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Die Waise von Lowood
Novelle nach dem Englischen von Currer Bell.
Erstes Kapitel.
Die Waise in Hause ihre Tante
Mein Leben ist so reich an merkwürdigen Schicksalen gewesen, so viel Mißgeschick und Glück, so viel Leid und Freude haben darin gewechselt, ich habe so viele Zurücksetzung erduldet und mich so mancher Anerkennung erfreut, ich bin das Opfer so vieler raffinirter Bosheit gewesen, und wenn nur das Grab als Hoffnungsanker mir übrig zu bleiben schien, so hat die Vorsehung wieder mein - Schicksal so merkwürdig gewendet, daß ich wohl voraussetzen darf, durch die Erzählung meiner Lebensschicksale manchem Unglücklichen die Thränen zu trocknen und manchen durch Neid und Mißgeschick. Niedergebeugten aufzurichten. Ihnen, verehrte Freundin, zunächst sei diese Geschichte gewidmet.
Meine Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nähmliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.
Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren
wunderschön, mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische,
Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed,
von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon einiges gesagt habe, war der
echte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig
und tyrannisch. Er glaubte seine Bosheit gegen mich um so ungestörter
entwickeln zu können, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen
Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maaße,
wo ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem
Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da
ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed, vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die
ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum,
auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir,
ohne alles Interesse sind.
Ich befand mich an einem regnerischen Nachmittage in einer
tiefen Fensternische verborgen, wo ich auf meinen gekreuzten Beinen
saß und in einem großen Buche blätterte, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die „Vögel Englands von Bowick“. Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich hertrieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
„Hierher, Schläferin!“ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte.
„Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?“ fuhr er fort. „Lizzy!
George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier .
Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige
kleine Hexe.“
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen
und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaubte, Master John,
dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen,
werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf
seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen, ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Schein kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
„Was willst Du von mir?“ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
„Was willst Du von mir, Master Reed?“ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. „So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir ,.näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.
John war damals ein plumper Bursche von etwa vierzehn Jahren, von zugleich robusten und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler
Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine
Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnte, daß er mich schlagen würde, aber ich weiß nicht, welche
geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so
heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.
„Das ist für Dein ungebürliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,“ sagte er zu mir, „und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.“
Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
„Was machtest Du dort? fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
„Ich las.“
„Zeige mir das Buch.“
Ich holte es herbei.
„Ich will Dich lehren.“ fuhr er fort in meinen Bibliotheken
herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne.
Geh dorthin, neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.
Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als
ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar,
denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte,
emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite, aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückzog, war sie mit Blut befleckt.
Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und andern, fast eben so verabscheungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:
„Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Tu gleichst einem
Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!“
Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterteihn auf's Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals: mein glühender Kopf, meine iu diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hülfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen,, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.
„Mutter, sieh nur, wie Jane mich zugerichtet hat“ --- rief John
ihr entgegen --- sie hat mich geschlagen, gekratzt und gebissen, und - -
was meinst Du, weshalb? Weil ich ihr verbot, mir meine Bücher
zu verderben.
„Der Bube hat ohne Veranlassung mich arg gemißhandelt!“ ---
wollte ich entgegnen, aber meine Stimme wurde von der meiner.
Tante übertönt.
„Wie, Du hast Dich unterstanden, Dich an meinen Sohn thätlich zu vergreifen ? Ist das der Respekt, den Du ihm schuldig bist? Ist das der Dank für die Wohlthaten, die wir Dir gewähren?“
Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.
„In die rothe Kammer!“ rief sie, „schließt sie ein und lasst sie dort!“
Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchem der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte.
Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt
worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit
meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr,
welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die wüthende Katze bändigen
sollten, die ihnen soviel zu schaffen machte. Endlich hatte die Eine
von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen
das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer
Art Freundschaft gegeben hatte.
„Wenn Sie sich noch länger sträuben, Miß,“ sagte sie zu mir,
„so müssen wir Sie binden. Miß Abbot,“ setzte sie hinzu, „leihen
Sie mir doch ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald
zerreißen.“
Miß Abbot wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln
von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte.
Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse gezwungene Ruhe gab.
„Bemühen Sie sich nicht, Miß Abbot!“ rief ich aus, „ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.“
Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.
Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nun für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörichtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen derjenigen unterwerfen müsse, die mir Brot gaben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.
Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht
vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Ge mach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahagonyfüßen ein großes Bett, mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettenschrank und die Stühle von altem, dunklen Mahagony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendendweißen Ueberzügen, und dann ein Krankenlehnstuhl, mit einem gleichen Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein „bleicher Thron“ erschien.
Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie ein Feuer angezündet wurde. Da es von die Kinderstube und der Küche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.
Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir
ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf
ging nach der Thür, die, wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben
konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkürlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Wäschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –
In diesem kleinen mageren und blassem Geschöpf, dessen scheue
Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen
Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß
Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit
dieser seltsamen Transfiguration meiner eigenen Person allein sah.
Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die
an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige
Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung
meines Herzens in mir hervorriefen.
Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der
Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlicheit, die meinen
Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.
Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die
spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen,
daß der Himmel noch fortwährend seine Schmerzensthränen vergoß,
daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich
allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir. als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des
Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. ----
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und
daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche
mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die
meiner Ohnmacht voraufgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der
gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war
keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen.
Wir geriethen noch mehrere Male in Streit miteinander und bei
jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen
ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder
Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarz gekleideter Mann
von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich
herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste
Erstaunen setzte, da es mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr
klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich
wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte
er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet,
als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus
nicht interessirten.
„Dies ist ein Beweis,“ sagte er „daß Du ein böses Herz hast.
Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit
und Dir ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines
Herzens von Stein.“
Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete
Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe,
hieß Mr. Brocklehurst. Er war der Director einer Armenschule.
Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme
in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große
Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer
der denkwürdigen Tage meines traurigen Lebens verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet hatte, ihr nie wieder den Namen „Tante“ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.
Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgültigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniedrigung bewahrt hat.
Zweites Kapitel
Die Waise in Lowood
Hatte mich Haß und Bosheit bei der Familie meines Oheims verfolgt, so waren es nun Entbehrungen aller Art, denen ich entgegen ging. Ich habe S Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Freundin, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen 8 Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen, die nämlich fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen lebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig niederholt, daß diese S Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.
Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsere Armuth bekundeten. Aber warum verweigerte
man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder
Sorgfalt, der soweit ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren,
die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit
zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger
ungesund. Aber mit den ersten schönen Tagen drangen die Fieber
und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das
mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes
Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine
fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche
man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der
Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.
Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir
treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als --
das beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher
den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den
Garten, und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen -
Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: „Rasselas“,
liebe Freundin, ja, „Rassellas, Prinz von Abyssinien!“
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir , Rasselas-- wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklären, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl
fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht wurde. Ueberhaupt
verdanke ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und
über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt; aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung
leiteten, gegen sie einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte.
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber
bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Ruhe,
derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe
hatte bringen sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende
Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzt: mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am
Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
„Ich wette“ sagte ich ohne Einleitung zu ihr, „daß Du mit dem
Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.“
„Ich?“ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen
anblickte; „ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützen, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?“
„Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich?“
„Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.“
„An Deiner Stelle würde sie mir mißfallen. Ich würde mich ihr
widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde
ich ihr den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht
zerschlagen.“
„Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es
thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber
würden sich Deine Verwandte sehr betrüben. Es ist viel besser, einen
Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung
von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme
schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu
vergelten.“
Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu
finden. Was mich besonders wunderte, war de Mangel jedes Grolls
gegen die Person, über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit
Recht zu beklagen hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen, daß
Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das
mir noch fehlte.
„Du sagst, Helene,“ fuhr ich fort, „daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.“
„Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen . . .“
„Gehässig und hartherzig!“ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.
„Uebrigens, fuhr ich ohne Ueberlegung fort, , warum bist Du
eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.“
„Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und ich habe gesehen, wie aufmerkfam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen vorlegte, hörtest Du aufmerksam zu, und warst nicht zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatherd mit mir spricht uid ich nur nach ihr hören sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr vernehme. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unseres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers gelauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.“
„Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.“
„Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl 1. die Rede, und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Seine Einsicht wurde wahrscheinlich durch seine hohe Stellung getrübt. Wenn er die Vorrechte seiner Krone hätte bei Seite lassen, und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . . . Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl . . . ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen, gemordeten König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?“
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete ohne zu ahnen.
Wir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unseres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß die Rache nicht allein ein Recht, sondern eine Pflicht sei, da sie für jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
„Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen nehmen, wenn sie gerecht ist.“
„Das ist aber gegen die Lehren der Religion,“ erwiderte Helene ruhig, „welche diese Grundsätze verwirst.“
„Verwirft? Das ist mir unbegreiflich!“
„Und zwar deshalb, weil durch Heftigkeit der Haß nicht entwaffnet
wird und die Rache eine Ungerechtigkeit nicht wieder aufhebt.“
„Auf welch' andere Weise kann denn dies geschehen?“
„Darüber eben geben die Lehren der Religion Auskunft, welche
allein vermögen, Dich dauernd z.u beglücken. In alle menschlichen Verhältnisse tief eingreifend, gebieten sie in diesem Falle: Liebet eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und
verfolgen.“
„Nach diesen Vorschriften,“ rief ich aus, „müßte ich Mistreß Reed auch lieben und dies kann ich nicht; ich müßte ihren Sohn John segnen, und dies ist unmöglich.“
Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war
ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr
zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.
Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß jener Zeit entschwunden,
die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß nur, daß ich mich während eines der schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben
erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand,
ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.
Helene war krank. Es vergingen mehrere Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mir unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse
gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple,
diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am meisten liebten,
meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte. Man
gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen
Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen
Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den
man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine, vor der Gartenthür, den Poney des Herrn Bates, unseres Arztes, stehen. Eine
von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in
der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich
achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit
aus dem Walde gebracht hatte, weil sie verwelken könnten, wenn ich
bis Morgen wartete. Die von Thränen des Abends benetzten Blumen
strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach
einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond
stieg prachtvoll in dem dunklen Blau des Osten empor, und dies Alles
brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett
liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu
können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde,
diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen zu müssen,
um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde
gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen
wollte, eilte ich auf sie zu.
„Wie geht es Helene Burns?“ fragte ich sie.
„Nicht zum Besten,“ war die einzige Antwort, die ich zuerst
erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
„Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihrer geholt worden?“
„Allerdings.“
„Und was sagt er dazu?“
„Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.“
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage,
würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt
und ich würde geglaubt haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr
geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit
meinem heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt dadurch ein
klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welcher meiner
Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden
zählen und im Begriff, nach dem geheimnißvollen Regionen entführt
zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer
Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das
liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin
sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag; aber mehr
konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten
Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es
hatte eben neun Uhr geschlagen.
Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen
konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett,
warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem
Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den
Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hin-reichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war; als ich aber an dem Krankensaale vorüber ging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich gedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.
Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte. Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.
Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden.
Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie
lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen, traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine menschliche Eestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.
Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu
einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.
Ich trat näher, und legte die Hand an den Vorhang. Ich fühlte
jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.
„Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre?“ dachte ich. „Helene
bist Du wach?“ fragte ich dann mit leiser Stimme.
Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und
ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht.
Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.
„Wie, Jane, Du bist hier?“ fragte mich Helene mit der lieblichen
Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.
„Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann
man nicht sterben,“ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das
Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre
Wange ebenfalls; ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr
Lächeln war noch das nämliche wie früher.
Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre
Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können,
ohne sie vorher einmal zu sehen.
„Nun wohl,“ entgegnete sie, „Du kommst gerade noch zur rechten
Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.“
„Du reisest also ab. Helene? Du kehrst nach Hause zurück?“
„Ja,“ erwiderte sie, „nach Hause . . . nach Hause für immer.“
Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte
mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein
heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte
Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser zu mir:
„Deine Füße sind bloß, Janne; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.“
Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
„Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Janne,“ fuhr sie nach einer
ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. „Wenn man Dir
sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der
Mühe werth. Früher oder später muß es doch dahin kommen und
die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft. Sie verschlimmert sich allmälig, fast ohne daß ich es bemerke, und läßt meine
Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern.
Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird
mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich
vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der
Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben.“
„Aber, Helene,“ fragte ich sie ängstlich, weißt Du, wohin Du
gehst?“
„Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wird. Gott ist mein Vater und mein Freund.“
„Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?“
„Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.“
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich. Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.
„Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!“ hob sie wieder an.
„Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir. Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?
„Nein,“ antwortete ich, „und kein Mensch soll mich jetzt von Dir
trennen.“
„Gute Nacht, Jane!“
„Gute Nacht, Helene!“
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte; überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, dass Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. Helene war gestorben!
So hatte denn die Vorsehung mich wieder von der einzigen
Freundin getrennt, die mir den Aufenthalt in Lowood einigermaßen
erträglich machte. Denken Sie sich meinen Schmerz! Miß Temple,
diejenige der Lehrerinnen, welche mir und Helenen noch die meiste
Theilnahme bewies, ist fast die einzigste, welche ich mit dankbarer Erinnerung aus meinem traurigen Aufenthalt in Lowood erwähnen
kann. Sechs Jahre blieb ich Schülerin in jener Anstalt und hatte
während dieser Zeit die vorhandenen Mittel zu meiner Ausbildung so
gut benutzt, daß ich die letzten zwei Jahre meines Aufenthaltes zur
Unterlehrerin avaneirte. Ich war selbst eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, was für
meine späteren Jahre die Quelle mancher Erheiterung geworden ist.
Warum sollte ich Sie, verehrte Freundin, durch Erzählung dessen
ermüden, was mir sonst in Lowood begegnet ist. Ist es mir doch fast
selbst aus dem Gedächtniß entschwunden, so eintönig und einförmig folgte ein Tag dem andern, deshalb erwähne ich nur des Ereignisses, welches zunächst mich zu dem Wunsche veranlaßte, Lowood zu verlassen.
Nachdem ich 8 Jahre daselbst zugebracht, verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, daß mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher
Aufenthalt wurde. Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für
Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation,
für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den
mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten
hatte, nichts Anderes war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple's. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen meine frommen Borsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen wie ich,
den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.
Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Trautrigkeit,
von der ich mich ergriffen fühlte, der Sehnsucht nach meiner abwesenden
Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich
selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich
den zu engen Horizont unseres Asyls nicht mehr länger ertragen konnte,
daß ich mich nach einer größeren Welt außerhalb dieses klosterähnlichen
Gefängnisses sehnte. Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre
gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen,
von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben,
und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen,
sollte ich auch darin umkommen. Aber dieser Muth schwand bald
wieder, wenn ich überdachte, daß ich möglicherweise wieder solch einem
Schicksal entgegen gehen könnte, wie ich es im Hause meiner Tante
erfahren hatte. Diese Befürchtung war es, welche meinen Aufenthalt
in Lowood verlängerte.
Als ich einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht einmal den Versuch machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.
Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkeit, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war,
und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken
concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen,
Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und
chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten
Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augen-
blick mit ihnen beschäftigt hatte. Plötzlich tauchte der Gedanke in
mir auf:
„Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?“
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende, um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehrere junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle
acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.
Mein Wunsch ging schneller in Efüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:
„Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in
dem . .. shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich
die angeführten Talente besitzt, und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer früheren Wirksamkeit beibringen kann, so wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen,
in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter 10
Jahren zu leiten hat. Der Gehalt besteht in 8 Pfund Sterling
für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen,
sowie die Namen der Personen, auf deren Empfehlung sie sich
beruft, an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in der
Grafschaft * * einsenden.“
Die Handschrift dieses Briefes war schwerfällig, altfränkisch und
zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren.
Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir
sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten
Manieren und ganz in schwarzer Seide gekleidet. Thornfield war
ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein Schloß mit kleinen Thürmen
und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen
in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort war,
der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen
vorstellen, daß von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch von Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes
Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument
bei der Vorsteherin, wenn sie es sich hätte beikommen lassen, meinem
Abgange hindernd in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht
daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person,
welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.
Meine ehrenwerthe Tante antwortete mir zwei Zeilen, „daß ich
ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer
Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheit zu mischen.“
Ich hatte also nach wenigen Tagen mit meinem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung
mich rief. In der Zwischenzeit hatte ich an Mistreß Fairfax geschrieben,
die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse
befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn meine wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt.
Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch
Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht
Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor
einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des
„Salons“ ein Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen
von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's
darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur erwähnt, um Ihnen zu
zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.
Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet
hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und zugleich der sehnlichste
Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich klingelte daher und erkundigte
mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe
von Millcote liegen sollte.
„Ich kenne diesen Ort nicht, erwiderte der Kellner, aber ich
will nachfragen.“
Nach einigen Augenblicken kam er eiligst zurück und fragte mich:
„Sind Sie vielleicht Miß Eyre?“
„Allerdings.“
„Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.“
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den
ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich.
bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers,
ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich ihn
fragte, ob Thornfield weit sei:
Ohngefähr sechs Meilen „in höchstens anderthalb Stunden sind wir dort.!“
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax
ein wenig herab. Die reiche Wittwe, die ich mir vorgestellt hatte,
sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben.
Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.
Drittes Kapitel:
Die Waise in Thornfiled-Hall
Fast ganz in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem
Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das
sich hinter uns mit Geräusch wieder schloß. Dann hielt der Wagen
am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig
dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden Fensters,
hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und
ließ mich aussteigen. Dann führte sie mich durch eine Vorhalle, auf
welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der
von einem behaglichen Feuer und mehreren Lichtern hell erleuchtet
Hier saß an einem runden Tische in einem großen Lehnstuhle
von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast ganz dem Bilde entsprechend,
das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau
von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Wittwenhaube, ein schwarzseidenes Kleid und eine weiße Musselinschürze. Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte mit lobenswerthem Fleiße; mit einem Worte, es konnte mich nichts schneller und besser beruhigen, als das
friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee
angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit
anbot, als ich gehofft hätte, fragte ich sie ganz unbefangen:
„Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben, Miß Fairfax zu sehen?“
„Wie sagen Sie, meine Liebe?“ versetzte die gute Dame. „Ich-
höre ein wenig schwer.“
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
„Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.“
„Sie ist also nicht ihre Tochter?“ fragte ich etwas verwundert.
„Nein, ich habe keine Kinder.“
Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.
Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich
selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien,
fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich
willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.
Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinem Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinem Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.
Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur
ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus, das vor einigen hundert
Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen
Hintergrunde eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehrere hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel
zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer großen Wiese nieder, die
zwischen dem Hause und einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken
verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige
einen undurchdringlichen Wald bildeten.
„Thornfield,“ dachte ich, „heißt Dornenfeld. Diese Bäume haben
der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen gegeben.“
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.
„Gefällt Ihnen Thornfield?“ fragte sie mich dann.
„Außerordentlich!“ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.
„Es ist in der That nicht übel,“ versetzte Mistreß Fairfax. „Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen, wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit lang zu bewohnen oder es wenigstens öfter zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.“
„Master Rochester?“ rief ich aus; „wen meinen Sie damit?“
„Den Besitzer von Thornfield,“ erwiderte sie mit großer Ruhe.
„Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?“
„Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehörte Ihnen.“
„Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin blos als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, daß heißt, mein Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist. Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.“
„Und das kleine Mädchen, meine Schülerin? . . . “
„Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer
Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.“
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegen kam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren, von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war. Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.
Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax m ich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen, mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: „Der Rattenbund“ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch, ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wir in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einen marmornen; Kamin und bömischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein, schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.
Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.
„Aufrichtig gesagt, Miß Eyre,“ entgegnete sie, „würde ich mir nicht aus eigenem Antriebe die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert; aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester, uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihn die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzuges unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihn diesen kleinen Verdruß zu ersparen.“
„Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?“
„Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Werth darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.“
„Ist er allgemein beliebt?“
„Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.“
„Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben
Sie Herrn Rochester?“
„Ich habe durchaus keinen Grund ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.“
„Aber sein Charakter . . .“
„Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.“
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht
behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen
betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man,
wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen
Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg, gingen wir durch
eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtigere Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still, und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Ueberraschung aus eine dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegen schallte.
Es war ein ganz eigenthümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges
Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an
Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
„Mistreß Fairfax!“ rief ich, als ich mich ein wenig von meine
Erstaunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. „Haben Sie dieses Lachen gehört?“
„Wahrscheinlich ein Bedienter, entgegnete sie leicht hingeworfen.
„Aber haben Sie es denn gehört?“
„Allerdings, ich höre es oft. . . Es wird Grace Poole sein, die
zuweilen hier oben arbeitet.“
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
„Grace!“ rief Mistreß Fairfax.
Dieser Name schien nicht im Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indeß sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Häßlichkeit, mit hochrothem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
„Grace,“ sagte Mistreß Fairfax zu diesem ganz gewöhnlich Geschöpf; „es ist zu geräuschvoll hier, Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .“
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.
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Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können, als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüth und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruß. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Thätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswerthes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demüthigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demüthigenden Loose unterworfen haben und die gleichviel bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate Oktober, November, Dezember und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Mistreß Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Mistreß Fairfax eben einen Brief beendigt,
der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren,
der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die
Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gelesen
hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden
wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei
dem schönsten Wetter; eine Einsiedlerin wie ich, konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem
Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler
darin entdecken und den sie allein wiederzugeben im Stande sind.
Wenn ich zu diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen
Pinsel eines Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum
mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchthurme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in einer Gegend, die im Sommer ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagedorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter einen Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Cypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegten sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung
ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die
herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte
die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne
Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte indeß erst die
Hälfte des Weges nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen
wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einen Schleier von
Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem
leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen
Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield
sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem
Asyle der lärmenden Krähen. Thornfield begrenzte den westlichen
Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die
untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich
noch einmal dem Rauschen eines entfernten in einer unbekannten
Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls
noch in der Ferne, aber ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches noch übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde
näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.
Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt.
So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher
das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermärchen, in denen
ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter
Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines
Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen
Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht
und ich selbst hatte mich in diesem Augenblick verspätet.
Während ich über diese phantastische Erscheinung nachsann, hörte
ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig
erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen,
dessen schwarz und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde
der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmärchen:
eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte
mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging, indem er mich kaum
eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht
mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie
begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten, und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: „Verwünschte Geschichte!“ veranlaßten, stehen zu
bleiben und mich umzusehen.
Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer;
hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.
Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine,
Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn,
herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand an-
zusprechen.
Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir
eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer
Anstrengung von den Steigbügeln und von der Last seines Pferdes
zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so
konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich
fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe.
Ich hörte seine Antwort nicht deutlich und vermuthete fast, daß
er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch
ausstieß.
„Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?“ fragte ich ihn weiter.
„Sie können mir aus dem Wege gehen,“ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.
Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: „Ruhe, Pilot!“ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären.
Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich an die
Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein,
denn ich näherte mich ihm von Neuem.
„Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hülfe
bedürfen, sagte ich zu ihm, ,so könnte ich sie Ihnen von Hay aus
oder von Thornfield-Hall zusenden.“
„Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der
Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur
den Fuß verrenkt.“
Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizonte glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir, den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur soviel
unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur
war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der
Ausdruck seiner Physiognomie ernst und streng. Besonders in diesem
Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und die
noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.
Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht
das eigentliche reife Alter erreicht hatte: man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den
zu verlangen der durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen
Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem
dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden
waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für
das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei
schädlich werden kann.
Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine
gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche
Benehmen und die verdrießliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen,
rief ich aus:
„Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen
Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie
im Stande sind, Ihr Pferd wieder zu besteigen.“
Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
„Aber mich dünkt,“ entgegnete er fast sogleich, „daß Sie jetzt zu
Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen.
Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?“
„Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus
nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach
Hay gehen, um Ihnen Hülfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies
dahin.“
„Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt
also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?“
fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das
der Mond senkrecht beleuchtete.
„Ja, mein Herr.“
„Und wem gehört dieses Haus?“
„Herrn Rochester.“
„Kennen Sie Herrn Rochester?“
„Nein, ich habe ihn nie gesehen.“
„Bewohnt er sein Haus?“
„Nein.“
„Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?“
„Dies weiß ich nicht.“
„Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind ...“
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten,
der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, daß er etwas verlegen war.
„Ich bin die Gouvernante,. sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.
„Ah so, die Gouvernante,“ versetzte er; auf Ehre, ich dachte nicht
mehr daran.“
Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte
er nochmals aufzustehen, aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen
Zügen.
„Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,“ sagte er
endlich, „Beistand für mich herbeizuholen, aber wenn Sie die Güte
haben wollten, könnten Sie selbst mich ein wenig unterstützen. Haben
Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte?
Nein . . . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu
nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?“
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben;
aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen
Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf
die Barriere und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr
feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu
bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden
stampften, was mir große Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige
Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen.
Dann lachte er laut auf.
„Ich sehe wohl,“ sagte er, „daß das Pferd nicht zu mir kommen
wird, und daß ich also versuchen muß, zu dem Pferde zu gelangen.
Haben Sie die Güte, hierher zu kommen.“
Ich gehorchte ohne den geringsten Einwand.
„Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,“ fuhr er fort, „aber die
Nothwendigkeit zwingt mich dazu, Sie selbst als Stütze zu benutzen.“
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer
dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem
Bein hüpfend, bis zu seinem Pferde, das er beim Zügel ergriff.
Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel
zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich
wie sehr ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen
hinderlich war.
„Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an
der Hecke.“
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
„Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.“
Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die
Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galapp davon
sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in
der zunehmenden Dunkelheit.
Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Zufall,
aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten
in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an
dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben die wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte mit einem, wenn nicht schönen, so doch ausdrucksvollen Gesicht. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörichten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den
in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.
Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen. Die schwere
bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und rötliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbel und die scharlachrothen Vorhänge darin glänzen; am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter
denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax. Das Feuer
brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die
gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halbgeschlossenen Augen und
das knisternde Feuer im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer,
schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem
Bytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich, daß ich mich
der Illusion völlig hingab.
„Pilot!“ rief ich. Der Hund stand auf und beroch mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein. Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte, um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuches erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
„Wem gehört dieser Hund?“ fragte ich sie.
„Dem Herrn.“
„Welchem Herrn?“
„Herrn Rochester . . . er ist eben hier angekommen.“
„Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?“
„Mistreß Fairfax sowohl als auch Miß Adele, sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt hat.“
„Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?“
„Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der
Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.“
„Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.“
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich
zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die
Ankunft ihres Freundes, Mr. Eduard Fairfax von Rochester“ an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr sicher mitbrachte. Er hatte ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme sie eine Schachtel finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.
„Dies bedeutet,“ sagte sie, „daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle. Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt, und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe ja geantwortet.
Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?“
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester
mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand
am Nachmittag nur auf, um einen Sachwalter und einige Pächter zu
empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die
Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen
konnten und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im
ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war. Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren
Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräften
zu bekämpfen gesucht hatte, ihre Freiheit geben zu müssen. Ich blieb
allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die
Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal
gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat
Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee
mit mir im Salon einzunehmen. Sie forderte mich überdies auf, ein
anderes Kleid anzuziehen, „denn,“ setzte sie hinzu, „ich kleide mich
stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.“
Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden
Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nee plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple. Dann folgte ich den Schritten her Mistreß Fairfax ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.
Viertes Kapitel.
Master Rochester
Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß ruhte auf einem
Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein ganzes Gesicht; Adele kniete
neben Pilot und spielte mit ihren kleinen Händchen in den langen
und dichten Haaren des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der
Erwähnung, daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen erkannte, wie
seine etwas offene Nase, die seiner ganzen Physiognomie einen gewissen
Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.
Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß
Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone
und ohne von der Gruppe a aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:
„Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.“
Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig, was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre
Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie tischte uns eine
Menge nichtssagender Redensarten auf, über das Uebel einer Verletzung
und die Nothwendigkeit, einen kleinen Schmerz geduldig und ruhig zu
ertragen.
„Madame, sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien.
„ich wünschte eine Tasse Thee.“
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hülfe gekommen.
„Nicht wahr, sagte sie zu ihm, „in Ihrem Koffer ist auch
Geschenk für Miß Eyre?“
,.Was schwatzest Du von Geschenken?' entgegnete Mr. Rochester
sogleich und ziemlich unsanft. „Halten Sie Geschenke für zweckmäßig?“
setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein,
besonderes Wohlwollen las.
,.Ich weiß es nicht,' erwiderte ich; „ich bin nicht an dergleichen
Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als
etwas Angenehmes zu betrachten.''
,.Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.“
Um diese keineswegs einfache Frage zu beantworten, bedurfte es
für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.“
„Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum
kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte Sie etwas von mir. Sie
machen mehr Umstände.“
„Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?“
,.Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,r erwiderte Mr. Rochester. . Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.“
„Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten
gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur einen geringen Werth in
meinen Augen haben.“
„Wirkliche“ versetzte Mr. Rochester und trank seinen Thee, ohne ein Wort weiter zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte, über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann einen Ausdruck väterlicher Ironie.
„Spielen Sie Pianoforte?“ fragte er mich zuletzt.
„Ein wenig,“ antwortete ich.
„Das versteht sich von selbst, ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer . . . ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen. Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie die Thüre offen und spielen Sie etwas.“
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
, Sie spielen allerdings nur mittelmäßig; ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.“
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.
„Diesen Morgen,“ fuhr Mr. Rochester fort, „hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?“
,.Nein gewiß nicht!' rief ich aus.
„Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.“
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
„Einen Tisch!“
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
„Nicht so,“ sagte Mr. Rochester. „Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege, ich kann es nicht leiden, daß
Köpfe dem meinigen so nahe sind.
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
„Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?“ fragte mich hierauf; „und ist diese Hand die Ihrige?“
„Ja,“ antwortete ich.
„Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .“
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet,
wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
„Aber woher nahmen sie die Originale dazu?
„Aus meinem Kopfe.“
„Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf ihren Schultern sehe?“
„Allerdings.“
Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?
„Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.“
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig: aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch so viel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Cormoran mit dunklem Gefieder und schaumbespritzten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelsteinen
das in Folge seines lebhaften Colorits scharf hervortrat. Zwischen
dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem
man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunklen Gipfel
eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige
Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem
weiten Himmelsraume von so matten und weichem Colorit, als ich
hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte
über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter
einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Winde flatterndes Haar erinnerte an die Wolken,
welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische
Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markirte den äußeren
Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze eines Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkeln Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knockige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen, ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattirt war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone
wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form
auf ewig beraubt ist.
„Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?“ fragte mich
Mr. Rochester.
,.Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich.
Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.“
,.Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigenthümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer phantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?“
„Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .“
„Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie gaben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demungeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? ... Welch' ein tiefer Sinn 1iegt in diesem feierlichen Blicke! ... Und wer hat Ihnen das Geheimniß
gelehrt, den Wind zu malen? denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraust. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.“
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte: ,.Schon neun Uhr vorüber! . .. Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen ? Bringen Sie sie sogleich zu Bet!. .. Gute Nacht, meine Damen.“
So endigte unser erster Abend.
Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehrere Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf's Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.
Die Schachtel mit den Geschenken, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehreren Tagen angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
„Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,“ sagte er dann zu mir, „und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich gesichert ist. Miß Eyre, setzte er hinzu, „rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.“
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagsessen sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothen Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.
,.Sie beobachten mich recht aufmerksam, Miß Eyre,' sagte er in
heiterem Tone, „finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?“
..Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes „Nein, mein Herr!“ entschlüpfte
mir ohne meinen Willen.
„Vortrefflich!“ rief er in dem nämlichen Tone. . Sie haben in der That etwas ganz eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten Seitenhieb rechnen.
Woher rührt dieser Contrast?“
„Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .“
.. Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so Messerschnitte auf Ihren ersten Nadelstic. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Massen seines Haares zurück.
,.Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?“
„Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidgt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?“
„Vortrefflich! wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deshalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,.—er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, --- „daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen, Verlassenen -- und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuck. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß
noch einige Hoffnung vorhanden ist?“
„Wa für eine Hoffnnng?“
„Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.“
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.
„Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,“ fuhr er fort, „und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vortheil, daß Sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Theils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.“
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgiltigkeit selbst herauszuforden. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf achten, fuhr er fort:
„Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Räthsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu errathen, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.“
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verrieth etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
„Sprechen Sie,“ wiederholte er mit Ungeduld. „Sprechen Sie, wovon Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.“
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er errieth das endlich.
„Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn
meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone
gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten
meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere
Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.'
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich beweis
ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle Fragen zu beantworten,
die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug
gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen
dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling
welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich
fühlen zu lassen.
Wir gelangten sehr bald dahin, daß wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charakter mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörichten und sinnlosen Zerstreungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen
Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu
müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den
man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie
ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir
erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er„ das Gift des Lebens - nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dezu fehle. Er wurde nach und nach immer wärmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er zu mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen
Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart
dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe
verbreite. Der Weg, den ich betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Diese Reden waren mir völlig unverständlich und die Furcht, daß
er mir das Geheimniß entdecken könnte, auf welches seine Reden anzuspielen schienen, machte es mir wünschenswwerth, dieser Entdeckung durch Aufhebung unserer Unterhaltung vorzubeugen. Ich benutzte die
Gelegenheit, als es neun Uhr schlug und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester
welcher diesmal durchaus keine so große Eile zu haben schien, dass sie
zu Bett gebracht werde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter
ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen
können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide
mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin
,.Steht mir das Kleid gut?“ rief sie, zwischen uns tretend; ,.und die schönen Schuhe ? und die seidenen Strümpfe? Ich glaube ich muß ein Wenig tanzen.“
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Kniee.
„Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!' sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: „Machte Mama es nicht auch so?
„Ganz genau so,“ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. „Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,“ sagte er hierauf zu mir; „ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.“
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen, verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörenden, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, dass er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen, nicht weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewissheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existirte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, daß von seiner herzlosen Mutter verlassen wurde.
„Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen, sagte er am Schlusse seiner Erzählung, „um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt.“ fuhr er fort, „Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich nach einer anderen Erzieherin umzusehen. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?“
„Keineswegs,“ erwiderte ich; „Adele ist weder für Ihre Fehler, noch für Ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen, jetzt aber, da ich weiß, daß sie eine von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.“
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten, über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einen ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwandlung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen.
Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes
mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren.
Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen
zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen daran finden konnte.
Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier, mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht die Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahne eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte.—
Fünftes Kapitel.
Das Geheimniss von Thornfeld-Hall.
Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche
an diesem Abende auf mich einstürmten. Sie waren viel weniger klar
und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde Ihnen
der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie
also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.
Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selbst nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.
Ich würde in diesem Augenblick viel darum gegeben haben, wenn
ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und
ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend, aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei
ängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor hinschlich. Ich fragte: Wer ist da? Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.
Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch, daß Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich, und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.
Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das
aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende des
Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses
entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte
es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Furcht,
von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr
empor und blickte mich entsetzt um, aber ich sah nichts. Nach einigen
Secunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar
diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war,
aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: „Wer ist da?“
Ein halbunterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte, welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.
„Sollte es Grace Poole gewesen sein? dachte ich bei mir, „und
sollte sie vom Teufel besessen sein?“
In meinem Zweifel schien es mir nicht unmöglich, auf der Stelle zu Mistreß Fairfay zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.
Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.
Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Secunde
befand ich mich in diesem Zimmer. Lange Flammen umzingelten das
Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen. Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.
Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum
einige verständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite
Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an
seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen
war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem
Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter
Gottes Beistand die beginnende Feuersbrunst zu löschen.
Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckte endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er sich anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nötige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihm habe ertränken wollten; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.
„Besonders aber,“ setzte er hinzu, „kommen Sie nicht unter zwei
Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges
trockenes Kleidungsstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch
halt, da ist mein Schlafrock.“
Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das
geschwärzte Bett, die ganz durchnäßten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die
Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den
nach der dritten Etage gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit
als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
„Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren? versetzte er heftig. „Lassen Sie sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht naß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunkeln lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht? ich werde bald wieder bei Ihnen sein.“
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß noch diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
„Es war ganz so wie ich dachte,“ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
„Wie meinen Sie?“
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:
„Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben?. . .“
„Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.“
„Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . .
ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.“
„Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Grace Poole, welche ganz
auf diese Art lacht, Sie ist ein wunderliches Geschöpf.“
„Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahndet haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück, setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.“
„Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,“ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.
„Wollen Sie mich denn schon verlassen?“ rief er aus, „und auf
solche Art?“
„Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .“
„Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichsten Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Freunde?... Geben Sie mir wenigstens ihre Hand.“
Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückhzuweisen, aber anstatt mir einfach die Hand zu drücken, ergriff er meine Hand und hielt sie fest.
„Sie haben mir das Leben gerettet,“ sagte er dann tief ergriffen. „Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemanden in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hatte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.“
Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.
„Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,“ erwiderte ich ihm.
„Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .“
„Ich wußte es,“ unterbrach er mich, „daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah. . . Ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .“
Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
„Nein, fuhr er dann fort, „nicht umsonst hat Ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .“
Dies sagte er auffallend rasch.
„Man spricht von natürlichen Sympathieen, setzte er hinzu, „auch von guten Genien. . . Gute Nacht denn liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!'
In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.
„Es freut mich,“ fügte er hinzu, „daß ich nicht nur gewöhnlich eingeschlafen war.“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Sie verlassen mich also?“
„Ich friere.“
„Ja es ist wahr und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Jane, gehen Sie rasch.“
Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
„Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,“ sagte ich plözlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.
Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken,
daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch' eine Nacht liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.
Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer,
wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu
bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten
dieser Nacht mittheilten.
Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.
Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?
Während ich sie betrachtete, erhob sie die Angen, bemerkte mich.
und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß
ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in
ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich,
nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.
Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner innern Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
„Guten Morgen, Grace,“ sagte ich zu ihr, „was ist denn dies
Nacht hier vorgefallen?“
„Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.“
„Eine sonderbare Geschichte,“ sagte ich halblaut, indem ich nähe zu ihr trat und sie fest anblickte. „Hat denn Mr. Rochester Niemande geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?“
Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem
Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.
„Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,“
erwiderte sie dann. „Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stöß
hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt
es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte
wetten, Sie schlafen nur mit einem Auge.“
„Ich habe nichts gehört, antwortete ich noch leiser, „als ein Gelächter, wie es wenige giebt.“
Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:
„Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während er in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.“
„Nein, ich habe nicht geträumt,“ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam
herausgefordert. Sie blickte mich abermals forschend an und fragte
„Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?“
„Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm
zu sprechen.“
„Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um
nachzusehen, was im Gange geschah?“
Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke
bei, daß sie, wenn sie ahnte, was ich wußte, woran ich war, mir
vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte
daher ein.
„Im Gegentheil,“ erwiderte ich auf ihre letzte Frage. „ich verriegelte meine Thür.“
„Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?“
„Schändliches Weib!“ dachte ich, „sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.“
Ich unterdrücke indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei,
ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
„Daran werden Sie sehr wohl thun,“ war ihre ganze Antwort.
Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte
Grace auf einem Teebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr
Stück Pudding.
„Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?“ fragte er dann.
„Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts?“
„Und Ihren Sago?“
„Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.“
Nach diesem Zwiegespräch, daß mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Räthsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermuthungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem excentrischen Mr. Rochester ein Band existire, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpe Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Häßlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfe.
Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten.
Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf
sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr
als dies.
Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen.
Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum
Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
„Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.“
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab,den ganzen Tag über, weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax servirt sei.
„Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,“ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. .“Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken, bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher . . . wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein . . . Ich denke nicht, es ist ja schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.“
„Ist Mr. Rochester nicht hier?“
„Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés -Clos zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.“
„Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?“
„Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viel schöne Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram, und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester sehr ungern.“
Blanca Ingram wohnte 10 Meilen von Thornfield-Hall. Sie war ein schönes Mädchen, welcher die Natur alle Gaben verliehen hatte, um einen Mann zu fesseln und die von den 40 Jahren des Mr. Rochester wenig erschreckt wurde, da ihr Gelegenheit gegeben war, mit Hülfe seines Vermögens als Staatsdame zu leben. Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen. hatten, die beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf, über diesen Gegenstand zu sprechen.
Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörichten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, dass ich, ein kränkliches häßliches Mädchen ohne Herkunft und ohne Reichthum, deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörichten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, nicht wieder darauf zurückzukommen und wo möglich Thornfield-Hall zu verlassen, nachdem ich ein anderes Unterkommen gefunden hätte.
Mr. Rochester blieb 14 Tage abwesend. Plötzlich erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der Mistreß Eshton die Rede war und daß Blanca Ingram dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen Preis der Welt verlassen.
Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren, das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mit den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichsten Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.
Sechstes Kapitel.
Blanca Ingram.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet, an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
„Dies ist Miß Ingram,“ sagte Mistreß Fairfax.
Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
„Wenn Mama Besuch hatte,“ sagte sie fast weinend zu mir, und
besonders Damen, so begleitete ich sie überall hin. Oft sah ich die
Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend . . . man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.“
Die Klagen Adelens, so wie die Nothwendigkeit, uns mit dem Diner zu beschäftigen, diente dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns ganz aus den Augen verloren, und ich musste meine Zuflucht zur Speisekammer nehmen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging ohne daß uns die Ehre zu Theil wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren getrennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte zu wechseln.
„Nun, wie gefällt sie Ihnen?“ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
„Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.“
„Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen. Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß er Sie und Adele nach dem Diner im Salon erwartet. Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung machen, aus Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haares in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben nichts laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlageng und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den Salon und der Vorhang Fiel wieder herab, indem er mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen hakten alle diese stolzen Damen
die nämliche vornehme und ruhige Miene, die nämliche hochmüthige
Ungezwungenheit, die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche
kalte Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen Gruß mit
einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten sich darauf, mich erstaunt
und fast verlegen anzublicken. Zwei junge Mädchen nahmen Adele in
Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zu Grunde liegen, bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem Adele den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht an allen Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung befaß als sie. Dieses Benehmen erschien mir um so herzlose, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen, gar nichts davon bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.
„Ist dies wirklich die Auserwählte Mr. Rochesters?“ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, um manchen Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden. Mr. Rochester trat zuletzt
ein, was ich bemerkte ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich,
welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten
Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in der seinigen
haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter
Stimme zu mir sprach, während sein Herz von der Freude überströmte,
daß er mir das Leben zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit
annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite
gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und
einen Blick auf ihn zu werfen.
Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für
mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet
und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die
vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.
„Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht,
sondern in dem Auge, das sie sieht. Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen,
diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf
markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene,
einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach
den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde
mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche
Schönheit würde mich so überwältigt und mit alle Macht entzogen haben,
ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben
wollen; ich hatte mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem die
ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.
Und Blanca Ingram ? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig
über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie
erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr.
Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß, was darüber gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor, etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte. Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer, ohne von Jemanden gesehen worden zu sein.
Im Corridor bemerkte ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber. --
„Wie befinden Sie sich?“ fragte er mich.
„Ganz wohl,“ erwiderte ich.
„Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet?“
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mir nicht herausnehmen.
„Ich fürchtete Sie zu stören.“
„Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?“
„Ich habe mich mit Adele beschäftigt.
„Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich . . . Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male sah. Sie haben sich doch jene Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?“
„Nicht im Entferntesten.“
„Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.“
,.Ich bin müde.“
,.Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.
,.Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.“
„Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern. Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will ich sie entschuldigen, aber ich erwarte . . . oder ich hoffe vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den Salon zu kommen, so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen . . . Gute Nacht, meine . . .“
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte sich rasch.
Der förmliche Befehl des Mr. Rochester, bei seinen Soireen zu erscheinen, war mir eben so auffallend als unerklärlich; ich würde der bloßen Einladung nur dann und wann nachgekommen sein, dem Befehle glaubte ich gehorchen zu müssen. Hatte ich sonst keinen Nutzen davon, so sammelte ich doch einige Erfahrung auf dem Gebiete der Menschenkenntniß und der geselligen Zustände.
Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach die Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt mich zu betrüben. Nicht
weil sie einen Zweifel an der bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's
mit meinem Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große
Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er diese Verbindung
beabsichtigie. Es war ganz natürlich, daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte gerade deshalb, weil er sich mit einer Andern vermählen wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln . . . weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt konnte man allerdings nicht den
kleinsten Fehler entdecken; aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und
trocken. Nichts, keimte von freien Stücken, aus dieser gänzlich
unproductiven Organisation hervor. Sie befaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen,
die sie aus Büchern gelernt hatte.
Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten. Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinlängliches Vertrauen zu Rochesters
Scharfblick, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heiratete,
sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen zu
sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften ihm convenirten,
er sich doch keineswegs über die innere Mängel seiner Braut täuschte
Konnte ich mehr verlangen und wünschen?
Diese Erkenntniß trug sehr zu meiner Beruhigung bei. Hätte sich zu der Schönheit der Miß Ingram noch geistige Vorzüge und Liebenswürdigkeit gesellt, so hätte ich bei allen Qualen unerwiderter Liebe doch meine Nebenbuhlerin achten müssen. Miß Blanca schien aber einem Charakter wie Mr. Rochester wohl Bewunderung, weniger aber Achtung oder gar Liebe einflößen zu können.
Wann ich nun Miß Ingrams Anstrengungen, Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen; wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewußten Niederlagen eitel war und daß ihr lächerlicher Eigendünkel sie immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzt, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen, zu fesseln, zu erobern, . . . so waren diese Beobachtungen eben so interessant für mich, als sie zu meiner Beruhigung beitrugen.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden sie
mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage
es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur
aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin
zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung, hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Charakters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Zeit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört, die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte, erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem seltenen Gericht, welches durch den Mangel derselben an Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist gebreitet
war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein kühner Plan beschäftigte,
eine entfernte Sorge quälte, dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen
Beobachter in die Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber
Rochester stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Das Geheimniß schien mit einer Gefahr für Rochester verknüpft zu sein und fürchtete ich auch nicht das Wesen der Gefahr zu erkennen, so beunruhigte mich um so mehr die Natur des Geheimnisses.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemanden etwas davon zu sagen, waren die Gäste vonThornfield-Hall in einer ziemlich verdrießlichen Stimmung versammelt; man wußte nicht, wozu man sich entschließen, welchen Zeitvertreib man vornehmen, welche Partie man improvisiren wollte. Plözlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.
In einem Augenblick war Alles an den Fenstern; ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm stieg aus, sobald geöffnet worden war.
Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen natürlich die Honneurs machte.
„Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,“ sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, „da mein Freund, Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen, fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.“
Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen, aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ungefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa 40 Jahre; aber welch' ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomien! Die eine war die eines gewöhnlichen „schönen Mannes,“ ohne Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andere von Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen, Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer Kleidungsstücke erkärte, in die er sich an einem schönen Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war; ich wusste bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von weiten Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und
sagte dann Mr. Eshton leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrießlichem Tone erwiderte:
„Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.“
„Was giebt es denn?“ fragten sogleich mehrere Stimmen.
„Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,“ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone, welche den Damen wahrsagen will.“
„Nun warum nicht?“ rief Blanca Ingram sogleich, die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hineinmischen wollte, sagte sie zu dieser:
„Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um diesen kleinen
Scherz; er ist nur für uns junge Mädchen.“
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende. Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester und zwei andere junge Damen folgten nacheinander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt - - unerhörte Dinge! Sie kannte sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!
Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden
jungen Männer erregt und sie wollten ebenfalls in die Bibliothek
gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissiers versah,
erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein
noch im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre
Berathungen schließen werde.
Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lange, bis sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.
Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches
festgehalten wurde. Sie las oder stellte sich als lese sie in einem kleinen
schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in’s Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
„Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage,“ fragte sie mich.
„Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt, entgegnete ich.
„Lassen Sie Ihre Hand sehen.“
„Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau, wenn ich, nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er. Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich nicht erschrecken.“
„Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich kann damit nichts anfangen.“
„Ich habe es mir gedacht,“ versetzte ich.
„Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die Augen selbst.“
Es folgten nun eben nicht Prophezeihungen, wie die Wahrsagerinnen dies gewöhnlich thun, sondern eine Reihe Sentenzen wie sie gewöhnlich in den Gesprächen vorkamen, wenn Mr. Rochester sich früher mit mir unterhalten hatte.
Als die Wahrsagerin zu Ende war, gab sie mir ihre Hand, in welcher ich zu meinem Erstaunen einen Ring des Mr. Rochester gewahrte.
„Genug des Scherzes,“ rief jetzt Mr. Rochester, indem er den Hut von sich warf und die Schnur des rothen Mantels zerriß, so dass er herabfiel. „Sie zürnen mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen so viele Thorheiten gesagt habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt.“
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß er Recht hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
„Was thun sie im Salon ?“ fragte Mr. Rochester in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklicheit zurück, und ohne sie direct zu beantworten, erwiderte ich:
„Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder hier angekommen ist?“
„Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann es sein, ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder entfernt?“
„Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten.“
„Hat er seinen Namen nicht genannt?“
„Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre, von Spansh-Town auf der Insel Jamaika.“
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
„Mason?“ wiederholte er wie ein Automat; „Mason! . . . Jamaika!. . . Jamaika! . . . Jamaika!“
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
„Fühlen Sie sich unwohl?“ fragte ich ihn.
„Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane . . . ein fürchterlicher
Schlag!'
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde umfallen.
„Stützen Sie sich auf mich,“ rief ich aus.
„Ach ja! . . - wie früher . - wie immer, nicht wahr?“
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie zitternd.
„Jane, meine liebe kleine Freundin,“ stammelte er mit bebender
Stimme und starrem Blicke, „ich möchte allein mit Ihnen auf einer
fernen Insel sein, wo ich von allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre.“
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
„Gehen Sie, Jane,“ sagte er zu mir, „gehen Sie in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie diesem . . . Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn erwarte . . . führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns dann allein.“
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
„Noch ein Wort, Jane!“ rief mir Rochester nach. „Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer nach dem andern mir in's Gesicht spukte, was würden Sie thun?“
„Was ich thun würde?“ versetzte ich, in der ersten Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
„Ja, was würden Sie thun? wiederholte Rochester.
„Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn ich die Kraft dazu hätte, erwiderte ich, während mir schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
„Wenn ich aber, fuhr er fort, , ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?“
„Ich. ich glaube nicht.“
„Sie würden also bei mir bleiben. um mich zu trösten?“
„Ja, wenn dies in meiner Macht stände.“
„Und wenn sie Sie wegen ihrer Theilnahme an meinem Unglücke
verfluchten?“
„Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies kümmern?“
„Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich aussetzen?“
„Ich würde mich demselben für jeden Freund aussetzen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente. Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran.“
„Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und thun Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.“
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umherstanden und sich unterhielten, während Jeder nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in mein Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen. Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch Rochesters Stimme unter ihnen.
„Kommen Sie mit mir, Mason,“ sagte er, „Ihr Zimmer ist dort.“ Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter. Er beruhigte mich vollkommen und ich schlief sehr bald ein.
Siebentes Kapitel.
Die geheimnissvolle Verwundung
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen, und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen überdrüssig und stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender
Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein. Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses, ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: „Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!“
„Kommt denn Niemand?“ setzte die nämliche Stimme bald hinzu. während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm, welche sich fest umschlungen hatten und einander niederzuwerfen suchten.
Endlich hörte ich noch die Worte:
„Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!“
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.
Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause? Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten im halbdunkeln Gange, der glücklicherweise hier und da vom Monde erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schon, obgleich sie,
noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.
„Wo mag nur Rochester sein?“ rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; „ich finde ihn nicht in seinem Bett.“
„Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!“ rief die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
„Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen,“ sagte Rochester in einem heiteren Tone, der mir etwas unnatürlich vorkam.
„Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie mich los. ich bin ein gefährliches Tier.“
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen
Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That „gefährlich“ war. Aber er unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
„Die ganze Sache ist nichts,“ sprach er weiter, „nichts als eine
nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume
eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat.
Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist
durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann.
Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele
voran . . . und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren.“
So nöthigte er Jedermann halb scherzend, halb unwillig in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte den über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet und auf Alles gefaßt war, setzte ich mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
„Wünscht man etwas von mir ?“ fragte ich.
„Sind Sie aufgestanden?' entgegnete die Stimme Mr. Rochesters,
die ich im Voraus vermuthet hatte.
..Ja, ich bin auf.“
„Und angekleidet?“
„So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich.“
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit einem Lichte im Corridor.
„Ich bedarf Ihres Beistandes,“ sagte er zu mir: „ kommen Sie mit mir. Beeilen Sie sich nicht, wir dürfen vor Allem Niemanden aufwecken.“
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunkeln und niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe. Hier blieb er plötzlich stehen.
„Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?“ fragte er mich.
„O ja.“
„Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen Essig?“
„Ich habe etwas in meinem Zimmer.“
„Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen Sie mir diese Gegenstände.“
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf. Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen Thüren, welche in die Dachkammer führen mußten. Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
„Können Sie den Anblick von Blut ertragen?“
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
„Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht.“
„Geben Sie mir Ihre Hand,“ versetzte er. Eine Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein.“
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: „ Es hat keine Gefahrr“, eintreten.
Das Zimmer war mir nicht fremd, denn Mistreß Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte, war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
„Jetzt hierher, Jane.“
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen waren und um welches ich herumging. Hinter demselben in einem großen Lehnstuhl saß ein Mann, den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen Fremden, Mr. Mason. Ein einziger Blick genügte mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen Seite ganz mit Blut getränkt war.
„Nehmen Sie das Licht, sagte Rochester zu mir, und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte. Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten Malen mein Riechfläschchen unter die Nase. Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen. Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie hierauf.
„Ist die Wunde gefährlich?“ fragte der Kranke mit schwacher Stimme.
„Durchaus nicht,“ erwiderte Rochester im Tone leichten Vorwurfs; „eine ganz unbedeutende Schramme. Beruhigen Sie sich also und kommen sie wieder zu sich, ich will sogleich einen Arzt holen. Morgen früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,“ setzte er hinzu, „ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit, das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riecfläschchen unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen sie mit ihm. Und Sie Henry, mache ich ebenfalls darauf aufmerksam, daß Sie sich durch Sprechen der größten Gefahr aussetzen. Wenn Sie nur den Mund öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich nicht für die Folgen.“
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer aus und schien, von diesem Augenblicke an entschlossen zu sein, sich nicht mehr zu bewegen. Es war, als hätte ihm die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten Schwamm, heftete eine Secunde lang seinen gebieterischen Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ er das Zimmter und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt, in welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie unvermuthet hervorstürzen konnte. . . . Sie werden zugeben, daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte, und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten Gesichter zuwendeten, die von dem flatternden Scheine des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen, das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde, dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, dass sich Mr. Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden Angriffen einer Art von Furie ausgesetzt ? Warum zeigte er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?
Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es erschien eine Hülfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft, immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmälig herabgebrannt
war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den
dünnen Stoff des Vorhanges den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens, und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen der nahenden Hülfe richteten meine Hoffnung wieder auf und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines Schlüssels an der Thür, das meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt hatte.
„Beeilen Sie sich, Carter,“ sagte er zu ihm, „wir haben keine
Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, um den Verband
anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte zu bringen.
,,Aber wird es sein Zustand erlauben?“
„Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen. Also eilen Sie.“
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und sagte zu ihm:
„Beruhigen Sie sich und blicken Sie uns nicht mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß nicht die geringste Gefahr vorhanden ist.“
„Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern,“ entgegnete der Arzt, „nur wäre ich gern etwas früher gekommen. Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was ist das?“ setzte er hinzu, indem er den Verwundeten näher betrachtete „das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht . . . ich sehe deutlich die Spur von Zähnen
„Sie hat mich in der That gebissen,“ erwiderte der Kranke, „sie
stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als ihr Rochester das Messer entrissen hatte.“
„Sie hätten sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,“ versetzte Rochester.
„Konnte ich es denn?“ entgegnete Mason in kläglichem Tone. „O, es war gräßlich!“ setzte er schaudernd hinzu. „Und wie hätte ich so etwas erwarten können? sie schien so ruhig zu sein.“
„Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie sich ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit, mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.“
„Ich dachte, es würde so gerade am besten sein.“
„Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch ich sehe, dass ich mich von dem Unwillen über Ihre Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen, daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon. Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf, wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen.“
„Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch an einer andern
Stelle verletzt ist . . . ebenfalls ein Biß, wie es scheint.“
„Ja,“ sagte Mason, „sie trank mein Blut, sie wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen.“
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
„Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie sollten sich gar nicht mehr daran erinnern.
„Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen.“
„Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen, wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spansh-Town sind, werden Sie nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken . . . wenn Sie es überhaupt der Mühe werth halten, noch an sie zu denken.“
„Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht je vergesse!“
„Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann, Henry ? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen . . . Jane wird uns dabei behülflich sein.“
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der That nacheinander aus den Schränken und aus seinem Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter unserm nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte
es ihm nicht gelingen, sich auf den Füßen zu erhalten. Aber Rochester
hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus einem Schubfache seines Sekretairs geholt hatte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
„Die Sache geht gut,“ sagte Rochester dann, „und nun wollen, wir Sie so geschickt als wir nur können, aus dem Hause eskamotiren; denn es ist sowohl für Sie als für jenes unglückliche Geschöpf besser, das der ganze Vorfall unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten Sie mir . . . Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter . . . öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe den Postillon verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm, daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemanden auf der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon zu benachrichtigen. !
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und während die Herren langsam hinabgingen-- denn Mason war noch außerordentlich schwach-- horchte ich aufmerksam und blickte mich überall um. Aber es rührte sich nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesem Geräusch wurde die kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen hatte, sagte Rochester:
„Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu feiner vollkommenen Genesung bei sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wie ist Ihnen jetzt, Henry?“
„Die frische Luft stärkt mich ein wenig.“
„Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab, Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl, Dick.“
„Fairfax!“ rief Mason plötzlich.
„Was giebt es noch?“
„Sorgen Sie dafür, daß sie gut gepflegt und mit aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert, damit sie nicht . . .“
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
„Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch ferner thun,“ erwiderte Rochester kurz, indem er den Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um sie zu benutzen,
liebe Freundin, hätte es einer größeren Gelassenheit und Gewandtheit
bedurft, als ich in meinem neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder
eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den ernsten Gefahren zu sprechen; in die uns ihre Anwesenheit auf, dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur, daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe. Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte, das ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern, daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester, dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften dictirte, aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch
in Thornfield-Hall befand, nur seltene und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram. fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe, sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als mein Zögling Thornfield früher oder später würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt waren.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem Ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mir dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, - als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:
„Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mizutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode mein Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame u. u.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.“
Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
„Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typus gestorben sei.“
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen die raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnte, dass sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt, mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Mann dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen ausführlich erzählt habe.
Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte, sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.
Ich bemerkte jedoch während der letzten. vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antwortete ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen Blicke, „mit dem man nicht wußte, was man machen sollte,“ wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig. daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebenden die Entfernung? was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: das die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer und Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! nie hatte ich ihn so sehr geliebt!
Achtes Kapitel.
Rochester’s Heirathsantrag.
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den
Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu
suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war,
daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten. Eine Abtheilung desselben bildete einen Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe
Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt
war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube in's Freie.
Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte
ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.
Es war dies mein Lieblingsplatz und um den schönen Abend zu
genießen, beabsichtigte ich, da eine Weile zu verbleiben. Kaum hatte
ich mich jedoch niedergesetzt, so verspürte ich den Rauch einer Cigarre,
wie Mr. Rochester sie gewöhnlich rauchte. In der That war mein Gebieter mir in den Garten gefolgt und kam gerade auf den Kastanienbaum zugegangen, unter welchem ich saß. -- Er setzte sich neben mich.
„Noch so spät im Garten, Miß Eyre?“
„Ich wollte den schönen Abend genießen.“
,,Dieser Wunsch hat auch mich in's Freie geführt.“
Das Schicklichkeitsgefühl untersagte mir, an der Seite meines
Gebieters noch länger zu verweilen. Nach einigen gewöhnlichenWorten beurlaubte ich mich, Mr. Rochester eine gute Nacht wünschend.
Aber Mr. Rochester hielt mich bei der Hand zurück.
„Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht unrecht, sich an einem
so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählt man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Mond gegenübersteht. Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so ernst und väterlich, daß er vielmehr meine eigene Verlegenheit merken mußte. Das Böse, wenn es überhaupt etwas Böses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mich lediglich in meiner Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.
,,Jane,“ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ,,im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?“
„Ganz gewiß.“
„Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angeborenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.“
„Sie irren sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.“
„Noch niehr; Sie haben, ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?“
„Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene
Weise.“
„Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn sie sich von ihnen
trennen müßten?“
„Gewiß.“
„Wie schade!' rief er mit einer Art von Seufzer. „Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Ort aufgeschlagen, wo wir die ersehnte Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.“
„Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise fortsetzen und Thornfield verlassen muß?“
„Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.“
„Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.“
„Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.“
„Sie wollen sich also vermählen?“
„So ist's. Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage Nagel auf den Kopf getroffen.“
„Und ohne Zweifel bald.“
„Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane: wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Charakter meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß
Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.“
„Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken
lassen. Einstweilen denke ich . . .“
„Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, das meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
„In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,“ fuhr Rochester fort, „wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie
sich um meinetwillen bemühen . . .“
„Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connought wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.“
„Ist es sehr weit von hier?“
„Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.“
„Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann
trennt mich das Meer . . .“
„Wovon, Jane?“
„Von England . . . von Thornfeld.“
„Nun? vollenden Sie!“
„Von Ihnen, Mr. Rochester.“
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen könnte.
,Es ist in der That warscheinlich,“ versetzte er, „daß wir uns ziemlich selten oder richtiger gesagt nie wieder sehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland: überdies, Jeane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?“
„Ohne allen Zweifel.“
„Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.“
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
„Jane, begann er nun wieder, ,es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke giebt, wo es mir scheint, als stammten wir aus einer Familie, als wären wir ein wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch,
was sage ich? ... Sie werden mich bald vergessen!“
„Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .“
„Jane,“ unterbrach er mich, „hören Sie in dem fernen Wald den lieblichen Gesang der Nachtigall?“
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den. an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
„Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?“ fragte Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all' mein Widerstand.
„Ja, rief ich aus, „ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier, wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.
„Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeite?“ fragte er mich plötzlich.
, Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.
„Unter welcher Form denn?“
„Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.“
„Meiner Braut? Wie kommen sie darauf? Ich habe keine Braut.“
„Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?“
„Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!“
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
,,Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?“
„Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.“
„Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen - und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, . . . denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.“
„Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,“ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. „So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.“
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
„Nein, sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen“ ,nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heiraten, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und die Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!“
„Nach Irland, Jane?“
, Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt was ich auf dem Herzen hatte, und werde gehen wohin man will.“
„Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.“
„Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich des Willens, um mich von Ihnen zu trennen.“
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und
blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
„Es sei denn,“ entgegnete er mir; „Ihr Wille allein mag über Ihr
Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und
Ihren Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.“
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung die ich Ihnen davon geben könnte.
„Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .“
„Und doch ist nichts ernster, als das,“ fiel er ein. „Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche soeben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.“
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume.
Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es
war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es
hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit
ernster Zärtlichkeit weinen.
„Kommen Sie an meine Seite, Jane, sagte er endlich, „dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?“
Ach! ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
„Ihre Braut steht zwischen uns,“ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und stand mit einem Schritte neben mir.
„Meine Braut ist hier!“ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. .Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?“
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
„Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand Zanhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Meine Berechnung bewährte sich als vollkommen richtig. Die Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit, die mir früher von diesen stolzen Damen erwiesen waren, hatten nicht meiner Person, sondern meinem Vermögen gegolten. Als in Folge meiner Andeutungen auf dies letztere nicht mehr zu rechnen war, trat in ihrem Benehmen gegen mich eine Veränderung ein, die sich nur wenig von Beleidigung und Haß unterschied. Die Coquette, welche Sie für meine Braut hielten, schien meine Besuche nur noch zu dulden und auf eine passende Gelegenheit zu warten, um meine Zudringlichkeit zu rügen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.“
„Ist dies wirklich wahr?“ rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; „ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.“
„Warum?“
„Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.“
„In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.“
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
„O Jane! rief er nach einer kleinen Pause, ,hören Sie auf, mich zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.“
„Sie drücken nichts aus, als eine innige Dankbarkeit, und ich sehe nicht ein . . .“
„Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.“
„Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?“
,,Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!“
„So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin werden will!“
„Dann komm an mein Herz, Jane, meine Geliebte, meine Braut und bald meine Gattin, sei Du der gute Genius, der mich durch's Leben begleitet, verdanke ich Dir doch eigentlich mein Leben, da Du mich vom Feuertode errettetest, das jene Entsetzliche . . .“
„Welches Entsezliche?“ fragte ich.
,,Es ist eine trübe Erinnerung, die sich dann und wann meiner bemächtigt.--- An Deiner Seite, liebe Jane, werden jene trüben Erinnerungen mich nicht mehr beunruhigen. An Deiner Seite, meine Jane, hoffe ich das häusliche Glück zu erringen, nach dem ich bis jetzt gestrebt habe, ohne es zu finden. Mache Du mich so glücklich, wie ich Dich zu machen beabsichtige. Mein ganzes Leben sei diesem Bestreben gewidmet!“
Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergegangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub der Lorbeerbäume bewegte. Ein Gewitter war im Anzuge und schon fing es an zu regnen.
„Wir müssen in's Haus gehen,“ sagte Rochester, , denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!“
„Und ich nicht minder!“ dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es begann in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine feuchten Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Ühr.
„Lege rasch Deine nassen Kleider ab,“ sagte Rochester zu mir, „und ehe Du gehst, noch einmal gute Nacht, mein Engel!“
Er umarmte mich mehrere Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung, vor der Macht der Elemente.
Dreimal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühle oder ängstigte.
Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in's Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserem Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinem Glücke, dass ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine „Schönheit“ sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen, sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Plänen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewilligte mir keinen Tag mehr. Neberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
„Du vergissest,“ sagte ich zu ihm, „daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; ich glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelskeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.“
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte. Dagegen berührte er eine empfänglichere Seite in mir, indem er von den Reisen sprach, die wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch einmal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?
„Außerdem will ich,“ setzte er hinzu, „daß Du noch heute Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmärchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz bestimmt versuchen.“
„Nun wohl, sagte ich lachend, mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichhheit unserer Vermögensumstände erinnern.“
„Jane, Du bist ein böses Kind!“ rief Mr. Rochester, „doch mein Wort bindet mich. die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.“
,Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzlichen Punkt befriedigt werde . . .“
Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
„Denke an Eva und Psyche,“ sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; „Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.“
„Kann ich wenigstens wissen,“ entgegnete ich, „warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebtest?“
Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.
„Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,“ erwiderte er, „daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sei wollte?“
Ich hätte auf diese seltsame Erklärung nur eine ihn verletzende Antwort geben können und schwieg daher. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfag von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung in Unkenntniß bleibt.“
„Dein Wunsch soll erfüllt werden, liebe Jane.“ -- Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr meine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.
Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann
hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um
nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht, selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
„So ist Alles vortrefflich,“ sagte sie endlich, „und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden habe, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht . . .“
„Davon wollen wir nicht mehr sprechen,“ rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, „da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.“
„Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsch gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, alsihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.“
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.
Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemüthigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.
Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber fünfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.
Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
„Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?“ fragte er mich bei unserer Ankunft.
,Nein, dafür muß ich danken.“
„Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?“
„Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .“
„Nun, willst Du mir wieder etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.“
„Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.“
„Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen ob ich sie geltend mache.
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindisch erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden, bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingiebt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte, nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine seine Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.
Deshalb, und nur deshalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte, und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen, Doch gleichviel; schon die, wenn auch noch so ungewisse Hoffnung. meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen
vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen.
Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus
dem Tone der Stimne, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Verfügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.
Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit. denn wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre es Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, oder spöttelnd, oder zerstreut stellte, um nicht zu hingebend, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.
Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung, von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Ideal geworden.
Die vier Wochen dünkten Rochester eine Ewigkeit. Fast jeden
Abend berechnete er, wie viele Tage noch bis zur Hochzeit übrig
wären. Dann und wann schien eine trübe Ahnung sich seiner zu bemächtigen und wenn ich ihn bat, mir die Befürchtung mitzutheilen,
welche ihn zu quälen schien, so antwortete er durch ein gezwungenes Lächeln; hätte ich in die Zukunft blicken können, so würde ich diese Befürchtung erkannt, und weh!-- sie nur zu sehr getheilt haben.
Neuntes Kapitel.
Die Braut am Traualtar
Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung war gekommen. Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesezte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten mein kleines Zimmer. Sie waren noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: „Mistreß Jane Rochester in London.“
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Ausbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den allzu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester erwartete mich mit Sehnsucht, umarmte und küsste mich. „Nun bist Du bald nicht mehr die elternlose Waise? – sagte er --- ,das arme, von den Launen des Schicksals und der Hartherzigkeit der Menschen herumgestoßene Mädchen, nun bist du bald mein, auf ewig meine zärtlich geliebte Gattin, die Lebensbegleiterin eines Mannes, der Deinen hohen Werth vollständig erkannt hat und der es fortan für seine Lebensaufgabe halten wird, Dich zu beglücken.“ Hierauf meinen Anzug musternd, sagte er mir allerlei Schmeichelhaftes, wovon mir unter andern noch die Worte erinnerlich sind: „Du bist schön wie eine Lilie.! Dann verließ er mich auf kurze Zeit, um der Dienerschaft mehrere Befehle zu ertheilen. „Wenn wir aus der Kirche zurückkommen, muß der Wagen in völliger Bereitschaft zur Abreise sein, die Koffer müssen aufgepackt und der Kutscher auf dem Bocke sein,“ hörte ich ihn seinen Dienern sagen.
Dann ließ Rochester ein Frühstück für mich serviren, aber es war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen.
Mistreß Fairfax erwartete uns im Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine Minute Aufenthalt gestatte, so energisch prägte sich der Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Athem war.
„Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe?“ sagte er zu mir.
„Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben, Jane, stütze Dich auf
mich.“
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche und erinnere mich besonders auch zweier Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter den Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zugingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt.
Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene
Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Messner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt, die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen sollte; dann trat er näher und
sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
„Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich seinz, in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnten, da Sie die Gewißheit haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist . . .“
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen, welches dieser feierlichen Aufforderung folgt, unterbrochen wird? Vielleicht nicht einmal in
hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen Pause fortfahren.
Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen
sich öffneten um ihn zu fragen: „Erkennst Du dieses Weib als Deine
Gattin an?“ sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
„Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.“
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick, als wäre der Boden unter seinen Füßen gewichen. Allein er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster Stimme, ohne sich umzusehen:
„Fahren Sie fort!“
Eine Totenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
„Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandtniß hat ohne mich überzeugt zu haben, daß sie von keiner ernsten Bedeutung ist.“
„Die Ceremonie kann nicht stattfinden,“ wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt, darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte.“
„Worin besteht das Hinderniß?“ fragte Mr. Wood; „ist es wirklich nicht zu beseitigen?“
„Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der Fremde, indem er einige Schritte näher trat. „Das Hinderniß besteht ganz einfach in der Existenz einer ersten Ehe! Mr. Rochester hat eine Frau, die noch am Leben ist!“
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte.
Ich blickte Rochester an, und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne Maske, seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen. Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
„Wer sind Sie?“ fragte er hierauf den Unbekannten.
„Ich heiße Briggs und bin Advokat in London.“
„Und Sie wollen mich mit dem Geschenk einer Frau beehren?“
„Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche anerkannt.“
„Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer sie ist, wie sie heißt, und wo sie wohnt?“
„Allerdings, mein Herr.“
Der Advokat zog ganz gelassen ein Blatt Papier aus seiner Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen halblauten und näselnden Stimme vorlas.
„Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft *** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft *** in England am 20. October 18. . (vor fünfzehn Jahren; mit meiner Schwester Bertha Antoinette Mason, Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu Spansh-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern der genannten Kirche. Gegenwärtig
Unterzeichnet: Richard Mason.“
„Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,“ versetzte Rochester, „so beweist sie höchstens nur, daß ich verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.“
„Vor drei Monaten war sie es noch,“ erwiderte der Advokat sogleich.
„Können Sie das beweisen?“
„Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.“
„So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!“ rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe nicht länger zu behaupten vermochte.
„Gut mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.“
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohender Ausdruck Alles befürchten ließ. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm . . . und ich glaubte diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur sagte:
„Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?“
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
„Sind Sie gewiß,“ fragte er Mason dann in sanftem Tone, „daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?“
„Lassen Sie sich nicht irre machen,“ setzte der Advokat hinzu; „sagen Sie Alles was Sie wissen.“
„Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall,“ sagte Mason mit etwas festerer Stimme. ,,Ich, ihr Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen.“
„In Thornfield-Hall?“ rief der Geistliche mit unbeschreiblichem
Erstaunen. „Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr
lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall
eine Mistreß Rochester lebt!“
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art
von verzweifeltem Lächeln. „Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen!’
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören
wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte, rief er plötzlich:
„Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der Messediener) Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.“
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und Sorglosigkeit weiter:
„Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber das Schicksal hat meine kluge Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie Leute sagen werden, am Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat und sein Client sagen die Wahrheit: ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte? Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte? . . . Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war; man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich der Gatte Bertha Mason's wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten. Was diese junge Dame betrifft, „fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, „so wußte sie von dem
Allen ebensowenig etwas, als Sie, mein lieber Wood. Sie war im Begriff in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewissenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Wittwenstandes überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.“
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
,Du kannst wieder ausspannen!“ sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; „ich reise heute nicht ab.“
Mistreß Fairfax, Adele, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
„Zurück! zurück!“ rief ihnen Rochester zu. „Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr, sie kommen fünfzehn Jahre zu spät.“
Zehntes Kapitel.
Das enthüllte Geheimnis.
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine Hand noch
immer in der seinigen haltend, und winkte den drei Herren, uns zu
folgen. Wir gingen die Treppe hinauf, bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
„Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?“ fragte Rochester
seinen Schwager in spöttischem Tone. „Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem Casserol in der Hand saß, um, Gott weiß was zu kochen. Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Art von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige, ein Geschöpf, ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab . . . dies war die rechtmäßige Gebieterin des Schlosses.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein
menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer,
jetzt aber fast grauer Haare, verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich. Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten Raubthiere nachzuahmen; kurz es war eine Hyäne in Frauengestalt.
„Nun, Mistreß Poole,“ fragte Mr. Rochester, „wie geht es hier diesen Morgen?“
„Ich danke Ihnen,-- antwortete Grace, indem sie ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; „sie brummt nur ein wenig, das ist Alles.“
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
„Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester,“ sagte Grace Poole, „bleiben Sie nicht hier.“
„Nur einige Minuten.“
„Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht . . . um des Himmels
willen, seien Sie vorsichtig!“
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
„Wer weiß?“ entgegnete Grace, ,“sie ist heimtückisch. Jedenfalls sehen sie sich vor. Jetzt!“
„Lassen Sie nur,“ sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, „sie hat hoffentlich kein Messer und ich bin auf meiner Hut.“
Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faßte ihn bei der Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen. So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, das einem Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er wollte sie nur bändigen und dies gelang ihm auch.
Als diese Operation beendigt war, wandte er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
„Dies ist meine Frau dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und hier ist Die,“ setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, ,“deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen reinen Züge mit jenem abschreckendem Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmigen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namen der Religion, und Sie, Herr Advokat, im Namen des Gesetzes auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.“
Wir ließen uns dies nicht zweimal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben. Die Herren entfernten sich und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben hatte. Schwach und erschöpft sank ich auf einen Stuhl.
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und zu dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Was Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte. Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte.
Von dem Wechsel der Ereignisse dieses Tages niedergeschlagen und ermattet, schlief ich endlich auf meinem Stuhle ein. Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich die Augen wieder und stand auf, um mein Platz zu verändern. Die Nothwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir als eine gebieterische Pflicht.
Ich ging langsam nach der Thür, schob den Riegel zurück und
trat in den Korridor hinaus; aber bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuß an einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen, aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines Zimmers sitzend, erwartete.
„Endlich!“ sagte er zu mir; ,ich wartete hier, bis Du aus Deinem Zimmer kommen würdest; und wußte nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn sie noch länger gedauert hätte, so würde ich es nicht länger ertragen und diese verwünschte Thür eingeschlagen haben. Warum hat meine Jane allein weinen wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen . . . Wie Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich? Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Wirst Du mir nie vergeben?“
„Wie thöricht bin ich!“ fuhr Rochester fort, als ich nicht sogleich antwortete. „Sie glaubt, ich bin verheirathet . . . muß ich sie nicht zuerst enttäuschen? Wenn sie Alles weiß, was ich weiß, dann wird sie auch denken wie ich. Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit anhören können?“
„Stunden lang, wenn es sein muß.“
„O, ich bedarf nur einige Minuten. So höre denn, meine Jane. Um meinem älteren Bruder alle Familienbesitzungen zu sichern, so daß der Glanz der Rochester durch ihn repräsentirt würde, und um mich möglichst zu entschädigen, waren alle Bestrebungen meines Vaters darauf gerichtet, mich mit einem möglichst reichen Mädchen zu verheirathen. Ein weitläuftiger Bekannter meines Vaters, Mr. Mason auf Jamaika, gab seiner Tochter Bertha fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgabe. Dieser Umstand entschied über mein Schicksal. Als ich die Universität verließ, wurde ich nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, ich werde eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen Erbin, denen der Name Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen Mann zu fesseln. Meine Sinne, mein Stolz und mein jugendlicher Ehrgeiz wurde zu gleicher Zeit angeregt. Ich sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze des Reichthums und der Schönheit strahlte.
Durch tausend wohlberechnete Kunstgriffe bethört, und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze Schönheit überhäuft wurde, heirathete ich sie, ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, welches lebhafte Blut, welche verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man mich von der Existenz meiner Schwiegermutter unterrichtete, die sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden meine Illusionen bald gestört. Wenige Tage waren hinreichend, damit ich zu meinem tiefen Schmerz die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die ich zur Gefährtin meines Lebens erwählt hatte. Ich fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen zeigten mir die Zukunft in der drohendsten Gestalt und meine neue Familie als unwürdig meiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein. Ich kämpfte vier Jahre lang, indem ich meinen tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen und die zügellosen, entehrenden Neigungen meiner unwürdigen Gattin zu verändern oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ungeachtet aller meiner Anstrengungen entwickelten sich die Laster dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit. Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte
daran denken, sich von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und ich Unglücklicher sah mich einem Schicksal preisgegeben, das mir die Habsucht meiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und meine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Ich hätte die Wahnsinnige ihrem Schicksal überlassen und von Jamaika fliehen können, aber mein Stolz empörte sich gegen eine so feige Durchhauung des Knotens. Unschlüssig, was ich beginnen sollte, überließ ich mich ganz meinem Kummer, welcher von Verzweiflung nur wenig verschieden war. Meinen Vater hatte ich schon frühe verloren und aus einem um jene Zeit anlangenden schwarz gesiegelten Brief erhielt ich auch noch die Nachricht, daß mein Bruder mit dem Tode abgegangen sei. So fielen denn alle väterlichen Besitzungen mir zu, und dennoch bei allen Reichthümern, deren Besitzer ich nun wurde, wer war unglücklicher als ich?“
Rochester erzählte mir nun weiter, wie er nach Regelung seiner
Erbangelegenheiten den Entschluß faßte, durch weite Reisen den Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub. Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mir zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:
„Jane, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte,
sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige!“
„Herr Rochester,“ erwiderte ich, „ich werde nie die Ihrige!“
Es erfolgte eine lange Pause.
„Jane,“ hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach, und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam mir vor, wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen, ,Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.“
,Allerdings will ich dies.“
„Jane, versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinen Armen umschlang, „willst Du es auch jetzt noch?“
„Ja.“
„Und jetzt? . . .“ Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
„Ich will es!“ rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen, jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
„Einen Augenblick, Jane! Stelle Dir das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu leben, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige?“
„Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst leben werde! auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden werden.“
„Du willst also nicht nachgeben?“
„Nein.“
„Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe und mit Fluch beladen sterbe.“
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fernrollender Donner.
„Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben, und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben. Ueberdies werden Sie mich vergessen . . .“
„Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich lüge, und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich. Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten . . .“
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
„Du gehst, Jane?“
„Ja, ich gehe.“
„Du willst mich verlassen.“
„Ich muß es.“
„Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht meine Stütze und mein Trost sein?. . . Alle meine Liebe, all' mein verzweifeltes Flehen vermag nichts über Dich? . . .“
Ich will es nicht versuchen, Ihnen den ergreifenden und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in seinem Munde hatten.
Aber Sie werden ermessen können, welches Muthes es bedurfte, um
in festem Tone zu wiederholen: „Ich muß gehen!“
,Jane!“
Ich blieb stehen.
So geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich, daß Du mich hier allein und elend zurücklässest. Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden an Deinem Geiste vorüberziehen . . . denke an mich !“
Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit von Schluchzen erstickter Stimme:
„O, Jane, meine Hoffnung . . . meine Liebe . . . meine Leben!“
Dann entschlüpfte seinen Lippen ein tiefer Seufzer.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend sein schönes Haar.
„Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter, sagte ich zu ihm, „möge er Sie vor jeder Sünde und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und trösten und Ihnen alles Gute vergelten, daß Sie an mir gethan haben.“
„Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn für mich gewesen,“ antwortete er, „ohne diese Liebe bleibt mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut um sie mir versagen . . . ja, ich weiß es, ich besitze diese Liebe schon . . .“
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus . . . Aber ich täuschte seine Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ ich das Zimmer.
„Lebe wohl!“ rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn so allein zurückließ. Und tausend Stimmen wiederholten in meinem Innern:
„Lebe wohl auf ewig !“
11. Kapitel.
Die Flucht der Waise.
Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen würde; aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich den Kopf auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor Tagesanbruch und im Juli sind die Nächte bekanntlich nicht lang.
„Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht früh genug beginnen,“ sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen, der Versuchung zu entfliehen, die noch auf mich einstürmte. Ich stand daher auf und meine Toilette war bald beendigt, denn als ich mich auf mein Bett geworfen, hatte ich nur meine Fußbekleidung abgelegt. Dann suchte ich im Dunkeln in meiner Kommode ein wenig Wäsche, eine Agraffe und einen Ring. Dabei begegneten meine Hände den Perlen eines prachtvollen Kollier, das Mr. Rochester einige Tage vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der chimärischen Braut, die wie ein Traum verschwunden war. Aus dem Uebrigen machte ich ein kleines Paket und nahm meine Geldbörse, welche zwanzig Schillinge, mein ganzes Vermögen, enthielt. Dann setzte
ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und indem ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig in den Korridor.
„Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax!“ flüsterte ich, als ich bei ihrer Tür vorüberging. „Lebe wohl, liebliche Adele!'“ sagte ich mit einem Blicke nach der Kinderstube, denn ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind noch einmal zu umarmen, da ich ein feines Ohr täuschen mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser Schwelle stand, die mein Geist so oft überschritten hatte, stockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere Male glaubte ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu vernehmen. Und dort, hinter dieser schwachen Tür erwartete mich himmlische Seligkeit. . . . wenigstens für einige flüchtige Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfachen Worte zu sagen: „Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie bis zum Tode lieben, bis zum Tode will ich Ihre treue Gefährtin sein,“ -- und eine Quelle der höchsten Wonne hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.
Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Dieser Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte nicht schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich war fort. Er ließ mich überall suchen . . . vergebens! Er sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, teure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Türklinke. . . . Aber ich zog sie wieder zurück und entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden hatte, wurde mir alles
Uebrige leicht. Mein Plan war im voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel zu einer kleinen Hintertür und nahm ein Fläschchen mit Oel und eine Feder mit, um den Schlüssel und das Schloß einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verraten konnte. Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein wenig Brot und trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich lange würde zu Fuß gehen müssen und fürchtete, meine so heftig er schütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines Planes nicht ausreichen. Dies alles geschah ohne das leiseste Geräusch. Ich öffnete die Haustür und verschloß sie wieder. Die Torwege waren verschlosse, aber ich wußte, daß eine kleine Nebentür in einem derselben nur von
innen verriegelt war. Durch diese Tür trat ich ins Freie.
Eine Meile von Thornfield gelangt man auf Feldwegen an eine Straße, welche nach einer, Millcote entgegengesetzten Richtung führte. Ich war noch nie auf derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der mir eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen könnte. Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir die geringste Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick rückwärts oder vorwärts, in die Vergangenheit oder Zukunft zu werfen . . in die süße heitere Vergangenheit, und in die dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis die Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß die Sonne an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte Erinnerung habe ich nur davon, daß der Tau bald durch meine dünnen Schuhe drang und meine Füße kältete. Alles Uebrige um mich her existierte nicht für mich. Der Verurteilte, welch
dem Tode entgegengeht, sieht die Blumen am Wege nicht, die ihm zulächeln. Er denkt nur an den Henkerblock, an das Beil, an den letzten Sprung des abgeschlagenen Kopfes und an den dunklen Abgrund, der ihn empfängt. Ich sah nichts vor mir, als eine ewige Trennung, eine öde Wüste, die ich von nun an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz, den ich diesem Manne als Vergeltung für seine aufopfernde Liebe bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens bedurft, denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der Verlassenheit zu ersparen, um ihn von dem moralischen Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser Art von Verrat, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mit Widerhaken versehene Pfeil, den ich vergebens aus meiner Wunde zu reißen versuchte; es war der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet; es war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche der Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt und verabscheut.
Das ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes, der sich meines festen Willens auf dem rechten Wege zu bleiben, annahm und mir verbot, nach Thornfield zurückzukehren; denn ich erinnere mich, daß ich weinte, als ich mich immer weiter entfernte, und doch schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über die unwiderstehliche Gewalt erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung, die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen und drückte mein Gesicht in den betauten Rasen, dessen frische Feuchtigkeit allein mich hinderte, das Bewußtsein gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten fühlte ich mich wieder etwas gestärkt. Ich
konnte mich auf den Händen und Knien ein Stück weiter schleppen, dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in der Ferne erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das Geräusch eines Wagens vernahm und die Diligence herankommen sah. Ich blieb stehen, winkte dem Kondukteur anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo Mr. Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte. Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig Schilling. Ich bot dem Kondukteur zwanzig, indem ich ihm sagte, daß ich nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr, so nahm er das Gebot an und erlaubte mir sogar aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des Wagen einzunehmen. Ich stieg ein, die Tür wurde zugeworfen und als der Wagen fortrollte, fühlte ich, daß alles zu Ende war.
Sie, teure Freundin, sind geschützt gegen diese Leiden, von denen Sie gewiß nie betroffen worden sind, Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn sie dass Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten ihre Augen niemals die bitteren und heißen Tränen zu vergießen nötig haben, die aus einem gebrochenen Herzen kommen! Möchte sie nie die Ursache haben, für den Mann, den sie mit aller Kraft ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und der Verzweiflung zu werden.
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der Kondukteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge weit genug gefahren habe, und hieß mich ganz wieder mein Vermuten am Eingange eines Dorfes, Namens Whitcroß, aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte, aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein kleines Paket vergaß, das ich bei meiner Flucht von Thornfield mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit bemerkte, hatte die Diligence einen Vorsprung von wenigstens einer Meile gewonnen. Es blieb mir daher nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir diese Vervollständigung meines Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen Namen mehr oder weniger verdienen, und von denen die nächste zehn Meilen entfernt ist. Daher sind sie auch nicht frequent und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer in der ganzen Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus mir werden sollte, damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser der Straßen zu betrachten, die sich in unabsehbare Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, vor dem ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich hatte keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken konnte, mich in ein Gespräch mit Gleichgiltigen einzulassen, von denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung, noch wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das mir bis an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande der Sümpfe hielt, und gelang nach einigen Augenblicken an einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel einen Endpunkt dieses grünen Tals bezeichnete. Die Sonne war noch lästig, hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt. Ich setzte mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal zu erschrecken, so oft der Wind das Gestrüpp
bewegte und mich die Annäherung eines entlaufenen Stieres oder eines Wilddiebes befürchten ließ. Meine Besorgnisse wurden jedoch durch nichts gerechtfertigt, so daß ich mich endlich beruhigte und über meine Tage nachdenken konnte, welche keineswegs tröstlich war.
Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen Ausdrücken sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich nicht bezahlen konnte? Sollte ich mich einer fast gewissen abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß ich um mich blickte und mich fragte, ob mir die gütige Mutter Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht hoffen durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt und das ich mir für einige Scheidemünzen, den Rest meiner Barschaft, gekauft hatte.
Ich pflückte einige Brombeeren, welche hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten, und dieses kärgliche Mahl beschwichtigte wenigstens zum Teil meinen Hunger. Nachdem ich sodann mein Abendgebet gesprochen, streckte ich mich auf mein Lager, das auf dem üppig wuchernden Heidekraute ganz erträglich war. Mein doppelt zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der Nacht, welche übrigens, besonders im Anfange, durchaus nicht empfindlich war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges Hindernis für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte; aber ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger durch den Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels wurde, machte mich endlich etwas ruhiger und ich schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete mich das Elend wie ein bleiches, nacktes Gespenst, das neben mir saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete jetzt das Los der Biene, die ich um den Blumenkelh schwärmen sah, aus dem sie ihre Nahrung sog, oder der Eidechse, welche munter aus den Spalten des Gesteins hervorschlüpfte. Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer nicht gefallen hatte, mich während dieses Schlummers, in dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden gefunden hatte, von der Welt abzurufen. Da er mich aber am Leben gelassen, so mußte ich auf die Mittel denken, die Last meiner Trübsal weiter zu tragen und meine Aufgabe zu vollenden. Ich brach daher wieder auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die Richtung der Sonne, deren Strahlen ich möglichst zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, so lange meine Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß ich dahin ging, wohin Gott mich rief. Als ich einen Augenblick stehen blieb, um Atem zu schöpfen, vernahm ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich
blickte nach der Gegend, woher das Läuten kam, bemerkte hinter den Bäumen halb verborgen das Dach einer Kirche. Zu gleicher Zeit sah ich auf dem Wege, den ich gekommen war, einen mit Ochsen bespannten schweren Karren. So erschienen mir das Gebet und die Arbeit, als die beiden großen Heilmittel aller Uebel des Lebens zusammen vereinigt. Ich nahm diese sinnbildliche lehre an und schritt gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand. Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes für mich sein würde, wenn ich vor Hunger auf der Straße dieses Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher fragte ich mich sogleich, ob ich nichts bei mir
hätte, wofür ich einige von diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte nichts als das seidene Tuch, das ich um den Hals trug, und meine Handschuhe. Aber wie sollte ich diesen Täusch anbieten, und mußte ich nicht erwarten, daß er mir abgeschlagen wurde?
„Gleichviel,“ sagte ich zu mir selbst, ,ich will es versuchen.”
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin befand, kam mir sogleich entgegen und fragte mit aller Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch machen zu können schien, was ich wünschte. Diese unpassende Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr für möglich, meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit, um die Erlaubnis zu bitten, mich einen Augenblick setzen zu dürfen, indem ich mich mit einer außerordentlichen Ermüdung entschuldigte.
Verdrießlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen, indem sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich mich niederließ. Bald traten mir die Tränen in die Augen; da ich aber fühlte, wie wenig sie hier an ihrem Platze sein würden, unterdrückte ich sie so gut ich konnte, und fragte die Frau nur, ob sich im Dorfe eine
Kleidermacherin oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.
Welches war der Erwerbszweig, der am Orte am häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?
Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Jein, nur Männer konnten diese Beschäftigung treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, andere jenes. „Man sucht sich etwas zu verdienen, wie man kann,“ setzte die Frau hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und wie konnte es anders sein? Welches Recht hatte ich, ihre Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand sich eine Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah, daß mein Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden Seiten jedes Haus und jede Tür, ohne einen Vorwand zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. So streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke am Rande eines
Grabens niederzusetzen. Ich mußte indessen meine Nachforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den übrigen abgesondert stehendes Haus, das sauberer war und einen schönen Garten hatte, der in seinem vollen Blumenschmucke glänzte. Die Tür war schneeweiß und der messingene Hammer blitzte in der Sonne. Dieses wohlhabende Aeußere zog mich an und ich klopfte an die Tür, ohne noch zu wissen, wie ich die Teilnahme der Bewohner dieses freundlichen Tandhauses erwecken könnte.
Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir. Mit schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur von einem hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
„Nein,“ antwortete sie mir, „wir haben gar keine Dienstleute.“
„Könnten Sie mir vielleicht sagen,” fuhr ich fort, „auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle finden könnte? Ich bin fremd und kenne niemanden. Ich wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.“
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten, das an und für sich schon sonderbar war und das meinem Benehmen einen verdächtigen Antrieb gab? Die junge Frau erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste Teilhahme, daß sie mir keine Auskunft darüber geben könne. Und die weiße Tür wurde wieder verschlossen, denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das Dorf zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer Entfernung ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler Schatten mich anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so matt und so hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkürlich in der Nähe menschlicher Wohnungen festhielt. Ich
ging daher wieder nach dem Dorfe zu, um mich abermals zu entfernen, indem ich bald einem Gefühle von Stolz, bald der gebieterischen Notwendigkeit gehorchte, die mich mit ihren unbarmherzigen Klauen zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte. Ich kam sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich, sich zuerst an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit, wenden müßten, und daß sie ein gewisses Recht auf seinen Beistand hätten.
