Eyre_Hartung_Weichert_update_7_14_18.txt
Eyre_Grieb_Franckh.txt
Die zärtlichen Verwandten.
Des es schlechten Wetters wegen - denn es war kalt, windig
und regnerisch -- mußte an diesem Tage der übliche
Spaziergang unterbleiben; ich freute mich darüber, war es
doch draußen schon recht herbstlich. Da man mich nicht
so warm und sorglich kleidete, wie die Kinder des Hauses,
so fror mich leicht, und wenn ich dann über die Kälte
klagte, schalt man mich zimperlich. Frau Reed war mit
ihren Kindern Hans, Elisa und Georgina, im Salon; mich hatte sie
hinausgeschickt, mit dem Bemerken, ich sei unwürdig, die gleichen
Vorrechte zu genießen, die nur zufriedenen, glücklichen Kindern zukämen. Ich sollte mich erst eines freundlicheren, offenherzigeren, geselligeren Wesens befleißigen. Je nun, ich war nicht böse darüber,
daß ich allein sein sollte. Ich fühlte mich ja doch nicht wohl in der
Gesellschaft dieser Menschen, die mich immer von oben herab behandelten und von denen besonders der etwa 14 Jahre alte Hans
mir verhaßt war. So schlüpfte ich denn in das Frühstückszimmer.
Ein großer Bücherschrank stand darin, und ich hatte nicht lange zu
suchen, um einen Band zu finden, mit dem ich mir die Langeweile
gut vertreiben konnte. Leider blieb ich nicht lange ungestört. Ich
wurde in der Betrachtung der schönen, bunten Bilder plötzlich durch
den Ruf unterbrochen:
,Wo steckt sie denn, die Traumsuse?
Ich erschrak, denn ich erkannte Hans Reeds Stimme. Offenbar
war er sehr verwundert, mich nicht im Zimmer zu finden. Ich hatte
mich in die Fensternische gesetzt und den Vorhang vor mir zugezogen.
,Lise, Georgina!' rief Hans weiter. ,Johanna ist nicht hier.
Sagt doch der Mama, das Scheusal sei in den Regen hinausgelaufen.
,Gott bewahre,'' antwortete Elisa, die ein wenig aufgeweckter
war, als der sowohl geistig wie körperlich schwerfällige Hans. ,Sie
sitzt gewiß wieder in der Nische. Guck nur nach, Hans.
Nun trat ich von selbst heraus, wußte ich doch, daß Hans mich
im nächsten Augenblick gewaltsam hervorzerren würde. ,Ja, hier
bin ich,' sagte ich, ,was wünscht ihr?
,Sage gefälligst: Was wünschen Sie, Herr Reed, antwortete
er. ,Gleich kommst du hierher, verstehst du?
Hans Reed war vier Jahre älter als ich, denn ich zählte erst
zehn; er war groß und stark für sein Alter, sah aber nicht gesund,
sondern vielmehr aufgedunsen aus. Mit seiner vierschrötigen Gestalt, seiner unklaren Hautfarbe, seinem groben Gesicht und seinen
großen Füßen und Händen sah er auch wirklich nichts weniger als
sympathisch aus. Er aß bei Tische gewöhnlich so viel, daß er schlechte
Laune bekam. Eigentlich hätte er jet auf der Schule sein müssen,
aber seine Mama hatte ihn auf ein paar Wochen nach Hause genommen, seiner zarten Gesundheit wegen. Der Direktor versicherte
allerdings, man brauche ihm nur weniger Leckereien in die Pension «
zu schicken, so würde er schon gesünder werden. Das fand die Mutter
brutal. Nach ihrer Meinung rührte das schlechte Aussehen ihres
Lieblings nur von Ueberanstrengung und vielleicht auch von Heimweh her. Hans durfte sich daheim alles erlauben; nie hatte die
Mutter ein hartes Wort, einen Tadel oder gar eine Strafe für ihn.
Ich besonders war die Zielscheibe seiner Unart, und jeder Nerv in
mir zuckte vor Furcht, wenn er in meine Nähe kam. Schutz vor ihm
fand ich nirgend; denn die Dienerschaft wagte es nicht, gegen ihn
aufzutreten, und Frau Reed war in diesem Punkte taub und blind,
selbst wenn er mich - was oft geschah - in ihrer Gegenwart beschimpfte oder schlug.
Auch diesmal gehorchte ich ihm und trat näher; als ich weit
genug bei ihm war, hieb er plötzlich auf mich ein. ,Das ist für die
freche Antwort, die du vor einer halben Stunde meiner Mama
gegeben hast, rief er. ,Was hast du da für ein Buch? Er entriß
es mir und fuhr fort: ,Wer hat dir denn erlaubt, meine Bücher zu
benützen? Denn sie sind mein. Alles hier ist mein, oder wird es
wenigstens bald sein. Dir gehört gar nichts, Mama sagt es immer.
Geld hast du keins, dein Vater hat dir doch nichts hinterlassen, und
von Rechts wegen solltest du betteln gehen, statt hier mit den Kindern
eines Gentleman zusammenzuleben, am gleichen Tische zu essen und
die Kleider zu tragen, die dir meine Mama kaufen muß. Marsch!
stell dich dort an die Tür!
Ich tat es. Er hob das Buch und zielte nach mir. Ich wich nicht
rasch genug aus und wurde so heftig an den Kopf getroffen, daß ich,
eine blutende Wunde bekam und vor Schmerz laut aufschrie.
,Du grausamer Bengel! rief ich.
,Was? schrie er nun. ,Habt ihr das gehört, Elisa und Georgina? Das sagt sie zu mir? Das will ich gleich der Mama erzählen. Erst aber noch
Er packte mich beim Haar, doch nun wehrte ich mich verzweifelt.
Während er auf mich einschlug, arbeitete auch ich blindlings mit den
Fäusten. Frau Reed eilte herbei, Bessie, das Hausmädchen, und
Abbot, die Kammerzofe, folgten ihr. Sie rissen uns auseinander,
und ich hörte nur noch die Worte: ,So eine Furie! So eine Giftblase! - Dann setzte Frau Reed hinzu: ,Bringt sie in das rote
Zimmer und schließt sie dort ein. - Vier Hände packten mich und
schleppten mich die Treppe hinauf.
Unterwegs wehrte ich mich mit allen Kräften. Das hatte ich
bisher noch nie getan; stets hatte ich schweigsam und geduldig alles
hingenommen. Mein Widerstand bestärkte nun die beiden Mädchen
in der schlechten Meinung, die sie ohnehin von mir hegten.-- ,Wie
eine wilde Katze,' sagte Bessie. - ,Schäme dich? rief Abbot.
,Schlägt den Sohn ihrer Wohltäterin! O pfui!- Sie drückten
mich auf einen Stuhl nieder, doch ich sprang sofort wieder auf. Da
hielten sie mich von neuem fest. -- ,Wenn du nicht still sitzest, wirst
du angebunden,' sagte Bessie und löste auch schon ihre Strumpfbänder.
,Nein, lassen Sie!' bat ich nun erschrocken. , Ich will auch ganz
still und artig sein.
,Das rat ich dir auch, sagte Bessie, und als sie sah, daß ich
wirklich ruhiger wurde, ließ sie mich denn auch los. Dann stellten
sich die beiden Mädchen vor mich hin und musterten mich mit finsterer Miene.
,Das ist ja was ganz Neues von ihr, meinte Abbot.
,Es steckt aber schon lange in ihr,'' antwortete Bessie. ,Ich
hab's der gnädigen Frau schon oft gesagt, die Hanne ist ein ganz
verstocktes, giftiges Ding und furchtbar durchtrieben für ihr Alter.
Dann wandte sie sich an mich und setzte hinzu: ,Nun denke mal ein
bißchen darüber nach, daß es dir nicht zukommt, dich mit dem jungen
Herrn und dem gnädigen Fräulein auf eine Stufe zu stellen, und du
ins Armenhaus wandern müßtest, wenn Frau Reed sich nicht deiner
annähme. Wenn du noch länger so schlecht und undankbar bist, wird
dich Frau Reed eines schönen Tages fortschicken. Sei also demütig
und bescheiden und mache dich nützlich und angenehm.
,Und bete vor allem, fügte Abbot bei, ,daß dir deine Unart
verziehen werde, sonst kommt am Ende ein Gespenst zum Kamin
herunter und holt dich.
Nach diesen Worten gingen sie und schlossen die Tür zu.
Das rote Zimmer, in dem ich mich befand, wurde nur benutzt,
wenn Gäste in Gateshead-Hall weilten; dennoch war es eins der
schönsten im Herrenhause. Die Mitte nahm ein großes Mahagoni-
Bett ein, das mit roten Vorhängen versehen war; vom selben Stoffe
waren auch die Rouleaus an den Fenstern, die Tapeten und der
Teppich. Die Möbel waren alle aus dunkelpoliertem Mahagoni.
In dem düstern Ton, den diese Gegenstände verbreiteten, stachen nur
die schneeweiße Decke, die über das Bett gebreitet war, und das ebenfalls weiße Polster eines großen Lehnstuhls hervor, der mir damals
wie ein geisterhafter Thron erschien.
Es war still hier oben, denn das Zimmer lag abseits von der
Küche und den bewohnten Räumen. Mir wurde bald recht unheimlich zumute, indem ich daran dachte, wie selten diese Stube betreten
wurde. Nur alle Sonnabend stieg Bessie herauf, um Staub zu
wischen; und hin und wieder weilte Frau Reed hier, um den Inhalt
einer gewissen Schatulle zu prüfen, die ihre Papiere und Urkunden,
ihren Schmuck und ein Bildnis ihres verstorbenen Gatten enthielt
Denn in diesem Zimmer war Herr Reed, mein Onkel, gestorben.
Das war nun neun Jahre her. Unwillkürlich legte ich mir die Frage
vor, ob es mir wohl besser erginge, wenn dieser Mann noch lebte,
den ich nie kennen gelernt hatte. Ich wußte - woher, kann ich nicht
sagen - daß Reed, der einzige Bruder meiner Mutter, auf dem
Sterbebette seiner Frau das Versprechen abgenommen hatte, für mich
zu sorgen, wie für ihre eigenen Kinder. Ich wußte auch, er hatte
mich als ganz kleines Kindchen in sein Haus aufgenommen, als seine
Schwester, meine Mutter, gestorben war. Sie hatte gegen den Willen
ihrer Eltern einen armen Prediger geheiratet und war von ihrem
Vater verstoßen, von ihrem Bruder aber heimlich unterstützt worden.
Mein Vater starb bald nach der Eheschließung, und meine Mutter
folgte ihm binnen Jahresfrist. An das alles mußte ich nun denken,
und ich fragte mich, ob wirklich Frau Reed, meine Tante, das ihrem
Gatten gegebene Versprechen hielte. Weshalb durfte Hans sich alles
gegen mich erlauben, weshalb durften seine Schwestern mich mit
vornehmer Gleichgültigkeit behandeln, weshalb hegte Frau Reed
selbst eine so große Abneigung gegen mich? Nichts konnte ich recht
machen, beim geringsten Versehen wurde ich mit Schmähungen
überhäuft. Elisa konnte eigensinnig und selbstsüchtig, Georgina
trotzig und launenhaft sein, Hans durfte die Haustiere quälen, die
schönsten Früchte von den Obstbäumen nehmen, die Blumenbeete
verwüsten ihnen war alles erlaubt, wurde alles nachgesehen. Ich
aber gab mir alle Mühe, meine Pflicht zu tun, und trotzdem nannte
man mich unartig, hinterlistig, mürrisch und schalt mich vom Mor
gen bis zum Abend.
Damals fand ich freilich auf diese Fragen keine Antwort: jetzt
nach vielen Jahren aber habe ich sie gefunden. Ich war ein Mißton
in Gateshead-Hall; ich war dort ganz am falschen Plate. Ich hatte
keine innere Gemeinschaft mit Frau Reed, ihren Kindern und ihrem
Dienstpersonal. Sie liebten mich nicht, und ich liebte sie ebensowenig. Kein Fädchen Sympathie konnte sich zwischen uns spinnen,
wir waren in Temperament, in Fähigkeiten, in Gefühlen und Neigungen grundverschieden.
Der Kopf schmerzte mich noch nach dem Wurf mit dem Buche,
und niemand hatte Hans getadelt, daß er mich grundlos mißhandelte,
vielmehr wurde ich hier oben eingesperrt, weil ich mich gegen ihn verteidigt hatte. -- ,Wie ungerecht!’ sprach ich zu mir selbst.
Es wurde dunkel im roten Zimmer. Draußen herrschte Dämmerung, und Regen schlug an das Fenster. Mir wurde kalt, der
Mut sank, und tiefe Traurigkeit bemächtigte sich meiner; und indem
ich auf das im Halblicht verschwimmende Zimmer, auf die dunkeln
Wände blickte, beschlich mich heimliches Grauen, Ich weinte und
schluchzte, und je mehr ich mich gewaltsam beruhigen wollte, um so
größer wurde meine Aufregung. Ich vergrub das Gesicht in den
Händen und überließ mich kraftlos meinem Gram. Nach einer
Weile aber sah ich auf. Da bemerkte ich an der Wand einen Lichtschein, der sich bewegte, an der Decke hinaufglitt und dann übet
meinem Kopfe
her, die über den Hof getragen wurde; doch damals konnte ich mir
sein Erscheinen nicht erklären, und große Angst befiel mich bei seinem
Anblick. Er war in meinen Augen ein Gespenst aus einer andern
Welt, und ich hatte wirklich das Gefühl, als wenn Flügel durch das
Zimmer rauschten und sich mir näherten. Ich rang nach Luft, ich
wollte schreien, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Ich stürzte
zur Tür und rüttelte an der Klinke. Gleich darauf hörte ich Schritte,
der Schlüssel wurde herumgedreht, und Bessie und Abbot traten ein.
,Johanna, bist du krank?' fragte Bessie.
,Was für ein Lärm! Ich bin zu Tode erschrocken!' setzte Abbot
hinzu.
,Nehmt mich mit hinaus, ich will in die Kinderstube!' schrie ich
in einem fort.
,Weshalb denn? rief Bessie. ,Ist etwas geschehen? Hast du
was gesehn?
Ja, ein Licht es war ein Geist! rief ich.
,Ach was, Bessie,' sagte Abbot, ,das ist Komödie. Sie hat uns bloß herrufen wollen, ich kenne schon ihre Schliche.
Frau Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem
Kleide herbeigelaufen. ,Was gibt es? fragte sie. ,Ich habe doch
befohlen, Johanna nicht ohne meinen ausdrücklichen Befehl heraus
plassen.
,Sie hat so laut geschrien, Madame, wandte Bessie ein.
,Laß Bessies Hand los, Johanna ! gebot Frau Reed barsch. ,Auf
diese Weise erreichst du nichts, das sage ich dir. Solche List, besonders
bei Kindern, ist zu verabscheuen, und ich muß dich fühlen lassen, daß
du mit solchen Ränken nicht weit kommst. Du bleibst jetzt noch eine
Stunde hier, und dann lasse ich dich auch nur unter der Bedingung
heraus, daß du ganz ruhig und unterwürfig sein wirst.
,O, Tante, habe doch Erbarmen und verzeih mir. Oder bestrafe
mich auf andere Weise - ich halte es hier nicht länger aus.
,Ruhe! Ein so ungestümes Betragen ist geradezu empörend,
antwortete sie. Und sie mochte wohl auch tatsächlich Anstoß an meinem Wesen nehmen und mich für eine frühreife Komödiantin halten. Sie
stieß mich in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weiteres wieder ein. Ich hörte sie hinwegeilen; bald darauf muß ich in Ohnmacht gefallen sein.
Ich weiß nicht, was nachher geschah. Als ich erwachte, lag ich in meinem eigenen Bett in der Kinderstube, und ein helles Feuer
brannte im Kamin. Ich bemerkte, daß sich jemand um mich bemühte, und zwar liebevoller und sorgsamer, als es jemals geschehen
war. Dies allein genügte, um mir ein unsagbares Gefühl des
Wohlseins zu bereiten. Es war Nacht, und eine Kerze stand auf dem
Tische. Am Fußende des Bettes hielt Bessie einen Schlüssel,
neben mir auf dem Lehnstuhle saß ein Herr, der sich über mich beugte.
Seltsam, als ich gewahr wurde, daß ein Fremder im Zimmer war,
ein Mann, der nicht zum Haushalt von Gateshead-Hall gehörte, der
kein Verwandter der Frau Reed war, fühlte ich mich sicher und geborgen. Als ich das Gesicht des Mannes näher betrachtete, erkannte
ich Herrn Lloyd, den Arzt. Er fragte mich, ob ich wisse, wer er sei,
und ich sagte es ihm.
,Nun, dann werden wir uns wohl auch langsam erholen, sagte
er erfreut und streichelte meine Hand. Dann empfahl er Bessie, sich
meiner mit größter Sorgfalt anzunehmen und jede Störung meiner
Nachtruhe zu verhüten.
Als er gegangen war, fühlte ich mich von neuem trostlos und
verzagt; aber zu meiner Verwunderung war Bessie überaus freundlich zu mir, fragte, ob ich etwas essen oder trinken wollte, und tröstete
mich, daß ich ja bald wieder ganz gesund sein würde. Dann ging
sie ins Zimmer der Köchin, und ich hörte, daß sie zu dieser sagte.
sie solle ihr Gesellschaft in der Kinderstube leisten, sie fürchte sich
allein mit dem kleinen Mädel, das einen so seltsamen Anfall gehabt hätte. ,Ich möchte doch wissen, ob sie wirklich ein Gespenst
gesehen hat, setzte sie hinzu. ,Frau Reed war diesmal aber wirklich hart gegen sie.
Nach diesem Zwischenfall im roten Zimmer blieben meine Nerven lange Zeit heftig erschüttert; ja ich kann wohl sagen, ich habe
mich bis auf diesen Tag noch nicht völlig davon erholt. Schon
am nächsten Tage stand ich auf und setzte mich, ein warmes Tuch um
mich schlagend, ans Kaminfeuer. Ich fühlte mich recht schwach,
aber mein schlimmstes Nebel war ein tiefer seelischer Schmerz, der
mir jetzt eine Träne nach der andern entpreßte. Und dennoch
fühlte ich mich - für den Augenblick wenigstens - auch wieder
glücklich; denn Frau Reed war mit ihren Kindern ausgefahren.
Abbot arbeitete in einem andern Zimmer, und Bessie, die aufräumte,
war sehr freundlich zu mir. Ich war so sehr an ein Dasein voll ununterbrochenen Tadels und grausamer Tyrannei gewöhnt, daß ich
mir vorkam wie im Paradiese, allein meine Nerven waren so zerrüttet, daß ich mich dieser schönen Stunden jetzt nicht erfreuen konnte.
,Wie? Schon aufgestanden?' rief Herr Lloyd, ins Krankenzimmer tretend. ,Wärterin, wie befindet sich die kleine Patientin?
Bessie antwortete, es ginge mir sehr gut.
,Dann müßte sie aber doch vergnügt aussehen, sagte der Arzt.
,Komm doch mal her, Johanna. Weshalb hast du denn geweint?
Tut dir etwas weh?
,Sie weint wohl, weil sie nicht mit ausfahren durfte, warf
Bessie ein.
,Wegen solcher Dinge habe ich noch nie eine Träne vergossen,
sagte ich. ,Ich mag das Spazierenfahren überhaupt nicht leiden.
Ich weine, weil ich so unglücklich bin.
Der gute Herr Lloyd wußte nicht, was er mit dieser Antwort
machen sollte, und sah mich verblüfft an. Er hatte kleine, graue.
kluge Augen und ein troy seiner harten Züge gutmütiges Gesicht. Er
sah mich lange an, dann fragte er: ,Was hat dich denn eigentlich
gestern krank gemacht?
,Sie ist gefallen, warf Bessie wieder ein.
,Nein, ich bin geschlagen worden, daß ich umgefallen bin, Sagte
ich. ,Aber davon bin ich noch nicht krank geworden, setzte ich hinzu.
während Herr Lloyd bedächtig eine Prise nahm.
Die Glocke rief das Dienstpersonal zum Mittagessen. Bessie
wäre wohl lieber geblieben, um mich nicht mit dem Arzt allein zu
lassen, aber sie mußte gehen, denn auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten wurde in Gateshead-Hall sehr streng gehalten.
,Der Schlag und der Fall haben dich also nicht krank gemacht?
Was denn sonst? fragte Herr Lloyd, als wir allein waren.
,Ich bin in ein Zimmer eingesperrt worden, wo ein Geist umgeht, und es war sehr finster,'' antwortete ich.
Der Arzt lächelte. ,Ein Geist? versetzte er. ,Du fürchtest
dich vor Gespenstern? Daran sieht man, daß du doch nichts weiter
bist als ein törichtes kleines Kind.
,Ja, ich fürchte mich vor Herrn Reeds Geist. In diesem Zimmer ist er gestorben. Es geht sonst auch niemand des Abends hinein,
wenn es nicht durchaus sein muß. Mich haben sie aber ganz ohne
Licht drin gelassen. Ich glaube, ich werde das nie vergessen können. Unsinn! Und das macht dich so elend?
,Ich bin auch noch wegen anderer Dinge sehr unglücklich.
,Was sind das für Dinge? Kannst du mir das nicht sagen?
Ich hätte ihm gern mein Herz ausgeschüttet, aber ein Kind kann
wohl empfinden, doch vermag es sein Empfinden noch nicht zu zergliedern und in passende Worte umzuformen. Dennoch wollte ich
diese erste und einzige Gelegenheit, meinem Kummer Luft zu
machen, nicht ungenützt vorüberlassen, und nach einigem Zaudern
gelang es mir, eine wenn auch unzulängliche, so doch wahre Antwort zu finden.
,Ich habe weder Eltern noch Geschwister.
,Aber doch eine gütige Tante und liebe Vettern und Basen.
,Mein Vetter hat mich geschlagen, und meine Tante hat mich
eingesperrt.
,Aber Gateshead-Hall ist doch wunderschön. Du solltest Gott
danken, daß du an einem so schönen Orte leben kannst.
,Ich würde gern fortgehen, wenn ich nur wüßte, wohin. Aber
ich darf von Gateshead-Hall erst fort, wenn ich groß bin.
,Vielleicht doch schon früher - wer weiß? Hast du außer Frau
Reed keine Verwandten?
,Ich glaube nicht, Herr Doktor.
, Keinen Verwandten von seiten deines Vaters?
,Das weiß ich nicht. Tante Reed sagte einmal, es sei wohl
möglich, daß noch ein paar heruntergekommene, verarmte Brüder
meines Vaters sich irgendwo herum trieben, sie wisse aber nichts von
ihnen.
,Möchtest du in eine Schule kommen?
Ich überlegte, wußte ich doch kaum, was eine Schule sei. Bessie
sprach davon mir gegenüber wie von einer Besserungsanstalt; Hans
Reed haßte die Schule und schimpfte auf seine Lehrer. Dennoch sagte
ich mir, daß ich dann fort käme von Gateshead-Hall, daß damit ein
neues Leben für mich begänne. - ,Ach ja,'' sagte ich, ,in eine Schule
würde ich gern gehen.
,Nun, wer weiß, wer weiß, murmelte Herr Lloyd, aufstehend.
,Das Kind braucht Luftveränderung, muß in eine andere Umgebung,
es steht schlimm um seine Nerven.
Bessie kam jetzt zurück, und man hörte einen Wagen vors Haus
fahren. Das Dienstmädchen geleitete den Doktor ins Frühstückszimmer, und ich erfuhr später, daß Herr Lloyd Frau Reed ans Herz
legte, mich in eine Schule zu schicken. Wahrscheinlich war Frau Reed
damit auch einverstanden; denn wenige Abende später hörte ich
Bessie zu Abbot sagen: ,Die Gnädige wird froh sein, so ein boshaftes Mädel loszuwerden.
Kapitel.
Der erste Tag in Lowood.
Es geschah indessen in den nächsten Wochen noch nichts. Ich
war wieder gesund geworden, doch fiel kein Wort mehr von einer
Veränderung meiner Lage. Frau Reed sprach selten mit mir,
musterte mich dagegen oft mit strengen, finstern Blicken. Ich wurde
noch mehr als bisher von der Familie getrennt, indem man mir
ein besonderes Zimmer anwies, worin ich nun allein schlief, aß und
mich aufhielt. Elisa und Georgina wurden augenscheinlich dazu an
gehalten, so wenig wie möglich mit mir zu sprechen. Hans versuchte
einmal, sich wieder an mir zu vergreifen, da er aber sah, daß ich
entschlossen war, mich mit demselben Mute wie neulich seiner zu erwehren, so ließ er von mir ab und lief zu seiner Mutter, der er alsbald vorlog, ich hätte mich wie eine wilde Kate auf ihn gestürzt.
,Sei still von ihr, versetzte seine Mutter barsch. ,Ich habe
dir gesagt, du sollst ihr aus dem Wege gehen, sie ist nicht wert, daß
du sie auch nur ansiehst.
Ich hörte das, lehnte mich über die Treppe und rief, ohne über
die Bedeutung meiner Worte nachzudenken: ,Sie sind nicht wert.
daß ich mit Ihnen verkehre!
Frau Reed war ziemlich wohlbeleibt, als sie aber diese frechen
Worte vernahm, kam sie ziemlich schnellfüßig herauf, zog mich ins
Kinderzimmer, schob mich in die Ecke neben dem Bett und befahl
mir, mich den ganzen Tag über nicht von der Stelle zu rühren, noch
auch ein einziges Wort zu sprechen,
,Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte? stieß ich
unwillkürlich hervor. Es war, als ob eine innere Stimme, über
die ich selbst keine Gewalt hatte, diese Worte spräche.
,Was? zischte Frau Reed, und in ihren kalten, grauen Augen
blitzte etwas wie Furcht auf. Dies machte mir Mut.
,Onkel Reed ist im Himmel und sieht, was du mit mir machst,
und mein Vater und meine Mutter sehen es auch. Alle sehen es,
daß du mich den ganzen Tag einsperrst und es am liebsten sähest, ich
wäre tot.
Frau Reed faßte sich rasch von ihrem Schreck, schüttelte mich, gab
mir ein paar derbe Ohrfeigen und ging fort, ohne ein Wort zu sagen.
Dafür kam Bessie und hielt mir eine stundenlange Gardinenpredigt,
in welcher sie mir bewies, daß ich das schändlichste, pflichtvergessenste
Ding sei, das es je gegeben. Halb glaubte ich das selbst, denn ich
fühlte nur zu wohl, daß in diesem Augenblick nur böse Regungen
meine Brust erfüllten.
Weihnachten und Neujahr wurden in der üblichen Weise gefeiert. Geschenke wurden nach allen Seiten ausgeteilt. Ich allein
war von jeder Feier und von allen Gesellschaften ausgeschlossen.
Doch das stimmte mich nicht traurig, denn die Herren und Damen,
die mit Frau Reed verkehrten, standen auf gleicher Stufe mit meinen
Peinigern. Wenn wenigstens Bessie bei mir geblieben wäre. Aber
wenn sie Elisa und Georgina hübsch herausgeputzt hatte, dann ging
sie in die Küche, wo sie mehr von dem Trubel der Festlichkeit hörte
und sah, als hier oben bei mir, und sie nahm meistens auch noch die;
Lampe mit. Dann saß ich am verglimmenden Feuer und spähte von
Zeit zu Zeit ängstlich durch den finstern Raum, um mich zu vergewissern, ob nicht inzwischen wieder ein Gespenst hereingeschlichen
sei. Und wenn das Feuer im Erlöschen war, kleidete ich mich rasch
aus und suchte im Bett Schutz vor der Kälte und der Dunkelheit.
Meine Puppe preßte ich fest an mich. Denn jedes menschliche Wesen
muß etwas liebhaben, und da mir jeder andere Gegenstand fehlte,
wendete ich alle Zärtlichkeit meines Innern diesem häßlichen, farblosen, schon arg abgenutzten Dinge zu, bildete mir ein, es sei lebendig
und fühlte mit mir mit, hüllte es in mein Nachthemdchen und freute
mich, wenn es an meiner Seite warm und geborgen lag.
Am 15. Januar war Bessie um b Uhr morgens zum Frühstück
hinuntergegangen, Elisa setzte eben den Gartenhut auf, um in den
Geflügelhof zu gehen und das Federvieh zu füttern - ein Zeitvertreib, den sie sehr liebte; und Georgina machte sich das Haar und
flocht Federn und Blumen in ihre Locken. Ich richtete mein Bett
her und ging ans Fenster, um ein paar Bilder und Puppensachen.
die dort herumlagen, wegzuräumen; doch Georgina befahl mir, die
Finger davon zu lassen, denn dieses Spielzeug war ihr Eigentum.
In Ermangelung eines andern Zeitvertreibs blies ich den warmen
Atem gegen die Eisblumen, die das Fenster schmückten, und es entstand eine kleine Oeffnung, durch die ich in den Garten hinausschauen konnte, der kalt und steinern im Winterfrost da lag. Ich
sah, daß eben das Tor geöffnet wurde und ein Wagen hereinfuhr.
Mich hatten die Besuche in Gateshead-Hall noch nie interessiert, und
meine Aufmerksamkeit wandte sich daher bald einem kleinen hungrigen Rotkehlchen zu, dem ich eben die Reste meiner Frühstückssemmel
hinausstreuen wollte, als Bessie atemlos hereingestürzt kam.
,Hast du dir heute schon Gesicht und Hände gewaschen? rief
sie mir zu.
Ich ließ mich nicht stören, sicherte erst dem Vögelchen das kleine
Frühstück und ließ dann das Fenster wieder herab.
,Nein, antwortete ich, ,eben erst bin ich mit Aufräumen
fertig.
,O, du Unart! rief sie und zerrte mich zum Waschtisch hin,
worauf sie mich erbarmungslos, aber glücklicherweise sehr schnell
wusch und mir das Haar bürstete. Dann riß sie mir die Schürze ab
und führte mich ins Frühstückszimmer hinab, wo man mich erwartete, wie sie sagte. Da stand ich nun zaudernd vor der Tür. Seit
langer Zeit war ich nicht mehr in diese Region des Hauses gekommen, und ich fürchtete mich, einen Schritt weiterzugehen. Die lange
Einsamkeit hatte einen kleinen Feigling aus mir gemacht. Da
klingelte es heftig im Zimmer, es blieb mir nichts weiter übrig als
hineinzutreten. Die Klinke gab dem Druck meiner Hand nach, die
Tür öffnete sich, ich trat ein und machte, ohne den Blick zu erheben,
einen tiefen Knicks. Dann sah ich schüchtern auf und erblickte eine
lange, kerzengerade, schwarzgekleidete Gestalt, deren ernstes Gesicht
wie eine Maske aus Wachs aussah.
Frau Reed saß an ihrem gewohnten Platze neben dem Kamin.
Sie winkte mir näherzutreten, und sie stellte mich dem fremden
Manne mit den Worten vor: ,Dies ist das kleine Mädchen, wegen
dessen ich Sie hergerufen habe.
Ein Paar funkelnde Augen unter buschigen Brauen betrachteten
mich prüfend, dann sprach eine feierliche, tiefe Stimme: .Von Gestalt ist sie klein. Wie alt?
zehn Jahre.
,Dein Name, Kleine?
,Johanna Eyre, mein Herr.
,Nun, Johanna Eyre, bist du ein gutes Kind? war nicht gut möglich, auf diese Frage mit Ja zu antworten.
In diesem Hause waren alle anderer Meinung. Frau Reed antwortete für mich, indem sie nachdrücklich den Kopf schüttelte und hin
zusetzte: ,Je weniger über diesen Punkt gesprochen wird, um so
besser ist es, Herr Brocklehurst.
,So etwas hört man nicht gern,' war die Antwort. ,Aber ich
muß doch ein paar Worte mit ihr reden. Komm mal her.
Ich ging über den Teppich, und er stellte mich gerade vor sich
hin. O, wie häßlich sah er aus mit seiner ungeheuren Nase und den
hervorstehenden Zähnen!
,Es gibt nichts Schrecklicheres, begann er, ,als ein unartiges
Kind. Weißt du, wohin die Gottlosen kommen?
,Sie kommen in die Hölle, antwortete ich rasch.
,Und da möchtest du doch ganz gewiß nicht hinkommen? Nun,
und was hast du zu tun, um diesem Schicksal zu entgehen?
Ich überlegte ein Weilchen, dann antwortete ich: ,Ich muß gesund bleiben und nicht sterben.
Ich sah, daß diese Antwort großes Mißfallen erregte, und schlug
die Augen nieder. Dann seufzte ich tief auf, denn ich wünschte, ich
wäre weit weg gewesen.
,Ich hoffe, dieser Seufzer entspringt dem aufrichtigen Bedauern, deiner Wohltäterin soviel Kummer bereitet zu haben.
Betest du fleißig morgens und abends?
.Ja, Herr.
,Liest du brav in der Bibel Zuweilen, Herr.
Frau Reed mischte sich hier in das Zwiegespräch, das ihr ein
wenig überflüssig vorzukommen schien. ,Ich habe Ihnen vor drei
Wochen schon geschrieben, Herr Brocklehurst, sagte sie, ,dieses Mädchen hat nicht den Charakter und die Eigenschaften, die ich an ihr
zu sehen wünsche. Nehmen Sie sie in die Schule zu Lowood und
sorgen Sie dafür, daß ihr namentlich der schlimmste Fehler, der
Hang zur Lüge und Verstellung, ausgetrieben werde. Das sage ich
in deiner Gegenwart, Johanna, damit du nicht versuchst, auch Herrn
Brocklehurst irrezuführen.
Frau Reed hatte mir bisher mein Leben vergällt, sie tat alsbald
auch das Ihrige, mir das neue Leben, in das ich nun eintreten
sollte, von vornherein zu verbittern, Vorurteile und Abneigung
gegen mich hervorzurufen. Sie stellte mich in Herrn Brocklehursts
Augen als durchtrieben und eigensinnig hin, und was konnte ich
dagegen tun?
,Lüge und Verstellung sind arge Laster bei einem Kinde,
sprach Herr Brocklehurst, ,und führen es geradeswegs in den See,
darinnen Pech und Schwefel brennen. Das Mädchen soll sorgsam
behütet werden, Frau Reed, ich werde dies auch Fräulein Temple,
den Lehrern und Lehrerinnen ganz besonders ans Herz legen.'
,Sie soll so erzogen werden, sagte Frau Reed, ,daß sie lernt,
sich nützlich zu machen und demütig zu bleiben. Die Ferien soll sie,
wenn es angängig ist, in Lowood verbringen.
,Sehr wohl, Madame,' entgegnete Herr Brocklehurst. Die Demut ist eine Zierde der Christen, und ich habe es mir besonders an
gelegen sein lassen zu ergründen, auf welche Weise man das weltliche Gefühl des Stolzes und der Hoffart am besten unterdrücken
kann. Einfache Kost, einfache Kleidung, einfache Umgebung und
reger Fleiß - das ist bei mir die Tagesordnung.
,Ich kann mich also darauf verlassen, daß sie als Zögling in ihre
Anstalt aufgenommen und dort ihren Verhältnissen entsprechend er-
zogen wird?
,Darauf können Sie sich verlassen, Madame, und ich hoffe, das
Mädchen wird sich dankbar zeigen für das unschatzbare Vorrecht, das
ihr damit zuteil wird.
,Ich werde sie so bald wie möglich nach Lowood schicken, den
mir liegt daran, von einer Verantwortlichkeit befreit zu werden, die,
wie ich gestehen muß, mir nachgerade überaus zur Last wird.
,Ohne Zweifel, Madame, und nun will ich mich verabschieden.
Ich selbst werde wohl erst in drei Wochen nach Brocklehurst Hall zurückkehren, denn mein guter Freund, der Erzbischof, wird mich nicht
eher fortlassen, aber ich werde Sorge dafür tragen, daß für die Aufnahme der neuen Schülerin alle Vorbereitungen pünktlich getroffen
werden. Leben Sie wohl, Madame. Und hier, mein kleines Mädchen,'' wandte er sich an mich, ,hier ist ein Büchlein mit dem Titel:
,Des Kindes Schutzengel'. Lies es und sprich die Gebete nach, die
darin stehen, und beherzige vor allem die Geschichte von dem schreck
lichen Tode der Maria G., eines unartigen Mädchens, das auch verlogen und verstockt gewesen ist.
Mit diesen Worten legte er mir ein Heftchen in die Hand, ließ
seinen Wagen vorfahren und ging.
Ich war mit Frau Reed allein; sie nähte ruhig, und ich sah ihr
schweigend zu. Sie mochte damals 8 Jahre alt sein, war kräftig,
starkknochig und von voller Figur. Sie hatte ein großes Gesicht mit
stark hervortretendem Unterkiefer, breitem Kinn und niedriger
Stirn. Ihr Auge verriet wenig Herzensgüte, ihre Haut war fahl
ihr Haar flachsblond. Ihre Natur war derb und robust; solange ich
sie kannte, war sie nie krank. Sie war im Haushalt streng und genau
und hielt die Dienerschaft in Zucht und Ordnung; nur ihre eigenen
Kinder widersetzten sich öfters ihrer Autorität und verlachten sie
sogar. Sie sah von ihrer Arbeit auf und blickte mich an.
,Geh hinaus! rief sie in heftigem Tone, als wenn sie in meinem Blick etwas Herausforderndes gefunden hätte. Ich stand auf
und ging zur Tür, dann kehrte ich wieder zurück und trat dicht ans
Fenster. Ich mußte sprechen, man hatte mich zu schmerzhaft verwundet. Ich raffte allen Mut, alle Energie auf und schleuderte ihr
folgende Worte ins Gesicht: ,Ich bin nicht falsch und verlogen;
wenn ich es wäre, so würde ich sagen, ich liebte dich, aber ich sage dir
viel mehr, ich hasse dich, mehr als alles andere auf der Welt, Hans
Reed ausgenommen, und dieses Buch hier mit der Geschichte von der
Lügnerin, das kannst du deiner Tochter Georgina geben, die ist verlogen und belügt dich und alle anderen.
Frau Reed richtete ihren kalten Blick auf mich. - ,Hast du noch
etwas auf dem Herzen? fragte sie in jenem Tone, den man Erwachsenen gegenüber anschlägt.
Ihr Blick, ihre Stimme wühlten allen in mir schlummernden
Groll auf, und von Kopf zu Füßen bebend, fuhr ich fort: ,Solange
ich lebe, werde ich Sie niemals wieder Tante nennen, und wenn ich
erwachsen bin, werde ich Sie niemals besuchen. Aller Welt aber
will ich's erzählen, wie grausam Sie zu mir gewesen sind.
,Wie kannst du es wagen, Johanna, so zu mir zu sprechen?
,Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist! Sie den
ken, ich könnte ohne alle Liebe und Güte leben, aber nein, das kann
ich nicht, und es freut mich, daß dieses Leben hier für mich ein Ende
nehmen soll, es könnte sonst mein Tod sein. Ich werde nie vergessen, wie unbarmherzig Sie mich in das rote Zimmer zurückstießen,
obwohl ich Sie aus Herzensgrunde um Erbarmen anflehte. Und
diese Strafe verhängten Sie über mich, weil Ihr boshafter Sohn mich
geschlagen hatte, ohne Grund, aus bloßer Lust am Bösen. Das werde
ich jedem erzählen, der mich fragt. Alle Leute glauben, Sie seien eine
gute Frau, aber Sie sind schlecht und grausam.
Ein seltsames Gefühl der Erleichterung, des Triumphes erfüllte
meine Brust. Mir war, als wenn unsichtbare Fesseln zerrissen, als
wenn ich mir Bahn zu unverhoffter Freiheit bräche. Und zu diesem
Gefühl hatte ich guten Grund, denn Frau Reed schien heftig zu erschrecken, sie hob die Hände, wie um sich zu schützen, wiegte sich ängstlich hin und her und verzog das Gesicht, als wollte sie weinen.
,Nicht doch, Johanna, nicht doch! Was hast du nur? Weshalb
zitterst du so heftig? Willst du einen Schluck Wasser trinken? Ich
versichere dir, nichts wünsche ich mehr, als dir eine Freundin zu sein.
,Das ist nicht wahr. Sie haben eben Herrn Brocklehurst gesagt,
ich sei verlogen, tückisch und falsch. Aber alle Leute in Lowood sollen
erfahren, wer Sie sind und was Sie getan haben.
,Johanna, solche Sachen verstehst du noch nicht. Das alles geschieht nur zu deinem Besten. Kinder müssen von ihren Fehlern
befreit werden.
,Ich bin aber nicht falsch!’ rief ich in wildem, schrillem Tone.
,Aber leidenschaftlich und jähzornig, das kannst du nicht leugnen. Und jetzt geh in die Kinderstube - sei gut und lieb! Geh und
beruhige dich.
,Ich brauche mich nicht zu beruhigen. Schicken Sie mich nur
bald in die Schule, das Leben hier ist mir unerträglich geworden.
,Jawohl, ich schicke sie sobald wie möglich fort, sprach Frau
Reed zu sich selbst, raffte ihre Handarbeit auf und ging hinaus.
Ich blieb allein zurück, diesmal als die Herrin des Schlachtfeldes.
Es war der erbittertste Kampf, den ich bisher bestanden, der erste
Sieg, den ich bisher errungen. Allein ein Kind kann nicht mit
älteren Leuten kämpfen und seinen heftigsten Gefühlen freien Lauf
lassen, ohne nachher etwas wie Reue, wie Gewissensbisse zu empfinden. Zum ersten mal hatte ich die Süßigkeit der Rache verspürt; sie
dünkte mich wohlschmeckender Wein, doch danach war es mir bitter
auf der Zunge, und mir war, als hätte ich Gift getrunken. Ich
dachte einen Augenblick daran, zu Frau Reed zu gehen und sie um
Verzeihung zu bitten, aber ich wußte, sie würde mich mit doppelter
Verachtung von sich stoßen und jede Nachgiebigkeit meinerseits nur
zu einem Triumphe für sich ausnützen.
Am Morgen des 19. Januar hatte ich mich schon früh um fünf
Uhr angekleidet. An diesem Tage sollte mich eine Postkutsche um
sechs von Gateshead-Hall abholen. Bessie war die einzige, die mit
mir aufgestanden war und mir nun ein Frühstück in der Kinderstube
zurechtmachte. Wenn eine Reise bevorsteht, können Kinder fast nie
essen. Ich brachte denn auch keinen Bissen hinunter, so sehr Bessie
auch bat, ich sollte etwas zu mir nehmen. Sie wickelte mir dann
noch ein paar Brötchen ein, die sie in meine Reisetasche steckte. Dann
setzte sie mir den Hut auf und legte mir den Pelz um, schlug selbst
ein Tuch um ihre Schulter und brachte mich hinaus.
,Willst du nicht hineingehen und deiner Tante Lebewohl sagen?
fragte sie, als wir am Schlafzimmer vorübergingen.
,Nein, Bessie. Sie hat mir gestern abend gesagt, ich brauchte
sie und meine Cousinen nicht zu stören.
Wir schritten durch das Vestibül. Ich sah mich noch einmal
rings um, murmelte: ,Ade, Gateshead l' und trat hinaus. Bessie
leuchtete mit einer Laterne durch den Garten bis zum Portal. Im
Pförtnerhäuschen brannte Licht; die Frau machte eben Feuer an.
Mein Koffer stand vor der Tür. Der Postwagen rollte heran, machte
Halt, nahm mich auf und fuhr davon - unbekannten Regionen entgegen.
Ich weiß nicht mehr viel von dieser Reise. Der Tag kam mir unendlich vor, die Landstraße schien sich in unermeßliche Fernen auszu
dehnen. Wir kamen durch verschiedene Städte, in einer größeren
hatten wir längeren Aufenthalt, die Pferde wurden gewechselt, die Fahrgäste nahmen eine Mahlzeit ein. Der Schaffner, dem die Obhut über mich aufgetragen war, lud auch mich zum Essen ein, doch
war ich noch immer zu aufgeregt, um etwas genießen zu können. Der
Nachmittag war feucht und nebelig, und gegen Abend fuhren wir
durch eine hügelige Landschaft, in deren Tälern tiefe, bläuliche Schatten lagen. Der Sturm rauschte in den Bäumen. Ich schlief ein wenig ein und erwachte erst, als der Wagen mit einem Ruck anhielt. Die Tür wurde geöffnet, der Schaffner faßte mich und hob mich hinaus. Dann fuhr die Kutsche weiter.
Von dem langen Sitten waren mir alle Glieder steif. Ich riß
die Augen auf und sah mich verschlafen um. Eine Frauensperson
stand vor mir, wie ein Dienstmädchen gekleidet. Den Rand der
Straße bildete eine Mauer mit einer offenstehenden Tür. Durch
diese führte man mich hinein, und ich erblickte ein Haus oder vielmehr einen, Komplex von Häusern mit unzähligen Fenstern. In -
einigen brannte Licht. Wir gingen auf einem Kiesweg dahin und
traten dann durch eine Tür in das Haus hinein. Meine Führerin
brachte mich in ein Zimmer, wo ein helles Feuer im Kamin brannte,
und ließ mich hier allein.
Ich wärmte mir die erstarrten Finger an der Glut und sah mich
um. Im Schein des Feuers unterschied ich tapezierte Wände, einen
Teppich, Vorhänge und blanke Mahagonimöbel. Nach wenigen Minuten kam eine Dame herein, die ein Licht trug und der eine zweite
auf dem Fuße folgte. Die erste, eine schlanke Gestalt mit weißer,
hoher Stirn, trat auf mich zu, betrachtete mich ernst und aufmerksam und sagte dann: ,Sie sieht müde aus. Es wird gut sein, sie
bald zu Bett zu bringen. Bist du müde, Kind? fragte sie mich und
legte mir die Hand auf die Schulter.
,Ein wenig, Madame.
,Und gewiß auch hungrig. Sorgen Sie dafür, Fräulein
Miller, daß sie zu essen bekommt. Bist du zum ersten Mal fort von
deinen Eltern, Kleine?
Ich gab zur Antwort, ich hätte keine Eltern. Nun fragte sie,
wie lange sie schon tot seien, wie alt ich wäre, wie ich heiße, und ob
ich lesen, schreiben und nähen könne. - ,Ich hoffe, du wirst eine
gute Schülerin sein,'' setzte sie dann hinzu und schickte mich mit Fräulein Miller fort.
Die Dame, die wir eben verlassen hatten, mochte W Jahre alt
sein, diejenige, die mich mitnahm, war vielleicht noch etwas älter.
Die erstere machte durch ihr ernstes Wesen, den freundlichen Ton
ihrer Stimme, die würdevolle Haltung tiefen Eindruck auf mich.
Fräulein Miller sah alltäglicher aus, und ihr Gesicht krug den Stem
pel des Kummers und der Sorgen; sie hatte die hastigen Bewe
gungen einer Person an sich, die stets alle Hände voll zü tun hat, und
man sah ihr den Beruf einer Unterlehrerin auf den ersten Blick an.
Sie führte mich durch verschiedene Korridore, bis ein Gewirr von
Stimmen an unser Ohr schlug. Dann traten wir in ein großes
Zimmer, in welchem zwei hölzerne Tische standen. Bei zwei brennenden Kerzen saß eine Schar von Mädchen zwischen zehn und zwwanzig Jahren ringsumher. Im unbestimmten Licht der Talgkerzen
erschien mir ihre Zahl sehr groß, in Wahrheit waren es nicht mehr
als achtzig. Sie waren alle gleichmäßig gekleidet: braune wollene
Gewänder von altmodischem Schnitt und lange baumwollene
Schürzen.
Es war Arbeitsstunde; sie sagten alle im Flüsterion ihre Repetitionen her. Fräulein Miller gab mir einen Wink, mich auf eine
Bank neben der Tür zu seten, dann schritt sie zum oberen Ende des
Raumes und rief: ,Stubenälteste, die Schulbücher sammeln und
zurechtlegen!
Darauf standen vier große Mädchen auf, nahmen die Hefte zusammen und trugen sie an einen bestimmten Plaz. Dann rief Fräulein Miller von neuem: ,Stubenälteste, Abendessen holen!
Die großen Mädchen gingen hinaus und kamen nach wenigen
Minuten wieder. Sie brachten auf Tabletten eine Mahlzeit herein.
Auf jedem Brett stand außerdem ein Krug mit Wasser und ein
Becher. Wer Durst hatte, konnte einen Schluck trinken, das Trinkgefäß war für alle bestimmt. Als die Reihe an mich kam, trank ich,
denn mich dürstete sehr, das Essen rührte ich nicht an. Ich sah, daß
es ein in Streifen geschnittener Haferkuchen war.
Nach der Mahlzeit las Fräulein Miller ein Abendgebet vor.
dann gingen die Schülerinnen in das obere Stockwerk. Ich konnte
mich vor Müdigkeit kaum halten und sah nichts weiter, als daß das
Schlafzimmer ebenso lang war wie das Arbeitszimmer. In dieser
Nacht mußte ich mit Fräulein Miller zusammen in einem Bett
schlafen. Während ich mich niederlegte, bemerkte ich noch, daß auch
in den andern Betten je zwei Mädchen zusammen schliefen. Nach
zehn Minuten wurde das Licht ausgelöscht; es war völlig finster, und
ich schlief bald ein.
Die Nacht war schnell vorüber. Ein lautes Klingeln weckte
mich. Die Mädchen waren schon aufgestanden und zogen sich an; es
war noch nicht Tag, und Licht brannte in der Stube. Auch ich erhob
mich. Es war bitterkalt, und vor Frost zitternd, kleidete ich mich
an. Um mich zu waschen, mußte ich warten, bis eine Waschschüssel
frei geworden war. Das dauerte lange, denn je sechs Mädchen muß
ten sich in ein Becken teilen. Auf ein zweites Klingeln traten die
Mädchen zu zweien zusammen und gingen in dieser Ordnung hinunter in das kalte Schulzimmer. Fräulein Miller las das Morgengebet und rief dann laut: ,Die Klassen zusammentreten.’
Ein großer Tumult folgte, und mehrmals erklang die Stimme
der Unterlehrerin: ,Ruhe! Ordnung!' Endlich hatten sich die Mädchen in vier Halbkreisen um vier Stühle aufgestellt, die vor vier
Tischen standen. Eine jede hatte ein Buch in der Hand, und auf
jedem Tische vor dem noch leeren Stuhle lag ein dickes Buch, das
eine Bibel zu sein schien. Ein drittes Glockenzeichen, und drei
Damen traten ein und setzten sich auf die Stühle. Den vierten, der
der Tür am nächsten war, nahm Fräulein Miller ein, und dieser
Klasse, der letzten, wurde ich zugewiesen. Der Unterricht begann mit
dem Aufsagen von Bibelsprüchen und dem Ablesen von ganzen Kapiteln. Das dauerte etwa eine Stunde, dann läutete es zum vierten
Male. Es ging zum Frühstück. Ich war herzlich froh, daß es etwas
zu essen geben sollte; hatte ich doch seit dem Morgen des vorigen
Tages fast nichts mehr genossen.
Das Eßzimmer war groß, lang und finster, wie die Räume,
die ich bisher kennen gelernt hatte. Auf nackten Tischen dampften
Näpfe, die zu meiner Enttäuschung einen wenig einladenden Duft
ausströmten. Die Schülerinnen rümpften die Nase. ,Ekelhaft!hörte ich sagen. ,Das Hafermus ist schon wieder angebrannt! -
,Ruhe! rief eine Stimme dazwischen, die diesmal nicht Fräulein
Miller gehörte, sondern einer hübsch gekleideten, aber mürrisch dreinschauenden Dame einer der Oberlehrerinnen die nun an einem
Ende des langen Tisches Platz nahm, während sich an das andere
eine zweite Dame von behäbigerem Aeußern setzte. Die Dame, die
ich gestern abend gesehen hatte, zeigte sich nicht. Es wurde ein langes
Gebet gesprochen und eine Hymne gesungen; dann begann die
Mahlzeit.
Ausgehungert, wie ich war, verschlang ich ein paar Löffel von
dem vor mir stehenden Brei, doch als der erste Hunger gestillt war.
bemerkte selbst ich, daß das Zeug kaum zu genießen war. Ange
brannter Haferbrei gehört wohl auch zu dem Widerwärtigsten, was
es geben kann. In der Tat nahmen auch die Mädchen fast nichts zu
sich und standen so gut wie nüchtern wieder auf. Ein Dankgebet
wurde gesprochen - für etwas, das wir gar nicht bekommen hatten;
und dann ging es wieder ins Schulzimmer. Ich ging ziemlich zuletzt hinaus und sah, wie eine der Oberlehrerinnen den Haferbrei
kostete und mit Entrüstung sagte: ,Abscheulich! Gar nicht zu
essen.
Eine Viertelstunde lang war Freipause, und es herrschte in dem
Schulzimmer ein ohrenbetäubender Lärm, da wir alle in dieser Zeit
laut sprechen und uns frei bewegen durften. An diesem Morgen
war das schlechte Frühstück das allgemeine Gesprächsthema. In
zwischen war es neun Uhr geworden; eine Glocke verkündete die Fortsetzung des Unterrichts. Fräulein Miller, die die Aufsicht geführt
hatte, ohne sich mit einem Wort in den Lärm zu mischen, trat jetzt
in die Mitte des Zimmers und gebot Ruhe. Kerzen gerade und
mäuschen still saßen nun die achtzig Mädchen da, und erst jetzt sah
ich so recht, wie gleichmäßig die ganze Schar gekleidet war. Alle
trugen das Haar glatt aus der Stirn und hatten dieselbe Rüsche um
den Hals, dieselbe unschöne, einem Sack ähnliche Tasche am Gurt,
dieselben einfachen Schuhe mit Messingschnalle, dieselben wollenen
Strümpfe. In diesem schmucklosen, ja geschmacklosen Anzuge sah
das hübscheste Mädchen häßlich aus; am schlechtesten aber stand die
Tracht den etwa zwanzig Schülerinnen, die schon erwachsen oder
wwenigstens über die erste Jugend hinaus waren.
Ich sah mich noch unter meinen neuen Gefährtinnen um, als
plötzlich alle zu gleicher Zeit in die Höhe schnellten. Das war ganz
ohne Befehl geschehen, und ehe ich mich von meinem Erstaunen
erholt hatte, saßen sie auch schon wieder. Aller Augen richteten
sich auf einen Punkt - auf die Dame, die am vergangenen Abend
zu mir gekommen war. Sie stand am Kamin und musterte ruhig
die Reihen der Zöglinge. Fräulein Miller ging zu ihr hin, tat eine
Frage, erhielt die Antwort darauf und rief dann: ,Stubenälteste
von Klasse 1, holen Sie den Globus.
Die Dame ging inzwischen langsam durch das Zimmer, und ich
erinnere mich noch, daß ich ihr mit Blicken der Bewunderung nachsah.
Sie war groß, schlank und stattlich und hatte braune Augen mit wohl-
,Was heißt das?
,Nun, barmherzige Damen und Herren in der Umgegend und
in London stiften Geldbeträge, von denen die Kosten unsers Unterhalts bestritten werden.
,Wer war denn Naomi Brocklehurst?
,Die Dame, die diesen Teil der Anstalt erbauen ließ und deren
Sohn jetzt der Direktor des Ganzen ist, der Schaymeister und Verwalter der Anstalt.
,Also gehört das Haus nicht der großen, schlanken Dame mit
der goldnen Uhr?
