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Die zärtlichen Verwandten.

Des es schlechten Wetters wegen - denn es war kalt, windig
und regnerisch -- mußte an diesem Tage der übliche
Spaziergang unterbleiben; ich freute mich darüber, war es
doch draußen schon recht herbstlich. Da man mich nicht
so warm und sorglich kleidete, wie die Kinder des Hauses,
so fror mich leicht, und wenn ich dann über die Kälte
klagte, schalt man mich zimperlich. Frau Reed war mit
ihren Kindern Hans, Elisa und Georgina, im Salon; mich hatte sie
hinausgeschickt, mit dem Bemerken, ich sei unwürdig, die gleichen
Vorrechte zu genießen, die nur zufriedenen, glücklichen Kindern zukämen. Ich sollte mich erst eines freundlicheren, offenherzigeren, geselligeren Wesens befleißigen. Je nun, ich war nicht böse darüber,
daß ich allein sein sollte. Ich fühlte mich ja doch nicht wohl in der
Gesellschaft dieser Menschen, die mich immer von oben herab behandelten und von denen besonders der etwa 14 Jahre alte Hans
mir verhaßt war. So schlüpfte ich denn in das Frühstückszimmer.
Ein großer Bücherschrank stand darin, und ich hatte nicht lange zu
suchen, um einen Band zu finden, mit dem ich mir die Langeweile
gut vertreiben konnte. Leider blieb ich nicht lange ungestört. Ich
wurde in der Betrachtung der schönen, bunten Bilder plötzlich durch
den Ruf unterbrochen:
,Wo steckt sie denn, die Traumsuse?
Ich erschrak, denn ich erkannte Hans Reeds Stimme. Offenbar
war er sehr verwundert, mich nicht im Zimmer zu finden. Ich hatte
mich in die Fensternische gesetzt und den Vorhang vor mir zugezogen.
,Lise, Georgina!' rief Hans weiter. ,Johanna ist nicht hier.
Sagt doch der Mama, das Scheusal sei in den Regen hinausgelaufen.
,Gott bewahre,'' antwortete Elisa, die ein wenig aufgeweckter
war, als der sowohl geistig wie körperlich schwerfällige Hans. ,Sie
sitzt gewiß wieder in der Nische. Guck nur nach, Hans.
Nun trat ich von selbst heraus, wußte ich doch, daß Hans mich
im nächsten Augenblick gewaltsam hervorzerren würde. ,Ja, hier
bin ich,' sagte ich, ,was wünscht ihr?
,Sage gefälligst: Was wünschen Sie, Herr Reed, antwortete
er. ,Gleich kommst du hierher, verstehst du?
Hans Reed war vier Jahre älter als ich, denn ich zählte erst
zehn; er war groß und stark für sein Alter, sah aber nicht gesund,
sondern vielmehr aufgedunsen aus. Mit seiner vierschrötigen Gestalt, seiner unklaren Hautfarbe, seinem groben Gesicht und seinen
großen Füßen und Händen sah er auch wirklich nichts weniger als
sympathisch aus. Er aß bei Tische gewöhnlich so viel, daß er schlechte
Laune bekam. Eigentlich hätte er jet auf der Schule sein müssen,
aber seine Mama hatte ihn auf ein paar Wochen nach Hause genommen, seiner zarten Gesundheit wegen. Der Direktor versicherte
allerdings, man brauche ihm nur weniger Leckereien in die Pension «
zu schicken, so würde er schon gesünder werden. Das fand die Mutter
brutal. Nach ihrer Meinung rührte das schlechte Aussehen ihres
Lieblings nur von Ueberanstrengung und vielleicht auch von Heimweh her. Hans durfte sich daheim alles erlauben; nie hatte die
Mutter ein hartes Wort, einen Tadel oder gar eine Strafe für ihn.
Ich besonders war die Zielscheibe seiner Unart, und jeder Nerv in
mir zuckte vor Furcht, wenn er in meine Nähe kam. Schutz vor ihm
fand ich nirgend; denn die Dienerschaft wagte es nicht, gegen ihn
aufzutreten, und Frau Reed war in diesem Punkte taub und blind,
selbst wenn er mich - was oft geschah - in ihrer Gegenwart beschimpfte oder schlug.
Auch diesmal gehorchte ich ihm und trat näher; als ich weit
genug bei ihm war, hieb er plötzlich auf mich ein. ,Das ist für die
freche Antwort, die du vor einer halben Stunde meiner Mama
gegeben hast, rief er. ,Was hast du da für ein Buch? Er entriß
es mir und fuhr fort: ,Wer hat dir denn erlaubt, meine Bücher zu
benützen? Denn sie sind mein. Alles hier ist mein, oder wird es
wenigstens bald sein. Dir gehört gar nichts, Mama sagt es immer.
Geld hast du keins, dein Vater hat dir doch nichts hinterlassen, und
von Rechts wegen solltest du betteln gehen, statt hier mit den Kindern
eines Gentleman zusammenzuleben, am gleichen Tische zu essen und
die Kleider zu tragen, die dir meine Mama kaufen muß. Marsch!
stell dich dort an die Tür!
Ich tat es. Er hob das Buch und zielte nach mir. Ich wich nicht
rasch genug aus und wurde so heftig an den Kopf getroffen, daß ich,
eine blutende Wunde bekam und vor Schmerz laut aufschrie.
,Du grausamer Bengel! rief ich.
,Was? schrie er nun. ,Habt ihr das gehört, Elisa und Georgina? Das sagt sie zu mir? Das will ich gleich der Mama erzählen. Erst aber noch
Er packte mich beim Haar, doch nun wehrte ich mich verzweifelt.
Während er auf mich einschlug, arbeitete auch ich blindlings mit den
Fäusten. Frau Reed eilte herbei, Bessie, das Hausmädchen, und
Abbot, die Kammerzofe, folgten ihr. Sie rissen uns auseinander,
und ich hörte nur noch die Worte: ,So eine Furie! So eine Giftblase! - Dann setzte Frau Reed hinzu: ,Bringt sie in das rote
Zimmer und schließt sie dort ein. - Vier Hände packten mich und
schleppten mich die Treppe hinauf.
Unterwegs wehrte ich mich mit allen Kräften. Das hatte ich
bisher noch nie getan; stets hatte ich schweigsam und geduldig alles
hingenommen. Mein Widerstand bestärkte nun die beiden Mädchen
in der schlechten Meinung, die sie ohnehin von mir hegten.-- ,Wie
eine wilde Katze,' sagte Bessie. - ,Schäme dich? rief Abbot.
,Schlägt den Sohn ihrer Wohltäterin! O pfui!- Sie drückten
mich auf einen Stuhl nieder, doch ich sprang sofort wieder auf. Da
hielten sie mich von neuem fest. -- ,Wenn du nicht still sitzest, wirst
du angebunden,' sagte Bessie und löste auch schon ihre Strumpfbänder.
,Nein, lassen Sie!' bat ich nun erschrocken. , Ich will auch ganz
still und artig sein.
,Das rat ich dir auch, sagte Bessie, und als sie sah, daß ich
wirklich ruhiger wurde, ließ sie mich denn auch los. Dann stellten
sich die beiden Mädchen vor mich hin und musterten mich mit finsterer Miene.
,Das ist ja was ganz Neues von ihr, meinte Abbot.
,Es steckt aber schon lange in ihr,'' antwortete Bessie. ,Ich
hab's der gnädigen Frau schon oft gesagt, die Hanne ist ein ganz
verstocktes, giftiges Ding und furchtbar durchtrieben für ihr Alter.
Dann wandte sie sich an mich und setzte hinzu: ,Nun denke mal ein
bißchen darüber nach, daß es dir nicht zukommt, dich mit dem jungen
Herrn und dem gnädigen Fräulein auf eine Stufe zu stellen, und du
ins Armenhaus wandern müßtest, wenn Frau Reed sich nicht deiner
annähme. Wenn du noch länger so schlecht und undankbar bist, wird
dich Frau Reed eines schönen Tages fortschicken. Sei also demütig
und bescheiden und mache dich nützlich und angenehm.
,Und bete vor allem, fügte Abbot bei, ,daß dir deine Unart
verziehen werde, sonst kommt am Ende ein Gespenst zum Kamin
herunter und holt dich.
Nach diesen Worten gingen sie und schlossen die Tür zu.
Das rote Zimmer, in dem ich mich befand, wurde nur benutzt,
wenn Gäste in Gateshead-Hall weilten; dennoch war es eins der
schönsten im Herrenhause. Die Mitte nahm ein großes Mahagoni-
Bett ein, das mit roten Vorhängen versehen war; vom selben Stoffe
waren auch die Rouleaus an den Fenstern, die Tapeten und der
Teppich. Die Möbel waren alle aus dunkelpoliertem Mahagoni.
In dem düstern Ton, den diese Gegenstände verbreiteten, stachen nur
die schneeweiße Decke, die über das Bett gebreitet war, und das ebenfalls weiße Polster eines großen Lehnstuhls hervor, der mir damals
wie ein geisterhafter Thron erschien.
Es war still hier oben, denn das Zimmer lag abseits von der
Küche und den bewohnten Räumen. Mir wurde bald recht unheimlich zumute, indem ich daran dachte, wie selten diese Stube betreten
wurde. Nur alle Sonnabend stieg Bessie herauf, um Staub zu
wischen; und hin und wieder weilte Frau Reed hier, um den Inhalt
einer gewissen Schatulle zu prüfen, die ihre Papiere und Urkunden,
ihren Schmuck und ein Bildnis ihres verstorbenen Gatten enthielt
Denn in diesem Zimmer war Herr Reed, mein Onkel, gestorben.
Das war nun neun Jahre her. Unwillkürlich legte ich mir die Frage
vor, ob es mir wohl besser erginge, wenn dieser Mann noch lebte,
den ich nie kennen gelernt hatte. Ich wußte - woher, kann ich nicht
sagen - daß Reed, der einzige Bruder meiner Mutter, auf dem
Sterbebette seiner Frau das Versprechen abgenommen hatte, für mich
zu sorgen, wie für ihre eigenen Kinder. Ich wußte auch, er hatte
mich als ganz kleines Kindchen in sein Haus aufgenommen, als seine
Schwester, meine Mutter, gestorben war. Sie hatte gegen den Willen
ihrer Eltern einen armen Prediger geheiratet und war von ihrem
Vater verstoßen, von ihrem Bruder aber heimlich unterstützt worden.

Mein Vater starb bald nach der Eheschließung, und meine Mutter
folgte ihm binnen Jahresfrist. An das alles mußte ich nun denken,
und ich fragte mich, ob wirklich Frau Reed, meine Tante, das ihrem
Gatten gegebene Versprechen hielte. Weshalb durfte Hans sich alles
gegen mich erlauben, weshalb durften seine Schwestern mich mit
vornehmer Gleichgültigkeit behandeln, weshalb hegte Frau Reed
selbst eine so große Abneigung gegen mich? Nichts konnte ich recht
machen, beim geringsten Versehen wurde ich mit Schmähungen
überhäuft. Elisa konnte eigensinnig und selbstsüchtig, Georgina
trotzig und launenhaft sein, Hans durfte die Haustiere quälen, die
schönsten Früchte von den Obstbäumen nehmen, die Blumenbeete
verwüsten ihnen war alles erlaubt, wurde alles nachgesehen. Ich
aber gab mir alle Mühe, meine Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man mich unartig, hinterlistig, mürrisch und schalt mich vom Mor
gen bis zum Abend.
Damals fand ich freilich auf diese Fragen keine Antwort: jetzt
nach vielen Jahren aber habe ich sie gefunden. Ich war ein Mißton
in Gateshead-Hall; ich war dort ganz am falschen Plate. Ich hatte
keine innere Gemeinschaft mit Frau Reed, ihren Kindern und ihrem
Dienstpersonal. Sie liebten mich nicht, und ich liebte sie ebensowenig. Kein Fädchen Sympathie konnte sich zwischen uns spinnen,
wir waren in Temperament, in Fähigkeiten, in Gefühlen und Neigungen grundverschieden.
Der Kopf schmerzte mich noch nach dem Wurf mit dem Buche,
und niemand hatte Hans getadelt, daß er mich grundlos mißhandelte,
vielmehr wurde ich hier oben eingesperrt, weil ich mich gegen ihn verteidigt hatte. -- ,Wie ungerecht!’ sprach ich zu mir selbst.
Es wurde dunkel im roten Zimmer. Draußen herrschte Dämmerung, und Regen schlug an das Fenster. Mir wurde kalt, der
Mut sank, und tiefe Traurigkeit bemächtigte sich meiner; und indem
ich auf das im Halblicht verschwimmende Zimmer, auf die dunkeln
Wände blickte, beschlich mich heimliches Grauen, Ich weinte und
schluchzte, und je mehr ich mich gewaltsam beruhigen wollte, um so
größer wurde meine Aufregung. Ich vergrub das Gesicht in den
Händen und überließ mich kraftlos meinem Gram. Nach einer
Weile aber sah ich auf. Da bemerkte ich an der Wand einen Lichtschein, der sich bewegte, an der Decke hinaufglitt und dann übet
meinem Kopfe
her, die über den Hof getragen wurde; doch damals konnte ich mir
sein Erscheinen nicht erklären, und große Angst befiel mich bei seinem
Anblick. Er war in meinen Augen ein Gespenst aus einer andern
Welt, und ich hatte wirklich das Gefühl, als wenn Flügel durch das
Zimmer rauschten und sich mir näherten. Ich rang nach Luft, ich
wollte schreien, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Ich stürzte
zur Tür und rüttelte an der Klinke. Gleich darauf hörte ich Schritte,
der Schlüssel wurde herumgedreht, und Bessie und Abbot traten ein.
,Johanna, bist du krank?' fragte Bessie.
,Was für ein Lärm! Ich bin zu Tode erschrocken!' setzte Abbot
hinzu.
,Nehmt mich mit hinaus, ich will in die Kinderstube!' schrie ich
in einem fort.
,Weshalb denn? rief Bessie. ,Ist etwas geschehen? Hast du
was gesehn?

Ja, ein Licht es war ein Geist! rief ich.
,Ach was, Bessie,' sagte Abbot, ,das ist Komödie. Sie hat uns bloß herrufen wollen, ich kenne schon ihre Schliche.
Frau Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem
Kleide herbeigelaufen. ,Was gibt es? fragte sie. ,Ich habe doch
befohlen, Johanna nicht ohne meinen ausdrücklichen Befehl heraus
plassen.
,Sie hat so laut geschrien, Madame, wandte Bessie ein.
,Laß Bessies Hand los, Johanna ! gebot Frau Reed barsch. ,Auf
diese Weise erreichst du nichts, das sage ich dir. Solche List, besonders
bei Kindern, ist zu verabscheuen, und ich muß dich fühlen lassen, daß
du mit solchen Ränken nicht weit kommst. Du bleibst jetzt noch eine
Stunde hier, und dann lasse ich dich auch nur unter der Bedingung
heraus, daß du ganz ruhig und unterwürfig sein wirst.
,O, Tante, habe doch Erbarmen und verzeih mir. Oder bestrafe
mich auf andere Weise - ich halte es hier nicht länger aus.
,Ruhe! Ein so ungestümes Betragen ist geradezu empörend,
antwortete sie. Und sie mochte wohl auch tatsächlich Anstoß an meinem Wesen nehmen und mich für eine frühreife Komödiantin halten. Sie
stieß mich in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weiteres wieder ein. Ich hörte sie hinwegeilen; bald darauf muß ich in Ohnmacht gefallen sein.
Ich weiß nicht, was nachher geschah. Als ich erwachte, lag ich in meinem eigenen Bett in der Kinderstube, und ein helles Feuer
brannte im Kamin. Ich bemerkte, daß sich jemand um mich bemühte, und zwar liebevoller und sorgsamer, als es jemals geschehen
war. Dies allein genügte, um mir ein unsagbares Gefühl des
Wohlseins zu bereiten. Es war Nacht, und eine Kerze stand auf dem
Tische. Am Fußende des Bettes hielt Bessie einen Schlüssel,
neben mir auf dem Lehnstuhle saß ein Herr, der sich über mich beugte.
Seltsam, als ich gewahr wurde, daß ein Fremder im Zimmer war,
ein Mann, der nicht zum Haushalt von Gateshead-Hall gehörte, der
kein Verwandter der Frau Reed war, fühlte ich mich sicher und geborgen. Als ich das Gesicht des Mannes näher betrachtete, erkannte
ich Herrn Lloyd, den Arzt. Er fragte mich, ob ich wisse, wer er sei,
und ich sagte es ihm.
,Nun, dann werden wir uns wohl auch langsam erholen, sagte
er erfreut und streichelte meine Hand. Dann empfahl er Bessie, sich
meiner mit größter Sorgfalt anzunehmen und jede Störung meiner
Nachtruhe zu verhüten.
Als er gegangen war, fühlte ich mich von neuem trostlos und
verzagt; aber zu meiner Verwunderung war Bessie überaus freundlich zu mir, fragte, ob ich etwas essen oder trinken wollte, und tröstete
mich, daß ich ja bald wieder ganz gesund sein würde. Dann ging
sie ins Zimmer der Köchin, und ich hörte, daß sie zu dieser sagte.
sie solle ihr Gesellschaft in der Kinderstube leisten, sie fürchte sich
allein mit dem kleinen Mädel, das einen so seltsamen Anfall gehabt hätte. ,Ich möchte doch wissen, ob sie wirklich ein Gespenst
gesehen hat, setzte sie hinzu. ,Frau Reed war diesmal aber wirklich hart gegen sie.
Nach diesem Zwischenfall im roten Zimmer blieben meine Nerven lange Zeit heftig erschüttert; ja ich kann wohl sagen, ich habe
mich bis auf diesen Tag noch nicht völlig davon erholt. Schon
am nächsten Tage stand ich auf und setzte mich, ein warmes Tuch um
mich schlagend, ans Kaminfeuer. Ich fühlte mich recht schwach,
aber mein schlimmstes Nebel war ein tiefer seelischer Schmerz, der
mir jetzt eine Träne nach der andern entpreßte. Und dennoch
fühlte ich mich - für den Augenblick wenigstens - auch wieder
glücklich; denn Frau Reed war mit ihren Kindern ausgefahren.
Abbot arbeitete in einem andern Zimmer, und Bessie, die aufräumte,
war sehr freundlich zu mir. Ich war so sehr an ein Dasein voll ununterbrochenen Tadels und grausamer Tyrannei gewöhnt, daß ich
mir vorkam wie im Paradiese, allein meine Nerven waren so zerrüttet, daß ich mich dieser schönen Stunden jetzt nicht erfreuen konnte.
,Wie? Schon aufgestanden?' rief Herr Lloyd, ins Krankenzimmer tretend. ,Wärterin, wie befindet sich die kleine Patientin?
Bessie antwortete, es ginge mir sehr gut.
,Dann müßte sie aber doch vergnügt aussehen, sagte der Arzt.
,Komm doch mal her, Johanna. Weshalb hast du denn geweint?
Tut dir etwas weh?
,Sie weint wohl, weil sie nicht mit ausfahren durfte, warf
Bessie ein.
,Wegen solcher Dinge habe ich noch nie eine Träne vergossen,
sagte ich. ,Ich mag das Spazierenfahren überhaupt nicht leiden.
Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
Der gute Herr Lloyd wußte nicht, was er mit dieser Antwort
machen sollte, und sah mich verblüfft an. Er hatte kleine, graue.
kluge Augen und ein troy seiner harten Züge gutmütiges Gesicht. Er
sah mich lange an, dann fragte er: ,Was hat dich denn eigentlich
gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, warf Bessie wieder ein.
,Nein, ich bin geschlagen worden, daß ich umgefallen bin, Sagte
ich. ,Aber davon bin ich noch nicht krank geworden, setzte ich hinzu.
während Herr Lloyd bedächtig eine Prise nahm.
Die Glocke rief das Dienstpersonal zum Mittagessen. Bessie
wäre wohl lieber geblieben, um mich nicht mit dem Arzt allein zu
lassen, aber sie mußte gehen, denn auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten wurde in Gateshead-Hall sehr streng gehalten.
,Der Schlag und der Fall haben dich also nicht krank gemacht?
Was denn sonst? fragte Herr Lloyd, als wir allein waren.
,Ich bin in ein Zimmer eingesperrt worden, wo ein Geist umgeht, und es war sehr finster,'' antwortete ich.
Der Arzt lächelte. ,Ein Geist? versetzte er. ,Du fürchtest
dich vor Gespenstern? Daran sieht man, daß du doch nichts weiter
bist als ein törichtes kleines Kind.
,Ja, ich fürchte mich vor Herrn Reeds Geist. In diesem Zimmer ist er gestorben. Es geht sonst auch niemand des Abends hinein,
wenn es nicht durchaus sein muß. Mich haben sie aber ganz ohne
Licht drin gelassen. Ich glaube, ich werde das nie vergessen können. Unsinn! Und das macht dich so elend?
,Ich bin auch noch wegen anderer Dinge sehr unglücklich.
,Was sind das für Dinge? Kannst du mir das nicht sagen?
Ich hätte ihm gern mein Herz ausgeschüttet, aber ein Kind kann
wohl empfinden, doch vermag es sein Empfinden noch nicht zu zergliedern und in passende Worte umzuformen. Dennoch wollte ich
diese erste und einzige Gelegenheit, meinem Kummer Luft zu
machen, nicht ungenützt vorüberlassen, und nach einigem Zaudern
gelang es mir, eine wenn auch unzulängliche, so doch wahre Antwort zu finden.
,Ich habe weder Eltern noch Geschwister.
,Aber doch eine gütige Tante und liebe Vettern und Basen.
,Mein Vetter hat mich geschlagen, und meine Tante hat mich
eingesperrt.
,Aber Gateshead-Hall ist doch wunderschön. Du solltest Gott
danken, daß du an einem so schönen Orte leben kannst.
,Ich würde gern fortgehen, wenn ich nur wüßte, wohin. Aber
ich darf von Gateshead-Hall erst fort, wenn ich groß bin.
,Vielleicht doch schon früher - wer weiß? Hast du außer Frau
Reed keine Verwandten?
,Ich glaube nicht, Herr Doktor.
, Keinen Verwandten von seiten deines Vaters?
,Das weiß ich nicht. Tante Reed sagte einmal, es sei wohl
möglich, daß noch ein paar heruntergekommene, verarmte Brüder
meines Vaters sich irgendwo herum trieben, sie wisse aber nichts von
ihnen.
,Möchtest du in eine Schule kommen?
Ich überlegte, wußte ich doch kaum, was eine Schule sei. Bessie
sprach davon mir gegenüber wie von einer Besserungsanstalt; Hans
Reed haßte die Schule und schimpfte auf seine Lehrer. Dennoch sagte

ich mir, daß ich dann fort käme von Gateshead-Hall, daß damit ein
neues Leben für mich begänne. - ,Ach ja,'' sagte ich, ,in eine Schule
würde ich gern gehen.
,Nun, wer weiß, wer weiß, murmelte Herr Lloyd, aufstehend.
,Das Kind braucht Luftveränderung, muß in eine andere Umgebung,
es steht schlimm um seine Nerven.

Bessie kam jetzt zurück, und man hörte einen Wagen vors Haus
fahren. Das Dienstmädchen geleitete den Doktor ins Frühstückszimmer, und ich erfuhr später, daß Herr Lloyd Frau Reed ans Herz
legte, mich in eine Schule zu schicken. Wahrscheinlich war Frau Reed
damit auch einverstanden; denn wenige Abende später hörte ich
Bessie zu Abbot sagen: ,Die Gnädige wird froh sein, so ein boshaftes Mädel loszuwerden.

Kapitel.
Der erste Tag in Lowood.

Es geschah indessen in den nächsten Wochen noch nichts. Ich
war wieder gesund geworden, doch fiel kein Wort mehr von einer
Veränderung meiner Lage. Frau Reed sprach selten mit mir,
musterte mich dagegen oft mit strengen, finstern Blicken. Ich wurde
noch mehr als bisher von der Familie getrennt, indem man mir
ein besonderes Zimmer anwies, worin ich nun allein schlief, aß und
mich aufhielt. Elisa und Georgina wurden augenscheinlich dazu an
gehalten, so wenig wie möglich mit mir zu sprechen. Hans versuchte
einmal, sich wieder an mir zu vergreifen, da er aber sah, daß ich
entschlossen war, mich mit demselben Mute wie neulich seiner zu erwehren, so ließ er von mir ab und lief zu seiner Mutter, der er alsbald vorlog, ich hätte mich wie eine wilde Kate auf ihn gestürzt.
,Sei still von ihr, versetzte seine Mutter barsch. ,Ich habe
dir gesagt, du sollst ihr aus dem Wege gehen, sie ist nicht wert, daß
du sie auch nur ansiehst.
Ich hörte das, lehnte mich über die Treppe und rief, ohne über
die Bedeutung meiner Worte nachzudenken: ,Sie sind nicht wert.
daß ich mit Ihnen verkehre!
Frau Reed war ziemlich wohlbeleibt, als sie aber diese frechen
Worte vernahm, kam sie ziemlich schnellfüßig herauf, zog mich ins
Kinderzimmer, schob mich in die Ecke neben dem Bett und befahl
mir, mich den ganzen Tag über nicht von der Stelle zu rühren, noch
auch ein einziges Wort zu sprechen,
,Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte? stieß ich
unwillkürlich hervor. Es war, als ob eine innere Stimme, über
die ich selbst keine Gewalt hatte, diese Worte spräche.
,Was? zischte Frau Reed, und in ihren kalten, grauen Augen
blitzte etwas wie Furcht auf. Dies machte mir Mut.
,Onkel Reed ist im Himmel und sieht, was du mit mir machst,
und mein Vater und meine Mutter sehen es auch. Alle sehen es,
daß du mich den ganzen Tag einsperrst und es am liebsten sähest, ich
wäre tot.
Frau Reed faßte sich rasch von ihrem Schreck, schüttelte mich, gab
mir ein paar derbe Ohrfeigen und ging fort, ohne ein Wort zu sagen.
Dafür kam Bessie und hielt mir eine stundenlange Gardinenpredigt,
in welcher sie mir bewies, daß ich das schändlichste, pflichtvergessenste
Ding sei, das es je gegeben. Halb glaubte ich das selbst, denn ich
fühlte nur zu wohl, daß in diesem Augenblick nur böse Regungen
meine Brust erfüllten.
Weihnachten und Neujahr wurden in der üblichen Weise gefeiert. Geschenke wurden nach allen Seiten ausgeteilt. Ich allein
war von jeder Feier und von allen Gesellschaften ausgeschlossen.
Doch das stimmte mich nicht traurig, denn die Herren und Damen,
die mit Frau Reed verkehrten, standen auf gleicher Stufe mit meinen
Peinigern. Wenn wenigstens Bessie bei mir geblieben wäre. Aber
wenn sie Elisa und Georgina hübsch herausgeputzt hatte, dann ging
sie in die Küche, wo sie mehr von dem Trubel der Festlichkeit hörte
und sah, als hier oben bei mir, und sie nahm meistens auch noch die;
Lampe mit. Dann saß ich am verglimmenden Feuer und spähte von
Zeit zu Zeit ängstlich durch den finstern Raum, um mich zu vergewissern, ob nicht inzwischen wieder ein Gespenst hereingeschlichen
sei. Und wenn das Feuer im Erlöschen war, kleidete ich mich rasch
aus und suchte im Bett Schutz vor der Kälte und der Dunkelheit.
Meine Puppe preßte ich fest an mich. Denn jedes menschliche Wesen
muß etwas liebhaben, und da mir jeder andere Gegenstand fehlte,
wendete ich alle Zärtlichkeit meines Innern diesem häßlichen, farblosen, schon arg abgenutzten Dinge zu, bildete mir ein, es sei lebendig
und fühlte mit mir mit, hüllte es in mein Nachthemdchen und freute
mich, wenn es an meiner Seite warm und geborgen lag.
Am 15. Januar war Bessie um b Uhr morgens zum Frühstück
hinuntergegangen, Elisa setzte eben den Gartenhut auf, um in den

Geflügelhof zu gehen und das Federvieh zu füttern - ein Zeitvertreib, den sie sehr liebte; und Georgina machte sich das Haar und
flocht Federn und Blumen in ihre Locken. Ich richtete mein Bett
her und ging ans Fenster, um ein paar Bilder und Puppensachen.
die dort herumlagen, wegzuräumen; doch Georgina befahl mir, die
Finger davon zu lassen, denn dieses Spielzeug war ihr Eigentum.
In Ermangelung eines andern Zeitvertreibs blies ich den warmen
Atem gegen die Eisblumen, die das Fenster schmückten, und es entstand eine kleine Oeffnung, durch die ich in den Garten hinausschauen konnte, der kalt und steinern im Winterfrost da lag. Ich
sah, daß eben das Tor geöffnet wurde und ein Wagen hereinfuhr.

Mich hatten die Besuche in Gateshead-Hall noch nie interessiert, und
meine Aufmerksamkeit wandte sich daher bald einem kleinen hungrigen Rotkehlchen zu, dem ich eben die Reste meiner Frühstückssemmel
hinausstreuen wollte, als Bessie atemlos hereingestürzt kam.

,Hast du dir heute schon Gesicht und Hände gewaschen? rief
sie mir zu.

Ich ließ mich nicht stören, sicherte erst dem Vögelchen das kleine
Frühstück und ließ dann das Fenster wieder herab.
,Nein, antwortete ich, ,eben erst bin ich mit Aufräumen
fertig.

,O, du Unart! rief sie und zerrte mich zum Waschtisch hin,
worauf sie mich erbarmungslos, aber glücklicherweise sehr schnell
wusch und mir das Haar bürstete. Dann riß sie mir die Schürze ab
und führte mich ins Frühstückszimmer hinab, wo man mich erwartete, wie sie sagte. Da stand ich nun zaudernd vor der Tür. Seit
langer Zeit war ich nicht mehr in diese Region des Hauses gekommen, und ich fürchtete mich, einen Schritt weiterzugehen. Die lange
Einsamkeit hatte einen kleinen Feigling aus mir gemacht. Da
klingelte es heftig im Zimmer, es blieb mir nichts weiter übrig als
hineinzutreten. Die Klinke gab dem Druck meiner Hand nach, die
Tür öffnete sich, ich trat ein und machte, ohne den Blick zu erheben,
einen tiefen Knicks. Dann sah ich schüchtern auf und erblickte eine
lange, kerzengerade, schwarzgekleidete Gestalt, deren ernstes Gesicht
wie eine Maske aus Wachs aussah.
Frau Reed saß an ihrem gewohnten Platze neben dem Kamin.
Sie winkte mir näherzutreten, und sie stellte mich dem fremden

Manne mit den Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, wegen
dessen ich Sie hergerufen habe.
Ein Paar funkelnde Augen unter buschigen Brauen betrachteten
mich prüfend, dann sprach eine feierliche, tiefe Stimme: .Von Gestalt ist sie klein. Wie alt?

zehn Jahre.
,Dein Name, Kleine?
,Johanna Eyre, mein Herr.
,Nun, Johanna Eyre, bist du ein gutes Kind? war nicht gut möglich, auf diese Frage mit Ja zu antworten.
In diesem Hause waren alle anderer Meinung. Frau Reed antwortete für mich, indem sie nachdrücklich den Kopf schüttelte und hin
zusetzte: ,Je weniger über diesen Punkt gesprochen wird, um so
besser ist es, Herr Brocklehurst.
,So etwas hört man nicht gern,' war die Antwort. ,Aber ich
muß doch ein paar Worte mit ihr reden. Komm mal her.
Ich ging über den Teppich, und er stellte mich gerade vor sich
hin. O, wie häßlich sah er aus mit seiner ungeheuren Nase und den
hervorstehenden Zähnen!
,Es gibt nichts Schrecklicheres, begann er, ,als ein unartiges
Kind. Weißt du, wohin die Gottlosen kommen?
,Sie kommen in die Hölle, antwortete ich rasch.
,Und da möchtest du doch ganz gewiß nicht hinkommen? Nun,
und was hast du zu tun, um diesem Schicksal zu entgehen?
Ich überlegte ein Weilchen, dann antwortete ich: ,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
Ich sah, daß diese Antwort großes Mißfallen erregte, und schlug
die Augen nieder. Dann seufzte ich tief auf, denn ich wünschte, ich
wäre weit weg gewesen.
,Ich hoffe, dieser Seufzer entspringt dem aufrichtigen Bedauern, deiner Wohltäterin soviel Kummer bereitet zu haben.
Betest du fleißig morgens und abends?
.Ja, Herr.
,Liest du brav in der Bibel Zuweilen, Herr.
Frau Reed mischte sich hier in das Zwiegespräch, das ihr ein
wenig überflüssig vorzukommen schien. ,Ich habe Ihnen vor drei
Wochen schon geschrieben, Herr Brocklehurst, sagte sie, ,dieses Mädchen hat nicht den Charakter und die Eigenschaften, die ich an ihr
zu sehen wünsche. Nehmen Sie sie in die Schule zu Lowood und
sorgen Sie dafür, daß ihr namentlich der schlimmste Fehler, der
Hang zur Lüge und Verstellung, ausgetrieben werde. Das sage ich
in deiner Gegenwart, Johanna, damit du nicht versuchst, auch Herrn
Brocklehurst irrezuführen.
Frau Reed hatte mir bisher mein Leben vergällt, sie tat alsbald
auch das Ihrige, mir das neue Leben, in das ich nun eintreten
sollte, von vornherein zu verbittern, Vorurteile und Abneigung
gegen mich hervorzurufen. Sie stellte mich in Herrn Brocklehursts
Augen als durchtrieben und eigensinnig hin, und was konnte ich
dagegen tun?
,Lüge und Verstellung sind arge Laster bei einem Kinde,
sprach Herr Brocklehurst, ,und führen es geradeswegs in den See,
darinnen Pech und Schwefel brennen. Das Mädchen soll sorgsam
behütet werden, Frau Reed, ich werde dies auch Fräulein Temple,
den Lehrern und Lehrerinnen ganz besonders ans Herz legen.'
,Sie soll so erzogen werden, sagte Frau Reed, ,daß sie lernt,
sich nützlich zu machen und demütig zu bleiben. Die Ferien soll sie,
wenn es angängig ist, in Lowood verbringen.
,Sehr wohl, Madame,' entgegnete Herr Brocklehurst. Die Demut ist eine Zierde der Christen, und ich habe es mir besonders an
gelegen sein lassen zu ergründen, auf welche Weise man das weltliche Gefühl des Stolzes und der Hoffart am besten unterdrücken
kann. Einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Umgebung und
reger Fleiß - das ist bei mir die Tagesordnung.
,Ich kann mich also darauf verlassen, daß sie als Zögling in ihre
Anstalt aufgenommen und dort ihren Verhältnissen entsprechend er-
zogen wird?
,Darauf können Sie sich verlassen, Madame, und ich hoffe, das
Mädchen wird sich dankbar zeigen für das unschatzbare Vorrecht, das
ihr damit zuteil wird.
,Ich werde sie so bald wie möglich nach Lowood schicken, den
mir liegt daran, von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, die,
wie ich gestehen muß, mir nachgerade überaus zur Last wird.
,Ohne Zweifel, Madame, und nun will ich mich verabschieden.
Ich selbst werde wohl erst in drei Wochen nach Brocklehurst Hall zurückkehren, denn mein guter Freund, der Erzbischof, wird mich nicht
eher fortlassen, aber ich werde Sorge dafür tragen, daß für die Aufnahme der neuen Schülerin alle Vorbereitungen pünktlich getroffen
werden. Leben Sie wohl, Madame. Und hier, mein kleines Mädchen,'' wandte er sich an mich, ,hier ist ein Büchlein mit dem Titel:
,Des Kindes Schutzengel'. Lies es und sprich die Gebete nach, die
darin stehen, und beherzige vor allem die Geschichte von dem schreck
lichen Tode der Maria G., eines unartigen Mädchens, das auch verlogen und verstockt gewesen ist.
Mit diesen Worten legte er mir ein Heftchen in die Hand, ließ
seinen Wagen vorfahren und ging.
Ich war mit Frau Reed allein; sie nähte ruhig, und ich sah ihr
schweigend zu. Sie mochte damals 8 Jahre alt sein, war kräftig,
starkknochig und von voller Figur. Sie hatte ein großes Gesicht mit
stark hervortretendem Unterkiefer, breitem Kinn und niedriger
Stirn. Ihr Auge verriet wenig Herzensgüte, ihre Haut war fahl
ihr Haar flachsblond. Ihre Natur war derb und robust; solange ich
sie kannte, war sie nie krank. Sie war im Haushalt streng und genau
und hielt die Dienerschaft in Zucht und Ordnung; nur ihre eigenen
Kinder widersetzten sich öfters ihrer Autorität und verlachten sie
sogar. Sie sah von ihrer Arbeit auf und blickte mich an.
,Geh hinaus! rief sie in heftigem Tone, als wenn sie in meinem Blick etwas Herausforderndes gefunden hätte. Ich stand auf
und ging zur Tür, dann kehrte ich wieder zurück und trat dicht ans
Fenster. Ich mußte sprechen, man hatte mich zu schmerzhaft verwundet. Ich raffte allen Mut, alle Energie auf und schleuderte ihr
folgende Worte ins Gesicht: ,Ich bin nicht falsch und verlogen;
wenn ich es wäre, so würde ich sagen, ich liebte dich, aber ich sage dir
viel mehr, ich hasse dich, mehr als alles andere auf der Welt, Hans
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte von der
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, die ist verlogen und belügt dich und alle anderen.
Frau Reed richtete ihren kalten Blick auf mich. - ,Hast du noch
etwas auf dem Herzen? fragte sie in jenem Tone, den man Erwachsenen gegenüber anschlägt.

Ihr Blick, ihre Stimme wühlten allen in mir schlummernden
Groll auf, und von Kopf zu Füßen bebend, fuhr ich fort: ,Solange
ich lebe, werde ich Sie niemals wieder Tante nennen, und wenn ich
erwachsen bin, werde ich Sie niemals besuchen. Aller Welt aber
will ich's erzählen, wie grausam Sie zu mir gewesen sind.

,Wie kannst du es wagen, Johanna, so zu mir zu sprechen?
,Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist! Sie den
ken, ich könnte ohne alle Liebe und Güte leben, aber nein, das kann
ich nicht, und es freut mich, daß dieses Leben hier für mich ein Ende
nehmen soll, es könnte sonst mein Tod sein. Ich werde nie vergessen, wie unbarmherzig Sie mich in das rote Zimmer zurückstießen,
obwohl ich Sie aus Herzensgrunde um Erbarmen anflehte. Und
diese Strafe verhängten Sie über mich, weil Ihr boshafter Sohn mich
geschlagen hatte, ohne Grund, aus bloßer Lust am Bösen. Das werde
ich jedem erzählen, der mich fragt. Alle Leute glauben, Sie seien eine
gute Frau, aber Sie sind schlecht und grausam.
Ein seltsames Gefühl der Erleichterung, des Triumphes erfüllte
meine Brust. Mir war, als wenn unsichtbare Fesseln zerrissen, als
wenn ich mir Bahn zu unverhoffter Freiheit bräche. Und zu diesem
Gefühl hatte ich guten Grund, denn Frau Reed schien heftig zu erschrecken, sie hob die Hände, wie um sich zu schützen, wiegte sich ängstlich hin und her und verzog das Gesicht, als wollte sie weinen.
,Nicht doch, Johanna, nicht doch! Was hast du nur? Weshalb
zitterst du so heftig? Willst du einen Schluck Wasser trinken? Ich
versichere dir, nichts wünsche ich mehr, als dir eine Freundin zu sein.
,Das ist nicht wahr. Sie haben eben Herrn Brocklehurst gesagt,
ich sei verlogen, tückisch und falsch. Aber alle Leute in Lowood sollen
erfahren, wer Sie sind und was Sie getan haben.

,Johanna, solche Sachen verstehst du noch nicht. Das alles geschieht nur zu deinem Besten. Kinder müssen von ihren Fehlern
befreit werden.
,Ich bin aber nicht falsch!’ rief ich in wildem, schrillem Tone.
,Aber leidenschaftlich und jähzornig, das kannst du nicht leugnen. Und jetzt geh in die Kinderstube - sei gut und lieb! Geh und
beruhige dich.
,Ich brauche mich nicht zu beruhigen. Schicken Sie mich nur
bald in die Schule, das Leben hier ist mir unerträglich geworden.
,Jawohl, ich schicke sie sobald wie möglich fort, sprach Frau
Reed zu sich selbst, raffte ihre Handarbeit auf und ging hinaus.
Ich blieb allein zurück, diesmal als die Herrin des Schlachtfeldes.
Es war der erbittertste Kampf, den ich bisher bestanden, der erste

Sieg, den ich bisher errungen. Allein ein Kind kann nicht mit
älteren Leuten kämpfen und seinen heftigsten Gefühlen freien Lauf
lassen, ohne nachher etwas wie Reue, wie Gewissensbisse zu empfinden. Zum ersten mal hatte ich die Süßigkeit der Rache verspürt; sie
dünkte mich wohlschmeckender Wein, doch danach war es mir bitter
auf der Zunge, und mir war, als hätte ich Gift getrunken. Ich
dachte einen Augenblick daran, zu Frau Reed zu gehen und sie um
Verzeihung zu bitten, aber ich wußte, sie würde mich mit doppelter
Verachtung von sich stoßen und jede Nachgiebigkeit meinerseits nur
zu einem Triumphe für sich ausnützen.
Am Morgen des 19. Januar hatte ich mich schon früh um fünf
Uhr angekleidet. An diesem Tage sollte mich eine Postkutsche um
sechs von Gateshead-Hall abholen. Bessie war die einzige, die mit
mir aufgestanden war und mir nun ein Frühstück in der Kinderstube
zurechtmachte. Wenn eine Reise bevorsteht, können Kinder fast nie
essen. Ich brachte denn auch keinen Bissen hinunter, so sehr Bessie
auch bat, ich sollte etwas zu mir nehmen. Sie wickelte mir dann
noch ein paar Brötchen ein, die sie in meine Reisetasche steckte. Dann
setzte sie mir den Hut auf und legte mir den Pelz um, schlug selbst
ein Tuch um ihre Schulter und brachte mich hinaus.
,Willst du nicht hineingehen und deiner Tante Lebewohl sagen?
fragte sie, als wir am Schlafzimmer vorübergingen.
,Nein, Bessie. Sie hat mir gestern abend gesagt, ich brauchte
sie und meine Cousinen nicht zu stören.
Wir schritten durch das Vestibül. Ich sah mich noch einmal
rings um, murmelte: ,Ade, Gateshead l' und trat hinaus. Bessie
leuchtete mit einer Laterne durch den Garten bis zum Portal. Im
Pförtnerhäuschen brannte Licht; die Frau machte eben Feuer an.
Mein Koffer stand vor der Tür. Der Postwagen rollte heran, machte
Halt, nahm mich auf und fuhr davon - unbekannten Regionen entgegen.
Ich weiß nicht mehr viel von dieser Reise. Der Tag kam mir unendlich vor, die Landstraße schien sich in unermeßliche Fernen auszu
dehnen. Wir kamen durch verschiedene Städte, in einer größeren
hatten wir längeren Aufenthalt, die Pferde wurden gewechselt, die Fahrgäste nahmen eine Mahlzeit ein. Der Schaffner, dem die Obhut über mich aufgetragen war, lud auch mich zum Essen ein, doch
war ich noch immer zu aufgeregt, um etwas genießen zu können. Der
Nachmittag war feucht und nebelig, und gegen Abend fuhren wir
durch eine hügelige Landschaft, in deren Tälern tiefe, bläuliche Schatten lagen. Der Sturm rauschte in den Bäumen. Ich schlief ein wenig ein und erwachte erst, als der Wagen mit einem Ruck anhielt. Die Tür wurde geöffnet, der Schaffner faßte mich und hob mich hinaus. Dann fuhr die Kutsche weiter.
Von dem langen Sitten waren mir alle Glieder steif. Ich riß
die Augen auf und sah mich verschlafen um. Eine Frauensperson
stand vor mir, wie ein Dienstmädchen gekleidet. Den Rand der
Straße bildete eine Mauer mit einer offenstehenden Tür. Durch
diese führte man mich hinein, und ich erblickte ein Haus oder vielmehr einen, Komplex von Häusern mit unzähligen Fenstern. In -
einigen brannte Licht. Wir gingen auf einem Kiesweg dahin und
traten dann durch eine Tür in das Haus hinein. Meine Führerin
brachte mich in ein Zimmer, wo ein helles Feuer im Kamin brannte,
und ließ mich hier allein.
Ich wärmte mir die erstarrten Finger an der Glut und sah mich
um. Im Schein des Feuers unterschied ich tapezierte Wände, einen
Teppich, Vorhänge und blanke Mahagonimöbel. Nach wenigen Minuten kam eine Dame herein, die ein Licht trug und der eine zweite
auf dem Fuße folgte. Die erste, eine schlanke Gestalt mit weißer,
hoher Stirn, trat auf mich zu, betrachtete mich ernst und aufmerksam und sagte dann: ,Sie sieht müde aus. Es wird gut sein, sie
bald zu Bett zu bringen. Bist du müde, Kind? fragte sie mich und
legte mir die Hand auf die Schulter.
,Ein wenig, Madame.
,Und gewiß auch hungrig. Sorgen Sie dafür, Fräulein
Miller, daß sie zu essen bekommt. Bist du zum ersten Mal fort von
deinen Eltern, Kleine?
Ich gab zur Antwort, ich hätte keine Eltern. Nun fragte sie,
wie lange sie schon tot seien, wie alt ich wäre, wie ich heiße, und ob
ich lesen, schreiben und nähen könne. - ,Ich hoffe, du wirst eine
gute Schülerin sein,'' setzte sie dann hinzu und schickte mich mit Fräulein Miller fort.
Die Dame, die wir eben verlassen hatten, mochte W Jahre alt
sein, diejenige, die mich mitnahm, war vielleicht noch etwas älter.
Die erstere machte durch ihr ernstes Wesen, den freundlichen Ton
ihrer Stimme, die würdevolle Haltung tiefen Eindruck auf mich.

Fräulein Miller sah alltäglicher aus, und ihr Gesicht krug den Stem
pel des Kummers und der Sorgen; sie hatte die hastigen Bewe
gungen einer Person an sich, die stets alle Hände voll zü tun hat, und
man sah ihr den Beruf einer Unterlehrerin auf den ersten Blick an.
Sie führte mich durch verschiedene Korridore, bis ein Gewirr von
Stimmen an unser Ohr schlug. Dann traten wir in ein großes
Zimmer, in welchem zwei hölzerne Tische standen. Bei zwei brennenden Kerzen saß eine Schar von Mädchen zwischen zehn und zwwanzig Jahren ringsumher. Im unbestimmten Licht der Talgkerzen
erschien mir ihre Zahl sehr groß, in Wahrheit waren es nicht mehr
als achtzig. Sie waren alle gleichmäßig gekleidet: braune wollene
Gewänder von altmodischem Schnitt und lange baumwollene
Schürzen.
Es war Arbeitsstunde; sie sagten alle im Flüsterion ihre Repetitionen her. Fräulein Miller gab mir einen Wink, mich auf eine
Bank neben der Tür zu seten, dann schritt sie zum oberen Ende des
Raumes und rief: ,Stubenälteste, die Schulbücher sammeln und
zurechtlegen!
Darauf standen vier große Mädchen auf, nahmen die Hefte zusammen und trugen sie an einen bestimmten Plaz. Dann rief Fräulein Miller von neuem: ,Stubenälteste, Abendessen holen!
Die großen Mädchen gingen hinaus und kamen nach wenigen
Minuten wieder. Sie brachten auf Tabletten eine Mahlzeit herein.
Auf jedem Brett stand außerdem ein Krug mit Wasser und ein
Becher. Wer Durst hatte, konnte einen Schluck trinken, das Trinkgefäß war für alle bestimmt. Als die Reihe an mich kam, trank ich,
denn mich dürstete sehr, das Essen rührte ich nicht an. Ich sah, daß
es ein in Streifen geschnittener Haferkuchen war.
Nach der Mahlzeit las Fräulein Miller ein Abendgebet vor.
dann gingen die Schülerinnen in das obere Stockwerk. Ich konnte
mich vor Müdigkeit kaum halten und sah nichts weiter, als daß das
Schlafzimmer ebenso lang war wie das Arbeitszimmer. In dieser
Nacht mußte ich mit Fräulein Miller zusammen in einem Bett
schlafen. Während ich mich niederlegte, bemerkte ich noch, daß auch
in den andern Betten je zwei Mädchen zusammen schliefen. Nach
zehn Minuten wurde das Licht ausgelöscht; es war völlig finster, und
ich schlief bald ein.
Die Nacht war schnell vorüber. Ein lautes Klingeln weckte
mich. Die Mädchen waren schon aufgestanden und zogen sich an; es
war noch nicht Tag, und Licht brannte in der Stube. Auch ich erhob
mich. Es war bitterkalt, und vor Frost zitternd, kleidete ich mich
an. Um mich zu waschen, mußte ich warten, bis eine Waschschüssel
frei geworden war. Das dauerte lange, denn je sechs Mädchen muß
ten sich in ein Becken teilen. Auf ein zweites Klingeln traten die
Mädchen zu zweien zusammen und gingen in dieser Ordnung hinunter in das kalte Schulzimmer. Fräulein Miller las das Morgengebet und rief dann laut: ,Die Klassen zusammentreten.’
Ein großer Tumult folgte, und mehrmals erklang die Stimme
der Unterlehrerin: ,Ruhe! Ordnung!' Endlich hatten sich die Mädchen in vier Halbkreisen um vier Stühle aufgestellt, die vor vier
Tischen standen. Eine jede hatte ein Buch in der Hand, und auf
jedem Tische vor dem noch leeren Stuhle lag ein dickes Buch, das
eine Bibel zu sein schien. Ein drittes Glockenzeichen, und drei
Damen traten ein und setzten sich auf die Stühle. Den vierten, der
der Tür am nächsten war, nahm Fräulein Miller ein, und dieser
Klasse, der letzten, wurde ich zugewiesen. Der Unterricht begann mit
dem Aufsagen von Bibelsprüchen und dem Ablesen von ganzen Kapiteln. Das dauerte etwa eine Stunde, dann läutete es zum vierten
Male. Es ging zum Frühstück. Ich war herzlich froh, daß es etwas
zu essen geben sollte; hatte ich doch seit dem Morgen des vorigen
Tages fast nichts mehr genossen.
Das Eßzimmer war groß, lang und finster, wie die Räume,
die ich bisher kennen gelernt hatte. Auf nackten Tischen dampften
Näpfe, die zu meiner Enttäuschung einen wenig einladenden Duft
ausströmten. Die Schülerinnen rümpften die Nase. ,Ekelhaft!hörte ich sagen. ,Das Hafermus ist schon wieder angebrannt! -
,Ruhe! rief eine Stimme dazwischen, die diesmal nicht Fräulein
Miller gehörte, sondern einer hübsch gekleideten, aber mürrisch dreinschauenden Dame einer der Oberlehrerinnen die nun an einem
Ende des langen Tisches Platz nahm, während sich an das andere
eine zweite Dame von behäbigerem Aeußern setzte. Die Dame, die
ich gestern abend gesehen hatte, zeigte sich nicht. Es wurde ein langes
Gebet gesprochen und eine Hymne gesungen; dann begann die
Mahlzeit.
Ausgehungert, wie ich war, verschlang ich ein paar Löffel von
dem vor mir stehenden Brei, doch als der erste Hunger gestillt war.

bemerkte selbst ich, daß das Zeug kaum zu genießen war. Ange
brannter Haferbrei gehört wohl auch zu dem Widerwärtigsten, was
es geben kann. In der Tat nahmen auch die Mädchen fast nichts zu
sich und standen so gut wie nüchtern wieder auf. Ein Dankgebet
wurde gesprochen - für etwas, das wir gar nicht bekommen hatten;
und dann ging es wieder ins Schulzimmer. Ich ging ziemlich zuletzt hinaus und sah, wie eine der Oberlehrerinnen den Haferbrei
kostete und mit Entrüstung sagte: ,Abscheulich! Gar nicht zu
essen.
Eine Viertelstunde lang war Freipause, und es herrschte in dem
Schulzimmer ein ohrenbetäubender Lärm, da wir alle in dieser Zeit
laut sprechen und uns frei bewegen durften. An diesem Morgen
war das schlechte Frühstück das allgemeine Gesprächsthema. In
zwischen war es neun Uhr geworden; eine Glocke verkündete die Fortsetzung des Unterrichts. Fräulein Miller, die die Aufsicht geführt
hatte, ohne sich mit einem Wort in den Lärm zu mischen, trat jetzt
in die Mitte des Zimmers und gebot Ruhe. Kerzen gerade und
mäuschen still saßen nun die achtzig Mädchen da, und erst jetzt sah
ich so recht, wie gleichmäßig die ganze Schar gekleidet war. Alle
trugen das Haar glatt aus der Stirn und hatten dieselbe Rüsche um
den Hals, dieselbe unschöne, einem Sack ähnliche Tasche am Gurt,
dieselben einfachen Schuhe mit Messingschnalle, dieselben wollenen
Strümpfe. In diesem schmucklosen, ja geschmacklosen Anzuge sah
das hübscheste Mädchen häßlich aus; am schlechtesten aber stand die
Tracht den etwa zwanzig Schülerinnen, die schon erwachsen oder
wwenigstens über die erste Jugend hinaus waren.
Ich sah mich noch unter meinen neuen Gefährtinnen um, als
plötzlich alle zu gleicher Zeit in die Höhe schnellten. Das war ganz
ohne Befehl geschehen, und ehe ich mich von meinem Erstaunen
erholt hatte, saßen sie auch schon wieder. Aller Augen richteten
sich auf einen Punkt - auf die Dame, die am vergangenen Abend
zu mir gekommen war. Sie stand am Kamin und musterte ruhig
die Reihen der Zöglinge. Fräulein Miller ging zu ihr hin, tat eine
Frage, erhielt die Antwort darauf und rief dann: ,Stubenälteste
von Klasse 1, holen Sie den Globus.
Die Dame ging inzwischen langsam durch das Zimmer, und ich
erinnere mich noch, daß ich ihr mit Blicken der Bewunderung nachsah.
Sie war groß, schlank und stattlich und hatte braune Augen mit wohl-

,Was heißt das?
,Nun, barmherzige Damen und Herren in der Umgegend und
in London stiften Geldbeträge, von denen die Kosten unsers Unterhalts bestritten werden.
,Wer war denn Naomi Brocklehurst?
,Die Dame, die diesen Teil der Anstalt erbauen ließ und deren
Sohn jetzt der Direktor des Ganzen ist, der Schaymeister und Verwalter der Anstalt.

,Also gehört das Haus nicht der großen, schlanken Dame mit
der goldnen Uhr?
,Fräulein Temple? O, nein. Ach, besser wäre es, wenn es ihr
gehörte! Sie ist nur die oberste Lehrerin und muß Herrn Brocklehurst über alles Rechenschaft ablegen. Herr Brocklehurst aber führt
die Kasse und kauft alles ein, was für uns gebraucht wird.
,Wohnt er auch hier?
,Nein, er besitzt ein großes, schönes Haus, das etwa eine Stunde
von hier entfernt ist.

.Ist er gut?
,Er ist Geistlicher, und man sagt, er tut viel Gutes.

,Wie heißen die anderen Lehrerinnen?
Die mit den roten Backen ist Fräulein Smith sie gibt Handarbeitsstunden. Wir müssen nämlich unsere Wäsche, Kleider und
Mäntel selbst nähen. Die kleine Schwarzhaarige ist Fräulein Scatcherd und gibt Unterricht in Geschichte und Grammatik; die mit
dem Umschlagetuch und dem Taschentuch am gelben Bändchen ist
Fräulein Pierrot. Sie ist aus Lille. Bei ihr haben wir Französisch

,Magst du die Lehrerinnen?
,Ach ja, leidlich. Die Scatcherd ist ein bißchen garstig. Fräulein Pierrot geht an.
,Fräulein Temple ist die beste, nicht wahr?
,Sie ist sehr klug und sehr gut; sie steht über den andern und
weiß auch mehr als sie alle.

,Bist du schon lange hier?
Zwei Jahre.
,Bist du auch eine Waise?
,Ich habe die Mutter verloren.
.Und fühlst du dich wohl hier?

,Nun hast du aber genug gefragt und ich genug geantwortet.
Laß mich jetzt wieder lesen.
In diesem Augenblick läutete es. Alle kehrten zum Mittagessen

ins Haus zurück. Der Geruch, der aus den Schüsseln emporstieg,
war nicht viel appetitlicher als der des verbrannten Haferbreis.
Diesmal duftete es stark nach ranzigem Fett. Es gab einen Mischmasch aus Kartoffeln und Fleischstückchen, und ich aß, soviel ich
konnte, denn mich hungerte sehr. Dabei fragte ich mich, ob das
Essen wohl alle Tage so miserabel sein würde.
Gleich nach der Mahlzeit begann der Unterricht wieder und
währte bis um fünf Ühr. Am Nachmittag erhielt das Mädchen,
mit dem ich Bekanntschaft gemacht hatte, in der Geschichtsstunde
von Fräulein Scatcherd einen strengen Verweis und mußte sich zur
Strafe mitten in die Stube stellen. Dies dünkte mich höchst entehrend, besonders für ein Mädchen in ihrem Alter, denn sie mochte
wohl schon dreizehn Jahre alt sein. Zu meinem größten Erstaunen
aber weinte sie nicht, sondern ertrug es mit Ruhe und Geduld. Sie
sah zu Boden und schien an etwas zu denken, das jenseits all dieser
Dinge lag.
Nach fünf Uhr gab es einen Becher Kaffee und eine Schnitte
Schwarzbrot. Diesmal schmeckte es mir ganz gut; aber gern hätte ich
noch einmal soviel bekommen. Nach einer Erholungspause von
einer halben Stunde begann der Unterricht nochmals, dann kam
wie am Abend zuvor das Glas Wasser und der Haferkuchen und
dann das Gebet und das Zubettgehn.
Mein erster Tag in Lowood war vorüber.

8. Kapitel.
Pensionsleben.

Der zweite Tag glich dem ersten, nur daß wir uns am Morgen
nicht waschen konnten, weil das Wasser in den Krügen gefroren
war. Der Haferbrei zum Frühstück aber war dafür nicht angebrannt, und meine Portion dünkte mich leider viel zu klein. Ich
wurde jetzt förmlich der vierten Klasse eingereiht und erhielt meine
Aufgaben und Obliegenheiten. Zuerst wurde mir alles sehr schwer,
weil ich an Lernen und Arbeiten nicht gewöhnt war. Zunächst vermochte ich auch gar nicht, meine Aufmerksamkeit auf mein Pensum
zu vereinen und sah von Zeit zu Zeit zerstreut umher. Da hörte
ich, wie Fräulein Scatcherd, die in einer anderen Klasse Geschichtsunterricht gab, in heftigem Tone rief: ,Burns, streck dein Kinn
nicht so vor und sitze gerade. Ich ward gewahr, daß diese Worte
meiner Bekannten galten und sah nun öfter zu ihr hinüber. Viele
der Mädchen wußten auf die Fragen der Lehrerin nicht zu antworten, doch wenn Fräulein Scatcherd sich dann mit den besonders
schwierigen Fragen an die Burns wandte, erhielt sie stets eine
richtige Antwort. Es wunderte mich, daß sie trotzdem fortfuhr, sie zu
schelten. ,Burns,' hieß es wieder, ,du hast dir die Finger und die
Nägel nicht gereinigt. Es wunderte mich, daß das Mädchen zu
seiner Entschuldigung nicht einfach antwortete, das Wasser sei ja
gefroren gewesen.
Fräulein Smith, die uns Handarbeitsstunde gab, hieß mich eine
Garnrolle halten, während sie den Faden abwickelte; deshalb konnte
ich eine Zeitlang nicht verfolgen, was drüben vor sich ging. Plötzlich aber ertönte wieder die zornige Stimme der Lehrerin, und dies-
mal stand die Burns auf und ging in ein Nebenzimmer; sie kehrte
mit einer Birkenrute zurück, die sie mit einem Knicks Fräulein
Scatcherd reichte. Ich sah nun, wie das Mädchen mindestens ein
Dutzend scharfe Hiebe auf Arme und Schultern bekam. Doch keine
Träne trat in ihre Augen, sie schrie auch nicht, sondern litt schweigend
die Züchtigung, trug dann ebenso ruhig die Rute fort und kehrte
zurück, als sei nichts geschehen. Nur ihre Wange sah bleicher und
hohler aus als sonst.
Am Abend, als der Zwang des Unterrichts beendet war, trat ich
zu meiner Bekannten, die wieder in ihrem Buche las. Aber sie war
eben damit zu Ende und klappte es zu. Ich setzte mich neben sie.
,Wie heißt du noch außer Burns?' fragte ich.
,Helen.
,Bist du von weit her?
,Aus Nordschottland.
,Möchtest du nicht bald wieder nach Hause?
,Warum? Ich bin doch hier, um eine gute Erziehung zu genießen.
.Aber Fräulein Scatcherd ist doch so grausam gegen dich.

,Grausam? Nur strenge. Sie findet eben viel an mir zu
kadeln.
,Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, und die
Rute hätte ich ihr aus der Hand gerissen und vor ihren Augen
zerbrochen.
,Wenn du so etwas tätest, würde Herr Brocklehurst dich mit
Schimpf und Schande fortjagen. Und das wäre doch ein Skandal
für deine Angehörigen. Es ist also besser, ein wenig Schmerz zu ertragen, als etwas Unüberlegtes zu tun, das vielen andern Kummer
machen würde. Außerdem heißt die Bibel uns Böses mit Gutem
vergelten.
,Aber vor allen andern mit einer Rute geschlagen zu werden,
das ist doch entehrend. Ich hätte es nicht ertragen können - und du
bist doch schon größer als ich.
,Es wäre aber deine Pflicht gewesen, es zu ertragen. Wir
müssen alles dulden, was das Schicksal über uns verhängt.
Ich hörte mit Erstaunen diese Worte und begriff die Duldsamkeit nicht, mit der sie von ihrer Peinigerin sprach.
,Du sagst, du hättest Fehler? fragte ich weiter. ,Nenne sie
mir. Ich finde doch, du bist ein sehr gutes Mädchen.
,Ich bin unordentlich, darin hat Fräulein Scatcherd ganz recht.
Ich bin auch unaufmerksam und kann mich an planmäßiges Arbeiten
nicht gewöhnen. Darüber ärgert sich Fräulein Scatcherd, denn sie
ist sehr peinlich und gewissenhaft.
, Und sehr ungerecht und grausam, fügte ich hinzu, doch Helen
wollie das nicht gelten lassen und schüttelte den Kopf. ,Ist Fräulein
Temple ebenso böse zu dir? fragte ich weiter.
Als ich von Fräulein Temple sprach, huschte etwas wie ein
Lächeln über Helens Antlis. ,Fräulein Temple ist lieb und gut,
antwortete sie. ,Sie ist selbst gegen die schlechteste Schülerin nur
ungern streng. Sie sieht wohl meine Fehler, aber sie belehrt mich
mit Sanftmut darüber.- Wenn Fräulein Scatcherd unterrichtet,
kann ich nicht folgen, meine Gedanken schweifen ab, ich träume von
meiner Heimat, und es war bloßer Zufall, daß ich heute richtige
Antworten geben konnte. Aber wenn Fräulein Temple unterrichtet,
dann bin ich ganz bei der Sache. Doch genug von mir! Erzähle
mir ein wenig von dir?
Fas ließ lch mir nicht zweimal sagen und schüttete ihr nun
mein Herz aus. Helen hörte geduldig zu. Ich erwartete eine Bemerkung von ihr, als ich zu Ende gekommen war und ihr alles von
Frau Reed, von Hans Reed, von meinen Qualen in Gateshead-Hall
erzählt hatte. Allein Helen schwieg.
,Nun, fragte ich, ,war Frau Reed nicht böse und grausam ?
,Sie hat es wohl an Güte fehlen lassen,' antwortete meine
neue Freundin. ,Aber jedenfalls hat sie an deinem Charakter
ebenso heftigen Anstoß genommen wie Fräulein Scatcherd an dem
meinen nimmt. Wir haben alle Fehler und müssen bestrebt sein,
sie zu erkennen und abzulegen. Und außerdem gebietet uns unser
christlicher Glaube, keinen Gedanken an Rache zu hegen, sondern
unsere Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns beleidigen und
verfolgen.
,Dann also müßte ich Frau Reed lieben? Das ist unmöglich!
rief ich aus.
Die Stimme einer Mitschülerin unterbrach unser Gespräch.
,Helen Burns, wenn du nicht augenblicklich hinaufgehst und in
deinem Spind Ordnung machst, rufe ich Fräulein Scatcherd, daß
sie sich die Sache mal ansieht!'
Helen seufzte und gehorchte unverweilt der Aufforderung.
In dieser Weise verfloß nun ein Vierteljahr in Lowood. Ein
Tag glich dem anderen, und keine Abwechslung kam in das ewige
Einerlei unseres Lebens. Der Winter war bitter und hart, und
da die Feuerung uns überaus karg zugemessen wurde, litten wir
furchtbar unter dem Frost. Auch unsere Kleidung war nicht warm
genug, die Halbschuhe füllten sich mit Schnee, und wir hatten fast
immer nasse Füße. Die Kargheit der Mahlzeiten fügte zu den
Schmerzen der Kälte noch die des Hungers hinzu, und also ungenügend ernährt, waren wir nicht widerstandsfähig genug, diese
Unbilden ohne Schaden für unsere Gesundheit zu überstehen. Besonders schlecht erging es uns kleineren Mädchen; denn wenn die
Großen gar zu hungrig waren, zwangen sle uns, unsere Abendbrotration mit ihnen zu teilen.
Die Sonntage waren für uns keine Tage der Freude. Wir
mußten einen Weg von einer Stunde bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, kamen halb erfroren an und litten arg in der ungeheizten
Kirche. Da der Weg zu weit war, um zur Mittagsmahlzeit wieder
in Lowood zu sein, gab man uns zwischen den Predigten eine Ration
von Brot und kaltem Aufschnitt, die natürlich ebenso knapp wie
alle anderen Mahlzeiten bemessen war. Nach Beendigung der Nachmittagspredigt kehrten wir zurück, und meistens war das Wetter
rauh und stürmisch. Der heftige Wind trieb uns den Schnee wie
Nadeln ins Gesicht und riß uns fast die Haut von den Wangen.
Wenn wir dann nach Hause kamen, drängten sich die großen Mädchen dicht an den Kamin, und wir kleinen hatten auch hier das Nach-
sehen. Ein schwacher Trost war es, daß es zum Tee eine doppelte
Ration Brot gab, mit einem kleinen Stückchen Butter -- ein Genuß, dem wir von einem Sonntag zum andern entgegendarbten.
Doch war ich froh, wenn ich die Hälfte dieses lukullischen Mahls
für mich behalten durfte, die andere Hälfte mußte ich regelmäßig
verschenken. Den Sonntagabend beschloß eine lange Vorlesung aus
der Bibel, die stets dem armen Fräulein Miller zufiel.
Während dieses ersten Vierteljahrs hatte sich Herr Brocklehurst
in Lowood nicht sehen lassen sehr zu meiner Freude, denn ich sah
seinem Erscheinen keineswegs mit Sehnsucht entgegen. Eines Tages
kam er aber doch. Ich zerbrach mir eben den Kopf über ein Rechenexempel und sah gedankenvoll nach dem Fenster hin, als eine Gestalt daran vorüberschritt, die ich auf den ersten Blick erkannte.
Gleich darauf erhob sich die ganze Schule, Lehrerinnen und Mädchen,
und lange Schritte - denn ich wagte nicht aufzublicken, - gingen
durch das Zimmer. Als ich dann endlich mir ein Herz faßte und
aufschaute, sah ich dieselbe hagere, hohe Gestalt, die am Kamin von
Gateshead-Hall so unheilvoll auf mich herniedergesehen hatte, neben
Fräulein Temple stehen.
Ich hatte meine besonderen Gründe, beim Anblick des Herrn
Brocklehurst zu erschrecken. Hatte ich doch nicht vergessen, welche
Winke über meinen Charakter Frau Reed ihm gegeben, und daß
Herr Brocklehurst versprochen hatte, die Lehrerinnen über meine
Verderbtheit aufzuklären.
,Fräulein Temple, sprach Herr Brocklehurst, ,der Zwirn,
den ich nun angeschafft habe, wird hoffentlich reichen. Die Qualität
ist für Kalikohemden gut genug. Ich habe auch die dazu passenden
Nadeln besorgt. Sorgen Sie dafür, daß Fräulein Smith den Mädchen immer nur eine Nadel aushändigt; wenn sie mehrere zugleich
haben, verlieren sie sie nur. Es muß auch mehr auf die Strümpfe
achtgegeben werden. Ich habe mir bei dem Gange durch den Garten
die aufgehängte Wäsche angesehen. Viele Strümpfe waren da recht
liederlich gestopft. Die Waschfrau hat mir auch gesagt, einige Mädchen hätten in der Woche zwei reine Halskrausen bekommen. Das
ist zu viel. Die Statuten gestatten nur eine.
,Das erklärt sich daher, antwortete Fräulein Temple, ,daß
zwei Mädchen in der vorigen Woche zu einer Freundin zum Tee
eingeladen waren. Da gab ich ihnen die Erlaubnis, reine Halskrausen anzulegen.
,Es mag hingehn,' nickte Hert Brocklehurst. ,Lassen Sie das
enicz allzu oft geschehen. Noch eins hat mich sehr überrascht. Die
Haushälterin sagte mir, als sie mir die Rechnungen vorlegte, es
sei in den letzten Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück gereicht worden -- ein Gabelfrühstück aus Brot und Käse. Von
derlei Extramahlzeiten steht in den Statuten nichts. Wer hat diese
Neuerung eingeführt?
,Dafür bin ich allein verantwortlich, Herr Prediger,' erwiderte
Fräulein Temple. ,Das Frühstück war zweimal ungenießbar, und
ich konnte die Mädchen nicht bis zum Mittag hungern lassen.

,Fräulein Temple, Sie wissen, der oberste Grund sah bei der Erziehung dieser Mädchen ist, sie an Einfachheit zu gewöhnen, jeden
Gedanken an Luxus und Wohlleben von ihnen fernzuhalten, sie abzuhärten und ihnen die Fähigkeit zur Entsagung, zur Selbstverleugnung einzuflößen. Wenn nun einmal eine so kleine Enttäuschung wie ein mißratenes Frühstück vorkommt, so darf ein solcher
Zwischenfall nicht dadurch aufgehoben werden, daß der verlorene
Genuß durch einen noch besseren ersetzt wird; es muß im Gegenteil
die Gelegenheit benützt werden auf die Leiden und Entbehrungen
unserer christlichen Vorbilder hinzuweisen und an die Worte zu
erinnern, die Christus gesprochen hat: ,Der Mensch lebt nicht von
Brot allein' und: ,Selig sind, die da hungert und dürstet um der
Gerechtigkeit willen'. Wenn Sie aber anstelle des angebrannten
Haferbreis den Kindern Brot und Käse geben, Fräulein Temple, so
füttern Sie wohl den sündigen Leib, aber die Seele lassen Sie darben.
Fräulein Temple sah gerade vor sich ihn, preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Herr Brocklehurst ließ die Blicke über die
Schule schweifen. Er stand am Kamin und hatte die Hände auf den
Rücken gelegt. Plötzlich schien er zu erschrecken oder etwas zu erblicken, was ihn verdroß.

,Fräulein Temple, sagte er dann in erregtem Tone, ,was
sehe ich ein Mädchen mit lockigem Haar - rotes Haar sehe ich da
-- und tatsächlich Locken?
,Es ist Julia Severn, war die Antwort.
,Und wie kommt Julia Severn dazu, hier in Lowood Locken
zu haben? Hier in einer evangelischen barmherzigen Anstalt?
.Ihr Haar ist von Natur lockig, Herr Prediger.
,Von Natur! Aber ich wünsche, das Haar bei den Mädchen
glatt, anliegend, bescheiden zu sehen. Das Haar der Julia Severn
muß abgeschnitten werden - ich schicke einen Barbier heraus. Der
kann gleich noch einige unter die Schere nehmen, denn wie ich sehe,
sind ihrer mehrere mit solchen Auswüchsen.
Fräulein Temple wischte sich die Lippen mit dem Taschentuche,
wie um ein Lachen zu verbergen.
,Fräulein,r fuhr Herr Brocklehurst fort, ,ich diene einem
Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, und betrachte es als
meine Aufgabe, in diesen Mädchen alle fleischlichen Lüste zu unterdrücken, sie zu ehrbaren, schamhaften Charakteren heranzuziehen,
und deshalb wiederhole ich, alles Haar, das in Flechten gedreht ist,
dient nur der Eitelkeit und gehört hier nicht her. Es muß weg!
Herr Brocklehurst wurde unterbrochen. Drei Damen traten
herein. Es war schade, daß sie nicht einen Augenblick früher kamen,
um diesen Vortrag des Direktors über Schlichtheit und einfache
Kleidung zu hören, denn sie prunkten in Samt, Seide und Pelz.
Die beiden jüngeren Damen Mädchen von etwa siebzehn Jahren
-- trugen Hüte mit wallenden Straußenfedern, unter denen die
künstlich gelockten Haare in Fülle hervorquollen. Die ältere Dame
trug einen Samtschal, der mit Hermelin besetzt war, und eine kostbare französische Lockenperücke. Dieses Kleeblatt wurde von Fräulein
Inzwischen hatte ich versucht, den herumwandernden Blicken
des Direktors zu entgehen, indem ich, mit einem Rechenexempel beschäftigt, die Schiefertafel vor das Gesicht hielt. Ein unglücklicher Zufall aber wollte, daß die Tafel mir entfiel und mit einem
Krach auf dem Boden zerbrach. Nun war es um mich geschehen.
,Wer ist dieser Tolpatsch? rief Herr Brocklehurst. ,Aha, ich
sehe -- es ist die Neue! Ich hätte es fast vergessen - ich muß ein paar Worte in Bezug auf dieses Mädchen sprechen. Das Kind,
das eben seine Tafel zerbrochen hat, soll mal vorkommen.
Von selbst wäre ich nicht diesem Befehl gefolgt, aber hilfsbereite
Hände stießen und schoben mich durch die Bänke, bis ich vorn angelangt war. Hier nahm Fräulein Temple mich bei der Hand und
flüsterte mir rasch zu:
,Sei ohne Furcht, Johanna. Du konntest nicht dafür, ich sah
es. Du sollst nicht bestraft werden.
Ermutigt durch diese Worte, sah ich auf.
,Bringt mir den Stuhl dort her!' gebot Herr Brocklehurst.
aHebt das Mädchen herauf.
Ich weiß nicht, wer mich hinaufhob, aber ich stand plötzlich oben,
allen sichtbar, von allen begafft. Herr Brocklehurst räusperte sich
und fuhr dann fort:
,Meine Damen, Lehrerinnen und Kinder, ihr seht hier dieses
Mädchen. Jung, äußerlich genau so wie ein anderes Kind - vom
Herrn in seiner Gnade ebenso gestaltet wie alle andern - ohne
besonders auffallende Häßlichkeit. Wer möchte nun glauben, daß
in ihr der Teufel ein Werkzeug, eine Dienerin gefunden? Und
doch -- und doch es ist so. Traurig, betrübend, daß ich euch, ihr
andern Kinder, vor diesem Unhold warnen muß. Ja, sie ist eine
Verworfene, vor der ihr auf der Hut sein müßt. Haltet euch fern
von ihr, schließt sie von euern Spielen aus, pflegt keinen Umgang
mit ihr. Und Sie, Lehrerinnen, seien sie streng zu ihr, suchen Sie
ihre Seele zu retten, wenn es noch möglich ist. Lassen Sie ihr nicht
den geringsten Fehltritt durchgehn, sondern bestrafen Sie sie aufs
härteste. Wie verdorben, wie lügenhaft, wie entartet dieses Mädchen
ist, das erfuhr ich von ihrer Wohltäterin, einer würdigen Dame,
die dieses Mädchen an Kindesstatt angenommen hatte. Diese Großmut wurde ihr durch schnöden Undank gelohnt, ja das Mädchen trieb
es so arg, daß die Dame sie von dem Umgang mit ihren Kindern
ausschließen mußte, um ihre Kleinen vor der ansteckenden Verderbnis dieses jugendlichen Teufels zu bewahren. Nun hat sie sie hierher
geschickt, wie einst die Hebräer des Altertums die Aussätigen zum
See von Bethesda schickten. Und deshalb, Lehrerinnen, flehe ich
Sie an, taucht dieses Kind unter in den See einer strengen Erziehung!
Nach diesen Worten sprach Herr Brocklehurst leise mit seiner
Frau, die Damen erhoben sich, verneigten sich flüchtig gegen Fräulein Temple und rauschten hinaus. Herr Brocklehurst wandte sich
noch einmal um und rief: ,Laßt sie noch eine halbe Stunde auf dem
Stuhle stehen, und keiner von euch soll an diesem Tage ein Wort zu
ihr sprechen.
Ich kann nicht beschreiben, welche Gefühle in meiner Brust
tobten. In dem Augenblick, wo ich vor Scham, Wut und tiefem
Kummer umzusinken glaubte, ging ein Mädchen an mir vorüber
und sah mich mit leuchtenden, lächelnden Augen an. Es war Helen
Burns. ,Was können sie dir tun? was kann dir geschehen? sprach
dieser Blick, und es war, als würde es Licht in meiner finstern
Seele. Es gelang mir, die Tränen zurückzudrängen, ich hob den Kopf
und stand nun ruhig und fest auf meinem Stuhle.

Noch heute erinnere ich mich dieses Lächelns. Es verklärte die
scharfen, magern Züge der Helen, und sie hatte in diesem Augenblick
das Gesicht eines Engels.
Als die Klassen entlassen worden waren, wagte ich es herabzusteigen. Es war fünf Ühr. Im Schulzimmer herrschte Dunkelheit. Ich sah mich allein, und nun wich der Bann, der mich bis dahin
festgehalten, und Tränen stürzten aus meinen Augen. Ich fiel auf
das Gesicht zu Boden und überließ mich meinem Jammer. Mit
dem besten Vorsatz, gut und brav zu sein, recht viel zu lernen
und mir Liebe und Freundschaft zu erwerben, war ich nach Lowood
gekommen. Ich hatte auch schon Fortschritte gemacht und mich in
meiner Klasse auf den ersten Platz hinaufgearbeitet; Fräulein
Miller und Fräulein Temple hatten mich gelobt, meine Mitschülerinnen waren freundlich zu mir - und nun war ich in Acht
und Bann getan - gebrandmarkt - zertreten -- zermalmtl Würde
ich mich jemals wieder erheben können?
Da trat abermals Helen Burns zu mir heran und brachte mir
Kaffee und Brot.
,Iß ein wenig, sagte sie; aber ich wies beides zurück. Helen
setzte sich neben mich, umschlang mich mit den Armen und blieb
regungslos an meiner Seite. Nach einer Weile brach ich das
Schweigen.
,Wie kannst du dich mit einem Mädchen abgeben, das jeder-
mann für eine Lügnerin hält? rief ich aus.
,Nicht doch, Jane, du wirst von allen nicht verachtet, sondern
wohl eher bedauert, antwortete sie ruhig. ,Herr Brocklehurst ist hier
nicht beliebt, und niemand gibt viel auf das, was er sagt. Ja wenn
er dich gelobt hätte, dann würden dich wohl viele mit scheelen Augen
ansehen und dir gern einen Schabernack spielen, jetzt aber würden
alle dir gern zeigen, daß sie Mitleid mit dir haben, wenn sie sich
nur getrauten. Sei nur weiter gut und fleißig, so wirst du sehen,
wie rasch diese Komödie des Herrn Brocklehurst vergessen wird.
Wie wohl taten diese Worte meinem Herzen, flößten sie mir doch
neue Hoffnung ein. Ich drückte Helen an die Brust, und eng umschlungen, saßen wir lange schweigend da. Wir wurden nicht gewahr,
daß jemand hereinkam und vor uns hintrat. Als wir endlich die
Gestalt erblickten, erkannten wir Fräulein Temple.
,Ich suchte dich, Johanna, sagte sie. ,Komm mit auf mein
Zimmer, und da Helen Burns bei dir ist, mag sie uns begleiten.
Ein helles Feuer verbreitete eine wohltuende Wärme in dem
Gemach, das wir nun betraten. Fräulein Temple ließ Helen in
einem Lehnstuhl Platz nehmen, setzte sich in einen zweiten und zog
mich an ihre Seite.
,Ist es nun vorüber? fragte sie und sah mir ins Gesicht.
aHast du's verschmerzt?
,Das werde ich nie können,'' antwortete ich.
,Warum nicht?
,Weil ich zu Unrecht beschuldigt worden bin, und weil nun
Sie, Fräulein, und alle andern mich für schlecht und gottlos halten
müssen.
,Wir werden dich für das halten, als was du dich ausweist, mein
Kind,'' erwiderte Fräulein Temple ruhig. ,Ulnd nun erzähle mir
von der Dame, die Herr Brocklehurst deine Wohltäterin nannte.
Man hat dich der Falschheit, der Verlogenheit bezichtigt, verteidige
dich vor mir, so gut du kannst. Erzähle alles, was dein Gedächtnis ,
als wahr rechtfertigen kann, aber übertreibe nichts.
Ich nahm mir vor, mich zu beherrschen und so leidenschaftslos
wie möglich zu berichten. Ich sprach daher von meinem Leben in
Gateshead-Hall maßvoller als je zuvor, und ohne daß ich es wußte,
ward meine Erzählung dadurch weit glaubwürdiger.
,Den Herrn Lloyd, von dem du sprachst, antwortete Fräulein
Temple, als ich zu Ende war, ,kenne ich ein wenig. Ich werde an
ihn schreiben und mich erkundigen; wenn seine Angaben mit den
deinen übereinstimmen, so werde ich dich öffentlich von der wider
dich erhobenen Anklage freisprechen.

Sie küßte mich bei diesen Worten, und ich sah mit tränenden
Augen in dieses gütige Antliz mit der weißen Stirn und den
schönen schwarzen Locken. Dann teilte sie ihre Abendmahlzeit mit
uns, und wir verbrachten noch eine glückselige Stunde in der Gesellschaft der geliebten Lehrerin, in ihrem warmen, gemütlichen Stübchen, bei anregendem Geplauder über alle möglichen Gegenstände.
Wls die Glocke das Zeichen zum Schlafengehen gab, umarmte sie
uns und entließ uns mit den Worten: ,Gott segne euch, meine
Kinder!'
Eine Woche später erhielt Fräulein Temple Antwort von Herrn
Lloyd und fand alles, was ich gesagt hatte, bestätigt. Vor versammelter Schule erklärte sie nun, daß sie Erkundigungen über
mich eingezogen und die Grundlosigkeit der gegen mich erhobenen
Beschuldigungen festgestellt hätte. Alle Lehrerinnen schüttelten mir
die Hände und küßten mich.
Eine Zentnerlast war mir von der Seele genommen, und von
neuem begann ich ernst und eifrig zu arbeiten. Ich war entschlossen,
mich durch alle Schwierigkeiten hindurchzukämpfen, und der Erfolg
lohnte auch meine Anstrengungen. Ich wurde nach einigen Wochen
in die nächsthöhere Klasse verseht und erhielt nun auch französischen
und Zeichenunterricht, worin ich rasch Fortschritte machte. Es fing
an mir in Lowood zu gefallen. Das Leben wurde angenehmer, die
Entbehrungen weniger. Der Frühling zog ins Land, die furchtbare
Kälte nahm ein Ende, sonnige Tage erquickten uns, und im Garten
wurde es nun grün und bunt. Der Mai war klar und schön; die
Bäume um Lowood schmückten sich mit prächtigem Laube. Und dies
alles konnten wir in Freiheit genießen, ohne den Zwang der strengen
Einschließung, der den Winter über gedauert hatte.
Denn infolge ungenügender Ernährung und vernachlässigter
Erkältungen war im Laufe des Lenzes in der Anstalt ein typhöses
Fieber ausgebrochen, dem mit einem Schlage fünfundvierzig von
achtzig Mädchen verfielen. Die Schulstunden wurden nun abgebrochen, und alle Vorschriften, alle Regeln verloren ihre Geltung.
Es ging drunter und drüber, und niemand verwehrte uns, frei ausund einzugehen, da der Arzt den Gesunden viel Bewegung in der
frischen Lufi vorschrieb. Fräulein Temple widmete sich jetzt ausschließlich den Patienten und kam aus dem Krankenzimmer nicht
mehr heraus. Die Mehrzahl der Gesunden verließ Lowood, denn (
nur wenige waren nicht so glücklich, Verwandte oder Bekannte zu
haben, die in der Not sich ihrer annahmen. So wurde es nun sehr
still und einsam um die Zurückgebliebenen her, aber es war dennoch
eine schöne freie Zeit, nur daß wir, von unsern Ausflügen heimkehrend, immer wieder von Krankheit und Tod angeweht wurden.
Es roch im ganzen Hause wie in einem Hospital, und von Zeit
zu Zeit ließ sich der Leichenwagen wieder sehen.
Wir trieben uns den Tag über im Walde und auf der Wiese
herum, taten, was wir wollten, und waren ohne jede Arbeit und
Aufsicht; aber auch in anderer Hinsicht wurde unser Leben jetzt
besser. Die Seuche lenkte die Aufmerksamkeit der Behörde auf Lowood, eine Untersuchung wurde angestellt, die Herrn Brocklehurst
einen schweren öffentlichen Tadel zuzog. Die Haushälterin wurde
entlassen und eine neue angestellt, die uns in der ersten Zeit sehr
reichlich mit Speise und Trank versorgte. Man setzte neben Herrn
Brocklehurst, dem man seines Reichtums und Ansehens halber den
Posten des Direktors doch nicht nehmen konnte, eine Art Aufsichtsrat ein, so daß nun alles ordentlicher und gewissenhafter besorgt
wurde, als je zuvor.
Zu den Schwerkranken gehörte auch Helen Burns; aber bei
ihr hatte das typhöse Fieber ein noch schlimmeres Leiden zu plötzlichem Ausbruch gebracht, eine rettungslose Schwindsucht. Von
uns Mädchen wurde deshalb niemand zu ihr gelassen, ja wir wußten
nicht einmal, in welchem Zimmer sie lag. Eines Abends war ich
mit Mary Wilson, der Gefährtin, an die ich mich in letzter Zeit
der Mond schien, und während Mary Wilson schon hineingegangen
war, stand ich noch im Schatten der Tür und hörte nun, wie eine
Krankenwärterin sich nach dem Befinden der Helen Burns erkundigte.
,Sehr schlecht,' antwortete der Doktor. ,Sie macht's nicht
mehr lange.
,Dann ist es wenigstens gut, daß man sie in Fräulein Temples
Stube gebracht hat,' meinte die Wärterin.
Der Arzt zuckte die Achseln und ging.

Zwei Stunden nach dem Zubettgehn - gegen elf Uhr stand
ich leise auf, zog das Kleid über das Nachthemd, schlich hinaus und
ging in Fräulein Temples Zimmer. An der Tür des allgemeinen
Krankenzimmers, aus dem ein scharfer Kampfergeruch hervordrang, eilte ich geräuschlos vorüber, denn ich fürchtete, die Kranken-
wärterin, die dort die ganze Nacht über wachte, könnte mich hören
und zurückschicken. Und ich mußte Helen sehen -- ich mußte sie noch
einmal ans Herz drücken, ehe sie starb. Ich hatte in wenigen Minuten mein Ziel erreicht, ich öffnete die Tür und schlüpfte hinein.
-Dicht neben Fräulein Temples Bett stand ein kleineres, und
darauf erkannte ich Helens Antlitz. Die Wärterin, die für sie zu
sorgen hatte, schlief in einem Lehnstuhl und hörte mich nicht. Fräulein Temple war nicht da; man hatte sie, wie ich später hörte, zu
einer Fieberkranken gerufen. Leise trat ich an das Bettchen, schob
den Vorhang zur Seite und flüsterte: ,Helen, bist du wach?
Sie bewegte sich und drehte ihr Gesicht herum, auf das nun
das schwache Licht der auf dem Tische brennenden Kerze fiel. Sie
sah so wenig verändert aus, daß die Furcht alsbald von mir wich
und ich an die Schwere ihrer Krankheit nicht mehr glauben mochte.

,Du bist es, Johanna? flüsterte sie mit ihrer sanften Stimme.
,Nein, dachte ich bei mir, ,sie wird nicht sterben, sonst könnte
sie nicht so friedlich und ruhig aussehen.

Ich küßte sie, ihre Stirn war kalt, ihre Wangen waren hohl,
ihre Hände und Akme schienen blutlos, aber ihr Lächeln war das
gleiche geblieben.
,Bist du gekommen, Johanna, um mir Lebewohl zu sagen?
fragte sie. ,Dann bist du gerade zur rechten Zeit gekommen.

,Willst du denn fort, Helen? Nach Hause?
,Ja, nach Hause -- in meine letzte, ewige Heimat.
,Nicht doch, Helen! antwortete ich weinend. Mein Kummer
schien auch die Kranke zu rühren, sie erlitt einen heftigen Hustenanfall, doch erwachte die Wärterin nicht darüber.

,sege dich zu mir und decke dich zu, Johanna, sprach die
Kranke erschöpft, ,du bekommst sonst kalte Füße.
Ich kroch zu ihr, und sie schlang den Arm um mich. Nach langem
Schweigen flüsterte sie: ,Johanna, wenn ich gestorben bin, sollst
du nicht um mich trauern, denn es ist kein Grund zur Trauer. Wir
müssen alle einmal sterben, und die Krankheit, die mich dahinrafft.

ist schmerzlos und kurz. Von allen den Meinen lebt nur noch Vater,
der sich vor einiger Zeit zum zweitenmal verheiratet hat und mich
nicht vermissen wird. Wohl sterbe ich jung, aber es bleiben mir dadurch viele Leiden erspart.
Ich wußte nichts darauf zu sagen; nur meine Tränen flossen
Während ich das Gesicht an ihrer Brust verbarg, sprach sie weiter:
,Mir ist jetzt sehr wohl, und ich fühle, daß ich schlafen kann. Gute
Nacht, Johanna, aber verlaß mich nicht. Es ist ein so süßes Bewußtsein, dich bei mir zu wissen.
,Ich bleibe bei dir, Helen. Niemand soll mich von hier fortbringen.

Sie küßte mich ich sie - dann schliefen wir beide. Als ich
erwachte, war es Tag. Ich wurde durch eine plötzliche Bewegung
dem Schlaf entrissen; die Krankenwärterin hob mich aus dem Bette
und trug mich durch den Korridor in den Schlafsaal zurück. Man
erteilte mir keinen Verweis, daß ich dem strengen Befehl entgegen
zu einer Kranken gegangen war; man hatte an anderes zu denken.
Einige Tage später erfuhr ich, daß Fräulein Temple, in ihr Zimmer
zurückkehrend, mich im Bett meiner Freundin gefunden hatte. Mein
Kopf ruhte an Helens Schulter, meine Arme hielten ihren Hals
umfangen, Ich schlief - Helen war tot.



Von der Schülerin zur Lehrerin.

Es ist nicht meine Absicht, alle kleinen Ereignisse meines Lebens ausführlich aufzuzählen; ich überspringe deshalb jetzt einen Zeitraum von acht Jahren, den ich nur in großen Zügen schildern werde.
Das typhöse Fieber verschwand allmählich aus Lowood, und die
alte Ordnung trat wieder ein. Die Lücken, die die Seuche gerissen, füllten sich; die verbesserten Zustände aber, zu denen die
öffentliche Kontrolle der Verwaltung geführt hatte, waren von Bestand. Wir hatten in der Folgezeit nie Grund zur Klage.
Ich blieb noch achi Jahre in Lowood, sechs als Zögling, zwei als
Lehrerin. Mein Leben verlief einförmig und farblos, aber ich fühlte
mich wohl und war zufrieden. Nach Ablauf der acht Jahre aber
sehnte ich mich nach einer Veränderung. Der Grund dazu war vor
allem, daß Fräulein Temple die Anstalt verließ; sie heiratete einen
Landpfarrer. Zuerst hatte sie mir eine Mutter ersetzt, dann waren
wir sogar Freundinnen geworden, und als ich sie nun verlor, fühlte
ich, daß meines Bleibens in Lowood nicht länger sei. Als die geliebte Person verschwunden war, ward ich inne, daß ich den Zwang
der klösterlichen Ordnung, das ewige Einerlei nur durch ihre Liebe
und aus Liebe zu ihr ertragen hatte. Die Schulregeln, der tägliche
Unterricht, die Gesichter der Schülerinnen, der Lehrerinnen, die
engen Grenzen der Anstalt selbst- das alles war mir jetzt mit
einem Male unerträglich. Am Fenster meines Stübchens stehend,
sah ich nach dem Horizont und verfolgte die weiße, durch die Ebene
sich hinziehende Landstraße bis dorthin, wo sie mit dem Himmel
verschmolz.
,Ich muß in die Welt hinaus !' sprach ich zu mir selbst. ,Acht
lange, lange Jahre bin ich hier eingepfercht gewesen, bin auch nicht
auf einen einzigen Tag von hier fortgekommen; wahrlich, nun sehne
ich mich nach Freiheit. Ich bin dieses Schlendrians müde. Doch
Freiheit? fuhr ich fort. ,Wird mir die beschert sein? Ach nein,
wohl nur eine andere Dienstbarkeit!' Weiter werde ich mir wohl
nichts wünschen dürfen. Eine neue Stelle in einem neuen Hause
unter neuen Gesichtern und neuen Verhältnissen, das ist es, an was
ich denke. Ich habe acht Jahre lang hier gedient -- nun will ich
anderswo dienen. Aber wie soll ich mir eine neue Stelle verschaffen?
Ja, das wußte ich freilich nicht; doch da ich niemand danach
fragen konnte, so blieb mir nichts weiter übrig, als mir allein den
Kopf darüber zu zerbrechen. Darüber verging die halbe Nacht. Endlich kam mir der Gedanke an ein Zeitungsinserat. Mit Tagesanbruch stand ich auf, und ehe die Glocke zum Frühstück läutete, hatte
ich die folgenden Zeilen niedergeschrieben: ,Eine junge Dame --
als Lehrerin ausgebildet sucht Stellung in einer Familie mit
Kindern unter 1 Jahren. Sie kann Unterricht erteilen in Französisch, Zeichnen und Musik, sowie in allen den Fächern, die zu einer
guten Erziehung nach englischer Art erforderlich sind. Gefällige
Adressen erbeten an J. E. postlagernd Lowten.
Erst am Abend erhielt ich Urlaub, nach Lowten zu gehen, wo ich
meinen Brief zur Post gab. Auf dem Heimwwege geriet ich in strömenden Regen, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Die Woche,
die nun folgte, schien kein Ende zu nehmen, mit so großer Sehnsucht
erwartete ich den Tag, wo ich abermals nach Lowten gehen und mich
nach postlagernden Briefen erkundigen konnte. Endlich stand ich im
Postbureau. Die alte Dame, die den Schalterdienst versah, suchte
lange in dem Brieffach herum, und schon sank meine Hoffnung.
Schließlich aber reichte sie mir doch ein Kuvert heraus die einzige
Zuschrift, die auf mein Inserat eingelaufen war. Ich mußte meine
Ungedlud noch länger zügeln, denn ich hatte keine Zeit, den Brief
gleich auf der Post zu öffnen; es war schon 8 Ühr, und nach dem
Hausgesey mußte ich bis spätestens um acht Uhr zurück sein. Erst in
der Nacht, als ich auf meinem Stübchen allein war und keine Störung mehr zu befürchten brauchte, zog ich den Brief hervor, erbrach
das Siegel und las:

,Wenn J. E. die in ihrem Inserat genannten Fähigkeiten und
Vorzüge wirklich besitzt und genügende Referenzen über ihren Charakter und ihre bisherige Tätigkeit aufgeben kann, so wird ihr eine
Stellung mit einem Gehalt von dreißig Pfund Sterling im Jahr
geboten. Zu unterrichten ist nur ein kleines Mädchen von noch nicht
ganz zehn Jahren. Referenzen, Namen, Adresse usw. sind zu senden
an Frau Fairfax, Thornfield bei Millcote.
Ich betrachtete eingehend die Handschrift; sie war altmodisch und
unsicher, wie sie bei alten Damen zu sein pflegt. Das beruhigte
mich; denn ich hatte natürlich die Befürchtung gehegt, durch mein
eigenmächtiges Handeln an die falsche Adresse zu geraten, in schlechte
Hände zu fallen. Daß mir nun eine ältliche Dame antwortete, erfreute mich, und ich sah sie förmlich vor mir sityen, diese Frau Fairfax, im schwarzen Kleide, mit der Witwenhaube. Millcote war mir
aus der Heimatsgeographie her bekannt; es war eine große Fabrikstadt, bedeutend näher an London gelegen als Lowood.
Alm folgenden Tage teilte ich der Vorsteherin mit, daß ich eine
neue Stellung in Aussicht hätte, in der ich das doppelte Gehalt als
bisher erhalten würde und bat sie, bei Herrn Brocklehurst oder dem
Verwaltungskomitee um meine Entlassung nachzusuchen. Diese
Herren hielten es für nötig, erst an Frau Reed zu schreiben, da sie
mein natürlicher Vormund sei. Von dort kam dann die Antwort,
ich könne ganz nach Belieben handeln, da Frau Reed längst jeden

Anteil an meinen Angelegenheiten aufgegeben habe. Nach ganz unnötiger Verzögerung erhielt ich endlich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn sich mir Gelegenheit dazu böte. Nachdem
abermals eine volle Woche verflossen war, erhielt ich ein Zeugnis
über meine Fähigkeiten, schickte eine Abschrift davon an Frau Fairfax und wurde brieflich aufgefordert, mich binnen vierzehn Tagen
bei ihr einzufinden, um meinen Posten als Erzieherin anzutreten.
Die vierzehn Tage vergingen nun sehr schnell, da ich mit den Vorbereitungen zu meiner Abreise alle Hände voll zu tun hatte.

Endlich war die bedeutsame Stunde gekommen. Im schwarzen
Kleide, mit Muff, Hut und Handschuhen stand ich reisefertig da. Ich
versuchte, mich zu beruhigen, aber es war mir nicht möglich, ich war
zu heftig erregt. Schloß doch mit dieser Stunde eine Phase meines
Lebens ab, und eine neue sollte beginnen, eine neue, von welcher ich
noch nicht wußte, ob sie gut oder böse für mich ablaufen würde. Während ich in fieberhafter Ungeduld wartete, wurde mir mitgeteilt, daß
jemand nach mir gefragt hätte.
,Das ist jedenfalls ein Bote aus Thornfield, dachte ich und
ging ins Sprechzimmer.
Eine Frau stand dort, gekleidet wie eine herrschaftliche Dienerin - schon etwas ältlich, doch noch hübsch und frisch.

,Ja, sie ist es!' rief eine Stimme, die mir bekannt vorkam.
,Fräulein Johanna, Sie haben mich doch nicht ganz vergessen?
,Bessie!' rief ich und umarmte sie, während sie sogleich einen
kleinen Buben, der am Ofen stand, heranzog. ,Das ist mein Junge,
sagte sie schmunzelnd.
,So sind Sie verheiratet, Bessie?' fragte ich.
aJa, seit fünf Jahren, mit Robert Leaven, dem Kutscher. Außer
Bobby habe ich noch ein kleines Mädel, das ist drei Jahre alt und
heißt Johanna.
,Sind Sie noch in Gateshead-Hall?
,Gewiß, aber wir wohnen im Pförtnerhäuschen; die alten
Portiersleute sind gestorben, und wir sind nun ihre Nachfolger.
,Wie geht es denn allen dort? Sie müssen mir erzählen, Bessie.
Komm, Bobby, sez' dich auf meinen Schoß!- Aber Bobby zog es
vor, bei seiner Mama zu bleiben.
,Groß sind Sie nicht geworden, Fräulein Johanna, sagte
Bessie, mich musternd, ,Nach dem Aeußern zu schließen, haben Sie
hier nicht allzu fett gelebt. Fräulein Elisa ist zwei Kopf größer als
Sie, und Fräulein Georgina mindestens noch einmal so breit.
,GGeorgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter waren sie in London, da
ist sie sehr vergöttert worden. Ein junger Lord hat sich um sie beworben, aber seine Familie war gegen die Heirat. Nun wollten die
beiden auf und davon laufen, aber Fräulein Elisa hat die Sache verraten - aus Neid, glaube ich. Nun leben die beiden Schwestern
wie Hund und Kate und zanken sich alle Tage.
,Was ist aus Hans Reed geworden?
,Er treibt's ein bißchen arg, so daß es selbst seiner Mutter zuviel wird. Auf der Universität ist er relegiert worden, wie sie es
nennen -- das heißt, fortgejagt. Sein Onkel, ein berühmter Rechtsanwalt, hat ihn zu sich genommen, aber das hat auch nicht lange gedauert. Es wird wohl nie was Gescheites aus ihm werden.
,Wie sieht er denn aus?
,Schlank und hübsch - bloß dicke, aufgeworfene Lippen hat er.
, Und Frau Reed?
,Sie sieht äußerlich sehr wohl aus, aber ich glaube, innerlich
sieht's anders aus. Sie grämt sich sehr ihres liederlichen Sohnes
wegen. Er verbraucht so sehr viel Geld.
,Hat sie Sie hergeschickt?
,Bewahre! aber ich hörte, man hätte bei Frau Reed angefragt.
ob sie ihre Genehmigung dazu erteilen würde, daß Sie eine andere
Stellung annähmen, und da dachte ich, Sie reisten am Ende weit fort.
Nun wollte ich Sie aber doch mal wiedersehen, und deshalb habe ich
mich auf den Weg gemacht.
, Und nun sind Sie wohl recht enttäuscht?
,Das will ich nicht sagen. Sie sehen aus wie eine Dame, mehr
habe ich nicht erwartet, denn schon als Mädchen waren Sie nicht
schön.
Ich mußte über diese Offenherzigkeit lächeln; aber ein wenig
Trauer mischte sich doch darein. Mit achtzehn Jahren wünscht wohl
noch jedes Mädchen zu gefallen, und auch ich war noch nicht ganz frei
von Eitelkeit.
, ,Dafür werden Sie wohl aber um so gelehrter sein, nicht wahr?
fuhr Bessie fort. ,Was können Sie denn alles? Klavier spielen,
Französisch sprechen, malen, sticken und nähen?

,Das kann ich alles, ja.
,C, dann werden Sie es schon zu etwas bringen, ob auch Ihre
Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. - Da fällt mir ein:
haben Sie mal etwas von den Verwandten Ihres Vaters, von den
Eyres, gehört?
,Im ganzen Leben nicht.
Vor etwa sieben Jahren war ein Herr bei Frau Reed, der nach
Ihnen fragte. Als er erfuhr, Sie seien in Lowood, war er sehr betrübt, weil er nicht dorthin reisen konnte. Sein Schiff, sagte er,

ginge schon am nächsten Tage ab. Er sah aus wie ein vornehmer
Herr, und ich glaube, es war der Bruder Ihres Vaters.
,Reiste er ins Ausland?
aJa, nach einer Insel, sehr weit, weit fort - wo sie Wein
machen, glaube ich.
,Vielleicht nach Madeira?
,Ja, so hieß es. Er blieb nur ein paar Minuten, denn Frau
Reed war sehr hochfahrend gegen ihn. Sie hat ja immer gesagt.
die Eyres wären arme Schlucker, und von diesem meinte sie, er sei
wohl weiter nichts als ein Weinreisender.
Wir mußten uns trennen. Die Postkutsche fuhr vor, die mich
nach Milcote bringen sollte. Fast zu gleicher Zeit kam die Post an,
die nach Gateshead fuhr, und wir konnten uns aus dem Wagenfenster
noch einmal zum Abschied zuwinken.
Für einen unerfahrenen jungen Menschen ist es ein bedrückendes
Gefühl, plötzlich ganz allein zu stehen. Der Reiz der Neuheit, das
Bewußtsein der Selbständigkeit versüßen dieses Gefühl, aber die
Furcht vor Enttäuschungen dämpft es doch. In dieser Stimmung
befand ich mich, als ich in Milcote in der Gaststube der Poststation saß.
Ich wartete eine halbe Stunde, dann wurde mir doch ein wenig
bange zumute, und ich wandte mich an den Kellner mit der Frage,
ob in der Nähe ein Ort namens Thornfield läge.
,Ich weiß nicht, meine Dame, aber ich werde mal fragen, war
die Antwort. Gleich darauf aber kehrte er wieder zurück und rief:
,Sie sind vielleicht Fräulein Eyre?


,Dann wartet hier jemand auf Sie.
Ich sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte


hinaus. Ein Mann stand in der offenen Tür, und im Scheine
einer Laterne erkannte ich einen einspännigen Wagen. Als er mich
erblickte, fragte er nach meinem Gepäck, hob meinen Koffer auf den
Bock, hieß mich einsteigen und stieg dann selbst auf seinen Platz.
,Wie weit ist es denn bis Thornfield? fragte ich.
,Sechs Meilen etwa.
,Und wie lange fahren wir?

,Anderthalb Stunden.
,Dann bin ich ja dem Endziel meiner Reise nicht mehr fern,
dachte ich bei mir, ließ das Fenster herab und sah mir die Landschaft
an, durch die wir fuhren. Die Gegend war weniger malerisch als
die um Lowood und schien dichter bevölkert, denn wir kamen sehr oft
durch die kotigen Straßen eines Dorfes. Mir kam es so vor, als
wenn die Fahrt weit länger dauerte als anderthalb Stunden. Endlich aber hörte ich den Kutscher vom Bock herab mir zurufen: ,jetzt
sind wir gleich da!
Ich sah den breiten, niedrigen Turm einer Dorfkirche, deren Ühr
eben die Viertelstunde schlug; dann ging es eine Anhöhe hinauf und
an einer Reihe von vereinzelten Lichtern vorbei. Es war ein Dorf,
das sich längs der Straße erstreckte. Nach etwa zehn Minuten stieg
der Kutscher ab, öffnete ein Tor und führte den Wagen in einen
Park. Eine breite, von hohen Bäumen eingefaßte Allee führte zur Vorderfront eines Hauses, dessen Fenster alle, bis auf eins, finster
waren. Ein Dienstmädchen stand in der Tür und führte mich hinein.
Sie geleitete mich in eine viereckige Halle, in die auf allen Seiten
eine große Zahl von Türen mündete, und dann in ein Zimmer, das
durch ein Kaminfeuer und durch Kerzen hell erleuchtet war. Im
ersten Moment blendete mich dieses Licht, da ich solange im Finstern
geweilt hatte. Rasch aber gewöhnten sich meine Augen daran und
ließen mich nun ein trauliches, anheimelndes Bild erschauen.

Ein gemütliches Stübchen - ein runder Tisch - flackernde
Glut im Ofen ein altmodischer Lehnstuhl - und darin eine behäbige alte Dame in schwarzseidenem Kleide mit weißer Schürze und
der Witwenhaube auf dem Kopfe - ganz wie ich mir Frau Fairfax vorgestellt hatte, ja noch leutseliger und gutmütiger. Sie strickte,
und eine große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen.
,Schönen guten Abendlr rief sie mir entgegen. ,Sie haben

eine langweilige Fahrt hinter sich, nicht wahr? Und kalt muß Ihnen
auch sein, kommen Sie ans Feuer.
,Habe ich die Ehre mit Frau Fairfax? fragte ich.

,Das bin ich. Bitte Plat zu nehmen. Dabei führte sie mich
zu ihrem eigenen Stuhl, band mir den Hut los und nahm mir das
Umschlagetuch ab. Ich bat sie, sich meinetwegen nicht so viele Umstände zu machen. - ,Das sind ja keine Umstände, antwortete sie.

!
,Ihre Finger müssen steif sein von der Kälte. Lea, mach etwas
Glühwein und ein paar Butterbrötchen. Kommen Sie doch näher
ans Feuer, liebes Fräulein. Ihr Gepäck wird inzwischen auf Ihr
Zimmer gebracht.
,Solch einen Empfang hatte ich nicht erwartet,' dachte ich bei
mir, ,doch freilich darf man nicht zu früh jubeln. Das Dienstmädchen kam wieder und brachte die bestellten Erfrischungen. Ich
ließ mich nicht nötigen, denn obwohl es meine Brotherrin war, wie
ich vermeinte, welche mich mit so großer Aufmerksamkeit empfing,
fühlte ich dennoch dieser gutmütigen Matrone gegenüber nicht die
leiseste Verwirrung.
,Werde ich Fräulein Fairfax heute Abend noch sehen können?
fragte ich nach kurzem Schweigen.
,Wie meinten Sie? erwiderte die Alte. ,Ich bin ein wenig
schwerhörig.- Fräulein Fairfax? rief sie, als ich meine Frage
wiederholt hatte. ,O, Sie meinen Ihre künftige Schülerin? Die
heißt Varens.

,So? dann ist es nicht Ihre Tochter?
,Bewahre. Ich bin ohne Familie.
Ich war ein wenig verwundert, aber es schien mir unhöflich,
gleich am ersten Abend Fragen zu stellen, und deshalb schwieg ich.
Frau Fairfax schwatte unbefangen weiter.
,Wie froh bin ich, Sie hier zu haben! Nun hat man doch Gesellschaft, da wird es angenehmer werden. Freilich, Thornfield ist
ein prächtiger alter Herrensiz, aber wenn man ganz allein ist, fühlt
man sich am schönsten Ort nicht wohl, namentlich im öden Winter.
Mit den Dienstboten kann man halt doch nicht so ungeniert verkehren, man muß sich stets den Respekt sichern. Vom November bis
zum Februar ist außer dem Schlächter und dem Postboten keine
Menschenseele ins Haus gekommen, und mir wurde schon ganz
jchwermütig ums Herz. Der Sommer hat's dann wieder ein bißchen
gebessert. Im Herbst kam die kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin. Ein Kind bringt immer Leben mit sich. Na, und nun sind
Sie hier, da brauche ich mich vor diesem Winter nicht so sehr zu fürchten wie vor dem leyten. Aber jetzt will ich Sie nicht mehr lange auf-
halten, Sie müssen recht müde sein. Ich will Ihnen gleich Ihr Schlafzimmer zeigen. Es liegt gleich neben meiner Stube. Ich habe
Ihnen ein kleines gegeben, die sind nämlich alle gemütlicher als
die großen Gemächer nach vorn heraus. Die großen sind wohl prächtiger möbliert, aber düster und fast unheimlich. Ich wenigstens
fühle mich nicht wohl darin.
Ich dankte ihr für die rücksichtsvolle Wahl, die durchaus nach
meinem Sinne war, und schritt nun hinter ihr her eine schwere eichene
Treppe hinauf, die hohe, vergitterte Fenster hatte und dadurch ein
fast kirchliches Aussehen erhielt. Eine dumpfe Luft, wie in einem
Gewölbe, herrschte, und ich war wirklich froh, als ich in das mir angewiesene Zimmer trat. Frau Fairfax wünschte mir Gutenacht, ich
verschloß meine Tür und hielt Umschau. Das Stübchen machte einen
sehr behaglichen Eindruck, und ich fühlte mich darin vom ersten
Augenblick an heimisch. Dankbaren Herzens kniete ich am Bette
nieder und betete zu dem, dem ich Dank schuldete, erflehte seine
fernere Hilfe auf meinem Pfade und legte mich dann ruhig und zufrieden nieder. Ich schlief rasch ein und erwachte erst, als es heller
Tag war.
Sorgfältig machte ich Toilette, denn ich wollte bei aller Einfachheit doch sauber und nett aussehen. Ich war mir wohl bewußt,
daß ich keine Schönheit war, und in diesem Augenblick empfand ich es
sogar als ein Unglück, so klein und blaß zu sein, so unregelmäßige,
scharfe Züge zu haben. Dennoch, als ich mein schwarzes Haar gekämmt, eine reine, weiße Halskrause angetan und mein dunkles Kleid
schön glatt gestrichen hatte, hoffte ich, Frau Fairfax zu gefallen und
auch meinem kleinen Zögling nicht gerade abstoßend zu erscheinen.
Ich stieg die eichene Treppe hinunter und trat in die Halle.
Jetzt erblickte ich, was ich am Abend nicht hatte sehen können, mehrere
Gemälde an den Wänden - offenbar Ahnen eines adeligen Geschlechts; zweiBilder - ein finster dreinschauender Mann in Rüstung
und eine Dame mit gepudertem Haar - fielen mir als besonders
imposant ins Auge. Eine große Wanduhr mit geschnitztem Gehäuse,
eine von der Decke herabhängende Bronzelampe verliehen der Halle
einen stattlichen, altertümlichen Zug. Die Tür war halb aus Glas.
Ich trat hinaus und betrachtete von dem freien Platze aus die Front
des Hauses. Es war ein schöner Herbstmorgen; die schon rot und
gelb gefärbten Blätter der Bäume glühten im Sonnenschein. Das
Haus war drei Stockwerke hoch und sah mit seinen Zinnen auf dem
Dache sehr malerisch aus. Ein paar Krähen schwebten darüber hin.
,Wie? schon mobil? rief eine Stimme, und Frau Fairfax stand
in der Tür. Ich ging zu ihr und wurde mit einem herzlichen Händedruck begrüßt.
,Nicht wahr, Thornfield ist ein ganz stattlicher Herrensih?
fuhr sie fort. ,Nur schade, daß der Herr Rochester es so vernachlässigt und seine anderen Besitungen vorzieht.

,Wer ist Herr Rochester? fragte ich erstaunt.
,Nun, der Besiyer von Thornfield. Wußten Sie nicht, daß er
Rochester heißt?
Woher hätte ich das wissen sollen? ,Ich glaubte, antwortete
ich, ,Thornfield sei Ihr Eigentum.
,Gott behüte! Ich bin doch nur die Haushälterin,' erwiderte
die alte Dame. ,Allerdings bin ich von mütterlicher Seite her mit
Herrn Rochester verwandt, oder vielmehr mein verstorbener Gatte
war es- der Prediger von Hay, von dem kleinen Dorf, das Sie
da drüben liegen sehen. Aber ich tue mir auf diese Verwandtschaft
nie etwas zugute, sondern betrachte mich selbst eben nur als Angestellte und bin zufrieden, wenn der Herr höflich und freundlich zu
mir ist. Na, und das ist er ja auch.
,Und meine Schülerin?
,Sie ist Herrn Rochesters Mündel. Er hat mich beauftragt.
eine Erzieherin für sie zu suchen. Da kommt sie mit ihrem Kindermädchen.
Also war diese freundliche Matrone keine große Dame, sondern
eine Untergebene wie ich selbst. Nun, deshalb war sie mir nicht
minder lieb. Während ich noch über diese Entdeckung nachsann, kam
ein kleines Mädchen herzugelaufen- ein Kind von etwa sieben bis
acht Jahren, zart gewachsen, von blasser Farbe, mit langen Locken
und anscheinend sehr lebhaft und ausgelassen.
,Guten Morgen, Adele! rief Frau Fairfax ihr entgegen.
, Komm her und sprich mit der Dame da, sie ist deine neue Lehrerin
und soll mal eine gescheite Dame aus dir machen.

,Das ist meine Gouvernante? sagte die Kleine, kam ungeniert
auf mich zu und reichte mir die Hand. ,Wie heißen Sie denn?
Wir gingen zusammen ins Haus und setzten uns an den Frühstückstisch. Adele aber kletterte bald von ihrem Stuhl herunter, kam
zu mir und setzte sich auf meinen Schoß. Es freute mich sehr, daß
sie von vornherein so zutraulich war. Sie fragte mich, ob sie mir
zeigen dürfte, wie schön sie singen könnte. Dann begann sie ein
Lied von einer verlassenen Frau, die ihren treulosen Geliebten beweint, dann aber sich in die prachtvollsten Gewänder wirft und auf
einen Ball geht, um dem Falschen zu beweisen, daß sie auch ohne ihn
vergnügt sein könne. Das Lied schien mir seltsam gewählt für eine
kindliche Stimme, aber sie sang es sehr geschmackvoll. Als ich sie
fragte, wo sie es her hätte, erzählte sie mir, ihre Mama habe es oft
gesungen.
,Fragen Sie sie doch, ob sie sich noch gut auf ihre Mama besinnen könne? warf Frau Fairfax leise ein.

,O gewiß,' beantwortete Adele meine Frage. ,Wir haben in
einer großen, großen Stadt gewohnt, und viele vornehmen Damen
und Herren kamen zu meiner Mama, da habe ich oft gesungen wie
jetzt und auch getanzt. Aber meine Mama ist zur heiligen Jungfrau
gegangen, und dann kam Herr Rochester und nahm mich mit.

Nach dem Frühstück ging ich mit Adele ins Bibliothekzimmer.
Diesen Raum hatte Herr Rochester zum Schulzimmer bestimmt.

Mehrere Schränke waren verschlossen; der eine aber, der offen stand,
enthielt alles, was zum Unterricht erforderlich war, und daneben auch
interessanten Lesestoff für mich: Reisebeschreibungen, Gedichtsammlungen, Romane -- eine reiche goldene Ernte im Gegensat zu den
faden Traktätchen, mit denen wir in Lowood überfüttert worden,
waren. Ein Klavier mit herrlichem Ton, eine Staffelei und ein
großer Globus vervollständigten die Einrichtung der Bibliothek.
Meine Schülerin war sehr lieb, aber recht oberflächlich und zerstreut,
hatte man sich doch auch bisher noch nie an folgerichtige Beschäftigung
gewöhnt. Deshalb überhäufte ich sie im Anfang nicht mit Arbeit,
sondern erlaubte ihr, alle Mittage, nachdem sie ein wenig gelernt, zu
ihrer Wärterin zurückzukehren. Des Nachmittags beschäftigte ich
mich nach meinem Gefallen mit Zeichnen, Lesen und Handarbeit.
Oft leistete ich auch der guten Frau Fairfax Gesellschaft oder half ihr
beim Staubwischen.

durch ihre für meine Begriffe feenhafte Pracht. Orientalische Teppiche, rote Sessel mit goldenen Füßen, Kamine aus Marmor, Blumengirlanden an den Decken, Möbel aus Ebenholz, wundersam
geschnite Schränke, Armleuchter von blitzendem Glas, große Spiegel
und schwere Portieren - das alles war für mich etwas ganz Neues.
,Herr Rochester hat zwar selten Besuch, wenn er hier ist, plauderte Frau Fairfax; ,aber er liebt es nicht, die Sachen verhüllt zu
sehen, darum ist es das beste, die Zimmer stets in Bereitschaft zu
halten.
,Ist Herr Rochester streng und kleinlich?
,Durchaus nicht; aber er ist von hohem Adel und kennt es nicht
anders, als daß sich alles nach ihm richtet.
,Ist er sehr beliebt?'
,O ja. Die Familie genießt hier großes Ansehen; denn seit
Menschengedenken hat alles Land in dieser Gegend den Rochesters
gehört.
,Ich meine, ob Sie ihn lieben - abgesehen von seinen Besitzungen und seinem Adel.
,Warum sollte ich nicht? Er ist gerecht und freigebig zu allen
seinen Untergebenen, wenn auch ein wenig absonderlich. Das kommt
aber wohl daher, weil er viel gereist ist und fast die ganze Welt gesehen hat. Ich glaube auch, er ist sehr gescheit, obwohl ich noch nie
Gelegenheit hatte, mich viel mit ihm zu unterhalten.

,Inwiefern ist er denn absonderlich?
,Das ist schwer zu sagen. Kurz und gut, man versteht ihn nicht
so recht, man weiß nie, ob er im Ernst oder im Scherz redet, ob er
sich freut oder ärgert. Trotzdem ist er ein guter Herr.
Wir gingen von Zimmer zu Zimmer, treppauf und treppab,
und alles fand ich schön und geschmackvoll. Manches Gemach erschien
mir ganz besonders prächtig und imposant, andere wieder düster und
schwermütig durch die altertümlichen, Reliquien ähnlichen Möbel.
,Hier schläft niemand, sagte Frau Fairfax, ,Nicht wahr, wenn
es einen Geist in Thornfield-Hall gäbe, so würde dies für ihn eine
geeignete Region sein.
,Aber Sie haben doch keinen Geist hier?

,Wenigstens habe ich noch nie von einem gehört, antwortete die
Matrone lächelnd.
Während dieser Worte traten wir auf den Korridor des dritten
Stockwerks und wollten zur Bodentreppe hinauf aufs Dach steigen,
denn Frau Fairfax wünschte, daß ich die schöne Aussicht bewundern
solle, da schlug ein Geräusch an mein Ohr, das ich in dieser Umgebung am wenigsten zu hören erwartet haben würde: ein deutliches, doch höchst seltsam klingendes Lachen, langgezogen, schrill, gespenstisch. Ich erschrak und faßte den Arm meiner Führerin.
,Haben Sie gehört?' flüsterte ich. ,Woher kam das? Wer
war es?
,Wohl eins von den Dienstmädchen, war die ruhige Antwort. -
,Vielleicht auch Grace Poole. Ich höre sie oft, denn sie näht in jenem
Zimmer dort. Grace! rief sie und pochte leise an die Tür, neben
der wir standen.
Ich erwartete kaum, daß ein menschliches Wesen auf diesen Ruf
antworten würde, so überirdisch, so unnatürlich hatte dieses Lachen
geklungen; aber die Tür öffnete sich, und eine Frau von etwa vierzig
Jahren trat heraus, untersetzt, starkknochig, rothaarig und überaus
häßlich. Man hätte sich kaum eine weniger romantische Erscheinung
vorstellen können.
,Nicht so viel Lärm machen, Grace! sagte Frau Fairfax, ,Vergiß deine Weisungen nicht.
Grace erwiderte nichts, machte einen Knix und verschwand.
,Sie besorgt das Flicken der Wäsche, erklärte Frau Fairfax,
,und macht sich in manchen Dingen nütlich. Doch, ehe ich's vergesse: Wie sind Sie denn mit Ihrer Schülerin zufrieden?
Auf diese etwas plumpe Weise lenkte sie das Gespräch auf Adele,
und wir stiegen zum Dache hinauf, von wo aus ich die hügelige, bewaldete Landschaft wie einen großen grünen Garten im Sonnen-
lichte liegen sah. Als wir hinunterkamen, wurde das Mittagessen
aufgetragen.



Eine Begegnung.

Ein paar ruhige Wochen waren verflossen, und ich fand alles
verwirklicht, was ich mir bei der Suche nach einer neuen Stellung
irgend gewünscht hatte. Meine Schülerin war sehr verwöhnt und
zuweilen eigensinnig, ja widerspenstig; doch da sie ganz meiner Obhut anvertraut war und niemand mir in das Handwerk pfuschte, gelang es mir bald, ihr die kleinen Launen abzugewöhnen und sie zu
fleißigem Lernen anzuhalten. Sie hatte keinerlei Talente oder
Charakterzüge, die sie über das Durchschnittsmaß eines normalen
Kindes hinausgehoben' hätten. Sie machte gute Fortschritte und gewann mich sehr lieb, so daß ich wirklich Gefallen an meiner Aufgabe fand.
Abgesehen von ihr und von Frau Fairfax, hatte ich jedoch keinen
Umgang, und daher war ich oftmals allein. Dann kamen wohl
Augenblicke, wo ich mich trotz allem Guten, das ich in Thornfield-Hall
genoß, nach einem andern Lose sehnte; aber ich tröstete mich mit dem
Gedanken, daß Millionen von Menschen zu einem noch stilleren Dasein verurteilt wären und auch damit zufrieden sein müßten.
Wenn ich so allein war, hörte ich manchmal Grace Pooles absonderliches Lachen, und es erschütterte mich jedesmal aufs neue.

Ich hörte auch ihr exzentrisches Plappern und Knurren, das fast noch
unheimlicher klang als ihr Lachen. Tagelang war sie nicht zu hören
und verhielt sich mäuschenstill, dann aber erklangen in ihrem Zimmer wieder Laute, die mir ganz unerklärlich erschienen. Bisweilen
sah ich sie auch, wenn sie mit ihrem Krug zur Küche ging, um sich
ihr Maß Porterbier zu holen. Bei ihrem Anblick verschwand die
Aufregung, in die mich ihre seltsamen Laute versetzten, denn ihr
Aeußeres vermochte in keiner Weise Interesse zu erwecken. Ein
paarmal versuchte ich, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, aber sie
war sehr wortkarg und gab mir stets eine so einsilbige Antwort,
daß ich nichts weiter zu sagen wußte.

Die andern Mitglieder des Haushalts, John, der Kutscher, und
seine Frau, das Dienstmädchen Lea und die Bonne Sophie, waren
sehr anständige Leute, aber niemand hatte etwas Besonderes an
sich; es waren Dienstpersonen, wie man sie in gewissenhaft geführten Häusern zu finden gewöhnt ist.
Oktober, November und Dezember verflossen. An einem Nachmittag im Januar hatte ich Adele von dem Unterricht befreit, weil
sie erkältet war. Frau Fairfax hatte einen Brief geschrieben und
bat mich, ihn nach Hay zur Post zu bringen. Ich versprach mir
davon einen ganz angenehmen Spaziergang, nahm von Adele, der
ich ihre hübscheste Puppe in die Hand gelegt, mit einem herzlichen
Kuß Abschied und machte mich auf den Weg.
Der Boden war hartgefroren, die Luft war still, die Straße
menschenleer. Es war drei Ühr; die Dämmerung nahte, in der
mattstrahlenden Sonne warfen die Bäume dünne, lange Schatten.
Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich die kahlen Felder, auf den
struppigen Wiesen weidete kein Vieh. In den laublosen Hecken
raschelten ein paar braune Vögel, gleich welken Blättern, die vergessen hatten, abzufallen.
Ich blieb von Zeit zu Zeit stehen und sah mich um. Den Mantel dichter um mich ziehend, die Hände im Muff vergrabend, stieg ich
den Hügel hinauf, über den mein Pfad emporführte. Stellenweis
kam ich nur langsam vorwärts, weil eine dünne Eisschicht, die Spur
eines gefrorenen Bächleins, den Boden überzog. Oben angelangt,
sah ich auf Thornfield hernieder; das stattliche Herrenhaus bildete
den hervorragendsten Punkt in der Aussicht auf diese Seite des Tales.
Zur andern Seite lag das Städten Hay, das aus spärlichen Schornsteinen Rauch zum bleifarbenen Himmel hinaufschickte.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch die tiefe Stille. Es war das
Trappeln eines Pferdes, das die Biegungen des Weges noch meinen
Blicken entzogen. Ehe es noch sichtbar wurde, raschelte es in der
Hecke, und ein großer Hund von der Rasse der Bernhardiner kam
herangesprungen, blickte mich mit großen Augen an und lief ruhig
weiter. Nun tauchte auch das Pferd auf.
Es trug einen Reiter im Sattel. Der Mann nahm ebensowenig
Notiz von mir wie der Hund; doch er war kaum ein paar Meter an
mir vorbei, so vernahm ich einen Lärm, als wenn das Pferd stürzte,
und ein Ruf des Aergers und des Schmerzes klang an mein Ohr.
Eine Ecke des Weges hatte Roß und Reiter inzwischen schon wieder
unsichtbar gemacht. Ich eilte nun um diese Ecke herum und sah
tatsächlich beide am Boden liegen, Das Pferd war auf der Eisfläche
ausgeglitten und lag halb auf seinem Herrn. Ich trat rasch herzu.
Der Mann machte so heftige Anstrengungen, unter dem Gaule hervorzukommen, daß er wohl kaum ernstlich Schaden genommen haben
konnte, dennoch fragte ich ihn danach.
,Beiseite!’ rief er mir zu, indem er sich auf die Knie aufrichtete
und sich dann vollständig erhob. Gleich darauf riß er am Zügel des
Pferdes, das sich herumwälzte, mit den Beinen schlug und sich dann
mit einem energischen Ruck aufrichtete. Darauf untersuchte der Mann
seinen Fuß und schien von dem Ergebnis nicht sehr befriedigt, denn
er hinkte zu dem Zaune am Wegesrande hin und setzte sich dort
nieder.

,Sind Sie verletzt, Herr? fragte ich, ihm auch dorthin folgend.
,Ich könnte dann aus Hay oder aus Thornfield Beistand holen.
,Danke. Ich werde allein fertig. Gebrochen ist nichts, nur
eine kleine Verstauchung, das ist alles, antwortete er und stand auf,
das Gesicht schmerzlich verziehend.
Es war kein hübscher Mann, mit dem der Zufall mich da zusammengeführt hatte. Er trug einen weiten Reisemantel und schien von mittlerer Größe, aber ungemein breitschultrig zu sein. Sein Gesicht war mürrisch, seine Stirn sehr hoch, seine Brauen dicht
und über der Nase zusammengewachsen; seine dunklen Augen funkelten in diesem Moment vor Zorn. Er war über die erste Jugend
hinaus; ich schätzte ihn auf 8 Jahre. Bis jetzt hatte ich fast noch
niemals mit einem Manne zu tun gehabt. Ich hegte eine theoretische
Verehrung für alles Schöne, Vornehme und Liebenswürdige; dennoch fühlte ich instinktiv, daß ich bei meiner Unscheinbarkeit mich von
jedem Manne, der diese Eigenschaften in sich vereinte, fernhalten
müsse wie von dem Feuer. Da aber dieser Mann eher das war, was
man im gewöhnlichen Leben häßlich nennen würde, so empfand ich
keine Scheu vor ihm. Ja, wenn er freundlich zu mir gewesen wäre
und mich angelächelt hätte, so würde ich wahrscheinlich meines Weges
gegangen sein; aber sein finsteres Gesicht, seine barsche Antwort
ließen mich bleiben.
,Nein, nein, sagte ich, ,in diesem Zustande kann ich Sie an
einem solchen einsamen Fleck nicht allein lassen. Wenigstens muß
ich mich erst davon überzeugen, ob Sie auch imstande sind weiterzureiten.
Als ich dies sprach, sah er mich an.
“Mich dünkt, Sie täten gut daran, dafür zu sorgen, daß Sie selbst under Dach und Fach kommen,” murmelte er. “Wo sind Sie her?”
Ich deutete auf Thornfield-Hall, auf das das Licht des inzwischen aufgegangenen Mondes fiel.
“Ich fürchte mich nicht, allein draußen zu sein, es ist ja ein heller Abend,” erwiderte ich. “Gern will ich Ihnen Leute aus Hay besorgen, denn ich muß einen Brief auf die Post bringen.”
“Wem gehört das Haus dort unten?” fragte er.
Herrn Rochester.”
Kennen Sie Herrn Rochester?”
Nein, er hat sich bis jetzt noch nicht sehen lassen.”
“Also wohnt er jetzt nicht dort? Können Sie mir sagen, wo man ihn findet?”
“Das weiß ich nicht.”
Sie können doch wohl kein Dienstmädchen sein,” sagte er, mich betrachtend. “Sie sind wohl—“
“Ich bin die neue Lehrerin.”
“Ach so, die Lehrerin!” wiederholte er. “Zum Teufel ja, die Person hatte ich ganz vergessen. Die Lehrerin!” Er erhob sich, versuchte zu gehen, mußte aber doch den Arm nach mir ausstrecken, da er sich allein nicht bewegen konnte. “Sie brauchen niemand zu holen; das geht ja auch nicht an,” sagte er, “aber Sie können mir selbst ein bißchen behilflich sein. So! Nun versuchen Sie mein Pferd am Zügel zu fassen und herzuführen.”
Furchtsam näherte ich mich dem Tiere, das nach dem Falle sehr unruhig war, allein es wollte mich nicht herankommen lassen und schlug mit den Hufen nach mir. Mein Bemühen war vergeblich, und ich mußte es aufgeben. Der Fremde lachte.
“Ich sehe schon, Sie verstehen das nicht,” rief er. “Verzeihen Sie, aber ich bin gezwungen, Sie als Stütze zu benützen.” Und er legte seine schwere Hand auf meine Schulter und hinkte, die Lippen aufeinanderpressend, zu seinem Pferde, ergriff den Zügel, zwang es im Augenblick zur ruhe, setzte das unbeschädigte Bein auf den Steigbügel und schwang sich – nicht ohne einen unterdrückten Schrei des Schmerzes – in den Sattel. “Besten Dank!” rief er, pfiff seinem Hunde, gab dem Pferde einen leichten Schlag mit der Peitsche und sprengte von dannen.
In nachdenklicher Stimmung setzte ich meinen Weg fort. Der Vorfall war an sich bedeutungslos, und doch bedeutete er eine bis jetzt von allen andern verschiedene Stunde meines Lebens. Zum ersten war meine Hilfe in einer einigermaßen ernsten Lage beansprucht worden; zum erstenmal hatte ich mein passives, gleichförmiges Dasein verlassen und Gelegenheit zu einer Tat gefunden, mochte sie auch noch so belanglos sein. Auch hatte ich ein neues Gesicht erblickt, ein männliches, ernstes, strnges Antlitz, das nicht ohne Eindruck auf mich geblieben war, und das ich noch immer vor mir sah, während ich zur Post ging und als ich heimkehrte.
An diesem Abend bedrückte es mich fast, Thornfield wieder zu betreten; bedeutete dies doch die Rückkehr zu dem montonen, fast leblosen Dasein in der Einsamkeit. Mir war, als sollte ich in der Luft der totenstillen Halle ersticken, und beklommen stieg ich zu meinem Zimmer hinauf. Ach! Die Vorteile der Sicherheit, des Geborgenseins, der Freiheit von allen Nahrungsorgen schätzte ich in diesem Augenblick sehr gering; ich sehnte mich nach einem aufreibenden Leben mitten im Sturm der Zeit, unter tätigen, ringenden Menschen, mich verlangte danach, bittere Erfahrungen zu sammeln, etwas zu erleben, etwas zu erkämpfen.
Schon in der Halle hatte ich mich gewundert, daß an diesem Abend – was bisher noch nie der Fall gewesen – die große Bronzelampe brannte. Als ich die Treppe hinaufstieg, wuchs mein Erstaunen, den nein großer Hund kam mir plötzlich entgegen. Er war dem jenigen, den ich auf der Straße gesehen hatte, so sehr ähnlich, daß ich mich versucht sah, ihn be idem Namen zu rufen, den ich von seinem Herrn gehört.
“Pilot!”
Und das Tier kam heran und beschnüffelte mich. Ich streichelte es, und es wedelte mit dem buschigen Schweife; aber es sah mir doch ein wenig zu unheimlich aus, um allein mit ihm zu bleiben, deshalb klingelte ich. Das Dienstmädchen Lea erschien.
“Wo kommt der Hund her?” fragte ich.
“Der Herr hat ihn mitgebracht.”
“Welcher Herr?”
“Ei, Herr Rochester. Er ist eben angekommen.”
“So?” Und ist Frau Fairfax bei ihm?”
“Ja, und Adele auch. Im Speisezimmer sind sie, und John hat
sich auf den Weg machen müssen, um den Wundarzt zu holen, denn
der gnädige Herr ist mit dem Pferde gestürzt und hat sich den
Knöchel verstaucht.
,Wohl in dem Heckenweg, der von Hay herkommt? -
,Ja, dort, wo es bergab geht - es war etwas Glatteis da.
,Lea, bringen Sie mir doch bitte eine Kerze.
Als Lea zurückkehrte, kam Frau Fairfax mit ihr und erzählte
mir, der Doktor sei da und habe Herrn Rochester zu Bett gebracht.
Am folgenden Tage hatte ich meine schwere Not mit Adele; sie
war nicht zu halten und lief alle Augenblicke nach der Tür, um nach
Herrn Rochester zu schauen. Er hatte ihr erzählt, daß er ihr etwas
mitgebracht hätte, doch sei der Koffer noch nicht da; nun konnte sie
es nicht erwarten, die Geschenke zu sehen, weil Herr Rochester ihr
jedesmal, wie sie sagte, so prachtvolle Sachen mitbrächte.
Wir mußten das Bibliothekzimmer räumen und uns in einem
Stübchen des oberen Stockwerks einquartieren. Der Hausherr
brauchte die Bibliothek als Geschäftszimmer und empfing darin nun
die Besuche seiner Pächter, Verwalter und Freunde aus der Umgebung. Wir speisten wie gewöhnlich mit Frau Fairfax zusammen.
Während der Mahlzeit teilte sie mir mit, Herr Rochester habe den
Wunsch geäußert, mich zum Tee zusammen mit Adele bei sich zu sehen.
,Um wie viel Uhr nimmt er den Tee? fragte ich.
a, um sechs Uhr. Ziehen Sie sich ein bißchen hübsch an, nicht
wahr?
,Ist das durchaus notwendig?
,Ich meine doch. Ich wenigstens mache stets Toilette für den
Abend, wenn Herr Rochester hier ist.
Ich zog infolgedessen mein schwarzseidenes Kleid an und steckte
eine Perlenbroche vor, den einzigen Schmuck, den ich besaß - ein
Geschenk von Fräulein Temple. Mir war beklommen zumute, und
ich sah den Empfang des Herrn Rochester nach so formellen Vorbereitungen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Hinter Frau
Fairfax trat ich ein. Zwei Kerzen brannten auf dem Tische, zwei
auf dem Kamin. Pilot lag vorm Ofen, Adele kniete neben ihm.
Herr Rochester lag auf einem Diwan; sein Fuß war durch ein Kissen
gestutzt. Der Schatten des Feuers fiel auf sein Gesicht, und ich erkannte sofort den Reiter mit der hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen. Des Mantels ledig, erschien mir seine Gestalt fast eckig; die Brust war sehr breit, die Hüften schmal - er hatte - den gedrungenen, kraftvollen Bau eines Athleten.
Er hatte uns gewiß eintreten hören; doch offenbar war er noch
nicht in der Laune, von uns Notiz zu nehmen, denn er wandte nicht
einmal den Kopf zu uns hin.
.Hier ist Fräulein Eyre, sagte Frau Fairfax ruhig. Doch Herr
Rochester betrachtete nach wie vor Adele und den Hund.

