchen.'
,Eine seltsame Lage in Ihrem Alter! Sie bedürfen der
Hilfe, nicht wahr? fragte er weiter.
,Ja, ich bedarf ihrer und ich suche sie, insoweit Sir, daß ich
einen Menschenfreund suche, der mir Arbeit schafft, die ich verrichten kann, und deren Ertrag mir die Mittel zum Leben gibt;
wenn auch nur die allernotwendigsten.
,Ich bin willens, Ihnen mit allen mir zu Gebote stehenden
Kräften in der Ausführung eines so ehrlichen Vorsatzes zu helfen.
Sagen Sie mir also vor allen Dingen, an welche Art von Arbeit
Sie gewöhnt sind und was Sie leisten können.
jetzt hatte Jane ihren Tee getrunken. Er hatte sie sehr erfrischt; gerade so, als ob ein Riese Wein getrunken hätte.
,Mr. Rivers,? sagte sie, indem sie sich zu ihm wandte und
ihn offen und ohne Furcht ansah. ,Sie und Ihre Schwestern
haben mir einen großen Dienst geleistet - den größten, welchen
ein Mitmensch dem andern leisten kann; Sie haben mich durch
Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese Wohltat gibt
Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und
bis zu einem gewissen Grade auch Anspruch auf mein Vertrauen.
Ich werde Ihnen deshalb die Geschichte des Wanderers erzählen,
den Sie beherbergt haben.
,Ich bin eine Waise; die Tochter eines Geistlichen. Meine
Eltern starben, bevor ich sie kennen lernte. Ich wurde in Abhängigkeit und in einer gemeinnützigen Anstalt erzogen. Der Name
dieser Anstalt ist Lowood. Dort brachte ich sechs Jahre als
Schülerin und zwei als Lehrerin zu. Se werden davon gehört
haben, Mr. Rivers. Der ehrwürdige Mr. Brocklehurst ist der Verwalter.
,Ich habe von Mr. Brocklehurst gehört und ich kenne die
Schule.
,Vor ungefähr einem Jahre verließ ich Lowood, um Gouvernante in einer Familie zu werden. Ich hatte eine gute Stellung
und war glücklich. Nach meiner Rückkehr von einer Reise zu meiner
sterbenden Tante, fand ich die Besitzung meines gütigen Herrn
niedergebrannt, ihn selbst tot; er hatte sich edelmütig für die Rettung eines anderen aufgeopfert; seine Leute waren in alle Winde
zerstreut. Was blieb mir übrig, ohne Anhang und ohne Verwandte, als mir Arbeit zu suchen. Fast ganz ohne Mittel ergriff
ich die Wanderschaft, um irgendwo eine Tätigkeit zu finden, und
so kam ich ins Unglück. Zwei Nächte schlief ich draußen in Gottes
freier Natur, und zwei Tage wanderte ich umher, ohne die Schwelle
einer menschlichen Wohnung zu betreten. Nur zweimal während
dieser Zeit kam etwas Nahrung über meine Lippen; und als Sie,
Mr. Rivers, es hinderten, daß ich vor Hunger und Mangel an
Ihrer Tür umkam, indem Sie mich in Ihr Haus aufnahmen,
hatten Hunger und Verzweiflung und Erschöpfung mich dem Tode
nahegebracht. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich
getan haben, denn während meiner anscheinenden Betäubung war
ich nicht immer besinnungslos, und ihrem echten, freiwilligen, ungeheuchelten Mitleid verdanke ich ebensoviel, wie Ihrer christlichen
Barmherzigkeit.

, saß sie jetzt nicht mehr reden, St. John, sagte Diana, als
Jane innehielt; ,wie du siehst, ist sie noch keiner Art von Aufregung gewachsen. Kommen Sie jetzt hier aufs Sofa und setzten
Sie sich, Miß Eyre.
Als St. John einige Minuten nachgedacht hatte, fing er von
neuem an.
,Sie möchten nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig sein?
, Gewiß möchte ich das. Ich sagte es ja schon. Zeigen Sie
mir, wie ich Arbeit finden kann, das ist alles, um was ich jetzt bitte,
dann lassen Sie mich ziehen, und wenn es in die niedrigste Hütte
ist, aber bis dahin gestatten Sie mir, hier zu bleiben. Ich kann
nicht noch einmal den Kampf mit den Schrecken der heimatlosen
Armut aufnehmen,' erwiderte Jane.
,In der Tat, Sie werden hier bleiben,'' sagte Diana, indem
sie ihre weiße Hand auf Janes Kopf legte.
, Sie werden bleiben,'' wiederholte Mary in dem Ton anspruchsloser Aufrichtigkeit, der ihr eigen zu sein schien.
,Wie Sie sehen, macht es meinen Schwestern Freude, Sie
hier zu behalten,'' sagte Mr. St. John, , gerade so wie es ihnen
Freude bereiten würde, einen halberfrorenen Vogel, den der winterliche Wind in ihr Fenster getrieben hat, zu hegen und zu
pflegen. Ich allerdings bin mehr geneigt, Ihnen die Möglichkeit
zu schaffen, für sich selbst zu sorgen, und ich werde mich auch bemühen, das zu tun. Aber meine Hilfe kann nur der allerbescheidensten Art sein. Wenn Sie also geneigt sind, das Wenige gering
zu achten, so müssen Sie wirksamere Hilfe suchen, als ich Ihnen
bieten kann.
,Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten
will, deren sie fähig ist,' antwortete Diana für Jane; ,und du
weißt, St. John, sie hat keine Wahl; sie ist gezwungen, mit so
rauhen Menschen vorlieb zu nehmen, wie du.
,Ich will Schneiderin werden, ich will eine einfache Arbeiterin werden; eine Magd, eine Kinderwärterin, wenn sich nichts
anderes findet,'' antwortete Jane.
,Recht so, sagte Mr. St. John sehr kalt.,Wenn das Ihre
Gesinnung ist, so verspreche ich Ihnen zu helfen, sobald ich Zeit
und Mittel finde.
Dann nahm er das Buch wieder auf, mit dem er vor dem
Tee beschäftigt gewesen. Jane zog sich bald zurück, denn sie war
so lange außerhalb des Bettes gewesen und hatte so viel gesprochen,
nie es der augenblickliche Zustand ihrer Kräfte nur irgend erlaubte.

Neunzehntes Kapitel.
Ein neues Amt.
Je näher Jane die Bewohner von Moorhouse kennen lernte,
desto besser gefielen sie ihr. Nach wenigen Tagen hatte sie ihre
Gesundheit schon so weit wieder erlangt, daß sie den ganzen Tag
über aufbleiben und sogar schon kurze Spaziergänge machen konnte. Sie konnte sich mit Diana und Mary in all ihre Beschäftigungen teilen. Sie liebte die Lektüre, welche die Schwestern
liebten, und was ihnen Freude machte, entzückte auch Jane.
Sie waren beide viel gebildeter und hatten mehr gelesen, als
Jane, aber emsig folgte diese ihnen auf dem Pfade des Wissens.
welchen sie schon vor ihr betreten hatten. Jane verschlang die
Bücher, welche sie ihr geborgt hatten, und dann gewährte es ihr
die größte Befriedigung, am Abend das mit ihnen zu besprechen,
was sie während des Tages gelesen hatte. Der Schwestern Gedanken paßten genau zu denjenigen Janes, ihre Ansichten teilte
auch diese-- kurzum, sie harmonierten in allem vollkommen.
Aber in dem Trio gab es eine Erste, eine Anführerin. Das
war Diana. Wenn der Abend begann, vermochte Jane eine Zeitlang zu reden, aber wenn der erste Strom ihrer Rede vorüber war.
liebte sie es, sich auf einen Schemel zu Dianas Füßen zu setzen,
den Kopf in ihren Schoß zu legen und abwechselnd ihr und Mary
zuzuhören, während sie das Thema, welches Jane nur flüchtig berührt hatte, gründlich erörterten. Diana erbot sich, Jane deutsch
zu lehren. Es war Jane eine Freude, von Diana zu lernen. Ihre
Naturen ergänzten sich: gegenseitige Liebe der wärmsten Art war
das Resultat davon. Die Schwestern entdeckten, daß Jane malen
konnte: augenblicklich standen ihre Bleistifte und Farbenkasten zu
Janes Verfügung.-- So vergingen die Tage wie Stunden, die
Wochen wie Tage.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Mary
sollten Moor-House bald wieder verlassen und zu dem sehr verschiedenen Leben und Treiben zurückkehren, welches ihrer als Gouvernanten in einer großenStadt imSüdenEnglands harrte.-- Hier
hatte jede von ihnen eine Stelle in Familien inne, deren hochmütige,
reiche Mitglieder sie nur wie armselige Dienerinnen betrachteten.
keine ihrer ausgezeichneten Eigenschaften suchten oder kannten,
und ihre hervorragenden Fähigkeiten nur so zu schätzen wußten,
wie sie die Geschicklichkeit ihres Kochs oder den auserlesenen Geschmack ihrer Kammerfrauen zu würdigen verstanden.
Mr. St. John hatte noch nicht eine Silbe mit Jane über die
Stellung gesprochen, welche er ihr zu verschaffen gelobt; und doch
wurde es jetzt dringend notwendig, daß sie einen Beruf irgendwelcher Art erwählte. Aber als sie eines Morgens mit ihm allein war, faßte sie Mut und näherte sich ihm.
Er blickte auf und sagte: , Sie wollen eine Frage an mich
richten?
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie von irgendeiner Arbeit gehört haben, zu deren Verrichtung ich mich erbieten könnte.
,Schon vor drei Wochen fand oder plante ich etwas für Sie;
da Sie hier aber glücklich schienen und sich nützlich machten, da
meine Schwestern Sie augenscheinlich lieb gewonnen hatten und
Ihre Gesellschaft den beiden außerordentliche Freude gewährte,
so hielt ich es nicht für ratsam, Ihr gegenseitiges Wohlbehagen
früher zu stören, als ihre nahe bevorstehende Abreise von Marsh-
End auch die Ihre notwendig machen würde.
,Sie reisen aber schon in drei Tagen ab,'' entgegnete Jane.
,Ja, und wenn sie reisen, kehre ich nach dem Pfarrhause von
Morton zurück. Hannah wird mich begleiten, und dies alte Haus
wird zugeschlossen.
, Und welches war die Beschäftigung, Mr. Rivers, welche Sie
für mich im Auge hatten? Ich hoffe, daß dieser Aufschub nicht die
Schwierigkeit noch vergrößert hat, sie für mich zu sichern ?' fragte
Jane.
, O nein. Da es eine Beschäftigung ist, welche nur ich zu vergeben, und Sie nur anzunehmen haben. Und ich glaube, daß Sie
den Platz, welchen ich Ihnen anbieten will, annehmen werden.
,Erklären Sie sich,'' drängte Jane, als er innehielt.
, Das will ich, und Sie werden hören, wie armselig das Anerbieten ist-- wie klein-- wie knapp. Solange ich in Morton
bleibe, werde ich meine Kräfte bis auf das äußerste anspannen,
um den Ort zu fördern und zu verbessern. Als ich vor zwei Jahren
nach Morton kam, hatte es keine Schule; die Kinder der Armen
waren von jeder Hoffnung auf Emporkommen ausgeschlossen. Ich
gründete eine für Knaben; jetzt beabsichtige ich eine zweite für
Mädchen zu eröffnen. Ich habe zu diesem Zweck ein Gebäude
gemietet, und ein dazu gehöriges Häuschen mit zwei Zimmern,
welches der Lehrerin als Wohnung dienen soll. Ihr Gehalt wird
dreißig Pfund im Jahr betragen; Ihr Haus ist bereits eingerichtet,
sehr einfach, aber ausreichend. Ein Waisenmädchen aus dem Arbeitshause wird sie in jenen groben Arbeiten ihres Haushalts
unterstützen, welche selbst zu verrichten ihr Amt des Lehrens sie
hindert. Wollen Sie die Lehrerin sein??
In der Tat, das Amt war bescheiden, aber es war sicher, und
Jane brauchte vor allen Dingen ein geschütztes Asyl; es war mühevoll und anstrengend, aber im Vergleich mit dem Lose einer Gouvernante in einem reichen Hause war es doch immerhin unabhängig. Und die Furcht vor Abhängigkeit von fremden Leuten
folterte Janes Seele wie ein glühendes Eisen.
,Ich danke Ihnen für den Vorschlag, Mr. Rivers, ich nehme
denselben mit voller Dankbarkeit an,' erwiderte Jane.
, Aber Sie verstehen mich ? sagte er. ,Es ist eine Dorfschule; ihre Schülerinnen werden nur arme Mädchen sein Kinder von Tagelöhnern im besten Falle Kinder von Pächtern.
Stricken, nähen, lesen, schreiben, rechnen- das wird alles sein,
was Sie zu lehren haben. Was werden Sie mit Ihren Talenten
anfangen?
,Sie aufbewahren, bis sie gebraucht werden. Sie halten sich.
,Sie wissen also, was Sie unternehmen?
,Ich weiß es.
Jetzt lächelte er freundlich und zufrieden.
Und wann wollen Sie mit der Ausübung Ihrer Pflichten
beginnen ?
,Ich will schon morgen in die mir angewiesene Wohnung
ziehen und mit Anfang der nächsten Woche die Schule eröffnen,
wenn es Ihnen recht ist.
,Gut. Sei es so.'
Diana und Mary Rivers wurden immer stiller und schweigsamer, je näher der Tag kam, an dem sie ihren Bruder und ihr Heim
verlassen sollten. Beide versuchten nicht anders zu erscheinen als
gewöhnlich. Aber der Kummer, gegen welchen sie zu kämpfen
hatten, war der Art, daß er weder leicht zu besiegen noch zu verheimlichen war.
In diesem Augenblick ging St. John einen Brief lesend am
Fenster vorüber. Dann trat er ein.
, Unser Onkel John ist tot, sagte er.
Beide Schwestern schienen bestürzt; aber nicht erschreckt oder
entsetzt. Die Nachricht schien ihnen mehr plötzlich als betrübend zu
kommen.
,Tot? wiederholte Diana.
Ja.
Sie heftete einen prüfenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders. ,Und was jetzt? fragte sie mit leiser Stimme.
,Und was jetzt, Diana?' wiederholte er, seine marmorne
Ruhe des Gesichtsausdrucks bewahrend.,Was jetzt? Nun--
nichts! Lies!?
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie durchflog ihn
schnell und reichte ihn dann Mary. Mary durchlas ihn schweigend
und gab ihn darauf dem Bruder zurück, Mlle drei blickten einander
an und alle drei lächelten- ein trauriges, nachdenkliches Lächeln
war es.
,Amen! Wir haben noch zu leben,'' sagte Diana endlich.
,Auf jeden Fall wird unsere Lage nicht schlimmer, als sie vorher war,'' bemerkte Mary.
John faltete den Brief zusammen, verschloß ihn in sein Pult
und ging wieder hinaus.
Während einiger Minuten sprach niemand. Dann wandte
Diana sich zu Jane.
, Jane, du wirst dich über uns und unsere Geheimnisse wundern,' sagte sie, ,und uns für hartherzige Geschöpfe halten, weil
wir über den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Onkel es ist,
nicht mehr Betrübnis an den Tag legen. Aber wir haben ihn
niemals gekannt noch gesehen. Er war der Bruder meiner Mutter.
Vor langen Jahren hatten er und mein Vater einen Streit, und
sie entzweiten sich. Es geschah auf seinen Rat, daß mein Vater den
größten Teil seines Vermögens in jene Spekulation steckte, welche
ihn ruinierte. Gegenseitige Vorwürfe flogen zwischen ihnen hin
und her; sie trennten sich im Zorn und versöhnten sich niemals
wieder. Mein Onkel wurde später in glücklichere Unternehmungen
hineingezogen; wie es scheint, erwarb er ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund. Er war niemals verheiratet und hatte
außer uns und noch einer Person, die ihm durchaus nicht näher
steht als wir, keine nahen Verwandten. Mein Vater hegte stets
den Glauben, daß er seinen Irrtum wieder gut machen würde, indem er uns sein Vermögen hinterließ. Doch dieser Brief unterrichtet uns davon, daß er jeden Pfennig jener anderen Person
hinterläßt mit Ausnahme von dreißig Pfund, welche zwischen
St. John, Diana und Mary Rivers geteilt werden sollen, um drei
Trauerringe dafür zu kaufen. Natürlich hatte er ein Recht, mit
seinem Gelde zu machen, was er wollte, und doch wirft eine solche
Nachricht eine augenblickliche Verstimmung auf das Gemüt. Mary
und ich würden uns reich erachtet haben, wenn er jeder von uns
tausend Pfund hinterlassen hätte; und für St. John wäre dieselbe
Summe von großem Wert gewesen um der Wohltaten wegen, die
er mit derselben hätte ausüben können.
Nach dieser Erklärung wurde das Thema fallen gelassen und
niemand, weder Mr. Rivers noch seine Schwestern, erwähnten desselben wieder.
Am folgenden Tage übersiedelte Jane von Marsh-End nach
Morton. Tags darauf begaben Diana und Mary sich auf die
Reise nach dem weit entfernten B« Eine Woche später zogen Mr.
Rivers und Hannah nach dem Pfarrhofe und nun lag das alte
Haus verödet da.
Jane hatte also wieder ein Heim gefunden, eine Hütte: ein
kleiner Raum mit weiß getünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; darin stehen vier gemalte Stühle und ein Tisch
eine Uhr, ein Schrank mit zwei, drei Tellern und Schüsseln und ein
Teeservice von Delfter Steingut. Darüber ein Zimmer von derselben Größe der Küche mit einer Bettstelle aus Tannenholz und
einer Kommode, die zwar klein, aber dennoch zu groß ist, als daß
ihre ärmlichen Kleidungsstücke sie hätten ausfüllen können; obgleich
. ihre gütigen, großmütigen Freunde dieselben durch einen kleinen
Vorrat der allernotwendigsten Dinge vermehrt hatten.

Es ist Abend. Mit einer Orange als Belohnung hat sie die
kleine Waise entlassen, welche ihr als Hausmädchen dient. Sie
sitzt allein am Herd. Heute morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Sie hat zwanzig Schülerinnen. Nur drei von dieser Zahl
können lesen; nicht eine einzige schreiben oder rechnen. Mehrere
stricken, nur einige nähen ein wenig. Sie sprechen den breitesten
Akzent der Gegend. Für den Augenblick bietet sich ihnen wie Jane
noch die Schwierigkeit, ihre gegenseitige Sprache zu verstehen.
Einige von ihnen sind ebenso ungezogen, roh, unumgänglich wie
unwissend; andere wieder sind sanft, hegen große Lernbegierde und
zeigen Anlagen, welche Jane Freude machen. Sie darf aber nicht
Herzen schlummern wie in dem der Höchstgeborenen. Ihre Pflicht
ist es, diese Keime zu entwickeln; gewiß wird es ihr Befriedigung
und Genugtuung gewähren, wenn sie gewissenhaft dieses Amtes
waltet. Ja viel Freude erwartet sie noch vom Leben; denn Schaffen
und Arbeiten waren von jeher ihre Lust, und so wird sie auch hier
ihre Kräfte bis aufs äußerste anstrengen. Sie fühlte sich freudig
und zufrieden in dem kahlen, bescheidenen Schulzimmer, merkte sie
doch, daß sie jetzt ihres Lebens Endzweck erreicht habe. Und noch
fröhlicher und wohlgemuter wurde ihr Geist, als sie bald entdeckte,
daß sie die Liebe ihrer Schülerinnen, ja, die Achtung der Dorfbewohner erwarb. Freilich vermißte sie eine höhere geistige Anregung, doch das war nur vorläufig. Bald stellte der junge Prediger
die neue Lehrerin dem reichen Fabrikherrn Mr. Oliphant vor, der
mit seiner Tochter gerade durch das Dorf spazieren ging. während
St. John sich mit Jane an der Tür des Schulhauses unterhielt.
Von dem Fabrikbesitzer, dessen Landhaus in der Nähe des Dorfes
lag, und seiner Tochter aufgefordert, machte Jane einen baldigen
Besuch bei ihnen und wurde aufs freundlichste empfangen. Bald
gestaltete sich zwischen den beiden jungen Damen ein regelmäßiger
und freundschaftlicher Verkehr, und Jane hatte nun auch den so
lange vermißten, geistig anregenden Verkehr gefunden. So fühlte
sich Jane Eyre immer zufriedener in ihrer neuen Lebenslage; aber
ein größeres Glück sollte ihr noch zuteil werden.

Zwanzigstes Kapitel.
Die Erbschaft.
Eines Tages trat St. John in Janes Wohnzimmer; gelassen
zog er seine Brieftasche hervor, öffnete sie und suchte etwas darin;
aus einer der kleinen Abteilungen zog er ein Schreiben. Er stand
auf, hielt es Jane dicht vor die Augen und sie las, eine Anfrage
eines Advokaten Briggs, der sich nach einer Jane Eyre erkundigte.
Da Jane schwieg, fragte sie der Pfarrer: ,Wollen Sie nicht
wissen, was der Advokat von Ihnen wollte?
, Nun, was wollte er??
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel, Mr. Eyre auf Madeira.
tot sei, daß er Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen habe, und
daß Sie jetzt reich seien - nur das-- weiter gar nichts.
,Ich! reich?
,Ja! Sie, reich- eine Erbin!
Darauf entstand eine Pause.
,Ihr Vermögen ist in der englischen Bank angelegt; Briggs
hat das Testament und die nötigen Dokumente.
So war es denn mit einem Schlage anders geworden! Eg ist -
eine schöne Sache, liebe Leserin, in einem kurzen Augenblick von
Armut zu Reichtum emporgehoben zu werden, aber allerlei Bedenken gehen dem davon Betroffenen doch- durch den Kopf; die
Worte Vermächtnis und Hinterlassenschaft stehen Seite an Seite
mit den Worten Tod und Begräbnis. Jane hatte gehört, daß ihr
Onkel, ihr einziger Verwandter, tot sei. Von dem Augenblick an, .
da sie einst von seiner Existenz gehört, hatte sie auch gehofft, ihn
eines Tages zu sehen; und jetzt war auch das vorbei. Und dann
bekam ja auch nur sie allein dies Vermögen, nicht sie und eine
glückliche Familie, nur ihr einsames Ich! Ohne Zweifel war es
eine großartige Gabe, und Unabhängigkeit mußte ein gar köstliches
Ding sein - ja, das fühlte sie, dieser Gedanke machte ihr Herz vor
Wonne erzittern.
,Endlich blicken Sie wieder auf,. sagte Mr. Rivers, ,ich
glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie seien zu Stein geworden; vielleicht werden Sie mich jetzt auch fragen, wieviel. Sie
wert sind?
,Wieviel bin ich wert?
,O, eine Kleinigkeit! Nichts, das der Mühe verlohnte zu
nennen; nur zwanzigtausend Pfund Sterling, glaube ich, wurde
gesagt. Aber was ist denn da!
,Zwanzigtausend Pfund?
Dies war ein neues Erstaunen für Jane. Sie hatte auf vier
oder fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht beraubte sie in
der Tat für einen Augenblick des Atems. Mr. St. John, den sie
noch niemals lachen gehört, Mr. St. John lachte jetzt über sie.
,Nun,' sagte er, ,wenn Sie einen Mord begangen hätten und
ich Ihnen sagte, daß Ihre Tat entdeckt wäre, so könnten Sie nicht
bestürzter aussehen.
,Es ist eine große Summe; glauben Sie nicht, daß hier
irgendein Irrtum obwaltet?
,Durchaus kein Irrtum.
,Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen - es werden
nur zweitausend sein!
,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen- zwanzigtausend.’
Jetzt erhob sich Mr. Rivers und nahm seinen Mantel um.
,Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre, sagte er, ,so
würde ich Hannah herunter senden, um Ihnen Gesellschaft zu
leisten. Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus; man sollte Sie
nicht allein lassen. Aber das arme Weib, die Hannah, könnte nicht
so gut durch die Schneewehen kommen wie ich; ihre Beine sind nicht
ganz so lang. Daher muß ich Sie schon einsam Ihrem Kummer
überlassen,'' scherzte er.
Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und zog den Riegel zurück. Da kam Jane ein plötzlicher Gedanke.
,Warten Sie eine Minute,' rief sie.
,Nun?
, Es macht mir Kopfzerbrechen, weshalb Mr. Briggs an Sie
über mich schrieb; oder woher er Sie kannte und wie er glauben
konnte, daß Sie, der Sie in einem so weltentlegenen Winkel wohnen,
die Macht besäßen, ihm zu meiner Entdeckung behilflich zu sein.
, O! ich bin ein Prediger,'' sagte er, ,und an die Geistlichen
wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.
Wieder rasselte der Riegel.
, Nein, das genügt mir nicht!'' rief sie aus. Und in der Tat
lag etwas in der hastigen, unklaren Antwort, das ihre Neugierde
nur noch mehr reizte, anstatt sie zu befriedigen.
,Das ist eine seltsame Geschichte,' sagte sie, ,und ich muß noch
mehr darüber erfahren.
,Ein ander Mal.r
, Nein, heute abend!- heute abend !' und als er sich von der
Tür abwandte, stellte sie sich zwischen diese und ihn. Er sah ziemlich verlegen aus.
,Sie werden bestimmt nicht von hier gehen, bevor Sie mir
nicht alles gesagt haben!' sagte Jane.
,Erlassen Sie mir das, für den Augenblick wenigstens.
,Sie sollen- Sie müssen!
,Ich möchte lieber, daß Diana oder Mary mit Ihnen darüber
spräche.
Natürlich machten seine Einwendungen sie nur noch erregter.
Ihr Verlangen, alles zu erfahren, hatte den höchsten Grad erreicht.
Es mußte befriedigt werden, und das ohne Verzug. Sie sagte
ihm das.
,Ich sagte Ihnen vorher, daß ich hartköpfig bin,' sagte er.
,Und ich bin ebenfalls hartköpfig,'' erwiderte sie.
,Und dann,'' fuhr er fort, ,bin ich kaltblütig; keine Leidenschaft reißt mich hin.
,Während ich heißblütig bin, und Feuer schmilzt Eis. Das
Holzfeuer dort hat allen Schnee auf Ihrem Mantel schmelzen gemacht; und jetzt ist er auf meinen Fußboden herabgeronnen und
hat ihn zu einer schmutzigen Straße gemacht. Mr. Rivers, wenn
Sie hoffen, daß Sie Vergebung für das Verbrechen finden werden,
den sandbestreuten Fußboden einer Küche beschmutzt zu haben, so
sagen Sie mir alles, was ich zu erfahren wünsche.
,Nun, sagte er, ,gut; ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem
Ernst, so doch Ihrer Ausdauer; gerade so wie auch der Stein durch
einen fortwährenden Tropfenfall ausgehöhlt wird. Überdies
müssen Sie es ja doch eines Tages erfahren.
,Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Ihr Namensvetter bin?
daß ich St. John Eyre Rivers getauft bin?
,Nein, in der Tat; ich erinnere mich jetzt wohl, in den Büchern,
welche Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt haben, auch den
Buchstaben E gesehen zu haben; doch fragte ich niemals, für welchen
Namen er stehe. Und nun weiter?
,Der Name meiner Mutter war Eyre; sie hatte zwei Brüder;
der eine war Geistlicher und heiratete Miß Reed von Gateshead;
der andere John Eyre Esg., Kaufmann, ist vor kurzem in Funchal
auf Madeira gestorben. Da Mr. Briggs Mr. Eyres Sachwalter
ist, schrieb er im letzten August an uns und teilte uns den Tod
unseres Onkels mit; zugleich unterrichtete er uns davon, daß er
sein Vermögen einer anderen Verwandten hinterlassen habe; wir
waren übergangen infolge eines Streites zwischen ihm und meinem
Vater, dem er niemals vergeben hatte. Vor einigen Wochen schrieb
Mr. Briggs wieder, um uns zu sagen, daß die Erbin Jane Eyre
heiße und unauffindbar sei und anzufragen, ob wir nichts von ihr
wüßten.
Und wiederum wollte er gehen, aber Jane stellte sich vor
die Tür.
,Lassen Sie mich sprechen,'' sagte sie,,geben Sie mir nur einen
Augenblick, um aufzuatmen und nachzudenken.
Sie hielt inne; er stand vor ihr, den Hut in der Hand, und sah
sehr ruhig und gefaßt aus.
Jane fuhr fort:
,Ihre Mutter war die Schwester meines Vaters.
,Ja.
,Folglich meine Tante.
Er nickte.
Mein Onkel John war Ihr Onkel John? Sie, Diana und
Mary sind die Kinder seiner Schwester, ebenso wie ich das Kind
seines Bruders bin?
,Ohne Zweifel.
,Sie sind also meine Vettern und Cousinen; die Hälfte unseres
Bluts fließt also aus derselben Quelle?
,Wir sind Vettern und Cousinen; ja.
Jane beobachtete ihn. Ihr war's, als hätte sie einen Bruder
gefunden, und noch dazu einen, auf den sie stolz sein konnte, den
sie lieben konnte; und zwei Schwestern, welche so große, erhabene
Eigenschaften besaßen, daß sie ihr schon, als sie für sie nur fremde
Menschen waren, die größte Liebe und Bewunderung eingeflößt
hatten. Die beiden Mädchen, auf welche sie an jenem Abend, als
sie auf dem feuchten Erdboden kniete und durch das niedrige, vergitterte Fenster der Küche von Moorhouse sah, mit einem so bitteren
Gemisch von Interesse und Verzweiflung geblickt, sie waren ihre
nächsten Verwandten! Und der junge, stattliche Mann, welcher
sie fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, er war durch Bande
des Blutes an sie gebunden. Welche Entdeckung für eine Einsame!
Dies war Reichtum in der Tat! Reichtum für ihr Herz!-- Dies
war eine Himmelswohltat, rein, klar, neubelebend. In einer plötzlichen Aufwallung von Freude klatschte sie in die Hände, ihre
Pulse flogen,- in ihren Schläfen hämmerte es.
,O, ich bin so froh! - ich bin so froh! rief sie aus.
St. John lächelte.
Jane ging schnell durch das Zimmer. Dann hielt sie inne. Die
Gedanken, welche schneller kamen, als sie sie erfassen, begreifen,
ordnen konnte, erstickten sie fast. Sie starrte die kahle Wand an;
sie erschien ihr wie ein Himmel, der dicht mit leuchtenden Sternen
übersäet war, und jeder einzelne derselben bedeutete ihr ein Glück.
Jetzt konnte sie jenen Wohltaten erweisen, die ihr das Leben gerettet, und die sie bis zu diesem Augenblick nur untätig hatte wieder
lieben können. Ihre Wohltäter lebten in einem Joche, Jane konnte
sie befreien; sie waren in der Welt zerstreut, Jane konnte sie wieder
vereinigen; die Unabhängigkeit, der Überfluß, dessen sie sich erfreute, sie konnten auch ihnen zuteil werden. Zwanzigtausend Pfund
in gleiche Teile geteilt, würde für jeden fünftausend geben -- reichlich genug; der Gerechtigkeit sollte Genüge geschehen, aller Glück
gesichert werden. jetzt lastete der Reichtum nicht schwer auf Jane,
jetzt war es nicht nur ein Erbteil an Geld und Geldeswert -- nein,
es war ein Legat an Leben, Hoffnung und Genuß!
Sie sprach eifrig zu St. John: , Schreiben Sie schon morgen
an Diana und Mary und sagen Sie ihnen, daß sie sofort nach Hause
kommen, Diana hat mir oft gesagt, daß sie sich für reich halten
würden, wenn sie tausend Pfund hätten, folglich werden sie mit
fünftausend Pfund sehr gut leben können.
,Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser holen kann,.
sagte St. John, , Sie müssen sich wirklich beruhigen und Ihre
Gefühle zu beherrschen suchen.
, Mr. Rivers! Sie machen mich wirklich ungeduldig; ich bin
vollkommen vernünftig; Sie sind es, welcher mich mißversteht,
oder welcher vielmehr vorgibt, mich mißzuverstehen,'' erwiderte
Jane.
,Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich klarer
ausdrückten.
, Klarer ausdrücken! Was ist denn hier noch klarer auszudrücken. Sie müssen doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund, die
in Frage stehende Summe, zu gleichen Teilen zwischen dem Neffen
und den drei Nichten meines Onkels verteilt, fünftausend Pfund
für jeden ergeben? Was ich will, ist, daß Sie an Ihre Schwestern