,Fräulein Temple? O, nein. Ach, besser wäre es, wenn es ihr
gehörte! Sie ist nur die oberste Lehrerin und muß Herrn Brocklehurst über alles Rechenschaft ablegen. Herr Brocklehurst aber führt
die Kasse und kauft alles ein, was für uns gebraucht wird.
,Wohnt er auch hier?
,Nein, er besitzt ein großes, schönes Haus, das etwa eine Stunde
von hier entfernt ist.
.Ist er gut?
,Er ist Geistlicher, und man sagt, er tut viel Gutes.
,Wie heißen die anderen Lehrerinnen?
Die mit den roten Backen ist Fräulein Smith sie gibt Handarbeitsstunden. Wir müssen nämlich unsere Wäsche, Kleider und
Mäntel selbst nähen. Die kleine Schwarzhaarige ist Fräulein Scatcherd und gibt Unterricht in Geschichte und Grammatik; die mit
dem Umschlagetuch und dem Taschentuch am gelben Bändchen ist
Fräulein Pierrot. Sie ist aus Lille. Bei ihr haben wir Französisch
,Magst du die Lehrerinnen?
,Ach ja, leidlich. Die Scatcherd ist ein bißchen garstig. Fräulein Pierrot geht an.
,Fräulein Temple ist die beste, nicht wahr?
,Sie ist sehr klug und sehr gut; sie steht über den andern und
weiß auch mehr als sie alle.
,Bist du schon lange hier?
Zwei Jahre.
,Bist du auch eine Waise?
,Ich habe die Mutter verloren.
.Und fühlst du dich wohl hier?
,Nun hast du aber genug gefragt und ich genug geantwortet.
Laß mich jetzt wieder lesen.
In diesem Augenblick läutete es. Alle kehrten zum Mittagessen
ins Haus zurück. Der Geruch, der aus den Schüsseln emporstieg,
war nicht viel appetitlicher als der des verbrannten Haferbreis.
Diesmal duftete es stark nach ranzigem Fett. Es gab einen Mischmasch aus Kartoffeln und Fleischstückchen, und ich aß, soviel ich
konnte, denn mich hungerte sehr. Dabei fragte ich mich, ob das
Essen wohl alle Tage so miserabel sein würde.
Gleich nach der Mahlzeit begann der Unterricht wieder und
währte bis um fünf Ühr. Am Nachmittag erhielt das Mädchen,
mit dem ich Bekanntschaft gemacht hatte, in der Geschichtsstunde
von Fräulein Scatcherd einen strengen Verweis und mußte sich zur
Strafe mitten in die Stube stellen. Dies dünkte mich höchst entehrend, besonders für ein Mädchen in ihrem Alter, denn sie mochte
wohl schon dreizehn Jahre alt sein. Zu meinem größten Erstaunen
aber weinte sie nicht, sondern ertrug es mit Ruhe und Geduld. Sie
sah zu Boden und schien an etwas zu denken, das jenseits all dieser
Dinge lag.
Nach fünf Uhr gab es einen Becher Kaffee und eine Schnitte
Schwarzbrot. Diesmal schmeckte es mir ganz gut; aber gern hätte ich
noch einmal soviel bekommen. Nach einer Erholungspause von
einer halben Stunde begann der Unterricht nochmals, dann kam
wie am Abend zuvor das Glas Wasser und der Haferkuchen und
dann das Gebet und das Zubettgehn.
Mein erster Tag in Lowood war vorüber.
8. Kapitel.
Pensionsleben.
Der zweite Tag glich dem ersten, nur daß wir uns am Morgen
nicht waschen konnten, weil das Wasser in den Krügen gefroren
war. Der Haferbrei zum Frühstück aber war dafür nicht angebrannt, und meine Portion dünkte mich leider viel zu klein. Ich
wurde jetzt förmlich der vierten Klasse eingereiht und erhielt meine
Aufgaben und Obliegenheiten. Zuerst wurde mir alles sehr schwer,
weil ich an Lernen und Arbeiten nicht gewöhnt war. Zunächst vermochte ich auch gar nicht, meine Aufmerksamkeit auf mein Pensum
zu vereinen und sah von Zeit zu Zeit zerstreut umher. Da hörte
ich, wie Fräulein Scatcherd, die in einer anderen Klasse Geschichtsunterricht gab, in heftigem Tone rief: ,Burns, streck dein Kinn
nicht so vor und sitze gerade. Ich ward gewahr, daß diese Worte
meiner Bekannten galten und sah nun öfter zu ihr hinüber. Viele
der Mädchen wußten auf die Fragen der Lehrerin nicht zu antworten, doch wenn Fräulein Scatcherd sich dann mit den besonders
schwierigen Fragen an die Burns wandte, erhielt sie stets eine
richtige Antwort. Es wunderte mich, daß sie trotzdem fortfuhr, sie zu
schelten. ,Burns,' hieß es wieder, ,du hast dir die Finger und die
Nägel nicht gereinigt. Es wunderte mich, daß das Mädchen zu
seiner Entschuldigung nicht einfach antwortete, das Wasser sei ja
gefroren gewesen.
Fräulein Smith, die uns Handarbeitsstunde gab, hieß mich eine
Garnrolle halten, während sie den Faden abwickelte; deshalb konnte
ich eine Zeitlang nicht verfolgen, was drüben vor sich ging. Plötzlich aber ertönte wieder die zornige Stimme der Lehrerin, und dies-
mal stand die Burns auf und ging in ein Nebenzimmer; sie kehrte
mit einer Birkenrute zurück, die sie mit einem Knicks Fräulein
Scatcherd reichte. Ich sah nun, wie das Mädchen mindestens ein
Dutzend scharfe Hiebe auf Arme und Schultern bekam. Doch keine
Träne trat in ihre Augen, sie schrie auch nicht, sondern litt schweigend
die Züchtigung, trug dann ebenso ruhig die Rute fort und kehrte
zurück, als sei nichts geschehen. Nur ihre Wange sah bleicher und
hohler aus als sonst.
Am Abend, als der Zwang des Unterrichts beendet war, trat ich
zu meiner Bekannten, die wieder in ihrem Buche las. Aber sie war
eben damit zu Ende und klappte es zu. Ich setzte mich neben sie.
,Wie heißt du noch außer Burns?' fragte ich.
,Helen.
,Bist du von weit her?
,Aus Nordschottland.
,Möchtest du nicht bald wieder nach Hause?
,Warum? Ich bin doch hier, um eine gute Erziehung zu genießen.
.Aber Fräulein Scatcherd ist doch so grausam gegen dich.
,Grausam? Nur strenge. Sie findet eben viel an mir zu
kadeln.
,Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen, und die
Rute hätte ich ihr aus der Hand gerissen und vor ihren Augen
zerbrochen.
,Wenn du so etwas tätest, würde Herr Brocklehurst dich mit
Schimpf und Schande fortjagen. Und das wäre doch ein Skandal
für deine Angehörigen. Es ist also besser, ein wenig Schmerz zu ertragen, als etwas Unüberlegtes zu tun, das vielen andern Kummer
machen würde. Außerdem heißt die Bibel uns Böses mit Gutem
vergelten.
,Aber vor allen andern mit einer Rute geschlagen zu werden,
das ist doch entehrend. Ich hätte es nicht ertragen können - und du
bist doch schon größer als ich.
,Es wäre aber deine Pflicht gewesen, es zu ertragen. Wir
müssen alles dulden, was das Schicksal über uns verhängt.
Ich hörte mit Erstaunen diese Worte und begriff die Duldsamkeit nicht, mit der sie von ihrer Peinigerin sprach.
,Du sagst, du hättest Fehler? fragte ich weiter. ,Nenne sie
mir. Ich finde doch, du bist ein sehr gutes Mädchen.
,Ich bin unordentlich, darin hat Fräulein Scatcherd ganz recht.
Ich bin auch unaufmerksam und kann mich an planmäßiges Arbeiten
nicht gewöhnen. Darüber ärgert sich Fräulein Scatcherd, denn sie
ist sehr peinlich und gewissenhaft.
, Und sehr ungerecht und grausam, fügte ich hinzu, doch Helen
wollie das nicht gelten lassen und schüttelte den Kopf. ,Ist Fräulein
Temple ebenso böse zu dir? fragte ich weiter.
Als ich von Fräulein Temple sprach, huschte etwas wie ein
Lächeln über Helens Antlis. ,Fräulein Temple ist lieb und gut,
antwortete sie. ,Sie ist selbst gegen die schlechteste Schülerin nur
ungern streng. Sie sieht wohl meine Fehler, aber sie belehrt mich
mit Sanftmut darüber.- Wenn Fräulein Scatcherd unterrichtet,
kann ich nicht folgen, meine Gedanken schweifen ab, ich träume von
meiner Heimat, und es war bloßer Zufall, daß ich heute richtige
Antworten geben konnte. Aber wenn Fräulein Temple unterrichtet,
dann bin ich ganz bei der Sache. Doch genug von mir! Erzähle
mir ein wenig von dir?
Fas ließ lch mir nicht zweimal sagen und schüttete ihr nun
mein Herz aus. Helen hörte geduldig zu. Ich erwartete eine Bemerkung von ihr, als ich zu Ende gekommen war und ihr alles von
Frau Reed, von Hans Reed, von meinen Qualen in Gateshead-Hall
erzählt hatte. Allein Helen schwieg.
,Nun, fragte ich, ,war Frau Reed nicht böse und grausam ?
,Sie hat es wohl an Güte fehlen lassen,' antwortete meine
neue Freundin. ,Aber jedenfalls hat sie an deinem Charakter
ebenso heftigen Anstoß genommen wie Fräulein Scatcherd an dem
meinen nimmt. Wir haben alle Fehler und müssen bestrebt sein,
sie zu erkennen und abzulegen. Und außerdem gebietet uns unser
christlicher Glaube, keinen Gedanken an Rache zu hegen, sondern
unsere Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns beleidigen und
verfolgen.
,Dann also müßte ich Frau Reed lieben? Das ist unmöglich!
rief ich aus.
Die Stimme einer Mitschülerin unterbrach unser Gespräch.
,Helen Burns, wenn du nicht augenblicklich hinaufgehst und in
deinem Spind Ordnung machst, rufe ich Fräulein Scatcherd, daß
sie sich die Sache mal ansieht!'
Helen seufzte und gehorchte unverweilt der Aufforderung.
In dieser Weise verfloß nun ein Vierteljahr in Lowood. Ein
Tag glich dem anderen, und keine Abwechslung kam in das ewige
Einerlei unseres Lebens. Der Winter war bitter und hart, und
da die Feuerung uns überaus karg zugemessen wurde, litten wir
furchtbar unter dem Frost. Auch unsere Kleidung war nicht warm
genug, die Halbschuhe füllten sich mit Schnee, und wir hatten fast
immer nasse Füße. Die Kargheit der Mahlzeiten fügte zu den
Schmerzen der Kälte noch die des Hungers hinzu, und also ungenügend ernährt, waren wir nicht widerstandsfähig genug, diese
Unbilden ohne Schaden für unsere Gesundheit zu überstehen. Besonders schlecht erging es uns kleineren Mädchen; denn wenn die
Großen gar zu hungrig waren, zwangen sle uns, unsere Abendbrotration mit ihnen zu teilen.
Die Sonntage waren für uns keine Tage der Freude. Wir
mußten einen Weg von einer Stunde bis zur Kirche von Brocklehurst
gehen, kamen halb erfroren an und litten arg in der ungeheizten
Kirche. Da der Weg zu weit war, um zur Mittagsmahlzeit wieder
in Lowood zu sein, gab man uns zwischen den Predigten eine Ration
von Brot und kaltem Aufschnitt, die natürlich ebenso knapp wie
alle anderen Mahlzeiten bemessen war. Nach Beendigung der Nachmittagspredigt kehrten wir zurück, und meistens war das Wetter
rauh und stürmisch. Der heftige Wind trieb uns den Schnee wie
Nadeln ins Gesicht und riß uns fast die Haut von den Wangen.
Wenn wir dann nach Hause kamen, drängten sich die großen Mädchen dicht an den Kamin, und wir kleinen hatten auch hier das Nach-
sehen. Ein schwacher Trost war es, daß es zum Tee eine doppelte
Ration Brot gab, mit einem kleinen Stückchen Butter -- ein Genuß, dem wir von einem Sonntag zum andern entgegendarbten.
Doch war ich froh, wenn ich die Hälfte dieses lukullischen Mahls
für mich behalten durfte, die andere Hälfte mußte ich regelmäßig
verschenken. Den Sonntagabend beschloß eine lange Vorlesung aus
der Bibel, die stets dem armen Fräulein Miller zufiel.
Während dieses ersten Vierteljahrs hatte sich Herr Brocklehurst
in Lowood nicht sehen lassen sehr zu meiner Freude, denn ich sah
seinem Erscheinen keineswegs mit Sehnsucht entgegen. Eines Tages
kam er aber doch. Ich zerbrach mir eben den Kopf über ein Rechenexempel und sah gedankenvoll nach dem Fenster hin, als eine Gestalt daran vorüberschritt, die ich auf den ersten Blick erkannte.
Gleich darauf erhob sich die ganze Schule, Lehrerinnen und Mädchen,
und lange Schritte - denn ich wagte nicht aufzublicken, - gingen
durch das Zimmer. Als ich dann endlich mir ein Herz faßte und
aufschaute, sah ich dieselbe hagere, hohe Gestalt, die am Kamin von
Gateshead-Hall so unheilvoll auf mich herniedergesehen hatte, neben
Fräulein Temple stehen.
Ich hatte meine besonderen Gründe, beim Anblick des Herrn
Brocklehurst zu erschrecken. Hatte ich doch nicht vergessen, welche
Winke über meinen Charakter Frau Reed ihm gegeben, und daß
Herr Brocklehurst versprochen hatte, die Lehrerinnen über meine
Verderbtheit aufzuklären.
,Fräulein Temple, sprach Herr Brocklehurst, ,der Zwirn,
den ich nun angeschafft habe, wird hoffentlich reichen. Die Qualität
ist für Kalikohemden gut genug. Ich habe auch die dazu passenden
Nadeln besorgt. Sorgen Sie dafür, daß Fräulein Smith den Mädchen immer nur eine Nadel aushändigt; wenn sie mehrere zugleich
haben, verlieren sie sie nur. Es muß auch mehr auf die Strümpfe
achtgegeben werden. Ich habe mir bei dem Gange durch den Garten
die aufgehängte Wäsche angesehen. Viele Strümpfe waren da recht
liederlich gestopft. Die Waschfrau hat mir auch gesagt, einige Mädchen hätten in der Woche zwei reine Halskrausen bekommen. Das
ist zu viel. Die Statuten gestatten nur eine.
,Das erklärt sich daher, antwortete Fräulein Temple, ,daß
zwei Mädchen in der vorigen Woche zu einer Freundin zum Tee
eingeladen waren. Da gab ich ihnen die Erlaubnis, reine Halskrausen anzulegen.
,Es mag hingehn,' nickte Hert Brocklehurst. ,Lassen Sie das
enicz allzu oft geschehen. Noch eins hat mich sehr überrascht. Die
Haushälterin sagte mir, als sie mir die Rechnungen vorlegte, es
sei in den letzten Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück gereicht worden -- ein Gabelfrühstück aus Brot und Käse. Von
derlei Extramahlzeiten steht in den Statuten nichts. Wer hat diese
Neuerung eingeführt?
,Dafür bin ich allein verantwortlich, Herr Prediger,' erwiderte
Fräulein Temple. ,Das Frühstück war zweimal ungenießbar, und
ich konnte die Mädchen nicht bis zum Mittag hungern lassen.
,Fräulein Temple, Sie wissen, der oberste Grund sah bei der Erziehung dieser Mädchen ist, sie an Einfachheit zu gewöhnen, jeden
Gedanken an Luxus und Wohlleben von ihnen fernzuhalten, sie abzuhärten und ihnen die Fähigkeit zur Entsagung, zur Selbstverleugnung einzuflößen. Wenn nun einmal eine so kleine Enttäuschung wie ein mißratenes Frühstück vorkommt, so darf ein solcher
Zwischenfall nicht dadurch aufgehoben werden, daß der verlorene
Genuß durch einen noch besseren ersetzt wird; es muß im Gegenteil
die Gelegenheit benützt werden auf die Leiden und Entbehrungen
unserer christlichen Vorbilder hinzuweisen und an die Worte zu
erinnern, die Christus gesprochen hat: ,Der Mensch lebt nicht von
Brot allein' und: ,Selig sind, die da hungert und dürstet um der
Gerechtigkeit willen'. Wenn Sie aber anstelle des angebrannten
Haferbreis den Kindern Brot und Käse geben, Fräulein Temple, so
füttern Sie wohl den sündigen Leib, aber die Seele lassen Sie darben.
Fräulein Temple sah gerade vor sich ihn, preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Herr Brocklehurst ließ die Blicke über die
Schule schweifen. Er stand am Kamin und hatte die Hände auf den
Rücken gelegt. Plötzlich schien er zu erschrecken oder etwas zu erblicken, was ihn verdroß.
,Fräulein Temple, sagte er dann in erregtem Tone, ,was
sehe ich ein Mädchen mit lockigem Haar - rotes Haar sehe ich da
-- und tatsächlich Locken?
,Es ist Julia Severn, war die Antwort.
,Und wie kommt Julia Severn dazu, hier in Lowood Locken
zu haben? Hier in einer evangelischen barmherzigen Anstalt?
.Ihr Haar ist von Natur lockig, Herr Prediger.
,Von Natur! Aber ich wünsche, das Haar bei den Mädchen
glatt, anliegend, bescheiden zu sehen. Das Haar der Julia Severn
muß abgeschnitten werden - ich schicke einen Barbier heraus. Der
kann gleich noch einige unter die Schere nehmen, denn wie ich sehe,
sind ihrer mehrere mit solchen Auswüchsen.
Fräulein Temple wischte sich die Lippen mit dem Taschentuche,
wie um ein Lachen zu verbergen.
,Fräulein,r fuhr Herr Brocklehurst fort, ,ich diene einem
Herrn, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, und betrachte es als
meine Aufgabe, in diesen Mädchen alle fleischlichen Lüste zu unterdrücken, sie zu ehrbaren, schamhaften Charakteren heranzuziehen,
und deshalb wiederhole ich, alles Haar, das in Flechten gedreht ist,
dient nur der Eitelkeit und gehört hier nicht her. Es muß weg!
Herr Brocklehurst wurde unterbrochen. Drei Damen traten
herein. Es war schade, daß sie nicht einen Augenblick früher kamen,
um diesen Vortrag des Direktors über Schlichtheit und einfache
Kleidung zu hören, denn sie prunkten in Samt, Seide und Pelz.
Die beiden jüngeren Damen Mädchen von etwa siebzehn Jahren
-- trugen Hüte mit wallenden Straußenfedern, unter denen die
künstlich gelockten Haare in Fülle hervorquollen. Die ältere Dame
trug einen Samtschal, der mit Hermelin besetzt war, und eine kostbare französische Lockenperücke. Dieses Kleeblatt wurde von Fräulein
Inzwischen hatte ich versucht, den herumwandernden Blicken
des Direktors zu entgehen, indem ich, mit einem Rechenexempel beschäftigt, die Schiefertafel vor das Gesicht hielt. Ein unglücklicher Zufall aber wollte, daß die Tafel mir entfiel und mit einem
Krach auf dem Boden zerbrach. Nun war es um mich geschehen.
,Wer ist dieser Tolpatsch? rief Herr Brocklehurst. ,Aha, ich
sehe -- es ist die Neue! Ich hätte es fast vergessen - ich muß ein paar Worte in Bezug auf dieses Mädchen sprechen. Das Kind,
das eben seine Tafel zerbrochen hat, soll mal vorkommen.
Von selbst wäre ich nicht diesem Befehl gefolgt, aber hilfsbereite
Hände stießen und schoben mich durch die Bänke, bis ich vorn angelangt war. Hier nahm Fräulein Temple mich bei der Hand und
flüsterte mir rasch zu:
,Sei ohne Furcht, Johanna. Du konntest nicht dafür, ich sah
es. Du sollst nicht bestraft werden.
Ermutigt durch diese Worte, sah ich auf.
,Bringt mir den Stuhl dort her!' gebot Herr Brocklehurst.
aHebt das Mädchen herauf.
Ich weiß nicht, wer mich hinaufhob, aber ich stand plötzlich oben,
allen sichtbar, von allen begafft. Herr Brocklehurst räusperte sich
und fuhr dann fort:
,Meine Damen, Lehrerinnen und Kinder, ihr seht hier dieses
Mädchen. Jung, äußerlich genau so wie ein anderes Kind - vom
Herrn in seiner Gnade ebenso gestaltet wie alle andern - ohne
besonders auffallende Häßlichkeit. Wer möchte nun glauben, daß
in ihr der Teufel ein Werkzeug, eine Dienerin gefunden? Und
doch -- und doch es ist so. Traurig, betrübend, daß ich euch, ihr
andern Kinder, vor diesem Unhold warnen muß. Ja, sie ist eine
Verworfene, vor der ihr auf der Hut sein müßt. Haltet euch fern
von ihr, schließt sie von euern Spielen aus, pflegt keinen Umgang
mit ihr. Und Sie, Lehrerinnen, seien sie streng zu ihr, suchen Sie
ihre Seele zu retten, wenn es noch möglich ist. Lassen Sie ihr nicht
den geringsten Fehltritt durchgehn, sondern bestrafen Sie sie aufs
härteste. Wie verdorben, wie lügenhaft, wie entartet dieses Mädchen
ist, das erfuhr ich von ihrer Wohltäterin, einer würdigen Dame,
die dieses Mädchen an Kindesstatt angenommen hatte. Diese Großmut wurde ihr durch schnöden Undank gelohnt, ja das Mädchen trieb
es so arg, daß die Dame sie von dem Umgang mit ihren Kindern
ausschließen mußte, um ihre Kleinen vor der ansteckenden Verderbnis dieses jugendlichen Teufels zu bewahren. Nun hat sie sie hierher
geschickt, wie einst die Hebräer des Altertums die Aussätigen zum
See von Bethesda schickten. Und deshalb, Lehrerinnen, flehe ich
Sie an, taucht dieses Kind unter in den See einer strengen Erziehung!
Nach diesen Worten sprach Herr Brocklehurst leise mit seiner
Frau, die Damen erhoben sich, verneigten sich flüchtig gegen Fräulein Temple und rauschten hinaus. Herr Brocklehurst wandte sich
noch einmal um und rief: ,Laßt sie noch eine halbe Stunde auf dem
Stuhle stehen, und keiner von euch soll an diesem Tage ein Wort zu
ihr sprechen.
Ich kann nicht beschreiben, welche Gefühle in meiner Brust
tobten. In dem Augenblick, wo ich vor Scham, Wut und tiefem
Kummer umzusinken glaubte, ging ein Mädchen an mir vorüber
und sah mich mit leuchtenden, lächelnden Augen an. Es war Helen
Burns. ,Was können sie dir tun? was kann dir geschehen? sprach
dieser Blick, und es war, als würde es Licht in meiner finstern
Seele. Es gelang mir, die Tränen zurückzudrängen, ich hob den Kopf
und stand nun ruhig und fest auf meinem Stuhle.
Noch heute erinnere ich mich dieses Lächelns. Es verklärte die
scharfen, magern Züge der Helen, und sie hatte in diesem Augenblick
das Gesicht eines Engels.
Als die Klassen entlassen worden waren, wagte ich es herabzusteigen. Es war fünf Ühr. Im Schulzimmer herrschte Dunkelheit. Ich sah mich allein, und nun wich der Bann, der mich bis dahin
festgehalten, und Tränen stürzten aus meinen Augen. Ich fiel auf
das Gesicht zu Boden und überließ mich meinem Jammer. Mit
dem besten Vorsatz, gut und brav zu sein, recht viel zu lernen
und mir Liebe und Freundschaft zu erwerben, war ich nach Lowood
gekommen. Ich hatte auch schon Fortschritte gemacht und mich in
meiner Klasse auf den ersten Platz hinaufgearbeitet; Fräulein
Miller und Fräulein Temple hatten mich gelobt, meine Mitschülerinnen waren freundlich zu mir - und nun war ich in Acht
und Bann getan - gebrandmarkt - zertreten -- zermalmtl Würde
ich mich jemals wieder erheben können?
Da trat abermals Helen Burns zu mir heran und brachte mir
Kaffee und Brot.
,Iß ein wenig, sagte sie; aber ich wies beides zurück. Helen
setzte sich neben mich, umschlang mich mit den Armen und blieb
regungslos an meiner Seite. Nach einer Weile brach ich das
Schweigen.
,Wie kannst du dich mit einem Mädchen abgeben, das jeder-
mann für eine Lügnerin hält? rief ich aus.
,Nicht doch, Jane, du wirst von allen nicht verachtet, sondern
wohl eher bedauert, antwortete sie ruhig. ,Herr Brocklehurst ist hier
nicht beliebt, und niemand gibt viel auf das, was er sagt. Ja wenn
er dich gelobt hätte, dann würden dich wohl viele mit scheelen Augen
ansehen und dir gern einen Schabernack spielen, jetzt aber würden
alle dir gern zeigen, daß sie Mitleid mit dir haben, wenn sie sich
nur getrauten. Sei nur weiter gut und fleißig, so wirst du sehen,
wie rasch diese Komödie des Herrn Brocklehurst vergessen wird.
Wie wohl taten diese Worte meinem Herzen, flößten sie mir doch
neue Hoffnung ein. Ich drückte Helen an die Brust, und eng umschlungen, saßen wir lange schweigend da. Wir wurden nicht gewahr,
daß jemand hereinkam und vor uns hintrat. Als wir endlich die
Gestalt erblickten, erkannten wir Fräulein Temple.
,Ich suchte dich, Johanna, sagte sie. ,Komm mit auf mein
Zimmer, und da Helen Burns bei dir ist, mag sie uns begleiten.
Ein helles Feuer verbreitete eine wohltuende Wärme in dem
Gemach, das wir nun betraten. Fräulein Temple ließ Helen in
einem Lehnstuhl Platz nehmen, setzte sich in einen zweiten und zog
mich an ihre Seite.
,Ist es nun vorüber? fragte sie und sah mir ins Gesicht.
aHast du's verschmerzt?
,Das werde ich nie können,'' antwortete ich.
,Warum nicht?
,Weil ich zu Unrecht beschuldigt worden bin, und weil nun
Sie, Fräulein, und alle andern mich für schlecht und gottlos halten
müssen.
,Wir werden dich für das halten, als was du dich ausweist, mein
Kind,'' erwiderte Fräulein Temple ruhig. ,Ulnd nun erzähle mir
von der Dame, die Herr Brocklehurst deine Wohltäterin nannte.
Man hat dich der Falschheit, der Verlogenheit bezichtigt, verteidige
dich vor mir, so gut du kannst. Erzähle alles, was dein Gedächtnis ,
als wahr rechtfertigen kann, aber übertreibe nichts.
Ich nahm mir vor, mich zu beherrschen und so leidenschaftslos
wie möglich zu berichten. Ich sprach daher von meinem Leben in
Gateshead-Hall maßvoller als je zuvor, und ohne daß ich es wußte,
ward meine Erzählung dadurch weit glaubwürdiger.
,Den Herrn Lloyd, von dem du sprachst, antwortete Fräulein
Temple, als ich zu Ende war, ,kenne ich ein wenig. Ich werde an
ihn schreiben und mich erkundigen; wenn seine Angaben mit den
deinen übereinstimmen, so werde ich dich öffentlich von der wider
dich erhobenen Anklage freisprechen.
Sie küßte mich bei diesen Worten, und ich sah mit tränenden
Augen in dieses gütige Antliz mit der weißen Stirn und den
schönen schwarzen Locken. Dann teilte sie ihre Abendmahlzeit mit
uns, und wir verbrachten noch eine glückselige Stunde in der Gesellschaft der geliebten Lehrerin, in ihrem warmen, gemütlichen Stübchen, bei anregendem Geplauder über alle möglichen Gegenstände.
Wls die Glocke das Zeichen zum Schlafengehen gab, umarmte sie
uns und entließ uns mit den Worten: ,Gott segne euch, meine
Kinder!'
Eine Woche später erhielt Fräulein Temple Antwort von Herrn
Lloyd und fand alles, was ich gesagt hatte, bestätigt. Vor versammelter Schule erklärte sie nun, daß sie Erkundigungen über
mich eingezogen und die Grundlosigkeit der gegen mich erhobenen
Beschuldigungen festgestellt hätte. Alle Lehrerinnen schüttelten mir
die Hände und küßten mich.
Eine Zentnerlast war mir von der Seele genommen, und von
neuem begann ich ernst und eifrig zu arbeiten. Ich war entschlossen,
mich durch alle Schwierigkeiten hindurchzukämpfen, und der Erfolg
lohnte auch meine Anstrengungen. Ich wurde nach einigen Wochen
in die nächsthöhere Klasse verseht und erhielt nun auch französischen
und Zeichenunterricht, worin ich rasch Fortschritte machte. Es fing
an mir in Lowood zu gefallen. Das Leben wurde angenehmer, die
Entbehrungen weniger. Der Frühling zog ins Land, die furchtbare
Kälte nahm ein Ende, sonnige Tage erquickten uns, und im Garten
wurde es nun grün und bunt. Der Mai war klar und schön; die
Bäume um Lowood schmückten sich mit prächtigem Laube. Und dies
alles konnten wir in Freiheit genießen, ohne den Zwang der strengen
Einschließung, der den Winter über gedauert hatte.
Denn infolge ungenügender Ernährung und vernachlässigter
Erkältungen war im Laufe des Lenzes in der Anstalt ein typhöses
Fieber ausgebrochen, dem mit einem Schlage fünfundvierzig von
achtzig Mädchen verfielen. Die Schulstunden wurden nun abgebrochen, und alle Vorschriften, alle Regeln verloren ihre Geltung.
Es ging drunter und drüber, und niemand verwehrte uns, frei ausund einzugehen, da der Arzt den Gesunden viel Bewegung in der
frischen Lufi vorschrieb. Fräulein Temple widmete sich jetzt ausschließlich den Patienten und kam aus dem Krankenzimmer nicht
mehr heraus. Die Mehrzahl der Gesunden verließ Lowood, denn (
nur wenige waren nicht so glücklich, Verwandte oder Bekannte zu
haben, die in der Not sich ihrer annahmen. So wurde es nun sehr
still und einsam um die Zurückgebliebenen her, aber es war dennoch
eine schöne freie Zeit, nur daß wir, von unsern Ausflügen heimkehrend, immer wieder von Krankheit und Tod angeweht wurden.
Es roch im ganzen Hause wie in einem Hospital, und von Zeit
zu Zeit ließ sich der Leichenwagen wieder sehen.
Wir trieben uns den Tag über im Walde und auf der Wiese
herum, taten, was wir wollten, und waren ohne jede Arbeit und
Aufsicht; aber auch in anderer Hinsicht wurde unser Leben jetzt
besser. Die Seuche lenkte die Aufmerksamkeit der Behörde auf Lowood, eine Untersuchung wurde angestellt, die Herrn Brocklehurst
einen schweren öffentlichen Tadel zuzog. Die Haushälterin wurde
entlassen und eine neue angestellt, die uns in der ersten Zeit sehr
reichlich mit Speise und Trank versorgte. Man setzte neben Herrn
Brocklehurst, dem man seines Reichtums und Ansehens halber den
Posten des Direktors doch nicht nehmen konnte, eine Art Aufsichtsrat ein, so daß nun alles ordentlicher und gewissenhafter besorgt
wurde, als je zuvor.
Zu den Schwerkranken gehörte auch Helen Burns; aber bei
ihr hatte das typhöse Fieber ein noch schlimmeres Leiden zu plötzlichem Ausbruch gebracht, eine rettungslose Schwindsucht. Von
uns Mädchen wurde deshalb niemand zu ihr gelassen, ja wir wußten
nicht einmal, in welchem Zimmer sie lag. Eines Abends war ich
mit Mary Wilson, der Gefährtin, an die ich mich in letzter Zeit
der Mond schien, und während Mary Wilson schon hineingegangen
war, stand ich noch im Schatten der Tür und hörte nun, wie eine
Krankenwärterin sich nach dem Befinden der Helen Burns erkundigte.
,Sehr schlecht,' antwortete der Doktor. ,Sie macht's nicht
mehr lange.
,Dann ist es wenigstens gut, daß man sie in Fräulein Temples
Stube gebracht hat,' meinte die Wärterin.
Der Arzt zuckte die Achseln und ging.
Zwei Stunden nach dem Zubettgehn - gegen elf Uhr stand
ich leise auf, zog das Kleid über das Nachthemd, schlich hinaus und
ging in Fräulein Temples Zimmer. An der Tür des allgemeinen
Krankenzimmers, aus dem ein scharfer Kampfergeruch hervordrang, eilte ich geräuschlos vorüber, denn ich fürchtete, die Kranken-
wärterin, die dort die ganze Nacht über wachte, könnte mich hören
und zurückschicken. Und ich mußte Helen sehen -- ich mußte sie noch
einmal ans Herz drücken, ehe sie starb. Ich hatte in wenigen Minuten mein Ziel erreicht, ich öffnete die Tür und schlüpfte hinein.
-Dicht neben Fräulein Temples Bett stand ein kleineres, und
darauf erkannte ich Helens Antlitz. Die Wärterin, die für sie zu
sorgen hatte, schlief in einem Lehnstuhl und hörte mich nicht. Fräulein Temple war nicht da; man hatte sie, wie ich später hörte, zu
einer Fieberkranken gerufen. Leise trat ich an das Bettchen, schob
den Vorhang zur Seite und flüsterte: ,Helen, bist du wach?
Sie bewegte sich und drehte ihr Gesicht herum, auf das nun
das schwache Licht der auf dem Tische brennenden Kerze fiel. Sie
sah so wenig verändert aus, daß die Furcht alsbald von mir wich
und ich an die Schwere ihrer Krankheit nicht mehr glauben mochte.
,Du bist es, Johanna? flüsterte sie mit ihrer sanften Stimme.
,Nein, dachte ich bei mir, ,sie wird nicht sterben, sonst könnte
sie nicht so friedlich und ruhig aussehen.
Ich küßte sie, ihre Stirn war kalt, ihre Wangen waren hohl,
ihre Hände und Akme schienen blutlos, aber ihr Lächeln war das
gleiche geblieben.
,Bist du gekommen, Johanna, um mir Lebewohl zu sagen?
fragte sie. ,Dann bist du gerade zur rechten Zeit gekommen.
,Willst du denn fort, Helen? Nach Hause?
,Ja, nach Hause -- in meine letzte, ewige Heimat.
,Nicht doch, Helen! antwortete ich weinend. Mein Kummer
schien auch die Kranke zu rühren, sie erlitt einen heftigen Hustenanfall, doch erwachte die Wärterin nicht darüber.
,sege dich zu mir und decke dich zu, Johanna, sprach die
Kranke erschöpft, ,du bekommst sonst kalte Füße.
Ich kroch zu ihr, und sie schlang den Arm um mich. Nach langem
Schweigen flüsterte sie: ,Johanna, wenn ich gestorben bin, sollst
du nicht um mich trauern, denn es ist kein Grund zur Trauer. Wir
müssen alle einmal sterben, und die Krankheit, die mich dahinrafft.
ist schmerzlos und kurz. Von allen den Meinen lebt nur noch Vater,
der sich vor einiger Zeit zum zweitenmal verheiratet hat und mich
nicht vermissen wird. Wohl sterbe ich jung, aber es bleiben mir dadurch viele Leiden erspart.
Ich wußte nichts darauf zu sagen; nur meine Tränen flossen
Während ich das Gesicht an ihrer Brust verbarg, sprach sie weiter:
,Mir ist jetzt sehr wohl, und ich fühle, daß ich schlafen kann. Gute
Nacht, Johanna, aber verlaß mich nicht. Es ist ein so süßes Bewußtsein, dich bei mir zu wissen.
,Ich bleibe bei dir, Helen. Niemand soll mich von hier fortbringen.
Sie küßte mich ich sie - dann schliefen wir beide. Als ich
erwachte, war es Tag. Ich wurde durch eine plötzliche Bewegung
dem Schlaf entrissen; die Krankenwärterin hob mich aus dem Bette
und trug mich durch den Korridor in den Schlafsaal zurück. Man
erteilte mir keinen Verweis, daß ich dem strengen Befehl entgegen
zu einer Kranken gegangen war; man hatte an anderes zu denken.
Einige Tage später erfuhr ich, daß Fräulein Temple, in ihr Zimmer
zurückkehrend, mich im Bett meiner Freundin gefunden hatte. Mein
Kopf ruhte an Helens Schulter, meine Arme hielten ihren Hals
umfangen, Ich schlief - Helen war tot.
Von der Schülerin zur Lehrerin.
Es ist nicht meine Absicht, alle kleinen Ereignisse meines Lebens ausführlich aufzuzählen; ich überspringe deshalb jetzt einen Zeitraum von acht Jahren, den ich nur in großen Zügen schildern werde.
Das typhöse Fieber verschwand allmählich aus Lowood, und die
alte Ordnung trat wieder ein. Die Lücken, die die Seuche gerissen, füllten sich; die verbesserten Zustände aber, zu denen die
öffentliche Kontrolle der Verwaltung geführt hatte, waren von Bestand. Wir hatten in der Folgezeit nie Grund zur Klage.
Ich blieb noch achi Jahre in Lowood, sechs als Zögling, zwei als
Lehrerin. Mein Leben verlief einförmig und farblos, aber ich fühlte
mich wohl und war zufrieden. Nach Ablauf der acht Jahre aber
sehnte ich mich nach einer Veränderung. Der Grund dazu war vor
allem, daß Fräulein Temple die Anstalt verließ; sie heiratete einen
Landpfarrer. Zuerst hatte sie mir eine Mutter ersetzt, dann waren
wir sogar Freundinnen geworden, und als ich sie nun verlor, fühlte
ich, daß meines Bleibens in Lowood nicht länger sei. Als die geliebte Person verschwunden war, ward ich inne, daß ich den Zwang
der klösterlichen Ordnung, das ewige Einerlei nur durch ihre Liebe
und aus Liebe zu ihr ertragen hatte. Die Schulregeln, der tägliche
Unterricht, die Gesichter der Schülerinnen, der Lehrerinnen, die
engen Grenzen der Anstalt selbst- das alles war mir jetzt mit
einem Male unerträglich. Am Fenster meines Stübchens stehend,
sah ich nach dem Horizont und verfolgte die weiße, durch die Ebene
sich hinziehende Landstraße bis dorthin, wo sie mit dem Himmel
verschmolz.
,Ich muß in die Welt hinaus !' sprach ich zu mir selbst. ,Acht
lange, lange Jahre bin ich hier eingepfercht gewesen, bin auch nicht
auf einen einzigen Tag von hier fortgekommen; wahrlich, nun sehne
ich mich nach Freiheit. Ich bin dieses Schlendrians müde. Doch
Freiheit? fuhr ich fort. ,Wird mir die beschert sein? Ach nein,
wohl nur eine andere Dienstbarkeit!' Weiter werde ich mir wohl
nichts wünschen dürfen. Eine neue Stelle in einem neuen Hause
unter neuen Gesichtern und neuen Verhältnissen, das ist es, an was
ich denke. Ich habe acht Jahre lang hier gedient -- nun will ich
anderswo dienen. Aber wie soll ich mir eine neue Stelle verschaffen?
Ja, das wußte ich freilich nicht; doch da ich niemand danach
fragen konnte, so blieb mir nichts weiter übrig, als mir allein den
Kopf darüber zu zerbrechen. Darüber verging die halbe Nacht. Endlich kam mir der Gedanke an ein Zeitungsinserat. Mit Tagesanbruch stand ich auf, und ehe die Glocke zum Frühstück läutete, hatte
ich die folgenden Zeilen niedergeschrieben: ,Eine junge Dame --
als Lehrerin ausgebildet sucht Stellung in einer Familie mit
Kindern unter 1 Jahren. Sie kann Unterricht erteilen in Französisch, Zeichnen und Musik, sowie in allen den Fächern, die zu einer
guten Erziehung nach englischer Art erforderlich sind. Gefällige
Adressen erbeten an J. E. postlagernd Lowten.
Erst am Abend erhielt ich Urlaub, nach Lowten zu gehen, wo ich
meinen Brief zur Post gab. Auf dem Heimwwege geriet ich in strömenden Regen, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Die Woche,
die nun folgte, schien kein Ende zu nehmen, mit so großer Sehnsucht
erwartete ich den Tag, wo ich abermals nach Lowten gehen und mich
nach postlagernden Briefen erkundigen konnte. Endlich stand ich im
Postbureau. Die alte Dame, die den Schalterdienst versah, suchte
lange in dem Brieffach herum, und schon sank meine Hoffnung.
Schließlich aber reichte sie mir doch ein Kuvert heraus die einzige
Zuschrift, die auf mein Inserat eingelaufen war. Ich mußte meine
Ungedlud noch länger zügeln, denn ich hatte keine Zeit, den Brief
gleich auf der Post zu öffnen; es war schon 8 Ühr, und nach dem
Hausgesey mußte ich bis spätestens um acht Uhr zurück sein. Erst in
der Nacht, als ich auf meinem Stübchen allein war und keine Störung mehr zu befürchten brauchte, zog ich den Brief hervor, erbrach
das Siegel und las:
,Wenn J. E. die in ihrem Inserat genannten Fähigkeiten und
Vorzüge wirklich besitzt und genügende Referenzen über ihren Charakter und ihre bisherige Tätigkeit aufgeben kann, so wird ihr eine
Stellung mit einem Gehalt von dreißig Pfund Sterling im Jahr
geboten. Zu unterrichten ist nur ein kleines Mädchen von noch nicht
ganz zehn Jahren. Referenzen, Namen, Adresse usw. sind zu senden
an Frau Fairfax, Thornfield bei Millcote.
Ich betrachtete eingehend die Handschrift; sie war altmodisch und
unsicher, wie sie bei alten Damen zu sein pflegt. Das beruhigte
mich; denn ich hatte natürlich die Befürchtung gehegt, durch mein
eigenmächtiges Handeln an die falsche Adresse zu geraten, in schlechte
Hände zu fallen. Daß mir nun eine ältliche Dame antwortete, erfreute mich, und ich sah sie förmlich vor mir sityen, diese Frau Fairfax, im schwarzen Kleide, mit der Witwenhaube. Millcote war mir
aus der Heimatsgeographie her bekannt; es war eine große Fabrikstadt, bedeutend näher an London gelegen als Lowood.
Alm folgenden Tage teilte ich der Vorsteherin mit, daß ich eine
neue Stellung in Aussicht hätte, in der ich das doppelte Gehalt als
bisher erhalten würde und bat sie, bei Herrn Brocklehurst oder dem
Verwaltungskomitee um meine Entlassung nachzusuchen. Diese
Herren hielten es für nötig, erst an Frau Reed zu schreiben, da sie
mein natürlicher Vormund sei. Von dort kam dann die Antwort,
ich könne ganz nach Belieben handeln, da Frau Reed längst jeden
Anteil an meinen Angelegenheiten aufgegeben habe. Nach ganz unnötiger Verzögerung erhielt ich endlich die Erlaubnis, meine Stellung zu verbessern, wenn sich mir Gelegenheit dazu böte. Nachdem
abermals eine volle Woche verflossen war, erhielt ich ein Zeugnis
über meine Fähigkeiten, schickte eine Abschrift davon an Frau Fairfax und wurde brieflich aufgefordert, mich binnen vierzehn Tagen
bei ihr einzufinden, um meinen Posten als Erzieherin anzutreten.
Die vierzehn Tage vergingen nun sehr schnell, da ich mit den Vorbereitungen zu meiner Abreise alle Hände voll zu tun hatte.
Endlich war die bedeutsame Stunde gekommen. Im schwarzen
Kleide, mit Muff, Hut und Handschuhen stand ich reisefertig da. Ich
versuchte, mich zu beruhigen, aber es war mir nicht möglich, ich war
zu heftig erregt. Schloß doch mit dieser Stunde eine Phase meines
Lebens ab, und eine neue sollte beginnen, eine neue, von welcher ich
noch nicht wußte, ob sie gut oder böse für mich ablaufen würde. Während ich in fieberhafter Ungeduld wartete, wurde mir mitgeteilt, daß
jemand nach mir gefragt hätte.
,Das ist jedenfalls ein Bote aus Thornfield, dachte ich und
ging ins Sprechzimmer.
Eine Frau stand dort, gekleidet wie eine herrschaftliche Dienerin - schon etwas ältlich, doch noch hübsch und frisch.
,Ja, sie ist es!' rief eine Stimme, die mir bekannt vorkam.
,Fräulein Johanna, Sie haben mich doch nicht ganz vergessen?
,Bessie!' rief ich und umarmte sie, während sie sogleich einen
kleinen Buben, der am Ofen stand, heranzog. ,Das ist mein Junge,
sagte sie schmunzelnd.
,So sind Sie verheiratet, Bessie?' fragte ich.
aJa, seit fünf Jahren, mit Robert Leaven, dem Kutscher. Außer
Bobby habe ich noch ein kleines Mädel, das ist drei Jahre alt und
heißt Johanna.
,Sind Sie noch in Gateshead-Hall?
,Gewiß, aber wir wohnen im Pförtnerhäuschen; die alten
Portiersleute sind gestorben, und wir sind nun ihre Nachfolger.
,Wie geht es denn allen dort? Sie müssen mir erzählen, Bessie.
Komm, Bobby, sez' dich auf meinen Schoß!- Aber Bobby zog es
vor, bei seiner Mama zu bleiben.
,Groß sind Sie nicht geworden, Fräulein Johanna, sagte
Bessie, mich musternd, ,Nach dem Aeußern zu schließen, haben Sie
hier nicht allzu fett gelebt. Fräulein Elisa ist zwei Kopf größer als
Sie, und Fräulein Georgina mindestens noch einmal so breit.
,GGeorgina ist wohl sehr hübsch geworden, Bessie?
,Sehr hübsch. Im vorigen Winter waren sie in London, da
ist sie sehr vergöttert worden. Ein junger Lord hat sich um sie beworben, aber seine Familie war gegen die Heirat. Nun wollten die
beiden auf und davon laufen, aber Fräulein Elisa hat die Sache verraten - aus Neid, glaube ich. Nun leben die beiden Schwestern
wie Hund und Kate und zanken sich alle Tage.
,Was ist aus Hans Reed geworden?
,Er treibt's ein bißchen arg, so daß es selbst seiner Mutter zuviel wird. Auf der Universität ist er relegiert worden, wie sie es
nennen -- das heißt, fortgejagt. Sein Onkel, ein berühmter Rechtsanwalt, hat ihn zu sich genommen, aber das hat auch nicht lange gedauert. Es wird wohl nie was Gescheites aus ihm werden.
,Wie sieht er denn aus?
,Schlank und hübsch - bloß dicke, aufgeworfene Lippen hat er.
, Und Frau Reed?
,Sie sieht äußerlich sehr wohl aus, aber ich glaube, innerlich
sieht's anders aus. Sie grämt sich sehr ihres liederlichen Sohnes
wegen. Er verbraucht so sehr viel Geld.
,Hat sie Sie hergeschickt?
,Bewahre! aber ich hörte, man hätte bei Frau Reed angefragt.
ob sie ihre Genehmigung dazu erteilen würde, daß Sie eine andere
Stellung annähmen, und da dachte ich, Sie reisten am Ende weit fort.
Nun wollte ich Sie aber doch mal wiedersehen, und deshalb habe ich
mich auf den Weg gemacht.
, Und nun sind Sie wohl recht enttäuscht?
,Das will ich nicht sagen. Sie sehen aus wie eine Dame, mehr
habe ich nicht erwartet, denn schon als Mädchen waren Sie nicht
schön.
Ich mußte über diese Offenherzigkeit lächeln; aber ein wenig
Trauer mischte sich doch darein. Mit achtzehn Jahren wünscht wohl
noch jedes Mädchen zu gefallen, und auch ich war noch nicht ganz frei
von Eitelkeit.
, ,Dafür werden Sie wohl aber um so gelehrter sein, nicht wahr?
fuhr Bessie fort. ,Was können Sie denn alles? Klavier spielen,
Französisch sprechen, malen, sticken und nähen?
,Das kann ich alles, ja.
,C, dann werden Sie es schon zu etwas bringen, ob auch Ihre
Verwandten sich um Sie kümmern oder nicht. - Da fällt mir ein:
haben Sie mal etwas von den Verwandten Ihres Vaters, von den
Eyres, gehört?
,Im ganzen Leben nicht.
Vor etwa sieben Jahren war ein Herr bei Frau Reed, der nach
Ihnen fragte. Als er erfuhr, Sie seien in Lowood, war er sehr betrübt, weil er nicht dorthin reisen konnte. Sein Schiff, sagte er,
ginge schon am nächsten Tage ab. Er sah aus wie ein vornehmer
Herr, und ich glaube, es war der Bruder Ihres Vaters.
,Reiste er ins Ausland?
aJa, nach einer Insel, sehr weit, weit fort - wo sie Wein
machen, glaube ich.
,Vielleicht nach Madeira?
,Ja, so hieß es. Er blieb nur ein paar Minuten, denn Frau
Reed war sehr hochfahrend gegen ihn. Sie hat ja immer gesagt.
die Eyres wären arme Schlucker, und von diesem meinte sie, er sei
wohl weiter nichts als ein Weinreisender.
Wir mußten uns trennen. Die Postkutsche fuhr vor, die mich
nach Milcote bringen sollte. Fast zu gleicher Zeit kam die Post an,
die nach Gateshead fuhr, und wir konnten uns aus dem Wagenfenster
noch einmal zum Abschied zuwinken.
Für einen unerfahrenen jungen Menschen ist es ein bedrückendes
Gefühl, plötzlich ganz allein zu stehen. Der Reiz der Neuheit, das
Bewußtsein der Selbständigkeit versüßen dieses Gefühl, aber die
Furcht vor Enttäuschungen dämpft es doch. In dieser Stimmung
befand ich mich, als ich in Milcote in der Gaststube der Poststation saß.
Ich wartete eine halbe Stunde, dann wurde mir doch ein wenig
bange zumute, und ich wandte mich an den Kellner mit der Frage,
ob in der Nähe ein Ort namens Thornfield läge.
,Ich weiß nicht, meine Dame, aber ich werde mal fragen, war
die Antwort. Gleich darauf aber kehrte er wieder zurück und rief:
,Sie sind vielleicht Fräulein Eyre?
,Dann wartet hier jemand auf Sie.
Ich sprang auf, griff nach Muff und Regenschirm und eilte
hinaus. Ein Mann stand in der offenen Tür, und im Scheine
einer Laterne erkannte ich einen einspännigen Wagen. Als er mich
erblickte, fragte er nach meinem Gepäck, hob meinen Koffer auf den
Bock, hieß mich einsteigen und stieg dann selbst auf seinen Platz.
,Wie weit ist es denn bis Thornfield? fragte ich.
,Sechs Meilen etwa.
,Und wie lange fahren wir?
,Anderthalb Stunden.
,Dann bin ich ja dem Endziel meiner Reise nicht mehr fern,
dachte ich bei mir, ließ das Fenster herab und sah mir die Landschaft
an, durch die wir fuhren. Die Gegend war weniger malerisch als
die um Lowood und schien dichter bevölkert, denn wir kamen sehr oft
durch die kotigen Straßen eines Dorfes. Mir kam es so vor, als
wenn die Fahrt weit länger dauerte als anderthalb Stunden. Endlich aber hörte ich den Kutscher vom Bock herab mir zurufen: ,jetzt
sind wir gleich da!
Ich sah den breiten, niedrigen Turm einer Dorfkirche, deren Ühr
eben die Viertelstunde schlug; dann ging es eine Anhöhe hinauf und
an einer Reihe von vereinzelten Lichtern vorbei. Es war ein Dorf,
das sich längs der Straße erstreckte. Nach etwa zehn Minuten stieg
der Kutscher ab, öffnete ein Tor und führte den Wagen in einen
Park. Eine breite, von hohen Bäumen eingefaßte Allee führte zur Vorderfront eines Hauses, dessen Fenster alle, bis auf eins, finster
waren. Ein Dienstmädchen stand in der Tür und führte mich hinein.
Sie geleitete mich in eine viereckige Halle, in die auf allen Seiten
eine große Zahl von Türen mündete, und dann in ein Zimmer, das
durch ein Kaminfeuer und durch Kerzen hell erleuchtet war. Im
ersten Moment blendete mich dieses Licht, da ich solange im Finstern
geweilt hatte. Rasch aber gewöhnten sich meine Augen daran und
ließen mich nun ein trauliches, anheimelndes Bild erschauen.
Ein gemütliches Stübchen - ein runder Tisch - flackernde
Glut im Ofen ein altmodischer Lehnstuhl - und darin eine behäbige alte Dame in schwarzseidenem Kleide mit weißer Schürze und
der Witwenhaube auf dem Kopfe - ganz wie ich mir Frau Fairfax vorgestellt hatte, ja noch leutseliger und gutmütiger. Sie strickte,
und eine große Kate lag schnurrend zu ihren Füßen.
,Schönen guten Abendlr rief sie mir entgegen. ,Sie haben
eine langweilige Fahrt hinter sich, nicht wahr? Und kalt muß Ihnen
auch sein, kommen Sie ans Feuer.
,Habe ich die Ehre mit Frau Fairfax? fragte ich.
,Das bin ich. Bitte Plat zu nehmen. Dabei führte sie mich
zu ihrem eigenen Stuhl, band mir den Hut los und nahm mir das
Umschlagetuch ab. Ich bat sie, sich meinetwegen nicht so viele Umstände zu machen. - ,Das sind ja keine Umstände, antwortete sie.
!
,Ihre Finger müssen steif sein von der Kälte. Lea, mach etwas
Glühwein und ein paar Butterbrötchen. Kommen Sie doch näher
ans Feuer, liebes Fräulein. Ihr Gepäck wird inzwischen auf Ihr
Zimmer gebracht.
,Solch einen Empfang hatte ich nicht erwartet,' dachte ich bei
mir, ,doch freilich darf man nicht zu früh jubeln. Das Dienstmädchen kam wieder und brachte die bestellten Erfrischungen. Ich
ließ mich nicht nötigen, denn obwohl es meine Brotherrin war, wie
ich vermeinte, welche mich mit so großer Aufmerksamkeit empfing,
fühlte ich dennoch dieser gutmütigen Matrone gegenüber nicht die
leiseste Verwirrung.
,Werde ich Fräulein Fairfax heute Abend noch sehen können?
fragte ich nach kurzem Schweigen.
,Wie meinten Sie? erwiderte die Alte. ,Ich bin ein wenig
schwerhörig.- Fräulein Fairfax? rief sie, als ich meine Frage
wiederholt hatte. ,O, Sie meinen Ihre künftige Schülerin? Die
heißt Varens.
,So? dann ist es nicht Ihre Tochter?
,Bewahre. Ich bin ohne Familie.
Ich war ein wenig verwundert, aber es schien mir unhöflich,
gleich am ersten Abend Fragen zu stellen, und deshalb schwieg ich.
Frau Fairfax schwatte unbefangen weiter.
,Wie froh bin ich, Sie hier zu haben! Nun hat man doch Gesellschaft, da wird es angenehmer werden. Freilich, Thornfield ist
ein prächtiger alter Herrensiz, aber wenn man ganz allein ist, fühlt
man sich am schönsten Ort nicht wohl, namentlich im öden Winter.
