Eyre_GReichard_Jugendhort.txt
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Jane und ihr Peiniger.
Es war an einem rauhen Wintertage. In Gateshead-Hall,
einem Schlosse in der Grafschaft.. shire im südlichen England
ruhte die Besitzerin des Schlosses, Mrs. Reed, umgeben von ihren
drei Lieblingen: Eliza, John und Georgina - auf einem Sofa ihres Salons. Glücklich betrachtete sie die Gesichtszüge ihrer Kinder, die in diesem Augenblick zufällig weder zankten noch schrien.
An das Wohnzimmer stieß ein kleines Frühstückszimmer, in
welchem ein großer Bücherschrank stand. Auf dem Sitz in der
Fenstervertiefung saß ein kleines Mädchen, die Beine gekreuzt wie
ein Türke; doch verdeckten dunkelrote Moire-Vorhänge das Kind
fast vollständig. Scharlachrote Draperien schlossen die Aussicht zur
rechten Hand; links befanden sich die großen, klaren Fensterscheiben,
die einen Ausblick in den düstern Novembertag gestatteten. Das
Mädchen hatte ein Buch in der Hand, und wenn es die Blätter desselben wendete, fiel sein Blick auf das Bild dieses winterlichen Nachmittags. In der Ferne war nichts als ein blasser, leerer Nebel,
Wolken; im Vordergrunde der feuchte, freie Platz vor dem Hause,
vom Winde entlaubte Gesträuche, und ein unaufhörlicher vom
Sturm wildgepeitschter Regen.
Wer war jenes Kind, und weshalb saß es so einsam dort?
Nun, meine liebe Leserin, ich will deine Wißbegierde gleich befriedigen. Dieses einsame Mädchen war Jane Eyre, eine elternlose Nichte der Mrs. Reed, und von dieser- wie sie sagte- aus
Gnade und Barmherzigkeit angenommen. Nichtsdestoweniger suchte
Mrs. Reed ihre Nichte stets so weit wie möglich von sich fern zu
halten. Als nun Jane nach dem Mittagsmähle sich ebenfalls der
Familie zugesellen und im Salon verweilen wollte, sprach ihre
Tante zu ihr: ,Ich bin gezwungen, dich von uns fern zu halten,
bis du angenehmere und freundlichere Manieren, sowie ein offenherzigeres Wesen zeigst; auch hat Bessie sich wieder über dich beklagt.
,Wessen klagt mich denn Bessie an? fragte das Kind dagegen.
,Ich liebe weder Spitzfindigkeiten noch Fragen, erwiderte
die Tante darauf, ,und finde es geradezu häßlich, wenn ein Kind
ältere Leute in solcher Weise zur Rede stellt. Augenblicklich setzest
du dich irgendwo hin und schweigst, bis du freundlicher und liebenswürdiger sprechen kannst.
Daraufhin hatte sich Jane in die Fensternische des Frühstückszimmers zurückgezogen, und so finden wir sie dort mit Bewicks Geschichte von Englands befiederten Bewohnern beschäftigt. Sie
blätterte von Bild zu Bild, sah auf den stillen, einsamen Friedhof,
auf jenes Tor, die beiden Bäume, den niedrigen Horizont, der
durch eine zerfallene Mauer begrenzt war, auf die schmale Mondessichel, deren Aufgang die Stunde der Abendflut bezeichnete. Die
beiden Schiffe, welche auf regungsloser See von einer Windstille
befallen werden, hielt sie für Meergespenster.
Über den Unhold, welcher das Bündel des Diebes auf dessen
Rücken festband, eilte sie flüchtig hinweg; er war ein Gegenstand
des Schreckens für sie.
Und ein gleiches Entsetzen flößte ihr das schwarze, gehörnte
Etwas ein, das hoch auf einem Felsen saß und in weiter Ferne eine
Menschenmasse beobachtete, die einen Galgen umgab.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte: oft war diese für ihren
unentwickelten Verstand geheimnisvoll, ihrem Empfinden unverständlich, stets aber flößte sie ihr das tiefste Interesse ein: dasselbe Interesse, mit welchem sie den Erzählungen Bessies, des Kindermädchens, horchte, wenn diese zuweilen an Winterabenden in
guter Laune war. Dann nämlich pflegte Bessie ihren Plättisch an
das Kaminfeuer der Kinderstube zu bringen, und während sie dann
Mrs. Reeds Spitzen bügelte und kräuselte, ergötzte sie die Kinder
mit Erzählungen von alten Märchen und noch älteren Balladen.
Mit Bewick auf den Knien saß Jane so glücklich da; sie fürchtete
nichts als eine Unterbrechung, eine Störung- und diese kam nur
zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
,Bah, Frau Träumerin!'' ertönte John Reeds Stimme; dann
hielt er inne; augenscheinlich war er erstaunt, das Zimmer leer zu
finden.
,Wo zum Teufel ist sie denn? fuhr er fort, ,Lizzy! Georgy!'
rief er seinen Schwestern zu, ,Jane ist nicht hier. Sagt doch
Mama, daß sie in den Regen hinaus gelaufen ist- das böse Tier!'
,Wie gut, daß ich den Vorhang zusammengezogen habe,
dachte Jane; und dann wünschte sie inbrünstig, daß er ihren Versteck nicht entdecken möge; John Reed selbst würde es auch niemals
entdeckt haben, aber Eliza steckte den Kopf zur Tür hinein und sagte
sofort:
,Sie ist gewiß wieder in die Fenstervertiefung gekrochen, sieh
nur nach, John.
Jetzt trat Jane sofort heraus, denn sie zitterte bei dem Gedanken, daß John sie hervorzerren würde.
,Da bin ich, was wünscht ihr? sagte sie mit schlecht erheuchelter Gleichgültigkeit.
,Ich will, daß du hierher kommst, lautete seine Antwort, und
indem er in einem Lehnstuhl Platz nahm, gab er ihr durch eine
Geste zu verstehen, daß sie näher kommen und vor ihn treten solle.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren; vier
Jahre älter als Jane, denn diese war erst zehn Jahre alt; der
Knabe war groß und stark für sein Alter, mit einer ungesunden
Hautfarbe, schwerfälligen Gliedmaßen und großen Händen und
Füßen. Gewöhnlich pflegte er sich bei Tische so voll zu pfropfen,
daß er schlecht gelaunt wurde; das machte seine Augen trübe und
seine Wangen schlaff. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sein
müssen, aber seine Mama hatte ihn für ein bis zwei Monate nach
Hause geholt, ,seiner zarten Gesundheit wegen. Mr Miles, der
Direktor der Schule, versicherte, daß es ihm außerordentlich gut
gehen würde, wenn man ihm nur weniger Kuchen und Leckerbissen
von Hause schicken wollte; aber das Herz der Mutter empörte sich
Überanstrengung beim Lernen und vielleicht auch von Heimweh
herrühre.
John hegte wenig Liebe für seine Mutter und seine
Schwestern, und eine starke Antipathie gegen seine Cousine. Er
quälte und strafte sie; nicht zwei- oder dreimal in der Woche, nicht
ein- oder zweimal am Tage, sondern fortwährend und unaufhörlich; jeder Nerv in dem Kinde fürchtete ihn, und sie schauderte,
wenn er in ihre Nähe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken,
den er ihr einflößte, sie ganz besinnungslos machte, denn sie hatte
niemanden, der sie gegen seine Drohungen und seine Tätlichkeiten
verteidigte; die Dienerschaft wagte es nicht, ihren jungen Herrn zu
beleidigen, indem sie für Jane gegen ihn Partei ergriff, und Mrs.
Reed war in diesem Punkte blind und taub: sie sah niemals, wenn
er ihre Nichte schlug, sie hörte niemals, wenn er sie beschimpfte, obgleich er beides gar oft in ihrer Gegenwart tat: häufiger zwar noch
hinter ihrem Rücken.
Jane gehorchte John auch diesesmal und näherte sich seinem
Stuhl: ungefähr zwei bis drei Minuten brachte er damit zu, ihr
seine Zunge so weit entgegenzustrecken, wie er es nur bewerkstelligen konnte; und obgleich Jane eine tödliche Angst vor dem gewöhnlich folgenden Schlage empfand, vermochte sie es doch nicht,
ihren Abscheu über die häßliche Erscheinung des Burschen zu
unterdrücken. Plötzlich schlug er heftig und brutal auf das Kind
los. Jane taumelte; dann gewann sie das Gleichgewicht wieder
und trat einige Schritte von seinem Stuhl zurück.
,Das ist für die Frechheit, dich hinter den Vorhang zu verkriechen, und für den Blick, den ich vor zwei Minuten in deinen
Augen gewahrte, du Ratte, du!
An Johns Beschimpfungen gewöhnt, fiel es Jane niemals
ein, irgend etwas auf dieselben zu erwidern.
,Was hast du da hinter dem Vorhange gemacht? fragte er
weiter.
,Ich habe gelesen, erwiderte sie.
,Zeige mir das Buch, gebot John.
Das Mädchen ging an das Fenster zurück und holte es
von dort.
,Du hast kein Recht, unsere Bücher zu nehmen; du bist eine
Untergebene, hat Mama gesagt; du hast kein Geld; dein Vater hat
dir keins hinterlassen; eigentlich solltest du betteln und hier nicht
mit den Kindern eines Gentleman, wie wir es sind, zusammen
leben, und dieselben Mahlzeiten essen wie wir, und Kleider tragen,
die unsere Mama dir kaufen muß. Nun, ich werde dich lehren,
zwischen meinen Büchern umherzustöbern, denn sie gehören mir,
und das ganze Haus gehört mir, oder wird mir wenigstens in
einigen Jahren gehören. Geh und stell dich an die Tür; nicht vor
den Spiegel oder die Fenster,'' rief John wütend.
Jane tat, wie ihr geheißen wurde. Da gewahrte sie aber, daß
er das Buch emporhob und mit demselben zielte; instinktiv sprang
sie zur Seite und stieß einen Schreckensschrei aus; doch das Buch
wurde geschleudert und traf das Kind, so daß es mit dem Kopf
gegen die Tür schlug und sich verletzte. Die Wunde blutete, der
Schmerz war heftig.
,Du böser, grausamer Bube! schrie Jane jetzt. ,Du bist wie
ein Mörder-- du bist wie ein Sklaventreiber-- du bist wie die
römischen Kaiser!''
Sie hatte nämlich Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und so
von den Schandtaten Neros, Caligulas und anderer erfahren.
,Was! Was! schrie er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt
ihr es gehört, Eliza und Georgina? Das will ich der Mama erzählen!- Aber erst noch -
Er stürzte auf Jane zu. Sie fühlte, wie er ihr Haar und ihre
Schulter faßte; sie bemerkte, wie einzelne Blutstropfen von ihrem
Kopfe auf den Hals herabfielen, und empfand einen stechenden
Schmerz, und für den Augenblick siegte wahnsinnige Wut über den
Schmerz. Sie schlug und kratzte, während er fortwährend,ate!
Rate!'' schrie und aus Leibeskräften brüllte. Eliza und Georgina
holten Mrs. Reed. Diese erschien sofort und ihr folgten Bessie und
ihre Kammerjungfer Abbot. Man trennte die Kämpfenden und
dann ertönten die Worte:
,Du liebe Zeit! Welch eine Furie, so auf Mr. John loszustürzen!?
,Hat man jemals ein so leidenschaftliches Geschöpf gesehen!?
Mrs. Reed aber gebot:
,Führt sie in das rote Zimmer und schließt sie dort ein. Vier
Hände bemächtigten sich sofort des Mädchens und man trug sie
nach oben.

Zweites Kapitel.
Das rote Zimmer.
Auf dem ganzen Wege leistete Jane Widerstand; dies war
etwas neues und ein Umstand, der viel dazu beitrug, Bessie und
Miß Abbot in der schlechten Meinung zu bestärken, welche diese
ohnehin schon von ihr hegten; aber das Kind war vollständig außer
sich und trotzdem es wohl wußte, daß diese Empörung ihm außergewöhnliche Strafen zuziehen mußte, war es in seiner Verzweiflung
fest entschlossen, bis ans äußerste zu gehen.
, Halten Sie ihre Arme, Miß Abbot; sie ist wie eine wilde
Katze.
,Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!' rief die Kammerjungfer.,Welch ein abscheuliches Betragen, Miß Eyre, einen jungen
Gentleman zu schlagen! Den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren
jungen Herrn!''
,Herr! Wie ist er mein Herr? Bin ich denn eine Dienerin??
, Nein. Sie sind weniger als eine Dienerin, denn Sie tun
nichts, Sie arbeiten nicht für Ihren Unterhalt. Da! Setzen Sie
sich und denken Sie über Ihre Schlechtigkeit und Bosheit nach!
Inzwischen hatten sie Jane in das von Mrs. Reed bezeichnete
Gemach gebracht und sie auf einen Stuhl geworfen; doch wie eine
Sprungfeder schnellte sie wieder von demselben empor. Vier Hände
hielten sie jedoch augenblicklich wieder wie mit eisernen Klammern.
,Wenn Sie nicht still sitzen, werden wir Sie festbinden,' sagte
Bessie und bat Miß Abbot einen Strick zu holen.
Schon wollte diese gehen, als die Aufregung Janes sich ein
wenig minderte.
,Gehen Sie nicht, schrie sie, ,ich werde ganz still sitzen, und
sie hielt sich mit beiden Händen an ihrem Sitz fest.
Als sich Bessie überzeugt hatte, daß sich Jane wirklich etwas
beruhigte, ließ sie sie los; dann stellten sie und Miß Abbot sich mit
gekreuzten Armen vor Jane hin und blickten finster und zweifelnd
in ihr Gesicht, als glaubten sie nicht an ihren gesunden Verstand.
,Das hat sie bis jetzt noch niemals getan,' sagte endlich Bessie
zu Abigail Abbot gewendet.
,Aber es hat schon lange in ihr gesteckt, lautete die Antwort.
,Ich habe der gnädigen Frau schon oft meine Meinung über das
Kind gesagt, und sie hat mir auch beigestimmt. Sie ist ein verstecktes, kleines Ding: ich habe noch nie ein Mädchen in ihrem Alter
gesehen, das so schlau wäre.
Bessie antwortete nicht; nach einer Weile wandte sie sich zu
Jane und sagte:
,Fräulein, Sie sollten doch wissen, daß Sie Mrs. Reed zu
Dank verpflichtet sind, sie erhält Sie. Wenn sie Sie fortschickte, so
müßten Sie ins Armenhaus gehen.
Auf diese Worte erwiderte Jane nichts; sie waren ihr nicht
mehr neu; so weit sie in ihrem Leben zurückdenken konnte, hatte sie
Reden desselben Inhalts gehört. Nun fiel auch Miß Abbot ein:
,Und Sie sollten auch nicht denken, daß Sie mit den Fräulein
Reed und Mr. Reed auf gleicher Stufe stehen, weil Mrs. Reed Ihnen
gütig erlaubt, mit ihren Kindern erzogen zu werden. Diese werden
einmal ein großes Vermögen haben, und Sie sind arm. Sie müssen
demütig und bescheiden sein und versuchen, sich den andern angenehm zu machen.
,Was wir Ihnen sagen, ist zu Ihrem Besten,'' fügte Bessie hinzu, ohne in hartem Ton zu reden,,Sie sollten versuchen, sich nützlich und angenehm zu machen, dann würden Sie hier vielleicht eine
Heimat finden; wenn Sie aber heftig und roh und ungezogen
werden, so wird Mrs. Reed Sie fortschicken, davon bin ich fest überzeugt.
,Außerdem, sagte Miß Abbot, ,wird Gott Sie strafen. Er
könnte Sie mitten in Ihrem Trotz tot zu Boden fallen lassen, und
wohin kämen Sie dann? Kommen Sie, Bessie, wir wollen sie
allein lassen: um keinen Preis der Welt möchte ich ihr Herz haben.
Sagen Sie Ihr Gebet, Miß Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn
Sie nicht bereuen, könnte etwas Schreckliches durch den Kamin herunterkommen. und Sie holen.
Sie gingen und schlossen die Türe hinter sich ab.
Das rote Zimmer war ein Fremdenzimmer, in dem nur selten
jemand schlief; man könnte beinahe sagen niemals oder nur dann,
wenn zufällig sehr viel Besucher auf Gateshead-Hall anwesend
waren; trotzdem war es eins der schönsten und prächtigsten Gemächer im Herrenhause. Im Mittelpunkt desselhen stand ein Bett
von massiven Mahagonipfeilern getragen und mit Vorhängen von
dunkelrotem Damast behängt; die beiden großen Fenster, deren
Rouleaux immer herabgelassen waren, wurden durch Gehänge und
Faltendraperien vom selben Stoffe halb verhüllt; der Teppich war
rot; der Tisch am Fußende des Bettes war mit einer hochroten
Decke belegt; die Wände waren mit einem Stoffe behängt, der auf
lichtbraunem Grunde ein zartes rosa Muster trug; die Garderobe,
der Toilettetisch, die Stühle waren aus dunklem, poliertem Mahagoni angefertigt. Aus diesen düsteren Schatten erhoben sich hoch
und glänzend die aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen des
Bettes, über die eine schneeweiße Decke gebreitet war. Ebenso unheimlich stak ein großer, gepolsterter, ebenfalls weißer Lehnstuhl
hervor, der am Kopfende des Bettes stand und vor dem sich ein
Fußschemel befand.
Das Zimmer war dumpf, weil nur selten ein Feuer in demselben angezündet wurde; es war still, weil es weit von der Kinderstube und den Küchen entfernt lag; unheimlich, weil fast niemals
jemand dasselbe betrat. Nur am Sonnabend kam das Hausmädchen hierher, um den Staub einer Woche von den Möbeln und
den Spiegeln zu wischen; und in langen Zwischenräumen kam auch
Mrs. Reed hierher, um den Inhalt einer gewissen Schieblade zu
revidieren, in welcher sich verschiedene Urkunden, ihre Juwelenschatulle und ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten befand.
In diesen letzten Worten liegt das Geheimnis des roten Zimmers.
der Zauberbann, weshalb es trotz seiner Pracht so einsam und verlassen war.
Mr. Reed war seit neun Jahren tot; in diesem Gemache hatte
er seinen letzten Atemzug getan; hier lag er aufgebahrt; von hier
hatten die Leichenträger ihn hinausgetragen -- und seit jenem
Tage hatte ein Gefühl trauriger Weihe jeden unberufenen Besucher
von seiner Schwelle fern gehalten.
Der Sitz, auf welchen Bessie und die bitterböse Miß Abbot die
Kleine gebannt hatten, war eine niedrige Ottomane, welche nahe
dem weißen Marmorkamin stand; das Bett türmte sich davor auf;
zur Rechten Janes befand sich ein hoher dunkler Garderobenschrank; zu ihrer Linken waren die verhängten Fenster; ein großer
Spiegel zwischen denselben wiederholte die totenstille Majestät des
Bettes und des Zimmers. Jane war nicht ganz sicher, ob die Tür
zugeschlossen war; und als sie wieder Mut genug hatte, um sich zu
bewegen, stand sie auf und sah nach. Ach ja! Keine Kerkertür war
jemals sicherer verschlossen! Als sie wieder an die Ottomane zurückging, mußte sie an dem Spiegel vorüber, und ihr gebannter Blick
bohrte sich unwillkürlich in die Tiefe desselben ein. In ihm sah
alles noch hohler und düsterer aus als in Wirklichkeit, und Janes
seltsame, kleine Gestalt, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, mit
weißem Gesicht und Armen, die grell aus der Dunkelheit hervorleuchteten, mit Augen, die vor Furcht hin- und herrollten, während sonst alles bewegungslos war diese kleine Gestalt. sah aus, wie
ein wirkliches Gespenst, halb Elfe, halb Kobold, wie sie in Bessies
Dämmerstundengeschichten auftraten. Erschreckt kehrte Jane auf
ihren Sitz zurück.
Aber noch wurde die Furcht des Aberglaubens von der
Empörung zurückgehalten. Aus dem bewegten und aufgeregten
Gemüt des Kindes stiegen alle ihre Leiden an die Oberfläche. John
Reeds wilde Tyrannei, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten! Weshalb mußte sie stets leiden, stets mit verächtlichen Blicken angesehen werden, immer beschuldigt, immer verurteilt werden?
Weshalb konnte sie niemals etwas recht machen? Weshalb war es
immer nutzlos, wenn sie versuchte, irgendeines Menschen Gunst zu
erringen? Man hatte Achtung vor Eliza, die doch so eigensinnig und
selbstsüchtig war. Jedermann hatte Nachsicht mit Georgina, die
stets übelgelaunt und trotzig war. Ihre Schönheit, ihre rosigen
Wangen und goldigen Locken schienen jeden zu entzücken, der sie anblickte und ihr Vergebung für all ihre Mängel und Fehler zu erkaufen. John wurde niemals bestraft, niemand widersprach ihm
jemals, obgleich er den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen
Hühner umbrachte, die Hunde auf die Schafe hetzte, den Weinstock
im Treibhause seiner Trauben beraubte und von den seltensten
Pflanzen die Knospen abriß; er nannte seine Mutter sogar ,liebe
Alte''; nahm durchaus keine Rücksicht auf ihre Wünsche; zerriß und
beschmutzte ihre seidenen Kleider nicht selten, - und doch war er
,ihr einziger Liebling'. Sie wagte niemals, einen Fehler zu begehen, bemühte sich stets, ihre Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man sie unartig und unerträglich, mürrisch und hinterlistig.
Ihr Kopf schmerzte noch und blutete nach dem erhaltenen
Schlage und dem Falle, welchen sie getan; niemand hatte John
einen Verweis erteilt, weil er sie grundlos geschlagen; aber weil sie
sich gegen ihn aufgelehnt hatte, um seiner weiteren, unvernünftigen
Heftigkeit zu entgehen, hatten sie alle mit den lautesten
Schmähungen überhäuft.
, Ungerecht! - ungerecht!'' sagte das arme Mädchen zu sich
selbst, und ihr Geist sann auf allerhand Mittel, um eine Flucht aus
diesem schier unerträglich gewordenen Drucke zu bewerkstelligen --
sie dachte daran, auf und davon zu laufen, oder wenn dies nicht
möglich, wenigstens niemals wieder Speise und Trank zu sich zu
nehmen und auf diese Weise zu Tode zu hungern.
,Ach,' fragte sich die arme, verzweifelte Jane, ,warum muß
ich soviel leiden?
Währenddessen begann das Tageslicht aus dem roten Zimmer
zu schwinden; es war nach vier Uhr, und auf den bewölkten Nachmittag folgte die trübe Dämmerung. Jane hörte, wie der Regen
noch unaufhörlich gegen das Fenster der Treppe schlug, wie der
Wind in den Laubgängen hinter dem Herrenhause heulte; nach und
nach wurde ihr so kalt wie Marmor, und dann begann ihr Mut zu
sinken. Hilflose Traurigkeit bemächtigte sich ihrer und ihr Herz
wurde voller Zweifel. Alle sagten ja, daß sie boshaft sei- vielleicht war es der Fall, denn hatte sie nicht soeben den Gedanken gehegt, sich zu Tode zu hungern? Das war doch gewiß ein Verbrechen: denn war sie bereit zu sterben? oder war das Grabgewölbe
unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes
Ende? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben, wie man ihr
gesagt hatte, und dieser Gedanke führte Jane dazu, sein Andenken
herauf zu beschwören und mit wachsendem Grauen bei demselben
zu verweilen. Sie konnte sich seiner nicht erinnern, aber sie wußte,
daß er ihr Onkel gewesen, der einzige Bruder ihrer Mutter-
daß er sie in sein Haus aufgenommen, als sie ein armes, elternloses
Kind gewesen; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs.
Reed das Vorsprechen abgenommen hatte, sie wie ihr eigenes Kind
zu erziehen und zu versorgen.
So zweifelte Jane jetzt nicht, daß Mr. Reed, wenn er am Leben geblieben, sie mit Güte behandelt haben würde; und als sie
so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte, zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel
warf da begann sie sich an das zu erinnern, was sie von Toten
gehört hatte, die im Grabe keine Ruhe finden konnten, weil man
ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen, und jetzt auf die Erde zurückkehrten, um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu
rächen; sie dachte, wie Mr. Reeds Geist, gequält durch das Unrecht,
welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte, seine Ruhestätte
verließ - und in diesem Zimmer vor ihr erscheinen könne. Sie
trocknete ihre Tränen und unterdrückte ihr Schluchzen; denn sie
fürchtete, daß diese lauten Äußerungen ihres Grams eine übernatürliche Stimme zu ihrem Troste erwecken oder aus dem sie umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne, das sich mit wundersamem Mitleid über sie beugen werde. Das würde entsetzlich sein, und Jane bemühte sich deshalb, solche Gedanken zu unterdrücken. Sie strich das Haar von Stirn und Augen, erhob den Kopf und versuchte, in dem dunklen Zimmer umher zu blicken: in diesem Augenblick erglänzte
der Widerschein eines Lichtes an der Wand!-- War es vielleicht
der Mondesstrahl, der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang.
fragte sich Jane? Nein, das konnte nicht sein; die Mondesstrahlen
waren ruhig und dies Licht bewegte sich; während sie noch hinblickte,
glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über ihrem Kopfe. Wahrscheinlich waren diese Lichtstreifen der Schimmer einer Laterne,
welche jemand über den freien platz vor dem Hause trug; aber das
erschreckte und aufgeregte Gemüt des Kindes hielt den sich schnell
bewegenden Strahl für eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Ihr Herz pochte laut, ihr Kopf wurde heiß; in den Ohren spürte sie
ein Brausen, das sie für das Rauschen der Flügel hielt; ein Etwas
schien sich ihr zu nähern; sie fühlte sich bedrückt, erstickt, ihr
Widerstandsvermögen gab nach; sie stürzte auf die Tür zu und
rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse. Eilende
Schritte kamen: durch den äußeren Korridor daher; der
Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht, Bessie und Miß
Abbot traten ein.
,Miß Eyre, sind Sie krank? fragte Bessie.
, Welch ein fürchterlicher Lärm! Ich bin ganz außer mir!'' rief
Abbot aus.
,Nehmt mich mit hinaus! Laßt mich in die Kinderstube gehen!'
schrie Jane ununterbrochen.
,Weshalb denn? Ist Ihnen irgend etwas geschehen? Haben
Sie etwas gesehen?' fragte Bessie wiederum.
,O, ich sah ein Licht und ich meinte, daß ein Geist kommen
würde,'' erwiderte Jane und hatte sich jetzt Bessies Hand bemächtigt.
,Sie hat mit Absicht so geschrien, erklärte Abbot mit Abscheu.
, Und welch ein Geschrei! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte,
so könnte man es noch entschuldigen, aber sie wollte weiter nichts,
als uns alle herbeilocken. Ich kenne ihre bösen Streiche schon.''
, Was gibt es denn hier?? fragte eine andere Stimme gebieterisch; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher.,Abbot und Bessie, ich glaube, daß ich Befehl gegeben habe, Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen, bis ich selbst sie holen würde??
,Miß Jane schrie so laut, Madame,'! wandte Bessie zögernd ein.
,Laßt sie los, war die einzige Antwort. ,Laß Bessies Hand
los, Kind: verlaß dich darauf, auf diese Weise wirst du nicht hinaus
gelangen. Ich verabscheue solche List, besonders bei Kindern; es
ist meine Pflicht, dir zu beweisen, daß du mit derartigen Ränken
und Schlichen nicht weit kommst. Jetzt wirst du noch eine ganze
Stunde hierbleiben, und auch dann gebe ich dich nur frei, wenn
du mir das Versprechen gibst, vollkommen ruhig und unterwürfig
zu sein.
,O, Tante, hab Erbarmen! Vergib mir doch! Ich kann, ich
kann es nicht ertragen. Bestrafe mich doch auf andere Weise! Ich
komme um, wenn --, schrie Jane.
,Sei still! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend!
entgegnete die Tante. Schnell warf sie Jane in das Zimmer zurück
und schloß sie ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein.
Jane hörte noch, wie sie davon rauschte, und bald darauf verfiel die
Ärmste in Krämpfe und Bewußtlosigkeit.

Drittes Kapitel.
Der gute Mr. Lloyd.
Als Jane wieder erwachte, war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens, vor sich sah sie eine unheimliche rote Glut, von
der sich dicke, schwarze Stangen abhoben. Sie hörte Stimmen, die
hohl an ihr Ohr klangen, als würden sie durch das Rauschen des
Wassers oder Toben des Windes übertönt. Aufregung, Ungewißheit und Entsetzen hielten alle ihre Sinne gefangen. Nach einigen
Augenblicken gewahrte sie, daß jemand sie berührte, aufhob und in
eine sitzende Stellung brachte, und zwar viel zärtlicher und sorgsamer, als sie bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben
hatte. Sie lehnte ihren Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und
fühlte sich unendlich wohl.
Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden. jetzt wußte sie sehr wohl, daß sie in ihrem eigenen Bette lag, und daß die rote Glut nichts anderes war, als
das Feuer im Kamin der Kinderstube. Es war Nacht, eine Kerze
brannte auf dem Tische; Bessie stand am Fußende ihres Bettes und
hielt eine Waschschüssel in der Hand, ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben ihr und beugte sich über sie.
Jane empfand ein wohltuendes Gefühl des Beschütztseins, als
sie sah, daß sich ein Fremder im Zimmer befand, ein Mensch, der
nicht zum Haushalt von Gateshead, nicht zu den Verwandten von
Mrs. Reed gehörte. Sich von Bessie abwendend, prüfte sie die
Gesichtszüge des Herrn; sie kannte ihn, es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ, wenn ihre Dienstboten
krank waren. Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur
die Hilfe des Arztes in Anspruch.
,Nun, wer bin ich? fragte er.
Jane sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit
die Hand entgegen; er nahm sie, lächelte und sagte:,Ah, wir werden
uns jetzt langsam erholen. Dann legte er sie nieder, wandte sich
zu Bessie, empfahl ihr, sehr vorsichtig zu sein undJane während der
Nacht nicht zu stören. Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt
und gesagt hatte, daß er am folgenden Tage wiederkommen würde,
ging er fort zu Janes größter Betrübnis, denn als die Tür sich
hinter ihm schloß, verzagte ihr Herz von neuem.
,Glauben Sie, daß Sie schlafen können, Miß? fragte Bessie
sie ungewöhnlich sanft.
,Ich will es versuchen,'' sagte Jane leise.
,Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken?
,Nein, ich danke, Bessie.
,Nun, dann werde ich auch schlafen gehen, denn es ist schon
nach Mitternacht; aber Sie können mich rufen, wenn Sie während,
der Nacht irgend etwas brauchen.
Durch Bessies Sanftmut beruhigt, wagte das Kind jetzt eine
Frage zu stellen.
,Bessie, was ist denn mit mir geschehen? Bin ich sehr krank?
, Ich vermute, daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank
geworden sind; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz
gesund sein.
Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen.
Jane hörte, wie sie dort sagte:
, Sarah, komm und schlaf bei mir in der Kinderstube, und
wenn es mein Leben gälte, so könnte ich diese Nacht nicht mit dem
armen Kinde allein bleiben; es könnte sterben! Wie sonderbar, daß -
Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte! Ich möchte doch
wissen, ob sie irgend etwas gesehen hat. Mrs. Reed war dieses
Mal aber auch zu hart gegen sie.
Sarah kam mit ihr zurück; beide gingen zu Bett; sie flüsterten
wenigstens noch eine halbe Stunde miteinander, und Jane hörte
noch einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung, deren Hauptgegenstand
sie selbst war.
, Etwas ist an ihr vorübergeschwebt, ganz in Weiß gekleidet,
dann ist es verschwunden.' --,Ein großer, schwarzer Hund
hinter ihm.,Dreimal hatte es laut an der Zimmertür geklopft.--,Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem
Grabe'-- usw., usw.
Endlich schliefen beide ein. Feuer und Licht erloschen. In
schaurigem Wachen ging die Nacht für Jane langsam hin; Entsetzen und Angst hielten alle ihre Sinne wach. Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange, ernste, körperliche Krankheit und am nächsten Tage gegen Mittag war sie bereits aufgestanden und saß in einen warmen Schal gehüllt vor dem Kaminfeuer. Sie fühlte sich wohl körperlich schwach und gebrochen, aber ein unaussprechlicher Jammer erfüllte ihre Seele, ein Jammer, der ihr fortwährend stille Tränen entlockte. Und doch fühlte sie sich augenblicklich glücklich, denn keiner von den Reeds war da, alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen
spazieren gefahren; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer,
und während Bessie hin und her ging, Spielsachen forträumte und
Schiebladen ordnete, richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich
freundliches Wort an Jane.
Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte ihr jetzt
einen Kuchen herauf, der auf einem gewissen, bunt gemalten
Porzellanteller lag, dessen Paradiesvogel stets eine außerordentliche Bewunderung in der Waise wach gerufen hatte. Gar oft hatte
sie innig gebeten, diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um
ihn genauer betrachten zu können, aber stets hatte man ihr eine
solche Gunst verweigert. Jetzt stellte Bessie ihr diesen kostbaren
Teller auf den Schoß und bat sie freundlich, das Stückchen auserlesenen Gebäcks, welches auf demselben lag, zu essen. Vergebens! Die Gunst kam zu spät. Jane konnte den Kuchen nicht
essen, und das Gefieder des Vogels erschien ihr seltsam verblaßt; sie
schob sowohl Teller wie Gebäck von sich. Bessie fragte sie nun, ob
sie ein Buch haben wolle, und Jane bat sie, ihr,Gullivers Reisen'
aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte sie schon unzählige
Male mit Entzücken gelesen; sie hielt es für eine wahre Erzählung
und brachte ihr ein weit tieferes Interesse entgegen als allen
Märchen; denn nachdem sie die Elfen vergebens unter den Blättern
des Fingerhuts und der Glockenblume, unter Pilzen und altem,
von Efeu umrankten Gemäuer gesucht, hatte sie sich mit der
traurigen Wahrheit ausgesöhnt, daß sie alle England verlassen
hätten, um in ein unbekanntes Land zu gehen, wo die Wälder noch
stiller und wilder und dicker, die Menschen noch spärlicher gesäet
seien. Liliput hingegen und Brobdignag waren nach ihrem
Glauben wirkliche Bestandteile der Erdoberfläche; sie zweifelte gar
nicht, daß, wenn sie eines Tages eine weite Reise machen könnte, sie
mit eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser, die winzigen
Menschen, die zierlichen Kühe, Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde, und ebenso die baumhohen Kornfelder, die
mächtigen Bullenbeißer, die Katzenungeheuer, die turmhohen
Männer und Frauen des anderen. Und doch, als sie den geliebten
Band jetzt in Händen hielt, als sie die Seiten umblätterte und in
den wundersamen Bildern den Reiz suchte, welchen sie ihr bis jetzt
stets gewährt hatten, da war alles alt und trübselig. Sie schloß
das Buch und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück
Kuchen.
Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des
Zimmers zu Ende, und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte,
öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade, welche mit den schönsten.
prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war, und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen. Dann begann sie zu singen; das Lied lautete:
Mein Körper ist mid und wund ist mein Fuß,
Weit ist der Weg, den ich wandern muß,
Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht find',
Den ich wandern muß, armes Waisenkind!
Weshalb sandten sie mich so weit, so weit,
Durch Feld und Wald, auf die Berg', wo es schneit?
Die Menschen sind hart! Doch Engel so lind,
Bewachen mich armes Waisenkind.
Die Sterne, sie scheinen herab so klar,
Die Luft ist mild! Es ist doch wahr:
Gott ist barmherzig, er steuert dem Wind,
Daß er nicht erfasse das Waisenkind.
Und wenn ich nun strauchle am. Waldesrand
Oder ins Meer versink, wo mich führt keine Hand,
So weiß ich doch, daß den Vater ich find',
Er nimmt an sein Herz das Waisenkind!
Das ist meine Hoffnung, die Kraft mir gibt,
Daß Gott da droben sein Kind doch liebt.
Jane wurde beim Anhören dieses Liedes von unendlicher
Traurigkeit erfaßt; Tränenbäche entströmten ihren Augen.
,Kommen Sie, Miß Jane, weinen Sie nicht, sagte Bessie,
als sie zu Ende war. Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können
,brenne nicht!'' aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem
herzzerreißenden Schmerz haben können, dessen Beute das
arme Kind war. Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd
wieder.
,Wie? Schon aufgestanden ? rief er, als er in die Kinderstube trat. ,Nun, Wärterin, wie geht es ihr denn eigentlich?
Bessie entgegnete, daß es ihr außerordentlich gut gehe.
,Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kommen Sie her,
Miß Jane. Sie heißen Jane, nicht wahr?
,Ja, mein Herr, Jane Eyre!
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre, wollen Sie mir
nicht sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?
,Nein, Herr.
,Ah, ich vermute, daß sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed
spazieren fahren durfte, warf Bessie hier ein.
,O nein, gewiß nicht, für solche Albernheit ist sie denn doch
zu alt.
Jane antwortete schnell: ,In meinem ganzen Leben habe ich
noch keine Tränen um solche Dinge vergossen. Ich hasse die
Spazierfahrten. Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
,Schämen Sie sich, Miß! rief Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt. Jane stand
vor ihm; er heftete seine Augen fest auf sie. Trotz der harten
Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht. Nachdem er das Kind lange
mit Muße betrachtet hatte, sagte er:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, sagte Bessie wieder einfallend.
, Gefallen! Nun, das ist gerade wieder wie ein Kind! Kann
sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen? Sie muß doch
acht oder neun Jahre alt sein?
,Jemand hat mich zu Boden geschlagen, lautete die derbe
Erklärung, welche der Schmerz gekränkten Stolzes der Waise entriß,,aber das hat mich nicht krank gemacht,' fügte sie hinzu, während Mr. Lloyd bedächtig eine Prise Tabak nahm.
Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob, rief
der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen; er
wußte, was es bedeutete.,Das gilt Ihnen, Wärterin,' sagte er,
,Sie können hinunter gehen; ich werde Miß Jane einige Lehren
geben, bis Sie zurückkehren.
Bessie wäre lieber geblieben, aber sie war gezwungen zu
gehen, weil auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten in Gateshead-
Hall strenge gehalten wurde.
,Der Fall hat Sie nicht krank gemacht? Nun, was
war es denn? fragte Mr. Lloyd weiter, nachdem Bessie gegangen war.
,Ich war in einem Zimmer eingesperrt, wo ein Geist umgeht und es war schon lange dunkel,'' erwiderte Jane.
Sie sah, wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte. ,Ein Geist! Was! Sie sind am Ende doch nichts anderes,
als ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?
,Ja, vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich. Er starb in jenem
Zimmer und lag dort auf der Bahre. Weder Bessie noch sonst
jemand geht am Abend hinein; ach, es war so furchtbar grausam,
mich dort allein, ohne Licht, einzuschließen - so grausam, daß ich
glaube ich werde es niemals vergessen können.
, Unsinn! Und macht das Sie so elend? Fürchten Sie sich jetzt
bei Tage auch noch?
, Nein. Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder
Nacht. Und außerdem bin ich unglücklich, sehr unglücklich.
,Weshalb denn? Können Sie es mir nicht sagen?
Wie sehr wünschte Jane, offen und ehrlich auf diese Frage zu
antworten! Wie schwer war es aber, richtige Worte für eine solche
Antwort zu finden! Da sie aber fürchtete, daß diese erste und
einzige Gelegenheit, ihren Kummer durch Mitteilung zu erleichtern,
ungenützt vorübergehen könnte, brachte sie zwar eine unzulängliche,
aber wahre Antwort hervor.
, Erstens habe ich keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder,
keine Schwester,'' sprach sie.
,Aber Sie haben eine gütige Tante, einen lieben Vetter und
Cousinen.''
,Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen,'! rief sie aus,
,und meine Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt.
Wieder holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor.
, Finden Sie denn nicht, daß Gateshead-Hall ein wunderschönes Haus ist?' fragte er. ,Sind Sie nicht dankbar, an einem so schönen Orte leben zu können??
,Es ist nicht mein eigenes Haus, Sir,' erwiderte Jane, ,und
Abbot sagt, daß ich weniger Recht habe, hier zu sein, als ein Dienstbote.
, Dummes Zeug! Sie können doch nicht so dumm sein, zu
wünschen, daß Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen
dürften?
,Wenn ich nur wüßte, wohin ich gehen sollte, ich wäre wahrhaftig froh zu gehen; aber ich darf Gateshead erst verlassen, wenn
ich erwachsen bin,' war Janes Antwort.
,Vielleicht doch früher - wer weiß? Haben Sie außer Mrs.
Reed keine Verwandte?
,Ich glaube nicht, Sir.
,Niemanden, der mit Ihrem Vater verwandt war?
,Ich weiß es nicht. Einmal fragte ich Tante Reed, und da
sagte sie, daß ich möglicherweise irgendwelche arme, heruntergekommene Verwandte, namens Eyre, haben könne, daß sie aber
nichts über sie wisse.
,Möchten Sie denn zu ihnen gehen, wenn Sie solche Angehörige hätten?
Jane besann sich. Armut hat etwas Abschreckendes für erwachsene Menschen; für Kinder aber noch mehr; dies Wort erweckt in ihnen nur den Gedanken an zerlumpte Kleider, kärgliche Nahrung, einen kalten Ofen und rohe Manieren. Auch für Jane war Armut gleichbedeutend mit Entehrung.
, Nein. Ich möchte nicht bei armen Leuten leben,' war ihre
Antwort.
, Auch nicht, wenn sie gütig gegen Sie wären??
Jane schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht begreifen, wie
arme Leute überhaupt die Mittel haben, gütig zu sein. Und dann
-- sprechen lernen wie sie-- ihre Manieren annehmen- schlecht
erzogen werden -- nein, sie war nicht entschlossen genug, um ihre
Freiheit mit Armut zu erkaufen.
,Aber sind Ihre Verwandten denn so arm ? Gehören sie zur
arbeitenden Klasse? fragte Mr. Lloyd jetzt weiter.
,Das weiß ich nicht; Tante Reed sagt, wenn ich überhaupt
Angehörige habe, so müssen sie Bettlergesindel sein. Nein, nein,
ich möchte nicht betteln gehen,'' entgegnete das Kind.
,Möchten Sie nicht in die Schule gehen?
Wiederum dachte Jane nach; kaum wußte sie, was eine Schule
eigentlich sei; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Orte,
an dem man von jungen Damen erwartet, daß sie außerordentlich
manierlich sind. John Reed haßte seine Schule und schmähte
seinen Lehrer, aber John Reeds Ansichten waren nicht für sie vorbildlich. Außerdem hatte Jane durch Bessies Erzählungen erfahren, daß die jungen Mädchen in einer Schule sich allerlei Talente und Kenntnisse aneignen könnten, wie das Malen von wunderschönen Gemälden, von Landschaften und Blumen, das Singen von Liedern und Klavierspielen. Schließlich wäre die Schule doch eine gänzliche Trennung von Gateshead, ein Eintritt in ein neues Leben.
,Ich möchte in der Tat in eine Schule gehen,'' war jetzt Janes
Antwort.
, Nun, nun, wer weiß denn, was geschieht!'' sagte Mr. Lloyd,
indem er sich erhob.,Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung,' fügte er hinzu, mit sich selbst redend, ,die Nerven sind in einer bösen Verfassung.
jetzt kam Bessie zurück; in demselben Augenblick hörte man
Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen.
,Ist das Ihre Herrin, Wärterin? fragte Mr. Lloyd, ,ich
möchte noch mit ihr reden, bevor ich gehe.
Bessie forderte ihn auf, ins Frühstückszimmer zu gehen und
geleitete ihn hinaus. Ohne Zweifel empfahl der Apotheker Mrs.
Reed, Jane in eine Schule zu schicken, denn als diese an einem der
folgenden Abende im Bette lag, und Bessie und Abbot sie schlafend
glaubten, sagte letztere: , Ich glaube, die gnädige Frau ist nur zu
froh, solch ein langweiliges, boshaftes Kind los zu werden; sie
sieht immer aus, als beobachte sie jeden Menschen und schmiede
heimliche Pläne.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Jane auch aus Miß Abbots
Mitteilungen an Bessie, daß ihr Vater ein armer Prediger gewesen,
den ihre Mutter gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet
habe. Über diesen Ungehorsam sei Großvater Reed so erzürnt gewesen, daß er seine Tochter gänzlich enterbte. Kaum ein Jahr nach
seiner Verheiratung sei Janes Vater dem Typhus erlegen. Er
hatte sich denselben zugezogen, als er die arme Bevölkerung einer
großen Fabrikstadt, in welcher diese schreckliche Krankheit ausgebrochen war, und die zu seiner Pfarre gehörte, besuchte. Einen
Monat später folgte ihm seine Gattin ins Grab.
Als Bessie diese Erzählung mit anhörte, seufzte sie und sagte:
,Abbot, die arme Miß Jane ist auch zu bedauern.''
, Ja, ja,'' entgegnete Abbot, ,wenn sie ein liebes, gutes, hübsches Kind wäre, so könne man Mitleid mit ihr haben, weil sie so
gänzlich verlassen ist; aber solch eine scheußliche kleine Kröte kann
einem doch unmöglich Erbarmen einflößen.
,Nein, nicht viel,. stimmte Bessie ihr bei, ,auf jeden Fall
würde eine so prächtige Schönheit, wie Miß Georgina in einer
solchen Lage viel rührender sein.
,Ja, ja, ich bete Miß Georgina an! rief Abbot., Der
kleine süße Liebling!-- Mit ihren langen Locken und blauen
Augen, und den süßen, lieblichen Farben, gerade als ob sie angemalt wäre!-- Bessie, ich hätte wahrhaftig Appetit auf einen gerösteten Käse zum Abendbrot.
,Ich auch, ich auch- mit geschmorten Zwiebeln. Kommen
Sie, wir wollen hinunter gehen.'
Und sie gingen.

Viertes Kapitel.
Jane schöpfte jetzt sichere Hoffnung, bald aus Gateshead-Hall
fortzukommen, aber Tage und Wochen vergingen, ohne daß sie
irgend etwas davon vernahm. Oft betrachtete Mrs. Reed sie mit
strengen, finsteren Blicken, aber nur selten sprach sie zu ihr. Seit
Janes Erkrankung hatte ihre Tante eine schärfere Grenzlinie denn
je zwischen ihr und ihren eigenen Kindern gezogen; es war ihr eine
kleine Kammer als Schlafgemach angewiesen worden; man hatte
sie dazu verdammt, alle Mahlzeiten allein einzunehmen, und sie
mußte allein in der Kinderstube verweilen, während ihr Vetter
und die Cousinen sich stets im Wohnzimmer aufhielten.
Eliza und Georgina sprachen so wenig wie möglich mit Jane,
während John ihr die Zunge herausstreckte, sobald er sie erblickte
und einmal sogar sie zu züchtigen versuchte. Da sie sich aber augenblicklich gegen ihn wandte, und er in ihren Augen denselben Blick
wahrnahm, mit dem sie sich schon einmal gegen ihn aufgelehnt hatte,
hielt er es für besser, abzulassen und unter lauten Verwünschungen
davon zu laufen, während er schrie, Jane habe ihm das Nasenbein
zertrümmert; allerdings hatte sie nach ihm einen Schlag geführt.
Jane hörte noch, wie er zu seiner Mutter eilte und derselben
mit stammelnden Lauten erzählte, ,wie diese abscheuliche Jane
Eyre'' einer wilden Kate gleich auf ihn gesprungen sei; mit strenger
Stimme unterbrach ihn seine Mutter.
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich habe dir gesagt, daß du
ihr nicht zu nahe kommen sollst; sie ist nicht einmal deiner Beachtung wert; ich will nicht, daß du oder eine deiner Schwestern
mit ihr etwas zu tun haben.
In diesem Augenblick lehnte sich Jane über das Treppengeländer und schrie plötzlich ohne im geringsten über ihre Worte
nachzudenken:,Sie sind nicht wert, mit mir zu verkehren.'
Mrs. Reed war zwar eine ziemlich starke Frau; als sie indessen
diese seltsamen und unverschämten Worte vernahm, kam sie ganz
leichtfüßig die Treppe herauf gelaufen, zog das Mädchen mit
Windeseile in die Stube, drückte sie an die Seite ihres kleinen
Bettes und verbot ihr, sich von dieser Stelle fortzurühren und
während des ganzen Tages auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
,Was würde Onkel Reed jetzt sagen, wenn er noch lebte?' war
Janes fast willenlos getane Frage.
,Was? zischte Mrs. Reed fast unhörbar; in ihrem sonst so
kalten, ruhigen, grauen Auge blitzte etwas auf, das der Furcht glich;
sie ließ Janes Arm los und blickte sie an, als wisse sie nicht recht, ob sie ein Kind oder ein Teufel sei. Jetzt faßte Jane erst recht Mut.
,Mein Onkel Reed ist im Himmel,' sagte sie, ,und kann alles
sehen, was Sie tun und sagen; und mein Vater und meine Mutter
auch; sie wissen, daß Sie mich den ganzen Tag einsperren und daß
Sie nur wünschen, ich wäre tot.
Mrs. Reed war schnell wieder gefaßt; sie schüttelte das Kind
heftig, ohrfeigte es aus allen Kräften und verließ es dann, ohne
eine Silbe zu sprechen. Bessie füllte diese Lücke aus, indem sie
dem Kinde eine stundenlange Strafpredigt hielt, in welcher sie
ihr bewies, daß sie das elendeste und pflichtvergessenste Kind sei,
das jemals unter einem Dache erzogen worden.
November, Dezember und die Hälfte des Januar gingen vorüber. Das Weihnachtsfest und Neujahr waren in Gateshead in
der üblichen fröhlichen Weise gefeiert worden; Geschenke waren
nach allen Seiten hin ausgeteilt und Mittag- und Abendgesellschaften gegeben. Von jeder Feier und Festlichkeit war Jane natürlich ausgeschlossen; ihr Anteil an diesen bestand darin, daß sie
täglich mit ansehen mußte, wie Eliza und Georgina auf das schönste
herausgeputzt, in ihren zarten Musselinkleidern und rosenroten
Schärpen, mit sorgsam gelocktem Haar, in den Salon hinabgingen;
und später horchte sie dann auf die Töne des Klaviers oder der
Harfe, die zu ihr heraufdrangen; hörte, wie der Kellermeister und
die Diener hin und her liefen, wie die Teller klapperten und die
Gläser klangen, während die Erfrischungen umhergereicht wurden.
Währenddessen saß Jane in der stillen einsamen Kinderstube,
wenn auch traurig, so doch nicht elend. Denn sie hegte nicht das
leiseste Verlangen nach der Gesellschaft, in der ihr niemand irgendwelche Beachtung schenkte. Ja, hätte Jane nur Bessie in etwas
freundlicherer Stimmung bei sich gehabt, so würde sie sich ganz zufrieden gefühlt haben, aber sobald das Kindermädchen ihre jungen
Damen angekleidet hatte, pflegte sie sich in die Küche oder in das
Zimmer der Haushälterin zu begeben und gewöhnlich auch noch
die Lampe mit fortzunehmen. Dann saß Jane da mit ihrer Puppe
im Arm, bis das Feuer herabgebrannt war und blickte zuweilen
ängstlich umher, um sich zu vergewissern, daß sich nichts Schlimmes
in dem düsteren Zimmer befand; wenn dann nur noch ein Häufchen glühend roter Asche auf dem Roste war, entkleidete sie sich
hastig, riß und zerrte aus allen Kräften an den Bändern und
Haken ihrer Röcke und suchte in ihrem Bettchen Schutz vor der Kälte
und der Dunkelheit. In dieses Bettchen nahm sie auch stets ihre
Puppe mit. Sie konnte nicht schlafen, wenn sie die Puppe nicht
in die Falten ihres Nachthemdchens gehüllt hatte, und wenn das
Spielzeug dort sicher und warm lag, fühlte sie sich glücklich,
weil sie glaubte, daß das Püppchen ebenfalls glücklich sein
müsse.
Wie lang schienen der armen Jane die Stunden, wenn sie auf
das Fortgehen der Gesellschaft wartete und auf den Widerhall
von Bessies Tritten auf der Treppe horchte. Zuweilen kam diese
auch in der Zwischenzeit herauf, um ihren Fingerhut und ihre
Schere zu suchen oder ihr irgend etwas zum Abendbrot, vielleicht
einen Käsekuchen oder ein Milchbrot, zu bringen; dann pflegte sie
auf der Bettkante zu sitzen, während Jane aß, und wenn sie fertig
war, wickelte Bessie das Kind fest in die Decken und küßte es zweimal und sagte: ,Gute Nacht, Miß Jane''. Wenn Bessie so sanft
war, erschien sie der Kleinen wie das beste' und freundlichste Geschöpf auf der Welt; und dann wünschte sie so innig, daß Bessie
stets so fröhlich und liebenswürdig sein und sie niemals wieder
umherstoßen oder schelten oder ungerecht beschuldigen möchte, wie
sie es doch meistens tat. Bessie Lee war ein Mädchen mit guten
natürlichen Anlagen; in allem, was sie tat, war sie flink und geschickt, außerdem hatte sie ein wundersames Erzählungstalent. Sie
war schlank, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen, sehr hübsche
Züge und eine klare, gesunde Gesichtsfarbe; aber sie besaß ein
heftiges und launenhaftes Temperament; dem Kinde war sie lieber,
als irgendein anderes lebendes Wesen in Gateshead-Hall.
Es war am 1. Januar, ungefähr gegen neun Uhr morgens.
Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen; Janes Cousinen
waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza zog gerade
ihren warmen Gartenmantel an und setzte ihren Hut auf, um hinunterzugehen und ihr Geflügel zu füttern - eine Beschäftigung.
welche sie sehr liebte- und ebensoviel Vergnügen machte es ihr,
der Haushälterin ihre Eier zu verkaufen und das Geld, welches sie
auf solche Weise erlangte, zusammenzusparen. Sie hatte viel Sinn
für den Handel und einen ausgesprochenen Hang zur Sparsamkeit;
dies zeigte sich nicht allein im Verkaufen von Hühnern und Eiern,
sondern auch in scharfem Handeln mit dem Gärtner um Blumenpflanzen, Samen und junge Schößlinge; dieser Angestellte hatte
von Mrs. Reed den strengen Befehl erhalten, der jungen Herrin
alle Produkte ihres kleinen Gartens, welche sie etwa zu verkaufen
wünschte, abzukaufen - und Eliza würde jedes einzelne Haar von
ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie einen namhaften Gewinn
dabei erzielt hätte! Anfänglich hatte sie ihr Geld in allen möglichen
Winkeln und Ecken, in altes Lockenpapier oder in Lumpen gewickelt,
versteckt; aber als einige dieser aufgespeicherten Schätze von dem
Stubenmädchen entdeckt worden, willigte Eliza, welche fürchtete,
eines Tages ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren, darein, es ihrer
Mutter gegen unerhörte Wuchezinsen -- fünfzig oder sechzig Prozent - anzuvertrauen. Diese Zinsen trieb sie regelmäßig jedes
Vierteljahr ein und führte mit ängstlicher Sorgfalt in einem kleinen
Notizbuche hierüber Rechnung.
Georgina saß auf einem hochbeinigen Stuhl und ordnete ihr
Haar vor dem Spiegel; in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen
und verblichene Federn, von denen sie einen ganzen Vorrat in
einer Kiste auf der Bodenkammer gefunden hatte. Jane brachte
ihr Bett in Ordnung, denn Bessie hatte ihr den strengen Befehl erteilt, damit fertig zu sein, bevor sie zurückkommen würde; diese benutzte sie jetzt häufig wie eine Art von zweitem Stubenmädchen, um
das Zimmer aufzuräumen, den Staub von den Möbeln zu wischen
usw. Nachdem Jane die Bettdecke ausgebreitet und ihr Nachtkleid
zusammengefaltet hatte, ging sie an das Fensterbrett, um einige
Bilderbücher und Möbel aus der Puppenstube, welche dort umherlagen, fortzuräumen; aber ein lauter Befehl Georginas, ihre
Spielsachen nicht anzurühren (denn die Liliput Stühle und
-Spiegel, die Feen-Teller und -Tassen waren ihr Eigentun gebot
ihrem Tun Einhalt. In Ermangelung jeder anderen Beschäftigung fing sie jetzt an, auf die Eisblumen, welche die Kälte auf die Fensterscheiben gezaubert hatte, zu hauchen, und sich so eine kleine Offnung auf dem Glase zu verschaffen, durch welche sie in den Garten blicken konnte, wo der harte Frost alles getötet und versteinert hatte.
Durch dieses Fenster war die Loge des Portiers und die Fahrstraße sichtbar und gerade als sie so viel von dem silberweißen
Laubgewinde, das die Scheiben verschleierte, fortgehaucht hatte, um
hinausblicken zu können, sah sie, daß die Pforten geöffnet wurden
und ein Wagen durch das Tor rollte. Mit größter Gleichgültigkeit
verfolgte sie ihn; es kamen ja so oft Wagen nach Gateshead, aber
niemals brachten sie Besucher, welche auch für sie nur das geringste
Interesse hegten. Der Wagen hielt vor dem Hause, die Glocke
wurde heftig gezogen; der Besucher erhielt Einlaß. Da dieser ganze
Vorgang Jane nicht kümmerte, fand ihre jetzt unbeschäftigte Aufmerksamkeit bald lebhaftere Anziehungskraft in dem Anblick eines
kleinen, hungrigen Rotkehlchens, das sich piepend auf die entlaubten
Zweige eines Spalierkirschenbaumes nahe am Fenster setzte. Die
Überreste ihres Frühstücks von Brot und Milch standen auf dem
Tische, und nachdem sie eine Semmel in Krümel zerrieben hatte,
zog sie an dem Klappfenster, um die Brosamen auf das Fenstersims
streuen zu können, als Bessie atemlos in die Kinderstube
stürzte.
,Miß Jane, nehmen Sie Ihre Schürze ab; was machen Sie
da? Haben Sie heute morgen Gesicht und Hände schon gewaschen?
Bevor das Kind antwortete, zog es noch einmal an der Fensterklinke, denn sie wollte dem Vogel gern sein kleines Mahl sichern;
die Klinke gab nach, sie streute die Brosamen aus, einige auf das
steinerne Gesimse, andere auf die Zweige des Kirschbaumes; dann
erst schloß sie das Fenster und entgegnete:
,Nein, Bessie, ich bin erst jetzt mit dem Aufräumen fertig geworden.
,Unartiges, unordentliches Mädchen! Und was machen Sie da
jetzt? Sie sehen so rot aus, als hätten Sie irgend ein Unheil angerichtet. Weshalb haben Sie das Fenster aufgerissen?
Darauf zerrte Bessie Jane an den Waschtisch, unterwarf ihre
Hände und ihr Gesicht einer erbarmungslosen Waschung mit Seife,
Wasser und einem groben Handtuch, ordnete ihren Kopf mit einer
scharfen Bürste, entkleidete sie der Schürze und riß sie dann schnell.
an die Treppe, wo sie ihr gebot, eilig hinunter zu gehen, da man
sie im Frühstückszimmer erwarte.
Jane hätte gern gewußt, wer sie erwartete; gern hätte sie gefragt, ob Mrs. Reed dort sei; aber Bessie war schon wieder davon
gelaufen und hatte die Kinderstubentür hinter sich geschlossen. Langsam stieg Jane die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten hatte
Mrs. Reed sie nicht mehr rufen lassen; seit dieser Zeit war sie auf
die Kinderstube angewiesen gewesen, und das Frühstückszimmer,
der Speisesaal und der Salon waren für sie Räume geworden, die
sie nur mit Schrecken und Angst betreten konnte.
Sie stand jetzt in der leeren Halle; vor ihr war die Tür des
Frühstückszimmers. zitternd und furchtsam hielt sie inne. Zehn
Minuten stand sie so ängstlich zögernd, da ertönte heftiges Klingeln
der Glocke im Frühstückszimmer, und sie mußte eintreten.
Die Tür sprang auf, Jane trat ein, machte einen tiefen Knix,
blickte auf und sah einen schwarzen Pfeiler! Als ein solcher erschien ihr wenigstens auf den ersten Blick die lange, schmale, schwarzgekleidete Gestalt, welche kerzengerade vor dem Kamin stand: das
ernste Gesicht, welches dieselbe krönte, sah aus wie eine geschnitzte
Maske, die als Kapitäl auf die Säule gestellt war.
Mrs. Reed hatte ihren gewöhnlichen Platz neben dem Kamin
inne. Sie machte Jane ein Zeichen, näher zu treten. Diese tat es
und Mrs. Reed stellte sie jetzt dem steinernen Fremden mit den
Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, um dessentwillen ich mich
an Sie wandte.
Der Fremde wandte den Kopf langsam nach der Seite, auf
welcher Jane stand, und nachdem er das Kind mit zwei neugierigen,
unter einem Paar buschiger Augenbrauen funkelnden Augen geprüft hatte, sagte er feierlich mit einer tiefen Stimme:,Sie ist klein
von Gestalt, wie alt ist sie?
,Zehn Jahre.
,So alt? lautete die zweifelnde Antwort, und dann fuhr er
noch einige Minuten fort, Jane schweigend zu prüfen. Darauf
redete er sie an:
,Ihr Name, kleines Mädchen?
,Jane Eyre, mein Herr.
,Nun, Jane Eyre, sind Sie ein gutes Kind?
Jane blieb schweigsam, denn die kleine Welt, die sie umgab,
war anderer Meinung. Mrs. Reed antwortete für sie, indem sie
sagte: ,Je weniger man über diesen Punkt spricht, Mr. Brocklehurst,
desto besser.
,Ich bedaure sehr, das zu hören,' erwiderte Mr. Brocklehurst,
indem er sich in einen, Mrs. Reed gegenüberstehenden, Lehnstuhl
sette. ,Kommen Sie hierher,'' fuhr er fort.
Jane ging über den Kaminteppich; er stellte sie gerade und
aufrecht vor sich. Welch ein Gesicht hatte er, welch eine ungeheure Nase! und welch ein Mund! welche großen, hervorstehenden
Zähne!
,Es gibt keinen schrecklicheren Anblick, als den eines unartigen
Kindes, begann er, ,besonders eines unartigen kleinen Mädchens!
Wissen Sie, wohin die Gottlosen kommen, wenn sie gestorben
sind?
,Sie kommen in die Hölle, lautete Janes schnelle Antwort.
,Und was ist die Hölle? Können Sie mir das ebenfalls
sagen?
,Eine Grube voll Feuer.
,Und möchten Sie wohl in diese Grube hineinfallen und dort
für ewig brennen?
,Nein, Sir.
,Was müssen Sie denn tun, um das zu vermeiden?
Einen Augenblick überlegte sie ihre Antwort; dann erwiderte
sie:,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
,Aber täglich sterben doch Kinder, die jünger sind, als Sie. Erst
vor zwei oder drei Tagen habe ich ein kleines Kind von fünf
Jahren begraben - ein gutes Kind, dessen Seele jetzt im Himmel
ist. Es steht zu befürchten, daß man dasselbe nicht von
Ihnen sagen könnte, wenn Sie aus diesem Leben abberufen
würden.''
Jane schwieg und schlug die Augen nieder; dann ließ sie sie auf
den beiden ungeheuerlichen Füßen ruhen, die sich in den Kaminteppich eingegraben hatten. Sie seufzte tief auf.
,Ich hoffe, daß dieser Seufzer aus der Tiefe Ihres Herzens
kommt und daß Sie bedauern, die Quelle so vieler Unannehmlichkeiten für Ihre ausgezeichnete Wohltäterin gewesen zu sein.'
,Wohltäterin! Wohltäterin!'' wiederholte Jane innerlich.
,Jedermann nennt Mrs. Reed eine Wohltäterin; wenn sie das
war, so ist eine Wohltäterin eine sehr unangenehme Sache.
,Sprechen Sie abends und morgens Ihr Gebet? fuhr der
Examinator fort.
,Ja. Sir.
,Lesen Sie Ihre Bibel?
,Zuweilen.
,Mit Freude? Lieben Sie Ihre Bibel?
,Ich liebe die Offenbarung, und das Buch Daniel und Genesis und Samuel, und ein wenig vom Buch der Prediger und einen Teil der Könige und der Chronik, und Hiob und Ruth.
,Und die Psalmen? Ich hoffe, Sie lieben sie auch??
,Nein, Sir.
,Nein? o, entsetzlich! Ich habe einen kleinen Knaben, vie!
jünger als Sie, der sechs Psalmen auswendig weiß. Und wenn
Sie ihn fragen, ob er lieber eine Pfeffernuß zum Essen, oder
einen Vers aus den Psalmen zum Lernen haben möchte, so sagt er:
,O, den Vers aus den Psalmen! Die Engel singen ja Psalmen,
ich möchte schon hier auf Erden ein kleiner Engel sein,,
und dann bekommt er zum Lohn für seine kindliche Frömmigkeit
zwei Pfeffernüsse.
,Psalmen sind nicht interessant,'' bemerkte Jane.
,Das beweist, daß Sie ein bösartiges Herz haben und Sie
müssen Gott bitten, daß er Ihnen ein besseres gibt, ein neues, ein
reines; daß er Ihnen Ihr Herz von Stein nimmt und Ihnen ein
Herz von Fleisch gibt.
Jane war gerade im Begriff, eine Frage in Bezug darauf zu
tun, als Mrs. Reed sie unterbrach, indem sie ihr gebot,
sich zu setzen, dann fuhr sie fort, selbst die Unterhaltung zu
führen.
,Mr. Brocklehurst, ich glaube, daß ich in dem Briefe, welchen
ich Ihnen vor ungefähr drei Wochen schrieb, schon angedeutet habe,
daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Eigenschaften hat, welche mir wünschenswert erscheinen. Wenn Sie sie
in die Schule von Lowood aufnehmen sollten, so würde ich Ihnen
dankbar sein, wenn Sie die Vorsteherin und die Lehrer ersuchen
wollten, ein scharfes Auge auf sie zu haben und vor allen Dingen,
ihrem schlimmsten Fehler, einen Hang zur Lüge und Verstellung.
entgegen zu arbeiten. Ich erwähne dieser Sache in deiner Gegenwart, Jane, damit du nicht versuchst, auch Mr. Brocklehurst
täuschen zu wollen.
Wohl erkannte Jane an diesen Worten wiederum den ungerechten Haß ihrer Tante gegen sich, die sich schon jetzt bemühte, auch
auf ihrer Nichte künftigen Lebenspfad Abneigung und Unfreundlichkeit zu säen und sie deshalb in Mr. Brocklehursts Augen in ein
verschlagenes und eigensinniges Kind verwandelte.
Aber was konnte sie gegen dieses neue Unrecht tun? Nur
mühsam kämpfte sie mit ihren Tränen.
,Verstellung ist in der Tat ein trauriger Charakterfehler bei
einem Kinde, sagte Mr. Brocklehurst, ,ein Fehler, welcher mit
der Falschheit und Lügenhaftigkeit nahe verwandt ist, und alle
Lügner werden ihren Anteil haben an dem See, in welchem Pech
und Schwefel brennen; Jane soll indessen sorgsam bewacht werden, Mrs. Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrern und
Lehrerinnen sprechen.
,Ich wünsche, daß sie in einer Weise erzogen wird, welche mit
ihren Lebensaussichten übereinstimmt,' fuhr Mrs. Reed fort,
,sie soll sich nützlich machen und demütig bleiben. Die Ferien soll
sie stets mit Ihrer Erlaubnis in Lowood bleiben.
,Ihre Bestimmungen, Madame, sind durchaus vernünftig,'
entgegnete Mr. Brocklehurst. ,Die Demut ist ein Schmuck der
Christen und einer, der ganz besonders für die Schülerinnen von
Lowood passend ist; ich gebe daher die Weisung, daß ihrer Pflege
eine besondere Sorgfalt gewidmet wird. Ich habe ein Studium
darauf verwendet, zu ergründen, wie das weltliche Gefühl des
Stolzes und des Hochmuts am besten in ihnen zu ersticken ist.
Und vor wenigen Tagen erst hatte ich eine angenehme Probe
meiner Erfolge. Meine zweite Tochter, Auguste, ging mit ihrer
Mama, um die Schule zu besuchen und bei ihrer Rückkehr rief sie
aus: , mein teurer Papa, wie ruhig und einfach all die Mädchen
in Lowood aussehen! Mit ihrem Haar, das glatt hinter die
Ohren gestrichen ist und ihren langen Schürzen und den kleinen
Taschen, welche sie über ihren Kleidern tragen-- sie sehen beinahe
aus, wie die Kinder armer Leute! und,' fuhr sie fort, ,sie starrten
Mamas und mein Kleid an, als ob sie in ihrem ganzen Leben noch
kein seidenes Kleid gesehen hätten'.
, Das ist eine Einrichtung der Dinge, welche meinen ungeteilten Beifall hat,’ erwiderte Mrs. Reed, ‘wenn ich ganz England durchsucht hätte, so würde ich keine Erziehungsweise gefunden
haben, die für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so vollkommen gepaßt haben würde.
,Festigkeit, Madame, ist die erste der christlichen Pflichten,
und sie wird in Lowood bei jeder Anordnung in erster Linie berücksichtigt, einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Einrichtungen, fleißige Gewohnheiten-- das ist die Tagesordnung für
das Haus und seine Bewohner.
,Ganz in der Ordnung, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen
und dort ihrer Stellung und ihren Lebensaussichten angemessen
erzogen wird?
,Ja, Madame, das können Sie. Sie soll an jene Pflegestätte
auserlesener Pflanzen versetzt werden- und ich hoffe, daß sie sich
dankbar zeigen wird für das unschätzbare Privilegium, welches ihr
dadurch zuteil wird.
,Ich werde sie also so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Sie, ich hege das innigste Verlangen, so
schnell wie irgend tunlich von einer Verantwortlichkeit befreit zu
werden, welche mir schon zu lästig geworden ist.
,Ohne Zweifel, Madame, ohne Zweifel und jetzt will ich
Ihnen guten Morgen wünschen. In ungefähr zwei bis drei
Wochen werde ich nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein guter
Freund, der Erzbischof, wird mir kaum erlauben, ihn früher zu
verlassen. Übrigens werde ich Miß Temple ankündigen, daß sie
ein neues Mädchen zu erwarten hat, damit bei ihrem Eintritt keine
Schwierigkeiten entstehen. Leben Sie wohl.
,Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst; machen Sie Mrs. und
Miß Brocklehurst ünd Augusta und Theodora und Ihren Sohn
Broughton Brocklehurst meine Empfehlungen.
,Das werde ich tun, Madame. Mein kleines Mädchen,
wandte er sich jetzt an Jane,,hier ist ein Buch mit dem Titel: ,Des
Kindes Führer'; lesen Sie es mit Gebeten, besonders jenen Teil,
welcher von dem fürchterlichen, plötzlichen Tode Marta G.s
handelt, eines unartigen Kindes, welches der Falschheit und Lüge
ergeben war.
Mii diesen Worten legte Mr. Brocklehurst ein Heftchen, welches sorgsam in einen Umschlag genäht war, in Janes Hand; dann ließ er seinen Wagen vorfahren und entfernte sich. Mrs. Reed und Jane blieben allein; mehrere Minuten verharrten sie im Schweigen; sie nähte, Jane beobachtete sie. Mrs. Reed mochte zu jener Zeit ungefähr sechs- oder siebenunddreißig Jahre alt sein; sie war eine Frau von robuster Gestalt, breiten Schultern und starken Knochen. Sie hatte ein ziemlich großes Gesicht, ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit, unter ihren farblosen Augenbraunen blizte ein Auge, das wenig Herzensgüte verriet; ihre Körperbeschaffenheit war fest und gesund-- eine Krankheit nahte sich ihr niemals. Sie war eine strenge, pünktliche Hausfrau, der Haushalt und die Dienerschaft standen vollständig unter
ihrer Kontrolle; nur ihre Kinder trotten zuweilen ihrer Autorität
und verlachten sie höhnisch.
Wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt saß Jane auf
einem niedrigen Schemel und ließ ihre Blicke prüfend auf ihrer
Tante Gesichtszügen ruhen. In der Hand hielt sie das Heftchen.
welches von dem plötzlichen Tode der Lügnerin handelte; ihre Aufmerksamkeit war ganz besonders auf diese Erzählung gelenkt, weil
sie eine passende Warnung für sie enthalten sollte. Ihre Seele
war wund und schmerzhaft von dem, was soeben Mrs. Reed in
bezug auf sie mit Mr. Brocklehurst gesprochen hatte, und das
leidenschaftlichste Rachegefühl regte sich in ihr.
Mrs. Reed blickte von ihrer Arbeit auf; ihr Auge bohrte sich
in das des Kindes.
,Verlaß das Zimmer! Geh wieder in die Kinderstube zurück!'
sagte sie heftig. Jane stand auf, ging an die Tür, kam wieder zurück und trat dicht an Mrs. Reeds Lehnstuhl. Sie faßte ihren ganzen Mut zusammen und schleuderte ihrer Tante folgende,
leidenschaftliche Worte ins Gesicht:
,Ich bin nicht falsch, nicht lügnerisch, wäre ich es, so würde ich
sogen, daß ich dich liebe, aber ich erkläre dir, daß ich dich nicht liebe.
ich hasse dich mehr als irgend jemand auf der ganzen Welt, John
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte einer
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, denn sie
ist es, die dich und alle anderen belügt, nicht ich.
Mrs. Reeds Hände ruhten untätig auf ihrer Arbeit; ihr
eisiges Auge bohrte sich erstarrend in das Janes.
, Hast du sonst noch etwas zu sagen ? fragte sie kalt.
Ihre kalte Stimme wühlte all' den Haß, der in dem Kinde
lebte, auf. Vom Kopfe bis zu den Füßen bebend, von einer Erregung geschüttelt, deren sie nicht mehr Herr werden konnte, fuhr
sie fort:
,Ich bin glücklich, daß Sie nicht meine Blutsverwandte sind.
Niemals, so lange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen.
Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um
Sie zu besuchen, und wenn irgend jemand mich fragen sollte, ob ich
Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, daß der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und daß Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben.
,Wie kannst du es wagen, Jane Eyre, das zu behaupten?
, Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann?
Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, daß ich kein Gefühl habe.
daß ich ohne die geringste Liebe und Güte leben kann, aber so kann
ich nicht leben - und Sie kennen kein Mitleid, kein Erbarmen.
Ich werde niemals vergessen, wie Sie mich heftig und rauh in das
rote Zimmer zurückstießen und mich dann einschlossen- bis zu
meiner Sterbestunde werde ich es nicht vergessen. Obgleich die
Todesangst mich verzehrte, obgleich ich vor Jammer und Entsetzen
fast erstickend aus allen Kräften schrie und flehte: ,Hab Erbarmen,
Tante Reed! Hab Erbarmen!' Und diese Strafe ließen Sie mich
erdulden, weil Ihr boshafter, schlechter Sohn mich schlug - mich
ohne Grund und Ursache zu Boden schlug. Und diese Geschichte -
gerade so, wie ich sie jetzt erzähle - werde ich jedem erzählen, der
mich fragt. Die Leute glauben, daß Sie eine gute Frau sind, aber
Sie sind schlecht! Sie sind hartherzig! Sie sind lügnerisch und
falsch!
Ehe Jane noch mit dieser Antwort zu Ende war, begann ein
seltsam glückseliges Gefühl der Freiheit sich ihrer Seele zu bemächtigen. So hatte sie noch niemals empfunden. Es war, als wenn
unsichtbare Fesseln und Bande plötzlich zerrissen wären, und sie sich
endlich den Weg zur unverhofften Freiheit erkämpft hätte. Und
dieses Gefühl kam nicht ohne Veranlassung über sie, denn-- Mrs.
Reed schien erschrocken und furchtsam; die Arbeit war von
ihrem Schoße gefallen, sie erhob die Hände und wiegte sich hin
und her, ihr Gesicht verzerrte sich, als wolle sie anfangen zu
weinen.
,Jane, du irrst, du irrst dich, Kind! Was ist mit dir vorgegangen? Weshalb zitterst du so heftig? Möchtest du einen
Schluck Wasser trinken?
, Nein, Mrs. Reed.
,Möchtest du irgend etwas anderes, Jane? Du kannst mir
glauben, ich wünsche nichts anderes, als dir eine Freundin zu
sein.
, Nein, das ist nicht wahr. Sie haben Mr. Brocklehurst gesagt, daß ich einen lügnerischen, bösen und falschen Charakter habe.
Aber ich werde jedem Menschen in Lowood erzählen, was Sie sind.
und was Sie getan haben! Das schwöre ich Ihnen.
,Jane, du verstehst solche Dinge nicht. Kinder müssen von
ihren Fehlern geheilt werden.'
,Falschheit ist aber nicht mein Fehler!'' schrie Jane mit lauter,
wilder, gellender Stimme.
,Aber du bist leidenschaftlich und heftig, Jane, das mußt du
zugeben. Und jetzt geh wieder in die Kinderstube- so-- das ist
ein gutes, liebes Kind! Geh und ruh dich ein wenig aus.
,Ich bin nicht Ihr gutes, liebes Kind! Ich kann mich nicht
ausruhen! Schicken Sie mich bald in die Erziehungsanstalt, Mrs.
Reed, denn das Leben hier ist mir unerträglich und verhaßt geworden.
,Wahrhaftig, ich will sie bald in die Schule schicken,. murmelte Mrs. Reed. Dann raffte sie ihre Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.
Jane blieb nun allein, sie behauptete das Schlachtfeld. Es
war der erbittertste Kampf, den sie jemals gekämpft, und der erste
Sieg, den sie je errungen. Einige Augenblicke stand sie vor dem
Kamin auf derselben Stelle, wo Mr. Brocklehurst gestanden, und
genoß die Einsamkeit des Sieges! Zuerst lächelte sie still vor sich
hin und fühlte sich gehoben. Aber diese trotzige Freude schwand
bald dahin, denn ein Kind kann nicht mit älteren Leuten so
streiten, wie Jane es getan, ohne daß es nachher die Qualen der
Gewissensbisse empfindet. Einem Streifen brennenden Heidelandes glich ihr Gemüt, als sie Mrs. Reed anklagte und bedrohte;
und demselben Heideland, schwarz und versengt, nachdem die
Flammen erloschen, glich es, nachdem die Ruhe und das Nachdenken einer halben Stunde den Wahnsinn ihres Vorgehens ihr
vor Augen geführt hatte.
Zum erstenmal hatte sie die Süßigkeit der Rache gekostet; aromatischer Wein dünkte sie ihr, der während des Trinkens süß und
feurig ist; sein Nachgeschmack aber ist herbe und metallisch
-- so hatte sie das Gefühl, als ob sie vergiftet sei. Gern wäre sie
gegangen, um Mrs. Reeds Verzeihung zu erbitten, aber sie wußte
schon aus Erfahrung, daß Mrs. Reed sie dann nur mit doppelter
Verachtung zurückstoßen würde.
Gern hätte Jane jetzt Nahrung für ein sanfteres Gefühl gefunden, als das der finsteren Empörung. Sie nahm ein Buches waren arabische Erzählungen; sie setzte sich, um zu lesen, doch sie
konnte den Sinn des Ganzen nicht verstehen; eigene Gedanken
schwebten fortwährend zwischen den Zeilen. Sie öffnete die Glastür, welche aus dem Frühstückszimmer in den Garten führte; die
jungen Anpflanzungen lagen so still da; der düstere Frost, weder
durch Sonne noch Wind gestört, hatte sein Reich im Garten aufgeschlagen. Sie bedeckte ihren Kopf und ihre Arme mit dem Rock
ihres Kleides und ging hinaus, um in einem abgeschiedenen Teil
des Parks zu spazieren aber sie fand keine Freude an den stillen,
bewegungslosen Bäumen, den herabfallenden Tannenzapfen, den
braunen, welken Blättern, welche der Wind in Haufen zusammengefegt und der Frost bewegungslos gemacht hatte. Sie lehnte sich
gegen eine Pforte und blickte auf eine einsame Weide, auf welcher
keine Schafe mehr grasten, wo das kurze Gras geschwärzt und welk
und traurig aussah. Es war ein sehr grauer Tag; ein matter
Himmel, der voll. Schneewolken hing, wölbte sich über der Landschaft; dann und wann fielen einige Schneeflocken, die auf den
hartgefrorenen Wegen und Büschen und Bäumen liegen blieben,
ohne zu schmelzen.
Da stand sie, ein unglückliches Kind, und flüsterte immer
wieder:,Was soll ich tun? -- Was soll ich tun?
Plötzlich hörte sie eine helle Stimme rufen:,Miß Jane! Wo
sind Sie? Kommen Sie zum Gabelfrühstück herein!
Sie wußte sehr wohl, daß es Bessie sei, aber sie rührte sich
nicht von der Stelle; bald ertönte denn auch Bessies leichter Schritt
auf dem Gartenwege.
, Sie' unartiges, kleines Ding!'' sagte sie.,Weshalb kommen
Sie nicht, wenn man Sie ruft?
Da schlang Jane beide Arme um Bessies Hals und sagte
schmeichelnd:,Komm, Bessie, schilt mich nicht!
Diese Bewegung war natürlicher und furchtloser als irgendeine, die sich Jane bis jetzt Bessie gegenüber erlaubt hatte; sie
mußte auch dem Mädchen gefallen.
,Sie sind ein sonderbares Kind, Miß Jane, sagte sie,
indem sie zu ihr herabblickte, ,ein kleines, ruheloses einsames Ding; also vermutlich wird man Sie jetzt in die Schule
schicken?
Jane nickte.
,Und wird es Ihnen nicht schwer, Ihre arme Bessie zu verlassen?
,Was kümmert Bessie sich um mich? Sie schilt mich ja immer
nur,'' erwiderte Jane.
,Weil Sie ein so furchtsames, scheues, sonderbares, kleines
Ding sind. Sie sollten dreister sein.
,Was? Um noch mehr Schläge zu bekommen?
, Unsinn! Aber es ist wahr, es wird hart mit Ihnen umgegangen. Als meine Mutter mich vorige Woche besuchte, sagte sie,
daß sie keins von ihren kleinen Kindern an Ihrer Stelle wissen
möchte.-- Aber kommen Sie jetzt nur herein, ich habe Ihnen
etwas angenehmes zu erzählenl'
,Ach nein, Bessie, das hast du nicht.
, Kind! Was fällt Ihnen denn ein? Mit welch traurigen
Augen Sie mich ansehen! Nun, die gnädige Frau und die jungen
Damen und Master John fahren heute nachmittag zum Tee aus,
und Sie sollen mit mir Tee trinken. Ich werde die Köchin bitten,
daß sie Ihnen einen kleinen Kuchen bäckt, und später sollen Sie
mir helfen, Ihre Schränke und Schiebladen durchzusehen; denn
ich werde bald Ihren Koffer packen müssen. Die gnädige Frau
hat beschlossen, daß Sie in ein bis zwei Tagen Gateshead verlassen sollen; Sie dürfen alle Spielsachen aussuchen, die Sie mitnehmen möchten.
,Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht mehr zu schelten,
so lange ich noch hier bin.
, Nun, das will ich Ihnen versprechen! Aber nun müssen Sie
auch ein gutes Kind sein und sich nicht mehr vor mir fürchten.
Schrecken Sie nicht immer gleich auf, wenn ich einmal ein bißchen
scharf spreche, das ist so ärgerlich!?
, Nein, ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder vor dir
fürchten werde, Bessie; ich habe mich jetzt an dich gewöhnt, und
gar bald werden andere Leute da sein, vor denen ich mich zu
fürchten habe.
,Wenn Sie sich vor ihnen fürchten, so werden die Leute Sie
niemals lieb haben.
,Wie du es tust, Bessie?
,O, ich habe Sie lieb, Fräulein, ich glaube, ich halte mehr von
Ihnen, als von all den anderen!''
,Aber du zeigst es mir nicht.
,Sie kluges, kleines Ding! Sie sprechen mit einem Male ganz
anders. Was macht Sie denn so mutig, so waghalsig?
,Nun, ich werde ja bald weit von hier sein, und außerdem'
Jane war im Begriff, etwas von dem zu sagen, was zwischen
Mrs. Reed und ihr vorgefallen war, aber bald fühlte sie, daß es
doch besser sei, über diesen Punkt Schweigen zu bewahren.
,Sie sind also froh, mich zu verlassen?
,O gewiß nicht, Bessie; in der Tat, in diesem Augenblick tut
es mir beinahe leid.
,In diesem Augenblick! und ,beinahe!' Wie ruhig die kleine
Dame das sagt! Ich glaube wahrhaftig, wenn ich Sie in diesem
Augenblick um einen Kuß bäte, so würden Sie ihn mir nicht geben.
Sie würden dann sagen, beinahe lieber nicht.
, Ich will dich küssen, und gern küssen; komm, biege deinen
Kopf zu mir herunter. Bessie neigte sich, sie umarmten sich, und
Jane folgte ihr ganz getröstet ins Haus. Dieser Nachmitiag verging in Frieden und Eintracht, und am Abend erzählte Bessie ihr
einige ihrer bezauberndsten Geschichten und sang ihr ihre süßesten
Lieder vor. Sogar auf Janes Leben fiel dann und wann ein
Sonnenstrahl.