,Ihnen selbst, wollen Sie sagen.
,Ich habe Ihnen deutlich meine Ansicht über die Sache erklärt.
Eine andere vermag ich nicht zu fassen. Ich bin nicht selbstsüchtig,
nicht ungerecht, nicht undankbar. Außerdem bin ich entschlossen,
mein Heim zu gründen, mir Verwandte zu schaffen. Ich liebe
MoorHouse, und in MoorHouse will. ich wohnen. Ich liebe Diana
und Mary, und bei Diana und Mary will ich mein Lebelang
bleiben. Es wird mir ein Segen und eine Freude sein, fünftausend
Pfund zu besitzen; aber es würde mich quälen und bedrücken,
zwanzigtausend mein eigen zu nennen; und außerdem könnten sie
mir niemals von Rechts wegen gehören, wenn auch das Gesetz sie
mir zuspricht. So überlasse ich Ihnen nur das, was für mich absolut überflüssig wäre.
,Dies heißt nach der ersten Eingebung handeln; Sie bedürfen
mehrerer Tage, um die Sache zu überlegen, bevor ich Ihr Wort als
gültig annehmen kann.
,O! Wenn es nur die Aufrichtigkeit und Dauer meines
Willens ist, die Sie bezweifeln, so bin ich ruhig. Sehen Sie denn
wenigstens die Gerechtigkeit der Sache ein ??
,Ja; eine gewisse Gerechtigkeit erkenne ich an; doch läuft sie
jedem hergebrachten Brauch entgegen. Außerdem haben Sie Anspruch an das ganze Vermögen; mein Onkel erwarb es durch seine
eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem
er wollte: er hinterließ es Ihnen. Und schließlich erlaubt das
Gesetz Ihnen, es zu behalten. Mit reinem Gewissen können Sie
es als Ihnen gehörig betrachten.'?
,Bei mir ist es ebensogut eine Sache des Gewissens wie des
Gefühls, sagte sie., Und ich muß nach meinem Gefühl handeln.
Ich habe bis jetzt so selten Gelegenheit gehabt, das zu tun. Und
wenn Sie während der Dauer eines ganzen Jahres mit mir
stritten, mich ärgerten und mir widersprächen, so würde ich mir
die selige Freude nicht versagen, die sich mir in dieser Stunde
flüchtig offenbart hat - nämlich, zum Teil eine schwerwiegende
Verbindlichkeit abzuzahlen und mir Freunde für das ganze Leben
zu erringen.
, So denken Sie jetzt,! begann St. John wiederum, ,weil
Sie nicht wissen, was es heißt, Reichtum zu besitzen und folglich
sich desselben zu erfreuen; Sie haben keinen Begriff von der Wichtigkeit, welche der Besitz von zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würde; von der Stellung, welche sie Ihnen in der Gesellschaft geben würden; von den Aussichten, welche sich Ihnen dadurch eröffnen würden; Sie können nicht-
,Und Sie,'' unterbrach sie ihn, ,können sich keinen Begriff
machen von der Sehnsucht, welche ich nach schwesterlicher und
brüderlicher Liebe empfinde. Ich hatte niemals eine Heimat, niemals Brüder oder Schwestern. Ich will und muß sie jetzt haben.
Widerstrebt es Ihnen denn, mich aufzunehmen und anzuerkennen?
,Jane, ich will Ihnen ein Bruder sein- meine Schwestern
werden Ihre Schwestern sein-- ohne daß Sie uns das Opfer
Ihrer gerechten Ansprüche bringen.
,Bruder? Ja! In kühler Entfernung. Schwestern? Ja!
Die ein Sklavenleben zwischen Fremden führen! Und ich reich!
Überschüttet mit Gold, das ich mir nicht erworben und das ich nicht
verdiene! Und ihr arm! Großartige Gleichberechtigung und
Brüderlichkeit! Enge, innige Vereinigung! Herzliche Liebe und
Anhänglichkeit!?
,Und die Schule, Miß Eyre? Die wird jetzt doch vermutlich
geschlossen werden müssen?’
,Nein; ich werde den Platz einer Lehrerin behalten und ausfüllen, denn dieser Platz ist mir lieb und wert geworden.
Er lächelte zustimmend. Dann drückten sie sich die Hände
und er ging.
Die Angelegenheit wurde trot längeren Zauderns der Geschwister doch in Janes Sinne geordnet; ein jeder von den Vieren
erhielt fünftausend Pfund Sterling. Jane hatte zwar beschlossen,
ihre Stelle als Lehrerin zu behalten, doch wollte sie von nun an
in Moor House wohnen.

Einundzwanzigstes Kapitel.
Zu gutem Ende.
Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen, ehe alles
geordnet war; die Zeit des Festes der ganzen Christenheit war
nahe. Jetzt schloß Jane die Schule von Morton für einige Zeit
und bat St. John, daß er ihr Hannah abtrete.
,Wozu brauchen Sie sie?
,Um mit mir nach Moor House zu gehen. In einer Woche
werden Diana und Mary zu Hause sein, und bei ihrer Ankunft
sollen sie alles in der schönsten Ordnung finden.
,Ich verstehe. Hannah soll Sie begleiten.
,Sagen Sie ihr also, daß sie sich morgen bereit hält.
,Was gedenken Sie denn in Moor-House zu tun,'' fragte er
dann.
,Mein erstes Ziel ist, Moor-House vom Boden bis zum Keller
einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. DaS nächste, es mit
Bienenwachs, Ol und einer unbestimmten Anzahl von Tüchern zu
reiben, bis es blitzt; das dritte, jeden Tisch, jeden Stuhl, jedes
Bett, jeden Teppich mit mathematischer Präzision zu arrangieren;
darauf werde ich Sie beinahe zugrunde richten durch ungezählte
Massen von Torf und Holz, um in jedem Zimmer ein hellloderndes
Feuer zu unterhalten; und endlich und zuletzt werden die beiden
letzten Tage, welche der Ankunft Ihrer Schwestern voraufgehen,
von Hannah und mir dem Schlagen von Eiern, Auslesen von Rosinen, Rösten von Gewürzen, Backen von Weihnachtskuchen,
Schneiden von Fleisch und anderen schönen Dingen gewidmet
sein, von welchem Uneingeweihte, wie Sie, doch keinen Begriff
haben. Kurz und gut, mein Zweck ist es, vor nächstem Donnerstag alles in einem Zustande der vollkommensten Bereitschaft
zu Dianas und Marys Empfang zu, haben.
St. John lächelte fast unmerklich und entfernte sich.
Jane war jetzt glücklich in Moor-House, und angestrengt arbeitete sie. Desgleichen Hannah. Diese war entzückt, zu sehen,
wie fröhlich Jane sein konnte inmitten der Unruhe eines Hauses,
in welchem das unterste zu oberst gekehrt war - wie gut sie bürsten, abstäuben, reinigen und kochen konnte. Und wirklich nach
zwei Tagen der heillosesten Verwirrung war es reizend mit anzusehen, wie sie nach und nach Ordnung in das Chaos brachten, das
sie erst selbst hervorgerufen hatten. Kurz vorher hatte Jane noch
eine Reise nach S. unternommen, um einige neue Möbelstücke zu
kaufen, nachdem ihre Cousinen ihr freie Hand gelassen und eine
bestimmte Summe zu dem Zwecke gegeben hatten, alle sie gut dünkenden Änderungen zu treffen. Das gewöhnliche Wohnzimmer
und die Schlafzimmer ließ sie ganz so, wie sie gewesen, denn sie
wußte, daß Diana und Mary mehr Freude an dem Wiedersehen der
häßlichen, alten Stühle und Tische haben würden, als an dem Anblick der prächtigsten Neuerungen. Und doch war einiges Neue
notwendig, um ihrer Heimkehr das Ungewöhnliche zu verleihen,
womit sie es gern umkleiden wollte. Diesem Zweck entsprachen
nun neue, schöne, dunkle Teppiche und Vorhänge, eine Zusammenstellung sorgsam ausgewählter, antiker Ornamente in Porzellan
wirken. Ein Fremden, Wohn- und Schlafzimmer möblierte sie ganz
neu mit Mahagoni und roten Polstermöbeln; in den Korridor und
auf die Treppe legte sie Teppiche. Als alles fertig war, erschien
das Innere von MoorHouse ihr ebenso freundlich und sauber und
gemütlich, wie es draußen um diese Jahreszeit winterlich einsam
und öde und traurig war.
Endlich kam der ereignisreiche Donnerstag. Die Schwestern
wurden um die Dämmerstunde erwartet, und lange vorher wurden schon oben und unten die Kaminfeuer angezündet. Die Küche
war in vollkommenster Ordnung. Hannah und Jane waren angekleidet. Alles war bereit.
Zuerst kam St. John. Jane hatte ihn innig gebeten, das
Haus nicht eher zu betreten, als bis alles arrangiert sei; und in der
Tat hatte der bloße Gedanke an die Unruhe und Verwirrung,
und Bronze, neuer Möbelbezüge, Spiegel und Toilette»Necessaire
für die Ankleidezimmer: alles dies sah frisch aus, ohne störend zu
welche innerhalb der vier Wände vor sich ging, hingereicht, ihn
dem Hause völlig zu entfremden. Er fand Jane in der Küche mit
dem Backen einiger Kuchen für den ersten Teeabend beschäftigt.
Indem er sich dem Herde näherte, fragte er, ob sie nun endlich
mit der Arbeit eines Hausmädchens zufrieden sei. Sie antwortete
ihm, indem sie ihn einlud, sie auf einer Generalinspektionsreise
durch das Haus zu begleiten, um das Resultat ihrer Anstrengungen
zu begutachten. Mit einiger Mühe gelang es ihr, ihn zu diesem
Rundgang zu überreden. Dann aber zeigte er offen, welche
Freude er an der Verschönerung seines väterlichen Hauses
empfände,
Da stürmte Hannah herein. ,Sie kommen! sie kommen!’ rief
sie, indem sie die Tür des Wohnzimmers weit aufriß. In demselben Augenblick hob auch der alte Carlo an freudig zu bellen.
Jane lief hinaus. jetzt war es dunkel geworden, aber deutlich vernahm man das Rollen der Räder. Hannah hatte schnell eine
Laterne angezündet. Der Wagen hatte vor dem Gittertor angehalten. Der Kutscher öffnete den Wagenschlag; zuerst stieg eine
wohlbekannte Gestalt heraus, dann die zweite. Im nächsten
Augenblick war Janes Gesicht unter ihrenHüten, zuerst inBerührung
mit Marys weicher Wange, dann mit Dianas reichen Locken.
Sie lachten, küßten sie-- dann Hannah; liebkosten Carlo,
der fast wild vor Freude war, fragten eifrig, ob alles wohl und in
Ordnung sei, und eilten ins Haus, als. ihre Frage bejahend beantwortet wurde.
Sie waren wie gerädert durch die lange Fahrt auf dem
schlechten Wege von Whitcroß; ihre Glieder waren in der eisigen
Nachtluft fast erstarrt; aber sie tauten vor dem lustig flackernden
Kaminfeuer zusehends auf. Während der Kutscher und Hannah
die Koffer hereinbrachten, fragten sie nach St. John. In diesem
Augenblick trat er aus dem Wohnzimmer. Beide umarmten ihn
zugleich. Er küßte und bewillkommnete sie herzlich.
Jane hatte die Kerzen angezündet, um beide nach oben zu
geleiten, aber Diana hatte vorher noch gastfreie Befehle in Bezug
auf den Kutscher zu erteilen; nachdem dies geschehen, folgten beide.
Sie waren über die Neuerungen und Ausschmückungen ihrer Zimmer entzückt. In reichstem Maße sprachen sie ihre Freude über die
neuen Vorhänge, die frischen Teppiche und reich bemalten Porzellanvasen aus. Jane hatte die Genugtuung zu fühlen, daß ihre
Anordnungen ihren Wünschen vollkommen entsprachen, und daß
alles, was sie getan hatte, ihrer freudigen Heimkehr noch einen
großen Reiz verliehen hatte. Es war ein wonniger Abend.
Hiermit sind wir an das Ende unserer Erzählung gelangt;
denn welchen schöneren Abschluß könnte es geben, als die arme
Waise, welche alles Elend eines elternlosen und verlassenen Kindes
hat durchkosten müssen, in wohlhabenden Verhältnissen, in geachteter Stellung und im Kreise lieber Verwandten zu sehen? Bald
wurde Jane Eyres Liebeskreis noch erweitert; denn sobald sie
durch andauernde Nachforschungen Mrs. Fairfax's Aufenthaltsort entdeckt hatte, ließ sie die kleine Adele, welche jetzt ganz einsam
bei der gütigen, alten Dame noch weilte, zu sich kommen. So
hatte Jane noch eine besondere Liebespflicht zu erfüllen, und sie
widmete sich derselben mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit.

Sie wünschen zu wissen, auf welchen steilen Pfaden mich die Vorsehung dahin geführt hat, wo ich mich befinde; Ihr Wunsch soll erfüllt werden, verehrte Freundin.

Ich will die langen Mußestunden, welche mir das einsame leben übrig läßt, in dem sich die Unebenheiten meines Charakters abgeschliffen und die zuweilen übertriebene Energie meines Willens gemildert haben, mit Vergnügen dazu anwenden, für Sie (und für Sie allein) eine Erzählung niederzuschreiben, in der Sie mich vielleicht weniger “vollkommen” finden werden, als wofür Sie mich zu halten so freundlich sind. Dies wird meine Strafe sein für die Regungen von Eitelkeit, welche Ihr so selten gespendeter Beifall in mir hat erwecken können.

Mein Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.

Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren schön wie Engel, weiß und rosig, wirkliche Taschenbuchgesichter mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagte habe, war der ächte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig und tyrannisch. Ich war für ihn ein um so bequemeres Stichblatt seiner Bosheit, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maße, wozu ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir ohne alles Interesse sind.

Ich sehe mich noch an einem regnerischen Nachmittage in einer tiefen Fensternische verborgen auf meinen gekreuzten Beinen sitzen und in einem großen Buche blättern, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die ‘Vögel Englands von Bowick.’ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen, colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
‘Hierher, Schläferin!’ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. ‘Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?’ fuhr er fort. ‘Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier . . . Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige kleine Hexe.’
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen; ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
‘Was willst Du von mir?’ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
‘Was willst Du von mir, Master Reed?’ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. ‘So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.’
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.
John war damals ein plumper Bursche von etwas vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.
‘Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,’ sagte er zu mir, ‘und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.’

Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
‘Was machtest du dort?’ fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
‘Ich las.’
Zeige mir das Buch.’
Ich holte es herbei.
‘Ich will Dir lehren,’ fuhr er fort, ‘in meinen Bibliotheken herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.’

Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar, denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite; aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückschlag, war sie mit Blut befleckt.

Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:

‘Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Du gleichst einem Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!’

Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterte ihn auf Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hilfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.

‘In die rothe Kammer!’ rief sie; ‘schließt sie ein und laßt sie dort!’

Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchen der eben erzählte Auftritte stattgefunden hatte.

Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die ‘wüthende Katze’ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.

‘Wenn Sie sich noch länger sträuben Miß,’ sagte sie zu mir, ‘so müssen wir Sie binden. Miß Abott,’ setzte sie hinzu, ‘leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.’

Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse, erzwungene Ruhe gab.

Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott!’ rief ich aus, ‘ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.’

Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.

Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nur für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen Derjenigten unterwerfen müsse, die mir Brot geben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.

Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahogonyfüßen ein großes Bett mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem, dunklem Mahogony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißem Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein ‘bleicher Thron’ erschien.

Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie Feuer angezündet wurde. Da es von der nursery und der Kirche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.

Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf und ging nach der Thür, die wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkührlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Waschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –

In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf, dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person allein sah.

Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir hervorriefen.

Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.

Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend feine Schmerzentsthränen vergoß, daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. – --
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male in Streit miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen setzte, da er mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht interessirten.
‘Dies ist ein Beweis,’ sagte er, ‘daß Du ein böses Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit und Du ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.’

Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Blockehurst. Er war der Director einer Armenschule.

Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer der denkwürdigsten Tage meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet habe, ihr nie wieder den Namen ‘Tante’ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.

Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgiltigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniederung bewahrt hat.

II

Ich habe acht Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Elisabeth, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen acht Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen; die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.


Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und uns als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem
Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend. in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund. Aber mit den ersten, schönen Tagen drangen die Fieber und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.

Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als das' beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den. Garten und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: ,Rasselas, liebe Freundin, ja, “Rasselas,
Prinz von Abyssinien”!
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend,ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften
können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte..-
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht, erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Muhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
- ,Ich wette,? sagte ich ohne Einleitung zu ihr, ,daß Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
,Ich?’ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen anblickte; ,ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützten, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?’
,Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich.’
,Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.’
,An Deiner Stelle würde sie mich mißfallen. Ich würde mich ihr widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde ich ich den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen.’
,Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu vergelten.

Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der Mangel jedes Grolls gegen die Person,
über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen- hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen,
daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das mich noch fehlte.
,Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.’
,Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich
keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen...
, Gehässig und hartherzig,’ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.

,Uebrigens,’ fuhr ich ohne Ueberlegung fort,‘warum bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.’
,Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen yorlegte, war kein einziger von Deinen Gedanken abwesend und zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd mit mir spricht und ich streng auf sie achten sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr höre. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers getauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.’
,Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.’
, Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter
König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Die Vorrechte seiner Krone beschränkten
wahrscheinlich seine Einsicht. Wenn er diese rein persönliche Frage hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . -. Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten -
König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie
konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?’
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete, ohne es zu ahnen.

Mir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allen ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
,Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen
nehmen, wenn sie gerecht ist.’
, So denken die Wilden und so dachten die Heiden, erwiderte Helene ruhig. ‘Aber die Christen und die civilisirten Völker verwerfen diese Moral.
,Warum denn aber? Ich kann es nicht begreifen.’
,Weil man durch Heftigkeit den Haß niche entwaffnet und durch die Mache die Ungerechtigkeit nicht wieder gut machte?
, Auf welche andere Weise geschähe dies besser?’
, Lies das Neue Testament, versetzte Helene. ,Höre, was Christus sagt, sieh, wie er handelt, nimm Dir seine Worte zur Regel und stelle Dir seine Handlungsweise als Muster auf.’
, Was sagt er denn?
,Er sage: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.’
, Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, ,müßte ich Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht.
ich müsste ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.’

Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.

Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß ,nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand, ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.

Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mich unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple: diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte.
Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine vor der Gartenthür den Poney des Herrn Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte, weil sie könnten verwelken, wenn
ich bis morgen wartete. Die von den Thränen des Abends benetzten Blumen strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Ostens empor, und
dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde, diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen
zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen über den Himmel und die Hölle
zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des
gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
,Wie geht es mit Helene Burns?’ fragte ich sie.
.Nicht zum Besten,’ war die einzige Antwort, die ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
,Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihr geholt worden?’
,Allerdings.’
,Und was sagt er dazu?’
,Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.’
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt
haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt das durch ein klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag aber mehr konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es hatte eben neun Uhr geschlagen.

Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war als ich aber an dem Krankensaale vorüberging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.

Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.

Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.

Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine
menschliche Gestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.

Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.

Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.

,Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre,’ dachte ich. ,Helene, bist Du wach?’ fragte ich dann mit leiser Stimme.

Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.

,Wie, Jane, Du bist hier?’ fragte mich Helene mit der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.

‘Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann man nicht sterben,’ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls; - ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln war noch das nämliche wie früher.

Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.

‘Nun wohl,’ entgegnete sie, ,Du kommst gerade noch zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.’

,Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause zurück?’

,Ja, erwiderte sie, ‘nach Hause ... nach Hause, für immer.’

Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser
zu mir:
,Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.’

Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
,Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. ,Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth.
Früher oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft.
Sie verschlimmert sich allmählig, fast ohne daß ich es
bemerke, und läßt meine Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben?

,Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, ‘weißt Du, wohin Du gehst?’
Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wich. Gott ist mein Vater und mein Freund.’

‘Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?’
‘Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.’
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich.
Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.

,Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!’ hob sie wieder an. ‘Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir.
,Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?’
,Nein, antwortete ich, ,und kein Mensch soll mich jetzt von Dir trennen.’
, Gute Nacht, Jane!’
, Gute Nacht, Helene!’
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine
Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf
Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. ,Helene war gestorben!’
Habe ich Ihnen, für welche diese Seilen geschrieben sind, genügend dargethan, daß ohne Helenens Freundschaft und ohne den Wunsch, derjenigen unserer Lehrerinnen, die mir die meiste Theilnahme bewies, dieser Miß Temple, die ich Ihnen schon genannt habe, bald meine Dankbarkeit zu bezeigen, die widersetzliche, unbeugsame, männliche Seite meines Charakters mich aller Vortheile beraubt haben würde, welche mir der Aufenthalt in Lowood gewähren konnte? Ich weiß es nicht, denn ich habe tausend unbedeutende Vorfälle unerwähnt lassen müssen, die Ihnen, wie mir, diese unbestreitbare Wahrheit bewiesen haben würden. Doch was liegt daran? Es genüge, wenn ich Ihnen sage, daß ich sechs Jahre lang als Schülerin und zwei andere Jahre als Unterlehrerin die in meiner Macht stehenden Mittel zu meiner Ausbildung benutzte, abgesehen von einigen andern ernstern Studien. Ich war eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, um die Gebilde meiner Phantasie, die Ihnen zuweilen von dem Alltäglichen abzuschweifen schien, auf die Leinwand zu übertragen.

Nach Verlauf dieser acht Jahre verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation, für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten hatte, nichts Andres war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple’s. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen, wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.

Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte; der Sehnsucht nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte.
Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben, und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Und ich kam auf Ideen, wie man sie von jenem taitischen Mädchen erwarten konnte, die, ihre Rindenkleidung abwerfend, einen sehnsüchtigen und
zugleich ängstlichen Blick auf das Meer wirft, in das ihre Gefährtinnen sie zum ersten Male rufen.
Als ich. einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht, einmal den Versuch, machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.

Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkelt, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäftigt hatte. Meine Stirn glühte und eine fieberhafte Aufregung meines ganzen Nervensystems hatte mich gezwungen, mich in meinem Bett aufzurichten. Von Müdigkeit übermannt und von einem empfindlichen Gefühl von Kälte an meinen Schultern ergriffen, legte ich mich endlich wieder nieder, und als hätte plötzlich ein Engel des Himmels eine höhere Eingebung auf mich herabgesandt, sagte ich zu mir selbst, nachdem mein Haar kaum das Kopfkissen berührt hatte:

,Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?’
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende,
um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer
Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., Poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.

Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:

,Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in dem ... shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich. die angeführten Talente besitzt und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer frühern Wirksamkeit beibringen kann, so
wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter zehn Jahren zu leiten hat. Der Gehalt bestehe in dreißig Pfund Sterling für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen
der Personen, auf deren Empfehlung sie sich beruft,
an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in
ber Grafschaft** einsenden.’
Die Handschrift dieses Blattes war schwerfältig, altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten Manieren und ganz in schwarze Seide gekleidet. Thornfield war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein
Schloß mit kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort
war, der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich auf dem Leinpfade herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie
es sich hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd
in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.

Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen, daß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen Tagen mit einem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich rief. In der Zwischenzeit hatte
ich an Mistreß Fairfax geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn
meine, wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des ,Salons’ ein
Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur
erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.

Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und
zugleich der sehnliche Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich schellte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote liegen sollte.

‘Ich kenne diesen Ort nicht,’ erwiderte der Kellner, ‘aber ich will nachfragen.’

Nach einigen Augenblicken, kam er eiligst zurück und fragte mich:
,Sind Sie vielleicht Miß Eyre?’
,Allerdings.’
‘Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.’
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich
ihn fragte, ob Thornfield weit sei:
‘Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalber Stunde sind wir dort.’
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Witwe, die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.

Fast genau in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das sich hinter uns mich Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann
führte sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von
einem behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
- Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Witwenhaube, ein
schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze.
Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte
mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte
mich nichts schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
,Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?’
,Wie sagen Sie, meine Liebe?’ versetzte die gute Dame. ,Ich höre ein wenig schwer.’
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
,Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.’
,Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas verwundert.
Nein, ich habe keine Kinder.’

Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen
- der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.

Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.

Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinen Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf
das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so
wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinen Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.

Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen Hintergrunde
eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer
großen Wiese nieder, die zwischen dem Hause und
einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen Wald bildeten.
‘Thornfield,’ dachte ich, ,heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.’
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.

, Gefällt Ihnen Thornfield?’ fragte sie mich dann.

,Außerordentlich,’ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.
,Es ist in der That nicht übel,’ versetzte Mistreß
Fairfax. ,Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.’

,Master Rochester?’ rief ich aus; ,wen meinen Sie damit?’
,Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit großer Ruhe. ,Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?’
,Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.’
,Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, das heißt, mein
Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die
Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine
im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth
auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist.
Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und
da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung
begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.’

,Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?. . .’
‘Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.’
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war.
Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.

Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax mich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen; mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: ,Der Rattenbund’ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach, dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wie in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.

Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.

,Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, ,würde ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert, aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm diesen kleinen Verdruß zu ersparen.’