Ich faßte daher wieder einigen Mut, und indem ich alle meine moralische Kraft zusammennahm, klopfte ich leise, nicht an die Haupttür, sondern an die der Küche. Eine alte Frau erschien, welche mir kurz und trocken auf meine Fragen antwortete.
„Ist hier nicht die Pfarrerwohnung?“
„Ja.“
„Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?“
„Nein.“
„Wird er bald nach Hause kommen?“
„Er ist verreist.“
„Verreist! . . . weit von hier ?“
„Nicht sehr weit; ungefähr drei Meilen. Er wird in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.“
„Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen ?“
„ Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die Wirtschaft.”
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin, so würden Sie erkannt haben, daß von ihr keine christliche Milde zu hoffen war. Zum Betteln aber konnte ich mich noch nicht entschließen; ich schleppte mich daher aus dem Hause, so gut ich konnte.
mußte indessen entweder ein Stück Brot finden, oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen. Ich dachte von neuem an mein Halstuch, und kehrte nach dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich schon gesprochen habe. Die Bäckerin war nicht allein; dennoch trat ich ein und bat sie, mir ein Brötchen für das seidene Tuch zu geben. Sie blickte mich staunend an und erwiderte in einem argwöhnischen Tone:
„Auf einen solchen Handel lassen wir uns nicht ein.”
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr das Tuch für ein Brot zu überlassen. Sie weigerte sich entschiedener als vorher. Konnte sie wissen, wie ich zu diesem Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelheiten Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie Ihnen erzähle, finde ich selbst noch einen Teil von dem Abscheu und der Demütigung in meinem Herzen, welche ich damals empfand. Ich will daher Ihre Qual und auch die meinige abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen kleinen Pachthof, dessen Eigentümer vor der Tür saß und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
„Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück von Ihrem Brote zu geben? Ich kann mich vor Hunger kaum noch auf den Füßen erhalten.“
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch heute mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin, sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten hielt, die plötzlich Verlangen nach einem Stück trockenen Brotes fühlte.
Wie dem auch sein möge, ich entfernte mich von dem Pachthofe und sobald mich der Mann nicht mehr sehen konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot zu essen.
Die Nacht kam heran, und ich hatte kein Obdach. Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt hatte. Allein diese zweite Nacht war nicht so still und warm als die erste. Der Erdboden war feucht und die Luft kühl. Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänge vorüberkommen und da ich fürchtete von ihnen gesehen zu werden, veränderte ich meinen Zufluchtsort. Gegen Morgen fing es an zu regnen, und mit kurzen Unterbrechungen regnete es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung. Wie gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern quälte mich der Hunger.
Es ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt und irre scheu und durchnäßt in der schmutzigen Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr, aber vom Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche es mir unmöglich machten, auf einer Stelle zu bleiben. Ein Licht, das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog meinen Blick auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes. Ich komme an ein langes, niedriges Haus, an dem ein einziges Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen Blick hinein und sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit nach zu urteilen, Schwestern am Kamin sitzen und lesen. Neben ihnen strickt eine alte Dienerin. Die jungen Damen sind ganz in Trauer gekleidet; aus einigen Bruchstücken ihres Gesprächs, welche ich durch die Fenster vernahm, erfuhr ich, daß ihr Vater vor kurzem gestorben war, und daß sie diesen Abend die Zurückunft ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Tür. Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick malte sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren Gesichtszügen.
„Was wollen Sie? woher kommen Sie?“ fragte sie mich.
„Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen kann.”
„Hier haben Sie einen Penny, damit Sie sich Brot kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht für eine Landstreicherin.”
„Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.”
„Wo denken Sie hin? . . . ich sollte sie mit einem Weibe sprechen, welche des Nachts und bei einem solchen Wetter im Freien umherläuft; Nehmen Sie Ihren Penny und gehen Sie.”
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die Tür wieder zu.
„Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein!” rief ich aus; „wenn mich abweisen, so ist es um mich geschehen!”
„Schon gut, schon gut! erzählen Sie andern Ihre schönen Geschichtchen. Sie würden nicht so viel Lärm machen, wenn Sie das wären, wofür Sie sich ausgeben wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn und einen Kettenhund haben.”
Nach diesen Worten wurde die Tür mit großem Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war vernichtet. Weiter gehen konnte ich nicht, denn ich hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegssen und meine Kräfte waren gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir neue Tränen aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände und fiel auf die feuchten Stufen vor der Haustür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Mut hatte mich verlassen. Mit einem letzten Schimmer des Vertrauens flüsterte ich indessen noch die Worte vor mir hin:
„Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen, als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir seinen Willen kund gibt.”
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück und bot alle Energie meines Wissens auf, um ihm Schweigen zu gebieten
12. Kapitel.
Die Rettung der Waise.
„Jedes Geschöpf muß sterben,” sagte plötzlich eine ernste Stimme, welche zwei Schritte von mir aus der Dunkelheit kam; ,aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurteilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben, wie der, welcher dich erwartet, wenn dir nicht geholfen wird.”
Eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor, näherte sich der Tür und klopfte mehrere Male mit dem Hammer an.
„Sind Sie es, Mr. Saint-John?“ rief die Stimme der alten Magd im Innern.
„Ich bin es; öffne sogleich.“
Die Alte gehorchte. „Da ist die Landstreicherin noch,“ rief sie, als sie mich erblickte. Allein der Hausherr gebot ihr alsbald Stillschweigen.
„Du tatest deine Pflicht,“ sagte er, ,indem du dieses Weib abwiesest,
ich tue die meinige, wenn ich sie eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie ins Haus; ich will die Sache aufklären.“
Ich zitterte heftig und war kaum imstande zu gehen, so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte. Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren Elends und meines unordentlichen Anzugs nur um so peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher an der einen Seite des Herdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte, daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften, und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich durch ihre stockenden Atemzüge verriet, hielt mir eine Tasse mit Milch an den Mund, in welche sie einige Semmelschnitte getan hat.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir die Tasse aus der Hand.
„O, warum tust du das, lieber Bruder!“ rief die ältere von den beiden Mädchen.
„Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden tut.“
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er mich nach meinem Namen.
„Ich heiße Jane Elleot,'' antwortete ich, denn ich hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren Namen zu verschweigen.
„Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären Sie Ihre gegenwärtige Lage?“
„Ich wollte auf keiner dieser Fragen antworten, denn als ich mich unter einem gastlichen Dache und unter Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen, man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
„Ich kann Ihnen diesen Abend nichts näheres mitteilen, mein Herr.“
„Was erwarten Sie dann von mir?“ entgegnete er mit eigener Strenge.
„Nichts,“ antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
„Sie glauben doch nicht,“ rief diejenige von den beiden Schwestern, welche er mit dem Namen Diana bezeichnet hatte, „daß wir es bei dem, was wir getan haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und bei einem solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?“
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle Wohlwollen dieser
jungen Dame rechnen konnte.
„Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung,'' erwiderte ich lächelnd. „Tun Sie mit mir was Sie wollen, aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich entsetzlich an.“
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer, um sich zu beratschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück, doch weiß ich nicht mehr, welche es war, da ich infolge der Hitze an dem Feuerherde die Besinnung zu verlieren begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte, eine Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in ein wohlerwärmtes Bett
legte. Schon halb bewußtlos, dankte ich Gott und meinen Wohltätern, dann fiel ich in eine Lethargie, aus der ich nicht so bald wieder erwachen sollte.
Sie dauerte drei Tage, während deren ich mich weder bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wußte ich ziemlich genau, was um mich her vorging und merkte, daß ich der Gegenstand der Teilnahme der Hausbewohner bildete und mich ihrer Fürsorge erfreute. Bei Diana schien sie mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung gemäßigt und bei Mr. Saint-John
war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche Folge ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den sie mir hatte zuteil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen. Aengstlich blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine beschmutzten und von Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und ich sah mit inniger Freude, daß meine vortrefflichen Wirtinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand zu setzen. Sie hatten zu diesem Zwecke weder Bürsten, noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand ich in meinem Zimmer alle zur Toilette unentbehrlichen Gegen-stände, und es gelang mir allerdings nicht ohne Mühe und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz anderen Gestalt und ich bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigen Haltung, welche die alte Hannah vielleicht wider ihren Willen annahm, als ich unvermutet in die Küche trat.
„O, wie haben Sie sich verändert, Demoiselle,“ sagte Hannah, „heute sehen Sie ganz anders aus als an jenem Abend, wie Sie zuerst um ein Machtquartier ansprachen. Hätten Sie damals so ausgesehen wie heute, dann würde ich kein Bedenken getragen haben, Ihnen zu öffnen, aber nehmen Sie mir es nicht übel, an jenem Abend sahen Sie wie eine Landstreicherin, eine Bettlerin, wenn nicht als etwas noch Schlimmeres aus.“
„Ich bin ebenso wenig eine Bettlerin als Sie und Ihre Gebieterin,“ entgegnete ich ihr in nachdrücklichem Tone.
„Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch Geld.“
„Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben, ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.“
Ich sagte ihr dann offen meine Meinung über die Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst einem verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr Unrecht ein, entschuldigte sich nach besten Kräften und bat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte mir, sie werde nie dulden, daß ich mich in der Küche aufhielte. Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo mich Saint-John als Oberhaupt der Famllie von neuem fragte, wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich gestand ihm, dass Jane Elleot nicht mein wirklicher Name sei, daß mich aber triftige Gründe auch hinderten, ihm das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen Abriß meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs irgend ein Fehler oder Vergehen, dessen ich mich schämen müßte, mich in die Notwendigkeit versetzt habe, fremde Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend, denn Mr. Saint-John, der mich mit der ganzen Strenge eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit eines Geistlichen anhörte, nahm mich zuletzt für das, wofür ich mich ausgab und versprach mir auf meine wiederholten Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behilflich zu sein.
„Vor der Hand,“ sagte die liebenswürdige Diana Rivers, „dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine Schwester und ich sind beide Gouvernanten, wie Sie es noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur einige Wochen hier infolge des Todes unseres Vaters. Nach Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John nach Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer rufen. Bis dahin wird er sich, wie
Sie gehört haben, nach Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. Vergessen Sie also für kurze Zeit alle Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsere Wohltaten, wie Sie sie nennen, in keiner Hinsicht drückend erscheinen werden.“
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese hochherzigen Worte nur mit Tränen antworten konnte. Ueberdies ließ mich auch Saint-John nicht Zeit dazu.
„Sie sehen,“ sagte er zu mir, ,daß es meinen Schwestern Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden, einen armen Vogel zu pflegen, der sich vor Kälte und Hunger getrieben, hierher geflüchtet hätte. Ich meinesteils gebe Ihnen nochmals die Versicherung, daß ich alles Mögliche tun werde, um Sie in den Stand zu setzen, sich durch eigene Tätigkeit Ihren Lebensunterhalt verdienen zu können; aber vergessen Sie nicht, daß ich nur der arme Pfarrer einer sehr armen Gemeinde bin. Erwarten Sie also nur, einen sehr beschränkten Beistand von mir und wenn Ihnen der bescheidene Wirkungskreis, den ich Ihnen verschaffen könnte, zu gering scheinen sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine kräftigere Unterstützung zu suchen.“
„Alles, was ein Mädchen tun kann, ohne sich zu erniedrigen,“ entgegnete ich, „werde ich mit Freuden tun, um selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.“
„Es ist gut,“ versetzte er kalt; dann nahm er seine Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Diskretion als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war noch außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten meinem Gedächtnis nur einige wohltuende Bilder stiller Häuslichkeit dar. Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, und ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben
Sie mir einige Lektionen in der deutschen Sprache, wogegen ich sie in der Malerei unterrichten konnte. Dies war mein großer, aber auch mein einziger Vorzug, den ich vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische Begeisterung mir ein Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung gemischt war. Ich hatte in der Tat nie dieses reine Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegenteil eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen Mann mit untadelhaft
regelmäßigen Zügen, welche uns an die herrlichsten Büsten des griechischen Altertums erinnern. Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes Haar, eine hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie werden mir sagen, daß hierin gewiß nichts lag, was mich hätte erschrecken können. Ich gebe dies zu; aber diese schönen blauen Augen hatten einen ungewöhnlich strengen Ausdruck und dieser wohlgeformte Mund lächelte nur
höchst selten. Und dabei beobachtete er eine wahrhaft mönchische Regelmäßigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten. Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man ihn an seinem Arbeitstische sitzen und in Sanskritgramatiken oder indischen Wörterbüchern studieren. Später ging er mit seinem Stocke in der Hand und von dem alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das Wetter mochte sein wie es wollte, um den Landsleuten
in der Umgegend Trost, Rat, und Hilfe zu spenden, je nachdem sie deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen Anstrengungen, versuchten seine Schwestern oft, ihn zurückzuhalten, indem sie ihn dringend baten, einen Tag auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen Wetter auszusetzen.
„Glaubt ihr,“ sagte er in solchen Fällen zu ihnen, „daß ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf die ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?“
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend gehen. Dieser Diener der Religion hatte sich dem beschwerlichen Stande eines Missionärs in fernen Gegenden gewidmet. Er strebte nach anderen Unternehmungen, anderen Gefahren und anderen Pflichten als die gewöhnlichen Diener Gottes. In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten, denen er seine Pläne mitgeteilt hatte, ihm die Laufbahn eröffneten, zu der ihn sein frommer Eifer hinzog, studierte er unablässig und bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen Kämpfe, auf die heilige Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit seinen Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft, in denen ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte ihn einmal predigen, und als ich den Eindruck studierte, den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam ich zu der Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet seines frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit und seines wahren, glühenden Feuereifers noch nicht den Frieden der Seele gefunden hatte, der über alles Wissen erhaben ist, so wenig, als ich ihn selbst bei der geheimen, aber deshalb nur um so heißeren Sehnsucht fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig verlorenes Paradies in mir zurückgelassen. Sie sehen, daß ich nicht oft auf diese Sehnsucht zurückkomme, welche beständig an meinem Herzen nagle.
Als ungefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich nötig: ich überwand daher die ehrerbietige Scheu, welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu aufzufordern. Er erhob den Kopf und erriet sogleich meinen Zweck.
„Sie wollen ohne Zweifel wissen,“ sagte er zu mir, „was ich für Sie getan habe. Bereits seit drei Wochen ist alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen würden, hielt ich es für unnötig, diese Trennung eher herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag von heute festgesetzte Abreise meiner Schwesten
unerläßlich wurde. Ich selbst kehre dann nach Morton zurück, nehme die alte Hannah mit mir und dieses Haus wird gänzlich geschlossen.“
„Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem nachteilige, Einfluß auf die Stelle sein, welche Ihre Güte mir verschafft hat?“
„Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen, und es hängt ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn sie Ihnen konveniert. Nur muß ich Ihnen bemerken, wie ich Ihnen schon früher gesagt habe, dass sie ganz von Ihrer vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen und Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen ist. Da ich selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich Ihnen nur einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen. Werden Sie ihn annehmen?“
„Fahren Sie fort,“ antwortete ich nur.
„Ja,“ sprach er weiter, nachdem er einige Minuten den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, „ja, Sie werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen, die ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer in derselben bleiben. Sie sind ebenso wenig als ich, wenn auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein regelmäßiges und
in engen Grenzen bewegendes Leben geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt. Die Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht mehr am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon vor zwei Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet und seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin
gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die ersten Elemente einer christlichen Erziehung erhalten können. Die Güte der Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes, den die Gemeinde zu den ihrigen zählt, hat mir gestattet, ein den Bedürfnissen der kleinen Anstalt entsprechendes Haus zu mieten, das heißt einen ziemlich geräumigen
Schuppen, der zu einer Schule eingerichtet worden ist, und ein Häuschen mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der Gehalt dieser letzteren ist auf dreißig Pfund Sterling jährlich festgesetzt. Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von einem Bauernmädchen, das zugleicher Zeit ihre Schülerin und ihr Dienstbote ist. Das ist die bescheidene Stelle, die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl, daß sie
eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen Mühseligkeiten verknüpft ist.
Sie werden nur mit Kindern der ungebildetsten Klasse zu tun haben und Ihr Unterricht muß sich nur auf die Gegenstände beschränken, die ihnen zu wissen nötig sind, das heißt Lesen, Schreiben, ein wenig Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen Sie die Stelle an?“
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem Tone starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
„Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an,“ erwiderte ich ihm „und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann nur ehrenvoll für mich sein.“
„Aber wie wollen Sie Ihre vielseitigen höheren Kenntnisse anwenden?“
„Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich anwenden kann.“„Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue Kenntnis Ihrer neuen Stellung?“
„Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.“
„Und Ihr Häuschen?“
„Werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche mit dem Schunterricht beginnen.“
Er blickte mich mit einem Lächeln an und entfernte sich.
Ich begab mich schon am folgenden Tage nach Morton, und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück. Mr. Rivers und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß,
Marsh-End), das mir eine so teure Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer und verlassen auf der öden sumpfigen Haide.
13. Kapitel.
Die Waise als Vorsteherin der Vorschule.
Hier eine Beschreibung meiner neuen Wohnung. Es war eine Hütte in der wahren Bedeutung dieses oft falsch angewendeten Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern und ein Teeservice von Delfter Steingut.
Im oberen Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen Größe mit einem Bett und einer Kommode von ordinärem Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von sehr geringer Dimension, aber noch immer zu groß für die höchst dürftige Garderobe, die ich darin aufzubewahren hatte, obgleich sich meine neuen Freundinnen der ihnen nicht unbedingt
nötigen Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen konnten lesen, aber nicht eine war im Stande ihren Namen zu schreiben oder zwei Ziffern zu addieren. Dagegen strickten mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige begannen zu nähen. Alle sprachen einen abscheulichen Dialekt mit dem gedehnten Akzent der Gegend, so daß wir uns im Anfange nur mit Mühe verständlich machen konnten. Bei nicht wenigen unter ihnen,
stellte sich zu der Roheit im Benehmen und in der Aussprache eine krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe nie vergessen, daß diese kleinen Bauernmädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine Pflicht eben darin bestand, die, angeborenen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften und ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in demselben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer Entmutigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir schien, als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt. Es kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden Aufgabe an das Los dachte, welches mir die Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben würde, das er mir an der Küste des Mittelmeers unter dem heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt hatte. Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer wieder genug verständige Einsicht in mir, um den rauhen Pfad der Ehre, den vergifteten Freuden
einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei seinen seltenen Besuchen, die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer neugierigen Besorgnis alle diese Veränderungen meiner Gedanken. Indem er mich nach sich selbst beurteilte, erriet er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden, obwohl strengen Worte führten mich, wenn auch oft ein wenig unsanft zu der richtigen Erkenntnis, des mir zugefallenen Loses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines Gärtchens stehend erzählte, daß er sich nach mannigfachen Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach einer Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich von einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt gefühlt und den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem Missionsamt zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
„Guten Abend, Mr. Rivers,“ sagte die Stimme, „guten Abend, Carlo!“ (dies war der Name des Hundes, welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete). „Ihr Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt, als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber wenden immer den Rücken zu, und das ist nicht schön von Ihnen.“
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrak er, als ob unvermutet ein Blitz aus heiterem Himmel vor seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich mit offenem Munde und erhobenem Arme in der nämlichen Stellung, in der ihm die unerwartete Unterbrechung überrascht hatte. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder und wendete sich um, die Neugekommene zu begrüßen; diese war nichts Geringeres, als eines der reizendsten jungen Mädchen, die ich in England, wo nichts so selten ist, als jugendliche Schönheit, je gesehen habe. Vollkommen regelnmäßige Züge, ein zarter und durchsichtiger Taint, schöne schwarze Augen mit langen Wimper, ein ovales Gesicht, ein lieblicher, frischer Mund, eine reine Fülle schwarzer Haare und eine schlanke, anmutige Gestalt, keine von
den herrlichen Naturgaben, die ein für die Liebe geschaffenes Weib nur wünschen kann, fehlte diesem glücklichen Wesen. Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung und über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu haben sich rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß Miß Oliver, die reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere Schule ihr Dasein verdankte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu erraten, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwidert wurde.
Ich sah an seinem ganzen Benehmen, an dem ganzen Ausdrucke seiner Gesichtszüge, als das offenherzige, unbefangene Mädchen ihm von einem am vorigen Tage in der Stadt, aus der sie kam, stattgefundenen Balle und von dem Glanze erzählte, den die Anwesenheit der Offiziere des 20. Husarenregiments diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen, dass sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der leidende und schwermütige Ausdruck, der über das schöne Gesicht des jungen Geistlichen gebreitet war, ungeachtet der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu ihrem Vater nehmen. Saint-John wiederstand ihren freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines Automaten. Man sah deutlich, daß es ihm eine fast Übermenschliche Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.
Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen Sieg davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendtau entfernte, begleitete er sie bis an die Gartentür, wo er sich mit einer tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie ging rechts und er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes, gleich einer Fee unserer Zaubermärchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte,
wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen, gegen mich geäußert hatte.
„Obgleich gut und fromm wie Sie ihn kennen, ist er doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.“
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß Dians Vergleich keineswegs übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der Himmel meine demütigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu mir teilte sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand. Die Erkenntlichkeit der Armen ist erfinderischer, wenn nicht aufrichtiger als die der Reichen und scheint unmittelbarer aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit allein ihren geringfügigen Beweisen einen Wert geben kann. Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung, die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin den Tee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die wertvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und wußte es zu schätzen.
Dies alles hinderte mich jedoch nicht, großes Vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver zu mir gefaßt, seitdem sie auf meinem Tische einen Band von Schillers Werken und das angefangene Aquarellporträt einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen. Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht vermutet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater
ergoß sie sich in so übertriebene Lobeserhebungen über mich, dass der reiche Fabrikherr mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte meine Zeichnungen, bat mich dringend, ihn zuweilen mit meinem Besuche zu „beehren“ und ersuchte mich förmlich um das Porträt seiner Tochter.
Ich erwähne dieses Umstandes nur deshalb, weil er zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte, die mich lebhaft interessierte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher zu machen, brachte er mir dann und wann ein Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern, kurz er suchte irgend eine wirkliche Veranlassung oder einen Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das Leben angenehmer zu machen.
So brachte er mir auch eines Abends ein neu erschienenes Buch Walter Scott mit, und er schien außerordentlich erfreut, mich an meiner Staffelei beschäftigt zu finden.
„Das laß ich mir gefallen,“ rief er aus; „wenn man zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald Sie allein sind, Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht und gequält, die mir allerdings nicht bekannt sind.“
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte und in dem Buch blätterte, das er neben mich gelegt hatte, warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit. Kaum aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie näher zu betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem nämlichen unwillkürlichen Schrecken, den ich schon einmal an ihm beobachtet und der sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt hatte.
Ich sah ihn an, er suchte sich meinem Blicke zu entziehen.
„Finden Sie dieses Porträt ähnlich?“ fragte ich ihn.
„Wem?“ entgegnete er, „ich habe es noch nicht aufmerksam genug betrachtet.“
„Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens,“ fuhr ich fort, ohne die ziemlich heftige Bewegung des Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen Worte veranlaßten, „hindert Sie durchaus nichts, es näher zu betrachten.“
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
„Es ist. . . es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.“
„Richtig geraten, Mr. Saint-John, so verspreche ich Ihnen eine Kopie davon, vorausgesetzt, daß ein solches Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine Zeit und Mühe nicht gern unnütz.“
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu können.
„Antworten Sie mir aufrichtig, ich bitte Sie darum,“ fuhr ich fort; „würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht eine wohltuende oder eine schmerzliche Erinnerung an Ihre ferne Heimat in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal später am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar, oder in Ostindien leben?“
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
„Es würde mir ohne Zweifel angenehm sein, wenn ich eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte; aber ob es gut und vernünftig wäre, das ist eine andere Frage.“
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr leicht Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte, in den Stand setzen würde, eben so viel Gutes zu tun, als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so sagte ich zu ihm:
„Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre, wenn Sie anstatt dieses toten Bildes das lebende Original besäßen, dessen Züge es versinnlicht.“
Ich sprach diese kühnen Worte fast mit einer geheimen Angst aus; allein ich bemerkte bald, daß sie nicht übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf in beide Hände gelegt, das Porträt Rosamundens, ohne sich durch eine Freimütigkeit verletzt zu fühlen. Im Gegenteil, meine etwas unsanfte Ausdrucksweise und die Furchtlosigkeit, mit der ich seine geheimnisvolle Zurückhaltung zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete
Erleichterung zu gewähren.
„Bedenken Sie,“ hob ich wieder an, ,daß Sie von ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen, vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen, aber dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so reicherem Maße.“
„Liebt sie mich wirklich?“ versetzte er mit einem sonderbaren, jedoch mehr affektierten, als wahren Ausdruck von Zweifel.
„Sie gibt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem anderen, sie interessiert sich lebhaft für Sie und spricht von niemanden so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen, als von Ihnen.“
„Glauben Sie, Miß Jane? . . . O, sprechen Sie weiter . . . es tut mir wohl, Sie anzuhören.“
„Ich verstehe Sie,“ entgegnete ich. „Aber wozu soll ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören, mir den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem Herzen verschließen?“
„Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann weder meine Pläne teilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde Oliver als die Gattin eines Missionärs denken?“
„Aber wer zwingt Sie denn, Missionär zu werden? könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?“
„Verzichten? . . . ich sollte meinem Berufe, meinem großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der hehren Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will? ich sollte die Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schar der Männer gezählt zu werden, welche sich über die Bestrebungen dieser Welt erheben und sich die Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das errettende Licht und die Lehren des Friedens und der Wahrheit zu verbreiten? . . . Nein, ich will und darf nur diesem erhabenen Berufe leben.“
„Aber Mr. Saint-John übersehen und vergessen Sie denn, daß man auch sehr wohl ein würdiger Diener der Religion sein und Werke des Friedens und der Liebe verrichten kann, ohne Missionär zu sein. Diese Schule und die Knabenschule ist Ihr Werk. Alle Bewohner des Dorfes und der Umgegend erschöpfen sich in Lobeserhebungen über den Beisstand, den Sie dem Unglück und der Hilflosigkeit angedeihen lassen. Konnten Sie so viel Gutes bei Ihren beschränkten Mitteln fördern, was würden Sie erst leisten, wenn Sie über das Vermögen Rosamundens zu verfügen hätten. Ueberlassen Sie das Missionswerk andern, welchen eine weniger glückliche Zukunft lächelt und genießen Sie das Glück, welches Sie so sehr verdienen.“
Der junge Geistliche schwieg, es trat eine ziemliche Pause ein; er schien zu bedenken, ob und was er mir antworten solle. Plötzlich ergriff er seinen Hut und mit einem Händedruck und mir eine gute Nacht wünschend, entfernte er sich von mir.
14. Kapitel.
Die Erbschaft aus Madeira.
Vierzehn Tage nach der eben mitgeteilten Unterredung fand Mr. Saint-John Gelegenheit, Wiedervergeltung an mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind erschütterte meine ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Tür gelegt, um den vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst, der mich bis an meinen Kamin verfolgte, am Eindringen zu hindern. Ich las in einem Buche, als Mr. Rivers, ohne vorher anzuklopfen, ganz unerwartet bei mir eintrat und an der Tür den Schnee von seinen Füßen abschüttelte.
Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen; aber er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine schlimme Nachricht bringe und bat mich um Entschuldigung, daß er mich durch seinen unvermuteten Besuch in meiner häuslichen Ruhe störe.
„Aber was führt Sie denn zu mir?“ fragte ich ihn etwas ungeduldig.
„Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage; da Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelt, ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Meine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilen mich, und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines Menschen, dem man den Anfang einer sehr interessanten Geschichte erzählt hat und der gern den Ausgang wissen möchte.“
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben möchte. Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche Kälte des Marmors und seine Haltung war vollkommen ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige Augenblicke nachdenkend und stillschweigend, das Herz von lebhaftem Mitleid über die auf die Fortschritte eines innern Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und Blässe seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah, daß er nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen, drehte ich den Docht meiner Lampe ein wenig empor und fuhr fort zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch, einen Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus, den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an Ort und Stelle gebracht hatte, versank er von neuem in tiefes Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe, als er geglaubt habe.
„Wollte Gott, dem wäre so!“ erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnisvolle Brief handeln konnte; aber ich erhielt nichts als bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort. Endlich, nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug die Uhr acht Mal und diese Töne schienen Mr. Rivers aus seinem Nachdenken zu wecken.
„Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite, sagte er jetzt zu mir, „und rücken Sie näher an den Kamin.“
Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
„Ich bemerkte Ihnen vorhin,“ fuhr mein sonderbarer Gast fort, „daß ich gern das Ende einer Geschichte wissen möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich will Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.“
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde war nicht frei von einer bangen Ahnung.
„Vor zwanzig Jahren,“ hob Mr. Rivers an, „wurde ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen seiner Zeit nennen werde, von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Tochter eines sehr reichen Mannes ergriffen. Sie liebte ihn wieder und bewilligte ihm ihre Hand, den
Wünschen ihrer Eltern entgegen, welche sich, auf’s Höchste gegen sie aufgebracht, sogleich nach dieser unseligen Verbindung gänzlich von ihr lossagten. Noch ehe zwei Jahre verstrichen, waren beide junge Leute gestorben und ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie hinterließen eine Tochter, welche unmittelbar nach dieser Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es war ein kaltes Asyl für sie,
eben so kalt war der Schnee, in den meine Füße auf dem Wege hierher versanken. Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das keinen Freund auf der Welt hatte, in dem Hause reicher Verwandter ihrer Mutter aufgenommen, sie wurde von einer Tante erzogen, welche – der Augenblick den Namen zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß Reed von Gateshead hieß. . . .“
„Ersparen Sie sich die Mühe, weiter fortzufahren,“ unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, „und sagen Sie mir nur, woher Sie dies alles so genau wissen.“
„Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen; er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs.“
„Briggs ? . . . Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?“
„Er erwähnt seiner in der Tat als des letzten Herrn, in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot, als Gouvernante gewesen ist. Er gibt mir zu verstehen, daß Mr, Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre nicht immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen habe, denn obgleich verheiratet, wollte er sie . . .“
„Aber wo ist er? . . . was ist aus ihm geworden? . . . hat ihn jemand gesehen?“
„Ich glaube nicht, daß ihn jemand gesehen hat.“
„Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet? Haben Sie seine Antwort?“
„Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer Dame, Mistreß Alice Fairfax. .“
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung, welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den ich über, alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte, so war er abwesend, war auf dem Kontinent, vielleicht nach der anderen Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt blieb, so wendete sie sich zu andern Fragen, die in meinen Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne Interesse waren.
„Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre , den ich als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?“
„Durch den Zufall und durch dieses Papier,'“ antwortete mir Saint-John, indem er ein Stück Papier, welches ich beim Malen zum Probieren der Farben benutzt hatte, aus seinem Portefeuille nahm. Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung eigenhändig mit einem Pinsel den Namen darauf geschrieben, den ich meinem Beschützer verschwiegen hatte.
z. Dies war aber doch erst ein Indizium,'' sagte ich lächelnd.
, Allerdings, aber zu diesem kam noch ein anderes.?
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in der ,Times'', in wel
Mr. Briggs denjenigen, dem der Aufenthalt der Miß Jane Eyre ,
kannt sei, aufforderte, ihm denselben wissen zu lassen, ,da er ihr et ,
Erfreuliches mitzuteilen habe.?
, Was konnte Mr. Briggs von mir wollen ? fragte ich wied
,Sollte ihm etwa Mr. Rochester beauftragt haben?
, Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Zache nicht im Entfernte
die Rede,r' unterbrach mich Saint-John in verweisendem Tone. -
Briggs hat Ihnen eine wichtige Nachricht mitzuteilen.r?
, Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.?
,Ss it folgende. Ihr Oheim, Me. John Eyre in Madeira, istß
storben und hat Sie zur Universalerbin eingesetzt. Sie besitzen ges,
wärtig ein Vermögen von zwanzig tausend Pfund Sterling, welche?
englischen Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen
lassen, wartet Mr. Briggs nur auf die Konstatierung Ihrer Identitä
- Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen Beschäftign
meiner Gedanken, oder trug der einfache und kalte Ton, in welchem f
die Nachricht mitgeteilt wurde, die Schuld davon, kurz, ics empfand -
eine sehr mäßige Freude -darüber. Wäre die Summe bescheidenor und
meinen täglichen Wünschen entsprechender gewesen, so würde mir dieser
Glückswechsel. höchst wahrscheinlich in einem heiteren Lichte erschienen
sein; aber gerade die Größe des mir zufallenden Vermögens machte ihn
inir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten Worte in meinen
Gesichtszügen aufmerksam beobachtete, äußerte keineswegs Erstaunen
darüber, daß er mich so wenig angenehm überrascht sah. Das Gegenteil würde ihn vielleicht gewundert haben.
„Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miß Jane,“ sprach er zu mir. „Wenn ich Ihnen mitteilte, daß Sie eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß nicht meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu zeigen. Und wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend Pfund Sterling einer Person gleichen, die wenig Appetit hat und an einer reich servierten Tafel sitzt, so denken Sie an die armen Gäste, welche von dem
Ueberflusse des Gastmahles genießen wollen. Wahrhaftig,“ setzte er hinzu, indem er seinen Mantel nahm, „wenn das Wetter diesen Abend nicht so abscheulich wäre, so würde ich Ihnen Hannah schicken, damit sie Ihnen Gesellschaft leistete, denn es scheint mir ganz so, als sähen Sie mit Bange dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden. Aber die gute Hannah würde sich kaum durch den Schnee hindurcharbeiten, worin ich selbst auf dem Herwege fast versunken wäre.“
Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich und eine Reihe von
Betrachtungen, welche Sie ebenfalls angestellt haben würden, führte mich
darauf, mir die Frage vorzulegen, wie ich meine Beschützer, ohne welche
die Wohltaten meines Oheims ohne Zweifel für mich verloren gewesen
wären, an meinem neuen Glce Teil nehmen lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich nahe daran war,
der Verzweiflung zu unterliegen, als die Türen von Marsh»End sich mir
plötzlich Bffneten. Ich erinnerte mich ferner, welcher freundliche und ver-
auensvolle Empfang mir daselbst zu Teil geworden war. -
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang reiflich überlegt hatte,
war ein Entschluß gefaßt, und als Saint-John mich am folgenden Tage
euchte, kündigte ich ihm denselben an, wie er mir mein Glück angs-
hatte, das heißt, in kurzen, bestimmten, kategorischen Wos
Meine Willensmeinung war, mich mit der HAlfte der Erbschaft zu'
gnügen und zehntausend Pfund Sterling dem würdigen Geistlichen'
seinen Schwestern zu überlassen.
Saint-John verzichtete seinerseits auf jede Teilnahme an m
Geschenk, Diana und Mary Rivers nahmen jedoch mit Dank das i
gemachte Anerbieten an. Wir trafen das Uebereinkommen, fortan zusammen zu wohnen und zusammen zu bleiben.
Jm Laufe dieser Debatten über diesen Gegenstand fragte I
Saint-John plötzlich:
, Und was wird mit der Schule, Miß Eyre ? wollen wir
schließe?
, Warum sollen wir sie schließen? Ich versehe meinen Posten
lange, bis Sie eine Stellvertreterin für mich gefunden haben.?
- P
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Tippen meines neuen ,Vetters
welchen Titel er verabredetermaßen von nun an tragen sollte, und
drückte mir die Hand mit größerer Wärme, als er sonst zu tun pflegteI
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer. Ich enisi
mich noch eines Streites, den ich an dem Tage mit ihm hatte, als e
neue Lehrerin die Direktion der Schule übernahm und ich ihr in Geg
wart der versammelten sechzig Schülerinnen die Schlüssel einhändigte. --
war ungefähr zwei Monate nach der Zeit, als mir die unerwartete -
schaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen diese jung
MAdchen in reichem Maße erfüllt zu haben, glücklich durch ihre liebev
Zuneigung, von der mir einige wahrhaft rührende Beweise gaben, glü
lich auch darüber, wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine Selb
ständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf entschlüpfen, über de
mein oadjutor fast entrüstet war, so daß sein ohnehin schon ernstes -,
sicht einen besorgten Ausdruck annahm.
,Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie sich so außerordenll
sehnen ? fragte er mich; ,woher rührt die neue Freude, die ich ln Ihr.
Augen lese und wie werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihn,
verleiht?
,O, fürchten Sie nichts Schlimmeres, lieber Vetter, es ist keinesnßF,
,, e Absicht, mich dem Müssiggange zu ergeben. Für's erste mässen
zso mir Hannah abtreten.?
. ,Bedürfen Sie ihrer?
,Ich brauche sie dringend nötig, um sie mit nach Marsh-End zu
ehmen, wohin ich für nächsten Dienstag Diana eingeladen habe. Ich
,.ill, daß Marsh-End von oben bis unten gewaschen und gereinigt werden
zoll. Von oben bis unten, hören Sie wohl. Ich möchte fast sagen, daß
Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen werden, obgleich Zie
weder Sanskrit noch Pali sind. Man muß sich im Fußboden der Zimmer
spiegeln können; es darf weder Holz noch Steinkohlen gespart werden, um
alle Feuchtigkeit aus dem Hause zu entfernen; es muß jedes Möbel, jedes
Vett, jeder Stuhl, jeder Tisch und jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt werden, und was die Vorräte von Auchen, Konfitüren
und Gelees betrifft, so verlassen Sie sich auf die Tätigkeit Hannah's, die ich durch meine genauen Anweisungen unterstützen werde. Mit einem Worte, ich will, und diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für Sie haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne Ideal eines angenehmen Empfangs finden.“
Saint-John beglückte mich abermals mit einem flüchtigen Lächeln,
doch augenscheinlich nur ungern.
,“Dies ist ganz gut für die Gegenwart,“ sagte er zu mir, „und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichtums zu genießen; aber nachher hoffe ich, daß Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden.“
Ich blickte ihn erstaunt an.
„Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit mir, Saint- John ?“ sagte ich dann, „wissen Sie wohl, daß ich es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit zu stören? Ich frage Sie, warum tun Sie das?“
„Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er Ihnen verliehen hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig über deren Benutzung wachen werde, denn es ist meine Pflicht und mein Recht. Daher rate ich Ihnen, schon jetzt den unbesonnenen Eifer zu mäßigen, mit welchem Sie sich rein weltlichen Genüssen hingeben. Ihre Tatkraft und Energie wollen zu wenigen oßtße:
lichen, Beschäftigungen verwendet sein. Tenken Sie sie nicht auf diese
von hrer naturgemäßen Bestimmung ab . . . ich hofie, Zie vers
mich
,Ich . . - ganz so, als ob Fie griechisch mit mir sprächen..
weiß, daß ich jezt alle Ursache habe, glücklich und heiter zu sein, unb
es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.?
- Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt für Punkt
zur großen Freude meiner Kusinen, denen es nicht wenig Vergn
machte, das väterliche Haus, keineswegs von Grund aus umgestürzt-
verwandelt, wie ich es hätte tun können, sondern nur durch einige
ständige Möbel, einiges Porzellangeschirr und einige ernste Bildpe
welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken Wohnung entsgraFh
verjüngt und verschönert zu finden. Zie nahmen von Herzen geen I
unseren Wirtschaftsgeschäften Teil, welche ungeachtet Hannah's gg,,
Willen noch nicht beendigt waren, und namentlich in den ersten D--
erfüllte ihr fröhliches Lachen die Räume von Marsh-End vom Mö
bis zum Abend. Saint-John schien sich daselbst nicht mehr heimißlh'
fühlen. Er erlaubte sich zwar nie einen direkten Tadel, aber ich beme
deutlich, daß wir einen störenden Einfluß auf seine wissenschaftli
Studien ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen Besuche
wöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der Kranken, am Herde?
Bekümmerten oder im Kreise unwissender inder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß er recht getan,h
das häusliche Glück, für das er offenbar nicht geschaffen war, vonß
stoßen; ich sah ein, daß ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine
würdige Fessel erscheinen mußte. Ich analysierte ihn gleichsam und
in, ihm alle Elemente, aus denen die Natur ebensowohl heidnische I
christliche Helden, das heißt solche Männer bildet, welche dazu besig,
sind, Gesetze zu geben, Länder zu erobern und Völker zu regieren;
mußte mir sagen, daß er eine mächtige Stütze der erhabenen Intere
der Religion werden konnte; aber am häuslichen Herde war ein-
besser, als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
,Ein vortrefflicher Missionär!? dachte ich eines Tages, ,abek -
langweiliger Gatte!’
Nach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden wieder ein wenig gesetzter,
mit einem Worte, unser Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger hei uns
und lag seinen Studien mit dem früheren Fleiße ob.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana, welche seit einigen
Augenblicken nachdenkend geworden war, ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären, und ihr Blick bei dieser Frage schien uns beide zu umfassen.
, lläne wie die meinigen verändern sich nicht und können sich nicht verändern,' antwortete ihr Bruder. ,Ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach, zu Anfang des nächsten Jahres abreisen.“
,Und Rosamunde Oliver I? fragte Mary mit einer Regung von Unbesonnenheit, deren Indiskretion sie jedoch sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
„Rosamunde Oliver!'' wiederholte Saint-John im ruhigsten Tone,
indem er uns alle drei anblickte; ,Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel und Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten Grundbesitzer der Grafschaft, zu heiraten. Ihr Vater hat mich gestern abend von dieser bevorstehenden Verbindung in Kenntnis gesetzt.?
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt und unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
„Aber Rosamunde kannte diesen jungen Mann gar nicht!“ rief Mary.
,, Bei so augenscheinlich vorteilhaften Verbindungen kann von langem
Besinnen nicht die Rede sein,? erwiderte Saint-John. ,Mr. Granby
und Mig Gliver haben sich letzten Monat Oktober zum ersten Male auf einem Balle gesehen, von dem mir Rosamunde am nächstfolgenden Tage erzählte. . - erinnern Sie sich noch, Miß Eyre
Ich erinnerte mich jenes Gespräches vollkommen, und ich konnte mich nicht genug wundern über den stoischen Gleichmut, mit welchem der lnge Mann von den schmerzlichsten Reminiszenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die
vertrauliche Unterhaltung, die wir schon einmal über diesen Punkt ge-
Nflogen hatten, würde mich jedem andern gegenüber ermutigt haßen, von
neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich intimen U
redung war Saint-John wieder so verschlossen und zurückhaltenbß
worden, daß er eben so unzugänglich war als früher. Und diese Hu'
haltung hatte zur Folge, daß ich mich meiner Kühnheit fast sch
Ueberhaupt beobachtete er trotz seines formellen Versprechens,
in allem seinen Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend ta-
dleine Unterschiede zwischen ihnen und mir, welche den Gedanken an
volles und rüchaltloses Vertrauen nicht aufkommen ließen.
Ich staunte daher nicht wenig, als ich ihn das erste Mal, da
uu eben nach dem mitgeteilten Gespräch beide allein befanden, plö
den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu mir sagen hörte;
,Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der Sieg ist meinF
, Haben Sie auch die Gewißheit,' entgegnete ich ihm nach kuxz
Zögern, ,daß Sie ihn nicht zu teuer erkauft haben? Warde Ihnen-
zweiter ähnlicher Sieg nicht zum Verderben gereichen
I
,Ich glaube nicht; aber wozu sollte ich mich deshalb beunruhig ,
werde ich je wieder einen solchen Kampf zu bestehen haben ??
Nach diesen Worten nahm er seine Lektüre wieder auf und bedeu.
mir auf diese Art, daß wir für den Augenblick nichts mehr mit einan-
z sprechen hatten. Ich ließ mir nicht beikommen, diesem stummen A
fehle entgegen zu handeln.
Eines Tages überraschte mich Saint-John durch die Anfrage, ob.f
wohl die Anfangsgründe der hindostanischen Sprache bei ihm erler.
möchte, er wolle mich darin unterrichten.
zWas könnte diese Sprache einem Mädchen nützen? fragte ich! z
- Vielleicht hat Gott Sie wie mich zu einem Werkzeug erkoren,-
die Lehren der Religion unter den Heiden zu verbreiten.?
,Ich fühle keinen solchen Beruf in mir und noch weniger mich de
selben gewachsen.?
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe zu gehen, pfle ,
Saint-John seine Schwestern zu küssen, nachdem sie ihm eine gute Na
gewünscht hatten. Ich dagegen mußte mich mit einem Händedruck -
gnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche mit einem heitern Charakt
einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie der meini
a'len Anforderungen ihres Bruders fügte, ,daß ein solcher Unterschß,
h Kchst unrect sei, daß Saint-John versprochen habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten,' und stieß mich nolens volens in se' ne
Arme.
Meine Verlegenheit war, unbeschreiblich und ich will es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern, das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein wenig zu mir herabgebeugt und seine durchbohrenden Augen auf die meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch ,Versuchsküsse' geben
und zu dieser Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John
ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die Wirkung desselben zu
ergründen; aber wie Sie leicht denken können, war die Wirkung so gut
als gar keine. Ich bin fest überzeugt, daß ich nicht im mindesten errötete,
aber vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als gewöhnlich, denn der
sonderbare Auß kam mir vor wie ein Zegel, das auf die Ketten gedrückt
wurde, deren Last ich zu fühlen begann.
Von diesem Abend an wurde die Zeremonie des Ausses regelmäßig
eingeführt und die ernsthafte Gutwilligkeit, mit der ich mich derselben
unterwarf, schien meinem frommen Vetter Freude zu machen.
Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so lebhaftes Bedürfnis nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß ich nach und nach mit
jedem Tage eifriger wünschte, mir den Beifall meines Lehrers zu erwerben.
Hu dem Ende mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte
die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen von ihrem natürlichn Hange ablenken, nach Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht
nach meinem inne waren. Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen, wo ich nicht mehr atmen konnte . . . eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines Gesichts gegeben, oder die
Farbe meiner Augen verwandeln und ihnen das dunkle Blau der seinigen
mitteilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und nach den heitnn
Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen hatte, während ich beständig
den sehnlichen Wunsch hegte, Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters
zu erlangen.
Mehr als einmal batte ich meine geschäftlichen Beziehungen zu Mr.
Briggs benutzt,. um mir von diesem Aüskunft über das BefindenI
über den Aufenthalt meines ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber?