Fünftes Kapitel.
Der erste Tag im neuen Heim.
Am Morgen des 19. Januar hatte es kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie ein Licht in Janes kleine Kammer brachte und
sie bereits außer Beti und halb angekleidet fand. Sie war schon
eine halbe Stunde vor Bessies Eintritt aufgestanden, hatte ihr
Gesicht gewaschen und sich beim Scheine des gerade untergehenden
Mondes, der seine Strahlen durch das schmale Fensterchen neben
ihrem Bette warf, angekleidet. An diesem Tage sollte sie Gateshead mit einer Postkutsche verlassen, die um sechs Uhr morgens an
dem Parktor des Herrenhauses vorüberfuhr. Bessie war die einzige Person, die aufgestanden war; sie hatte in der Kinderstube
ein Feuer im Kamin angezündet und bereitete jetzt das Frühstück
an demselben. Nur wenige Kinder vermögen zu essen, wenn sie
von dem Gedanken an eine Reise beherrscht sind, und Jane konnte
es auch nicht. Umsonst bat Bessie sie, nur einige Löffel voll von
dem Milch- und Brotbrei zu essen, den sie für sie bereitet hatte;
sie weigerte sich hartnäckig; dann wickelte Bessie einige kleine Brötchen und Zwieback in ein Papier und schob es in Janes Reisetasche. Darauf bekleidete sie das Kind mit Hut und Pelz, hüllte
sich in ein dickes Tuch und verließ mit Jane die Kinderstube. Als
sie an Mrs. Reeds Schlafzimmer vorüberkamen, sagte Bessie:
,Wollen Sie hineingehen und Ihrer Tante Lebewohl sagen?
, Nein, Bessie. Als du gestern zum Abendbrot in die Küche
hinuntergegangen warst, kam sie an mein Bett und sagte, daß ich
weder sie noch meine Cousinen heute morgen zu stören brauche,
und dann ermahnte sie mich, nie zu vergessen, daß sie stets meine
beste Freundin gewesen, und dankbar von ihr zu sprechen und an
sie zu denken.
, Was antworteten Sie darauf, Fräulein?
,Nichts. Ich bedeckte mein Gesicht mit der Decke und wandte
mich von ihr ab.
,Das war nicht recht, Miß Jane.
,Es war ganz recht, Bessie. Mrs. Reed ist niemals meine
Freundin gewesen, sie war meine erbittertste Feindin.
,O, Miß Jane, das dürfen Sie nicht sagen!'
, Lebewohl Gateshead! rief Jane, als sie durch die Halle gingen und durch die große Haustür hinaustraten.
Der Mond war untergegangen und es war sehr dunkel.
Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse Stufen und einen
durch plötzlichen Tau aufgeweichten Kiesweg fiel. Feucht und
rauh war dieser Wintermorgen, Janes Zähne schlugen vor Kälte
zusammen, als sie den Fahrweg hinuntereilten. Aus der Loge des
Portiers glänzte ein Licht. Als sie näher kamen, sahen sie, daß
die Pförtnersfrau gerade ein Feuer machte. Janes Koffer, welcher
schon am Abend vorher hinuntergetragen war, stand mit Stricken
geschnürt vor der Tür. Es fehlten nur noch wenige Minuten an
sechs Uhr, und kurz nachdem die volle Stunde geschlagen hatte, verkündete das ferne Rollen der Räder das Nahen der Postkutsche.
Jane ging an die Tür und beobachtete, wie die Laternen des Wagens schnell durch die Dunkelheit daher kamen.
,Fährt sie allein?' fragte die Portiersfrau.
,Ja.
,Und wie weit ist es von hier?
,Fünfzig Meilen.
, Welch weiter Weg! Mich wundert es nur, daß Mrs. Reed
es wagt, sie die lange Strecke allein fahren zu lassen.
Die Kutsche hielt an; da stand sie mit ihren vier Pferden und
dem von Reisenden besetzten Dach vor der Tür; der Kutscher und
der Kondukteur trieben laut zur Eile an; Janes Koffer wurde hinauf gehißt; man zog sie von Bessie fort, deren Nacken sie umklammert hielt und die sie mit Küssen bedeckte.
, Daß Ihr nur gut acht auf das Kind gebt!' rief sie dem
Kondukteur zu, der Jane in das Innere des Wagens hob.
,Ja! Ja! Ja !' war seine Antwort. Die Tür wurde wieder
zugeschlagen, eine Stimme rief,Fertig', und vorwärts ging es.
So trennte sich Jane von Bessie und Gateshead-- so rollte sie
davon, einer unbekannten Zukunft entgegen.
Der Tag erschien dem Kinde von einer unnatürlichen Länge,
und es dünkte sie, als ob die Landstraße, auf welcher sie dahinfuhr, hunderte von Meilen lang sei. Sie kamen durch verschiedene
Städte, und in einer derselben, einer sehr großen, hielt die Kutsche
an; die Pferde wurden ausgespannt und die Passagiere stiegen
aus, um zu Mittag zu essen. Jane wurde in ein Wirtshaus geführt, wo der Aondukteur sie aufforderte, sich zum Speisen hinzusetzen; da sie jedoch keinen Appetit hatte, ließ er sie in einem großen
Zimmmer allein, an dessen beiden Enden sich je ein Kamin befand;
ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und oben an der Wand
war eine kleine, rote Galerie angebracht, auf der verschiedene
musikalische Instrumente lagen. In diesem Gemach ging sie lange
auf und ab; ihr war gar seltsam zumute und sie hatte eine Todesangst, daß jemand hereinkommen könne, um sie zu rauben und
fortzuführen; denn sie glaubte an Kinderdiebe, ihre Taten hatten
in Bessies Kaminfeuererzählungen stets eine hervorragende Rolle
gespielt. Endlich kam der Kondukteur zurück, noch einmal wurde
sie in die Kutsche gepackt; ihr Beschützer stieg auf seinen eigenen
Sitz, ließ sein Horn erklingen, und fort rasselte der Postwagen
über die steinigen Straßen von L.
Naß und nebelig kam der Nachmittag heran; als die Dämmerung hereinbrach, begann Jane zu fühlen, daß sie in der Tat
schon weit von Gateshead entfernt sein mußte; Städte wurden
nicht mehr passiert; die Landschaft veränderte sich; große, graue
Hügel begannen den Horizont einzuschließen. Als es dunkler und
dunkler wurde, fuhr der Wagen in ein düsteres, dicht bewaldetes
Tal hinab, und lange nachdem die Nacht sich herabgesenkt hatte
und jede Aussicht unmöglich machte, hörte Jane den wilden Sturm
durch die Bäume rauschen.
Dieses Rauschen lullte sie ein, endlich schlief sie fest. Doch
hatte sie noch nicht lange geschlummert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung sie weckte. Der Schlag der Postkutsche war
geöffnet und eine Person, die wie eine Dienerin gekleidet war,
stand daneben. Beim Schein der Laterne sah man ihr Gesicht und
ihre Kleidung.
,Ist ein kleines Mädchen hier, welches Jane Eyre heißt?
fragte sie. Jane antwortete ,ja'', und wurde dann herausgehoben; man setzte ihren Koffer ab, und augenblicklich fuhr der
Postwagen weiter.
Jane war steif vom langen Sitzen und ganz betäubt vom
Lärm und der Bewegung der Kutsche; nachdem sie sich einigermaßen erholt hatte, blickte sie umher. Regen, Wind und Dunkelheit füllten die Luft; trotzdem unterschied sie eine Mauer vor sich
und eine geöffnete Tür in derselben. Durch diese Tür schritt sie
mit ihrer neuen Führerin; letztere verschloß die Tür, mit
vielen, vielen Fenstern. Durch einige derselben fiel Lichterschein.
Die beiden gingen einen breiten, mit Kies bestreuten Weg hinauf
und wurden durch eine Tür in das Haus eingelassen, dann führte
die Dienerin das Kind durch einen Korridor in ein Zimmer, wo
ein helles Kaminfeuer brannte. Nun blieb Jane allein.
Sie stand und wärmte ihre erstarrten Finger an der Glut,
dann blickte sie umher. Es brannte kein, Licht, aber bei dem unsicheren Schein des Kaminfeuers konnte sie tapezierte Wände,
einen Teppich, Vorhänge und glänzende Mahagonimöbel unterscheiden. Es war ein Wohnzimmer, zwar nicht so geräumig und
prächtig wie der Salon in Gateshead-Hall, aber dennoch hübsch
und gemütlich. Sie war gerade damit beschäftigt, einen Kupferstich, welcher an der Wand hing, genau zu besichtigen, als die Tür
geöffnet wurde und eine Gestalt eintrat, welche ein Licht in der
Hand trug; eine zweite folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, dunklen
Augen und einer weißen, hohen Stirn; ihre Gestalt wurde zum
Teil durch einen Schal verhüllt; ihr Gesicht war ernst, ihre Haltung gerade.
,Das Kind scheint doch zu jung, um diese Reise allein zu
machen,'' sagte sie, indem sie das Licht auf den Tisch stellte.
Mehrere Minuten betrachtete sie Jane aufmerksam, dann fügte sie
hinzu:
,Es wird gut sein, wenn sie bald zu Bette geht, sie sieht so
müde aus. Bist du müde? fragte sie und legte ihre Hand auf
Janes Schulter.
,Ein wenig, Madame.'
,Und auch hungrig, ohne Zweifel. Sorgen Sie dafür, Miß
Miller, daß sie etwas zu essen bekommt, bevor sie sich schlafen legt.
Ist es das erstemal, daß du deine Eltern verlassen hast, mein
kleines Mädchen, um hier in die Anstalt zu kommen??
Jane erklärte ihr, daß sie keine Eltern habe. Sie fragte sie,
wie lange diese schon tot seien; dann wie alt sie sei, wie sie heiße, ob sie lesen könne und auch schreiben und ein wenig nähen. Endlich
berührte sie ihre Wange sanft mit ihrem Zeigefinger und sagte,,sie
hoffe, daß sie ein gutes Kind sein würde, und dann schickte sie die
Kleine mit Miß Miller fort.
Die Dame, die Jane soeben verlassen, mochte ungefähr neunundzwanzig Jahre alt sein. Die, welche mit ihr ging, konnte um
einige Jahre weniger zählen; die erstgenannte machte durch ihre
Mienen, ihren Blick und ihre Stimme einen großen Eindruck auf
die Waise. Miß Miller war von gewöhnlicherem Schlage, doch
trugen ihre Züge die Spuren von Kummer und Sorgen; sie war
hastig in Gang und Bewegungen wie jemand, der fortwährend eine
Menge der verschiedensten Dinge zu schaffen hat; in der Tat, man
sah auf den ersten Blick, sie war eine Unterlehrerin. Von ihr geführt, ging Jane von Zimmer zu Zimmer, von Korridor zu Korridor
durch ein großes, unregelmäßiges Gebäude. Endlich hörte die vollständige und trübselige Stille des von ihnen durchschrittenen Teiles des Hauses auf, und bald schlug ein Gewirr von Stimmen an das
Ohr. Sie traten in ein großes, langes Zimmer, in welchem an
jedem Ende zwei große, hölzerne Tische standen; auf diesen brannten zwei Kerzen und rund um dieselben saßen auf Bänken eine
Menge von Mädchen jeden Alters, von neun, zehn bis zu zwanzig
Jahren. In dem trüben Schein der Talgkerzen schien ihre Anzahl
Legion, obgleich ihrer in Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren.
Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern
nach ganz altmodischem Schnitt und lange, baumwollene Schürzen.
Es war die Stunde, in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten, und das Gesumme von Stimmen, welches zuerst
vernehmbar war, entstand aus dem vereinigten Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen.
Miß Miller machte Jane ein Zeichen, sich auf eine Bank nahe
der Tür zu setzen; dann ging sie an das obere Ende des großen
Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme:
,Aufseherinnen, sammelt die Schulbücher zusammen und legt
sie an ihren Platz
Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen, nahmen die Bücher zusammen und legten sie
fort. Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort:
,Aufseherinnen, holt sie Bretter mit dem Abendessen!?
Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich
zurück. Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von
irgendwelchem Essen, und in der Mitte eines jeden solchen Brettes
stand ein Krug mit Wasser und ein Becher. Die Portionen wurden
umher gereicht, wer wollte, konnte auch einen Schluck Wasser trinken, der Becher war für alle gemeinsam bestimmt. Als die Reihe
an Jane kam, trank sie, denn sie war durstig; das Abendbrot selbst
ließ sie unberührt. Aufregung und Ermüdung machten es ihr unmöglich zu essen, indessen sah sie, daß es ein dünner Kuchen von
Hafermehl war, der in Stücke geschnitten worden.
Als die Mahlzeit vorüber war, las Miß Miller das Abendgebet vor, und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach
oben. jetzt hatte die Müdigkeit Jane vollständig überwältigt, sie
bemerkte kaum, welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer
eigentlich war; sie sah nur, daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer. Diese Nacht mußte sie das Bett mit Miß Miller teilen;
diese half ihr beim Entkleiden. Als sie sich niederlegte, blickte sie
auf die lange Reihe von Betten, von denen jedes schnell mit zwei
Teilhabern sich füllte; nach zehn Minuten wurde das einzige Licht
ausgelöscht. Stille und vollständige Dunkelheit herrschten; Jane
schlief ein.
Die Nacht verstrich schnell. Jane war sogar zu müde und abgespannt, um träumen zu können. Nur einmal erwachte sie und
vernahm, wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume
brauste. Der Regen fiel in Strömen. jetzt gewahrte sie auch, daß
Miß Miller ihren Platz an ihrer Seite eingenommen hatte. Als sie
die Augen wieder öffnete, schlug der laute Ton einer Glocke an ihr
Ohr. Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich
an; der Tag war noch nicht angebrochen, und ein oder zwei Lichter
brannten im Zimmer. Widerwillig erhob auch Jane sich; es war
bitter kalt, und sie kleidete sich an, so gut wie sie es vor Kälte bebend
vermochte. Als eine Waschschüssel frei geworden war, wusch sie sich.
Allerdings mußte sie lange auf diese glückliche Fügung warten, denn
auf den Waschtischen, welche durch die Mitie des Zimmers entlang
standen, befand sich nur immer eine Schüssel fr je sechs Mädchen.
Wieder ertönte die Glocke. Alle traten wie am vorigen Abend zwei
und zwei in die Kolonne, und in dieser Ordnung gingen sie die
Treppe hinunter. Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer; hier las Miß Miller das Morgengebet vor; dann rief sie
laut:
,Bildet bie Klassen!
Hierauf folgte ein großer Tumult, der einige Minuten anhielt.
Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen: ,Ruhe!'' und
, Ordnung !' Als diese endlich eingetreten, sah Jane, daß alle sich
in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten, welche vor
vier Tischen standen. Alle hielten Bücher in den Händen, und ein
großes Buch, einer Bibel ähnlich, lag auf jedem Tisch vor dem
leeren Stuhl. Nun entstand eine minutenlange Pause, während
welcher man nichts vernahm, als das leise Gemurmel von Zahlen.
Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen.
Aus der Ferne ertönte eine Glocke. Gleich darauf traten drei
Damen ins Zimmer. Jede derselben ging an einen der Tische und
nahm ihren platz ein. Miß Miller nahm den vierten Stuhl,
welcher der Tür am nächsten stand, und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten; dieser letzten Klasse wurde auch Jane
zugewiesen und zwar als letzte in derselben.
jetzt begann die Arbeit. Die Aufgaben des Tages wurden
wiederholt, dann wurden mehrere Texte aus der heiligen Schrift
hergesagt, und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel,
welches eine ganze Stunde dauerte. Als man mit dieser Übung
zu Ende gelangt, war der Tag vollständig angebrochen. Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal. Die Klassen
sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer, wo das
Frühstück eingenommen wurde. Wie froh war Jane bei der Aussicht, jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen. Der Hunger hatte
sie beinahe schon krank gemacht, denn Tags zuvor hatte sie fast gar
keine Nahrung zu sich genommen.
Das Speisezimmer war ein großes, niedriges, düsteres
Gemach. Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen
Näpfen, das indessen zu Janes größter Enttäuschung einen Geruch
ausströmte, der nichts weniger als einladend war. Als der Dampf
dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane der Kinder drang, bemerkte
Jane eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit. Aus dem
Nachtrab des Zuges, den die großen Mädchen der ersten Klasse
bildeten, hörte man die geflüsterten Worte:
,Ekelhaftl Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt!
,Ruhe!'' gebot eine Stimme. Es war nicht diejenige Miß.
Millers, sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen, einer kleinen
dunklen Person, die hübsch gekleidet war, hingegen sehr mürrisch
und unangenehm aussah. Diese nahm an dem oberen Ende an
einem der Tische Plat, während eine behäbigere Dame an den
anderen präsidierte. Umsonst hielt Jane Umschau nach der Gestalt,
welche sie am ersten Abend gesehen hatte, sie war nicht sichtbar. Miß
Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen, an
welchem Jane saß, und eine seltsam fremdartig aussehende, ältliche
Dame- die französische Lehrerin - nahm denselben platz am
nächsten Tische ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, eine
Hymne gesungen, dann brachte eine Dienerin den Tee für die
Lehrerinnen herein, und die Mahlzeit nahm ihren Anfang.
Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang Jane
mehrere Löffel voll von ihrer Portion, ohne an den Geschmack zu
denken; als aber der erste, quälende Hunger gestillt war, bemerkte
sie, daß ein übelriechendes Gemisch vor ihr stand. Angebrannter
Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln;
selbst die Hungersnot schreckt davor zurück. Die Löffel wurden ganz
langsam in Bewegung gesetzt, Jane sah, wie jedes Mädchen die ihr
vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte, sie hinunterzuschlucken,
aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben.
Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt. Die
Mädchen sprachen das Dankgebet für etwas, was sie gar nicht bekommen hatten, und nachdem eine zweite Hynne abgesungen worden, leerte der Speisesaal' sich und alle begaben sich in das Schulzimmer. Jane war eine der letzten, die hinausging, und als sie die
Tische passierte, sah.ie, wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit
Haferbrei nahm, um den Inhalt desselben zu kosten; sie blickte die
anderen an; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus, und
eine der Damen, die behäbige, flüsterte:
,Abscheulicher Mischmasch! Das ist empörend!
Eine Viertelstunde verging, bevor die Stunden wieder begannen. Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt,
frei und laut zu sprechen; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die ganze Unterhaltung drehte sich um das Frühstück, auf das alle ungeniert schalten. Die armen Dinger! Es war der einzige Trost, den sie hatten!
Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer. Einige
der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen s
mit ernsten, trotzigen Gebärden. Jane hörte von einigen Lippen den
Namen Mr. Brocklehursts. Miß Miller schüttelte mißbilligend den
Kopf, aber sie machte keine großen Anstrengungen, um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen; ohne Zweifel teilte sie dieselbe.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde. Miß
Miller verließ den Kreis, welcher sich um sie gebildet hatte,
die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme:
,Ruhe! Auf die Plätze!
Die Schulzucht trug den Sieg davon. Nach fünf Minuten war,
Ordnung in die wirre Menge gekommen, und verhältnismäßige
Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel. Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein, und doch
schienen alle noch auf irgend etwas zu warten. Auf den Bänken,
swelche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen, saßen achtzig
Mädchen bewegungslos und kerzengerade; eine seltsame Versammlung. Allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt, nicht
eine Locke war sichtbar; in ihren braunen Kleidern, die bis an den
Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen
mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe hungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländers, die an der Vorderseite des
Kleides befestigt waren und den Zweck hatten, als Arbeitstasche zu
dienen -- dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten
Schuhe, welche mit Messingschnallen befestigt waren- ja, in der
Tat, eine seltsame Versammlung!- Ungefähr zwanzig der auf
biese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich
schon über die allererste Jugend hinaus; das Kostüm kleidete sie
schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen.
Jane betrachtete sie noch, und dann und wann auch die
Lehrerinnen, - da plötzlich, als ihre Blicke noch von einem Gesicht
zum anderen wanderten, erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und
wie auf Kommando, als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in
die Höhe geschnellt.
Was war denn geschehen? Jane hatte keinen Befehl vernommen, sie war ganz bestürzt. Bevor sie sich noch gesammelt und
orientiert hatte, saßen die Klassen schon wieder. Da sich jetzt aber
alle Blicke auf einen Punkt richteten, so folgten auch Janes Blicke
jener Richtung und fielen auf die Dame, welche sie am vorhergehenden Abend empfangen hatte. Sie stand am Kamin, am
unteren Ende des Zimmers, an jedem Ende desselben befand sich
nämlich ein Kaminfeuer. Ernst und ruhig musterte sie die beiden
Reihen der Mädchen. Miß Miller näherte sich ihr und schien eine
Frage zu tun. Nachdem sie die Antwort erhalten, ging sie an ihren
Platz zurück und sagte laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, gehen Sie und holen Sie
den Globus.
Während diese Weisung befolgt wurde, ging die Dame, welche
befragt worden war, langsam durch das Zimmer. Jetzt im hellen
Tageslicht sah sie schlank, groß und stattlich aus. Braune Augen
mit wohlwollendem, klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern,
welche sie umgaben, hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor. Sie trug ihr schönes, dunkelbraunes Haar in
kurzen, dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt. Ihre
Kleidung bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von
spanischem Besatz aus schwarzem Samt. Eine goldene Uhr hing
an ihrem Gürtel. Um das Bild vollständig zu machen, muß die
junge Leserin sich noch feine, vornehme Züge hinzudenken, eine
bleiche, aber klare Gesichtsfarbe, eine stattliche Haltung und Gestalt, und dann hat sie so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen, einen richtigen Begriff von dem Außeren der Miß Temple,
Maria Temple, wie Jane später einmal in einem Gebetbuche las, welches ihr anvertraut wurde, um es in die Kirche zu tragen.
Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood nahm ihren Sitz vor
einem Globus ein, der auf einem der Tische stand, rief die exste
Klasse auf, sich um sie zu sammeln, und begann dann, eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben. Die niederen Klassen wurden
von den Lehrerinnen aufgerufen: Repetitionen in der Weltgeschichte, Grammatik usw. Dies dauerte eine Stunde. Dann folgte
Arithmetik und Schreibunterricht, und Miß Temple gab einigen der
größeren Mädchen Musikstunde. Die Dauer jeder Unterrichtsstunde
wurde nach der Uhr bemessen. Endlich schlug es zwölf. Die Vorsteherin erhob sich:
,Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten,'
sagte sie.
Der Tumult, welcher stets nach Beendigung der Schulstunden
einzutreten pflegt, hatte sich bereits erhoben, aber er legte sieh sofort beim Klange ihrer Stimme. Sie fuhr fort:
,Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt, welches ihr nicht
essen konntet, ihr müßt hungrig sein; ich habe befohlen, daß für euch
alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird.
Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie, welche das größte Erstaunen verrieten.
,Es soll auf meine Verantwortung geschehen,'' fügte sie hinzu,
gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen; gleich
darauf verließ sie das Zimmer.
Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt,
zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen
Schule. Und nun erging der Befehl: ,In den Garten! Jede
Schülerin setzte einen groben, häßlichen Strohhut mit Bändern von
buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um.
Jane wurde in gleicher Weise ausgerüstet, und dem Strome folgend, machte sie ihren Weg in die frische Luft hinaus.
Der Garten war ein weiter Plan, der mit so hohen Mauern
umgeben war, daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich
machte; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang, und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum, der in
unzählige, kleine Beete abgeteilt war. Diese Beete waren den
Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben, und jedes
Beet hatte eine Besitzerin. Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch,
wenn sie mit Blühenden Blumen bedeckt waren, aber jetzt gegen
Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der
winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls. Es durchschauerte Jane, als sie so dastand und umherblickte. Der Tag war
der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig, es war kein
ordentlicher Regen, der alles durchnäßte, sondern ein dicker, gelber,
herabrieselnder Nebel. Der Boden unter ihren Füßen war durch
den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht. Die kräftigeren der
Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen:
aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher, magerer
Gestalten, die ängstlich zusammenkrochen, als suchten sie hier Schus
und Wärme. Oft ertönte aus ihrer Mitte, als der dichte Nebel
ihnen fast bis auf die. Haut drang, ein hohler, Böses verkündender
Husten.
Bis jetzt hatte Jane noch mit niemand gesprochen und niemand
schien ihr sonderliche Beachtung zu schenken, ganz einsam stand sie
da; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war sie ja gewöhnt,
es bedrückte sie nicht mehr als sonst. Sie lehnte sich gegen einen
Pfeiler der Veranda, zog ihren grauen Mantel fest um sich zusammen und indem sie versuchte, die Kälte, die sie von außen schmerzte,
und den unbefriedigten Hunger, der von innen an ihr nagte, zu
vergessen, gab sie sich ganz der Beschäftigung hin, zu beobachten
und nachzudenken. Sie wußte noch kaum, wo sie sich eigentlich befand. Gateshead und ihr bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden, die Gegenwart war seltsam und
unbestimmt und von der Zukunft wagte sie nicht, sich irgendein
Bild zu machen. Sie blickte in demr klösterlichen Garten umher,
dann zum Hause hinauf. Es war ein großes Gebäude, dessen eine
Hälfte grau und alt erschien, während die andere ganz neu war.
Dieser neue Teil, welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt, hatte vergitterte Bogenfenster, die ihm ein kirchenähnliches
Aussehen gaben. Eine steinerne Tafel oberhalb der Tür trug die
Inschrift
,Institut von Lowood. Dieser Teil des Hauses wurde wieder
erbaut un. äon.... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-
Hall in dieser Grafschaft.
, Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Ev. Matthäi 16.
Wieder und wieder las Jane diese Worte. Sie fühlte, daß sie
noch eine Erklärung haben mußten, und war außerstande, ihren
ganzen Inhalt zu erfassen. Noch dachte sie über die Bedeutung
des Wortes ,Institut'' nach und bemühte sich, einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden, als
ein hohler Husten hinter ihr sie veranlaßte, den Kopf zu
wenden.
Sie sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen; diese
war über ein Buch gebeugt, dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln
schien. Von der Stelle aus, wo Jane stand, konnte sie den Titel
lesen: es war ,Ntasselas-, ein Name, der sie seltsam dünkte und sie
infolgedessen fesselte. Als die Leferin ein Blatt umwandte, blickte
sie zufällig auf, und sogleich sagte Jane:
,Ist dein Buch interessant? Sie hatte bereits den Entschluß
gefaßt, sie eines Tages zu bitten, daß sie es ihr leihen möge.
,Mir gefällt es,! sagte diese nach einer Pause von einigen
Sekunden, während welcher sie Jane angeblickt.
,Wovon handelt es denn? fuhr Jane fort.
,Du darfst es dir ansehen,' sagte das Mädchen und gab ihr
das Buch.
Das iat Jane. Eine kurze Besichtigung überzeugte sie, daß der
Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel.,Rasselas schien
ihrem ungebildeten Geschmack höchst langweilig; sie fand nichts von
Feen, von Genien; die enggedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechslung zu bieten. Sie gab ihr das Buch zurück. Sie
nahm es ruhig, und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im
Begriff, sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben,
als Jane noch einmal wagte, sie zu stören:
, Kannst du mir sagen, was die Inschrift dort auf dem Stein
über der Tür bedeutet? Was ist ,nstitut von Lowood'?
,Es ist das Haus, in welchem du hier lebst. ?
, Und weshalb nennen sie es Institut? Ist es denn in irgendeiner Weise von anderen Schulen verschieden?
,Es ist zum Teil eine Mildtätigkeitsschule. Du und ich und
alle übrigen sind Mildtätigkeitszöglinge. Ich vermute, daß du eine
Waise bist; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot?
, Sie sind beide tot, schon lange, ich habe gar keine Erinnerung
mehr an sie.
, Nun, all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter
oder beide Eltern verloren, und man nennt dies ein Institut für
die Erziehung von Waisen.
,Vezahlen wir denn kein Schulgeld? Werden wir hier umsonst erhalten?
, Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich.
,Weshalb nennt man uns denn Mildtätigkeitskinder??
, Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und
Schule, und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht.
, Wer subskribiert denn?
, Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser
Gegend und in London.
,Wer war Naomi Brocklehurst??
,Die Dame, welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat,
wie die Inschrift besagt, und deren Sohn hier alles überwacht und
anordnet.
, Weshalb tut er das?
,Weil er der Schazzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist.
,Dann gehört dieses Haus also nicht der großen, schlanken
Dame, welche eine Uhr trägt, und die sagte, daß wir Brot und Käse
bekommen sollten?
,Miß Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte ihr! Sie ist
Mr. Brocklehurst für alles, was sie tut, verantwortlich. Mr.
Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns.
,Wohnt er hier?
, Nein, zwei Meilen von hier, in einem großen, prächtigen
Herrenhause.
,Ist er ein guter Mann?
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, daß er sehr vie!
Gutes tut.
PSagtest du, daß die schlanke Dame Miß Temple heißt?
.Va.
, Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?
,Die eine nnit den roten Wangen heißt Miß Smith, sie muß
auf die Handarbeiten achten und schneidet zu, denn wir nähen
unsere eigene Wäsche, unsere Kleider und unsere Mäntel - kurzum
alles; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd, sie
lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der
zweiten Klasse; die dritte, die ein Tuch trägt und das Taschentuch
mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat, ist Madame
Pierrot, sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch.
, Liebst du die Lehrerinnen?'
,O ja, so ziemlich.
,Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame?
Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie dr.
,Miß Scatcherd ist heftig; du mußt dich hüten, sie ärgerlich
zu machen. Madame Pierrot ist gerade keine böse Person.
,Aber Miß Temple ist die beste, nicht wahr?
,Miß Temple ist sehr klug und sehr gut; sie steht über all den
anderen, weil sie viel mehr weiß, als sie.
,Bist du schon lange hier?
,Zwei Jahre.
,Bist du eine Waise?
,Meine Mutter ist tot.
,Fühlst du dich hier glücklich?
,Du tust eigentlich zu viele Fragen. Für jetzt habe ich dir
genug geantwortet. Jetzt will ich lesen.
In diesem Augenblick erklang die Glocke, die zum Mittagessen rief. Alle kehrten zurück in das Haus. Der Geruch, welcher
jetzt den Speisesaal füllte, war kaum appetitlicher als jener, welcher die Nasen beim Frühstück erfüllt hatte. Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert, aus
denen ein scharfer Dampf aufstieg, der stark an ranziges Fett erinnerte. Das Gemengsel bestand aus Kartoffeln und seltsamen
Feten rötlichen Fleisches, die untereinander gerührt und zusammen
gekocht waren. Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin
eine ziemlich große Portion vorgesetzt. Jane aß, so viel sie konnte
und fragte sich still verwundert, ob die Kost der anderen Tage nicht
besser sein würde als diese.
Nach dem Mittagessen verfügten sich alle sofort in das Schulzimmer. Die Stunden begannen von neuen und dauerten bis
fünf Uhr.
Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin, daß Jane sah, wie das Mädchen, mit dem sie, in der
Veranda gesprochen, von Miß Scatcherd mit Schimpf und Schande
aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen
Schulzimmers stehen mußte. Die Sirafe schien ihr im höchsten
Grade entehrend, besonders für ein so großes Mädchen, das mehr
als dreizehn Jahre zu zählen schien. Sie erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen, aber zu
ihrem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie; gefaßt,
wenn auch ernst, stand sie da, aller Blicke waren auf sie gerichtet.
, Wie kann sie das so ruhig - so gefaßt tragen?' fragte sich Jane,
, Wenn ich an ihrer Stelle wäre, so würde ich doch gewiß wünschen,
daß die Erde sich öffnen möchte, um mich zu verschlingen. Sie
sieht aus, als dächte sie an etwas, das über ihre Strafe hinaus
liegt. Ich möchte doch wissen, was für ein Mädchen sie ist, ob gut
oder unartig.''
Bald nach fünf Uhr nachmittags gab es wieder eine Mahlzeit.
die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte
Schwarzbrot bestand. Jane verschlang ihr Brot und trank ihren
Kaffee mit wahrem Ergötzen. Aber sie wäre froh gewesen, wenn
sie doppelt so viel gehabt hätte, sie war noch hungrig. Darauf
folgte eine halbstündige Erholung, und dann begannen die Studien
von neuem. Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen
Haferkuchen, das Gebet und das Schlafengehen. Das war ihr
erster Tag in Lowood.

Sechstes Kapitel.
Helen Burns.
Der nächste Tag begann wie der vorige. Die Waisen standen
beim Lampenlicht auf und kleideten sich an; aber an diesem Morgen mußten sie vom Waschen dispensiert werden, denn das Wasser
war in den Wasserkrügen gefroren. Am Abend vorher war eine
Veränderung im Wetter eingetreten, und ein scharfer Nordostwind,
der die ganze Nacht durch die Ritzen in den Schlafzimmerfenstern
gepfiffen, hatte die Mädchen in ihren Betten vor Kälte beben und
den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht.
Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des
Bibellesens zu Ende waren, war Jane nahe daran, vor Kälte ohnmächtig zu werden. Endlich kam die Frühstückszeit, und an diesem
Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt, die Zubereitung der
Speise war nicht schlecht, aber ihre Menge ließ viel zu wünschen
übrig. Wie klein erschien Jane ihre Portion! Sie wünschte, sie
wäre doppelt so groß gewesen.
Im Laufe des Tages wurde Jane der vierten Klasse als
Schülerin eingereiht, und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden ihr angewiesen; bis jetzt war sie nur Zuschauerin bei
den Vorgängen in Lowood gewesen, jetzt sollte sie eine der Mitspielenden werden. Da sie wenig daran gewöhnt gewesen, auswendig zu lernen, schienen die Aufgaben ihr unendlich lang und schwer,
auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte
sie; sie war däher froh, als Miß Smith ihr gegen3 Uhr nachmittags
einen zwei Ellen langen Streifen weißen Musselins samt Fingerhut
und Schere gab und ihr gebot, sich in einen stillen Winkel des
Schulzimnners zu setzen, wo sie ihr Anweisungen gab, wie sie
säumen sollte. Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen'
Mädchen, nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit Lesen beschäftigt. Da tiefe Stille herrschte, konnte
man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen und
ebenso die Art und Weise, wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe
entledigte, oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab. Es war die englische Weltgeschichte.
Unter den Leserinnen bemerkte Jane ihre Bekannte von der
Veranda; beim Beginn der Lektion hatte sie ihren platz als erste
der Klasse gehabt, aber wegen irgendeines Irrtums in der Aussprache oder einer Unaufmerksamkeit in bezug auf Interpunktion
wurde sie plötzlich an das Ende der Schülerinnenreihe geschickt. Und
selbst noch in dieser Stellung blieb sie unausgesett ein Gegenstand
für Miß Scatcherds beständige Aufmerksamkeit; fortwährend
richtete sie Worte wie die folgenden an sie:
, Burns (dies schien ihr Name zu sein; die Mädchen wurden
hier, wie anderswo die Knaben, mit ihren Familiennamen angeredets. ,Burns, du stehst schon wieder einwärts, augenblicklich die
Fußspitzen nach außen. ,Burns, weshalb steckst du das Kinn in
so häßlicher, unangenehmer Weise vor? Halte den Kopf gerade!'
,Burns, ich bestehe darauf, daß du dich gerade hältst, ich will dich
in solcher Stellung nicht vor mir sehen,'' usw., usw.
Als ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher
geschlossen und die Mädchen geprüft. Die Lektion hatte einen Teil
der Regierung Karls l. umfaßt, und es waren unterschiedliche
Fragen gestellt worden, welche die meisten der Mädchen zu beantworten außer stande gewesen. Jede kleine Schwierigkeit jedoch
wurde gelöst, wenn sie zu Burns kam; ihr Gedächtnis schien die
ganze Lektion gefaßt zu haben, und sie hatte für jgden Punkt eine
Antwort bereit. Jane saß da und wartete freudig erregt, daß Miß
Scatcherd ihre Aufmerksamkeit rühmen würde, statt dessen rief sie
plötzlich aus:
,Du schmuziges, widerwärtiges Mädchen! Heute morgen hast
du deine Nägel wieder nicht gereinigt!''
Burns antwortete nicht, Jane wunderte sich über ihr
Schweigen.
,Weshalb,r dachte sie,,erklärt sie denn nicht, daß sie weder ihr
Gesicht waschen noch ihre Nägel reinigen konnte, da das Wasser gefroren war??
Hier wurde Janes Aufmerksamkeit durch Miß Smith abgelenkt, welche sie aufforderte, ihr beim Abwinden des Zwirns behilflich zu sein. Während sie ihn abwickelte, sprach sie von Zeit zu
Zeit mit Jane, fragte sie, ob sie schon früher eine Schule besucht
habe, ob sie zeichnen, sticken, stricken könne usw.; als sie Jane endlich entließ, konnte diese ihre Beobachtungen über Miß Scatcherds
Verhalten nicht fortsetzen. Als sie auf ihren Sitz zurückkehrte, erteilte diese Dame gerade einen Befehl, dessen Inhalt Jane nicht verstehen konnte. Burns verließ jedoch augenblicklich die Klasse und
trat in ein kleines, inneres Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt
wurden. Nach kaum einer halben Minute kehrte sie zurück und
trug in ihrer Hand ein kleines Reisigbündel, das an einem Ende zusammen gebunden war. Dieses ominöse Werkzeug überreichte sie
Miß Scatcherd mit einem respektvollen Knix, dann löste sie
schweigend, ohne daß es ihr befohlen wurde, ihre Schürze und
augenblicklich versetzte die Lehrerin ihr mindestens ein Duzend
scharfer Streiche mit der Rute auf Arme und Nacken. Nicht eine
einzige Träne trat in Burns Augen und während Jane mit ihrer
Arbeit innehielt, weil ein Gefühl ohnmächtigen, hilflosen Zorns
ihre Finger erbeben machte, veränderte sich nicht ein einziger Zug
in dem nachdenklichen, ernsten Gesichke Burns.
,Verhärtetes Mädchen!r rief Miß Scatcherd aus, ,nichts kann
dich von deinen unordentlichen Gewohnheiten heilen! Trage die
Rute wieder fort.
Burns gehorchte. Jane sah ihr scharf ins Gesicht, als
sie wieder aus der Bücherkammer heraustrat. Sie schob gerade ihr Taschentuch wieder in die Tasche, und eine Träne
glänzte in ihrem Auge und rann langsam über ihre hohle, bleiche
Wange.
Die Spielstunde am Abend galt Jane als der angenehmste
Teil des ganzen Tages in Lowood. Wenn das kleine Stück Brot,
der Schluck Kaffee, den sie um fünf Uhr genossen, ihren Hunger
auch nicht gestillt, so hatte er wenigstens ihren Lebensmut neu beseelt. Der lange Zwang des Tages fiel fort. Das Schulzimmer
war wärmer als am Morgen, denn die Feuer in demselben durften
heller brennen, weil sie in gewifsem Maße die Lichter erseyen sollten. Der rötliche Feuerschein, der gestattete Lärm, das Durcheinander vieler Stimmen, rief ein wohliges Gefühl von Freiheit
hervor.
Am Abend des Tages, an dem Jane gesehen hatte, wie Miß
Scatcherd ihre Schülerin Burns mit der Rute gezüchtigt hatte,
ging sie wie gewöhnlich ohne Gefährtin zwischen Tischen und
Bänken und lachenden Gruppen umher, sie fühlte sich indessen nicht
einsam. Wenn sie an den Fenstern vorüberging, hob sie dann und
wann einen Vorhang in die Höhe und blickte hinaus. Der Schnee
fiel in dichten Flocken, vor den unteren Fensterscheiben lag bereits
eine hohe Schicht; wenn sie ihr Ohr dicht an das Fenster legte,
konnte sie durch den fröhlichen Tumult im Zimmer das traurige
Sausen und Toben des Windes draußen unterscheiden.
Wenn sie ein glückliches Heim und gütige Eltern verlassen
hätte, so wäre dies wahrscheinlich die Stunde gewesen, in der sie
die Trennung am bittersten und schmerzlichsten empfunden hätte.
Dieser draußen tobende Sturm würde ihr das Herz schwer gemacht haben, dieses düstere Chaos würde ihren Frieden gestört
haben; wie die Dinge aber lagen, rief das Getöse eine seltsame
Erregung in ihr wach. Sie wurde unruhig und fieberhaft, sie
wünschte, daß der Wind lauter heulen, die Dämmerung zur
Dunkelheit werden und der Lärm in Toben ausarten möchte.
Über Bänke fortspringend und unter Tischen weiterkriechend,
bahnte sie sich einen Weg zu einem der Kamine. Dort fand sie auf
dem hohen Fender kniend Burns, welche bei dem matten Schein
der glühenden Asche über der Gesellschaft ihres Buches alles vergessen hatte, was um sie hervorging.
, Ist es noch immer Rasselas? fragte Jrne hinter ihr
stehend.
,Ja, sagte sie, ,ich bin gerade damit zu Ende.
Nach weiteren fünf Minuten schlug sie das Buch zu. Jane
war froh darüber.
,jetzt,'! dachte sie,,kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen. Sie setzte sich neben Burns auf den Fußboden.
,Welchen Namen hast du noch außer Burns?
.Helen.
,Bist du von weit hergekommen?

, Ich komme von Norden her, von der schottischen
Grenze.
,Wirst du jemals wieder nach Hause gehen?
, Ich hoffe es, aber niemand kann in die Zukunft sehen.
,Wünschest du nicht sehr, Lowood zu verlassen?
, Nein, weshalb sollte ich das wünschen? Ich bin nach Lowood geschickt worden, unn eine gute Erziehung zu bekommen, und
nas würde es nüten, fortzugehen, wenn dieser Zweck nicht erreicht ist.
,Aber jene Lehrerin, Miß Scatcherd, ist doch so grausam
gegen dich?
,Grausam ? Durchaus nicht! Sie ist strenge. Sie hat einen
großen Widerwillen gegen meine Fehler.
, Und wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen,
ich würde mich gegen sie auflehnen; wenn sie mich mit jener Rute
schlüge, würde ich sie ihr aus der Hand reißen, vor ihrer Nase
wkrde ich das Ding zerbrechen.?
, Wahrscheinlich würdest du nichts von alledem tun, aber
wenn du es tätest, so würde Mr. Brocklehurst dich mit Schimpf
und Schande aus der Schule jagen. Und das wäre doch ein großer
Kummer für deine Angehörigen. Es ist viel besser, einen Schmerz
mit Geduld zu ertragen, den niemand fühlt, als du selbst, denn
eine unüberlegte Tat zu begehen, deren böse Folgen alle treffen.
die dir verwandt sind; und überdies gebietet die Bibel uns, Böses
mnit Gutem zu vergelten.
,Aber es ist doch entehrend, mit Ruten gepeitscht zu werden
und in der Mitte eines Zimmers stehen zu müssen, das voller
Menschen ist, und du bist schon ein so großes Mädchen; ich bin viel
jünger als du und ich könnte es nicht einmal ertragen.
, Und doch wäre es deine Pflicht, es zu ertragen, wenn du es
nicht vermeiden könntest. Es ist schwach und albern zu sagen, daß
du nicht ertragen kannst, was das Schicksal dir auferlegt.
Staunend hörte Jane ihr zu. Sie konnte diese Lehre der
Duldsamkeit nicht begreifen; und noch weniger konnte sie die Versöhnlichkeit, mit welcher Helen von ihrer Quälerin sprach, versiehen. Doch fühlte sie, daß Helen Burns alle Dinge in einem
Licht sah, das ihren Augen nicht sichtbar war. Sie vermutete, daß
Helen recht hatte und sie selbst unrecht.
,Du sagst, daß du Fehler hast, Helen, nenne sie mir doch.
Mir erscheinst du so gut.
, Dann lerne von mir, daß man nicht nach dem Schein urteilen darf. Ich bin, wie Miß Scatcherd sagt, sehr unordentlich;
selten nur mache ich Ordnung zwischen meinen Sachen und niemals erhalte ich diese Ordnung; ich bin unachtsam; ich vergesse die
Vorschriften; ich lese, wenn ich meine Aufgaben machen sollte, und
zuweilen sage ich wie du, ich kann es nicht ertragen, mich bestimmten Einrichtungen zu unterwerfen. Alles dies ist sehr
ärgerlich für Miß Scatcherd, welche von Natur sauber und reinlich und pünktlich ist.
,Und böse und grausam,! fügte Jane hinzu, aber Helen
Burns wollte diesen Zusay nicht gelten lassen, sie schwieg.
,Ist Miß Temple ebenso streng gegen dich, wie Miß
Scatcherd ? fragte Jane wieder.
Bei der Nennung von Miß Temples Namen flog ein sanftes
Lächeln über Helens sonst so ernstes Gesicht.
,Miß Temple ist voller Güte; es bereitet ihr Schmerz, gegen
irgend jemand strenge sein zu müssen, selbst gegen die schlechteste
Schülerin der ganzen Schule. Sie sieht meine Fehler und belehrt
mich mit Sanftmut über dieselben; wenn ich aber irgend etwas
Lobenswertes tue, so ist sie sehr freigebig mit ihren Lobeserhebungen. Ein starker Beweis für meine unglückselig elende, fehlerhafte, schwache Natur ist es, daß sogar ihre Vorstellungen, so milde,
so vernünftig, nicht genug Einfluß haben, um mich von meinen
Fehlern zu kurieren. Und sogar ihr Lob, obgleich ich es so hoch
schäte, kann mich nicht zu andauernder Sorgsamkeit und Überlegung anspornen.
,Das ist seltsam, sagte Jane, ,es ist doch so leicht, sorgsam
zu sein.'?
, Für dich ist es das ohne Zweifel. Ich habe dich heute morgen
in deiner Klasse beobachtet und sah, wie unverwandt aufmerksam
, du warst. Deine Gedanken schienen niemals abzuschweifen, während. Miss Miller die Lektion erklärte und dich befragte. Und die
meinen wandern fortwährend; wenn ich Miß Scatcherd zuhören
und mit Sorgfalt alles in mich aufnehmen sollte, was sie sagt, höre
ich oft sogar den Laut ihrer Stimme nicht mehr; ich versinke in
eine Art von Traum. Manchmal' glaube ich, daß ich in Northumberland bin, und daß der Lärm, den ich um mich herum höre, das
Plätschern und Rieseln eines kleinen Baches ist, der durch Deepden,
ganz nahe unserem Hause, fließt; wenn dann die Reihe an mich
kommt zu antworten, muß ich erst geweckt werden, und weil ich
dann von allem, was gelesen wurde, nichts gehört habe, da ich
dem Rauschen eines Baches zu lauschen glaubte, so habe ich niemals eine Antwort in Bereitschaft,
, Aber du hast doch heute nachmittag so gut geantwortet.
, Das war ein reiner Zufall. Der Gegenstand, über den wir
gelesen, hatte mein ganzes Interesse geweckt. Ich liebe König
Karl, ich achte ihn und ich bedauere den armen gemordeten König!
Ja, seine Feinde waren die schlimmsten; sie vergossen Blut, welches
zu vergießen sie kein Recht hatten! Wie konnten sie es wagen, ihn
zn töten!'?
Helen sprach jetzt mit sich selbst; sie hatte ganz vergessen, daß
Jane wohl kaum imstande war, sie zu verstehen. Diese rief sie deshalb wieder auf ihren Standpunkt zurück.
, Wandern deine Gedanken auch, wenn Miß Temple dich
unterrichtet?
, Nein, gewiß nicht, oder doch nur selten. Miß Temple hat
inmer etwas zu sagen, das für meine eigenen Gedanken noch neu
ist. Ihre Sprechweise ist mir seltsam angenehm, und die Belehrung, welche sie erteilt, ist meistens gerade das, was ich zu lernen
wünschte.
,Also mit Miß Temple bist du gut??
,Ja, aber ganz absichtslos. Ich mache keine besondere Anstrengung, ich folge nur, wohin meine Neigung mich führt. In
solcher Güte liegt doch kein besonderes Verdienst.
,Ein großes Verdienst! Du bist gut mit denen, die gut mit dir
sind. Wahrhaftig, ich wünschte nur, daß ich das sein könnte. Wenn
die Menschen stets gut und gehorsam den Ungerechten gegenüber
wären, so ginge den bösen Menschen ja alles nach ihrem Kopfe; sie
würden vor nichts zurückschrecken und sich niemals bessern, sondern
immer schlechter und schlechter werden. Wenn man uns ohne
Grund schlägt, so sollten wir mit aller Macht wieder schlagen.
Ganz gewiß- das sollten wir tun, so kräftig, daß die Person,
welche es getan hat, sich wohl hüten würde, es jemals wieder
zu tun.'?
, Ich hoffe, du wirst anderen Sinnes werden, wenn du älter
wirst, bis jetzt bist du ja nur ein kleines, unwissendes Mädchen, das
es nicht besser gelernt hat.
, Aber das fühle ich doch klar, Helen, daß ich die hassen muß.
die fortfahren mich zu hassen, trotzdem ich alles tue, was ihnen
Freude machen kann; ich muß mich auflehnen gegen die, welche
mich ungerecht bestrafen. Es ist ebenso natürlich, wie daß ich jene
liebe, die mir Liebe zeigen, oder daß ich mich ruhig einer Strafe
unterwerfe, wenn ich fühle, daß sie verdient ist.
,Heiden und wilde Stämme huldigen solcher Lehre, aber
Christen und zivilisierte Nationen erkennen sie nicht an.?
,Wie? Ich verstehe das nicht.
, Nicht Heftigkeit oder Gewalt vermag den Haß am besten zu
besiegen, nicht befriedigtes Rachegefühl heilt die geschlagenen
Wunden.
,Was sonst?
, Lies das Neue Testament und merke, was Christus sagt;
mache sein Wort zu deiner Richtschnur.
,Was sagt er?
,Liebet eure Feinde, segnet die, so euch fluchen, tut wohl denen,
die euch hassen und euch beleidigen
,Dann müßte ich Mrs. Reed lieben und das kann ich nicht; ich
müßte ihren Sohn John segnen, und das ist unmöglich.
Ihrerseits bat Helen Burns nun ihre kleine Gefährtin, ihre
Lebensgeschichte zu erzählen, und sofort begann Jane in ihrer
eigenen Weise, ihr die ganze Geschichte ihrer Leiden und Qualen,
die ganze ihr widerfahrene Unbill zu berichten. Wild und bitter
sprach sie ohne Beschönigung, ohne Zurückhaltung.
Geduldig hörte Helen ihr bis zu Ende zu. Jane erwartete
dann, daß Helen irgendeine Bemerkung machen werde, aber diese
beharrte schweigend.
, Nun,' fragte Jane ungeduldig,,ist Mrs. Reed nicht ein herzloses, böses Weib?
,Sie ist nicht gütig gegen dich gewesen, ohne Zweifel, weil sie,
das mußt du begreifen lernen, deinen Charakter ebenso häßlich
findet wie Miß Scatcherd den meinen. Wie genau du dich aber an
alles erinnerst, was sie dir getan, was sie dir gesagt hat! Welch
einen seltsam tiefen Eindruck ihre Ungerechtigkeit auf dein Herz
gemacht zu haben scheint! So tief vermag die Erinnerung an erlittenes Unrecht sich meinem Gefühl nicht einzuprägen. Würdest
du nicht glücklicher sein, wenn du versuchtest, ihre Strenge zu vergessen, sowie die leidenschaftlichen Empfindungen, welche diese
wachrief? Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein, um es damit
hinzubringen, Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu
verzeichnen. Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern
beladen und er muß es sein; aber bald wird die Zeit kommen.
das hoffe ich zuversichtlich, wo wir sie ablegen zusammen mit
unserem vergänglichen, irdischen Leibe und nur der Geistesfunke
zurückbleibt. Er wird dorthin zurückkehren, woher er kam, vielleicht um in ein Wesen überzugehen, das höher und erhabener ist
als der Mensch, vielleicht um durch alle Zeiträume der Ewigkeit
zur Herrlichkeit einzugehen, von der ohnmächtigen menschlichen
Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen! Dieser Glaube ist meine
ganze Glückseligkeit, und ich klammere mich fest daran, denn er gewährt allen Hoffnung, er macht die Ewigkeit zur Ruhe, zum Frieden, zur himmlischen Heimat, nicht zum Schrecken, nicht zum Abgrund. Dieser mein Glaube macht auch, daß Rachegefühl mein
Herz niemals quält, Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet, Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann: ich lebe in Frieden und denke an das Ende!''
Helens Kopf, den sie immer ein wenig gesenkt trug, sank noch
tiefer herab, als sie die letzten Worte sprach. Jane sah es ihren
Blicken an, daß sie kein Verlangen trug, noch länger mit ihr zu
reden, daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte.
Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken. Eine Aufseherin.
ein großes, grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran
und rief im ausgeprägten cumberländischen Akzent:
, Helen Burns, wenn du nicht hinaufgehst und augenblicklich
Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit
sauber zusammenfaltest, so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie
bitten, sich die Sache anzusehen.'
Helen seufzte, als ihre Träumereien ein so jähes Ende
nahmen, aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne
Zögern, ohne Erwiderung.

Siebentes Kapitel.
Der schwarze Mann kommt.
Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte Jane ein Menschenalter, aber durchaus kein goldenes Zeitalter; es bedeutete für sie
einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit, sich in neue Regeln
und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten. Die Furcht, in
diesen Punkten zu unterliegen, quälte sie mehr als die körperlichen
Mühseligkeiten und Entbehrungen, trotzdem auch diese wahrlic
keine Kleinigkeiten waren.
Während der Monate Januar, Februar und März hinderten
der tiefe Schnee und, nachdem er fortgeschmolzen, die fast unpassierbaren Straßen die Mädchen daran, weiter zu gehen, als bis
an die Mauern des Gartens, nur der sonntägliche Weg in die
Kirche machte eine Ausnahme; aber doch mußten sie jeden Tag
eine Stunde in freier Luft zubringen. Ihre Bekleidung war nicht
hinreichend, um sie gegen die strenge Kälte zu schüten. Sie hatten
keine Stiefel, der Schnee drang in ihre Schuhe und schmolz darin;
ihre unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach
und nach mit Frostbeulen, ebenso ihreFüße. Sie hatten verzweifelte
Schmerzen zu erdulden, wenn ihre Füße sich entzündeten, und
wenn sie die geschwollenen, wunden und steifen Zehen am Morgen
in die Schuhe zwängen mußten. Auch die Kargheit der Nahrung
brachte sie fast zur Verzweiflung; sie hatten den regen Appetit
von im Wachstum begriffener Kinder, und man gab ihnen kaum
genug, um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten.
Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch, welcher
schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete. Wenn sich nämlich
den größeren, heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot,
so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen
dahin, ihnen ihren Anteil abzutreten. Gar manchesmal teilte
Jane zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen
Schwarzbrot, den die Mädchen zur Teestunde bekamen, und nachdem sie dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte ihres
Kaffeenapfes gegeben hatte, schluckte sie den Rest zusammen mit
bitteren, geheimen Tränen hinunter, welche der Hunger ihr
auspreßte.
Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit. Die
Mädchen mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, wo ihr Schutherr den Gottesdienst verrichtete. Halb erfroren machten sie sich auf den Weg, noch erfrorener langten sie in
der Kirche an; während des Morgengottesdienstes lähmte sie die
Kälte beinahe. Der Weg war zu weit, um zum Mittagessen nach
Lomood zurückzukehren, daher reichte man ihnen zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Brot, welche
ebenso kärglich war, wie die bei ihren gewöhnlichen Mahlzeiten.
Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten sie
über eine hügelige, dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück. Der eisige Wintersturm, der über eine Kette schneebedeckter
Hügel von Norden her blies, riß ihnen beinahe die Haut von den
Wangen.
Miß Temple ging, fest in ihren schottischen Mantel gehüllt,
den der Wind ihr fortwährend zu entreißen drohte, leichtfüßig und
schnell an den ermatteten Reihen entlang und ermunterte diese
durch Worte und Beispiel, Mut zu behalten und vorwärts zu
schreiten ,tapferen Soldaten gleich', wie sie zu sagen pflegte. Die
übrigen Lehrerinnen waren gewöhnlich selbst zu niedergeschlagen,
um andere zu trösten.
Wie sehnten sich die Armen nach dem Licht und der Wärme
eines hellen Feuers, wenn sie nach Hause kamen! Aber selbst dieser
Genuß blieb den Kleineren wenigstens versagt. Jeder Kamin im
Schulzimmer war augenblicklich von einer doppelten Reihe großer
Mädchen belagert und hinter diesen krochen die kleinen Kinder in
trostlosen Gruppen umher, ihre abgemagerten Arme in ihre
Schürzen hüllend.
Ein schwacher Trost ward den Bedauernswerten in der Teestunde in Gestalt einer doppelten Brotration, nämlich eine ganze
Scheibe anstatt einer halben, mit der köstlichen Zutat einer dünnen
Schicht von Butter; es war ein allwöchentlicher Genuß, dem sie
von Sabbat zu Sabbat sehnsuchtsvoll entgegensahen. Gewöhnlich
gelang es Jane, die Hälfte dieses lukullischen Mahls für sich zu behalten, die andere Hälfte mußte sie unabänderlich jedesmal verschenken.
Der Sonntagabend wurde dazu verwandt, den Kirchenkatechismus, das fünfte, sechste und siebente Kapitel des Evangeliums
St. Maithäi auswendig zu wiederholen, und eine lange Predigt
mit anzuhören, welche die arme Miß Miller, deren nicht zu unterdrückendes Gähnen ihre Müdigkeit verriet, den Kindern vorlas.
Gar häufig kam es vor, daß ungefähr ein halbes Dutzend kleiner
Mädchen, überwältigt von Müdigkeit, von der Bank fielen und
halbtot wieder emporgehoben wurden. Die Abhilfe hiergegen bestand darin, daß man sie in die Mitte des Schulzimmers hineinstieß, wo sie gezwungen wurden auszuharren, bis die Predigt zu
Ende war. Zuweilen versagten die Füße ihnen den Dienst und sie
sanken in einen hilflosen Klumpen zusammen; dann pflegte man sie
durch die hohen Stühle der Aufseherinnen zu stützen.
Noch ist der Besuche Mr. Brocklehursts nicht Erwähnung
getan worden, und in der Tat war dieser während des ersten
Monats von Janes Aufenthalt in Lowood von Hause abwesend;
vielleicht zog sein Besuch bei seinem Freunde, dem Erzbischof, sich
so sehr in die Länge.
Seine Abwesenheit war eine Erleichterung für Jane, denn
sie hatte ihre eigenen Gründe, sein Kommen zu fürchten. Aber
endlich kam er doch.
Eines Nachmittags, Jane war damals gerade vier Wochen in
Lowood gewesen, saß sie mit der Tafel in der Hand da und zerbrach sich den Kopf über ein langes Divisionsexempel, als ihre
Blicke sich ganz gedankenlos auf das Fenster richteten. In diesem
Augenblick schritt eine Gestalt an demselben vorbei, und fast wie
ein Blitz kam ihr der Gedanke an Mr. Brocklehurst in den Sinn.
Als zwei Minuten darauf die ganze Schule mit Inbegriff der
Lehrerinnen sich erhob, brauchte sie nicht aufzublicken, um sich zu
vergewissern, wessen Eintritt auf diese Weise begrüßt wurde. Ein
langer Schritt durchmaß das Schulzimmer und gleich darauf stand
neben Miß Temple, die sich ebenfalls erhoben hatte, dieselbe
schwarze Säule, welche vor dem Kamin im Herrenhause von Gateshead-Hall so finster und unheilvoll auf Jane herabgeblickt hatte.
jetzt blickte Jane von der Seite auf diese Erscheinung. Ja, sie
hatte sich nicht getäuscht, es war Mr, Brocklehurst, fest in seinen s
Überzieher geknöpft, und länger, schmäler und steifer aussehend
denn je.
Jane erschrak heftig beim Anblick dieser Erscheinung. Denn sie erinnerte sich nur zu wohl der Worte, welche Mrs. Reed ihm
über ihren Charakter gegeben hatte, und des von Mr. Brocklehurst
gegebenen Versprechens, Miß Temple und die Lehrerinnen von
ihrer lasterhaften, verderbten Natur in Kenntnis zu setzen. Während der ganzen Zeit hatte sie schon die Erfüllung seines Versprechens gefürchtet; täglich hatte sie nach diesem Manne, der sie
durch seine Auskunft über ihr vergangenes Leben und ihr Betragen als ein schlechtes Kind brandmarken konnte, ausgesehen--
jetzt war er da! Er stand neben Miß Temple und sprach leise zu
ihr ins Ohr. Jane zweifelte keinen Augenblick daran, daß er ihr
Enthüllungen über ihre Schlechtigkeit machte; mit qualvoller
Angst beobachtete sie ihre Blicke, jede Minute erwartete sie Miß
Temples dunkles Auge sich voll Abscheu und Verachtung auf sie
heften zu sehen. Auch horchte sie. Und da sie am oberen Ende des
Zimmers saß, konnte sie den größten Teil des von ihm geführten
Gesprächs hören. Der Inhalt desselben befreite sie wenigstens
für den Augenblick von der Furcht.
,Ich hoffe, Miß Temple, daß der Zwirn, den ich in Lowton
gekauft habe, genügen wird. Es fiel mir ein, daß diese Sorte
gerade für die Kalikohemden gut sein werde, und ich habe auch die
dazu passenden Nadeln ausgesucht. Wollen Sie Miß Smith sagen,
daß ich vergaß, mir die Stopfnadeln zu notieren; nächste Woche
wird sie indessen mehrere Päckchen derselben bekommen, und sagen
Sie ihr auch, daß sie jeder Schülerin unter keiner Bedingung mehr
als eine Nadel zurzeit gibt; wenn sie mehrere davon haben, werden
sie oft nachlässig und verlieren sie nur. Und dann, o, Miß Temple!
Ich wünschte wirklich, daß den wollenen Strümpfen mehr Beachtung geschenkt würde! Als ich das letztemal hier war, ging ich
in den Küchengarten und besah mir die Wäsche, welche auf der
Leine trocknete. Eine ganze Menge der schwarzen Strümpfe war
auf die mangelhafteste Weise gestopft. Aus der Größe der Löcher,
welche ich in ihnen bemerkte, schloß ich, daß sie nicht gut ausgebessert sein konnten. Hier hielt er inne.
,Ihre Weisungen sollen befolgt werden, Sir,. sagte Miß
Temple.
,Und Madame,' fuhr er fort, ,die Wäscherin erzählt mir,
daß einige der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche gehabt haben; das ist viel zu viel. Die Hausregel beschränkt sie auf
eine.’
,Ich glaube, Sir, daß ich diesen Umstand genügend erklären
kann. Am vorigen Donnerstag waren Agnes und Katherine
Johnston eingeladen, bei ihren Freunden in Lowton den Tee zu
nehmen. Ich gab ihnen die Erlaubnis, für diese Gelegenheit reine
Halskrausen anzulegen.
Mr. Brocklehurst nickte.
,Nun, für einmal mag es hingehen, aber ich ersuche Sie,
diesen Fall nicht zu oft eintreten zu lassen. Noch eine andere
Sache hat mich höchlichst überrascht. Indem ich die Rechnung mit
der Haushälterin abschloß, fand ich, daß während der letzten zwei
Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück serviert
worden ist, welches aus Brot und Käse bestand. Was bedeutet
das? Ich habe die Statuten durchlesen und fand dort keiner
Mahlzeit erwähnt, die sich Gabelfrühstück nennt. Wer hat diese
Neuerung eingeführt und auf welche Autorität gestützt??
,Für diesen Umstand bin ich verantwortlich, Sir,'' entgegnete
Miß Temple, ,das Frühstück war so außergewöhnlich schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es nicht essen konnten, und ich durfte
nicht zugeben, daß sie bis zum Mittagessen fasteten.
,Miß Temple, gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden.
Sie wissen, daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser
Mädchen ist, sie nicht an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen, sondern sie abzuhärten und sie selbstverleugnend, geduldig und entsagend zu machen. Sollte nun einmal zufällig solch eine kleine
Enttäuschung des Appetits vorkommen, wie z. B. das Verderben
einer Mahlzeit, das Versalztwerden eines Fisches usw., so sollte dieser
kleine, unbedeutende Zwischenfall nicht unwirksam gemacht werden,
indem man den verlorenen Genuß noch durch einen größeren
Leckerbissen ersetzt und damit den Körper verweichlicht und den
Zweck und das Ziel dieser barmherzigen Stiftung verrückt. Man
sollte ein solches Vorkommnis dazu benützen den Schülerinnen eine geistige Erbauung zu schaffen, indem man sie ermutigt, auch
bei vorkommenden Entbehrungen ihre geistige Kraft zu behaupten.
Eine kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr angemessen sein. Ein kluger Lehrer würde z. B. auf die Leiden und
Entsagungen der ersten Christen hinweisen; auf die Qualen der
Märtyrer, ja, sogar auf die Gebete unsers gesegneten Heilands
selbst, der seine Jünger ermahnt, ihr Kreuz auf sich zu nehmen
und ihm zu folgen; auf seine Warnungen, daß der Mensch nicht
vom Brote allein lebt, sondern von einem jeglichen Worte, so aus
dem Munde Gottes gehet; auf seine göttlichen Tröstungen glücklich seid ihr, so ihr für mich Hunger oder Durst leidet!' O, Miß
Temple, wenn Sie anstatt des angebrannten Haferbreis Brot und
Käse in den Mund dieser Kinder legen, so füttern Sie allerdings
ihre sündigen Leiber, aber Sie denken wenig daran, daß Sie ihre unsterblichen Seelen verhungern lassen.

Mr. Brocklehurst hielt wieder inne - wahrscheinlich von
seinen Gefühlen übermannt. Beim Beginn seiner Rede hatte Miß
Temple zu Boden geblickt; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin, und
ihr Gesicht, welches von Natur bleich wie Marmor war, schien auch
die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen; besonders ihr Mund schloß sich so fest, als hätte es des Meißels eines
Bildhauers bedurft, um ihn wieder zu öffnen, und auf ihrer Stirn
lagerte eine versteinerte Strenge.
Inzwischen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin, die Hände
hatte er auf den Rücken gelegt und majestätisch ließ er seine Blicke
über die ganze Schule schweifen. Plötzlich zuckte er zusammen,
wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt worden
sei; dann wandte er sich um und schneller, als er bisher gesprochen.
sagte er:
,Miß Temple, Miß Temple, was- was ist jenes Mädchen
da mit dem lockigen Haar? Rotes Haar, Madame, lockig - ganz
und gar lockig? Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus
und zeigte nach dem entsetzlichen Gegenstande. Seine Hände zitterten vor Erregung.
,Es ist Julia Severn,' entgegnete Miß Temple sehr ruhig.
,Julia Severn, Madame! Und weshalb hat sie oder irgendeine andere gelocktes Haar? Weshalb bekennt sie sich so offen
allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses entgegen zu den
Gelüsten der Welt, hier in einem evangelischen Institut der
Barmherzigkeit, daß sie es wagt, ihr Haar in einem großen Wust
von Locken zu tragen?’
,Julias Haar ist von Natur lockig,! entgegnete Miß Temple
noch ruhiger.
,Von Natur! Ja! Aber wir sollen uns der Natur nicht anpassen. Ich wünsche, daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden. Und wozu jener Überfluß? Ich habe doch zu wiederholten
Malen angedeutet, daß ich das Haar einfach, bescheiden, glatt anliegend arrangiert zu sehen wünsche. Miß Temple, das Haar
jenes Mädchens muß augenblicklich abgeschnitten werden, förmlich
rasiert; morgen werde ich einen Barbier herausschicken; und ich
sehe noch andere, die viel zu viel von diesem Auswuchs haben--
das große Mädchen dort zum Beispiel; sagen Sie ihr, daß sie sich
umdreht. Sagen Sie den Mädchen der ganzen ersten Bank, daß
sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden.
Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über die Lippen, als
wollte sie ein unwillkürliches Lächeln verjagen, daß dieselben.
kräuselte; indessen erteilte sie den gewünschten Befehl, und als die
erste Klasse verstanden hatte, was man von ihr verlangte, kam
sie demselben nach. Jane lehnte sich ein wenig auf ihrer Bank
zurück und konnte die Blicke und Grimassen wahrnehmen, mit
welchen die Mädchen die Ausführung dieses Befehls begleiteten,
schade, daß nicht auch Mr. Brocklehurst diesen Genuß haben
konnte; vielleicht würde er dann eingesehen haben, daß, was er
auch mit der Außenseite der Schale und der Schüssel tun mochte,
die Innenseite seiner Einmischung weiter entrückt war, als er zu
begreifen imstande war.
Ungefähr fünf Minuten lang betrachtete er die Rückseite dieser
lebenden Puppen mit prüfenden Blicken, dann fällte er das Urteil.
Die Worte wirkten wie die Posaune des jüngsten Gerichts:
,All diese Haarflechten und Knoten müssen abgeschnitten
werden!''
Miß Temple schien ihm Vorstellungen zu machen.
,Madame,' fuhr er fort, ,ich diene einem Herrn, dessen Reich
nicht von dieser Welt ist; meine Mission ist es, diese Mädchen zu
lehren, daß sie sich mit Ehrbarkeit kleiden, nicht mit gesalbten
Haaren und köstlicher Gewandung; aber jede dieser jungen Personen da vor uns hat ihr Haar in Flechten gedreht, welche die Eitelkeit dieser Welt geflochten hat, und diese, ich wiederhole es, müssen
abgeschnitten werden; denken Sie an die Zeit, welche damit verloren geht, an--'
Hier wurde Mr, Brocklehurst unterbrochen. Drei neue Besucher, Damen, traten ins Zimmer. Sie hätten ein wenig früher
kommen sollen, um diesen Vortrag über Kleidung zu hören, denn
sie waren köstlich in Samt und Seide und Pelze gekleidet. Die
beiden jüngeren Damen schöne Mädchen von sechzehn und siebzehn
Jahren hatten graue Biberhüte, damals die neueste Mode, mit
wallenden Straußenfedern, und unter dem Rande dieser graziösen
Kopfbedeckung hervor fiel ein Reichtum von goldenen, künstlich gelockten Haaren. Die ältere Dame war in einen kostbaren Samtschal gehüllt, der mit Hermelin verbrämt war; auf ihre Stirn fiel
eine Wolke von falschen französischen Locken.
Diese Damen wurden von Miß Temple mit großer Hochachtung als Mrs. Brocklehurst und ihre Töchter begrüßt und dann
auf die Ehrensitze am oberen Ende des Zimmers geleitet. Es
scheint, daß sie mit ihrem hochehrwürdigen Anverwandten in der
Equipage gekommen waren und die oberen Zimmer einer durchstöbernden, eingreifenden Besichtigung unterworfen hatten, während er mit der Haushälterin die Geschäfte ordnete, die Wäscherin
ausfragte und die Vorsteherin des Instituts maßregelte. Die
Damen begannen jetzt Miß Smith, welcher die Verwaltung der
Wäsche und die Beaufsichtigung der Schlafsäle anvertraut war,
einige scharfe Verweise zu erteilen.
Während Jane dem Gespräch zwischen Miß Temple und Mr.
Brocklehurst lauschte, hatte sie es dennoch nicht versäumt, Vorsichtsmaßregeln für ihre eigene persönliche Sicherheit zu treffen. Zu diesem Zweck hatte sie sich auf der Bank zurückgelehnt, und während
sie mit ihren Rechenexempeln beschäftigt schien, hielt sie ihre Tafel
so, daß diese ihr Gesicht gänzlich verdecken mußte. Wahrscheinlich
wäre sie Mr. Brocklehursts Wachsamkeit auch entgangen, wenn die
Tafel nicht durch einen unglücklichen Zufall ihrer Hand entglitten
und mit einem lauten Krach zu Boden gefallen wäre. Sofort
waren aller Augen auf Jane gerichtet. Sie wußte, daß jetzt alles
zu Ende sei. Während sie sich bückte, um die Stücke ihrer Tafel zusammenzusuchen, sammelte sie alle Kräfte für das Schlimmste.
Es kam.
,Ein nachlässiges Mädchen!'' sagte Mr. Brocklehurst, und
gleich darauf --,Ah, ich bemerke, es ist die neue Schülerin. Bevor
ich es vergesse, ich habe noch ein Wort in bezug auf sie zu
sagen.'! Dann laut, ach, wie laut erschien es der armen
Jane. ,Lassen Sie das Kind, das seine Tafel zerbrochen hat,
vortreten l''
Aus eigenem Antriebe hätte sich Jane nicht bewegen können;
sie war gelähmt, aber die beiden großen Mädchen, die ihr zur Seite
saßen, stellten sie auf die Füße und schoben sie vorwärts, dem gefürchteten Richter entgegen; dann führte Miß Temple sie sanft dicht
vor ihn, und wie aus weiter Ferne vernahm Jane ihren geflüsterten Rat:
,Fürchte dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es ein unglücklicher Zufall war, du sollst nicht bestraft werden.
Wie ein Dolch drang dieses gütige Flüstern der Armen ins
Herz.
, Noch eine Minute und sie wird mich als eine Heuchlerin verachten lernen,'' dachte Jane und bei dieser Überzeugung tobte eine
namenlose Wut gegen Mrs. Reed und Mr. Brocklehurst durch ihre
Adern. Nein, sie war keine Helen Burns.
,Holt jenen Stuhl,' sagte Mr. Brocklehurst auf einen sehr
hohen Stuhl deutend, von dem eine Schulaufseherin sich soeben erhoben hatte. Er wurde gebracht.
,Stellt jenes Kind hinauf.
Und hinauf gestellt wurde Jane, ohne zu wissen, von wem; sie
fühlte nur, daß sie ungefähr bis zur Höhe von Mr. Brocklehursts
Nase emporgehißt wurde, daß er kaum eine Elle lang von ihr entfernt stand und daß unter ihr eine Wolke von silbergrauen Federn,
dunkelrotem Seidenpelze und orangegelben Kleidern durcheinander
wogte.
Mr. Brocklehurst räusperte sich.
,Meine Damen, sagte er zu seiner Familie gewandt, ,Miß
Temple, Lehrerinnen und Kinder, ihr alle sehet dieses Mädchen?
Jane fühlte, wie aller Augen sich auf sie richteten.
,Ihr sehet, daß sie noch jung ist; ihr bemerkt, daß auch sie die
gewöhnliche Gestalt eines Kindes hat; Gott in seiner Gnade hat
auch ihr die Form gegeben, die er uns allen gewährt; keine abschreckende Häßlichkeit kennzeichnet sie als einen gezeichneten
Charakter. Wer würde glauben, daß der Teufel in ihr bereits eine
Dienerin und ein williges Werkzeug gefunden hat? Und doch, es
schmerzt mich, es sagen zu müssen, ist dies der Fall.
Eine Pause. -- Jane versuchte, der Lähmung, die sie ergreifen wollte, Einhalt zu tun und sich zu sagen, daß sie der Prüfung
nicht mehr entgehen könne, sondern sie jetzt standhaft ertragen
müsse.
,Meine Kinder,'! fuhr der schwarze, steinerne Geistliche mit
Pathos fort,,dies ist eine traurige, eine betrübende Angelegenheit,
denn es ist meine Pflicht, euch vor diesem Mädchen zu warnen, das
eines von Gottes auserwählten Lämmern sein könnte und jetzt eine
Verworfene ist-- kein Mitglied der treuen Herde, sondern augenscheinlich eine Fremde, ein Eindringling. Ihr müßt auf eurer Hut
sein ihr gegenüber; ihr müßt ihrem Beispiel nicht folgen; wenn es
notwendig ist, meidet ihre Gesellschaft, schließt sie von euren Spielen
aus, habt keine Gemeinschaft, keinen Umgang mit ihr. jetzt zu den
Lehrerinnen. Sie müssen sie überwachen, ihr Tun beobachten, ihre
Worte wohl erwägen und prüfen, ihre Taten untersuchen, ihren
Leib strafen, um ihre Seele zu retten, wenn in der Tat eine solche
Rettung noch möglich ist, denn, meine Zunge scheut sich, es auszusprechen, dieses Mädchen, dieses Kind, diese Eingeborene eines
christlichen Landes, schlimmer als manche kleine Heidin, dieses
Mädchen ist eine Lügnerin!?
jetzt folgte eine Pause von zehn Minuten. -- Die arme Jane
war wieder im Vollbesitz ihrer Sinne, ihres Verstandes und bemerkte, wie all die weiblichen Brocklehursts ihre Taschentücher hervorzogen und sie an die Augen führten, während die ältere Dame
sich hin und her wiegte und die beiden jüngeren flüsterten: ,Wie
entsetzlich!'
Mr, Brocklehurst begann von neuem.
,Dies alles erfuhr ich durch ihre Wohltäterin; durch die
fromme und barmherzige Dame, welche sich der verlassenen Waise
annahm, sie wie ihre eigene Tochter erzog, und deren Güte, deren
Großmut dieses unglückliche Mädchen durch eine so schwarze, so
schändliche Undankbarkeit vergalt, daß ihre ausgezeichnete Beschützerin gezwungen war, sie von ihren eigenen Kindern zu
trennen, aus Furcht, daß ihre lasterhafte Verderbtheit die Reinheit
der Kleinen besudeln könne. Sie hat sie hierher gesandt, um geheilt
zu werden. Und daher, Vorsteherin, Lehrerinnen, ich flehe Sie an,
lassen Sie die Wellen um dieses Kind nicht zum Stillstand
kommen.
Mit diesen erhabenen Schlußworten knöpfte Mr. Brocklehurst
den obersten Knopf seines Überziehers zu, und murmelte etwas zu
seiner Familie gewendet. Diese erhob sich, verneigte sich gegen Miß
Temple, und dann segelten all die vornehmen Leute mit großem
Pomp zur Tür hinaus. Janes Richter aber wandte sich noch einmal um und sagte:
, Laßt sie noch eine halbe Stunde auf jenem Stuhl stehen, und
daß keiner von euch während des ganzen übrigen Tages mit ihr
spricht.
Da stand Jane also, hoch erhoben über alle; sie, die so oft gesagt, daß sie die Schande nicht ertragen würde, in der Mitte des
Zimmers zu stehen, sie stand nun da, allen Blickän ausgeseht, auf
einer Säule der Schande. Worte vermögen nicht zu beschreiben,
welcher Art die Gefühle waren, die in ihr tobten, aber gerade in dem
Augenblick, wo diese ihr die Kehle zusammenschnürten und den Atem
zu rauben drohten, ging ein Mädchen an ihr vorbei. Und im Vorbeigehen richtete sie ihre Blicke auf Jane. Welch ein seltsames Licht
strömten sie über diese aus! Welch ein wunderbares Gefühl weckten
die Strahlen ihres Auges dem Kinde! Und wie stark dies bis jetzt
ungekannte Empfinden sie machte! Es war ihr, als sei ein Held, ein
Märtyrer an einem Sklaven oder an einem Opfer vorübergegangen
und hätte ihm dadurch Mut und Kraft eingeflößt. Jane beherrschte
und überwältigte den Weinkrampf, der sich ihrer bemächtigen
wollte, erhob das Haupt und stand dann fest und ohne Beben auf
dem Stuhl. Helen Burns stellte eine unbedeutende Frage über
ihre Arbeit an Miß Smith, wurde wegen der Unbedeutendheit derselben gescholten, ging an ihren Platz zurück und lächelte Jane im
Vorübergehen wiederum zu. Welch ein Lächeln!! Es konnte nur
der Ausfluß eines großen Geistes, eines wahren Mutes sein; es
verklärte ihre scharfen Züge, ihr abgemagertes Gesicht, ihre eingesunkenen, grauen Augen wie der Widerschein von der Gestalt eines
Engels. Und doch trug Helen Burns in diesem Augenblick die
,Binde der Unordnung' an ihrem Arm; vor kaum einer Stunde
hatte Miß Scatcherd sie für den morgenden Tag verdammt, ein
Mittagmahl von Wasser und Brot zu halten, weil sie eine Übung
beim Abschreiben mit Tinte befleckt hatte.