,Fräulein Eyre kann Platz nehmen, antwortete er in ungeduldigem Tone, als wenn er sagen wollte: ,Was kümmert mich Fräulein Eyre? Ich habe jetzt keine Lust, mit ihr zu sprechen.'
Dieser unhöfliche Empfang befreite mich wiederum von aller
Verlegenheit. Hätte er mich mit Zuvorkommenheit begrüßt, so würde
ich nicht gewußt haben, was ich tun sollte; nun ließ er mich sogar
einen kleinen Vorteil über sich erringen, indem er mir Anlaß gab,
seinen gänzlichen Mangel an guten Manieren unbeachtet zu lassen.

Er betrug sich nun weiter in dieser Weise, kalt wie eine Statue,
sprach kein Wort und bewegte sich nicht einmal. Frau Fairfax hatte
wohl die Empfindung, als wenn wenigstens einer liebenswürdig sein
müsse, und begann in ihrer zutraulichen Manier zu plaudern. Sie
empfahl ihm Geduld mit seinem verletzten Fuß und sprach die Hoff-
nun auf baldige Genesung aus.
“Ich wünsche eine Tasse Tee, Madame,” war die einzige Antwort, die ihr zuteil wurde.

Sie klingelte, und Lea brachte das Gerät herein. Frau Fairfax legte die Löffel aus, setzte die Tassen zurecht und wies mir und Adele Plätze an. Herr Rochester rührte sich nicht von seinem Ruhebett.
“Reichen Sie bitte Herrn Rochester die Tasse, Fräulein Eyre,”
sagte die Wirtschafterin zu mir. ,Adele könnte sie fallen lassen.

Ich tat es. Er nahm die Tasse entgegen, sah mich offen, aber kalt an und fragte: ,Sie sind jetzt schon drei Monate hier?
‘Jawohl, Herr.”
,Und kamen aus -“
,Aus Lowood.”
.Ah, aus einer Wohltätigkeitsanstalt. Wie lange waren Sie
dort?’
,Acht Jahre.’
“Sie müssen ein zähes Leben haben. Man sollte meinen, die Hälfte dieser Zeit müsse genügen, in solch einer Anstalt einen Menschen kaputt zu machen. Deshalb sehen Sie auch so geisterhaft aus, als kämen Sie aus einer andern Welt. Als ich Ihnen gestern zwischen den Hecken begegnete, glaubte ich, ein Gespenst vor mir zu haben, das mein Pferd behext hätte. Was sind Ihre Eltern?”

,Ich habe keine.’

,Hatten wohl auch nie welche - oder erinnern sich ihrer nicht?

Nun ja, ich bin meiner Sache nicht ganz gewiß, ob Sie nicht doch
so etwas wie ein Wesen aus der Fabelwelt sind. Warteten Sie dort
am Zaun auf Ihre Kameradinnen, auf die Elfen der Mondscheinnacht? Haben Sie mir das verdammte Eis über den Fußweg gezaubert?

Ich schüttelte den Kopf. ,Die Feen und Elfen, antwortete ich
in ebenso ernstem Tone, wie er, ,haben schon vor hundert Jahren
England verlassen.

,Nun, wenn Sie Ihre Eltern verleugnen,' fuhr Herr Rochester
fort, ,so haben Sie doch wohl Verwandte, Onkel oder Tanten?

,Keine, die ich kenne.
,Auch keine Brüder und Schwestern?
,Beides nicht.

,Wer hat Sie denn auf den Gedanken gebracht hierherzukommen?

,Ich habe in der Zeitung annonciert. Frau Fairfax antwortete
darauf.
,Jawohl,' mischte sich die gute Alte in unser Gespräch, die bisher, mit in den Schoß gesunkenen Händen und hochgezogenen Augenbrauen, erstaunt zugehört hatte. ,Und täglich danke ich der Vorsehung, daß sie mich eine so glückliche Wahl treffen ließ. Fräulein
Eyre ist für mich eine sehr liebenswürdige Gefährtin und für Fräulein Adele eine unschätzbare Lehrerin.
,Singen Sie ihr keine Loblieder, das hat keinen Zweck,' schnitt
Herr Rochester ihr das Wort ab. ,Ich bilde mir mein eigenes Urteil.
Haben Sie jemals in einer Stadt gelebt, Fräulein, und viel in Gesellschaft verkehrt?
,Ich kenne keinen andern Ort als Lowood und habe keinen
andern Umgang gehabt als den mit meinen Lehrerinnen und Mitschülerinnen.
,Also haben Sie das Leben einer Nonne geführt und sind jedenfalls auch sehr religiös. Brocklehurst, der Direktor von Lowood, soll
ja wohl Pastor sein. Sie haben ihn wohl sehr verehrt?
,Durchaus nicht.
,Sie sind aufrichtig.
,Herr Brocklehurst war allgemein sehr wenig beliebt. Er war
hart, ungerecht und unduldsam, dabei auf seinen Vorteil bedacht und deshalb sehr genau gegen uns. Ja, er ließ es uns am Nötigsten
fehlen, deshalb ist ihm ja auch die Aufsicht über Lowood nachher zum
Teil entzogen worden.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
.Zehn Jahre.
,Und acht Jahre blieben Sie dort, also sind Sie jetzt achtzehn.
Ein bißchen Arithmetik ist manchmal ganz vorteilhaft. Denn nach
den Gesichtszügen hätte man bei Ihnen falsch geraten. Was haben
Sie nun in Lowood gelernt? Können Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
,Das ist die übliche Antwort. Setzen Sie sich ans Instrument
und spielen Sie etwas. Schon gut, ich sehe schon!' rief er, als ich
ein kleines Lied gespielt hatte. ,Sie können nicht mehr, als englische Backfische zu können pflegen. Adele zeigte mir heute morgen
ein paar Skizzen, die Sie gemacht haben sollen. Dabei hat Ihnen
wohl der Lehrer geholfen, wie?
,Nein!
,Ja, ich habe Sie mit diesem Zweifel gekränkt. Holen Sie
Ihre Mappe und zeigen Sie mir Ihre Leistungen. Aber geben Sie
mir nichts für ein Original aus, wenn Sie nicht bestimmt dafür
bürgen können. Ich bin Kenner.
,Dann sollen Sie auch in diesem Falle für sich selbst urteilen,
antwortete ich, ging in die Bibliothek und holte mein Zeichenbuch.
,Diese Skizzen rühren allerdings von einer Hand her,' sagte
er, die Blätter umschlagend. ,Wann haben Sie die Zeit gefunden,
das alles zu machen?
,In den letzten Ferien.
,Und woher haben Sie die Motive?
,Aus meinem Kopfe.
,Hat dieser Kopf noch mehr solche Vorräte?
,Ich hoffe, noch bessere.
Er betrachtete mit Interesse die in Wasserfarben ausgeführten
Bilder. Es waren Landschaften ein Seestück mit untergehendem
Schiff -- ein Eisberg mit Nordlicht - ein Frauenbild auf dem
Hintergrund eines in Nebel verschwimmenden Himmels. Er sagte
nichts, aber ich sah wohl, daß einiges seinen ungeteilten Beifall fand.
Dann klappte er das Buch zusammen, sah nach der Uhr und rief:
,Es ist jetzt fast neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Fräulein Eyre.
Adele so lange aufbleiben zu lassen? Ich wünsche allerseits gute
Nacht.
Eine Handbewegung gab uns zu verstehen, daß er für diesen
Abend unserer Gesellschaft müde sei. Frau Fairfax legte ihre Stickerei
zusammen, ich nahm Adele bei der Hand und mein Malbuch unter
den Arm. Wir machten ihm eine Verbeugung, die er steif erwiderte,
und gingen hinaus.
,Frau Fairfax, sagte ich, ,Sie haben allerdings recht, wenn
Sie Herrn Rochester absonderlich nennen. Zum mindesten scheint
er sehr launenhaft.

,Ich bin so sehr an seine Art und Weise gewöhnt,' antwortete
sie, ,daß ich schon gar nichts mehr dabei finde. Wissen Sie, das
Traurigsein, das Grübeln und Brummen, das liegt so in seiner
Natur - und dann hat er ja auch Ursache.
,Wieso?
,Familienkummer.
,Er hat ja gar keine Familie.
,jetzt nicht, aber doch gehabt. Und dann fühlt er sich eben in
Thornfield-Hall nicht wohl - hier ist er immer gedrückt.
,Ja, weshalb denn aber?
,Vielleicht kommt es ihm düster vor.
Diese Antwort klang ausweichend, und ich hätte gern mehr
erfahren; allein Frau Fairfax konnte oder wollte keine genauere
Auskunft geben, und ich mochte nicht zudringlich erscheinen; deshalb nahm ich von ihr Abschied und ging auf mein Zimmer.



Sonderbare Menschen.

An vielen Tagen bekam ich Herrn Rochester gar nicht zu sehen.
Herren aus der Nachbarschaft besuchten ihn, seine Geschäfte nahmen
ihn ganz in Anspruch. Als die Verstauchung geheilt war, ritt er
wieder viel aus und blieb lange fort. Gewöhnlich kam er erst spät in
der Nacht zurück. Wenn ich ihm gelegentlich in der Halle begegnete,
ging er kalt an mir vorüber oder machte mir, wenn er gut gelaunt
war, eine trockene Verbeugung. Ein paarmal begrüßte er mich mit
einem höflichen Lächeln. Ich machte mir nichts aus dieser wechselnden Laune, wußte ich doch, daß meine Person mit seinen Stimmungen nichts zu tun hatte.

Eines Abends ließ er mich zu sich bitten. Ich fand Adele bei
ihm, die sich mit dem Inhalt der lang ersehnten Kiste beschäftigte
und glückselig die einzelnen Geschenke auspackte. Herr Rochester
gab mir einen Wink, sie nicht zu stören.

,Sie fängt sonst an zu schwatzen, und ich bin als alter Junggeselle, sagte er mit einem bittern Lächeln, ,kein Freund von dem
Geplapper der Kinder. Setzen Sie sich hier an meine Seite, Fräulein
Eyre. Lassen Sie den Stuhl doch so stehen, wie ich ihn gesetzt habe!
Warum ziehen Sie ihn weiter zurück! Zum Teufel mit diesen Förmlichkeiten! Denken Sie, ich wünschte ein Tete-à-tete mit Ihnen?
Nein, obwohl mir an der Gesellschaft von alten Damen ebensowenig liegt wie an der von Kindern, will ich doch Frau Fairfax rufen.
Sie könnte sich sonst zurückgesetzt fühlen. -- Guten Abend, Madame, rief er ihr zu, als sie, dem Glockenzeichen folgend, erschien.

,Erbarmen Sie sich doch Adelens, sie hat das Bedürfnis, jemand ihr
Herz auszuschütten, und ich habe ihr verboten, mir von ihren Geschenken vorzuschwärmen. Hören Sie ihr geduldig zu - Sie tun
damit ein barmherziges Werk. -

Adele eilte auch sofort auf Frau Fairfax zu und zog sie zu ihrer
Kiste hin, aus der sie fortfuhr, die schönsten Puppensachen und allerlei Spielzeug auf den Boden zu schütten.

,Fräulein Eyre,' sagte er zu mir, ,Sie müssen wirklich ein bißchen näher heranrücken. Ich kann Sie sonst nicht sehen, ohne meine

behagliche Lage in diesem Lehnstuhl aufzugeben, und dazu habe ich
wahrlich keine Lust.
Ich tat, wie er mich hieß, und sah ihn zwanglos an. Er erschien
mir in diesem Augenblick weniger finster und streng als bisher.
Seine Lippen lächelten, seine hohe, weiße Stirn hob sich eindrucksvoll
von dem roten Leder der Stuhllehne ab, und seine Augen waren --
dies sah ich jetzt erst in der Beleuchtung des Kronleuchters - tief
und klar.
,Finden Sie mich schön? fragte er ganz plötzlich, als er merkte,
daß ich ihn musterte.
,Nein, Herr,' antwortete ich, ehe ich recht wußte, was ich tat,
Wenn ich mir Zeit zur Ueberlegung gelassen hätte, würde ich mit
einer Höflichkeitsphrase geantwortet haben.
Er lachte. ,Sie haben etwas Sonderbares an sich, sagte er.
,Wie Sie so mit gefalteten Händen, ruhig und selbstbewußt da sitzen,
sehen Sie wie eine Nonne aus, und wenn man dann eine Frage
stellt, kommt eine eigentlich gar nicht nonnenhafte, sondern recht
weltlich aufrichtige Antwort heraus. Was bezwecken Sie damit?
,Ich bin zu deutlich gewesen, Herr. Ich hätte antworten sollen,
daß es nicht so leicht sei, auf eine solche Frage aus dem Stegreif
zu antworten. Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe eine Dummheit gesagt.
,Da haben Sie allerdings recht, antwortete er. ,Doch Wurst
wider Wurst. Sie sind auch nichts weniger als schön. Nicht einmal
hübsch. Doch genug! Junge Dame, ich habe heute Abend das Bedürfnis nach einem kleinen Plauderstündchen.
Mit diesen Worten lehnte er sich wieder behaglich zurück und
nahm eine Stellung ein, in der seine Gestalt und sein Gesicht markant
hervortraten. Sein Wuchs war nicht ebenmäßig, weil seine Schultern viel zu breit für seine Figur waren, und sicherlich würden
die meisten Menschen ihn häßlich genannt haben. Aber in seiner
Haltung lag ein gewisser Stolz, seine Bewegungen waren elegant
und leicht, seine Miene drückte volle Gleichgültigkeit gegen sein
Aeußeres und großes Vertrauen auf innere Vorzüge und Eigenschaften aus.
,Ich habe das Bedürfnis, ein bißchen zu plaudern, fuhr er fort,
,und deshalb ließ ich Sie zu mir bitten. Kaminfeuer und Kronleuchter genügten mir nicht zu meiner Unterhaltung, Pilot, mein
Hund, ebensowenig. Adele steht schon ein wenig höher, aber noch
tief unter dem, was mir nottut; Frau Fairfax desgleichen. Aber
Sie können mir genügen, wenn Sie wollen. Sie haben mir schon
so manche verblüffende Antwort gegeben. Ich habe Sie inzwischen
fast wieder vergessen, denn ich hatte an anderes zu denken. Heute
Abend aber will ich mich mal wohlfühlen und Geschäft Geschäft
sein lassen. Es würde mich freuen, wenn ich Sie in die gleiche
Stimmung brächte, wenn ich Sie etwas näher kennen lernen
könnte.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich.
,Nun, so reden Sie doch!' rief er.
,Worüber denn?
, Ueber irgend etwas. Wählen Sie sich ein Gesprächsthema.
Ich setzte mich und sagte gar nichts. ,Wenn er denkt, ich werde
sprechen, bloß um zu sprechen und mich ihm zu offenbaren, so irrt
er sich,' dachte ich bei mir.
,Sie bleiben stumm, Fräulein?' fuhr er fort und sah mich
an, als wenn er mit einem einzigen raschen Blicke die Geheimnisse
meiner Seele lesen wollte. ,Sie sind eigensinnig und ärgerlich?
Ah, es geschieht mir recht. Ich habe meine Frage in etwas unverschämter Form gestellt. Verzeihung! Ein für alle Mal, Fräulein
Eyre, ich möchte Sie nicht gern wie eine Untergebene behandeln.
Das heißt, eine gewisse Ueberlegenheit nehme ich ja für mich in
Anspruch, denn erstens bin ich so alt, daß ich Ihr Vater sein könnte,
und zweitens habe ich ganz andere Erfahrung von Welt und Menschen. Und auf Grund dieser Ueberlegenheit glaubte ich, den Wunsch
äußern zu dürfen. Sie möchten mich heute Abend ein wenig unterhalten und zerstreuen.
Er hatte mich einer Erklärung, fast einer Entschuldigung gewürdigt. Das war von ihm aus gewiß schon sehr viel. Doch ich ließ
mir nicht merken, daß ich seine Worte in diesem Sinne auffaßte.
,Ich will Sie sehr gern unterhalten, Herr Rochester,' sprach
ich. ,Aber ich weiß ja gar nicht, was Sie interessiert. Stellen Sie
Fragen, und ich will antworten, so gut ich es vermag.
.Also zuvörderst geben Sie zu, daß ich das Recht habe, ein wenig
herrisch und launenhaft, ja auch etwas rechthaberisch zu sein, weil ich
das reifere Alter und die größere Erfahrung für mich habe?

.Ich glaube nicht, daß Sie dieses Recht haben, bloß weil Sie älter sind oder mehr von der Welt gesehen haben, erwiderte ich.
,Der Anspruch auf Ueberlegenheit würde nur davon abhängen, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht
haben.
,Gut gesagt! Allein das kann ich nicht zugeben. Ich habe nämlich eben davon einen sehr schlechten Gebrauch gemacht. Also fort mit
der Ueberlegenheit! Dennoch müssen Sie einwilligen, sich dann und
wann von mir befehlen zu lassen, ohne sich durch meinen gebieterischen Ton beleidigt zu fühlen.
Ich lächelte.
Herr Rochester ist wirklich ein Sonderling,' dachte ich bei mir.
,Er scheint zu vergessen, daß er mir jährlich dreißig Pfund Sterling
zahlt und ich dafür doch wohl verpflichtet bin, seine Befehle auszuführen.
,Ihr Lächeln ist ganz gut und schön, meinte er, ,aber ich
wünsche doch, daß Sie sprechen.
,Ich dachte bei mir,' sagte ich, ,sehr wenig Herren würden
wohl danach fragen, ob die Untergebenen, die sie bezahlen, sich durch ihre Befehle beleidigt fühlen oder nicht.
,Ach ja doch, an das Gehalt hatte ich ja gar nicht gedacht. ,
Natürlich! Also auf diesen billigen Grund hin gestatten Sie mir,
manchmal ein wenig anmaßend zu sein?
,Nein, Herr Rochester, auf den Grund hin nicht - aber auf -
den Grund hin, daß Sie es außer acht lassen konnten und sich überhaupt darum kümmern, ob eine von Ihnen abhängige Person sich
in ihrer Stellung wohl fühlt, willige ich herzlich gern darein.
, Und wollen Sie mich auch von einer ganzen Reihe von Höflichkeitsformen und Phrasen freisprechen, ohne mich wegen solcher ,
Unterlassung der Nichtachtung zu zeihen?
,Ich werde einen Mangel an Konvention niemals mit Nichtachtung verwechseln. Ich selber sete mich gern über herkömmliche
Höflichkeit hinweg, und Nichtachtung würde sich wohl kein Freigeborner bieten lassen, nicht einmal um eines Lohnes willen.
,Papperlapapp! unterbrach er mich. ,Die meisten Freigebornen - wie Sie sich ausdrücken - ertragen um eines Lohnes
willen alles. Davon verstehen Sie nichts. Beschränken Sie Ihr
Urteil also nur auf sich selbst, aber verallgemeinern Sie es nicht.
Indessen mein Komplimentl wenn auch unzutreffend, war Ihre
Antwort doch frank und frei. Unter dreitausend frisch von der
Schule kommenden Gouvernanten würden keine drei mir so geantwortet haben. Doch ich will Ihnen nicht schmeicheln. Wenn
die Natur Sie in eine andere Form gegossen hat als die Durchschnittsmenschen, so ist das nicht Ihr Verdienst. Sie können deswegen doch unzählige Mängel und Fehler haben.
,Sie ebenfalls, dachte ich bei mir, und er las wohl diesen Gedanken in meinem Blick; denn er fuhr fort:

,Sehr richtig, ich habe selber viele Fehler. Will sie auch nicht
beschönigen. Gott weiß, ich wollte gegen andere nicht streng sein.

Im Alter von A Jahren schon wurde ich auf eine falsche Bahn
getrieben, und seit diesem Tage ist es mir bis heute noch nicht völlig
geglückt, den rechten Pfad wiederzufinden. Und doch hätte ich ebenso
gut und ebenso rein sein können wie Sie. Um Ihren Seelenfrieden
und um Ihr reines Gewissen sind Sie zu' beneiden. Mein Fräulein,
eine Erinnerung ohne dunkeln Fleck, ohne Vorwurf - das ist ein
unsagbar großer Schatz. Ja, ja, im großen ganzen hatte mich
die Natur auch zu einem guten Menschen bestimmt, Fräulein Eyre,
und doch bin ich es nicht geworden, wie Sie sehen. Aber nur die
Umstände sind dran schuld, nicht mein eigner Hang. Nun meinen
Sie - wenigstens lese ich das in Ihrem Blicke - ich hätte eben
stärker sein sollen als die Verhältnisse -- aber das bin ich eben
nicht gewesen. Ich geriet beim ersten Unglück in Verzweiflung und
artete aus. Nun ist es mir nicht mehr vergönnt, mit lasterhaften
Dummköpfen ins Gericht zu gehn, denn ich muß mir immer sagen,
ich bin selbst nicht besser gewesen. O, Fräulein Eyre, wenn einmal
die Versuchung an Sie herantritt, tun Sie nichts, was Ihnen Gewissensbisse verursachen könnte. Gewissensbisse sind das bitterste
Gift, das es gibt.
,Herr Rochester, wenn Sie Ihre Unvollkommenheit beklagen,
antwortete ich, ,so haben Sie doch bereits das Bestreben, sich davon
zu heilen. Es muß Ihnen also mit der Zeit möglich werden, so zu
sein, wie Sie selbst es wünschen, wenn Sie es nur ernstlich versuchen. Wenn Sie vom heutigen Tage ab den festen Entschluß fassen,
in Taten und Gedanken besser zu werden, so würden Sie in wenigen
Jahren einen neuen Vorrat an Erinnerungen haben, die Sie jederzeit mit Freuden heraufbeschwören könnten. Doch lassen Sie es genug sein, Herr Rochester, mit diesem Gespräch. Ich kenne Ihre Vergangenheit nicht - ich weiß nichts von Ihrem Herzen. Ich tappe
völlig im Dunkeln, und wie soll' ich da ein einigermaßen richtiges
Urteil abgeben?
,Dennoch war Ihre Ansicht wieder sehr treffend, erwiderte
er. ,Wohin wollen Sie?
,Adele zu Bett bringen. Es ist neun Uhr.

,Ah, weil ich Ihnen neulich um dieselbe Stunde einen Vorwurf
draus machte, daß Adele noch wach war? Heute aber ist sie nicht
müde. Sie lachen wohl niemals, Fräulein Eyre? Doch ja, Sie
lachen wohl selten, aber Sie können doch sehr fröhlich lachen. Von
Natur sind Sie ebensowenig unfreundlich wie ich lasterhaft. Sie
stehen nur noch unter dem Zwang von Lowood und fürchten sich, Sie
könnten zu herzhaft lachen, zu frei sprechen, sich zu lebhaft bewegen.
Aber mit der Zeit werden Sie es lernen, sich mir gegenüber ganz
natürlich zu geben. Ich muß sagen, mir ist es auch ganz unmöglich,
mit Ihnen formell zu verkehren. Wenn ich Sie ansehe, ist mir
manchmal, als sähe ich einen Vogel hinter den Stäben eines Käfigs.
Wenn er frei wäre, würde er sich hoch in die Lüfte schwingen. --
Nun gut, bringen Sie Adele zu Bett, aber kommen Sie noch einmal
zurück. Sie kennen meine Vergangenheit nicht und sollen wenigstens
ein Stück davon erfahren - ein Stück, das für Sie als Lehrerin des
Kindes schließlich wissenswert ist.
Ich ging, und als ich wiederkam, fuhr er also fort: ,Fräulein
Eyre, Adele ist die Tochter einer Tänzerin, die ich vor Jahren innig
geliebt habe. Und ich glaubte, sie liebe mich auch trotz meiner Häßlichkeit. Allein es lag ihr nur daran, sich meinen Reichtum zunutze
zu machen. Und in der Tat war ich auf dem besten Wege, mich
ihretwegen zu ruinieren, wie es einem aristokratischen Leichtfuß zukam, bis ich eines Abends entdeckte, daß sie mich betrog. Da machte
ich kurzen Prozeß und verließ sie. Kurze Zeit darauf ging sie mit
einem verkommenen Sänger nach Italien und ließ ihr Töchterchen
Adele zurück. Gewiß, man hätte das Kind in ein Waisenhaus schicken können; aber eine gutmütige Regung veranlaßte mich, es
zu mir zu nehmen und bei mir zu behalten. Wie denken Sie nun?
Werden Sie sich nach einer andern Schülerin umsehen?
,Keineswegs, antwortete ich. ,Adele kann nichts für die
Sünden Ihrer Mutter; und jetzt, wo ich den Ursprung ihrer kleinen
Untugenden besser kenne als bisher, wo ich weiß, daß sie gewissermaßen elternlos ist - verlassen von ihrer Mutter - verleugnet
von ihrem Vater -- da werde ich sie nur noch lieber haben.
,In diesem Lichte sehen Sie also die Sache an?' versetzte er in
mürrischem Tone. ,Hm. Sie lieben Adele, und Sie lieben Ihre
neue Umgebung. Sie lieben diesen bleiernen Himmel, diese Ruhe,
diese Erstarrung, diese erfrorene Welt. Sie lieben Thornfield-
sein ehrwürdiges Aussehen, seine Einsamkeit. Und ich - ich verabscheue es -» setzte er hinzu, wie zu sich selbst sprechend, - ,wie
ein von der Pest befallenes Haus.
Er schwieg. Schmerz, Scham und Wut - Ungeduld, Ekel und
Abscheu schienen in diesem Moment einen grimmigen Kampf in
seinen großen Augen zu halten, über denen die hohen schwarzen
Brauen sich wölbten. Sein Gesicht nahm einen starren Ausdruck
an, der nach einer Weile einem weichen Zuge Platz machte.
,Ich habe eine Sache mit meinem Schicksal ausgefochten, Fräulein, murmelte er dann. ,Eine Hexe schwebte an mir vorüber und
fragte mich: ,Könntest Du Thornfield auch lieben? Sie fragte es
höhnisch, in gehässigem Triumph. ,Liebe es, wenn du kannst, wenn
du den Mut dazu hast!- Und jetzt antworte ich ihr: ,Ja, ich
habe den Mut dazu. Ich will Thornfield so machen, daß ich es lieben
kann! Ich will jedes Hindernis, das sich meinem Glück, meiner
Besserung in den Weg stellt, zertrümmern - ich will ein besserer
Mensch werden, als ich war.

Er starrte vor sich hin. Mir war unbehaglich zumute, denn ich
wußte wahrlich nicht, was ich dazu sagen, noch wie ich überhaupt
seine Worte verstehen sollte. Er bemerkte mein verlegenes Schweigen,
sah mich an, winkte mit der Hand und sagte: ,Ja, gehen Sie! Ein
andermal mehr davon!'
Ich lag in dieser Nacht lange wach. Tausend Gedanken kreuzten
mein Gehirn und ließen mir keine Ruhe. Ich vergegenwärtigte mir
jedes Wort, das Herr Rochester zu mir gesprochen hatte. Ich sann
über die Geschichte Adelens nach, ich grübelte über die Bedeutung
seines letzten Bekenntnisses nach. Aber alles erschien mir schließlich
doch als ein vorderhand noch unergründliches Rätsel. Ob ich dann
über diesen Betrachtungen doch eingeschlummert bin, kann ich nicht
sagen; jedenfalls fuhr ich plötzlich erschrocken auf, denn ich vernahm
ein unheimliches Knurren gerade über meinem Kopfe. Zuerst dachte
ich, es könnte der Hund sein, ich beruhigte mich wohl auch dabei
und schlief wieder ein wenig ein. Doch ein Geräusch an meiner Tür
schreckte mich von neuem auf. Ich fuhr empor, an allen Gliedern
schallen. Das Kopfende meines Bettes war dicht neben der Tür. Es
kam mir daher im ersten Augenblick so vor, als erschalle der furchtbare Laut unmittelbar neben mir. Ich konnte jedoch nichts sehen,
sprang rasch aus dem Bett und riegelte die Tür zu.
,Wer ist da? rief ich.
Nun hörte ich ein Gurgeln und Stöhnen Schritte huschten
auf dem Gange entlang und verloren sich die Treppe hinauf, dem
dritten Stockwerk zu. Eine Tür wurde geöffnet und geschlossen, dann
war alles still.
,Das war Grace Poole, dachte ich. ,Sie ist wohl gar vom
Teufel besessen.
Nun konnte ich nicht länger zaudern, ich mußte hinaus; eilig
warf ich mir Kleid und Umschlagetuch über und trat auf den Korridor. Auf dem Läufer stand ein brennendes Licht. Das wunderte
mich, aber noch größer war mein Befremden, als ich gewahrte, daß
die Luft voll Rauch war und ein starker Brandgeruch sich bemerkbar
machte. Ich lief den Korridor entlang und stand binnen kurzem
vor einer halboffenen Tür, aus der die Rauchwolken hervorkamen.
Es war Herrn Rochesters Zimmer. Ich dachte nicht mehr an
Grace Poole und gab es auf, Frau Fairfax zu rufen. Hier galt es
rasch zu handeln. Ich trat ein. Schon züngelten Flammen um das
Bett, und die Vorhänge brannten. Herr Rochester lag regungslos
da - anscheinend in tiefem Schlafe.
,Auf! Auf!' schrie ich und rüttelte ihn. Mit einem schweren
Seufzer drehte er sich nur auf die andere Seite. Offenbar war er
schon halb betäubt. Die Bettücher fingen Feuer. Ich sah mich ratlos um. Mein Blick fiel auf den Waschtisch, und ich eilte dorthin.
Zum Glück war nicht nur der Krug, sondern auch die große Waschschüssel voll Wasser, das ich nun über das Bett und den darin Liegenden ausschüttete. Dann flog ich in mein Zimmer zurück und holte
auch von dort den Wasserkrug. So gelang es mir, das Feuer zu
unterdrücken. Das unfreiwillige Bad, das Krachen meines Kruges.
den ich fallen ließ, und das Zischen der verlöschenden Flammen
brachten Herrn Rochester zur Besinnung.

,Was geht hier vor? Regnet es durch? rief er.
,Es war ein Brand, Herr,' entgegnete ich. ,Stehen Sie auf
Sie sind ganz durchnäßt -- ich werde ein Licht holen.
,Im Namen aller Kobolde, murmelte er, ,ist das Johanna
Eyre? Was haben Sie da wieder angestellt, Sie Hexe? Haben Sie
mein Zimmer verzaubert?
,Stehen Sie nur auf -- es ist ein Anschlag gegen Ihr Leben
Sie können nicht rasch genug Schritte tun, den Brandstifter zu
ermitteln.
Nun war er vollends wach, und als ich mit einem Licht aus
meinem Zimmer wiederkam, stand er im Schlafrock da.
,Wer hat das getan? flüsterte er.
Ich erzählte ihm, was ich bemerkt, und daß ich Grace Poole im
Verdacht hätte. Er hörte ruhig zu, dann zog seine Stirn sich
in schmerzliche Falten, und er legte mir die Hand auf den Arm.
,Keinen Lärm weiter! sprach er in eindringlichem Tone.
,Hüllen Sie sich in den Mantel da und legen Sie Ihre Füße auf
den Stuhl, damit sie nicht naß werden. Ich werde Sie jetzt auf ein
paar Minuten allein lassen, rühren Sie sich nicht von der Stelle.
Das Licht nehme ich mit. Ich muß ins zweite und dritte Stockwerk hinauf und nachsehen, ob dort noch alles in Ordnung ist.
,Rufen Sie niemand, ich bitte darum.
Er ging und schien eine Ewigkeit fortzubleiben. Mir ward in
der tiefen Finsternis unheimlich zumute, und schon wollte ich Frau
Fairfax rufen, da sah ich das Licht näher kommen, und gleich darauf
kam er leise herein.
,Ich habe festgestellt, wie es geschehen ist, sagte er in sehr
niedergeschlagenem Tone. ,Es ist so, wie Sie vermutet haben.
Er verschränkte die Arme und sah schweigend zu Boden. ,Haben Sie
irgend jemand gesehen, als Sie Ihr Zimmer öffneten?
,Nein, antwortete ich, ,nur den Leuchter sah ich, der auf dem
Korridor stand.
,Aber Sie haben ein seltsames Lachen gehört?
,Das habe ich schon sehr oft gehört. Es ist eine Person hier
im Hause, die so lacht - Grace Poole heißt sie ?
,So? Sie meinen, es sei Grace Poole? murmelte er. ,Ja,
sie ist es- Sie haben es erraten. Nun, es weiß um diese Sache
niemand außer Ihnen, und Sie sind keine Plaudertasche. Behalten
Sie also alles hübsch für sich - für das angebrannte Bett hier werde
ich schon eine Erklärung finden. Es ist jetzt fast vier Uhr. In zwei
Stunden wird das Dienstpersonal aufstehen.
,Gute Nacht denn, Herr Rochester!
,Wie? Sie wollen mich verlassen? rief er erstaunt. ,Ohne
Abschied zu nehmen - ohne ein Wort des Mitgefühls - so ganz
trocken und kurzweg. Fräulein Johanna, Sie haben mir das Leben
gerettet - ohne Sie wäre ich elend verbrannt - Sie haben mich
vor einem entsetzlichen, qualvollen Tode bewahrt und nun wollen
Sie gehen, als seien wir uns ganz fremd. Reichen Sie mir wenigstens die Hand?
Er streckte die Hand aus; ich reichte ihm die meine, die er in
seine beiden Hände nahm.
,Sie sind meine Retterin, und es freut mich, daß ich Ihnen
zu Danke verpflichtet bin. Seltsam, es wäre mir höchst widerlich,
andern Menschen verpflichtet zu sein - Ihnen gegenüber ist es mir
keine Last.
Er sah mich an - eine plötzliche Rührung ergriff ihn tief, und
seine Lippen zitterten.
,Gute Nacht, Herr,r sprach ich leise. ,Sprechen Sie nicht von
Verpflichtung, von Wohltat, von Schuld all' dies ist ja hier nicht
der Fall. Ich tat, was ich tun mußte - ich hätte es jedem andern
auch erwiesen.
,Seltsam, seltsam, antwortete er, wie mit sich selbst redend,
,vom ersten Augenblick an hatte ich das Gefühl, als würden Sie mir
noch einmal Gutes tun. Ich las es in Ihren Augen - ich spürte
es in Ihrem Lächeln, das mich bis in die tiefsten Winkel meiner
Seele erwärmte. Ich habe einmal von Schutzengeln gehört - und
in der Tat, in den tollsten Märchen steckt doch ein Körnchen Wahrheit! Nun denn, gute Nacht, meine Lebensretterin!
Aber er hielt noch immer meine Hand fest, und ich konnte sie,
nicht losmachen.
,Ich glaube, Frau Fairfax kommt, sagte ich in meiner Verlegenheit.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlummer mehr. Seine Worte
brausten mir in den Ohren - seine Blicke brannten vor meinem
geistigen Auge wie Feuer.

Ich fürchtete mich am andern Morgen fast davor, Herrn Rochester zu begegnen-- und doch konnte ich es nicht erwarten, ihn
zu sehen - seine Stimme zu hören - in seine Augen zu schauen.
Aber er erschien nicht. Die Dienstboten räumten in seinem Zimmer
auf und erzählten sich, der gnädige Herr habe bei einer Kerze gelesen und sei drüber eingeschlafen. - ,Was für ein Glück, daß er
noch rechtzeitig munter wurde und an den Wasserkrug dachte!
sagte Lea.
Als ich diese Worte hörte - ich ging gerade auf dem Korridor
vorbei - trat ich in die halb offene Tür und sah hinein. Es war
schon wieder alles in der alten Ordnung. Nur am Bett fehlten noch
die Vorhänge. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich außer
Lea noch Grace Poole im Zimmer erblickte! Sie saß neben, dem
Bett und nähte neue Gardinen an.
Sie saß ruhig und schweigsam da, als wenn nichts geschehen
wäre. Sie schien an nichts als an ihre Arbeit zu denken; auf ihrer
harten Stirn, in ihren groben, fast ausdruckslosen Zügen war keine
Spur von Erinnerung an die Vorgänge der verflossenen Nacht zu
entdecken. Und doch war ich überzeugt, daß sie es getan - und doch
war Herr Rochester ihr in ihren Schlupfwinkel gefolgt und hatte
sie doch sicherlich zur Rede gestellt! Sie mußte auch wissen, daß ich
von allem unterrichtet sei, sie mußte meinen Ruf vernommen und das
Oeffnen meiner Tür gehört haben.
,Guten Morgen, Fräulein, sagte sie in ihrer ruhigen, phlegmatischen Manier.
,Guten Morgen, Grace! Was ist denn hier geschehen?
fragte ich.
,Der Herr hat gestern abend im Bett gelesen und ist eingeschlafen, da fingen die Vorhänge Feuer; aber er hat es noch löschen
können, erzählte sie mir mit der größten Ruhe von der Welt.

,Seltsam!' antwortete ich leise und sah sie fest an. ,Hat Herr
Rochester niemanden geweckt? hat kein Mensch ein Geräusch gehört
-- das kann doch nicht ganz ohne allen Lärm abgegangen sein.
Sie blickte mir ins Gesicht, und diesmal war es mir, als läge
ein Ausdruck des Schuldbewußtseins in ihren Augen. - ,Sie wissen
Fräulein, erwiderte sie dann, ,die Dienstboten schlafen abseits.
Frau Fairfax ist schwerhörig. Und Sie scheinen ja auch nichts
hört zu haben, Ihre beiden Zimmer aber liegen noch am nächsten.
Oder haben Sie etwa doch was gehört?
,Ja, sagte ich ganz leise, so daß Lea, die die Fenster putte.
es nicht hören konnte. ,Erst glaubte ich, es sei der Hund, aber ein
Hund kann nicht lachen - und ein Lachen war's, was ich hörte -
ein recht absonderliches Lachen.
Sie fädelte einen neuen Faden ein und antwortete wieder mit
der größten Ruhe: ,das kann freilich auch der gnädige Herr nicht
gewesen sein, denn wer möchte wohl in solcher Gefahr lachen? Sie
müssen geträumt haben, Fräulein.
Ihre eiserne Ruhe brachte mich auf. Ich wollte sehen, wie weit
sie es noch treiben würde.
,Ich habe nicht geträumt, versetzte ich in eindringlichem Tone.
Sie sah mich ganz ruhig, aber forschend an.
,Haben Sie dem gnädigen Herrn etwas von diesem Lachen
erzählt? fragte sie.
,Ich habe ihn heute morgen noch nicht gesehen, erwiderte ich.

,Es ist hier jahrelang nichts passiert, sagte sie, weiternähend.
,Die Gegend ist sicher, und man hört nie von Diebsgesindel. Es
ist daher wohl nicht anzunehmen, daß ein Einbruch versucht worden
sei, obwohl in der Silberkammer für mehrere hundert Pfund
Silberzeug liegt. Sie sehen ja auch, der Herr unterhält nur wenig
Dienstpersonal hier. Dennoch wäre wohl größere Vorsicht angebracht.
Ich war starr über diese Frechheit und Heuchelei. Die Köchin
kam herein und rief die Dienstleute zum Mittagessen. Lea und
Grace Poole legten ihre Arbeit zur Seite und gingen hinaus.
Der rätselhafte Charakter dieser Näherin beschäftigte mich so
sehr, daß ich während des Mittagessens nur mit halbem Ohr hörte.
was Frau Fairfax mir über den vermeintlichen Vorhangbrand
zu erzählen hatte. Daß Herr Rochester diese Person nach einem
solchen Vorkommnis, da doch an ihrer Schuld kaum zu zweifeln
war, nicht sofort aus dem Hause jagte, war mir unbegreiflich. Welchen geheimnisvollen Anlaß hatte er, sie nicht der Behörde anzuzeigen? Weshalb hatte er auch mir befohlen, Verschwiegenheit zu
wahren? Was war ihm Grace Poole, daß dieser offenbar so
energische und selbstherrliche Edelmann es nicht wagte, ihr die
verdiente Strafe zukommen zu lassen? Ja, wenn sie jung und schön
gewesen wäre, dann hätte man noch Vermutungen über irgendwelche tiefer liegenden Gründe anstellen können - aber Grace Poole
war alt und grundhäßlich.
Adele kam herein und brachte mich von diesen Gedanken ab;
dennoch war ich nur halb bei der Sache.

Es wurde Abend, und ich bekam Herrn Rochester den ganzen
Tag nicht zu sehen. Zuerst hatte ich mich gefürchtet, ihm zu begegnen;
jetzt verdroß mich sein Fernbleiben. Bei jedem Schritt glaubte ich,
er müsse es sein, doch immer war es nur eine der Frauen. Auch
am Abend blieb ich allein mit Frau Fairfax.
,Es ist wunderschönes Wetter heute,' sagte sie, als sie das
Fenster schloß. ,Besser kann sich's Herr Rochester für seine Reise
nicht wünschen.
,So ist er verreist? rief ich in größerm Erstaunen, als ich
auszudrücken wünschte. ,Das wußte ich nicht.
,Ja, schon frühmorgens ist er aufgebrochen. Er besucht Herrn
Eshton, dessen Besitzung etwa zehn Meilen entfernt ist. Es ist große
Gesellschaft dort.
,Da wird er wohl heute abend nicht nach Hause kommen?
,Nein. Voraussichtlich bleibt er eine volle Woche weg. Wenn
diese Herrschaften zusammenkommen, vergnügen sie sich immer
mehrere Tage lang. Herr Rochester ist auch allgemein beliebt, namentlich die Damen finden ihn interessant.
,Sind dort jetzt auch Damen?
,Ich denke doch -- wenigstens pflegen sie bei solchen Gesellschaften nie zu fehlen. Frau Eshton selbst hat drei Töchter, und
dann wird Lady Ingram da sein, die hat zwei - Mary und Blanche,
die letztere ist eine berühmte Schönheit, etwa vierundzwanzig Jahre
alt, groß, mit vollem dunkelm Haar und strahlenden Augen, wie
eine Spanierin, wissen Sie.
,Und noch unverheiratet trotz ihrer Schönheit?
,Mein Gott, sie haben nicht viel Geld, die Ingrams.
,Es gibt doch aber viel Edelmänner, die selbst Geld genug haben
und keine reiche Frau zu nehmen brauchen. Herr Rochester selbst zum
Beispiel -
,Er ist schon fast vierzig, und sie erst vierundzwanzig, wie ich
eben sagte.

,Das ist doch noch kein allzu großer Unterschied, sagte ich, die
Augen niederschlagend.
,Schon wahr, aber ich glaube nicht, daß Herr Rochester an Heiraten denkt. Allein Sie essen ja gar nichts. Seit Sie sich an den
Teetisch gesetzt, haben Sie noch nichts zu sich genommen.
Ich zwang mich zu essen und zu trinken und verabschiedete mich,
sobald es tunlich war. Als ich allein war, dachte ich nach über das,
was ich gehört hatte. Ich bemühte mich ernstlich, meine Phantasie,
die sich während der letzten Stunden ins Land närrischer Wünsche
und Hoffnungen verirrt hatte, mit fester Hand in die stille Bahn
der Vernunft zurückzulenken. Und endlich vermochte ich mir selbst
die Ueberzeugung einzuflößen, daß ich eine Törin sei, wenn ich
glaubte, Herrn Rochester zu gefallen, daß ich mit Schönheiten wie
Blanche Ingram niemals wetteifern könne. Was mir Herr Rochester
in der verflossenen Nacht gesagt, dachte ich bei mir, das sei wohl nicht
auf die Goldwage zu legen. Er sprach in der Erregung des Augenblicks, im Ueberschwang einer natürlichen Dankbarkeit.
,Kein Weib tut gut daran, schloß ich meine Betrachtungen,
,sich von einem Höherstehenden schmeicheln zu lassen, wenn er unmöglich die Absicht haben kann, sie zu heiraten. Jede Frau begeht
eine Torheit, wenn sie eine heimliche Liebe nährt und überhandnehmen läßt, die unerwidert bleiben und ihr Leben verzehren muß.
Entschlage dich all solcher unsinnigen Ideen, die dir nicht zukommen.
Ich hielt Wort. Mein Entschluß blieb fest und machte es mir
möglich, ben Ereignissen, die nun folgten, mit großer Ruhe zu begegnen. Hätten sie mich unvorbereitet getroffen, so würde ich wahrscheinlich alle Fassung verloren haben.



Ein volles Haus.
Während einer vollen Woche blieben wir ohne Nachricht von
Herrn Rochester. Frau Fairfax rechnete schon damit, daß er vielleicht ein volles Jahr wegbleiben würde; denn schon oft habe er
Thornfield-Hall ohne jede vorherige Ankündigung ganz plötzlich und
auf sehr lange Zeit verlassen. Wider Willen hatte ich bei dieser Mitteilung das Gefühl, als wenn mein Herz stillstände; eine niederschmetternde Enttäuschung überkam mich. Ich raffte mich jedoch auf
und wiederholte mir, daß ich nichts weiter mit dem Besitzer von
Thornfield zu tun hätte, als das Gehalt von ihm anzunehmen, das
er mir für die Erziehung seines Mündels bewilligte. Ein weiteres
Band zwischen uns gäbe es nicht - wenigstens keins, das er anerkennen würde. ,Er ist nicht von deiner Art, drum bleibe bei deinesgleichen und hege zuviel Achtung vor dir selbst, um deine Liebe
dorthin zu wenden, wo sie nicht erwartet und, wenn bemerkt, verschmäht wird.
Vierzehn Tage waren verflossen, da erhielt Frau Fairfax einen
Brief von Herrn Rochester. Sie las ihn beim Kaffee; ich wartete voll
Spannung und zwang mich mühsam zur Ruhe. Die gute Dame las
das Schreiben für sich, faltete es sorgsam zusammen und steckte es
in die Tasche. Dann trank sie ihren Kaffee weiter. Es war das
erste Mal, daß sie nicht mitteilsam gelaunt war -- und ich verging
vor Ungeduld und Neugierde. Indem ich mich mit Adele beschäftigte,
warf ich, so oberflächlich wie möglich, die Frage hin: ,Will. Herr
Rochester denn nun so lange bleiben, wie Sie vermuteten?
,Nein, in drei Tagen kommt er wieder also Donnerstag
und zwar nicht allein. Ich weiß nicht, wie viele Gäste er mitbringt,
aber er schreibt, die besten Fremdenzimmer sollten sofort in Ordnung
gebracht werden. Die Damen werden mit ihren Kammerzofen, die
Herren mit ihren Dienern herkommen, und wir werden ein volles
Haus haben.
Sie beendete rasch ihre Mahlzeit und eilte fort, ihre Anordnungen zu treffen. Nun begann eine eifrige Tätigkeit, und wenn ich
bisher stets geglaubt hatte, in Thornfield-Hall seien alle Zimmer
in bestem Stande, so irrte ich mich, denn sie wurden nun so gründlich gesäubert, als wenn sie das ganze Jahr über nicht berührt worden
wären. Da wusch man Tapeten und Fußböden, Fenster und Oefen,
da polierte man die Möbel, die Spiegel, die Kronleuchter, da lüftete
man Betten, da klopfte man Teppiche und Polstersachen. Das ganze
Haus war im Aufruhr, und wo man ging und stand, begegnete man
Scheuerfrauen oder lief gegen volle Wassereimer, gegen Besen und
Klopfer an. In der Küche ging es bereits ebenso hoch her; da
wurden Kuchen und Kompotte bereitet, da wurde Wildbret gespickt,
da wurden Schüsseln und Töpfe gefüllt.
Das Empfangsdiner war auf Donnerstag sechs Uhr bestellt.
Auch ich beteiligte mich an der Arbeit und fand daher wenig Zeit.
meinen Gedanken nachzuhängen. Am Mittwoch abend war alles
fertig, die Gäste konnten einziehen. Adele war nun nicht mehr zu
halten; alle Schularbeit, alles Lernen ward vergessen, sie lief den
ganzen Donnerstag über treppauf und treppab, guckte in alle Zimmer und eilte oft hinaus in den Park, um nach den Wagen auszuschauen.
Es war ein schöner Märztag gewesen, dem ein warmer Abend
folgte. Wir hatten den Kutscher vor das Tor hinausgeschickt, um
Ausschau zu halten. Es war schon sechs Uhr vorüber, als er die
Meldung brachte, die Wagen seien in Sicht. Adele sprang ans
Fenster, und ich stellte mich behutsam hinter sie. Von meinem Play
aus konnte ich alles sehen, ohne selbst sichtbar zu sein.
Vier Reiter sprengten den Parkweg daher, zwei offene Wagen
folgten ihnen. Die vordersten zwei Reiter waren junge elegante
Herren, der dritte war ältlich und korpulent; der vierte war Herr
Rochester selbst. Ihm zur Seite ritt eine Dame, die einzige, die zu
Pferde war: ihr dunkelrotes Reitkostüm wehte im Winde, ein langer
Schleier umschwebte sie wie eine Wolke. Fröhliches Lachen erscholl
gleich darauf in der Halle; die tiefen Stimmen der Herren mischten
sich in die hellen Laute der Damen. Adele wollte durchaus hinunter
und den Gästen guten Abend sagen; nur mit Mühe konnte ich ihr begreiflich machen, daß sie das ohne Erlaubnis des Herrn Rochester
nicht tun dürfe. Sie weinte natürlich; da ich sie aber wegen ihrer
Ungeduld ernsthaft zurechtwies, beruhigte sie sich schließlich. Ich erzählte ihr nun Geschichten, und wir hörten in unserer Einsamkeit
nichts weiter als das Zuschlagen von Türen, das Klirren von Geschirr und hin und wieder undeutliche Stimmen. Sehr spät am
Abend erklang Musik aus dem Salon, eine Dame sang mit weicher,
süßer Stimme, und dann sang eine Männerstimme. Ich legte die
Hand auf mein Herz, das unwillkürlich höher schlug: denn ich erkannte Herrn Rochesters Stimme.
Adele lehnte den Kopf an meine Schulter und schlummerte ein.
Ich brachte sie zu Bett und blieb allein noch wach. Es war fast ein
Uhr, als die Herren und Damen sich auf ihre Zimmer begaben. Am
folgenden Tage unternahmen die Herrschaften eine Spazierfahrt;
von den Damen saß wieder nur die eine -- es war Blanche Ingram - zu Pferde, und Herr Rochester ritt abermals an ihrer
Seite. -
,Sie meinten, Herr Rochester dächte nicht daran, Fräulein Ingram zu heiraten,' sagte ich zu Frau Fairfax, ,Er zieht sie doch
sichtlich allen andern Damen vor.
,Nun, sie gefällt ihm eben, antwortete die gute Alte. ,Uebrigens können Sie sie heute abend auch einmal aus der Nähe betrachten. Ich sagte dem gnädigen Herrn, daß Adele den Damen vorgestellt zu werden wünschte, und er läßt Ihnen sagen, Sie möchten
die Kleine heute in den Salon führen.
,Das hat er wohl nur so aus Höflichkeit gesagt, erwiderte
ich. ,Sicherlich brauche ich nicht mitzukommen.
,Nein, nein, rief sie, ,ich sagte nämlich, Sie würden wohl nicht
gern vor einer so großen Gesellschaft erscheinen, aber er sagte ausdrücklich, es sei sein besonderer Wunsch, daß Sie Adele begleiten
möchten, und wenn Sie fernblieben, würde er Sie einfach holen.
Wissen Sie, wie Sie es machen müssen? Während die Herrschaften
noch bei Tische sind, gehn Sie in den Salon und suchen sich einen
stillen Winkel aus. Dann vermeiden Sie das peinliche Eintreten,
wenn alles schon dort ist. Wenn Herr Rochester nur gesehen hat,
daß Sie dort sind, so wird er zufrieden sein und Ihnen keine weiteren
Unannehmlichkeiten verursachen. Später können Sie dann die erste
Gelegenheit benützen hinauszuschlüpfen.
Diesen Rat befolgte ich. Adele und ich saßen nun schon ein
Weilchen in einer Ecke, während die Damen und Herren noch in
fröhlichem Geplauder im Speisezimmer weilten. Plötzlich wurde die
schwere Portiere zurückgezogen, das Innere des Eßzimmers wurde
sichtbar. Im hellen Schimmer der Kronleuchter sah ich auf einen
Augenblick die blendende, von silbernem Gerät funkelnde Tafel; dann
trat eine Gruppe von Damen in den Salon. Es waren ihrer acht -
in weißen Toiletten. Sie zerstreuten sich im Zimmer und lachten
und schwatzten laut durcheinander. Ich stand ein paarmal auf und
verneigte mich vor den Eintretenden; sie nahmen aber fast gar keine
Notiz von mir. Einige warfen sich auf die Polstersessel, einige neigten
sich über die Blumen oder blätterten in Büchern, die andern setzten
sich um den Kamin. Erst später lernte ich ihre Namen kennen.

Frau Eshton war eine ältliche, doch noch schöne Dame; sie hatte
zwei Töchter, Amy und Luise; die erstere war klein und fast kindlich
von Wesen, doch im Aeußern schon sehr entwickelt; die zweite war
groß und elegant. Dann war da Lady Lynn -- eine große, korpulente Person, mit Diamanten im dunklen Haar, beispiellos hochmütig. Weniger auffallend war Frau Oberst Denn, aber mir erschien sie eben darum vornehmer; ihr schlichtes Atlaskleid gefiel mir
besser als alle Diademe der stolzen Adeligen. Die drei hervorragendsten Damen aber waren Lady Ingram und ihre beiden Töchter Mary
und Blanche. Die Mutter mochte fünfzig Jahre alt sein, imponierte
aber noch immer durch ihre gut erhaltene Erscheinung; auch ihr Gesicht trug den Stempel eines übergroßen Dünkels. Die beiden Töchter waren groß und schlank, Mary ein wenig zu hager, Blanche aber
war eine königliche Gestalt. Sie hatte prachtvolle Schultern, einen
graziösen Hals, eine volle Brust, reiches dunkles Haar und große,
dunkle Augen. Sie hatte den etwas gelblichen Teint einer Südländerin bei einer Britin eine große Seltenheit. Aber ihre Schönheit
hatte nichts Erwärmendes; sie ließ den Beschauer kalt, und eine
innere Stimme sagte mir bei ihrem Anblick sogleich, Herr Rochester
könne diese Dame nicht lieben. Wenn er sie heiratete, so würde es
nur aus Standesrücksichten oder aus andern konventionellen Gründen geschehen, der Stimme seines Herzens folge er nicht dabei.
Als die Damen eingetreten waren, erhob sich Adele, trat vor sie
in, machte einen Knicks und sagte mit ihrer zierlichen Stimme:
,Guten Abend, meine Damen!
,Ach, was für ein niedliches Püppchen!r rief Fräulein Blanche.
,Vermutlich Herrn Rochesters Mündel,'' sagte Lady Lynn und
musterte sie von oben herab.
Frau Oberst Denn nahm sie bei der Hand und rief: ,Ein reizendes Kind!'

Die Damen nahmen sie schließlich in die Mitte, und sie wanderte nun von Hand zu Hand.
Dann traten die Herren ein. Die beiden Brüder Henry und
Frederick Lynn waren sehr elegante junge Stuter. Oberst Denn war
eine echt militärische Erscheinung. Herr Eshton, ein Magistratsbeamter, sah sehr vornehm aus, denn er hatte schneeweißes Haar und
einen noch ganz schwarzen Schnurrbart. Lord Ingram war ebenso
groß, doch nicht so schön wie seine Schwestern; er machte einen etwas
beschränkten Eindruck.
Nun sah ich auch Herrn Rochester wieder, und so sehr ich mich
auch bemühte, ihn ganz ruhig anzusehen, ich vermochte es nicht.
Mein Herz klopfte zum Zerspringen, meine Hände zitterten. Ich
dachte an jene Nacht zurück, wo er fast zärtlich zu mir geworden war.
Und wie fern stand er mir jetzt, wie fremd erschien er mir! Ich erwartete nicht einmal, daß er zu mir kommen würde, mich zu begrüßen. Er sah mich denn auch nicht an, sondern nahm sich einen
Stuhl und begann ein Gespräch mit ein paar Damen.
Als ich bemerkte, daß er keinen Blick für mich hatte, betrachtete
ich ihn mit Muße. Wie wohl tat es mir trot alledem, ihn wiederzusehen. Ich empfand daran eine köstliche, schmerzliche Freude. Wie
wahr ist es doch, daß die Schönheit im Auge des Beschauers liegt.
Das olivenfarbene Gesicht meines Brotherrn, seine hohe, eckige
Stirn, seine dicken, schwarzen Brauen, seine dunkeln Augen, sein
fester, strenger Mund, das alles war nach den Regeln der Schönheit
gewiß nicht schön; aber für mich war sein Gesicht mehr als schön. Ich
hatte mir vorgenommen, ihn nicht zu lieben; ich war bemüht, den
Keim einer solchen Neigung mir aus der Seele zu reißen - und doch
lebten alle Gefühle in mir wieder auf, nun ich ihn wiedersah! Je
mehr er mich ignorierte, um so mehr mußte ich ihn lieben.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die kecke Anmut
der Gebrüder Lynn, was die fade Eleganz Ingrams, die militärische
Schneidigkeit Dents gegen die ruhige, vollsäftige Kraft Rochesters.

Ich sah diese Herren lächeln und lachen: es kam mir vor wie das
Geklirr tönerner Schellen. Ich sah Rochester lächeln, und seine harten
Züge wurden weich, sein strenges Auge sanft, die Wärme seines Gefühls ging mir zu Herzen. ,Er ist aus anderm Stoff als diese
Gecken, dachte ich bei mir. ,Sie wissen den Zauber seiner Persönlichkeit nicht zu würdigen. Ich weiß, er ist durch die breite Kluft des
Ranges und Reichtums von mir geschieden, aber ich fühle mich doch
ihm wahlverwandt. Mein Geist hat etwas dem seinen Gleiches.
Wohl weiß ich, ich muß meine Gefühle verbergen und alle Hoffnung
töten. Er kann nur wenig Interesse für mich hegen. Aber wir haben
beide etwas miteinander gemein, wir sympathisieren in vielen Ansichten und Empfindungen. Wir sind wohl für ewig getrennt -
und doch werde ich ihn lieben müssen, solange ich lebe.

Man reichte den Kaffee herum. Eine anregende Unterhaltung
herrscht bei den verschiedenen Gruppen oder Paaren. Oberst Dent
plaudert mit Herrn Eshton über Politik: Lady Lynn und Lady Ingram erzählen sich einige interessante Klatschgeschichten. Frederick
Lynn sitzt neben Mary Ingram; sie betrachten eine Mappe voll
Kupferstiche. Lord Ingram hat sich zu Amy Eshton gesellt, deren
Lebhaftigkeit seinem Phlegma gefällt. Henry Lynn sitzt zu Füßen
Luisas und hat Adele zu sich gezogen. Nur Blanche Ingram steht
noch allein - aber nicht lange, dann tritt sie zwanglos zu Herrn Rochester, der - auch für sich allein - am Kamin lehnt.
aIch glaubte, Sie seien kein Kinderfreund, Herr Rochester?
sprach sie und setzte sich ihm gegenüber.
,Bin ich auch nicht.
,Aber Sie haben doch dieses Püppchen, die Adele, hier.
,Ist mir nun einmal aufgebündelt worden.
,Sie haben eine Erzieherin für sie engagiert. Wenigstens sah
ich eben eine Person, die so recht gouvernantenhaft ausschaute. Ist
sie nicht hier? Ja, dort am Fenster sitzt sie. Jenun, Sie müssen
ihr doch wohl Lohn zahlen und sie auch beköstigen, das kommt ungefähr ebenso teuer, als wenn Sie Adele in die Schule schickten. Und
Sie haben obendrein noch Kind und Gouvernante immer um sich,
was Ihnen gewiß lästig ist.
,Das habe ich freilich nicht bedacht.
,Ihr Männer seid meistens unbedacht. Sie müßten mal meine
Mama über das Kapitel der Gouvernanten fragen. Wir können ein
Liedchen davon singen und danken Gott täglich, daß wir jetzt davon
verschont sind. Doch genug davon! Es weilt eine Vertreterin dieser
Berufsgattung, dieser leibhaftigen Plage, hier im Zimmer, da wollen
wir nicht weiter darüber reden. Sind Sie heute bei Stimme, Herr
Rochester?
,Wenn Sie befehlen, werde ich es sein.
Fräulein Ingram setzte sich ans Klavier, ordnete den Faltenwurf ihrer schneeweißen Robe um sich her und begann, während sie
weiter plauderte, ein brillantes Vorspiel. Sie hatte ohne Zweifel
ihren guten Tag, denn ihre Worte wie ihre Gebärden erregten die
Bewunderung ihrer Zuhörer.

,Ach, über die jungen Männer von heute!' rief sie. ,Krank,
verzärtelt, mutlos sind sie alle. Sie wagen sich ohne Mamas Erlaubnis keinen Schritt über den elterlichen Park hinaus. Ihre ganze
Sorge ist, blasse Gesichter und weiße Hände zu behalten. Ein Mann
braucht gar nicht schön zu sein, wenn er nur ein rechter Mann ist,
meinen Sie nicht auch, Herr Rochester? Ein Mann braucht nur
Kraft, Mut, Tapferkeit zu besitzen. Sein Wahlspruch soll sein:
Kampf und Sieg! Singen Sie ein Kosarenlied, Herr Rochester, ich
begleite Sie.
,Wie Sie befehlen, lautete die Antwort, und ihr Partner begann zu singen.
,jetzt ist meine Zeit gekommen, mich davonzuschleichen,' dachte
ich, aber die Töne, die nun erklangen, hielten mich wider Willen zurück. Herr Rochester hatte einen weichen, vollen Baß, in welchem all
seine Gefühlstiefe zum Ausdruck kam. Ich wartete, bis der letzte
Ton verhallt war, und während der Beifall erscholl, erhob ich mich
und schlüpfte hinaus. Meine Sandale hatte sich gelöst, und ich setzte
den Fuß auf die Treppe, um sie wieder festzubinden. In diesem
Moment ging die Tür des Speisezimmers, ein Herr trat heraus.
Ich richtete mich rasch auf -- Herr Rochester stand vor mir.
,Wie geht's? fragte er.
.Gut, Herr.
,Weshalb sind Sie drinnen nicht zu mir gekommen?
Ich dachte, dieselbe Frage könnte ich an ihn richten, aber ich erlaubte mir das nicht, sondern erwiderte: ,Ich wollte nicht stören.
,Was haben Sie getan, während ich weg war?
,Adele unterrichtet, nichts weiter.
,Sie sind inzwischen sehr blaß geworden. Woher kommt das?
Haben Sie sich an jenem Abend erkältet?
,Nein, Herr. Augenblicklich bin ich müde.
, Und ein wenig traurig, nicht wahr? Was fehlt Ihnen denn?
,Gar nichts, Herr. Ich bin nicht traurig.
,Doch, doch, und zwar so traurig, daß Ihnen die Tränen kommen würden, wenn ich nur noch ein paar Worte spräche. Da schimmert schon eine -- da rollt sie die Wange hinab. Wenn ich nur Zeit
hätte und mich nicht vor diesen Klatschbasen von Dienstboten fürchtete, so würde ich bald ergründen, was das bedeutet. Für heute
abend sind Sie entschuldigt, aber verstehen Sie wohl, ich erwarte Sie
an jedem Abend im Salon. Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, vernachlässigen Sie ihn nicht. Schicken Sie Sophie nach Adele.
Er biß sich auf die Lippen und ging.



Ein neuer Gast.

Die Tage verstrichen für die Gäste und auch für mich sehr schnell.
Gs blieb das gleiche geräuschvolle, an Zerstreuungen reiche - Leben.
Selbst als Regenwetter einsetzte und die Gesellschaft sich auf das
Haus beschränken mußte, war kein Mangel an Vergnügungen. Es
wurde Karten gespielt, man trieb Gesellschaftsspiele, stellte lebende
Bilder, sang und musizierte, gab sich Rätsel auf, erzählte sich Anekdoten - kurz, nie kam man in Verlegenheit um Zeitvertreib. Einmal schlug einer der Herren vor, mich mitspielen zu lassen, aber
Blanche Ingram erhob lebhaft Einspruch, und zu meiner eigenen
Zufriedenheit blieb ich ausgeschlossen.
Ich hatte Herrn Rochester liebgewonnen, das fühlte ich immer
wieder an jedem dieser Tage, und ich ward nun auch inne, daß meine
Liebe die gleiche blieb, ja noch inniger wurde, je weniger er von mir
Notiz nahm, je mehr er mich an diesen Abenden vernachlässigte, je
offenbarer er Blanche Ingram mir und allen andern vorzog. Ja
ich war überzeugt, er würde Blanche binnen kurzem heiraten, und
auch dies tat meinen Gefühlen keinen Abbruch. Ich war stündlich
Zeugin seiner Huldigungen. Ich sah an ihrem Benehmen, wie völlig
sicher sie ihrer Sache war, und doch blieb meine Liebe am Leben.
Das kam daher, weil ich auf Blanche Ingram nicht eifersüchtig
sein konnte, weil ich klar erkannte, sie war des Herrn Rochester nicht
würdig. Sie stand bei all ihrer äußeren Schönheit und Eleganz
geistig tief unter ihm und auch unter mir. Ihre Seele, ihr Gemüt
waren armselig, ihr Herz war kalt und leer. Sie war ohne jede
eigene Meinung; was sie sprach, waren Phrasen, die sie irgendwo
aufgeschnappt oder aus Büchern entnommen hatte. Sie hatte etwas
Theatralisches an sich, aber wahres Gefühl besaß sie nicht. Ja oft
verriet sie ihre eigentliche Natur, indem sie in häßliche Schimpfworte
ausbrach.
Ich merkte auch, daß Rochester sich dieser Fehler seiner Braut
wohl bewußt war. Wenn er sie heiratete, so geschah es, weil die Beziehungen der Ingrams zur aristokratischen Welt ihm wertvoll.
waren. Seine Liebe ward ihr nicht zuteil, nein, eine solche Frau
konnte er nicht lieben! Wenn sie mit einem Schlage den Sieg errungen und ihn mit allen seinen Vorzügen sich zu eigen gemacht hätte,
dann würde ich verzichtet haben - ohne weiteres. Ich hätte mir das
Herz aus der Brust gerissen, ihre Ueberlegenheit anerkannt und gewiß auch nach schwerem Kampfe mit der Verzweiflung den Frieden
wiedergefunden. Wenn mich bei dieser Lage der Dinge etwas
schmerzte, so war es der Umstand, daß Herr Rochester überhaupt
daran denken konnte, aus Standesrücksichten eine solche kalte, berechnende Dame zur Gattin zu erwählen.
Mir sagte mein Herz, ich würde, wenn ich ein Mann wäre, nur
das Weib heiraten, das ich liebte; aber ich leugnete dennoch nicht, daß
es äußerliche Beweggründe geben könne, die einem Manne eine
andereWahl vorteilhafter erscheinen lassen könnten. Ueberhaupt wurde
ich in diesen Fragen allmählich sehr nachsichtig in der Beurteilung
Rochesters. Ich übersah alle seine Fehler, ich sah keine schlechten
Eigenschaften mehr an ihm. Der herbe Sarkasmus, der mir einst
abstoßend erschienen war, die Strenge, die mich zuerst einschüchterte,
dünkten mich jetzt wie die Würze eines seltenen Gerichts, das ohne sie
fade gewesen wäre.
Eines Tages fehlte Herr Rochester in der Gesellschaft; wie langweilig erschien mir alles! Der Nachmittag war regnerisch. Die
Herren und Damen wollten eine Zigeunerbande besuchen, die in der
Nähe von Hay ihr Lager aufgesucht hatte; aber das schlechte Wetter
gestattete keine Ausfahrt. So vertrieb man sich die Zeit, so gut es
gehen mochte. Kurz vor der Dinerstunde fuhr ein Wagen in den Hof.
,Was fällt Herrn Rochester ein, in dieser Weise zurückzukommen? rief Blanche in geringschätzigem Tone und eilte ans Fenster.
,Fürchtet auch er sich gleich vor dem Regen, daß er sich nicht getraut.
zu Pferde zurückzukommen, wie er fortgegangen? Und wo hat er
seinen Hund gelassen?

Die Glocke erklang, das Portal wurde geöffnet, und wenige
Augenblicke später trat ein fremder Herr, ein junger, sehr elegant
aussehender Mann, ins Zimmer. Er verneigte sich tief vor Lady
Ingram, die er wahrscheinlich für die älteste und vornehmste unter
den Damen hielt.
,Ich komme wohl zu unpassender Zeit, sprach er. ,Mein
Freund Rochester ist, wie ich höre, nicht zu Hause. Aber ich habe eine
sehr lange, anstrengende Reise hinter mir und darf mich im Vertrauen auf meine alte Freundschaft hier niederlassen, bis er
eintrifft.
Er sprach mit etwas fremdländischem Akzent und mochte
zwischen dreißig und vierzig Jahren sein. Auf den ersten Blick erschien er sehr schön, doch bei genauerem Hinschauen sah man, daß
seine Farbe fahl, seine großen Augen ausdruckslos waren. Frau
Fairfax ließ dem Herrn ein Zimmer anweisen, und nachdem er Toilette gemacht hatte, mischte er sich ungeniert unter die Gesellschaft, und
wie ich sah, fanden die Damen allgemein Gefallen an ihm, rühmten
seine ausgesuchte Höflichkeit und schwärmten von seinen großen
Augen und seinem ,fabelhaft kleinen' Munde. Sein Name war
Mason. Er erzählte viel von Jamaika, von Kingston, von Westindien. Ich hatte wohl gehört, daß Herr Rochester weit herumgekomkommen sei, doch hatte ich nicht vermutet, daß seine Reisen ihn in
so ferne Weltteile geführt hätten. Indem ich den Fremden betrachtete, wunderte ist mich ebenso darüber, daß Rochester einen solchen
Mann zum Freunde haben konnte, wie darüber, daß er eine Blanche
Ingram zur Braut erwählte.
Während die Damen und Herren in frohem Geplauder beisammen saßen, näherte sich plötzlich einer der Diener Herrn Eshton, dem
Magistratsbeamten, und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr:
,Sagen Sie der Person,' antwortete dieser laut, ,sie wird eingesperrt, wenn sie nicht gleich ihrer Wege geht.
Oberst Dent hatte die Worte des Dieners gehört und rief:
,Nicht doch, Eshton Es ist heute so wie so ein wenig langweilig.
Da sollten wir uns diese Kurzweil nicht entgehen lassen. Fragen wir
erst mal die Damenl? Und laut fuhr er fort: ,Meine Damen, wir
konnten heute nicht in das Zigeunerlager fahren. Nun ist eine-
Zigeunerin hierher gekommen und bittet, vorgelassen zu werden, um
den Herrschaften ihre Künste zu zeigen. Wollen Sie das Weib
sehen?
,Welche Zumutung! rief Lady Ingram. ,Was fällt Ihnen
ein, Oberst? Fort mit ihr!
,Sie will aber unter keinen Umständen gehen, erklärte der
Diener. ,Frau Fairfax ist bei ihr und bestürmt sie umsonst, das -
Haus zu verlassen. Sie hat sich einfach in die Ofenecke gesetzt und
will durchaus den Damen wahrsagen.
,Wahrsagen? Wahrsagen? riefen verschiedene. ,Wie reizend! -
Wie sieht sie denn aus?
,Schwarz wie ein alter Rabe, antwortete der Diener. ,Ich
glaube, sie ist eine richtige Hexe.
,Das wäre ja äußerst interessant!' riefen die Brüder Lynn.
,Hereinlassen!
,Meine Herren Söhne, was fällt euch ein? rief Lady Lynn
dagegen.
Blanche Ingram entschied schließlich den Streit.
,Ich möchte mir wahrsagen lassen,' erklärte sie. ,Sam, wandte
sie sich an den Diener, ,schicken Sie die Frau zu mir.
,Aber mein Liebling! schrie Lady Ingram entsetzt.
,Still, Mama, war die hochmütige Antwort, ,ich wünsche es!
,Das Weib sieht aber so schrecklich schmutzig aus, meinte der
Diener.
,Haben Sie gehört?' herrschte Fräulein Ingram ihn an, und
der Mann ging.
Nach wenigen Augenblicken kam er wieder und berichtete: ,Sie
will jetzt gar nicht mehr hereinkommen, sondern sagt, die Damen, die
die Zukunft wissen möchten, sollten zu ihr kommen. Man sollte ihr
zu diesem Zwecke irgendein Zimmer anweisen.
,So führen Sie sie ins Bibliothekzimmer, Sam, sagte Fräulein Ingram in einem Tone, als wenn sie schon auf Thornfield-Hall
als Herrin zu schalten hätte. ,Ich bin gleich bei ihr.
,Es wird wohl besser sein, wenn erst einer der Herren sie sich
ansieht,r meinte Oberst Dent, ,deshalb warten Sie, Fräulein, bis
ich ---
,Mit den Herren will sie nichts zu tun haben, erklärte Sam,
,das hat sie schon vorhin gesagt, Nur Damen sollen zu ihr kommen.

,Ich gehe zuerst, rief Blanche feierlich, als gälte es, beim
Sturme auf eine feindliche Festung eine Bresche zu schlagen.
,Meine reine Lilie, bedenke, was du tust!' rief ihre Mutter
aber Blanche rauschte in stolzem Schweigen an ihr vorbei.
Lady Ingram rang die Hände. Mary erklärte, sie hätte nicht
den Mut gehabt, zuerst zu so einer Barbarin zu gehen; Luisa und
Amy Eshton kicherten leise. Man wartete in höchster Spannung
auf Blanches Rückkehr. Sie blieb etwa eine Viertelstunde, dann kam
sie wieder. Sie war blaß, doch ganz ruhig und setzte sich auf ihren
früheren Play, ohne ein Wort zu sprechen.
,Na, wie war's denn, Blanche? rief ihr Bruder.
aJa, was hat sie denn gesagt?' setzte Mary hinzu.
,Ist sie wirklich eine Wahrsagerin? fragten die Geschwister
Eshton.
,Bestürmen Sie mich doch nicht so!' versetzte Blanche ungehalten. ,Sie scheinen alle sehr leichtgläubig zu sein. Es ist selbstverständlich barer Unsinn, was solch eine Zigeunerin sagt. Woher sollte
sie etwas von der Zukunft wissen? Woher sollte sie Sehergabe besitzen? Sie hat mir die ähnlichen Phrasen vorgeschwatzt. Das Beste
wäre in der Tat, Herr Eshton ließe sie, wie er zuerst sagte, einsperren. Weiter habe ich über die Sache nichts zu sagen.
Sie nahm ein Buch zur Hand, lehnte sich in den Sessel zurück
und ließ den andern keinen Zweifel, daß sie nicht mehr mit Fragen
behelligt zu werden wünschte. Sie schlug indessen kein Blatt in dem
Buche um, ihr Gesicht wurde mit jedem Augenblick finsterer; offenbar hatte sie nichts Angenehmes gehört und legte den ihr gemachten
Enthüllungen doch mehr Wichtigkeit bei, als sie behauptete.
Mary Ingram und die Geschwister Eshton hatten nicht den Mut,
einzeln zu gehen, und erschienen daher zusammen vor der Zigeunerin. Man hörte Kichern und Schreien, und nach zehn Minuten
etwa kamen die drei Damen, wie zu Tode erschrocken, hereingestürzt.
,O, was sie uns gesagt hat!' rief Amy Eshton. ,Das geht nicht
mit rechten Dingen zu!' Sie weiß ja alles.
,Ja,' bestätigte ihre Schwester, ,was wir als Kinder gesagt und
getrieben, was für Bücher wir am liebsten gelesen, was für Andenken
wir uns aufgehoben, das alles hat sie uns gesagt.
,Und dann auch, setzte Mary Ingram hinzu, ,was wir uns am
sehnlichsten wünschen.

,Ach was, ach was? riefen mehrere Herren. ,Darf man das
nun auch erfahren?
Der Diener trat von neuem herein.
,Ich bitte um Entschuldigung, sagte er, ,die Zigeunerin behauptet, es sei noch eine junge unverheiratete Dame hier, die noch nicht
bei ihr gewesen sei. Sie schwört, sie wolle nicht weggehen, ehe sie
nicht auch dieser Dame wahrgesagt hätte. Sie kann nur Fräulein
Eyre damit meinen - weiter ist doch niemand hier. Was soll ich
ihr sagen?

,Natürlich gehe ich, war meine Antwort.
Im Bibliothekzimmer sah es so harmlos aus wie sonst, und die
Zauberin - wenn es eine solche war - saß ganz ruhig in einem
Lehnstuhl am Kamin. Sie hatte einen roten Mantel und einen
schwarzen Hut, dessen breiter Rand den oberen Teil des Gesichts
beschattete, während der untere durch ein dickes Umschlagetuch verhüllt war. In ihrer Erscheinung lag nichts Auffallendes. Ihre
Hautfarbe war braun, fast schwarz, ihre Augen groß und dunkel.
,Sie wollen sich also auch wahrsagen lassen? fragte sie.
,Es liegt mir nicht viel daran, Mütterchen, antwortete ich.
,Tun Sie es immerhin. Nur eins sage ich Ihnen: ich werde nicht
daran glauben.
,Ich habe es nicht anders von Ihnen erwartet, versetzte sie. ,Ich
wußte vorher, daß Sie so frech antworten würden. Ich hörte es an
dem Schritt, mit dem Sie hereinkamen.'
,Dann haben Sie ein sehr scharfes Ohr.
,Ja, und auch ein scharfes Auge und ein noch schärferes Gehirn.

,Das alles brauchen Sie ja auch zu Ihrem Gewerbe.
,Gewiß, besonders wenn ich mit solchen Kunden zu tun habe,
wie Sie sind. Weshalb zittern Sie gar nicht ein bißchen?
,Weil mich nicht friert.
,Weshalb werden Sie nicht ein bißchen blaß?
,Weil ich nicht krank bin.
,Weshalb verlangen Sie von mir keine Probe meiner Kunst?
,Weil ich nicht so albern bin.
Sie kicherte leise in sich hinein, zog eine kleine schwarze Pfeife
hervor und begann zu rauchen. Dann sprach sie in einem Tone, als
wenn sie jedes Wort abwöge: ,Und es friert Sie doch, Sie fühlen
sich doch krank, Sie sind doch albern. Mit wenigen Worten will ich

Ihnen das beweisen,' setzte sie hinzu, als ich den Kopf schüttelte.
,Es friert Sie, weil Sie sich einsam fühlen; ein Feuer glimmt in
Ihnen, aber es fehlt der warme Hauch von außen her, es anzufachen.
Sie fühlen sich krank, weil Sie fürchten, das reinste, süßeste, höchste
Gefühl, das der Menschenbrust bescheert ist, müsse Ihnen versagt
bleiben. Und albern sind Sie, weil Sie ihm kein Zeichen geben, sich
Ihnen zu nähern, weil Sie, so sehr Sie auch leiden, ihm nicht entgegengehen wollen.
,Was Sie da sagen, antwortete ich, ,würde ebensogut auf
jede andere passen, die ein einsames Leben führt und in abhängiger Stellung ist.
,Auf jede, die so lebt wie Sie, gewiß. Aber finden Sie erst mal
eine, die noch ebenso lebt.
,Es wäre ein leichtes, ihrer tausend zu finden.
,Es würde Ihnen schwerfallen, auch nur eine zu finden. Hören
Sie mich an: Sie stehen dem Glücke ganz nahe, Sie brauchen nur
die Hand auszustrecken. Alles ist vorbereitet, es bedarf nur einer
Kleinigkeit Ihrerseits, so ist es erreicht.
,Auf Rätsel verstehe ich mich schlecht.
aZeigen Sie Ihre Hand, so werde ich deutlicher sprechen.
,Da muß ich doch die Fläche erst mit Silber bedecken?
,Selbstverständlich.
Ich gab ihr einen Schilling, den sie in die Tasche steckte. Dann
hieß sie mich die Hand ausstrecken und betrachtete die Innenseite
lange, ohne sie zu berühren.
,Eine zarte Hand, ohne Linien - da kann ich nichts daraus
lesen. Außerdem, was kann eine Hand sagen? Das Schicksal steht
nicht darin.r
,Das glaube ich Ihnen gern.
,Bei Ihnen steht's im Gesicht geschrieben, fuhr sie fort, ,auf -
der Stirn, um die Augen, um den Mund herum. Knien Sie mal
nieder und sehen Sie zu mir auf.
Ich tat es, und sie schürte die verglimmenden Kohlen, daß sie
noch einmal heller aufglühten.
,Ich möchte wohl wissen, wie Ihnen zumute ist, wenn Sie so
in dem großen, prachtvollen Salon sitzen und die Herren und Damen
sich vergnügen sehen. Zwischen Ihnen und diesen Herrschaften besteht doch keine Gemeinschaft.

,Wie mir zumute ist? Oft bin ich des ganzen Treibens müde,
oft würde ich lieber im Bett liegen und schlafen, manchmal bin ich
auch traurig.
,Da haben wir'S. Also nähren Sie doch eine geheime
Hoffnung.
,Gar keine; es sei denn die, mir mit der Zeit soviel Geld zu
sparen, daß ich mir mal ein Häuschen kaufen und darin meine Tage
beschließen könnte.
,Das ist wenig. Beschäftigt denn niemand aus dieser glänzenden Gesellschaft Sie ein wenig näher? Machen Sie keinen Unterschied mit einem unter ihnen und auch mit einer Dame? Wenn Sie
nun so mitansehen, wie eine schöne junge Dame einem gewissen
Herrn den Hof macht einem Herrn, den Sie -
,Nun was denn?
,Den Sie kennen und dem Sie vielleicht gut sind -!
,Ich kenne die Herren nicht, die hier im Hause weilen. Ich
halte sie im allgemeinen für respektabel, einige aber sind ganz Luft
für mich.
,Wollen Sie das vielleicht auch von dem Herrn des Hauses behaupten?
,Er ist nicht zu Hause.
,Aber doch nur auf kurze Stunden.
,Was hat indessen Herr Rochester mit Ihrer Wahrsagerei zu
tun?
,Nun, er ist es, der von einer jungen und schönen Dame umworben wird- der diese Werbung offenkundig erwidert - haben
Sie nicht den Ausdruck der Liebe in seinen Zügen gelesen denken
Sie nicht an seine nahe bevorstehende Heirat denken Sie nicht an
das Glück, das seiner Gattin lächelt?
Die seltsame Manier dieser Fremden begann mich in eine Art
Traumzustand zu versetzen. Immer neue unerwartete Worte kamen
von ihren Lippen, sie schien das geheime Fühlen meines Herzens,
die Gedanken der letzten Zeit ausgekundschaftet zu haben, und ich sah
mich einem Rätsel gegenüber, das mich bei aller skeptischen Ruhe
mehr und mehr in Erstaunen setzte.
,Was kümmert Sie das alles? rief ich. ,Ich kam hierher,
um von Ihnen etwas zu hören, nicht um Ihnen zu beichten. Ist es
denn so allgemein bekannt, daß Herr Rochester sich verheiraten will?


,Ja, mit der schönen Blanche Ingram.
In kurzem?
,Man vermutet, ja. Es wird ein glückliches Paar werden, obgleich Sie mit beinahe sträflicher Kühnheit daran zweifeln. Sollte
er eine so schöne, elegante Dame nicht lieben? und wahrscheinlich
liebt sie ihn doch auch - wenn nicht seine Person, so doch seinen
Geldbeutel. Allerdings habe ich ihr selber vorhin Dinge gesagt, die
sie sehr ernst gestimmt haben. Ihr Anbeter muß sich vorsehen.
Wenn ein anderer mit noch größerem Einkommen auftritt, dann
läßt sie ihn am Ende doch noch laufen.
,Ich will von Ihnen doch nicht Herrn Rochesters, sondern meine
eigene Zukunft wissen,' unterbrach ich sie. ,Davon haben Sie mir
noch nicht eine Silbe gesagt.
,Ihre Zukunft ist noch ganz unsicher. Ein gewisses Maß
von Glück ist Ihnen bestimmt. Es hängt, wie ich sagte, nur von
Ihnen ab, die Hand auszustrecken und es zu ergreifen. - Lassen Sie
mich Ihr Antlitz prüfen! Das Auge ist weich, sanft, gefühlvoll. Jetzt
liegt Schwermut und Trauer darin. Der Mund möchte gern lachen,
aber er kann es jetzt nicht. Er spricht auch gern offen aus, was das
Hirn denkt, aber was das Herz fühlt, das verschweigt er meistens.
Es ist ein Mund, der oft und viel lächeln sollte, der viel von der
Zuneigung zu dem Manne sprechen sollte, dem er zulächelt, zu dem
er redet. Auge und Mund deuten auf einen guten Ausgang der vor
Ihnen liegenden Schwierigkeiten- aber die Stirn! Sie scheint zu
sagen: Ich komme für mich allein zurecht. Ich kann auch einsam
leben, wenn meine Selbstachtung es erfordert. Ich brauche meine
Seele nicht zu verkaufen, um mir ein Glück zu sichern, das mich dann
doch nicht glücklich machen würde. Ich besitze einen Schatz im Innern,
der mir bei der Geburt zuteil ward und der mir erhalten bleibt, wenn
das Glück mich auch meidet. Meine Vernunft wird ihre feste Bahn
nicht verlassen, sie wird die Macht über meine Gefühle nicht verlieren. Die Leidenschaften mögen toben, die Wünsche mögen hoch-
streben, die Vernunft wird doch das letzte Wort behalten - die Vernunft und das Gewissen. Gut gesprochen, Stirn! Und was du
sprichst, soll beherzigt werden. Mein Entschluß ist gefaßt, und ich
glaube, es ist ein ehrlicher, gerechter Entschluß. Ich habe dabei auf
die Stimme der Vernunft und des Gewissens gehört. Ich weiß.
Jugend und Schönheit schwinden schnell, und noch von geringerm

Bestand sind sie, wenn in dem Kelche, den das Glück uns bietet, auch
nur ein Tröpflein Gewissensqual enthalten ist. Ich will kein Opfer.

keinen Kummer, keine Zerstörung, ich will wohltun und erhalten, ich
will. Dankbarkeit ernten; ich will. nicht einmal salzige Tränen entlocken, geschweige denn blutige. Lächeln, Liebkosungen, süße Worte.

das ist's, wonach mich verlangt. Genug! genug! Ich würde gern
diesen Augenblick bis in die Gegenwart ausdehnen, aber es ist mir
nicht vergönnt. Bis hierher habe ich mich beherrschen können, habe
ich gehandelt, wie ich mir feierlich gelobt hatte. Aber was nun
kommt, geht über meine Kräfte - -

Stehen Sie auf, Fräulein Eyre, der Mummenschanz ist zu
Ende!

Ich wußte nicht, ob ich wachte oder träumte. Die Stimme der
Zigeunerin hatte sich verändert ihre Sprache, ihre Bewegungen
waren mir mit einmal wohlbekannt, ich stand auf und sah sie an.
Sie zog den Hut noch tiefer ins Gesicht, aber mein Auge fiel auf
ihre Hand. Das war nicht die verschrumpfte, welke Hand einer
Greisin, sie war vielmehr voll und kräftig. Es war auch nicht die
Hand einer Bettlerin, denn ein Diamantring blitzte daran. Ich
beugte mich vor und erkannte die apart gefaßten Steine, und als
ich zu dem Gesicht aufblickte, hatte sie das Umschlagtuch weggezogen,
den Hut abgelegt.
,Nun, Johanna, erkennen Sie mich? fragte die wohlbekannte,
mir so teure Stimme. Und Herr Rochester stand vor mir.
,Welch ein sonderbarer Einfall von Ihnen!r rief ich aus.
,Aber die Verkleidung war doch echt, wie? Und ich habe meine
Rolle auch leidlich gespielt.

,Den Damen gegenüber, ja.
, Und Ihnen gegenüber nicht?
,Sie haben vor mir nicht den Charakter der Zigeunerin innegehalten.
,Welchen denn? meinen eigenen?
,Auch nicht. Einen mir unverständlichen. Sie wollten mir
etwas entlocken. Sie redeten Unsinn und dachten, ich würde mich
dadurch verleiten lassen, auch Unsinn zu reden. Das war nicht schön
von Ihnen.
,Verzeihen Sie mir, Johanna. Das können Sie getrost, denn
Sie haben ganz korrekt gehandelt und kein unüberlegtes Wort gesprochen.
Ich sann darüber nach und freute mich, daß dies wirklich der
Fall war. An eine Verkleidung hatte ich von Anfang an gedacht.
weil mir die verstellte Stimme des Weibes auffiel und sie auch anders
sprach, als berufsmäßige Wahrsagerinnen zu tun pflegen. Aber ich
hatte in ihr die rätselhafte Grace Poole vermutet, keineswegs aber
Herrn Rochester selbst.
,Wie denken Sie nun über mich? Was bedeutet dies schwermütige Lächeln?

,Verwunderung, Herr. Erlauben Sie mir nun, bitte, zu gehen?
,Nein, ein Weilchen noch! Erzählen Sie mir, was man im
Salon über die Zigeunerin sprach.
,Es ist bereits elf Uhr, Herr Rochester, ich darf nicht so lange
hier verweilen. Doch ehe ich es vergesse, es ist ja ein fremder Herr
angekommen, der Sie sprechen will.
,Wer mag das sein? Ich erwarte niemand. Ist er wieder
fort?'

,Nein, er ist bei den andern. Er sagte, er sei seit vielen Jahren
mit Ihnen befreundet. Sein Name ist Mason; er kommt aus Jamaika
Herr Rochester taumelte und packte meinen Arm, um sich festzuhalten. Es war, als habe er einen heftigen Schlag erhalten.
,Mason! stieß er hervor. Und dreimal wiederholte er den
Namen und wurde totenbleich. ,O, das ist bitter, das ist entsetzlich!
murmelte er. ,Johanna, ich muß mich auf Sie stützen.
Schwer ließ er sich dann wieder in den Stuhl fallen, nahm meine
Hand, streichelte sie wie geistesabwesend und flüsterte, als wenn ihn
jemand hören könnte: ,O, meine kleine Freundin, ich wünschte, ich
wäre mit Ihnen auf einer einsamen, stillen Insel, wo Kummer und
Angst uns fernblieben.
,Herr Rochester, was ist Ihnen? Kann ich Ihnen helfen? Ich
würde mit Freuden mein Leben hingeben, wenn ich Ihnen damit
nützen könnte.
,Johanna, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei niemand
anders suchen als bei Ihnen. Das kann ich Ihnen versprechen.

,Ich danke Ihnen, Herr Rochester. Sagen Sie, was ich tun soll
am besten Willen soll es nicht fehlen.
,Gut, Johanna, holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisesaal. Man wird jetzt beim Souper sein. Sagen Sie mir dann, ob
Mason bei ihnen ist und was er treibt.
Ich ging. Die Herrschaften waren beim Abendessen- doch
saßen sie nicht bei Tische, denn das Souper war auf dem Anrichtetische serviert, und jeder nahm sich, worauf er Appetit hatte. So
saßen sie zwanglos umher und hatten Gläser und Teller in der Hand.
Alle schienen wieder in vergnügter Stimmung zu sein. Herr Mason
unterhielt sich mit Oberst Dent. Er schien sogar der fröhlichste von
allen. Ich schenkte, kaum beachtet, ein Glas Tokayer ein und kehrte
in die Bibliothek zurück.
Herr Rochester hatte anscheinend seine frühere Ruhe und Energie wiedererlangt. Er trank das Glas aus mit den Worten: ,Auf
dein Wohl, hilfreiche Fee! Was geht nun dort drüben vor?
,Sie lachen und unterhalten sich.
,Machen sie nicht ernste Gesichter, als hätten sie eben etwas
höchst Sonderbares vernommen?
,Nein, im Gegenteil. Es geht sehr lustig her.
,Und Mason?
,Der lacht mit.
,Johanna, was würden Sie tun, wenn diese Leute jetzt herkämen und mich anspieen?
,Ich würde ihnen allen die Tür weisen.'
,Wenn sie aber untereinander flüsterten, mich kalt ansähen und
dann einer nach dem andern mein Haus verließen, würden Sie dann
auch gehen, Johanna?
,Ich würde glücklich sein, wenn ich allein bei Ihnen bleiben
dürfte, um Sie zu trösten, so gut ich es könnte.
,Und wenn man Sie in Acht und Bann täte, weil Sie bei mir
geblieben?
,Das würde mich wenig kümmern.
,Sie würden es also wagen, meinetwegen der öffentlichen Meinung zu trotzen?
, Um jedes Freundes willen, der Treue verdient, und das würden Sie auch tun, Herr Rochester, davon bin ich überzeugt.

,Gehen Sie ins Gesellschaftszimmer zurück, flüstern Sie Herrn
Mason unbemerkt ins Ohr, Herr Rochester sei zurückgekehrt und
wünsche mit ihm zu sprechen. Dann führen Sie ihn hierher und
lassen uns beide allein.


sprechen, hereinkam und an Herrn Masons Stuhl trat. Er folgte
mir sogleich. Vor der Tür des Bibliothekzimmers, die ich ihm
öffnete, ließ ich ihn allein und ging auf mein Zimmer.
Es war spät in der Nacht, und ich hatte mich schon niedergelegt,
als die Gäste ihre Stuben aufsuchten. Ich erkannte Herrn Rochesters
Stimme und hörte ihn sagen: ,Dies hier ist dein Zimmer, Mason.
Der Ton, in dem er dies sprach, war fröhlich und frei von aller
Schwermut. Beruhigt schlief ich ein.



Seltsame Dinge.

Ganz gegen meine Gewohnheit hatte ich vergessen, die Vorhänge zuzuziehen und die Fensterläden zu schließen. Daher weckte
mich der strahlende Vollmond, als er auf seiner stillen Fahrt durch
den Himmelsraum hochgestiegen war, um in mein Zimmer hineinzuscheinen. Ich stand auf, um die Vorhänge zu schließen.
Da -- welch ein Schrei! Ein Schrei zerriß die nächtliche Ruhe
und gellte durch ganz Thornfield-Hall.
Mein Herz stand still, meine Pulse stockten. Der Schrei verklang, es blieb still. Und in der Tat, es war ein Schrei, den man
nur einmal ausstoßen kann. Doch plötzlich - mir zu Häupten -
ein Geräusch, als rängen zwei Menschen miteinander ein tödlicher
Kampf -- dann wieder der Schrei einer halberstickten Stimme:
,Hilfe! Hilfe! Hilfe! Dreimal hintereinander. Das Ringen und

Stampfen, das Stoßen und das Würgen dauerte fort, dann erklang
es ganz deutlich: ,Rochester, Rochester, komm mir zu Hilfe, um
Gotteswillenl?
Eine Tür flog auf, jemand stürzte, wie von Furien gejagt, durch
den Korridor. Neben meinem Kopfe stampfte es noch weiter -
dann ein schwerer Fall dann tiefe Stille.
Ich hatte mir rasch ein Kleid übergeworfen, und obwohl ich am
ganzen Leibe zitterte, trat ich hinaus. Alles war auf den Beinen.
Aus allen Zimmern erklangen die Stimmen, eine Tür nach der
andern wurde geöffnet, ein Gesicht nach dem andern kam zum Vorschein. Der Korridor füllte sich mit entsetzten, furchtsamen Menschen, die durcheinander schrien und fragten, was denn geschehen sei.

,Wo ist Rochester? rief Oberst Dent. ,Er ist nicht mehr in
seinem Bette.
,Hier!'' antwortete eine andere Stimme. ,Beruhigen Sie sich
doch, ich komme sofort.
Die Tür am Ende des Korridors öffnete sich, und Herr Rochester erschien mit einer brennenden Kerze. Er kam aus dem dritten Stockwerk herunter, Blanche Ingram eilte ihm entgegen und
erfaßte seinen Arm.
,Was ist geschehen? rief sie. ,Sprechen Sie! Lassen Sie es
uns wissen, sei es auch das Schrecklichste.
Gleichzeitig hängten sich die Geschwister Eshton an ihn, und die
beiden verwitweten Damen kamen majestätisch wie Dreimaster bei
vollem Winde auf ihn zugesegelt.
,Reißen Sie mich doch nicht zu Boden! rief Herr Rochester.
,Nur Ruhe! Es ist alles schon wieder gut. Bloß ne Generalprobe
zu: Viel Lärm um nichts. Das ist alles. Lassen Sie mich los,
meine Damen, sonst werde ich wild.
Und wild sah er tatsächlich aus. Seine Augen glühten, seine
Lippen bebten. Sich gewaltsam bezwingend, fuhr er fort:
,Ein Dienstmädchen hat Alpdrücken bekommen - hat ihren
schweren Traum für Wirklichkeit gehalten und Zetermordio geschrien. Meine Damen und Herren, Sie können sich beruhigen und getrost in Ihre Zimmer zurückkehren. Ja ich muß sogar dringend
darum bitten. Fräulein Ingram, gehen Sie den andern mit gutem
Beispiel voran; ich bin überzeugt, Sie werden zeigen, daß Sie über
solch einen kleinen Schreckschuß erhaben sind. Meine Damen, wandte
er sich an die Witwen, ,Sie werden sich erkälten, wenn Sie noch
länger auf dem feuchten Korridor verweilen.
Während er abwechselnd befahl und gut zuredete, gelang es ihm. ,
alle Gäste in ihre Gemächer zurückzudrängen. Auch ich ging wieder
Rochesters Erklärung hätte beruhigen können. Ich kleidete mich
deshalb fertig an, um für alle Fälle bei der Hand zu sein, falls
mein Brotherr meiner bedürfen sollte. Ich setzte mich an's Fenster,
sah in die Mondnacht hinaus und wartete - ich weiß nicht, worauf
-- doch war mir, als müßte auf solch einen Schreckensschrei irgendein
Ereignis folgen.
Doch überall herrschte nun Ruhe und Friede. Allmählich verstummten alle Geräusche. Der Schlaf schien wieder ungestört das -
Zepter in Thornfield-Hall zu führen. Der Mond ging unter, und
ich beschloß nun, mich angekleidet ins Bett zu legen. Da klopfte es
leise an die Tür.
,Wer ist da? fragte ich.
,Sind Sie noch wach? erklang die Stimme, die ich zu hören
erwartet hatte: nämlich die des Hausherrn.
,Ja, Herr Rochester.
,Und angekleidet?
,Ja.
,Dann kommen Sie heraus, aber geräuschlos.
Ich trat zu ihm. Er hielt eine brennende Kerze in der Hand.
,Sie müssen mir helfen,' sagte er. ,Aber keinen Lärm machen.
verstanden!'
Leise schlich ich an seiner Seite durch den Korridor und die

Treppe hinauf in das verhängnisvolle dritte Stockwerk.
,Nun hab' ich's doch vergessen, sagte er verdrießlich. ,Haben
Sie Schwamm und Riechsalz in Ihrem Zimmer? Ja? Dann kehren
Sie zurück und holen Sie beides.
Ich tat es und war in wenigen Minuten wieder bei ihm. Er
wartete auf mich vor einer der kleinen schwarzen Türen, steckte den
Schlüssel' ins Schloß und öffnete sie. Dann drehte er sich noch einmal
mir herum:
,Können Sie Blut sehn? fragte er rasch.
,Ich glaube doch - ich war noch nicht in der Lage !
Bei diesen Worten schüttelte mich aber doch ein gelinder Schauer.
,Geben Sie mir Ihre Hand! Ohnmächtig dürften Sie freilich nicht werden. Nun, Ihre Hand ist warm und zittert nicht.
Lassen wir's drauf ankommen -- ich habe ja auch weiter niemanden.
Halten Sie also die Ohren steif!

zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt, die aber jetzt an
einer Wand in die Höhe geschlagen waren, so daß eine Innentür
sichtbar wurde, die ich das erste Mal nicht bemerkt hatte. Diese Tür
war offen, und in dem Gemach dahinter brannte Licht. Von dort
kam ein Geräusch, das dem Knurren eines Hundes glich.
Herr Rochester setzte die Kerze auf den Tisch, hieß mich warten
und ging in dieses Zimmer. Ein schrilles Lachen klang ihm entgegen - dasselbe unheimliche, langgezogene Lachen, das ich Grace
Poole so oft hatte ausstoßen hören. Sie also war es wieder, die diese
nächtliche Störung verursachte. Herr Rochester besorgte irgend etwas
drinnen, ohne selbst zu sprechen, doch hörte ich eine leise Stimme,
die ihm antwortete. Dann erschien er wieder und schloß die Tür
hinter sich ab.
,Hierher, Johanna ! sagte er zu mir und trat neben ein großes
Bett. Nun sah ich darin eine regungslose Gestalt liegen- mit
zurückgesunkenem Kopfe und geschlossenen Augen. Herr Rochester
leuchtete mit der Kerze, und nun erkannte ich den Fremden, Herrn
Mason, und sah, daß sein Hemd an der einen Seite von Blut getränkt war.
,Halten Sie das Licht,' sagte Herr Rochester und holte eine
Schüssel voll Wasser. Er hieß sie mich halten, tauchte den Schwamm
ins Wasser und befeuchtete das totenblasse Gesicht Masons. Dann
hielt er ihm mein Riechfläschchen unter die Nase. Nach einer Weile
öffnete der Mann die Augen und stöhnte vor Schmerz. Herr Rochester
schlug das Hemd auseinander, und ich sah, daß Arm und Schulte:
schon notdürftig verbunden waren.
,Ist die Wunde lebensgefährlich? stammelte Mason.
,Keine Spur-- eine Fleischwunde weiter nichts, antwortete
Herr Rochester. ,Laß dich nicht so umwerfen, Mensch. Raffe dich auf.
Ich hole einen Wundarzt - morgen bist du schon wieder transportfähig. Johanna,' wandte er sich an mich, ,ich muß Sie auf eine
Stunde mit dem Herrn hier allein lassen. Waschen Sie das herabträufelnde Blut ab - geben Sie ihm, wenn er ohnmächtig zu werden
droht, aus dem Glase zu trinken, das dort auf dem Tische steht -
benützen Sie dann auch Ihr Riechsalz. Sprechen dürfen Sie keinesfalls mit ihm. Richard, auch du darfst nicht sprechen - es könnte
dir schaden. Du darfst dich nicht aufregen - niemand könnte für
die Folgen einstehn.
Herr Mason stöhnte abermals; er wagte sich kaum zu bewegen.
als wenn die Angst vor irgend etwas Entsetzlichem ihn lähme. Herr
Rochester reichte mir den Schwamm, sah einen Augenblick zu, wie
ich mich dabei anstellte, und ging dann.
Nun war ich also in dem geheimnisvollen dritten Stockwerk
-- allein - in tiefer, stiller Nacht - nach einem unerklärlichen,
schrecklichen Zwischenfall am Bette eines anscheinend schwerverwundeten Fremdlings. Und neben mir, das wußte ich, war die
Tür, die in das Zimmer der rätselhaften Grace Poole führte, die,
wie ich überzeugt war, auch wieder an diesem Unglück schuld war.
Mußte ich sie nun nicht gar für eine Mörderin halten? Mußte ich
nicht befürchten, daß sie sich alle Augenblicke auf mich stürzen würde?
Ich mußte jedoch auf meinem Posten ausharren, so lang mir
die Zeit auch wurde. Ich mußte den Blick auf das gespensterhaft
blasse Gesicht vor mir heften, die blauen, zuckenden Lippen betrachten
und auf das Spiel der bald geschlossenen, bald mit dem Ausdruck des
Entsetzens um sich starrenden Augen achten, und das immer wieder
fließende Blut abwischen.
Das Licht brannte herab die Schatten um mich her wurden
düsterer-- das massive, dunkle Bett sah aus wie ein großer schwarzer
Sarg - und in dem zuckenden Lichtschein der Kerze zeigten die
Schnitzereien an den Möbeln allerlei unheimliche Gesichter und
Gestalten.
Meine Bangigkeit zu steigern, erklang ab und zu aus dem
Innenzimmer wieder jenes Knurren und Schnappen, das an ein
Tier erinnerte - Schritte huschten hin und her.
Nun begannen meine Gedanken ins Unermeßliche zu schweifen.
Was war das für ein Rätsel, das in der Gestalt jener Grace Poole
in diesem Hause lebte und das der Besitzer nicht von sich abschütteln
konnte? Was für ein Geheimnis war es, das sich mir nun schon

zweimal in der Stille der Nacht gezeigt hatte - einmal in Feuer,

und diesmal in Blut? Und auf welche Weise war dieser fremde.
stille Mann in diese Schrecknisse verwickelt? Weshalb hatte sich
Grace Poole, diese Furie, auf ihn gestürzt und ihn zerfleischt?
Weshalb war er mitten in der Nacht in das dritte Stock-
werk hinaufgegangen, nachdem Herr Rochester, wie ich gehört, ihm
ein Zimmer im untern Teil des Hauses angewiesen hatte? Und
weshalb willigte er nun, ein, den Vorfall geheimzuhalten? Weshalb
drang er nicht darauf, daß die ihm angetane Ruchlosigkeit ihre Strafe
fände? Und Herr Rochester? einmal hatte man ihm selbst nach dem
Leben getrachtet - jetzt war einer seiner Gäste überfallen worden
- und er hielt alles ängstlich geheim und tat nichts, Grace Poole
unschädlich zu machen.
Herr Mason unterwarf sich vollständig der Energie und Willenskraft Rochesters, das sah ich. Aber weshalb, fragte ich mich, ist dann
Rochester so heftig erschrocken, als er hörte, Mason sei gekommen.
Warum hatte diese Nachricht ihn so völlig niedergeschmettert? Weshalb war er beim bloßen Namen dieses willenlosen, schwachen
Mannes so erschrocken?
Ich konnte es nicht vergessen, wie die Nachricht, Mason sei gekommen, den starken, selbstbewußten Rochester, der diesen Mann
jetzt mit einem einzigen Worte gefügig wie ein Kind machte, niedergeschmettert hatte, gleich einer Eiche, die der Blitz erschlägt. Ich konnte nicht vergessen, wie er getaumelt, sich auf mich gestützt und
schreckensbleich geflüstert hatte: ,Johanna, ein furchtbarer Schlag
hat mich getroffen!
Die Stunden verflossen, sie dünkten mich eine Ewigkeit. ,Wann
wird er wiederkommen? sprach ich zu mir selbst. Und der blutende
Kranke wurde immer schwächer, sein Stöhnen und Wimmern immer
unerträglicher. Ich fürchtete, er würde unter meinen Händen sterben.
Das Licht brannte herab und erlosch - der Tag begann zu grauen.
Endlich - nach etwa fünf Minuten - wurde die Tür geöffnet --
meine Nachtwache war zu Ende. Sicherlich hatte sie nicht länger als
zwei Stunden gedauert - aber manche Woche war mir schneller
vergangen als sie.
Herr Rochester kam nit dem Wundarzt.
,Carter,r sprach er, ,beeilen Sie sich. In einer halben Stunde
- muß die Wunde untersucht, der Verband fertig und der Kranke im
Wagen sein.
,Ist er denn überhaupt transportfähig?
,Ganz sicher. Es ist keine gefährliche Verletzung. Er klappt
nur immer gleich so sehr zusammen. Machen Sie schnell!
Der Doktor ging ans Werk, während Herr Rochester die Fensterläden öffnete und die Vorhänge zurückzog, um soviel Tageslicht
wie möglich hereinzulassen.

,Nun, mein Junge, wie fühlst du dich jetzt? fragte er dann,
ans Bett tretend.
,Ich fürchte, sie hat mich umgebracht, wimmerte Mason.

,Blödsinn! Nur Mut! In vierzehn Tagen ist alles vorwunden. Ein bißchen viel Blut verloren - das ist alles. Carter,
versichern Sie ihm doch, daß keine Gefahr für ihn besteht.
,Das kann ich getrost tun, antwortete der Wundarzt, der den
Verband anlegte, ,wenn ich nur früher hätte da sein können, dann
wäre es mit geringerem Blutverlust abgegangen. Doch - was ist
das hier? Das Fleisch ist zerfetzt - das ist kein Messer gewesen -
hier ist gebissen worden.
,Ja, ihre Zähne waren es, sagte der Verwundete. ,Als Rochester ihr das Messer entriß, schlug sie mir die Zähne in den Arm.
,Du hättest dich eben gleich zur Wehr setzen sollen, statt ihr zuerst nachzugeben, sagte Rochester. ,Ich hatte dich gewarnt. Ich
sagte dir: Sei auf der Hut, wenn du in ihre Nähe kommst. Du
hättest bis zum Morgen warten sollen. Es war Unsinn, die Unterredung noch am selben Abend zu beginnen. Das hast du nun davon,
daß du meinen Rat nicht befolgtest. Doch ich will dir keine Vorwürfe
machen. Carter, beeilen Sie sich -- es ist die höchste Zeit. Die
Sonne geht bald auf. Wir müssen ihn vorher weggebracht haben.
,Ich bin gleich fertig, Herr. Nur noch den andern Arm - auch
hier haben Zähne gewütet,' sagte der Arzt.
,Sie rief, sie wollte mein Blut trinken, antwortete Mason,
und ein kalter Schauer schüttelte ihn.
Ich sah, daß auch Herr Rochester zitterte. Ekel, Grausen und
Haß enstellten sein Gesicht.
,Schweig, Richard, stieß er hervor, ,und kümmere dich nicht
um ihr Geschwätzt. Wiederhole es wenigstens nicht.
,Ach, ich wünschte, ich könnte es vergessen! Aber es ist unmöglich!
, Unsinn! Nichts ist unmöglich. Sei nur erst wieder drüben in
Jamaika. Und denke nicht mehr an sie. Oder denke, sie sei tot und
begraben. Gott sei Dank! Nun ist Carter mit dem Verband fertig.
Johanna, eilen Sie in mein Zimmer, holen Sie aus meiner Kommode reine Wäsche und bringen Sie sie hierher.
Ich war rasch wieder oben.
,Treten Sie hinter das Bett, Johanna, während wir ihn ankleiden, aber bleiben Sie im Zimmer, falls wir Ihrer noch bedürfen.
War unten schon jemand auf den Beinen?
,Nein, Herr,' antwortete ich, ,es war noch alles still.
,Nun, dann werden wir dich noch ohne Aufsehen fortschaffen
können, Dick. Das ,ist das Beste für dich und für das beklagenswerte Geschöpf dort drüben. Sol nun sind wir fertig! Nun er-
manne dich, Junge. Der Doktor und ich, wir führen dich. Reiß dich
zusammen, Mensch - es muß und wird gehen!' Johanna, springen
Sie in Masons Zimmer und holen Sie seinen Pelzmantel -- er
kann in diesem verwünschten kalten Klima keine halbe Meile ohne
ihn reisen. Und dann laufen Sie hinaus vor das Hoftor und sagen
Sie dem Kutscher des Wagens, den Sie dort sehen werden, er solle
sich sofort bereit machen.
Es war inzwischen sechs Uhr geworden, und die Sonne ging
auf. Am Hoftor fand ich den Wagen, der Kutscher saß schon auf dem
Bocke und hielt die Zügel. Im Hause schlief noch alles, selbst an den
Fenstern der Dienstbotenzimmer war noch kein Laden geöffnet. Die
Herren brachten den Kranken und hoben ihn in den Wagen, Carter
setzte sich zu ihm.
,Geben Sie wohl auf ihn acht, Doktor, sagte Rochester, die
Wagentür schließend. ,Behalten Sie ihn in Ihrem Hause, bis er
völlig wiederhergestellt ist. In zwei Tagen schau' ich mal nach. Lassen
Sie das Fenster an dieser Seite herunter, es ist windstill, und die
frische Luft wird ihm guttun. Lebe wohl, Dick, mein Junge!
,Fairfax, sagte Mason, ,laß sie sorgsam behüten -- laß sie
nachsichtig behandeln -- laß sie -- Er verstummte und brach in
Tränen aus.
,Ich tue, was in meinen Kräften steht,k antwortete Rochester.
,Das habe ich stets getan - das werde ich immer tun. Kutscher,
fahr zu! O, wenn doch alles ein Ende hätte! stöhnte er tief auf
und drehte sich herum, während der Wagen davonfuhr.
Wir standen uns beide gegenüber.
,Kommen Sie ein wenig mit in den Obstgarten, Johanna,
sagte er, ,in reinere Luft das Haus dort ist ein wahrer Kerker.
,Mich dünkt, es ist ein prächtiges Schloß, Herr,r sagte ich.
,Sie sehen es mit unerfahrenen Augen an,'' versetzte er. ,Sie
können noch nicht erkennen, daß das Gold Schlamm, die Seide
Spinngewebe ist. Aber hier,' setzte er hinzu und trat unter einen
breiten, schönen Apfelbaum, ,hier ist alles rein, süß, unverdorben. !
Die Sonne strahlte majestätisch auf den Garten herab, und das
Gras funkelte im Morgentau. Die Wege waren still und lauschig, die

Bäume schienen noch zu schlummern.
,Das war eine böse Nacht, Johanna, murmelte er. ,Sie sehen
ganz blaß aus. Haben Sie sich gefürchtet - so allein mit Mason?
,Vor ihm nicht - aber vor der Person im Innenzimmer.

,Das hatte ich ja zugeschlossen, sagte er.
,Wird Grace Poole noch lange hier bleiben? fragte ich.
,Grace Poole?' antwortete er. ,Jawohl selbstverständlich
-- doch- denken Sie nicht an sie - zerbrechen sie sich nicht den
Kopf über sie.

,Aber Herr Rochester, Sie sind ja Ihres Lebens nicht sicher,
solange sie im Hause weilt.
,O, ich werde mich in acht zu nehmen wissen. Ich bin es schon
gewöhnt, auf einem Vulkan zu leben, der alle Augenblicke sich auftun und mich verschlingen kann. Doch ich sage Ihnen, zerbrechen
Sie sich nicht den Kopf über mich oder über andere Personen -
denken Sie weder an Mason noch an Grace Poole es hat keinen
Zweck. Johanna, wann werden Sie wieder mit mir wachen?
,Sobald ich Ihnen damit von Nutzen sein kann, Herr.
aZum Beispiel in der Nacht vor meiner Hochzeit mit Blanche
Ingram ? fragte er in bitterm Tone. ,Da werde ich gewiß nicht
schlafen können. Wollen Sie mir da auch Gesellschaft leisten? Zu
Ihnen als zu einer guten Freundin kann ich ja von meiner Geliebten
sprechen. Sie kennen sie ja nun auch. Ein Prachtweib! Potzblitz, da
gehen Dent und Lynn ja schon in die Pferdeställe. Hollah, meine
Herrenl' rief er den beiden zu- während ich rasch ins Gebüsch
trat und einen Seitenpfad einschlug. ,Mason ist Ihnen allen zu-



Ein Wiedersehen.

Am Nachmittag wurde mir gesagt, es sei jemand angekommen,
der mich zu sprechen wünsche. Ich ging sogleich ins Empfangszimmer
und sah einen mir ganz unbekannten, wie ein herrschaftlicher Diener
gekleideten Mann vor mir. Er trug einen schwarzen Anzug und
einen Flor von der gleichen Farbe um den Hut.
,Sie erkennen mich nicht wieder? sprach der Fremdling. ,Ich
bin Robert Leaven, der Kutscher der Frau Reed das heißt, wie
Sie noch dort waren, war ich Kutscher - jetzt bin ich ja Portier
geworden.

,Ah, Sie sind's, Robertl' rief ich. ,O ja, jetzt erinnere ich mich
Ihrer. Sie sind ja doch jetzt mit Bessie verheiratet, nicht wahr?
,Ja, und wir haben jetzt ein drittes Kind bekommen. Sind
aber alle gesund und munter.
,Das freut mich -- und hoffentlich läßt sich das gleiche von der
Herrschaft sagen.
,Das ist eben nicht der Fall. Es geht augenblicklich sehr
schlecht.
,Ist denn gar jemand gestorben? fragte ich, auf seinen
schwarzen Anzug deutend.
,Der junge Herr Reed - vor acht Tagen - in London. Er
hat's gar arg getrieben, Fräulein - Schulden gemacht - das
Geld verpraßt - und zuletzt wit dem Strafrichter zu tun bekommen.
Zweimal kam er ins Gefängnis - zweimal half seine Mutter ihm
-- aber jedesmal geriet er wieder in schlechte Gesellschaft. Da kam
er nun nach Gateshead und verlangte von der Gnädigen, sie solle
ihm ihr ganzes Besitztum verschreiben. Das konnte sie natürlich
nicht. Ist sie doch selbst seinetwegen in große Bedrängnis geraten
und hat Geld auf hohe Zinsen aufnehmen müssen. Er fuhr wieder
nach London, und das nächste, was wir von ihm hörten, war, daß
er tot sei. Er soll sich selbst umgebracht haben.
Ich schwieg entsetzt.
,Die Gnädige ist darüber schwerkrank geworden, fuhr Robert
fort. ,Die Furcht vor der Armut richtet sie zugrunde. Sie hat einen
Schlaganfall erlitten. Drei Tage konnte sie nicht sprechen - nachher
wurde es besser. Meine Frau pflegt sie und hat mir denn gesagt,
sie spräche immer Ihren Namen aus. Bringt mir Johanna Eyre
her, - das sei das einzige, was man von ihr verstehen könne.
Deshalb bin ich nun hergereist, und ich möchte Sie gern gleich mitnehmen.
,Gewiß, ich mache mich fertig. Augenblicklich bitte ich um
Urlaub.
Ich suchte Herrn Rochester und fand ihn endlich im Billardsaal, wo er mit Fräulein Ingram eine Partie Karambolage spielte.
Als er mich eintreten sah, legte er das Queue aus der Hand und
fragte nach meinem Begehr.

,Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Herr Rochester.
Er trat mit mir auf den Korridor hinaus
,Was wünschen Sie denn, Johanna?
,ich muß um Urlaub auf vierzehn Tage bitten.
,Um Urlaub? Was haben Sie vor?
,Ich muß eine kranke Dame besuchen, die nach mir schickt.
,Was für eine Dame?
,Frau Reed in Gateshead-Hall.
,Das ist ja hundert Meilen von hier. Ich kannte früher einen
Reed aus Gateshead - er war Ratsherr -?

,Die Dame ist seine Witwe.
,Aber was haben Sie mit ihr zu schaffen?
,Herr Reed war mein Oheim.
,Ihr Onkel? Warum haben Sie mir das nicht längst gesagt?
Sie sagten doch, Sie hätten keine Verwandten?
,Keine, die mich anerkannten oder sich um mich kümmerten,
habe ich gesagt. Mein Onkel ist lange tot - und Frau Reed hat mich
verstoßen.

mit Haß verfolgt.
,Aber der Ratsherr Reed hatte Kinder - Sie müssen also Vettern und Basen haben. Richtig, Lynn erzählte mir letztens von
einem Hans Reed, der in London als verkommener Mensch berüchtigt sei, und Ingrams sprachen mal von einer Georgina Reed,
die eine berühmte Schönheit sein soll.
,Das sind die Kinder der Witwe Reed. Hans Reed ist jetzt
gestorben, nachdem er seine Familie fast an den Bettelstab gebracht
hat. Er soll Selbstmord verübt haben. Frau Reed ist darüber
todkrank geworden und verlangt nun nach mir.
,Und Sie wollen auch gleich zu ihr, trotzdem sie Sie verstoßen,
wie Sie sagen? Das sieht Ihnen ähnlich.
,Das ist schon lange her, Herr Rochester, und damals war auch
alles anders. Ich würde nie wieder Ruhe finden, wenn ich ihr diesen
Wunsch nicht erfüllte.
,Und wie lange wollen Sie fortbleiben?
,Höchstens zwei Wochen.
,Zurückkommen werden Sie also bestimmt, nicht wahr? Sie
denken nicht daran, dauernd zu ihr zu ziehen?
,Nein, selbstverständlich komme ich wieder. Allerdings wird
ja hier meines Bleibens nicht mehr lange sein.
,Wieso nicht?

,Sie beabsichtigen sich demnächst zu verheiraten, da werden
Sie wohl Adele in eine Pension schicken müssen.
, Um sie meiner Frau aus den Augen zu schaffen, denn Blanche
Ingram wird sie nicht gern um sich haben. Das dürfte zutreffen.
Und deshalb müssen Sie - geradeswegs zum Teufel gehn?
,Das nicht, Herr Rochester, aber ich werde mir eine andere
Stellung suchen müssen.
,Das hat Zeit!' rief er heftig und verzog dabei das Gesicht
zu einer halb scherzhaften, halb traurigen Miene. ,Ich selbst werde
Ihnen eine solche besorgen, wenn es nottut. Versprechen Sie mir,
vorher keinen Schritt zu tun.
,Das will ich gern, Herr Rochester, wenn Sie Ihrerseits mir
versprechen, Adele und mich anderswo unterzubringen, ehe Ihre
junge Frau das Haus betritt.
,Angenommen. Darauf kann ich Ihnen mein Wort geben.
Und also wollen Sie morgen reisen, und wir müssen uns auf lange
Zeit Lebewohl sagen. Nun denn ade und auf Wiedersehn!
Er drehte sich rasch herum und trat wieder ins Billardzimmer. -
Am Nachmittag des ersten Mai langte ich in Gateshead-Hall an.
Bessie empfing mich.
,Ich wußte, daß Sie kommen würden!' rief sie bei meinem
Eintritt aus.
,Hoffentlich komme ich nicht zu spät? antwortete ich. ,Lebt
Frau Reed noch?
,Ja, und hat teilweise die Besinnung wiedererlangt. Der Doktor meint, es könne sich noch zwei Wochen hinziehen, aber auf ein
glückliches Ende sei doch nicht mehr zu hoffen. Heute erst hat sie
wieder von Ihnen gesprochen und den Wunsch geäußert, Sie zu
sehen. Meistens liegt sie den ganzen Nachmittag wie betäubt da und
erwacht erst gegen sieben Uhr. Wollen Sie sich hier bei mir eine
Stunde ausruhen, Fräulein? Wir gehen dann zusammen hinüber.
Ich war damit einverstanden, und sie setzte mir Tee vor. Nun
ging es ans Erzählen, und ich mußte ihr natürlich ausführlichen
Bericht von meinem Lebenslauf seit unserm letzten Zusammentreffen
berichten. So verging die Zeit gar schnell, bis die Stunde gekommen
war, ins Herrenhaus zu gehen. Neun Jahre war es her, seit ich
das letzte Mal diesen Weg gegangen. Erinnerungen stürmten auf
mich ein, und wieder griff jener alte Schmerz der Geächteten, mit
dem ich dieses Haus verlassen, an mein Herz. Doch nur auf einen
Moment -- dann fühlte ich, die Wunde war geheilt, der Haß war
erloschen.

,Sie müssen zuerst ins Frühstückszimmer gehen, sagte Bessie.
,Die jungen Damen werden wohl dort sein.
Im nächsten Augenblick stand ich in diesem Zimmer.
Es sah darin noch genau so aus wie an jenem Morgen, als-
Herr Brocklehurst nach Gateshead-Hall gekommen war. Vorm Kamin
lag noch derselbe Teppich, auf dem er gestanden. In den Bücherschränken schimmerten die goldenen Rücken der Bücher noch in der-
selben Ordnung, als wenn niemand nach mir in ,Tausendundeine
Nacht' oder in ,Gullivers Reisen' gelesen hätte. Die leblosen Dinge
hatten sich nicht verändert - die Menschen aber waren kaum wiederzuerkennen.
Ich sah zwei junge Damen vor mir. Die eine war groß und
hager, von scharfen Zügen, von blasser Farbe und überaus einfach
- gekleidet. Um den Hals trug sie eine Kette aus schwarzen Holzperlen, woran ein Kruzifix, hing. Das war Elisa. Und die andere
war Georgina - aber auch sie sah ganz anders aus als früher, wo
sie noch ein schlankes, blondes Mädchen von elf Jahren gewesen.
Sie war jetzt eine Dame - voll erblüht, weiß und zart wie Alabaster
-- schön von Angesicht. Auch sie war schwarz gekleidet, doch ihr
Kleid war nicht so einfach, sondern mit allerlei Ausputz versehen.
Beide Mädchen hatten einen Zug von ihrer Mutter - doch jede
nur einen. Die magere, blasse Elisa hatte das hervortretende Auge
-- die üppigere Georgina das breite, volle Kinn, das ihrem hübschen
Gesicht etwas Grobes, Hartes verlieh.

Ich trat auf die Damen zu, die sich erhoben und mich als ,Fräulein Eyre anredeten. Elisa sprach ihren Gruß kurz und trocken,
ohne eine Miene zu verziehen. Sie setzte sich auch gleich wieder,
starrte ins Feuer und nahm weiter keine Notiz von mir. Georgina
fühlte sich bewogen, ihrem ,Wie geht es Ihnen? noch ein paar
Bemerkungen über die lange Reise und das Wetter hinzuzufügen.
Sie betrachtete mich von Kopf zu Füßen mit einer Miene, der es eben
nicht an Hochmut gebrach.
Aber diese Ueberhebung meiner Cousinen ließ mich jetzt ganz
kalt. Ich wunderte mich über mich selbst, daß die vollständige Nichtachtung seitens der einen und die erzwungene Höflichkeit der andern
mir ganz gleichgültig war.
,Wie befindet sich Frau Reed? fragte ich und sah Georgina an.
,Mama ist sehr krank, antwortete diese. ,Ich glaube nicht.
daß Sie heute noch zu ihr können.

,Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ihr sagen wollten, daß ich
da bin.
Georgina schien dies als eine empörende Zumutung zu empfinden und riß ihre blauen Augen weit auf.
,Ich weiß, sie hat den besonderen Wunsch geäußert, mich zu
sehen,' setzte ich hinzu. ,Ich möchte ihr diesen Wunsch so rasch wie
möglich erfüllen, damit ich hier nicht länger zu bleiben brauche, als
absolut notwendig ist.
,Mama läßt sich am Abend nicht gern stören, sagte Elisa.
Darauf legte ich, ohne auf eine Aufforderung zu warten, Hut
und Handschuhe ab und sagte, ich wolle zu Bessie gehen, die wohl in
der Küche sei. Dort würde ich ja wohl Gewißheit darüber erhalten,
ob Frau Reed mich noch an diesem Abend zu sehen wünsche. Ich
fand Bessie und schickte sie zu der kranken Hausherrin hinauf.
Wenn man mich noch vor einem Jahre so unhöflich empfangen
hätte, wie jetzt in Gateshead, ich würde sofort wieder gegangen sein;
jetzt aber begriff ich, daß dies sehr töricht gewesen wäre. Denn ich
hatte eine weite Reise gemacht, um meine Tante zu sehen, und nun
mußte ich bleiben, bis sie wieder gesund geworden oder gestorben
war. An die Unverschämtheit und Dummheit ihrer Töchter durfte
ich mich dabei nicht kehren. Ich wandte mich deshalb auch ohne
weiteres an die Wirtschafterin und ließ mir ein Zimmer anweisen,
indem ich ihr bedeutete, ich würde wohl auf einige Zeit hier zu Gast
bleiben müssen.
Auf dem Wege zu meinem Zimmer begegnete mir Bessie.
,Die Gnädige ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, Sie
seien da. Wir wollen nun sehen, ob sie Sie erkennen wird.
Ich brauchte keinen Führer nach dem wohlbekannten Zimmer
und eilte Bessie voran. Auch hier sah alles noch genau so aus wie
früher. Die Lampe auf dem Tische - das große Himmelbett mit
den gelben Vorhängen, der Toilettentisch, der Lehnstuhl, der Fußschemel auf dem ich zur Strafe wohl hundertmal hatte knieen müssen:
alles war noch auf dem alten Flecke. Ja ich sah sogar nach einer
Ecke hin, in der Erwartung, dieselbe Reitgerte dort hängen zu sehen.
mit der ich oft wegen Sünden, die ich nicht begangen, gezüchtigt
worden war.
Ich trat an das Bett zog die Vorhänge zurück und beugte mich
über die hochaufgetürmten Kissen.
In Haß und Abscheu war ich von Frau Reed fortgegangen;
aber die alles heilende Zeit hatte auch meine Gefühle besänftigt;
während ich jetzt hier stand, wußte mein Herz nichts mehr von dem
alten Groll. Ich fühlte Mitleid mit dem großen Leid, das ihr Sohn
über sie gebracht, ich hegte das innige Verlangen, alles Unrecht zu
vergeben, mich mit ihr auszusöhnen, an Stelle der alten Feindschaft
Freundschaft treten zu lassen.
Ich erblickte das wohlbekannte Gesicht. Es hatte sich fast gar
nicht verändert, dieselben finstern, strengen Züge, dieselben kalten
Augen, die gleichen herrisch geschwungenen Brauen. Und wie oft
hatten diese Augen mich voll Haß und Zorn angefunkelt! Wie mußte
ich bei diesem Anblick an die Schrecken und Grausamkeiten meiner
Kindheit zurückdenken! Trotz allem aber beugte ich mich über sie
und küßte sie auf die Stirn.

,Ist das Johanna Eyre?' fragte sie, aufblickend.
,Ja, Tante. Wie geht es Ihnen
Wohl hatte ich gelobt, sie nie wieder Tante zu nennen; aber ich
hielt es für kein Vergehen, in diesem Moment das Gelübde zu
brechen. Ich nahm ihre Hand in die meine; ein leiser Händedruck-
ihrerseits hätte genügt, den letzten Zwang von meinem Herzen zu
lösen. Aber Frau Reed entzog mir ihre Hand, wandte das Gesicht
ab und murmelte, es sei sehr warm an diesem Abend. Dann heftete
sie die Augen noch einmal auf mich, aber mit einem so eisigkalten
Blick, daß ich nicht daran zweifeln konnte, sie war mir auch jetzt nicht
im mindesten freundlicher gesinnt als früher. Ich las es in diesem
steinharten Auge, das nie eine Träne geweint und nie in Zärtlichkeit
aufgeleuchtet hatte, sie war entschlossen, mich bis zum letzten Moment
ihres Lebens für ein schlechtes, falsches Geschöpf zu halten.
Das schmerzte mich zuerst - dann erbitterte es mich. Aber ich
unterdrückte beide Empfindungen und nahm mir vor, ihren starren
Troy durch Güte zu überwinden. Ich drängte die Tränen des Grolls
zurück, die mir wieder in die Augen schossen, wie oftmals in der
Kindheit, setzte mich an das Kopfende und beugte mich noch einmal
über das Bett.
,Sie haben nach mir geschickt, und hier bin ich, sagte ich. ,Auch
will ich nun bleiben, bis es besser mit Ihnen wird.
,gewiß. Bist du schon bei den Mädchen gewesen?
.Ja.
,So sage ihnen, daß ich dich hier zu behalten wünsche, bis ich
mir dir über gewisse Dinge habe sprechen können. Heute abend
geht's nicht mehr es fällt mir jetzt auch schwer, mich auf die Sache
zu besinnen. Aber eins wollte ich dir sagen - was war das doch
gleicher
Die matte Stimme, der wirre Blick ließen mich erkennen, wie
weit die Zerstörung schon in diesem einst so kraftvollen Körper
vorgeschritten war. Sie warf sich unruhig hin und her und riß,
an der Bettdecke herum. Ich legte den Arm auf ihr Kopfkissen und
wollte ihr Haar streicheln. Sie wurde sofort wieder heftig.
,Weg da! rief sie. ,Willst du mich auch jetzt noch ärgern.
Bist du wirklich Johanna Eyre?
,Ich bin es.
,Dieses Mädchen hat mir unendlich viel Kummer und Beschwerden bereitet. Daß mir auch solch eine Last aufgebürdet werden
mußte! Täglich, nein, stündlich hat ihre Verstocktheit mir Aerger verursacht. Sie war ein überaus widerhaariges Ding ein ganz unbegreiflicher Charakter. Wie böse sie werden konnte - wie giftig!
Und wie sie fortwährend auf alles horchte und überall ihre Augen
herumgehen ließ! Ich kann sagen, sie hat eines Tages zu mir Worte
gesprochen, die noch nie zuvor über die Lippen eines Kindes gekommen sind. Ach, wie froh war ich, daß sie aus dem Hause kam!
Was mag in Lowood aus ihr geworden sein. Der Typhus hat dort
gehaust, und viele Zöglinge sind dran gestorben. Sie aber nicht!
Ich habe sie trotzdem nachher für tot ausgegeben. Für mich
war sie ja auch tot -- und ich wünsche auch jetzt noch, sie wäre
gestorben.
,Ein sonderbarer Wunsch, Frau Reed. Weshalb war ich Ihnen
so verhaßt?
,Ich habe schon Johannas Mutter gehaßt, denn sie war die
einzige Schwester meines Mannes, und er hing sehr an ihr. Als
sie eine Mißheirat schloß und die Familie sich von ihr zurückzog.
blieb er ihr in Liebe treu. Als sie starb, weinte er wie ein Irrsinniger. Er bestand darauf, das kleine Mädchen seiner Schwester
zu sich zu nehmen, obwohl ich ihn bat, es in Kost zu geben. Ich
haßte es von dem Moment an, wo ich es zum ersten Male erblickte.
Es war ein kränkliches, empfindliches Ding und schrie in einem
fort -- nein, eigentlich kann man es nicht Schreien nennen, denn
die Töne waren nicht so herzhaft und kräftig wie bei andern Kindern
es war mehr ein klägliches Wimmern. Und mein Mann opferte
sich auf für dieses Kind. Er liebkoste es, als wäre es sein eigenes
gewesen. Ja er gab sich mehr mit ihm ab als mit den seinen. Aus
denen hat er sich nie so viel gemacht, als sie so klein waren. Er
versuchte auch, Freundschaft zwischen unsern Kindern und dem kleinen
Wechselbalg zu stiften, aber meine Lieblinge mochten sie nicht leiden.
Als mein Mann krank wurde, ließ er es fortwährend an sein Bett
bringen, und eine halbe Stunde vor seinem Tode ließ er mich noch
einen heiligen Eid schwören, daß ich für das Kind stets sorgen wolle.
Ja, Reed war eben ein gutmütig dummer Mensch. Gott sei Dank,
das hat sein Sohn nicht von ihm geerbt. Der ist mehr nach mir -
mehr ein Gibson als ein Reed. Wenn er mich nur nicht fortwährend um Geldsendungen angehen möchte! Wo soll ich all das Geld hernehmen? Ich habe nichts mehr- wir stehn vor der Armut. Schon -
die Hälfte der Dienerschaft habe ich entlassen müssen- ich kann
nur noch einen Teil des Hauses benützen - die andern Räume werde
ich wohl vermieten müssen. Das widerstrebt mir natürlich aber
wie sollen wir sonst unser Leben fristen? Ich muß ja zwei Drittel
meines Einkommens hingeben, um allein die Wucherzinsen für die
Schulden meines Sohnes und für die Darlehen, die ich um seinetwillen aufgenommen habe, zu bezahlen. Hans spielt so viel und
verliert immer dabei. Er ist ganz heruntergekommen und sieht jetzt
schrecklich schlecht aus, der arme Junge. Man könnte sich seiner fast
schämen.
Sie geriet in heftige Erregung.
‘Jetzt gehe ich wohl besser, sagte ich zu Bessie.
,Ich glaube auch, Fräulein. Abends spricht sie meistens in dieser
Weise, morgens ist sie viel ruhiger.
Bessie flößte ihr ein wenig Medizin ein, die besänftigend wirkte,
dann versank Frau Reed in eine Art Halbschlummer, und wir verließen sie.
Zehn Tage verflossen, bevor ich wieder Gelegenheit hatte, mit ihr
zu sprechen. In dieser Zeit versuchte ich mit den beiden Schwestern,
so gut es ging, auszukommen. Sie lebten auf beständigem Kriegs-
fuße miteinander. Seit Elisa aus Neid Georgina um einen Verehrer
gebracht hatte, der die ernstliche Absicht gehabt, sie zu heiraten, bestand zwischen beiden heftige Feindschaft. Die ältere hüllte sich
stets in Schweigen und beachtete mich nach wie vor fast gar nicht. ;
Georgina klagte mir öfter ihr Leid und erzählte von ihrer unglücklichen Liebe und von dem Streich, den die böse Schwester ihr gespielt
hatte. Elisa hatte den Entschluß gefaßt, ins Kloster zu gehen, und
Georgina kannte keinen heißeren Wunsch, als daß die Mutter sterben
und ihre Tante Gibson sie zu sich nach London nehmen möchte.
Eines Tages, als mir Georginas Geschwätz zur Last wurde,
ging ich hinauf, um nach der Kranken zu sehen. Wie ich erwartet
hatte, war die Wärterin, um die sich niemand kümmerte, zu den
Dienstmädchen in die Küche gegangen; Bessie, die zwar sehr pflichttreu war, aber doch auch ihre eigene Familie zu versorgen hatte,
war im Pförtnerhäuschen; die Kranke lag ganz allein anscheinend
in Ohnmacht. Das Feuer im Kamin drohte zu erlöschen. Ich legte
frische Scheite auf. Frau Reed erwachte bei dem Geräusch und
murmelte:
,Wer ist dee
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer?' fragte sie wieder. ,Wer ist es? Und sie sah mich mit
einem Blick des Schreckens, doch nicht des Zornes an. ,Ich kenne
dich nicht - wo ist Bessie?
,Im Pförtnerhause, Tante.
,Wer nennt mich Tante?' sagte sie. ,Du bist doch keine Gibson
-- und doch - diese Stirn, diese Augen die sollte ich kennen --
du siehst aus wie - ja - wie Johanna Eyre. Aber das bist du
nicht.