Mit den Dienstboten kann man halt doch nicht so ungeniert verkehren, man muß sich stets den Respekt sichern. Vom November bis
zum Februar ist außer dem Schlächter und dem Postboten keine
Menschenseele ins Haus gekommen, und mir wurde schon ganz
jchwermütig ums Herz. Der Sommer hat's dann wieder ein bißchen
gebessert. Im Herbst kam die kleine Adele Varens mit ihrer Wärterin. Ein Kind bringt immer Leben mit sich. Na, und nun sind
Sie hier, da brauche ich mich vor diesem Winter nicht so sehr zu fürchten wie vor dem leyten. Aber jetzt will ich Sie nicht mehr lange auf-
halten, Sie müssen recht müde sein. Ich will Ihnen gleich Ihr Schlafzimmer zeigen. Es liegt gleich neben meiner Stube. Ich habe
Ihnen ein kleines gegeben, die sind nämlich alle gemütlicher als
die großen Gemächer nach vorn heraus. Die großen sind wohl prächtiger möbliert, aber düster und fast unheimlich. Ich wenigstens
fühle mich nicht wohl darin.
Ich dankte ihr für die rücksichtsvolle Wahl, die durchaus nach
meinem Sinne war, und schritt nun hinter ihr her eine schwere eichene
Treppe hinauf, die hohe, vergitterte Fenster hatte und dadurch ein
fast kirchliches Aussehen erhielt. Eine dumpfe Luft, wie in einem
Gewölbe, herrschte, und ich war wirklich froh, als ich in das mir angewiesene Zimmer trat. Frau Fairfax wünschte mir Gutenacht, ich
verschloß meine Tür und hielt Umschau. Das Stübchen machte einen
sehr behaglichen Eindruck, und ich fühlte mich darin vom ersten
Augenblick an heimisch. Dankbaren Herzens kniete ich am Bette
nieder und betete zu dem, dem ich Dank schuldete, erflehte seine
fernere Hilfe auf meinem Pfade und legte mich dann ruhig und zufrieden nieder. Ich schlief rasch ein und erwachte erst, als es heller
Tag war.
Sorgfältig machte ich Toilette, denn ich wollte bei aller Einfachheit doch sauber und nett aussehen. Ich war mir wohl bewußt,
daß ich keine Schönheit war, und in diesem Augenblick empfand ich es
sogar als ein Unglück, so klein und blaß zu sein, so unregelmäßige,
scharfe Züge zu haben. Dennoch, als ich mein schwarzes Haar gekämmt, eine reine, weiße Halskrause angetan und mein dunkles Kleid
schön glatt gestrichen hatte, hoffte ich, Frau Fairfax zu gefallen und
auch meinem kleinen Zögling nicht gerade abstoßend zu erscheinen.
Ich stieg die eichene Treppe hinunter und trat in die Halle.
Jetzt erblickte ich, was ich am Abend nicht hatte sehen können, mehrere
Gemälde an den Wänden - offenbar Ahnen eines adeligen Geschlechts; zweiBilder - ein finster dreinschauender Mann in Rüstung
und eine Dame mit gepudertem Haar - fielen mir als besonders
imposant ins Auge. Eine große Wanduhr mit geschnitztem Gehäuse,
eine von der Decke herabhängende Bronzelampe verliehen der Halle
einen stattlichen, altertümlichen Zug. Die Tür war halb aus Glas.
Ich trat hinaus und betrachtete von dem freien Platze aus die Front
des Hauses. Es war ein schöner Herbstmorgen; die schon rot und
gelb gefärbten Blätter der Bäume glühten im Sonnenschein. Das
Haus war drei Stockwerke hoch und sah mit seinen Zinnen auf dem
Dache sehr malerisch aus. Ein paar Krähen schwebten darüber hin.
,Wie? schon mobil? rief eine Stimme, und Frau Fairfax stand
in der Tür. Ich ging zu ihr und wurde mit einem herzlichen Händedruck begrüßt.
,Nicht wahr, Thornfield ist ein ganz stattlicher Herrensih?
fuhr sie fort. ,Nur schade, daß der Herr Rochester es so vernachlässigt und seine anderen Besitungen vorzieht.
,Wer ist Herr Rochester? fragte ich erstaunt.
,Nun, der Besiyer von Thornfield. Wußten Sie nicht, daß er
Rochester heißt?
Woher hätte ich das wissen sollen? ,Ich glaubte, antwortete
ich, ,Thornfield sei Ihr Eigentum.
,Gott behüte! Ich bin doch nur die Haushälterin,' erwiderte
die alte Dame. ,Allerdings bin ich von mütterlicher Seite her mit
Herrn Rochester verwandt, oder vielmehr mein verstorbener Gatte
war es- der Prediger von Hay, von dem kleinen Dorf, das Sie
da drüben liegen sehen. Aber ich tue mir auf diese Verwandtschaft
nie etwas zugute, sondern betrachte mich selbst eben nur als Angestellte und bin zufrieden, wenn der Herr höflich und freundlich zu
mir ist. Na, und das ist er ja auch.
,Und meine Schülerin?
,Sie ist Herrn Rochesters Mündel. Er hat mich beauftragt.
eine Erzieherin für sie zu suchen. Da kommt sie mit ihrem Kindermädchen.
Also war diese freundliche Matrone keine große Dame, sondern
eine Untergebene wie ich selbst. Nun, deshalb war sie mir nicht
minder lieb. Während ich noch über diese Entdeckung nachsann, kam
ein kleines Mädchen herzugelaufen- ein Kind von etwa sieben bis
acht Jahren, zart gewachsen, von blasser Farbe, mit langen Locken
und anscheinend sehr lebhaft und ausgelassen.
,Guten Morgen, Adele! rief Frau Fairfax ihr entgegen.
, Komm her und sprich mit der Dame da, sie ist deine neue Lehrerin
und soll mal eine gescheite Dame aus dir machen.
,Das ist meine Gouvernante? sagte die Kleine, kam ungeniert
auf mich zu und reichte mir die Hand. ,Wie heißen Sie denn?
Wir gingen zusammen ins Haus und setzten uns an den Frühstückstisch. Adele aber kletterte bald von ihrem Stuhl herunter, kam
zu mir und setzte sich auf meinen Schoß. Es freute mich sehr, daß
sie von vornherein so zutraulich war. Sie fragte mich, ob sie mir
zeigen dürfte, wie schön sie singen könnte. Dann begann sie ein
Lied von einer verlassenen Frau, die ihren treulosen Geliebten beweint, dann aber sich in die prachtvollsten Gewänder wirft und auf
einen Ball geht, um dem Falschen zu beweisen, daß sie auch ohne ihn
vergnügt sein könne. Das Lied schien mir seltsam gewählt für eine
kindliche Stimme, aber sie sang es sehr geschmackvoll. Als ich sie
fragte, wo sie es her hätte, erzählte sie mir, ihre Mama habe es oft
gesungen.
,Fragen Sie sie doch, ob sie sich noch gut auf ihre Mama besinnen könne? warf Frau Fairfax leise ein.
,O gewiß,' beantwortete Adele meine Frage. ,Wir haben in
einer großen, großen Stadt gewohnt, und viele vornehmen Damen
und Herren kamen zu meiner Mama, da habe ich oft gesungen wie
jetzt und auch getanzt. Aber meine Mama ist zur heiligen Jungfrau
gegangen, und dann kam Herr Rochester und nahm mich mit.
Nach dem Frühstück ging ich mit Adele ins Bibliothekzimmer.
Diesen Raum hatte Herr Rochester zum Schulzimmer bestimmt.
Mehrere Schränke waren verschlossen; der eine aber, der offen stand,
enthielt alles, was zum Unterricht erforderlich war, und daneben auch
interessanten Lesestoff für mich: Reisebeschreibungen, Gedichtsammlungen, Romane -- eine reiche goldene Ernte im Gegensat zu den
faden Traktätchen, mit denen wir in Lowood überfüttert worden,
waren. Ein Klavier mit herrlichem Ton, eine Staffelei und ein
großer Globus vervollständigten die Einrichtung der Bibliothek.
Meine Schülerin war sehr lieb, aber recht oberflächlich und zerstreut,
hatte man sich doch auch bisher noch nie an folgerichtige Beschäftigung
gewöhnt. Deshalb überhäufte ich sie im Anfang nicht mit Arbeit,
sondern erlaubte ihr, alle Mittage, nachdem sie ein wenig gelernt, zu
ihrer Wärterin zurückzukehren. Des Nachmittags beschäftigte ich
mich nach meinem Gefallen mit Zeichnen, Lesen und Handarbeit.
Oft leistete ich auch der guten Frau Fairfax Gesellschaft oder half ihr
beim Staubwischen.
durch ihre für meine Begriffe feenhafte Pracht. Orientalische Teppiche, rote Sessel mit goldenen Füßen, Kamine aus Marmor, Blumengirlanden an den Decken, Möbel aus Ebenholz, wundersam
geschnite Schränke, Armleuchter von blitzendem Glas, große Spiegel
und schwere Portieren - das alles war für mich etwas ganz Neues.
,Herr Rochester hat zwar selten Besuch, wenn er hier ist, plauderte Frau Fairfax; ,aber er liebt es nicht, die Sachen verhüllt zu
sehen, darum ist es das beste, die Zimmer stets in Bereitschaft zu
halten.
,Ist Herr Rochester streng und kleinlich?
,Durchaus nicht; aber er ist von hohem Adel und kennt es nicht
anders, als daß sich alles nach ihm richtet.
,Ist er sehr beliebt?'
,O ja. Die Familie genießt hier großes Ansehen; denn seit
Menschengedenken hat alles Land in dieser Gegend den Rochesters
gehört.
,Ich meine, ob Sie ihn lieben - abgesehen von seinen Besitzungen und seinem Adel.
,Warum sollte ich nicht? Er ist gerecht und freigebig zu allen
seinen Untergebenen, wenn auch ein wenig absonderlich. Das kommt
aber wohl daher, weil er viel gereist ist und fast die ganze Welt gesehen hat. Ich glaube auch, er ist sehr gescheit, obwohl ich noch nie
Gelegenheit hatte, mich viel mit ihm zu unterhalten.
,Inwiefern ist er denn absonderlich?
,Das ist schwer zu sagen. Kurz und gut, man versteht ihn nicht
so recht, man weiß nie, ob er im Ernst oder im Scherz redet, ob er
sich freut oder ärgert. Trotzdem ist er ein guter Herr.
Wir gingen von Zimmer zu Zimmer, treppauf und treppab,
und alles fand ich schön und geschmackvoll. Manches Gemach erschien
mir ganz besonders prächtig und imposant, andere wieder düster und
schwermütig durch die altertümlichen, Reliquien ähnlichen Möbel.
,Hier schläft niemand, sagte Frau Fairfax, ,Nicht wahr, wenn
es einen Geist in Thornfield-Hall gäbe, so würde dies für ihn eine
geeignete Region sein.
,Aber Sie haben doch keinen Geist hier?
,Wenigstens habe ich noch nie von einem gehört, antwortete die
Matrone lächelnd.
Während dieser Worte traten wir auf den Korridor des dritten
Stockwerks und wollten zur Bodentreppe hinauf aufs Dach steigen,
denn Frau Fairfax wünschte, daß ich die schöne Aussicht bewundern
solle, da schlug ein Geräusch an mein Ohr, das ich in dieser Umgebung am wenigsten zu hören erwartet haben würde: ein deutliches, doch höchst seltsam klingendes Lachen, langgezogen, schrill, gespenstisch. Ich erschrak und faßte den Arm meiner Führerin.
,Haben Sie gehört?' flüsterte ich. ,Woher kam das? Wer
war es?
,Wohl eins von den Dienstmädchen, war die ruhige Antwort. -
,Vielleicht auch Grace Poole. Ich höre sie oft, denn sie näht in jenem
Zimmer dort. Grace! rief sie und pochte leise an die Tür, neben
der wir standen.
Ich erwartete kaum, daß ein menschliches Wesen auf diesen Ruf
antworten würde, so überirdisch, so unnatürlich hatte dieses Lachen
geklungen; aber die Tür öffnete sich, und eine Frau von etwa vierzig
Jahren trat heraus, untersetzt, starkknochig, rothaarig und überaus
häßlich. Man hätte sich kaum eine weniger romantische Erscheinung
vorstellen können.
,Nicht so viel Lärm machen, Grace! sagte Frau Fairfax, ,Vergiß deine Weisungen nicht.
Grace erwiderte nichts, machte einen Knix und verschwand.
,Sie besorgt das Flicken der Wäsche, erklärte Frau Fairfax,
,und macht sich in manchen Dingen nütlich. Doch, ehe ich's vergesse: Wie sind Sie denn mit Ihrer Schülerin zufrieden?
Auf diese etwas plumpe Weise lenkte sie das Gespräch auf Adele,
und wir stiegen zum Dache hinauf, von wo aus ich die hügelige, bewaldete Landschaft wie einen großen grünen Garten im Sonnen-
lichte liegen sah. Als wir hinunterkamen, wurde das Mittagessen
aufgetragen.
Eine Begegnung.
Ein paar ruhige Wochen waren verflossen, und ich fand alles
verwirklicht, was ich mir bei der Suche nach einer neuen Stellung
irgend gewünscht hatte. Meine Schülerin war sehr verwöhnt und
zuweilen eigensinnig, ja widerspenstig; doch da sie ganz meiner Obhut anvertraut war und niemand mir in das Handwerk pfuschte, gelang es mir bald, ihr die kleinen Launen abzugewöhnen und sie zu
fleißigem Lernen anzuhalten. Sie hatte keinerlei Talente oder
Charakterzüge, die sie über das Durchschnittsmaß eines normalen
Kindes hinausgehoben' hätten. Sie machte gute Fortschritte und gewann mich sehr lieb, so daß ich wirklich Gefallen an meiner Aufgabe fand.
Abgesehen von ihr und von Frau Fairfax, hatte ich jedoch keinen
Umgang, und daher war ich oftmals allein. Dann kamen wohl
Augenblicke, wo ich mich trotz allem Guten, das ich in Thornfield-Hall
genoß, nach einem andern Lose sehnte; aber ich tröstete mich mit dem
Gedanken, daß Millionen von Menschen zu einem noch stilleren Dasein verurteilt wären und auch damit zufrieden sein müßten.
Wenn ich so allein war, hörte ich manchmal Grace Pooles absonderliches Lachen, und es erschütterte mich jedesmal aufs neue.
Ich hörte auch ihr exzentrisches Plappern und Knurren, das fast noch
unheimlicher klang als ihr Lachen. Tagelang war sie nicht zu hören
und verhielt sich mäuschenstill, dann aber erklangen in ihrem Zimmer wieder Laute, die mir ganz unerklärlich erschienen. Bisweilen
sah ich sie auch, wenn sie mit ihrem Krug zur Küche ging, um sich
ihr Maß Porterbier zu holen. Bei ihrem Anblick verschwand die
Aufregung, in die mich ihre seltsamen Laute versetzten, denn ihr
Aeußeres vermochte in keiner Weise Interesse zu erwecken. Ein
paarmal versuchte ich, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, aber sie
war sehr wortkarg und gab mir stets eine so einsilbige Antwort,
daß ich nichts weiter zu sagen wußte.
Die andern Mitglieder des Haushalts, John, der Kutscher, und
seine Frau, das Dienstmädchen Lea und die Bonne Sophie, waren
sehr anständige Leute, aber niemand hatte etwas Besonderes an
sich; es waren Dienstpersonen, wie man sie in gewissenhaft geführten Häusern zu finden gewöhnt ist.
Oktober, November und Dezember verflossen. An einem Nachmittag im Januar hatte ich Adele von dem Unterricht befreit, weil
sie erkältet war. Frau Fairfax hatte einen Brief geschrieben und
bat mich, ihn nach Hay zur Post zu bringen. Ich versprach mir
davon einen ganz angenehmen Spaziergang, nahm von Adele, der
ich ihre hübscheste Puppe in die Hand gelegt, mit einem herzlichen
Kuß Abschied und machte mich auf den Weg.
Der Boden war hartgefroren, die Luft war still, die Straße
menschenleer. Es war drei Ühr; die Dämmerung nahte, in der
mattstrahlenden Sonne warfen die Bäume dünne, lange Schatten.
Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich die kahlen Felder, auf den
struppigen Wiesen weidete kein Vieh. In den laublosen Hecken
raschelten ein paar braune Vögel, gleich welken Blättern, die vergessen hatten, abzufallen.
Ich blieb von Zeit zu Zeit stehen und sah mich um. Den Mantel dichter um mich ziehend, die Hände im Muff vergrabend, stieg ich
den Hügel hinauf, über den mein Pfad emporführte. Stellenweis
kam ich nur langsam vorwärts, weil eine dünne Eisschicht, die Spur
eines gefrorenen Bächleins, den Boden überzog. Oben angelangt,
sah ich auf Thornfield hernieder; das stattliche Herrenhaus bildete
den hervorragendsten Punkt in der Aussicht auf diese Seite des Tales.
Zur andern Seite lag das Städten Hay, das aus spärlichen Schornsteinen Rauch zum bleifarbenen Himmel hinaufschickte.
Plötzlich unterbrach ein Geräusch die tiefe Stille. Es war das
Trappeln eines Pferdes, das die Biegungen des Weges noch meinen
Blicken entzogen. Ehe es noch sichtbar wurde, raschelte es in der
Hecke, und ein großer Hund von der Rasse der Bernhardiner kam
herangesprungen, blickte mich mit großen Augen an und lief ruhig
weiter. Nun tauchte auch das Pferd auf.
Es trug einen Reiter im Sattel. Der Mann nahm ebensowenig
Notiz von mir wie der Hund; doch er war kaum ein paar Meter an
mir vorbei, so vernahm ich einen Lärm, als wenn das Pferd stürzte,
und ein Ruf des Aergers und des Schmerzes klang an mein Ohr.
Eine Ecke des Weges hatte Roß und Reiter inzwischen schon wieder
unsichtbar gemacht. Ich eilte nun um diese Ecke herum und sah
tatsächlich beide am Boden liegen, Das Pferd war auf der Eisfläche
ausgeglitten und lag halb auf seinem Herrn. Ich trat rasch herzu.
Der Mann machte so heftige Anstrengungen, unter dem Gaule hervorzukommen, daß er wohl kaum ernstlich Schaden genommen haben
konnte, dennoch fragte ich ihn danach.
,Beiseite!’ rief er mir zu, indem er sich auf die Knie aufrichtete
und sich dann vollständig erhob. Gleich darauf riß er am Zügel des
Pferdes, das sich herumwälzte, mit den Beinen schlug und sich dann
mit einem energischen Ruck aufrichtete. Darauf untersuchte der Mann
seinen Fuß und schien von dem Ergebnis nicht sehr befriedigt, denn
er hinkte zu dem Zaune am Wegesrande hin und setzte sich dort
nieder.
,Sind Sie verletzt, Herr? fragte ich, ihm auch dorthin folgend.
,Ich könnte dann aus Hay oder aus Thornfield Beistand holen.
,Danke. Ich werde allein fertig. Gebrochen ist nichts, nur
eine kleine Verstauchung, das ist alles, antwortete er und stand auf,
das Gesicht schmerzlich verziehend.
Es war kein hübscher Mann, mit dem der Zufall mich da zusammengeführt hatte. Er trug einen weiten Reisemantel und schien von mittlerer Größe, aber ungemein breitschultrig zu sein. Sein Gesicht war mürrisch, seine Stirn sehr hoch, seine Brauen dicht
und über der Nase zusammengewachsen; seine dunklen Augen funkelten in diesem Moment vor Zorn. Er war über die erste Jugend
hinaus; ich schätzte ihn auf 8 Jahre. Bis jetzt hatte ich fast noch
niemals mit einem Manne zu tun gehabt. Ich hegte eine theoretische
Verehrung für alles Schöne, Vornehme und Liebenswürdige; dennoch fühlte ich instinktiv, daß ich bei meiner Unscheinbarkeit mich von
jedem Manne, der diese Eigenschaften in sich vereinte, fernhalten
müsse wie von dem Feuer. Da aber dieser Mann eher das war, was
man im gewöhnlichen Leben häßlich nennen würde, so empfand ich
keine Scheu vor ihm. Ja, wenn er freundlich zu mir gewesen wäre
und mich angelächelt hätte, so würde ich wahrscheinlich meines Weges
gegangen sein; aber sein finsteres Gesicht, seine barsche Antwort
ließen mich bleiben.
,Nein, nein, sagte ich, ,in diesem Zustande kann ich Sie an
einem solchen einsamen Fleck nicht allein lassen. Wenigstens muß
ich mich erst davon überzeugen, ob Sie auch imstande sind weiterzureiten.
Als ich dies sprach, sah er mich an.
“Mich dünkt, Sie täten gut daran, dafür zu sorgen, daß Sie selbst under Dach und Fach kommen,” murmelte er. “Wo sind Sie her?”
Ich deutete auf Thornfield-Hall, auf das das Licht des inzwischen aufgegangenen Mondes fiel.
“Ich fürchte mich nicht, allein draußen zu sein, es ist ja ein heller Abend,” erwiderte ich. “Gern will ich Ihnen Leute aus Hay besorgen, denn ich muß einen Brief auf die Post bringen.”
“Wem gehört das Haus dort unten?” fragte er.
“Herrn Rochester.”
“Kennen Sie Herrn Rochester?”
“Nein, er hat sich bis jetzt noch nicht sehen lassen.”
“Also wohnt er jetzt nicht dort? Können Sie mir sagen, wo man ihn findet?”
“Das weiß ich nicht.”
“Sie können doch wohl kein Dienstmädchen sein,” sagte er, mich betrachtend. “Sie sind wohl—“
“Ich bin die neue Lehrerin.”
“Ach so, die Lehrerin!” wiederholte er. “Zum Teufel ja, die Person hatte ich ganz vergessen. Die Lehrerin!” Er erhob sich, versuchte zu gehen, mußte aber doch den Arm nach mir ausstrecken, da er sich allein nicht bewegen konnte. “Sie brauchen niemand zu holen; das geht ja auch nicht an,” sagte er, “aber Sie können mir selbst ein bißchen behilflich sein. So! Nun versuchen Sie mein Pferd am Zügel zu fassen und herzuführen.”
Furchtsam näherte ich mich dem Tiere, das nach dem Falle sehr unruhig war, allein es wollte mich nicht herankommen lassen und schlug mit den Hufen nach mir. Mein Bemühen war vergeblich, und ich mußte es aufgeben. Der Fremde lachte.
“Ich sehe schon, Sie verstehen das nicht,” rief er. “Verzeihen Sie, aber ich bin gezwungen, Sie als Stütze zu benützen.” Und er legte seine schwere Hand auf meine Schulter und hinkte, die Lippen aufeinanderpressend, zu seinem Pferde, ergriff den Zügel, zwang es im Augenblick zur ruhe, setzte das unbeschädigte Bein auf den Steigbügel und schwang sich – nicht ohne einen unterdrückten Schrei des Schmerzes – in den Sattel. “Besten Dank!” rief er, pfiff seinem Hunde, gab dem Pferde einen leichten Schlag mit der Peitsche und sprengte von dannen.
In nachdenklicher Stimmung setzte ich meinen Weg fort. Der Vorfall war an sich bedeutungslos, und doch bedeutete er eine bis jetzt von allen andern verschiedene Stunde meines Lebens. Zum ersten war meine Hilfe in einer einigermaßen ernsten Lage beansprucht worden; zum erstenmal hatte ich mein passives, gleichförmiges Dasein verlassen und Gelegenheit zu einer Tat gefunden, mochte sie auch noch so belanglos sein. Auch hatte ich ein neues Gesicht erblickt, ein männliches, ernstes, strnges Antlitz, das nicht ohne Eindruck auf mich geblieben war, und das ich noch immer vor mir sah, während ich zur Post ging und als ich heimkehrte.
An diesem Abend bedrückte es mich fast, Thornfield wieder zu betreten; bedeutete dies doch die Rückkehr zu dem montonen, fast leblosen Dasein in der Einsamkeit. Mir war, als sollte ich in der Luft der totenstillen Halle ersticken, und beklommen stieg ich zu meinem Zimmer hinauf. Ach! Die Vorteile der Sicherheit, des Geborgenseins, der Freiheit von allen Nahrungsorgen schätzte ich in diesem Augenblick sehr gering; ich sehnte mich nach einem aufreibenden Leben mitten im Sturm der Zeit, unter tätigen, ringenden Menschen, mich verlangte danach, bittere Erfahrungen zu sammeln, etwas zu erleben, etwas zu erkämpfen.
Schon in der Halle hatte ich mich gewundert, daß an diesem Abend – was bisher noch nie der Fall gewesen – die große Bronzelampe brannte. Als ich die Treppe hinaufstieg, wuchs mein Erstaunen, den nein großer Hund kam mir plötzlich entgegen. Er war dem jenigen, den ich auf der Straße gesehen hatte, so sehr ähnlich, daß ich mich versucht sah, ihn be idem Namen zu rufen, den ich von seinem Herrn gehört.
“Pilot!”
Und das Tier kam heran und beschnüffelte mich. Ich streichelte es, und es wedelte mit dem buschigen Schweife; aber es sah mir doch ein wenig zu unheimlich aus, um allein mit ihm zu bleiben, deshalb klingelte ich. Das Dienstmädchen Lea erschien.
“Wo kommt der Hund her?” fragte ich.
“Der Herr hat ihn mitgebracht.”
“Welcher Herr?”
“Ei, Herr Rochester. Er ist eben angekommen.”
“So?” Und ist Frau Fairfax bei ihm?”
“Ja, und Adele auch. Im Speisezimmer sind sie, und John hat
sich auf den Weg machen müssen, um den Wundarzt zu holen, denn
der gnädige Herr ist mit dem Pferde gestürzt und hat sich den
Knöchel verstaucht.
,Wohl in dem Heckenweg, der von Hay herkommt? -
,Ja, dort, wo es bergab geht - es war etwas Glatteis da.
,Lea, bringen Sie mir doch bitte eine Kerze.
Als Lea zurückkehrte, kam Frau Fairfax mit ihr und erzählte
mir, der Doktor sei da und habe Herrn Rochester zu Bett gebracht.
Am folgenden Tage hatte ich meine schwere Not mit Adele; sie
war nicht zu halten und lief alle Augenblicke nach der Tür, um nach
Herrn Rochester zu schauen. Er hatte ihr erzählt, daß er ihr etwas
mitgebracht hätte, doch sei der Koffer noch nicht da; nun konnte sie
es nicht erwarten, die Geschenke zu sehen, weil Herr Rochester ihr
jedesmal, wie sie sagte, so prachtvolle Sachen mitbrächte.
Wir mußten das Bibliothekzimmer räumen und uns in einem
Stübchen des oberen Stockwerks einquartieren. Der Hausherr
brauchte die Bibliothek als Geschäftszimmer und empfing darin nun
die Besuche seiner Pächter, Verwalter und Freunde aus der Umgebung. Wir speisten wie gewöhnlich mit Frau Fairfax zusammen.
Während der Mahlzeit teilte sie mir mit, Herr Rochester habe den
Wunsch geäußert, mich zum Tee zusammen mit Adele bei sich zu sehen.
,Um wie viel Uhr nimmt er den Tee? fragte ich.
a, um sechs Uhr. Ziehen Sie sich ein bißchen hübsch an, nicht
wahr?
,Ist das durchaus notwendig?
,Ich meine doch. Ich wenigstens mache stets Toilette für den
Abend, wenn Herr Rochester hier ist.
Ich zog infolgedessen mein schwarzseidenes Kleid an und steckte
eine Perlenbroche vor, den einzigen Schmuck, den ich besaß - ein
Geschenk von Fräulein Temple. Mir war beklommen zumute, und
ich sah den Empfang des Herrn Rochester nach so formellen Vorbereitungen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Hinter Frau
Fairfax trat ich ein. Zwei Kerzen brannten auf dem Tische, zwei
auf dem Kamin. Pilot lag vorm Ofen, Adele kniete neben ihm.
Herr Rochester lag auf einem Diwan; sein Fuß war durch ein Kissen
gestutzt. Der Schatten des Feuers fiel auf sein Gesicht, und ich erkannte sofort den Reiter mit der hohen Stirn und den dichten, kohlschwarzen Augenbrauen. Des Mantels ledig, erschien mir seine Gestalt fast eckig; die Brust war sehr breit, die Hüften schmal - er hatte - den gedrungenen, kraftvollen Bau eines Athleten.
Er hatte uns gewiß eintreten hören; doch offenbar war er noch
nicht in der Laune, von uns Notiz zu nehmen, denn er wandte nicht
einmal den Kopf zu uns hin.
.Hier ist Fräulein Eyre, sagte Frau Fairfax ruhig. Doch Herr
Rochester betrachtete nach wie vor Adele und den Hund.
,Fräulein Eyre kann Platz nehmen, antwortete er in ungeduldigem Tone, als wenn er sagen wollte: ,Was kümmert mich Fräulein Eyre? Ich habe jetzt keine Lust, mit ihr zu sprechen.'
Dieser unhöfliche Empfang befreite mich wiederum von aller
Verlegenheit. Hätte er mich mit Zuvorkommenheit begrüßt, so würde
ich nicht gewußt haben, was ich tun sollte; nun ließ er mich sogar
einen kleinen Vorteil über sich erringen, indem er mir Anlaß gab,
seinen gänzlichen Mangel an guten Manieren unbeachtet zu lassen.
Er betrug sich nun weiter in dieser Weise, kalt wie eine Statue,
sprach kein Wort und bewegte sich nicht einmal. Frau Fairfax hatte
wohl die Empfindung, als wenn wenigstens einer liebenswürdig sein
müsse, und begann in ihrer zutraulichen Manier zu plaudern. Sie
empfahl ihm Geduld mit seinem verletzten Fuß und sprach die Hoff-
nun auf baldige Genesung aus.
“Ich wünsche eine Tasse Tee, Madame,” war die einzige Antwort, die ihr zuteil wurde.
Sie klingelte, und Lea brachte das Gerät herein. Frau Fairfax legte die Löffel aus, setzte die Tassen zurecht und wies mir und Adele Plätze an. Herr Rochester rührte sich nicht von seinem Ruhebett.
“Reichen Sie bitte Herrn Rochester die Tasse, Fräulein Eyre,”
sagte die Wirtschafterin zu mir. ,Adele könnte sie fallen lassen.
Ich tat es. Er nahm die Tasse entgegen, sah mich offen, aber kalt an und fragte: ,Sie sind jetzt schon drei Monate hier?
‘Jawohl, Herr.”
,Und kamen aus -“
,Aus Lowood.”
.Ah, aus einer Wohltätigkeitsanstalt. Wie lange waren Sie
dort?’
,Acht Jahre.’
“Sie müssen ein zähes Leben haben. Man sollte meinen, die Hälfte dieser Zeit müsse genügen, in solch einer Anstalt einen Menschen kaputt zu machen. Deshalb sehen Sie auch so geisterhaft aus, als kämen Sie aus einer andern Welt. Als ich Ihnen gestern zwischen den Hecken begegnete, glaubte ich, ein Gespenst vor mir zu haben, das mein Pferd behext hätte. Was sind Ihre Eltern?”
,Ich habe keine.’
,Hatten wohl auch nie welche - oder erinnern sich ihrer nicht?
Nun ja, ich bin meiner Sache nicht ganz gewiß, ob Sie nicht doch
so etwas wie ein Wesen aus der Fabelwelt sind. Warteten Sie dort
am Zaun auf Ihre Kameradinnen, auf die Elfen der Mondscheinnacht? Haben Sie mir das verdammte Eis über den Fußweg gezaubert?
Ich schüttelte den Kopf. ,Die Feen und Elfen, antwortete ich
in ebenso ernstem Tone, wie er, ,haben schon vor hundert Jahren
England verlassen.
,Nun, wenn Sie Ihre Eltern verleugnen,' fuhr Herr Rochester
fort, ,so haben Sie doch wohl Verwandte, Onkel oder Tanten?
,Keine, die ich kenne.
,Auch keine Brüder und Schwestern?
,Beides nicht.
,Wer hat Sie denn auf den Gedanken gebracht hierherzukommen?
,Ich habe in der Zeitung annonciert. Frau Fairfax antwortete
darauf.
,Jawohl,' mischte sich die gute Alte in unser Gespräch, die bisher, mit in den Schoß gesunkenen Händen und hochgezogenen Augenbrauen, erstaunt zugehört hatte. ,Und täglich danke ich der Vorsehung, daß sie mich eine so glückliche Wahl treffen ließ. Fräulein
Eyre ist für mich eine sehr liebenswürdige Gefährtin und für Fräulein Adele eine unschätzbare Lehrerin.
,Singen Sie ihr keine Loblieder, das hat keinen Zweck,' schnitt
Herr Rochester ihr das Wort ab. ,Ich bilde mir mein eigenes Urteil.
Haben Sie jemals in einer Stadt gelebt, Fräulein, und viel in Gesellschaft verkehrt?
,Ich kenne keinen andern Ort als Lowood und habe keinen
andern Umgang gehabt als den mit meinen Lehrerinnen und Mitschülerinnen.
,Also haben Sie das Leben einer Nonne geführt und sind jedenfalls auch sehr religiös. Brocklehurst, der Direktor von Lowood, soll
ja wohl Pastor sein. Sie haben ihn wohl sehr verehrt?
,Durchaus nicht.
,Sie sind aufrichtig.
,Herr Brocklehurst war allgemein sehr wenig beliebt. Er war
hart, ungerecht und unduldsam, dabei auf seinen Vorteil bedacht und deshalb sehr genau gegen uns. Ja, er ließ es uns am Nötigsten
fehlen, deshalb ist ihm ja auch die Aufsicht über Lowood nachher zum
Teil entzogen worden.
,Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood kamen?
.Zehn Jahre.
,Und acht Jahre blieben Sie dort, also sind Sie jetzt achtzehn.
Ein bißchen Arithmetik ist manchmal ganz vorteilhaft. Denn nach
den Gesichtszügen hätte man bei Ihnen falsch geraten. Was haben
Sie nun in Lowood gelernt? Können Sie Klavier spielen?
,Ein wenig.
,Das ist die übliche Antwort. Setzen Sie sich ans Instrument
und spielen Sie etwas. Schon gut, ich sehe schon!' rief er, als ich
ein kleines Lied gespielt hatte. ,Sie können nicht mehr, als englische Backfische zu können pflegen. Adele zeigte mir heute morgen
ein paar Skizzen, die Sie gemacht haben sollen. Dabei hat Ihnen
wohl der Lehrer geholfen, wie?
,Nein!
,Ja, ich habe Sie mit diesem Zweifel gekränkt. Holen Sie
Ihre Mappe und zeigen Sie mir Ihre Leistungen. Aber geben Sie
mir nichts für ein Original aus, wenn Sie nicht bestimmt dafür
bürgen können. Ich bin Kenner.
,Dann sollen Sie auch in diesem Falle für sich selbst urteilen,
antwortete ich, ging in die Bibliothek und holte mein Zeichenbuch.
,Diese Skizzen rühren allerdings von einer Hand her,' sagte
er, die Blätter umschlagend. ,Wann haben Sie die Zeit gefunden,
das alles zu machen?
,In den letzten Ferien.
,Und woher haben Sie die Motive?
,Aus meinem Kopfe.
,Hat dieser Kopf noch mehr solche Vorräte?
,Ich hoffe, noch bessere.
Er betrachtete mit Interesse die in Wasserfarben ausgeführten
Bilder. Es waren Landschaften ein Seestück mit untergehendem
Schiff -- ein Eisberg mit Nordlicht - ein Frauenbild auf dem
Hintergrund eines in Nebel verschwimmenden Himmels. Er sagte
nichts, aber ich sah wohl, daß einiges seinen ungeteilten Beifall fand.
Dann klappte er das Buch zusammen, sah nach der Uhr und rief:
,Es ist jetzt fast neun Uhr. Was fällt Ihnen ein, Fräulein Eyre.
Adele so lange aufbleiben zu lassen? Ich wünsche allerseits gute
Nacht.
Eine Handbewegung gab uns zu verstehen, daß er für diesen
Abend unserer Gesellschaft müde sei. Frau Fairfax legte ihre Stickerei
zusammen, ich nahm Adele bei der Hand und mein Malbuch unter
den Arm. Wir machten ihm eine Verbeugung, die er steif erwiderte,
und gingen hinaus.
,Frau Fairfax, sagte ich, ,Sie haben allerdings recht, wenn
Sie Herrn Rochester absonderlich nennen. Zum mindesten scheint
er sehr launenhaft.
,Ich bin so sehr an seine Art und Weise gewöhnt,' antwortete
sie, ,daß ich schon gar nichts mehr dabei finde. Wissen Sie, das
Traurigsein, das Grübeln und Brummen, das liegt so in seiner
Natur - und dann hat er ja auch Ursache.
,Wieso?
,Familienkummer.
,Er hat ja gar keine Familie.
,jetzt nicht, aber doch gehabt. Und dann fühlt er sich eben in
Thornfield-Hall nicht wohl - hier ist er immer gedrückt.
,Ja, weshalb denn aber?
,Vielleicht kommt es ihm düster vor.
Diese Antwort klang ausweichend, und ich hätte gern mehr
erfahren; allein Frau Fairfax konnte oder wollte keine genauere
Auskunft geben, und ich mochte nicht zudringlich erscheinen; deshalb nahm ich von ihr Abschied und ging auf mein Zimmer.
Sonderbare Menschen.
An vielen Tagen bekam ich Herrn Rochester gar nicht zu sehen.
Herren aus der Nachbarschaft besuchten ihn, seine Geschäfte nahmen
ihn ganz in Anspruch. Als die Verstauchung geheilt war, ritt er
wieder viel aus und blieb lange fort. Gewöhnlich kam er erst spät in
der Nacht zurück. Wenn ich ihm gelegentlich in der Halle begegnete,
ging er kalt an mir vorüber oder machte mir, wenn er gut gelaunt
war, eine trockene Verbeugung. Ein paarmal begrüßte er mich mit
einem höflichen Lächeln. Ich machte mir nichts aus dieser wechselnden Laune, wußte ich doch, daß meine Person mit seinen Stimmungen nichts zu tun hatte.
Eines Abends ließ er mich zu sich bitten. Ich fand Adele bei
ihm, die sich mit dem Inhalt der lang ersehnten Kiste beschäftigte
und glückselig die einzelnen Geschenke auspackte. Herr Rochester
gab mir einen Wink, sie nicht zu stören.
,Sie fängt sonst an zu schwatzen, und ich bin als alter Junggeselle, sagte er mit einem bittern Lächeln, ,kein Freund von dem
Geplapper der Kinder. Setzen Sie sich hier an meine Seite, Fräulein
Eyre. Lassen Sie den Stuhl doch so stehen, wie ich ihn gesetzt habe!
Warum ziehen Sie ihn weiter zurück! Zum Teufel mit diesen Förmlichkeiten! Denken Sie, ich wünschte ein Tete-à-tete mit Ihnen?
Nein, obwohl mir an der Gesellschaft von alten Damen ebensowenig liegt wie an der von Kindern, will ich doch Frau Fairfax rufen.
Sie könnte sich sonst zurückgesetzt fühlen. -- Guten Abend, Madame, rief er ihr zu, als sie, dem Glockenzeichen folgend, erschien.
,Erbarmen Sie sich doch Adelens, sie hat das Bedürfnis, jemand ihr
Herz auszuschütten, und ich habe ihr verboten, mir von ihren Geschenken vorzuschwärmen. Hören Sie ihr geduldig zu - Sie tun
damit ein barmherziges Werk. -
Adele eilte auch sofort auf Frau Fairfax zu und zog sie zu ihrer
Kiste hin, aus der sie fortfuhr, die schönsten Puppensachen und allerlei Spielzeug auf den Boden zu schütten.
,Fräulein Eyre,' sagte er zu mir, ,Sie müssen wirklich ein bißchen näher heranrücken. Ich kann Sie sonst nicht sehen, ohne meine
behagliche Lage in diesem Lehnstuhl aufzugeben, und dazu habe ich
wahrlich keine Lust.
Ich tat, wie er mich hieß, und sah ihn zwanglos an. Er erschien
mir in diesem Augenblick weniger finster und streng als bisher.
Seine Lippen lächelten, seine hohe, weiße Stirn hob sich eindrucksvoll
von dem roten Leder der Stuhllehne ab, und seine Augen waren --
dies sah ich jetzt erst in der Beleuchtung des Kronleuchters - tief
und klar.
,Finden Sie mich schön? fragte er ganz plötzlich, als er merkte,
daß ich ihn musterte.
,Nein, Herr,' antwortete ich, ehe ich recht wußte, was ich tat,
Wenn ich mir Zeit zur Ueberlegung gelassen hätte, würde ich mit
einer Höflichkeitsphrase geantwortet haben.
Er lachte. ,Sie haben etwas Sonderbares an sich, sagte er.
,Wie Sie so mit gefalteten Händen, ruhig und selbstbewußt da sitzen,
sehen Sie wie eine Nonne aus, und wenn man dann eine Frage
stellt, kommt eine eigentlich gar nicht nonnenhafte, sondern recht
weltlich aufrichtige Antwort heraus. Was bezwecken Sie damit?
,Ich bin zu deutlich gewesen, Herr. Ich hätte antworten sollen,
daß es nicht so leicht sei, auf eine solche Frage aus dem Stegreif
zu antworten. Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe eine Dummheit gesagt.
,Da haben Sie allerdings recht, antwortete er. ,Doch Wurst
wider Wurst. Sie sind auch nichts weniger als schön. Nicht einmal
hübsch. Doch genug! Junge Dame, ich habe heute Abend das Bedürfnis nach einem kleinen Plauderstündchen.
Mit diesen Worten lehnte er sich wieder behaglich zurück und
nahm eine Stellung ein, in der seine Gestalt und sein Gesicht markant
hervortraten. Sein Wuchs war nicht ebenmäßig, weil seine Schultern viel zu breit für seine Figur waren, und sicherlich würden
die meisten Menschen ihn häßlich genannt haben. Aber in seiner
Haltung lag ein gewisser Stolz, seine Bewegungen waren elegant
und leicht, seine Miene drückte volle Gleichgültigkeit gegen sein
Aeußeres und großes Vertrauen auf innere Vorzüge und Eigenschaften aus.
,Ich habe das Bedürfnis, ein bißchen zu plaudern, fuhr er fort,
,und deshalb ließ ich Sie zu mir bitten. Kaminfeuer und Kronleuchter genügten mir nicht zu meiner Unterhaltung, Pilot, mein
Hund, ebensowenig. Adele steht schon ein wenig höher, aber noch
tief unter dem, was mir nottut; Frau Fairfax desgleichen. Aber
Sie können mir genügen, wenn Sie wollen. Sie haben mir schon
so manche verblüffende Antwort gegeben. Ich habe Sie inzwischen
fast wieder vergessen, denn ich hatte an anderes zu denken. Heute
Abend aber will ich mich mal wohlfühlen und Geschäft Geschäft
sein lassen. Es würde mich freuen, wenn ich Sie in die gleiche
Stimmung brächte, wenn ich Sie etwas näher kennen lernen
könnte.
Anstatt zu sprechen, lächelte ich.
,Nun, so reden Sie doch!' rief er.
,Worüber denn?
, Ueber irgend etwas. Wählen Sie sich ein Gesprächsthema.
Ich setzte mich und sagte gar nichts. ,Wenn er denkt, ich werde
sprechen, bloß um zu sprechen und mich ihm zu offenbaren, so irrt
er sich,' dachte ich bei mir.
,Sie bleiben stumm, Fräulein?' fuhr er fort und sah mich
an, als wenn er mit einem einzigen raschen Blicke die Geheimnisse
meiner Seele lesen wollte. ,Sie sind eigensinnig und ärgerlich?
Ah, es geschieht mir recht. Ich habe meine Frage in etwas unverschämter Form gestellt. Verzeihung! Ein für alle Mal, Fräulein
Eyre, ich möchte Sie nicht gern wie eine Untergebene behandeln.
Das heißt, eine gewisse Ueberlegenheit nehme ich ja für mich in
Anspruch, denn erstens bin ich so alt, daß ich Ihr Vater sein könnte,
und zweitens habe ich ganz andere Erfahrung von Welt und Menschen. Und auf Grund dieser Ueberlegenheit glaubte ich, den Wunsch
äußern zu dürfen. Sie möchten mich heute Abend ein wenig unterhalten und zerstreuen.
Er hatte mich einer Erklärung, fast einer Entschuldigung gewürdigt. Das war von ihm aus gewiß schon sehr viel. Doch ich ließ
mir nicht merken, daß ich seine Worte in diesem Sinne auffaßte.
,Ich will Sie sehr gern unterhalten, Herr Rochester,' sprach
ich. ,Aber ich weiß ja gar nicht, was Sie interessiert. Stellen Sie
Fragen, und ich will antworten, so gut ich es vermag.
.Also zuvörderst geben Sie zu, daß ich das Recht habe, ein wenig
herrisch und launenhaft, ja auch etwas rechthaberisch zu sein, weil ich
das reifere Alter und die größere Erfahrung für mich habe?
.Ich glaube nicht, daß Sie dieses Recht haben, bloß weil Sie älter sind oder mehr von der Welt gesehen haben, erwiderte ich.
,Der Anspruch auf Ueberlegenheit würde nur davon abhängen, welchen Gebrauch Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht
haben.
,Gut gesagt! Allein das kann ich nicht zugeben. Ich habe nämlich eben davon einen sehr schlechten Gebrauch gemacht. Also fort mit
der Ueberlegenheit! Dennoch müssen Sie einwilligen, sich dann und
wann von mir befehlen zu lassen, ohne sich durch meinen gebieterischen Ton beleidigt zu fühlen.
Ich lächelte.
Herr Rochester ist wirklich ein Sonderling,' dachte ich bei mir.
,Er scheint zu vergessen, daß er mir jährlich dreißig Pfund Sterling
zahlt und ich dafür doch wohl verpflichtet bin, seine Befehle auszuführen.
,Ihr Lächeln ist ganz gut und schön, meinte er, ,aber ich
wünsche doch, daß Sie sprechen.
,Ich dachte bei mir,' sagte ich, ,sehr wenig Herren würden
wohl danach fragen, ob die Untergebenen, die sie bezahlen, sich durch ihre Befehle beleidigt fühlen oder nicht.
,Ach ja doch, an das Gehalt hatte ich ja gar nicht gedacht. ,
Natürlich! Also auf diesen billigen Grund hin gestatten Sie mir,
manchmal ein wenig anmaßend zu sein?
,Nein, Herr Rochester, auf den Grund hin nicht - aber auf -
den Grund hin, daß Sie es außer acht lassen konnten und sich überhaupt darum kümmern, ob eine von Ihnen abhängige Person sich
in ihrer Stellung wohl fühlt, willige ich herzlich gern darein.
, Und wollen Sie mich auch von einer ganzen Reihe von Höflichkeitsformen und Phrasen freisprechen, ohne mich wegen solcher ,
Unterlassung der Nichtachtung zu zeihen?
,Ich werde einen Mangel an Konvention niemals mit Nichtachtung verwechseln. Ich selber sete mich gern über herkömmliche
Höflichkeit hinweg, und Nichtachtung würde sich wohl kein Freigeborner bieten lassen, nicht einmal um eines Lohnes willen.
,Papperlapapp! unterbrach er mich. ,Die meisten Freigebornen - wie Sie sich ausdrücken - ertragen um eines Lohnes
willen alles. Davon verstehen Sie nichts. Beschränken Sie Ihr
Urteil also nur auf sich selbst, aber verallgemeinern Sie es nicht.
Indessen mein Komplimentl wenn auch unzutreffend, war Ihre
Antwort doch frank und frei. Unter dreitausend frisch von der
Schule kommenden Gouvernanten würden keine drei mir so geantwortet haben. Doch ich will Ihnen nicht schmeicheln. Wenn
die Natur Sie in eine andere Form gegossen hat als die Durchschnittsmenschen, so ist das nicht Ihr Verdienst. Sie können deswegen doch unzählige Mängel und Fehler haben.
,Sie ebenfalls, dachte ich bei mir, und er las wohl diesen Gedanken in meinem Blick; denn er fuhr fort:
,Sehr richtig, ich habe selber viele Fehler. Will sie auch nicht
beschönigen. Gott weiß, ich wollte gegen andere nicht streng sein.
Im Alter von A Jahren schon wurde ich auf eine falsche Bahn
getrieben, und seit diesem Tage ist es mir bis heute noch nicht völlig
geglückt, den rechten Pfad wiederzufinden. Und doch hätte ich ebenso
gut und ebenso rein sein können wie Sie. Um Ihren Seelenfrieden
und um Ihr reines Gewissen sind Sie zu' beneiden. Mein Fräulein,
eine Erinnerung ohne dunkeln Fleck, ohne Vorwurf - das ist ein
unsagbar großer Schatz. Ja, ja, im großen ganzen hatte mich
die Natur auch zu einem guten Menschen bestimmt, Fräulein Eyre,
und doch bin ich es nicht geworden, wie Sie sehen. Aber nur die
Umstände sind dran schuld, nicht mein eigner Hang. Nun meinen
Sie - wenigstens lese ich das in Ihrem Blicke - ich hätte eben
stärker sein sollen als die Verhältnisse -- aber das bin ich eben
nicht gewesen. Ich geriet beim ersten Unglück in Verzweiflung und
artete aus. Nun ist es mir nicht mehr vergönnt, mit lasterhaften
Dummköpfen ins Gericht zu gehn, denn ich muß mir immer sagen,
ich bin selbst nicht besser gewesen. O, Fräulein Eyre, wenn einmal
die Versuchung an Sie herantritt, tun Sie nichts, was Ihnen Gewissensbisse verursachen könnte. Gewissensbisse sind das bitterste
Gift, das es gibt.
,Herr Rochester, wenn Sie Ihre Unvollkommenheit beklagen,
antwortete ich, ,so haben Sie doch bereits das Bestreben, sich davon
zu heilen. Es muß Ihnen also mit der Zeit möglich werden, so zu
sein, wie Sie selbst es wünschen, wenn Sie es nur ernstlich versuchen. Wenn Sie vom heutigen Tage ab den festen Entschluß fassen,
in Taten und Gedanken besser zu werden, so würden Sie in wenigen
Jahren einen neuen Vorrat an Erinnerungen haben, die Sie jederzeit mit Freuden heraufbeschwören könnten. Doch lassen Sie es genug sein, Herr Rochester, mit diesem Gespräch. Ich kenne Ihre Vergangenheit nicht - ich weiß nichts von Ihrem Herzen. Ich tappe
völlig im Dunkeln, und wie soll' ich da ein einigermaßen richtiges
Urteil abgeben?
,Dennoch war Ihre Ansicht wieder sehr treffend, erwiderte
er. ,Wohin wollen Sie?
,Adele zu Bett bringen. Es ist neun Uhr.
,Ah, weil ich Ihnen neulich um dieselbe Stunde einen Vorwurf
draus machte, daß Adele noch wach war? Heute aber ist sie nicht
müde. Sie lachen wohl niemals, Fräulein Eyre? Doch ja, Sie
lachen wohl selten, aber Sie können doch sehr fröhlich lachen. Von
Natur sind Sie ebensowenig unfreundlich wie ich lasterhaft. Sie
stehen nur noch unter dem Zwang von Lowood und fürchten sich, Sie
könnten zu herzhaft lachen, zu frei sprechen, sich zu lebhaft bewegen.
Aber mit der Zeit werden Sie es lernen, sich mir gegenüber ganz
natürlich zu geben. Ich muß sagen, mir ist es auch ganz unmöglich,
mit Ihnen formell zu verkehren. Wenn ich Sie ansehe, ist mir
manchmal, als sähe ich einen Vogel hinter den Stäben eines Käfigs.
Wenn er frei wäre, würde er sich hoch in die Lüfte schwingen. --
Nun gut, bringen Sie Adele zu Bett, aber kommen Sie noch einmal
zurück. Sie kennen meine Vergangenheit nicht und sollen wenigstens
ein Stück davon erfahren - ein Stück, das für Sie als Lehrerin des
Kindes schließlich wissenswert ist.
Ich ging, und als ich wiederkam, fuhr er also fort: ,Fräulein
Eyre, Adele ist die Tochter einer Tänzerin, die ich vor Jahren innig
geliebt habe. Und ich glaubte, sie liebe mich auch trotz meiner Häßlichkeit. Allein es lag ihr nur daran, sich meinen Reichtum zunutze
zu machen. Und in der Tat war ich auf dem besten Wege, mich
ihretwegen zu ruinieren, wie es einem aristokratischen Leichtfuß zukam, bis ich eines Abends entdeckte, daß sie mich betrog. Da machte
ich kurzen Prozeß und verließ sie. Kurze Zeit darauf ging sie mit
einem verkommenen Sänger nach Italien und ließ ihr Töchterchen
Adele zurück. Gewiß, man hätte das Kind in ein Waisenhaus schicken können; aber eine gutmütige Regung veranlaßte mich, es
zu mir zu nehmen und bei mir zu behalten. Wie denken Sie nun?
Werden Sie sich nach einer andern Schülerin umsehen?
,Keineswegs, antwortete ich. ,Adele kann nichts für die
Sünden Ihrer Mutter; und jetzt, wo ich den Ursprung ihrer kleinen
Untugenden besser kenne als bisher, wo ich weiß, daß sie gewissermaßen elternlos ist - verlassen von ihrer Mutter - verleugnet
von ihrem Vater -- da werde ich sie nur noch lieber haben.
,In diesem Lichte sehen Sie also die Sache an?' versetzte er in
mürrischem Tone. ,Hm. Sie lieben Adele, und Sie lieben Ihre
neue Umgebung. Sie lieben diesen bleiernen Himmel, diese Ruhe,
diese Erstarrung, diese erfrorene Welt. Sie lieben Thornfield-
sein ehrwürdiges Aussehen, seine Einsamkeit. Und ich - ich verabscheue es -» setzte er hinzu, wie zu sich selbst sprechend, - ,wie
ein von der Pest befallenes Haus.
Er schwieg. Schmerz, Scham und Wut - Ungeduld, Ekel und
Abscheu schienen in diesem Moment einen grimmigen Kampf in
seinen großen Augen zu halten, über denen die hohen schwarzen
Brauen sich wölbten. Sein Gesicht nahm einen starren Ausdruck
an, der nach einer Weile einem weichen Zuge Platz machte.
,Ich habe eine Sache mit meinem Schicksal ausgefochten, Fräulein, murmelte er dann. ,Eine Hexe schwebte an mir vorüber und
fragte mich: ,Könntest Du Thornfield auch lieben? Sie fragte es
höhnisch, in gehässigem Triumph. ,Liebe es, wenn du kannst, wenn
du den Mut dazu hast!- Und jetzt antworte ich ihr: ,Ja, ich
habe den Mut dazu. Ich will Thornfield so machen, daß ich es lieben
kann! Ich will jedes Hindernis, das sich meinem Glück, meiner
Besserung in den Weg stellt, zertrümmern - ich will ein besserer
Mensch werden, als ich war.
Er starrte vor sich hin. Mir war unbehaglich zumute, denn ich
wußte wahrlich nicht, was ich dazu sagen, noch wie ich überhaupt
seine Worte verstehen sollte. Er bemerkte mein verlegenes Schweigen,
sah mich an, winkte mit der Hand und sagte: ,Ja, gehen Sie! Ein
andermal mehr davon!'