‘Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?’
‘Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Wert darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.’
Ist er allgemein beliebt?’
‘Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.’
‘Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben Sie Herrn Rochester?’
‘Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.’
‘Aber sein Charakter . . .’
‘Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.’
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg. gingen wir durch eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtige Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Überraschung aus einem dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigentümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
‘Mistreß Fairfax!’ rief ich, als ich mich ein wenig von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. ‘Haben Sie dieses Lachen gehört?’
‘Wahrscheinlich ein Bedienter,’ entgegnete sie leicht hingeworfen.
‘Aber haben Sie es denn gehört?’
‘Allerdings, ich höre es oft . . . Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.’
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
‘Grace!’ rief Mistreß Fairfax.
Dieser Name schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indes sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Hässlichkeit, mit hochrotem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
‘Grace,’ sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem ganz gewöhnlichen Geschöpf; ‘es ist zu viel Lärm hier. Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .’
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.

IV.
Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruss. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Tätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswertes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demütigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demütigenden Loose unterworfen haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Misters Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen, und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Misters Fairfax eben einen Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gesessen hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlern wie ich konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen Pinsel enges Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchtürme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in eine Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagelkorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter eben Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Zypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegte sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Wegs nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einem Schleier von Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen.
Thornfield begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber doch ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.

Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht ... und ich selbst hatte mich in diesem Augenblicke verspätigt.
Während ich über diese fantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz, und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging indem er mich kaum eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: ,Verwünschte Geschichte!’ veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.

Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.

Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand anzusprechen.

Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer Anstrengung von den Steighügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe. Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch ausstieß.

,Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?’ fragte ich ihn weiter.
,Sie können mir aus dem Wege gehen,’ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.

Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: ,Ruhe, Pilot!’ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder- minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich auf die Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
,Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hilfe bedürfen,’ sagte ich zu ihm, o könnte ich sie Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall' zusenden.
,Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur den Fuß verrenkt.’

Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizont glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der Ausdruck seiner Physognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und
die noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.

Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei schädlich werden kann.

Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen, rief ich aus:

,Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd
wieder zu besteigen.’

Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
,Aber mich dünkt,’ entgegnete er fast sogleich, ,daß Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?’

,Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach Day gehen, um Ihnen Hilfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies dahin.’

,Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?’ fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
,Ja, mein Herr.’
,Und wem gehört dieses Haus?’
,Herrn Rochester.’
,Kennen Sie Herrn Rochester?’
,Nein, ich habe ihn nie gesehen.’
,Bewohnt er sein Hause?’
,Nein.’
,Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?’
,Dies weiß ich nicht.’
,Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind . . .’
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, das er etwas verlegen war.

,Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.

‘Ah so, die Gouvernante,’ versetzte er; ,auf Ehre, ich dachte nicht mehr daran.’

Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen Zügen.
,Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,’ sagte er endlich, ,Beistand für mich herbeizuholen; aber wenn Sie die Güte haben' wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte? . . . Nein .. . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?’
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben, aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barrière und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir grosse Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte er laut auf.

,Ich sehe wohl,’ sagte er, ‘daß der Berg nicht zu Mahomed kommen wird, und daß also Mahomed versuchen muß, zu dem Berge zu gelangen. Haben Sie die
Güte, hierher zu kommen.’

Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.

,Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,’ fuhr er fort, ,aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Krankenstab zu benutzen.’
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem,
Pferde, das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehe ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen hinderlich war.
,Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an der Hecke.’
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
,Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.’

Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.

Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Vorfall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß das Museum meiner Erinnerungen durch ein neues Gesicht, ein männliches, ausdrucksvolles, wenn auch nicht gerade schönes und verführerisches Gesicht, vermehrt worden war. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.

Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und scharlachrothen Vorhänge darin glänzend am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax.
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich,
daß ich mich der Illusion völlig hingab.

,Pilot!’ rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
,Wem gehört dieser Hund?’ fragte ich sie.
,Dem Herrn.’
,Welchem Herrn?’

Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
,Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?’
»Mistreß Fairfax sowohl als als auch Miß Adele,
sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen
geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt
hat.’
,Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?’
,Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.’
‘Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.’
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die Ankunft ,ihres Freundes, Mr. Eduard
Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.
,Dies bedeutet, sagte sie, ‘daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle! Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?’
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um
seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend, nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräfte zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, ‘denn,’ setzte sie hinzu, ,ich kleide mich stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.’

Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple: Dann folgte ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.


V.

Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß
ruhte auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein
ganzes Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit
ihren kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren
des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen
erkannte, wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen
Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.

Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:

,Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.’

Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie bewirthete uns im ruhigsten Tone mit einer Menge alltäglicher Phrasen über die Unannehmlichkeit des Krankseins, über die Nothwendigkeit, sich in Geduld zu fassen und dergleichen mehr.
,Madame,’ sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien, ,ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hilfe gekommen.
,Nicht wahr,’ sagte sie zu ihm, ,in Ihrem Koffer ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?’
,Was schwatzest -Du von Geschenken?’ entgegnete Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. ‘Lieben Sie die Geschenke?’ setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ‘ich bin nicht an dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.’
‘Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.’
,Im diese keineswegs einfache, Frage zu beantworten, bedürfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.’
,Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.’
,Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?’

,Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,’ erwiderte Mr. Rochester. ,Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.’
,Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur
einen geringen Werth in meinen Augen haben.
,Wirklich?’ versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne weiter ein Wort zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir
der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.

,Spielen Sie Pianoforte?’ fragte er mich zuletzt.
,Ein wenig,’ antwortete ich.
,Das versteht sich von selbst ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer ... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie
also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie
die Thüre offen und spielen Sie etwas.’
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
,Genug! es ist wahr, Sie spielen ein wenig. Ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.’
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.
,Diesen Morgen,’ fuhr Mr. Rochester fort, ,hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?’
,Nein gewiß nicht!’ rief ich aus.
‘Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben
Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.’
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
‘Einen Tisch!’
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
’Nicht so,’ sagte Mr. Rochester. ‘Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege; ich kann es nicht leiden daß Köpfe dem meinigen so nahe sind.’
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
‘Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?’ fragte er mich hierauf; ‘und ist diese Hand die Ihrige?’
‘Ja,’ antwortete ich.
‘Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .’
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
‘Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?’
‘Aus meinem Kopfe.’
‘Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?’
‘Allerdings.’
‘Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?’
‘Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.’
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch soviel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Kormoran mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Chlorids scharf hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunkeln Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so mattem und weichem Chlorid, als ich hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Ende flatterndes Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markierte den äußern Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze enges Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkelen Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie, so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattiert war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?’ fragte mich Mr. Rochester.
‘Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.’
‘Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigentümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer fantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?’
‘Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .’
‘Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demohngeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? . . . Welch ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke! . . . Und der hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu malen? Denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraus’t. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? Denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.”
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte:
“Schon neun Uhr vorüber! . . . Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie sie sogleich zu Bett! . . . Gute Nacht, meine Damen.”
So endigte unser erster Abend.

VI.
Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf’s Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.

Die Schachtel mit den Präsenten, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen, angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
‘Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,’ sagte er dann zu mir, ‘und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich geschert ist. Miß Eyre,’ setzte er hinzu, ‘rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.’
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.
‘Sie beobachten ich recht recht aufmerksam, Miß Eyre,’ sagte er in heiterem Tone; ‘finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?’
Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes ‘Nein, mein Herr!’ entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
‘Vortrefflich!’ rief er in dem nämlichen Tone. ‘Sie haben in der That etwas ganz Eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer, zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten, Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?’
‘Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .’
‘Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so viele Messerschnitte auf Ihrem ersten Nadelstich. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?’
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Maßen seines Haares zurück.
‘Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?’
‘Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?’
‘Vortrefflich! Wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deßhalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,’ – er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- -daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen, ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen Verlassenen und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuk. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige Hoffnung vorhanden ist?’
‘Was für eine Hoffnung?’
‘Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.’
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.

‘Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,’ fuhr er fort, ‘und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vorteil, daß sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Teils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.’

Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten, fuhr er fort:
‘Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Rätsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende
Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.’
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verriet etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
‘Sprechen Sie,’ wiederholte er mit Ungeduld. ‘Sprechen Sie von was Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.’
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er erriet das endlich.
‘Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.’
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten bald dahin, das wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und sinnlosen Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er
‘das Gift des Lebens’ nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle. Er wurde nach und nach immer warmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der Weg, den er betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Ich verstand nichts von diesen Reden und das beängstigende Gefühl, welches fast immer die Verlegenheit des Verstandes vor irgend einem Geheimnisse begleitet, machte es mir wünschenswerth, diese schon zu lange Unterhaltung abzubrechen. Ich benutzte die Gelegenheit, als es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht wurde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin.
‘Steht mir das Kleid gut?’ rief sie, zwischen uns tretend; ‘und die schönen Schuhe? Und die seidenen Strümpfe? Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.’
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Knie.
‘Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!’ sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: ‘machte es Mama nicht auch so?’
‘Ganz genau so,’ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. ‘Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,’ sagte er hierauf zu mir; ‘ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.’


VII.
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existierte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlichen Mutter verlassen wurde.
‘Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,’ sagte er am Schlusse seiner Erzählung, ‘um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt,’ fuhr er fort, ‘Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich andersweitig zu verstehen etc. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?’
‘Keineswegs,’ erwiderte ich; ‘Adele ist weder für Ihre Fehler noch für die ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da ich weiß, daß sie jene von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.’
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einem ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwanderung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen darin finden konnte.

Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte. –

Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten.
Sie waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.

Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selber nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.

Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.

Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor schlich. Ich fragte: ‘Wer ist da?’ Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.

Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch,
das Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.

Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Frucht, von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts. Nach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war, aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: ‘Wer ist da?’

Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.

‘Sollte es Grace Poole gewesen sein?’ dachte ich bei mir, ‘und sollte sie vom Teufel besessen sein?’

In meinem Zweifel schien es mir unmöglich, nicht auf der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.

Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.

Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lang Flammen umzungelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen,

Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.

Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu löschen.

Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckten endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe ertränken wollen; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.

‘Besonders aber,’ setzte er hinzu, ‘kommen Sie nicht unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges trockenes Kleidungstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch halt, da ist mein Schlafrock.’


Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnässten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
‘Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?’ versetzte er heftig. ‘Lassen Sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht maß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei Ihnen sein.’
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß nach diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
‘Es war ganz so wie ich dachte,’ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
‘Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:
‘Haben Sie mir nicht gesagt daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben? . . .’
‘Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.’
‘Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . . ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.’
‘Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist ein wunderliches Geschöpf.’
‘Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnte haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück,’ setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, ‘werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.’
‘Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,’ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.
‘Wollen Sie mich denn schon verlassen?’ rief er aus, ‘und auf solche Art?’
‘Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .’
‘Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichen Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Fremde? . . . Geben Sie mir wenigstens Ihre Hand.’

Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt eines einfachen shake-hands ergriff er meine Hand und hielt sie fest.

‘Sie haben mir das Leben gerettet,’ sagte er dann tief ergriffen. ‘Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.’

Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.

‘Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,’ erwiderte ich ihm. ‘Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .’

‘Ich wußte es,’ unterbrach er mich, ‘daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah . . . ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .’

Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
‘Nein,’ fuhr er dann fort, ‘nicht umsonst hat ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .’
Dies sagte er auffallend rasch.
‘Man spricht von natürlichen Sympathien,’ setzte er hinzu, ‘auch von guten Genien. . . . . Gute Nacht denn, liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!’

In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.
‘Es freut mich,’ fügte er hinzu, ‘daß ich nicht wie gewöhnlich eingeschlafen war.’
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
“Sie verlassen mich also?’

‘Ich friere.’

‘Ja, es ist wahr . . und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Sie, Jane, gehen Sie rasch.’

Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
‘Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,’ sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.

Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch’ eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.

Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten dieser Nacht mittheilten.

Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.

Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? Wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?

Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.

Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner inner Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
‘Guten Morgen, Grace,’ sagte ich zu ihr, ‘was ist denn diese Nacht hier vorgefallen?’
‘Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur
rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.’
‘Eine sonderbare Geschichte,’ sagte ich halblaut, indem ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. ‘Hat denn Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?’

Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.

‘Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,’ erwiderte sie dann. ‘Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stößt hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.’

‘Ich habe nichts gehört,’ antwortete ich noch leiser, ‘als ein Gelächter, wie es wenige giebt.’

Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:

‘Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während der in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.’

‘Nein, ich habe nicht geträumt,’ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert.

Sie blickte mich abermals forschend an und fragte mich:
‘Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?’

Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.’
‘Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?’

Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke bei, daß sie, wenn ich ahnte, daß ich wußte, woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte daher ein.
‘Im Gegentheil,’ erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ‘ich verriegelte meine Thür.’
‘Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?’
‘Schändliches Weib!’ dachte ich, ‘sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.’

Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
‘Daran werden Sie sehr wohl thun,’ war ihre ganze Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.


‘Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?’ sagte er dann.
‘Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.’
‘Und Ihren Sago?’
Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.’
Nach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Rätsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermutungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem exzentrischen Mr. Rochester ein Band existierte, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Hässlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.

Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.

Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
‘Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.’
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den ganzen Tag über weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax serviert sei.
‘Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,’ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. ‘Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher
... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein.... Ich denke
nicht, es ist ja so schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
,Ist Mr. Rochester nicht hier?’
,Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés-Clos
zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.’
‘Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?’
,Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viele schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram,
und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester
sehr ungern.


VIII.

Ja, liebe Freundin, zehn Meilen von Thornfield-Hall wohnte ein schönes Mädchen, welche die Natur mit allen ihren Gaben überschüttet und die das Alter erreicht hatte, in welchem die vierzig Jahre Mr. Rochesters sie nicht mehr erschrecken konnten und in dem sein Vermögen ihr ganz besonders lockend erscheinen mußte.
Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie
Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen
Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten, die Beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf über diesen Gegenstand zu sprechen.


Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches,häßliches Mädchen ohne, Herkunft und ohne Reichthum,
deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches
Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, mich dafür zu bestrafen wie für ein Verbrechen.
Da mein schwerster Fehler darin bestand, daß ich
mich verkannt hatte, so beschloß ich das Bildnis Blanca Ingrams, so wie Mistreß Fairfax sie mir beschrieben hatte, auf das glätteste Elfenbein und mit meinen feinsten Pinseln zu ma!en. Neben dieses glänzende und ideale Portrait wollte ich das treue Conterfei des reizlosen Gesichts setzen, das ein zu aufrichtiger Spiegel mir jeden Morgen zeigte, und die Vergleichung dieser beiden Bilder sollte die Strafe für meinen Dünkel und zugleich ein heilsamer Zügel für meine glühenden Erinnerungen sein.

Dieses peinliche Werk vollbrachte ich wirklich, liebe Freundin. Es beschäftigte mich zwei volle Wochen, und ich kann sagen, baß ich den Nutzen daraus zog, den ich
erwartet hatte. Es hätte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Grundsätzen, die ich meinem Herzen einprägen wollte, die nöthige Kraft und Tiefe gegeben.

Nach Verlauf dieser Zeit war die Ruhe wieder in
mir zurückgekehrt. Indem ich ohne falsche Bescheidenheit
die Entfernung ermaß, welche mich von dem Grundherrn
von Thornfield-Hall trennte, war ich fest entschlossen, ihn
nicht im Besitz einer Liebe zu lassen, die zu innig und zu
ernst war, um weder vergebens geschenkt noch geringschätzig angenommen werden zu können. Ich hatte schon fast wider meinen Willen alle Gründe hervorgesucht, die ich
mir selbst und Anderen anführen konnte, um auf ewig
von Thornfield Abschied zu nehmen. Ich war indeß noch
unschlüssig, namentlich bei dem Gedanken; daß man die
wahre Ursache meiner Entfernung errathen könnte. P1ötzlich
erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshon die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.

Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mich den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als
flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
,Dies ist Miß Ingram,’ sagte Mistreß Fairfax.

Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
,Wenn Mama Besuch hatte,’ sagte sie fast weinend zu mir, ‘und besonders Damen, so begleitete ich sie überallhin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend ... man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.’
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, dienten dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns
ganz aus den Augen verloren, und ich mußte mich in
der Speisekammer einer Art von Diebstahl schuldig machen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen
der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich
sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren
gerennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern
zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte
zu wechseln.

‘Nun, wie gefällt sie Ihnen?’ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
,Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.’

,Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, das er Sie und Adele nach dem Diener im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.’
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus
Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars
in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen,
bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem
Adele den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht
an allem Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen
Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung
besaß als see. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen. gar nichts davon
bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.


,Ist dies wirklich die Außerwählte Mr. Rochesters?’ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, eine fulgurante Schönheit, wie die Italiener sagen, um manches Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr, Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in den seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter Stimme zu mir, sprach, während sein Herz von der Freude überströmte, daß er mir das Leben
zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.

Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.

‘Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht.’ Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich so überwältigt und
mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben wollen; mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der
Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem seine ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer, diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.

Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß
was darüber, gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor,
etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte.
Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei
dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer,
ohne von Jemandem gesehen worden zu sein.

Im Corridor bemerke ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
,Wie befinden Sie sich?’ fragte er mich.

,Ganz wohl,’ erwiderte ich.

‘Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!’
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mich nicht herausnehmen.
‘Ich fürchtete Sie zu stören.’
‘Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?’

‘Ich habe mich mit Adele beschäftigt.’
,Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male
sah. Sie haben Sich doch diese Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?’
,Nicht im Entfernteste.’
‘Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.’

‘Ich bin müde.’
‘Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.’
‘Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.’
‘Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern.
Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein
Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren
Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will
ich Sie entschuldigen, aber ich erwarte ... oder ich hoffe
vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den
Salon zu kommen; so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen ... Gute Nacht, meine . . .’
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.


IX.

Ohne darüber nachzudenken, was Mr. Rochester zu dem förmlichen Befehle veranlaßt haben konnte, daß ich bei
allen seinen Soiréen erscheinen sollte, handelte ich ihm nicht ein einziges Mal zuwider, und ich könnte Ihnen Alles
ausführlich erzählen, was ich in diesen Abendgesellschaften über die schöne Welt, ihre Sitten, ihre Erbärmlichkeiten
erfuhr und welche Mühe man sich gab, um daselbst zu glänzen und zu gefallen. Aber Sie kennen dieses Kapitel
selbst zu genau, als daß ich länger dabei verweilen sollte, und ich will daher nur von den beiden Personen sprechen,
mit denen sich meine Gedanken in diesem Salon am meisten beschäftigten. Ich verwendete fast kein Auge von
ihnen, jedes Wort, das sie sprachen, prägte sich in mein Gedächtniß ein und wurde mit ängstlicher Genauigkeit von
von mir gedeutet und ausgelegt. Kein Blick, kein Lächeln entging mir.

Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt
mich zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der
bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem
Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht
oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt
konnte man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken
aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken.
Nichts keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.


Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten.
Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder
aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten
die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinländliches Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen
zu sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften
ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren
Mängel seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und wünschen?

Aber wie sollte ich, eben weil ich meine Wünsche in
dieser Beziehung erfüllt sah, von dem Fieber genesen, das
in mir brannte und mich verzehrte? Wäre Miß Ingram
ein edles, gutes, mit Seelenstärke, einem warm fühlenden Herzen und einer scharfen Urtheilskraft begabtes Mädchen
gewesen, so würde ich gegen die tödtlichen Umschlingungen
zweier Tiger: der Verzweiflung und der Eifersucht, zu
kämpfen gehabt haben. Aber ich würde nach einem
Kampfe, in welchem mein Herz in Stücke zerrissen worden wäre, meine Nebenbuhlerin bewundert, ihre Ueberlegenheit anerkannt haben, je größer meine Bewunderung gewesen wäre, um so schneller hätte sie mir meine
Ruhe wiedergegeben.

Wenn ich dagegen Miß Ingrams Anstrengungen Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich
sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick
auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen;
wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewusste
Niederlagen eitel war und daß sie ihr lächerlicher Eigendünkel immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte
thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen,
zu fesseln, zu erobern ... war dies nicht ein aufregendes
und gefährliches Schauspiel? Meine Ruhe kehrte daher
auch nicht zurück.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung; hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir
ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Seit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches, durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte;
dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die
Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester
stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Als sich dieser tiefe Abgrund vor mir aufgethan
hatte, waren meine Empfindungen die eines Reisenden
gewesen, der einen Berg von vulkanischer Beschaffenheit
erstiegen hat und bald den Boden unter seinen Füßen wanken
und bersten fühlt. Jetzt ängstigte mich wohl noch
zuweilen der Gedanke an die Gefahr, die mir untrügliche
Anzeichen verkündeten und deren Natur ich nicht kannte.
Aber diese Angst entfernte mich nicht. Ich dachte nicht
mehr daran, die Gefahr zu fliehen, sondern ich sehnte
mich danach, ihr zu trotzen, damit sie mir endlich offenbart werde, und ich fand Miß Ingram sehr glücklich, weil sie einst Alles erfahren, diesen Abgrund erforschen, diese Geheimnisse ergründen, sie analysiren und erklären sollte.


Während ich mich, still an meinem gewöhnlichen
entlegenen Platze sitzend, diesen Gedanken hingab, verfolgte
die Unterhaltung unserer Gäste ihren ungestörten Gang.
Die älteren Damen. erörterten in einer feierlichen Conferenz, mit leiser Stimme ernste Fragen, die jungen Leute
liebäugelten mit Blicken und Worten, die reiferen Männer
sprachen von Politik. Im Ganzen genommen ließ man
sich indeß gegenseitig Gerechtigkeit widerfahren und hin
und wieder herrschte eine große Stille, indem Jedermann
sich umwendete, um die beiden Hauptpersonen, Mr.
Rochester und Miß Ingram anzuhören oder zu beobachten, namentlich Ersteren, der gleichsam die See!e der kleinen Gesellschaft war, dessen Entfernung eine eisige Kälte in die ganze Unterhaltung brachte und dessen Wiedererscheinen dagegen die allgemeine Heiterkeit, die Vergnügungslust, die Sucht und das Bedürfniß zu glänzen zurückrief.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu
sagen, waren die Gäste von Thornfield Hall in einer ziemlich verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte
nicht, zu was man sich entschließen, welchen Zeitvertreib
man vornehmen, welche Partie man improvisiren sollte.
Plötzlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.

In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern:
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm
stieg aus, sobald geöffnet worden war.

Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen
natürlich die Honneurs machte.
‘Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,’
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, ‘da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen,
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.’

Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen,
aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ohngefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa vierzig Jahre; aber welch ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomieen! Die eine war die eines gewöhnlichen ,schönen Mannes,’ ohne
Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andre von
Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönem Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war;
ich wußte bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von so weiten Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton
leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrüßlichem Tone erwiderte:
,Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.’
,Was gibt es denn?’ fragten sogleich mehrere Stimmen.

,Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,’ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone,’ welche den Damen wahrsagen will.’
,Nun warum nicht?’ rief Blanca, Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:

,Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz er ist nur für uns junge Mädchen.’
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um
zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende.
Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester
und zwei andere junge Damen folgten nach einander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene, von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt . . . unerhörte Dinge! Sie kante sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!

Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden jungen Männer erregt und sie, wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissers versah, erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch
im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre Berathungen schließen werde.

Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht
durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lang?
bis sie die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte
und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.

Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten
schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter
dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie las, oder stellte sich als läse sie in einem,
kleinen schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in's
Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den
Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
,Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage?’ fragte sie mich.
,Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt,’ entgegnete ich.
,Zittern Sie nicht?’
,Nein, ich friere nicht.’
,Erbleichen Sie nicht?’
,Nein, ich befinde mich ganz wohl.’
, Und Sie fragen mich nicht um Rath?’
,Nein, ich bin nicht wahnsinnig.’
Bei dieser letzten Antwort hörte ich ein verhaltenes
Lachen unter dem Hute der Zigeunerin. Sie nahm eine
kurze Pfeife aus der Tasche, zündete sie am Feuer an und begann keck zu rauchen.
,Wenn ich wollte,’ sagte sie dann zu mir, ‘könnte ich Ihnen beweisen, daß Sie frieren, daß Sie krank und nicht recht bei Verstande sind. Allein das ist nicht meine
Sache. Lassen Sie Ihre Hand sehen.’
‘Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich
nicht erschrecken.’
‘Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich
kann damit nichts anfangen.’
»Ich habe es mir gedacht,’ versetzte ich.
‘Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
gen selbst. Knieen Sie also nieder und richten Sie
den Kopf empor!’
Ich that ohne Zögern, wie mir befohlen wurde.
‘Ich lese hier,’ fuhr die Wahrsagerin fort, ,viel
Kummer, aber noch mehr Langeweile. Während alle diese Leute im Salon an Ihren Augen vorüberziehen, wie die Figuren einer Zauberlaterne, ist Ihr Herz weit von ihnen entfernt, Sie nehmen nicht den geringsten Antheil
an diesen menschlichen Schatten.
»Es ist wahr,’ rief ich unwillkürlich..
‘Sehen Sie wohl, ungläubiges Fräulein? Aber dies wirklich alten Personen? Ist nicht eine unter ihnen, die Sie mit neugierigem Auge betrachten und an der Sie einziges Interesse nehmen? ... Und wenn ich
sage Person, so sind es vielleicht zwei.’

Ich war überrascht und fühlte mich unbehaglich diesem wunderlichen Geschöpf gegenüber.
"Sprechen wir nicht von der Gegenwart," sagte ich zu ihr, "die Gegenwart ist nicht Sache des Prophezeihens,
sondern des Spionirens. Sie beschäftigen sich damit, in die Zukunft zu blicken; wie wird die meinige sein?"
"Ihre Zukunft ist zweifelhaft. Ich weiß nur, daß
Ihnen das Schicksal ein großes Glück vorbereitet. Ich
weiß dies, weil ich es dabei thätig gesehen habe. Werden
Sie dieses Glück benützen? werden Sie es zur rechten
Zeit erfassen? ... Dies weiß ich nicht, es ist das Problem, dessen Lösung ich suche. Bleiben Sie auf den Knieen!"
"Das Feuer thut meinen Augen weh ... halten
Sie mich nicht länger zurück."
"Nur einen Augenblick noch," erwiderte die Wahrsagerin, die fortwährend auf ihrem Stuhle sitzen blieb,
ohne ihr Gesicht dem meinigen zu nähern, und der es ein
besonderes Vergnügen zu machen schien, diese Scene zu
verlängern.
"Der Wiederschein der Flamme," sprach sie halblaut weiter, "spiegelt sich in diesem Blicke, in diesen wie der Morgenthau glänzenden Augen ... Sie lächeln über mein
Kauderwelsch ... sie beleben sich flüchtig und die Empfindungen des Herzens sprechen abwechselnd aus ihnen. Sobald sie aufhören zu lächeln, werden sie traurig ... sie
wenden sich jetzt ab und entziehen sich meiner Beobachtung
... sie wollen sich täuschen, indem sie über mich und meine Entdeckungen spotten ... ihr Ausdruck wird stolz und höhnisch, um die Traurigkeit und Reizbarkeit
nicht blicken zu lassen, welche ich errathen habe. Wahrhaftig, diese Zurückhaltung gefällt mir ... das Auge ist günstig. Auch der Mund ist beweglich und elastisch, zum Sprechen und zum Lächeln geschaffen und hat keine ungünstige Bedeutung. Nur die Stirn ist feindselig und im Stande Alles zu verderben. Diese Stirn scheint zu sagen,
daß man sich, wenn es sein müßte, zu völliger Einsamkeit verurtheilen und seine Seele nicht gegen ein wenig Glück vertauschen könnte; daß man mitten im Stürme
der Leidenschaft die freie Herrschaft über sich selbst behält
und lieber der friedlichen Stimme des Gewissens Gehör
schenkt. Wohl denn, gesegnete Stirn! wir werden Deinen
erklärten Willen achten. Wir haben unsere Pläne, die
mit der ewigen Gerechtigkeit, mit der Stimme her Vernunft im Einklange sind. Wir werden uns wohl hüten, in den Becher des Glücks das kleinste Theilchen von Scham oder Reue zu werfen. Keine Opfer, keinen Kummer, kein zerstörendes Unheil! ... Beschützen und nicht verführen. Keine Thräne soll vergossen werden, nur ein
heiteres Lächeln und eine reine und heilige Dankbarkeit soll
der Lohn sein. Ach, wie süß ist dieser Augenblick! warum
kann ich den Wellenrausch desselben nicht verlängern! ...
Aber wir wollen uns beherrschen, wir wollen so bleiben,
wie wir immer sein werden. Stehen Sie auf, Miß
Eyre und verlassen Sie mich. Das Stück ist zu Ende,
der Vorhang fällt."
Diese letzten Worte wurden mit einer ganz andren
Stimme, in einem ganz andren Tone und mit einer mir
bekannten Geberde ausgesprochen. Und doch konnte ich
mich noch nicht ganz, wie dies zuweilen bei gewissen peinlichen Träumen der Fall ist, von der eben gehabten Erscheinung losreißen. Die Wahrsagerin wendete sich indeß von mir ab und winkte mir, mich zu entfernen. Ihre
nach mir ausgestreckte Hand war jedoch eben so wenig
die einer alten Frau als die meinige die eines alten Soldaten.
Ein großer Ring blitzte überdies an einem der
feinen, weißen, aristokratischen Finger und auf den ersten
Blick hatte ich den Ring sowohl als auch die Finger
erkannt.
"Genug des Scherzes," rief jetzt Mr. Rochester,
indem er den Hut von sich warf und die Schnur des
rothen Mantels zerriß, so daß er herabfiel. "Sie zürnen
mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen soviel Thorheiten gesagt
habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige
sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch
mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit
und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt."
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß, er Recht
hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu
wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon?" fragte Mr. Rochester
in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, und ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
"Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder
hier angekommen ist?"
"Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein? ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?"
"Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten."
"Hat er seinen Namen nicht genannt?"
"Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre,
von Spanish-Town auf der Insel Jamaika."
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln
erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automats "Mason!
... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!"
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl?" fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane ein
fürchterlicher Schlag!"
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich," rief ich aus.
"Ich ja! ... wie früher ... wie immer, nicht wahr?"
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin," stammelte er
mit bebender Stimme und starrem Blicke, "ich möchte
allein mit Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von
allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von
diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre."
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer
Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann
wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem
unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane," sagte er zu mir, "gehen Sie
in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie
nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft
heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie
diesem ... Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn
erwarte ... führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns
dann allein."
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane!" rief mich Rochester nach.
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?"
"Was ich thun würde?" versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun?" wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn
ich die Kraft dazu hätte," erwiderte ich, während mir
schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber," fuhr er fort, "ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden
Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?"
"Ich ... ich glaube nicht."
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu
trösten?"
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände."
"Und wenn sie Sie wegen Ihrer Theilnahme an
meinem Unglücke verfluchten ?"
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht
zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies
kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich
aussetzen?"
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussehen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente.
Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran."
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und Thun
Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe."
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich
nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür
der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in, mein
Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon
längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen.
Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch
Rochesters Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason," sagte er, "Ihr
Zimmer ist dort."
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel
emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs
war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen
überdrüßig und ich stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte
sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein.
Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen
solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: "Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!"
"Kommt denn Niemand?" setzte die nämliche
Stimme bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens
und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm,welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte: -
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!"
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.