Briggs stand mit den Bewohnern von Thornfield-Hall nicht in -
bindung, und er konnte mir daher nichts näheres mitteilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos waren, so w.
ich mich an Mistreß Fairfax. Mein erster Brief blieb unbeantw
Mach zwei Monaten schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein -
könnte verloren gegangen sein. Aber es verging ein Monat, zwei,
nate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die geringste Nachricht erhielt,',
die jeden Morgen getäuschte Hoffnung war endlich ganz von mit
wichen, doch nicht ohne einen tiefen Kummer zurückzulassen, über de
mich aber gegen niemanden aussprach.
,Jane, wir wollen einen Spaziergang machen,“ redete mich Saint-John eines Morgens an.
„Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.“
- ,Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen gehen.-'
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg zwischen un;
dingten Gehorsam und beharrlichem Widerstreben gekannt, besonders
bieterischen Charakteren gegenüber, die mit dem meinigen in direkte
Widerspruch standen. Da Saint-John von mir nichts verlangte, w
ein Sträuben oder selbst nur einen bloßen Einwand von meiner Seiteg
rechtfertigt hätte, so begleitete ich ihn nach dem Tale und wir l ,
wandelten neben einander unter einem vollkommen reinen Himmel u
auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche, der mit weißen und gelb ,
Blümchen durchwirkt war.
1s. Kapitel.
Des Pfarrers Heiratsantrag.
Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses, welcher von det
Vormauern des, den Horizont begrenzenden Gebirgs gebildet wurde'
Hier machte Saint-John Halt und ich setzte mich auf einen bemooste -
Felsenblock. Mein Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und ließ de,
Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen. Seine Augen schweiften
von den Bergen zu dem Bette des Waldstromes und erhoben sich von
diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Nach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen für das eines
Mannes, der ein Vorgefühl von den Schmerzen des Exils hat und ndch
Zlen Blick des Abschiedes auf die Gegend wirft, deren unvergängliche
Erinnerungen er bald mit sich nehmen wird.
So verweilten wir ungefähr eine halbe Stunde, nach deren Ablauf
znein Vetter zu mir sagte:
„Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe schon meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am ?. Jüni unter Segel geht.
„Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener behüten,“ erwiderte
ich einfach.
„Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren Herrn und es ist mein Stolz und meine Freude, daß ich in dieser Welt nur dem Willen des vollkommensten Wesens gehorche. Nur dünkt es mich sonderbar, daß nicht alles, was mich umgibt, sich ebenfalls unter sein glorreiches Banner schart.“
„Nicht jedermann hat den nämlichen Mut, und es wäre töricht von
- den Schwachen, sich mit denselben Unternehmungen zu befassen, wie die
Starken.“
,,Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und von ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von denen, die des großen Werkes würdig und geeignet sind, daran Teil zu nehmen.“
„Deren sind auf dieser Erde nicht viele und sie sind schwer zu finden.“
„Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es eine Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht kennen, sie über ihre Befähigung aufzuklären, sie zu edlen Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Stellung zu zeigen, die ihnen Gott unter seinen Auserwählten bestimmt hat.“
Es war mir, als würde ein magnetischer Zauberkreis um mich ge-
gen und ich begann zu zittern, obgleich ich die herannahende Gefahr noch nicht klar erkannte.
„Muß die, welche auf der Höhe eines so erhabenen Berufes steht, nicht ihr eigenes Herz auffordern?“
Saint-John richtete seine unstäten Blicke auf mich.
„Nu, Jane, was sagt Ihr Herz?“
„Nichts!... nichts !“ erwiderte ich mit einem Schauder, denn die einfache Frage schnitt mir den Odem ab.
,,Vann will ich anstatt seiner sprechen,? fuhr er mit seiner tiefen un
unbiegsamen Stimme fort, deren ernste Töne das Echo de. -äTJen Berg
wiederholte. „Jane, gehen Sie mit mir nach Indien, seien Sie mein Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten teil.“
Dag Tal und der Himmel schienen sich um mich zu drehen, es war'
als hätte Gott selbst gesprochen, es war wie ein Ruf der Himmelsboten;
denen die erwählten Apostel nicht zu widerstehen vermochten. Aber i
war kein Apostel und dieser Befehl von Oben lähmte nicht ganz meine
Willenskraft.
„Saint-John!. .. Saint-John! rief ich aus, ,haben Sie ein wenig Mitleid mit mir!“
Ich hatte einen Mann vor mir, der in der Erfüllung dessen, was et,
seine Pflicht nannte, weder Mitleid noch Bedenklichkeiten kannte.
„Gott und die Natur,? sprach er weiter, ,haben Sie so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionärs es sein muß. Sie haben Ihnen
die körperliche Schönheit versagt, Ihnen aber Energie der Seele und des,
Geistes verliehen. Sie sind nicht für die Liebe, sondern für heilige Werks
geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur Gattin wünsche, so geschieht es nicht
um meines persönlichen Glückes willen, sondern zum Nutzen meines erhabenen Gebieters.“
„Sie sind im Irrtum,“ stammelte ich, „Sie sind im Irrtum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist nicht der, den Sie meinen.“
Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet und sich mit der nötigen!
Geduld und Beharrlichkeit gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verriet sich
aus seinem ganzen Benehmen, als er, an den Felsen gelehnt und die Arm ,
über der Brust gekreuzt, mit einer unerschütterlichen Ruhe alle meine Einwendungen einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit dem festen Vorsatze, mich zg;
unterrichten, mich zu leiten und zu unterstützen bis zu der nicht fernen SF
wo ich allein gehen und dann ihn nötigenfalls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus keinen Eifer, durch
aus keinen frommen Ehrgeiz in mir erweckten, so versicherte er mir, da
er mich seit zehn Monaten genau studiert und dabei die Ueberzeugung s
pomnen habe, daß ich einer unbegrenzten Hingebung fähig sei, wenn
zneine Laufbahn einmal gewählt und meine Pflichten mir vorgezeichnet
wären. Er sagte, er habe mich stets fügsam, eifrig, uneigennützig, fleißig, mutig, heldenmütig und zugleich sanft gefunden und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Ich erkannte die Notwendigkeit, die beiden von dem würdigen
Geistlichen an mich gerichteten Wünsche auf einmal entschieden abzulehnen. Um ihn jedoch nicht zu beleidigen, erbat ich mir eine Viertelstunde Bedenkzeit, da ich von der richtigen Voraussetzung ausging, daß meine Antwort ihm dann als das Resultat einer sorgfältigen Prüfung erscheinen und ihn verhindern würde, mich mit weiteren Bitten zu bestürmen.
Er entfernte sich und ich sah in weiter Entfernung ihn zum Gebet knien und sich dann niedersetzen.
Nach einiger Zeit hatte Saint-John seinen Sitzplatz verlassen und ging langsam auf mich zu, ich ging ihm entgegen.
„Nun, Jane,“ fragte er mich.
,,Saint-John, in dem ehrenden Antrage, den Sie mir gemacht haben, erkenne ich das Vertrauen, mit welchem Sie mich beehren, ich kann Ihnen aber nur wiederholen, daß ich nicht den Beruf zu Missions-Werken in mir erkenne. Da Sie dies nur für Ihre Lebensaufgabe halten, so kann ich nicht Ihre Gattin werden; aber Sie sind mein Adoptivbruder und haben mich als Schwester angenommen. Diese fingierte Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, jedoch an keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.’
Ein Seufzer war die ganze Antwort, welche Saint-John für mich hatte. Schweigend ging er an meiner Seite nach Hause zurück.
16. Kapitel.
Sehnsucht nach Thornfield-Hall.
Beinahe ein Jahr war jetzt seit meiner Entfernung von Thornfield-Hall verflossen. Alle meine Bemühungen, irgend eine Auskunft über Rochester zu erhalten, waren erfolglos geblieben und so wurde der Wunsch mir rege, mich selbst nach der Umgegend von Thornfield-Hall zu begeben, um an Ort und Stelle Auskunft über den zu erhalten, der, wie ich mir selbst sagen mußte, doch noch meine ganze Liebe besaß.
An einem Juni-Morgen sagte ich meinen Freundinnen, die mich Schwester nannten, beim Frühstück, daß ich Marsh-End auf kurze Zeit verlassen wolle, um einen Freund zu besuchen, dessen Schicksal mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unseren vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber ein zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern. Sie fügten sich stillschweigend allen meinen Wünschen und ließen mir die nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde
Um drei Uhr nachmittags verließ ich Marsh-End. Um vier gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß, um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als sie ankam, erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem ich an einem schönen Sommerabende an der nämlichen Stelle gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung, und mit einer
Zweiflung erfüllt, welche ich für unheilbar hielt. Ich stieg ein, ohne diesmal zur Bezahlung des Platzes mein ganzes Vermögen ausgeben zu müssen, und als ich mich auf dem Wege nach Thornfield-Hall befand, fühlte ich mich so heiter und vergnügt, wie die Taube in der Schrift, sie nach der Arche zurückflog, wohin der Herr sie sendete.
Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden. Am Dienstag nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag morgen hielt der wagen vor einem kleinen Gasthause und der Kutscher spannte die Pferde aus, um zu füttern. Weit verschieden von der düsteren und feuchten Einöde, aus der ich kam, erschien mir die Gegend mit ihren grünen Hecken, die große Felder umzäunten, und mit ihren freundlichen Anhöhen, wie
der Anblick eines alten, wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
„Ist es noch weit von hier bis nach Thornfield-Hall?“ fragte ich den Wirt, der an die Diligence getreten war.
„Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,“ antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirt mein Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum hatte ich etwa hundert Schritte zurückgelegt, so schwand meine Freude plötzlich, in dem eine innere Stimme flüsterte mir zu:
„Wer sagt dir, daß dein Geliebter sich noch in diesem Lande befindet? Und wenn er noch jn Thornfield ist, wohin du so leichten Schrittes eilest, weißt du nicht, wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, wirst du es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen? Dann
wäre deine Mühe verloren und du tätest also besser, sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls hättest du erst bei dem Gastwirt einige Erkundigungen einziehen sollen, er würde dir gewiß haben sagen können, ob Mr. Rochester England nicht verlassen hat.“
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht entschließen, ihren kalten und verständigen Ratschlägen zu folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der Ungewißheit war die Verlängerung des Gedankens an die Zukunft, der mich beseelte.
Ich wollte beim Licht des strahlenden Tagesgestirns noch ein Mal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen Blicken; ich
erkannte das dichte Gebüsch, das von Bienen bewohnt war, deren lautes Summen die Stille des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von Freude drängte mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes Feld und ein Stück Heideland überschritten, das mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor den Mauern des Hofes, bei den Wirtschafts-Gebäuden. Das Wohnhaus selbst wurde nur noch von dem erwähnten Gebüsch verborgen.
„Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite sehen,“ dachte ich nun; von einer Stelle, wo mein Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann. Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er steht frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren. Wenn ihn bemerkte, . . . dürfte ich ihm wohl entgegeneilen? . . . oder
müßte ich dies unterlassen? Was würde geschehen, wenn ich es täte?. . .
Doch wie töricht bin ich! Vielleieht sieht er in diesem Augenblick die Sonne hinter den Pyrenääen aufgehen, . . , vielleicht überschaut er die blitzenden Wellen des Meeres, das die provenkalischen Küsten bespült.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Tür, welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken, was ich auch wirklich tat, um die ganze Fassade des Schlosses bequem zu betrachten.
Nun mögen Sie selbst ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern vorging, als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes eine halb verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine und spitzigen Hauben mehr!. Nur die Mauern standen noch und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene Fensterstöcke herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut; der feine Sand in den Gängen war von profanen Füßen zerscharrt, das prächtige Portal stand für jedermann offen. Das Schicksal Thornfield-Halls war leicht aus den von Rauch geschwärzten Trümmern zu erkennen. Eine Feuersbrunst hatte das alte Stammschloß der Rochester zerstört, und sie mußte schon im vergangenen Jahre stattgefunden
haben, denn der Schnee des Winters und der Regen des Sommers hatte
eine Vegetation vorbereitet, welche im letzten Frühling emporgesproßt
war. Zwischen den geschwärzten Steinen und den halbverkohlten Balken wuchs schon Gras, und überdies! beschränkte sich das Unglück auf das, was meine Augen sahen? war nur ein Gebäude zerstört worden? nicht vielleicht unter diesen Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der ländlichen Kapelle,
deren einsamer Glockenturm noch dem zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte, und ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht vielleicht schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn, Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore, ruhte.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort und zwar
eine baldige Antwort haben und ich säumte daher nicht länger von den Ruinen Abschied zu nehmen. Der Gastwirt, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir selbst mein Frühstück und ich bat ihn, einen Augenblick Platz zu nehmen, indem ich ihn einiges zu fragen wünschte. Aber nach dieser Einleitung wußte ich nicht mehr, was ich noch hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mitteilungen.
„Sie kennen Thornfield-Hall,“ hob ich endlich an.
„Allerdings, Madame, ich habe mehrere Jahre dort gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester.“
Die letzten Worte, trafen mich wie ein Donnerschlag.
„Des verstorbenen Mr. Rochester?“ wiederholte ich; „er lebt also nicht mehr?“
„Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards, des gegenwärtigen, Besitzers.“
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig und ich dachte nun alles zu erfahren, was mir zu wissen noch nötig war.
„Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall?“ fragte ich weiter.
„Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen Sie nicht, dassThornfield-Hall im vorigen Herbste völlig niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der Nacht aus, und ehe die Löschmannschaften von Milcote eintreffen konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen. Es war ein schauerlicher Anblick? . . . . Ich habe ihn mit angesehen, und das Herz wollte mir brechen !“
,Also in der Nacht,“ dachte ich bei mir. „Ja, es mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern von Thornfield-Hall immer Unglück. „Aber,“ fuhr ich laut fort, „ist denn die Veranlassung des Unglücks nicht entdeckt worden?“
„Man hat sie erraten, Madame,“ erwiderte der Wirt, leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher an den Tisch rückte. „Es befand sich eine Dame auf dem Schlosse. . . eine Wahnsinnige . . . die niemand zu sehen bekam . . , von der man nichts genaues wußte. . . die Mr. Edward von einer Reise mitgebracht hatte und die man für seine ehemalige Geliebte hielt. . . . Aber zulezt ergab's sich, daß sie seine Frau war . . . .
bei einer ganz sonderbaren Gelegenheit. . . als Mr. Rochester sich sterbich in eine junge Gouvernante verliebt hatte . . . und Sie wissen, dass Männer in seinem Alter, wenn sie ein junges Mädchen lieben. . . .“
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich den Gastwirt kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer angelegt habe.
,Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt. Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin, eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler hatte, der bei solchen Matronen selten vorkommt. . . sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und wann einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender, aber sehr
gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel der Tasche, entfernte sich leise und streifte im Schlosse umher, wo sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den Sinn kam. In jener Nacht zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt hatte . . . und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle Eifersucht, denn man sagt, daß sie etwas geahnt habe, Feuer an das Bett, in dem zum Glück niemand schlief. Die erwähnte Gouvernante hatte sich zwei Monate zuvor heimlich entfernt und man muß gestehen, daß Mr. Rochester kein Mittel unversucht ließ, um sie wiederzufinden. Seit ihrer Flucht entließ er fast seine sämtlichen Dienstleute, entfernte eine Verwandte, die seine Wirtschaft geführt hatte, und brachte ein kleines
Mädchen, die man für seine Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt . . . kurz, der Herr lebte wie ein Eremit, oder wie ein Wilder. Es hieß sogar er sei auch wahnsinnig geworden und sein Wahnsinn sei zu gewissen Zeiten höchst gefährlich . . .“
„Aber die Feuersbrunst, Herr Wirt, Sie vergessen die Feuersbrunst.“
„Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als da ganze Schloß in Flammen stand, ging Mr. Rochester.“
„Er war im Schlosse?“
„Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern hinauf, weckte die Dienstleute, half ihnen selbst die Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam halten wurde. Aber man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dach, wo sie auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte. Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein imponierendes Weib mit ihren langen, schwarzen Haaren, die nach dem Feuer zu im Winde flatterten. Wir alle sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen . . . wir hörten ihn „Bertha“ rufen . . . wir sahen, wie er sich ihr näherte
. . . aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte, stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf und in der nächsten Sekunde lag sie zerschmettert auf dem Pflaster des Hofes.“
„Sie ist also tot?“
„Ja, Madame, ich stehe Ihnen dafür, denn die Steine waren mit ihrem Blute und ihrem Gehirn bespritzt. . . Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher Anblick.“
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der bloßen Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
„Aber er . . . erzählen Sie doch weiter . . .“
„Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß nichts davon übrigblieb, als die nackten Mauern.“
„Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht tot sei . . .“
„Nein, er ist nicht tot . . . aber ich kann Ihnen versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist . . .“
„Wie so? . . . Warum? . . . Wie meinen Sie das? Ist er in England? oder wo ist er?“
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
„Ob er in England ist? . . . ja wohl, er ist in England und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es sobald nicht verlassen wird.“
Ich litt Höllenqualen und der Gastwirt schien es sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
„Er hat das Augenlicht verloren,?“ setzte er endlich hinzu, „er ist blind . . . so steht es mit Mr. Edward.“
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich hatte geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich faßte daher wieder ein wenig Mut, um den Wirt zu fragen, was Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen habe.
„Der Schreck und die großen Anstrengungen, welchen er sich beim Feuer ausgesetzt hatte, vielleicht auch die Flammen selbst, veranlassten ihm eine Augenentzündung, in deren Folge er blind wurde. Kein Arzt hat ihm seine Sehkraft wiederzugeben vermocht.“
„Und wo wohnt er?“
„In Ferndean, einem Jagdschlosse, daß er ungefähr dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt, Madame!“
„Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?“
„Wir haben ein zweispänniges Cabriolet.“
,,Aluch einen Kutscher?“
„Mein Sohn fährt, Madame.“
„Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und wenn Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach Ferndean bringen kann, so will ich das doppelte Ihrer gewöhnlichen Fahrtaxe bezahlen.“
17. Kapitel.
Reise nach Ferndean-Manor.
Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean-Manor gesprochen, einem kleinen Schlosse von altertümlicher Bauart, das mitten in einem großen Walde lag. Sein Vater hatte es gekauft, nicht um der Wohnung selbst willen, die er nur gern gemietet hätte, sondern wegen der vortrefflichen Jagd in der Umgegend.
Da übrigens niemand dieses düstere und ungesunde Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welche der Besitzer inne hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen dort aufhielt.
Ungefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich ab und schickte meine Equipage zurück, da es nicht in meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen. Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Taube, auf das er mit einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte, suchte ich einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren Wohnung.
Endlich gelangte ich an ein eisernes Gittertor, das in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreihe von Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen so tief herab, daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen vermischten. In dieser dunkeln Allee ging ich immer weiter, ohne das Haus zu erreichen, daß ich bei jeder Krümmung zu erblicken hoffte. Ich glaubte schon, ich hätte mich geirrt und war im Begriff, umzukehren, als sich die Bäume lichteten und ich zuerst ein zweites Gittertor, dann das Haus selbst erblickte, daß man kaum von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine dunkeln und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern fast ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemooßten Stämme und das feuchte Laub.
Als ich durch das Haupttor eingetreten war, daß sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich in einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete, wo ein mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen Rasenplatz zog. Die Vorderseite des Hauses bot dem Auge zwei spitzige Giebel und einige schmale, vergitterte Fenster mit in Blei gefassten Scheiben. Die ebenfalls schmale Tür schien dazu bestimmt zu sein, sich
nie zu öffnen; eine einzige Stufe führte nach der Schwelle. Im ganzen
genommen, hatte der Wirt Recht: es war ein „trauriger Aufenthalt.“
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das aus auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck des Bildes.
„Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen bewohnt wird?“ fragte ich mich staunend, als das Leben sich wirklich durch ein leises Geräusch kund gab; es war die Eingangstür, welche in ihren Angeln knarrte.
Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte einen Mann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte ich doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter, Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung war, mich seinem Anblicke zu entziehen: aber ach! ich wußte ja, daß er mich nicht sehen konnte! Ich blieb daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete die Veränderungen,
welche sein Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher, das Unglück hatte die imponierende Gestalt nicht gebeugt und das volle Haar hatte noch immer den früheren rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war es auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht vermocht, diese scharfmarkierten Züge zu verändern, diese athletische
blühende Manneskraft zu schwächen. Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen Schmerz verriet und an die der wilden Tiere erinnerte, welche man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht hat, deren düstere Traurigkeit aber gegen jeden, der sie zu stören wagt, in Wut auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstere Gesicht flößte mir nicht die geringste Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn sehen, wo unter einem Kusse diese drohende Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlider sich erheben und diese zusammengepreßten Lippen sich öffnen würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.
Mr. Rochester kam die Stufe herab und ging mit langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu. Großer Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Er legte die Hand an seine Augen, öffnete erst das eine, dann das andere und suchte dann mit angestrengtem Blicke den Himmel und den Wald, ohne einen schwachen Lichtschein vom tiefen Dunkel unterscheiden zu können. Er streckte die rechte Hand aus, dann die linke, aber die Hand traf nur die Luft, denn die nächsten Bäume waren noch einige Schritte entfernt.
Er gab nun sein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte die Arme über die Brust und blieb stumm und unbeweglich im Regen stehen, der sein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie mir gesagt worden war, mit seiner Frau Mary die ganze Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem Herrn den Arm, um ihn ins Haus zu führen.
,,Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit jedem Augenblicke
stärker.“
„Laß mich!“ war die einzige Antwort und der Diener entfernte sich, blieb aber in der Nähe, um auf den ersten Ruf wieder herbeizukommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem Rochester noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab er die Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach dem Hause zurück, dessen Tür er glücklich fand, und als er eingetreten war, ließ er sie hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Tür zu und klopfte dreist an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung und Schreck fast umgefallen, als sie mich an der Stimme erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß ich alles wuße, was sich seit meiner Entfernung in Thornfield-Hall zugetragen hatte, bat John, mein Gepäck zu holen, das ich in einem Chausseehause gelassen, und besprach mit Mary die nötigen Anstalten, damit ich die Nacht in
Ferndean zubringen konnte, was nicht eben leicht war.
In diesem Augenblick ertönte eine Klingel.
„Da Sie zu dem Herrn gehen,“ sagte ich zu Mary, „so können Sie ihm sagen, daß ihn jemand zu sprechen wünscht; aber nennen Sie meinen Namen nicht.“
Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte niemanden vor sich lassen, ehe er den Namen der Person und den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mitteilte, stellte sie zwei Lichter
und ein Glas Wasser auf einen Präsentierteller.
„Sollen Sie ihm dies bringen?“ fragte ich sie.
„Allerdings; er muß stets zwei Lichter in seinem Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder . . . . ist das nicht sonderbar?“
„Gut, ich selbst will sie ihm bringen.“
„Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen Händen zitterte, dass ich das Wasser aus dem Glase halb verschüttete. Und wie mein Herz klopfte! . . .
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die Tür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Aussehen. Ein fast erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem Feuer herabgebeugt, den Kopf an eine der gotischen Säulen des großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.
Sein alter Hund Pilot lag zusammengerollt in einem Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen, die ihn zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte mit dem Schweife und kam mir wie früher entgegengesprungen; der Präsentierteller wäre mir fast aus den Händen gefallen. Dies alles machte natürlich Geräusch und Mr. Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen, woher das Geräusch kam. Aber mit. einem Seufzer kehrte er das Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
„Gib mir das Glas Wasser, Mary,“ sagte er zu mir.
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es ihm in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mir emporspringen und ich rief daher unbedachtsam:
„Couche, Pilot! leg' dich!“
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte. . . . Dann trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentierteller und fragte mich leicht hingeworfen:
, Du bist es doch, Mary? nicht wahr, du bist es?“
„Mary ist in der Küche,“ antwortete ich ihm mit einer unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu erreichen.
„Wer ist hier? wer sind Sie?“ fragte er mich mit unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
„Sprechen Sie noch einmal, damit ich Sie höre!? rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft verletzt hatte.
„Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser? ... haben Sie noch Durst?“
„Was ist das?. . . Wer ist hier? . . . Wer spricht mit mir?. . . Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?“
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte Hand und drückte sie mit Innigkeit.
„Es sind ihre Finger!? rief er wieder, ,,ihre niedlichen, zarten Finger. . . Es ist ihr Arm . . . ihre Schulter! . . .“
Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und drückte mich an sich.
„Es ist Jane! . . . ja, sie ist es! . . . es war ihre Stimme!“
„Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich glücklich fühlt, an dem Ihrigen zu schlagen.“
„Ja, sie ist es wirklich!? wiederholte er immer wieder. ,Es ist Jane Eyre. . . meine Jane Eyre! . . . sie spricht . . . sie lebt! . . .
Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie mir sagte, daß sie mich liebe, sich meinen Küssen hingab. Sollte dies wieder ein Traum sein?. . . Ach, wenn du wieder fliehen mußt, lieblicher Schatten, dann geschehe es wenigstens nicht eher, als bis deine Lippen meine Stirn berührt haben!“
„O, mit Freuden!“ rief ich und küßte seine ehedem so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen, dann strich ich sein Haar zurück und küsste ihn auf die noch immer schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine Zweifel.
„Ja, es ist meine Jane! . . . Sie sind also wieder bei mir . . . Sie sind nicht am Rande eines Grabens umgekommen? . . . Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?“
„Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.“
„Unabhängig? . . . Was bedeutet dieses Wort?“
„Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mir zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.“
„Sie sind sehr reich, meine liebe Jane?“
„Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Nähe ein Haus baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn Sie sich allein zu sehr langweilen.“
„Aber Ihre Freunde, Jane -- denn jetzt haben Sie gewiß Freunde --- glauben Sie, daß diese Sie bei einem alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich geworden bin?“
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre Pflegerin, Ihre Füherin zu sein, kurz, Ihnen die Augen zu ersetzen. Fassen Sie also Mut, mein teurer Mr. Rochester, so lange ich lebe, haben Sie nicht zu fürchten, dass ich Sie wieder verlasse.“
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend, er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit teilte sich auch mir mit. Ich fürchtete gegen den Takt verstoßen, durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Seite in seinem Innern verletzt zu haben. Alles, was ich gesagt hatte, entsprang aus
meiner festen Ueberzeugung, daß er mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun von meinem vertraulichen Entgegenkommen denken, wenn ich mich irrte? . . . Ich entwand mich daher sanft seinen Armen, aber er drückte mich nur noch fester an sich.
,,Nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen! Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein Herz sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt . . . jetzt kann ich Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag meinen Egoismus und meine Torheit tadeln . . . mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es Sie entbehren müßte, würde es sich dafür an dies verstümmelten Hülle rächen.“
„Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.“
„Ja, ich habe es gehört . . . aber als was? . . . Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen . . . Sie glauben nicht mehr an meine väterlichen Gefühle. . . und überdies sind Sie noch so jung . . . Sie müssen sich früher oder später verheiraten.“
,,Daran denke ich nicht und ich sehne mich durchaus nicht danach.“
„O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach, wenn ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich es versuchen, das gleichgiltige Kind zu rühren. Aber so . . . eine lebende Ruine!“
Er versank wieder in sein schmerzliches Nachsinnen, das mich aber jetzt, da ich das Geheimnis kannte, nicht mehr besorgt machte.
„Was essen Sie gewöhnlich zu Abend?“ unterbrach ich die eingetretene Pause.
„Ich esse gar nicht mehr zu Abend.“
„Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn ich habe Hunger.“
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab ihr die nötigen Befehle. Nach wenigen Augenblicken wurde ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch nahm sogleich den natürlichen, ungezwungenen Charakter an, den es ehemal zwischen uns hatte. Ich fühlte mich schon ganz heimisch und mein Herz war mit inniger Freude erfüllt. Fest entschlossen, meinen geliebten Herrn nicht in eine traurige Stimmung fallen
zu lassen, lenkte ich die Unterhaltung, sobald mir seine Worte eine Erinnerung an sein Unglück, verrieten, auf die praktischsten Gegenstände des positiven Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar ein wenig in Ordnung bringen könne.
„Ich bin wohl sehr häßlich, Jane,“ fragte er mich mit einer Besorgnis, die aufrichtiger war, als er sich den Anschein geben wollte.
„Sie sind nie schön gewesen,“ erwiderte ich ihm in dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unserer vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise und die Gemütsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien, war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend, mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen und verdrießlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieser gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie kamen mir die Tränen in die Augen. Ich mußte mir indessen Gewalt antun und ihn so anreden, wie ich es mir zur Pflicht gemacht hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und ihm einen Spaziergang vorschlug.
„Ah, bist du wieder da, meine kleine Lerche?“ rief er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene Lampe der man neues Oel gibt. „Komm her . . . du bist also nicht entflohen? . . . meine liebliche Erscheinung ist nicht verschwunden? Sieh schon seit einer Stunde höre ich ein Glied deiner Familie über den hohen Bäumen zwitschern . . . aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für mein Ohr, als die aufgehende Sonne Glanz für meine Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein, dass du in meiner Nähe bist.“
Dieses rührende Geständnis der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurteilt hatte, würde mir abermals Tränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit gezwungen hätte. Rochester kam mir vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings anflehen
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter, fröhlich und scherzhaft. Nach dem Frühstück nahm ich Rochester mit mir aus dem düstern Zimmer ins Freie und unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen. Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze, wo ich ihm auf einem seit langer Zeit umgehauenen Baume einen trockenen Sitz aussuchte und ihm dann sogar gestattete, mich auf den Schoß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen, da wir uns in gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?. . . Pilot legte sich neben uns und mehrere Minuten lang herrschte eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rochester mich stürmischer als je vorher an sich.
„Böses, grausames Kind,“ rief er aus, „daß Sie mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie es wüßten, was ich empfand, als ich Sie für immer von mir geschieden sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren, und ohne Existenzmittel. . . selbst das Perlenhalsband hatten Sie in Ihrer Kommode und die noch für unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen? Was wird aus meiner Jane werden, die keine Hilfsmittel und keinen Freund mehr hat?“ fragte ich mich selbst mit Verzweiflung. „In der Tat, Jane, wo waren Sie eigentlich diese ganze Zeit über?“
So durch Fragen gedrängt, begann ich die Erzählung meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres. Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich die Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit dem Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte. Wozu sollte ich ohne Not dieses treue Herz zerreißen? Das wenige, das ich ihm sagen mußte, machte schon einen viel heftigeren Eindruck auf ihn, als, ich hervorzubringen wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in seine Liebe gesetzt habe, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in die Welt herausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich, jedenfalls aber sprach er jetzt aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieser Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
„Wie es scheint,“ sagte er, „lieben Sie diesen Saint-John, diesen frommen Priester . . . Was für ein Mann war er denn?“
Meine näheren Mitteilungen über das Alter, das Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten nichts Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und unbeholfene Benehmen seiner Kollegen besitze, daß er das Profil eines Antonius, schöne blaue Augen und einen edlen Anstand habe, unterbrach mich plötzlich Rochester mit den Worten:
„Ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schoße.“
„Und wohin?“
„Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.“
„Zu welchem Gatten?“
„Zu diesem Saint-John Rivers, denke ich . . .“
„Sie irren sich, er ist und wird nie mein Gatte werden, denn er liebt mich nicht, und ich liebe ihn ebenso wenig. Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag, und diese Liebe hat mit der Ihrigen nichts gemein -- ein schönes junges Mädchen, daß er mit trockenem Auge die Gattin eines anderen hat werden sehen, während es nur von ihm abhing, ihre Hand zu erhalten. Er erblickte in mir nur den Typus einer Gattin, wie sie nach seinen Ideen ein Missionär braucht. Aber ohne allen Zweifel war er in einem großen Irrtume. Er ist gut und groß, aber ernst und streng, und für mich kälter als ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht. Ich fühle mich nicht glücklich in seiner Nähe, er war weder nachsichtig noch liebevoll gegen mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht. Er gestand mir höchstens einige Talente zu, aus denen man nötigenfalls Nutzen ziehen kann. . . . Fordern Sie mich jetzt noch auf, zu ihm zurückzukehren?“
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige Augenblicke nachher verfinsterte sich sein Gesicht von neuem.
„Ach, meine armen verbrannten Augen!“ rief er in wehmütigem Tome.
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren Natur ich zu gut kannte. Warum war es mir nicht erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit nicht.
Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir ab, und da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte, bog ich mich zur Seite, um ihn näher betrachten zu können, und ich sah eine große Träne unter seinen geschlossenen Augenlidern hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
,Ich bin nicht viel mehr wert,“ hob er endlich wieder an, „als der vom Blitze getroffene Kastanienbaum im Garten von Thornfield . . . Und mit welchem Rechte könnte ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?“
„Sie sind keine Ruine, mein teurer Rochester . . . Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind noch grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht, es werden noch junge Pflanzen zwischen Ihren Wurzeln emporkeimen und gern unter Ihrem wohltuenden Schatten leben. Und wenn diese Pflanzen heranwachsen, werden sie sich dem schützende Stamme zuneigen, der Ihnen eine so feste Stütze bietet, um ihn bald zu
umschlingen.“
„Ach, meine Jane!“ rief er aus, „wie schön Sie zu trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können meine Gattin nicht werden.“
„Aber Sie denken doch nicht für immer Witwer zu bleiben?“
„Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rate zu folgen.“
„An Ihrer Stelle würde ich mich wieder verheiraten.“
„Aber wen? welche Frau sollte ich nehmen? raten Sie mir.“
„Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen? Die Frau, welche Sie nehmen müssen, ist die, welche Sie am meisten liebt.“
„Oder wenigstens die, welche ich am meisten liebe. Also meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr völliger Ernst, daß Sie mir Ihre Hand reichen würden?“
„Allerdings; zweifeln Sie daran?“
„Mir, dem armen Blinden, den Sie werden führen müssen?“
„Ja.“
„Ist es wirklich wahr?“
„Es ist mein voller Ernst.“
„O, mein geliebter, teurer Engel, möge der allmächtige Gott es Ihnen vergelten!“
„Mr. Rochester,“ sagte ich tief ergriffen, „wenn ich je etwas getan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente, wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch gehabt, ein Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich zu ihm zu erheben . . . so bin ich reichlich dafür belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste Glück, nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.“
„Und ich weiß auch warum, meine Jane, weil Ihr heldenmütiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.“
„Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr Scharfsinn ihn nicht errät, so tut es mir leid, denn ich habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.“
„Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermutigen, will ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden. Ich sehe durchaus nicht die Notwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich nicht irre, ist heute Freitag, nächsten Dienstag werden Sie meine Gattin. Was Ihren Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlenkollier. Es hat mich seit einem Jahre nicht verlassen, seit dem Tage, an welchem ich meinen teuersten Schatz verlor . . .“
„Gut, ich werde es mir nächsten Dienstag ausbitten, behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.“
„Und jetzt,“ fuhr Rochester fort, „muß ich Ihnen noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unsern schwachen Augen und urteilt nicht mit unserem leicht irrenden Verstande. Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte. Aber der Allmächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen. Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen, ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte ich der Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir zu lasten, und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemütigt. Diese Kraft, mit der ich eitel prahlte, hat Gott
so vollständig gebrochen, daß ich in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät, aber mit zerknirschtem und reuigem Herzen auf die Knie gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade vor seinen Augen gefunden zu haben, denn das Liebste und Teuerste, was ich auf Erden besitze, ich habe es in dir wieder erlangt, meine Jane!“
Nach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete zu Gott, streckte Rochester die Hand aus und bedeutete mir so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese teure Hand und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um meinen Nacken und auf meine Schulter legte. So diente ich ihm zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zurück.
18. Kapitel.
Der Waise Vermählung.
Am nächsten Dienstage wurde ich Rochesters Gattin; ich brauche Ihnen nicht zu sagen, werte Freundin, welche Gefühle an diesem Tag mich bestürmten und wie lebhaft die Erinnerung an den Tag bei mir wurde, an welchem vor einem Jahr meine Hochzeit angesetzt war. Unsere Trauung fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen Gehilfe statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen, ging ich in die Küche, w
John und Mary mit den Anstalten zum Mittagsmahle beschäftigt warem/
„Meine Lieben,“ sagte ich zu Ihnen, „Mr. Rochester und ich haben uns soeben ehelich verbunden. Hier ist unser Hochzeitsgeschenk.“
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf.
„Ist es möglich, Miß,“ erwiderte Mary; ,nun das freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn weggehen, aber so etwas ahnte ich nicht.“
„Und ich,“ sagte John mit einem Lächeln und einer ehrerbietigen Verbeugung, „ich habe es mir gedacht, daß Mr. Edward dies im Sinne hatte, und ich glaube, er hat wohl daran gelan.“
Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End, um das Geschehene zu berichten und es unter dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht von meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit einer Silbe zu erwähnen. Das Schreiben war streng gehalten, doch, alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung
darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander korrespondiert.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung war, daß ich Adele in der Pensionsanstalt besuchte, wohin Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr mein Herz, das ihr ohnehin schon zugetan war. Ich fand sie bleich und eingefallen. Sie sagte mir, sie sei nicht glücklich, und ich überzeugte mich in der Tat, daß die Disziplin in dieser Schule zu streng und die Studien für ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante bei ihr fortzusetzen. Aber dies war nur eine schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten fortan einem anderen Wesen, das mich ganz in Anspruch nahm und dem ich mich mit Freuden ungeteilt widmete. Ich mußte mich daher nach einer anderen Anstalt umsehen, wo die Erziehung der Fähigkeiten unserer kleinen Französin, welche große Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Los zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu Teil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen, liebe Freundin, und wissen, dass ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß ihre Liebe zu mir und zu den meinigen mich reichlich für die kleinen Mühen und Verdrießlichkeiten bei ihrer Erziehung entschädigt.
In den ersten zwei Jahren nach unserer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt und dieses Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so vertrautes und inniges Verhältnis zwischen ihm und mir schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, alles sah er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner Sinne und, wie er sagte, nicht der
unvollkommenste. Ich meinesteils hatte einen fortdauernden Beweis seiner Liebe in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze Charakter ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, dass er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und Gefälligkeit von mir beanspruchte, die er von niemand anderem angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach dem Ablauf dieser zwei Jahre, einen Brief schrieb, den er mir diktierte, näherte er sich meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
,Jane, trägst du nichts Glänzendes um den Hals?“
„Ja,“ antwortete ich, „eine goldene Kette.“
„Und ist dein Kleid nicht hellblau?“
Es hatte in der Tat diese Farbe. Rochester sagte mir nun, dass es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre der Schleier von seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit. Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich nicht irre.
Ich erkannte nun die Möglichkeit, daß durch die Hilfeleistung geschickter Aerzte meinen teuren Gatten vielleicht die Sehkraft wiedergegeben werden könnte. Auf meinen Wunsch reisten wir schon am folgenden Morgen nach London, wo durch die Untersuchung und Beratschlagung eines Kollegiums von Augenärzten das Resultat sich herausstellte, dass wenn mein Gatte sich einer Augen-Operation unterzöge, die Hoffnung, daß er seine Sehkraft wieder erlange, einige Wahrscheinlichkeit für sich
habe. Nach der Meinung der Aerzte hatte besonders der Aufenthalt auf dem gleich nach dem Brande bezogenen Jagdschloß, welches wegen seiner morastigen Umgebung selbst einem Gesunden Nachteile bringen konnte), das Augenübel bedeutend verschlimmert. Mein Mann unterwarf sich dieser Operation, und denken Sie sich meine Freude und seinen Jubel, als er nach Verlauf einiger Tage, die er in einem finsteren Zimmer hatte zubringen müssen, mir die Mitteilung machte, daß seine Augen sich entschieden gebessert hätten.
,,Liebe Jane,“ sagte er zu mir, mich zärtlich umarmend, „du wirst nun hoffentlich bald keinen Blinden mehr zu führen, sondern an der Seite des dich verehrenden Gatten alle Freuden des Lebens genießen können, und des Glücks teilhaftig werden, welches du so sehr verdienst.“
Die Aerzte hatten es meinem Gatten entschieden verboten, wieder nach Ferndean-Manor zurückzukehren. Wir mieteten nun während des Sommers eine reizende Villa an den Ufern der Themse, wo mein Gatte sich vollständig erholte und bald in den vollständigen Besitz seiner Sehkraft gelangte.
Rochester ließ das Schloß auf Thornfield-Hall wieder aufbauen, wo wir unsern gewöhnlichen Wohnsitz nahmen. Zur Abwechselung und Erheiterung unternahmen wir während der folgenden Jahre kürzere und weitere Reisen nach Frankreich und Deutschland.
An dem Tage, an welchem man ihm seinen Erstgeborenen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt groß, schwarz und feurig. Auch an diesem Tage beugte er sich noch einmal in Demut vor der Barmherzigkeit des Allerhöchsten, welcher die Strenge seiner gerechten Strafen immer durch unverdiente Wohltaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr, wenn wir in England sind, empfangen wir den Besuch unserer lieben Kusinen, welche beide verheiratet sind, oder wir besuchen sie zur Abwechselung, Mary hat einen Kollegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von beiden, einen ausgezeichneten Marineoffizier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein entschlossenerer und unermüdlicherer Arbeiter seinen Weg durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören,
in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft, und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt.
Er hat sich nicht verheiratet und wird sich nicht verheiraten. Wie wollte er auch eine Gattin erlangen, die seinen Ansprüchen genügt und seine Mühen und Gefahren teilte.
Jetzt, zehn Jahre nach meiner Vermählung, wo ich diese Memoiren für Sie aufgeschrieben habe, beste Freundin, besteht meine Familie aus fünf lieblichen Kindern, - drei Knaben und zwei Mädchen – welche Rochesters Stolz und meine Freude ausmachen. Wir beratschlagen schon über die Erziehung, welche wir ihnen zu geben beabsichtigen, und ich habe wenigstens so viel erlangt, daß Rochester bei den Mädchen sich ganz meinen Anordnungen fügen will.
Adele hat einen geachteten englischen Gutsbesitzer geheiratet.
Ob ich recht glücklich geworden bin? höre ich Sie fragen – beste Freundin. -- Ja, ich fühle mich sehr glücklich. Das Band der innigsten Liebe, welches mich mit meinem Gatten verbindet, scheint mit jedem zunehmenden Jahr sich noch fester knüpfen zu wollen.
Ein einziges Herz schlägt in unserer Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen. Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charaktere aber ist die reinste und höchste Seligkeit.
Ihr alle aber, Leserinnen und Leser, schöpft aus meinem Leben die Beruhigung, daß das wahre Glück der Menschen nicht außer ihm, sondern in ihm liegt, daß Leiden und Verfolgungen leichter zu ertragen sind, wenn solche unverdient sind und dass vorwurfsfreies Leben das höchste Gut des Menschen ist, haben wir auch mit Mühen und Beschwerden zu kämpfen. Aus dem folgenden Gedicht habe ich in Stunden der Prüfung und in Leiden, wenn Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sich meiner bemächtigen wollten, großen Trost geschöpft, möge es denselben Erfolg bei euch haben.
Weine nicht,
Wenn auch Wetter schwül und dicht
Deinen Wanderpfad umgeben;
Lerne deinen Blick erhalten,
Bis die Sonn' aus Wolken bricht.
Weine nicht,
Wenn dir Hohn die Bosheit spricht:
Edelmut und Eigenwürde
Leichtern jede Schmach und Bürde,
Und ein Gott hält einst Gericht.
Weine nicht,
Wenn der Läst'rung Natter sticht
Unschuld tilgt den Schlangeneifer;
Drum mit deinem Tugendeifer
Welche nie von Recht und Pflicht.
Weine nicht,
Wenn der Hoffnung Anker bricht!
Nach den Sternen mußt du streben:
Auf das Glück im Erdenleben
Tut ein weises Herz Verzicht.
Weine nicht,
Wenn kein Fleiß dir Frucht verspricht,
Nicht die Zeit kann dir vergelten;
Schau empor in bess're Welten
Wo die Treue Kränze flicht.
Weine nicht,
Wenn dein Herz im Tode bricht.
Dann verbluten alle Wunden,
Wenn der Geist vom Staub entbunden
Eilt zum reinen Aetherlicht!
Weine nichtl
Die Waise aus Lowood
Jane.
Erste Abteilung in einem Aufzug.
Personen.
Mistreß Sarah Reed, eine reiche Witwe.
John (15 Jahr alt), ihr Sohn.
Kapitän Henry Wytfield, ihr Bruder.
Dr. Blackhorst, Vorsteher einer Waisenstiftung.
Jane Eyre (16 Jahr alt), eine Waise.
Bessie, Bonne im Hause der Mistreß Reed.
Die Handlung spielt auf Gateshead, dem Gute der Mistreß Reed.
Rochester.
Zweite Abteilung.
Charaktergemälde in drei Aufzügen.
Personen.
Lord Rowland Rochester.
Lord Clawdon.
Lady Clawdon.
Francis Steenworth, Baronet.
Edward Harder, Esquire.
Mistreß Reed.
Lady Georgine Clarens, Witwe.
Kapitän Henry Wytfield.
Mistreß Judith Harleigh, Rochesters Verwandte.
Jane Eyre.
in Rochesters Hause.
Adele, ein Kind von acht Jahren
Gratia Poole
Sam, Diener
Patrik, Reitknecht
Die Handlung spielt acht Jahre nach der ersten Abteilung auf Thornfield-Hall, einem Gute Rochesters.
Erste Abteilung.
Jane
Ein Zimmer bei Mistreß Sarah Reed mit Bücherschränken und Statuen. Mittelthür. Seitenthüren rechts und links. Links ein hohes Fenster mit einem roten Damastvorhang, der zurückgeschlagen ist, davor ein
Stuhl. Rechts ein Kamin; über dem Kamin das lebensgroße Bild eines schönen stattlichen Mannes von einigen vierzig Jahren; davor ein Sofa, daneben ein Lehnstuhl und Tisch. Alles verrät Reichtum.
(Rechts und links vom Schauspieler.)
Die mit Klammern [] versehenen Stellen können bei der Aufführung wegfallen.