Ich schwieg, denn ich fürchtete sie aufs neue aufzuregen.
,Ich wünschte wohl, Johanna käme noch einmal her.
Vorsichtig brachte ich ihr bei, ich sei Johanna Eyre, und teilte
ihr auch mit, daß Bessie ihren Mann nach Thornfield geschickt habe.
um mich zu holen.
,Ich weiß, ich bin sehr krank, sprach Frau Reed. ,Vor einem
Weilchen versuchte ich, mich im Bett herumzudrehen, und konnte
kein Glied mehr rühren. Es wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, ehe ich sterbe. Wenn wir gesund sind, machen wir
uns wenig Gedanken, aber wenn wir erkranken oder gar den Tod
nahe fühlen, dann lastet gar manches schwer auf uns. Ist außer
dir noch jemand im Zimmer?
,Wir sind allein.
,Ich habe mich doppelt an dir versündigt und bereue es jetzt.
Einmal, indem ich das Gelübde brach, das ich meinem Manne gab:
dich wie mein eigenes Kind zu halten; und zweitens- doch vielleicht ist meine Krankheit nicht so schwer - vielleicht werde ich doch
wieder gesund. Und dann wäre es mir schrecklich, mich vor dir
gedemütigt zu haben.
Sie versuchte abermals sich zu bewegen, doch die heftigen
Schmerzen überzeugten sie von neuem, daß ihr Zustand sehr ernst sei.

,Es muß doch wohl geschehen, fuhr sie fort. ,Geh an den
Toilettenkasten und nimm einen Brief heraus, den du dort finden
wirst.
Ich tat, wie sie befahl.
'Lies ihn,' sagte sie.
Das Schreiben lautete folgendermaßen:
,Gnädige Frau! Schicken Sie mir doch bitte die Adresse meiner
Nichte Johanna Eyre und lassen Sie mich wissen, wie es ihr geht.
Ich möchte sie nämlich hier bei mir in Madeira haben. Es ist mir-
hier recht gut gegangen, und ich habe ein Vermögen erworben. Da
ich unverheiratet bin, so will ich sie bei Lebzeiten adoptieren und ihr
alles verschreiben, was ich besitze. Mit Hochachtung
Johann Eyre, Madeira.

Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Warum ist mir dies nicht mitgeteilt worden? fragte ich.
,Weil ich dir ein solches Glück nicht gönnte. Ich haßte dich
noch immer und vermochte die Wut nicht zu vergessen, mit der du
einmal gegen mich aufgetreten bist. Ich hatte mich in diesem Augenblick vor dir gefürchtet. Gib mir zu trinken schnell?

,Liebe Frau Reed,' sagte ich, ihr ein Glas Wasser reichend,
,denken Sie doch nicht mehr an all diese Dinge. Verzeihen Sie mir,
daß ich damals mich so sehr hinreißen ließ ich war noch ein Kind,
das es nicht besser verstand und seitdem sind ja neun Jahre vergangen.

Sie hörte nicht, was ich sagte, trank und fuhr fort:
,Ich konnte das nicht vergessen und mußte mich dafür rächen.
Und deshalb schrieb ich an diesen Onkel von dir, der dir nun zu
Wohlstand und Glück verhelfen wollte, der Typhus sei in Lowood
ausgebrochen, und du wärest gestorben. Nun tu, was du willst,
schreib ihm und zeihe mich derLüge. Du warst eben doch nur zu meiner
Qual geboren, und noch meine letzte Stunde muß durch den Gedanken
an eine Tat, zu der du mich veranlaßt hast, vergällt werden. Du bist
ein böses Kind ich kann deinen Charakter heute noch nicht verstehen. Es ist mir unbegreiflich, daß du neun Jahre lang alle schlechte
Behandlung erduldet und dich dann plötzlich im zehnten wie eine
giftige Schlange gegen mich aufgebäumt hast.

,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Frau
Reed, ich bin wohl heftig, aber nicht bösartig. Als kleines Kind
sehnte ich mich nach Liebe und wäre glücklich gewesen, wenn Sie
sich von mir hätten lieben lassen. Auch jetzt wünsche ich mich mit
Ihnen zu versöhnen. Geben Sie mir einen Kuß, Tante.
Als ich mich über das Bett lehnte, hob sie abwehrend die Hände
und sagte, es mache sie ängstlich, wenn ihr jemand so nahe käme.
-' Sie begehrte noch einmal zu trinken, und als ich sie stützte und
meine warme Hand auf ihre eiskalten Finger legte, sah sie bebend
zur Seite.
,Wie Sie wollen, Frau Reed, sagte ich. ,Lieben Sie mich
oder fahren Sie fort mich zu hassen. Jedenfalls haben Sie meine
volle Verzeihung. Bitten Sie Gott, daß auch er Ihnen verzeihe und
seinen Frieden gebe.
Bessie und die Wärterin traten ein. Ich blieb noch eine halbe
Stunde bei ihr, doch vergebens wartete ich auf eine Gebärde, die auf
eine Wandlung zur Sanftmut hätte schließen lassen. Frau Reed
hatte mich ihr Leben lang gehaßt - nun war es zu spät für sie,
andern Sinnes zu werden -- sie mußte mich auch im Tode noch
hassen. Sie sank mehr und mehr zusammen - dann verlor sie das
Bewußtsein.
In der Nacht, um zwölf Uhr, starb sie.
Ich war nicht im Zimmer, um ihr die Augen zudrücken zu
können, auch ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Erst am nächsten
Morgen erfuhr ich von Bessie, das alles vorüber sei. Georgina
weigerte sich, an das Bett der Toten zu treten. Sie könne so etwas
nicht sehen, erklärte sie. Elisa ging mit mir. Da lag nun die einst
so energische, so kraftvolle Frau leblos da, - starr, kalt und still.
Das Gesicht trug noch den Stempel des unerbittlichen, rücksichtlosen
Charakters. Der Anblick dieses Leichnams hatte etwas Schreckhaftes
für mich: ein sanftes, mildes Totenantlitz muß zur Rührung hinreißen und auch den Fernstehenden zur Trauer stimmen; aber dieses
aller Sanftmut, aller Weichheit entbehrende Antlitz erfüllte mich nur
mit Grauen.
,So robust wie sie war, hätte sie ein hohes Alter erreichen
können,' sagte Elisa. ,Aber großer Kummer hat sie frühzeitig
zugrunde gerichtet.
Dann verzog sich ihr Mund -- doch nur auf einen Augenblick.
Gleich darauf wandte sie sich um und ging hinaus. Ich folgte ihr.
Wir hatten beide keine Träne vergossen.



11. Kapitel.
Eine unerwartete Wendung.

Wenige Tage nach dem Begräbnis reiste Georgina mit ihrem
Onkel Gibson nach London ab, während Elisa die Reise nach einem
Kloster im Norden Englands antrat. Ich hatte meinen Urlaub bereits erheblich überschritten und kehrte nun nach Thornfield zurück.
Da ich späterhin keine Gelegenheit haben werde, noch einmal auf
meine Cousinen zurückzukommen, will' ich hier gleich erwähnen, daß Georgina wenige Jahre später einen reichen, aber sehr verlebten
Edelmann heiratete und Elisa jetzt Oberin ihres Klosters geworden ist, dem sie auch ihr Vermögen vermacht hat. - Während meiner Reise
schüttelte ich alle Gedanken an Frau Reed, an ihr Ende und an ihre s
Töchter von mir ab und richtete Sinn und Herz wieder auf Thornfield, das meine Heimat gewesen war. Und dieser Gedanke stimmte
mich alsbald wieder bange und traurig. Wohl war es meine Heimat
gewesen -- doch wie lange würde ich noch dort bleiben können?
fragte ich mich. Frau Fairfax hatte mir nach Gateshead-Hall geschrieben, die lustige Gesellschaft sei auseinandergegangen und Herr ?
Rochester nach London gereist, um, wie sie vermute, die letzten Vorbereitungen zu seiner Hochzeit zu treffen.
,Wohin soll ich dann? Das war die große, schwere Frage, die
nun vor mich hintrat.
In Milcote verließ ich die Postkutsche, um von dort aus über
die Felder nach Thornfield zu laufen. Es war ein schöner Tag. Auf
den Wiesen waren die Mäher mit ihrem Tagewerk zu Ende und
machten sich, die Sensen und Heugabeln über der Schulter, auf den
Heimweg. Die Rosen blühten an den Hecken. Ich bog um ein
dichtes Gestrüpp herum, dessen Zweige tief über den Pfad herniederhingen - da sah ich eine Zaunstiege vor mir und daneben saß -
ein Buch in der Hand - Herr Rochester.
Ich schreckte zurück und wollte kehrtmachen, um einen andern
Weg einzuschlagen. Aber er hatte mich schon gesehen.
-,Hollah!’ rief er, ,da sind Sie ja! Sie bleiben lange aus.
Einen ganzen Monat sind Sie von Hause weggeblieben. Sicherlich
haben Sie mich ganz vergessen, Sie kleine Tagediebin?
Ich hatte es vorher gewußt, es würde eine große Freude für
mich sein, meinen Herrn wiederzusehen, wenn sie auch durch die
Furcht gedämpft wurde, daß er nicht mehr lange mein Herr sein
würde. Nun schienen seine letzten Worte gar anzudeuten, daß es
ihm nicht ganz gleichgültig sei, ob ich ihn vergäße oder nicht, und
er hatte Thornfield mein Heim genannt. Ach! rief es in mir, wenn
es mir das doch bleiben könnte!
Er gab die Stiege nicht frei, und ich hatte nicht den Mut, ihn
darum zu bitten, daß er mir Platz mache. Dann fragte ich ihn, ob
er nicht in London gewesen sei.
,Jawohl, kleine Fee! Vermutlich hat die Gabe des zweiten
Gesichts Sie das erraten lassen.
,Nein, Frau Fairfax hat es mir geschrieben.

,Sie müssen den Wagen sehen, Johanna, den ich für meine
zukünftige Gattin gekauft habe. Ich meine, sie wird wie eine Königin darin aussehen. Ich wünschte nur, ich wäre äußerlich ein
wenig passender für sie. Sie sind doch eine Elfe, wissen Sie kein
Zaubermittel - keinen Trunk und kein Bad oder dergleichen -
das einen schönen Mann aus mir machen könnte?
,Dazu reicht keine Zauberkraft aus, Herr Rochester,'' antwortete
ich, und bei mir selber setzte ich hinzu: ,Dem liebenden Auge ist
alles schön, und der Ernst Ihres Gesichts hat eine Macht, die mehr
ist als alle Schönheit.
Herr Rochester hatte oft schon Gedanken, die ich unausgesprochen
ließ, mit einem mir ganz unerklärlichen Scharfsinn von meinem
Gesicht abgelesen. Diesmal jedoch schien er keine Notiz von meiner
Antwort zu nehmen; aber um seine Lippen spielte jenes nur ihm
eigene Lächeln, das gleich einem Sonnenstrahl sein Antlitz erleuchtete
und wie ein solcher auch mich erwärmte.
,Gehen Sie heim, Johanna,'' sagte er und machte mir Platz.
,Lassen Sie Ihren kleinen müden Fuß am Kamin eines Freundes
ruhen.

Ich ging schweigend an ihm vorüber und wollte weitergehn, aber
eine rätselhafte Macht, ein unwiderstehlicher Impuls zwang mich,
stehenzubleiben, mich nach ihm umzusehen und, mir selber unbewußt,
die Worte zu sprechen: ,Ich danke Ihnen für Ihre große Güte,
Herr Rochester. Es macht mich in der Seele froh, wieder bei Ihnen
zu sein, und wo Sie sind, da ist auch wirklich mein Heim - da
und nur da.
Dann eilte ich so schnell davon, daß er mich nicht einholen
konnte, auch wenn er es gewollt hätte. Adele war halb närrisch vor
Entzücken, als sie mich erblickte. Frau Fairfax empfing mich mit
gewohnter Herzlichkeit; selbst Lea und Sophie freuten sich. Das
alles tat mir wohl; es ist doch das größte Glück, sich von seinen
Nebenmenschen geliebt zu sehen.,
Als ich an diesem Abend mit Adele und Frau Fairfax beim Tee
saß, hatte ich das Gefühl, als umschlösse uns ein goldner Ring der
Sympathie und Freundschaft, und ich sandte ein stilles Gebet gen
Himmel, daß unsere Trennung noch nicht so bald bevorstehen möchte.
Herr Rochester trat ein und schien sich über diese Gruppe zu freuen.
Vierzehn Tage verflossen, und nichts geschah. Man sprach nicht
von der Hochzeit, und ich bemerkte auch keine Vorbereitungen, die auf
ein solches Fest hätten schließen lassen. Frau Fairfax wußte auch
nichts Genaues; sie erzählte mir, sie habe Herrn Rochester einmal
geradeheraus gefragt, wann er nun seine junge Frau heimführen
wolle, da habe er ihr aber mit einem so seltsamen Blick geantwortet.
daß ihr alle Neugierde vergangen sei.
Ingram-Park, der Wohnsitz Blanches, lag nur zwanzig Meilen
entfernt, und dennoch ritt Herr Rochester nie hinüber, und es wurden
keine Besuche mehr ausgetauscht. Eine sträfliche Hoffnung begann
sich in mein Herz zu schleichen; eine Stimme flüsterte mir zu, die
Verbindung sei abgebrochen worden; Blanche oder Herr Rochester
selbst hätte sich anders besonnen. Ich prüfte heimlich das Antlitz
meines Herrn, aber ich fand keine Spur von Trot oder Mißmut
darin; es war nie so klar und ruhig gewesen wie jetzt. Und wenn er
entdeckte, daß ich traurig war, dann konnte er sogar lustig werden
und lachte laut auf. Wie um mich zu quälen, verlangte er jetzt oft
nach meiner Gesellschaft und behandelte mich sehr freundlich - und
ich - ach, ich Arme, ich hatte ihn nie inniger geliebt als jetzt.
Wir hatten jetzt herrliches Wetter; Tag für Tag war wolken-
los blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Die Wiesen um
Thornfield waren abgemäht, die Bäume prangten im dunkelsten
Grün, die Straßen waren heiß und staubig. Am Johannisabend
war Adele zeitig zu Bett gegangen, und ich ging in den Garten.
Es war die schönste von allen vierundzwanzig Stunden. Die Hitze
war erloschen, und auf Blumen und Blätter fiel der wohltätige Tau.
Gleich Hochofenglut loderte am Horizont das Abendrot. Der erste
Stern schimmerte im tiefblauen Osten; bald sollte der Mond ihm
folgen.
Ich ging auf der gepflasterten Terrasse auf und ab; ein wohlbekannter Duft - das Aroma einer Zigarre - drang aus einem
geöffneten Fenster; es war das der Bibliothek, das eine Handbreit
offen stand. Ich fürchtete, von dort aus beobachtet zu werden und
ging in den Obstgarten, den ruhigsten und idyllischsten Winkel von
ganz Thornfield. Hier standen die schattigsten Bäume, hier wuchsen
die duftigsten Blumen; eine hohe Mauer trennte ihn vom Wirtschaftshofe. Hier konnte man ungesehen lustwandeln. Es wurde
dunkler und dunkler, stiller und stiller, ich überließ mich meinen
Träumen. Doch, als ich den obern Teil der Anlagen betrat, mischte
sich in den Duft der Blumen plötzlich wieder jenes verräterische
Aroma einer Zigarre.
Ich blieb stehen und sah umher. Keine menschliche Gestalt war
sichtbar, kein Schritt zu hören; und doch wurde der Geruch stärker.
Ich wollte mich entfernen, und als ich durch das Pförtchen ging, das
in die Baumschule führt, sah ich Herrn Rochester eintreten. Rasch
schlüpfte ich zur Seite - vielleicht bemerkte er mich nicht. Er schlenderte denn auch ruhig weiter, hob die Stachelbeerzweige empor, um
nach den Früchten zu sehen, pflückte eine reife Kirsche vom Spalier
und beugte sich dann zu einem Blumenbeet hinab.

,Jetzt wendet er mir den Rücken,' dachte ich, ,jetzt kann ich entfliehen.
Geräuschlos wollte ich zur Tür hinaus, da rief er, ohne sich um ,Johanna, kommen Sie doch mal her; es ist eine Sünde, an
zuwenden:
solch einem schönen Abend im Hause zu hocken. Leisten Sie mir
Gesellschaft.
Ich wußte nichts zu antworten und folgte ihm schweigend, obwohl es mir nicht angenehm war, zu solcher Stunde mit Herrn Rochester allein im Obstgarten zu sein.
,Es ist eigentlich auch ganz schön hier, namentlich im Sommer,
plauderte er weiter. ,Thornfield muß Ihnen auch schon lieb und
wert geworden sein.
.Gewiß.
,Ich bemerke auch, Sie hegen Zuneigung für die kleine Adele
und sogar für die gute alte Frau Fairfax.
,Ja, Herr, ich habe beide - jede auf besondere Art herzlich lieb.
,Da wird es Ihnen wohl schwerfallen, sich von dem allen zu
trennen. Schade!' Er schwieg ein Weilchen, dann fuhr er fort:
,So geht es immer im Leben, kaum fühlt man sich wohl, so heißt
es: Scheiden!
,Muß denn geschieden sein, Herr Rochester?
,Ich glaube, ja. Es tut mir selbst leid, Johanna, aber ich
glaube, Sie müssen fort.
Es traf mich wie ein Schlag, aber ich ertrug ihn.
,Ich werde bereit sein, Herr Rochester, wenn der Befehl zum
Aufbruch kommt.
,Ich muß ihn heute abend schon erteilen.
,Also wollen Sie sich nun verheiraten?
,Erraten! Klug, wie immer, haben Sie den Nagel auf den
Kopf getroffen. Und wie Sie selbst einmal sagten - von Ihnen
stammt ja der Gedanke eigentlich - so muß nun Adele in ein --
Institut, und Sie müssen eine andere Stellung annehmen. Ich
heirate in einem Monat. In der Zwischenzeit werde ich mich für Sie
nach etwas Passendem umsehen.

,Ich danke, Ihnen, Herr Rochester. Entschuldigen Sie, daß ich
Ihnen so viele Mühe mache!
,Davon ist keine Rede. Wenn eine Untergebene ihre Pflicht
so trefflich erfüllt, wie Sie es getan haben, dann kann sie auch nach
meiner Meinung von ihrem Brotherrn eine kleine Unterstützung
verlangen. Ich habe durch meine zukünftige Schwiegermutter auch
schon in einem Hause anfragen lassen, wo Sie sehr gut aufgehoben
sein würden. Es handelt sich um die Erziehung der fünf Töchter -
einer gewissen Frau Dionysius O’Gall auf Bitternutlodge in
Irland.
,Das ist ja so weit von hier.
,Das spielt dabei keine Rolle. Ein so vernünftiges Mädchen
wie Sie kehrt sich doch nicht an eine etwas lange Reise.
,Die Reise das ist das wenigste aber die Entfernung im
allgemeinen - und dann die See das ist doch immer eine Scheidewand -!
,Zwischen wem, Johanna?
,Zwischen mir und England - zwischen mir und Thornfield
und -!
,Und zwischen wem noch?

,Und zwischen Ihnen, Herr Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir fast wider Willen, und ebenso
ganz gegen meinen Willen, stürzten mir die Tränen aus den Augen.
Der Gedanke an diese Frau O Gall mit ihren fünf Töchtern, an das
Meer, an das ferne Land fiel mir schwer aufs Herz, und noch schwerer
bedrückte mich der Gedanke, durch ein noch tieferes, noch unwegsameres Meer - das der sogenannten gesellschaftlichen Konvention -
von dem Manne getrennt zu sein, den ich ewig lieben mußte.
,Es ist so sehr weit von hier,' sagte ich noch einmal unter
Tränen.
,Ja doch, und wenn Sie einmal in Irland sind, dann werde ich
Sie wohl nie wiedersehen. Das steht fest. Ich reise im Leben nicht
nach Irland. Habe gar kein Verlangen, es kennen zu lernen. Na,
Johanna, wir sind aber doch gute Freunde gewesen, nicht wahr?
.Ia, Herr Rochester.

,Es wird mir ja selber schwer, meine kleine Freundin nach
Irland zu schicken, das so sehr weit von hier ist. Aber es liegt
nicht in meiner Macht, es zu ändern. Glauben Sie, Johanna,
zwischen uns beiden besteht eine gewisse Seelenharmonie.
Ich konnte darauf nichts antworten; mein Herz war in diesem
Augenblick zu voll.
,Manchmal, besonders wenn Sie mir so nahe sind, wie eben
jetzt, habe ich die Empfindung, als wenn hier unter meiner linken
Rippe hervor sich ein Faden nach der gleichen Seite Ihres kleinen,
zarten Körpers hinüberspönne, und ich fürchte, dieses Band wird
zerreißen, wenn das stürmische Meer und mehr als zweihundert
Meilen Landes zwischen uns liegen. Ja, ich habe sogar Angst, ich
könnte dann an innerer Verblutung sterben. Sie, ja, Sie würden
mich ja rasch vergessen.
,Niemals, Herr Rochester, und Sie wissen das recht wohl.
Mehr konnte ich nicht hervorstammeln.
,Johanna, hören Sie doch, wie die Nachtigall dort drüben
schlägt!
Indem ich auf den süßen Schall lauschte, begann ich plötzlich
krampfhaft zu schluchzen; ich vermochte die Gefühle nicht länger
zurückzudrängen; sie rissen mich mit sich fort. Mein lange verhaltener Schmerz schüttelte mich am ganzen Körper.
,O, wäre ich nie geboren!' rief ich aus, denn nun fand ich auch
die Sprache wieder. Mein Schmerz wollte und mußte sich in
Worten Luft machen. ,O, daß ich Thornfield verlassen muß das
geliebte Thornfield! Hier habe ich die einzigen Jahre der Freude
verlebt, die mir bisher beschert gewesen waren. Man hat mich
hier nicht mit Füßen getreten, und man hat mich wie einen Menschen
behandelt. Ja, mein Gebieter selbst ist freundlich zu mir gewesen
und hat mich seines Umgangs gewürdigt. Ich habe von Angesicht
zu Angesicht zu ihm reden dürfen und einen kraftvollen, großmütigen,
weitblickenden Mann in ihm kennen gelernt. Und nun soll ich mich

,Wieso müssen Sie denn? fragte er plötzlich.
,Sie haben es doch selbst gesagt.

,Aber wer zwingt Sie denn dazu?
,Nun, Fräulein Blanche Ingram, Ihre Braut--?
,Meine Braut? Ich habe keine Braut!
,Aber Sie werden bald eine haben!
,Jawohl, das werde ich - bald- sehr bald!'Und er preßte
die Zähne aufeinander, als wenn er sich zu etwas Schwerem entschlossen hätte.
,Und deshalb muß ich gehen-!
,Nein, Sie müssen bleiben, ich habe es geschworen.
,Und ich sage Ihnen, ich muß gehen! Meinen Sie, ich könnte
bleiben und Ihnen, wenn Sie verheiratet sind, ein Nichts sein?
Meinen Sie, ich bin eine Maschine, ein gefühlloser Automat. Glauben Sie, ich hätte kein Herz, keine Seele, weil ich arm und einsam
bin? Ich habe ebensoviel Seele wie Sie, ebensoviel Herz wie Sie!
Hätte ich nur Schönheit und Reichtum, so würde ich es Ihnen ebenso
schwer machen, sich von mir zu trennen, wie Sie es jetzt mir machen,
Sie zu verlassen.
,Ebenso schwer, Sie zu verlassen, Johanna. Das ist es auch
ohnedem, antwortete er, und plötzlich umfaßte er mich mit beiden
Armen, drückte mich an seine Brust und preßte den Mund auf meine
Lippen. ,Johanna, ich biete Ihnen mein Herz und meine Hand
and einen Teil von allem, was ich besitze. Ich bitte Sie, an meiner
Seite durchs Leben zu gehen. Ich begehre Sie zum Weibe - Sie
sind's, die ich heiraten will!'
Ich glaubte, er spotte meiner. Ich riß mich von ihm los und
stand hochaufgerichtet vor ihm.
,Herr Rochester, Sie spielen eine Posse. Ihre Braut ?
,Meine Braut sind Sie, antwortete er und zog mich abermals
an sich. ,Johanna, willst du mich heiraten? Sage ja, Johanna!
Ich antwortete nicht, sondern suchte mich seinen Armen zu entwinden.
,Zweifeln Sie denn an meiner Ehrlichkeit? Haben Sie kein
Vertrauen zu mir? fragte er.
,Nein!'
,Bin ich ein Lügner in Ihren Augen, Kleingläubige?' versetze
er in leidenschaftlichem Tone. ,Wie können Sie nur denken, ich
liebte Fräulein Ingram. Sie fühlten es ja selbst, daß sie unter
mir steht, daß sie meiner nicht würdig ist. Und ebenso wissen Sie,
daß Fräulein Ingram mich nicht liebt. Ich ließ nur das Gerücht
verbreiten, mein Vermögen betrage nur ein Drittel von dem, was
man vermutete, und alsbald empfing sie mich sehr kalt. Es wäre
freilich gar nicht nötig gewesen, diese Probe aufs Exempel zu machen,
aber ich wollte ihr schließlich doch nicht unrecht tun. Um keinen
Preis könnte ich Fräulein Ingram heiraten. Nein, ich liebe nur
Sie, Sie kleine Fee, Sie liebliche Elfe! Ich liebe Sie wie mein
eigenes Ich! Und ich flehe Sie an, nehmen Sie mich.'
,Mich wollen Sie heiraten? rief ich aus und begann zu glauben. ,Mich armes Mädel!r
,Ja, Sie! Wollen Sie die Meine sein? Sagen Sie ja, schnell,
schnell!'
,Herr Rochester, kehren Sie das Gesicht dem Mondlicht zu, lassen
Sie mich in Ihr Gesicht sehen!
,Weshalb?

,Weil ich darin lesen will.
,Sie werden es kaum leserlicher finden als eine halbverlöschte
Schrift. Doch lesen Sie immerhin! Nur beeilen Sie sich und spannen Sie mich nicht mehr lange auf die Folter.
Sein Antlitz verriet tiefe Erregung, seine Wangen waren purpurrot, seine Augen schossen seltsame Blitze.
,O, Johanna, Sie quälen mich mit diesen forschenden, treuen. -
großherzigen Blicken!' rief er aus.
,Wie kann Sie das quälen? erwiderte ich. ,Wenn Ihr Antrag ernst gemeint ist, kann es Sie nicht quälen. Und ist es wahrhaftig Ihr Ernst? Wünschen Sie aufrichtig, mich zum Weibe zu haben?
,Ich wünsche es, ja! Wenn ich's beschwören soll, will ich's tun.
Nur nehmen Sie mich an, schnell, schnell! Sagen Sie: Ja, Eduard;
nennen Sie mich beim Namen!'
,Ja, teurer Eduard, ich will Sie heiraten!
,Kommen Sie zu mir,' sagte er, und indem er die Wange an
die meine legte, flüsterte er mir in seinem innigsten Ton ins Ohr:
,Mache du mein Glück, ich werde das deine machen! Gott möge
mir verzeihen!'' setzte er nach einer Pause hinzu, ,und die Menschen
mögen mich in Ruhe lassen. Ich habe dich - und werde dich mir erhalten! Bist du glücklich, Johanna?
-Ja, ja!
Sein Blick war mehr wild, als liebevoll, und in fast grimmigem
Flüstern fuhr er fort: ,Sie ist arm, verwaist und ohne Freunde
- ich liebe sie über alles- das wird mich vor Gottes Thron rein
waschen -- und nach dem Urteil. der Welt frag' ich nicht. Es kümmert mich nicht. Der Meinung der Menschen biete ich Troy.
Der Abend hatte sich verwandelt. Schweres Gewölk war aufgezogen, und ehe wir das noch bemerkten, zuckte ein bläulicher Funke
auf, dem ein furchtbares Krachen und Prasseln folgte. Ich verbarg
das Gesicht wie geblendet an Herrn Rochesters Schulter. Alsbald
begann es heftig zu regnen, und Rochester zog mich rasch auf den
Gartenpfad mit sich. Ehe wir das Haus erreichten, waren wir völlig
durchnäßt. Frau Fairfax stand in der Halle; sie hatte eben nach dem
Wetter schauen wollen. Wir sahen sie im ersten Augenblick nicht.
Die Uhr schlug eben zwölf.
,Zieh rasch die nassen Kleider aus, daß du dich nicht erkältest,
sagte Herr Rochester zu mir. ,Und nun gute Nacht, mein einziger
Liebling! Träume von mir!
Er küßte mich. Ich entwand mich seinen Armen und erblickte
nun Frau Fairfax, die mich fassungslos anstarrte. Ich lächelte ihr
nur zu und eilte die Treppe hinauf.
,Morgen erfährt sie es noch früh genug!' dachte ich. Doch
oben in meinem Zimmer schmerzte mich der Gedanke, daß sie auch
nur für einen Augenblick mißdeuten könne, was sie eben gesehen.
Aber ich war zu glückselig, um lange an die gute Alte denken zu können.
Und draußen zuckte Blitz auf Blitz, und der Donner grollte in furchtbaren Schlägen, der Regen klatschte gegen mein Fenster. Ich aber
fürchtete mich nicht. Mir war so wohl, ich fühlte mich so ruhig, so
sicher wie noch nie in meinem Leben.
Am andern Morgen erzählte mir Adele, der Blitz habe am vergangenen Abend den großen Kastanienbaum am Ende des Gartens
zerschmettert.



11 Kapitel.
Ein neues Rätsel.

Während ich mich ankleidete, überdachte ich das Geschehene noch
einmal und fragte mich verwundert, ob nicht alles ein Traum sei.
Fast wollte ich nicht an die Wirklichkeit glauben. Als ich in den Spiegel sah, kam ich mir nicht mehr häßlich vor; das Glück hatte mein
Antlitz verschönert; die Wangen waren rosig, die Augen strahlten,
der Mund lächelte unbewußt. Und als ich zum Fenster hinaussah,
war auf die Sturmesnacht ein herrlicher Junimorgen gefolgt.
Frau Fairfax war in der Halle, sah mich ernst, fast traurig an
und fragte, ob ich zum Frühstück kommen wolle. Während der Mahlzeit war sie still, aber ich erkannte nun, daß ich selbst ihr die Aufklärung, nach der sie verlangte, nicht geben könne, daß Herr Rochester
es tun mußte. Ich aß und trank rasch meinen Teil und eilte davon.
Auf dem Korridor lief mir Adele in die Arme.
,Wohin? wohin? rief ich. ,Es ist Zeit zum Unterricht.
,Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt,. antwortete sie.
,Wo ist er?
Sie zeigte auf das Zimmer, aus dem sie eben gekommen war,
und ich trat ein. Wohlgemut ging ich zu ihm. Er umfing mich mit
einer herzlichen Umarmung, mit einem innigen Kusse, und das schien
mir jetzt ganz natürlich.
aJohanna, wie blühend du aussiehst! Wirklich hübsch. Was
ist aus meiner blassen, zarten Elfe geworden? Ein sonniges Mägdlein mit rosigen Lippen und Grübchen in den Backen, mit seiden-
weichem Haar und strahlenden Augen!'

,Und doch ist es nur Johanna Eyre.
,Und wird bald Johanna Rochester sein - in vier Wochen -
keinen Tag länger. Was hast du? Du wirst mit einem Male
wieder blaß.
,Sie gaben mir einen neuen Namen - Johanna Rochester -
wie seltsam das klingt!

,Ja, doch ich gebe dir nicht nur den Namen der Rochester,
sondern auch die Juwelen, die Diamanten der Herrin von Thornfield- die Erbstücke des Hauses. Ich will dich in Samt und Seide
kleiden, und du sollst Rosen im Haar tragen. Und das Haupt, das
mir über alles teuer ist, will ich in einen köstlichen, unschätzbaren
Schleier hüllen! Noch heute fahren wir beide nach Milcote. Wir
heiraten in vier Wochen. Die Trauung wird in der Dorfkirche dort
unten vollzogen, und dann führe ich dich gleich nach London, um von
dort mit dir nach Frankreich und Italien zu reisen. Wir werden
dieselben Stätten aufsuchen, die ich vor Jahren wie ein Wahnsinniger
durchirrte. Ekel, Haß und Wut waren damals meine Gefährten.
jetzt werde ich geheilt, geläutert dieselben Straßen ziehen, einen
Engel zur Seite!
,Ich bin kein Engel,' antwortete ich lachend, ,und werde wohl
auch nicht eher einer sein, als bis ich im Paradiese bin. Erwarten
Sie nichts Himmlisches von mir, Herr Rochester, wie auch ich nichts
Derartiges von Ihnen erwarte. Ich denke mir vielmehr, Sie werden
nur eine kurze Weile so bleiben, wie Sie jetzt sind. Dann werden
Sie kalt und launenhaft, dann streng und rücksichtslos sein, und ich
werde meine Mühe haben, Sie zufriedenzustellen. Aber wenn Sie
sich ganz an mich gewöhnt haben, dann werden Sie mich vielleicht
wieder liebhaben.
,Ich bin nur Frauen gegenüber, an denen mir nichts gefällt
als ihr Gesicht, launenhaft und hart. Aber gegen eine Frau mit
klarem Auge und aufrichtiger Rede, mit feuriger Seele und einem
Charakter, der sich wohl beugt, aber nicht bricht, der zugleich biegsam
und stark ist, gegen solch eine Frau bin ich immer treu und wahr.
,Haben Sie je solch einen Charakter kennen gelernt? Je solch
eine Frau geliebt?
,jetzt liebe ich sie. Vor dir niemals. Ich habe nie deines-
gleichen gefunden. Du scheinst dich mir zu unterwerfen und beherrschest mich doch. Ich bin beeinflußt, besiegt, und dieser Einfluß
ist unsagbar süß. Daß ich dir den Sieg lassen muß, ist wohltuender
als irgendein Triumph, den ich erringen könnte.
,Und Blanche Ingram, Herr Rochester?
,Was ist's mit ihr? Ich machte ihr nur scheinbar den Hof, um
dich ebenso wahnsinnig verliebt in mich zu machen, wie ich schon in
dich war.

,Das war sehr unrecht von Ihnen. Dachten Sie denn gar nicht
an Fräulein Ingrams Gefühle?
,Deren hat sie nur eins, nämlich maßlosen Stolz, und dem
schadet eine kleine Demütigung gar nichts. Warst du denn gar nicht
eifersüchtig, Johanna?
,Lassen wir das, Herr Rochester. Es kann Sie wirklich nicht
interessieren, das zu wissen. Antworten Sie mir bitte aufrichtig:
Wird Fräulein Ingram nicht um ihren Verlust trauern?
,Unsinn! Ich habe dir doch gesagt, daß sie mir gewissermaßen
den Laufpaß gegeben hat, als ich das Gerücht aussprengte, ich sei dem
Bankerott nahe.
-»BrRr
den ich selbst vor kurzem empfunden habe?

,Das darfst du, meine Kleine. Auf der ganzen Welt gibt es
kein zweites Wesen, das die gleiche reine Liebe für mich hegt wie du.
Der Glaube an diese reine Liebe, Johanna, ist der Balsam, der
meiner Seele nottut.
Ich drückte die Lippen auf seine- Hand. Ich liebte ihn inniger
als Worte auszudrücken vermocht hätten.
,Teilen Sie bitte Ihre Absichten Frau Fairfax mit. Sie hat
uns beide gestern abend gesehen und ist empört. Es tut mir weh,
von einer so braven Frau falsch beurteilt zu werden.

,Gut. Nun geh auf dein Zimmer und mache dich reisefertig.
Wir fahren: nach Milcote. Inzwischen will ich die alte Dame beruhigen.
Ich war bald angekleidet. Als ich Herrn Rochester aus dem
Zimmer der Frau Fairfax treten sah, eilte ich zu ihr. Sie saß vor
ihrer Bibel, und die Brille lag zwischen den aufgeschlagenen Blättern. Sie starrte nach der gegenüberliegenden Wand. Als sie mich
erblickte, lächelte sie und stammelte ein paar Worte der Beglückwünschung. Dann sete sie die Brille auf, schob die Bibel fort und
rückte den Stuhl vom Tische

,Was soll man nun dazu sagen?' sprach sie. ,Ich weiß nicht.
was man dazu sagen soll, Fräulein. Ich bin überrascht. Mir ist, als
hätte ich geträumt. Aber es ist doch wohl Wahrheit, nicht wahr? Er
hat Ihnen tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht, nicht wahr? Er
will Sie tatsächlich in vier Wochen zum Altar führen, nicht wahr?
.Ja.
,Das hätte ich nie geglaubt. Er ist ein stolzer Mann - das
waren die Rochesters alle. Und sein Vater war obendrein auch dem
Gelde sehr gut. Und von ihm sagt man, er sei zum mindesten sparsam. Und er will Sie tatsächlich heiraten?
Sie betrachtete mich von Kopf bis zu Fuß. Ich las in ihrem
Blicke, daß sie nichts Bezauberndes an meinem Aeußern entdecken
könne, und sich fragte, was er wohl an mir hübsch fände.
,Es geht über meinen Verstand,r fuhr sie fort, ,Gott mag
wissen, was daraus wird. Es ist in solchen Fällen immer gut, wenn
man auf gleicher Stufe steht, und wenn beide reich sind. Auch was
das Alter anbetrifft, sind Sie sehr auseinander, er könnte Ihr Vater
sein. Ob er Sie wirklich aus reiner Liebe heiratet? Es tut mir
leid, daß meine Bedenken Ihnen wehtun, aber Sie sind noch so jung.

Sie können nicht vorsichtig genug sein. Versuchen Sie, ihn in einer
gewissen Entfernung zu halten. Trauen Sie ihm nicht gar zu viel.
Herren von seinem Stande heiraten im allgemeinen keine Gouvernanten.
Ich wurde nun aber wirklich verdrießlich. Zum Glück ließ Herr
Rochester mich rufen. Wir fuhren nach Milcote.

Die vier Wochen bis zum Hochzeitstage waren vorüber wie im
Fluge. Alle Vorbereitungen waren getroffen; an der Wand meines
Zimmers standen die Koffer gepackt, verschlossen und verschnürt.
Morgen um diese Zeit sollten sie auf dem Wege nach London sein --
und ich auch, oder eigentlich nicht ich, sondern eine gewisse Frau Jo-
hanna Rochester, eine Person, die ich noch nicht kannte. Ihre Toiletten: die seidenen Kleider, das prachtvolle Hochzeitsgewand und vor
allem ein kostbarer, langer Schleier, hatten die schlichten Kleider von
Lowood verdrängt.
Aber es war nicht Allein die Nähe des Ereignisses, die mich
krank machte, nicht allein das Vorgefühl der großen Veränderung
meines Lebens es war noch ein dritter Umstand, der mehr als
die beiden andern mein Gemüt bedrückte. Es war über Nacht etwas
geschehen, das mir unbegreiflich war. Außer mir hatte es niemand
gesehen, hatte niemand davon gehört. Herr Rochester war an dem
Tage nach dieser Nacht fort und kehrte erst gegen Abend wieder. Er
mußte noch mehrere Geschäfte mit seinen Pächtern vor seiner Abreise persönlich erledigen. Nun wartete ich auf ihn und sehnte mich
danach, ihm mein Herz auszuschütten, ihn um die Lösung des unheimlichen Rätsels zu fragen.
Ich ging am Abend, als ich nicht länger meine Ungeduld bezähmen konnte in den Obstgarten; aber auch dort fand ich keine
Ruhe, und ich machte mich auf den Weg, Herrn Rochester entgegenzugehen. Ich brauchte nicht weit zu laufen, da hörte ich Hufschläge.
Ein Reiter kam, begleitet von einem Hunde.
,Sieh da! rief Herr Rochester, neigte sich vom Pferde herab
und streckte die Hand aus. ,Du hast keine Ruhe ohne mich, da sieht
man's. Steige auf meinen Stiefel und gib mir beide Hände. So -
und nun hopp!
Ich saß vor ihm im Sattel. Er gab mir einen herzlichen Willkommenskuß.

,Aber was hat dich hinausgetrieben? Ist ein Unglück passiert?
,Ja, es ist etwas passiert -- wenn auch kein Unglück. Ich erzähle es Ihnen, wenn wir zu Hause sind.
Er ließ sein Pferd im Galopp laufen, und wir hatten rasch die kurze Strecke zurückgelegt. Beim Abendessen leistete ich ihm Gesellschaft, und er beeilte sich, da er es nicht erwarten konnte zu hören,
was mich beunruhigt hätte. Ich nahm einen Hocker und setzte mich
zu Füßen meines Herrn nieder.
,Es ist Mitternacht,' sagte ich, ,und doch möchte ich nicht schlafen
gehen, denn ich fürchte mich. Ich wünschte, diese Stunde, wo wir so
traulich beisammen sitzen, ginge nie vorüber! Wer weiß, was die
nächste uns bringen mag?
,Was ist denn geschehen? Haben die Vorbereitungen dich allzusehr erschöpft? Was hat dir Ruhe und Glück gestört?
,Ruhe und Glück? murmelte ich. ,Sind Sie denn ruhig und
glückliche

,Ruhig? nein! aber glücklich - ja bis ins Innerste meines
Herzens, Doch du machst mix fast Angst, Johanna. Was bedeutet
dieser seltsame Blick, dieser fragende Ausdruck? Erkläre dich!
,So hören Sie denn, Herr Rochester! Eben schlägt es zwölf
Uhr, und ich will Ihnen erzählen, was sich gestern nacht um dieselbe
Stunde zugetragen hat. Sie waren den ganzen Tag über fort. Auch
ich hatte alle Hände voll zu tun gehabt und war recht müde, als
ich mich zur Ruhe legte. Während des Einschlafens dachte ich natürlich noch immer an die Geschenke, die Sie für mich gekauft haben, und
vor allem an den prachtvollen Brautschleier, den ich Ihnen zuliebe
tragen soll, obgleich ein so aristokratischer Schmuck für mein plebejisches Haupt kaum paßt. Die Nacht war stürmisch, der Wind heulte
laut, die Bäume rauschten, und als ich einschlief, nahm ich das Bild
dieser schaurigen Nacht mit in meine Träume hinüber. Mein erster
Traum führte mich auf einem vielverschlungenen Wege durch tiefe
Finsternis; Regen durchnäßte mich; im Arme hielt ich ein kleines
Kind, das jämmerlich schrie. Ich hatte das Gefühl, als seien Sie auf
dieser Straße vorausgegangen, aber schon weit von mir fort, und
ich spannte alle Kräfte an, um Sie einzuholen. Ich rief auch nach
Ihnen, aber die Stimme versagte mir den Dienst.
, Und dieser Traum bedrückt dich noch jetzt, wo du an meiner
Seite bist? Vergiß dein eingebildetes Leid und denke nur an dein
wirkliches Glück!'
,Ich hatte noch einen andern Traum,' fuhr ich fort. ,Ich sah
Thornfield als Ruine, als einen wüsten Trümmerhaufen. Alles war
zusammengebrochen, in der Ferne hörte ich Hufschläge, und ich eilte
auf eine Anhöhe und sah Sie. Aber Sie ritten von dannen und
verschwanden in der Finsternis. Ich wollte nacheilen, fiel von der
Anhöhe jäh herab und erwachte.
,Nun war das Träumen hoffentlich zu Ende, Johanna?
,Die Träume waren zu Ende - die Schrecken begannen erst.
Als ich die Augen aufschlug, sah ich ein brennendes Licht, den Schein
einer Kerze. Ich vermutete, Sophie sei eingetreten. Die Kerze stand
auf meinem Ankleidetisch, und die Tür des kleinen Nebenraums.
in den ich meine neuen Kleider getragen hatte, war offen. Ein Geräusch kam von dort. Ich rief: ,Sophie, was tun Sie dort?

Niemand antwortete, aber eine Gestalt kam zum Vorschein, nahm
das Licht und betrachtete nun eingehend die an den Riegeln hängenden Sachen. Ich rief wieder: ,Sophie! Sophie!r richtete mich im
Bett auf und neigte mich vor. Da erstarrte mir das Blut in den
Adern - denn es war nicht Sophie, es war nicht Frau Fairfax --
es war nicht einmal jene rätselhafte Person, die Grace Poole. Es
war eine mir ganz fremde Frau, die ich noch nie gesehen, solange
ich in Thornfield bin. Sie hatte langes, schwarzes Haar und trug
ein weites, weißes Gewand, das wie ein Leichentuch aussah. Sie
nahm meinen Schleier zur Hand, hielt ihn hoch, sah ihn an, warf
ihn sich selbst über den Kopf und betrachtete sich im Spiegel. Nun
sah ich ihr Gesicht: es war furchtbar anzuschauen - gespenstisch
häßlich und abschreckend die Augen blutunterlaufen - die Haut
braunschwarz- die Lippen wulstig-- die Brauen dick und tiefschwarz. Die Erscheinung erinnerte mich an jenes entsetzliche Gespenst
der Fabelwelt: an den Vampir. Das Weib nahm meinen Schleier,
riß ihn mitten entzwei, warf die Stücke auf den Boden und trat
darauf herum. Dann hob es die Kerze, kam an mein Bett und starrte
mich an. Vor meinen Augen blies es das Licht aus - ich fühlte im
Finstern, wie sein Gesicht sich dem meinen näherte - dann verlor ich
das Bewußtsein. Herr Rochester, sagen Sie mir nun, wer und was
war dieses Weih.'
,Eine Ausgeburt deiner Phantasie, Johanna, nichts weiter. Du
hast dir nur eingebildet, du wachtest, in Wahrheit hast du weitergeträumt.
,Herr Rochester, als ich erwachte, lag der Schleier vor mir auf
dem Boden, mitten durchgerissen!
Er erschrak, umfing mich mit beiden Armen und zitterte selbst.

,Allmächtiger Gott,r stieß er hervor, ,welch ein Glück, daß
sie sich nur an dem Schleier vergriffen hat! O, was hätte da geschehen
können! Ich muß dich sorgsam behüten, mein Schatz. Nun, dann
muß es doch wohl Wirklichkeit gewesen sein, Johanna. Glaube mir,
es war Grace Poole, niemand weiter. Du weißt ja schon, wie
wunderlich sie ist. Daß sie dir so abschreckend erschien, das war die
Folge des halbwachen Zustandes, in dem du lagst, des Alpdrückens,
das dich vorher heimgesucht hatte. Weshalb ich solch ein Geschöpf
in meinem Hause behalte, fragst du mich. Wenn wir Jahr und Tag
verheiratet sind, Johanna, werde ich dir alles erklären. Jetzt aber
noch nicht. Bist du damit zufrieden? Genügt dir meine Darlegung
des Geheimnisses?
In der Tat sie erschien mir als die einzig mögliche. Zufrieden
war ich freilich noch nicht, doch ihm zuliebe tat ich, als sei ich es.
In dieser Nacht schlief ich mit Adele zusammen und verschloß die Tür
aufs sorgsamste. Ich fand keinen Schlummer, hielt das Kind in
den Armen und bewachte seinen ruhigen, friedlichen Schlaf. Mit
Sonnenaufgang stand ich auf. Um sieben Uhr kam Sophie, um mich
anzukleiden. Ich mußte nun schließlich doch an Stelle des prunk-
vollen Schleiers, den Herr Rochester trotz meines Einspruchs für
mich gekauft, den einfachen Tüllschleier nehmen, den ich mir selbst
ausgesucht hatte. Das Mädchen brauchte lange Zeit, mich fertig zu
machen; denn Herr Rochester wurde ungeduldig.
,Johanna!' rief er herauf, und ich eilte die Treppe hinunter
und flog in seine Arme.
Er führte mich ins Speisezimmer und betrachtete mich von allen
Seiten. Die Musterung schien ihn zufriedenzustellen.
,Wir haben zum Frühstück nur zehn Minuten Zeit, sagte er
und klingelte.
Ein Diener, den er vor kurzem erst gemietet hatte, trat ein.
,Der Kutscher soll den Wagen und das Gepäck in Ordnung
bringen. Sie selbst gehen nach der Kirche und sorgen dafür, daß
der Küster und der Geistliche rechtzeitig da sind. Zum Wege in die
Kirche wünsche ich den Wagen nicht, aber er soll reisefertig vor der
Tür warten.
Der Diener eilte, die Befehle seines Herrn auszuführen. In
zehn Minuten waren wir fertig.



Kapitel.
Zerschelltes Glück.

Wir hatten keinen Brautführer, keine Brautjungfern. Keine
Angehörigen gaben uns das Geleit. Ich ging ganz allein an Herrn
Rochesters Arm. Frau Fairfax stand in der Halle, aber Herr Rochester ließ mir keine Zeit, mit ihr zu sprechen. Ich sah, er wünschte
nicht den geringsten Aufschub mehr, und ich möchte wohl wissen,
ob es je einen Bräutigam gegeben hat, dessen Antlitz eine so grimmige Entschlossenheit, zum Ziele zu kommen, ausgedrückt hat, wie
das des Herrn Rochesters. Unter seinen gerunzelten Brauen
schossen seine Augen Blitze einer fast verzweifelten Energie. Erst
vor der Kirchtür blieb er einen Augenblick stehen und ließ mich zu
Atem kommen.
Ich sehe noch, als wäre es heute, die kleine Kirche vor mir.
Eine Krähe umschwebte den Turm. Rings lagen die grünen Grabhügel, und die Gestalten zweier Männer traten, als sie uns erblickten, rasch in die Kirche. Herr Rochester sah sie nicht, weil er mich
anschaute; aber aus meinem Antlitz wich für den Augenblick alles
Blut, ein kalter Angstschweiß perlte auf meiner Stirn, und meine
Lippen wurden eisigkalt. Dennoch hätte ich den Grund dieser plötzlichen Beklemmung nicht angeben können.

Wir gingen hinein. Der Prediger stand im Chorrock am Altar
und wartete. Der Küster war an seiner Seite. In einem fernen
Winkel bewegten sich zwei Schatten; dort standen zwei Fremde,
kehrten uns den Rücken zu und betrachteten die Grabmäler der
Ahnen des Hauses Rochester. Wir stellten uns vor dem Altar auf.
Der Gottesdienst begann - einer der Fremden näherte sich uns.
Der Geistliche sprach die vorgeschriebenen Worte und fuhr dann
fort:
,Und so fordere ich euch auf, im Hinweis auf die Rechenschaft,
die ihr am jüngsten Tage von euren Handlungen ablegen müßt,
jedes etwaige Hindernis, das sich eurer Eheschließung entgegenstellen
könnte, jetzt noch offen zu bekennen.

Er hielt inne, wie es vorgeschrieben ist, obgleich wohl binnen
hundert Jahren die Pause nach dieser Frage niemals durch eine
Antwort unterbrochen wird. Der Geistliche erhob die Hand und
wollte eben, indem er sich an Herrn Rochester wendete, die Frage
stellen: ,Willst du dieses Mädchen hier zum Weibe nehmen? als
eine fremde Stimme deutlich und klar die Worte sprach:
,Die Trauung kann nicht stattfinden. Es besteht ein Hindernis.
- Der Prediger sah auf. Er und der Küster standen sprachlos
da. Herr Rochester fuhr auf, als wenn die Erde unter seinen Füßen
gebebt hätte. Dann hob er das Haupt, sah den Geistlichen fest an
und rief: ,Walten Sie weiter Ihres Amtes.
,Das kann ich nicht, ohne Nachforschungen über den Einspruch
anzustellen, der hier eben erfolgt ist,r' antwortete der Pastor. ,Ich
muß untersuchen, ob es Wahrheit oder Lüge ist, was da behauptet
wird.
,Die Trauung ist abzubrechen, sagte die Stimme hinter uns.
,Ich kann beweisen, daß ich die Wahrheit sage. Es besteht ein unüberwindliches Hindernis gegen diese Eheschließung.
Herr Rochester stand starr und steif da, er vermochte kein Glied
zu rühren und sich nicht nach dem Fremden umzuschauen, nur meine
Hand packte er fester. Und wie marmorbleich erschien mir seine
hohe, blasse Stirn in diesem Augenblick, wie ruhig und doch wie
feurig blitzte sein Auge!
Der Prediger wußte nicht, was er tun sollte.
,Und worin besteht das Hindernis, von welchem Sie sprechen?
fragte er. ,Läßt es sich vielleicht hinwegräumen — überwinden?
Der Fremde lehnte sich über das Gitter des Altarraums und
antwortete ruhig:
,Es besteht einfach darin, daß Herr Rochester schon verheiratet
ist und seine Gattin noch lebt.
Diese leise gesprochenen Worte wirkten niederschmetternder auf
mich, als ein Donnerschlag vermocht hätte. Dennoch war ich gefaßt,
und keine Ohnmacht drohte mir. Ich sah Herrn Rochester an -
sein Gesicht erschien mir in diesem Augenblick wie farbloses Gestein.
Er leugnete nichts. Er sah nur aus, als sei er entschlossen, dem
Himmel und der Erde Trotz zu bieten. Er umschlang mich fest und
hielt mich an seiner Seite.
,Wer sind Sie? fragte er den Mann.
,Briggs - Advokat aus London.
,Und Sie wollen mir eine Gattin aufschwatzen?
,Nein, Sie nur an die Existenz Ihrer rechtmäßigen Ehefrau
erinnern. Ihre Ehe ist vor dem Gesetz gültig, wenngleich Sie anderer
Meinung zu sein scheinen.
Nach diesen Worten zog er ein Blatt Papier hervor und las in
geschäftsmäßigem Tone das Folgende:
,Ich bestätige und kann beweisen, daß am W. Oktober des
Jahres . - - - 'hier folgte ein Datum, das um fünfzehn Jahre
zurücklag Eduard Fairfax Rochester, Eigentümer von Thornfield-Hall und Ferndean-Haus, aus England, mit meiner Schwester
Bertha Antoinette Mason, Tochter des Kaufmanns Jonas Mason
und seiner Gattin Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche Allerheiligen zu Spanish-Town auf Jamaika getraut worden ist. Das
Protokoll darüber findet sich in den Registern der genannten Kirche
--- eine Abschrift habe ich in Händen. Richard Mason.

,Das beweist wohl, sagte Herr Rochester, ,daß ich einmal verheiratet war, aber nicht, daß die Person, die darin als meine Gattin
bezeichnet wird, noch am Leben ist.
,Sie war vor drei Monaten noch am Leben - das wenigstens
ist bewiesen, versetzte der Rechtsanwalt.
,Woher wissen Sie das?
,Ich habe einen Zeugen dafür.
,Bringen Sie ihn zur Stelle!r
,Er ist hier -- Herr Mason, wollen Sie vortreten.
Als Herr Rochester diesen Namen hörte, knirschte er mit den
Zähnen und zitterte heftig. Der zweite Fremde, der bis jetzt im
Hintergrunde geblieben war, trat nun auch vor, und ein bleiches
Gesicht sah über die Schulter des Sachwalters nach uns hin. Ja,
es war Herr Mason selbst. Herr Rochester drehte sich um und starrte
nach ihm hin. Sein Antlitz färbte sich mit einer Glut, die wie Feuer
aus seinem gemarterten Herzen heraufstieg. Dann erhob er den
starken Arm und machte Miene, Mason niederzuschlagen. Der aber
zuckte zusammen und schrie in jämmerlichem Tone: ,Allmächtiger
Gott!'
Da sank Herrn Rochesters Arm nieder; mit dem Ausdruck
grenzenloser Verachtung fragte er: ,Was hast du noch zu sagen,
Unglückskind?
Eine unhörbare Antwort entrang sich den bleichen Lippen
Masons.
,Der Teufel soll dich holen !' schrie Rochester.
,Herr, rief der Geistliche dazwischen, ,vergessen Sie nicht, wo
Sie sich befinden. Dann wandte er sich an Mason und fragte:
,Ist Ihnen bekannt, ob die Ehefrau dieses Herrn noch am Leben
ist?-
,Sie lebt in Thornfield-Hall,' antwortete Mason. ,Im April
noch habe ich sie gesehen. Ich bin ihr Bruder.
,Das ist nicht möglich, sagte der Geistliche. ,Ich wohne seit
langer Zeit schon hier und habe nie etwas von einer Frau Rochester auf Thornfield-Hall gehört.
,Nein, wahrlich nicht, rief Rochester mit finsterm Lächeln.
,Denn ich habe Sorge getragen, daß kein Mensch etwas von ihr
erfahren solle.

Zehn Minuten bangen Schweigens verstrichen, dann raffte Rochester sich gewaltsam auf und rief mit einer Stimme, die wie Donner rollte:
,Genug! Nun soll alles heraus wie die Kugel aus der Kanone!
Pastor, klappen Sie Ihr Buch zu! Heute findet keine Trauung mehr
statt. Das Schicksal hat mich überlistet die Vorsehung gebietet
mir Einhalt. Mein Plan ist gescheitert. Was dieser Advokat und
sein Klient sagen, ist wahr: ich bin verheiratet -- und das Weib,
mit dem ich verheiratet bin, lebt. Sie heißt Bertha Mason und ist
die Schwester des Hasenfußes, der dort steht und an allen Gliedern
zittert. Pastor, Rechtsanwalt, ich lade Sie ein, sich meine Gattin
anzusehen! Kommen Sie mit mir und betrachten Sie nur auf einen
Augenblick die Schutzbefohlene der Grace Poole, meine Gattin! Sie
sollen mit eigenen Augen sehen, wie man mich betrogen hat, als man
mich dazu verleitete, dieses Geschöpf zu heiraten! Und dann beurteilen Sie, ob es unmenschlich von mir war, daß ich m.ich für berechtigt hielt, eine solche Ehe als nicht bestehend anzusehen. Pastor,
dieses Mädchen wußte ebensowenig wie Sie um dieses widerliche Geheimnis. Sie glaubte, es sei alles in Ordnung. Sie hatte keine
Ahnung davon, daß sie eine Scheinehe mit einem elenden Betrüger
eingehen sollte, der schon mit einem wahnsinnigen, vertierten Weibe
verheiratet ist! Folgen Sie mir alle, alle, alle!'
Noch immer hielt er mich mit eiserner Faust fest und stürmte
zur Kirche hinaus.

Fahr zurück in den Stall, John,' sprach er zum Kutscher. ,Wir
brauchen heute keinen Brautwagen!'

Als wir in Thornfield-Hall ankamen, traten uns Frau Fairfax, Lea und Sophie entgegen, um uns zu beglückwünschen.

,Hinweg mit euch!' schrie ihr Gebieter. ,Gehe jeder an seine
Arbeit! Wer braucht Glückwünsche? Ich nicht! Sie kommen um
fünfzehn Jahre zu spät!'

Und noch immer meine Hand umklammernd, eilte er die
Treppen hinauf, bis ins dritte Stockwerk, und führte uns in jenes
Zimmer mit den Gobelins, wo ich an der Seite des verwundeten
Herrn Mason gewacht hatte. Er hob die Wandteppiche auf und enthüllte jene geheime Tür, die ich schon einmal gesehen hatte. Er schloß
In einem fensterlosen Zimmer brannte ein helles Feuer, und eine Lampe hing von der Decke herab.
Grace Poole stand am Kamin,
offenbar beschäftigt, in einem Tiegel etwas zu kochen. Am andern
Ende des Zimmers, in tiefem Schatten, lief eine Frauengestalt unaufhörlich hin und her wie ein gefangenes Tier im Käfig. Gleich
einem Tier knurrte und heulte sie auch; aber sie trug menschliche
Kleider, und menschliches Haar hing ihr um Gesicht und Schultern.

,Guten Morgen, Frau Poole!' rief Herr Rochester. ,Was macht
Ihre Schutzbefohlene heute?
,Sie ist bissig, aber frei von Tobsucht, antwortete Grace Poole
ruhig.

Im nächsten Moment erklang ein wilder Schrei, der diese Worte
Lügen zu strafen schien. Das tierische Weib, das zuerst auf allen
Vieren herumgekrochen war, erhob sich und stand groß und gewaltig
vor uns.

,O. Herr, sie hat Sie gesehen! Gehen Sie fort!' rief Grace
Poole.
Es war schon zu spät. Die menschliche Hyäne stürzte mit einem
furchtbaren Geheul auf Herrn Rochester los, packte ihn bei der
Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht. Ich trat entsetzt
zurück: in dieser Wahnsinnigen hatte ich die geheimnisvolle Fremde
erkannt, die in der vorletzten Nacht meinen Schleier zerrissen hatte.
Herr Rochester rang mit ihr. Sie war sehr stark und außerdem
korpulent und schwer. Mit einem wuchtigen Schlage hätte er sie
zu Boden werfen können, aber er wollte nicht schlagen, er wollte nur
mit ihr kämpfen. Endlich hatte er sie niedergezwungen, Grace Poole
warf ihm einen Strick zu, und er fesselte sie. Dabei stieß die Irre
ein gräßliches Geschrei aus. Herr Rochester wandte sich an die Zuschauer und sagte mit einem bittern Lächeln:

,Das ist mein Weib! und das hier, fügte er hinzu und legte
die Hand auf meine Schulter, ,sollte mein Weib sein! Betrachten
Sie den Unterschied, meine Herren, und beglückwünschen Sie mich
dazu, daß es mir fehlgeschlagen! Und du, Priester des Evangeliums.
verurteile mich, wenn du kannst! Du Mann des Gesetzes, tue desgleichen! Aber vergeßt die Worte nicht: Richtet nicht, auf daß ihr
nicht gerichtet werdet! Und nun fort! Ich muß meinen Schatz hier
erst wieder einschließen!'

Wir gingen alle. Auf der Treppe wandte der Rechtsanwalt sich
an mich:

,Sie trifft dabei kein Tadel, Fräulein,' sagte er. ,Ihr Onkel
wird sich freuen, wenn er das hört - sobald Herr Mason wieder
in Madeira ist.

,Mein Onkel in Madeira? stieß ich hervor. ,Was hat das hier
mit ihm zu schaffen?

,Herr Mason kennt ihn, antwortete der Advokat. ,Ihr Onkel
ist eine Zeitlang, ehe er sich selbständig machte, der Buchhalter in
der Madeira-Filiale der Firma Mason gewesen. Als Ihr Onkel von
Ihnen jenen Brief erhielt, in welchem Sie ihm von Ihrer bevorstehenden Verheiratung mit Herrn Rochester schrieben, befand sich
Herr Mason gerade auf Madeira, um dort Genesung zu suchen.
Er besuchte Ihren Oheim, da sie ja alte Bekannte sind. Im Laufe
des Gesprächs erfuhr er nun die ganze Sache. Ihr Onkel, wie ich
Ihnen leider mitteilen muß, ist sehr krank. Er hat die Schwindsucht, und ich glaube nicht, daß er je wieder gesund werden wird.
Er konnte deshalb nichts tun, um Sie zu warnen, aber er ersuchte
Herrn Mason, hierher zu reisen und diese unrechtmäßige und ungültige Heirat zu verhindern. Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß
Sie Ihren Onkel nicht mehr lebend antreffen werden, so würde ich
Ihnen raten, gleich mit Herrn Mason nach Madeira zu reisen; wie
die Dinge aber liegen, ist es wohl besser, Sie bleiben hier und
warten, bis Sie etwas von Herrn Eyre hören.

Er ging mit Herrn Mason fort. Ich begab mich auf mein
Zimmer und schloß mich ein. Dann fing ich an - nicht zu weinen,
noch zu trauern, dazu war ich noch zu ruhig - sondern ganz langsam meinen Hochzeitsstaat abzulegen and das schlichte, wollene
Kleid aus Lowood wieder anzuziehen. Dann setzte ich mich. Ich
war müde. Ich legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf.
Und nun begann ich zu überlegen. Bis jetzt hatte ich mich nur
bewegt - zur Kirche und zurück - treppauf und treppab, wohin
man mich zog -- jetzt fing ich an zu denken.
der Leidenschaft, ohne Wehklagen, ohne Tränen. Der Einspruch
gegen die Trauung war in sachlicher Form geschehen, auf einige
aufgebrachte Fragen Herrn Rochesters waren sachliche Antworten
gegeben worden -- und dann hatten wir den lebenden Beweis
für die Rechtskraft des Einspruchs gesehen. Nun war alles vorüber.
- Ich befand mich wieder in meinem Zimmer - wieder als
Johanna Eyre - nicht als Frau Rochester. Johanna, die ein
liebendes, erwartungsvolles Weib, beinahe schon Gattin gewesen,
war wieder ein einsames Mädchen. Ein harter Winterfrost war über
die blühenden Blumen hingebraust, Schneewehen hatten die knospenden Rosen getötet, ein eisiges Leichentuch hatte sich über die grünende
Pracht gebreitet. Meine gestern noch so üppig prangenden Wünsche
waren tot; meine Liebe lag in meinem Herzen wie ein krankes
Kind in einer kalten Wiege. Der Glaube war dahin -- das Vertrauen zerstört - die Hoffnung gebrochen! Herr Rochester war für
mich nicht mehr das, was er gewesen, denn er war nicht das, für
was ich ihn gehalten. Und nun mußte ich fort aus seiner Nähe,
das sah ich klar. Doch wohin? wohin?

Dunkelheit umgab mich - wie, schwarze Wogen fluteten wirre
Gedanken um mich her. Kraftlos trieb ich in ihrem reißenden
Strome, und ich wünschte mir den Tod herbei. Wie eine erdrückende
Lawine brach das Bewußtsein meines zerstörten Lebens, meiner
verlorenen Liebe, meiner vernichteten Hoffnungen über mich herein.



Kapitel.

Abschied.

So saß ich bis zum Nachmittag. Dann fragte ich mich: ,Was
soll ich nun beginnen? Die Antwort, die mir meine eigene Seele
gab: ,Thornfield auf der Stelle verlassen!’ kam so furchtbar schnell,
daß ich mir die Ohren zuhielt. ,Es ist ja das wenigste, sprach ich
zu mir selbst, ,daß ich nicht seine Gattin sein kann - nein, daß
ich nun nicht mehr bei ihm bleiben kann, daß ich ihn verlassen muß,
jetzt und auf immerdar - das ist das Entsetzliche! Und das vermag ich nicht!'

Doch eine innere Stimme sagte mir, daß ich es doch könne,
daß ich es ausführen würde. Ich sprang plötzlich auf. War ich nicht
schon jetzt verlassen und überflüssig? Ich hatte den ganzen Tag noch
nichts gegessen und getrunken, und niemand hatte daran gedacht,
nach mir zu fragen, mir etwas zu schicken. Weder Frau Fairfax
noch Adele hatten an meine Tür geklopft. Ich taumelte zum Zimmer
hinaus, denn ich konnte nicht länger einsam sein - ich wankte durch
den Korridor - ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Ich strauchelte
über irgendetwas, das am Boden lag - mich schwindelte - und
ich fiel. Doch nicht auf die Erde - ein Arm hielt mich auf. Ich
sah empor - es war Herr Rochester, der mich stützte.

,Endlich kommst du zum Vorschein, sagte er. ,Ich warte und
horche schon lange -- aber kein Geräusch, keine Bewegung. Todesähnliche Stille. Schon war ich willens, die Tür dort wie ein Räuber
aufzubrechen. So weichst du mir aus? Trauerst allein? Ach, wärst
du mit heftigen Vorwürfen vor mich hingetreten! Auf eine leidenschaftliche Szene, auf heftige Tränenfluten war ich vorbereitet, nicht
aber auf dieses stumme Dulden. Ich sehe, du hast nicht einmal geweint, Johanna! Kein Wort des Tadels, keine Silbe der Erbitterung? Du sitzest ganz still dort, wohin ich dich gesetzt habe, und siehst
mich mit müden Augen an. Kannst du mir jemals verzeihen?

Ach, ich hatte ihm schon verziehen! In seinen Augen sprach
sich so tiefe Reue aus, in seiner Stimme so wahres Mitleid, in seinem
Wesen so männliche Energie, daß ich ihm alles verzieh. Doch nicht
in Worten, nicht nach außen hin - sondern still. für mich, in der
Tiefe meines Herzens.

Als ich noch immer schwieg, schüttelte ihn ein Schauer, er nahm
mich auf den Arm und trug mich hinunter ins Bibliothekszimmer.
Dort saß ich nun in seinem Stuhle und er war dicht neben mir.

,Wenn ich jetzt ganz plötzlich und ohne jähen Schmerz aus dem
Leben scheiden könnte, so würde mir wohl sein, dachte ich bei mir
selbst. ,Dann brauchte ich mir nicht das Herz zu zerreißen, indem
ich mich von Herrn Rochester losreiße. Und ich muß ihn ja verlassen - ich muß ja!'

Ich trank etwas von dem Wein, den er mir reichte; er stellte
das Glas wieder auf den Tisch, trat vor mich hin und betrachtete
mich. Und plötzlich wandte er sich ab mit einem unterdrückten
Schrei, den der wahnsinnige Schmerz ihm entpreßte. Dann neigte
er sich über mich, als wollte er mich küssen. Doch ich wandte den
Kopf zur Seite und schob ihn sanft von mir. Für mich waren jetzt
alle Liebkosungen verboten.

,Was bebeutet das? fragte er. ,Ah, du willst den Gatten
jener Bertha Mason nicht mehr küssen? Also hältst du mich doch für
einen Schurken, der dich in eine Schlinge locken wollte, der dir nur
Liebe heuchelte, um dir Ehre und Selbstachtung zu rauben? Ich sehe,
du weißt gar nichts zu antworten. Erstens bist du noch zu müde,
und zweitens hast du dich noch nicht daran gewöhnt, mich mit
Lästerungen zu überhäufen. Ach, Johanna, ich sehe es jetzt selbst, es
war unrecht von mir, dich nach Thornfield-Hall kommen zu lassen,
da ich ja wußte, welches fürchterliche Gespenst hier umgeht. Ich hatte
ja freilich stets Sorge getragen, das Geheimnis vor, aller Welt zu
verbergen, und außer Grace Poole, auf die ich mich verlassen konnte,
und dem Wundarzt Carter wußte niemand davon. Aber ich hätte
dir die Existenz dieser Wahnsinnigen nicht verheimlichen sollen. Ich
hätte offen und ehrlich mit dir darüber sprechen sollen. Wie die
Dinge nun stehen, ist nichts zu ändern. Ich werde dich jetzt von
- für Geld tut Grace viel dann lasse ich die Einfahrt vernageln,
die unteren Fenster vermauern und schließe das ganze Haus von
aller Welt ab. Mlles ist zur schleunigen Abreise gerüstet, das weißt
du, Johanna. Halte nur noch eine Nacht unter diesem verwunschenen
Dache aus, dann bringe ich dich an einen Ort, wo wir ein sicheres

Heiligtum finden werden, wohin uns keine verhaßten Erinnerungen
folgen sollen.

Ich schüttelte den Kopf. Es erforderte einen gewissen Mut, um
auch nur dieses Zeichen von Weigerung zu machen - aufgeregt wie
er war. Er sah mich scharf an - ich blickte zur Seite und bemühte
mich, ruhig und gefaßt zu bleiben.

,Da haben wir nun den Haken in Johannas Charakter, fuhr
er fort. ,Bis hierher ist alles glatt und weich gegangen, nun ist
der Knoten da. Bei Gott, es wandelt mich die Lust an, diesen Knoten
wie Werg zu zerreißen.

Er schritt auf und nieder und blieb dann wieder dicht vor mir
stehen.

,Johanna, willst du Vernunft annehmen? Sonst werde ich Gewalt gebrauchen!

Seine Stimme klang heiser. Er sah mich an wie jemand, der
alle Fesseln sprengen und sich Hals über Kopf in die wildeste
Zügellosigkeit stürzen will. Das begriff ich und wußte, daß ich im
nächsten Augenblick, wenn seine Wut auch nur um ein Atom noch
zunahm, nichts mehr bei ihm erreichen könne. Die gegenwärtige
Sekunde war die letzte Gelegenheit, ihn zu beherrschen, ihn zurückzuhalten. Ich fürchtete mich nicht das Bewußtsein meiner innern
Kraft hielt mich aufrecht. Ich hatte in diesem Moment das Gefühl
eines Menschen, der in einem Kanoe über Stromschnellen hinsaust,
aber ich verlor das Steuer nicht aus der Hand. Sanft und beruhigend löste ich die Finger seiner Faust.

Setzen Sie sich, sagte ich. ,Dann will ich Ihnen zuhören,
solange Sie wollen.

Er setzte sich denn auch, aber fürs erste fand er noch keine Worte.
Dafür kamen mir nun plötzlich die Tränen - ich konnte sie nicht
länger zurückhalten. Ich gab mir auch keine Mühe, sie zu unterdrücken, denn ich wußte, daß er mich nicht weinen sehen konnte.
Bald bat er mich denn auch inständig, mich zu fassen. Ich antwortete,
ich könne das nicht solang er so zornig sei. ,Zornig bin ich ja
gar nicht, Johanna- es ist alles nur die zu große Liebe.
Dein kleines blasses Gesicht sah mich zu hart und kalt an. Sei nun
still und weine nicht mehr.

Der weiche Ton seiner Worte zeigte mir an, daß er nachgab;
da wurde auch ich wieder ruhig. Er wollte den Kopf an meine
Schulter lehnen - ich erlaubte es ihm nicht. Er wollte mich an sich
ziehen, auch das verwehrte ich ihm.

,Johanna, sagte er so traurig, daß jeder Nerv in mir zuckte,
,liebst du mich nicht mehr?

Ach, wie schnitten diese Worte mir ins Herz!
,Ich liebe Sie mehr als je, antwortete ich. ,Aber ich darf
meine Liebe nun nicht mehr zeigen, und dies ist auch das letzte Mal,
daß ich ihr Ausdruck verleihe!

,Das letzte Mal? Willst du neben mir leben, mich täglich sehen
und doch bei all deiner Liebe kalt und fremd bleiben?

,Das könnte ich nimmermehr, und deshalb gibt es nur einen
Ausweg - aber ich darf ihn ja nicht nennen, Sie geraten gleich
wieder in Zorn.
,Nenne ihn - ich werde ruhig bleiben.
.Ich muß Sie verlassen, Herr Rochester.
,Für einige Minuten, Johanna? Um dir das Haar zu
ordnen?
,Ich muß Thornfield verlassen ich muß für immer Abschied l
von Ihnen nehmen. Ich muß unter einem andern Himmel, unter ;
andern Menschen ein neues Leben beginnen.

,Das sagte ich dir ja selbst schon - aber als Frau Rochester,
denn das sollst du werden, nicht nur dem Namen nach, sondern in
der Tat. Ich werde zu dir halten, solange ich lebe. Ich habe eine
Villa am Meer in Südfrankreich - dorthin gehen wir. Weshalb
schüttelst du den Kopf? Johanna, nimm Vernunft an - oder die
Wut faßt mich von neuem

Herr Rochester,' erwiderte ich ruhig, .Ihre Gattin lebt noch.
,Johanna, ich besitze nicht viel Sanftmut, stieß er hervor.
,Nicht viel Geduld - ich bin auch nicht kalt und ohne Leidenschaft.
Lege deine Hand an meinen Puls - fühle, wie er klopft - und
hüte dich!'
Er hielt mir den Arm hin, sein Gesicht war aschfahl geworden.
Ich wußte mir keinen Rat mehr -- ihn noch länger durch Widerstand zu reizen, war grausam, ihm nachzugeben war ganz unmöglich.
Da tat ich, was der Mensch in höchster Not instinktiv immer tut, ich
schlug die Augen zum Himmel auf, und die Worte: ,So möge Gott
mir helfen!' kamen unbewußt von meinen Lippen.
,Ich bin ein Narr!' rief er. ,Da rede ich dir immer vor, ich
sei nicht verheiratet, und erkläre es dir nicht. Du weißt ja nichts
von dieser unglückseligen Verbindung und von dem Drum und Dran.
Wenn du alles weißt, wirst du mir gewiß Recht geben. Willst du
mich anhören?
,Stundenlang, Herr Rochester.

,Es soll nur ein paar Minuten dauern. Hast du schon einmal
gehört, daß ich kein Erstgeborener war, sondern einen älteren Bruder
hatte?

,Frau Fairfax sprach einmal davon.
,Und hast du auch mal gehört, daß mein Vater sehr habsüchtig
und geldgierig war?

.Ja.
,Nun, er hatte infolgedessen beschlossen, sein Besitztum nicht zu
teilen, sondern ganz meinem Bruder zu hinterlassen, und um mich
in unabhängige Verhältnisse zu bringen, suchte er mir eine reiche
Braut. Er fand sie in der Tochter eines westindischen Farmers,
eines Herrn Mason, der für sehr reich galt. Die Mitgift sollte denn
auch dreiviertel Million betragen, das genügte ja. Man schickte mich
nach Jamaika, um die Braut heimzuführen, die bereits für mich
geworben war. Sie war sehr schön - von spanischem Typus. Ich
sah sie aber nie allein und konnte kein einziges Mal mit ihr unter
vier Augen sprechen. Allein da sie allgemein umworben wurde, nahm
ich an, sie sei wirklich begehrenswert und machte mir keine Gedanken
weiter. Ihre Verwandten kamen mir entgegen, sie selbst ermutigte
mich, Nebenbuhler reizten mich, den Sieg davonzutragen, und so
war ich eines Tages mit ihr verheiratet, fast wußte ich nicht, wie es
geschah. O, wie verachte ich mich selbst, wenn ich daran denke! Ich
kannte sie ja noch nicht einmal! Ich wußte nicht, ob sie tugendsam,
gut, offenherzig sei- ob sie eine reine Seele, ein edles Herz hätte!
Nichts wußte ich. Ihre Mutter hatte ich nie gesehen. Ich glaubte,
sie sei tot. Erst nach Ablauf der Flitterwochen erfuhr ich, daß ihre
Mutter im Irrenhause lebte, daß ein Bruder von ihr ebenfalls verrückt war, und daß der ältere - den hast du ja hier kennen gelernt
- auch langsam dem Schicksal geistiger Umnachtung entgegenginge.
Nach kurzer Zeit erkannte ich nun, was ich an meiner jungen Frau
hatte: sie kehrte ohne Scheu ihren gemeinen, häßlichen Charakter
hervor. Sie war ganz unfähig, sich irgendwelchen höheren Dingen
zuzuwenden. Ich mußte einsehen, daß mir an der Seite dieser Person
nicht ein einziger Abend, ja nicht einmal eine Stunde der Ruhe
und des Behagens beschert sein würde. Nach kurzer Zeit ergab sie
sich dem Trunke, und damit nahm alles ein rasches, furchtbares Ende.
Die ersten Zeichen, daß die Krankheit ihrer Mutter, der Wahnsinn,
auch bei ihr ausbräche, machten sich nun bald in erschreckender Weise
bemerkbar. Das Leiden nahm rasch überhand. Ich stand am Rande
der Verzweiflung und wollte mir das Leben nehmen; doch ich rang
mich durch diesen furchtbaren Schmerz empor und wurde mit mir
selbst darüber einig, daß diese Ehe vor Gott und den Menschen
keine Gültigkeit haben könne. Ich beschloß, nach Europa zurückzukehren, wo niemand etwas von meiner Verheiratung wußte. Inzwischen waren kurz hintereinander mein Vater und mein Bruder
gestorben, und ich war in den Besitz des ganzen Vermögens meiner
Familie gelangt. Vater und Bruder hatten sich, im Bewußtsein ihrer
Niederträchtigkeit, wohl gehütet, etwas von meiner Frau zu erzählen. In Europa also konnte ich nach wie vor als unverheiratet
gelten, und ich kam nun auf den Gedanken, mein Weib in einem
meiner Schlösser von aller Welt abzusperren, ihr eine treue Wächterin zu geben und dann selbst Ausschau nach einer andern Gattin
zu halten, an deren Seite ich trotz allem noch glücklich werden könnte.
So schloß ich sie in Thornfield-Hall ein und mietete Grace Poole
zum Cerberus dieser Hölle. Grace versieht ihr Amt im allgemeinen
sehr gut und sehr gewissenhaft, aber sie trinkt gern, und wenn sie
über ihrem Porterkrug einschläft, macht sich die Tobsüchtige manchmal doch noch die Gelegenheit zumute und entschlüpft ihr. So damals, als sie mein Bett in Brand steckte und dann in jener Nacht,
wo sie deinen Schleier zerriß. O, was hätte da geschehen können!
Wenn ich daran denke, wie sie mich heute morgen bei der Gurgel
packte, dann überläuft mich ein Schauer bei dem Gedanken, daß

diese Teufelin in der Nacht am Nestchen meines zarten, unschuldigen Lieblings, meiner sanften Taube, gewesen ist. Nun, Johanna,
durchstreifte ich ganz Europa, weilte in Italien, in Deutschland, in
Frankreich, besuchte alle Bäder und vornehmen Städte und hielt
überall Umschau nach einer Frau, mit der ich glücklich werden
könnte, und fand keine.

,Aber Sie durften doch gar nicht heiraten, Herr Rochester.
aIch war fest überzeugt, daß ich es dürfe und müsse. Ich wollte
auch ursprünglich keine Täuschung begehen, wie ich nun mit dir getan.
Es war meine Absicht, der Auserwählten alles offen zu bekennen,
weil es mir als selbstverständlich erschien, daß mein Wunsch, eine
andere glückliche Ehe zu schließen, für berechtigt gehalten würde.
Aber als ich dann jahraus, jahrein kein Weib fand, das meinen
Anforderungen an Herz und Gemüt entsprach, da nahm ich mit
vor, über die ganze Sache Stillschweigen zu bewahren. Nach vielen
Jahren der Irrfahrt kehrte ich nach Thornfield-Hall zurück und
hier fand ich nun die Langgesuchte-- hier fand ich dich, Johanna.
Nun weißt du, wie die Dinge stehen - du bist meine Liebe -
du bist der stille Hafen, in dem das Wrack Ruhe nach wilden Stürmen findet - du bist mein besseres Ich - mein guter Genius.
Wohl, ich hätte gerade dir alles offen bekennen sollen, ich hätte
an deine Großmut, an deinen Edelsinn appellieren sollen. Ich tat
es nicht, weil ich schließlich doch alteingewurzelte Vorurteile fürchtete.
Das war feige von mir Erst nach der Offenbarung meiner Verhältnisse hätte ich dich um den Treuschwur bitten sollen. Nun tue ich
es jetzt - gib ihn mir, Johanna!

Ich litt Todesqualen. Eine feurige Hand griff mir nach dem
Keim alles Lebens. Kein lebendes Wesen konnte sich eine innigere
Liebe wünschen, als mir zuteil wurde kein lebendes Wesen konnte
inniger wiederlieben, als ich es tat und dennoch mußte ich meinem
Abgott, meiner Liebe entsagen.

,Johanna, warum schweigst du - du verstehst mich doch? Ich
will von dir nur die Worte hören: Herr Rochester, ich will die
Ihrige sein.

,Herr Rochester,' antwortete ich nun fest und laut, ,ich will
nicht die Ihrige sein.

Er schwieg lange-
Dann rief er nur: ,Johanna!r doch in solchem Tone der
Liebe und Sanftmut, der Angst und des Entsetzens, daß mein Blut
erstarrte.

,Johanna, willst du etwa deinen Weg für dich gehn und mich
den meinen für mich gehn lassen?

,Das will ich - das muß ich!'
,O, das ist bitter! Johanna, wäre es denn eine Sünde, mich
zu lieben? Denke doch, welch furchtbares Leben mir winkt, wenn
du mich verläßt. Mit dir geht alles Glück von mir! Was bleibt
dann übrig? Wieder nur die Tobsüchtige da oben - und die kalte,
fremde Welt. Wo soll ich da Ruhe und Glück finden? Du machst
mich zum ärmsten Menschen der Weltl Du verdammst mich, unglücklich zu leben und fluchbeladen zu sterben. Du beraubst mich der
Liebe und der Unschuld - du stößt mich zurück in Laster und
Leidenschaft!

Herr Rochester, ich stoße Sie ebensowenig in ein solches Schicksal, wie ich ihm verfallen werde. Wir sind geboren, um zu kämpfen
und zu leiden. Tun Sie es denn! Sie werden mich früher vergessen als ich Sie.

,Nein und abermals nein! Schmähe meine Ehre nicht durch
solche Worte! Ich habe dir feierlich erklärt, meine Liebe zu dir
wird sich nicht ändern! Und ist dein Verhalten nicht widersinnig,
verkehrt, unmenschlich? Ist es besser, einen Nebenmenschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein Gesetz zu übertreten, das doch nur
von Menschen gemacht ist? Und wer wird geschädigt, wenn du es
übertrittst? Du hast keine Verwandten, die du dadurch verletzen
könntest, daß du bei mir bleibst.'
Das war wahr. Und während er sprach, wurden Gewissen
und Vernunft an mir zu Verrätern und wollten mir aus meiner
Weigerung ein Verbrechen machen.

,Denk an sein Elend!' sprach es in mir. ,Denk an die Gefahren, die ihn umdrohen werden, wenn er allein ist - denk an
seine Zügellosigkeit, an seine Leidenschaft, an den wilden Grimm,

der auf die Verzweiflung folgen muß. Rette ihn! Bleibe bei ihm!
Du hast ja auf der weiten Welt auch niemand, der dich liebt, außer
ihn! Und du schädigst niemand durch deine Tat.

Aber eine andere Stimme sprach dagegen: ,Du liebst aber auch
dich selbst. Du darfst dir die Selbstachtung nicht verscherzen. Du
mußt das Gesetz halten, das nun einmal unter den Menschen
gültig ist. Du mußt die Grundsätze befolgen, die du dir vorsetzest,
als du noch bei vollen Sinnen warst. Wenn du sie in diesem Augenblick gering achten möchtest, so kommt es nur daher, weil du jetzt
nicht bei Vernunft bist. Vorgefaßte Meinungen, frühere Entschließungen sind alles, was dich in dieser Stunde retten kann!
Daran also halte fest!'

Und ich tat es. Herr Rochester las in meinen Zügen, was geschehen war und wie meine letzte Entschließung ausfiel. Seine
Leidenschaft erreichte nun ihren Höhepunkt, und er mußte ihr auf
einen Augenblick die Zügel schießen lassen. Er umschlang mich mit
beiden Armen. Körperlich fühlte ich mich in diesem Moment so
schwach wie trockenes Stroh, das der Glut des Hochofens nahe ist,
aber meine Seele hatte das Gefühl völliger Sicherheit, und die
Seele hat glücklicherweise im Auge einen untrüglichen Dolmetsch.
Ich sah Herrn Rochester an, da ließ er mich los.

,Niemals hat es ein Geschöpf gegeben, murmelte er, ,das
zugleich so zart, so schwach und unbeugsam, so unbezwinglich gewesen. In meiner Hand ist sie ein schwaches Rohr, mit Daumen
und Zeigefinger könnte ich sie zerbrechen. Aber Mut, Freiheit und
fester Wille leuchten aus ihrem Auge. O, du wildes, schönes Geschöpf!'

Er tat mir nichts mehr, er sah mich nur noch an - aber
war weit schwerer, diesem Blicke zu widerstehen, als der. Gewalt
seiner Fäuste. Ich schritt auf die Tür zu.
,So willst du nun gehen, Johanna? Du willst mich verlassen?

,Ja, Herr.
,Gut, geh! Doch vergiß nie, in welchen Qualen du mich zurückläßt! O Johanna - meine Hoffnung - meine Liebe -- mein
Leben! - Ein herzzerreißendes Schluchzen folgte.
Ich war schon an der Tür, aber ich ging noch einmal zurück,
küßte ihm die Tränen von den Wangen und streichelte sein verworrenes Haar.

,Gott segne Sie, teurer Herr Rochester, flüsterte ich, und
halte Sie zurück von Unrecht und Sünde! Er führe Sie - er gebe
Ihnen Trost! Und vor allem belohne er Sie für alle Güte, die Sie
mir erwiesen haben!

,Die Liebe meiner kleinen Johanna wäre mir der beste Lohn
dafür gewesen!' rief er. ,Schenke sie mir, Johanna, brich mein
Herz nicht! Sei edel, sei großmütig!'

Er sprang auf und stand gerade vor mir. Er breitete die Arme
aus - ich aber entzog mich seiner Umarmung und verließ das
Zimmer.
,Lebe wohl!' schrie es in meinem Herzen. ,Auf immerdar!'
setzte die Verzweiflung hinzu.

Am selben Abend packte ich meine wenigen Habseligkeiten. Die
Schmucksachen, die Herr Rochester mir in den Tagen unsers Verlöbnisses geschenkt hatte, ließ ich zurück. Meine Börse, die zwanzig
Schillinge enthielt - mein ganzes Besitztum - steckte ich in die
Tasche, und als der Morgen graute trat ich nach einer schlaflosen
Nacht auf den Korridor.

,Leben Sie wohl, gute Frau Fairfax!' flüsterte ich, als ich an
ihrem Zimmer vorüberkam.
,Lebe wohl, liebe Adele!’ sprach ich an der Tür des Kinderzimmers.

Und nun schlich ich ganz leise und behutsam, denn ich kam an -'
seinem Zimmer vorbei. Wider Willen hielt ich an und lauschte. Ich
hörte ihn auf- und niedergehen, auf und nieder. Auch er hatte keine
Ruhe gefunden. Ich brauchte nur die Tür zu öffnen, ich brauchte nur
zu sagen: ,Ich bleibe bei Ihnen bis an das Ende Ihres Lebens!
und ich würde dadurch, das fühlte ich, mich selbst überglücklich
machen. Doch ich berührte die Türklinke nicht und schlich weiter.
In der Küche fand ich den Schlüssel zu einer Seitentür des Hauses
und der Parkmauer. Nach wenigen Minuten schon lag Thornfield
hinter mir.

Ich wagte keinen Blick um mich her zu tun - ich schritt aufs
Geratewohl fürbaß. Und wie ich nicht nach außen blickte, so verschloß
ich mich auch jedem Gedanken an die Zukunft. Ich hatte das Gefühl
eines Menschen, der nach einer Sintflut über sein verwüstetes Land
wandert und nicht weiß, wo er wieder eine Wohnstätte finden solle.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dahinschritt, ohne Ziel, ohne
Bewußtsein. Das Rollen von Rädern erweckte mich aus meiner
Betäubung. Eine Postkutsche fuhr von hinten an mir vorbei. Ich
rief den Kutscher an und fragte, wohin er fahre. Er nannte mir
einen weit entfernten Ort. Die Fahrt sollte dreißig Schillinge kosten.
Ich antwortete ihm, ich hätte nur zwanzig, und er meinte, zur Not
könne er mich auch dafür mitnehmen. Ich stieg ein - die Tür fiel
zu- der Wagen rollte fort.
O, möge kein Mensch wieder fühlen, was ich in diesen Stunden
empfand! D, mögen keines Menschen Augen je wieder so sengende,
blutige Tränen vergießen, wie sie jetzt meinen Augen entquollen.



Kapitel.
In der Irre.

Zwei Tage waren verflossen. Die Postkutsche hatte mich an einem
Orte, der Whitecroß hieß, abgesetzt. Für zwanzig Schillinge konnte
er mich nicht weiter mitnehmen, und ich stand nun ohne einen
Pfennig da. Der Wagen war schon längst wieder fort, und ich war
ganz allein. Nun erst fiel mir ein, daß ich mein Paket im Wagen
hatte liegen lassen. So war ich denn nun von allen Mitteln entblößt.

Whitecroß war keine Stadt, nicht einmal ein Flecken. Es war
nur ein steinerner Pfeiler, am Kreuzpunkt von vier Wegen aufgestellt. Die nächste Stadt, die an diesem Wegweiser angegeben war,
lag noch zehn, die weiteste noch zwanzig Meilen entfernt. Die Namen
dieser Städte aber waren mir bekannt, so daß ich nun wenigstens
erfuhr, in welcher Gegend ich mich befand. Zu beiden Seiten der
Landstraße sah ich weite Torfmoore. Das Heidekraut stand dicht und
üppig - bis an den Wegesrand heran. Auf der Chaussee war weit
und breit kein Mensch zu sehen - aber mich verlangte auch nicht nach
Menschen. Mir war, als sei jedes Band, das mich mit ihnen verknüpfte, zerrissen. Ich hatte nichts weiter als unser aller Mutter,
die Natur! Bei ihr wollte ich Ruhe suchen.
Ich bog von der Straße ab und wagte mich über das Moorland,
indem ich mich in einem kleinen Durchgange hielt, der die weiche,
dunkle Erde durchfurchte. Als ich an einen von Moos übersponnenen
Granitblock kam, machte ich halt und ruhte mich aus. Rings herrschte
tiefe Stille. Ich fühlte mich sicher, und als ich eine Zeit lang dumpf
vor mich hingebrütet hatte, kehrte auch allmählich die Fähigkeit des
Nachdenkens zurück.

Was sollte ich anfangen? wohin sollte ich gehen? Wenn es nun
sehr weit war bis zu den nächsten menschlichen Wohnungen? Wenn
ich keine offene Tür, keine Arbeit, kein Erbarmen fand - was dann?
Ich berührte den Boden um mich her - er war trocken. Ein Stern
schimmerte gerade über mir - der Himmel war wolkenlos. Es
fiel nur wenig Tau, und die Luft war frei von Wind. Ich beschloß,
diese Nacht im Freien zuzubringen. Ich hatte noch den Rest von
einer Semmel in der Tasche, die ich mir unterwegs gekauft hatte,
für einen losen Groschen, das einzige Geldstück, über das ich hatte
verfügen können. Ringsum wuchsen Heidelbeeren, und ich pflückte
mir zu meinem Brote einen würzigen Imbiß. Dann suchte ich mir
eine Stelle aus, wo das Kraut dicht und buschig stand, und hier
legte ich mich nieder, sprach mein Abendgebet und versuchte zu
schlafen.

Doch mein gequältes Herz summte wie eine Harfe, deren
Saiten zerrissen sind. Die innerlich blutenden Wunden der Seele
ließen mir keine Ruhe. Der Gedanke an Herrn Rochester ließ nicht
von mir. Das Haupt auf die Erde gepreßt, weinte ich bitterlich.

Erschöpft von diesen Qualen, erhob ich mich auf die Knie.
Die Nacht war gekommen. Die ganze Sternenpracht strahlte am
tiefschwarzen Himmel; es war eine so stille, schöne Nacht, daß das
Gefühl der Furcht nicht aufkommen konnte. Wir wissen, Gott ist
allgegenwärtig; aber am deutlichsten fühlen wir seine Gegenwart,
wenn seine größten, herrlichsten Werke glanzvoll vor uns ausgebreitet liegen. Der wolkenlose Nachthimmel, an welchem die fernen
Welten ihre stille Bahn zogen, ließ auch mich nun Gottes Allmacht
und Unendlichkeit tief empfinden. Ich war fest überzeugt, daß er
erhalten und schützen würde, was er erschaffen, und daß er weder
Herrn Rochester noch mich würde untergehn lassen.

Nach inbrünstigem Gebet legte ich das Haupt wieder auf die
Erde, und nun kam auch der wohltuende Schlaf. Doch am nächsten
Tage trat die Not hart und jäh an mich heran. Ein herrlicher Tag
war um mich her das weite, wüste Moor lag in goldenem Sonnenscheine. Eidechsen huschten über die Steinblöcke - Bienen summten
im Heidekraut. Sie hatten Nahrung und Obdach - und ich? Ich
wünschte jetzt, Gott hätte über Nacht meine Seele zu sich genommen.
Aber das Leben mit seinen Forderungen, mit seiner Verantwortlichkeit und Not trat wieder an mich heran.

Ich machte mich auf den Weg. Zuerst ging ich zu dem Weiser
von Whitecroß zurück und schlug nun eine der vier Straßen ein,
und zwar die, die von der Sonne wegführte. Lange schritt ich vorwärts, bis die Müdigkeit mich übermannte. Dann setze ich mich auf
einen Stein. Plötzlich hörte ich eine Glocke läuten. Ich war so
versunken dahingegangen, daß ich das nahe Torf, das zwischen den
Hügeln dicht vor mir lag, gar nicht gesehen hatte. Menschliches Leben,
menschliche Arbeit waren mir also nahe. Ich schleppte mich weiter,
denn es galt nun mein Leben durch Arbeit zu fristen.
Am Eingang des Dorfs war ein kleiner Bäckerladen. Mich
verlangte nach einem Stück Brot; es war vier Uhr nachmittags,
und ich hatte seit dem letzten Abend noch nichts wieder genossen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau war darin. Sie vermutete wohl
eine vornehme Dame in mir, denn sie begrüßte mich mit großer
Höflichkeit. Ich schämte mich zu Tode, und die Bitte, die ich mir
zurechtgelegt hatte, erstarb auf der Zunge. Ich wollte ihr mein

seidnes Halstuch und meine Handschuhe zum Tausch gegen ein Stück
Brot anbieten, aber ich konnte es nun doch nicht. Ich fragte nur,
ob sie mir nicht sagen könne, wo man im Dorfe Arbeit finden könnte,
und womit man hauptsächlich Handel triebe. Als ich nur mürrische
Antworten erhielt, ging ich weiter. Ich wanderte bis zum Ende
des Dorfes und betrachtete die Häuser rechts und links. Doch der
Mut, irgendwo anzusprechen, fehlte mir. Ein Stück weit ging ich
ins Freie; dann kehrte ich erschöpft in das Dorf zurück, schlug einen
Heckenweg ein und setzte mich an einem entlegenen Plätzchen ins
Gras. Es hielt mich hier nicht lange. Ich mußte zu irgendeinem Entschluß kommen, irgend etwas tun; ich durfte mich nicht so widerstandslos von der Not zu Boden werfen lassen. Am Ende des Gäßchens lag ein weißes Haus in einem hübschen Gärtchen. Ich trat
herzu und klopfte an. Eine saubere Frau mit sanftem Gesicht machte
auf. Mit gitternder Stimme sagte ich, ob vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
,Nein, wir machen uns unsere Arbeit allein, war die Antwort.
,Können Sie mir nicht sagen, ob ich hier irgendwo Arbeit
finden kann? fragte ich weiter.

Sie könne mir das leider nicht sagen, erwiderte sie. Darauf
machte sie leise die Tür zu.
Wenn sie sie noch einen Augenblick hätte offen gelassen, so würde
ich um ein Stück Brot gebeten haben. Der Hunger hatte mich jetzt
in seinen Krallen. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und noch
immer umstreifte ich wie ein verlaufener Hund das schmutzige, geizige
Dorf, wo mir keine Hilfe zuteil wurde. In der Nähe des Friedhofs
fand ich ein Haus, das ich für die Pfarre hielt. Ich klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Ich fragte, ob hier der Pfarrer
wohne.
,Ja, aber er ist nicht zu Hause.
,Wann wird er denn wiederkommen?
,So bald nicht er ist nach außerhalb. Sein Vater ist plötzlich gestorben.
,Ist denn die Frau Pastor nicht da?
,Er ist unverheiratet, und ich führe ihm die Wirtschaft.
Und abermals vermochte ich nicht zu betteln und schleppte mich

weiter. Ich band das Halstuch ab, zog die Handschuhe aus und
suchte jenen Bäckerladen wieder auf. Nun wagte ich die Bitte, ob
man mir ein Stück Brot für mein Halstuch geben wolle. Die Frau
antwortete, sie pflege solche Geschäfte nicht zu machen. Dabei betrachtete sie mich mit unverhohlenem Mißtrauen. Oder für meine
Handschuhe? fragte ich weiter. Sie meinte, sie könne damit doch
nichts anfangen. Beschämt eilte ich von dannen. Vor einem Hoftor
saß ein Bauer und aß sein Abendbrot. Ich blieb stehen.

,Wollen Sie mir nicht ein Stückchen Brot abgeben? fragte ich.
,Mich hungert so sehr.
Er sah mich erstaunt an. Er hielt mich wohl nicht für eine
Bettlerin, sondern für eine exzentrische Dame, die mal Appetit auf

Bauernbrot hatte. Deshalb schnitt er ein derbes Stück ab und gab .
es mir. Als er mich nicht mehr sehen konnte, aß ich es.
Mein Nachtquartier suchte ich im Walde: aber diese Nacht war weniger angenehm als die erste. Der Boden war feucht, die Luft
war kalt. Gegen Morgen regnete es; den ganzen Tag über war
schlechtes Wetter. Ich suchte Arbeit wie am vergangenen Tage und
fand nichts. An der Tür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen
mit einer Schüssel voll Haferbrei, den sie in den Schweinetrog
schütten wollte.
,Bitte, gib mir das lieber? sprach ich.
,Mutter, rief die Kleine und starrte mich an, ,hier ist ein
Weib, das den Brei haben will.
,So gib ihn ihr, wenn's ne Bettlerin ist, die Schweine werden
auch so satt, rief die Bäuerin aus dem Hause,

Das Mädchen schüttete das kalte Zeug in meine Hände, und ich
verzehrte es mit Gier.
Als es dunkelte, schlug ich einen einsamen, schmalen Reitweg
ein und verfolgte ihn lange. Meine Kräfte gingen zu Ende; mich
schauderte vor dem Gedanken, auch diese kalte, nasse Nacht unter
freiem Himmel zubringen zu müssen. Ich blickte mit von Tränen
blinden Augen über die verschwommene, neblige Landschaft hin.
Ich hatte mich weit von dem Dorfe entfernt -- es war meinen
Blicken ganz entschwunden. Hügel erhoben sich vor mir.

Ich suchte eine Höhle, um mich darinnen zu verkriechen, als ich
in weiter Ferne zwischen den Höhen ein Licht erblickte. Es leuchtete
still und stetig herüber, als wenn es mir winken wollte.

,Kerzenschein in einem Hause, dachte ich. ,Doch ich kann es
nicht mehr erreichen, es ist zu weit weg. Und was nützte es mir?
Man macht mir ja doch wieder die Tür zu.

Ich sank nieder, wo ich stand, und lag ein Weilchen still da. Der
Nachtwind heulte über das Land, der Regen rann unablässig hernieder und durchnäßte mich bis auf die Haut. Es war zu kalt und
feucht, und ich sprang wieder auf. Das Licht war noch immer da.
Ich schleppte mich ihm langsam entgegen. Es leitete mich durch einen
Sumpf, der im Winter unwegsam gewesen wäre und selbst jetzt in
der gewöhnlich trocknen Zeit unsicher war. Als ich über ihn hinweg
war, sah ich eine weiße Spur geradeswegs auf das Licht hinführen.
Das war ein Pfad, auf dem ich ohne Gefahr weitergehen konnte.
So kam ich an eine Mauer, fand eine Tür, die nicht verschlossen war,
trat in einen Hof und sah ein Haus vor mir. Das Licht kam aus
den Scheiben eines vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch
über dem Erdboden lag und von Efeu umrankt war. Das Gezweig
war so dicht, daß man Vorhänge für unnötig hielt. Als ich die
Ranken ein wenig zur Seite schob, konnte ich alles sehen, was drinnen,
vorging-

Ein Zimmer lag vor mir, dessen Fußboden weiß gescheuert
und mit Sand bestreut war. Auf einem Geschirrschrank stand eine
Reihe von Zinntellern, die so blitzblank geputzt waren, daß der
Schein eines Torffeuers sich in ihnen spiegelte. Ein Tisch, ein paar
Stühle, eine Wanduhr vervollständigten die Einrichtung. Beim
Scheine des Lichts saß eine alte Frau, ein Strickzeug in der Hand.

Aber sie interessierte mich weit weniger als die beiden andern
Insassen dieses Zimmers - zwei junge Damen in tiefer Trauer,
von denen die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem
Schemel saß. Auf dem Schoße des einen Mädchens ruhte der Kopf
eines großen Vorstehhundes, die andere hatte eine schwarze Katze
auf den Knien.

Zwischen ihnen stand ein kleiner Tisch, auf welchem neben einer
Kerze dicke Bücher lagen. Sie hatten sie zugeklappt, als seien sie für
diesen Abend mit dem Studieren fertig. Unmöglich konnten sie die
Töchter der ältlichen Frau sein, denn diese sah ziemlich bäurisch aus,

während die Mädchen feine, blasse und sehr ernste Gesichter hatten,
zu denen ich mich beim ersten Anblick seltsam hingezogen fühlte.
Die Gruppe gab ein so ruhiges Bild ab, daß ich glaubte, die Uhr
ticken und die Asche im Kamin auf den Rost fallen zu hören.

,Diana und Mary, sagte die Matrone ,ihr habt heute genug
getan. Ihr müßt müde sein.
,Das sind wir, antwortete eins der Mädchen. ,Und du gewiß auch, Hannah.
,Gewiß, erwiderte die Alte. ,St. John J wird bald nach Hause
kommen. Es ist zehn Uhr. Er bleibt lange. Und es regnet so sehr.
,Hannah, sieh doch nach dem Feuer im Wohnzimmer, sagte
eines der Mädchen.

Die alte Frau erhob sich und öffnete eine Tür, durch die ich
einen Korridor erblickte. Ich hörte nun, wie sie in einem inneren
Zimmer ein Feuer schürte. Gleich darauf. kam sie zurück.

,Ach, Kinder,r sagte sie und trocknete sich mit der Schürze die
Augen, ,es ist doch recht bitter, wenn man nun in das Zimmer
reinschaut, wo der Lehnstuhl leer dasteht. Aber er ist wohl aufgehoben - und er' hat einen sanften Tod gehabt.
,Und er hat gar nicht mehr von uns gesprochen, sagst du?
fragte eine der jungen Damen.
,Dazu hatte er keine Zeit, Kinderchen; in einer Minute war's
vorbei. Als euer Bruder St. John ins Zimmer kam, war er schon
tot. Ach, Kinder, er war der letzte vom alten Stamm, denn ihr
und Herr St. John seid schon von einem andern Geschlecht. Eure
Mutter hatte viel Aehnlichkeit mit euch und war ebenso gelehrt. Du
bist ihr Ebenbild, Diana, - die Mary ist mehr nach dem armen
Vater. Da schlägt es zehn. Nun müßt ihr euer Abendbrot haben.
Sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis jetzt hatte ich zugesehen und zugehört und darüber für den Augenblick meine Not
vergessen. Jetzt fiel sie mir wieder ein. Ich klopfte an die Tür.

Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie verwundert, als sie eine Frauensperson vor dem Hause sah.

,Darf ich ein Wort mit Ihren jungen Damen sprechen?
,Was wollen Sie von ihnen? wer sind Sie denn?
.Ich bin fremd hier.
,Was haben Sie da hier zu solcher Zeit zu suchen?
aIch suche einen Unterschlupf für die Nacht - sei es auch in
einem Stalle - und ein Stücklein Brot.

Hannah sah mich mißtrauisch an.

,Ein Stück Brot sollen Sie haben, aber beherbergen können
wir eine Landstreicherin nicht. Das geht nicht gut an.

,Lassen Sie mich ein Wort mit Ihren Damen sprechen.
,Das gibt's nicht. Die könnten auch nichts für Sie tun. Um
solche Zeit läuft man doch nicht mehr draußen herum. Das ist verdächtig.
,Aber wohin soll ich gehn, wenn man mich auch hier fortjagt?
Was soll ich denn anfangen?
,Ei, Sie werden schon wissen, wo Sie hingehören. Uebrigens
geht's mich nichts an. Da haben Sie einen Groschen - und nun
fort - fort!
,Einen Groschen kann ich nicht essen, und ich habe keine Kraft weiterzugehn. Ach, machen Sie mir doch nicht die Tür zu -- tun
Sie's doch um Gotteswillen nicht!'
,Ich muß - es regnet herein. Fort - fort!
,Aber ich muß sterben, wenn man mich fortjagt!

,Unsinn. Solches Volk stirbt nicht. Tun Sie nur nichts Böses.
Wer zu solcher Zeit vor den Häusern anderer Leute herumlungert,
dem ist nicht zu trauen. Vielleicht haben Sie Helfershelfer in der
Nähe - Einbrecher oder so was Aehnliches. Na, wir haben einen
Mann bei uns -- und Flinten und Hunde.

Mit diesen Worten schloß die ehrliche, aber unerbittliche Magd
die Tür zu und schob innen den Riegel vor.
Die Verzweiflung zerriß mir das Herz. Ich war völlig erschöpft und konnte keinen Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach ich zusammen, rang die Hände und wimmerte in Todesangst. Ich wähnte meine letzte Stunde gekommen.
,So muß ich denn sterben,' sprach ich vor mich hin. ,Ich will
versuchen, in Demut abzuwarten, wie Gott an mir tun wird.

,Wir müssen alle sterben, sprach eine Stimme neben mir.
,Aber dennoch wäre es ein hartes Los, so jung zu sterben, und hilflos
und elend.

,Wer spricht da? rief ich entsetzt, denn es war so finstere Nacht,
daß ich die Hand nicht vor Augen zu sehen vermochte. Allmählich
unterschied ich die Umrisse einer menschlichen Gestalt und hörte,
wie jemand laut an die Tür des Hauses klopfte.

,Sind Sie es, Herr St. John? erklang Hannahs Stimme.
aJa, mach schnell auf!r
,Ist Ihnen was passiert? Es ist eine schlimme Nacht, Herr,
sagte die Magd und öffnete. ,Und es ist auch eine Bettlerin hier
gewesen; es ist gar nicht geheuer - aber, weiß Gott, sie ist nicht
fortgegangen - sie hat sich einfach hier niedergelegt. Da hört doch
alles auf!'

,Still, Hannah!r unterbrach sie der Ankömmling. ,Du tatest
deine Pflicht, indem du sie fortschicktest, jetzt laß mich die meine
tun und sie aufnehmen. Ich muß die Sache näher untersuchen -

es ist nicht so kurz abzutun, wie du es gemacht hast. Junge Frauensperson, stehen Sie auf und gehen Sie ins Haus.
Ich gehorchte mühselig. Gleich darauf befand ich mich in der
reinen, warmen Küche. Zitternd, entstellt von Hunger und Anstrengung, beschmutzt und zerlumpt, stand ich da und ließ mich von
den jungen Damen, von der Magd, von Herrn St. John anstarren

,Wer ist denn das? riefen die Mädchen.
,Ich weiß nicht, antwortete der Bruder, ,sie lag vor der Tür.

,Sie sieht kreideweiß aus - sie wird umfallen - laßt sie
sich setzen.

Und wahrlich befiel mich ein Schwindel - aber man stellte
mir rechtzeitig einen Stuhl hin.
.Hannah, hol ein wenig frisches Wasser, sagte St. John. ,Sie
ist völlig erschöpft. Sie hat ja keinen Tropfen Blut mehr in den
Wangen.

,Das reine Gespenst! meinte Hannah. ,Ob sie etwa krank ist
,Wohl nur halb verhungert. Gib mir die Milch da her und
ein Stück Brot.

Diana zerbröckelte Brot in die Schale voll Milch und reichte
sie mir. Ich sah sie an, und warmes Mitleid sprach aus ihren großen
Augen.
,Essen Sie,' sagte sie voll Rührung.
aJa, ja, es wird Ihnen gut tun, setzte Mary hinzu und nahm
mir den nassen Hut ab. Ich aß erst zaghaft, dann aber mit großer,
Gier. -
,Nicht zuviel auf einmal,r sagte St. John. ,Sie hat jetzt
genug.'
Und er nahm mir den Teller weg.
,Schwester, versuch' einmal, ob sie sprechen kann. Frage sie nach
ihrem Namen.
,Ich heiße Johanna Elliot, antwortete ich; denn ich hatte mir
schon vorher vorgenommen, nicht meinen wahren Namen anzugeben,
um mich vor jeder Nachforschung von Thornfield aus zu schützen.
,Wo sind Sie zu Hause? Wo haben Sie Angehörige oder
Freunde?
Ich schwieg.
,Können wir jemand holen lassen?
Ich schüttelte den Kopf.
,Können Sie uns Auskunft über sich selbst geben?
Seit ich die Schwelle dieses Hauses überschritten, begann ich,
mich wieder zu fühlen. Der Mut, mich in meiner natürlichen Weise
zu geben, kehrte zurück, die Landstreicherin war vergessen.
,Herr, antwortete ich auf die letzte Frage, ,heute abend bin.
ich nicht imstande, Ihnen etwas Näheres mitzuteilen.

,Was soll ich denn nun für Sie tun?
,Nichts, antwortete ich.
,Soll das besagen, wir hätten nun alle Hilfe geleistet, die
Ihnen nottut, und könnten Sie jetzt wieder in Regen und Nacht
hinausschicken? fragte Diana.
Ich sah in ihr kluges, gütiges Gesicht.
,Ihnen will ich vertrauen, sprach ich. ,Wenn ich ein verlaufener Hund wäre, würden Sie mich heute nacht nicht mehr fortjagen. Tun Sie mit mir, was Sie wollen - nur erlassen Sie mir
das Reden - es bereitet mir Brustschmerzen.

,Hannah, sagte St. John nach kurzem Schweigen, ,wir wollen
sie in Ruhe lassen. Gib ihr den Rest von der Milch und dem Brote,
dann führe sie hinauf in das Fremdenstübchen. Dort mag sie
schlafen.



16. Kapitel.
Ein neues Heim.

Der nächsten drei Tage kann ich mich so gut wie gar nicht
erinnern. Ich lag bewegungslos im Bette, hatte keinen Begriff von
der Zeit und merkte nichts von Morgen, Mittag und Abend. Die
Personen, die ins Zimmer kamen, nach mir zu schauen, erkannte ich
wohl, ich verstand auch, was sie sagten - aber selbst die Lippen
zu bewegen oder auch nur ein Glied zu rühren, dazu war ich nicht
imstande. St. John kam nur einmal. Er erklärte, es sei nicht
nötig, einen Arzt zu holen. Mein Zustand rühre daher, daß durch irgendwelche Geschehnisse alle Nerven in mir aufs höchste angespannt worden seien; da wäre es das beste, der Natur freien Lauf
zu lassen und die Betäubung, in die ich nun verfallen sei, nicht zu
stören. Eine Krankheit sei es nicht. Er sagte dies in kurzen Worten
und mit leiser, ruhiger Stimme.
,Sie hat ein eigentümliches Gesicht, setzte er hinzu. ,Wie eine
gemeine, heruntergekommene Person sieht sie nicht aus.
,Im Gegenteil!' rief Diana. ,Ich fühle mich sehr zu ihr hingezogen. Ich wünschte, wir könnten sie für immer behalten.

,Das ist wohl ausgeschlossen, antwortete ihr Bruder. ,Sie
wird sich mit den Ihrigen gezankt haben und törichterweise weggelaufen sein. Vielleicht können wir sie dorthin zurückbringen, wenn
sie nicht zu eigensinnig ist. Allerdings deuten gewisse Züge ihres
Gesichts auf große Widerstandskraft. Klug sieht sie aus - hübsch
j gerade nicht.

,Sie ist jetzt sehr krank, St. John.
,Ob krank oder gesund, sie kann nie hübsch aussehen. Die Harmonie der Schönheit fehlt diesem Gesicht ganz und gar.

Am vierten Tage konnte ich mich aufrichten und bewegen.
Hannah brachte mir zu essen, und ich aß zum ersten Male wieder
mit Behagen und Wohlgeschmack. Als die Magd gegangen war, wollte
ich mich ankleiden, so wohl fühlte ich mich. Allein ich schämte mich.
in den nassen, schmutzigen Kleidern, mit denen ich auf der Erde
gelegen, vor meine Wohltäterinnen zu treten. Da sah ich, daß meine
Sachen, hübsch rein und trocken, auf dem Stuhle lagen. Man hatte
sie gewaschen und geplättet, ja sogar die Schuhe waren geputzt. Es
wurde mir sehr schwer, mich anzuziehen, und ich fühlte auch, wie
mager ich in den wenigen Tagen geworden war. Ich hing nur noch
in meinen Röcken. Mühsam kroch ich dann die steinerne Treppe
hinab, mich am Geländer festhaltend. Ich kam in den Korridor und
fand gleich darauf die Küche.

Hannah war beim Backen. Sie lächelte, als sie mich erblickte.
,Was? Aufgestanden? rief sie. ,Also fühlen Sie sich nun
besser? Sezen Sie sich an den Herd.

Sie fuhr in ihrer Arbeit fort und sah mich ab und zu von der
Seite an. Plötzlich wandte sie sich um und fragte geradezu:

,Haben Sie schon öfter gebettelt, ehe Sie zu uns kamen?
,Sie verkennen mich, wenn Sie mich für eine Bettlerin halten,
erwiderte ich ruhig. ,Ich bin das ebensowenig wie Ihre jungen
Damen hier.

,Na, das verstehe ich nicht,' sagte sie nach einer Pause. ,Sie
haben doch kein Heim und kein Geld.

,Deswegen bin ich noch immer keine Bettlerin.
,Sind Sie - was man so nennt - gebildet
,Gewiß.
,Aber Sie waren doch nie in einer Pension, wie?
,Ich bin acht Jahre in einer Pension gewesen.
.Und da können Sie sich nicht selbst unterhalten?
,Das habe ich bisher gekonnt und hoffe es sehr bald wieder
zu können, Doch, kümmern Sie sich nicht länger um meine Angelegenheiten. Sagen Sie mir lieber, wo ich mich eigentlich befinde.
Wie heißt das Haus hier?

,Man nennt es das Moor-Haus.
,Und der Herr davon heißt St. John?
,Nein, der wohnt nicht hier. Er ist nur auf kurze Zeit da.
Der wohnt drüben in Morton - im Pfarrhause.

Mir fiel die Antwort der alten Wirtschafterin in der Pfarre des
Dorfes ein, als ich dort nach dem Prediger gefragt hatte.

,So ist dies wohl das Haus seines Vaters?
,Ja, der alte Herr Rivers hat hier gewohnt. Er ist vor drei
Wochen gestorben - am Schlagfluß. Die beiden Mädchen sind seine
Töchter. Die Mutter ist auch schon lange tot.

,Da sind Sie wohl schon viele Jahre hier?
,Dreißig Jahre - habe die drei Kinder allein großgezogen.
,Da müssen Sie eine treue, brave Dienerin sein. Die Gerechtigkeit muß ich Ihnen angedeihen lassen, obwohl Sie mich eine
Bettlerin nannten und hartherzig davonjagten.

,Das dürfen Sie mir nicht übelnehmen, antwortete sie kleinlaut, ,es läuft so viel diebisches Gesindel herum. Ich war mit den
Kinderchen allein im Hause - da ist man ängstlich. Seien Sie mir
nicht mehr böse drum.

Sie streckte mir ihre Hand entgegen und lächelte gutmütig. Von
diesem Augenblick an waren wir Freunde.

Hannah plauderte gern und erzählte mir nun alles von meinen
neuen Gefährten. Der alte Herr Rivers entstammte einer alleingesessenen Familie, die schon seit vielen Generationen im Moor-Hause
wohnte. Frau Rivers war ihrem Manne in Bildung überlegen und
hatte die Bücher geliebt, während ihr Mann nur für die Landwirtschaft und allenfalls für die Jagd Sinn hatte. Aber die Frau hatte
es doch durchgesetzt, daß der Sohn auf die Universität kam und
Theologie studierte. Sie schickte auch die Mädchen in die Pension
und ließ sie zu Lehrerinnen heranbilden. Es zeigte sich auch später,
wie gut das gewesen war; denn durch einen Bankkrach verlor Herr
Rivers einen großen Teil seines Vermögens, und die Kinder mußten
nun für sich selbst sorgen. Die Mädchen bekamen Stellungen als
Erzieherinnen, und der Sohn erhielt den Posten des Predigers im
nahen Dorfe. Der Tod des Vaters hatte die Kinder nun auf kurze
Zeit wieder im Elternhause vereint. Sie waren in London und in
vielen anderen Städten gewesen, aber die Heimat, das Moorland
und das Moorhaus, liebten sie doch über alles.

Das alles erfuhr ich von der guten Alten, während sie ihren
Stachelbeerkuchen buk. Es war um die Mitternacht, da kehrten Diana
und Mary mit ihrem Bruder von einem Spaziergang ins Dorf
zurück. Als St. John mich sah, verneigte er sich nur kurz und ging
weiter. Mary sprach ein paar Worte der Freude, mich schon auf zu
sehen. Diana aber schüttelte den Kopf und rief:

,Sie hätten warten sollen, bis ich Ihnen erlaubte aufzustehen.
Sie sehen noch so blaß aus.
Sie hatte Augen, in die man immer nur mit Entzücken blicken
konnte. Ihr Antlitz war sehr anmutig und von regelmäßigen, reizvollen Zügen. Auch Mary sah klug und hübsch aus - aber ihr Gesicht und ihr ganzes Wesen atmete eine gewisse Zurückhaltung.
Dianas Blick und Gebaren verriet große Selbständigkeit und die
Gewohnheit, auf eigene Verantwortung zu handeln und zu befehlen.
Es lag nun in meiner Natur, mich einer solchen Ueberlegenheit zu
beugen, wo ich sie mit gutem Gewissen, und ohne meiner Selbstachtung Eintrag zu tun, anerkennen konnte. Deshalb gewöhnte
ich mich rasch und leicht daran, in Diana, obwohl wir fast gleichen
Alters waren, sozusagen die Herrin dieses Haushalts und auch, solange ich darin weilte, meine Gebieterin zu erblicken.
,Was haben Sie überhaupt hier zu tun? fuhr sie fort. ,Sie
sind Gast. Ihr Platz ist im Wohnzimmer.
,Ich fühle mich aber sehr behaglich hier, sagte ich.
,Das kann nicht sein, meinte sie, ,Hannah wirtschaftet hier
mit Mehl herum und macht Sie ganz weiß.

,Das Herdfeuer erhitzt Sie auch zu sehr,k setzte Mary hinzu.
Diana nahm mich an der Hand und führte mich ins Wohnzimmer.

,So, hier seen Sie sich her,' sagte sie, mich aufs Sofa drückend.
,Wir machen inzwischen den Tee fertig, damit Hannah ungestört
weiter backen kann.

Ich war mit St. John allein. Er saß mir gegenüber am Tische
und las eine Zeitung. Das Zimmer war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Ein paar alte Familienbilder hingen an den Wänden. In einem Glasschranke sah ich ein paar Bücher und wertvolles
Porzellan. Ueberflüssige Luxusgegenstände gab es nicht - ebenso
kein einziges neumodisches Möbelstück. Nachdem ich das Zimmer
gemustert, betrachtete ich mein Gegenüber. St. John verhielt sich
ebenso still wie eins der dunkeln Bilder an den Wänden. Sein Auge
blieb fest auf seine Lektüre geheftet, seine Lippen öffneten sich nicht.
Eine Statue hätte der eingehenden Besichtigung nicht ruhiger standhalten können als er. Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig
Jahre alt sein und war groß und schlank. Sein Gesicht war ernst
und von jenem würdevollen, regelmäßigen Schnitt, den wir an den
Bildwerken der alten Griechen finden. Seine Augen waren groß und
blau und hatten lange, dunkle Wimpern. Die blonden Locken fielen
zwanglos auf die hohe Stirn, die weiß und glatt wie Marmor war.
Ein Mann mit so vollkommen regelmäßigen Zügen mochte sich wohl

Und doch, obwohl der Mann so still saß, machte er nicht den
Eindruck eines sanften, nachgiebigen Charakters. Gewisse Züge um
Mund und Nase deuteten auf eine harte, heftige Natur. Er
sprach kein Wort mit mir, er sah mich nicht einmal an. Nach einer
Weile kamen die Schwestern wieder und brachten mir Tee und
Butterbrot. Ich zauderte nicht zu essen, denn mich hungerte. Herr
Rivers schloß nun sein Buch und heftete seine blauen Augen fest auf
mich. Jetzt lag eine rücksichtslose Geradheit in seinem Blicke, an
welcher ich erriet, daß er bisher nicht aus Zurückhaltung oder Gleichgültigkeit, sondern in einer ganz bestimmten Absicht geschwiegen
hatte.
,Sie sind sehr hungrig, sagte er nach einer Weile.
,Das bin ich, Herr Rivers, antwortete ich.
,Es war gut, daß Sie infolge des leichten Fiebers ein paar
Tage karg gelebt haben. Es wäre gefährlich gewesen, wenn Sie gleich
dem Heißhunger so nachgegeben hätten. Jetzt dürfen Sie essen, aber,
immer noch mit Maßen.

,Ich hoffe, nicht lange auf Ihre Kosten zu essen,' erwiderte ich,
und es war gewiß eine unpassende und unhöfliche Antwort.

,Wenn Sie uns den Wohnort Ihrer Angehörigen angeben
wollten, versetzte er kalt, ,so würden wir Sie zu Ihrer Familie zurückbringen.
,Ich habe keine Verwandten.

Die Schwestern und der Bruder sahen mich an, doch lag kein
Mißtrauen in ihren Blicken.

,Stehen Sie denn so ganz allein da?
,Ja. Ich bin an niemand gebunden, und es gibt in der ganzen
Welt kein Dach, wo ich Aufnahme zu fordern berechtigt wäre.

,Eine seltsame Lage für ein so junges Mädchen!r rief er. Dann
warf er einen prüfenden Blick auf meine Hände und fragte: ,Sind
Sie verheiratet gewesen?

,Aber St. John,' rief Diana lachend, ,sie ist doch höchstens
achtzehn Jahre alt.

,Ich bin neunzehn, Fräulein, aber ich bin nicht verheiratet.
Eine dunkle Glut überzog mein Gesicht, denn bei diesen Worten
mußte ich an all mein Unglück zurückdenken. Die Mädchen sahen
meine Verlegenheit und blickten zur Seite; der kalte, harte Bruder
aber starrte mich unentwegt an, bis seine Rücksichtslosigkeit mir
heiße Tränen entpreßte.

,Wo haben Sie zuletzt gelebt?' fragte er weiter.
,Du bist neugierig, Bruder, sagte Diana; aber St. John
beugte sich über den Tisch herüber und forderte mit seinem durchdringenden Blick eine Antwort heraus.

,Der Name meines letzten Aufenthalts und der Person, bei der
ich war, ist mein Geheimnis, antwortete ich mit Bestimmtheit.

,Und Sie haben nach meiner Meinung ein Recht, das zu verschweigen, bemerkte Diana ruhig.

,Wenn ich nichts darüber weiß, kann ich Ihnen keine Hilfe
leisten, sagte der Bruder. ,Und Hilfe tut Ihnen doch not, wie?

,Sie tut mir not, und ich suche sie, aber ich verlange nicht
mehr, als daß eine menschenfreundliche Person mir Arbeit nachweist,
durch die ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen kann.'

,An was für Arbeit sind Sie denn gewöhnt, und was können
Sie leisten?
Ich hatte inzwischen meinen Tee getrunken und fühlte mich
bei frischen Kräften. Ich fand nun den Mut, diesem hartnäckigen
jungen Richter Rede und Antwort zu stehen.

Herr Rivers, sagte ich und sah ihn ebenso offen an, wie er
mich ansah, ,Sie und Ihre Schwestern haben mir den größten Dienst
geleistet, denMenschen ihrenMitmenschen erweisen können; Sie haben
mich vom sichern Tod errettet. Durch diese Wohltat haben Sie Anspruch auf meine unbegrenzte Dankbarkeit und auch auf mein Vertrauen. Ich will. Ihnen gern von der Geschichte der Wanderin, die
Sie beherbergen, soviel erzählen, wie ich kann, ohne meinen Seelenfrieden aufs neue zu gefährden. Ich bin ein Waisenkind, die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern sind so früh gestorben, daß ich
mich ihrer nicht erinnern kann. Ich wurde in der Anstalt von Lowood, die Ihnen vielleicht bekannt ist, erzogen und war dort sechs
Jahre als Schülerin, zwei Jahre als Lehrerin. Dann nahm ich eine
Stelle als Gouvernante an und fühlte mich in dem Hause meines
Brotherrn sehr wohl. Was mich dann gezwungen hat, die Stellung
aufzugeben, kann ich nicht erzählen - es würde Ihnen auch nicht
glaubhaft klingen. Genug, die Katastrophe, die mich aus diesem
Hause trieb, war seltsamer, schrecklicher Art. Da ich so rasch wie
möglich fort wollte und auch nicht wissen lassen mochte, wohin ich mich
gewendet habe, gab ich für die Postfahrt alles Geld hin,
das ich besaß, und so kam es, daß ich, in Whitecroß angelangt, nicht
einen Pfennig mehr hatte. Zwei Nächte schlief ich unter freiem
Himmel, und ich war nahe daran, vor Hunger zu sterben, als ich vor
Ihr Haus kam und hier zu meinem Glück in letzter Stunde Aufnahme fand. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich getan haben; denn in meiner Betäubung war ich doch nicht ganz ohne
Wahrnehmung. Ich danke dem wahren, ungeheuchelten Mitleid der
jungen Damen ebensoviel wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit, Herr
St. John.

,Laß sie nun aber in Ruhe, Bruder, sagte Diana, ,so große
Aufregung schadet ihr noch. Kommen Sie jetzt hier auf das Sofa,
Fräulein Elliot.

Als ich diesen falschen Namen hörte, erschrak ich. Ich hatte gar
nicht mehr daran gedacht, daß ich mich so genannt hatte. Dem scharfen Blick St. Johns entging diese Bewegung nicht.

,Sie sagten doch aber, Ihr Name sei Elliot, meinte er.
,Ich halte es für zweckmäßig, mich einstweilen so zu nennen,
antwortete ich ruhig. ,In Wirklichkeit heiße ich anders.

,Ihren wahren Namen wollen Sie nicht angeben?
,Nein. Ich will einer Entdeckung vorbeugen und muß alles
vermeiden, was dazu führen könnte.'

,Daran tun Sie ganz recht, sagte Diana. ,Und nun laß sie
aber wirklich in Ruhe, Bruder.
St. John schwieg, doch nur um eine Zeitlang nachzudenken,
dann fuhr er unerschütterlich fort:

,Sie wünschen unsere Gastfreundschaft nicht lange zu gebrauchen und sich sowohl von dem Mitleid meiner Schwestern als von
meiner Barmherzigkeit zu befreien. Ich habe den feinen Unterschied,
den Sie in Ihrer Ausdrucksweise machten, wohl bemerkt, zürne
Ihnen deshalb auch nicht, denn er ist nur gerechtfertigt. Nicht wahr,
Sie möchten bald von uns fort?
,Gewiß möchte ich das. Es verlangt mich nach Arbeit. Ich
will mir mein Brot verdienen. Und ich bitte nur darum, verschaffen
Sie mir Arbeit, sei es auch in der niedrigsten Hütte.
,Sie müssen hier bleiben,' rief Diana, und Mary stimmte
ihr bei.
St. John aber antwortete kalt ,Wie Sie sehen, würden meine
Schwestern Sie gern hier behalten, aber ich werde mein Möglichstes
tun, um Ihnen eine Anstellung zu verschaffen. Mein Bekanntenkreis ist hier in dieser armen Landgemeinde natürlich sehr gering,
und ich kann nicht sagen, ob sich hier etwas finden läßt. Schließlich
müßten Sie selbst sich anderswo umschauen.
Nach diesen Worten nahm er seine Zeitung wieder zur Hand
und las weiter. Ich zog mich bald zurück, denn ich war nun für eine
Genesende schon zu lange auf den Beinen gewesen und hatte fast schon
mehr gesprochen, als meine noch immer geringen Kräfte eigentlich
erlaubten.

Ich lernte nun die Bewohner von Moor-Haus näher kennen,
und sie gefielen mir mehr und mehr. Nach wenigen Tagen war ich
wieder so kräftig, daß ich den ganzen Tag über aufbleiben konnte.
Nun machte ich auch kurze Spaziergänge und half den Schwestern
bei allen Arbeiten, die ihr häusliches Leben mit sich brachte. Auch
an dem Studium, das sie trieben, nahm ich teil. Ich fand Gefallen
an den Büchern, die sie lasen - wie mir überhaupt alles gefiel, was
sie gern hatten.

Sie waren beide gebildeter und weit belesener als ich, und ich
ließ mich von ihnen belehren und im Wissen fördern. Die Bücher,
die sie mir liehen, las ich mit großem Fleiß, und am Abend machte
es uns allen dann Freude, über das, was ein jeder gelesen hatte, zu
sprechen. In ihrer Denkweise harmonierten sie sehr mit mir -
kurzum, wir paßten alle drei sehr gut zueinander.

In unserm Kleeblatt gab es jedoch eine, die den Ton angab:
das war Diana. Sie war das unbestrittene Oberhaupt. In den
ersten Stunden des Abends sprach ich selbst gern mit, doch später
liebte ich es, mich auf einen Schemel zu Dianas Füßen hinzusetzen,
den Kopf an ihren Schoß zu lehnen und zuzuhören, wie sie und Mary
das begonnene Thema gründlich erörterten. Diana begann mir
auch Unterricht in der deutschen Sprache zu geben, die sie sehr gut
beherrschte. Es war eine Freude, sich von Diana unterrichten zu
lassen. Dafür konnte ich ihr und Mary Malstunden erteilen. So
vergingen uns in nützlicher Arbeit und in vergnüglicher Kurzweil.
die Stunden, die Tage, die Wochen.

Während ich mich mit den Schwestern in ein vertrautes, ja
freundschaftliches Verhältnis hineinlebte, blieb zwischen mir und
St. John eine gewisse Spannung bestehen. Er war ja freilich auch
selten zu Hause. Seine Gemeinde war sehr ausgedehnt, und es
kostete ihn viel Zeit, die Kranken und Armen auf den weit verstreuten Gehöften zu besuchen. Von diesen Ausflügen des Seelsorgers
ließ er sich durch Wind und Wetter nicht abhalten.

,Man muß sich daran gewöhnen, sagte er manchmal, wenn man
ihm riet, des Regens wegen zu Hause zu bleiben, ,besonders wenn
man einer solchen Zukunft entgegengeht wie ich.

Auf diese Worte folgte dann gewöhnlich ein Seufzer von seiten
Dianas oder Marys, und sie schauten dann ein paar Minuten recht
traurig drein.

Aber abgesehen von den wenigen Stunden, die er im Moor-Hause verweilte, war er auch von Charakter sehr reserviert und unzugänglich. Dies war ein zweiter Grund, weshalb das vertrauliche
Verhältnis, in das ich zu den andern Bewohnern gelangte, sich nicht
auf ihn ausdehnte. Obwohl er sein Amt sehr ernst nahm und alle
seine Pflichten aufs gewissenhafteste erfüllte, schien er doch nicht jene
innere Befriedigung zu finden, die der Lohn eines jeden echten
Christen und tätigen Menschenfreundes ist. Da er nicht mitteilsam
war, erhielt ich nur wenig Aufschluß über die Regungen seiner Seele.
Erst als ich ihn einmal in Morton predigen hörte, tat ich einen Einblick in die Tiefe dieses Gemüts.

Die Predigt blieb fast bis zu Ende ruhig und maßvoll, aber aus
jedem seiner Worte atmete der Eifer einer fast kalvinistisch starren
Doktrin. Eine seltsame Bitterkeit und Schroffheit durchwehte das
Ganze; strenge Mahnungen, Worte wie Seelenheil, Verdammnis,
Gnadenwahl kamen sehr oft vor, und jeder Hinweis auf derartige
Begriffe klang wie ein zürnendes Menetekel. Als er zu Ende war,
fühlte ich mich nicht gestärkt, sondern in tiefe Trauer versetzt. Er
hatte mir keinen Frieden geben können, und so mochte er wohl selbst
des wahren Friedens nicht teilhaftig sein.

Inzwischen war ein Monat verflossen. Man sprach nun davon,
daß Diana und Mary bald in ihre Stellungen zurückkehren würden,
weilten sie doch eben nur auf Urlaub hier. Herr St. John hatte
noch kein Wort darüber gesprochen, ob er Aussicht habe, mir Beschäftigung zu verschaffen. Als ich eines Morgens mit ihm allein war,
wollte ich ihn danach fragen, als er - was er sehr selten getan
hatte - ganz von selbst ein Gespräch mit mir begann.

,Sie wollen eine Frage an mich richten, nicht wahr? sagte er.
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie Arbeit für mich gefunden haben.
,Ich wollte davon schon vor zwei Wochen sprechen, doch ich sah, daß
Sie sich hier sehr wohl fühlten, und daß namentlich meine Schwestern
Sie augenscheinlich liebgewonnen hatten; da wollte ich das gute Einvernehmen nicht früher stören, als bis die nahe bevorstehende Abreise meiner Schwestern auch Ihrem Hierbleiben ein Ende machen muß.’
,Das ist ja nun der Fall, sagte ich. ,In drei Tagen reisen die
jungen Damen.’
‘Ja, und ich kehre nach Morton zurück; Hannah begleitet mich,
und das alte Haus hier wird zugemacht.’
,Und haben Sie nun für mich etwas im Auge, Herr Rivers
‘Jenun, ja - aber vergessen Sie nicht, was ich gleich sagte. Ich
kann Ihnen nur so helfen wie der Blinde dem Lahmen, denn ich
bin arm. Mein Vater hat so gut wie nichts hinterlassen. Wer weiß,
ob mein Angebot Ihnen zusagt? Sie sind selbst wohl kaum an die
Armut gewöhnt, die uns umgibt -- das heißt, die mich in meinem
Dorfe umgibt. Sie sind bisher daran gewöhnt gewesen, unter wohlhabenden Menschen zu leben, vermute ich. Aber ich meine doch, kein
Dienst, der dazu beiträgt, die Armen zu bessern, emporzuheben, kann
entehrend sein. Je vernachlässigter der Boden ist, der dem Christen
zur Urbarmachung angewiesen wird, je geringere Ausbeute die
Arbeit für ihn selbst abwirft, um so größer ist die Ehre- Je kleiner
der Verdienst, um so größer das Verdienst! Unter solchen Umständen hat er das Amt eines Pioniers, und die ersten Pioniere des
Evangeliums waren die Apostel - ihr Meister war Christus selbst.

,Weshalb fahren Sie nicht fort? fragte ich, als er innehielt.
Doch er sah mich eine Zeitlang stumm an, als wolle er in meinem
Gesicht wie in einem aufgeschlagenen Buche lesen. Das Ergebnis
dieser schweigenden Prüfung sprach er dann in seinen nächsten Worten aus.

,Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen, den ich Ihnen
zu bieten habe, sagte er. ,Freilich werden Sie nur eine gewisse Zeit
darin aushalten, wie auch ich nicht allzu lange das Amt eines beengten, weltfernen Landpredigers verwalten möchte. Sie, wie auch mich,
treibt es zu energischerer Tätigkeit, zu größeren Aufgaben. Hören Sie
also! jetzt, nach dem Tode meines Vaters, werde ich nicht mehr lange
in Morton bleiben. Vielleicht kein ganzes Jahr mehr. Gewiß,
solange ich da bin, werde ich meine Pflicht aufs peinlichste erfüllen
und alle Kräfte anspannen, das kleine Torf möglichst zu fördern.
Als ich vor zwei Jahren herkam, hatte es noch keine Schule; ich habe
eine für Knaben eingerichtet, nun will ich auch eine zweite für Mädchen eröffnen. Es ist dazu schon ein Häuschen gemietet worden;
auch ein kleines mit zwei Zimmerchen als Wohnung für die Lehrerin.
Das Gehalt der Lehrerin wird dreißig Pfund im Jahre betragen.
Die Wohnung ist bereits möbliert. Fräulein Oliver, die einzige
Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde - er besitzt hier eine Nadelfabrik, einen Hochofen und eine Eisengießerei -
hat das Geld dazu gestiftet. Dieselbe Dame wird auch für Kost und
Kleidung eines Waisenmädchens sorgen, das der Lehrerin als
Dienstmädchen zur Verfügung stehen soll. Wollen Sie das Amt der
Lehrerin übernehmen?

Nach der langen Erklärung kam diese Frage fast überstürzt
heraus. Es war, als erwartete er eine Zurückweisung seines Anerbietens. Es war ja auch eine äußerst bescheidene, kärgliche Stelle,
die er mir anbot, aber es war etwas Sicheres. Es war ein Obdach,
und das brauchte ich jetzt vor allen Dingen. Im Grunde hegte ich
Furcht und Abscheu davor, als Gouvernante zu reichen Leuten zu
gehen; das Amt einer Dorfschullehrerin gewährte mir immerhin eine
gewisse Unabhängigkeit.
,Ich danke für Ihre Bemühung, Herr Rivers, antwortete ich
ohne Zaudern, ,und nehme den Vorschlag gern an.

,Sie verstehen, nicht wahr,' sagte er, ,es ist eine Dorfschule -
ihre Schülerinnen sind arme Mädchen - Kinder von Taglöhnern
oder im besten Falle von Pächtern. Stricken, Nähen, Lesen und
Schreiben, das ist alles, worin Sie zu unterrichten haben. Ihre Talente werden Sie nicht verwerten können. Von der großen Tiefe
Ihres Gemüts, von der Fülle Ihrer Empfindungen, von Ihrem
ausgewählten Geschmack werden Sie keinen Gebrauch machen
können.

,Die spare ich mir auf, sie verderben ja nicht.
,Sie wissen also zu beurteilen, was Sie da auf sich nehmen?
aIch weiß es.
Jetzt lächelte er nicht mehr bitter, sondern freundlich und zufrieden.

,Und wann wollen Sie Ihr Amt antreten?
,Morgen schon ziehe ich nach Morton, und mit Beginn der neuen
Woche soll der Unterricht anfangen.

,Recht so.
etwa 15 Mark.

Er schritt auf und nieder, dann blieb er wieder vor mir stehen
und schüttelte den Kopf.

Haben Sie noch irgendwelche Bedenken, Herr Rivers?
,Sie werden nicht lange in Morton bleiben nein, nein! Ich
sehe es Ihnen an den Augen an: Sie verlangen nach einem
wechselvollen Lebenswege.

Ich bin nicht ehrgeizig.
Er fuhr zusammen.
,Ehrgeizig? Wieso? Wer spricht von Ehrgeiz? Doch ja, ich
weiß ja, ich bin es. Woran haben Sie das gemerkt?

,Ich sprach nur von mir selbst.
,Nun, ich habe jedenfalls die Ueberzeugung, es wird Ihnen
nicht lange in der Einsamkeit und Beschränktheit gefallen - ebensowenig wie mir. Ich sehne mich danach, aus dieser Enge, aus diesen
Morasten und nebligen Bergen herauszukommen. Ich mag die
Fähigkeiten, die mir Gott geschenkt hat, nicht hier verkümmern lassen.
Sie denken, ich widerspreche mir? Weil ich eben erst sogar den Beruf eines Holzhackers, wenn er nur Gott dient, gepriesen habe? Und
ich, sein gesalbter Bote, tobe in Ruhelosigkeit! Angeborene Neigungen und eingeprägte Grundsätze müssen schließlich auf irgendeine
Weise miteinander versöhnt werden.

Er ging hinaus. Ich hatte ihn in dieser kurzen Stunde besser
kennen gelernt als in dem ganzen Monat, der inzwischen verflossen war.
Diana und Mary wurden immer stiller und trauriger, je näher
die Stunde ihrer Abreise kam. Die ältere Schwester gab mir zu verstehen, daß sie sich diesmal wahrscheinlich für immer von ihrem Bruder trennen müßten.

,Er verfolgt große Pläne und wird ihnen alles opfern - auch
die Liebe zu seinen Schwestern, sagte sie. ,Er ist nicht so ruhig, wie
er aussieht, Johanna; ein wildes Fieber verzehrt ihn. Und dennoch
erlaubt mir mein Gewissen nicht, ihm von seinen Entschlüssen abzuraten - ich kann ihn nicht tadeln. Was er unternehmen will, ist
edel und christlich, wenn es auch mir und Mary fast das Herz
bricht.

,Wir haben keinen Vater mehr und werden nun auch bald
keinen Bruder mehr haben, setzte Mary hinzu.

In diesem Augenblick trat St. John mit einem Briefe herein.
,Eben schreibt man mir, sagte er, ,daß unser Onkel John
gestorben ist.

Beiden Schwestern schien diese Nachricht weniger des Verlustes
wegen als aus einer andern Ursache Schmerz zu bereiten. Sie sahen
ihren Bruder bestürzt an und fragten dann einstimmig: ,Und
was nun?

,Lies!' sagte St. John ruhig und warf Diana den Brief in den
Schoß.
Sie überflog ihn und reichte ihn Mary, die ihn las und dem
Bruder zurückgab. Dann sahen sich alle drei mit traurigem
Lächeln an.

,Nun, wenn auch!' sagte Diana, ,wir haben noch zu leben.
,Wir stehen deshalb nicht schlechter da, meinte Mary,
St. John legte den Brief zusammen, steckte ihn ein und ging
hinaus.

,Du wunderst dich gewiß über uns, Johanna, sagte Diana
hierauf. ,Aber wir haben diesen Onkel nie kennen gelernt. Es war
ein Bruder von unserer Mutter. Vor vielen Jahren hat er sich mit
unserem Vater entzweit. Auf seinen Rat nämlich spekulierte der
Vater an der Börse und verlor dabei einen Teil seines Vermögens.
Der Onkel hat nun später mehr Glück gehabt und ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund erworben. Er ist nicht verheiratet gewesen,
und wir und noch eine einzelnstehende Person, die ihm aber auch
nicht näher steht als wir, sind seine einzigen Verwandten. Hier
schreibt man uns nun, daß er sein ganzes Geld bis auf 80 Pfund
dieser andern Person hinterlassen hat. Die 80 Pfund sollen wir
drei, Mary, ich und St. John, unter uns teilen. Wir hatten ja kein
Recht, uns Hoffnung auf sein Geld zu machen, aber nun sind wir
doch ein wenig enttäuscht. Wenn er uns Schwestern auch nur tausend
Pfund vermacht hätte, würden wir uns für reich gehalten haben.
Auch St. John hätte diese Summe sehr gut brauchen können, angesichts dessen, was er vorhat.

Am folgenden Tage zog ich nach Morton; Diana und Mary
traten die Reise in ihre Stellungen an, Hannah kam auf den Pfarrhof - und das alte Moor-Haus stand leer.



Der Missionar.

Eine Hütte war nun mein Heim: ein kleiner Raum mit weißgetünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; vier gestrichene Stühle, ein Tisch, eine Uhr, ein Schrank mit ein paar
Tellern und Schüsseln, ein Teeservice: das war die Einrichtung
meiner Küche. Darüber lag ein ebenso großes oder richtiger ebenso
kleines Gemach mit einem Bett und einer Kommode. Zum Lohn für
ihre Hilfe hatte ich an diesem ersten Tage der kleinen Waise, die
mir als Dienstmädchen zur Seite stand, eine Apfelsine geschenkt.
Nun war sie fort und ich allein an meinem Herde. Am Morgen
war die Mädchenschule eröffnet worden. Ich hatte zwanzig Schülerinnen, von denen nur drei lesen konnten. Rechnen und schreiben
konnte keine. Ein paar hatten daheim auch schon ein wenig nähen
und stricken gelernt. Sie sprachen den breitesten Dialekt jener
Gegend, und es wurde mir zunächst sehr schwer, sie überhaupt zu verstehen. Mehrere waren unwirsch, viele aber auch sanft, wißbegierig
und anstellig. Viel Freude erwartete ich nicht von dem Leben, das
mir nun bevorstand, aber ich war fest entschlossen, vom ersten Augenblick an meine Pflicht zu erfüllen und die Kräfte bis zum äußersten
anzuspannen.

Ich war freilich nicht ganz bei der Sache, so sehr ich mich auch
bezwang, denn ich fühlte mich trotz aller theoretischen Grundsätze von
vornherein am falschen Platze; ich dünkte mich ein wenig zu schade für
diesen Posten. Aber ich sagte mir immer wieder, das sei Unrecht von
mir, und nahm mir vor, dagegen anzukämpfen. Es war mir gelungen, die Pracht im Hause des Herrn Rochester zu überwinden,
meine Selbstachtung gegen Reichtum und Glück zu erhalten - es
würde mir, davon war ich überzeugt, mit der Zeit auch gelingen, auch
inmitten der Armut, des Schmutzes, des völligen Mangels an Bildung den Wert meiner Persönlichkeit zu wahren.

Während ich solchen Gedanken nachhing, vernahm ich ein Geräusch
an der Tür. Carlo, der alte Jagdhund des verstorbenen Herrn Rivers,
der mit in die Pfarre übergesiedelt war, stieß mit der Schnauze die
Tür auf und kam herein. St. John, sein Herr, folgte ihm.

,Nur auf ein paar Minuten, sagte der Pfarrer. ,Ich bringe
Ihnen ein Päckchen, das meine Schwestern für Sie zurückgelassen
haben: Malkasten mit Zubehör, glaube ich. Wie war es heute?
Schwerer, als Sie erwarteten?

,Im Gegenteil. Ich werde mit der Zeit sehr gut mit meinen
Schülerinnen fertig werden.
,Aber sind Sie auch sonst zufrieden - mit Ihrer Wohnung hier?

,Es ist alles sauber und wetterfest. Das Mobiliar ist aus-
reichend. Ich bin dankbar dafür. Vor fünf Wochen war ich obdachlos, eine Bettlerin auf der Landstraße; jetzt habe ich Freunde, Arbeit
und ein Heim. Ich staune über Gottes Güte.

,Und doch bedrückt die Einsamkeit Sie?
,Nein. Noch habe ich nicht Zeit gehabt, mich meiner Ruhe recht
zu freuen, da sollte ich schon seufzen, weil ich's einsam habe?

,Nun, ich weiß ja nicht, was Sie verlassen haben, als Sie hierherkamen. Aber ich rate Ihnen doch, weisen Sie standhaft jede Versuchung von sich und erfüllen Sie getreu die Pflichten Ihres neuen
Amts - wenigstens ein paar Monate hindurch. Es ist sehr schwer,
gegen seine Neigungen und angeborenen Triebe anzukämpfen. Aber
man kann es. Ich weiß es aus Erfahrung. Gott hat uns die Macht
gegeben, bis zu einem gewissen Maße uns selbst unser Schicksal zu
gestalten. Auch ich war vor einem Jahre noch tiefunglücklich, weil
ich glaubte, in der Wahl des Predigerberufs einen Fehlgriff getan
zu haben. Mich verlangte hinaus aus den einförmigen Pfarrerspflichten, hinaus in ein tätiges Leben mitten in der großen Welt.
Künstler, Schriftsteller, Redner: das hätte ich sein mögen, nur kein
Priester. Unter dem Talar schlug das Herz eines Politikers, eines
Soldaten. Ich wünschte berühmt zu werden und führte nun hier
ein elendes, armes Dasein. Nach langer Zeit der Verzweiflung kam
mir endlich die Erleuchtung - mein Horizont erweiterte sich hier -
ich faßte den Entschluß, Missionar zu werden. Nun war ich der
Fesseln ledig, und wenn auch mein Vater meinem Vorsatz widersprach, er ist ja nun tot, meine Angelegenheiten sind alle geordnet,
ein Nachfolger ist gefunden -- ich habe noch einen letzten Kampf, in
dem ich meines Sieges im voraus gewiß bin, weil ich mir geschworen
habe zu siegen - und dann fort aus Europa - übers Meer nach
Indien!'

Er sah nach der aufgehenden Sonne. Ein langes Schweigen
herrschte zwischen uns, das erst durch eine Stimme unterbrochen
wurde, die von der Tür her laut und lustig rief:

,Guten Abend, Herr Rivers! Carlo, Ihr Hund, erkennt seine
Freunde rascher als Sie. Sie drehen mir noch immer den Rücken
zu, während er mich schon lange schweifwedelnd umkreist.

Herr Rivers fuhr zusammen, als träfe ihn ein Donnerkeil, dann
drehte er sich langsam um. Vor uns stand ein Mädchen in weißem
Kleide, jugendlich, anmutig, von zarter Erscheinung. Unter dem
wallenden Schleier sah ein Antlitz von großer Schönheit, ja von vollkommener Schönheit hervor. Ich hatte noch niemals ein so liebreizendes, regelmäßiges Gesicht in der Natur gesehen: große dunkle
Augen, lange, schleierartige Wimpern, geschweifte Brauen, eine rosig
angehauchte Haut, ovale, weiche Wangen, frische, volle Lippen von
süßestem Schnitt, leuchtende, fehlerlose Zähne, ein Kinn mit schelmischem Grübchen und reiches, schweres Haar: kurz, ein Antlitz, wie
man es auf den Gemälden berühmter Meister nicht schöner finden
kann. Es brauchte mir niemand zu sagen, daß dies Fräulein Oliver
sei, die Tochter des einzigen reichen Mannes von Morton.

Was dachte Herr St. John von diesem Engel in Menschengestalt? Es war natürlich, daß ich mir diese Frage stellte und die
Antwort auf seinem Gesicht suchte.

,So schön der Abend ist, sagte er kalt, ,So ist es doch schon zu
spät für Sie, noch allein draußen zu bleiben.

,Ich bin erst heute nachmittag zurückgekommen. Papa sagte
mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin sei gekommen. Deshalb mußte ich natürlich nach dem Tee gleich noch einmal herkommen. Ist das die Lehrerin?

Ja, das ist sie, sagte St. John.
,Glauben Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird? fragte
sie mich in kindlich naivem Tone.
.Das hoffe ich.

,Sind Ihre Schülerinnen heute schon hübsch aufmerksam gewesen?
.O ?
.Und gefällt Ihnen Ihr Häuschen?

.Es ist sehr hübsch.'
,Und habe ich in Alice Wood ein gutes Dienstmädchen für Sie
gefunden?
.Sehr gut. Sie ist anstellig und behend.

,Ich werde hin und wieder herüberkommen und Ihnen beim
Unterricht helfen. Es ist ja für mich auch eine Abwechslung, Sie zu
besuchen. O, Herr Rivers, in der Stadt war's hübsch, so lustig.
Gestern noch habe ich bis zwei Uhr getanzt - mit Offizieren. Sehr
nette Herren!

St. John verzog den Mund und sah das lachende Mädchen ernst
an. Sie schlug die Augen nieder und spielte mit dem Hunde.

,Nicht wahr, Carlo, sagte sie in scherzendem Tone, ,du bist gut
zu deinen Freunden und nicht gleich so streng. Wenn du nur
sprechen könntest!r

Während sie den Kopf des Hundes streichelte, sah St. John auf
sie herab, und eine purpurne Glut überzog sein Gesicht. Ein plötzliches Feuer schmolz den harten Ausdruck seiner Züge, und in seinen
Augen flackerte eine unterdrückte Rührung auf. Mit dieser Röte auf
den Wangen sah er als Mann ebenso schön aus wie sie als Weib. Er
atmete tief und schwer auf, als wenn sein Herz sich mit Anstrengung
von einem harten Zwange befreite. Auf ihr zartes Entgegenkommen
antwortete er nicht.

,Papa wundert sich, daß Sie gar nicht mehr zu uns kommen,
sagte Fräulein Oliver. ,Heute abend ist er ganz allein und fühlt
sich nicht recht wohl. Wollen Sie da ein bißchen mitkommen?

aZu so später Stunde möchte ich Ihren Herrn Vater doch nicht
mehr belästigen, antwortete St. John.

,Ach wo! Es ist gerade die richtige Zeit,r rief das Mädchen.
,jetzt ist Feierabend, und Papa hat Ruhe vom Geschäft. Bitte, kommen Sie nur mit! Weshalb sind Sie denn so furchtbar ernst und
zurückhaltend? Doch richtig! Ihre Schwestern sind ja wieder ab
gereist, und Sie haben MoorHaus verlassen. Da sind Sie nun auch
sehr einsam. Ach, Sie tun mir so leid. Kommen Sie nur mit, bitte,
bitte!
ihn
,Heute abend nicht, Fräulein Rosamund.
Er sprach diese Worte fast tonlos aus. Nur er wußte, was es
kostete, ihr diese Bitte abzuschlagen.
,Na, wenn Sie so eigensinnig sind, kann ich's auch nicht ändern,
sagte sie. ,Ich muß nun gehen, sonst wird es wirklich zu spät. Es
fällt schon Tau. Gute Nacht.’
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und er berührte sie leicht
mit der seinen.

,Gute Nacht!' wiederholte er wie ein Echo. Dabei wurde er
blaß wie die Wand. Sie ging hinaus, und auch er verließ mein
Häuschen und schritt in entgegengesetzter Richtung von dannen, ohne
sich ein einziges Mal nach Fräulein Oliver umzusehen.
Sie tat mir leid. Und das Mitgefühl mit ihrer unglücklichen
Liebe lenkte meine Gedanken von meinem eigenen Kummer ab.
Diana Rivers hatte einmal gesagt, ihr Bruder sei ,unerbittlich wie
der Tod'. Sie hatte nicht übertrieben.

Ich widmete mich nun meinem Lehramt mit aller Treue und
Energie. Zuerst war es eine schwere Arbeit, doch als ich unter meinen
Schülerinnen viele ziemlich befähigte Kinder kennen lernte, fand ich
langsam Freude daran. Unter meiner Leitung entwickelten sich nun
mehrere dieser erst so schwerfälligen und dumm gaffenden Bauerndirnen zu verständigen, anstelligen Mädchen. Einige machten sogar
überraschend schnelle Fortschritte, und ich war wirklich stolz auf diese
Erfolge. Für diese besten unter den Mädchen hegte ich auch große
Zuneigung, und auch sie gewannen mich lieb. Bei manchen, deren
Eltern auf Gütern der Umgegend in Pacht saßen, verkehrte ich in
der Familie und war stets ein sehr gern gesehener Gast. Kurz, ich
wurde der Liebling meiner Umgebung, und wenn ich mich draußen
sehen ließ, wurden mir überall freundliche Grüße zuteil. Und allgemein geachtet zu sein, wenn es auch die Achtung einfacher Arbeiter
und Bauern ist, gleicht dem Gefühl, ruhig im warmen Sonnenstrahl
zu sitzen. Tagsüber vergaß ich nun auch mein Leid. Ruhe und
Dankbarkeit wohnten in meinem Herzen. Aber des Nachts träumte
ich wirr und schwer, und Herr Rochester war der Mittelpunkt dieser
wilden Phantasien.

Rosamund Oliver besuchte mich sehr oft in der Schule. Wenn
sie auf ihrem täglichen Morgenritt vorüberkam, unterließ sie es fast
nie, abzusteigen und hereinzuschauen. Der Livreediener, der hinter
ihr herritt, hielt dann ihr Pferd. Man kann sich kaum eine lieblichere Erscheinung denken als Fräulein Oliver im Reitkostüm aus
dunkelrotem Stoff, das schwarze Samthütchen graziös auf den lang
herabwallenden Locken. Gewöhnlich richtete sie es so ein, daß sie zu
der Zeit kam, wo Herr Rivers Katechismusstunde abhielt. Er ließ
sich dadurch nicht stören, aber selbst wenn er bei ihrem Eintritt ihr
den Rücken kehrte, schien er doch instinktiv zu fühlen, wer gekommen
war, sein Gesicht färbte sich blutrot, und seine Züge veränderten sich
in unbeschreiblicher Weise.

Natürlich wußte sie, welchen Einfluß sie auf ihn ausübte;
und er gab sich auch keine Mühe, es ihr zu verhehlen, weil er das einfach nicht konnte. Aber sein erster Blick sagte ihr immer wieder:
,Wenn ich auch weiß, du liebst mich und würdest mein Herz annehmen, wenn ich es dir darböte -- mein Herz liegt bereits auf dem
heiligen Altar, die Opferflamme brennt - es muß zu Asche werden. - Und er fand eine Art wilder Freude an diesem Märtyrertum; es lag in seiner Natur, durch irdische Liebe nicht ein Atom von
seiner Anwartschaft auf das Himmelreich zu verscherzen.

Fräulein Oliver kam so oft, daß ich sie rasch genau kennen
lernte. Auch gab sie sich stets ganz, wie sie war, Verstellung kannte
sie nicht. Sie war kokett, aber nicht herzlos, gebieterisch, aber nicht
engherzig, verwöhnt, aber doch nicht verzogen, eitel (was ihr ja nicht
zu verdenken wars, aber nicht geziert, freigebig, urwüchsig, intelligent, lebhaft, frohsinnig und frei von allem Protzentum, das man so
oft bei großem Reichtum findet. Sie fand viel Gefallen an mir und
pries meine Vorzüge als Lehrerin mit naiver Offenherzigkeit. Eines
Abends sah sie zufällig meine Zeichenmappe und betrachtete die
einzelnen Bilder mit Entzücken. Sogleich äußerte sie den Wunsch,
einmal von mir porträtiert zu werden, was ich sehr gern tat, da es
für mich ein künstlerischer Genuß war, nach einem so vollkommenen
Modell zu malen. Die Malsitzungen fanden regelmäßig statt.

Sie kam dazu in dunklem Samtkleid, das Arme und Nacken
freiließ; sie trug weiter keinen Schmuck, als ihre langen dunklen
Flechten, die in natürlicher Anmut auf ihre herrlichen Schultern
herabfielen. Als dieses Bild fertig war, kam eines Tages auch ihr
Vater mit: ein hochgewachsener Graukopf, neben dem seine liebliche Tochter aussah wie ein Blümlein neben einer eisgrauen Tanne.
Er schien schweigsam und hochmütig, doch zu mir war er freundlich.
Das Bild hatte ihm sehr gut gefallen, und er lud mich zu Gaste. Ich
ging hin und fand ein prachtvolles Haus, das hinreichend Zeugnis
von dem Reichtum seines Besitzers ablegte. Von St. John und von
der ganzen Familie Rivers sprach Herr Oliver mit größter Hochachtung. Sie seien, erzählte er mir, die älteste Familie weit im
Umkreise, und den Vorfahren hätte einmal ganz Morton gehört.
Er meinte, es sei jammerschade, daß ein so schöner, talentvoller
Mann wie St. John die fixe Idee hätte, Missionar zu werden. Das
hieße wirklich ein aussichtsvolles, sicherlich erfolgreiches Leben verschleudern. Offenbar also war Herr Oliver einer Verbindung seiner
Tochter mit St. John durchaus nicht abgeneigt.

Es war der 5. November und ein Feiertag. Ich saß in meiner
Küche, mit einer neuen Malerei beschäftigt, und in der offenen Malmappe lag zufällig die in Wasserfarben ausgeführte Skizze von
Rosamund Olivers Porträt zu oberst. Es klopfte an meine Tür,
und Herr Rivers trat ein.

,Ich wollte nur mal nachsehen, sagte er, ,wie Sie Ihren Feierabend verbringen? Nicht in Gedanken versunken? Das ist ein
gutes Zeichen. Ah, Sie malen. Dabei werden Sie sich nicht einsam fühlen.

Sein Blick fiel auf die Mappe. Er zuckte zusammen, als er die
Porträtskizze erblickte. Ich sah ihn an; sein Auge wandte sich ab.
,Er verschließt Freude und Schmerz und verleiht seinen Gefühlen keine Worte, dachte ich bei mir. ,Aber ich bin überzeugt,
es würde ihm wohltun, ein wenig über diese Rosamund sprechen zu
können, die er nicht heiraten zu dürfen glaubt. Ich empfinde jetzt
klarer, ruhiger als er und bin daher im Vorteil gegen ihn. Ich will
ihn zum Reden bringen. Nehmen Sie Plat Herr Rivers, sagte
ich laut.

Er antwortete, er wolle sich nicht aufhalten.
,Gut, dachte ich bei mir, ,so bleibe stehen. So rasch sollst du
jedenfalls nicht fortkommen. -- Finden Sie das Porträt ähnlich?
fragte ich geradezu.

,Aehnlich? Wem denn? Ich habe es nur ganz flüchtig gesehen, antwortete er.

,Sie haben es vielmehr sehr genau gesehen, Herr Rivers,' versetzte ich ruhig.

Er erschrak über meine plötzlich Derbheit. - ,, es soll' noch
anders kommen,' dachte ich bei mir. ,Ich lasse mich diesmal durch
deine Kälte nicht zurückschrecken. Vielleicht kann ich dir und Fräulein Oliver doch noch einen Dienst erweisen. - Ich habe aber nichts
dagegen , sprach ich laut, ,daß Sie sich das Porträt noch einmal
ansehen. Dabei reichte ich es ihm hin.

,Gut gemacht, sagte er, ,sehr zart im Kolorit, sehr fein in der
Linienführung.

,Das weiß ich selbst. Aber ist es ähnlich? Wem ist es ähnlich?
aFräulein Oliver soll es sein, nicht wahr?
aJa. Soll ich Ihnen ein Duplikat davon malen? Ich würde
es gern tun, wenn es Ihnen Freude machte.

Er sah das Bild jetzt lange und fest an - mit einem Ausdruck
der Innigkeit.

,Sehr ähnlich, murmelte er. ,as Auge prachtvoll getroffen.
Teint und Ausdruck ausgezeichnet. Und der lächelnde Mund!

,Würden Sie gern eine Kopie haben? Sagen Sie es mir doch.
Wenn Sie nun in Indien sind, würde es Ihnen ein Trost sein, ein
solches Andenken zu haben?

Mit einem fast scheuen Blick sah er auf, dann fuhr er fort, das
Bild zu betrachten.

,O, ich würde es wohl gern haben, die Frage ist nur, ob es ratsam wäre.

Ich hatte mir's in den Kopf gesetzt, das Verhältnis zwischen
Rosamund und St. John, seitdem ich wußte, daß der Vater sie gern
als Paar gesehen hätte, zu fördern, weil ich mir sagte, daß St. John,

einmal im Besitz dieses großen Vermögens, mindestens ebensoviel

Gutes stiften könne, wie als Missionar in Indien, wo er unter der
tropischen Sonne rasch hinwelken würde.

,Soweit ich die Dinge beurteilen kann, sagte ich kurzweg.
,wäre es überhaupt das ratsamste, Sie sicherten sich anstelle einer
Kopie das Original.

Er hatte sich jetzt einen Stuhl genommen und betrachtete das
Bild mit unverhohlener Zärtlichkeit.
Ob sie mich liebt? murmelte er.

,Ganz gewiß, antwortete ich, ,sie spricht fortwährend von
Ihnen, das ist ihr Lieblingsthema. Und ihr Vater schätzt Sie sehr
hoch. Sie sollten sie wirklich heiraten.

,Seltsam,' erwiderte er. ,Ich liebe sie auch grenzenlos, leidenschaftlich, und doch habe ich das feste, klare Bewußtsein, daß ich nicht
glücklich mit ihr werden würde, daß sie nicht die Lebensgefährtin sei,
die zu mir paßt, daß unsere Ehe binnen Jahresfrist schon in Scherben gehen müsse. Auf die Seligkeit dieser kurzen Frist würde dann
das Elend, die Reue eines langen Lebens folgen. Ein Teil meines
Herzens ist empfänglich und begeistert für ihre Reize und Vorzüge;
der andere Teil fühlt sich verletzt durch ihre Mängel und Fehler.
Rosamund eine Dulderin, eine Märtyrerin, eine Missionarsfrau!
Nein, nimmermehr!'

,Aber Sie brauchen doch gar nicht Missionar zu werden. Das
würden Sie dann eben aufgeben?

,Aufgeben? wiederholte er starr. ,Meinen Beruf? Mein
Werk? Den Grundstein, den ich hienieden für eine Wohnung dort
droben gelegt habe? Nein! Mein Vorsatz ist mir teurer als das
Blut in meinen Adern.

,Und Fräulein Oliver? warf ich ein. ,Bedeutet ihr Kummer
Ihnen gar nichts?
,Sie hat ein Heer von Schmeichlern um sich her,s versetzte er.
,Sie wird mich bald vergessen und einen Mann heiraten, der sie
glücklicher machen wird, als ich es könnte.

,Dennoch erröten Sie jedesmal, wenn Fräulein Oliver in die
Schule kommt.

,Wohl wahr, allein ich verachte diese Schwäche, ich finde sie

selbst unedel an mir. Sie dringt indessen nicht in die Tiefe meiner
Seele - der Grund darinnen ist fest. Erkennen Sie mich als das,
was ich im Grunde bin: ein kalter, harter Mann! Meine Leiterin
ist die Vernunft, nicht das Gefühl. Mein Ehrgeiz kennt keine Grenzen. Mein Verlangen, höher zu steigen, mehr zu vollbringen als
andere Menschen ist unersättlich. Ich bringe ihm alles zum Opfer.
Er warf noch einen letzten Blick auf das Porträt und murmelte:
,Sie ist sehr schön, Rosamund! Sie trägt ihren Namen mit Recht:
Rose der Welt.

,Und soll ich ein zweites für Sie malen? fragte ich nochmals.
,Cui bono?” versetzte er. ,Nein!'
Er breitete den Bogen weißen Papiers, den ich beim Malen
unterlegte, um das Bild selbst nicht zu beschmutzen, über das Porträt.
Was er plötzlich auf diesem weißen Blatt entdeckte, kann ich nicht
sagen. Aber irgend etwas war ihm aufgefallen. Er hob es hastig
auf, besah den Rand, guckte mich ganz eigentümlich an, öffnete die
Lippen, als wollte er sprechen, und sagte dann doch nichts.

,Was haben Sie denn? fragte ich.
,Nichts, gar nichts, stieß er hervor. Dabei riß er verstohlen
ein Stück von dem Rande des Blattes ab, verbarg es in seinem
Handschuh, sagte hastig: ,Guten Abend!r und ging fort.

,So absonderlich ist er ja noch nie gewesen, dachte ich.
Dann betrachtete ich selbst das Papier, aber ich konnte nichts
daran finden als ein paar Farbenkleckse, die ich darauf gemacht
hatte, um die Mischungen zu probieren. Da ich keine Lösung für das
Geheimnis fand, gab ich es auf, mir den Kopf darüber zu zerbrechen,
und vergaß es bald ganz- welchem



18.Kapitel.
Reichtum.

Am nächsten Tage - um dieselbe Stunde des Abends - stellte
St. John sich wieder ein. Draußen schneite es heftig, und er stampfte
den an seinen Schuhsohlen haftenden Schnee ab.

,Ich werde Ihren weißen Fußboden beschmutzen, sagte er,
,aber Sie müssen mir verzeihen. Es war ein saures Stück Arbeit
hierher zu kommen, zweimal bin ich bis an den Leib eingesunken.

,Was führt Sie denn her? fragte ich.
aHm, es klingt nicht sehr gastfrei, so eine trockene, kurze Frage,
aber da Sie einmal fragen, will ich Ihnen antworten. Ich komme
bloß, um ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Ich muß Ihnen eine
Geschichte erzählen sie wird Ihnen wohl etwas abgedroschen vorkommen - aber dafür ist sie nicht lang.'

Er setzte sich ans Feuer. Die Uhr schlug acht. Mit unwillkürlicher Verwunderung sah ich ihn an.

Zwanzig Jahre ist's her, begann er, ,da verliebte sich ein
armer junger Hilfsgeistlicher - der Name spielt augenblicklich keine
Rolle -- in die Tochter eines reichen Mannes. Da sie ihn auch
liebte, heirateten sie sich gegen den Willen des Vaters, und die Eltern
sagten sich von ihrer Tochter los. Zwei Jahre später war dieses unbedachte Pärchen tot und hinterließ eine Tochter, die bei reichen Verwandten ihres Vaters Aufnahme fand, bei einer Tante namens
Reed - Sie sehen, jetzt fallen mir die Namen auch ein. Worüber
erschrecken Sie? Gibt es hier Ratten? - Also weiter! Frau Reed
behielt die Waise zehn Jahre bei sich. Ich weiß nicht, ob das Kind
es dort gut gehabt hat. Darüber habe ich nie etwas erfahren. Nach
diesen zehn Jahren schickte sie die Kleine in die Anstalt von Lowood,
die Sie ja auch kennen. Sie brachte es dort zur Lehrerin - sonder-
bar, nicht? daß es ihr in diesem Punkte ganz ebenso ging wie Ihnen.
Dann wurde das Mädchen Gouvernante und übernahm die Erziehung eines Kindes, dessen Vormund ein gewisser Herr Rochester war.

Herr Rivers!' unterbrach ich ihn.

Ich errate Ihre Gefühle,fuhr er fort, ,doch nur einen Moment noch Geduld, ich bin gleich zu Ende. Von Herrn Rochesters
Charakter weiß ich nichts; mir ist nur bekannt, daß er das Mädchen
heiraten wollte, während er doch schon verheiratet war -- allerdings mit einer Wahnsinnigen. Als die Gouvernante diese Tatsache
entdeckte, verließ sie plötzlich das Haus, und niemand kann sagen,
wohin sie gegangen ist. Jede Nachforschung blieb erfolglos. Doch
wurde mit großem Eifer nach ihr geforscht, weil man durchaus ermitteln wollte, wo sie weile. Man annoncierte in Zeitungen, und
ich selbst erhielt auch einen Brief von einem Rechtsanwalt, namens
Briggs, der mir diese Einzelheiten mitteilte. Ist das nicht eine
schnurrige Geschichte?

,Sie wissen ja sehr viel,' antwortete ich. ,Da können Sie mir
wohl noch eins sagen: Was ist aus Herrn Rochester geworden?
Was macht er? Wie geht es ihm?

,Ich weiß gar nichts über ihn. Gs steht in dem Briefe nichts
von ihm, als was ich Ihnen erzählt habe. Sie sollten mich lieber
nach dem Namen der Gouvernante fragen und nach dem Umstande,
wegen dessen man ihren Aufenthalt unbedingt ermitteln muß.

,Hat man denn nicht an Herrn Roche,ter selbst geschrieben?
,Gewiß, aber an seiner Stelle antwortete nur eine gewisse Frau
Fairfax.

Ein eiskalter Schauer überlief mich. So waren meine schlimmsten Befürchtungen zur Wahrheit geworden. Herr Rochester hatte
England verlassen; er irrte auf dem Festlande umher-- haltlos, wie
früher. D, mein armer Geliebter! Einst fast mein Gatte!

,Er muß ein schlechter Mensch gewesen sein, warf St. John
hin. - ,Sie kennen ihn nicht,' versetzte ich. , Urteilen Sie also
nicht über ihn.

,Hab' auch an andere Dinge zu denken als an ihn, sagte er.
,Da Sie nach dem Namen der Gouvernante nicht fragen, muß ich
ihn aus eigenem Antrieb nennen. Doch, warten Sie, ich habe ihn
hier schwarz auf weiß.

Er zog aus seiner Brieftasche ein kleines Stück Papier, das
irgendwo abgerissen worden war. Er hielt es mir vor die Augen,
und ich erkannte an den matten Farbflecken das Stück vom Rande
meines Papierbogens. Als ich näher hinsah, fand ich darauf, von
meiner eigenen Hand in schwarzer Tusche hingekritzelt, die zwei
Worte: ,Johanna Eyre.
,Von einer Johanna Eyre schrieb Rechtsanwalt Briggs an mich.
Nach einer Johanna Eyre suchte man durch die Zeitungsannoncen.
Ich selbst aber kannte wohl eine Johanna, doch war ihr Vatersname
Elliot, nicht Eyre. Aber ich hegte dennoch Argwohn, und gestern
nachmittag, als ich das Stückchen Papier fand, wurde mein Argwohn zur Gewißheit. Bekennen Sie sich zu dem Namen Eyre?

Ja, ja. Doch was wollte der Rechtsanwalt Briggs von mir?
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel John Eyre in Madeira
gestorben ist und Ihnen sein ganzes Vermögen hinterließ. Sie sind
also jetzt reich. Natürlich müssen Sie beweisen, daß Sie auch wirklich
Johanna Eyre sind, aber das wird ja keine Schwierigkeiten haben.
Ihr Vermögen ist in der Englischen Bank angelegt; Briggs hat die
betreffenden Urkunden und Papiere.

Es ist eine schöne Sache, in einem Augenblick von der Armut
zum Reichtum emporgehoben zu werden, aber immerhin begreift
man es nicht im Handumdrehen.

,Wieviel ist es denn? stammelte ich nach langem Schweigen.
,O, nur eine Kleinigkeit,' antwortete er. ,Nur zwanzigtausend Pfund.

Eine derartige Summe hatte ich nicht erwartet. Diese Nachricht raubte mir tatsächlich den Atem, und ich rang nach Luft. St.
John, den ich noch nie hatte lachen hören, lachte jet über mich.

,Nun, wenn Sie einen Mord begangen hätten und ich Sie verhaften wollte, so könnten Sie nicht erstaunter dreinschauen.

,Es ist eine sehr große Summe, antwortete ich. ,Ist's auch
kein Irrtum? Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen. Es
werden wohl nur zweitausend sein.

,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen, antwortete
er, noch immer lachend. ,Wenn es nicht so schlechtes Wetter wäre,
würde ich Ihnen Hannah herüberschicken. Aber die arme Alte findet
nicht durch den Schnee. Ich muß Sie also - so unglücklich Sie auch
aussehen - allein Ihrem Kummer überlassen.'

,Noch einen Augenblick! rief ich. ,Es wundert mich, daß
Briggs an Sie geschrieben hat. Woher kannte er Sie? Wie konnte
er annehmen, daß Sie etwas von jener Johanna Eyre wüßten?

,Ich bin Prediger, antwortete er. ,Geistliche werden ja über
allerhand Dinge befragt.

,Das ist eine Ausrede, versetzte ich. ,Sagen Sie mir die
Wahrheit!'
,Ein andermal.
,Nein! Heute abend!' und ich vertrat ihm die Tür. ,Sie
müssen mir erst alles sagen, eher lasse ich Sie nicht fort.

,Ersparen Sie mir's wenigstens heute noch. Es wäre mir
lieber, Diana oder Mary sprächen darüber mit Ihnen.

,Sie sollen es mir sagen -- Sie müssen es mir sagen' beharrte ich.

,Nun gut, so gebe ich nach, erwiderte er. ,Sie müssen es eines
Tages doch erfahren. Also, Johanna Eyre, zunächst eins: ich bin ein
Namensvetter von Ihnen. Ich bin getauft St. John Eyre Rivers.

Jetzt plötzlich fiel mir ein, daß ich in seinen Büchern auch den
Buchstaben E. gefunden hatte. Ein Licht ging mir auf, und ich ahnte.
wie die Sache zusammenhänge, ehe noch St. John weitersprach.

,Meine Mutter,' fuhr er fort, ,hieß Eyre und hatte zwei Brüder: einer war ein Geistlicher und heiratete Fräulein Reed von
Gateshead; der andere Bruder war Kaufmann und starb vor kurzem
erst auf Madeira. Herr Briggs war der Rechtsanwalt dieses Kaufmanns Eyre und teilte uns als solcher vor kurzem den Tod seines
Klienten mit. Sie wissen schon, was er uns von dem Testament
schrieb. Infolge eines Streits mit meinem Vater, durch den er sich
beleidigt fühlte, hat der Onkel uns in seinem Testament nur karg
bedacht. Vor wenigen Wochen nun schrieb Briggs uns noch einmal
und teilte mit, die Erbin sei nicht zu finden. Ob wir nichts von ihr
wüßten? Ein Name, den ich zufällig auf jenem Bogen Papier las,
machte es mir möglich, Sie ausfindig zu machen. Das ist alles.

Er wollte wieder gehen, doch ich vertrat ihm abermals die Tür.
,Aber dann sind wir ja verwandt!’ rief ich aus. ,Sie sind mein
Cousin, ich bin Ihre Cousine,

,So ist es.
Ich sah ihn freudestrahlend an. Mir war's, als hätte ich einen
Bruder gefunden, und noch dazu einen, auf den ich sehr stolz sein
konnte - als hätte ich zwei Schwestern gefunden, die mir ja schon
als fremde Menschen durch ihre vorzüglichen Eigenschaften Liebe und
Bewunderung abgewonnen hatten. Die Leute, vor deren Haus ich
sterbend zusammenbrach, waren meine nächsten, meine einzigen Verwandten! Welche glückliche Entdeckung für eine Verlassene! Welcher Reichtum für mein Herz! In einer plötzlichen Aufwallung von
Jubel klatschte ich in die Hände.

,O, ich bin so froh, ich bin so froh!' rief ich aus.
,Als ich Ihnen sagte, Sie hätten ein Vermögen geerbt, wurden
Sie ernst, und doch war das die Hauptsache, sagte St. John lächelnd.
,Und nun sind Sie freudig erregt über einen Umstand, der eigentlich
ganz Nebensache ist.

,Nebensache? Wie meinen Sie das? Ja, Sie haben Schwestern,
Ihnen ist es gleichgültig, ob sie noch eine Cousine haben, aber ich hatte
gar niemand, und nun habe ich plötzlich drei Verwandte oder wenigstens zwei, wenn Sie nicht mitgerechnet zu werden wünschen. D, ich
bin so glücklich! Schreiben Sie an Diana und Mary! Lassen Sie sie
herkommen. Diana hat mir oft gesagt, sie würde sich mit tausend
Pfund für reich erachten. So wird sie wohl mit fünftausend Pfund
sehr gut leben können.

,Ich will Ihnen ein Glas Wasser holen, Sie sind wirklich sehr
aufgeregt, sagte St. John.

,Unsinn! Ich bin ganz ruhig. Und wird diese Erbschaft nun
Ihre Entschlüsse ändern? Werden Sie nun Fräulein Oliver
heiraten?

,Sie phantasieren. Ich hätte Ihnen die Nachricht doch nicht so
Hals über Kopf mitteilen sollen. Es geht über Ihre Kräfte.

,Ich bin vollständig bei Vernunft, Herr Rivers. Die Sache ist
doch auch ganz klar. Die zwanzigtausend Pfund müssen zu gleichen
Teilen zwischen den vier vorhandenen Verwandten des Erblassers
verteilt werden, das gibt für jeden von uns fünftausend Pfund.
Teilen Sie nun Ihren Schwestern mit, welche Summe sie geerbt
haben.

,Das ist nur so Ihre erste Eingebung. Sie müssen es sich erst
reiflich überlegen und sich an den Gedanken, reich zu sein, gewöhnen,
antwortete St. John gelassen. ,Gewiß hat Ihre Teilungsidee eine
gewisse Gerechtigkeit für sich, aber sie widerspricht dem Brauch. Und
schließlich sind Sie die gesetzliche Universalerbin. Der Onkel hat das
Geld durch eigene Anstrengungen erworben; es stand ihm also frei,
es zu hinterlassen, wem immer er wollte. Das Gesetz erlaubt Ihnen,
es anzunehmen und zu behalten. Sie können das mit reinem Gewissen tun.

,Ich muß nach meinem Gefühl handeln. Ich bin nicht selbstsüchtig, brutal und ungerecht. Außerdem habe ich eine Dankesschuld
abzutragen. Und wenn Sie ein ganzes Jahr lang mit mir stritten,
Sie würden mich nicht davon abbringen.
,Seien Sie nur erst im Besitz des Vermögens, merken Sie nur
erst, was es bedeutet, so reich zu sein, was für Vorteile es mit sich
bringt, welche Stellung in der Gesellschaft Ihnen das Geld verschafft! Es ist unmöglich, daß Sie

,Und ebenso unmöglich ist es Ihnen, sich einen Begriff von
schwesterlicher Liebe zu machen, fiel ich ihm ins Wort. ,Heimat und
Geschwister hat es bisher nie für mich gegeben - jetzt will ich sie
haben, muß sie haben. Ist es Ihnen denn so zuwider, mich als
Schwester aufzunehmen?
,Nein, Johanna. Ich will Ihnen Bruder, meine Schwestern
werden Ihnen Schwestern sein - doch auch ohne daß Sie uns
opfern, was Ihnen nun von Rechts wegen zusteht. Außerdem, wenn
Sie sich nach Familienglück sehnen, nach einem Heim, Sie könnten
sich doch verheiraten.

,Ich heirate niemals.
Sagen Sie das nicht so schroff.
,Mit zwanzigtausend Pfund und heiraten? Aus Liebe würde
mich keiner nehmen, und zur Geldspekulation bin ich mir zu schade.
Ich will mit meinen Verwandten leben, nicht mit fremden, unsympathischen Menschen. Sie sagten, Sie wollten mir ein Bruder sein.
Sagten Sie das aufrichtig? Wiederholen Sie es.

,Ich glaube, ich kann das versprechen. Meine eigenen Schwestern
habe ich stets lieb gehabt. Ich weiß auch, worauf meine Liebe sich
gründet: auf der Achtung vor den Fähigkeiten der beiden Mädchen.

Und auch Sie haben Herz, Gemüt, Charakter. Sie ähneln darin
Diana und Mary, Ihre Gesellschaft ist mir angenehm. Ich fühle.
ich kann Ihnen leicht einen Platz in meinem Herzen einräumen.
Ja, Sie sind meine dritte und jüngste Schwester.

,Ich danke Ihnen! Für heute abend bin ich damit zufrieden.
Nun aber müssen Sie wohl gehen, sonst regen Sie mich vielleicht
durch mißtrauische Gewissensbisse von neuem auf.

,Und die Schule, Fräulein Eyre? Die werden wir nun wohl
schließen müssen.

,Ich bleibe Lehrerin, bis Sie einen Ersatz für mich gefunden
haben.

Er lächelte. Dann drückte er mir die Hand und ging.
Meine Verwandten willigten nicht ohne weiteres in meinen
Vorschlag ein. Ich hatte einen harten Kampf zu bestehen, bis ich
meinen Willen durchsetzte. Da sie aber schließlich einsahen, daß es
unwiderruflich fest bei mir stand, eine gerechte, gleichmäßige Verteilung des Geldes durchzuführen, und da sie im Grunde ihres Herzens die Billigkeit dieser Handlungsweise zugeben mußten und sich
außerdem wohl auch bewußt waren, daß sie an meiner Stelle ebenso
gehandelt hätten, so gaben sie schließlich insoweit nach, als sie einwilligten, die Angelegenheit dem Spruch eines Schiedsgerichts zu
unterbreiten. Das Schiedsgericht bestand aus Herrn Oliver und
einem Rechtsanwalt; beide stimmten meiner Ansicht bei.
wurde notariell abgeschlossen, und St. John, Diana und Mary
waren von nun an im Besitz eines kleinen Vermögens, das sie vor
allen Nahrungssorgen schützte.

Nach Weihnachten schloß ich die Schule von Morton. Ein kleines
Abschiedsfest veranstalteten mir meine dankbaren Schülerinnen, und
es freute mich zu sehen, daß es mir wirklich gelungen war, einen
Play im Herzen dieser Mädchen zu gewinnen, die ich als anständige,
bescheidene, gut unterrichtete Kinder verließ. Ich versprach ihnen
daß ich in jeder Woche einmal nach Morton kommen und ihnen eine
Unterrichtsstunde geben würde.

,Ist Ihnen nun nicht doch ein großer Lohn zuteil geworden?
fragte Herr Rivers, als die Kinder fort waren. ,Macht Ihnen das
Bewußtsein, dem Menschengeschlecht wirklich einen Dienst geleistet
zu haben, nicht große Freude?

,Und doch haben Sie nur wenige Monate gearbeitet! Ist es
nun nicht etwas Herrliches, ein ganzes Leben der Aufgabe zu widmen,
das Menschengeschlecht zu bessern?

Ja. Dennoch hätte ich nicht bis an mein Ende dieses Leben
führen können. Ich will' mich meiner eigenen Talente und Fähigkeit ebensosehr selbst erfreuen, wie ich die meiner Nebenmenschen
fördern möchte.
Er sah mich ernst an.
,Hat die krankhafte Sucht nach Zerstreuung Sie nun schon erfaßt? fragte er. ,Was haben Sie vor?

Zu arbeiten. Und vor allem muß ich Sie bitten, mir Hannah
zu überlassen und eine andere Wirtschafterin anzunehmen.'

,Brauchen Sie Hannah?
,Ja, sie soll mit mir nach Moor-Haus. In dieser Woche kommen
Diana und Mary, Bis dahin muß alles in schönster Ordnung sein.

,Ah so! Gut! Da mag Hannah mit Ihnen gehen.
,Sie soll sich morgen früh fertig halten. Morgen gebe ich Ihnen
auch die Schlüssel von der Schule und meinem Häuschen.

,Sie liefern Sie sehr freudig ab. Welches Ziel, welchen Ehrgeiz verfolgen Sie denn nun?

Zunächst will ich Moor-Haus von Grund aus säubern und neu
herrichten, einmal ordentlich große Wäsche halten, alles blitzblank
putzen, überall tüchtig Feuer machen und Braten und Kuchen schaffen,
so daß die Schwestern bei ihrer Ankunft einen recht fröhlichen
Empfang haben.

,Ganz gut und schön für den Augenblick. Ich hoffe aber doch,
daß Ihr Blick sich auf höhere Ziele richten wird, wenn diese erste
Freude vorüber ist. Ich hoffe, Sie werden sich nicht auf Moor-Haus
beschränken und nicht in selbstsüchtige Ruhe und Behaglichkeit versinken.

Ich sah ihn erstaunt an.
,St. John, antwortete ich, ,es ist beinahe gottlos, so zu
sprechen. Ich will so glücklich und zufrieden sein wie eine Königin,
und Sie versuchen schon von neuem mir die Ruhe zu vergällen.
Wozu?

Sie sollen die Talente, die Fähigkeiten, die Gott Ihnen gegeben, in seinem Sinne verwerten. Eines Tages wird er Sie zur
Rechenschaft rufen, wie Sie mit dem Ihnen anvertrauten Pfunde
gewuchert haben. Johanna, geben Sie sich nicht so sehr häßlichen
Genüssen hin. Richten Sie Ihre Energie auf Höheres! Verzetteln
Sie Ihre Kräfte nicht an Wertloses.

Ich ließ ihn reden und blieb bei meinem Vorsatz. Nach zwei
Tagen heillosester Verwirrung brachte ich mit Hannahs emsiger Hilfe
Ordnung in das von unten zu oberst gekehrte Moor-Haus. Die Möbel blieben zum größten Teile, doch mußte viel Neues besorgt werden,
denn es mangelte an Teppichen, Polstersachen und Spiegeln. Endlich kam der ersehnte Donnerstag heran. Wir erwarteten die
Schwestern um die Dämmerstunde, und alles war zum Empfange
bereit.

Zuerst kam St. John. Ich hatte ihn gebeten, nicht eher zu kommen, als bis alles in Ordnung sei. Nun fragte er mich, ob meine
Laune, als Hausmädchen zu wirtschaften, nun befriedigt sei. Statt
aller Antwort führte ich ihn im ganzen Hause herum. Er sah in alle
Stuben und meinte, ich hätte mich wohl sehr tummeln müssen, um
in so kurzer Zeit so große Veränderungen zu bewerkstelligen. Doch
mit keiner Silbe deutete er an, daß er an der Verschönerung seines
Vaterhauses Freude hätte.

Er verdarb mir dadurch das ganze Vergnügen. Ich glaubte, ich
hätte vielleicht hier und da gegen die Pietät alter Erinnerungen gesündigt und fragte in niedergeschlagenem Tone danach.

,Durchaus nicht, erwiderte er. ,Was mir lieb und wert ist,
haben Sie im Gegenteil verschont. Sie legen der ganzen Sache zuviel
Wichtigkeit bei. Sie machen mehr drum her, als daran ist. Was
haben Sie da an Zeit vergeudet!'

Das mißfiel mir an ihm, und ich erkannte jetzt, daß er die Wahrheit über sich gesprochen, als er sich einen kalten, harten Mann
nannte. Das Angenehme des Lebens galt ihm gar nichts, für die
friedlichen Genüsse des Alltags hatte er keinen Sinn. Sein ganzes
Augenmerk war darauf gerichtet, Großes, Erhabenes zu erstreben.
Er kannte die Ruhe nicht, er wollte keine Ruhe. Und er konnte auch
die Leute um sich her nicht ruhen sehen.

Als ich auf seine hohe, weiße Stirn sah, die einem Leichensteine
glich, in seine schönen Züge, die das Studium streng und herb gemacht hatte, da fühlte ich plötzlich, dieser Mann könnte nie ein guter
Ehemann sein, seine Gattin müsse es einmal sehr, sehr schwer haben.
Für ihn war kein Plat an einem häuslichen Herde. Er hatte recht,
den Beruf eines Missionars zu wählen.

,Sie kommen! sie kommen! rief Hannah und riß die Tür auf.
Der alte Carlo sprang bellend auf und schoß hinaus. Es war
dunkel geworden. Ich eilte vor die Tür und hörte deutlich das
Rollen von Rädern. Hannah zündete eine Laterne an. Der Wagen
fuhr vor, der Kutscher öffnete, Diana und Mary sprangen heraus.
Sie küßten mich, lachten und weinten in einem Atem und saßen im
nächsten Moment am warmen Herde. Sie waren von der Fahrt zur
kalten Winterzeit wie gerädert und halb erfroren; aber in der behaglichen Stube tauten sie rasch auf. Nun kam auch St. John, begrüßte sie mit einem ruhigen, leidenschaftslosen Kusse und sprach
einige wenige leise Worte des Willkommens. Nach ein paar Minuten schien ihm der Tumult zu groß zu sein, und er kehrte in das
Wohnzimmer zurück.

Nun ging es an die Besichtigung des Hauses. Jetzt wurde mir
erst mein Lohn zuteil; die Freude der Schwestern kannte keine
Grenzen. Wir wurden in unserm Jubel glücklicherweise auch nicht
mehr durch St. John beeinträchtigt, denn er wurde zu einer kranken
Frau gerufen, die man dem Tode nahe glaubte.

Ich fürchte, die ganze nächste Woche stellte seine Geduld auf eine
harte Probe, denn wir Frauen vertändelten die Zeit mit sorglosem
Geplauder. Diana und Mary erholten sich erst einmal an der gesunden, freien Landluft. St. John sprach kein Wort gegen unser
fröhliches Nichtstun, aber er verließ das Haus, so oft es anging, und
durchstreifte stundenlang seine Gemeinde, Kranke und Arme besuchend. Eines Tages fragte Diana ihn, ob sein Vorsatz noch immer
unverändert sei.

,Unverändert und unabänderlich,' antwortete er und teilte uns
nun mit, daß er bestimmt anfangs des nächsten Jahres abreisen
würde.

,Und Rosamund Oliver?' fragte Mary,

St. John las in einem Buche und blickte auf.
,Rosamund Oliver,'' antwortete er, ,wird sich demnächst mit Sir
Frederik Granby, einem reichen Erben, verheiraten. Ihr Vater hat
es mir gestern mitgeteilt.
Wir drei Frauen sahen ihn erstaunt an; er war kalt und still wie
ein Marmorbild.
,Sie müssen sich sehr rasch verlobt haben, sagte Diana. ,Sie
kann ihn erst seit kurzem kennen.

,Seit zwei Monaten. Im Oktober sind sie auf einem Ball einander vorgestellt worden. Es sind keine Hindernisse die Ehe erscheint vorteilhaft und wünschenswert -- also ist auch kein Aufschub
nötig.

Ich war fast willens, ihn zu fragen, ob er nun unglücklich sei;
aber er schien der Sympathie so wenig zu bedürfen, daß ich nichts
dazu sagte. In der letzten Zeit hatte ich auch schon wieder alle Uebung
verloren, zwanglos mit ihm zu sprechen; er war in seine alte Zurückhaltung verfallen, so daß unter der Eiskruste seines Wesens meine
Offenherzigkeit wieder erfroren war. Sein Versprechen, mich als
seine dritte Schwester zu behandeln, hielt er nicht; fortwährend machte
er zwischen mir und seinen eigentlichen Schwestern kleine feine
Unterschiede, die mich befremdeten. Ja, ich empfand jetzt, wo unsere
Verwandtschaft sich herausgestellt hatte, eine weit größere Kluft
zwischen mir und ihm, als jemals in unsern Beziehungen geherrscht
hatte. Selbst als Dorflehrerin hatte ich ihm nicht so ferngestanden.
Wenn ich daran dachte, wie weit er mich doch eines Tages schon ins
Vertrauen gezogen hatte, konnte ich seine eisige Zurückhaltung nicht
begreifen.



Kapitel.
Ein Antrag.

Nach dem Weihnachtsfest begannen wir Frauen endlich wieder
uns ernsthaft mit nützlicher Arbeit zu beschäftigen, und ich nahm
meine allwöchentlichen Besuche in der Schule von Morton wieder
auf. Darüber freute St. John sich sehr. Wenn Diana und Mary
mich des schlechten Wetters wegen zurückhalten wollten, dann drang
er in mich, meine Pflicht zu tun.
,Johanna ist nicht der Schwächling, den ihr als ihr machen
wollt,' sagte er zu seinen Schwestern. ,Gebirgswind, Regenschauer
und Schneeflocken machen ihr nichts aus. Sie hat eine kräftige
Natur und einen kerngesunden Körper und trotzt allen Schwankungen
des Klimas.

Wenn ich ermattet, halb erfroren zurückkehrte, wagte ich nicht
zu klagen, weil ich wußte, daß er sich darüber ärgern würde.

Eines Tages blieb ich aber doch zu Hause, weil ich sehr erkältet
war, und die Schwestern gingen an meiner Stelle nach Morton. Ich
war allein mit St. John. Wir saßen beide in der Wohnstube, jeder
über einem Buche. Als ich aufschaute, sah ich, daß St. John mich
mit seinen blauen Augen unverwandt musterte. Ich erschrak fast.

,Was lesen Sie denn eigentlich? fragte er.
,Schiller."
,Geben Sie das Deutsch auf, Johanna, und lernen Sie Hindostanisch.

,Das kann Ihr Ernst nicht sein?
,Es ist mein voller Ernst, und Sie müssen mir willfahren. Ich
will Ihnen auch sagen, warum. Ich selbst muß perfekt Hindostanisch
können, wenn ich als Missionar in Indien wirken will. Je weiter
ich in dem Studium vorrücke, um so größer wird die Gefahr, die Anfangsgründe wieder zu vergessen. Da ist es für mich sehr vorteilhaft,
eine Schülerin zu haben, durch deren Unterricht ich diese Anfangsgründe immer wieder zu repetieren gezwungen bin. Erst wollte ich
eine meiner Schwestern zur Schülerin nehmen, aber ich sehe, Sie
haben doch die größte Ausdauer zum Arbeiten und Lernen. Bringen -
Sie mir nun bitte dieses Opfer. Es ist ja nicht auf lange Zeit. In
drei Monaten reise ich.

Man konnte St. John schwer eine Bitte abschlagen. Ich willigte
daher ein. Er war wohl ein geduldiger und nachsichtiger, aber dennoch sehr strenger Lehrer. Er erwartete große Leistungen von mir,
und wenn ich sie erfüllte, gab er mir auch seine Zufriedenheit offen
zu erkennen. Nach und nach gewann er durch diesen Unterricht einen
großen Einfluß auf mich, der zuletzt zu einer Art unangenehmen
Zwanges wurde. Ich getraute mich in seiner Anwesenheit kaum noch
laut zu lachen und vergnügt zu sein. Er begann mich zu unterjochen,
und ich fühlte, daß meine Kraft nicht mehr ausreichte, den eisigen
Zauber zu brechen, mit dem er mich umstrickte. Wenn er sagte:
,Gehen Sie!r so ging ich. Wenn er sagte: ,Kommen Sie!' so kam
ich. Wenn er sagte: ,Tun Sie das !' so tat ich es. Aber diese
Knechtschaft widerstrebte mir. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich
hätte mich nicht mit ihm eingelassen.

Da es nun einmal geschehen, so wollte ich ihn aber doch zufriedenstellen. Ich empfand täglich deutlicher, daß ich, um dies zu vollbringen, meine Natur zur Hälfte verleugnen, meine Neigungen
unterdrücken und mich zu Beschäftigungen zwingen müsse, zu denen
ich gar nicht veranlagt war. Er wollte mich auf eine Höhe führen,
zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Es war mir das ebenso
unmöglich, wie meinem unregelmäßigen Gesicht die klassische Schönheit des seinen, meinen grünlich schillernden Augen die wasserblaue
Farbe, den ruhigen Glanz der seinen zu verleihen.

Es kam noch eins hinzu. Ich war jetzt immer traurig gestimmt.
Seitdem die Not mich nicht mehr im Bann hielt, seitdem die tägliche
Arbeit meine Gedanken nicht mehr ganz für sich beanspruchte, mußte
ich wieder oft und viel an Herrn Rochester denken, und es erfüllte
mich mit bangem Weh, daß ich über sein Schicksal so völlig im unklaren war. Ich schrieb an Rechtsanwalt Briggs, mit dem ich in
der Erbschaftssache viel korrespondierte; aber er konnte mir keine
Auskunft geben; dann schrieb ich an Frau Fairfax, Ich war fest
überzeugt, die gute Alte würde mir antworten; doch als auf einen
zweiten Brief von mir nach zwei Monaten noch keine Antwort eintraf, da fiel ich der tödlichen Angst zum Opfer.

- Ein halbes Jahr wartete ich vergebens, dann starb alle Hoffnung in mir. Und nun ward es dunkel um mich her.

Der Frühling zog ins Land; es sproßte und blühte rings umher. Diana riet mir, an die See zu gehen, doch St. John erklärte,
mir fehle es nur an Beschäftigung; mein jetziges Leben sei ohne
Zweck, ohne Ziel. Eine Aufgabe, das sei es, was mir nottäte. Er
verlängerte nun die Unterrichtsstunden und drang darauf, daß ich -
mich im Hindostanischen vervollkommne. Und ich Närrin widersprach ihm nicht; ich konnte ihm einfach nicht widerstehen.

An einem herrlichen Frühlingstage kam endlich ein Brief an;
ich zitterte vor Freude, als ich ihn öffnete. Doch als ich ihn las,
war es nur ein ganz unwichtiger Geschäftsbrief von Herrn Briggs.
Meine Augen flossen von Tränen über; schluchzend sank ich nieder.
St. John gab mir eben Unterricht. Er nahm gar keine Notiz von
meinem Schmerz. Ruhig unterbrach er die Stunde mit den Worten:

,Wir machen eine Pause, Johanna, bis Sie wieder ruhig sind.
Nun saß er mir regungslos gegenüber, wie ein Arzt, der einen
interessanten Fall beobachtet. Als das Schluchzen sich gelegt hatte,
trocknete ich mir die Augen, murmelte ein paar Worte der Entschuldigung und nahm meine Arbeit wieder auf. Aber St. John klappte
meine und seine Bücher zu und sagte plötzlich:

,Johanna, wir wollen heute lieber einen Spaziergang machen.
,Dann will ich Diana und Mary rufen, sagte ich.

,Nein, heute will ich mit Ihnen allein sein, erwiderte er.
,Gehen Sie zur Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach der
Marschenschlucht ein. In wenigen Minuten bin ich bei Ihnen.

Es gab für mich keine Mittelstraße. Im Umgang mit harten,
energischen Charakteren, die dem meinen schroff entgegengesetzt
waren, habe ich mich nie zwischen völliger Unterwerfung und starrsinniger Auflehnung halten können, und oft bin ich eine Zeitlang
getreu den einen Weg gegangen, bis ich plötzlich mit vulkanischer Heftigkeit den andern einschlug. Jetzt stand ich St. John gegenüber noch
auf der Bahn der Unterwerfung und gehorchte ihm auch in diesem
Falle ohne Widerspruch. Zehn Minuten später war ich unterwegs
zur Marschenschlucht.

Bald darauf war St. John an meiner Seite. Als wir mitten
zwischen Hügeln standen, sagte' er:

,Wir wollen uns hier ausruhen.
Wir waren in einer Talenge zwischen ziemlich dicht aneindergerückten Hügeln. Von der einen Seite des Abhangs rauschte ein
Wasserfall hernieder, ein Labyrinth von Felsblöcken war hüben und
drüben zu Tal gestürzt und in der Fülle der Jahre dicht von Moos
und Heidekraut übersponnen worden.

Ich setzte mich. St. John blieb neben mir stehen. Er ließ den
Blick dem Bächlein folgen, das den Grund durchströmte, sah zum
Himmel auf, schaute an den Höhen empor und nahm den Hut ab,
so daß seine Locken im Winde spielten.

,Und ich werde es wiedersehen,' sprach er plötzlich mit lauter
Stimme, ,wenn ich an den Ufern des Ganges schlafe, werde ich es
im Traume wiedersehen.

Seltsame Aeußerung einer seltsamen Liebe! Die Freude des
rauhen Patrioten an seinem Vaterlande! Eine halbe Stunde wohl
verfloß, ohne daß wir ein Wort miteinander sprachen. Dann begann er:

,Johanna, in sechs Wochen reise ich; meine Kajüte ist bereits
gemietet. Das Schiff segelt am W. Juni ab.

,Gott wird Sie beschützen, sagte ich, ,Sie arbeiten ja für ihn.
,Das ist auch mein Stolz und meine Zuversicht. Ich bin der
Diener eines unfehlbaren Herrn. Ich gehe nicht in menschlicher
Sache hinaus, nicht in irdischem Interesse - mein Auftraggeber ist
der Allgewaltige. Es befremdet mich, daß nicht alle, die mich um
geben, sich um dieselbe Fahne scharen, sich an meinem Werk beteiligen
wollen.

,Nicht alle haben die gleiche Kraft, und von einem Schwachen
wäre es Torheit.

,Von den Schwachen spreche ich auch nicht, ich denke nur an
die, die sowohl würdig als auch fähig wären.

.Solche gibt es nur wenige, und sie sind nicht so leicht zu
finden.'

,Sehr wahr; aber wenn man sie gefunden hat, dann hat man
die Pflicht, sie zu werben - sie anzuspornen, ihnen zu zeigen, zu

welchem Zwecke sie ihre Fähigkeiten erhalten haben, ihnen die Botschaft des Himmels zuzurufen.

,Ich meine, wer dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist, dem
wird es zu allererst sein eigenes Herz sagen.

Mir war, als umfinge mich mehr und mehr ein furchtbarer
Zauber, und ich fürchtete, ein verhängnisvolles Wort aussprechen zu
hören, das diesen Zauber gleichzeitig erklären und lösen würde.

,Und was sagte Ihnen Ihr Herz?' fragte St. John.
,Mein Herz ist stumm, antwortete ich.
,Dann muß ich für Ihr Herz sprechen, fuhr er fort. ,Johanna,
kommen Sie mit nach Indien - als meine Helferin, als meine
Kollegin! Gott und die Natur haben sie zum Weibe eines Missionars
auserlesen. Sie haben nicht nur körperlich, sondern auch geistig alle
Eigenschaften dazu. Sie müssen die Gattin eines Missionars werden.
Sie müssen mein werden. Ich fordere Sie nicht für mich - nicht für
mein persönliches Glück, sondern für den Dienst des allmächtigen
Herrn.

,Nein, antwortete ich jetzt ganz ruhig und bestimmt, ,dazu
passe ich nicht - ich fühle nicht den Beruf dazu in mir.

Auf leichte Einwendungen war er gefaßt. Er kreuzte die Arme
über der Brust, lehnte sich an die Felswand und antwortete im
Tone eines Mannes, der sich gerüstet hat, einen langen, heftigen
Widerstand zu brechen und mit Geduld den Sieg zu erringen:

,Demut, Johanna, ist angebracht. Sie tun recht daran zu bezweifeln, ob Sie sich für die Arbeit eignen. Auch ich bin ja nur
Staub und Asche. Wie der Apostel Petrus halte ich mich für den
niedrigsten aller Sünder. Aber ich sage mir doch auch, wenn Gott
sich einen solchen schwachen Menschen zum Werkzeug erkürt, dann
wird er ihm auch die Mittel geben, die Aufgabe zu erfüllen. Vertrauen Sie, wie auch ich vertraue!

,Aber ich verstehe nichts von den Arbeiten eines Missionars.
,Darin kann ich Sie unterweisen. Ich kann Ihnen von Stunde
zu Stunde Ihr Pensum geben und Ihnen von Tag zu Tag weiterhelfen. Binnen kurzem werden Sie ebenso tüchtig sein wie ich und
meiner Hilfe nicht mehr bedürfen.r

,Ich bin mir keiner Kraft zu diesem Beruf bewußt. Keine
innere Stimme rät mir dazu. Sie wollen mich zu einem Versuch
überreden, der nur fehlschlagen kann.

,Ich habe Sie von unserer ersten Begegnung an beobachtet,
habe kleine unmerkliche Proben mit Ihnen angestellt und gefunden,
daß Sie Arbeiten, selbst wenn sie Ihren Neigungen und Gewohnheiten zuwider sind, wie die Leitung der Dorfschule, mit großer
Energie und Aufopferung bewältigen können. Und an der Ruhe,
mit der Sie die Nachricht von dem Ihnen zugefallenen Reichtum aufnahmen, erkannte ich, daß Ihr Gemüt frei ist von allen Lastern. An
der Bereitwilligkeit, mit der Sie Ihren Reichtum mit andern teilten,
erkannte ich ein Herz, das fähig ist und den Mut hat, Opfer zu
bringen. Und wie gefügig gaben Sie das Studium der deutschen
Sprache auf, um Hindostanisch zu lernen, nur weil es mich interessierte, wie energisch überwanden Sie die Schwierigkeiten dieser
Sprache! Ja, Johanna, Sie sind sanftmütig, fleißig, selbstlos,
treu, ausdauernd und tapfer. Mißtrauen Sie sich nicht selbst. Ich
habe großes Vertrauen zu Ihnen. Als Leiterin indischer Schulen,
als Führerin indischer Frauen werden Sie mir unschätzbare Dienste
leisten können.

Wo blieb mein Widerstand? Wo meine Ueberzeugung, mich
nicht dazu zu eignen? Sie schmolzen unter dem Feuer seiner Worte.
Ruhig wartete er auf Antwort, während ich vor mich hinbrütete.
Die Kraft, den Mut, dachte ich bei mir, hätte ich wohl. Aber ich würde
die indische Sonne nicht lange ertragen können. Und wenn ich dann
stürbe, würde er mich in aller Seelenruhe dem Gott zurückgeben, der
mich ihm geschenkt. Damit würde die Sache für ihn erledigt sein.
England zu verlassen, wäre mir freilich nicht schwer, denn Herr
Rochester weilte nicht mehr in England, und selbst wenn er noch im
Land wäre, was hätte das für mich zu besagen? Meine Aufgabe
wäre ja gerade, ohne ihn zu leben. Ja! aber ich sollte ja nun St.
Johns Gattin werden - das war der Punkt! Das war unmöglich.
Er liebte mich ja nur, wie der Soldat eine gute Waffe liebt -
anders nicht. An seiner Seite konnte kein Weib glücklich werden.
Als seine Schwester mitzugehn, das hätte ich vielleicht vermocht --
doch nicht als seine Gattin. Und das sagte ich ihm nun.

Er schüttelte den Kopf.
,Das wäre eine halbe Sache und würde den Zweck nicht erfüllen. Ja, wenn Sie wirklich meine Schwester wären, dann brauchte
ich kein Weib zu suchen. So aber muß unser Zusammenleben durch
die kirchliche Trauung geheiligt sein. Sehen Sie das nicht ein,
Johanna? Denken Sie nur einmal nach!'

Ich dachte wohl nach, aber meine Vernunft wiederholte nur
die Tatsache, wir könnten nicht Mann und Weib sein - ich könnte
ihn nicht heiraten.

,Sie sind mir lieb wie ein Bruder, St. John, sagte ich zu ihm.
,Lassen Sie mich Ihnen nach wie vor nur Schwester sein.'

,Das geht nicht an, versetzte er kurz. ,Sie haben gegen die
Hauptsache - gegen das Mitkommen - nichts einzuwenden. Sie
haben schon sozusagen die Hand an den Pflug gelegt. Sie wieder
zurückzunehmen, widerspricht nun schon Ihrem beständigen Charakter. Es gilt für Sie nur noch zu überlegen, wie die Arbeit
am besten bewältigt werden kann, wie die Aufgabe Gottes am
würdigsten erfüllt werden kann. Und da gibt es nur den einen Weg:
Sie müssen einen Gatten haben - nicht bloß einen Bruder, das
wäre ein zu schwaches Band. Und auch ich brauche keine Schwester,
sondern eben eine Gattin. Wir müssen beide bis zum Tode des
einen unlösbar aneinander gefesselt sein. Ich wiederhole noch einmal, ich suche keine Gefährtin für meine Person - ich suche sie nur
für den Missionar.
,Und ich bin bereit, dem Missionar meine Kräfte zu widmen -
und nur die verlangt er ja, nicht mich selbst.'
,Mit einem halben Opfer gibt Gott sich nicht zufrieden. Es
ist Gottes Armee, für die ich dich werbe, in die ich dich einreihe.
Ein halber Treueid genügt nicht.
,O, ich bin willens, Gott mein Herz ganz zu geben - denn
Sie beanspruchen ja keinen Teil davon,' antwortete ich.
Ich kann nicht sagen, ob ich diese Worte in etwas spöttischem
Tone sagte. Bis jest hatte ich St. John gefürchtet, weil er mir unverständlich blieb. Er hatte mir Schrecken eingeflößt, weil er mich
im Zweifel über seine wahre Natur ließ. jetzt aber lag sein ganzes
Wesen offen vor mir. Ich begriff, daß dieser schöne Mann, der so
malerisch vor mir stand, ein irrender Mensch war wie ich selbst
nicht mehr. Der zauberische Schleier fiel von seiner Härte und seiner
Tyrannei. Ich erkannte seine Unvollkommenheiten und konnte Mut
fassen. Ich hatte wieder das Gefühl, ich stände meinesgleichen gegenüber einem Menschen, dem ich Widerstand leisten könne, wenn es
nötig wäre.
Er schwieg nach meinen letzten Worten und sah mich erstaunt,
fast neugierig an. Sein Blick schien zu fragen: ,Spottet sie jetzt
über mich? Wie kommt sie dazu?
Und nach einer Weile fuhr er laut fort: ,Vergessen wir doch
nicht, man darf nicht leichtfertig über eine so ernste Sache reden.
Gewiß, es ist alles, was ich verlange, daß Sie Ihr Herz Gott weihen
sollen. Sie sollen ja eben Ihr Herz von allem Irdischen befreien
und ganz der göttlichen Aufgabe zuwenden.
,Ich wiederhole noch einmal,'' vermochte ich nur zu antworten,
,als Ihre Kollegin, -Als Hilfsmissionarin will ich mitkommen -
aber heiraten kann ich Sie nicht!
Und mit festem Blick sah ich in seine hellen, kalten Augen, auf
seine hohe, steinerne Stirn. Ja, als seine Kameradin, als seine
Kollegin - das war möglich! Da konnte ich wohl Meere mit ihm
durchkreuzen, Wüsten mit ihm durchwandern - ich würde seinen
Mut, seine Hingebung, seine Energie bewundern und an seiner
Seite arbeiten und streben. Ich würde mich ruhig seinem Despotismus unterordnen, über seinen untilgbaren Ehrgeiz lächeln, den
Christen in ihm achten und dem Menschen in ihm nichts nachtragen.
Ich würde wohl viel leiden und unter dem Joch seiner Herrschaft
seufzen aber ich war dann doch selbst immer noch frei, mein Ich
gehörte noch mir selber. Es gab dann in meiner Seele noch Zufluchtsorte, wohin sich mein vereinsamtes Empfinden flüchten konnte,
die nur mir gehörten, in die er nicht eindringen konnte. Ich hatte
dann noch einen mir vorbehaltenen Boden im Herzen, auf dem ich
Gefühle blühen lassen konnte, die sein Tyrannenschritt nicht zertreten durfte.
,Du mußt aber mein Weib werden,'' sagte er abermals, ,sonst
ist der ganze Handel ungültig. Ein Mann von noch nicht dreißig
Jahren kann unmöglich zusammen mit einem erst neunzehn Jahre
alten Mädchen in Indien auftreten, wenn dieses Mädchen nicht seine
Gattin ist. Wir müssen verheiratet sein.
,Wir brauchen es nicht, versetzte ich hartnäckig. ,Es würde
gerade so gut gehen, als wenn ich tatsächlich Ihre Schwester wäre
oder auch ein Mann, ein Geistlicher wie Sie selbst.
,Man weiß, Sie sind nicht meine Schwester, und häßliches Mißtrauen würde uns verfolgen. Es würde uns beiden bald leid tun,
wenn wir unverheiratet hingingen. Und nach der Heirat wird sich
gewiß soviel Liebe einstellen, um die Beziehungen zwischen uns
erträglich zu machen.
Ich verabscheue Ihre Begriffe von der Liebe, sagte ich, erhob
mich und stand nun vor ihm, ,ich verachte das unechte Gefühl, von
dem Sie da sprechen, und ich verachte Sie selbst, daß Sie es mir
anbieten können.
Er preßte die schönen Lippen aufeinander. Ich kann nicht sagen,
ob er empört oder überrascht war; er hatte sein Gesicht so sehr in der
Gewalt, daß es seine Empfindungen nicht verriet.
,Ich glaube doch nichts gesprochen oder getan zu haben, antwortete er in sehr sanftem Tone, ,was Verachtung verdiente.
Diese sanfte Stimme, dieses ruhige, erhabene Gesicht rührten
mich nun wieder.
,Verzeihen Sie mir, daß ich mich hinreißen ließ, so unüberlegt
zu sprechen, sagte ich. ,aber Sie sind selbst schuld daran. Wir
denken als verschiedene Naturen über den Gegenstand, den Sie hier
zur Sprache brachten, eben ganz verschieden. Wir zanken uns schon
um das bloße Wort Liebe! Wie würde uns erst ums Herz sein,
wenn Liebe zwischen uns beiden wirklich da sein müßte? Geben Sie
diesen Heiratsgedanken auf.
,Das kann ich nicht - nur so lassen meine Pläne sich verwirklichen. Aber ich will heute nicht weiter in Sie dringen -
morgen reise ich nach Cambridge. Ich muß mich von einigen Freunden verabschieden und werde vierzehn Tage wegbleiben. Sie haben
also Zeit, sich die Sache zu überlegen. Vergessen Sie nicht, wenn Sie
meinen Vorschlag zurückweisen, lehnen Sie sich nicht gegen mich auf,
sondern gegen Gott. Ich bin ja nur sein Werkzeug- aber nur als
meine Gattin können Sie den Pfad betreten, auf den er Sie weist.
Weigern Sie sich, mein Weib zu werden, so verschließen Sie sich
gegen Gottes Gebot, so verleugnen Sie den Glauben, und das ist
bei einem Gläubigen eine schlimmere Tat als aller Unglaube.
Er schwieg und trat mit mir den Heimweg an. In eisigem
Schweigen schritt er neben mir her. Ich las es in seinen Zügen,
nur sein christlicher Sinn bewog ihn, Geduld mit mir zu haben, mir
so lange Frist zu gönnen. Hätte er seiner Natur die Zügel gelassen,
so würde er versucht haben, mich zum Gehorsam zu zwingen. Als
er an diesem Abend schlafen ging, gab er mir nicht einmal die Hand.
Das fiel den Schwestern auf, und ich fühlte mich durch diese Unhöflichkeit so sehr verletzt, daß mir die Tränen in die Augen traten.

,Du hast dich mit St. John auf deinem Spaziergange gezankt,
Johanna, sagte Diana. ,Geh ihm nach - er ist noch auf dem
Flur - er will sich mit dir aussöhnen.

Ich habe in solchen Fällen keinen Stolz. Weit lieber bin ich
glücklich und fröhlich, als immer nur würdevoll. Ich lief ihm deshalb nach. Er stand am Fuß der Treppe und wollte hinaufgehen.
,Gute Nacht, St. John!' rief ich.

,Gute Nacht, Johanna!'
,Geben Sie mir die Hand!'
Er legte die Finger flüchtig in die meinen. Wohl war er tiefverletzt durch meinen Widerstand, aber Tränen stimmten ihn nicht weich,
freundliches Entgegenkommen ließ ihn kalt. Mit ihm sich herzlich
auszusöhnen, war unmöglich. Man durfte kein großmütiges Wort,
kein verträgliches Lächeln von ihm erwarten. Aber der Christ in ihm
ließ ihn Ruhe und Geduld zeigen, und als ich ihn fragte, ob er
mir verziehen habe, sagte er, er pflege Kränkungen nie im Gedächtnis
zu behalten, er fühle sich nicht beleidigt und hätte daher auch nichts
zu verzeihen.

Mit diesen Worten ging er. Es wäre mir lieber gewesen, wenn
er mit einem Faustschlag geantwortet hätte.



Kapitel
Ein Ruf.

Am folgenden Tage reiste er nicht nach Cambridge, obwohl er
es gesagt hatte, sondern er schob die Reise um eine volle Woche auf,
und in dieser Zeit ließ er es mich fühlen, auf welche Weise ein
strenger, unbeugsamer Mann eine Person, die ihn beleidigt hatte,
strafen könnte. Es kam zu keinem Wort des Vorwurfs, geschweige
denn zu irgendeiner Handlung offener Feindseligkeit, und dennoch
brachte er mir die Gewißheit bei, daß ich bei ihm in Ungnade gefallen sei.

Durch seine Grundsätze und wohl auch von Natur war er erhaben über jede Rachsucht, und er hatte mir wirklich verziehen. Die
Worte aber, daß ich ihn verachte, hatte er dennoch nicht vergessen,
und er konnte sie nicht vergessen, solange er lebte. Wenn er mich
ansah, las ich es in seinem Blicke, daß diese meine Worte von nun
an stets zwischen ihm und mir in der Luft geschrieben ständen. In
meinen Augen war dieser Mensch jetzt nicht mehr Fleisch und Blut,
sondern Marmor, sein Auge war ein kalter, klarer, blauer Edelstein,
seine Zunge eine Sprechmaschine - weiter nichts.

Ich litt unter dieser Handlungsweise Folterqualen. Ein langsames Feuer der Empörung, ein immerwährend reger Groll marterte
mich. Ich fühlte, dieser gute Mensch, der so rein war wie eine
lautere Quelle, würde mich binnen kurzem umgebracht haben, wenn
ich seine Frau wäre. Ohne mir einen Tropfen Blutes zu entziehen.
hätte dieser Mann an mir zum Mörder werden können, und sein
kristallklares Gewissen brauchte darnach nicht einmal vom Hauche
eines Verbrechens getrübt zu werden. Unsere Entfremdung tat ihm
nichts an; er hatte nicht das Verlangen sich zu versöhnen. Obwohl
meine Tränen oft auf das Buch fielen, in dem wir beide lasen -
denn wir studierten nach wie vor zusammen Hindostanisch - so
rührte ihn das gar nicht. Gegen seine Schwestern dagegen war er
herzlicher als sonst. Er tat auch das aus Grundsatz. Als wenn er
glaubte, daß es noch nicht genüge, kalt gegen mich zu sein, fügte er
noch die Wirkung des Kontrasts hinzu.

Am Abend vor seiner Abreise sah ich ihn im Garten auf- und
niedergehen. Bei seinem Anblick mußte ich unwillkürlich wieder
daran denken, daß dieser Mann, der mich so hart behandelte, mein
Leben gerettet habe und ein naher Verwandter von mir sei. Dies
veranlaßte mich, ein letztes Mal um seine Freundschaft zu werben.
Ich trat zu ihm und begann sofort von dem zu reden, wessen
mein Herz voll war.

,St. John, ich bin unglücklich, daß Sie mir noch immer zürnen.
Seien Sie doch wieder gut mit mir!'

,Wir sind doch Freunde, hoffe ich, antwortete er ganz ruhig,
ohne den Blick vom Monde abzulenken, nach dem er schon geschaut
hatte, als ich zu ihm trat.
,Nicht mehr wie früher. Das wissen Sie recht wohl.

,Nicht? Das wäre Unrecht. Ich für meine Person wünsche
Ihnen nur alles Gute.

,Das glaube ich schon. Sie sind ja auch gar nicht imstande,
jemand etwas Böses zu wünschen. Aber ich bin doch Ihre Verwandte, da erwarte ich denn doch ein bißchen mehr Liebe als jene
allgemeine Menschenliebe, die Sie auch für Fremde hegen.

,Ein ganz natürlicher Wunsch, sagte er. ,Und ich sehe ja auch
keine Fremde in Ihnen.

Das sprach er ganz ruhig, und doch klang es fast verletzend.
Wenn ich auf meinen Stolz, auf meinen Groll gehört hätte, würde ich
jetzt auf der Stelle von ihm gegangen sein. Aber etwas, das stärker
war als diese Gefühle, regte sich in mir. Ich schätzte die Grundsätze,
die Fähigkeiten meines Vetters sehr hoch, und es hatte mir leid
getan, seine Freundschaft zu verlieren. Deshalb gab ich es nicht
so rasch auf, sie wieder zu erobern.

,Wollen wir so auseinandergehn, St. John? fragte ich. ,Wenn
Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich da ohne ein freundliches
Wort verlassen?
Jetzt sah er mir voll ins Gesicht.

,Johanna - gehen Sie denn nicht mit nach Indien? rief er.
,Sie sagten ja, das ginge nicht, ich müßte Sie denn heiraten.
,Und wollen Sie mich denn nicht heiraten? Beharren Sie auf
Ihrer Weigerung?

Er war - das fühlte ich wieder mit allem Nachdruck bei diesen
Worten - einer jener herzenskalten Menschen, die mit ihren eisigen
Fragen tief ins Herz bohren können, deren Zorn einer Lawine oder
dem Eisgange eines Stromes gleichen.

,Nein, ich werde Sie nicht heiraten,' versetzte ich. ,Ich bleibe
fest bei meiner Weigerung.

,Und weshalb weigern Sie sich?
,Bisher tat ich's, weil Sie mich nicht liebten, entgegnete ich.

,Jetzt tu ich's, weil Sie mich beinah hassen. Wenn ich Sie heirate,
würden Sie mich töten. Ja darauf gehn Sie jetzt schon aus.

Seine Wangen und Lippen wurden totenbleich.
,Sie töten? Und ich ginge jetzt schon darauf aus? So etwas
sollte man nie sprechen -- am wenigsten als Weib. Das deutet auf
ein unseliges Gemüt. Das verdient strenge Zurechtweisung. Das
wäre ganz unverzeihlich, wenn es nicht Christenpflicht wäre, seinem
Mitmenschen zu verzeihen, sei es auch siebenzig mal siebenmal.

,Und nun werden Sie mich wirklich hassen,' versetzte ich. ,Es
wäre ganz nutzlos von mir, noch eine Versöhnung anzustreben. Ich
habe Sie mir zum ewigen Feinde gemacht.

Mit diesen Worten tat ich ihm nur neues Unrecht - und zwar
ein um so schlimmeres, als sie der Wahrheit nahekamen. Seine
blutlosen Lippen zitterten heftig.

,Dennoch mißverstehen Sie mich,'' setzte ich hinzu, seine Hand
erfassend. ,Ich wollte Sie nicht verletzen - wirklich nicht.

Er lächelte bitter und entzog mir schroff seine Hand.
,Und nun nehmen Sie wohl auch Ihr Versprechen zurück,
antwortete er, ,und gehn überhaupt nicht mit nach Indien.

,Doch, ich gehe mit, aber nur als Ihre Mitarbeiterin."
,Ich habe es Ihnen doch des langen und breiten auseinandergesetzt, daß mir eine weibliche Mithilfe nicht genügt - ich muß eine
Gattin haben. Doch scheinbar können Sie es nicht übers Herz bringen,
mit mir zu gehen. Wenn Sie es dennoch ehrlich meinen, so will' ich
mit einem mir bekannten Missionar sprechen, dessen Frau eine Mitarbeiterin braucht. Auf diese Weise erspare ich Ihnen die Schmach,
Ihr Versprechen zu brechen und der Aufgabe untreu zu werden,
zu der Sie sich verpflichtet haben.
,Von Schmach ist hier gar keine Rede, erwiderte ich. ,Ebenso
wenig von dem Bruch eines Versprechens oder von Untreue gegen
eine Verpflichtung. Ich habe mich gar nicht bestimmt verpflichtet,
nach Indien zu gehen, mit Fremden überhaupt nicht. Mit Ihnen
zusammen hätte ich viel gewagt, weil ich Ihnen vertraue. Freilich
weiß ich genau, ich würde das indische Klima nicht lange vertragen.

.Ah, Sie fürchten für Ihre Person,' sprach er in spöttischem

,Allerdings. Gott gab mir das Leben nicht, daß ich es wegwerfe. Jetzt beginne ich sogar zu glauben, es wäre einem Selbstmord
gleich zu erachten, wenn ich täte, was Sie von mit verlangen. Ich
kann vielleicht hier in England mich nützlicher betätigen. Es gibt
eine Frage, an die ich schon lange mit qualvoller Hartnäckigkeit
denken muß. Ich kann keine Reise antreten, ehe nicht dieser Zweifel
von mir genommen ist,

,Was Sie beschäftigt, ist unheilig und gegen das Gesetzes. Sie
müßten erröten, es auch nur zu erwähnen. Sie denken an Herrn
Rochester.

,Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist!' versetzte ich.
,Nun, so bleibt mir nichts zu tun, als für Sie zu beten,' sagte
er, -zu Gott zu flehen, daß er Sie nicht ganz zu einer Verworfenen
werden lasse. Ich vermutete eine Auserwählte in Ihnen. Aber
Gott sieht mit anderen Augen als wir Menschen. Sein Wille geschehe!"

Er ging durch das Tor und war meinen Blicken entschwunden.
Im Wohnzimmer fand ich Diana. Sie stand am Fenster, in
trübe Gedanken versunken. Als sie mich erblickte, rief sie:

,Johanna, du bist blaß und aufgeregt. Was ist geschehen?
Verzeih mir, daß ich dir als Spionin erscheinen muß, aber es geht
etwas zwischen dir und St. John vor, das fällt mir schon seit längerer
Zeit auf. Er bekundet ein so großes Interesse für dich, daß es mir
nachgerade absonderlich vorkommt. Mary und ich haben uns schon
eingebildet, er trage sich gar mit dem Gedanken, dich zu heiraten.

,Das tut er auch, antwortete ich. ,Er hat mich zum Weibe
begehrt.

Diana klatschte in die Hände.
,So ist es, wie wir hofften. Und du wirst ihn heiraten, nicht
wahr? Dann muß er ja in England bleiben.

,Nein, Diana, er will nur heiraten, um eine Gehilfin für seine
Arbeit in Indien zu haben.

,Was? Du sollst mit nach Indien? Das ist ja Wahnwitz! Du
würdest es dort keine drei Monate aushalten. Das darfst du auf
keinen Fall tun. Du hast doch nicht etwa eingewilligt?

,Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten. Aber ich habe mich
erboten, als seine Schwester mit ihm zu gehen,'

,Wie töricht von dir, Johanna! Du bist für solch eine Riesenarbeit viel zu zart. Daran gehen ja starke Männer zugrunde. Aber
freilich sieht man, du zwingst dich mit allen Kräften, das zu
vollbringen, was St. John von dir verlangt. Mich wundert nur,
daß du dich aufgerafft hast, seine Hand zurückzuweisen. Du liebst
ihn also nicht?

,Nicht, wie man einen Gatten lieben muß.
,Und doch ist er ein schöner Mann.

,Ja, und ich bin so häßlich. Wir würden schlecht zueinander
passen.

,Häßlich? Keineswegs. Du bist für Kalkutta überhaupt viel
zu hübsch. Nein, nein! schlag dir's nur aus dem Sinn, mit nach
Indien zu gehn!'
,Das muß ich in der Tat, Diana. Doch dort kommt er. Ich
möchte jetzt nicht mit ihm zusammentreffen.

Da ich St. John in den Garten treten sah, eilte ich die Treppe
hinauf. Doch beim Abendessen mußte ich ihm begegnen. Er benahm
sich bei dieser Mahlzeit so ruhig wie sonst. Ich hatte geglaubt, er
würde gar nicht mit mir sprechen und seinen Heiratsgedanken nicht
mehr zur Sprache bringen; aber ich sollte bald eines anderen belehrt werden. Er unterhielt sich mit mir und beobachtete die peinlichste Höflichkeit. Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen
Geistes angefleht im Kampfe gegen den Groll, den ich in ihm entfesselt hatte.

Zum Abendgebet las er uns das einundzwanzigste Kapitel der
Offenbarung Johannis vor. Ihm zuzuhören, wenn er mit seiner
vollen, tiefen Stimme die Worte der Bibel vorlas, war stets ein
Genuß. Heute Abend klang es noch feierlicher als sonst. Mich überlief ein frommer Schauer, als er die folgende Stelle vortrug:

,Wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werde sein
Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Den Verzagten und Ungläubigen und Greulichen und Totschlägern und Zauberern und Abgöttischen und allen Lügnern, deren Teil wird sein in dem Pfuhl,
der mit Feuer und Schwefel brennet, welches ist der andere Tod."

Von diesem Augenblick an wußte ich, daß St. John mich zu den
Verdammten zählte. Als er die Schlußworte des Kapitels las, hörte
man seine Zuversicht heraus, daß ihm der Einzug in die Stadt der
himmlischen Herrlichkeit vergönnt sein werde, während ich als eine
Heidin ausgeschlossen bleiben würde. Auf das Bibelkapitel ließ er
sein Gebet folgen, in das er all seine Energie hineinlegte, all seinen
starren Eifer. Er flehte um Kraft für die Schwachen, um Erleuchtung für die Blinden, um Rettung der verirrten Lämmer, um Rückkehr noch in der elften Stunde von allen Versuchungen des Fleisches.
Sein Ernst, seine Inbrunst versetzte mich zuerst in Staunen, dann in
Rührung. zuletzt in Furcht. Die Aufrichtigkeit seines Flehens riß
uns alle mit sich fort.
Als er zu Ende war, nahmen wir Abschied von ihm, denn er
wollte am folgenden Morgen zu früher Stunde abreisen. Diana und
Mary gingen-- ich glaube, infolge eines Winkes, den er ihnen
gab -- hinaus und ließen mich mit ihm allein. Ich reichte ihm die
Hand und wünschte ihm glückliche Reise.

Haben Sie Dank, Johanna, antwortete er. ,Wenn ich dem
menschlichen Stolz Gehör schenkte, so würde ich kein Wort mehr von
einer Heirat mit Ihnen sprechen; aber ich muß meine Pflicht befolgen, alle Dinge zur Ehre Gottes zu tun. Ich kann Sie nicht der
ewigen Verdammnis anheimfallen lassen. Bereuen Sie, raffen Sie
sich auf, solange es noch Zeit ist. Wir wollen wirken, solange es Tag
ist. Wachet und betet, denn Ihr wißt weder die Zeit noch die Stunde!"

Bei diesen Worten legte er mir die Hand aufs Haupt. Er hatte
in ernstem, sanftem Tone gesprochen. Er sah mich nicht an, wie ein
Liebender die Geliebte ansieht, sondern wie ein Hirt, der ein von der

Herde verlaufenes Lamm nach Hause trägt. Da überkam mich eine
seltsame Schwäche, die Lust wandelte mich an, mich vom Strome
seines Willens fortreißen zu lassen. Und doch war es Torheit!
Ich hatte mich von ihm in die Enge treiben lassen, wie einst von
einem andern. Wenn ich damals jenem andern nachgegeben hätte,
wäre es ein Verbrechen gegen die Moral gewesen; wenn ich jetzt St.
John nachgegeben hätte, wäre es ein Vergehen gegen die gesunde
Vernunft gewesen. So denke ich heute; in jener Stunde aber war
mir die Erkenntnis genommen.

Ich befand mich unter dem Bann eines Zauberers. Alle Weigerung war vergessen, aller Widerstand gebrochen. Das Unmögliche - die Heirat mit St. John - erschien mir als möglich, ja als
notwendig. Gott befahl, mein eigenes Dasein dünkte mich ein
Nichts. Wie Del die Wogen des wilden Meere, so hatte St.
Johns große Milde und Güte allen Sturm meines Herzens geglättet;
seine Sanftmut machte mich schwach wie ein Rohr. Und doch wußte
ich selbst in diesem Moment noch, daß er mich - auch wenn ich nachgab - meinen früheren Widerstand eines Tages schwer würde büßen
lassen.

,Sind Sie nun willens? fragte er leise.
,Ich wäre willens, war meine Antwort, ,wenn ich die Gewißheit hätte, es ist Gottes Wille, daß ich Sie heirate. Dann würde ich
hier und jetzt den Eid darauf leisten, möge später geschehen, was
da wolle!"

,Mein Gebet hat Erhörung gefunden!r rief St. John. Er legte
beide Hände fest auf meinen Kopf, als nähme er Besitz von mir.

,O, Gott im Himmel rief ich in meiner Not, ,gib mir einen
Fingerzeig! Weise mir den Weg, den ich gehen soll!"

Denn mich erfüllte eine heiße Sehnsucht, das Rechte zu tun.
Ich war so erregt, wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ob nun
das, was jetzt geschah, eine Wirkung meiner Erregtheit war oder
auf andern Ursprung zurückzuführen ist, weiß ich nicht zu beurteilen.

Im ganzen Hause herrschte tiefe Stille; außer mir und St. John
schlief alles. Die Kerze auf dem Tisch erlosch; nur noch der Mond
erleuchtete das Zimmer. Mein Herz schlug so laut, daß ich jeden
Pulsschlag hören konnte.

Und plötzlich stand mein Herz still. Ein unbeschreibliches Gefühl durchzuckte mich jäh von Kopf bis zu Füßen, wie ein elektrischer
Schlag, scharf, blitzschnell und beängstigend. Dann stand ich wie erstarrt da und lauschte voll banger Erwartung und wußte nicht,
worauf. Jeder Nerv zitterte in mir.

Ich sah nichts; aber ich hörte eine Stimme, die rief: ,Johanna!
Johanna! Johanna!

Ich schrie laut auf: ,O, Gott! was ist das?
Die Stimme, die ich so deutlich hörte, erklang gleichwohl nicht ;
im Zimmer, nicht im Hause, nicht im Garten, sie kam auch nicht aus

der Luft, nicht aus der Erde herauf, nicht vom Himmel herab. Ich
hatte sie nur vernommen -- wie, wo, woher, das konnte ich nicht
sagen. Und es war die Stimme eines Menschen; eine vertraute,
geliebte, nie vergessene Stimme: die Stimme Eduard Fairfax Rochesters. Sie schrie in wildem Schmerz und tiefem Jammer.

,Ich komme! ich komme!’ rief ich. ,Warte auf mich!"

Ich stürzte in den Garten hinaus - es war niemand da.
,Wo bist du? rief ich.
Meine eigenen Worte klangen nur als mattes Echo von den
Hügeln zurück. Der Wind seufzte in den Binsen. Nichts war um
mich her als einsames Moorland und mitternächtliche Stille.

,Das ist kein Gaukelspiel, kein Spuk!" rief ich aus. ,Es war
ein Wunder - ein Wunder, das alles entscheidet.

Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war. Jetzt
war der Bann gelöst; der Eiferer hatte keine Gewalt mehr über mich.

,Fragen Sie mich nach nichts, rief ich. ,Sagen Sie nichts!
Verlassen Sie mich, ich muß allein sein.

Ich ging auf mein Zimmer und schloß mich ein. Ich betete -
anders als St. John, aber doch auch wirkungsvoll. Meine Seele
strömte von Dankbarkeit über. Dann legte ich mich schlafen, neue
Hoffnung im Herzen. In heißer Sehnsucht erwartete ich den Tag.

Das Ende von Thornfield-Hall.
Beim Morgengrauen stand ich auf und packte meine Sachen zu
der Reise, die nun für mich notwendig geworden war. Ich hörte
St. John sein Zimmer verlassen. Als er an meiner Tür vorüberging, trat er nicht ein, wie ich fürchtete, sondern schob durch die Spalte
nur einen Streifen Papier herein. Ich hob ihn auf und las folgende Worte:

,Sie gingen gestern abend sehr plötzlich von mir. Wären Sie
noch ein kleines Weilchen geblieben, so hätte ich Ihnen das Krenz
des Christen in die Hand drücken können. Der Geist war willig,
aber das Fleisch blieb schwach. Ich werde stündlich für Sie beten!

Der Ihre

St. John.

Wir hatten den 1 Juni, aber es war ein kalter, bewölkter Morgen. Ich trat ans Fenster und sah St. John durch den Garten
gehen. Er schritt nach Whitecroß zu, wo er den Postwagen zu erwarten hatte. Diana und Mary waren auf St. Johns ausdrückliches Geheiß hin, nachdem sie schon am Abend vorher feierlich und
innig von ihm Abschied genommen hatten, nicht zum Vorschein gekommen. Ich sah sie erst zum Frühstück und teilte ihnen nun mit,
daß ich verreisen wolle und mindestens vier Tage wegbleiben würde.

,Allein, Johanna? fragten sie.
aJa, ich muß mich über jemand erkundigen, um den ich mich
schon lange sorge.

Sie enthielten sich jeder Bemerkung, nur Diana fragte, ob ich
mich zu einer Reise auch wohl genug fühle; ich sähe seit einiger Zeit
leidend aus. Ich beruhigte sie über diesen Punkt und beendete mit
ihrer Hilfe rasch die wenigen Vorbereitungen, die ich zu treffen hatte.
Um drei Uhr nachmittags verließ ich Moor-Haus, und um vier Uhr
stand ich an dem Wegweiser von Whitecroß, auf die Postkutsche wartend. Ich dachte an die Zeit zurück, wo ich aus demselben Wagen
lebensmüde, hoffnungslos und bettelarm ausgestiegen war.

Die Reise dauerte sechsunddreißig Stunden. Am Dienstag-
nachmittag war ich von Whitecroß abgefahren, und am Donnerstagmorgen stieg ich an dem Gasthofe, der als Poststation diente und wo
die Pferde gewechselt wurden, aus. Ich sah mich um, und die bekannte Landschaft erschien mir wie ein liebes, trautes Angesicht, in
das ich seit langer Zeit wieder einmal blickte. Ich gab mein Gepäck dem Hausknecht und bezahlte den Postschaffner, dem ich diesmal
nicht mein ganzes Vermögen zu opfern brauchte.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf das
Wirtshausschild; die Inschrift lautete: ,Zum Wappen des Hauses
Rochester. Mein Herz klopfte laut. Ich stand also schon auf dem
Grund und Boden meines geliebten Herrn.

,Wie weit ist es noch bis Thornfield
,Vier Kilometer, meine Dame, wenn Sie gerade über die Felder
gehen.

Ich wollte mich sofort auf den Weg machen, da kam mir zum
erstenmal der Gedanke: ,Ja, was denn aber, wenn er gar nicht in
Thornfield ist? wenn er auf dem Festlande herumirrt? Und selbst
wenn er hier ist wer wird außer ihm noch hier sein? Seine wahnsinnige Gattin!"
Ich dachte daran, die Leute in der Schenke zu fragen, aber ich
fürchtete mich vor einer Antwort, die mich vielleicht zur Verzweiflung
treiben würde. Kurz entschlossen, schritt ich feldein. Ich ging rasch
vorwärts, und bald tauchten die Bäume des Parks am Horizont auf.
Eine seltsame Wonne durchrieselte mich. Ich eilte weiter. Noch ein
Feld war zu überschreiten, dann sah ich schon die Mauern des Hofs,
die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst lag noch hinter dem hohen
Baume mit dem Krähenhorst.

Die Mauer des Obstgartens lag nun vor mir. Ich ging um
ein Ecke herum und stand vor einem wohlbekannten Tor, hinter
dessen Pfeilern hervor ich ungestört die ganze Front des Herrscherhauses betrachten konnte.

Was sah ich nun? An Stelle des prachtvollen Herrenhauses
eine Ruine, einen Trümmerhaufen mit Resten rauchgeschwärzter
Mauern!

Im selben Augenblick fiel mir auch der Traum ein, den ich einmal in Thornfield gehabt. Genau so hatte da das Haus ausgesehen:
geborstene Wände, leere Fensterhöhlen, kein Dach, keine Zinnen,
keine Schornsteine! Und überall herrschte die Stille des Todes, die
unheimliche Ruhe völliger Verwüstung. Kein Wunder, daß auf
Briefe, die hierher gerichtet wurden, keine Antwort kam. Ebensogut
hätte man Episteln in ein Grabgewölbe schicken können. Thornfield-Hall war durch eine Feuersbrunst vernichtet worden. Wie aber war
das gekommen? Wie war es abgelaufen? Waren Menschen dabei
ums Leben gekommen? Und wer? wer? Mit Schaudern dachte
ich an jene Nacht zurück, wo ich Herrn Rochester vom Feuertode errettet hatte! War ihm auch diesmal ein Retter nahe gewesen? fragte
ich mich.

Ich wanderte zwischen den Trümmern umher und erkannte, daß
der Brand schon vor längerer Zeit geschehen war. In den geborstenen Torbogen mußte schon der Schnee eines Winters gelegen
haben, und zwischen einem Gewirr von zertrümmertem Hausrat
keimte schon Gras und Unkraut. Wo hatte inzwischen der unglückliche Besitzer geweilt? War er noch am Leben? Oder lag er in der
Familiengruft in der Ruhe des engen Marmorhauses?

Hier war niemand, der mir auf diese Frage Antwort geben
konnte. Und dennoch mußte ich Antwort haben. Ich kehrte in das
Wirtshaus zurück, bestellte Frühstück und rief den Wirt heran.

,Sie kennen doch Thornfield-Hall? fragte ich.
,Selbstverständlich,' war die Antwort, ,bin ja selbst mal dort
in Dienst gewesen.

,Doch nicht zu meiner Zeit? dachte ich, ,denn mir bist du
fremd.

,Ich war ja Kellermeister des verstorbenen Herrn Rochester,
setze der Wirt hinzu.

,Des verstorbenen! Diese Worte trafen mich wie ein Schlag.
,Ist denn Herr Rochester tot? stieß ich mühsam hervor.
,Ach, ich meine doch den Vater des jetzigen Herrn Eduard
Rochester.

Ich atmete auf - ich lebte auf. Herr Eduard Rochester,
mein Herr Rochester war also nicht tot. Mir war, als könnte ich
alles ruhig mitzuhören, was nun folgen mochte, wie furchtbar auch
die weiteren Enthüllungen lauteten.

,Sie sind wohl fremd hier, erzählte der Wirt, ,Sonst hätten
Sie doch hören müssen, was im vergangenen Herbst passiert ist. Zur
Erntezeit brach Feuer aus in Thornfield-Hall, und es ist ganz
niedergebrannt. Schrecklich, wissen Sie! Was da alles mitverbrannt ist! Soviel wertvolle Sachen! Nichts hat man retten
können. Es ging mitten in der Nacht los, und als die Feuerwehr
von Milcote erschien, war es zu spät. Das ganze Haus stand
schon in hellen Flammen. Grauenhaft, sage ich Ihnen. Ich hab's
selbst mitangesehen. Mitten in der Nacht, denken Sie sich doch!

,Mithin in der Nacht!" dachte ich. Ja, ich wußte ja, die Mitternacht war eine verhängnisvolle Stunde für Thornfield. ,Weiß man,
wie es entstanden ist?' fragte ich laut.

,Man hatte gewisse Vermutungen, und es ist ja wohl auch über
allen Zweifel festgestellt worden. Wissen Sie, sagte er leise und
rückte mit seinem Stuhl näher, ,da war nämlich eine Dame im
Hause - eine Verrückte. Sie wurde sehr streng bewacht, und niemand bekam sie zu sehen. Ja man wußte viele Jahre gar nichts von
ihrem Vorhandensein. Wer oder was sie sei, das konnte kein Mensch
sagen. Man munkelte, Herr Eduard hätte sie aus der Fremde mitgebracht. Na, kurz und gut, vor etwa einem Jahre passierte etwas
sehr Sonderbares.

Ich fürchtete, er würde meine eigene Geschichte erzählen, und
versuchte, ihn zur Hauptsache zurückzubringen.

,Und diese geheimnisvolle Frau? fragte ich.
,Es stellte sich heraus, daß sie Herrn Rochesters Gemahlin war.
Und zwar auf schnurrige Weise kam das ans Tageslicht. Da war
nämlich ein junges Mädchen in Thornfield - die Gouvernante der
kleinen Adele -

,Aber das Feuer unterbrach ich ihn.
,Ich komme gleich darauf, meine Dame. In diese Gouvernante
verliebte sich Herr Rochester, und zwar bis über die Ohren, wie ich
mir habe sagen lassen. Er hat sie nicht mehr aus den Augen gelassen.
Wer weiß, was er an ihr fand. Außer ihm hat wohl niemand sie hübsch
gefunden. Klein, unscheinbar und noch wie ein Kind, hab' ich mir
sagen lassen. Herr Rochester war etwa vierzig, und die Gouvernante noch nicht zwanzig. Na und wenn ein Mann so um die vierzig rum sich noch mal in ein junges Ding verliebt, dann tut er's
gleich ordentlich. Kurz und gut, er wollte sie heiraten.

,Ich möchte doch aber nur von der Feuersbrunst hören - und
von der irrsinnigen Frau ' fiel ich ihm ins Wort.

,Das hängt eben alles damit zusammen, meine Dame. Die
Irrsinnige hatte eine Wärterin, eine gewisse Grace Poole, und die
trank gern ein bißchen über den Durst. Man kann es ihr nicht verdenken, denn sie hatte einen schweren Posten, und es muß wohl ein
hartes Stück Arbeit sein, tagaus, tagein immer bloß mit so ner
Verrückten zusammenzusein. Na, wenn nun Frau Poole berauscht
war und einschlief, dann entschlüpfte ihr die Verrückte, wanderte im
Hause herum und richtete allerlei Unheil an. Schon einmal soll sie
versucht haben, Herrn Rochesters Bett anzuzünden, aber ich weiß
nicht, ob das wahr ist. An dem Abend jedoch, von dem ich hier erzähle, steckte sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer an, das neben dem
ihren lag, und dann ging sie in das Zimmer der Gouvernante und
steckte das Bett in Brand. Aber zum Glück schlief niemand mehr
drin, denn das Fräulein war vor zwei Monaten davongelaufen.
Herr Rochester ließ Nachforschungen anstellen und suchte sie wie einen
verlorenen Edelstein, aber man konnte nichts über sie erfahren. Der
gnädige Herr wurde selber halb verrückt, als sie fort war. Er schickte
Frau Fairfax, die alte treue Haushälterin, zu Verwandten, schickte
die kleine Adele in ein Institut, und wollte ganz allein sein. Mit
keinem Menschen hielt er Umgang. Er lebte wie ein Einsiedler.
,So ist er nicht ins Ausland gegangen?

,Ins Ausland? Du meine Güte! Kaum in seinen eigenen
Park, und wenn, dann höchstens in finstrer Nacht, wie ein Geist.
Ach, ich glaube, er ist behext worden. Denn er war so lustig, so unternehmend, so leutselig, ehe dieses kleine Ding von Gouvernante ihm
in den Weg kam. Er hat nie gespielt, nie getrunken und nie auf
Pferde gewettet. Hübsch war er ja freilich nie, aber energisch und
couragiert. Ich kannte ihn schon als kleinen Jungen. D, ich habe
manchmal gewünscht, Fräulein Eyre wäre im tiefsten Meer ertrunken, statt nach Thornfield zu kommen!"

,Er war also zu Hause, als das Feuer ausbrach?
, Und ob! Er ist ja noch in die Dachkammer hinaufgerannt, als
unten schon alles brannte. Er hat die Dienerschaft aus den Betten
geholt, und dann lief er noch einmal zurück, um seine wahnsinnige
Frau zu retten. Sie lief dort oben zwischen den Zinnen umher
und schrie, daß man es meilenweit hörte. Ich hab's mit eigenen
Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Sie war groß und
dick, und ihr langes, schwarzes Haar flatterte im Winde. Die Flammen schlugen an ihr empor. Wir sahen nun auch ihn durch das
Oberlicht hinaufsteigen und sich ihr nähern. Doch als er sie anrief,
stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und stürzte sich herab. Zerschmettert lag sie auf der Terrasse.

,Tot wie die Steine.
,Großer Gott!"

,Na, und dann ist eben das Haus vollends runtergebrannt.
,Hat sonst noch jemand das Leben verloren?
,Nein! Doch für Herrn Rochester wäre es vielleicht besser gewesen, er hätte dies nicht überlebt. Der arme Mann! Manche
sagen, es sei die Strafe des Himmels, weil er seine erste Ehe geheim gehalten und eine zweite habe schließen wollen. Aber mir tut er
doch furchtbar leid.

,Aber Sie sagten doch, er lebt. Sie sagten doch, er sei in
England.

,Freilich ist er hier. Er kann ja auch gar nicht fort, selbst wenn
er möchte.

,Was ist ihm denn geschehen?
,Er ist erblindet.
Ich hatte Schlimmeres erwartet. Ich hatte gefürchtet, er habe
den Verstand verloren. Nun fragte ich, wie das Unglück geschehen sei.
,Als er vom Dache zurückkehrte, brach mit furchtbarem Krach
das Treppenhaus zusammen. Schwerverletzt zog man ihn unter
den Trümmern hervor. Ein Balken war so gestürzt, daß er den
unglücklichen Herrn im Fall vor der Last der Gesteinsmassen geschützt
hatte. Doch ein Auge war ihm ausgeschlagen worden, und das andere
war von Rauch, Staub und Splittern so sehr beschädigt worden, daß
er auch darauf die Sehkraft verloren hat. Eine Hand war so zerquetscht, daß der Wundarzt Carter sie ihm gleich amputieren mußte;
Und nun ist er ganz hilflos ein Blinder, ein Krüppel.

,Wo hält er sich auf?
,In seiner Besitzung Ferndean, dreißig Meilen von hier."
,Wer ist bei ihm.
,Sein Kutscher John mit seiner Frau. Er duldet sonst niemand um sich.

,Haben Sie einen Wagen?
,Sogar eine sehr schöne Kalesche, meine Dame.
,Lassen Sie gleich anspannen, und wenn Ihr Stallknecht mich
heute noch nach Ferndean fährt, so zahle ich ihm und Ihnen doppeltes
Fahrgeld.



Kapitel.
Wiedergefunden.

Das Herrenhaus von Ferndean lag mitten im Walde. Ich hatte
oft davon sprechen hören, und Herr Rochester war manchmal hinübergefahren. Sein Vater hatte die Besitzung als Jagdhaus gekauft.
Später hätte er das Haus gern vermietet, aber da es in ungesunder
Gegend lag, fand sich kein Pächter. Daher blieb Ferndean unmöbliert
und unbewohnt, bis auf zwei Zimmer, die für den Eigentümer in
Bereitschaft gehalten wurden. Ich kam am Abend eines unfreundlichen Tages dort an. Selbst wenn man unmittelbar vor dem Hause
stand, so sah man es vor dichten Bäumen noch nicht. Ein eisernes
Tor zwischen zwei Granitpfeilern wies mir den Eingang. Dahinter
lag eine Allee, über der sich das schwere Laub der Bäume zum Bogen
zusammenschloß. Ich folgte einem von Gras überwucherten Pfade,
aber er schien nicht zum Hause zu führen, sondern verlor sich tiefer
und tiefer in dem einem Urwalde ähnlichen Park.

Ich glaubte, ich hätte mich nach der falschen Seite gewandt und
den Weg verfehlt. Es wurde mit jeder Minute finsterer. Ich sah
mich nach einem andern Wege um, aber es gab weiter keinen.

Ich ging weiter. Endlich wurde der Pfad breiter. Die Bäume
standen nicht mehr so dicht. Ich kam an ein Gitter, hinter dem ich,
ganz versteckt und kaum sichtbar, ein altes Haus erblickte. Ich trat
durch das Tor und befand mich nun auf einer halbkreisförmigen
Waldlichtung; ein breiter Kiesweg führte rings um diese herum, ein
anderer Weg gerade auf das Haus zu. Es war still wie in einer
Kirche, trostlos, finster, fast unheimlich.

,Können hier Menschen wohnen? fragte ich mich.
Da wurde die Haustür geöffnet eine Gestalt erschien - ein
Mann ohne Hut er streckte die Hand aus, um den Regen zu fühlen.
Obwohl es finster war, hatte ich Herrn Rochester erkannt. Ich hielt
den Atem an, blieb stehen und beobachtete ihn. Es wurde mir
schwer, keinen Aufschrei zu tun; ich fühlte mich versucht, zu ihm
zu eilen.

Er ging noch so aufrecht wie früher und sah noch ebenso kraftvoll aus. Seine Züge hatten sich nicht verändert. Das eine Jahr
des Leidens hatte seinem edeln Mannesmut nichts anhaben können.
Aber der Ausdruck seines Gesichts war düster, verzweifelt. Er sah
aus wie ein gefesseltes Tier.
Er stieg die Steinstufen herab und kam auf die Lichtung zu-

Den kühnen, raschen Schritt seiner früheren Tage hatte er nicht
mehr. Dann blieb er stehen, unschlüssig, nach welcher Seite er sich
wenden solle. Er hob die Hand, öffnete die Augenlider und sah zum
Himmel auf und dann nach dem Walde doch für ihn war ja alles
Finsternis. Er reckte den rechten Arm vor sich hin (den verstümmelten trug er in der Tasche als wenn er durch Berührung seine nächste
Umgebung erkennen wollte. Doch auch hier fand er nur leere Luft.
Da gab er seine Bemühung auf, kreuzte die Arme und stand nun
regungslos und stumm im Regen, der unablässig auf seinen unbedeckten Kopf fiel.

John, der Kutscher, den ich zuvor nicht bemerkt hatte, trat an
ihn heran.

,Gnädiger Herr, nehmen Sie meinen Arm, es wird gleich stark
gießen. Gehen Sie lieber ins Haus.

,Laß mich in Ruhe, war die Antwort.
John ging, ohne mich zu sehen. Herr Rochester versuchte zu
gehen, aber es gelang ihm nicht. Er war zu unsicher. Er tastete sich
nach dem Hause zurück, ging hinein und schloß die Tür hinter sich.
Jetzt klopfte ich an. Johns Frau machte mir auf.
,Marie, sagte ich, .wie geht es Ihnen?

Sie erschrak, als hätte sie ein Gespenst erblickt. ,Sind Sie es
wirklich? rief sie. , Zu solcher Stunde?

Ich folgte ihr in die Küche, wo John am Feuer saß.
In kurzen Worten sagte ich ihnen, daß ich über alles, was seit
meinem Weggang von Thornfield geschehen, unterrichtet sei. Ich
bat John, zum Schlagbaumwärter zu gehen, bei dem ich meinen
Koffer zurückgelassen hatte, legte Hut und Tuch ab und fragte Marie,
ob sie mir diese Nacht Quartier geben könne. Es machte Schwierigkeiten, weil man in Ferndean auf keinen Besuch eingerichtet war,
aber es ließ sich schließlich einrichten. Als wir uns darüber verständigt hatten, erklang die Glocke des Wohnzimmers.

,Wenn Sie hineingehen, Marie, so sagen Sie dem Herrn, es
sei jemand da, der mit ihm zu sprechen wünsche. Nennen Sie aber
meinen Namen nicht.

,Ich glaube nicht, daß er Sie vorlassen wird,r meinte sie.
Als sie zurückkehrte, sagte sie: ,Er läßt fragen, wer Sie seien
und was Sie wollten. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser und
stellte es auf ein Tablett neben zwei brennenden Kerzen.

,Hat er danach verlangt?' fragte ich.
,Ja. Kerzen läßt er sich stets bringen, wenn's finster wird, obwohl er blind ist.

,Geben Sie mir das Tablett, ich will es hineintragen.'
Ich nahm es ihr aus der Hand und ließ mir die Tür des Wohnzimmers zeigen. Das Tablett zitterte in meiner Hand, und ich verschüttete von dem Wasser. Mein Herz klopfte zum Zerspringen.
Marie machte mir die Tür auf und schloß sie wieder.

Es sah düster aus in dem Zimmer. Am Kamin, über das
Feuer gebeugt, stand der Besitzer von Ferndean. Sein alter Hund,
Pilot, lag vor ihm. Das Tier spitzte die Ohren, als ich eintrat,
sprang empor, stürzte auf mich zu, beschnüffelte mich und sprang an
mir in die Höhe, so daß er mir fast das Tablett aus der Hand gestoßen hätte.

Ich stellte es auf den Tisch, streichelte den Hund und sagte leise:
‘leg dich, Pilot!" Herr Rochester drehte sich um. Da er aber nichts
sehen konnte, wandte er den Kopf wieder ab und seufzte laut:
,Her mit dem Wasser, Marie, befahl er.
Ich trat mit dem nur noch halb gefüllten Glase zu ihm. Pilot
folgte mir, mit dem Schweife wedelnd.

,Was ist denn das? murmelte er.
‘Leg dich, Pilot!' sagte ich noch einmal und jetzt lauter. Er
wollte eben das Glas an den Mund seen und hielt inne. Er schien
zu lauschen, dann aber trank er und setzte das Glas hin.

,Du bist es doch, nicht wahr, Marie?
,Marie ist in der Küche,' antwortete ich.
,Wer spricht da? rief er aus und öffnete die Lider der armen
blinden Augen, als versuchte er zu sehen.

,Wollen Sie noch mehr Wasser, Herr Rochester? Ich habe die
Hälfte verschüttet," sagte ich.

,Wer ist das? Wer spricht da? rief er wieder,
,Pilot hat mich erkannt - John und Marie wissen, daß ich
da bin ich kam vor einer halben Stunde erst an.

,Mein Gott! Ist das Trug, ist das Wahnsinn?
,Keins von beiden.
,Und wo ist die, die da spricht? Oder ist es nur eine Stimme?
O, sehen kann ich nicht, aber fühlen muß ich, sonst bricht mir das
Herz. Wer du auch sein magst, berühre mich, oder es ist mein Tod.

Ich faßte seine tastende Hand und umschloß sie mit der meinen.
,Das sind ihre kleinen feinen Finger, sagte er. ,So ist auch
mehr von ihr da.

Er ergriff meinen Arm, meine Schulter, meinen Hals, meinen
Leib. Er zog mich an sich und hielt mich umschlungen.

,Ist es Johanna? Oder was sonst? Ihre Gestalt ist's ihre
Größe auch -

,Und auch ihre Stimme, setzte ich hinzu. ,Sie ist hier, ganz
und gar, mit Leib und Herzen. D, Gott segne Sie, mein gütiger
Herr! Ich bin glücklich, noch einmal bei Ihnen zu sein!"

,Johanna Eyre, Johanna Eyre!’ Das war alles, was er sagen
konnte.

,Mein teurer Herr, ja, ich bin's; ich habe Sie wiedergefunden.
,Mein Liebling! Und leibhaftig! Ich kann's nicht glauben,
daß mir nach all dem Elend noch soviel Glück beschert sein soll
o, ich erwachte stets aus diesen Träumen und sah, es war bittere
Täuschung gewesen. Du sanfter, süßer Traum, der du mir jetzt im
Arm ruhst, auch du wirst mich wieder verlassen.

,Ich werde Sie nun und nimmer verlassen, Herr Rochester!"
,Küsse mich, Johanna, meine geliebte Johanna!"
,Ja, Herr Rochester, einmal - und noch einmal!"
Ich preßte die Lippen auf die armen lichtlosen Augen, die einst
so gestrahlt hatten - ich strich ihm das Haar aus der Stirn und
küßte auch diese.

,Und es ist wirklich Johanna? So bist du nicht gestorben, nicht
elend umgekommen, nicht verstoßen und unglücklich unter fremden
Menschen? -

,Nein, Herr Rochester, ich bin jetzt vielmehr völlig unabhängig.
Mein Oheim auf Madeira ist gestorben und hat mir fünftausend
Pfund hinterlassen.
,Ah, das ist etwas Praktisches! Wir stehen auf dem Boden der
Wirklichkeit. Ich höre wieder den eigenartigen, pikanten Ton dieser
frischen, lebhaften Stimme. Wie wohl tut das meinem kranken
Herzen. Also reich bist du, Hannchen? Nun, dann wirst du gewiß
Freunde und Bekannte gefunden haben, die nicht dulden werden, daß
du dich ganz einem armen Blinden widmest.

,Ich bin meine eigene Herrin.
,Und willst bei mir bleiben?
,Gewiß, das heißt, wenn es Ihnen recht ist. Sie wohnen hier
sehr einsam und traurig; da leiste ich Ihnen Gesellschaft. Ich lese
Ihnen vor, gehe mit Ihnen spazieren, pflege und bediene Sie, ersetzte Ihnen Auge und Hand. Mein teurer Herr, schauen Sie nicht
mehr so traurig drein. Solange ich lebe, sollen Sie nie mehr einsam sein.'

Ja, ja. Du darfst nie wieder gehen, Johanna, antwortete er,
mich fester an sich pressend. ,Ich bedarf deiner. Meine Seele verlangt nach dir. Und dies Verlangen muß erfüllt werden, oder meine
kranke Seele nimmt furchtbare Rache an ihrer irdischen Hülle.
,Ich sagte Ihnen ja, daß ich bei Ihnen bleiben wolle.

aJa, aber wir verstehen beide etwas Verschiedenes unter diesem
Hierbleiben. Du bist vielleicht bereit, neben mir zu sitzen und mich
zu pflegen, als meine kleine Wärterin - und das sollte mir wohl
auch genügen, ich sollte jetzt wohl nur väterliche Empfindungen zu
dir hegen. Nicht wahr, das denkst du? Aber, Hannchen, dann
könntest du auch nicht auf immer meine Pflegerin bleiben du
bist noch jung - du wirst dich eines Tages verheiraten wollen -!
aDazu verspüre ich gar keine Lust.

,Das kommt aber schließlich doch einmal. Wenn ich noch so
aussähe wie früher, würde ich dir schon Lust machen, aber jetzt -
ein blinder Krüppel.
Er versank in trübes Sinnen.
,Vor allem muß man Sie ein bißchen menschlicher machen, Herr
Rochester, sagte ich und strich sein vernachlässigtes Haar glatt. ,Sie
verwandeln sich hier langsam in einen Löwen oder so etwas Aehnliches. Ihr Haar erinnert an Adlerfedern. Ob Ihre Nägel schon
gewachsen sind wie Vogelkrallen, habe ich noch nicht sehen können.

,An dem Arm hier habe ich weder Nägel noch Finger,' sagte er
und zog den verstümmelten Arm aus der Brust. ,Nur noch einen
Stumpf - sieht furchtbar aus, nicht wahr, mein kleines Hannchen?
,Nicht furchtbar, sondern traurig. Und traurig ist's auch, Ihre
Augen anzusehen - und die Narbe auf Ihrer Stirn. Das Allerschlimmste daran ist, man muß Sie um dieses Unglücks willen sehr
liebhaben und Sie verhätscheln.

,Ich glaubte, du würdest dich entsetzen, Johanna, wenn du
meinen Arm und mein entstelltes Gesicht sähest.
,Was fällt Ihnen ein! Doch muß ich gehen und vorerst mehr
Feuer machen. Können Sie es sehen, wenn es im Kamin hell auflodert

,Ja, mit dem rechten Auge sehe ich etwas wie einen rötlichen
Nebel."
,Sehen Sie auch die Kerzen?
,Ganz matt wie helle Wölkchen.
,Können Sie mich sehen?
,Nein, meine Elfe, aber ich bin schon dankbar, wenn ich dich
fühle und höre.

,Wann essen Sie zu abend?
,Ueberhaupt nicht mehr.
,Heute müssen Sie es tun - mir zuliebe, denn ich bin hungrig.
Ich rief Marie herbei, und wir bereiteten ein schmackhaftes
Nachtmahl. Während des Speisens unterhielt ich ihn gut und verkürzte ihm auch nachher mit Plaudern noch eine volle Stunde. Er
lächelte, und Freude thronte auf seiner Stirn. Sein finsteres Gesicht nahm einen weichen, milden Ausdruck an.

,Eine zauberhafte Stunde,'' sagte er, ,die ich jetzt mit dir verlebe. Kein Mensch kann sich vorstellen, was für ein düsteres, leeres,
trost- und hoffnungsloses Leben ich seit Monaten führe! Ich tat
nichts mehr. Ich merkte von Tag und Nacht nichts mehr; wohl
fühlte ich Kälte, wenn das Feuer erlosch, und Hunger, wenn ich zu
essen vergessen hatte - aber das einzig Dauernde war für mich ein
niemals endender Schmerz, ein manchmal bis zum Wahnsinn gesteigertes Verlangen, meine Johanna noch einmal wiederzusehen;

Ich sehnte mich nach ihr weit mehr als nach dem verlorenen Augenlicht, und nun ist sie bei mir und sagt mir, sie liebt mich! Wird sie
nicht ebenso plötzlich verschwinden, wie sie gekommen ist? Ich
fürchte, morgen ist sie nicht mehr da.

Ich fühlte, es sei das beste, auf diese Worte mit etwas ganz
Trivialem zu antworten.

,Haben Sie einen Taschenkamm, Herr Rochester? fragte ich.
.Wozu?
,Um diese schwarze Mähne auszukämmen. Wenn man sie genau
anschaut, könnte man sich ja vor Ihnen fürchten. Sie sagen, ich sei
eine Elfe - nun, ich finde, Sie sehen einem Waldschratt weit ähnlicher.

,Bin ich abschreckend häßlich, Johanna?
,Sehr häßlich, Herr Rochester. Aber Sie wissen ja, das waren
Sie immer schon.

,Nun, wo du auch gesteckt haben magst, deine Bosheit hast du
behalten. Wo warst du denn übrigens?

,Heute abend bringen Sie das nicht mehr aus mir heraus, Sie
müssen bis morgen warten. Wenn ich heute nichts erzähle, sind Sie
auch sicher, daß ich zum Frühstück wiederkomme. So! Jetzt habe ich
Sie ein wenig manierlich gemacht. Nun will ich Sie verlassen. Ich
bin zwei Tage im Postwagen gewesen und recht müde. Gute Nacht!

Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn unruhig von einem
Zimmer ins andere wandern. Sobald Marie sich sehen ließ, fragte
er sie: ,Ist Fräulein Eyre noch da? Welches Zimmer hast du ihr
gegeben? War auch alles in Ordnung? Geh und frage, ob es ihr
an etwas fehlt und wann sie herunterkommen will.

Ich ging hinunter, sobald ich das Frühstück zubereitet glaubte.
Ich trat leise ins Zimmer. Er saß in seinem Stuhl-- still,
doch innerlich nicht ruhig. Sein Antlitz erinnerte mich an eine gewaltsam ausgelöschte Lampe, die darauf wartet, wieder angezündet
zu werden.

Ich hatte mir vorgenommen, fröhlich und sorglos zu sein, aber
die Hilflosigkeit dieses kraftvollen Mannes ergriff mich aufs tiefste.

,Der Morgen ist sonnig und warm, sagte ich. ,Es regnet nicht
mehr. Wir wollen nach dem Frühstück zusammen spazieren gehen.

In seinem Antlitz leuchtete es auf.

,O, meine süße Lerchel' rief er, ,bist du noch da? Nicht fortgeflogen? Scheint die Sonne? Ach, wo du bist, Johanna, da ist
für mich immer Sonnenschein.

Die Tränen traten mir in die Augen, als er so seine Abhängigkeit eingestand.

Wir brachten den größten Teil des Morgens im Freien zu. Ich
führte ihn aus dem finstern Walde auf die sonnigen Felder. Ich beschrieb ihm, wie grün alles sei, wie die Blumen blühten, wie blau
der Himmel sei. An einem entlegenen Platze setzte er sich auf einen
Baumstumpf; ich ließ mich neben ihm nieder. Pilot lag neben uns.
Ringsum war tiefer Friede und heilige Stille.

Er schloß mich in die Arme und rief:
,Grausame Ausreißerin! D, Johanna, wie war mir zumute,
als ich entdeckte, daß du Thornfield verlassen hattest! Wie habe ich
dich gesucht! Und du hattest kein Geld mitgenommen und auch sonst
nichts, was dir an Geldesstatt hätte dienen können. Ein Perlenhalsband, das ich dir geschenkt hatte, lag unberührt im Etui, deine
Koffer standen alle verschnürt und verschlossen da. Was konnte mein
Liebling beginnen, fragte ich mich immer wieder, ohne Geld, aller
Mittel entblößt? Und was hast du denn nur angefangen? Laß es

mich jetzt wissen.

Nun erzählte ich ihm alles.
,Hättest nicht so gehen sollen!" rief er, als ich zu Ende war.
aHättest dich besser schützen müssen! Was hätte dir geschehen können
-- denke nur - so ohne jeden Pfennig. Und ich hätte dir gern mein
halbes Vermögen hingegeben, ohne einen Kuß als Belohnung zu verlangen. Gewiß hast du noch viel mehr gelitten, als du jetzt gebeichtet
hast. Dieser St. John ist also dein Vetter?

,Ja.
,Du hast viel von ihm erzählt. Hattest du ihn lieb?
,Er ist gut und nett.
,Was heißt das? Achtbar und ruhig, und fünfzig Jahre alt?
,O nein, erst neunundzwanzig.'
,Also noch jung. Klein, phlegmatisch und häßlich? Ein Mensch.
dessen Tugend eigentlich mehr darin besteht, daß er keine Laster hat?

,Er widmet sein ganzes Leben nur großen Taten.
,Also ist er ein gescheiter Mensch? Ein Mann von Bildung?

,Sehr gescheit und grundgelehrt.
,Aber seine Manieren, sagtest du wohl, sind nicht nach deinem
Geschmack- steifleinen und pastoral.

,Davon habe ich ja gar nicht gesprochen. Seine Manieren gefielen mir im Gegenteil sehr gut. Er ist ruhig und höflich.

,Und sein Aeußeres? Ein ungehobelter Landpfarrer mit weißer
Krawatte und plumpen Stiefeln?
,Er kleidet sich immer geschmackvoll und gut. Und dann ist er
wirklich schön, schlank, blaß, mit blauen Augen und einem echt griechischen Profil.
Ich merkte natürlich längst, daß die liebe Eifersucht meinen
guten Herrn Rochester plagte. Aber diese kleine Qual war gesund
für ihn, sie riß ihn aus seiner Melancholie heraus. Deshalb fuhr ich
auch fort, ihn noch ein Weilchen zu necken.

,Schön, schlank, bleich, blaue Augen, griechisches Profil,
brummte er.. ,Sehr gut gezeichnet. Du mußt ihn dir gut vergegenwärtigen können. Und wen hast du jet vor dir? Einen Vulkanus
-- einen wahren Grobschmied, braun, breitschulterig - obendrein
blind und verkrüppelt.

,Aehnlichkeit mit einem Vulkanus haben Sie allerdings, Herr
Rochester.
,Und diesen St. John hattest du also lieb, sprach Herr Rochester weiter. ,Er hat dir auch die Stelle in Morton verschafft -
den Posten als Lehrerin?

,Ja.
,Warst du oft mit ihm zusammen? Kam er viel in die Schule?
,Täglich.
,Hat er dich auch in deinem kleinen Häuschen aufgesucht?
,Dann und wann.
,Wie lange hast du denn nachher noch mit ihm und seinen
Schwestern zusammen gewohnt?

Fünf Monate.
,Verbrachte St. John viel Zeit in eurer Gesellschaft?
,Ja. Das Wohnzimmer war für uns alle, wir Frauen saßen
am Fenster und er am Tische.

,Studierte er viel?"
,Sehr viel."

,Was denn?
,Hindostanische Sprache.
,Und was tatest du dabei?
,Zuerst habe ich Deutsch gelernt.
,Hat er dir Unterricht gegeben?
,Deutsch konnte er nicht.
,Hat er dich gar nichts gelehrt?
,Doch. Hindostanisch.
,Hindostanisch? Auch seine Schwestern?
,Nein, nur mich allein.
,Hast du ihn darum gebeten?
,Nein.
,Also gab er dir aus eigenem Interesse Unterricht?
,Ja.
,Aber was sollte dir Hindostanisch nützen?
aIch sollte mit ihm nach Indien gehen.
,Ah, da haben wir's. Du solltest seine Frau werden?
,Ja, er hielt um meine Hand an.
,Du, das ist eine Lüge -- du willst mich bloß ärgern.
,Pardon, es ist die volle Wahrheit. Er hat mir mehr als einmal einen Heiratsantrag gemacht.
,So? so? Geh fort von mir. Warum sitzst du eigentlich neben
mir!