Achtes Kapitel.
Besser ein Mahl von frischen Kräutern, wo die Liebe ist,
als ein gemästeter Ochse, wo der Haß ist.
Ehe noch die halbe Stunde zu Ende war, schlug es fünf Uhr.
Die Klassen wurden entlassen, und alle begaben sich zum Tee ins
Speisezimmer. jetzt wagte Jane, herabzusteigen: es herrschte tiefe
Dunkelheit. Sie ging in eine Ecke und setzte sich auf den Fußboden. Der Zauber, der sie soweit aufrecht erhalten hatte, begann
zu schwinden, und so überwältigend war bald der Schmerz, der sich
ihrer bemächtigte, daß sie auf das Antlitz zu Boden fiel. jetzt
weinte sie; Helen Burns war nicht mehr da; nichts, niemand hielt
sie aufrecht; sich selbst überlassen, gab sie sich dem Jammer hin, und
ihre Tränen netten den Fußboden. Sie hatte die feste Absicht gehabt, gut und brav zu werden, in Lowood so viel zu lernen, sich
viele Freunde zu erwerben, Achtung zu erringen und Liebe zu
ernten. Schon hatte sie sichtbare Fortschritte gemacht; noch an demselben Morgen war sie die Erste in ihrer Klasse geworden; Miß
Miller hatte sie warm gelobt; Miß Temple hatte ihr Beifall zugelächelt; sie hatte ihr versprochen, sie zeichnen zu lehren und
französisch lernen zu lassen, wenn sie noch zwei Monate fortfahren
würde, solche Fortschritte zu machen. Ihre Mitschülerinnen waren
ihr freundlich gesinnt; ihre Altersgenossinnen behandelten sie als
ihresgleichen, niemand quälte, niemand belästigte sie; und jetzt lag
sie hier zertreten, zermalmt! Würde sie sich jemals wieder erheben
können?
,Niemals,! dachte die Arme; und brennend, glühend wurde
der Wunsch in ihr rege, sterben zu können. Während sie in gebrochenen Lauten diesen Wunsch hervorstammelte, näherte sich ihr
jemand; sie fuhr empor- wiederum war Helen Burns ihr nahe;
das erlöschende Feuer ließ Jane gerade noch erkennen, wie Helen
durch das große, leere Zimmer daher kam; sie brachte ihr Kaffee
und Brot.
, Komm, iß ein wenig,'! sagte sie; aber Jane schob beides zurück; ihr war, als hätte ein Bissen, ein Tropfen in ihrem gegenwärtigen Zustande eine Erstickung herbeiführen müssen. Helen sah
sie wahrscheinlich mit Erstaunen an; wie sehr Jane sich auch bemühte, jetzt konnte sie ihrer Erregung nicht Herr werden. Sie fuhr
fort laut zu weinen. Helen setzte sich zu ihr auf den Fußboden,
schlang die Arme um ihre Knie und legte ihren Kopf auf dieselben;
in dieser Stellung verharrte sie regungslos wie ein Indianer.
Jane sprach zuerst:
,Helen, weshalb bleibst du bei einem Mädchen, das jedermann für eine Lügnerin hält?
, Jedermann, Jane? Nun, es sind doch nur achtzig Wesen,
welche dich so nennen hörten, und die Welt trägt ihrer Hunderte
von Millionen.
, Aber was habe ich mit Millionen zu tun? Die achtzig, welche
ich kenne, verachten mich.
, Jane, du irrst; wahrscheinlich ist nicht eine einzige in der
ganzen Schule, die dich verachtet oder dich haßt; viele-- dessen bin
ich gewiß-- bedauern dich von ganzem Herzen.
, Wie können sie mich nach dem, was Mr. Brocklehurst gesagt
hat, noch bedauern ??
, Mr. Brocklehurst ist kein Gott; er ist nicht einmal ein großer
und bewunderter Mensch; man liebt ihn hier nicht; er hat auch niemals irgend etwas getan, um sich beliebt zu machen. Wenn er dich
wie seinen besonderen Liebling behandelt hätte, so würdest du rund
umher nur Feinde gefunden haben, offene oder heimliche, wie die
Dinge jetzt aber liegen, würden die meisten Mädchen dir Liebe beweisen, wenn sie nur den Mut dazu hätten. Möglich ist es, daß
Lehrerinnen und Schülerinnen dich während der nächsten zwei, drei
Tage mit kalten Blicken betrachten, aber glaub mir, freundliche Gefühle und Gesinnungen tragen sie für dich im Herzen. Und wenn
du fortfährst, gut und fleißig zu sein, so werden diese Gefühle
binnen kurzem um so augenscheinlicher zutage treten, weil sie eine
Zeitlang unterdrückt werden mußten. Außerdem, Jane''--
sie hielt inne.
, Nun, Helen ?' fragte Jane und legte ihre Hand in die He-
lens; zärtlich rieb diese Janes Finger, um sie zu erwärmen und
fuhr dann fort:
,Wenn die ganze Welt dich haßte und dich für böse und gottlos hielt, so würdest du doch Freunde haben, solange dein eigenes
Gewissen dich von Schuld freispricht und dir Recht gibt.
, Nein; ich weiß, daß ich selbst dann gut von mir denken würde;
aber das ist nicht genug; wenn andere mich nicht lieben, so will.
ich lieber sterben als leben; ich kann es nicht ertragen, einsam und
gehaßt und verachtet zu sein, Helen. Sieh doch, um von dir oder
Miß Temple oder sonst jemand, den ich wirklich liebe, ein wenig
wahre, aufrichtige Liebe zu erringen, würde ich mir gern den Knochen meines Armes zerbrechen oder mich von einem wilden Stier
aufspießen lassen oder mich einem scheu gewordenen Pferde in den
Weg werfen und meine Brust von seinen Hufen zertreten lassen
, Still, Jane, still! Du denkst zu viel an die Liebe der Menschen;
du bist zu stürmisch, zu heftig, du läßt dich zu sehr von deinen
Empfindungen beherrschen. Die allmächtige Hand, die deinen Leib
erschaffen und ihm Leben eingehaucht hat, gab dir andere Stützen
als dein' schwaches Selbst oder Wesen; diese sind ebenso schwach wie
du. Außer dieser Welt, außer dem Menschengeschlecht gibt es eine
unsichtbare Welt und ein Reich der Geister; diese Welt umgibt uns,
denn sie ist überall, diese Geister bewachen uns, denn sie sind da,
um uns zu behüten; und wenn wir in Kummer und Schande stürben, wenn Verachtung von allen Seiten auf uns eindränge, wenn
Haß uns zermalmte, so sehen Engel unsere Qualen, erkennen unsere
Unschuld, wenn wir unschuldig sind, und ich weiß, du bist schuldlos; diese Anklage, welche Mr. Brocklehurst von Mrs. Reed hat
und so jämmerlich und pathetisch gegen dich wiederholte, sie trifft
dich nicht; denn auf deiner reinen Stirn, in deinen lebensvollen
Augen steht es geschrieben, daß du eine wahre offenherzige Natur
bist; und Gott erwartet nur die Trennung der Seele vom
Fleische, um uns mit dem höchsten Lohn zu krönen. Nun denn,
weshalb von Leid überwältigt zu Boden sinken, wenn das Leben
so bald zu Ende ist, und der Tod uns den Eintritt zu Seligkeit
und Herrlichkeit bedeutet??
Jane schwieg, Helen hatte sie beruhigt: aber die Ruhe, welche
sie ihr gegeben, hatte einen Zusatz von unsäglicher Traurigkeit.
Rer
ein wenig schneller atmete und trocken und kurz hustete, vergaß sie
für einen Augenblick ihren eigenen Kummer und gab sich einer ,
unbestimmten Furcht und Unruhe in bezug auf Helen hin.
Ihren Kopf an Helens Schulter lehnend, schlang sie ben Arm
um ihre Taille; Helen zog Jane an sich, und so ruhten beide lange
schweigend. Nach Verlauf von ungefähr einer Vjertelstunde trat
eine dritte Person ins Zimmer. Ein frischer Wind hatte einige
schwere Wolken vom Horizont fortgetrieben, und der Mond ging ,
klar auf; durch ein nahes Fenster warf er seine hellen Strahlen auf
die Sitzenden und die nahende Gestalt, in welcher sie sofort Miß
Temple erkannten.
,Ich kam, um dich zu suchen, Jane Eyre, sagte sie, ,du sollst
in mein Zimmer kommen, und da Helen Burns bei dir ist, mag
sie uns begleiten.
Sie gingen. Unter Führung der Vorsteherin hatten, sie ihren
Weg durch ein Labyrinth von Korridoren zu suchen und eine Treppe .
emporzusteigen, bevor sie ihr Zimmer erreichten. Ein helles Feuer
brannte in demselben; es sah freundlich und behaglich aus. Miß
Temple bedeutete Helen Burns, sich in einen niedrigen Lehnsessel
an einer Seite des Kamins zu setzen; sie selbst nahm einen zweiten
und rief Jane an ihre Seite.
, Ist es jetzt vorüber?' fragte sie und blickte ihr ins Gesicht.
, Hast du deinen Kummer fortgeweint?
, Ich fürchte, das werde ich nicht können.
,Weshalb?
,Weil ich ungerecht und fälschlich beschuldigt worden bin; und
jetzt werden Sie, Madame, und alle anderen Menschen mich für böse
und gottlos halten.
, Wir werden dich fürdas halten, mein Kind, als was du dich
erweist. Fahre fort, dich wie ein gutes Mädchen zu betragen und
du wirst mich zufrieden stellen.
,Gewiß, Miß Temple?
,Gewiß, Jane,' sagte sie und schlang ihren Arm um Jane.
,Und jetzt erzähle mir, wer die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine
Wohltäterin nannte.
,Mrs. Reed, die Gattin meines Onkels. Mein Onkel ist tot,
und er ließ mich in ihrer Obhut zurück,?
,Sie nahm dich also nicht aus eigenem Antrieb an Kindesstatt an?
,Nein, Madame; sie hat es sehr ungern getan; aber wie ich die
Dienstboten oft erzählen hörte, nahm er ihr kurz vor seinem Tode
das Versprechen ab, stets für mich sorgen zu wollen.
,Nun also, Jane, du weißt ja, oder ich will es dir sagen, daß
wenn ein Verbrecher angeklagt wird, man ihm stets gestattet, seine
eigne Verteidigung zu führen. Man hat dich der Falschheit, der
Lügenhaftigkeit angeklagt; verteidige dich vor mir, so gut du kannst.
Sag alles, was dein Gedächtnis als wahr rechtfertigen kann;
aber füge nichts hinzu, verschweige nichts, übertreibe nichts.
In der Tiefe ihres Herzens beschloß Jane, sich zu mäßigen.
so genau wie möglich in ihrer Erzählung zu sein; und nachdem
sie einige Augenblicke nachgedacht hatte, um das, was sie zu sagen
hatte, zusammenhängend zu ordnen, erzählte sie der Vorsteherin
die ganze Geschichte ihrer traurigen Kindheit. Durch die Erregung
sehr erschöpft, sprach sie in gemäßigteren Ausdrücken, als sie es sonst
zu tun pflegte, wenn sie auf dieses qualvolle Thema kam; und
Helens Warnung gedenkend, sich dem Rachegefühl nicht rückhaltslos hinzugeben, ließ sie viel weniger Galle und Wermut in die Erzählung einfließen, als es sonst wohl geschah. So vereinfacht und
beschränkt, klang sie sehr glaubwürdig: während sie sprach, empfand
sie, daß Miß Temple ihr vollen Glauben schenkte.
Im Laufe der Erzählung hatte sie erwähnt, daß Mr. Lloyd
gekommen sei, um sie nach jenem Krampfanfalle zu besuchen; denn
niemals vergaß sie die für sie so entsetzliche Episode in dem roten
Zimmer; wenn sie diese Dinge erzählte, konnte sie gewiß sein, daß
ihre Erregung in einem gewissen Grade die Grenzen überschritt;
denn noch hatte in ihrer Erinnerung die Todesangst sich frisch erhalten, welche sich ihrer bemächtigte, als Mrs. Reed ihr wildes
Flehen um Verzeihung verlachte und sie zum zweiten Male in das
düstere, gespenstische Zimmer sperrte.
Jane war zu Ende. Schweigend betrachtete Miß Temple sie
einige Minuten; dann sagte sie:
,Ich habe von Mr. Lloyd gehört; ich werde an ihn schreiben;
wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt, so sollst j
du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden. Für mich,
Jane, stehst du schon jetzt unschuldig da.'
Sie küßte Jane und behielt sie noch an ihrer Seite. Jane gewährte das Betrachten ihres Angesichts, ihres Kleides, ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände, ihrer weiße Stirn, ihrer
dicken, glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein
kindliches Vergnügen.
Zu Helen Burns gewandt, fuhr sie fort:
,Wie geht es dir heute abend, Helen? Hast du während des
ganzen Tages viel gehustet?’
,Nicht ganz so viel wie sonst, glaube ich.
, Und der Schmerz in deiner Brust?
,Er ist nicht mehr so heftig.
Miß Temple erhob sich, nahm ihre Hand und prüfte den Puls.
Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück; sie seufzte leise. In Nachdenken versunken, verharrte sie einige Minuten; dann erwachte sie
gleichsam und sagte fröhlich:
,Aber heute abend seid ihr beide meine Gäste; ich muß euch
als solche bewirten. Sie zog die Glocke.
, Barbara,'' sprach sie zu dem Mädchen, welches hierauf eintrat, ,ich habe noch keinen Tee getrunken, bringe das Teebrett und
bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen.'
Bald wurde das Teebrett gebracht. Wie hübsch erschienen der
glänzende Teetopf und die Porzellantassen Janes Augen, als sie
auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen! Wie köstlich war
das Aroma des heißen Getränks. Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten! Zu Janes Bedauern, denn der Hunger
begann jetzt, sich bei ihr fühlbar zu machen, sah sie nur eine kleine
Portion davon auf dem Teller; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen.
, Barbara,'' sagte sie, ,könntest du mir nicht noch etwas Brot
und Butter bringen? Es ist nicht genug für drei.
Barbara ging hinaus. Gleich darauf kam sie zurück.
,Madame, Mrs. Harden sagt, sie habe die gewöhnlichePortion
heraufgeschickt. ?
Es sei bemerkt, daß Mrs. Harden die Haushälterin war,
eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen, die aus gleichen Teilen
Fischbein und Eisen zusammengesetzt war.
,Schon gut, schon gut!'' entgegnete Miß Temple; ,dann muß
es wohl für uns genug sein, Barbara. Als das Mädchen fort
war, fügte sie lächelnd hinzu: ,Glücklicherweise liegt es in meiner
Macht, dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen.
Nachdem sie Helen und Jane aufgefordert hatte, sich an den
Tisch zu setzen, und jeder von ihnen eine Tasse heißen Tees und eine
Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte, erhob sie sich,
öffnete eine Schieblade, nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor den Augen der beiden Kinder
einen großen, prächtigen Krümelkuchen.
, Ich hatte die Absicht, jeder von euch ein Stück hiervon mit
auf den Weg zu geben,'' sagte sie,, da man uns aber so wenig Brot
bewilligt hat, sollt ihr es jetzt schon haben,'' und sie begann mit
großmütiger Hand, den Kuchen in Scheiben zu schneiden.
Die Waisen schmausten an diesem Abend, als ob sie Nektar und
Ambrosia äßen; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes,
daß ihre Wirtin ihnen mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah,
wie sie ihren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen, welche sie
ihnen vorsetzte, stillten. Als der Tee getrunken und der Tisch abgeräumt war, rief sie die beiden wieder an den Kamin; sie setzten sich
an jede Seite von ihr, und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen
und der Vorsteherin, welchem lauschen zu dürfen allerdings eine
Begünstigung war.
Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem
Außeren, von Hoheit in ihrer Miene, von geläutertem Anstand in
ihrer Sprache, welches jede Abweichung in das Erregte, Ungestüme
ausschloß - ein Etwas, welches die Freude jener heiligte, die ihr
zuhörten, und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte. In diesem
Augenblick war es auch Janes Empfindung: was aber Helen
Burns anbetraf, so überraschte diese ihre kleine Freundin aufs
höchste.

Das erfrischende Mahl, das wärmende Feuer, die Gegenwart
ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas
in ihrem eigenen, seltenen Gemüt, hatte alle Kräfte und Gaben in
ihr geweckt. Sie erwachten, sie entflammten; zuerst glühten sie in
den strahlenden Farben ihrer Wangen, welche Jane bis zu dieser
Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte;
dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen, welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten, die weder in der schönen
Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten
Augenbrauen lag, sondern in dem Ausdruck, in der Bewegung, in
dem Glanz. jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache
floß wie ein brausender Quell daher. Es war, als wolle Helens
Geist sich beeilen, in einer kurzen Spanne Zeit ebenso voll und ganz
zu leben, wie die meisten Menschen während eines langen Daseins.
Sie sprachen über Dinge, von denen Jane niemals gehört
hatte; von längst geschwundenen Zeiten und Nationen; von fernen
Ländern, von entdeckten oder nur geahnten Naturgeheimnissen; sie
sprachen von Büchern. Wie viele sie gelesen hatten! Welchen reichen
Schah von Kenntnissen sie besaßen! Dann schienen sie so vertraut
nit französischen Namen und französischen Schrifistellern; aber
Latein, welches ihr Vater sie gelehrt hatte, zu wiederholen; dann
nahm sie ein Buch von einem Bücherbrett und bat sie, eine Seite
des Virgil zu lesen und zu übersetzen; Helen gehorchte und Janes
Sinn für Verehrung und Hochachtung erweiterte sich, während sie
lauschte. Kaum hatte Helen geendet, als die Glocke ertönte, welche
die Zeit des Schlafengehens verkündete; die Kinder durften nicht
länger verweilen; Miß Temple umarmte sie beide und sagte, während sie dieselben an ihr Herz zogt
,Gott segne euch, meine Kinder lr
Helen hielt sie ein wenig länger ans Herz gedrückt als Jane:
sie ließ sie widerstrebender von sich; Helen folgte ihr Auge bis an
die Tür; ihr galt der traurige Seufzer, welcher ihre Brust hob, ihr
die Träne, welche sie schnell zu trocknen bemüht war.
Als die Mädchen das Schlafzimmer erreichten, hörten sie Miß
Scatcherds Stimme; sie sah nach, ob die Schiebladen in Ordnung
waren; gerade hatte sie jene von Helen Burns herausgezogen, und
als sie eintraten, wurde Helen mit einem scharfen Verweise begrüßt
und die Lehrerin kündigte ihr an, daß sie am folgenden Tage mit
einem halben Dutzend unordentlicher Dinge an die Schulter geheftet umher gehen werde.
,Meine Sachen befanden sich allerdings in einer empörenden
Unordnung,' flüsterte Helen Jane zu, ,ich hatte die Absicht gehabt
aufzuräumen, aber ich vergaß es.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit weithin sichtbaren Buchstaben auf ein Stück Pappe das Wort ,Schlampe' und
band es wie einen Denkzettel um Helens große, intelligente und
milde Stirn. Geduldig und ohne Murren trug sie es bis zum
Abend, es wie eine verdiente Strafe ansehend. Kaum hatte Miß
Scatcherd sich nach den Nachmittagsunterrichtsstunden zurückgezogen, als Jane auf Helen losstürzte, das Papier herabriß und
es ins Feuer warf. Die Wut, deren Helen nicht fähig war, hatte
den ganzen Tag über in Janes Seele getobt, und große, heiße
Tränen hatten fortwährend ihre Wangen genett.
Ungefähr eine Woche nach den oben erwähnten Erzählungen
erhielt Miß Temple, welche an Mr. Lloyd geschrieben hatte, dessen
Antwort; wie es schien, ergänzte das, was er sagte, Janes Erzählung. Miß Temple rief die ganze Schule zusammen und verkündete, daß die Anklagen, welche gegen Jane Eyre erhoben, genau
und sorgfältig untersucht worden, und daß sie glücklich sei, diese von
jeder Schuld freisprechen zu können. Darauf schüttelten die Lehrerinnen Jane die Hände und küßten sie, und ein Murmeln der
Freude lief durch die Reihen ihrer Gefährtinnen.
Eine schwere Last war Jane vom Herzen genommen; und von
dieser Stunde an begann sie von neuem ernstlich zu arbeiten; sie
war fest entschlossen, sich einen Weg über alle Schwierigkeiten hinfort zu bahnen; sie mühte sich ab, und der Erfolg entsprach ihren
Anstrengungen; ihr Gedächtnis, welches von Natur nicht sehr stark
war, besserte sich durch stete Übung; ihr Verstand wurde durch die
Arbeit geschärft; nach einigen Wochen wurde sie in eine höhere
Klasse versetzt; in weniger als zwei Monaten gestattete man ihr, mit
dem Französischen und Zeichnen zu beginnen. Sie lernte die ersten
beiden Zeiten des Verbums etre und skizzierte ihre erste Hütte,
derenMauern, nebenbei gesagt, an schrägerRichtung den hängenden
Turm von Pisa bei weitem übertrafen. Als sie an jenem Abend
zu Bette ging, vergaß sie, sich in ihrer Phantasie das Abendessen von
heißen Bratkartoffeln und Weißbrot und frischgemolkener Milch
zu bereiten, mit dem sie sonst ihr inneres Sehnen zu befriedigen
pflegte; statt dessen ergötte sie sich an dem Anblick idealer Zeichnungen, welche sie im Dunkeln sah, alle das Werk ihrer eigenen
Hand: fein gezeichnete Häuser und Bäume, malerische Felsen und
Ruinen, stattliche Viehherden, reizende Malereien von Schmetterlingen, welche halberschlossene Rosen umflogen; Vögel, welche an
reifen Kirschen pickten, Nester von Zaunkönigen, in denen perlgroße
Eier lagen, während junge Efeuranken sie umwucherten. In Gedanken erwog sie auch die Möglichkeit, ob sie jemals imstande sein
würde, ein gewisses kleines französisches Geschichtenbuch, welches
Madame Pierrot ihr an jenem Tage gezeigt hatte, fließend übersetzen zu können; aber noch war ihre Ansicht hierüber nicht zu
ihrer Zufriedenheit gelöst, als sie sanft einschlief.
Wie richtig hat Salomo gesagt: ,Besser ein Mahl von
frischen Kräutern, wo die Liebe ist, als ein gemästeter Ochse, wo
der Haß ist.
jetzt hätte Jane Lowood mit all seinen Entbehrungen nicht
mehr gegen Gateshead-Hall mit seinem täglichen Luxus eingetauscht.

Neuntes Kapitel.
Heimgang eines Engels.
Aber der Entbehrungen oder vielmehr der Mühseligkeiten in
Lowood wurden auch weniger. Der Frühling kam, die Winterfröste hörten auf, der Schnee schmolz, und die schneidenden Winde
ließen nach. Die armen Füße, welche die Lüfte des Januar geschunden und entzündet hatten, begannen zu heilen und unter den
warmen Winden des April ihre alte Gestalt anzunehmen; die
Nächte und Morgen ließen nicht länger das Blut in den Adern erfrieren; die Waisen ertrugen es jetzt, die Spielstunde im Garten
zuzubringen; zuweilen an besonders sonnigen Tagen begann es
schon angenehm und freundlich zu werden, ein zartes Grün überzog die braunen Beete und wurde täglich frischer. Unter den
Blättern blickten Blumen hervor: Schneeglöckchen, Krokus, dunkelrote Aurikeln und goldäugige Dreifaltigkeitsblumen. An Donnerstagnachmittagen-- ein halber Ferialtag - machten die Mädchen jetzt lange Spaziergänge und fanden am Feldrain, unter den
Hecken noch schönere Blumen.
Jane entdeckte auch, daß ein großes Vergnügen, ein Genuß,
welchem nur der Horizont eine Grenze setzte, außerhalb der hohen
und mit eisernen Spitzen gekrönten Mauern des Gartens lag;
dieser Genuß bestand nämlich in der Aussicht, welche eine lange
Reihe hochgipfeliger, grüner und schattiger Hügel bot, in einem
klaren Bach voll dunkler Steine und funkelnder Wirbel und
Strudel.
Wie ganz anders hatte dieses Bild ausgesehen, als Jane es
in Frost erstarrt, in ein Leichentuch von Schnee gehüllt, unter dem
bleiernen Himmel des Winters gesehen! Wenn todeskalte Nebel
vom Ostwind gejagt über diese düsteren Gipfel hinzogen und über
Wiesen und Anhöhen hinunterrollten, bis sie sich mit dem gefrorenen Nebel des Baches vereinigten! Dieser Bach selbst war
damals ein Strom, zügellos und tobend; er durchriß den Wald
und erfüllte die Luft mit tosendem Lärm und wildem Sprühregen;
und der Wald an seinen Ufern war nichts als eine Reihe von Gerippen.
Aus dem April wurde Mai; ein klarer, schöner Mai; all seine
Tage brachten blauen Himmel und milden Sonnenschein und leise
westliche oder südliche Winde. Und jetzt reifte die Vegetation mit
Macht; Lowood schüttelte seine Locken; es wurde grün und blütenreich; seine großen Ulmen- und Eschen- und Eichen-Skelette wurden majestätischem Leben zurückgegeben. Waldpflanzen sprießten
in allen Ecken und Winkeln; zahllose Abarten von Moos füllten
die Vertiefungen, und die wilden Schlüsselblumen bedeckten den
Boden wie mit Sonnenstrahlen; oft konnte man an schattigen
Stellen ihren zarten, goldigen Glanz für hellen Sonnenschein
halten. Und alles dies genoß Jane oft und voll, frei, unbewacht
und fast immer allein; diese ungewohnte Freiheit, dieses Vergnügen hatte eine Ursache, von welcher wir jetzt reden müssen.
Zwar war die Lage des Wohnsitzes der Waisen eine reizende,
in Hügel und Wald gebettet und am Rande eines Stromes sich erhebend; reizend in der Tat; ob aber gesund, das ist eine andere
Frage.
Jenes Waldtal, in welchem Lowood lag, war die Brutstätte
von Nebeln und einer aus Nebel entstandenen Seuche; diese wuchs
mit dem Frühling, kroch in das Waisenasyl, hauchte den Typhus
in die überfüllten Schlafsäle und Schulzimmer, und bevor der
Mai gekommen, war die Erziehungsanstalt in ein Hospital umgewandelt.
Durch Hunger und vernachlässigte Erkältungen war die
Mehrzahl der Schülerinnen für die Ansteckung veranlagt; von
achtzig Mädchen wurden fünfundvierzig zu gleicher Zeit von der
Krankheit ergriffen. Die Schulstunden hörten auf, alle Regeln
blieben unbeachtet. Den Wenigen, welche gesund blieben, wurde
eine fast unbeschränkte Freiheit gewährt, denn der Arzt bestand
auf der Notwendigkeit häufiger Bewegung in freier Luft, um sie
gesund zu erhalten; und selbst wenn es anders gewesen wäre, so
hatte niemand Zeit oder Lust, sie zu bewachen oder zurückzuhalten.
Miß Temples ganze Aufmerksamkeit war von den Patientinnen
in Anspruch genommen; sie wohnte im Krankenzimmer; niemals
verließ sie es, mit Ausnahme von wenigen Stunden der Nacht, wo
sie selbst die ihr so nötige Ruhe suchte. Die Lehrerinnen waren
vollauf mit dem Packen oder anderen notwendigen Vorbereitungen
für die Abreise jener Mädchen beschäftigt, welche glücklich genug
waren, Freunde und Verwandte zu besitzen, die sie von dem
Seuchenherd entfernten. Viele, welche den Keim der Ansteckung
bereits in sich trugen, kehrten nur nach Hause zurück, um zu sterben; einige starben in der Anstalt und wurden schnell und ruhig
begraben, da die Natur der Krankheit keinen Aufschub duldete.
Während so die entsetzliche Krankheit eine Bewohnerin von
Lowood geworden war und der Tod sein häufiger Besucher; während innerhalb seiner Mauern Furcht und Trauer herrschten;
während die Dünste eines Hospitals durch Zimmer und Korridore
zogen, und Tränke und Pastillen umsonst versuchten, der Ausdünstung des Todes entgegen zu wirken, leuchtete draußen der
strahlende Mai über stolze Hügel und herrliches Waldland. Der
Garten prangte im Blumenflor: Rosenpalmen waren so hoch wie
Bäume in die Höhe geschossen; Lilienkelche waren erschlossen,
Tulpen und Rosen standen in Blüte; die Ränder der kleinen Beete
strahlten in ihrem Schmuck von rosa Seenelken und dunkelroten
Tausendschönchen; Morgen und Abend strömten die Heckenrosen
ihren würzigen Duft aus, und diese blühenden Schätze waren jetzt
für die meisten Bewohnerinnen von Lowood wertlos, nur zuweilen
legte man ihnen eine Handvoll Blüten und Kräuter, in den Sarg.
Aber Jane und die übrigen, welche gesund blieben, genossen
in vollen Zügen die Schönheit des Frühlings und der Gegend;
man ließ sie wie Zigeuner im Walde umherstreifen; sie taten von
morgens bis abends nur, was ihnen gefiel, gingen wohin sie
wollten, und führten überhaupt ein besseres Dasein als früher.
Mr. Brocklehurst und seine Familie kamen Lowood jetzt gar nicht
mehr zu nahe; die Angelegenheiten der Haushaltung wurden nicht
mehr geprüft; die böse Haushälterin war fort; die Furcht vor
Ansteckung hatte sie fortgetrieben; ihre Nachfolgerin, welche in der
Armenapotheke in Lowton Vorsteherin gewesen war, kannte die
Gebräuche ihres neuen Aufenthalts noch nicht und versorgte die
Waisen mit verhältnismäßiger Freigebigkeit. Außerdem waren
ihrer ja weniger, die da Nahrung verlangten; die Kranken konnten
wenig essen; die Frühstücksschüsseln wurden besser gefüllt; wenn
die Haushälterin keine Zeit hatte, ein regelrechtes Mittagessen herzurichten, ein Fall, der ziemlich häufig eintrat, pflegte sie den
Mädchen ein großes Stück kalter Pastete zu geben oder eine große
Schnitte Brot und Käse, und diesen Proviant nahmen sie dann
mit sich in den Wald hinaus, wo jede von ihnen ihr Lieblingsplätzchen aufsuchte und ein königliches Mahl hielt.
Janes Lieblingssitz war ein breiter, glatter Stein, welcher
weiß und trocken mitten aus dem Waldbache herausragte; er war
nur zu erreichen, indem sie durch das Wasser watete, und diese Tat
vollbrachte sie denn ziemlich oft und zwar barfuß. Der Stein
war gerade breit genug, um außer ihr noch einem anderen Mädchen bequemen Platz zu gewähren; dies war Mary Ann Wilson,
damals Janes auserwählte Gefährtin; sie war ein kluges, beobachtendes Geschöpf, deren Gesellschaft ihr Freude machte. teilweise
weil sie witzig und originell war, und teilweise, weil sie Manieren
und Sitten hatte, welche Jane besonders zusagten. Um einige
Jahre älter als letztere, kannte sie mehr von der Welt und konnte
Jane von vielen Dingen erzählen, die sie gern hörte; in ihrer Gesellschaft wurde Janes Neugierde befriedigt; mit ihren Fehlern
hatte Mary die größte Nachsicht und niemals versuchte sie Janes
Worten Zwang oder Zügel anzulegen. Sie besaß ein großes Erzählertalent; sie liebte es, zu belehren und Jane zu fragen; so
wurden beide prächtig mit einander fertig und zogen, wenn auch
nicht viel Belehrung, so doch viel Vergnügen aus ihrem gegenseitigen Verkehr.
Und wo war inzwischen Helen Burns? Weshalb brachte sie
diese süßen Tage der Freiheit nicht in Janes Gesellschaft zu ? Hatte
diese sie vergessen? Oder war Jane so leichtsinnig, so unwürdig,
daß sie ihrer veredelnden Gesellschaft müde geworden? Gewiß
war die obenerwähnte Mary Ann Wilson Janes erster Freundin nicht ebenbürtig; sie konnte ihr nur lustige Geschichten erzählen oder irgendeinen witzigen Klatsch wiederholen, der ihr gerade
Vergnügen machte, während Helen geeignet war, denen, welche das
Vorrecht ihrer Unterhaltung genossen, Sinn und Geschmack für
höhere, reinere Dinge einzuflößen.
Aber, teure Leserin, Jane war auch Helen Burns Gesellschaft
noch niemals überdrüssig geworden; niemals hatte sie aufgehört,
für sie eine Liebe zu hegen, die so stark, so zärtlich und so achtungsvoll war, wie nur je ein Gefühl ihr Herz bewegt hatte. Wie hätte
es denn auch anders sein können, wenn Helen zu allen Zeiten
und unter allen Umständen Jane eine ruhige und treue Freundschaft bewiesen hatte, die keine böse Laune je verbitterte, kein Streit
jemals störte? Aber Helen war augenblicklich krank; seit mehreren Wochen war sie Janes Augen bereits entrückt; diese wußte
nicht, in welchem Zimmer sie sich jetzt befand. Man hatte ihr gesagt, daß sie sich nicht in der Hospitalabteilung unter den Fieberkranken befände; denn ihre Krankheit war die Schwindsucht, nicht
der Typhus, und Jane in ihrer Unwissenheit stellte sich unter
Schwindsucht etwas Mildes vor, das durch Pflege und Fürsorge
mit der Zeit geheilt werden müsse.
In dieser Idee wurde sie noch dadurch bestärkt, daß Helen
einigemal an sonnigen, warmen Nachmittagen herunter kam und
von Miß Temple in den Garten geführt wurde; bei diesen Gelegenheiten gestattete man Jane aber nicht, mit Helen zu sprechen
oder sich ihr auch nur zu nähern; sie sah ihre Freundin nur aus
dem Fenster des Schulzimmers und dann nicht einmal deutlich;
denn Helen war in viele Tücher gehüllt und saß in einiger Entfernung auf der Veranda.
Eines Abends im Anfang des Monats Juni war Jane sehr
spät mit Mary Ann im Walde geblieben; wie gewöhnlich hatten
sie sich von den anderen getrennt und waren weit gewandert, so
weit, daß sie den Weg verloren und denselben in einer einsamen
Hütte erfragen mußten, wo ein Mann und eine Frau wohnten,
die eine Herde voll halb wilder Schweine zu hüten hatten, welche
von der Eichelmast im Walde gemästet wurden. Als sie endlich
zurückkamen, war der Mond schon aufgegangen; ein Pony,
welches sie als dasjenige des Arztes erkannten, stand an der
Gartenpforte. Mary Ann bemerkte, daß wahrscheinlich irgend
jemand schwer erkrankt sein müsse, wenn Mr. Bates noch so spät
am Abend geholt worden sei. Sie ging in das Haus; Jane blieb
zurück, um noch eine Handvoll. Wurzeln, die sie im Walde ausgegraben, in ihrem Garten einzupflanzen; sie fürchtete, daß sie sonst
bis zum nächsten Morgen verwelken würden. Nachdem dies geschehen, verweilte Jane noch einige Minuten; die Blumen dufteten
so süß, als der Tau fiel; es war ein so wunderschöner Abend, so
rein, so ruhig, so warm, und der noch gerötete Westen versprach
wiederum einen schönen Tag. Im dunklen Osten stieg majestätisch
der Mond empor. Jane beobachtete dies alles und freute sich
daran, wie ein Kind sich zu freuen vermag, da plötzlich kam ihr ein
Gedanke, wie niemals zuvor.
,Wie traurig ist es doch, jetzt auf dem Krankenbett liegen zu
müssen und in Todesgefahr zu schweben! Diese Welt ist so schön,
wie entsetzlich wäre es, abberufen zu werden, und wer weiß wohin
gehen zu müssen!'!
Und dann machte ihre Seele die erste ernste Anstrengung, das
zu begreifen, was man in bezug auf Himmel und Hölle in sie gelegt hatte; zum erstenmal blickte sie um sich und sah vor sich, neben
sich, hinter sich nichts als einen unermeßlichen Abgrund; zum
erstenmal bebte ihre Seele entsetzt zurück, sie empfand und fühlte
nichts Sicheres mehr als den einen Punkt, auf welchem sie stand,
die Gegenwart; alles andere war eine formlose Wolke, eine unergründliche Tiefe; es schauderte sie bei dem Gedanken zu straucheln, zu wanken und in den Abgrund hinabzutauchen. Als sie
noch diesen neuen Gedanken nachhing, hörte sie, wie die große
Haustür geöffnet wurde; Mr. Bates trat heraus, mit ihm eine
Krankenwärterin. Nachdem die Wärterin gewartet, bis der Doktor
aufs Pferd gestiegen und fortgeritten war, wollte sie die Tür
wiederum schließen. Jane lief zu ihr.
, Wie geht es Helen Burns ?
, Sehr schlecht, lautete die Antwort.
, War Mr. Bates ihretwegen gekommen ??
-Ja.-
, Und was sagt er?
, Er sagt, daß sie nicht mehr lange bei uns verweilen wird.
Hätte Jane diese Redensart vor einiger Zeit gehört, so würde
sie nur geglaubt haben, daß man Helen nach Northumberland in
ihre Heimat bringen wolle. Sie würde nicht vermutet haben, daß
es bedeute, sie liege im Sterben. Aber jetzt begriff sie sofort; es
wurde ihr augenblicklich klar, daß Helen Burns Tage auf dieser
Welt gezählt seien, und daß sie bald hinauf in die Welt der Geister
gehen würde. Im ersten Moment bemächtigte sich ihrer ein namenloser Schrecken; dann empfand sie den heftigsten Schmerz, dann
einen Wunsch, den Wunsch sie zu sehen. Und sie fragte, in welchem
Zimmer Helen läge.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer,'' sagte die Wärterin.
, Kann ich hinauf gehen und mit ihr sprechen?
,O nein, Kind! Das geht nicht an. Und jetzt ist es auch für
Sie Zeit, hineinzugehen; Sie werden das Fieber bekommen, wenn
Sie draußen sind, während der Tau fällt.
Die Wärterin schloß die Haustür; Jane ging durch den Seiteneingang, welcher zu dem Schulzimmer führte; sie kam noch zu
rechter Zeit; es war neun Uhr, und Miß Miller rief gerade die
Schülerinnen zum Schlafengehen.
Es mochte vielleicht zwei Stunden später, ungefähr elf Uhr
sein; es war Jane nicht möglich gewesen einzuschlafen, und aus der
tiefen Ruhe, welche im Schlafzimmer herrschte, schloß sie, daß ihre
Gefährtinnen fest schliefen; leise stand sie auf, zog ihr Kleid über
ihr Nachtgewand und schlich barfuß aus dem Gemach, um Miß
Temples Zimmer zu suchen. Es befand sich am entgegengesetzen
Ende des Hauses; aber Jane kannte den Weg, und die Strahlen
des unbewölkten Sommermondes halfen ihr, ihn zu finden. Jane
verspürte einen scharfen Geruch von Kampher und gebranntem
Essig, als sie sich dem Zimmer der Fieberkranken näherte; schnell
eilte sie an der Tür vorüber, aus Furcht, daß die Krankenwärterin,
welche die ganze Nacht wachen mußte, sie hören könne. Sie hatte
Angst davor, entdeckt und zurückgeschickt zu werden, denn sie mußte
Helen sehen, sie mußte sie umarmen, bevor sie starb, ihr einen
letzten Kuß geben, noch ein letztes Wort mit ihr sprechen.
Nachdem sie die Treppe hinuntergegangen war, einen Teil
vom Erdgeschoß des Hauses durchschritten hatte und es ihr gelungen war, ohne Geräusch zwei Türen zu öffnen, erreichte sie eine
zweite Treppe; diese stieg sie wieder hinauf und befand sich gerade
vor der Tür von Miß Temples Zimmer. Durch das Schlüsselloch
und eine Spalte unterhalb der Tür fiel ein Lichtschein; überall
herrschte tiefste Stille. Als Jane näher kam, fand sie die Tür ein
wenig geöffnet, wahrscheinlich um in das dumpfe Krankengemach
etwas Luft dringen zu lassen. Nicht gewillt zu zögern und
von ungeduldigem Drange beseelt, öffnete sie die Tür ganz und
blickte hinein. Ihr Auge suchte Helen und fürchtete, den Tod
zu finden.
Dicht neben Miß Temples Bett und mit den weißen Vorhängen desselben halb verhängt, stand ein kleines Bettchen. Jane
sah die Umrisse einer Gestalt unter der Bettdecke, doch das Gesicht
war durch die Gardinen verdeckt. Die Wärterin, mit welcher sie
im Garten gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und schlief;
eine halb herabgebrannte Kerze, die auf dem Tische stand, verbreitete ein trübes Licht. Miß Temple war nicht sichtbar; später
erfuhr Jane, daß diese zu einer im Delirium liegenden Fieberkranken gerufen worden. Jane wagte sich weiter ins Zimmer
hinein; dann stand sie neben dem kleinen Bette still; ihre Hand
faßte den Vorhang, doch hielt sie es für besser, zu sprechen,
bevor sie denselben zur Seite zog. Ein Schauer faßte sie bei
dem Gedanken, daß sie vielleicht nur noch eine Leiche sehen
könnte.
,Helen, flüsterte sie sanft, ,wachst du?
Helen bewegte sich, schob den Vorhang zurück und Jane
blickte in ihr bleiches, abgezehrtes aber ruhiges Gesicht. Sie schien
so wenig verändert, daß Janes Furcht augenblicklich schwand.
, Bist du's wirklich, Jane? fragte sie mit ihrer gewohnten.
sanften Stimme.
,Ah !' dachte Jane, ,sie wird nicht sterben; sie irren sich alle;
wäre es der Fall, so könnte sie nicht so ruhig, so friedlich aussehen;
das wäre nicht möglich.
Jane ging an ihr Bett und küßte sie; ihre Stirn war kalt und
ihre Wange war kalt und abgezehrt, und ihre Hände und ihre
Arme ebenfalls; aber ihr Lächeln war das alte geblieben.
,Weshalb kommst du hierher, Jane? Es ist schon nach elf
Uhr; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören.
,Ich kam, um dich zu sehen, Helen. Ich hörte, du seist sehr
krank, und ich konnte nicht einschlafen, bevor ich noch einmal mit
dir gesprochen hatte.
, Du bist also gekommen, um mir Lebewohl zu sagen; wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen.
,Willst du fort, Helen? Willst du etwa nach Hause.
,Ja, nach Hause, in meine letzte, meine ewige Heimat!'
,Nein, nein, Helen,' unterbrach Jane sie jammernd. Während sie versuchte, ihrer Tränen Herr zu werden, hatte Helen einen
heftigen Hustenanfall; indessen weckte dieser die Krankenwärterin
nicht; als er vorüber, lag sie einige Minuten ganz erschöpft da;
dann flüsterte sie:
,Jane, deine kleinen Füße sind nackt; lege dich zu mir ins
Bett und decke dich mit meiner Decke zu.
Jane tat es; Helen schlang ihren Arm um sie, und Jane
schmiegte sich dicht an sie. Nach langem Schweigen fuhr Helen
flüsternd fort:
,Ich bin sehr glücklich, Jane; und wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so mußt du mir versprechen, nicht zu trauern; denn es
ist nichts zu betrauern. Wir alle müssen ja eines Tages sterben,
und die Krankheit, die mich fortrafft, ist nicht schmerzhaft; sie
schreitet langsam und schmerzlos fort; mein Gemüt ist in Frieden.
Ich hinterlasse niemanden, der mich betrauert. Ich habe nur
einen Vater; er hat sich vor kurzem wieder verheiratet und wird
mich nicht vermissen. Ich sterbe jung, aber ich werde auch vielen
Leiden entgehen. Ich hatte keine Eigenschaften, keine Talente, die
mir geholfen hätten, einen guten Weg durch die Welt zu machen.
Fortwährend würde ich das Verkehrte getan haben.r
, Aber wohin gehst du denn, Helen? Kannst du es sehen?
Kannst du glauben??
, Ich glaube; ich habe die feste Zuversicht: ich gehe zu
Gott.
, Wo ist Got? Was ist Gott?
,Mein Schöpfer und der deine, der niemals zerstören kann.
was er geschaffen hat. Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte. Ich zähle die Stunden bis zu jener großen,
bedeutungsvollen, die mich ihm zurückgeben soll, ihn mir von Angesicht zu Angesicht zeigen wird. ?
, Du bist also sicher, Helen, daß es ein Etwas gibt, das sich
Himmel nennt; und daß unsere Seelen dorthin gehen werden,
wenn wir sterben
, Ich bin sicher, daß es ein künftiges Leben gibt; ich glaube.
daß Gott gut ist; ich gebe ihm mein unsterbliches Teil vertrauens-

,Und werde ich dich wiedersehen, Helen, wenn ich sterbe?
,Du wirst in dieselbe Glückseligkeit kommen wie ich; derselbe
mächtige Allvater wird auch dich an sein Herz nehmen, Jane,
zweifle nicht daran.
Fester schlang sich Janes Arm um Helen; sie war ihr in diesem
Augenblick teurer denn je; ihr war, als könne sie ihre Freundin
nicht fortgehen lassen; sie verbarg ihr Gesicht an ihrer Brust. Gleich
darauf sagte Helen in ihrer süßesten Weise:
,Wie wohl ich mich fühle! Jener letzte Hustenanfall hat mich
ein wenig ermüdet; mir ist, als könnte ich jetzt schlafen; aber verlaß mich nicht, Jane; es ist so schön, dich so nahe zu wissen.
, Ich bleibe bei dir, süße Helen; niemand soll mich von hier
fortnehmen.
, Ist dir warm, mein Liebling?
,Ja.
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helen.
Sie küßten einander und bald schliefen beide.
Als Jane erwachte, war es Tag. Eine ungewöhnliche Bewegung weckte sie; sie öffnete die Augen; jemand hielt sie in den
Armen; es war die Krankenwärterin; sie trug sie durch die Korridore in den Schlafsaal zurück. Man erteilte ihr keinen Verweis
dafür, daß sie ihr Bett verlassen hatte; die Leute hatten an andere
Dinge zu denken. Auf Janes viele Fragen gab man ihr keine Erklärung, aber einige Tage später erfuhr sie, daß Miß Temple, als
sie in ihr Zimmer zurückgekehrt, sie in dem kleinen Bette gefunden
habe; Janes Gesicht ruhte auf Helen Burns Schulter, ihre Arme
umschlangen ihren Hals. Sie schlief, und Helen war tot.
Helens Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge; noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein
einfacher Grashügel. jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die
Stelle; darauf steht ihr Name und das Wort:,Resurgam.’

Zehntes Kapitel.
Wieder ein Wendepunkt.
Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte, verschwand es nach und nach von dort; aber
nicht, bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die
öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Die Ursache
dieser Geißel wurde genau untersucht, und so wurden mehrere Tatsachen entdeckt, welche die allgemeine öffentliche Empörung im
höchsten Grade wachriefen. Die ungesunde Lage des Instituts;
die geringe und schlechte Nahrung, welche den Kindern verabreicht
wurde; das schlechte, stinkende Wasser, welches bei der Zubereitung
verwendet wurde; die elende, unzureichende Bekleidung der
Schülerinnen, alle diese Dinge kamen ans Tageslicht, und die Entdeckung machte zwar einen sehr beschämenden Eindruck für Mr.
Brocklehurst, hatte aber eine wohltätige Wirkung für das Institut.
Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend
zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage; neue Statuten wurden aufgestellt.
Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut. Mr. Brocklehurst, welcher seiner Familienverbindungen und
seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte, behielt
das Amt eines Kassenverwalters; aber bei der Erledigung seiner
Pflichten standen ihm Herren von milderer Sinnesart zur Seite;
auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen, welche
Strenge mit Vernunft, Behaglichkeit mit Sparsamkeit, Mitgefühl
mit Gerechtigkeit zu paaren wußten. In solcher Gestalt verbessert,
wurde das Institut mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und
edlen Gründung. Jane blieb noch acht Jahre nach der Erneuerung der Anstalt eine Bewohnerin ihrer Mauern: sechs Jahre
als Schülerin und zwei als Lehrerin.
Während dieser acht Jahre war Janes Leben außerordentlich
einförmig, aber nicht unglücklich, weil es nicht untätig war. Die
Mittel, sich eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen, waren ihr
an die Hand gegeben; eine Vorliebe für einige ihrer Studien, die
Absicht, in allen das Höchste zu erreichen, verbunden mit dem
innigen Wunsch, ihre Lehrerinnen zu befriedigen, besonders jene,
welche sie liebte; dies alles trieb sie vorwärts, und daher benutzte
sie in vollem Maße die Vorteile, welche sich ihr darboten. Mit der
Zeit stieg sie zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse
empor; dann wurde sie mit dem Amte einer Lehrerin betraut;
dieser Pflichten entledigte sie sich während zweier Jahre. Doch nach
Ablauf dieser Zeit wurde sie andern Sinnes.
Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin des
Seminars geblieben; ihrem Unterricht verdankte Jane den besten
Teil ihrer Kenntnisse; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft
waren ihr immerwährender Trost gewesen; sie hatte die Stelle
einer Mutter bei ihr vertreten, sie war ihre Erzieherin und später
ihre Gefährtin gewesen. Um diese Zeit heiratete Miß Temple und
zog mit ihrem Gatten, einem Geistlichen, der ein ausgezeichneter
Mann und einer solchen Gattin würdig war, in eine entfernte
Grafschaft; für Jane war sie folglich verloren.
Seit dem Tage, wo sie die Anstalt verließ, war Jane nicht
mehr dieselbe; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit, jede Gemeinschaft, die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu ihrer
Heimat gemacht hatte, dahin. Jane hatte einiges von ihrer Natur, viele ihrer Gewohnheiten angenommen; harmonischere Gedanken, besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner ihrer
Seele geworden. Sie hatte sich der Pflicht und der Ordnung
unterworfen, war ruhig geworden; sie glaubte, daß sie zufrieden sei.
Aber als Miß Temple nach der Trauung im Reisekleide in die
Postchaise stieg, als der Wagen den Hügel hinauf fuhr und hinter
diesem Hügel verschwand, da ging Jane auf ihr Zimmer und verbrachte dort auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages, welchen man den Waisen der feierlichen Gelegenheit zu
Ehren gewährt hatte.
Viele Stunden lang ging sie im Zimmer auf und ab. Am
Abend aber wurde sie inne, daß mit Miß Temple auch ihre
ganze Zufriedenheit geschwunden sei. Sie fühlte, wie die alten,
wilden Gefühle wieder in ihr erwachten. Während vieler Jahre
war Lowood ihre ganze Welt gewesen; ihre Erfahrung kannte
nichts anderes als seine Vorschriften, seine Zucht. Jetzt aber fiel
ihr ein, daß die Welt groß sei, und daß ein weites, wechselvolles
Feld von Furcht und Hoffnung jene erwarte, welche genug Mut
besäßen, auf diese Walstatt hinauszugehen, um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten ihrer Gefahren zu suchen.
Jane ging an das Fenster, öffnete es und blickte hinaus. Da
lagen die beiden Flügel des Gebäudes, da war der Garten, dort
die Grenze von Lowood, weit hinten der hügelige Horizont. Ihr
Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort, um an den entferntesten haften zu bleiben: an den Gipfeln der Berge! Diese zu
übersteigen sehnte sie sich; alles was innerhalb ihrer Grenzen
von Felsen und Heide lag, schien ihr Gefängnisboden. Sie verfolgte die weiße Landstraße, welche sich an dem Fuß eines Berges
dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand,
mit den Augen. Ach! wie gern wäre sie ihr noch weiter gefolgt!
Sie erinnerte sich der Zeit, da sie in einer Postkutsche auf dieser
selben Straße des Weges gekommen; sie erinnerte sich, wie sie in
der Dämmerung jenen Hügel heruntergefahren; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem Tage, der sie zuerst nach Lowood
geführt, und nicht eine Stunde hatte sie es seitdem verlassen. Alle
ihre Ferien waren in der Schule dahin gegangen; Mrs. Reed hatte
sie niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgendein Mitglied ihrer Familie Jane besucht. Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft
hatte Jane Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten;
Schulregeln, Schulpflichten, Schulgebräuche, Schulgedanken,
das war alles, was sie vom Dasein kannte. Und jetzt empfand
sie, daß dies nicht genug sei. In einem einzigen Nachmittage
wurde sie des ewigen Einerlei von acht Jahren müde! Sie ersehnte die Freiheit; sie lechzte nach Freiheit; um die Freiheit betete
sie; der Wind, der sich leise erhob, schien das Gebet davonzutragen.
Dann gab sie die Freiheit auf und sprach einen demütigeren
Wunsch aus: sie bat um Veränderung, um irgendein Reizmittel,
denn alles erschien ihr so öde und tot. Schließlich rief sie in voller
Verzweiflung aus: ,Dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt!
Jetzt rief sie eine Glocke, welche die Stunde des Abendessens
verkündete, in das Speisezimmer hinunter.
Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte sie ihren unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen; selbst dann hielt
sie noch eine Lehrerin, welche das Zimmer mit ihr teilte, durch ihre
Unterhaltung von dem Gegenstande fern, zu dem sie sich sehnte,
mit ihren Gedanken zurückkehren zu können. Wie wünschte sie,
daß der Schlaf ihre Gefährtin zum Schweigen bringe!
Endlich schlief Miß Gryce.
, Eine neue Dienstbarkeit! Darin liegt etwas, sagte Jane zu
sich selbst. ,Es klingt zwar nicht wie die Worte Freiheit, Genuß;
aber für mich sind diese Worte doch nur hohle Laute; dienen kann
jeder. Ich habe hier acht Jahre gedient; und jetzt wünsche ich ja
nichts weiter, als anderswo dienen zu können. Kann ich meinen
eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen ?'
Mit diesen Gedanken saß Jane aufrecht im Bette; es war eine
frostige Nacht; sie bedeckte ihre Schultern mit einem Schal und
dann fing sie wieder mit allen Kräften an zu denken.
, Was wünsche ich denn eigentlich ? fragte sie sich selbst.,Eine
neue Stelle, in einem neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter
neuen Verhältnissen. Dies wünsche ich. Wie machen es die Leute
nun, um eine neue Stelle zu bekommen? Sie wenden sich an ihre
Freunde, wie ich vermute; ich habe keine Freunde. Es gibt
aber noch viele Menschen, die keine Freunde haben und sich selbst
umsehen müssen und sich selbst helfen. Welches sind denn nun,ihre
Hilfsquellen?
Fast eine Stunde lang arbeitete es so in Janes Kopfe. Dann
stand sie erregt auf und ging einigemal im Zimmer auf und nieder;
zog den Vorhang zurück, blickte hinauf zu den Sternen, zitierte vor
Kälte und kroch wieder in ihr Bett.
Plötzlich kam es ihr ruhig und natürlich in den Sinn: ,Leute,
welche Stellungen suchen, kündigen es an; du mußt es in einer
Zeitung ankündigen.'
,Aber wie? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen,' sagte
sie sich wieder.
Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt.
,Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den
Herausgeber der Zeitung einschicken; bei der ersten Gelegenheit.
die sich dir darbietet, mußt du die Sendung in Lowton auf die
Post geben; die Antwort muß an . B. an das dortige Postamt
geschickt werden; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt,
kannst du hingehen und dich erkundigen, ob irgendeine Antwort
eingetroffen ist; daraufhin hast du zu handeln.
Zwei, dreimal überdachte sie diesen Plan; jetzt hatte sie ihn
genügsam verdaut, sie hatte ihn in eine klare, praktische Form
gefaßt; jetzt war sie zufrieden und fiel in tiefen Schlaf.
Mit Tagesanbruch war sie auf. Ehe noch die Glocke ertönte,
welche die ganze Schule weckte, hatte sie ihre Annonce geschrieben,
kuvertiert und adressiert; sie lautete folgendermaßen:
,Eine junge Dame, welche im Lehren geübt ist, wünscht eine
Stellung in einer Familie zu finden, wo die Kinder unter vierzehn
Jahren sind. Sie ist befähigt, in den gewöhnlichen Zweigen.
welche zu einer guten, englischen Erziehung gehören, zu unterrichten, ebenso im Französischen, im Zeichnen und in der Musik.
Gefällige Adressen sind an I. K. poste restante Lowton, - shire
zu richten.'
Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in Janes
Schieblade verschlossen; nach dem Tee bat sie die neue Vorsteherin
ui die Erlaubnis, nach Lowton gehen zu dürfen, wo sie einige
Einkäufe für sich und zwei ihrer Mitlehrerinnen zu machen hatte.
Die Erlaubnis wurde ihr gern gewährt. Sie ging. Der Weg war
zwei Meilen lang; es war ein feuchter Abend, aber die Tage waren
noch lang; sie ging in zwei, drei Läden, warf ihren Brief in den
Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück.
Die jetzt folgende Woche schien endlos lang. Wie alle Dinge
dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende, und an einem herrlichen
Herbstabende befand sich Jane abermals zu Fuß unterwegs nach
Lowton. Es war ein romantischer Weg, der an dem Waldbach
und den herrlichsten Windungen des Tals entlang führte, aber an
diesem Tage dachte sie nur an die Briefe, die sie in dem kleinen
Marktflecken zu finden erwartete, nicht an die Reize von Berg und
Tal.
In dem Flecken angekommen, ließ sie sich zuerst Maß zu einem
Paar Schuhe nehmen und ging dann aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine, reinliche Straße in das Postbureau.
Eine alte Dame verwaltete dasselbe; sie trug eine Hornbrille auf
der Nase und schwarze, gestrickte Pulswärmer an den Händen.
,Sind irgendwelche Briefe für . V. angelangt ?' fragte
Jane, sich ein Herz fassend.
Sie blickte Jane über ihre Brille fort an; dann öffnete sie
eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher, daß Janes Hoffnung zu schwinden begann. Endlich, nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor
ihre Augengläser gehalten hatte, reichte sie es der Fragenden hin,
indem sie dieselbe zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete-- der Brief war an . K. adressiert.
,Ist nur ein einziger da? fragte Jane.
,Es sind keine weiteren da, sagte sie. Jane schob ihn in die
Tasche und machte sich auf den Nachhauseweg.
Bei ihrer Heimkehr harrte ihrer die Erfüllung verschiedener
Pflichten; sie hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu
überwachen; dann war an ihr die Reihe, das Gebet zu lesen,
darauf zu sehen, daß die Schülerinnen schlafen gingen und
dann nahm sie das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein.
Selbst als sie sich endlich für die Nacht zurückzog, war die unvermeidliche Miß Gryce noch ihre Gefährtin. Die Kerze im Leuchter
war fast herabgebrannt, als Miß Gryce zu sprechen aufhörte und
sanft einschlief. Schnell zog Jane ihren Brief hervor, das Siegel
trug den Anfangsbuchstaben b, sie erbrach es; der Inhalt war
kurz.
, Wenn J. E., welche am letzten Donnerstag eine Annonce
in den-- shire Herald rücken ließ, die aufgezählten Fähigkeiten
besitzt, und wenn sie in der Lage ist, genügende Referenzen über
Charakter und Wirkungskreis geben zu können, so wird ihr eine
Stellung geboten, deren Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling
im Jahr beläuft; sie hat daselbst nur ein kleines Mädchen unter
zehn Jahren zu unterrichten — J. E. wird gebeten, Referenzen,
Namen, Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse:
, Mrs. Fairfax, Thornfield bei Millcote-- shire.
Lange prüfte Jane das Schriftstück; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher, wie die einer alten Frau. Sicherlich, die Einsenderin war eine alte Dame. Mrs. Fairfax! Jane
sah sie schon in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube;
vielleicht etwas steif, aber nicht unhöflich. Thornfield! das war
ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung, gewiß ein sauberes, ordentliches Fleckchen Erde bei Millcote,-- shire! Jane frischte ihre
Erinnerung an die Karte von England auf; ja, da lagen sie vor
ihr, die Grafschaft sowohl wie die Stadt.-- shire war London
um siebzig Meilen näher, als die entlegene Grafschaft, in welcher
sie jetzt lebte; das war schon eine große Empfehlung in ihren
Augen. Sie sehnte sich dorthin, wo Leben und Bewegung war;
Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des ... gelegen.
ein geschäftiger Ort ohne Zweifel. Desto besser, das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein.
Die Kerze erlosch; vollständige Dunkelheit herrschte, und Jane
schlief ein.
Am folgenden Tage machte Jane der Vorsteherin des Instituts Mitteilung von ihrem Vorhaben und bat um ihre Entlassung.
Diese wurde ihr nach einiger Zeit von Mr. Brocklehurst und dem
Komitee der Anstalt gewährt, indem man ihr zugleich die besten
Empfehlungen versprach.
Nach ungefähr einer Woche erhielt Jane demzufolge das
Zeugnis, schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax, und erhielt die Antwort dieser Dame, welche besagte, daß sie zufrieden sei
und Jane sich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause einzufinden
habe, wo sie den Posten als Gouvernante antreten könne.
jetzt war Jane mit ihren Vorbereitungen beschäftigt; die
vierzehn Tage gingen schnell dahin. Sie hatte keine große Garderobe, obgleich sie ihren Bedürfnissen vollkommen entsprach. Der
letzte Tag genügte, um ihren Koffer zu packen, denselben, welchen
sie bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte.
Die Kiste wurde geschnürt, die Adresse aufgenagelt. Nach
einer halben Stunde sollte der Bote kommen, um sie nach Lowton
mitzunehmen, wohin sie sich selbst am folgenden Morgen in früher
Stunde begeben wollte, um mit der Post weiter zu fahren. Sie
hatte ihr schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet, ihren
Hut, Muff und ihre Handschuhe zurecht gelegt, in allen Schiebladen nachgesucht, damit nichts zurückbliebe und jetzt, da sie nichts
mehr zu tun hatte, setzte sie sich und versuchte sich auszuruhen.
Doch das war unmöglich; obgleich sie während des ganzen Tages
auf den Füßen gewesen, konnte sie jetzt doch nicht einen Augenblick
Ruhe finden; sie war zu heftig erregt. Heute abend schloß sich ein
Abschnitt ihres Lebens, morgen begann ein anderer, unmöglich in
der Zwischenzeit zu schlafen. Fieberhaft mußte sie wachen, während der Übergang sich vollzog.
,Miß,' sagte ein Mädchen, welches Jane in dem Korridor,
wo sie wie ein geängstigter, ruheloser Geist auf- und abging,
aufsuchte, , unten ist eine Person, die mit Ihnen sprechen
möchte.
,Ohne Zweifel der Bote,' dachte Jane und lief ohne weitere
Frage die Treppe hinunter. Sie ging an dem hintern Salon oder
Wohnzimmer der Lehrerinnen vorbei, dessen Tür halb geöffnet
war, um in die Küche zu gehen, als jemand aus dem Zimmer
gestürzt kam.
,Sie ist's, wahrhaftig sie ist's! -- Überall hätte ich sie wiedererkannt!'' rief die Gestalt, die Jane in ihrem Laufe aufhielt und
ihre Hand ergriff.
Jane blickte auf. Vor ihr stand eine Frau, gekleidet wie eine
herrschaftliche Dienerin, matronenhaft, aber dennoch jung; sie war
hübsch, hatte schwarzes Haar, dunkle Augen und frische Gesichtsfarbe.
, Nun, wer ist's wohl?' fragte sie mit einem Lächeln und einer
Stimme, die Jane halb und halb erkannte; ,aber Miß Jane, ich
hoffe doch, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben?
Nach einer halben Minute umarmte und küßte Jane sie voll
Entzücken: ,Bessie! Bessie! Bessie! weiter konnte sie nichts hervorbringen; Bessie hingegen lachte bald, bald weinte sie; dann gingen
sie zusammen ins Wohnzimmer. Am Kaminfeuer stand ein kleiner
Bursche von ungefähr drei Jahren in schottischem Rock und Hosen.
,Das ist mein kleiner Junge,' sagte Bessie schnell.
,Du bist also verheiratet, Bessie?
, Ja. Seit beinahe fünf Jahren mit Robert Leaven, dem
Kutscher; außer dem Bobby dort habe ich noch ein kleines Mädchen,
das Jane getauft ist.
, Und du wohnst nicht mehr in Gateshead ?
,Ich wohne in der Pförtnerloge; der alte Portier ist fort.
,Nun, und wie geht es allen dort? Du mußt mir alles erzählen, Bessie; aber nimm erst Plat; und du, Bobby, komm zu
mir und setze dich auf meinen Schoß, willst du ? aber Bobby zog
es vor, sich neben seine Mama zu stellen.
,Sie sind nicht sehr groß geworden, Miß Jane, und auch nicht
sehr stark, fuhr Mrs. Leaven fort. ,Vermutlich hat man Sie
hier in der Schule nicht allzu gut gehalten. Miß Reed ist mindestens einen Kopf größer als Sie, und Miß Georgina ist gewiß
zweimal so breit.
, Georgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter ist sie mit ihrer Mama in
London gewesen und dort hat jedermann sie bewundert; aber mit
ihrer Schwester lebt sie wie Hund und Kate; sie zanken und
streiten unaufhörlich.
,Nun, und was ist ans John Reed geworden?
,Ach, er führt sich nicht so brav auf, wie seine Mutter es wohl
wünschen könnte. Er war auf der Universität und wurde fortgejagt;
dann wollten seine Onkel, daß er Advokat werden und die Rechte
studieren sollte. Aber er ist ein so leichtsinniger junger Mensch,
ich glaube, daß niemals viel aus ihm werden wird.
,Wie sieht er aus?
, Er ist sehr schlank. Einige Leute finden, daß er ein schöner
junger Mann ist. Aber er hat so dicke, aufgeworfene Lippen.'
,Und Mrs. Reed?
,Die gnädige Frau sieht im Gesicht dick und wohl genug aus,
aber ich glaube nicht, daß sie sich im Gemüt wohl fühlt. Mr. Johns
Betragen gefällt ihr nicht; er braucht sehr, sehr viel Geld.
,Hat sie dich hergeschickt, Bessie?
,Nein, in der Tat; aber ich habe schon so lange gewünscht,
Sie zu sehen, und als ich hörte, daß Sie in eine andere Gegend
des Landes gehen wollten, dachte ich mir, daß ich mich auf die
Reise machen müsse, um Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie ganz
außer meinem Bereich wären.
, Und ich fürchte, Bessie, du siehst dich in deinen Erwartungen
getäuscht. Dies sagte Jane wohl lachend, aber sie hatte bemerkt,
daß Bessies Blicke, wenn sie auch achtungsvoll waren, in keiner
Weise Bewunderung ausdrückten.
,Nein, Miß Jane, das nicht gerade; Sie sehen sehr fein aus;
Sie sehen aus wie eine Dame, und mehr habe ich eigentlich nie von
Ihnen erwartet. Als Kind waren Sie auch keine Schönheit.
Jane mußte über Bessies offenherzige Antwort lächeln.
,Aber ich vermute, daß Sie sehr gelehrt sind, fuhr Bessie, wie
um Jane zu trösten fort.,Was können Sie denn alles? Können
Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
Im Zimmer stand ein Instrument; Bessie ging hin und
öffnete es; dann bat sie Jane, ihr ein Stück vorzuspielen. Jane
gab ihr ein paar Walzer zum besten und sie war entzückt.
,Die beiden Miß Reeds können nicht so gut spielen!' sagte sie
triumphierend. ,Ich habe ja immer gesagt, daß Sie sie im Lernen
übertreffen würden. Können Sie auch zeichnen?
,Dort über dem Kamin hängt eine von meinen Zeichnungen.
Eö war eine Landschaft in Wasserfarben, welche Jane der Vorsteherin aus Dankbarkeit für ihre liebenswürdige Vermittlung bei
dem Komitee geschenkt hatte, und die sie unter Glas und Rahmen
hatte bringen lassen.
,Aber das ist wirklich schön, Miß Jane! Der Zeichenlehrer
der Miß Reeds könnte es auch nicht schöner gemalt haben; von
den jungen Damen selbst will ich schon gar nicht reden. Denen
könnte es bald jemand nachmachen. Haben Sie auch Französisch
gelernt?
,Ja, Bessie; ich kann es lesen und auch sprechen.
,Und können Sie auch sticken und nähen?’
,Gewiß, das kann ich.’
, O, Sie sind ja eine ganze Dame geworden, Miß Jane! Das
habe ich mir immer gedacht. Ihnen wird's immer gut gehen, ob
Ihre Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. Ich wollte
Sie noch um etwas befragen. - Haben Sie jemals von den Verwandten Ihres Vaters, den Eyres etwas gehört??
, Nein, in meinem ganzen Leben nicht.
,Nun, Sie wissen ja, Mrs. Reed hat immer gesagt, daß sie
arm und ganz gemein wären; möglich, daß sie arm sind, aber
ganz gewiß sind sie ebenso fein wie die Reeds selbst; denn eines
Tages vor beinahe sieben Jahren kam ein Mr. Eyre nach Gates-
head und wünschte, Sie zu sehen. Mrs. Reed sagte, daß Sie
fünfzig Meilen weit in einer Schule seien; er schien sehr enttäuscht,
denn er konnte nicht bleiben; er wollte auf eine Reise in ein fremdes Land gehen, und das Schiff sollte schon in zwei, drei Tagen von
London abgehen. Er sah aus wie ein Gentleman, und ich glaube,
daß er Ihres Vaters Bruder war.
, Nach welchem fremden Lande ging er, Bessie
,Nach einer Insel, die viele tausend Meilen entfernt ist, wo
sie Wein machen-- der Kellermeister hat mir das gesagt.
, Nach Madeira vermutlich?
,Ja, ja, das war's. so hieß sie.
, Und dann ging er wieder fort?
,Ja. Er blieb nicht viele Minuten im Hause. Mrs. Reed
war sehr von oben herab mit ihm. Nachher sagte sie von ihm, er
sei ein armseliger Handelsmann'. Mein Robert glaubt, daß er
ein Weinhändler war.
, Sehr wahrscheinlich,'' entgegnete Jane, ,oder vielleicht der
Kommis oder der Agent eines Weinhändlers.
Noch eine ganze Stunde lang sprachen Bessie und Jane von
alten Zeiten, und dann war sie gezwungen, Jane zu verlassen. Als
Jane am nächsten Morgen in Lowton auf die Postkutsche wartete,
sah sie Bessie noch für einige Minuten wieder. Schließlich trennten sie sich vor der Tür des,Wappens von Brocklehurst'' daselbst;
jede zog dann ihre Straße; Bessie begab sich auf den Gipfel des
Lowood-Felsens, wo der Wagen vorüber kam, der sie nach Gates-
head' zurückführen sollte; Jane bestieg das Gefährt, das sie in die
unbekannte Gegend von Millcote brachte, einem neuen Leben und
neuen Pflichten entgegen.