X.

Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und
ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon
im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die
Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was
giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause?
Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in dem halbdunkeln Gange, der
glücklicherweise hier und da vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schön, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.
"Wo mag nur Rochester sein?" rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; "ich finde ihn nicht in seinem Bett."
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!” versetzte die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit
ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
"Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen," sagte Rochester in einem heiteren Tone, der
mir etwas unnatürlich vorkam. "Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie
mich los ... ich bin ein gefährliches Thier."
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That "gefährlich" war. Aber er
unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
"Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, "nichts als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran ... und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren."
So nöthigte er Jedermann, halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte dies bereits gethan, ohne daß Jemand auf mich geachtet hatte.
Aber anstatt mich wieder ins Bett zu legen, vollendete ich meine angefangene Toilette. Ich hatte den
über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als
daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet
und auf Alles gefaßt war, setzte ich, mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster
und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich
angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine
Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür
ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir?" fragte ich.
"Sind Sie aufgestanden?" entgegnete die Stimme
Mr. Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf."
"Und angekleidet?"
"Ja."
"So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich."
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit
einem Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes," sagte er zu mir;
"kommen Sie mit mir. Beeilen Sie Sich nicht, wir
dürfen vor Allem Niemanden aufwecken."
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und
überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete
ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und
niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe.
Hier blieb er plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?" fragte er mich.
"O Ja."
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?"
"Ich habe etwas in meinem Zimmer."
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen
Sie mir diese Gegenstände."
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in
mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf.
Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit
einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen
sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen
Thüren, welche in die Dachkammern führen mußten.
Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein
dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht."
"Geben Sie mir Ihre Hand," versetzte er. "Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein."
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: "Es hat
keine Gefahr," eintreten.
Das Zimmer war mich nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen
das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen
vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester
stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen
und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges
Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die
ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder
zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane."
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen
waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer
seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als
Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen
und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen
Fremden, Mr. Mason. Ein einziger genügte
mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen
Seite ganz mit Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht," sagte Rochester zu mir
und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte.
Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das
leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten
Malen mein Riechfläschchen unter die Nase.
Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen.
Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des
Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie
hierauf.
"Ist die Wunde gefährlich?" fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht," erwiderte Rochester im Tone
leichten Vorwurfs; "eine ganz, unbedeutende Schramme.
Beruhigen Sie Sich also und kommen Sie wieder zu
sich, ich will sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen
früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,"
setzte er hinzu, "ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden
mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit,
das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn
er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck
Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riechfläschchen
unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen
Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache ich ebenfalls
darauf aufmerksam, daß Sie Sich durch Sprechen der
größten Gefahr aussehen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen."
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer
aus und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu
sein, sich nicht mehr zu bewegen; Es war, als hätte ihn
die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem
vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ
er das Zimmer und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur
durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt,
welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie
unvermuthet hervorstürzen konnte. ... Sie werden zugeben,
daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen
Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte
Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von
Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten
meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo
die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten
Gesichter zuwendeten, die von dem flackernden Scheine
des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde
erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige,
Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn
in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie
von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen,
das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust
kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem
entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden
Ingriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte
er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen
Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche
Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum
wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?

Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne
sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es
erschien keine Hilfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen
Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft,
immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen
seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch
meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr
meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und
schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während
unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben
könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich
es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges
den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens,
und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen
der nahenden Hilfe richteten meine Hoffnung wieder auf,
und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines
Schlüssels an der Thür, was meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche
Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei
Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben
ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt
hatte.
"Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, "wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte
zu bringen."
"Aber wird es sein Zustand erlaubend?"
"Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und
wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen.
Also eilen Sie."
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels
hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und
sagte zu ihm:
"Beruhigen Sie Sich und blicken Sie uns nicht
mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß
nicht die geringste Gefahr vorhanden ist."
"Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern," entgegnete der Arzt, "nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was
ist das?" setzte er hinzu, indem er den Verwundeten
näher betrachtete; "das Fleisch an der Schulter ist nicht
nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde
ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht ... ich
sehe deutlich die Spur von Zähnen!"
"Sie hat mich in der That gebissen," erwiderte der
Kranke; "sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als
ihr Rochester das Messer entrissen hatte."
"Sie hätten Sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,” versetzte Rochester.
"Konnte ich es denn?" entgegnete Mason in kläglichem Tone. "O, es war gräßlich!" setzte er schaudernd
hinzu. "Und wie hätte ich so etwas erwarten können?
sie schien so ruhig zu sein."
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie Sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben
sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit,
mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.”
"Ich dachte, es würde so gerade am besten sein."
"Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch
ich sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre
Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen,
daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon.
Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf,
wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen."
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch
an einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß,
- wie es scheint."
"Ja," sagte Mason, "sie trank mein Blut, sie
wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen."
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich
in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen
Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie
sollten Sich gar nicht mehr daran erinnern."
"Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen."
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen,
wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spanish-Town sind, werden Sie
nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken ... wenn Sie es überhaupt der
Mühe werth halten, noch an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht
je vergesse!"
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann,
Henry? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie
etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie
Sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und
jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine
Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen ... Jane wird uns dabei
behilflich sein."
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der
That nach einander aus den Schränken und aus seinem
Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel
gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter
unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den
Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den
Füßen zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn
Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus
einem Schubfache seines Sekretairs geholt hätte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten
hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache geht gut," sagte Rochester dann, "und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, auf
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, daß der ganze Vorfall
unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor
Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe
nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten
Sie mir ... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter
... öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges
und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder
vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon
verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm,
daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf
der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon
zu benachrichtigen."
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und
während die Herren langsam hinabgingen -- denn Mason
war noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam
und blickte mich überall um. Aber es rührte sich
nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die
Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da
ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren
weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das
Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesen Geräusch wurde die
kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei Sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Wie ist Ihnen jetzt, Henry?"
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig."
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!"
"Fairfax!" rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?"
"Sorgen Sie dafür, das sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht ..."
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun," erwiderte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.

XI.

Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt
waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um
sie zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren
Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem
neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte;
den ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern,
daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester,
dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem
er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften diktierte,
aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen
Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig
befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene
und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram,
fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre
süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir
vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe,
sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als
mein Zögling Thornfield früher oder später, würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mr dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:

‘Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines
Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode men Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame etc. etc.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.”

Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
‘Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typhus gestorben sei.’
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manden dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen, wenn ich nicht ire, ausführlich erzählt habe.

Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.

Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antworte ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen BLicke, ‘mit dem man nicht wußte, was man machen sollte’, wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebende die Entfernung? Was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer oder Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! Nie hatte ich ihn so sehr geliebt!
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten.

Hier wandelte ich einige Zeit vor dem Hause auf und ab, aber der Geruch einer Cigarre deren Rauch aus einem Fenster der Bibliothek kam, und eben so auch die verdächtige Art, mit welcher der Laden dieses Fensters nur angelehnt, aber nicht geschlossen war, brachten mich auf den Gedanken, daß ich belauscht werde. Ich flüchtete mich daher in den Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube ins Freie. Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.

Als ich unter dem schützenden Laubdache ankam, verspürte ich abermals den feinen Tabaksgeruch, der mich schon aus dem Garten vertrieben hatte, und der sich mit dem Dufte der Blumen vermischte.

Es ist wirklich die Cigarre Mr. Rochesters; ich muß mich also augenblicklich entfernen. Ich gehe auf die in die Baumschule führende Thür zu, aber ich sehe, daß Rochester hineingeht. Ich schlüpfe seitwärts und er eine mit Epheu umrankte kleine Nische, überzeugt, daß er nicht lange hier bleiben und bald ins Haus zurückkehren wird, jedenfalls aber mich in diesem Versteck unmöglich sehen kann.

Ein geflügeltes Insect flog summend an mir vorüber und ließ sich zu Rochesters Füßen auf das Gras nieder.

‘Kommen Sie doch, Jane,’ sagte er zu mir, indem er sich bucket, um es zu betrachten, ‘und sehen Sie dieses Thier.’

So einfach diese Worte an sich waren, so erschrak ich doch heftig über sie. Wie konnte er mich gesehen oder meine Gegenwart vielmehr errathen haben, da ich nicht das leiseste Geräusch gemacht hatte?
Ich trat indeß näher und er fuhr in dem nämlichen Tone fort:
‘Sehen Sie nur seine Flügel . . . es erinnert mich wahr an die Schmetterlinge Westindiens. In England sieht man nicht häufig Nachtvögel von so prächtigen Farben. Da fliegt er wieder fort.’

Der Schmetterling entfloh nach den Bäumen zu. Da ich es für sehr zweckmäßig hielt, seinem Beispiele zu folgen, so ging ich auf das Pförtchen zu; allein Rochester kam mir nach und sagte zu mir:

‘Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht eine Schande, sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählte man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Monde gegenübersteht.’

Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so Ernst und väterlich, daß mich meine eigene Verlegenheit in Verlegenheit brachte. Das Böse, wenn überhaupt etwas Boses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mir lediglich in meine Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.

‘Jane,’ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ‘im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?’
‘Ganz gewiß.’
‘Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angebotenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.’
‘Sie irren Sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.’
‘Noch mehr; Sie haben ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?’

‘Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene Weise.’
‘Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich von ihnen trennen müßten?’
‘Gewiß.’
‘Alle Schade!’ rief er mit einer Art von Seufzer. ‘Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir der ersehnten Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.’
Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise, fortsetzen und Thornfield verlassen muß?’
‘Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.’


XII.
‘Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.’
‘Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.’
‘Sie wollen sich also vermählen?’
‘So ist’s’ Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.’
‘Und ohne Zweifel bald?’
‘Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane; wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um wieder einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Character meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.’
‘Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken lassen. Einstweilen denke ich . . .’
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
‘In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,’ fuhr Rochester fort, ‘wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.’
Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie sich um meinetwillen bemühen . . .’
‘Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.’
‘Ist es sehr weit von hier?’
‘Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.’
‘Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann trennte mich das Meer . . .’
‘Wovon, Jane?’
‘Von England . . . von Thornfield . . . von . . .’
‘Nun? Vollenden Sie!’
‘Von Ihnen, Mr. Rochester.’
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen konnte.
‘Es ist in der That wahrscheinlich,’ versetzte er, ‘daß wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wiedersehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?’
‘Ohne allen Zweifel.’
‘Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.’
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
‘Jane,’ began er nun wieder, ‘es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke gibt, wo es mir scheint, als stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch was sage ich? . . . Sie werden mich bald vergessen!’
‘Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .’
‘Jane,’ unterbrach er mich, ‘hören Sie in dem fernen Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?’
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
‘Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?’ fragte mich Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all’ mein Widerstand.
‘Ja,’ rief ich aus, ‘ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.’

‘Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?’ fragte er mich plötzlich.
‘Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.’
‘Unter welcher Form denn?’
‘Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.’
‘Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe keine Braut.’
‘Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?’
‘Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!’
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
‘Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?’
‘Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.’
‘Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne alles Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen . . . und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen, besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, … denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.’
Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,’ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. ‘So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.’
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
‘Nein,’ sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen, ‘nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir Erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!’
‘Nach Irland, Jane?’
‘Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.’
‘Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.’
‘Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses Willens, um mich von Ihnen zu trennen.’
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
‘Es sei denn,’ entgegnete er mir; ‘Ihr Wille allein mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und Ihnen Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.’
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen davon geben könnte.’
‘Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .’
‘Und doch ist nichts ernster, als das,’ fiel er ein. ‘Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.’
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
‘Kommen Sie an meine Seite, Jane,’ sagte er endlich, ‘dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?’
Ach! Ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
‘Ihre Braut steht zwischen uns,’ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und war mit Einem Schritte neben mir.
‘Meine Braut ist hier!’ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. ‘Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?’
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Sowohl sie als auch ihre Mutter haben mich gut aufgenommen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.”
“Ist dies wirklich wahr?” rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; ‘ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.’
‘Warum?’
‘Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.’

‘In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.’
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
‘O Jane!’ rief er nach einer kleinen Pause, ‘hören Sie auf, mich so zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.’
‘Sie drücken nichts aus, al seine innige Dankbarkeit und ich sehe nicht ein . . .’
‘Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.’
‘Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?’
‘Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!’
‘So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin sein will!’
‘Dann komm an mein Brust, und dies Mal ohne Frucht!’ Dann setzte er mit leiser, bebender Stimme hinzu, seine Wange an die meinige gelegt und den Mund an meinem Ohre: ‘Wie glücklich werde ich durch Dich sein! . . . und ich will mein ganzes Leben nur Deinem Glücke weihen. Gott verzeihe mir!’ fuhr er nach einer kurzen Pause fort, ‘Niemand soll sie mir wieder entreißen, . . . jetzt ist sie mein und bleibt mein!’
In dem entschlossenen Tone, mit welchem er diese letzten Worte sprach, lag ein Ausdruck, vor dem ich erschrak.



XIII.

Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub des Lorbeerbäume bewegte.
“Wir müssen in’s Haus gehen,” sagte Rochester, “denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!”
“Und ich nicht minder!” dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es began in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Uhr.
“Lege rasch Deine nassen Kleider ab,” sagte Rochester zu mir, “und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht, mein Engel!”
Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühlte oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in’s Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinen Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine “Schönheit” sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen – sie sind grün, wie Sie wissen, liebe Freundin, -- sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewillige mir keinen Tag mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
“Du vergissest,” sagte ich zu ihm, “daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.”
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte, Dagegen berührte er eine empfänglicher Saite in mir, indem er von den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?

“Außerdem will ich,” setzte er hinzu, “daß Du noch diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz gestimmt versuchen.”
“Nun wohl,” sagte ich lachend, “mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.”
“Jane, Du bist ein böses Kind!” rief Mr. Rochester, “doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.”
“Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde . . .”

Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
“Denke an Eva und Psyche,” sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; “Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.”

“Kann ich wenigstens wissen,” entgegnete ich, “warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebst.”

Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.

“Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,” erwiderte er, “daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? Und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein wollte?”

“Welch’ eine armselige Berechnung! Und wie erniedrigt sie Dich in meinen Augen! Du stehst jetzt tiefer als ich. Doch, lassen wir das. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in Unkenntniß bleibt.”

“Verstehen heißt gehorchen,” versetzte Rochester, indem er absichtlich die Formel der orientalischen Sklaven anwendete. Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.

Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die Stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
“So ist Alles vortrefflich,” sagte sie endlich, “und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden haben, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht ..”

“Davon wollen wir nicht mehr sprechen,” rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, “da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.”
“Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.”
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.

Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemütigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.

Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber funfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.

Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
“Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?” fragte er mich bei unserer Ankunft.
“Nein, dafür muß ich danken.”
“Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?”
“Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .”

“Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.”
“Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.”
“Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.”
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindlich erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.

Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelsperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel; schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Vergnügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.

Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn, wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.

Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Idol geworden. War es nicht gerecht, daß mich Gott dafür bestrafte?


I.

Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung man gekommen.
Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten
mein kleines Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich
mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß
Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Außenbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den dazu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester nahm mich bei der Hand, warf einen forschenden Blick auf meinen ganzen Anzug und sagte, ich sei schön wie eine Lilie; dann schellte er nach dem Frühstück. Dem eintretenden Bedienten befahl er nochmals ausdrücklich, dafür zu sorgen, daß der Wagen in Bereitschaft stand, wenn wir aus der Kirche zurück kamen.
Die Koffer sollten aufgepackt, der Kutscher auf seinem Bocke sein und dieser Befehl wurde in dem entschiedensten Tone gegeben.
Währenddem frühstückte ich zum Schein, aber es, war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im
Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es
war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog
und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine
Minute Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der
Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte! Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester Vorsatz sprach, ein mich unbekanntes Hinderniß um jeden Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Odem war.
Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er zu mir. Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben,
Jane ... stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen, den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier fremder Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zu gingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel
bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen
war, und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth, bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen
sollte; dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...."
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen,
welches dieser feierlichen Aufforderung folgt unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen
Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn
zu fragen: "Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an?" sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
"Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick,
als wäre der Boben unter seinen Füßen gewichen. Allein
er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!"
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, das sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.

Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte."
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung.
Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und
streng, als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und
welch ein wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem
Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß?" fragte endlich Mr. Wood;
"ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den
Arm auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache
war ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck
von innerer Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei
einer Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz
einfach in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester
hat eine Frau, die noch am Leben ist!"
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte: Mein Blut empfand die Wirkung
derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte ohne des
Feuers empfunden hatte. Es gelang wir indessen mich vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne
Maske; seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen.
Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
Ohne zu sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte, legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an seine Seite.
"Wer sind Sie?" fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich heiße Briggs und bin Advokat in London."
"Und Sie wollen, mich mit dem Geschenk einer
Frau beehren?"
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt."
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer
sie ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?"
"Allerdings, mein Herr."
Der Advokat zog gelassen ein Papier aus seiner
Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen
halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard
Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft
*** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft ***
England, am 20.October 18.. (vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha Antoinette Mason,
Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu
Spanish-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern
der genannten Kirche. Gegenwärtigem liegt eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,’ versetzte Rochester, so beweist sie höchstens nur, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.”
"So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!” rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte.
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.”
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Der zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der
Schulter des Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohenden Ausdruck Alles befürchten ließ. Ich möchte ihn mit einem Vulkan vergleichen, dessen bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe
Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm ... und ich glaubte
diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung
löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn
Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur
sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?”
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm
zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem Tone, daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?"
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu, "sagen Sie Alles, was Sie wissen."
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall.
sagte Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr
Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen."

"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt."
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen."
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der
Messediener), Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und
Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber
das Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am
Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat
und sein Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte?
Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte?
... Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren
geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den
Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den
übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter
und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des
Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu
warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war;
man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der
Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie
daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich
der Gatte Bertha Masons wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke
überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und
Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in
meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein
Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten.

Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, so mußte sie von dem Allen eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood; Sie war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewißenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Witwenstandes
überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
"Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; "ich reise heute nicht ab."
Mistreß Fairfax, Adela, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. "Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr,
sie kommen fünfzehn Jahre zu spät."
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf,
bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
"Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?” fragte Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone.
Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür
des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem
Casserol in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen.
Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Arc von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige,
ein Geschöpf ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab ... dies war die rechtmäßige Gebieterin des
Schlosses.

II.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich.
Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten
Raubthiere nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole, fragte Mr. Rochester, "wie geht es hier diesen Morgen?"
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie Ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; "sie brummt
nur ein wenig, das ist Alles."
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
"Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester," sagte Grace Poole, "bleiben Sie nicht hier."
"Nur einige Minuten."
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht ... um des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!"
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur," sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, sie hat hoffentlich kein Messer, und ich bin auf meiner Hut."
"Wer weiß?" entgegnete Grace, "sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!"
"Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faste ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen.
So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem
Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er
wollte sie nur bändigen, und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände fest, die er von Grace Poole binden
ließ, und band sie dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne sich an ihr fürchterlich
Geschrei und an ihn Sträuben zu kehren.
Als diese Operation beendigt war, wendete er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und
hier ist Die," setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, "deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und freundlichen Blick mit jenen von Blut
unterlaufenen Augen, diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namendes Evangeliums, und Sie, Herr Advokat, im Namen des
Gesetzes, auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.
Wie ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben,
und als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es gewiß nicht, Miß. Ihr Oheim wird die nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Masons Zurückkunft nach Madeira noch am Leben ist."
"Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie ihn denn?"
"Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch, daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise
nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in
Madeira aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte
Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilung führte
zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren
Folge Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück -- und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte
eben so denken als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen, ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu
verhindern, an welchem Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke
ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich,und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben
hatte, nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war soruhig, daß ich mich über mich selbst wunderte, sondern
um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen,das ich bisher täglich getragen, und das ich am vergangenen
Abend für immer abzulegen geglaubt hatte.

Schwach zu und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl. Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte
den Kopf in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin. Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis
jetzt, ohne selbst einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen,
den erschütterndsten Scenen beigewohnt, denen rasche
Aufeinanderfolge mich fast betäubt hatte. Jetzt, da ich
mich sammeln und mir von Allem, was ich gesehen und
erfahren, Rechenschaft gehen konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte
Worte, wenige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen,
ein Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis
zu Gunsten seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft,
um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind,
was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung
eines emporsteigenden Gestirne sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Nach dem äußeren Anscheine zu urtheilen,
war ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen.
Und doch, wo war die frühere Jane Eyre? Wo war das, was ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die glühende Hoffnung, welche seit einem
Monate die ganze Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und um dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr
Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, am welchem eine eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen
Früchte und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgibt und ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und man wird eine ohngefähre Idee von dem Zustande meines Innern hoben. Die theuersten Wünsche meines Herzens, gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer zerstörte und todte Gedanken.
Meine Liebe, diese Liebe, welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt in der Tiefe meines Herzens
wie ein kranke Kind in einer Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Mr. Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.

Meine Augen hatten sich endlich geschlossen, und die
mich umgebene Dunkelheit vermehrte noch die Verwirrung meine Gedanken. Gänzlich mir selbst überlassen
und unfähig der geringsten Anstrengung, schien es mir, als läge ich in dem ausgetrockneten Bette eines Waldstromes; ich hörte das drohende Wasser heranstürmen und hatte nicht die Kraft, mich zu erheben und zu fliehen.
Ich konnte höchstens in diesem Schiffbruch aller meiner Wünsche und Vorsätze ein Gebet ohne eigentlichen Zweck
und ohne Inbrunst zum Himmel senden.
Doch ich vermag diese herbe Stunde nicht zu schildern, und will es daher nicht weiter versuchen.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich
zum Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten,
welche sie mir auferlegte, zu bringen. Die Notwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen
Gräßlichkeit, und trotz der Ohnmacht meines Willens,
gegen den die spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft
ankämpften, welche ihre Illusionen überlebte, fühlte ich
die Unerläßlichkeit einer gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mich das Herz zusammen, als
sich daran dachte, daß ich schon seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war, ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die kleine Adele, noch
er zu mir gekommen war, um sich nach mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme zu sagen. Ich
trocknete so gut als möglich die Thränen, welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür, schob
den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus; aber
bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen,
aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der
Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines
Zimmers sitzend, erwartete.
"Endlich!" sagte er zu mir; "ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so konnte ich es nicht länger
ertragen und würde diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen
wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen.
... Wie, Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort,
"hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich?
Du bleibst unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe, und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?... Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert, das von seinem Beste aß, aus seinem Glase trank und das er an seinem Busen erwärmte.
Die Reue und Verzweiflung dieses Menschen ist nichts
gegen die meinige. Wirst Du mir nie vergeben?"
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe
Freundin, wenn ich Ihnen sage, daß die diesem Manne,
der mein Unglück war, auf der Stelle und ohne mich
einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen
drückten eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen Benehmen, in seiner Sprache und in seiner
Haltung einen so wahre uns dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß ich ihm, nicht mir Worten, oder
durch einen Blick, oder durch ein Lächeln, wohl aber aus
dem Grunde meines Herzens vergab.
Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine
Schwache versunken.
"Sprich, geliebtes Kind!" fuhr Rochester fort;
"sprich mit mir, wäre es auch nur, um mit zu fluchen!"
"Ich kann nicht ... ich bin krank... ich möchte
ein wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in
seine Arme und trug mich hinunter in's Erbgeschoß; in
in welches Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte
nur, daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten
und daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte kehrten so allmählig zurück, und ich konnte
mechanisch einige Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich sah nun, daß ich mich in dem
Bibliothekzimmer und in dem Arbeitslehrstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, "ohne zu große Schmerzen aus dem Leben gehen könnte .. bevor
ich mich von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen
müßte!"
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden sich seiner Brust einige unartikulierte, schmerzliche
Laute; dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher, kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte
sich zu mir herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß seine Liebkosungen mir nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
"Ja, ja, rief er aus, es ist die Gatte Bertha Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hältst
Du mich denn wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der
Strom Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen
hervorbrechen. Du willst von keinen Erklärungen, von
keinen Vorwürfen, von keiner Scene irgend einer Art
etwas wissen.... Du hältst es für unnöthig, zu sprechen,
und denkst nur darüber nach, was Du thun sollst.
O, ich kenne Dich! ... und ich bin auf meiner Hut!"
"Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte ...
Die Stimme versagte mich, und ich mußte innehalten.
"Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht
entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet,
sinnest Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet,
und deshalb willst Du mich fliehen, willst meinen Liebkosungen
ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's
Gouvernante hier zu bleiben und die geringsten Beweise
meiner Liebe als eine Beleidigung, als eine Gefahr von
Dir zu weisen. Habe ich es errathend?
"Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten."
"Du hast Recht, auch ich habe schon daran gedacht; ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in
diesem Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns enthält. Ich könnte und hätte schon längst das
fürchterliche Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern Ort versetzen können. Aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses Schloß würde mich zu schnell
und zu sicher von der Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet. Einem Jeden seine Laster; ich
würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am
meisten hasse.
"Sie sind unerbittlich," rief ich aus, "unerbittlich
gegen ein Unglück, das nur Mitleid verdient!"
"Jane, meine Heißgeliebte (Du bist es noch immer,
warum soll ich Dich also nicht so nennen?), Du thust
mir Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn
Du wahnsinnig wärest?"
"Allerdings."
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich
fähig bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in
Dich, das ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil
meiner selbst. Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und
sollte er auf irgend eine Art zerrüttet werden, so würde er
es dennoch bleiben, In Deinem Delirium würden Dich
keine andern Bande fesseln, als meine Arme, und wenn
Du Dich auf mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen,
so würde ich Dich mit einer eben so zärtlichen als
unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe
ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach
von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield, dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen
Fenster sämmtlich vergittert werden sollen, und wo Mistreß
Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mir
meiner Frau bleiben wird. Dich, Jane, lasse ich keine
einzige Nacht mehr an diesem traurigen Orte. Es ist
Alles zur Abreise bereit, und ich weiß eine Zufluchtsstätte,
wohin die schmerzlichen Erinnerungen und selbst die Verleumdungen
dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht
dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche Abgeschiedenheit
ist nicht gut für verwundete Herzen."
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen
sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst
Du mich jetzt?"