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (kommt, nachdem sie vorher den Kopf zur Thür hereingesteckt, von links, tritt auf den Zehen lauschend ein und sieht sich ringsum; dann huscht sie leicht durch das Zimmer und eilt auf den Kamin zu; ihr Gesicht ist bleich, lange dunkle Locken umwogen ihr Haupt, sie trägt ein ärmliches dunkles Kattunkleid, darauf eine schwarze Schürze mit einem gleichen Brustlätzchen, ein kleines weißes Tuch um Hals und Schultern geschlungen; sie bleibt vor dem Bilde stehen, faltet die Hände und sieht mit ernsten Blicken dazu auf. Nach einer Pause). Onkel Reed, mein guter Onkel Reed! Siehst du mich? -- Du lächelst, du siehst mich! Warum lächelst du? Nein, weine, weine! Sie sagen ja alle, daß
ich böse, verdorben, verloren, daß ich ein undankbares Kind sei, da muß es wohl so sein! -- Ach, warum hast du mich verlassen! Ich hatte dich so lieb, du hattest mich so lieb, sie aber hassen mich alle; muß ich denn dankbar sein für Haß? Drüben schmausen sie und freuen sich; gestern war Weihnacht, sie beschenken sich, sie schwimmen in Glück und Freude, deiner aber denken sie nicht, Onkel Reed – und (sie sinkt plötzlich auf die Knie) es ist dein Geburtstag heute; du hast ihnen alles gegeben, worin sie schwelgen, du bist's, der sie beschenkt noch aus dem Grabe herauf -- und sie denken deiner nicht! -- Ach Onkel, ich kann dir nichts bringen als meine Thränen, ich habe ja sonst nichts, es ist alles, was sie mir gelassen, nimm sie hin, ich weine aus Liebe, aus Dankbarkeit -- und sie sagen, ich sei undankbar! -- Glaubst du's, Onkel? Nein, nein, du glaubst es nicht!
Zweiter Auftritt.
Jane. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Gott steh' mir bei! Ich dachte mir's! Jane, was machst du, du trittst hier ein, wohin es dir verboten ist, den Fuß zu setzen! Nicht einen Augenblick darf man dich doch aus den Augen lassen! Was thust du?
Jane (ist bei ihrem Eintritt aufgesprungen, mit wildem Blick). Ich habe Onkel Reed Glück zu seinem Geburtstag gewünscht! Ich that es, Bessie, weil alle anderen es vergaßen!
Bessie (ergriffen und verlegen). Wie? Ist denn heute –
Jane. Der zweite Weihnachtsfeiertag – der nie vergessen wurde, als Onkel Reed noch lebte, um an diesem Tage das ganze Haus zu beschenken!
Bessie (verwirrt). Aber Jane, er ist ja schon fünf Jahre tot, wer kann sich das alles merken, es ist ja eine Ewigkeit!
Jane (bitter). Fünf Jahre! Jawohl, eine Ewigkeit! Welch glückliches Kind war ich! Ehe Onkel Reed starb, wußte ich nicht, daß gute Menschen sterben und arme Waisen so elend werden können!
Bessie. Du hattest ja aber doch Vater und Mutter verloren.
Jane (schüttelt traurig den Kopf). Die kannte ich nicht. Onkel Reeds Arme, die mich aufnahmen, waren so weich; als er lebte, wußte ich nicht, daß ich eine Waise sei! (In wildem Ausbruch.) Ach, Onkel Reed, wo bist du? Willst du mich denn nicht holen?
Bessie (ängstlich). Komm fort, Jane, du fällst wieder in den wilden Ton, der dir vom Fieber geblieben, an dem du im vorigen Jahre kranktest! (Sanft.) Du wirst wieder böse.
Jane. Warum schiltst du mich denn nicht mehr wie früher, Bessie, warum zerrst du mich denn nicht gewaltsam fort, warum schlägst du mich nicht? Mistreß Reed hat es dir doch befohlen!
Bessie (verlegen). Weil du kein Kind mehr, weil du ein erwachsenes Mädchen bist.
Jane. O nicht deshalb; ich bin erwachsen - und ein Kind an Hilflosigkeit, an Unwissenheit! Aber du wagst es nicht, weil du an eine Nacht denkst, wo ihr mich in Onkels Sterbezimmer eingeschlossen --- wo du mich für tot heruntertrugst. Du fürchtest dich wohl jetzt, mich umzubringen?
Bessie. Ich fürchte mich, dich bei Missis noch mehr verhaßt zu machen, als du es ohnedem schon selbst gethan, und -nun ja, ich halte es für Pflicht, dich zu schonen, weil deine Nerven - (sie stockt) komm jetzt fort, Jane, wenn man dich hier fände -
Jane (trotzig). Ich will nicht fort!
Bessie. Jane! (Bittend). Sei gut! Mache mir keinen Verdruß!
Jane (plötzlich an ihrem Hals). Ach, Bessie! Schilt mich nicht, mein Herz thut so weh!
Bessie. Seltsames Geschöpf, nun bist du mild, und erst --
Jane. Ich kann nicht dafür, Bessie! Du bist ja auch so oft böse mit mir -- und so selten lieb! Ich bitte dich, laß mich hier! Siehst du - auch heute denkt kein Mensch an die Bücher hier -- ich will auch Weihnachten haben, ich will ein Stündchen lesen! Ich habe so lange kein Buch in die Hand bekommen, Georgine hat mich überall ausgeschlossen! Laß mich lesen, Bessie, es ist meine einzige Freude!
Bessie (mit sich selbst kämpfend). Ich möchte dir's wohl gönnen -- aber wenn man dich sieht--
Jane (fliegt zu einem Schranke, nimmt rasch ein Buch heraus und sagt froh). Niemand, niemand wird mich sehen! Da ist's! Humes Geschichte Englands! (Sie kommt atemlos vor Freude zurück). Auf den ersten Griff hatte ich's, siehst du? O, ich habe mir den Platz gemerkt. (Sie eilt zum Fenster links, das ein sehr breites Gesims hat, welches in das Zimmer hineingeht, stellt rasch den Stuhl davor, läßt die Gardine vorfallen und springt leichtfüßig auf den Stuhl. Indem sie sich auf das Gesims setzt, strahlend vor Freude). Nun, Bessie, ziehe ich die Gardine um mich her, der helle Wintertag leuchtet so frisch durchs Fenster -- so findet mich niemand, und ich kann die Geschichte meines Vaterlandes studieren? (vergnügt) Nicht wahr, das geht? Etwas muß ich doch wissen, und sie läßt mich gar nichts mehr lernen, gar nichts!
Bessie. In Gottes Namen! In einer Stunde hole ich dich-- rühre dich nur nicht, denke an mich, wenn du nicht an dich denken willst! Du kennst Mistreß Reed!
Jane (zieht die Gardine so um sich, daß man sie nicht mehr gewahrt). Sei nur ruhig, ich will mich weniger rühren als eine Maus!
Bessie (für sich). Mag mich Missis schelten - ich kann's nicht über mich gewinnen, dem unglücklichen Geschöpf die einzige Feiertagsfreude, die ich ihr zu gewähren vermag, zu nehmen! (Sie will nach links abgehen).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. John, elegant gekleidet durch die Mitte.
John (rauh). Ah, Bessie? Was machst du hier? -- Bleib da. --
Bessie (erschrocken und verwirrt). Ich habe keine Zeit, junger Herr!
John (befehlend). Du sollst dableiben, ich will unterhalten sein. Onkel Wytfield, der aus Spanien gekommen ist, und Mama schwatzen so langweiliges Zeug; das hält kein vernünftiger Mensch aus; und dabei sitzt Georgine steif wie eine Puppe -- und zieht Gesichter, wenn ich sie mit Brot werfe, als wäre sie eine große Dame!
Bessie. Es schickt sich auch nicht, daß Sie die Schwester mit Brot werfen. Miß Georgine ist älter als Sie – Sie müssen ihr Respekt zeigen!
John (wirft sich auf das Sofa, streckt die Beine von sich und die Hände in die Taschen). Respekt? Ihr? -- Ich habe vor niemand Respekt -- nicht vor der Mama. Sie werden einmal alle bei mir das Gnadenbrot essen wie diese elende Jane Eyre jetzt das unsere! Wenn ich erst mündig bin und die Güter antrete, bin ich hier Herr -- und wer jetzt nicht pariert, wie ich es will, der soll nachher schon büßen! Merke
dir das, Bessie!
Bessie (trocken). Damit wird es noch Zeit haben!
John (springt auf). Du langweilst mich, Bessie -- du unterhältst mich nicht! -- Es ist schade, daß Mama dieser Jane verboten hat, den ersten Stock zu betreten --
Bessie (wie oben). Freilich! Sie haben nun niemand, an dem sie Ärger und Bosheit auslassen dürfen, nicht wahr? Pfui, schämen Sie sich, John, Sie haben damals das arme Geschöpf geschlagen, schickt sich das für Ihren Stand?
John. Ich schlug sie, weil ich sie hasse! Es ist schon lange her, aber ich denke noch immer mit Vergnügen daran, daß ich es that. Und die abscheuliche Katze kratzte und biß mich!
Bessie. Leider that sie es, aber sie war in Verzweiflung; Sie schlugen sie mit dem Hammer, und das Mädchen hatte keine Waffe als Nägel und Zähne, um sich zu wehren.
John. Sie sollte sich nicht wehren, wenn ich sie schlug; ich bin der Herr vom Hause -- und sie ist ein Bettelkind, das uns das Brot wegißt! (Die Augen fest auf den Vorhang links gerichtet). Was -- was ist denn dort? Sieh nur, die Gardine bewegt sich --
Bessie (erschrocken hinsehend). Wahrhaftig! Kommen Sie fort, junger Herr, es ist nicht geheuer.
John (triumphierend). Nicht geheuer? Dahinter steckt jemand -- ich wette, es ist die Katze --- (Er fliegt hin und schlägt die Gardine auf). Aha! Richtig! Was machst du hier, unverschämtes Geschöpf?
Bessie (für sich). O Gott! Ich dachte es!
Jane (sitzt wie vorher auf dem Gesims, die Füße auf dem Stuhl, beide Hände mit dem Buch auf den Knien; ihre Blicke sind unstät und wild, sie zittert an allen Gliedern und starrt John drohend an).
John (tritt etwas verblüfft zurück). Nun - was stierst du so? Kannst du nicht antworten? Was versteckst du dich hier, um die Leute zu ängstigen? Ich werfe dich herunter, wenn du nicht auf der Stelle Rechenschaft giebst, du Unke! (Er streckt die Hand aus, um sie zu ergreifen).
Jane (wie oben). Rühre mich nicht an, John! Vor einem Jahr war ich noch eine Katze und kratzte dich, weil ich mich nicht mit dem Hammer totschlagen lassen konnte, jetzt bin ich ein Mädchen!
John (lacht höhnisch). Da denkst du wohl, ich schlage dich nicht mehr? Das sollst du gleich --- (Er geht auf sie zu.)
Jane (mit funkelnden Augen, aber ohne Bewegung). Wenn du es thust, John, dann kratze ich dich nicht mehr -- sie springt hinab und steht mit einem Satz auf dem Bodens ich töte dich! Drum laß mich ruhig gehen!
John (sehr erschrocken zurück). Bah! Das läßt du wohl bleiben!
Jane (trocken). Wenn du mich nicht schlägst, gewiß!
Bessie (faßt sanft ihre Hand). Komm fort, Jane.
Jane (ohne das Auge von John zu wenden). Wenn er erst geht.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Mistreß Reed, eine hohe Frau von einigen vierzig Jahren, stolz, schroff, finster, in dunkler sehr eleganter und glänzender Kleidung, ihre Art ruhig, kalt würdevoll, kommt mit Henry Wytfield durch die Mitte.
Mistreß Reed. Was giebt es? (Sie erblickt Jane und wendet sich mit einem Blick voll Abscheu ab). Ha! Das Geschöpf hier? Wie untersteht sie sich --
John (auf sie zu). Mama, Jane hat sich heimlich hinter die Gardine versteckt und mir gedroht, mich zu töten, wenn ich ihr nahe komme.
Mistreß Reed (sich überwindend). Warum ließest du dich mit ihr ein? Es ist deine Schuld, du hast mein Verbot nicht geachtet. Zu Jane. Was machst du hier?
Jane (die von dem Augenblick, wo Mistreß Reed eintrat, in scheuem Entsetzen, zitternd und unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen dastand, leise). Ich las, Tante Reed.
Mistreß Reed (sich beherrschend, immer kalt und ernst). Ist dir nicht verboten, den ersten Stock zu betreten?
Jane. Ja.
Mistreß Reed. Nun? Wie konntest du es wagen, dich hier einzuschleichen, wo dich mein Wille verbannt?
Jane (immer bescheiden, aber Ernst). Georgine und John haben mir alle Bücher fortgenommen, auch die, welche durch Onkel Reeds Güte mein Eigentum waren. Man hat mich auf die Oberstube angewiesen, seit Georgine in den ersten Stock kam, dort ist es aber so kalt und öde. Ich sehnte mich so sehr nach einem guten Buche, und hier ist es warm und einsam.
Henry (schüttelt den Kopf, halblaut). Sarah! Laß sie!
Mistreß Reed (wirft ihm einen drohenden Blick zu, dann wie oben zu Jane). Du konntest mich um ein Buch bitten, dann hattest du nicht nötig, dich ungehorsam zu zeigen.
Jane (mit einem scharfen Blick sie fest ansehend). Ich kam auch nicht um des Buches willen allein--
Mistreß Reed (schroff). Weshalb kamst du also? Um zu erhorchen, was hier nebenan geschieht!
Jane (wie oben). Nein! Um Onkel Reed zu besuchen (sie zeigt nach rechts auf das Bild) und ihm ein Gebet zu weihen, da ich keine Blumen habe, um sein Bild zu seinem Geburtstage zu schmücken.
Mistreß Reed (fährt zusammen und beißt sich auf die Lippen, für sich). Natter!
Henry (sieht Mistreß Reed erstaunt an). Ja - wahrhaftig, der zweite Weihnachtsfeiertag! Das war zu meines Schwagers Lebzeiten ein großer Festtag hier im Hause! Daran dachte man heute nicht, wie es scheint!
John (aufgeblasen). Papa ist aber auch schon so lange tot, wer kann immer daran denken!
Mistreß Reed (herrisch) Schweig! Henry. Ich begreife, daß Jane Eyre diesen Tag nicht vergißt; ist es doch mein seliger Gatte allein, dessen Verzärtelung sie den Starrsinn, den Hochmut, den Trotz verdankt, welche sie zum Kobold dieses ruhigen Hauses machen. (Sie sieht sie finster an). Habe ich dir nicht verboten, die Haare gelockt zu tragen? Weißt du nicht, daß Georgine dies nicht duldet? Diese Frisur paßt nur für Töchter großer Häuser, wie meine Georgine, die zum Befehlen, nicht für solche, die zum Dienen bestimmt sind wie du. Antworte, warum thust du das?
Jane (führt wie träumend mit der Hand durch ihre Locken, sie langsam durch die Finger ziehend). Ich wußte nicht, daß ich eine ,Frisur' trage, ich thue es nicht, Tante Reed, das kommt so von selbst; dies widerspenstige Haar will nicht anders fallen; gewiß, ich kann nicht dafür.
Mistreß Reed. Dein Haar ist also das Sinnbild deines Charakters! -- Hast du John gedroht, ihn zu töten?
Jane (ruhig). Wenn er mich wieder schlagen würde, wie damals -- ja.
Mistreß Reed. Wirklich? So bitte ihn um Verzeihung!
Jane (sieht vor sich nieder, ohne sich zu rühren).
Mistreß Reed (sieht sie durchbohrend an). Wirst du nicht?
Jane (ruhig). Nein!
Mistreß Reed (mit funkelnden Augen). Du bittest nicht um Verzeihung?
Jane (wie oben). Wenn er erst mich bittet, ihm alle die Schmähungen, mit denen er “das Bettelkind” überhäuft, zu vergeben.
Mistreß Reed (zu Wytfield). Hörst du, Henry, hörst du? Zu Jane. Geh!
Jane (neigt das Haupt und will gehen).
Mistreß Reed. Lege erst das Buch ab.
Jane (kämpft schwer mit sich selbst, kehrt dann um und legt es mit schmerzlichem Ausdruck auf den Tisch).
Mistreß Reed. Du wirst hier nur noch einmal erscheinen, wenn ich dich rufen lasse -
Jane (sieht sie groß an).
Mistreß Reed. Geh! Befreie mich von dem Anblick eines undankbaren und bösen Geschöpfes.
Jane (geht mit gesenktem Haupt links ab)
John (triumphierend zu Bessie). Ha, das will ich schnell Georgine erzählen! Wie wird die sich freuen! (Er läuft durch die Mitte ab.
Bessie folgt ihm kopfschüttelnd).
Fünfter Auftritt.
Mistreß Reed. Henry Wytfleld.
Mistreß Reed (In voller ausbrechender Wut). Nun hast du sie gesehen und gehört, die Schlange, die den Frieden dieses Hauses gestört, seit sie es betrat! Begreifst du nun, was ich unter der Pflichterfüllung litt, die meines Gatten Härte mir auferlegte? Gott sei gepriesen, daß es nun zu Ende ist!
Henry. Ich war zu lange von hier entfernt, um alle Verhältnisse mit einem Blick zu durchschauen. Ich begreife nur, daß die Stellung dieser Waise in deinem Hause eine falsche, eine sehr traurige und das Resultat einer mangelhaften Erziehung ist, denn sie trägt schwer an deinem Hasse.
Mistreß Reed. Ja, ich hasse sie! Möglich, daß ich sie nicht zu erziehen verstand, möglich, daß ich es nicht wollte, ich weiß nur, daß dieses Geschöpf wie Schierling auf gesunder Weise hier zwischen uns aufwuchs, daß es meine Kinder verdarb, sie mißhandelte, meine Ruhe störte, und daß ich eine gewissenhafte Thörin war, bis jetzt diese Bürde getragen zu haben!ß Ich that das Unsäglichste, ich versuchte alles an ihr, um sie gefügig, gehorsam zu machen, allein sie ist unverbesserlich; sie haßt meine Kinder, trotzt meinem Willen, und muß fort; so nur kann Friede in mein Herz und Haus kommen, denn sie ist das Ebenbild ihrer Mutter, eigenwillig und verstockt wie diese es war.
Henry (kopfschüttelnd). Du hattest, wenn ich mich recht erinnere, schon gegen die Mutter einen heftigen Widerwillen.
Mistreß Reed. Hatte ich kein Recht dazu? Sie hat unseren Namen mit Schande bedeckt, lief mit einem armen Seeoffizier davon, verheiratete sich mit diesem Elenden, der ihr Vermögen vergeudete und sie nach wenig Jahren mit diesem Kinde als hilflose Witwe, als Bettlerin zurückließ! Was habe ich nicht damals schon erduldet, als sie eines Abends hier ankam und der schwache romantische Reed sie mit offenen Armen aufnahm! Ich mußte ihren Anblick ertragen, sie pflegen und warten, bis mich ihr Tod von dieser Marter erlöste! Ich atmtete auf, ich glaubte, der Kelch sei geleert, ich täuschte mich, das Bitterste war noch zurück - sie hatte ihm ihre Waise ans Herz gelegt! Du gingst eben damals nach Spanien, du weißt nicht, was mir auferlegt wurde! Reed war ein strenger eigenwilliger Mann, ich durfte ihn nicht ahnen lassen, wie sehr ich dieses kleine Geschöpf haßte, das seine ganze Liebe, seine ungeteilte Aufmerksamkeit besaß! – Abgöttisch hing er an dem Kinde, stundenlang konnte er sie auf den Knien halten, mit ihren schwarzen Locken tändeln und ihrem albernen Geschwätz lauschen. Es war, als hätte sie die Fähigkeit, seine eigenen Kind er zu lieben, gänzlich vernichtet, denn als alle drei am Scharlach erkrankten, saß er Tag und Nacht an Janes Bett, hatte nur für ihre Gefahr Augen, für ihre Klagen ein Ohr, und überließ unsere Kinder mir und dem Schicksal! Ich aber mußte es tragen und schweigen! Ja, noch als der Tod ihn plötzlich überraschte, waren seine letzten Gedanken bei diesem unheimlichen Wesen, denn er ließ mich schwören, sie nie zu verlassen, sie mit meinen Kindern in denselben Rechten zu erziehen -- (fast knirschend) in den Rechten meiner Kinder! Die Bettlerin! So hat er noch über sein Grab hinaus die Bürde auf meine Schultern gewälzt, die ich indes lange genug getragen habe, um es vor meinem Gewissen verantworten zu können, wenn ich sie jetzt abwerfe, damit ich nach vierzehn langen Jahren wieder frei atmen kann in meinem eigenen Hause!
Henry (erstaunt). Was hast du mit ihr vor?
Mistreß Reed. Ich schicke sie in die Lowoodstiftung; der Direktor, derselbe, welcher gestern hier ankam, ist damit einverstanden, und ich erwarte ihn jeden Augenblick, um sie ihm zu übergeben.
Henry. Die Lowoodstiftung? Ist das nicht ein Waisenhaus, eine Art Armenschule, die von milden Gaben existiert -- in sehr ungesunder Gegend, achtzig Meilen von hier?
Mistreß Reed (kalt). Ein Waisenhaus, allerdings. Die Gegend kenne ich nicht, doch weiß ich, daß junge Mädchen dort streng, einfach und in Gottesfurcht gelehrt und zur Arbeit und Demut angehalten werden. [Ich bezahle achtzehn Pfund Jahrgeld für sie und werde diese Summe für vier Jahre im voraus erlegen.] Dort wird Jane Eyre erzogen, wie es für ihre Zukunft nötig ist -- von dort aus kann sie eine Stelle als Dienerin oder Lehrerin suchen, je nachdem sie diese vier Jahre zu eigenem Wohl verwendet, und so
glaube ich ihr die größte Wohlthat zu erweisen und meiner Pflicht Genüge zu thun!
Henry. Jedenfalls thust du es zu spät, Sarah. [Vor wenig Jahren noch konnte sie sich in diesen furchtbaren Wechsel ihres Geschickes finden, sie konnte lernen, jetzt ist sie nicht mehr jung genug für ein solches Pensionat--] und mir scheint, du erfüllst auf diesem Wege das Versprechen nicht, das du deinem Gatten gabst – in einem Waisenhause wollte er sie sicher nicht erziehen lassen.
Mistreß Reed (bitter). O nein! Gewiß nicht! Das erste Pensionat Londons würde ihm für Jane Eyre zu gering erschienen sein, und hätte er Zeit gehabt zu testieren – er hätte sie wohl zum Nachteil seiner Kinder reichlich bedacht! Aber Gott ist gerecht und wollte es anders! (Sich rasch zu ihm wendend.) Wenn du übrigens, wie es scheint, mein Verfahren nicht billigst, so steht es bei dir, für Jane Eyres Zukunft zu sorgen, ich überlasse dir diese mit Freuden.
Henry. Du spottest bitter, Sarah! [Du weißt sehr wohl, daß du wenig hattest, als Thymoty Reed dich durch seine Hand zur reichen Frau machte, und daß ich im Kriegsdienst meine Stellung im Leben gründen mußte, denn ich hatte nicht viel mehr als du!] Meine Verhältnisse erlauben nicht wie die deinen, die Zukunft dieser Waise zu sichern!
Mistreß Reed (kalt). So wirst du sehr wohl daran thun, sie dem Schicksal zu überlassen, das ich als das Angemessenste für sie erachte. Die ganze Gegend kennt und lobt, was ich für dieses fremde Kind gethan, und ich glaube, dies Lob zu verdienen!
Henry (zuckt die Achseln). Wohl dir, wenn dein Gewissen es dir nicht anders sagt!
Mistreß Reed (will heftig antworten).
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Bessie durch die Mitte.
Bessie. Mistreß! Master Blackhorst bittet –
Mistreß Reed (belebt). Ah, willkommen! Rufe Jane Eyre.
Bessie. Ich habe James nach ihr hinauf geschickt, sie wird gleich da sein. (Sie geht, öffnet dle Mittelthür und geht hinter Blackhorst ab.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Blackhorst, ganz schwarz, in einer Art geistlichen Tracht, fünfzig Jahre alt, kommt durch die Mitte.
Blackhorst (unterthänig gegen Mistreß Reed, seine Züge hart und kalt). Mistreß haben erlaubt--?
Mistreß Reed (verwandelt, sobald er eintritt, ihr Gesicht; sie wird sanft, würdevoll und gütig). Sehr willkommen, mein ehrenwerter Herr! (Sie geht nach dem Sofa und zeigt auf den Stuhl daneben.)
Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet.
Blackhorst (setzt sich, Henry begrüßend). Zu gütig, Mistreß Reed.
Mistreß Reed (mit Salbung). Mit Sehnsucht kann ich wohl sagen, denn ich sehe in Ihnen das Werkzeug, welches der Allgütige gewählt, um Herzen, die ihm verloren gehen könnten, mit fester Hand zurückzuführen zu dem wahren Heil ihrer Seele!
Blackhorst (demütig, mit einem scharfen Blick.) Mit harter Hand sogar, Mistreß Reed, wo Härte Balsam ist, gewiß! Gott hat seinen demütigen Diener zu einem solchen Werkzeug erwählt -- und ich werde ihn preisen, wenn es mir gelingen sollte, das junge Lamm, welches sich, trotz Ihrer Wohlthaten, wie mir Ihre Briefe melden, so weit von der Herde verirrt, auf die rechte Bahn zurückzuführen!
Mistreß Reed (wie oben). Leider war ich Ihnen diese traurige Wahrheit schuldig, wenn ich es Ihnen möglich machen wollte, die Leitung dieses Kindes zum Besseren zu vollbringen.
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Jane von links durch die Seitenthür, bleibt an der Thür stehen.
Mistreß Reed (Jane erblickend, winkt ihr). Tritt näher, du sollst nicht sagen, daß ich hinter deinem Rücken sprach.
Jane (kommt staunend und ängstlich näher).
Mistreß Reed. Ich habe an Jane Eyre alles gethan, was Gott befiehlt, den Waisen zu erweisen. Sie lebte seit ihrem zweiten Jahre unter meinem Dach -- sie teilte alles mit meinen Kindern, sie wurde erzogen wie diese, doch der Same meines Wohlthuns fiel auf steinigen Boden, (mit einem schweren Seufzer) sie hat kein Herz! Sie ist undankbar, sie lügt -- und heuchelt! Ich habe an diesem Charakter vergebens alles versucht -- ich bin es ihrem künftigen Wohl schuldig, sie in strengere Hände, als die meinigen sind, zu geben!
Blackhorst. Es ist entsetzlich, was Mistreß Reed mir da sagen! Doch sein Sie ohne Sorge; ich habe schon manches starre Herz, manches böse Gemüt gebeugt! Mit Gottes Hilfe wird es auch hier gelingen -- obgleich es schon etwas spät ist, [diese junge Seele noch auf den Weg des Rechten zu führen!]
Mistreß Reed. Jane Eyre, du siehst den ehrenwerten Mann, in dessen Hände ich dein Schicksal von jetzt an lege. Du wirst in wenig Tagen nach der Lowoodstiftung reisen, wohin ich dich auf vier Jahre in Pension gegeben habe.
Jane (mit freudigem Schreck). Wie? Ich soll fort von hier?
Mistreß Reed. Du hörst es.
Jane. Sie schicken mich auf die Schule?
Blackhorst. Wo man böse Herzen Gott erkennen lehrt.
Jane, (mißt ihn mit einem ernsten Bick). Diesen Unterricht hat mein Onkel Reed übernommen, Sir-- ich erkenne und liebe Gott, der mir gnädig aus diesem Hause hilft! Sagen Sie mir lieber, was ich sonst noch bei Ihnen lernen werde, Sir.
Blackhorst (sehr verwundert). Wenn Sie Lust zum Lernen haben, sehr viel, Miß!
Jane. O, ich habe Lust, ich habe Fleiß, ich will alles lernen, alles, Sir, was mich selbständig -- was mich unabhängig von Wohlthaten macht, die wie Feuer auf meiner Seele brennen!
Blackhorst (streng). Nun, Miß, Sie sollen vor allem Demut lernen, denn nur ein demütiges Herz taugt in ein Waisenhaus wie das zu Lowood, das seine Existenz nur edlen Wohlthätern dankt.
Jane (erbebend). Waisenhaus? Sie schicken mich in ein Waisenhaus, Mistreß Reed?
Mistreß Reed (kalt). Es ist der Ort, wohin du gehörst, wo du so ausgebildet wirst, wie es deinen Aussichten in die Zukunft angemessen scheint.
Jane (das Haupt zu dem Bilde erhebend). Hörst du es, Onkel Reed? Dein Herzenskind, deine Jane verstößt man, ein Waisenhaus ist ihre Heimat! Sei es! Ich werde nicht mehr böse sein, wie sie mich hier nennen, denn wenn mich auch der Haß verfolgt und quält und peinigt - so wird es der Haß Fremder sein, nicht derer, welche mir Verwandten.
Blackhorst (faltet die Hände). Gerechter Gott! Welche Sprache eines Kindes vor seinen Wohlthätern!
Jane (zuckt zusammen). Wohlthätern ! -- Du hörst es, Onkel Reed!
Blackhorst. Erlauben Sie, Mistreß Reed, daß ich mich entferne! Ich sah und hörte genug, um zu bedauern, daß Sie sich nicht schon vor Jahren entschlossen, dieses Mädchen einer Stiftung zu übergeben. Sie waren zu schonend, Sie haben mir noch nicht einmal die ganze Wahrheit gesagt! (Er ist aufgestanden und will sich entfernen.)
Jane (deren Brust heftig arbeitet, tritt ihm entschlossen in den Weg; ihre Augen funkeln, ihre Lippen zittern, doch sind ihre Bewegungen ruhig und fast starr). Nein, Sir, sie hat Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt! Sie sollen sie von mir hören, Sie sollen mich kennen lernen, ehe ich Ihnen folge und diesem Hause auf immer den Rücken zuwende. [Ich würde sterben, wenn ich es nicht einmal aussprechen könnte, was seit Jahren in mir gärt, und hinter ihrem Rücken (auf Mistreß Reed) hätte ich es nie gethan.] -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich sei undankbar. Es ist nicht wahr! Ich vergesse eine Wohlthat nie, das kleinste Zeichen von Güte ist in mein Herz begraben für immer. (Zu dem Bild gewendet.) Du weißt es, Onkel Reed! -- Mistreß Reed hat Ihnen gesagt, ich lüge und sei eine Heuchlerin! Das ist nicht wahr! Wenn ich lügen könnte, so würde ich sagen: ich liebe Mistreß Reed, sie hat mir Gutes gethan, sie war mir wie eine Mutter; wenn ich heucheln könnte, so würde ich jetzt vor Ihnen weinen und klagen, daß ich aus diesem Hause verstoßen bin, denn ich weiß, dies würde mir Vorteil bei Ihnen bringen! Aber ich sage Ihnen -- ich verabscheue nichts auf der Welt so sehr wie diese Frau, deren Blicke Dolche, deren Worte Stacheln für mich waren, seit ich zu denken und zu fühlen begann; ich juble darüber, dieses Haus zu verlassen, diese Frau und ihre bösen Kinder nicht mehr sehen zu müssen, und welche Zukunft mir auch bestimmt sei, ich werde nie zu ihr zurückkehren und sie nie wieder “Tante” nennen, und wenn ich alles Glück der Welt mit diesem einen Wort erkaufen könnte! (Sich plötzlich ganz zu Mistreß Reed wendend.) Denn Sie haben mich seit fünf Jahren mit kalter elender Grausamkeit behandelt -- mich, die Ihnen nichts zuleid gethan hat, als daß sie Gott erschuf!
Mistreß Reed (überwältigt von Staunen und Schreck). Wie kannst du wagen, mir das zu sagen, vor diesem fremden Herrn!
Jane (leidenschaftlich, bis fast zu Thränen). Wie ich es wagen kann, Mistreß Reed! Wie ich es wagen kann? Weil es Wahrheit ist, was ich sage! Sie glauben, mein Herz sei von Stein, es bedürfe keiner Liebe, aber ich bedarf Liebe, ich war Liebe gewohnt -- ein klein wenig Liebe hätte mich gut gemacht, für ein klein wenig Liebe hätte ich Sie angebetet, wie ich Onkel Reed angebetet habe! Aber Sie kennen kein Mitleid, Sie wissen nichts von Erbarmen! In meiner Todesstunde noch werde ich des Abends vor einem Jahre gedenken, als mich Ihr böser Sohn ohne Grund und Ursache mit dem Hammer niedergeschlagen hatte, als ich mich blutend und verzweifelnd zur Wehr setzte, und Sie mich deshalb nach dem Saale schleppen ließen, wo einst Onkel Reeds Leiche ausgestellt war, wo Bessie sagt, daß sein Geist klagend wandle -- als Sie mich dort im Finstern durch eine lange fürchterliche Nacht eingeschlossen schmachten ließen, obgleich ich vor Jammer fast erstickend flehte: “Tante Reed, haben Sie Erbarmen! Tante Reed, haben Sie Mitleid!” -- O ich will es aller Welt erzählen, was Ihr Mitleid, Ihr Erbarmen ist! Sie ließen mich dort verzweifeln -- es kümmerte Sie nicht, daß der Arzt nachher sagte: Sie hätten mich zerstört fürs ganze Leben! -- Wenn ich böse geworden, bin ich es durch Sie! Sie sind, was Sie mich nennen: eine Heuchlerin -- ja, Sie sind mehr, Sie sind eine Meineidige –
Mistreß Reed (unfähig sich länger zu halten, entsetzt). Jane!
Jane (außer sich, ohne sich unterbrechen zu lassen). Eine meineidige an den Toten-- denn Sie haben in meinem Beisein in die kalten Hände meines sterbenden Onkels geschworen, mich zu halten wie Ihre eignen Kinder, mir gleiche Rechte, gleiche Liebe zu gewähren, mich nie zu verlassen, und Sie haben mich mit Haß erzogen, haben mich verbannt aus den Zimmern, die Sie und Ihre Kinder bewohnen, haben mir die Lehrer Ihrer Kinder versagt, damit ich unwissend bleiben sollte -- und heute stoßen Sie mich in ein Waisenhaus, da ich schon zu alt zum Lernen und zu jung bin, um meinem Schicksal allein überlassen werden zu dürfen! So haben Sie Ihren Eid erfüllt -- und wenn Sie ihn (sie zeigt auf das Bild) in jenem Leben wiederfinden, und er Sie fragen wird: “Was hast du mit der Waise meiner Schwester gemacht und was ist aus deinem Eid geworden?” so sagen Sie ihm: “Ich habe die Waise böse gemacht und meinen Eid gebrochen!”' (Zu Blackhorst.) Nun nehmen Sie mich hin und sehen Sie zu, ob Sie gut machen können, was der Haß an mir verdarb! (Sie eilt durch die Mitte ab
Mistreß Reed (sinkt zitternd in das Sofa und verhüllt ihr Gesicht).
Blackhorst (stand sehr verlegen und folgt Jane).
Henry (zu Mistreß Reed tretend, zuckt die Achseln).
Der Vorhang fällt rasch.
Zweite Abteilung.
Rochester.
Erfter Aufzug.
Salon auf Thornfield-Hall in düsterer Pracht aus den letzten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts. Im Rokokostil möbliert, sodaß die Möbel moderner erscheinen als der Saal. Die Mittelthür der allgemeine Eingang, die Thür zur Rechten führt zu Rochesters Zimmern, die zur Linken in die Bibliothek. Rechts vorn ein Fenster. Links vorn ein großartiger Kamin, über demselben das Wappen der Rochester in Marmor ausgehauen; auf dem Sims des Kamins zwei silberne Armleuchter mit brennenden Lichtern und mehrere Vasen mit Blumen; im Kamin brennt ein starkes Feuer; dicht am Kamin eine Chaiselongue; daneben ein kleiner Marmortisch. Rechts der gleiche Tisch, daneben zwei Lehnstühle. Im Hintergrunde rechts von der Mittelthür ein servierter Theetisch mit silberner Theemaschine und silbernem Gerät, links von derselben Thür ein Stuhl.
Auf den beiden Tischchen stehen gleichfalls brennende Lichter.
(Rechts und links immer vom Schauspieler.)
Erster Auftritt.
Sam. Mistreß Judith Harleigh.
Sam (ein Mann von einigen fünfzig Jahren, hat eben die letzte Blumenvase auf den Tisch gesetzt). So! Hier wäre alles in Ordnung! Ich denke, er könnte zufrieden sein, wenn er heute wirklich noch zum Thee herüber kommt.
Judith (die ordnend an dem Theetisch stand). Warum sollte er nicht?
Sam. Er kam ja in fürchterlicher Laune an und ging nach seinem Zimmer, ohne nach elfmonatlicher Abwesenheit einen Menschen zu begrüßen als Gratia Pool, mit der er sich einschloß.
Judith (ruhig, setzt sich auf den Lehnstuhl rechts). Dafür ist er der Herr! Seine Laune geht niemand an, und warum er zuerst mit Gratia Pool spricht, wißt Ihr.
Sam (gewichtig). Wohl weiß ich es, und ich denke, ich bin dem Lord ein treuer verschwiegener Diener!
Judith. Gewiß. Das seid ihr, Sam. Aber er hat ja selbst mir, seiner Verwandten, noch keine Silbe gegönnt! Das kümmert mich nicht, er ist einmal der Herr!
Sam (ärgerlich). Und so mir nichts dir nichts ins Schloß hereinzufallen, ohne nur ein Wort zu schreiben!
Judith. Er treibt es ja immer so, seit er aus Indien zurückkam; was habt Ihr nur, Sam, daß Ihr heute so besonders verdrießlich seid?
Sam (brummend). Ach, Sie wissen es, Mistreß Harleigh, warum fragen Sie? Früher war Ihnen meine Frau, die gute Lea, alles, aber seit diese bleichsüchtige hochnäsige Miß Eyre auf Thornfield-Hall einzog, sind wir hintenangesetzt.
Judith (lächelnd und immer lebhafter werdend?) Ihr seid alte Thoren, Ihr und Lea! Ist die Erscheinung dieses Mädchens nicht ein glückliches Ereignis, für das wir alle dankbar sein müssen? [Mit Ausnahme der wenigen Wochen, die Lord Rochester zuweilen hier zubringt, seit er sein Erbe antrat, saßen wir einsam in diesem unheimlichen Schloß wie auf einer wüsten Insel; sind wir einsam, seit dies wackre Mädchen mit ihren klugen Augen alles hier belebt? Hat sie uns nicht von der Plage erlöst, welche uns diese kleine Adele bereitete, die der Lord aus Frankreich mitbrachte? In drei Monaten ist sie Herr dieses verzogenen Kobolds geworden, den zwei Jahre lang kein Mensch, selbst der Lord nicht, zu bändigen wußte. Sie ist stets gefällig, stets zufrieden, niemals zeigt sie müßige Neugier und das - ist viel wert, Sam! Ich weiß, was ich mit der gefährlichen Neugier der früheren Gouvernante ausstand, bis ich sie endlich aus dem Schlosse hatte! Darum danke ich täglich Gott, der uns dieses gute Mädchen schickte! Versteht Ihr?
Sam (faltet die Hände). Gott behüte, Mistreß Harleigh, kommen Sie zu Atem! (Giftig.) Ich wünsche nur, daß der Lord auch einen solchen Schatz in ihr entdeckt, ihre Herrlichkeit dürfte sonst nicht lange hier dauern.
Judith. Ich will hoffen, daß er mir Jane Eyre hoch in Ehren hält, denn wenn sie uns auch verläßt, so kann er seine kleine Französin erziehen lassen, wo er will, ich bringe keine Gouvernante mehr ins Schloß!
Sam (lauernd). Wissen Sie nicht, Mistreß, wo er das Kind aufgelesen, und wem es gehört?
Judith (trocken). Nein! Habe nie danach gefragt, geht uns auch nichts an.
(Man hört von rechts einen langgezogenen Glockenton, der nicht ganz nahe sein darf.)
Sam (fährt zusammen). Der Herr!
Judith (horchend). Nur einmal, das geht den Kammerdiener an.
(Ein zweiter Glockenzug.)
Judith. Nein, es gilt Euch -- rasch Sam!
Sam (eilt durch die Seitenthür rechts ab).
Zweiter Auftritt.
Judith allein.
Judith. Ehe er nicht dreimal klingelt, geht es mich nicht an, und er kommt wohl heute nicht mehr herüber! Aber wenn es ihm doch einfiele, wenn er die neue Erzieherin sehen wollte, und Jane ist noch nicht da! [Warum mußte ich auch den Postboten von Millcote heute versäumen! Nun hat sich das wackre Mädchen erboten, meinen Brief an die Base selbst nach Hay-Lane zur Post zu tragen. Hätte ich es doch nicht angenommen!] Es ist schon stockfinster! (hin und her gehend). Wem konnte aber auch einfallen, daß der Lord grade heute, wie vom Himmel geschneit, ankommen würde! Und das arme Kind hat
einen Weg von zwei Stunden zu machen. Wenn ihr nur nichts zugestoßen ist!
Dritter Auftritt.
Die Vorige. Jane steckt den Kopf durch die Mittelthür. Sie trägt ein kornblumenblaues Tibetkleid bis zum Hals geschlossen, ein feines weißes Spitzenkrägelchen und gleiche Manschetten an der Handwurzel. Das Haar einfach gescheitelt. Auf dem Hinterkopf ein zierliches Kantenhäubchen mit weißem Band. Ihr Gesicht ist etwas mehr gerötet als im Vorspiel, aber nur leicht, ihre Haltung aufrechter, auch ist es nötig, daß die Darstellerin sich durch die Schuhe größer macht, als sie früher war. Ihre Miene spricht ernste Zufriedenheit, ohne Heiterkeit, aus.
Jane. Ei! Hier muß man Mistreß suchen?
Judith. Ah, da sind Sie! Gott sei Dank! Kommen Sie geschwind! Wo blieben Sie? Ich war so in Angst!
Jane (freundlich auf Judith zugehend). Ihr Brief ist bestens besorgt, Mistreß Harleigh. Ich ging nur nach meinem Zimmer, um Hut und Mantel abzulegen, [suchte Sie vergebens in dem Ihrigen und erfuhr von Lea, die mir auf dem Korridor eiligst vorüberlief, daß ich Sie hier fände.] (Mit großen Augen umhersehend.) Aber wie hell ist es hier, und wie warm, wie wohnlich! Gar Blumen auf dem Kamin? Was bedeuten denn diese großen Anstalten, Mistreß Harleigh?
Judith. Sie bedeuten, daß während Ihrer Abwesenheit ganz plötzlich unser Herr angekommen ist.
Jane (ohne Schrecken). Lord Rochester? In der That? Wußten Sie denn –
Judith. Niemand wußte, er treibt es immer so.
Jane (ruhig). Ach welch ein ereignisvoller Tag! Ich dachte schon, alle Abenteuer wären überstanden, und nun kommt erst die Hauptsache.
Judith (neugierig). Abenteuer? Wieso? Hatten Sie--?
Jane (lächelnd). Wohl hatte ich das seltsamste Abenteuer! Die Luft war diesen Nachmittag so frisch, der Schnee knisterte unter meinen Füßen, der lange Spaziergang that mir wohl, ich lief rasch und ward ein bißchen müde. Auf dem Hügel, eine halbe Stunde vor Hay-Lane, setzte ich mich auf die Steinbank, sah in die prächtige Winterlandschaft hinaus und dachte dabei: daß unser Herr doch sehr reich sein müßte, denn Sie sagten mir einmal: alles Land, was ich von dort übersehen könne, sei sein eigen! Plötzlich höre ich den Berg herauf Hufschlag, und zugleich beschnobbert ein ungeheurer Neufundländer meine Füße und glotzt mich mit feurigen Augen drohend an; ich erschrecke, springe rasch auf, und in demselben Augenblick sprengt ein Reiter an, dessen Pferd sich bei meinem Augenblick bäumt, überschlägt und seinen Herrn unter sich begräbt!
Judith. Großer Gott!
Jane. Ich höre einen wilden Schrei, dann einen derben Fluch, und als ich entsetzt herzu eile, ruft mich eine tiefe, klangvolle Stimme, wie eine Feuerglocke dröhnend, an: “Wenn Sie keine böse Fee sind und mein Pferd nicht fürchten, so reichen Sie mir die Hand, daß ich unter dem tollen Tier hervorkomme!” Ich fürchtete mich wohl ein wenig, obgleich nicht allzuviel, aber ich wollte mutig sein, und da ging es. Ich brachte ihn glücklich in die Höhe. Kaum war er auf, faßte er mit gewaltiger Hand den Zügel und rief: “Auf, Mesrour, auf!”
Judith (erschrocken). Mesrour nannte er das Tier?
Jane. Gewiß, und es verstand den Ruf, denn es machte eine kräftige Anstrengung und stand plötzlich, sich schauernd, auf den Füßen. Das erste, was der rohe Mensch that, war, dem schönen Pferde einen Streich zu versetzen, daß es hoch aufsprang. “Strafe muß sein,” sagte er kaltblütig, “warum hast du mich abgeworfen?”
Judith (zitternd). Nun -- und was geschah dann ?
Jane. Dann wollte er es besteigen, aber er hatte sich den Fuß verrenkt und schien zu leiden. Ich fragte: “Herr, kann ich nichts für Sie thun? Ich möchte Ihnen gern helfen. Er sah mich aus schwarzen Augen mit einem Blick an, scharf und tief genug, um mir ins Mark zu dringen, so seltsam, halb gut, halb verächtlich. Dann sagte er trocken: “So leihen Sie mir Ihre Schulter, schwankes Rohr, wenn Sie nicht unter meiner Last zu brechen fürchten!” Ich lächelte und hielt ihm die Schulter hin, mich recht fest auf die Füße stellend, und das war nötig, denn er legte eine Hand schwer wie Blei auf meine Achsel, stützte sich darauf und mit einem Ruck war er im Sattel. Ohne zu danken, fuhr er dahin wie der Sturmwind über die Haide; der Hund in tollen Sätzen vor ihm her! (humoristisch). War das nicht ein frisches echtes Winterabenteuer?
Judith. Armes Kind! Wissen Sie, wer der Reiter war? Lord Rochester -- kein anderer!
Jane (erschrocken). Unser Herr! Zu Pferde?
Judith. Ja, sehen Sie, das ist so eine seiner Sonderlingslaunen! Stets läßt er den Reisewagen in irgend einer Stadt zurück, hierher kommt er nie anders als zu Pferde, und wir wissen nie, wann noch woher. Heute, scheint's, ist ihm der Ritt schlecht bekommen.
Jane (in trübem Sinnen). O weh! Das ist eine böse Empfehlung!
Judith. Nun verstehe ich erst, warum er sich sogleich auf sein Zimmer zurückzog; gewiß hat er Schmerzen, und er liebt es nicht, daß man ihn leidend sieht, es ist so eine seiner Eigenheiten!