Ich lag in dieser Nacht lange wach. Tausend Gedanken kreuzten
mein Gehirn und ließen mir keine Ruhe. Ich vergegenwärtigte mir
jedes Wort, das Herr Rochester zu mir gesprochen hatte. Ich sann
über die Geschichte Adelens nach, ich grübelte über die Bedeutung
seines letzten Bekenntnisses nach. Aber alles erschien mir schließlich
doch als ein vorderhand noch unergründliches Rätsel. Ob ich dann
über diesen Betrachtungen doch eingeschlummert bin, kann ich nicht
sagen; jedenfalls fuhr ich plötzlich erschrocken auf, denn ich vernahm
ein unheimliches Knurren gerade über meinem Kopfe. Zuerst dachte
ich, es könnte der Hund sein, ich beruhigte mich wohl auch dabei
und schlief wieder ein wenig ein. Doch ein Geräusch an meiner Tür
schreckte mich von neuem auf. Ich fuhr empor, an allen Gliedern
schallen. Das Kopfende meines Bettes war dicht neben der Tür. Es
kam mir daher im ersten Augenblick so vor, als erschalle der furchtbare Laut unmittelbar neben mir. Ich konnte jedoch nichts sehen,
sprang rasch aus dem Bett und riegelte die Tür zu.
,Wer ist da? rief ich.
Nun hörte ich ein Gurgeln und Stöhnen Schritte huschten
auf dem Gange entlang und verloren sich die Treppe hinauf, dem
dritten Stockwerk zu. Eine Tür wurde geöffnet und geschlossen, dann
war alles still.
,Das war Grace Poole, dachte ich. ,Sie ist wohl gar vom
Teufel besessen.
Nun konnte ich nicht länger zaudern, ich mußte hinaus; eilig
warf ich mir Kleid und Umschlagetuch über und trat auf den Korridor. Auf dem Läufer stand ein brennendes Licht. Das wunderte
mich, aber noch größer war mein Befremden, als ich gewahrte, daß
die Luft voll Rauch war und ein starker Brandgeruch sich bemerkbar
machte. Ich lief den Korridor entlang und stand binnen kurzem
vor einer halboffenen Tür, aus der die Rauchwolken hervorkamen.
Es war Herrn Rochesters Zimmer. Ich dachte nicht mehr an
Grace Poole und gab es auf, Frau Fairfax zu rufen. Hier galt es
rasch zu handeln. Ich trat ein. Schon züngelten Flammen um das
Bett, und die Vorhänge brannten. Herr Rochester lag regungslos
da - anscheinend in tiefem Schlafe.
,Auf! Auf!' schrie ich und rüttelte ihn. Mit einem schweren
Seufzer drehte er sich nur auf die andere Seite. Offenbar war er
schon halb betäubt. Die Bettücher fingen Feuer. Ich sah mich ratlos um. Mein Blick fiel auf den Waschtisch, und ich eilte dorthin.
Zum Glück war nicht nur der Krug, sondern auch die große Waschschüssel voll Wasser, das ich nun über das Bett und den darin Liegenden ausschüttete. Dann flog ich in mein Zimmer zurück und holte
auch von dort den Wasserkrug. So gelang es mir, das Feuer zu
unterdrücken. Das unfreiwillige Bad, das Krachen meines Kruges.
den ich fallen ließ, und das Zischen der verlöschenden Flammen
brachten Herrn Rochester zur Besinnung.
,Was geht hier vor? Regnet es durch? rief er.
,Es war ein Brand, Herr,' entgegnete ich. ,Stehen Sie auf
Sie sind ganz durchnäßt -- ich werde ein Licht holen.
,Im Namen aller Kobolde, murmelte er, ,ist das Johanna
Eyre? Was haben Sie da wieder angestellt, Sie Hexe? Haben Sie
mein Zimmer verzaubert?
,Stehen Sie nur auf -- es ist ein Anschlag gegen Ihr Leben
Sie können nicht rasch genug Schritte tun, den Brandstifter zu
ermitteln.
Nun war er vollends wach, und als ich mit einem Licht aus
meinem Zimmer wiederkam, stand er im Schlafrock da.
,Wer hat das getan? flüsterte er.
Ich erzählte ihm, was ich bemerkt, und daß ich Grace Poole im
Verdacht hätte. Er hörte ruhig zu, dann zog seine Stirn sich
in schmerzliche Falten, und er legte mir die Hand auf den Arm.
,Keinen Lärm weiter! sprach er in eindringlichem Tone.
,Hüllen Sie sich in den Mantel da und legen Sie Ihre Füße auf
den Stuhl, damit sie nicht naß werden. Ich werde Sie jetzt auf ein
paar Minuten allein lassen, rühren Sie sich nicht von der Stelle.
Das Licht nehme ich mit. Ich muß ins zweite und dritte Stockwerk hinauf und nachsehen, ob dort noch alles in Ordnung ist.
,Rufen Sie niemand, ich bitte darum.
Er ging und schien eine Ewigkeit fortzubleiben. Mir ward in
der tiefen Finsternis unheimlich zumute, und schon wollte ich Frau
Fairfax rufen, da sah ich das Licht näher kommen, und gleich darauf
kam er leise herein.
,Ich habe festgestellt, wie es geschehen ist, sagte er in sehr
niedergeschlagenem Tone. ,Es ist so, wie Sie vermutet haben.
Er verschränkte die Arme und sah schweigend zu Boden. ,Haben Sie
irgend jemand gesehen, als Sie Ihr Zimmer öffneten?
,Nein, antwortete ich, ,nur den Leuchter sah ich, der auf dem
Korridor stand.
,Aber Sie haben ein seltsames Lachen gehört?
,Das habe ich schon sehr oft gehört. Es ist eine Person hier
im Hause, die so lacht - Grace Poole heißt sie ?
,So? Sie meinen, es sei Grace Poole? murmelte er. ,Ja,
sie ist es- Sie haben es erraten. Nun, es weiß um diese Sache
niemand außer Ihnen, und Sie sind keine Plaudertasche. Behalten
Sie also alles hübsch für sich - für das angebrannte Bett hier werde
ich schon eine Erklärung finden. Es ist jetzt fast vier Uhr. In zwei
Stunden wird das Dienstpersonal aufstehen.
,Gute Nacht denn, Herr Rochester!
,Wie? Sie wollen mich verlassen? rief er erstaunt. ,Ohne
Abschied zu nehmen - ohne ein Wort des Mitgefühls - so ganz
trocken und kurzweg. Fräulein Johanna, Sie haben mir das Leben
gerettet - ohne Sie wäre ich elend verbrannt - Sie haben mich
vor einem entsetzlichen, qualvollen Tode bewahrt und nun wollen
Sie gehen, als seien wir uns ganz fremd. Reichen Sie mir wenigstens die Hand?
Er streckte die Hand aus; ich reichte ihm die meine, die er in
seine beiden Hände nahm.
,Sie sind meine Retterin, und es freut mich, daß ich Ihnen
zu Danke verpflichtet bin. Seltsam, es wäre mir höchst widerlich,
andern Menschen verpflichtet zu sein - Ihnen gegenüber ist es mir
keine Last.
Er sah mich an - eine plötzliche Rührung ergriff ihn tief, und
seine Lippen zitterten.
,Gute Nacht, Herr,r sprach ich leise. ,Sprechen Sie nicht von
Verpflichtung, von Wohltat, von Schuld all' dies ist ja hier nicht
der Fall. Ich tat, was ich tun mußte - ich hätte es jedem andern
auch erwiesen.
,Seltsam, seltsam, antwortete er, wie mit sich selbst redend,
,vom ersten Augenblick an hatte ich das Gefühl, als würden Sie mir
noch einmal Gutes tun. Ich las es in Ihren Augen - ich spürte
es in Ihrem Lächeln, das mich bis in die tiefsten Winkel meiner
Seele erwärmte. Ich habe einmal von Schutzengeln gehört - und
in der Tat, in den tollsten Märchen steckt doch ein Körnchen Wahrheit! Nun denn, gute Nacht, meine Lebensretterin!
Aber er hielt noch immer meine Hand fest, und ich konnte sie,
nicht losmachen.
,Ich glaube, Frau Fairfax kommt, sagte ich in meiner Verlegenheit.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlummer mehr. Seine Worte
brausten mir in den Ohren - seine Blicke brannten vor meinem
geistigen Auge wie Feuer.
Ich fürchtete mich am andern Morgen fast davor, Herrn Rochester zu begegnen-- und doch konnte ich es nicht erwarten, ihn
zu sehen - seine Stimme zu hören - in seine Augen zu schauen.
Aber er erschien nicht. Die Dienstboten räumten in seinem Zimmer
auf und erzählten sich, der gnädige Herr habe bei einer Kerze gelesen und sei drüber eingeschlafen. - ,Was für ein Glück, daß er
noch rechtzeitig munter wurde und an den Wasserkrug dachte!
sagte Lea.
Als ich diese Worte hörte - ich ging gerade auf dem Korridor
vorbei - trat ich in die halb offene Tür und sah hinein. Es war
schon wieder alles in der alten Ordnung. Nur am Bett fehlten noch
die Vorhänge. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich außer
Lea noch Grace Poole im Zimmer erblickte! Sie saß neben, dem
Bett und nähte neue Gardinen an.
Sie saß ruhig und schweigsam da, als wenn nichts geschehen
wäre. Sie schien an nichts als an ihre Arbeit zu denken; auf ihrer
harten Stirn, in ihren groben, fast ausdruckslosen Zügen war keine
Spur von Erinnerung an die Vorgänge der verflossenen Nacht zu
entdecken. Und doch war ich überzeugt, daß sie es getan - und doch
war Herr Rochester ihr in ihren Schlupfwinkel gefolgt und hatte
sie doch sicherlich zur Rede gestellt! Sie mußte auch wissen, daß ich
von allem unterrichtet sei, sie mußte meinen Ruf vernommen und das
Oeffnen meiner Tür gehört haben.
,Guten Morgen, Fräulein, sagte sie in ihrer ruhigen, phlegmatischen Manier.
,Guten Morgen, Grace! Was ist denn hier geschehen?
fragte ich.
,Der Herr hat gestern abend im Bett gelesen und ist eingeschlafen, da fingen die Vorhänge Feuer; aber er hat es noch löschen
können, erzählte sie mir mit der größten Ruhe von der Welt.
,Seltsam!' antwortete ich leise und sah sie fest an. ,Hat Herr
Rochester niemanden geweckt? hat kein Mensch ein Geräusch gehört
-- das kann doch nicht ganz ohne allen Lärm abgegangen sein.
Sie blickte mir ins Gesicht, und diesmal war es mir, als läge
ein Ausdruck des Schuldbewußtseins in ihren Augen. - ,Sie wissen
Fräulein, erwiderte sie dann, ,die Dienstboten schlafen abseits.
Frau Fairfax ist schwerhörig. Und Sie scheinen ja auch nichts
hört zu haben, Ihre beiden Zimmer aber liegen noch am nächsten.
Oder haben Sie etwa doch was gehört?
,Ja, sagte ich ganz leise, so daß Lea, die die Fenster putte.
es nicht hören konnte. ,Erst glaubte ich, es sei der Hund, aber ein
Hund kann nicht lachen - und ein Lachen war's, was ich hörte -
ein recht absonderliches Lachen.
Sie fädelte einen neuen Faden ein und antwortete wieder mit
der größten Ruhe: ,das kann freilich auch der gnädige Herr nicht
gewesen sein, denn wer möchte wohl in solcher Gefahr lachen? Sie
müssen geträumt haben, Fräulein.
Ihre eiserne Ruhe brachte mich auf. Ich wollte sehen, wie weit
sie es noch treiben würde.
,Ich habe nicht geträumt, versetzte ich in eindringlichem Tone.
Sie sah mich ganz ruhig, aber forschend an.
,Haben Sie dem gnädigen Herrn etwas von diesem Lachen
erzählt? fragte sie.
,Ich habe ihn heute morgen noch nicht gesehen, erwiderte ich.
,Es ist hier jahrelang nichts passiert, sagte sie, weiternähend.
,Die Gegend ist sicher, und man hört nie von Diebsgesindel. Es
ist daher wohl nicht anzunehmen, daß ein Einbruch versucht worden
sei, obwohl in der Silberkammer für mehrere hundert Pfund
Silberzeug liegt. Sie sehen ja auch, der Herr unterhält nur wenig
Dienstpersonal hier. Dennoch wäre wohl größere Vorsicht angebracht.
Ich war starr über diese Frechheit und Heuchelei. Die Köchin
kam herein und rief die Dienstleute zum Mittagessen. Lea und
Grace Poole legten ihre Arbeit zur Seite und gingen hinaus.
Der rätselhafte Charakter dieser Näherin beschäftigte mich so
sehr, daß ich während des Mittagessens nur mit halbem Ohr hörte.
was Frau Fairfax mir über den vermeintlichen Vorhangbrand
zu erzählen hatte. Daß Herr Rochester diese Person nach einem
solchen Vorkommnis, da doch an ihrer Schuld kaum zu zweifeln
war, nicht sofort aus dem Hause jagte, war mir unbegreiflich. Welchen geheimnisvollen Anlaß hatte er, sie nicht der Behörde anzuzeigen? Weshalb hatte er auch mir befohlen, Verschwiegenheit zu
wahren? Was war ihm Grace Poole, daß dieser offenbar so
energische und selbstherrliche Edelmann es nicht wagte, ihr die
verdiente Strafe zukommen zu lassen? Ja, wenn sie jung und schön
gewesen wäre, dann hätte man noch Vermutungen über irgendwelche tiefer liegenden Gründe anstellen können - aber Grace Poole
war alt und grundhäßlich.
Adele kam herein und brachte mich von diesen Gedanken ab;
dennoch war ich nur halb bei der Sache.
Es wurde Abend, und ich bekam Herrn Rochester den ganzen
Tag nicht zu sehen. Zuerst hatte ich mich gefürchtet, ihm zu begegnen;
jetzt verdroß mich sein Fernbleiben. Bei jedem Schritt glaubte ich,
er müsse es sein, doch immer war es nur eine der Frauen. Auch
am Abend blieb ich allein mit Frau Fairfax.
,Es ist wunderschönes Wetter heute,' sagte sie, als sie das
Fenster schloß. ,Besser kann sich's Herr Rochester für seine Reise
nicht wünschen.
,So ist er verreist? rief ich in größerm Erstaunen, als ich
auszudrücken wünschte. ,Das wußte ich nicht.
,Ja, schon frühmorgens ist er aufgebrochen. Er besucht Herrn
Eshton, dessen Besitzung etwa zehn Meilen entfernt ist. Es ist große
Gesellschaft dort.
,Da wird er wohl heute abend nicht nach Hause kommen?
,Nein. Voraussichtlich bleibt er eine volle Woche weg. Wenn
diese Herrschaften zusammenkommen, vergnügen sie sich immer
mehrere Tage lang. Herr Rochester ist auch allgemein beliebt, namentlich die Damen finden ihn interessant.
,Sind dort jetzt auch Damen?
,Ich denke doch -- wenigstens pflegen sie bei solchen Gesellschaften nie zu fehlen. Frau Eshton selbst hat drei Töchter, und
dann wird Lady Ingram da sein, die hat zwei - Mary und Blanche,
die letztere ist eine berühmte Schönheit, etwa vierundzwanzig Jahre
alt, groß, mit vollem dunkelm Haar und strahlenden Augen, wie
eine Spanierin, wissen Sie.
,Und noch unverheiratet trotz ihrer Schönheit?
,Mein Gott, sie haben nicht viel Geld, die Ingrams.
,Es gibt doch aber viel Edelmänner, die selbst Geld genug haben
und keine reiche Frau zu nehmen brauchen. Herr Rochester selbst zum
Beispiel -
,Er ist schon fast vierzig, und sie erst vierundzwanzig, wie ich
eben sagte.
,Das ist doch noch kein allzu großer Unterschied, sagte ich, die
Augen niederschlagend.
,Schon wahr, aber ich glaube nicht, daß Herr Rochester an Heiraten denkt. Allein Sie essen ja gar nichts. Seit Sie sich an den
Teetisch gesetzt, haben Sie noch nichts zu sich genommen.
Ich zwang mich zu essen und zu trinken und verabschiedete mich,
sobald es tunlich war. Als ich allein war, dachte ich nach über das,
was ich gehört hatte. Ich bemühte mich ernstlich, meine Phantasie,
die sich während der letzten Stunden ins Land närrischer Wünsche
und Hoffnungen verirrt hatte, mit fester Hand in die stille Bahn
der Vernunft zurückzulenken. Und endlich vermochte ich mir selbst
die Ueberzeugung einzuflößen, daß ich eine Törin sei, wenn ich
glaubte, Herrn Rochester zu gefallen, daß ich mit Schönheiten wie
Blanche Ingram niemals wetteifern könne. Was mir Herr Rochester
in der verflossenen Nacht gesagt, dachte ich bei mir, das sei wohl nicht
auf die Goldwage zu legen. Er sprach in der Erregung des Augenblicks, im Ueberschwang einer natürlichen Dankbarkeit.
,Kein Weib tut gut daran, schloß ich meine Betrachtungen,
,sich von einem Höherstehenden schmeicheln zu lassen, wenn er unmöglich die Absicht haben kann, sie zu heiraten. Jede Frau begeht
eine Torheit, wenn sie eine heimliche Liebe nährt und überhandnehmen läßt, die unerwidert bleiben und ihr Leben verzehren muß.
Entschlage dich all solcher unsinnigen Ideen, die dir nicht zukommen.
Ich hielt Wort. Mein Entschluß blieb fest und machte es mir
möglich, ben Ereignissen, die nun folgten, mit großer Ruhe zu begegnen. Hätten sie mich unvorbereitet getroffen, so würde ich wahrscheinlich alle Fassung verloren haben.
Ein volles Haus.
Während einer vollen Woche blieben wir ohne Nachricht von
Herrn Rochester. Frau Fairfax rechnete schon damit, daß er vielleicht ein volles Jahr wegbleiben würde; denn schon oft habe er
Thornfield-Hall ohne jede vorherige Ankündigung ganz plötzlich und
auf sehr lange Zeit verlassen. Wider Willen hatte ich bei dieser Mitteilung das Gefühl, als wenn mein Herz stillstände; eine niederschmetternde Enttäuschung überkam mich. Ich raffte mich jedoch auf
und wiederholte mir, daß ich nichts weiter mit dem Besitzer von
Thornfield zu tun hätte, als das Gehalt von ihm anzunehmen, das
er mir für die Erziehung seines Mündels bewilligte. Ein weiteres
Band zwischen uns gäbe es nicht - wenigstens keins, das er anerkennen würde. ,Er ist nicht von deiner Art, drum bleibe bei deinesgleichen und hege zuviel Achtung vor dir selbst, um deine Liebe
dorthin zu wenden, wo sie nicht erwartet und, wenn bemerkt, verschmäht wird.
Vierzehn Tage waren verflossen, da erhielt Frau Fairfax einen
Brief von Herrn Rochester. Sie las ihn beim Kaffee; ich wartete voll
Spannung und zwang mich mühsam zur Ruhe. Die gute Dame las
das Schreiben für sich, faltete es sorgsam zusammen und steckte es
in die Tasche. Dann trank sie ihren Kaffee weiter. Es war das
erste Mal, daß sie nicht mitteilsam gelaunt war -- und ich verging
vor Ungeduld und Neugierde. Indem ich mich mit Adele beschäftigte,
warf ich, so oberflächlich wie möglich, die Frage hin: ,Will. Herr
Rochester denn nun so lange bleiben, wie Sie vermuteten?
,Nein, in drei Tagen kommt er wieder also Donnerstag
und zwar nicht allein. Ich weiß nicht, wie viele Gäste er mitbringt,
aber er schreibt, die besten Fremdenzimmer sollten sofort in Ordnung
gebracht werden. Die Damen werden mit ihren Kammerzofen, die
Herren mit ihren Dienern herkommen, und wir werden ein volles
Haus haben.
Sie beendete rasch ihre Mahlzeit und eilte fort, ihre Anordnungen zu treffen. Nun begann eine eifrige Tätigkeit, und wenn ich
bisher stets geglaubt hatte, in Thornfield-Hall seien alle Zimmer
in bestem Stande, so irrte ich mich, denn sie wurden nun so gründlich gesäubert, als wenn sie das ganze Jahr über nicht berührt worden
wären. Da wusch man Tapeten und Fußböden, Fenster und Oefen,
da polierte man die Möbel, die Spiegel, die Kronleuchter, da lüftete
man Betten, da klopfte man Teppiche und Polstersachen. Das ganze
Haus war im Aufruhr, und wo man ging und stand, begegnete man
Scheuerfrauen oder lief gegen volle Wassereimer, gegen Besen und
Klopfer an. In der Küche ging es bereits ebenso hoch her; da
wurden Kuchen und Kompotte bereitet, da wurde Wildbret gespickt,
da wurden Schüsseln und Töpfe gefüllt.
Das Empfangsdiner war auf Donnerstag sechs Uhr bestellt.
Auch ich beteiligte mich an der Arbeit und fand daher wenig Zeit.
meinen Gedanken nachzuhängen. Am Mittwoch abend war alles
fertig, die Gäste konnten einziehen. Adele war nun nicht mehr zu
halten; alle Schularbeit, alles Lernen ward vergessen, sie lief den
ganzen Donnerstag über treppauf und treppab, guckte in alle Zimmer und eilte oft hinaus in den Park, um nach den Wagen auszuschauen.
Es war ein schöner Märztag gewesen, dem ein warmer Abend
folgte. Wir hatten den Kutscher vor das Tor hinausgeschickt, um
Ausschau zu halten. Es war schon sechs Uhr vorüber, als er die
Meldung brachte, die Wagen seien in Sicht. Adele sprang ans
Fenster, und ich stellte mich behutsam hinter sie. Von meinem Play
aus konnte ich alles sehen, ohne selbst sichtbar zu sein.
Vier Reiter sprengten den Parkweg daher, zwei offene Wagen
folgten ihnen. Die vordersten zwei Reiter waren junge elegante
Herren, der dritte war ältlich und korpulent; der vierte war Herr
Rochester selbst. Ihm zur Seite ritt eine Dame, die einzige, die zu
Pferde war: ihr dunkelrotes Reitkostüm wehte im Winde, ein langer
Schleier umschwebte sie wie eine Wolke. Fröhliches Lachen erscholl
gleich darauf in der Halle; die tiefen Stimmen der Herren mischten
sich in die hellen Laute der Damen. Adele wollte durchaus hinunter
und den Gästen guten Abend sagen; nur mit Mühe konnte ich ihr begreiflich machen, daß sie das ohne Erlaubnis des Herrn Rochester
nicht tun dürfe. Sie weinte natürlich; da ich sie aber wegen ihrer
Ungeduld ernsthaft zurechtwies, beruhigte sie sich schließlich. Ich erzählte ihr nun Geschichten, und wir hörten in unserer Einsamkeit
nichts weiter als das Zuschlagen von Türen, das Klirren von Geschirr und hin und wieder undeutliche Stimmen. Sehr spät am
Abend erklang Musik aus dem Salon, eine Dame sang mit weicher,
süßer Stimme, und dann sang eine Männerstimme. Ich legte die
Hand auf mein Herz, das unwillkürlich höher schlug: denn ich erkannte Herrn Rochesters Stimme.
Adele lehnte den Kopf an meine Schulter und schlummerte ein.
Ich brachte sie zu Bett und blieb allein noch wach. Es war fast ein
Uhr, als die Herren und Damen sich auf ihre Zimmer begaben. Am
folgenden Tage unternahmen die Herrschaften eine Spazierfahrt;
von den Damen saß wieder nur die eine -- es war Blanche Ingram - zu Pferde, und Herr Rochester ritt abermals an ihrer
Seite. -
,Sie meinten, Herr Rochester dächte nicht daran, Fräulein Ingram zu heiraten,' sagte ich zu Frau Fairfax, ,Er zieht sie doch
sichtlich allen andern Damen vor.
,Nun, sie gefällt ihm eben, antwortete die gute Alte. ,Uebrigens können Sie sie heute abend auch einmal aus der Nähe betrachten. Ich sagte dem gnädigen Herrn, daß Adele den Damen vorgestellt zu werden wünschte, und er läßt Ihnen sagen, Sie möchten
die Kleine heute in den Salon führen.
,Das hat er wohl nur so aus Höflichkeit gesagt, erwiderte
ich. ,Sicherlich brauche ich nicht mitzukommen.
,Nein, nein, rief sie, ,ich sagte nämlich, Sie würden wohl nicht
gern vor einer so großen Gesellschaft erscheinen, aber er sagte ausdrücklich, es sei sein besonderer Wunsch, daß Sie Adele begleiten
möchten, und wenn Sie fernblieben, würde er Sie einfach holen.
Wissen Sie, wie Sie es machen müssen? Während die Herrschaften
noch bei Tische sind, gehn Sie in den Salon und suchen sich einen
stillen Winkel aus. Dann vermeiden Sie das peinliche Eintreten,
wenn alles schon dort ist. Wenn Herr Rochester nur gesehen hat,
daß Sie dort sind, so wird er zufrieden sein und Ihnen keine weiteren
Unannehmlichkeiten verursachen. Später können Sie dann die erste
Gelegenheit benützen hinauszuschlüpfen.
Diesen Rat befolgte ich. Adele und ich saßen nun schon ein
Weilchen in einer Ecke, während die Damen und Herren noch in
fröhlichem Geplauder im Speisezimmer weilten. Plötzlich wurde die
schwere Portiere zurückgezogen, das Innere des Eßzimmers wurde
sichtbar. Im hellen Schimmer der Kronleuchter sah ich auf einen
Augenblick die blendende, von silbernem Gerät funkelnde Tafel; dann
trat eine Gruppe von Damen in den Salon. Es waren ihrer acht -
in weißen Toiletten. Sie zerstreuten sich im Zimmer und lachten
und schwatzten laut durcheinander. Ich stand ein paarmal auf und
verneigte mich vor den Eintretenden; sie nahmen aber fast gar keine
Notiz von mir. Einige warfen sich auf die Polstersessel, einige neigten
sich über die Blumen oder blätterten in Büchern, die andern setzten
sich um den Kamin. Erst später lernte ich ihre Namen kennen.
Frau Eshton war eine ältliche, doch noch schöne Dame; sie hatte
zwei Töchter, Amy und Luise; die erstere war klein und fast kindlich
von Wesen, doch im Aeußern schon sehr entwickelt; die zweite war
groß und elegant. Dann war da Lady Lynn -- eine große, korpulente Person, mit Diamanten im dunklen Haar, beispiellos hochmütig. Weniger auffallend war Frau Oberst Denn, aber mir erschien sie eben darum vornehmer; ihr schlichtes Atlaskleid gefiel mir
besser als alle Diademe der stolzen Adeligen. Die drei hervorragendsten Damen aber waren Lady Ingram und ihre beiden Töchter Mary
und Blanche. Die Mutter mochte fünfzig Jahre alt sein, imponierte
aber noch immer durch ihre gut erhaltene Erscheinung; auch ihr Gesicht trug den Stempel eines übergroßen Dünkels. Die beiden Töchter waren groß und schlank, Mary ein wenig zu hager, Blanche aber
war eine königliche Gestalt. Sie hatte prachtvolle Schultern, einen
graziösen Hals, eine volle Brust, reiches dunkles Haar und große,
dunkle Augen. Sie hatte den etwas gelblichen Teint einer Südländerin bei einer Britin eine große Seltenheit. Aber ihre Schönheit
hatte nichts Erwärmendes; sie ließ den Beschauer kalt, und eine
innere Stimme sagte mir bei ihrem Anblick sogleich, Herr Rochester
könne diese Dame nicht lieben. Wenn er sie heiratete, so würde es
nur aus Standesrücksichten oder aus andern konventionellen Gründen geschehen, der Stimme seines Herzens folge er nicht dabei.
Als die Damen eingetreten waren, erhob sich Adele, trat vor sie
in, machte einen Knicks und sagte mit ihrer zierlichen Stimme:
,Guten Abend, meine Damen!
,Ach, was für ein niedliches Püppchen!r rief Fräulein Blanche.
,Vermutlich Herrn Rochesters Mündel,'' sagte Lady Lynn und
musterte sie von oben herab.
Frau Oberst Denn nahm sie bei der Hand und rief: ,Ein reizendes Kind!'
Die Damen nahmen sie schließlich in die Mitte, und sie wanderte nun von Hand zu Hand.
Dann traten die Herren ein. Die beiden Brüder Henry und
Frederick Lynn waren sehr elegante junge Stuter. Oberst Denn war
eine echt militärische Erscheinung. Herr Eshton, ein Magistratsbeamter, sah sehr vornehm aus, denn er hatte schneeweißes Haar und
einen noch ganz schwarzen Schnurrbart. Lord Ingram war ebenso
groß, doch nicht so schön wie seine Schwestern; er machte einen etwas
beschränkten Eindruck.
Nun sah ich auch Herrn Rochester wieder, und so sehr ich mich
auch bemühte, ihn ganz ruhig anzusehen, ich vermochte es nicht.
Mein Herz klopfte zum Zerspringen, meine Hände zitterten. Ich
dachte an jene Nacht zurück, wo er fast zärtlich zu mir geworden war.
Und wie fern stand er mir jetzt, wie fremd erschien er mir! Ich erwartete nicht einmal, daß er zu mir kommen würde, mich zu begrüßen. Er sah mich denn auch nicht an, sondern nahm sich einen
Stuhl und begann ein Gespräch mit ein paar Damen.
Als ich bemerkte, daß er keinen Blick für mich hatte, betrachtete
ich ihn mit Muße. Wie wohl tat es mir trot alledem, ihn wiederzusehen. Ich empfand daran eine köstliche, schmerzliche Freude. Wie
wahr ist es doch, daß die Schönheit im Auge des Beschauers liegt.
Das olivenfarbene Gesicht meines Brotherrn, seine hohe, eckige
Stirn, seine dicken, schwarzen Brauen, seine dunkeln Augen, sein
fester, strenger Mund, das alles war nach den Regeln der Schönheit
gewiß nicht schön; aber für mich war sein Gesicht mehr als schön. Ich
hatte mir vorgenommen, ihn nicht zu lieben; ich war bemüht, den
Keim einer solchen Neigung mir aus der Seele zu reißen - und doch
lebten alle Gefühle in mir wieder auf, nun ich ihn wiedersah! Je
mehr er mich ignorierte, um so mehr mußte ich ihn lieben.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die kecke Anmut
der Gebrüder Lynn, was die fade Eleganz Ingrams, die militärische
Schneidigkeit Dents gegen die ruhige, vollsäftige Kraft Rochesters.
Ich sah diese Herren lächeln und lachen: es kam mir vor wie das
Geklirr tönerner Schellen. Ich sah Rochester lächeln, und seine harten
Züge wurden weich, sein strenges Auge sanft, die Wärme seines Gefühls ging mir zu Herzen. ,Er ist aus anderm Stoff als diese
Gecken, dachte ich bei mir. ,Sie wissen den Zauber seiner Persönlichkeit nicht zu würdigen. Ich weiß, er ist durch die breite Kluft des
Ranges und Reichtums von mir geschieden, aber ich fühle mich doch
ihm wahlverwandt. Mein Geist hat etwas dem seinen Gleiches.
Wohl weiß ich, ich muß meine Gefühle verbergen und alle Hoffnung
töten. Er kann nur wenig Interesse für mich hegen. Aber wir haben
beide etwas miteinander gemein, wir sympathisieren in vielen Ansichten und Empfindungen. Wir sind wohl für ewig getrennt -
und doch werde ich ihn lieben müssen, solange ich lebe.
Man reichte den Kaffee herum. Eine anregende Unterhaltung
herrscht bei den verschiedenen Gruppen oder Paaren. Oberst Dent
plaudert mit Herrn Eshton über Politik: Lady Lynn und Lady Ingram erzählen sich einige interessante Klatschgeschichten. Frederick
Lynn sitzt neben Mary Ingram; sie betrachten eine Mappe voll
Kupferstiche. Lord Ingram hat sich zu Amy Eshton gesellt, deren
Lebhaftigkeit seinem Phlegma gefällt. Henry Lynn sitzt zu Füßen
Luisas und hat Adele zu sich gezogen. Nur Blanche Ingram steht
noch allein - aber nicht lange, dann tritt sie zwanglos zu Herrn Rochester, der - auch für sich allein - am Kamin lehnt.
aIch glaubte, Sie seien kein Kinderfreund, Herr Rochester?
sprach sie und setzte sich ihm gegenüber.
,Bin ich auch nicht.
,Aber Sie haben doch dieses Püppchen, die Adele, hier.
,Ist mir nun einmal aufgebündelt worden.
,Sie haben eine Erzieherin für sie engagiert. Wenigstens sah
ich eben eine Person, die so recht gouvernantenhaft ausschaute. Ist
sie nicht hier? Ja, dort am Fenster sitzt sie. Jenun, Sie müssen
ihr doch wohl Lohn zahlen und sie auch beköstigen, das kommt ungefähr ebenso teuer, als wenn Sie Adele in die Schule schickten. Und
Sie haben obendrein noch Kind und Gouvernante immer um sich,
was Ihnen gewiß lästig ist.
,Das habe ich freilich nicht bedacht.
,Ihr Männer seid meistens unbedacht. Sie müßten mal meine
Mama über das Kapitel der Gouvernanten fragen. Wir können ein
Liedchen davon singen und danken Gott täglich, daß wir jetzt davon
verschont sind. Doch genug davon! Es weilt eine Vertreterin dieser
Berufsgattung, dieser leibhaftigen Plage, hier im Zimmer, da wollen
wir nicht weiter darüber reden. Sind Sie heute bei Stimme, Herr
Rochester?
,Wenn Sie befehlen, werde ich es sein.
Fräulein Ingram setzte sich ans Klavier, ordnete den Faltenwurf ihrer schneeweißen Robe um sich her und begann, während sie
weiter plauderte, ein brillantes Vorspiel. Sie hatte ohne Zweifel
ihren guten Tag, denn ihre Worte wie ihre Gebärden erregten die
Bewunderung ihrer Zuhörer.
,Ach, über die jungen Männer von heute!' rief sie. ,Krank,
verzärtelt, mutlos sind sie alle. Sie wagen sich ohne Mamas Erlaubnis keinen Schritt über den elterlichen Park hinaus. Ihre ganze
Sorge ist, blasse Gesichter und weiße Hände zu behalten. Ein Mann
braucht gar nicht schön zu sein, wenn er nur ein rechter Mann ist,
meinen Sie nicht auch, Herr Rochester? Ein Mann braucht nur
Kraft, Mut, Tapferkeit zu besitzen. Sein Wahlspruch soll sein:
Kampf und Sieg! Singen Sie ein Kosarenlied, Herr Rochester, ich
begleite Sie.
,Wie Sie befehlen, lautete die Antwort, und ihr Partner begann zu singen.
,jetzt ist meine Zeit gekommen, mich davonzuschleichen,' dachte
ich, aber die Töne, die nun erklangen, hielten mich wider Willen zurück. Herr Rochester hatte einen weichen, vollen Baß, in welchem all
seine Gefühlstiefe zum Ausdruck kam. Ich wartete, bis der letzte
Ton verhallt war, und während der Beifall erscholl, erhob ich mich
und schlüpfte hinaus. Meine Sandale hatte sich gelöst, und ich setzte
den Fuß auf die Treppe, um sie wieder festzubinden. In diesem
Moment ging die Tür des Speisezimmers, ein Herr trat heraus.
Ich richtete mich rasch auf -- Herr Rochester stand vor mir.
,Wie geht's? fragte er.
.Gut, Herr.
,Weshalb sind Sie drinnen nicht zu mir gekommen?
Ich dachte, dieselbe Frage könnte ich an ihn richten, aber ich erlaubte mir das nicht, sondern erwiderte: ,Ich wollte nicht stören.
,Was haben Sie getan, während ich weg war?
,Adele unterrichtet, nichts weiter.
,Sie sind inzwischen sehr blaß geworden. Woher kommt das?
Haben Sie sich an jenem Abend erkältet?
,Nein, Herr. Augenblicklich bin ich müde.
, Und ein wenig traurig, nicht wahr? Was fehlt Ihnen denn?
,Gar nichts, Herr. Ich bin nicht traurig.
,Doch, doch, und zwar so traurig, daß Ihnen die Tränen kommen würden, wenn ich nur noch ein paar Worte spräche. Da schimmert schon eine -- da rollt sie die Wange hinab. Wenn ich nur Zeit
hätte und mich nicht vor diesen Klatschbasen von Dienstboten fürchtete, so würde ich bald ergründen, was das bedeutet. Für heute
abend sind Sie entschuldigt, aber verstehen Sie wohl, ich erwarte Sie
an jedem Abend im Salon. Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, vernachlässigen Sie ihn nicht. Schicken Sie Sophie nach Adele.
Er biß sich auf die Lippen und ging.
Ein neuer Gast.
Die Tage verstrichen für die Gäste und auch für mich sehr schnell.
Gs blieb das gleiche geräuschvolle, an Zerstreuungen reiche - Leben.
Selbst als Regenwetter einsetzte und die Gesellschaft sich auf das
Haus beschränken mußte, war kein Mangel an Vergnügungen. Es
wurde Karten gespielt, man trieb Gesellschaftsspiele, stellte lebende
Bilder, sang und musizierte, gab sich Rätsel auf, erzählte sich Anekdoten - kurz, nie kam man in Verlegenheit um Zeitvertreib. Einmal schlug einer der Herren vor, mich mitspielen zu lassen, aber
Blanche Ingram erhob lebhaft Einspruch, und zu meiner eigenen
Zufriedenheit blieb ich ausgeschlossen.
Ich hatte Herrn Rochester liebgewonnen, das fühlte ich immer
wieder an jedem dieser Tage, und ich ward nun auch inne, daß meine
Liebe die gleiche blieb, ja noch inniger wurde, je weniger er von mir
Notiz nahm, je mehr er mich an diesen Abenden vernachlässigte, je
offenbarer er Blanche Ingram mir und allen andern vorzog. Ja
ich war überzeugt, er würde Blanche binnen kurzem heiraten, und
auch dies tat meinen Gefühlen keinen Abbruch. Ich war stündlich
Zeugin seiner Huldigungen. Ich sah an ihrem Benehmen, wie völlig
sicher sie ihrer Sache war, und doch blieb meine Liebe am Leben.
Das kam daher, weil ich auf Blanche Ingram nicht eifersüchtig
sein konnte, weil ich klar erkannte, sie war des Herrn Rochester nicht
würdig. Sie stand bei all ihrer äußeren Schönheit und Eleganz
geistig tief unter ihm und auch unter mir. Ihre Seele, ihr Gemüt
waren armselig, ihr Herz war kalt und leer. Sie war ohne jede
eigene Meinung; was sie sprach, waren Phrasen, die sie irgendwo
aufgeschnappt oder aus Büchern entnommen hatte. Sie hatte etwas
Theatralisches an sich, aber wahres Gefühl besaß sie nicht. Ja oft
verriet sie ihre eigentliche Natur, indem sie in häßliche Schimpfworte
ausbrach.
Ich merkte auch, daß Rochester sich dieser Fehler seiner Braut
wohl bewußt war. Wenn er sie heiratete, so geschah es, weil die Beziehungen der Ingrams zur aristokratischen Welt ihm wertvoll.
waren. Seine Liebe ward ihr nicht zuteil, nein, eine solche Frau
konnte er nicht lieben! Wenn sie mit einem Schlage den Sieg errungen und ihn mit allen seinen Vorzügen sich zu eigen gemacht hätte,
dann würde ich verzichtet haben - ohne weiteres. Ich hätte mir das
Herz aus der Brust gerissen, ihre Ueberlegenheit anerkannt und gewiß auch nach schwerem Kampfe mit der Verzweiflung den Frieden
wiedergefunden. Wenn mich bei dieser Lage der Dinge etwas
schmerzte, so war es der Umstand, daß Herr Rochester überhaupt
daran denken konnte, aus Standesrücksichten eine solche kalte, berechnende Dame zur Gattin zu erwählen.
Mir sagte mein Herz, ich würde, wenn ich ein Mann wäre, nur
das Weib heiraten, das ich liebte; aber ich leugnete dennoch nicht, daß
es äußerliche Beweggründe geben könne, die einem Manne eine
andereWahl vorteilhafter erscheinen lassen könnten. Ueberhaupt wurde
ich in diesen Fragen allmählich sehr nachsichtig in der Beurteilung
Rochesters. Ich übersah alle seine Fehler, ich sah keine schlechten
Eigenschaften mehr an ihm. Der herbe Sarkasmus, der mir einst
abstoßend erschienen war, die Strenge, die mich zuerst einschüchterte,
dünkten mich jetzt wie die Würze eines seltenen Gerichts, das ohne sie
fade gewesen wäre.
Eines Tages fehlte Herr Rochester in der Gesellschaft; wie langweilig erschien mir alles! Der Nachmittag war regnerisch. Die
Herren und Damen wollten eine Zigeunerbande besuchen, die in der
Nähe von Hay ihr Lager aufgesucht hatte; aber das schlechte Wetter
gestattete keine Ausfahrt. So vertrieb man sich die Zeit, so gut es
gehen mochte. Kurz vor der Dinerstunde fuhr ein Wagen in den Hof.
,Was fällt Herrn Rochester ein, in dieser Weise zurückzukommen? rief Blanche in geringschätzigem Tone und eilte ans Fenster.
,Fürchtet auch er sich gleich vor dem Regen, daß er sich nicht getraut.
zu Pferde zurückzukommen, wie er fortgegangen? Und wo hat er
seinen Hund gelassen?
Die Glocke erklang, das Portal wurde geöffnet, und wenige
Augenblicke später trat ein fremder Herr, ein junger, sehr elegant
aussehender Mann, ins Zimmer. Er verneigte sich tief vor Lady
Ingram, die er wahrscheinlich für die älteste und vornehmste unter
den Damen hielt.
,Ich komme wohl zu unpassender Zeit, sprach er. ,Mein
Freund Rochester ist, wie ich höre, nicht zu Hause. Aber ich habe eine
sehr lange, anstrengende Reise hinter mir und darf mich im Vertrauen auf meine alte Freundschaft hier niederlassen, bis er
eintrifft.
Er sprach mit etwas fremdländischem Akzent und mochte
zwischen dreißig und vierzig Jahren sein. Auf den ersten Blick erschien er sehr schön, doch bei genauerem Hinschauen sah man, daß
seine Farbe fahl, seine großen Augen ausdruckslos waren. Frau
Fairfax ließ dem Herrn ein Zimmer anweisen, und nachdem er Toilette gemacht hatte, mischte er sich ungeniert unter die Gesellschaft, und
wie ich sah, fanden die Damen allgemein Gefallen an ihm, rühmten
seine ausgesuchte Höflichkeit und schwärmten von seinen großen
Augen und seinem ,fabelhaft kleinen' Munde. Sein Name war
Mason. Er erzählte viel von Jamaika, von Kingston, von Westindien. Ich hatte wohl gehört, daß Herr Rochester weit herumgekomkommen sei, doch hatte ich nicht vermutet, daß seine Reisen ihn in
so ferne Weltteile geführt hätten. Indem ich den Fremden betrachtete, wunderte ist mich ebenso darüber, daß Rochester einen solchen
Mann zum Freunde haben konnte, wie darüber, daß er eine Blanche
Ingram zur Braut erwählte.
Während die Damen und Herren in frohem Geplauder beisammen saßen, näherte sich plötzlich einer der Diener Herrn Eshton, dem
Magistratsbeamten, und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr:
,Sagen Sie der Person,' antwortete dieser laut, ,sie wird eingesperrt, wenn sie nicht gleich ihrer Wege geht.
Oberst Dent hatte die Worte des Dieners gehört und rief:
,Nicht doch, Eshton Es ist heute so wie so ein wenig langweilig.
Da sollten wir uns diese Kurzweil nicht entgehen lassen. Fragen wir
erst mal die Damenl? Und laut fuhr er fort: ,Meine Damen, wir
konnten heute nicht in das Zigeunerlager fahren. Nun ist eine-
Zigeunerin hierher gekommen und bittet, vorgelassen zu werden, um
den Herrschaften ihre Künste zu zeigen. Wollen Sie das Weib
sehen?
,Welche Zumutung! rief Lady Ingram. ,Was fällt Ihnen
ein, Oberst? Fort mit ihr!
,Sie will aber unter keinen Umständen gehen, erklärte der
Diener. ,Frau Fairfax ist bei ihr und bestürmt sie umsonst, das -
Haus zu verlassen. Sie hat sich einfach in die Ofenecke gesetzt und
will durchaus den Damen wahrsagen.
,Wahrsagen? Wahrsagen? riefen verschiedene. ,Wie reizend! -
Wie sieht sie denn aus?
,Schwarz wie ein alter Rabe, antwortete der Diener. ,Ich
glaube, sie ist eine richtige Hexe.
,Das wäre ja äußerst interessant!' riefen die Brüder Lynn.
,Hereinlassen!
,Meine Herren Söhne, was fällt euch ein? rief Lady Lynn
dagegen.
Blanche Ingram entschied schließlich den Streit.
,Ich möchte mir wahrsagen lassen,' erklärte sie. ,Sam, wandte
sie sich an den Diener, ,schicken Sie die Frau zu mir.
,Aber mein Liebling! schrie Lady Ingram entsetzt.
,Still, Mama, war die hochmütige Antwort, ,ich wünsche es!
,Das Weib sieht aber so schrecklich schmutzig aus, meinte der
Diener.
,Haben Sie gehört?' herrschte Fräulein Ingram ihn an, und
der Mann ging.
Nach wenigen Augenblicken kam er wieder und berichtete: ,Sie
will jetzt gar nicht mehr hereinkommen, sondern sagt, die Damen, die
die Zukunft wissen möchten, sollten zu ihr kommen. Man sollte ihr
zu diesem Zwecke irgendein Zimmer anweisen.
,So führen Sie sie ins Bibliothekzimmer, Sam, sagte Fräulein Ingram in einem Tone, als wenn sie schon auf Thornfield-Hall
als Herrin zu schalten hätte. ,Ich bin gleich bei ihr.
,Es wird wohl besser sein, wenn erst einer der Herren sie sich
ansieht,r meinte Oberst Dent, ,deshalb warten Sie, Fräulein, bis
ich ---
,Mit den Herren will sie nichts zu tun haben, erklärte Sam,
,das hat sie schon vorhin gesagt, Nur Damen sollen zu ihr kommen.
,Ich gehe zuerst, rief Blanche feierlich, als gälte es, beim
Sturme auf eine feindliche Festung eine Bresche zu schlagen.
,Meine reine Lilie, bedenke, was du tust!' rief ihre Mutter
aber Blanche rauschte in stolzem Schweigen an ihr vorbei.
Lady Ingram rang die Hände. Mary erklärte, sie hätte nicht
den Mut gehabt, zuerst zu so einer Barbarin zu gehen; Luisa und
Amy Eshton kicherten leise. Man wartete in höchster Spannung
auf Blanches Rückkehr. Sie blieb etwa eine Viertelstunde, dann kam
sie wieder. Sie war blaß, doch ganz ruhig und setzte sich auf ihren
früheren Play, ohne ein Wort zu sprechen.
,Na, wie war's denn, Blanche? rief ihr Bruder.
aJa, was hat sie denn gesagt?' setzte Mary hinzu.
,Ist sie wirklich eine Wahrsagerin? fragten die Geschwister
Eshton.
,Bestürmen Sie mich doch nicht so!' versetzte Blanche ungehalten. ,Sie scheinen alle sehr leichtgläubig zu sein. Es ist selbstverständlich barer Unsinn, was solch eine Zigeunerin sagt. Woher sollte
sie etwas von der Zukunft wissen? Woher sollte sie Sehergabe besitzen? Sie hat mir die ähnlichen Phrasen vorgeschwatzt. Das Beste
wäre in der Tat, Herr Eshton ließe sie, wie er zuerst sagte, einsperren. Weiter habe ich über die Sache nichts zu sagen.
Sie nahm ein Buch zur Hand, lehnte sich in den Sessel zurück
und ließ den andern keinen Zweifel, daß sie nicht mehr mit Fragen
behelligt zu werden wünschte. Sie schlug indessen kein Blatt in dem
Buche um, ihr Gesicht wurde mit jedem Augenblick finsterer; offenbar hatte sie nichts Angenehmes gehört und legte den ihr gemachten
Enthüllungen doch mehr Wichtigkeit bei, als sie behauptete.
Mary Ingram und die Geschwister Eshton hatten nicht den Mut,
einzeln zu gehen, und erschienen daher zusammen vor der Zigeunerin. Man hörte Kichern und Schreien, und nach zehn Minuten
etwa kamen die drei Damen, wie zu Tode erschrocken, hereingestürzt.
,O, was sie uns gesagt hat!' rief Amy Eshton. ,Das geht nicht
mit rechten Dingen zu!' Sie weiß ja alles.
,Ja,' bestätigte ihre Schwester, ,was wir als Kinder gesagt und
getrieben, was für Bücher wir am liebsten gelesen, was für Andenken
wir uns aufgehoben, das alles hat sie uns gesagt.
,Und dann auch, setzte Mary Ingram hinzu, ,was wir uns am
sehnlichsten wünschen.
,Ach was, ach was? riefen mehrere Herren. ,Darf man das
nun auch erfahren?
Der Diener trat von neuem herein.
,Ich bitte um Entschuldigung, sagte er, ,die Zigeunerin behauptet, es sei noch eine junge unverheiratete Dame hier, die noch nicht
bei ihr gewesen sei. Sie schwört, sie wolle nicht weggehen, ehe sie
nicht auch dieser Dame wahrgesagt hätte. Sie kann nur Fräulein
Eyre damit meinen - weiter ist doch niemand hier. Was soll ich
ihr sagen?
,Natürlich gehe ich, war meine Antwort.
Im Bibliothekzimmer sah es so harmlos aus wie sonst, und die
Zauberin - wenn es eine solche war - saß ganz ruhig in einem
Lehnstuhl am Kamin. Sie hatte einen roten Mantel und einen
schwarzen Hut, dessen breiter Rand den oberen Teil des Gesichts
beschattete, während der untere durch ein dickes Umschlagetuch verhüllt war. In ihrer Erscheinung lag nichts Auffallendes. Ihre
Hautfarbe war braun, fast schwarz, ihre Augen groß und dunkel.
,Sie wollen sich also auch wahrsagen lassen? fragte sie.
,Es liegt mir nicht viel daran, Mütterchen, antwortete ich.
,Tun Sie es immerhin. Nur eins sage ich Ihnen: ich werde nicht
daran glauben.
,Ich habe es nicht anders von Ihnen erwartet, versetzte sie. ,Ich
wußte vorher, daß Sie so frech antworten würden. Ich hörte es an
dem Schritt, mit dem Sie hereinkamen.'
,Dann haben Sie ein sehr scharfes Ohr.
,Ja, und auch ein scharfes Auge und ein noch schärferes Gehirn.
,Das alles brauchen Sie ja auch zu Ihrem Gewerbe.
,Gewiß, besonders wenn ich mit solchen Kunden zu tun habe,
wie Sie sind. Weshalb zittern Sie gar nicht ein bißchen?
,Weil mich nicht friert.
,Weshalb werden Sie nicht ein bißchen blaß?
,Weil ich nicht krank bin.
,Weshalb verlangen Sie von mir keine Probe meiner Kunst?
,Weil ich nicht so albern bin.
Sie kicherte leise in sich hinein, zog eine kleine schwarze Pfeife
hervor und begann zu rauchen. Dann sprach sie in einem Tone, als
wenn sie jedes Wort abwöge: ,Und es friert Sie doch, Sie fühlen
sich doch krank, Sie sind doch albern. Mit wenigen Worten will ich
Ihnen das beweisen,' setzte sie hinzu, als ich den Kopf schüttelte.
,Es friert Sie, weil Sie sich einsam fühlen; ein Feuer glimmt in
Ihnen, aber es fehlt der warme Hauch von außen her, es anzufachen.
Sie fühlen sich krank, weil Sie fürchten, das reinste, süßeste, höchste
Gefühl, das der Menschenbrust bescheert ist, müsse Ihnen versagt
bleiben. Und albern sind Sie, weil Sie ihm kein Zeichen geben, sich
Ihnen zu nähern, weil Sie, so sehr Sie auch leiden, ihm nicht entgegengehen wollen.
,Was Sie da sagen, antwortete ich, ,würde ebensogut auf
jede andere passen, die ein einsames Leben führt und in abhängiger Stellung ist.
,Auf jede, die so lebt wie Sie, gewiß. Aber finden Sie erst mal
eine, die noch ebenso lebt.
,Es wäre ein leichtes, ihrer tausend zu finden.
,Es würde Ihnen schwerfallen, auch nur eine zu finden. Hören
Sie mich an: Sie stehen dem Glücke ganz nahe, Sie brauchen nur
die Hand auszustrecken. Alles ist vorbereitet, es bedarf nur einer
Kleinigkeit Ihrerseits, so ist es erreicht.
,Auf Rätsel verstehe ich mich schlecht.
aZeigen Sie Ihre Hand, so werde ich deutlicher sprechen.
,Da muß ich doch die Fläche erst mit Silber bedecken?
,Selbstverständlich.
Ich gab ihr einen Schilling, den sie in die Tasche steckte. Dann
hieß sie mich die Hand ausstrecken und betrachtete die Innenseite
lange, ohne sie zu berühren.
,Eine zarte Hand, ohne Linien - da kann ich nichts daraus
lesen. Außerdem, was kann eine Hand sagen? Das Schicksal steht
nicht darin.r
,Das glaube ich Ihnen gern.
,Bei Ihnen steht's im Gesicht geschrieben, fuhr sie fort, ,auf -
der Stirn, um die Augen, um den Mund herum. Knien Sie mal
nieder und sehen Sie zu mir auf.
Ich tat es, und sie schürte die verglimmenden Kohlen, daß sie
noch einmal heller aufglühten.
,Ich möchte wohl wissen, wie Ihnen zumute ist, wenn Sie so
in dem großen, prachtvollen Salon sitzen und die Herren und Damen
sich vergnügen sehen. Zwischen Ihnen und diesen Herrschaften besteht doch keine Gemeinschaft.
,Wie mir zumute ist? Oft bin ich des ganzen Treibens müde,
oft würde ich lieber im Bett liegen und schlafen, manchmal bin ich
auch traurig.
,Da haben wir'S. Also nähren Sie doch eine geheime
Hoffnung.
,Gar keine; es sei denn die, mir mit der Zeit soviel Geld zu
sparen, daß ich mir mal ein Häuschen kaufen und darin meine Tage
beschließen könnte.
,Das ist wenig. Beschäftigt denn niemand aus dieser glänzenden Gesellschaft Sie ein wenig näher? Machen Sie keinen Unterschied mit einem unter ihnen und auch mit einer Dame? Wenn Sie
nun so mitansehen, wie eine schöne junge Dame einem gewissen
Herrn den Hof macht einem Herrn, den Sie -
,Nun was denn?
,Den Sie kennen und dem Sie vielleicht gut sind -!
,Ich kenne die Herren nicht, die hier im Hause weilen. Ich
halte sie im allgemeinen für respektabel, einige aber sind ganz Luft
für mich.
,Wollen Sie das vielleicht auch von dem Herrn des Hauses behaupten?
,Er ist nicht zu Hause.
,Aber doch nur auf kurze Stunden.
,Was hat indessen Herr Rochester mit Ihrer Wahrsagerei zu
tun?
,Nun, er ist es, der von einer jungen und schönen Dame umworben wird- der diese Werbung offenkundig erwidert - haben
Sie nicht den Ausdruck der Liebe in seinen Zügen gelesen denken
Sie nicht an seine nahe bevorstehende Heirat denken Sie nicht an
das Glück, das seiner Gattin lächelt?