III.
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich
mich, mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten,
und dies war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber, wie die, welche aus Rochesters Worten
hervorzuleuchten begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob
seine Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte
mich mit einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich
wendete bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer,
und bemühte auch nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen
ruhig zu scheinen.
"Das ist der tust im Charakter meiner Jane, sagte
er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet hätte.
"Bis hierher ließ Ich die Seidendocke ziemlich leicht abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgnis und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen,
in die ich mich verwickeln werde?”
Er begann von Neuem umherzugehen, dann blieb
er wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören ...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt anwenden.”
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge
waren die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich
sah deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der
Verlängerung des unerträglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen,
und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche
uns Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes,
einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem
Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden
Abgrund am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten sah.
Uebrigens hielt ich mich noch für stark genug, um mich
nicht werfen zu lassen. Ich nahm die zusammengeballte
Hand Rochesters, brachte die Finger in ihre natürliche
Lage und sagte in dem versöhnlichsten Tone:
"setzen Sie sich; wir wollen so lange zusammen sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühl, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit dem Beginn dieser sonderbaren Scene gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm waren, um so besser für mich. Ich weinte also,
ohne mich zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den Knieen und bat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich
erst dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte er seinen Kopf auf meine Schulter legen,
aber ich duldete es nicht Er wollte mich an sein Herz
ziehen: der nämliche Widerstand von meiner Seite.
Jane! Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
echten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich
nie geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem
Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten?
Und jetzt, da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann,
stößest Du mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als
wäre ich ein häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich
nichts auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte,
allein er verletzte mich zu tief, um mir nicht in fast unwillkürliches Geständniß zu entreißen.
Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je
zuvor. Prägen Sie es sich wohl ins Gedächtniß ein,
denn es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem Munde hören.
"Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du
beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können,
und mir täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und
Abneigung zu begegnen?
"Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß,
mich einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie
nicht wieder in Zorn.
"Was schadet es Dir?... hast Du nicht das Talent, Thränen zu vergießen?

Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen? ... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser
zu benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten
Gedanken, Jane; nicht von mir, nur von Thornfield
mußt Du Dich trennen. Hier kannst Du nicht sein, was
Du werden sollst: meine theuere, geliebte Gattin. Aber
ich besitze im südlichen Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende Villa mit schneeweißen Mauern.
Dort wirst Du glücklich, frei und unschuldig leben.
Fürchte nicht, daß ich Dich je zu etwas verleiten werde,
was Du als einen Fehltritt betrachten könntest; glaube
nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je
daran gedacht habe, Dich zu meiner Geliebten zu machen.
Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane,
und sei verständig, wenn Du mich nicht wahnsinnig machen willst?
Seine Stimme und seine Hände zitterten von
Neuem, seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte
ich es, ihm zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte,
wie Sie es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies
wissen Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so hieße dies der Wahrheit spotten.

"Jane, Du vergißt, daß ich kein pheginatischer
Mann bin ... es fehlt mir an Geduld ... ich habe weder
kaltes Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid
für mich, aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger
an meinen Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine
Adern rollt... und schone meiner!

IV.
Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn
durch einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm
nachzugeben. In dieser bedenklichen Lage that ich, was
alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß
thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester.
Sie glaubt, ich bin verheirathet ... muß ich sie nicht
zuerst enttäuschend Wenn sie Alles weiß, was ich weiß,
dann wird sie auch denken wie ich, Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke
mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit
anhören können?”

"Stunden lang, wenn es sein muß.”
"O, ich bedarf nur einiger Minuten.”
Rochester erzählte mir ausführlich alle näheren Umstände seiner Verbindung mit Bertha Mason. Es war
eine schmerzliche Erzählung. Um einem älteren Sohne alle Besitzungen der Rochester zu sichern, hatte sein Vater
den jüngeren mit einem reichen Mädchen verheirathen wollen. Mr. Mason, der Vater Bertha's, gab dieser
fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgift, und dieser Umstand entschied die Verbindung. Als der junge Rochester die Universität verließ, wurde er nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, er werde dort eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und
dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen
Erbin, denen der Name und der gesellschaftliche Rang der
Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein
schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen
Mann zu fesseln, Seine Sinne, sein Stolz und sein jugendlicher Ehrgeiz wurden zu gleicher Zeit angeregt. Er
sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen
umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte. Durch tausend
wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze
Schönheit überhäuft wurde, heirathete er sie, ohne sie zu
kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man ihm von der Existenz seiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden seine, Illusionen bald zerstört. Wenige Tage waren hinreichend, damit er zu seinem tiefen Schmerze die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die er zur Gefährtin seines Lebens erwählt hatte. Er fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen
zeigten ihm die Zukunft in der drohendsten Gestalt, und seine neue Familie als unwürdig seiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein.
Mr. Rochester kämpfte vier Jahre lang, indem er seinen
tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen, und die zügellosen, entehrenden Neigungen seiner unwürdigen Gattin
zu verändern, oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ohngeachtet aller Anstrengungen Rochesters entwickelten
sich die Laster, dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit.
Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen, und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich
von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und der unglückliche Mann sah sich einem Schicksale Preis gegeben, das ihm die Habsucht seiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und seine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Nachdem er eine Zeit lang mit der Idee umgegangen war, sich das Leben zu nehmen, gab er diesen Vorsatz wieder auf und kehrte nach Europa zurück, um seine Frau
nach Thornfield-Hall zu bringen und sich durch weite Reisen von dem Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem so leicht hinzureißenden Charakter, und namentlich bei
dem Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen Mann überallhin verfolgte, war es wohl
nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu zu bleiben. Darum entstanden eine
Menge von Verirrungen, welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen nicht nach rohen Genüssen,
sondern nach einer Liebe, welche der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und immer getäuschtes Hoffen
und Trachten; es waren Schätze von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet
wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder, auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Coline Varens und die Geburt Adeles bildeten die ergreifendste Episode dieses traurigen Zeitraumes, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die uns glücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre, daß, wenn ich nicht unter was für einem Vorwande hätte vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugehen hoffe.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mich zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:

"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte den Mann, der mich so lebte, und auf diese Liebe, auf mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte: Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige.”
“Herr Rochester,” erwiderte ich, “ich werde nie die Ihrige!”
Es erfolgte eine lange Pause.
"Jane,” hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam
mir vor wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen; Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.”
"Jane,” versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinem Arme umschlang, “willst Du es auch jetzt noch?”
“Ja.”
"Und jetzt?” . . . Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich' noch nie an ihnen bemerkt hatte.
Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen,
jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die
mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken
sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
"Einen Augenblick, Jane! Stelle Die das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu, den, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige.
"Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst, leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden
werden.
"Du willst also nicht nachgeben?”
“Nein.”
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe
und mit Fluch beladen sterbe?”
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender Donner.

"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben,
und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben.
Ueberdies werden Sie mich vergessen…”
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich, Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu
mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten …”
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit,
Meine Ueberzeugung und nein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet worden, waren nahe
daran, mich ins Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner, Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis
zu geben, welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben
konnte? Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn? sagte mir
eine innere Stimme. Sage, ihm, daß Du ihn liebst
und daß Du ihm ganz angehören willst! Wer kümmert sich denn in dieser Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen Fehltritt begehst?
Aber vom Himmel herab vernahm ich die unwiderlegliche Antwort: Ich selbst muß mich um mich kümmern.
Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und Schützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das
Gott gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei
denen mein Herz klopft, meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch meine Adern rollt? Nein, was ich geglaubt, was fromme und würdige Frauen mich
gelehrt haben, das allein ist die Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß, auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand.
Was auch daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad erreicht, und er maßte ihn erliegen. Er durchschritt das Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...

V.
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher, der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht. Dieser untrügliche Dolmetscher ist der Blick,
Meine Augen erhoben sich bis zu denen Rochesters und
während ich sie auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand
sich meiner Brust ein unwillkürlicher Seufzer
Seine wilde Umarmung verursachte mir einen wirklichen
Schmerz und meine Kräfte begannen mich zu verlassen.
Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner
Hand keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr (ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich
könnte sie mit meinem Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen, wenn ich sie knickte und zerträte?
Man sehe dieses feste, entschlossene Auge, man denke an
diesen unergreifbaren Geist, dessen unerschrockenen Willen, fürchtlose Unabhängigkeit und mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner Hülle kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn erreichen?...
Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe, wird er freier aus demselben hervorgehen als je. Ich kann mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin wohnende
Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest
Du Dich an meinen Busen flüchten, wie der frierende
Vogel am die erwärmte Mauer. Aber dazu bedarf es
Deines Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich
zu zwingen, so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige
Essenz aus der Hand, welche ihren Duft festzuhalten
glaubt... O, Jane! wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Wort sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich
verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert, ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und
mußte ich nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein wahnsinniges Flehen vermag
nichts über Dich?...
"Ich will es nicht versuchen, Ihr den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in
seinem Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können,
welches Muthes es bedurfte, um in festen Tone zu
wiederholen: Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"o geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich; daß Du mich hier allein und elend zurücklässest.
Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege
dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden
an Deinem Geiste vorüberziehen... denke an mich!

Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das
Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit
von Schluchzen erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe... mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen in tiefer
Seufzer.
Ich stand schon auf der Schwelte der Thür... und doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse, sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von
den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte
meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend
sein schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter,
sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut,
um sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze
diese Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus. ... Aber ich täuschte seine wahnsinnige Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ
ich das Zimmer.
Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und taufend Stimmen wiederholten
in meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!
Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen
würde; aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich
den Kopf auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor Tagesanbruch und im Juli sind die
Nächte bekanntlich nicht lang.
"Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht früh
genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf
mich einstürmte. Ich stand daher auf und meine Toilette
war bald beendigt, denn als ich mich auf mein Bett geworfen,
hatte ich nur meine Fußbekleidung abgelegt.
Dann suchte ich im Dunkeln in meiner Kommode ein
wenig Wäsche, eine Agrafe und einen Ring. Dabei,
begegneten meine Hände den Perlen eines prachtvollen,
Colliers, das Mr. Rochester einige Tage vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der chimärischen
Braut, die wie ein Traum verschwunden war. Aus dem
Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm meine
Geldbörse, welche zwanzig Schillinge, mein ganzes Vermögen, enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und
indem ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig
hinaus in den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adela! sagte ich mit einem Blicke nach der nursery, denn
ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein seines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser
Schwelle stand, die mein Geist so oft überschritten hatte,
flockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere
Male glaube ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu vernehmen. Und dar, hinter dieser schwachen Thür erwartete mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfacher
Worte zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie bis zum Tode Leben, bis zum Tode will ich
Ihre treue Gefährtin sein -- und eine Quelle der höchsten
Wonne hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.

Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Diesen Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte
nicht schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich war fort. Er ließ mich überall suchen ... vergebens! Er sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke.... Aber ich zog sie wieder zurück und entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden hatte,
wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit
Oel und eine Feder mit, um den Schlüssel und das
Schloß einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte. Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein
wenig Brot und trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht lange würde zu Fuß gehen müssen
und fürchtete, meine so heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines Planes nicht ausreichen. Dies
Alles geschah ohne das leiseste Geräusch. Ich öffnete die
Hausthür und verschloß sie wieder. Die Morgendämmerung
begann den Hof ein wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber ich wußte, daß eine kleine
Nebenthür in einem derselben nur von innen verriegelt
war. Durch diese Thür trat ich in's Freie.
Ein Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen
an eine Straße, welche nach einer Millcote entgegengesetzten
Richtung führte. Ich war noch nie auf
derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der
mir eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen
könnte. Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir
die geringste Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick
rückwärts oder vorwärts, in die Vergangenheit oder in die
Zukunft zu werfen ... in die süße, heitere Vergangenheit,
und in die dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis
die Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß
die Sonne an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte
Erinnerung habe ich nur davon, daß der Thau bald durch,
meine dünnen Schuhe drang und meine Füße kältete.
Alles Uebrige um mich her existirte nicht für mich. Der
Verurtheilte, welcher dem Tode entgegengeht, sieht die
Bäumen am Wege nicht, die, ihm zulächeln. Er denkt
nur an den Henkerblock, an das Beil, an den letzten
Sprung des abgeschlagenen Kopfes und an den dunklen
Abgrund, der ihn empfängt. Ich sah nichts vor mir,
als eine ewige Trennung, die öde Wüste, die ich von nun
an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz, den ich diesem
Manne als Vergeltung für seine aufopfernde Liebe

bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens bedurft,
denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der Verlassenheit
zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mich Widerhaken versehene Pfeil, den
ich vergebens aus meiner Wunde zu reißen verfuchte;
es war der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die
Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet;
es war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche
die Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt
und verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes,
der sich meines festen Willens, auf dem rechten
Wege zu bleiben, annahm und mir verbot, nach Thornfield
zurückzukehren; denn ich erinnere mich, daß ich
weinte, als ich mich immer weiter entfernte, und doch
schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über
die unwiderstehliche Gewalt erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung,
die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen

frische Feuchtigkeit allein mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten
fühlte ich mich wieder etwas gestärkt. Ich konnte
mich auf den Händen und Knieen ein, Stück weiter
schleppen, dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in
der Ferne erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer,
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen
sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo
Mr. Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte. Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig
Schilling. Ich bot dem Conducteur zwanzig, indem ich
ihm sage, daß ich nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr,
so nahm er das Gebot an und erlaubte mir sogar
aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des
Wagens einzunehmen. Ich stieg ein, die Thür wurde
zugeworfen und als der Wagen fortrollte, fühlte ich, daß
Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes
gleichen, hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden!
Möchte sie endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu empfinden haben, für den Mann, den sie mit
aller Kraft ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und die Verzweiflung zu werden!

VI.
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge
weit genug gefahren habe und hieß mich ganz wider
mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens
Whitcroß aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein
kleines Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von
Thornfield mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit
bemerkte, hatte die Diligence schon einen Vorsprung
von wenigstens einer Meile gewonnen. Es blieb
mir daher nichts Andres übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir diese Vervollständigung meines
Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren
nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der
Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen
Namen mehr oder weniger verdienen, und von denen die
nächste zehn Meilen entfernt ist. Daher sind sie auch
nicht frequent und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer
in der ganzen Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus nie
werden sollte, damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser
und die breiten Bänder der Straßen zu betrachten, die
sich in unabsehbare Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich
hatte keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken
konnte, mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung,
noch wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das nie
bis an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande
der Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken
an einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel einen Endpunkt
dieses grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war
noch lästig, hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt.
Ich setzte mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal
zu erschrecken, so oft der Wind das Gestrüpp bewegte

und mich die Annäherung eines entlaufenen Stieres, oder
eines Wilddiebes befürchten ließ. Meine Besorgnisse
wurden jedoch durch nichts gerechtfertigt, so daß ich mich
endlich beruhigte und über meine, Lage nachdenken konnte,
welche keineswegs tröstlich war.
Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen Ausdrücken
sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen
abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß sich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht
hoffen durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und
das ich mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest
meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige
Brombeeren, welche hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten,
und dieses kärgliche Mahl beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen Hunger. Nachdem ich sodann
mein Abendgebet gesprochen, streckte ich mich auf mein
Lager, das auf dem üppig wuchernden Heidekraute
ganz erträglich war Mein doppelt zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der Nacht, welche

übrigens besonders im Anfange, durchaus nicht empfindlich
war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte;
aber ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger
durch den Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels
wurde, machte mich endlich etwas ruhiger und ich
schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete
mich das Elend wie ein bleiches, nacktes Gespenst, das
neben mich saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete
jetzt das Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch
schwärmen sah, aus den sie ihre Nahrung sog, oder der
Eidechse, welche munter aus den Spalten des Gesteins
hervorschlüpfte. Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer
nicht gefallen hatte, mich während dieses Schlummers, in
dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden
gefunden hatte, von der Welt abzurufen. Da er
mich aber noch am Leben gelassen, so mußte ich auf die
Mittel denken, die Las meines Kreuzes weiter zu tragen
und meine Aufgabe zu vollenden. Ich brach daher wieder
auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, solange
meine Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß

ich dahin ging, wohin Gott mich rief. Als ich einen
Augenblick stehen blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm
ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte
nach der Gegend, woher das Läuten kam und bemerkte
hinter den Bäumen halb verborgen das Dach einer Kirche.
Zu gleicher Zeit sah ich auf dem Wege, den ich gekommen
war, einen mit Ochsen bespannten schweren Karren. So
erschienen mir das Gebet und die Arbeit, als die beiden
großen Heilmittel aller Nebel des Lebens, zusammen vereinigt.
Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt
gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir
verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand. Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes
für mich sein würde, wenn ich vor Hunger auf der
Straße dieses Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher
fragte ich mich sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, wofür
ich einige von diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte
nichts als das seidene Tuch, das ich um den Hals
trug, und meine Handschuhe. Aber wie sollte ich diesen
Tausch anbieten, und mußte ich nicht erwarten, daß er
mir abgeschlagen wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin

befand, kam mich sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch machen zu
können schien, was ich wünschte. Diese unpassende
Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr für möglich,
meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes
Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit,
um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick setzen
zu dürfen, indem ich mich mit meiner außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrüßlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen,
indem sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich
mich niederließ. Bald traten mir die Thränen in die
Augen; da ich aber fühlte, wie wenig sie hier an ihrem
Platze sein würden, unterdrückte ich sie, so gut ich konnte,
und fragte die Frau nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin
oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.
Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?

Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung
treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und
wie konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte
ich, ihre Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand
sich eine Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah,
daß mein Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich
daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. So
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke
am Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte
indessen meines Nachforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den übrigen abgesondert stehendes Haus, daß sauberer war und einen schönen Garten hatte, der in seinem

vollen Blumenschmucke glänzte. Die Tür war schneeweiß
und der messingene Hammer blitzte in der Sonne.
Dieses wohlhabende Aeußere zog mich an und ich klopfte
an die Thür, ohne noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses freundlichen Landhauses erwecken
könnte.
Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir.
Mit schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur
von einem hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten
Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht
ein Dienstmädchen gebraucht würde.
Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
Können Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden.
Ich wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge
Frau erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber
geben könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das
Dorf zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer
Entfernung ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler

Schatten mich anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so
matt und so hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkürlich in der Nähe menschlicher Wohnungen
festhielt. Ich ging daher wieder nach dem Dorfe zu,
um mich abermals zu entfernen, indem ich bald einem.
Gefühle von Stolz, bald der gebieterischen Nothwendigkeit
gehorchte, die mich mit ihren unbarmherzigen Klauen
zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte.
Ich kam sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich
sich zuerst an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie, ein gewisses Recht
auf seinen Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen
Muth, und indem ich alle meine moralische Kraft
zusammennahm, klopfte ich leise, nicht an die Hauptthür,
sondern an die der Küche. Eine alte Frau erschien,
welche mir kurz und trocken auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrwohnung?
Ja.
Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
Nein, er ist verreis’t.
"Verreis't! ... weit von hier?

"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirtchschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr
keine Handlung christlicher Milde zu hoffen war. Zum

Betteln aber konnte ich mich noch nicht entschließen; ich
schleppte mich daher aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und
kehrte nach dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich
schon gesprochen habe. Die Bäckerin war nicht allein;
dennoch trat ich ein und bat sie, mir ein Brotchen für
das seidene Tuch zu geben. Sie blickte mich staunend
an und erwiderte in einem argwöhnischen Tone:
"Auf einen solchen Handel lassen wir uns
nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr
das Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte
sich entschiedener als vorher. Konnte sie wissen,
wie ich zu diesem Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie
Ihnen erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem
Abscheu und der Demüthigung in meinem Herzen, welche
ich damals empfand. Ich will daher Ihre Qual und
auch die meinige abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kann mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache
war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch
heute mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten
hielt, die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem
Brotes fühlte.
Wie dem auch sein möge, ich entfernte mich von
dem Pachthofe, und sobald mich der. Mann nicht mehr
sehen konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot
zu essen.
Die Nacht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt

hatte. Allein diese zweite Nacht war nicht so still und
warm als die erste. Der Erdboden war feucht und die
Luft kühl. Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger
vorüberkommen, und da ich fürchtete, von ihnen
gesehen zu werden, veränderte ich meinen Zufluchtsort.
Gegen Morgen fing es an zu regnen, und mit kurzen
Unterbrechungen regnete es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung.
Wie gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern
quälte mich der Hunger.
Es ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt und
irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen
Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr,
aber vom Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche
es mir unmöglich machten, auf Einer Stelle zu bleiben.
Ein Licht, das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog weinen
Blick auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes.
Ich komme an, ein langes, niedriges Hans, an
dem ein einziges Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen
Blick hinein und sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit
nach zu urtheilen Schwestern, am Kamin sitzen und
lesen. Neben ihnen strickt eine alte Dienerin. Die jungen
Damen sind ganz in Trauer gekleidet; aus einigen
Bruchtücken ihres Gesprächs, welche ich durch das Fenster
vernahm, ersah ich, daß ihr Vater vor Kurzem gestorben
war, und daß sie diesen Abend die Zurückkunft
ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.
Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malt sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren
Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie Sich
Brot kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht
für eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein!
rief ich aus; wenn Sie mich abweisen, es ist es um mich
geschehen!
Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre

schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen,
wenn Sie das wären, wofür Sie Sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem
Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter gehen konnte ich nicht, denn ich hatte seit
vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine
Kräfte waren gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir
neue Thränen aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände
und fiel auf die feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth
hatte mich verlassen. Mit einem letzten Schimmer des
Vertrauens flüsterte ich indessen noch die Worte vor
mich hin:
Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen,
als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir
seinen Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm
Schweigen zu gebieten.
"Jedes Geschöpf muß sterben,” sagte plötzlich eine ernste Stimme, welche zwei Schritte von mich aus der
Dunkelheit kam, “aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen wird.”

VII.
"Wer ist da? wer spricht hier?” rief ich heftig erschrocken, denn ich erkannte nicht sogleich den menschenfreundlichen Sinn dieser Worte, die so unvermuthet mein Ohr trafen.
Aber ich erhielt keine Antwort. Nur eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor, näherte sich der
Thür und klopfte mehrere Male mit dem Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John?” rief die Stimme der alten Magd im Innern.
“Ich bin es, öffne sogleich.”
Die Alte gehorchte. Als sie mich noch auf den Stufen sah, entschlüpfte ihn ein Ausruf des Verdrusses.
Allein der Hausherr gebot ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie ins Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen, so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren Elends und meines unordentlichen Anzuges
nur um so peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften, und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich
durch ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit Milch an den Mund, in welche sie einige
Semmelschnitte gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir
die Tasse aus der Hand.
“O, warum thust Du das, lieber Bruder!” rief die ältere von, den beiden Mädchen.
“Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.”
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot,” antwortete ich, denn ich hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
“Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären
Sie Ihre gegenwärtige Lage?”
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn als ich mich unter einem gastlichen Dache und unter Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen, man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
"Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.”
"Was erwarten Sie dann von mir?” entgegnete er mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden Schwestern, welche er mit dem Namen Diana
bezeichnet hatte, daß wir es bei dem, was wir gethan,haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und
bei einem solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?”
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung, erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie
wollen, aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer, um
sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte,
eine Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb
bewußtlos, dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in eine Lethargie, aus der ich nicht so bald
wieder erwachen sollte.
Sie dauerte drei Tage, während deren ich mich weder bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wußte ich ziemlich genau, was um mich her
vorging. Ich verstand den allgemeinen Sinn dessen, was über mich gesprochen wurde und urtheilte nach Merk
malen, deren Natur ich mir selbst nicht erklären konnte; über den Grad der Theilnahme, welche mir die Personen
schenkten, von denen ich abwechselnd gepflegt wurde.
Bei Diana schien sie mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßige und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche,
Folge ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den sie mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen.
Aengstlich blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine
beschmutzten und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und ich sah mit inniger Freude, daß meine
vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand zu setzen. Sie hatten zu diesem
Zwecke weder Bürsten, noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand ich in meinem Zimmer alle zur
Toilette unentbehrlichen Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigen Haltung,
welche die alte Hannah vielleicht wider ihren Willen
annahm, als ich unvermuthet in die Küche trat. Sie
war indessen so indiscret, auf den Zustand anzuspielen,
in welchem ich ihr zum ersten Male erschienen war, und
obgleich sie das Wort „Bettlerin“ ausgesprochen hatte,
ohne an etwas Böses dabei zu denken, so wollte ich ihr
dennoch diese Freiheit nicht ungerügt hingehen lassen.

"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch
Geld.
Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Meinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst
einem verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr
Unrecht ein, entschuldigte sich nach besten Kräften und
bat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche aufhielte.
Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo
mich Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem
fragte, wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich,
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen
und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante
gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen
Abriß meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs irgend ein Fehler oder Vergehen, dessen ich mich schämen müßte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend, liebe Freundin, denn Mr. Saint-John, der mich mit
der ganzen Strenge eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit eines Geistlichen anhörte, nahm
mich zuletzt für das, wofür ich wich ausgab und versprach mich auf meine wiederholten Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behilflich zu sein.
"Vor der Hand, sage die liebenswürdige Diana Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur
einige Wochen hier in Folge des Todes unseres Vaters. Nach Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John
nach Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört
haben, nach Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. Vergessen Sie also für kurze Seit alte Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie Sie sie nennen, in keiner Hinsicht druckend
erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese kochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist

das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden,
einen armen Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und
Hunger getrieben, hierher geflüchtet hätte. Ich meines
Theils gebe Ihnen nochmals die Versicherung, daß ich
alles Mögliche thun werde, um Sie in den Stand zu
setzen, sich durch eigene Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt
verdienen zu können; aber vergessen Sie nicht, daß ich
nur der arme Pfarrer einer sehr armen Gemeinde bin.
Erwarten Sie also nur einen sehr beschränkten Beistand
von mir und wenn Ihnen der bescheidene Wirkungskreise,
den ich Ihnen verschaffen könnte, zu gering scheinen
sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine kräftigere Unterstützung
zu suchen.
Alles was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu
erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun,
um selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war
noch außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen
Sprache, wogegen ich sie in die Malerei unterrichten konnte. Dies wär mein großer, aber auch mein einziger
Vorzug, den ich vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische
Begeisterung mir ein Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung gemischt war. Ich hatte in der
That nie dieses reine Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen
Mann mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns
an die herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums
erinnern. Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes
Haar, eine hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie wer
den mir sagen, daß hierin gewiß nichts lag, was mich
hätte erschrecken können. Ich gebe dies zu; aber diese
schönen blauen Augen hatten einen ungewöhnlich strengen
Ausdruck und dieser wohlgeformte Mund lächelte nur
höchst selten. Und dabei beobachtete er eine wahrhaft
mönchische Regelmäßigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten.
Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man
ihn an seinem Arbeitstische sitzen und in Sanscritgrammatiken
oder indischen Wörterbüchern studieren. Später
ging er mit seinem Stocke in der Hand und von dem
alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das Wetter
mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in der Umgegend
Trost, Rath und Hilfe zu spenden, je nachdem sie
deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen
Anstrengungen, versuchten seins Schwestern oft, ihn zurückzuhalten,
indem sie ihn dringend baten, einen Tag
auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen
Wetter auszusehen.
"Glaubet Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen,
daß ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf
die ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend
gehen. Dieser schöne Apostel Christi hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missonnairs in fernen Gegenden
gewidmet. Er strebte nach andren Unternehmungen,
andren Gefahren und andren Pflichten als die gewöhnlichen
Diener Gottes. In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten,
denen er seine Pläne mitgetheilt hatte, ihm die
Laufbahn eröffneten, zu der ihn sein frommer Eifer hinzog, studierte er unablässig und bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen Kämpfe, auf die heilige
Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit

seinen Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft,
in denen ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte
ihn einmal predigen, und als ich den Eindruck studierte,
den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam
ich zu der Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet
seines frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit
und seines wahren, glühenden Feuereifers noch
nicht den Frieden der Seele gefunden hatte, der über alles
Wissen erhaben ist, so wenig, als ich ihn selbst bei der
geheimen, aber deshalb nur um so heißeren Sehnsucht
fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig
verlorenes Paradies in mir zurückgelassen. Sie sehen,
daß ich nicht oft auf diese Sehnsucht zurückkomme, welche
beständig an meinem Herzen nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich
nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine
Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu
aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich
meinen Zweck.
Sie wollen ohne Zweifel wissen, sägte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern,
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen

würden, hielt ich es für umnöthig, diese Trennung eher
herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag
von heute festgesetzte Abreife meiner Schwestern unerläßlich
wurde. Ich selbst kehre dann nach Morton zurück,
nehme die alte Hannah mit mir und dieses Haus wird
gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf de Stelle sein, welche Ihre
Güte mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hänge ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
es Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken,
wie ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von
Ihrer vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen
und Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen
ist. Da ich selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich
Ihnen nur einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen.
Werden Sie ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, ja,
Sie werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen,
die ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer
in derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich,
wenn auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein
regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben

geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt.
Die Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht
mehr am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon
vor zwei Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet,
und seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin
gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt
zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die
ersten Elemente einer christlichen Erziehung erhalten können.
Die Güte der Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes, den die Gemeinde zu den
Ihrigen zähle, hat mir gestattet, ein den Bedürfnissen der
kleinen Anstalt entsprechendes Haus zu miethen, das heißt
einen ziemlich geräumigen Schuppen, der zu einer Schule
eingerichtet worden ist, und sein Häuschen mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der Gehalt dieser
letzteren ist auf dreißig Pfund Sterling jährlich festgesetzt.
Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von
einem Bauernmädchen, die zu gleicher Zeit ihre Schülerin
und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene Stelle,
die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl, daß
sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie wenden nur mit Kindern der ungebildeten Klasse zu thun haben und Ihr
Unterricht muß sich nur auf die Gegenstände beschränken,
die ihnen zu wissen nöthig sind, das heißt, Lesen, Schreiben, ein wenig Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen
Sie die Stelle an?”
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem
Tone starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiderte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber was thun Sie mit Ihren Talenten, mit Ihren
vielseitigen höheren Kenntnissen?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich
anwenden kann.
"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen
"Er blickte mich mit einem Lächeln an und setzte
kopfschüttelnd hinzu:
"Sie werden nicht lange in Morton bleiben!
"Warum sagen Sie das? rief ich aus. Ich
kann Ihnen versichern, daß ich nicht ehrgeizig, bin.
Saint-John erschrak fast über diese Bemerkung.
"Sie sind nicht ehrgeizig? ... was hat der Ehrgeiz
hiermit zu thun? ... soll dies ein Vorwurf, gegen mich
sein?
Durchaus nicht, ich sprach nur von mir.