,Weil ich mich hier wohl fühle.
,Nein, du fühlst dich nicht wohl bei mir. Dein Herz weilt bei
Herrn Rivers, bei dem Manne mit den blauen Augen und dem
griechischen Profil. D, bisher habe ich immer noch geglaubt - selbst
nach deiner Flucht- du gehörtest nur mir allein. Das war noch
der einzige süße Tropfen in meinem bittern Leidenskelche. So viele
heiße Tränen ich auch um dich geweint habe, niemals habe ich geglaubt, du könnest einen andern lieben. Doch was nützt das Jammern? Geh nur und heirate deinen St. John.
,Ich denke ja gar nicht dran. Wenn Sie mich nicht fortjagen,
von selbst geh ich nicht.
,O, Johanna, wie gern höre ich deine Stimme! Sie erweckt
immer wieder Hoffnung- sie klingt so ehrlich - so wahr. Wenn
ich sie höre, denke ich, es sei noch alles, wie vor einem Jahre. Ich
vergesse, daß du inzwischen neue Bande angeknüpft hast. Doch ich
bin kein Tor - geh -

,Wohin denn?
,Geh deinen Weg mit dem Gatten, den du dir erwählt hast."
,Und wer wäre das?
,Du fragst noch? St. John Rivers.
,Der wird nie mein Gatte werden. Er liebt mich ja nicht -
und ich liebe ihn auch nicht. Er hat mich nur heiraten wollen, weil
ich nach seiner Meinung sehr gut zur Missionarsfrau tauge. Er ist
gut und edel, aber kalt wie ein Eisberg. Ich könnte an seiner Seite
nicht glücklich werden; er ist nicht wie Sie, Herr Rochester. Keine
Spur von Zärtlichkeit. Und an mir fand er auch nichts weiter -
nur einige tüchtige, brauchbare Eigenschaften -'

Unwillkürlich überlief es mich kalt, und ich schmiegte mich fester
an meinen geliebten blinden Herrn.

,Ist das wahr? So stehst du mit St. John?
,So und nicht anders. Sie haben keinen Grund zur Eifersucht.
Ich wollte Sie ja nur ein bißchen necken, damit Sie Ihre Traurigkeit
vergäßen. Aerger ist heilsam gegen Kummer. Ach, könnten Sie nur
sehen, wie grenzenlos meine Liebe zu Ihnen ist, Sie würden stolz
und zufrieden sein. Mein Herz, meine Seele gehören Ihnen ganz
allein."

Er küßte mich. Doch wieder trübten sich seine Züge.
.O, daß ich dich jetzt nicht sehen kann, daß ich das Augenlicht
verloren habe! murmelte er.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu beruhigen. Er wandte den Kopf
zur Seite, und ich sah eine Träne aus den geschlossenen Lidern hervorrinnen und über seine gebräunte Wange rollen. Mein Herz
klopfte laut und heftig.
,Ich bin ja nur noch ein vom Blitz zerschmetterter Baum,
sagte er nach längerem Schweigen. ,Wie soll der von einer blühenden
Waldrebe verlangen, daß sie seinen Stumpf mit frischem Grün bedecke?

,Sie sind kein toter Baumstumpf - kein vom Blitz zerschmetterter Stamm, Herr Rochester, antwortete ich. ,Sie sind noch grün
und stark. Und wer sich an Sie lehnt und Sie umschlingt, dem werden
Sie noch festen Halt geben.

Er lächelte. Meine Worte waren ihm ein Trost.
Dennoch antwortete er in schwermütigem Tone:
,Aber wer soll sich an mich lehnen? Wer mich umschlingen?
Was ich brauche, ist eine Gattin.

,Wirklich, Herr Rochester?
,Ueberrascht dich das?
,Gewiß. Sie haben bisher noch nichts davon gesagt.
,Ist es dir unangenehm?
,Das hängt doch nur von der Wahl ab, die Sie treffen werden.
,Wählen sollst du für mich. Von deinem Entschluß will ich
mein Heil erwarten.

,So wählen Sie die, Herr Rochester, die Sie am meisten liebt.
,Jedenfalls werde ich die wählen, die ich am meisten liebe.
Johanna, willst du meine Gattin werden?

,Ja."
,Du willst mich heiraten? Einen armen Blinden, den du an
der Hand führen mußt?

,Ja."
,Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist als du?
,Ja.

,Wirklich und wahrhaftig?
,Wirklich und wahrhaftig!"
,Mein Liebling! Gott segne und belohne dich!"
,Herr Rochester, für alle guten Taten so ich welche in meinem
Leben getan habe - für alle guten Gedanken, die ich gedacht haben
kann - für alle innigen Gebete, die ich je gebetet habe - werde
ich jetzt belohnt. Ihre Gattin zu werden ist für mich das größte
Glück, das mir auf dieser Welt widerfahren kann!

,Weil es dich glücklich macht, Opfer zu bringen.
,Opfer? was opfere ich denn? Hunger und Durst gegen Speise
und Trank - Sehnsucht gegen Erfüllung. Daß es mir vergönnt
ist, den geliebten Mann ans Herz zu drücken - heißt das ein
Opfer bringen?
,Aber meine Gebrechlichkeit? mein schwacher Zustand?
,Für mich ist es keine Gebrechlichkeit und keine Schwäche. jetzt,
wo ich Ihnen wirklich nützlich sein kann, liebe ich Sie noch weit
mehr- wenn dies möglich ist -- als früher, da Sie noch stolz
und unabhängig vor mir standen und jede andere Rolle als die
des Gebers und Beschützers verschmähten.

,Ja, ja. Bisher war es mir verhaßt, mich führen zu lassen -
das ist nun anders geworden. Es war mir schrecklich, die Hand in
die einer gemieteten Person zu legen, aber es ist eine Wohltat, wenn
Hannchens feine Finger sie umschließen. Ich wollte lieber in völliger
Einsamkeit leben, als immer von Dienstboten umgeben sein; aber
Hannchens sanfte, geduldige Pflege wird eine immerwährende Freude
für mich sein. Hannchen ist mir sympathisch. Bin ich es dir auch?

,Bis in die zarteste Regung meines Wesens.
,Dann brauchen wir auf nichts mehr zu warten und können
gleich heiraten. Es darf kein Aufschub mehr sein. In drei Tagen
machen wir Hochzeit, Johanna. Du brauchst keine schönen Kleider
und Juwelen, das sehe ich ein. Alles das ist keinen Pfifferling
wert.

,Einstweilen aber wollen wir nach Hause gehen, es ist Mittagszeit, und Pilot macht sich schon allein auf den Heimweg. Wir wollen
durch den Wald gehen, dort ist es jetzt schattig.

Während wir gemächlich fürbaß schritten, hing er seinen Gedanken nach.

,Johanna, du hältst mich gewiß für einen ungläubigen Heiden;
aber in diesem Augenblick ist mein Herz voll Dankbarkeit gegen den
allmächtigen Gott. Er sieht klarer als wir Menschen, er urteilt
unendlich weiser als wir. Ich war im Unrecht. Ich wollte meine
reine Blume beflecken - da entriß der Allmächtige sie mir. In
meinem Grimm verwünschte ich diese Fügung. Ich trotte dem göttlichen Spruch, statt mich ihm zu unterwerfen. Aber Gottes Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Das Unglück warf mich fast darnieder,
der Tod sah mir ins Auge. Gott züchtigte mich, bis ich demütig ward.
Du weißt, wie stolz ich auf meine Kraft war. Was ist es nun damit?
Ohne die Hand eines andern bin ich nichts. Doch auch erst seit kurzem
erkannte ich Gottes Wort in meinem Zustande, erkannte ich mein
Unglück als gerechte Strafe. Nun fühlte ich Reue und wünschte mich
mit meinem Schöpfer auszusöhnen. Ich betete - nur kurz - doch
aufrichtig. Da - vor vier Tagen - am Abend des letzten Montags
--- ergriff mich eine seltsame Rührung. Die Wut wich von mir -
Schmerz und Kummer nahmen mich gefangen. Ich war seit langem
schon überzeugt, du müssest tot sein, da alles Suchen nach dir erfolglos
blieb. Spät an jenem Montagabend - es war zwischen elf und
zwölf Uhr wollte ich zur Ruhe gehen und betete vorher noch zu
Gott, mich bald von diesem Leben zu erlösen und mich in sein Reich
aufzunehmen, wo ich meine Johanna wiederzufinden hoffte. Ich saß
am offenen Fenster - die würzige, linde Nachtluft tat mir wohl.
Die Sterne konnte ich nicht erkennen, aber als einen Nebelfleck sah
ich den vollen Mond. O, Hannchen, ich sehnte mich nach dir. Ich
sehnte mich von ganzer Seele nach dir. Ich fragte Gott in Demut
und Angst, ob ich nicht lange genug einsam gewesen sei, ob ich nie
wieder Glück und Frieden finden solle, ob ich noch lange leiden müsse.
Und ich schrie zu ihm auf, daß ich es nicht mehr ertragen könne. Und
da brach plötzlich das A und O all meiner Qual und Sehnsucht von
meinen Lippen in dem einen lauten Schrei: ,Johanna! Johanna!
Johanna!

,Sie haben laut gerufen?
,Ja. Mit aller Gewalt meiner Stimme. Wenn es jemand
gehört hat, er muß mich für wahnsinnig gehalten haben.

,Und es war am vergangenen Montag - gegen Mitternacht?
aJa-- die Zeit hat nichts zu sagen - das Seltsamste war,
was danach nun geschah. Du hältst mich gewiß für abergläubisch -
nun ja, ich habe ein bißchen davon im Blute. Dennoch ist es wahr,
was ich jetzt erzähle. Als ich den Ruf: Johanna! Johanna! Johanna! getan hatte, antwortete eine Stimme, die ich kannte - doch
wußte ich nicht, von wannen sie kam. Der Wind trug mir die Worte
zu. ,Ich komme - warte auf mich! und gleich darauf erklang
es: ,Wo bist du? Es klang, als kämen die Worte aus einem
Tale, denn ein Berg schien sie widerzuhallen. Johanna, ich glaube,
in diesem Moment fanden unsere Seelen sich - unsere Seelen
tauschten Zwiesprache aus. Denn es war deine Stimme, Johanna,
so wahr ich lebe, es war deine Stimme.
Am Montag Abend - um die Mitternacht -- hatte auch ich
jenen seltsamen Ruf vernommen, auf den ich antwortete. Ich hörte
Herrn Rochesters Erzählung an, sagte aber nichts dazu. Das Zusammentreffen war mir zu unfaßbar, zu furchtbar, als daß ich darüber hätte sprechen können. Was hätte ich auch sagen sollen? Gs
hätte doch einen tiefen, schweren Eindruck auf das Gemüt meines

Zuhörers machen müssen; und sein Gemüt war nach allen seinen
Leiden schon an sich düster genug; es brauchte nicht noch der Schatten
darauf zu fallen, den das Uebernatürliche stets auf uns Menschen
wirft. Ich behielt mein Erlebnis für mich und sann allein darüber
nach.

,Nun wunderst du dich wohl auch nicht mehr, daß ich dich zuerst,
als ich dich wieder sprechen hörte, nur für eine Erscheinung, für ein
Gespenst hielt. Ich dachte, du würdest verschwinden, zerrinnen, wie
jenes mitternächtliche Flüstern und Bergesecho. Doch nun weiß ich
es besser und danke Gott von Herzen!"

Er nahm ehrerbietig den Hut vom Kopfe, senkte die Augen
und stand lange in stummer Andacht da. Nur die letzten Worte seines
Gebets sprach er laut:

,Und so danke ich dir, Gott, daß du in deiner Strafe Gnade
walten läßt. Gib mir Kraft, von nun an ein reineres, besseres Leben
zu führen als bisher
Dann gab er mir die Hand, daß ich ihn führe. Ich ergriff die
teure Hand und drückte sie an die Lippen. Wir schritten durch den
Wald - heimwärts.



28. Kapitel

Schluß.

Ich heiratete ihn. Wir hielten stille Hochzeit. Nur der Geistliche und der Küster waren anwesend. Als wir aus der Kirche zurückgekehrt waren, ging ich zu Marie, die in der Küche den Braten herrichtete. John putte die Messer.

,Marie,' sagte ich, ,ich bin eben mit dem gnädigen Herrn getraut worden.

Sie gehörten beide zu jener Sorte anständiger, schwerfälliger
Leute, denen man allzeit etwas Außergewöhnliches mitteilen kann,
ohne befürchten zu müssen, daß einem zuerst durch einen schrillen
Aufschrei das Trommelfell zerrissen und man nachher in einer Flut
von Worten des Erstaunens ertränkt würde. Marie sah auf und
starrte mich an. Der Braten wäre dabei fast angebrannt das war
das einzige Unglück, das meine Mitteilung hätte hervorrufen können.

John hielt im Polieren inne. Gleich darauf begoß Marie das Fleisch
wieder mit Butter und sagte nur:

,Ach, das ist aber hübsch.
Und nach einem Weilchen fügte sie hinzu:
,Ich sah wohl, daß Sie mit dem gnädigen Herrn ausgingen -
aber daß Sie zu einer Trauung gingen? Nein, das hätte ich mir
nicht träumen lassen.

Wieder zischte die Butter über den Braten hin.
John grinste mich vergnügt an.
,Ich hab's meiner Frau gleich gesagt, daß so was los wäre,
meinte er. ,Ich wußte, was Herr Eduard im Sinne hatte, und daß
er's nicht lange aufschieben würde. Na, es ist das Beste so, und ich
wünsche Ihnen viel Glück, Fräulein - oder vielmehr, gnädige
Frau - entschuldigen Sie!"

Dabei zupfte er ehrerbietig an seiner Stirnlocke.
‘Ich danke Ihnen, John. Und das hier hat mir Herr Rochester für Sie beide gegeben.

Daben drückte ich ihm ein Fünfpfundnote in die Hand.
Ich schrieb sogleich nach MoorHaus, benachrichtigte meine Verwandten von meiner Trauung und erklärte ihnen ausführlich die
Beweggründe, die mich dabei geleitet hatten. Diana und Mary
billigten meine Handlungsweise rückhaltlos, und die erstere schrieb,
sobald wir glücklich über den Honigmonat hinweg wären, wollten
sie uns besuchen.

Es wäre besser, sie warteten nicht so lange, sagte Herr Rochester. ,Denn der Honigmonat wird bei uns ewig währen.

Wie St. John, dem ich nach Indien schrieb, die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht. Er antwortete mir erst nach einem halben
Jahre, erwähnte in seinem Briefe aber nichts von Herrn Rochester
und nichts von meiner Heirat. Er sprach die Hoffnung aus, daß
ich glücklich sei, und die Zuversicht, daß ich nicht zu jenen Menschen
gehöre, die im Wohlleben ihres Gottes vergäßen und in irdischen
Wonnen Genüge fänden.
Die kleine Adele nahm ich wieder nach Hause. Sie war in dem
Institut mager und' blaß geworden. Ihre Freude, mich wiederzusehen, rührte mich aufs tiefste. Aber da ich mich doch vollauf meinem
Gatten widmen mußte, konnte ich nicht mehr ihre Lehrerin sein und
mußte sie schließlich doch wieder in die Schule schicken; aber ich fand
eine, wo sie besser aufgehoben war als in der Pension, in der sie
bisher gewesen. Sie machte gute Fortschritte, die kleinen Mängel,
die ihr stets angehaftet, verloren sich mit der Zeit, und als sie die
Schule verließ, war sie mir stets eine liebenswürdige und liebevolle
Gefährtin von sanftem Wesen, gutem Willen und festem Charakter.
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Nur noch ein paar
Worte über die Hauptpersonen!

Zehn Jahre bin ich nun verheiratet. Ich weiß, was es heißt,
ganz für den Mann zu leben, der einem das Liebste auf der Welt ist.
Ich bin sehr glücklich - glücklicher, als Worte ausdrücken können -
weil ich meinem Gatten ebenso wert und ebenso unentbehrlich bin,
wie er mir. Keine Frau stand ihrem Manne jemals näher als ich
dem meinen: ich bin Blut von seinem Blut, Fleisch von seinem
Fleisch. Seine Gesellschaft wird mir nie zur Last; er ist keine Stunde
ohne mich. Wir brauchen niemand weiter. Unsere gegenseitige Nähe
ersetzt uns die ganze Welt. Er besitzt mein volles Vertrauen, und
ich das seine. Wir ergänzen uns in vollkommenster Uebereinstimmung der Charaktere.
Zwei Jahre nach unserer Trauung war Herr Rochester noch
blind. Ich war sein Augenlicht - ja, ich war buchstäblich, wie er
mich nannte, sein Augapfel. Er sah durch mich - er las durch
mich. Und ich wurde niemals müde, ihm zu beschreiben, was ich
Schönes erblickte: die Landschaft, die Felder, die Stadt, Himmel,
Wolken und Sonne. Und ich wurde niemals müde, ihm vorzulesen
--- ihn zu führen, wohin er geführt sein wollte für ihn zu tun,
was er getan wünschte.

Es war ihm keine Demütigung, von mir all diese Dienstleistungen zu verlangen und anzunehmen. Er liebte mich so wahr,
daß er niemals zauderte, sich von mir helfen zu lassen; er fühlte,
daß ich ihn über alles liebte, daß es mein größtes Glück war, ihn
zu pflegen.
Am Ende dieser zwei Jahre schrieb ich eines Morgens einen
Brief, den er mir diktierte, er beugte sich über mich und fragte mich
plötzlich:
,Johanna, trägst du einen blitzenden Schmuck am Halse?
Ich trug in der Tat eine goldene Uhrkette.

,Hast du ein hellblaues Kleid an?
Auch das traf zu. Nun offenbarte er mir, daß er seit einiger
Zeit schon die Empfindung hätte, als ob der dunkle Schleier über
dem einen Auge sich lichtete. Wir reisten zu einem berühmten Augenarzt nach London, und Herr Rochester erlangte die Sehkraft des einen
Auges wieder. Wenn er es auch sehr schonen muß und weder viel
lesen noch viel schreiben darf, so wandert er doch nicht mehr in völliger
Nacht; die Wiese ist keine farblose Fläche mehr für ihn, der Himmel kein leerer Raum.

Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte, konnte
er erkennen, daß das Kind die gleichen dunkeln, großen, leuchtenden
Augen hatte, die einst ihm eigen waren.

Diana und Mary haben sich verheiratet und leben ebenfalls sehr
glücklich. Sie besuchen uns alljährlich, und auch wir reisen zu ihnen.
Dianas Mann ist Marinekapitän, ein tapferer Offizier und guter
Gatte. Marys Mann ist Geistlicher, ein Studienfreund ihres
Bruders. Er ist seiner vortrefflichen Gemahlin durchaus würdig.

St. John arbeitet in Indien. Noch heute wandelt er auf dem
Wege, den er sich vorgezeichnet. Ein unermüdlicherer, unerschrocknerer
Pionier des Glaubens hat nie in heidnischen Landen gepredigt. Fest
und treu arbeitet er für das Menschengeschlecht und für Gottes Wort.
Gleich einem Riesen überwindet er die Hindernisse, die das Heidentum und die Vorurteile der Andersgläubigen ihm in den Weg legen.
Er ist hart und streng - aber seine Härte, seine Strenge ist die des
Feldherrn, der seine Schar gegen wilde Horden in den Kampf führt.

Er ist noch unverheiratet und wird es bleiben. Seine eigne
Kraft hat zu seinem Werke ausgereicht, und nun geht sein Werk
dem Ende zu. Er steht vor dem Abschluß seiner Laufbahn, er sieht
seinem sichern Lohn entgegen, die Zuversicht auf die himmlische Krone
wird ihm den Tod leicht machen. Den nächsten Brief aus Indien
wird eine fremde Hand schreiben, der treue Diener Gottes wird dann
zu den ewigen Freuden seines Herrn einberufen sein. Weshalb
sollte ich darüber weinen? St. John braucht den Tod nicht zu
fürchten; freien Geistes, unerschrockenen Herzens, unerschütterlich
im Glauben, wird er sterben. Er ist allaugenblicklich bereit, zu
Christum einzugehen.

Ende.


Sie wünschen zu wissen, auf welchen steilen Pfaden mich die Vorsehung dahin geführt hat, wo ich mich befinde; Ihr Wunsch soll erfüllt werden, verehrte Freundin.

Ich will die langen Mußestunden, welche mir das einsame leben übrig läßt, in dem sich die Unebenheiten meines Charakters abgeschliffen und die zuweilen übertriebene Energie meines Willens gemildert haben, mit Vergnügen dazu anwenden, für Sie (und für Sie allein) eine Erzählung niederzuschreiben, in der Sie mich vielleicht weniger “vollkommen” finden werden, als wofür Sie mich zu halten so freundlich sind. Dies wird meine Strafe sein für die Regungen von Eitelkeit, welche Ihr so selten gespendeter Beifall in mir hat erwecken können.

Mein Jugend ist unglücklich gewesen. Ich wurde früh eine Waise und büßte von diesem Augenblicke an für die Mißheirath, der ich mein Dasein verdanke. Mein Oheim, Herr Reed, nahm mich nach dem Tode meiner unglücklichen Mutter zu sich, weil ein angeborener Stolz ihm nicht erlaubte, seine Nichte dem öffentlichen Mitleid preiszugeben. Der nämliche Stolz war auch der Grund, weshalb er, so lange er am Leben war, von Jedermann in seinem Hause verlangte, mir, wenn nicht die gleiche Liebe, doch wenigstens die gleiche Achtung zu zollen, wie seinen drei Kindern. Aber sein Tod, welcher kurz nach meiner Ankunft auf Gateshead-Hall eintrat, überließ mich schutzlos den fast boshaften Launen der Frau, die ich noch jetzt in Folge eines Ueberrestes von Abscheu, mit Widerwillen meine Tante nenne.

Herr Reed hatte zwei Töchter und einen Sohn. Jene waren schön wie Engel, weiß und rosig, wirkliche Taschenbuchgesichter mit kindlichen Herzen voll lieblicher Jugendfrische, Koketterie und Unschuld; dieser, mein abscheulicher Cousin, John Reed, von dem ich Ihnen wohl zuweilen schon Einiges gesagte habe, war der ächte Typus eines werdenden Dandys, träge, widerspenstig, spottsüchtig und tyrannisch. Ich war für ihn ein um so bequemeres Stichblatt seiner Bosheit, als er gegen mich den doppelten Vortheil der mütterlichen Bevorzugung und einer der meinigen weit überlegenen Körperkraft besaß. Er mißbrauchte denselben im höchsten Maße, wozu ihn, wie ich glaube, eine Art heimlichen Grolls, den er auf dem Grunde meines gekränkten Herzens errieth, noch mehr anreizte. Da ich aus tausendfältiger Erfahrung wußte, daß jede Klage, jede Berufung auf die Billigkeit der Mistreß Reed vergebens sein würde, so ertrug ich die beleidigenden Scherze Master Johns mit einer schüchternen Resignation und einem verhaltenen Zorn, die ich später in gewissen Augenblicken in mir wiedergefunden habe und welche mir, wie Sie sehen werden, von Nutzen gewesen sind; die mich aber auf die Dauer unfehlbar aufgerieben haben würden, hätten sie nicht durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen meiner Erziehung eine andere Richtung gegeben.
Der Vorfall, auf den ich hier anspiele, ist die einzige Probe, die ich Ihnen von meinen Jugendleiden geben will. Ich wage es kaum, auf Einzelheiten zurückzukommen, welche für jeden Andren außer mir ohne alles Interesse sind.

Ich sehe mich noch an einem regnerischen Nachmittage in einer tiefen Fensternische verborgen auf meinen gekreuzten Beinen sitzen und in einem großen Buche blättern, das ich mir aus der Bibliothek im Salon geholt hatte. Es waren die ‘Vögel Englands von Bowick.’ Ich betrachtete mit bewunderungsvoller Aufmerksamkeit die schönen, colorirten Kupferstiche, und wenn meine Augen von dem Buche aufblickten, suchten sie entweder die schweren grauen Wolken, die der Wind vor sich her trieb, oder den traurigen Anblick eines noch laublosen und vom Wasser triefenden Gartens.
Plötzlich wurde die Thür des Speisesaales mit Geräusch geöffnet und eine wohlbekannte Stimme schreckte mich auf.
‘Hierher, Schläferin!’ rief mein liebenswürdiger Vetter, hielt aber inne, als er Niemanden in dem scheinbar leeren Zimmer erblickte. ‘Wo Teufel mag sie sich versteckt haben?’ fuhr er fort. ‘Lizzy! George! (dies waren seine Schwestern) Jane ist also nicht hier . . . Mama glaubt, sie ist im Regen ausgegangen, die nichtswürdige kleine Hexe.’
Dieser Eingang ermuthigte mich nicht, zum Vorschein zu kommen, und ich verhielt mich daher ganz still, indem ich glaube, Master John, dessen physischer und moralischer Scharfblick auf gleicher Höhe standen, werde mich in meinem Versteck nicht auffinden. Aber Elisa kam auf seinen Ruf herbei und leitete ihn sehr bald auf meine Spur. Ich konnte nicht mehr zurückweichen; ich schob daher den Vorhang zurück, der mich verhüllte und, das nervöse Zittern, das mich bereits ergriffen hatte, unter einem Scheine kalter Ruhe verbergend, erschien ich vor meinem jungen Tyrannen.
‘Was willst Du von mir?’ fragte ich ihn in einem Tone, aus welchem schon Mißtrauen hervorblickte.
‘Was willst Du von mir, Master Reed?’ wiederholte er, einen besonderen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend. ‘So mußt Du mit mir sprechen. Ich will, Du sollst hierher kommen.’
Indem er sich in einen großen Lehnstuhl warf, winkte er mir näher zu treten und vor ihm stehen zu bleiben.
John war damals ein plumper Bursche von etwas vierzehn Jahren, von zugleich robustem und ungesundem Aussehen, mit bleicher, fahler Gesichtsfarbe, überhaupt allen äußeren Merkmalen der zügellosen Unmäßigkeit im Essen. Er aß in der That unglaublich viel, und seine Mutter, welche stets um die, wie sie sagte, äußerst zarte Körperconstitution dieses verzogenen Knaben besorgt war, konnte ihm gleichwohl die täglichen Ausschweifungen im Genusse von Speisen nicht verbieten, die seinen nichts weniger als zarten Organismus erschlafften.
Gewöhnt, mich dem Willen dieses Menschen zu unterwerfen, dessen bloßer Anblick einen peinlichen Eindruck auf mich machte, näherte ich mich ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er heftete seine Augen auf die meinigen und als er sah, daß sich diese nicht zu Boden senkten, schnitt er mir ein abscheuliches Gesicht, der gewöhnliche Vorbote seiner Mißhandlungen.
Ich ahnete, daß er mich schlagen würde; aber ich weiß nicht, welche geheime Kraft mich unbeweglich bleiben ließ, indem ich mit kalter Geringschätzung dieses häßliche Gesicht betrachtete. Wahrscheinlich verstand er diese stumme Sprache, denn er zögerte nicht länger, mir einen so heftigen Faustschlag zu geben, daß ich einen oder zwei Schritte zurücktaumelte und Mühe hatte, mich auf den Füßen zu erhalten.
‘Das ist für Dein ungebührliches Benehmen, nicht zu antworten, wenn ich Dich rufe,’ sagte er zu mir, ‘und für Dein schlangenartiges Verkriechen hinter unsere Vorhänge, so wie für den verbissenen Zorn, der seit zwei langen Minuten aus Deinen Augen spricht, boshafte Spinne.’

Ich entgegnete nie etwas auf John Reeds Schimpfworte, denn ich war immer damit beschäftigt, mich auf den Schlag gefaßt zu machen, der ihnen folgen konnte.
‘Was machtest du dort?’ fragte er weiter, indem er nach dem Fenster zeigte, an welchem ich eine so traurige und zugleich angenehme Stunde zugebracht hatte.
‘Ich las.’
‘Zeige mir das Buch.’
Ich holte es herbei.
‘Ich will Dir lehren,’ fuhr er fort, ‘in meinen Bibliotheken herumzustöbern und meine Bücher zu besudeln, kleine Betteldirne. Geh dorthin neben den Spiegel . . . nicht so nahe ans Fenster.’

Ich hatte den Zweck dieses Befehls anfangs nicht errathen. Als ich mich aber an der bezeichneten Stelle befand, wurde mir Alles klar, denn ich sah, wie er den dicken Band, den ich ihm gebracht hatte, emporhob und in der Luft schwenkte. Mit einem Angstschrei sprang ich auf die Seite; aber es war zu spät. John hatte richtig gezielt. Das Buch traf mich an die Stirn und ich fiel gegen die Thür, deren Kante mir die Haut verletzte. Ich fühlte einen empfindlichen Schmerz und als ich die Hand, mit der ich mechanisch nach meiner Wunde gegriffen, wieder zurückschlag, war sie mit Blut befleckt.

Eine unwiderstehliche Entrüstung folgte dem Gefühle, das mich anfangs beherrscht hatte. Und da ich damals die römische Geschichte las, da ich John Reed oft im Stillen mit Nero, Caligula und anderen fast eben so verabscheuungswürdigen Tyrannen verglichen hatte, so rief ich aus:

‘Du bist ein böser und grausamer Mensch . . . Du gleichst einem Mörder . . . einem Sklavenhändler . . . den Kaisern von Rom!’

Diese Beleidigung mußte John Reed überraschen. Sie erbitterte ihn auf Höchste und in rasender Wuth stürzte er auf mich zu. Ich fühlte, daß er mich zugleich bei den Schultern und bei den Haaren faßte. Einige warme Blutstropfen flossen über meinen Hals; mein glühender Kopf, meine in diesem Augenblicke heftigeren Schmerzen, ganz besonders aber der Gedanke, daß ich ein wirkliches Ungeheuer, ähnlich den Kaisern Goldsmiths vor mir hatte, raubten mir alle Selbstbeherrschung. Ich leistete einen verzweifelten und siegreichen Widerstand, ohne zu wissen, welche Rolle meine Nägel und vielleicht auch meine Zähne dabei spielten. Bald sah sich Master John in die Nothwendigkeit versetzt, um Hilfe zu rufen. Sobald der Ton seiner Stimme in das Nebenzimmer drang, kamen die beiden vertrautesten Dienerinnen der Mistreß Reed herbei und als es ihnen mit großer Mühe gelungen war, uns zu trennen, vernahm ich die rauhe und kreischende Stimme meiner Tante, welche den Lärm übertönte.

‘In die rothe Kammer!’ rief sie; ‘schließt sie ein und laßt sie dort!’

Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich je gegen diese gefürchtete Stimme auflehnen könnte. Aber in diesem Augenblicke gab es auf der ganzen Welt keinen Herrn für mich, und nur mit Gewalt brachte man mich aus dem Zimmer, in welchen der eben erzählte Auftritte stattgefunden hatte.

Selbst in der rothen Kammer, als ich auf einen Stuhl gesetzt worden war, wollte ich wieder aufspringen und den Kampf mit meinem Vetter erneuern. Die beiden Dienerinnen wußten nicht mehr, welchen Heiligen sie anrufen und wie sie die ‘wüthende Katze’ bändigen sollten, die ihnen so viel zu schaffen machte. Endlich hatte die eine von ihnen einen glücklichen Einfall; es war Bessie, das einzige Wesen, das mir in diesem fluchwürdigen Hause zuweilen Beweise von einer Art Freundschaft gegeben hatte.

‘Wenn Sie sich noch länger sträuben Miß,’ sagte sie zu mir, ‘so müssen wir Sie binden. Miß Abott,’ setzte sie hinzu, ‘leihen Sie mir doch Ihre Strumpfbänder, denn die meinigen würde sie bald zerreißen.’

Miß Abbott wendete sich um und löste die mir bestimmten Fesseln von den kräftigen Pfeilern, auf denen ihr gewaltiger Körper ruhte. Ich sah einen neuen Schimpf voraus, woran der Gedanke mich empörte und mir eine gewisse, erzwungene Ruhe gab.

‘Bemühen Sie Sich nicht, Miß Abbott!’ rief ich aus, ‘ich verspreche Ihnen, mich nicht von der Stelle zu rühren.’

Zur Bekräftigung meines Versprechens klammerte ich mich mit beiden Händen an dem Stuhle fest, auf den ich wider meinen Willen gesetzt worden war.

Bessie sah, daß ich im Ernst sprach und es war daher nicht mehr die Rede davon, mich zu binden. Die beiden Mädchen hielten es nur für angemessen, mir eine lange Predigt zu halten über mein thörigtes Benehmen und über die Nothwendigkeit, daß ich mich, da ich arm und schutzlos war, dem Willen Derjenigten unterwerfen müsse, die mir Brot geben. In trotzigem Stillschweigen und ohne meine fast herrische Stellung zu verändern, hörte ich Alles mit an. Sie gingen endlich und verschlossen die Thür.

Die Augenblicke, welche auf ihre Entfernung folgten, habe ich nicht vergessen. Das rothe Zimmer war ein großes, selten bewohntes Gemach, denn Besuche waren in Gateshead-Hall eben nicht häufig. In der Mitte dieses öden und stillen Zimmers, das etwas Majestätisches hatte, wie das Tabernakel eines jüdischen Tempels, stand auf massiven, dunkelbraunen Mahogonyfüßen ein großes Bett mit Vorhängen von rothem Damast. Gardinen von dem nämlichen Stoffe und der nämlichen Farbe hingen vor den zwei hohen Fenstern, deren Läden nie geschlossen wurden. Der Fußboden war mit einem rothen Teppich bedeckt, über den vor dem Bett stehenden Tisch war ein ähnliches Tuch gebreitet und die Wände mit einem lichten Stoffe bekleidet, auf dem sich einzelne rothe Streifen befanden. Der Kleiderschrank, der Toilettentisch und die Stühle von altem, dunklem Mahogony glänzten in der Dunkelheit, von der besonders noch zwei Gegenstände grell abstachen: die Matratzen und Kissen des Bettes mit blendend weißem Ueberzuge und einem Auftritte, der mir in diesem feierlichen Augenblicke wie ein ‘bleicher Thronerschien.

Es war empfindlich kalt in diesem Zimmer, wo nie Feuer angezündet wurde. Da es von der nursery und der Kirche ziemlich weit entfernt lag, so herrschte fortwährend eine tiefe Stille darin. Endlich war in diesem gespensterhaften Bett mein Oheim vor einigen Jahren verschieden, eine Erinnerung, welche das Schauerliche des mysteriösen Ganzen noch erhöhte.

Bald fühlte ich mich beängstigt in diesem öden Raume, der mir wie ein Grabgewölbe erschien; ich stand daher von meinem Sitze auf und ging nach der Thür, die wie ich wähnte, vielleicht offen geblieben sein konnte. Ein kalter Schauder ergriff mich, als ich sah, daß sie wirklich fest verschlossen war. Um auf meinen Platz zurückzukehren, mußte ich bei einem großen Spiegel vorüber, in welchem ich schon die geisterhafte Form des weißen Todtenbettes erblickt hatte. Mein Blick versenkte sich unwillkührlich in die trügerischen Tiefen, die er mir darbot, und ich sah nun darin ein wunderliches kleines Geschöpf, das mir die schottischen Feen ins Gedächtniß rief, deren boshafte Streiche mir Bessie erzählte, wenn man uns in der Waschkammer allein ließ und ich auf ihre Bügeleisen Acht gab. –

In diesem kleinen, mageren und blassen Geschöpf, dessen scheue Augen blitzten, dessen schwache weiße Arme sich auf dem dunklen Hintergrunde abzeichneten und das eine Art stummes Gebet flüsterte, erkannte ich erst nach einiger Zeit . . . die unglückliche Nichte der Mistreß Reed. Es wurde mir fast noch ängstlicher zu Muthe, als ich mich mit dieser seltsamen Transfiguration meiner eignen Person allein sah.

Ich sage Ihnen nichts von den tausend sonderbaren Bildern, die an meiner überreizten Phantasie vorüberzogen und welche die heftige Aufregung meines Kopfes und die so lange unterdrückte Empörung meines Herzens in mir hervorriefen.

Ich weiß nur, daß eine klare Idee von meiner Lage, von der Ungerechtigkeit, unter der ich seufzte, von der Abneigung, deren unschuldiges Opfer ich war, von meiner kränklichen Häßlichkeit, die meinen Verwandten ein Gräuel war, und von meiner angeborenen Menschenscheu, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß man mir keine Liebe und keine Aufmunterung zu Theil werden ließ, sich zum ersten Male in meinem Geiste festsetzte.

Auch weiß ich noch, daß die äußere Dunkelheit nach und nach die spärlichen Lichtstrahlen verlöschte, die in das rothe Zimmer drangen, daß der Himmel noch fortwährend feine Schmerzentsthränen vergoß, daß der Wind traurig in den Bäumen des Parkes seufzte, daß mich allmälig eine entsetzliche Angst und eine gänzliche Muthlosigkeit ergriffen, und daß einer meiner letzten Gedanken, ehe ich völlig das Bewußtsein verlor, der feste Vorsatz war, auf diesem nämlichen Bette, wo Herr Reed entschlafen war, Hungers zu sterben. Dann war es mir, als bewegte sich eine menschliche Gestalt unter der Decke des Geisterbettes . . . dies war der Gnadenstoß für mich. – --
Es scheint, daß ich ganz ohne Besinnung gefunden wurde und daß ich erst nach langer Zeit aus dieser Betäubung erwachte, in welche mich die Angst versetzt hatte. Man mußte den Arzt rufen, ihm die meiner Ohnmacht vorausgegangenen Scenen erzählen und sich wegen der gegen mich angewendeten Strenge rechtfertigen. Dies Alles war keineswegs geeignet, mir das Herz meiner Tante Reed zu gewinnen. Wir geriethen noch mehre Male in Streit miteinander und bei jeder solchen Gelegenheit steigerte sich mit meiner Widersetzlichkeit gegen ihren Willen der Haß, den ich ihr einflößte.
Zwei oder drei Monate nachher erschien ein mir völlig fremder Besuch auf dem Schlosse. Es war ein ganz schwarzgekleideter Mann von häßlichem Gesicht und schmeichelndem Benehmen. Man rief mich herbei, um mich ihm besonders vorzustellen, was mich in das höchste Erstaunen setzte, da er mir noch nie begegnet war. Er fand mich sehr klein für mein Alter, fragte mich nach meinem Namen und ob ich wüßte, wohin die bösen Kinder nach ihrem Tode kämen. Auch wollte er wissen, ob ich die Bibel gelesen hätte, und schien sehr entrüstet, als ich ihm unter Anderem sagte, daß mich die Psalmen durchaus nicht interessirten.
‘Dies ist ein Beweis,’ sagte er, ‘daß Du ein böses Herz hast. Wir wollen sehen, ob es uns gelingt, daß Gott Dich davon befreit und Du ein anderes dafür giebt, ein Herz von Fleisch, anstatt eines Herzens von Stein.’

Dieser lange Mann, dessen graue, von dichten Brauen beschattete Augen, große Nase und hervorstehende Zähne ich noch vor mir sehe, hieß Mr. Blockehurst. Er war der Director einer Armenschule.

Mistreß Reed hatte ihn kommen lassen, um über meine Aufnahme in diese Anstalt mit ihm zu sprechen. Die Sache kam ohne große Schwierigkeit zu Stande und am darauf folgenden 19. Januar, einer der denkwürdigsten Tage meines traurigen Lebens, verließ ich Gateshead-Hall mit einer Art schmerzlicher Zufriedenheit, ohne Mistreß Reed zu umarmen und ohne sogar den Eid zu brechen, den ich mir selbst in dem rothen Zimmer geleistet habe, ihr nie wieder den Namen ‘Tante’ zu geben, ein Beweis, daß ihre Härte jedes Band zwischen uns auf immer zerrissen hatte.

Bessie allein begleitete mich bis auf die Straße. Die Diligence kam bald vorüber, und der von der empfindlichen Kälte des Morgens ganz erstarrte Conducteur schob mich in den Wagen, wie er meinen kleinen Koffer unter den Kutschersitz geschoben hatte. Eine größere Höflichkeit von seiner Seite würde mich in Verwunderung gesetzt haben. Ich hatte schon in reichem Maße die verletzende Gleichgiltigkeit dienender Personen empfunden und meinen unbeugsamen Stolz daran gewöhnt, der mich vielleicht allein vor jeder wirklichen Erniederung bewahrt hat.

II

Ich habe acht Jahre in Lowood zugebracht, meine theure Elisabeth, und ich habe kaum eine schwache Erinnerung von diesen acht Jahren behalten. Die aufeinanderfolgenden Tage brachten so genau die nämliche strenge Ordnung methodischer Arbeiten und unbedeutender Erholungen; die nämlichen fast durchgängig verdrießlichen und leidenden Gesichter zogen so regelmäßig an meinen Augen vorüber, die nämlichen Studien und die nämlichen praktischen Uebungen wurden mit einer so exemplarischen Geduld beständig wiederholt, daß diese acht Jahre meiner Jugend kaum den Eindruck eines einzigen mühevollen Tages voll ungeduldiger Langeweile, kleiner Sorgen, Entbehrungen und Quälereien, der fast ganz für den Geist oder das Herz verloren ist, in meinem Gedächtniß zurückgelassen haben.


Die Armenschule ist das Kloster ohne die Begeisterung, die Pensionsanstalt ohne die Pflege, das gemeinsame Beisammenleben ohne das innigere Aneinanderschließen. Von den Nonnen hatten wir die mehr als frugale Kost, den kurzen Schlaf und das häufige Beten. Mit den Schülerinnen hatten wir das öftere Gescholtenwerden und den Zwang zu falsch geleiteten Beschäftigungen gemein: aber eine schmutzige Sparsamkeit stand obenan und verursachte uns wirkliche Qualen. Ich spreche nicht etwa von der puritanischen Einfachheit, welche uns Allen die nämliche Kleidung gab: den nämlichen Haarputz ohne Locken, die nämlichen baumwollenen, bis an das Kinn heraufgehenden Kleider, die nämliche kleine Leinwandtasche, welche an unserem Gürtel hing und uns als Arbeitsbeutel diente, die nämlichen grauen Wollstrümpfe, die nämlichen Dorfschuhe mit großen kupfernen Schnallen.
Es war ganz natürlich, daß wir, von allen Mitteln entblößt, auch im Aeußeren unsre Armuth bekundeten.
Aber warum verweigerte man uns eine hinreichende Nahrung? Warum dieser Mangel jeder Sorgfalt, der so weit
ging, daß wir zuweilen kaum im Stande waren die Speisen zu genießen, welche uns mit übertriebener Sparsamkeit zugemessen wurden? Warum ließ man uns im Winter in großen Sälen frieren, wo erst mit hereinbrechender Dunkelheit ein Feuer angezündet wurde, dessen spärliches Licht das Erscheinen der Lampe verzögerte? Warum namentlich diese Geringschätzung des Lebens, die sich in dem
Mangel der einfachsten Schutzmittel gegen die Feuchtigkeit des Klima's äußerte, das jedes Jahr unsere gedrängten Reihen lichtete?
In einer für das Auge reizenden Gegend. in der Mitte eines prächtigen Waldes gelegen, sog Lowood von allen
Seiten die morastigen Ausdünstungen ein, welche den großen Wäldern in bergigen Gegenden entströmen. Im Winter machte der Frost unser Waisenasyl weniger ungesund. Aber mit den ersten, schönen Tagen drangen die Fieber und der Typhus hinter seine hohen Mauern und verwandelten das mit kräftigen und gesunden Kindern bevölkerte Haus in ein großes Hospital. Diese Krankheiten fanden uns schon geschwächt durch eine fortdauernde halbe Hungerkur und durch Erkältungen, gegen welche man nie die geringsten Heilmittel anwendete, und die Jahreszeit der Blumen war für uns die Zeit der Cypressen.

Diese lieblichen und zugleich verderblichen Maimonate sind mir treu im Gedächtniß geblieben. Von achtzig Mädchen, die wir im Ganzen waren, habe ich bis fünfzig auf einmal krank liegen sehen. Dann lockerten sich natürlich alle Bande der Disciplin, denn die Lehrerinnen mußten den Dienst von Krankenwärterinnen verrichten und hatten daher nicht mehr Zeit, uns die täglichen Unterrichtsstunden zu geben.
Ueberdies verordneten die Aerzte eine fast beständige Bewegung als das' beste Präservativmittel gegen die Ansteckung. Man überließ daher den Schülerinnen, welche von der Krankheit verschont blieben, den. Garten und ich habe darin mehr als einmal den ganzen Tag unter den Blumen zugebracht, indem ich wieder und immer wieder den einzigen Roman las, welcher in diesem frommen Hause gestattet war: ,Rasselas, liebe Freundin, ja, “Rasselas,
Prinz von Abyssinien”!
Dies Alles führt mich auf Helena Burns, das sanfteste und anziehendste Wesen, das mir zu sehen und zu lieben vergönnt worden ist. Sie war es, die mir Rasselas wenige Tage nach meiner Ankunft in Lowood lieh. Sie war es ferner, die mir erklärte, was ich noch nicht wußte, daß man in dieser sogenannten Armenschule gleichwohl fünfzehn Pfund Sterling für jede Schülerin bezahlte und daß nur das Fehlende durch freiwillige Beiträge aufgebracht
wurde. Ueberhaupt verdankte ich ihr meine richtigsten Ansichten über die Anstalt selbst und über die Art und Weise, wie ich mir meine Lage darin vorstellen mußte.
Helene war kaum dreizehn Jahre alt aber eine langjährige Gewohnheit des Unglücks hatte ihr Urtheil gereift und ihren Verstand ausgebildet. Auch legte sie eine gewisse frühreife Klugheit an den Tag, welche natürlich mehrere von den Personen, die unsere Erziehung leiteten, gegen sie
einnahm. Darin hatten auch die häufigen Ungerechtigkeiten und Kränkungen ihren Grund, welche Helene immer stillschweigend,ertrug, selbst wenn sie mit einem einzigen Worte den blinden und gehässigen Tadel hätte entkräften
können, mit dem man sie ohne Ursache verfolgte..-
Ich konnte mir dieses Stillschweigen nicht, erklären, das ich vielleicht ebenfalls aus Geringschätzung beobachtet haben würde, das aber bei meiner gottesfürchtigen Freundin eine ganz andere Bedeutung hatte.
Eines Tages, als ich sie, wie gewöhnlich mit der größten Muhe, derjenigen unserer Lehrerinnen, die sie am meisten quälte, die Strafruthe hatte bringen und zehn bis zwölf Schläge auf den bloßen Rücken erhalten sehen, wollte ich mir über diese mich in Erstaunen setzende Resignation Aufklärung verschaffen.
Ich setzte mich neben Helenen, welche in der leeren Klasse am Kamin in ihrem Rasselas las. Sogleich schloß sie das Buch.
- ,Ich wette,? sagte ich ohne Einleitung zu ihr, ,daß Du mit dem Gedanken umgehst, Lowood zu verlassen.
,Ich?’ erwiderte sie, indem sie mich mit ungeheucheltem Erstaunen anblickte; ,ich bitte Dich, warum denn? Ich bin in dieses Haus gebracht worden, um darin erzogen zu werden, was würde es mir also nützten, wenn ich es verließe, ehe meine Erziehung vollendet ist?’
,Aber Miß Scatcherd (die erwähnte Lehrerin) ist ja so grausam gegen Dich.’
,Grausam? Durchaus nicht, sie ist nur streng. Meine Fehler mißfallen ihr.’
,An Deiner Stelle würde sie mich mißfallen. Ich würde mich ihr widersetzen. Wenn sie mich schlüge, wie sie Dich geschlagen hat, würde ich ich den Stock aus der Hand reißen, und ihn auf ihrem Gesicht zerschlagen.’
,Dies würdest Du wahrscheinlich nicht thun, und wenn Du es thätest, so würdest Du aus der Schule gestoßen werden und darüber würden sich Deine Verwandten sehr betrüben. Es ist viel besser, einen Schmerz zu ertragen, der uns allein betrifft, als durch eine Aufwallung von Zorn allen Denen Kummer zu bereiten, die uns ihre Theilnahme schenken. Ueberdies schreibt die Bibel vor, das Böse mit Gutem zu vergelten.

Ich hörte diese Moral an, ohne sonderlichen Geschmack an ihr zu finden. Was mich besonders wunderte, war der Mangel jedes Grolls gegen die Person,
über welche sich, meiner Ansicht nach, Helene mit Recht zu beklagen- hatte. Ich fühlte jedoch in meinem Herzen,
daß Helene ein richtiges Urtheil über die Dinge dieser Welt besaß, das mich noch fehlte.
,Du sagst, Helene, fuhr ich fort, daß Du Fehler hast. Worin bestehen sie denn? Mich dünkt, Du bist ganz tadellos.’
,Darüber will ich Dich enttäuschen und Dir lehren, nicht nach dem äußeren Scheine zu urtheilen. Ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig und unaufmerksam. Meine Sachen sind nur selten in Ordnung; ich widersetze mich nicht den Regeln der Anstalt, aber es geschieht häufig, daß ich sie vergesse. Wenn ich lernen sollte, lese ich; ich mache meine Arbeiten nicht methodisch und regelmäßig, und es ist mir zuweilen, als könnte ich mich
keiner systematischen Anordnung fügen. Dies Alles gefällt Miß Scatcherd nicht, denn sie ist im Gegentheil außerordentlich genau, pünktlich, eigen...
, Gehässig und hartherzig,’ setzte ich hinzu.
Aber Helene Burns wollte dies nicht zugeben. Sie schwieg.

,Uebrigens,’ fuhr ich ohne Ueberlegung fort,‘warum bist Du eigentlich nicht aufmerksam? Es ist ja so leicht.’
,Für Dich wohl, das will ich gern glauben, liebe Jane. Ich beobachtete Dich diesen Morgen beim Unterricht, und
ich habe gesehen, wie aufmerksam Du warst. Während Dir Miß Miller die Lectionen erklärte und Dir Fragen yorlegte, war kein einziger von Deinen Gedanken abwesend und zerstreut. Mir dagegen begegnet es oft, wenn Miß Scatcherd mit mir spricht und ich streng auf sie achten sollte, daß ich zuletzt selbst ihre Stimme nicht mehr höre. Ich versinke in eine Art von Träumerei, es scheint mir zuweilen, als befände ich mich in Northumberland und als wäre das Geräusch, das mein Ohr berührt, das Rieseln des kleinen Baches, welcher durch Deepden in der Nähe unsres Hauses vorüberfließt. Wenn die Reihe an mich kommt zu antworten, so muß ich unsanft aus meinem Nachsinnen aufgerüttelt werden, und da ich die ganze Zeit über dem eingebildeten Rauschen des heimathlichen Wassers getauscht habe, so bin ich auf keine passende Antwort vorbereitet.’
,Du hast indeß gerade diesen Morgen ohne Fehler geantwortet.’
, Dies war Zufall, weil mich der Gegenstand des Unterrichts interessirte. Es war von Karl I. die Rede,
und anstatt an unsern schönen Bach zu denken, wunderte ich mich, wie ein so unbescholtener und gewissenhafter
König zuweilen so ungerecht, so unweise und so unredlich handeln konnte. Die Vorrechte seiner Krone beschränkten
wahrscheinlich seine Einsicht. Wenn er diese rein persönliche Frage hätte bei Seite lassen und die allgemeinen Bestrebungen seiner Zeit richtig beurtheilen können . -. Doch trotz alledem liebe ich diesen Karl... ich hege große Achtung und Theilnahme für den unglücklichen gemordeten -
König. Ja, seine Feinde gingen zu weit, sie vergossen ein Blut, das sie nicht das Recht hatten zu vergießen. Wie
konnten sie es wagen, Karl Stuart hinzurichten?’
Helene sprach offenbar mit sich selbst, indem sie vergaß, daß ich weder ihren Betrachtungen folgen, noch die Fragen beantworten konnte, welche sie an mich richtete, ohne es zu ahnen.

Mir kamen jedoch bald auf den Gegenstand unsres Gesprächs zurück. Ich suchte Helenen zu beweisen, daß
die Rache nicht allen ein Recht, sondern eine Pflicht sei,
da sie für Jeden, der sie verdient hat, eine Lehre ist.
,Es ist eben so natürlich, der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten, als daß wir Den hassen, der uns haßt, Den lieben, der uns liebt und die Strafe entgegen
nehmen, wenn sie gerecht ist.’
, So denken die Wilden und so dachten die Heiden, erwiderte Helene ruhig. ‘Aber die Christen und die civilisirten Völker verwerfen diese Moral.
,Warum denn aber? Ich kann es nicht begreifen.’
,Weil man durch Heftigkeit den Haß niche entwaffnet und durch die Mache die Ungerechtigkeit nicht wieder gut machte?
, Auf welche andere Weise geschähe dies besser?’
, Lies das Neue Testament, versetzte Helene. ,Höre, was Christus sagt, sieh, wie er handelt, nimm Dir seine Worte zur Regel und stelle Dir seine Handlungsweise als Muster auf.’
, Was sagt er denn?
,Er sage: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch beleidigen und verfolgen.’
, Nach diesen Vorschriften, rief ich aus, ,müßte ich Mistreß Reed auch lieben, und dies kann ich nicht.
ich müsste ihren Sohn, John, segnen, und dies ist unmöglich.’

Jetzt verstand Helene mich nicht, denn meine Lebensgeschichte war ihr noch unbekannt. Es war eine ganz natürliche Gelegenheit, sie ihr zu erzählen, und von diesem Augenblicke an war unsere Freundschaft noch viel inniger.

Ich könnte Ihnen kaum sagen, wie viel Wochen, Monate oder Jahre sie dauerte, so sehr ist mir das Maß
jener Zeit entschwunden, die uns langsam aber unbewußt verstrich. Ich weiß ,nur, daß ich mich während eines der
schönen aber verderblichen Frühlinge, die ich oben erwähnt habe, in dem mit Blumen geschmückten Garten allein befand, ohne die Freundin, deren Umgang mir unsere freien Stunden so heilbringend versüßt hatte.

Helene war krank. Es vergingen mehre Wochen, ohne daß mir erlaubt wurde, sie zu besuchen. Ich wußte nicht, in welchem Theile des Hauses sie lag, denn man hatte sie nicht in den gemeinschaftlichen Saal der Fieberkranken gebettet. Sie hatte nicht den Typhus. Auf alle meine Fragen erhielt ich zur Antwort, sie habe die Auszehrung, und ich stellte mich unter diesem unbestimmten Worte einen Zustand kaum fühlbarer und leicht zu heilender Schwäche vor, den die Zeit und eine sorgfältige Pflege sicher heben mußten.
Ueberdies hatte ich einige Male aus dem Fenster der Klasse gesehen, und es hatte mich noch mehr beunruhigt, daß Miß Temple: diejenige unserer Lehrerinnen, welche Helene und ich am Meisten liebten, meine Freundin an warmen Nachmittagen in den Garten führte.
Man gestattete mir jedoch niemals, zu ihr zu gehen und mit ihr zu sprechen. Ich konnte sie kaum erkennen, da ihr Gesicht immer mit einem grünen Schleier verhüllt war.
Als ich an einem Juniabende aus dem Walde zurückkehrte, in den man uns spazieren geführt hatte, sah ich im Mondenscheine vor der Gartenthür den Poney des Herrn Bates, unsers Arztes, stehen. Eine von uns bemerkte, daß wahrscheinlich eine sehr gefährliche Kranke in der Anstalt sei, da so spät nach dem Arzte geschickt worden war. Ich achtete wenig auf diese Aeußerung und blieb vor meinem kleinen Blumenbeete stehen, auf das ich einige Blumen pflanzen wollte, die ich mit aus dem Walde gebracht hatte, weil sie könnten verwelken, wenn
ich bis morgen wartete. Die von den Thränen des Abends benetzten Blumen strömten süße Wohlgerüche aus, das noch feurige Abendroth versprach einen eben so schönen Tag, als der vergangene gewesen war, der Mond stieg prachtvoll in dem dunkeln Blau des Ostens empor, und
dies Alles brachte mich auf den Gedanken, daß es doch recht traurig sei, im Bett liegen zu müssen und ein so herrliches Schauspiel nicht genießen zu können. Ich dachte ferner, daß es noch viel schmerzlicher sein würde, diese schöne, duftende, alle Sinne berauschende Welt verlassen
zu müssen, um in eine andere zu gehen, die Niemand kennt.
Bei dieser Gelegenheit machte mein Geist eine gewaltsame Anstrengung, um eine klarere Ansicht aus den erhaltenen Andeutungen über den Himmel und die Hölle
zu schöpfen. Es war vergebens; er schrak zum ersten Male vor dem Dunkel zurück, das ihn auf allen Seiten umhüllte, vor dem bodenlosen Abgrunde, der ihn verschlingen zu wollen schien, wenn er den einzigen Punkt verließ, der ihm eine sichere Stütze gewährt: die Wirklichkeit des
gegenwärtigen Augenblicks.
Da öffnete sich plötzlich die Hausthür und Mr. Bates erschien in Begleitung einer Krankenwärterin. Sie wartete, bis er zu Pferde gestiegen war, und als sie eben das Gitterthor des Hofes verschließen wollte, eilte ich auf sie zu.
,Wie geht es mit Helene Burns?’ fragte ich sie.
.Nicht zum Besten,’ war die einzige Antwort, die ich zuerst erhielt. Aber ich begnügte mich nicht damit.
,Ist Mr. Bates vielleicht wegen ihr geholt worden?’
,Allerdings.’
,Und was sagt er dazu?’
,Daß sie nicht lange mehr hier sein wird.’
Bei jeder andern Gelegenheit, besonders am vorhergehenden Tage, würden diese Worte nur ihre buchstäbliche Bedeutung für mich gehabt und ich würde geglaubt
haben, Helenens Eltern hätten sie in ihr geliebtes Northumberland zurückgerufen. Aber ich brachte sie mit meinen heutigen Gedanken in Verbindung und erhielt das durch ein klares und bestimmtes Bewußtsein von der Gefahr, welche meiner Freundin drohte. Ich sah sie schon hienieden ihre letzten Stunden zählen und im Begriff, nach den geheimnißvollen Regionen entführt zu werden, an die ich so eben gedacht hatte.
Es ergriff mich plötzlich eine unbestimmte Angst und ein tiefer Schmerz . . . dann fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, das liebenswürdige Mädchen noch einmal zu sehen. Die Krankenwärterin sagte mir wohl, daß Helene in Miß Temple's Zimmer lag aber mehr konnte ich nicht von ihr erlangen, und da ich mich nicht der feuchten Abendluft aussetzen wollte, so begab ich mich in den Schlafsaal. Es hatte eben neun Uhr geschlagen.

Zwei Stunden später, als ich nach der tiefen Stille schließen konnte, daß ich allein noch wachte, schlüpfte ich aus meinem Bett, warf meine weite Blouse über und schlich mich barfuß aus dem Saale, um das mir bezeichnete Zimmer aufzusuchen. Ich kannte den Weg und überdies erleuchtete der Mond die langen Corridors hinreichend, so daß mein Unternehmen nichts weniger als schwierig war als ich aber an dem Krankensaale vorüberging, der einen starken Geruch von Kampher und verbranntem Essig ausströmte, ergriff mich eine entsetzliche Furcht, da ich bedachte, daß bei dem leisesten Geräusch eine Krankenwärterin herauskommen und mir den Weg vertreten könnte. Helenen zu sehen, war mir unentbehrliches Bedürfniß geworden.

Nachdem ich dieses Hinderniß glücklich überwunden hatte, befand ich mich bald an der Thür, die ich suchte.

Ein heller Lichtstrahl fiel durch das Schlüsselloch und die Thüre selbst war nur angelehnt, ohne Zweifel, um ein wenig Luft in das Krankenzimmer einzulassen.

Ich zauderte nicht länger, meine Besorgnisse waren verschwunden. Jetzt hatte ich die Gewißheit, Helenen zu sehen, aber sollte ich sie lebend oder todt finden?
Dicht neben dem Bett der Miß Temple und von einem Vorhange desselben halb verborgen traf mein Blick auf ein schmales Lager, unter dessen Decke sich eine
menschliche Gestalt abzeichnete. Das Gesicht war durch den erwähnten Vorhang verhüllt. Unmittelbar daneben schlief die Krankenwärterin, mit der ich gesprochen hatte, und auf dem Tische stand ein düster brennendes Licht.

Miß Temple war nicht zugegen; ich erfuhr später, daß sie zu einer andern Schülerin gerufen worden war, welche phantasirte.

Ich trat näher und legte die Hand an den Vorhang.
Ich fühlte jedoch, daß ich sprechen mußte, ehe ich ihn zurückzog.

,Wenn dieser Körper ein Leichnam wäre,’ dachte ich. ,Helene, bist Du wach?’ fragte ich dann mit leiser Stimme.

Es regte sich etwas, der Vorhang öffnete sich wie von selbst und ich erblickte ein blasses, eingefallenes, aber vollkommen heiteres Gesicht. Meine Befürchtungen waren sogleich verschwunden.

,Wie, Jane, Du bist hier?’ fragte mich Helene mit der lieblichen Stimme, deren Zauber mich so oft gefesselt hatte.

‘Mit einem so ruhigen Blicke und einer so festen Stimme kann man nicht sterben,’ sagte ich zu mir selbst und beugte mich über das Bett, um meine Freundin zu umarmen. Ihre Stirn war kalt, ihre Wange ebenfalls; - ihre Hände und Arme waren abgemagert, aber ihr Lächeln war noch das nämliche wie früher.

Ich erzählte ihr mit wenig Worten, ich hätte erfahren, daß ihre Krankheit schlimmer geworden sei und ich hätte nicht einschlafen können, ohne sie vorher einmal zu sehen.

‘Nun wohl,’ entgegnete sie, ,Du kommst gerade noch zur rechten Zeit, um Abschied von mir zu nehmen.’

,Du reisest also ab, Helene? Du kehrst nach Hause zurück?’

,Ja, erwiderte sie, ‘nach Hause ... nach Hause, für immer.’

Meine Augen füllten sich mit Thränen und die Stimme versagte mir, als ich diese trüben Prophezeihungen widerlegen wollte. Ein heftiger Husten, der aber die Wärterin nicht aufweckte, verhinderte Helenen einige Minuten am Sprechen. Dann sagte sie viel leiser
zu mir:
,Deine Füße sind bloß, Jane; lege Dich zu mir und verbirg sie unter der Decke.’

Ich erfüllte ihren Wunsch. Sie schlang ihren Arm um mich und drückte mich an ihre Brust.
,Ich bin glücklich, wahrhaft glücklich, Jane, fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause mit schwacher Stimme fort. ,Wenn man Dir sagen wird, daß ich todt bin, so betrübe Dich nicht, es ist nicht der Mühe werth.
Früher oder später muß es doch dahin kommen, und die Krankheit, welche mich verzehrt, ist nicht schmerzhaft.
Sie verschlimmert sich allmählig, fast ohne daß ich es
bemerke, und läßt meine Seele vollkommen ruhig. Niemand wird meinen Verlust bedauern. Mein Vater hat sich seit Kurzem wieder verheirathet, und er wird mich daher nicht sehr vermissen. Indem ich jung sterbe, entgehe ich vielen Leiden. Ich besitze nicht das, was nöthig ist, um es in der Welt zu Etwas zu bringen. Immer und überall würde man mich zu tadeln und über mich zu klagen haben?

,Aber, Helene, fragte ich sie ängstlich, ‘weißt Du, wohin Du gehst?’
‘Ich gehe zu Gott, denn ich glaube an ihn. Ich zähle die Stunden, die mir noch bis zu dem Augenblicke übrig bleiben, der ihn mir offenbaren wich. Gott ist mein Vater und mein Freund.’

‘Und wenn ich sterbe, werde ich Dich wiedersehen?’
‘Ohne allen Zweifel, dort oben bei Dem, der uns Beide erschaffen hat.’
Es drängten sich noch viele andere Fragen auf meine Lippen, aber Helenens ruhiger Glaube beschämte mich.
Ich schwieg daher und drückte sie nur inniger an mich, als wollte ich sie zurückhalten.

,Wie wohl ist mir in diesem Augenblicke!’ hob sie wieder an. ‘Der Husten hatte mich angegriffen; jetzt fühle ich, daß mich der Schlaf übermannt. Geh nicht fort, Jane, ich habe Dich gern so recht nahe bei mir.
,Aber es ist Dir doch nicht kalt, liebes Herz?’
,Nein, antwortete ich, ,und kein Mensch soll mich jetzt von Dir trennen.’
, Gute Nacht, Jane!’
, Gute Nacht, Helene!’
Wir wechselten einen Kuß und überließen uns dem Schlummer.
Es war heller Tag, als ich erwachte überall herrschte eine ungewöhnliche Bewegung. Als ich die Augen öffnete, sah ich mich in den Armen der Krankenwärterin, die mich in den Schlafsaal trug. Man schalt mich, daß ich mein Bett verlassen hatte; auf alle meine
Fragen erhielt ich keine Antwort. Aber einige Tage nachher erfuhr ich, daß Miß Temple, als sie am frühen Morgen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, mich auf
Helenens Bett, meinen Kopf an ihre Schulter gelehnt und meine Arme um ihren Nacken geschlungen, gefunden hatte. Ich war eingeschlafen. ,Helene war gestorben!’
Habe ich Ihnen, für welche diese Seilen geschrieben sind, genügend dargethan, daß ohne Helenens Freundschaft und ohne den Wunsch, derjenigen unserer Lehrerinnen, die mir die meiste Theilnahme bewies, dieser Miß Temple, die ich Ihnen schon genannt habe, bald meine Dankbarkeit zu bezeigen, die widersetzliche, unbeugsame, männliche Seite meines Charakters mich aller Vortheile beraubt haben würde, welche mir der Aufenthalt in Lowood gewähren konnte? Ich weiß es nicht, denn ich habe tausend unbedeutende Vorfälle unerwähnt lassen müssen, die Ihnen, wie mir, diese unbestreitbare Wahrheit bewiesen haben würden. Doch was liegt daran? Es genüge, wenn ich Ihnen sage, daß ich sechs Jahre lang als Schülerin und zwei andere Jahre als Unterlehrerin die in meiner Macht stehenden Mittel zu meiner Ausbildung benutzte, abgesehen von einigen andern ernstern Studien. Ich war eine leidliche Musikkennerin geworden und bediente mich ziemlich gewandt des Pinsels, um die Gebilde meiner Phantasie, die Ihnen zuweilen von dem Alltäglichen abzuschweifen schien, auf die Leinwand zu übertragen.

Nach Verlauf dieser acht Jahre verheirathete sich Miß Temple und verließ Lowood, das mir von diesem Augenblicke an ein unerträglicher Aufenthalt wurde.
Ich überzeugte mich jetzt, daß das, was ich für Verständigkeit, für eine nie zu erschütternde philosophische Resignation, für den festen Willen, auf dem bescheidenen Wege fortzuschreiten, den mir die Vorsehung für immer angewiesen zu haben schien, gehalten hatte, nichts Andres war, als die Wirkung der aufrichtigsten Freundschaft und der heilsamen Rathschläge Miß Temple’s. Mit ihr schwand meine Seelenruhe, mit ihr flohen die frommen Vorsätze, zu leben und zu sterben, wo ich nützlich sein konnte, indem ich Waisen, wie ich, den Unterricht ertheilte, den ich selbst dem öffentlichen Mitleid verdankte.

Nachdem ich mich einige Zeit selbst getäuscht und die Traurigkeit, von der ich mich ergriffen fühlte; der Sehnsucht nach meiner abwesenden Freundin zugeschrieben hatte, machte ich eines Tages, ohne mir eigentlich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, die Entdeckung, daß ich den zu engen Horizont unsres Asyls nicht länger mehr ertragen konnte, daß ich mich nach einer größern Welt außerhalb dieses klosterähnlichen Gefängnisses sehnte.
Ich dachte fortwährend an diese Welt, an ihre gefahrvollen Prüfungen, an ihr von Befürchtungen und Hoffnungen, von bald günstigen, bald widerwärtigen Wechselfällen erfülltes Treiben, und mein Muth steigerte sich bei dem Gedanken, mich hinein zu stürzen, sollte ich auch darin umkommen. Und ich kam auf Ideen, wie man sie von jenem taitischen Mädchen erwarten konnte, die, ihre Rindenkleidung abwerfend, einen sehnsüchtigen und
zugleich ängstlichen Blick auf das Meer wirft, in das ihre Gefährtinnen sie zum ersten Male rufen.
Als ich. einmal des Nachts erwachte, ergriff mich plötzlich ein solcher Ueberdruß vor der Schule, ihren Regeln und ihren trocknen Pflichten, ich fühlte einen solchen Drang nach Freiheit, Veränderung und neuen Eindrücken, daß ich nicht, einmal den Versuch, machen konnte, dieses unwiderstehliche Verlangen zu bekämpfen.

Es herrschte eine vollkommene Stille im Schlafsaale; nur eine plumpe Walliserin, die meine Bettnachbarin war, erfüllte die Luft mit lautem Schnarchen. Sie war für mich die Personification der prosaischen Dienstbarkelt, zu der ich wider meinen Willen verurtheilt war und der ich mich durchaus entziehen wollte. Alle meine Gedanken concentrirten sich jetzt in der einen Frage: wie wird es mir gelingen, Lowood zu verlassen?
Tausend Pläne, von denen der eine immer abenteuerlicher und chimärischer war, als der andere, durchkreuzten sich in meinem erhitzten Kopfe, der sie als unausführbar verwarf, nachdem er sich einen Augenblick mit ihnen beschäftigt hatte. Meine Stirn glühte und eine fieberhafte Aufregung meines ganzen Nervensystems hatte mich gezwungen, mich in meinem Bett aufzurichten. Von Müdigkeit übermannt und von einem empfindlichen Gefühl von Kälte an meinen Schultern ergriffen, legte ich mich endlich wieder nieder, und als hätte plötzlich ein Engel des Himmels eine höhere Eingebung auf mich herabgesandt, sagte ich zu mir selbst, nachdem mein Haar kaum das Kopfkissen berührt hatte:

,Die Zeitung der Grafschaft nimmt alle Anerbietungen von Personen auf, die eine Stelle suchen. Warum sollte ich ihr nicht die Sorge übertragen, Jedermann zu sagen, daß ich bereit bin, eine unabhängigere und weniger einförmige Stellung anzunehmen, als die, welche mir das Schicksal angewiesen hat?’
Mein Plan war auf der Stelle gefaßt und seine Ausführung war die leichteste von der Welt. Ich bedurfte nur eines Vorwandes, und deren gab es tausende,
um die Erlaubniß zu erhalten, nach dem Postamte von Lowton zu gehen. Dort gab ich meinen Brief an die Redaction des Journals ab, welcher das Gesuch einer
Gouvernante enthielt, die sich erbot, ein oder mehre junge Mädchen unter vierzehn Jahren zu erziehen, indem sie versprach, ihnen Französisch, Zeichnen und Musik zu lehren. Anträge erbat ich mir unter der Adresse: Miß J. E., Poste restante Lowton. Dann nahm ich mir vor, alle acht Tage nachzusehen, ob Jemand geneigt war, auf mich zu reflektiren.

Mein Wunsch ging schneller in Erfüllung, als ich gehofft hatte. Schon bei meiner ersten Nachfrage fand ich einen Brief unter meiner Chiffre vor, der folgende Zeilen enthielt:

,Wenn J. E., welche sich am vergangenen Donnerstage in dem ... shire Herald als Gouvernante offerirt hat, wirklich. die angeführten Talente besitzt und wenn sie genügende Empfehlungen ihres Charakters und ihrer frühern Wirksamkeit beibringen kann, so
wird ihr hiermit eine Stellung vorgeschlagen, in welcher sie die Erziehung eines einzigen Mädchens unter zehn Jahren zu leiten hat. Der Gehalt bestehe in dreißig Pfund Sterling für das Jahr. J. E. kann die oben verlangten Nachweisungen, sowie die Namen
der Personen, auf deren Empfehlung sie sich beruft,
an die Herren Fairfax in Thornfield bei Millcote in
ber Grafschaft** einsenden.’
Die Handschrift dieses Blattes war schwerfältig, altfränkisch und zitternd; es war augenscheinlich die einer Frau in vorgerückten Jahren. Ich konnte mir nichts Besseres wünschen und vergegenwärtigte mir sogleich das Bild einer achtbaren Matrone mit würdigen und kalten Manieren und ganz in schwarze Seide gekleidet. Thornfield war ohne Zweifel ein altes Haus, vielleicht ein
Schloß mit kleinen Thürmen, und in Bezug auf Millcote überzeugte ich mich bald durch Nachschlagen in einem geographischen Lexikon, daß es ein bedeutender Fabrikort
war, der an dem Flusse A. lag. Danach konnte ich mir leicht ein Städtchen vorstellen, das von betriebsamen Einwohnern bevölkert war, einen Wald von hohen Schornsteinen, aus denen ein dunkler Rauch emporstieg, das Geräusch der Werkstätten, der Wasserräder, der Schmiedehämmer, der ab- und zufahrenden Lastwagen und der Schiffer, die sich auf dem Leinpfade herumstritten.
Der Gehalt war anständig, denn er verdoppelte mein geringes Salair von Lowood und lieferte mir ein unwiderlegliches Argument bei der Vorsteherin, wenn sie
es sich hätte beikommen lassen, meinem Abgange hindernd
in den Weg zu treten. Aber sie dachte gar nicht daran und wollte nur an Mistreß Reed schreiben, als die Person, welcher die Anstalt für meine Zukunft Rede zu stehen habe.

Meine ehrenwerthe Tante antwortete mit zwei Zeilen, daß ich ganz nach meinem Belieben handeln könne, da sie schon seit langer Zeit darauf verzichtet habe, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Ich hatte also nach wenigen Tagen mit einem Zeugniß meiner guten
und treuen Dienste volle Freiheit, zu gehen, wohin eine neue Bestimmung mich rief. In der Zwischenzeit hatte
ich an Mistreß Fairfax geschrieben, die sich in ihrer Antwort durch die meinem Briefe beigefügten Zeugnisse befriedigt erklärte.
Mein Koffer war eben so bald gepackt, als vor acht Jahren bei meiner Abreise von Gateshead-Hall, denn
meine, wenn auch hinreichende Garderobe hatte sich in dieser langen Zeit nicht sehr vermehrt. Eben so bestieg ich an einem Octobermorgen um vier Uhr die durch Lowton fahrende Diligence und sechzehn Stunden nachher, gegen acht Uhr Abends, befand ich mich in einem Gasthofzimmer zu Millcote vor einem behaglichen Feuer, bei dessen Schein ich an den Wänden des ,Salons’ ein
Portrait von Georg III., ein anderes von dem Prinzen von Wales und den berühmten Kupferstich, welcher den Tod Wolfe's darstellt, bewundern konnte. Dies sei nur
erwähnt, um Ihnen zu zeigen, wie lebhaft mir alle Erinnerungen aus jener Zeit im Gedächtniß geblieben sind.

Als ich diese herrlichen Kunstwerke eine halbe Stunde betrachtet hatte, ergriff mich eine gewisse Unruhe und
zugleich der sehnliche Wunsch, meine Reise fortzusetzen. Ich schellte daher und erkundigte mich nach einem Landsitze mit Namen Thornfield, der in der Nähe von Millcote liegen sollte.

‘Ich kenne diesen Ort nicht,’ erwiderte der Kellner, ‘aber ich will nachfragen.’

Nach einigen Augenblicken, kam er eiligst zurück und fragte mich:
,Sind Sie vielleicht Miß Eyre?’
,Allerdings.’
‘Es ist Jemand hier, der Sie erwartet.’
Dieser Jemand war der Kutscher eines einspännigen Wagens, den ich hatte im Hofe stehen sehen, ohne zu ahnen, daß er für mich bestimmt war. Ohne große Umstände bemächtigte er sich meines Koffers, ließ mich in den Wagen steigen und antwortete mir kaum, als ich
ihn fragte, ob Thornfield weit sei:
‘Ohngefähr sechs Meilen, in höchstens anderthalber Stunde sind wir dort.’
Dieser Anfang stimmte meine erste Meinung über Mistreß Fairfax ein wenig herab. Die reiche Witwe, die ich mir vorgestellt hatte, sollte einen höflichern Kutscher und einen elegantern Wagen haben. Ich hatte mich indeß bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, bei einer einfachen Bürgersfrau und einem kleinen Mädchen zu leben, die ich im Geiste mit allen Reizen kindlicher Anmuth und Liebenswürdigkeit schmückte.

Fast genau in der voraus bestimmten Zeit kamen wir bei dichtem Nebel vor einem Hofthore an, welches der Kutscher öffnete und das sich hinter uns mich Geräusch
wieder schloß. Dann hielt der Wagen am Fuße eines Perrons vor einem ziemlich großen Hause, das völlig dunkel war, mit Ausnahme eines einzigen vorspringenden
Fensters, hinter welchem eine Lampe brannte. Ein Dienstmädchen öffnete und ließ mich aussteigen. Dann
führte sie mich durch eine Vorhalle, auf welche sich vier große Thüren öffneten, in einen kleinen Salon, der von
einem behaglichen Feuer und mehren Lichtern hell erleuchtet wurde.
- Hier saß an einem runden Tische in einem großen
Lehnstuhle von altmodischer Form Mistreß Fairfax, fast
ganz dem Bilde entsprechend, das ich mir von ihr entworfen hatte; sie war eine kleine alte Frau von außerordentlicher Sauberkeit, trug eine Witwenhaube, ein
schwarzseidnes Kleid und eine weiße Musselinschürze.
Zu ihren Füßen schlief eine große Katze und sie strickte
mit lobenswerthem Fleiße; mit Einem Worte, es konnte
mich nichts schneller und besser beruhigen, als das friedliche und wohlthuende Bild dieser ächt englischen Häuslichkeit.
Ich fühlte mich daher fast sogleich heimisch und als ich den Thee angenommen hatte, den meine neue Gebieterin mir mit größerer Artigkeit anbot, als ich gehofft hätte,
fragte ich sie ganz unbefangen:
,Werde ich noch diesen Abend das Vergnügen haben,
Miß Fairfax zu sehen?’
,Wie sagen Sie, meine Liebe?’ versetzte die gute Dame. ,Ich höre ein wenig schwer.’
Ich wiederholte meine Frage mit lauterer Stimme.
,Miß Fairfax? Ah so ... Sie meinen Miß Varens. So heißt Ihr künftiger Zögling.’
,Sie ist also nicht Ihre Tochter? fragte ich etwas verwundert.
‘Nein, ich habe keine Kinder.’

Die Sache war ganz geeignet, meine Neugier rege zu machen, aber ich bedachte noch zur rechten Zeit, daß jetzt nicht der passende Augenblick sei, näher auf ein Verhältniß einzugehen, über das ich früher oder später Aufschluß erhalten mußte, und das Gespräch nahm daher eine weniger interessante Wendung. Mistreß Fairfax ließ mir sehr deutlich bemerken, daß meine Ankunft ihr außerordentlich angenehm war, besonders wegen
- der Langeweile und der Furcht, die ihr der Aufenthalt in einem einsamen Schlosse verursachte, wo sie keine andere Gesellschaft hatte, als eine einzige Dienerin, die nämliche, welche mir die Thür geöffnet hatte, im Ganzen ein gutes Mädchen, deren Unterhaltung jedoch einer Dame von einiger Bildung nicht genügen konnte.

Ohne mir recht erklären zu können, warum Mistreß Fairfax sich selbst zu einer Existenz verurtheilte, die ihr so wenig zu gefallen schien, fühlte ich mich durch die offenherzige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß, zu ihr hingezogen, und unsre gegenseitige Vertraulichkeit machte schon an diesem ersten Abende rasche Fortschritte.

Am folgenden Morgen stand ich frühzeitig auf und verwandte alle mit dem beschränkten Umfange meiner Garderobe verträgliche Sorgfalt auf meinen Anzug, denn da ich, und mit Grund, durchaus kein Vertrauen auf
das Ansprechende meiner äußern Erscheinung setzte, so
wollte ich doch keinen abstoßenden Eindruck auf meinen Zögling machen.
Dann ging ich an einem schönen Herbstmorgen auf den noch grünen Rasenplatz, der sich vor meiner neuen Wohnung befand.

Thornfield war kein großes herrschaftliches Schloß, sondern nur ein einfacher Edelhof, ein schönes Landhaus,
das vor einigen hundert Jahren erbaut war und dessen graue Façade sich von dem braunen Hintergrunde
eines Gehölzes abzeichnete, in welchem mehre hundert
Krähen ihr Gekrächz ertönen ließen. Wenn diese lärmenden Vögel zuweilen aufflogen, ließen sie sich auf einer
großen Wiese nieder, die zwischen dem Hause und
einer Reihe alter dorniger Bäume mit dicken verkrüppelten Stämmen lag, deren in einander verschlungene Zweige einen undurchdringlichen Wald bildeten.
‘Thornfield,’ dachte ich, ,heißt Dornenfeld. Diese
Bäume haben der Besitzung ohne Zweifel ihren Namen
gegeben.’
Während ich mich der süßen Träumerei des Morgens hingab, der man sich auf einem sonnigen Spaziergange in einer neuen Gegend so gern überläßt, wurde ich durch Mistreß Fairfax mit einem freundlichen Compliment über die kurze Dauer meines Schlafes gestört.

, Gefällt Ihnen Thornfield?’ fragte sie mich dann.

,Außerordentlich,’ erwiderte ich mit dem Ausdrucke der Wahrheit.
,Es ist in der That nicht übel,’ versetzte Mistreß
Fairfax. ,Aber das Haus wird bald in Verfall gerathen,
wenn Master Rochester sich nicht entschließt, es eine Zeit
lang zu bewohnen oder es wenigstens öfterer zu besuchen. Für so große Wohnungen und die dazu gehörigen Ländereien ist die Anwesenheit des Besitzers unerläßlich.’

,Master Rochester?’ rief ich aus; ,wen meinen Sie damit?’
,Den Besitzer von Thornfield, erwiderte sie mit großer Ruhe. ,Wußten Sie noch nicht, daß er Rochester heißt?’
,Nicht im Entferntesten, ich glaubte, Thornfield gehöre Ihnen.’
,Mir, liebes Kind? Wo denken Sie hin? Ich bin bloß als Intendantin hier, oder als Wirthschafterin, wenn Sie wollen. Ich bin allerdings, das heißt, mein
Gatte war entfernt mit Rochester verwandt, denn die
Mutter des jetzigen war eine Fairfax und meine Cousine
im zweiten Grade, aber ich lege durchaus keinen Werth
auf diese Verwandtschaft, die ohne alle Bedeutung ist.
Ich nehme hier nur eine untergeordnete Stellung ein und
da mir der Besitzer des Gutes mit der größten Achtung
begegnet, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen.’

,Und das kleine Mädchen, meine Schülerin?. . .’
‘Ist die Mündel Master Rochesters, der mich beauftragt hat, eine Gouvernante für sie zu suchen. Da kommt sie übrigens mit ihrer Bonne, Sie können sogleich Bekanntschaft mit ihr machen.’
Adele Varens, die in der That aus dem kleinen Gehölz uns entgegenkam, war ein Kind von sieben bis acht Jahren von schwächlicher Gestalt und bleichem Gesicht, das von ungewöhnlich starkem Haar eingefaßt war.
Der Ausdruck ihrer Physiognomie war höchst geistreich.

Ich hatte für sie und auch für Sophien, ihre französische Bonne, den großen Vortheil über Mistreß Fairfax, daß ich die Sprache ihres Vaterlandes sprach. Adele war in Frankreich und wie mir schien, von einer französischen Mutter geboren und hatte die fremdartige Erziehung genossen, welche die geistige Entwickelung der Jugend zu ihrem größten Nachtheile beschleunigt. Eine Stunde, nachdem Mistreß Fairfax mich ihr vorgestellt, hatte sie mir bereits eine schmachtende Romanze vorgesungen; mit reizender Anmuth die Lafontaine'sche Fabel: ,Der Rattenbund’ declamirt und ohnerachtet meiner Bitte, sich nicht so sehr anzustrengen, tanzte sie auch noch ich weiß nicht was für einen spanischen Tanz, bis die zu gelegener Zeit ertönende Frühstücksglocke dieser Darlegung geringfügiger Talente ein Ziel setzte.
Nach, dem Frühstück zeigte mir Mistreß Fairfax, als eine Wirthschafterin, deren Eitelkeit selten eine Gelegenheit hat, sich auszusprechen, das ihrer Obhut anvertraute Haus in allen seinen Einzelheiten. Als wie in das Staatszimmer traten, bemerkte ich mit Erstaunen, daß alle Anstalten darin getroffen waren, als ob für den nämlichen Abend eine Gesellschaft von fünfzig Personen erwartet würde. Kein Stäubchen war auf den ihrer Ueberzüge entblößten Möbeln zu sehen, das Feuer war zurecht gelegt und in einem an den Salon stoßenden, weiß ausgeschlagenen Boudoir mit gegossenen Stuckverzierungen, einem marmornen Kamin und böhmischen Glasgeschirren, die in Rubin geschliffen zu sein schienen, erwarteten die ausgebreiteten Teppiche nur noch den Fuß des Hausherrn.

Ich machte Mistreß Fairfax meine Bemerkung darüber.

,Aufrichtig gesagt, Miß Eyre, entgegnete sie, ,würde ich mir aus eignem Antriebe nicht die Mühe geben, welche ein solches Arrangement erfordert, aber ich habe bemerkt, daß, wenn Herr Rochester uns einen seiner seltenen und stets unvermutheten Besuche abstattet, ihm die Unordnung und das Geräusch eines gewöhnlichen Einzugs unangenehm ist. Ich habe es daher für meine Pflicht gehalten, ihm diesen kleinen Verdruß zu ersparen.’

‘Mr. Rochester ist also wohl sehr eigen und streng?’
‘Keineswegs, aber er hat seine Gewohnheiten und scheint Wert darauf zu legen, daß man sie achtet. Es sind übrigens die eines vollkommenen Gentleman.’
‘Ist er allgemein beliebt?’
‘Er steht in der ganzen Umgegend in sehr hoher Achtung. Die Herrschaft gehört der Familie Rochester seit undenklichen Zeiten.’
‘Verzeihen Sie . . . ich verstand meine Frage anders. Lieben Sie Herrn Rochester?’
‘Ich habe durchaus keinen Grund, ihn nicht zu lieben. Er steht allgemein in dem Rufe der Gerechtigkeit und Freigebigkeit gegen Jeden, der von ihm abhängt.’
‘Aber sein Charakter . . .’
‘Seinem Charakter läßt sich eben so wenig etwas Böses nachsagen. Er ist vielleicht ein wenig originell, aber wir haben uns nicht darüber zu beklagen.’
Um eine Unterhaltung abzubrechen, die ihr augenscheinlich nicht behagte, schlug Mistreß Fairfax, die ich von nun als meines Gleichen betrachtete, mir vor, auf die Dächer des Schlosses zu steigen, wo man, wie sie sagte, eine wundervolle Aussicht habe. Um zu der kleinen Treppe zu gelangen, auf welcher man hinaufstieg. gingen wir durch eine lange Reihe von Zimmern, deren unbenutzte Räume, eiskalte Temperatur, vergilbtes Meublement und altmodische Tapeten unwillkürlich an Geistergeschichten erinnerten.
Die Aussicht von den Dächern war in der That reizend und ich gewann schon eine richtige Ansicht, als ich bis jetzt gehabt hatte, von der Ausdehnung dieses schönen Landgutes, das, meiner Meinung nach, von seinem undankbaren Besitzer viel zu sehr vernachlässigt wurde.
Als wir wieder hinabgingen, wurde Mistreß Fairfax mit dem Schließen der Fallthüre, durch welche man auf die Terrasse gelangt, ein wenig aufgehalten und ich wagte mich allein in einen dunkeln Gang, der sich zwischen einer doppelten Reihe von Bodenkammern hinzog. Es war völlig still und ich ging mit geräuschvollen Schritten vorwärts, als mir plötzlich zu meiner höchsten Überraschung aus einem dieser hohen Räume, die ich unbewohnt glaubte, ein lautes Gelächter entgegenschallte.
Es war ein ganz eigentümliches, kurz abgestoßenes, regelmäßiges Lachen, das keineswegs Heiterkeit ausdrückte. Zuerst nahm es an Stärke zu und dann ging es in ein sonderbares Gemurmel über.
Es machte einen ängstlichen Eindruck auf mich.
‘Mistreß Fairfax!’ rief ich, als ich mich ein wenig von meinem Staunen erholt hatte und meine Begleiterin auf der schmalen Dachtreppe herabkommen hörte. ‘Haben Sie dieses Lachen gehört?’
‘Wahrscheinlich ein Bedienter,’ entgegnete sie leicht hingeworfen.
‘Aber haben Sie es denn gehört?’
‘Allerdings, ich höre es oft . . . Es wird Grace Poole sein, die zuweilen hier oben arbeitet.’
Ein neues Gelächter erschütterte meine Nerven.
‘Grace!’ rief Mistreß Fairfax.
Dieser Name schien nicht in Einklang mit dem Lachen zu stehen, von dem ich spreche. Es öffnete sich indes sogleich eine Thür und auf der Schwelle erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, kräftiger Gestalt und auffallender Hässlichkeit, mit hochrotem Gesicht und rothen Haaren.
Ich schämte mich meiner Furcht.
‘Grace,’ sagte Mistreß Fairfax trocken zu diesem ganz gewöhnlichen Geschöpf; ‘es ist zu viel Lärm hier. Ihr wißt, was Euch befohlen ist . . .’
Grace Poole verbeugte sich, ohne ein Wort zu erwidern und kehrte in ihre Bodenkammer zurück.

IV.
Wenn die Ruhe das Glück wäre, wer hätte dann glücklicher sein können als ich in Thornfield war. Mein Zögling, ein liebes, freundliches Kind, suchte mir nur zu gefallen und ihr leicht empfänglicher, wenn auch nicht ausgezeichneter Verstand sträubte sich bis zu einem gewissen Grade gegen keine Art von Unterricht. Mistreß Fairfax besaß ein ruhiges, gefälliges, sich stets gleichbleibendes Gemüt und fand immer mehr Wohlgefallen an mir; die Dienerschaft, welche ohne Mühe in einer gleichförmigen Ordnung erhalten wurde, verursachte mir nie den geringsten Verdruss. Und dennoch hatte ich traurige Stunden. Die Tätigkeit fehlte mir, wie so vielen unglücklichen Geschöpfen, die sich im Stillen gegen ihr scheinbar glückliches und beneidenswertes Schicksal auflehnen. Niemand weiß vielleicht, wie viele individuelle Kämpfe, Auflehnungen und Rebellionen der Himmel jeden Tag aufzeichnet, namentlich unter den anscheinend so demütigen Frauen, welche man nur dafür tauglich gefunden hat, Pasteten zu backen, Strümpfe zu stricken, Pianoforte zu spielen und Pantoffeln zu sticken, welche sich scheinbar diesem demütigenden Loose unterworfen haben und die gleichwohl bei ihren geistlosen Arbeiten tausend und aber tausend verzweifelte Protestationen gen Himmel senden.
So vergingen die Monate October, November, December und Januar. Eines Morgens ließ mich Adele, die einen starken Schnupfen hatte, durch Misters Fairfax bitten, die Unterrichtsstunden für heute auszusetzen, und ich weigerte mich anfangs, da ich mir selbst nicht gestehen wollte, welche Freude ich darüber empfand, endlich einmal einige Stunden zu meiner freien Verfügung zu haben. Adele bat dringender und ich gab meine Einwilligung.
Gegen zwei Uhr hatte Misters Fairfax eben einen Brief beendigt, der zur Post geschickt werden mußte. Die Straße war hart gefroren, der Himmel rein und die Sonne schien klar und hell, so daß mich die Lust anwandelte, da ich eine geraume Zeit in der Bibliothek gesessen hatte, selbst den Brief zu besorgen, den sie durch den Kutscher absenden wollte. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Stunden bei dem schönsten Wetter; eine Einsiedlern wie ich konnte ihren Nachmittag nicht besser hinbringen.
Man muß lange in der Abgeschiedenheit gelebt haben, um in dem Anblicke der Natur den mächtigen Reiz zu finden, welchen die Maler darin entdecken, und den sie allein wiederzugeben im Stande sind. Wenn ich diesen Auserwählten gehörte, wenn ich den magischen Pinsel enges Constable besäße, dann würde ich Ihr kleines Museum mit der Landschaft bereichern, die an meinen Augen vorüberzog, als die Glocke auf dem Kirchtürme des Dorfes drei Uhr schlug. Der Himmel wurde schon matt und die Sonne neigte sich langsam nach dem Horizonte hinab. Ich befand mich in eine Gegend, die im Sommer wegen ihrer wilden Rosenbüsche und im Herbst wegen ihrer Haselnüsse und Brombeeren bekannt war. Die Früchte des Hagelkorns und der Hagebutte verliehen ihr selbst im Winter eben Korallenschmuck; aber ihr größter Reiz war ihre gänzliche Einsamkeit und vollkommene Stille. Der Wind strich darüber hin, ohne ein Geräusch zu erwecken, da kein Ginstergebüsch, keine Zypresse vorhanden war, deren Laub er hätte bewegen können. Die kahlen Haselnußsträuche und Mispelbäume bewegte sich eben so wenig unter seinem Hauche als die weißen, glatten Steine auf dem Wege. In der Ferne erstreckten sich zu beiden Seiten nackte Wiesen, auf denen kein Vieh weidete, und die kleinen Vögelchen, welche hin und wieder über die Zäune flogen, schienen dürre Blätter zu sein, die der Wind bis jetzt zu entführen vergessen hatte.
Was soll ich Ihnen sagen? Ich wurde im Angesicht dieser vielleicht so einfachen und allgewöhnlichen Dinge von einer Art Begeisterung ergriffen. Ich vergaß die Kälte, den Zweck meines Ausgangs, die herannahende Dunkelheit, hüllte mich fester in meinen Mantel, drückte die Hände tiefer in meinen Muff und setzte mich auf eine hölzerne Barriere, mit der ein Feld umfriedigt war. Ich hatte
indeß erst die Hälfte des Wegs nach dem Flecken zurückgelegt, wohin ich gehen wollte, und den ich auf der Anhöhe, hinter einem Schleier von Bäumen, an dem von den Dächern emporsteigenden Rauche und dem leisen Geräusch erkannte, welches durch die tiefe Stille der einsamen Landschaft bis zu mir drang. Hinter mir konnte ich noch Thornfield sehen, mit seinen grauen Zinnen und seinem majestätischen Gehölz, dem Asyle der lärmenden Krähen.
Thornfield begrenzte den westlichen Horizont und ich hörte nicht eher auf, es zu betrachten, als bis die untergehende Sonne hinter seine hohen Mauern hinabgesunken war.
Jetzt erst dachte ich daran, meinen Weg fortzusetzen, und während ich noch einmal dem Rauschen eines entfernten in irgend einer unbekannten Tiefe verborgenen Wassers horchte, vernahm ich plötzlich, zwar ebenfalls noch in der Ferne, aber doch ganz deutlich, den hellen, regelmäßigen, metallischen Klang eines Hufschlages, welcher das unbestimmte, klagende Murmeln des unsichtbaren Baches übertönte. Der Reiter kam auf dem nämlichen Wege getrabt, an dessen Rande ich saß, und dessen Krümmungen ihn noch meinem Blicke verbargen.
Da der Weg schmal war und das Geräusch sich mit jeder Sekunde näherte, so blieb ich sitzen, um den Reiter vorüber zu lassen.

Ich war damals jung und mein Kopf mit allerlei Sagen angefüllt. So erinnerte ich mich, während ich nach der Richtung blickte, woher das Pferd kommen mußte, einer Menge von Wundermährchen, in denen ein im Norden Englands unter dem Namen Gytrash sehr bekannter Geist die Hauptrolle spielte, der in der Gestalt eines Pferdes, eines Maulthieres oder eines großen Hundes vorzugsweise die einsamen Straßen besucht und den verspäteten Reisenden viel zu schaffen macht ... und ich selbst hatte mich in diesem Augenblicke verspätigt.
Während ich über diese fantastische Erscheinung nachsann, hörte ich neben mir in der Hecke ein anderes Geräusch, über das ich heftig erschrak, und fast in dem nämlichen Augenblicke sah ich durch die gewaltsam zurückgebogenen Zweige einen großen Hund hervorkommen, dessen schwarz, und weiß geflecktes Fell von dem braunen Hintergrunde der Hecke abstach. Dies war gewiß der Gytrash meiner Ammenmährchen: eine Art Löwe mit langem Haar und dickem Kopfe, und ich wunderte mich, daß er ganz ruhig an mir vorüberging indem er mich kaum eines allerdings übernatürlichen Blickes würdigte, den man nicht mit dem eines gewöhnlichen Hundes verwechseln konnte, vorausgesetzt, daß man mit einer zum Wunderbaren geneigten Phantasie begabt war.
Dann kam das Pferd, ein wohlgenährter Stutzschwanz, und, was noch schlimmer war, mit einem Reiter auf dem Rücken. Ein Gytrash aber hat sich nie reiten lassen, selbst nicht von Beelzebub in eigener Person. Meine Vision war also gestört, aber meine Enttäuschung sollte noch vollständiger werden. Der Reisende war in der That an mir vorbei geritten und da ich mich wieder ganz im Bereiche der Wirklichkeit befand, so hatte ich schon meinen Weg nach Hay fortgesetzt, als mich das Geräusch eines Falles und der unmittelbar darauf folgende Ausruf: ,Verwünschte Geschichte!’ veranlaßten, stehen zu bleiben und mich umzusehen.

Mann und Pferd lagen am Erdboden: Letzteres war auf einer hart gefrornen Pfütze ausgeglitten.

Der Hund war bereits umgekehrt und übernahm ebenfalls seine Rolle bei dem Ereignisse, indem er laut bellte, um seinen Herrn herumlief und mir entgegengesprungen kam, um meinen Beistand anzusprechen.

Da außer mir kein Mensch in der Nähe war, so schien es mir eine Unmöglichkeit, daß ich dem Fremden nicht einige Theilnahme bezeigen sollte. Ich ging daher auf ihn zu, während er sich mit großer Anstrengung von den Steighügeln und von der Last seines Pferdes zu befreien suchte. Wenn man seine kraftvollen Bewegungen sah, so konnte man schwer glauben, daß er gefährlich verwundet sei. Ich fragte ihn indeß, ob er sich weh gethan habe. Ich hörte seine Antwort nicht deutlich, und vermuthete fast, daß er, anstatt auf meine Frage zu antworten, einen halblauten Fluch ausstieß.

,Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen?’ fragte ich ihn weiter.
,Sie können mir aus dem Wege gehen,’ erwiderte er, indem er sich zuerst auf die Kniee erhob und dann ganz aufstand.

Ich trat schweigend zurück und nun begann ein Arbeiten mit Füßen, Händen und Hufen, vermischt mit Bellen und Fluchen, das mich natürlich noch etwas weiter entfernte. Ich wollte indeß sehen, wie die Sache enden würde, und der Kampf fiel endlich zu Gunsten des Reiters aus. Er brachte das Pferd wieder auf die Beine und gebot seinem Hunde mit einem sehr kräftigen: ,Ruhe, Pilot!’ Stillschweigen. Dann bückte er sich und befühlte seine Beine und seine Füße, als wollte er sich überzeugen, ob sie unversehrt geblieben wären. Wahrscheinlich aber entdeckte er eine mehr oder- minder erhebliche Verletzung, denn anstatt sein Pferd zu besteigen, setzte er sich auf die Barrière, die ich vor einigen Augenblicken verlassen hatte.
Ich mußte in einer ganz besonders dienstfertigen Stimmung sein, denn ich näherte mich ihm von Neuem.
,Wenn Sie verwundet sind, mein Herr, und irgend einer Hilfe bedürfen,’ sagte ich zu ihm, o könnte ich sie Ihnen von Hay aus oder von Thornfield-Hall' zusenden.
,Ich danke Ihnen, Miß, ich werde mich schon selbst aus der Verlegenheit ziehen, denn ich habe nichts gebrochen, sondern mir nur den Fuß verrenkt.’

Er versuchte aufzutreten, aber der Schmerz preßte ihm einen leisen Schrei aus.
Der Abendhimmel war noch von der untergegangenen Sonne geröthet und am östlichen Horizont glänzte der Mond. Diese doppelte Erleuchtung erlaubte mir den Fremden deutlich zu erkennen. Ein mit Pelz besetzter und von einer stählernen Agraffe zusammengehaltener Reisemantel umhüllte und verbarg seine Gestalt, so daß ich nur so viel unterscheiden konnte, daß er von mittelgroßer aber kräftiger Statur war. Seine Gesichtsfarbe war gebräunt, seine Stirn breit und der Ausdruck seiner Physognomie ernst und streng. Besonders in diesem Augenblicke verliehen ihm die zusammengezogenen Brauen und
die noch zornfunkelnden Augen ein wenig einnehmendes Aeußere.

Uebrigens war er nicht gerade mehr jung, obgleich er noch nicht das eigentliche reife Alter erreicht hatte; man konnte ihn auf fünfunddreißig Jahre schätzen.
Er flößte mir durchaus keine Furcht ein, höchstens fühlte ich mich ihm gegenüber etwas verlegen. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, bei einem schönen jungen Manne von mehr oder weniger romanhaftem Aeußeren stehen zu bleiben, um ihn so ungenirt anzureden, noch viel weniger aber ihm einen Dienst anzubieten, den zu verlangen er durchaus nicht geneigt schien. Nein. Ohne je einen Romanhelden gesehen, ohne je Gelegenheit gehabt zu haben, mit einem dieser Wesen zu sprechen, die mir stets als gefährlich dargestellt worden waren, empfand ich für dieses Geschlecht im Allgemeinen eine tiefe Abneigung, verbunden mit einer Art von Bewunderung, wie man sie für das Feuer, für den Blitz, kurz für Alles hegt, was glänzt und dabei schädlich werden kann.

Wäre der Fremde in heiterer Stimmung gewesen, hätte er meine gutgemeinten Vorschläge freundlich aufgenommen und mir mit gewöhnlichen Artigkeiten geantwortet, so würde ich höchst wahrscheinlich meines Weges gegangen sein, ohne ihn weiter zu beachten. Aber das barsche Benehmen und die verdrüßliche Laune meines Unbekannten beruhigten mich vollkommen. Als er mir daher einen Wink gab, mich zu entfernen, rief ich aus:

,Ich kann Sie wahrhaftig zu dieser Stunde und in einer solchen Einsamkeit nicht verlassen, ehe ich mich nicht überzeugt habe, daß Sie im Stande sind, Ihr Pferd
wieder zu besteigen.’

Er heftete seine Augen auf mich, als er mich in einem so entschiedenen Tone sprechen hörte. Ich glaube, er hatte mich bis jetzt noch gar nicht angesehen.
,Aber mich dünkt,’ entgegnete er fast sogleich, ,daß Sie jetzt zu Haus sein sollten, wenn anders Sie hier in der Gegend wohnen. Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?’

,Ich komme dort aus dem Schlosse und fürchte mich durchaus nicht des Abends, wenn der Mond scheint. Ich würde gern nach Day gehen, um Ihnen Hilfe zu senden; übrigens gehe ich ohnedies dahin.’

,Sie kommen dort aus dem Schlosse, sagen Sie? Das heißt also, Sie wohnen in diesem großen Hause mit den Schießscharten?’ fragte mich der Fremde, indem er nach Thornfield-Hall zeigte, das der Mond senkrecht beleuchtete.
,Ja, mein Herr.’
,Und wem gehört dieses Haus?’
,Herrn Rochester.’
,Kennen Sie Herrn Rochester?’
,Nein, ich habe ihn nie gesehen.’
,Bewohnt er sein Hause?’
,Nein.’
,Können Sie mir sagen, wo er sich befindet?’
,Dies weiß ich nicht.’
,Sie sind doch gewiß keine Dienerin aus dem Schlosse; Sie sind . . .’
Er hielt inne, wahrscheinlich um meinen Anzug zu betrachten, der wie gewöhnlich sehr einfach war, und aus einem schwarzen Merinomantel und einem schwarzen Castorhut bestand, beide weniger elegant, als sie manche Kammerzofe eines großen Hauses sich gewünscht haben würde. Ich sah, das er etwas verlegen war.

,Ich bin die Gouvernante, sagte ich daher, um seiner Ungewißheit ein Ende zu machen.

‘Ah so, die Gouvernante,’ versetzte er; ,auf Ehre, ich dachte nicht mehr daran.’

Er betrachtete mich von Neuem. Nach einigen Minuten versuchte er nochmals aufzustehen; aber ein heftiger Schmerz malte sich in seinen Zügen.
,Ich möchte Sie nicht gern mit der Bitte belästigen,’ sagte er endlich, ,Beistand für mich herbeizuholen; aber wenn Sie die Güte haben' wollten, könnten Sie selbst
mich ein wenig unterstützen. Haben Sie vielleicht einen Sonnenschirm, der mir als Stock dienen könnte? . . . Nein .. . nun wohl, so versuchen Sie, mein Pferd am
Zügel zu nehmen und es hierher zu führen. Haben Sie Muth genug dazu?’
Unter anderen Umständen würde ich es mir nicht getraut haben, aber ich weiß selbst nicht warum, es war mir, als müßte ich diesen Befehl ohne Widerrede vollziehen. Ich legte daher meinen Muff auf die Barrière und unternahm die ziemlich schwere Aufgabe, ein sehr feuriges Pferd zu bändigen, das große Lust zu haben schien, sich zu bäumen und dessen Hufe dicht neben meinen Füßen den Erdboden stampften, was mir grosse Furcht einflößte. Der Reiter wartete einige Zeit auf den Erfolg meiner vergeblich wiederholten Anstrengungen. Dann lachte er laut auf.

,Ich sehe wohl,’ sagte er, ‘daß der Berg nicht zu Mahomed kommen wird, und daß also Mahomed versuchen muß, zu dem Berge zu gelangen. Haben Sie die
Güte, hierher zu kommen.’

Ich gehorchte, ohne den geringsten Einwand.

,Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit,’ fuhr er fort, ,aber die Nothwendigkeit zwingt mich, Sie selbst als Krankenstab zu benutzen.’
Er stützte nun so schonend als möglich eine mir ziemlich schwer dünkende Hand auf meine Schulter und hinkte, fast ganz auf einem Beine hüpfend, bis zu seinem,
Pferde, das er beim Zügel ergriff. Mit großer Anstrengung gelang es ihm hierauf, sich in den Sattel zu schwingen. An seinen veränderten Gesichtszügen sah man deutlich, wie sehe ihm seine schmerzhafte Verrenkung bei allen Bewegungen hinderlich war.
,Jetzt bitte ich Sie noch um meine Reitpeitsche, sie liegt dort an der Hecke.’
Ich hob sie auf und brachte sie ihm.
,Ich danke. Tragen Sie nun Ihren Brief nach Hay, und kommen Sie baldmöglichst zurück.’

Mit diesen Worten gab der sonderbare Reiter seinem Pferde die Sporen, so daß es sich erst bäumte und dann im Galopp davon sprengte. Sein Hund flog ihm nach und alle Drei verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.

Die ganze Sache war gewiß an sich kein bemerkenswerther Vorfall, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich seit länger als vier Monaten in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte, immer den nämlichen Beschäftigungen obliegend und von den nämlichen Gesichtern umgeben. Diesen Abend dagegen war ein wenig Thätigkeit in mein ganz passives Leben gekommen. Mein Beistand war angesprochen, bewilligt und auch nützlich geworden, und so gewöhnlich übrigens der Antheil war, den ich an dem Vorfall genommen hatte, so war er doch für mich wegen des geleisteten Dienstes von größerer Bedeutung. Dazu kam, daß das Museum meiner Erinnerungen durch ein neues Gesicht, ein männliches, ausdrucksvolles, wenn auch nicht gerade schönes und verführerisches Gesicht, vermehrt worden war. Es stand noch vor meinen Augen, als ich die einzige Straße von Hay betrat, um den Brief der Mistreß Fairfax auf die Post zu geben. Dann vergaß ich es einen Augenblick, aber es erschien mir wieder, als ich auf dem Rückwege an die Barrière kam, vor welcher die eben mitgetheilte Scene stattgefunden hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick mit den thörigten Gedanken stehen zu bleiben, daß ich von Neuem den Galopp eines Pferdes auf der Straße hören, den schönen großen Hund und den in seinen Pelzmantel gehüllten seltsamen Reiter wieder sehen würde.
Diese Bilder hatten mich kaum verlassen, als ich in Thornfield-Hall ankam.

Das Vestibül hatte ein außergewöhnliches Ansehen.
Die schwere bronzene Lampe, die es zu erleuchten pflegte, war noch nicht angezündet, aber durch die weit geöffnete Thür des Speisesaales drang ein helles und röthliches Licht, das von einem großen Steinkohlenfeuer im Kamin ausging. Man sah die sorgfältig polirten Möbeln und scharlachrothen Vorhänge darin glänzend am Kamin sah ich einige Personen sitzen und fröhliche Stimmen schlugen an mein Ohr, unter denen ich die meines Zöglings zu erkennen glaubte. Aber die Thür wurde geschlossen, ehe ich mir das meinen Augen so unvermuthet erschienene Bild hatte näher betrachten können.
Ich begab mich in das Zimmer der Mistreß Fairfax.
Das Feuer brannte, aber wider alles Erwarten fand ich weder Licht noch die gute Dame selbst darin. Dagegen lag mit halb geschlossenen Augen und das knisternde Feuer
im Kamin betrachtend, vor diesem ein großer, schwarz und weiß gefleckter, langhaariger Hund, ganz ähnlich dem Gytrash, der mir noch im Kopfe umher spukte, so ähnlich,
daß ich mich der Illusion völlig hingab.

,Pilot!’ rief ich. Der Hund stand auf und beroch
mich. Ich streichelte ihn und er schien für diese Freundschaftsbezeigung einer alten Bekannten erkenntlich zu sein.
Mir kam dies Alles wie ein Traum vor. Ich schellte,
um Licht zu bestellen, namentlich aber, um mir die Anwesenheit dieses unerwarteten Besuchs erklären zu lassen.
Leah, das Kammermädchen, trat sehr bald ein.
,Wem gehört dieser Hund?’ fragte ich sie.
,Dem Herrn.’
,Welchem Herrn?’

Herrn Rochester ... er ist eben hier angekommen.
,Wirklich? Ist Mistreß Fairfax bei ihm?’
»Mistreß Fairfax sowohl als als auch Miß Adele,
sie sind im Speisesaale. John ist nach einem Chirurgen
geschickt worden, da sich Mr. Rochester den Fuß verrenkt
hat.’
,Als er in der Nähe von Hay mit dem Pferde gestürzt ist, nicht wahr?’
,Ganz recht, Mademoiselle, das Pferd ist beim Hinabreiten der Anhöhe auf dem Eise ausgeglitten.’
‘Es ist gut. Ich möchte ein Licht haben.’
Ich ging in mein Zimmer hinauf, um mich auszukleiden, ohne mich weiter zu erkundigen. Aber Mistreß Fairfax kam bald zu mir, um mir die große Neuigkeit mitzutheilen, welche das ganze Haus beschäftigte. Wir gingen zusammen hinab, um wie gewöhnlich den Thee einzunehmen; Mr. Rochester aber hatte sich schon zur Ruhe begeben.
Adele hingegen, welche diesen Abend viel später als gewöhnlich zu Bett ging, konnte nicht müde werden, uns ihre Freude über die Ankunft ,ihres Freundes, Mr. Eduard
Fairfax von Rochester an den Tag zu legen, und es war ein Vergnügen, ihre Vermuthungen über die Geschenke anzuhören, die er ihr ohne Zweifel mitbrachte. Er hatte
ihr in der That gesagt, daß, wenn sein Gepäck von Millcote ankäme, sie eine Schachtel darunter finden sollte, deren Inhalt sie interessiren werde.
,Dies bedeutet, sagte sie, ‘daß auch ein Geschenk für Sie mit darin ist, Mademoiselle! Mr. Rochester hat von Ihnen gesprochen, mich gefragt, wie meine Gouvernante heißt und ob sie nicht eine ziemlich kleine und blasse Person sei. Ich habe Ja geantwortet. Denn nicht wahr, es ist so, Mademoiselle?’
Der folgende Tag verfloß ganz wie gewöhnlich. Mr. Rochester mußte auf Verordnung des Arztes lange im Bette bleiben, und stand am Nachmittag nur auf, um
seinen Sachwalter und einige Pächter zu empfangen. Adele und ich brachten den Vormittag damit zu, die Bibliothek zu räumen, die wir nicht mehr als Arbeitszimmer benutzen konnten, und unsern kleinen Unterrichtsapparat nach einem Zimmer im ersten Stock zu schaffen, das uns zum Ersatz angewiesen worden war.
Ich bemerkte übrigens von diesem Morgen an, daß Thornfield nicht mehr das Thornfield von früher war.
Anstatt der tiefen Stille, welche ihm Aehnlichkeit mit einer Kirche verlieh, verging keine Viertelstunde, ohne daß der Thürhammer oder der Schall einer Glocke, oder Schritte im Vestibül und geräuschvolles Sprechen in den langen Corridors an die ungewohnte Anwesenheit des Hausherrn erinnerte. Ich meinestheils fand mich sehr gut in diesen veränderten Zustand der Dinge.
Am Abend, nach dem Diner glaubte ich der armen Adele, deren Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit ich bis dahin nach besten Kräfte zu bekämpfen gesucht hatte, ihre
Freiheit geben zu müssen. Ich blieb allein, und während ich mich damit beschäftigte, in dem Feuer die Hauptformen eines Kupferstiches aufzufinden, den ich früher einmal gesehen und welcher das Schloß Heidelberg am Rhein darstellte, trat Mistreß Fairfax ein und sagte mir, Mr. Rochester wünsche den Thee mit mir im Salon einzunehmen.
Sie forderte mich überdies auf, ein anderes Kleid anzuziehen, ‘denn,’ setzte sie hinzu, ,ich kleide mich stets des Abends um, wenn Mr. Rochester hier ist.’

Dies erschien mir etwas ceremoniös; um jedoch dem bestehenden Gebrauche nicht entgegen zu handeln, vertauschte ich mein schwarzwollenes Kleid mit einem seidenen, von der nämlichen Farbe, dem schönsten, das ich von Lowood mitgebracht hatte, mit alleiniger Ausnahme eines hellgrauen, dem nec plus ultra meiner einfachen Garderobe, das ich nur an den wichtigsten Festtagen trug. Ich glaube sogar, daß ich eine kleine Broche mit einer einzigen Perle hinzufügte, dem Abschiedsgeschenk der Miß Temple: Dann folgte ich den Schritten der Mistreß Fairfax, ein wenig zaghaft und indem ich mich in ihrem Schatten zu verbergen suchte.


V.

Mr. Rochester lag auf einem Sopha, sein Fuß
ruhte auf einem Tabouret. Das Feuer erleuchtete sein
ganzes Gesicht; Adele kniete neben Pilot und spielte mit
ihren kleinen Händchen in den langen und dichten Haaren
des treuen Thieres. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung,
daß ich meinen Reiter, seine athletische Gestalt, seine
breite und viereckige Stirn, seine dunklen Augenbrauen
erkannte, wie seine etwas offene Nase, die seiner ganzen
Physiognomie einen gewissen Ausdruck hochmüthiger Reizbarkeit gab.

Er erhob den Kopf nicht, als wir eintraten. Erst nachdem Mistreß Fairfax ihm meinen Namen genannt hatte, sagte er im kältesten Tone und ohne von der Gruppe aufzublicken, in deren Anschauen er versunken zu sein schien:

,Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Miß Eyre.’

Eine größere Höflichkeit würde mich vielleicht verlegen gemacht haben. Aber diese vollkommene Ungezwungenheit ermuthigte mich und die Sonderbarkeit des ganzen
Benehmens hatte an und für sich etwas Anziehendes. Ich setzte mich, neugierig was folgen würde.
Es erfolgte jedoch nichts. Mistreß Fairfax hielt es nun für ihre Schuldigkeit, gesprächig und freundlich zu sein. Sie bewirthete uns im ruhigsten Tone mit einer Menge alltäglicher Phrasen über die Unannehmlichkeit des Krankseins, über die Nothwendigkeit, sich in Geduld zu fassen und dergleichen mehr.
,Madame,’ sagte der Hausherr, als sie geendigt zu haben schien, ,ich wünschte eine Tasse Thee.
In wohlmeinender Absicht reichte Mistreß Fairfax mir das Theebrett, damit Mr. Rochester gezwungen wurde, einige Worte an mich zu richten. Aber er würde gewiß noch nicht daran gedacht haben, wäre mir nicht Adele ebenfalls zu Hilfe gekommen.
,Nicht wahr,’ sagte sie zu ihm, ,in Ihrem Koffer ist auch ein Geschenk für Miß Eyre?’
,Was schwatzest -Du von Geschenken?’ entgegnete Mr. Rochester sogleich und ziemlich unsanft. ‘Lieben Sie die Geschenke?’ setzte er hinzu, indem er mich mit Augen ansah, in denen ich kein besonderes Wohlwollen las.
‘Ich weiß es nicht, erwiderte ich; ‘ich bin nicht an dergleichen Dinge gewöhnt. Man pflegt jedoch im Allgemeinen Geschenke als etwas Angenehmes zu betrachten.’
‘Ich wünsche zu wissen, wie Sie darüber denken.’
,Im diese keineswegs einfache, Frage zu beantworten, bedürfte es für mich einiger Ueberlegung. Die Geschenke sind allerdings verschieden.’
,Sie sind weniger natürlich als Ihr Zögling. Adele hatte mich kaum fünf Minuten gesehen, so verlangte sie etwas von mir. Sie machen mehr Umstände.’
,Ohne Zweifel deshalb, weil ich weniger Recht auf Ansprüche, wie auch weniger Vertrauen zu der Erfüllung meiner Wünsche habe. Wie könnte es auch anders sein?’

,Nicht doch, dies ist eine falsche Bescheidenheit,’ erwiderte Mr. Rochester. ,Ich habe Ihren Zögling examinirt, Sie müssen sich viel Mühe mit ihr gegeben haben. Sie hat in kurzer Zeit rasche Fortschritte gemacht, obgleich sie keine glänzenden Anlagen hat.’
,Dieser Lobspruch ist dasjenige Geschenk, das mir am meisten gefallen muß. Jedes andere würde jetzt nur
einen geringen Werth in meinen Augen haben.
,Wirklich?’ versetzte Mr. Rochester und trank seinen
Thee, ohne weiter ein Wort zu sagen.
Als jedoch das Theegeschirr abgetragen war, winkte er uns näher zu sich und unterwarf mich einem ausführlichen Verhör über Lowood, über das Leben, welches man
dort führte, über die Zeit, welche ich dort zugebracht hatte,
über meine Eltern, die Art und Weise, wie ich mit Mistreß Fairfax bekannt geworden war, die Gesellschaft, die ich hatte frequentiren dürfen und die Bücher, welche mir
der Zufall in die Hände gegeben hatte. Alle seine Fragen
waren kurz und kategorisch, nur hatten sie dann und wann
einen Ausdruck väterlicher Ironie.

,Spielen Sie Pianoforte?’ fragte er mich zuletzt.
,Ein wenig,’ antwortete ich.
,Das versteht sich von selbst ein wenig ist die gewöhnliche Antwort. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer ... ich wollte sagen, haben Sie die Güte hineinzugehen.
Entschuldigen Sie diesen gebieterischen Ton, der mir angeboren ist und den ich nie ablegen werde. Gehen Sie
also in die Bibliothek, nehmen Sie ein Licht, lassen Sie
die Thüre offen und spielen Sie etwas.’
Ich befolgte Punkt für Punkt die erhaltenen Befehle. Nach einigen Minuten rief Mr. Rochester mir zu:
,Genug! es ist wahr, Sie spielen ein wenig. Ohngefähr wie alle englischen Schülerinnen, vielleicht etwas besser, aber keineswegs gut.’
Ich schloß das Pianoforte und kehrte auf meinen Platz zurück.
,Diesen Morgen,’ fuhr Mr. Rochester fort, ,hat mir Adele Zeichnungen gezeigt, die, wie sie sagt, von Ihnen sind. Wahrscheinlich sind sie corrigirt worden?’
,Nein gewiß nicht!’ rief ich aus.
‘Aha, Ihr Stolz fühlt sich beleidigt. Bringen Sie mir doch gefälligst Ihr Portefeuille, da Sie sagen, daß diese Zeichnungen ganz von Ihnen sind. Aber geben
Sie Ihr Wort nicht leichtsinnig, denn ich verstehe mich auf Flickwerk.’
Ohne etwas zu erwidern, holte ich aus der Bibliothek das verlangte Portefeuille.
‘Einen Tisch!’
Ich rollte einen Tisch an das Sopha, Mistreß Fairfax und Adele kamen herbei, um die Bilder mit anzusehen.
’Nicht so,’ sagte Mr. Rochester. ‘Nehmen Sie die Zeichnungen nach einander, wie ich sie bei Seite lege; ich kann es nicht leiden daß Köpfe dem meinigen so nahe sind.’
Dann betrachtete er mit einer lustig werdenden Aufmerksamkeit meine unvollkommenen Kunstleistungen. Drei von ihnen wurden auf die Seite gelegt, die andern überließ er der Neugier seiner Mündel, welche sie mit an einen andern Tisch nahm. Ich wollte mit ihr gehen, aber er rief mich zurück.
‘Sind diese Zeichnungen wirklich von Einer Hand?’ fragte er mich hierauf; ‘und ist diese Hand die Ihrige?’
‘Ja,’ antwortete ich.
‘Und wo haben Sie die Zeit dazu genommen? denn solche Zeichnungen erfordern Zeit, und übrigens auch noch manches Andre . . .’
Ich erklärte ihm, daß ich in meinen Mußestunden daran gearbeitet, wenn ich nichts Andres zu thun hatte.
‘Aber woher nahmen Sie die Originale dazu?’
‘Aus meinem Kopfe.’
‘Aus dem kleinen Köpfchen, das ich auf Ihren Schultern sehe?’
‘Allerdings.’
‘Würden Sie noch mehr ähnliche darin finden?’
‘Wahrscheinlich . . . vielleicht sogar bessere, wie ich wenigstens hoffe.’
Er betrachtete von Neuem die drei Bilder, die ich Ihnen etwas näher beschreiben muß, damit Sie sein Erstaunen würdigen können. Aufrichtig gesagt, war die Ausführung mittelmäßig; aber wenn auch meine Hand meine Idee nicht wiedergegeben hatte, so ist doch soviel gewiß, daß diese Phantasiegebilde der Einsamkeit und einer träumerischen Jugend einigen Eindruck machen mußten.
Alle drei waren Aquarellgemälde.
Das eine stellte schwere Gewitterwolken über einer hochgehenden See dar. Der Hintergrund und die andern Partien waren in Dunkel gehüllt. Im Mittelgrunde erleuchtete ein Lichtstrahl einen zur Hälfte aus dem Wasser hervorragenden großen Mast, auf welchem ein Kormoran mit dunklem Gefieder und schaumbesprützten Flügeln saß. Dieser hatte in seinem Schnabel ein Armband von Gold und Edelstein, das in Folge seines lebhaften Chlorids scharf hervortrat. Zwischen dem Vogel und dem Maste unter einem halb durchsichtigen grünen Wasserschleier erblickte man einen ertrunkenen Leichnam, von welchem man nur einen Arm, einen schönen, völlig entblößten Frauenarm, dem das Armband ohne Zweifel entrissen worden war, deutlich unterscheiden konnte.
Das zweite Aquarell zeigte im Vordergrunde den dunkeln Gipfel eines mit Gras bewachsenen Berges, an dessen Fuße der Wind einige Blätter vor sich her trieb. Jenseits und drüber erhob sich in dem weiten Himmelsraume von so mattem und weichem Chlorid, als ich hatte anwenden können, eine weibliche Gestalt. Ein Stern glänzte über ihrer bleichen Stirn und man erblickte ihre Züge nur wie hinter einem Nebelschleier verborgen, den das wilde Feuer ihrer Augen durchdrang. Ihr im Ende flatterndes Haar erinnerte an die Wolken, welche der Sturm zerreißt oder deren feuchte Bruchstücke durch elektrische Gewalt zerstreut worden. Ein kalter Mondstrahl markierte den äußern Umriß ihres Halses und die nämliche Silbereinfassung umgab die leichten Wolken, aus denen sich in gebeugter Stellung diese Vision des Abendsterns erhob.
Die dritte Zeichnung versetzte uns im strengen Winter in die Polargegenden. Die Spitze enges Eisberges durchbohrte den Himmel und auf der ganzen Linie des Horizonts schimmerten gleich den Lanzenspitzen über einem mittelalterlichen Schlachtfelde die Strahlen der nördlichen Sonne auf den Eiszacken. Im Vordergrunde ruhte ein männlicher Kopf tief herabgesenkt auf dem Berge; zwei abgemagerte Hände bedeckten den unteren Theil des Gesichts mit einem dunkelen Schleier. Vollkommen deutlich unterschied man daher nur eine leblose, knochige, bleiche Stirn, tiefliegende, stiere Augen ohne einen andern Ausdruck als den einer hoffnungslosen Verzweiflung; um diesen Kopf glänzte zwischen den Falten einer dunklen turbanartigen Draperie, so zu sagen ein weißer Flammenring, der hie und da mit lebhafteren Farben schattiert war. Ich hatte jenen Schimmer der Königskrone wiedergeben wollen, die Milton der Form aufsetzt, welche der Form auf ewig beraubt ist.
‘Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten?’ fragte mich Mr. Rochester.
‘Ich war ganz in mich selbst versunken und wahrhaft glücklich. Es war für mich einer der schönsten, ich möchte fast sagen der aufregendsten Genüsse, die ich mir denken konnte.’
‘Und das will nicht viel sagen. So weit ich Sie bis jetzt kenne, mögen Ihre Genüsse eben nicht sehr mannigfaltig gewesen sein; aber während Sie diese eigentümlichen Farbenmischungen auftrugen, müssen Sie in einer fantastischen Region, dem Gebiete der wahren Künstler, geschwebt haben. Haben übrigens diese Arbeiten Ihre eigenen Begriffe des Schönen befriedigt?’
‘Bei Weitem nicht. Der Abstand zwischen meiner Idee und dem Werke meiner Hand quälte mich fortwährend. Und diese Ohnmacht, das wiederzugeben, was ich gesehen hatte . . .’
‘Diese Ohnmacht war nicht vollkommen, denn Sie haben da, wenn nicht mehr, wenigstens den Schatten Ihres Gedankens. Das Talent und die Kenntnisse des vollendeten Künstlers haben Ihnen gefehlt, dies unterliegt keinem Zweifel, demohngeachtet sind diese Zeichnungen für eine achtzehnjährige Schülerin vorzüglich schön. Und die Ideen sind wirklich aus einer andern Welt, Sie müssen diese Augen Ihres Abendsterns im Traume gesehen haben. Wie ist es Ihnen gelungen, ohne sie glänzend darzustellen, ihnen diesen eigenthümlichen Ausdruck zu geben? Wie können sie neben diesem Planeten über ihnen bestehen, ohne zu viel zu verlieren und ohne einen unwahrscheinlichen Ausdruck anzunehmen? . . . Welch ein tiefer Sinn liegt in diesem feierlichen Blicke! . . . Und der hat Ihnen das Geheimniß gelehrt, den Wind zu malen? Denn es ist ein wirklicher Sturm, der über diesen Himmel und über diesen Berg dahinbraus’t. Wo endlich haben Sie Latmos gesehen? Denn dies ist in der That Latmos! Jetzt haben Sie die Güte, Miß, Ihre Zeichnungen wegzunehmen.”
Ich hatte kaum die Bänder der Mappe wieder zugebunden, so rief Mr. Rochester mit Heftigkeit, während er auf seine Uhr blickte:
“Schon neun Uhr vorüber! . . . Woran denken Sie denn, Miß Eyre, daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen Sie sie sogleich zu Bett! . . . Gute Nacht, meine Damen.”
So endigte unser erster Abend.

VI.
Es vergingen mehre Tage, ohne daß Mr. Rochester uns ersuchen ließ, den Abend in seiner Gesellschaft zuzubringen. Wir begegneten uns zuweilen in einem Gange und dann sagte mir ein ziemlich kalter, obgleich höflicher Gruß, daß er mich erkannt hatte.
Eines Abends jedoch, als er mehre Gutsbesitzer aus der Umgegend zu Tisch gehabt und seine Gäste sich entfernt hatten, um in irgend einen politischen Verein zu gehen, äußerte Mr. Rochester, den das üble Wetter abhielt, sie zu begleiten, den Wunsch, seine Mündel bei sich zu sehen. Ich kleidete die schon sehr kokette Adele auf’s Beste an und sorgte dafür, daß auch mein fast zu einfacher Anzug fast tadellos war. Dann gingen wir zusammen hinunter in den Speisesaal, der noch vollständig erleuchtet war und den der Hausherr für diesen Abend als Salon benutzte.

Die Schachtel mit den Präsenten, welche Adelens Phantasie so sehr beschäftigte, war endlich, nach einer Verzögerung von mehrern Tagen, angekommen. Ihr Vormund gab ihr dieselbe, nicht ohne mit einigem Verdruß zu bemerken, mit welchem Eifer sie über das verschiedene Spielzeug von Elfenbein, Porzellan und Wachs herfiel, welches die Schachtel füllte. Adele betrachtete, bewunderte, befühlte und versuchte Alles, wie ein wahrhaft verzogenes Kind und bei jeder neuen Entdeckung machte sie ihren Gefühlen durch laute Ausrufungen Luft. Ihr Vormund bekam dies bald zum Ueberdruß; er ließ daher Mistreß Fairfax rufen und bat sie, den geschwätzigen Herzensergießungen der kleinen Pariserin ein gefälliges Ohr zu leihen.
‘Ich habe meine Pflichten als Wirth erfüllt,’ sagte er dann zu mir, ‘und ich denke mir wohl, daß ich jetzt für mein eigenes Vergnügen Sorge tragen kann, nachdem das meiner Gäste so ziemlich geschert ist. Miß Eyre,’ setzte er hinzu, ‘rücken Sie doch Ihren Stuhl ein wenig vor, Sie befinden sich etwas zu weit rückwärts von mir und ich kann Sie nicht sehen, ohne die vortreffliche Lage zu verändern, die ich mir in diesem höchst bequemen Lehnstuhle gegeben habe. Sie werden nicht wollen, daß ich mir diesen Zwang auflege.’
Hätte ich nur meine Neigung berücksichtigt, so wäre ich gern im Schatten geblieben, um seinen durchbohrenden Blicken nicht zu begegnen. Aber sein gebieterisches Wesen gestattete dem freien Willen keinen großen Spielraum. Ich nahm daher den mir angewiesenen Platz ein und konnte nicht umhin, Mr. Rochester dann und wann anzublicken, wie auch seine Augen sich von Zeit zu Zeit auf mich richteten.
Der Ausdruck seines Gesichts schien ein ganz anderer zu sein, als ich ihn bisher gekannt hatte; er war bei Weitem nicht mehr so streng. Ein freundliches Lächeln belebte hin und wieder seine Züge und milderte den Ernst derselben; auch sein Blick hatte einen gewissen Glanz, zu welchem die Toaste des Mittagessens sehr wahrscheinlich das Ihrige beigetragen hatten. Kurz, er zeigte sich durchaus zu seinem Vortheile, in dem mit rothem Damast überzogenen Lehnstuhle, dessen elastischer Rücken einen Theil seines Kopfes verbarg, und der Schein des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen großen, schwarzen Augen, welche viel von ihrer gewöhnlichen Strenge verloren hatten.
Nach ohngefähr zwei Minuten, während deren er in das Feuer geblickt, so daß ich ihn ebenfalls mit Muße betrachten konnte, wendete er plötzlich den Kopf und begegnete meinen Augen.
‘Sie beobachten ich recht recht aufmerksam, Miß Eyre,’ sagte er in heiterem Tone; ‘finden Sie, daß ich ein hübscher Mann bin?’
Ich hätte auf diese Frage mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel antworten können, aber ein trockenes ‘Nein, mein Herr!’ entschlüpfte mir ohne meinen Willen.
‘Vortrefflich!’ rief er in dem nämlichen Tone. ‘Sie haben in der That etwas ganz Eigenthümliches in Ihrem Wesen. Wenn man Sie sieht, möchte man Sie für eine gefällige, ruhige, ernsthafte und einfache kleine Nonne halten, deren Hände stets an ihrem Platze und deren Augen immer, das heißt doch nicht immer, zu Boden gerichtet sind. Und wenn man sich beikommen läßt, Sie zu fragen oder eine Bemerkung zu machen, auf welche zu antworten, Sie sich verpflichtet halten, so kann man mit Gewißheit auf einen, wenn auch nicht unartigen, doch sehr offenherzigen und kalten kleinen Seitenhieb rechnen. Woher rührt dieser Contrast?’
‘Entschuldigen Sie meine allzugroße Freimüthigkeit. Ich hätte nicht so kategorisch antworten, sondern von der Verschiedenheit des Geschmacks und von dem geringen Werthe sprechen sollen, den man auf die äußere Schönheit legen muß, dann . . .’
Ich danke für Ihre Entschuldigungen, es sind eben so viele Messerschnitte auf Ihrem ersten Nadelstich. Eine offene Meinungsäußerung ist mir viel lieber, nur habe ich sie gern vollständig. Sollte meine Stirn nicht das Glück haben, Ihnen zu gefallen?’
Mit diesen Worten strich er nicht ohne einige geheime Eitelkeit die dunklen und glänzenden Maßen seines Haares zurück.
‘Aufrichtig, lesen Sie hier einen Ausdruck von Geistesbeschränktheit?’
‘Das nicht; aber würden Sie mir erlauben, ohne sich beleidigt zu fühlen, daß ich Sie frage, ob ich einen Zug von Philanthropie darauf erblicken soll?’
‘Vortrefflich! Wieder ein Messerstich. Und dies ohne Zweifel deßhalb, weil ich mir so eben die Bemerkung entschlüpfen ließ,’ – er hatte dies in der That vor dem Eintritte der Mistreß Fairfax gesagt, -- -daß ich weder die Gesellschaft der Kinder noch die der alten Frauen liebte. Nun ja, Miß, ich bin allerdings nicht, was man im Allgemeinen einen Menschenfreund nennt. Aber ich habe ein Gewissen wie jeder Andere, was ein Phrenolog vielleicht nicht ahnen würde, und noch vor Kurzem hat man eine gewisse Weichheit des Herzens an mir wahrnehmen können. In Ihrem Alter war ich so zu sagen, ein Gefühlsmensch, der eifrige Vertheidiger aller Unglücklichen Verlassenen und Mißverstandenen. Das Schicksal hat es später übernommen, mich umzuformen, und zwar auf sehr unsanfte Weise, so daß ich jetzt so hart und undurchdringlich bin, wie Kautschuk. Ich weiß jedoch, daß ich hier und da noch einige kleine Lücken und ganz im Mittelpunkte dieser Verhärtung eine gefühlvolle Stelle habe. Glauben Sie, daß noch einige Hoffnung vorhanden ist?’
‘Was für eine Hoffnung?’
‘Den Kautschuk am Ende wieder Fleisch werden zu sehen.’
Im höchsten Grade erstaunt über eine solche Sprache, wußte ich nicht, was ich auf diese Frage antworten sollte, die mich veranlaßte, an der Besonnenheit Mr. Rochesters zu zweifeln.

‘Meine Frage setzt Sie in Verlegenheit, Miß Eyre,’ fuhr er fort, ‘und obgleich Dame Natur Sie nicht viel reicher beschenkt hat, als mich, so muß ich doch gestehen, daß diese Verlegenheit Sie vortrefflich kleidet. Sie hat überdies noch den Vorteil, daß sie Ihre gefährlichen Augen zwingt, sich wieder nach den Blumen des Teppichs herabzusenken, anstatt meine harmlose Physiognomie bis auf den Grund und nicht eben in wohlwollender Absicht zu studiren. Seien Sie denn verlegen, es kann nicht schaden. Ich meines Teils fühle mich heute sehr sprachselig und in einer außerordentlich geselligen Stimmung.’

Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, und in einer Stellung, welche berechnet zu sein schien, um seine kräftige, ebenmäßige Gestalt im besten Lichte zu zeigen, an den Kamin gelehnt, schien er die Gleichgültigkeit selbst herauszufordern. Aber sein Ton und seine Haltung vermehrten nur noch meine Kälte. Ohne jedoch darauf zu achten, fuhr er fort:
‘Es hängt nur von Ihnen ab, Miß, daß ich einen angenehmen Abend verlebe. Sie sind mir immer als ein höchst interessantes kleines Rätsel vorgekommen. Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie zu erraten, und ich wüßte meine Zeit nicht besser anzuwenden, deren drückende
Last mir weder Pilot, noch Adele, noch selbst Mistreß Fairfax erleichtern können. Sprechen Sie also, ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.’
Anstatt zu sprechen, lächelte ich nur. Und ich glaube fast, mein Lächeln verriet etwas ganz Anderes, als Fügsamkeit und Unterwürfigkeit.
‘Sprechen Sie,’ wiederholte er mit Ungeduld. ‘Sprechen Sie von was Sie wollen und wie es Ihnen beliebt.’
Ich beschränkte mich darauf, zu denken, ohne es ihm zu sagen, daß er mit einer derartigen Aufforderung bei mir sehr an die Unrechte kam. Er erriet das endlich.
‘Sie bleiben stumm und ich hätte dies erwarten können, denn meine Aufforderung war in einem barschen und fast beleidigenden Tone gehalten. Verzeihen Sie mir, Miß Eyre. Es ist nicht im Entferntesten meine Absicht, Sie als Untergebene zu behandeln und eine andere Superiorität zu beanspruchen, als die, zu der mich die zwanzig Jahre, welche ich älter bin als Sie, und ein Jahrhundert von Erfahrungen berechtigen, das Ihnen stets abgehen wird. Ich kann nur noch hinzusetzen, daß ich Ihnen sehr dankbar sein werde, wenn Sie mir behilflich sind, mich von einigen quälenden Gedanken zu zerstreuen, die mich seit langer Zeit peinigen.’
Diese Entschuldigungen schienen mir annehmbar und ich bewies ihm dies, indem ich mich bereit erklärte, alle
Fragen zu beantworten, die er an mich richten würde. Ich hatte meiner Ansicht nach genug gethan, um zu zeigen, daß ich nicht geneigt war, mich allen Launen dieses Mannes zu unterwerfen, der mit den dreißig Pfund Sterling, welche er mir jährlich gab, nicht auch das Recht erkauft hatte, sie mich fühlen zu lassen.
Wir gelangten bald dahin, das wir uns gegenseitig die Fehler unserer Charaktere mittheilten. Mr. Rochester ließ ein schmerzliches Bedauern blicken, sein Leben übel angewendet zu haben. Er war von Natur gut, wie er sagte, aber die Umstände hatten ihn verdorben. Nicht daß er selbst im Bösen irgend eine Ueberlegenheit geltend machte; im Gegentheil, er beschuldigte sich selbst, ein ganz gewöhnlicher Sünder zu sein, der sich in den thörigten und sinnlosen Zerstreuungen übersättigt hatte, welche der Reichthum Denen gestattet, die man die Glücklichen dieser Erde nennt.
Es lag ein gewisser Stolz in seiner Reue, denn ein Gedanke, auf den er oft zurückkam, war dieser: ist es nicht ein peinliches Gefühl, wenn man einen Menschen sieht, der sich von dem unvernünftigen Strudel der weltlichen Genüsse mit fortreißen läßt, sich sagen zu müssen, daß man auf gleicher Stufe mit diesem Menschen steht, den man innerlich verabscheut? Er sprach von seinen Gewissensbissen wie ein Mann, der lange von ihnen gequält worden ist, und als ich mir erlaubte, ihm zu sagen, daß es nur von ihm abhänge, diese Gewissensbisse, die er
‘das Gift des Lebens’ nannte, in ein wirksames Heilmittel zu verwandeln, versicherte er mir, daß er schon seit langer Zeit den Vorsatz gefaßt habe, mit einer Vergangenheit abzuschließen, die ihm ein Greuel sei, daß es ihm aber an Muth dazu fehle. Er wurde nach und nach immer warmer und bediente sich einer mir räthselhaften Sprache, über deren Sinn ich jedoch später Aufklärung erhielt.
Außerordentliche Uebel, sagte er mir, erforderten außerordentliche Heilmittel. Ein Engel des Lichts sei ihm erschienen, dem er einen Altar in seinem Herzen errichten wolle, in welchem die Gegenwart dieser verborgenen Gottheit schon einiges Wohlsein und einige Ruhe verbreite. Der Weg, den er betrete, setzte er hinzu, sei mit Hindernissen und Gefahren übersäet, aber er werde, beruhigt durch die Reinheit und Heiligkeit seiner Absichten, auf demselben fortschreiten. Gott allein, und nicht die Menschen, könne über seine Handlungsweise richten. Strafbar vor diesen, werde er in seinem eigenen Bewußtsein Vergebung und Gerechtigkeit finden.
Ich verstand nichts von diesen Reden und das beängstigende Gefühl, welches fast immer die Verlegenheit des Verstandes vor irgend einem Geheimnisse begleitet, machte es mir wünschenswerth, diese schon zu lange Unterhaltung abzubrechen. Ich benutzte die Gelegenheit, als es neun Uhr schlug, und erhob mich, um Adele hinwegzuführen. Allein sie war schon verschwunden. Mr. Rochester, welcher dies Mal durchaus keine so große Eile
zu haben schien, daß sie zu Bett gebracht wurde, sagte mir, sie habe einen Ballanzug unter ihren Geschenken vorgefunden und dem Verlangen nicht widerstehen können, ihn zu versuchen.
Adele erschien wirklich nach einigen Minuten in einem Rosakleide, mit Blumen in den Haaren und Atlasschuhen an den Füßen; sie zierte sich und kokettirte mit den Armen, wie eine raffinirte Komödiantin.
‘Steht mir das Kleid gut?’ rief sie, zwischen uns tretend; ‘und die schönen Schuhe? Und die seidenen Strümpfe? Ich glaube, ich muß ein Wenig tanzen.’
Sie hüpfte in der That wie eine Gazelle durch den Saal und indem sie ihren Tanz mit einer leichten Pirouette beschloß, fiel sie vor Mr. Rochester auf die Knie.
‘Ach, wie danke ich Ihnen für Ihre Güte!’ sagte sie in schmeichelndem Tone. Dann stand sie auf und setzte hinzu: ‘machte es Mama nicht auch so?’
‘Ganz genau so,’ erwiderte Mr. Rochester mit einem erzwungenen Lächeln. ‘Eine Jugenderinnerung, Miß Eyre,’ sagte er hierauf zu mir; ‘ich werde Ihnen dies später einmal erzählen.’


VII.
So sonderbar es Jedermann, und namentlich Ihnen verehrte Freundin, erscheinen mag, so erzählte mir Mr. Rochester in der That einige Wochen darauf, in welchem Verhältnisse er mit Cöline Varens, der Mutter Adelens, gestanden hatte.
Ich will Ihnen diese im Ganzen ziemlich gewöhnliche Geschichte von einem jungen und reichen Engländer, der von einer dem Balletcorps der Oper angehörende, käuflichen Kokette verführt wurde, nicht wiederholen. Er hatte geglaubt, er werde geliebt, und sah, daß er hintergangen worden war. Er hatte Adele zu sich genommen weil er trotz der Schwüre ihrer Mutter die entfernteste Gewißheit hatte, daß irgend ein Band zwischen ihm und diesem Kinde existierte, sondern weil er Mitleid mit einem zarten und unschuldigen Wesen gehabt, das von seiner herzlichen Mutter verlassen wurde.
‘Ich habe sie dem Schmutze von Paris entrissen,’ sagte er am Schlusse seiner Erzählung, ‘um sie auf den gesunden und festen Boden eines schönen englischen Gartens zu verpflanzen. Wir wollen sehen, ob die junge Pflanze Nutzen daraus ziehen wird. Werden Sie jetzt,’ fuhr er fort, ‘Ihre Sorgfalt noch immer der unrechtmäßigen Tochter einer französischen Tänzerin widmen wollen? Es sei mir erlaubt, daran zu zweifeln. Früher oder später einmal werden Sie mir ankündigen, daß Sie eine andere Stelle gefunden haben, Sie werden mich bitten, mich andersweitig zu verstehen etc. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen?’
‘Keineswegs,’ erwiderte ich; ‘Adele ist weder für Ihre Fehler noch für die ihre Mutter verantwortlich. Ich hatte sie überhaupt schon lieb gewonnen; jetzt aber, da ich weiß, daß sie jene von ihrer Mutter verlassene und von Ihnen verleugnete Waise ist, werde ich sie als eine Schwester betrachten und sorgfältiger als bisher über sie wachen.’
Als ich am Abend des Tages, an welchem mir diese unerwartete Mittheilung gemacht worden war, auf mein Zimmer kam, konnte ich mich nach reiflicher Ueberlegung nicht enthalten über die große Veränderung nachzudenken, die in meinen Beziehungen zu Mr. Rochester eingetreten war. Hatte er mir nicht einem ausgezeichneten Beweis seines Vertrauens gegeben? Ueberhaupt war seit einigen Wochen eine merkwürdige Umwanderung in seinem Benehmen gegen mich vorgegangen. Er hatte keine beleidigenden Launen, keine Anfälle kalten Hochmuthes mehr, die so oft auf eine fast lästige Vertraulichkeit gefolgt waren. Wenn ich ihm unvermuthet begegnete, schien ich ihm stets willkommen zu sein. Er hatte immer ein verbindliches Wort und oft ein freundliches Lächeln für mich. Ließ er mich des Abends bitten, ihm Gesellschaft zu leisten, so ersah ich deutlich aus seinem herzlichen Empfange, daß er in der Unterhaltung mit mir eben so viel Vergnügen fand, als ich Nutzen darin finden konnte.

Sein freundliches Benehmen gewann ihm nach und nach mein Herz. Meine durch die Erzählungen, welche mir eine neue Welt offenbarten, lebhaft erregte Neugier; mein durch die Nothwendigkeit, oft scharfsinnige und geistvolle Bemerkungen zu verstehen, in fortwährender Spannung erhaltener Geist, dazu das unaussprechliche Vergnügen bei dem Gedanken, daß meine Abgeschiedenheit aufgehört hatte und daß ich Jemandem, wenn nicht Liebe eines Vaters, doch wenigstens die Theilnahme eines wahren Freundes einflößte . . . mehr bedurfte es nicht für eine arme Waise, um die Lücken ihres Lebens auszufüllen, um das lachende Reich der unbestimmten und schwankenden Hoffnungen vor ihr aufzuschließen und um ihr eine Dankbarkeit einzuflößen, von deren Gefahren ich keine Ahnung hatte. –

Ich will nicht länger bei allen den Gedanken verweilen, welche an diesem Abende auf mich einstürmten.
Sie waren viel weniger klar und bestimmt, als ich sie Ihnen hier wiedergebe; überdies würde ihnen der hohe Reiz der ersten Jugendträume fehlen. Ich verschone Sie also damit, um schneller zu einem merkwürdigen Vorfalle zu gelangen.

Ehe ich mich so in die Gefilde der Illusionen und Chimären emporschwang, hatte ich mein Licht ausgelöscht, und ich weiß selber nicht recht, ob ich noch völlig munter war, als ich über meinem Kopfe ein dumpfes, schauerliches Gemurmel zu hören glaubte.

Ich würde in diesem Augenblicke viel darum gegeben haben, wenn ich noch Licht gehabt hätte. Die Nacht war ausnehmend dunkel und ich fühlte mich keineswegs in einer muthvollen Stimmung. Während ich auf meinem Bett sitzend aufmerksam horchte, erwachten tausenderlei beängstigende Gedanken in mir. Indeß verstummte das Geräusch.

Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber mein Herz schlug mit einer unglaublichen Heftigkeit und es war mir unmöglich, meine Aufregung zu beschwichtigen. Die zweite Morgenstunde schlug an der nahen Schloßuhr. In dem nämlichen Augenblicke war es mir, als ob eine Hand an der Thür meines Zimmers hinstreifte, als wenn Jemand durch den Corridor schlich. Ich fragte: ‘Wer ist da?’ Niemand antwortete. Es ergriff mich eine fürchterliche Angst.

Bei näherer Ueberlegung erinnerte ich mich jedoch,
das Pilot sich zuweilen, wenn zufällig die Küchenthür offen gelassen wurde, nach dem Zimmer seines Herrn schlich und sich vor der Thür desselben niederlegte, wo ich ihn schon oft des Morgens gefunden hatte. Dieser Gedanke beruhigte mich sogleich und ich legte mich wieder nieder. Es herrschte das tiefste Schweigen und nichts beruhigt die aufgeregten Nerven besser als Stille. Nach und nach kehrte der Schlummer zurück; allein es war beschlossen, daß ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum begann ein noch verworrener Traum sich auf mein Lager herabzusenken, so wurde er plötzlich durch ein gräßliches Geräusch verscheucht.

Es war ein dämonisches, leises, verhaltenes, dumpfes Lachen, das aus dem Schlüsselloche zu kommen schien. Da das Kopfende meines Bettes der Thüre sehr nahe war, so glaubte ich einen Augenblick dieses entsetzliche Lachen dicht an meinen Ohren zu vernehmen, als rührte es von Jemandem her, welcher sich über mich beugte. Die Frucht, von der ich ergriffen wurde, läßt sich nicht beschreiben. Ich fuhr empor und blickte mich entsetzt um; aber ich sah nichts. Nach einigen Sekunden ließ sich das nämliche Gelächter von Neuem hören, und zwar diesmal ganz deutlich hinter der Thür. Meine erste Bewegung war, aufzuspringen und den Riegel vorzuschieben, dann fragte ich noch einmal: ‘Wer ist da?’

Ein halb unterdrücktes Stöhnen antwortete auf meine Frage. Wenige Augenblicke nachher vernahm ich Schritte,
welche den Corridor entlang nach der Treppe zugingen, auf der man in das dritte Stockwerk gelangte. Ganz vor Kurzem war eine Thür am Fuße dieser Treppe angebracht worden; ich hörte sie öffnen und wieder verschließen, dann war Alles still.

‘Sollte es Grace Poole gewesen sein?’ dachte ich bei mir, ‘und sollte sie vom Teufel besessen sein?’

In meinem Zweifel schien es mir unmöglich, nicht auf der Stelle zu Mistreß Fairfax zu gehen. Ich zog daher ein Kleid an, warf ein Tuch über meine Schultern, zog den Riegel zurück und öffnete mit zitternder Hand die Thür. Auf der Strohmatte des Corridors stand ein brennendes Licht. Dieser Umstand fiel mir auf; was mich aber in einem viel höheren Grade erschreckte, war, daß der Gang selbst mit Rauch angefüllt war. Während ich mich nach allen Seiten umblickte, woher er kommen könnte, verspürte ich einen durchdringenden Brandgeruch.

Ich hörte etwas knarren; es war eine angelehnte Thür. Diese Thür war die des Herrn Rochester und aus ihr drang in bläulichen Wolken der mich fast erstickende Rauch.

Sogleich schwand jeder andere Gedanke; in der nächsten Sekunde befand ich mich in diesem Zimmer. Lang Flammen umzungelten das Bett, dessen Vorhänge vom Feuer ergriffen waren. Mitten in dem Feuer und dem dicken Rauche lag Mr. Rochester, ohne sich zu bewegen,

Der Unglückliche schlief und schon hatte ihn der Rauch betäubt.

Umsonst versuchte ich es, ihn zu erwecken. Er murmelte kaum einige unverständliche Laute und wendete sich auf die andere Seite. Wenn ich einen Augenblick zögerte, war er verloren. Ich eilte an seinen Waschtisch, der zum Glück für ihn reichlich mit Wasser versehen war. Ich nahm Krug und Becken und goß ihren Inhalt auf das Bett und auf den bewußtlosen Schläfer. Dann holte ich aus meinem Zimmer einen zweiten vollen Wasserkrug und es gelang mir unter Gottes Beistand, die beginnende Feuersbrunst zu löschen.

Das Zischen der Flammen, das Geräusch des Waschbeckens, das ich zu Boden fallen ließ, nachdem ich es ausgeschüttet hatte, besser als dies Alles aber die kalte Wassertaufe erweckten endlich Mr. Rochester. Ich hörte ihn in der Dunkelheit die Art von Sündfluth verwünschen, in deren Mitte er erwachte und die er anfangs nicht erklären konnte. Als ich ihm die nöthige Aufklärung darüber gab, erkannte er meine Stimme und fragte mich, ob ich ihn habe ertränken wollen; dann bat er mich, ihm ein Licht zu holen.

‘Besonders aber,’ setzte er hinzu, ‘kommen Sie nicht unter zwei Minuten zurück, meine kleine Fee. Gott weiß, ob ich ein einziges trockenes Kleidungstück finde, das ich überwerfen kann . . . Doch halt, da ist mein Schlafrock.’


Als ich mit dem Lichte zurückkam, untersuchte er aufmerksam das geschwärzte Bett, die ganz durchnässten Decken und den in einem förmlichen See schwimmenden Fußteppich. Währenddem hörte er die Erzählung an, welche ich ihm von dem vernommenen Gelächter, von den nach der dritten Etage zu gegangenen Schritten, von dem auf dem Fußboden des Corridors gefundenen Lichte und dem Uebrigen gab.
Sein Gesicht drückte jedoch bei diesen Mittheilungen eher Traurigkeit als Erstaunen aus. Ich schlug ihm vor, Mistreß Fairfax von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen.
‘Wozu das und was wollen Sie von ihr erfahren?’ versetzte er heftig. ‘Lassen Sie und meine Leute ruhig schlafen. Hüllen Sie sich in Ihren Shawl, nehmen Sie meinen Mantel um, wenn Sie frieren und nehmen Sie Platz. Stützen Sie Ihre Füße auf dieses Tabouret, damit sie nicht maß werden. Jetzt fürchten Sie sich nicht etwa, denn ich will Sie einige Minuten allein und im Dunklen lassen. Ich muß oben nach etwas sehen, bleiben Sie besonders ganz still und rufen Sie nicht; ich werde bald wieder bei Ihnen sein.’
Er ging in der That hinauf und ließ mich in der vollständigen Dunkelheit. Ich fror und war nichts weniger als beruhigt, denn ich wußte nicht, warum man mir verbot, das ganze Haus zu wecken. Ich würde gewiß nach diesem Verbote zuwider gehandelt haben, wäre nicht Mr. Rochester nach ziemlich langer Abwesenheit endlich zurückgekehrt.
Er war bleich und finster.
‘Es war ganz so wie ich dachte,’ sprach er halblaut, indem er sein Licht auf den Tisch stellte.
‘Wie meinen Sie?
Er antwortete nicht und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen. Dann fragte er mich in einem ziemlich sonderbaren Tone:
‘Haben Sie mir nicht gesagt daß Sie, als Sie Ihre Thür öffneten, etwas gesehen haben? . . .’
‘Nichts als ein auf dem Fußboden stehendes Licht.’
‘Aber dieses sonderbare Lachen haben Sie schon einmal gehört? . . . ich dächte, Sie hätten mir früher eine ähnliche Geschichte erzählt.’
‘Allerdings; es ist eine Arbeiterin hier, Namens Grace Poole, welche ganz auf diese Art lacht. Sie ist ein wunderliches Geschöpf.’
‘Ja, es ist Grace Poole, wie Sie geahnte haben. Sie ist eine merkwürdige Person. Sie sollen später mehr über sie erfahren; aber vor der Hand ist es nicht nötig, daß von dem Vorfalle gesprochen wird. Dieses kleine Unglück,’ setzte er hinzu, indem er auf sein Bett zeigte, ‘werde ich leicht erklären. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu schwer werden, über die Sache zu schweigen. Kehren Sie jetzt in Ihr Zimmer zurück, es ist vier Uhr, um sechs stehen die Dienstleute auf, bis dahin kann ich auf dem Sopha in der Bibliothek ruhen.’
‘Dann wünsche ich Ihnen gute Nacht,’ erwiderte ich, indem ich aufstand, um mich zu entfernen.
Die Bewegung schien ihn zu befremden, obgleich er mich selbst zum Fortgehen aufgefordert hatte.
Wollen Sie mich denn schon verlassen?’ rief er aus, ‘und auf solche Art?’
‘Sie haben mir gesagt, ich könnte mich entfernen . . .’
‘Aber nicht ohne Abschied zu nehmen . . . nicht ohne ein freundliches Wort . . . nicht mit dieser kalten und strengen Höflichkeit. Sie haben mir das Leben gerettet, haben mich den fürchterlichen Qualen entrissen, und wir sollten uns trennen wie zwei Fremde? . . . Geben Sie mir wenigstens Ihre Hand.’

Er reichte mir die seinige . . . ich wagte nicht, sie zurückzuweisen, aber anstatt eines einfachen shake-hands ergriff er meine Hand und hielt sie fest.

Sie haben mir das Leben gerettet,’ sagte er dann tief ergriffen. ‘Es macht mich glücklich, Ihnen eine so große Wohlthat verdanken zu müssen. Ich kann Ihnen nichts Besseres sagen, denn ich bin noch Niemandem in dieser Welt begegnet, dem ich in einem solchen Grade hätte verpflichtet sein mögen. Bei Ihnen aber, Jane, ist es etwas Anderes . . . eine Schuld gegen Sie ist nicht drückend.’

Er hielt inne und richtete seine Augen fest auf die meinigen. Es war mir, als sähe ich Worte auf seinen Lippen schweben, aber seine Stimme schien ihm den Dienst zu versagen.

‘Noch einmal gute Nacht, Mr. Rochester,’ erwiderte ich ihm. ‘Es kann hierbei weder von einer Schuld, noch von einer Verpflichtung, noch von einer Wohlthat die Rede sein . . .’

‘Ich wußte es,’ unterbrach er mich, ‘daß Sie mir früher oder später auf diese oder jene Art irgend einen wichtigen Dienst leisten würden. Ich habe dies in Ihren Augen gelesen, als ich Sie das erste Mal sah . . . ihr freundlicher Blick ließ nicht umsonst . . .’

Bei diesen Worten zögerte er unschlüssig.
‘Nein,’ fuhr er dann fort, ‘nicht umsonst hat ihr freundlicher Ausdruck ein wohlthuendes Gefühl in den innersten Tiefen meines Herzens erweckt . . .’
Dies sagte er auffallend rasch.
‘Man spricht von natürlichen Sympathien,’ setzte er hinzu, ‘auch von guten Genien. . . . . Gute Nacht denn, liebes Kind, Sie haben mir das Leben gerettet!’

In diesem Augenblicke lag eine eigenthümliche Energie in seiner Stimme und ein seltsames Feuer in seinem Blicke.
‘Es freut mich,’ fügte er hinzu, ‘daß ich nicht wie gewöhnlich eingeschlafen war.’
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
“Sie verlassen mich also?’

‘Ich friere.’

‘Ja, es ist wahr . . und Ihre Füße stehen im Wasser. Gehen Sie, Jane, gehen Sie rasch.’

Aber er ließ meine Hand nicht los, und ich wußte nicht, wie ich sie ihm entziehen sollte; endlich besann ich mich auf ein Mittel.
‘Mir scheint, als hörte ich Mistreß Fairfax kommen,’ sagte ich plötzlich.
Seine Hand öffnete sich sogleich und ich entfernte mich.

Ich legte mich wieder in mein Bett, aber Sie können sich denken, daß kein Schlaf in meine Augen kam. Meine Freude glich einem bewegten Meere, auf welchem ich mit dem Vorgefühle eines nahenden Sturmes schwamm. Zuweilen trug mich ein Windstoß der Hoffnung an das blühende Ufer, das ich jenseits der Wogen erblickte. Dann warf mich wieder ein kalter Sturmwind zurück. Bald war es ein Wonnerausch, bald die strenge und ernste Vernunft, bald das Fieber der Leidenschaft, bald die nackten Rathschläge des gesunden Verstandes. Ach, welch’ eine Nacht, liebe Freundin! Wenn es viele solcher Nächte gäbe, würde man nicht lange leben.

Um sieben Uhr vernahm ich Geräusch in Mr. Rochesters Zimmer, wo die Bedienten beschäftigt waren, Alles wieder in Ordnung zu bringen, und sich dabei ihre Vermuthungen über die Begebenheiten dieser Nacht mittheilten.

Entschlossen, das Geheimniß streng zu bewahren, trat ich ein, um zu fragen, was vorgefallen sei, und war nicht wenig überrascht, als ich eine mit dem Nähen eines Vorhanges beschäftigte Frau darin fand, die keine andere war, als Grace Poole selbst.

Ich gestehe, daß ich auf diese Erscheinung nicht gefaßt war, und ich blieb wie festgebannt an der Thür stehen. Wie war es möglich, daß dieses Weib noch in Freiheit war? Wie konnte sie es wagen, sich nach ihrem verbrecherischen Beginnen zu zeigen, und sogar auf dem Schauplatze des halb vollbrachten Mordes?

Während ich sie betrachtete, erhob sie die Augen, bemerkte mich, und ohne die geringste Verlegenheit an den Tag zu legen, ohne daß ein Zug ihres Gesichtes sich veränderte, oder eine Spur von Röthe in ihre Wangen stieg, richtete sie ihren gewöhnlichen Morgengruß an mich, nahm dann ihre Nähnadel und ihren Fingerhut wieder und ließ sich nicht weiter in ihrer Arbeit stören.

Als ich mich von meinem ersten Erstaunen, nicht aber von meiner inner Entrüstung erholt hatte, nahm ich mir vor, diese empörende Gleichgiltigkeit auf die Probe zu stellen.
‘Guten Morgen, Grace,’ sagte ich zu ihr, ‘was ist denn diese Nacht hier vorgefallen?’
‘Nicht viel, Miß, der Herr hat im Bett gelesen und ist eingeschlafen, ohne das Licht auszulöschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen, aber er ist noch zur
rechten Zeit erwacht und hat es mit dem im Waschbecken befindlichen Wasser gelöscht.’
‘Eine sonderbare Geschichte,’ sagte ich halblaut, indem ich näher zu ihr trat und sie fest anblickte. ‘Hat denn Mr. Rochester Niemanden geweckt und hat Niemand Geräusch in seinem Zimmer gehört?’

Sie erhob von Neuem die Augen zu mir, und diesmal mit einem Ausdrucke, als suche sie meine Gedanken zu erforschen.

‘Die Dienerschaft schläft sehr weit entfernt von hier, wie Sie wissen,’ erwiderte sie dann. ‘Mistreß Fairfax, deren Zimmer an dieses stößt hat einen sehr festen Schlaf und hört etwas schwer. Aber wie kommt es, Miß, daß Sie nichts gehört haben? Sie sind jung und ich möchte wetten, Sie schlafen nur mit Einem Auge.’

‘Ich habe nichts gehört,’ antwortete ich noch leiser, ‘als ein Gelächter, wie es wenige giebt.’

Grace fädelte von Neuem mit der größten Kaltblütigkeit ihre Nadel ein und versetzte dann im ruhigsten Tone:

‘Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Herr gelacht hat, während der in einer solchen Gefahr schwebte. Sie haben ohne Zweifel geträumt, Miß.’

‘Nein, ich habe nicht geträumt,’ erwiderte ich, indem ich einen Nachdruck auf diese Worte legte, denn ich fühlte mich durch die höhnische Kälte, welche dieses Geschöpf meinen Fragen entgegensetzte, gleichsam herausgefordert.

Sie blickte mich abermals forschend an und fragte mich:
‘Haben Sie dem Herrn nicht gesagt, daß Sie Jemanden lachen hörten?’

Ich habe diesen Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.’
‘Und Sie haben nicht daran gedacht, Ihre Thür zu öffnen, um nachzusehen, was im Gange geschah?’

Sie wollte mich offenbar ausforschen. Es kam mir der Gedanke bei, daß sie, wenn ich ahnte, daß ich wußte, woran ich war, mir vielleicht auch irgend einen bösen Streich spielen könnte, ich lenkte daher ein.
‘Im Gegentheil,’ erwiderte ich auf ihre letzte Frage, ‘ich verriegelte meine Thür.’
‘Sie thun dies also nicht jeden Abend, ehe Sie zu Bett gehen?’
‘Schändliches Weib!’ dachte ich, ‘sie zieht Erkundigungen ein, um sich ein andermal darnach zu richten.’

Ich unterdrückte indeß meinen Zorn und begnügte mich damit, ihr zu versichern, daß, wenn ich bis jetzt nicht vorsichtig genug gewesen sei, ich es in Zukunft um so mehr sein würde.
‘Daran werden Sie sehr wohl thun,’ war ihre ganze Antwort. Inzwischen schlug die Frühstücksstunde und der Küchenmeister brachte Grace auf einem Theebrett wie gewöhnlich ihren Krug Porter und ihr Stück Pudding.


‘Wünschen Sie noch etwas, Mistreß Poole?’ sagte er dann.
‘Allerdings, ein Stück Käse. Sonst wüßte ich nichts.’
‘Und Ihren Sago?’
Kümmern Sie sich nicht darum, ich werde mir ihn vor dem Thee selbst besorgen.’
Nach diesem Zwiegespräch, das mir im höchsten Grade auffiel, begab ich mich zu Mistreß Fairfax, die mich erwartete.
Ich überlasse es Ihnen, sich eine Vorstellung über die Vermuthungen zu machen, welche mir die Sonderbarkeit dieser verschiedenen Umstände eingab. Welcher geheime Grund mochte Herrn Rochester abhalten, Grace Poole aus dem Hause zu entfernen, oder selbst der Gerechtigkeit zu überliefern? Wie konnte er ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln mit einer Frau unter einem Dache leben, von welcher er Alles zu fürchten hatte? Und welche Ursache hatte diese Frau, ihn mit einem so entsetzlichen Hasse zu verfolgen?
Dies Alles waren mir unauflösliche Rätsel.
Von der Neugierde angetrieben, kam ich auf die unwahrscheinlichsten Vermutungen. Ich fragte mich, ob nicht etwa zwischen diesem abstoßenden Geschöpf und dem exzentrischen Mr. Rochester ein Band existierte, das früher, als Beide jung waren, durch eine unbegreifliche Laune des Schicksals geknüpft worden war. Aber so kühn meine Phantasie auch sein mochte, sie mußte zurückschrecken vor der plumpen Gestalt, dem gemeinen Gesicht, den groben Zügen, mit Einem Worte, vor der rohen Hässlichkeit dieses von Gott verworfenen Geschöpfes.

Der ganze Tag verging unter diesen Betrachtungen, welche den sehnlichen Wunsch einer Unterredung mit Mr. Rochester in mir erweckten. Jetzt durfte er mir nichts mehr verschweigen, ich hatte ein Recht auf sein unbegrenztes Vertrauen erlangt, und vielleicht auf noch mehr als dies.

Ich erwartete daher den Abend mit einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Der Abend kam, Adele verließ mich, um zu Bett zu gehen. Dies war die Zeit, zu welcher im Salon die Glocke ertönte, zum Zeichen, daß ich entboten werden sollte. Leah kam dann mit dem gewöhnlichen Auftrage zu mir:
‘Mr. Rochester läßt Sie ersuchen, zu ihm hinunter zu kommen.’
Aber Leah ließ diesmal lange auf sich warten, und ich hatte überhaupt, obgleich ich beständig Acht gab, den ganzen Tag über weder die Stimme noch den Schritt Mr. Rochesters gehört.
Endlich erschien Leah, jedoch um zu sagen, daß der Thee bei Mistreß Fairfax serviert sei.
‘Kommen Sie rasch, mein liebes Kind,’ sagte die gute Dame, sobald sie mich erblickte. ‘Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben, ohne es selbst zu bemerken,
bei Tische fast gar nichts gegessen. Kommen Sie näher
... wird es Ihnen zu kalt am Fenster sein.... Ich denke
nicht, es ist ja so schön. Mr. Rochester hat es gut getroffen.
,Ist Mr. Rochester nicht hier?’
,Nein, er ist nach dem Frühstück nach Prés-Clos
zu Mr. Eshton geritten, zehn Meilen jenseits Milcote.’
‘Erwarten Sie ihn diesen Abend zurück?’
,Weder diesen Abend noch morgen, er wird wohl etwa vierzehn Tage wegbleiben. Man amüsirt sich vortrefflich bei Mistreß Eshton, es sind immer viele schöne
Damen dort, zum Beispiel Blanca und Mary Ingram,
und namentlich von Blanca trennt sich Mr. Rochester
sehr ungern.


VIII.

Ja, liebe Freundin, zehn Meilen von Thornfield-Hall wohnte ein schönes Mädchen, welche die Natur mit allen ihren Gaben überschüttet und die das Alter erreicht hatte, in welchem die vierzig Jahre Mr. Rochesters sie nicht mehr erschrecken konnten und in dem sein Vermögen ihr ganz besonders lockend erscheinen mußte.
Mistreß Fairfax schilderte mir mit der größten Ausführlichkeit Blanca's Reize; ihren königlichen Wuchs, ihre schneeweißen Schultern, ihre großen schwarzen Augen, ihre wohlklingende Stimme, ohne zu ahnen, welchen Schmerz sie mir dadurch bereitete. Sie erzählte mir, wie
Mistreß Ingram mit ihren Töchtern vor einigen Jahren nach Thornfield-Hall gekommen war, welche schönen
Duette Mr. Rochester und Blanca gesungen hatten, die Beide ausgezeichnet musikalisch waren und für einander geschaffen zu sein schienen. Sie hörte den ganzen Abend nicht auf über diesen Gegenstand zu sprechen.


Ach, welche Gewissensbisse fühlte ich jetzt! Wie verächtlich erschienen mir in diesem Augenblicke die thörigten Einflüsterungen meiner überspannten Hoffnungen! Welch ein strenges Verdammungsurtheil sprach meine Vernunft über sie! War es denn möglich, daß ich, ein kränkliches,häßliches Mädchen ohne, Herkunft und ohne Reichthum,
deren mangelnde Reize durch nichts Andres ersetzt wurden, eine arme Gouvernante, an die Eroberung dieses Mannes hatte denken können, an den mein erbärmliches
Loos mich durch käufliche Bande fesselte?
Dies waren meine Gedanken, und je heftiger sie auf
mich eindrangen, um so weniger Nachsicht fühlte ich für meine thörigten Illusionen und um so fester nahm ich mir vor, mich dafür zu bestrafen wie für ein Verbrechen.
Da mein schwerster Fehler darin bestand, daß ich
mich verkannt hatte, so beschloß ich das Bildnis Blanca Ingrams, so wie Mistreß Fairfax sie mir beschrieben hatte, auf das glätteste Elfenbein und mit meinen feinsten Pinseln zu ma!en. Neben dieses glänzende und ideale Portrait wollte ich das treue Conterfei des reizlosen Gesichts setzen, das ein zu aufrichtiger Spiegel mir jeden Morgen zeigte, und die Vergleichung dieser beiden Bilder sollte die Strafe für meinen Dünkel und zugleich ein heilsamer Zügel für meine glühenden Erinnerungen sein.

Dieses peinliche Werk vollbrachte ich wirklich, liebe Freundin. Es beschäftigte mich zwei volle Wochen, und ich kann sagen, baß ich den Nutzen daraus zog, den ich
erwartet hatte. Es hätte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Grundsätzen, die ich meinem Herzen einprägen wollte, die nöthige Kraft und Tiefe gegeben.

Nach Verlauf dieser Zeit war die Ruhe wieder in
mir zurückgekehrt. Indem ich ohne falsche Bescheidenheit
die Entfernung ermaß, welche mich von dem Grundherrn
von Thornfield-Hall trennte, war ich fest entschlossen, ihn
nicht im Besitz einer Liebe zu lassen, die zu innig und zu
ernst war, um weder vergebens geschenkt noch geringschätzig angenommen werden zu können. Ich hatte schon fast wider meinen Willen alle Gründe hervorgesucht, die ich
mir selbst und Anderen anführen konnte, um auf ewig
von Thornfield Abschied zu nehmen. Ich war indeß noch
unschlüssig, namentlich bei dem Gedanken; daß man die
wahre Ursache meiner Entfernung errathen könnte. P1ötzlich
erhielt Mistreß Fairfax von Mr. Rochester den Befehl, Alles zum Empfang von einigen zwanzig Gästen, die er uns zuführen wollte, in Bereitschaft bringen zu lassen.
Ich ahnete, daß von der glänzenden Gesellschaft der
Mistreß Eshon die Rede war und daß Blanca Ingram
dabei sein würde. Jetzt hätte ich Thornfield um keinen
Preis der Welt verlassen.

Nachdem drei Tage darauf verwendet worden waren,
das ganze Haus von oben bis unten zu waschen, zu fegen
und zu putzen, prangte Thornfield-Hall mich den Seidenstoffen seiner Möbeln, den reichen Farben seiner Tapeten, den glänzenden Messingstäben seiner Kamine, den Blumenbeeten seines Gartens, kurz mit dem comfortablen Luxus seiner ganzen Einrichtung und war bereit, die neuen Gäste aufzunehmen.
Hinter einem Vorhange verborgen, sah ich sie ankommen: es waren vier Personen zu Pferde, denen zwei offene Wagen folgten. In diesen sah man nichts als
flatternde Schleier und wallende Federn. Aber dahin waren meine Augen nicht gerichtet; sondern sie suchten zuerst Mr. Rochester auf seinem Rappen, der von seinem munteren Pilot begleitet an der Spitze des Zuges ritt. Neben ihm galoppirte keck eine junge Dame, deren scharlachrothes Reitkleid fast den Erdboden streifte. Ein im Winde spielender langer grüner Schleier umwehte ihr stolzes Haupt, dessen schwarzes Haar in üppigen Locken auf ihre Schultern herabfiel.
,Dies ist Miß Ingram,’ sagte Mistreß Fairfax.

Aber mein eifersüchtiges Herz hatte mir meine Nebenbuhlerin schon gezeigt. Um das stürmische Schlagen dieses rebellischen Herzens zu mildern, verließ ich das Fenster und ging mit Adele in mein Zimmer, die untröstlich war, daß sie diesen schönen Damen nicht vorgestellt wurde und den verwickelten Operationen ihrer Toilette nicht beiwohnen durfte.
,Wenn Mama Besuch hatte,’ sagte sie fast weinend zu mir, ‘und besonders Damen, so begleitete ich sie überallhin. Oft sah ich die Kammermädchen ihre Gebieterinnen ankleiden, und das war so unterhaltend ... man lernt dabei am besten, wie man sich kleiden muß.’
Die Klagen Adelens so wie die Nothwendigkeit, uns
mit dem Diner zu beschäftigen, dienten dazu, mich zu zerstreuen. In dem allgemeinen Tumult hatte man uns
ganz aus den Augen verloren, und ich mußte mich in
der Speisekammer einer Art von Diebstahl schuldig machen, wenn ich mit meinem Zöglinge nicht Hunger leiden wollte.
Der Abend verging, ohne daß uns die Ehre zu Theil
wurde, in den Salon gerufen zu werden. Am folgenden
Morgen nach dem Frühstück verließen diese Glücklichen
der Erde das Schloß, um einen Ausflug in die Umgegend zu machen. Bei ihrer Zurückkunft beobachtete ich
sie wie am vorigen Tage, sie kamen in der nämlichen Ordnung an. Von den Damen war Miß Ingram allein zu Pferde und Mr. Rochester ritt neben ihr. Sie waren
gerennt von der übrigen Gesellschaft und neigten sich gern
zu einander, um einige wahrscheinlich sehr vertraute Worte
zu wechseln.

‘Nun, wie gefällt sie Ihnen?’ fragte mich Mistreß Fairfax, welche hinter mich getreten war, ohne daß ich es bemerkt hatte.
,Es ist mir von hier aus nicht möglich, ihr Gesicht gut zu erkennen.’

,Sie werden sie diesen Abend in der Nähe sehen.
Mr. Rochester hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, das er Sie und Adele nach dem Diener im Salon erwartet.
Da er Ihre Abneigung gegen zahlreiche Gesellschaften kennt, setzte er sogar hinzu, würde er Sie selbst holen, wenn es sein müßte.’
Zu diesem äußersten Schritte wollte ich ihn keineswegs zwingen. Als daher die bezeichnete Stunde kam, ging ich in Begleitung Adelens, die in ihrem vollen Glanze war und es kaum wagte, eine Bewegung zu machen, aus
Furcht, eine Falte ihres Kleides oder eine Locke ihres Haars
in Unordnung zu bringen, hinunter in den Salon.
Zum Glück für meine Schüchternheit war die Tafel
noch nicht aufgehoben und ich konnte mich in den dunkelsten Winkel des Salons setzen, in welchem leider zwei mit
Wachskerzen beladene Kronleuchter nur zu viel Licht verbreiteten. Er war nur durch einen seidenen Thürvorhang
von dem Speisesaale getrennt und ich hörte daher zuweilen
Bruchstücke von der Unterhaltung, obgleich die Gäste eben
nicht laut sprachen.
Nach einigen Minuten wurde der Thürvorhang zurückgeschlagen und ich vernahm das Geräusch der hin- und hergeschobenen Stühle; alsbald traten acht mit der ausgesuchtesten Eleganz gekleidete Damen nach einander in den
Salon und der rothe Vorhang fiel wieder herab, indem er
mir den Anblick eines lukullischen Desserts entzog.
Ich will sie Ihnen nicht näher beschreiben; wozu
auch? mit mehr oder weniger bedeutenden Abweichungen
hatten alle diese stolzen Damen die nämliche vornehme und
ruhige Miene, die nämliche hochmüthige Ungezwungenheit,
die nämlichen angelernten Bewegungen, die nämliche kalte
Freundlichkeit. Einige erwiderten meinen ehrerbietigen
Gruß mit einem leichten Kopfnicken, Andere beschränkten
sich darauf, mich erstaunt und fast verlegen anzublicken.
Zwei junge Mädchen nahmen Adele in Beschlag und zogen sie auf einen Divan, wo sie, mochte nun ein wirkliches Interesse oder bloße Ziererei zum Grunde liegen,
bald in ein Gespräch vertieft zu sein schienen, an welchem
Adele den thätigsten Antheil nahm.
Ich benutzte die gänzliche Nichtbeachtung meiner Person, um das Gesicht der Miß Blanca Ingram zu studiren. Meiner Meinung nach fehlte es diesem Gesicht
an allem Liebreiz. Es drückte einen zur Spottlust geneigten Hochmuth aus, und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß dies wirklich die Bedeutung des fortwährenden Lächelns war, durch welches ihre rosigen Lippen
Aehnlichkeit mit einem beständig gespannten Bogen erhielten; denn dieses schöne Mädchen, die eine große Kennerin der Botanik zu sein schien, spottete schonungslos über jede Andre, die weniger gelehrt war und eine einfachere Bildung
besaß als see. Dieses Benehmen erschien mir um so herzloser, als das Opfer ihrer liebenswürdigen in Schmeicheleien gehüllten Sarcasmen. gar nichts davon
bemerkte und dem heimlichen Gelächter der übrigen Damen als Zielscheibe diente.


,Ist dies wirklich die Außerwählte Mr. Rochesters?’ dachte ich in meinem Innern. Aber ich konnte nach dem, was ich gesehen hatte, nicht mehr daran zweifeln. Uebrigens genügte die Schönheit Miß Ingrams, eine fulgurante Schönheit, wie die Italiener sagen, um manches Widerspruch zu erklären.
Der Vorhang erhob sich abermals; man brachte den
Kaffee. Die Herren waren vom Tische aufgestanden.
Mr, Rochester trat zuletzt ein, was ich bemerkte, ohne die Augen zu erheben. Zugleich fühlte ich, welch eine Kluft jetzt zwischen uns entstanden war, seit unsrer letzten Unterredung, seit dem Augenblicke als er, meine Hand in den seinigen haltend und seine Augen auf die meinigen gerichtet, mit bewegter Stimme zu mir, sprach, während sein Herz von der Freude überströmte, daß er mir das Leben
zu verdanken hatte.
Diesen Abend trat er ein, ohne mit mir zu sprechen, ja ohne mich nur zu bemerken. Er setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu einigen von den Damen. Dies Alles erschien mir als die natürlichste Sache von der Welt.
Indeß benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mit Gewißheit annehmen durfte, daß seine Aufmerksamkeit nach einer andren Seite gerichtet war, um von der Geldbörse, die ich häkelte, aufzusehen und einen Blick auf ihn zu werfen.

Dieser Blick war ein unbeschreiblicher, aber quälender Genuß für mich, es war der Genuß eines Menschen, der vor Durst verschmachtet und der sich auf die Gefahr hin, nachher zu sterben, dennoch über die vergiftete Quelle beugt und in langen Zügen eine süße Qual schlürft.

‘Die Schönheit liegt nicht in dem Gegenstande, den man sieht, sondern in dem Auge, das sie sieht.’ Ist dies nicht eine große Wahrheit? Dieses blasse, bräunliche Gesicht, diese dicken, schwarzen Brauen, diese übermäßig breite Stirn, diese tiefliegenden Augen, diese scharf markirten Züge, dieser strenge Mund, die ganze energische, entschiedene, einen eisernen Willen bekundende Erscheinung Mr. Rochesters war nach den gewöhnlichen Regeln nicht schön. Aber war es für mich nicht sogar mehr noch als Schönheit? In der That, welche Schönheit würde mich in einem solchen Grade gefesselt und bezaubert haben? welche Schönheit würde mich so überwältigt und
mir alle Macht entzogen haben, ein siegreiches Gefühl zu unterdrücken? Ich hatte diesen Mann nie lieben wollen; mich ernstlich bemüht, auch den letzten Keim der
Zuneigung zu ersticken, die er mir wider meinen Willen eingeflößt hatte. Und jetzt hatte ich ihn kaum wiedergesehen, so gewann er von Neuem seine ganze Herrschaft über mich, gegen die ich vergebens angekämpft hatte.
Ohne daß er mir einen Blick zuwarf, zwang er mich, ihn wieder zu lieben. Wer, diese unwiderstehliche Gewalt nicht kennen gelernt hat, der kennt das Leben erst zur Hälfte.

Und Blanca Ingram? Sie sitzt allein an einem Tische, anmuthig über ein Album gebeugt, dem sie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie erwartet Jemanden und sie wird nicht lange zu warten brauchen. Mr. Rochester hat sich erhoben und steht am Kamin, allein wie sie. Was hält ihn zurück? Ahnet er nur, daß ich hier bin?
Sie steht endlich auf, geht zu ihm hin und knüpft ein Gespräch mit ihm an. Es ist von Adele, von der Erziehung durch Gouvernanten die Rede, und Gott weiß
was darüber, gesprochen wird. Diese indirecten Beleidigungen, diese gänzliche Nichtachtung der in mir gekränkten Gefühle erwecken nur mein Mitleid. Als das Thema erschöpft ist, schlägt Miß Ingram Herrn Rochester vor,
etwas mit ihr zu singen und eilt an das Pianoforte.
Dies war für mich das Signal, mich zu entfernen. Bei
dem ersten Accorde schleiche ich mich aus dem Zimmer,
ohne von Jemandem gesehen worden zu sein.

Im Corridor bemerke ich, daß mein Schuhband aufgegangen ist und ich bücke mich daher, um es wieder in Ordnung zu bringen. Fast in dem nämlichen Augenblicke wird die Thür des Speisesaales geöffnet, ich richte mich eiligst empor und stehe Herrn Rochester gegenüber.
,Wie befinden Sie sich?’ fragte er mich.

,Ganz wohl,’ erwiderte ich.

‘Warum haben Sie mich im Salon nicht angeredet!’
Ich dachte bei mir, daß ich ihm wohl mit der nämlichen Frage antworten könnte. Aber so viel Freiheit wollte ich mich nicht herausnehmen.
‘Ich fürchtete Sie zu stören.’
Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?’

‘Ich habe mich mit Adele beschäftigt.’
,Diese Beschäftigung scheint Sie angegriffen zu haben, denn Sie sind blässer als gewöhnlich... Sie kommen mir vor wie damals, als ich Sie zum ersten Male
sah. Sie haben Sich doch diese Nacht in meinem Schlafzimmer nicht erkältet?’
,Nicht im Entfernteste.’
‘Dann gehen Sie wieder in den Salon, Sie verlassen uns zu früh.’

‘Ich bin müde.’
Und ein wenig betrübt. Was fehlt Ihnen? sagen Sie es mir.’
‘Durchaus nichts, ich bin keineswegs betrübt.’
‘Sie sind es sogar in einem solchen Grade, daß Ihnen die Thränen nahe stehen. Was sage ich? sie glänzen schon in Ihren Augen und sind im Begriff überzuströmen. Eine davon hängt schon an Ihren Wimpern.
Wenn ich Zeit hätte und nicht fürchten müßte, daß ein
Bedienter uns hier findet, so möchte ich den wahren
Grund von dem Allen wissen. Für diesen Abend will
ich Sie entschuldigen, aber ich erwarte ... oder ich hoffe
vielmehr, daß Sie nicht unterlassen, jeden Abend in den
Salon zu kommen; so lange meine Gäste hier sind. Lassen Sie jetzt Adele holen ... Gute Nacht, meine . . .’
Er hielt inne, biß sich auf die Lippen und entfernte
sich rasch.


IX.

Ohne darüber nachzudenken, was Mr. Rochester zu dem förmlichen Befehle veranlaßt haben konnte, daß ich bei
allen seinen Soiréen erscheinen sollte, handelte ich ihm nicht ein einziges Mal zuwider, und ich könnte Ihnen Alles
ausführlich erzählen, was ich in diesen Abendgesellschaften über die schöne Welt, ihre Sitten, ihre Erbärmlichkeiten
erfuhr und welche Mühe man sich gab, um daselbst zu glänzen und zu gefallen. Aber Sie kennen dieses Kapitel
selbst zu genau, als daß ich länger dabei verweilen sollte, und ich will daher nur von den beiden Personen sprechen,
mit denen sich meine Gedanken in diesem Salon am meisten beschäftigten. Ich verwendete fast kein Auge von
ihnen, jedes Wort, das sie sprachen, prägte sich in mein Gedächtniß ein und wurde mit ängstlicher Genauigkeit von
von mir gedeutet und ausgelegt. Kein Blick, kein Lächeln entging mir.

Mit der Zeit beruhigten mich nach und nach Beobachtungen, welche ich auf diese Weise machte, anstatt
mich zu betrüben. Nicht weil sie einen Zweifel an der
bevorstehenden Verbindung Miß Blanca's mit meinem
Gebieter in mir aufkommen ließen, sondern weil sie mir
die Gewißheit verschafften, daß das Herz des Letzteren dabei keine große Gefahr lief.
Ich hatte Rochester geliebt, ehe ich wußte, daß er
diese Verbindung beabsichtigte. Es war ganz natürlich,
daß meine Liebe nicht in einigen Tagen schwinden konnte,
gerade deshalb, weil er sich mit einer Andren vermählen
wollte. Eben so natürlich würde es aber auch sein, daß
ich eifersüchtig gewesen wäre; allein dies war ich nicht
oder doch nur in immer seltener werdenden Augenblicken.
Und warum dies? Sie werden über diese Sonderbarkeit lächeln... weil ich Miß Ingram ohngeachtet ihrer vollendeten Schönheit meiner Eifersucht nicht für würdig hielt.
Sie war schön, aber es fehlte ihr an natürlichem
Reize. An ihren Gesichtszügen und an ihrer Gestalt
konnte man allerdings nicht den kleinsten Fehler entdecken
aber ihr Geist war leer, ihre Seele kalt und trocken.
Nichts keimte von freien Stücken aus dieser gänzlich unproductiven Organisation hervor. Sie besaß weder wahre Herzensgüte noch wirkliche Originalität. Sie wiederholte effecthaschende Phrasen, die sie aus Büchern gelernt hatte.


Sie hatte keine eigenen Meinungen und Ansichten.
Es war unmöglich, eine Regung von Mitgefühl oder
aufrichtiger Rührung in ihr zu entdecken. Ihr beschränkter Geist und ihr hartes Herz verriethen sich bei jeder Gelegenheit in dem kleinlichen Neide und dem übel verhehlten Hasse, den ihr das unschuldige Kind, die kleine Adele Varens einflößte, deren Ursprung sie ohne Zweifel ahnte.
Andere nicht minder aufmerksame Augen studirten
die Fehler dieser schönen Kokette und ich hatte hinländliches Vertrauen zu Rochesters Scharfblicke, um überzeugt zu sein, daß, wenn er Miß Ingram heirathete, sei es nun aus Kastenstolz oder um sich politische Verbindungen
zu sichern, oder weil ihr Rang und ihre Bekanntschaften
ihm convenirten, er sich doch keineswegs über die inneren
Mängel seiner Braut täuschte. Konnte ich mehr verlangen und wünschen?

Aber wie sollte ich, eben weil ich meine Wünsche in
dieser Beziehung erfüllt sah, von dem Fieber genesen, das
in mir brannte und mich verzehrte? Wäre Miß Ingram
ein edles, gutes, mit Seelenstärke, einem warm fühlenden Herzen und einer scharfen Urtheilskraft begabtes Mädchen
gewesen, so würde ich gegen die tödtlichen Umschlingungen
zweier Tiger: der Verzweiflung und der Eifersucht, zu
kämpfen gehabt haben. Aber ich würde nach einem
Kampfe, in welchem mein Herz in Stücke zerrissen worden wäre, meine Nebenbuhlerin bewundert, ihre Ueberlegenheit anerkannt haben, je größer meine Bewunderung gewesen wäre, um so schneller hätte sie mir meine
Ruhe wiedergegeben.

Wenn ich dagegen Miß Ingrams Anstrengungen Mr. Rochester zu fesseln, beobachtete, wenn ich täglich
sah, daß ihr dies nicht gelang und sie jeden Augenblick
auf einen falschen Weg gerieth, ohne es einmal zu ahnen;
wenn ich bemerkte, daß sie sogar auf diese ihr unbewusste
Niederlagen eitel war und daß sie ihr lächerlicher Eigendünkel immer mehr der Verachtung ihres ironischen Anbeters aussetzte, wenn ich dies Alles sah, während ich mir mit Gewißheit sagen konnte, was Miß Blanca hätte
thun müssen, um Rochester für immer an sich zu ziehen,
zu fesseln, zu erobern ... war dies nicht ein aufregendes
und gefährliches Schauspiel? Meine Ruhe kehrte daher
auch nicht zurück.
Als eine geübte Erforscherin des menschlichen Herzens werden Sie mich vielleicht fragen, wie ich bei einer solchen Kenntniß der Sachlage es Rochester verzeihen konnte, sich ohne wirkliche Zuneigung und nur aus weltlichen Convenienzgründen mit dieser gehaßten Nebenbuhlerin zu verbinden.
Ich entschuldigte ihn aus mehr als einem Grunde. Er gehörte einer Klasse an, in welcher dergleichen Heirathen etwas Allgewöhnliches waren. Kam es mir zu, über die Rücksichten abzusprechen, die ihn dazu bestimmten? Dann aber, und hierin bestand hauptsächlich meine Verblendung; hatte ich sie endlich nach einer strengen Prüfung meines Gebieters gelten lassen und sie fast alle gerechtfertigt. Im Anfange unsrer Bekanntschaft studirte ich die starke und schwache Seite seines Characters, ich beobachtete seine Launen und verglich sie mit seinen guten Eigenschaften, um mir
ein gerechtes und vernünftiges Urtheil über sein moralisches Ganze zu verschaffen. Aber seit einiger Seit entdeckte meine unbegrenzte Nachsicht nur noch das an ihm, was
mir gefiel. Der Sarkasmus, der mich anfangs empört,
die Härte, die mich anfangs gereizt und beleidigt hatte,
erschienen mir nur noch wie pikante Gewürze an einem
seltenen Gericht, welches, durch den Mangel derselben an
Wohlgeschmack verloren haben würde. Der unbestimmte
Schatten, das geheimnißvolle Wesen, das über diesen Geist
gebreitet war, den irgend eine Befürchtung ängstigte, ein
kühner Plan beschäftigte, eine entfernte Sorge quälte;
dieses Räthsel, das jedem aufmerksamen Beobachter in die
Augen fallen mußte, dessen schwierige Lösung aber Rochester
stets gewandt zu umgehen wußte, dieses Räthsel, das mich
anfangs mit Schrecken erfüllte, begann mich zu fesseln.
Als sich dieser tiefe Abgrund vor mir aufgethan
hatte, waren meine Empfindungen die eines Reisenden
gewesen, der einen Berg von vulkanischer Beschaffenheit
erstiegen hat und bald den Boden unter seinen Füßen wanken
und bersten fühlt. Jetzt ängstigte mich wohl noch
zuweilen der Gedanke an die Gefahr, die mir untrügliche
Anzeichen verkündeten und deren Natur ich nicht kannte.
Aber diese Angst entfernte mich nicht. Ich dachte nicht
mehr daran, die Gefahr zu fliehen, sondern ich sehnte
mich danach, ihr zu trotzen, damit sie mir endlich offenbart werde, und ich fand Miß Ingram sehr glücklich, weil sie einst Alles erfahren, diesen Abgrund erforschen, diese Geheimnisse ergründen, sie analysiren und erklären sollte.


Während ich mich, still an meinem gewöhnlichen
entlegenen Platze sitzend, diesen Gedanken hingab, verfolgte
die Unterhaltung unserer Gäste ihren ungestörten Gang.
Die älteren Damen. erörterten in einer feierlichen Conferenz, mit leiser Stimme ernste Fragen, die jungen Leute
liebäugelten mit Blicken und Worten, die reiferen Männer
sprachen von Politik. Im Ganzen genommen ließ man
sich indeß gegenseitig Gerechtigkeit widerfahren und hin
und wieder herrschte eine große Stille, indem Jedermann
sich umwendete, um die beiden Hauptpersonen, Mr.
Rochester und Miß Ingram anzuhören oder zu beobachten, namentlich Ersteren, der gleichsam die See!e der kleinen Gesellschaft war, dessen Entfernung eine eisige Kälte in die ganze Unterhaltung brachte und dessen Wiedererscheinen dagegen die allgemeine Heiterkeit, die Vergnügungslust, die Sucht und das Bedürfniß zu glänzen zurückrief.
Eines Nachmittags, als Mr. Rochester sich am Morgen entfernt hatte, ohne Jemandem etwas davon zu
sagen, waren die Gäste von Thornfield Hall in einer ziemlich verdrüßlichen Stimmung versammelt; man wußte
nicht, zu was man sich entschließen, welchen Zeitvertreib
man vornehmen, welche Partie man improvisiren sollte.
Plötzlich hörte man auf dem feuchten Sande der Zugangsallee das Geräusch eines Wagens und die Huftritte von Pferden.

In einem Augenblicke war Alles an den Fenstern:
ein Reisewagen hielt vor dem Hauptperron. Der Kutscher
schellte an der Thür und ein Gentleman in Reisekostüm
stieg aus, sobald geöffnet worden war.

Wir hörten ihn im Vestibül mit den Leuten des Hauses sprechen und bald darauf trat er in den Salon, wo Mistreß Ingram als die älteste der anwesenden Damen
natürlich die Honneurs machte.
‘Ich komme sehr zu ungelegener Zeit, wie es scheint,’
sagte er mit einer Verbeugung zu ihr, ‘da mein Freund,
Mr. Rochester, nicht zu Hause ist; doch nach der langen
Reise, welche ich zurückgelegt habe, um ihn zu besuchen,
fürchte ich nicht, einem so alten und intimen Bekannten
gegenüber indiscret zu erscheinen, wenn ich Sie um Erlaubniß bitte, ihn hier erwarten zu dürfen.’

Die außerordentliche Höflichkeit dieses Fremden, sein etwas ausländischer Accent, seine ziemlich regelmäßigen,
aber nichtssagenden und ausdruckslosen Gesichtszüge erregten meine Aufmerksamkeit nur in geringem Maße. Er konnte ohngefähr das nämliche Alter haben wie mein Gebieter, das heißt etwa vierzig Jahre; aber welch ein Unterschied zwischen diesen beiden Physiognomieen! Die eine war die eines gewöhnlichen ,schönen Mannes,’ ohne
Kraft, ohne Feuer, ohne Geist, während die andre von
Kühnheit, Leidenschaftlichkeit und Energie strahlte.
Der Fremde fand Gelegenheit, uns seinen Namen,
Henry Mason, zu nennen und uns zu sagen, daß er aus
Westindien komme, was einigermaßen den Ueberfluß warmer
Kleidungsstücke erklärte, in die er sich an einem schönem Maitage eingehüllt hatte. Aus seinen Reden erfuhr ich, daß Rochester in Jamaika sein Gast gewesen war;
ich wußte bis jetzt noch nicht, daß er diese Insel besucht hatte, denn nie hatte er in unseren Unterhaltungen etwas von so weiten Reisen erwähnt.
Während ich über diesen an sich ziemlich unbedeutenden Umstand nachdachte, trat ein Bedienter ein, um nach dem Feuer zu sehen und sagte dann Mr. Eshton
leise einige Worte, auf welche dieser, ohne sich im Lesen der Times stören zu lassen, in verdrüßlichem Tone erwiderte:
,Saget ihr, daß ich sie hinauswerfen lasse, wenn sie nicht gutwillig geht.’
,Was gibt es denn?’ fragten sogleich mehrere Stimmen.

,Eine Närrin, eine Zigeunerin ist hier,’ versetzte der ernste Magistratsbeamte in dem nämlichen Tone,’ welche den Damen wahrsagen will.’
,Nun warum nicht?’ rief Blanca, Ingram sogleich,
die in allen Dingen nach Effect haschte. Da ihre Mutter sich hinein mischen wollte, sagte sie zu dieser:

,Bitte, liebe Mutter, kümmern Sie sich nicht um
diesen kleinen Scherz er ist nur für uns junge Mädchen.’
Der erstaunte Bediente blickte Herrn Eshton an, um
zu erfahren, ob er gehorchen sollte; aber ein entschiedener
Befehl Blanca's machte seiner Unschlüssigkeit ein Ende.
Er entfernte sich daher und kehrte mit der Meldung zurück, daß die Wahrsagerin im Bibliothekzimmer neben dem Salon ihre Kunst zeigen wolle.
Blanca Ingram eröffnete den Reigen und drang beherzt in das Zaubergemach, ohne es zuzugeben, daß ihre Mutter sie begleitete. Nach einer zehn Minuten langen Conferenz kam sie zurück und sprach kein Wort, war aber augenscheinlich sehr gedankenvoll. Ihre Schwester
und zwei andere junge Damen folgten nach einander ihrem Beispiele und Jede von ihnen trat mit einer Miene, von Staunen und Entsetzen wieder ein. Die Zauberin hatte ihnen Dinge gesagt . . . unerhörte Dinge! Sie kante sie Alle und wußte ihre tiefsten Geheimnisse. Es war fürchterlich, wunderbar, unglaublich!

Durch das allgemeine Erstaunen wurde die Neugier der anwesenden jungen Männer erregt und sie, wollten ebenfalls in die Bibliothek gehen; aber Sam, der Bediente, welcher das Amt des Huissers versah, erklärte, daß die Wahrsagerin sie nicht vorlassen wolle und nur ein noch
im Salon befindliches junges Mädchen erwarte, mit der sie ihre Berathungen schließen werde.

Damit war ich gemeint. Nicht wenig überrascht
durch diese unvermuthete Ehre, wartete ich nicht so lang?
bis sie die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich lenkte
und ging, ohne mich nöthigen zu lassen, in die Bibliothek.

Hier saß die geheimnißvolle Sibylle am Kamin, in
einen langen rothen Mantel gehüllt und einen alten
schwarzen Hut auf dem Kopfe, der vermittelst eines unter
dem Kinn zusammengeknüpften Schnupftuches festgehalten wurde. Sie las, oder stellte sich als läse sie in einem,
kleinen schwarzen Buche, das man hätte für ein Gebetbuch halten können. Sie schloß es, um mir scharf in's
Gesicht zu blicken, wobei sie darauf bedacht war, den
Schirm ihres großen Hutes tiefer in die Augen zu drücken.
,Sie wollen also, daß ich Ihnen wahrsage?’ fragte sie mich.
,Nicht ich, sondern Sie haben es gewollt,’ entgegnete ich.
,Zittern Sie nicht?’
,Nein, ich friere nicht.’
,Erbleichen Sie nicht?’
,Nein, ich befinde mich ganz wohl.’
, Und Sie fragen mich nicht um Rath?’
,Nein, ich bin nicht wahnsinnig.’
Bei dieser letzten Antwort hörte ich ein verhaltenes
Lachen unter dem Hute der Zigeunerin. Sie nahm eine
kurze Pfeife aus der Tasche, zündete sie am Feuer an und begann keck zu rauchen.
,Wenn ich wollte,’ sagte sie dann zu mir, ‘könnte ich Ihnen beweisen, daß Sie frieren, daß Sie krank und nicht recht bei Verstande sind. Allein das ist nicht meine
Sache. Lassen Sie Ihre Hand sehen.’
‘Sie würden darin gewiß nichts sehen, gute Frau,
wenn ich nicht zuvor einen Schilling hineinlegte. Da ist er.
Jetzt sprechen Sie ohne Rückhalt, Sie werden mich
nicht erschrecken.’
‘Ihre Hand hat keine Linien, sie ist zu schön, ich
kann damit nichts anfangen.’
»Ich habe es mir gedacht,’ versetzte ich.
‘Uebrigens ist das Schicksal auch nicht in die Hand
geschrieben, sondern auf die Stirn, um die Augen, in die
gen selbst. Knieen Sie also nieder und richten Sie
den Kopf empor!’
Ich that ohne Zögern, wie mir befohlen wurde.
‘Ich lese hier,’ fuhr die Wahrsagerin fort, ,viel
Kummer, aber noch mehr Langeweile. Während alle diese Leute im Salon an Ihren Augen vorüberziehen, wie die Figuren einer Zauberlaterne, ist Ihr Herz weit von ihnen entfernt, Sie nehmen nicht den geringsten Antheil
an diesen menschlichen Schatten.
»Es ist wahr,’ rief ich unwillkürlich..
‘Sehen Sie wohl, ungläubiges Fräulein? Aber dies wirklich alten Personen? Ist nicht eine unter ihnen, die Sie mit neugierigem Auge betrachten und an der Sie einziges Interesse nehmen? ... Und wenn ich
sage Person, so sind es vielleicht zwei.’

Ich war überrascht und fühlte mich unbehaglich diesem wunderlichen Geschöpf gegenüber.
"Sprechen wir nicht von der Gegenwart," sagte ich zu ihr, "die Gegenwart ist nicht Sache des Prophezeihens,
sondern des Spionirens. Sie beschäftigen sich damit, in die Zukunft zu blicken; wie wird die meinige sein?"
"Ihre Zukunft ist zweifelhaft. Ich weiß nur, daß
Ihnen das Schicksal ein großes Glück vorbereitet. Ich
weiß dies, weil ich es dabei thätig gesehen habe. Werden
Sie dieses Glück benützen? werden Sie es zur rechten
Zeit erfassen? ... Dies weiß ich nicht, es ist das Problem, dessen Lösung ich suche. Bleiben Sie auf den Knieen!"
"Das Feuer thut meinen Augen weh ... halten
Sie mich nicht länger zurück."
"Nur einen Augenblick noch," erwiderte die Wahrsagerin, die fortwährend auf ihrem Stuhle sitzen blieb,
ohne ihr Gesicht dem meinigen zu nähern, und der es ein
besonderes Vergnügen zu machen schien, diese Scene zu
verlängern.
"Der Wiederschein der Flamme," sprach sie halblaut weiter, "spiegelt sich in diesem Blicke, in diesen wie der Morgenthau glänzenden Augen ... Sie lächeln über mein
Kauderwelsch ... sie beleben sich flüchtig und die Empfindungen des Herzens sprechen abwechselnd aus ihnen. Sobald sie aufhören zu lächeln, werden sie traurig ... sie
wenden sich jetzt ab und entziehen sich meiner Beobachtung
... sie wollen sich täuschen, indem sie über mich und meine Entdeckungen spotten ... ihr Ausdruck wird stolz und höhnisch, um die Traurigkeit und Reizbarkeit
nicht blicken zu lassen, welche ich errathen habe. Wahrhaftig, diese Zurückhaltung gefällt mir ... das Auge ist günstig. Auch der Mund ist beweglich und elastisch, zum Sprechen und zum Lächeln geschaffen und hat keine ungünstige Bedeutung. Nur die Stirn ist feindselig und im Stande Alles zu verderben. Diese Stirn scheint zu sagen,
daß man sich, wenn es sein müßte, zu völliger Einsamkeit verurtheilen und seine Seele nicht gegen ein wenig Glück vertauschen könnte; daß man mitten im Stürme
der Leidenschaft die freie Herrschaft über sich selbst behält
und lieber der friedlichen Stimme des Gewissens Gehör
schenkt. Wohl denn, gesegnete Stirn! wir werden Deinen
erklärten Willen achten. Wir haben unsere Pläne, die
mit der ewigen Gerechtigkeit, mit der Stimme her Vernunft im Einklange sind. Wir werden uns wohl hüten, in den Becher des Glücks das kleinste Theilchen von Scham oder Reue zu werfen. Keine Opfer, keinen Kummer, kein zerstörendes Unheil! ... Beschützen und nicht verführen. Keine Thräne soll vergossen werden, nur ein
heiteres Lächeln und eine reine und heilige Dankbarkeit soll
der Lohn sein. Ach, wie süß ist dieser Augenblick! warum
kann ich den Wellenrausch desselben nicht verlängern! ...
Aber wir wollen uns beherrschen, wir wollen so bleiben,
wie wir immer sein werden. Stehen Sie auf, Miß
Eyre und verlassen Sie mich. Das Stück ist zu Ende,
der Vorhang fällt."
Diese letzten Worte wurden mit einer ganz andren
Stimme, in einem ganz andren Tone und mit einer mir
bekannten Geberde ausgesprochen. Und doch konnte ich
mich noch nicht ganz, wie dies zuweilen bei gewissen peinlichen Träumen der Fall ist, von der eben gehabten Erscheinung losreißen. Die Wahrsagerin wendete sich indeß von mir ab und winkte mir, mich zu entfernen. Ihre
nach mir ausgestreckte Hand war jedoch eben so wenig
die einer alten Frau als die meinige die eines alten Soldaten.
Ein großer Ring blitzte überdies an einem der
feinen, weißen, aristokratischen Finger und auf den ersten
Blick hatte ich den Ring sowohl als auch die Finger
erkannt.
"Genug des Scherzes," rief jetzt Mr. Rochester,
indem er den Hut von sich warf und die Schnur des
rothen Mantels zerriß, so daß er herabfiel. "Sie zürnen
mir wahrscheinlich, daß ich Ihnen soviel Thorheiten gesagt
habe, vielleicht mit dem Gedanken, daß Sie auch einige
sagen würden. Aber auf meine Ehre, Sie würden Unrecht gethan haben. Ich habe mich dadurch nur noch
mehr von Ihrer Verschwiegenheit, Ihrer Besonnenheit
und Ihrer Geistesgegenwart überzeugt."
Ein kurzes Nachdenken bewies mir, daß, er Recht
hatte. Ich hatte von Anfang an, ohne selbst recht zu
wissen warum, eine Verkleidung geahnet.
"Was thun sie im Salon?" fragte Mr. Rochester
in ungezwungenem Tone.
Diese Frage warf mich unsanft in die Wirklichkeit
zurück, und ohne sie direct zu beantworten erwiderte ich:
"Wissen Sie, daß diesen Nachmittag ein Fremder
hier angekommen ist?"
"Ein Fremder? Davon weiß ich nichts. Wer kann
es sein? ich erwartete Niemanden. Hat er sich wieder
entfernt?"
"Keineswegs, er hat sich auf seine nahe Bekanntschaft mit Ihnen berufen, um Ihre Rückkehr zu erwarten."
"Hat er seinen Namen nicht genannt?"
"Er heißt Mason und kommt, wenn ich nicht irre,
von Spanish-Town auf der Insel Jamaika."
Rochester war aufgestanden und hatte meine Hand
ergriffen, als wollte er mich zum Sitzen nöthigen. Kaum
hatte ich die letzten Worte ausgesprochen, so drückte er
meine Hand mit krampfhafter Heftigkeit, das Lächeln
erstarrte auf seinen Lippen und sein Athem stockte.
"Mason? wiederholte er wie ein Automats "Mason!
... Jamaika!... Jamaika!... Jamaika!"
Bei jeder Wiederholung des Wortes schien sein Gesicht blässer zu werden.
"Fühlen Sie sich unwohl?" fragte ich ihn.
"Dies ist ein entsetzlicher Schlag, Jane ein
fürchterlicher Schlag!"
Er taumelte zurück, so daß ich glaubte, er würde
umfallen.
"Stützen Sie sich auf mich," rief ich aus.
"Ich ja! ... wie früher ... wie immer, nicht wahr?"
Er setzte sich nieder und winkte mir, neben ihm Platz
zu nehmen. Dann ergriff er meine Hand und drückte sie
zitternd.
"Jane, meine liebe kleine Freundin," stammelte er
mit bebender Stimme und starrem Blicke, "ich möchte
allein mit Ihnen auf einer fernen Insel sein, wo ich von
allen Sorgen, von allen Gefahren, besonders aber von
diesen gräßlichen Erinnerungen befreit wäre."
In diesem Augenblicke entschlüpfte ihm ein tiefer
Seufzer. Aber sogleich richtete sich dieser stolze Mann
wieder auf, als schämte er sich, daß er sich von einem
unerwarteten Unglück hatte niederbeugen lassen.
"Gehen Sie, Jane," sagte er zu mir, "gehen Sie
in den Salon und sehen Sie, was vorgeht. Wenn Sie
nichts Ungewöhnliches bemerken, wenn die Gesellschaft
heiter ist und sich wie immer unterhält, so sagen Sie
diesem ... Mason, daß ich zurückgekommen bin und ihn
erwarte ... führen Sie ihn zu mir und lassen Sie uns
dann allein."
Ich entfernte mich, um meinen Auftrag auszuführen.
"Noch ein Wort, Jane!" rief mich Rochester nach.
"Wenn alle Gäste des Salons zu mir kämen und einer
nach dem andern mir in's Gesicht spuckte, was würden
Sie thun?"
"Was ich thun würde?" versetzte ich, in der ersten
Ueberraschung zweifelnd, ob ich recht gehört hatte.
"Ja, was würden Sie thun?" wiederholte Rochester.
"Ich würde sie Alle aus dem Hause werfen, wenn
ich die Kraft dazu hätte," erwiderte ich, während mir
schon die Zornesröthe ins Gesicht stieg.
Ein Lächeln umspielte die Lippen meines Gebieters.
"Wenn ich aber," fuhr er fort, "ihnen entgegenginge und sie mich mit Verachtung anblickten, sich einander höhnische Worte zuflüsterten, mir den Rücken zuwendeten, und sich nach einander entfernten, was würden
Sie dann thun, Jane? würden Sie mich auch verlassen?"
"Ich ... ich glaube nicht."
"Sie würden also bei mir bleiben, um mich zu
trösten?"
"Ja, wenn dies in meiner Macht stände."
"Und wenn sie Sie wegen Ihrer Theilnahme an
meinem Unglücke verfluchten ?"
"Dieser Fluch würde mir höchst wahrscheinlich nicht
zu Ohren kommen. Und was könnte er mich überdies
kümmern?
"Sie würden sich dem Tadel der Welt für mich
aussetzen?"
"Ich würde mich demselben für jeden Freund aussehen, der einen solchen Beweis von Zuneigung verdiente.
Und Sie verdienen ihn, ich zweifle nicht daran."
"Es ist gut. Gehen Sie jetzt, Jane, und Thun
Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe."
Mein Eintritt in den Speisesaal, wo die Gäste zerstreut umher standen und sich unterhielten, während Jeder
nach seinem Belieben am Buffet einen Imbiß zu sich
nahm, erregte einiges Aufsehen.
Ich ging auf Mr. Mason zu, theilte ihm Rochesters
Einladung mit und nachdem ich ihn bis an die Thür
der Bibliothek begleitet hatte, begab ich mich in, mein
Zimmer.
Einige Stunden darauf, nachdem ich mich schon
längst zur Ruhe gelegt hatte, hörte ich unsere Gäste heraufkommen und nach ihren verschiedenen Zimmern gehen.
Sie sprachen sehr laut mit einander und ich vernahm auch
Rochesters Stimme unter ihnen.
"Kommen Sie mit mir, Mason," sagte er, "Ihr
Zimmer ist dort."
Der Ton dieser Worte war natürlich und heiter.
Sie beruhigten mich vollkommen und ich schlief sehr
bald ein.
Ich hatte leider vergessen meine Jalousie herabzulassen,
und als daher der Mond an dem reinen Nachthimmel
emporstieg, erweckte mich sein lebhafter Glanz. Anfangs
war es mir ein Vergnügen, seine silberweiße und krystallhelle Scheibe zu betrachten. Aber bald wurde ich dessen
überdrüßig und ich stand auf, um den Vorhang zuzuziehen.
Während ich damit beschäftigt war, durchschnitt plötzlich ein gellender Schrei die Luft.
Mein Puls stockte, mein Herz hörte auf zu schlagen, mein ausgestreckter Arm blieb wie gelähmt in dieser Lage. Der Schrei war indeß verstummt und wiederholte
sich nicht. Im Grunde konnte es auch nicht anders sein.
Der größte Condor der Anden würde aus der Wolke, die seinen Horst verbirgt, nicht zweimal hinter einander einen
solchen Klagelaut ertönen lassen können.
Der Schrei kam aus der oberen Region des Schlosses,ich hatte es so zu sagen gefühlt, wie er über meinem Haupte vorüber zischte. Eben so vernahm ich in dem gerade über dem meinigen liegenden Zimmer fast unmittelbar darauf das Geräusch eines heftigen Kampfes, in dessen Zwischenpausen eine erstickende Stimme dreimal den Ruf hören ließ: "Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!"
"Kommt denn Niemand?" setzte die nämliche
Stimme bald hinzu, während ich ganz deutlich das Zusammenstoßen der Möbeln, das Knarren des Fußbodens
und die schweren Tritte von zwei Personen vernahm,welche sich fest umschlungen halten und einander niederzuwerfen suchen.
Endlich hörte ich noch die Worte: -
"Rochester! Rochester! um des Himmels willen, so kommen Sie doch!"
Es wurde eine Thür im Corridor geöffnet und Jemand eilte ihn mit großen Schritten entlang, die ich bald darauf in dem Zimmer über mir hörte. Ein schwerer Körper fiel zu Boden, dann war Alles still.


X.

Ohngeachtet des Entsetzens, welches mich ergriffen
hatte, so daß ich am ganzen Körper zitterte, war es mir
doch gelungen, einige Kleidungsstücke überzuwerfen, und
ich verließ mein Zimmer. Mehrere Personen, die ebenfalls von dem Schrei erwacht waren, befanden sich schon
im Corridor, und in allen Zimmern hörte man Ausrufungen und halblautes Gemurmel, welche den allgemeinen Schrecken bezeugten. Inzwischen öffneten sich die
Thüren und einzelne Köpfe erschienen in denselben. Was
giebt es? Ist Jemand verwundet? Ist Feuer im Hause?
Sind Diebe eingebrochen? Diese Fragen erschollen durcheinander von allen Seiten in dem halbdunkeln Gange, der
glücklicherweise hier und da vom Monde ein wenig erleuchtet wurde. Man lief umher, ohne zu wissen, wohin man sich wenden sollte; es entstand eine unbeschreibliche Verwirrung und einige Damen weinten schön, obgleich sie noch gar nicht wußten, was eigentlich geschehen war.
"Wo mag nur Rochester sein?" rief endlich ein junger Obrist, der von der ganzen Gesellschaft am wenigsten seine Fassung verloren hatte; "ich finde ihn nicht in seinem Bett."
"Hier bin ich! ich komme schon! beruhigen Sie sich!” versetzte die Stimme des Hausherrn.
Die Thür am Ende des Corridors wurde geöffnet, und Mr. Rochester, der offenbar aus der obern Etage herabkam, erschien mit einem Lichte in der Hand.
Eine von den Damen ging ihm sogleich entgegen und ergriff seinen Arm. Es war Miß Ingram. Die beiden Misses Eshton glaubten ebenfalls, sich an ihm festhalten zu müssen, und zwei lange ältliche Damen in ihren weißen Nachtgewändern steuerten wie zwei Dreimaster mit
ausgespannten Segeln dem nämlichen Punkte zu.
"Bitte, bitte, erdrücken Sie mich nicht, meine Damen," sagte Rochester in einem heiteren Tone, der
mir etwas unnatürlich vorkam. "Es ist eine reine Mystification, nichts Anderes. Noch einmal, lassen Sie
mich los ... ich bin ein gefährliches Thier."
Während er so scherzte, zuckten Blitze aus seinen großen schwarzen Augen, und ich dachte in meinem Innern, daß er in der That "gefährlich" war. Aber er
unterdrückte gewaltsam seine heftige Aufregung.
"Die ganze Sache ist nichts, sprach er weiter, "nichts als eine nervenkranke Dienerin, welche der Alp drückte. Sie hat im Traume eine Erscheinung gehabt, die einen neuen Anfall hervorgerufen hat. Kehren Sie in Ihre Zimmer zurück, ich bitte Sie darum. Es ist durchaus nöthig, damit ihr die nöthige Pflege zu Theil werden kann. Meine Herren, gehen Sie den Damen mit einem guten Beispiele voran ... und Sie, meine Damen, beschämen Sie die Herren."
So nöthigte er Jedermann, halb scherzend, halb unwillig, in sein Zimmer zurückzukehren. Ich hatte dies bereits gethan, ohne daß Jemand auf mich geachtet hatte.
Aber anstatt mich wieder ins Bett zu legen, vollendete ich meine angefangene Toilette. Ich hatte den
über mir ausgestoßenen Schrei zu deutlich gehört, und den Verlauf des beschriebenen Kampfes zu genau verfolgt, als
daß ich der schnell erdichteten Fabel Mr. Rochesters Glauben schenken konnte. Nachdem ich vollständig angekleidet
und auf Alles gefaßt war, setzte ich, mich in der unbestimmten Erwartung eines neuen Vorfalles an das Fenster
und ließ meinen Blick über die vom Monde beleuchteten Gebüsche schweifen.
Allein es war nach und nach wieder völlig still geworden; es regte sich nichts mehr über mir. Der Schlaf
und die Nacht gewannen ihre Herrschaft wieder. Der Mond stand im Westen und war im Begriff, am Horizont
hinabzusinken. Die Kühle und die Dunkelheit veranlaßten
mich, vom Fenster zu gehen, in der Absicht, mich
angekleidet auf mein Bett zu legen; als ich aber meine
Pantoffeln ausziehen wollte, vernahm ich an meiner Thür
ein außerordentlich leises, behutsames Klopfen.
"Wünscht man etwas von mir?" fragte ich.
"Sind Sie aufgestanden?" entgegnete die Stimme
Mr. Rochesters, die ich im Voraus vermuthet hatte.
"Ja, ich bin auf."
"Und angekleidet?"
"Ja."
"So kommen Sie, aber so geräuschlos als möglich."
Ich gehorchte. Mr. Rochester erwartete mich mit
einem Lichte im Corridor.
"Ich bedarf Ihres Beistandes," sagte er zu mir;
"kommen Sie mit mir. Beeilen Sie Sich nicht, wir
dürfen vor Allem Niemanden aufwecken."
Meine Schuhe waren zum Glück sehr dünn, und
überdies kennen Sie meinen leichten Gang; ich begleitete
ihn so bis in das dritte Stockwerk nach dem dunklen und
niedrigen Gange, den ich schon einmal erwähnt habe.
Hier blieb er plötzlich stehen.
"Könnten Sie mir nicht einen Schwamm besorgen?" fragte er mich.
"O Ja."
"Haben Sie nicht etwas Riechsalz oder aromatischen
Essig?"
"Ich habe etwas in meinem Zimmer."
"Dann gehen Sie noch einmal hinunter und holen
Sie mir diese Gegenstände."
Ich kehrte, immer mit der nämlichen Vorsicht, in
mein Zimmer zurück, und ging dann wieder hinauf.
Rochester erwartete mich auf der nämlichen Stelle, mit
einem Schlüssel in der Hand. Sobald er mich kommen
sah, öffnete er damit eine der kleinen, schwarz angestrichenen
Thüren, welche in die Dachkammern führen mußten.
Auf der Schwelle hielt er mich zurück.
"Können Sie den Anblick von Blut ertragen?"
Bei diesen Worten überlief es mich eiskalt, allein
dies hinderte mich nicht, ihm kategorisch zu erwidern:
"Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht versucht."
"Geben Sie mir Ihre Hand," versetzte er. "Eine
Ohnmacht würde mir nicht angenehm sein."
Nachdem er meine warme und feste Hand untersucht
hatte, ließ er mich mit der Bemerkung: "Es hat
keine Gefahr," eintreten.
Das Zimmer war mich nicht fremd, denn Mistreß
Fairfax hatte es mir an dem Tage gezeigt, als wir zusammen
das Schloß in Augenschein nahmen. Aber ein
ganzes Feld der Wandtapete, die ich nicht vergessen hatte,
war diesmal entfernt und ließ eine Thür blicken, die es
gewöhnlich verbarg.
Diese Thür stand offen und führte in ein ziemlich
hell erleuchtetes Zimmer, in welchem man eine Art Brummen
vernahm, ähnlich dem eines gereizten Thieres. Rochester
stellte sein Licht auf einen Tisch, bat mich, einen
Augenblick zu warten, und ging allein in das Nebencabinet.
Sein Eintritt daselbst wurde mit dem anfangs geräuschvollen
und in ein dumpfes Gemurmel ausgehenden
Gelächter begrüßt, dessen Geheimniß nur Grace Poole
kannte. Sie befand sich also hier. Ohne ein einziges
Wort zu sprechen, traf Rochester einige Anordnungen, die
ich mir nicht erklären konnte. Dann aber kam er wieder
zu mir und verschloß die geheime Thür hinter sich.
"Jetzt hierher, Jane."
Er zeigte auf ein großes Bett, dessen Vorhänge zugezogen
waren und um welches ich herumging. Hinter
demselben in einem großen Lehnstuhle saß ein Mann, den
Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Außer
seinem Oberrocke war er vollständig angekleidet, und als
Rochester das Licht emporhob, erkannte ich die bleichen
und dem Anscheine nach leblosen Gesichtszüge des geheimnißvollen
Fremden, Mr. Mason. Ein einziger genügte
mir, um zu bemerken, daß seine Hand von der einen
Seite ganz mit Blut getränkt war.
"Nehmen Sie das Licht," sagte Rochester zu mir
und halten Sie dies, setzte er hinzu, indem er mir ein
Waschbecken reichte, das er mit Wasser gefüllt hatte.
Dann wusch er mit dem eingetauchten Schwamme das
leichenhafte Gesicht seines Gastes und hielt ihm zu wiederholten
Malen mein Riechfläschchen unter die Nase.
Mason öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen.
Rochester entblößte nun den Arm und die Schulter des
Verwundeten, wusch beide sorgfältig und verband sie
hierauf.
"Ist die Wunde gefährlich?" fragte der Kranke mit
schwacher Stimme.
"Durchaus nicht," erwiderte Rochester im Tone
leichten Vorwurfs; "eine ganz, unbedeutende Schramme.
Beruhigen Sie Sich also und kommen Sie wieder zu
sich, ich will sogleich selbst einen Arzt holen. Morgen
früh werden Sie hoffentlich abreisen können. Jane,"
setzte er hinzu, "ich muß Sie eine, vielleicht zwei Stunden
mit diesem Herrn allein lassen. Haben Sie die Gefälligkeit,
das Blut zu stillen, so oft es nöthig ist. Wenn
er ohnmächtig wird, so lassen Sie ihn einen Schluck
Wasser trinken und halten Sie ihm Ihr Riechfläschchen
unter die Nase. Unter keiner Bedingung aber sprechen
Sie mit ihm. Und Sie, Henry, mache ich ebenfalls
darauf aufmerksam, daß Sie Sich durch Sprechen der
größten Gefahr aussehen. Wenn Sie nur den Mund
öffnen oder die geringste Bewegung machen, so stehe ich
nicht für die Folgen."
Der unglückliche Mason stieß einen tiefen Seufzer
aus und schien von diesem Augenblicke an entschlossen zu
sein, sich nicht mehr zu bewegen; Es war, als hätte ihn
die Furcht vor dem Tode oder vor irgend etwas Anderem
vollkommen gelähmt. Rochester übergab mir den blutgetränkten
Schwamm, heftete eine Sekunde lang seinen gebieterischen
Blick auf mich, und nachdem er mir nochmals unbedingtes Schweigen anempfohlen hatte, verließ
er das Zimmer und verschloß die Thür.
Meine Lage war keineswegs angenehm. Ich befand
mich plötzlich allein mit einem halbtodten Manne, nur
durch eine schwache Thür von der Kammer getrennt,
welcher Grace Poole eingeschlossen war, und aus der sie
unvermuthet hervorstürzen konnte. ... Sie werden zugeben,
daß es eine harte Probe für meinen jugendlichen
Muth war.
Ich blieb jedoch fest auf meinem Posten, indem ich
den Sterbenden neben mir so wenig wie möglich anblickte,
und noch weniger das mit blutigem Wasser gefüllte
Waschbecken, in welches ich meine zitternde Hand von
Zeit zu Zeit eintauchen mußte; aber vergebens suchten
meine Augen einen Ruhepunkt auf den Wandtapeten, wo
die zwölf Apostel in ganzer Figur mir ihre verwischten
Gesichter zuwendeten, die von dem flackernden Scheine
des einzigen Lichtes zitterten, welches das düstere Gemälde
erleuchtete.
Mein Ohr lauschte beständig nach der verborgenen
Thür. Aber wie es schien, hatte Mr. Rochester die bösartige,
Bewohnerin des Nebenzimmers unschädlich gemacht, denn
in drei langen Zwischenpausen hörte ich nur das
Knarren einer Diele, dann ein dumpfes Knurren, wie
von einem tückischen Hunde, und endlich ein tiefes Stöhnen,
das unzweifelhaft aus einer menschlichen Brust
kam.
Ich will Sie übrigens nicht mit allen den Gedanken
ermüden, welche die Verkettung sonderbarer Umstände in
mir erweckte, durch welche plötzlich der unbedeutende Fremde,
dessen Name einen so peinlichen Eindruck auf meinen unerschrockenen Gebieter hervorgebracht, die Hauptperson eines
häuslichen Drama's wurde. Wie kam es, daß sich Mr.
Mason, anstatt in seinem Bette zu schlafen, in diesem
entlegenen Theile des Schlosses befand, den wüthenden
Ingriffen einer Art von Furie ausgesetzt? Warum zeigte
er sich nicht heftiger entrüstet über den Verrath, dessen
Opfer er zu sein schien? Warum legte er eine solche
Unterwürfigkeit gegen Rochester an den Tag? Warum
wollte dieser den Unfall seines Gastes in ein so tiefes Geheimniß hüllen?

Während ich über alle diese Fragen nachsann, ohne
sie mir beantworten zu können, verstrich die Zeit und es
erschien keine Hilfe. Ohnerachtet meiner sorgsamen
Pflege wurde Mr. Mason, durch den Blutverlust erschöpft,
immer schwächer, und gab durch zunehmendes Seufzen
seine zunehmende Angst zu erkennen, die sich endlich auch
meiner bemächtigte. Ich flehte zu Gott um die Rückkehr
meines Herrn oder um das Erscheinen des Tages, und
schauderte bei dem Gedanken, daß der Verwundete während
unseres gezwungenen Alleinseins den Geist aufgeben
könnte. Durch mein Versprechen gebunden, wagte ich
es nicht, ihn nach seinem Befinden zu fragen.
Inzwischen verlöschte auch das Licht, das allmählig
herabgebrannt war. In dem nämlichen Augenblicke bemerkte ich aber durch den dünnen Stoff des Vorhanges
den matten Dämmerschein des anbrechenden Morgens,
und ich hörte Pilot in der Ferne bellen. Diese Anzeichen
der nahenden Hilfe richteten meine Hoffnung wieder auf,
und ich wurde nicht getäuscht. Das Geräusch eines
Schlüssels an der Thür, was meinem Ohre wie eine liebliche Musik klang, deutete mir an, daß meine entsetzliche
Gefangenschaft zu Ende war. Sie hatte kaum zwei
Stunden gedauert, aber manche Woche in meinem Leben
ist mir schneller vergangen.
Rochester trat mit dem Arzte ein, den er geholt
hatte.
"Beeilen Sie Sich, Carter, sagte er zu ihm, "wir
haben keine Minute übrig. Ich gebe Ihnen eine halbe
Stunde, um den Verband anzulegen, den Kranken hinuntertragen zu lassen und ihn nach dem bewußten Orte
zu bringen."
"Aber wird es sein Zustand erlaubend?"
"Dafür stehe ich; die Sache ist durchaus nicht gefährlich. Die Nerven sind hauptsächlich angegriffen, und
wir müssen namentlich sein Gemüth zu beruhigen suchen.
Also eilen Sie."
Rochester zog nun die Vorhänge zu, durch welche
schon der rosige Schein des glühenden Morgenhimmels
hereindrang. Dann kehrte er zu dem Kranken zurück und
sagte zu ihm:
"Beruhigen Sie Sich und blicken Sie uns nicht
mit so stieren Augen an. Sagen Sie ihm, Carter, daß
nicht die geringste Gefahr vorhanden ist."
"Ich kann dies mit gutem Gewissen versichern," entgegnete der Arzt, "nur wäre ich gern etwas früher gekommen.
Die Blutung würde dann nicht so lange gedauert haben, und dies wäre besser gewesen. Aber was
ist das?" setzte er hinzu, indem er den Verwundeten
näher betrachtete; "das Fleisch an der Schulter ist nicht
nur zerschnitten, sondern sogar zerrissen. Diese Wunde
ist nicht durch ein Messer allein hervorgebracht ... ich
sehe deutlich die Spur von Zähnen!"
"Sie hat mich in der That gebissen," erwiderte der
Kranke; "sie stürzte sich wie eine Hyäne auf mich, als
ihr Rochester das Messer entrissen hatte."
"Sie hätten Sich nicht sollen werfen lassen, sondern sie umschlingen und festhalten,” versetzte Rochester.
"Konnte ich es denn?" entgegnete Mason in kläglichem Tone. "O, es war gräßlich!" setzte er schaudernd
hinzu. "Und wie hätte ich so etwas erwarten können?
sie schien so ruhig zu sein."
"Ich hatte Sie im Voraus gewarnt, daß Sie Sich
ihr nur mit der größten Vorsicht nähern sollten. Uebrigens hätten Sie den Besuch bis zum Morgen aufschieben
sollen, damit ich Sie begleiten konnte. Es war Thorheit,
mitten in der Nacht allein zu ihr zu gehen.”
"Ich dachte, es würde so gerade am besten sein."
"Sie hätten dies eben nicht denken sollen. Doch
ich sehe, daß ich mich von dem Unwillen über Ihre
Worte hinreißen lasse; überdies haben Sie die Nichtbeachtung meiner Rathschläge hart genug büßen müssen,
daß ich sie Ihnen verzeihen kann. Also genug davon.
Aber so eilen Sie doch, Carter! die Sonne geht schon auf,
wir müssen den Unbesonnenen fortschaffen."
"Verzeihen Sie, ich sehe eben, daß der Arm noch
an einer andern Stelle verletzt ist... ebenfalls ein Biß,
- wie es scheint."
"Ja," sagte Mason, "sie trank mein Blut, sie
wollte mir, wie sie selbst sagte, das Herz aussaugen."
Bei diesen Worten sah ich Rochester schaudern. Ein
sonderbarer Ausdruck von Haß und Abscheu malte sich
in seinen Zügen, doch behielt er seine Selbstbeherrschung.
"Genug, Henry, schweigen Sie. Wozu brauchen
Sie dieses ungereimte Geschwätz zu wiederholen? Sie
sollten Sich gar nicht mehr daran erinnern."
"Ich wünschte selbst, ich könnte es vergessen."
"Sie werden es vergessen, dafür stehe ich Ihnen,
wenn Sie nur England erst wieder verlassen haben. Sobald Sie wieder in Spanish-Town sind, werden Sie
nur noch wie an ein todtes und längst begrabenes Geschöpf an sie denken ... wenn Sie es überhaupt der
Mühe werth halten, noch an sie zu denken.
"Es ist unmöglich, daß ich diese entsetzliche Nacht
je vergesse!"
"Unmöglich, sagen Sie? sind Sie ein Mann,
Henry? Ich bitte Sie um Gotteswillen, zeigen Sie
etwas mehr Energie! Vor zwei Stunden hielten Sie
Sich für eben so todt wie einen gesalzenen Häring, und
jetzt sind Sie wieder munter und redselig, daß es eine
Lust ist. Die Hauptsache ist noch, daß wir Ihren Anzug wieder in Ordnung bringen ... Jane wird uns dabei
behilflich sein."
Nach Mr. Rochesters Anweisung holte ich in der
That nach einander aus den Schränken und aus seinem
Ankleidezimmer alle zu einer Reisetoilette nöthigen Gegenstände herbei, wozu natürlich auch der große Pelzmantel
gehörte, ohne welchen Mr. Mason als ächter Creole unter
unserem nebeligen Himmel nicht hätte reisen können. Rochester und der Arzt kleideten ihn vom Kopf bis zu den
Füßen an, während ich discret im Corridor wartete.
Als Mason auf diese Art vollständig zur Reise gerüstet war, wollte es ihm nicht gelingen, sich auf den
Füßen zu erhalten. Aber Rochester hatte für Alles gesorgt; er goß in ein Gläschen Likör zwölf bis fünfzehn
Tropfen von einem herzstärkenden Mittel, das ich aus
einem Schubfache seines Sekretairs geholt hätte, und dieser Trank brachte eine zauberhafte Wirkung auf den Verwundeten
hervor, der sich plötzlich wie neubelebt fühlte.
"Die Sache geht gut," sagte Rochester dann, "und
nun wollen wir Sie so geschickt als wir nur können, auf
dem Hause eskamotiren, denn es ist sowohl für Sie als
für jenes unglückliche Geschöpf besser, daß der ganze Vorfall
unter uns bleibt. Ich bemühe mich schon seit langer
Zeit nach Kräften, dieses unglückliche Verhältniß vor
Jedermann geheim zu halten, und ich möchte diese Mühe
nicht gern umsonst verschwendet haben. Jetzt leuchten
Sie mir ... Jane, gehen Sie vor uns die Treppe hinunter
... öffnen Sie die kleine Thür des Seitenganges
und Sie werden einen Reisewagen im Hofe finden, oder
vielmehr vor dem Gitterthore, denn ich habe dem Postillon
verboten, auf dem Pflaster zu fahren. Sagen Sie ihm,
daß wir kommen, und wenn Sie etwa Jemandem auf
der Treppe begegnen sollten, so husten Sie, um uns davon
zu benachrichtigen."
Ich kam diesen Instructionen pünktlich nach, und
während die Herren langsam hinabgingen -- denn Mason
war noch außerordentlich schwach -- horchte ich aufmerksam
und blickte mich überall um. Aber es rührte sich
nichts; selbst an den Fenstern der Dienstleute waren die
Vorhänge noch verschlossen. Kaum begann hier und da
ein Vogel in den blühenden Bäumen zu zwitschern, deren
weiße Blüthenguirlanden aus dem Garten über die Hofmauer herüberhingen. Dann und wann hörte man das
Stampfen der Pferde auf dem Holzpflaster der noch geschlossenen Ställe. Außer diesen Geräusch wurde die
kühle Stille des Morgens durch nichts gestört.
Als Rochester und der Arzt den Verwundeten in den
Wagen gehoben und Carter neben ihm Platz genommen
hatte, sagte Rochester:
"Lassen Sie Mr. Mason die sorgfältigste Pflege angedeihen und behalten Sie ihn bis zu seiner vollkommenen
Genesung bei Sich. Nach zwei Tagen werde ich Sie besuchen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Wie ist Ihnen jetzt, Henry?"
"Die frische Luft stärkt mich ein wenig."
"Lassen Sie doch die Fenster auf seiner Seite herab,
Carter, es geht nicht der leiseste Wind. Leben Sie wohl,
Dick!"
"Fairfax!" rief Mason plötzlich.
"Was giebt es noch?"
"Sorgen Sie dafür, das sie gut gepflegt und mit
aller Schonung behandelt wird, die ihr Zustand erfordert,
damit sie nicht ..."
Bei diesen Worten hielt er inne und Thränen stürzten aus seinen Augen.
"Ich habe meine Pflicht gethan und werde sie auch
ferner thun," erwiderte Rochester kurz, indem er den
Schlag zuwarf.
Unmittelbar darauf fuhr der Wagen fort.

XI.

Sie werden mich wahrscheinlich fragen, und diese
Frage bietet sich in der That selbst dar, ob ich nicht aus
diesem wirklich merkwürdigen Vorfalle Anlaß nahm, von
Mr. Rochester die Aufklärung des Geheimnisses zu erlangen, bei dem wir Beide mehr oder weniger betheiligt
waren.
Die Gelegenheit war allerdings günstig, allein um
sie zu benutzen, liebe Freundin, hätte es einer größeren
Gelassenheit und Gewandtheit bedurft, als ich in meinem
neunzehnten Jahre besaß, wie nicht minder eines gleichartigeren Verhältnisses zwischen Rochester und mir.
Als ich mir erlaubte, von Grace Poole und den
ernsten Gefahren zu sprechen, in die uns ihre Anwesenheit
auf dem Schlosse bringen konnte, versicherte er mir nur
daß er die wirksamsten Maßregeln dagegen getroffen habe.
Als ich ihn über die Art von Entsetzen ausforschen wollte;
den ihm dieser Mason einflößte, über den er eine so große
Herrschaft ausübte, beschränkte er sich darauf, mir zu erwidern,
daß ihm Mason, ohne es zu wissen, einen unermeßlichen Schaden zufügen, und daß er, Rochester,
dieser Gefahr auf keine Weise vorbeugen könne, als indem
er Mason diese oder jene Verhaltungsvorschriften diktierte,
aus dem einfachen Grunde, weil Mason stets in Unkenntniß der Umstände bleiben müsse, auf welche sich der unwillkürliche Einfluß gründete, den er zu einer gewissen
Zeit auf das Schicksal seines Freundes haben könnte.
Dies war sehr unklar und für meine Neugier wenig
befriedigend, allein es war Alles, was ich durch meine
discreten und indiscreten Fragen erlangte.
Ueberdies hatte ich, so lange die glänzende Gesellschaft sich noch in Thornfield-Hall befand, nur seltene
und sehr kurze Unterredungen mit dem Herrn des Schlosses. Er machte seiner schönen Braut, Miß Ingram,
fortwährend den Hof, und ich hatte keine Lust, ihre
süßen Unterhaltungen zu stören. Meine Rolle war mir
vorgeschrieben, und es kostete mir, in Folge der merkwürdigen Freiheit von aller Eifersucht, die ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen auseinander zu setzen, wenig Mühe,
sie einzuhalten. Ich nahm die Dinge so, wie das Schicksal sie mir bot, und da ich voraussah, daß sowohl ich als
mein Zögling Thornfield früher oder später, würden verlassen müssen, so genoß ich mit einer schmerzlichen Freude die letzten Tage, welche daselbst zu verleben uns noch vergönnt war.
Inzwischen ging ein sonderbares Schreiben an mich ein, dessen ich jetzt erwähnen muß, da es nicht ohne Bedeutung für mich geblieben ist.
Ein schwarzgeränderter Brief von meinen Cousinen Reed benachrichtigte mich von dem ableben meiner theueren Tante. Indem Eliza und Georgiana mr dieses Ereigniß mittheilten, übersandten sie mir zu gleicher Zeit ein kleines Päckchen an meine Adresse, das unter den Papieren der Verstorbenen gefunden worden war. Dieses Andenken setzte mich anfangs in große Verwunderung, die sich jedoch bedeutend minderte, als ich wußte, wovon die Rede war. Das Vermächtniß der Mistreß Reed, das ich erwarten durfte, war ein merkwürdiger Beweis von der Abneigung, welche sie mir stets bewiesen hatte.
In einem sorgfältig versiegelten Couvert fand ich folgenden Brief:

‘Madame!
Ich ersuche Sie hierdurch, mir gefälligst die Adresse meiner Nichte, Jane Eyre, mitzutheilen, und mir zu sagen, in welchen Verhältnissen sie lebt, da ich beabsichtige, ihr in Kurzem zu schreiben und sie zu veranlassen, zu mir nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat mir vergönnt, ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Ich bin unverheirathet und habe keine Kinder. Ich will sie daher für den Rest meines
Lebens adoptiren und ihr nach meinem Tode men Vermögen hinterlassen.
Ich bin, Madame etc. etc.
John Eyre,
Kaufmann in Madeira.”

Unter dem Briefe standen folgende Worte von der Hand der Mistreß Reed:
‘Ich habe geantwortet, daß Jane Eyre in der Schule zu Lowood am Typhus gestorben sei.’
Und dieser Brief war drei Jahre alt!
Ich bewunderte im Stillen diese raffinirte Bosheit, welche meine Tante veranlaßt hatte, nachdem sie mir, lediglich um des Vergnügens willen, mir zu schaden, ein mögliches Glück zerstört, mir nach ihrem Tode zu sagen, daß sie mich bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens gehaßt hatte.
So weit das Unglück die Entschuldigung für ein böses Gefühl sein kann, war die gute Frau wohl zu entschuldigen, denn ich erfuhr später, was ich schon aus dem Briefe meiner Cousinen ahnete, daß sie von dem unbezähmbaren Egoismus, der maßlosen Verschwendungssucht, und endlich dem frühen Tode ihres nur zu sehr geliebten Sohnes, John Reed, des Peinigers meiner Jugend, viel zu leiden gehabt hatte. Vielleicht hatte sie, wie mir erst jetzt beifällt mein Glück, das sie in ihrer Hand hielt, den Manden dieses heißgeliebten Sohnes aufgeopfert, zur Erinnerung an den fürchterlichen Kampf, den ich so tapfer gegen ihn bestanden hatte, und den ich Ihnen, wenn ich nicht ire, ausführlich erzählt habe.

Wie dem auch sein möge, meine Gedanken waren damals zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, um mir wegen eines verlorenen Glückes viel Sorge zu machen. Die Gäste von Thornfield-Hall standen auf dem Punkte sich zu entfernen, und es schien mir nicht anders möglich, als daß vor ihrer Abreise die Verbindung Mr. Rochesters mit Blanca Ingram entschieden werden müßte. Ich sah daher mit schmerzlicher Neugier den ersten Anzeichen einer fest beschlossenen Verbindung entgegen.

Ich bemerkte jedoch während der letzten vierzehn Tage des Aufenthalts unserer Gäste durchaus nichts davon. Kein Wort, keine sichtbare Anordnung ließ auf etwas Derartiges schließen. Mistreß Fairfax, welche ich zuweilen nicht ohne eine innere Bangigkeit über die Sache auszuforschen suchte, wußte entweder nichts oder wollte mir nichts sagen. Eines Tages erlaubte sie sich indeß Mr. Rochester die bündige Frage vorzulegen, ob man bald eine Schloßherrin auf Thornfield-Hall sehen werde. Allein er antworte ihr, wie sie mir sagte, nur mit einem nichtssagenden Scherze und einem sardonischen BLicke, ‘mit dem man nicht wußte, was man machen sollte’, wie sich Mistreß Fairfax sehr richtig ausdrückte.
Als Mistreß Ingram und ihre Töchter abgereist waren, wunderte ich mich ein wenig, daß ich Mr. Rochester nicht, wie ich erwartet hatte, fast beständig zu Pferde auf dem Wege zwischen Thornfield-Hall und Ingram-Park sah. Allerdings lag Ingram-Park zwanzig Meilen von Thornfield entfernt an der Grenze einer andern Grafschaft; aber was kümmert Liebende die Entfernung? Was war es namentlich für einen so unermüdlichen Reiter wie Rochester, diese zwanzig Meilen am Morgen vor dem Frühstück zurückzulegen? Diese Gedanken erweckten Hoffnungen in mir, welche ich als verführerische Schlingen gänzlich hätte verbannen sollen: daß die Verbindung zurückgegangen sei, daß das Gerücht die Sache entstellt habe, und daß von keiner Seite jemals eine definitive Zustimmung gegeben worden sei. Ich beobachtete indeß das Gesicht meines Gebieters, um auf demselben Anzeichen von Kummer oder Verdruß zu entdecken, aber noch zu keiner Zeit war mir dieses Gesicht so wolkenlos und frei von jedem unangenehmen Eindrucke erschienen. Wenn ich zuweilen in den Stunden, welche ich mit Adele bei Mr. Rochester zubrachte, einen Anfall von Niedergeschlagenheit hatte und kein Wort sprach, so zeigte er sogar, um mich zu beruhigen, eine ganz natürliche und aufrichtige Heiterkeit, wie ein junger Mann, der an seiner eigenen Fröhlichkeit Vergnügen findet.
Nie hatte er unsre Gesellschaft öfter verlangt, nie war er so gut und freundlich gegen mich gewesen, und ach! Nie hatte ich ihn so sehr geliebt!
Am Abende vor dem Johannestage war Adele, nachdem sie den Nachmittag damit zugebracht hatte, in der Umgegend Walderdbeeren zu suchen, sehr frühzeitig zur Ruhe gegangen, und als ich überzeugt war, daß sie schlief, ging ich hinunter in den Garten.

Hier wandelte ich einige Zeit vor dem Hause auf und ab, aber der Geruch einer Cigarre deren Rauch aus einem Fenster der Bibliothek kam, und eben so auch die verdächtige Art, mit welcher der Laden dieses Fensters nur angelehnt, aber nicht geschlossen war, brachten mich auf den Gedanken, daß ich belauscht werde. Ich flüchtete mich daher in den Obstgarten, ein wahres kleines Paradies von dicht neben einander stehenden Bäumen, das vom Hofe durch eine sehr hohe Mauer und von dem übrigen Garten durch eine Buchenallee getrennt war. Am äußersten Ende blickte man über eine Wolfsgrube ins Freie. Dahin führte eine Art Labyrinth von Lorbeerbüschen, in dessen Mitte ein mit Bänken umgebener großer Kastanienbaum stand.

Als ich unter dem schützenden Laubdache ankam, verspürte ich abermals den feinen Tabaksgeruch, der mich schon aus dem Garten vertrieben hatte, und der sich mit dem Dufte der Blumen vermischte.

Es ist wirklich die Cigarre Mr. Rochesters; ich muß mich also augenblicklich entfernen. Ich gehe auf die in die Baumschule führende Thür zu, aber ich sehe, daß Rochester hineingeht. Ich schlüpfe seitwärts und er eine mit Epheu umrankte kleine Nische, überzeugt, daß er nicht lange hier bleiben und bald ins Haus zurückkehren wird, jedenfalls aber mich in diesem Versteck unmöglich sehen kann.

Ein geflügeltes Insect flog summend an mir vorüber und ließ sich zu Rochesters Füßen auf das Gras nieder.

‘Kommen Sie doch, Jane,’ sagte er zu mir, indem er sich bucket, um es zu betrachten, ‘und sehen Sie dieses Thier.’

So einfach diese Worte an sich waren, so erschrak ich doch heftig über sie. Wie konnte er mich gesehen oder meine Gegenwart vielmehr errathen haben, da ich nicht das leiseste Geräusch gemacht hatte?
Ich trat indeß näher und er fuhr in dem nämlichen Tone fort:
‘Sehen Sie nur seine Flügel . . . es erinnert mich wahr an die Schmetterlinge Westindiens. In England sieht man nicht häufig Nachtvögel von so prächtigen Farben. Da fliegt er wieder fort.’

Der Schmetterling entfloh nach den Bäumen zu. Da ich es für sehr zweckmäßig hielt, seinem Beispiele zu folgen, so ging ich auf das Pförtchen zu; allein Rochester kam mir nach und sagte zu mir:

‘Warum eilen Sie denn so? Ist es nicht eine Schande, sich an einem so herrlichen Abende zwischen seine vier Wände zu vergraben? Jedenfalls wählte man nicht den Augenblick zum Schlafengehen, wenn die scheidende Sonne noch dem emporsteigenden Monde gegenübersteht.’

Ich kann mich gewiß nicht beklagen, daß es mir im Allgemeinen an der Gabe fehlt, leicht und rasch zu antworten, aber es giebt Augenblicke, wo meine Geistesgegenwart mich im Stich läßt, namentlich wenn es darauf ankommt, statt eines wahren Grundes, den ich nicht sagen kann, einen plausiblen Vorwand, eine leere Entschuldigung anzuführen. Auch habe ich die Bemerkung gemacht, daß mir dies um so schwerer wird, einen je größeren Werth ich auf eine Weigerung lege, deren schmerzlichen Eindruck ich mildern möchte. Ich fand es nicht schicklich, mit Rochester in dem dunklen Baumgarten spazieren zu gehen, und doch wußte ich nicht, welchen Grund ich angeben sollte, um ihn zu verlassen, als er zu wünschen schien, daß ich bei ihm blieb. Ich begleitete ihn daher mit zaudernden Schritten, während ich über eine ehrbare Lüge nachsann, aber er schien mir so vollkommen ruhig, meinen Besorgnissen so gänzlich fremd, und überdies so Ernst und väterlich, daß mich meine eigene Verlegenheit in Verlegenheit brachte. Das Böse, wenn überhaupt etwas Boses war, so allein mit ihm zu bleiben, dünkte mir lediglich in meine Einbildung zu liegen, denn seine Gedanken waren offenbar sehr ernster Natur.

‘Jane,’ begann er wieder, als wir in den Lorbeergang traten, ‘im Sommer ist Thornfield kein unangenehmer Aufenthalt. Meinen Sie nicht auch?’
‘Ganz gewiß.’
‘Sie werden sich ohne Zweifel hier eingewöhnt haben, denn Sie besitzen einen angebotenen Sinn für die Schönheiten der Natur, und wenn ich nicht irre, das, was die Phrenologen das Organ der Anhänglichkeit nennen.’
‘Sie irren Sich nicht; Thornfield gefällt mir außerordentlich.’
‘Noch mehr; Sie haben ohne daß ich weiß warum, eine gewisse Zuneigung zu der kleinen Adele und selbst zu Mistreß Fairfax gefaßt?’

‘Allerdings; ich liebe sie Beide aufrichtig, natürlich auf verschiedene Weise.’
‘Es würde Ihnen also schmerzlich sein, wenn Sie sich von ihnen trennen müßten?’
‘Gewiß.’
‘Alle Schade!’ rief er mit einer Art von Seufzer. ‘Doch so geht es gewöhnlich in unserem unvollkommenen Leben; kaum haben wir unser Zelt an einem Orte aufgeschlagen, wo wir der ersehnten Ruhe genießen können, so befiehlt uns eine unheilvolle Stimme, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen, da die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen ist.’
‘Wollen Sie damit sagen, daß ich meine Reise, fortsetzen und Thornfield verlassen muß?’
‘Ich fürchte es, Jane. Ja, ich fürchte es und ich glaube sogar, es muß sein.’


XII.
‘Nun wohl, dann erwarte ich nur Ihren Befehl zur Abreise, er wird mich bereit finden.’
‘Treffen Sie Ihre Anstalten so bald als möglich. Den Befehl zur Abreise, wie Sie sagen, muß ich Ihnen schon diesen Abend geben.’
Sie wollen sich also vermählen?’
‘So ist’s’ Ihr gewöhnlicher Scharfblick hat mit dem ersten Schlage den Nagel auf den Kopf getroffen.’
Und ohne Zweifel bald?’
‘Sehr bald, meine . . . Miß Eyre, wollte ich sagen. Sie werden sich erinnern, als Sie das erste Mal über die Idee mit mir sprachen, daß ich, ein unwürdiger Hagestolz, in den heiligen Ehestand treten wollte. . . . Aber Sie hören nicht auf mich, Miß Jane; wenden Sie den Kopf vielleicht ab, um wieder einen Nachtschmetterling fliegen zu sehen? Das erste Mal, sage ich, als Sie über meine Heirathspläne mit mir sprachen, machten Sie mich mich zuerst darauf aufmerksam, daß, sobald Miß Ingram meine Gattin sei, Adele und Sie das Schloß würden verlassen müssen. Ich sage nichts über den etwas bitteren Tadel, der sich in diesem Rathe gegen den wohlwollenden Character meiner liebenswürdigen Braut ausspricht. Ich will nur an die einsichtsvolle Verständigkeit Ihrer guten Rathschläge denken und mich in allen Punkten darnach richten. Adele soll daher in eine Pensionsanstalt treten und Sie, Miß Eyre, werden sich nach einer andern Stelle umsehen.’
‘Ich will sogleich eine betreffende Anzeige in die Zeitung rücken lassen. Einstweilen denke ich . . .’
Ich vollendete meinen Satz nicht, da ich voraussah, daß meine Stimme die schmerzliche Bewegung meines Innern verrathen würde.
‘In einem Monate, wie ich wenigstens hoffe,’ fuhr Rochester fort, ‘wird die Hochzeit stattfinden, und ich werde mich bis dahin selbst bemühen, Ihnen eine andere Stelle zu verschaffen.’
‘Ich bin Ihnen sehr verbunden, und es thut mir leid, daß Sie sich um meinetwillen bemühen . . .’
‘Sie scherzen, liebe Jane. Wenn eine Gouvernante die Pflichten ihrer Stellung so ausgezeichnet erfüllt, als Sie, dann hat sie gewissermaßen ein Recht, von ihrer Herrschaft zu verlangen, daß sie bei ihrer Entlassung für ihr ferneres Fortkommen sorgt. Uebrigens habe ich schon mit meiner zukünftigen Schwiegermutter über eine Stelle gesprochen, die Ihnen conveniren dürfte. Sie würden die fünf Töchter einer reichen italienischen Dame zu erziehen haben, welche in der Grafschaft Connaught wohnt. Sie werden sehen, Irland gefällt Ihnen, und die Irländer gelten allgemein für sehr brave Leute.’
‘Ist es sehr weit von hier?’
Was kümmert Sie das? Sie sind ein zu verständiges und gesetztes Mädchen, als daß die Entfernung und eine mehr oder weniger lange Reise ein Hinderniß bei der Ausführung eines Beschlusses sein könnte.’
‘Die Reise allerdings nicht, aber die Entfernung . . . und dann trennte mich das Meer . . .’
‘Wovon, Jane?’
‘Von England . . . von Thornfield . . . von . . .’
‘Nun? Vollenden Sie!’
‘Von Ihnen, Mr. Rochester.’
Diese Worte entschlüpften mir unwillkürlich, und eben so unwillkürlich begannen auch meine Thränen zu fließen.
Ich weinte jedoch nur still, so daß es Mr. Rochester leicht entgehen konnte.
‘Es ist in der That wahrscheinlich,’ versetzte er, ‘daß wir uns ziemlich selten, oder richtiger gesagt, nie wiedersehen werden, denn ich für meine Person finde wenig Gefallen an Irland; überdies, Jane, sind wir immer gute Freunde gewesen, nicht wahr?’
‘Ohne allen Zweifel.’
‘Wohlan, wenn ein paar Freunde sich bald trennen müssen, so bringen sie die ihnen noch übrige Zeit gern in ihrer gegenseitigen Gesellschaft zu. Kommen Sie, wir wollen uns dort unter den Kastanienbäumen auf die Bank setzen und ruhig von Ihrer Reise plaudern.’
Mit diesen Worten führte er mich zu der erwähnten Bank und setzte sich an meine Seite.
‘Jane,’ began er nun wieder, ‘es thut mir leid, daß ich Sie so weit von mir entferne. Ich muß Ihnen sagen, daß es Augenblicke gibt, wo es mir scheint, als stammten wir aus Einer Familie, als wären wir ein Wenig verwandt. Es kommt mir zuweilen vor, als wären wir durch ein geheimnißvolles Band mit einander vereinigt. Wenn uns aber der breite Sanct Georgs-Canal mit seinen schäumenden Wogen und seinen reißenden Strömungen trennt, so fürchte ich, das Band wird zerreißen und unsere beiden Herzen bluten. . . . Doch was sage ich? . . . Sie werden mich bald vergessen!’
‘Ich? Gewiß nie, Sie wissen es wohl. Ueberdies . . .’
‘Jane,’ unterbrach er mich, ‘hören Sie in dem fernen Walde den lieblichen Gesang der Nachtigall?’
Aber in der jetzt eintretenden tiefen Stille brach mein lange unterdrücktes Schluchzen plötzlich hervor, und als ich wieder einige Worte sprechen konnte, geschah es nur, um den Tag, an welchem ich geboren und den, an welchem ich nach Thornfield gekommen war, zu verwünschen.
‘Es wird Ihnen also schwer, sich davon zu trennen?’ fragte mich Mr. Rochester im Tone des Erstaunens.
Der Augenblick war gekommen, wo ich ein Gefühl nicht mehr beherrschen konnte, das mächtiger war, als all’ mein Widerstand.
‘Ja,’ rief ich aus, ‘ich trenne mich ungern von Thornfield, denn ich liebe es. Ich liebe es, weil ich hier wenigstens einige Tage lang, vollständig und wahrhaft gelebt habe. Ich wurde nicht mit Füßen getreten, nicht als ein gefühlloses Wesen betrachtet, nicht durch einen gezwungenen Umgang mit ungebildeten Menschen auf mich selbst zurückgewiesen, noch allem Verkehre mit den glänzenden, energischen und erhabenen Eigenschaften des menschlichen Geistes entzogen. Ich unterhielt mich hier mit dem, was ich am meisten achte und liebe, mit einem originellen, starken und weit blickenden Geiste. Warum soll ich es Ihnen verschweigen, Mr. Rochester? . . . nachdem ich Sie kennen gelernt habe, ist es mir ein schrecklicher, ein quälender Gedanke, auf immer von Ihnen getrennt zu werden. Ich sehe wohl die Nothwendigkeit davon ein, aber nur wie man die Nothwendigkeit des Todes einsieht, ohne mich damit vertraut machen zu können.’

‘Woraus schließen Sie auf diese Nothwendigkeit?’ fragte er mich plötzlich.
‘Sie selbst, Mr. Rochester, haben sie mir klar vor Augen gelegt.’
‘Unter welcher Form denn?’
‘Unter der Form Miß Ingrams, eines schönen und liebenswürdigen Mädchens, Ihrer Braut.’
‘Meiner Braut? Wie kommen Sie darauf? Ich habe keine Braut.’
‘Gleichviel, Sie wollen sich aber vermählen?’
‘Ich will . . . ja . . . ich will! . . . ich will!’
Diese Worte sagte er mit zusammengepreßten Zähnen und mit einem fast wilden Ausdrucke.
‘Sie sehen also, daß ich Thornfield verlassen muß; haben Sie es nicht selbst gesagt?’
‘Nein . . . Sie sollen bleiben . . . ich schwöre es, und ich werde diesen Schwur halten.’
‘Dann muß ich jetzt Ihnen sagen: ich will, ich muß fort von hier. Halten Sie mich denn für fähig, hier zu bleiben, ohne irgend ein Anrecht auf Ihre Zuneigung? Haben Sie mich als einen Automaten, als eine sorglose Maschine ohne alles Gefühl betrachtet? Glauben Sie, ich habe weder Herz noch Seele, weil ich arm, von dunkler Herkunft, klein und häßlich bin? So wissen Sie denn, mein Herz und meine Seele stehen auf der nämlichen Höhe wie die Ihrigen . . . und wenn ich bei einiger Schönheit ein Vermögen, besäße, das mich Ihnen näher stellte, Mr. Rochester, so würde ich Ihnen die Trennung von mir eben so schmerzlich zu machen gewußt haben, als mir jetzt die Trennung von Ihnen wird. Sie sehen, und ich weiß es selbst recht wohl, daß ich hier von allen gesellschaftlichen Gebräuchen, Convenienzen und Verhältnissen absehe. Mein Geist spricht zu Ihrem Geiste, als hätten wir das Grab überschritten und ständen völlig gleich am Throne des Herrn, … denn dort werden wir es sein, ja wir sind es schon jetzt, ich fühle es.’
‘Ja, Sie haben Recht, wir sind einander gleich,’ wiederholte Rochester, dessen Stimme jetzt mehr als die meinige zitterte. ‘So kommen Sie denn, Jane, kommen Sie an mein Herz.’
Er zog mich in der That an sich, und ich glaube, seine Lippen berührten die meinigen; aber ich stieß ihn heftig zurück.
‘Nein,’ sagte ich, von dem raschen Strome meiner Rede fortgerissen, ‘nein, wir sind nicht gleich, denn Sie wollen aus Berechnung thun, was man nie von mir Erlangen würde. Sie wollen ein unter Ihnen stehendes Mädchen heirathen, von dem Sie wissen, daß sie unter Ihnen steht, ein Mädchen, die Ihnen keine wahre Zuneigung einflößt und Sie nicht aufrichtig lieben können, weil Sie sie in Ihrem Innern geringschätzen. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich mich unter ein solches Joch beugen . . . ich bin also besser, als Sie. Lassen Sie mich abreisen!’
‘Nach Irland, Jane?’
‘Nach Irland oder wohin es immer sei! Ich habe gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und werde jetzt gehen, wohin man will.’
‘Beruhigen Sie sich, Jane! Hören Sie auf, sich so in meinen Armen zu sträuben, wie ein gefangener Vogel, der sich in seiner Verzweiflung an den Stäben seines Käfigs verwundet.’
‘Ich bin kein Vogel und man fängt mich in keinem Netze. Ich bin ein freies Wesen, ich habe einen Willen, der von Niemandem abhängig ist, und ich bediene mich dieses Willens, um mich von Ihnen zu trennen.’
Durch eine neue Anstrengung entwand ich mich seinen Armen und blieb siegreich und stolz vor ihm stehen.
‘Es sei denn,’ entgegnete er mir; ‘Ihr Wille allein mag über Ihr Schicksal entscheiden: ich trage Ihnen meine Hand, mein Herz und Ihnen Antheil an Allem an, was ich auf der Welt besitze.’
Ich war im Augenblick wie vom Donner gerührt, meine Ueberraschung überstieg jede Beschreibung, die ich Ihnen davon geben könnte.’
‘Ich sollte über diesen Scherz lachen, Mr. Rochester und doch . . .’
Und doch ist nichts ernster, als das,’ fiel er ein. ‘Lassen Sie sich nicht von der Ueberspannung hinreißen, welche so eben noch Ihre Worte dictirte. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig und gelassen, ich selbst will Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.’
Er schwieg in der That und blieb unbeweglich. Ein Windhauch strich sanft durch den Lorbeergang über die dichtbelaubten Zweige des alten Kastanienbaumes und verlor sich in dem unendlichen Raume. Als dieses leise Geräusch erstarb, ließ sich ein anderes vernehmen; es war der Gesang einer Nachtigall in dem fernen Gehölz. Als ich es hörte, fühlte ich meine Thränen wiederkehren. Rochester sah mich mit ernster Zärtlichkeit weinen.
‘Kommen Sie an meine Seite, Jane,’ sagte er endlich, ‘dieses lange dauernde Mißverständniß muß aufhören. Kommen Sie, was fürchten Sie denn?’
Ach! Ich fürchtete noch, daß er über meine Leichtgläubigkeit spottete.
‘Ihre Braut steht zwischen uns,’ sagte ich.
Er stand plötzlich auf und war mit Einem Schritte neben mir.
‘Meine Braut ist hier!’ rief er aus, indem er mich von Neuem an sich zog. ‘Hier ist sie, denn hier habe ich meines Gleichen gefunden! Jane, wollen Sie meine Gattin werden?’
Da ich nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:
‘Ich sehe, daß ich noch immer ein Lügner in Ihren Augen bin. Was bedarf es denn, um Sie zu überzeugen, meine kleine Zweiflerin? Als ob Sie nicht wüßten, daß ich Miß Ingram nie geliebt habe! Und was ihre Liebe zu mir betrifft, so habe ich mir die Mühe genommen, sie auf die Probe zu stellen. Es genügte mir zu diesem Zwecke, ihr zu verstehen zu geben, daß ich zwei Drittheile meines Vermögens verloren hätte. Von diesem Augenblicke an konnte ich um ihre Hand anhalten, ohne zu fürchten, daß sie mir gewährt würde. Sowohl sie als auch ihre Mutter haben mich gut aufgenommen. Nein, ich wollte und konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie sind es, das kleine sonderbare Mädchen, die kaum aus dieser Welt ist, die weder Vermögen noch eine Familie besitzt und die so viele Leute häßlich finden, Sie sind es, die ich bitte, meine Hand anzunehmen.”
“Ist dies wirklich wahr?” rief ich aus, gerade wegen der Unartigkeit seiner Complimente von seiner Aufrichtigkeit überzeugt; ‘ich, Mr. Rochester, die in der Welt keinen andern Freund hat, als Sie, wenn Sie es überhaupt sind, . . . ich, die keinen Schilling besitzt, den Sie ihr nicht gegeben haben? Bitte, wenden Sie Ihr Gesicht nach dem Monde.’
‘Warum?’
‘Weil ich Ihre Gedanken auf Ihrer Stirn lesen will.’

‘In Gottes Namen; Sie müßten sehr geschickt sein, wenn Sie auf diesem abgegriffenen und zerknitterten Blatte etwas läsen. So lesen Sie denn, aber beeilen Sie sich, denn ich leide Höllenqualen.’
Das Blut stieg in der That in sein Gesicht; er war offenbar sehr aufgeregt; man sah es an dem nervösen Zucken seiner Gesichtsmuskeln und an dem ungewöhnlichen Glanze seiner Augen.
‘O Jane!’ rief er nach einer kleinen Pause, ‘hören Sie auf, mich so zu quälen! Ihre Augen, diese treuen Spiegel Ihrer Seele, haben einen Ausdruck, der mir das Herz zerreißt.’
‘Sie drücken nichts aus, al seine innige Dankbarkeit und ich sehe nicht ein . . .’
‘Kein Wort mehr, ich bitte Sie, wenn Sie mir nicht sagen wollen, daß Sie meine Hand annehmen.’
‘Lieben Sie mich aufrichtig und wollen Sie mich ernstlich zur Gattin?’
Ich habe es Ihnen gesagt. Bedarf es noch eines Eides? Nun wohl, ich schwöre es Ihnen!’
‘So schwöre auch ich Ihnen, daß ich Ihre Gattin sein will!’
‘Dann komm an mein Brust, und dies Mal ohne Frucht!’ Dann setzte er mit leiser, bebender Stimme hinzu, seine Wange an die meinige gelegt und den Mund an meinem Ohre: ‘Wie glücklich werde ich durch Dich sein! . . . und ich will mein ganzes Leben nur Deinem Glücke weihen. Gott verzeihe mir!’ fuhr er nach einer kurzen Pause fort, ‘Niemand soll sie mir wieder entreißen, . . . jetzt ist sie mein und bleibt mein!’
In dem entschlossenen Tone, mit welchem er diese letzten Worte sprach, lag ein Ausdruck, vor dem ich erschrak.



XIII.

Die Dunkelheit um uns her war inzwischen viel dichter geworden. Der Mond konnte so früh noch nicht untergangen sein, und doch erkannte ich Rochesters Züge kaum. Der große Baum, unter dem wir saßen, ächzte unter dem Drucke des Windes, der das harte Laub des Lorbeerbäume bewegte.
“Wir müssen in’s Haus gehen,” sagte Rochester, “denn das Wetter hat sich geändert. Wie gern wäre ich bis zum Morgen bei Dir geblieben, meine Jane!”
“Und ich nicht minder!” dachte ich. Vielleicht würde ich es laut gesagt haben, aber ein greller Blitzstrahl zuckte aus den Wolken, auf die meine Augen gerichtet waren. Geblendet und erschrocken legte ich meinen Kopf an Rochesters Schulter. Es began in Strömen zu regnen. Er zog mich die Allee entlang, bis an das Haus, aber noch ehe wir es erreichen konnten, waren wir Beide ganz durchnäßt. Während er mir auf der Hausflur meinen triefenden Shawl von den Schultern nahm und sanft meine Haarflechten drückte, trat Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer. Wir bemerkten sie anfangs gar nicht, obgleich sie ihre brennende Lampe in der Hand trug. Es schlug eben zwölf Uhr.
“Lege rasch Deine nassen Kleider ab,” sagte Rochester zu mir, “und ehe Du gehst, noch ein Mal gute Nacht, mein Engel!”
Er umarmte mich mehre Male, während er diese Worte wiederholte. Als ich mich seinen Armen sanft entwand und aufblickte, sah ich die gute Mistreß Fairfax ernst und von Staunen ergriffen vor mir.
Ein lächelnder Blick, den ich ihr, während ich mich entfernte, zuwarf, war die einzige Erklärung, die ich ihr in diesem Augenblicke zu geben vermochte. Als ich aber in mein Zimmer kam, befiel mich eine gewisse Angst, indem ich bedachte, daß die würdige Dame, wenn auch nur einige Stunden lang, die kleine Scene, deren Zeuge sie durch einen Zufall geworden war, vielleicht übel deuten könnte.
Aber bald verdrängte die Freude, von der ich wie berauscht war, jedes andere Gefühl aus meinem Innern. Der entfesselte Sturm tobte vergebens die ganze Nacht hindurch; vergebens grollte der Donner am Himmel, vergebens schlugen die Blitze mit ihren feurigen Flügeln. Ich empfand keine Furcht, kaum eine unbestimmte Regung von Ehrerbietung vor der Macht der Elemente.
Drei Mal im Laufe der Nacht kam Rochester an meine Thür, um mich zu fragen, ob ich mich nicht unwohl fühlte oder ängstigte. Dies war ganz geeignet, mir Muth gegen alle Gefahren und Trost für alles Unglück zu geben.
Der folgende Tag war herrlich; selten wurde die Erde von einem prachtvolleren Junimorgen beleuchtet.
Nachdem ich bei Mistreß Fairfax gefrühstückt hatte, die mir mit einer gewissen Zurückhaltung begegnete, über die mir noch nicht erlaubt war, Rechenschaft von ihr zu fordern, ging ich hinauf zu Adele; aber Rochester hatte sie mit ihrem Mädchen in’s Freie geschickt und er selbst empfing mich in unserm Arbeitszimmer. Es war nicht mehr ein kalter Gruß, nicht einmal ein warmer Händedruck, sondern es war eine fast väterliche Liebkosung, mit welcher er mich bei meinem Eintritt empfing. Ich war schon so vertraut mit meinen Glücke, daß ich dieses Entgegenkommen ganz natürlich fand.
Nachdem er mir eine Schmeichelei über mein gutes Aussehen gesagt hatte, über meine “Schönheit” sogar und über den Glanz meiner hübschen braunen Augen – sie sind grün, wie Sie wissen, liebe Freundin, -- sprach Mr. Rochester sogleich von seinen Planen. Er sagte, unsere Verbindung solle nach Ablauf der streng vorgeschriebenen vier Wochen stattfinden und er bewillige mir keinen Tag mehr. Ueberdies habe er bereits nach London geschrieben und erwarte mit umgehender Post die bei seinem Bankier deponirten Familienjuwelen.
Er werde sehen, ob dieses Geschmeide mir genüge, denn er wünsche mich eben so reich gekleidet und geschmückt zu sehen, als wäre ich die Tochter eines Herzogs und Pairs mit einer Aussteuer von hunderttausend Pfund Sterling.
Ich erlaubte mir, mich über seine Juwelen und über ihn selbst lustig zu machen.
“Du vergissest,” sagte ich zu ihm, “daß kostbares Geschmeide nur die Schönheit kleidet. In eine vornehme Dame verwandelt, mit Blumen, Diamanten und Spitzen bedeckt, würdest Du nicht mehr die kleine Gouvernante Jane Eyre in mir erkennen, deren Quäkermanieren Dein Herz gewonnen haben. Ich würde mir vorkommen wie eine Krähe mit Pfauengefieder. Eben so gern würde ich Dich als Opernhelden gekleidet sehen, mit dem Barret auf dem Kopfe, der Krause um den Hals und dem Halbmantel auf der Schulter, als mich mit Federn und Edelsteinen beladen in einem Spiegel zu erblicken. Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, aber ohne Dich für schöner zu halten, als Du es bist; glaube daher nicht, daß Du nöthig hast, der Eitelkeit in mir zu schmeicheln, die man bei allen Frauen voraussetzt.”
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er diesen vernünftigen Worten keine Beachtung schenkte, Dagegen berührte er eine empfänglicher Saite in mir, indem er von den Reisen sprach, welche wir zusammen machen wollten, sobald wir verbunden wären. Ich sollte Paris, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und Wien, kurz alle Länder mit ihm besuchen, die er schon kannte und die er in meiner Gesellschaft noch ein Mal sehen wollte, . . . konnte es eine schönere Aussicht für mich geben?

“Außerdem will ich,” setzte er hinzu, “daß Du noch diesen Abend die Erfüllung Deiner drei liebsten Wünsche von mir verlangst, ganz so wie in den Feenmährchen. Nur hüte Dich, Jane, nichts Unmögliches zu fordern, denn ich würde es ganz gestimmt versuchen.”
“Nun wohl,” sagte ich lachend, “mein erster Wunsch ist, daß Du Deinem Bankier schreibst, er soll die bewußten Juwelen nicht schicken. Sie würden mir unnütz sein, und vielleicht noch etwas Schlimmeres, denn sie würden mich an die mir ohnehin schmerzliche Ungleichheit unserer Vermögensumstände erinnern.”
“Jane, Du bist ein böses Kind!” rief Mr. Rochester, “doch mein Wort bindet mich, die Contreordre soll noch diesen Abend abgehen.”
“Gut, jetzt zu dem zweiten Wunsche. Ich will, daß meine Neugierde über einen kitzligen Punkt befriedigt werde . . .”

Rochester schien darüber verlegen zu werden; seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen und seine Stirn verfinsterte sich.
“Denke an Eva und Psyche,” sagte er mit einem erzwungenen Lächeln zu mir; “Beide bereuten es, daß sie hatten zu viel wissen wollen.”

“Kann ich wenigstens wissen,” entgegnete ich, “warum Du Miß Ingram scheinbar den Hof machtest, obgleich Du sie nicht liebst.”

Rochesters Gesicht heiterte sich alsbald wieder auf.

“Ich habe nicht geglaubt, meine Jane,” erwiderte er, “daß ich nöthig haben würde, Dir dies zu erklären. Weißt Du nicht, daß ein wenig Eifersucht das beste Mittel ist, um eine entstehende Liebe zu nähren? Und weißt Du nicht, daß ich bis zum Wahnsinn von Dir geliebt sein wollte?”

“Welch’ eine armselige Berechnung! Und wie erniedrigt sie Dich in meinen Augen! Du stehst jetzt tiefer als ich. Doch, lassen wir das. Mein dritter Wunsch, und zwar der theuerste von allen, ist: daß Mistreß Fairfax von der Ehre unterrichtet wird, zu welcher Du mich bestimmt hast. Nach dem, was sie gesehen hat, ist es nicht schicklich, daß sie in dieser Beziehung länger in Unkenntniß bleibt.”

“Verstehen heißt gehorchen,” versetzte Rochester, indem er absichtlich die Formel der orientalischen Sklaven anwendete. Wir begaben uns auf der Stelle zu meiner alten Freundin, um ihr seine Absichten kund zu geben, und ihr etwas zu offen an den Tag gelegtes Erstaunen wurde fast beleidigend für mich.