Die seltsame Manier dieser Fremden begann mich in eine Art
Traumzustand zu versetzen. Immer neue unerwartete Worte kamen
von ihren Lippen, sie schien das geheime Fühlen meines Herzens,
die Gedanken der letzten Zeit ausgekundschaftet zu haben, und ich sah
mich einem Rätsel gegenüber, das mich bei aller skeptischen Ruhe
mehr und mehr in Erstaunen setzte.
,Was kümmert Sie das alles? rief ich. ,Ich kam hierher,
um von Ihnen etwas zu hören, nicht um Ihnen zu beichten. Ist es
denn so allgemein bekannt, daß Herr Rochester sich verheiraten will?
,Ja, mit der schönen Blanche Ingram.
In kurzem?
,Man vermutet, ja. Es wird ein glückliches Paar werden, obgleich Sie mit beinahe sträflicher Kühnheit daran zweifeln. Sollte
er eine so schöne, elegante Dame nicht lieben? und wahrscheinlich
liebt sie ihn doch auch - wenn nicht seine Person, so doch seinen
Geldbeutel. Allerdings habe ich ihr selber vorhin Dinge gesagt, die
sie sehr ernst gestimmt haben. Ihr Anbeter muß sich vorsehen.
Wenn ein anderer mit noch größerem Einkommen auftritt, dann
läßt sie ihn am Ende doch noch laufen.
,Ich will von Ihnen doch nicht Herrn Rochesters, sondern meine
eigene Zukunft wissen,' unterbrach ich sie. ,Davon haben Sie mir
noch nicht eine Silbe gesagt.
,Ihre Zukunft ist noch ganz unsicher. Ein gewisses Maß
von Glück ist Ihnen bestimmt. Es hängt, wie ich sagte, nur von
Ihnen ab, die Hand auszustrecken und es zu ergreifen. - Lassen Sie
mich Ihr Antlitz prüfen! Das Auge ist weich, sanft, gefühlvoll. Jetzt
liegt Schwermut und Trauer darin. Der Mund möchte gern lachen,
aber er kann es jetzt nicht. Er spricht auch gern offen aus, was das
Hirn denkt, aber was das Herz fühlt, das verschweigt er meistens.
Es ist ein Mund, der oft und viel lächeln sollte, der viel von der
Zuneigung zu dem Manne sprechen sollte, dem er zulächelt, zu dem
er redet. Auge und Mund deuten auf einen guten Ausgang der vor
Ihnen liegenden Schwierigkeiten- aber die Stirn! Sie scheint zu
sagen: Ich komme für mich allein zurecht. Ich kann auch einsam
leben, wenn meine Selbstachtung es erfordert. Ich brauche meine
Seele nicht zu verkaufen, um mir ein Glück zu sichern, das mich dann
doch nicht glücklich machen würde. Ich besitze einen Schatz im Innern,
der mir bei der Geburt zuteil ward und der mir erhalten bleibt, wenn
das Glück mich auch meidet. Meine Vernunft wird ihre feste Bahn
nicht verlassen, sie wird die Macht über meine Gefühle nicht verlieren. Die Leidenschaften mögen toben, die Wünsche mögen hoch-
streben, die Vernunft wird doch das letzte Wort behalten - die Vernunft und das Gewissen. Gut gesprochen, Stirn! Und was du
sprichst, soll beherzigt werden. Mein Entschluß ist gefaßt, und ich
glaube, es ist ein ehrlicher, gerechter Entschluß. Ich habe dabei auf
die Stimme der Vernunft und des Gewissens gehört. Ich weiß.
Jugend und Schönheit schwinden schnell, und noch von geringerm
Bestand sind sie, wenn in dem Kelche, den das Glück uns bietet, auch
nur ein Tröpflein Gewissensqual enthalten ist. Ich will kein Opfer.
keinen Kummer, keine Zerstörung, ich will wohltun und erhalten, ich
will. Dankbarkeit ernten; ich will. nicht einmal salzige Tränen entlocken, geschweige denn blutige. Lächeln, Liebkosungen, süße Worte.
das ist's, wonach mich verlangt. Genug! genug! Ich würde gern
diesen Augenblick bis in die Gegenwart ausdehnen, aber es ist mir
nicht vergönnt. Bis hierher habe ich mich beherrschen können, habe
ich gehandelt, wie ich mir feierlich gelobt hatte. Aber was nun
kommt, geht über meine Kräfte - -
Stehen Sie auf, Fräulein Eyre, der Mummenschanz ist zu
Ende!
Ich wußte nicht, ob ich wachte oder träumte. Die Stimme der
Zigeunerin hatte sich verändert ihre Sprache, ihre Bewegungen
waren mir mit einmal wohlbekannt, ich stand auf und sah sie an.
Sie zog den Hut noch tiefer ins Gesicht, aber mein Auge fiel auf
ihre Hand. Das war nicht die verschrumpfte, welke Hand einer
Greisin, sie war vielmehr voll und kräftig. Es war auch nicht die
Hand einer Bettlerin, denn ein Diamantring blitzte daran. Ich
beugte mich vor und erkannte die apart gefaßten Steine, und als
ich zu dem Gesicht aufblickte, hatte sie das Umschlagtuch weggezogen,
den Hut abgelegt.
,Nun, Johanna, erkennen Sie mich? fragte die wohlbekannte,
mir so teure Stimme. Und Herr Rochester stand vor mir.
,Welch ein sonderbarer Einfall von Ihnen!r rief ich aus.
,Aber die Verkleidung war doch echt, wie? Und ich habe meine
Rolle auch leidlich gespielt.
,Den Damen gegenüber, ja.
, Und Ihnen gegenüber nicht?
,Sie haben vor mir nicht den Charakter der Zigeunerin innegehalten.
,Welchen denn? meinen eigenen?
,Auch nicht. Einen mir unverständlichen. Sie wollten mir
etwas entlocken. Sie redeten Unsinn und dachten, ich würde mich
dadurch verleiten lassen, auch Unsinn zu reden. Das war nicht schön
von Ihnen.
,Verzeihen Sie mir, Johanna. Das können Sie getrost, denn
Sie haben ganz korrekt gehandelt und kein unüberlegtes Wort gesprochen.
Ich sann darüber nach und freute mich, daß dies wirklich der
Fall war. An eine Verkleidung hatte ich von Anfang an gedacht.
weil mir die verstellte Stimme des Weibes auffiel und sie auch anders
sprach, als berufsmäßige Wahrsagerinnen zu tun pflegen. Aber ich
hatte in ihr die rätselhafte Grace Poole vermutet, keineswegs aber
Herrn Rochester selbst.
,Wie denken Sie nun über mich? Was bedeutet dies schwermütige Lächeln?
,Verwunderung, Herr. Erlauben Sie mir nun, bitte, zu gehen?
,Nein, ein Weilchen noch! Erzählen Sie mir, was man im
Salon über die Zigeunerin sprach.
,Es ist bereits elf Uhr, Herr Rochester, ich darf nicht so lange
hier verweilen. Doch ehe ich es vergesse, es ist ja ein fremder Herr
angekommen, der Sie sprechen will.
,Wer mag das sein? Ich erwarte niemand. Ist er wieder
fort?'
,Nein, er ist bei den andern. Er sagte, er sei seit vielen Jahren
mit Ihnen befreundet. Sein Name ist Mason; er kommt aus Jamaika
Herr Rochester taumelte und packte meinen Arm, um sich festzuhalten. Es war, als habe er einen heftigen Schlag erhalten.
,Mason! stieß er hervor. Und dreimal wiederholte er den
Namen und wurde totenbleich. ,O, das ist bitter, das ist entsetzlich!
murmelte er. ,Johanna, ich muß mich auf Sie stützen.
Schwer ließ er sich dann wieder in den Stuhl fallen, nahm meine
Hand, streichelte sie wie geistesabwesend und flüsterte, als wenn ihn
jemand hören könnte: ,O, meine kleine Freundin, ich wünschte, ich
wäre mit Ihnen auf einer einsamen, stillen Insel, wo Kummer und
Angst uns fernblieben.
,Herr Rochester, was ist Ihnen? Kann ich Ihnen helfen? Ich
würde mit Freuden mein Leben hingeben, wenn ich Ihnen damit
nützen könnte.
,Johanna, wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei niemand
anders suchen als bei Ihnen. Das kann ich Ihnen versprechen.
,Ich danke Ihnen, Herr Rochester. Sagen Sie, was ich tun soll
am besten Willen soll es nicht fehlen.
,Gut, Johanna, holen Sie mir ein Glas Wein aus dem Speisesaal. Man wird jetzt beim Souper sein. Sagen Sie mir dann, ob
Mason bei ihnen ist und was er treibt.
Ich ging. Die Herrschaften waren beim Abendessen- doch
saßen sie nicht bei Tische, denn das Souper war auf dem Anrichtetische serviert, und jeder nahm sich, worauf er Appetit hatte. So
saßen sie zwanglos umher und hatten Gläser und Teller in der Hand.
Alle schienen wieder in vergnügter Stimmung zu sein. Herr Mason
unterhielt sich mit Oberst Dent. Er schien sogar der fröhlichste von
allen. Ich schenkte, kaum beachtet, ein Glas Tokayer ein und kehrte
in die Bibliothek zurück.
Herr Rochester hatte anscheinend seine frühere Ruhe und Energie wiedererlangt. Er trank das Glas aus mit den Worten: ,Auf
dein Wohl, hilfreiche Fee! Was geht nun dort drüben vor?
,Sie lachen und unterhalten sich.
,Machen sie nicht ernste Gesichter, als hätten sie eben etwas
höchst Sonderbares vernommen?
,Nein, im Gegenteil. Es geht sehr lustig her.
,Und Mason?
,Der lacht mit.
,Johanna, was würden Sie tun, wenn diese Leute jetzt herkämen und mich anspieen?
,Ich würde ihnen allen die Tür weisen.'
,Wenn sie aber untereinander flüsterten, mich kalt ansähen und
dann einer nach dem andern mein Haus verließen, würden Sie dann
auch gehen, Johanna?
,Ich würde glücklich sein, wenn ich allein bei Ihnen bleiben
dürfte, um Sie zu trösten, so gut ich es könnte.
,Und wenn man Sie in Acht und Bann täte, weil Sie bei mir
geblieben?
,Das würde mich wenig kümmern.
,Sie würden es also wagen, meinetwegen der öffentlichen Meinung zu trotzen?
, Um jedes Freundes willen, der Treue verdient, und das würden Sie auch tun, Herr Rochester, davon bin ich überzeugt.
,Gehen Sie ins Gesellschaftszimmer zurück, flüstern Sie Herrn
Mason unbemerkt ins Ohr, Herr Rochester sei zurückgekehrt und
wünsche mit ihm zu sprechen. Dann führen Sie ihn hierher und
lassen uns beide allein.
sprechen, hereinkam und an Herrn Masons Stuhl trat. Er folgte
mir sogleich. Vor der Tür des Bibliothekzimmers, die ich ihm
öffnete, ließ ich ihn allein und ging auf mein Zimmer.
Es war spät in der Nacht, und ich hatte mich schon niedergelegt,
als die Gäste ihre Stuben aufsuchten. Ich erkannte Herrn Rochesters
Stimme und hörte ihn sagen: ,Dies hier ist dein Zimmer, Mason.
Der Ton, in dem er dies sprach, war fröhlich und frei von aller
Schwermut. Beruhigt schlief ich ein.
Seltsame Dinge.
Ganz gegen meine Gewohnheit hatte ich vergessen, die Vorhänge zuzuziehen und die Fensterläden zu schließen. Daher weckte
mich der strahlende Vollmond, als er auf seiner stillen Fahrt durch
den Himmelsraum hochgestiegen war, um in mein Zimmer hineinzuscheinen. Ich stand auf, um die Vorhänge zu schließen.
Da -- welch ein Schrei! Ein Schrei zerriß die nächtliche Ruhe
und gellte durch ganz Thornfield-Hall.
Mein Herz stand still, meine Pulse stockten. Der Schrei verklang, es blieb still. Und in der Tat, es war ein Schrei, den man
nur einmal ausstoßen kann. Doch plötzlich - mir zu Häupten -
ein Geräusch, als rängen zwei Menschen miteinander ein tödlicher
Kampf -- dann wieder der Schrei einer halberstickten Stimme:
,Hilfe! Hilfe! Hilfe! Dreimal hintereinander. Das Ringen und
Stampfen, das Stoßen und das Würgen dauerte fort, dann erklang
es ganz deutlich: ,Rochester, Rochester, komm mir zu Hilfe, um
Gotteswillenl?
Eine Tür flog auf, jemand stürzte, wie von Furien gejagt, durch
den Korridor. Neben meinem Kopfe stampfte es noch weiter -
dann ein schwerer Fall dann tiefe Stille.
Ich hatte mir rasch ein Kleid übergeworfen, und obwohl ich am
ganzen Leibe zitterte, trat ich hinaus. Alles war auf den Beinen.
Aus allen Zimmern erklangen die Stimmen, eine Tür nach der
andern wurde geöffnet, ein Gesicht nach dem andern kam zum Vorschein. Der Korridor füllte sich mit entsetzten, furchtsamen Menschen, die durcheinander schrien und fragten, was denn geschehen sei.
,Wo ist Rochester? rief Oberst Dent. ,Er ist nicht mehr in
seinem Bette.
,Hier!'' antwortete eine andere Stimme. ,Beruhigen Sie sich
doch, ich komme sofort.
Die Tür am Ende des Korridors öffnete sich, und Herr Rochester erschien mit einer brennenden Kerze. Er kam aus dem dritten Stockwerk herunter, Blanche Ingram eilte ihm entgegen und
erfaßte seinen Arm.
,Was ist geschehen? rief sie. ,Sprechen Sie! Lassen Sie es
uns wissen, sei es auch das Schrecklichste.
Gleichzeitig hängten sich die Geschwister Eshton an ihn, und die
beiden verwitweten Damen kamen majestätisch wie Dreimaster bei
vollem Winde auf ihn zugesegelt.
,Reißen Sie mich doch nicht zu Boden! rief Herr Rochester.
,Nur Ruhe! Es ist alles schon wieder gut. Bloß ne Generalprobe
zu: Viel Lärm um nichts. Das ist alles. Lassen Sie mich los,
meine Damen, sonst werde ich wild.
Und wild sah er tatsächlich aus. Seine Augen glühten, seine
Lippen bebten. Sich gewaltsam bezwingend, fuhr er fort:
,Ein Dienstmädchen hat Alpdrücken bekommen - hat ihren
schweren Traum für Wirklichkeit gehalten und Zetermordio geschrien. Meine Damen und Herren, Sie können sich beruhigen und getrost in Ihre Zimmer zurückkehren. Ja ich muß sogar dringend
darum bitten. Fräulein Ingram, gehen Sie den andern mit gutem
Beispiel voran; ich bin überzeugt, Sie werden zeigen, daß Sie über
solch einen kleinen Schreckschuß erhaben sind. Meine Damen, wandte
er sich an die Witwen, ,Sie werden sich erkälten, wenn Sie noch
länger auf dem feuchten Korridor verweilen.
Während er abwechselnd befahl und gut zuredete, gelang es ihm. ,
alle Gäste in ihre Gemächer zurückzudrängen. Auch ich ging wieder
Rochesters Erklärung hätte beruhigen können. Ich kleidete mich
deshalb fertig an, um für alle Fälle bei der Hand zu sein, falls
mein Brotherr meiner bedürfen sollte. Ich setzte mich an's Fenster,
sah in die Mondnacht hinaus und wartete - ich weiß nicht, worauf
-- doch war mir, als müßte auf solch einen Schreckensschrei irgendein
Ereignis folgen.
Doch überall herrschte nun Ruhe und Friede. Allmählich verstummten alle Geräusche. Der Schlaf schien wieder ungestört das -
Zepter in Thornfield-Hall zu führen. Der Mond ging unter, und
ich beschloß nun, mich angekleidet ins Bett zu legen. Da klopfte es
leise an die Tür.
,Wer ist da? fragte ich.
,Sind Sie noch wach? erklang die Stimme, die ich zu hören
erwartet hatte: nämlich die des Hausherrn.
,Ja, Herr Rochester.
,Und angekleidet?
,Ja.
,Dann kommen Sie heraus, aber geräuschlos.
Ich trat zu ihm. Er hielt eine brennende Kerze in der Hand.
,Sie müssen mir helfen,' sagte er. ,Aber keinen Lärm machen.
verstanden!'
Leise schlich ich an seiner Seite durch den Korridor und die
Treppe hinauf in das verhängnisvolle dritte Stockwerk.
,Nun hab' ich's doch vergessen, sagte er verdrießlich. ,Haben
Sie Schwamm und Riechsalz in Ihrem Zimmer? Ja? Dann kehren
Sie zurück und holen Sie beides.
Ich tat es und war in wenigen Minuten wieder bei ihm. Er
wartete auf mich vor einer der kleinen schwarzen Türen, steckte den
Schlüssel' ins Schloß und öffnete sie. Dann drehte er sich noch einmal
mir herum:
,Können Sie Blut sehn? fragte er rasch.
,Ich glaube doch - ich war noch nicht in der Lage !
Bei diesen Worten schüttelte mich aber doch ein gelinder Schauer.
,Geben Sie mir Ihre Hand! Ohnmächtig dürften Sie freilich nicht werden. Nun, Ihre Hand ist warm und zittert nicht.
Lassen wir's drauf ankommen -- ich habe ja auch weiter niemanden.
Halten Sie also die Ohren steif!
zeigte. Es war mit schweren Gobelins behängt, die aber jetzt an
einer Wand in die Höhe geschlagen waren, so daß eine Innentür
sichtbar wurde, die ich das erste Mal nicht bemerkt hatte. Diese Tür
war offen, und in dem Gemach dahinter brannte Licht. Von dort
kam ein Geräusch, das dem Knurren eines Hundes glich.
Herr Rochester setzte die Kerze auf den Tisch, hieß mich warten
und ging in dieses Zimmer. Ein schrilles Lachen klang ihm entgegen - dasselbe unheimliche, langgezogene Lachen, das ich Grace
Poole so oft hatte ausstoßen hören. Sie also war es wieder, die diese
nächtliche Störung verursachte. Herr Rochester besorgte irgend etwas
drinnen, ohne selbst zu sprechen, doch hörte ich eine leise Stimme,
die ihm antwortete. Dann erschien er wieder und schloß die Tür
hinter sich ab.
,Hierher, Johanna ! sagte er zu mir und trat neben ein großes
Bett. Nun sah ich darin eine regungslose Gestalt liegen- mit
zurückgesunkenem Kopfe und geschlossenen Augen. Herr Rochester
leuchtete mit der Kerze, und nun erkannte ich den Fremden, Herrn
Mason, und sah, daß sein Hemd an der einen Seite von Blut getränkt war.
,Halten Sie das Licht,' sagte Herr Rochester und holte eine
Schüssel voll Wasser. Er hieß sie mich halten, tauchte den Schwamm
ins Wasser und befeuchtete das totenblasse Gesicht Masons. Dann
hielt er ihm mein Riechfläschchen unter die Nase. Nach einer Weile
öffnete der Mann die Augen und stöhnte vor Schmerz. Herr Rochester
schlug das Hemd auseinander, und ich sah, daß Arm und Schulte:
schon notdürftig verbunden waren.
,Ist die Wunde lebensgefährlich? stammelte Mason.
,Keine Spur-- eine Fleischwunde weiter nichts, antwortete
Herr Rochester. ,Laß dich nicht so umwerfen, Mensch. Raffe dich auf.
Ich hole einen Wundarzt - morgen bist du schon wieder transportfähig. Johanna,' wandte er sich an mich, ,ich muß Sie auf eine
Stunde mit dem Herrn hier allein lassen. Waschen Sie das herabträufelnde Blut ab - geben Sie ihm, wenn er ohnmächtig zu werden
droht, aus dem Glase zu trinken, das dort auf dem Tische steht -
benützen Sie dann auch Ihr Riechsalz. Sprechen dürfen Sie keinesfalls mit ihm. Richard, auch du darfst nicht sprechen - es könnte
dir schaden. Du darfst dich nicht aufregen - niemand könnte für
die Folgen einstehn.
Herr Mason stöhnte abermals; er wagte sich kaum zu bewegen.
als wenn die Angst vor irgend etwas Entsetzlichem ihn lähme. Herr
Rochester reichte mir den Schwamm, sah einen Augenblick zu, wie
ich mich dabei anstellte, und ging dann.
Nun war ich also in dem geheimnisvollen dritten Stockwerk
-- allein - in tiefer, stiller Nacht - nach einem unerklärlichen,
schrecklichen Zwischenfall am Bette eines anscheinend schwerverwundeten Fremdlings. Und neben mir, das wußte ich, war die
Tür, die in das Zimmer der rätselhaften Grace Poole führte, die,
wie ich überzeugt war, auch wieder an diesem Unglück schuld war.
Mußte ich sie nun nicht gar für eine Mörderin halten? Mußte ich
nicht befürchten, daß sie sich alle Augenblicke auf mich stürzen würde?
Ich mußte jedoch auf meinem Posten ausharren, so lang mir
die Zeit auch wurde. Ich mußte den Blick auf das gespensterhaft
blasse Gesicht vor mir heften, die blauen, zuckenden Lippen betrachten
und auf das Spiel der bald geschlossenen, bald mit dem Ausdruck des
Entsetzens um sich starrenden Augen achten, und das immer wieder
fließende Blut abwischen.
Das Licht brannte herab die Schatten um mich her wurden
düsterer-- das massive, dunkle Bett sah aus wie ein großer schwarzer
Sarg - und in dem zuckenden Lichtschein der Kerze zeigten die
Schnitzereien an den Möbeln allerlei unheimliche Gesichter und
Gestalten.
Meine Bangigkeit zu steigern, erklang ab und zu aus dem
Innenzimmer wieder jenes Knurren und Schnappen, das an ein
Tier erinnerte - Schritte huschten hin und her.
Nun begannen meine Gedanken ins Unermeßliche zu schweifen.
Was war das für ein Rätsel, das in der Gestalt jener Grace Poole
in diesem Hause lebte und das der Besitzer nicht von sich abschütteln
konnte? Was für ein Geheimnis war es, das sich mir nun schon
zweimal in der Stille der Nacht gezeigt hatte - einmal in Feuer,
und diesmal in Blut? Und auf welche Weise war dieser fremde.
stille Mann in diese Schrecknisse verwickelt? Weshalb hatte sich
Grace Poole, diese Furie, auf ihn gestürzt und ihn zerfleischt?
Weshalb war er mitten in der Nacht in das dritte Stock-
werk hinaufgegangen, nachdem Herr Rochester, wie ich gehört, ihm
ein Zimmer im untern Teil des Hauses angewiesen hatte? Und
weshalb willigte er nun, ein, den Vorfall geheimzuhalten? Weshalb
drang er nicht darauf, daß die ihm angetane Ruchlosigkeit ihre Strafe
fände? Und Herr Rochester? einmal hatte man ihm selbst nach dem
Leben getrachtet - jetzt war einer seiner Gäste überfallen worden
- und er hielt alles ängstlich geheim und tat nichts, Grace Poole
unschädlich zu machen.
Herr Mason unterwarf sich vollständig der Energie und Willenskraft Rochesters, das sah ich. Aber weshalb, fragte ich mich, ist dann
Rochester so heftig erschrocken, als er hörte, Mason sei gekommen.
Warum hatte diese Nachricht ihn so völlig niedergeschmettert? Weshalb war er beim bloßen Namen dieses willenlosen, schwachen
Mannes so erschrocken?
Ich konnte es nicht vergessen, wie die Nachricht, Mason sei gekommen, den starken, selbstbewußten Rochester, der diesen Mann
jetzt mit einem einzigen Worte gefügig wie ein Kind machte, niedergeschmettert hatte, gleich einer Eiche, die der Blitz erschlägt. Ich konnte nicht vergessen, wie er getaumelt, sich auf mich gestützt und
schreckensbleich geflüstert hatte: ,Johanna, ein furchtbarer Schlag
hat mich getroffen!
Die Stunden verflossen, sie dünkten mich eine Ewigkeit. ,Wann
wird er wiederkommen? sprach ich zu mir selbst. Und der blutende
Kranke wurde immer schwächer, sein Stöhnen und Wimmern immer
unerträglicher. Ich fürchtete, er würde unter meinen Händen sterben.
Das Licht brannte herab und erlosch - der Tag begann zu grauen.
Endlich - nach etwa fünf Minuten - wurde die Tür geöffnet --
meine Nachtwache war zu Ende. Sicherlich hatte sie nicht länger als
zwei Stunden gedauert - aber manche Woche war mir schneller
vergangen als sie.
Herr Rochester kam nit dem Wundarzt.
,Carter,r sprach er, ,beeilen Sie sich. In einer halben Stunde
- muß die Wunde untersucht, der Verband fertig und der Kranke im
Wagen sein.
,Ist er denn überhaupt transportfähig?
,Ganz sicher. Es ist keine gefährliche Verletzung. Er klappt
nur immer gleich so sehr zusammen. Machen Sie schnell!
Der Doktor ging ans Werk, während Herr Rochester die Fensterläden öffnete und die Vorhänge zurückzog, um soviel Tageslicht
wie möglich hereinzulassen.
,Nun, mein Junge, wie fühlst du dich jetzt? fragte er dann,
ans Bett tretend.
,Ich fürchte, sie hat mich umgebracht, wimmerte Mason.
,Blödsinn! Nur Mut! In vierzehn Tagen ist alles vorwunden. Ein bißchen viel Blut verloren - das ist alles. Carter,
versichern Sie ihm doch, daß keine Gefahr für ihn besteht.
,Das kann ich getrost tun, antwortete der Wundarzt, der den
Verband anlegte, ,wenn ich nur früher hätte da sein können, dann
wäre es mit geringerem Blutverlust abgegangen. Doch - was ist
das hier? Das Fleisch ist zerfetzt - das ist kein Messer gewesen -
hier ist gebissen worden.
,Ja, ihre Zähne waren es, sagte der Verwundete. ,Als Rochester ihr das Messer entriß, schlug sie mir die Zähne in den Arm.
,Du hättest dich eben gleich zur Wehr setzen sollen, statt ihr zuerst nachzugeben, sagte Rochester. ,Ich hatte dich gewarnt. Ich
sagte dir: Sei auf der Hut, wenn du in ihre Nähe kommst. Du
hättest bis zum Morgen warten sollen. Es war Unsinn, die Unterredung noch am selben Abend zu beginnen. Das hast du nun davon,
daß du meinen Rat nicht befolgtest. Doch ich will dir keine Vorwürfe
machen. Carter, beeilen Sie sich -- es ist die höchste Zeit. Die
Sonne geht bald auf. Wir müssen ihn vorher weggebracht haben.
,Ich bin gleich fertig, Herr. Nur noch den andern Arm - auch
hier haben Zähne gewütet,' sagte der Arzt.
,Sie rief, sie wollte mein Blut trinken, antwortete Mason,
und ein kalter Schauer schüttelte ihn.
Ich sah, daß auch Herr Rochester zitterte. Ekel, Grausen und
Haß enstellten sein Gesicht.
,Schweig, Richard, stieß er hervor, ,und kümmere dich nicht
um ihr Geschwätzt. Wiederhole es wenigstens nicht.
,Ach, ich wünschte, ich könnte es vergessen! Aber es ist unmöglich!
, Unsinn! Nichts ist unmöglich. Sei nur erst wieder drüben in
Jamaika. Und denke nicht mehr an sie. Oder denke, sie sei tot und
begraben. Gott sei Dank! Nun ist Carter mit dem Verband fertig.
Johanna, eilen Sie in mein Zimmer, holen Sie aus meiner Kommode reine Wäsche und bringen Sie sie hierher.
Ich war rasch wieder oben.
,Treten Sie hinter das Bett, Johanna, während wir ihn ankleiden, aber bleiben Sie im Zimmer, falls wir Ihrer noch bedürfen.
War unten schon jemand auf den Beinen?
,Nein, Herr,' antwortete ich, ,es war noch alles still.
,Nun, dann werden wir dich noch ohne Aufsehen fortschaffen
können, Dick. Das ,ist das Beste für dich und für das beklagenswerte Geschöpf dort drüben. Sol nun sind wir fertig! Nun er-
manne dich, Junge. Der Doktor und ich, wir führen dich. Reiß dich
zusammen, Mensch - es muß und wird gehen!' Johanna, springen
Sie in Masons Zimmer und holen Sie seinen Pelzmantel -- er
kann in diesem verwünschten kalten Klima keine halbe Meile ohne
ihn reisen. Und dann laufen Sie hinaus vor das Hoftor und sagen
Sie dem Kutscher des Wagens, den Sie dort sehen werden, er solle
sich sofort bereit machen.
Es war inzwischen sechs Uhr geworden, und die Sonne ging
auf. Am Hoftor fand ich den Wagen, der Kutscher saß schon auf dem
Bocke und hielt die Zügel. Im Hause schlief noch alles, selbst an den
Fenstern der Dienstbotenzimmer war noch kein Laden geöffnet. Die
Herren brachten den Kranken und hoben ihn in den Wagen, Carter
setzte sich zu ihm.
,Geben Sie wohl auf ihn acht, Doktor, sagte Rochester, die
Wagentür schließend. ,Behalten Sie ihn in Ihrem Hause, bis er
völlig wiederhergestellt ist. In zwei Tagen schau' ich mal nach. Lassen
Sie das Fenster an dieser Seite herunter, es ist windstill, und die
frische Luft wird ihm guttun. Lebe wohl, Dick, mein Junge!
,Fairfax, sagte Mason, ,laß sie sorgsam behüten -- laß sie
nachsichtig behandeln -- laß sie -- Er verstummte und brach in
Tränen aus.
,Ich tue, was in meinen Kräften steht,k antwortete Rochester.
,Das habe ich stets getan - das werde ich immer tun. Kutscher,
fahr zu! O, wenn doch alles ein Ende hätte! stöhnte er tief auf
und drehte sich herum, während der Wagen davonfuhr.
Wir standen uns beide gegenüber.
,Kommen Sie ein wenig mit in den Obstgarten, Johanna,
sagte er, ,in reinere Luft das Haus dort ist ein wahrer Kerker.
,Mich dünkt, es ist ein prächtiges Schloß, Herr,r sagte ich.
,Sie sehen es mit unerfahrenen Augen an,'' versetzte er. ,Sie
können noch nicht erkennen, daß das Gold Schlamm, die Seide
Spinngewebe ist. Aber hier,' setzte er hinzu und trat unter einen
breiten, schönen Apfelbaum, ,hier ist alles rein, süß, unverdorben. !
Die Sonne strahlte majestätisch auf den Garten herab, und das
Gras funkelte im Morgentau. Die Wege waren still und lauschig, die
Bäume schienen noch zu schlummern.
,Das war eine böse Nacht, Johanna, murmelte er. ,Sie sehen
ganz blaß aus. Haben Sie sich gefürchtet - so allein mit Mason?
,Vor ihm nicht - aber vor der Person im Innenzimmer.
,Das hatte ich ja zugeschlossen, sagte er.
,Wird Grace Poole noch lange hier bleiben? fragte ich.
,Grace Poole?' antwortete er. ,Jawohl selbstverständlich
-- doch- denken Sie nicht an sie - zerbrechen sie sich nicht den
Kopf über sie.
,Aber Herr Rochester, Sie sind ja Ihres Lebens nicht sicher,
solange sie im Hause weilt.
,O, ich werde mich in acht zu nehmen wissen. Ich bin es schon
gewöhnt, auf einem Vulkan zu leben, der alle Augenblicke sich auftun und mich verschlingen kann. Doch ich sage Ihnen, zerbrechen
Sie sich nicht den Kopf über mich oder über andere Personen -
denken Sie weder an Mason noch an Grace Poole es hat keinen
Zweck. Johanna, wann werden Sie wieder mit mir wachen?
,Sobald ich Ihnen damit von Nutzen sein kann, Herr.
aZum Beispiel in der Nacht vor meiner Hochzeit mit Blanche
Ingram ? fragte er in bitterm Tone. ,Da werde ich gewiß nicht
schlafen können. Wollen Sie mir da auch Gesellschaft leisten? Zu
Ihnen als zu einer guten Freundin kann ich ja von meiner Geliebten
sprechen. Sie kennen sie ja nun auch. Ein Prachtweib! Potzblitz, da
gehen Dent und Lynn ja schon in die Pferdeställe. Hollah, meine
Herrenl' rief er den beiden zu- während ich rasch ins Gebüsch
trat und einen Seitenpfad einschlug. ,Mason ist Ihnen allen zu-
Ein Wiedersehen.
Am Nachmittag wurde mir gesagt, es sei jemand angekommen,
der mich zu sprechen wünsche. Ich ging sogleich ins Empfangszimmer
und sah einen mir ganz unbekannten, wie ein herrschaftlicher Diener
gekleideten Mann vor mir. Er trug einen schwarzen Anzug und
einen Flor von der gleichen Farbe um den Hut.
,Sie erkennen mich nicht wieder? sprach der Fremdling. ,Ich
bin Robert Leaven, der Kutscher der Frau Reed das heißt, wie
Sie noch dort waren, war ich Kutscher - jetzt bin ich ja Portier
geworden.
,Ah, Sie sind's, Robertl' rief ich. ,O ja, jetzt erinnere ich mich
Ihrer. Sie sind ja doch jetzt mit Bessie verheiratet, nicht wahr?
,Ja, und wir haben jetzt ein drittes Kind bekommen. Sind
aber alle gesund und munter.
,Das freut mich -- und hoffentlich läßt sich das gleiche von der
Herrschaft sagen.
,Das ist eben nicht der Fall. Es geht augenblicklich sehr
schlecht.
,Ist denn gar jemand gestorben? fragte ich, auf seinen
schwarzen Anzug deutend.
,Der junge Herr Reed - vor acht Tagen - in London. Er
hat's gar arg getrieben, Fräulein - Schulden gemacht - das
Geld verpraßt - und zuletzt wit dem Strafrichter zu tun bekommen.
Zweimal kam er ins Gefängnis - zweimal half seine Mutter ihm
-- aber jedesmal geriet er wieder in schlechte Gesellschaft. Da kam
er nun nach Gateshead und verlangte von der Gnädigen, sie solle
ihm ihr ganzes Besitztum verschreiben. Das konnte sie natürlich
nicht. Ist sie doch selbst seinetwegen in große Bedrängnis geraten
und hat Geld auf hohe Zinsen aufnehmen müssen. Er fuhr wieder
nach London, und das nächste, was wir von ihm hörten, war, daß
er tot sei. Er soll sich selbst umgebracht haben.
Ich schwieg entsetzt.
,Die Gnädige ist darüber schwerkrank geworden, fuhr Robert
fort. ,Die Furcht vor der Armut richtet sie zugrunde. Sie hat einen
Schlaganfall erlitten. Drei Tage konnte sie nicht sprechen - nachher
wurde es besser. Meine Frau pflegt sie und hat mir denn gesagt,
sie spräche immer Ihren Namen aus. Bringt mir Johanna Eyre
her, - das sei das einzige, was man von ihr verstehen könne.
Deshalb bin ich nun hergereist, und ich möchte Sie gern gleich mitnehmen.
,Gewiß, ich mache mich fertig. Augenblicklich bitte ich um
Urlaub.
Ich suchte Herrn Rochester und fand ihn endlich im Billardsaal, wo er mit Fräulein Ingram eine Partie Karambolage spielte.
Als er mich eintreten sah, legte er das Queue aus der Hand und
fragte nach meinem Begehr.
,Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Herr Rochester.
Er trat mit mir auf den Korridor hinaus
,Was wünschen Sie denn, Johanna?
,ich muß um Urlaub auf vierzehn Tage bitten.
,Um Urlaub? Was haben Sie vor?
,Ich muß eine kranke Dame besuchen, die nach mir schickt.
,Was für eine Dame?
,Frau Reed in Gateshead-Hall.
,Das ist ja hundert Meilen von hier. Ich kannte früher einen
Reed aus Gateshead - er war Ratsherr -?
,Die Dame ist seine Witwe.
,Aber was haben Sie mit ihr zu schaffen?
,Herr Reed war mein Oheim.
,Ihr Onkel? Warum haben Sie mir das nicht längst gesagt?
Sie sagten doch, Sie hätten keine Verwandten?
,Keine, die mich anerkannten oder sich um mich kümmerten,
habe ich gesagt. Mein Onkel ist lange tot - und Frau Reed hat mich
verstoßen.
mit Haß verfolgt.
,Aber der Ratsherr Reed hatte Kinder - Sie müssen also Vettern und Basen haben. Richtig, Lynn erzählte mir letztens von
einem Hans Reed, der in London als verkommener Mensch berüchtigt sei, und Ingrams sprachen mal von einer Georgina Reed,
die eine berühmte Schönheit sein soll.
,Das sind die Kinder der Witwe Reed. Hans Reed ist jetzt
gestorben, nachdem er seine Familie fast an den Bettelstab gebracht
hat. Er soll Selbstmord verübt haben. Frau Reed ist darüber
todkrank geworden und verlangt nun nach mir.
,Und Sie wollen auch gleich zu ihr, trotzdem sie Sie verstoßen,
wie Sie sagen? Das sieht Ihnen ähnlich.
,Das ist schon lange her, Herr Rochester, und damals war auch
alles anders. Ich würde nie wieder Ruhe finden, wenn ich ihr diesen
Wunsch nicht erfüllte.
,Und wie lange wollen Sie fortbleiben?
,Höchstens zwei Wochen.
,Zurückkommen werden Sie also bestimmt, nicht wahr? Sie
denken nicht daran, dauernd zu ihr zu ziehen?
,Nein, selbstverständlich komme ich wieder. Allerdings wird
ja hier meines Bleibens nicht mehr lange sein.
,Wieso nicht?
,Sie beabsichtigen sich demnächst zu verheiraten, da werden
Sie wohl Adele in eine Pension schicken müssen.
, Um sie meiner Frau aus den Augen zu schaffen, denn Blanche
Ingram wird sie nicht gern um sich haben. Das dürfte zutreffen.
Und deshalb müssen Sie - geradeswegs zum Teufel gehn?
,Das nicht, Herr Rochester, aber ich werde mir eine andere
Stellung suchen müssen.
,Das hat Zeit!' rief er heftig und verzog dabei das Gesicht
zu einer halb scherzhaften, halb traurigen Miene. ,Ich selbst werde
Ihnen eine solche besorgen, wenn es nottut. Versprechen Sie mir,
vorher keinen Schritt zu tun.
,Das will ich gern, Herr Rochester, wenn Sie Ihrerseits mir
versprechen, Adele und mich anderswo unterzubringen, ehe Ihre
junge Frau das Haus betritt.
,Angenommen. Darauf kann ich Ihnen mein Wort geben.
Und also wollen Sie morgen reisen, und wir müssen uns auf lange
Zeit Lebewohl sagen. Nun denn ade und auf Wiedersehn!
Er drehte sich rasch herum und trat wieder ins Billardzimmer. -
Am Nachmittag des ersten Mai langte ich in Gateshead-Hall an.
Bessie empfing mich.
,Ich wußte, daß Sie kommen würden!' rief sie bei meinem
Eintritt aus.
,Hoffentlich komme ich nicht zu spät? antwortete ich. ,Lebt
Frau Reed noch?
,Ja, und hat teilweise die Besinnung wiedererlangt. Der Doktor meint, es könne sich noch zwei Wochen hinziehen, aber auf ein
glückliches Ende sei doch nicht mehr zu hoffen. Heute erst hat sie
wieder von Ihnen gesprochen und den Wunsch geäußert, Sie zu
sehen. Meistens liegt sie den ganzen Nachmittag wie betäubt da und
erwacht erst gegen sieben Uhr. Wollen Sie sich hier bei mir eine
Stunde ausruhen, Fräulein? Wir gehen dann zusammen hinüber.
Ich war damit einverstanden, und sie setzte mir Tee vor. Nun
ging es ans Erzählen, und ich mußte ihr natürlich ausführlichen
Bericht von meinem Lebenslauf seit unserm letzten Zusammentreffen
berichten. So verging die Zeit gar schnell, bis die Stunde gekommen
war, ins Herrenhaus zu gehen. Neun Jahre war es her, seit ich
das letzte Mal diesen Weg gegangen. Erinnerungen stürmten auf
mich ein, und wieder griff jener alte Schmerz der Geächteten, mit
dem ich dieses Haus verlassen, an mein Herz. Doch nur auf einen
Moment -- dann fühlte ich, die Wunde war geheilt, der Haß war
erloschen.
,Sie müssen zuerst ins Frühstückszimmer gehen, sagte Bessie.
,Die jungen Damen werden wohl dort sein.
Im nächsten Augenblick stand ich in diesem Zimmer.
Es sah darin noch genau so aus wie an jenem Morgen, als-
Herr Brocklehurst nach Gateshead-Hall gekommen war. Vorm Kamin
lag noch derselbe Teppich, auf dem er gestanden. In den Bücherschränken schimmerten die goldenen Rücken der Bücher noch in der-
selben Ordnung, als wenn niemand nach mir in ,Tausendundeine
Nacht' oder in ,Gullivers Reisen' gelesen hätte. Die leblosen Dinge
hatten sich nicht verändert - die Menschen aber waren kaum wiederzuerkennen.
Ich sah zwei junge Damen vor mir. Die eine war groß und
hager, von scharfen Zügen, von blasser Farbe und überaus einfach
- gekleidet. Um den Hals trug sie eine Kette aus schwarzen Holzperlen, woran ein Kruzifix, hing. Das war Elisa. Und die andere
war Georgina - aber auch sie sah ganz anders aus als früher, wo
sie noch ein schlankes, blondes Mädchen von elf Jahren gewesen.
Sie war jetzt eine Dame - voll erblüht, weiß und zart wie Alabaster
-- schön von Angesicht. Auch sie war schwarz gekleidet, doch ihr
Kleid war nicht so einfach, sondern mit allerlei Ausputz versehen.
Beide Mädchen hatten einen Zug von ihrer Mutter - doch jede
nur einen. Die magere, blasse Elisa hatte das hervortretende Auge
-- die üppigere Georgina das breite, volle Kinn, das ihrem hübschen
Gesicht etwas Grobes, Hartes verlieh.
Ich trat auf die Damen zu, die sich erhoben und mich als ,Fräulein Eyre anredeten. Elisa sprach ihren Gruß kurz und trocken,
ohne eine Miene zu verziehen. Sie setzte sich auch gleich wieder,
starrte ins Feuer und nahm weiter keine Notiz von mir. Georgina
fühlte sich bewogen, ihrem ,Wie geht es Ihnen? noch ein paar
Bemerkungen über die lange Reise und das Wetter hinzuzufügen.
Sie betrachtete mich von Kopf zu Füßen mit einer Miene, der es eben
nicht an Hochmut gebrach.
Aber diese Ueberhebung meiner Cousinen ließ mich jetzt ganz
kalt. Ich wunderte mich über mich selbst, daß die vollständige Nichtachtung seitens der einen und die erzwungene Höflichkeit der andern
mir ganz gleichgültig war.
,Wie befindet sich Frau Reed? fragte ich und sah Georgina an.
,Mama ist sehr krank, antwortete diese. ,Ich glaube nicht.
daß Sie heute noch zu ihr können.
,Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ihr sagen wollten, daß ich
da bin.
Georgina schien dies als eine empörende Zumutung zu empfinden und riß ihre blauen Augen weit auf.
,Ich weiß, sie hat den besonderen Wunsch geäußert, mich zu
sehen,' setzte ich hinzu. ,Ich möchte ihr diesen Wunsch so rasch wie
möglich erfüllen, damit ich hier nicht länger zu bleiben brauche, als
absolut notwendig ist.
,Mama läßt sich am Abend nicht gern stören, sagte Elisa.
Darauf legte ich, ohne auf eine Aufforderung zu warten, Hut
und Handschuhe ab und sagte, ich wolle zu Bessie gehen, die wohl in
der Küche sei. Dort würde ich ja wohl Gewißheit darüber erhalten,
ob Frau Reed mich noch an diesem Abend zu sehen wünsche. Ich
fand Bessie und schickte sie zu der kranken Hausherrin hinauf.
Wenn man mich noch vor einem Jahre so unhöflich empfangen
hätte, wie jetzt in Gateshead, ich würde sofort wieder gegangen sein;
jetzt aber begriff ich, daß dies sehr töricht gewesen wäre. Denn ich
hatte eine weite Reise gemacht, um meine Tante zu sehen, und nun
mußte ich bleiben, bis sie wieder gesund geworden oder gestorben
war. An die Unverschämtheit und Dummheit ihrer Töchter durfte
ich mich dabei nicht kehren. Ich wandte mich deshalb auch ohne
weiteres an die Wirtschafterin und ließ mir ein Zimmer anweisen,
indem ich ihr bedeutete, ich würde wohl auf einige Zeit hier zu Gast
bleiben müssen.
Auf dem Wege zu meinem Zimmer begegnete mir Bessie.
,Die Gnädige ist wach, sagte sie. ,Ich habe ihr erzählt, Sie
seien da. Wir wollen nun sehen, ob sie Sie erkennen wird.
Ich brauchte keinen Führer nach dem wohlbekannten Zimmer
und eilte Bessie voran. Auch hier sah alles noch genau so aus wie
früher. Die Lampe auf dem Tische - das große Himmelbett mit
den gelben Vorhängen, der Toilettentisch, der Lehnstuhl, der Fußschemel auf dem ich zur Strafe wohl hundertmal hatte knieen müssen:
alles war noch auf dem alten Flecke. Ja ich sah sogar nach einer
Ecke hin, in der Erwartung, dieselbe Reitgerte dort hängen zu sehen.
mit der ich oft wegen Sünden, die ich nicht begangen, gezüchtigt
worden war.
Ich trat an das Bett zog die Vorhänge zurück und beugte mich
über die hochaufgetürmten Kissen.
In Haß und Abscheu war ich von Frau Reed fortgegangen;
aber die alles heilende Zeit hatte auch meine Gefühle besänftigt;
während ich jetzt hier stand, wußte mein Herz nichts mehr von dem
alten Groll. Ich fühlte Mitleid mit dem großen Leid, das ihr Sohn
über sie gebracht, ich hegte das innige Verlangen, alles Unrecht zu
vergeben, mich mit ihr auszusöhnen, an Stelle der alten Feindschaft
Freundschaft treten zu lassen.
Ich erblickte das wohlbekannte Gesicht. Es hatte sich fast gar
nicht verändert, dieselben finstern, strengen Züge, dieselben kalten
Augen, die gleichen herrisch geschwungenen Brauen. Und wie oft
hatten diese Augen mich voll Haß und Zorn angefunkelt! Wie mußte
ich bei diesem Anblick an die Schrecken und Grausamkeiten meiner
Kindheit zurückdenken! Trotz allem aber beugte ich mich über sie
und küßte sie auf die Stirn.
,Ist das Johanna Eyre?' fragte sie, aufblickend.
,Ja, Tante. Wie geht es Ihnen
Wohl hatte ich gelobt, sie nie wieder Tante zu nennen; aber ich
hielt es für kein Vergehen, in diesem Moment das Gelübde zu
brechen. Ich nahm ihre Hand in die meine; ein leiser Händedruck-
ihrerseits hätte genügt, den letzten Zwang von meinem Herzen zu
lösen. Aber Frau Reed entzog mir ihre Hand, wandte das Gesicht
ab und murmelte, es sei sehr warm an diesem Abend. Dann heftete
sie die Augen noch einmal auf mich, aber mit einem so eisigkalten
Blick, daß ich nicht daran zweifeln konnte, sie war mir auch jetzt nicht
im mindesten freundlicher gesinnt als früher. Ich las es in diesem
steinharten Auge, das nie eine Träne geweint und nie in Zärtlichkeit
aufgeleuchtet hatte, sie war entschlossen, mich bis zum letzten Moment
ihres Lebens für ein schlechtes, falsches Geschöpf zu halten.
Das schmerzte mich zuerst - dann erbitterte es mich. Aber ich
unterdrückte beide Empfindungen und nahm mir vor, ihren starren
Troy durch Güte zu überwinden. Ich drängte die Tränen des Grolls
zurück, die mir wieder in die Augen schossen, wie oftmals in der
Kindheit, setzte mich an das Kopfende und beugte mich noch einmal
über das Bett.
,Sie haben nach mir geschickt, und hier bin ich, sagte ich. ,Auch
will ich nun bleiben, bis es besser mit Ihnen wird.
,gewiß. Bist du schon bei den Mädchen gewesen?
.Ja.
,So sage ihnen, daß ich dich hier zu behalten wünsche, bis ich
mir dir über gewisse Dinge habe sprechen können. Heute abend
geht's nicht mehr es fällt mir jetzt auch schwer, mich auf die Sache
zu besinnen. Aber eins wollte ich dir sagen - was war das doch
gleicher
Die matte Stimme, der wirre Blick ließen mich erkennen, wie
weit die Zerstörung schon in diesem einst so kraftvollen Körper
vorgeschritten war. Sie warf sich unruhig hin und her und riß,
an der Bettdecke herum. Ich legte den Arm auf ihr Kopfkissen und
wollte ihr Haar streicheln. Sie wurde sofort wieder heftig.
,Weg da! rief sie. ,Willst du mich auch jetzt noch ärgern.
Bist du wirklich Johanna Eyre?
,Ich bin es.
,Dieses Mädchen hat mir unendlich viel Kummer und Beschwerden bereitet. Daß mir auch solch eine Last aufgebürdet werden
mußte! Täglich, nein, stündlich hat ihre Verstocktheit mir Aerger verursacht. Sie war ein überaus widerhaariges Ding ein ganz unbegreiflicher Charakter. Wie böse sie werden konnte - wie giftig!
Und wie sie fortwährend auf alles horchte und überall ihre Augen
herumgehen ließ! Ich kann sagen, sie hat eines Tages zu mir Worte
gesprochen, die noch nie zuvor über die Lippen eines Kindes gekommen sind. Ach, wie froh war ich, daß sie aus dem Hause kam!
Was mag in Lowood aus ihr geworden sein. Der Typhus hat dort
gehaust, und viele Zöglinge sind dran gestorben. Sie aber nicht!
Ich habe sie trotzdem nachher für tot ausgegeben. Für mich
war sie ja auch tot -- und ich wünsche auch jetzt noch, sie wäre
gestorben.
,Ein sonderbarer Wunsch, Frau Reed. Weshalb war ich Ihnen
so verhaßt?
,Ich habe schon Johannas Mutter gehaßt, denn sie war die
einzige Schwester meines Mannes, und er hing sehr an ihr. Als
sie eine Mißheirat schloß und die Familie sich von ihr zurückzog.
blieb er ihr in Liebe treu. Als sie starb, weinte er wie ein Irrsinniger. Er bestand darauf, das kleine Mädchen seiner Schwester
zu sich zu nehmen, obwohl ich ihn bat, es in Kost zu geben. Ich
haßte es von dem Moment an, wo ich es zum ersten Male erblickte.
Es war ein kränkliches, empfindliches Ding und schrie in einem
fort -- nein, eigentlich kann man es nicht Schreien nennen, denn
die Töne waren nicht so herzhaft und kräftig wie bei andern Kindern
es war mehr ein klägliches Wimmern. Und mein Mann opferte
sich auf für dieses Kind. Er liebkoste es, als wäre es sein eigenes
gewesen. Ja er gab sich mehr mit ihm ab als mit den seinen. Aus
denen hat er sich nie so viel gemacht, als sie so klein waren. Er
versuchte auch, Freundschaft zwischen unsern Kindern und dem kleinen
Wechselbalg zu stiften, aber meine Lieblinge mochten sie nicht leiden.
Als mein Mann krank wurde, ließ er es fortwährend an sein Bett
bringen, und eine halbe Stunde vor seinem Tode ließ er mich noch
einen heiligen Eid schwören, daß ich für das Kind stets sorgen wolle.
Ja, Reed war eben ein gutmütig dummer Mensch. Gott sei Dank,
das hat sein Sohn nicht von ihm geerbt. Der ist mehr nach mir -
mehr ein Gibson als ein Reed. Wenn er mich nur nicht fortwährend um Geldsendungen angehen möchte! Wo soll ich all das Geld hernehmen? Ich habe nichts mehr- wir stehn vor der Armut. Schon -
die Hälfte der Dienerschaft habe ich entlassen müssen- ich kann
nur noch einen Teil des Hauses benützen - die andern Räume werde
ich wohl vermieten müssen. Das widerstrebt mir natürlich aber
wie sollen wir sonst unser Leben fristen? Ich muß ja zwei Drittel
meines Einkommens hingeben, um allein die Wucherzinsen für die
Schulden meines Sohnes und für die Darlehen, die ich um seinetwillen aufgenommen habe, zu bezahlen. Hans spielt so viel und
verliert immer dabei. Er ist ganz heruntergekommen und sieht jetzt
schrecklich schlecht aus, der arme Junge. Man könnte sich seiner fast
schämen.
Sie geriet in heftige Erregung.
‘Jetzt gehe ich wohl besser, sagte ich zu Bessie.
,Ich glaube auch, Fräulein. Abends spricht sie meistens in dieser
Weise, morgens ist sie viel ruhiger.
Bessie flößte ihr ein wenig Medizin ein, die besänftigend wirkte,
dann versank Frau Reed in eine Art Halbschlummer, und wir verließen sie.
Zehn Tage verflossen, bevor ich wieder Gelegenheit hatte, mit ihr
zu sprechen. In dieser Zeit versuchte ich mit den beiden Schwestern,
so gut es ging, auszukommen. Sie lebten auf beständigem Kriegs-
fuße miteinander. Seit Elisa aus Neid Georgina um einen Verehrer
gebracht hatte, der die ernstliche Absicht gehabt, sie zu heiraten, bestand zwischen beiden heftige Feindschaft. Die ältere hüllte sich
stets in Schweigen und beachtete mich nach wie vor fast gar nicht. ;
Georgina klagte mir öfter ihr Leid und erzählte von ihrer unglücklichen Liebe und von dem Streich, den die böse Schwester ihr gespielt
hatte. Elisa hatte den Entschluß gefaßt, ins Kloster zu gehen, und
Georgina kannte keinen heißeren Wunsch, als daß die Mutter sterben
und ihre Tante Gibson sie zu sich nach London nehmen möchte.
Eines Tages, als mir Georginas Geschwätz zur Last wurde,
ging ich hinauf, um nach der Kranken zu sehen. Wie ich erwartet
hatte, war die Wärterin, um die sich niemand kümmerte, zu den
Dienstmädchen in die Küche gegangen; Bessie, die zwar sehr pflichttreu war, aber doch auch ihre eigene Familie zu versorgen hatte,
war im Pförtnerhäuschen; die Kranke lag ganz allein anscheinend
in Ohnmacht. Das Feuer im Kamin drohte zu erlöschen. Ich legte
frische Scheite auf. Frau Reed erwachte bei dem Geräusch und
murmelte:
,Wer ist dee
,Ich bin es, Tante Reed.
,Wer?' fragte sie wieder. ,Wer ist es? Und sie sah mich mit
einem Blick des Schreckens, doch nicht des Zornes an. ,Ich kenne
dich nicht - wo ist Bessie?
,Im Pförtnerhause, Tante.
,Wer nennt mich Tante?' sagte sie. ,Du bist doch keine Gibson
-- und doch - diese Stirn, diese Augen die sollte ich kennen --
du siehst aus wie - ja - wie Johanna Eyre. Aber das bist du
nicht.
Ich schwieg, denn ich fürchtete sie aufs neue aufzuregen.