Jane (aufmerksam). Eigenheiten? Sie sagten mir doch, als ich Sie frug, wie ich ihn zu behandeln hätte, er habe keine?
Judith (verlegen). Ja, das heißt -- ich meinte -- er sei gut zu behandeln, wenn man ihn sich selbst überließe, aber er hat denn auch so seine besondere Art, wie jeder Mensch.
Jane (sinnend). Höflich ist der Lord jedenfalls nicht, davon zeugt schon diese kleine Probe.
Judith (mit Überwindung, ihr ganz nahe tretend) Kind, ich habe Ihnen nie darüber gesprochen, ich liebe das Schwatzen nicht. Aber jetzt -- da es nötig, muß ich reden, denn ich habe Sie zu lieb, um nicht herzlich zu wünschen, daß Sie dem Herrn guten Eindruck machen! Lord Rochester ist der jüngere Sohn des Hauses und war arm, indes sein Bruder Herr des großen Erbes werden sollte. Sie hatten sich ziemlich vertragen, bis ein geheimnisvoller Vorgang zwischen den sie in Zwiespalt stürzte. Was vorgegangen, weiß ich nicht, denn ich lebte damals noch auf einem alten Jagdschloß der Familie, ich weiß nur, daß der alte Lord sich gezwungen, um die Brüder für immer zu trennen, unseren jetzigen Herrn nach Westindien zu schicken; dort lebte er fast vergessen, vor einigen Jahren, wo sein Bruder plötzlich starb, und ihm die Erbschaft zufiel. Da er nun sein halbes Leben in der Fremde zubrachte, und Spanisch Town in Jamaika bekanntlich eben keine Hochschule für feine Lebensart genannt werden kann, so ist der Herr etwas -- kurz angebunden und --- ungeniert geworden, das ist alles. Im übrigen ist Lord Rochester ein echter Gentleman an Herz und Gesinnung, und seit er hier Herr ist, ein Vater der Armen und Bedrängten in der ganzen Grafschaft! (Geheimnisvoll sich umsehend.) Nur eines wollte ich Ihnen noch raten, Kind! Sie erzählten mir neulich, daß Sie ein seltsames Lachen im Schloß gehört ---
Jane (zusammenzuckend). Ja, ein seltsames --- ein grausiges gespenstiges Lachen, Mistreß, das durch die Stille der Nacht aus dem dritten Stock des Turmes herab bis in mein Zimmer drang und mir das Blut starren machte!
Judith. Nun, Sie wissen jetzt, daß es von der armen Gratia Poole kam, dieser treuen Dienerin, die oft solchen Anfällen unterworfen ist.
Jane (sie fest ansehend). Ja, das sagten Sie mir; auch daß ihr befohlen ist, ihr Zimmer im dritten Stock des Abends nie zu verlassen, und doch begegnete ich ihr soeben auf der Treppe, und als ich die Galerie heraufging, hörte ich dieses entsetzliche Lachen wieder!
Judith (erschrocken). Wie? (Sich fassend). Ah, richtig --- Gratia Poole war ja drüben bei ihm.
Jane (sehr aufmerksam). Bei ihm, bei dem Lord?
Judith (verwirrt). Ich weiß nicht -- ich glaube. Aber – nehmen Sie sich in acht, Kind, sprechen Sie vor dem Herrn nie von diesem Vorfall und beachten Sie Gratia Poole gar nicht – (gutmütig) es ist zu Ihrem Besten, was ich Ihnen rate.
Jane. Ich danke Ihnen, Mistreß Harleigh, ich werde gehen.
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Gratia kommt aus der Seitenthür rechts. Eine ältliche Frau; sie trägt ein dunkles Wollenkleid, darüber eine weiße Schürze, ein zierliches aber einfaches weißes Tüchelchen über dem Kleide. Das Haar schlicht gescheitelt, darauf eine einfache weiße Mütze, die das Gesicht umschließt. Ihre Miene ist ernst und einfach, ihre Haltung fest und gerade ihr Ton männlich, sie macht keine Bewegungen.
Jane (leise zu Judith). Da ist das Weib!
Gratia. Mistreß Harleigh, der Herr wird hier den Thee nehmen.
Judith (froh). Gottlob! Wer ist jetzt bei ihm?
Gratia. Adele und der Doktor [Speenley], den Lea gerufen, er hatte einen Unfall.
Judith (mit einem bedeutsamen Blick auf Jane). Mein Himmel, ist das so schlimm?
Gratia (trocken). Weiß nicht, er klagt ja nie. Haben Sie alles in Bereitschaft gesetzt für die Nacht?
Judith. Steht alles unten.
Gratia. Der Herr will die neue Erzieherin beim Thee sehen. (Sie geht).
Judith. Gut! -- Gratia!
Gratia (bleibt stehen). Was?
Judith (mit Bedeutung). Zu viel Lärm, zu viel Lärm! Haltet mehr Ruhe, Gratia!
Gratia (kalt). Ich werde Ruhe halten. (Ab durch die Mitte.)
Fünfter Auftritt.
Jane. Judith.
Jane (die Gratia nicht aus den Augen ließ, für sich). Seltsam!
Judith (geschäftig). Es ist ein gutes Zeichen, daß er herüberkommt -- das Übel muß nicht so schlimm sein! Horch, ist das nicht Adelens Stimme?
Jane. Mein Gott, hat sie denn die Bonne noch nicht zu Bette gebracht?
Judith. O, wenn der Lord hier ist, bringt sie kein Mensch zum Schlafen! (Erschrocken). Ha! Ich glaube, das ist sein schwerer Gang -- er kommt jetzt schon? (Sie geht nach der Thür rechts, horcht, geht dann zu dem Theetisch und entzündet die Flamme unter der Maschine.)
Jane (für sich). Mein Herz klopft! Ich habe ihm Unglück gebracht bei dem ersten Blick; er müßte ein seltener Charakter sein, um mich ohne Vorurteil wiederzusehen! (Sie zieht nach dem Hintergrunde zurück.)
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Adele, ein Kind von höchstens acht Jahren, graziös aber einfach gekleidet, lebhaft, fröhlich, ganz Französin, kommt von rechts mit Rowland, einem Mann von vierzig Jahren; sein Gesicht kräftig, seine Stirn: ernst, fast finster, starkes, dunkles Haar, ein schwarzer leicht gekräuselter Bart. Er trägt einen dunklen modernen Sammetpelz, mit Zobel verziert, darunter einfache moderne Kleidung, auf dem Kopf eine rote moderne Sammetmütze mit Gold. Seine Art zu sprechen kurz, tief,
herrisch; sein Ausdruck hat zuweilen etwas Wildes, was aber rasch vorübergeht. Als er eintritt, ist sein Kopf etwas gesenkt, er sieht weder Jane noch Judith an. Hinter ihm
Sam.
Adele. Ah, siehst du, mein Freund, das ist meine gute Miß Jane. (Sie will auf Jane zu).
Rowland (gebieterisch zu Adele). Schon gut, Adele, sei ruhig! (Er geht etwas hinkend über die Bühne nach der Chaiselongue.) Sam!
Sam (rasch). Zu Befehl, Mylord!
Rowland (auf die Chaiselongue zeigend). Rückt mir das näher zum Feuer. In diesem alten Dohlennest schützt nicht Pelz noch Flamme vor Frost! (Er beißt sich auf die Lippen und fährt unwillkürlich nach dem Knie.) Hölle! -- Sam, Eueren Arm!
Sam (springt hinzu). Mylord!
Rowland (sich auf ihn stüzend, geht bis zur Chaiselongue und läßt sich mühsam nieder). Es ist gut! Rückt mir den Tisch her!
Sam (rückt ihm rasch das Marmortischchen zu Häupten der Chaiselongue).
Rowland (stützt den Arm auf das Tischchen und legt den Kopf auf die Hand). Gut! Geh!
Sam (im Vorbeigehen leise zu Judith, spöttisch). Nun kommt Ihr Kleinod an die Reihe. Wünsche Glück! (Ab durch die Mitte.)
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen ohne Sam.
Rowland (sitzt in Gedanken).
Adele (vor ihm auf den Knien kauernd, streichelt seine herabhängende Hand). Bist du böse, Rowland?
Rowland (kurz). Nein!
Adele (schmeichelnd). Hast du mir auch etwas mitgebracht?
Rowland (kurz). Wollen sehen, ob du es verdienst.
Adele (aufspringend, klatscht in die Hände). O, ich habe viel verdient, gewiß! (zu
Jane laufend.) Nicht wahr, Miß?
Jane (legt ihr die Hand auf den Mund und neigt sich leise flüsternd zu ihr herab).
Rowland (wirft einen halben Blick auf Jane, als erwarte er eine Antwort. Nach einer kleinen Pause, da Jane sich nicht rührt, wendet er den Kopf zu Judith, trocken). Guten Abend, Base Judith!
Judith (ebenso trocken). Gott grüße Sie, Lord Rochester! (Sich etwas nähernd). Sie haben einen Unfall gehabt?
Rowland. Wie immer, wenn ich diesen Mauern zu nahe komme.
Judith. Wie kam's?
Rowland. Eine verwünschte häßliche Hexe hat mir Mesrour scheu gemacht.
Jane (für sich, humoristisch). O weh, wie aufrichtig!
Judith (sehr ängstlich und verlegen). Das that sie gewiß nicht mit Willen.
Rowland. Gleichviel! (Er bewegt sich, den Schmerz verbeißend). Die Wirkung ist dieselbe. (Abwehrend.) Thee!
Adele (springt hinzu). Mir, mir! Ich darf ihm die Tasse bringen! (Sie hüpft um Judith her.)
Judith. Nichts da, du wirst sie wieder verschütten, ich kenne deine Sprünge schon. Miß Eyre, bitte! (Sie zeigt auf Rowland und giebt ihr die Tasse, ihr etwas zuflüsternd; später giebt sie Adele Thee.)
Adele (setzt sich auf einen der Stühle im Hintergrund und trinkt).
Rowland (für sich). Zudringlich scheint diese neue Gouvernante nicht. Entweder ist sie sehr schüchtern oder sehr klug.
Jane (setzt die Tasse auf einen silbernen Präsentierteller und kommt bescheiden, aber ohne alle Verlegenheit nach dem Vordergrund, sie ihm anbietend).
Rowland (kurz). Auf den Tisch!
Jane (stellt die Tasse auf das Tischchen).
Rowland (sie anschauend). Ei! Alle Wetter! Guten Abend, böse Fee!
Jane (verbeugt sich).
Rowland. Sie haben doch nicht meinen Thee verzaubert, wie diesen Nachmittag mein Pferd?
Jane (ihn ruhig ansehend, bescheiden). Ich fürchte, Herr, die Schuld lag mehr an Mesrour, welchen mein häßlicher Anblick erschreckte, als an einer Zauberkraft, von deren Vorhandensein ich wenigstens bis jetzt keine Beweise hatte.
Rowland (sieht sie sehr frappiert an). So? Hm! Nehmen Sie einen Stuhl.
Jane (geht zu dem Lehnstuhl rechts).
Rowland (für sich) Kurz angebunden! Die “häßliche Hexe” hat sie verdrossen. (verächtlich.) Sie ist eitel, wie alle! (Laut.) Rücken Sie den Stuhl zu mir.
Jane (bringt ruhig den Stuhl und setzt ihn zu den Füßen der Chaiselongue, sodaß sie ihm fast gegenüber sitzt).
Rowland (für sich.) Furchtsam ist sie wenigstens nicht. (Laut.) Sind die neue Erzieherin ?
Jane. Ja, Herr!
Judith (die in ängstlicher Spannung von ferne stand, kommt rasch vor.) Zu dienen, Lord Rochester. Sie ist es, für deren Gewinn ich täglich Gott danke!
Rowland (kurz.) Hat die junge Person Thee erhalten?
Jane. Ich danke, Herr!
Rowland (wie oben zu Judith). So nehmen Sie Ihren Thee, Muhme, setzen Sie sich dann dort (er zeigt auf den Stuhl rechts, der auf der anderen Seite des Tisches steht) zu uns, und bleiben Sie ruhig.
Judith (nimmt, ohne den geringsten Arger zu zeigen, ihren Thee mit, zieht ihr Strickzeug hervor und setzt sich, wo er befahl, zuweilen trinkend, immer aber auf das Gespräch lauschend).
Adele (vorkommend). Aber süßer Rowland, was hast du mir denn nun mitgebracht? Sag doch!
Rowland (trocken zu Jane). Hat sie etwas verdient?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. So geh zu meinem Kammerdiener und laß dir das Kistchen geben!
Adele (jubelnd). Ah -- Dank, tausend Dank! (Sich besinnend.) Du hast doch für Miß Eyre auch ein Geschenk mitgebracht?
Rowland (wirft einen mißtrauischen Blick auf Jane). Weiß nicht.
Adele. So will ich ihr von dem meinen etwas geben, nicht wahr, ich darf? (Sie läuft durch die Seitenthür rechts ab.)
Achter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Rowland (mit scharfem Blick auf Jane, wie oben). Haben Sie ein Geschenk erwartet, lieben Sie Geschenke, Miß?
Jane (immer vollständig ruhig, ohne Furcht, wie [sic] ohne Unbescheidenheit) Ich weiß es nicht, Herr! Ich habe nie Geschenke erhalten, noch erwartet.
Rowland. Sie sind nicht so ehrlich wie Adele! Sie fordert ihre Geschenke mit Ungestüm und verhehlt ihre Freude darüber nicht. Sie aber, Miß, halten hinter dem Berge.
Jane. Adele macht den Anspruch alter Bekanntschaft und das Recht der Gewohnheit geltend; sie erzählte mir, daß Sie nie ankommen, ohne sie reich zu beschenken. Wenn ich aber einen Grund ausfindig machen sollte, der mich berechtigte, ein Geschenk von Ihnen zu erwarten, so würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich bin Ihnen gänzlich fremd und habe noch nichts gethan, das solche Ansprüche rechtfertigte.
Rowland (finster). Kokettieren Sie nicht mit übergroßer Bescheidenheit. Ich habe Adele in diesen wenigen Stunden geprüft und staune über die Fortschritte, die sie gemacht. Sie hat in dieser kurzen Zeit mehr englisch gelernt, als bis jetzt in zwei Jahren!
Jane (heiter, neigt das Haupt leicht). Dank, Herr! Ich habe mein Geschenk.
Rowland (sieht sie nicht ohne Wohlgefallen an, nimmt seine Tasse und trinkt). Hm ! (immer aufmerksamer.) Wie heißen Sie?
Jane. Jane Eyre.
Rowland. Sie sind erst drei Monate in meinem Hause?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Und kommen --- woher?
Jane. Aus der Lowoodstiftung, zwanzig Meilen von Millcot.
Rowland (wie bedauernd.) Aus der Lowoodstiftung ? O! -- Wie lange waren Sie dort?
Jane. Acht Jahre!
Rowland. Acht Jahre? Dann müssen Sie eine Konstitution von Eisen haben, Miß, denn so viel ich weiß, werden die Zöglinge in dieser milden Stiftung halb ausgehungert und von dem heuchlerischen Blackhorst mit schonungsloser Strenge zum Lernen und Beten getrieben. Darum kamen Sie mir heute auf dem Berge vor, als stammten Sie aus einer anderen Welt; wußte ich doch gar nicht, wo ich diese Art von Gesicht hinthun sollte! Aber was machten Sie denn so lange in Lowood?
Jane. Vier Jahre war ich Zögling, und als ich nichts mehr bekam, meine Pension zu bezahlen, ward ich für die übrige Zeit Lehrerin dort, mit fünf Pfund jährlichem Gehalt.
Rowland (halb mitleidig, halb spöttisch). Fünf Pfund! Hm! Da haben Sie freilich keine Reichtümer gesammelt. Wie kamen Sie denn aber in mein Haus?
Jane. Ich las in der Zeitung, daß zu Thornfield – Hall eine Gouvernantenstelle zu vergeben sei; die Bedingungen waren sehr glänzend. Ich fühlte, daß ich einen besseren Wirkungskreis verdiente und auszufüllen fähig bin, sandte meine Zeugnisse an Mistreß Harleigh, sie ließ mich augenblicklich kommen, und--
Judith (stolz). Und das war das Klügste, was ich in meinem Leben gethan.
Rowland (mit einem seltsamen Blick auf Jane, fast unwillkürlich). Wer weiß!
Judith (hoch aufhorchend). Wie?
Rowland (winkt abbrechend mit der Hand). Gut, gut. —Bleibt ruhig, Base Judith! (Zu Jane.) Da man Sie in Lowood erzog, sind Sie eine Waise?
Jane (ernst, ohne alle Sentimentalität.) Ich habe meine Eltern nie gekannt.
Rowland. Nun, Sie werden doch eine Familie haben, Schwestern, Brüder --
Jane (wie oben). Ich habe nie welche gehabt.
Rowland (ungeduldig.) Aber doch Verwandte: Onkel, Tante --
Jane (schmerzlich berührt). Ich hatte --- einen guten Onkel: er ist tot. Ich habe niemand.
Rowland. Niemand? Gar niemand?
Jane (ruhig). Man sagte mir einst von einem Bruder meines Vaters, der nach Amerika ging -- ich habe nie wieder von ihm gehört! ich bin allein in der Welt.
Rowland (mit einem sarkastischen Lächeln). Aber nicht hilflos, wie mich dünkt.
Jane (sieht ihn verwundert an). Herr!
Rowland (lächelnd, deutet auf die Stirn). Sie haben hier einige tapfere Hilfstruppen. Nun, Miß – (ärgerlich) wie heißen Sie?
Jane (trocken). Eyre; Jane Eyre, Herr!
Rowland (sie mit einem scharfen Blick streifend). Richtig—Miß Eyre! Was haben Sie denn in Lowood alles gelernt? Spielen Sie Klavier?
Jane. Ein wenig.
Rowland. Ich kann es denken. “Ein wenig” – gleich jedem anderen Schulmädchen, das will nicht viel sagen.
Jane (ohne Verdruß zu zeigen). Sie mögen wohl recht haben,Herr!
Rowland (sie immer scharf beobachtend). Sind die Zeichnungen, die mir Adele vorhin zeigte, von Ihnen?
Jane. Ja, Herr!
Rowland. Haben Sie deren mehrere?
Jane. Hier nebenan, in der Bibliothek, wo ich heute arbeitete, liegt meine Mappe noch.
Rowland. Holen Sie dieselbe.
Jane (steht auf).
Rowland. Das heißt – (mit Überwindung) ich bitte Sie, dieselbe zu holen; Sie wissen, ich kann nicht gut von der Stelle.
Jane (geht).
Rowland (ihr nachrufend). Wenn die Mappe etwa nur Kopien enthält, so lassen Sie es lieber --
Jane (ruhig). Sie werden ja urteilen können, Herr, wenn Sie erst gesehen. Gut oder schlecht - jedenfalls finden Sie Originale, ich habe nie verstanden, wiederzugeben, was nicht in mir selbst seinen Ursprung hat. (Sie geht in die Seitenthür links.)
Neunter Auftritt.
Judith. Rowland.
Rowland (sieht Jane nach). Hm! Stolze Hexe! Nun bringt sie gewiß Stümpereien an.
Judith (mit schlecht verhehltem Ärger). Das glaube ich nicht, Mylord; wenn Jane Eyre sagt: das kann ich, so dürfen Sie sicher sein, daß sie es kann.
Rowland. Ei, Muhme, Ihr habt wohl dieses Persönchen so verzogen, daß sie bei anscheinend äußerer Bescheidenheit sich mir gegenüberstellt mit einer Stirn von Eisen; dergleichen von Kreatur ist mir nie zuvor begegnet!
Judith. Wird Ihnen auch nicht wieder begegnen, Mylord, wenn Sie die aus dem Schloß treiben.
Rowland (trocken). Sie ist noch nicht draußen, Mistreß! Der Sprung von fünf Pfund Jahrgeld in Lowood auf dreißig Pfund in Thornfield ist ihr zu gut bekommen, als daß sie den Fuß so schnell zurückziehen sollte.
Judith. Nehmen Sie sich in acht! Wer es acht Jahre in Lowood aushielt, hat Charakter, und mit Charakteren ist nicht gut experimentieren!
Rowland (zuckt verächtlich lächelnd die Achseln).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Jane mit einer großen ledernen Mappe.
Jane (legt die Mappe vor Rowland nieder und öffnet sie).
Rowland. Setzen Sie sich.
Jane (setzt sich).
Rowland (durchblättert die Mappe). Das sind Aquarelle. Sie malen?
Jane. Ja, Herr. Mit dem Crayon vermochte ich stets nur dem Gedanken Ausdruck zu geben -- um Gefühle zu gestalten, bedurfte ich der Farben.
Rowland (der sein Staunen nicht verbergen kann, in die Blätter sehend). Welch seltsame Ideen! Hier -- nichts als wogendes Meer, vom Sturm gepeitscht -- ein weißer Arm umklammert den zerschellten Mastbaum, der auf den Wellen treibt, auf diesem sitzt ein Rabe, der ein glänzendes Armband im Schnabel hält -- er hat es diesem erstarrten Arm geraubt! Nichts Lebendes über dem Wassergrab als dieser höllische Vogel -- und doch alles Leben! Wer gab Ihnen die Idee zu diesem Bilde?
Jane. Mein Kopf.
Rowland (sieht sie groß an). Dieser kleine Kopf da, der zwischen Ihren Schultern sitzt?
Jane. Ja, Herr!
Rowland (humoristisch). Enthält er noch mehr Stoff solcher Art?
Jane. Ich hoffe noch besseren.
Rowland (ergreift ein neues Blatt, stützt den Kopf auf den Arm und beugt sich über den Tisch, es mit Staunen betrachtend; wie zufällig faßt er sein Käppchen an, wirft einen halben Blick auf Jane und zieht es langsam ab, es neben sich legend.
Judith (für sich). Sie hat gewonnen -- er nimmt die Mütze ab!
Rowland (erhebt den Kopf, schüttelt die Haare aus der Stirne und wendet sich rasch zu ihr). Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder schufen, Miß Eyre? Es sind ernste finstere Phantasien.
Jane. Ich versenkte mich dabei in meine Gedankenwelt und war glücklich, so lang ich malte, obgleich nicht der Kontrast zwischen meiner Idee und dem Werk meiner Hand sehr quälte; ich fühlte peinlich den Mangel an Fähigkeit, das zu erreichen, was ich erreichen wollte!
Rowland (in das Bild sehend). Sie haben sich doch wenigstens den Schatten Ihres Gedankens gesichert, wenn auch Ihre künstlerische Ausbildung nicht an seine Größe reichte. Jedenfalls sind diese Phantasiegebilde einer Schülerin aus Lowood merkwürdig genug! Sie sind voll Poesie! Diese Augen des Abendsterns, den Sie hier verkörpern, müssen Sie irgendwo im Traum gesehen haben -- welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe! (Er faßt schnell das andere Blatt, immer leidenschaftlicher werdend.) Wer lehrte Sie den Wind malen? Welcher Sturm fegt da über die Heide? Wo sahen Sie Latmos, denn das ist Latmos-- was kocht in Ihnen, daß Ihr Gehirn solche Blasen wirft? (Er hält plötzlich inne, wie über sich selbst erschreckend, sein Ton ändert sich augenblicklich, er schiebt die Blätter von sich. Dieses tolle Zeug wird mich um den Schlaf bringen, oder sich in meine Träume drängen. Es muß spät sein. (Er nimmt während des folgenden die Mappe wieder auf).
Judith. Elf Uhr vorüber, Mylord!
Rowland (aufspringend, verdrießlich). Was fällt Ihnen ein, Miß Eyre, daß Sie Adele noch nicht zu Bett bringen ließen? Wollen Sie eine neue Ordnuung in diesem alten Schlosse einführen ? (Er geht, bleibt stehen und beißt sich vor Schmerz in die Lippen.) Hölle! dieses verwünschte Bein! (Halb lächelnd, halb zornig.) Es wird mich noch einige Tage an Ihren abscheulichen Kastorhut erinnern, Miß Eyre! Gute Nacht! (Er geht mit sichtlicher Anstrengung, die Mappe unter dem Arm, in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (ist aufgestanden, als er sich erhob, beobachtete ihn ernst und ruhig und sieht ihm jetzt ebenso nach).
Elfter Auftritt.
Judith. Jane.
Judith (sehr bekümmert). Was ihm nur einfiel! Da ist Ihnen wieder alles bei ihm verdorben.
Jane (wie unwlllkürlich, in Gedanken). Ich denke nicht.
Judith (sie nicht begreifend). Wie meinen Sie?
Jane (wieder zu sich kommend). Sie sagten, Lord Rochester habe keine Eigenheiten und sei leicht zu behandeln? Ich denke, er ist aus Eigenheiten zusammengesetzt ---- und sehr schwer mit ihm fertig zu werden. Aber--
[Judith. Aber -- Sie waren doch gar nicht furchtsam?
Jane (wieder in Gedanken). Ich weiß es selbst nicht – er kam mir vor wie ein Löwe; man ist verloren, wenn man diesem Tier nicht furchtlos ins Auge blickt. Das gab mir Mut.
Judith. Sie vergleichen den Herrn mit einem Raubtier? O weh! Ich fürchtete wohl, daß er Ihnen nicht gefallen würde!
Jane (heiter). Wer sagt Ihnen das? Gerade so wie er ist, gefällt er mir, und] ich meine: wenn er sich nur erst an die “häßliche Hexe” und den “abscheulichen Kastorhut” gewöhnt hat, werde ich es wohl zustande bringen, in Frieden mit ihm auszukommen! Lassen Sie uns getrost zu Bett gehen – ich werde sehr gut schlafen diese Nacht, wir sind ja jetzt nicht sehr einsam in diesem weiten Schloß, wir haben einen strengen aber sicheren Schutz, nicht wahr? Wir haben nun einen Mann im Hause!
Beide durch die Mitte ab.
Der Vorhang fällt.
Zweiter Aufzug.
Dieselbe Dekoration wie im vorigen Aufzug
Erster Auftritt.
Jane allein.
Jane (steht am Fenster rechts und sieht gedankenvoll hinaus). Wie der Frühling mit Macht das Haupt erhebt, [wie schon von allen Seiten grüne Augen aus den Sträuchern sehen! Mir ist, als ginge die Zeit wie in einem Traume an mir vorüber.] Da draußen alles Leben, alles Erwachen aus dem Wintertraum – (sie geht vom Fenster) und in dem finsteren Schloß hier alles Stille und kalte Ruhe. Eines Morgens stand ich auf, und es hieß: “Der Herr ist fortgeritten.” Das sind wohl zwölf Tage her -- und er kommt nicht wieder. (kopfschüttelnd). Sonderbarer Mann! Wochen sind seit jenem Abend verstrichen, wo es schien, als mißfalle ihm meine Art nicht, und hat mir sein Stolz seitdem ein freundliches Wort gegönnt? Es ist, [als ärgere er sich jetzt über die kurze Beachtung, deren er das “kleine Schulmädchen” gewürdigt, und doch scheint es mir oft -- gerade, wenn er thut, als bemerke er mich gar nicht --] als laure er darauf, daß ich ihn anreden solle! O, ich werde mich wohl hüten, ihm mit einem halben Wort nur in die Quere zu kommen, damit er mich rauh anlassen könnte. (Sie geht ein paar Schritte.) Dennoch aber giebt er mir meine Bilder nicht heraus, die ich seitdem nicht wiedersah -- und nicht von ihm zu fordern wage. Was hat er nur daran? (Sie steht wieder still. Ich möchte wohl wissen, wo er sich jetzt herumtreibt? (Pause.) Hm! Was geht es mich an! Dieser wunderbare Charakter beschäftigt mich fortwährend, wie ein Rätsel, das ich lösen möchte - und-- nicht lösen darf! Seltsam, es ist, als ob seine Gegenwart eisern auf seiner Umgebung laste, und doch-- ich fürchte ihn nicht, und mir ist als wären wir jetzt erst einsam hier, seitdem er nicht mehr in diesem Saale grollt und schweigt.
Judith (noch nicht sichtbar). Schnell, Lea, alle Kamine geheizt, die Fremdenzimmer gelüftet!
Jane (aufhorchend). Die Fremdenzimmer gelüftet? Ei! Was bedeutet das? Sie kommt. Auf der Hut, Jane; nur keine Neugier, das ziemt dir nicht.
Zweiter Auftritt.
Jane. Judith und Patrik durch die Mitte.
Judith (im Eintreten sehr eilig und geschäftig). Sam! Sam! Wo steckt Ihr? (zu Patrik.) In einer Stunde, sagt Ihr, Patrik?
Patrik (in Reitkleidern). Länger wird es wohl nicht dauern, wollen wir wetten? Der Lord wenigstens folgt mir auf der Ferse, die anderen fahren.
Judith (eilig). Aber es ist doch auch gar zu toll, daß man so was nicht früher erfährt!
Patrik. Ist ihnen auch diesen Morgen erst eingefallen.
Judith (Jane erblickend). Ah-- Miß Jane, gut, daß Sie da sind! Kleiden Sie sich geschwinde, machen Sie sich hübsch; rasch, rasch, auf Ihr Zimmer, ich habe Ihnen das Paket hinaufgeschickt. Ja, ja! Nicht gestaunt und nicht gewundert, vorwärts, kein Augenblick ist zu verlieren, Kind! Sie hören ja, daß sie in einer Stunde eintreffen!
Jane. Wer denn? Für wen soll ich mich hübsch machen?
Judith (reicht ihr einen offenen Brief). Da steht's, lesen Sie geschwind; ich muß den Sam haben, das alte Murmeltier. He, Sam, seid Ihr denn taub geworden? (Sie eilt in die Seitenthür links ab.)
Dritter Auftritt.
Jane. Patrik.
Jane (sieht ihr verwundert nach, öffnet den Brief und liest). Eine Stunde nach diesem Briefe treffe ich mit Gästen ein. Mistreß Harleigh wird die Fremdenzimmer instandsetzen, auch für Damen. Beifolgendes Seidenkleid für die Gouvernante, sie wird der Gesellschaft den Thee bereiten, und ich will sie anständig vor meinen Gästen sehen. Rochester.” (für sich, mit humoristischer Empfindlichkeit.) Sieh einmal, “die Gouvernante !” Meinen Namen kann er nicht merken! (Zu Patrik) Also Damenbesuch bekommen wir?
Patrik (verschmitzt). Jawohl, Miß, und schönen—das heißt, die Junge; die Alte --- na, das ist Geschmacksache, wenn sie nicht eine Lady wäre, mir gefiele sie nicht, wollen wir wetten?
Jane (lächelnd). Aber die Junge, die gefällt Euch wohl sehr, Patrik.
Patrik. O, die gefällt noch ganz anderen Leuten als unsereinem! Wetten wir?
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Judith kommt von links zurück.
Judith. So. Das ist abgemacht! Nun, Kind, ist unser Herr nicht ein Engel? Sie sollen sehen, wie reizend Ihnen das rosenrote Seidenkleid lassen wird.
Jane (ruhig). Ich werde es nicht tragen, Mistreß.
Judith. Was, nicht tragen? Der Lord hat es eigens aus London kommen lassen, nicht wahr, Patrik
Patrik. Das will ich meinen! Es ist nach dem Maß von Lady Clarens Kammerjungfer gemacht, die hat fast Ihren Wuchs, wollen wir wetten?
Jane. Wirklich! Und wer ist Lady Clarens?
Patrik. Ei, eine schöne, stolze, junge Witwe, deren Man ihr einen großen Namen, aber eine kleine Besitzung, sechs Meilen von hier, hinterließ.
Jane (trocken). Da giebt es wohl eine Heirat?
Judith (lebhaft). Ei behüte! Ja, wenn es von der Lady abhinge, die hatte schon vor drei Jahren, als der Lord aus Frankreich kam, ein Auge auf ihn geworfen, aber das hilft ihr nichts, er bemerkt so etwas nicht.
Patrik (wie oben). Na, na, diesmal hat er doch die Augen weit aufgemacht, Mistreß! Wetten wir?
Judith. Patrik, schwatzt nicht in den Tag hinein! Ich sage, das hilft der schönen Lady nichts.
Patrik. Und ich sage --- mit Verlaub, Mistreß, das hat schon geholfen! Da hat doch nun der Lord die üblichen Besuche in der Gegend gemacht und blieb überall nur einen Tag --- drüben aber auf Clarens-House haben sie ein solches Wesens mit ihm gemacht, haben ihn seit acht Tagen nicht fortgelassen --- und gesungen haben sie miteinander, der Lord und die schöne Lady, wie die Lerchen; und nun kommt er gar mit Mutter, Tochter und der ganzen Sippschaft hier angeschleppt. Es sind noch viel mehr Gäste geladen, und wenn das nicht was ganz Besonderes bedeutet, so ----
Judith (kopfschüttelnd). Ich kann es nicht glauben!
Patrik. [Warum nicht? Wegen seiner vierzig Jahre etwa? Ja, da fangen wir Männer erst recht toll an, und verfängt sich da einer in ein Paar hübsche Augen, so läßt er nicht mehr los!] Ich kenne den Lord erst seit ein paar Jahren, aber ich sage Ihnen doch: das giebt eine Hochzeit! Wetten wir? (Er streckt die Hand aus.)
Judith. Ach, laßt mich zufrieden! Geht lieber hinunter und macht Platz für die fremden Pferde.
Patrik (im Gehen). Werden bald nicht mehr fremd sein in unserem Stall. Wollen wir wetten? (ab durch die Mitte.
Judith (unruhig). Der Starrkopf, solches Zeug zu behaupten! Und es ist nicht wahr, es kann nicht sein! (Sie geht in ernsten Gedanken durch die Mitte ab.)
Fünfter Auftritt.
Jane allein.
Jane. Wenn er nun aber doch heiratete? Und—warum sollte er nicht? (Sie schüttelt sinnend den Kopf.) Hm! Ich weiß nicht, warum ich mir diesen Lord nicht als Bräutigam denken kann. (lächelnd.) Es kommt mir vor, als müßte er alles, was sich ihm unbedingt zu eigen giebt, verschlingen, aus Liebe oder Haß, wie er gerade bei Laune ist! (zusammenfahrend.) Horch! Das ist er. Ich kenne diesen gebieterischen Tritt von Eisen; (humoristisch) es ist immer, als ärgere ihn der Boden, den er beschreitet, weil er es wagt, ihm zu widerstehen.
Sechster Auftritt.
Die Vorige. Rowland kommt rasch durch die Mitte, in einem eleganten Reitkleid, den Hut auf dem Kopf, die Peitsche in der Hand.
Rowland (mit finsterer Miene rufend). Nun, zum Wetter, wo sind -- (Jane erblickend, sein Ton wird etwas milder.) Ei! Guten Abend, Miß Eyre!
Jane (sich verbeugend). Guten Abend, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland (wirft Hut und Peitsche auf den Tisch, halb ärgerlich, halb gutmütig). Laufen Sie schon wieder vor mir?
Jane (bleibt stehen). Ich laufe vor niemand.
Rowland. Nun gut, dann bleiben Sie; ich habe mit Ihnen reden, und es ist mir lieb, daß ich gerade Sie zuerst treffe, denn es fiel mir unterwegs manches ein --- was ich Ihnen längst hätte sagen müssen. Ich hatte in der letzten Woche zu viel Plackereien mit meinen Pächtern, ich hatte Sie wahrhaftig ganz vergessen. (Er wirft sich auf den Diwan und sieht sie groß an.) Sie haben Ihr neues Kleid nicht angelegt?
Jane. Nein, ich danke, Herr!
Rowland (auffahrend). Warum nicht?
Jane (immer sehr ruhig und bescheiden). Weil ich mich nicht über meine Stellung erheben und keine Farbe tragen will, die so schlecht zu meinem Außern paßt. Ich danke Ihnen nochmals, ich werde Mittel finden, “anständig” erscheinen zu können, ohne Ihre Güte mißbrauchen zu müssen.
Rowland (schroff). Sie haben meinen Brief an Mistreß Harleigh gelesen?
Jane. Sie gab ihn mir zu diesem Zweck.
Rowland. Sie sind empfindlich, daß mir Ihre einförmige Tracht nicht gefällt?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Sie sind es und wollen nicht begreifen, daß diesen finsteren Schloß, [in dieser schweren Luft] dem Auge helle, heitere Farben Wohlthat sind. Dann --- haben Sie zu viel Dünkel, um Geschenke nehmen zu wollen.
Jane (sieht ihn erstaunt an). Herr – ich --
Rowland (ohne sich unterbrechen zu lassen, bestimmt). Ich kenne Sie, wenn ich gleich nicht tausend Worte mit Ihnen gesprochen habe. Hinter Ihrer demütigen Einfachheit steckt eine gute Portion von Ansprüchen. [Sie haben Ihren eigenen Kopf!] Meine Art ist Ihnen wohl zu herrisch, zu befehlend? Das Leben in Indien und die Erbärmlichkeit der Menschen haben mich rauh gemacht, ich verletze Sie mit diesem geraden Wesen, nicht wahr?
Jane (sieht ihn groß an).
Rowland. Was sehen Sie mich jetzt so sonderbar an, was denken Sie?
Jane. Ich dachte eben, Mylord, ob es wohl viele Herren giebt, die sich die Mühe nehmen, bezahlte Untergebene zu fragen, ob sie sich durch ihre Art verletzt fühlen oder nicht!
Rowland (mit großen Augen). Meine bezahlte Untergebene nennen Sie sich? Ah so -- ja, ich vergaß, weshalb ich so scharf ritt, daß ich den Wagen eine Stunde Vorsprung abgewonnen. Es quälte mich schon seit meiner Abwesenheit, daß ich nicht sogleich, als ich Sie kennen lernte, offen gegen Sie war; aber - das kommt daher, daß Sie selbst versteckt sind. Sie beurteilen mich ohne Zweifel falsch, und ich will gerechtfertigt sein, ehe die anderen kommen. Ich bin heute zur Mitteilung aufgelegt, und das ist eine Stimmung, die mich so selten anwandelt – [als die Lust, zur Beichte zu gehen!] Darum hören Sie aufmerksam, wer weiß, wann es mir wieder einmal einfällt, mit Ihnen zu schwatzen.
Jane (ihren Sinnen nicht trauend). Aber Herr --
Rowland (bestimmt. Sie sind Adeles Gouvernante -- was dachten Sie über mein Verhältnis zu diesem Kinde?
Jane (frappiert, aber es schnell unterdrückend). Ich dachte nichts, Herr; ich spähe den Verhältnissen meiner Herrschaft nicht nach.
Rowland (sie scharf anschauend). Miß Eyre, Sie dachten darüber! Sie sprechen zu wenig, um nicht viel zu denken! Sie dachten, Adele sei mein Kind.
Jane (die Augen niederschlagend). Und wenn ich das gedacht hätte, wem sind Sie Rechenschaft darüber schuldig, Herr?
Rowland. Schuldig bin ich sie niemand -- außer Ihnen, die Sie sich in dies öde Schloß mit ihr einschließen müssen. Sie haben ein Recht zu fragen: “Wessen Kind erziehe ich?” Das ist nur billig. Adele ist eine Waise, und ich habe allen Grund zu glauben, daß sie die Frucht eines verbrecherischen Verhältnisses ist. Ich habe einem Verstorbenen gegenüber heilige Pflichten gegen sie zu erfüllen, habe sie deshalb von Paris hierher geholt und sorge für ihre Erziehung, wie ich es für recht halte -- und dennoch bin ich nicht ihr Vater.
Jane (mit einem unwillkürlichen Atemzug). Um so edler ist das, was Sie jetzt für sie thun.
Rowland (gleichgültig). Bah! Davon ist nicht die Rede! Sie wissen nun, Miß Eyre, daß es wahrscheinlich ein ungesetzliches Kind ist, dem Sie sich widmen. Ich glaube einem ehrenhaften Mädchen wie Sie diese Erklärung schon deshalb schuldig zu sein, weil ich in nächster Zeit vornehme Gäste hier sehen muß, die Sie kennen lernen werden. Sie verstehen es, zu erziehen, Sie haben viel gelernt, Sie können eines Tages [ehrenwerte Anerbietungen,] eine glänzendere Stellung bei legitimen Töchtern eines großen Hauses finden, dann darf Ihrem Glücke nichts im Wege stehen.
Jane (mit funkelnden Augen). Glauben Sie wirklich, Herr, daß mich eine solche Aussicht verlocken könnte, dieses unglückliche Kind zu verlassen, [das nichts mit der Schuld seiner Erzeuger gemein hat, das ich liebe?] Giebt es eine glänzendere Stellung, als die Mutter einer Waise zu sein? O Mylord, ich bin eine Waise, ich kenne diesen höchsten Fluch, der das schuldlose Haupt eines Kindes treffen kann: vater- und mutterlos zu sein! Ich (innig) danke Ihnen für diese edelmütige Offenheit! Ich werde Adele jetzt noch zärtlicher lieben, ich werde sie gut machen-- denn nur Mangel an Liebe macht das Herz eines Kindes böse, ich werde sie dreifach lieben, [da sie niemand liebt als ich,] und sie nicht verlassen – (Plötzlich stockend, sieht ihn zweifelnd an.) Sie müßten mich denn selbst fortschicken.
Rowland (hat sie mit Staunen betrachtet, mit einer Mischung von Achtung und Wärme). Sie sind ein wackeres Mädchen, Miß Eyre! Ich nehme Sie beim Wort. Sie versprechen, nicht zu gehen, bis ich Sie fortschicke. (Ihr die Hand hinhaltend.) Schlagen Sie ein!
Jane (mit einem frohen Lächeln einschlagend). Wie gern, Herr!
Rowland (sieht sie überrascht an). Ei sieh, da lächeln Sie ja -- ich wußte gar nicht, daß Sie das können!
Jane. Herr!
Rowland. Wissen Sie wohl, daß das wie ein Sonnenstrahl über Sie hinzieht? Sie müssen öfter so -- gut lächeln, Miß Eyre!
(Man hört entfernt Peitschengeknall und Wagengerassel.)
(Es wird dunkel.)
Rowland (auffahrend). Alle Wetter! Da sind sie schon! Es ist ja indes fast Nacht geworden, und ich habe die Kleider noch nicht einmal gewechselt. (Ärgerlich.) Das Schwatzen wollte auch gar kein Ende nehmen! (Barsch.) Sie werden die Gäste empfangen, Miß Eyre, und ein wenig hier zurückhalten, bis ich komme. (im Abgehen bleibt er stehen, freundlicher.) Das heißt: ich bitte Sie zu thun, was Ihnen so sehr zuwider ist, mit den Fremden zu plaudern, wollen Sie?
Jane. Gern, Herr!
Rowland (im Gehen). Aber dann -- die Menschen sehen nun einmal nur nach der Außenseite -- (mit Überwindung, halb bittend) dann ziehen Sie auch später das andere Kleid an -- nicht?
Jane (ohne Trotz, aber fest). Nein, Herr -- es muß so gut sein.
Rowland (zornig im Gehen). Nun so lassen Sie es—ich werde Sie nicht mit Gewalt hübsch machen! (Er geht rasch in die Seitenthür rechts ab.)
Jane (sieht ihm sinnend nach). Seltsamer, wunderbarer, rechtschaffener Mann! (Sie steht mit gesenktem Haupt in Gedanken.)
Siebenter Auftritt.
Sam öffnet die Mittelthür, tritt mit zwei Armleuchtern mit brennenden Kerzen ein, die er auf die Tische im Vordergrund stellt. Die Bühne wird dadurch sofort erhellt. Judith kommt voran. Dann tritt Mistreß Reed, von Francis geführt, durch die Mitte ein. Sie trägt ein Reisekleid von grauem Damast. darüber ein schwarzes Pelzmäntelchen, einen kleinen grauen Hut mit schwarzem Spitzenschleier. Ihr Haar ist grau geworden, ihr Gesicht bleich und schmal, ihre Züge finsterer und schroffer als im Vorspiel; ihre Haltung ist aufrecht und ihr Gang fest. Georgine folgt in einem eleganten Reisekleide von dunklem Sammet, einem Sammethut mit Federn, eine kostbare Boa malerisch um Hals und Schultern geschlungen; eine hohe glänzende Gestalt; ihre Haltung stolz, fast übermütig, ihre Art decidiert aber graziös, und ihr Benehmen den Umgang mit der großen Welt verratend.
Judith. Wenn es gefällig ist, hier einzutreten: Ihre Zimmer sind noch nicht gehörig erwärmt.
Mistreß Reed (geht in den Vordergrund und läßt sich auf das Sofa links nieder). Dank, Sir!
Jane (hat sich, im Vordergrund stehend, nach den Eintretenden umgewendet: als sie Mistreß Reed erblickt, fährt sie wie vom Blitz berührt zusammen, je mehr diese nach dem Vordergrund kommt, je mehr tritt sie, Schritt für Schritt, zurück; ihre Glieder beben, sie preßt die Hand krampfhaft auf die Brust und starrt sie mit großen Augen wild, wie eine Erscheinung an, als Mistreß Reed sich setzt, und spricht für sich).
Mistreß Reed (Ihre Augen funkeln im schnellerwachten Haß, doch sammelt sie sich allmählich, tritt unbemerkt hinter den Tisch und von da in den Hintergrund.)
Georgine (sieht mit funkelnden Augen umher). Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mistreß, (zu Judith) daß Sie die Pflichten Lord Rochesters übernehmen und seine Gäste empfangen. Seine Herrlichkeit ist wohl beschäftigt?
Jane (im Hintergrunde, für sich). Das ist Georgine! Also sie -- sie ist es!
Judith (die sich schon beim Eintritt sehr bestürzt nach Rowland umsah). Der Lord hat die Herrschaften wohl nicht so früh erwartet; indes wird er sogleich -- (Sie giebt Sam einen Wink.)
Sam (eilt rechts ab).
Francis (spöttisch). Wahrlich ist es die ungewöhnliche Sorgfalt, welche Lord Rochester heute ausnahmsweise seiner Toilette schuldig zu sein glaubt, die ihn zurückhält.
Georgine (mit einem verächtlichen Seitenblick auf Francis). Es wäre wohl das erste Mal in seinem Leben, daß Rochester sich der Tyrannin eines Londoner Dandys, der Mode, unterworfen hätte! Seinen Willen wird die Toilette nie beherrschen!
Francis (bitter). Meine schöne Base scheint die Charaktere ihrer Anbeter sorgsam zu studieren!