Wenn Sie auch nicht ehrgeizig sind, versetzte er,
so sind Sie wenigstens...
Was wollte er sagen?
"So sind Sie doch leidenschaftlich. Ich bitte Sie,
setzte er rasch hinzu, den Sinn dieses Wortes nicht mißzuverstehen. Ich will damit nur sagen, daß die menschlichen Gefühle und Neigungen eine zu große Herrschaft
über Sie ausüben, als daß Sie lange in Abgeschiedenheit
und lediglich auf Ihre einförmige Beschäftigung beschränke
leben können. Ich kenne aus eigener Erfahrung den
Kampf zwischen unseren angeborenen Neigungen und den
gebieterischen Pflichten, die uns auf dieser Welt vorgezeichnet sind. Ich kenne ihn und bedaure Jeden, der sich in
denselben einläßt.
Nach diesen Worten entfernte er sich und diese kurze
Unterredung hatte mir weit mehr Aufschluß über seinen
Character gegeben als unser ganzer bisheriger Umgang.
Lag nicht etwas Unbegreifliches, etwas dem Geiste
des Christenthums Widerstreitendes in der starren Energie
dieses Mannes, der, um das Wort Gottes zu verbreiten,
sich von seinen beiden Schwestern trennen und sie als mittellose
Waisen den Wechselfällen einer ungewissen Zukunft
Preis geben wollte?
Ich wagte die zu denken. Ob ich mich irrte? Ich weiß es noch jetzt nicht.
Ich begab mich übrigens schon am folgenden Tage
nach Morton, und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück.
Mr. Rivers und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer und verlassen auf der öden, sumpfigen Haide.

VIII.
Sie erlauben mir, daß ich Ihnen mit wenig Worten
mein neues Besitzthum beschreibe, im vollen Sinne
des Wortes das erste, dessen ich mich erfolgte. Es war
eine Hütte in der wahren Bedeutung dieses oft falsch angewendeten
Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern, und
ein Theeservice von Delfter Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen Größe mit einem Bett uns einer Commode von
ordinairem Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von
sehr geringer Dimension, aber noch immer zu groß für
die höchst dürftige Garderobe, die ich darin aufzubewahren
hatte, obgleich sich meine neuen Freundinnen der ihnen
nicht unbedingt nöthigen Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen

konnten lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren
Namen zu schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige
begannen zu nähen. Alle sprachen einen abscheulichen
Dialect mit dem dehnenden Accente der Gegend, so daß
wir uns am Anfange nur mit Mühe verständlich machen
konnten. Bei nicht wenigen unter ihnen gesellte sich zu
der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine
krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe es nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften
und ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten
in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer
Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir
schien, als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt.
Es kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die
Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben
würde, das er mir an der Küste des Mittelmeeres
unter dem heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt
hatte. Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer
wieder genug verständige Einsicht in mir, um den rauhen
Pfad der Ehre den vergifteten und vorübergehenden Freuden
einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer
neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner
Gedanken. Indem er wich nach sich selbst beurtheilte,
errieth er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden,
obwohl strengen Worte führten mich, wenn auch oft ein
wenig unsanft, zu der richtigsten und christlichsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach
einer Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich
von einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt
gefühlt und den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem
Apostelamte zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,

welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrak er,
als ob unvermuthet ein Blitz aus heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der
nämlichen Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hat. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder und wendete sich um, die Neuangekommene
zu begrüßen; diese war nichts Geringeres, als eines
der reizendsten jungen Mädchen, die ich in England, wo
nichts so selten ist, als jugendliche Schönheit, je gesehen
habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und
durchsichtiger Teint, schöne schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht, ein lieblicher, frischer Mund,
eine reiche Fülle schwarzer Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den herrlichen Naturgaben,
die ein für die Liebe geschaffenes Weib sich nur wünschen
kann, fehlte diesem glücklichen Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den

Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung
und über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu
haben sich rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß
Miß Oliver, die reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere
Schule ihr Dasein verdenkte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwidert
wurde.
Ich sah es an dem krampfhaften Zucken seiner Gesichtsmuskeln,
als das offenherzige, unbefangene Mädchen
ihm von einem am vorigen Tage in der Stadt, aus der
sie kam, stattgefundenen Balle und von dem Glanze erzählte,
den die Anwesenheit der Offiziere des 20. Husarenregiments
diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der
leidende und schwermüthige Ausdruck, der über das schöne
Gesicht des jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet
der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck
machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren
freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines
Automaten. Man sah deutlich, daß es ihm eine fast
übermenschliche Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.

Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen
Sieg davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau
entfernte, begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie
ging rechts und er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes, gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß Diana’s Vergleich keinesweges übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu
mir theilte sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand. Die Erkenntlichkeit der Armen ist
erfinderischer, wenn nicht aufrichtiger als die der Reichen,
und scheint unmittelbarer aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann. Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung, die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und wußte es, zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes Vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem sie auf meinem Tische einen Band von Schiller Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen. Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht
vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so
übertriebene Lobeserhebungen über mich, daß der reiche
Fabrikherr mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte
meine Zeichnungen, bat mich dringend, ihn zuweilen mit
meinem Besuche zu „beehren“ und ersuchte mich förmlich
um das Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne diesen Umstandes nur deshalb, weil er

zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher
zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern, kurz er suchte irgend eine wirkliche Veranlassung
oder einen Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das
Leben angenehmer zu machen.
So kam er auch eines Abends mit einem damals neu erschienenen Buche unter den Arme, das nichts Geringeres war als „Marmion“ eines der Meisterwerke Walter Scott’s, und er schien außerordentlich erfreut, mich
an meiner Staffelei beschäftigt zu finden.
Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn
man zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald Sie allein
find, Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht
und gequält, die mir allerdings auch bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte
und in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt
hatte, warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit.
Kaum aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie
näher zu betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem
nämlichen unwillkürlichen Schrecken, den ich schon einmal
an ihm beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß
eingeprägt hatte.
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu
entziehen.

Vortrefflich, mein strenger Diener der Kirche,
dachte ich bei mir; Ich lese deutlich in Deinem Herzen,
das Du so sorgfältig verschließest und ich will Dir wider
Deinen Willen zu Hilfe kommen. Du hast eben so wenig Hang zur Einsamkeit als ich, und zu Deinem eignen Besten will ich Dich zum Sprechen zwingen. -- Finden
Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn laut.
Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam
genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung
des Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen
Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts,
es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses
Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches
Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine
Zeit und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es
betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu
können.

Antworten Sie mich aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an
Ihre ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal
später am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar,
oder in Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
Es würde mir ohne allen Zweifel angenehm sein,
wenn ich eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte;
aber ob es gut und vernünftig wäre, dies ist eine andere
Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr
leicht Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese
Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte, in den Stand setzen würde, eben, so viel Gutes
zu thun, als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so sagte ich zu ihm:
Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre? wenn
Sie anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen, dessen Züge es versinnlichte.
Ich sprach diese kühnen Worte fast mit einer geheimen Angst aus; allein ich, bemerkte bald, daß sie nicht
übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf
einen Stuhl gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf
in beide Hände gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne

sich durch meine Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im
Gegentheil, meine etwas unsanfte Ausdrucksweise und die
Furchtlosigkeit, mit der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung
zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete
Erleichterung zu gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen,
vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen,
aber dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so
reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren,
jedoch mehr affektirten als wahren Ausdrucke
von Zweifel.
"Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Andren, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen,
als von Ihnen.
"Glauben Sie, Miß Jane? ... O, sprechen Sie weiter
... es thut mir wohl, Sie anzuhören. Ich gewähre
Ihnen eine ganze Viertelstunde, mich in so angenehme
Träume einzuwiegen.
Mit diesen Worten nahm er bedächtig seine Uhr aus
der Tasche und legte sie auf den Tisch, um genau die Zeit
abzumessen, die er sich selbst bewilligte.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mich den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem
Herzen verschließen?
"Warum nehmen Sie dies an? Glauben Sie lieber
-- und Sie werden der Wahrheit näher sein -- daß ich
geneigt bin, die Lippen an den mit Honig gefüllten Becher
zu sehen, den Sie mit vorhalten. Ich gestehe Ihnen,
daß eben jetzt dieses so aufmerksam und sorgfältig bewachte
Herz, aus dem ich als ein emsiger Gärtner das wuchernde
Unkraut zu entfernen trachte -- dieses Herz ist im Augenblicke
mit einer Fluth irdischen Nectars angefüllt. Wissen Sie, wo ich bin?... In Vale-Hall, bei Mr. Oliver
... ich sitze auf der weichen Ottomane in seinem Salon,
neben meiner reizenden Braut und schwelge im Anschauen
ihrer herrlichen Augen und ihrer Korallenlippen, deren
wollüstige Frische Sie so vortrefflich wiedergegeben haben
... Sprechen Sie nicht mehr mit mir... lassen Sie mich
träumen ... die Zeit des süßen Traumes ist noch nicht
verstrichen.
So blieben wir Beide stumm und unbeweglich, indem
wir fast unseren Odem anhielten und ohne ein anderes
Geräusch zu hören, als die raschen Sekundenschläge,
welche das unaufhaltsame Dahinschwinden dieses Augenblicks der höchsten Wonne verriethen.
Die Viertelstunde schlug endlich. Saint-John nahm
seine Uhr wieder zu sich, legte das Portrait auf den Tisch
und stellte sich an den Kamin.
Genug der Illusionen und Träume, sagte er dann.

"Ich habe mich von den entblößten Armen der Versuchung umstricken lassen, ich habe das Haupt freiwillig, unter
ihr Blumenjoch gebeugt, ich habe ihren berauschenden
Nectar gekostet... Aber ihre Umschlingung hat mich verbrannt,
es war eine Natter unter diesen duftenden
Guirlanden, der köstliche Trank hat einen bitteren Nachgeschmack.
Ich blickte ihn fast mit Bestürzung an.
"Ist es nicht sonderbar, sprach er weiter, daß
während ich Rosamunden mit aller Gluth einer ersten
Liebe, mit einer im Grunde so natürlichen und durch den
Gegenstand derselben gerechtfertigten Leidenschaft liebe, ich
zugleich innig und fest überzeugt bin, daß sie nicht die
Lebensgefährtin ist, deren ich bedarf, und daß, wenn ich sie
heirathete, auf einige Monate der höchsten Seligkeit
ein ganzes Leben der schmerzlichsten Reue folgen würde?
"Dies ist in der That sonderbar.
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionnairs denkend
"Aber, wer zwingt Sie denn, Missionnair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der höhren Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will? ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar der Männer gezählt zu werden, welche sich
über die Bestrebungen dieser Welch erheben und sich die
Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das
errettende Licht und die Lehren des Friedens und der
Wahrheit zu verbreiten?... Nein, eben so gut könnte
man von mir verlangen, daß ich das Blut meiner Adern
lassen sollte. Ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber vergessen Sie nicht Miß Oliver bei diesen
rein persönlichen Plänen?
"Glauben Sie wirklich, daß sie sich nicht über meinen
Verlust zu trösten vermöchte? erwiderte er mir sogleich
mit einem schmerzlichen Lächeln.
"Und vergessen Sie nicht auch sich selbst, der Sie
in diesem steten Kampfe mit Ihrer Liebe unterliegen und
zu Grunde gehen werden?
Noch einmal, Sie sehen es, liebe Freundin, daß ich
die Grenzen der meinem Geschlecht zukommenden Zurückhaltung
überschritt, und noch dazu einem Priester gegenüber!
Er staunte auch in der That über meine Verwegenheit.
Aber ich habe mich im Gespräch mit einem originellen,
energischen und höher gebildeten Geiste nie mit
den alltäglichen Gemeinplätzen begnügen können, welche
der Gebrauch gutheißt. Sei es ein Mann oder eine
Frau, gleichviel, ich muß die Schwelte des Vertrauens

überschreiten. Was es mich auch kosten möge, ich will
mir einen Platz am Heerde des Herzens erobern.
Ihr Geist ist tapfer, versetzte Saint-John; er
hält, was Ihr durchdringendes Auge verspricht. Da Sie
aber so freimüthig über diese Gegenstände des Herzens
sprechen, so will ich Ihnen auch sagen, daß Sie sich über
die Natur meiner Gefühle ein wenig irren. Ich bin
kälter und härter, als Sie vielleicht glauben. Sie haben
mich, ich leugne es nicht, in Gegenwart Miß Olivers
zittern und erbleichen sehen. Aber selbst wenn ich mich
wider meinen Willen den fieberhaften Eindrücken eines
Nebels hingebe, das ich im Grunde verachte, so fühle ich
noch mein Herz in mir so ruhig und so fast wie den Granitfelsen im Schooße des sturmbewegten Meeres. Uebrigens
haben wir genug hiervon gesprochen, setzte er hinzu,
indem er seinen Hut nahm und noch einen Blick auf Rosamundens
Portrait warf.
Sie haben mir noch nicht geantwortet, sagte ich
zu ihm, ob Sie eine Copie wünschen?
Nein, ich wünsche sie nicht; was würde sie mir
nützen?
Während er diese Worte sprach, bedeckte er, wie um
den Zauber zu zerstören, das Bild mich dem Blatt Papier,
auf dem ich meine Farben versuchte. Was er auf diesem
Papiere bemerkte, konnte ich im Augenblick nicht errathen.
aber er nahm es hastig, betrachtete es näher und richtete
einen ganz sonderbaren, forschenden Blick auf mich, der

mir unerklärlich schien. Seine Lippen öffneten sich, als
wollte er sprechen, aber er unterdrückte diese Regung aus
irgend einem Grunde sogleich wieder.
Was ist Ihnen denn? fragte ich ihn.
Nichts, gar nichts, antwortete er, indem er das
Papier wieder bei Seite legte; allein ich sah, daß er mit
außerordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Stück vom
Rande abriß. Dieses mikroskopische Fragment verschwand
in einem seiner Handschuhe und nach einem eiligen Gruße
ließ er mich allein, höchst erstaunt über seine plötzliche
Entfernung.
Die Untersuchung des erwähnten Papiers gab mir
keinen Aufschluß. Es war ein viereckiges Stück Velinpapier,
das mit verworrenen Bleistift- und Pinselstrichen
bedeckt war, in deren Chaos meine Augen die Lösung des
Räthsels nicht zu finden vermochten.

IX.
Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung
an mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst,
der mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen
zu hindern. Ich las eben wohl zum zehnten Male den
schönen Anfang des Marmion:

Day set on Norham castled steep
And Tweed’s fair River broad and deep ...

als Mr. Rivers, ohne vorher anzuklopfen, ganz unerwartet
bei mir eintrat und an der Thür den Schnee von seinen
Füßen abschüttelte.

Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen;
aber er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine
schlimme Nachricht bringe und bat mich um Entschuldigung,
daß er mich durch seinen unvermutheten Besuch in
meiner häuslichen Ruhe störte.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich
ihn etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte,
ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Meine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilten mich,
und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines Menschen, dem man den Anfang einer sehr
interessanten Geschichte erzählt hat und der gern den
Ausgang wissen möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung
Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein
unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben
möchte. Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war
vollkommen ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige
Augenblicke nachdenkend und stillschweigend, das Herz von
lebhaftem Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren,
Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und

Blässe seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah,
daß er nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen,
drehte ich den Docht meiner Lampe ein wenig empor
und fuhr fort zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch,
einen Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner
Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein
Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus,
den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an
Ort und Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in
tiefes Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern
habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
"Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte, aber ich erhielt nichts
als bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort.
Endlich, nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug
die Uhr acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers
aus seinem Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite, sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher
an den Kamin.

Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte
wissen möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich
will Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas
zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an,
"wurde ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen,
seiner Zeit nennen werde, von einer leidenschaftlichen
Liebe zu der Tochter eines sehr reichen Mannes ergriffen.
Sie liebte ihn wieder und bewilligte ihm ihre Hand, den
Wünschen ihrer Eltern entgegen, welche sich, auf's Höchste
gegen sie aufgebracht, sogleich nach dieser unseligen Verbindung
gänzlich von ihr lossagten. Noch ehe zwei Jahre
verstrichen, waren beide junge Leute gestorben und
ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie
hinterließen eine Tochter, welche unmittelbar nach dieser
Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es
war ein kaltes Asyl für sie, eben so kalt war der Schnee,
in den meine Füße auf dem Wege hierher versanken.
Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das
keinen Freund auf der Welt hatte, in dem Hause reicher Verwandter
ihrer Mutter aufgenommen, sie wurde von
einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick die Namen
zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß Reed
von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie Sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs,
"Briggs? ... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten
Herrn, in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot,
als Gouvernante gewesen it. Er giebt mir zu verstehen,
daß Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre,
nicht immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen
habe, denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung,
welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte

so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht
nach der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne Interesse waren.
Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete
mir Saint-John, indem er ein kleines Stick
Velinpapier, das nämliche, welches er von meinem Probierblatte
abgerissen hatte, aus seinem Portefeuille nahm.
Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung
eigenhändig mit einem Pinsel den Namen darauf
geschrieben, den ich meinen Beschützern verschwiegen
hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indicium, sagte ich
lächelnd.
Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den
„Times,“ in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der
Aufenthalt der Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte,
ihm denselben wissen, zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte

ich wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen
haben...
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
"Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin
eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen
Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen
zu lassen, wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache
und kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt
wurde, die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine
sehr mäßige Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener
und meinen täglichen Wünschen entsprechender gewesen,
so würde mir dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich
in einem heitereren Lichte erschienen sein; aber
gerade die Größe des mir zufallenden Vermögens machte
ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten
Worte in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete,
äußerte keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so

wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde
ihn vielleicht gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miss
Jane, sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte,
daß Sie eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß
nicht meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu
zeigen. Und wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend
Pfund Sterling einer Person gleichen, die wenig
Appetit hat und an einer reich servirten Tafel sitzt; so denken
Sie an die armen Gäste, welche von dem Ueberflusse,
des Gastmahles genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er
hinzu, indem er seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht so abscheulich wäre, so würde ich
Ihnen Hannah schicken, damit sie Ihnen Gesellschaft
leistete, denn es scheint mir ganz so, als sähen Sie mit
Ganzen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden.
Aber die gute Hannah würde sich kaum durch die Schneewehen
hindurcharbeiten, in denen ich selbst auf dem Herwege
fast versunken wäre.
Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die
Frage vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne
welche die Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für

sich verloren gewesen wären, nicht an meinem neuen
Glücke Theil nehmen lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich
nahe daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als
die Thüren von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten.
Ich erinnerte mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle
Empfang mir daselbst zu Theil geworden war.
Da ich mir übrigens früher oder später eine Adoptivfamilie
wählen mußte, so lag der Plan einer ehelichen Verbindung
meinen Aussichten gänzlich fern, und ich brauche
Ihnen wohl kaum den Grund davon zu sagen, denn
welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana
und die brave Mary ersetzen, auf welchen Bruder hätte
ich stolzer sein können als auf Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang
reiflich überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und
als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte,
kündigte ich ihm denselben an, wie er mir mein Glück
angekündigt hatte, das heißt, in kurzen, bestimmten,
kategorischen Worten. Meine Willensmeinung war die,
daß meine zwanzigtausend Pfund Sterling zu gleichen
Theilen unter uns Drei vertheilt werden sollten.
Allein ich verlangte zuviel. Alles was ich, und auch
dies erst nach langem Kampfe, erreichen konnte, war, daß
Diana und Mary Rivers sich in die Hälfte des „uns“
zugefallenes Vermögens theilten; Saint-John aber
wollte für sich durchaus nichts annehmen. Ich tröstete

mich mit dem Gedanken, daß seine Schwestern und er
eben sowohl an dem Genusse der Hälfte Theil haben
würden, welche zu behalten ich gezwungen wurde, da wir
das Uebereinkommen getroffen hatten, so lange als möglich
beisammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
"Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe
meinen Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin
für mich gefunden haben.
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Lippen meines
neuen „Vetters,“ welchen Titel er verabredetermaßen
von nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand
mich größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich
an dem Tage mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die
Direction der Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart
der versammelten sechzig Schülerinnen die Schlüssel
einhändigte. Es war ohngefähr zwei Monate nach der
Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir
Einige wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch

darüber, wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine
Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf
entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war,
so daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten
Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie Sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt
die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange
zu ergeben. Für’s Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
Bedürfen Sie ihrer?
Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen
und gereinigt werden soll. Von oben bis
unten, hören Sie wohl. Ich möchte fast sagen, daß
Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen,
wenden, obgleich sie weder Sanskrit noch Pali sind.
Man muß sich im Fußboden der Zimmer spiegeln können
es darf weder Holz noch Steinkohlen gespart werden, um
alle Feuchtigkeit aus dem Hause zu entfernen; es muß
jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl, jeder Tisch und

jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt
worden, und was die Vorräthe von Kuchen, Conficturen
und Gelees betrifft, so verlassen Sie Sich auf die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen
unterstützen werde. Mit einem Worte, ich will, und
diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für Sie
haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das
schöne Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem
flüchtigen Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihres
neuen Verwandten zu genießen; der nachher hoffe ich,
daß Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden.
Ich blickte ihn erstaunt an.
Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit
mir, Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl,
daß sich es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun
Sie das?
Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er
Ihnen verliehen hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig

über deren gute Benutzung wachen werde, denn es
ist meine Pflicht und mein Recht. Daher rathe ich
Ihnen, schon jetzt den unbesonnenen Eifer zu mäßigen,
mit welchem Sie Sich rein weltlichen Genüssen hingeben.
Ihre Thatkraft und Energie wollen zu wenigen
alltäglichen Beschäftigungen verwendet sein. Lenken Sie
sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe,
glücklich und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen,
denen es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche
Haus, keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie ich es hätte thun können, sondern nur
durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr
und einige ernste Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken Wohnung ansprachen, verjüngt und
verschönert zu finden. Sie nahmen von Herzen gern an
unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet
Hannah's gutem Willen noch nicht beendigt waren, und
namentlich in den ersten Wochen erfüllte ihr fröhliches
Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis
zum Abend. Saint-John schien sich daselbst nicht mehr
heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich, daß wir einen
störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen Studien
ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen Besuche
ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß
er recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er
offenbar nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah
ein, daß ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine seiner
unwürdige Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn
gleichsam und fand in ihm alle Elemente, aus denen die
Natur ebensowohl heidnische als christliche Helden, das
heißt solche Männer bildet, welche dazu bestimmt sind,
Gesetze zu geben, Länder zu erobern und Völker zu regieren;
ich mußte mir sagen, daß er eine mächtige Stütze der
erhabenen Interessen des Glaubens werden konnte; aber
am häuslichen Heerde war ein Kind besser als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionnair! dachte ich eines
Tages, aber ein langweiliger Gatte!

X.
Nach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen
Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden
wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser
Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger
bei uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ab.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden
war, ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären,
und ihr Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten Jahres abreisen.
Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer

Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im
ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel
und Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr
Vater hat mich gestern Abend von dieser bevorstehenden
Verbindung in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt
und unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
Aber Rosamunde kannte diesen jungen Man gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver
haben sich letzten Monat October zum ersten Male auf
einem Balle gesehen, von dem mir Rosamunde am
nächstfolgenden Tage erzählte... erinnern Sie sich noch,
Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen,
und ich konnte mich nicht genug wundern über den stoischen
Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den
schmerzlichsten Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir

schon einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde
mich jedem Andern gegenüber ermuthigt haben, von
Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich
intimen Unterredung war Saint-John wieder so verschlossen
und zurückhaltend geworden, daß er eben so unzugänglich
war als früher. Und diese Zurückhaltung hatte nur Folge, daß ich mich meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine Unterschiede zwischen ihnen
und mir, welche den Gedanken am ein volles
und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen ließen.
Ich staunte aber nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilte Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu wir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der Sieg ist mein.
Haben Sie auch die Gewißheit, entgegnete ich
ihm nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer
erkauft haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg
nicht zum Verderben gereichen?
"Ich glaube nicht aber wozu sollte ich mich deshalb
beruhigen? werde ich je wieder einen solchen
Kampf zu bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder
auf und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den

Augenblick nichts mehr mich einander zu sprechen hatten.
Ich ließ es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle
entgegen zu handeln.
Aufrichtig gesagt, mußte man sich der Autorität
Saint-Johns unterwerfen. Er drückte seine Wünsche
auf eine Art aus, die keinen Widerspruch zuließ; nicht
daß er den Tyrannen gespielt oder daß wen die geringste
Aeußerung des Unwillens von ihm zu fürchten gehabt
hätte, aber man fühlte, daß, wenn man sich gegen seinen
stets vernünftigen und nur das Gute im Auge habenden
Willen auflehnte, man ihn tief kränken würde. In
einem solchen Falle gab er allerdings nach und verzieh,
aber er vergaß den üblen Eindruck, den er empfunden,
niemals wieder.
So eines Tages, als er mich bat, die mit Diana begonnenen deutschen Unterrichtsstunden aufzugeben und
bei ihm die Anfangsgründe des Hindustani zu lernen, hütete ich mich wohl, ihm diese persönliche Gefälligkeit
abzuschlagen, obgleich es mir nichts weniger als angenehm war, meinen Schiller mit einer orientalischen Grammatik zu vertauschen. Wenn er sich mit dem Studium dieser schwierigen Sprache beschäftigte, ging es ihm oft wie es Vielen geht, das heißt, er vergaß später das was
er im Anfange gelernt hatte. Diesem Nachtheile konnte nichts wirksamer vorbeugen, als wenn er den ersten Unterricht mit einer Schülerin begann, während er dabei seine Arbeiten ungestört fortsetzte.