,Ich wünschte wohl, Johanna käme noch einmal her.
Vorsichtig brachte ich ihr bei, ich sei Johanna Eyre, und teilte
ihr auch mit, daß Bessie ihren Mann nach Thornfield geschickt habe.
um mich zu holen.
,Ich weiß, ich bin sehr krank, sprach Frau Reed. ,Vor einem
Weilchen versuchte ich, mich im Bett herumzudrehen, und konnte
kein Glied mehr rühren. Es wäre gut, wenn ich mein Gemüt erleichtern könnte, ehe ich sterbe. Wenn wir gesund sind, machen wir
uns wenig Gedanken, aber wenn wir erkranken oder gar den Tod
nahe fühlen, dann lastet gar manches schwer auf uns. Ist außer
dir noch jemand im Zimmer?
,Wir sind allein.
,Ich habe mich doppelt an dir versündigt und bereue es jetzt.
Einmal, indem ich das Gelübde brach, das ich meinem Manne gab:
dich wie mein eigenes Kind zu halten; und zweitens- doch vielleicht ist meine Krankheit nicht so schwer - vielleicht werde ich doch
wieder gesund. Und dann wäre es mir schrecklich, mich vor dir
gedemütigt zu haben.
Sie versuchte abermals sich zu bewegen, doch die heftigen
Schmerzen überzeugten sie von neuem, daß ihr Zustand sehr ernst sei.
,Es muß doch wohl geschehen, fuhr sie fort. ,Geh an den
Toilettenkasten und nimm einen Brief heraus, den du dort finden
wirst.
Ich tat, wie sie befahl.
'Lies ihn,' sagte sie.
Das Schreiben lautete folgendermaßen:
,Gnädige Frau! Schicken Sie mir doch bitte die Adresse meiner
Nichte Johanna Eyre und lassen Sie mich wissen, wie es ihr geht.
Ich möchte sie nämlich hier bei mir in Madeira haben. Es ist mir-
hier recht gut gegangen, und ich habe ein Vermögen erworben. Da
ich unverheiratet bin, so will ich sie bei Lebzeiten adoptieren und ihr
alles verschreiben, was ich besitze. Mit Hochachtung
Johann Eyre, Madeira.
Der Brief war vor drei Jahren geschrieben.
,Warum ist mir dies nicht mitgeteilt worden? fragte ich.
,Weil ich dir ein solches Glück nicht gönnte. Ich haßte dich
noch immer und vermochte die Wut nicht zu vergessen, mit der du
einmal gegen mich aufgetreten bist. Ich hatte mich in diesem Augenblick vor dir gefürchtet. Gib mir zu trinken schnell?
,Liebe Frau Reed,' sagte ich, ihr ein Glas Wasser reichend,
,denken Sie doch nicht mehr an all diese Dinge. Verzeihen Sie mir,
daß ich damals mich so sehr hinreißen ließ ich war noch ein Kind,
das es nicht besser verstand und seitdem sind ja neun Jahre vergangen.
Sie hörte nicht, was ich sagte, trank und fuhr fort:
,Ich konnte das nicht vergessen und mußte mich dafür rächen.
Und deshalb schrieb ich an diesen Onkel von dir, der dir nun zu
Wohlstand und Glück verhelfen wollte, der Typhus sei in Lowood
ausgebrochen, und du wärest gestorben. Nun tu, was du willst,
schreib ihm und zeihe mich derLüge. Du warst eben doch nur zu meiner
Qual geboren, und noch meine letzte Stunde muß durch den Gedanken
an eine Tat, zu der du mich veranlaßt hast, vergällt werden. Du bist
ein böses Kind ich kann deinen Charakter heute noch nicht verstehen. Es ist mir unbegreiflich, daß du neun Jahre lang alle schlechte
Behandlung erduldet und dich dann plötzlich im zehnten wie eine
giftige Schlange gegen mich aufgebäumt hast.
,Mein Charakter ist nicht so schlecht, wie Sie glauben, Frau
Reed, ich bin wohl heftig, aber nicht bösartig. Als kleines Kind
sehnte ich mich nach Liebe und wäre glücklich gewesen, wenn Sie
sich von mir hätten lieben lassen. Auch jetzt wünsche ich mich mit
Ihnen zu versöhnen. Geben Sie mir einen Kuß, Tante.
Als ich mich über das Bett lehnte, hob sie abwehrend die Hände
und sagte, es mache sie ängstlich, wenn ihr jemand so nahe käme.
-' Sie begehrte noch einmal zu trinken, und als ich sie stützte und
meine warme Hand auf ihre eiskalten Finger legte, sah sie bebend
zur Seite.
,Wie Sie wollen, Frau Reed, sagte ich. ,Lieben Sie mich
oder fahren Sie fort mich zu hassen. Jedenfalls haben Sie meine
volle Verzeihung. Bitten Sie Gott, daß auch er Ihnen verzeihe und
seinen Frieden gebe.
Bessie und die Wärterin traten ein. Ich blieb noch eine halbe
Stunde bei ihr, doch vergebens wartete ich auf eine Gebärde, die auf
eine Wandlung zur Sanftmut hätte schließen lassen. Frau Reed
hatte mich ihr Leben lang gehaßt - nun war es zu spät für sie,
andern Sinnes zu werden -- sie mußte mich auch im Tode noch
hassen. Sie sank mehr und mehr zusammen - dann verlor sie das
Bewußtsein.
In der Nacht, um zwölf Uhr, starb sie.
Ich war nicht im Zimmer, um ihr die Augen zudrücken zu
können, auch ihre Töchter weilten nicht bei ihr. Erst am nächsten
Morgen erfuhr ich von Bessie, das alles vorüber sei. Georgina
weigerte sich, an das Bett der Toten zu treten. Sie könne so etwas
nicht sehen, erklärte sie. Elisa ging mit mir. Da lag nun die einst
so energische, so kraftvolle Frau leblos da, - starr, kalt und still.
Das Gesicht trug noch den Stempel des unerbittlichen, rücksichtlosen
Charakters. Der Anblick dieses Leichnams hatte etwas Schreckhaftes
für mich: ein sanftes, mildes Totenantlitz muß zur Rührung hinreißen und auch den Fernstehenden zur Trauer stimmen; aber dieses
aller Sanftmut, aller Weichheit entbehrende Antlitz erfüllte mich nur
mit Grauen.
,So robust wie sie war, hätte sie ein hohes Alter erreichen
können,' sagte Elisa. ,Aber großer Kummer hat sie frühzeitig
zugrunde gerichtet.
Dann verzog sich ihr Mund -- doch nur auf einen Augenblick.
Gleich darauf wandte sie sich um und ging hinaus. Ich folgte ihr.
Wir hatten beide keine Träne vergossen.
11. Kapitel.
Eine unerwartete Wendung.
Wenige Tage nach dem Begräbnis reiste Georgina mit ihrem
Onkel Gibson nach London ab, während Elisa die Reise nach einem
Kloster im Norden Englands antrat. Ich hatte meinen Urlaub bereits erheblich überschritten und kehrte nun nach Thornfield zurück.
Da ich späterhin keine Gelegenheit haben werde, noch einmal auf
meine Cousinen zurückzukommen, will' ich hier gleich erwähnen, daß Georgina wenige Jahre später einen reichen, aber sehr verlebten
Edelmann heiratete und Elisa jetzt Oberin ihres Klosters geworden ist, dem sie auch ihr Vermögen vermacht hat. - Während meiner Reise
schüttelte ich alle Gedanken an Frau Reed, an ihr Ende und an ihre s
Töchter von mir ab und richtete Sinn und Herz wieder auf Thornfield, das meine Heimat gewesen war. Und dieser Gedanke stimmte
mich alsbald wieder bange und traurig. Wohl war es meine Heimat
gewesen -- doch wie lange würde ich noch dort bleiben können?
fragte ich mich. Frau Fairfax hatte mir nach Gateshead-Hall geschrieben, die lustige Gesellschaft sei auseinandergegangen und Herr ?
Rochester nach London gereist, um, wie sie vermute, die letzten Vorbereitungen zu seiner Hochzeit zu treffen.
,Wohin soll ich dann? Das war die große, schwere Frage, die
nun vor mich hintrat.
In Milcote verließ ich die Postkutsche, um von dort aus über
die Felder nach Thornfield zu laufen. Es war ein schöner Tag. Auf
den Wiesen waren die Mäher mit ihrem Tagewerk zu Ende und
machten sich, die Sensen und Heugabeln über der Schulter, auf den
Heimweg. Die Rosen blühten an den Hecken. Ich bog um ein
dichtes Gestrüpp herum, dessen Zweige tief über den Pfad herniederhingen - da sah ich eine Zaunstiege vor mir und daneben saß -
ein Buch in der Hand - Herr Rochester.
Ich schreckte zurück und wollte kehrtmachen, um einen andern
Weg einzuschlagen. Aber er hatte mich schon gesehen.
-,Hollah!’ rief er, ,da sind Sie ja! Sie bleiben lange aus.
Einen ganzen Monat sind Sie von Hause weggeblieben. Sicherlich
haben Sie mich ganz vergessen, Sie kleine Tagediebin?
Ich hatte es vorher gewußt, es würde eine große Freude für
mich sein, meinen Herrn wiederzusehen, wenn sie auch durch die
Furcht gedämpft wurde, daß er nicht mehr lange mein Herr sein
würde. Nun schienen seine letzten Worte gar anzudeuten, daß es
ihm nicht ganz gleichgültig sei, ob ich ihn vergäße oder nicht, und
er hatte Thornfield mein Heim genannt. Ach! rief es in mir, wenn
es mir das doch bleiben könnte!
Er gab die Stiege nicht frei, und ich hatte nicht den Mut, ihn
darum zu bitten, daß er mir Platz mache. Dann fragte ich ihn, ob
er nicht in London gewesen sei.
,Jawohl, kleine Fee! Vermutlich hat die Gabe des zweiten
Gesichts Sie das erraten lassen.
,Nein, Frau Fairfax hat es mir geschrieben.
,Sie müssen den Wagen sehen, Johanna, den ich für meine
zukünftige Gattin gekauft habe. Ich meine, sie wird wie eine Königin darin aussehen. Ich wünschte nur, ich wäre äußerlich ein
wenig passender für sie. Sie sind doch eine Elfe, wissen Sie kein
Zaubermittel - keinen Trunk und kein Bad oder dergleichen -
das einen schönen Mann aus mir machen könnte?
,Dazu reicht keine Zauberkraft aus, Herr Rochester,'' antwortete
ich, und bei mir selber setzte ich hinzu: ,Dem liebenden Auge ist
alles schön, und der Ernst Ihres Gesichts hat eine Macht, die mehr
ist als alle Schönheit.
Herr Rochester hatte oft schon Gedanken, die ich unausgesprochen
ließ, mit einem mir ganz unerklärlichen Scharfsinn von meinem
Gesicht abgelesen. Diesmal jedoch schien er keine Notiz von meiner
Antwort zu nehmen; aber um seine Lippen spielte jenes nur ihm
eigene Lächeln, das gleich einem Sonnenstrahl sein Antlitz erleuchtete
und wie ein solcher auch mich erwärmte.
,Gehen Sie heim, Johanna,'' sagte er und machte mir Platz.
,Lassen Sie Ihren kleinen müden Fuß am Kamin eines Freundes
ruhen.
Ich ging schweigend an ihm vorüber und wollte weitergehn, aber
eine rätselhafte Macht, ein unwiderstehlicher Impuls zwang mich,
stehenzubleiben, mich nach ihm umzusehen und, mir selber unbewußt,
die Worte zu sprechen: ,Ich danke Ihnen für Ihre große Güte,
Herr Rochester. Es macht mich in der Seele froh, wieder bei Ihnen
zu sein, und wo Sie sind, da ist auch wirklich mein Heim - da
und nur da.
Dann eilte ich so schnell davon, daß er mich nicht einholen
konnte, auch wenn er es gewollt hätte. Adele war halb närrisch vor
Entzücken, als sie mich erblickte. Frau Fairfax empfing mich mit
gewohnter Herzlichkeit; selbst Lea und Sophie freuten sich. Das
alles tat mir wohl; es ist doch das größte Glück, sich von seinen
Nebenmenschen geliebt zu sehen.,
Als ich an diesem Abend mit Adele und Frau Fairfax beim Tee
saß, hatte ich das Gefühl, als umschlösse uns ein goldner Ring der
Sympathie und Freundschaft, und ich sandte ein stilles Gebet gen
Himmel, daß unsere Trennung noch nicht so bald bevorstehen möchte.
Herr Rochester trat ein und schien sich über diese Gruppe zu freuen.
Vierzehn Tage verflossen, und nichts geschah. Man sprach nicht
von der Hochzeit, und ich bemerkte auch keine Vorbereitungen, die auf
ein solches Fest hätten schließen lassen. Frau Fairfax wußte auch
nichts Genaues; sie erzählte mir, sie habe Herrn Rochester einmal
geradeheraus gefragt, wann er nun seine junge Frau heimführen
wolle, da habe er ihr aber mit einem so seltsamen Blick geantwortet.
daß ihr alle Neugierde vergangen sei.
Ingram-Park, der Wohnsitz Blanches, lag nur zwanzig Meilen
entfernt, und dennoch ritt Herr Rochester nie hinüber, und es wurden
keine Besuche mehr ausgetauscht. Eine sträfliche Hoffnung begann
sich in mein Herz zu schleichen; eine Stimme flüsterte mir zu, die
Verbindung sei abgebrochen worden; Blanche oder Herr Rochester
selbst hätte sich anders besonnen. Ich prüfte heimlich das Antlitz
meines Herrn, aber ich fand keine Spur von Trot oder Mißmut
darin; es war nie so klar und ruhig gewesen wie jetzt. Und wenn er
entdeckte, daß ich traurig war, dann konnte er sogar lustig werden
und lachte laut auf. Wie um mich zu quälen, verlangte er jetzt oft
nach meiner Gesellschaft und behandelte mich sehr freundlich - und
ich - ach, ich Arme, ich hatte ihn nie inniger geliebt als jetzt.
Wir hatten jetzt herrliches Wetter; Tag für Tag war wolken-
los blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Die Wiesen um
Thornfield waren abgemäht, die Bäume prangten im dunkelsten
Grün, die Straßen waren heiß und staubig. Am Johannisabend
war Adele zeitig zu Bett gegangen, und ich ging in den Garten.
Es war die schönste von allen vierundzwanzig Stunden. Die Hitze
war erloschen, und auf Blumen und Blätter fiel der wohltätige Tau.
Gleich Hochofenglut loderte am Horizont das Abendrot. Der erste
Stern schimmerte im tiefblauen Osten; bald sollte der Mond ihm
folgen.
Ich ging auf der gepflasterten Terrasse auf und ab; ein wohlbekannter Duft - das Aroma einer Zigarre - drang aus einem
geöffneten Fenster; es war das der Bibliothek, das eine Handbreit
offen stand. Ich fürchtete, von dort aus beobachtet zu werden und
ging in den Obstgarten, den ruhigsten und idyllischsten Winkel von
ganz Thornfield. Hier standen die schattigsten Bäume, hier wuchsen
die duftigsten Blumen; eine hohe Mauer trennte ihn vom Wirtschaftshofe. Hier konnte man ungesehen lustwandeln. Es wurde
dunkler und dunkler, stiller und stiller, ich überließ mich meinen
Träumen. Doch, als ich den obern Teil der Anlagen betrat, mischte
sich in den Duft der Blumen plötzlich wieder jenes verräterische
Aroma einer Zigarre.
Ich blieb stehen und sah umher. Keine menschliche Gestalt war
sichtbar, kein Schritt zu hören; und doch wurde der Geruch stärker.
Ich wollte mich entfernen, und als ich durch das Pförtchen ging, das
in die Baumschule führt, sah ich Herrn Rochester eintreten. Rasch
schlüpfte ich zur Seite - vielleicht bemerkte er mich nicht. Er schlenderte denn auch ruhig weiter, hob die Stachelbeerzweige empor, um
nach den Früchten zu sehen, pflückte eine reife Kirsche vom Spalier
und beugte sich dann zu einem Blumenbeet hinab.
,Jetzt wendet er mir den Rücken,' dachte ich, ,jetzt kann ich entfliehen.
Geräuschlos wollte ich zur Tür hinaus, da rief er, ohne sich um ,Johanna, kommen Sie doch mal her; es ist eine Sünde, an
zuwenden:
solch einem schönen Abend im Hause zu hocken. Leisten Sie mir
Gesellschaft.
Ich wußte nichts zu antworten und folgte ihm schweigend, obwohl es mir nicht angenehm war, zu solcher Stunde mit Herrn Rochester allein im Obstgarten zu sein.
,Es ist eigentlich auch ganz schön hier, namentlich im Sommer,
plauderte er weiter. ,Thornfield muß Ihnen auch schon lieb und
wert geworden sein.
.Gewiß.
,Ich bemerke auch, Sie hegen Zuneigung für die kleine Adele
und sogar für die gute alte Frau Fairfax.
,Ja, Herr, ich habe beide - jede auf besondere Art herzlich lieb.
,Da wird es Ihnen wohl schwerfallen, sich von dem allen zu
trennen. Schade!' Er schwieg ein Weilchen, dann fuhr er fort:
,So geht es immer im Leben, kaum fühlt man sich wohl, so heißt
es: Scheiden!
,Muß denn geschieden sein, Herr Rochester?
,Ich glaube, ja. Es tut mir selbst leid, Johanna, aber ich
glaube, Sie müssen fort.
Es traf mich wie ein Schlag, aber ich ertrug ihn.
,Ich werde bereit sein, Herr Rochester, wenn der Befehl zum
Aufbruch kommt.
,Ich muß ihn heute abend schon erteilen.
,Also wollen Sie sich nun verheiraten?
,Erraten! Klug, wie immer, haben Sie den Nagel auf den
Kopf getroffen. Und wie Sie selbst einmal sagten - von Ihnen
stammt ja der Gedanke eigentlich - so muß nun Adele in ein --
Institut, und Sie müssen eine andere Stellung annehmen. Ich
heirate in einem Monat. In der Zwischenzeit werde ich mich für Sie
nach etwas Passendem umsehen.
,Ich danke, Ihnen, Herr Rochester. Entschuldigen Sie, daß ich
Ihnen so viele Mühe mache!
,Davon ist keine Rede. Wenn eine Untergebene ihre Pflicht
so trefflich erfüllt, wie Sie es getan haben, dann kann sie auch nach
meiner Meinung von ihrem Brotherrn eine kleine Unterstützung
verlangen. Ich habe durch meine zukünftige Schwiegermutter auch
schon in einem Hause anfragen lassen, wo Sie sehr gut aufgehoben
sein würden. Es handelt sich um die Erziehung der fünf Töchter -
einer gewissen Frau Dionysius O’Gall auf Bitternutlodge in
Irland.
,Das ist ja so weit von hier.
,Das spielt dabei keine Rolle. Ein so vernünftiges Mädchen
wie Sie kehrt sich doch nicht an eine etwas lange Reise.
,Die Reise das ist das wenigste aber die Entfernung im
allgemeinen - und dann die See das ist doch immer eine Scheidewand -!
,Zwischen wem, Johanna?
,Zwischen mir und England - zwischen mir und Thornfield
und -!
,Und zwischen wem noch?
,Und zwischen Ihnen, Herr Rochester.
Diese Worte entschlüpften mir fast wider Willen, und ebenso
ganz gegen meinen Willen, stürzten mir die Tränen aus den Augen.
Der Gedanke an diese Frau O Gall mit ihren fünf Töchtern, an das
Meer, an das ferne Land fiel mir schwer aufs Herz, und noch schwerer
bedrückte mich der Gedanke, durch ein noch tieferes, noch unwegsameres Meer - das der sogenannten gesellschaftlichen Konvention -
von dem Manne getrennt zu sein, den ich ewig lieben mußte.
,Es ist so sehr weit von hier,' sagte ich noch einmal unter
Tränen.
,Ja doch, und wenn Sie einmal in Irland sind, dann werde ich
Sie wohl nie wiedersehen. Das steht fest. Ich reise im Leben nicht
nach Irland. Habe gar kein Verlangen, es kennen zu lernen. Na,
Johanna, wir sind aber doch gute Freunde gewesen, nicht wahr?
.Ia, Herr Rochester.
,Es wird mir ja selber schwer, meine kleine Freundin nach
Irland zu schicken, das so sehr weit von hier ist. Aber es liegt
nicht in meiner Macht, es zu ändern. Glauben Sie, Johanna,
zwischen uns beiden besteht eine gewisse Seelenharmonie.
Ich konnte darauf nichts antworten; mein Herz war in diesem
Augenblick zu voll.
,Manchmal, besonders wenn Sie mir so nahe sind, wie eben
jetzt, habe ich die Empfindung, als wenn hier unter meiner linken
Rippe hervor sich ein Faden nach der gleichen Seite Ihres kleinen,
zarten Körpers hinüberspönne, und ich fürchte, dieses Band wird
zerreißen, wenn das stürmische Meer und mehr als zweihundert
Meilen Landes zwischen uns liegen. Ja, ich habe sogar Angst, ich
könnte dann an innerer Verblutung sterben. Sie, ja, Sie würden
mich ja rasch vergessen.
,Niemals, Herr Rochester, und Sie wissen das recht wohl.
Mehr konnte ich nicht hervorstammeln.
,Johanna, hören Sie doch, wie die Nachtigall dort drüben
schlägt!
Indem ich auf den süßen Schall lauschte, begann ich plötzlich
krampfhaft zu schluchzen; ich vermochte die Gefühle nicht länger
zurückzudrängen; sie rissen mich mit sich fort. Mein lange verhaltener Schmerz schüttelte mich am ganzen Körper.
,O, wäre ich nie geboren!' rief ich aus, denn nun fand ich auch
die Sprache wieder. Mein Schmerz wollte und mußte sich in
Worten Luft machen. ,O, daß ich Thornfield verlassen muß das
geliebte Thornfield! Hier habe ich die einzigen Jahre der Freude
verlebt, die mir bisher beschert gewesen waren. Man hat mich
hier nicht mit Füßen getreten, und man hat mich wie einen Menschen
behandelt. Ja, mein Gebieter selbst ist freundlich zu mir gewesen
und hat mich seines Umgangs gewürdigt. Ich habe von Angesicht
zu Angesicht zu ihm reden dürfen und einen kraftvollen, großmütigen,
weitblickenden Mann in ihm kennen gelernt. Und nun soll ich mich
,Wieso müssen Sie denn? fragte er plötzlich.
,Sie haben es doch selbst gesagt.
,Aber wer zwingt Sie denn dazu?
,Nun, Fräulein Blanche Ingram, Ihre Braut--?
,Meine Braut? Ich habe keine Braut!
,Aber Sie werden bald eine haben!
,Jawohl, das werde ich - bald- sehr bald!'Und er preßte
die Zähne aufeinander, als wenn er sich zu etwas Schwerem entschlossen hätte.
,Und deshalb muß ich gehen-!
,Nein, Sie müssen bleiben, ich habe es geschworen.
,Und ich sage Ihnen, ich muß gehen! Meinen Sie, ich könnte
bleiben und Ihnen, wenn Sie verheiratet sind, ein Nichts sein?
Meinen Sie, ich bin eine Maschine, ein gefühlloser Automat. Glauben Sie, ich hätte kein Herz, keine Seele, weil ich arm und einsam
bin? Ich habe ebensoviel Seele wie Sie, ebensoviel Herz wie Sie!
Hätte ich nur Schönheit und Reichtum, so würde ich es Ihnen ebenso
schwer machen, sich von mir zu trennen, wie Sie es jetzt mir machen,
Sie zu verlassen.
,Ebenso schwer, Sie zu verlassen, Johanna. Das ist es auch
ohnedem, antwortete er, und plötzlich umfaßte er mich mit beiden
Armen, drückte mich an seine Brust und preßte den Mund auf meine
Lippen. ,Johanna, ich biete Ihnen mein Herz und meine Hand
and einen Teil von allem, was ich besitze. Ich bitte Sie, an meiner
Seite durchs Leben zu gehen. Ich begehre Sie zum Weibe - Sie
sind's, die ich heiraten will!'
Ich glaubte, er spotte meiner. Ich riß mich von ihm los und
stand hochaufgerichtet vor ihm.
,Herr Rochester, Sie spielen eine Posse. Ihre Braut ?
,Meine Braut sind Sie, antwortete er und zog mich abermals
an sich. ,Johanna, willst du mich heiraten? Sage ja, Johanna!
Ich antwortete nicht, sondern suchte mich seinen Armen zu entwinden.
,Zweifeln Sie denn an meiner Ehrlichkeit? Haben Sie kein
Vertrauen zu mir? fragte er.
,Nein!'
,Bin ich ein Lügner in Ihren Augen, Kleingläubige?' versetze
er in leidenschaftlichem Tone. ,Wie können Sie nur denken, ich
liebte Fräulein Ingram. Sie fühlten es ja selbst, daß sie unter
mir steht, daß sie meiner nicht würdig ist. Und ebenso wissen Sie,
daß Fräulein Ingram mich nicht liebt. Ich ließ nur das Gerücht
verbreiten, mein Vermögen betrage nur ein Drittel von dem, was
man vermutete, und alsbald empfing sie mich sehr kalt. Es wäre
freilich gar nicht nötig gewesen, diese Probe aufs Exempel zu machen,
aber ich wollte ihr schließlich doch nicht unrecht tun. Um keinen
Preis könnte ich Fräulein Ingram heiraten. Nein, ich liebe nur
Sie, Sie kleine Fee, Sie liebliche Elfe! Ich liebe Sie wie mein
eigenes Ich! Und ich flehe Sie an, nehmen Sie mich.'
,Mich wollen Sie heiraten? rief ich aus und begann zu glauben. ,Mich armes Mädel!r
,Ja, Sie! Wollen Sie die Meine sein? Sagen Sie ja, schnell,
schnell!'
,Herr Rochester, kehren Sie das Gesicht dem Mondlicht zu, lassen
Sie mich in Ihr Gesicht sehen!
,Weshalb?
,Weil ich darin lesen will.
,Sie werden es kaum leserlicher finden als eine halbverlöschte
Schrift. Doch lesen Sie immerhin! Nur beeilen Sie sich und spannen Sie mich nicht mehr lange auf die Folter.
Sein Antlitz verriet tiefe Erregung, seine Wangen waren purpurrot, seine Augen schossen seltsame Blitze.
,O, Johanna, Sie quälen mich mit diesen forschenden, treuen. -
großherzigen Blicken!' rief er aus.
,Wie kann Sie das quälen? erwiderte ich. ,Wenn Ihr Antrag ernst gemeint ist, kann es Sie nicht quälen. Und ist es wahrhaftig Ihr Ernst? Wünschen Sie aufrichtig, mich zum Weibe zu haben?
,Ich wünsche es, ja! Wenn ich's beschwören soll, will ich's tun.
Nur nehmen Sie mich an, schnell, schnell! Sagen Sie: Ja, Eduard;
nennen Sie mich beim Namen!'
,Ja, teurer Eduard, ich will Sie heiraten!
,Kommen Sie zu mir,' sagte er, und indem er die Wange an
die meine legte, flüsterte er mir in seinem innigsten Ton ins Ohr:
,Mache du mein Glück, ich werde das deine machen! Gott möge
mir verzeihen!'' setzte er nach einer Pause hinzu, ,und die Menschen
mögen mich in Ruhe lassen. Ich habe dich - und werde dich mir erhalten! Bist du glücklich, Johanna?
-Ja, ja!
Sein Blick war mehr wild, als liebevoll, und in fast grimmigem
Flüstern fuhr er fort: ,Sie ist arm, verwaist und ohne Freunde
- ich liebe sie über alles- das wird mich vor Gottes Thron rein
waschen -- und nach dem Urteil. der Welt frag' ich nicht. Es kümmert mich nicht. Der Meinung der Menschen biete ich Troy.
Der Abend hatte sich verwandelt. Schweres Gewölk war aufgezogen, und ehe wir das noch bemerkten, zuckte ein bläulicher Funke
auf, dem ein furchtbares Krachen und Prasseln folgte. Ich verbarg
das Gesicht wie geblendet an Herrn Rochesters Schulter. Alsbald
begann es heftig zu regnen, und Rochester zog mich rasch auf den
Gartenpfad mit sich. Ehe wir das Haus erreichten, waren wir völlig
durchnäßt. Frau Fairfax stand in der Halle; sie hatte eben nach dem
Wetter schauen wollen. Wir sahen sie im ersten Augenblick nicht.
Die Uhr schlug eben zwölf.
,Zieh rasch die nassen Kleider aus, daß du dich nicht erkältest,
sagte Herr Rochester zu mir. ,Und nun gute Nacht, mein einziger
Liebling! Träume von mir!
Er küßte mich. Ich entwand mich seinen Armen und erblickte
nun Frau Fairfax, die mich fassungslos anstarrte. Ich lächelte ihr
nur zu und eilte die Treppe hinauf.
,Morgen erfährt sie es noch früh genug!' dachte ich. Doch
oben in meinem Zimmer schmerzte mich der Gedanke, daß sie auch
nur für einen Augenblick mißdeuten könne, was sie eben gesehen.
Aber ich war zu glückselig, um lange an die gute Alte denken zu können.
Und draußen zuckte Blitz auf Blitz, und der Donner grollte in furchtbaren Schlägen, der Regen klatschte gegen mein Fenster. Ich aber
fürchtete mich nicht. Mir war so wohl, ich fühlte mich so ruhig, so
sicher wie noch nie in meinem Leben.
Am andern Morgen erzählte mir Adele, der Blitz habe am vergangenen Abend den großen Kastanienbaum am Ende des Gartens
zerschmettert.
11 Kapitel.
Ein neues Rätsel.
Während ich mich ankleidete, überdachte ich das Geschehene noch
einmal und fragte mich verwundert, ob nicht alles ein Traum sei.
Fast wollte ich nicht an die Wirklichkeit glauben. Als ich in den Spiegel sah, kam ich mir nicht mehr häßlich vor; das Glück hatte mein
Antlitz verschönert; die Wangen waren rosig, die Augen strahlten,
der Mund lächelte unbewußt. Und als ich zum Fenster hinaussah,
war auf die Sturmesnacht ein herrlicher Junimorgen gefolgt.
Frau Fairfax war in der Halle, sah mich ernst, fast traurig an
und fragte, ob ich zum Frühstück kommen wolle. Während der Mahlzeit war sie still, aber ich erkannte nun, daß ich selbst ihr die Aufklärung, nach der sie verlangte, nicht geben könne, daß Herr Rochester
es tun mußte. Ich aß und trank rasch meinen Teil und eilte davon.
Auf dem Korridor lief mir Adele in die Arme.
,Wohin? wohin? rief ich. ,Es ist Zeit zum Unterricht.
,Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt,. antwortete sie.
,Wo ist er?
Sie zeigte auf das Zimmer, aus dem sie eben gekommen war,
und ich trat ein. Wohlgemut ging ich zu ihm. Er umfing mich mit
einer herzlichen Umarmung, mit einem innigen Kusse, und das schien
mir jetzt ganz natürlich.
aJohanna, wie blühend du aussiehst! Wirklich hübsch. Was
ist aus meiner blassen, zarten Elfe geworden? Ein sonniges Mägdlein mit rosigen Lippen und Grübchen in den Backen, mit seiden-
weichem Haar und strahlenden Augen!'
,Und doch ist es nur Johanna Eyre.
,Und wird bald Johanna Rochester sein - in vier Wochen -
keinen Tag länger. Was hast du? Du wirst mit einem Male
wieder blaß.
,Sie gaben mir einen neuen Namen - Johanna Rochester -
wie seltsam das klingt!
,Ja, doch ich gebe dir nicht nur den Namen der Rochester,
sondern auch die Juwelen, die Diamanten der Herrin von Thornfield- die Erbstücke des Hauses. Ich will dich in Samt und Seide
kleiden, und du sollst Rosen im Haar tragen. Und das Haupt, das
mir über alles teuer ist, will ich in einen köstlichen, unschätzbaren
Schleier hüllen! Noch heute fahren wir beide nach Milcote. Wir
heiraten in vier Wochen. Die Trauung wird in der Dorfkirche dort
unten vollzogen, und dann führe ich dich gleich nach London, um von
dort mit dir nach Frankreich und Italien zu reisen. Wir werden
dieselben Stätten aufsuchen, die ich vor Jahren wie ein Wahnsinniger
durchirrte. Ekel, Haß und Wut waren damals meine Gefährten.
jetzt werde ich geheilt, geläutert dieselben Straßen ziehen, einen
Engel zur Seite!
,Ich bin kein Engel,' antwortete ich lachend, ,und werde wohl
auch nicht eher einer sein, als bis ich im Paradiese bin. Erwarten
Sie nichts Himmlisches von mir, Herr Rochester, wie auch ich nichts
Derartiges von Ihnen erwarte. Ich denke mir vielmehr, Sie werden
nur eine kurze Weile so bleiben, wie Sie jetzt sind. Dann werden
Sie kalt und launenhaft, dann streng und rücksichtslos sein, und ich
werde meine Mühe haben, Sie zufriedenzustellen. Aber wenn Sie
sich ganz an mich gewöhnt haben, dann werden Sie mich vielleicht
wieder liebhaben.
,Ich bin nur Frauen gegenüber, an denen mir nichts gefällt
als ihr Gesicht, launenhaft und hart. Aber gegen eine Frau mit
klarem Auge und aufrichtiger Rede, mit feuriger Seele und einem
Charakter, der sich wohl beugt, aber nicht bricht, der zugleich biegsam
und stark ist, gegen solch eine Frau bin ich immer treu und wahr.
,Haben Sie je solch einen Charakter kennen gelernt? Je solch
eine Frau geliebt?
,jetzt liebe ich sie. Vor dir niemals. Ich habe nie deines-
gleichen gefunden. Du scheinst dich mir zu unterwerfen und beherrschest mich doch. Ich bin beeinflußt, besiegt, und dieser Einfluß
ist unsagbar süß. Daß ich dir den Sieg lassen muß, ist wohltuender
als irgendein Triumph, den ich erringen könnte.
,Und Blanche Ingram, Herr Rochester?
,Was ist's mit ihr? Ich machte ihr nur scheinbar den Hof, um
dich ebenso wahnsinnig verliebt in mich zu machen, wie ich schon in
dich war.
,Das war sehr unrecht von Ihnen. Dachten Sie denn gar nicht
an Fräulein Ingrams Gefühle?
,Deren hat sie nur eins, nämlich maßlosen Stolz, und dem
schadet eine kleine Demütigung gar nichts. Warst du denn gar nicht
eifersüchtig, Johanna?
,Lassen wir das, Herr Rochester. Es kann Sie wirklich nicht
interessieren, das zu wissen. Antworten Sie mir bitte aufrichtig:
Wird Fräulein Ingram nicht um ihren Verlust trauern?
,Unsinn! Ich habe dir doch gesagt, daß sie mir gewissermaßen
den Laufpaß gegeben hat, als ich das Gerücht aussprengte, ich sei dem
Bankerott nahe.
-»BrRr
den ich selbst vor kurzem empfunden habe?
,Das darfst du, meine Kleine. Auf der ganzen Welt gibt es
kein zweites Wesen, das die gleiche reine Liebe für mich hegt wie du.
Der Glaube an diese reine Liebe, Johanna, ist der Balsam, der
meiner Seele nottut.
Ich drückte die Lippen auf seine- Hand. Ich liebte ihn inniger
als Worte auszudrücken vermocht hätten.
,Teilen Sie bitte Ihre Absichten Frau Fairfax mit. Sie hat
uns beide gestern abend gesehen und ist empört. Es tut mir weh,
von einer so braven Frau falsch beurteilt zu werden.
,Gut. Nun geh auf dein Zimmer und mache dich reisefertig.
Wir fahren: nach Milcote. Inzwischen will ich die alte Dame beruhigen.
Ich war bald angekleidet. Als ich Herrn Rochester aus dem
Zimmer der Frau Fairfax treten sah, eilte ich zu ihr. Sie saß vor
ihrer Bibel, und die Brille lag zwischen den aufgeschlagenen Blättern. Sie starrte nach der gegenüberliegenden Wand. Als sie mich
erblickte, lächelte sie und stammelte ein paar Worte der Beglückwünschung. Dann sete sie die Brille auf, schob die Bibel fort und
rückte den Stuhl vom Tische
,Was soll man nun dazu sagen?' sprach sie. ,Ich weiß nicht.
was man dazu sagen soll, Fräulein. Ich bin überrascht. Mir ist, als
hätte ich geträumt. Aber es ist doch wohl Wahrheit, nicht wahr? Er
hat Ihnen tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht, nicht wahr? Er
will Sie tatsächlich in vier Wochen zum Altar führen, nicht wahr?
.Ja.
,Das hätte ich nie geglaubt. Er ist ein stolzer Mann - das
waren die Rochesters alle. Und sein Vater war obendrein auch dem
Gelde sehr gut. Und von ihm sagt man, er sei zum mindesten sparsam. Und er will Sie tatsächlich heiraten?
Sie betrachtete mich von Kopf bis zu Fuß. Ich las in ihrem
Blicke, daß sie nichts Bezauberndes an meinem Aeußern entdecken
könne, und sich fragte, was er wohl an mir hübsch fände.
,Es geht über meinen Verstand,r fuhr sie fort, ,Gott mag
wissen, was daraus wird. Es ist in solchen Fällen immer gut, wenn
man auf gleicher Stufe steht, und wenn beide reich sind. Auch was
das Alter anbetrifft, sind Sie sehr auseinander, er könnte Ihr Vater
sein. Ob er Sie wirklich aus reiner Liebe heiratet? Es tut mir
leid, daß meine Bedenken Ihnen wehtun, aber Sie sind noch so jung.
Sie können nicht vorsichtig genug sein. Versuchen Sie, ihn in einer
gewissen Entfernung zu halten. Trauen Sie ihm nicht gar zu viel.
Herren von seinem Stande heiraten im allgemeinen keine Gouvernanten.
Ich wurde nun aber wirklich verdrießlich. Zum Glück ließ Herr
Rochester mich rufen. Wir fuhren nach Milcote.
Die vier Wochen bis zum Hochzeitstage waren vorüber wie im
Fluge. Alle Vorbereitungen waren getroffen; an der Wand meines
Zimmers standen die Koffer gepackt, verschlossen und verschnürt.
Morgen um diese Zeit sollten sie auf dem Wege nach London sein --
und ich auch, oder eigentlich nicht ich, sondern eine gewisse Frau Jo-
hanna Rochester, eine Person, die ich noch nicht kannte. Ihre Toiletten: die seidenen Kleider, das prachtvolle Hochzeitsgewand und vor
allem ein kostbarer, langer Schleier, hatten die schlichten Kleider von
Lowood verdrängt.
Aber es war nicht Allein die Nähe des Ereignisses, die mich
krank machte, nicht allein das Vorgefühl der großen Veränderung
meines Lebens es war noch ein dritter Umstand, der mehr als
die beiden andern mein Gemüt bedrückte. Es war über Nacht etwas
geschehen, das mir unbegreiflich war. Außer mir hatte es niemand
gesehen, hatte niemand davon gehört. Herr Rochester war an dem
Tage nach dieser Nacht fort und kehrte erst gegen Abend wieder. Er
mußte noch mehrere Geschäfte mit seinen Pächtern vor seiner Abreise persönlich erledigen. Nun wartete ich auf ihn und sehnte mich
danach, ihm mein Herz auszuschütten, ihn um die Lösung des unheimlichen Rätsels zu fragen.
Ich ging am Abend, als ich nicht länger meine Ungeduld bezähmen konnte in den Obstgarten; aber auch dort fand ich keine
Ruhe, und ich machte mich auf den Weg, Herrn Rochester entgegenzugehen. Ich brauchte nicht weit zu laufen, da hörte ich Hufschläge.
Ein Reiter kam, begleitet von einem Hunde.
,Sieh da! rief Herr Rochester, neigte sich vom Pferde herab
und streckte die Hand aus. ,Du hast keine Ruhe ohne mich, da sieht
man's. Steige auf meinen Stiefel und gib mir beide Hände. So -
und nun hopp!
Ich saß vor ihm im Sattel. Er gab mir einen herzlichen Willkommenskuß.
,Aber was hat dich hinausgetrieben? Ist ein Unglück passiert?
,Ja, es ist etwas passiert -- wenn auch kein Unglück. Ich erzähle es Ihnen, wenn wir zu Hause sind.
Er ließ sein Pferd im Galopp laufen, und wir hatten rasch die kurze Strecke zurückgelegt. Beim Abendessen leistete ich ihm Gesellschaft, und er beeilte sich, da er es nicht erwarten konnte zu hören,
was mich beunruhigt hätte. Ich nahm einen Hocker und setzte mich
zu Füßen meines Herrn nieder.
,Es ist Mitternacht,' sagte ich, ,und doch möchte ich nicht schlafen
gehen, denn ich fürchte mich. Ich wünschte, diese Stunde, wo wir so
traulich beisammen sitzen, ginge nie vorüber! Wer weiß, was die
nächste uns bringen mag?
,Was ist denn geschehen? Haben die Vorbereitungen dich allzusehr erschöpft? Was hat dir Ruhe und Glück gestört?
,Ruhe und Glück? murmelte ich. ,Sind Sie denn ruhig und
glückliche
,Ruhig? nein! aber glücklich - ja bis ins Innerste meines
Herzens, Doch du machst mix fast Angst, Johanna. Was bedeutet
dieser seltsame Blick, dieser fragende Ausdruck? Erkläre dich!
,So hören Sie denn, Herr Rochester! Eben schlägt es zwölf
Uhr, und ich will Ihnen erzählen, was sich gestern nacht um dieselbe
Stunde zugetragen hat. Sie waren den ganzen Tag über fort. Auch
ich hatte alle Hände voll zu tun gehabt und war recht müde, als
ich mich zur Ruhe legte. Während des Einschlafens dachte ich natürlich noch immer an die Geschenke, die Sie für mich gekauft haben, und
vor allem an den prachtvollen Brautschleier, den ich Ihnen zuliebe
tragen soll, obgleich ein so aristokratischer Schmuck für mein plebejisches Haupt kaum paßt. Die Nacht war stürmisch, der Wind heulte
laut, die Bäume rauschten, und als ich einschlief, nahm ich das Bild
dieser schaurigen Nacht mit in meine Träume hinüber. Mein erster
Traum führte mich auf einem vielverschlungenen Wege durch tiefe
Finsternis; Regen durchnäßte mich; im Arme hielt ich ein kleines
Kind, das jämmerlich schrie. Ich hatte das Gefühl, als seien Sie auf
dieser Straße vorausgegangen, aber schon weit von mir fort, und
ich spannte alle Kräfte an, um Sie einzuholen. Ich rief auch nach
Ihnen, aber die Stimme versagte mir den Dienst.
, Und dieser Traum bedrückt dich noch jetzt, wo du an meiner
Seite bist? Vergiß dein eingebildetes Leid und denke nur an dein
wirkliches Glück!'
,Ich hatte noch einen andern Traum,' fuhr ich fort. ,Ich sah
Thornfield als Ruine, als einen wüsten Trümmerhaufen. Alles war
zusammengebrochen, in der Ferne hörte ich Hufschläge, und ich eilte
auf eine Anhöhe und sah Sie. Aber Sie ritten von dannen und
verschwanden in der Finsternis. Ich wollte nacheilen, fiel von der
Anhöhe jäh herab und erwachte.
,Nun war das Träumen hoffentlich zu Ende, Johanna?
,Die Träume waren zu Ende - die Schrecken begannen erst.
Als ich die Augen aufschlug, sah ich ein brennendes Licht, den Schein
einer Kerze. Ich vermutete, Sophie sei eingetreten. Die Kerze stand
auf meinem Ankleidetisch, und die Tür des kleinen Nebenraums.
in den ich meine neuen Kleider getragen hatte, war offen. Ein Geräusch kam von dort. Ich rief: ,Sophie, was tun Sie dort?
Niemand antwortete, aber eine Gestalt kam zum Vorschein, nahm
das Licht und betrachtete nun eingehend die an den Riegeln hängenden Sachen. Ich rief wieder: ,Sophie! Sophie!r richtete mich im
Bett auf und neigte mich vor. Da erstarrte mir das Blut in den
Adern - denn es war nicht Sophie, es war nicht Frau Fairfax --
es war nicht einmal jene rätselhafte Person, die Grace Poole. Es
war eine mir ganz fremde Frau, die ich noch nie gesehen, solange
ich in Thornfield bin. Sie hatte langes, schwarzes Haar und trug
ein weites, weißes Gewand, das wie ein Leichentuch aussah. Sie
nahm meinen Schleier zur Hand, hielt ihn hoch, sah ihn an, warf
ihn sich selbst über den Kopf und betrachtete sich im Spiegel. Nun
sah ich ihr Gesicht: es war furchtbar anzuschauen - gespenstisch
häßlich und abschreckend die Augen blutunterlaufen - die Haut
braunschwarz- die Lippen wulstig-- die Brauen dick und tiefschwarz. Die Erscheinung erinnerte mich an jenes entsetzliche Gespenst
der Fabelwelt: an den Vampir. Das Weib nahm meinen Schleier,
riß ihn mitten entzwei, warf die Stücke auf den Boden und trat
darauf herum. Dann hob es die Kerze, kam an mein Bett und starrte
mich an. Vor meinen Augen blies es das Licht aus - ich fühlte im
Finstern, wie sein Gesicht sich dem meinen näherte - dann verlor ich
das Bewußtsein. Herr Rochester, sagen Sie mir nun, wer und was
war dieses Weih.'
,Eine Ausgeburt deiner Phantasie, Johanna, nichts weiter. Du
hast dir nur eingebildet, du wachtest, in Wahrheit hast du weitergeträumt.
,Herr Rochester, als ich erwachte, lag der Schleier vor mir auf
dem Boden, mitten durchgerissen!
Er erschrak, umfing mich mit beiden Armen und zitterte selbst.
,Allmächtiger Gott,r stieß er hervor, ,welch ein Glück, daß
sie sich nur an dem Schleier vergriffen hat! O, was hätte da geschehen
können! Ich muß dich sorgsam behüten, mein Schatz. Nun, dann
muß es doch wohl Wirklichkeit gewesen sein, Johanna. Glaube mir,
es war Grace Poole, niemand weiter. Du weißt ja schon, wie
wunderlich sie ist. Daß sie dir so abschreckend erschien, das war die
Folge des halbwachen Zustandes, in dem du lagst, des Alpdrückens,
das dich vorher heimgesucht hatte. Weshalb ich solch ein Geschöpf
in meinem Hause behalte, fragst du mich. Wenn wir Jahr und Tag
verheiratet sind, Johanna, werde ich dir alles erklären. Jetzt aber
noch nicht. Bist du damit zufrieden? Genügt dir meine Darlegung
des Geheimnisses?
In der Tat sie erschien mir als die einzig mögliche. Zufrieden
war ich freilich noch nicht, doch ihm zuliebe tat ich, als sei ich es.
In dieser Nacht schlief ich mit Adele zusammen und verschloß die Tür
aufs sorgsamste. Ich fand keinen Schlummer, hielt das Kind in
den Armen und bewachte seinen ruhigen, friedlichen Schlaf. Mit
Sonnenaufgang stand ich auf. Um sieben Uhr kam Sophie, um mich
anzukleiden. Ich mußte nun schließlich doch an Stelle des prunk-
vollen Schleiers, den Herr Rochester trotz meines Einspruchs für
mich gekauft, den einfachen Tüllschleier nehmen, den ich mir selbst
ausgesucht hatte. Das Mädchen brauchte lange Zeit, mich fertig zu
machen; denn Herr Rochester wurde ungeduldig.
,Johanna!' rief er herauf, und ich eilte die Treppe hinunter
und flog in seine Arme.
Er führte mich ins Speisezimmer und betrachtete mich von allen
Seiten. Die Musterung schien ihn zufriedenzustellen.
,Wir haben zum Frühstück nur zehn Minuten Zeit, sagte er
und klingelte.
Ein Diener, den er vor kurzem erst gemietet hatte, trat ein.
,Der Kutscher soll den Wagen und das Gepäck in Ordnung
bringen. Sie selbst gehen nach der Kirche und sorgen dafür, daß
der Küster und der Geistliche rechtzeitig da sind. Zum Wege in die
Kirche wünsche ich den Wagen nicht, aber er soll reisefertig vor der
Tür warten.
Der Diener eilte, die Befehle seines Herrn auszuführen. In
zehn Minuten waren wir fertig.
Kapitel.
Zerschelltes Glück.
Wir hatten keinen Brautführer, keine Brautjungfern. Keine
Angehörigen gaben uns das Geleit. Ich ging ganz allein an Herrn
Rochesters Arm. Frau Fairfax stand in der Halle, aber Herr Rochester ließ mir keine Zeit, mit ihr zu sprechen. Ich sah, er wünschte
nicht den geringsten Aufschub mehr, und ich möchte wohl wissen,
ob es je einen Bräutigam gegeben hat, dessen Antlitz eine so grimmige Entschlossenheit, zum Ziele zu kommen, ausgedrückt hat, wie
das des Herrn Rochesters. Unter seinen gerunzelten Brauen
schossen seine Augen Blitze einer fast verzweifelten Energie. Erst
vor der Kirchtür blieb er einen Augenblick stehen und ließ mich zu
Atem kommen.
Ich sehe noch, als wäre es heute, die kleine Kirche vor mir.
Eine Krähe umschwebte den Turm. Rings lagen die grünen Grabhügel, und die Gestalten zweier Männer traten, als sie uns erblickten, rasch in die Kirche. Herr Rochester sah sie nicht, weil er mich
anschaute; aber aus meinem Antlitz wich für den Augenblick alles
Blut, ein kalter Angstschweiß perlte auf meiner Stirn, und meine
Lippen wurden eisigkalt. Dennoch hätte ich den Grund dieser plötzlichen Beklemmung nicht angeben können.
Wir gingen hinein. Der Prediger stand im Chorrock am Altar
und wartete. Der Küster war an seiner Seite. In einem fernen
Winkel bewegten sich zwei Schatten; dort standen zwei Fremde,
kehrten uns den Rücken zu und betrachteten die Grabmäler der
Ahnen des Hauses Rochester. Wir stellten uns vor dem Altar auf.
Der Gottesdienst begann - einer der Fremden näherte sich uns.
Der Geistliche sprach die vorgeschriebenen Worte und fuhr dann
fort:
,Und so fordere ich euch auf, im Hinweis auf die Rechenschaft,
die ihr am jüngsten Tage von euren Handlungen ablegen müßt,
jedes etwaige Hindernis, das sich eurer Eheschließung entgegenstellen
könnte, jetzt noch offen zu bekennen.
Er hielt inne, wie es vorgeschrieben ist, obgleich wohl binnen
hundert Jahren die Pause nach dieser Frage niemals durch eine
Antwort unterbrochen wird. Der Geistliche erhob die Hand und
wollte eben, indem er sich an Herrn Rochester wendete, die Frage
stellen: ,Willst du dieses Mädchen hier zum Weibe nehmen? als
eine fremde Stimme deutlich und klar die Worte sprach:
,Die Trauung kann nicht stattfinden. Es besteht ein Hindernis.
- Der Prediger sah auf. Er und der Küster standen sprachlos
da. Herr Rochester fuhr auf, als wenn die Erde unter seinen Füßen
gebebt hätte. Dann hob er das Haupt, sah den Geistlichen fest an
und rief: ,Walten Sie weiter Ihres Amtes.
,Das kann ich nicht, ohne Nachforschungen über den Einspruch
anzustellen, der hier eben erfolgt ist,r' antwortete der Pastor. ,Ich
muß untersuchen, ob es Wahrheit oder Lüge ist, was da behauptet
wird.
,Die Trauung ist abzubrechen, sagte die Stimme hinter uns.
,Ich kann beweisen, daß ich die Wahrheit sage. Es besteht ein unüberwindliches Hindernis gegen diese Eheschließung.
Herr Rochester stand starr und steif da, er vermochte kein Glied
zu rühren und sich nicht nach dem Fremden umzuschauen, nur meine
Hand packte er fester. Und wie marmorbleich erschien mir seine
hohe, blasse Stirn in diesem Augenblick, wie ruhig und doch wie
feurig blitzte sein Auge!
Der Prediger wußte nicht, was er tun sollte.
,Und worin besteht das Hindernis, von welchem Sie sprechen?
fragte er. ,Läßt es sich vielleicht hinwegräumen — überwinden?
Der Fremde lehnte sich über das Gitter des Altarraums und
antwortete ruhig:
,Es besteht einfach darin, daß Herr Rochester schon verheiratet
ist und seine Gattin noch lebt.
Diese leise gesprochenen Worte wirkten niederschmetternder auf
mich, als ein Donnerschlag vermocht hätte. Dennoch war ich gefaßt,
und keine Ohnmacht drohte mir. Ich sah Herrn Rochester an -
sein Gesicht erschien mir in diesem Augenblick wie farbloses Gestein.
Er leugnete nichts. Er sah nur aus, als sei er entschlossen, dem
Himmel und der Erde Trotz zu bieten. Er umschlang mich fest und
hielt mich an seiner Seite.
,Wer sind Sie? fragte er den Mann.
,Briggs - Advokat aus London.
,Und Sie wollen mir eine Gattin aufschwatzen?
,Nein, Sie nur an die Existenz Ihrer rechtmäßigen Ehefrau
erinnern. Ihre Ehe ist vor dem Gesetz gültig, wenngleich Sie anderer
Meinung zu sein scheinen.
Nach diesen Worten zog er ein Blatt Papier hervor und las in
geschäftsmäßigem Tone das Folgende:
,Ich bestätige und kann beweisen, daß am W. Oktober des
Jahres . - - - 'hier folgte ein Datum, das um fünfzehn Jahre
zurücklag Eduard Fairfax Rochester, Eigentümer von Thornfield-Hall und Ferndean-Haus, aus England, mit meiner Schwester
Bertha Antoinette Mason, Tochter des Kaufmanns Jonas Mason
und seiner Gattin Antoinette, einer Kreolin, in der Kirche Allerheiligen zu Spanish-Town auf Jamaika getraut worden ist. Das
Protokoll darüber findet sich in den Registern der genannten Kirche
--- eine Abschrift habe ich in Händen. Richard Mason.
,Das beweist wohl, sagte Herr Rochester, ,daß ich einmal verheiratet war, aber nicht, daß die Person, die darin als meine Gattin
bezeichnet wird, noch am Leben ist.
,Sie war vor drei Monaten noch am Leben - das wenigstens
ist bewiesen, versetzte der Rechtsanwalt.
,Woher wissen Sie das?
,Ich habe einen Zeugen dafür.
,Bringen Sie ihn zur Stelle!r
,Er ist hier -- Herr Mason, wollen Sie vortreten.
Als Herr Rochester diesen Namen hörte, knirschte er mit den
Zähnen und zitterte heftig. Der zweite Fremde, der bis jetzt im
Hintergrunde geblieben war, trat nun auch vor, und ein bleiches
Gesicht sah über die Schulter des Sachwalters nach uns hin. Ja,
es war Herr Mason selbst. Herr Rochester drehte sich um und starrte
nach ihm hin. Sein Antlitz färbte sich mit einer Glut, die wie Feuer
aus seinem gemarterten Herzen heraufstieg. Dann erhob er den
starken Arm und machte Miene, Mason niederzuschlagen. Der aber
zuckte zusammen und schrie in jämmerlichem Tone: ,Allmächtiger
Gott!'