Elftes Kapitel.
In Thornfield.
Bald darauf finden wir Jane in einem Zimmer in ,Georgs
Wirtshaus' in Millcote, mit so großblumigen Tapeten an den
Wänden, wie Gasthauszimmer sie gewöhnlich aufweisen; mit dazu passenden Teppichen, Möbeln, Nippesfiguren auf dem Kamin,
Kupferstichen, einem Porträt von Georg ll., einem zweiten des
Prinzen von Wales, und einer Darstellung vom Tode des General
Wolfe. Und alles dies sehen wir bei dem Schein einer Öllampe,
welche von der Decke herabhängt, und dem eines helles Kaminfeuers, neben welchem Jane in Mantel und Hut sitzt; Muff und
Regenschirm liegen auf dem Tische, und sie versucht, sich an der
Wärme des Ofens von der Steifheit und Betäubung zu erholen,
welche eine sechzehnstündige Reise in kaltem Oktoberwetter bei ihr
hervorgerufen hatte; um vier Uhr morgens hatte sie Lowton verlassen und die Stadtuhr von Millcote schlug jetzt gerade die ache
Stunde.
Sie befindet sich in ziemlich unbehaglicher Gemütsverfassung.
Sie hatte gehofft, hier bei Ankunft der Postkutsche jemanden zu
ihrem Empfange bereit zu finden. Als sie die hölzerne Treppe
hinabstieg, welche der Hausknecht zu ihrer größeren Bequemlichkeit
an den Wagen gestellt, blickte sie ängstlich umher, in der Erwartung, ihren Namen von irgend jemandem aussprechen zu hören
und einen Wagen zu erblicken, welcher ihrer harrte, um sie nach
Thornfield zu bringen. Aber nichts derartiges war sichtbar, und
als sie den Kellner fragte, ob jemand da gewesen, um sich nach Miß
Eyre zu erkundigen, wurde ihre Frage verneinend beantwortet.
So blieb ihr also nichts anderes übrig, als zu verlangen, daß man
ihr ein Zimmer anweise-- und hier sitzt sie nun, während Furcht
und Zweifel aller Art ihre Seele martern.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein seltsames Gefühl, sic
plötzlich ganz allein in der Welt zu sehen-- von allen Bekannten
getrennt -- ungewiß, ob sie das Ziel, nach welchem sie streben,
auch erreichen. Der Reiz der Neuheit, die Freude am Abenteuerlichen versüßt dies Gefühl, das Bewußtsein der Selbständigkeit
erwärmt es-- aber die Empfindung der Furcht dämpft es
und kaum war eine halbe Stunde vergangen, in welcher Jane
noch immer allein war, so wurde das Gefühl der Furcht durchaus
vorherrschend. Da fiel es ihr ein, dem Kellner zu läuten.
,Ist hier in der Nähe ein Ort, welcher Thornfield heißt?
fragte sie den Aufwärter, welcher auf ihr Klingeln erschienen war.
,Thornfield? Ich weiß nicht, mein Fräulein, ich werde mich
in der Schenkstube erkundigen. Er verschwand, kam aber augenblicklich zurück:
,Ist Ihr Name Eyre, Miß?
,Ja.
,Es wartet jemand auf Sie.
Jane sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
in den Korridor des Gasthauses. Ein Mann stand in der offenen
Tür und auf der von Laternen erhellten Straße konnte sie die
Umnisse eines einspännigen Gefährts unterscheiden.
,Dies ist wohl Ihr Gepäck? sagte der Mann in der Tür, als
er ihrer ansichtig wurde, und zeigte auf den Koffer, der im Gange
stand.
, Ja. Er hißte ihn auf den Wagen, welcher eine Art von
Karren war, hinauf, und dann stieg Jane nach. Ehe er die Tür
hinter ihr zuschlug, fragte sie, wie weit es bis Thornfield sei.
, Etwa sechs Meilen.
, Und wie lange fahren wir??
,Vielleicht anderthalb Stunden!'
Er schloß die Wagentür, kletterte auf seinen Sitz, und sie
fuhren ab. Langsam kamen sie vorwärts, und Jane hatte reichliche
Muße zum Nachdenken. Sie war zufrieden, dem Endziel ihrer
Reise so nahe zu sein, und als sie sich in das bequeme Gefährt zurücklehnte, gab sie sich ungestört ihren Gedanken hin.
,Nach der Einfachheit und der Anspruchslosigkeit des Dieners
und des Wagens zu urteilen, ist Mrs. Fairfax keine sehr vornehme
Person; um so besser; ich habe nur einmal unter feinen Leuten
gelebt und bei ihnen habe ich mich sehr unglücklich gefühlt. Ich
möchte wissen, ob sie mit diesem kleinen Mädchen ganz allein lebt.
Wenn das der Fall und sie auch nur einigermaßen liebenswürdig
ist, werde ich sehr gut mit ihr fertig werden. Ich werde mein
Bestes tun. Aber wie schade, daß es nicht immer genügt, sein
Bestes zu tun. In Lowood allerdings faßte ich diesen Entschluß,
führte ihn aus, und es gelang mir, allen zu gefallen; aber bei
Mrs. Reed erinnere ich mich, daß selbst mein Bestes immer nur
Hohn und Verachtung hervorrief. Ich flehe zu Gott, daß Mrs.
Fairfax keine zweite Mrs. Reed sein möge. Wenn sie es aber ist,
so brauche ich nicht bei ihr zu bleiben. Kommt das Schlimmste
zum Schlimmen, so kann ich ja immer noch wieder eine Annonce
in die Zeitung rücken lassen.
Nach solchen Gedanken ließ Jane das Fenster herab und
blickte hinaus. Millcote lag hinter ihnen; nach der Anzahl seiner
Lichter schien es ein Ort von beträchtlicher Größe, viel größer als
Lowton. So weit Jane es überblicken konnte, befanden sie sich
jetzt auf einer Ari Weide; aber über den ganzen Distrikt lagen
Häuser zerstreut; sie fühlte, daß sie sich in Gegenden befand, welche
sich sehr von denen Lowoods unterschieden; sie waren bevölkerter,
aber weniger malerisch.
Die Straßen waren kotig, die Nacht war neblig; der Kutscher
ließ sein Pferd fortwährend im Schritt gehen. Nach zwei Stunden
endlich wandte er sich um und sagte:
,jetzt sind wir nicht mehr weit von Thornfield.
Wieder blickte Jane hinaus; sie fuhren an einer Kirche vorüber; sie sah den niedrigen, breiten Turm sich gegen den Himmel
abzeichnen, seine Glocken verkündeten die Viertelstunde; dann sah
sie auch eine schmale Reihe von Lichtern auf einer Anhöhe; es war
ein Dorf oder ein Weiler. Nach ungefähr zehn Minuten stieg der
Kutscher ab und öffnete eine Pforte; der Wagen fuhr hindurch und
das Tor schlug hinter ihm zu. Jetzt kamen sie langsam über den
großen Fahrweg des Parks und fuhren an der langen Front eines
Hauses entlang; aus einem verhängten Bogenfenster fiel ein Lichtschein; alle übrigen waren dunkel. Der Wagen hielt vor der
Haustür. Eine Dienerin öffnete dieselbe; Jane stieg aus und
ging hinein.
,Bitte, diesen Weg, Fräulein,' sagte das Mädchen, und Jane
folgte ihr durch eine viereckige Halle, in welche von allen Seiten
Türen mündeten. Sie führte sie in ein Zimmer, dessen doppelte
Beleuchtung durch Kerzen und Kaminfeuer sie im ersten Augenblick blendete, denn sie stach zu stark von der Dunkelheit ab,
an welche ihre Augen sich während der letzten Stunden gewöhnt
hatten. Als sie jedoch imstande war, wieder zu sehen, bot sich ihren
Blicken ein gemütliches und anheimelndes Bild dar.
Ein hübsches, sauberes, kleines Zimmer, ein runder Tisch an
einem lustig lodernden Kaminfeuer; ein hochlehniger, altmodischer
Lehnstuhl, in welchem die denkbar zierlichste, ältere Dame saß. z
Sie trug eine Witwenhaube, ein schwarzes Seidenkleid und eine ,
schneeweiße Musselinschürze. Sie war mit Stricken beschäftigt;eine
große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen. Als Jane eintrat, erhob ß
sich die alte Dame und kam ihr schnell und freundlich entgegen.
,Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ich fürchte, daß Sie eine
sehr langweilige Fahrt gehabt haben. John fährt so langsam; es s
muß Ihnen aber kalt sein, kommen Sie ans Feuer.
,Mrs. Fairfax vermutlich? fragte Jane.
,Die bin ich. Bitte, nehmen Sie Platz.
Sie führte Jane zu ihrem eigenen Stuhl und dort begann sie,
ihr den Schal abzunehmen und die Hutbänder zu lösen. Jane bat
sie, sich ihretwegen nicht so viel Umstände zu machen.
,O, das sind keine Umstände. Ihre eigenen Hände müssen
vor Kälte ja ganz erstarrt sein. Leah, bereite recht heißen Tee und
streiche ein paar Butterbrote; hier sind die Schlüssel zur Speisekammer.
Bei diesen Worten zog sie ein Bund Schlüssel aus ihrer Tasche
und übergab es der Dienerin.
,Und jetzt rücken Sie näher an das Feuer,. fuhr sie fort.
,Nicht wahr, meine Liebe, Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht?
,Jawohl, Madame.
,Ich werde dafür sorgen, daß man es auf Ihr Zimmer trägt,
sagte sie und trippelte geschäftig hinaus.
Solch einen Empfang hatte Jane wahrlich nicht erwartet; er
glich wenig den Erzählungen, die sie von der Behandlung der
Gouvernanten gehört hatte.
Mrs. Fairfax kehrte zurück; sie räumte ihren Strickstrumpfapparat und mehrere Bücher vom Tische, um platz für das Speisenbrett zu machen, welches Leah jetzt brachte, und dann reichte sie
selbst Jane die Erfrischungen. Diese ward ein wenig verwirrt, als
sie sich in dieser Weise zum Gegenstand so zarter, ungewohnter Aufmerksamkeiten gemacht sah, und das noch obendrein, wie sie
glaubte, von ihrer Brotherrin; da diese selbst aber gar nicht zu
finden schien, daß sie etwas tat, was ihr nicht zukam, hielt sie
es für das Beste, ihre Liebenswürdigkeit ruhig hinzunehmen.
,Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax noch heute
abend zu sehen ? fragte Jane, nachdem sie gegessen hatte.
, Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig schwerhörig,' entgegnete die gute Dame, indem sie ihr Ohr Janes
Munde näherte.
Deutlicher wiederholte Jane die Frage.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens ist der
Name Ihrer künftigen Schülerin.
, In der Tat? Dann ist sie also nicht Ihre Tochter?
,Nein. Ich habe keine Familie.
Wohl hatte Jane jetzt die Absicht, ihrer ersten Frage noch
einige andere folgen zu lassen; aber sie erinnerte sich noch zu rechter
Zeit, daß es nicht höflich sei, so viele Fragen zu stellen.
, Ich bin so froh' fuhr Mrs. Fairfax fort, als sie sich Jane
gegenüber setzte und die Kate auf ihren Schoß nahm, ,ich bin so
froh, daß Sie gekommen sind. jetzt wird das Leben hier mit einer
Gefährtin ganz angenehm sein. . Nun, es ist auch wohl zu allen
Zeiten angenehm, denn Thornfield ist ein prächtiger alter Herrensitz; während der letzten Jahre ist es allerdings ein wenig vernachlässigt worden, aber immerhin ist es ein stattlicher Ort; aber Sie
wissen wohl, selbst in dem schönsten Hause fühlt man sich zur
Winterszeit unglücklich, wenn man ganz allein ist. Ich sage allein
-- Leah ist gewiß ein liebes Mädchen, und John und sein Weib
sind anständige, brave Leute; aber sehen Sie, es sind doch immer
nur Dienstboten und man kann nicht mit ihnen wie mit seinesgleichen verkehren; man muß sie sich immer zehn Schritte vom
Leibe halten aus Furcht, seine Autorität zu verlieren. Sie können

und es regnete-- kam vom November bis zum Februar nicht eine
lebende Seele in dies Haus, mit Ausnahme des Schlächters und
des Postboten; und ich wurde wahrhaftig ganz tiefsinnig, wie ich
so Abend für Abend allein dasaß. Allerdings mußte Leah mir zuweilen vorlesen, aber ich fürchte, daß das arme Mädchen von dieser
Aufgabe nicht sonderlich entzückt war; sie kam sich dabei wohl wie
eine Gefangene vor. Im Frühling und Sommer ging es dann
natürlich besser. Sonnenschein und lange Tage machen einen so
großen Unterschied. Und nun zu Anfang dieses Herbstes kam die
kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin; ein Kind bringt sofort
Leben ins Haus, und jetzt, da auch Sie hier sind, werden wir am
Ende gar noch ganz lustig und vergnügt werden.'?
Als Jane die alte Dame so plaudern hörte, schlug ihr Herz
ihr warm entgegen; sie zog ihren Stuhl näher an den ihren und
sprach den aufrichtigen Wunsch aus, daß ihre Gesellschaft sich wirklich als so angenehm für Mrs. Fairfax erweisen möge, als diese
erwartete.
,Heute abend will ich Sie aber nicht lange wach halten,
sagte die alte Dame;, es ist jetzt Schlag zwölf Uhr, und Sie sind
den ganzen Tag unterwegs gewesen; Sie müssen ja todmüde sein.
Sobald Ihre Füße ordentlich erwärmt sind, will ich Ihnen Ihr
Schlafzimmer zeigen. Ich habe das Gemach, welches an das
meine stößt, für Sie herrichten lassen; es ist nur ein kleines
Zimmer, aber ich meinte, daß es Ihnen lieber sein würde, als eins
der großen Vorderzimmer; allerdings haben diese prächtigere
Möbel, aber sie sind so düster und einsam; ich könnte niemals
darin schlafen.
Jane dankte ihr für ihre rücksichtsvolle Wahl, und da sie sich
von der langen Reise wirklich ermüdet fühlte, zeigte sie sich bereit,
sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Mrs. Fairfax nahm ein Licht,
und Jane folgte ihr auf den Korridor hinaus. Zuerst überzeugte
sich Mrs. Fairfax, ob die große Haustür auch wirklich verschlossen
sei; nachdem sie den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen, führte sie
Jane die Treppe hinauf. Stufen und Geländersäulen waren von
Eichenholz; das Treppenfenster war hoch und vergittert; sowohl
dieses, wie die lange Galerie, auf welche die Schlafzimmertüren
hinausgingen, sahen aus, als gehörten sie zu einer Kirche und nicht
zu einem Hause. Eine feuchte, dumpfige Luft wie in einem Gewölbe, herrschte auf der Treppe, eine Luft, die den Gedanken an
trostlos öde Räume wachrief, und Jane war froh, als sie endlich
in ihr Zimmer trat und fand, daß es ein kleiner Raum und zierlich, aber einfach möbliert sei.
Als Mrs. Fairfax ihr eine herzliche gute Nacht gewünscht,
und sie ihre Tür sorgsam verschlossen hatte, sah sie sich mit Muße
um; der Anblick ihres behaglichen, kleinen Zimmers löschte den
Eindruck aus, welchen die weite Halle, die düstere, große Treppe
und jene lange, kalte Galerie auf sie gemacht hatten, und bald kam
es ihr zum Bewußtsein, daß sie nach ein paar Tagen körperlicher
Ermüdung und geistiger Erregung nun endlich in einen sicheren
Hafen eingelaufen sei. Dankbarkeit schwellte ihr Herz; sie kniete
neben ihrem Bette nieder und sandte ein inniges Dankgebet zu dem
empor, dem sie Dank schuldete, und bevor sie sich wieder erhob,
vergaß sie nicht, weitere Hilfe für ihren Pfad zu erflehen, und um
die Gabe zu bitten, sich der Güte wert machen zu können, welche
ihr in so reichem Maße zuteil wurde. In dieser Nacht lag sie auf
keinem Dornenlager; ihr einsames Zimmer war von Ruhe und
Frieden erfüllt. Zugleich müde und zufrieden, schlief sie bald fest
ein. Als sie erwachte, war es bereits heller Tag.
In dem Sonnenschein, welcher durch die hellblauen Fenstervorhänge fiel, erschien Jane das Zimmer so freundlich und gemütlich; sie wurde fast mutig bei dem Anblick der tapezierten Wände
und des teppichbelegten Fußbodens, welche den buntfarbigen Kalkwänden und nackten Holzböden in Lowood so unähnlich waren.
Ihr war, als müsse jetzt eine schönere Lebenszeit für sie anbrechen,
eine Zeit, welche neben ihren Dornen und Mühseligkeiten auch ihre
Blüten und Freuden haben würde.
Sie erhob sich. Mit großer Sorgfalt kleidete sie sich an. Wenn
sie auch gezwungen war, einfach zu sein, sie hatte kein einziges
Kleidungsstück, welches nicht in der einfachsten Weise gemacht war.
so hatte sie doch von Natur das größte Verlangen, sauber und nett
auszusehen. Nachdem sie das Fenster geöffnet und gesehen hatte,
daß sie auf dem Toilettetische alles sauber und ordentlich zurückließ,
ging sie hinaus.
Nachdem Jane die lange, mit Teppichen bedeckte Galerie entlang gegangen war, stieg sie die glänzend blanke Eichentreppe hinunter; dann kam sie in die Halle; hier stand sie eine Minute still.
und betrachtete einige Kupferstiche an den Wänden, eine Bronzelampe, welche von der Decke herabhing, eine große, alte Wanduhr, deren Gehäuse aus Eichenholz seltsam geschnitzt und durch die
Zeit schwarz und blank wie Ebenholz geworden war. Alles erschien ihr sehr stattlich und großartig; aber sie war ja auch so
wenig an Glanz und Pracht gewöhnt. Die Tür der Halle, welche
halb aus Glas war, stand offen; sie überschritt die Schwelle. Es
war ein herrlicher Herbstmorgen; die Sonne schien klar auf herbstlich gefärbtes Laub und noch immer frische Felder herab; sie ging
auf den freien platz hinaus und betrachtete die Front des Herrenhauses. Es war drei Stockwerke hoch, von großen Verhältnissen,
der Herrensitz eines Gentleman; Zinnen auf dem Dache gaben
dem Hause ein ritterliches Aussehen. Die graue Front hob sich
hübsch von dem Hintergrunde eines Krähengenistes ab, dessen
krächzende Bewohner jetzt flügge waren; sie flogen über den Grasplatz und den Park, um sich auf einer großen Weide niederzulassen,
von welcher erstere durch einen eingesunkenen Zaun getrennt
waren; auf dieser Wiese stand eine lange Reihe alter, starker, knorriger Dornenbäume, mächtig wie Eichen, welche sofort die Bedeutung der Benennung des Herrenhauses, nämlich Dornenfeld,
kenntlich machten. Die Hügel in der Ferne waren nicht so hoch
wie jene um Lowood, nicht so zackig, nicht so ähnlich Grenzsperren,
welche alles von der übrigen Welt abschlossen, aber doch stille,
einsame Hügel, welche Thornfield eine gewisse Abgeschiedenheit
verliehen. Ein kleiner Weiler, dessen Dächer von Bäumen überschattet waren, zog sich an einem der Hügel hinauf; die Kirche des
Bezirks stand näher an Thornfield, ihr alter Turm sah über einen
Hügel zwischen dem Hause und den Parkpforten hervor.
Jane freute sich noch an der friedlichen Aussicht und an der
frischen, angenehmen Luft, horchte noch mit Entzücken auf das
Gekrächze der Krähen, blickte noch auf die große, von der Zeit geschwärzte Front der Halle und dachte bei sich, welch ein weitläufiger Aufenthalt es für eine einzelne kleine Dame wie Mrs.
Fairfax sei, als diese Dame in der Tür erschien.
,Was? schon draußen? sagte sie.,Ich sehe, Sie sind gewöhnt früh aufzustehen.' Jane ging zu ihr und wurde mit einem
Kusse und einem herzlichen Händedruck bewillkommt.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte die alte Dame. Jane
sagte ihr, daß sie es sehr schön fände.
,Ja, erwiderte Mrs. Fairfax, ,es ist ein reizender Ort; aber
ich fürchte, die Besitzung wird vernachlässigt werden, wenn Mr.
Rochester nicht herkommt und seinen ständigen Wohnsitz hier
nimmt. Große Häuser und schöne Parks erfordern die Anwesenheit ihres Besitzers.
,Mr. Rochester!' rief Jane aus. ,Wer ist das?
,Der Besitzer von Thornfield, antwortete sie ruhig. ,Wußten
Sie nicht, daß er Rochester heißt ?
Natürlich wußte Jane das nicht, sie hatte ja noch niemals
von ihm gehört.
, Ich glaubte,! sagte Jane. , daß Thornfield Ihr Eigentum sei.'
,Mein Eigentum? Gott segne Sie, Kind! Welch eine Idee!
Mein Eigentum ? Ich bin nur die Haushälterin, die Verwalterin.
Allerdings bin ich durch die Familie seiner Mutter entfernt mit
den Rochesters verwandt, oder wenigstens war mein Gatte es: er
war ein Geistlicher, Pfründenbesitzer von Hay, jenes kleine Dorf
da drüben auf dem Hügel und die Kirche neben der Parkpforte
war die seine. Die Mutter des jetzigen Mr. Rochester war eine
Fairfax und meines Mannes Cousine im zweiten Grade; aber ich
tue mir auf diese Verwandtschaft niemals etwas zugute und erlaube mir deshalb keine Freiheiten; ich betrachte mich selbst in dem
Lichte einer ganz gewöhnlichen Haushälterin; mein Brotherr ist
immer höflich, und mehr erwarte ich nicht.
,Und das kleine Mädchen - meine Schülerin?
,Sie ist Mr. Rochesters Mündel; er beauftragte mich, eine
Gouvernante für sie zu suchen. Doch- da kommt sie mit ihrer
,Bonne', wie sie ihre Wärterin nennt?
Diese freundliche, gütige, kleine Witwe war also keine große
Dame, sondern eine Untergebene wie Jane selbst. Aber um so
besser für diese. Ihre Stellung war deshalb um so viel freier.
Während Jane noch über diese Entdeckung nachdachte, kam
ein kleines Mädchen, welchem eine Wärterin folgte, über den Grasplatz daher gelaufen. Jane betrachtete ihre Schülerin, welche sie
anfangs nicht zu' bemerken schien. Sie war noch ein Kind, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, zart gebaut, blaß mit kleinen Gesichtszügen und einem Überfluß von Haar, das in Locken über die
Schultern wallte.
,Guten Morgen, Miß Adela, sagte Mrs. Fairfax.,Kommen
Sie her und sprechen Sie mit dieser Dame, welche Ihre Lehrerin
sein wird, damit Sie eines Tages eine gescheite Dame werden.
Die Kleine kam näher.
,C’est la ma gouvernante?’ fragte sie zu ihrer Wärterin gewendet auf Jane zeigend; diese antwortete:
,Mais oui, certainement.’
,Sind sie Ausländer? fragte Jane, ganz erstaunt, die französische Sprache zu hören.
,Die Wärterin ist eine Ausländerin und Adela wurde auf dem Kontinent geboren; ich glaube auch, daß sie bis vor sechs Monaten dort verblieb. Als sie zuerst herkam, konnte sie kein Wort
englisch sprechen; jetzt hat sie es so weit gebracht, ein wenig sprechen
zu können, doch ich verstehe sie nicht, sie vermischt es zu sehr mit
dem Französischen; aber ich vermute, daß Sie sehr gut begreifen
werden, was sie meint.
Zum Glück hatte Jane sich einen solchen Grad der Fertigkeit
und der Korrektheit in der französischen Sprache angeeignet, daß
sie sehr wohl imstande war, mit der kleinen Adele gleichen Schritt
zu halten.
Als sie hörte, daß Jane ihre Gouvernante sei, kam sie auf sie
zugelaufen und reichte ihr die Hand; dann führte Jane sie in das
Frühstückszimmer und richtete einige Worte in ihrer Muttersprache ?
an sie; im Anfang antwortete das Kind sehr kurz, aber nachdem ;
alle am Tische Platz genommen hatten und sie Jane ungefähr zehn
Minuten mit ihren großen hellbraunen Augen angesehen hatte,
begann sie plötzlich ganz geläufig zu plaudern.
,Ach, rief sie auf französisch aus. , Sie sprechen meine
Muttersprache ebenso gut wie Mr. Rochester, ich kann mit Ihnen
reden wie mit ihm, und Sophie kann es auch. Sie wird glücklich
sein; hier kann niemand die arme Sophie verstehen, Madame
Fairfax ist durch und durch englisch. Sophie ist meine Wärterin;
sie ist mit mir über das Meer gekommen in einem großen Schiffe
mit einem Schornstein, der rauchte - und wie er rauchte! -
und ich war krank, und Sophie war es auch und Mr. Rochester
auch. Mr. Rochester legte sich auf ein Sofa in einem hübschen
Zimmer, das Salon genannt wurde, und Sophie und ich hatten
kleine Betten in einem anderen Zimmer. Beinahe wäre ich aus
dem meinen herausgefallen, es war ganz wie ein Brett. Und.
Mademoiselle wie heißen Sie doch?
,Eyre - Jane Eyre.
,Aire? Bah! Das kann ich nicht aussprechen. Nun also
weiter: gegen Morgen, der Tag war noch nicht ganz angebrochen,
hielt unser Schiff bei einer großen Stadt an -- bei einer sehr
großen Stadt, mit sehr düsteren Häusern, die ganz von Rauch geschwärzt waren; sie hatte gar keine Ähnlichkeit mit der sauberen,
hübschen Stadt, aus welcher ich kam. Und Mr. Rochester trug mich
auf seinen Armen über ein Brett ans Land, und Sophie kam
hinterher; dann stiegen wir alle in einen Wagen, der uns bis an
ein großes, prächtiges Haus brachte, viel größer und viel, viel
schöner als dieses, und es hieß ein Hotel'. Dort blieben wir beinahe eine Woche. Sophie und ich gingen oft auf einem großen,
grünen Platz voller Bäume umher, den sie Park' nannten. Außer
mir waren noch viele, viele Kinder dort, und ein Teich mit prachtvollen Vögeln darauf, die ich oft mit Brotkrumen gefüttert
habe.
,Können Sie sie denn eigentlich verstehen, wenn sie so schnell
plappert? fragte Mrs. Fairfax.
Jane verstand sie sehr gut, denn sie war an Madame Pierrots geläufige Zunge gewöhnt.
Dann fuhr die gute, alte Dame fort: ,Ich möchte gern, daß
Sie ein paar Fragen über ihre Eltern an sie richteten; es soll mich
doch wundern, ob sie sich ihrer noch erinnert?
,Adele, fragte sie, ,mit wem hast du in jener hübschen,
sauberen Stadt gewohnt, von welcher du mir erzählt hast?'
,Mit meiner Mama, aber die ist schon lange tot. Mama hat
mich auch tanzen und singen und schöne Verse hersagen gelehrt. Wollen Sie mich jetzt auch singen hören?
Sie war mit ihrem Frühstück zu Ende, und deshalb erlaubte
Jane ihr, eine Probe ihres Talents zu geben. Sie kletterte von
ihrem Stuhl herunter und kam zu Jane, um sich auf ihren Schoß
zu setzen; dann faltete sie ernsthaft ihre kleinen Hände, warf ihre
Locken zurück, heftete ihre Augen auf die Decke des Zimmers und
begann, eine Melodie aus irgend einer Oper zu singen.
Adele sang ganz geschmackvoll und mit der kindlichen Auffassung ihrer Jahre. Nachdem sie damit zu Ende, sprang sie von
Miß Eyres Schoße herab und sagte: ,jetzt, Mademoiselle, will ich
Ihnen etwas vordeklamieren.'
Dann begann sie: ‘La ligue des rats; fable de Lafontaine.’ Nun deklamierte sie das kleine Stück mit einer Achtsamkeit auf die Interpunktion und Betonung, einer Biegsamkeit
der Stimme und einer Zartheit der Bewegungen, welche für ihre
Jahre allerdings ungewöhnlich waren.
,Hat deine Mama dich dieses Gedicht gelehrt?' fragte Jane.
,Ja, und sie pflegte immer so zu sagen: ‘Ou’ avez-vous donc? lii dir un de des rats; parlez!’ Und dann ließ sie mich meine
Hand aufheben-- so um mich daran zu erinnern, daß ich die
Stimme erheben müsse bei der Frage. Soll ich Ihnen jetzt etwas
vortanzen ??
,Nein. jetzt ist es genug. Aber bei wem wohntest du, als
deine Mama gestorben war ??
,Bei Madame Frederich und ihrem Manne; sie hat mich gepflegt und für mich gesorgt, aber sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, daß sie arm ist, denn sie hatte kein so schönes Haus wie
Mama. Ich war nicht lange dort. Mr. Rochester kam und fragte
mich, ob ich mit ihm nach England gehen und bei ihm bleiben
möchte; und ich sagte ja. Denn ich kannte Mr. Rochester, bevor
ich Madame Frederich kannte, und er war immer gütig gegen mich
und schenkte mir schöne Kleider und hübsche Spielsachen. Aber
Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat mich nach England gebracht, aber er selbst ist wieder fortgegangen, und jetzt sehe
ich ihn nie mehr.
Nach dem Frühstück zog sich Jane mit Adele in die Bibliothek
zurück; wie es schien, hatte Mr. Rochester bestimmt, daß dieser
Raum als Schulzimmer benutzt werden sollte. Die Mehrzahl der
Bücher war in Glasschränken verschlossen; aber ein Bücherschrank,
welcher offen stand, enthielt alles, was für den elementaren
Unterricht gebraucht wurde, und verschiedene Bände der leichteren
Literatur, Poesie, Biographie, Reisebeschreibungen, einige
Romanzen usw. In diesem Zimmer befand sich auch ein ganz
neues Klavier von herrlichem Ton; außerdem eine Staffelei und
mehrere Erdkugeln.
Jane fand ihre Schülerin ausßerordentlich liebenswürdig, aber
sehr zerstreut. Sie war niemals an eine regelmäßige Beschäftigung
irgendwelcher Art gewöhnt gewesen. Jane fühlte, daß es nicht
ratsam sein würde, sie im Anfang zu sehr mit Arbeit zu überhäufen; deshalb erlaubte sie ihr, als aus dem Morgen Mittag geworden war, und sie viel zu ihr gesprochen und sie ein wenig hatte
lernen lassen, zu ihrer Wärterin zurückzukehren. -Jetzt zeichnete
Jane einige kleine Skizzen für ihren Gebrauch.
Als Jane darauf nach ihrem Zimmer ging, rief Mrs. Fairfax
ihr zu: ,Ihre Morgenschulstunden sind jetzt vorüber, wie ich vermute. Sie befand sich in einem Zimmer dessen Flügeltüren weit
geöffnet waren. Als sie Jane anredete, ging diese zu ihr hinein.
Es war ein großes, stattliches Gemach, mit purpurfarbigen
Möbeln und Vorhängen, einem türkischen Teppich, nußholzbekleideten Wänden, einem großen buntfarbigen Fenster und einer
reich geschnitzten Decke. Mrs. Fairfax wischte den Staub von
einigen Vasen aus herrlichem Rubinglas, welche auf einem
Tischchen standen.
,Welch ein prächtiges Zimmer,! rief Jane aus, indem sie
umher blickte, denn sie hatte noch nichts gesehen, was auch nur
halb so schön gewesen wäre.
, Ja, dies ist das Speisezimmer. Ich habe soeben das Fenster
geöffnet, um ein wenig Luft und Sonnenschein herein zu lassen,
denn in Zimmern, die selten bewohnt werden, wird alles feucht
und dumpfig. Drüben im großen Salon ist es gerade wie in
einem Gewölbe.
Sie deutete auf einen großen Bogen, welcher dem Fenster
gegenüber lag und mit persischen Vorhängen, die in Bogen aufgerafft waren, dekoriert war. Als Jane zwei breite Stufen, welche
zu demselben hinaufführten, erstiegen hatte, war es jhr, als täte
sie einen Blick ins Feenreich; so herrlich erschien ihr der Anblick,
welcher sich ihr darbot. Und doch war es nichts, als ein sehr
hübscher Salon mit einem Boudoir; beide waren mit weißen Teppichen belegt, die mit bunten Blumengirlanden bedeckt schienen;
die Decke war reich mit schneeigem Stuck bedeckt, welcher weiße
Weintrauben und Blätter darstellte; seltsam kontrastierten damit
die feuerroten Stühle und Ottomanen. Die Zierate, welche den
Kaminsims aus weißem, carrarischem Marmor schmückten, bestanden aus funkelndem, rubinrotem, böhmiscem Glas, und in den
Spiegeln zwischen den Fenstern wiederholte sich die allgemeine
Mischung von Schnee und Feuer.
, Wie schön Sie diese Zimmer in Ordnung halten, Mrs.
Fairfax!'' rief Jane. ,Kein Staub, keine Überzüge aus Glanzleinwand. Man könnte wirklich, glauben, daß sie täglich bewohnt würden, wenn die Luft nicht ein wenig gruftartig wäre.
,Nun, Miß Eyre, wenn Mr. Rochesters Besuche hier auch nur
selten sind, so kommen sie ebenfalls stets unerwartet und plötzlich;
und da ich bemerkt habe, daß es ihn stets schlechter Laune macht,
wenn er alles eingehüllt findet und mitten in die Geschäftigkeit des
Räumens hineinkommt, so dachte ich mir, es sei das Beste, die
Zimmer stets in Bereitschaft zu halten.'?
,Ist Mr. Rochester ein strenger und kleinlicher Herr?' fragte
Jane.
,Nicht gerade das; aber er hat die Neigungen und Gewohnheiten eines Gentleman, und er erwartet, daß alle Dinge sich dem
anpassen.'
,Lieben Sie ihn? Ist er allgemein beliebt?
,O ja. Die Familie hat hier stets in großer Hochachtung gestanden. Seit Menschengedenken hat alles Land in der Gegend,
so weit das Auge reicht, den Rochesters gehört.'
, Gut; aber lieben Sie ihn, ganz abgesehen von seinen Besitzungen? Lieben Sie ihn um seiner selbst willen?
,Ich habe keine Ursache, etwas anderes zu tun, als ihn zu
lieben, und ich glaube auch, daß seine Pächter und Untergebenen ihn als einen freigebigen und gerechter Gebieter betrachten; aber
er hat niemals viel unter ihnen gelebt.’
, Aber wie ist sein Charakter?’
, O, sein Charakter ist fleckenlos. Vielleicht ist er in manchen
Dingen ein klein wenig seltsam; ich vermute, daß er viel gereist ist
und viel von der Welt gesehen hat. Ich glaube auch, daß er sehr
gescheit ist, aber ich habe niemals Gelegenheit gehabt, mich viel mit
ihm zu unterhalten.’
,In welcher Weise ist er denn seltsam ?
,Ich weiß es nicht. Das ist nicht so leicht zu beschreiben -
nichts besonders Auffallendes, aber man fühlt es, wenn man mit
ihm spricht. Man weiß niemals, ob er im Scherz oder im Ernst
redet, ob er sich freut oder ob er sich ärgert. Kurzum, man versteht
ihn nicht recht - wenigstens ich verstehe ihn nicht. Aber das
schadet ja nichts; er ist ein sehr guter Herr und Gebieter.
Dies war alles, was Jane von Mrs. Fairfax über ihren Brotherrn erfahren konnte. Als sie das Speisezimmer verließen, schlug
Mrs. Fairfax Jane vor, ihr den übrigen Teil des Hauses zu zeigen;
und Jane folgte ihr treppauf, treppab und bewunderte alles im
Gehen, denn alles war schön und geschmackvoll geordnet. Besonders die großen Zimmer an der Vorderseite des Hauses erschienen ihr prächtig, und einige der Zimmer des dritten Stocks, obgleich düster und niedrig, waren interessant durch ihr altertümliches
Aussehen. Die Möbel, welche einst für die unteren Gemächer angeschafft worden, waren je nach den Anforderungen der Mode von
Zeit zu Zeit hier herauf geschafft, und das unsichere Licht, welches
durch die niederen Fenster eindrang, fiel auf Bettstellen, welche
mehr als ein Jahrhundert zählten; Truhen aus Nuß- und Eichenholz sahen mit ihren seltsamen Schnitzereien von Palmenzweigen
und Engelsköpfen aus wie ein Urbild der Arche Noäh; Reihen von
ehrwürdigen Stühlen mit schmalen und hohen Lehnen; noch ältere
Lehnstühle, auf deren gepolsterten Lehnen noch Spuren halbverwitterter Stickereien, welche vor zwei Generationen von Fingern
gearbeitet waren, die längst im Grabe moderten. All diese Reliauien verliehen dem dritten Stockwerk von Thornfield-Hall das
Aussehen eines Heims der Vergangenheit, eines Schreins der Erinnerungen. Jane liebte die Ruhe, das Dämmerlicht, die Eigentümlichkeit dieser Räume während der Tageszeit; aber sie wünschte
sich durchaus nicht das Vergnügen einer Nachtruhe auf diesen
großen und schweren Betten, deren einige durch Türen von Eichenholz abgeschlossen, andere mit schweren alten Vorhängen von englischer Arbeit verdeckt waren, deren Muster seltsame Blumen und
noch seltsamere Vögel und die allerseltsamsten menschlichen Gestalten darstellten-- wie seltsam würden erst all' diese Dinge im
bleichen Mondlicht ausgesehen haben!
,Schlafen die Diener in diesen Zimmern? fragte sie.
,Nein, sie bewohnen eine Reihe kleinerer Gemächer an der
Hinterseite des Hauses; hier schläft niemand.
,Wollen Sie mit mir auf das Dach hinaufgehen? fuhr Mrs.
Fairfax fort,,um die Aussicht von dort zu genießen? Jane folgte
ihr über eine sehr enge Treppe zu den Bodenkammern hinauf, und
von dort über eine Leiter und durch eine Falltür auf das Dach des
Herrenhauses. Sie befand sich jetzt auf gleicher Höhe mit der
Krähenkolonie und konnte einen Blick in ihre Nester werfen. Als
sie sich über die Zinnen lehnte und weit hinunter blickte, sah sie den
Park und die Gärten wie eine Landkarte vor sich liegen; der helle,
wie Samt geschorne Rasen, der sich dicht um das graue Fundament
des Hauses zog; die Felder und Wiesen, auf denen hier und da
große Haufen von starkem Bauholz lagen; der ernste, düstere Wald,
durch welchen sich ein Fußsteig zog, dessen Moos grüner war als
Sonnenlicht des Herbsttages hineinragten; der weite, tiefblaue,
mit leichten Federwölkchen besäte Himmelsbogen, das ganze vor
ihr liegende Bild hatte keinen besonders hervorragenden Zug, aber
es war lieblich und wohlgefällig. Als sie ihr Auge von demselben
abwandte und wieder durch die Falltür hinabstieg, konnte sie kaum
den Weg über die Leiter hinunter finden; im Vergleich mit dem
blauen Himmelsbogen, zu dem sie empor geblickt hatte, erschien
die Bodenkammer finster wie ein Gewölbe; düster wie ein Grab
nach jenem sonnigen Bilde des Parkes, der Weiden und grünen
Hügel, dessen Mittelpunkt das Herrenhaus war, und das sie soeben noch mit Wonne betrachtet hatte.
Kaum waren beide wieder in das untere Stockwerk gelangt,
als Adele lachend auf sie zukam.
,Mesdames, vous etes servies!' rief sie, ,j’ai bien faim,
moi!'
In Mrs. Fairfax' Zimmer fanden sie die Mahlzeit angerichtet.

Zwölftes Kapitel.
Eine Begegnung.
Die Aussicht auf einen ruhigen Verlauf ihrer Tage, welche
der erste Anfang in Thornfieldhall zu versprechen schien, wurde
nach einer näheren Bekanntschaft mit dem Orte und seinen Bewohnern durchaus nicht gestört. Mrs. Fairfax war in Wirklichkeit das, was sie zu sein schien, eine leidenschaftslose, gutherzige.
sich stets gleich bleibende Frau von guter Erziehung und einem
Durchschnittsverstande. Janes Schülerin war ein lebhaftes Kind,
welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig
und widerspenstig war; da sie indessen gänzlich ihrer Obhut anvertraut war, und keine unberufene und unvernünftige Einmischung von irgendeiner Seite jemals Janes Pläne und Absichten
in bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte, so vergaß das Kind bald
seine kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig. Adele
besaß keine hervorragenden Talente, keine scharfen Charakterzüge,
keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung, welche sie auch
nur um einen Zoll über andere Kinder empor gehoben hätte; aber
ebensowenig hatte sie irgendein Laster oder einen Fehler, welcher
nicht der eines Kindes gewesen wäre. Sie machte ziemlich gute
Fortschritte, hegte für Jane eine lebhafte Neigung und flößte ihr
durch ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen, ihr zu gefallen, so viel Liebe ein, daß Jane Freude und Vergnügen an des
Kindes Gesellschaft und in ihrer Tätigkeit fand.
Dann und wann, wenn Jane einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parktor hinunter gegangen war, um von
dort auf die Landstraße zu blicken, oder wenn Adele mit ihrer
Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte, kletterte Jane die drei Treppen hinauf, öffnete die
Falltür in der Bodenkammer und blickte, an die Galerie des
Daches gelehnt, weit über Felder und Hügel hinaus bis an die verschwommene Linie des Horizonts. Dann wünschte sie über jene
Grenzen fortsehen zu können, dorthin, wo die geschäftige Welt
und Städte und lebensvolle Gegenden waren, von denen sie wohl
gehört, die sie aber niemals gesehen hatte. Nicht die Ruhe ist es.
welche dem Menschen Zufriedenheit gibt, sondern vor allen die
Tätigkeit neben der Ruhe. So verließ Jane sehnsuchtsvoll' ihren
Ausblick und wanderte unruhig in der Galerie hin und her.
Nun noch einiges über die anderen Mitglieder des Haushalts. Diese, wie John und seine Frau, Leah das Hausmädchen
und Sophie, die französische Bonne, waren sehr anständige Leute,
aber in keiner Weise erhoben sie sich über das Gewöhnliche. Mit
Sophie pflegte Jane französisch zu sprechen und zuweilen richtete
sie auch Fragen über ihr Vaterland an sie; die Bonne besaß aber
weder die Gabe erzählen noch beschreiben zu können und gab
meistens so verwirrte und nichtssagende Antworten, daß sie
Janes Fragelust eher dämpften als ermutigten.
Oktober, November und Dezember gingen hin. Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen Freitag für Adele
gebeten, weil diese sich eine heftige Erkältung zugezogen hatte, und
Jane gewähite diese Bitte. Obgleich sehr kalt, war es ein schöner,
windstiller Tag; den ganzen Morgen hatte Jane ruhig sitzend in
der Bibliothek zugebracht, jetzt war sie dessen müde; Mrs. Fairfax
hatte gerade einen Brief beendigt, welcher darauf harrte, zur Post
getragen zu werden, und so nahm Jane Hut und Mantel und erbot
sich freiwillig, denselben auf das Postamt nach Hay zu bringen;
die Entfernung, welche ungefähr zwei Meilen betrug, sollte ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für sie sein. Nachdem sie Adele
gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs. Fairfax’ Kaminfeuer festgesetzt und Jane ihr die schönste Wachspuppe, welche gewöhnlich in Silberpapier gewickelt in einer Schublade verwahrt
lag, zum Spielen gegeben hatte und dazu noch der Abwechslung
wegen ein Geschichtenbuch, machte sie sich auf den Weg.
Der Boden war hart gefroren, die Luft war still, die Straße
einsam; Jane ging sehr schnell, bis sie sich erwärmt hatte, dann
verlangsamte sie ihren Schritt, um das Vergnügen des Weges so
recht zu genießen. Es war drei Uhr; die Kirchenuhr schlug, als sie
an dem Glockenturm vorüber ging; der Reiz der Stunde lag in der
herannahenden Dämmerung in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne. Jane war schon eine Meile von Thornfield
entfernt, in einem engen Heckenwege, welcher im Sommer seiner
wilden Rosen, im Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige, Schätze in
Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte; seine
herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Vereinsamung und laublosen, starren Ruhe. Selbst wenn ein Lüftchen
wehte, weckte es hier keinen Laut, denn hier war kein Stechpalmengesträuch, kein Immergrün, welches hätte rauschen können, und die entblätterten Weißdorn- und Haselnußbüsche lagen ebenso still da,
wie die weißen, ausgetretenen Steine, mit welchen der Fußpfad in
der Mitte gepflastert war. Weit und breit lagen zu jeder Seite nur
Felder, auf denen jetzt kein Vieh mehr weidete; und die kleinen,
braunen Vögel, welche sich dann und wann in der Hecke rührten,
sahen aus wie einzelne welke Blätter, die vergessen hatten, abzufallen.
Dieser Weg zog sich hügelaufwärts nach Hay; als Jane die
Mitte erreicht hatte, setzte sie sich an einem Zaun nieder, welcher sich
von dort quer über ein Feld zog. Sie hüllte sich dicht in ihren
Mantel, verbarg die Hände in ihrem Muff und fühlte auf diese
Weise die Kälte nicht, obgleich es scharf fror; dies bewies eine
dünne Eisschicht, welche den Fußpfad bedeckte, wo ein kleines, jetzt
gefrorenes Bächlein, noch vor wenigen Tagen nach starkem Tauwetter dahingerieselt war. Von ihrem Platze aus konnte sie auf
Thornfield hinunterblicken; das graue, mit Zinnen gekrönte
Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Tal zu
ihren Füßen, die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben
sich gegen Westen. Sie verweilte, bis die Sonne hinter den
Bäumen versank und feurig und klar zur Ruhe ging. Dann
wandte sie sich ostwärts.
Über der Spitze des Hügels oberhalb des Weges stand der
aufgehende Mond; jetzt noch bleich aber mit jedem Augenblick
strahlender werdend. Er blickte auf Hay hinab, das halb in
Bäumen versteckt, aus seinen wenigen Schornsteinen einen bläulichen Rauch gen Himmel sandte; es lag noch eine Meile entfernt,
aber in der tiefen Stille drangen die Töne des schwachen Lebens,
welches in dem Orte pulsierte, bis zu Jane herauf. Ihr Ohr vernahm auch das Rauschen von Strömen; jenseits Hay waren aber
viele Hügel, und zweifellos auch viele Bäche, welche von ihren
Höhen herabrauschten. In der Ruhe dieses Abends verriet sich sowohl das Rieseln der nächsten Bäche wie das Rauschen der weit
entferntesten.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch dies zarte, ferne und doch so
klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln, ein Trampeln, ein
metallisches Klirren.
Der Lärm war auf dem Fußpfade, ein Pferd näherte sich, die
Windungen des Weges verbargen es noch, aber es kam stetig näher;
Jane wollte gerade ihren platz verlassen, da der Pfad aber schmal
war, saß sie still, um es vorüber zu lassen. In jenen Tagen war
sie jung, und tausend helle und düstere Phantasien bemächtigten sich
ihres Gemüts; die Erinnerung an Kinderstubengeschichten lag dort
unter anderm Gerümpel aufgespeichert, und wenn sie wach wurden, verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke,
welche die Kindheit ihnen nicht zu geben vermocht hatte. Als dies
Pferd näher kam, und sie erwartete, es in der Dämmerung auftauchen zu sehen, fiel ihr eine von Bessies Geschichten ein, in welcher
ein Geist aus dem Norden Englands, namens Gytrash vorkam;
dieser suchte in Gestalt eines Pferdes, Maulesels oder großen
Hundes einsame Wege heim und überfiel zuweilen nächtliche Wanderer, gerade so wie dieses Pferd jetzt auf sie zu kam.
Es war schon sehr nahe, aber immer noch nicht sichtbar; da
vernahm Jane außer jenem Trapp, Trapp noch ein Rascheln unter
der Hecke, und dicht an den braunen Stämmen entlang lief ein
großer Hund, dessen schwarz und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte. Dies war nun gerade eine Maske aus Bessies Gytrash,
eine löwenähnliche Kreatur mit langer Mähne und großem Kopfe;
sie schlich indessen ruhig an ihr vorüber und blickte mit den seltsam
verständigen Hundeaugen nicht zu ihr auf, wie sie halb und halb
erwartete. Dann folgte das Pferd, ein starkes Roß, auf seinem
Rücken ein Reiter. Der Mann, das menschliche Wesen, brach den
Zauber sofort. Den Gytrash konnte niemand reiten, er stürmte
stets allein umher, und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber
der Tiere fahren konnten, so vermochten sie doch nicht, so viel Jane
wußte, die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen. Dies war
also kein Gytrash, sondern nur ein Reisender, welcher den kürzesten
Weg nach Millcote einschlug. Er ritt vorüber, und Jane ging
weiter; doch nur wenige Schritte, dann wandte sie sich um. Ein
Laut, als glitte irgend etwas aus, ein Ausruf, ein polternder Fall
erregten ihre Aufmerksamkeit. Roß und Reiter lagen am Boden;
sie waren auf der Eisfläche ausgeglitten, welche den gepflasterten
Fußpfad bedeckte. In großen Sprüngen kam der Hund zurück und
als er seinen Herrn in Verlegenheit sah und das Pferd stöhnen
hörte, begann er zu bellen, bis es von den Hügeln widerhallte. Er
beschnüffelte die auf dem Boden liegende Gruppe und dann kam
er zu Jane gelaufen; das war alles, was er tun konnte, keine andere
helfende Hand war zur Stelle. Jane folgte ihm und ging zu dem
Reiter hinunter, welcher jetzt begann, sich unter seinem Pferde hervorzuarbeiten. Seine Anstrengungen waren so kräftig, daß sie
glaubte, er könne keinen großen Schaden genommen haben; aber
sie fragte dennoch:
,Haben Sie sich verletzt, mein Herr?
Er antwortete nicht.
,Kann ich irgend etwas für Sie tun? fragte sie wiederum.
,Stellen Sie sich auf die Seite,' entgegnete er, indem er sich
erhob, erst auf die Knie, dann auf die Füße. Jane tat, wie er sie
hieß. Dann begann ein Heben, Stampfen, Schlagen, begleitet von
einem Bellen und Springen, welches sie in der Tat einige Schritte
vorwärts trieb; sie wollte sich jedoch nicht ganz entfernen, bevor
sie das Resultat gesehen. Dieses war am Ende ein glückliches; das
Pferd stand wieder auf den Füßen und der Hund wurde mit einem
, Kusch, Pilot!'' zur Ruhe gebracht. Dann beugte der Reisende
sich nieder und betastete seinen Fuß und sein Bein, wie um sich zu
vergewissern, ob sie heil geblieben; augenscheinlich war er von

Jane näherte sich ihm wiederum.
,Wenn Sie sich verletzt haben, mein Herr, oder Hilfe brauchen,
so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall Hilfe herbeiholen,' sagte sie.
,Ich danke Ihnen. Ich werde allein fertig werden. Ich habe kein Glied gebrochen, sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen,'' und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß; die
Untersuchung preßte ihm aber ein unwillkürliches,Au' aus.
Das Tageslicht war noch nicht ganz gewichen und der Mond
schien bereits hell: Jane konnte ihn deutlich sehen. Die Gestalt
war in einen weiten Reitmantel mit Pelzkragen und Stahlschlössern versehen gehüllt. Sie sah, daß der Mann von mittlerer
Größe und sehr breitschulterig sein mußte. Er hatte ein finsteres
Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn; die Augen mit den
hochgewölbten, zusammengewachsenen Brauen sprühten in diesem
Augenblick Wut und Zorn; er war über die erste Jugend fort, das
mittlere Lebensalter hatte er aber noch nicht erreicht; er mochte
ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen. Wieder winkte er ihr, beiseite zu gehen, sie verharrte aber auf ihrem Platze und kündigte ihm an:
‘Ich kann gar nicht daran denken, mein Herr, Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Gäßchen allein zu lassen, bevor ich gesehen habe, ob Sie imstande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.'
Als sie dies sagte, blickte er sie an. Bis dahin hatte er die
Augen kaum auf sie gerichtet.
,Mich dünkt, Sie sollten dafür sorgen, daß Sie selbst nach
Hause kämen,' sagte er, ,wenn Sie ein Haus in der Nähe haben.
Woher kommen Sie denn?
,Von dort unten; und ich fürchte mich durchaus nicht, spät
draußen auf der Landstraße zu sein, wenn der Mond scheint. Wenn
Sie es wünschen, werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüber laufen; ich gehe in der Tat nach dort, um einen Brief auf die
Post zu geben.
,Sie wohnen dort unten? Sie meinen doch nicht in jenem
Hause dort mit den Zinnen?’ mit diesen Worten deutete er auf
Thornfield-Hall, auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein
warf; deutlich und hell hob es sich von den Wäldern ab, welche jetzt
im Gegensatz zu dem westlichen Himmel eine ungeheure, schattige
Masse bildeten.
,Ja, mein Herr.
,Wem gehört das Haus?
,Mr. Rochester.
,Kennen Sie Mr. Rochester?
,Nein, ich habe ihn niemals gesehen.
,Er wohnt also jetzt nicht dort?
,Nein.
,Können Sie mir denn sagen, wo er sich aufhält?
,Nein, das kann ich nicht.
,Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause. Sie
sind - er hielt inne und ließ die Augen über Janes Kleidung
schweifen, welche wie gewöhnlich sehr einfach war: ein schwarzer
Merinomantel, ein schwarzer Filzhut; beides würde nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer gewesen sein. Es
ward ihm schwer zu entscheiden, wer sie eigentlich sein könne. Sie
half ihm.
, Ich bin die Gouvernante.
,Ahl! die Gouvernante!' wiederholte er, ,die hatte ich ganz
vergessen! Die Gouvernante! Die Gouvernante!'' und wiederum
unterwarf er Janes Toilette einer eingehenden Prüfung. Nach
zwei Minuten erhob er sich von seinem Plate am Zaun; sein Gesicht drückte den größten Schmerz aus, als er versuchte eine Bewegung zu machen.
,Ich kann Sie nicht beauftragen, Hilfe herbeizuholen,? sagte
er; ,aber Sie selbst können mir ein wenig helfen, wenn Sie die
Güte haben wollen.
,Ja, mein Herr.
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als Stützte gebrauchen könnte?
,Nein.
,Versuchen Sie, den Zügel meines Pferdes zu fassen und es
mir herzuführen. Sie fürchten sich doch nicht?
Wäre Jane allein gewesen, so würde sie sich gefürchtet haben,
ein Pferd zu berühren; da ihr jedoch geheißen wurde, es zu tun,
gehorchte sie. Sie legte ihren Muff am Zaun nieder und näherte
sich dem großen Pferde; sie bemühte sich, den Zügel zu fassen, es
war aber ein feuriges Tier und wollte sie seinem Kopfe nicht nahe
kommen lassen; all ihre Versuche blieben erfolglos; inzwischen
fürchtete sie sich beinahe zu Tode vor seinen Vorderhufen, mit denen
es unaufhörlich ausschlug. Der Fremde wartete und beobachtete
einige Zeit; endlich lachte er laut auf.
,Ich sehe schon,' sagte er, ,der Berg will sich nicht zu
Mahomet bringen lassen, daher können Sie weiter nichts tun als
Mahomet helfen, daß er zum Berge gehe; ich muß Sie bitten, herzukommen.
Sie ging.
,Verzeihen Sie mir, fuhr er fort, ,die Notwendigkeit zwingt
mich, Sie mir nützlich zu machen. Er legte eine schwere Hand auf
Janes Schulter, und sich mit Nachdruck auf sie lehnend, hinkte er
bis zu seinem Pferde. Als es ihm dann einmal gelungen war, den
Zügel zu fassen, beherrschte er es sofort und schwang sich in den
Sattel; aber seinem Gesichte merkte man es an, daß der verrenkte
Knöchel ihn heftig schmerzte.
,Jetzt,'' sagte er, ,geben Sie mir meine Peitsche; sie liegt dort
unter der Hecke.
Jane suchte und fand sie.
,Ich danke Ihnen; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay
und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück.
Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte, daß sein
Pferd sich bäumte und davon sprengte; der Hund folgte wie rasend
den Spuren, und alle drei verschwanden.
Jane nahm ihren Muff wieder auf und ging weiter. Bald
kam sie nach Hay, warf den Brief in den Schalter des Postbureaus
und machte sich auf den Weg nach Hause. Als sie wieder an den
Zaun kam, hielt sie eine Minute inne, blickte umher und horchte;
ihr war, als müsse sie wiederum Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Fußsteige vernehmen, als müßte wiederum ein Reiter
im Mantel und ein Gytrashähnlicher Neufundländer erscheinen,
aber sie sah nur eine Hecke und eine Pappelweide vor sich, die still
und bewegungslos und gerade in das kläre Mondeslicht hineinragten; sie hörte nur den leisen Windhauch, welcher eine Meile
weiter hügelabwärts dann und wann durch die Bäume fuhr, die
das Herrenhaus von Thornfield umstanden, und als sie der
Richtung, aus welcher das leise Murmeln kam, mit den Augen
folgte, sah sie, wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde. Es erinnerte sie daran, daß es bereits spät sei,
und sie eilte weiter.
Als Jane an der Parkpforte angelangt war, zögerte sie noch
einen Augenblick mit dem Eintritt, denn der Abend dünkte sie gar
zu schön. Dann ging se auf der Terrasse hin und her; die Jalousien der Glastür waren herabgelassen; sie konnte nicht in das
Innere des Zimmers blicken, und sowohl ihre Augen wie ihre
Seele schienen von dem düsteren Hause fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren Himmelsbogen, der sich wie ein blaues, bewegungsloses Meer vor ihr ausbreitete; feierlich und majestätisch
stieg der Mond empor und ließ die Spitzen jener Hügel unter sich,
hinter denen er hervorgekommen war; er strebte dem tiefdunklen,
unermeßlich fernen Zenith entgegen, und ihm folgten die zitternden
Sterne, denen sie mit bebendem Herzen nachblickte. Gar kleine und
geringe Dinge rufen uns oft auf die Erde zurück. In der Halle
schlug die Uhr, das genügte. Jane wandte ihre Augen von Mond
und Sternen ab, öffnete eine Seitentür und trat ins Haus.
Die Halle war nicht dunkel, aber ebensowenig war sie ganz
erhellt durch die Bronzelampe, welche hoch oben an der Decke hing;
eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren
Teil der alten Eichentreppe. Ein heller Schein drang aus dem
großen Speisezimmer, dessen hohe Flügeltüren geöffnet waren und
ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen; in prächtigem
Glanz zeigten sich die dunkelroten Draperien, die polierten Möbel,
die Marmorverkleidung des Kamins. Der Schein des Feuers fiel
auf eine Gruppe, welche sich vor demselben befand; kaum war
Jane derselben ansichtig geworden, kaum hatte sie den Ton fröhlicher Stimmen vernommen, unter denen sie jene Adelens zu unterscheiden glaubte, als die Tür auch schon wieder geschlossen wurde.
Sie eilte nach Mrs. Fairfax' Zimmer; auch dort brannte ein
Feuer, jedoch kein Licht. Mrs. Fairfax war nicht sichtbar. Statt
ihrer fand sie auf dem Kaminteppich, einsam, aufrechtsitzend, ernst,
einen großen, langhaarigen, schwarz und weißen Hund, ähnlich dem
Gytrash aus dem Heckengäßchen. Er war ihm in der Tat so ähnlich, daß sie näher ging und rief:
,Pilot! Das Tier erhob sich, kam auf sie zu und beschnüffelte
sie. Sie liebkoste und streichelte den Hund; er wedelte mit seinem
großen, schweren Schwanze; aber er sah ihr doch ein wenig zu unheimlich aus, um mit ihm allein zu bleiben, und sie wußte nicht einmal, woher er gekommen. Sie zog die Glocke, denn sie wünschte
ein Licht, und überdies hoffte sie auch Auskunft über diesen Gast
zu erhalten. Leah trat ein.
,Wo kommt dieser Hund her?
,Er ist mit dem Herrn gekommen.
,Mit wem??
,Mit dem Herrn, mit Mr. Rochester, er ist soeben angekommen.
,In der Tat! Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?
,Ja. Und Fräulein Adele auch. Sie sind im Speisezimmer
und John ist eben gegangen, um einen Wundarzt zu holen; denn
unser Herr hat einen Unfall gehabt. Sein Pferd ist gestürzt und
er hat sich den Knöchel verrenkt. !
,Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt, der von Hay herabführt?
,Ja, als er bergab ritt, ist es auf dem Glatteise gestürzt.
,Ah, Leah, wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen? Ich bitte
Sie darum.
Leah brachte sie; als sie eintrat, folgte Mrs. Fairfax ihr auf
dem Fuße und wiederholte die Erzählung. Sie fügte noch hinzu,
daß Mr. Carter gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei. Dann
eilte sie hinaus, um ihre Vorbereitungen für den Tee zu treffen.
Jane ging nach oben, um Hut und Mantel abzulegen.

Dreizehntes Kapitel.
Mr. Rochester.
Mr. Rochester befolgte den Befehl des Arztes, indem er an
diesem Abend frühzeitig zu Bett ging. Am folgenden Morgen
stand er spät auf. Als er dann herunterkam, war es nur, um sich
den Geschäften zu widmen; sein Bevollmächtigter und einige seiner
Pächter waren gekommen und warteten jetzt, um mit ihm sprechen
zu können.
Adele und Jane mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen;
es sollte täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen. Im
oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt; dorthin trug Jane
die Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein. Im
Laufe des Morgens hatte sie noch Gelegenheit wahrzunehmen, daß
Thornfield-Hall ein anderer Ort geworden; es war nicht mehr still
wie in einer Kirche; zu jeder Stunde hallte ein lautes Klopfen an
der Tür oder der Ton der Glocke durch das Haus; oft ertönten
Schritte in der Halle; von unten herauf vernahm man den Schall
fremder Stimmen. Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch ihr stilles Heim. Thornfield hatte einen Herrn bekommen. Ihr gefiel es jetzt besser.
An diesem Tage war es nicht leicht, Adele zu unterrichten; sie
konnte sich nicht sammeln. Jeden Augenblick lief sie zur Tür und
blickte über das Treppengeländer hinab, um zu sehen, ob sie nicht
einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne. Dann erfand
sie allerlei Vorwände, um hinuntergehen zu dürfen. Als Jane dann
ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl, still zu sitzen, begann sie
unaufhörlich von ihrem ‘Ami, Monsieur Edouard Fairfax de
Rochester,' wie sie ihn taufte, zu sprechen, und Vermutungen über
die Geschenke anzustellen, welche er ihr möglicherweise mitgebracht
hatte; denn wie es schien, hatte er ihr abends zuvor angedeutet,
daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme, sie eine kleine Schachtel
finden würde, deren Inhalt sie möglicherweise interessieren könne.
,Et cela doit signifier,’ sagte sie, ‘qu’il y aura là dedans un cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Mademoiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’a demandé le nom de ma gouvernante, et si elle n’était pas une petite personne, assez once et un peu pale. J’ai dit que oui: car c’est vrai, n’est-ce pas, Mademoiselle?’
Wie gewöhnlich speiste Jane mit ihrer Schülerin in Mrs.
Fairfax’ Wohnzimmer. Der Nachmittag war rauh und es
schneite, und sie brachten denselben im Schulzimmer zu. Mit
Dunkelwerden erlaubte sie Adele, Bücher und Arbeiten fortzulegen
und hinunter zu laufen; denn aus der verhältnismäßigen Stille
unten und dem Aufhören des Läutens an der Haustürglocke schloß
sie, daß Mr. Rochester jetzt unbeschäftigt sei. Allein geblieben,
trat sie ans Fenster; aber man konnte nichts mehr sehen; die
Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und
verbargen sogar das Gebüsch auf dem Wiesenplan vor dem Hause.
Sie zog die Vorhänge zusammen und setzte sich wieder an das
Feuer. Sinnend saß sie so da, als Mrs. Fairfax eintrat.
,Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein, wenn Sie und
Und das soll bedeuten, daß ein Geschenk für mich darin sein wird,
und vielleicht auch für Sie, Fräulein. Der Herr hat von Ihnen gesprochen:
er hat mich nach dem Namen meiner Gouvernante gefragt, und ob diese nicht
eine kleine Person sei, ziemlich dünn und ein wenig bleich. Ich habe Ja
gesagt; denn es ist wahr, Fräulein, nicht wahr?
Ihre Schülerin heute abend den Tee mit ihm im Salon einnehmen
wollten,' sagte sie,,er ist während des ganzen Tages so sehr beschäftigt gewesen, daß er bis jetzt keine Zeit gehabt, Sie aufzusuchen.
,Um welche Zeit nimmt er den Tee? fragte Jane.
,O, um sechs Uhr. Auf dem Lande hält er sich an frühe
Stunden. Es wäre am besten, wenn Sie jetzt schon gingen, um
Ihre Toilette zu wechseln. Ich werde mit Ihnen gehen, um Ihnen
zu helfen. Hier ist eine Kerze.
,Ist es denn durchaus notwendig, meine Kleidung zu
wechseln?
,Ja, es ist besser, wenn Sie es tun. Ich mache stets Toilette
für den Abend, wenn Mr. Rochester hier ist.
Diese Sitte erschien Jane ein wenig prahlerisch. Indessen begab sie sich auf ihr Zimmer und mit Mrs. Fairfax' Hilfe tauschte
sie ihr schwarzes wollenes Kleid gegen ein seidenes von gleicher
Farbe; es war das beste und nebenbei auch das einzige, welches sie
besaß, mit Ausnahme eines hellgrauen, welches nach ihren
Toilettenbegriffen, die sie aus Lowood mitgebracht, zu prächtig
und elegant war, um es bei anderen als höchst feierlichen Gelegenheiten zu tragen.
,Sie brauchen noch eine Brosche, sagte Mrs. Fairfax, Jane
besaß einen einzigen kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen,
welchen Miß Temple ihr beim Abschied als Andenken geschenkt
hatte; diesen legte sie an und dann gingen sie hinunter. Sie war
nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt, und daher war es fast
eine schwere Prüfung für sie, so förmlich aufgefordert vor Mr.
Rochester zu erscheinen. Sie ließ Mrs. Fairfax zuerst in das
Speisezimmer eintreten und hielt sich in ihrem Schatten, als sie
dieses Gemach durchschritten. Dann gingen sie unter dem Bogen
durch, dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren, und traten in die
elegante Vertiefung, welche sich hinter demselben befand.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem
Kamin; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers
lag Pilot, neben ihm kniete Adele. Halb zurückgelehnt auf einem
Ruhebett lag Mr. Rochester; sein Fuß war durch ein Polster gestützt; er blickte auf Adele und den Hund; der Schein des Feuers
fiel voll auf sein Gesicht. Jane erkannte sofort den Reiter mit der
hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen wieder;
das schwarze Haar ließ die Stirn noch weißer erscheinen.
Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfax' und ihren Eintritt wohl
bemerkt haben; aber er war nicht in der Laune, Notiz von ihnen zu
nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, als sie näher
traten.
,Hier ist Miß Eyre, mein Herr, sagte Mrs. Fairfax in ihrer
ruhigen Weise. Er neigte den Kopf leicht, aber immer wandte er
noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde.
,Lassen Sie Miß Eyre platz nehmen,'' sagte er, und in der
förmlichen, steifen Verbeugung lag etwas, das zu sagen schien:
,Was kümmert es mich, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem
Augenblick verspüre ich keine Lust, mit ihr zu sprechen.'?
Jane setzte sich und ihre Verlegenheit war gänzlich geschwunden. Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde sie wahrscheinlich verwirrt haben; sie hätte ihn nicht durch Eleganz ihrerseits erwidern können; aber solche schroffe Launen legten ihr keine
Verpflichtung auf. Außerdem war ihr sein eigentümliches Benehmen interessant, und sie beobachtete, wie es nun weiter gehen
würde.
Er benahm sich also weiter, wie eine Statue es ungefähr getan haben würde; das heißt, er sprach weder, noch bewegte er sich.
Da begann Mrs. Fairfax zu sprechen. Freundlich wie gewöhnlich
und auch sehr alltäglich, begann sie ihn wegen der dringenden Geschäfte zu bemitleiden, mit welchen er während des ganzen Tages
überbürdet gewesen, wegen der Verrenkung, welche ihm große
Schmerzen verursachen müsse; dann empfahl sie ihm Geduld und
Ausdauer während des Verlaufs seiner Heilung.
,Madame, ich bitte um eine Tasse Tee,' lautete die einzige
Antwort, welche sie erhielt. Sie beeilte sich, die Glocke zu ziehen;
und als das Teebrett gebracht wurde, begann sie, die Tassen,
Löffel usw. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen. Adele und
Jane gingen an den Tisch; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht.
,Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen? sagte Mrs.
Fairfax zu Jane. ,Adele könnte den Tee verschütten.
Jane tat, was sie begehrte. Als er ihr die Tasse aus der
Hand nahm, rief Adele, welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt, eine Bitte zu Janes Gunsten auszusprechen:
,N’est-ce pas, Monsieur, qu’il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?’
,Wer redet von cadeau?’ fragte er rauh. ,Haben Sie ein
Geschenk erwartet, Miß Eyre? Lieben Sie vielleicht Geschenke?
und forschend blickte er ihr ins Gesicht mit Augen, in denen Zorn
und Ärger blitzten.
,Ich weiß es kaum, mein Herr; ich habe in dieser Beziehung
wenig Erfahrung. Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr
angenehme Dinge.
,Im allgemeinen hält man sie dafür!! Aber was halten Sie
davon??
,Ich müßte mir wirklich Zeit nehmen, Sir, um zu überlegen,
bis ich eine Antwort finden könnte, die Ihrer Annahme würdig
wäre. Ein Geschenk hat viele Gesichter. Nicht wahr? Und man
sollte jedes einzelne betrachten, ehe man eine Meinung über seine
Beschaffenheit ausspricht.
,Miß Eyre, Sie sind nicht so harmlos und einfach wie Adele;
sie verlangt laut ein cadeau, sobald sie meiner ansichtig wird. Sie
hingegen klopfen auf den Busch.
,Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe, als
Adele; sie kann das Recht der Gewohnheit und die alte Bekanntschaft geltend machen, denn sie hat mir erzählt, daß Sie ihr stets
Spielsachen zu schenken pflegten. Mir würde es aber die größte
Schwierigkeit bereiten, wenn ich irgendeinen berechtigten Anspruch
an Sie erheben sollte, denn ich bin eine Fremde und habe nichts
getan, um eine Belohnung von Ihnen zu verdienen.
,D, bitte, verfallen Sie jetzt nicht in das Extrem zu großer
Bescheidenheit! Ich habe Adele examiniert und finde, daß Sie sich
Nicht wahr, mein Herr, in Ihrem Koffer liegt ein Geschenk für
Fräulein Eyre?
mit ihr große Mühe gegeben haben. Sie ist nicht besonders aufgeweckt; sie hat kein großes Talent, und doch hat sie in kurzer Zeit
große Fortschritte gemacht.
,Sir, jetzt haben Sie mir mein cadeau gegeben; ich bin Ihnen
außerordentlich dankbar; nichts kann einem Lehrer größere Freude
machen als Lob über die Fortschritte seiner Schüler.
,Bah!' sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Tee schweigend aus.
,Kommen Sie hierher ans Feuer,'' sagte der Hausherr, als
das Teegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem
Strickzeug in einen Winkel setzte, und Adele sie an der Hand durch
das ganze Zimmer führte, um ihr all die prächtigen Bücher und
Nippsachen auf Konsolen und Kommoden zu zeigen. Sie gehorchte pflichtschuldig. Adele wollte auf ihrem Schoß Plat
nehmen, aber es wurde ihr anbefohlen, sich mit Pilot zu unterhalten.
,Sie halten sich jetzt schon drei Monate in meinem Hause auf?!
.Ja, Sir.
, Und Sie kamen aus - - -
, Aus der Schule zu Lowood in .. shire.
, Ah! eine Wohltätigkeitsanstalt! Wie lange waren Sie
dori?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben. Ich meinte,.
daß die Hälfte der Zeit genügen müsse, um jede Gesundheit aufzureiben! Kein Wunder, daß Sie beinahe aussehen, als kämen
Sie aus einer anderen Welt. Ich habe mich schon ganz erstaunt
gefragt, woher Sie ein solches Gesicht haben könnten. Als Sie
mir gestern abend in dem Heckenwege entgegenkamen, mußte ich
unwillkürlich an Gespenstergeschichten denken, und ich hatte schon
die Absicht zu fragen, ob Sie mein Pferd behext hätten. Wer sind
Ihre Eltern?
,Ich habe keine.
, Und hatten vermutlich auch niemals welche; erinnern Sie
sich ihrer nicht?
,Nein.
, Nun,'' fuhr Mr. Rochester fort, , wenn Sie nun auch Ihre
Eltern verleugnen, so müssen Sie doch irgendwelche Verwandte
haben, Onkel oder Tanten?
, Keine, die ich jemals gesehen.'
, Und Ihr Heim?
, Ich habe keins.
, Wo leben denn Ihre Brüder und Schwestern?!
, Ich habe weder Brüder noch Schwestern.
,Wer empfahl Ihnen denn, hierher zu kommen?!
,Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken, und Mrs. Fairfax beantwortete diese Annonce.
,Ja,! sagte die gute Dame, ,und täglich danke ich der Vorsehung für die Wahl, welche sie mich treffen ließ. Miß Eyre ist
eine unschätzbare Gefährtin für mich, und eine gütige, sorgsame.
pflichtgetreue Lehrerin für Adele.
,Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugnis auszustellen,' entgegnete Mr. Rochester, ,Lobeserhebungen ködern mich nicht. Ich
werde für mich selbst urteilen. Sie hat damit angefangen, mein
Pferd zu Boden zu strecken,'' sagte er scherzend.
,Sir? sagte Mrs. Fairfax.
,Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken,' fuhr er scheinbar
ernst fort.
Die Witwe blickte beide erstaunt an.
,Miß Eyre, sagen Sie mir, haben Sie jeweils in einer Stadt
gewohnt??
,Nein, Sir.
,Haben Sie viel Gesellschaft gesehen?
, Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood; und jetzt die Bewohner von Thornfield.
,Haben Sie viel gelesen?
,Nur solche Bücher, deren ich zufällig habhaft werden konnte;
und diese waren weder sehr zahlreich noch sehr gelehrt.
, Sie haben das Leben einer Nonne geführt; ohne Zweifel
sind Sie in religiösen Formen gut geschult; Brocklehurst, welcher, wie ich glaube, Direktor von Lowood, ist ein Prediger, wenn
ich nicht irre?
,Ja, Sir.
,Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich.
,O nein!
,Sie sind sehr aufrichtig!
,Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht; und ich stand
mit meinem Gefühl nicht allein da. Er ist ein harter Mann, der
unendlich übermütig war und sich stets Übergriffe erlaubte. Er
ließ uns das Haar abschneiden, und aus Sparsamkeit kaufte er
schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn, mit denen wir kaum
nähen konnten.'
,Das war eine sehr verkehrte Sparsamkeit,r bemerkte Mrs.
Fairfax, welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder aufnehmen
konnte.
, Und war dies das größte und schwärzeste seiner Verbrechen? fragte Mr. Rochester.
, Er ließ uns beinahe verhungern, als er die alleinige Aufsicht über die Verwaltung der Verpflegung führte, bevor noch das
Komitee eingesetzt wurde; und wöchentlich einmal langweilte er
uns mit langen Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus
Büchern, die er selbst zu wählen pflegte; diese handelten stets von
plötzlichen Todesfällen und fürchterlichen Strafen, so daß wir
abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
, Ungefähr zehn Jahre alt.
, Und acht Jahre blieben Sie dort. Da sind Sie also jetzt
achtzehn Jahre alt?
Jane nickte bejahend.
,Wie Sie sehen ist die Rechenkunst sehr nützlich. Ohne ihre
Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen, Ihr Alter zu erraten. Es
ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle, wo Züge und
Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen, wie es
bei Ihnen der Fall ist. Und nun erzählen Sie mir, was Sie in
Lowood gelernt haben. Können Sie Klavier spielen??
,Ein wenig.
, Natürlich ein wenig'. Das ist so die gewöhnliche Antwort.
Gehen Sie in die Bibliothek,d. h. wenn Sie so liebenswürdig sein
wollen. Verzeihen Sie meinen Kommandoton; ich bin daran gewöhnt zu sagen: Tun Sie dies', und es ist geschehen; ich kann
meine alten Gewohnheiten eines einzigen neuen Hausgenossen
zuliebe nicht ablegen. Gehen Sie also in die Bibliothek; nehmen
Sie eine Kerze mit, lassen Sie die Tür offen, setzen Sie sich ans
Klavier und spielen Sie ein Lied.
Jane ging, um seinen Weisungen Folge zu leisten.
, Genug !' rief er nach wenigen Minuten. ,Sie spielen allerdings ein wenig', ich sehe schon; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen, vielleicht noch ein wenig besser, aber durchaus
nicht gut.
Jane schloß das Klavier und kehrte in das Wohnzimmer zurück. Mr. Rochester fuhr fort:
, Adele hat mir heute morgen einige Skizzen gezeigt, von
denen sie sagte, daß es die Ihrigen seien. Ich weiß nicht, ob dieselben Ihr Werk allein sind, wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen
dabei geholfen??
, Nein, gewiß nicht!' rief Jane schnell.
,Ah! da erwacht die Eitelkeit. Gut also, holen Sie Ihre
Mappe, wenn Sie dafür bürgen können, daß sie nur Originale enthält; aber geben Sie Ihr Wort nicht, wenn Sie nicht ganz
sicher sind. Ich erkenne sofort jedes Flickwerk.
, Dann werde ich also gar nichts sagen, Sir, und Sie werden
selbst urteilen.
Jane holte die Mappe aus der Bibliothek.
,Bringen Sie mir den Tisch heran,' sagte er, und Jane schob
denselben an sein Ruhebett. Adele und Mrs. Fairfax kamen auch
heran, um die Bilder zu sehen.
, Kein Gedränge,'' sagte Mr. Rochester, ,nehmen Sie mir die
Zeichnungen aus der Hand, wenn ich damit fertig bin; aber drücken
Sie Ihre Gesichter nicht an das meine.
Mit Muße betrachtete er jedes Bild, jede Zeichnung. Drei
von diesen legte er beiseite; die anderen schob er von sich, nachdem er
sie geprüft hatte.
, Nehmen Sie sie nach jenem Tische dort, Mrs. Fairfax,
sagte er, ,und betrachten Sie sie mit Adele; Sie, Miß Eyre, nehmen
Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen. Ich sehe,
daß diese Skizzen von einer Hand herrühren; war es die Ihre?
.Ja.
,Und wann haben Sie Zeit gefunden, sie zu machen? Sie
haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert.
,Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood, als
ich keine andere Beschäftigung hatte.
,Woher haben Sie die Motive genommen?
,Aus meinem eigenen Kopfe.
,Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich?
,Ich meine wohl; aber ich hoffe, daß er deren noch bessere in
sich trägt.
Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie
abwechselnd.
Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt. Das erste
stellte düstere, blaugraue, niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar. Die ganze Ferne lag in Finsternis da und
ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen, denn
es war gar kein Land auf dem Bilde. Ein einziger Lichtstrahl
fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast, auf
welchem ein Wasserrabe saß, dunkel und groß, dessen Flügel mit
Wellenschaum bespritzt waren; im Schnabel hielt er ein goldenes
Armband, welches mit Edelsteinen reich besetzt war; diesen hatte
die Malerin die reichsten Farben verliehen, welche ihre Palette
herzugeben vermocht. Hinter Mast und Vogel schien ein Ertrunkener in dem grünen Wasser zu versinken; ein weißer Arm war das
einzige Glied, das deutlich sichtbar; von ihm war das Armband
herunter gespült oder gerissen.
Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige
Spitze eines Hügels, von welchem einige Blätter und Grashalme
wie vom Winde getrieben, herabrollten. Hinter und über dem
Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus, tiefblau wie zur
Dämmerzeit; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer
Frau, in weichen und unbestimmten Farben gemalt. Die klare
Stirn war von einem Stern gekrönt, die unteren Gesichtszüge sah
man nur wie durch dichten Nebel; die Augen glänzten dunkel und
wild; das Haar fiel schattengleich herab, wie eine strahlenlose Wolke.
welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat.
Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges, welcher
in den nördlichen Winterhimmel hineinragte. Am Horizont schoß
ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor.
Diese in die Ferne schleudernd, erhob sich im Vordergrund ein
Kopf, ein kolossaler Kopf, welcher sich dem Eisberg zuneigte und
an diesem ruhte. Zwei magere Hände, welche sich unter der Stirn
kreuzten und diese stützten, zogen einen schwarzen Schleier vor die
unteren Gesichtszüge; eine bleiche Stirn, weiß wie Elfenbein und
ein hohles, starres Auge, das keinen anderen Ausdruck hatte als
den der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Über den Schläfen,
zwischen turbanartigen Falten einer düstern Drapiere, die in Form
und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war, glänzte ein Ring von
weißen Flammen, auf dem hier und da Funken von intensiverem
Glanz leuchteten. Dieser blasse Halbkreis war das Ebenbild einer
Königskrone; was diese krönte, war die Form, die keine
Form hat.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?' fragte
Mr. Rochester.
,Ich hatte mich in die Arbeit vertieft, Sir; ja -- ich war glücklich. Als ich sie malte, empfand ich eine der höchsten Freuden, die
ich jemals gekannt.
, Das will nicht viel sagen. Nach Ihrer eigenen Erzählung
sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen; aber ich vermute, daß Sie
sich in einer Art von KünstlersTraumland befanden, als Sie diese
seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen.
Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht?
,Ich hatte nichts anderes zu tun, da es Ferienzeit war, und
ich saß von Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend
dabei. Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung
zum Fleiß.
, Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden?
,Weit entfernt davon. Der Abstand zwischen meiner Idee
und meiner Ausführung quälte mich; in jedem dieser drei Fälle
hatte mir etwas vorgeschwebt, was ich außerstande gewesen zu
verwirklichen.''
, Nicht ganz. Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten, ist
Ihnen gelungen; mehr wahrscheinlich nicht. Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse, um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können; jedoch sind die Zeichnungen
für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert. Die Ideen sind
vollständig elfenartig, geisterhaft. Diese Augen in dem Abendstern' müssen Sie einmal im Traume gesehen haben. Wie haben
Sie es nur angefangen, diese so klar und doch nicht glänzend wieder
zu geben? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre
Strahlen. Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe.
Und wer hat Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm. Hier,
tragen Sie die Zeichnungen wieder fort.
Kaum hatte Jane die Bänder ihrer Zeichenmappe wieder zusammengebunden, als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte:
,Es ist neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, Adele so
lange aufsitzen zu lassen? Bringen Sie sie zu Bett.
Adele ging und gab ihm einen Kuß, bevor sie das Zimmer
verließ.
,Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht,r sagte er und
machte eine Handbewegung nach der Tür, zum Zeichen, daß er der
Gesellschaft müde sei und sie entließe. Mrs. Fairfax legte ihre
Strickerei zusammen; Jane nahm ihre Zeichenmappe; sie verneigten
sich vor ihm, erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß, und zogen sich dann zurück.
,Mrs. Fairfax, Sie sagten, daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichkeiten besitze,'' bemerkte Jane, als sie wieder zu ihr ins Zimmer trat, nachdem sie Adele ins Bett gebracht
hatte.
,Nun, und besitzt er deren??
,Ich glaube wohl. Er ist sehr veränderlich und launenhaft.
,Das ist allerdings wahr. Ohne Zweifel muß er einem
Fremden so erscheinen, aber ich bin schon so lange an seine Art und
Weise gewöhnt, daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber
mache. Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern, wenn
seine Laune nicht immer gleichmäßig ist.
,Weshalb das?
,Teilweise, weil es in seiner Natur liegt, und keiner von uns
kann gegen seine Natur kämpfen; hauptsächlich aber, weil er
wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag, die ihn
peinigen und seine gute Laune stören.
,Was quält ihn denn?
,Familienkummer vor allen Dingen.
,Aber er hat ja keine Familie.
,Jetzt nicht mehr, aber er hatte eine; Verwandte wenigstens.
Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren.
,Seinen älteren Bruder?
,Ja. Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr
lange im Besitz der Güter und des Vermögens; erst ungefähr seit
neun Jahren.
,Neun Jahre sind eine lange Zeit! Liebte er seinen Bruder
so zärtlich, daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist?
,Nein, nein, das ist vielleicht nicht der Fall. Ich glaube aber,
daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden. Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht, und
vielleicht war er es auch, der den Vater gegen ihn einnahm.
Aus diesem Grunde hält sich Mr. Rochester auch nicht gern in
Thornfield auf, um nicht den alten Erinnerungen zu erliegen.