Er war ohnstreitig ein sehr geduldiger, sehr nachsichtiger, aber auch ein sehr viel verlangender Lehrer, und ich fühlte, daß er allmählig einen großen Einfluß auf meine geistige Freiheit ausübte. Sogar sein Lob war so zu sagen ein drückendes Joch, dessen man sich nicht
zu entledigen vermochte. Ohne daß er mir durch eineinziges Wort die seltenen und gewiß sehr mäßigen Ausbrüche meiner Heiterkeit verwiesen hätte, war ich doch nicht mehr im Stande, in seiner Gegenwart ungezwungen zu plaudern und zu lachen, denn stets erinnerte mich
ein unwillkürliches Gefühl, daß zu große Lebhaftigkeit ihm mißfallen würde. Wenn er zu mir sagte: Gehen Sie! so ging ich; kommen Sie! so kam ich; thun Sie das! so that ich es unweigerlich. Mein Sklavenstand war mir jedoch keineswegs angenehm und es regte sich gar oft der Wunsch in mich, daß Saint-John zu seiner frühern Gleichgültigkeit gegen mich zurückkehren
möchte.
Ein unbedeutender Vorfall wird Ihnen besser als
diese ganze Analyse zeigen, wie es in meinem Innern
aussah.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe zu gehen, pflegte Saint-John seine Schwestern
zu küssen, nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche
mit einem heitern Charakter einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügt, daß ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, daß Saint-John versprochen
habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und
stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich
will es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern, das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein
wenig zu mir herabgebeugt und seine durchbohrenden
Augen auf die meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung
meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch „Versuchsküsse“ geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John
ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht
denken können, war diese Wirkung so gut als gar keine.
Ich bin fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als
gewöhnlich, denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie
ein Siegel, das auf die Ketten gedrückt wurde, deren
Last ich zu fühlen begann.
Von diesem Abend au wurde die Ceremonie des
Kusses regelmäßig eingeführt und sie ernsthafte Gutwilligkeit, mit der ich mich derselben unterwarf, schien
meinem frommen Vetter Freude zu machen.
Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Kusse eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen
von ihrem natürlichen Hange ablenken, mich Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren. Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen,
wo ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines Gesichts geben, oder das changierende Grün meiner Augen verwandeln und ihnen das
dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und
nach den heitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch
hegte, Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu
erlangen.
Mehr als einmal hatte ich weine geschäftlichen Beziehungen
zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem
Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt
meines ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr.
Briggs stand mit den Bewohnern von Thornfield-Hall

nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts
Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief
könnte verloren gegangen sein. Aber es verging ein
Monat, zwei Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die
geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte
Hoffnung war endlich ganz von mir gewichen,
doch nicht ohne einen tiefen Kummer zurückzulassen,
über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
Eines Morgens rief mich Saint-John zu meiner
hindustanischen Lehrstunde. Ich hatte eben eine sehr unangenehme
Täuschung erfahren, indem ein Brief, dessen
Eingang mir vorher gemeldet worden war und dem mein
Herz mit freudiger Ungeduld entgegengeschlagen hatte sich
als ein ausschließlich von Geschäftsangelegenheiten
handelndes Schreiben des Herrn Briggs erwies.
Ich war außer mir über diese Art von Mystification
und wider meinen Willen entschlüpften mir während
des Unterrichts Seufzer, Schluchzen und Thränen.
Saint-John stellte sich anfangs, als bemerkte er nichts
davon, aber plötzlich schloß er sein Buch und sagtet
"Jane, Sie sind heut nicht aufgelegt zum Studieren.
Wir wollen einen Spaziergang machen.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.

"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen
gehen.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg
zwischen unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben
gekannt, besonders gebieterischen Charakteren
gegenüber, die mit dem meinigen in directem Widerspruch
standen. Da Saint-John nichts von mir verlangte,
was ein Sträuben oder selbst nur einen bloßen
Einwand von meiner Seite gerechtfertigt hätte, so begleitete
ich ihn nach dem Thale und wir lustwandelten
neben einander unter einem vollkommen reinen Himmel
und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche, der mit weißen
und gelben Blümchen durchwirkt war.
Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des den Horizont begrenzenden
Gebirges gebildet wurde. Hier machte Saint-John
Halt und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock.
Mein Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und
ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen.
Seine Augen schweiften von den Bergen zu dem Bette
des Waldstromes und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Nach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen
für das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den
Schmerzen des Exils hat und noch einen Blick des
Abschiedes, auf die Gegend wirft, deren unvergängliche
Erinnerung er bald mit sich nehmen wird.

So verweilten wir ohngefähr eine halbe Stunde
noch deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe
schon meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am
7. Juni unter Segel geht.
"Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener,
behüten, erwiderte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren
Herrn und es ist mein Stolz und meine,
Freude, daß ich in dieser Wett nur dem Willen des vollkommensten Wesens gehorche. Nur dünke es mir sonderbar,
daß nicht Alles was mich umgiebt, sich ebenfalls
unter sein glorreiches Banner schaart.
Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es wäre thörigt von den Schwachen, sich mit denselben
Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und
von ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen,
die des großen Werkes würdig und geeignet sind, daran
Theil zu nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht Viele und sie
sind schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es sine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie aber ihre Befähigung aufzuklären, sie zu
edlen Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Geltung zu zeigen, die ihnen Gott unter seinen Auserwählten
bestimmt hat.
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
und mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich
die herannahende Gefahr noch nicht klar erkannte.
Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufs stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts! ... nichts! erwiderte ich mit einem
Schauder, denn diese einfache Frage schnitt mir den
Odem ab.
"Dann will ich anstatt Seiner sprechen, fuhr er
mit seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren
ernste Töne das Echo der nahen Berge wiederholte.
"Jane, gehen Sie mit mir nach Indien, seien Sie
meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich
zu drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es
war wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten
Apostel nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich
war kein Apostel und dieser Befehl von Oben lähmte
nicht ganz meine Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, den in der Erfüllung
dessen was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid
noch Bedenklichkeiten kannte.
Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionnairs es
sein muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit
versagt, Ihnen aber die Energie der Seele und des Geistes
verliehen. Sie sind nicht für die Liebe, sondern für
heilige Werke geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur
Gattin wünsche, so geschieht es nicht um meines persönlichen
Glückes willen, sondern zum Nutzen meines erhabenen
Gebieters.
Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind
im Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist
nicht der, den Sie meinen.
"Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet
und sich mit der nöthigen Geduld, uns Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich
aus seinem ganzen Benehmen, als er, an den Felsen
gelehnt und die Arme über der Brust gekreuzt, mit
einer unerschütterlichen Ruhe alle meine Einwendungen
einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus
meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit, den,
festen Vorsatze, mich zu unterrichten, mich zu leiten und
zu unterstützen bis zu der nicht fernen Zeit, wo ich allein
gehen und dann ihn nöthigenfalls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus

keinen Eifer, durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir
erweckten, so versicherte er mir, daß er wich seit zehn
Monaten genau studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich einer unbegrenzten Hingebung
fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und
meine Pflichten mir vorgezeichnet wären. Er sagte, er
habe mich stets fügsam, eifrig, uneigennützig, gläubig,
fleißig, muthig, heldenmüthig, und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Während er so wir der Gewalt einer vollen Ueberzeugung und der Gewißheit sprach, sie mir ebenfalls ein zuflößen, fühlte ich, daß sich der Kreis meines Widerstandes allmählig verengerte. Die Ueberredung machte
langsame, aber sichere Fortschritte. Vergebens schloß ich
die Augen, ich sah, ein Licht vor mir, welches mir den
von Saint-John gewählten Weg als den einzigen zeigte,
den ich betreten konnte. Kurz, mein Gewissen schien
seinem dringenden Rufe folgen zu wollen.
Ich erbat mir von ihm eine Viertelstunde Bedenkzeit, die er mir gewährte. Er entfernte sich dann einige
Schritte weit und legte sich dann auf einem Rasenhügel nieder.
Das Resultat meiner Ueberlegung war ohngefähr
folgendes:
Was Saint-John von mir verlangt, ist weder
strafbar noch unvernünftig. Vergebens werde ich ihm

die Gefahren einwenden, denen mein Leben unter dem
glühenden Himmel Ostindiens ausgesetzt ist; so gut wie
er das seinige ohne zu murren Preis giebt, erwartet er
auch von mir, daß ich keinen hohen Werth auf eine Existenz
lege, die ich im Grunde nur Dem widme, dem ich
sie verdanke.
Er hat ferner Recht, wenn er sich auf das große
Ziel beruft, das meinem Leben fehlt und das ich auf die
eine oder die andre Art finden muß. Es ist eine Thorheit,
eine strafbare Schwäche, wenn ich mich gänzlich
der unbestimmten Hoffnung auf ein überhaupt ganz unwahrscheinliches Ereigniß hingebe, durch welches ich mit
Rochester vereinigt würde. Dieser unselige Gegenstand
einer Liebe, die ich um jeden Preis ersticken muß, befindet sich ohne Zweifel nicht mehr in England. Und wenn
ich auch dieses Land verlasse, so verlasse ich deshalb ihn
nicht!...
Ich soll also zusagen? aber bei diesem Gedanken
erbebt mein Herz. Wenn ich Saint-John begleite, so
entsage ich der Hälfte meines Wesens und gehe überdies
ohne allen Zweifel einem frühzeitigen Tode entgegen.
Und wozu werde ich von hier an bis zu meinem Tode,
der mir leicht willkommen sein dürfte, meine Tage verwenden? Wie werde ich die Reise von England nach
Indien und von Indien zum Grabe zurücklegen?
Ich weiß, daß ich, wenn ich nicht ganz aufopfere,
die Hoffnungen dieses unbeugsamen Apostels verwirklichen
kann. Und dies thue ich, wenn ich ihn begleite. Ich
werfe das Opfer ganz auf den Altar, ohne nur das Herz
zurückzubehalten. Ich enthülle ihm eine Energie, die er
noch nicht kennt, Kräfte, von denen er keine Ahnung
hat und die mich, wie ich fest überzeugt bin, nicht verlassen
werden, wenn ich ihrer bedarf. Ich weiß gewiß,
daß er mich schätzen, mich vielleicht bewundern wird...
aber eben so gewiß weiß ich auch, daß er mich nie lieben
kann.
Und da ich dessen gewiß bin, darf ich dann wohl
seine Gattin worden? Wäre es nicht eine Höllenqual,
Liebkosungen zu erdulden, welche mit dieser Mann von Erz nur deshalb zu Theil werden ließe, weil er es für
seine Pflicht hielte, um damit die Seele zu bezahlen,
die er Gott abgerungen hat, das Werkzeug, mit dem er sich
hat bewaffnen wollen, bevor er in den Kampf
ging?
Dieser Gedanke und noch viele andre bestimmten
meinen Entschluß. Ich ging auf Saint-John zu, der
mich erwartete uns sogleich aufstand, um mir entgegen
zukommen.
Und, Jane? fragte er mich.
Ich bin bereit abzureisen, antwortete ich.

XI.
Bei diesen Worten: Ich bin bereit abzureisen!
leuchtete ein stiller Triumph aus Saint-Johns Gesichtszügen.
Ja, ich will abreisen, wiederholte ich, vorausgesetzt,
daß ich allein reisen kann.
Saint-John verstand mich nicht. Er bat mich,
meine Gedanken klarer auszudrücken.
"Sie sind mein Adoptivbruder, fuhr ich fort, und
haben mich als Schwester angenommen. Diese fingirte
Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, aber an
keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Eine fingirte Verwandtschaft genügt in solchen
Verhältnissen nicht, entgegnete er mir kopfschüttelnd.
Wären Sie meine leibliche Schwester, so würde ich nie
daran gedacht haben, mich zu verheirathen. Da es aber
der Himmel nicht so gewollt hat, so können wir zusammen
nur als Gatten abreisen. Ueberlegen Sie, und Ihr Verstand
wird Ihnen alle Hindernisse zeigen, die sich einem
andern Wege entgegenstellen.
Mein Verstand sagte mir, daß wir uns nicht liebten,
wie, Gatten sich lieben müssen und daß also eine eheliche,
Verbindung zwischen uns eine Unmöglichkeit war.
Ohne diesen Gedanken auszusprechen, beharrte ich
auf meiner Weigerung. Saint-John bestand seinerseits
darauf, daß, wenn ich einmal entschlossen sei, an seiner
heiligen Mission Theil zu nehmen, ich mich nicht an die
Nebenbedingungen einer so erhabenen Pflicht, einer so
ruhmvollen Aufgabe stoßen dürfe. Ich konnte das Werk
nicht allein unternehmen, ich bedurfte nothwendig einer
Stütze, und diese Stütze mußte ein Mann sein, der nicht
durch eine freiwillige und lösbare Uebereinkunft, sondern
durch Bande an mein Schicksal gefesselt war, welche
eben so dauerhaft sein mußten, als das Leben selbst. Auch
er könne eine weniger bindende Verpflichtung nicht eingehen.
"Dann suchen Sie eine Person, erwiderte ich ihm,
"die sich besser in ein solches Verhältniß zu schicken versteht
und die auch Ihnen convenirt.
"Sagen Sie: meinen Plänen und meinem erhabenen
Werke; denn glauben Sie mir, Jane, ich komme bei
dem Allem am Wenigsten in Betracht. Nicht Sie will
ich heirathen, sondern die Missionnairin, welche für immer
meine Gefährtin werden soll.
Nun wohl, als Missionnairin stelle ich Ihnen alle meine Fähigkeiten und alle meine Energie zur Verfügung.
Dies ist Alles, was Sie brauchen, ich gebe Ihnen von
mir Alles, was Sie brauchen. Das Uebrige aber lassen
Sie mir.”
"Das können Sie nicht und dürfen Sie nicht. Mit
Gott feilscht man nicht und in seinem Namen spreche ich.
Glauben Sie, daß ein halbes Opfer seiner würdig sei?
glauben Sie, daß man sich nur theilweise unter sein glorreiches Panier schaaren kann?
"Nennen Sie es mit Gott feilschen, wenn man ihm
sein Leben und sein Herz weiht? Und er soll es haben,
Saint-John, er soll dieses Herz ganz haben. Sie aber
bedürfen desselben nicht.
Ich verhehle Ihnen nicht, werthe Freundin, daß in
diesen letzten Worten und in dem Gedanken, den sie ausdrückten, etwas Spöttisches lag. Bisher war Saint-John
ein Geheimniß für mich und der Gegenstand meiner stillschweigenden Befürchtungen gewesen. Ich hätte nicht
sagen können, wie viel Göttliches und wie viel Irdisches
in diesem imposanten jungen Manne lag; aber im Laufe
des gegenwärtigen Gesprächs erleichterte mir so mache
Entdeckung sie bis dahin unmöglich gewesene Prüfung.
Ich sah, daß Saint-John nicht frei von Irrthümern war;
seine Härte, sein Despotismus lag klar vor meinen Augen.
Und seine Unvollkommenheit beruhigte mein erstauntes
Herz; sie gab mir die Ueberzeugung, welche meinem
Widerstande bis jetzt fehlte, daß ich mich einem Manne gegenüber befand, der eben so gut irren konnte, der aus
den nämlichen Elementen gebildet war, als ich, und dem
ich mich blindlings zu unterwerfen nicht verpflichtet war.
Das Sarkastische meiner letzten Worte war ihm keineswegs entgangen. Er wunderte sich darüber, wie über
eine unerwartete Auflehnung und wollt durch einige
ernste Worte einen Gegenstand beseitigen, den er in unsrer
Diskussion der Behandlung für unwürdig hielt.
Aber während er auf der gebieterischen Nothwendigkeit
unserer ehelichen Verbindung beharrte und ich dabei
seine regelmäßigen und achtunggebietenden Züge, seine
majestätische, aber ausdruckslose Stirn, eine Augen, deren
strenges Feuer sich nie milderte, seine hohe Gestalt und
seine gebieterische Haltung beobachtete, setzte sich mehr und
wehr der Gedanke in mir fest, das ich wohl die Begleiterin
Saint-Johns, aber niemals seine Gattin werden
könne.
"Ja, sagte ich zu mir selbst, als sein Vicar und
Gehilfe will ich die Meere durchschiffen und die tödtlichen
Himmelsstriche des Orients durchziehen. Von Bewunderung erfüllt gegen seinen Muth, seine Aufopferung und
selbst gegen seinen geheimen Ehrgeiz, der ihn wider sein Wissen und Willen beherrscht, will ich seine treue Gefährtin, seine folgsame Begleiterin sein. Als solche werde ich ohne Zweifel viel leiden müssen, da mein Körper und
mein Geist unter einem fast unerträglichen Joche schmachten werden; aber mein Herz bleibt wenigstens frei. In ihm werde ich eine geheiligte Stätte finden, deren Zugang
ich Allen, und besonders Saint-John verwehren kann,
ohne mein Wort zu brechen. Ich werde ungestört Gefühle in demselben hegen, die er zu trüben nicht die Mache
und mit seinem siegreichen Fuße zu zertreten nicht das
Recht haben wird. Aber als seine Gattin immer an seiner Seite, vor seinen Augen und unter seiner Herrschaft
zu stehen, jeden Gedanken unterdrücken zu müssen, den er
nicht mit seinem vollen Beifall sanctionirt, -- nein, dies
würde ich nicht ertragen!
"Saint-John? rief ich plötzlich, ihm in die Rede faltend.
"Nun?” ersetzte er in eiskaltem Tone.
"Ich wiederhole es Ihnen, daß ich Sie nach Ostindien begleiten will, aber nur als ihre Gehilfin. Ihre
Gattin kann ich nicht werden.”
"Wenn Sie dies nicht können, so sind Sie Ihres
Versprechens enthoben. Wie könnte ein dreißigjähriger Mann ein junges Mädchen von neunzehn Jahren mit nach Indien nehmen, wenn sie nicht seine rechtmäßige Gattin ist? Wie könnte er in wüsten Einöden, mitten
unter wilden Völkerstämmen mit ihr zusammenleben,
ohne mit ihr verheirathet zu sein?... Wo denken Sie hin,
Jane?”
"Wie müßten Sie thun, wenn ich Ihre Schwester wäre?”
"Aber Sie sind es nicht, und ich, kann Sie nicht dafür ausgeben, ohne mich der Gefahr auszusetzen, Lügen
gestraft zu werden und ohne den beleidigendsten Argwohn
zu erwecken. Dann ist es auch nicht genug, die öffentliche Meinung zu berücksichtigen, man muß auch sich selbst
fürchten.”
"O, entgegnete ich, können wir nicht einen und
den nämlichen Weg ziehen, als wären wir zwei junge
Priester?”
"Verzeihen Sie, Jane; Sie besitzen den Muth und
die Einsicht eines Mannes, aber Sie haben auch das Herz
eines Weibes. Ihr Vorschlag ist unausführbar.
"Beruhigen Sie sich, erwiderte ich ein wenig gereitzt;
wir würden in diesem Punkte nicht die mindeste
Gefahr kaufen. Ich habe allerdings ein weibliches Herz,
aber wicht für Sie. Für Sie habe ich nur die Beständigkeit, welche den Soldaten mit seinem Kameraden verbindet, die brüderliche Treue, mit welcher die jungen Krieger Lacedamons einander zugethan waren. Für Sie
empfinde ich die Achtung und Ehrerbietung des Neophyten
zu Füßen des Hierophanten, nichts Anderes, das schwöre
ich Ihnen. Also fürchten Sie nichts...
Ja, dies ist es, was ich bedarf, sagte Saint-John
wie mit sich selbst sprechend; ich hatte mich nicht geirrt,... sie ist es, die mich begleiten muß... und wenn sich Hindernisse in den Weg stellen, so müssen sie beseitigt werden... Glauben Sie mir, Jane, fuhr er sanfter
fort, wenn Sie mich heiratheten, würden Sie sich nicht das unglückliche Loos bereiten, welches Sie zu fürchten
scheinen. Seien Sie fest überzeugt, daß diese unerlässliche
Verbindung -- denn das ist sie wirklich -- genug
Liebe erzeugen würde, um sie selbst in Ihren Augen zu
rechtfertigen.”
Durch einen unwiderstehlichen Impuls getrieben, erhob ich mich plötzlich und rief fast mit Entrüstung:
"Die Idee, welche Sie von der Liebe haben, erwecke
mein Bedauern. Das Gefühl, das Sie mir anbieten,
verdient nur Verachtung, und ich verachte Sie, Saint-John, weil Sie es mir angeboten haben.”
Er drückte mich fest an und seine entfärbten Lippen
preßten sich zusammen. War er erzürnt oder nur überrascht?
Ich konnte darüber nicht ins Klare kommen, eine solche Macht besaß dieser Mann, selbst dem Ausdruck
seines Gesichts zu gebieten.
"Ich hätte nicht erwartet, versetzte er, in diesen
Augenblicke ein solches Wort aus Ihrem Munde zu
hören. Ich glaube durch nichts von dem, was ich gesagt
oder gethan, Ihre Verachtung verdient zu haben.
Diese Milde rührte mich, und seine ruhige, stolze
Haltung flößte wir eine gewisse Ehrfurcht ein.
"So bitte ich Sie denn wegen dieses unglücklichen
Wortes um Verzeihung, sagte ich zu ihm; aber es ist
vielleicht nur Ihre Schuld, daß ich eine so rücksichtslose
Sprache geführt habe. Sie haben das Gespräch auf
einen Gegenstand gelenkt, über den unsere Ansichten nie
im Einklang stehen werden und über den wir uns daher
auch nie streiten sollten. Da aber schon das bloße Wort
„Liebe“ ein Zankapfel zwischen, uns geworden ist, so
mögen Sie ermessen, was erst die Liebe selbst werden
würde. Welche moralische Qualen würden wir uns bereiten!
Lassen wir also das, lieber Vetter und geben Sie Ihre Heirathsgedanken für immer auf.
"Nein, entgegnete er, diese Idee ist aus dem Plane entstanden, der meinen ganzen Lebenszweck bildet,
sie ist die einzige, welche mir die Aussicht auf eine endliche Erreichung desselben gewährt. Doch für jetzt will ich
nicht weiter in Sie dringen. Ich muß vor meiner Abreise nach Cambridge gehen, um von einigen Freunden,
die ich unter den dortigen Professoren und Zöglingen habe,
Abschied zu nehmen. Ich werde volle zwei Wochen entfernt bleiben; ich bitte Sie, während dieser Zeit meinen
Vorschlag mit Ruhe zu überlegen und nicht zu vergessen,
daß Sie durch Ablehnung desselben nicht mich, sondern
Gott von sich stoßen.
Nach diesen Worten schwieg er und würdigte mich von nun an nicht mehr der Mittheilung der Gefühle, welche vielleicht sein Herz bewegten; aber sein Stillschweigen sagte mir genug, denn es drückte mit sprechender Beredsamkeit den Verdruß eines strengen und despotischen Charakters aus, der einen kräftigen Widerstand gefunden, wo er eine rasche und vollständige Unterwerfung erwarten hatte, so wie die Mißbilligung eines harten und kalten Urtheils, das plötzlich in einem Andern Gefühle und Absichten entdeckt, mit denen er sich nicht befreunden kann.
Mit Einem Worte: der Mann fühlte sich gekränkt, daß er meinen Widerstand nicht hatte brechen können,
der Christ war empört über meine Beharrlichkeit und legte
sich die schwere Selbstüberwindung auf, geduldig zu warten, das Anathema zu verschieben und mir Zeit zu heilsamem Nachdenken zu lassen.
Als Saint-John an diesem Abend seine Schwester geküßt hatte, reichte er mir nicht einmal die Hand und
verließ nachdenkend das Zimmer, ohne ein einziges Wort an mich zu richten.
Mein Freundschaftsgefühl empörte sich dagegen, meine Augen füllten sich mit Thränen und da ich bemerkte,
daß er im Corridor seine Schritte hemmte, als wäre eine Regung von Unschlüssigkeit in ihm erwacht, gebot ich
meinem Stolze Schweigen und ging ihm nach. Er war in der That unten an der Treppe stehen geblieben.
"Gute Nacht, Saint-John,” sagte ich tief ergriffen zu ihm.
"Gute Nacht, Jane,” erwiderte er mit der größten Ruhe.
"Wollen wir uns nicht wenigstens die Hand geben?”
Welch ein kalter und unmerklicher Händedruck! Und kein Lächeln, kein freundliches Wort, kein Zeichen einer
offenen und herzlichen Aussöhnung!
Ach! es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich mit seiner Gespensterhand zu seinen Füßen niedergestreckt!

XII.
Plötzlich, und nur Ihnen wage ich ein so fabelhaftes Phänomen mitzutheilen, durchzuckte ein unbeschreibliches
Gefühl meinen ganzen Körper. Obgleich nicht ganz das nämliche, welches einem elektrischen Schlage folgt, war
es doch eben so unvermuthet und eben so heftig; es wirkte auf alle meine Sinne ein, als ob ihre höchste Thätigkeit
bisher nur eine starre Betäubung gewesen wäre, aus der sie durch einen mächtigen Impuls erwachten. Während alle meine Muskeln zitterten und alle meine Geistesfähigkeiten einen Paroxysmus erreichten, von dem ich noch keine Ahnung gehabt hatte, fragte mich Saint-John, erstaunt über die hastige Bewegung, mit der ich mich von ihm entfernte:
“Was haben Sie gehört? was sehen Sie?”
Ich sah nichts,... aber ich hörte eine Stimme und
diese Stimme rief mit einem verzweiflungsvollen Ausdrucke:
"Jane! Jane! Jane!”
Sonst kein Wort mehr.
Die Stimme war weder im Zimmer, noch im Hause,
noch im Garten, sie kam weder von oben noch von unten.
Aber ich hatte sie schon vernommen, sie war mit bekannt
und nach einigen Augenblicken erinnerte ich mich ihres
Klanges: es war die geliebt Stimme Edward Rochesters,
aber durch Schmerz, Unruhe, Angst, Kummer und Entsetzen
verändert.
"Ich komme! erwarte mich!” rief ich unter dem
Einflusse der Sonderbaren Illusion. Und ich eilte aus
dem Zimmer in den Corridor, aus dem Hause in den
Garten.
Der Corridor war dunkel, der Garten war leer.
Wo bist Du? rief ich wieder.
Die Berge, welche den Horizont begrenzten, hallten
schwach meine Word: Wo bist Du? zurück. Ich horchte
mit angehaltenem Athem. Es blieb Alles still. Nichts
als das Seufzen des Windes in den Eichen, nichts als
die Einsamkeit der sumpfigen Haide, nichts als das mitternächtliche Schweigen.
Und dach zweifelte ich keinen Augenblick ich hielt es
nicht für eine abergläubische Illusion, und als Saint-John,
der mir nachgekommen war, meine Hand wiederergriffen
wollte, zog ich sie mit einer unüberwindlichen
Regung von Widerwillen zurück.
Denn jetzt war die Reihe an mir, zu befehlen, jetzt trotzte die gewaltige und fast übernatürliche Thätigkeit meiner Geisteskräfte jedem fremden Einflusse. Ich wollte allein sein, und ich war es; eine hinreichende Energie gebietet stets und überall unbedingten Gehorsam. Ich ging
hinauf in mein Zimmer, sank auf die Kniee nieder und betete, doch nicht so, wie Saint-John vielleicht gebetet
hätte, sondern nach meiner Art, und sie genügte mir, um mich meinem Schöpfer zu nähern.
Als ich mich, tief erschüttert und von Dank erfüllt, daß es Licht in meinem Innern geworden war, wieder
erhob, -- stand mein Entschluß unwiderruflich fest und meine Ruhe war zurückgekehrt. Ich erwartete nur die
geeignete Zeit, um an's Werk zu gehen, das heißt: die Morgenröthe des folgenden Tages.
Sobald ich erwachte, traf ich in der That alle Anstalten
zu einer mehrtägigen Reise. Saint-John entfernte
sich an dem nämlichen Morgen. Ich hörte ihn aus seinem
Zimmer und an meiner Thür vorübergehen; er blieb
sogar einen Augenblick vor derselben stehen und ich fürchtete schon, er werde anklopfen. Aber nein, er schob nur ein zusammengefaltetes Stück Papier unter der Thür herein. Ich hob es auf; es enthielt die nachstehenden Worte:
"Sie haben mich gestern Abend zu früh verlassen.
Noch einen Augenblick, und Ihre Hand erfaßte zu gleicher Zeit das Kreuz des Erlösers und sie Krone der
Engel. Ich reise ab; bei meiner Zurückkunft werden Sie sich entschieden haben. Bis dahin warten Sie und beten Sie; ich werde zu jeder Stunde des Tages
für Sie beten, Saint-John.”
Es war am ersten Juni, aber die Sonne hatte sich
hinter dicken Wolken erhoben und der Regen schlug an
mein Fenster. Ich hörte die Hausthür öffnen, ich sah
Saint-John durch den Garten gehen und in, der
Richtung nach Whitcroß zu im Nebel der Sümpfe verschwinden.
Binnen wenigen Stunden, dachte ich, wird mein
Fuß der Spur des Deinigen folgen. Auch ich muß Jemanden besuchen, auch ich muß von Jemandem Abschied
nehmen, wenn ich England auf immer verlasse. Wenn es irgend möglich ist, werde ich erfahren, woher die
Stimme von gestern Abend kam, und da meine Briefe mir nichts genützt haben, so will ich sehen, was ich selbst
erreiche.
Zwei Stunden später beim Frühstück sagte ich meinen Cousinen, daß ich Marsh-End auf kurze Seit verlassen
wolle, um einen Freund zu besuchen, dessen, Schicksal
mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unsren
vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber
ein zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern, Sie fügten sich stillschweigend allen meinen Wünschen und ließen mir die

nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.
Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam, erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem
ich a einem schönen Sommerabende an der nämlichen
Stelle gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und
mit einer Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unhaltbar hielt. Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung
des Platzes mein ganzes Vermögen ausgeben zu
müssen, und als ich mich auf dem Wege nach Thornfield
befand, fühlte ich mich so heiter und vergnügt, wie die
Taube in der Schrift, als sie nach die Arche zurückflog,
wohin der Herr sie sendete.
Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden.
Am Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause
und der Kutscher spanne die Pferde aus, um zu
füttern. Weit verschieben von der düstern und feuchten
Einöde, aus der ich kam, erschien mir die Gegend mit
ihren grünen Hecken, die große Felder umzäunten, und
mit ihnen freundlichen Anhöhen, wie der Anblick eines
alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.