Sie konnte sich augenscheinlich nicht erklären, wie ich einen Mann hatte fesseln können. Der Stolz und der strengste Ordnungsgeist, um nicht mehr zu sagen, waren in ihren Augen die Stereotypen und erblichen Eigenschaften der Familie Rochester. Sie fand durchaus nichts in dieser Verbindung, was ihr nicht in jeder Hinsicht selbst in Bezug auf das Alter, ein Mißverhältniß gezeigt hätte.
“So ist Alles vortrefflich,” sagte sie endlich, “und ich bin nun von den Besorgnissen befreit, welche mir seit einiger Zeit das Herz schwer machten. Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gestern Abend empfunden haben, als ich Sie, nachdem ich Sie im ganzen Hause gesucht hatte, mit Herrn Rochester um Mitternacht ..”

“Davon wollen wir nicht mehr sprechen,” rief ich mit einem Anflug von Ungeduld, “da Sie jetzt wissen, woran Sie sind.”
“Gut, es sei. Ich hoffe, daß Alles nach Wunsche gehen mag. Aber seien Sie auf Ihrer Hut, mein liebes Kind. Halten Sie sich fern von Mr. Rochester, mißtrauen Sie sich selbst eben so sehr, als ihm. Es geschieht nicht alle Tage, daß ein Mann seines Standes die Gouvernante seiner Kinder heirathet.”
Ich war nahe daran, unwillig zu werden, aber Adele’s Eintritt machte diesem peinlichen Gespräche ein Ende.
Mein kleiner Zögling wollte mich im Auftrage Mr. Rochesters abholen, um zusammen nach Millcote zu fahren. Es sollte, wie sie sagte, allen Kaufleuten dieses Städtchens ein Besuch abgestattet und ihre Magazine geplündert werden, um eine vollständige Aussteuer zusammenzubringen.

Dies convenirte mir durchaus nicht. So oft mich Rochester mit Geschenken überschütten wollte, fühlte ich mich jedes Mal tief gedemütigt, und Alles, was der Uneigennützigkeit meiner Liebe zu nahe treten konnte, war mir unangenehm.

Die kleine Reise mußte indeß gemacht werden. Anstatt aber funfzehn bis zwanzig verschiedene Kleider, mit denen er mich beschenken wollte, gelang es mir, ihn dahin zu bringen, daß er sich mit zweien begnügte, deren Wahl er mir jedoch nicht überließ, da er mich zu sehr geneigt sah, sie einfacher und bescheidener zu kaufen, als er wünschte. Er nahm die theuersten Stoffe, die schwersten Seidenzeuge.

Dann kehrten wir nach Thornfield zurück.
“Wirst Du mir wenigstens das Vergnügen machen, mit mir zu speisen?” fragte er mich bei unserer Ankunft.
“Nein, dafür muß ich danken.”
“Darf ich nach dem Grunde dieser Weigerung fragen?”
“Er ist ganz einfach. Ich habe nie an Deinem Tische gegessen und sehe nicht ein, warum ich eher an demselben Platz nehmen soll, als bis . . .”

“Nun, willst Du mir wieder Etwas verschweigen? Sprich Deinen Gedanken vollständig aus.”
“Als bis ich es nicht mehr ablehnen darf.”
“Gut denn, so mißbrauche Deine gegenwärtigen Rechte, unbeugsame Tyrannin! Ich werde später auch die meinigen haben, und Du sollst sehen, ob ich sie geltend mache.”
Meine Bedenklichkeiten könnten Manchem als übertrieben, ja vielleicht als kindlich erscheinen, aber Sie, meine verehrte Freundin, werden sie erklärlich finden bei einem zugleich liebenden und stolzen Herzen, dem in einer so ganz besonders schwierigen Lage darum zu thun ist, die Neigung, welcher es sich hingibt, vor jedem Verdacht und jedem Rückhalt zu bewahren. Es war schon viel, daß ich diese so lange verborgene Leidenschaft offen gestanden hatte; nun mußte ich sie aber wenigstens vor jeder üblen Deutung schützen, und es durfte nicht den Anschein gewinnen, als ob eine feile Berechnung der Beweggrund meines Verfahrens sei, das, wie ich sehr gut wußte, ein Gegenstand des Spottes und Tadels für die Welt sein würde.

Deßhalb, und nur deßhalb, war meine Armuth mir drückend. Bei unserer Zurückkunft von Millcote hatte ich mir vorgenommen, und ich führte diesen Vorsatz noch an dem nämlichen Tage aus, an meinen Oheim John in Madeira zu schreiben, um ihm mitzutheilen, daß seine Nichte keineswegs gestorben war, daß sie im Gegentheil eine weit über ihren Stand hinausgehende Verbindung schließen wollte und daß sie ihm herzlich für seine wohlwollenden Absichten dankte, welche nur an den feindseligen Gesinnungen der Mittelsperson gescheitert waren, die er gewählt hatte.
Es war sehr zweifelhaft, ob dieser Brief den Oheim noch am Leben finden würde, und wenn dies auch der Fall war, so war er vielleicht jetzt verheirathet und konnte nicht mehr frei über sein Vermögen verfügen. Doch gleichviel; schon die wenn auch noch so ungewisse Hoffnung, meinem Gatten mit der Zeit eine größere oder kleinere Summe zubringen zu können, gewährte mir einige Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich jetzt in gänzlicher Abhängigkeit von ihm leben mußte.
Ein anderes Bedenken für mich bestand darin, während der langen vertraulichen Unterhaltungen mit einem Manne, der meiner Liebe gewiß war, den gefährlichen Aeußerungen seiner Zärtlichkeit auszuweichen. Doch in diesem Punkte unterstützte mich mein wirkliches Gefühl vortrefflich. Ich lernte aus der Wendung, die das Gespräch nahm, aus dem Tone der Stimme, aus dem Feuer des Blicks die Vorläufer dieser Ausbrüche, welche mich ins Verderben stürzen konnten, wenn ich mich von ihrem ansteckenden Zauber hinreißen ließ, und von nun an richtete ich es so ein, daß ich immer eine kleine Härte oder üble Laune zu meiner Vergnügung hatte, die ich im Nothfall als ein sicheres Präservativmittel anwendete.

Diese Taktik erforderte einige Gewandtheit, denn, wenn ich auch Rochester einen Augenblick mißfallen wollte, so war es doch nicht meine Absicht, ihn mir auf immer zu entfremden. Und ich schwöre Ihnen, es bedurfte eines Muthes, den ich mir nie zugetraut hatte, um bei dem Mißvergnügen, der schmerzlichen Ueberraschung, der Besorgniß und der Angst standhaft zu bleiben, welche sich in den Zügen meines Geliebten malten, wenn ich mich absichtlich übellaunisch, oder gekränkt, zu unterwürfig und besonders von seiner Leidenschaftlichkeit nicht zu sehr angesteckt zu werden.

Bedenken Sie wohl, theure Freundin, daß mein zukünftiger Gatte damals die ganze Welt für mich war, daß die Hoffnung von ihm geliebt zu werden, mir Ersatz für jede andere Hoffnung war. Er stand zwischen meiner Seele und jedem frommen Gedanken, wie die Wolke zwischen dem Auge des Menschen und den Strahlen der Sonne; er war mein Idol geworden. War es nicht gerecht, daß mich Gott dafür bestrafte?


I.

Ich hatte die vier gefährlichen Wochen glücklich überstanden und der Tag unserer Verbindung man gekommen.
Es war Alles für die unmittelbar nachher festgesetzte Abreise vorbereitet; gepackte und geschnürte Koffer füllten
mein kleines Zimmer. Sie waren nur noch mit den schon geschriebenen Adressen zu versehen, auf denen ich
mit Erstaunen den Namen einer Person las, von der ich mir noch keine klare Vorstellung machen konnte: Mistreß
Jane Rochester in London.
Sophie kam sehr früh zu mir, um mich anzukleiden, und wahrscheinlich brauchte sie viel Zeit dazu, denn Rochester ließ sich in seiner Ungeduld nach dem Grunde meines langen Außenbleibens erkundigen. Dann hörte ich seine unwillige Stimme am Fuße der Treppe, und indem ich mich endlich den dazu diensteifrigen Händen meines Kammermädchens entzog, eilte ich hinunter in den Speisesaal.
Mr. Rochester nahm mich bei der Hand, warf einen forschenden Blick auf meinen ganzen Anzug und sagte, ich sei schön wie eine Lilie; dann schellte er nach dem Frühstück. Dem eintretenden Bedienten befahl er nochmals ausdrücklich, dafür zu sorgen, daß der Wagen in Bereitschaft stand, wenn wir aus der Kirche zurück kamen.
Die Koffer sollten aufgepackt, der Kutscher auf seinem Bocke sein und dieser Befehl wurde in dem entschiedensten Tone gegeben.
Währenddem frühstückte ich zum Schein, aber es, war mir unmöglich, etwas von den aufgetragenen Speisen zu berühren. Rochester war so beschäftigt, daß er mein gezwungenes Fasten nicht bemerkte, und er fragte mich nach einigen Minuten, ob ich bereit sei.
Auf meine bejahende Antwort nahm er meinen Arm und zog mich so rasch mit sich fort, daß ich Mühe hatte, ihm zu folgen; Mistreß Fairfax erwartete uns im
Vestibul und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber es
war mir nicht möglich, da eine eiserne Hand mich fortzog
und da besonders der Ausdruck in Rochesters Zügen keine
Minute Aufenthalt gestattete, so energisch prägte sich der
Wille in denselben aus, ohne Aufschub und sobald als möglich das Ziel zu erreichen. Es war ein sonderbares Bräutigamsgesicht, das mich in Erstaunen und fast in Angst versetzte! Meine Aufmerksamkeit war nur auf diese Physiognomie gerichtet, aus welcher eine finstere Entschlossenheit, ein fester Vorsatz sprach, ein mich unbekanntes Hinderniß um jeden Preis zu besiegen.
Am Eingange des Kirchhofs hielten wir an und hier erst bemerkte Rochester, daß ich ganz außer Odem war.
Nicht wahr, ich bin hart in meiner Liebe? sagte er zu mir. Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben,
Jane ... stütze Dich auf mich.
Ich sehe sie noch vor mir, die alte graue und stille Kirche, die um den Thurm herumschwärmenden Krähen, den von der Morgensonne vergoldeten Himmel, die grünen Rasenhügel auf den Gräbern, ohne Leichensteine und ohne Inschriften. Ich erinnere mich besonders auch zweier fremder Männer, welche auf dem unebenen Boden des Gottesackers umhergingen und damit beschäftigt zu sein schienen, einige halb verwischte Grabschriften unter dem Moose zu entziffern. Ich sah, wie sie nach der hintern Seite der Kirche zu gingen, sobald sie uns erblickten, als wollten sie durch eine der kleinen Nebenthüren eintreten. Rochester achtete nicht auf sie, denn seine Gedanken waren nur mit meinem erschöpften und leidenden Aussehen beschäftigt. Ich erholte mich indessen bald wieder und wir traten in das bescheidene Gotteshaus.
Der Priester in seinem weißen Chorhemd und mit dem Meßner zur Seite erwartete uns am Altar. Alles war still und schweigsam, nur in einem entlegenen Winkel
bewegten sich zwei menschliche Gestalten.
Ich hatte mich nicht geirrt; die beiden Unbekannten waren vor uns eingetreten, sie standen neben der Familiengruft der Rochester und betrachteten durch das Gitter das alte Grabmal von vergilbtem Marmor, auf welchem ein knieender Seraph die Gebeine Damers von Rochester, der zur Zeit der Bürgerkriege bei Marston-Moore gefallen
war, und seiner würdigen Gemahlin, der edlen Dame Elisabeth, bewachte.
Wir näherten uns dem heiligen Tische. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so veranlaßte mich ein leises Geräusch hinter mir, mich umzuwenden, und ich sah einen der beiden Fremden, augenscheinlich ein Gentleman, langsam näher kommen. Die Trauungsceremonie begann.
Dem kirchlichen Ritus gemäß erklärte uns der Priester den Zweck des Sacraments, das er uns ertheilen
sollte; dann trat er näher und sagte, ein wenig zu Rochester geneigt:
"Ich fordere Sie Beide auf (und Sie werden am Tage des jüngsten Gerichts, wenn die Geheimnisse aller
Herzen offenbar werden, für Ihre Aussage verantwortlich sein), in dieser Stunde zu erklären, ob Ihnen irgend ein
Hinderniß bekannt ist, welches die Rechtmäßigkeit der Verbindung in Frage stellen könnte, da Sie die Gewißheit
haben, daß jeder Mann und jede Frau, die anders verbunden werden, als das Wort des Herrn vorschreibt, es nicht durch Gott sind und daß ihre Verbindung dann ungesetzlich ist...."
Nach diesen Worten hielt er inne, wie es Gebrauch ist. Und wie oft mag es vorkommen, daß das Stillschweigen,
welches dieser feierlichen Aufforderung folgt unterbrochen wird? Vielleicht nicht Ein Mal in hundert Jahren. Der Priester hatte daher auch nicht den Blick von seinem Buche erhoben und wollte nach einer kurzen
Pause fortfahren. Doch als er eben die Hand nach Rochester ausstreckte und seine Lippen sich öffneten, um ihn
zu fragen: "Erkennst Du dieses Weib als Deine Gattin an?" sprach eine kräftige Stimme ganz in unserer Nähe:
"Diese Verbindung kann nicht stattfinden. Ich erkläre, daß ein Hinderniß existirt.
Der Priester blickte den Störer der Feierlichkeit an
und blieb stumm. Rochester schwankte einen Augenblick,
als wäre der Boben unter seinen Füßen gewichen. Allein
er faßte sich bald wieder und sagte mit leiser und ernster
Stimme, ohne sich umzusehen:
"Fahren Sie fort!"
Eine Todtenstille folgte diesen Worten. Nach kurzem
Bedenken sagte endlich der Kaplan, Mr. Wood:
"Ich kann nicht fortfahren, ohne zu wissen, was es
mit der eben vernommenen Einrede für eine Bewandniß
hat und ohne mich überzeugt zu haben, das sie von keiner
ernsten Bedeutung ist.

Die Ceremonie kann nicht stattfinden, wiederholte die nämliche Stimme, ,und ich bin in den Stand gesetzt,
darzuthun, daß ich nichts ohne Beweise behaupte."
Rochester hörte Alles so gut, wie ich, aber es schien,
als achtete er nicht im Geringsten auf die Worte des
Fremden. Er sprach keine Sylbe und machte keine Bewegung.
Doch nein, ich irre mich, er ergriff meine Hand.
Gott, welch ein heftiger und krampfhafter Druck! Seine
Marmorstirn war in diesem Augenblicke so kalt und
streng, als wäre sie wirklich von Stein gewesen. Und
welch ein wildes Feuer, welcher stiere Ausdruck in seinem
Blicke!
"Worin besteht das Hinderniß?" fragte endlich Mr. Wood;
"ist es wirklich nicht zu beseitigen?
"Sie sollen selbst darüber urtheilen, erwiderte der
Fremde, indem er einige Schritte näher trat und den
Arm auf das Geländer des Chors stützte. Seine Sprache
war ruhig und entschieden, ohne den geringsten Ausdruck
von innerer Aufregung, und ein wenig gedämpft, wie bei
einer Salonunterhaltung. Das Hinderniß besteht ganz
einfach in der Existenz einer ersten Ehe: Mr. Rochester
hat eine Frau, die noch am Leben ist!"
Nie hatte ein Donnerschlag meine Nerven so heftig
erschüttert, als diese letzten, in dem natürlichsten Tone gesprochenen Worte: Mein Blut empfand die Wirkung
derselben, wie es noch nie die Wirkung der Kälte ohne des
Feuers empfunden hatte. Es gelang wir indessen mich vollkommen zu beherrschen und ich hatte nicht die geringste
Besorgniß vor einer Ohnmacht.
Ich blickte Rochester an und dies zwang ihn, mich ebenfalls anzusehen. Sein Gesicht war eine steinerne
Maske; seine Augen glichen zwei weißglühenden Kohlen.
Er leugnete nichts, er schien bereit, Allem zu trotzen.
Ohne zu sprechen, ohne zu lächeln, ohne durch ein Zeichen zu verrathen, daß er in mir ein ihm ähnliches Wesen erblickte, legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an seine Seite.
"Wer sind Sie?" fragte er hierauf den Unbekannten.
"Ich heiße Briggs und bin Advokat in London."
"Und Sie wollen, mich mit dem Geschenk einer
Frau beehren?"
"Ich will Sie nur daran erinnern, daß Ihre Frau
lebt, von Gott, wenn auch nicht von Ihnen, als solche
anerkannt."
"Werden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wer
sie ist, wie sie heißt und wo sie wohnt?"
"Allerdings, mein Herr."
Der Advokat zog gelassen ein Papier aus seiner
Tasche, dessen Inhalt er mit der seinem Stande eigenthümlichen
halblauten und näselnden Stimme vorlas.
"Ich behaupte und kann es beweisen, daß Eduard
Fairfax Rochester von Thornfield-Hall in der Grafschaft
*** und von Ferndean-Manor in der Grafschaft ***
England, am 20.October 18.. (vor fünfzehn Jahren) mit meiner Schwester, Bertha Antoinette Mason,
Tochter Jonas Masons, Kaufmanns, und Antoinettens, seiner Frau, creolischer Abkunft, in der Kirche zu
Spanish-Town ehelich verbunden worden ist. Die Originalurkunde dieser Ehe existirt in den Registern
der genannten Kirche. Gegenwärtigem liegt eine Abschrift bei.
Unterzeichnet: Richard Mason.
"Angenommen auch, die Erklärung sei authentisch,’ versetzte Rochester, so beweist sie höchstens nur, daß ich
verheirathet gewesen bin, nicht aber, daß die Frau, von der man als von der meinigen spricht, noch am Leben ist.
"Vor drei Monaten war sie es noch, erwiderte der Advokat sogleich.
"Können Sie das beweisen?
"Ich habe einen Zeugen dafür, den Sie wohl schwerlich verwerfen werden.”
"So stellen Sie diesen Zeugen oder gehen Sie zum Teufel!” rief Mr. Rochester, der seine erzwungene Ruhe
nicht länger zu behaupten vermochte.
"Gut, mein Herr, ich will die Alternative, welche Sie mir lassen, benutzen, um diese kleine Reise nicht zu
machen. Treten Sie näher, Mr. Mason.”
Dieser Name brachte eine blitzschnelle und zauberhafte
Wirkung auf Rochester hervor, die ich allein bemerkte.
Der zweite Fremde hatte sich bisher sorgfältig verborgen gehalten und zeigte jetzt sein blasses Gesicht über der
Schulter des Advokaten.
Rochester wendete sich nach ihm um und warf ihm einen Blick zu, dessen drohenden Ausdruck Alles befürchten ließ. Ich möchte ihn mit einem Vulkan vergleichen, dessen bevorstehender Ausbruch sich durch dunkelrothe
Blitze ankündigt. Er ging auf seinen Schwager zu, erhob seine gewaltige Hand nach ihm ... und ich glaubte
diesen schon am Altar niederstürzen zu sehen.
Allein er wich zurück, indem er Gottes Beistand anrief, und seine Feigheit rettete ihn. Die Verachtung
löschte wie ein eiskalter Wasserstrom den glühenden Zorn
Rochesters, der seinen Arm sogleich sinken ließ und nur
sagte:
"Sprechen Sie! was haben Sie zu sagen?”
Der erschrockene Mason begann einige unzusammenhängende Worte zu stammeln. Der Priester kam ihm
zu Hilfe, indem er Rochester an die Achtung vor der Heiligkeit des Ortes erinnerte.
"Sind Sie gewiß, fragte er Mason dann in sanftem Tone, daß die Gattin dieses Herrn noch am Leben ist?"
"Lassen Sie sich nicht irre machen, setzte der Advokat
hinzu, "sagen Sie Alles, was Sie wissen."
"Sie lebt und befindet sich in Thornfield-Hall.
sagte Mason mit etwas festerer Stimme. Ich, ihr
Bruder, habe sie im vergangenen Monat April gesehen."

"In Thornfield-Hall? rief der Geistliche mit unbeschreiblichem Erstaunen. Dies scheint mir unmöglich, denn ich wohne schon sehr lange in dieser Gegend, habe aber nie gehört, daß in Thornfield-Hall eine Mistreß Rochester lebt."
Diese Worte entlockten meinem unglücklichen Bräutigam eine Art von verzweifeltem Lächeln.
"Ja, sagte er dann, meine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen."
Er überlegte einige Minuten, ohne daß Jemand ihn zu stören wagte, und als er seinen Entschluß gefaßt hatte,
rief er plötzlich:
"Genug! Es ist Alles verfehlt und wir wollen nicht weiter gehen. Schließen Sie Ihr Buch, Wood, und legen Sie Ihr Chorhemd ab. John Green (so hieß der
Messediener), Sie können sich entfernen, es wird heute keine Trauung stattfinden.
Diesen Befehlen wurde nachgekommen. Dann sprach Rochester mit einer unglaublichen Kühnheit und
Sorglosigkeit weiter:
"Bigamie! ein häßliches Wort! und doch war ich nahe daran, mich einer solchen schuldig zu machen. Aber
das Schicksal hat meine klugen Berechnungen zerstört und die Vorsehung hat mich, wie die Leute sagen werden, am
Rande des Abgrundes zurückgehalten. Nun ja, meine Herren, mein Plan ist gescheitert. Der Herr Advokat
und sein Client sagen die Wahrheit; ich bin verheirathet mit einer noch in meinem Hause lebenden Frau. Wußten Sie es wirklich nicht, Wood? haben Sie nie unter Ihren Pfarrkindern von einer geheimnißvollen Wahnsinnigen sprechen hören, die ich bei mir verborgen halte?
Man hat Ihnen wahrscheinlich gesagt, es sei meine natürliche Halbschwester oder auch eine verlassene Geliebte?
... Nein, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren
geheirathet habe, die Schwester des wackern Mannes, den
Sie hier sehen, eine Creolin, die Tochter einer durch den
übermäßigen Genuß geistiger Getränke verthierten Mutter
und wahnsinnig wie diese, da sie ebenfalls dem Laster des
Trunkes ergeben ist. Man hütete sich wohl, mich zu
warnen, als von der im Voraus zwischen unseren beiderseitigen Eltern festgesetzten Verbindung die Rede war;
man hütete sich wohl, mir zu sagen, daß sich diese entwürdigende Gewohnheit seit drei Generationen von der
Mutter auf die Tochter fortgeerbt hatte. Urtheilen Sie
daher über mein Glück und über die angenehme Abwechslung in meiner Existenz von dem Augenblicke an, als ich
der Gatte Bertha Masons wurde. Sie sollen sich selbst von diesem nur zu lange verborgen gebliebenen Glücke
überzeugen; ich will Sie, ehrwürdiger Mr. Wood, und
Sie, Herr Advokat Briggs, und auch Sie, wackrer Mason, meiner Frau vorstellen. Kommen Sie mit mir in
meine Wohnung. Sie sollen mir dann sagen, ob ich ein
Recht hatte oder nicht, mich eines lächerlichen und in meinen Augen ungültigen Eides für entbunden zu halten.

Was diese junge Dame betrifft, fuhr er fort, indem er auf mich zeigte, so mußte sie von dem Allen eben so wenig etwas, als Sie, mein lieber Wood; Sie war im Begriff, in die Schlinge zu fallen, die ihr ein gewißenloser Gatte stellte, welcher seines gräßlichen Witwenstandes
überdrüssig war. Ich erwarte Sie, meine Herren.
Er verließ die Kirche, indem er mich fortwährend fest an sich drückte, und hinter uns folgten die drei anderen Theilnehmer an dieser merkwürdigen Scene. Vor dem Schlosse fanden wir den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen.
"Du kannst wieder ausspannen, sagte Rochester ganz ruhig zu dem Kutscher; "ich reise heute nicht ab."
Mistreß Fairfax, Adela, Sophie und Leah erwarteten uns im Vestibul, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
"Zurück! zurück! rief ihnen Rochester zu. "Ich danke für Eure Glückwünsche, ich bedarf ihrer nicht mehr,
sie kommen fünfzehn Jahre zu spät."
Nach diesen Worten ging er an ihnen vorüber, meine
Hand noch immer in der seinigen haltend, und winkte den
drei Herren, uns zu folgen. Wir gingen die Treppe hinauf,
bis in das dritte Stockwerk, Rochester öffnete die kleine, dunkle Thür und wir traten in das Zimmer, in
welchem ich eine so schreckliche Nacht verlebt hatte.
"Sie kennen wohl dieses Zimmer noch, Mason?” fragte Rochester seinen Schwager in spöttischem Tone.
Hier war es, wo Sie so zärtlich von ihr umfangen und gebissen wurden.
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob er das Stück der Tapete, welches dem Blicke die geheime Thür
des Nebengemaches verbarg, und öffnete diese.
Wir traten nun in eine Kammer ohne Fenster, welche durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet
wurde. Im Kamin brannte hinter einem starken Eisengitter ein großes Feuer, vor dem Grace Poole mit einem
Casserol in der Hand saß, um Gott weiß was zu kochen.
Im entferntesten und dunkelsten Theile dieser Arc von Höhle ging, gleich einem wilden Thiere in seinem Käfige,
ein Geschöpf ohne menschliche Gestalt und ohne Namen auf und ab ... dies war die rechtmäßige Gebieterin des
Schlosses.

II.
Auf den ersten Blick konnte man schwer unterscheiden, ob dies ein menschliches Wesen war. Eine verworrene Masse ehedem schwarzer, jetzt aber fast grauer Haare verbargen wie eine Mähne ihren Kopf und ihr Gesicht, und ihre Lippen gaben ein bestialisches Brummen von sich.
Zuweilen kroch sie auf allen Vieren umher, und es schien ihr Vergnügen zu machen, den Gang der häßlichsten
Raubthiere nachzuahmen; kurz, es war eine Hyäne in Frauengestalt.
"Nun, Mistreß Poole, fragte Mr. Rochester, "wie geht es hier diesen Morgen?"
"Ich danke Ihnen, antwortete Grace, indem sie Ihren Tiegel behutsam über das Feuer setzte; "sie brummt
nur ein wenig, das ist Alles."
Dieser günstige Bericht wurde im nächsten Augenblicke Lügen gestraft. Die erwähnte Hyäne richtete sich auf ihren Hinterfüßen empor und stieß ein Geheul aus, welches den heftigsten Zorn verrieth.
"Sie hat Sie gesehen, Mr. Rochester," sagte Grace Poole, "bleiben Sie nicht hier."
"Nur einige Minuten."
"Dann nehmen Sie sich wenigstens in Acht ... um des Himmels willen, seien Sie vorsichtig!"
Die Wahnsinnige brüllte von Neuem. Sie strich die Haare, welche sie am Sehen hinderten, von der Stirn, und blickte uns mit drohenden Augen an. Mistreß Poole trat einige Schritte vor.
"Lassen Sie nur," sagte Rochester, indem er sie auf die Seite schob, sie hat hoffentlich kein Messer, und ich bin auf meiner Hut."
"Wer weiß?" entgegnete Grace, "sie ist heimtückisch.
Jedenfalls sehen Sie sich vor. Jetzt!"
"Bei diesen Worten zogen sich die drei Gentlemen erschrocken zurück. Mr. Rochester hatte eben noch so viel
Zeit, um mich gleichsam hinter sich zu werfen, denn die Wahnsinnige stürzte auf ihn zu. Sie faste ihn bei der
Gurgel und versuchte es, ihn in die Wange zu beißen.
So rangen sie eine oder zwei Minuten zusammen, denn sie war ein starkgebautes, kräftiges Weib, die einem
Manne gewachsen war. Rochester hätte sie indeß mit einem einzigen Schlage zu Boden werfen können, aber er
wollte sie nur bändigen, und dies gelang ihm auch. Er hielt ihre beiden Hände fest, die er von Grace Poole binden
ließ, und band sie dann selbst mit einem zweiten Stricke an einen Stuhl, ohne sich an ihr fürchterlich
Geschrei und an ihn Sträuben zu kehren.
Als diese Operation beendigt war, wendete er sich an die entsetzten Zeugen dieser unglaublichen Scene, und
sagte mit einem schmerzlichen Lächeln, das nur die Verzweiflung kennt:
"Dies ist meine Frau! dies sind die Annehmlichkeiten, welche sie meinem Leben zu bieten vermag! Und
hier ist Die," setzte er hinzu, indem er seine Hand auf meine Schulter legte, "deren Schicksal ich mit dem meinigen verbinden wollte. Wood, Briggs, Mason! urtheilen Sie selbst über den Unterschied. Vergleichen Sie diesen ruhigen und freundlichen Blick mit jenen von Blut
unterlaufenen Augen, diese reinen Züge mit jenem abschreckenden Gesicht, diese schlanke Gestalt mit jener unförmlichen Masse. Ich fordere Sie, Herr Pfarrer, im Namendes Evangeliums, und Sie, Herr Advokat, im Namen des
Gesetzes, auf, über meine Handlungsweise zu richten, aber vergessen Sie nicht, daß man einst für seinen Urtheilsspruch verantwortlich ist! Jetzt können Sie sich entfernen.
Wie ließen uns dies nicht zwei Mal sagen. Rochester blieb zurück, um Grace Poole einige Befehle zu geben,
und als wir die Treppe hinabgingen, sagte der Advokat zu meinem großen Erstaunen zu mir:
"Wenn Jemand hier zu tadeln ist, so sind Sie es gewiß nicht, Miß. Ihr Oheim wird die nicht ohne Vergnügen erfahren, wenn anders er bei Masons Zurückkunft nach Madeira noch am Leben ist."
"Was sagen Sie von meinem Oheim? kennen Sie ihn denn?"
"Ich nicht, aber Mr. Mason steht in Geschäftsverbindung mit ihm, denn Mr. Eyre ist der Correspondent
seines Handlungshauses in Funchal. Daher kommt es auch, daß Mr. Mason, als er sich auf seiner Rückreise
nach Jamaika aus Gesundheitsrücksichten einige Zeit in
Madeira aufhielt, von Mr. Eyre erfuhr, daß seine Nichte
Mr. Rochester heirathen wolle. Diese Mittheilung führte
zu Erklärungen, welche Sie errathen können, und in deren
Folge Mr. Mason nach England zurückkehrte. Zum Glück -- und ich hoffe, Sie werden in diesem Punkte
eben so denken als ich -- hat ihm der Himmel erlaubt hier anzukommen, ehe es zu spät war, ein Verbrechen zu
verhindern, an welchem Sie unbewußt Theil genommen haben würden.
Diese Erklärung ließ mich in dem gegenwärtigen Augenblicke
ganz gleichgültig. Die Herren entfernten sich,und ich blieb in meinem Zimmer, wohin ich mich begeben
hatte, nicht, um ungestört zu weinen, denn ich war soruhig, daß ich mich über mich selbst wunderte, sondern
um mein Brautgewand mit dem Kleide zu vertauschen,das ich bisher täglich getragen, und das ich am vergangenen
Abend für immer abzulegen geglaubt hatte.

Schwach zu und erschöpft sank ich dann auf einen Stuhl. Meine Arme stützten sich auf den Tisch, ich legte
den Kopf in beide Hände und gab mich dann meinen Gedanken hin. Ein Spielball der Ereignisse, hatte ich bis
jetzt, ohne selbst einen thätigen Antheil an ihnen zu nehmen,
den erschütterndsten Scenen beigewohnt, denen rasche
Aufeinanderfolge mich fast betäubt hatte. Jetzt, da ich
mich sammeln und mir von Allem, was ich gesehen und
erfahren, Rechenschaft gehen konnte, fühlte ich ein unwiderstehliches Bedürfniß, über meine Lage nachzudenken.
Einige ohne Geräusch und Aufsehen gewechselte
Worte, wenige auf die natürlichste Weise gegebene Erklärungen,
ein Geständniß Rochesters, ein lebender Beweis
zu Gunsten seiner Rechtfertigung, mehr hatte es nicht bedurft,
um in meinem Geschick eine jener Umwälzungen hervorzubringen,
welche im Bereiche der Moral das sind,
was in der physischen Welt die plötzliche Vernichtung
eines emporsteigenden Gestirne sein würde.
Nichts hatte sich in meiner gewöhnlichen Lebensweise
verändert. Nach dem äußeren Anscheine zu urtheilen,
war ich noch die nämliche Person, bewohnte das nämliche Zimmer und widmete mich den nämlichen Beschäftigungen.
Und doch, wo war die frühere Jane Eyre? Wo war das, was ihr ganzes Leben ausmachte, die fieberhafte Erwartung, die glühende Hoffnung, welche seit einem
Monate die ganze Kraft ihrer Jugend absorbirten?
Die süß erregte Braut, das glückliche Idol, die liebende Jungfrau war verschwunden, und es blieb nichts
mehr, als das zur ewigen Einsamkeit und um dem kalten Egoismus der Ehelosigkeit verurtheilte Mädchen. Ihr
Leben war entfärbt, ihre Zukunft jeder Hoffnung beraubt.
Man denke sich einen schönen Sommertag, am welchem eine eisige Winterkälte eintritt, welche die schon reifen
Früchte und die blühenden Rosen mit einer Eisrinde umgibt und ein Leichentuch von Schnee über die blumenreichen Wiesen und die in üppiger Fülle prangenden Felder breitet, und man wird eine ohngefähre Idee von dem Zustande meines Innern hoben. Die theuersten Wünsche meines Herzens, gestern noch lebhaft und blühend, waren heute für immer zerstörte und todte Gedanken.
Meine Liebe, diese Liebe, welche Mr. Rochester hervorgerufen hatte, sie zitterte jetzt in der Tiefe meines Herzens
wie ein kranke Kind in einer Wiege, die nicht gegen die Kälte geschützt ist.
Mr. Rochester selbst betraf, so fühlte ich, ohne ihn zu beschuldigen, und ohne Haß oder Zorn gegen ihn zu
empfinden, daß er allen Anspruch auf mein Vertrauen verloren hatte, und daß ich mich von ihm trennen mußte.
Er hatte mich nicht eigentlich hintergangen, aber er liebte mich nicht so, wie ich geglaubt hatte. Ich war fest überzeugt, daß er mich jetzt, wo er in mir nur den Gegenstand einer strafbaren und gestörten Leidenschaft sah, von Thornfield entfernen, und daß ich in seinen Augen nur noch ein
hassenswerthes Geschöpf sein würde.

Meine Augen hatten sich endlich geschlossen, und die
mich umgebene Dunkelheit vermehrte noch die Verwirrung meine Gedanken. Gänzlich mir selbst überlassen
und unfähig der geringsten Anstrengung, schien es mir, als läge ich in dem ausgetrockneten Bette eines Waldstromes; ich hörte das drohende Wasser heranstürmen und hatte nicht die Kraft, mich zu erheben und zu fliehen.
Ich konnte höchstens in diesem Schiffbruch aller meiner Wünsche und Vorsätze ein Gebet ohne eigentlichen Zweck
und ohne Inbrunst zum Himmel senden.
Doch ich vermag diese herbe Stunde nicht zu schildern, und will es daher nicht weiter versuchen.
Am Nachmittag, als die Strahlen der untergehenden Sonne meine kummervolle Stirn beleuchteten, öffnete ich
die Augen wieder und stand auf, um meinen Platz zu verändern. Diese Bewegung war hinreichend, um mich
zum Bewußtsein meiner wirklichen Lage und der Pflichten,
welche sie mir auferlegte, zu bringen. Die Notwendigkeit, Thornfield zu verlassen, erschien mir in ihrer ganzen
Gräßlichkeit, und trotz der Ohnmacht meines Willens,
gegen den die spitzfindigen Rathschläge einer Leidenschaft
ankämpften, welche ihre Illusionen überlebte, fühlte ich
die Unerläßlichkeit einer gebieterischen Pflicht. Eine entsetzliche Angst schnürte mich das Herz zusammen, als
sich daran dachte, daß ich schon seit mehreren Stunden allein mit meinem Schmerze war, ohne daß irgend Jemand, weder Mistreß Fairfax, noch die kleine Adele, noch
er zu mir gekommen war, um sich nach mir zu erkundigen und mir einige Worte der Theilnahme zu sagen. Ich
trocknete so gut als möglich die Thränen, welche noch in meinen Augen glänzten, suchte den Schwindel zu bemeistern, der meinen Geist ergriffen hatte, so daß ich bei jedem Schritt schwankte, ging langsam nach der Thür, schob
den Riegel zurück und trat in den Korridor hinaus; aber
bei dem ersten Schritt stieß ich mit meinem Fuße an
einen Gegenstand, den mein geblendetes Auge nicht sogleich
unterscheiden konnte. Ich war im Begriff, zu fallen,
aber ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es war der
Arm Mr. Rochesters, der mich, an der Thür meines
Zimmers sitzend, erwartete.
"Endlich!" sagte er zu mir; "ich wartete hier, bis
Du aus Deinem Zimmer kommen würdest, und wußte
nicht, was ich von dieser Todtenstille denken sollte. Wenn
sie noch länger gedauert hätte, so konnte ich es nicht länger
ertragen und würde diese verwünschte Thür eingeschlagen
haben. Warum hat meine Jane allein weinen
wollen? an meinem Herzen sollten ihre Thränen fließen.
... Wie, Jane? fuhr er nach einer kurzen Pause fort,
"hast Du nicht einmal ein Wort des Vorwurfs für mich?
Du bleibst unbeweglich auf der Stelle, wohin ich Dich gesetzt habe, und richtest nur einen kalten, leblosen Blick auf mich?... Glaubst Du, Jane, daß ich Dich so habe beleidigen wollen? Denke Dir einen Menschen, der aus einem unseligen Irrthum dem Messer des Fleischers sein Lieblingslamm überliefert, das von seinem Beste aß, aus seinem Glase trank und das er an seinem Busen erwärmte.
Die Reue und Verzweiflung dieses Menschen ist nichts
gegen die meinige. Wirst Du mir nie vergeben?"
Sie werden es vielleicht begreifen können, liebe
Freundin, wenn ich Ihnen sage, daß die diesem Manne,
der mein Unglück war, auf der Stelle und ohne mich
einen Augenblick zu bedenken, Alles verzieh. Seine Augen
drückten eine so aufrichtige Reue aus, seine Stimme zitterte von so innigem Mitleide, und besonders lag in seinem ganzen Benehmen, in seiner Sprache und in seiner
Haltung einen so wahre uns dem Anscheine nach so unwandelbare Liebe, daß ich ihm, nicht mir Worten, oder
durch einen Blick, oder durch ein Lächeln, wohl aber aus
dem Grunde meines Herzens vergab.
Aeußerlich blieb ich, wie bisher, ganz in meine
Schwache versunken.
"Sprich, geliebtes Kind!" fuhr Rochester fort;
"sprich mit mir, wäre es auch nur, um mit zu fluchen!"
"Ich kann nicht ... ich bin krank... ich möchte
ein wenig Wasser, antwortete ich ihm mit großer Anstrengung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, nahm mich in
seine Arme und trug mich hinunter in's Erbgeschoß; in
in welches Zimmer, wußte ich selbst nicht sogleich. Ich fühlte
nur, daß sich meine Füße einem belebenden Feuer näherten
und daß ein stärkender Wein meine Lippen benetzte; meine Kräfte kehrten so allmählig zurück, und ich konnte
mechanisch einige Nahrung zu mir nehmen, die für mich bereit stand. Ich sah nun, daß ich mich in dem
Bibliothekzimmer und in dem Arbeitslehrstuhle meines Gebieters befand; er selbst stand neben mir.
Wenn ich jetzt, dachte ich bei mir, "ohne zu große Schmerzen aus dem Leben gehen könnte .. bevor
ich mich von hier entfernen und Mr. Rochester verlassen
müßte!"
Als hätte er errathen, was in mir vorging, entwanden sich seiner Brust einige unartikulierte, schmerzliche
Laute; dann ging er mit großen Schritten im Zimmer umher, kehrte zu meinem Lehnstuhle zurück und neigte
sich zu mir herab, um einen Kuß auf meine Stirn zu drücken.
Aber ich erinnerte mich, daß seine Liebkosungen mir nicht mehr erlaubt waren; daher wendete ich mein Gesicht
ab und stieß ihn sanft von mir.
"Ja, ja, rief er aus, es ist die Gatte Bertha Masons, den Du so von Dir stößest! Aber Jane, hältst
Du mich denn wirklich für einen sittenlosen Wüstling, für
einen schändlichen Verführer?... Glaubst Du, ich habe
Dir mit kalter Berechnung eine Schlinge gelegt, um Dich
auf niederträchtige Weise zugleich mit der Achtung aller
Anderen, auch um Deine eigene Achtung und um Deine
weibliche Ehre zu betrügen? Sieh, Jane, antworte mir
nicht... Du bist zu schwach, um lange zu sprechen, und es ist auch Dein Wunsch nicht, da Du fürchtest, der
Strom Deiner Thränen könnte wider Deinen Willen
hervorbrechen. Du willst von keinen Erklärungen, von
keinen Vorwürfen, von keiner Scene irgend einer Art
etwas wissen.... Du hältst es für unnöthig, zu sprechen,
und denkst nur darüber nach, was Du thun sollst.
O, ich kenne Dich! ... und ich bin auf meiner Hut!"
"Ich versichere Ihnen, daß ich durchaus an keine
Handlung denke, die Ihr Mißtrauen erwecken könnte ...
Die Stimme versagte mich, und ich mußte innehalten.
"Von Deinem Gesichtspunkte aus vielleicht nicht
entgegnete er, aber von dem meinigen aus betrachtet,
sinnest Du auf mein Verderben. Ich bin verheirathet,
und deshalb willst Du mich fliehen, willst meinen Liebkosungen
ausweichen. Du beabsichtigest, nur als Adele's
Gouvernante hier zu bleiben und die geringsten Beweise
meiner Liebe als eine Beleidigung, als eine Gefahr von
Dir zu weisen. Habe ich es errathend?
"Nein, Herr Rochester, Adele muß jetzt eine andere
Gouvernante erhalten."
"Du hast Recht, auch ich habe schon daran gedacht; ich werde sie in eine Erziehungsanstalt schicken. Uebrigens können wir Beide nicht, weder Du noch ich, hier in
diesem Thornfield bleiben, das nur gräßliche Erinnerungen für uns enthält. Ich könnte und hätte schon längst das
fürchterliche Gespenst, das uns von hier vertreibt, an einen andern Ort versetzen können. Aber Ferndean-Manor liegt in einem sumpfigen Walde, und ist ein feuchter, ungesunder Aufenthalt; dieses Schloß würde mich zu schnell
und zu sicher von der Last befreit haben, welche die Vorsehung mir aufgebürdet. Einem Jeden seine Laster; ich
würde mich nie dazu verstehen, indirect und ohne Gefahr selbst das Wesen zu ermorden, das ich auf der Welt am
meisten hasse.
"Sie sind unerbittlich," rief ich aus, "unerbittlich
gegen ein Unglück, das nur Mitleid verdient!"
"Jane, meine Heißgeliebte (Du bist es noch immer,
warum soll ich Dich also nicht so nennen?), Du thust
mir Unrecht. Nicht weil sie wahnsinnig ist, hasse ich dieses Weib. Glaubst Du, ich würde Dich hassen, wenn
Du wahnsinnig wärest?"
"Allerdings."
"Dann kennst Du mich und die Liebe, deren ich
fähig bin, sehr wenig. Nicht das kleinste Atom ist in
Dich, das ich nicht eben so liebte, als wäre es ein Theil
meiner selbst. Dein Verstand ist mein höchstes Gut, und
sollte er auf irgend eine Art zerrüttet werden, so würde er
es dennoch bleiben, In Deinem Delirium würden Dich
keine andern Bande fesseln, als meine Arme, und wenn
Du Dich auf mich stürztest, wie jenes Weib diesen Morgen,
so würde ich Dich mit einer eben so zärtlichen als
unauflöslichen Umarmung empfangen. Aber wozu gebe
ich mich solchen Gedanken hin?... Ich glaube, ich sprach
von unserer Entfernung von Thornfield. Ja, wir verlassen Thornfield, dessen Thüren Jedermann verschlossen, dessen
Fenster sämmtlich vergittert werden sollen, und wo Mistreß
Poole für zweihundert Pfund Sterling gern allein mir
meiner Frau bleiben wird. Dich, Jane, lasse ich keine
einzige Nacht mehr an diesem traurigen Orte. Es ist
Alles zur Abreise bereit, und ich weiß eine Zufluchtsstätte,
wohin die schmerzlichen Erinnerungen und selbst die Verleumdungen
dieser böswilligen und lügnerischen Welt nicht
dringen können.
"Dann nehmen Sie Adele mit dorthin, denn gänzliche Abgeschiedenheit
ist nicht gut für verwundete Herzen."
"Was meinst Du mit dem Worte Abgeschiedenheit,
dem Du eine besondere Bedeutung zu geben scheinst?...
Ich muß mich deutlicher erklären, wie ich sehe. Diese
Abgeschiedenheit, von welcher Du sprichst, wird nicht vollkommen
sein, Du sollst sie mit mir theilen. Verstehst
Du mich jetzt?"

III.
Auf diese klare und bestimmte Frage begnügte ich
mich, mit einer verneinenden Kopfbewegung zu antworten,
und dies war gewiß schon viel Muth einer Aufregung gegenüber, wie die, welche aus Rochesters Worten
hervorzuleuchten begann.
Er war bisher mit großen Schritten im Zimmer auf
und ab gegangen; jetzt blieb er plötzlich stehen, als ob
seine Füße im Boden Wurzel gefaßt hätten, und blickte
mich mit einer fast wilden Miene geraume Zeit an. Ich
wendete bald meine Augen von ihm ab nach dem Feuer,
und bemühte auch nach Möglichkeit, äußerlich vollkommen
ruhig zu scheinen.
"Das ist der tust im Charakter meiner Jane, sagte
er endlich mit gelassenerem Tone, als ich erwartet hätte.
"Bis hierher ließ Ich die Seidendocke ziemlich leicht abwickeln, aber ich wußte, daß wir auf einen Knoten, auf ein Hinderniß stoßen würden. Eine endlose Angst, Besorgnis und Unruhe wird entstehen; wer wird mir die Kraft eines Simson verleihen, um die Fäden zu zerreißen,
in die ich mich verwickeln werde?”
Er begann von Neuem umherzugehen, dann blieb
er wieder, und diesmal dicht vor mir stehen und sagte:
"Jane, Du wirst auf die Stimme der Vernunft
hören ...
Er neigte sich zu mir herab, näherte seine Lippen
meinem Ohre und setzte rasch hinzu:
"Denn wenn Du sie nicht hörtest, würde ich Gewalt anwenden.”
Seine rauhe Stimme und seine verstörten Züge
waren die eines Mannes, der im Begriff ist, sich der ganzen Heftigkeit eines zügellosen Charakters hinzugeben. Ich
sah deutlich, daß es nichts weiter bedurfte, als einer Steigerung seines Schmerzes um einen einzigen Grad und der
Verlängerung des unerträglichen Gedankens an einen offenen Abgrund zwischen uns um eine einzige Minute, damit ich alle Gewalt über diesen, ganz von seiner Leidenschaft beherrschten Mann, verlor.
Ein Zeichen von Furcht oder Abneigung, die geringste
Bewegung, welche den Willen verrieth, mich ihm zu entziehen,
und es war um mich geschehen.
Ich erkannte die ganze Größe der Gefahr, welche
uns Beiden drohte, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich
ängstigte, oder wenigstens hatte diese Angst etwas Berauschendes,
einen eigenthümlichen Zauberreiz, ähnlich dem
welchen ein Indianer, der in seinem Canoe von der Strömung des Niagara fortgerissen wird, vielleicht in dem
Augenblicke empfindet, wo sein Kahn in den gähnenden
Abgrund am Fuße des Wasserfalls hinabgleiten sah.
Uebrigens hielt ich mich noch für stark genug, um mich
nicht werfen zu lassen. Ich nahm die zusammengeballte
Hand Rochesters, brachte die Finger in ihre natürliche
Lage und sagte in dem versöhnlichsten Tone:
"setzen Sie sich; wir wollen so lange zusammen sprechen, als Sie wünschen, und ich werde Alles anhören, was Sie mir zu sagen haben, mögen es thörigte oder verständige Dinge sein.
Er nahm wirklich Platz, konnte aber nicht weiter sprechen, wie ich es ihm erlaubt hatte. Ich gehorchte jetzt
dem sicheren Gefühl, aus dem die Frauen den besten Theil
ihrer Macht schöpfen, und ließ den Thränen, die ich seit dem Beginn dieser sonderbaren Scene gewaltsam unterdrückte, freien Lauf. Wenn diese Thränen ihm unangenehm waren, um so besser für mich. Ich weinte also,
ohne mich zu geniren.
Es dauerte nicht lange, so lag er vor mir auf den Knieen und bat mich, ruhig zu sein. Ich zeigte mich
erst dann dazu bereit, als ich aus dem sanfteren Ton seiner Stimme ersah, daß seine erste Aufregung sich beschwichtigt hatte. Hocherfreut, meine Thränen getrocknet zu haben, wollte er seinen Kopf auf meine Schulter legen,
aber ich duldete es nicht Er wollte mich an sein Herz
ziehen: der nämliche Widerstand von meiner Seite.
Jane! Jane! rief er jetzt mit dem Ausdrucke des
echten Schmerzes, sollte es wahr sein, daß Du mich
nie geliebt hast? Es verlangte Dich also nur nach meinem
Namen, nach meinem Range, nach einem Gatten?
Und jetzt, da ich Dir dies Alles nicht mehr geben kann,
stößest Du mich mit dem nämlichen Abscheu von Dir, als
wäre ich ein häßliches Thier?
Es würde vielleicht besser gewesen sein, wenn ich
nichts auf diesen kränkenden Vorwurf geantwortet hätte,
allein er verletzte mich zu tief, um mir nicht in fast unwillkürliches Geständniß zu entreißen.
Ich liebe Sie, entgegnete ich, und mehr als je
zuvor. Prägen Sie es sich wohl ins Gedächtniß ein,
denn es ist das letzte Mal, daß Sie diese Worte aus meinem Munde hören.
"Das letzte Mal? Warum, Jane? Glaubst Du
beständig mit mir leben, mich täglich sehen zu können,
und mir täglich mit der nämlichen berechneten Kälte und
Abneigung zu begegnen?
"Ich glaube dies so wenig, daß mein Entschluß,
mich einer solchen Prüfung nicht zu unterwerfen, unwiderruflich feststeht. Aber ich bitte Sie, gerathen Sie
nicht wieder in Zorn.
"Was schadet es Dir?... hast Du nicht das Talent, Thränen zu vergießen?

Ich wiederhole Ihnen, Mr. Rochester, wir müssen
uns trennen.
Trennen? ... doch nur für einige Minuten, nicht
wahr? nur so lange, als nöthig ist, um Dein Haar zu
ordnen und Deine glühende Stirn mit frischem Wasser
zu benetzen? Sprich nicht mehr von diesem thörigten
Gedanken, Jane; nicht von mir, nur von Thornfield
mußt Du Dich trennen. Hier kannst Du nicht sein, was
Du werden sollst: meine theuere, geliebte Gattin. Aber
ich besitze im südlichen Frankreich, an den Ufern des Mittelmeeres eine reizende Villa mit schneeweißen Mauern.
Dort wirst Du glücklich, frei und unschuldig leben.
Fürchte nicht, daß ich Dich je zu etwas verleiten werde,
was Du als einen Fehltritt betrachten könntest; glaube
nicht, daß ich um einiger Augenblicke Vergnügen willen je
daran gedacht habe, Dich zu meiner Geliebten zu machen.
Schüttele nicht mit so zweifelnder Miene den Kopf, Jane,
und sei verständig, wenn Du mich nicht wahnsinnig machen willst?
Seine Stimme und seine Hände zitterten von
Neuem, seine Augen schossen Blitze, und dennoch wagte
ich es, ihm zu antworten:
"Ihre Gattin lebt noch, Sie selbst haben sie diesen
Morgen anerkannt. Wenn ich bei Ihnen wohnte,
wie Sie es wünschen, würde ich Ihre Maitresse sein, dies
wissen Sie recht gut. Wollten Sie das Gegentheil behaupten, so hieße dies der Wahrheit spotten.

"Jane, Du vergißt, daß ich kein pheginatischer
Mann bin ... es fehlt mir an Geduld ... ich habe weder
kaltes Blut noch ein gefühlloses Herz. Aus Mitleid
für mich, aus Mitleid für Dich selbst lege den Finger
an meinen Puls, sieh, wie stürmisch das Blut durch meine
Adern rollt... und schone meiner!

IV.
Während Rochester dies sagte, streifte er den Aermel seines Rockes zurück und reichte mir seinen halb entblößten Arm. Das Blut strömte nach seiner Wange und seinen Lippen, die sich entfärbten. Es war grausam, ihn
durch einen Widerstand zu quälen, der ihn erbitterte; dagegen war es aber auch unmöglich, seinem Ungestüm
nachzugeben. In dieser bedenklichen Lage that ich, was
alle menschlichen Geschöpfe in der äußersten Bedrängniß
thun, ich rief den Himmel zu meinem Beistande an.
Wie thörigt bin ich! rief plötzlich Rochester.
Sie glaubt, ich bin verheirathet ... muß ich sie nicht
zuerst enttäuschend Wenn sie Alles weiß, was ich weiß,
dann wird sie auch denken wie ich, Jane, meine heißgeliebte Jane, laß Deine Hand in der meinigen und schenke
mir einige Aufmerksamkeit. Wirst Du mich kurze Zeit
anhören können?”

"Stunden lang, wenn es sein muß.”
"O, ich bedarf nur einiger Minuten.”
Rochester erzählte mir ausführlich alle näheren Umstände seiner Verbindung mit Bertha Mason. Es war
eine schmerzliche Erzählung. Um einem älteren Sohne alle Besitzungen der Rochester zu sichern, hatte sein Vater
den jüngeren mit einem reichen Mädchen verheirathen wollen. Mr. Mason, der Vater Bertha's, gab dieser
fünfzigtausend Pfund Sterling als Mitgift, und dieser Umstand entschied die Verbindung. Als der junge Rochester die Universität verließ, wurde er nach Jamaika geschickt mit dem Bedeuten, er werde dort eine Braut finden, die Schönste unter den Schönen der Colonie. Und
dies war keine Uebertreibung. Auch die Eltern der reichen
Erbin, denen der Name und der gesellschaftliche Rang der
Rochester ein glücklicher Fund für ihre Tochter zu sein
schien, boten Alles auf, um den ihnen zugesendeten jungen
Mann zu fesseln, Seine Sinne, sein Stolz und sein jugendlicher Ehrgeiz wurden zu gleicher Zeit angeregt. Er
sah Bertha nur in Gesellschaften, wo sie von Huldigungen
umgeben war, wo sie in dem doppelten Glanze der Schönheit und des Reichthums strahlte. Durch tausend
wohlberechnete Kunstgriffe bethört und von den schmeichelhaften Auszeichnungen geblendet, mit denen die stolze
Schönheit überhäuft wurde, heirathete er sie, ohne sie zu
kennen, ohne zu wissen, welches lasterhafte Blut, welche
verderbliche Keime in ihr lagen, und ohne daß man ihm von der Existenz seiner Schwiegermutter unterrichtete, die
sich seit mehreren Jahren in einem Irrenhause befand.
Als die Verbindung geschlossen war, wurden seine, Illusionen bald zerstört. Wenige Tage waren hinreichend, damit er zu seinem tiefen Schmerze die gemeinen Neigungen, den beschränkten Geist und den gefährlichen Charakter des jungen Mädchens erkannte, die er zur Gefährtin seines Lebens erwählt hatte. Er fand in ihr sehr bald ein Gemisch von Einfalt, angeborener Schlechtigkeit, Leichtsinn und Heftigkeit. Noch traurigere Erfahrungen
zeigten ihm die Zukunft in der drohendsten Gestalt, und seine neue Familie als unwürdig seiner Achtung. Ein weniger starker Charakter würde unter der Last eines solchen, nicht wieder gut zu machenden Unglücks erlegen sein.
Mr. Rochester kämpfte vier Jahre lang, indem er seinen
tiefen Abscheu und Widerwillen zu verbergen, und die zügellosen, entehrenden Neigungen seiner unwürdigen Gattin
zu verändern, oder wenigstens zu mildern versuchte. Aber ohngeachtet aller Anstrengungen Rochesters entwickelten
sich die Laster, dieser Frau mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit.
Sie setzte alle Rücksichten aus den Augen, und ihr öffentlich beschimpfter Gatte mußte daran denken, sich
von ihren drückenden Fesseln zu befreien. Aber gerade zu dieser Zeit erklärte sich der Wahnsinn der Mistreß Rochester vollständig, die Ehescheidung wurde unmöglich, und der unglückliche Mann sah sich einem Schicksale Preis gegeben, das ihm die Habsucht seiner Eltern, die Falschheit der Familie Mason und seine eigene Unbesonnenheit bereitet hatten.
Nachdem er eine Zeit lang mit der Idee umgegangen war, sich das Leben zu nehmen, gab er diesen Vorsatz wieder auf und kehrte nach Europa zurück, um seine Frau
nach Thornfield-Hall zu bringen und sich durch weite Reisen von dem Kummer zu zerstreuen, der seine Gesundheit untergrub.
Aber bei einem so feurigen Temperamente, bei einem so leicht hinzureißenden Charakter, und namentlich bei
dem Bedürfniß, zu vergessen, welches den seit dem Tode seines Vaters und seines älteren Bruders reich gewordenen jungen Mann überallhin verfolgte, war es wohl
nicht zu verwundern, daß es ihm schwer wurde, seinen Pflichten immer treu zu bleiben. Darum entstanden eine
Menge von Verirrungen, welche er selbst schmerzlich beklagte, ein vergebliches Suchen nicht nach rohen Genüssen,
sondern nach einer Liebe, welche der seinigen würdig war; es war ein unermüdliches und immer getäuschtes Hoffen
und Trachten; es waren Schätze von Liebe, welche umsonst in einen steinigen und unfruchtbaren Boden gesäet
wurden, ein auf Augenblicke beschwichtigter, aber nicht gestillter Durst, trügerische Spiegelbilder, auf welche schmerzliche Enttäuschungen folgten. Wer kennt nicht diese traurigen Alternativen?
Die schändliche Treulosigkeit der Coline Varens und die Geburt Adeles bildeten die ergreifendste Episode dieses traurigen Zeitraumes, dessen Erinnerungen ihm widerwärtig waren, wie er mir mit aufrichtigem Schmerze sagte.
Ich konnte mir dieses Gefühl des Abscheus gegen vergangene Fehltritte und der Verachtung gegen die uns glücklichen Frauen, welche mit Schuld an denselben trugen, leicht erklären. Ich zog daraus die für mich heilsame Lehre, daß, wenn ich nicht unter was für einem Vorwande hätte vergessen können, eine Zeit gekommen sein würde, wo mich Rochester auf gleiche Stufe mit jenen verachteten Opfern seiner Verführung gestellt haben würde, und mich mit der nämlichen Strenge, mit dem nämlichen geringschätzenden Grolle beurtheilt haben würde.
Sie können wohl denken, daß ich mich hütete, diesen Gedanken laut auszusprechen; aber ich bewahrte ihn sorgfältig in meinem Herzen, als die beste Ermuthigung, um
diesen Kampf zu bestehen, aus dem ich siegreich hervorzugehen hoffe.
Als er sich abwechselnd auf alle meine Gefühle von Mitleid, Liebe und Selbstverleugnung berufen, als er alle Erinnerungen erweckt hatte, die mein schwaches Herz rühren konnten, als er von Neuem meine Augen sich mit Thränen füllen sah und in meinem Gesichte eine ihm günstige Unschlüssigkeit zu lesen glaubte, dann erst wagte er es, das förmliche Versprechen, ihn nie zu verlassen, von mich zu verlangen. Da ich aber noch immer schwieg, rief er aus:

"Jane! Du antwortest mir nicht?...
Ich muß gestehen, es war eine harte Prüfung, ein fürchterlicher Augenblick inneren Kampfes und fieberhafter Aufregung. Ich wurde auf eine Weise geliebt, wie ein menschliches Wesen es nur wünschen konnte, ich selbst liebte den Mann, der mich so lebte, und auf diese Liebe, auf mein Idol, mußte ich für immer verzichten. Meine Pflicht concentrirte sich in dem einen, aber entsetzlichen Worte: Trennung.
"Jane, wiederholte er, ich will Dir die Antwort sagen, die ich von Dir erwarte, sie lautet: Herr Rochester, ich bin die Ihrige.”
Herr Rochester,” erwiderte ich, “ich werde nie die Ihrige!”
Es erfolgte eine lange Pause.
"Jane,” hob er noch einmal an, und seine Stimme war so sanft, daß sie mir das Herz brach und mich zugleich mit Angst erfüllte, denn diese ruhige Stimme kam
mir vor wie der Seufzer eines Löwen, der sich ungern wieder erhebt, um zu kämpfen; Jane, es kann Dein Wille nicht sein, daß wir Beide in dieser Welt zwei entgegengesetzte Wege einschlagen.
"Allerdings will ich dies.”
"Jane,” versetzte er, indem er sich zu mir herabbeugte und mich mit seinem Arme umschlang, “willst Du es auch jetzt noch?”
“Ja.”
"Und jetzt?” . . . Er bedeckte meine Stirn und meine Wangen mit Küssen.
"Ich will es! rief ich noch einmal, indem ich mich mit unwiderstehlicher Kraft seiner Umarmung entwand.
Seine Gesichtszüge nahmen plötzlich einen verstörten Ausdruck an, den ich' noch nie an ihnen bemerkt hatte.
Er richtete sich langsam empor, und ich gestehe Ihnen,
jetzt wurde mir bange. Ohne die Lehne des Fauteuils, die
mir als Stütze diente, würde ich gewiß zusammengesunken
sein, denn ich fühlte, daß meine Kniee unter mir wankten.
Es gelang ihm indessen, sich noch zu beherrschen.
"Einen Augenblick, Jane! Stelle Die das Leben vor, welches ich führen werde, wenn Du mich verlassen hast. Mit Dir wird all mein Glück dahin sein. Meine Frau ist die Wahnsinnige, welche Du gesehen hast. Willst Du mich dazu verurtheilen, nur für sie zu, den, keine andere Liebe mehr zu haben, als die ihrige.
"Ich verurtheile Sie dazu, zu leben, wie ich selbst, leben werde; auf Gott und auf Ihre eigene Kraft zu vertrauen, und zu hoffen, daß wir uns im Himmel wiederfinden
werden.
"Du willst also nicht nachgeben?”
“Nein.”
"Es ist Dir gleichgültig, wenn ich unglücklich lebe
und mit Fluch beladen sterbe?”
Seine Stimme wurde immer lauter, wie fern rollender Donner.

"Ich gebe Ihnen den Rath, sündenfrei zu leben,
und wünsche Ihnen, in Frieden mit sich selbst zu sterben.
Ueberdies werden Sie mich vergessen…”
"Halt, dann könntest Du eben so gut sagen, ich löge und die Ehre sei nur ein leeres Wort für mich, Sieh, welche verkehrte Ansichten und Ideen aus Deinem Verfahren sprechen. Nach Deiner Meinung ist es besser, einen Menschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein rein sociales Gesetz zu übertreten, während doch weder die Gesellschaft noch die Menschen etwas Strafbares in Deiner Handlungsweise erblicken können, denn Du hast weder Eltern noch Verwandte, die sich durch Deine Neigung zu
mir in ihrer Ehre oder in ihren Vorurtheilen verletzt glauben könnten …”
Es lag in diesen Worten eine ergreifende Wahrheit,
Meine Ueberzeugung und nein Verstand, welche auf diese
Art plötzlich gegen mich bewaffnet worden, waren nahe
daran, mich ins Verderben zu stürzen. Mit meiner Liebe
im Einklange, warfen sie mir meinen Widerstand als ein
Verbrechen vor; war es nicht in der That ein Verbrechen,
diesen heftigen, aber gutherzigen Mann seiner, Verzweiflung,
seinem moralischen Elend und den Gefahren Preis
zu geben, welche eine völlige Abgeschiedenheit für ihn haben
konnte? Tröste ihn! rette ihn! liebe ihn? sagte mir
eine innere Stimme. Sage, ihm, daß Du ihn liebst
und daß Du ihm ganz angehören willst! Wer kümmert sich denn in dieser Welt um Dich? wen kann es denn betrüben, wenn Du einen Fehltritt begehst?
Aber vom Himmel herab vernahm ich die unwiderlegliche Antwort: Ich selbst muß mich um mich kümmern.
Je verlassener ich bin, je weniger Freunde und Schützen ich habe, um so größere Achtung bin ich mir selbst schuldig. Ich werde streng das Gesetz befolgen, das
Gott gegeben und die Menschen geheiligt haben. Soll ich von den Grundsätzen abweichen, die meine Vernunft für richtig erkannte, als ich ruhig war, weil ich in einem Augenblicke thörigter Leidenschaft aufhörte, an sie zu glauben? Welchen Werth hätten sie dann, wenn sich dieser nach den ordnungswidrigen Regungen veränderte, bei
denen mein Herz klopft, meine Lippen zittern, mein Blick sich trübt und Feuer durch meine Adern rollt? Nein, was ich geglaubt, was fromme und würdige Frauen mich
gelehrt haben, das allein ist die Wahrheit. Auf diesem unerschütterlichen Felsen will ich bleiben, unerschütterlich wie er!
Mr. Rochester, welcher die eigenthümliche Gabe besaß, auf dem Grunde meines Herzens oder in meinen Augen alle meine Gedanken zu lesen, erkannte wahrscheinlich, daß mein Entschluß jetzt unwiderruflich fest stand.
Was auch daraus entstehen mochte, sein Zorn hatte den höchsten Grad erreicht, und er maßte ihn erliegen. Er durchschritt das Zimmer, ergriff meinen Arm und umschlang mich mit einer krampfhaften Heftigkeit. Sein funkelnder Blick verschlang mich... ich fühlte, daß ich in seiner Gewalt war!...

V.
Ich war in seiner Gewalt... wenigstens in physischer Hinsicht; denn wenn auch mein Körper in eben so großer Gefahr schwebte, wie ein Strohhalm über der Oeffnung eines glühenden Ofens, so blieb doch meine Seele frei und mit ihr die Gewißheit einer endlichen Erlösung.
Zum Glück besitzt die Seele einen sicheren Dolmetscher, der oft wider ihren Willen verräth, was in ihr vorgeht. Dieser untrügliche Dolmetscher ist der Blick,
Meine Augen erhoben sich bis zu denen Rochesters und
während ich sie auf sein drohendes Gesicht heftete, entwand
sich meiner Brust ein unwillkürlicher Seufzer
Seine wilde Umarmung verursachte mir einen wirklichen
Schmerz und meine Kräfte begannen mich zu verlassen.
Nie, rief er mit zusammengepreßten Zähnen aus,
nein, nie hat es ein zu gleicher Zeit so schwächliches und
so unbezähmbares Wesen gegeben. Sie kann meiner
Hand keinen größern Widerstand leisten als ein schwankendes Rohr (ich zitterte in der That bei dem geringsten Drucke seiner Finger vom Kopf bis zu den Füßen), ich
könnte sie mit meinem Daumen zerbrechen; aber was würde es mir nützen, wenn ich sie knickte und zerträte?
Man sehe dieses feste, entschlossene Auge, man denke an
diesen unergreifbaren Geist, dessen unerschrockenen Willen, fürchtlose Unabhängigkeit und mehr als muthigen Trotz es verkündet... Mit seiner Hülle kann ich machen, was ich will, aber wie soll ich ihn erreichen?...
Wenn ich sein Gefängniß zerbrochen habe, wird er freier aus demselben hervorgehen als je. Ich kann mich siegreich dieses Körpers bemächtigen, aber die darin wohnende
Seele entschlüpft mir und schwingt sich zum Himmel empor. Und Du bist es, edler Geist, mit Deiner ungetrübten Reinheit und Deiner tugendhaften Energie, Du
bist es, den ich besitzen will, nicht diese vergängliche und
leicht zerstörbare Hülle. Aus freiem Antriebe könntest
Du Dich an meinen Busen flüchten, wie der frierende
Vogel am die erwärmte Mauer. Aber dazu bedarf es
Deines Willens. Wenn man es versuchen wollte, Dich
zu zwingen, so würdest Du entschlüpfen wie eine flüchtige
Essenz aus der Hand, welche ihren Duft festzuhalten
glaubt... O, Jane! wenn Du wolltest!...
Als er diese letzten Wort sagte, öffneten sich seine
Arme wie von selbst und nur sein Blick hielt mich noch
umschlungen. Aber dieser Blick war viel gefährlicher und unwiderstehlicher als seine glühende Umarmung! Doch um
jetzt noch zu wanken, hätte ich meine Vernunft gänzlich
verloren haben müssen. Ich hatte seinen Zorn herausgefordert, ihm getrotzt und ihn besiegt; also konnte ich und
mußte ich nun auch seinen schmerzlichen Bitten widerstehen.
Ich that einige Schritte nach der Thür zu.
"Du gehst, Jane?
"Ja, ich gehe.
"Du willst mich verlassen?
"Ich muß es.
Und Du willst nicht zurückkehren? Du willst nicht
meine Stütze und mein Trost sein?... Alle meine Liebe,
all mein Unglück, all mein wahnsinniges Flehen vermag
nichts über Dich?...
"Ich will es nicht versuchen, Ihr den ergreifenden
und rührenden Klang zu schildern, den diese Worte in
seinem Munde hatten. Aber Sie werden ermessen können,
welches Muthes es bedurfte, um in festen Tone zu
wiederholen: Ich muß gehen!
"Jane!
Ich blieb stehen.
"o geh denn, ich habe nichts dagegen. Aber erinnere Dich; daß Du mich hier allein und elend zurücklässest.
Geh hinauf in Dein Zimmer, Jane, und überlege
dort, was ich Dir gesagt habe. Laß alle meine Leiden
an Deinem Geiste vorüberziehen... denke an mich!

Nach diesen Worten warf er sich heftig auf das
Sopha, verbarg sein Gesicht in den Kissen und rief mit
von Schluchzen erstickter Stimme:
"O, Jane, meine Hoffnung... meine Liebe... mein Leben!
Dann entschlüpfte seinen bebenden Lippen in tiefer
Seufzer.
Ich stand schon auf der Schwelte der Thür... und doch, liebe Freundin, kehrte ich wieder um. Ich trat noch einmal in die gefahrvolle Arena mit dem festen Entschlusse, sie als Siegerin zu verlassen.
Ich kniete vor ihm nieder, erhob seinen Kopf von
den Kissen und zog ihn an mich. Noch mehr, ich drückte
meinen Mund auf seine Wange und streichelte liebkosend
sein schönes Haar.
"Möge Gott Sie glücklich machen, mein theurer Gebieter,
sagte ich zu ihm, möge er Sie vor jeder Sünde
und jedem Unglück bewahren; möge er Sie leiten und
trösten und Ihnen alles Gute vergelten, das Sie an mir
gethan haben.
"Die Liebe meiner kleinen Jane wäre der beste Lohn
für mich gewesen, antwortete er, ohne diese Liebe bleibt
mein Herz gebrochen. Aber Jane ist zu edel und gut,
um sie mir zu versagen... ja, ich weiß es, ich besitze
diese Liebe schon...
Das Blut stieg ihm von Neuem in's Gesicht und seine Augen funkelten; er stand auf und breitete seine Arme aus. ... Aber ich täuschte seine wahnsinnige Hoffnung und ohne noch einen Augenblick zu zögern, verließ
ich das Zimmer.
Lebe wohl! rief mein zerrissenes Herz, als ich ihn
so allein zurückließ. Und taufend Stimmen wiederholten
in meinem Innern: Lebe wohl auf ewig!
Ich erwartete nicht, daß ich diese Nacht schlafen
würde; aber meine Augen schlossen sich sogleich, als ich
den Kopf auf das Kissen gelegt hatte. Ich erwachte indessen noch vor Tagesanbruch und im Juli sind die
Nächte bekanntlich nicht lang.
"Ich kann das Werk, zu dem ich berufen bin, nicht früh
genug beginnen, sagte ich zu mir selbst, fest entschlossen,
der Versuchung zu entfliehen, die noch auf
mich einstürmte. Ich stand daher auf und meine Toilette
war bald beendigt, denn als ich mich auf mein Bett geworfen,
hatte ich nur meine Fußbekleidung abgelegt.
Dann suchte ich im Dunkeln in meiner Kommode ein
wenig Wäsche, eine Agrafe und einen Ring. Dabei,
begegneten meine Hände den Perlen eines prachtvollen,
Colliers, das Mr. Rochester einige Tage vorher anzunehmen mich gezwungen hatte. Ich ließ den Schmuck zurück, denn er gehörte nicht mir, sondern der chimärischen
Braut, die wie ein Traum verschwunden war. Aus dem
Uebrigen machte ich ein kleines Paquet und nahm meine
Geldbörse, welche zwanzig Schillinge, mein ganzes Vermögen, enthielt. Dann setzte ich meinen einfachen Strohhut auf, warf meinen Shawl über die Schultern und
indem ich meine Schuhe in die Hand nahm, die ich noch nicht
hatte wieder anziehen wollen, schlich ich vorsichtig
hinaus in den Corridor.
"Lebe wohl, gute Mistreß Fairfax! flüsterte ich, als
ich bei ihrer Thür vorüberging. Lebe wohl, liebliche
Adela! sagte ich mit einem Blicke nach der nursery, denn
ich wagte es nicht, hinein zu gehen, um das liebe Kind
noch einmal zu umarmen, da ich ein seines Ohr täuschen
mußte, das vielleicht in diesem Augenblicke lauschte.
Ich wäre gern an Rochesters Zimmer vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben; aber als ich vor dieser
Schwelle stand, die mein Geist so oft überschritten hatte,
flockten plötzlich die Schläge meines Herzens und meine Füße versagten mir den Dienst.
Mr. Rochester schlief nicht. Ein hastiger Schritt
durchmaß das Zimmer in allen Richtungen; mehrere
Male glaube ich das Geräusch eines schmerzlichen Seufzers zu vernehmen. Und dar, hinter dieser schwachen Thür erwartete mich himmlische Seligkeit... wenigstens für einige flüchtige Stunden!
Ich brauchte nur einzutreten und die einfacher
Worte zu sagen: Mr. Rochester, ich liebe Sie und werde Sie bis zum Tode Leben, bis zum Tode will ich
Ihre treue Gefährtin sein -- und eine Quelle der höchsten
Wonne hätte sich meinen schmachtenden Lippen geöffnet.

Ja, liebe Freundin, dies waren meine Gedanken.
Diesen Mann, der mich zärtlich liebte, er konnte
nicht schlafen und erwartete mit Ungeduld den Tag. Sobald der Morgen erschien, ließ er mich gewiß zu sich rufen, und ich war fort. Er ließ mich überall suchen ... vergebens! Er sah sich verlassen, seine Liebe verschmäht und sein Herz trieb ihn vielleicht zur Verzweiflung, zur unheilbaren Verzweiflung!
Auch diese Gedanken kamen mir in den Sinn, theure Elisabeth, und meine Hand erhob sich einen Augenblick bis zur Thürklinke.... Aber ich zog sie wieder zurück und entfloh.
Nachdem ich diese furchtbare Prüfung überstanden hatte,
wurde mir alles Uebrige leicht. Mein Plan war
im Voraus gefaßt, und ich verfolgte ihn mit mechanischer
Pünktlichkeit. Ich holte in der Küche den Schlüssel
einer kleinen Hinterthür und nahm ein Fläschchen mit
Oel und eine Feder mit, um den Schlüssel und das
Schloß einzuölen, damit das Geräusch mich nicht verrathen konnte. Dann zog ich meine Schuhe an, aß ein
wenig Brot und trank ein Glas Wasser, indem ich bedachte, daß ich vielleicht lange würde zu Fuß gehen müssen
und fürchtete, meine so heftig erschütterten Kräfte könnten zur Ausführung meines Planes nicht ausreichen. Dies
Alles geschah ohne das leiseste Geräusch. Ich öffnete die
Hausthür und verschloß sie wieder. Die Morgendämmerung
begann den Hof ein wenig zu erhellen. De Thorwege waren verschlossen, aber ich wußte, daß eine kleine
Nebenthür in einem derselben nur von innen verriegelt
war. Durch diese Thür trat ich in's Freie.
Ein Meile von Thornfield gelangte man auf Feldwegen
an eine Straße, welche nach einer Millcote entgegengesetzten
Richtung führte. Ich war noch nie auf
derselben gegangen, dagegen aber hatte ich mich mit der
mir eigenen Neugier oft befragt, wohin sie wohl führen
könnte. Dorthin richtete ich meine Schritte, ohne mir
die geringste Ueberlegung zu erlauben, ohne einen Blick
rückwärts oder vorwärts, in die Vergangenheit oder in die
Zukunft zu werfen ... in die süße, heitere Vergangenheit,
und in die dunkle, trostlose Zukunft.
Ich ging an den Rainen und Hecken entlang, bis
die Sonne emporstieg, denn ich glaube wenigstens, daß
die Sonne an jenem Morgen aufging. Eine bestimmte
Erinnerung habe ich nur davon, daß der Thau bald durch,
meine dünnen Schuhe drang und meine Füße kältete.
Alles Uebrige um mich her existirte nicht für mich. Der
Verurtheilte, welcher dem Tode entgegengeht, sieht die
Bäumen am Wege nicht, die, ihm zulächeln. Er denkt
nur an den Henkerblock, an das Beil, an den letzten
Sprung des abgeschlagenen Kopfes und an den dunklen
Abgrund, der ihn empfängt. Ich sah nichts vor mir,
als eine ewige Trennung, die öde Wüste, die ich von nun
an durchwandern sollte, den tiefen Schmerz, den ich diesem
Manne als Vergeltung für seine aufopfernde Liebe

bereitete. Es hätte indessen nur meines Willens bedurft,
denn noch war es Zeit, um ihm den Kummer der Verlassenheit
zu ersparen, um ihn von dem moralischen
Untergange zu retten, der fast unausbleiblichen Folge dieser
Art von Verrath, dessen scheinbare Undankbarkeit ihn zur
Verzweiflung treiben konnte und mußte.
Gegen diese Befürchtung blieb ich so zu sagen wehrlos. Es war der mich Widerhaken versehene Pfeil, den
ich vergebens aus meiner Wunde zu reißen verfuchte;
es war der Gewissensbiß einer vielleicht egoistischen Tugend; es war der entsetzliche Zweifel, in dessen Folge man die
Erfüllung der Pflicht fast als ein Verbrechen betrachtet;
es war das Opfer ohne die innere Zufriedenheit, welche
die Lohn derselben ist, das Opfer, das sich selbst haßt
und verabscheut.
Daß ich diesen Eingebungen eines verirrten Gewissens
kein Gehör gab, dazu bedurfte es der Hilfe Gottes,
der sich meines festen Willens, auf dem rechten
Wege zu bleiben, annahm und mir verbot, nach Thornfield
zurückzukehren; denn ich erinnere mich, daß ich
weinte, als ich mich immer weiter entfernte, und doch
schritt ich immer rascher vorwärts, indem ich selbst über
die unwiderstehliche Gewalt erstaunte, welche mich fortzog.
Indessen ergriff mich eine anfangs nur geistige Abspannung,
die endlich alle meine Glieder lähmte, so daß
ich zu Boden sank. Ich blieb einige Augenblicke liegen
und drückte mein Gesicht in den bethauten Rasen, dessen

frische Feuchtigkeit allein mich hinderte, das Bewußtsein
gänzlich zu verlieren. Ich fürchtete, der Tod könnte mich
in dieser Einsamkeit aufsuchen, und was zuerst eine Furcht
war, wurde bald eine Hoffnung; aber nach einigen Minuten
fühlte ich mich wieder etwas gestärkt. Ich konnte
mich auf den Händen und Knieen ein, Stück weiter
schleppen, dann stand ich ganz auf und ging festen Schrittes der Straße zu, deren staubige Krümmungen ich in
der Ferne erblickte.
Als ich sie erreicht hatte, mußte ich mich an einer,
Hecke niedersetzen, um ein wenig auszuruhen. Es war
noch nicht meine Absicht, wieder aufzubrechen, als ich das
Geräusch eines Wagens vernahm und eine Diligence herankommen
sah. Ich blieb stehen, winkte dem Conducteur
anzuhalten und fragte ihn, wohin der Wagen fuhr. Er
nannte mir einen ziemlich weit entfernten Ort, wo
Mr. Rochester, wie ich gewiß wußte, keine Bekanntschaften hatte. Das Fahrgeld für die Reise betrug dreißig
Schilling. Ich bot dem Conducteur zwanzig, indem ich
ihm sage, daß ich nicht mehr besäße. Da er leer zurückfuhr,
so nahm er das Gebot an und erlaubte mir sogar
aus besonderer Gefälligkeit einen Platz im Innern des
Wagens einzunehmen. Ich stieg ein, die Thür wurde
zugeworfen und als der Wagen fortrollte, fühlte ich, daß
Alles zu Ende war.
Sie, theure Freundin, sind jetzt geschützt gegen diese Leiden, von denen Sie auch gewiß nie betroffen worden sind. Aber ich wünsche, daß Ihre geliebte Tochter, wenn sie das Alter erreicht, in welchem ich damals stand, so harte Prüfungen nicht zu bestehen haben möge. Möchten
ihre Augen niemals die bitteren und heißen Thränen zu vergießen nöthig haben, die aus einem gebrochenen Herzen
kommen! Möchte sie nie Ursache haben, mitten unter Angst und Schmerzen, welche denen des Todeskampfes
gleichen, hoffnungslose Gebete gen Himmel zu senden!
Möchte sie endlich nie die Befürchtung, die grausamste von allen, zu empfinden haben, für den Mann, den sie mit
aller Kraft ihrer Seele liebt, ein Werkzeug des Unglücks und die Verzweiflung zu werden!

VI.
Am Abend des zweiten Tages versicherte mir der
Conducteur, daß er mich für meine zwanzig Schillinge
weit genug gefahren habe und hieß mich ganz wider
mein Vermuthen am Eingange eines Dorfes, Namens
Whitcroß aussteigen.
Ich weigerte mich nicht, da er es durchaus verlangte,
aber meine Bestürzung war so groß, daß ich mein
kleines Packet vergaß, das ich bei meiner Flucht von
Thornfield mitgenommen hatte. Als ich meine Unachtsamkeit
bemerkte, hatte die Diligence schon einen Vorsprung
von wenigstens einer Meile gewonnen. Es blieb
mir daher nichts Andres übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben, obgleich mir diese Vervollständigung meines
Mißgeschicks nicht angenehm war.
Whitcroß ist ein Ort, wie Sie deren mehrere in unseren
nördlichen Grafschaften gesehen haben: einige Häuser am Zusammenstoße von vier Straßen, rings von Morästen
umgeben, an welche sich die ersten Anhöhen der
Grenzgebirge anschließen.
Die vier Straßen führen, wie uns der Meilenzeiger sagt, nach vier verschiedenen Städten, welche diesen
Namen mehr oder weniger verdienen, und von denen die
nächste zehn Meilen entfernt ist. Daher sind sie auch
nicht frequent und es zeigte sich mir nicht ein Wanderer
in der ganzen Zeit, die ich, ohne zu wissen, was aus nie
werden sollte, damit zubrachte, abwechselnd die Wegweiser
und die breiten Bänder der Straßen zu betrachten, die
sich in unabsehbare Ferne nach allen Richtungen hinschlängelten.
Indessen ergriff mich eine gewisse Furcht, von dem
ersten Menschen, der sich mir auf einer der Straßen nähern würde, bemerkt und ausgefragt zu werden. Ich
hatte keine Hoffnung, die den Wunsch in mir erwecken
konnte, mich in ein Gespräch mit Gleichgültigen einzulassen, von denen ich weder eine menschenfreundliche Gesinnung,
noch wohlwollende Absichten erwarten durfte.
Ich drang daher in das hohe Gestrüpp, das nie
bis an die Hüften ging, indem ich mich immer am Rande
der Sümpfe hielt, und gelangte nach einigen Augenblicken
an einen Granitfelsen, dessen kahler Gipfel einen Endpunkt
dieses grünen Thales bezeichnete. Die Sonne war
noch lästig, hinter dem Felsen war ich gegen sie geschützt.
Ich setzte mich daher nieder, nicht ohne anfangs jedesmal
zu erschrecken, so oft der Wind das Gestrüpp bewegte

und mich die Annäherung eines entlaufenen Stieres, oder
eines Wilddiebes befürchten ließ. Meine Besorgnisse
wurden jedoch durch nichts gerechtfertigt, so daß ich mich
endlich beruhigte und über meine, Lage nachdenken konnte,
welche keineswegs tröstlich war.
Wo sollte ich ein Unterkommen finden? in welchen Ausdrücken
sollte ich um ein Nachtlager bitten, das ich
nicht bezahlen konnte? sollte ich mich einer fast gewissen
abschlägigen Antwort aussetzen?
Dieser Gedanke war mir so schmerzlich, daß sich um
mich blickte und mich fragte, ob mir die allgütige Mutter
Natur nicht wenigstens für diese Nacht das Asyl darbieten
könnte, das ich von den Menschen zu erhalten nicht
hoffen durfte.
Das von der Sonne getrocknete und noch warme
Heidekraut, auf dem ich saß, konnte mir wohl als Bett
dienen. Ich hatte noch ein Stück Brot von dem frugalen
Frühstücke, welches ich im Wagen verzehrt, und
das ich mir für einige Scheidemünze, den letzten Rest
meiner Baarschaft, gekauft hatte. Ich pflückte einige
Brombeeren, welche hier und da unter dem Gestrüpp hervorblickten,
und dieses kärgliche Mahl beschwichtigte wenigstens zum Theil meinen Hunger. Nachdem ich sodann
mein Abendgebet gesprochen, streckte ich mich auf mein
Lager, das auf dem üppig wuchernden Heidekraute
ganz erträglich war Mein doppelt zusammengelegter Shawl schützte mich gegen die Kühle der Nacht, welche

übrigens besonders im Anfange, durchaus nicht empfindlich
war.
Meine traurigen Gedanken waren jedoch ein mächtiges
Hinderniß für den Schlaf, dessen ich so sehr bedurfte;
aber ein heißes Gebet zu Gott, das noch inbrünstiger
durch den Anblick des prachtvoll gestirnten Himmels
wurde, machte mich endlich etwas ruhiger und ich
schlief ein.
Am folgenden Morgen beim Erwachen erwartete
mich das Elend wie ein bleiches, nacktes Gespenst, das
neben mich saß und mich fragend anblickte. Ich beneidete
jetzt das Loos der Biene, die ich um den Blumenkelch
schwärmen sah, aus den sie ihre Nahrung sog, oder der
Eidechse, welche munter aus den Spalten des Gesteins
hervorschlüpfte. Ich bedauerte, daß es meinem Schöpfer
nicht gefallen hatte, mich während dieses Schlummers, in
dem ich einen Augenblick Vergessenheit aller meiner Leiden
gefunden hatte, von der Welt abzurufen. Da er
mich aber noch am Leben gelassen, so mußte ich auf die
Mittel denken, die Las meines Kreuzes weiter zu tragen
und meine Aufgabe zu vollenden. Ich brach daher wieder
auf.
Als ich Whitcroß erreicht hatte, befragte ich wegen
der Wahl des Weges, den ich einschlagen sollte, nur die
Richtung der Sonne, deren lästige Strahlen ich möglichst
zu vermeiden suchte, und ich schritt vorwärts, solange
meine Kräfte es mir erlaubten, fest überzeugt, daß

ich dahin ging, wohin Gott mich rief. Als ich einen
Augenblick stehen blieb, um Odem zu schöpfen, vernahm
ich zu meiner Rechten die Töne einer Glocke. Ich blickte
nach der Gegend, woher das Läuten kam und bemerkte
hinter den Bäumen halb verborgen das Dach einer Kirche.
Zu gleicher Zeit sah ich auf dem Wege, den ich gekommen
war, einen mit Ochsen bespannten schweren Karren. So
erschienen mir das Gebet und die Arbeit, als die beiden
großen Heilmittel aller Nebel des Lebens, zusammen vereinigt.
Ich nahm diese sinnbildliche Lehre an und schritt
gerade auf das Dorf zu.
Sogleich am Eingange desselben fiel mein Blick auf
die ausgelegten Brötchen eines Bäckerladens. Das lebhafte
Vergnügen, welches ihr Anblick und ihr Geruch mir
verursachte, erinnerte mich an den Hunger, den ich empfand. Ueberdies fühlte ich, daß es etwas Erniedrigendes
für mich sein würde, wenn ich vor Hunger auf der
Straße dieses Dorfes ohnmächtig werden sollte. Daher
fragte ich mich sogleich, ob ich nichts bei mir hätte, wofür
ich einige von diesen Brötchen erhalten könnte. Ich entdeckte
nichts als das seidene Tuch, das ich um den Hals
trug, und meine Handschuhe. Aber wie sollte ich diesen
Tausch anbieten, und mußte ich nicht erwarten, daß er
mir abgeschlagen wurde?
"Gleichviel, sagte ich zu mir selbst, ich will es
versuchen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau, welche sich darin

befand, kam mich sogleich entgegen und fragte mich mit aller
Höflichkeit, auf die ich nach meinem Aeußeren Anspruch machen zu
können schien, was ich wünschte. Diese unpassende
Höflichkeit beschämte mich. Ich hielt es nicht mehr für möglich,
meine abgetragenen Handschuhe und mein zerknittertes
Halstuch anzubieten; daher begnügte ich mich damit,
um die Erlaubniß zu bitten, mich einen Augenblick setzen
zu dürfen, indem ich mich mit meiner außerordentlichen
Ermüdung entschuldigte.
Verdrüßlich, sich auf diese Art eine Käuferin entgehen
zu sehen, von der sie ohne Zweifel etwas Besseres erwartet
hatte, gestattete mir die Bäckerin kalt mein Ansuchen,
indem sie mir einen Stuhl bezeichnete, auf den ich
mich niederließ. Bald traten mir die Thränen in die
Augen; da ich aber fühlte, wie wenig sie hier an ihrem
Platze sein würden, unterdrückte ich sie, so gut ich konnte,
und fragte die Frau nur, ob sich im Dorfe eine Kleidermacherin
oder eine Weißnäherin befinde.
Ihre Antwort fiel bejahend aus. Es gab dergleichen
Arbeiterinnen so viele, als man beschäftigen konnte.
Kannte sie vielleicht in der Umgegend ein Haus, wo
ein weiblicher Dienstbote gebraucht wurde?
Sie kannte keines.
Welches war der Erwerbszweig, der im Orte am
häufigsten betrieben wurde? Womit verdienten die Bewohner
hauptsächlich ihren Lebensunterhalt?

Viele waren kleine Pächter; eine bedeutende Anzahl
arbeitete in der Eisengießerei und in der Nadelfabrik des
Herrn Oliver.
Verwendet Herr Oliver Frauen in seiner Fabrik?
Nein, nur Männer konnten diese Beschäftigung
treiben.
Womit gewannen aber die Frauen ihren Lebensunterhalt?
Einige machten dies, Andere jenes. Man sucht
sich etwas zu verdienen, wie man kann, setzte die Frau
hinzu.
Im Grunde waren ihr meine Fragen lästig. Und
wie konnte es auch anders sein? Welches Recht hatte
ich, ihre Zeit in Anspruch zu nehmen? Inzwischen fand
sich eine Nachbarin und dann ein Nachbar ein; ich sah,
daß mein Stuhl gebraucht wurde, und entfernte mich
daher.
Ich ging die Straße entlang, betrachtete von beiden
Seiten jedes Haus und jede Thür, ohne einen Vorwand
zu entdecken, welcher mir erlaubt hätte, einzutreten. So
streifte ich eine Stunde lang innerhalb und außerhalb des
Dorfes umher, bis ich mich, von Abspannung und Müdigkeit erschöpft, gezwungen sah, mich einige Augenblicke
am Rande eines Grabens niederzusetzen. Ich mußte
indessen meines Nachforschungen fortsetzen. Ich erblickte ein von den übrigen abgesondert stehendes Haus, daß sauberer war und einen schönen Garten hatte, der in seinem

vollen Blumenschmucke glänzte. Die Tür war schneeweiß
und der messingene Hammer blitzte in der Sonne.
Dieses wohlhabende Aeußere zog mich an und ich klopfte
an die Thür, ohne noch zu wissen, wie ich die Theilnahme der Bewohner dieses freundlichen Landhauses erwecken
könnte.
Eine anständig gekleidete junge Frau öffnete mir.
Mit schwacher und zitternder Stimme, wie man sie nur
von einem hoffnungslosen Herzen und einem ermatteten
Körper vernehmen kann, fragte ich sie, ob hier vielleicht
ein Dienstmädchen gebraucht würde.
Nein, antwortete sie mir, wir haben gar keine Dienstleute.
Können Sie mir vielleicht sagen, fuhr ich fort,
auf welche Art ich hier irgend eine Arbeit oder eine Stelle
finden könnte? Ich bin fremd und kenne Niemanden.
Ich wünsche nur Beschäftigung, gleichviel welche.
Was konnte ich auf ein solches Begehren erwarten,
das an und für sich schon sonderbar war und das meinem
Benehmen einen verdächtigen Anstrich gab? Die junge
Frau erklärte mir denn auch sehr höflich, aber ohne die geringste
Theilnahme, daß sie mir keine Auskunft darüber
geben könne. Und die weiße Thür wurde wieder verschlossen,
denn wir hatten uns nichts mehr zu sagen.
Ich empfand einen Widerwillen dagegen, in das
Dorf zurückzukehren, um so mehr, als ich in geringer
Entfernung ein kleines Gehölz erblickte, dessen kühler

Schatten mich anlockte; aber ich fühlte mich so krank, so
matt und so hungrig, daß mich der Instinkt der Selbsterhaltung unwillkürlich in der Nähe menschlicher Wohnungen
festhielt. Ich ging daher wieder nach dem Dorfe zu,
um mich abermals zu entfernen, indem ich bald einem.
Gefühle von Stolz, bald der gebieterischen Nothwendigkeit
gehorchte, die mich mit ihren unbarmherzigen Klauen
zerriß.
Neben der Kirche, nach der ich mechanisch meine
Schritte richtete, stand ein bescheidenes Häuschen, in welchem
aller Wahrscheinlichkeit nach der Pfarrer wohnte.
Ich kam sogleich auf die Idee, daß Unglückliche wie ich
sich zuerst an ihn, den Diener der Milde und der Barmherzigkeit,
wenden müßten, und daß sie, ein gewisses Recht
auf seinen Beistand hätten. Ich faßte daher wieder einigen
Muth, und indem ich alle meine moralische Kraft
zusammennahm, klopfte ich leise, nicht an die Hauptthür,
sondern an die der Küche. Eine alte Frau erschien,
welche mir kurz und trocken auf meine Fragen antwortete.
"Ist hier nicht die Pfarrwohnung?
Ja.
Kann ich den Herrn Pfarrer sprechen?
Nein.
"Wird er bald nach Hause kommen?
Nein, er ist verreis’t.
"Verreis't! ... weit von hier?

"Nicht sehr weit; ohngefähr drei Meilen. Er wird
in etwa vierzehn Tagen zurückkommen.
"Könnte ich nicht mit der Frau vom Hause sprechen?
"Es ist keine Frau hier; ich bin allein und führe die
Wirtchschaft.
Wenn Sie diese Person gesehen hätten, liebe Freundin,
so würden Sie wie ich erkannt haben, daß von ihr
keine Handlung christlicher Milde zu hoffen war. Zum

Betteln aber konnte ich mich noch nicht entschließen; ich
schleppte mich daher aus dem Hause, so gut ich konnte.
Ich mußte indessen entweder ein Stück Brot finden,
oder mich auf die Erde legen und vor Hunger umkommen.
Ich dachte von Neuem an mein Halstuch, und
kehrte nach dem kleinen Bäckerladen zurück, von dem ich
schon gesprochen habe. Die Bäckerin war nicht allein;
dennoch trat ich ein und bat sie, mir ein Brotchen für
das seidene Tuch zu geben. Sie blickte mich staunend
an und erwiderte in einem argwöhnischen Tone:
"Auf einen solchen Handel lassen wir uns
nicht ein.
In der höchsten Verzweiflung erbot ich mich, ihr
das Tuch für ein halbes Brot zu überlassen. Sie weigerte
sich entschiedener als vorher. Konnte sie wissen,
wie ich zu diesem Tuche gekommen war?
Vielleicht nahm sie meine Handschuhe an?
Nein, gewiß nicht, denn sie konnte sie nicht benutzen.
Ich fühle, liebe Freundin, daß alle diese Einzelnheiten Sie ermüden werden, denn jetzt, während ich sie
Ihnen erzähle, finde ich selbst noch einen Theil von dem
Abscheu und der Demüthigung in meinem Herzen, welche
ich damals empfand. Ich will daher Ihre Qual und
auch die meinige abkürzen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einen
kleinen Pachthof, dessen Eigenthümer vor der Thür saß
und ein Stück Brot mit Käse verzehrte. Ich blieb vor
ihm stehen und redete ihn mit den Worten an:
"Wollen Sie nicht die Güte haben, mir ein Stück
von Ihrem Brote zu geben? Ich kann mich vor Hunger
kaum noch auf den Füßen erhalten.
So verwundert er auch über diese unerwartete Ansprache
war, zögerte er doch keinen Augenblick und schnitt
mir ein großes Stück Brot ab, das er mir auf der Spitze
seines Messers darreichte.
Wenn ich daran denke, so schmeichle ich mir noch
heute mit dem Glauben, daß er mich nicht für eine Bettlerin,
sondern für eine Person mit sonderbaren Gelüsten
hielt, die plötzlich Verlangen nach einem Stück trocknem
Brotes fühlte.
Wie dem auch sein möge, ich entfernte mich von
dem Pachthofe, und sobald mich der. Mann nicht mehr
sehen konnte, setzte ich mich nieder, um mein Brot
zu essen.
Die Nacht kam heran, und ich hatte kein Obdach.
Ich ging nach dem kleinen Gehölz, das mich angelockt

hatte. Allein diese zweite Nacht war nicht so still und
warm als die erste. Der Erdboden war feucht und die
Luft kühl. Mehr als einmal hörte ich nächtliche Spaziergänger
vorüberkommen, und da ich fürchtete, von ihnen
gesehen zu werden, veränderte ich meinen Zufluchtsort.
Gegen Morgen fing es an zu regnen, und mit kurzen
Unterbrechungen regnete es den ganzen Tag.
Ich will Sie mit der weiteren Schilderung meiner
Leiden verschonen. Der Tag verging wie der vorige unter
vergeblichem Suchen nach irgend einer Beschäftigung.
Wie gestern wurde ich überall abgewiesen, wie gestern
quälte mich der Hunger.
Es ist Nacht, ich bin weit von dem Dorfe entfernt und
irre scheu und ganz durchnäßt in der schmutzigen
Moorgegend umher, ohne die geringste Hoffnung mehr,
aber vom Sturme und Regen vorwärts getrieben, welche
es mir unmöglich machten, auf Einer Stelle zu bleiben.
Ein Licht, das ich anfangs für ein Irrlicht hielt, zog weinen
Blick auf sich und wurde der Zielpunkt meines Laufes.
Ich komme an, ein langes, niedriges Hans, an
dem ein einziges Fenster erleuchtet ist. Ich werfe einen
Blick hinein und sehe zwei junge Mädchen, ihrer Aehnlichkeit
nach zu urtheilen Schwestern, am Kamin sitzen und
lesen. Neben ihnen strickt eine alte Dienerin. Die jungen
Damen sind ganz in Trauer gekleidet; aus einigen
Bruchtücken ihres Gesprächs, welche ich durch das Fenster
vernahm, ersah ich, daß ihr Vater vor Kurzem gestorben
war, und daß sie diesen Abend die Zurückkunft
ihres älteren Bruders erwarteten.
Ohne zu wissen, was ich von dieser augenscheinlich
achtbaren Familie hoffen durfte, klopfte ich an die Thür.
Die alte Dienstmagd öffnete mir; aber bei meinem Anblick
malt sich ein sehr natürliches Mißtrauen in ihren
Gesichtszügen.
"Was wollen Sie? woher kommen Sie? fragte
sie mich.
"Ich bin hier fremd, und wünsche nichts als ein
Stück Brot und einen Winkel, wo ich die Nacht zubringen
kann.
"Hier haben Sie einen Penny, damit Sie Sich
Brot kaufen können; aber ein Nachtlager haben wir nicht
für eine Landstreicherin.
"Lassen Sie mich mit Ihrer Herrschaft sprechen.
Wo denken Sie hin?... ich sollte sie mit einem
Weibe sprechen lassen, welche des Nachts und bei einem
solchen Wetter im Freien umherläuft? Nehmen Sie Ihren
Penny und gehen Sie.
Die ehrliche Magd stieß in ihrem Eifer schon die
Thür wieder zu.
Um des Himmels willen, lassen Sie mich ein!
rief ich aus; wenn Sie mich abweisen, es ist es um mich
geschehen!
Schon gut, schon gut! erzählen Sie Andern Ihre

schönen Geschichten. Sie würden nicht so viel Lärm machen,
wenn Sie das wären, wofür Sie Sich ausgeben
wollen. Sagen Sie Ihren Kameraden, wenn Sie solche
haben, daß wir nicht allein sind, daß wir einen Hausherrn und einen Kettenhund haben.
Nach diesen Worten wurde die Thür mit großem
Geräusch zugeworfen und verschlossen.
Dies war mein Todesstoß und ich war wie vernichtet.
Weiter gehen konnte ich nicht, denn ich hatte seit
vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und meine
Kräfte waren gänzlich erschöpft. Die Angst preßte mir
neue Thränen aus; ich rang verzweiflungsvoll die Hände
und fiel auf die feuchten Stufen vor der Hausthür nieder.
Jetzt erschien mir das Gespenst des Todes in seiner
ganzen Gräßlichkeit, denn ich sah ein, daß ich den Morgen
nicht erleben würde. Alle Hoffnung, aller Muth
hatte mich verlassen. Mit einem letzten Schimmer des
Vertrauens flüsterte ich indessen noch die Worte vor
mich hin:
Etwas Schlimmeres kann mir doch nicht mehr geschehen,
als daß ich sterbe, und ich glaube an Gott. Ich
werde daher in stiller Ergebenheit warten, daß er mir
seinen Willen kund giebt.
Dann drängte ich all mein Elend in mein Herz zurück
und bot alle Energie meines Willens auf, um ihm
Schweigen zu gebieten.
"Jedes Geschöpf muß sterben,” sagte plötzlich eine ernste Stimme, welche zwei Schritte von mich aus der
Dunkelheit kam, “aber nicht jedes Geschöpf ist dazu verurtheilt, eines gräßlichen und vorzeitigen Todes zu sterben,
wie der, welcher Dich erwartet, wenn Dir nicht geholfen wird.”

VII.
"Wer ist da? wer spricht hier?” rief ich heftig erschrocken, denn ich erkannte nicht sogleich den menschenfreundlichen Sinn dieser Worte, die so unvermuthet mein Ohr trafen.
Aber ich erhielt keine Antwort. Nur eine Gestalt trat aus dem dunklen Gebüsch hervor, näherte sich der
Thür und klopfte mehrere Male mit dem Hammer an.
"Sind Sie es, Mr. Saint-John?” rief die Stimme der alten Magd im Innern.
“Ich bin es, öffne sogleich.”
Die Alte gehorchte. Als sie mich noch auf den Stufen sah, entschlüpfte ihn ein Ausruf des Verdrusses.
Allein der Hausherr gebot ihr alsbald Stillschweigen.
"Du thatest Deine Pflicht, sagte er, indem Du dieses Weib abwiesest; ich thue die meinige, wenn ich sie eintreten lasse. Reiche ihr die Hand und führe sie ins Haus; ich will die Sache aufklären.
Ich zitterte heftig und war kaum im Stande zu gehen, so daß ich mich auf den dargebotenen Arm der Magd stützen mußte, um in die warme Küche zu gelangen, in die ich vor einigen Minuten einen sehnsüchtigen Blick geworfen hatte.
Hier mußte ich ein stummes, aber aufmerksames Examen bestehen, das mir durch das Bewußtsein meines äußeren Elends und meines unordentlichen Anzuges
nur um so peinigender war.
Zum Glück dauerte es nicht lange. Ich wurde von einem Schwindel ergriffen und sank in einen Stuhl, welcher an der einen Seite des Heerdes stand.
Ich hörte nun einige Worte des Mitleids von den sanften Stimmen der beiden jungen Damen. Ich fühlte,
daß sie mir die Bänder meines Strohhutes aufknüpften, und eine von ihnen, deren schmerzliche Bewegung sich
durch ihre stockenden Odemzüge verrieth, hielt mir eine Tasse mit Milch an den Mund, in welche sie einige
Semmelschnitte gethan hatte.
Ich hatte kaum einige Bissen davon genossen und mich ein wenig erholt, so nahm Mr. Saint-John mir
die Tasse aus der Hand.
“O, warum thust Du das, lieber Bruder!” rief die ältere von, den beiden Mädchen.
“Es ist genug für den Augenblick, liebe Diana. Du willst gewiß auch nicht, daß sie sich Schaden thut.”
Als er sah, daß ich endlich sprechen konnte, fragte er mich nach meinem Namen.
"Ich heiße Jane Elleot,” antwortete ich, denn ich hatte mir vorgenommen, vor der Hand meinen wahren
Namen zu verschweigen.
“Wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Eltern? Haben Sie keine Verwandte und Freunde? Womit erklären
Sie Ihre gegenwärtige Lage?”
Ich wollte auf keine dieser Fragen antworten, denn als ich mich unter einem gastlichen Dache und unter Mitgeschöpfen befand, hatte ich keine Lust mehr, die Rolle einer Bettlerin beizubehalten, in deren Verhältnisse einzudringen, man ohne Bedenken ein Recht zu haben glaubte.
"Ich kann Ihnen diesen Abend nichts Näheres mittheilen, mein Herr.”
"Was erwarten Sie dann von mir?” entgegnete er mit einiger Strenge.
"Nichts, antwortete ich, um ein Gespräch abzukürzen, das mir in diesem Augenblicke höchst lästig war.
"Sie glauben doch nicht, rief diejenige von den beiden Schwestern, welche er mit dem Namen Diana
bezeichnet hatte, daß wir es bei dem, was wir gethan,haben, bewenden lassen und Sie zu dieser Stunde und
bei einem solchen Wetter aus dem Hause stoßen werden?”
Ein einziger Blick sagte mir, daß ich auf das edle Wohlwollen dieser jungen Dame rechnen konnte.
Ich befürchte keineswegs eine so harte Behandlung, erwiderte ich lächelnd. Thun Sie mit mir was Sie
wollen, aber fragen Sie mich nicht viel, das Sprechen strengt mich entsetzlich an.
Man sprach nicht mehr mit mir, und die beiden Schwestern gingen mit ihrem Bruder in das Wohnzimmer, um
sich zu berathschlagen. Eine von ihnen kam bald zurück,doch weiß ich nicht mehr welche es war, da ich in Folge
der Hitze an dem Feuerheerde die Besinnung zu verlieren begann. Ich bemerkte nur, daß sie mich hinwegführte,
eine Treppe mit mir hinaufging, mich auskleidete und mich in ein wohlerwärmtes Bett legte. Schon halb
bewußtlos, dankte ich Gott und meinen Wohlthätern, dann fiel ich in eine Lethargie, aus der ich nicht so bald
wieder erwachen sollte.
Sie dauerte drei Tage, während deren ich mich weder bewegen noch sprechen konnte; aber in manchen Augenblicken wußte ich ziemlich genau, was um mich her
vorging. Ich verstand den allgemeinen Sinn dessen, was über mich gesprochen wurde und urtheilte nach Merk
malen, deren Natur ich mir selbst nicht erklären konnte; über den Grad der Theilnahme, welche mir die Personen
schenkten, von denen ich abwechselnd gepflegt wurde.
Bei Diana schien sie mir am lebhaftesten, bei ihrer Schwester Mary wurde sie durch eine ihr eigene Zurückhaltung
gemäßige und bei Mr. Saint-John war sie ganz der allgemeinen Idee untergeordnet, eine Pflicht gegen mich und
gegen Gott erfüllt zu haben. Am geringsten aber war sie unzweifelhaft bei der alten Hannah, eine natürliche,
Folge ihres ersten Argwohns und des nicht sehr menschenfreundlichen Empfangs, den sie mir hatte zu Theil werden lassen.
An dem ersten Tage, wo ich mich in so weit gestärkt fühlte, um mich im Bett aufrichten und ohne Widerwillen einige Löffel Suppe essen zu können, regte sich auch schon der Wunsch in mir, mein Lager zu verlassen.
Aengstlich blickte ich nach dem Stuhle, auf dem ich meine
beschmutzten und vom Regen zerknitterten Kleider zu finden dachte, und ich sah mit inniger Freude, daß meine
vortrefflichen Wirthinnen sich die Mühe genommen hatten, sie wieder in Stand zu setzen. Sie hatten zu diesem
Zwecke weder Bürsten, noch Seife, noch das Bügeleisen geschont. Ueberdies fand ich in meinem Zimmer alle zur
Toilette unentbehrlichen Gegenstände, und es gelang mir, allerdings nicht ohne Mühe und indem ich alle fünf Minuten einmal ausruhte, mich vollständig anzukleiden.
Jetzt erschien ich in einer ganz andren Gestalt und ich bemerkte dies namentlich an der ehrerbietigen Haltung,
welche die alte Hannah vielleicht wider ihren Willen
annahm, als ich unvermuthet in die Küche trat. Sie
war indessen so indiscret, auf den Zustand anzuspielen,
in welchem ich ihr zum ersten Male erschienen war, und
obgleich sie das Wort „Bettlerin“ ausgesprochen hatte,
ohne an etwas Böses dabei zu denken, so wollte ich ihr
dennoch diese Freiheit nicht ungerügt hingehen lassen.

"Ich bin eben so wenig eine Bettlerin als Sie und
Ihre Gebieterinnen, entgegnete ich ihr in nachdrücklichem
Tone.
"Sie haben aber doch weder eine Wohnung noch
Geld.
Man braucht kein Haus und kein Geld zu haben,
ohne deshalb eine Bettlerin zu sein.
Ich sagte ihr dann offen meine Meinung über die
Härte, mit der sie mir bei einem entsetzlichen Wetter mitten
in der Nacht das verweigert hatte, was man selbst
einem verirrten Hunde gewährt. Sie sah endlich ihr
Unrecht ein, entschuldigte sich nach besten Kräften und
bat mich um Verzeihung, die ich ihr auch gern bewilligte.
Mittlerweile trat ihre junge Herrschaft ein und sagte
mir, sie werde es nie dulden, daß ich mich in der Küche aufhielte.
Sie führten mich in das Wohnzimmer, wo
mich Saint-John als Oberhaupt der Familie von Neuem
fragte, wer ich sei.
Diesmal sprach ich mich ohne Rückhalt aus. Ich,
gestand ihm, daß Jane Elleot nicht mein wirklicher Name
sei, daß ich aber triftige Gründe hätte, diesen zu verschweigen
und daß mich eben diese Gründe auch hinderten, ihm
das Haus zu nennen, in welchem ich zuletzt als Gouvernante
gewesen war. Ich gab ihm jedoch einen kurzen
Abriß meiner Jugendgeschichte und setzte hinzu, daß keineswegs irgend ein Fehler oder Vergehen, dessen ich mich schämen müßte, mich in die Nothwendigkeit versetzt habe, fremde Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Wie es scheint, sprach ich beredt und überzeugend, liebe Freundin, denn Mr. Saint-John, der mich mit
der ganzen Strenge eines Richters und mit der argwöhnischen Aufmerksamkeit eines Geistlichen anhörte, nahm
mich zuletzt für das, wofür ich wich ausgab und versprach mich auf meine wiederholten Bitten, mir zur Auffindung eines Erwerbszweiges behilflich zu sein.
"Vor der Hand, sage die liebenswürdige Diana Rivers, dürfen Sie uns jedoch nicht verlassen. Meine
Schwester und ich sind Beide Gouvernanten, wie Sie es noch vor wenigen Tagen waren und wir bleiben nur
einige Wochen hier in Folge des Todes unseres Vaters. Nach Ablauf dieser Zeit muß unser Bruder Saint-John
nach Morton zurückkehren, wohin ihn seine Pflichten als Pfarrer rufen. Bis dahin wird er sich, wie Sie gehört
haben, nach Kräften bemühen, Ihnen eine Stelle zu verschaffen. Vergessen Sie also für kurze Seit alte Ihre Sorgen und gestatten Sie uns zu glauben, daß unsre Wohlthaten, wie Sie sie nennen, in keiner Hinsicht druckend
erscheinen werden.
Ich war so ergriffen, daß ich auf diese kochherzigen
Worte nur mit Thränen antworten konnte. Ueberdies ließ mir auch Saint-John nicht Zeit dazu.
Sie sehen sagte er zu mir, daß es meinen Schwestern Vergnügen macht, Sie bei sich zu behalten; es ist

das nämliche Vergnügen, welches sie empfinden würden,
einen armen Vogel zu pflegen, der sich, von Kälte und
Hunger getrieben, hierher geflüchtet hätte. Ich meines
Theils gebe Ihnen nochmals die Versicherung, daß ich
alles Mögliche thun werde, um Sie in den Stand zu
setzen, sich durch eigene Thätigkeit Ihren Lebensunterhalt
verdienen zu können; aber vergessen Sie nicht, daß ich
nur der arme Pfarrer einer sehr armen Gemeinde bin.
Erwarten Sie also nur einen sehr beschränkten Beistand
von mir und wenn Ihnen der bescheidene Wirkungskreise,
den ich Ihnen verschaffen könnte, zu gering scheinen
sollte, so bitte ich Sie, anderwärts eine kräftigere Unterstützung
zu suchen.
Alles was ein Mädchen thun kann, ohne sich zu
erniedrigen, entgegnete ich, werde ich mit Freuden thun,
um selbst für meine Lebensbedürfnisse zu sorgen.
Es ist gut, versetzte er kalt; dann nahm er seine
Arbeit wieder auf, als wäre er in seinem Studierzimmer
allein.
Ich entfernte mich alsbald, sowohl aus Discretion
als auch wegen meiner großen Müdigkeit, denn ich war
noch außerordentlich schwach.
Die nun folgenden Tage bieten meinem Gedächtniß
nur einige wohlthuende Bilder stiller Häuslichkeit dar.
Diana und Mary Rivers, welche in mir einen Bildungsgrad und, ich wage es zu sagen, eine Denkungsweise fanden, die mich ihrer Freundschaft würdig machten, gewannen mich immer mehr lieb. Sobald ich im Stande war zu arbeiten, gaben sie mir einige Lectionen in der deutschen
Sprache, wogegen ich sie in die Malerei unterrichten konnte. Dies wär mein großer, aber auch mein einziger
Vorzug, den ich vor diesen beiden liebenswürdigen Mädchen hatte, deren Schönheit, Lebhaftigkeit und poetische
Begeisterung mir ein Vergnügen bereiteten, das stets mit einiger Verwunderung gemischt war. Ich hatte in der
That nie dieses reine Glück der Jugend begreifen können, da ich es selbst nie genossen hatte.
Was Mr. Saint-John Rivers betraf, so flößte auch er mir eine hohe Achtung ein, doch bei weitem nicht die
Sympathie, wie seine Schwestern, sondern im Gegentheil eine gewisse Scheu.
Denken Sie sich einen auffallend schönen jungen
Mann mit untadelhaft regelmäßigen Zügen, welche uns
an die herrlichsten Büsten des griechischen Alterthums
erinnern. Dazu blaue Augen, natürlich gelocktes braunes
Haar, eine hohe und wohlgebildete Gestalt. Sie wer
den mir sagen, daß hierin gewiß nichts lag, was mich
hätte erschrecken können. Ich gebe dies zu; aber diese
schönen blauen Augen hatten einen ungewöhnlich strengen
Ausdruck und dieser wohlgeformte Mund lächelte nur
höchst selten. Und dabei beobachtete er eine wahrhaft
mönchische Regelmäßigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten.
Jeden Tag zu den nämlichen Stunden sah man
ihn an seinem Arbeitstische sitzen und in Sanscritgrammatiken
oder indischen Wörterbüchern studieren. Später
ging er mit seinem Stocke in der Hand und von dem
alten Hunde seines Vaters begleitet, aus, das Wetter
mochte sein wie es wollte, um den Landleuten in der Umgegend
Trost, Rath und Hilfe zu spenden, je nachdem sie
deren bedurften. Beunruhigt durch seine unermüdlichen
Anstrengungen, versuchten seins Schwestern oft, ihn zurückzuhalten,
indem sie ihn dringend baten, einen Tag
auszuruhen und sich nicht dem rauhen, unfreundlichen
Wetter auszusehen.
"Glaubet Ihr, sagte er in solchen Fällen zu ihnen,
daß ich mich der Zukunft würdig machen würde, auf
die ich mich vorbereite, wenn ich mich jetzt durch ein wenig
Wind oder durch einige Regentropfen von der Erfüllung meiner heiligen Pflichten abhalten ließe?
Dann ließen ihn die beiden Schwestern seufzend
gehen. Dieser schöne Apostel Christi hatte sich dem beschwerlichen
Stande eines Missonnairs in fernen Gegenden
gewidmet. Er strebte nach andren Unternehmungen,
andren Gefahren und andren Pflichten als die gewöhnlichen
Diener Gottes. In der Erwartung, daß seine Vorgesetzten,
denen er seine Pläne mitgetheilt hatte, ihm die
Laufbahn eröffneten, zu der ihn sein frommer Eifer hinzog, studierte er unablässig und bereitete sich mit beharrlichem Fleiße auf die evangelischen Kämpfe, auf die heilige
Propaganda vor.
Ich sah ihn höchst selten und auch dann nur mit

seinen Arbeiten beschäftigt oder in Betrachtungen vertieft,
in denen ich ihn nicht zu stören wagte. Aber ich hörte
ihn einmal predigen, und als ich den Eindruck studierte,
den sein beredtes Wort in meinem Herzen zurückließ, kam
ich zu der Ueberzeugung, daß Saint-John Rivers, ohngeachtet
seines frommen Lebens, seiner strengen Gewissenhaftigkeit
und seines wahren, glühenden Feuereifers noch
nicht den Frieden der Seele gefunden hatte, der über alles
Wissen erhaben ist, so wenig, als ich ihn selbst bei der
geheimen, aber deshalb nur um so heißeren Sehnsucht
fand, welche mein zertrümmertes Idol, mein auf ewig
verlorenes Paradies in mir zurückgelassen. Sie sehen,
daß ich nicht oft auf diese Sehnsucht zurückkomme, welche
beständig an meinem Herzen nagte.
Als ohngefähr ein Monat verstrichen war, hielt ich
eine entscheidende Unterredung mit Saint-John für unumgänglich
nöthig; ich überwand daher die ehrerbietige Scheu,
welche er mir einflößte und beschäftigte mich eines Abends
in unmittelbarer Nähe seines Arbeitstisches, um seine
Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ohne ihn direkt dazu
aufzufordern. Er erhob den Kopf und errieth sogleich
meinen Zweck.
Sie wollen ohne Zweifel wissen, sägte er zu mir,
"was ich für Sie gethan habe. Bereits seit drei Wochen
ist Alles geordnet. Da ich jedoch sah, daß meine Schwestern,
sich in Ihrer Gesellschaft glücklich fühlten und daß auch Sie sich nicht ohne Bedauern von ihnen trennen

würden, hielt ich es für umnöthig, diese Trennung eher
herbeizuführen, als bis sie durch die auf den dritten Tag
von heute festgesetzte Abreife meiner Schwestern unerläßlich
wurde. Ich selbst kehre dann nach Morton zurück,
nehme die alte Hannah mit mir und dieses Haus wird
gänzlich geschlossen.
"Ich hoffe indessen, dieser Aufschub wird von keinem
nachtheiligen Einfluß auf de Stelle sein, welche Ihre
Güte mir verschafft hat?
Nein; ich allein habe über diese Stelle zu verfügen,
und es hänge ganz von Ihnen ab, sie anzunehmen, wenn
es Ihnen convenirt. Nur muß ich Ihnen bemerken,
wie ich Ihnen schon früher gesagt habe, daß sie ganz von
Ihrer vormaligen Beschäftigung abweicht und Ihren Neigungen
und Ihrem Bildungsgrade nicht sehr angemessen
ist. Da ich selbst arm und unbekannt bin, so konnte ich
Ihnen nur einen beschränkten Wirkungskreis verschaffen.
Werden Sie ihn annehmen?
"Fahren Sie fort, antwortete ich nur.
"Ja, sprach er weiter, nachdem er einige Minuten
den Ausdruck meiner Gesichtszüge beobachtet hatte, ja,
Sie werden für eine gewisse Zeit die Stellung annehmen,
die ich Ihnen bieten kann, aber Sie werden nicht immer
in derselben bleiben. Sie sind eben so wenig als ich,
wenn auch wahrscheinlich aus andern Gründen, für ein
regelmäßiges und sich in engen Grenzen bewegendes Leben

geschaffen, welches den Aufschwung der Seele hemmt.
Die Sache ist folgende. Obgleich ich nicht lange in Morton
bleiben werde, besonders jetzt, da mein Vater nicht
mehr am Leben ist, so muß ich doch in der dortigen Gemeinde
alles Gute stiften, was von mir abhängt. Schon
vor zwei Jahren habe ich daselbst eine Knabenschule gegründet,
und seitdem sind alle meine Anstrengungen dahin
gerichtet gewesen, diesem noch fast wilden Dorfe eine Anstalt
zu verschaffen, in welcher die kleinen Mädchen die
ersten Elemente einer christlichen Erziehung erhalten können.
Die Güte der Miß Oliver, der Tochter des einzigen wohlhabenden Mannes, den die Gemeinde zu den
Ihrigen zähle, hat mir gestattet, ein den Bedürfnissen der
kleinen Anstalt entsprechendes Haus zu miethen, das heißt
einen ziemlich geräumigen Schuppen, der zu einer Schule
eingerichtet worden ist, und sein Häuschen mit zwei Zimmern, als Wohnung für die Lehrerin. Der Gehalt dieser
letzteren ist auf dreißig Pfund Sterling jährlich festgesetzt.
Außerdem genießt sie die unentgeltliche Bedienung von
einem Bauernmädchen, die zu gleicher Zeit ihre Schülerin
und ihr Dienstbote ist. Dies ist die bescheidene Stelle,
die ich Ihnen anbieten kann. Bedenken Sie wohl, daß
sie eine seltene Aufopferung beansprucht und mit großen
Mühseligkeiten verknüpft ist. Sie wenden nur mit Kindern der ungebildeten Klasse zu thun haben und Ihr
Unterricht muß sich nur auf die Gegenstände beschränken,
die ihnen zu wissen nöthig sind, das heißt, Lesen, Schreiben, ein wenig Rechnen und weibliche Handarbeiten. Nehmen
Sie die Stelle an?”
Diese letzten Worte sprach Saint-John in einem
Tone starken Zweifels. Aber er kannte mich noch wenig.
"Ich nehme die Stelle ohne Bedenken an, erwiderte
ich ihm, und danke Ihnen herzlich dafür, denn sie kann
nur ehrenvoll für mich sein.
Aber was thun Sie mit Ihren Talenten, mit Ihren
vielseitigen höheren Kenntnissen?
"Ich bewahre sie auf, bis ich sie einmal nützlich
anwenden kann.
"Ihre Entscheidung gründet sich also auf die genaue
Kenntniß Ihrer neuen Stellung?
Ich weiß, wozu ich mich verbindlich mache.
"Und Ihr Häuschen werde ich schon morgen beziehen und nächste Woche
mit dem Schulunterricht beginnen
"Er blickte mich mit einem Lächeln an und setzte
kopfschüttelnd hinzu:
"Sie werden nicht lange in Morton bleiben!
"Warum sagen Sie das? rief ich aus. Ich
kann Ihnen versichern, daß ich nicht ehrgeizig, bin.
Saint-John erschrak fast über diese Bemerkung.
"Sie sind nicht ehrgeizig? ... was hat der Ehrgeiz
hiermit zu thun? ... soll dies ein Vorwurf, gegen mich
sein?
Durchaus nicht, ich sprach nur von mir.

Wenn Sie auch nicht ehrgeizig sind, versetzte er,
so sind Sie wenigstens...
Was wollte er sagen?
"So sind Sie doch leidenschaftlich. Ich bitte Sie,
setzte er rasch hinzu, den Sinn dieses Wortes nicht mißzuverstehen. Ich will damit nur sagen, daß die menschlichen Gefühle und Neigungen eine zu große Herrschaft
über Sie ausüben, als daß Sie lange in Abgeschiedenheit
und lediglich auf Ihre einförmige Beschäftigung beschränke
leben können. Ich kenne aus eigener Erfahrung den
Kampf zwischen unseren angeborenen Neigungen und den
gebieterischen Pflichten, die uns auf dieser Welt vorgezeichnet sind. Ich kenne ihn und bedaure Jeden, der sich in
denselben einläßt.
Nach diesen Worten entfernte er sich und diese kurze
Unterredung hatte mir weit mehr Aufschluß über seinen
Character gegeben als unser ganzer bisheriger Umgang.
Lag nicht etwas Unbegreifliches, etwas dem Geiste
des Christenthums Widerstreitendes in der starren Energie
dieses Mannes, der, um das Wort Gottes zu verbreiten,
sich von seinen beiden Schwestern trennen und sie als mittellose
Waisen den Wechselfällen einer ungewissen Zukunft
Preis geben wollte?
Ich wagte die zu denken. Ob ich mich irrte? Ich weiß es noch jetzt nicht.
Ich begab mich übrigens schon am folgenden Tage
nach Morton, und den Tag darauf kehrten Diana und Mary zu den Eltern ihrer beiderseitigen Zöglinge zurück.
Mr. Rivers und die fromme Hannah gingen zusammen nach der Pfarrwohnung, und das alte Haus (es hieß Marsh-End), das mir eine so theuere Zufluchtsstätte gewesen war, blieb leer und verlassen auf der öden, sumpfigen Haide.

VIII.
Sie erlauben mir, daß ich Ihnen mit wenig Worten
mein neues Besitzthum beschreibe, im vollen Sinne
des Wortes das erste, dessen ich mich erfolgte. Es war
eine Hütte in der wahren Bedeutung dieses oft falsch angewendeten
Ausdrucks: im Erdgeschoß ein kleines Zimmer
mit weiß übertünchten Wänden, enthaltend vier angestrichene hölzerne Stühle, einen ähnlichen Tisch, eine Wanduhr, einen kleinen Anrichtetisch mit einigen Tellern, und
ein Theeservice von Delfter Steingut.
Im obern Stocke eine Kammer ganz von der nämlichen Größe mit einem Bett uns einer Commode von
ordinairem Holze; dieses letzte Möbel war allerdings von
sehr geringer Dimension, aber noch immer zu groß für
die höchst dürftige Garderobe, die ich darin aufzubewahren
hatte, obgleich sich meine neuen Freundinnen der ihnen
nicht unbedingt nöthigen Kleidungsstücke zu meinen Gunsten entäußert hatten.
Ich hatte zwanzig Schülerinnen; drei von ihnen

konnten lesen, aber nicht eine war im Stande, ihren
Namen zu schreiben oder zwei Ziffern zu addiren. Dagegen strickten mehrere mit ziemlicher Fertigkeit und einige
begannen zu nähen. Alle sprachen einen abscheulichen
Dialect mit dem dehnenden Accente der Gegend, so daß
wir uns am Anfange nur mit Mühe verständlich machen
konnten. Bei nicht wenigen unter ihnen gesellte sich zu
der Rohheit im Benehmen und in der Aussprache eine
krasse Unwissenheit.
Allein ich wußte und habe es nie vergessen, daß diese
kleinen Bauermädchen ursprünglich die nämlichen Naturanlagen als die vornehmsten Kinder haben und daß meine
Pflicht eben darin bestand, die angebornen Keime der Gutherzigkeit und Intelligenz, welche die gerechte und allgütige Vorsehung in sie gelegt hatte, nach meinen Kräften
und ihrer zukünftigen Bestimmung angemessen zu entwickeln.
Soll ich jetzt sagen, daß ich schon von Anfang an
Einsicht und Philosophie genug besaß, um die verborgene
Erhabenheit meines Amtes zu erkennen und mich in dem
selben glücklich zu fühlen? Ich würde lügen und am wenigsten
in Ihren Augen möchte ich mich eines erdichteten
Verdienstes rühmen. Nein, ich hatte Augenblicke tiefer
Entmuthigung und lächerlicher Eitelkeit, in denen es mir
schien, als wäre ich durch meine neue Stellung erniedrigt.
Es kamen auch Tage, an denen ich während der Erfüllung
einer mühsamen und jedes höheren Antriebes entbehrenden
Aufgabe an das Loos dachte, welches mir die
Liebe Rochesters in dem freundlichen Schlosse bereitet haben
würde, das er mir an der Küste des Mittelmeeres
unter dem heiteren Himmel des südlichen Frankreichs gezeigt
hatte. Aber Gott sei gelobt, ich fand zuletzt immer
wieder genug verständige Einsicht in mir, um den rauhen
Pfad der Ehre den vergifteten und vorübergehenden Freuden
einer strafbaren Verbindung vorzuziehen.
Mr. Saint-John beobachtete bei den seltenen Besuchen,
die er mir in meinen Freistunden machte, mit einer
neugierigen Besorgniß alle diese Veränderungen meiner
Gedanken. Indem er wich nach sich selbst beurtheilte,
errieth er die Zweifel, die Reue und den geheimen Kummer, denen ich mich zuweilen hingab, und seine treffenden,
obwohl strengen Worte führten mich, wenn auch oft ein
wenig unsanft, zu der richtigsten und christlichsten Erkenntniß des mir zugefallenen Looses.
Eines Abends, als er mir, am Eingange meines
Gärtchens stehend, erzählte, daß er sich nach mannigfachen Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen, nach
einer Art innerer Entsagung seines heiligen Standes plötzlich
von einer Inspiration des göttlichen Geistes beseelt
gefühlt und den erhabenen Entschluß gefaßt habe, sich dem
Apostelamte zu widmen, wurde er durch eine wohlklingende Silberstimme unterbrochen.
"Guten Abend, Mr. Rivers! sagte die Stimme,
guten Abend, Carlo! (dies war der Name des Hundes,

welcher den jungen Pfarrer überall hin begleitete.) Ihr
Hund erkennt seine Freunde schneller als Sie. Er hat
schon die Ohren gespitzt und mit dem Schweife gewedelt,
als ich noch am andern Ende der Wiese war. Sie aber
wenden mir noch immer den Rücken zu, und das ist nicht
schön von Ihnen.
Die Stimme sagte die Wahrheit. Aber kaum hatte
Saint-John ihre ersten Laute vernommen, so erschrak er,
als ob unvermuthet ein Blitz aus heiterem Himmel vor
seinen Augen herabgefahren wäre; doch er blieb unbeweglich,
mit offenem Munde und erhobenem Arme in der
nämlichen Stellung, in der ihn die unerwartete Unterbrechung überrascht hat. Bald gewann er indessen seine Fassung wieder und wendete sich um, die Neuangekommene
zu begrüßen; diese war nichts Geringeres, als eines
der reizendsten jungen Mädchen, die ich in England, wo
nichts so selten ist, als jugendliche Schönheit, je gesehen
habe. Vollkommen regelmäßige Züge, ein zarter und
durchsichtiger Teint, schöne schwarze Augen mit langen Wimpern, ein ovales Gesicht, ein lieblicher, frischer Mund,
eine reiche Fülle schwarzer Haare und eine schlanke, anmuthige Gestalt: keine von den herrlichen Naturgaben,
die ein für die Liebe geschaffenes Weib sich nur wünschen
kann, fehlte diesem glücklichen Wesen.
Aus einigen Worten, die Saint-John mit ziemlich
leiser Stimme aussprach, ohne den Blick zu dieser strahlenden Schönheit zu erheben, besonders aber aus den

Fragen, welche sie über die Schule, über meine Wohnung
und über mein Mobiliar, das sie selbst gewählt zu
haben sich rühmte, an mich richtete, ersah ich bald, daß
Miß Oliver, die reiche Erbin, deren Freigebigkeit unsere
Schule ihr Dasein verdenkte, vor mir stand.
Es bedurfte keiner zehn Minuten für mich, um zu
errathen, daß Mr. Rivers vielleicht wider seinen Willen
Miß Rosamunde Oliver liebte und daß seine Liebe erwidert
wurde.
Ich sah es an dem krampfhaften Zucken seiner Gesichtsmuskeln,
als das offenherzige, unbefangene Mädchen
ihm von einem am vorigen Tage in der Stadt, aus der
sie kam, stattgefundenen Balle und von dem Glanze erzählte,
den die Anwesenheit der Offiziere des 20. Husarenregiments
diesem Balle verliehen hatte.
Ich sah es ferner an dem schüchternen Entgegenkommen,
das sich Miß Oliver erlaubte, auf welche der
leidende und schwermüthige Ausdruck, der über das schöne
Gesicht des jungen Geistlichen gebreitet war, ohngeachtet
der Sorglosigkeit ihres Alters einen schmerzlichen Eindruck
machte.
Sie wollte ihn diesen Abend durchaus mit sich zu
ihrem Vater nehmen. Saint-John widerstand ihren
freundlichen Bitten mit der kalten Beharrlichkeit eines
Automaten. Man sah deutlich, daß es ihm eine fast
übermenschliche Selbstverleugnung kostete, um nicht nachzugeben.

Doch er trug zuletzt wirklich diesen schmerzlichen
Sieg davon. Als Miß Oliver sich wegen der hereinbrechenden Dunkelheit und aus Furcht vor dem Abendthau
entfernte, begleitete er sie bis an die Gartenthür, wo er sich mit einer tiefen Verbeugung von ihr trennte. Sie
ging rechts und er links. Während die schöne Rosamunde leichten Schrittes, gleich einer Fee unserer Zaubermährchen, den grünen Wiesenteppich hinabschwebte, wendete sie sich zweimal um, Saint-John aber blickte nicht ein einziges Mal zurück über seine Schulter.
Ich erinnerte mich bei dieser Gelegenheit dessen, was Diana eines Tages, als wir von ihrem Bruder sprachen,
gegen mich geäußert hatte:
Obgleich gut und fromm, wie Sie ihn kennen, ist er doch zuweilen unerbittlich wie der Tod.
Und in diesem Augenblicke überzeugte ich mich, daß Diana’s Vergleich keinesweges übertrieben war.
Dieser Beweis einer heroischen Entsagung war übrigens nicht ohne Nutzen für mich.
Ich übergehe die nun folgenden Monate, den süßen Genuß, den ich nach und nach in meiner täglichen Beschäftigung fand, so wie den glücklichen Erfolg, mit dem der Himmel meine demüthigen Anstrengungen belohnte, mit Stillschweigen. Die Liebe meiner Schülerinnen zu
mir theilte sich bald auch ihren Angehörigen mit und ich sah mich nicht ohne die innigste Freude im Besitz der allgemeinen Zuneigung in dem kleinen Kreise, der mich zu würdigen verstand. Die Erkenntlichkeit der Armen ist
erfinderischer, wenn nicht aufrichtiger als die der Reichen,
und scheint unmittelbarer aus dem Herzen zu kommen, eben weil die Herzlichkeit allein ihren geringfügigen Beweisen einen Werth geben kann. Die Einladung einer braven Pächtersfrau, eine Einladung, die ich abzulehnen mir nie erlaubt haben würde und auf welche sie selbst eben so stolz war, als hätte sie der Königin den Thee angeboten, war von ihrer Seite ein viel aufrichtigeres Zeichen der Dankbarkeit, als die werthvollsten Geschenke einer vornehmen Dame. Ich fühlte dies wohl und wußte es, zu schätzen.
Dies Alles hinderte mich jedoch nicht, großes Vergnügen an der Zuneigung zu finden, welche Miß Oliver
zu mir gefaßt, seitdem sie auf meinem Tische einen Band von Schiller Werken und das angefangene Aquarellportrait einer meiner hübschesten Schülerinnen hatte liegen sehen. Diese Talente, die sie bei einer Schullehrerin nicht
vermuthet hatte, gewannen mir mit einem Male ihre Bewunderung. Gegen ihren Vater ergoß sie sich in so
übertriebene Lobeserhebungen über mich, daß der reiche
Fabrikherr mich kennen zu lernen wünschte. Er rühmte
meine Zeichnungen, bat mich dringend, ihn zuweilen mit
meinem Besuche zu „beehren“ und ersuchte mich förmlich
um das Portrait seiner Tochter.
Ich erwähne diesen Umstandes nur deshalb, weil er

zwischen Saint-John und mir eine Erklärung herbeiführte,
die mich lebhaft interessirte.
Von meiner Ausdauer gerührt und um sie mir erträglicher
zu machen, brachte er mir dann und wann ein
Buch, eine Zeitung, oder einen Brief von seinen Schwestern, kurz er suchte irgend eine wirkliche Veranlassung
oder einen Vorwand, um mich zu zerstreuen und mir das
Leben angenehmer zu machen.
So kam er auch eines Abends mit einem damals neu erschienenen Buche unter den Arme, das nichts Geringeres war als „Marmion“ eines der Meisterwerke Walter Scott’s, und er schien außerordentlich erfreut, mich
an meiner Staffelei beschäftigt zu finden.
Das laß ich mir gefallen, rief er aus; wenn
man zeichnet, ist man nicht allein, denn sobald Sie allein
find, Miß Jane, werden Sie von Gedanken beherrscht
und gequält, die mir allerdings auch bekannt sind.
Während ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankte
und in dem Buche blätterte, das er neben mich gelegt
hatte, warf er die Augen auf meine angefangene Arbeit.
Kaum aber hatte er sich ein wenig vorgebeugt, um sie
näher zu betrachten, so fuhr er wieder empor, mit dem
nämlichen unwillkürlichen Schrecken, den ich schon einmal
an ihm beobachtet und der sich fest in mein Gedächtniß
eingeprägt hatte.
Ich sah ihn an: er suchte sich meinem Blicke zu
entziehen.