Vierzehntes Kapitel.
Mrs. Reeds Tod.
Mr. Rochester hielt sich dieses Mal länger in Thornfield auf
als gewöhnlich, und Jane erkannte bald ihr Unrecht, wenn sie ihn
für hochmütig und launenhaft hielt. Im Gegenteil sah sie bald
ein, daß er trotz seiner anscheinenden Strenge und Rauheit ein
gutes und vor allem gerecht denkendes Herz hatte. Bald war er
ihr gegenüber nicht mehr steif und herrisch, sondern mitteilsam und
vertraulich. Die Leichtigkeit und Freiheit seiner Manieren befreite
sie vom quälenden Zwange; seine freundliche Offenherzigkeit tat ihr
wohl. Zuweilen war es ihr, als sei er ihr nahe verwandt, sie vergaß
ganz, daß er eigentlich ihr Brotherr war. Wohl war er hier und da noch
gebieterisch und herrisch; aber das kränkte sie nicht mehr, da sie nun
wußte, daß es nun einmal so seine Art sei. So fühlte sie sich zufrieden und glücklich; auch ihre körperliche Gesundheit wurde besser,
sie wurde stark und kräftig.
Besonders dankbar aber war sie ihrem Brotherrn für die
geistige Nahrung, die er ihr bot. Er gab ihr Bücher aus seiner
Bibliothek, deren Inhalt er dann in den Mußestunden mit ihr besprach. Auch schenkte er ihr einen prächtigen Farbenkasten und
Malutensilien und ermahnte sie, ihr ausgezeichnetes Maltalent zu
pflegen. So förderte er Jane auf jede Weise.
In dieses friedliche Leben Janes platzte wie, eine Bombe eine
Nachricht von ihrer Tante, der beinahe vergessenen Mrs. Reed hinein. Eines Tages befand sich Jane in ihrem Zimmer, als Leah ihr
mitteilte, daß jemand sie in Mrs. Fairfax Zimmer erwarte.
Als Jane hinunter kam, fand sie einen Mann, der auf sie
wartete; er sah aus wie ein herrschaftlicher Kammerdiener; er war
in tiefe Trauer gekleidet und der Hut, welchen er in der Hand trug,
war in Krepp gehüllt.
,Sie werden sich meiner kaum noch erinnern, Miß,' sagte er,
indem er sich bei Janes Eintritt erhob, ,aber mein Name ist
Leaven; als Sie vor acht oder neun Jahren in Gateshead waren,
war ich Kutscher bei Mrs. Reed; ich bin auch jetzt noch in ihren
Diensten.
,O, Robert. Sie sind's! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich Ihrer noch sehr wohl. Sie ließen mich ja zuweilen auf Miß
Georgines braunem Pony reiten. Und wie geht es Bessie? Sie
sind doch mit Bessie verheiratet??
,Ja, Miß. Meine Frau ist kerngesund. Danke fr die Nachfrage. Wir haben jetzt drei Kinder, und Mutter und Kinder befinden sich wohl.
Und ist die Familie im Herrenhause auch gesund, Robert?
,Es tut mir leid, Miß, daß ich Ihnen von dort keine besseren
Nachrichten bringen kann; aber es geht ihnen augenblicklich sehr
schlecht, sie haben großen Kummer.
,Ich hoffe, daß niemand von ihnen gestorben ist,' sagte Jane,
indem sie auf seinen schwarzen Anzug deutete. Auch er blickte auf
den Krepp an seinem Hute und sagte:
,Mr. John ist gestern vor acht Tagen in seiner Wohnung in
London gestorben.''
,Mr. John?’
,Ja. Miß.’
,Und wie trägt seine Mutter es?
,Nun sehen Sie, Miß Eyre, dies ist kein gewöhnliches Unglück; er hat ein gar wildes Leben geführt. Während der letzten
drei Jahre hat er gar sonderbare Dinge getrieben, und sein Tod
war fürchterlich.
, Ich hörte von Bessie, daß er nicht gut war.
,Nicht gut war! Barmherziger Gott! Er konnte nichts
Schlimmeres tun! Er hat seine Gesundheit und seine Güter zugrunde gerichtet in der schlechtesten Gesellschaft. Er geriet in
Schulden und ins Gefängnis. Zweimal hat seine Mutter ihm
heraus geholfen, aber kaum war er frei, als er auch schon zu seinen
alten Gewohnheiten zurückkehrte. Sein Kopf war niemals stark,
Sie wissen das wohl, Miß, und die Schurken, unter welchen er
lebte, betrogen und foppten ihn in der unerhörtesten Weise. Vor
ungefähr drei Wochen kam er nach Gateshead hinunter und verlangte von Mistreß, daß sie ihm das ganze Besitztum übergeben
solle. Mistreß weigerte sich, durch seine Verschwendung sind ihre
Mittel schon seit langer Zeit zusammengeschmolzen. So kehrte er
denn wieder um nach London, und das nächste, was wir von ihm
hörten, war seine Todesnachricht. Wie er gestorben ist- Gott
mag es wissen! Die Leute sagen, daß er sich umgebracht hat.
Jane schwieg. Das war eine entsetzliche Nachricht.
Robert Leaven fuhr fort:
,Mistreß war schon seit langer Zeit kränklich gewesen; sie ist
sehr stark geworden, aber sie ist nicht kräftig dabei; und der Verlust
des Geldes und die Furcht vor Armnut richteten sie schier zugrunde. Die Nachricht von Mr. Johns Tode und die Art, wie er
herbeigeführt, kam zu plötzlich: das führte einen Schlaganfall. herbei. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen, aber am letzten
Dienstag schien es ihr wieder besser zu gehen; es war, als wollte
sie etwas sagen, denn sie machte meiner Frau fortwährend Zeichen
und murmelte unverständliche Worte. Erst gestern morgen konnte
Bessie verstehen, daß sie Ihren Namen aussprach, und zuletzt verstand sie ganz deutlich, wie sie sagte: Bringt mir Jane, holt Jane
Eyre, ich muß mit ihr sprechen. Bessie weiß nun nicht, ob sie bei
Sinnen ist, und ob sie irgend etwas mit den Worten meint; aber
sie hat es Miß Reed und Miß Georgina gesagt und ihnen geraten,
Sie, Miß, holen zu lassen. Die jungen Damen wollten anfangs
nichts davon wissen; aber ihre Mutter wurde so ruhelos, und rief.
so oft Jane! Jane! Jane!! daß sie endlich einwilligten. Ich verließ Gateshead gestern; und wenn Sie bis morgen früh fertig werden könnten, Miß, so würde ich Sie gern mitnehmen.
,Ja, Robert, ich werde fertig sein. Mir ist, als müßte ich doch
gehen.
,Ich glaube auch, Miß; Bessie sagte, Sie würden sich ganz
gewiß nicht weigern. Aber Sie werden wohl um Erlaubnis bitten
müssen, ehe Sie gehen?
,Gewiß. Und ich werde es augenblicklich tun. Dann führte
Jane ihn in das Zimmer der Domestiken, und nachdem sie ihn der
Fürsorge von Johns Frau und Johns eigener Liebenswürdigkeit
warm empfohlen hatte, machte sie sich auf den Weg, um Mr.
Rochester zu suchen.
Mr. Rochester befand sich im Billardzimmer und spielte gerade
mit mehreren Gästen eine Partie, als er Jane bemerkte. Er folgte
ihr auf den Korridor.
,Nun, Fräulein? fragte er, indem er sich mit dem Rücken an
die Tür des Schulzimmers lehnte.
,Sir, ich bin gekommen, um einen Urlaub von einer Woche
von Ihnen zu erbitten.
,Was wollen Sie damit? Wohin gehen Sie?
,Ich will eine kranke Dame besuchen, die mich holen läßt.
,Welche kranke Dame? Wo wohnt sie?
,In Gateshead, in - - - shire.
, -shire? Das ist ja hundert Meilen von hier! Was kann sie
Ihnen sein, daß Sie von Ihnen verlangt, eine solche Entfernung
um ihretwillen zurückzulegen?
,Ihr Name ist Reed, Sir, Mrs. Reed.
Reed auf Gateshead? Ich kannte einen Reed auf Gateshead,
der Ratsherr war.
,Sie ist seine Witwe, Sir,
, Und was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen Sie sie
überhaupt?
,Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner verstorbenen
Mutter.
,War er das? Weshalb haben Sie mir das nicht längst erzählt. Sie sagten stets, daß Sie keine Verwandten hätten.'
,Keine, die mich anerkannten, Sir. Mr. Reed ist tot, und
seine Witwe hat mich verstoßen.
,Weshalb?
,Weil ich arm und ihr eine Last war. Sie hat mich mit leidenschaftlichem Hasse verfolgt.
,Reed hat aber, so viel ich weiß, Kinder hinterlassen. Sie
müssen also doch auch Vettern und Cousinen haben? Ein Bekannter
von mir sprach erst gestern von einem Reed auf Gateshead, der, wie
er sagte, einer der verkommensten Menschen in London sei,!
,John Reed ist jetzt ebenfalls tot, Sir, en hat sich selbst vollständig zugrunde gerichtet und seine Familie zur Hälfte mit in
diesen Ruin hineingezogen. Man vermutet, daß er einen Selbstmord begangen hat. Diese fürchterliche Nachricht hat seine arme
Mutter so sehr erschüttert, daß sie infolge derselben einen Schlaganfall erlitten hat.
, Und was können Sie ihr nützen? Es würde mir niemals in
den Sinn kommen, hundert Meilen zu reisen, um eine alte Dame zu
sehen, die möglicherweise schon tot ist, nenn Sie an Ihrem Bestimmungsort ankommen. Außerdem erzählten Sie mir ja soeben
noch, daß sie Sie verstoßen hat.
, Ja, Sir, aber das ist schon so lange her. Damals lagen die
Verhältnisse auch noch ganz anders. Ich würde niemals wieder
Ruhe finden, wenn ich ihren Wunsch jetzt unberücksichtigt ließe.
,Wie lange werden Sie fortbleiben?
,So kurze Zeit wie irgend möglich, Sir.
,Versprechen Sie mir, nur eine Woche zu bleiben.'
,Ich möchte Ihnen das nicht mit Sicherheit versprechen, doch
hoffe ich in dieser Zeit wieder zurück zu sein.
,Und wer begleitet Sie? Hoffentlich denken Sie nicht daran,
die hundert Meilen allein zu reisen ?
,Nein, Sir; sie hat ihren Kutscher geschickt.
,Ein vertrauenswürdiger Mensch ?
,Ja, Sir, er lebt seit zehn Jahren in der Familie.
Mr. Rochester sann nach.
,Und wann beabsichtigen Sie abzureisen?
,Morgen in aller Frühe, Sir.
,Gut. Aber Sie brauchen Geld. Sie können unmöglich ohne
Geld reisen, und ich glaube kaum, daß Sie noch viel besitzen. Sie
haben von mir noch kein Gehalt bekommen. Wieviel besitzen Sie
noch in dieser Welt? fragte er gutmütig lächelnd.
Jane zog ihre Börse hervor; sie war allerdings ein mageres
Ding. ,Fünf Schilling, Sir.
Er nahm ihr die Börse aus der Hand, schüttete sich den ganzen
Inhalt in die Hand und lachte, als gewähre diese armselige Summe
ihm eine ganz besondere Freude. Gleich darauf zog er seine Brieftasche hervor:
,Hier,'! sagte er und bot ihr eine Banknote. Es waren fünfzig
Pfund, und er schuldete ihr nur fünfzehn. Sie sagte ihm, daß sie
die Note nicht wechseln könne.
,Sie brauchen auch nicht zu wechseln. Es ist nur Ihr Gehalt.
Sie weigerte sich, mehr anzunehmen, als ihr rechtmäßig zukam. Er runzelte die Stirn. Endlich sagte er, wie wenn ihm
plötzlich ein Gedanke gekommen wäre:
,Ja, ja, Sie haben recht, ganz recht! Es ist besser, wenn ich
Ihnen jetzt nicht alles gebe. Wenn Sie fünfzig Pfund besäßen,
könnten Sie sich am Ende verleiten lassen, drei Monate fort zu
bleiben. Hier haben Sie zehn; ist das nicht reichlich?
,Ja, Sir. Aber jetzt sind Sie mir noch fünf Pfund schuldig.
,Sie können wieder kommen, um diese einzukassieren. Sie
haben jetzt bei mir, Ihrem Banquier, vierzig Pfund gut. Mit
diesen Worten begab er sich zu seinen Gästen zurück.
Jane sah ihn an diesem Tage nicht wieder, und am nächsten
Morgen war sie schon lange unterwegs, bevor jemand im Hause
aufgestanden war.
Am Nachmittage des ersten Mai erreichte Jane das Parkhüterhäuschen von Gateshead. Es war gegen fünf Uhr. Bevor
sie nach dem Herrenhause hinaufging, trat sie hier ein. Es war
außerordentlich sauber und hübsch. Vor den architektonisch schönen
Fenstern hingen kleine, weiße Vorhänge; der Fußboden war
fleckenlos; der Herd und die Feuerzange waren blank poliert, und
das Feuer loderte lustig empor. Bessie saß in der Ofenecke und
spielte mit ihrem Jüngsten. Robert und sein Schwesterchen unterhielten sich still. in einem Winkel des traulichen Gemaches.
, Gott segne Sie! ich wußte ja, daß Sie kommen würden!
rief Mrs. Leaven bei Janes Eintritt aus.
,Ja, Bessie, sagte diese, und umarmte die Dienerin.
, Hoffentlich komme ich nicht zu spät! Wie geht es Mrs. Reed?
Sie ist doch noch am Leben??
,Ja, sie lebt noch; und sie hat die Besinnung teilweise wieder
erlangt. Der Doktor sagt, daß es noch eine oder zwei Wochen mit
ihr dauern kann; aber auf eine endliche Besserung dürfen wir nicht
hoffen.
,Hat sie meiner kürzlich wieder erwähnt?
, Heute morgen erst hat sie von Ihnen gesprochen und gewünscht, daß Sie kommen möchten. Aber jest schläft sie. Wenigstens
schlief sie, als ich vor zehn Minuten oben im Herrenhause war. Gewöhnlich liegt sie während des ganzen Nachmittags in einer Art
von Erstarrung und erwacht erst gegen sechs oder sieben Uhr. Miß,
wollen Sie sich hier nicht eine Stunde ausruhen? Später werde ich
dann mit Ihnen hinaufgehen.
Hier trat ihr Mann ein, und Bessie legte ihr jetzt schlafendes
Kind in die Wiege, um ihn zu bewillkommnen. Dann bestand sie
darauf, daß Jane ihren Hut abnehmen und eine Tasse Tee trinken
solle; denn sie sehe so müde und blaß aus, sagte sie. Jane war
froh und nahm ihre Gastfreundschaft dankend an. So widerstandslos wie sie sich als Kind von ihr entkleiden ließ, gestatteie sie
ihr auch jet, ihr die Reisekleider abzunehmen.
Wie die alten Zeiten in ihrer Erinnerung wieder auflebten,
als sie ihrem geschäftigen Treiben zusah! Sie deckte den Teetisch
mit ihrem besten Porzellan, schnitt die Butterbrote, röstete einen
Teekuchen, und gab dem kleinen Robert und ihrem Töchterchen
Jane hier und da einen keinen Schlag oder Stoß, gerade so wie
sie es in vergangenen Tagen mit Jane Eyre zu tun pflegte. Bessie
hatte sich ihr rasches Wesen ebensogut gewahrt, wie ihren leichten
Schritt und ihr hübsches Gesicht.
Als der Tee fertig war, wollte sich Jane an den Tisch setzen, aber
in ihrem alten, befehlenden Ton sagte Bessie ihr, sie solle still sitzen.
Sie sagte, sie müsse ihr am Kaminfeuer servieren; und dann stellte
sie einen kleinen, runden Tisch mit einer Tasse und einem Teller
gerösteter Weißbrotschnitten vor sie hin; gerade so wie sie sie früher
mit irgendeinem heimlich erbeuteten Leckerbissen zu versorgen
pflegte, wenn sie in ihrem Kinderstuhl saß. Jane lächelte und gehorchte ihr, wie sie es damals getan. Bessie wollte dann
wissen, ob Jane glücklich in Thornfield-Hall sei, und sie
sollte ihr erzählen, was für eine Persönlichkeit die Frau des
Hauses sei. Und als Jane ihr gesagt, daß Thornfield nur
einen Herrn habe, wollte sie wieder wissen, ob er liebenswürdig
und gut sei. Jane erzählte ihr, daß er durchaus ein Gentleman
sei, daß er sie mit großer Güte behandle, und sie sich dort glücklich
fühle.
Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell.
Bessie brachte Jane ihren Hut und ihre Schals wieder, und von
ihr begleitet verließ sie das Parkhüterhäuschen, um sich hinauf ins
Herrenhaus zu begeben. Von ihr begleitet war Jane auch vor fast
neun Jahren den Pfad hinuntergegangen, den sie jetzt hinaufging.
An einem düstern, nebeligen, rauhen Januarmorgen hatte sie mit
verzweifeltem, erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen,
um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen, in jenem
fernen, unbekannten Lande. Und dort stieg nun wieder jenes
feindliche Dach vor ihr empor. Noch immer schmerzte ihr das
Herz. Noch immer war sie nur ein einsamer Wanderer auf diesem
Erdenball, aber sie hatte ein festeres Vertrauen zu sich selbst und
zu ihrer Kraft erlangt; sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein. Die schmerzende Wunde, die man ihr so grausam in den
Tagen der Kindheit geschlagen, war jetzt geheilt; die Flamme des
lodernden Hasses war erloschen.
,Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben; die
jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein,'' sagte Bessie, als
sie Jane vorauf in die Halle trat.
Nach einem kurzen Augenblick befand sich Jane in dem genannten Zimmer.
Jedes Einrichtungsstück stand noch da, wie an jenem Morgen,
als Jane Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde; der
Teppich, auf dem er gestanden, lag noch vor dem Kamin. Als ihr
Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte, war ihr's.
als ständen jene zwei Bände ,Bewick, Vögel Englands' noch auf
ihrem alten Plate auf dem dritten Regal, und ,Gullivers Reisen'
und ,Tausend und eine Nacht'' standen gerade darüber. Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben, die Menschen
jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Jane erblickte zwei junge Damen vor sich; die eine war sehr
groß und mager, von blassem Aussehen und strengen harten
Zügen. Sie war mit außerordentlicher Einfachheit gekleidet. Sie
trug ein schwarzwollenes Kleid mit glattem Rock, einen weißen
Leindwandkragen und einen nonnenhaften Schmuck, der aus einer
Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand. Es konnte nicht anders sein- dies war Eliza, obgleich in
ihrem langen, blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem
früheren Selbst zu entdecken war.
Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein, aber nicht
jene Georgina, deren Jane sich erinnern konnte, jenes schlanke,
blonde Mädchen von elf Jahren.
Dies war ein erwachsenes Fräulein, in vollster Blüte, weiß
und zart wie Wachs, mit schönen, regelmäßigen Zügen, blauen
Augen und lockigem gelben Haar. Auch sie trug ein schwarzes
Kleid; dasselbe war aber so verschieden von dem ihrer Schwester,
so viel kleidsamer und graziöser, daß es ebenso modern aussah, wie
das andere einfach erschien.
Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter,
doch nur einen einzigen. Die magere, blasse, ältere Tochter hatte
das hervorstehende Auge; das blühende, üppige, jüngere Mädchen
hatte ihr Kinn. Vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert,
aber dennoch gaben sie dem sonst so hübschen Gesicht Georginas
einen Zug von unbeschreiblicher Härte.
Als Jane auf die Damen zuschritt, erhoben sich beide, um sie
zu bewillkommnen, und beide redeten sie mit Miß Eyre an. Elizas
Gruß wurde in kurzer, verächtlicher Weise ausgesprochen, ohne daß
sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte. Nach
der Begrüßung setzte sie sich wieder, heftete ihre Blicke auf das
Kaminfeuer und schien Janes Anwesenheit nicht weiter zu bemerken. Georgina fügte ihrem,Wie geht es Ihnen'' noch mehrere
alltägliche Bemerkungen über die Reise, das Wetter usw. hinzu.
Sie maß Jane von Kopf bis zu Fuß, und ein gewisser Hochmut lag
in ihrem Blick.
Aber diese Überhebung ihrer Cousinen machte auf Jane nicht
mehr denselben Eindruck als sonst. Als sie so dasaß zwischen den
beiden, war sie ganz erstaunt, zu finden, wie gleichgültig ihr die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbe Höflichkeit der
andern war. Eliza vermochte sie nicht zu demütigen, Georgina
konnte sie nicht aus ihrem Gleichmut bringen.
,Wie befindet sich Mrs. Reed? fragte Jane alsbald, indem
sie Georgina ruhig ins Gesicht blickte; diese hielt es für passend,
bei dieser direkten Frage aufzufahren, als sei es eine ganz unerlaubte Freiheit, die Jane sich erlaubte.
,Mrs. Reed?? Ah! Sie meinen meine Mama! Sie ist außerordentlich krank. Ich glaube nicht, daß Sie sie heute abend noch
sehen können.'
, Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie hinaufgehen wollten, um ihr mitzuteilen, daß ich gekommen bin.
Georgina schreckte förmlich empor und riß ihre blauen Augen
weit und wild auf.
,Ich weiß, daß sie den besonderen Wunsch geäußert hat, mich
zu sehen,' fügte Jane hinzu, ,und ich möchte die Erfüllung dieses
Wunsches nicht weiter hinausschieben als absolut notwendig ist.
, Mama liebt es nicht, wenn man sie am Abend noch stört,''
bemerkte Eliza. Bald darauf erhob sich Jane, nahm unaufgefordert ruhig ihren Hut und ihre Handschuhe ab und sagte, daß sie für
einen Augenblick zu Bessie hinausgehen wolle, die vermutlich in der
a AR
sie Bessie gefunden und sie mit ihrem Auftrag hinaufgeschickt hatte,
fuhr sie fort, weitere Maßregeln zu ergreifen.
Bis jetzt war es stets ihre Gewohnheit gewesen, sich vor jeder
Unverschämtheit zurückzuziehen, förmlich vor derselben zu fliehen;
hätte man sie noch vor einem Jahre irgendwo empfangen, wie man
sie heute in Gateshead empfing, so würde sie das Haus binnen
weniger Stunden bereits verlassen haben; jetzt sah sie aber plötzlich
ein, daß das ein sehr törichtes Verfahren gewesen wäre. Sie hatte
eine Reise von über hundert Meilen gemacht, um ihre Tante zu
sehen, und sie mußte jetzt bei ihr bleiben, bis sie besser war oder tot.
Den Stolz und die Dummheit ihrer Töchter mußte sie unbeachtet
lassen, ja, sich vollständig unabhängig davon machen.
Sie wandte sich also an die Haushälterin, verlangte von ihr,
daß sie ihr ein Zimmer anweise, sagte ihr, daß sie wahrscheinlich
einige Zeit als Gast hier im Hause weilen würde, ließ ihren Koffer
auf ihr Zimmer bringen und ging dann selbst ebenfalls hinauf.
Auf der Treppe begegnete ihr Bessie.
,Mistreß ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, daß Sie
da sind; kommen Sie und lassen Sie uns sehen, ob sie Sie erkennen
wird.
Jane bedurfte keines Führers nach dem wohlbekannten
Zimmer. Wie oft war sie in früheren Tagen hineingerufen worden,
um einen Verweis oder eine Strafe zu bekommen. Sie eilte Bessie
voran und öffnete vorsichtig und leise die Tür. Die Lampe auf
dem Tische war durch einen Schirm verdeckt. Da stand das große
Himmelbett mit den bernsteinfarbenen Vorhängen noch wie in
alien Zeiten. Dort der Toilettetisch, der Lehnstuhl und der Fußschemel, auf dem zu knien sie wohl hundertmal verurteilt gewesen.
Wie oft hatte sie dort Verzeihung für Sünden erflehen müssen, die
sie niemals begangen hatte. Sie blickte in einen gewissen Winkel
und erwartete eigentlich halb und halb die schlanken Umrisse einer
einst so gefürchteten Reitgerte zu sehen, die dort auf sie zu lauern
pflegte und nur darauf wartete, wie ein böser Kobold herausspringen und auf ihrem Rücken oder ihren Armen umhertanzen können.
Sie näherte sich dem Bette; sie zog die Vorhänge zurück und
lehnte sich über die hochaufgetürmten Polster.
Gar wohl erinnerte sie sich des Gesichts von Mrs. Reed und
eifrig suchte sie nach den bekannten Zügen. Diese Frau hatte sie
einst in Bitterkeit und Haß verlassen, und jetzt kehrte sie mit keiner
anderen Empfindung zu ihr zurück als mit einer Art von Erbarmen
über ihr großes Leid, und einem innigen Verlangen, alles Unrecht
zu vergeben und zu vergessen, sich zu versöhnen und ihre Hand in
Freundschaft zu drücken.
Das wohlbekannte Gesicht war da: finster, strenge, erbarmungslos wie immer, jenes eigentümliche Auge, dessen Blick
nichts zu besänftigen vermochte, die geschwungenen, herrschsüchtigen, despotischen Brauen. Wie oft hatte dies Auge nur Haß und
Zorn und Drohungen auf Jane herabgeblitzt! Wie erwachte die
Erinnerung an die Schrecken und den Jammer der Kindheit wieder
in ihr, als sie diese harten Gesichtszüge wieder erblickte! Und doch
beugte sie sich zu ihr hinab und küßte sie.
Sie blickte zu Jane auf.
,Ist es Jane Eyre? fragte sie.
,Ja, Tante Reed. Wie fühlen Sie sich, liebe Tante?’
Wohl hatte Jane einmal geschworen, daß sie Mrs. Reed nie wieder Tante nennen wollte. Aber sie hielt es für keine Sünde
jenes Gelübde in diesem Augenblick zu brechen. Ihre Finger
hielten die Hand der Kranken umschlossen; hätte sie dieselben
freundlich gedrückt, so würde Jane eine warme, innige Freude
empfunden haben. Aber Mrs. Reed zog ihre Hand fort und indem
sie ihr Gesicht von Jane abwandte, bemerkte sie, daß es ein sehr
warmer Abend sei. Und wieder blickte sie Jane an, so eisig kalt,
daß diese augenblicklich fühlte, wie ihre Ansichten über sie, ihre
Empfindungen für sie nicht verändert waren, überhaupt keiner
Änderung fähig waren. Jane sah es dem versteinerten Auge, welches niemals durch Tränen genetzt, niemals in Zärtlichkeit aufgeleuchtet hatte, an, daß sie fest entschlossen sei, sie bis zum letzten
Augenblick für ein schlechtes Geschöpf zu halten.
Jane empfand Kummer, dann bemächtigte sich ihrer der Zorn,
und schließlich faßte sie den Entschluß, die Tante zu besiegen, ihrer
Herr zu werden trot ihrer hartherzigen Natur und ihres starren
Willens. Die Tränen waren ihr in die Augen gestiegen, gerade so
wie in den Tagen ihrer Kindheit, aber sie drängte sie an ihre Quelle
zurück. Dann brachte sie einen Stuhl an das Kopfende des Bettes.
Sie setzte sich und beugte sich über die Polster.
,Sie haben mich holen lassen, sagte sie, ,und jetzt bin ich
hier; und es ist meine Absicht, hier zu bleiben, bis ich sehe, daß es
sich mit Ihnen zum Besseren wendet.
,O natürlich! Hast du meine Töchter gesehen?
Ja.
,Nun, du magst ihnen sagen, daß ich wünsche, dich hier zu behalten, bis ich mit dir über einige Dinge sprechen kann, die mir auf
der Seele lasten. Heute abend ist es zu spät, und es wird mir jetzt
auch schwer, mich auf die Angelegenheit zu besinnen. Aber etwas
wollte ich dir sagen -- ja - was war es doch gleich--
Der wirre Blick und die veränderte Sprache zeigten Jane nur
zu deutlich, wie weit die Zerstörung in diesem einst so kraftvollen
Körper bereits vorgeschritten war. Unruhig warf Mrs. Reed sich
hin und her und begann, an der Bettdecke zu zupfen. Janes Arm,
der auf dem Kopfkissen ruhte, suchte sie zu beruhigen. Augenblicklich wurde sie wieder ärgerlich.
,Laß los!' sagte sie, ,ärgere mich nicht, indem du mich festzuhalten suchst! Bist du wirklich Jane Eyre?
,Ich bin Jane Eyre.
,Ich habe mehr Mühe und Kummer und Verdrießlichkeiten
mit dem Kinde gehabt, als irgendein Mensch glauben würde. Mir
eine solche Last aufzubürden! Und wieviel Ärger sie mir täglich
und stündlich mit ihren unbegreiflichen Charakteranlagen verursacht
hat, mit ihren Ausbrüchen von Heftigkeit und ihrem unnatürlichen,
fortwährenden Lauern und Horchen auf alles, was man tat! Ich
kann versichern, sie hat eines Tages zu mir gesprochen wie eine
Wahnsinnige; kein Kind hat jemals ausgesehen oder gesprochen
wie sie! Kein Kind! Ich war so froh, sie aus dem Hause loszuwerden. Was haben sie in Lowood eigentlich mit ihr gemacht?
Das Fieber brach dort aus, und viele, viele Schülerinnen sind gestorben. Aber sie, sie starb nicht. Ich habe trotzdem gesagt, daß sie
tot sei! Ach, wie wünschte ich, daß sie gestorben wäre!'?
,Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed! Weshalb haßten Sie sie
so sehr?
,Ich habe ihre Mutter immer gehaßt, denn sie war die einzige
Schwester meines Mannes und er hing mit unsäglicher Liebe an
ihr. Er hinderte die Familie daran, sie zu verstoßen, als sie jene
niedere Ehe schloß. Und als die Nachricht von ihrem Tode kam,
weinte er wie ein Narr. Er wollte durchaus, daß das Baby geholt
werde, obgleich ich ihn anflehte, das Kind lieber in Kost zu geben
und für seine Erhaltung zu bezahlen. Ich haßte es schon, als
meine Augen es zum ersten Male sahen, ein kränkliches, weinerliches, elendes Ding! Die ganze Nacht hindurch konnte es in
seiner Wiege liegen und winseln, es schrie nicht herzlich und kräftig
wie andere Kinder, nein, es stöhnte und wimmerte. Reed hatte
Erbarmen mit ihm. Und er pflegte es zu liebkosen und zu beruhigen, wie wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre, nein, mehr
als er jemals die eigenen Kinder beachtet hatte, als sie in jenem
Alter waren. Er versuchte auch, meine Kinder freundlich gegen
die kleine Bettlerin zu stimmen; aber meine Lieblinge konnten
sie nicht leiden, und er wurde ärgerlich, wenn sie ihre Abneigung
zeigten. In seiner letzten Krankheit ließ er es fortwährend an
sein Bett bringen, und kaum eine Stunde vor seinem Tode ließ
er mich einen heiligen Eid ablegen, daß ich das Geschöpf stets erhalten und versorgen wolle. Mir wäre es lieber gewesen, wenn
man mir die Sorge für ein Bettlerkind aus dem Arbeitshause zur
Pflicht gemacht hätte: aber er war so schwach, schwach von Natur.
John ist seinem Vater durchaus nicht ähnlich, und ich bin froh
darüber: John ist mir ähnlich und meinen Brüdern, er ist ein
ganzer Gibson. Ah! ich wollte, er hörte auf, mich mit seinen
Bettelbriefen um Geld zu quälen! Ich habe nichts mehr, das ich
ihm geben könnte: wir werden arm! Ich müßte die Hälfte der
Dienstboten fortschicken und einen Teil des Hauses abschließen oder
es ganz vermieten. Aber ich kann mich nicht darein finden, das
zu tun; und doch, wie sollen wir sonst weiter leben? Zwei Drittel
meines Einkommens gehen drauf, um die Zinsen der Wucherschulden zu bezahlen. John spielt ganz fürchterlich und er verliert immer, der arme Junge! Er ist von lauter Gaunern und
Tagedieben umgeben. John ist ganz gesunken und verkommen -
er sieht grauenhaft aus- ich schäme mich seiner, wenn ich ihn
sehe.
Jetzt geriet die Kranke in eine furchtbare Aufregung.
,Ich glaube, es ist besser, wenn ich sie jetzt verlasse,' sagte
Jane zu Bessie, die an der andern Seite des Bettes stand.
,Vielleicht wäre es besser, Miß; aber gegen Abend spricht sie
oft in dieser Weise -- des Morgens ist sie gewöhnlich viel ruhiger.
Jane erhob sich.
,Bleib!' rief Mrs. Reed aus. ,Ich habe noch etwas anderes
zu sagen. John droht mir, er droht mir unaufhörlich mit seinem
Tode oder dem meinen. Und zuweilen träumt mir, daß ich ihn
mit einer großen Wunde im Halse oder mit blutigem, entstelltem,
geschwärztem Gesicht sehe. Es ist gar seltsam mit mir gekommen.
Ich habe schweren, grausamen Kummer. Was ist aber zu tun?
Woher soll ich das Geld nehmen?
jetzt versuchte Bessie, sie zu überreden, daß sie ein Beruhigungsmittel nehme; nur mit großer Mühe gelang es ihr. Gleich
darauf wurde Mrs. Reed ruhiger und sank in eine Art von Halbschlaf. Dann ließen sie sie allein.
Mehr als zehn Tage vergingen, bevor sich wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Kranken bot. Sie lag entweder im Fieber oder völlig bewußtlos; und der Doktor verbot
alles, was sie schmerzlich erregen könnte. Inzwischen stellte sich
Jane mit Eliza und Georgina so gut es eben gehen wollte.
Anfangs waren sie in der Tat sehr kalt. Eliza pflegte halbe Tage
hindurch dazusitzen und zu nähen, zu schreiben oder zu lesen, ohne
auch nur eine einzige Silbe mit ihrer Schwester oder Jane zu
sprechen. Georgina konnte stundenlang Unsinn mit ihrem Kanarienvogel schwatzen, ohne ihre Cousine auch nur im entferntesten zu beachten. Aber Jane war entschlossen, sich Zerstreuung oder Beschäftigung zu verschaffen. Sie hatte ihre Zeichen- und Malutensilien mitgebracht, und diese verschafften ihr beides.
Mit verschiedenen Stiften und einigen Bogen Papier versehen,
pflegte sie entfernt von den Schwestern in einem Fenster ihr
fliegendes Atelier aufzuschlagen und sich damit zu beschäftigen,
Phantasiestücke zu zeichnen, indem sie jedes Bild zu Papier brachte,
das sich ihr in ihrer fortwährend wechselnden Einbildungskraft
darbot: einen Blick auf die See zwischen zwei Felsen hindurch; der
aufgehende Mond und ein Schiff, das an der rotglühenden Scheibe
vorübersegelt; eine Gruppe von Schlingpflanzen und Wasserlilien,
aus welcher der Kopf einer mit Lotusblumen gekrönten Najade
emportaucht; eine Elfe, die unter einem Kranz von wilden Rosen
aus dem Nest eines Zaunkönigs herauslugt.
Eines Morgens malte sie einen Kopf.
,Ist es das Porträt eines Menschen, den Sie kennen ?' fragte
Eliza, welche unbemerkt an sie herangetreten war.
Jane entgegnete, daß es nur ein Phantasiekopf sei. Auch
Georgina kam; sie besahen auch die anderen Zeichnungen und sie
gefielen ihnen ganz außerordentlich; beide schienen von Janes Geschicklichkeit sehr überrascht. Jane erbot sich, ihre Porträts zu
skizzieren, und jede saß dann zu einer Bleistiftsilhouette. Schließlich brachte Georgina ihr Album. Jane versprach ihr, eine Wasserfarbenskizze für dasselbe, und jetzt war sie augenblicklich in der
besten Laune. Sie schlug Jane einen Spaziergang im Park vor.
Und als sie kaum zwei Stunden draußen gewesen, waren sie mitten
in einer vertraulichen Unterhaltung, die sich hauptsächlich um die
Beschreibung des glänzenden Winters, den sie vor zwei Jahren
in London zugebracht hatte, drehte. Täglich machte sie jetzt mit Jane
Spaziergänge, aber es war seltsam, daß sie hierbei niemals mit
einer Silbe der schweren Krankheit ihrer Mutter, des fürchterlichen
Todes ihres Bruders und des augenblicklichen traurigen Zustands
der Familienangelegenheiten gedachte. Ihr Gemüt schien sich nur
mit der Erinnerung an entschwundenes Glück und der Hoffnung
auf künftige Zerstreuungen zu beschäftigen. Jeden Tag brachte
sie ungefähr fünf Minuten in dem Krankenzimmer ihrer Mutter
zu, das war alles.
Eliza sprach noch immer sehr wenig; augenscheinlich hatte sie
keine Zeit für die Unterhaltung. Sie schien immer beschäftigt.
Und doch wäre es schwer gewesen zu sagen, was sie eigentlich tat,
oder vielmehr, irgendein Resultat ihrer Geschäftigkeit zu entdecken.
Sie hatte eine Weckuhr, die sie täglich früh wecken mußte. Schon
vor dem Frühstück beschäftigte sie sich fleißig, nach demselben hatte
sie ihre Zeit in regelmäßige Teile geteilt, und jede Stunde hatte
die ihr zugeschriebene Arbeit. Dreimal am Tage studierte sie ein
kleines Buch, welches sich nach einer genaueren Besichtigung Janes
als das ,allgemeine Gebetbuch' erwies. Jane fragte sie einmal,
worin die große Anziehungskraft dieses Buches für sie liege, und
sie entgegnete ihr: In der Gebetordnung. Drei Stunden widmete
sie der Beschäftigung, mit Goldfäden den Rand eines viereckigen
Tuchstücks zu besticken, welches für einen Teppich beinahe groß
genug gewesen wäre. Auf Janes Frage in bezug auf die Verwendung dieses Gegenstandes sagte sie ihr, daß es eine Altardecke
für eine Kirche sei, welche vor kurzem in der Nähe von Gateshead
erbaut worden war. Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche;
zwei weitere arbeitete sie allein im Küchengarten; eine brauchte sie
für die Regelung ihrer Rechnungen und Bücher. Sie schien keiner
Gesellschaft, keines Verkehrs, keiner Unterhaltung zu bedürfen. Sie
schien auf ihre Weise sehr glücklich zu sein; diese sich täglich wiederholende Beschäftigungsweise genügte ihr; und nichts verursachte ihr größeren Ärger, als wenn irgendein Umstand eintrat, welcher sie zwang, die peinliche Regelmäßigkeit ihrer Arbeiten
abzuändern.
Eines Abends, als sie mehr zur Mitteilsamkeit geneigt war
als gewöhnlich, sagte sie Jane, daß Johns Aufführung und der
drohende Ruin ihrer Familie eine Quelle tiefen und nagenden
Kummers für sie gewesen seien, jetzt aber habe ihr Gemüt sich beruhigt und ihr Entschluß sei gefaßt. Ihr eigenes Vermögen zu
sichern habe sie Sorge getragen, und wenn ihre Mutter stürbe, denn
es sei durchaus unwahrscheinlich, daß sie jemals wieder genesen
oder daß es noch lange mit ihr dauern könne, bemerkte sie sehr
ruhig- so würde sie einen lange gehegten Plan ausführen: dort
eine Zuflucht suchen, wo pünktliche Gewohnheiten vor fortwährender Störung gesichert seien, und zwischen sich und der gottlosen
Welt eine mächtige Scheidewand aufrichten.
Jane fragte, ob Georgina sie begleiten würde.
Nein, natürlich nicht. Sie und Georgina hätten nichts miteinander gemein, hätten auch niemals die gleichen Interessen verfolgt. Unter keinen Umständen würde sie sich diese Last aufbürden.
Georgina solle nur ihren eigenen Weg gehen; sie, Eliza, würde den
ihrigen finden.
Wenn Georgina Jane nicht gerade ihr Herz ausschüttete, so
brachte sie fast ihre ganze Zeit auf dem Sofa zu, klagte und jammerte über die Düsterkeit des Hauses und wiederholte unaufhörlich den Wunsch, daß ihre Tante Gibson sie einladen möchte, mit
ihr nach London zu gehen.
,Es wäre so viel besser,' pflegte sie zu sagen, ,wenn ich auf
ein oder zwei Monate fort könnte, bis alles vorüber ist.
Jane fragte sie nicht, was sie mit dem ,alles vorüber'' meinte,
aber sie wußte wohl, daß es sich auf den erwarteten Tod ihrer
Mutter bezog und auf den düsteren, darauf folgenden Begräbnisbrauch. Eliza nahm von dem Müßiggange und den Klagen ihrer
Schwester nicht mehr Notiz, als wenn solch ein murmelndes, stöhnendes, träges Geschöpf gar nicht in ihrer Nähe gewesen wäre.
Eines Tages jedoch, als sie ihr Rechnungsbuch beiseite legte und
ihre Stickerei zur Hand nahm, fing sie plötzlich an, ihr folgendermaßen die Wahrheit zu sagen.
,Georgina, ein dümmeres, eitleres und alberneres Geschöpf
als du hat sicherlich niemals auf Erden gewandelt. Du hattest nicht
einmal das Recht, geboren zu werden, denn du weißt keinen Nutzen
aus dem Leben zu ziehen. Anstatt für dich, mit und in dir zu
leben, wie jedes vernünftige Wesen es tun sollte, suchst du nur, dich
mit deiner Schwäche auf die Kraft anderer zu lehnen. Und wenn
du niemand findest, der willig ist, sich mit einem so nutzlosen,
schwächlichen Ding belasten zu lassen, so schreist und jammerst du,
daß du vernachlässigt, elend und mißhandelt bist! Für dich soll das
Dasein einen immerwährenden Wechsel und ewige Aufregung bringen, sonst nennst du die Welt ein Gefängnis. Du mußt bewundert werden, man soll dir schmeicheln, du verlangst Musik, Tanz
und Gesellschaft, oder du verschmachtest und stirbst. Hast du denn
nicht soviel Verstand, daß du eine Art un Weise erfinden kannst,
die dich unabhängig macht von jedem anderen Willen als dem
deinen? Nimm dir doch den Tag; teile ihn in Abschnitte ein; jedem
Abschnitt weise seine Aufgabe an; laß nirgend verlorene Viertelstunden, zehn oder fünf Minuten übrig, wende sie alle an. Tue
jeden Teil deiner Geschäfte zu seiner Zeit und mit strenger Regelmäßigkeit. Dann wird der Tag zu Ende sein, bevor du gemerkt
hast, daß er überhaupt begonnen hat. Und du bist keinem zu,
Dank verpflichtet, daß er dir geholfen hat, einen leeren Augenblick
hinzubringen. Du bist nicht genötigt gewesen, irgendeines Menschen Gesellschaft aufzusuchen, von ihm Unterhaltung, oder Nachsicht zu verlangen; kurzum, dann hast du gelebt, wie ein unabhängiges Wesen leben sollte. Nimm meinen Rat, es ist der erste
und letzte, den ich dir gebe; dann wirst du weder mich noch irgendeinen Menschen brauchen, was auch kommen möge. Vernachlässigst
du diesen Nat hingegen, fährst du fort zu faulenzen, zu jammern,
zu stöhnen, zu wünschen wie bisher, dann trage auch die Folgen
deiner Dummheit, wie furchtbar und unerträglich diese auch sein
mögen. Eines sage ich dir offen, höre auf mich; denn wenn ich
auch niemals wiederholen werde, was ich dir zu sagen im Begriff
bin, so werde ich doch strenge danach handeln. Nach dem Tode
meiner Mutter will ich nichts mehr mit dir zu tun haben; von dem
Tage an, wo man ihren Sarg in das Gruftgewölbe von Gateshead
tragen wird, sind wir, du und ich, so weit von einander geschieden,
als ob wir uns niemals gekannt hätten. Du brauchst dir nicht einzubilden, daß ich jemals irgendeinen Anspruch deinerseits an mich
anerkennen werde, nur weil wir zufällig gemeinsame Eltern haben.
Ich sage dir dies: wenn das ganze menschliche Geschlecht, mit Ausnahme von uns beiden, plötzlich von der Erde vertilgt würde, und
wir allein auf der Erdoberfläche stünden, so würde ich dich allein in
der alten Welt lassen und mich selbst in die neue hinüber begeben.
Hier schwieg sie.
, Du hättest dir die Mühe ersparen können, diese Redensarten
loszulassen,' antwortete Georgina. ,Jeder Mensch weiß, daß du
das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf auf Gottes weitem Erdenrund bist, und ich kenne deinen trotzigen Haß besonders gegen
mich. Hierauf zog Georgina ihr Taschentuch hervor und weinte
noch eine ganze Stunde lang. Eliza saß unbewegt da und arbeitete
fleißig wie immer an ihrer Altardecke.
Es war ein feuchter, winterlicher Nachmittag. Georgina war
bei dem Lesen eines Romans auf dem Sofa eingeschlafen; Eliza
war gegangen, um in der neuen Kirche dem Gottesdienste beizuwohnen, denn in Religionssachen war sie sehr streng. Kein Wetter
konnte sie jemals an der Ausübung dessen hindern, was sie für ihre
kirchlichen Pflichten hielt; ob schön, ob Regen, sie ging an jedem
Sonntag dreimal in die Kirche und an jedem Wochentage, der
einem Heiligen geweiht war, ebenfalls.
Jane fiel es ein, nach oben gehen zu wollen, um zu sehen, wie
es der sterbenden Frau erging, um die sich fast niemand kümmerte.
Ihre eigenen Dienstboten erwiesen ihr eine nur sehr kärgliche Aufmerksamkeit; und die gemietete Krankenwärterin, welche in keiner
Weise kontrolliert wurde, entwischte aus dem Zimmer, so oft sie
konnte. Bessie war zwar treu; aber sie mußte sich um ihre eigene
Familie kümmern und konnte nur gelegentlich nach dem Herrenhause kommen. Jane fand das Krankenzimmer unbehütet, wie sie
es nicht anders erwartet hatte; keine Wärterin war dort; die
Patientin lag still und anscheinend in Bewußtlosigkeit; ihr bleiches
Gesicht war in die Kissen zurückgesunken; im Kamin war das Feuer
dem Verlöschen nahe.
Jane legte frische Nahrung auf die Kohlen, ordnete die Betten
und ließ ihre Blicke einige Augenblicke auf der Gestalt ruhen, welche
sie jetzt nicht ansehen konnte, dann trat sie ans Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Scheiben; der Wind pfiff
und heulte um das Haus. Da dachte Jane: hier liegt nun eine.
die bald über alle Kämpfe der irdischen Elemente fort sein wird.
Und wohin wird jener Geist, der sich jetzt aus seiner körperlichen
Hülle losringt, fliegen, wenn er sich endlich losgerungen hat?
Indem sie über dies große Geheimnis grübelte, dachte sie an
Helen Burns, ihre letzten Worte kehrten in ihr Gedächtnis zurück,
ihr Glaube, ihre Lehre von der Gleichheit aller entkörperten
Seelen. Noch horchte sie im Geiste auf die Laute ihrer unvergeßlich
süßen Stimme, noch rief sie sich ihr bleiches, vergeistigtes Gesicht,
ihre schmerzerfüllten Züge, ihren erhabenen Blick, als sie so still
auf ihrem Sterbebette lag, in die Erinnerung zurück, noch hörte sie
ihren sehnsüchtig geflüsterten Wunsch, in den Schoß des allmächtigen Vaters zurückkehren zu dürfen, als eine schwache Stimme vom
Bette her murmelte:
,Wer ist da?
Jane wußte, daß Mrs. Reed schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte. Kehrte sie denn zum Leben zurück? Sie ging zu ihr
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer -- ich!'' lautete ihre Antwort. ,Wer bist du? und
dabei blickte sie Jane erstaunt und ein wenig erschrocken, aber doch
nicht wild und abwesend an. ,Du bist mir ja ganz fremd - wo
ist Bessie?
,Sie ist im Parkhüterhäuschen, Tante.
,Tante!' wiederholte sie. ,Wer nennt mich Tante? Du bist
doch keine von den Gibsons? und doch kenne ich dich-- das Gesicht, und jene Stirn, und die Augen- das alles ist mir so bekannt; du siehst aus wie-- wie -- nun ja, wie Jane Eyre!
Aber du bist es doch nicht!
Jane schwieg, denn sie fürchtete, eine Katastrophe herbeizuführen, wenn sie sich für Jane Eyre erklärte.
,Und doch, sagte Mrs. Reed weiter,,wünschte ich Jane Eyre
zu sehen.
Sanft und vorsichtig erklärte Jane, daß sie Jane Eyre sei, und
als sie bemerkte, daß die Tante sie verstand, und daß sie vollständig
bei Besinnung war, teilte sie ihr mit, daß Bessie ihren Mann nach
Thornfield geschickt habe, um sie nach Gateshead zu holen.
,Ich weiß, daß ich sehr krank bin, sagte Mrs. Reed nach einer
Weile. Vor ein paar Minuten versuchte ich, mich im Bette umzudrehen und fühlte, daß ich kein Glied mehr rühren kann. Es
wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, bevor ich sterbe.
Was uns wenig zu denken gibt, wenn wir gesund sind, lastet schwer
auf uns in einer Stunde, wie diese es für mich ist. Wärterin, sind
Sie da? Oder ist außer dir noch jemand im Zimmer??
Jane versicherte ihr, daß sie allein seien.
, Nun, ich habe dir zweimal ein Unrecht zugefügt, das ich
jetzt bereue. Das eine war, daß ich das Versprechen brach, welches
ich meinem Manne gegeben, dich stets wie mein eigenes Kind halten
zu wollen; das andere' hier hielt sie inne.
, Nun, vielleicht ist es doch von keiner großen Bedeutung,'
murmelte sie vor sich hin, ,und vielleicht werde ich wieder gesund, und dann wäre der Gedanke schrecklich, mich so vor ihr gedemütigt zu haben.
Sie machte eine Anstrengung, ihre Lage zu verändern, aber
es gelang ihr nicht; ihr Gesicht veränderte sich; sie schien eine innere
Bewegung zu spüren, vielleicht die Vorboten des letzten
Kampfes.
, Nun, ich muß darüber fortkommen. Die Ewigkeit liegt
vor mir. Es ist doch besser, wenn ich es ihr sage. Geh an meinen
Toilettekasten, öffne ihn und nimm den Brief heraus, den du dort
finden wirst.
Jane tat, wie sie ihr befahl.
, Lies den Brief,. sagte sie.
Er war kurz und enthielt folgendes:
,Madame!
Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse meiner Nichte
Jane Eyre zu schicken und mir mitzuteilen, wie es ihr geht. Es
ist meine Absicht, ihr binnen kurzem zu schreiben und sie aufzufordern, daß sie zu mir nach Madeira herauskommt. Die Vorsehung hat meine Bemühungen mit Erfolg gekrönt, ich habe mir
ein Vermögen erworben. Und da ich unverheiratet und kinderlos, so bin ich willens, sie noch bei Lebzeiten zu adoptieren und
ihr bei meinem Tode alles zu hinterlassen, worüber ich verfügen
kann.
Ich zeichne mich, Madame, usw. usw.
John Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Weshalb ist mir dies niemals mitgeteilt worden?' fragte
Jane langsam.
,Weil ich dich zu sehr und zu unabänderlich haßte, um die
Hand dazu zu leihen, daß du zu Wohlstand gelangtest. Ich konnte
dein Betragen gegen mich nicht vergessen,Jane, die Wut nicht vergessen, mit welcher du dich einst gegen mich gewandt hast; den Ton
nicht, in welchem du mir erklärt, daß du mich mehr hassest als irgend
jemand auf der Welt; die unkindliche Stimme nicht, nicht den unnatürlichen Blick, mit dem du gesagt, daß der bloße Gedanke an
mich dich krank mache, mit dem du versichert, daß ich dich mit der
elendesten Grausamkeit behandelt habe. Ich konnte meine eigenen
Empfindungen nicht vergessen, die ich gehegt, als du damals aufsprangst und all das Gift deiner Seele über mich ausgossest: ich
hatte Furcht empfunden, wie wenn ein Tier, das ich gestoßen oder
geschlagen, mich plötzlich mit menschlichen Augen angesehen und
mich mit einer menschlichen Stimme verflucht hätte. Bring mir
einen Tropfen Wasser! Aber beeile dich! O! Beeile dich!''
,Liebe Mrs. Reed!' sagte Jane, indem sie ihr den gewünschten Trunk reichte, ,denken Sie nicht mehr an all diese Dinge.
schlagen Sie sich dieselben aus dem Sinn. Verzeihen Sie mir
meine leidenschaftliche Sprache: ich war damals ein Kind; acht,
fast neun Jahre sind seit jenem Tage vergangen.'
Sie beachtete Janes Worte nicht; als sie aber das Wasser getrunken und tief Atem geholt hatte, fuhr sie folgendermaßen fort:
,Ich sage dir, ich konnte es nicht vergessen, und ich suchte meine
Rache. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dein Onkel
dich adoptieren und dich damit zu Glück und Wohlstand gelangen
lassen wollte. Ich schrieb an ihn. Ich sagte, daß es mir leid täte
um den Kummer, den ich ihm bereiten müsse, aber Jane Eyre sei
tot, sie sei am Typhus in Lowood gestorben. jetzt magst du tun,
was dich gut dünkt; schreib ihm und widersprich meinen Angaben,
decke meine Lügen auf, sobald du willst. Ich glaube, du warst
nur mir zur Qual geboren; meine letzte Stunde wird durch die
Erinnerung an eine Tat gemartert, welche ich niemals zu begehen
versucht gewesen, wenn es sich nicht um dich gehandelt hätte.
,Wenn ich dich nur überreden könnte, Tante Reed, nicht mehr
an diese Angelegenheit zu denken und mich mit Güte und Nachsicht
und Vergebung anzusehen
,Du hast einen sehr bösen Charakter,. sagte sie, ,und dazu
einen, den ich bis auf den heutigen Tag nicht zu begreifen imstande gewesen. Ich werde es nie verstehen, wie du während neun
Jahren jede schlechte Behandlung ruhig und geduldig hinnehmen
konntest, um im zehnten in Wut und Heftigkeit auszubrechen.
,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Tante
Reed, ich bin leidenschaftlich, aber nicht boshaft. Als ich ein
kleines Kind war, wäre ich oft froh und glücklich gewesen, wenn
Sie sich von mir hätten lieben lassen wollen, und ich sehne mich
jetzt von ganzem Herzen nach einer Versöhnung. Küssen Sie mich,
Tante.
Jane näherte ihre Wange den Lippen ihrer Tante; aber sie
berührte dieselbe nicht. Sie sagte, es beängstige sie, wenn sich
jemand über das Bett lehne, und verlangte wiederum zu trinken.
Als Jane sie wieder niederlegte, denn während des Trinkens hatte
sie sie aufgerichtet und mit ihrem Arm gestützt, bedeckte sie ihre eis-

Janes Blick.
,Nun, wie Sie wollen, hassen Sie mich oder lieben Sie mich,!
sagte diese endlich,, Sie haben meine volle Verzeihung; bitten Sie
jetzt den allmächtigen Gott um seine Vergebung und finden Sie
Frieden.'
Armes, gequältes Weib! jetzt war es zu spät für sie. Jetzt
konnte sie keine Anstrengung mehr machen, um ihr Gemüt zu
ändern. Während ihres Lebens hatte sie Jane nur gehaßt, auch
im Tode mußte sie sie noch hassen.
Jetzt trat die Wärterin ein und Bessie folgte ihr.
Jane verweilte noch eine halbe Stunde, immer auf ein Zeichen
von Freundlichkeit und Vergebung hoffend: aber es war umsonst,
die Sterbende sah sie nicht mehr. Sie sank immer mehr und mehr in
Bewußtlosigkeit; die Besinnung kehrte nicht wieder. Um zwölf
Uhr in jener Nacht starb sie.
Jane war nicht da, um ihre Augen zudrücken zu können; auch
ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Am nächsten Morgen kamen
die Wärterin und Bessie, um ihnen mitzuteilen, daß alles vorüber
sei. Man hatte sie schon auf das Paradebett gelegt. Eliza und
Jane gingen, um sie noch einmal zu sehen. Georgina brach in
lautes, krampfhaftes Weinen aus und sagte, sie habe nicht den
Mut zu gehen. Da lag nun Sarah Feeds einstmals so kräftiger,
lebensvoller Körper, starr und kalt und still. Die kalten Lider
bedeckten das scharfe, erbarmungslose Auge; die Stirn und die
starren Züge trugen noch den Stempel ihrer unbeugsamen, unerbittlichen Seele. Dieser Leichnam hatte etwas Seltsames, Feierliches für Jane. Mit Schauer und Kummer blickte sie auf ihn
herab: nichts Sänftigendes, nichts Friedliches, nichts Erbarmungsreiches oder Hoffnung erweckendes oder ruhig Stimmendes
flößte er ihr ein; nur einen herzzerreißenden, angstvollen Jammer
um ihr Weh und ein düsteres, tränenloses Entsetzen über die
Grauen des Todes in dieser Gestalt.
Eliza blickte ruhig auf ihre Mutter herab. Nach einigen Minuten des Schweigens bemerkte sie:
,Mit ihrer Körperbeschaffenheit hätte sie ein schönes, hohes
Alter erreichen können. Aber Kummer hat ihr Leben verkürzt.
Dann zog ihr Mund sich einen Augenblick krampfhaft zusammen. Aber nur für einen Augenblick. Gleich darauf wandte
sie sich ab und ging zur Tür hinaus. Dasselbe tat Jane. Keine
hatte eine Träne vergossen.

Fünfzehntes Kapitel.
Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, waren Kisten und
Kasten schwer; als ich wieder kam, als ich wieder kam, war alles leer.

Mr. Rochester hatte Jane nur eine Woche Urlaub gegeben,
aber trotzdem verflossen mehr als sechs Wochen, ehe sie Gateshead
verließ. Sie wollte unmittelbar nach dem Begräbnis abreisen,
aber Georgina flehte sie an zu bleiben, bis es ihr möglich sein
würde, nach London abzureisen, wohin ihr Onkel, Mr. Gibson,
sie nun endlich, endlich eingeladen hatte. Dieser war hinaus gekommen, um alle Anstalten für das Begräbnis seiner Schwester
zu treffen und die Geldangelegenheiten der Familie zu ordnen.
Georgina sagte, sie fürchte sich mit Eliza allein zu bleiben; von
ihr hatte sie weder Hilfe in ihrer Bedrängnis noch Unterstützung
bei ihren Reisevorbereitungen zu erhoffen. Daher ertrug Jane
denn ihr kleinmütiges Jammern und ihre selbstsüchtigen Klagen
se gut sie konnte und tat ihr Bestes, indem sie für Georgina nähte
und arbeitete und Wäsche und Kleider für sie einpackte. Es ist
wahr, daß die müßig umherging, während Jane arbeitete, und
gar oft dachte Jane in ihrem Sinne: ‘Nun Cousine, wenn wir beide verurteilt wären, miteinander zu leben, so würden wir die Sache bald anders anfassen. Ich würde mich nicht gutwillig
darein finden, der arbeitende Teil zu sein; ich würde auch dir
deinen Teil der Arbeit zukommen lassen und dich zwingen ihn zu
tun, wenn er nicht ungetan bleiben sollte. Und ich würde auch
darauf bestehen, daß du einige dieser nur halb aufrichtig empfundenen, schleppenden Klagelieder in deine eigene Brust verschlössest.
Nur, weil unser Verkehr zufällig ein sehr vorübergehender ist und
in eine sehr traurige Zeit fällt, finde ich mich darein, so geduldig
und gutwillig dir gegenüber zu sein.
Endlich kam der Augenblick für Georginas Abreise, aber jetzt
war die Reihe an Eliza, Jane zu bitten, daß sie noch eine Woche
dableibe. Wie sie sagte, nahmen ihre Pläne all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie war im Begriff, in irgendein unbekanntes Land abzureisen und während des ganzen Tages hielt
sie sich in ihrem Zimmer auf. Die Tür war von innen verschlossen,
und sie beschäftigte sich damit, Koffer zu packen, Schiebladen zu
leeren, Papiere zu verbrennen, ohne daß jemand sie bei dieser Arbeit hätte stören dürfen. Von Jane wünschte sie, daß sie sich um
den Haushalt kümmere, Besucher empfing und Kondolenzschreiben
beantworte.
Eines Morgens sagte sie Jane, daß sie ihrer jetzt nicht weiter
bedürfe.,Und,’ fügte sie hinzu, ,ich bin Ihnen sehr verbunden
für Ihre außerordentlichen Dienste und Ihr vornehmes Verhalten.
Es ist freilich ein großer Unterschied, ob man mit Ihnen lebt oder
mit Georgina. Sie tragen Ihre eigene Last in Leben und quälen
und belästigen niemand. Morgen,'' fuhr sie fort, ,begebe ich mich
nach dem Kontinent. Ich werde meinen Aufenthalt in einem frommen Hause bei Lisle nehmen ein Nonnenkloster, wie man
es zu nennen pflegt. Dort werde ich ruhig und ungestört leben.
Ich werde mich für einige Zeit der Prüfung des römisch-katholischen Dogmas widmen und sorgfältig die Werke über diese Lehre ;
prüfen. Wenn ich finde, wie ich es halb und halb erwarte, daß
es dasjenige ist, welches darauf berechnet ist, alle Dinge des Lebens in guter Ordnung und ruhig ausführen zu können, so werde
ich mich zu den Lehren bekennen, welche von Rom ausgegangen
sind, und wahrscheinlich den Schleier nehmen.
Jane drückte durchaus kein Erstaunen über diesen Entschluß
aus und versuchte ebensowenig, sie von demselben abzubringen.
Als sie sich trennten, sagte sie: ,Leben Sie wohl, Cousine
Jane Eyre; möge es Ihnen gut gehen, Sie besitzen ziemlich viel
Einsicht und Verstand.
Mit diesen Worten trennte sie sich von Jane und jede ging
ihres Weges.
Da keine Gelegenheit mehr sein wird, wieder auf sie oder ihre
Schwester zurückzukommen, soll hier für die neugierige Leserin
noch erwähnt werden, daß Georgina eine vorteilhafte Heirat mit
einem sehr reichen Manne von Welt schloß, und daß Eliza in der
Tat den Schleier nahm und heute Oberin des Klosters ist, in welchem sie die Zeit ihres Noviziats zubrachte. Ihr Vermögen hat sie
demselben ebenfalls vermacht.
Endlich war für Jane wieder die Zeit der Freiheit gekommen
und sie sehnte sich sehr nach Thornfield und seinen Bewohnern.
So beschleunigte sie ihre Vorbereitungen zur Rückkehr und bald
saß sie im Postwagen. Die Reise war sehr langweilig. Fünfzig
Meilen am ersten Tage, Nachtruhe in einem Landwirtshause,
fünfzig Meilen am zweiten Tage. Während der ersten zwölf
Stunden dachte sie an Mrs. Reed und ihre letzten Stunden. Dann
fielen ihr Eliza und Georgina ein. Sie sah die eine inmitten aller
Vergnügungen, die andere als die Bewohnerin einer Klosterzelle.
Die späte Ankunft in dem Landstädtchen F... verjagte diese
Gedanken; die Nacht zog herbei und Jane schlief fest.
Tief am Nachmittage des zweiten Tages kam sie in Millcote an.
Sie hatte Mrs. Fairfax den Tag ihrer Ankunft nicht bekannt
gegeben, denn sie wünschte nicht, daß man ihr irgendein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte. Sie hatte sich vorgenommen,
die Strecke Weges ruhig allein zu gehen und nachdem sie ihren
Koffer in dem Gasthause zurückgelassen hatte, machte sie sich unbemerkt aus dem Hotel zum heiligen Georg' davon und schlug an
einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach
Thornfield ein, einem Weg, der hauptsächlich durch Felder führte
und wenig benutzt wurde.
Es war ein warmer, linder, aber kein strahlender, heißer
Sommerabend; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt; der Himmel versprach gutes Wetter für die kommenden Tage; seine Bläue war milde, und einzelne Wolken zogen
hoch und durchsichtig dahin. Auch der Westen war warm; keine
wässerigen Strahlen störten das Bild, es war, als sei ein Feuer
angezündet, als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange, und wo dieser hier und da zerrissen war, schien eine goldige
Röte hervor.
Fröhlichkeit kam über Jane, als sie den vor ihr liegenden
Weg immer kürzer werden sah; sie wurde so froh, als ob sie wieder
in ihr eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz, oder an
einen Ort zurückkehre, wo treue Freunde ihrer harrten und ihre
Ankunft herbeisehnten.
Sie dachte des freundlichen Lächelns von Mrs. Fairfax, Sie
sah schon die kleine Adele in die Hände klatschen und vor Freude
springen, auch blickte sie erwartungsvoll ihrem gütigen Herrn entgegen.
Immer schneller eilte Jane, um die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen! Mit welchem Gefühl sie einzelne
Bäume bewillkommte, die sie kannte. Liebgewordene Aussichten
auf Wiesen und Hügel! Endlich erhoben der Park und das Gehölz sich vor ihr. Düster lag der Krähenhorst da: ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Abends. Ein seltsames Entzücken kam über Jane. Sie rannte fast vorwärts. Noch ein
Feld zu durchkreuzen - einer gewundenen Heckengasse nachzugehen - und da lagen die Mauern des Hofes, die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst war noch inter dem Krähenhorst verborgen.
,Zuerst will ich es an der Vorderseite wiedersehen, beschloß
Jane, ,wo die kühnen Zinnen sofort einen erhabenen Eindruck auf
das Auge machen.
Jane war an der niederen Mauer des Obstgartens entlang
gegangen, jetzt wandte sie sich um die Ecke; gerade hier war eine
Pforte, welche auf die Wiese hinausging zwischen zwei steinernen
Pfeilern, welche von großen Steinkugeln gekrönt waren. Hinter
einem Pfeiler hervor würde sie ruhig auf die volle Front des
Herrenhauses blicken können. Von diesem Standpunkt aus beherrschte sie sowohl die lange Vorderseite, wie die Fensterreihen
und die Zinnen. jetzt ein kühner, langer Blick auf die Front: Da,
entsetzlich!
Höre ein Bild, liebe Leserin!
Denke dir, ein Sohn ist nach jahrelanger Abwesenheit zurückgekehrt in seine Heimat. Er hat seine Mutter nicht benachrichtigt,
denn er will sie überraschen. Stürmisch eilt er in ihr Haus, ihre
Wohnung. Er findet sein Mütterchen schlafend auf dem Ruhebett. Klopfenden Herzens nähert er sich ihr. Er will die lang
Entbehrte mit einer Umarmung, einem Kusse, erwecken. Er umschlingt die teure Gestalt, aber keine Bewegung in ihr, keine Antwort! Wild hallt sein Schrei, denn diejenige, von der er glaubt,
daß sie schläft, wird er nicht mehr erwecken, sie ist tot!
Also erging es der armen Jane.
Mit zitternder Freude hatte sie den Blick auf ein stattliches
Haus gerichtet: sie sah nur von Rauch geschwärzte Ruinen.
Es war nicht mehr nötig, sich hinter einem Thorpfeiler zusammen zu kauern, nach den Fenstern emporzublicken. Es war
nicht mehr nötig, dem Offnen und Schließen von Türen zu
lauschen oder sich einzubilden, daß menschliche Tritte auf der Terrasse oder den Kieswegen zu vernehmen seien. Der Garten, der
Park waren niedergetreten und verwüstet; das Portal gähnte ihr
in fürchterlicher Leere entgegen. Die Vorderseite des Hauses war
nur eine hohle Mauer, hoch und zerbrechlich aussehend, hier und
da durch leere Fensterhöhlen unterbrochen. Kein Dach, keine Zinnen, keine Schornsteine -- alles war in Trümmer gefallen.
Und überall herrschte die Ruhe des Todes, die Stille einer
öden Wildnis!
Wie war doch das Schreckliche geschehen? Wessen Leben war
zu beklagen? Wo befanden sich die Insassen des Hauses? Der
gütige Herr, die freundliche Haushälterin, das liebe Kind und die
treuen Diener? Schreckliche Frage! Niemand war da, der Jane
diese Fragen beantworten könnte, und doch mußte sie Antwort
haben.
Da fiel ihr ein, daß sie nur in dem Wirtshause eine solche erhalten konnte, und sie begab sich dorthin. Der Wirt selbst brachte
ihr das bestellte Frühstück ins Wohnzimmer.
,Sie kennen Thornfield-Hall natürlich ? gelang es ihr endlich hervorzubringen.
,Ja, Madam, ich habe mich dort einmal aufgehalten. Ich
war der Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester.'
Des verstorbenen! Mit voller Wucht war der Schlag auf
Jane gefallen.
,Des verstorbenen!'' stieß sie endlich mühsam hervor. ,Ist
er denn tot?
,Ja, erwiderte der Wirt.
Er erzählte jetzt, daß das Schloß das Opfer eines furchtbaren
Frevels geworden sei. Schon seit längerer Zeit hätte sich in den
Wäldern um Thornfield eine Zigeunerbande umhergetrieben.
welche der ganzen Umgegend durch ihr beispiellos freches Rauben
und Plündern lästig geworden sei. Ja, zuletzt ging die Frechheit
dieser Elenden so weit, daß sie ihre Raubzüge sogar bis nach Thornfield-Hall ausdehnten. Hierbei sei einer dieser Halunken gefaßt,
von dem wütenden Mr. Rochester ordentlich durchgeprügelt und
dann der Polizei übergeben worden. Die Zigeuner schwuren dem
Schloßherrn furchtbare Rache und bald zeigte es sich, daß dies
keine leere Drohung war.
Vor etwa vier Wochen schlichen sich mitten in der Nacht, als
alles im Schlosse fest schlief, einige Mitglieder der Diebesbande
ins Schloß und zündeten dieses an mehreren Seiten zugleich an,
nachdem sie noch vorher an möglichst vielen Orten des Gebäudes
reichliches Brennmaterial aufgestapelt hatten. Als die Bewohner
des Schlosses erwachten, stand das Haus schon voller Flammen,
und man konnte nur an Rettung des nackten Lebens denken. Fast
alle wurden besonders durch die tatkräftige Hilfe des Herrn gerettet. Da hörte dieser, daß sich im obern Stockwerk noch eine
Dienerin befände, und gleich darauf vernahm er ihren Hilferuf.
Den wackeren Mr. Rochester hielt nichts mehr. Obgleich
schon an Bart und Haar versengt stürzte er abermals in das
Flammenmeer. Er trug die Hilfeflehende mitten durch Rauch
und Flammen die Treppen hinunter. Schon jauchzten ihm die
draußen Stehenden zu, als ein Balken sich löste, und gerade auf
Mr. Rochesters Haupt fiel; die von ihm Gerettete war nur leicht
verletzt worden, den braven Retter zog man tot unter dem Balken
hervor.
Schluchzend vernahm Jane dieses furchtbare Ereignis und
konnte lange nicht ihrer Tränen Herr werden. Auf weiteres Befragen erfuhr sie, daß Mrs. Fairfax, der schon zu Lebzeiten des
Mr. Rochester eine Leibrente ausgesetzt gewesen sei, nach ihrer Heimat zurückgekehrt wäre, einem Dorfe in der Grafschaft... shire
im nördlichen England, und daß sich Adele bei ihr befinde; die
Bonne des Kindes habe eine Stellung in London angenommen.
So war wieder alles aus für die arme Jane. Die neue Heimat, die lieben Menschen, die Ruhe und der Frieden war wie ein
Hauch in der Luft entschwunden, wie eine Fata Morgana - wie
ein Nichts.
Was sollte sie jetzt beginnen? Keine Heimat, keine Zuflucht.
keinen Freund. Wohl besaß sie noch etwas Geld, doch wie weit
würde das reichen. Nur weg wollte sie jetzt, weg von dem Orte
des Grauens und des Unglücks. Am nächsten Morgen schon
wollte sie ihre freudlose Wanderschaft aufnehmen.

Sechzehntes Kapitel.
In der Irre.
Eine Meile von Thornfield hinter den Feldern zog sich eine
Straße hin, welche in die entgegengesetzte Richtung von Millcote
führte; auf dieser geht früh am anderen Morgen unsere Jane.
Sie ging an den Feldern entlang, an Hecken und Gäßchen,
bis die Sonne aufgegangen war. Es war ein unendlich lieblicher
Sommermorgen. Aber sie blickte weder zur Sonne empor, noch
zu dem lächelnden Himmel, noch herab auf die eiwachende Natur,
sie dachte nur an das heimatlose Umherwandern.
Als sie die Landstraße erreichte, war sie gezwungen, sich zu
setzen und unter einer Hecke auszuruhen. Wie sie so dasaß, vernahm sie das Geräusch von Rädern und sah einen Wagen des
Weges kommen. Sie stand auf und winkte mit der Hand. Als
der Wagen anhielt, fragte sie, wohin er führe. Der Kutscher
nannte einen weit entfernten Ort. Sie fragte, für welche Summe
er sie nach dort mitnehmen würde; er antwortete: für dreißig z
Schillinge; sie entgegnete ihm, daß sie nur zwanzig besäße. Nun,
er wolle sie auch dafür mitnehmen. Dann erlaubte er ihr noch,
sich in das Innere des Wagens zu setzen, da er leer war. Sie stieg
ein. Die Tür wurde zugeschlagen und der Wagen fuhr
weiter.
Zwei Tage sind vorüber. Es ist ein Sommerabend. Der
Kutscher hat Jane an einem Orte abgesetzt, der Whitcroß heißt.
Für die Summe, die sie ihm gezahlt, konnte er sie nicht weiter mitnehmen, und auf der ganzen Welt besaß sie nicht einen einzigen
Schilling mehr. Um diese Zeit ist der Wagen schon eine ganze Meile
weit fort. Sie ist allein. Und jetzt entdeckt sie, daß sie vergessen
hat, ihr Paket aus der Wagentasche zu nehmen. Dieses hatte sie
aus den notwendigsten Reisegegenständen gebildet, nachdem sie
dem Gastwirt in Millcote ihren Reisekoffer überlassen. jetzt ist sie
von allen Mitteln entblößt.
Whitcroß ist keine Stadt, nicht einmal ein Marktflecken; es
ist nur ein steinerner Pfeiler, welcher dort aufgerichtet ist, wo vier
Wege sich kreuzen; weiß angestrichen, damit er in der Ferne und in
der Dunkelheit sichtbarer und in die Augen fallender ist. Vier
Arme gehen von seiner oberen Spitze aus; die nächstgelegene
Stadt, zu welcher diese zeigen, ist der Inschrift nach noch zehn Meilen
von hier entfernt. Durch den wohlbekannten Namen dieser Stadt
erfährt Jane, in welcher Grafschaft sie ausgestiegen ist. Eine nördliche Binnenland-Grafschaft, mit düsterem Moorland, von Bergen
eingerahmt. Hinter ihr und zu beiden Seiten von ihr sind große
Torfmoore. Die Bevölkerung hier ist nur spärlich und weder
Fußgänger noch Reiter sind auf diesen Straßen zu sehen. Sie alle s
sind über das Moor gelegt und das Haidekraut wächst wild und
üppig bis an den Grabenrand. Sie schritt bald direkt auf die
Haide und hielt sich in einem kleinen Durchgang, welcher die
braune Moorerde tief durchfurchte. Sie watete knietief in der dunklen
Vegetation, folgte all seinen Biegungen und als sie einen moosbewachsenen Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand,
setzte sie sich. Hohe Moordämme umgaben sie, die Klippe beschütte ihr Haupt. Und über all. diesem war der Himmel.
Es verging einige Zeit, bevor sie sich selbst hier sicher fühlte.
Sie hatte eine unbestimmte Furcht, daß wilde Viehherden in der
Nähe sein könnten, oder daß ein Wilddieb sie entdecken könne. Wenn
ein Windstoß über die Fläche fortfegte, blickte sie erschreckt empor
und meinte, es könne der ungestüme Anlauf eines Stiers sein;
wenn ein Regenvogel pfiff, so glaubte sie, es seien menschliche
Laute. Mls sie indessen einsah, daß ihre Befürchtungen unbegründet seien, und die tiefe Stille, welche beim Hereinbrechen der Nacht
herrschte, sie beruhigte, da faßte sie Vertrauen.
Doch was sollte sie jetzt beginnen? Wohin sich wenden?
Wenn ihre müden, zitternden Glieder noch einen langen, langen
Weg zurücklegen mußten, bevor sie menschliche Wohnungen erreichen konnte, wenn sie das kalte Mitleid in Anspruch nehmen
mußte, bevor sie eine Unterkunft fand; widerstrebende Barmherzigkeit anrufen, herzlose Zurückweisungen ertragen, ehe überhaupt
jemand ihre Not anhören, oder ihr irgendwelche Arbeit bieten
würde. Sie berührte den Haideboden, er war trocken und noch warm
von der Hitze des Sommertages. Sie blickte zum Himmel empor;
er war klar; ein freundlicher Stern funkelte gerade über dem
Gipfel der Felsenklippe. Der Tau fiel, aber glücklicherweise sehr
schwach; nicht ein Windhauch störte die Ruhe. Die Natur schien
ihr gut und wohlwollend; sie glaubte, daß sie die arme Verlassene
liebe. Heute Nacht wollte sie wenigstens ihr Gast sein. Mutter
Natur würde ihr ja Obdach gewähren ohne Geld, ohne Preis.
Jane hatte noch einen kleinen Bissen Brot, den Rest einer Semmel,
welche sie in einer Stadt gekauft, die sie um die Mittagszeit passiert, gekauft mit einem losen Pfennig, den sie noch zufällig bei sich
gefunden. Hier und da sah sie reife Heidelbeeren; sie pflückte eine
Handvoll davon und aß sie zu dem Brote. Ihr zuvor noch nagender Hunger war, wenn auch nicht gestillt, so doch gemildert durch
dieses Einsiedlermahl. Zuletzt sagte sie ihr Abendgebet und dann
suchte sie ihr Nachtlager.
Neben der Felsenklippe war das Haidekraut sehr hoch. Als !
sie sich niederlegte, waren ihre Füße beinahe darin begraben; an
beiden Seiten wuchs es so hoch, daß es fast über ihr zusammenschlug und dem Hereindringen der Nachtluft nur wenig Raum gewährte. Sie legte ihren Schal doppelt zusammen und breitete
ihn wie eine Decke über sich; eine unmerkbare, moosige Erhöhung
bildete ihr Kopfpolster. So verwahrt, spürte sie wenigstens beim
Beginn der Nacht keine Kälte.
Die Nacht war gekommen und ihre Planeten waren aufgegangen; eine schöne, stille Nacht, zu rein und klar, als daß man
der Furcht hätte Raum geben können. Wohl wissen wir, daß Gott
allgegenwärtig ist; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am
deutlichsten, wenn seine größten und herrlichsten Werke im Glanze
vor uns ausgebreitet liegen. Und der unbewölkte Nachthimmel,
an dem seine Welten ihren stillen Kreislauf vollenden, macht uns
am meisten seine Unendlichkeit, seine Allmacht, seine Allgegenwärtigkeit empfinden! Jane hatte sich auf die Knie erhoben, um
zu beten. Als sie mit tränenblinden Augen aufsah, erblickte sie
die gewaltige Milchstraße. Indem sie sich erinnerte, was sie eigentlich sei, eine Million von Welten, fühlte sie die Macht und die Kraft
Gottes. Sie war sicher, daß ohne seinen Willen kein Geschöpf
untergehen könnte.
Sie legte sich wieder an die Brust der Erde und nicht lange
dauerte es, so hatte sie im Schlaf allen Kummer vergessen.
Aber am nächsten Tage trat die Not bleich und hager an
sie heran. Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen
hatten, lange nachdem die Bienen während der süßen Jugend des
Tages den Honig aus den Haideblüten gesogen, bevor der Tau noch
getrocknet, erhob sie sich und blickte umher.
Welch ein stiller, warmer, herrlicher Tag! Welch eine goldene
Wüste dieses weite Moor! Überall Sonnenschein! Sie sah eine
Eidechse über den Felsen huschen; sie sah eine Biene geschäftig
zwischen den süßen Haidelbeeren. Wie gern wäre sie in diesem
Augenblick Biene oder Eidechse gewesen; dann hätte sie hier hinreichende Nahrung, schützendes Obdach gefunden. Aber sie war
ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines mensch
lichen Wesens. Sie durfte nicht weilen, wo sie nichts fand, um
sie zu befriedigen. Sie erhob sich und blickte zurück auf das Lager,
das sie verlassen. Sie hegte nur den einen Wunsch: daß der
Schöpfer es für gut befunden hätte, während ihres Schlafes dieser
Nacht die Seele von ihr zurückzufordern. Aber das Leben war
noch immer in ihr mit seinen Erfordernissen und Bedürfnissen.
Diese mußten befriedigt werden.
Sie machte sich auf den Weg.
Als sie Whitcroß wieder erreicht hatte, schlug sie einen Weg
ein, welcher von der Sonne fortführte, die jetzt bereits hoch stand
und glühend herabbrannte. Lange ging sie vorwärts, und endlich
setzte sie sich ermüdet auf einen nahen Stein; da hörte sie eine
Glocke erklingen, eine Kirchenglocke.
Sie wandte sich nach der Richtung, aus welcher der Schall
kam, und dort, zwischen den Hügeln sah sie einen Weiler und einen
Kirchturm. Das ganze Tal zu ihrer Rechten war voll von Weiden,
Kornfeldern und Wäldern; ein glitzernder Strom lief zickzack durch
die verschiedenen Schattierungen der Wiesen, des reifenden Korns.
der düsteren Wälder und der hellen, sonnigen Fluren. Das schwere
Rollen von Rädern lenkte ihre Gedanken wieder auf die vor ihr
liegende Straße; sie sah einen hochbeladenen Wagen hügelaufwärts streben und eine kurze Strecke dahinter erblickte sie zwei
Kühe mit ihrem Treiber. Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren ihr also nahe. Sie wollte sich nun weiter schleppen,
versuchen zu leben und zu arbeiten wie die übrigen.
Gegen vier Uhr nachmittags kam sie in das Dorf. Am Ende
seiner einzigen Straße war ein kleiner Laden mit einigen Semmeln
und Broten im Fenster. Sie sehnte sich nach einem Laib Brot.
Durch solche Erfrischung war es ihr vielleicht möglich, einen gewissen Grad von Kraft wieder zu erlangen; ohne dieselbe war es
ihr unmöglich, weiter zu gehen. Sie fühlte, daß es entehrend sei,
an der Dorfstraße vor Hunger ohnmächtig zu werden. Besaß sie
denn nichts, was sie jenen Leuten zum Tausch gegen eins jener
Brote anbieten konnte? Sie dachte nach. Um den Hals hatte sie
ein kleines, seidenes Tuch geschlungen; sie hatte auch Handschuhe.
Sie wußte ja nicht, ob die Leute irgendeinen dieser Gegenstände
annehmen würden; wahrscheinlich würden sie es nicht tun aber
sie mußte es versuchen.
Sie trat in den Laden. Eine Frau war darin anwesend. Als
sie eine anständig gekleidete Person sah, eine Dame, wie sie vermutete, trat sie mit größter Höflichkeit vor. Womit sie der Dame
dienen könne? Jane kam fast um vor Scham! Ihre Zunge
konnte die wohlvorbereitete Bitte nicht hervorstammeln. Sie
wagte nicht, ihr die abgenützten Handschuhe oder das zerdrückte
Seidentuch anzubieten. Sie bat sie nur um die Erlaubnis, sich
einen Augenblick setzen zu dürfen, da sie sehr ermüdet sei. Getäuscht in ihrer Erwartung auf einen Kunden, gewährte sie Janes
Bitte fast widerstrebend. Sie zeigte auf einen Stuhl. Jane brach
darauf zusammen. Die Tränen waren ihr nahe, doch hielt sie sie
zurück.
Gleich darauf fragte sie die Bäckersfrau, ob im Dorfe eine h
Schneiderin oder eine einfache Handarbeiterin sei.
Ja, zwei oder drei. Gerade so viele, wie dort Beschäftigung?
finden könnten.
Jane dachte nach. Sie war aufs äußerste gekommen. Sie
sah der Not jetzt Aug' in Aug'.
,Ob sie von irgend einer Stelle in der Nachbarschaft wisse,
wo eine Dienerin gebraucht werde?
,Nein, sie wisse von keiner.
,Welches der hauptsächliche Handel an diesem Orte sei?
Womit die Mehrzahl der Leute sich beschäftige?
,Einige seien Landleute; viele von ihnen arbeiteten in der
Nadelfabrik von Mr. Oliver und in der Gießerei?
,Ob Mr. Oliver auch Frauen beschäftige?
,Nein, es sei Männerarbeit.
,Und womit beschäftigten sich die Frauen?
,Weiß nicht,' lautete die Antwort. ,Einige tun dies, andere
das. Arme Leute müssen zusehen, daß sie durchkommen.
Die Frau schien jetzt der Fragen müde zu sein, ein oder zwei
Nachbarn traten ein; augenscheinlich brauchte man den Stuhl.
Jane verabschiedete sich.
Sie ging die Straße hinauf und im Vorübergehen blickte sie
jedes Haus zur Linken und zur Rechten an. Aber sie konnte
keinen Vorwand, keine Veranlassung finden, irgendwo einzutreten.
Sie streifte im Dorfe umher; dann ging sie wieder ins Freie hinaus, um darauf eine Stunde oder später zurückzukehren. Völlig
erschöpft und leidend durch den Mangel an Nahrung schlug sie
einen Heckenweg ein und setzte sich unter die Hecke. Aber nur
wenige Minuten vergingen und sie war wieder auf den Füßen;
sie suchte immerwährend nach einem Ausweg oder doch nach jemandem, der ihr Auskunft geben konnte. Ein hübsches, kleines Haus
mit einem Garten davor stand am Ende des Gäßchens; der Garten
war außerordentlich wohl gepflegt und prangte im schönsten Blumenflor. Sie stand still vor demselben. Sie trat näher und klopfte
an. Eine sauber gekleidete, junge Frauensperson mit milden Gesichtszügen öffnete ihr die Tür. Mit einer leisen, stammelnden
Stimme fragte sie, ob man hier ein Dienstmädchen brauche.
,Nein,' sagte sie, , wir halten keine Magd.
,Können Sie mir denn nicht sagen, wo ich Beschäftigung
irgendwelcher Art finden kann? fuhr Jane fort. ,Ich bin hier
fremd, ohne Bekannte oder Freunde am Ort.
,Es täte ihr leid, ihr keine Auskunft geben zu können, und
die weiße Tür wurde geschlossen, zwar leise und höflich, aber Jane
war ausgeschlossen!
Der Hunger quälte Jane immer mehr. Sie näherte sich
wieder den Häusern; sie verließ sie und kehrte doch wieder zurück.
Dann wanderte sie von neuem fort, immer wieder fortgetrieben
durch das Bewußtsein, daß sie kein Recht zu betteln habe, kein
Recht zu erwarten, daß irgend jemand an ihrer verzweifelten Lage
Anteil nehme. Inzwischen neigte der Nachmittag sich seinem Ende
zu, während sie wie ein verlorener, verlassener Hund umherwanderte. Als sie über ein Feld ging, sah sie den Kirchturm vor
sich, sie eilte näher. In der Nähe des Friedhofes, inmitten eines
Gartens, stand ein kleines, aber schön gebautes Haus, welches
sie sofort für den Pfarrhof hielt. Es fiel ihr ein, daß es das
Amt des Priesters sei, denen zu helfen, welche sich selbst helfen
wollen. Ihr war's, als hätte sie etwas wie ein Recht, sich hier
Rat zu holen. So belebte sich denn ihr Mut von neuem und indem
sie den letzten schwachen Rest ihrer Kräfte zusammen nahm, wanderte sie vorwärts. Sie erreichte das Haus und klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Sie fragte, ob dies das
Pfarrhaus sei.
Ja.
,Ob der Pfarrer zu Hause sei.
,Nein,
,Ob er bald nach Hause kommen würde.
,Nein, er sei eine ziemliche Strecke vom Hause entfernt.
,Sehr weit?
,Nicht so sehr weit -- vielleicht drei Meilen. Er sei durch
den plötzlichen Tod seines Vaters abberufen; augenblicklich sei er
in Marsh End und würde dort wahrscheinlich noch vierzehn Tage
bleiben.
,Ob denn nicht die Hausfrau da sei?
,Nein, außer ihr niemand, und sie sei die Haushälterin.
Aber noch vermochte Jane nicht zu betteln. Sie kroch weiter.Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine
Brotkruste! Nur einen Mund voll, um sich von dem grausamen Hungertode zu erretten! Wieder wandte sie das Gesicht dem Dorfe zu; sie fand den Laden und trat ein, und obgleich sich außer der Frau noch
mehr Leute dort befanden, wagte sie doch die Bitte, ob sie ihr
nicht ein Brötchen für das Seidentuch geben wolle.
Mit augenscheinlichem Mißtrauen blickte die Frau sie an.
,Nein, sie sei nicht gewohnt, auf diese Weise ihre Ware an
den Mann zu bringen.
Fast verzweifelt bat Jane um ein halbes Brot. Sie schlug
es ihr wieder ab. ,Wie könne sie denn wissen, wie sie zu dem Ding,
gekommen sei? sagte sie.
,Ob sie denn ihre Handschuhe wolle?
,Nein! Was sie damit anfangen solle?
Jane ging weiter. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam sie
Wieder löste sie ihr kleines Halstuch, wieder fielen ihr die kleinen
Brötchen in dem Ladenfenster des Dorfes ein. Ach, nur eine Brot-
an einem Meierhofe vorbei, an dessen geöffneter Tür der Pächter
saß und sein Abendbrot verzehrte, das aus Brot und Käse bestand.
Sie stand still und sagte:
,Wollen Sie mir ein Stück Brot geben? Ich bin sehr
hungrig.
Er warf einen Blick des Erstaunens auf sie; aber ohne zu
antworten, schnitt er eine derbe Schnitte von seinem Brot und
gab sie ihr. Er hielt sie nicht für eine Bettlerin, sondern nur für
eine Dame, welche von einem plötzlichen Appetit auf sein Schwarzbrot befallen war. Sobald Jane außer Sehweite war, sette sie
sich hin und begann zu essen.
Wieder war die Nacht angebrochen, und Jane suchte Zuflucht in einem nahen Walde. Aber es war eine fürchterliche
Nacht, sie fand keine Ruhe. Die Erde war feucht, die Luft kalt.
Kein Gefühl von Ruhe oder Sicherheit kam über sie. Gegen
Morgen regnete es. Der ganze folgende Tag war naßkalt. Wie
zuvor suchte Jane Arbeit, wie zuvor wurde sie abgewiesen, und
wie zuvor hungerte sie, nur einmal kam Nahrung über ihre Lippen.
An der Tür einer Hütte sah sie ein kleines Mädchen, das im Begriff stand, eine Schüssel voll kalten Haferbreis in den Schweinetrog zu schütten.
,Willst du mir das nicht geben? bat sie.
Das Kind starrte Jane an.
,Mutter,' rief sie dann aus, ,hier ist ein Weib, das den Brei
haben will.r
,Nun, Mädel,' erwiderte die Stimme von drinnen, ,gib ihn
ihr, wenn es eine Bettlerin ist. Das Schwein braucht ihn nicht.
Das Mädchen schüttete den steifen Brei in Janes Hand und
diese verschlang ihn gierig.
Als die naßkalte Dämmerung herabsank, hielt sie auf einem
einsamen Reitwege inne, den sie schon seit länger als einer Stunde
verfolgt hatte.
,Meine Kräfte verlassen mich jetzt gänzlich,! sagte sie im
Selbstgespräch.,Ich fühle, daß ich nicht viel weiter gehen kann.
Werde ich diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein? Muß ich
mein Haupt auf den kalten, durchweichten Erdboden legen, während der Regen in Strömen herabfließt? Ich fürchte, es wird
mir nichts anderes übrig bleiben. Aber es wird furchtbar sein;
mit diesem Gefühl des Hungers, der Ohnmacht, der Kälte, der
Trostlosigkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ich noch vor
Tagesanbruch sterben.
,O Gott! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht!
Hilf mir! Führe mich!
Ihr trübes Auge schweifte über die nebelige, verschwommene
Landschaft. Sie sah, daß sie weit vom Dorfe fortgeirrt war; es
war ihren Blicken gänzlich entschwunden. Auf Kreuzwegen und
Nebenpfaden war sie noch einmal dem Moorlande wieder nahe
gekommen, und jetzt lagen nur noch wenige Acker, die fast ebenso
wild und unfruchtbar waren wie die Heide, zwischen ihr und nebligen Bergen.
Nun, ich will lieber dort drüben sterben, als an der Landstraße oder an einem verkehrsreichen Wege,' dachte sie.
So wandte sie sich also den Hügeln zu. Sie erreichte diese.
Jetzt blieb ihr nur noch übrig, eine Höhlung zu finden, in der sie
sich verbergen, wenn auch nicht sicher fühlen konnte. Aber die
ganze Oberfläche der Einöde sah eben aus. Sie zeigte nur eine
Abwechslung: sie war grün, wo Binsen und Moose den Marschboden bedeckten, schwarz, wo der trockne Erdboden nichts trug als
Heidekraut.
Janes Auge schweifte noch über die düsteren Anhöhen, und
entlang dem Rande des Torfmoors, das sich in die wildeste
Szenerie verlor, als plötzlich an einem entfernten Punkt, weit hinein zwischen den Marschen und Höhen ein Licht aufblitzte.
,Das ist ein Irrlicht,' war ihr erster Gedanke, und sie erwartete, daß es bald wieder verschwinden werde. Es brannte indessen ganz stetig; es kam weder näher, noch entfernte es sich.
,Ist es denn ein Freudenfeuer, das soeben erst angezündet istE
fragte sie sich weiter. Sie beobachtete, ob es sich weiter ausdehnen werde; aber nein; so wenig wie es größer wurde, verkleinerte es sich.
,Es wird Kerzenschein aus einem Hause sein,'' vermutete sie
dann, ,aber wenn es auch der Fall, so werde ich es doch nimmer
erreichen können. Es ist viel zu weit entfernt. Und selbst, wenn es
nur eine Klafter weit von mir wäre, was könnte es nützen? Ich würde doch nur an die Tür klopfen, um zu eben, wie sie vor mir
geschlossen wird.’
Und sie sank zusammen, wo sie stand und drückte das Gesicht
gegen den Erdboden. Eine Weile lang lag sie still. Der Nachtwind zog über den Hügel und starb ächzend in der Ferne dahin.
Der Regen fiel unablässig und durchnäßte sie von neuem bis auf
die Haut. Wenn sie nur hätte erstarren können in der freundlichen, barmherzigen Kälte des Todes, so hätte er auf sie herabrieseln mögen, sie hätte ihn nicht gefühlt; aber ihr lebenswarmer
Körper schauderte zusammen unter seinem erkältenden Einfluß.
Es dauerte nicht lange, und sie erhob sich wieder.
Das Licht war noch immer da; es schien trübe aber beständig
durch den Regen. Jane versuchte, wieder zu gehen; sie schleppte
ihre erschöpften Glieder dem Lichte langsam entgegen. Dieses
leitete sie schräge über den Hügel durch einen weiten Sumpf, der
im Winter unpassierbar gewesen wäre und selbst jetzt im Hochsommer naß und unsicher war. Hier fiel sie zweimal. Aber ebenso
oft erhob sie sich wieder und nahm von neuem den Rest ihrer
Kräfte zusammen. Dieses Licht war ihr letzter Wagesatz im Hazardspiel des Lebens- sie mußte gewinnen!
Nachdem sie den Sumpf verlassen, sah sie eine weiße Spur
über das Moor führen. Sie näherte sich ihr; es war eine Straße
oder ein Pfad, der direkt auf das Licht hinführte, das jetzt
zwischen einer Gruppe von Bäumen heraus von einer Art Spitze
oder Gipfel herabschien. Die Bäume waren, soweit Jane es in
der Dunkelheit unterscheiden konnte, Tannen oder Fichten. Als
sie näher kam, verschwand ihr Stern; irgend ein Hindernis war
zwischen ihn und sie getreten. Jane streckte die Hand aus, um
die dunkle Masse vor sich zu fühlen; sie unterschied die rauhen
Steine einer niedrigen Mauer; darüber etwas, das Pallisaden
glich, und innerhalb eine hohe und dornige Hecke. Sie tastete sich
weiter. Wiederum leuchtete ein weißer Gegenstand vor ihr; es
war eine Pforte; sie bewegte sich in ihren Angeln, als Jane sie berührte.