Da sank Herrn Rochesters Arm nieder; mit dem Ausdruck
grenzenloser Verachtung fragte er: ,Was hast du noch zu sagen,
Unglückskind?
Eine unhörbare Antwort entrang sich den bleichen Lippen
Masons.
,Der Teufel soll dich holen !' schrie Rochester.
,Herr, rief der Geistliche dazwischen, ,vergessen Sie nicht, wo
Sie sich befinden. Dann wandte er sich an Mason und fragte:
,Ist Ihnen bekannt, ob die Ehefrau dieses Herrn noch am Leben
ist?-
,Sie lebt in Thornfield-Hall,' antwortete Mason. ,Im April
noch habe ich sie gesehen. Ich bin ihr Bruder.
,Das ist nicht möglich, sagte der Geistliche. ,Ich wohne seit
langer Zeit schon hier und habe nie etwas von einer Frau Rochester auf Thornfield-Hall gehört.
,Nein, wahrlich nicht, rief Rochester mit finsterm Lächeln.
,Denn ich habe Sorge getragen, daß kein Mensch etwas von ihr
erfahren solle.
Zehn Minuten bangen Schweigens verstrichen, dann raffte Rochester sich gewaltsam auf und rief mit einer Stimme, die wie Donner rollte:
,Genug! Nun soll alles heraus wie die Kugel aus der Kanone!
Pastor, klappen Sie Ihr Buch zu! Heute findet keine Trauung mehr
statt. Das Schicksal hat mich überlistet die Vorsehung gebietet
mir Einhalt. Mein Plan ist gescheitert. Was dieser Advokat und
sein Klient sagen, ist wahr: ich bin verheiratet -- und das Weib,
mit dem ich verheiratet bin, lebt. Sie heißt Bertha Mason und ist
die Schwester des Hasenfußes, der dort steht und an allen Gliedern
zittert. Pastor, Rechtsanwalt, ich lade Sie ein, sich meine Gattin
anzusehen! Kommen Sie mit mir und betrachten Sie nur auf einen
Augenblick die Schutzbefohlene der Grace Poole, meine Gattin! Sie
sollen mit eigenen Augen sehen, wie man mich betrogen hat, als man
mich dazu verleitete, dieses Geschöpf zu heiraten! Und dann beurteilen Sie, ob es unmenschlich von mir war, daß ich m.ich für berechtigt hielt, eine solche Ehe als nicht bestehend anzusehen. Pastor,
dieses Mädchen wußte ebensowenig wie Sie um dieses widerliche Geheimnis. Sie glaubte, es sei alles in Ordnung. Sie hatte keine
Ahnung davon, daß sie eine Scheinehe mit einem elenden Betrüger
eingehen sollte, der schon mit einem wahnsinnigen, vertierten Weibe
verheiratet ist! Folgen Sie mir alle, alle, alle!'
Noch immer hielt er mich mit eiserner Faust fest und stürmte
zur Kirche hinaus.
Fahr zurück in den Stall, John,' sprach er zum Kutscher. ,Wir
brauchen heute keinen Brautwagen!'
Als wir in Thornfield-Hall ankamen, traten uns Frau Fairfax, Lea und Sophie entgegen, um uns zu beglückwünschen.
,Hinweg mit euch!' schrie ihr Gebieter. ,Gehe jeder an seine
Arbeit! Wer braucht Glückwünsche? Ich nicht! Sie kommen um
fünfzehn Jahre zu spät!'
Und noch immer meine Hand umklammernd, eilte er die
Treppen hinauf, bis ins dritte Stockwerk, und führte uns in jenes
Zimmer mit den Gobelins, wo ich an der Seite des verwundeten
Herrn Mason gewacht hatte. Er hob die Wandteppiche auf und enthüllte jene geheime Tür, die ich schon einmal gesehen hatte. Er schloß
In einem fensterlosen Zimmer brannte ein helles Feuer, und eine Lampe hing von der Decke herab.
Grace Poole stand am Kamin,
offenbar beschäftigt, in einem Tiegel etwas zu kochen. Am andern
Ende des Zimmers, in tiefem Schatten, lief eine Frauengestalt unaufhörlich hin und her wie ein gefangenes Tier im Käfig. Gleich
einem Tier knurrte und heulte sie auch; aber sie trug menschliche
Kleider, und menschliches Haar hing ihr um Gesicht und Schultern.
,Guten Morgen, Frau Poole!' rief Herr Rochester. ,Was macht
Ihre Schutzbefohlene heute?
,Sie ist bissig, aber frei von Tobsucht, antwortete Grace Poole
ruhig.
Im nächsten Moment erklang ein wilder Schrei, der diese Worte
Lügen zu strafen schien. Das tierische Weib, das zuerst auf allen
Vieren herumgekrochen war, erhob sich und stand groß und gewaltig
vor uns.
,O. Herr, sie hat Sie gesehen! Gehen Sie fort!' rief Grace
Poole.
Es war schon zu spät. Die menschliche Hyäne stürzte mit einem
furchtbaren Geheul auf Herrn Rochester los, packte ihn bei der
Kehle und fletschte die Zähne gegen sein Gesicht. Ich trat entsetzt
zurück: in dieser Wahnsinnigen hatte ich die geheimnisvolle Fremde
erkannt, die in der vorletzten Nacht meinen Schleier zerrissen hatte.
Herr Rochester rang mit ihr. Sie war sehr stark und außerdem
korpulent und schwer. Mit einem wuchtigen Schlage hätte er sie
zu Boden werfen können, aber er wollte nicht schlagen, er wollte nur
mit ihr kämpfen. Endlich hatte er sie niedergezwungen, Grace Poole
warf ihm einen Strick zu, und er fesselte sie. Dabei stieß die Irre
ein gräßliches Geschrei aus. Herr Rochester wandte sich an die Zuschauer und sagte mit einem bittern Lächeln:
,Das ist mein Weib! und das hier, fügte er hinzu und legte
die Hand auf meine Schulter, ,sollte mein Weib sein! Betrachten
Sie den Unterschied, meine Herren, und beglückwünschen Sie mich
dazu, daß es mir fehlgeschlagen! Und du, Priester des Evangeliums.
verurteile mich, wenn du kannst! Du Mann des Gesetzes, tue desgleichen! Aber vergeßt die Worte nicht: Richtet nicht, auf daß ihr
nicht gerichtet werdet! Und nun fort! Ich muß meinen Schatz hier
erst wieder einschließen!'
Wir gingen alle. Auf der Treppe wandte der Rechtsanwalt sich
an mich:
,Sie trifft dabei kein Tadel, Fräulein,' sagte er. ,Ihr Onkel
wird sich freuen, wenn er das hört - sobald Herr Mason wieder
in Madeira ist.
,Mein Onkel in Madeira? stieß ich hervor. ,Was hat das hier
mit ihm zu schaffen?
,Herr Mason kennt ihn, antwortete der Advokat. ,Ihr Onkel
ist eine Zeitlang, ehe er sich selbständig machte, der Buchhalter in
der Madeira-Filiale der Firma Mason gewesen. Als Ihr Onkel von
Ihnen jenen Brief erhielt, in welchem Sie ihm von Ihrer bevorstehenden Verheiratung mit Herrn Rochester schrieben, befand sich
Herr Mason gerade auf Madeira, um dort Genesung zu suchen.
Er besuchte Ihren Oheim, da sie ja alte Bekannte sind. Im Laufe
des Gesprächs erfuhr er nun die ganze Sache. Ihr Onkel, wie ich
Ihnen leider mitteilen muß, ist sehr krank. Er hat die Schwindsucht, und ich glaube nicht, daß er je wieder gesund werden wird.
Er konnte deshalb nichts tun, um Sie zu warnen, aber er ersuchte
Herrn Mason, hierher zu reisen und diese unrechtmäßige und ungültige Heirat zu verhindern. Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß
Sie Ihren Onkel nicht mehr lebend antreffen werden, so würde ich
Ihnen raten, gleich mit Herrn Mason nach Madeira zu reisen; wie
die Dinge aber liegen, ist es wohl besser, Sie bleiben hier und
warten, bis Sie etwas von Herrn Eyre hören.
Er ging mit Herrn Mason fort. Ich begab mich auf mein
Zimmer und schloß mich ein. Dann fing ich an - nicht zu weinen,
noch zu trauern, dazu war ich noch zu ruhig - sondern ganz langsam meinen Hochzeitsstaat abzulegen and das schlichte, wollene
Kleid aus Lowood wieder anzuziehen. Dann setzte ich mich. Ich
war müde. Ich legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf.
Und nun begann ich zu überlegen. Bis jetzt hatte ich mich nur
bewegt - zur Kirche und zurück - treppauf und treppab, wohin
man mich zog -- jetzt fing ich an zu denken.
der Leidenschaft, ohne Wehklagen, ohne Tränen. Der Einspruch
gegen die Trauung war in sachlicher Form geschehen, auf einige
aufgebrachte Fragen Herrn Rochesters waren sachliche Antworten
gegeben worden -- und dann hatten wir den lebenden Beweis
für die Rechtskraft des Einspruchs gesehen. Nun war alles vorüber.
- Ich befand mich wieder in meinem Zimmer - wieder als
Johanna Eyre - nicht als Frau Rochester. Johanna, die ein
liebendes, erwartungsvolles Weib, beinahe schon Gattin gewesen,
war wieder ein einsames Mädchen. Ein harter Winterfrost war über
die blühenden Blumen hingebraust, Schneewehen hatten die knospenden Rosen getötet, ein eisiges Leichentuch hatte sich über die grünende
Pracht gebreitet. Meine gestern noch so üppig prangenden Wünsche
waren tot; meine Liebe lag in meinem Herzen wie ein krankes
Kind in einer kalten Wiege. Der Glaube war dahin -- das Vertrauen zerstört - die Hoffnung gebrochen! Herr Rochester war für
mich nicht mehr das, was er gewesen, denn er war nicht das, für
was ich ihn gehalten. Und nun mußte ich fort aus seiner Nähe,
das sah ich klar. Doch wohin? wohin?
Dunkelheit umgab mich - wie, schwarze Wogen fluteten wirre
Gedanken um mich her. Kraftlos trieb ich in ihrem reißenden
Strome, und ich wünschte mir den Tod herbei. Wie eine erdrückende
Lawine brach das Bewußtsein meines zerstörten Lebens, meiner
verlorenen Liebe, meiner vernichteten Hoffnungen über mich herein.
Kapitel.
Abschied.
So saß ich bis zum Nachmittag. Dann fragte ich mich: ,Was
soll ich nun beginnen? Die Antwort, die mir meine eigene Seele
gab: ,Thornfield auf der Stelle verlassen!’ kam so furchtbar schnell,
daß ich mir die Ohren zuhielt. ,Es ist ja das wenigste, sprach ich
zu mir selbst, ,daß ich nicht seine Gattin sein kann - nein, daß
ich nun nicht mehr bei ihm bleiben kann, daß ich ihn verlassen muß,
jetzt und auf immerdar - das ist das Entsetzliche! Und das vermag ich nicht!'
Doch eine innere Stimme sagte mir, daß ich es doch könne,
daß ich es ausführen würde. Ich sprang plötzlich auf. War ich nicht
schon jetzt verlassen und überflüssig? Ich hatte den ganzen Tag noch
nichts gegessen und getrunken, und niemand hatte daran gedacht,
nach mir zu fragen, mir etwas zu schicken. Weder Frau Fairfax
noch Adele hatten an meine Tür geklopft. Ich taumelte zum Zimmer
hinaus, denn ich konnte nicht länger einsam sein - ich wankte durch
den Korridor - ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Ich strauchelte
über irgendetwas, das am Boden lag - mich schwindelte - und
ich fiel. Doch nicht auf die Erde - ein Arm hielt mich auf. Ich
sah empor - es war Herr Rochester, der mich stützte.
,Endlich kommst du zum Vorschein, sagte er. ,Ich warte und
horche schon lange -- aber kein Geräusch, keine Bewegung. Todesähnliche Stille. Schon war ich willens, die Tür dort wie ein Räuber
aufzubrechen. So weichst du mir aus? Trauerst allein? Ach, wärst
du mit heftigen Vorwürfen vor mich hingetreten! Auf eine leidenschaftliche Szene, auf heftige Tränenfluten war ich vorbereitet, nicht
aber auf dieses stumme Dulden. Ich sehe, du hast nicht einmal geweint, Johanna! Kein Wort des Tadels, keine Silbe der Erbitterung? Du sitzest ganz still dort, wohin ich dich gesetzt habe, und siehst
mich mit müden Augen an. Kannst du mir jemals verzeihen?
Ach, ich hatte ihm schon verziehen! In seinen Augen sprach
sich so tiefe Reue aus, in seiner Stimme so wahres Mitleid, in seinem
Wesen so männliche Energie, daß ich ihm alles verzieh. Doch nicht
in Worten, nicht nach außen hin - sondern still. für mich, in der
Tiefe meines Herzens.
Als ich noch immer schwieg, schüttelte ihn ein Schauer, er nahm
mich auf den Arm und trug mich hinunter ins Bibliothekszimmer.
Dort saß ich nun in seinem Stuhle und er war dicht neben mir.
,Wenn ich jetzt ganz plötzlich und ohne jähen Schmerz aus dem
Leben scheiden könnte, so würde mir wohl sein, dachte ich bei mir
selbst. ,Dann brauchte ich mir nicht das Herz zu zerreißen, indem
ich mich von Herrn Rochester losreiße. Und ich muß ihn ja verlassen - ich muß ja!'
Ich trank etwas von dem Wein, den er mir reichte; er stellte
das Glas wieder auf den Tisch, trat vor mich hin und betrachtete
mich. Und plötzlich wandte er sich ab mit einem unterdrückten
Schrei, den der wahnsinnige Schmerz ihm entpreßte. Dann neigte
er sich über mich, als wollte er mich küssen. Doch ich wandte den
Kopf zur Seite und schob ihn sanft von mir. Für mich waren jetzt
alle Liebkosungen verboten.
,Was bebeutet das? fragte er. ,Ah, du willst den Gatten
jener Bertha Mason nicht mehr küssen? Also hältst du mich doch für
einen Schurken, der dich in eine Schlinge locken wollte, der dir nur
Liebe heuchelte, um dir Ehre und Selbstachtung zu rauben? Ich sehe,
du weißt gar nichts zu antworten. Erstens bist du noch zu müde,
und zweitens hast du dich noch nicht daran gewöhnt, mich mit
Lästerungen zu überhäufen. Ach, Johanna, ich sehe es jetzt selbst, es
war unrecht von mir, dich nach Thornfield-Hall kommen zu lassen,
da ich ja wußte, welches fürchterliche Gespenst hier umgeht. Ich hatte
ja freilich stets Sorge getragen, das Geheimnis vor, aller Welt zu
verbergen, und außer Grace Poole, auf die ich mich verlassen konnte,
und dem Wundarzt Carter wußte niemand davon. Aber ich hätte
dir die Existenz dieser Wahnsinnigen nicht verheimlichen sollen. Ich
hätte offen und ehrlich mit dir darüber sprechen sollen. Wie die
Dinge nun stehen, ist nichts zu ändern. Ich werde dich jetzt von
- für Geld tut Grace viel dann lasse ich die Einfahrt vernageln,
die unteren Fenster vermauern und schließe das ganze Haus von
aller Welt ab. Mlles ist zur schleunigen Abreise gerüstet, das weißt
du, Johanna. Halte nur noch eine Nacht unter diesem verwunschenen
Dache aus, dann bringe ich dich an einen Ort, wo wir ein sicheres
Heiligtum finden werden, wohin uns keine verhaßten Erinnerungen
folgen sollen.
Ich schüttelte den Kopf. Es erforderte einen gewissen Mut, um
auch nur dieses Zeichen von Weigerung zu machen - aufgeregt wie
er war. Er sah mich scharf an - ich blickte zur Seite und bemühte
mich, ruhig und gefaßt zu bleiben.
,Da haben wir nun den Haken in Johannas Charakter, fuhr
er fort. ,Bis hierher ist alles glatt und weich gegangen, nun ist
der Knoten da. Bei Gott, es wandelt mich die Lust an, diesen Knoten
wie Werg zu zerreißen.
Er schritt auf und nieder und blieb dann wieder dicht vor mir
stehen.
,Johanna, willst du Vernunft annehmen? Sonst werde ich Gewalt gebrauchen!
Seine Stimme klang heiser. Er sah mich an wie jemand, der
alle Fesseln sprengen und sich Hals über Kopf in die wildeste
Zügellosigkeit stürzen will. Das begriff ich und wußte, daß ich im
nächsten Augenblick, wenn seine Wut auch nur um ein Atom noch
zunahm, nichts mehr bei ihm erreichen könne. Die gegenwärtige
Sekunde war die letzte Gelegenheit, ihn zu beherrschen, ihn zurückzuhalten. Ich fürchtete mich nicht das Bewußtsein meiner innern
Kraft hielt mich aufrecht. Ich hatte in diesem Moment das Gefühl
eines Menschen, der in einem Kanoe über Stromschnellen hinsaust,
aber ich verlor das Steuer nicht aus der Hand. Sanft und beruhigend löste ich die Finger seiner Faust.
Setzen Sie sich, sagte ich. ,Dann will ich Ihnen zuhören,
solange Sie wollen.
Er setzte sich denn auch, aber fürs erste fand er noch keine Worte.
Dafür kamen mir nun plötzlich die Tränen - ich konnte sie nicht
länger zurückhalten. Ich gab mir auch keine Mühe, sie zu unterdrücken, denn ich wußte, daß er mich nicht weinen sehen konnte.
Bald bat er mich denn auch inständig, mich zu fassen. Ich antwortete,
ich könne das nicht solang er so zornig sei. ,Zornig bin ich ja
gar nicht, Johanna- es ist alles nur die zu große Liebe.
Dein kleines blasses Gesicht sah mich zu hart und kalt an. Sei nun
still und weine nicht mehr.
Der weiche Ton seiner Worte zeigte mir an, daß er nachgab;
da wurde auch ich wieder ruhig. Er wollte den Kopf an meine
Schulter lehnen - ich erlaubte es ihm nicht. Er wollte mich an sich
ziehen, auch das verwehrte ich ihm.
,Johanna, sagte er so traurig, daß jeder Nerv in mir zuckte,
,liebst du mich nicht mehr?
Ach, wie schnitten diese Worte mir ins Herz!
,Ich liebe Sie mehr als je, antwortete ich. ,Aber ich darf
meine Liebe nun nicht mehr zeigen, und dies ist auch das letzte Mal,
daß ich ihr Ausdruck verleihe!
,Das letzte Mal? Willst du neben mir leben, mich täglich sehen
und doch bei all deiner Liebe kalt und fremd bleiben?
,Das könnte ich nimmermehr, und deshalb gibt es nur einen
Ausweg - aber ich darf ihn ja nicht nennen, Sie geraten gleich
wieder in Zorn.
,Nenne ihn - ich werde ruhig bleiben.
.Ich muß Sie verlassen, Herr Rochester.
,Für einige Minuten, Johanna? Um dir das Haar zu
ordnen?
,Ich muß Thornfield verlassen ich muß für immer Abschied l
von Ihnen nehmen. Ich muß unter einem andern Himmel, unter ;
andern Menschen ein neues Leben beginnen.
,Das sagte ich dir ja selbst schon - aber als Frau Rochester,
denn das sollst du werden, nicht nur dem Namen nach, sondern in
der Tat. Ich werde zu dir halten, solange ich lebe. Ich habe eine
Villa am Meer in Südfrankreich - dorthin gehen wir. Weshalb
schüttelst du den Kopf? Johanna, nimm Vernunft an - oder die
Wut faßt mich von neuem
Herr Rochester,' erwiderte ich ruhig, .Ihre Gattin lebt noch.
,Johanna, ich besitze nicht viel Sanftmut, stieß er hervor.
,Nicht viel Geduld - ich bin auch nicht kalt und ohne Leidenschaft.
Lege deine Hand an meinen Puls - fühle, wie er klopft - und
hüte dich!'
Er hielt mir den Arm hin, sein Gesicht war aschfahl geworden.
Ich wußte mir keinen Rat mehr -- ihn noch länger durch Widerstand zu reizen, war grausam, ihm nachzugeben war ganz unmöglich.
Da tat ich, was der Mensch in höchster Not instinktiv immer tut, ich
schlug die Augen zum Himmel auf, und die Worte: ,So möge Gott
mir helfen!' kamen unbewußt von meinen Lippen.
,Ich bin ein Narr!' rief er. ,Da rede ich dir immer vor, ich
sei nicht verheiratet, und erkläre es dir nicht. Du weißt ja nichts
von dieser unglückseligen Verbindung und von dem Drum und Dran.
Wenn du alles weißt, wirst du mir gewiß Recht geben. Willst du
mich anhören?
,Stundenlang, Herr Rochester.
,Es soll nur ein paar Minuten dauern. Hast du schon einmal
gehört, daß ich kein Erstgeborener war, sondern einen älteren Bruder
hatte?
,Frau Fairfax sprach einmal davon.
,Und hast du auch mal gehört, daß mein Vater sehr habsüchtig
und geldgierig war?
.Ja.
,Nun, er hatte infolgedessen beschlossen, sein Besitztum nicht zu
teilen, sondern ganz meinem Bruder zu hinterlassen, und um mich
in unabhängige Verhältnisse zu bringen, suchte er mir eine reiche
Braut. Er fand sie in der Tochter eines westindischen Farmers,
eines Herrn Mason, der für sehr reich galt. Die Mitgift sollte denn
auch dreiviertel Million betragen, das genügte ja. Man schickte mich
nach Jamaika, um die Braut heimzuführen, die bereits für mich
geworben war. Sie war sehr schön - von spanischem Typus. Ich
sah sie aber nie allein und konnte kein einziges Mal mit ihr unter
vier Augen sprechen. Allein da sie allgemein umworben wurde, nahm
ich an, sie sei wirklich begehrenswert und machte mir keine Gedanken
weiter. Ihre Verwandten kamen mir entgegen, sie selbst ermutigte
mich, Nebenbuhler reizten mich, den Sieg davonzutragen, und so
war ich eines Tages mit ihr verheiratet, fast wußte ich nicht, wie es
geschah. O, wie verachte ich mich selbst, wenn ich daran denke! Ich
kannte sie ja noch nicht einmal! Ich wußte nicht, ob sie tugendsam,
gut, offenherzig sei- ob sie eine reine Seele, ein edles Herz hätte!
Nichts wußte ich. Ihre Mutter hatte ich nie gesehen. Ich glaubte,
sie sei tot. Erst nach Ablauf der Flitterwochen erfuhr ich, daß ihre
Mutter im Irrenhause lebte, daß ein Bruder von ihr ebenfalls verrückt war, und daß der ältere - den hast du ja hier kennen gelernt
- auch langsam dem Schicksal geistiger Umnachtung entgegenginge.
Nach kurzer Zeit erkannte ich nun, was ich an meiner jungen Frau
hatte: sie kehrte ohne Scheu ihren gemeinen, häßlichen Charakter
hervor. Sie war ganz unfähig, sich irgendwelchen höheren Dingen
zuzuwenden. Ich mußte einsehen, daß mir an der Seite dieser Person
nicht ein einziger Abend, ja nicht einmal eine Stunde der Ruhe
und des Behagens beschert sein würde. Nach kurzer Zeit ergab sie
sich dem Trunke, und damit nahm alles ein rasches, furchtbares Ende.
Die ersten Zeichen, daß die Krankheit ihrer Mutter, der Wahnsinn,
auch bei ihr ausbräche, machten sich nun bald in erschreckender Weise
bemerkbar. Das Leiden nahm rasch überhand. Ich stand am Rande
der Verzweiflung und wollte mir das Leben nehmen; doch ich rang
mich durch diesen furchtbaren Schmerz empor und wurde mit mir
selbst darüber einig, daß diese Ehe vor Gott und den Menschen
keine Gültigkeit haben könne. Ich beschloß, nach Europa zurückzukehren, wo niemand etwas von meiner Verheiratung wußte. Inzwischen waren kurz hintereinander mein Vater und mein Bruder
gestorben, und ich war in den Besitz des ganzen Vermögens meiner
Familie gelangt. Vater und Bruder hatten sich, im Bewußtsein ihrer
Niederträchtigkeit, wohl gehütet, etwas von meiner Frau zu erzählen. In Europa also konnte ich nach wie vor als unverheiratet
gelten, und ich kam nun auf den Gedanken, mein Weib in einem
meiner Schlösser von aller Welt abzusperren, ihr eine treue Wächterin zu geben und dann selbst Ausschau nach einer andern Gattin
zu halten, an deren Seite ich trotz allem noch glücklich werden könnte.
So schloß ich sie in Thornfield-Hall ein und mietete Grace Poole
zum Cerberus dieser Hölle. Grace versieht ihr Amt im allgemeinen
sehr gut und sehr gewissenhaft, aber sie trinkt gern, und wenn sie
über ihrem Porterkrug einschläft, macht sich die Tobsüchtige manchmal doch noch die Gelegenheit zumute und entschlüpft ihr. So damals, als sie mein Bett in Brand steckte und dann in jener Nacht,
wo sie deinen Schleier zerriß. O, was hätte da geschehen können!
Wenn ich daran denke, wie sie mich heute morgen bei der Gurgel
packte, dann überläuft mich ein Schauer bei dem Gedanken, daß
diese Teufelin in der Nacht am Nestchen meines zarten, unschuldigen Lieblings, meiner sanften Taube, gewesen ist. Nun, Johanna,
durchstreifte ich ganz Europa, weilte in Italien, in Deutschland, in
Frankreich, besuchte alle Bäder und vornehmen Städte und hielt
überall Umschau nach einer Frau, mit der ich glücklich werden
könnte, und fand keine.
,Aber Sie durften doch gar nicht heiraten, Herr Rochester.
aIch war fest überzeugt, daß ich es dürfe und müsse. Ich wollte
auch ursprünglich keine Täuschung begehen, wie ich nun mit dir getan.
Es war meine Absicht, der Auserwählten alles offen zu bekennen,
weil es mir als selbstverständlich erschien, daß mein Wunsch, eine
andere glückliche Ehe zu schließen, für berechtigt gehalten würde.
Aber als ich dann jahraus, jahrein kein Weib fand, das meinen
Anforderungen an Herz und Gemüt entsprach, da nahm ich mit
vor, über die ganze Sache Stillschweigen zu bewahren. Nach vielen
Jahren der Irrfahrt kehrte ich nach Thornfield-Hall zurück und
hier fand ich nun die Langgesuchte-- hier fand ich dich, Johanna.
Nun weißt du, wie die Dinge stehen - du bist meine Liebe -
du bist der stille Hafen, in dem das Wrack Ruhe nach wilden Stürmen findet - du bist mein besseres Ich - mein guter Genius.
Wohl, ich hätte gerade dir alles offen bekennen sollen, ich hätte
an deine Großmut, an deinen Edelsinn appellieren sollen. Ich tat
es nicht, weil ich schließlich doch alteingewurzelte Vorurteile fürchtete.
Das war feige von mir Erst nach der Offenbarung meiner Verhältnisse hätte ich dich um den Treuschwur bitten sollen. Nun tue ich
es jetzt - gib ihn mir, Johanna!
Ich litt Todesqualen. Eine feurige Hand griff mir nach dem
Keim alles Lebens. Kein lebendes Wesen konnte sich eine innigere
Liebe wünschen, als mir zuteil wurde kein lebendes Wesen konnte
inniger wiederlieben, als ich es tat und dennoch mußte ich meinem
Abgott, meiner Liebe entsagen.
,Johanna, warum schweigst du - du verstehst mich doch? Ich
will von dir nur die Worte hören: Herr Rochester, ich will die
Ihrige sein.
,Herr Rochester,' antwortete ich nun fest und laut, ,ich will
nicht die Ihrige sein.
Er schwieg lange-
Dann rief er nur: ,Johanna!r doch in solchem Tone der
Liebe und Sanftmut, der Angst und des Entsetzens, daß mein Blut
erstarrte.
,Johanna, willst du etwa deinen Weg für dich gehn und mich
den meinen für mich gehn lassen?
,Das will ich - das muß ich!'
,O, das ist bitter! Johanna, wäre es denn eine Sünde, mich
zu lieben? Denke doch, welch furchtbares Leben mir winkt, wenn
du mich verläßt. Mit dir geht alles Glück von mir! Was bleibt
dann übrig? Wieder nur die Tobsüchtige da oben - und die kalte,
fremde Welt. Wo soll ich da Ruhe und Glück finden? Du machst
mich zum ärmsten Menschen der Weltl Du verdammst mich, unglücklich zu leben und fluchbeladen zu sterben. Du beraubst mich der
Liebe und der Unschuld - du stößt mich zurück in Laster und
Leidenschaft!
Herr Rochester, ich stoße Sie ebensowenig in ein solches Schicksal, wie ich ihm verfallen werde. Wir sind geboren, um zu kämpfen
und zu leiden. Tun Sie es denn! Sie werden mich früher vergessen als ich Sie.
,Nein und abermals nein! Schmähe meine Ehre nicht durch
solche Worte! Ich habe dir feierlich erklärt, meine Liebe zu dir
wird sich nicht ändern! Und ist dein Verhalten nicht widersinnig,
verkehrt, unmenschlich? Ist es besser, einen Nebenmenschen in Verzweiflung zu stürzen, als ein Gesetz zu übertreten, das doch nur
von Menschen gemacht ist? Und wer wird geschädigt, wenn du es
übertrittst? Du hast keine Verwandten, die du dadurch verletzen
könntest, daß du bei mir bleibst.'
Das war wahr. Und während er sprach, wurden Gewissen
und Vernunft an mir zu Verrätern und wollten mir aus meiner
Weigerung ein Verbrechen machen.
,Denk an sein Elend!' sprach es in mir. ,Denk an die Gefahren, die ihn umdrohen werden, wenn er allein ist - denk an
seine Zügellosigkeit, an seine Leidenschaft, an den wilden Grimm,
der auf die Verzweiflung folgen muß. Rette ihn! Bleibe bei ihm!
Du hast ja auf der weiten Welt auch niemand, der dich liebt, außer
ihn! Und du schädigst niemand durch deine Tat.
Aber eine andere Stimme sprach dagegen: ,Du liebst aber auch
dich selbst. Du darfst dir die Selbstachtung nicht verscherzen. Du
mußt das Gesetz halten, das nun einmal unter den Menschen
gültig ist. Du mußt die Grundsätze befolgen, die du dir vorsetzest,
als du noch bei vollen Sinnen warst. Wenn du sie in diesem Augenblick gering achten möchtest, so kommt es nur daher, weil du jetzt
nicht bei Vernunft bist. Vorgefaßte Meinungen, frühere Entschließungen sind alles, was dich in dieser Stunde retten kann!
Daran also halte fest!'
Und ich tat es. Herr Rochester las in meinen Zügen, was geschehen war und wie meine letzte Entschließung ausfiel. Seine
Leidenschaft erreichte nun ihren Höhepunkt, und er mußte ihr auf
einen Augenblick die Zügel schießen lassen. Er umschlang mich mit
beiden Armen. Körperlich fühlte ich mich in diesem Moment so
schwach wie trockenes Stroh, das der Glut des Hochofens nahe ist,
aber meine Seele hatte das Gefühl völliger Sicherheit, und die
Seele hat glücklicherweise im Auge einen untrüglichen Dolmetsch.
Ich sah Herrn Rochester an, da ließ er mich los.
,Niemals hat es ein Geschöpf gegeben, murmelte er, ,das
zugleich so zart, so schwach und unbeugsam, so unbezwinglich gewesen. In meiner Hand ist sie ein schwaches Rohr, mit Daumen
und Zeigefinger könnte ich sie zerbrechen. Aber Mut, Freiheit und
fester Wille leuchten aus ihrem Auge. O, du wildes, schönes Geschöpf!'
Er tat mir nichts mehr, er sah mich nur noch an - aber
war weit schwerer, diesem Blicke zu widerstehen, als der. Gewalt
seiner Fäuste. Ich schritt auf die Tür zu.
,So willst du nun gehen, Johanna? Du willst mich verlassen?
,Ja, Herr.
,Gut, geh! Doch vergiß nie, in welchen Qualen du mich zurückläßt! O Johanna - meine Hoffnung - meine Liebe -- mein
Leben! - Ein herzzerreißendes Schluchzen folgte.
Ich war schon an der Tür, aber ich ging noch einmal zurück,
küßte ihm die Tränen von den Wangen und streichelte sein verworrenes Haar.
,Gott segne Sie, teurer Herr Rochester, flüsterte ich, und
halte Sie zurück von Unrecht und Sünde! Er führe Sie - er gebe
Ihnen Trost! Und vor allem belohne er Sie für alle Güte, die Sie
mir erwiesen haben!
,Die Liebe meiner kleinen Johanna wäre mir der beste Lohn
dafür gewesen!' rief er. ,Schenke sie mir, Johanna, brich mein
Herz nicht! Sei edel, sei großmütig!'
Er sprang auf und stand gerade vor mir. Er breitete die Arme
aus - ich aber entzog mich seiner Umarmung und verließ das
Zimmer.
,Lebe wohl!' schrie es in meinem Herzen. ,Auf immerdar!'
setzte die Verzweiflung hinzu.
Am selben Abend packte ich meine wenigen Habseligkeiten. Die
Schmucksachen, die Herr Rochester mir in den Tagen unsers Verlöbnisses geschenkt hatte, ließ ich zurück. Meine Börse, die zwanzig
Schillinge enthielt - mein ganzes Besitztum - steckte ich in die
Tasche, und als der Morgen graute trat ich nach einer schlaflosen
Nacht auf den Korridor.
,Leben Sie wohl, gute Frau Fairfax!' flüsterte ich, als ich an
ihrem Zimmer vorüberkam.
,Lebe wohl, liebe Adele!’ sprach ich an der Tür des Kinderzimmers.
Und nun schlich ich ganz leise und behutsam, denn ich kam an -'
seinem Zimmer vorbei. Wider Willen hielt ich an und lauschte. Ich
hörte ihn auf- und niedergehen, auf und nieder. Auch er hatte keine
Ruhe gefunden. Ich brauchte nur die Tür zu öffnen, ich brauchte nur
zu sagen: ,Ich bleibe bei Ihnen bis an das Ende Ihres Lebens!
und ich würde dadurch, das fühlte ich, mich selbst überglücklich
machen. Doch ich berührte die Türklinke nicht und schlich weiter.
In der Küche fand ich den Schlüssel zu einer Seitentür des Hauses
und der Parkmauer. Nach wenigen Minuten schon lag Thornfield
hinter mir.
Ich wagte keinen Blick um mich her zu tun - ich schritt aufs
Geratewohl fürbaß. Und wie ich nicht nach außen blickte, so verschloß
ich mich auch jedem Gedanken an die Zukunft. Ich hatte das Gefühl
eines Menschen, der nach einer Sintflut über sein verwüstetes Land
wandert und nicht weiß, wo er wieder eine Wohnstätte finden solle.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dahinschritt, ohne Ziel, ohne
Bewußtsein. Das Rollen von Rädern erweckte mich aus meiner
Betäubung. Eine Postkutsche fuhr von hinten an mir vorbei. Ich
rief den Kutscher an und fragte, wohin er fahre. Er nannte mir
einen weit entfernten Ort. Die Fahrt sollte dreißig Schillinge kosten.
Ich antwortete ihm, ich hätte nur zwanzig, und er meinte, zur Not
könne er mich auch dafür mitnehmen. Ich stieg ein - die Tür fiel
zu- der Wagen rollte fort.
O, möge kein Mensch wieder fühlen, was ich in diesen Stunden
empfand! D, mögen keines Menschen Augen je wieder so sengende,
blutige Tränen vergießen, wie sie jetzt meinen Augen entquollen.
Kapitel.
In der Irre.
Zwei Tage waren verflossen. Die Postkutsche hatte mich an einem
Orte, der Whitecroß hieß, abgesetzt. Für zwanzig Schillinge konnte
er mich nicht weiter mitnehmen, und ich stand nun ohne einen
Pfennig da. Der Wagen war schon längst wieder fort, und ich war
ganz allein. Nun erst fiel mir ein, daß ich mein Paket im Wagen
hatte liegen lassen. So war ich denn nun von allen Mitteln entblößt.
Whitecroß war keine Stadt, nicht einmal ein Flecken. Es war
nur ein steinerner Pfeiler, am Kreuzpunkt von vier Wegen aufgestellt. Die nächste Stadt, die an diesem Wegweiser angegeben war,
lag noch zehn, die weiteste noch zwanzig Meilen entfernt. Die Namen
dieser Städte aber waren mir bekannt, so daß ich nun wenigstens
erfuhr, in welcher Gegend ich mich befand. Zu beiden Seiten der
Landstraße sah ich weite Torfmoore. Das Heidekraut stand dicht und
üppig - bis an den Wegesrand heran. Auf der Chaussee war weit
und breit kein Mensch zu sehen - aber mich verlangte auch nicht nach
Menschen. Mir war, als sei jedes Band, das mich mit ihnen verknüpfte, zerrissen. Ich hatte nichts weiter als unser aller Mutter,
die Natur! Bei ihr wollte ich Ruhe suchen.
Ich bog von der Straße ab und wagte mich über das Moorland,
indem ich mich in einem kleinen Durchgange hielt, der die weiche,
dunkle Erde durchfurchte. Als ich an einen von Moos übersponnenen
Granitblock kam, machte ich halt und ruhte mich aus. Rings herrschte
tiefe Stille. Ich fühlte mich sicher, und als ich eine Zeit lang dumpf
vor mich hingebrütet hatte, kehrte auch allmählich die Fähigkeit des
Nachdenkens zurück.
Was sollte ich anfangen? wohin sollte ich gehen? Wenn es nun
sehr weit war bis zu den nächsten menschlichen Wohnungen? Wenn
ich keine offene Tür, keine Arbeit, kein Erbarmen fand - was dann?
Ich berührte den Boden um mich her - er war trocken. Ein Stern
schimmerte gerade über mir - der Himmel war wolkenlos. Es
fiel nur wenig Tau, und die Luft war frei von Wind. Ich beschloß,
diese Nacht im Freien zuzubringen. Ich hatte noch den Rest von
einer Semmel in der Tasche, die ich mir unterwegs gekauft hatte,
für einen losen Groschen, das einzige Geldstück, über das ich hatte
verfügen können. Ringsum wuchsen Heidelbeeren, und ich pflückte
mir zu meinem Brote einen würzigen Imbiß. Dann suchte ich mir
eine Stelle aus, wo das Kraut dicht und buschig stand, und hier
legte ich mich nieder, sprach mein Abendgebet und versuchte zu
schlafen.
Doch mein gequältes Herz summte wie eine Harfe, deren
Saiten zerrissen sind. Die innerlich blutenden Wunden der Seele
ließen mir keine Ruhe. Der Gedanke an Herrn Rochester ließ nicht
von mir. Das Haupt auf die Erde gepreßt, weinte ich bitterlich.
Erschöpft von diesen Qualen, erhob ich mich auf die Knie.
Die Nacht war gekommen. Die ganze Sternenpracht strahlte am
tiefschwarzen Himmel; es war eine so stille, schöne Nacht, daß das
Gefühl der Furcht nicht aufkommen konnte. Wir wissen, Gott ist
allgegenwärtig; aber am deutlichsten fühlen wir seine Gegenwart,
wenn seine größten, herrlichsten Werke glanzvoll vor uns ausgebreitet liegen. Der wolkenlose Nachthimmel, an welchem die fernen
Welten ihre stille Bahn zogen, ließ auch mich nun Gottes Allmacht
und Unendlichkeit tief empfinden. Ich war fest überzeugt, daß er
erhalten und schützen würde, was er erschaffen, und daß er weder
Herrn Rochester noch mich würde untergehn lassen.
Nach inbrünstigem Gebet legte ich das Haupt wieder auf die
Erde, und nun kam auch der wohltuende Schlaf. Doch am nächsten
Tage trat die Not hart und jäh an mich heran. Ein herrlicher Tag
war um mich her das weite, wüste Moor lag in goldenem Sonnenscheine. Eidechsen huschten über die Steinblöcke - Bienen summten
im Heidekraut. Sie hatten Nahrung und Obdach - und ich? Ich
wünschte jetzt, Gott hätte über Nacht meine Seele zu sich genommen.
Aber das Leben mit seinen Forderungen, mit seiner Verantwortlichkeit und Not trat wieder an mich heran.
Ich machte mich auf den Weg. Zuerst ging ich zu dem Weiser
von Whitecroß zurück und schlug nun eine der vier Straßen ein,
und zwar die, die von der Sonne wegführte. Lange schritt ich vorwärts, bis die Müdigkeit mich übermannte. Dann setze ich mich auf
einen Stein. Plötzlich hörte ich eine Glocke läuten. Ich war so
versunken dahingegangen, daß ich das nahe Torf, das zwischen den
Hügeln dicht vor mir lag, gar nicht gesehen hatte. Menschliches Leben,
menschliche Arbeit waren mir also nahe. Ich schleppte mich weiter,
denn es galt nun mein Leben durch Arbeit zu fristen.
Am Eingang des Dorfs war ein kleiner Bäckerladen. Mich
verlangte nach einem Stück Brot; es war vier Uhr nachmittags,
und ich hatte seit dem letzten Abend noch nichts wieder genossen.
Ich trat in den Laden. Eine Frau war darin. Sie vermutete wohl
eine vornehme Dame in mir, denn sie begrüßte mich mit großer
Höflichkeit. Ich schämte mich zu Tode, und die Bitte, die ich mir
zurechtgelegt hatte, erstarb auf der Zunge. Ich wollte ihr mein
seidnes Halstuch und meine Handschuhe zum Tausch gegen ein Stück
Brot anbieten, aber ich konnte es nun doch nicht. Ich fragte nur,
ob sie mir nicht sagen könne, wo man im Dorfe Arbeit finden könnte,
und womit man hauptsächlich Handel triebe. Als ich nur mürrische
Antworten erhielt, ging ich weiter. Ich wanderte bis zum Ende
des Dorfes und betrachtete die Häuser rechts und links. Doch der
Mut, irgendwo anzusprechen, fehlte mir. Ein Stück weit ging ich
ins Freie; dann kehrte ich erschöpft in das Dorf zurück, schlug einen
Heckenweg ein und setzte mich an einem entlegenen Plätzchen ins
Gras. Es hielt mich hier nicht lange. Ich mußte zu irgendeinem Entschluß kommen, irgend etwas tun; ich durfte mich nicht so widerstandslos von der Not zu Boden werfen lassen. Am Ende des Gäßchens lag ein weißes Haus in einem hübschen Gärtchen. Ich trat
herzu und klopfte an. Eine saubere Frau mit sanftem Gesicht machte
auf. Mit gitternder Stimme sagte ich, ob vielleicht ein Dienstmädchen gebraucht würde.
,Nein, wir machen uns unsere Arbeit allein, war die Antwort.
,Können Sie mir nicht sagen, ob ich hier irgendwo Arbeit
finden kann? fragte ich weiter.
Sie könne mir das leider nicht sagen, erwiderte sie. Darauf
machte sie leise die Tür zu.
Wenn sie sie noch einen Augenblick hätte offen gelassen, so würde
ich um ein Stück Brot gebeten haben. Der Hunger hatte mich jetzt
in seinen Krallen. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und noch
immer umstreifte ich wie ein verlaufener Hund das schmutzige, geizige
Dorf, wo mir keine Hilfe zuteil wurde. In der Nähe des Friedhofs
fand ich ein Haus, das ich für die Pfarre hielt. Ich klopfte an die
Küchentür. Eine alte Frau öffnete. Ich fragte, ob hier der Pfarrer
wohne.
,Ja, aber er ist nicht zu Hause.
,Wann wird er denn wiederkommen?
,So bald nicht er ist nach außerhalb. Sein Vater ist plötzlich gestorben.
,Ist denn die Frau Pastor nicht da?
,Er ist unverheiratet, und ich führe ihm die Wirtschaft.
Und abermals vermochte ich nicht zu betteln und schleppte mich
weiter. Ich band das Halstuch ab, zog die Handschuhe aus und
suchte jenen Bäckerladen wieder auf. Nun wagte ich die Bitte, ob
man mir ein Stück Brot für mein Halstuch geben wolle. Die Frau
antwortete, sie pflege solche Geschäfte nicht zu machen. Dabei betrachtete sie mich mit unverhohlenem Mißtrauen. Oder für meine
Handschuhe? fragte ich weiter. Sie meinte, sie könne damit doch
nichts anfangen. Beschämt eilte ich von dannen. Vor einem Hoftor
saß ein Bauer und aß sein Abendbrot. Ich blieb stehen.
,Wollen Sie mir nicht ein Stückchen Brot abgeben? fragte ich.
,Mich hungert so sehr.
Er sah mich erstaunt an. Er hielt mich wohl nicht für eine
Bettlerin, sondern für eine exzentrische Dame, die mal Appetit auf
Bauernbrot hatte. Deshalb schnitt er ein derbes Stück ab und gab .
es mir. Als er mich nicht mehr sehen konnte, aß ich es.
Mein Nachtquartier suchte ich im Walde: aber diese Nacht war weniger angenehm als die erste. Der Boden war feucht, die Luft
war kalt. Gegen Morgen regnete es; den ganzen Tag über war
schlechtes Wetter. Ich suchte Arbeit wie am vergangenen Tage und
fand nichts. An der Tür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen
mit einer Schüssel voll Haferbrei, den sie in den Schweinetrog
schütten wollte.
,Bitte, gib mir das lieber? sprach ich.
,Mutter, rief die Kleine und starrte mich an, ,hier ist ein
Weib, das den Brei haben will.
,So gib ihn ihr, wenn's ne Bettlerin ist, die Schweine werden
auch so satt, rief die Bäuerin aus dem Hause,
Das Mädchen schüttete das kalte Zeug in meine Hände, und ich
verzehrte es mit Gier.
Als es dunkelte, schlug ich einen einsamen, schmalen Reitweg
ein und verfolgte ihn lange. Meine Kräfte gingen zu Ende; mich
schauderte vor dem Gedanken, auch diese kalte, nasse Nacht unter
freiem Himmel zubringen zu müssen. Ich blickte mit von Tränen
blinden Augen über die verschwommene, neblige Landschaft hin.
Ich hatte mich weit von dem Dorfe entfernt -- es war meinen
Blicken ganz entschwunden. Hügel erhoben sich vor mir.
Ich suchte eine Höhle, um mich darinnen zu verkriechen, als ich
in weiter Ferne zwischen den Höhen ein Licht erblickte. Es leuchtete
still und stetig herüber, als wenn es mir winken wollte.
,Kerzenschein in einem Hause, dachte ich. ,Doch ich kann es
nicht mehr erreichen, es ist zu weit weg. Und was nützte es mir?
Man macht mir ja doch wieder die Tür zu.
Ich sank nieder, wo ich stand, und lag ein Weilchen still da. Der
Nachtwind heulte über das Land, der Regen rann unablässig hernieder und durchnäßte mich bis auf die Haut. Es war zu kalt und
feucht, und ich sprang wieder auf. Das Licht war noch immer da.
Ich schleppte mich ihm langsam entgegen. Es leitete mich durch einen
Sumpf, der im Winter unwegsam gewesen wäre und selbst jetzt in
der gewöhnlich trocknen Zeit unsicher war. Als ich über ihn hinweg
war, sah ich eine weiße Spur geradeswegs auf das Licht hinführen.
Das war ein Pfad, auf dem ich ohne Gefahr weitergehen konnte.
So kam ich an eine Mauer, fand eine Tür, die nicht verschlossen war,
trat in einen Hof und sah ein Haus vor mir. Das Licht kam aus
den Scheiben eines vergitterten Fensters, das nur einen Fuß hoch
über dem Erdboden lag und von Efeu umrankt war. Das Gezweig
war so dicht, daß man Vorhänge für unnötig hielt. Als ich die
Ranken ein wenig zur Seite schob, konnte ich alles sehen, was drinnen,
vorging-
Ein Zimmer lag vor mir, dessen Fußboden weiß gescheuert
und mit Sand bestreut war. Auf einem Geschirrschrank stand eine
Reihe von Zinntellern, die so blitzblank geputzt waren, daß der
Schein eines Torffeuers sich in ihnen spiegelte. Ein Tisch, ein paar
Stühle, eine Wanduhr vervollständigten die Einrichtung. Beim
Scheine des Lichts saß eine alte Frau, ein Strickzeug in der Hand.
Aber sie interessierte mich weit weniger als die beiden andern
Insassen dieses Zimmers - zwei junge Damen in tiefer Trauer,
von denen die eine in einem Schaukelstuhl, die andere auf einem
Schemel saß. Auf dem Schoße des einen Mädchens ruhte der Kopf
eines großen Vorstehhundes, die andere hatte eine schwarze Katze
auf den Knien.
Zwischen ihnen stand ein kleiner Tisch, auf welchem neben einer
Kerze dicke Bücher lagen. Sie hatten sie zugeklappt, als seien sie für
diesen Abend mit dem Studieren fertig. Unmöglich konnten sie die
Töchter der ältlichen Frau sein, denn diese sah ziemlich bäurisch aus,
während die Mädchen feine, blasse und sehr ernste Gesichter hatten,
zu denen ich mich beim ersten Anblick seltsam hingezogen fühlte.
Die Gruppe gab ein so ruhiges Bild ab, daß ich glaubte, die Uhr
ticken und die Asche im Kamin auf den Rost fallen zu hören.
,Diana und Mary, sagte die Matrone ,ihr habt heute genug
getan. Ihr müßt müde sein.
,Das sind wir, antwortete eins der Mädchen. ,Und du gewiß auch, Hannah.
,Gewiß, erwiderte die Alte. ,St. John J wird bald nach Hause
kommen. Es ist zehn Uhr. Er bleibt lange. Und es regnet so sehr.
,Hannah, sieh doch nach dem Feuer im Wohnzimmer, sagte
eines der Mädchen.
Die alte Frau erhob sich und öffnete eine Tür, durch die ich
einen Korridor erblickte. Ich hörte nun, wie sie in einem inneren
Zimmer ein Feuer schürte. Gleich darauf. kam sie zurück.
,Ach, Kinder,r sagte sie und trocknete sich mit der Schürze die
Augen, ,es ist doch recht bitter, wenn man nun in das Zimmer
reinschaut, wo der Lehnstuhl leer dasteht. Aber er ist wohl aufgehoben - und er' hat einen sanften Tod gehabt.
,Und er hat gar nicht mehr von uns gesprochen, sagst du?
fragte eine der jungen Damen.
,Dazu hatte er keine Zeit, Kinderchen; in einer Minute war's
vorbei. Als euer Bruder St. John ins Zimmer kam, war er schon
tot. Ach, Kinder, er war der letzte vom alten Stamm, denn ihr
und Herr St. John seid schon von einem andern Geschlecht. Eure
Mutter hatte viel Aehnlichkeit mit euch und war ebenso gelehrt. Du
bist ihr Ebenbild, Diana, - die Mary ist mehr nach dem armen
Vater. Da schlägt es zehn. Nun müßt ihr euer Abendbrot haben.
Sie begann die Mahlzeit vorzubereiten. Bis jetzt hatte ich zugesehen und zugehört und darüber für den Augenblick meine Not
vergessen. Jetzt fiel sie mir wieder ein. Ich klopfte an die Tür.
Hannah öffnete.
,Was wollen Sie? fragte sie verwundert, als sie eine Frauensperson vor dem Hause sah.
,Darf ich ein Wort mit Ihren jungen Damen sprechen?
,Was wollen Sie von ihnen? wer sind Sie denn?
.Ich bin fremd hier.
,Was haben Sie da hier zu solcher Zeit zu suchen?
aIch suche einen Unterschlupf für die Nacht - sei es auch in
einem Stalle - und ein Stücklein Brot.
Hannah sah mich mißtrauisch an.
,Ein Stück Brot sollen Sie haben, aber beherbergen können
wir eine Landstreicherin nicht. Das geht nicht gut an.
,Lassen Sie mich ein Wort mit Ihren Damen sprechen.
,Das gibt's nicht. Die könnten auch nichts für Sie tun. Um
solche Zeit läuft man doch nicht mehr draußen herum. Das ist verdächtig.
,Aber wohin soll ich gehn, wenn man mich auch hier fortjagt?
Was soll ich denn anfangen?
,Ei, Sie werden schon wissen, wo Sie hingehören. Uebrigens
geht's mich nichts an. Da haben Sie einen Groschen - und nun
fort - fort!
,Einen Groschen kann ich nicht essen, und ich habe keine Kraft weiterzugehn. Ach, machen Sie mir doch nicht die Tür zu -- tun
Sie's doch um Gotteswillen nicht!'
,Ich muß - es regnet herein. Fort - fort!
,Aber ich muß sterben, wenn man mich fortjagt!
,Unsinn. Solches Volk stirbt nicht. Tun Sie nur nichts Böses.
Wer zu solcher Zeit vor den Häusern anderer Leute herumlungert,
dem ist nicht zu trauen. Vielleicht haben Sie Helfershelfer in der
Nähe - Einbrecher oder so was Aehnliches. Na, wir haben einen
Mann bei uns -- und Flinten und Hunde.
Mit diesen Worten schloß die ehrliche, aber unerbittliche Magd
die Tür zu und schob innen den Riegel vor.
Die Verzweiflung zerriß mir das Herz. Ich war völlig erschöpft und konnte keinen Schritt mehr tun. Auf den nassen Steinstufen brach ich zusammen, rang die Hände und wimmerte in Todesangst. Ich wähnte meine letzte Stunde gekommen.
,So muß ich denn sterben,' sprach ich vor mich hin. ,Ich will
versuchen, in Demut abzuwarten, wie Gott an mir tun wird.
,Wir müssen alle sterben, sprach eine Stimme neben mir.
,Aber dennoch wäre es ein hartes Los, so jung zu sterben, und hilflos
und elend.
,Wer spricht da? rief ich entsetzt, denn es war so finstere Nacht,
daß ich die Hand nicht vor Augen zu sehen vermochte. Allmählich
unterschied ich die Umrisse einer menschlichen Gestalt und hörte,
wie jemand laut an die Tür des Hauses klopfte.
,Sind Sie es, Herr St. John? erklang Hannahs Stimme.
aJa, mach schnell auf!r
,Ist Ihnen was passiert? Es ist eine schlimme Nacht, Herr,
sagte die Magd und öffnete. ,Und es ist auch eine Bettlerin hier
gewesen; es ist gar nicht geheuer - aber, weiß Gott, sie ist nicht
fortgegangen - sie hat sich einfach hier niedergelegt. Da hört doch
alles auf!'
,Still, Hannah!r unterbrach sie der Ankömmling. ,Du tatest
deine Pflicht, indem du sie fortschicktest, jetzt laß mich die meine
tun und sie aufnehmen. Ich muß die Sache näher untersuchen -
es ist nicht so kurz abzutun, wie du es gemacht hast. Junge Frauensperson, stehen Sie auf und gehen Sie ins Haus.
Ich gehorchte mühselig. Gleich darauf befand ich mich in der
reinen, warmen Küche. Zitternd, entstellt von Hunger und Anstrengung, beschmutzt und zerlumpt, stand ich da und ließ mich von
den jungen Damen, von der Magd, von Herrn St. John anstarren
,Wer ist denn das? riefen die Mädchen.
,Ich weiß nicht, antwortete der Bruder, ,sie lag vor der Tür.
,Sie sieht kreideweiß aus - sie wird umfallen - laßt sie
sich setzen.
Und wahrlich befiel mich ein Schwindel - aber man stellte
mir rechtzeitig einen Stuhl hin.