Vortrefflich, mein strenger Diener der Kirche,
dachte ich bei mir; Ich lese deutlich in Deinem Herzen,
das Du so sorgfältig verschließest und ich will Dir wider
Deinen Willen zu Hilfe kommen. Du hast eben so wenig Hang zur Einsamkeit als ich, und zu Deinem eignen Besten will ich Dich zum Sprechen zwingen. -- Finden
Sie dieses Portrait ähnlich? fragte ich ihn laut.
Wem? entgegnete er; ich habe es noch nicht aufmerksam
genug betrachtet.
"Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Rivers, aber in
diesem Augenblicke sagen Sie nicht die Wahrheit. Uebrigens, fuhr ich fort, ohne auf die ziemlich heftige Bewegung
des Erstaunens zu achten, die meine etwas rücksichtslosen
Worte veranlaßten, hindert Sie durchaus nichts,
es näher zu betrachten.
Zugleich gab ich ihm die Zeichnung in die Hand.
Es ist... es ist Miß Oliver, wenn ich mich nicht irre.
Richtig gerathen, Mr. Saint-John, und da Sie dieses
Portrait an das Original erinnert, so verspreche ich
Ihnen eine Copie davon, vorausgesetzt, daß ein solches
Geschenk Ihnen angenehm ist, denn ich verschwende meine
Zeit und Mühe nicht gern unnütz.
Ohne mir etwas zu antworten, versank er in stummes Anschauen des geliebten Bildes, und je länger er es
betrachtete, desto schwerer schien er sich davon trennen zu
können.

Antworten Sie mich aufrichtig, ich bitte Sie darum,
fuhr ich fort; würde ein Blick auf dieses liebliche Gesicht
eine wohlthuende oder eine schmerzliche Erinnerung an
Ihre ferne Heimath in Ihnen erwecken, wenn Sie einmal
später am Kap der guten Hoffnung, oder in Madagaskar,
oder in Ostindien leben?
Er zögerte noch einen Augenblick, dann erwiderte er
mir in einem Tone, als kostete es ihm große Ueberwindung:
Es würde mir ohne allen Zweifel angenehm sein,
wenn ich eine solche Erinnerung mit mir nehmen könnte;
aber ob es gut und vernünftig wäre, dies ist eine andere
Frage.
Da ich der festen Ueberzeugung war, daß er sehr
leicht Miß Olivers Gatte werden könnte und daß ihn diese
Verbindung, indem sie ihm ein bedeutendes Vermögen zubrachte, in den Stand setzen würde, eben, so viel Gutes
zu thun, als er von seinen evangelischen Kreuzzügen erwartete, so sagte ich zu ihm:
Wissen Sie, was gut und vernünftig wäre? wenn
Sie anstatt dieses todten Bildes das lebende Original besäßen, dessen Züge es versinnlichte.
Ich sprach diese kühnen Worte fast mit einer geheimen Angst aus; allein ich, bemerkte bald, daß sie nicht
übel aufgenommen wurden. Saint-John hatte sich auf
einen Stuhl gesetzt und betrachtete fortwährend, den Kopf
in beide Hände gelegt, das Portrait Rosamunden's, ohne

sich durch meine Freimüthigkeit verletzt zu fühlen. Im
Gegentheil, meine etwas unsanfte Ausdrucksweise und die
Furchtlosigkeit, mit der ich seine geheimnißvolle Zurückhaltung
zu brechen versuchte, schienen ihm eine unerwartete
Erleichterung zu gewähren.
"Bedenken Sie, hob ich wieder an, daß Sie von
ihr geliebt werden. Und sie ist ein liebenswürdiges Mädchen,
vielleicht ein wenig flatterhaft, wenn Sie wollen,
aber dafür besitzen Sie den noch fehlenden Ernst in um so
reicherem Maße.
"Liebt sie mich wirklich? versetzte er mit einem sonderbaren,
jedoch mehr affektirten als wahren Ausdrucke
von Zweifel.
"Sie giebt Ihnen wenigstens den Vorzug vor jedem
Andren, sie interessirt sich lebhaft für Sie und spricht von
Niemandem so oft und mit einem so ungeheuchelten Vergnügen,
als von Ihnen.
"Glauben Sie, Miß Jane? ... O, sprechen Sie weiter
... es thut mir wohl, Sie anzuhören. Ich gewähre
Ihnen eine ganze Viertelstunde, mich in so angenehme
Träume einzuwiegen.
Mit diesen Worten nahm er bedächtig seine Uhr aus
der Tasche und legte sie auf den Tisch, um genau die Zeit
abzumessen, die er sich selbst bewilligte.
"Ich verstehe Sie, entgegnete ich. Aber wozu soll
ich weiter sprechen, wenn Sie, während Sie mich anhören,
mich den Zugang zu Ihrem Verstande und zu Ihrem
Herzen verschließen?
"Warum nehmen Sie dies an? Glauben Sie lieber
-- und Sie werden der Wahrheit näher sein -- daß ich
geneigt bin, die Lippen an den mit Honig gefüllten Becher
zu sehen, den Sie mit vorhalten. Ich gestehe Ihnen,
daß eben jetzt dieses so aufmerksam und sorgfältig bewachte
Herz, aus dem ich als ein emsiger Gärtner das wuchernde
Unkraut zu entfernen trachte -- dieses Herz ist im Augenblicke
mit einer Fluth irdischen Nectars angefüllt. Wissen Sie, wo ich bin?... In Vale-Hall, bei Mr. Oliver
... ich sitze auf der weichen Ottomane in seinem Salon,
neben meiner reizenden Braut und schwelge im Anschauen
ihrer herrlichen Augen und ihrer Korallenlippen, deren
wollüstige Frische Sie so vortrefflich wiedergegeben haben
... Sprechen Sie nicht mehr mit mir... lassen Sie mich
träumen ... die Zeit des süßen Traumes ist noch nicht
verstrichen.
So blieben wir Beide stumm und unbeweglich, indem
wir fast unseren Odem anhielten und ohne ein anderes
Geräusch zu hören, als die raschen Sekundenschläge,
welche das unaufhaltsame Dahinschwinden dieses Augenblicks der höchsten Wonne verriethen.
Die Viertelstunde schlug endlich. Saint-John nahm
seine Uhr wieder zu sich, legte das Portrait auf den Tisch
und stellte sich an den Kamin.
Genug der Illusionen und Träume, sagte er dann.

"Ich habe mich von den entblößten Armen der Versuchung umstricken lassen, ich habe das Haupt freiwillig, unter
ihr Blumenjoch gebeugt, ich habe ihren berauschenden
Nectar gekostet... Aber ihre Umschlingung hat mich verbrannt,
es war eine Natter unter diesen duftenden
Guirlanden, der köstliche Trank hat einen bitteren Nachgeschmack.
Ich blickte ihn fast mit Bestürzung an.
"Ist es nicht sonderbar, sprach er weiter, daß
während ich Rosamunden mit aller Gluth einer ersten
Liebe, mit einer im Grunde so natürlichen und durch den
Gegenstand derselben gerechtfertigten Leidenschaft liebe, ich
zugleich innig und fest überzeugt bin, daß sie nicht die
Lebensgefährtin ist, deren ich bedarf, und daß, wenn ich sie
heirathete, auf einige Monate der höchsten Seligkeit
ein ganzes Leben der schmerzlichsten Reue folgen würde?
"Dies ist in der That sonderbar.
"Ich liebe und verehre alle ihre Vorzüge, aber es
entgeht mir auch kein einziger ihrer Mängel. Sie kann
weder meine Pläne theilen, noch mich in meinen Anstrengungen unterstützen. Können Sie sich Miß Rosamunde
Oliver als die Gattin eines Missionnairs denkend
"Aber, wer zwingt Sie denn, Missionnair zu werden?
könnten Sie nicht auf diesen Plan verzichten?
Verzichten?... ich sollte meinem Berufe, meinem
großen und erhabenen Werke entsagen? ich sollte darauf verzichten, auf dieser Erde die Grundmauern zu der höhren Wohnung aufzuführen, die ich in jener Welt bewohnen will? ich sollte der Hoffnung entsagen, zu der ruhmvollen Schaar der Männer gezählt zu werden, welche sich
über die Bestrebungen dieser Welch erheben und sich die
Aufgabe gestellt haben, unter ihren Nebenmenschen das
errettende Licht und die Lehren des Friedens und der
Wahrheit zu verbreiten?... Nein, eben so gut könnte
man von mir verlangen, daß ich das Blut meiner Adern
lassen sollte. Ich will und darf nur diesem erhabenen
Berufe leben.
Aber vergessen Sie nicht Miß Oliver bei diesen
rein persönlichen Plänen?
"Glauben Sie wirklich, daß sie sich nicht über meinen
Verlust zu trösten vermöchte? erwiderte er mir sogleich
mit einem schmerzlichen Lächeln.
"Und vergessen Sie nicht auch sich selbst, der Sie
in diesem steten Kampfe mit Ihrer Liebe unterliegen und
zu Grunde gehen werden?
Noch einmal, Sie sehen es, liebe Freundin, daß ich
die Grenzen der meinem Geschlecht zukommenden Zurückhaltung
überschritt, und noch dazu einem Priester gegenüber!
Er staunte auch in der That über meine Verwegenheit.
Aber ich habe mich im Gespräch mit einem originellen,
energischen und höher gebildeten Geiste nie mit
den alltäglichen Gemeinplätzen begnügen können, welche
der Gebrauch gutheißt. Sei es ein Mann oder eine
Frau, gleichviel, ich muß die Schwelte des Vertrauens

überschreiten. Was es mich auch kosten möge, ich will
mir einen Platz am Heerde des Herzens erobern.
Ihr Geist ist tapfer, versetzte Saint-John; er
hält, was Ihr durchdringendes Auge verspricht. Da Sie
aber so freimüthig über diese Gegenstände des Herzens
sprechen, so will ich Ihnen auch sagen, daß Sie sich über
die Natur meiner Gefühle ein wenig irren. Ich bin
kälter und härter, als Sie vielleicht glauben. Sie haben
mich, ich leugne es nicht, in Gegenwart Miß Olivers
zittern und erbleichen sehen. Aber selbst wenn ich mich
wider meinen Willen den fieberhaften Eindrücken eines
Nebels hingebe, das ich im Grunde verachte, so fühle ich
noch mein Herz in mir so ruhig und so fast wie den Granitfelsen im Schooße des sturmbewegten Meeres. Uebrigens
haben wir genug hiervon gesprochen, setzte er hinzu,
indem er seinen Hut nahm und noch einen Blick auf Rosamundens
Portrait warf.
Sie haben mir noch nicht geantwortet, sagte ich
zu ihm, ob Sie eine Copie wünschen?
Nein, ich wünsche sie nicht; was würde sie mir
nützen?
Während er diese Worte sprach, bedeckte er, wie um
den Zauber zu zerstören, das Bild mich dem Blatt Papier,
auf dem ich meine Farben versuchte. Was er auf diesem
Papiere bemerkte, konnte ich im Augenblick nicht errathen.
aber er nahm es hastig, betrachtete es näher und richtete
einen ganz sonderbaren, forschenden Blick auf mich, der

mir unerklärlich schien. Seine Lippen öffneten sich, als
wollte er sprechen, aber er unterdrückte diese Regung aus
irgend einem Grunde sogleich wieder.
Was ist Ihnen denn? fragte ich ihn.
Nichts, gar nichts, antwortete er, indem er das
Papier wieder bei Seite legte; allein ich sah, daß er mit
außerordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Stück vom
Rande abriß. Dieses mikroskopische Fragment verschwand
in einem seiner Handschuhe und nach einem eiligen Gruße
ließ er mich allein, höchst erstaunt über seine plötzliche
Entfernung.
Die Untersuchung des erwähnten Papiers gab mir
keinen Aufschluß. Es war ein viereckiges Stück Velinpapier,
das mit verworrenen Bleistift- und Pinselstrichen
bedeckt war, in deren Chaos meine Augen die Lösung des
Räthsels nicht zu finden vermochten.

IX.
Vierzehn Tage nach der eben mitgetheilten Unterredung
fand Mr. Saint-John Gelegenheit Wiedervergeltung
an mir zu üben.
Es war Abend; es schneite stark und der kalte Wind
erschütterte meine ärmliche Hütte. Ich hatte den Fensterladen geschlossen und die Strohmatte, welche mir als Teppich diente, zusammengerollt an die Thür gelegt, um den
vom Winde gepeitschten Schnee und den Wind selbst,
der mich bis an mein Kamin verfolgte, am Eindringen
zu hindern. Ich las eben wohl zum zehnten Male den
schönen Anfang des Marmion:

Day set on Norham castled steep
And Tweed’s fair River broad and deep ...

als Mr. Rivers, ohne vorher anzuklopfen, ganz unerwartet
bei mir eintrat und an der Thür den Schnee von seinen
Füßen abschüttelte.

Ich glaubte, es sei irgend ein Unglück geschehen;
aber er versicherte mir, daß er mir keineswegs eine
schlimme Nachricht bringe und bat mich um Entschuldigung,
daß er mich durch seinen unvermutheten Besuch in
meiner häuslichen Ruhe störte.
"Aber was führt Sie denn zu mir? fragte ich
ihn etwas ungeduldig.
"Dies ist eine eben nicht gastfreundliche Frage da
Sie dieselbe aber einmal an mich richten, so will ich Ihnen
ganz einfach darauf antworten, daß mich die Lust anwandelte,
ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Meine Einsamkeit und meine stummen Bücher langweilten mich,
und überdies befinde ich mich in der ganz eigenen Stimmung eines Menschen, dem man den Anfang einer sehr
interessanten Geschichte erzählt hat und der gern den
Ausgang wissen möchte.
Nach diesen Worten nahm er Platz. Sein Besuch
kam mir so unerwartet und es lag in seinem Benehmen
etwas so ganz von seiner gewöhnlichen Zurückhaltung
Abweichendes, daß ich mich fragte, ob nicht etwa ein
unglücklicher Vorfall seinen Verstand erschüttert haben
möchte. Seine Stirn zeigte indessen mehr als je die unbewegliche
Kälte des Marmors und seine Haltung war
vollkommen ruhig und gemessen. Nachdem ich ihn einige
Augenblicke nachdenkend und stillschweigend, das Herz von
lebhaftem Mitleid über die auf die Fortschritte eines inneren,
Kummers hindeutende, immer zunehmende Magerkeit und

Blässe seines Gesichts erfüllt, betrachtet hatte und sah,
daß er nicht geneigt war, das Wort wieder zu nehmen,
drehte ich den Docht meiner Lampe ein wenig empor
und fuhr fort zu lesen.
Kurz darauf veranlaßte mich ein leises Geräusch,
einen Blick auf ihn zu werfen. Ich wollte mir keine seiner
Bewegungen entgehen lassen; aber er zog nur ein
Maroquinportefeuille hervor, nahm einen Brief daraus,
den er stillschweigend las, und nachdem er ihn wieder an
Ort und Stelle gebracht hatte, versank er von Neuem in
tiefes Nachsinnen.
Diese stumme Pantomime erweckte meine Neugierde.
Ich fragte ihn, ob er Nachricht von seinen Schwestern
habe und ob seine Abreise aus England näher bevorstehe,
als er geglaubt habe.
"Wollte Gott, dem wäre so! erwiderte er mir.
Ich sprach nun von mir und von der Schule, indem
ich alle möglichen Dinge berührte, von denen der geheimnißvolle Brief handeln konnte, aber ich erhielt nichts
als bedeutungslose, kurze Bemerkungen zur Antwort.
Endlich, nach einem viertelstündigen Stillschweigen schlug
die Uhr acht Mal, und diese Töne schienen Mr. Rivers
aus seinem Nachdenken zu wecken.
"Legen Sie Ihr Buch einen Augenblick auf die Seite, sagte er jetzt zu mir, und rücken Sie näher
an den Kamin.

Mit wachsendem Erstaunen erfüllte ich seinen Wunsch.
"Ich bemerkte Ihnen vorhin, fuhr mein sonderbarer
Gast fort, daß ich gern das Ende einer Geschichte
wissen möchte, deren erste Kapitel mir bekannt sind. Ich
will Ihnen diese erzählen; vielleicht können Sie etwas
zur Befriedigung meiner Neugierde beitragen.
Ich stutzte bei dieser Einleitung und meine Neugierde
war nicht frei von einer bangen Ahnung.
"Vor zwanzig Jahren, hob Mr. Rivers an,
"wurde ein armer Priester, dessen Namen ich Ihnen,
seiner Zeit nennen werde, von einer leidenschaftlichen
Liebe zu der Tochter eines sehr reichen Mannes ergriffen.
Sie liebte ihn wieder und bewilligte ihm ihre Hand, den
Wünschen ihrer Eltern entgegen, welche sich, auf's Höchste
gegen sie aufgebracht, sogleich nach dieser unseligen Verbindung
gänzlich von ihr lossagten. Noch ehe zwei Jahre
verstrichen, waren beide junge Leute gestorben und
ruhten zusammen unter dem nämlichen Grabstein. Sie
hinterließen eine Tochter, welche unmittelbar nach dieser
Geburt dem Mitleid fremder Menschen anheim fiel: es
war ein kaltes Asyl für sie, eben so kalt war der Schnee,
in den meine Füße auf dem Wege hierher versanken.
Aus Mitleid also wurde dieses unglückliche Kind, das
keinen Freund auf der Welt hatte, in dem Hause reicher Verwandter
ihrer Mutter aufgenommen, sie wurde von
einer Tante erzogen, welche -- der Augenblick die Namen
zu nennen, ist gekommen -- welche Mistreß Reed
von Gateshead hieß...
"Ersparen Sie Sich die Mühe, weiter fortzufahren,
unterbrach ich ihn, da ich wohl sah, daß er auf diese oder
jene Art meine Lebensgeschichte erfahren hatte, und sagen
Sie mir nur, woher Sie dies Alles so genau wissen.
Aus einem Briefe, den Sie mich eben lesen sahen;
er trägt die Unterschrift eines Advokaten, Namens Briggs,
"Briggs? ... Erwähnt er etwas von Mr. Rochester?
"Er erwähnt seiner in der That als des letzten
Herrn, in dessen Hause Miß Jane Eyre, und nicht Elleot,
als Gouvernante gewesen it. Er giebt mir zu verstehen,
daß Mr. Rochesters Verfahren gegen Miß Jane Eyre,
nicht immer den Gesetzen der Ehre vollkommen entsprochen
habe, denn obgleich verheirathet, wollte er sie...
"Aber wo ist er?... was ist aus ihm geworden?...
hat ihn Jemand gesehen?
"Ich glaube nicht, daß ihn Jemand gesehen hat.
"Hat man an ihn geschrieben? was hat er geantwortet?
haben Sie seine Antwort?
"Mr. Briggs hat allerdings an ihn geschrieben, aber
die Antwort, die er erhalten, war von der Hand einer
Dame Mistreß Alice Fairfax...
Dieses einzige Wort zerstörte augenblicklich die Hoffnung,
welche der Gedanke in mir erweckt hatte, daß ich
erfahren sollte, was aus dem Manne geworden war, den
ich über Alles liebte. Da er nicht selbst geantwortet hatte

so war er abwesend, war auf dem Continent, vielleicht
nach der andren Hemisphäre gereist, um Vergessenheit seines
Kummers zu suchen.
Da meine Neugierde in diesem Punkte unbefriedigt
blieb, so wendete sie sich zu anderen Fragen, die in meinen
Augen viel weniger bedeutungsvoll, obschon keineswegs ohne Interesse waren.
Darf ich fragen, wie Ihnen der Name Jane Eyre,
den ich gern als den meinigen anerkenne, entdeckt worden ist?
"Durch den Zufall und durch dieses Papier, antwortete
mir Saint-John, indem er ein kleines Stick
Velinpapier, das nämliche, welches er von meinem Probierblatte
abgerissen hatte, aus seinem Portefeuille nahm.
Ich sah nun, daß ich in einem Augenblicke der Zerstreuung
eigenhändig mit einem Pinsel den Namen darauf
geschrieben, den ich meinen Beschützern verschwiegen
hatte.
"Dies war aber doch erst ein Indicium, sagte ich
lächelnd.
Allerdings, aber zu diesem kam noch ein andres.
Saint-John zeigte mir nun eine Anzeige in den
„Times,“ in welcher Mr. Briggs Denjenigen, dem der
Aufenthalt der Miß Jane Eyre bekannt sei, aufforderte,
ihm denselben wissen, zu lassen, da er ihr etwas Erfreuliches mitzutheilen habe.
Was konnte Mr. Briggs von mir wollen? fragte

ich wieder. Sollte ihm etwa Mr. Rochester aufgetragen
haben...
"Von Mr. Rochester ist bei der ganzen Sache nicht
im Entferntesten die Rede, unterbrach mich Saint-John
in verweisenden Tone. Mr. Briggs hat Ihnen eine
wichtige Nachricht mitzutheilen.
"Was für eine Nachricht? sagen Sie es mir doch.
"Es ist folgende. Ihr Oheim, Mr. John Eyre in
Madeira, ist gestorben und hat Sie zur Universalerbin
eingesetzt. Sie besitzen gegenwärtig ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund Sterling, welche in englischen
Fonds angelegt sind. Um sie auf Ihren Namen übertragen
zu lassen, wartet Mr. Briggs nur auf die Constatirung Ihrer Identität.
Ich weiß nicht, war es in Folge der anderweitigen
Beschäftigung meiner Gedanken, oder trug der einfache
und kalte Ton, in welchem mir die Nachricht mitgetheilt
wurde, die Schuld davon, kurz, ich empfand nur eine
sehr mäßige Freude darüber. Wäre die Summe bescheidener
und meinen täglichen Wünschen entsprechender gewesen,
so würde mir dieser Glückswechsel höchst wahrscheinlich
in einem heitereren Lichte erschienen sein; aber
gerade die Größe des mir zufallenden Vermögens machte
ihn mir drückend und lästig.
Mr. Rivers, welcher den Eindruck seiner letzten
Worte in meinen Gesichtszügen aufmerksam beobachtete,
äußerte keineswegs Erstaunen darüber, daß er mich so

wenig angenehm überrascht sah. Das Gegentheil würde
ihn vielleicht gewundert haben.
"Machen Sie doch kein so trübes Gesicht, Miss
Jane, sprach er zu mir. Wenn ich Ihnen mittheilte,
daß Sie eine reiche Erbin geworden sind, so war es gewiß
nicht meine Absicht, Ihnen ein Medusenhaupt zu
zeigen. Und wenn Sie auch im Angesicht Ihrer zwanzigtausend
Pfund Sterling einer Person gleichen, die wenig
Appetit hat und an einer reich servirten Tafel sitzt; so denken
Sie an die armen Gäste, welche von dem Ueberflusse,
des Gastmahles genießen wollen. Wahrhaftig, setzte er
hinzu, indem er seinen Mantel nahm, wenn das Wetter diesen Abend nicht so abscheulich wäre, so würde ich
Ihnen Hannah schicken, damit sie Ihnen Gesellschaft
leistete, denn es scheint mir ganz so, als sähen Sie mit
Ganzen dem Augenblick entgegen, wo Sie allein sein werden.
Aber die gute Hannah würde sich kaum durch die Schneewehen
hindurcharbeiten, in denen ich selbst auf dem Herwege
fast versunken wäre.
Nach diesen Worten stand er auf, und ohne meine
flehenden Blicke zu beachten, verließ er mein bescheidenes
Häuschen.
Meine Gedanken begleiteten ihn ganz natürlich und
eine Reihe von Betrachtungen, welche Sie gewiß ebenfalls
angestellt haben würden, führte mich darauf, mir die
Frage vorzulegen, warum ich meine Beschützer, ohne
welche die Wohlthaten meines Oheims ohne Zweifel für

sich verloren gewesen wären, nicht an meinem neuen
Glücke Theil nehmen lassen sollte.
Ich erinnerte mich jener kalten Nacht, in der ich
nahe daran war, der Verzweiflung zu unterliegen, als
die Thüren von Marsh-End sich mir plötzlich öffneten.
Ich erinnerte mich ferner, welcher freundliche und vertrauensvolle
Empfang mir daselbst zu Theil geworden war.
Da ich mir übrigens früher oder später eine Adoptivfamilie
wählen mußte, so lag der Plan einer ehelichen Verbindung
meinen Aussichten gänzlich fern, und ich brauche
Ihnen wohl kaum den Grund davon zu sagen, denn
welche Schwestern hätten mir die liebenswürdige Diana
und die brave Mary ersetzen, auf welchen Bruder hätte
ich stolzer sein können als auf Saint-John?
Nachdem ich mir die Sache zwei Stunden lang
reiflich überlegt hatte, war mein Entschluß gefaßt, und
als Saint-John mich am folgenden Tage besuchte,
kündigte ich ihm denselben an, wie er mir mein Glück
angekündigt hatte, das heißt, in kurzen, bestimmten,
kategorischen Worten. Meine Willensmeinung war die,
daß meine zwanzigtausend Pfund Sterling zu gleichen
Theilen unter uns Drei vertheilt werden sollten.
Allein ich verlangte zuviel. Alles was ich, und auch
dies erst nach langem Kampfe, erreichen konnte, war, daß
Diana und Mary Rivers sich in die Hälfte des „uns“
zugefallenes Vermögens theilten; Saint-John aber
wollte für sich durchaus nichts annehmen. Ich tröstete

mich mit dem Gedanken, daß seine Schwestern und er
eben sowohl an dem Genusse der Hälfte Theil haben
würden, welche zu behalten ich gezwungen wurde, da wir
das Uebereinkommen getroffen hatten, so lange als möglich
beisammen zu bleiben.
Im Laufe unserer Debatten über diesen Gegenstand
fragte mich Saint-John plötzlich:
"Und was wird aus der Schule, Miß Eyre? wollen
wir diese schließen?
Warum sollten wir sie schließen? Ich versehe
meinen Posten so lange, bis Sie eine Stellvertreterin
für mich gefunden haben.
Ein beifälliges Lächeln umspielte die Lippen meines
neuen „Vetters,“ welchen Titel er verabredetermaßen
von nun an tragen sollte, und er drückte mir die Hand
mich größerer Wärme als er sonst zu thun pflegte.
Der gute Saint-John war zuweilen ein Freudenstörer.
Ich entsinne mich noch eines Streites, den ich
an dem Tage mit ihm hatte, als eine neue Lehrerin die
Direction der Schule übernahm und ich ihr in Gegenwart
der versammelten sechzig Schülerinnen die Schlüssel
einhändigte. Es war ohngefähr zwei Monate nach der
Zeit, als mir die unerwartete Erbschaft zufiel.
Glücklich in dem Bewußtsein, meine Pflichten gegen
diese jungen Mädchen in reichem Maße erfüllt zu haben,
glücklich durch ihre liebevolle Zuneigung, von der mir
Einige wahrhaft rührende Beweise gaben, glücklich auch

darüber, wie ich ganz offen gestehe, daß ich endlich meine
Selbstständigkeit erlangt hatte, ließ ich mir einen Ausruf
entschlüpfen, über den mein Coadjutor fast entrüstet war,
so daß sein ohnehin schon ernstes Gesicht einen besorgten
Ausdruck annahm.
Worin besteht denn die Ruhe, nach der Sie Sich
so außerordentlich sehnen? fragte er mich; woher rührt
die neue Freude, die ich in Ihren Augen lese und wie
werden Sie die Freiheit anwenden, die Gott Ihnen verleiht?
O, fürchten Sie nichts Schlimmes, lieber Vetter,
es ist keineswegs meine Absicht, mich dem Müssiggange
zu ergeben. Für’s Erste müssen Sie mir Hannah abtreten.
Bedürfen Sie ihrer?
Ich brauche sie dringend nöthig, um sie mit nach
Marsh-End vor ihrer Ankunft von oben bis unten gewaschen
und gereinigt werden soll. Von oben bis
unten, hören Sie wohl. Ich möchte fast sagen, daß
Sie kaum die volle Bedeutung dieser Worte verstehen,
wenden, obgleich sie weder Sanskrit noch Pali sind.
Man muß sich im Fußboden der Zimmer spiegeln können
es darf weder Holz noch Steinkohlen gespart werden, um
alle Feuchtigkeit aus dem Hause zu entfernen; es muß
jedes Möbel, jedes Bett, jeder Stuhl, jeder Tisch und

jeder Teppich mit mathematischer Genauigkeit gestellt
worden, und was die Vorräthe von Kuchen, Conficturen
und Gelees betrifft, so verlassen Sie Sich auf die Thätigkeit Hannahs, die ich durch meine genauen Anweisungen
unterstützen werde. Mit einem Worte, ich will, und
diese Absicht wird hoffentlich nichts Beleidigendes für Sie
haben, daß Diana und Mary in Marsh-End das schöne
Ideal eines angenehmen Empfangs, wenn nicht das
schöne Ideal einer Cousine finden.
Saint-John beglückte mich abermals mit einem
flüchtigen Lächeln, doch augenscheinlich nur ungern.
Dies ist ganz gut für die Gegenwart, sagte er zu
mir, und ich bewillige Ihnen mit Vergnügen zwei Monate, um mit Muße Ihres neuen Reichthums und Ihres
neuen Verwandten zu genießen; der nachher hoffe ich,
daß Sie Ihre Blicke über die Familienfreuden und über den
Horizont eines engherzigen Egoismus und seiner fast entwürdigenden Befriedigungen hinaus richten werden.
Ich blickte ihn erstaunt an.
Warum sprechen Sie in einem solchen Tone mit
mir, Saint-John? sagte ich dann, wissen Sie wohl,
daß sich es fast boshaft von Ihnen finde, meine unschuldige Heiterkeit so zu stören? Ich frage Sie, warum thun
Sie das?
Um Sie daran zu erinnern, daß Sie Gott verantwortlich sind für die Fähigkeiten und Talente, die er
Ihnen verliehen hat; seien Sie versichert, daß ich sorgfältig

über deren gute Benutzung wachen werde, denn es
ist meine Pflicht und mein Recht. Daher rathe ich
Ihnen, schon jetzt den unbesonnenen Eifer zu mäßigen,
mit welchem Sie Sich rein weltlichen Genüssen hingeben.
Ihre Thatkraft und Energie wollen zu wenigen
alltäglichen Beschäftigungen verwendet sein. Lenken Sie
sie nicht auf diese Art von ihrer naturgemäßen Bestimmung ab... ich hoffe, Sie verstehen mich?
Ich... ganz so, als ob Sie griechisch mit mir
sprächen. Ich weiß, daß ich jetzt alle Ursache habe,
glücklich und heiter zu sein, und da es so ist, will ich die Gelegenheit benutzen.
Was ich mir vorgenommen hatte, führte ich Punkt
für Punkt aus, zur großen Freude meiner Cousinen,
denen es nicht wenig Vergnügen machte, das väterliche
Haus, keineswegs von Grund aus umgestürzt und verwandelt, wie ich es hätte thun können, sondern nur
durch einige anständige Möbel, einiges Porzellangeschirr
und einige ernste Bildwerke, welche dem allgemeinen Ansehen dieser antiken Wohnung ansprachen, verjüngt und
verschönert zu finden. Sie nahmen von Herzen gern an
unseren Wirthschaftsgeschäften Theil, welche ohngeachtet
Hannah's gutem Willen noch nicht beendigt waren, und
namentlich in den ersten Wochen erfüllte ihr fröhliches
Lachen die Räume von Marsh-End vom Morgen bis
zum Abend. Saint-John schien sich daselbst nicht mehr
heimisch zu fühlen. Er erlaubte sich zwar nie einen directen Tadel, aber ich bemerkte deutlich, daß wir einen
störenden Einfluß auf seine wissenschaftlichen Studien
ausübten, denn er verlängerte seine auswärtigen Besuche
ungewöhnlich und brachte ganze Tage am Bett der Kranken, am Heerde der Bekümmerten oder im Kreise unwissender Kinder zu.
Indessen mußte ich mir zuweilen gestehen, daß
er recht gethan hatte, das häusliche Glück, für das er
offenbar nicht geschaffen war, von sich zu stoßen; ich sah
ein, daß ihm seine Liebe zu Miß Oliver als eine seiner
unwürdige Fessel erscheinen mußte. Ich analysirte ihn
gleichsam und fand in ihm alle Elemente, aus denen die
Natur ebensowohl heidnische als christliche Helden, das
heißt solche Männer bildet, welche dazu bestimmt sind,
Gesetze zu geben, Länder zu erobern und Völker zu regieren;
ich mußte mir sagen, daß er eine mächtige Stütze der
erhabenen Interessen des Glaubens werden konnte; aber
am häuslichen Heerde war ein Kind besser als diese immer kalte, immer stolze Marmorsäule.
Ein vortrefflicher Missionnair! dachte ich eines
Tages, aber ein langweiliger Gatte!

X.
Nach einiger Zeit kehrten wir jedoch zu unsern regelmäßigen
Gewohnheiten zurück; Mary und Diana wurden
wieder ein wenig gesetzter, mit Einem Worte, unser
Glück äußerte sich nicht mehr durch so viel Geräusch und
Müssiggang. Von nun an blieb Saint-John länger
bei uns und lag seinen Studien mit dem frühern Fleiße ab.
Eines Morgens beim Frühstück fragte ihn Diana
welche seit einigen Augenblicken nachdenkend geworden
war, ob seine Pläne noch immer die nämlichen wären,
und ihr Blick bei dieser Frage schien uns Beide zu umfassen.
"Pläne wie die meinigen verändern sich nicht und
können sich nicht verändern, antwortete ihr Bruder. Ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anfang des nächsten Jahres abreisen.
Und Rosamunde Oliver? fragte Mary mit einer

Regung von Unbesonnenheit, deren Indiscretion sie jedoch
sogleich zu fühlen und zu bereuen schien.
Rosamunde Oliver! wiederholte Saint-John im
ruhigsten Tone, indem er uns alle Drei anblickte; Rosamunde Oliver ist im Begriff, Mr. Granby, den Enkel
und Erben des Sir Frederik Granby, eines der vornehmsten
Grundbesitzer der Grafschaft, zu heirathen. Ihr
Vater hat mich gestern Abend von dieser bevorstehenden
Verbindung in Kenntniß gesetzt.
Während er dies sagte, war sein Gesicht so kalt
und unbeweglich, als wäre es von Granit gewesen.
Aber Rosamunde kannte diesen jungen Man gar
nicht! rief Mary.
Bei so augenscheinlich vortheilhaften Verbindungen
kann von langem Besinnen nicht die Rede sein, erwiderte
Saint-John. Mr. Granby und Miß Oliver
haben sich letzten Monat October zum ersten Male auf
einem Balle gesehen, von dem mir Rosamunde am
nächstfolgenden Tage erzählte... erinnern Sie sich noch,
Miß Eyre?
Ich erinnerte mich jenes Gesprächs vollkommen,
und ich konnte mich nicht genug wundern über den stoischen
Gleichmuth, mit welchem der junge Mann von den
schmerzlichsten Reminiscenzen seiner gewaltsam unterdrückten Liebe sprach.
Ich hätte mich gern mit ihm weiter darüber ausgesprochen und die vertrauliche Unterhaltung, die wir

schon einmal über diesen Punkt gepflogen hatten, würde
mich jedem Andern gegenüber ermuthigt haben, von
Neuem darauf zurückzukommen; aber seit jener wirklich
intimen Unterredung war Saint-John wieder so verschlossen
und zurückhaltend geworden, daß er eben so unzugänglich
war als früher. Und diese Zurückhaltung hatte nur Folge, daß ich mich meiner Kühnheit fast schämte. Ueberhaupt beobachtete er trotz seines formellen Versprechens, mich in Allem seinen Schwestern gleich zu stellen, noch fortwährend tausend kleine Unterschiede zwischen ihnen
und mir, welche den Gedanken am ein volles
und rückhaltloses Vertrauen nicht aufkommen ließen.
Ich staunte aber nicht wenig, als ich ihn das erste
Mal, da wir uns nach dem eben mitgetheilte Gespräch
Beide allein befanden, plötzlich den Kopf von seinen Büchern erheben sah und ihn zu wir sagen hörte:
"Sie sehen, Jane, der Kampf ist gekämpft und der Sieg ist mein.
Haben Sie auch die Gewißheit, entgegnete ich
ihm nach kurzem Zögern, daß Sie ihn nicht zu theuer
erkauft haben? Würde Ihnen ein zweiter ähnlicher Sieg
nicht zum Verderben gereichen?
"Ich glaube nicht aber wozu sollte ich mich deshalb
beruhigen? werde ich je wieder einen solchen
Kampf zu bestehen haben?
Nach diesen Worten nahm er seine Lectüre wieder
auf und bedeutete mir auf diese Art, daß wir für den

Augenblick nichts mehr mich einander zu sprechen hatten.
Ich ließ es mir nicht beikommen, diesem stummen Befehle
entgegen zu handeln.
Aufrichtig gesagt, mußte man sich der Autorität
Saint-Johns unterwerfen. Er drückte seine Wünsche
auf eine Art aus, die keinen Widerspruch zuließ; nicht
daß er den Tyrannen gespielt oder daß wen die geringste
Aeußerung des Unwillens von ihm zu fürchten gehabt
hätte, aber man fühlte, daß, wenn man sich gegen seinen
stets vernünftigen und nur das Gute im Auge habenden
Willen auflehnte, man ihn tief kränken würde. In
einem solchen Falle gab er allerdings nach und verzieh,
aber er vergaß den üblen Eindruck, den er empfunden,
niemals wieder.
So eines Tages, als er mich bat, die mit Diana begonnenen deutschen Unterrichtsstunden aufzugeben und
bei ihm die Anfangsgründe des Hindustani zu lernen, hütete ich mich wohl, ihm diese persönliche Gefälligkeit
abzuschlagen, obgleich es mir nichts weniger als angenehm war, meinen Schiller mit einer orientalischen Grammatik zu vertauschen. Wenn er sich mit dem Studium dieser schwierigen Sprache beschäftigte, ging es ihm oft wie es Vielen geht, das heißt, er vergaß später das was
er im Anfange gelernt hatte. Diesem Nachtheile konnte nichts wirksamer vorbeugen, als wenn er den ersten Unterricht mit einer Schülerin begann, während er dabei seine Arbeiten ungestört fortsetzte.

Er war ohnstreitig ein sehr geduldiger, sehr nachsichtiger, aber auch ein sehr viel verlangender Lehrer, und ich fühlte, daß er allmählig einen großen Einfluß auf meine geistige Freiheit ausübte. Sogar sein Lob war so zu sagen ein drückendes Joch, dessen man sich nicht
zu entledigen vermochte. Ohne daß er mir durch eineinziges Wort die seltenen und gewiß sehr mäßigen Ausbrüche meiner Heiterkeit verwiesen hätte, war ich doch nicht mehr im Stande, in seiner Gegenwart ungezwungen zu plaudern und zu lachen, denn stets erinnerte mich
ein unwillkürliches Gefühl, daß zu große Lebhaftigkeit ihm mißfallen würde. Wenn er zu mir sagte: Gehen Sie! so ging ich; kommen Sie! so kam ich; thun Sie das! so that ich es unweigerlich. Mein Sklavenstand war mir jedoch keineswegs angenehm und es regte sich gar oft der Wunsch in mich, daß Saint-John zu seiner frühern Gleichgültigkeit gegen mich zurückkehren
möchte.
Ein unbedeutender Vorfall wird Ihnen besser als
diese ganze Analyse zeigen, wie es in meinem Innern
aussah.
Des Abends, wenn wir uns trennten, um zur Ruhe zu gehen, pflegte Saint-John seine Schwestern
zu küssen, nachdem sie ihm eine gute Nacht gewünscht hatten. Ich dagegen mußte mich mit einem Händedruck begnügen. Einmal nur äußerte Diana, welche
mit einem heitern Charakter einen sehr festen Willen verband, der sich nicht so leicht wie der meinige allen Anforderungen ihres Bruders fügt, daß ein solcher Unterschied höchst unrecht sei, daß Saint-John versprochen
habe, mich als seine dritte Schwester zu betrachten, und
stieß mich nolens volens in seine Arme.
Meine Verlegenheit war unbeschreiblich und ich
will es nicht versuchen, Ihnen das Mißbehagen zu schildern, das ich empfand, als der schöne Saint-John, ein
wenig zu mir herabgebeugt und seine durchbohrenden
Augen auf die meinigen geheftet, mir den Friedenskuß gab.
Wenn es Marmorküsse oder Eisküsse gäbe, so würde
ich mich dieser Metapher bedienen, um die geistliche Liebkosung
meines Vetters damit zu vergleichen; doch streng genommen kann es auch „Versuchsküsse“ geben und zu dieser
Gattung gehörte der seinige unzweifelhaft. Als Saint-John
ihn mir gegeben hatte, blickte er mich an, um die
Wirkung desselben zu ergründen; aber wie Sie leicht
denken können, war diese Wirkung so gut als gar keine.
Ich bin fest überzeugt, daß ich nicht im Mindesten erröthete; aber vielleicht wurde ich noch etwas bleicher, als
gewöhnlich, denn der sonderbare Kuß kam mir vor wie
ein Siegel, das auf die Ketten gedrückt wurde, deren
Last ich zu fühlen begann.
Von diesem Abend au wurde die Ceremonie des
Kusses regelmäßig eingeführt und sie ernsthafte Gutwilligkeit, mit der ich mich derselben unterwarf, schien
meinem frommen Vetter Freude zu machen.
Der Schöpfer hat jedoch in das weibliche Herz ein so
lebhaftes Bedürfniß nach Zuneigung und Liebe gelegt, daß
ich nach und nach mit jedem Kusse eifriger wünschte, mir
den Beifall meines Lehrers zu erwerben. Zu dem Ende mußte ich die Hälfte meines Ichs verleugnen, ich mußte die Hälfte meiner Anlagen ersticken, meine Neigungen
von ihrem natürlichen Hange ablenken, mich Plänen und Bestrebungen zuwenden, die nicht nach meinem Sinne waren. Saint-John wollte mich auf eine Höhe emporziehen,
wo ich nicht mehr athmen konnte... eine undankbare Aufgabe, ein zweckloser Kampf, gerade als hätte er meinen unregelmäßigen Zügen das vollkommene Ebenmaß seines Gesichts geben, oder das changierende Grün meiner Augen verwandeln und ihnen das
dunkle Blau der seinigen mittheilen wollen.
Etwas erreichte er indessen: ich verlor nach und
nach den heitern Sinn, der ihm mehr oder weniger mißfallen hatte, während ich beständig den sehnlichen Wunsch
hegte, Nachricht über das Schicksal Mr. Rochesters zu
erlangen.
Mehr als einmal hatte ich weine geschäftlichen Beziehungen
zu Mr. Briggs benutzt, um mir von diesem
Auskunft über das Befinden und über den Aufenthalt
meines ehemaligen Gebieters zu erbitten. Aber Mr.
Briggs stand mit den Bewohnern von Thornfield-Hall

nicht in Verbindung, und er konnte mir daher nichts
Näheres mittheilen.
Da meine Bemühungen auf dieser Seite erfolglos
waren, so wendete ich mich an Mistreß Fairfax. Mein
erster Brief blieb unbeantwortet. Nach zwei Monaten
schrieb ich noch einmal, da ich glaubte, mein Brief
könnte verloren gegangen sein. Aber es verging ein
Monat, zwei Monate, ein halbes Jahr, ohne daß ich die
geringste Nachricht erhielt, und die jeden Morgen getäuschte
Hoffnung war endlich ganz von mir gewichen,
doch nicht ohne einen tiefen Kummer zurückzulassen,
über den ich mich aber gegen Niemanden aussprach.
Eines Morgens rief mich Saint-John zu meiner
hindustanischen Lehrstunde. Ich hatte eben eine sehr unangenehme
Täuschung erfahren, indem ein Brief, dessen
Eingang mir vorher gemeldet worden war und dem mein
Herz mit freudiger Ungeduld entgegengeschlagen hatte sich
als ein ausschließlich von Geschäftsangelegenheiten
handelndes Schreiben des Herrn Briggs erwies.
Ich war außer mir über diese Art von Mystification
und wider meinen Willen entschlüpften mir während
des Unterrichts Seufzer, Schluchzen und Thränen.
Saint-John stellte sich anfangs, als bemerkte er nichts
davon, aber plötzlich schloß er sein Buch und sagtet
"Jane, Sie sind heut nicht aufgelegt zum Studieren.
Wir wollen einen Spaziergang machen.
"Recht gern, ich will Mary und Diana rufen.

"Nein, diesen Morgen will ich allein mit Ihnen
gehen.
Ich habe nie in meinem Leben einen Mittelweg
zwischen unbedingtem Gehorsam und beharrlichem Widerstreben
gekannt, besonders gebieterischen Charakteren
gegenüber, die mit dem meinigen in directem Widerspruch
standen. Da Saint-John nichts von mir verlangte,
was ein Sträuben oder selbst nur einen bloßen
Einwand von meiner Seite gerechtfertigt hätte, so begleitete
ich ihn nach dem Thale und wir lustwandelten
neben einander unter einem vollkommen reinen Himmel
und auf einem dunkelgrünen Rasenteppiche, der mit weißen
und gelben Blümchen durchwirkt war.
Wir erreichten bald den Eingang eines Engpasses,
welcher von den Vormauern des den Horizont begrenzenden
Gebirges gebildet wurde. Hier machte Saint-John
Halt und ich setzte mich auf einen bemoos'ten Felsenblock.
Mein Begleiter hatte seinen Hut abgelegt und
ließ den Morgenwind mit seinem braunen Haar spielen.
Seine Augen schweiften von den Bergen zu dem Bette
des Waldstromes und erhoben sich von diesem zu dem unermeßlichen dunkelblauen Himmelsdome.
Nach meinen Begriffen hielt ich dieses Anschauen
für das eines Mannes, der ein Vorgefühl von den
Schmerzen des Exils hat und noch einen Blick des
Abschiedes, auf die Gegend wirft, deren unvergängliche
Erinnerung er bald mit sich nehmen wird.

So verweilten wir ohngefähr eine halbe Stunde
noch deren Ablauf mein Vetter zu mir sagte:
"Jane, in sechs Wochen reise ich ab. Ich habe
schon meinen Platz auf einem Schiffe bezahlt, das am
7. Juni unter Segel geht.
"Möge der Himmel Sie, seinen eifrigen Diener,
behüten, erwiderte ich einfach.
"Ich rechne allerdings auf den Schutz meines unfehlbaren
Herrn und es ist mein Stolz und meine,
Freude, daß ich in dieser Wett nur dem Willen des vollkommensten Wesens gehorche. Nur dünke es mir sonderbar,
daß nicht Alles was mich umgiebt, sich ebenfalls
unter sein glorreiches Banner schaart.
Nicht Jedermann hat den nämlichen Muth, und es wäre thörigt von den Schwachen, sich mit denselben
Unternehmungen zu befassen wie die Starken.
Um die Schwachen kümmere ich mich wenig und
von ihnen rede ich auch nicht, wohl aber von Denen,
die des großen Werkes würdig und geeignet sind, daran
Theil zu nehmen.
Deren sind auf dieser Erde nicht Viele und sie
sind schwer zu finden.
"Sie haben Recht. Eben deshalb aber ist es sine
Pflicht, wenn man sie findet und wenn sie selbst sich nicht
kennen, sie aber ihre Befähigung aufzuklären, sie zu
edlen Anstrengungen aufzufordern und ihnen die Geltung zu zeigen, die ihnen Gott unter seinen Auserwählten
bestimmt hat.
Es war mir als würde ein magischer Zauberkreis
und mich gezogen und ich begann zu zittern, obgleich ich
die herannahende Gefahr noch nicht klar erkannte.
Muß Die, welche auf der Höhe eines so erhabenen
Berufs stehen, nicht ihr eignes Herz auffordern?
Saint-John richtete seinen unsteten Blick auf mich.
Nun, Jane, was sagt Ihr Herz?
"Nichts! ... nichts! erwiderte ich mit einem
Schauder, denn diese einfache Frage schnitt mir den
Odem ab.
"Dann will ich anstatt Seiner sprechen, fuhr er
mit seiner tiefen und unbiegsamen Stimme fort, deren
ernste Töne das Echo der nahen Berge wiederholte.
"Jane, gehen Sie mit mir nach Indien, seien Sie
meine Lebensgefährtin und nehmen Sie an meinen Arbeiten Theil.
Das Thal und der Himmel schienen sich um mich
zu drehen, es war als hätte Gott selbst gesprochen, es
war wie ein Ruf der Himmelsboten, denen die erwählten
Apostel nicht zu widerstehen vermochten. Aber ich
war kein Apostel und dieser Befehl von Oben lähmte
nicht ganz meine Willenskraft.
"Saint-John!... Saint-John! rief ich aus; haben
Sie ein wenig Mitleid mit mir!
Ich hatte einen Mann vor mir, den in der Erfüllung
dessen was er seine Pflicht nannte, weder Mitleid
noch Bedenklichkeiten kannte.
Gott und die Natur, sprach er weiter, haben Sie so ausgestattet, wie die Gattin eines Missionnairs es
sein muß. Sie haben Ihnen die körperliche Schönheit
versagt, Ihnen aber die Energie der Seele und des Geistes
verliehen. Sie sind nicht für die Liebe, sondern für
heilige Werke geschaffen. Jane, wenn ich Sie zur
Gattin wünsche, so geschieht es nicht um meines persönlichen
Glückes willen, sondern zum Nutzen meines erhabenen
Gebieters.
Sie sind im Irrthum, stammelte ich, Sie sind
im Irrthum, ich versichere es Ihnen. Mein Beruf ist
nicht der, den Sie meinen.
"Saint-John war auf diesen Widerstand gefaßt, er
hatte ihn vorausgesehen, seine wahrscheinliche Dauer berechnet
und sich mit der nöthigen Geduld, uns Beharrlichkeit
gerüstet, um ihn zu brechen. Dies verrieth sich
aus seinem ganzen Benehmen, als er, an den Felsen
gelehnt und die Arme über der Brust gekreuzt, mit
einer unerschütterlichen Ruhe alle meine Einwendungen
einzeln zu widerlegen begann. Auf die, welche ich aus
meiner Unwissenheit herleitete, antwortete er mit, den,
festen Vorsatze, mich zu unterrichten, mich zu leiten und
zu unterstützen bis zu der nicht fernen Zeit, wo ich allein
gehen und dann ihn nöthigenfalls leiten könnte.
Wenn ich ihm sagte, daß seine Worte durchaus

keinen Eifer, durchaus keinen frommen Ehrgeiz in mir
erweckten, so versicherte er mir, daß er wich seit zehn
Monaten genau studirt und dabei die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich einer unbegrenzten Hingebung
fähig sei, wenn meine Laufbahn einmal gewählt und
meine Pflichten mir vorgezeichnet wären. Er sagte, er
habe mich stets fügsam, eifrig, uneigennützig, gläubig,
fleißig, muthig, heldenmüthig, und zugleich sanft gefunden, und das Vertrauen, das er in mich setze, könne und müsse auch ich mir selbst bewilligen.
Während er so wir der Gewalt einer vollen Ueberzeugung und der Gewißheit sprach, sie mir ebenfalls ein zuflößen, fühlte ich, daß sich der Kreis meines Widerstandes allmählig verengerte. Die Ueberredung machte
langsame, aber sichere Fortschritte. Vergebens schloß ich
die Augen, ich sah, ein Licht vor mir, welches mir den
von Saint-John gewählten Weg als den einzigen zeigte,
den ich betreten konnte. Kurz, mein Gewissen schien
seinem dringenden Rufe folgen zu wollen.
Ich erbat mir von ihm eine Viertelstunde Bedenkzeit, die er mir gewährte. Er entfernte sich dann einige
Schritte weit und legte sich dann auf einem Rasenhügel nieder.
Das Resultat meiner Ueberlegung war ohngefähr
folgendes:
Was Saint-John von mir verlangt, ist weder
strafbar noch unvernünftig. Vergebens werde ich ihm

die Gefahren einwenden, denen mein Leben unter dem
glühenden Himmel Ostindiens ausgesetzt ist; so gut wie
er das seinige ohne zu murren Preis giebt, erwartet er
auch von mir, daß ich keinen hohen Werth auf eine Existenz
lege, die ich im Grunde nur Dem widme, dem ich
sie verdanke.
Er hat ferner Recht, wenn er sich auf das große
Ziel beruft, das meinem Leben fehlt und das ich auf die
eine oder die andre Art finden muß. Es ist eine Thorheit,
eine strafbare Schwäche, wenn ich mich gänzlich
der unbestimmten Hoffnung auf ein überhaupt ganz unwahrscheinliches Ereigniß hingebe, durch welches ich mit
Rochester vereinigt würde. Dieser unselige Gegenstand
einer Liebe, die ich um jeden Preis ersticken muß, befindet sich ohne Zweifel nicht mehr in England. Und wenn
ich auch dieses Land verlasse, so verlasse ich deshalb ihn
nicht!...
Ich soll also zusagen? aber bei diesem Gedanken
erbebt mein Herz. Wenn ich Saint-John begleite, so
entsage ich der Hälfte meines Wesens und gehe überdies
ohne allen Zweifel einem frühzeitigen Tode entgegen.
Und wozu werde ich von hier an bis zu meinem Tode,
der mir leicht willkommen sein dürfte, meine Tage verwenden? Wie werde ich die Reise von England nach
Indien und von Indien zum Grabe zurücklegen?
Ich weiß, daß ich, wenn ich nicht ganz aufopfere,
die Hoffnungen dieses unbeugsamen Apostels verwirklichen
kann. Und dies thue ich, wenn ich ihn begleite. Ich
werfe das Opfer ganz auf den Altar, ohne nur das Herz
zurückzubehalten. Ich enthülle ihm eine Energie, die er
noch nicht kennt, Kräfte, von denen er keine Ahnung
hat und die mich, wie ich fest überzeugt bin, nicht verlassen
werden, wenn ich ihrer bedarf. Ich weiß gewiß,
daß er mich schätzen, mich vielleicht bewundern wird...
aber eben so gewiß weiß ich auch, daß er mich nie lieben
kann.
Und da ich dessen gewiß bin, darf ich dann wohl
seine Gattin worden? Wäre es nicht eine Höllenqual,
Liebkosungen zu erdulden, welche mit dieser Mann von Erz nur deshalb zu Theil werden ließe, weil er es für
seine Pflicht hielte, um damit die Seele zu bezahlen,
die er Gott abgerungen hat, das Werkzeug, mit dem er sich
hat bewaffnen wollen, bevor er in den Kampf
ging?
Dieser Gedanke und noch viele andre bestimmten
meinen Entschluß. Ich ging auf Saint-John zu, der
mich erwartete uns sogleich aufstand, um mir entgegen
zukommen.
Und, Jane? fragte er mich.
Ich bin bereit abzureisen, antwortete ich.

XI.
Bei diesen Worten: Ich bin bereit abzureisen!
leuchtete ein stiller Triumph aus Saint-Johns Gesichtszügen.
Ja, ich will abreisen, wiederholte ich, vorausgesetzt,
daß ich allein reisen kann.
Saint-John verstand mich nicht. Er bat mich,
meine Gedanken klarer auszudrücken.
"Sie sind mein Adoptivbruder, fuhr ich fort, und
haben mich als Schwester angenommen. Diese fingirte
Verwandtschaft wollen wir fortbestehen lassen, aber an
keine engere Verbindung denken. Es ist so besser.
Eine fingirte Verwandtschaft genügt in solchen
Verhältnissen nicht, entgegnete er mir kopfschüttelnd.
Wären Sie meine leibliche Schwester, so würde ich nie
daran gedacht haben, mich zu verheirathen. Da es aber
der Himmel nicht so gewollt hat, so können wir zusammen
nur als Gatten abreisen. Ueberlegen Sie, und Ihr Verstand
wird Ihnen alle Hindernisse zeigen, die sich einem
andern Wege entgegenstellen.
Mein Verstand sagte mir, daß wir uns nicht liebten,
wie, Gatten sich lieben müssen und daß also eine eheliche,
Verbindung zwischen uns eine Unmöglichkeit war.
Ohne diesen Gedanken auszusprechen, beharrte ich
auf meiner Weigerung. Saint-John bestand seinerseits
darauf, daß, wenn ich einmal entschlossen sei, an seiner
heiligen Mission Theil zu nehmen, ich mich nicht an die
Nebenbedingungen einer so erhabenen Pflicht, einer so
ruhmvollen Aufgabe stoßen dürfe. Ich konnte das Werk
nicht allein unternehmen, ich bedurfte nothwendig einer
Stütze, und diese Stütze mußte ein Mann sein, der nicht
durch eine freiwillige und lösbare Uebereinkunft, sondern
durch Bande an mein Schicksal gefesselt war, welche
eben so dauerhaft sein mußten, als das Leben selbst. Auch
er könne eine weniger bindende Verpflichtung nicht eingehen.
"Dann suchen Sie eine Person, erwiderte ich ihm,
"die sich besser in ein solches Verhältniß zu schicken versteht
und die auch Ihnen convenirt.
"Sagen Sie: meinen Plänen und meinem erhabenen
Werke; denn glauben Sie mir, Jane, ich komme bei
dem Allem am Wenigsten in Betracht. Nicht Sie will
ich heirathen, sondern die Missionnairin, welche für immer
meine Gefährtin werden soll.
Nun wohl, als Missionnairin stelle ich Ihnen alle meine Fähigkeiten und alle meine Energie zur Verfügung.
Dies ist Alles, was Sie brauchen, ich gebe Ihnen von
mir Alles, was Sie brauchen. Das Uebrige aber lassen
Sie mir.”
"Das können Sie nicht und dürfen Sie nicht. Mit
Gott feilscht man nicht und in seinem Namen spreche ich.
Glauben Sie, daß ein halbes Opfer seiner würdig sei?
glauben Sie, daß man sich nur theilweise unter sein glorreiches Panier schaaren kann?
"Nennen Sie es mit Gott feilschen, wenn man ihm
sein Leben und sein Herz weiht? Und er soll es haben,
Saint-John, er soll dieses Herz ganz haben. Sie aber
bedürfen desselben nicht.
Ich verhehle Ihnen nicht, werthe Freundin, daß in
diesen letzten Worten und in dem Gedanken, den sie ausdrückten, etwas Spöttisches lag. Bisher war Saint-John
ein Geheimniß für mich und der Gegenstand meiner stillschweigenden Befürchtungen gewesen. Ich hätte nicht
sagen können, wie viel Göttliches und wie viel Irdisches
in diesem imposanten jungen Manne lag; aber im Laufe
des gegenwärtigen Gesprächs erleichterte mir so mache
Entdeckung sie bis dahin unmöglich gewesene Prüfung.
Ich sah, daß Saint-John nicht frei von Irrthümern war;
seine Härte, sein Despotismus lag klar vor meinen Augen.
Und seine Unvollkommenheit beruhigte mein erstauntes
Herz; sie gab mir die Ueberzeugung, welche meinem
Widerstande bis jetzt fehlte, daß ich mich einem Manne gegenüber befand, der eben so gut irren konnte, der aus
den nämlichen Elementen gebildet war, als ich, und dem
ich mich blindlings zu unterwerfen nicht verpflichtet war.
Das Sarkastische meiner letzten Worte war ihm keineswegs entgangen. Er wunderte sich darüber, wie über
eine unerwartete Auflehnung und wollt durch einige
ernste Worte einen Gegenstand beseitigen, den er in unsrer
Diskussion der Behandlung für unwürdig hielt.
Aber während er auf der gebieterischen Nothwendigkeit
unserer ehelichen Verbindung beharrte und ich dabei
seine regelmäßigen und achtunggebietenden Züge, seine
majestätische, aber ausdruckslose Stirn, eine Augen, deren
strenges Feuer sich nie milderte, seine hohe Gestalt und
seine gebieterische Haltung beobachtete, setzte sich mehr und
wehr der Gedanke in mir fest, das ich wohl die Begleiterin
Saint-Johns, aber niemals seine Gattin werden
könne.
"Ja, sagte ich zu mir selbst, als sein Vicar und
Gehilfe will ich die Meere durchschiffen und die tödtlichen
Himmelsstriche des Orients durchziehen. Von Bewunderung erfüllt gegen seinen Muth, seine Aufopferung und
selbst gegen seinen geheimen Ehrgeiz, der ihn wider sein Wissen und Willen beherrscht, will ich seine treue Gefährtin, seine folgsame Begleiterin sein. Als solche werde ich ohne Zweifel viel leiden müssen, da mein Körper und
mein Geist unter einem fast unerträglichen Joche schmachten werden; aber mein Herz bleibt wenigstens frei. In ihm werde ich eine geheiligte Stätte finden, deren Zugang
ich Allen, und besonders Saint-John verwehren kann,
ohne mein Wort zu brechen. Ich werde ungestört Gefühle in demselben hegen, die er zu trüben nicht die Mache
und mit seinem siegreichen Fuße zu zertreten nicht das
Recht haben wird. Aber als seine Gattin immer an seiner Seite, vor seinen Augen und unter seiner Herrschaft
zu stehen, jeden Gedanken unterdrücken zu müssen, den er
nicht mit seinem vollen Beifall sanctionirt, -- nein, dies
würde ich nicht ertragen!
"Saint-John? rief ich plötzlich, ihm in die Rede faltend.
"Nun?” ersetzte er in eiskaltem Tone.
"Ich wiederhole es Ihnen, daß ich Sie nach Ostindien begleiten will, aber nur als ihre Gehilfin. Ihre
Gattin kann ich nicht werden.”
"Wenn Sie dies nicht können, so sind Sie Ihres
Versprechens enthoben. Wie könnte ein dreißigjähriger Mann ein junges Mädchen von neunzehn Jahren mit nach Indien nehmen, wenn sie nicht seine rechtmäßige Gattin ist? Wie könnte er in wüsten Einöden, mitten
unter wilden Völkerstämmen mit ihr zusammenleben,
ohne mit ihr verheirathet zu sein?... Wo denken Sie hin,
Jane?”
"Wie müßten Sie thun, wenn ich Ihre Schwester wäre?”
"Aber Sie sind es nicht, und ich, kann Sie nicht dafür ausgeben, ohne mich der Gefahr auszusetzen, Lügen
gestraft zu werden und ohne den beleidigendsten Argwohn
zu erwecken. Dann ist es auch nicht genug, die öffentliche Meinung zu berücksichtigen, man muß auch sich selbst
fürchten.”
"O, entgegnete ich, können wir nicht einen und
den nämlichen Weg ziehen, als wären wir zwei junge
Priester?”
"Verzeihen Sie, Jane; Sie besitzen den Muth und
die Einsicht eines Mannes, aber Sie haben auch das Herz
eines Weibes. Ihr Vorschlag ist unausführbar.
"Beruhigen Sie sich, erwiderte ich ein wenig gereitzt;
wir würden in diesem Punkte nicht die mindeste
Gefahr kaufen. Ich habe allerdings ein weibliches Herz,
aber wicht für Sie. Für Sie habe ich nur die Beständigkeit, welche den Soldaten mit seinem Kameraden verbindet, die brüderliche Treue, mit welcher die jungen Krieger Lacedamons einander zugethan waren. Für Sie
empfinde ich die Achtung und Ehrerbietung des Neophyten
zu Füßen des Hierophanten, nichts Anderes, das schwöre
ich Ihnen. Also fürchten Sie nichts...
Ja, dies ist es, was ich bedarf, sagte Saint-John
wie mit sich selbst sprechend; ich hatte mich nicht geirrt,... sie ist es, die mich begleiten muß... und wenn sich Hindernisse in den Weg stellen, so müssen sie beseitigt werden... Glauben Sie mir, Jane, fuhr er sanfter
fort, wenn Sie mich heiratheten, würden Sie sich nicht das unglückliche Loos bereiten, welches Sie zu fürchten
scheinen. Seien Sie fest überzeugt, daß diese unerlässliche
Verbindung -- denn das ist sie wirklich -- genug
Liebe erzeugen würde, um sie selbst in Ihren Augen zu
rechtfertigen.”
Durch einen unwiderstehlichen Impuls getrieben, erhob ich mich plötzlich und rief fast mit Entrüstung:
"Die Idee, welche Sie von der Liebe haben, erwecke
mein Bedauern. Das Gefühl, das Sie mir anbieten,
verdient nur Verachtung, und ich verachte Sie, Saint-John, weil Sie es mir angeboten haben.”
Er drückte mich fest an und seine entfärbten Lippen
preßten sich zusammen. War er erzürnt oder nur überrascht?
Ich konnte darüber nicht ins Klare kommen, eine solche Macht besaß dieser Mann, selbst dem Ausdruck
seines Gesichts zu gebieten.
"Ich hätte nicht erwartet, versetzte er, in diesen
Augenblicke ein solches Wort aus Ihrem Munde zu
hören. Ich glaube durch nichts von dem, was ich gesagt
oder gethan, Ihre Verachtung verdient zu haben.
Diese Milde rührte mich, und seine ruhige, stolze
Haltung flößte wir eine gewisse Ehrfurcht ein.
"So bitte ich Sie denn wegen dieses unglücklichen
Wortes um Verzeihung, sagte ich zu ihm; aber es ist
vielleicht nur Ihre Schuld, daß ich eine so rücksichtslose
Sprache geführt habe. Sie haben das Gespräch auf
einen Gegenstand gelenkt, über den unsere Ansichten nie
im Einklang stehen werden und über den wir uns daher
auch nie streiten sollten. Da aber schon das bloße Wort
„Liebe“ ein Zankapfel zwischen, uns geworden ist, so
mögen Sie ermessen, was erst die Liebe selbst werden
würde. Welche moralische Qualen würden wir uns bereiten!
Lassen wir also das, lieber Vetter und geben Sie Ihre Heirathsgedanken für immer auf.
"Nein, entgegnete er, diese Idee ist aus dem Plane entstanden, der meinen ganzen Lebenszweck bildet,
sie ist die einzige, welche mir die Aussicht auf eine endliche Erreichung desselben gewährt. Doch für jetzt will ich
nicht weiter in Sie dringen. Ich muß vor meiner Abreise nach Cambridge gehen, um von einigen Freunden,
die ich unter den dortigen Professoren und Zöglingen habe,
Abschied zu nehmen. Ich werde volle zwei Wochen entfernt bleiben; ich bitte Sie, während dieser Zeit meinen
Vorschlag mit Ruhe zu überlegen und nicht zu vergessen,
daß Sie durch Ablehnung desselben nicht mich, sondern
Gott von sich stoßen.
Nach diesen Worten schwieg er und würdigte mich von nun an nicht mehr der Mittheilung der Gefühle, welche vielleicht sein Herz bewegten; aber sein Stillschweigen sagte mir genug, denn es drückte mit sprechender Beredsamkeit den Verdruß eines strengen und despotischen Charakters aus, der einen kräftigen Widerstand gefunden, wo er eine rasche und vollständige Unterwerfung erwarten hatte, so wie die Mißbilligung eines harten und kalten Urtheils, das plötzlich in einem Andern Gefühle und Absichten entdeckt, mit denen er sich nicht befreunden kann.
Mit Einem Worte: der Mann fühlte sich gekränkt, daß er meinen Widerstand nicht hatte brechen können,
der Christ war empört über meine Beharrlichkeit und legte
sich die schwere Selbstüberwindung auf, geduldig zu warten, das Anathema zu verschieben und mir Zeit zu heilsamem Nachdenken zu lassen.
Als Saint-John an diesem Abend seine Schwester geküßt hatte, reichte er mir nicht einmal die Hand und
verließ nachdenkend das Zimmer, ohne ein einziges Wort an mich zu richten.
Mein Freundschaftsgefühl empörte sich dagegen, meine Augen füllten sich mit Thränen und da ich bemerkte,
daß er im Corridor seine Schritte hemmte, als wäre eine Regung von Unschlüssigkeit in ihm erwacht, gebot ich
meinem Stolze Schweigen und ging ihm nach. Er war in der That unten an der Treppe stehen geblieben.
"Gute Nacht, Saint-John,” sagte ich tief ergriffen zu ihm.
"Gute Nacht, Jane,” erwiderte er mit der größten Ruhe.
"Wollen wir uns nicht wenigstens die Hand geben?”
Welch ein kalter und unmerklicher Händedruck! Und kein Lächeln, kein freundliches Wort, kein Zeichen einer
offenen und herzlichen Aussöhnung!
Ach! es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich mit seiner Gespensterhand zu seinen Füßen niedergestreckt!

XII.
Plötzlich, und nur Ihnen wage ich ein so fabelhaftes Phänomen mitzutheilen, durchzuckte ein unbeschreibliches
Gefühl meinen ganzen Körper. Obgleich nicht ganz das nämliche, welches einem elektrischen Schlage folgt, war
es doch eben so unvermuthet und eben so heftig; es wirkte auf alle meine Sinne ein, als ob ihre höchste Thätigkeit
bisher nur eine starre Betäubung gewesen wäre, aus der sie durch einen mächtigen Impuls erwachten. Während alle meine Muskeln zitterten und alle meine Geistesfähigkeiten einen Paroxysmus erreichten, von dem ich noch keine Ahnung gehabt hatte, fragte mich Saint-John, erstaunt über die hastige Bewegung, mit der ich mich von ihm entfernte:
“Was haben Sie gehört? was sehen Sie?”
Ich sah nichts,... aber ich hörte eine Stimme und
diese Stimme rief mit einem verzweiflungsvollen Ausdrucke:
"Jane! Jane! Jane!”
Sonst kein Wort mehr.
Die Stimme war weder im Zimmer, noch im Hause,
noch im Garten, sie kam weder von oben noch von unten.
Aber ich hatte sie schon vernommen, sie war mit bekannt
und nach einigen Augenblicken erinnerte ich mich ihres
Klanges: es war die geliebt Stimme Edward Rochesters,
aber durch Schmerz, Unruhe, Angst, Kummer und Entsetzen
verändert.
"Ich komme! erwarte mich!” rief ich unter dem
Einflusse der Sonderbaren Illusion. Und ich eilte aus
dem Zimmer in den Corridor, aus dem Hause in den
Garten.
Der Corridor war dunkel, der Garten war leer.
Wo bist Du? rief ich wieder.
Die Berge, welche den Horizont begrenzten, hallten
schwach meine Word: Wo bist Du? zurück. Ich horchte
mit angehaltenem Athem. Es blieb Alles still. Nichts
als das Seufzen des Windes in den Eichen, nichts als
die Einsamkeit der sumpfigen Haide, nichts als das mitternächtliche Schweigen.
Und dach zweifelte ich keinen Augenblick ich hielt es
nicht für eine abergläubische Illusion, und als Saint-John,
der mir nachgekommen war, meine Hand wiederergriffen
wollte, zog ich sie mit einer unüberwindlichen
Regung von Widerwillen zurück.
Denn jetzt war die Reihe an mir, zu befehlen, jetzt trotzte die gewaltige und fast übernatürliche Thätigkeit meiner Geisteskräfte jedem fremden Einflusse. Ich wollte allein sein, und ich war es; eine hinreichende Energie gebietet stets und überall unbedingten Gehorsam. Ich ging
hinauf in mein Zimmer, sank auf die Kniee nieder und betete, doch nicht so, wie Saint-John vielleicht gebetet
hätte, sondern nach meiner Art, und sie genügte mir, um mich meinem Schöpfer zu nähern.
Als ich mich, tief erschüttert und von Dank erfüllt, daß es Licht in meinem Innern geworden war, wieder
erhob, -- stand mein Entschluß unwiderruflich fest und meine Ruhe war zurückgekehrt. Ich erwartete nur die
geeignete Zeit, um an's Werk zu gehen, das heißt: die Morgenröthe des folgenden Tages.
Sobald ich erwachte, traf ich in der That alle Anstalten
zu einer mehrtägigen Reise. Saint-John entfernte
sich an dem nämlichen Morgen. Ich hörte ihn aus seinem
Zimmer und an meiner Thür vorübergehen; er blieb
sogar einen Augenblick vor derselben stehen und ich fürchtete schon, er werde anklopfen. Aber nein, er schob nur ein zusammengefaltetes Stück Papier unter der Thür herein. Ich hob es auf; es enthielt die nachstehenden Worte:
"Sie haben mich gestern Abend zu früh verlassen.
Noch einen Augenblick, und Ihre Hand erfaßte zu gleicher Zeit das Kreuz des Erlösers und sie Krone der
Engel. Ich reise ab; bei meiner Zurückkunft werden Sie sich entschieden haben. Bis dahin warten Sie und beten Sie; ich werde zu jeder Stunde des Tages
für Sie beten, Saint-John.”
Es war am ersten Juni, aber die Sonne hatte sich
hinter dicken Wolken erhoben und der Regen schlug an
mein Fenster. Ich hörte die Hausthür öffnen, ich sah
Saint-John durch den Garten gehen und in, der
Richtung nach Whitcroß zu im Nebel der Sümpfe verschwinden.
Binnen wenigen Stunden, dachte ich, wird mein
Fuß der Spur des Deinigen folgen. Auch ich muß Jemanden besuchen, auch ich muß von Jemandem Abschied
nehmen, wenn ich England auf immer verlasse. Wenn es irgend möglich ist, werde ich erfahren, woher die
Stimme von gestern Abend kam, und da meine Briefe mir nichts genützt haben, so will ich sehen, was ich selbst
erreiche.
Zwei Stunden später beim Frühstück sagte ich meinen Cousinen, daß ich Marsh-End auf kurze Seit verlassen
wolle, um einen Freund zu besuchen, dessen, Schicksal
mich seit einigen Tagen beunruhige.
Sie hätten mir bemerken können, daß ich nie in unsren
vertraulichsten Gesprächen dieses Freundes erwähnt
hatte, dessen Existenz ich ihnen plötzlich entdeckte. Aber
ein zartes Schicklichkeitsgefühl hielt sie ab, das geringste Befremden gegen mich zu äußern, Sie fügten sich stillschweigend allen meinen Wünschen und ließen mir die

nämliche Freiheit, die ich ihnen in ähnlichen Fällen zugestanden haben würde.
Um drei Uhr Nachmittags verließ ich Marsh-End.
Um vier Uhr gelangte ich an den Kreuzweg bei Whitcroß,
um hier die vorüberfahrende Diligence zu erwarten. Als
sie ankam, erkannte ich den nämlichen Wagen, aus dem
ich a einem schönen Sommerabende an der nämlichen
Stelle gestiegen war, aber ohne Ziel, ohne Hoffnung und
mit einer Verzweiflung erfüllt, welche ich damals für unhaltbar hielt. Ich stieg ein, ohne dies Mal zur Bezahlung
des Platzes mein ganzes Vermögen ausgeben zu
müssen, und als ich mich auf dem Wege nach Thornfield
befand, fühlte ich mich so heiter und vergnügt, wie die
Taube in der Schrift, als sie nach die Arche zurückflog,
wohin der Herr sie sendete.
Es war eine Reise von zweiunddreißig Stunden.
Am Dienstag Nachmittag war ich abgefahren, am Donnerstag
Morgen hielt der Wagen vor einem kleinen Gasthause
und der Kutscher spanne die Pferde aus, um zu
füttern. Weit verschieben von der düstern und feuchten
Einöde, aus der ich kam, erschien mir die Gegend mit
ihren grünen Hecken, die große Felder umzäunten, und
mit ihnen freundlichen Anhöhen, wie der Anblick eines
alten wohlbekannten Gesichts.
Ich sah, daß ich meinem Ziele nahe war.
Ist es noch weit von hier bis Thornfield-Hall
fragte ich den Gastwirth, der an die Diligence getreten war.

"Zwei Meilen seitwärts durch die Felder, Miß,
antwortete er mir.
Ich stieg sogleich aus, übergab dem Wirth mein
Gepäck zum Aufbewahren und trat meinen Weg in der
bezeichneten Richtung an, hocherfreut, mich auf dem Gebiete
meines ehemaligen Herrn zu befinden. Aber kaum
hatte ich etwa hundert Schritt zurückgelegt, so schwand
meine Freude plötzlich, denn eine innere Stimme flüsterte
mir zu:
"Wer sagt Dir, daß Dein Gebieter sich noch in
diesem Lande befindet? Und wenn er noch in Thornfield
ist, wohin Du so leichten Schrittes eilest, weißt Du nicht,
wer sich bei ihm befinden kann? Angenommen, die
Wahnsinnige, deren Gatte er ist, wohnte noch bei ihm, -
wirst Du es dann wagen, ihn zu besuchen und mit ihm
zu sprechen? Dann wäre Deine Mühe verloren und
Du thätest also besser, sogleich wieder umzukehren. Jedenfalls
hättest Du erst bei dem Gastwirth einige Erkundigungen
einziehen sollen, er würde Dir gewiß haben sagen
können, ob Mr. Rochester England nicht verlassen hat.
So sprach die Vernunft, aber ich konnte mich nicht
entschließen, ihren kalten und verständigen Nachschlägen
zu folgen. Ich fürchtete zu sehr eine Antwort, die mich
in Verzweiflung stürzen konnte! Die Verlängerung der
Ungewißheit war die Verlängerung des Gedankens an die
Zukunft, der mich beseelte.
Ich wollte beim Lichte des strahlenden Tagesgestirns

noch ein Mal den Ort wiedersehen, den ich eines Morgens
betäubt, geblendet und von der Peitsche einer rächenden
Furie zerfleischt, verlassen hatte. Wie ich meine Schritte
beeilte, wenn ich daran dachte, daß ich mich ihm näherte!
Hin und wieder begann ich förmlich zu laufen.
Endlich zeigten sich die wohlbekannten Wälder meinen
Blicken; ich erkannte das dichte Gebüsch, das von
Bienen bewohnt war, deren lautes Summen die Stille
des Morgens unterbrach. Ein lebhaftes Gefühl von
Freude drängte mich vorwärts; schon hatte ich ein geackertes
Feld und ein Stück Haideland überschritten, das
mich noch von Thornfield-Hall trennte und ich stand vor
den Mauern des Hofes bei den Wirthschaftsgebäuden.
Das Wohnhaus selbst wurde nur noch von dem erwähnten
Gebüsch verborgen.
"Ich will das majestätische Gebäude von der Vorderseite
sehen, dachte ich nun; von einer Stelle, wo
mein Blick die Fenster meines Gebieters erreichen kann.
Vielleicht finde ich ihn schon an einem derselben, denn er
steht frühzeitig auf; vielleicht geht er im Garten spazieren.
Wenn ich ihn bemerkte,... dürfte ich ihm wohl entgegeneilen?... oder müßte ich dies unterlassen? Was
würde geschehen, wenn ich es thäte?... Doch wie thörigt bin ich! Vielleicht sieht er in diesem Augenblicke die
Sonne hinter den Pyrenäen aufgehen,... vielleicht überschaut
er die blitzenden Wellen des Meeres, das die provencalischen Küsten bespült.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, war ich längs der
niedrigen Umfassungsmauer hingegangen, um eine wohlbekannte
Ecke gebogen und jetzt stand ich vor einer Thür,
welche nach der großen Wiese ging und deren steinerne
Seitenpfeiler zwei riesige Kugeln trugen. Hinter einem
dieser Pfeiler brauchte ich nur ein wenig den Kopf vorzustrecken,
was ich auch wirklich that, um die ganze Facade
des Schlosses bequem zu betrachten. Nun mögen Sie
selbst ermessen, liebe Freundin, was in meinem Innern
vorging, als meine Augen anstatt des stolzen Gebäudes
eine halb verfallene und geschwärzte Ruine erblickten!
Kein Dach, keine gezahnten Giebel, keine Schornsteine
mit spitzigen Hauben mehr! Nur die Mauern
standen noch und aus einigen Fenstern hingen zerbrochene
Fensterstöcke herab. Allenthalben wucherte Gras und Unkraut;
der seine Sand in den Gängen war von profanen
Füßen zerscharrt, das prächtige Portal stand für Jedermann
offen. Das Schicksal Thornfield-Halls war leicht
aus den von Rauch geschwärzten Trümmern zu erkennen.
Eine Feuersbrunst hatte das alte Stammschloß der Rochester
zerstört, und sie mußte schon im vergangenen Jahre
stattgefunden haben, denn der Schnee des Winters und
der Regen des Sommers hatte eine Vegetation vorbereitet,
welche im letzten Frühling emporgesproßt war. Zwischen
den geschwärzten Seinen und den halbverkohlten Balken
wuchs schon Gras, und überdies: beschränkte sich das
Unglück auf das, was meine Augen sahen? war nur ein

Gebäude zerstört worden? lag nicht vielleicht unter diesen
Trümmerhaufen ein dabei umgekommener Mensch begraben?
Auf diese Frage richtete sich mein Blick nach der
ländlichen Kapelle, deren einsamer Glockenthurm noch dem
zerstörten Schlosse gegenüber zum Himmel emporstrebte,
und ich fragte mich, ob mein ehemaliger Gebieter nicht
vielleicht schon unter der Marmorplatte neben seinem Ahnherrn, Damer von Rochester, dem Helden von Marston-Moore, ruhte.

XIII.
Auf alle diese quälenden Fragen mußte ich eine Antwort
und zwar eine baldige Antwort haben, und ich säumte
daher nicht länger, von den Ruinen Abschied zu nehmen.
Der Gastwirth, zu dem ich zurückkehrte, brachte mir
selbst mein Frühstück und ich bat ihn, einen Augenblick
Platz zu nehmen, indem ich ihn Einiges zu fragen
wünschte. Aber nach dieser Einleitung wußte ich nicht h
mehr, was ich noch hinzusetzen sollte, so sehr fürchtete ich seine Mittheilungen.
Sie kennen Thornfield-Hall? hob ich endlich an.
Allerdings, Madame, ich habe mehre Jahre dort gelebt, ich war Kellermeister des verstorbenen
Rochester.
Diese letzten Worte trafen mich wie ein Donnerschlag.
Des verstorbenen Mr. Rochester? wiederholte
ich; er lebt also nicht mehr?

Entschuldigen Sie, ich meine den Vater Mr. Edwards, des gegenwärtigen Besitzers.
Die letzten drei Worte beruhigten mich ein wenig
und ich dachte nun Alles zu erfahren, was mir zu wissen
noch nöthig war.
Wohnt der gegenwärtige Besitzer noch in Thornfield-Hall?
fragte ich weiter.
"Sie sind wohl fremd hier, Madame? Wissen
Sie nicht, daß Thornfield-Hall im vorigen Herbste völlig
niedergebrannt ist? Das Feuer brach mitten in der
Nacht aus, und ehe die Löschmannschaften von Millcote
eintreffen konnten, stand das ganze Schloß bereits in hellen Flammen. Es war ein schauerlicher Anblick!...
Ich habe ihn mit angesehen, und das Herz wollte mir
brechen.
"Also in der Nacht! dachte ich bei mir. Ja, es
mußte des Nachts geschehen, denn sie brachte den Bewohnern
von Thornfield-Hall immer Unglück. Aber, fuhr
ich laut fort, ist denn die Veranlassung des Unglücks
nicht entdeckt worden?
"Man hat sie errathen, Madame, erwiderte der
Wirth, leiser sprechend und indem er seinen Stuhl näher
an den Tisch rückte. Es befand sich eine Dame auf,
dem Schlosse... eine Wahnsinnige... die Niemand zu
sehen bekam ... von der man nichts Genaues wußte...
die Mr. Edward von seinen Reisen mitgebracht hatte und
die man für seine ehemalige Geliebte hielt... Aber zuletzt
ergab sich's, daß sie seine Frau war... bei einer
ganz sonderbaren Gelegenheit... als Mr. Rochester sich
unsterblich in eine junge Gouvernante verliebt hatte.. und
Sie wissen, daß Männer in seinem Alter, wenn sie ein
junges Mädchen lieben...
Ich hielt es nicht an der Zeit, ihn in diesem Tone
meine eigene Geschichte erzählen zu lassen und lenkte daher
das Gespräch wieder auf die Feuersbrunst, indem ich
den Gastwirth kurz fragte, ob die Wahnsinnige das Feuer
angelegt habe.
"Ja, Madame, sie hat es ganz bestimmt angelegt.
Sie hatte eine brave und verständige Frau als Wärterin,
eine gewisse Mistreß Poole, welche nur einen kleinen Fehler
hatte, der bei solchen Matronen nicht selten vorkommt... sie liebte nämlich die Flasche und trank dann und
wann einen Schluck zu viel; ein wohl zu entschuldigender,
aber sehr gefährlicher Fehler, denn sobald Mistreß Poole
eingeschlummert war, nahm ihr die Wahnsinnige, welche
schlauer war, als eine Hexe, die Schlüssel aus der Tasche,
entfernte sich leise und streifte im Schlosse umher, wo
sie alles mögliche Unheil anstiftete, das ihr in den
Sinn kam. In jener Nacht nun zündete sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer neben dem ihrigen an, ging dann eine Etage hinunter in das, welches die erwähnte Gouvernante bewohnt hatte... und hier legte sie, vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht, denn man sagt, daß

sie etwas geahnt habe, Feuer an das Bett, in dem zum
Glück Niemand schlief. Die erwähnte Gouvernante hatte
sich zwei Monate zuvor heimlich entfernt und man muß
gestehen, daß Mr. Rochester kein Mittel unversucht ließ,
um sie wiederzufinden. Seit ihrer Flucht entließ er fast
seine sämmtlichen Dienstleute, entfernte eine Verwandte,
die seine Wirthschaft geführt hatte, und brachte ein kleines
Mädchen, die man für seine Tochter hielt, in eine Pensionsanstalt... kurz, der Herr lebte wie eine Eremit,
oder wie ein Wilder. Es hieß sogar, er sei auch wahnsinnig
geworden und sein Wahnsinn sei zu gewissen Zeiten
höchst gefährlich...
"Aber die Feuersbrunst, Herr Wirth, Sie vergessen
die Feuersbrunst!
"Ah, es ist wahr, Sie haben Recht. Nun, als
das ganze Schloß schon in Flammen stand, ging Mr.
Rochester...
"Er war im Schlosse?
"Jawohl, allerdings; er ging also in die Dachkammern
hinauf, weckte alle Dienstleute, half ihnen selbst die
Treppe hinunter und wollte dann auch seine Frau aus dem
Zimmer holen, wo sie in Gewahrsam gehalten wurde. Aber
man rief ihm von außen zu, sie sei auf dem Dache, wo sie
auch wirklich stand und die Arme bewegte, während sie ein
Geschrei ausstieß, das man eine Meile weit hören konnte.
Ich selbst habe sie gesehen und schreien hören. Es war ein
imponirendes Weib mit ihren langen schwarzen Haaren,

die nach dem Feuer zu im Winde flatterten. Wir Alle
sahen jetzt Mr. Rochester auf das Dach steigen... wie
hörten ihn: Bertha! rufen... wir sahen, wie er sich
ihr näherte... aber in dem Augenblicke, als er sie erreichte,
stieß sie ein wildes Geheul aus, nahm einen Anlauf
und in der nächsten Sekunde lag sie zerschmettert
auf dem Pflaster des Hofes.
"Sie ist also todt?
"Ja, Madame, ich stehe Ihnen dafür, denn die
Steine waren mit ihrem Blute und mit ihrem Gehirn
bespritzt ... Sie können mir glauben, es war ein gräßlicher
Anblick.
Es schauderte den guten Mann noch jetzt bei der
bloßen Erinnerung an den entsetzlichen Vorfall.
"Aber er?... erzählen Sie doch weiter...
"Das Haus brannte ganz ungestört nieder, so daß
nichts davon übrig blieb, als die nackten Mauern.
"Sie haben mir gesagt, daß Mr. Rochester nicht
todt sei...
"Nein, er ist nicht todt ... aber ich kann Ihnen
versichern, daß sein Zustand nicht viel besser ist...
"Wie so?... Warum?... Was meinen Sie das?... Ist er in England? oder wo ist er?
Das Blut erstarrte in meinen Adern.
"Ob er in England ist?... ja wohl ist er in England
und ich gebe Ihnen mein Wort, daß er es so bald
nicht verlassen wird.

Ich litt Höllenqualen und der unglückliche Gastwirth
schien es sich zum Vergnügen zu machen, sie zu verlängern.
"Er hat das Augenlicht verloren, setzte er endlich
hinzu, er ist blind... so steht es mit Mr. Edward.
Ich hatte noch Schlimmeres gefürchtet, denn ich
hatte geglaubt, er habe den Verstand verloren, und ich
faßte daher wieder ein wenig Muth, um den Wirth zu
fragen, was Mr. Rochester dieses Unglück zugezogen
habe.
Sein Muth, Madame, sein Muth und seine Gutherzigkeit.
Er wollte das Haus zuletzt verlassen... und
als Mistreß Rochester hinabgesprungen und während er
die Haupttreppe hinunterging, stürzte das ganze Gebäude
zusammen. Zum Glück fiel ein Balken so auf das Treppengeländer, daß er ihn einigermaßen schützte. Aber im
Fallen schlug er ihm ein Auge aus und zerquetschte ihm
die eine Hand dermaßen, daß Mr. Carter, sein Arzt, sie
auf der Stelle amputiren mußte. Das andere Auge
entzündete sich nach einigen Tagen ebenfalls und er verlor
auch auf diesen die Sehkraft. So ist der arme Mr.
Edward jetzt blind und einarmig.
"Und wo wohnt er?
"In Ferndean, einem Jagdschlosse, das er ohngefähr
dreißig Meilen von hier besitzt. Ein trauriger Aufenthalt,
Madame!
Ist hier nicht ein Wagen zu bekommen?

"Wir haben ein zweispänniges Kabriolet.
"Auch einen Kutscher?
Mein Sohn fährt, Madame.
"Dann lassen Sie auf der Stelle anspannen, und
wenn Ihr Sohn mich vor Einbruch der Nacht nach
Ferndean bringen kann, Jo will ich das Doppelte Ihrer
gewöhnlichen Fahrtaxe bezahlen.
Mr. Rochester hatte oft mit mir von Ferndean
Manor gesprochen, einem kleinen Schlosse von alterthümlicher
Bauart, das mitten in einem großen Walde
lag. Sein Vater hatte es gekauft, nicht um der Wohnung
selbst willen, die er gern nur gemiethet hätte, sondern
wegen der vortrefflichen Jagd in der Umgegend.
Da übrigens Niemand dieses düstere und ungesunde
Haus bewohnen wollte, so blieb es ganz verlassen und
vernachlässigt, bis auf einige Zimmer, welche der Besitzer
inne hatte, wenn er sich zur Jagdsaison einige Wochen
dort aufhielt.
Ohngefähr eine Meile von diesem Schlosse stieg ich
ab und schickte weine Equipage zurück, da es nicht in
meiner Absicht lag, durch meine Ankunft Aufsehen zu machen.
Der Himmel war trübe und es fiel ein feiner, durchdringender Regen. Unter dem dunkeln Laube, auf das
er mit einem ununterbrochenen Rauschen herabträufelte,
suchte ich einige Zeit vergebens den Eingang zu dieser unsichtbaren Wohnung.

Endlich gelangte ich an ein eisernes Gitterthor, das
in eine schmale Allee führte, die aus einer Doppelreihe
von Bäumen bestand, welche nur einige Fuß von
einander gepflanzt waren; ihre untersten Zweige hingen
so tief herab, daß sie sich mit dem ungepflegten Rasen
vermischten. In dieser dunkeln Allee ging ich immer
weiter, ohne das Haus zu erreichen, das ich bei jeder
Krümmung zu erblicken hoffte. Ich glaubte schon, ich
hätte mich verirrt und war im Begriff, umzukehren, als
sich die Bäume lichteten und ich zuerst ein zweites Gitterthor, dann das Haus selbst erblickte, das man kaum
von den Bäumen unterscheiden konnte, da seine dunklen
und mit ungesunder Vegetation bedeckten Mauern fast
ganz die nämliche Farbe hatten, wie die bemoosten Stämme
und das feuchte Laub.
Als ich durch das Hauptthor eingetreten war, das
sich nur vermittelst einer Klinke schloß, befand ich mich
in einem halbrunden Garten ohne Blumen und Beete,
wo ein mit Sand bestreuter Gang sich um einen regelmäßigen
Rasenplatz zog. Dise Vorderseite des Hauses
bot dem Auge zwei spitzige Giebel und einige schmale,
vergitterte Fenster mit in Blei gefaßten Scheiben. Die
ebenfalls schmale Thür schien dazu bestimmt zu sein, sich
nie zu öffnen; eine einzige Stufe führte nach der Schwelle.
im Ganzen genommen, hatte der Wirth Recht: es war ein trauriger Aufenthalt.
Der Rahmen des dunkeln Waldes, der das Haus auf allen Seiten umgab, vervollständigte den Eindruck
des Bildes.
Ist es möglich, daß dieses Grab von lebenden Wesen bewohnt wird? fragte ich mich staunend, als das
Leben sich wirklich durch ein leises Geräusch kund ganz es war die Eingangsthür, welche in ihren Angeln
knarrte.
Sie öffnete sich langsam und eine Gestalt zeigte sich im Dämmerlicht auf der Schwelle. Ich erkannte
einen Mann in bloßem Kopfe. Er streckte eine Hand aus, als wollte er untersuchen, ob es noch regnete.
Obgleich der Tag sich zu Ende neigte und obgleich eine Art Wolke meine Augen verschleierte, so erkannte
ich doch bald diesen Mann; es war mein ehemaliger Gebieter, Mr. Edward Rochester. Meine erste Bewegung
war, mich seinem Anblicke zu entziehen; aber ach! ich wußte ja, daß er mich nicht sehen konnte! Ich blieb
daher mit zurückgehaltenem Odem auf der nämlichen Stelle und beobachtete die Veränderungen, welche sein
Aeußeres erlitten hatte.
Es war immer noch der kräftige Körper wie früher, das Unglück hatte diese imponirende Gestalt nicht gebeugt
und das volle Haar hatte noch immer den frühern rabenschwarzen Glanz. Der Zeitraum eines Jahres, war
es auch ein Jahr des Kummers und Schmerzes, hatte nicht vermocht, diese scharf markirten Züge zu verändern,
diese athletische, blühende Manneskraft zu schwächen.

Die bedeutendste Veränderung war in dem Ausdrucke der
Physiognomie vorgegangen, die einen verzweiflungsvollen
Schmerz verrieth und an die der wilden Thiere erinnerte,
welche man an Ketten gelegt und unschädlich gemacht
hat, deren düstere Traurigkeit aber gegen Jeden, der. sie
zu stören wagt, in Wuth auszubrechen droht.
Ja, der Adler im Käfig, dem eine grausame Hand
das Augenlicht geraubt hat, war der passendste Vergleich
mit dem blinden Simson, der vor mir stand.
Aber dieses finstre Gesicht flößte mir nicht die geringste
Furcht ein. Ich dachte nur an den Augenblick, wo ich ihn sehen, wo unter einem Kusse diese drohende
Stirn sich erheitern, diese gesenkten Augenlider sich erheben
und diese zusammengepreßten Lippen sich öffne
würden.
Dieser Augenblick war übrigens noch nicht gekommen.
Mr. Rochester kam die Stufe herab und ging mit langsamen, unsichern Schritten dem Rasenplatze zu.
Großer Gott! wo war der feste, stolze und rasche Gang, den ich an ihm gekannt hatte? Er blieb bald stehen, da
er augenscheinlich nicht wußte, wohin er sich wenden sollte.
Er legte die Hand an seine Augen, öffnete erst das eine,
dann das andere und suchte dann mit angestrengten
Blicke den Himmel und den Wald, ohne einen schwachen
Lichtschein vom tiefen Dunkel unterscheiden zu können.
Er streckte die rechte Hand aus, dann die linke, oder vielmehr den verstümmelten Arm verbarg er im Busen, aber die Hand traf nur die Luft, denn die nächsten
Bäume waren noch einige Schritte entfernt.
Er gab nun fein erfolgloses Beginnen auf, kreuzte
die Arme über der Brust und blieb stumm und unbeweglich
im Regen stehen, der fein entblößtes Haupt benetzte.
Ich sah jetzt den alten John herbeikommen, der, wie
mir gesagt worden war, mich seiner Frau Mary sie ganze
Dienerschaft Rochesters bildete.
Der gute Alte bemerkte mich nicht und bot seinem
Herrn den Arm, um ihn in's Haus zu führen.
"Sie dürfen nicht hier bleiben, Sir, es regnet mit
jedem Augenblicke stärker.
"Laß mich! war die einzige Antwort, und der Diener
entfernte sich, blieb aber in der Nähe, um auf den
ersten Ruf wieder herbei zu kommen.
Aber er wurde nicht zurückgerufen. Nachdem
Rochester noch einige Schritte vorwärts getappt war, gab
er die Hoffnung auf, den Weg zu finden, kehrte nach
dem Hause zurück, dessen Thür er glücklich fand, und als
er eingetreten war, ließ er sie hinter sich zufallen.
Jetzt ging ich auf diese Thür zu und klopfte dreist
an. Mary öffnete mir und sie wäre vor Ueberraschung
und Schreck fast umgefallen, als sie mich an der Stimme
erkannte. Ich erzählte ihr und ihrem Manne, der inzwischen
hereingekommen war, mit kurzen Worten, daß
ich Alles wußte, was sich seit meiner Entfernung in

Thornfield-Hall zugetragen hatte, bat John, mein Gepäck
zu holen, das ich in einem Chausseehause gelassen,
und besprach mit Mary die nöthigen Anstalten, damit
ich die Nacht in Ferndean zubringen konnte, was nicht
eben leicht war.
In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel.
"Da Sie zu dem Herrn gehen, sagte ich zu Mary,
so können Sie ihm sagen, daß ihn Jemand zu sprechen
wünscht; aber nennen, Sie meinen Namen nicht Sie kam bald zurück. Mr. Rochester wollte Niemanden
vor sich lassen, ehe er den Namen der Person
und den Zweck des Besuchs kannte.
Während Mary mir diesen Bescheid mittheilte,
stellte sie zwei Lichter und ein Glas Wasser auf einen
Präsentirteller.
"Sollen Sie ihm dies bringen? fragte ich sie.
"Allerdings er muß stets zwei Lichter in seinem
Zimmer haben, wenn es dunkel wird. Ein Blinder... ist das nicht sonderbar?
"Gut, ich selbst will sie ihm bringen.
Ich nahm den Teller, der so heftig in meinen
Händen zitterte, daß ich das Wasser aus dem Glase halb
verschüttete. Und wie mein Herz klopfte!...
Mary zeigte mir den Weg und öffnete mir die
Thür.
Das Zimmer hatte ein trauriges Ansehen. Ein
fast erloschenes Feuer knisterte im Kamin und zu diesem

Feuer herabgebeugt, den Kopf an eine der gothischen Säulen des großen Kamins gelehnt, stand der blinde Bewohner dieser
öden Stätte in tiefes Nachdenken versunken.
Sein alter Hund Pilot lag zusammengerollt in
einem Winkel, als wollte er sich vor den Füßen schützen,
die ihn zuweilen wider ihren Willen treten mochten.
Als er mich erblickte, schüttelte er die Ohren, wedelte
mit dem Schweife und kam mir, wie früher, entgegengesprungen; der Präsentirteller wäre mir fast aus den
Händen gefallen. Dies Alles machte natürlich Geräusch
und Mr. Rochester wandte sich mechanisch um, zu sehen,
woher das Geräusch kam. Aber mit einem Seufzer
kehrte er das Gesicht alsbald wieder dem Feuer zu.
"Gieb mir das Glas Wasser, Mary, sagte er zu
Als ich das schon halb leere Glas nahm, um es
ihm in die Hand zu geben, wollte Pilot abermals an mich
empor springen und ich rief daher unbedachtsam:
Couche, Pilot! leg' Dich!

XIV.
Mr. Rochester, der schon das Glas zum Munde geführt hatte, setzte es wieder ab und lauschte... Dann
trank er jedoch, stellte das Glas wieder auf den Präsentirteller und fragte mich leicht hingeworfen:
Du bist es doch, Mary? nicht wahr, Du bist es?
Mary ist in der Küche, antwortete ich ihm mit einer unbeschreiblichen Angst.
Er streckte hastig die Hand aus, aber ohne mich zu
erreichen.
Wer ist hier? wer sind Sie? fragte er mich mit
unverkennbarer Aufregung und indem er sich vergebens
bemühte, die Dunkelheit vor seinen Augen zu durchdringen.
"Sprechen
Sie noch einmal, damit ich Sie höre!
rief er in dem gebieterischen Tone, der mich früher oft
verletzt hatte.

Brauchen Sie noch etwas mehr Wasser?... haben Sie noch Durst?
Was ist das?... Wer ist hier?... Wer spricht
mit mir?... Ist es eine Illusion oder bin ich wahnsinnig?
Er streckte die Arme aus, ich ergriff seine rechte
Hand und drückte sie mit Innigkeit.
Das sind ihre Finger! rief er wieder, ihre niedlichen,
zarten Finger!... Es ist ihr Arm... ihre
Schulter!...
Er umschlang mich mit seinen kräftigen Armen und
drückte mich an sich.
"Es ist Jane!... ja, sie ist es!... es war ihre Stimme!
"Und es ist auch ihr Herz, Mr. Rochester, das sich
glücklich fühlt an dem Ihrigen zu schlagen.
"Ja, sie ist es wirklich, wiederholte er immer wieder.
Es ist Jane Eyre... meine Jane Eyre!... sie
spricht... sie lebt!... Aber ich habe so oft schon geträumt, daß ich sie so in meinen Armen hielt, während sie mir sagte, daß sie mich liebe und sich meinen Küssen
hingab. Sollte dies auch wieder ein Traum sein?...
Ach, wenn Du wieder von mir fliehen mußt, lieblicher
Schatten, dann geschehe es wenigstens nicht eher, als bis,
Deine Lippen meine Stirn berührt haben!
O, mit Freuden! rief sich und küßte seine ehedem
so glänzenden, jetzt aber erloschenen Augen. Dann strich ich sein Haar zurück und küßte ihn auch auf die noch immer schöne Stirn.
Diese Liebkosungen zerstreuten endlich alle seine
Zweifel...
"Ja, es ist meine Jane!... Sie sind also wieder bei mir?... Sie sind nicht am Rande eines Grabens umgekommen?... Sie sind nicht in einer fremden Familie als Verbannte und als Dienerin geblieben?...
Nein, ich bin jetzt ganz unabhängig.
Unabhängig?... Was bedeutet dieses Wort?
"Mein Oheim in Madeira ist gestorben und hat mir zehntausend Pfund Sterling hinterlassen.
"Das freut mich, dies ist noch etwas aus dem wirklichen Leben... und dessen bedurfte ich, um zu glauben.
Nimmer hätte ich mir so etwas träumen lassen...
aber es ist wirklich die wohlklingende Stimme, deren süßer
Ton mein welkes Herz erquickt... ich fühle schon, wie
neues Leben ihm zuströmt... Sie sind sehr reich, meine
liebe Jane.
Unermeßlich reich, so reich, daß, wenn Sie mich
nicht hier behalten wollen, ich mir ganz in der Nähe ein
Haus baue, wo Sie den Abend zubringen können, wenn
Sie sich allein zu sehr langweilen, der Ihre Freunde, Jane -- denn jetzt haben
Sie gewiß Freunde -- glauben Sie, daß diese Sie bei
einem alten grämlichen Blinden lassen werden, wie ich
geworden bin?

"Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich unabhängig bin? Es ist mein Wille, zugleich Ihre Nachbarin und Ihre Pflegerin, Ihre Führerin und Ihre Vorleserin zu sein, kurz Ihnen die Augen und Ihre Hand zu ersetzen.
Fassen Sie also Muth, mein theurer Mr. Rochester; so lange ich lebe, haben Sie nicht zu fürchten, daß ich Sie wieder verlasse.
Er antwortete nichts, aber der heitere Ausdruck seines Gesichts veränderte sich plötzlich. Er wurde nachdenkend, er öffnete den Mund, schloß ihn aber sogleich wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Seine Verlegenheit theilte sich mir mit. Ich fürchtete, gegen den Takt verstoßen, durch einen übermäßigen Eifer irgend eine zarte Saite in seinem Innern verletzt zu haben.
Alles, was ich gesagt hatte, entsprang aus meiner festen Ueberzeugung, daß er mich noch immer zur Gattin wünschte. Was mußte er nun von meinem vertraulichen
Entgegenkommen denken, wenn ich mich irrte?... Ich entwand mich daher sanft seinen Armen, aber er drückt mich nur noch fester an sich.
“O nein, Jane, Sie dürfen nicht von mir gehen!
Ihre Hand hat die meinige gedrückt, meine Ohren haben
sich an dem Tone Ihrer Stimme berauscht und mein
Herz sich an Ihren süßen Tröstungen gelabt... jetzt
kann ich Sie nicht mehr missen. Es ist nur so wenig noch von mir übrig, daß ich Ihrer bedarf. Mag die Welt mich verspotten, mag sie meinen Egoismus und meine Thorheit tadeln... mein Herz durstet nach Ihnen, und wenn es Sie entbehren müßte, würde es sich dafür, an dieser verstümmelten Hülle rächen.”
"Ich habe Ihnen gesagt, daß ich hier bleiben will.”
"Ja, ich habe es gehört... aber als was?...
Sie gedenken vielleicht nur mich zu pflegen... Sie glauben nicht mehr an meine väterlichen Gefühle... und überdies sind Sie noch so jung... Sie müssen sich
früher oder später verheirathen.”
“Daran denke ich nicht und ich lehne mich durchaus
nicht danach.”
“O ja, Jane, Sie müssen daran denken. Ach,
wenn ich noch wäre, was ich früher war! dann würde ich
es versuchen, das gleichgültige Kind zu rühren. Aber so...
eine lebende Ruine, ein blinder Krüppel!…”
Er versank wieder in sein schmerzliches Nachsinnen,
das mich aber jetzt, da ich das Geheimniß kannte, nicht
mehr besorgt machte.
“Wissen Sie wohl,” sagte ich in scherzhaftemTone, “daß es Zeit wird, sich zu „rehumanisiren“ und daß Sie mit Ihren langen verworrenen Haaren -- ich
theilte die vollen Locken mit den Fingern von einander --
das Aussehen eines Nebukadnezar nach seiner Verwandlung
haben?... Man könnte sie wirklich für das emporgesträubte Gefieder eines Adlers halten. Sollten Sie etwa auch Klauen haben?”
An diesem Arme weder eine Hand noch Klauen, erwiderte er mit einem schmerzlichen Lächeln; nichts als einen Stumpf, einen häßlichen Stumpf; und er zog ihn
langsam aus seinem Busen.
“Allerdings ein bedauernswerther Anblick, wenn
man Ihren Arm, Ihre Augen und Ihr von einer tiefen
Narbe entstelltes Gesicht betrachtet. Aber wissen Sie,
was bei dem Allen das Schlimmste ist?... daß man
Sie so, wie Sie sind, noch immer liebt. Apropos, setzte
ich hinzu, wann essen Sie gewöhnlich zu Abend?”
"Ich esse gar nicht mehr zu Abend.
"Heute werden Sie eine Ausnahme machen, denn
ich habe Hunger.
Ich schellte Mary, die sogleich herbeikam, und gab
ihr die nöthigen Befehle. Nach wenigen Augenblicken
wurde uns ein leichtes Mahl aufgetragen und das Gespräch
nahm sogleich den natürlichen, ungezwungenen
Charakter ein, den es ehemals zwischen uns hatte. Ich
fühlte mich schon ganz heimisch und mein Herz war mit
inniger Freude erfüllt. Fest entschlossen, meinen geliebten
Herrn nicht in eine traurige Stimmung fallen zu lassen,
lenkte ich die Unterhaltung, sobald mir seine Worte eine
Erinnerung an sein Unglück verriethen, auf die praktischesten Gegenstände des positiven Lebens, und ich entsinne mich zum Beispiel, daß ich ihn mitten in seinen pathetischen Klagen mit der Bitte um seinen Taschenkamm unterbrach, damit ich sein verworrenes Haar ein wenig in Ordnung bringen könne.

"Ich bin wohl sehr häßlich, Jane? fragte er mich mit einer Besorgniß, die aufrichtiger war, als er sich den
Anschein geben wollte.
"Sie sind nie schön gewesen, erwiderte ich ihn in dem nämlichen Tone wie zur Zeit unserer heitersten
Liebesstunden.
Ich will Sie nicht mit dem ferneren Inhalt unsrer vertraulichen Unterhaltung langweilen und mich damit begnügen, Ihnen eine Probe ihres allgemeinen Tones gegeben zu haben. Wir trennten uns bald, denn die Reise und die Gemüthsbewegungen dieses Abends hatten mich sehr angegriffen.
Als ich am folgenden Morgen zum Frühstück erschien, war Rochester, der mich, in seinem großen Lehnstuhle sitzend, mit Ungeduld erwartete, abermals ein wenig niedergeschlagen und verdrüßlich. Ich hatte mir vorgenommen, ihn heiter und mit scheinbarer Sorglosigkeit anzureden, aber beim Anblick dieses gebrochenen Manneskraft, dieser gelähmten Energie kamen mir die Thränen
in die Augen. Ich mußte mir indessen Gewalt anthun
und ihn so ansehen, wie ich es mir zur Pflicht, gemacht
hatte, indem ich von dem schönen Morgen, von dem erfrischenden Dufte des Waldes sprach und ihm einen Spaziergang vorschlug.
"Ah, bist Du wieder da, meine kleine Lerche? rief er, sich an meinen Worten erholend, wie eine fast erloschene Lampe, der man neues Oel gibt. Komm her... Du
bist also nicht entflohen?... meine liebliche Erscheinung ist nicht verschwunden? Sieh, schon seit einer Stunde höre ich ein Glied Deiner Familie über den hohen Bäumen zwitschern... aber ihr Gesang hat so wenig Reiz mehr für mein Ohr, als die aufgehende Sonne Glanz für meine Augen hat. Deine Worte sind noch die einzige Musik für mich in dieser Welt und meine Sonne ist das Bewußtsein, daß Du in meiner Nähe bist.
Dieses rührende Geständniß der Abhängigkeit, zu welcher das Schicksal ihn verurtheilt hatte, würde mir abermals Thränen entlockt haben, wenn ich mich nicht zu einer erkünstelten Heiterkeit, gezwungen hätte. Rochester
kam mir vor wie ein Königsadler, der an Ketten geschmiedet ist und zur Erhaltung seines Lebens den Beistand eines Sperlings anflehen muß.
Doch ich blieb meinem Vorsatze treu und war heiter, fröhlich und scherzhaft. Nach dem Frühstück nahm ich Rochester mit mir aus dem düstren Zimmer in's Freie und unterhielt ihn mit Erzählungen und launigen Einfällen. Später führte ich ihn nach einem schattigen Rasenplatze, wo ich ihm auf einem seit langer Zeit umgehauenen Baume einen trocknen Sitz aussuchte und ihm dann sogar gestattete, mich auf den Schooß zu nehmen.
Warum hätte ich mich auch von ihm entfernen sollen, da wir uns Beide in. gegenseitiger Nähe glücklich fühlten?... Pilot legte sich neben uns und mehrere
Minuten lang herrschte eine vollkommene Stille. Plötzlich drückte Rochester mich stürmischer als je vorher an sich.
"Böses, grausames Kind, rief er aus, daß Sie mich so verlassen konnten! O, Jane, wenn Sie wüßten,
was ich empfand, als ich Sie für immmer von mir geschieden sah, ohne eine Spur, wohin Sie gegangen waren,
und ohne Existenzmittel! .. selbst das Perlenhalsband hatten Sie in Ihrer Kommode und die noch für
unsere Hochzeitsreise gepackten Koffer in Ihrem Zimmer zurückgelassen! Was wird aus meiner Jane werden, die
kein Hilfsmittel und keinen Freund mehr hat? fragte ich mich selbst mit Verzweiflung. In der That, Jane, wo
waren Sie eigentlich diese ganze Zeit über?
So durch Fragen gedrängt, begann sich die Erzählung meiner Schicksale während des letztverflossenen Jahres. Aber ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß
ich die Geschichte jener drei entsetzlichen Tage, wo ich mit
dem Hunger und der Verzweiflung rang, bedeutend milderte. Wozu sollte ich ohne Noch dieses treue Herz zerreißen?
Das Wenige, was ich ihm sagen mußte, machte schon einen viel heftigeren Eindruck auf ihn, als ich hervorzubringen wünschte.
Er warf mir vor, daß ich nicht das Vertrauen in, seine Liebe gesetzt hatte, welches sie verdiente. Nie, behauptete er, habe er mich zwingen wollen, seine Geliebte
zu werden, und als er mich so ohne Existenzmittel in der
Welt hinausgeworfen gesehen habe, würde er mir gern die Hälfte seines Vermögens gegeben haben, ohne nur die Hälfte eines Kusses dafür zu verlangen.
Vielleicht irrte er sich; jedenfalls aber sprach er jetzt
gewiß aufrichtig.
In meiner Erzählung kam natürlich der Name Saint-John sehr häufig vor, und dieses Name schien seine Eifersucht zu erwecken.
"Wie es scheint, sagte er zu mir, lieben Sie diesen Saint-John, diesen frommen Priester... Was für ein Mann war er denn?”
Meine näheren Mittheilungen über das Alter, das Aeußere und die geistigen Eigenschaften Saint-Johns hatten nichts sehr Beruhigendes. Daher nahmen auch Rochesters Gesichtszüge nach und nach einen immer ernsteren Ausdruck an, und als ich ihm sagte, daß der Pfarrer von Morton weder die pedantische Steifheit, noch das kleinstädtische und unbeholfene Benehmen seiner Collegen besitze, daß er das Profil eines Antinous, schöne blaue Augen und einen edlen Anstand habe, bemerkte ich einigen Verdruß in den hierauf folgenden Fragen.
"Kam er oft zu Ihnen? wußte er Ihre Talente und
Ihren Geist zu würdigen? war er sehr beschäftigt?
"Er studirte sehr fleißig,” antwortete ich.
"Und was?”
"Die hindustanische Sprache.”
“Was war Ihr Lieblingsstudium?”
"Ich lernte deutsch.”

“Lehrte er es Ihnen?”
"Nein, er verstand diese Sprache nicht.”
"Lehrte er Ihnen gar nichts?”
"O ja, ein wenig hindustanisch.”
"Wie; dieser Rivers lehrte Ihnen hindustanisch?”
"Allerdings.”
"Hab er auch seinen Schwestern Unterricht darin?”
Nein.”
"Also nur Ihnen?”
"Nur mir.”
"Hatten Sie ihn darum gebeten?
"Nein.”
"Er wollte es Ihnen also aus eignem Antriebe
lehren?”
"Ja wohl.”
Es entstand eine kurze Pause. Rochester wurde
immer ernster.
Woher dieser pädagogische Eifer? fragte er endlich
wieder, was konnte die hindustanische Sprache Ihnen
nützen?
"Mr. Rivers wollte mich mit nach Ostindien
nehmen.
"Ach, jetzt verstehe ich Alles!... er wollte Sie heirathen.
Nun, dieser Rivers ist kein zu verachtender
Gatte, Jane... Stehen Sie auf von meinem Schooße
denn ohne Zweifel gedenken Sie u ihm zurückzukehren... später... wenn ich mich an mein Unglück gewöhnt habe...
"Nein, das ist wahrhaftig nicht meine Absicht.
"Aber wenn er so schön, so gut, so fromm, so erhaben
über andere Menschen ist... wenn er, wie Sie
sagen, ein Heros, ein Apostel des Christenthums ist...
wenn er dieses griechische Profil, diese begeisterte Sprache hat... so thörigt bin ich nicht, um mir einzubilden... ich bitte Sie, Jane, gehen Sie von meinem Schooße.
"Und wohin?
"Zu dem Gatten, den Sie gewählt haben.
"Zu welchem Gatten?
"Nun zu diesem Saint-John Rivers, denke ich...
"Sie irren sich; er ist und wird nie mein Gatte
werden, denn er liebt mich nicht und ich liebe ihn eben
so wenig. Er liebte, so wie er überhaupt zu lieben vermag,
und diese Liebe hat nichts mit der Ihrigen gemein
-- ein schönes junges Mädchen, die er mit trockenem
Auge die Gattin eines Andren hat werden sehen, während
es nur von ihm abhing, ihre Hand zu erhalten.
Er erblickte in mir nur den Typus einer Gattin, wie sie
nach seinen Ideen ein Missionnair braucht. Aber ohne
allen Zweifel war er in einem großen Irrthume. Er ist gut und groß, aber ernst und streng, und für mich kälter ein Eisberg; er gleicht Ihnen in keiner Hinsicht.
Ich fühlte mich nicht glücklich in seiner Nähe, er war
weder nachsichtig noch liebevoll gegen mich; nichts an mir fesselte ihn, selbst meine Jugend nicht. Er gestand mit höchstens einige Talente zu, aus denen man nöthigenfall
Nutzen ziehen kann... Fordern Sie mich jetzt noch auf,zu ihm zurückzukehren?
Bei dieser letzten Frage zitterte ich unwillkürlich und schmiegte mich näher an meinen unglücklichen Geliebten.
Er lächelte und drückte mich an sein Herz. Wenige Augenblicke nachher aber verfinsterte sich sein Gesicht von Neuem.
Ach, meine armen verbrannten Augen! rief er in wehmüthigem Tone; mein gelähmter, verstümmelter Körper!
Ich verdoppelte meine Liebkosungen, um die trüben
Gedanken zu verscheuchen, die ihn umlagerten und deren
Natur ich nur zu gut kannte. Warum war es mir
nicht erlaubt, ihm auf das zu antworten, was er nicht
auszusprechen wagte! Aber ich nahm mir diese Freiheit
nicht. Einen Augenblick wendete er sein Gesicht von mir
ab, und da ich wußte, daß er mich nicht sehen konnte,
bog ich mich zur Seite, um ihn näher betrachten zu können,
und ich sah eine große Thräne unter seinen geschlossenen Augenliedern hervorquellen und langsam über sein männliches Gesicht herabrollen. Dieser Anblick schnürte mir das Herz zusammen.
"Ich bin nicht viel mehr werth, hob er endlich wieder an, als der vom Blitze getroffene alte Kastanienbaum in Garten von Thornfield... Und mit welchem
Rechte könnte ich an diese Ruine ein blühendes Geisblatt fesseln, dessen Frische und lieblicher Duft nur dazu dienen würden, die Fortschritte des Einsturzes zu verbergen?”
"Sie sind keine Ruine, mein theurer Rochester...
Sie sind kein vom Blitze getroffener Baum. Sie sind
noch grün und stark; mögen Sie es wollen oder nicht,
es werden noch junge Pflanzen zwischen Ihren Wurzeln
emporkeimen und gern unter Ihrem wohlthuenden Schatten leben. Und wenn diese Pflanzen heranwachsen, werben sie sich dem schützenden Stamme zuneigen, der Ihnen
eine so feste Stütze bietet, um ihn bald zu umschlingen.”
"Ach, meine Jane! rief er aus, wie schön Sie zu trösten verstehen! Aber nein, tausend Mal nein, Sie können meine Gattin nicht werden.”
"Aber Sie gedenken doch nicht für immer Witwer zu bleiben?”
"Was meinen Sie dazu, Jane? Ich wäre im Stande, Ihrem Rathe zu folgen.”
"An Ihrer Stelle würde ich wieder heirathen.”
"Aber wen? welche Frau soll ich nehmen? rathen Sie mir.”
"Wie können Sie mir eine solche Frage vorlegen?
Die Frau, welche Sie nehmen müßen, ist die, welche Sie am Meisten liebt.
Oder wenigstens Die, welche ich am Meisten liebe. Also, meine kleine Jane, aufrichtig, ist es Ihr
völliger Ernst, daß Sie mir Ihr Hand reichen würden?
"Allerdings; zweifelten Sie daran?
"Mir, dem armen Binden, den Sie werden führen müssen?”
"Ja.”
"Dem Krüppel, der zwanzig Jahr älter ist als Sie und auf den Sie beständig werden Acht geben müssen?”
“Allerdings.”
"Ist es wirklich wahr?”
"Es ist mein voller Ernst.”
"O, mein geliebter, theurer Engel, möge der allmächtige Gott es Ihnen vergelten?”
"Mr. Rochester,” sagte ich tief ergriffen, “wenn ich je etwas gethan habe, was einen göttlichen Lohn verdiente, wenn ich je einen heiligen Gedanken, einen frommen Wunsch gehabt, ein Gebet gesprochen habe, das würdig war, sich bis zu ihm zu erheben... so bin ich jetzt reichlich dafür belohnt. Ihre Gattin zu werden, ist für mich das höchste Glück, nach welchem ich in dieser Welt streben könnte.”
“Und ich weiß auch warum, meine Jane: weil Ihr heldenmüthiges Herz einen Genuß in großen Opfern findet.”
“Nein, der Grund liegt viel näher, und wenn Ihr Scharfsinn ihn nicht erräth, so thut es mir leid, denn ich habe keine Lust, Ihnen auf die Sprünge zu helfen.”
"Nun wohl, Jane, da Sie mich so ermuthigen, will ich auch mit einem Male sehr anspruchsvoll werden.”
Ich sehe durchaus nicht die Nothwendigkeit des geringsten Verzuges ein; wir bedürfen nur drei Tage zu den erforderlichen Anstalten. Wenn ich nicht irre, ist heut Freitag, nächsten Dienstag werden Sie, meine Gattin. Was Ihren Brautschmuck betrifft, so erlauben Sie mir wegen Mangel an Zeit, Ihnen nur einen einzigen anzubieten. Sie finden ihn unter meinem Halstuche: es ist Ihr Perlencollier. Es hat mich seit Einem Jahre nicht verlassen,
seit dem Tage, an welchem ich meinen theuersten Schatz verlor…”
"Gut, ich werde mir es nächsten Dienstag ausbitten, behalte mir aber das Vergnügen vor, es selbst abzunehmen.
Und jetzt,” fuhr Rochester fort, “muß ich Ihnen noch sagen, Jane, wie tief ich von Dankbarkeit gegen den Höchsten durchdrungen bin, obgleich Sie mich für irreligiös halten. Gott sieht nicht mit unseren schwachen Augen und urtheilt nicht mit unsrem leicht irrenden Verstande. Ich hatte Böses im Sinne, ich hatte eine
Schlinge vorbereitet, in die Ihre Unschuld fallen sollte.
Aber der Allmächtige riß Sie gewaltsam aus meinen Armen.
Ich beharrte in meiner Auflehnung gegen seinen Willen,
ich verfluchte die harte Strafe, die ich in so vollem Maße
verdient hatte, und anstatt mich zu unterwerfen, trotzte
ich der Hand, die mich züchtigte. Sie hat nicht aufgehört auf mir zu lasten und einer ihrer Schläge hat mich für immer gedemüthigt. Diese Kraft, mit der ich
eitel prahlte, hat Gott so vollständig gebrochen, daß ich
in der Gewalt eines Kindes bin, sei es, daß es mir schaden will oder daß ich seines Beistandes bedarf. So bin ich denn, allerdings sehr spät, aber mit zerknirschtem und
reuigem Herzen auf die Kniee gefallen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mein Inneres mit dem Schöpfer aller Dinge zu versöhnen, und ich hoffe Gnade vor seinen
Augen gefunden zu haben.
Hören Sie, was mir begegnet ist.
"Vor einigen Tagen... ich kann sie zählen... ja,
es war am letzten Montag, ziemlich spät Abends, ging
eine merkwürdige Veränderung mit meinem Kummer vor;
mein Zorn verwandelte sich in Traurigkeit, mein Groll
in eine tiefe Entmuthigung. Ich war schon längst überzeugt,
daß nur der Tod Sie meinen thätigen und unermüdlichen
Nachforschungen hatte entziehen können. Diesen
Abend also... es konnte elf oder zwölf Uhr sein, ehe
ich mein nächtliches Lager aufsuchen wollte, das mir nach
und nach unerträglich geworden war, betete ich zu Gott aus dem tiefsten Grunde meines Herzens, daß er mich bald zu sich nehmen möchte in jene höhere Welt, in der
es mir vielleicht vergönnt wäre, meine Jane zu finden.
"Ich saß in meinem Zimmer am offenen Fenster, die kühle Nachtluft hatte mein stürmisches Blut ein wenig beruhigt, und obgleich es mir versagt war, den Mond
zu sehen, so ahnete ich doch seine Gegenwart aus einen
matten Schimmer vor meinen Augen.
In dieser einsamen Stunde dachte ich an Dich,
meine Jane. Ein unnennbares Sehnen nach Dir bemächtigte sich meines Körpers und meines Herzens. In meiner Seelenangst und mit der Demuth eines Wurmes, der
sich zertreten fühlt, fragte ich Gott, ob ich noch nicht
genug Kummer und Qualen erduldet hätte und ob ich nie
mehr auf dieser Erde weder Glück noch Frieden finden
würde.
"So hart meine Leiden auch waren, sah ich doch
ein, daß ich sie verdient hatte. Allein es dünkte mir, das
Maß derselben müsse bald voll sein, der Inbegriff aller
Wünsche meines Herzens, mein erster und letzter Gedanke
entschlüpfte unwillkürlich meinen Lippen und ich rief aus:
"Jane! Jane! Jane!"
"Wie? Sie sprachen diese Worte laut aus?
"Ja mein Kind, und wer sie gehört hätte, würde
geglaubt haben, ich befände mich in einem Zustande des
Fieberwahnsinns, so tragisch und ich möchte sagen überirdisch war ihr Ausdruck.

“Und dies war am letzten Montag... einige Minuten vor Mitternacht?…”
“Ja, kurz darauf schlug es zwölf Uhr... aber die Stunde thut nichts zur Sache. Was nun das Ueberraschendste dabei war, habe ich Dir noch nicht gesagt, und
ich wage kaum es auszusprechen, weil Du mich des Aberglaubens und einer kindischen Schwäche beschuldigen wirst.
Doch, gleichviel, höre, was geschah, wie es mir wenigstens
schien. In dem Augenblicke, als ich Deinen Namen
dreimal gerufen hatte, antwortete mir eine Stimme, ohne
daß ich wußte, woher sie kam, in deren Klang ich mich
unmöglich täuschen konnte: Ich komme! erwarte
mich! Und einige Sekunden später vernahm ich, obgleich
schon nicht mehr so deutlich, die Worte: Wo bist Du?
"Ich würde mich vergebens bemühen, wollte ich Dir
beschreiben, welchen Eindruck diese Illusion, denn eine
solche war es, auf meine Sinne hervorbrachte. Du siehst,
daß Ferndean auf allen Seiten von dichten Wäldern umgeben
ist, in denen jeder Ton verhallen muß, ohne das leiseste
Echo zu erwecken. Aber im Gegentheil, die letzten Worte:
Wo bist Du? schienen in einer bergigen Gegend ausgesprochen
worden zu sein, denn ich hörte sie sich wiederholen,
als wären sie an eine nahe Felsenwand angeprallt.
Dann spielte der Wind nach und nach immer stärker um
meine Schläfe, so daß ich mich in eine entlegene Einsamkeit,
in ein ländliches Thal an die Seite meiner Jane versetzt
glauben konnte. Während dieser Zeit schliefst Du
ohne Zweifel, aber ich möchte fast mit Gewißheit behaupten,
Deine Seele schwebte, ihrer sterblichen Hülle entledigt,
in den Lüften und suchte die meinige, um sie zu trösten;
denn jene Stimme war Deine Stimme... so wahr
als ich lebe, ich habe sie erkannt.
Urtheilen Sie selbst, verehrte Freundin, mit welchem
Erstaunen ich diese Erzählung Rochesters anhörte, denn
es war wirklich am Montag Abend gegen Mitternacht, als
auch ich den geheimnißvollen Ruf vernommen, und es waren
genau die Werte, mit denen ich ihn erwidert hatte.
Ich unterließ jedoch, Rochester dieses wunderbare
Zusammentreffen mitzutheilen, da ich fürchtete, es könnte
einen zu heftigen Eindruck auf ihn machen, denn ein
vom Unglück niedergebeugtes Herz muß man mit Allem
verschonen, was einem natürlichen Hange zu überspannter
Leichtgläubigkeit Nahrung geben kann.
Allein ich bewahrte die Erinnerung an dieses Wunder in meinem Herzen, um mit Muße darüber nachzudenken.
Nach einem kurzen, halb laut gesprochenen Gebete;
zu Gott streckte Rochester die Hand aus und bedeutete
mir so, daß er geführt sein wollte. Ich nahm diese theure
Hand und drückte meine Lippen darauf, ehe ich sie um
meinen Nacken und auf meine Schultern legte. So
diente ich ihm zugleich als Stütze und als Führerin.
Schweigend kehrten wir nach Ferndean-Manor zur.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, denn Sie wissen es bereits, daß ich Rochesters Gattin wurde. Unsere
Trauung fand ohne andere Zeugen als den Priester und seinen Gehilfen statt. Als wir aus der Kirche zurückkamen,
ging ich in die Küche, wo John und Mary mit den Anstalten zum Mittagsmahle beschäftigt waren.
"Meine Lieben,? sagte ich zu ihnen, Mr. Rochester und ich haben uns so eben ehelich verbunden. Hier
ist unser Hochzeitsgeschenk.
Mit diesen Worten legte ich eine Fünfpfundnote auf den Tisch. Sie warfen kaum einen Blick darauf,
"Ist es möglich, Miß erwiderte Mary; nun
das freut mich herzlich. Ich sah Sie wohl mit dem Herrn
weggehen, aber so etwas ahnete ich nicht.
"Und ich, sagte John mit einem Lächeln, sich
habe es mir gedacht, daß Mr. Edward dies im Sinne
hatte, und ich glaube, er hat wohl daran gethan.
Während er dies sägte, nahm er nicht seine Mütze
ab, denn er war in bloßem Kopfe, aber er machte mir eine
ehrerbietige Verbeugung.

Ich schrieb nun sogleich nach Marsh-End und nach Cambridge, um das Geschehene zu berichten und es unter
dem wahren Gesichtspunkte darzustellen. Diana und
Mary antworteten mir umgehend und ihre Briefe drückten
ihre beifällige Zustimmung aus.
Wie Saint-John die Nachricht uns meiner Verbindung aufnahm, weiß ich nicht, denn er beantwortete meinen Brief nicht. Erst nach sechs Monaten schrieb er mir, aber ohne Rochesters oder meines neuen Verhältnisses mit
einer Sylbe zu erwähnen. Das Schreiben war ernst gehalten, doch, Alles erwogen, sprach sich eine ziemlich lebhafte Zuneigung darin aus. Wir haben seitdem regelmäßig, obwohl nicht häufig, mit einander correspondirt.
Eine meiner ersten Sorgen nach meiner Vermählung war, daß ich Adela in der Pensionsanstalt besuchte, wohin
Rochester sie gebracht hatte. Die lebhafte Freude, welche
sie bei meinem Wiedersehen an den Tag legte, gewann ihr
mein Herz, das ihr ohnehin schon zugethan war. Ich
fand sie bleich und eingefallen. Sie sagte mir, sie sei nicht
glücklich, und ich überzeugte mich in der That, daß die
Disciplin in dieser Schule zu streng und die Studien für ein Kind ihres Alters zu schwer waren. Ich nahm sie daher mit mir, um meine frühere Beschäftigung als Gouvernante an ihr wieder zu üben. Aber dies war nur eine schöne Illusion. Meine Zeit und meine Pflege gehörten hinfüro einem andren Wesen, das mich ganz in Anspruch nahm und dem ich mich mit Freuden ungetheilt widmete. Ich mußte mich daher nach einer andern Anstalt umsehen,
die Erziehung den Fähigkeiten unserer kleinen Französin, welche großer Nachsicht und Schonung bedurfte, angemessener war. Es gelang mir, eine solche zu finden und sie war nicht zu weit von uns entfernt, daß ich nicht mehrere Male des Jahres meinen ehemaligen Zögling hätte besuchen können, um mich zu überzeugen, daß sie keine Ursache hatte, ihr Loos zu beklagen. Sie gewann auch wirklich bald ihren kindlichen Frohsinn wieder und der ihr zu
Theil werdende Unterricht trug reiche Früchte. Sie haben sie nach ihrer Rückkehr aus der Pensionsanstalt gesehen, liebe Freundin, und wissen, daß ich eine sanfte, fügsame Gesellschafterin mit festen Grundsätzen habe, und daß Ihre Liebe zu mir und zu den Meinigen mich reichlich für die kleinen Mühen und Verdrüßlichkeiten bei ihrer Erziehung entschädigt.

Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Aber Sie, meine beste Freundin, haben wohl das Recht, mich zu fragen, ob ich in dieser ganz eigenthümlichen Ehe das Glück gefunden, welches ich geträumt habe. Ich antworte Ihnen ganz offen darauf: seit zehn Jahren, während deren ich ganz für den Gatten meiner Wahl lebe, habe ich nie eine glücklichere Frau gesehen, als ich bin.
Nicht eine ist in gleichem Grade das zweite Ich ihres Gatten, nicht eine ist so ganz „ein Fleisch und Blut“ mit ihm. Ein einziges Herz schlägt in unser Beider Brust, und selbst getrennt, sind wir doch immer beisammen.
Das Beisammensein zweier so harmonisch übereinstimmender Charactere aber ist die reinste und höchste Seligkeit.
In den ersten zwei Jahren nach unserer Verbindung blieb Rochester vollständig seines Augenlichtes beraubt, und
Jedes Unglück hatte wenigstens das Gute, daß es ein so vertrautes und inniges Verhältniß zwischen ihm und mir schuf, wie es unter anderen Umständen vielleicht nicht entstanden sein würde. Die Natur, die Bücher, Alles sah
er mit meinen Augen. Seine Gattin war einer seiner Sinne und, wie er sagte, nicht der unvollkommenste.
Ich meinentheils hatte einen fortdauernden Beweis seine Liebe in dem unbegrenzten Vertrauen, mit welchem dieser stolze Character ohne Bedenken, ohne Rückhalt und ohne zu glauben, daß er seiner Würde etwas vergebe, die Dienste und Gefälligkeiten von mir beanspruchte, die er von Niemand Andrem angenommen haben würde.
Als ich eines Morgens, nach Ablauf dieser zwei Jahre, einen Brief schrieb, den er mir dictirte, näherte er sich meinem Stuhle, beugte sich zu mir herab und sagte:
"Jane, trägst Du nichts Glänzendes um den Hals?
"Ja, antwortete ich, deine goldene Kette.
"Und ist Dein Kleid nicht hellblau?
Es hatte in der That die Farbe. Rochester sagte mir nun, daß es ihm seit einiger Zeit schiene, als verlöre der Schleier
vor seinen Augen etwas von seiner Dichtigkeit. Jetzt hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er sich nicht irrte.
Am folgenden Tage reisten wir nach London, wo die geschickte Hand eines berühmten Augenarztes, unterstützt
von der thätigen Heilkraft der Natur, ihm fast den vollständigen Gebrauch des einen Auges, den eine sympathische
Entzündung ihm geraubt hatte, wieder verschaffte. Er erkennt allerdings die Gegenstände nicht in ihren kleinsten
Details, er kann nicht anhaltend lesen oder schreiben, aber, er bedarf keines Führers mehr und der Himmel ist kein
dunkler Abgrund, die Erde keine Wüste mehr für ihn.
An dem Tage, an welchen man ihm seinen Erstgebornen brachte, konnte er sich überzeugen, daß das Kind seine
Augen geerbt hatte, wie sie früher waren, das heißt groß, schwarz und feurig. Von diesem Tage beugte er sich noch einmal in Demuth vor der Barmherzigkeit des Allerhöchsten, welcher Strenge seiner gerechten Strafen immer durch unverdiente Wohlthaten zu mildern weiß.
Jedes Jahr empfangen wir den Besuch unserer lieben Cousinen, welche Beide verheirathet sind, oder wir
besuchen sie zur Abwechselung; Mary hat einen Collegen ihres Bruders, einen verdienst- und talentvollen Geistlichen, zum Manne, Diana, die liebenswürdigste von Beiden, einen ausgezeichneten Marineoffezier.
Saint-John hat seinen Plan ausgeführt, oder er ist vielmehr seinem erhabenen Berufe gefolgt. Er hat England verlassen und lebt in Ostindien. Nie hat sich ein entschlossener und unermüdlicherer Arbeiter seinen Weg durch Gefahren und Hindernisse aller Art gebahnt. Ein großes und edles Herz, dessen Schläge ganz der Menschheit angehören, in welcher er rastlos die schlimmen Neigungen bekämpft und dafür bildende Wahrheiten unter derselben verbreitet. Wohl ist er ehrgeizig, aber sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, jenseits dieser irdischen Welt: er strebt nach einem Platze in der ersten Reihe der Auserkorenen, der Wesen ohne Makel, welche, zur Rechten Gottes sitzend, den erhabenen Triumph des Erlösers theilen.
Saint-John hat sich nicht verheirathet und wird sich auch nicht verheirathen. Bis jetzt hat er sich selbst für seine ruhmwürdige Aufgabe genügt, welche bald beendigt sein wird.
Der letzte Brief, den ich von ihm erhalten, hat mein Herz mit himmlischer Freude erfüllt, obgleich er meinen Augen irdische Thränen entlockte. Aus jeden Worte desselben sprach die gewisse Hoffnung auf einen nicht mehr fernen Lohn und auf den Besitz einer unverwelklichen Krone. Ich bin überzeugt, daß in Kurzem ein andrer Brief von fremden Hand mir die Nachricht bringen wird, daß der gute und treue Diener in den Schooß des Herrn zurückgerufen worden ist. Und warum sollte ich mich deshalb betrüben? Keine Furcht kann den letzten Gedanken des frommen Missionnairs getrübt haben. Sein Geist wird heiter und wolkenlos, sein Glaube unerschütterlich, seine Hoffnung ohne Erwarten und doch immer ungeschwächt geblieben sein. Wer könnte sich einen schöneren Tod nach einem besseren Leben wünschen?

Ende des zweiten und letzten Theils