Georgine (scharf). Nicht alle, das lohnte wahrlich der Mühe nicht! Diesen einen nur -- weil Probleme lösen ein stolzes Vergnügen ist.
Francis (wendet sich gekränkt zu Mistreß Reed).
Jane (für sich). Ha, sie hat ihn erkannt!
Georgine (sich links in den Lehnshl werfend, hochfahrend). Mistreß Harleigh, bitte, haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß wir uns bald in unsere Gemächer zurückziehen können. Wir sind sehr ermüdet.
Judith. Soll augenblicklich geschehen, und ich hoffe, daß es an nichts fehlen wird. (Sie geht rasch durch die Mitte ab.)
Achter Auftritt.
Mistreß Reed. Francis. Georgine. Jane.
Mistreß Reed (die anfangs ohne Teilnahme vor sich hinsah, wird nach und nach unruhlg, als empfinde sie einen peinlichen Eindruck; sie knüpft während des Dialogs den Hut auf, nimmt ihn endlich ganz ab und legt ihn neben sich; sie trägt ein schwarzes Spitzenhäubchen. Ihre Unruhe wächst, sie legt endlich die Hand auf die Brust, als wäre ihr Atem beengt, läßt das Mäntelchen hinter sich fallen und fährt mit der Hand über die Stirn). Es ist hier heiß und dumpf.
Georgine (wirft ihre Boa ab). Das ist es! Warum auch wickeltest du uns in Sammet und Pelz, Mama, die Frühlingsluft macht ja all diese Wintermaßregeln lächerlich!
Mistreß Reed (dumpf). Aber ich friere beständig.
Georgine (kurz). Das macht dein kaltes Blut, Mama. (Sie nimmt rasch den Hut ab und wirft ihn auf den Tisch neben sich, ihre Locken fallen lang und voll an den Wangen herab, sie schleudert sie unwillig aus dem Gesicht.) Es ist wirklich unerträglich heiß!
Francis (halblaut, sich zu ihr niederbeugend). Das ist Ihr Gewissen, Georgine, was Ihnen das Blut zu Kopfe jagt.
Georgine (verächtlich lächelnd). Mein Gewissen? Ha, ha, ha!
Francis. Dies Lachen wird Ihnen schwer! Sie waren mir gut, Sie gaben mir Hoffnung, ehe dieser Krösus zurückkehrte, um Sie zu verwandeln! Sie lieben ihn nicht!
Georgina. Man täuscht sich manchmal über sich selbst!
Francis (bitter). Besitze ich auch kein Thornfield-Hall, so habe genug für uns beide -- und einen unbefleckten Namen! Wissen Sie, wessen man diesen Rochester beschuldigt?
Georgine. Nein, ich will es auch nicht wissen, was die Alltäglichkeit dem Ungewöhnlichen andichtet.
Francis (wütend für sich). Ich aber will Gewißheit -- oder nicht das Leben haben!
Mistreß Reed (immer unruhiger). Mein Gott, wie wird mir?
Georgine (sieht sie überrascht an und steht auf, ziemlich kühl). Mama, was ist dir?
Mistreß Reed. Ich weiß es nicht. Seit ich dies Zimmer betrat, hat mich jene Beklommenheit, jene Angst wieder beschlichen, die mir jedes Unglück meines Lebens anzukündigen pflegt!
Georgine (wegwerfend). Gott bewahre!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich sage dir, Georgine, in diese Luft liegt etwas Unheimliches -- etwas Feindliches! Laß uns umkehren, hier lauert ein Unglück!
Georgine (verächtlich lächelnd). Aber Mama -- welch ein Aberglaube!
Mistreß Reed (mit der Hand an der Stirn.) Kein Aberglaube -- mir ist unwohl!
Georgine (zu Francis). Bitte, rufen sie Bessie, sie soll ein Flacon für Mama bringen.
Francis (wendet sich nach der Mittelthür und erblickt Jane_. Ah, da ist jemand.-- Wollten Sie vielleicht so gefällig sein Miß --
Jane (welche, mit sich selbst kämpfend, noch immer im Hintergrund stand, tritt jetzt näher; ihr Ton ist bescheiden, aber fest). Kann ich Ihnen dienen, Mylady, so gebieten Sie über mich. Lord Rochester hat mich beauftragt, Sie zu empfangen.
Georgine (stolz). Wirklich? Das ist sehr gütig von dem Lord! (Sie mit einem verächtlichen Blick messend. Und wer sind Sie, die einer solchen Ehre gewürdigt wird!
Jane (wie oben). Die Gouvernante im Hause Seiner Herrlichkeit.
Georgine (mit verächtlichem Erstaunen). Die Gouvernante?
Mistreß Reed (die bei den ersten Worten von Jane zusammenfuhr, horcht hoch auf, ohne den Mut zu haben, sich nach ihr umzuwenden; sie dreht sich jetzt mit Überwindung nach ihr und stößt einen dumpfen Schrei aus). Ach -- ich wußte es –
Francls (sieht sie sehr verwundert an).
Georgine (erstaunt). Was?
(Ganz im Vordergrund und so rasch wie möglich.)
Mistreß Reed (zwischen den Zähnen, dumpf). Daß Verhaßtes in meiner Nähe ist!
Georgine (leise). Aber so fasse dich doch, ich verstehe dich nicht!
Mistreß Reed (faßt mit einer krampfhaften Bewegung ihre Hand und zieht sie an sich, leise mit fürchterlichem Blick). Bist du blind? Siehst du Jane Eyre nicht?
Georgine (fährt zusammen, wirft einen raschen Blick auf Jane, in sich hinein). Bei Gott!
Mistreß Reed (leise). Sie wird ihr Recht an uns gelten machen!
Georgine (nach einem Blick auf Jane). Sie wird es nicht -- wenn ich Jane Eyre je gekannt habe!
Francls (der die Gruppe sehr erstaunt betrachtet, zu Jane). Kennen Sie diese Damen vielleicht, Miß?
Jane (die vollständig ruhig dastand, betrachtet Mistreß Reed mit einem kalten Blick, ihre Augen begegnen sich) Nein, Sir; ich sehe sie zum estenmal.
Mistreß Reed (zuckt zusammen).
Georgine (leise). Du hast recht, das ist Jane Eyre!
Francis (für sich). Seltsam! Wie sie verstört sind!
Neunter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts, im Gesellschaftskleid, sorgfältig frisiert, den Bart zierlich geordnet, mit vor Heiterkeit strahlender Stirn, ein ganz anderer als früher.
Rowland (alle begrüßend). Ah, meine schöne Amazone, meine werten Gäste, Sie überflügeln alle meine Hoffnungen und rauben mir dadurch die Freude, meine Pflicht als Wirt zu erfüllen. Seien Sie herzlich willkommen!
Alle (verbeugen sich).
Rowland. Auf Ihrer Stirn schwebt eine Wolke, Lady Georgine, ich will nicht fürchten, daß sie mich bedroht? ( Er faßt ihre Hand.)
Georgine (ihm die Hand entziehend). Gewiß nicht, Lord Rochester – (mit einem ironischen Lächeln) ich fürchte nur für den Ruf Ihres weltberühmten Mesrour, wenn es in der Grafschaft ruchbar wird, daß Sie mit uns zugleich von Clarens-House abritten und es unseren armen Rappen vergönnt ward, das schnellste Pferd in Alt-England zu überholen.
Rowland. Daran ist Mesrour unschuldiger als sein Herr--
Georgine (rasch und finster). Wie? Sie bekennen, Lord Rochester --
Rowland (immer nur mit Georgine beschäftigt). Ich bekenne -- daß ich unterwegs, in seltsame mir neue Träumereien versenkt, das edle Tier unwillkürlich zwang, im Schritt zu gehen. Dafür machte mich aber auch der Schaum seiner fiebernde Ungeduld fast unkenntlich, als ich hier ankam.
Jane (für sich). Ei!
Georgine (mit einem Strahl von hoffnungsvollem Triumpf über ihrem Gesicht). Das klingt fast, als ob Sie sich entschuldigen könnten, und als ob man Ihnen vergeben müßte! (sie reicht ihm die Hand.) Ich will es auch.
Rowland (ihre Hand küssend). Sie sind zu schön, wenn Sie milde sind, um lange eine Wolke auf dieser Stirn zu dulden. (Als ob er sich eben auf Jane erinnere.) Aber-- ich hoffe doch, daß man Sie so hier empfing, daß Sie den Wirt nicht vermißten?
Georgine (mit verächtlichem Achselzucken). Wer sollte Ihre Gegenwart ersetzen! Diese junge Person vielleicht? Sie ist uns unbekannt.
Rowland (mit einem stechenden Blick auf Jane). Hat sie sich Ihnen nicht vorgestellt?
Jane. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, Herr!
Rowland (sie präsentierend, leicht). Miß Jane Eyre, die Gouvernante Adeles.
Georgine (scharf). Adele? Ah ja, die kleine Französin, die Sie vor drei Jahren aus Paris mitbrachten! Also existiert dieser Pariser Arlequin noch hier?
Rowland. Allerdings.
Georgine (gezwungen lächelnd). Man muß wirklich bei allem fragen: Existiert das oder jenes noch auf Thornfield-Hall? --- denn dieses Schloß liegt unter siebenfachen Siegeln, wenn Sie fern sind, wie ein Gespensterhaus; ich glaube, die Luft muß Rechenschaft geben, von wannen sie kommt, ehe sie durch die Schlüssellöcher rauschen darf! Aber ich dachte ja, Miß Ellen Warner sei die Erzieherin Ihrer kleinen Protegée?
Rowland. Seit fünf Monaten ist es Miß Eyre.
Mistreß Reed (kalt, vollständig wieder Herr über sich). Wirklich? Worin unterrichtet sie das Kind?
Rowland (etwas verwundert). Nun, in Sprachen, Musik, kurz, in allem, was man von einer Gouvernante fordert. Miß Eyre malt sogar, und zwar etwas besser, als sonst Dilettanten zu malen pflegen.
Georgine (pikiert). In der That, dies Zeugnis von Ihnen, der so viel fordert, setzt mich in Erstaunen. Aber Miß – (sich besinnend) seltsamer Name, den ich nicht so leicht behalten werde --- wo lernten Sie denn alle Ihre Künste?
Jane (trocken). In der Lowoodstiftung, Mylady.
Georgine (schlägt die Augen nieder).
Mistreß Reed (wie oben). Ich wußte nicht, daß in dieser Waisenanstalt derlei weltliche Künste gelehrt werden; ich hatte stets gehört, daß der fromme Doktor Blackhorst seine Zöglinge vor allem Religion, Demut und Arbeit lehre.
Jane (wie oben). Das thut er, Mistreß --- (Zu Rowland.) Entschuldigen Sie, Herr - ich habe nicht die Ehre, den Namen dieser Dame zu kennen --
Rowland (beißt sich auf die Lippen). Ah, ich vergaß — Mistreß Reed.
Jane. Mistreß Reed können sich überzeugt halten, daß ich in der Lowoodstiftung alles lernte, was Doktor Blackhorst jemals gelehrt hat, und daß ich denen ewig dankbar sein werde, die mich dieses Unterrichts teilhaftig werden ließen.
Rowland (lachend). Miß Eyre, Sie sind sehr genügsam. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, weiß also nicht, aus welchem Grund es geschah -- so viel ist aber sicher, geliebt hat Sie derjenige nicht, der Sie auf diese Galeere schickte!
Jane. Das glaube ich auch nicht, Herr, aber er hat mir wohlgethan. Segen über seine Hand!
Mistreß Reed (für sich). Ha, Fluch! Fluch!
Georgine (um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben). Aber -- daß sie so gut malen soll, setzt mich in Erstaunen! (Sie droht Rowland lächelnd.) Wenn nur Lord Rochester hier nicht parteiisch ist –
Rowland (trocken). Für Miß Eyre? Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme! Sie mögen selbst urteilen. (Er geht rasch nach seinem Zimmer.)
Jane (ihm nach, schüchtern). O Herr, ich bitte –
Rowland (mißt sie mit einem strengen Blicke). Keine Affektation, Miß Eyre! (Ab rechts.)
Jane (steht im Hintergrund still und sieht vor sich nieder).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen ohne Rowland.
Georgine (leise zu Misteß Reed.) Findest du es nicht seltsam, wie bemüht der Lord ist, uns von dem Talent dieser Person zu überführen?
Mistreß Reed (welche stets starr vor sich hinaussah). An ihren Talenten habe ich nie gezweifelt.
Georgine (leise). Mama, du verrätst dich!
Mistreß Reed (wie aus einem Traume, leise). Hüte dich – dieses Krokodil liegt nicht umsonst auf unserem Wege!
Francis (der Jane mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtet hatte). Was haben sie nur? Was ist mit dem Mädchen! Da geht etwas vor.
Elfter Auftritt.
Die Vorigen. Rowland kommt von rechts zurück.
Rowland (hält die Mappe vom ersten Aufzug in der Hand, tritt zu dem Tisch rechts, öffnet sie und ruft.) Nun, Lady Georgine, sehen Sie sich das einmal an, es ist merkwürdig genug für ein Schulmädchen aus Lowood!
Jane (macht eine unwillkürliche Bewegung, bittend). Herr!
Rowland (sieht sie groß und finster an). Was giebt’s?
Jane (sieht vor sich nieder und bleibt regungslos).
Georgine. Sie werden gestatten, daß ich mir den Anblick dieser Meisterwerke für morgen erbitte, Lord Rochester. Meine Mutter fühlt sich unwohl, und mich selbst verlangt nach Ruhe!
Rowland (wirft die Mappe zu und wendet sich rasch zu ihr). Wie? Sie wollen nicht mit mir zur großen Halle kommen, wo alles bereit ist--
Mistreß Reed. Zu spät für heute -- ich danke, Mylord! Ich bin alt, die Fahrt war lang, ich bedarf des Schlafes; auch ist in diesem Schloß eine Atmosphäre, an die ich mich erst gewöhnen muß! Komm, Georgine!
Francis (reicht Mistreß Reed den Arm). Wenn Sie erlauben, Mistreß Reed, so unterstütze ich Sie.
Mistreß Reed (ihren Arm in seinen legend). Dank, Dank, Sir! (für sich) Sie oder ich -- eins muß hier weichen! (Sie geht langsam mit ihm durch die Mitte ab.)
Rowland zu Georgine. Sie verschmähen mich also ganz für diesen Abend, Lady Clarens? Sie sind mir noch böse!
Georgine (lächelnd mit Koketterie.) Für heute bedarf ich nur noch Ihren Arm, um mich in diesem Zauberschloß zurecht zu finden, und morgen, wenn wir so manches verschlafen haben werden, wollen wir zusehen, ob man Ihnen noch böse sein kann. (Sie legt ihren Arm in seinen.)
Rowland. Sie sind es schon nicht mehr, ich kenne Ihre Augen, Georgine! (Hingeworfen im Gehen.) Miß Eyre, Sie können immer zu Bett gehen – (im Abgehen) für heute sind Sie Ihres Amtes entlassen. (Mit Georgine durch die Mitte ab.)
Zwölfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (hat mit Erstaunen und nach und nach mit sichtlicher Unruhe Rowlands Benehmen verfolgt. Ihr Atem geht schnell, ihre Augen funkeln, sie sieht ihm lange schweigend nach.) Für heute nur? Wer weiß, vielleicht -- für immer! Ist das Lord Rochester? Derselbe Herr, der mich seit zwei Monaten auf jedes Wort, jedes Lächeln tagelang warten ließ? [Derselbe finstere Geist, dessen Gedanken verschlossen schienen wie ein Schatz im Schoß der Erde?] (Sie schüttelt den Kopf.) Das ist er nicht; oder --
(sie fährt leicht zusammen) er liebt! - Ha, und Georgine ist es, die ihn umgewandelt! Auf welche Schlange trat ich denn, daß diese Gespenster meiner Jugend plötzlich wieder vor mir erstehen, und alles, was ich so tief gebettet, was böse, was feindlich in mir war, sich mit Eins bäumend in mir erheben will! (Ihr Blick fallt auf die Mappe.) Ah -- meine Bilder! Jetzt könnte -- (Sie tritt zu dem Tisch und will danach greifen, fährt aber plötzlich zusammen, horcht auf und läßt die Arme sinken.) Er schon zurück? Sie hat ihn schnell verabschiedet, wie es scheint --
Dreizehnter Auftritt.
Die Vorige. Rowland mit Sam durch die Mitte.
Rowland (im Eintreten zu Sam, finster). Sorgt dafür, Sam, daß Ruhe im Schlosse wird.
Die Damen bedürfen derselben. Ich habe Gratia im Korridor gesehen --
Sam (etwas verlegen). Daß ich nicht wüßte, Mylord.
Rowland (streng). Ich habe sie gesehen, so rasch sie auch vorüberhuschte --- was macht sie um diese Zeit im ersten Stockwerk?
Sam. Die Fremden haben sie wohl aufgescheucht.
Rowland. Die Neugier, wollt Ihr sagen, sie gehört an ihren Platz! (Fürchterlich.) Weh ihr, wenn ich sie nachlässig finde! Sagt ihr das und treibt sie hinauf. Geht!
Sam (ab durch die Mitte).
Vierzehnter Auftritt.
Rowland. Jane. Dann wieder Sam.
Rowland (wie er sich nach rechts zu seiner Thür wendet, erblickt er Jane, auffahrend). Ha! Was giebt es hier? (Mit untergeschlagenen Armen sie forschend betrachtend.) Ich befahl Ihnen, sich schlafen zu legen, Miß Eyre, warum gehorchten Sie nicht?
Jane (vor sich niedersehend). Ich war nicht schläfrig, Herr!
Rowland. Nicht schläfrig? Hm, so scheint es, da Sie hier blieben - um mich zu belauern!
Jane (will lebhaft antworten, besinnt sich aber und sagt ruhig). Befehlen Mylord noch weiteres?
Rowland (ärgerlich). Nein!
Jane (verbeugt sich stumm und geht).
Rowland (ihr nach). Ei, hören Sie! Wie gefällt Ihnen Lady Clarens?
Jane (die stehen blieb, ohne ihr Befremden zu verbergen). Das weiß ich noch nicht.
Rowland. Nicht? -- Ich denke, Sie sahen sie doch lange genug.
Sam (tritt wieder ein und bleibt im Hintergrunde stehen, erstaunt zuhörend).
Jane. Ich sah sie, ja; aber wenn ich sagen soll, wie mir eine Dame gefällt, muß ich wissen, wie sie ist -- nicht wie sie aussieht. Gute Nacht, Herr! (Sie geht rasch durch die Mitte ab).
Fünfzehnter Auftritt.
Rowland. Sam.
Rowland (im Vordergrund, für sich). Immer hat sie das letzte Wort, nicht eines Haares breit giebt sie nach in ihrer verwünschten Demut. (Mit dem Fuße stampfend.) Nie gab es ein unausstehlicheres Geschöpf! Wer errät wohl die Gedanken dieses Kobolds? Welche Schlüssel öffnen dieses verstockte Herz? Nicht einmal Beleidigung hat Gewalt, sie zum Reden zu bringen. (Er wendet sich zum Gehen; Sam erblickend.) Sam! -- Was wollt Ihr noch hier?
Sam (der im Hintergrund stand, trotzig). Ich warte, bis Eure Herrlichkeit zu Bett sind, um hier die Lichter zu verlöschen. Es ist eine stürmische Nacht geworden, man kann nicht sorglich genug sein, Mylord.
Rowland (aufatmend). Eine stürmische Nacht? Ja wahrlich, der Wind bläst mit vollen Backen durch den Schornstein. Bei dieser Musik läßt sich's gut schlafen! (Im Gehen.) Habt Ihr Gratia gefunden?
Sam. Nein, Mylord. Sie ist wohl längst hinauf.
Rowland (unter der Thür). Und die Herrschaften?
Sam. Sind alle zur Ruhe gegangen!
Rowland. Gut, wir wollen es ihnen nachthun – (im Abgehen, für sich) wenn wir können! (Ab Seitenthür rechts.)
Sechzehnter Auftritt.
Sam allein.
Sam geht zu den Lichtern und fängt an, sie zu löschen). Hat man je dergleichen erlebt? Wenn ich’s nicht selbst sähe, keinem Menschen würde ich es glauben. Der stolze Herr läßt sich mit diesem hochnasigen Waisenhausprodukt förmlich in Gespräche ein. Sie widerspricht ihm, ohne eine Miene zu verziehen, und wenn er sie anfährt, daß unsereiner an Arm und Beinen zitterte, geht sie kaltblütig ihrer Wege und läßt ihn stehen, wie eben jetzt! (Er bleibt in Mitte des Salons stehen, faltet die Hände.) Wir, die wir sein Geheimnis in Händen haben, wir sollten uns dergleichen beikommen lassen, ich glaube, er würfe uns kopfüber aus dem Fenster! – Diese Person muß hexen können, das lasse ich mir nicht nehmen, und ein gutes Ende nimmt das nicht, (vergnügt) das ist noch mein einziger Trost! (Er hat alle Lichter ausgelöscht, bis auf das letzte, das er jetzt von dem Leuchter nimmt.) Horch -- der Wind
rasselt greulich im Kamin! Da wird es für Gratia eine böse Nacht geben. (Im Gehen stillstehend.) Sie sagen unten, er wolle die große Lady heiraten. Wenn's nur so wäre, die würde mit dieser Miß Eyre kurzen Prozeß machen! Trübselig. Aber --- ich denke, er läßt das Heiraten fein bleiben! Schade! Jammerschade! (Er geht durch die Seitenthür links ab.)
(Tiefe Nacht bedeckt den Salon, der einige Sekunden leer bleibt. Man hört den Wind sausen, sehr fern, nicht auffallend.)
Siebzehnter Auftritt.
Jane allein. Sie sieht vorsichtig zur Mitte herein und tritt dann erst ein. Später Rowlands Stimme.
Jane. Alles leer, es ist, als lebte ich allein, so totenstill ist es im Schloß! (Sie trägt einen kleinen Handleuchter, worauf ein halbabgebranntes Licht brennt, die Hand vorhaltend.) Gott sei Dank! Niemand hat mich bemerkt! (Sie geht zu dem kleinen Tischchen und setzt das Licht nieder.) Ich glaube, ich habe mich ein wenig gefürchtet, als ich herabschlich, denn mir war, als schlüpfe ein dunkles Etwas lautlos an seiner Kabinettsthür hin durch den Korridor. Es war gewiß mein eigener Schatten, der mich erschreckte. Wie kindisch! (Sie steht suchend umher.) Ich kann nicht schlafen, ehe ich meine Bilder gerettet habe. (Sie sieht die Mappe liegen und fliegt zu dem Tisch.) Ha, da ist sie! Glücklich hat er sie vergessen! Mein größter Schatz! -- Und das einzige geistige Eigentum, das ich besitze, diese Schöpfung meiner schwer kämpfenden Seele will er ihr preisgeben? [Ihre Augen, die Dolche, die meine Jugend getötet, sollen darauf haften, ihre Lippen die Blüten meiner stillen Träume verhöhnen?] Ich nehme sie, da er sie mir nicht giebt! Ich darf den Augenblick der Nacht stehlen, der sich mir am Tage verweigert – (sie hat die Mappe aufgefaßt und drückt sie fest an sich) er könnte nicht wiederkehren.
(Ein heftiger Windstoß.)
Jane (nimmt das Licht von dem Tisch und wendet sich rasch; durch diese Bewegung erlöscht das Licht in ihrer Hand, sie läßt es erschrocken fallen).
(Es wird Nacht.)
Jane (fährt entsetzt zusammen). O weh, was ist das? Mein Licht ist erloschen! -- Tiefe Nacht! -- Wie abscheulich!-- Wie unheimlich! -- Horch -- da huscht wahrhaftig draußen etwas an der Thür vorbei! (auffahrend.) Bin ich von Sinnen? -- Ist es nicht, als taste sich jemand vorsichtig an der Wand durch den Korridor? -- Nichts mehr -- alles still! Es war wohl der Sturm, der sich schon vorhin erhob, als ich herabging. Ja, ja, so ist es! (Sich schüttelnd.) Welche Thorheit! Weil ein Windstoß aus dem Kamin mein Licht ausbläst, überläuft mich ein Grausen, das mir das Haar sträubt – und das Sausen des Sturmes hat mich in Lowood so oft in den Schlaf gesungen. Pfui, schäme dich, Jane! Wenn Adele sich so kindisch gehabte, wie würde ich sie schelten, und nun rieselt es mir selber eiskalt durch die Adern. (Sie tappt im Dunkeln nach dem Hintergrund.) Possen! Ich muß eben im Finstern den Weg durch die öden Gänge nach meinem zweiten Stockwerk suchen! (Als sie sich gegen die Mittelthür wendet, hört man plötzlich das heisere gespenstige Lachen einer Frau, das, sich in zwei Absätzen wiederholend, sich immer mehr entfernt.)
Jane (bleibt wie festgebannt stehen, die Mappe entfällt ihr). Großer Gott! Da ist es wieder, dies gräßliche Lachen! Gratia Poole! Schreckliches Weib! Warum darfst du so ungescheut dein dämonisches Wesen hier treiben! Hört denn niemand als ich diese Töne, die aus der Hölle zu stammen scheinen? (Horchend). Alles wieder still. -- Ich höre nichts mehr als die lauten Schläge meines Herzens! -- Ich wage nicht, hier zu bleiben, und -- bei dem Gedanken, hinauszutreten, wird mein Blut zu Eis! (Sie schüttelt sich.) Hu! Das ist dasselbe Grauen, das mich einst in Onkels Sterbezimmer halb rasend machte! -- Hilf mir fort, mein Gott! (Sie verhüllt das Gesicht und steht eine Welle wie erstarrt; plötzlich erhebt sie das Haupt.) Was ist das? Welch ein erstickender Qualm umgiebt mich plötzlich? Das ist Rauch! — (Aufschreiend.) Das ist Feuer! (sie wendet sich nach dem Hintergrund. Ha -- dort, durch die Thür ein heller Schein! (Sie fliegt nach der Thür rechts, stößt beide Flügel auf, man sieht in ein Zimmer, von rotem Licht erhellt, Dampfwolken dringen in den Salon.) Die Thür seines Kabinetts steht offen, das brennt bei ihm! Entsetzlich! (sie eilt in das Zimmer, die Thür bleibt offen, man hört sie in Absätzen rufen.) Herr! -- Herr! -- Lord Rochester! Erwachen Sie, oder Sie sind verloren! -- Hören Sie doch! Feuer, Feuer!
Rowland (nicht sichtbar, stammelnd). Wa -- was ist – was soll’s! -- Laßt, laßt mich!
Jane. Um Gott, so erwachen Sie, ermannen Sie sich doch! Auf! Auf!
(Der Salon bleibt leer, die Röte im Hintergrunde verschwindet nach und nach und erlischt ganz, sodaß es dunkel ist, als die Kommenden eintreten.)
Achtzehnter Auftritt.
Rowland in einem kostbaren Schlafrock von indischer Seide gehüllt, das Haar wie genäßt um Gesicht und Nacken hängend, bleich, betäubt, den einen Arm um Janes Nacken geschlungen, den Kopf auf ihrem Haupte liegend, kommt langsam, mit schwankenden Schritten, von rechts. Jane kommt mit ihm, den einen Arm, ihn unterstützend, um seinen Leib geschlungen, in der anderen Hand ein Licht auf silbernem Leuchter tragend
Jane (bleich, aber fest und energisch). Hierher, Herr, hier ist die Luft reiner. Sie sind halb erstickt. (Sie führt ihn währenddessen zur Chaiselongue.) Ruhen Sie, erholen Sie ich, ich werden nun Leute rufen.
Rowland (läßt sich nieder).
Jane (will gehen).
Rowland (schwer atmend, dumpf). Nein, nein, still – keinen Laut – nicht von der Stelle! (Er faßt krampfhaft ihren Arm.) Wollen Sie meine Gäste nicht rufen? Soll ich das Märchen der ganzen Gesellschaft werden?
Jane (setzt den Leuchter auf den Marmortisch). Aber Herr, das Feuer –
Rowland (sich schüttelnd, als wollte er sich ermannen). Pah! Feuer. Das bißchen Flamme der Bettgardine hatten Sie ja im Nu erstickt, da Sie diese herabrissen und mich mit den Fluten meiner Waschtoilette fast ersäuften.
Jane. Ich mußte, Herr, Sie wären lebendig verbrannt, so unbegreiflich fest war Ihr Schlaf!
Rowland (ganz erholt). Oder die Betäubung durch den Rauch. (Sich besinnend.) Ich hatte mich angekleidet auf das Bett geworfen, ich las. Der Schlaf hat mich wohl überwältigt, ich vergaß, das Licht zu löschen, und so entstand –
Jane (fest). Das Licht hier (sie zeigt darauf) ist unschuldig, es brannte ruhig zu Ihren Häupten, indes die Gardine an dem Fußende flammte und die Thüre des Kabinetts, die nach dem Korridor führt, offen stand.
Rowland (betreten). Offen? – So vergaß ich, sie zu verschließen –
Jane. Und eine frevelnde Hand wußte diesen Umstand zu nützen; man wollte Sie verderben, Herr!
Rowland (dumpf, den Kopf senkend). Ja, ja, so wird es wohl sein! Aber – wer sollte -- (sie beobachtend) wer, glauben Sie, daß solch ein Verbrechen gewagt?
Jane (wie oben). Gratia Poole, Herr!
Rowland (erleichtert, mit einem tiefen Atemzüge). Ja, ja – Gratia Poole!
Jane (mit Abscheu). Dies Weib, das so gräßlich lacht, scheint mir ein ganzer Teufel!
Rowland (scherzend, um seine Erschütterung zu verbergen). Möglich! Dafür sind Sie ein ganzer Engel, Jane Eyre, denn ohne Sie wäre ich wahrhaftig verbrannt! – Nun, sein Sie vernünftig und schweigen Sie – wenn Sie es vermögen, über diesen tollen Vorfall; verraten Sie mich nicht mit einem Atemzug an meine Gäste!
Jane (sieht ihn verwundert an). Ich werde schweigen, Herr, wenn Sie es befehlen.
Rowland (gebieterisch). Ich befehle es, Miß! (Milder.) Versprechen Sie mir auch, der Sache nicht nachzuforschen – wenn Ihre Neugier das vermag.
Jane (sieht ihn groß an). Ich bin nicht neugierig, ich will nicht forschen – aber – (ihn fixierend) dieses Weib wird also nicht bestraft?
Rowland (kurz). Das ist meine Sache!
Jane (trocken, indem sie ihr Licht vom Boden aufnimmt und an dem brennenden anzündet). Gut, Herr! (Sie will gehen.)
Rowland. Noch eins! Was suchten Sie denn eigentlich um diese Stunde hier?
Jane (sich plötzlich besinnend, nimmt die Mappe auf). Meine Bilder, Herr!
Rowland (sehr frappiert). So? Hm! Sie wollen sie mir also nicht lassen?
Jane (ruhig). Ihnen, ja –aber sonst keinem.
Rowland. Ei—Lady Georgine soll sie also nicht sehen?
Jane (trocken). So ist es, Herr! (Sie geht.)
Rowland (für sich, fast heiter). Das ist seltsam! (Mit Überwindung.) Sie gehen – ohne mir nur die Hand zu reichen! So sehr habe ich Sie diesen Abend verletzt?
Jane (steht, ohne sich zu regen). Herr!
Rowland (fast bittend). Geben Sie mir die Hand, kleiner Trotzkopf!
Jane (tritt ruhig zu ihm und reicht ihm die Hand). Hier, Herr!
Rowland (faßt ihre Hand erst mit der einen, dann mit beiden Händen, warm). So! Ich danke Ihnen, Jane Eyre!
Jane (entzieht ihm langsam die Hand). Nicht Ursache, Herr! Ich bin ja keine Heidin, die ihren Nebenmenschen verbrennen läßt, wo ihn ein Krug Wasser retten kann. Was aber Mesrours Sturz von damals betrifft, den Sie mir noch nicht vergeben haben – sind wir doch nun quitt, Herr?
Rowland (sieht ihr glühend ins Auge). Das sind wir längst – ich denke – da mußten Sie fühlen. (Er faßt rasch ihre linke Hand wieder, halt sie kräftig fest und legt den Arm um ihre Schultern.)
Jane (zuckt zusammen und steht unbeweglich).
Rowland. Kleines Mädchen, du hast den Mut eines Mannes und den Takt einer Frau! Meine Pulse stürmen, und ich wette -- nicht ein Blutstropfen rollt schneller durch ihr Adern, so wenig liegt ihr daran, daß sie mich gerettet.
Jane (senkt plötzlich den Kopf und will' ihm die Hand entziehen).
Rowland (zusammenfahrend, ohne sie loszulassen.) Was--- was -- bei Gott - nein, in jeder Fingerspitze rast ein Puls --- das Licht zittert in ihrer Hand – (Jubelnd.) Ihr Blut ist ehrlicher als ihr Gesicht, es verrät sie!
Jane (empört, ihm ihre Hand mit Gewalt entreißen). Gute Nacht, Herr! (Sie stürzt durch die Mitte ab.)
Rowland (ihr die Arme nachstreckend. Kleines Schulmädchen -- du bist ein gefährlicher Kobold! -- Jane Eyre, ich fürchte, mir wäre besser, du hättest mich verbrennen lassen! (Er geht nach seinem Zimmer.)
Der Vorhang fällt rasch.
Dritter Aufzug
Wieder dieselbe Dekoration.
Erster Auftritt.
Mistreß Reed, Georgine und Lady Clawdon in eleganter Vormittagstoilette. Rowland. Francis. Oberst Clawdon. Edward Harder. Adele. Jane trägt ein hohes Kleid in grauer Seide, einfach aber kleidsam gemacht, das Haar frei, ohne Haube. Sam und ein Diener gehen mit Präsentiertellern herum, nehmen Kaffeetassen ab oder sevieren. Die leeren Tassen bringt Sam zu Jane, die einschenkt; als zum zweitenmal serviert wird, nimmt niemand mehr von den Gästen.
Georgine (in einem großen Album blätternd, das vor ihr liegt.) Dieses indische Album entzückt mich, Lord Rochester – die Bilder sind wohl von Ihnen?
Adele (sitzt im Festkleid zu ihren Füßen auf einem Schemelchen).
Rowland (zu ihr hinüber gelehnt). Nach der Natur, zu dienen.
Georgine. Es ist mir ein Rätsel, wie Sie sich nach so langem Aufenthalt unter dieser wunderbaren Zone in unserem kalten England wieder angewöhnen konnten. Dort, wo alles lebt, duftet, glüht - freilich sagt man, in Indien laure hinter jeder Blüte eine Schlange.
Rowland (lächelnd). Glauben Sie, daß derlei Kreaturen in England nicht auch existieren?
Georgine. Wenigstens stecken sie nicht hinter Blumen. (Sie tritt zu Edward, mit dem sie leise spricht.)
Mistreß Reed (die an einer Tapisserie arbeitet und zuweilen einen lauernden Blick auf Rowland und Georgine wirft). Desto öfter hinter Büchern!
Rowland. Wie das?
Mistreß Reed (Bitter). Nun, es giebt eine Art Schlangen, die sich leicht in große Häuser einschleichen, die still ihre Schlingen weben und schwer zu verdrängen sind, wo man sie einmal ihr Nest bauen läßt.
Rowland (als verstände er sie nicht). Ei, zu welcher Gattung gehören diese Reptilien?
Mistreß Reed. Zu der der Erzieher und Gouvernanten, die um so gefährlicher sind, als sie unbemerkt ihr Gift in Kopf und Herzen ihrer Zöglinge niederlegen.
Jane (richtet, ohne sich zu bewegen, einen festen Blick auf Mistreß Reed).
Rowland (sich in die Lippen beißend). Hm! Sie haben wohl diese traurige Erfahrung an sich selbst gemacht?
Mistreß Reed (sieht ihn starr an). Wie meinen Sie das, Lord Rochester?
Rowland. Nun, ich meine, daß nur eigene Erfahrung Sie zu einem so harten Urteil berechtigen kann.
Lord Clawdon. Aber Mistreß Reed hat recht! Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl von Erzieherinnen.
Adele (die altklug und graziös dasaß und Georgine immer mit Bewunderung betrachtet, hat dem Gespräch aufmerksam zugehört). Ich habe eine gute liebe Gouvernante, nicht wahr, Rowland?
Rowland (trocken). Das hast du!
Adele (spring auf und schmiegt sich an Georgine). Sie haben gewiß auch solch eine gute Miß Jane gehabt, weil Sie so schön und liebenswürdig sind. Ich werde auch so werden, nicht wahr?
Georgine (sie von sich wegschiebend). Ei, Kind, du zerdrückst mir ja das Kleid! Geh! -- Aber sagen Sie, teuerster Lord, ich dachte ja immer, Sie liebten Kinder nicht besonders?
Rowland (streckt die Hand nach Adele aus.) Das thue ich auch nicht.
Adele (die sehr verdutzt dastand, tritt zu ihm).
Georgine. Was bewog Sie denn, diese Pariser Puppe anzunehmen? Wo haben Sie sie aufgelesen?
Rowland (zu Adele sanft). Geh zu Miß Eyre.
Adele (geht mit gesenktem Kopf und legt sich in Janes Arme, bitterlich weinend).
Jane (beschäftigt sich zärtlich mit ihr).
Rowland. Ich habe sie nicht aufgelesen, ich habe sie geerbt, wie dieses Schloß, meine Gärten, meinen Park – (er wirft einen Blick auf Jane) und bin zufrieden mit allem!
Georgine (beißt sich in die Lippen; nach einer Wendung des Gesprächs suchend.) Ihr Park, Mylord, ist das Reizendste, was man sich denken kann -- er muß im Sommer ein Paradies sein!
Rowland (sarkastisch). Und noch dazu ohne Schlangen!
Georgine (spitz). So? Meinen Sie? -- Wer weiß ! – [Aber in der That, diese himmelhohen Baumgruppen, der prächtige Fluß und das alte Schloß mit seine Türmen, alles das ist wahrhaft romantisch!] Diese sechs Tage, seit wir hier sind, entschwanden mir wie ein Traum!
Rowland (gallant). Mögen Ihnen noch viele Tage so hier entschwinden.
Georgine (zärtlich). Ah, dazu könnte Rat werden – denn Sie wissen uns immer neue Überraschungen zu bereiten. Was haben Sie nun heute wieder vor?
Rowland. Ah, leider so dringende Geschäfte, daß ich für wenige Nachmittagsstunden um Nachsicht bitten muß. Lord Clawdon hat mir versprochen, die Honneurs für mich zu machen und die Gesellschaft nach der alten Abtei zu führen. Es ist ein Teil meines Besitztums, der noch von Heinrich dem Achten erbaut wurde.
Georgine. Ach, das ist entzückend! (Etwas schmollend.) Und Lord Clawdon wird uns eskortieren?
Francis und Edward (lebhaft). Wir alle!
Lord Clawdon (der an einem Tischchen mit Francis Schach spielt, sarkastisch, indem er eine Schachfigur rückt). Leider müssen sich Mylady mit uns begnügen.
Georgine (lachend.) O, ich werde Sie vernachlässigen, um mich mit den historischen Erinnerungen an Heinrich den Achten zu beschäftigen, denn Sie müssen wissen, daß ich einen gewaltigen Respekt vor diesem genialen Tyrannen habe.
Francis (höhnisch, eine Schachfigur rückend). Lady Clarens ist gewiß trostlos, daß er zu seinen Ahnen ging, sie wäre imstande gewesen, ihn zu heiraten.
Jane (steht auf, als wolle sie sich entfernen).
Rowland (wirft ihr einen befehlenden Blick zu, wendet sich aber dann wieder zu Georgine). Das hätte Lady Georgine nicht gethan.
Jane (setzt sich wieder, das Haupt gesenkt).
Sam geht durch die Mitte ab.
Georgine (lebhaft). Warum nicht? Gewiß! Denn war Heinrich der Achte auch ein Tyrann, so war er doch ein Mann.
Mistreß Reed (hat fortwährend forschende Blicke auf Rowland geworfen und nimmt wenig Anteil an dem Gespräch). Gott bewahre dich vor einem solchen!
Georgine. Warum, Mama? Ich bin einmal so; nach meinem Geschmack ist ein Mann höchst bedeutungslos, wenn er nicht etwas Weniges Teufel in sich trägt!
[Lord Clawdon und Edward (lachen).
Francis (mit einem scharfen Blick auf Rowland). O, dergleichen findet sich!
Lord Clawdon (sehr ernst). Ei! Ei!
Rowland (küßt Georgine leicht die Hand). Bravo! (Sein Blick fliegt nach Jane.)
Jane (sitzt unbeweglich, ohne ihn anzusehen).
Georgine (immer lebhafter werdend.) Bei meiner Ehre!] Ich bin dieser Dandys der heutigen Zeit herzlich überdrüssig! Diese armen winzigen Geschöpfe, die so viel Sorgfalt auf ihre Mondschein-Gesichter, ihre weißen Hände und schlanken Taillen verwenden, als ob ein Mann überhaupt etwas mit Schönheit zu thun hätte, als ob diese nicht das einzige Vorrecht des Weibes, ihre Mitgift, ihre natürliche Erbschaft wäre! (Mit einem Blick auf Jane.) Ein häßliches Weib ist ein Brandmal im Gesicht der Schöpfung -- ein, Mann ist immer schön, wenn seine Devise “Kraft, Geist und Ehre” ist!
Rowland (hat wieder einen raschen Blick auf Jane geworfen, die ganz teilnahmlos bleibt). Das ist großartig gedacht, Lady Georgine --
Georgine (steht auf). Ich bin schön, ich weiß das, und habe ein Recht, es zu sein; wenn ich mich jemals wieder verheirate, so will ich eine Stütze, keinen Nebenbuhler in meinem Gatten besitzen -- er soll seine Neigung nicht zwischen mir und der Gestalt teilen, die er in seinem Spiegel sieht; es soll für ihn nur eine Schönheit geben, die meine! Habe ich nicht recht, Rochester?
Rowland (ihre Hand fassend). Sie haben recht! Aber, nur ein Weib wie Sie darf so denken und sprechen.
Francis (für sich). Bei Gott, sie verdient die Strafe, die sie erwartet!
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Sam tritt wieder ein.
Sam (sagt leise etwas zu Jane).
Jane (etwas näher tretend). Mylord, die Wagen sind vorgefahren.
Rowland (rasch). Dann bitte ich die Damen, ihre Toilette zu beschleunigen, denn der Weg ist nicht kurz, Sie haben vieles zu sehen, und ich erwarte Sie zu Tische zurück.
Georgine. O, wir werden bald fertig sein. Komm, Mama!
Mistreß Reed (aufstehend). Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich fürchte die angreifende Frühlingsluft.
Georgine. Du bist gewiß die einzige, die sich ausschließt. Wer ist mit von der Partie?
Lord Clawdon, Lord Clawdon, Francis, Edward. Wir alle!
Georgine. Ah, ich wußte es! Vorwärts denn! Wir wollen versuchen, uns ohne unseren Wirt zu amüsieren!
Rowland. Das wird Ihnen nur zu gut gelingen!
Georgine (mit einem vielsagenden Blick, leiser). Wer weiß! (Sich zum Gehen wendend, bemerkt sie, daß ihr Schuhband auf ist.) O weh, mein Schnürband hat sich gelöst.
Francis (mit einem Blick auf Rowland). Welchem Glücklichen wird der Ritterdienst vergönnt werden, es zu binden?
Georgine (die mit erwartendem Blick auf Rowland sah, nach einer kleinen Pause, pikiert). Keinem von Ihnen, meine Herren, Sie sind weder würdig, mir das Schuhband zu lösen, noch zu binden! (Sie wirft die Locken zurück und winkt Adele; hochfahrend.) Komm einmal her, kleine Puppe, und thue deine Pflicht.
Adele (vorkommend, sieht sie groß an). Was soll ich?
Georgine (ungeduldig). Nun – binde mir das Schuhband, Kind!
Adele (schüttelt ben Kopf). Ich will nicht.
Rowland (auffahrend). Adele! Gehorche!
Adele (fest). Nein -- sie ist nur schön, nicht gut – ich will nicht.
Rowland (ganz versteinert, mit einem Blick auf Jane). Was ist das?
Mistreß Reed (kalt). Die Erziehungsmethode der Miß Eyre!
Georgine (mit einem langen Blick Jane messend). Von der sie jedenfalls keine Demut lernte.
Rowland (finster). So scheint es!
Jane (mit einem festen Blick auf Mistreß Reed, bescheiden). Adele ist seit fünf Monaten mein Zögling, und Sie wissen wohl, Mistreß, daß eine verwahrloste Erziehung oft kaum in Jahren gut gemacht wird. (Zu Georgine.) Vergeben Sie dem Kinde und gestatten Sie mir, seinen Fehler zu sühnen. (Sie läßt sich rasch auf ein Knie nieder und bindet das Band.)
Sam (giebt seine boshafte Freude zu erkennen).
Rowland (macht eine Bewegung, als wollte er sie zurückhalten, schlägt plötzlich die Arme übereinander, kreuzt sie fest auf der Brust, schwer atmend und den Blick, als ertrüge er den Anblick nicht, zu Boden gesenkt).
Georgine (ist so überrascht, daß sie alles geschehen läßt). O, sehr gütig, Miß!
Jane (steht auf, verbeugt sich, nimmt Adeles Hand und tritt mit ihr etwas zurück). Geh auf dein Zimmer, Adele.
Adele (geht mit gesenktem Kopfe in die Seitenthür links ab).
Dritter Auftritt.
Die Vorigen ohne Adele.
Georgine (leise zu Rowland). Nun, strenger Gebieter, man muß es Ihnen lassen, Sie haben Ihre Schlange trefflich dressiert! Man könnte sich fast vor Ihnen fürchten – wenn -- man Ihnen weniger gut wäre!
Rowland (mit Mühe sich selbst bekämpfend). Zu viel Güte –
Georgine (mit Vorwurf). O Rochester!
Francis (hat indes ein Taschentuch vom Sitz genommen und reicht jetzt Georgine, dicht zu ihr tretend). Ihr Tuch, Lady Clarens. -- Mylord werden erlauben, daß ich meinen Ritterdienst schon hier beginne. (Er reicht Georgine den Arm.)
Georgine (nimmt ihn, nachdem sie vergebens auf eine Einrede Rowlands gewartet).