Siebzehntes Kapitel.
Die Rettung.
Als sie in die Pforte trat und an den Büschen vorüberging.
erhob sich die Silhouette eines Hauses vor ihren Blicken. Schwarz.
niedrig und ziemlich lang; aber das rettende Licht schien nirgends
mehr. Alles war Dunkelheit. Hatten die Bewohner sich zur
Ruhe begeben? Sie fürchtete, daß es so sei. Als sie die Tür
suchte, kam sie um eine Ecke; da schoß der freundliche Lichtstrahl
wieder empor aus den länglichen Scheiben eines kleinen, vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen
war; es war noch kleiner geworden durch die Ranken eines Efeus
oder irgend einer anderen Schlingpflanze, deren Blätter den ganzen Teil des Hauses bedeckten, in welchem diese Fensterhöhlung
sich befand. Die Öffnung war so verwachsen und eng, daß man
Vorhänge oder Fensterladen für unnötig erachtet hatte; und als
Jane sich hinabbeugte und die grünende Ranke beiseite schob,
welche es bedeckte, konnte sie alles sehen, was drinnen vorging.
Sie sah deutlich ein Zimmer mit einem reingescheuerten, sandbestreuten Fußboden; eine Kredenz von Nußholz, auf welcher zinnerne Teller in langen Reihen aufgestellt waren; diese waren so
blank, daß der Glanz und der rote Schein eines Torffeuers sich in
ihnen spiegelte. Sie konnte eine Ühx sehen, einen weißen Tisch
von Tannenholz und einige Stühle. Das Licht, dessen Strahl
ihr Leuchtturm gewesen, brannte auf dem Tische; und bei seinem
Schein strickte eine ältliche Frau, die ein wenig rauh aber peinlich
sauber aussah, an einem Strumpfe.
Jane bemerkte diese Dinge nur flüchtig; es lag nichts Außergewöhnliches in ihnen. Am Herde saß eine Gruppe, die mehr
Interesse in Anspruch nahm. Zwei junge, anmutige Damen saßen,
die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem niederen
Schemel; beide trugen tiefe Trauer; dies düstere Gewand ließ ihre
zarten Gesichter ganz besonders hervortreten; ein großer, alter
Vorstehhund hatte seinen Kopf auf den Schoß des einen Mädchens
gelegt; auf den Knien der anderen lag eine schwarze Kate gebettet.
Welch ein seltsamer Aufenthalt war diese bescheidene Küche
für solche Insassen! Wer waren sie? Unmöglich konnten sie die
Töchter jener ältlichen Person am Tische sein; denn diese sah aus
wie eine Bäuerin, und die Damen waren ganz Zartheit und Verfeinerung.
Es war so still innen, daß Jane die Asche durch den Rost
fallen, die Uhr in seinem dunklen Winkel ticken hören konnte; ja,
sie bildete sich sogar ein, daß sie das Klappern der Stricknadeln
jener alten Frau vernehmen könne. Als daher endlich eine
Stimme diese seltsame Stille unterbrach, war sie ihr deutlich und
hörbar genug.
,Hör doch, Diana, sagte eine der emsigen Leserinnen,
,Franz und der alte Daniel sind bei Nachtzeit zusammen und
Franz erzählt einen Traum, aus dem er mit Entsetzen erwacht ist,
hör nur!' Und mit leiser Stimme las sie etwas, wovon Jane
nicht ein einziges Wort verständlich war; denn es war in einer ihr
unbekannten Sprache.
,Gibt es denn wirklich und wahrhaftig ein Land, wo die Leute
so eine sonderbare Sprache reden? fragte die alte Frau, indem sie
von ihrer Arbeit aufsah.
,Ja Hannah, ein viel größeres Land als England, wo sie gar
nicht anders reden.
,Nun, meiner Seel, da begreif ich doch nicht, wie sie einander
verstehen können; wenn nun eine von euch dorthin reiste - glaubt
ihr, daß ihr jemand verstehen könntet?
,Wahrscheinlich würden wir etwas von dem verstehen, was
die Leute dort sprechen, wenn auch nicht alles- denn wir sind
nicht so gelehrt, wie du meinst, Hannah. Wir sprechen nicht so gut
deutsch und wir können es nicht lesen, ohne ein Wörterbuch zur
Hilfe zu nehmen.
, Und was für Gutes habt ihr davon?!
, Wir beabsichtigen, es eines Tages zu lehren - oder doch
wenigstens die Anfangsgründe, wie man es nennt; dann werden
wir mehr Geld verdienen, als wir jetzt können.
, Kann schon sein! Aber jetzt laßt das Studieren; für heute abend habt ihr genug getan.''
,Ich glaube auch. Wenigstens bin ich müde. Mary, bist du
es ebenfalls?
,Todesmüde. Schließlich ist es doch schwere und zähe Arbeit,
sich mit einer Sprache abzuplagen, ohne einen anderen Lehrer als
das Lexikon zu haben.'
,Das ist es wahrhaftig. Besonders eine Sprache wie dies
harte aber herrliche Deutsch. Ich möchte wissen, wann St. John
nach Hause kommen wird,'' sagte die Vorleserin.
, Gewiß wird er jetzt nicht mehr lange ausbleiben; es ist gerade
zehn Uhr. Es regnet heftig. Hannah, willst du so gut sein und
nach dem Feuer im Wohnzimmer sehen??
Die Frau erhob sich; sie öffnete eine Tür, durch welche
Jane undeutlich einen Korridor sehen konnte. Bald hörte sie, wie
die Alte in einem inneren Zimmer ein Feuer anschürte. Gleich
darauf kam sie zurück.
,Ach, Kinderchen!'' sagte sie,,es wird mir gar so schwer, jetzt
in jenes Zimmer zu gehen; es sieht so einsam und verlassen aus mit
dem leeren Stuhl, der in den Winkel geschoben dasteht!
Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze. Die beiden jungen Mädchen, die vorher ernst ausgesehen, wurden jetzt traurig.
, Aber er ist an einem bessern Ort,'' fuhr Hannah fort; ,wir
dürfen ihn nicht wieder her wünschen. Und dann, einen sanfteren
Tod als er hatte, hat niemand.
,Du sagst, daß er unserer gar nicht mehr erwähnt hat? fragte
eine der jungen Damen.
, Er hatte keine Zeit, Kinderchen; es war vorüber in einer
Minute. Er war nicht ganz wohl gewesen, wie Tags zuvor, aber
es hatte nichts zu bedeuten; und als Mr. St. John ihn fragte, ob
eine von euch geholt werden solle, da lachte er ihm gerade ins Gesicht. Am nächsten Tage fing es dann wieder mit der Schwere im
Kopfe an, das sind nun ja schon vierzehn Tage her, und er fiel in
Schlaf und wachte nimmermehr auf. Er war beinahe schon kalt,
als euer Bruder zu ihm ins Zimmer kam und ihn fand. Ach Kinderehen, das war der letzte von dem alten Stamm, denn ihr und
Me Si. John seid von einer anderen Sorte als die, die schon fort
sind. Eure Mutter hatte auch viel Ähnlichkeit mit euch und war
beinahe ebenso gelehrt. Du bist ihr Ebenbild, Mary; Diana sieht
ihrem armen Vater ähnlicher.
Es schlug jetzt zehn Uhr.
, Ihr werdet gewiß euer Abendbrot wollen,! bemerkte
Hannah, , und Mr. St. John wird seins auch verlangen, wenn er
nach Hause kommt. !
Und sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis zu diesem
Augenblick war Jane so damit beschäftigt gewesen, sie zu beobachten,
daß sie ihre eigene verzweifelte Lage fast vergessen hatte. Jetzt fiel
sie ihr wieder ein. Durch den Kontrast erschien sie ihr trostloser,
entsetzlicher denn zuvor. Und wie unmöglich dünkte es sie, den Bewohnern dieses Hauses Teilnahme für sich einzuflößen, sie zu bewegen, daß sie ihr nur eine kurze Rast unter ihrem Dache gewährten!
Als sie sich an die Tür getastet hatte und zögernd anklopfte,
fühlte sie, daß ihre Hoffnung vergeblich sei.
Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie mit erstaunter Stimme, als sie
Jane beim Schein der Kerze, die sie in der Hand hielt, prüfend
ansah.
,Darf ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen?! fragte
diese.
,Sagen Sie mir nur lieber, was Sie von ihnen wollen. Woher kommen Sie denn eigentlich?
,Ich bin hier fremd.
,Was haben Sie denn um diese Stunde hier zu suchen??
,Ich bitte um Nachtquartier in einem Stalle oder sonst wo,
und um ein Stückchen Brot.
Mißtrauen war auf Hannahs Gesicht zu lesen.
,Ich will Ihnen ein Stück Brot geben, sagte sie nach einer
Pause; ,aber wir können einer Landstreicherin doch kein Obdach
geben. Das ist doch nicht zu verlangen!'
,Lassen Sie mich mit den Damen sprechen!
,Nein, gewiß nicht. Was könnten die für Sie tun? Sie
sollten um diese Zeit nicht mehr so umherlaufen. Das sieht sehr
verdächtig aus !''
,Aber wohin soll ich gehen, wenn ich hier auch fortgejagt
werde? Was soll ich nur beginnen?!
,Ach! ich wette, Sie wissen schon, wohin Sie zu gehen haben
und was Sie zu tun haben. Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie
nichts Unrechtes tun! Sonst geht's mich nichts an. Hier ist ein
Pfennig, und nun fort -
,Einen Pfennig kann ich nicht essen und ich habe keine Kraft
weiterzugehen. Ah! machen Sie die Tür nicht zu - tun Sie's
nicht! Um Gottes willen nicht!'
,Ich muß; der Regen schlägt herein.
,Sagen Sie den jungen Damen Bescheid. Lassen Sie mich
sie sehen.
,Ganz gewiß nicht, nein, ganz gewiß nicht! Sie sind nicht,
was Sie sein sollten, sonst würden Sie nicht solchen Lärm machen.
Fort mit Ihnen! Schnell fort!
,Aber ich muß sterben, wenn ich fortgejagt werde.
,Unsinn! Solches Volk stirbt nicht. Ich bin nur bange, daß
Sie was Böses vorhaben. Wozu treiben Sie sich sonst um diese
Zeit vor den Häusern anderer Leute umher? Wenn Sie vielleicht
noch Helfershelfer haben, Einbrecher oder dergleichen, die hier in
der Nähe versteckt sind, so sagen Sie denen nur, daß wir nicht allein
im Hause sind; wir haben einen Mann hier und Hunde und
Flinten.
Bei diesen Worten schlug die ehrliche aber unbeugsame Magd
Jane die Tür vor der Nase zu und verriegelte sie von innen.
Dies war das Letzte! Ein Weh der qualvollsten Art zerriß
Jane das Herz. Sie war vollständig erschöpft; sie konnte keinen
Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach sie zusammen;
sie stöhnte, sie rang die Hände, sie weinte in ihrer Todesangst.
, Ich kann nur noch sterben,' sagte sie sich, ,und ich glaube an
Gott. Laß mich versuchen, seinen Willen ergeben abzuwarten.
Diese Worte dachte sie aber nicht nur, sondern sprach sie mit
lauter Stimme.
,Jeder Mensch muß sterben,' sagte eine Stimme in ihrer
Nähe; ,aber nicht alle sind verurteilt, ein langsames oder vorzeitiges Ende zu finden, so wie das Ihre es sein würde, wenn Sie
hier vor Mangel umkämen.'
,Wer oder was spricht?! fragte Jane entsetzt bei den unerwarteten Lauten; denn jetzt war sie nicht mehr imstande, Hoffnung
auf Hilfe zu schöpfen. Eine Gestalt war nahe-- welche Gestalt--
das hinderte sie die stockfinstere Nacht und ihre geschwächte Sehkraft zu unterscheiden. Mit lautem, langem Klopfen meldete der
Neuangekommene sich an der Tür.
,Sind Sie es, Mr. St. John? fragte Hannah.
Ja, ja, mach nur schnell auf.
,Ach, du meine Güte, wie kalt und durchnäßt Sie in einer
solchen Nacht sein müssen! Kommen Sie nur herein! Ihre
Schwestern haben schon große Angst um Sie. Und ich glaube gar
noch, daß sich hier böse Gesellen umhertreiben. Eine Bettlerin ist
hier gewesen, aber wahrhaftig, sie ist noch nicht fort! Sie hat
sich hier hergelegt! -- Steht auf! Es ist eine Schande. Fort! fort!
sage ich noch einmal!'
,Still Hannah! Ich habe ein Wort mit dieser Frau zu
sprechen. Du hast deine Pflicht getan, als du sie ausschlossest, jetzt
laß mich die meine tun, indem ich sie hereinlasse. Ich war in der
Nähe und habe gehört, was ihr beide miteinander spracht. Ich
glaube, dies ist ein ganz besonderer Fall, wenigstens muß ich ihn
untersuchen. Junge Frau, stehen Sie auf und gehen Sie vor mir
ins Haus.
Mit der größten Schwierigkeit gehorchte Jane ihm. Gleich
darauf stand sie in jener reinlichen, hellen Küche vor jenem Herd
zitternd, schwächer und schwächer werdend, wohl wissend, daß sie
im höchsten Grade zerlumpt und abschreckend aussah. Die beiden
jungen Damen, ihr Bruder Mr. St. John und die alte Dienerin
- alle starrten sie an.
,St. John, wer ist sie? hörte Jane die eine fragen.
,Ich weiß es nicht. Ich fand sie vor der Tür,' lautete seine
Antwort.
,Sie sieht ganz weiß aus, warf Hannah ein.
,So weiß wie Kreide oder der Tod, antwortete jemand, ,sie
wird umfallen, laß sie niedersitzen.
Und in der Tat ward Jane schwindlig, sie sank um, aber ein
Stuhl nahm sie auf. Sie war noch im Besitz ihrer Sinne, obgleich
sie in diesem Augenblick nicht sprechen konnte.
,Vielleicht würde etwas frisches Wasser sie neu beleben.
Hannah, hole ein wenig. Aber sie ist ja gänzlich erschöpft. Wie
mager ist sie! Und nicht ein Tropfen Blut in den Wangen!
,Ein wahres Gespenst.
,Ist sie krank oder nur verhungert?
,Verhungert, glaube ich. Hannah, ist das Milch? Gib sie mir
und ein Stück Brot dazu.
,Diana zerbröckelte ein wenig Brot, tunkte es in Milch und
hielt es an Janes Lippen. Ihr Gesicht war dem Janes ganz nahe.
Diese sah das Mitleid darin und hörte dann: ,Versuchen Sie zu
essen.
,Ja, versuchen Sie es,' wiederholte Mary sanft; und Marys
Hand entfernte ihren durchnäßten Hut und hob ihren Kopf empor.
Jane nahm von dem, was sie ihr angeboten, zuerst matt, dann aber
gierig.
,Nicht zu viel mit einemmal-- haltet sie zurück, sagte der
Bruder, ,sie hat genug bekommen. Und er nahm die Tasse mit
Milch ind den Teller mit Brot fort.
,Ein wenig noch, St. John-- sieh doch die ängstliche Gier in
ihren Augen.
,Für den Augenblick nicht mehr, Schwester. Versuch, ob sie
jetzt sprechen kann -- frag sie nach ihrem Namen.
Jane fühlte, daß sie sprechen konnte und sie entgegnete:
,Mein Name ist Jane Eyre.
,Und wo wohnen Sie? Wo sind Ihre Angehörigen, Ihre
Freunde?
Jane schwieg.
,Können wir irgendeine Person holen lassen, die Sie kennen?
Sie schüttelte den Kopf.
Nach einer kurzen Pause sagte Jane:
,Sir, ich bin nicht fähig, Ihnen heute abend noch Näheres
mitzuteilen.
,Aber was erwarten Sie denn von mir, daß ich für Sie tun
soll? fragte er.
,Nichts!' entgegnete sie. Ihre Kraft reichte nur für kurze
Antworten hin. Diana nahm das Wort.
,Wollen Sie damit sagen, daß wir Ihnen jetzt alle Hilfe geleistet haben, deren Sie bedürfen? fragte sie, ,und daß wir Sie
wieder hinaus in den Regen und auf den durchweichten Sumpf
lassen können?
Jane blickte sie an. Sie fand, daß sie ein Gesicht hatte, in dem
sich Klugheit, Kraft und Güte vereinten. Plötzlich faßte sie Mut.
Indem sie ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortete,
sagte sie: Ihnen will ich vertrauen. Wenn ich ein herrenloser, verlaufener Hund wäre, so weiß ich, daß Sie mich heute abend nicht
mehr aus Ihrem Hause jagen würden. Wie es nun ist, hege ich
wirklich keine Furcht. Tun Sie mit mir und für mich, was Sie
wollen; aber erlassen Sie mir das Reden - mein Atem ist kurz---
ich fühle eine Art Krampf, wenn ich spreche.
Alle drei beobachteten Jane und alle drei verhielten; sic
schweigend.
,Hannah,' sagte Mr. St. John endlich, ,laß sie dort für den
Augenblick noch sitzen und richte keine Fragen an sie. Nach Ablauf
von zehn Minuten gib ihr den Rest von der Milch und den Brote.
Mary und Diana, laßt uns ins Wohnzimmer gehen und die Sache
weiter überlegen.
Sie zogen sich zurück. Sehr bald kehrte eine von den Damen
zurück - Jane konnte nicht unterscheiden, welche. Eine Art angenehmer Bewußlosigkeit bemächtigte sich ihrer, als sie so neben dem
belebenden Feuer saß. Mit leiser Stimme erteilte die Zurückgekehrte Hannah einige Befehle. Es dauerte nicht mehr lange, und
Jane vermochte mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinanzusteigen; ihre durchnäßten Kleider wurden ihr ausgezogen, und bald
lag sie in einem trocknen, angenehm durchwärmten Bette. Sie
dankte Gott für ihre Rettung und schlief ein.

Achtzehntes Kapitel.
Gastfreundschaft.
Drei Tage und drei Nächte ruhte Jane völlig erschöpft in
ihrem Bette. Sie nahm alles sie Umgebende nur wie in einem
Traume wahr. Ein- oder zweimal täglich erschienen Diana und
Mary im Zimmer. Sie flüsterte viel an Janes Bette, ungefähr
wie folgt:
,Ich bin froh, daß wir sie aufnahmen.
,Ja. Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel
tot vor unserer Tür gefunden worden, wenn wir sie die ganze
Nacht draußen gelassen hätten. Ich möchte nur wissen, was sie
alles durchgemacht hat.
,Seltene Trübsal und Entbehrungen, glaube ich- armes.
verhungertes, bleiches Menschenkind!
,Sie ist keine ungebildete Person, vermute ich, nach ihrer
Sprache zu urteilen. Ihr Akzent war sehr rein; und die Kleider,
welche sie abgelegt hat, waren, wenn auch naß und schmutzig, so
doch fein und wenig abgenützt.
In all ihren Gesprächen hörte Jane niemals auch nur eine
einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, welche sie
ihr gewährt hatten; oder ein Wort des Mißtrauens gegen sie.
Sie war also beruhigt.
Mr. St. John kam nur einmal; er sah sie an und sagte, daß
ihr Zustand das Resultat übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei. Er erklärte es für unnötig, einen Doktor holen zu
lassen; es sei seiner Überzeugung nach am besten, wenn man der
Natur ihren freien Lauf ließe. Es sei durchaus keine Krankheit.
Er glaube, daß Janes Genesung, wenn sie einmal begonnen, eine
sehr schnelle sein werde. Diese Ansichten sprach er in wenigen
Worten aus, mit einer leisen, ruhigen Stimme. Und nach einer
Pause fügte er in dem Tone eines Mannes, der wenig an erläuternde Bemerkungen gewöhnt ist, hinzu: ,ein ziemlich ungewöhnliches Gesicht; ganz entschieden aber trägt sie nicht das Gepräge der Verderbtheit.
,Weit entfernt davon,? entgegnete Diana.,Ehrlich gesprochen, St. John - mein Herz zieht mich zu der armen, kleinen
Seele. Ich wollte, daß wir ihr für die Dauer nützlich sein könnten.
,Das ist kaum anzunehmen,' lautete seine Antwort. ,Ihr
werdet finden, daß sie ein junges Mädchen ist, welches einen Streit
mit seinen Angehörigen gehabt und diese dann unvernünftigerweise
verlassen hat. Vielleicht gelingt es uns, sie jenen wieder zuzuführen, wenn sie nicht allzu eigensinnig ist; aber ich sehe Linien in
ihrem Gesicht, die auf Widerstandskraft schließen lassen und mich
zweifelhaft in bezug auf ihre Lenksamkeit machen.
Er stand und betrachtete Jane während einiger Minuten, dann
fügte er hinzu: ,Sie sieht klug aus, aber sie ist durchaus nicht
hübsch.
Am dritten Tage fühlte Jane sich besser; am vierten konnte
sie sprechen, sich bewegen, im Bette aufsitzen und sich umdrehen.
Es war um die Mittagsstunde, als Hannah ihr ein wenig Grütze
und einige geröstete Brotschnittchen brachte. Sie hatte mit Appetit
gegessen, die Nahrung war gut. Als Hannah sie verließ, fühlte sie
sich neu belebt und verhältnismäßig stark, und bald darauf wurde
sie der Ruhe müde. Sie wollte aufstehen; aber welche Kleider
sollte sie anlegen? Nur ihre feuchten, beschmutzten Gewänder, in
welchen sie auf dem Erdboden geschlafen hatte und auf dem Moor
gefallen war? Sie sah sich um. Auf einem Stuhl neben ihrem
Bette lagen all ihre eigenen Kleidungsstücke, jedoch rein und trocken.
Ihr schwarzseidener Rock hing an der Wand. Die Spuren des
Schlammes waren davon entfernt, die Falten, welche durch die
Nässe entstanden, waren geglättet: er sah durchaus anständig aus.
Sogar ihre Schuhe und Strümpfe waren gereinigt und wieder
brauchbar gemacht. Alle Gegenstände zum Waschen befanden sich
im Zimmer, sogar Kamm und Bürste, um ihr Haar zu ordnen.
Nach einem sehr langwierigen Verlauf, bei dem sie sich alle fünf
Minuten ausruhen mußte, war es ihr gelungen, sich anzukleiden.
Ihre Kleider hingen lose auf ihr, denn sie war sehr abgemagert;
aber diese Mängel bedeckte sie mit einem Schal, und endlich wieder sauber und anständig aussehend-- kein Körnchen Schmut,
keine Spur von Unordnung, die sie so sehr haßte, kroch sie
die steinerne Treppe hinunter, sich fortwährend am Geländer haltend; sie gelangte in einen engen Korridor und fand gleich darauf
den Weg in die Küche.
Diese war voll von dem Duft frisch gebackenen Brotes, und
ein großes, helles Feuer durchwärmte sie. Hannah war mit
Backen beschäftigt.
,Was! Sie sind aufgestanden!' rief sie aus.,Da sind Sie
also endlich besser? Wenn Sie wollen, dürfen Sie sich in meinen
Stuhl am Herd setzen.
Sie zeigte auf den Schaukelstuhl. Jane nahm ihn. Hannah
wirtschaftete in der Küche umher und warf ihr von Zeit zu Zeit
einen prüfenden Seitenblick zu. Indem sie einige Brote aus dem
Backofen nahm, wandte sie sich zu ihr und sagte derb:
, Haben Sie schon früher gebettelt, ehe Sie zu uns kamen??
Einen Augenblick war Jane empört; aber glücklicherweise fiel
es ihr ein, daß sie sich nicht ärgern dürfe, und daß sie in Hannahs
Augen allerdings wie eine Bettlerin erscheinen müsse; daher antwortete sie ruhig:
, Sie irren sich, wenn Sie meinen, daß ich eine Bettlerin sei.
Ich bin ebensowenig eine Bettlerin wie Sie oder Ihre jungen Gebieterinnen.
Nach einer Pause sagte sie wieder: ,Nun, das verstehe ich
nicht. Sie haben doch keinen Pfennig Geld?
,Daß ich kein Geld besitze, macht mich noch immer nicht zur
Bettlerin.
,Sind Sie denn büchergelehrt? fragte sie gleich darauf.
,Ja, sehr!
, Aber Sie sind doch niemals in einer Pension gewesen?
,Ich war acht Jahre hindurch in einer Pension.'
Sie riß die Augen weit auf. ,Und dann können Sie sich nicht
einmal selbst erhalten?
,Ich habe mich selbst ernährt und hoffe, es sehr bald wieder
zu können. Was wollen Sie denn mit diesen Stachelbeeren
machen?' fragte Jane dann, als sie einen Korb dieser Früchte
herbeitrug.
,Kuchen davon backen.
,Geben Sie sie mir, ich will sie auslesen.
,Nein. Ich mag nicht, daß Sie etwas tun.
,Aber ich muß mich doch mit irgend etwas beschäftigen!
Geben Sie sie nur her!
Endlich willigte Hannah ein und brachte ihr sogar ein reines
Handtuch, um es über ihr Kleid zu breiten, ,damit es nicht
schmutzig werde,' wie sie sagte.
,Sie sind wohl nicht an Hausarbeit gewöhnt gewesen; das
sehe ich an Ihren Händen,' bemerkte sie.,Wahrscheinlich sind Sie
Schneiderin.
,Nein, Sie irren. Und nun kümmern Sie sich nicht um das,
was ich gewesen bin, sondern sagen Sie mir, wo ich mich eigentlich befinde, wie dieses Haus heißt.
, Einige Leute nennen es Marsh-End, andere nennen es
MoorHouse.
,Und der Herr, welcher hier wohnt, heißt Mr. St. John?
,Nein, er wohnt nicht hier; er hält sich hier nur für einige
Zeit auf. Wenn er zu Hause ist, dann ist er in seinem eigenen
Hause, und das ist der Pfarrhof von Morton.
,Das Dorf einige Meilen von hier?
.Ja. ia.
,Und was ist er?
,Er ist Prediger.
Jane fiel die Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhofe
ein, als sie gebeten hätte, mit dem Prediger sprechen zu dürfen.
,War denn dies das Haus seines Vaters?
,Ja, ja. Der alte Mr. Rivers wohnte hier, und sein Vater
und sein Großvater, und sein Urgroßvater vor ihm.
,Der Name dieses Herrn ist also Mr. St. John Rivers?
,Ja, ja. St. John ist so etwas wie sein Taufname.
,Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?
.Va.
,Ihr Vater ist tot?
,Vor drei Wochen gestorben. Schlagfluß.
,Sie haben keine Mutter?
,Die ist schon lange Jahre tot.
,Sind Sie schon lange in der Familie?
,Ich bin schon dreißig Jahre hier. Hab' ja die drei Kinder
allein auferzogen.
,Das beweist, daß Sie eine treue und ehrliche Dienerin sein
Wieder sah sie Jane ganz erstaunt an.
,Am Ende glaube ich doch, daß ich mich in meinen Gedanken
über Sie ein bißchen geirrt habe,' sagte sie dann; ,aber Sie
müssen mir doch vergeben, denn es gehen ja so viele Betrügerinnen
umher, daß man gar nicht vorsichtig genug sein kann.
,Und,' fuhr Jane in ziemlich strengem Ton fort, Sie wollten
mich von der Tür fortjagen, in einer Nacht, wo Sie nicht einmal
einen Hund hätten hinausjagen dürfen.
,Na ja! Es war hart, aber was kann der Mensch tun?
Ich dachte ja doch mehr an die Kinderchen, als an mich selbst. Die
armen Dingerchen! Für sie sorgt niemand als nur ich. Muß ich
da nicht so ängstlich sein? Sie dürfen aber nicht allzu schlimm von
mir denken, fing sie dann wieder an, ,und ich sehe ein, daß ich unrecht hatte - aber jetzt, meiner Seel, denke ich auch anders von
Ihnen als früher. Sie sehen ja wirklich aus wie eine anständige
kleine Person.
,Das ist genug - jetzt vergebe ich Ihnen. Geben Sie mir
die Hand,! sagte Jane.
So war der Friede zwischen beiden geschlossen.
Hannah liebte es augenscheinlich sehr zu schwatzen und während Jane die Beeren auslas, und sie selbst den Teig zu dem
Kuchen machte, erzählte sie die ganze Lebensgeschichte ihrer
Herrschaft.
Der alte Mr. Rivers, sagte sie, sei ein einfacher Mann gewesen, aber ein Gentleman in jeder Beziehung, und aus einer so
alten Familie, wie es kaum eine ältere gäbe. Dennoch gab sie zu,
,daß der alte Herr ganz wie andere Menschen gewesen sei, nichts
Besonderes, aber toll im Jagen und in der Landwirtschaft und
solchen Dingen. Die Frau war anders gewesen. Sie beschäftigte
sich viel mit Lesen und studierte immer, und die ,Kinderchen
waren ihr ganz nachgeraten. Sie hatten ihresgleichen nicht in
dieser Gegend; von dem Tag an, wo sie sprechen konnten, hatten
sie beinahe schon angefangen zu lernen, und sie hatten schon immer
,was so Apartes gehabt''. Als Mr. St. John größer geworden,
hatte er auf die Universität gehen und Prediger werden wollen,
und die Mädchen, sobald sie die Schule verlassen, hatten Gouvernanten werden wollen, denn wie sie erzählte, hatte Mr, Rivers
vor mehreren Jahren durch den Bankrott eines Bankiers, dem er
sein Vermögen anvertraut, einen großen Teil desselben verloren.
Und da er ihnen kein Vermögen mitgeben konnte, wollten sie nun
selbst für sich sorgen. Seit langer Zeit waren sie nur selten mehr
im alten Heim gewesen, und jetzt hatte der Tod ihres Vaters sie
auch nur für einige Wochen hergerufen; aber sie liebten Marsh-
End und Morton und all diese Hügel und Täler und Moore und
Heiden so innig. Sie waren in London und vielen anderen großen
Städten gewesen, aber immer hatten sie gesagt, der Heimat käme,
doch nichts gleich, und dann hatten sie sich einander so lieb und
zankten nie und machten keinen Lärm. Sie meine, eine solche
Familie, was Einigkeit beträfe, sei gar nicht mehr zu finden.
Nachdem Jane mit der Arbeit des Beerenlesens zu Ende war,
fragte sie, wo die beiden jungen Damen und ihr Bruder jetzt seien.
,Nach Morton hinüber spaziert; aber in einer halben Stunde
werden sie zum Tee zurück sein.
Sie kehrten innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück und traten durch die Küchentür ein. Als Mr. St. John Jane
sah, verbeugte er sich nur und ging vorüber; die beiden Damen
verweilten, Mary drückte in wenigen Worten freundlich und ruhig
ihre Freude darüber aus, daß Jane wohl genug sei, um herunter
zu kommen. Diana schüttelte den Kopf, indem sie Janes Hand
ergriff.
, Sie hätten meine Erlaubnis zum Herunterkommen abwarten sollen,' sagte sie. ,Sie sehen noch so fürchterlich blaß aus
-- und so abgezehrt! Armes Kind! - armes Mädchen! Und was
haben Sie hier zu tun? fuhr sie fort.,Dies ist kein platz für
Sie. Mary und ich sitzen zuweilen in der Küche, weil wir zu
Hause gern einmal tun, was uns beliebt, aber Sie sind ein Gast
und müssen ins Wohnzimmer kommen.
,Ich fühle mich hier aber sehr behaglich.
, Das kann nicht sein, mit Hannah, die umherwirtschaftet und
Sie mit Mehl bestäubt.
,Außerdem erhitzt das Herdfeuer Sie auch zu sehr,! warf
Mary hier ein.
, Gewiß,' fügte ihre Schwester hinzu. ,Kommen Sie. Gehorsam müssen Sie sein. Und indem sie Janes Hand noch immer
hielt, ließ sie sie aufstehen und führte sie in das innere Zimmer.
,Nehmen Sie dort Platz,' sagte sie, indem sie Jane auf das
Sofa niederdrückte, ,während wir unsere Mäntel ablegen und
den Tee bereiten.
Sie schloß die Tür und ließ Jane allein mit Mr. St. John,
der ihr gegenübersaß mit einem Buche oder einer Zeitung in der
Hand. Prüfend ließ Jane ihre Blicke durch das Wohnzimmer
schweifen.
Das Wohnzimmer war ein ziemlich kleiner, außerordentlich
einfach ausgestatteter Raum; aber es war gemütlich, weil die peinlichste Sauberkeit darin herrschte. Die altmodischen Stühle waren
blankpoliert und der Nußbaumtisch glänzte wie ein Spiegel. Einige
seltsame, alte Porträts von Männern und Frauen vergangener
Tage zierten die gemalten Wände. Ein Glasschrank enthielt
einige Bücher und ein altes, wertvolles Porzellanservice. Im ganzen Zimmer waren keine überflüssigen Luxusgegenstände-- nicht
ein einziges neumodisches Möbelstück, außer zwei Arbeitskasten
und einem Damenschreibtisch von Rosenholz; sonst sah alles, mit
Einschluß des Teppichs und der Vorhänge aus, als sei es stets benutzt und stets geschont.
Bald traten die Schwestern wieder ein. Als Diana bei den
Vorbereitungen zum Tee aus- und einging, brachte sie Jane einen
kleinen Kuchen, der auf der Platte des Backofens gebacken war.
,Essen Sie das jetzt,'' sagte sie, ,Sie müssen ja hungrig sein.
Hannah sagt, daß Sie seit dem Frühstück nur ein wenig Grütze
gegessen haben.
Jane weigerte sich nicht, denn ihr Appetit war ganz und voll.
zurückgekehrt. Mr. Rivers schloß sein Buch jetzt, näherte sich dem
Tische und heftete seine Augen voll und fest auf Jane, indem er
Platz nahm. jetzt lag eine prüfende, bestimmte Festigkeit in seinem
Blicke.
,Sie sind sehr hungrig,'' sagte er.
,Das bin ich, Sir. Es war Janes Art, dem Kurzen mit
Kürze, dem Geraden mit Geradheit zu begegnen.
,Es war ein Glück für Sie, daß ein leichtes Fieber Sie seit
drei Tagen zum Fasten gezwungen hat; es wäre sehr gefährlich
gewesen, wenn Sie gleich dem Verlangen Ihres Appetits nachgegeben hätten. jetzt dürfen Sie essen, aber immer doch nur mäßig.
,Ich hoffe, daß ich nicht lange auf Ihre Kosten essen werde,
war Janes Antwort.
,Nein,'' sagte er kalt, ,wenn Sie uns den Wohnort Ihrer
Angehörigen mitgeteilt haben werden, so können wir ihnen schreiben, und Sie werden Ihrer Familie wiedergegeben.
,Ich muß Ihnen undweg erklären, daß es nicht in meiner
Macht liegt, das zu tun, da ich weder ein Heim noch irgendwelche
Anverwandte habe.
Die drei blickten Jane an, aber nicht mißtrauisch; sie fühlte,
daß kein Mangel an Vertrauen in ihren Blicken lag, mehr eine
Regung der Neugierde.
,Wollen Sie damit sagen,'' fragte St. John, , daß Sie vollständig allein im Leben dastehen?
,Ja. Kein Land fesselt mich an irgendein lebendes Wesen;
ich habe kein Recht, die Aufnahme unter irgendein Dach in ganz
England zu beanspruchen.'
,Eine seltsame Lage in Ihrem Alter! Sie bedürfen der
Hilfe, nicht wahr? fragte er weiter.
,Ja, ich bedarf ihrer und ich suche sie, insoweit Sir, daß ich
einen Menschenfreund suche, der mir Arbeit schafft, die ich verrichten kann, und deren Ertrag mir die Mittel zum Leben gibt;
wenn auch nur die allernotwendigsten.
,Ich bin willens, Ihnen mit allen mir zu Gebote stehenden
Kräften in der Ausführung eines so ehrlichen Vorsatzes zu helfen.
Sagen Sie mir also vor allen Dingen, an welche Art von Arbeit
Sie gewöhnt sind und was Sie leisten können.
jetzt hatte Jane ihren Tee getrunken. Er hatte sie sehr erfrischt; gerade so, als ob ein Riese Wein getrunken hätte.
,Mr. Rivers,? sagte sie, indem sie sich zu ihm wandte und
ihn offen und ohne Furcht ansah. ,Sie und Ihre Schwestern
haben mir einen großen Dienst geleistet - den größten, welchen
ein Mitmensch dem andern leisten kann; Sie haben mich durch
Ihre edle Gastfreundschaft vom Tode errettet. Diese Wohltat gibt
Ihnen einen unbegrenzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und
bis zu einem gewissen Grade auch Anspruch auf mein Vertrauen.
Ich werde Ihnen deshalb die Geschichte des Wanderers erzählen,
den Sie beherbergt haben.
,Ich bin eine Waise; die Tochter eines Geistlichen. Meine
Eltern starben, bevor ich sie kennen lernte. Ich wurde in Abhängigkeit und in einer gemeinnützigen Anstalt erzogen. Der Name
dieser Anstalt ist Lowood. Dort brachte ich sechs Jahre als
Schülerin und zwei als Lehrerin zu. Se werden davon gehört
haben, Mr. Rivers. Der ehrwürdige Mr. Brocklehurst ist der Verwalter.
,Ich habe von Mr. Brocklehurst gehört und ich kenne die
Schule.
,Vor ungefähr einem Jahre verließ ich Lowood, um Gouvernante in einer Familie zu werden. Ich hatte eine gute Stellung
und war glücklich. Nach meiner Rückkehr von einer Reise zu meiner
sterbenden Tante, fand ich die Besitzung meines gütigen Herrn
niedergebrannt, ihn selbst tot; er hatte sich edelmütig für die Rettung eines anderen aufgeopfert; seine Leute waren in alle Winde
zerstreut. Was blieb mir übrig, ohne Anhang und ohne Verwandte, als mir Arbeit zu suchen. Fast ganz ohne Mittel ergriff
ich die Wanderschaft, um irgendwo eine Tätigkeit zu finden, und
so kam ich ins Unglück. Zwei Nächte schlief ich draußen in Gottes
freier Natur, und zwei Tage wanderte ich umher, ohne die Schwelle
einer menschlichen Wohnung zu betreten. Nur zweimal während
dieser Zeit kam etwas Nahrung über meine Lippen; und als Sie,
Mr. Rivers, es hinderten, daß ich vor Hunger und Mangel an
Ihrer Tür umkam, indem Sie mich in Ihr Haus aufnahmen,
hatten Hunger und Verzweiflung und Erschöpfung mich dem Tode
nahegebracht. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich
getan haben, denn während meiner anscheinenden Betäubung war
ich nicht immer besinnungslos, und ihrem echten, freiwilligen, ungeheuchelten Mitleid verdanke ich ebensoviel, wie Ihrer christlichen
Barmherzigkeit.

, saß sie jetzt nicht mehr reden, St. John, sagte Diana, als
Jane innehielt; ,wie du siehst, ist sie noch keiner Art von Aufregung gewachsen. Kommen Sie jetzt hier aufs Sofa und setzten
Sie sich, Miß Eyre.
Als St. John einige Minuten nachgedacht hatte, fing er von
neuem an.
,Sie möchten nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig sein?
, Gewiß möchte ich das. Ich sagte es ja schon. Zeigen Sie
mir, wie ich Arbeit finden kann, das ist alles, um was ich jetzt bitte,
dann lassen Sie mich ziehen, und wenn es in die niedrigste Hütte
ist, aber bis dahin gestatten Sie mir, hier zu bleiben. Ich kann
nicht noch einmal den Kampf mit den Schrecken der heimatlosen
Armut aufnehmen,' erwiderte Jane.
,In der Tat, Sie werden hier bleiben,'' sagte Diana, indem
sie ihre weiße Hand auf Janes Kopf legte.
, Sie werden bleiben,'' wiederholte Mary in dem Ton anspruchsloser Aufrichtigkeit, der ihr eigen zu sein schien.
,Wie Sie sehen, macht es meinen Schwestern Freude, Sie
hier zu behalten,'' sagte Mr. St. John, , gerade so wie es ihnen
Freude bereiten würde, einen halberfrorenen Vogel, den der winterliche Wind in ihr Fenster getrieben hat, zu hegen und zu
pflegen. Ich allerdings bin mehr geneigt, Ihnen die Möglichkeit
zu schaffen, für sich selbst zu sorgen, und ich werde mich auch bemühen, das zu tun. Aber meine Hilfe kann nur der allerbescheidensten Art sein. Wenn Sie also geneigt sind, das Wenige gering
zu achten, so müssen Sie wirksamere Hilfe suchen, als ich Ihnen
bieten kann.
,Sie hat ja schon gesagt, daß sie jede ehrliche Arbeit verrichten
will, deren sie fähig ist,' antwortete Diana für Jane; ,und du
weißt, St. John, sie hat keine Wahl; sie ist gezwungen, mit so
rauhen Menschen vorlieb zu nehmen, wie du.
,Ich will Schneiderin werden, ich will eine einfache Arbeiterin werden; eine Magd, eine Kinderwärterin, wenn sich nichts
anderes findet,'' antwortete Jane.
,Recht so, sagte Mr. St. John sehr kalt.,Wenn das Ihre
Gesinnung ist, so verspreche ich Ihnen zu helfen, sobald ich Zeit
und Mittel finde.
Dann nahm er das Buch wieder auf, mit dem er vor dem
Tee beschäftigt gewesen. Jane zog sich bald zurück, denn sie war
so lange außerhalb des Bettes gewesen und hatte so viel gesprochen,
nie es der augenblickliche Zustand ihrer Kräfte nur irgend erlaubte.

Neunzehntes Kapitel.
Ein neues Amt.
Je näher Jane die Bewohner von Moorhouse kennen lernte,
desto besser gefielen sie ihr. Nach wenigen Tagen hatte sie ihre
Gesundheit schon so weit wieder erlangt, daß sie den ganzen Tag
über aufbleiben und sogar schon kurze Spaziergänge machen konnte. Sie konnte sich mit Diana und Mary in all ihre Beschäftigungen teilen. Sie liebte die Lektüre, welche die Schwestern
liebten, und was ihnen Freude machte, entzückte auch Jane.
Sie waren beide viel gebildeter und hatten mehr gelesen, als
Jane, aber emsig folgte diese ihnen auf dem Pfade des Wissens.
welchen sie schon vor ihr betreten hatten. Jane verschlang die
Bücher, welche sie ihr geborgt hatten, und dann gewährte es ihr
die größte Befriedigung, am Abend das mit ihnen zu besprechen,
was sie während des Tages gelesen hatte. Der Schwestern Gedanken paßten genau zu denjenigen Janes, ihre Ansichten teilte
auch diese-- kurzum, sie harmonierten in allem vollkommen.
Aber in dem Trio gab es eine Erste, eine Anführerin. Das
war Diana. Wenn der Abend begann, vermochte Jane eine Zeitlang zu reden, aber wenn der erste Strom ihrer Rede vorüber war.
liebte sie es, sich auf einen Schemel zu Dianas Füßen zu setzen,
den Kopf in ihren Schoß zu legen und abwechselnd ihr und Mary
zuzuhören, während sie das Thema, welches Jane nur flüchtig berührt hatte, gründlich erörterten. Diana erbot sich, Jane deutsch
zu lehren. Es war Jane eine Freude, von Diana zu lernen. Ihre
Naturen ergänzten sich: gegenseitige Liebe der wärmsten Art war
das Resultat davon. Die Schwestern entdeckten, daß Jane malen
konnte: augenblicklich standen ihre Bleistifte und Farbenkasten zu
Janes Verfügung.-- So vergingen die Tage wie Stunden, die
Wochen wie Tage.
Inzwischen war ein Monat vergangen. Diana und Mary
sollten Moor-House bald wieder verlassen und zu dem sehr verschiedenen Leben und Treiben zurückkehren, welches ihrer als Gouvernanten in einer großenStadt imSüdenEnglands harrte.-- Hier
hatte jede von ihnen eine Stelle in Familien inne, deren hochmütige,
reiche Mitglieder sie nur wie armselige Dienerinnen betrachteten.
keine ihrer ausgezeichneten Eigenschaften suchten oder kannten,
und ihre hervorragenden Fähigkeiten nur so zu schätzen wußten,
wie sie die Geschicklichkeit ihres Kochs oder den auserlesenen Geschmack ihrer Kammerfrauen zu würdigen verstanden.
Mr. St. John hatte noch nicht eine Silbe mit Jane über die
Stellung gesprochen, welche er ihr zu verschaffen gelobt; und doch
wurde es jetzt dringend notwendig, daß sie einen Beruf irgendwelcher Art erwählte. Aber als sie eines Morgens mit ihm allein war, faßte sie Mut und näherte sich ihm.
Er blickte auf und sagte: , Sie wollen eine Frage an mich
richten?
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie von irgendeiner Arbeit gehört haben, zu deren Verrichtung ich mich erbieten könnte.
,Schon vor drei Wochen fand oder plante ich etwas für Sie;
da Sie hier aber glücklich schienen und sich nützlich machten, da
meine Schwestern Sie augenscheinlich lieb gewonnen hatten und
Ihre Gesellschaft den beiden außerordentliche Freude gewährte,
so hielt ich es nicht für ratsam, Ihr gegenseitiges Wohlbehagen
früher zu stören, als ihre nahe bevorstehende Abreise von Marsh-
End auch die Ihre notwendig machen würde.
,Sie reisen aber schon in drei Tagen ab,'' entgegnete Jane.
,Ja, und wenn sie reisen, kehre ich nach dem Pfarrhause von
Morton zurück. Hannah wird mich begleiten, und dies alte Haus
wird zugeschlossen.
, Und welches war die Beschäftigung, Mr. Rivers, welche Sie
für mich im Auge hatten? Ich hoffe, daß dieser Aufschub nicht die
Schwierigkeit noch vergrößert hat, sie für mich zu sichern ?' fragte
Jane.
, O nein. Da es eine Beschäftigung ist, welche nur ich zu vergeben, und Sie nur anzunehmen haben. Und ich glaube, daß Sie
den Platz, welchen ich Ihnen anbieten will, annehmen werden.
,Erklären Sie sich,'' drängte Jane, als er innehielt.
, Das will ich, und Sie werden hören, wie armselig das Anerbieten ist-- wie klein-- wie knapp. Solange ich in Morton
bleibe, werde ich meine Kräfte bis auf das äußerste anspannen,
um den Ort zu fördern und zu verbessern. Als ich vor zwei Jahren
nach Morton kam, hatte es keine Schule; die Kinder der Armen
waren von jeder Hoffnung auf Emporkommen ausgeschlossen. Ich
gründete eine für Knaben; jetzt beabsichtige ich eine zweite für
Mädchen zu eröffnen. Ich habe zu diesem Zweck ein Gebäude
gemietet, und ein dazu gehöriges Häuschen mit zwei Zimmern,
welches der Lehrerin als Wohnung dienen soll. Ihr Gehalt wird
dreißig Pfund im Jahr betragen; Ihr Haus ist bereits eingerichtet,
sehr einfach, aber ausreichend. Ein Waisenmädchen aus dem Arbeitshause wird sie in jenen groben Arbeiten ihres Haushalts
unterstützen, welche selbst zu verrichten ihr Amt des Lehrens sie
hindert. Wollen Sie die Lehrerin sein??
In der Tat, das Amt war bescheiden, aber es war sicher, und
Jane brauchte vor allen Dingen ein geschütztes Asyl; es war mühevoll und anstrengend, aber im Vergleich mit dem Lose einer Gouvernante in einem reichen Hause war es doch immerhin unabhängig. Und die Furcht vor Abhängigkeit von fremden Leuten
folterte Janes Seele wie ein glühendes Eisen.
,Ich danke Ihnen für den Vorschlag, Mr. Rivers, ich nehme
denselben mit voller Dankbarkeit an,' erwiderte Jane.
, Aber Sie verstehen mich ? sagte er. ,Es ist eine Dorfschule; ihre Schülerinnen werden nur arme Mädchen sein Kinder von Tagelöhnern im besten Falle Kinder von Pächtern.
Stricken, nähen, lesen, schreiben, rechnen- das wird alles sein,
was Sie zu lehren haben. Was werden Sie mit Ihren Talenten
anfangen?
,Sie aufbewahren, bis sie gebraucht werden. Sie halten sich.
,Sie wissen also, was Sie unternehmen?
,Ich weiß es.
Jetzt lächelte er freundlich und zufrieden.
Und wann wollen Sie mit der Ausübung Ihrer Pflichten
beginnen ?
,Ich will schon morgen in die mir angewiesene Wohnung
ziehen und mit Anfang der nächsten Woche die Schule eröffnen,
wenn es Ihnen recht ist.
,Gut. Sei es so.'
Diana und Mary Rivers wurden immer stiller und schweigsamer, je näher der Tag kam, an dem sie ihren Bruder und ihr Heim
verlassen sollten. Beide versuchten nicht anders zu erscheinen als
gewöhnlich. Aber der Kummer, gegen welchen sie zu kämpfen
hatten, war der Art, daß er weder leicht zu besiegen noch zu verheimlichen war.
In diesem Augenblick ging St. John einen Brief lesend am
Fenster vorüber. Dann trat er ein.
, Unser Onkel John ist tot, sagte er.
Beide Schwestern schienen bestürzt; aber nicht erschreckt oder
entsetzt. Die Nachricht schien ihnen mehr plötzlich als betrübend zu
kommen.
,Tot? wiederholte Diana.
Ja.
Sie heftete einen prüfenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders. ,Und was jetzt? fragte sie mit leiser Stimme.
,Und was jetzt, Diana?' wiederholte er, seine marmorne
Ruhe des Gesichtsausdrucks bewahrend.,Was jetzt? Nun--
nichts! Lies!?
Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie durchflog ihn
schnell und reichte ihn dann Mary. Mary durchlas ihn schweigend
und gab ihn darauf dem Bruder zurück, Mlle drei blickten einander
an und alle drei lächelten- ein trauriges, nachdenkliches Lächeln
war es.
,Amen! Wir haben noch zu leben,'' sagte Diana endlich.
,Auf jeden Fall wird unsere Lage nicht schlimmer, als sie vorher war,'' bemerkte Mary.
John faltete den Brief zusammen, verschloß ihn in sein Pult
und ging wieder hinaus.
Während einiger Minuten sprach niemand. Dann wandte
Diana sich zu Jane.
, Jane, du wirst dich über uns und unsere Geheimnisse wundern,' sagte sie, ,und uns für hartherzige Geschöpfe halten, weil
wir über den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Onkel es ist,
nicht mehr Betrübnis an den Tag legen. Aber wir haben ihn
niemals gekannt noch gesehen. Er war der Bruder meiner Mutter.
Vor langen Jahren hatten er und mein Vater einen Streit, und
sie entzweiten sich. Es geschah auf seinen Rat, daß mein Vater den
größten Teil seines Vermögens in jene Spekulation steckte, welche
ihn ruinierte. Gegenseitige Vorwürfe flogen zwischen ihnen hin
und her; sie trennten sich im Zorn und versöhnten sich niemals
wieder. Mein Onkel wurde später in glücklichere Unternehmungen
hineingezogen; wie es scheint, erwarb er ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund. Er war niemals verheiratet und hatte
außer uns und noch einer Person, die ihm durchaus nicht näher
steht als wir, keine nahen Verwandten. Mein Vater hegte stets
den Glauben, daß er seinen Irrtum wieder gut machen würde, indem er uns sein Vermögen hinterließ. Doch dieser Brief unterrichtet uns davon, daß er jeden Pfennig jener anderen Person
hinterläßt mit Ausnahme von dreißig Pfund, welche zwischen
St. John, Diana und Mary Rivers geteilt werden sollen, um drei
Trauerringe dafür zu kaufen. Natürlich hatte er ein Recht, mit
seinem Gelde zu machen, was er wollte, und doch wirft eine solche
Nachricht eine augenblickliche Verstimmung auf das Gemüt. Mary
und ich würden uns reich erachtet haben, wenn er jeder von uns
tausend Pfund hinterlassen hätte; und für St. John wäre dieselbe
Summe von großem Wert gewesen um der Wohltaten wegen, die
er mit derselben hätte ausüben können.
Nach dieser Erklärung wurde das Thema fallen gelassen und
niemand, weder Mr. Rivers noch seine Schwestern, erwähnten desselben wieder.
Am folgenden Tage übersiedelte Jane von Marsh-End nach
Morton. Tags darauf begaben Diana und Mary sich auf die
Reise nach dem weit entfernten B« Eine Woche später zogen Mr.
Rivers und Hannah nach dem Pfarrhofe und nun lag das alte
Haus verödet da.
Jane hatte also wieder ein Heim gefunden, eine Hütte: ein
kleiner Raum mit weiß getünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; darin stehen vier gemalte Stühle und ein Tisch
eine Uhr, ein Schrank mit zwei, drei Tellern und Schüsseln und ein
Teeservice von Delfter Steingut. Darüber ein Zimmer von derselben Größe der Küche mit einer Bettstelle aus Tannenholz und
einer Kommode, die zwar klein, aber dennoch zu groß ist, als daß
ihre ärmlichen Kleidungsstücke sie hätten ausfüllen können; obgleich
. ihre gütigen, großmütigen Freunde dieselben durch einen kleinen
Vorrat der allernotwendigsten Dinge vermehrt hatten.

Es ist Abend. Mit einer Orange als Belohnung hat sie die
kleine Waise entlassen, welche ihr als Hausmädchen dient. Sie
sitzt allein am Herd. Heute morgen ist die Dorfschule eröffnet worden. Sie hat zwanzig Schülerinnen. Nur drei von dieser Zahl
können lesen; nicht eine einzige schreiben oder rechnen. Mehrere
stricken, nur einige nähen ein wenig. Sie sprechen den breitesten
Akzent der Gegend. Für den Augenblick bietet sich ihnen wie Jane
noch die Schwierigkeit, ihre gegenseitige Sprache zu verstehen.
Einige von ihnen sind ebenso ungezogen, roh, unumgänglich wie
unwissend; andere wieder sind sanft, hegen große Lernbegierde und
zeigen Anlagen, welche Jane Freude machen. Sie darf aber nicht
Herzen schlummern wie in dem der Höchstgeborenen. Ihre Pflicht
ist es, diese Keime zu entwickeln; gewiß wird es ihr Befriedigung
und Genugtuung gewähren, wenn sie gewissenhaft dieses Amtes
waltet. Ja viel Freude erwartet sie noch vom Leben; denn Schaffen
und Arbeiten waren von jeher ihre Lust, und so wird sie auch hier
ihre Kräfte bis aufs äußerste anstrengen. Sie fühlte sich freudig
und zufrieden in dem kahlen, bescheidenen Schulzimmer, merkte sie
doch, daß sie jetzt ihres Lebens Endzweck erreicht habe. Und noch
fröhlicher und wohlgemuter wurde ihr Geist, als sie bald entdeckte,
daß sie die Liebe ihrer Schülerinnen, ja, die Achtung der Dorfbewohner erwarb. Freilich vermißte sie eine höhere geistige Anregung, doch das war nur vorläufig. Bald stellte der junge Prediger
die neue Lehrerin dem reichen Fabrikherrn Mr. Oliphant vor, der
mit seiner Tochter gerade durch das Dorf spazieren ging. während
St. John sich mit Jane an der Tür des Schulhauses unterhielt.
Von dem Fabrikbesitzer, dessen Landhaus in der Nähe des Dorfes
lag, und seiner Tochter aufgefordert, machte Jane einen baldigen
Besuch bei ihnen und wurde aufs freundlichste empfangen. Bald
gestaltete sich zwischen den beiden jungen Damen ein regelmäßiger
und freundschaftlicher Verkehr, und Jane hatte nun auch den so
lange vermißten, geistig anregenden Verkehr gefunden. So fühlte
sich Jane Eyre immer zufriedener in ihrer neuen Lebenslage; aber
ein größeres Glück sollte ihr noch zuteil werden.

Zwanzigstes Kapitel.
Die Erbschaft.
Eines Tages trat St. John in Janes Wohnzimmer; gelassen
zog er seine Brieftasche hervor, öffnete sie und suchte etwas darin;
aus einer der kleinen Abteilungen zog er ein Schreiben. Er stand
auf, hielt es Jane dicht vor die Augen und sie las, eine Anfrage
eines Advokaten Briggs, der sich nach einer Jane Eyre erkundigte.
Da Jane schwieg, fragte sie der Pfarrer: ,Wollen Sie nicht
wissen, was der Advokat von Ihnen wollte?
, Nun, was wollte er??
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel, Mr. Eyre auf Madeira.
tot sei, daß er Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen habe, und
daß Sie jetzt reich seien - nur das-- weiter gar nichts.
,Ich! reich?
,Ja! Sie, reich- eine Erbin!
Darauf entstand eine Pause.
,Ihr Vermögen ist in der englischen Bank angelegt; Briggs
hat das Testament und die nötigen Dokumente.
So war es denn mit einem Schlage anders geworden! Eg ist -
eine schöne Sache, liebe Leserin, in einem kurzen Augenblick von
Armut zu Reichtum emporgehoben zu werden, aber allerlei Bedenken gehen dem davon Betroffenen doch- durch den Kopf; die
Worte Vermächtnis und Hinterlassenschaft stehen Seite an Seite
mit den Worten Tod und Begräbnis. Jane hatte gehört, daß ihr
Onkel, ihr einziger Verwandter, tot sei. Von dem Augenblick an, .
da sie einst von seiner Existenz gehört, hatte sie auch gehofft, ihn
eines Tages zu sehen; und jetzt war auch das vorbei. Und dann
bekam ja auch nur sie allein dies Vermögen, nicht sie und eine
glückliche Familie, nur ihr einsames Ich! Ohne Zweifel war es
eine großartige Gabe, und Unabhängigkeit mußte ein gar köstliches
Ding sein - ja, das fühlte sie, dieser Gedanke machte ihr Herz vor
Wonne erzittern.
,Endlich blicken Sie wieder auf,. sagte Mr. Rivers, ,ich
glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie seien zu Stein geworden; vielleicht werden Sie mich jetzt auch fragen, wieviel. Sie
wert sind?
,Wieviel bin ich wert?
,O, eine Kleinigkeit! Nichts, das der Mühe verlohnte zu
nennen; nur zwanzigtausend Pfund Sterling, glaube ich, wurde
gesagt. Aber was ist denn da!
,Zwanzigtausend Pfund?
Dies war ein neues Erstaunen für Jane. Sie hatte auf vier
oder fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht beraubte sie in
der Tat für einen Augenblick des Atems. Mr. St. John, den sie
noch niemals lachen gehört, Mr. St. John lachte jetzt über sie.
,Nun,' sagte er, ,wenn Sie einen Mord begangen hätten und
ich Ihnen sagte, daß Ihre Tat entdeckt wäre, so könnten Sie nicht
bestürzter aussehen.
,Es ist eine große Summe; glauben Sie nicht, daß hier
irgendein Irrtum obwaltet?
,Durchaus kein Irrtum.
,Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen - es werden
nur zweitausend sein!
,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen- zwanzigtausend.’
Jetzt erhob sich Mr. Rivers und nahm seinen Mantel um.
,Wenn es nicht ein so stürmischer Abend wäre, sagte er, ,so
würde ich Hannah herunter senden, um Ihnen Gesellschaft zu
leisten. Sie sehen so verzweifelt unglücklich aus; man sollte Sie
nicht allein lassen. Aber das arme Weib, die Hannah, könnte nicht
so gut durch die Schneewehen kommen wie ich; ihre Beine sind nicht
ganz so lang. Daher muß ich Sie schon einsam Ihrem Kummer
überlassen,'' scherzte er.
Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und zog den Riegel zurück. Da kam Jane ein plötzlicher Gedanke.
,Warten Sie eine Minute,' rief sie.
,Nun?
, Es macht mir Kopfzerbrechen, weshalb Mr. Briggs an Sie
über mich schrieb; oder woher er Sie kannte und wie er glauben
konnte, daß Sie, der Sie in einem so weltentlegenen Winkel wohnen,
die Macht besäßen, ihm zu meiner Entdeckung behilflich zu sein.
, O! ich bin ein Prediger,'' sagte er, ,und an die Geistlichen
wendet man sich oft in den seltsamsten Angelegenheiten.
Wieder rasselte der Riegel.
, Nein, das genügt mir nicht!'' rief sie aus. Und in der Tat
lag etwas in der hastigen, unklaren Antwort, das ihre Neugierde
nur noch mehr reizte, anstatt sie zu befriedigen.
,Das ist eine seltsame Geschichte,' sagte sie, ,und ich muß noch
mehr darüber erfahren.
,Ein ander Mal.r
, Nein, heute abend!- heute abend !' und als er sich von der
Tür abwandte, stellte sie sich zwischen diese und ihn. Er sah ziemlich verlegen aus.
,Sie werden bestimmt nicht von hier gehen, bevor Sie mir
nicht alles gesagt haben!' sagte Jane.
,Erlassen Sie mir das, für den Augenblick wenigstens.
,Sie sollen- Sie müssen!
,Ich möchte lieber, daß Diana oder Mary mit Ihnen darüber
spräche.
Natürlich machten seine Einwendungen sie nur noch erregter.
Ihr Verlangen, alles zu erfahren, hatte den höchsten Grad erreicht.
Es mußte befriedigt werden, und das ohne Verzug. Sie sagte
ihm das.
,Ich sagte Ihnen vorher, daß ich hartköpfig bin,' sagte er.
,Und ich bin ebenfalls hartköpfig,'' erwiderte sie.
,Und dann,'' fuhr er fort, ,bin ich kaltblütig; keine Leidenschaft reißt mich hin.
,Während ich heißblütig bin, und Feuer schmilzt Eis. Das
Holzfeuer dort hat allen Schnee auf Ihrem Mantel schmelzen gemacht; und jetzt ist er auf meinen Fußboden herabgeronnen und
hat ihn zu einer schmutzigen Straße gemacht. Mr. Rivers, wenn
Sie hoffen, daß Sie Vergebung für das Verbrechen finden werden,
den sandbestreuten Fußboden einer Küche beschmutzt zu haben, so
sagen Sie mir alles, was ich zu erfahren wünsche.
,Nun, sagte er, ,gut; ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem
Ernst, so doch Ihrer Ausdauer; gerade so wie auch der Stein durch
einen fortwährenden Tropfenfall ausgehöhlt wird. Überdies
müssen Sie es ja doch eines Tages erfahren.
,Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Ihr Namensvetter bin?
daß ich St. John Eyre Rivers getauft bin?
,Nein, in der Tat; ich erinnere mich jetzt wohl, in den Büchern,
welche Sie mir zu verschiedenen Zeiten geborgt haben, auch den
Buchstaben E gesehen zu haben; doch fragte ich niemals, für welchen
Namen er stehe. Und nun weiter?
,Der Name meiner Mutter war Eyre; sie hatte zwei Brüder;
der eine war Geistlicher und heiratete Miß Reed von Gateshead;
der andere John Eyre Esg., Kaufmann, ist vor kurzem in Funchal
auf Madeira gestorben. Da Mr. Briggs Mr. Eyres Sachwalter
ist, schrieb er im letzten August an uns und teilte uns den Tod
unseres Onkels mit; zugleich unterrichtete er uns davon, daß er
sein Vermögen einer anderen Verwandten hinterlassen habe; wir
waren übergangen infolge eines Streites zwischen ihm und meinem
Vater, dem er niemals vergeben hatte. Vor einigen Wochen schrieb
Mr. Briggs wieder, um uns zu sagen, daß die Erbin Jane Eyre
heiße und unauffindbar sei und anzufragen, ob wir nichts von ihr
wüßten.
Und wiederum wollte er gehen, aber Jane stellte sich vor
die Tür.
,Lassen Sie mich sprechen,'' sagte sie,,geben Sie mir nur einen
Augenblick, um aufzuatmen und nachzudenken.
Sie hielt inne; er stand vor ihr, den Hut in der Hand, und sah
sehr ruhig und gefaßt aus.
Jane fuhr fort:
,Ihre Mutter war die Schwester meines Vaters.
,Ja.
,Folglich meine Tante.
Er nickte.
Mein Onkel John war Ihr Onkel John? Sie, Diana und
Mary sind die Kinder seiner Schwester, ebenso wie ich das Kind
seines Bruders bin?
,Ohne Zweifel.
,Sie sind also meine Vettern und Cousinen; die Hälfte unseres
Bluts fließt also aus derselben Quelle?
,Wir sind Vettern und Cousinen; ja.
Jane beobachtete ihn. Ihr war's, als hätte sie einen Bruder
gefunden, und noch dazu einen, auf den sie stolz sein konnte, den
sie lieben konnte; und zwei Schwestern, welche so große, erhabene
Eigenschaften besaßen, daß sie ihr schon, als sie für sie nur fremde
Menschen waren, die größte Liebe und Bewunderung eingeflößt
hatten. Die beiden Mädchen, auf welche sie an jenem Abend, als
sie auf dem feuchten Erdboden kniete und durch das niedrige, vergitterte Fenster der Küche von Moorhouse sah, mit einem so bitteren
Gemisch von Interesse und Verzweiflung geblickt, sie waren ihre
nächsten Verwandten! Und der junge, stattliche Mann, welcher
sie fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, er war durch Bande
des Blutes an sie gebunden. Welche Entdeckung für eine Einsame!
Dies war Reichtum in der Tat! Reichtum für ihr Herz!-- Dies
war eine Himmelswohltat, rein, klar, neubelebend. In einer plötzlichen Aufwallung von Freude klatschte sie in die Hände, ihre
Pulse flogen,- in ihren Schläfen hämmerte es.
,O, ich bin so froh! - ich bin so froh! rief sie aus.
St. John lächelte.
Jane ging schnell durch das Zimmer. Dann hielt sie inne. Die
Gedanken, welche schneller kamen, als sie sie erfassen, begreifen,
ordnen konnte, erstickten sie fast. Sie starrte die kahle Wand an;
sie erschien ihr wie ein Himmel, der dicht mit leuchtenden Sternen
übersäet war, und jeder einzelne derselben bedeutete ihr ein Glück.
Jetzt konnte sie jenen Wohltaten erweisen, die ihr das Leben gerettet, und die sie bis zu diesem Augenblick nur untätig hatte wieder
lieben können. Ihre Wohltäter lebten in einem Joche, Jane konnte
sie befreien; sie waren in der Welt zerstreut, Jane konnte sie wieder
vereinigen; die Unabhängigkeit, der Überfluß, dessen sie sich erfreute, sie konnten auch ihnen zuteil werden. Zwanzigtausend Pfund
in gleiche Teile geteilt, würde für jeden fünftausend geben -- reichlich genug; der Gerechtigkeit sollte Genüge geschehen, aller Glück
gesichert werden. jetzt lastete der Reichtum nicht schwer auf Jane,
jetzt war es nicht nur ein Erbteil an Geld und Geldeswert -- nein,
es war ein Legat an Leben, Hoffnung und Genuß!
Sie sprach eifrig zu St. John: , Schreiben Sie schon morgen
an Diana und Mary und sagen Sie ihnen, daß sie sofort nach Hause
kommen, Diana hat mir oft gesagt, daß sie sich für reich halten
würden, wenn sie tausend Pfund hätten, folglich werden sie mit
fünftausend Pfund sehr gut leben können.
,Sagen Sie mir, wo ich Ihnen ein Glas Wasser holen kann,.
sagte St. John, , Sie müssen sich wirklich beruhigen und Ihre
Gefühle zu beherrschen suchen.
, Mr. Rivers! Sie machen mich wirklich ungeduldig; ich bin
vollkommen vernünftig; Sie sind es, welcher mich mißversteht,
oder welcher vielmehr vorgibt, mich mißzuverstehen,'' erwiderte
Jane.
,Vielleicht würde ich Sie besser verstehen, wenn Sie sich klarer
ausdrückten.
, Klarer ausdrücken! Was ist denn hier noch klarer auszudrücken. Sie müssen doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund, die
in Frage stehende Summe, zu gleichen Teilen zwischen dem Neffen
und den drei Nichten meines Onkels verteilt, fünftausend Pfund
für jeden ergeben? Was ich will, ist, daß Sie an Ihre Schwestern

,Ihnen selbst, wollen Sie sagen.
,Ich habe Ihnen deutlich meine Ansicht über die Sache erklärt.
Eine andere vermag ich nicht zu fassen. Ich bin nicht selbstsüchtig,
nicht ungerecht, nicht undankbar. Außerdem bin ich entschlossen,
mein Heim zu gründen, mir Verwandte zu schaffen. Ich liebe
MoorHouse, und in MoorHouse will. ich wohnen. Ich liebe Diana
und Mary, und bei Diana und Mary will ich mein Lebelang
bleiben. Es wird mir ein Segen und eine Freude sein, fünftausend
Pfund zu besitzen; aber es würde mich quälen und bedrücken,
zwanzigtausend mein eigen zu nennen; und außerdem könnten sie
mir niemals von Rechts wegen gehören, wenn auch das Gesetz sie
mir zuspricht. So überlasse ich Ihnen nur das, was für mich absolut überflüssig wäre.
,Dies heißt nach der ersten Eingebung handeln; Sie bedürfen
mehrerer Tage, um die Sache zu überlegen, bevor ich Ihr Wort als
gültig annehmen kann.
,O! Wenn es nur die Aufrichtigkeit und Dauer meines
Willens ist, die Sie bezweifeln, so bin ich ruhig. Sehen Sie denn
wenigstens die Gerechtigkeit der Sache ein ??
,Ja; eine gewisse Gerechtigkeit erkenne ich an; doch läuft sie
jedem hergebrachten Brauch entgegen. Außerdem haben Sie Anspruch an das ganze Vermögen; mein Onkel erwarb es durch seine
eigenen Anstrengungen; es stand ihm frei, es zu hinterlassen, wem
er wollte: er hinterließ es Ihnen. Und schließlich erlaubt das
Gesetz Ihnen, es zu behalten. Mit reinem Gewissen können Sie
es als Ihnen gehörig betrachten.'?
,Bei mir ist es ebensogut eine Sache des Gewissens wie des
Gefühls, sagte sie., Und ich muß nach meinem Gefühl handeln.
Ich habe bis jetzt so selten Gelegenheit gehabt, das zu tun. Und
wenn Sie während der Dauer eines ganzen Jahres mit mir
stritten, mich ärgerten und mir widersprächen, so würde ich mir
die selige Freude nicht versagen, die sich mir in dieser Stunde
flüchtig offenbart hat - nämlich, zum Teil eine schwerwiegende
Verbindlichkeit abzuzahlen und mir Freunde für das ganze Leben
zu erringen.
, So denken Sie jetzt,! begann St. John wiederum, ,weil
Sie nicht wissen, was es heißt, Reichtum zu besitzen und folglich
sich desselben zu erfreuen; Sie haben keinen Begriff von der Wichtigkeit, welche der Besitz von zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würde; von der Stellung, welche sie Ihnen in der Gesellschaft geben würden; von den Aussichten, welche sich Ihnen dadurch eröffnen würden; Sie können nicht-
,Und Sie,'' unterbrach sie ihn, ,können sich keinen Begriff
machen von der Sehnsucht, welche ich nach schwesterlicher und
brüderlicher Liebe empfinde. Ich hatte niemals eine Heimat, niemals Brüder oder Schwestern. Ich will und muß sie jetzt haben.
Widerstrebt es Ihnen denn, mich aufzunehmen und anzuerkennen?
,Jane, ich will Ihnen ein Bruder sein- meine Schwestern
werden Ihre Schwestern sein-- ohne daß Sie uns das Opfer
Ihrer gerechten Ansprüche bringen.
,Bruder? Ja! In kühler Entfernung. Schwestern? Ja!
Die ein Sklavenleben zwischen Fremden führen! Und ich reich!
Überschüttet mit Gold, das ich mir nicht erworben und das ich nicht
verdiene! Und ihr arm! Großartige Gleichberechtigung und
Brüderlichkeit! Enge, innige Vereinigung! Herzliche Liebe und
Anhänglichkeit!?
,Und die Schule, Miß Eyre? Die wird jetzt doch vermutlich
geschlossen werden müssen?’
,Nein; ich werde den Platz einer Lehrerin behalten und ausfüllen, denn dieser Platz ist mir lieb und wert geworden.
Er lächelte zustimmend. Dann drückten sie sich die Hände
und er ging.
Die Angelegenheit wurde trot längeren Zauderns der Geschwister doch in Janes Sinne geordnet; ein jeder von den Vieren
erhielt fünftausend Pfund Sterling. Jane hatte zwar beschlossen,
ihre Stelle als Lehrerin zu behalten, doch wollte sie von nun an
in Moor House wohnen.