"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein
Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der
bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum
hatte ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand
meine Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte
mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in
diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die
Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, -
wirst Du es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm
zu sprechen? Dann wäre Deine Mühe verloren und
Du thätest also besser, sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls
hättest Du erst bei dem Gastwirth einige Erkundigungen
einziehen sollen, er würde Dir gewiß haben sagen
können, ob Mr. Rochester England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Nachschlägen
zu folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich
in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der
Ungewißheit war die Verlängerung des Gedankens an die
Zukunft, der mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns

noch ein Mal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von
Bienen bewohnt war, deren lautes Summen die Stille
des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von
Freude drängte mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes
Feld und ein Stück Haideland überschritten, das
mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor
den Mauern des Hofes bei den Wirthschaftsgebäuden.
Das Wohnhaus selbst wurde nur noch von dem erwähnten
Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite
sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo
mein Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann.
Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er
steht frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren.
Wenn ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen?... oder müßte ich dies unterlassen? Was
würde geschehen, wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht sieht er in diesem Augenblicke die
Sonne hinter den Pyrenäen aufgehen,... vielleicht überschaut
er die blitzenden Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte
Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken,
was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie
selbst ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern
vorging, als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes
eine halb verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern
standen noch und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene
Fensterstöcke herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut;
der seine Sand in den Gängen war von profanen
Füßen zerscharrt, das prächtige Portal stand für Jedermann
offen. Das Schicksal Thornfield-Halls war leicht
aus den von Rauch geschwärzten Trümmern zu erkennen.
Eine Feuersbrunst hatte das alte Stammschloß der Rochester
zerstört, und sie mußte schon im vergangenen Jahre
stattgefunden haben, denn der Schnee des Winters und
der Regen des Sommers hatte eine Vegetation vorbereitet,
welche im letzten Frühling emporgesproßt war. Zwischen
den geschwärzten Seinen und den halbverkohlten Balken
wuchs schon Gras, und überdies: beschränkte sich das
Unglück auf das, was meine Augen sahen? war nur ein

Gebäude zerstört worden? lag nicht vielleicht unter diesen
Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der
ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem
zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte,
und ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht
vielleicht schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn, Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore, ruhte.

XIII.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort
und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir
selbst mein Frühstück und ich bat ihn, einen Augenblick
Platz zu nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen
wünschte. Aber nach dieser Einleitung wußte ich nicht h
mehr, was ich noch hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte
ich; er lebt also nicht mehr?

Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards, des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig
und ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen
noch nöthig war.
Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall?
fragte ich weiter.
"Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen
Sie nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig
niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der
Nacht aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote
eintreffen konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen. Es war ein schauerlicher Anblick!...
Ich habe ihn mit angesehen, und das Herz wollte mir
brechen.
"Also in der Nacht! dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern
von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr
ich laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks
nicht entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der
Wirth, leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher
an den Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf,
dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu
sehen bekam ... von der man nichts Genaues wußte...
die Mr. Edward von seinen Reisen mitgebracht hatte und
die man für seine ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt
ergab sich's, daß sie seine Frau war... bei einer
ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich
unsterblich in eine junge Gouvernante verliebt hatte.. und
Sie wissen, daß Männer in seinem Alter, wenn sie ein
junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich
den Gastwirth kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer
angelegt habe.
"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler
hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und
wann einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender,
aber sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole
eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche
schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche,
entfernte sich leise und streifte im Schlosse umher, wo
sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den
Sinn kam. In jener Nacht nun zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht, denn man sagt, daß

sie etwas geahnt habe, Feuer an das Bett, in dem zum
Glück Niemand schlief. Die erwähnte Gouvernante hatte
sich zwei Monate zuvor heimlich entfernt und man muß
gestehen, daß Mr. Rochester kein Mittel unversucht ließ,
um sie wiederzufinden. Seit ihrer Flucht entließ er fast
seine sämmtlichen Dienstleute, entfernte eine Verwandte,
die seine Wirthschaft geführt hatte, und brachte ein kleines
Mädchen, die man für seine Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr lebte wie eine Eremit,
oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig
geworden und sein Wahnsinn sei zu gewissen Zeiten
höchst gefährlich...
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester...
"Er war im Schlosse?
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern
hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,

die nach dem Feuer zu im Winde flatterten. Wir Alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wie
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte,
stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf
und in der nächsten Sekunde lag sie zerschmettert
auf dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stehe Ihnen dafür, denn die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn
bespritzt ... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der
bloßen Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt ... aber ich kann Ihnen
versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...
"Wie so?... Warum?... Was meinen Sie das?... Ist er in England? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England
und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.

Ich litt Höllenqualen und der unglückliche Gastwirth
schien es sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich
hatte geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich
faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu
fragen, was Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen
habe.
Sein Muth, Madame, sein Muth und seine Gutherzigkeit.
Er wollte das Haus zuletzt verlassen... und
als Mistreß Rochester hinabgesprungen und während er
die Haupttreppe hinunterging, stürzte das ganze Gebäude
zusammen. Zum Glück fiel ein Balken so auf das Treppengeländer, daß er ihn einigermaßen schützte. Aber im
Fallen schlug er ihm ein Auge aus und zerquetschte ihm
die eine Hand dermaßen, daß Mr. Carter, sein Arzt, sie
auf der Stelle amputiren mußte. Das andere Auge
entzündete sich nach einigen Tagen ebenfalls und er verlor
auch auf diesen die Sehkraft. So ist der arme Mr.
Edward jetzt blind und einarmig.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?

"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und
wenn Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach
Ferndean bringen kann, Jo will ich das Doppelte Ihrer
gewöhnlichen Fahrtaxe bezahlen.
Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean
Manor gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher
Bauart, das mitten in einem großen Walde
lag. Sein Vater hatte es gekauft, nicht um der Wohnung
selbst willen, die er gern nur gemiethet hätte, sondern
wegen der vortrefflichen Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und
vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welche der Besitzer
inne hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen
dort aufhielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte weine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das
er mit einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte,
suchte ich einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren Wohnung.

Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das
in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreihe
von Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von
einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen
so tief herab, daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen
vermischten. In dieser dunkeln Allee ging ich immer
weiter, ohne das Haus zu erreichen, das ich bei jeder
Krümmung zu erblicken hoffte. Ich glaubte schon, ich
hätte mich verirrt und war im Begriff, umzukehren, als
sich die Bäume lichteten und ich zuerst ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das man kaum
von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine dunklen
und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern fast
ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoosten Stämme
und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich
in einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete,
wo ein mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen
Rasenplatz zog. Dise Vorderseite des Hauses
bot dem Auge zwei spitzige Giebel und einige schmale,
vergitterte Fenster mit in Blei gefaßten Scheiben. Die
ebenfalls schmale Thür schien dazu bestimmt zu sein, sich
nie zu öffnen; eine einzige Stufe führte nach der Schwelle.
im Ganzen genommen, hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck
des Bildes.
Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das
Leben sich wirklich durch ein leises Geräusch kund ganz es war die Eingangsthür, welche in ihren Angeln
knarrte.
Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte
einen Mann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte
ich doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter, Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung
war, mich seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß er mich nicht sehen konnte! Ich blieb
daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete die Veränderungen, welche sein
Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher, das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war
es auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern,
diese athletische, blühende Manneskraft zu schwächen.

Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der
Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen
Schmerz verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte,
welche man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht
hat, deren düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der. sie
zu stören wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn sehen, wo unter einem Kusse diese drohende
Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlider sich erheben
und diese zusammengepreßten Lippen sich öffne
würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.
Mr. Rochester kam die Stufe herab und ging mit langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu.
Großer Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da
er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte.
Er legte die Hand an seine Augen, öffnete erst das eine,
dann das andere und suchte dann mit angestrengten
Blicke den Himmel und den Wald, ohne einen schwachen
Lichtschein vom tiefen Dunkel unterscheiden zu können.
Er streckte die rechte Hand aus, dann die linke, oder vielmehr den verstümmelten Arm verbarg er im Busen, aber die Hand traf nur die Luft, denn die nächsten
Bäume waren noch einige Schritte entfernt.
Er gab nun fein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte
die Arme über der Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der fein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mich seiner Frau Mary sie ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Nähe, um auf den
ersten Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem
Rochester noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab
er die Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach
dem Hause zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als
er eingetreten war, ließ er sie hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung
und Schreck fast umgefallen, als sie mich an der Stimme
erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß
ich Alles wußte, was sich seit meiner Entfernung in

Thornfield-Hall zugetragen hatte, bat John, mein Gepäck
zu holen, das ich in einem Chausseehause gelassen,
und besprach mit Mary die nöthigen Anstalten, damit
ich die Nacht in Ferndean zubringen konnte, was nicht
eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn gehen, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen, Sie meinen Namen nicht Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden
vor sich lassen, ehe er den Namen der Person
und den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte,
stellte sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen
Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings er muß stets zwei Lichter in seinem
Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist das nicht sonderbar?
"Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen
Händen zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb
verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein
fast erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem

Feuer herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.
Sein alter Hund Pilot lag zusammengerollt in
einem Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen,
die ihn zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir, wie früher, entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den
Händen gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch
und Mr. Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen,
woher das Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer
kehrte er das Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
"Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es
ihm in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mich
empor springen und ich rief daher unbedachtsam:
Couche, Pilot! leg' Dich!

XIV.
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antwortete ich ihm mit einer unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen
Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.

Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben Sie noch Durst?
Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte
Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Das sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen,
zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich, wiederholte er immer wieder.
Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie mir sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen
hingab. Sollte dies auch wieder ein Traum sein?...
Ach, wenn Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher
Schatten, dann geschehe es wenigstens nicht eher, als bis,
Deine Lippen meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief sich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen. Dann strich ich sein Haar zurück und küßte ihn auch auf die noch immer schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine
Zweifel...
"Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.
Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mir zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
"Das freut mich, dies ist noch etwas aus dem wirklichen Leben... und dessen bedurfte ich, um zu glauben.
Nimmer hätte ich mir so etwas träumen lassen...
aber es ist wirklich die wohlklingende Stimme, deren süßer
Ton mein welkes Herz erquickt... ich fühle schon, wie
neues Leben ihm zuströmt... Sie sind sehr reich, meine
liebe Jane.
Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Nähe ein
Haus baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen, der Ihre Freunde, Jane -- denn jetzt haben
Sie gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei
einem alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich
geworden bin?

"Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein, kurz Ihnen die Augen und Ihre Hand zu ersetzen.
Fassen Sie also Muth, mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend, er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte sich mir mit. Ich fürchtete, gegen den Takt verstoßen, durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in seinem Innern verletzt zu haben.
Alles, was ich gesagt hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun von meinem vertraulichen
Entgegenkommen denken, wenn ich mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen, aber er drückt mich nur noch fester an sich.
“O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben
sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein
Herz sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt
kann ich Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es Sie entbehren müßte, würde es sich dafür, an dieser verstümmelten Hülle rächen.”
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.”
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies sind Sie noch so jung... Sie müssen sich
früher oder später verheirathen.”
“Daran denke ich nicht und ich lehne mich durchaus
nicht danach.”
“O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach,
wenn ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich
es versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine, ein blinder Krüppel!…”
Er versank wieder in sein schmerzliches Nachsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
“Wissen Sie wohl,” sagte ich in scherzhaftemTone, “daß es Zeit wird, sich zu „rehumanisiren“ und daß Sie mit Ihren langen verworrenen Haaren -- ich
theilte die vollen Locken mit den Fingern von einander --
das Aussehen eines Nebukadnezar nach seiner Verwandlung
haben?... Man könnte sie wirklich für das emporgesträubte Gefieder eines Adlers halten. Sollten Sie etwa auch Klauen haben?”
An diesem Arme weder eine Hand noch Klauen, erwiderte er mit einem schmerzlichen Lächeln; nichts als einen Stumpf, einen häßlichen Stumpf; und er zog ihn
langsam aus seinem Busen.
“Allerdings ein bedauernswerther Anblick, wenn
man Ihren Arm, Ihre Augen und Ihr von einer tiefen
Narbe entstelltes Gesicht betrachtet. Aber wissen Sie,
was bei dem Allen das Schlimmste ist?... daß man
Sie so, wie Sie sind, noch immer liebt. Apropos, setzte
ich hinzu, wann essen Sie gewöhnlich zu Abend?”
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn
ich habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Nach wenigen Augenblicken
wurde uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch
nahm sogleich den natürlichen, ungezwungenen
Charakter ein, den es ehemals zwischen uns hatte. Ich
fühlte mich schon ganz heimisch und mein Herz war mit
inniger Freude erfüllt. Fest entschlossen, meinen geliebten
Herrn nicht in eine traurige Stimmung fallen zu lassen,
lenkte ich die Unterhaltung, sobald mir seine Worte eine
Erinnerung an sein Unglück verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar ein wenig in Ordnung bringen könne.

"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiderte ich ihn in dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten
Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien, war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend, mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen und verdrüßlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieses gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie kamen mir die Thränen
in die Augen. Ich mußte mir indessen Gewalt anthun
und ihn so ansehen, wie ich es mir zur Pflicht, gemacht
hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und ihm einen Spaziergang vorschlug.
"Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene Lampe, der man neues Oel gibt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für mein Ohr, als die aufgehende Sonne Glanz für meine Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein, daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit, gezwungen hätte. Rochester
kam mir vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter, fröhlich und scherzhaft. Nach dem Frühstück nahm ich Rochester mit mir aus dem düstren Zimmer in's Freie und unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen. Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze, wo ich ihm auf einem seit langer Zeit umgehauenen Baume einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann sogar gestattete, mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen, da wir uns Beide in. gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?... Pilot legte sich neben uns und mehrere
Minuten lang herrschte eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rochester mich stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immmer von mir geschieden sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren,
und ohne Existenzmittel! .. selbst das Perlenhalsband hatten Sie in Ihrer Kommode und die noch für
unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird aus meiner Jane werden, die
kein Hilfsmittel und keinen Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung. In der That, Jane, wo
waren Sie eigentlich diese ganze Zeit über?
So durch Fragen gedrängt, begann sich die Erzählung meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres. Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß
ich die Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit
dem Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte. Wozu sollte ich ohne Noch dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in, seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in der
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieses Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
"Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein Mann war er denn?”
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das Profil eines Antinous, schöne blaue Augen und einen edlen Anstand habe, bemerkte ich einigen Verdruß in den hierauf folgenden Fragen.
"Kam er oft zu Ihnen? wußte er Ihre Talente und
Ihren Geist zu würdigen? war er sehr beschäftigt?
"Er studirte sehr fleißig,” antwortete ich.
"Und was?”
"Die hindustanische Sprache.”
“Was war Ihr Lieblingsstudium?”
"Ich lernte deutsch.”

“Lehrte er es Ihnen?”
"Nein, er verstand diese Sprache nicht.”
"Lehrte er Ihnen gar nichts?”
"O ja, ein wenig hindustanisch.”
"Wie; dieser Rivers lehrte Ihnen hindustanisch?”
"Allerdings.”
"Hab er auch seinen Schwestern Unterricht darin?”
Nein.”
"Also nur Ihnen?”
"Nur mir.”
"Hatten Sie ihn darum gebeten?
"Nein.”
"Er wollte es Ihnen also aus eignem Antriebe
lehren?”
"Ja wohl.”
Es entstand eine kurze Pause. Rochester wurde
immer ernster.
Woher dieser pädagogische Eifer? fragte er endlich
wieder, was konnte die hindustanische Sprache Ihnen
nützen?
"Mr. Rivers wollte mich mit nach Ostindien
nehmen.
"Ach, jetzt verstehe ich Alles!... er wollte Sie heirathen.
Nun, dieser Rivers ist kein zu verachtender
Gatte, Jane... Stehen Sie auf von meinem Schooße
denn ohne Zweifel gedenken Sie u ihm zurückzukehren... später... wenn ich mich an mein Unglück gewöhnt habe...
"Nein, das ist wahrhaftig nicht meine Absicht.
"Aber wenn er so schön, so gut, so fromm, so erhaben
über andere Menschen ist... wenn er, wie Sie
sagen, ein Heros, ein Apostel des Christenthums ist...
wenn er dieses griechische Profil, diese begeisterte Sprache hat... so thörigt bin ich nicht, um mir einzubilden... ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
"Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte
werden, denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben
so wenig. Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag,
und diese Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein
-- ein schönes junges Mädchen, die er mit trockenem
Auge die Gattin eines Andren hat werden sehen, während
es nur von ihm abhing, ihre Hand zu erhalten.
Er erblickte in mir nur den Typus einer Gattin, wie sie
nach seinen Ideen ein Missionnair braucht. Aber ohne
allen Zweifel war er in einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst und streng, und für mich kälter ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht.
Ich fühlte mich nicht glücklich in seiner Nähe, er war
weder nachsichtig noch liebevoll gegen mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht. Er gestand mit höchstens einige Talente zu, aus denen man nöthigenfall
Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich jetzt noch auf,zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von Neuem.
Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in wehmüthigem Tone; mein gelähmter, verstümmelter Körper!
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir
nicht erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht
auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit
nicht. Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir
ab, und da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte,
bog ich mich zur Seite, um ihn näher betrachten zu können,
und ich sah eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum in Garten von Thornfield... Und mit welchem
Rechte könnte ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?”
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind
noch grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht,
es werden noch junge Pflanzen zwischen Ihren Wurzeln
emporkeimen und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und wenn diese Pflanzen heranwachsen, werben sie sich dem schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen
eine so feste Stütze bietet, um ihn bald zu umschlingen.”
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können meine Gattin nicht werden.”
"Aber Sie gedenken doch nicht für immer Witwer zu bleiben?”
"Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.”
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.”
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen Sie mir.”
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müßen, ist die, welche Sie am Meisten liebt.
Oder wenigstens Die, welche ich am Meisten liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihr Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Binden, den Sie werden führen müssen?”
"Ja.”
"Dem Krüppel, der zwanzig Jahr älter ist als Sie und auf den Sie beständig werden Acht geben müssen?”
“Allerdings.”
"Ist es wirklich wahr?”
"Es ist mein voller Ernst.”
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige Gott es Ihnen vergelten?”
"Mr. Rochester,” sagte ich tief ergriffen, “wenn ich je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente, wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch gehabt, ein Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich bis zu ihm zu erheben... so bin ich jetzt reichlich dafür belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste Glück, nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.”
“Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.”
“Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.”
"Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden.”
Ich sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich nicht irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie, meine Gattin. Was Ihren Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen,
seit dem Tage, an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor…”
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten, behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
Und jetzt,” fuhr Rochester fort, “muß ich Ihnen noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande. Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine
Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte.
Aber der Allmächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen.
Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen,
ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße
verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte
ich der Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich
eitel prahlte, hat Gott so vollständig gebrochen, daß ich
in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät, aber mit zerknirschtem und
reuigem Herzen auf die Kniee gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade vor seinen
Augen gefunden zu haben.
Hören Sie, was mir begegnet ist.
"Vor einigen Tagen... ich kann sie zählen... ja,
es war am letzten Montag, ziemlich spät Abends, ging
eine merkwürdige Veränderung mit meinem Kummer vor;
mein Zorn verwandelte sich in Traurigkeit, mein Groll
in eine tiefe Entmuthigung. Ich war schon längst überzeugt,
daß nur der Tod Sie meinen thätigen und unermüdlichen
Nachforschungen hatte entziehen können. Diesen
Abend also... es konnte elf oder zwölf Uhr sein, ehe
ich mein nächtliches Lager aufsuchen wollte, das mir nach
und nach unerträglich geworden war, betete ich zu Gott aus dem tiefsten Grunde meines Herzens, daß er mich bald zu sich nehmen möchte in jene höhere Welt, in der
es mir vielleicht vergönnt wäre, meine Jane zu finden.
"Ich saß in meinem Zimmer am offenen Fenster, die kühle Nachtluft hatte mein stürmisches Blut ein wenig beruhigt, und obgleich es mir versagt war, den Mond
zu sehen, so ahnete ich doch seine Gegenwart aus einen
matten Schimmer vor meinen Augen.
In dieser einsamen Stunde dachte ich an Dich,
meine Jane. Ein unnennbares Sehnen nach Dir bemächtigte sich meines Körpers und meines Herzens. In meiner Seelenangst und mit der Demuth eines Wurmes, der
sich zertreten fühlt, fragte ich Gott, ob ich noch nicht
genug Kummer und Qualen erduldet hätte und ob ich nie
mehr auf dieser Erde weder Glück noch Frieden finden
würde.
"So hart meine Leiden auch waren, sah ich doch
ein, daß ich sie verdient hatte. Allein es dünkte mir, das
Maß derselben müsse bald voll sein, der Inbegriff aller
Wünsche meines Herzens, mein erster und letzter Gedanke
entschlüpfte unwillkürlich meinen Lippen und ich rief aus:
"Jane! Jane! Jane!"
"Wie? Sie sprachen diese Worte laut aus?
"Ja mein Kind, und wer sie gehört hätte, würde
geglaubt haben, ich befände mich in einem Zustande des
Fieberwahnsinns, so tragisch und ich möchte sagen überirdisch war ihr Ausdruck.

“Und dies war am letzten Montag... einige Minuten vor Mitternacht?…”
“Ja, kurz darauf schlug es zwölf Uhr... aber die Stunde thut nichts zur Sache. Was nun das Ueberraschendste dabei war, habe ich Dir noch nicht gesagt, und
ich wage kaum es auszusprechen, weil Du mich des Aberglaubens und einer kindischen Schwäche beschuldigen wirst.
Doch, gleichviel, höre, was geschah, wie es mir wenigstens
schien. In dem Augenblicke, als ich Deinen Namen
dreimal gerufen hatte, antwortete mir eine Stimme, ohne
daß ich wußte, woher sie kam, in deren Klang ich mich
unmöglich täuschen konnte: Ich komme! erwarte
mich! Und einige Sekunden später vernahm ich, obgleich
schon nicht mehr so deutlich, die Worte: Wo bist Du?
"Ich würde mich vergebens bemühen, wollte ich Dir
beschreiben, welchen Eindruck diese Illusion, denn eine
solche war es, auf meine Sinne hervorbrachte. Du siehst,
daß Ferndean auf allen Seiten von dichten Wäldern umgeben
ist, in denen jeder Ton verhallen muß, ohne das leiseste
Echo zu erwecken. Aber im Gegentheil, die letzten Worte:
Wo bist Du? schienen in einer bergigen Gegend ausgesprochen
worden zu sein, denn ich hörte sie sich wiederholen,
als wären sie an eine nahe Felsenwand angeprallt.
Dann spielte der Wind nach und nach immer stärker um
meine Schläfe, so daß ich mich in eine entlegene Einsamkeit,
in ein ländliches Thal an die Seite meiner Jane versetzt
glauben konnte. Während dieser Zeit schliefst Du
ohne Zweifel, aber ich möchte fast mit Gewißheit behaupten,
Deine Seele schwebte, ihrer sterblichen Hülle entledigt,
in den Lüften und suchte die meinige, um sie zu trösten;
denn jene Stimme war Deine Stimme... so wahr
als ich lebe, ich habe sie erkannt.
Urtheilen Sie selbst, verehrte Freundin, mit welchem
Erstaunen ich diese Erzählung Rochesters anhörte, denn
es war wirklich am Montag Abend gegen Mitternacht, als
auch ich den geheimnißvollen Ruf vernommen, und es waren
genau die Werte, mit denen ich ihn erwidert hatte.
Ich unterließ jedoch, Rochester dieses wunderbare
Zusammentreffen mitzutheilen, da ich fürchtete, es könnte
einen zu heftigen Eindruck auf ihn machen, denn ein
vom Unglück niedergebeugtes Herz muß man mit Allem
verschonen, was einem natürlichen Hange zu überspannter
Leichtgläubigkeit Nahrung geben kann.
Allein ich bewahrte die Erinnerung an dieses Wunder in meinem Herzen, um mit Muße darüber nachzudenken.
Nach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete;
zu Gott streckte Rochester die Hand aus und bedeutete
mir so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure
Hand und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um
meinen Nacken und auf meine Schultern legte. So
diente ich ihm zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zur.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, denn Sie wissen es bereits, daß ich Rochesters Gattin wurde. Unsere
Trauung fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen Gehilfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen,
ging ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben,? sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier
ist unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf,
"Ist es möglich, Miß erwiderte Mary; nun
das freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
weggehen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, sich
habe es mir gedacht, daß Mr. Edward dies im Sinne
hatte, und ich glaube, er hat wohl daran gethan.
Während er dies sägte, nahm er nicht seine Mütze
ab, denn er war in bloßem Kopfe, aber er machte mir eine
ehrerbietige Verbeugung.

Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End und nach Cambridge, um das Geschehene zu berichten und es unter
dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und
Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten
ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht uns meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit
einer Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten, doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung war, daß ich Adela in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Sie sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante an ihr wieder zu üben. Aber dies war nur eine schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten hinfüro einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete. Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
die Erziehung den Fähigkeiten unserer kleinen Französin, welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu
Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen, liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß Ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die kleinen Mühen und Verdrüßlichkeiten bei ihrer Erziehung entschädigt.

Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Aber Sie, meine beste Freundin, haben wohl das Recht, mich zu fragen, ob ich in dieser ganz eigenthümlichen Ehe das Glück gefunden, welches ich geträumt habe. Ich antworte Ihnen ganz offen darauf: seit zehn Jahren, während deren ich ganz für den Gatten meiner Wahl lebe, habe ich nie eine glücklichere Frau gesehen, als ich bin.
Nicht eine ist in gleichem Grade das zweite Ich ihres Gatten, nicht eine ist so ganz „ein Fleisch und Blut“ mit ihm. Ein einziges Herz schlägt in unser Beider Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen.
Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charactere aber ist die reinste und höchste Seligkeit.
In den ersten zwei Jahren nach unserer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und
Jedes Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah
er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste.
Ich meinentheils hatte einen fortdauernden Beweis seine Liebe in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze Character ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und Gefälligkeiten von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre, einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, deine goldene Kette.
"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That die Farbe. Rochester sagte mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre der Schleier
vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit. Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich nicht irrte.
Am folgenden Tage reisten wir nach London, wo die geschickte Hand eines berühmten Augenarztes, unterstützt
von der thätigen Heilkraft der Natur, ihm fast den vollständigen Gebrauch des einen Auges, den eine sympathische
Entzündung ihm geraubt hatte, wieder verschaffte. Er erkennt allerdings die Gegenstände nicht in ihren kleinsten
Details, er kann nicht anhaltend lesen oder schreiben, aber, er bedarf keines Führers mehr und der Himmel ist kein
dunkler Abgrund, die Erde keine Wüste mehr für ihn.
An dem Tage, an welchen man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine
Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt groß, schwarz und feurig. Von diesem Tage beugte er sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des Allerhöchsten, welcher Strenge seiner gerechten Strafen immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr empfangen wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir
besuchen sie zur Abwechselung; Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffezier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein entschlossener und unermüdlicherer Arbeiter seinen Weg durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt: er strebt nach einem Platze in der ersten Reihe der Auserkorenen, der Wesen ohne Makel, welche, zur Rechten Gottes sitzend, den erhabenen Triumph des Erlösers theilen.
Saint-John hat sich nicht verheirathet und wird sich auch nicht verheirathen. Bis jetzt hat er sich selbst für seine ruhmwürdige Aufgabe genügt, welche bald beendigt sein wird.
Der letzte Brief, den ich von ihm erhalten, hat mein Herz mit himmlischer Freude erfüllt, obgleich er meinen Augen irdische Thränen entlockte. Aus jeden Worte desselben sprach die gewisse Hoffnung auf einen nicht mehr fernen Lohn und auf den Besitz einer unverwelklichen Krone. Ich bin überzeugt, daß in Kurzem ein andrer Brief von fremden Hand mir die Nachricht bringen wird, daß der gute und treue Diener in den Schooß des Herrn zurückgerufen worden ist. Und warum sollte ich mich deshalb betrüben? Keine Furcht kann den letzten Gedanken des frommen Missionnairs getrübt haben. Sein Geist wird heiter und wolkenlos, sein Glaube unerschütterlich, seine Hoffnung ohne Erwarten und doch immer ungeschwächt geblieben sein. Wer könnte sich einen schöneren Tod nach einem besseren Leben wünschen?

Ende des zweiten und letzten Theils