Francis. Ich hoffe, daß Sie sich nicht allein mit den Erinnerungen an Heinrich den Achten unterhalten sollen, Mylady.
Rowland (reicht Lady Clawdon den Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.)
Francis (leise zu Georgine). Auch dies Schloß hat seine Geschichte, deren Entdeckung für Sie nicht ohne Interesse sein dürfte!
Georgine (sieht ihn frappiert an).
Francls (fortfahrend, laut). Die Wagen warten, eilen wir.
Mistreß Reed (ist ebenfalls im Begriff zu gehen).
Georgine (indem sie sich wendet, berührt sie mit den Armen Mistreß Reed. Ah, Mama, auf Wiedersehen! (Sie geht mit Francis durch die Mitte voran.)
Edward (folgt).
Lord Clawdon und Mistreß Reed (sind die letzten; er bietet ihr den Arm, sie dankt; er folgt den übrigen, die durch die Mitte abgehen).
Mistreß Reed (folgt langsam, geht an Jane vorüber, ohne sie anzusehen, bleibt plötzlich stehen, mit sich selbst kämpfend, wendet sich dann zu ihr und sagt kalt).
Jane Eyre, ich muß Sie sprechen.
Jane (zuckt zusammen, da sie sie anredet). Mich?
Mistreß Reed. Wenn alles ruhig ist im Schloß, werden Sie sich hier einfinden?
Jane (sieht sie groß und ruhig an). Zu Befehl, Mistreß.
Mistreß Reed (geht langsam durch die Mitte ab). Gut.
Vierter Auftritt.
Jane allein.
Jane (sieht ihr starr nach). Sie will mich sprechen, mich? Was will sie noch von mir? Ah -- trage ich nicht schwer genug! [(Sie fährt mit der Hand über die Stirn.) Kein Wort, kein Blick löst mir das dämonische Rätsel jener schrecklichen Nacht! Gratia Poole waltet stumm und unheimlich wie immer -- welche Rechte hat sie an seine Nachsicht? Fürchtet er diese finstere Gestalt? Welch ein lichtscheues Geheimnis umschließt dies Schloß - oder vielleicht - Rochesters Brust? O! (Sie preßt die Hand auf die Brust). Ich weiß es nun - Georgine beherrscht seine Sinne -- er ertrug es, meine Demütigung zu sehen, nicht die Hand regte er, um mich abzuhalten!] Ruhig -- ruhig, gefoltertes Herz - du hast ja nicht einmal das Recht zu brechen!
[Fünfter Auftritt.
Jane. Adele kommt von links.
Adele (steckt den Kopf herein, sieht sich ängstlich um und fliegt dann zitternd auf Jane zu, sie weinend umschlingend). Ach, Miß Jane, retten Sie mich!
Jane (erstaunt, sanft verweisend). Adele! Befahl ich dir nicht, nach deinem Zimmer zu gehen?
Adele. Ach, sein Sie gut! Sam hielt mich ab, er nahm mich mit in die Unterstube und drohte mir und sagte: Rowland werde mich in den östlichen Turm sperren, weil ich seine Geliebte beleidigt hätte!
Jane (schmerzlich getroffen, sich gewaltsam fassend). Sam ist ein boshafter Mensch; sei ruhig, Lord Rochester ist kein Tyrann -- du weißt es ja. Weine nicht!
Adele (die Tränen trockend). Ja -- aber Sir Francis Bedienter sagte doch: “Rowland sperrte alle Leute, auf die er böse ist, in den Turm, wie seine Lady!”
Jane (zusammenzuckend). Wie -- wen ?
Adele (leise und geheimnisvoll). “Seine Lady,'” sagte er, das wisse alle Welt, daß im Turm Rowlands Lady gefangen sitze.
Jane (fest und gebieterisch). Wiederhole das nie wieder, Adele, es ist eine Lüge! (Zusammenfahrend.) Horch -- das ist er!
Adele (flehend). Rowland? O kommen Sie -- ich fürchte mich so sehr! (Sie läuft nach links ab.)
Jane (ihr folgend). So höre doch!]
Sechster Auftritt.
Jane. Rowland durch die Mitte.
Rowland (ihr in den Weg tretend). Sie noch hier, Miß Eyre? Werden Sie nicht mitfahren?
Jane (wieder vollkommen ruhig). Ich blieb zurück, um Sie zu bitten, Herr, daß Sie mich von dieser Pflicht entbinden. Adele muß hier bleiben, sie hat diese Strafe verdient; allein ich überlasse das Kind nicht gern sich selbst, wenn es gefehlt hat.
Rowland (sieht sie forschend an). Und denken wohl, daß ich kein Recht habe, Sie für meine Gäste in Anspruch zu nehmen, und daß Sie schon genug für diese gethan?
Jane. Ich weiß wenigstens, daß ich dort nicht vermißt werde, und für Adele bin ich nötig.
Rowland (mit halbem Vorwurf). Für Adele? Hm! – Für niemand sonst?
Jane (rasch). O gewiß, für die arme Mistreß Harleigh, die unter der Wirtschaftslast jetzt fast erliegt.
Rowland. Für niemand sonst?
Jane (ruhig). Für niemand, Herr!
Rowland (wendet sich unwillig ab). Und -- Sie haben mir nichts zu sagen?
Jane. Nein, Herr!
Rowland. Mich nichts zu fragen, Jane Eyre?
[Jane (wie oben). Ich werde Sie nie um etwas befragen: denn ich weiß, daß Sie mir ungefragt sagen werden, was mir zu wissen nötig ist, und daß keine Frage Ihnen ablocken würde, was Sie verschweigen wollen.
Rowland. So? Sie sind spitzfindig, Jane Eyre; und doch giebt es eine Frage, die seit jener Nacht auf Ihren Lippen, in Ihren Augen schwebt, zu der Sie ein Recht haben -- (ungeduldig) warum denn fragen Sie nicht? Lohnt es Ihnen nicht der Mühe, sind Sie nicht als Weib geboren, daß Sie die Neugier nicht kennen, daß Sie nicht wissen wollen, warum man mich verbrennen will-- oder haben Sie jenem Nacht --- vergessen?
Jane. Wenn ich Ja sagte, würde ich Sie belügen, Herr, und ich lüge nie.
Rowland (finster). Sie wollen also nicht fragen und haben mir nichts zu sagen – (sie fest ins Auge fassend) gar nichts!]
Jane. Nein! Jetzt nicht -- vielleicht später.
Rowland. Später! So! Und -- wenn ich Ihnen nun -- (Er stockt, geht ein paar Schritte, dann plötzlich vor sie hintretend.) Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich mich ganz plötzlich verheiratete?
Jane (ohne irgend eine Bewegung). Ich würde sagen, daß Sie recht daran thun, Herr!
Rowland. So! Und das wäre Ihnen ganz einerlei?
Jane. Nein, Herr! Ich würde mich freuen, wenn Sie glücklich würden!
Rowland (sie fest, fast schmerzlich betrachtend). Wirklich? (Mit sich kämpfend.) Miß Eyre -- Sie – (Er faßt sich, trocken.) Sie können gehen.
Jane (ruhig den Kopf neigend, geht durch die Mitte ab).
Rowland (stampft wütend mit dem Fuße). Sie geht! Kein Wort! Kein Blick verrät ihr Inneres! Diese Sphinx wird mich rasend machen!
Siebenter Auftritt.
Rowland. Judith durch die Mitte.
Rowland. Ah, Base! Sind die Pächter da?
Judith (in großer Aufregung, aber sich bezwingend). Nein, Mylord; aber ich bin da, um ein paar ernste Worte mit Ihnen zu reden.
Rowland (befremdet). Oho! das klingt ja sehr wichtig; ich denke aber, ich habe Wichtigeres zu thun, als Ihr Geschwätz zu hören, Base!
Judith. Das glaube ich kaum! Sie wissen, ob ich jemals Lust gezeigt, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, oder Ihnen Ratschläge zu geben -- Sie können sich sagen, daß Wichtiges mich bestimmen muß, wenn ich jetzt gezwungen bin, beides zu thun!] Hören Sie mich aufmerksam an. Als Sie nach Ihres Bruders Tod Ihr Erbe antraten, als Sie kurz darauf befahlen, die lichten Zimmer im östlichen Turm für einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und dann in dunkler Nacht ganz plötzlich ein verschleiertes Weib hierher brachten -- deren Antlitz noch bis heute niemand sah -- als Sie befahlen, ihrer Wärterin, jener Gratia Poole, in allem zu Willen zu sein und reichlich für die Bedürfnisse der Fremden zu sorgen, habe ich die Lippen nie zu einer Frage geöffnet. Sie befahlen mir, die Anwesenheit der Dame nicht zu verraten und nie nach ihrem Schicksal zu forschen -- ich gehorchte stillschweigend, ich hielt Ihr Geheimnis so heilig, als wäre es das meine. That ich so oder nicht?
[Rowland (unmutig). Sie thaten Ihre Pflicht!
Judith. Ich that sie, ohne Groll über den Mangel an Vertrauen, das eine alte Verwandte Ihres Hauses wohl verdient hätte! Meine Nächte wurden oft gestört durch das wahnsinnige Lachen, das in dem öden Schloß wiederhallte, meine Tage durch die stete Sorge, müßige Neugier fernzuhalten -- Sie haben nie eine Klage darüber von mir gehört, Lord Rochester! Nun aber machen Sie plötzlich all’ unser Mühen zunichte, Sie selbst geben das Geheimnis preis, das ich so angstvoll gehütet -- Sie schleppen eine Schar unnützer Gäste in das Schloß --
Rowland. Ich mußte der Nachbarschaft einmal wieder mein Haus öffnen, wollte ich nicht selbst das alberne Gerücht nähren, das leise, aber bedrohlich durch die Grafschaft schleicht.
Judith (decidiert). Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es bald nicht mehr leise, sondern überlaut auftreten wird, wenn Sie diese neugierigen Gäste nicht rasch entfernen. -- In vergangener Nacht hörte Gratia Geräusch im Turm, und als sie ihre Thür öffnete, lagerte ein fremder Diener auf der Schwelle, der wohl die ganze Nacht da auf der Lauer lag. Er floh bei ihrem Anblick. Diesen Morgen aber vernahm Lea in der Küche Reden, die sich das fremde Gesinde zuflüsterte, die so seltsam klangen, daß ich sie Ihnen nicht wiederholen möchte! Das mußten Sie wissen, Lord Rochester. Sie sollen mich nicht beschuldigen, Ihre Geheimnisse verraten zu haben, während Sie selbst es sind, der --
Rowland (sie unterbrechend). Eine solche Beschuldigung haben Sie nie von mir zu fürchten, Judith! Denn man verrät niemals -- was man nicht weiß!
Judith (wendet sich empört und gekränkt ab).]
Rowland (gutmütig). Geben Sie sich zufrieden, Base; ich weiß ja, daß Sie wacker sind und mein Haus in guten Händen ist. Ich bin dankbar, das wissen Sie.
Judith (ausbrechend). Das sind Sie nicht, Lord Rochester! Sie glauben, mit Gold sei alles abgethan. Was hilft mir das? Ein Herz bedurfte mein freudloses Alter, ein helles frohes Auge, das die Finsternis dieses Hauses wie Sonne durchstrahlte -- ich hatte es gefunden, ich lebte wieder! Nun aber jagen Sie mir Jane Eyre fort, ich soll wieder allein und verlassen sein. (Sie kämpft mit Thränen.) Das ist zu viel für mich -- das ist grausam, das ist Ihrer nicht würdig!
Rowland (sieht sie groß an). Wer sagt Ihnen denn, daß ich Miß Eyre fortjagen will. Ich denke nicht dran!
Judith. Sie denken nicht dran? Nun -- aber Jane Eyre denkt daran!
Rowland (wendet sich rasch nach ihr). Das wagt sie nicht!
Judith. Sie wagt nicht? Ei sieh! Habe ich Ihnen nicht am ersten Tage, da Sie kamen, gesagt, daß mit Charakteren nicht gut experimentieren ist? Gott weiß, was Sie mit dem unglücklichen Geschöpf vorhaben! Sie lassen sie rufen, wenn sie einen Morgen beim Frühstück oder einen Abend beim Thee fehlt, und kommt sie, so thun Sie, als existiere sie nicht, und dulden, daß diese hoffärtige Lady sich vor Ihren Augen das Schuhband von dem edlen Geschöpf binden läßt! Der boshafte Sam hat mir alles erzählt! Ich wollte sie trösten, als sie eben still und entschlossen an mir vorbeikam – sie sah mich nicht an -- aber ich sah –
Rowland (rasch). Nun? Was?
Judith. Daß sie leichenblaß und schwankend vor sich hin sah, und dabei stürzten ihre Thränen stromweis auf die fest verschlungenen Hände herab. Ich wußte genug! Ihr Herz ist gebrochen, ihre Ehre verletzt! Sie wollten Jane Eyre biegen, das können Sie nicht, aber Sie werden sie brechen! Sie geht! Glauben Sie mir, ich kenne diese stolze feinfühlende Seele! Halten Sie sie zurück um des armen Kindes, um Ihrer selbst willen!
Rowland (seine Bewegung niederkämpfend, fixiert sie lauernd). Haben Sie nun Ihren Auftrag vollständig besorgt?
Judith (sieht ihn entsetzt an). Meinen Auftrag? Sie könnten glauben – (Mit Würde, tief gekränkt). O wie unwürdig denken Sie von mir und dem edlen Mädchen! Ich beklage Sie, daß Sie das Verständnis einer Seele wie Jane Eyres verloren haben! Lassen Sie sie ziehen. Dieses Haus des Fluches scheint keine Heimat für reine Geister-- und habe ich Ihnen gesagt, was Ihnen nicht gefällt, so senden Sie mich ihr getrost nach, ich gehe gern, wenn Jane Eyre fortgeschickt wird. Eine Wohlthat aber will ich der armen Jane noch erweisen; sie weinte um Sie, den sie wie ein höheres Wesen verehrt, das weiß ich; ich aber, Herr, wenn ich auch blindlings gehorche, bin nicht blind -- ich werde meine Pflicht thun und Jane Eyre belehren, daß ich Lord Rochester ihrer Thränen nicht würdig halte; das wird ihr den Abschied sehr erleichtern! (Sie geht entschlossen.)
Rowland (zusammenfahrend, ihr nachrufend). Judith – was wollen Sie thun ! (Er bleibt stehen.) Nein!
Judith (bleibt erwartungsvoll in der Mittelthür stehen).
Rowland (plötzlich entschlossen und befehlend.) Gehen Sie und thun Sie, wozu Sie Lust haben!
Judith (eilt unwillig durch die Mitte ab.)
Rowland. Sei es! Endlich muß der Streich doch fallen! Und wenn ihr Herz dabei in Trümmer ginge, das wird sie reden lehren! Es ist gut so! (Ab nach rechts).
Achter Auftritt.
Mistreß Reed allein, sie kommt durch die Mitte.
Mistreß Reed (sich umsehend). Noch nicht da! (Sie geht ein paar Schritte. Sie läßt sich erwarten. (Sie legt die Hand an die Stirn, wie im Fieber). O! Schwerer Schritt, zu dem ich den Fuß erhob -- ihr entgegen! Aber es muß, es muß!-- Welch eine Wechselwirkung zwischen diesem Geschöpf und Rochester besteht, kann ich nicht enträtseln, aber sie besteht, ich fühle es [und kann Georgines Siegeswahn nicht teilen, so lange diese stille Natter zwischen ihm und unserem Glück liegt.] (Fieberhaft.) Mit welchem Stolz sie sich vor Georgine demütigten -- o sie ist gefährlich --! (Pause.) Sie wird mir eine eiserne Stirn, die unbeugsame Macht des Hasses entgegenstellen! Haß denn gegen Haß, ich will ihr alles sagen!
Neunter Auftritt.
Die Vorige. Jane durch die Mitte.
Jane (bleich, aber ruhig und sanft, wie nach einem gefaßten Entschluß). Mistreß Reed haben befohlen –
Mistreß Reed (mit Überwindung, kalt). Kommen Sie näher! Wir wollen uns ohne Heuchelei gegenüber treten, wollen uns nicht täuschen. Die Zeit hat keine Macht an Charakteren wie den unseren. Wir haben uns gehaßt, hassen uns und werden uns hassen. [Verstellung wäre zwischen uns eine Unwürdigkeit, die uns vor uns selbst verächtlich machen müßte.]
Jane (ruhig). Sie hassen mich, Mistreß Reed, und werden mich leider immer hassen; doch thun Sie unrecht, unsere Charaktere zusammenzustellen. Sie sind eine Frau bei Jahren, Sie halten wohl fest an dem einmal gefaßten Vorurteil, selbst wenn Sie dessen Unbilligkeit einsähen, ich hingegen war damals so jung --
Mistreß Reed (peinlich von ihrer Stimme aufgeregt, sieht sie starr und immer starrer an). Sie sind dieselbe geblieben, Sie sind älter geworden, aber es sind dieselben bleichen scheuen Züge des starrsinnigen unheimlichen Wesens -- das nie ein Kind war; es sind dieselben dunklen Augen, aus denen mich und die Meinen stets der böse Blick verfolgte! [Ah -- die ganze fürchterliche Zeit steigt aus diesem stummen Gesicht vor mir auf. Was litt ich, was meine armen Kinder! Warum hatte Reed dich mir aufgebürdet -- welch furchtbare Last! Täglich und stündlich, durch Jahre und Jahre, quälte mich diese unbegreifliche Gemütsart, diese stille fürchterliche Beobachtung!] Ah, wie war mir wohl, als du fort warst, und nun stehst du wieder vor mir -- du, die aus einer rechtlichen Frau eine Verbrecherin gemacht, du, die mein reines Gewissen mit Qual belastet hat!
Jane (die geduldig und ruhig zuhörte). Ich-- ich habe Ihr Gewissen belastet?
Mistreß Reed. Ja -- du, du allein! (Dumpf.) Darum muß ich dich in alle Ewigkeit hassen, wie du mich, und darum können wir nicht zusammen leben und atmen unter einem Dach! (Dumpf in sich hinein.) Jane Eyre, die reiche Mistreß Reed ist arm geworden! Freut dich das?
Jane (erschrocken). O Gott beschütze mich! Wie konnten Sie arm werden?
Mistreß Reed (wie im Fieber wehklagend). Ich gab meinem lieben John alles, ich verkaufte Gateshead, ich zog zu Georgine, ich muß nun bei ihr leben, denn ich habe nichts mehr, John hatte alles nötig.
Jane (faltet die Hände). O der Elende!
Mistreß Reed (auffahrend). Er ist mein lieber Junge, man braucht viel in London -- es quälte mich, ihn darben zu lassen. (Wie zu sich selbst kommend.) Nun habe ich nur noch Georgine, und da sie den Lord heiratet, werde ich hier wohnen. Jane Eyre, du siehst ein, daß du hier fort mußt, damit ich bleiben kann!
Jane (schmerzlich). O Mistreß Reed, das sah ich längst ein; daß aber Sie es sind, die mich auch aus diesem Asyl verjagt, daß Ihnen die acht Jahre in Lowood nicht für mich genügen, daß Sie es sind, die die arme Waise zum zweitenmal hilflos in die weite Welt jagt, das -- ist hart, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (hastig). Nicht arm, nicht hilflos, reicher als ich – wenn du willst.
Jane (starrt sie an). Was sagen Sie?
Mistreß Reed (vor sich hinaussehend, fast tonlos). Du warst schon lange in Lowood -- da kam eines Tages ein Brief aus Madeira, von Tybald Eyre, deines Vaters Bruder. Er verlangte dich von mir, er schrieb, daß er reich geworden, daß er dich zur Erbin machen wolle, wenn du zu ihm zögst.
Jane. Großer Gott! Und dieser Brief, warum hörte ich nie davon?
Mistreß Reed (wie oben). Weil ich den Gedanken nicht ertrug, dich im Wohlstand zu sehen, indes mein Vermögen täglich schwand, [und Georgine nicht viel mehr besaß als ich!] Weil ich [die Wut, mit der du dich einst gegen mich erhobst] die Beschimpfungen nicht vergeben konnte, mit denen du mich vor Blackhorst und meinem Bruder gebrandmarkt! [Ich konnte nicht vergessen, was ich empfand, als du mir sagtest: du verabscheutest auf der Welt nichts so sehr als mich und meine Kinder -- als du, die jahrelang geschwiegen, so plötzlich das kochende Gift deiner Seele über mich ausgossest, als du gelobtest, mich nie wieder Tante zu nennen! Ich hatte ein Gefühl, als hätte ein Tier, das ich getreten, mich mit menschlicher Stimme verflucht!] Darum konnte ich dir nicht verzeihen, mußte dich hassen -- und darum (schaudernd) belastete ich mein Gewissen.
Jane (sanft). Ich habe ja längst vergessen, was Sie mir gethan; ich war gewiß ein böses Kind -- ich bin durch Sie gebessert worden -- vergessen Sie auch, Mistreß Reed!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Wenn du gehst, Jane Eyre!
Jane (den Kopf senkend, sieht starr vor sich hinaus).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Henry Wytfield tritt im Reisekleid durch die Mitte ein. Rowland kommt von rechts und bleibt staunend stehen.
Henry. Ah, hier bist du, Sarah!
Mistreß Reed (wendet sich rasch, zusammenfahrend). Henry! Du bringst ein Unglück!
Henry. Ich fürchte es! (Auf Jane blickend.) Aber – wir sind nicht allein!
Jane (seine Hand fassend, herzlich). Es ist Jane Eyre, die Sie begrüßt, mein lieber Vetter Wytfield!
Henry. Jane Eyre? -- Sie, Miß--? Ja wahrlich -- das sind Sie! Und hier? Bei dir,
Sarah? Ah, da ist Versöhnung!
Mistreß Reed (an seinen Blicken hangend, hört kaum, was vorgeht). Du kommst von Clarens-House, du hast Briefe von John?
Henry (zieht einen Brief hervor). Nicht von ihm, aber ich konnte es nicht verschieben -- du mußt alles wissen, Sarah, denn vielleicht ist noch Rettung möglich.
Mistreß Reed (bebend). Rettung! Rettung?
Henry. [Du hast meine Warnungen nie gehört, du warst blind für diesen Elenden, zu deinem eigenen Verderben!] Ich kann dir's nicht ersparen, die Zeit drängt. John Reed ist -- entflohen -- nachdem er für tausend Pfund Wechsel gefälscht hat, die eingelöst werden müssen, wenn die Schmach unseren Namen nicht unauslöschlich --
Mistreß Reed (hat jedes Wort zuckend begleitet, wird starr und sinkt lautlos in Janes Arme).
Jane (fängt sie auf). O Gott, mein Gott!
Rowland (der im Begriff ist, einzutreten, bleibt bei Janes Ausruf wieder stehen und tritt etwas zurück).
Henry (eilt hinzu, sie bringen Mistreß Reed auf die Chaiselongue links).
Jane (ihre Hand und Stirn reibend). Tante Reed! Fassen Sie sich! Tante Reed, hören Sie mich?
Henry (leise). Ah -- die Unglückliche weiß das Ärgste nicht -- es ist alle Wahrscheinlichkeit, daß John sich selbst entleibt hat!
Jane (faltet die Hände). Gott der Barmherzigkeit!
Henry (finster). Gott der Gerechtigkeit müssen Sie sagen, Jane Eyre! Sie büßt schwer, was sie an Ihnen verschuldet hat!
Jane (in Thränen). O, sagen Sie nicht so! Ihr Haß war eine Krankheit ihrer Seele, die Onkel Reed vielleicht durch seine übergroße Liebe für mich erzeugte!
Mistreß Reed (bewegt sich und schlägt die Augen auf). Ah!
Jane. Sie lebt! (Mild und tröstend). Tante Reed, wie ist Ihnen?
Mistreß Reed. Du nennst mich Tante -- du hast es einst verschwören!
Jane (in Thränen). Ich war ein wildes ergrimmtes Kind, ich wußte nicht, wie böse ich gegen Sie war! Tante Reed, vergeben Sie mir, daß ich Ihr Leben getrübt, Ihr Gewissen belastet habe!
Mistreß Reed. Ich habe dich nach Lowood verbannt, ich hatte meinem Manne versprochen, dich wie mein Kind zu halten -- ich that es nicht -- ich habe dir zweimal unrecht gethan, habe dir daher nichts zu vergeben; es war ein Unglück, daß du geboren worden.
Jane (das Gesicht in beiden Händen verbergend). Ja, ja! O ja!
Mistreß Reed (sich aufrichtend). Es ist etwas Entsetzliches geschehen -- ich weiß es, ich fühle es, da, da! (Sie drückt die geballte Faust auf die Brust.) Mein Herz brennt wie Feuer! Ich habe nichts auf der Welt geliebt als John, nur er konnte mein Herz so zerfleischen. (In schmerzlichem Aufschrei.) John ist tot.
Jane (schüchtern). Aber -- Sie haben noch eine Tochter!
Mistreß Reed (auffahrend). Ja -- ja! Und sie muß glücklich, muß reich werden, und wir müssen leben! Darum mußt du fort.
Rowland (steht mit untergeschlagenen Armen und macht eine Bewegung, als verstände er plötzlich, was vorgeht).
Mistreß Reed (zieht mit zitternder Hand ein Portefeuille aus der Tasche, öffnet es, indem sie spricht). Dein Onkel lebt und harrt noch auf dich -- da, da ist sein erster und --- zweiter Brief, ich habe mich nie davon getrennt, ich dachte immer: einmal komme doch der Augenblick, diese Last von meinem Gewissen zu wälzen! Ha, er ist da! Da nimm -- und geh nun, Jane Eyre, wir sind quitt!
Jane (die Briefe nehmend). Ich werde gehen, Tante Reed -- wenn Sie mir Ihren Segen mitgeben! (Sie streckt beide Arme nach ihr und will ihre Hand fassen.)
Mistreß Reed (schaudernd, fährt zurück). Meinen Segen?! Du hast John gehaßt, hast ihn einmal umbringen wollen -- nein, nein -- ich kann dich nicht segnen, der Segen des Hasses wäre Gotteslästerung! Aber -- du gehst, um Georgine glücklich zu machen, ich werde dir Gutes wünschen --- mehr kann ich nicht, (schwer atmend) mehr kann ich nicht!
Rowland (erhebt entschlossen das Haupt und tritt zurück).
Mistreß Reed (fortfahrend). Gott allein ist die Gerechtigkeit, Gott wird es recht mit uns machen! (Sie stützt sich, dem Umsinken nahe, auf Henrys Arm und geht mit ihm durch die Mitte ab.)
Henry (reicht im Abgehen Jane die Hand).
Elfter Auftritt.
Jane allein.
Jane (stand wie erstarrt und schaudernd, in wilder Verzweiflung ausbrechend). Haß! Haß! Haß -- und nirgend Liebe für die Waise! (Mistreß Reed nachsehend.) Ja, Unglückselige, ich gehe; einsam gehe ich durch alle die Millionen Lebenden – einsam nach einem fernen Weltteil zu dem Einzigen auf Gottes großer Erde, der nach Jane Eyre verlangt! (Mit finsterem Entschluß.) Ich bin sein! (Sie wendet sich zum Abgang).
Zwölfter Auftritt.
Die Vorige. Rowland ernst und ruhig von rechts.
Jane (zusammenfahrend, erblickt Rowland). Ah, da ist er! Es ist Gottes Wille!
Rowland (näher kommend). Wohin, Miß Eyre?
Jane (gefaßt und fest). Ich suchte Sie, Herr!
Rowland. Das ist wohl das erste Mal, seit wir uns kennen!
Jane. Ich hatte Ihnen auch noch nie eine Bitte vorzutragen, Herr!
Rowland. Eine Bitte? Sie? Was wollen Sie von mir?
Jane (fest). Ich bitte Sie -- mich fortzuschicken.
Rowland (sehr erleichtert). Ah! Warum erbitten Sie, was in Ihrem freien Willen steht?
Jane. Ich gab Ihnen das Wort, daß ich nicht von hier gehen werde, ehe Sie mich selbst fortschicken.
Rowland. Ah, jetzt besinne ich mich! Richtig, es ist so. -- -- Nun wohl, wenn Sie gehen wollen, ich schicke Sie fort!
Jane. Ich danke Ihnen, Herr!
Rowland. Was aber treibt Sie zu diesem plötzlichen Entschluß? -- Sie schweigen? Mir deucht, ich verstehe die Schrift um diesen stummen Mund -- Judith hat Ihnen gesagt: ich sei ein Ungeheuer, ich halte ein armes Weib hier gefangen, mein Weib!
Jane (ruhig). Nicht sie, Herr, andere sagten das.
Rowland (immer ruhig und prüfend). Und Sie haben dies Gerücht mit dem Ereignis jener Nacht in Verbindung gebracht – [finstere Gedanken, unheimliche Zweifel sind in Ihnen erwacht, haben Ihr Urteil über mich verwirrt -- nicht so?
Jane (sieht ihn groß und klar an). Nein, Herr, ich wußte, daß alles das Lüge sei.
Rowland (von einem Freudenstrahl durchzuckt, sich gewaltsam bezwingend). Ei! -- Und woher kommt Ihnen diese Überzeugung?
Jane. Aus meiner Achtung für Sie, Herr -- die mein Stab und meine Stütze sein wird, wenn -- ich allein in der Fremde lebe.
Rowland. Das ist gut, das ist brav von Ihnen, Jane Eyre, und damit Ihnen nichts diese Stütze rauben könne -- auch wenn wir für immer scheiden-- soll es klar zwischen uns werden. Der Zufall oder Ihr Verhängnis haben Sie in ein Geheimnis eingeweiht, das Sie unter allen Lebenden allein mit dem Friedensrichter der Grafschaft und mir teilen sollen, Sie, die Sie zu schweigen wissen wie ein Mann!] Sie wollten nicht fragen, so lege ich mein Vertrauen freiwillig auf Ihr Herz. Jener Dämon, der mich lebendig verbrennen wollte, ist nicht Gratia Poole, wie Sie glaubten -- es ist eine Wahnsinnige, der ich Schonung schulde, die ich keiner Anstalt, keiner Pflege als der Gratias anvertrauen darf, denn sie hat den Namen dieses Hauses entehrt -- es ist --
Jane (mit krampfhaft gefalteten Händen und bebendem Ton). Lady -- Rochester?
Rowland (finster, fast tonlos). Lady Hariette Rochester.
Jane (zuckt zusammen, sieht vor sich nieder und steht regunglos).
(Pause.)
Rowland (betrachtet sie scharf, als erwarte er eine Antwort, und fährt dann kalt und mit untergeschlagenen Armen fort). Sie war meine erste -- und bis vor wenigen Monden -- meine einzige Liebe! Gelebt hatte ich, wild und zügellos -- geliebt nicht mehr! Ich war der jüngere Sohn, also arm -- aber wir liebten uns -- sie ward meine Braut. Man sandte mich für ein Jahr nach London -- als ich wiederkehrte -- hielt sie eben Hochzeit mit dem reichen Erben unseres Hauses -- sie hatte Arthur dem armen Rowland vorgezogen -- sie ward --
Jane (ihre Freude gewaltsam bekämpfend, schreit auf). Ihres -- Bruders Weib?
Rowland (fast tonlos jedes Wort abwägend). Meines -- Bruders Weib! In jener Nacht wollte ich ihn erwürgen -- aber man band den jungen Kain, mein zärtlicher Vater erklärte mich für toll -- man schleppte mich auf ein Schiff, und erst in Indien fand ich die Vernunft -- aber nicht den Glauben an Gott und Menschheit wieder. Mein Vater starb -- mein Bruder zog mit ihr nach dem Kontinent -- ich hörte endlich, daß auch sie dort gestorben--- ich blieb kalt, ich konnte selbst der Toten nicht vergeben, mein Herz war vergiftet! -- Jahre vergingen, als ich eines Tages die Nachricht von dem Ableben meines Bruders empfing. Der Tod hatte unter den Schuldigen aufgeräumt; ich kehrte nach England zurück, trat mein Erbe an, und mit ihm – empfing ich in geheimer Zuschrift das grauenvolle Vermächtnis, das die Reue des Heimgegangenen mir an das Bruderherz legte. Arthur hatte mir die Braut geraubt -- und (fürchterlich) Hariette Rochester hatte mich dafür so furchtbar an ihm und sich selbst gerächt, wie es keine menschliche Phantasie, selbst meine rachelechzende Seele nicht erdacht hätte! (Wieder ruhiger, aber hastig.) Ihre Verblendung war einem glühenden Haß gegen Arthur gewichen; das Unglück seiner Ehe zu verbergen, brachte er sie nach dem Kontinent- in Genf erkrankte er tödlich -- und als er genas-- war die Elende mit einem schönen Polen -- verschwunden.
Jane (zurückfahrend, sieht entsetzt und erglühend vor sich nieder).
Rowland. Stolz und grausam, wie Arthur es war, meldete er den Tod seiner Gattin nach England, verfolgte still und rastlos die Spur der Flüchtigen bis, nach kaum einem Jahr, ihr Geschick sie in Paris in seine Hand gab. Den Verführer durchstach er vor ihren Augen, ein Kind, das sie im Arm hielt, entriß er ihr und übergab es einer Pension -- sie selbst schleppte er mit ihrer Amme, Gratia Poole, nach England und vergrub sich mit ihr in unser fernes Waldschloß Fardean. Niemand ahnte sein Geheimnis, das er mit Fieberangst hütete. [Er hatte sich die Nemesis selbst angekettet!] Als er der Unseligen Adele entriß, hatte sie den Verstand verloren, und nichts von Erinnerungen war ihr geblieben als der glühende Haß gegen den Mörder ihres Geliebten! -- Arthurs Rache war gesättigt, aber die Angst um sein Geheimnis, vielleicht auch Reue, verzehrte ihn. Der letzte Wille des Sterbenden legte mir die Pflicht auf, jenes verlassene Kind nach England, die Wahnsinnige aus der Moorluft in Fardean in dieses feste Schloß zu bringen und die Schande unsers Hauses heilig zu bewahren. Wie ich diese Pflicht bis heute erfüllte – wissen Sie, Jane Eyre!
Jane (mit bebender Stimme, ihre Bewegung niederkämpfend). Auch wie Ihre Wohlthat belohnt wird, Herr -- dieses Weib wollte Sie ermorden.
Rowland. Das galt nicht mir! Sie begreift nicht, daß ihr Gatte tot sei, in ihrem wirren Geist lebt Arthur in mir, der leider seine Züge trägt. Mit dem Instinkt des Hasses errät sie stets meine Nähe hier -- und strebt mit der Schlauheit des Wahnsinns unermüdet, mich zu verderben! So benutzte sie Gratias kurze Abwesenheit, um Feuer an mein Lager zu legen, und ohne die Elende hätte ich nie erfahren -- welch eine entschlossene Seele in dem zarten Leib Jane Eyres wohnt!
Jane (ohne ihre innere Bewegung zu verraten, wie reflektierend). So sind Sie also der Pfleger des Weibes geworden, das Sie verriet, und der Vater eines Kindes, dessen Mutter Ihr Glück zerstörte. Das ist edel, Herr -- das ist groß!
Rowland (trocken). Ich wollte keine Kritik meines Verhaltens von Ihnen, Jane Eyre, ich wollte Ihnen nur das Erröten ersparen, wenn Sie einst Ihres -- Herrn gedenken. Oder -- gehen Sie vielleicht jetzt nicht mehr?
Jane (zusammenfahrend). Ob ich gehe, Herr? -- O ja – (heftig) gewiß -- noch heute!
Rowland (sieht sie forschend an). Also nicht deshalb wollen Sie fort?
Jane. Nein, Herr, nicht deshalb -- ich hielt Sie nie für schuldig.
Rowland (forschend). Weshalb aber gehen Sie denn! — Weil es dieses Weib, das Sie so sehr haßt, Ihre Tante, von Ihnen fordert?
Jane (sieht ihn groß an). Mistreß Reed? -- Nein, ich war vorher dazu entschlossen.
Rowland. So? Seit wann?
Jane. Sie sagten mir, daß Sie heiraten.
Rowland. Das ist wahr, ich denke zu heiraten -- und bald soll es geschehen!
Jane (gefaßt, aber sanft). Dann wird Adele auf eine Schule geschickt werden und bedarf keiner Gouvernante mehr.
Rowland (nickend). Hm! Das könnte wohl sein, Georgine macht sich nicht viel aus Kindern, und Sie wollen meiner Frau aus dem Wege gehen, nicht wahr? -- Sie ist Ihnen zu hochmütig?
Jane (mit leiser, bebender Stimme). Das ist es nicht. Ich fühle nur, daß ich nicht mehr hierher passe, wenn Sie verheiratet sind, Herr!
Rowland (als dächte er nach). Sie mögen recht haben, ich glaube es selbst. Aber -- wo wollen Sie hin? Sie haben keine Stelle --
Jane. Meine Stelle ist gefunden -- ich gehe zu meinem Onkel nach Madeira.
Rowland (immer ernst und ruhig). Nach Madeira? Hm! Das ist ein weiter Weg, Jane Eyre!
Jane (kaum hörbar). Ja -- ein weiter Weg!
Rowland. Zwar -- für ein Mädchen von Ihrem Verstande und festen Sinn ist das kein Hindernis! Indessen -- das Weltmeer wird sich zwischen Sie und Ihr Vaterland legen --
Jane (schwer atmend. Das Weltmeer -- ja –
Rowland (mild). Und auch zwischen -- uns!
Jane (wie sein Echo, leise). Zwischen uns.
Rowland. Wir werden nichts mehr von einander hören.
Jane (wie oben). Nichts mehr!
Rowland. Wir werden einander nie wiedersehen!
Jane (zitternd). Nie -- nie wiedersehen! (Sie bricht plötzlich in Thränen aus.)
Rowland (ruhig). Weshalb -- weinen Sie, Miß Eyre?
Jane (die Thränen zurückdrängend). Ich liebe Thornfield, es war ein schönes glückliches Asyl für die verlassene Waise. Man hat mich hier nicht mit Füßen getreten, wie ich es gewohnt war so viele Jahre; [man hat mich geweckt aus der Versteinerung meines Unglücks -- man hat mich nicht bei untergeordneten (immer wärmer werdend) Geistern begraben,] ich habe Angesicht zu Angesicht mit dem verkehrt, was ich verehre, was mich erhob, [mit einem kräftigen, genialen und umfassenden Geist,] ich habe Sie erkennen gelernt, Lord Rochester! Ich fühle die Notwendigkeit, mich von allem hier loszureißen, aber sie gleicht für mich der Notwendigkeit des Todes! Soll ich da nicht weinen, Herr? (Sie verbirgt das Gesicht schluchzend in ihren Händen.)
Rowland. Das ist alles wahr, aber wenn Sie so schwer gehen, können Sie ja hier bleiben.
Jane (läßt die Hände plötzlich fallen, wendet sich rasch nach ihm, ihre Augen funkeln von innerem Zorn). Bei Ihnen bleiben? – Wenn Sie verheiratet sind?
Rowland. Gewiß! Sie halten die Trennung nicht aus, Sie müssen bleiben!
Jane (zitternd, leidenschaftlicher werdend, bis sie endlich in ihren ursprünglichen Charakter zurückfällt). Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen, die Trennung werde ich aushalten -- das Leben hier nimmermehr! Denken Sie, ich könnte es tragen, nichts mehr für Sie zu sein, [ein überflüssiges Möbel aus alter Zeit, das man aus Pietät nicht eben den Flammen übergiebt? Halten Sie mich für einen Automaten, für eine Maschine ohne Empfindung, die sich den Tropfen lebendigen Wassers, nach dem sie lechzt, von den Lippen nehmen läßt, ohne zu zucken?] Glauben Sie, weil ich arm und klein, einfach und verlassen bin, ich hätte deshalb kein Herz, keine Seele? -- Sie irren sich in Ihrem Hochmut, ich habe so viel Seele wie Sie, und ebenso viel Herz! [Ich verstehe Sie besser als alle anderen, denn jene sind nicht von Ihrer Art -- ich aber, ich bin von Ihrer Art, Herr, ich fühle etwas in Kopf und Herzen, in Blut und Nerven, was mich Ihnen verwandt macht, was mich geistig Ihnen vereint! Und wenn Gott mich mit Schönheit und Reichtum gesegnet hätte -- so sollte es Ihnen gewiß ebenso schwer werden, mich gehen zu sehen, als es mir ist, Sie zu verlassen.] Ich rede jetzt nicht nach Sitte und Herkommen, noch vermöge meines irdischen Teils, nein, es ist mein Geist, der Ihren Geist anredet, als wären wir schon gestorben und unsere Seelen ständen sich gleich, wie sie sind, zu den Füßen Gottes!
Rowland (dessen Brust heftig arbeitet, der regungslos stand, um den Strom ihrer Worte nicht zu hemmen, schlingt plötzlich die Arme um sie und preßt sie an sich). Gleich, wie wir sind! So, so, meine kleine Jane!
Jane (überrascht, aber ohne aus dem früheren Ton zu fallen, steht in seiner Umarmung). Ja -- so -- und doch nicht so -- denn Sie sind so gut wie verheiratet, und zwar an ein Wesen, das Sie nicht wahrhaft lieben können, weil es tief unter Ihnen steht! Und nun -- lassen Sie mich, ich habe meine Gesinnung ausgesprochen, nun kann ich gehen, wohin ich will!
Rowland (sie fester an sich drückend). Das kannst du nicht mehr, Jane Eyre, das Netz schlug über dir zusammen, du bist gefangen.
Jane (sich rasch von ihm losmachend). Ich zerreiße es! Ich bin ein freies Wesen mit unabhängigem Willen.
Rowland. Und du glaubst, ich würde dich lassen, nachdem du so zu mir gesprochen? (Umfaßt sie plötzlich mit beiden Armen.) Weißt du, daß ich dich brechen kann wie Rohr, kleines Mädchen, ehe ich dich von mir gehen lasse?
Jane (steht unbeweglich in seinen Armen und sieht ihn groß und ruhig an). Das können Sie, Herr; mein Leib ist schwächer als der Ihre -- meine Seele ist stärker -- und meine Seele ist mein!
Rowland (sie mit glühenden Blicken betrachtend). O, wie sie mich kennt und sich, wie sie wahr spricht! Was will ich denn! Diesen Geist, diesen gewaltigen, trotzigen, diesen großen Geist will ich, und er würde mir durch die Finger schlüpfen, wie flüchtiges Kali, wenn ich den Käfig zertrümmerte, der ihn fesselt! (Er schiebt sie von sich.) Nun denn, dein Wille soll dein Geschick entscheiden, Jane Eyre! Endlich hast du mir deine Seele geöffnet -- so blicke auch auf den Grund der meinen. Seit ich dich zum erstenmal sah, seit ich ein Stück von meinem Wesen in dir erkannte, kämpfe ich mit meiner vollen Manneskraft gegen dich, armes Lamm; umsonst, du hast meine Seele mit zauberhafter Gewalt an dich gerissen, sie ist dein, mein Herz ist dein, was ich bin und habe, ist dein -- nimm auch noch das Geringste, was du übrig ließest, meine Hand! (Er streckt ihr die rechte Hand hin.)
Jane (sieht ihn groß an und tritt ganz von ihm zurück). O -- spielen Sie nicht mit mir in dieser ernsten Stunde!
Rowland (zitternd vor Ungeduld und Leidenschaft). Jane, komm her zu mir!
Jane (heftig atmend, finster). Ich kann nicht, Ihre Braut steht zwischen uns, Herr!
Rowland (glühend). Ich habe keine Braut!
Jane (ihn scheu von der Seite ansehend). So haben Sie Georgine, die Sie liebt, betrogen!
Rowland. Georgine liebt nichts als sich selbst – und den Reichtum.
Jane. Was sollte sie denn hier?
Rowland. Mir den Schlüssel leihen zu deiner festverschlossenen Seele, starrsinniges Kind! Die Eifersucht mußte dir die Liebe klar machen! Nie habe ich von Liebe und Heirat mit Georgine gesprochen. Niemand, niemand hat Anspruch an mein Herz als du, wunderlicher Kobold, trotziges Schulmädchen! (Immer heftiger werbend.) Dich will ich! Arm und klein, verlassen und einfach, wie du bist, will ich dich, nur dich! [Sieh mich nicht an, als ob dein ganzes Gesicht Auge würde, so träumend, so ungläubig -- du quälst mich fürchterlich!] (Flehend). Jane, nimm mich zum Gatten, nimm mich schnell, bedenke es nicht lange -- sage: “Rowland, ich will dein Weib sein, Rowland, ich will dich lieben!” Sag's schnell, oder meine Fibern reißen, und etwas Schreckliches geschieht!
Rowland. Du, nur du! Willst du? -- Willst du?
Jane (zitternd, in Thränen). Ach Rowland, mein Herr -- meine Welt-- da hast du mich! (Sie stürzt in seine Arme).
Rowland (sie mit Entzücken an sich drückend). Und will dich ewig halten!
[Dreizehnter Auftritt.
Die Vorigen. Francis, Georgine, Lord Clawdon, Lady Clawbon, Clarisse, Judith, Mistreß Reed durch die Mitte.
Francis (höhnisch). Vergebung, Lord Rochester wir konnten nicht ahnen, so zur ungelegenen Zeit hier zu stören, um Zeuge zu werden --
Rowland (großartig, sich mit Stolz zu der Gesellschaft wendend). Wie ich Jane Eyre mit Stolz und Entzücken vor allen Lebenden als meine Braut erkenne!
Alle (in starrem Staunen). Seine Braut!
Mistreß Reed (tonlos). Ich wußte es! (Sie verhüllt das Gesicht und bleibt unbeweglich.)
Rowland (Jane umschlingend). Ja, meine Braut, mein Weib, mein Kleinod, das meine starken Arme fortan wahren werden -- und Gott, der die verlassene Waise durch die Hand des Hasses an das Herz der Liebe führte, wird zwei Seelen schützen, die nichts zu ihrem Glück bedürfen als sich selbst -- und (er legt die Hand auf Janes Haupt und streckt den Arm zum Himmel) seinen Segen!
Allgemeine Gruppe.
Georgine (reicht stolz, mit einem verächtlichen Blick auf Rowland Francis die Hand).
Francis (drückt ihre Hand an seine Lippen).
Judith (giebt ihre Freude zu erkennen).
Die übrigen (in verschiedenen Gruppen, ihre Teilnahme ausdrückend).
Jane (hat die Hände gefaltet und scheint zu beten).]
Der Vorhang fällt rasch.