Einundzwanzigstes Kapitel.
Zu gutem Ende.
Das Weihnachtsfest war beinahe herangekommen, ehe alles
geordnet war; die Zeit des Festes der ganzen Christenheit war
nahe. Jetzt schloß Jane die Schule von Morton für einige Zeit
und bat St. John, daß er ihr Hannah abtrete.
,Wozu brauchen Sie sie?
,Um mit mir nach Moor House zu gehen. In einer Woche
werden Diana und Mary zu Hause sein, und bei ihrer Ankunft
sollen sie alles in der schönsten Ordnung finden.
,Ich verstehe. Hannah soll Sie begleiten.
,Sagen Sie ihr also, daß sie sich morgen bereit hält.
,Was gedenken Sie denn in Moor-House zu tun,'' fragte er
dann.
,Mein erstes Ziel ist, Moor-House vom Boden bis zum Keller
einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. DaS nächste, es mit
Bienenwachs, Ol und einer unbestimmten Anzahl von Tüchern zu
reiben, bis es blitzt; das dritte, jeden Tisch, jeden Stuhl, jedes
Bett, jeden Teppich mit mathematischer Präzision zu arrangieren;
darauf werde ich Sie beinahe zugrunde richten durch ungezählte
Massen von Torf und Holz, um in jedem Zimmer ein hellloderndes
Feuer zu unterhalten; und endlich und zuletzt werden die beiden
letzten Tage, welche der Ankunft Ihrer Schwestern voraufgehen,
von Hannah und mir dem Schlagen von Eiern, Auslesen von Rosinen, Rösten von Gewürzen, Backen von Weihnachtskuchen,
Schneiden von Fleisch und anderen schönen Dingen gewidmet
sein, von welchem Uneingeweihte, wie Sie, doch keinen Begriff
haben. Kurz und gut, mein Zweck ist es, vor nächstem Donnerstag alles in einem Zustande der vollkommensten Bereitschaft
zu Dianas und Marys Empfang zu, haben.
St. John lächelte fast unmerklich und entfernte sich.
Jane war jetzt glücklich in Moor-House, und angestrengt arbeitete sie. Desgleichen Hannah. Diese war entzückt, zu sehen,
wie fröhlich Jane sein konnte inmitten der Unruhe eines Hauses,
in welchem das unterste zu oberst gekehrt war - wie gut sie bürsten, abstäuben, reinigen und kochen konnte. Und wirklich nach
zwei Tagen der heillosesten Verwirrung war es reizend mit anzusehen, wie sie nach und nach Ordnung in das Chaos brachten, das
sie erst selbst hervorgerufen hatten. Kurz vorher hatte Jane noch
eine Reise nach S. unternommen, um einige neue Möbelstücke zu
kaufen, nachdem ihre Cousinen ihr freie Hand gelassen und eine
bestimmte Summe zu dem Zwecke gegeben hatten, alle sie gut dünkenden Änderungen zu treffen. Das gewöhnliche Wohnzimmer
und die Schlafzimmer ließ sie ganz so, wie sie gewesen, denn sie
wußte, daß Diana und Mary mehr Freude an dem Wiedersehen der
häßlichen, alten Stühle und Tische haben würden, als an dem Anblick der prächtigsten Neuerungen. Und doch war einiges Neue
notwendig, um ihrer Heimkehr das Ungewöhnliche zu verleihen,
womit sie es gern umkleiden wollte. Diesem Zweck entsprachen
nun neue, schöne, dunkle Teppiche und Vorhänge, eine Zusammenstellung sorgsam ausgewählter, antiker Ornamente in Porzellan
wirken. Ein Fremden, Wohn- und Schlafzimmer möblierte sie ganz
neu mit Mahagoni und roten Polstermöbeln; in den Korridor und
auf die Treppe legte sie Teppiche. Als alles fertig war, erschien
das Innere von MoorHouse ihr ebenso freundlich und sauber und
gemütlich, wie es draußen um diese Jahreszeit winterlich einsam
und öde und traurig war.
Endlich kam der ereignisreiche Donnerstag. Die Schwestern
wurden um die Dämmerstunde erwartet, und lange vorher wurden schon oben und unten die Kaminfeuer angezündet. Die Küche
war in vollkommenster Ordnung. Hannah und Jane waren angekleidet. Alles war bereit.
Zuerst kam St. John. Jane hatte ihn innig gebeten, das
Haus nicht eher zu betreten, als bis alles arrangiert sei; und in der
Tat hatte der bloße Gedanke an die Unruhe und Verwirrung,
und Bronze, neuer Möbelbezüge, Spiegel und Toilette»Necessaire
für die Ankleidezimmer: alles dies sah frisch aus, ohne störend zu
welche innerhalb der vier Wände vor sich ging, hingereicht, ihn
dem Hause völlig zu entfremden. Er fand Jane in der Küche mit
dem Backen einiger Kuchen für den ersten Teeabend beschäftigt.
Indem er sich dem Herde näherte, fragte er, ob sie nun endlich
mit der Arbeit eines Hausmädchens zufrieden sei. Sie antwortete
ihm, indem sie ihn einlud, sie auf einer Generalinspektionsreise
durch das Haus zu begleiten, um das Resultat ihrer Anstrengungen
zu begutachten. Mit einiger Mühe gelang es ihr, ihn zu diesem
Rundgang zu überreden. Dann aber zeigte er offen, welche
Freude er an der Verschönerung seines väterlichen Hauses
empfände,
Da stürmte Hannah herein. ,Sie kommen! sie kommen!’ rief
sie, indem sie die Tür des Wohnzimmers weit aufriß. In demselben Augenblick hob auch der alte Carlo an freudig zu bellen.
Jane lief hinaus. jetzt war es dunkel geworden, aber deutlich vernahm man das Rollen der Räder. Hannah hatte schnell eine
Laterne angezündet. Der Wagen hatte vor dem Gittertor angehalten. Der Kutscher öffnete den Wagenschlag; zuerst stieg eine
wohlbekannte Gestalt heraus, dann die zweite. Im nächsten
Augenblick war Janes Gesicht unter ihrenHüten, zuerst inBerührung
mit Marys weicher Wange, dann mit Dianas reichen Locken.
Sie lachten, küßten sie-- dann Hannah; liebkosten Carlo,
der fast wild vor Freude war, fragten eifrig, ob alles wohl und in
Ordnung sei, und eilten ins Haus, als. ihre Frage bejahend beantwortet wurde.
Sie waren wie gerädert durch die lange Fahrt auf dem
schlechten Wege von Whitcroß; ihre Glieder waren in der eisigen
Nachtluft fast erstarrt; aber sie tauten vor dem lustig flackernden
Kaminfeuer zusehends auf. Während der Kutscher und Hannah
die Koffer hereinbrachten, fragten sie nach St. John. In diesem
Augenblick trat er aus dem Wohnzimmer. Beide umarmten ihn
zugleich. Er küßte und bewillkommnete sie herzlich.
Jane hatte die Kerzen angezündet, um beide nach oben zu
geleiten, aber Diana hatte vorher noch gastfreie Befehle in Bezug
auf den Kutscher zu erteilen; nachdem dies geschehen, folgten beide.
Sie waren über die Neuerungen und Ausschmückungen ihrer Zimmer entzückt. In reichstem Maße sprachen sie ihre Freude über die
neuen Vorhänge, die frischen Teppiche und reich bemalten Porzellanvasen aus. Jane hatte die Genugtuung zu fühlen, daß ihre
Anordnungen ihren Wünschen vollkommen entsprachen, und daß
alles, was sie getan hatte, ihrer freudigen Heimkehr noch einen
großen Reiz verliehen hatte. Es war ein wonniger Abend.
Hiermit sind wir an das Ende unserer Erzählung gelangt;
denn welchen schöneren Abschluß könnte es geben, als die arme
Waise, welche alles Elend eines elternlosen und verlassenen Kindes
hat durchkosten müssen, in wohlhabenden Verhältnissen, in geachteter Stellung und im Kreise lieber Verwandten zu sehen? Bald
wurde Jane Eyres Liebeskreis noch erweitert; denn sobald sie
durch andauernde Nachforschungen Mrs. Fairfax's Aufenthaltsort entdeckt hatte, ließ sie die kleine Adele, welche jetzt ganz einsam
bei der gütigen, alten Dame noch weilte, zu sich kommen. So
hatte Jane noch eine besondere Liebespflicht zu erfüllen, und sie
widmete sich derselben mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit.
Erste Abtheilung.
Die Waise im Hause ihrer Tante.

Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin abgewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die
Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die
Tränen zu trocknen und manchen durch Leid und Mißgeschick Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin,
zunächst, sei diese Erzählung gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde
früh eine Waise und wüßte von diesem Augenblicke an, für
die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein
Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner
unglückliche Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz
ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid
preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund,
weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann
in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche
Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie
seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach
meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich
schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch
jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene
waren wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher
Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagt habe, war der ächte Typus
eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig
und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um
so ungestörter entwickeln zu können, als er gegen mich den
doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer
der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße, wozu ihn, wie ich
glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde
meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da
ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage,
jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens
sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master
Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in
mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen
werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die
Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht
durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner
Erziehung eine andere Richtung gegeben.

Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir, ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage
in einer tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meine
gekreuzten Beinen saß und in einem großen Buche blätterte,
das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte.
Es waren die »Vögel Englands von Bowick.“ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen,
colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem
Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen
Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte
mich auf.
"Hierher, Schläferin! rief mein liebenswürdiger
Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. "Wo Teufel mag sie sich
versteckt haben? fuhr er fort. Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier... Mama
glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still,
indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine
Spur. Ich sonnte nicht mehr zurückweichen; ich schob
daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das
nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter
einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor
meinem jungen Tyrannen.
"Was willst Du von mir? fragte ich ihn in einem
Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
"Was willst Du von mir, Master Reed? wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten
Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich
will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf,
winkte er mich, näher zu treten und vor ihn stehen zu
bleiben.
"John war damals ein plumper Bursche von etwa
vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem
Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt
allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im
Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte
Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war,
konnte ihm, gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im
Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck
auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort
zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und
als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er
mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich
weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben
ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche
Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er dese stumme
Sprache, dem er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte
zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den. Füßen zu
erhalten.
Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht
zu antworten, wenn ich Dich rufe, sagte er zu mir,
"und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere
Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei
langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte
Spinne.
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf
den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
"Was machtest Du dort? frage er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so trauriges
und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
»Ich las.
"Zeige mir das Buch.
Ich holte es herbei.
"Ich will Dich lehren, fuhr er fort, „in meinen
Bibliotheken herumzustöbern und: meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel ... nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht
errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle
befand, wurde mir les klar, denn ich sah, wie er den
dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in
der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich
auf die Seite; aber es war zu spät John hatte richtig
gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel
gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich
fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand,
mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder
zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte, dem Gefühle,
das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die
römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen
mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus
"Du bist ein böser und grausamer Mensch ... Du
gleichst einem Mörder ... einem Sklavenhändler ... den
Kaisern von Rom!
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen.
Sie erbitterte ihn aufs Höchste und in rasender Wuth
stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich
bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige
warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir
hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete
einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine
Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die
Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der
Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die
beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei
und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu
trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme
meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
»Mutter, sieh nur wie Jane mich zugerichtet hat,

rief John ihr entgegen- sie hat mich geschlagen, gekratzt
und gebissen, und was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr
verbot, mir meine Bücher zu verderben.
"Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt -- wollte ich entgegnen, aber meine Stimme
wurde von der meiner Tante übertönt.
"Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen
Sohn thätlich zu vergreifen? Ist das der Respekt, den Du
"ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten,
die wir Dir gewähren?
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
"In die' rothe Kammer! rief sie; „schließt sie ein
und laßt sie dort!
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese
"gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für
mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem
Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen
Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen
und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie
anrufen und wie sie die „wüthende Katze“ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte
die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie,
das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen
Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.
Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß, sagte
sie zu mir, „so müssen wir Sie binden. Miß Abbott,
setzte sie hinzu, leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.
Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr
gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf
voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine
gewisse erzwungene Ruhe gab.
"Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott! rief ich
aus; „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu
rühren.
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich
mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich
wider meinen Willen gesetzt worden war.
"Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die
beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine
lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen
und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm
und schutzlos war, dem Willen Derjenigen unterwerfen
müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen
und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte
ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen
die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten,
habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein
großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in
Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses
öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte,
wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett mit
Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den
zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden.
Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über
den vor dem Bett sehenden Tisch war ein ähnliches Tuch
gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet
auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem,
dunklem Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der
besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl mit einem gleichen
Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen
Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie
Feuer angezündet wurde. Da es von der Kinderstube und
der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrsche fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des
mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume,
der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von
meinem Seite auf und ging nach der Thür, die, wie ich
wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter
Schauder ergriff mich, als ich sah, saß sie wirklich fest
verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren,
müßte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem
ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes
erblickt hatte. Mein Blick versenke sich unwillkührlich in
die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun
darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer
allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab.
In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf,
dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme
sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das
eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach
einiger Zeit... die unglückliche Nichte der Mistreß Reed.
Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich
mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person
allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren
Bildern, die an meiner übereizten Phantasie vorüberzogen
und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die
so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir
hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage,
von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner
kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel
war, und von meiner angeborenen Senschenscheu, welche
noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe
und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum
ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach
und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend
seine Schmerzensthränen vergoß, daß der Wind traurig
in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine
entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen,
und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das
Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf, diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu

sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes... dies
war der Gnadenstoß für mich. -- --
„Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden
wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Bestäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte.
Man muße den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht
vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles
war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed
zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male im Streit
miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich
mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß,
den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz
schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichendem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm
besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen
setzte, da es - mir noch nie begegnet war. Er fand mich
sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen
und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem
Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel
gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter
Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht
interessirten.
"Dies ist ein Beweis, sagte er, „daß Du ein böses
Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß
Gott Dich davon befreit und Dir ein anderes dafür giebt,
ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.e
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen
beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne
ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Brocklehurst. Er war
der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über
meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die
Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am
darauf folgenden l. Januar, einer der denkwürdigen Tage
meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit
einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed
zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich
mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie
wieder den Namen »Tante“ zu geben, ein Beweis, daß
ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen
hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die
Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen
Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich
in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den
Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von
seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben.
Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein
vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.

Zweite Abtheilung.

Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines
Oheims verfolgt, so warn es nun Entbehrungen aller Art,
denen ich entgegen ging. Ich habe 8 Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache
Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen;
die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden
Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber,
die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig
wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den
Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger
Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien,
der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in
meinem Gedächtniß zurückgelassen haben!
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame
Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen.
Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost,
den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den
Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und
den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein:
aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von
der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab; den nämlichen Haarputz ohne Locken,
die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an
unsrem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die
nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe
mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir von allen Mitteln
entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns, im Winter in
großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht
das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich
diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel
der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klimas
äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte
eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund.
Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber und
der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten


das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus
in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns
schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur
und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten
Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war
für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate
sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf
einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich
alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den
Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher
nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu
geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige
Bewegung als das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche
von der Krankheit verschont blieben, den Garten und ich
habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den
Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder
den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause
gestattet war: Rasselas, liebe Freundin, ja, Rasselas,
Prinz von Abyssinien!"
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu
lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas
wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie
war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte,
daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß
nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise,
wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift
und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse
frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere
von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeit
und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte
den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können,
mit dem man se ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären,
das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet
haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin
eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der
größten Ruhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am
meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis
zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen; wollte
ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation
Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren
Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß
sie das Buch.
„Ich wette, sagte ich ohne Einleitung zu ihr, daß
Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
"Ich? erwiederte sie, indem sie mich mich ungeheucheltem Erstaunen anblickte; »ich bitte Dich, warum denn?
Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?
Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja
so grausam gegen Dich?"
"Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng.
Meine Fehler mißfallen ihr.
"An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich
würde mich ihr wiedersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie
sie Dich geschlagen hat, würde ich ihr den Stock aus der
Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen."
"Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn
Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen
werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr
betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen,
der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von
Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, dass
Böse mit Gutem zu vergelten.
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack
an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der
Mangel jedes Grolls gegen die Person, über welche sich,
meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen hatte.
Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt befaß, das mir
noch fehlte.
»Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler
hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz
tadellos.
"Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren,
nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin,
wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich niet den Regeln der Anstalt, aber es geschieht

häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese
ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner
systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß
Scatcherd nicht, dem sie ist im Gegentheil außerordentlich
genau, pünktlich, eigen...
"Gehässig und hartherzig, setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie
schwieg.
"Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, warum
bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.
"Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane.
Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir
Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du ihr aufmerksam zu und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd
mit mir spricht und ich nur nach ihr hören sollte, daß ich
zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke
in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als
befände ich mich in Northumberland und als wäre das
Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen
Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses
vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten,
so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt
werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten
Rauschen des heimatlichen Wassers gelauscht habe, so bin
ich auf keine passende Antwort vorbereitet.
"Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler
geantwortet.
"Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des

Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich
mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König
zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln
konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine
hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner
Krone hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können... Doch trotz
alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung
und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten König.
Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut,
das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten
sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die
Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete,
ohne es zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres
Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
"Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt,
Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen,
wenn sie gerecht ist.
"Das, ist aber gegen die Lehren der Religion, erwiderte Helene ruhig -- welche diese, Grundsätze verwirft.
"Verwirft? das ist mir unbegreiflich.
"Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß
nicht entwaffnet wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht
wieder aufhebt.

Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehend
„Darüber eben geben die Hehren der Religion Auskunft, welche allein vermögen, Dich dauernd zu beglücken.
Zu alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten
sie in diesem Falle: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch
fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.
"Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, müßte ich
Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht; ich müßte
ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.
"Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz
natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem
Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen,
Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt
verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt
habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden
so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen,
ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte
nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man
hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle
meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte
einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche
vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben
mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der
Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt,
daß Miß Temple, diejenige unserer Lehrerinnen, welche
Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an
warmen Nachmittagen in den Garten führte! Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu
sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht
immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
"Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im
Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn
Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß
wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt
sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem
kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen
pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte,
weil sie verwelken könnten, wenn ich dis morgen wartete.
Die von Thränen des Abends benetzten Blumen strömten
süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war,
der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Osten
empor, und dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß
es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein
so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich
dache ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand
kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er
schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn

auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde,
der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen
Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die
Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates
"erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete,
bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das
Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
"Wie geht es Helene Burns? fragte ich sie.
"Nicht zum Besten, war die einzige Antwort, die
ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
"Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?
.Allerdings.
. »Und was sagt er dazu?"
"Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche
Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt haben,
Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland
zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen
Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein klares
und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon bienieden ihre letzten
Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen
Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht
hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und
ein tiefer Schmerz... dann fühlte ich ein unwiderstehliches
Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu
sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene
in Miß Temples Zimmer lag; aber mehr konnte ich nicht
von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal.
Es hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille
schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus
meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich
barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer
aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete
der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein
Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber
an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch,
von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich
eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten
Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den
Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden
hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.
Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die
Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig
Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zaudere nicht länger, meine Besorgnisse waren
verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu
sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem
Vorbange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein
schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Gestalt
abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische
stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß

sie zu einer andern Schülerin gerufen worden wat, welche
phantasirte.
Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn
zurückzog.
"Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre? dachte ich.
"Helene, bist Du wach? fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie
von selbst und ich erblickte ein blaßes, eingefallenes, aber
vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren
sogleich verschwunden.
"Wie, Jane, Du bist hier? fragte mich Helene mit
der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen
Stimme kann man nicht sterben, sagte ich zu mir selbst
und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu
umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls;
ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln
war noch das ähnliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren,
da ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte
nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.
"Nun wohl, entgegnete sie, Du kommst gerade noch
zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.
Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause
zurück?
"Ja, erwiderte sie, nach Hause... nach Hause,
für immer.
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme
versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin
nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am
Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
"Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und
verbirg sie unter der Decke.
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm
um mich und drückte mich an ihre Brust.
"Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr
sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme
fort. Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so
betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth. Früher
oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit,
welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert
sich allmählig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem
ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht
das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu
bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln
und über mich zu klagen haben.
"Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, weißt Du,
wohin Du gehst?
"Ich gebe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich
zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke
übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein
Vater und mein Freund.
"Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?
"Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns
Beide erschaffen hat.
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine
Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich

schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte
ich sie zurückhalten.
Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke! hob sie
wieder an. Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt
fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht
fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber
es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
Nein, antwortete ich, und kein Mensch soll mich
jetzt von Dir trennen.
„Gute Nacht, Jane!
"Gute Nacht, Helene !
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem
Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte
eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete,
sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich
in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein
Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich
keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß
Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer
zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf
an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Macken
geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene
war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der
einzigen Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood
einigermaßen erträglich machte. Denken Sie sich meinen
Schmerz! Miß Temple, diejenige der Lehrerinnen, welche
mir und Helenen noch die meiste Theilnahme bewies, ist fast
die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem
traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen kann. Sechs
Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte während

dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung
so gut benutzt, daß ich die letzten 2 Jahre meines Aufenthaltes zur Unterlehrerin avancirte. Ich war selbst eine
leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich
gewandt des Pinsels, was für meine späteren Jahre die
Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet
ist. Ist es mir doch fast selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem
andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches
zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen. Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von
diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu
haben schien, gehalten hatte, nichts Anderes war, als die
Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen
Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und
zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen,
wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die
Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht
nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte
ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft
darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu
engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen

konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb
dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte. Ich dachte fort
während an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen,
an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedenken, mich hinein
zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth
schwand bald wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem Schicksal entgegen gehen könne, wie ich
es im Hause meiner Tante erfahren hatte. Diese Befürchtung
war es, welche meinen Aufenthalt in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich
ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und
ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach
Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht
einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche
Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stile im Schlafsaale;
nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war,
erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich
die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich
wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus
entziehen wollte. Ale meine Gedanken concentrirten sich
jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood
zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten
sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar
verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäfstigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in mir auf:
"Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen
von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich
ihn nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß
ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige
Stellung anzunehmen, als de, welche mir das Schicksal
angewiesen hat?
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur
eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu
gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des
Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt,
die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn
Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch,
Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter
der Adresse: Miß J. E, poste restante Lowton. Dann
nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand
geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich
einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen
enthielt:
"Wenn J. E., welche ich am vergangenen Donnerstage in dem ..shire Herald als Gouvernante offerirt
hat, wirklich die angeführten Talente besitzt und wenn
sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer
frühern Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10 Jahren zu
leiten hat. Der Gehalt besteht in 30 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen der Personen, auf deren
Empfehlung sie sich beruft, an die Herren Fairfax in
Thornfield bei Millcote in der Grafschaft ** einsenden.

Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig,
altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer
Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts
Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das
Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield
war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit
kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich
mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon,
daß es ein bedeutender Fabrikort war, der an dem Flusse
A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war,
einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler
Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen
und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein
geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie es sich
hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd in den
Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte
nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die
Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen,
sodaß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie
schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine
Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen
Tagen mit einem Zeugniß meiner guten und treuen Dienste
volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich
rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax
geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem
Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.

Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht
Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine,
wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen
Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem
Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende
Diligence und sechszehn Stunden nachher, gegen acht Uhr
Abends, befand ich mich, in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an
den Wänden des »Galons“ ein Portrait von Georg III.,
ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten
Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern
konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie
lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß
geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde
betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich
klingelte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze
mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote
liegen sollte.
"Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner,
"aber ich will nachfragen.
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und
fragte mich:
"Sind Sie vielleicht Miß Eyre?
"Allerdings.
"Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen
Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den
Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn fragte,
ob Thornfjeld weit sei:
"Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalb
Stunden sind wir dort.
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über
Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Wittwe,
die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich
indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer
einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben,
die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und
Liebenswürdigkeit schmückte.


Dritte Abtheilung.

Die Waise in Thornfield-Hall.

Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir
bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der
Kutscher öffnete und das sich hinter uns mit Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines
Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann führte
sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große
Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von einem
behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von, außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren
Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte mich nichts
schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als
ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin
mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?
Wie sagen Sie, meine Liebe? versetzte die gute
Dame. Ich höre ein wenig schwer.
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
Miß Fairfax? Ab so... Sie meinen Miß Varens.
So beißt Ihr künftiger Zögling.
"Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas
verwundert.
Mein, ich habe keine Kinder.
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege
zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß
jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugeben, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine
weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir
sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und
der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse
verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine
einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen
konnte.
"Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß
Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so
wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß,

zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit
machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und
verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da
ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich
doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf
den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen
Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß,
sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen
graue Facade sich von dem braunen Hintergrunde eines
Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert Krähen ihr
Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese
nieder, die zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren
in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen
Wald bildeten.
"Thornfield, dachte ich, heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens
hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in
einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch
Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über
die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
"Gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie mich dann.

"Außerordentlich, erwiderte ich mit dem Ausdrucke
der Wahrheit.
Es ist in der That nicht übel, versetzte Mistreß
Fairfax. »Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen, oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit, des Besitzers unerläßlich.
Master Rochester? rief ich aus; wen meinen
Sie damit?
»Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit
großer Ruhe. Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester
beißt?
Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.
"Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin
bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn
Sie wollen. Ich bin allerdings, daß beißt, mein Gatte
war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des
jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten
Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier
nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.
"Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?...
"Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt
sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht
Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das
von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre frangösische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele
war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend
zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde,
nachdem Mistreß Fairfax, mich ihr vorgestellt, hatte sie mir
bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht
so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht
was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit
ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger
Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als
eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit
hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus
in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer
traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin
getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein
Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln
zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an
den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit
gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und
böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein

schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch
den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, würde
ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche
ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt,
daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und
stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung
und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm
ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm
diesen kleinen Verdruß zu ersparen.
Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?
Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und
scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es
sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.
"Ist er allgemein beliebt?
Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung.
Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.
"Verzeihen Sie... ich verstand meine Frage anders.
Lieben Sie Herrn Rochester?"
"Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben.
Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.
"Aber sein Charakter..."
"Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas
Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber
wir haben uns nicht darüber zu beklagen.
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun
als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer
des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch eine
lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte
Temperatur, vergilbtes Neublement und altmodische Tapeten unwillkührlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich
bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen
Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax
mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf
die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte
mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer
doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig
still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts,
als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus einem
dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes
Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes,
regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte.
Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein
sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
Mistreß Fairfax! rief ich, als ich mich ein wenig
von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin
auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. Haben
Sie dieses Lachen gehört?
Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie, leicht
hingeworfen.
»Aber haben Sie es denn gehört?

"Allerdings, ich höre es oft. Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
"Grace! rief Mistreß Fairfax.
Dieser Dame schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich
indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien
eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und
auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
"Grace, sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem
ganz gewöhnlichen Geschöpf; es ist zu geräuschvoll hier,
Ihr wißt, was Euch befohlen ist...
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.

Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann
glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein
Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu
gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen
Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax
besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung
erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß.
Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit
fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich
im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie
viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen
der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den
unscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür
tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu
stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken,
welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen
haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend
und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December
und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen
starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die
Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich
anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude
ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner
freien Verfügung zu haben. Adele hat dringender und ich
gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen
Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die
Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne
schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da
ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen hatte, selbst
den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei
Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie
ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben,
um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden,
welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich zu diesen Auserwählten
gehörte, wenn ich den magischen Pinsel eines Constable

besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der
Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als
die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug.
Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich
langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in
einer Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der
Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin,
ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine
Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen
können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume
bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die
weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne
erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen
kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin
und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter
zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht
dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von
einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte,
den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit,
hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände
tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von Bäumen, an dem von den
Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch
erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield
begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher
auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter
seine hohen Mauern hinabgesunken war. Jetzt erst dachte
ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch
einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich
plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber ganz deutlich,
den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages,
welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren
Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen
Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit
jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter
vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei
Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach
der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer
Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden
Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist
die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes,
eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise
die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden
viel zu schaffen macht... und ich selbst hatte mich in diesem
Augenblicke verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch,
über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen
Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen
Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz
und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der
Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner
Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und
dicken Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig
an mir vorüberging, indem er mich kaum eines allerdings
übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem
eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt,
daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz,
und, was noch schlimmer war, mit einen Reiter auf dem
Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst
nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war
also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger
werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei
geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der
Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay
fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der
unmittelbar darauf folgende Ausruf: Verwünschte Geschichte!
veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war
auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte,
um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam,
um meinen Beistand anzusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien
es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige
Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu,
während er sich mit großer Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte.

Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte
man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete
fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen
halblauten Fluch ausstieß.
"Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen? fragte
ich ihn weiter.
Sie können mir aus dem Wege gehen erwiderte
er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann
ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen
und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte.
Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und
der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er
brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem
Hunde mit einem sehr kräftigen: -Ruhe, Pilot! Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine
und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine
mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein
Pferd zu besteigen, setzte er sich an die Barriere, die ich
vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
"Wenn Sie verwundet find, mein Herr, und irgend
eine Hilfe bedürfen, sagte ich zu ihn, "so könnte ich sie
Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall zusenden.

"Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst
aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen,
sondern mir nur den Fuß verrenkt.
"Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm
einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen
Sonne geröthet und an östlichen Horizont glänzte der Mond.
Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich
zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen
Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden
konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war.
Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und
der Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihn die zusammengezogenen Braunen und die noch zornfunkelnden Augen ein
wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er
noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man
konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens
fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war
mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen
jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch
viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je
einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu
haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets
als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für
dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt
und dabei schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen,

hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet,
so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen
sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten
beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink
gab, mich zu entfernen, rief ich aus:
"Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in
einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht
überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd wieder
zu besteigen.
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem
so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte
mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
Aber mich dünkt, entgegnete er fast sogleich, daß
Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in
der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich
fragen darf?
"Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich
durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich
würde gern nach Hay geben, um Ihnen Hilfe zu senden;
übrigens gehe ich ohnedies dahin.
Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie?
Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit
den Schießscharten? fragte mich der Fremde, indem er
nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
"Ja, mein Herr.
"Und wem gehört dieses Haus?
"Herrn Rochester.
Kennen Sie Herrn Rochester?"
Nein, ich habe ihn nie gesehen.

Bewohnt er sein Haus
Nein.
Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?
"Dies weiß ich nicht.
Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse;
Sie sind . . .
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu
betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus
einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Gastorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche
Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben
würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
"Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner
Ungewißheit ein Ende zu machen.
"Ah so, die Gouvernante, versetzte er; auf Ehre,
ich dachte nicht mehr daran.
Er betrachte mich von Neuem. Nach einigen Minuten
versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz
malte sich in seinen Zügen.
"Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,
sagte er endlich, Beistand für mich herbeizuholen; aber
wenn Sie die Güte haben wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen
Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?...
Mein ... nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie
Muth genug dazu?
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben; aber ich weiß selbst nicht warum, es war
mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barriere
und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien,
sich zu bäumen und dessen Hofe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg
meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte
er laut auf.
Ich sehe wohl, sagte er, daß das Pferd nicht zu
mir kommen wird, und daß ich also versuchen muß, zu
dem Pferde zu gelangen. Haben Sie die Güte, hierher zu
kommen.
Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.
"Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, fuhr er fort,
aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Stütze
zu benutzen.
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte,
fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem Pferde,
das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An
seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehr
ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
"Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie
liegt dort an der Hecke.
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
"Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay,
und kommen Sie baldmöglichst zurück.
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem
Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann
im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach
und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich
seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit
lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und
von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt
und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens
der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommnen hatte,
so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes
von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum
ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem wenn nicht
schönen, aber doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor
meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um
den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann
vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder,
als ich auf dem Rückwege an die Barriere kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich
konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten
Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp
eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen
Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen
Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in
Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte,
war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete
Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches
Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin
ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und
scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah
ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen
an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich
mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild
hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax,
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich
weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen
lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und
weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß
ich mich der Illusion völlig hingab.
Pilot! rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
"Wem gehört dieser Hund? fragte ich sie.
»Dem Herrn.
.Welchem Herrn?
"Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?
Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie
sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.
"Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?
Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.
Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen
zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen;
Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als
gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns
ihre Freude über die Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es
war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke
anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren
Inhalt sie interessiren werde.
"Dies bedeutet, sagte sie, daß auch ein Geschenk
für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat
von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante beißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blaße
Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Dem nicht wahr,
es ist so, Mademoiselle?
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette
bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich
brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerke übrigens von diesem Morgen an, daß
Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer
Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der
Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte
im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen
Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn
erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen
veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen
Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis
dahin nach besten Kräften zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während
ich mich, damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen
eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, denn setzte sie hinzu, ich kleide mich stets des
Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.
Dies erschien mir etwas ceremnoniös; um jedoch dem
bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte
ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der
nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen,
dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich
nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar,
daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte
ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft
und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.

Vierte Abtheilung.

Master Rochester.

Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte
auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes
Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit ihren
kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren des
treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine breite
und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte
wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst
nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte,
sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
"Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese volkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich
setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es

nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu
sein. Sie tischte uns eine Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
"Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu
haben schien, ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax
mir das Theebret, damit Mr. Rochester gezwungen wurde,
einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß
noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
"Nicht wahr, sagte sie zu ihm, in Ihrem Koffer
ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?
Was schwatzest Du von Geschenken? entgegnete
Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. Halten Sie
Geschenke für zweckmäßig? setzte er hinzu, indem er mich
mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
"Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ich bin nicht an
dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.
"Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.
"Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten,
bedurfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke
sind allerdings verschieden.
"Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele
hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie
etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.
"Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf
Ansprüche, wie auch weniger Wertrauen zu der Erfüllung
meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?

"Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit, erwiderte Mr. Rochester. Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben.
Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich
sie keine glänzenden Anlagen hat.
"Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am
meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen
geringen Werth in meinen Augen haben.
"Wirklich? versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte
er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß
Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich
hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der
Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.
"Spielen Sie Pianoforte? fragte er mich zuletzt.
"Ein wenig, antwortete ich.
"Das versteht sich von selbst? ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer
... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also
in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die
Thüre offen und spielen Sie etwas.
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle.
Mach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie
alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber
keineswegs gut.
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen
Platz zurück.
"Diesen Morgen, fuhr Mr. Rochester fort, hat mir
Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen
sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?
"Nein gewiß nicht! rief ich aus.

"Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie
mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß
diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie
Ihr Wort nicht leichtsinnig, dem ich verstehe mich auf
Flickwerk.
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek
das verlangte Portefeuilte.
"Einen Tisch!
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß
Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
"Nicht so, sagte Mr. Rochester. Nehmen Sie die
Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege;
ich kann es nicht leiden, daß Köpfe dem meinigen so
nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei
von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ
er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen
andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er
rief mich zurück.
"Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?
fragte er mich hierauf; und ist diese Hand die Ihrige?
"Ja, antwortete ich.

Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? dem
solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch
manches Andre...
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden
daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
"Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?
"Aus meinem Kopfe.
"Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?
"Allerdings.
"Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
"Wahrscheinlich... vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich
Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee
nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß
diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen
Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer
hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern
Partien waren in Dunkel. gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser
hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran
mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß.
Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold
und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Colorits scharf
hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter
einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man
einen ertrunkenen Leichnahm, von welchem man nur einen
Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das
Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den
dunklen Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an
dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb.
Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich hatte
anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur
wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde
Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes
Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt
oder deren feuchte Bruchstücke durch electrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußern
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab
die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung
diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges
durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des
Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem
mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen
Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein
männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei
abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich
unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche
Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck
als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf
glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen
Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und

da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen
Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton
der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
"Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?
fragte mich Mr. Rochester.
"Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft
glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte
fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken
konnte.
"Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis
jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig
gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben.
Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des
Schönen befriedigt?
"Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner
Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend.
Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen
hatte ...
"Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie
haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres
Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten
Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel,
demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige
Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus
einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem
Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und
ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ...
Welch' ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke!..
Und wer hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu
malen? dem es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen
Himmel und über diesen Berg dahinbraus't. Wo endlich
haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That
Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er
auf seine Uhr blickte:
"Schon neun Uhr vorüber!... Woran denken Sie
denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen?
Bingen Sie sie sogleich zu Bett!... Gute Sacht, meine
Damen.
So endigte unser erster Abend.

Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester
uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange
und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher
Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus
der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu geben,
äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu
begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich
kleidete die schon sehr kokette Adele aufs Beste an und
sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast
tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den

Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der
Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens
Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen angekommen. Ihr Vormund
gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches
die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte
und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und
bei jeder neuen Entdeckung. machte sie ihren Gefühlen durch
laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald
zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und
hat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen
Pariserin ein gefälliges Ohr zu leiden.
"Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt, sagte
er dann zu mir, und ich denke mir wohl, daß ich jetzt
für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem
das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. »Miß Eyre,
setzte er hinzu, rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig
vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir
und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage
zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir
diesen Zwang auflege.
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre
ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden
Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen
gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich
nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte
nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken,
wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer
zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte
hin und wieder seine Zügen und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz zu welchem
die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich, das Ihrige
beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem
Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen, Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes
verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelt sich in
seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in
das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete
meinen Augen.
"Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre?
sagte er in heiterem Tone; finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?
Ich bäte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen
Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes Nein, mein Herr! entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
"Vortrefflich! rief er in dem nämlichen Tone. Sie
haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem
Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine
gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten,
deren Hände stets an ihren Platze und deren Augen immer,
das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und
wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine
Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn
auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen
Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?
Entschuldigen Sie meine allzu große Freimüthigkeit.
Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der
Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe
sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen
muß, dann ...
"Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben
so viele Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstich. Eine
offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich
sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück
haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime
Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares
zurück.
"Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?
"Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich
beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug
von Philanthropie darauf erblicken soll?
"Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne
Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ, -- er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- daß ich weder die
Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte.
Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein
Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht
nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können.
In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch,
der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen und
Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen,
mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so
daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin wie Kautschuk.
Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine
gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige
Hoffnung vorhanden ist??
"Was für eine Hoffnung?
"Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu
sehen.
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache,
wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte,
die. mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters
zu zweifeln.
"Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,
fuhr er fort, und obgleich Dame Natur Sie nicht viel
reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen,
daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat
überdies noch den Vortheil, daß sie Ihre gefährlichen
Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs
herabzusenken, anstatt meine darmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu
studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden.
Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in
einer außerordentlich geselligen Stimmung.
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in
einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine
kräftige, ebenmäßige. Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an
den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten. nur. noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten,
fuhr er fort:

Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen
angenehmen Abond verlebe. Sie sind mir immer als ein
höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde
mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte
meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last
nie weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax
erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen
sehr dankbar dafür sein.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube
fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
Sprechen Sie, wiederholte er mit Ungeduld.
"Sprechen Sie wovon Sie wollen und wie es Ihnen
beliebt.
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm
zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir
sehr an sie Unrechte kam. Er errieth daß endlich.
Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und
fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß
Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie
als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität
zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre,
welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von
Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgeben wird.
Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar
sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen
quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit
peinigen.
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und
ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde.
Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß
ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu
unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche
er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie
mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben
übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie
er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht
daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend
machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz
gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und
sinnloser Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein
Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht
ein peinliches Gefühl, wenn man einen Meischen sieht, der
sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse
mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf
gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen
wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist,
und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von
ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er das Gift des
Lebens nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln,
versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die
ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle.
Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich
einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch
später Aufklärung erhielt.

Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten
außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm
erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten
wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der
Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen
und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die
Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über
seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde
er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die
Furcht, daß er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf
welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir
wünschenswerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer
Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die Gelegenheit, als
es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht werde, sagte mir,
sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu
versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem
Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen
an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen,
wie eine raffinirte Komödiantin.
"Stebt mir das Kleid gut? rief sie, zwischen uns
tretend; und die schönen Schuhe? und die seidenen Strümpfe?
Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den
Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette
beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
"Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte! sagt sie
in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte
hinzu: Machte es Mama nicht auch so?
"Ganz genau so, erwiderte Mr. Rochester mit einem
erzwungenen Lächeln. Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,
sagte er hierauf zu mir; ich werde Ihnen dies später
einmal erzählen.

So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen
verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr.
Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem
Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens,
gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche
Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der
von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen
Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen
worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil
er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem
Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten
und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlosen
Muter verlassen wurde.
"Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,
sagte er am Schlusse seiner Erzählung, um sie auf den
gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens

zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze
Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt, fuhr er
fort, Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter
einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir
erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal
werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle
gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer
anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig
gerathen?
Keineswegs, erwiderte ich; Adele ist weder für
Ihre Fehler noch für die ihrer Mutter verantwortlich.
Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da
ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und
von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine
Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie
wachen.
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese
unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein
Zimmer kann, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung
nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken,
die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten
war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis
seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen
Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden
Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft
auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn
ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort
und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich
des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich
deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der

Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als
ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach
mein Herz. Seine durch die Erzählungen, welche mir
eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein
durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle
Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem
Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und
daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters,
doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes
einflößte... mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise,
um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende
Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor
ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen,
von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.

Fünfte Abtheilung.

Das Geheimniß von Thornfield-Hall.

Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie
waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen
hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der
ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit,
um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und
Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht,
und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter
war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches
Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben
haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war
ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer
muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend
aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz
schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir
unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite
Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem
nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an
der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand
durch den Corridor schlich. Ich frage: »Wer ist da?
Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche
Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß
Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich
vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft
des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte
mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte
das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten
Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der
Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese
Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so
wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes
Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da
das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so
glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht
an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem
her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht, von der
ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts.
Mach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von
Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der
Thür. Seine erste Bewegung war, aufzuspringen und den
Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: Wer
ist da?
Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine
Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf
der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor
Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht
worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann
war Alles still.
"Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei
mir, und sollte sie vom Teufel besessen sein?
In meinem Zweifel schien es mir unmöglich nicht, auf
der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher
ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog
den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür.
Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes
Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in
einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang
selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach
allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte
ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür.
Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang
in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten
Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen
umzingelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen
waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag
Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche
schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich
auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte,
war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum
Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm
Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und
auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und, es gelang mir
unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu
löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der
Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren
Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären
konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab,
erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe
ertränken wollen; dann hat er mich, ihn ein Licht zu holen.
Besonders aber, setzte er hinzu, kommen Sie nicht
unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß,
ob ich ein einziges trockenes Kleidungsstück finde, das ich
überwerfen kann... Doch halt, da ist mein Schlafrock.
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken
und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich.
Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm
von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten
Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden
des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen, Mittheilungen
eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor,
Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?
versetzte er heftig. Lassen Sie sie und meine Leute ruhig
schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie
meinen Mantel um, wenn Sie friert und nehmen Sie Platz.

Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie
nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn
ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen.
Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders
ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei
Ihnen sein.
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der
vollständigsten Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir
verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch
diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr.
Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
Es war ganz so wie ich dachte, sprach er halblaut,
indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust
gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem
ziemlich sonderbaren Tone:
Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?...
"Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.
"Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört?... ich dächte, Sie hätten mir früher eine
ähnliche Geschichte erzählt.
"Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens
Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist
ein wunderliches Geschöpf.
"Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnet haben.
Sie st eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr
über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nöthig,
daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte,
werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht
zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren
Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs
stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem
Sophia in der Bibliothek ruhn.
"Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht, erwiderte ich,
idem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er
mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte:
"Wollen Sie mich denn schon verlassen? rief er aus,
"und auf solche Art?
Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen...
Aber nicht ohne Abschied zu nehmen... nicht ohne
ein freundliches Wort... nicht mit dieser kalten und
strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet,
haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir
sollten uns trennen wie zwei Fremde?... Geben Sie mir
wenigstens Ihre Hand.
Er reichte mir die seinige... ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken,
ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
"Sie haben mir das Leben gerettet, sagte er dann
tief ergriffen. Es macht mich glücklich, Ihnen eine so
große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen
nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in
dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte
verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es
etwas Anderes... eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.
"Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die
meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen
Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst
zu versagen.
Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester, erwiderte
ich ihm. »Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch
von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede
sein...
"Ich wußte es, unterbrach er mich, daß Sie mir
früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen
wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren
Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah... Ihr
freundlicher Blick ließ nicht umsonst...
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
Nein, fuhr er dann fort, nicht umsonst hat Ihr
freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den
innersten Tiefen meines Herzens erweckt...
Dies sagte er auffallend rasch.
"Man spricht von natürlichen Sympathien, setzte
er hinzu, auch von guten Genien... Gute Nacht denn
liebes Kind, Sie, haben mir das Leben gerettet!
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem
Blicke.
Es freut mich, fügte er hinzu, daß ich nicht wie
gewöhnlich eingeschlafen war.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
Sie verlassen mich also?
»Ich friere.
Ja, es ist wahr... und Ihre Füße stehen im
Wasser. Gehen Sie, Jane, geben Sie rasch.
"Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte
nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich
mich auf ein Mittel.
"Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,
sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können
sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine
Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit
dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende
Ufer, das, ich jenseits der Sogen erblickte. Dann warf
mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es
ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft,
bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters
Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder
in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen
über die Begebenheiten dieser Macht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat
ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht
wenig überrascht, als ich eine mit dem Mähen eines Vorbanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war,
als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt
war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen.
Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit
war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze
des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den

Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg,
richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm
dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ
sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber
von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir
vor, diese empörende Gleichgültigkeit auf die Probe zu stellen.
"Guten Morgen, Grace, sagte ich zu ihr, was ist
denn diese Macht hier vorgefallen?
"Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und
ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten
Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.
"Eine sonderbare Geschichte, sagte ich halblaut, indem
ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. Hat dem
Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?"
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken
zu erforschen.
"Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier,
wie Sie wissen, erwiderte sie dann. Mistreß Fairfax,
deren Zimmer an dieses stößt, hat einen sehr festen Schlaf
und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß
Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.
"Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser,
"als ein Gelächter, wie es wenige giebt.
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:

Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat,
während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben
ohne Zweifel geträumt, Miß.
"Nein, ich habe nicht geträumt, erwiderte ich, indem
ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte
mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen
Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert. Sie blickte
mich abermals forschend an und fragte mich:
"Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?
"Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.
"Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu
öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir
der Gedanke bei, daß sie, wenn sie ahnte, daß ich wußte,
woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich
spielen könnte, ich lenkte daher ein.
"Im Gegentheil, erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ich verriegelte meine Thür.
"Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu
Bett gehen?
"Schändliches Weib! dachte ich, sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.
Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich
damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr
sein würde.
"Daran werden Sie sehr wohl thun, war ihre ganze
Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der
Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.

Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole? fragte
er dann.
"Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.
"Und Ihren Sago?
"Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn
vor dem Thee selbst besorgen.
Mach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade
auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über
die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit
dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime
Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus
dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu
überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher
er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese
Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel,
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht
etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existirte, das früher, als
Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des
Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie
auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt,
dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor
der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen,
welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr.
Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts
mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes
Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.

Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu
beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ
mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher
im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten
werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
"Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter
zu kommen.
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und
ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den
ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr.
Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der
Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
"Kommen Sie rasch, mein liebes Kind, sagte die
gute Dame, sobald sie mich erblickte. Sie müssen sehr
hungrig sein, dem Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein. ... Ich denke
nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
"Ist Mr. Rochester nicht hier?
Nein, er ist nach dem Frühstück nach Pres-Clos zu
Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.
Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?
Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl
etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und
namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.

Blanca Ingram wohne 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur
alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und
die von den 4l Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt
wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines
Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax
schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize;
ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre
großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne
zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie
erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor
einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche
schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten,
die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander
geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend
nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten
Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein
strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über
sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches, häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren
mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine
arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte
denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch
käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für
meine törigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor,
nicht wieder darauf zurückzukommen, und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen
gefunden hätte.

Mr. Rochester blieb l4 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles
zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten,
den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus
seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste
aufzunehmen.

Sechste Abtheilung.

Blanca Ingram.

Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene
Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde
Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine
Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester
auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galopirte
keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast
den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer
grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes
Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
"Dies ist Miß Ingram, sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses
rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster
und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war,
daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und
den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen
durfte.
"Wenn Mama Besuch hatte, sagte sie fast weinend
zu mir, und besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen
ankleiden, und das war so unterhaltend... man lernt dabei
am besten, wie man sich kleiden muß.
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz
aus den Augen verloren, und ich mußte meine Zuflucht
zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge
nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der
Erde das Schloß, um einen Ausflug in die. Umgegend zu
machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am
vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an.
Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und
Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der
übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um
einige wahrscheinlich sehr vertraute orte zu wechseln.
"Nun, wie gefällt sie Ihnen?- fragte mich Mistreß
Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es
bemerkt hatte.
"Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht
gut zu erkennen.
"Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß
er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt,
setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es
sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs

zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich
in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war
und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus Furcht,
eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars in
Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Mach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und
hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen
sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches
Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen, bald in
ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele
den thätigsten Antheil nahm.

Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person,
um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren.
Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen
Liebreiz. Er drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen,
daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns
war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit
einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses
schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu
sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung besaß als
sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als
das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten
Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen
Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
"Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?
dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem,
was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen
Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr. Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die
Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft
jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der
seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet,
mit bewegter Stimme zu mir sprach, während sein Herz
von der Freude überströmte, daß er mir das Leben zu
verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen,
ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen.
Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von
der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit
Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach
einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse;
die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender
Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der
vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin,
nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Duelle beugt
und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
»Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den
man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies
nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht,
diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn,
diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser
strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war
nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es
für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der
That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade
gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich
so überwältigt und mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie
lieben wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten
Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen
Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er vom Neuem die ganze Herrschaft
über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte. Ohne
daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder

zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen
gelernt hat, der kenne das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische,
anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht
lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben
und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück?
Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, gebt zu ihm hin und knüpft ein
Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was
darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen,
diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle
erwecken nur mein Mitleid. Alls das Thema erschöpft ist,
schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr
zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich
das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde
schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemandem
gesehen worden zu sein.
In Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in
Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke
wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich
eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
»Wie befinden Sie sich? fragte er mich.
"Ganz wohl, erwiderte ich.
"Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte
ich mir nicht herausnehmen.
"Ich fürchtete Sie zu stören.
.Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?
"Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
"Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben,
dem Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir
vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie
haben Sich doch jene Macht in meinem Schlafzimmer nicht
erkältet?
Nicht im Enferntesten.
"Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen
uns zu früh.
"Ich bin müde.
"Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen
Sie es mir.
»Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.
"Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen
die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon
in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine
davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit
hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier
findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen
wissen. Für diesen Abend will ich Sie entschuldigen, aber
ich erwarte... oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange
meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen...
Gute Nacht, meine...
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.

Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen
Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann
nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu
müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte
ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich
zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem Gebieter
in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine
große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder
doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer
vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig
hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte
man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken; aber
ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken. Nichts
keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven
Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte
noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende
Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es
war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist
und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit
in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse,
den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens
einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die
Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches
Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein,
daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus
Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu sichern,
oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren Mängel
seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und
wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei.
Hätten sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige
Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen
Qualen unerwiederter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten
müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr.
Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder
gar Liebe einflößen zu können.
Wenn ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß
ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen
falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich
bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie
immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen,
um Rochester für immer an sich zu lieben, zu fesseln,
zu erobern,... so waren diese Beobachtungen eben so

interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens
werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen
Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich
ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gebatzten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde.
Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen
etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die
Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann
aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung,
hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines
Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im
Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und
schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine
Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um
mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte
meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereitzt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte, dieses
Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die Augen
fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester stets
gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.

Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester
verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der
Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die
Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu sagen,
waren die Gäste von Thornfield-Hall in einer ziemlich
verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu
man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen,
welche Partie man improvisiren sollte. Plötzlich hörte man auf
dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines
Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern;
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg
aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses
sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß
Ingram als die älteste der anwesenden Dannen natürlich die
Honneurs machte.
"Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen.
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein
etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber
nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine
Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das
heißt etwa 4l Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen
diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen schönen Mannes, ohne Kraft, ohne Feuer,
ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönen
Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich,
daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wußte
bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, dem
nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten
Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden
Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem
Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton leise einige
Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times
hören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwidere:
"Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn se
nicht gutwillig geht.
Was giebt es denn? fragten sogleich mehrere
Stimmen.
"Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier, versetzte der
erste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche
den Damen wahrsagen will?
"Nun warum nicht? rief Blanca Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter
sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:
Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um

zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er
entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß
die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre
Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in des Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre
Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen
Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber
augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei
andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele
und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen
und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge
gesagt... unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und
wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier
der anwesenden jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente,
welcher das Amt des Huissiers versah, erklärte, daß die
Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch im
Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie
ihre Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch
diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die
Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging,
ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen
Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn
zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie
las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen schwarzen

Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können.
Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei
sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes
tiefer in die Augen zu drücken.
Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage, fragte
sie mich.
"Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
Lassen Sie Ihre Hand sehen.
"Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht
erschrecken.
Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann
damit nichts anfangen.
"Ich habe es mir gedacht, versetzte ich.
"Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
Augen selbst.
Es folgten nun eben nicht Prophezeiungen, wie die
Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe
Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen,
wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre
Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des
Mr. Rochester gewahrte.
"Genug des Scherzes, rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen
Mantels zerriß, so daß er herabfiel. Sie zürnen mir
wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe,
vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen
würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan
haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer

Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte.
Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum,
sine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon? fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, uns ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier
angekommen ist?
Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?
Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft
mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.
"Hat er seinen Namen nicht genannt?
.Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von
Spanish-Town auf der Insel Jamaika.
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte
auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automat; Mason!... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl? fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane... ein fürchterlicher Schlag!

Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich, rief ich aus.
"Ach ja!... wie früher... wie immer, nicht wahr?
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin, stammelte er mit
bebender Stimme und starrem Blicke, ich möchte allein mit
Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen,
von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen
Erinnerungen befreit wäre.
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer.
Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf,
als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten
Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane, sagte er zu mir, gehen Sie in
den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts
Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist
und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem...
Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte...
führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane! rief mir Rochester nach,
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?
"Was ich thun würde? versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich

die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die
Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber, fuhr er fort, ihnen entgegenginge
und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische
Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich
nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane?
würden Sie mich auch verlassen?
"Ich ... ich glaube nicht.
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu trösten?
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände.
"Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem
Unglücke verfluchten?
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu
Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen,
der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und
Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie,
was ich Ihnen aufgetragen habe.
Mein Eintritt in den Speisesaal. wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm,
erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der
Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst
zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen

und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen
sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters
Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason, sagte er, Ihr
Zimmer ist dort.
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.

Siebente Abtheilung.

Die geheimnißvolle Verwundung.

Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Machthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es
mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe
zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüßig und
stand auf, um den Vorhang zuzuzieben.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich
ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen,
mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage.
Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht.
Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte
Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst
verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,
ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte
vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über
dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das
Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen

eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: Zu
Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!
"Kommt denn Niemand? setzte die nämliche Stimme
bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen
der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren
Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte:
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so
kommen Sie doch!
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald
darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer
Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich
verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von
dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor,
und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne
Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand
verwundet? Ist Feuer im Hanse? Sind Diebe eingebrochen?
Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in
dem halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da
vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher,
ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand
eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten
schon, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich
geschehen war.
Wo mag nur Rochester sein? rief endlich ein junger

Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine
Fassung verloren hatte; ich finde ihn nicht in seinem Bett ?
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!
rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und
ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden
Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu
müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen
Machtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,
sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam. Es ist eine reine Mystification, nichts
Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los... ich bin
ein gefährliches Thier.
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen
schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß
er in der That gefährlich war. Aber er unterdrückte
gewaltsam seine heftige Aufregung.
Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, nichts
als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte.
Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen
Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer
zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit
ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren,
gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran...
und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über

mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß
ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben
schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf
Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ
meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche
schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Macht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der
Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu geben, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm in an meiner Thür ein
außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir? fragte ich.
Sind Sie aufgestanden? entgegnete die Stimme Mr.
Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf.
"Und angekleidet?
"Ja.
So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem
Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes, sagte er zu mir; kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen
vor Allem Niemanden aufwecken.
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so
bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und niedrigen

Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er
plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?
fragte er mich.
"O ja.
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?
"Ich habe etwas in meinem Zimmer.
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie
mir diese Gegenstände.
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein
Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester
erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel
in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er
damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche
m die Dachkammern führen mußten. Auf der Schwelle
hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies
hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.
"Geben Sie mir Ihre Hand versetzte er. Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: Es hat keine
Gefahr, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.

Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte fein Licht auf einen Tisch, hat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort
zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir
nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir
und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane.
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem
Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester
das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit
Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir,
"und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann
wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte
Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen
mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit
einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun
den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide
sorgfältig und verband sie hierauf.

"Ist die Wunde gefährlich? fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht, erwiderte Rochester im Tone leichten
Vorwurfs; eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen
Sie sich also und kommen Sie wieder zu sich, ich will.
sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie
hoffentlich abreisen können. Jane, setzte er hinzu, ich muß
Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein
lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen,
so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen
Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm
Ihr Riechfläschchen unter dir Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache
ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen
der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen.
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus
und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein,
sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihn die
Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes
Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmer und
verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch
eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher
Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte... Sie werden zugeben, daß
es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.

Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich. meine zitternde Hand von Zeit zu
Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen
einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel
in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten,
die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten,
welches das düstere Gemälde erleuchtete.
"Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht,
denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von
einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das
unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Manne einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte er
sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer
er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser
den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie
mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien
keine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde

Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer,
und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst
zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich
flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um
das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen
Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte
ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges den matten
Dämmerschein des anbrechenden Sorgens, und ich hörte
Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden
Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf, und ich wurde
nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der
Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang,
deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu
Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber
manche Sache in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
Aber wird es sein Zustand erlauben?
Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir
müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also
eilen Sie.
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte
zu ihm:
Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit
so stieren Augen an. Sagen Sie ihm. Carter, daß nicht
die geringste Gefahr vorhanden ist.
Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern, entgegnete der Arzt, nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben,
und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das? setzte
er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete;
das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten,
sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein
Messer allein hervorgebracht... ich sehe deutlich die Spur
von Zähnen!
Sie hat mich in der That gebissen, erwiderte der
Kranke; sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr
Rochester das Messer entrissen hatte.
Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern
sie umschlingen und festhalten, versetzte Rochester.
Konnte ich es denn? entgegnete Mason in kläglichem
Tone. O, es war gräßlich! setzte er schaudernd hinzu.
Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien
so ruhig zu sein.
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens
hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen,
damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten
in der Nacht allein zu ihr zu gehen.
Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.
Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich
sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner

Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen
verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch,
Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an
einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß, wie
es scheint.
"Ja, sagte Mason, sie trank mein Blut, sie wollte
mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in
seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie
dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich
gar nicht mehr daran erinnern.
Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn
Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie
wieder in Spanish-Town sind, werden Sie nur noch wie
an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken... wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch
an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je
vergesse!
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry?
Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr
Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so
todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder
munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache
ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen... Jane wird uns dabei behülflich sein.

Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That
nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne
welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der
Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen
zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er
goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von
einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache
seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte
eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der
sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache gebt gut, sagte Rochester dann, und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, aus
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht
gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter...
öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie
werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr
vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon verboten,
auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir
kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf der Treppe
begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen.

Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herrn langsam hinabgingen -- denn Mason war
noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam und
blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst
an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch
verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den
blühenden Bäumen zu zwitschern. deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf
dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem
Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts
gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommenen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei sich. Mach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie
ist Ihnen jetzt, Henry?
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig.
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es gebt nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!
"Fairfax! rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?
"Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht...
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.

"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun, erwiederte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie
zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren
Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur,
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte,
den ihm dieser Mason einflößte. über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser
Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er
Mason diese oder jene, Verhaltungsvorschriften dictirte, aus
dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der
Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche
Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das
Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig

befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indisereten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft
sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr
kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er
machte seiner schönen Braut, Miß Ingram, fortwährend
den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen
zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es
kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller
Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm
die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich
voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield
früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich
mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche
daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich
ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen
Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren
Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß
mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines
Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der
Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte
mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war.
Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten
durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung,
welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:

Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse
meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen,
in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in
Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach
Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt,
ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin
unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher
für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem
Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame a. e.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.

Unter dem Briefe standen folgende Worte von der
Hand der Mistreß Reed:
"Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule
zu Lowood am Typus gestorben sei.
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit,
welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß
sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt
hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses
Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen,
denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe
meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren
Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich
dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John
Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt
hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein

Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manen dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte,
und den ich Ihnen, ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen
eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste
von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß
vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit
Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher
mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest
beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage
des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon.
Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen
nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts
sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester
die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden
Scherze und einem sardonischen Blicke, mit dem man nicht
wußte, was man machen sollte, wie sich Mistreß Fairfax
sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereis't
waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester
nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf
dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram Park sah.
Allerdings leg Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber

was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es
namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester,
diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir,
welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner
Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden
Sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters,
um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu
entdecken, aber noch zu keiner Zeit war wir dieses Gesicht
so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke
erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich
mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von
Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte
er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und
aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner
eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war
er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie
hatte ich ihn so sehr geliebt!

Achte Abteilung.

Rochester's Heirathsantrag.

Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe
gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich
hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete
einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht
neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine
sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine
Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man
über eine Wolfsgrube in's Freie. Dahin führte eine Art
Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit
Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen
Abend zu genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte ich mich jedoch niedergesetzt, so spürte
ich den Rauch einer Cigarre, wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in
den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum
zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mir.
"Noch so spät im Garten, Miß Eyre?

Ich wollte den schönen Abend genießen.
"Dieser Wunsch hat auch mich ins Freie geführt.
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite
meines Gebieters noch länger zu verweilen. Mach einigen
gewöhnlichen Worten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester
eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
"Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht,
sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände
zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick
zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem
emporsteigenden Mond gegenübersteht.
Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im
Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen
kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung
anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß
mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth
ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck
ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen,
und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben
sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß
ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden
Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann,
aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen, so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich,
daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte.
Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein
mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr
ernster Natur.
"Jane, begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer
Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?
"Ganz gewiß.
Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben,
denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was dir
Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.
"Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.
"Noch mehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum,
eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu
Mistreß Fairfax gefaßt?
"Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich
duf verschiedene Weise.
"Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich
von ihnen trennen müßten?
"Gewiß.
Wie Schade! rief er mit einer Art von Seufzer.
"Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen
Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so
befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen
und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.
"Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?
"Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich
glaube sogar, es muß sein.

Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur
Abreise, er wird mich bereit finden.
.Treffen, Sie Ihre Anstalten so bald als möglich.
Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen
schon diesen Abend geben.
"Sie wollen sich also vermählen?
So ist's; Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem
ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.
"Und ohne Zweifel bald?
"Sehr bald, meine... Miß Eyre, wollte ich sagen.
Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die
Idee mit mir sprachen, daß ich ein unwürdiger Hagestolz,
in den heiligen Ehestand treten wollte. ... Aber Sie hören
nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht
ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erse
Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir
sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß,
sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das
Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den
etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den
wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit
Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten
darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt
treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern
Stelle umsehen.
"Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung
rücken lassen. Einstweilen denke ich...
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah,
daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.

"In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe, fuhr
Rochester fort, wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde
mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle
zu, verschaffen.
"Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid,
daß Sie sich um meinetwillen bemühen...
"Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante
die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als
Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr
ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit
meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die
fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen
haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie
werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten
allgemein für sehr brave Leute.
"Ist es sehr weit von hier?
"Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges
und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine
mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.
"Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung...
dann trennte mich das Meer...
"Wovon, Jane?
"Von England... von Thornfield... von...
"Nun? vollenden Sie!
"Von Ihnen, Mr. Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben
so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester
leicht entgehen konnte.

Es ist in der That wahrscheinlich, versetzte er, daß
wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wieder
sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute
Freunde gewesen, nicht wahr?
"Ohne allen Zweifel.
"Wohlan wenn ein paar Freunde sich bald trennen
müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in
ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen
uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen
und ruhig von Ihrer Reise plaudern.
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten
Bank und setzte sich an meine Seite.
"Jane, begann er nun wieder, es thut mir leid,
daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen
sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als
stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig
verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir
durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt.
Senn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen
schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt,
so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden
Herzen bluten... Doch, was sage ich?... Sie werden
mich bald vergessen!
"Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies...
"Jane, unterbrach er mich, hören Sie in dem fernen
Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stile brach mein
lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich
wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um

den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich
nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?
fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl
nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all'
mein Widerstand.
"Ja, rief ich aus, ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt
habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein
gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen
Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes
Entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am
meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und
weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester?... nachdem ich Sie kennen
gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe
wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die
Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut
machen zu können.
"Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?
fragte er mich plötzlich.
"Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor
Augen gelegt.
"Unter welcher Form denn?
.Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und
liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.

Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe
keine Braut.
Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?
"Ich will... ja... ich will! ... ich will!
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen
und mit einem fast wilden Ausdrucke.
"Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß;
haben Sie es nicht selbst gesagt?
"Nein... Sie sollen bleiben... ich schwöre es, und
ich werde diesen Schwur halten.
"Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß
fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu
bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung?
Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose
Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe
weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie dem, mein
Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie
die Ihrigen... und wenn ich bei einiger Schönheit ein
Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr.
Rochester, es würde ich Ihnen die Trennung von mir eben
so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die
Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es
selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein
Geist spricht, zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab
überschritten und ständen völlig gleich am Throne des
Herrn, ... denn dort werden wir es sein, ja wir sind es
schon jetzt, ich fühle es.
"Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,
wiederholte Rochester, dessen Stimme setzt mehr als die

meinige zitterte. »So kommen Sie denn, Jane, kommen
Sie an mein Herz.
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube,
seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn
heftig zurück.
Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner
Rede fortgerissen, nein, wir sind nicht gleich, denn Sie
wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes
Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter
Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung
einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil
Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen
Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch
beugen... ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich
abreisen!
"Nach Irland, Jane?
Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe
gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.
»Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so
in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel,
der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.
"Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem
Reize. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen,
der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses
Willens, um mich von Ihnen zu trennen.
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen
Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
Es sei denn, r entgegnete er mir; Ihr Wille allein
mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine

Hand, mein Herz und Ihren Antheil an Allem an, was
ich auf der Welt besiege.
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt,
meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen
davon geben könnte.
"Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester
und doch...
"Und doch ist nichts ernster, als das, fiel er ein.
"Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen,
welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen
mit gutem Beispiele vorangehen.
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein
Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die
dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor
sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch
erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz, Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester
sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
"Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören.
Kommen Sie, was fürchten Sie denn?
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
"Ihre Braut steht zwischen uns, sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit Einem Schritte
neben mir.
"Meine Braut ist hier! rief er aus, indem er mich
von Neuem an sich zog. Hier ist sie, denn hier habe ich
meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin
werden?

Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
"Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren
Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten,
daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre
Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Rühe genommen.
sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem
Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile
meines Vermögens verloren hätte. Von diesem, Augenblicke
an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten,
daß sie mir gewährt würde. eine Berechnung bewährte
sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und
Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen
Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern
meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat
in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die
sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die
Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine
Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie
sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser
Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und
de so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte,
meine Hand anzunehmen.
"Ist dies wirklich wahr? rief ich aus, gerade wegen
der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit
überzeugt; ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen
andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind,...
ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben
haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.
"Warum?

»Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.
"In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein,
wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte
etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich,
denn ich leide Höllenqualen.
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war
offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken
seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze
seiner Augen.
"O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, hören
Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel
Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz
zerreißt.
Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit,
und ich sehe nicht ein...
"Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht
sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.
"Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich
ernstlich zur Gattin?
"Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines
Eides? nun wohl, ich schwöre es Ihnen!
"So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin
werden will!
Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte,
meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir
doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode
errettetest, das jene Entsetzliche...
Welche Entsetzliche? fragte ich.
Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann
meiner bemächtigt. -- An Deiner Seite, liebe Jane, werden

jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An
Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück
zu erringen, dem ich bis jetzt nachgestrebt habe, ohne es zu
finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen
beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter
geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum.
Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem
Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume
bewegt. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es
an zu regnen.
"Wir müssen ins Haus gehen, sagte Rochester, denn
das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum
Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!
"Und ich nicht minder! dachte ich. Vielleicht würde
ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte
aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren.
Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er
zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch
ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden
Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten
Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie
ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben
zwölf Uhr.
"Lege rasch Deine nassen Kleider ab, sagte Rochester
zu mir, und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht,
mein Engel!

Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte
wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und
aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von
Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich
erntfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr
in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber
in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst,
indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch
nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge
sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten
könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der
entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Macht hindurch;
vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen
die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine
Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung
vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an
meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl
fühle oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth
gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde
von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte,
die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über
die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu
fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie
mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing
mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein
kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern

es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich
bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut
mit meinem Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz
natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes
Aussehen gesagt hatte, über meine Schönheit sogar und
über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach
Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere
Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen
vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag
mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben
und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier
deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge,
denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt
zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs
mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über
ihn selbst lustig zu machen.
"Du vergissest, sagte ich zu ihm, daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame
verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt,
würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre
in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen
haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit
Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernheiden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der
Krause um den Hals und den Halbmantel auf der Schulter,
als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel
zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner
Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es
bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit

in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Saite in mir, indem er von
den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten,
sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, es
Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm
besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte,... konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
"Außerdem will ich, setzte er hinzu, daß Du noch
diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche
von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur
hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich
würde es ganz bestimmt versuchen.
Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch
ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten
Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und
vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an
die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.
"Jane, Du bist ein böses Kind! rief Mr. Rochester,
doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch
diesen Abend abgehen.
"Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß
meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde...
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine
dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn
verfinsterte sich.
"Denke an Eva und Psyche, sagte er mit einem

erzwungenen Lächeln zu mir; Beide bereuten es, daß sie
hatten zu viel wissen wollen.
Kann ich wenigstens wissen, entgegnete ich, warum
Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du
sie nicht liebst.
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
"Ich habe nicht geglaubt, meine Jane, erwiederte
er, daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären.
Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel
ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du
nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein
wollte?
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn
verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein
dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß
Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher
Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat,
ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in
Unkenntniß bleibt.
"Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane. --
Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin,
um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu
offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend
für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich
einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der
strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in
ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der
Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug
auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.

"So ist Alles vortrefflich, sagte sie endlich, und ich
bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger
Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht
sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie,
nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn
Rochester um Mitternacht...
"Davon wollen wir nicht mehr sprechen, rief ich mit
einem Anflug von Ungeduld, da Sie jetzt wissen, woran
Sie sind.
"Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche
gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes
Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, Mißtrauen
Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht
alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante
seiner Kinder heirathet.
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele's
Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Rein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr.
Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren.
Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens
ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden,
um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich
Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich
jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir
unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit
denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin
zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl
er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt

sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte.
Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann, kehrten wir nach Thornfield zurück.
»Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen,
mit mir zu speisen? fragte er mich bei unserer Ankunft.
"Nein, dafür muß ich danken.
Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?
Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische
gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben
Platz nehmen soll, als bis...
"Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen?
Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.
Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.
Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte,
unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen
haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine
verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem
zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz
besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung,
welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem
Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese
so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun
muße "ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung
schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob
eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens
sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des
Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir
drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich
mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an

dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben; um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte
keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit
über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte
und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichte
dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der
Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim
noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall
war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht
mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel;
schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem
Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei
dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von
ihm leben mußte.
Ein andres Bedenken für mich bestand darin, während
der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne,
der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen
seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkt
unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich
lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem
Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen
konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich
immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn wenn
ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war
es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes,
den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen,
der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst
standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder
gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu
hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß
die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für
jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele
und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem
Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war
mein Idol geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast
jeden Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur
Hochzeit übrig wären. Dann und wann schien eine trübe
Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn hat,
mir die Befürchtung mitzutheilen, welche ihn zu quälen schien,
so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln, hätte ich
in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung
erkannt, und weh! -- sie nur zu sehr getheilt haben.

Ende des ersten Bandes.

Erste Abtheilung.

Die Braut am Traualtar.

Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden
und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war
Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vor
bereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines
Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen
Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen
einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden,
und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester
ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen
Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige
Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich
den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens
entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte
und küßte mich. Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise -- sagte er -- das arme, von den Launen
des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist Du bald, mein, auf ewig meine
zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes,
der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der
es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken. - Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir
allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die
Worte erinnerlich sind: »Du bist schön wie eine Lilie.
Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft
mehrere Befehle zu ertheilen. Wenn wir aus der Kirche
zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur
Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher
auf dem Bocke sein hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Die kurze Zeit, welche ich allein im Saal war, benutzte ich, um der Vorsehung, die mich durch des Lebens
Irrwege so wunderbar bis hierher geleitet hatte, meinen Dank
darzubringen, und mir die schöne Bestimmung, der ich nun
entgegen ging, durch folgende Betrachtungen zu vergegenwärtigen.

Herrlich sind der Almacht Werke!
Im Menschen schuf sie Kraft und Stärke,
Verband mit Mild' und Weichheit sie.
Mann und Weib stehn Kraft und Milde
Einander sich zum Schutz und Schilde
Vermählt in schöner Harmonie.
Weit um sich wirkt die Kraft,
Wo stil die Milde schafft,
Und, wenn die Stärke niederreißt,
Um aufzubau'n;
Erhält des Weibes sanfter Geist.
Sel’ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Hoch und hehr ist Frauenwürde,
Empfängt des Lebens Glück und Bürde
Als Segen einer Vaterhand.
Sie adelt und erhebt,
Der Kranz, nach dem sie strebt,
Er ist der Frauen schönste Zier,
Giebt und erhält
In Eintracht mit sich selbst sie hier.
Mit der Liebe milden Händen
Die reinsten Freuden auszuspenden,
Hat Gottes Hand das Weib geweiht;
Wiederschaffen soll’s hienieden
Der goldnen Zeit verlornen Frieden
Im Schooße stiller Häuslichkeit
Verwandelnd Trotz in Muth,
Der Leidenschaften Wuth
Gebieten in des Mannes Brust;
Sanft sie bedräun,
Des schönen Sieges sich bewußt
Soll des Lebens Last und Mühen,
Die Blumen, die am Wege blühen,
Gleich theilen, Lieb' und Huld im Blick!
An die Kraft des Willens mahnen,
Beugt auf des Lebens rauhern Bahnen
Das Herz des Mannes das Geschick.
Durch Treue bis in's Grab
Den Himmel zieh'n herab
Auf die Erde, und in sein Herz;
Und hoffend es
Erheben über Weh' und Schmerz.
In der Hausgenossen Mitte
Sol es das Vorbild frommer Sitte,
Der Ordnung, Zucht, des Fleißes sein!
Unbefleckten Herzens wandeln,
In Glauben, Lieb' und Hoffnung handeln,
Mild, wie des Mondes Silberschein.
Mit edlem Selbstvertraun
Auf zu dem Himmel schaun,
Wenn der Verkennung Schmerz es beugt;
Vor Gott und sich des innern Friedens überzeugt.
Sel'ges Loos, das mir gefallen,
Sei hoch und theuer mir vor allen
Geschenken aus des Vaters Hand!
Froh geh' ich dem Ziel entgegen.
Willkommen reicher Lebensfegen,
Willkommen heil’ger Pflichten Band!
O herrlicher Beruf,
Zu dem mich Gott erschuf,
Ehrwürdig sei und bleibe mir!
Gieb mir in dir
Des Himmels Vorgefühl schon hier!

Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren,
aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen
Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er
mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich
nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm
und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte,
ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul
und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir
nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da
besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute
Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der Wille in
denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das
Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte!
Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester
Vorsatz sprach, ein mir unbekanntes Hinderniß um jeden
Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier
erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
"Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er
zu mir. Wir wollen einen Augenblick sehen bleiben, Jane,
stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille
Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen,
den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen
Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne
Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier
Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers
umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige
halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern.
Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine
der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht
auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte
mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem
Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war
still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten
waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das
alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein
knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der
zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen war,
und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth,
bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten
wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch
hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden
Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher
kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester
den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte;
dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester
geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am
Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich
sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es
nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch
ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren.
Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem
Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn zu fragen!
"Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an? sprach
eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre,
daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als
wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er

faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.
"Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte
die nämliche Stimme, und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung. Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und streng,
als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und welch ein
wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß? fragte endlich Mr.
Wood; ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den Arm
auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache war
ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck von
innere Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei einer
Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz einfach
in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester hat
eine Frau, die noch am Leben ist!
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone

gesprochenen Worte. Rein Blut empfand die Wirkung derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte oder des
Feuers empfunden hatte. Es gelang mir indessen, mich
vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang in, mich
ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske;
seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen. Ohne zu
sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte,
legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an
seine Seite.
"Wer sind Sie? fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich beiße Briggs und bin Advokat in London.
"Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau
beehren?
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt.
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie
ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?
"Allerdings, mein Herr.
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus
seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß
Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der
Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der
Grafschaft *** in England, am 20. October 18..
(vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha
Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns,
und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in
der *** Kirche zu Spanish-Town ehelich verbunden
worden ist. Dir Originalurkunde dieser Ehe existirt
in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtigem
lieg eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,
versetzte Rochester, so beweist sie höchstens mir, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der
man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der
Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen darfür, den Sie wohl schwerlich
verwerfen werden.
"So stellen Sie diesen Zeugen oder geben Sie zum
Teufel! rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte,
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche
Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Se näher, Mr. Mason.
Dieser Manne brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein, bemerkte. Der
zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten
und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der Schulter des
Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm
einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten
ließ. Ich möchte ihn mit einen Vulkan vergleichen, dessen
bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine
gewaltige Hand nach ihm... und ich glaubte diesen schon
am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief,
und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie
ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters,
der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu
Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem
Tone, daß sie Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu; sagen Sie Alles, was Sie wissen.
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall, sagte
Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr Bruder,
habe sie im vergangenen Monat April gesehen.
"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn
ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie
gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt.
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam
eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren
gut getroffen.
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn
zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht
weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen
Sie Ihr Chorhemd ab. John Green so hieß der Messedieners, Sie können sich entfernen, es wird heute keine
Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach
Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe
daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das
Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die
Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am Rande
des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren,
mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein
Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer
noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es
wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen
hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen
wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester
oder auch eine verlassene Geliebte?... Nein, sie ist meine
Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die
Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine
Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß
geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie
diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist.
Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im
Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten
Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu
sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei
Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt
hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die
angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Masons wurde.
Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen
gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger
Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch
Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen
Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann
sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden
zu halten. Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort,
indem er auf mich zeigte, so wußte sie von dem Allen
eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie
war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Ee verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest
an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen
Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem
Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz
ruhig zu dem Kutscher; ich reise heute nicht ab.
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten
uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. Ich danke
für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie
kommen fünfzehn Jahre zu spät.

Zweite Abtheilung.

Das enthüllte Geheimniß.
Mach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die
kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason? fragte
Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone. Hier war
es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen
wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück
der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Uebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche
durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter
ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol
in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging.
gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf
ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab...
dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden,
ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene
Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und
ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr
Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere
nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole. fragte Mr. Rochester, wie
geht es hier diesen Morgen?
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie ihren
Tiegel behutsam über das Feuer setzte; sie brummt nur
ein wenig, das ist Alles.
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke
Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren
Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den
heftigsten Zorn verrieth.
Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester, sagte Grace
Poole, bleiben Sie nicht hier.
.Nur einige Minuten.
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht... um
des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die
Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und
blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat
einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur, sagte Rochester, indem er sie auf
die Seite schob; sie hat hoffentlich kein Messer, und ich
bin auf meiner Hut.
"Wer weiß? entgegnete Grace, sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die
Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So
rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war
ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem Manne gewachsen
war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage
zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen,
und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände
fest, die er von Grace Poole binden ließ, und band sie
dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne
sich an ihr fürchterliches Geschrei und an ihr Sträuben
zu kehren.
Ass diese Operation beendigt war, wendete er sich an
die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und'
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier
ist Die, setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine
Schulter legte, deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst
über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und
freundlichen Blick mit jenen von Blut unterlaufenen Augen,
diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese
schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere
Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie,
Herr Advokat, im Namen des Gesetzes, auf, über meine
Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß

man einst für seinen Untertheilsspruch verantwortlich ist!
Jetzt können Sie sich entfernen.
Mir ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester
blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben, und
als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu
meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es
gewiß nicht, Miß. Ihr Obeim wird dies nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Mr. Masons Zurückkunft nach Madeira, noch am Leben ist.
Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie
ihn denn?
Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch,
daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in Madeira
aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilungen führte zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren Folge
Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück --
und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte eben so denken
als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen,
ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu verhindern, an welchem
Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich und
ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte,
nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war so ruhig, daß
ich mich über mich selbst wunderte, sondern um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen, das ich bisher täglich
getragen, und das ich am vergangenen Abend für immer
abzulegen geglaubt hatte.
Schwach und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl.
Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte den Kopf
in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin.
Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis jetzt, ohne selbst
einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen, den erschütterndsten Scenen beigewohnt, deren rasche Aufeinanderfolge mich
fast betäubt hatte. Jetzt, da ich mich sammeln und nie
von Allem, was ich gesehen und erfahren, Rechenschaft geben
konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über
meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte Worte,
einige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen, ein
Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis zu Gunsten?
seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft, um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind, was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung eines emporsteigenden
Gestirnes sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Mach dem äußeren Anscheine zu urtheilen, war
ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen. Und
doch, wo war die frühere Jane Eyre? wo war das, was
ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die
glühende Hoffnung, welche seit einem Monate die ganze
Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten
Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr

Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, an welchem eine
eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen Früchte
und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgiebt und
ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen
und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und
man wird eine ungefähre Idee von dem Zustande meines
Innern haben. Die theuersten Wünsche meines Herzens,
gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer
zerstörte und todte Gedanken. Meine Liebe, diese Liebe,
welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt
in der Tiefe meines Herzens wie ein krankes Kind in einer
Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn
zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen
verloren halte, und daß ich mich von ihm trennen nutzte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte
mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand
einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem
Stuhle ein.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden,
Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich zum
Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten, welche
sie mir auferlegte, zu bringen. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen Gräßlichkeit,
und trotz der Ohnmacht meines Willens, gegen den die
spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft ankämpften, welche
ihre Illusionen überlebte, fühlte ich die Unerläßlichkeit einer
gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mir
das Herz zusammen, als ich daran dachte, daß ich schon
seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war,
ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die
kleine Adele, noch er zu mir gekommen war, um sich nach
mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme
zu sagen. Ich trocknete so gut als möglich die Thränen,
welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel
zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich
bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür,
schob den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus;
aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber
ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm
Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers
sitzend, erwartete.
Endlich! sagte er zu mir; ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an
meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen. ... Wie,
Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, hast Du
nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Du bleibst
unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe,
und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?...
Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen?
Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum
dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert,
das von seinem Brote aß, aus seinem Glase trank und das
er an seinem Busen erwärmte. Die Reue und Verzweiflung
dieses Menschen ist nichts gegen die meinige. Wirst Da
mir nie vergeben?
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe Freundin,
wenn ich Ihnen sage, daß ich diesem Manne, der mein
Unglück war, auf der Stelle und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen drückten
eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so
innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen benehmen, in seiner Sprache und in seiner Haltung eine so
wahre und dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß
ich ihm, nicht mit Worten, oder durch einen Blick, oder
durch ein Lächeln, wohl aber aus dem Grunde meines
Herzens vergab Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine Schwäche
versunken.
Sprich, geliebtes Kind! fuhr Rochester fort; sprich
mit mir, wäre es auch nur, um mir zu fluchen!
Ich kann nicht... ich bin krank... ich möchte ein
wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in seine
Arme und trug mich hinunter in's Erdgeschoß; in welches
Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte nur,
daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten und
daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte
kehrten so allmählich zurück, und ich konnte mechanisch einige
Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich
sah nun, daß ich mich in, dem Bibliothekzimmer und in dem

Arbeitslehnstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand
neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, ohne zu große
Schmerzen aus dem Leben gehen könnte... bevor ich mich
von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen müßte!
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden
sich seiner Brust einige unartikulirte, schmerzliche Laute;
dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher,
kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte sich zu mir
herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß feine Liebkosungen mir
nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
Ja, ja, rief er aus, es ist der Gatte Bertha
Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hälst
Du mich dem wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und
es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der Strom
Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen hervorbrechen.
Du willst von keinen Erklärungen, von keinen Vorwürfen,
von keiner Scene irgend einer Art etwas wissen... Du
hältst es für unnöthig, zu sprechen, und denkst nur darüber nach, was Tu thun sollst. O, ich kenne Dich!...
und ich bin auf meiner Hut!
Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte.
Die Stimme versagte mir, und ich mußte innehalten.

Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht, entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet, sinnest
Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet, und deshalb willst Du fliehen, willst meinen Liebkosungen ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's Gouvernante hier
zu bleiben und die geringsten Beweise meiner Liebe als eine
Beleidigung, als eine Gefahr von Dir zu weisen. Habe
ich es errathen?
Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten.
Du hast Recht, auch ich habe schon, daran gedacht;
ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens
können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in diesem
Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns
enthält. Ich könnte und hätte schon längst das fürchterliche
Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern
Ort versetzt; aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen
Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses
Schloß würde mich zu schnell und zu sicher von der
Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet.
Einem Jeden seine Lasten; ich würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am meisten hasse.
Sie sind unerbittlich, rief ich aus, unerbittlich gegen
ein Unglück, das nur Mitleid verdient!
Jane, meine Heißgeliebte, Du bist es noch immer,
warum soll' ich Dich also nicht so nennen? Du thust mir
Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses
Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn Du
wahnsinnig wärest?
"Allerdings.
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich fähig

bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in Dir, das
ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil meiner selbst.
Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und sollte es auf
irgend einer Art zerrüttet werden, so würde er es dennoch
bleiben. In Deinem Delirium würden Dich keine andern
Bande fesseln, als meine Arme, und wenn Du Dich auf
mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen, so würde ich
Dich mit einer eben so zärtlichen als unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield,
dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen Fenster sämmtlich
vergittert werden sollen, und wo Mistreß Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mit meiner Frau bleiben
wird. Dich, Jane, lasse ich keine einzige Nacht mehr an
diesem traurigen Orte. Es ist Alles zur Abreise bereit,
und ich weiß eine Zufluchtsstätte, wohin die schmerzlichen
Erinnerungen und selbst die Verleumdungen dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche
Abgeschiedenheit ist nicht gut für verwundete Herzen.
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst Du
mich jetzt?
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich mich,
mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten, und dies
war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber,
wie die, welche aus Rochesters Worten hervorzuleuchten
begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob seine
Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte mich mit
einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich wendete
bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer, und bemühte mich nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen ruhig
zu scheinen.
"Das ist die Eigenheit im Charakter meiner Jane,
sagte er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet
hätte. Bis hierher ließ sich die Seidendocke ziemlich leicht
abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf
ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgniß und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft
eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen, in die
ich mich verwickeln werde?
Er begann von Neuem umherzugeben, dann blieb er
wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt
anwenden.
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge waren
die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich sah
deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung
seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der Verlängerung des unertäglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle
Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen, und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche uns
Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes, einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem,
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden Abgrund
am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten soll. Uebrigens hielt
ich mich noch für stark genug, um mich nicht werfen zu
lassen. Ich nahm die zusammengeballte Hand Rochesters,
brachte die Finger in ihre natürliche Lage und sagte in dem
versöhnlichsten Tone.
"Setzen Sie sich, wir wollen so lange zusammen
sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören,
was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter
sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühle, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit
dem Beginn dieser sonderbaren Scene, gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm
waren, um so besser für mich. Ich weinte also, ohne mich
zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den
Knieen und hat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich erst

dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner
Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt
hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte
er seinen Kopf auf meine Schulter legen, aber ich duldete
es nicht. Er wollte mich an sein Herz ziehen: der nämliche
Widerstand von meiner Seite.
"Jane, Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
tiefsten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich nie
geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten? Und jetzt,
da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann, stößest Du
mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als wäre ich ein
häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich nichts
auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte, allein er
verletzte mich zu tief, um mir nicht ein fast unwillkürliches
Geständniß zu entreißen.
"Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je zuvor. Prägen Sie es sich wohl in's Gedächtniß ein, denn
es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem
Munde hören.
Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können, und mir
täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und Abneigung
zu begegnen?
Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß, mich
einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich
feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie nicht wieder
in Zorn.
"Was schadet es Dir? hast Du nicht das Talent,
Thränen zu vergießen?

Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen?... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser zu
benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten Gedanken,
Jane; nicht von mir, nur von Thornfield mußt Du Dich
trennen. Hier kannst Du nicht sein, was Du werden sollst:
meine theuere, geliebte Gattin. Aber ich besitze im südlichen
Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende
Villa mit schneeweißen Rauern. Dort wirst Du glücklich,
frei und unschuldig leben. Fürchte nicht, daß ich Dich je
zu etwas verleiten werde, was Du als einen Fehltritt betrachten könnest; glaube nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je daran gedacht habe, Dich zu
meiner Geliebten zu machen. Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane, und sei verständig, wenn Du
mich nicht wahnsinnig machen willst!
Seine Stimme und seine Hände zitterten von Neuem,
seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte ich es, ihm
zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte, wie Sie
es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies wissen
Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so
hieße dies der Wahrheit spotten.
"Jane, Du vergißt, daß ich kein phlegmatischer Mann
bin... es fehlt mir an Geduld... ich habe weder kaltes
Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid für mich,
aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger an meinen
Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine Adern
rollt... und schone meiner!

Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel
seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten
Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen
Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn durch
einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war
es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm nachzugeben. In
dieser bedenklichen Lage that ich, was alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester. Sie
glaubt, ich bin verheirathet... muß ich se nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird
sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane,
laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige
Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?
Stunden lang, wenn es sein muß.
"O, ich bedarf nur einiger Minuten. So höre denn,
meine Jane. Um meinem ältern Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch
ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen,
waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet,
mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen.
Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason
auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend
Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied
über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde
ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde dort
eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der
Colonie. Und dies war keine Lebertreibung. Auch die Eltern
der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher
Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um
den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine

Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ehrgeiz wurden
zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem
doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von
den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die
stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie
zu kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich
von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine
Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend,
damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen,
den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des
jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens
erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von
Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit.
Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der
drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig
meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde
unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden
Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem
ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen
und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen
Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte.
Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich
die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit... Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr
öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich von
ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser
Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal Preis gegeben, das mir die
Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason
und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
"Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen
und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte
sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz
meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig
verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein
Bruder mit Tode abgegangen sei. So fielen denn alle
väterlichen Besitzungen wieder mir zu, und dennoch bei allen
Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?
Auf Jamaika war mein Unglück allbekannt. Man
heuchelte mir Mitleiden über den Schiffbruch meines häuslichen Glückes und unter dieser heuchlerischen Maske schimmerte doch nur Spott und Hohn hervor. Mein dortiger
Aufenthalt wurde mir unerträglich und da ich wegen der
Regelung meiner brüderlichen Erbschaft ohnehin nach England
zurück mußte, so beschloß ich, die Wahnsinnige, die schon
damals kaum mehr menschenähnlich war, mit dorthin zu
nehmen. Ihr Wahnsinn war nach dem einstimmigen Ausspruch verschiedener Aerzte unheilbar und so hätte es mir
nichts nützen können, sie in einer Heilanstalt für Geisteskranke unterzubringen, wodurch ohnehin diese Verhältnisse,
deren ich mich schämte, auch in meinem Vaterlande bekannt
geworden wären; ich zog es vor, mein Unglück den Augen
der Welt zu entziehen und ließ hier alles zur Aufnahme
der Wahnsinnigen in Stand setzen, wo sie, von einer

Hüterin bewacht, den Rest ihres thierähnlichen Lebens verbringen sollte.
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch
weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem
so leicht hinzureißenden Charakter, der namentlich bei dem
Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines
Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen
Mann überallhin verfolgte, war es wohl nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu
zu bleiben. Darum entstanden eine Menge von Verirrungen,
welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen
nicht nach rohen Genüssen, sondern nach einer Liebe, welche
der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und
immer getäuschtes Hoffen und Trachten; es waren Schätze
von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder,
auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt
nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Cöline Varens und
die Geburt Adelen's bildeten die ergreifendste Episode dieses
traurigen Zeitraums, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig
waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die unglücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht
erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre,
daß, wenn ich mich unter was für einem Vorwande hätte
vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich

Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern
seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der
nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden
Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen
Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugeben hoffte.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von
Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle
Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren
konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen
füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das
förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein
fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter
Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein
menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte
den Mann, der mich so liebte, und auf diese Liebe, auf
mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht
concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte:
Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort
sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester,
ich bin die Ihrige.
"Herr Rochester, erwiderte ich, ich werde nie die
Ihrige!
Es erfolgte eine lange Pause.

"Jane, hob er noch einmal an, und seine Stimme
war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich
mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor
wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, Jane, es kann Dein Wille nicht
sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte
Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.
"Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte
und mich mit seinem Arme umschlang, willst Du es auch
jetzt noch?
"Ja!
"Und jetzt?... Er bedeckte meine Stirn und meine
Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich
mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten
Ausdruck an, den ich noch nie an ihnen bemerkt hatte. Er
richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt
wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir
als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein,
denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor,
welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast.
Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau
ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du
mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere
Liebe mehr zu haben als die ihrige?
Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst
leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.

"Tu willst also nicht nachgeben?
"Nein.
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und
Fluch beladen sterbe?
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender
Donner.
"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und
wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen...
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge
und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh,
welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren
sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen
in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu
übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die
Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise
erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte,
die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder
in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten...
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit
Meine Ueberzeugung und mein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet wurden, waren nahe
daran, mich in's Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis zu geben,
welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben konnte?
Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn! sagte mir eine innere

Stimme. Sage ihm, daß Du ihn liebst und daß Du ihm
ganz angehören willst! Ver kümmert sich denn in dieser
Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen
Fehltritt begehst?
Aber von der Stimme des Gewissens vernahm ich die
unwiderlegliche Antwort Ich selbst muß mich um mich
kümmern. Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und
Stützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst
schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das Gott
gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von
den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig
erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke
thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen
Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei denen mein Herz klopft,
meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch
meine Adern rollt? ein, was ich geglaubt, was fromme
und würdige Frauen mich gelehrt haben, das allein ist die
Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich
bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß,
auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen
alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß
mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand. Was auch
daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad
erreicht, und er mußte ihm erliegen. Er durchschritt das
Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer
krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang
mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer
Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer
Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung

eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und
mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher,
der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht.
Dieser untrüglicher Dolmetscher ist der Blick. Meine Augen
erhoben sich bis zu denen Rochesters und während ich sie
auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand sich meiner
Brust ein unwillkührlicher Seufzer. Seine wilde Umarmung
verursachte mir einen wirklichen Schmerz und meine Kräfte
begannen mich zu verlassen.
"Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
"nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner Hand
keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr
(ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner
Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich könnte sie mit
meinen Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen,
wenn ich sie knickte und zerträte? Man sehe dieses feste,
entschlossene Auge, man denke an diesen unergreifbaren Geist,
dessen unerschrockenen Willen, furchtlose Unabhängigkeit und
mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner
Hülfe kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn
erreichen?... Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe,
wird er freier aus demselben hervorgeben als je. Ich kann
mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin
wohnende Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum
Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner
ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest Du
Dich an meinen Busen flüchten, aber dazu bedarf es Deines
Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich zu zwingen,

so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige Essenz aus der
Hand, welche ihren Duft festzuhalten glaubt... O, Jane!
wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Sorte sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und
unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert,
ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und mußte ich
nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
"Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein verzweifeltes Flehen vermag
nichts über Dich?...
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem
Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können, welches
Muthes es bedurfte, um in festem Tone zu wiederholen:
Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere
Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh
hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich
Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste
vorüberziehen... denke an mich!

Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha,
verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen
erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe...
mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen ein tiefer Seufzer
Ich stand schon auf der Schwelle der Thür... und
doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch
einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse,
sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den
Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen
Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein
schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut, um
sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze diese
Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine
Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme
aus. ... Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch
einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
"Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in
meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!

Dritte Abtheilung.

Die Flucht der Waise.

Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen würde;
aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich den Kopf
auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor
Tagesanbruch und im Juli sind die Nächte bekanntlich
nicht lang.
Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht
früh genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf mich einstürmte.
Ich stand daher auf und meine Toilette war bald beendigt,
denn als ich mich auf mein Bett geworfen, hatte ich nur
meine Fußbekleidung abgelegt. Dann suchte ich im Dunkeln
in meiner Kommode ein wenig Wäsche, eine Agrafe und
einen Ring. Dabei begegneten meine Hände den Perlen
eines prachtvollen Colliers, das Mr. Rochester einige Tage
vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den
Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der
chimärischen Braut, die wie ein Traum verschwunden war.
Aus dem Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm
meine Geldbörse, welche zwanzig Schillinge,' mein ganzes
Vermögen enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und indem
ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig hinaus in
den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
"ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adele! sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube,
denn ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein feines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser Schwelle
stand, die mein Geist so oft überschritten hatte, stockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten
mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere Male
glaubte ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu
vernehmen. Und dort, hinter dieser schwachen Thür erwartete
mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige
Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfachen Worte
zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie
bis zum Tode lieben, bis zum Tode will ich Ihre treue
Gefährtin sein, -- und eine Duelle der höchsten Wonne
hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.
Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Dieser Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte nicht
schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der
Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich
war fort. Er ließ mich überall suchen... vergebens! Er
sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke... Aber ich zog sie wieder zurück und
entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden
hatte, wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel zu
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit Del
und eine Feder mit, um den Schlüssel und das Schloß
einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte.
Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein wenig Brot und
trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht
lange würde zu Fuß geben müssen und fürchtete, meine so
heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines
Planes nicht ausreichen. Dies Alles geschah ohne das
leiseste Geräusch. Ich öffnete die Hausthür und verschloß
sie wieder. Die Morgendämmerung begann den Hof ein
wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber
ich wußte, daß eine kleine Nebenthür in einem derselben
nur von innen verriegelt war. Durch diese Thür trat ich
in's Freie.
Eine Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen an eine Straße, welche nach einer, Millcote entgegengesetzten Richtung führte. Ich war noch nie auf derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der mir
eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen könnte.
Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir die geringste
Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick rückwärts oder
vorwärts, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu

werfen... in de süße, heitere Vergangenbeit, und in die
dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis die
Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß die Sonne
an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte Erinnerung
habe ich nur davon, daß der Thau bald durch meine dünnen
Schuhe drang und meine Füße kältete. Alles Uebrige um
mich ber existirte nicht für mich. Der Verurtheilte, welcher
dem Tode entgegengeht, sieht die Blumen am Wege nicht,
die ihm zulächeln. Er denkt nur an den Henkerblock, an
das Beil, an den letzten Sprung des abgeschlagenen Kopfes
und an den dunklen Abgrund, der ihm empfängt. Ich sah
nichts vor mir, als eine ewige Trennung, die öde Wüste,
die ich von nun an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz,
den ich diesem Manne als Vergeltung für seine aufopfernde
Liebe bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens
bedurft, denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der
Verlassenheit zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mit Widerhaken versehene Pfeil, den ich
vergebens aus meiner Wunde zu reißen versuchte; es war
der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es
war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet; es
war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche der
Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt und
verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes, der

sich meines festen Rillens, auf dem rechten Wege zu bleiben,
annahm und mir verbot, nach Thornfield zurückzukehren;
denn ich erinnere mich, daß ich weinte, als ich mich immer
weiter entfernte, und doch schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über die unwiderstehliche Gewalt
erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung, die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen
frische Feuchtigkeit allem mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten fühlte ich mich wieder etwas gestärkt... Ich konnte mich
auf den Händen und Knieen ein Stück weiter schleppen,
dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der
Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in der Ferne
erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo Mr.
Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte.
Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig Schilling. Ich
bot dem Conducteur zwanzig, indem ich ihm sagte, daß ich
nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr, so nahm er
das Gebot an und erlaubte mir sogar aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des Wagens einzunehmen.

Ich stieg ein, die Thür wurde zugeworfen und als der
Wagen fortrollte, fühlte ich, daß Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese
Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden
sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn
sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so
harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu
vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst
und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes gleichen,
hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden! Möchte sie
endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu
empfinden haben, für den Mann, den sie mit aller Kraft
ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und der
Verzweiflung zu werden!
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge weit
genug gefahren habe, und hieß mich ganz wider mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens Whitcroß
aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein kleines
Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von Thornfield
mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit bemerkte,
hatte die Diligence schon einen Vorsprung von wenigstens
einer Meile gewonnen. Es blieb mir daher nichts Andres
übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir
diese Vervollständigung meines Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser

am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger
sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen Namen
mehr oder weniger verdienen, und von denen die nächste
zehn Meilen entfern ist. Daher sind sie auch nicht frequent
und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer in der ganzen
Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus mir werden sollte,
damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser und die breiten
Bänder der Straßen zu betrachten, die sich in unabsehbare
Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich halte
keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken konnte,
mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von
denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung, noch
wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das mir bis
an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande der
Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken an
einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel ein Endpunkt dieses
grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war noch lästig,
hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt. Ich setzte
mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal zu erschrecken,
so oft der Wind das Gestrüpp bewegte und mich die Annäherung eines entlauffenen Stieres oder eines Wilddiebes
befürchten ließ. Meine Besorgnisse wurden jedoch durch
nichts gerechtfertigt, so daß ich mich endlich beruhigte und
über meine Lage nachdenken konnte, welche keineswegs
tröstlich war.

Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen
Ausdrücken sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß ich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht hoffen
durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und das ich
mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige Brombeeren, welche
hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten, und dieses
kärgliche Mal beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen
Hunger. Nachdem ich sodann mein Abendgebet gesprochen,
streckte ich mich auf mein Lager, das auf dem üppig
wuchernden Heidekraute ganz erträglich war. Mein doppelt
zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der
Macht, welche übrigens, besonders im Anfange, durchaus
nicht empfindlich war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte; aber
ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger durch den
Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels wurde, machte
mich endlich etwas ruhiger und ich schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete mich
das Elend wie ein bleiches, naktes Gespenst, das neben mir
saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete jetzt das
Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch schwärmen

sah, aus denn sie ihre, Nahrung sog, oder der Eidechse,
welche munter aus den Spalten des Gesteins hervorschlüpfte.
Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer nicht gefallen hatte,
mich während dieses Schlummers, in dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden gefunden hatte,
von der Welt abzurufen. Da er mich aber noch am Leben
gelassen, so mußte ich auf die Mittel denken, die Last meiner
Trübsal weiter zu tragen und meine Aufgabe zu vollenden.
Ich brach daher wieder auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, so lange meine
Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß ich dahin ging,
wohin Gott mich rief. Als ich einen Augenblick stehen
blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte nach der Gegend, woher
das Läuten kam und bemerkte hinter den Bäumen halb
verborgen das Dach einer Kirche. Zu gleicher Zeit sah
ich auf dem Wege, den ich gekommen war, einen mit Ochsen
bespannten schweren Karren. So erschienen mir das Gebet
und die Arbeit, als die beiden großen Heilmittel aller Uebel des Lebens, zusammen vereinigt. Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand.
Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes für mich
sein würde, wenn ich vor Hunger auf der Straße dieses
Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher fragte ich mich
sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, ich einige von

diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte nichts als
das seidene Tuch, das ich um den Hals trug, und meine
Handschuhe. Aber wie sollte ich, diesen Tausch anbieten,
und mußte ich nicht erwarten, daß er mir abgeschlagen
wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin
befand, kam mir sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch
machen zu können schien, was ich wünschte. Diese unpassende Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr
für möglich, meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit, um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick
sitzen zu dürfen, indem ich mich mit einer außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrießlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen, indem
sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich mich niederließ.
Bald traten mir die Thränen in die Augen; da ich aber
fühlte, wie wenig sie hier an ihrem Platze sein würden,
unterdrückte ich sie, so gut ich konnte, und fragte die Frau
nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.

Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?
Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und wie
konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte ich, ihre
Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand sich eine
Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah, daß mein
Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. Ss
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke am
Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte indessen
meine Machforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den
übrigen abgesondert stehendes Haus, das sauberer war und
einen schönen Garten hatte, der in seinem vollen Blumenschmucke glänzte. Die Thür war schneeweiß und der messinge Hammer blitzte in der Sonne. Dieses wohlhabende
Aeußere zog mich an und ich klopfte an die Thür, ohne
noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses
freundlichen Landhauses erwecken könnte.

Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir. Mit
schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur von einem
hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
"Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
"Könnten Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
"auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden. Ich
wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge Frau
erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber geben
könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das Dorf
zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer Entfernung
ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler Schatten mich
anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so matt und so
hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkührlich in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt. Ich
ging daher wieder nach dem Dorfe zu, um mich abermals
zu entfernen, indem ich bald einem Gefühle von Stolz, bald
der gebieterischen Nothwendigkeit gehorchte, die mich mit
ihren unbarmherzigen Klauen zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte. Ich kam
sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich, sich zuerst

an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie ein gewisses Recht auf seinen
Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen Muth,
und indem ich alle meine moralische Kraft zusammennahm,
klopfte ich leise, nicht an die Hausthür, sondern an die der
Küche. Eine alte Frau erschien, welche mir kurz und trocken
auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrerwohnung?
»Ja.
"Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
"Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
"Nein, er ist verreist.
"Verreist!... weit von hier?
"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirthschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr keine
christliche Milde zu hoffen war. Zum Betteln aber konnte
ich mich noch nicht entschließen; ich schleppte mich daher
aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und kehrte nach
dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich schon gesprochen
habe. Die Bäckerin war nicht allein; dennoch trat ich ein
und hat sie, mir ein Brötchen für das seidene Tuch zu
geben. Sie blickte mich staunend an und erwiderte in einem
argwöhnischen Tone:
Auf einen solchen Handel lassen wir uns nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr das
Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte sich
entschiedener als vorher. Konnte sie wissen, wie ich zu diesem
Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten
Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie Ihnen
erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem Abscheu
und der Demüthigung in meinem Herzen, welche ich damals
empfand. Ich will daher Ihre Qual und auch die meinige
abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kam mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch heute
mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten hielt,
die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem Brotes
fühlte.
Sie dem auch sein möge, ich entfernte mich von dem
Pachthofe, und sobald mich der Mann nicht mehr sehen
konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot zu essen.
Die acht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt hatte.
Allein diese zweite Macht war nicht so still und warm als
die erste. Der Erdboden war feucht und die Luft kühl.
Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger vorüberkommen, und da ich fürchtete von ihnen gesehen zu werden,
veränderte ich meinen Zufluchtsort. Gegen Morgen fing
es an zu regnen, und mit kurzen Unterbrechungen regnete
es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung. Wie
gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern quälte
mich der Hunger.
Esa ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt
und irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr, aber vom
Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche es mir
unmöglich machten, auf einer Stelle zu bleiben. Ein Licht,
das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog meinen Blick
auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes. Ich
komme an ein langes, niedriges Haus, an dem ein einziges
Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen Blick hinein und
sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit nach zu urtheilen
Schwestern, am Kamin sitzen und lesen. Neben ihnen strickt
eine alte Dienerin. Die jungen Dannen sind ganz in Trauer
gekleidet; aus einigen Bruchstücken ihres Gesprächs, welche
ich durch das Fenster vernahm, erfuhr ich, daß ihr Vater
vor Kurzem gestorben war, und daß sie diesen Abend die
Zurückkunft ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.

Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malte sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie sich Brot
kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht für
eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
"Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
"Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein! rief
ich aus; wenn Sie mich abweisen, so ist es um mich
geschehen!
"Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre
schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen, wenn Sie das wären, wofür Sie sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn
und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter geben konnte ich nicht, denn ich hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine Kräfte waren
gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir neue Thränen
aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände und fiel auf die
feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth hatte mich
verlassen. Mit einem letzten Schimmer des Vertrauens
flüsterte ich indessen noch die Worte vor mir hin:
"Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen, als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir seinen
Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm Schweigen
zu gebieten.

Vierte Abtheilung.

Die Rettung der Waise.

"Jedes Geschöpf muß sterben, sagte plötzlich eine
ernste Stimme, welche zwei Schritte von mir aus der
Dunkelheit kam; aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen, wird.
Eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor,
näherte sich der Thür und klopfte mehrere Male mit dem
Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John? rjef die Stimme
der alten Magd im Innern.
"Ich bin es; öffne sogleich.
Die Alte gehorchte. Da ist die Landstreicherin noch,
rief sie, als sie mich erblickte. Allein der Hausherr gebot
ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du
dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie
eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie in's
Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen,
so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen

mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor
einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen
bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren
Elends und meines unordentlichen Anzuges nur um so
peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von
einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher
an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den
sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften,
und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich durch
ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit
Milch an den Mund, in welche sie einige Semmelschnitte
gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich
ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir die Tasse
aus der Hand.
"O, warum thust Du das, lieber Bruder! rief die
ältere von den beiden Mädchen.
Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du
willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er
mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot, antwortete ich, denn ich
hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
"Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben
Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären Sie
Ihre gegenwärtige Lage?
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn

als ich mich unter einem gastlichen Dache und unser Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer
Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen,
man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.
"Was erwarten Sie dann von mir? entgegnete er
mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden
Schwestern, welche er mit dem Namen Diana bezeichnet
hatte, daß wir es bei dem, was mir gethan haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und bei einem
solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle
Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
"Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung,
erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie wollen,
aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich
entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden
Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer,
um sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,
doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren
begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte, eine
Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in
ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb bewußtlos,
dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in
eine Lethargie, aus der ich nicht so bald wieder erwachen
sollte.
Sie dauerte, drei Tage, während deren ich mich weder
bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wuße ich ziemlich genau, was um mich her vorging
und merkte, daß ich Der Gegenstand der Theilnahme der
Hausbewohner bildete und mich ihrer Fürsorge erfreute.
Bei, Diana schien He mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßigt und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie
unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche Folge
ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den se mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt
fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen
einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon
der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen. Aengstlich
blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine beschmutzten
und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und
ich sah mit inniger Freude, daß meine vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand
zu setzen. Sie hatten zu diesem Zwecke weder Bürsten;
noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand
ich in meinem Zimmer alle zur Toilette unentbehrlichen
Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe
und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich
bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigee Haltung, welche
Sie alte Hannah vielleicht wider ihren Willen annahm, als
ich unvermuthet in die Küche trat.
"O wie haben Sie sich verändert, Demoiselle, sagte

Hannah, heute sehen Sie ganz anders aus als an jenem
Abend, wie Sie zuerst um ein Nachtquartier ansprachen.
Hätten Sie damals so ausgesehen wie heute, dann würde
ich kein Bedenken getragen haben, Ihnen zu öffnen, aber
nehmen Sie es mir nicht übel, an jenem Abend sahen Sie
wie eine Landstreicherin, eine Bettlerin, wenn nicht als etwas
noch Schlimmeres aus.
"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch Geld.
"Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Neinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst einem
verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr Unrecht ein,
entschuldigte sich nach besten Kräften und hat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche
aufhielte. Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo mich
Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem fragte,
wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen Abriß
meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs
irgend ein Fehler oder Vergeben, dessen ich mich schämen

nützte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde
Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend,
denn Mr. Saint-John, der mich mit der ganzen Strenge
eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit
eines Geistlichen anhörte, nahm mich zuletzt für das, wofür
ich mich ausgab und versprach mir auf meine wiederholten
Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behülftlich
zu sein.
Vor der Hand, sagte die liebenswürdige Diana
Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es
noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur einige
Wochen hier in Folge des Todes unsres Vaters. Nach
Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John nach
Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer
rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört haben, nach
Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. vergessen Sie also für kurze Zeit alle Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie
Sie sie nennen, in keiner Hinsicht drückend erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese hochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ
mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen, sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern
Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden, einen armen
Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und Hunger getrieben,
hierher geflüchtet hätte. Ich meines Theils gebe Ihnen
nochmals die Versicherung, daß ich alles Mögliche thun
werde, um Sie in den Stand zu setzen, sich durch eigene
Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt verdienen zu können; aber

vergessen Sie nicht, daß ich nur der arme Pfarrer einer
sehr armen Gemeinde bin. Erwarten Sie also nur einet
sehr beschränkten Beistand von mir und wenn Ihnen der
bescheidene Wirkungskreis, den ich Ihnen verschaffen könnte,
zu gering scheinen sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine
kräftigere Unterstützung zu suchen.
"Alles, was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun, um
selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war noch
außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten, meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen
mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen Sprache,
wogegen ich sie in der Malerei unterrichten: konnte. Dies
war mein großer, aber auch mein einziger Vorzug, den ich
vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren
Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische Begeisterung mir ein
Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung
gemischt war. Ich hatte in der That nie dieses reine
Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie
genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch
er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil
eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen Mann
mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns an die
herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums erinnern.
Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes Haar, eine
hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie werden mir sagen,
daß hierin gewiß nichts lag, was mich hätte erschrecken
können. Ich gebe dies zu; aber diese schönen blauen
Augen hatten einen ungewöhnlich strengen Ausdruck und
dieser wohlgeformte Mund lächelte nur höchst selten. Und
dabei beobachtete er eine wahrhaft mönchische Regelmäßigkeit
in der Erfüllung seiner Pflichten. Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man ihn an seinem Arbeitstische sitzen
und in Sanscritgrammatiken oder indischen Wörterbüchern
studiren. Später ging er mit seinem Stocke in der Hand
und von dem alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das
Wetter mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in
der Umgegend Trost, Rath und Hülfe zu spenden, je nachdem, sie deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen Anstrengungen, versuchten seine Schwestern oft, ihn
zurückzuhalten, indem sie ihn dringend baten, einen Tag auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen Wetter
auszusetzen.
"Glaubt Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen, das ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf die
ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung
meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend geben.
Dieser Diener der Religion hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missionairs in fernen Gegenden gewidmet.

Er strebte nach andren Unternehmungen, andren Gefahren
und andren Pflichten als die gewöhnlichen Diener Gottes.
In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten, denen er seine
Pläne mitgetheilt hatte, ihm die Laufbahn eröffneten, zu der
ihn sein frommer Eifer hinzog, studirte er unablässig und
bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen
Kämpfe, auf die heilige Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit seinen
Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft, in denen
ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte ihn einmal
predigen, und als ich den Eindruck studirte, den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam ich zu der
Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet seines
frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit und seines
wahren, glühenden Feuereifers noch nicht den Frieden der
Seele gefunden hatte, der über alles Wissen erhaben ist,
so wenig, als ich ihn selbst bei der geheimen, aber deshalb
nur um so heißeren Sehnsucht fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig verlorenes Paradies in
mir zurückgelassen. Sie sehen, daß ich nicht oft auf diese
Sehnsucht zurückkomme, welche beständig an meinem Herzen
nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich meinen Zweck.
"Sie wollen ohne Zweifel wissen, sagte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch
Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen würden,
hielt ich es für unnöthig, diese Trennung eher herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag von heute
festgesetzte Abreise meiner Schwestern unerläßlich wurde.
Ich selbst kehre dann nach Morton zurück, nehme die alte
Hannah mit mir und dieses Haus wird gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf die Stelle sein, welche Ihre Güte
mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hängt ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
sie Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken, wie
ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von Ihrer
vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen und
Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen ist. Da ich
selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich Ihnen nur
einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen. Werden Sie
ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, zu, Sie
werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen, die
ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer in
derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich, wenn
auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt. Die
Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht mehr
am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon vor zwei

Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet und
seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die ersten Elemente
einer christlichen Erziehung erhalten können. Die Güte der
Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes,
den die Gemeinde zu den Ihrigen zählt, hat mir gestattet,
ein den Bedürfnissen der kleinen Anstalt entsprechendes Haus
zu miethen, das beißt einen ziemlich geräumigen Schuppen,
der zu einer Schule eingerichtet worden ist, und ein Häuschen
mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der
Gehalt dieser letzteren ist. auf dreißig Pfund Sterling jährlich
festgesetzt. Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von einem Bauermädchen, das zu gleicher Zeit ihre
Schülerin und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene
Stelle, die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl,
daß sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie werden nur mit Kindern
der ungebildetsten Klasse zu thun haben und Ihr Unterricht
muß sich nur auf die Gegenstände beschränken, die ihnen zu
wissen nöthig sind, das heißt Lesen, Schreiben, ein wenig
Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen Sie die
Stelle an?
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem Tone
starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiederte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber wie wollen Sie Ihre Talente, Ihre vielseitigen
höheren Kenntnisse anwenden?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich anwenden kann.

"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
"Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen?
Werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen.
Er blickte mich mit einem Lächeln an und entfernte sich.
Ich begab mich schon am folgenden Tage nach Morton,
und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den
Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück. Mr. Rivers
und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das
mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer
und verlassen auf der öden sumpfigen Haide.

Fünfte Abtheilung.

Die Waise als Vorsteherin der Dorfschule.

Hier eine Beschreibung meiner neuen Wohnung. Es
war eine Hütte m der wahren Bedeutung dieses oft falsch
angewendeten Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene
hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen
kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern und ein Theeservice von Delster Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen
Größe mit einem Bett und einer Kommode von ordinairem
Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von sehr geringer
Dimension, aber noch immer zu groß für die höchst dürftige
Garderobe, die ich darin aufzubewahren hatte, obgleich sich
meine neuen Freundinnen der ihnen nicht unbedingt nöthigen
Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen konnten
lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren Namen zu
schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten
mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige begannen zu
nähen. Alle sprachen einen abscheulichen Dialect mit dem
gedehnten Accent der Gegend, so daß wir uns im Anfange nur mit Mühe verständlich machen konnten. Bei nicht
wenigen unter ihnen gesellte sich zu der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige
Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften und
ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir schien,
als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt. Es
kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben würde,
das er mir an der Küste des Mittelmeeres unter dem
heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt hatte.
Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer wieder genug
verständige Einsicht in mir, um den rauhen Pfad der Ehre
den vergifteten und vorübergehenden Freuden einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner Gedanken. Indem er mich nach sich selbst beurtheilte, errieth

er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen
ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden, obwohl strengen
Worte führten mich, wenn auch oft ein wenig unsanft, zu
der richtigsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen
Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach einer
Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich von
einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt gefühlt und
den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem Missionsamt zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
"guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,
welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrack er,
als ob unvermuthet ein Blitz ans heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der nämlichen
Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hatte. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder
und wendete sich um, die Neuangekommene zu begrüßen;
diese war nichts Geringeres, als eines der reizendsten jungen
Mädchen, die ich in England, wo nichts so selten ist, als
jugendliche Schönheit, je gesehen habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und durchsichtiger Teint, schöne

schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht,
ein lieblicher, frischer Mund, eine reine Fülle schwarzer
Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den
herrlichen Naturgaben, die ein für die Liebe geschaffenes
Weib sich nur wünschen kann, fehlte diesem glücklichen
Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung und
über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu haben sich
rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß Miß Oliver,
de reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere Schule ihr Dasein verdankte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwiedert wurde.
Ich sah es an seinem ganzen Benehmen, an dem ganzen
Ausdrucke seiner Gesichtszüge, als das offenherzige, unbefangene Mädchen ihm von einem am vorigen Tage in der
Stadt, aus der sie kam, stattgefundenen Balle und von dem
Glanze erzählte, den die Anwesenheit der Offiziere des 20.
Husarenregiments diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der leidende und
schwermüthige Ausdruck, der über das schöne Gesicht des
jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines Automaten.

Man sah deutlich, daß es ihm eine fast übermenschliche
Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.
Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen Sieg
davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden
Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau entfernte,
begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer
tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie ging rechts und
er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes,
gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine
Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was
Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er
doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß
Diana's Vergleich keineswegs übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen
Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der
Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu mir theilte
sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht
ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand.
Die Erkenntlichkeit der Armen ist erfinderischer, wenn nicht
aufrichtiger als die der Reichen, und scheint unmittelbarer
aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit

allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann.
Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung,
die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf
welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin
den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und
wußte es zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem Sie auf meinem Tische einen Band
von Schiller's Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen.
Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so übertriebene Lobeserbebungen über mich, daß der reiche Fabrikherr
mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte meine Zeichnungen, hat mich dringend, ihn zuweilen mit meinem Besuche zu beehren und ersuchte mich förmlich um das
Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne dieses Umstandes nur deshalb, weil er
zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern,
kurz er sucht irgend eine wirkliche Veranlassung oder einen
Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das Leben angenehmer zu machen.
So brachte er mir auch eines Abends ein neu erschienenes Buch von Walter Scott mit, und er schien außerordentlich erfreut, mich an meiner Staffelei beschäftigt zu
finden.
"Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn man
zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald. Sie allein sind,
Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht und gequält, die mir allerdings nicht bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte und
in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt hatte;
warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit. Kaum
aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie näher zu
betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem nämlichen unwillkührlichen Schrecken, den ich schon einmal an im beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß eingeprägt hatte!
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu entziehen.
"Finden Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn.
"Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung des
Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts, es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
"Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
"Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine Zeit
und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes
Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu können.

"Antworten Sie mir aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an Ihre
ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal später
am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar, oder in
Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
"Es würde mir ohne Zweifel angenehm sein, wenn ich
eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte; aber ob es
gut und vernünftig wäre, das ist eine andere Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr leicht
Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte,
in den Stand setzen würde, eben so viel Gutes zu thun
als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so
sagte ich zu ihm:
"Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre, wenn Sie
anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen,
dessen Züge es versinnlicht.
Ich sprach diese kühnen Worte, fast mit einer geheimen
Angst aus; allein ich bemerkte bald, daß sie nicht übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf einen Stuhl
gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf in beide Hände
gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne sich durch meine
Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im Gegentheil, meine
etwas unsanfte Ausdrucksweise und die Furchtlosigkeit, mit
der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete Erleichterung zu
gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen, vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen, aber
dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren, jedoch mehr affectirten als wahren Ausdruck von
Zweifel.
Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Anderen, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen, als von Ihnen.
Glauben Sie, Miß Jane?... O, sprechen Sie weiter... es thut mir wohl, Sie anzuhören.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mir den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem Herzen
verschließen?
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionairs denken?
Aber wer zwingt Sie denn, Missionair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
"Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf
verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der hehren
Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will?
ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar
der Männer gezählt zu werden, welche sich über die Bestrebungen dieser Welt erheben und sich die Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das errettende Licht
und die Lehren des Friedens und der Wahrheit zu verbreiten?... Nein, ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber Mr. Saint-John übersehen und vergessen Sie
denn, daß man auch sehr wohl ein würdiger Diener der
Religion sein und Werke des Friedens und der Liebe verrichten kann, ohne Missionair zu sein. Diese Schule und
die Knabenschule ist Ihr Werk. Alle Bewohner des Dorfs
und der Umgegend erschöpfen sich in Lobeserhebungen über
den Beistand, den Sie dem Unglück und der Hülflosigkeit
angedeihen lassen. Konnten Sie so viel Gutes bei Ihren
beschränkten Mitteln fördern, was würden Sie erst leisten,
wenn Sie über das Vermögen Rosamunden's zu verfügen
hätten. Ueberlassen Sie das Missionswerk Andern, welchen
eine weniger glückliche Zukunft lächelt und genießen Sie das
Glück, welches Sie so sehr verdienen.
Der junge Geistliche schwieg, es trat eine ziemliche
Pause ein; er schien zu bedenken, ob und was er mir antworten solle. Plötzlich ergriff er seinen Hut und mit einem
Händedruck und mir eine gute Nacht wünschend, entfernte
er sich von mir.

Sechste Abtheilung.

Die Erbschaft aus Madeira.

Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung an
mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine: ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst, der
mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen zu hindern. Ich las in einem Buche, als Mr. Rivers, ohne
vorher anzuklopfen, ganz unerwartet bei mir eintrat und an
der Thür den Schnee von seinen Füßen abschüttelte.
Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen; aber
er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine schlimme
Nachricht bringe und hat mich um Entschuldigung, daß er
mich durch seinen unvermutheten Besuch in meiner häuslichen
Ruhe störe.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich ihn
etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage; da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte, ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Reine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilen mich, und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines
Menschen, dem man den Anfang einer sehr interessanten
Geschichte erzählt hat und der gern den Ausgang wissen
möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben möchte.
Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war vollkommen
ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige Augenblicke
nachdenkend und stillschweigend, das Herz von lebhaftem
Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und Blässe
seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah, daß er
nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen, drehte ich
den Docht meiner Lampe ein wenig empor und fuhr fort
zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch, einen
Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus, den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an Ort und
Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in tiefes
Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern

habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte; aber ich erhielt nichts als
bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort. Endlich,
nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug die Uhr
acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers aus seinem
Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite,
sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher an den Kamin.
Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte wissen
möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich will
Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an, wurde
ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen seiner Zeit
nennen werde, von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Tochter
eines sehr reichen Mannes ergriffen. Sie liebte ihn wieder
und bewilligte ihm ihre Hand, den Wünschen ihrer Eltern
entgegen, welche sich, auf's Höchste gegen sie aufgebracht,
sogleich nach dieser unseligen Verbindung gänzlich von ihr
lossagten. Noch ehe zwei Jahre verstrichen, waren beide
junge Leute gestorben und ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie hinterließen eine Tochter, welche
unmittelbar nach dieser Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es war ein kaltes Asyl für sie, eben so

kalt war der Schnee, in den meine Füße auf dem Wege
hierher versanken. Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das keinen Freund auf der Welt hatte, in dem
Hause reicher Verwandter ihrer Mutter aufgenommen, sie
wurde von einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick
den Namen zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß
Reed von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
"Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs.
"Briggs?... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten Herrn,
in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot, als
Gouvernante gewesen ist. Er giebt mir zu verstehen, daß
Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre, nicht
immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen habe,
denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame, Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung, welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte,

so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht nach
der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne
Interesse waren.
"Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete mir Saint-John, indem er ein Stück Papier welches
ich beim Malen zum Probiren der Farben benutzt hatte, aus
seinem Portefeuille nahm. Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung eigenhändig mit einem Pinsel den Namen
darauf geschrieben, den ich meinem Beschützer verschwiegen hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indickum, sagte ich lächelnd.
"Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den Times,
in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der Aufenthalt der
Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte, ihm denselben wissen
zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
"Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte ich
wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen haben...?
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen zu lassen,
wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache und
kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt wurde,
die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine sehr mäßige
Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener und meinen
täglichen Wünschen entsprechender gewesen, so würde mir
dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich in einem heitereren
Lichte erschienen sein; aber gerade die Größe des mir
zufallenden Vermögens machte ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten Worte
in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete, äußerte
keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde ihn vielleicht
gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miß Jane,
sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte, daß Sie
eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß nicht
meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu zeigen. Und
wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend Pfund
Sterling einer Person gleichen, die wenig Appetit hat und
an einer reich servirten Tafel sitzt, so denken Sie an die
armen Gäste, welche von dem Ueberflusse des Gastmahles
genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er hinzu, indem er
seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht
so abscheulich wäre, so würde ich Ihnen Hannah schicken,
damit sie Ihnen Gesellschaft leistete, denn es scheint mir
ganz so, als sähen Sie mit Bangen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden. Aber die gute Hannah
würde sich kaum durch den Schnee hindurcharbeiten, worin
ich selbst auf dem Herwege fast versunken wäre.

Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich, und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die Frage
vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne welche die
Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für mich verloren
gewesen wären, nicht an meinem neuen Glücke Theil nehmen
lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich nahe
daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als die Thüren
von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten. Ich erinnerte
mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle Empfang
mir daselbst zu Theil geworden war. Da ich mir übrigens
früher oder später eine Adoptivfamilie wählen mußte, so
lag der Plan einer ehelichen Verbindung meinen Aussichten
gänzlich fern, und ich brauche Ihnen wohl kaum den Grund
davon zu sagen, denn welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana und die brave Mary ersetzen, auf
welchen Bruder hätte ich stolzer sein können als auf
Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang reiflich
überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte, kündigte ich ihm
denselben an, wie er mir mein Glück angekündigt hatte, das
heißt, in kurzen, bestimmten, kategorischen Worten. Meine
Willensmeinung war, mich mit der Hälfte der Erbschaft zu
begnügen, und zehntausend Pfund Sterling dem würdigen
Geistlichen und seinen Schwestern zu überlassen.
Saint-John verzichtete seinerseits auf jede Theilnahme
an mein Geschenk, Diana und Mary Rivers nahmen jedoch

mit Dank das ihnen gewachte Anerbieten an. Wir trafen
das Uebereinkommen, fortan zusammen zu wohnen und zusammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
"Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe meinen
Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin für mich
gefunden haben
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Sippen meines
neuen Vetters, welchen Titel er verabredetermaßen von
nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand mit
größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich an dem Tage
mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die Direction der
Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart der versammelten
sechzig Schülerinnen die Schlüssel einhändigte. Es war
ohngefähr zwei Monate nach der Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir Einige
wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch darüber,
wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war, so
daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt

die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange zu
ergeben. Für's Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
"Bedürfen Sie ihrer?
"Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End zu nehmen, wohin ich für nächsten Dienstag
Diana und Mary eingeladen habe. Ich will, daß Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen und
gereinigt werden soll. Von oben bis unten, hören Sie
wohl. Ich möchte fast sagen, daß Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen werden, obgleich sie weder
Sanskrit noch Pali sind. Man muß sich im Fußboden der
Zimmer spiegeln können; es darf weder Holz noch Steins
kohlen gespart werden, um alle Feuchtigkeit aus dem Hause
zu entfernen; es muß jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl,
jeder Tisch und jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt werden, und was die Vorräthe von Kuchen,
Confituren und Gelees betrifft, so verlassen Sie sich auf
die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen unterstützen werde. Mit Einem Worte, ich will,
und diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für
Sie haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das schöne
Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem flüchtigen, Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
"Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihrer
neuen Verwandten zu genießen; aber nachher hoffe ich, daß

Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden. Ich blickte ihn erstaunt an.
"Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit mir,
Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl, daß ich
es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun Sie das?
"Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er Ihnen
verlieben hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig über
deren gute Benutzung wachen werde, denn es ist meine Pflicht
und mein Recht. Daher rathe ich Ihnen, schon jetzt den
unbesonnenen Eifer zu mäßigen, mit welchem Sie sich rein
weltlichen Genüssen hingeben. Ihre Thatkraft und Energie
wollen zu weniger alltäglichen Beschäftigungen verwendet
sein. Lenken Sie sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
"Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe, glück- und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen, denen
es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche Haus,
keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie
ich es hätte thun können, sondern nur durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr und einige ernste
Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken
Wohnung entsprachen, verjüngt und verschönert zu finden.
Sie nahmen von Herzen gern an unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet Hannah's gutem Willen

noch nicht beendigt waren, und namentlich in den ersten
Wochen erfüllte ihr fröhliches Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis zum Abend. Saint-John schien sich
daselbst nicht mehr heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich
zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich,
daß wir einen störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen
Studien ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen
Besuche ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der
Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise
unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß er
recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er offenbar
nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah ein, daß
ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine unwürdige
Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn gleichsam und
fand in ihm alle Elemente, aus denen die Natur ebensowohl
heidnische als christliche Helden, das beißt solche Männer
bildet, welche dazu bestimmt sind, Gesetze zu geben, Länder
zu erobern und Völker zu regieren; ich mußte mir sagen,
daß er eine mächtige Stütze der erhabenen Interessen der
Religion werden konnte; aber an häuslichen Heerde war
ein Kind besser, als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionair! dachte ich eines Tages,
aber ein langweiliger Gatte!
Mach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser

Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger bei
uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ob.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana,
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden war,
ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären, und ihr
Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich
werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten
Jahres abreisen.
"Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer
Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
"Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel und
Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr Vater hat
mich gestern Abend von dieser bevorstehenden Verbindung
in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt und
unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
"Aber Rosamunde kannte diesen jungen Mann gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver haben sich
letzten Monat October zum ersten Male auf einem Balle
gesehen, von dem mir Rosamunde am nächstfolgenden Tage
erzählte... erinnern Sie sich noch, Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen, und ich

konnte mich nicht genug wundern über den stoischen Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den schmerzlichsten
Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir schon
einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde mich jedem
Andern gegenüber ermuthigt haben, von Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich intimen Unterredung
war Saint-John wieder so verschlossen und zurückhaltend
geworden, daß er eben so unzugänglich war als früher.
Und diese Zurückhaltung hatte zur Folge, daß ich mich
meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er
trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen
Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine
Unterschiede zwischen ihnen und mir, welche den Gedanken
an ein volles und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen
ließen.
Ich staunte daher nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilten Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu mir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der
Sieg ist mein.
"Haben Sie auch die Gewißbeit, entgegnete ich ihm
nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer erkauft
haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg nicht zum
Verderben gereichen?
Ich glaube nicht; aber wozu sollte ich mich deshalb
beunruhigen? werde ich je wieder einen solchen Kampf zu
bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder auf
und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den Augenblick nichts mehr mit einander zu sprechen hatten. Ich ließ
es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle entgegen
zu handeln.
Eines Tages überraschte mich Saint-John durch die
Anfrage, ob ich wohl die Anfangsgründe der hindostanischen
Sprache bei ihm erlernen möchte, er wolle mich darin unterrichten.
"Was könnte diese Sprache einem Mädchen nützen?
fragte ich.
"Vielleicht hat Gott Sie wie mich zu einem Werkzeug
erkohren um die Lehren der Religion unter den Heiden zu
verbreiten.
"Ich fühle keinen solchen Beruf in mir und noch weniger mich demselben gewachsen.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe
zu geben, pflegte Saint-John seine Schwestern zu küssen,
nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich
dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche mit einem heitern Charakter
einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie
der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügte; daß
ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, das Saint-John
versprochen habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich will
es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern,
das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein wenig zu
mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die
meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch Versuchsküsse geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht denken
können, war diese Wirkung so gut als gar keine. Ich bin
fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber
vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als gewöhnlich;
denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie ein Siegel,
das auf die Ketten gedrückt wurde, deren Last ich zu fühlen
begann.
Von diesem Abend an wurde die Ceremnonie des Kusses
regelmäßig eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit, mit
der ich mich derselben unterwarf, schien meinem frommen
Vetter Freude zu machen.
"Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Tage eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende
mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte
die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen von
ihrem natürlichen Hange ablenken, nach Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren.
Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen, wo
ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen
unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines
Gesichts geben, oder die Farbe meiner Augen verwandeln
und ihnen das dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und nach
den beitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen
hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch hegte,
Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu erlangen.
Mehr als einmal hatte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt meines
ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr. Briggs stand
mit den Bewohnern von Thornfield-Hall nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief könnte
verloren gegangen sein. Aber es verging ein Monat, zwei
Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte Hoffnung war
endlich ganz von nur gewichen, doc nicht ohne einen tiefen
Kummer zurückzulassen, über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
"Jane, wir wollen einen Spaziergang machen, redete
mich Saint-John eines Morgens an.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.
"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen geben.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg zwischen
unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben gekannt, besonders gebieterischen Charakteren gegenüber, die
mit dem meinigen in directen Widerspruch standen. Da
Saint-John nichts von mir verlangte, was ein Sträuben
oder selbst nur einen bloßen Einwand von meiner Seite
gerechtfertigt hätte, so begleitete ich ihn nach dem Thale und
wir lustwandelten neben einander unter einem vollkommen
reinen Himmel und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche,
der mit weißen und gelben Blümchen durchwirkt war.

Siebente Abtheilung.

Des Pfarrers Heirathsantrag.

Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des, den Horizont begrenzenden
Gebirgs gebildet wurde. Hier machte Saint-John Halt
und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock. Mein
Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen. Seine Augen
schweiften von den Bergen zu dem Bette des Waldstromes
und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Mach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen für
das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den Schmerzen
des Exils hat und noch einen Blick des Abschiedes auf die
Gegend wirft, deren unvergängliche Erinnerungen er bald
mit sich nehmen wird.
So verweilten wir ungefähr eine halbe Stunde, nach
deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe schon
meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am 7. Juni
unter Segel geht.

Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener, behüten, erwiederte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren Herrn und es ist mein Stolz und meine Freude, daß
ich in dieser Welt nur dem Willen des vollkommensten
Wesens gehorche. Nur dünkt es mich sonderbar, daß nicht
Alles, was mich umgiebt, sich ebenfalls unter sein glorreiches
Banner schaart.
"Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es
wäre thöricht von den Schwachen, sich mit denselben Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
"Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und von
ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen, die des
großen Werkes würdig und geeignet sind, daran Theil zu
nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht viele und sie sind
schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es eine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie über ihre Befähigung aufzuklären sie zu edlen
Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Stellung zu zeigen,
die ihnen Gott unter seinen Auserwählten bestimmt hat
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
um mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich die
herannahenden Gefahr noch nicht klar erkannte.
"Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufes stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
"Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts!.. nichts! erwiderte ich mit einem Schauder,
denn diese einfache Frage schnitt mir den Odem ab.
"Dann will ich anstatt seiner sprechen, fuhr er mit

seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren ernste
Töne das Echo der nahen Berge wiederholte. Jane,
geben Sie mit mir nach Indien, seien Sie meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich zu
drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es war
wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten Apostel
nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich war kein Apostel
und dieser Befehl von Oben lähmte nicht ganz meine
Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, der in der Erfüllung
dessen, was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid noch
Bedenklichkeiten kannte.
"Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie
so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionairs es sein
muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit versagt,
Ihnen aber Energie der Seele und des Geistes verliehen.
Sie sind nicht für die Liebe, sondern für heilige Werke
geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur Gattin wünsche, so
geschieht es nicht um meines persönlichen Glückes willen,
sondern zum Nutzen meines erhabenen Gebieters.
"Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind im
Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist nicht
der, den Sie meinen.
Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet und sich mit der nöthigen Geduld und Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich aus seinem
ganzen Benehmen, als er, an den Felsen gelehnt und die
Arme über der Brust gekreuzt, mit einer unerschütterlichen

Ruhe alle meine Einwendungen einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit dem festen Vorsatze, mich zu
unterrichten, mich zu leiten und zu unterstützen bis zu der
nicht fernen Zeit, wo ich allein gehen und dann ihn nöthigen
falls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus keinen
Eifer; durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir erweckten,
so versicherte er mir, daß er mich seit zehn Monaten genau
studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich
einer unbegrenzten Hingebung fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und meine Pflichten mir vorgezeichnet
wären. Er sagte, er habe mich stets fügsam, eifrig uneigennützig, fleißig, muthig, heldenmütig und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und
müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Ich erkannte die Nothwendigkeit, die beiden von dem
würdigen Geistlichen an mich gerichteten Wünsche auf einmal
entschieden abzulehnen. Um ihn jedoch nicht zu beleidigen,
erbat ich mir eine viertel Stunde Bedenkzeit, da ich von
der richtigen Voraussetzung ausging, daß meine Antwort
ihm dann als das Resultat einer sorgfältigen Prüfung erscheinen und ihn verhindern würde, mich mit weiteren Bitten
zu bestürmen.
Er entfernte sich und ich sah in weiter Entfernung ihn
zum Gebet knieen und sich dann niedersetzen.
Nach einiger Zeit hatte Saint-John seinen Sitzplatz
verlassen und ging langsam auf mich zu, ich ging ihm
entgegen.
"Nun, Jane, fragte er mich.
"Saint-John! in dem ehrenden Antrage, den Sie mir
gemacht haben, erkenne ich das Vertrauen, mit welchem

Sie mich beehren, ich kann Ihnen aber nur wiederholen,
daß ich nicht den Beruf zu Missions-Werken in mir erkenne.
Da Sie dies nun für Ihre Lebensaufgabe halten, so kann
ich nicht Ihre Gattin werden; aber Sie sind mein Adoptivbruder und haben mich als Schwester angenommen. Diese
fingirte Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, jedoch
an keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Ein Seufzer war die ganze Antwort, welche Saint-John für mich hatte. Schweigend ging er von meiner
Seite nach Hause zurück.

Achte Abtheilung.

Sehnsucht nach Thornfield-Hall.

Beinahe ein Jahr war jetzt seit meiner Entfernung
von Thornfield-Hall verflossen. Alle meine Bemühungen,
irgend eine Auskunft über Rochester zu erhalten, waren
erfolglos geblieben und so wurde der Wunsch in mir rege,
mich selbst nach der Umgegend von Thornfield-Hall zu begeben, um an Ort und Stelle Auskunft über den zu erhalten, der, wie ich mir selbst sagen mußte, doch noch
immer meine ganze Liebe besaß.
An einem Juni-Morgen sagte ich meinen Freundinnen,
die mich ihre Schwester nannten, beim Frühstück, daß ich
Marsh-End auf kurze Zeit verlassen wolle, um einen Freund
zu besuchen, dessen Schicksal mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unseren vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber ein
zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern. Sie fügten sich stillschweigend
allen meinen Wünschen und ließen mir die nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.

Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem ich
an einem schönen Sommerabende an der nämlichen Stelle
gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und mit einer
Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unheilbar hielt.
Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung des Platzes
mein ganzes Vermögen ausgeben zu müssen, und als ich
mich auf dem Wege nach Thornfield befand, fühlte ich mich
so heiter und vergnügt, wie die Taube in der Schrift, als
sie nach der Arche zurückflog, wohin der Herr sie sendete.
"Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden. Am
Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause und
der Kutscher spannte die Pferde aus, um zu füttern. Weit
verschieden von der düstern und feuchten Einöde, aus der
ich kam, erschien mir die Gegend mit ihren grünen Hecken,
die große Felder umzäunten, und mit ihren. freundlichen
Anhöhen, wie der Anblick eines alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
"Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall?
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.
"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum hatte
ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand meine
Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in

diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, wirst Du
es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen?
Dann wäre deine Mühe verloren und Du thätest also besser,
sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls hättest Du erst bei
dem Gastwirth einige Erkundigungen einziehen sollen, er
würde Dir gewiß haben sagen können, ob Mr. Rochester
England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Rathschlägen zu
folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der Ungewißheit
war die Verlängerung des Gedankens an die Zukunft, der
mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns
noch ein Sal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens,
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von Bienen
bewohnt war, deren lautes Summen die Stille des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von Freude drängte
mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes Feld und ein
Stück Heideland überschritten, das mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor den Mauern des Hofes
bei den Wirthschaftsgebäuden. Das Wohnhaus selbst wurde
nur noch von dem erwähnten Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo mein
Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann. Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er steht
frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren. Wenn
ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen? ...
oder müßte ich dies unterlassen? Was würde geschehen,
wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht
sieht er in diesem Augenblicke die Sonne hinter den Pyrenäen aufgeben,... vielleicht überschaut er die blitzenden
Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken, was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie selbst
ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern vorging,
als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes eine halb
verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern standen noch
und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene Fensterstöcke
herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut; der feine
Sand in den Gängen war von profanen Füßen zerscharrt,
das prächtige Portal stand für Jedermann offen. Das
Schicksal Thornfield-Halls war leicht aus den von Rauch
geschwärzten Trümmern zu erkennen. Eine Feuersbrunst
hatte das alte Stammschloß der Rochester zerstört, und sie
mußte schon im vergangenen Jahre stattgefunden haben,
denn der Schnee des Winters und der Regen des Sommers

hatte eine Vegetation vorbereitet, welche im letzten Frühling
emporgesproßt war. Zwischen den geschwärzten Steinen
und den halbverkohlten Balken wuchs schon Gras, und
überdies: beschränkte sich das Unglück auf das, was meine
Augen sahen? war nur ein Gebäude zerstört worden? lag
nicht vielleicht unter diesen Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte, und
ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht vielleicht
schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn,
Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore,
ruhte.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir selbst
mein Frühstück und ich hat ihn, einen Augenblick Platz zu
nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen wünschte. Aber
nach dieser Einleitung wußte ich nicht mehr, was ich noch
hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
"Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort
gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen Mr.
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte ich;
er lebt also nicht mehr?
Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards,
des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig und

ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen noch
nöthig war.
"Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall? fragte ich weiter.
Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen Sie
nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der Nacht
aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote eintreffen
konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen.
Es war ein schauerlicher Anblick!... Ich habe ihn mit
angesehen, und das Herz wollte mir brechen.
"Also in der Nacht dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr ich
laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks nicht
entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der Wirth,
leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher an den
Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu sehen bekam...
von der man nichts Genaues wußte... die Mr. Edward
von seinen Reisen mitgebracht hatte und die man für seine
ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt ergab sich's, daß
sie seine Frau war... bei einer ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich sterblich in eine junge
Gouvernante verliebt hatte... und Sie wissen, daß Männer
in seinem Alter, wenn sie ein junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich den
Gastwirtt kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer angelegt habe.

"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und wann
einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender, aber
sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche, entfernte
sich leise und streifte im Schlosse umher, wo sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den Sinn kam. ,In
jener Macht nun, zündete sie zuerst die Vorhänge in dem
Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt
hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von
Eifersucht, dem man sagt, daß sie etwas geahnt habe,
Feuer an das Bett, in dem zum Glück Niemand schlief.
Die erwähnte Gouvernante hatte sich zwei Monate zuvor
heimlich entfernt, und man muß gestehen, daß Mr. Rochester
kein Mittel unversucht ließ, um sie wiederzufinden. Seit
ihrer Flucht entließ er fast seine sämmtlichen Dienstleute,
entfernte eine Verwandte, die seine Wirthschaft geführt
hatte, und brachte ein kleines Mädchen, die man für seine
Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr
lebte wie eine Eremit, oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig geworden und sein Wahnsinn
sei zu gewissen Zeiten höchst gefährlich.
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester.

"Er war im Schlosse?"
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,
die nach dem Feuer zu, im Winde flatterten. Wir alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wir
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte, stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf und in der nächsten Secunde lag sie zerschmettert auf
dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stebe Ihnen dafür, dem die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn besprützt... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der bloßen
Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt... aber ich kann Ihnen versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...

"Wie so?... Warum?... Wie meinen Sie das?... Ist er in England ? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.
Ich litt Höllenqualen und der Gastwirth schien es
sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich hatte
geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu fragen, was
Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen habe.
"Der Schreck und die großen Anstrengungen, welchen
er sich beim Feuer ausgesetzt hatte, vielleicht auch die Flammen
selbst, veranlaßten ihm eine Augenentzündung, in deren Folge
er blind wurde. Kein Arzt hat ihm seine Sehkraft wiederzugeben vermocht.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
"Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?
"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
"Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und wenn
Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach Ferndean
bringen kann, so will ich das doppelte Ihrer gewöhnlichen
Fahrtaxe bezahlen.

Neunte Abtheilung.

Reise nach Ferndean-Manor.

Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean Manor
gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher Bauart, das mitten in einem großen Walde lag. Sein Vater
hatte es gekauft, nicht um der Wohnung selb willen, die
er gern nur gemiethet hätte, sondern wegen der vortrefflichen
Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welcher der Besitzer inne
hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen dort
aufspielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte meine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das er mit
einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte, suchte ich
einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren
Wohnung.
Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das

in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreibe von
Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen so tief herab,
daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen vermischten. In
dieser dunkeln Allee ging ich immer weiter, ohne das Haus
zu erreichen, das ich bei jeder Krümmung zu erblicken hoffte.
Ich glaubte schon, ich hätte mich geirrt und war im Begriff, umzukehren, als sich die Bäume lichteten und ich zuerst
ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das
man kaum von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine
dunkeln und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern
fast ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoos'ten
Stämme und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich in
einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete, wo ein
mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen Rasenplatz zog. Die Vorderseite des Hauses bot dem Auge
zwei spitzige Giebel und einige schmale, vergitterte Fenster
mit in Blei gefaßten Scheiben. Die ebenfalls schmale Thür
schien dazu bestimmt zu sein, sich nie zu öffnen; eine einzige
Stufe führte nach der Schwelle. Im ganzen genommen,
hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus
auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck des
Bildes.
"Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen
bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das Leben
sich wirklich durch ein leises Geräusch kund gab; es war
die Eingangsthür, welche in ihren Angeln knarrte.
"Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich
im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte einen

kann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als
wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich
eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte ich
doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter,
Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung war, mich
seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß
er mich nicht sehen konnte! Ich blieb daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete
die Veränderungen, welche sein Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher,
das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war es
auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht
vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern, diese
athletische, blühende Manneskraft zu schwächen. Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen Schmerz
verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte, welche
man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht hat, deren
düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der sie zu stören
wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn
sehen, wo unter einem Kusse diese drohende Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlieder sich erheben und diese
zusammengepreßten Lippen sich öffnen würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.

Mr. Rochester kam die Stufe herab: und ging mit
langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu. Großer
Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich
an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Er legte
die Hand an seine Augen, ößfnete erst das eine, dann das
andere und suchte dann mit angestrengtem Blicke den Himmel
und den Wald, ohne einen schwachen Lichtschein vom tiefen
Dunkel unterscheiden zu können. Er streckte die rechte Hand
aus, dann die linke, aber die Hand traf nur die Luft, denn
die nächsten Bäume waren noch einige Schritte entfern.
Er gab nun sein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte die
Arme über die Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der sein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mit seiner Frau Mary die ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Mähe, um auf den ersten
Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem Rochester
noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab er die
Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach dem Hause
zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als er eingetreten
war, ließ er se hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung und
Schreck fast ungefallen, als sie mich an der Stimme erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß ich Alles
wußte, was sich seit meiner Entfernung in Thornfield-Hall
zugetragen hatte, hat John, mein Gepäck zu holen, das ich
in einem Chausseehause gelassen, und besprach mit Mary
die nöthigen Anstalten, damit ich die Macht in Ferndean
zubringen konnte, was nicht eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn geben, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen Sie meinen Namen nicht.
Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden vor sich lassen, ehe er den Namen der Person und
den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte, stellte
sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings; er muß stets zwei Lichter in seinem Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist
das nicht sonderbar?
Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen Händen
zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein fast
erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem Feuer
herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des
großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.

Sein alter Hund Pilot lag zusammengerolt in einem
Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen, die ihn
zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir wie früher entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den Händen
gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch und Mr.
Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen, woher das
Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer kehrte er das
Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu mir.
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es ihm
in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mir empor
springen und ich rief daher unbedachtsam:
"Couche, Pilot! leg' Dich!
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antworte ich ihm mit einen
unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.
Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben
Sie noch Durst?

"Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Es sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen, zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
"Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre
Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich! wiederholte er immer wieder.
"Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie
nie sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen hingab.
Sollte dies auch wieder ein Traum sein?... Ach, wenn
Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher Schatten, dann
geschehe es wenigstens nicht eher, als bis deine Lippen
meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief ich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen, dann strich ich
sein Haar zurück und küßte ihn auf die noch immer
schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine Zweifel.
Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder
bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens
umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
"Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.

"Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mit
zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
Sie sind sehr reich, meine liebe Jane.
"Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Mähe ein
Haus. baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen.
"Aber Ihre Freunde, Jane -- dem jett haben Sie
gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei einem
alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich geworden
bin?
Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig
bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre
Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein,
kurz Ihnen die Augen zu ersetzen. Fassen Sie also Muth,
mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie
nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines
Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend,
er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne
ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte
sich auch mir mit. Ich fürchtete gegen den Takt verstoßen,
durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in
seinem Innern verletzt zu haben. Alles, was ich gesagt
hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er
mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun
von meinem vertraulichen Entgegenkommen denken, wenn ich
mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen,
aber er drückte mich nur noch fester an sich.
"O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben

sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein Herz
sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt kann ich
Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir
übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit
tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es
Sie entbehren müßte, würde es sich dafür an dieser verstümmelten Hülle rächen.
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben
nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies
sind Sie noch so jung... Sie müssen sich früher oder
später verheirathen.
"Daran denke ich nicht und ich sehne mich durchaus
nicht danach.
"O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach, wenn
ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich es
versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine!...
Er versank wieder in sein schmerzliches Machsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
"Wann essen Sie gewöhnlich zu Abend? unterbrach
ich die eingetretene Pause.
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn ich
habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Mach wenigen Augenblicken wurde
uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch nahm

sogleich den natürlichen, ungezwungenen Charakter an, den
es ehemals zwischen uns hatte. Ich fühlte mich schon ganz
heimisch und mein Herz war mit inniger Freude erfüllt.
Fest entschlossen, meinen geliebten Herrn nicht in eine traurige
Stimmung fallen zu lassen, lenkte ich die Unterhaltung,
sobald mir seine Worte eine Erinnerung an sein Unglück
verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven
Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn
mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen
Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar
ein wenig in Ordnung bringen könne.
"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich
mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiederte ich ihm in
dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer
vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise
und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr
angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien,
war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend,
mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen
und verdrießlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter
und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieser gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie
kamen mir die Thränen in die Augen. Ich mußte mir
indessen Gewalt anthun und ihn so anreden, wie ich es mir
zur Pflicht gemacht hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und
ihm einen Spaziergang vorschlug.
Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief
er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene
Lampe, der man neues Oel giebt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist
nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre
ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen
zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für
mein Ohr, als die aufgebende Sonne Glanz für meine
Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für
mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein,
daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals
Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit gezwungen hätte. Rochester kam mir
vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und
zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings
anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter,
fröhlich und scherzhaft. Mach dem Frühstück nahm ich
Rochester, mit mir aus dem düstern Zimmer in's Freie und
unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen.
Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze,
wo ich ihm auf einem seit langer Zeit ungehauenen Baume
einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann, sogar gestattete,
mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen,
da wir uns Beide in gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?...
Pilot legte sich neben uns und mehrere Minuten lang herrschte

eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rohester mich
stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie
mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immer von mir geschieden
sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren, und ohne
Existenzmittel!... selbst das Perlenhalsband hatten Sie
Ihrer Kommode und die noch für unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird
aus meiner Jane werden, die keine Hilfsmittel und keinen
Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung.
In der That, Jane, wo waren Sie eigentlich diese ganze
Zeit über?
"So durch Fragen gedrängt, begann ich die, Erzählung
meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres.
Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich die
Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit dem
Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte.
Wozu sollte ich ohne Noth dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen
viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen
wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in
seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in die
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die
Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die
Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieser Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen
Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein
Mann war er denn?
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das
Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten
nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters
Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck
an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton
weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und
unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das
Profil eines Antonius, schöne blaue Augen und einen edlen
Anstand habe, unterbrach mich plötzlich Rochester mit den
Worten:
"Ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte werden,
denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben so wenig.
Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag, und diese
Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein -- ein schönes
junges Mädchen, daß er mit trockenem Auge die Gattin
eines Andern hat werden sehen, während es nur von ihm
abhing, ihre Hand zu erhalten. Er erblickte in mir nur
den Typus einer Gattin, wie sie nach seinen Ideen ein
Missionair braucht. Aber ohne allen Zweifel war er in
einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst
und streng, und für mich kälter als ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht. Ich fühle mich nicht glücklich in

seiner Nähe, er war weder nachsichtig noch liebevoll gegen
mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht.
Er gestand mir höchstens einige Talente zu, aus denen man
nöthigenfalls Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich
jetzt noch auf, zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und
schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige
Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von
Neuem.
"Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in
wehmüthigem Tone.
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir nicht
erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit nicht.
Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir ab, und
da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte, bog ich mich
zur Seite, um ihn näher betrachten zu können, und ich sah
eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern
hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder
an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum im
Garten von Thornfield... Und mit welchem Rechte könnte
ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen
Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die
Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind noch
grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht, es werden

noch junge Pflanzen zwischen ihren Wurzeln emporkeimen
und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und
wenn diese Pflanzen heranwachsen, werden sie sich dem
schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen eine so feste Stütze
bietet, um ihn bald zu umschlingen.
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu
trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können
meine Gattin nicht werden.
Aber Sie gedenken doch nicht für immer Wittwer zu
bleiben?
Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen
Sie mir.
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müssen, ist die, welche
Sie am meisten liebt.
"Oder wenigstens Die, welche ich am meisten
liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihre Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Blinden, den Sie werden führen
müssen?
»Ja.
"Ist es wirklich wahr?
"Es ist mein voller Ernst.
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige
Gott es Ihnen vergelten!
Mr. Rochester, sagte ich tief ergriffen, wenn ich
je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente,
wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch

gehabt, ei Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich
bis zu ihm zu erheben,... so bin ich jetzt reichlich dafür
belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste
Glück; nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.
"Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr
heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.
"Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr
Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich
habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.
Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will
ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden. Ich
sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich mich irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie meine Gattin. Was Ihren
Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel
an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden
ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es
hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen, seit dem Tage,
an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor...
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten,
behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
"Und jetzt, fuhr Rochester fort, muß ich Ihnen
noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den
Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen
und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande.
Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte. Aber der Alls
mächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen. Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen, ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte ich der
Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir
zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich eitel prahlte, hat Gott
so vollständig gebrochen, daß ich in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines
Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät,
aber mit zerknirschtem und reuigem Herzen auf die Kniee
gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit
dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade
vor seinen Augen gefunden zu haben, denn das Liebste und
Theuerste, was ich auf Erden besitze, ich habe es in Dir
wieder erlangt, meine Jane!
Mach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete zu
Gott, streckte Rochester die Hand aus und bedeutete mir
so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure Hand
und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um meinen
Macken und auf meine Schulter legte. So diente ich ihm
zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zurück.


Zehnte Abtheilung.

Der Waise Vermählung.

Am nächsten Dienstag wurde ich Rochester's Gattin;
ich brauche Ihnen nicht zu sagen, werthe Freundin, welche
Gefühle an diesem Tage mich bestürmten und wie lebhaft
die Erinnerung an den Tag bei mir wurde, an welchem vor
einem Jahr meine Hochzeit angesetzt war. Unsre Trauung
fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen gehülfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen, ging
ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten
zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben, sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester
und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier ist
unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf
den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf.
"Ist es möglich, Miß? erwiderte Mary; nun das
freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
degegen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, und einer
ehrerbietigen Verbeugung, ich habe es mir gedacht, daß

Mr. Edward dies im Sinne hatte, und ich glaube, er hat
wohl daran gethan.
Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End, um das
Geschehene zu berichten und es unter dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht von meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber
ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit einer
Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten,
doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung
war, daß ich Adele in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Eine sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für
ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie
daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante mit ihr fortzusetzen. Aber dies war nur eine
schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten
fortan einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch
nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete.
Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
wo die Erziehung den Fähigkeiten unsrer kleinen Französin,
welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere
Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen,
liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die
kleinen Mühen und Verdrießlichkeiten bei ihrer Erziehung
entschädigt.
In den ersten zwei Jahren nach unsrer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und dieses Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so
vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir
schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner
Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste. Ich
meinestheils hatte einen fortdauernden Beweis seiner Liebe
in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze
Charakter ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und
Gefälligkeit von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem
angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre,
einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich
meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, eine goldene Kette!

"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That diese Farbe. Rochester sagte
mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre
der Schleier vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit.
Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich
nicht irrte.
Ich erkannte nun die Möglichkeit, daß durch die Hülfleistung geschickter Aerzte meinem theuren Gatten vielleicht seine Sehkraft wieder gegeben werden könnte. Auf meinen
Wunsch reisten wir schon am folgenden Morgen nach London,
wo durch die Untersuchung und Berathschlagung eines Collegiums von Augenärzten das Resultat sich herausstellte, daß wenn mein Gatte sich einer Augen-Operation unterzöge, die
Hoffnung, daß er seine Sehkraft wieder erlange, einige
Wahrscheinlichkeit für sich habe. Nach der Meinung der
Aerzte hatte besonders der Aufenthalt auf dem gleich nach
dem Brande bezogenen Jagdschloß (welches wegen seiner
morastigen Umgebung selbst einem Gesunden Sachtheile bringen
konnten), das Augenübel bedeutend verschlimmert. Mein Mann
unterwarf sich dieser Operation, und denken Sie sich meine
Freude und seinen Jubel, als er nach Verlauf einiger Tage,
die er in einem finsteren Zimmer hatte zubringen müssen,
mir die Mittheilung machte, daß seine Augen sich entschieden
gebessert hätten.
"Liebe Jane, sagte er zu mir, mich zärtlich umarmend, Du wirst nun hoffentlich bald keinen Blinden mehr
zu führen, sondern an der Seite Deines Dich verehrenden
Gatten alle Freuden des Lebens genießen können, und des
Glücks theilhaftig werden, welches Du so sehr verdienst.
Die Aerzte hatten es meinem Gatten entschieden verboten, wieder nach Ferndean-Manor zurückzukehren. Wir mietheten nun während des Sommers eine reizende Villa an den Ufern der Themse, wo mein Gatte sich vollständig wieder erholte und bald zum vollständigen Besitz seiner Sehkraft gelangte.
Rochester ließ das Schloß auf Thornfield-Hall wieder aufbauen, wo wir unsern gewöhnlichen Wohnsitz nahmen.
Zur Abwechselung und Erheiterung unternahmen wir während der folgenden Jahre kürzere und weitere Reisen nach Frankreich und Deutschland.
An dem Tage, an welchem man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt
groß, schwarz und feurig. Auch an diesem Tage beugte er
sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des
Allerhöchsten, welcher die Strenge seiner gerechten Strafen
immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr wenn wir in England sind, empfangen
wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir besuchen sie zur Abwechselung;
Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffizier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein
entschlossenerer und unermüdlicherer Arbeiter seinen Tag durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt.

Er hat sich nicht verheirathet und wird sich nicht verheirathen. Wie wollte er auch eine Gattin erlangen, die seinen Ansprüchen genügt und seine Mühen und Gefahren
theilte.
Jetzt, zehn Jahre nach meiner Vermählung, wo ich diese Memoiren für Sie aufgeschrieben habe, beste Freundin, besteht meine Familie aus fünf lieblichen Kindern -- drei Knaben und zwei Mädchen -- welche Rochester's Stolz und meine Freude ausmachen. Wir berathschlagen schon über die Erziehung, welche wir ihnen zu geben beabsichtigen, und ich habe wenigstens so viel erlangt, daß Rochester bei den Mädchen sich ganz meinen Anordnungen fügen will.
Adele hat einen geachteten englischen Gutsbesitzer geheirathet.

Ob ich recht glücklich geworden bin? höre ich Sie fragen -- beste Freundin. -- Ja, ich fühle mich sehr glücklich. Das Band der innigsten Liebe, welches mich mit meinem Gatten verbindet, scheint mit jedem zunehmenden Jahr sich noch fester knüpfen zu wollen.
Ein einziges Herz schlägt in unserer Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen. Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charaktere
aber ist die reinste und höchste Seligkeit.

Ihr alle aber, Leserinnen und Leser, schöpft aus meinem Leben die Beruhigung, daß das wahre Glück des Menschen nicht außer ihm, sondern in ihm liegt, daß Leiden und Verfolgungen leichter zu ertragen sind, wenn solche unverdient sind, und daß ein vorwurfsfreies Leben das höchste Gut des Menschen ist, haben wir auch mit Mühen und Beschwerden zu kämpfen. Aus dem folgenden Gedicht habe ich in Stunden der Prüfung und in Leiden, wenn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sich meiner bemächtigen wollten, großen Trost geschöpft, möge es denselben Erfolg bei Euch haben.

Weine nicht,
Wenn auch Setter schwül und dicht
Deinen Wanderpfad umgeben;
Lerne Deinen Blick erheben,
Bis die Sonn' aus Wolken bricht
Weine nicht,
Wenn Dir Hohn die Bosheit spricht!
Edelmuth und Eigenwürde
Leichtern jede Schmach und Bürde,
Und ein Gott hält einst Gericht.
Weine nicht,
Senn der Läst'rung Matter sticht!
Unschuld tilgt den Schlangengeifer;
Drum mit Deinem Tugendeifer
Weiche nie von Recht und Pflicht
Weine nicht,
Wenn der Hoffnung Anker bricht!
Mach den Sternen mußt Du streben;
Auf das Glück im Erdenleben
Thut ein weises Herz Verzicht.
Weine nicht,
Wenn kein Fleiß Dir Frucht verspricht
Nicht die Zeit kann Dir vergelten;
Schau empor in beß’re Welten,
Wo die Treue Kränze flicht
Weine nicht,
Wenn Dein Herz im Tode bricht.
Dann verbluten alle Wunden
Wenn der Geist vom Staub entbunden
Eilt zum reinen Aetherlicht!
Weine nicht!

Ende des zweiten und letzten Bandes.