.Hannah, hol ein wenig frisches Wasser, sagte St. John. ,Sie
ist völlig erschöpft. Sie hat ja keinen Tropfen Blut mehr in den
Wangen.
,Das reine Gespenst! meinte Hannah. ,Ob sie etwa krank ist
,Wohl nur halb verhungert. Gib mir die Milch da her und
ein Stück Brot.
Diana zerbröckelte Brot in die Schale voll Milch und reichte
sie mir. Ich sah sie an, und warmes Mitleid sprach aus ihren großen
Augen.
,Essen Sie,' sagte sie voll Rührung.
aJa, ja, es wird Ihnen gut tun, setzte Mary hinzu und nahm
mir den nassen Hut ab. Ich aß erst zaghaft, dann aber mit großer,
Gier. -
,Nicht zuviel auf einmal,r sagte St. John. ,Sie hat jetzt
genug.'
Und er nahm mir den Teller weg.
,Schwester, versuch' einmal, ob sie sprechen kann. Frage sie nach
ihrem Namen.
,Ich heiße Johanna Elliot, antwortete ich; denn ich hatte mir
schon vorher vorgenommen, nicht meinen wahren Namen anzugeben,
um mich vor jeder Nachforschung von Thornfield aus zu schützen.
,Wo sind Sie zu Hause? Wo haben Sie Angehörige oder
Freunde?
Ich schwieg.
,Können wir jemand holen lassen?
Ich schüttelte den Kopf.
,Können Sie uns Auskunft über sich selbst geben?
Seit ich die Schwelle dieses Hauses überschritten, begann ich,
mich wieder zu fühlen. Der Mut, mich in meiner natürlichen Weise
zu geben, kehrte zurück, die Landstreicherin war vergessen.
,Herr, antwortete ich auf die letzte Frage, ,heute abend bin.
ich nicht imstande, Ihnen etwas Näheres mitzuteilen.
,Was soll ich denn nun für Sie tun?
,Nichts, antwortete ich.
,Soll das besagen, wir hätten nun alle Hilfe geleistet, die
Ihnen nottut, und könnten Sie jetzt wieder in Regen und Nacht
hinausschicken? fragte Diana.
Ich sah in ihr kluges, gütiges Gesicht.
,Ihnen will ich vertrauen, sprach ich. ,Wenn ich ein verlaufener Hund wäre, würden Sie mich heute nacht nicht mehr fortjagen. Tun Sie mit mir, was Sie wollen - nur erlassen Sie mir
das Reden - es bereitet mir Brustschmerzen.
,Hannah, sagte St. John nach kurzem Schweigen, ,wir wollen
sie in Ruhe lassen. Gib ihr den Rest von der Milch und dem Brote,
dann führe sie hinauf in das Fremdenstübchen. Dort mag sie
schlafen.
16. Kapitel.
Ein neues Heim.
Der nächsten drei Tage kann ich mich so gut wie gar nicht
erinnern. Ich lag bewegungslos im Bette, hatte keinen Begriff von
der Zeit und merkte nichts von Morgen, Mittag und Abend. Die
Personen, die ins Zimmer kamen, nach mir zu schauen, erkannte ich
wohl, ich verstand auch, was sie sagten - aber selbst die Lippen
zu bewegen oder auch nur ein Glied zu rühren, dazu war ich nicht
imstande. St. John kam nur einmal. Er erklärte, es sei nicht
nötig, einen Arzt zu holen. Mein Zustand rühre daher, daß durch irgendwelche Geschehnisse alle Nerven in mir aufs höchste angespannt worden seien; da wäre es das beste, der Natur freien Lauf
zu lassen und die Betäubung, in die ich nun verfallen sei, nicht zu
stören. Eine Krankheit sei es nicht. Er sagte dies in kurzen Worten
und mit leiser, ruhiger Stimme.
,Sie hat ein eigentümliches Gesicht, setzte er hinzu. ,Wie eine
gemeine, heruntergekommene Person sieht sie nicht aus.
,Im Gegenteil!' rief Diana. ,Ich fühle mich sehr zu ihr hingezogen. Ich wünschte, wir könnten sie für immer behalten.
,Das ist wohl ausgeschlossen, antwortete ihr Bruder. ,Sie
wird sich mit den Ihrigen gezankt haben und törichterweise weggelaufen sein. Vielleicht können wir sie dorthin zurückbringen, wenn
sie nicht zu eigensinnig ist. Allerdings deuten gewisse Züge ihres
Gesichts auf große Widerstandskraft. Klug sieht sie aus - hübsch
j gerade nicht.
,Sie ist jetzt sehr krank, St. John.
,Ob krank oder gesund, sie kann nie hübsch aussehen. Die Harmonie der Schönheit fehlt diesem Gesicht ganz und gar.
Am vierten Tage konnte ich mich aufrichten und bewegen.
Hannah brachte mir zu essen, und ich aß zum ersten Male wieder
mit Behagen und Wohlgeschmack. Als die Magd gegangen war, wollte
ich mich ankleiden, so wohl fühlte ich mich. Allein ich schämte mich.
in den nassen, schmutzigen Kleidern, mit denen ich auf der Erde
gelegen, vor meine Wohltäterinnen zu treten. Da sah ich, daß meine
Sachen, hübsch rein und trocken, auf dem Stuhle lagen. Man hatte
sie gewaschen und geplättet, ja sogar die Schuhe waren geputzt. Es
wurde mir sehr schwer, mich anzuziehen, und ich fühlte auch, wie
mager ich in den wenigen Tagen geworden war. Ich hing nur noch
in meinen Röcken. Mühsam kroch ich dann die steinerne Treppe
hinab, mich am Geländer festhaltend. Ich kam in den Korridor und
fand gleich darauf die Küche.
Hannah war beim Backen. Sie lächelte, als sie mich erblickte.
,Was? Aufgestanden? rief sie. ,Also fühlen Sie sich nun
besser? Sezen Sie sich an den Herd.
Sie fuhr in ihrer Arbeit fort und sah mich ab und zu von der
Seite an. Plötzlich wandte sie sich um und fragte geradezu:
,Haben Sie schon öfter gebettelt, ehe Sie zu uns kamen?
,Sie verkennen mich, wenn Sie mich für eine Bettlerin halten,
erwiderte ich ruhig. ,Ich bin das ebensowenig wie Ihre jungen
Damen hier.
,Na, das verstehe ich nicht,' sagte sie nach einer Pause. ,Sie
haben doch kein Heim und kein Geld.
,Deswegen bin ich noch immer keine Bettlerin.
,Sind Sie - was man so nennt - gebildet
,Gewiß.
,Aber Sie waren doch nie in einer Pension, wie?
,Ich bin acht Jahre in einer Pension gewesen.
.Und da können Sie sich nicht selbst unterhalten?
,Das habe ich bisher gekonnt und hoffe es sehr bald wieder
zu können, Doch, kümmern Sie sich nicht länger um meine Angelegenheiten. Sagen Sie mir lieber, wo ich mich eigentlich befinde.
Wie heißt das Haus hier?
,Man nennt es das Moor-Haus.
,Und der Herr davon heißt St. John?
,Nein, der wohnt nicht hier. Er ist nur auf kurze Zeit da.
Der wohnt drüben in Morton - im Pfarrhause.
Mir fiel die Antwort der alten Wirtschafterin in der Pfarre des
Dorfes ein, als ich dort nach dem Prediger gefragt hatte.
,So ist dies wohl das Haus seines Vaters?
,Ja, der alte Herr Rivers hat hier gewohnt. Er ist vor drei
Wochen gestorben - am Schlagfluß. Die beiden Mädchen sind seine
Töchter. Die Mutter ist auch schon lange tot.
,Da sind Sie wohl schon viele Jahre hier?
,Dreißig Jahre - habe die drei Kinder allein großgezogen.
,Da müssen Sie eine treue, brave Dienerin sein. Die Gerechtigkeit muß ich Ihnen angedeihen lassen, obwohl Sie mich eine
Bettlerin nannten und hartherzig davonjagten.
,Das dürfen Sie mir nicht übelnehmen, antwortete sie kleinlaut, ,es läuft so viel diebisches Gesindel herum. Ich war mit den
Kinderchen allein im Hause - da ist man ängstlich. Seien Sie mir
nicht mehr böse drum.
Sie streckte mir ihre Hand entgegen und lächelte gutmütig. Von
diesem Augenblick an waren wir Freunde.
Hannah plauderte gern und erzählte mir nun alles von meinen
neuen Gefährten. Der alte Herr Rivers entstammte einer alleingesessenen Familie, die schon seit vielen Generationen im Moor-Hause
wohnte. Frau Rivers war ihrem Manne in Bildung überlegen und
hatte die Bücher geliebt, während ihr Mann nur für die Landwirtschaft und allenfalls für die Jagd Sinn hatte. Aber die Frau hatte
es doch durchgesetzt, daß der Sohn auf die Universität kam und
Theologie studierte. Sie schickte auch die Mädchen in die Pension
und ließ sie zu Lehrerinnen heranbilden. Es zeigte sich auch später,
wie gut das gewesen war; denn durch einen Bankkrach verlor Herr
Rivers einen großen Teil seines Vermögens, und die Kinder mußten
nun für sich selbst sorgen. Die Mädchen bekamen Stellungen als
Erzieherinnen, und der Sohn erhielt den Posten des Predigers im
nahen Dorfe. Der Tod des Vaters hatte die Kinder nun auf kurze
Zeit wieder im Elternhause vereint. Sie waren in London und in
vielen anderen Städten gewesen, aber die Heimat, das Moorland
und das Moorhaus, liebten sie doch über alles.
Das alles erfuhr ich von der guten Alten, während sie ihren
Stachelbeerkuchen buk. Es war um die Mitternacht, da kehrten Diana
und Mary mit ihrem Bruder von einem Spaziergang ins Dorf
zurück. Als St. John mich sah, verneigte er sich nur kurz und ging
weiter. Mary sprach ein paar Worte der Freude, mich schon auf zu
sehen. Diana aber schüttelte den Kopf und rief:
,Sie hätten warten sollen, bis ich Ihnen erlaubte aufzustehen.
Sie sehen noch so blaß aus.
Sie hatte Augen, in die man immer nur mit Entzücken blicken
konnte. Ihr Antlitz war sehr anmutig und von regelmäßigen, reizvollen Zügen. Auch Mary sah klug und hübsch aus - aber ihr Gesicht und ihr ganzes Wesen atmete eine gewisse Zurückhaltung.
Dianas Blick und Gebaren verriet große Selbständigkeit und die
Gewohnheit, auf eigene Verantwortung zu handeln und zu befehlen.
Es lag nun in meiner Natur, mich einer solchen Ueberlegenheit zu
beugen, wo ich sie mit gutem Gewissen, und ohne meiner Selbstachtung Eintrag zu tun, anerkennen konnte. Deshalb gewöhnte
ich mich rasch und leicht daran, in Diana, obwohl wir fast gleichen
Alters waren, sozusagen die Herrin dieses Haushalts und auch, solange ich darin weilte, meine Gebieterin zu erblicken.
,Was haben Sie überhaupt hier zu tun? fuhr sie fort. ,Sie
sind Gast. Ihr Platz ist im Wohnzimmer.
,Ich fühle mich aber sehr behaglich hier, sagte ich.
,Das kann nicht sein, meinte sie, ,Hannah wirtschaftet hier
mit Mehl herum und macht Sie ganz weiß.
,Das Herdfeuer erhitzt Sie auch zu sehr,k setzte Mary hinzu.
Diana nahm mich an der Hand und führte mich ins Wohnzimmer.
,So, hier seen Sie sich her,' sagte sie, mich aufs Sofa drückend.
,Wir machen inzwischen den Tee fertig, damit Hannah ungestört
weiter backen kann.
Ich war mit St. John allein. Er saß mir gegenüber am Tische
und las eine Zeitung. Das Zimmer war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Ein paar alte Familienbilder hingen an den Wänden. In einem Glasschranke sah ich ein paar Bücher und wertvolles
Porzellan. Ueberflüssige Luxusgegenstände gab es nicht - ebenso
kein einziges neumodisches Möbelstück. Nachdem ich das Zimmer
gemustert, betrachtete ich mein Gegenüber. St. John verhielt sich
ebenso still wie eins der dunkeln Bilder an den Wänden. Sein Auge
blieb fest auf seine Lektüre geheftet, seine Lippen öffneten sich nicht.
Eine Statue hätte der eingehenden Besichtigung nicht ruhiger standhalten können als er. Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig
Jahre alt sein und war groß und schlank. Sein Gesicht war ernst
und von jenem würdevollen, regelmäßigen Schnitt, den wir an den
Bildwerken der alten Griechen finden. Seine Augen waren groß und
blau und hatten lange, dunkle Wimpern. Die blonden Locken fielen
zwanglos auf die hohe Stirn, die weiß und glatt wie Marmor war.
Ein Mann mit so vollkommen regelmäßigen Zügen mochte sich wohl
Und doch, obwohl der Mann so still saß, machte er nicht den
Eindruck eines sanften, nachgiebigen Charakters. Gewisse Züge um
Mund und Nase deuteten auf eine harte, heftige Natur. Er
sprach kein Wort mit mir, er sah mich nicht einmal an. Nach einer
Weile kamen die Schwestern wieder und brachten mir Tee und
Butterbrot. Ich zauderte nicht zu essen, denn mich hungerte. Herr
Rivers schloß nun sein Buch und heftete seine blauen Augen fest auf
mich. Jetzt lag eine rücksichtslose Geradheit in seinem Blicke, an
welcher ich erriet, daß er bisher nicht aus Zurückhaltung oder Gleichgültigkeit, sondern in einer ganz bestimmten Absicht geschwiegen
hatte.
,Sie sind sehr hungrig, sagte er nach einer Weile.
,Das bin ich, Herr Rivers, antwortete ich.
,Es war gut, daß Sie infolge des leichten Fiebers ein paar
Tage karg gelebt haben. Es wäre gefährlich gewesen, wenn Sie gleich
dem Heißhunger so nachgegeben hätten. Jetzt dürfen Sie essen, aber,
immer noch mit Maßen.
,Ich hoffe, nicht lange auf Ihre Kosten zu essen,' erwiderte ich,
und es war gewiß eine unpassende und unhöfliche Antwort.
,Wenn Sie uns den Wohnort Ihrer Angehörigen angeben
wollten, versetzte er kalt, ,so würden wir Sie zu Ihrer Familie zurückbringen.
,Ich habe keine Verwandten.
Die Schwestern und der Bruder sahen mich an, doch lag kein
Mißtrauen in ihren Blicken.
,Stehen Sie denn so ganz allein da?
,Ja. Ich bin an niemand gebunden, und es gibt in der ganzen
Welt kein Dach, wo ich Aufnahme zu fordern berechtigt wäre.
,Eine seltsame Lage für ein so junges Mädchen!r rief er. Dann
warf er einen prüfenden Blick auf meine Hände und fragte: ,Sind
Sie verheiratet gewesen?
,Aber St. John,' rief Diana lachend, ,sie ist doch höchstens
achtzehn Jahre alt.
,Ich bin neunzehn, Fräulein, aber ich bin nicht verheiratet.
Eine dunkle Glut überzog mein Gesicht, denn bei diesen Worten
mußte ich an all mein Unglück zurückdenken. Die Mädchen sahen
meine Verlegenheit und blickten zur Seite; der kalte, harte Bruder
aber starrte mich unentwegt an, bis seine Rücksichtslosigkeit mir
heiße Tränen entpreßte.
,Wo haben Sie zuletzt gelebt?' fragte er weiter.
,Du bist neugierig, Bruder, sagte Diana; aber St. John
beugte sich über den Tisch herüber und forderte mit seinem durchdringenden Blick eine Antwort heraus.
,Der Name meines letzten Aufenthalts und der Person, bei der
ich war, ist mein Geheimnis, antwortete ich mit Bestimmtheit.
,Und Sie haben nach meiner Meinung ein Recht, das zu verschweigen, bemerkte Diana ruhig.
,Wenn ich nichts darüber weiß, kann ich Ihnen keine Hilfe
leisten, sagte der Bruder. ,Und Hilfe tut Ihnen doch not, wie?
,Sie tut mir not, und ich suche sie, aber ich verlange nicht
mehr, als daß eine menschenfreundliche Person mir Arbeit nachweist,
durch die ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen kann.'
,An was für Arbeit sind Sie denn gewöhnt, und was können
Sie leisten?
Ich hatte inzwischen meinen Tee getrunken und fühlte mich
bei frischen Kräften. Ich fand nun den Mut, diesem hartnäckigen
jungen Richter Rede und Antwort zu stehen.
Herr Rivers, sagte ich und sah ihn ebenso offen an, wie er
mich ansah, ,Sie und Ihre Schwestern haben mir den größten Dienst
geleistet, denMenschen ihrenMitmenschen erweisen können; Sie haben
mich vom sichern Tod errettet. Durch diese Wohltat haben Sie Anspruch auf meine unbegrenzte Dankbarkeit und auch auf mein Vertrauen. Ich will. Ihnen gern von der Geschichte der Wanderin, die
Sie beherbergen, soviel erzählen, wie ich kann, ohne meinen Seelenfrieden aufs neue zu gefährden. Ich bin ein Waisenkind, die Tochter eines Geistlichen. Meine Eltern sind so früh gestorben, daß ich
mich ihrer nicht erinnern kann. Ich wurde in der Anstalt von Lowood, die Ihnen vielleicht bekannt ist, erzogen und war dort sechs
Jahre als Schülerin, zwei Jahre als Lehrerin. Dann nahm ich eine
Stelle als Gouvernante an und fühlte mich in dem Hause meines
Brotherrn sehr wohl. Was mich dann gezwungen hat, die Stellung
aufzugeben, kann ich nicht erzählen - es würde Ihnen auch nicht
glaubhaft klingen. Genug, die Katastrophe, die mich aus diesem
Hause trieb, war seltsamer, schrecklicher Art. Da ich so rasch wie
möglich fort wollte und auch nicht wissen lassen mochte, wohin ich mich
gewendet habe, gab ich für die Postfahrt alles Geld hin,
das ich besaß, und so kam es, daß ich, in Whitecroß angelangt, nicht
einen Pfennig mehr hatte. Zwei Nächte schlief ich unter freiem
Himmel, und ich war nahe daran, vor Hunger zu sterben, als ich vor
Ihr Haus kam und hier zu meinem Glück in letzter Stunde Aufnahme fand. Ich weiß, was Ihre Schwestern seitdem für mich getan haben; denn in meiner Betäubung war ich doch nicht ganz ohne
Wahrnehmung. Ich danke dem wahren, ungeheuchelten Mitleid der
jungen Damen ebensoviel wie Ihrer christlichen Barmherzigkeit, Herr
St. John.
,Laß sie nun aber in Ruhe, Bruder, sagte Diana, ,so große
Aufregung schadet ihr noch. Kommen Sie jetzt hier auf das Sofa,
Fräulein Elliot.
Als ich diesen falschen Namen hörte, erschrak ich. Ich hatte gar
nicht mehr daran gedacht, daß ich mich so genannt hatte. Dem scharfen Blick St. Johns entging diese Bewegung nicht.
,Sie sagten doch aber, Ihr Name sei Elliot, meinte er.
,Ich halte es für zweckmäßig, mich einstweilen so zu nennen,
antwortete ich ruhig. ,In Wirklichkeit heiße ich anders.
,Ihren wahren Namen wollen Sie nicht angeben?
,Nein. Ich will einer Entdeckung vorbeugen und muß alles
vermeiden, was dazu führen könnte.'
,Daran tun Sie ganz recht, sagte Diana. ,Und nun laß sie
aber wirklich in Ruhe, Bruder.
St. John schwieg, doch nur um eine Zeitlang nachzudenken,
dann fuhr er unerschütterlich fort:
,Sie wünschen unsere Gastfreundschaft nicht lange zu gebrauchen und sich sowohl von dem Mitleid meiner Schwestern als von
meiner Barmherzigkeit zu befreien. Ich habe den feinen Unterschied,
den Sie in Ihrer Ausdrucksweise machten, wohl bemerkt, zürne
Ihnen deshalb auch nicht, denn er ist nur gerechtfertigt. Nicht wahr,
Sie möchten bald von uns fort?
,Gewiß möchte ich das. Es verlangt mich nach Arbeit. Ich
will mir mein Brot verdienen. Und ich bitte nur darum, verschaffen
Sie mir Arbeit, sei es auch in der niedrigsten Hütte.
,Sie müssen hier bleiben,' rief Diana, und Mary stimmte
ihr bei.
St. John aber antwortete kalt ,Wie Sie sehen, würden meine
Schwestern Sie gern hier behalten, aber ich werde mein Möglichstes
tun, um Ihnen eine Anstellung zu verschaffen. Mein Bekanntenkreis ist hier in dieser armen Landgemeinde natürlich sehr gering,
und ich kann nicht sagen, ob sich hier etwas finden läßt. Schließlich
müßten Sie selbst sich anderswo umschauen.
Nach diesen Worten nahm er seine Zeitung wieder zur Hand
und las weiter. Ich zog mich bald zurück, denn ich war nun für eine
Genesende schon zu lange auf den Beinen gewesen und hatte fast schon
mehr gesprochen, als meine noch immer geringen Kräfte eigentlich
erlaubten.
Ich lernte nun die Bewohner von Moor-Haus näher kennen,
und sie gefielen mir mehr und mehr. Nach wenigen Tagen war ich
wieder so kräftig, daß ich den ganzen Tag über aufbleiben konnte.
Nun machte ich auch kurze Spaziergänge und half den Schwestern
bei allen Arbeiten, die ihr häusliches Leben mit sich brachte. Auch
an dem Studium, das sie trieben, nahm ich teil. Ich fand Gefallen
an den Büchern, die sie lasen - wie mir überhaupt alles gefiel, was
sie gern hatten.
Sie waren beide gebildeter und weit belesener als ich, und ich
ließ mich von ihnen belehren und im Wissen fördern. Die Bücher,
die sie mir liehen, las ich mit großem Fleiß, und am Abend machte
es uns allen dann Freude, über das, was ein jeder gelesen hatte, zu
sprechen. In ihrer Denkweise harmonierten sie sehr mit mir -
kurzum, wir paßten alle drei sehr gut zueinander.
In unserm Kleeblatt gab es jedoch eine, die den Ton angab:
das war Diana. Sie war das unbestrittene Oberhaupt. In den
ersten Stunden des Abends sprach ich selbst gern mit, doch später
liebte ich es, mich auf einen Schemel zu Dianas Füßen hinzusetzen,
den Kopf an ihren Schoß zu lehnen und zuzuhören, wie sie und Mary
das begonnene Thema gründlich erörterten. Diana begann mir
auch Unterricht in der deutschen Sprache zu geben, die sie sehr gut
beherrschte. Es war eine Freude, sich von Diana unterrichten zu
lassen. Dafür konnte ich ihr und Mary Malstunden erteilen. So
vergingen uns in nützlicher Arbeit und in vergnüglicher Kurzweil.
die Stunden, die Tage, die Wochen.
Während ich mich mit den Schwestern in ein vertrautes, ja
freundschaftliches Verhältnis hineinlebte, blieb zwischen mir und
St. John eine gewisse Spannung bestehen. Er war ja freilich auch
selten zu Hause. Seine Gemeinde war sehr ausgedehnt, und es
kostete ihn viel Zeit, die Kranken und Armen auf den weit verstreuten Gehöften zu besuchen. Von diesen Ausflügen des Seelsorgers
ließ er sich durch Wind und Wetter nicht abhalten.
,Man muß sich daran gewöhnen, sagte er manchmal, wenn man
ihm riet, des Regens wegen zu Hause zu bleiben, ,besonders wenn
man einer solchen Zukunft entgegengeht wie ich.
Auf diese Worte folgte dann gewöhnlich ein Seufzer von seiten
Dianas oder Marys, und sie schauten dann ein paar Minuten recht
traurig drein.
Aber abgesehen von den wenigen Stunden, die er im Moor-Hause verweilte, war er auch von Charakter sehr reserviert und unzugänglich. Dies war ein zweiter Grund, weshalb das vertrauliche
Verhältnis, in das ich zu den andern Bewohnern gelangte, sich nicht
auf ihn ausdehnte. Obwohl er sein Amt sehr ernst nahm und alle
seine Pflichten aufs gewissenhafteste erfüllte, schien er doch nicht jene
innere Befriedigung zu finden, die der Lohn eines jeden echten
Christen und tätigen Menschenfreundes ist. Da er nicht mitteilsam
war, erhielt ich nur wenig Aufschluß über die Regungen seiner Seele.
Erst als ich ihn einmal in Morton predigen hörte, tat ich einen Einblick in die Tiefe dieses Gemüts.
Die Predigt blieb fast bis zu Ende ruhig und maßvoll, aber aus
jedem seiner Worte atmete der Eifer einer fast kalvinistisch starren
Doktrin. Eine seltsame Bitterkeit und Schroffheit durchwehte das
Ganze; strenge Mahnungen, Worte wie Seelenheil, Verdammnis,
Gnadenwahl kamen sehr oft vor, und jeder Hinweis auf derartige
Begriffe klang wie ein zürnendes Menetekel. Als er zu Ende war,
fühlte ich mich nicht gestärkt, sondern in tiefe Trauer versetzt. Er
hatte mir keinen Frieden geben können, und so mochte er wohl selbst
des wahren Friedens nicht teilhaftig sein.
Inzwischen war ein Monat verflossen. Man sprach nun davon,
daß Diana und Mary bald in ihre Stellungen zurückkehren würden,
weilten sie doch eben nur auf Urlaub hier. Herr St. John hatte
noch kein Wort darüber gesprochen, ob er Aussicht habe, mir Beschäftigung zu verschaffen. Als ich eines Morgens mit ihm allein war,
wollte ich ihn danach fragen, als er - was er sehr selten getan
hatte - ganz von selbst ein Gespräch mit mir begann.
,Sie wollen eine Frage an mich richten, nicht wahr? sagte er.
,Ja, ich möchte wissen, ob Sie Arbeit für mich gefunden haben.
,Ich wollte davon schon vor zwei Wochen sprechen, doch ich sah, daß
Sie sich hier sehr wohl fühlten, und daß namentlich meine Schwestern
Sie augenscheinlich liebgewonnen hatten; da wollte ich das gute Einvernehmen nicht früher stören, als bis die nahe bevorstehende Abreise meiner Schwestern auch Ihrem Hierbleiben ein Ende machen muß.’
,Das ist ja nun der Fall, sagte ich. ,In drei Tagen reisen die
jungen Damen.’
‘Ja, und ich kehre nach Morton zurück; Hannah begleitet mich,
und das alte Haus hier wird zugemacht.’
,Und haben Sie nun für mich etwas im Auge, Herr Rivers
‘Jenun, ja - aber vergessen Sie nicht, was ich gleich sagte. Ich
kann Ihnen nur so helfen wie der Blinde dem Lahmen, denn ich
bin arm. Mein Vater hat so gut wie nichts hinterlassen. Wer weiß,
ob mein Angebot Ihnen zusagt? Sie sind selbst wohl kaum an die
Armut gewöhnt, die uns umgibt -- das heißt, die mich in meinem
Dorfe umgibt. Sie sind bisher daran gewöhnt gewesen, unter wohlhabenden Menschen zu leben, vermute ich. Aber ich meine doch, kein
Dienst, der dazu beiträgt, die Armen zu bessern, emporzuheben, kann
entehrend sein. Je vernachlässigter der Boden ist, der dem Christen
zur Urbarmachung angewiesen wird, je geringere Ausbeute die
Arbeit für ihn selbst abwirft, um so größer ist die Ehre- Je kleiner
der Verdienst, um so größer das Verdienst! Unter solchen Umständen hat er das Amt eines Pioniers, und die ersten Pioniere des
Evangeliums waren die Apostel - ihr Meister war Christus selbst.
,Weshalb fahren Sie nicht fort? fragte ich, als er innehielt.
Doch er sah mich eine Zeitlang stumm an, als wolle er in meinem
Gesicht wie in einem aufgeschlagenen Buche lesen. Das Ergebnis
dieser schweigenden Prüfung sprach er dann in seinen nächsten Worten aus.
,Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen, den ich Ihnen
zu bieten habe, sagte er. ,Freilich werden Sie nur eine gewisse Zeit
darin aushalten, wie auch ich nicht allzu lange das Amt eines beengten, weltfernen Landpredigers verwalten möchte. Sie, wie auch mich,
treibt es zu energischerer Tätigkeit, zu größeren Aufgaben. Hören Sie
also! jetzt, nach dem Tode meines Vaters, werde ich nicht mehr lange
in Morton bleiben. Vielleicht kein ganzes Jahr mehr. Gewiß,
solange ich da bin, werde ich meine Pflicht aufs peinlichste erfüllen
und alle Kräfte anspannen, das kleine Torf möglichst zu fördern.
Als ich vor zwei Jahren herkam, hatte es noch keine Schule; ich habe
eine für Knaben eingerichtet, nun will ich auch eine zweite für Mädchen eröffnen. Es ist dazu schon ein Häuschen gemietet worden;
auch ein kleines mit zwei Zimmerchen als Wohnung für die Lehrerin.
Das Gehalt der Lehrerin wird dreißig Pfund im Jahre betragen.
Die Wohnung ist bereits möbliert. Fräulein Oliver, die einzige
Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde - er besitzt hier eine Nadelfabrik, einen Hochofen und eine Eisengießerei -
hat das Geld dazu gestiftet. Dieselbe Dame wird auch für Kost und
Kleidung eines Waisenmädchens sorgen, das der Lehrerin als
Dienstmädchen zur Verfügung stehen soll. Wollen Sie das Amt der
Lehrerin übernehmen?
Nach der langen Erklärung kam diese Frage fast überstürzt
heraus. Es war, als erwartete er eine Zurückweisung seines Anerbietens. Es war ja auch eine äußerst bescheidene, kärgliche Stelle,
die er mir anbot, aber es war etwas Sicheres. Es war ein Obdach,
und das brauchte ich jetzt vor allen Dingen. Im Grunde hegte ich
Furcht und Abscheu davor, als Gouvernante zu reichen Leuten zu
gehen; das Amt einer Dorfschullehrerin gewährte mir immerhin eine
gewisse Unabhängigkeit.
,Ich danke für Ihre Bemühung, Herr Rivers, antwortete ich
ohne Zaudern, ,und nehme den Vorschlag gern an.
,Sie verstehen, nicht wahr,' sagte er, ,es ist eine Dorfschule -
ihre Schülerinnen sind arme Mädchen - Kinder von Taglöhnern
oder im besten Falle von Pächtern. Stricken, Nähen, Lesen und
Schreiben, das ist alles, worin Sie zu unterrichten haben. Ihre Talente werden Sie nicht verwerten können. Von der großen Tiefe
Ihres Gemüts, von der Fülle Ihrer Empfindungen, von Ihrem
ausgewählten Geschmack werden Sie keinen Gebrauch machen
können.
,Die spare ich mir auf, sie verderben ja nicht.
,Sie wissen also zu beurteilen, was Sie da auf sich nehmen?
aIch weiß es.
Jetzt lächelte er nicht mehr bitter, sondern freundlich und zufrieden.
,Und wann wollen Sie Ihr Amt antreten?
,Morgen schon ziehe ich nach Morton, und mit Beginn der neuen
Woche soll der Unterricht anfangen.
,Recht so.
etwa 15 Mark.
Er schritt auf und nieder, dann blieb er wieder vor mir stehen
und schüttelte den Kopf.
Haben Sie noch irgendwelche Bedenken, Herr Rivers?
,Sie werden nicht lange in Morton bleiben nein, nein! Ich
sehe es Ihnen an den Augen an: Sie verlangen nach einem
wechselvollen Lebenswege.
Ich bin nicht ehrgeizig.
Er fuhr zusammen.
,Ehrgeizig? Wieso? Wer spricht von Ehrgeiz? Doch ja, ich
weiß ja, ich bin es. Woran haben Sie das gemerkt?
,Ich sprach nur von mir selbst.
,Nun, ich habe jedenfalls die Ueberzeugung, es wird Ihnen
nicht lange in der Einsamkeit und Beschränktheit gefallen - ebensowenig wie mir. Ich sehne mich danach, aus dieser Enge, aus diesen
Morasten und nebligen Bergen herauszukommen. Ich mag die
Fähigkeiten, die mir Gott geschenkt hat, nicht hier verkümmern lassen.
Sie denken, ich widerspreche mir? Weil ich eben erst sogar den Beruf eines Holzhackers, wenn er nur Gott dient, gepriesen habe? Und
ich, sein gesalbter Bote, tobe in Ruhelosigkeit! Angeborene Neigungen und eingeprägte Grundsätze müssen schließlich auf irgendeine
Weise miteinander versöhnt werden.
Er ging hinaus. Ich hatte ihn in dieser kurzen Stunde besser
kennen gelernt als in dem ganzen Monat, der inzwischen verflossen war.
Diana und Mary wurden immer stiller und trauriger, je näher
die Stunde ihrer Abreise kam. Die ältere Schwester gab mir zu verstehen, daß sie sich diesmal wahrscheinlich für immer von ihrem Bruder trennen müßten.
,Er verfolgt große Pläne und wird ihnen alles opfern - auch
die Liebe zu seinen Schwestern, sagte sie. ,Er ist nicht so ruhig, wie
er aussieht, Johanna; ein wildes Fieber verzehrt ihn. Und dennoch
erlaubt mir mein Gewissen nicht, ihm von seinen Entschlüssen abzuraten - ich kann ihn nicht tadeln. Was er unternehmen will, ist
edel und christlich, wenn es auch mir und Mary fast das Herz
bricht.
,Wir haben keinen Vater mehr und werden nun auch bald
keinen Bruder mehr haben, setzte Mary hinzu.
In diesem Augenblick trat St. John mit einem Briefe herein.
,Eben schreibt man mir, sagte er, ,daß unser Onkel John
gestorben ist.
Beiden Schwestern schien diese Nachricht weniger des Verlustes
wegen als aus einer andern Ursache Schmerz zu bereiten. Sie sahen
ihren Bruder bestürzt an und fragten dann einstimmig: ,Und
was nun?
,Lies!' sagte St. John ruhig und warf Diana den Brief in den
Schoß.
Sie überflog ihn und reichte ihn Mary, die ihn las und dem
Bruder zurückgab. Dann sahen sich alle drei mit traurigem
Lächeln an.
,Nun, wenn auch!' sagte Diana, ,wir haben noch zu leben.
,Wir stehen deshalb nicht schlechter da, meinte Mary,
St. John legte den Brief zusammen, steckte ihn ein und ging
hinaus.
,Du wunderst dich gewiß über uns, Johanna, sagte Diana
hierauf. ,Aber wir haben diesen Onkel nie kennen gelernt. Es war
ein Bruder von unserer Mutter. Vor vielen Jahren hat er sich mit
unserem Vater entzweit. Auf seinen Rat nämlich spekulierte der
Vater an der Börse und verlor dabei einen Teil seines Vermögens.
Der Onkel hat nun später mehr Glück gehabt und ein Vermögen von
zwanzigtausend Pfund erworben. Er ist nicht verheiratet gewesen,
und wir und noch eine einzelnstehende Person, die ihm aber auch
nicht näher steht als wir, sind seine einzigen Verwandten. Hier
schreibt man uns nun, daß er sein ganzes Geld bis auf 80 Pfund
dieser andern Person hinterlassen hat. Die 80 Pfund sollen wir
drei, Mary, ich und St. John, unter uns teilen. Wir hatten ja kein
Recht, uns Hoffnung auf sein Geld zu machen, aber nun sind wir
doch ein wenig enttäuscht. Wenn er uns Schwestern auch nur tausend
Pfund vermacht hätte, würden wir uns für reich gehalten haben.
Auch St. John hätte diese Summe sehr gut brauchen können, angesichts dessen, was er vorhat.
Am folgenden Tage zog ich nach Morton; Diana und Mary
traten die Reise in ihre Stellungen an, Hannah kam auf den Pfarrhof - und das alte Moor-Haus stand leer.
Der Missionar.
Eine Hütte war nun mein Heim: ein kleiner Raum mit weißgetünchten Wänden, ein mit Sand bestreuter Fußboden; vier gestrichene Stühle, ein Tisch, eine Uhr, ein Schrank mit ein paar
Tellern und Schüsseln, ein Teeservice: das war die Einrichtung
meiner Küche. Darüber lag ein ebenso großes oder richtiger ebenso
kleines Gemach mit einem Bett und einer Kommode. Zum Lohn für
ihre Hilfe hatte ich an diesem ersten Tage der kleinen Waise, die
mir als Dienstmädchen zur Seite stand, eine Apfelsine geschenkt.
Nun war sie fort und ich allein an meinem Herde. Am Morgen
war die Mädchenschule eröffnet worden. Ich hatte zwanzig Schülerinnen, von denen nur drei lesen konnten. Rechnen und schreiben
konnte keine. Ein paar hatten daheim auch schon ein wenig nähen
und stricken gelernt. Sie sprachen den breitesten Dialekt jener
Gegend, und es wurde mir zunächst sehr schwer, sie überhaupt zu verstehen. Mehrere waren unwirsch, viele aber auch sanft, wißbegierig
und anstellig. Viel Freude erwartete ich nicht von dem Leben, das
mir nun bevorstand, aber ich war fest entschlossen, vom ersten Augenblick an meine Pflicht zu erfüllen und die Kräfte bis zum äußersten
anzuspannen.
Ich war freilich nicht ganz bei der Sache, so sehr ich mich auch
bezwang, denn ich fühlte mich trotz aller theoretischen Grundsätze von
vornherein am falschen Platze; ich dünkte mich ein wenig zu schade für
diesen Posten. Aber ich sagte mir immer wieder, das sei Unrecht von
mir, und nahm mir vor, dagegen anzukämpfen. Es war mir gelungen, die Pracht im Hause des Herrn Rochester zu überwinden,
meine Selbstachtung gegen Reichtum und Glück zu erhalten - es
würde mir, davon war ich überzeugt, mit der Zeit auch gelingen, auch
inmitten der Armut, des Schmutzes, des völligen Mangels an Bildung den Wert meiner Persönlichkeit zu wahren.
Während ich solchen Gedanken nachhing, vernahm ich ein Geräusch
an der Tür. Carlo, der alte Jagdhund des verstorbenen Herrn Rivers,
der mit in die Pfarre übergesiedelt war, stieß mit der Schnauze die
Tür auf und kam herein. St. John, sein Herr, folgte ihm.
,Nur auf ein paar Minuten, sagte der Pfarrer. ,Ich bringe
Ihnen ein Päckchen, das meine Schwestern für Sie zurückgelassen
haben: Malkasten mit Zubehör, glaube ich. Wie war es heute?
Schwerer, als Sie erwarteten?
,Im Gegenteil. Ich werde mit der Zeit sehr gut mit meinen
Schülerinnen fertig werden.
,Aber sind Sie auch sonst zufrieden - mit Ihrer Wohnung hier?
,Es ist alles sauber und wetterfest. Das Mobiliar ist aus-
reichend. Ich bin dankbar dafür. Vor fünf Wochen war ich obdachlos, eine Bettlerin auf der Landstraße; jetzt habe ich Freunde, Arbeit
und ein Heim. Ich staune über Gottes Güte.
,Und doch bedrückt die Einsamkeit Sie?
,Nein. Noch habe ich nicht Zeit gehabt, mich meiner Ruhe recht
zu freuen, da sollte ich schon seufzen, weil ich's einsam habe?
,Nun, ich weiß ja nicht, was Sie verlassen haben, als Sie hierherkamen. Aber ich rate Ihnen doch, weisen Sie standhaft jede Versuchung von sich und erfüllen Sie getreu die Pflichten Ihres neuen
Amts - wenigstens ein paar Monate hindurch. Es ist sehr schwer,
gegen seine Neigungen und angeborenen Triebe anzukämpfen. Aber
man kann es. Ich weiß es aus Erfahrung. Gott hat uns die Macht
gegeben, bis zu einem gewissen Maße uns selbst unser Schicksal zu
gestalten. Auch ich war vor einem Jahre noch tiefunglücklich, weil
ich glaubte, in der Wahl des Predigerberufs einen Fehlgriff getan
zu haben. Mich verlangte hinaus aus den einförmigen Pfarrerspflichten, hinaus in ein tätiges Leben mitten in der großen Welt.
Künstler, Schriftsteller, Redner: das hätte ich sein mögen, nur kein
Priester. Unter dem Talar schlug das Herz eines Politikers, eines
Soldaten. Ich wünschte berühmt zu werden und führte nun hier
ein elendes, armes Dasein. Nach langer Zeit der Verzweiflung kam
mir endlich die Erleuchtung - mein Horizont erweiterte sich hier -
ich faßte den Entschluß, Missionar zu werden. Nun war ich der
Fesseln ledig, und wenn auch mein Vater meinem Vorsatz widersprach, er ist ja nun tot, meine Angelegenheiten sind alle geordnet,
ein Nachfolger ist gefunden -- ich habe noch einen letzten Kampf, in
dem ich meines Sieges im voraus gewiß bin, weil ich mir geschworen
habe zu siegen - und dann fort aus Europa - übers Meer nach
Indien!'
Er sah nach der aufgehenden Sonne. Ein langes Schweigen
herrschte zwischen uns, das erst durch eine Stimme unterbrochen
wurde, die von der Tür her laut und lustig rief:
,Guten Abend, Herr Rivers! Carlo, Ihr Hund, erkennt seine
Freunde rascher als Sie. Sie drehen mir noch immer den Rücken
zu, während er mich schon lange schweifwedelnd umkreist.
Herr Rivers fuhr zusammen, als träfe ihn ein Donnerkeil, dann
drehte er sich langsam um. Vor uns stand ein Mädchen in weißem
Kleide, jugendlich, anmutig, von zarter Erscheinung. Unter dem
wallenden Schleier sah ein Antlitz von großer Schönheit, ja von vollkommener Schönheit hervor. Ich hatte noch niemals ein so liebreizendes, regelmäßiges Gesicht in der Natur gesehen: große dunkle
Augen, lange, schleierartige Wimpern, geschweifte Brauen, eine rosig
angehauchte Haut, ovale, weiche Wangen, frische, volle Lippen von
süßestem Schnitt, leuchtende, fehlerlose Zähne, ein Kinn mit schelmischem Grübchen und reiches, schweres Haar: kurz, ein Antlitz, wie
man es auf den Gemälden berühmter Meister nicht schöner finden
kann. Es brauchte mir niemand zu sagen, daß dies Fräulein Oliver
sei, die Tochter des einzigen reichen Mannes von Morton.
Was dachte Herr St. John von diesem Engel in Menschengestalt? Es war natürlich, daß ich mir diese Frage stellte und die
Antwort auf seinem Gesicht suchte.
,So schön der Abend ist, sagte er kalt, ,So ist es doch schon zu
spät für Sie, noch allein draußen zu bleiben.
,Ich bin erst heute nachmittag zurückgekommen. Papa sagte
mir, Sie hätten Ihre Schule eröffnet und die neue Lehrerin sei gekommen. Deshalb mußte ich natürlich nach dem Tee gleich noch einmal herkommen. Ist das die Lehrerin?
Ja, das ist sie, sagte St. John.
,Glauben Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird? fragte
sie mich in kindlich naivem Tone.
.Das hoffe ich.
,Sind Ihre Schülerinnen heute schon hübsch aufmerksam gewesen?
.O ?
.Und gefällt Ihnen Ihr Häuschen?
.Es ist sehr hübsch.'
,Und habe ich in Alice Wood ein gutes Dienstmädchen für Sie
gefunden?
.Sehr gut. Sie ist anstellig und behend.
,Ich werde hin und wieder herüberkommen und Ihnen beim
Unterricht helfen. Es ist ja für mich auch eine Abwechslung, Sie zu
besuchen. O, Herr Rivers, in der Stadt war's hübsch, so lustig.
Gestern noch habe ich bis zwei Uhr getanzt - mit Offizieren. Sehr
nette Herren!
St. John verzog den Mund und sah das lachende Mädchen ernst
an. Sie schlug die Augen nieder und spielte mit dem Hunde.
,Nicht wahr, Carlo, sagte sie in scherzendem Tone, ,du bist gut
zu deinen Freunden und nicht gleich so streng. Wenn du nur
sprechen könntest!r
Während sie den Kopf des Hundes streichelte, sah St. John auf
sie herab, und eine purpurne Glut überzog sein Gesicht. Ein plötzliches Feuer schmolz den harten Ausdruck seiner Züge, und in seinen
Augen flackerte eine unterdrückte Rührung auf. Mit dieser Röte auf
den Wangen sah er als Mann ebenso schön aus wie sie als Weib. Er
atmete tief und schwer auf, als wenn sein Herz sich mit Anstrengung
von einem harten Zwange befreite. Auf ihr zartes Entgegenkommen
antwortete er nicht.
,Papa wundert sich, daß Sie gar nicht mehr zu uns kommen,
sagte Fräulein Oliver. ,Heute abend ist er ganz allein und fühlt
sich nicht recht wohl. Wollen Sie da ein bißchen mitkommen?
aZu so später Stunde möchte ich Ihren Herrn Vater doch nicht
mehr belästigen, antwortete St. John.
,Ach wo! Es ist gerade die richtige Zeit,r rief das Mädchen.
,jetzt ist Feierabend, und Papa hat Ruhe vom Geschäft. Bitte, kommen Sie nur mit! Weshalb sind Sie denn so furchtbar ernst und
zurückhaltend? Doch richtig! Ihre Schwestern sind ja wieder ab
gereist, und Sie haben MoorHaus verlassen. Da sind Sie nun auch
sehr einsam. Ach, Sie tun mir so leid. Kommen Sie nur mit, bitte,
bitte!
ihn
,Heute abend nicht, Fräulein Rosamund.
Er sprach diese Worte fast tonlos aus. Nur er wußte, was es
kostete, ihr diese Bitte abzuschlagen.
,Na, wenn Sie so eigensinnig sind, kann ich's auch nicht ändern,
sagte sie. ,Ich muß nun gehen, sonst wird es wirklich zu spät. Es
fällt schon Tau. Gute Nacht.’
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und er berührte sie leicht
mit der seinen.
,Gute Nacht!' wiederholte er wie ein Echo. Dabei wurde er
blaß wie die Wand. Sie ging hinaus, und auch er verließ mein
Häuschen und schritt in entgegengesetzter Richtung von dannen, ohne
sich ein einziges Mal nach Fräulein Oliver umzusehen.
Sie tat mir leid. Und das Mitgefühl mit ihrer unglücklichen
Liebe lenkte meine Gedanken von meinem eigenen Kummer ab.
Diana Rivers hatte einmal gesagt, ihr Bruder sei ,unerbittlich wie
der Tod'. Sie hatte nicht übertrieben.
Ich widmete mich nun meinem Lehramt mit aller Treue und
Energie. Zuerst war es eine schwere Arbeit, doch als ich unter meinen
Schülerinnen viele ziemlich befähigte Kinder kennen lernte, fand ich
langsam Freude daran. Unter meiner Leitung entwickelten sich nun
mehrere dieser erst so schwerfälligen und dumm gaffenden Bauerndirnen zu verständigen, anstelligen Mädchen. Einige machten sogar
überraschend schnelle Fortschritte, und ich war wirklich stolz auf diese
Erfolge. Für diese besten unter den Mädchen hegte ich auch große
Zuneigung, und auch sie gewannen mich lieb. Bei manchen, deren
Eltern auf Gütern der Umgegend in Pacht saßen, verkehrte ich in
der Familie und war stets ein sehr gern gesehener Gast. Kurz, ich
wurde der Liebling meiner Umgebung, und wenn ich mich draußen
sehen ließ, wurden mir überall freundliche Grüße zuteil. Und allgemein geachtet zu sein, wenn es auch die Achtung einfacher Arbeiter
und Bauern ist, gleicht dem Gefühl, ruhig im warmen Sonnenstrahl
zu sitzen. Tagsüber vergaß ich nun auch mein Leid. Ruhe und
Dankbarkeit wohnten in meinem Herzen. Aber des Nachts träumte
ich wirr und schwer, und Herr Rochester war der Mittelpunkt dieser
wilden Phantasien.
Rosamund Oliver besuchte mich sehr oft in der Schule. Wenn
sie auf ihrem täglichen Morgenritt vorüberkam, unterließ sie es fast
nie, abzusteigen und hereinzuschauen. Der Livreediener, der hinter
ihr herritt, hielt dann ihr Pferd. Man kann sich kaum eine lieblichere Erscheinung denken als Fräulein Oliver im Reitkostüm aus
dunkelrotem Stoff, das schwarze Samthütchen graziös auf den lang
herabwallenden Locken. Gewöhnlich richtete sie es so ein, daß sie zu
der Zeit kam, wo Herr Rivers Katechismusstunde abhielt. Er ließ
sich dadurch nicht stören, aber selbst wenn er bei ihrem Eintritt ihr
den Rücken kehrte, schien er doch instinktiv zu fühlen, wer gekommen
war, sein Gesicht färbte sich blutrot, und seine Züge veränderten sich
in unbeschreiblicher Weise.
Natürlich wußte sie, welchen Einfluß sie auf ihn ausübte;
und er gab sich auch keine Mühe, es ihr zu verhehlen, weil er das einfach nicht konnte. Aber sein erster Blick sagte ihr immer wieder:
,Wenn ich auch weiß, du liebst mich und würdest mein Herz annehmen, wenn ich es dir darböte -- mein Herz liegt bereits auf dem
heiligen Altar, die Opferflamme brennt - es muß zu Asche werden. - Und er fand eine Art wilder Freude an diesem Märtyrertum; es lag in seiner Natur, durch irdische Liebe nicht ein Atom von
seiner Anwartschaft auf das Himmelreich zu verscherzen.
Fräulein Oliver kam so oft, daß ich sie rasch genau kennen
lernte. Auch gab sie sich stets ganz, wie sie war, Verstellung kannte
sie nicht. Sie war kokett, aber nicht herzlos, gebieterisch, aber nicht
engherzig, verwöhnt, aber doch nicht verzogen, eitel (was ihr ja nicht
zu verdenken wars, aber nicht geziert, freigebig, urwüchsig, intelligent, lebhaft, frohsinnig und frei von allem Protzentum, das man so
oft bei großem Reichtum findet. Sie fand viel Gefallen an mir und
pries meine Vorzüge als Lehrerin mit naiver Offenherzigkeit. Eines
Abends sah sie zufällig meine Zeichenmappe und betrachtete die
einzelnen Bilder mit Entzücken. Sogleich äußerte sie den Wunsch,
einmal von mir porträtiert zu werden, was ich sehr gern tat, da es
für mich ein künstlerischer Genuß war, nach einem so vollkommenen
Modell zu malen. Die Malsitzungen fanden regelmäßig statt.
Sie kam dazu in dunklem Samtkleid, das Arme und Nacken
freiließ; sie trug weiter keinen Schmuck, als ihre langen dunklen
Flechten, die in natürlicher Anmut auf ihre herrlichen Schultern
herabfielen. Als dieses Bild fertig war, kam eines Tages auch ihr
Vater mit: ein hochgewachsener Graukopf, neben dem seine liebliche Tochter aussah wie ein Blümlein neben einer eisgrauen Tanne.
Er schien schweigsam und hochmütig, doch zu mir war er freundlich.
Das Bild hatte ihm sehr gut gefallen, und er lud mich zu Gaste. Ich
ging hin und fand ein prachtvolles Haus, das hinreichend Zeugnis
von dem Reichtum seines Besitzers ablegte. Von St. John und von
der ganzen Familie Rivers sprach Herr Oliver mit größter Hochachtung. Sie seien, erzählte er mir, die älteste Familie weit im
Umkreise, und den Vorfahren hätte einmal ganz Morton gehört.
Er meinte, es sei jammerschade, daß ein so schöner, talentvoller
Mann wie St. John die fixe Idee hätte, Missionar zu werden. Das
hieße wirklich ein aussichtsvolles, sicherlich erfolgreiches Leben verschleudern. Offenbar also war Herr Oliver einer Verbindung seiner
Tochter mit St. John durchaus nicht abgeneigt.
Es war der 5. November und ein Feiertag. Ich saß in meiner
Küche, mit einer neuen Malerei beschäftigt, und in der offenen Malmappe lag zufällig die in Wasserfarben ausgeführte Skizze von
Rosamund Olivers Porträt zu oberst. Es klopfte an meine Tür,
und Herr Rivers trat ein.
,Ich wollte nur mal nachsehen, sagte er, ,wie Sie Ihren Feierabend verbringen? Nicht in Gedanken versunken? Das ist ein
gutes Zeichen. Ah, Sie malen. Dabei werden Sie sich nicht einsam fühlen.
Sein Blick fiel auf die Mappe. Er zuckte zusammen, als er die
Porträtskizze erblickte. Ich sah ihn an; sein Auge wandte sich ab.
,Er verschließt Freude und Schmerz und verleiht seinen Gefühlen keine Worte, dachte ich bei mir. ,Aber ich bin überzeugt,
es würde ihm wohltun, ein wenig über diese Rosamund sprechen zu
können, die er nicht heiraten zu dürfen glaubt. Ich empfinde jetzt
klarer, ruhiger als er und bin daher im Vorteil gegen ihn. Ich will
ihn zum Reden bringen. Nehmen Sie Plat Herr Rivers, sagte
ich laut.
Er antwortete, er wolle sich nicht aufhalten.
,Gut, dachte ich bei mir, ,so bleibe stehen. So rasch sollst du
jedenfalls nicht fortkommen. -- Finden Sie das Porträt ähnlich?
fragte ich geradezu.
,Aehnlich? Wem denn? Ich habe es nur ganz flüchtig gesehen, antwortete er.
,Sie haben es vielmehr sehr genau gesehen, Herr Rivers,' versetzte ich ruhig.
Er erschrak über meine plötzlich Derbheit. - ,, es soll' noch
anders kommen,' dachte ich bei mir. ,Ich lasse mich diesmal durch
deine Kälte nicht zurückschrecken. Vielleicht kann ich dir und Fräulein Oliver doch noch einen Dienst erweisen. - Ich habe aber nichts
dagegen , sprach ich laut, ,daß Sie sich das Porträt noch einmal
ansehen. Dabei reichte ich es ihm hin.
,Gut gemacht, sagte er, ,sehr zart im Kolorit, sehr fein in der
Linienführung.
,Das weiß ich selbst. Aber ist es ähnlich? Wem ist es ähnlich?
aFräulein Oliver soll es sein, nicht wahr?
aJa. Soll ich Ihnen ein Duplikat davon malen? Ich würde
es gern tun, wenn es Ihnen Freude machte.
Er sah das Bild jetzt lange und fest an - mit einem Ausdruck
der Innigkeit.
,Sehr ähnlich, murmelte er. ,as Auge prachtvoll getroffen.
Teint und Ausdruck ausgezeichnet. Und der lächelnde Mund!
,Würden Sie gern eine Kopie haben? Sagen Sie es mir doch.
Wenn Sie nun in Indien sind, würde es Ihnen ein Trost sein, ein
solches Andenken zu haben?
Mit einem fast scheuen Blick sah er auf, dann fuhr er fort, das
Bild zu betrachten.
,O, ich würde es wohl gern haben, die Frage ist nur, ob es ratsam wäre.
Ich hatte mir's in den Kopf gesetzt, das Verhältnis zwischen
Rosamund und St. John, seitdem ich wußte, daß der Vater sie gern
als Paar gesehen hätte, zu fördern, weil ich mir sagte, daß St. John,
einmal im Besitz dieses großen Vermögens, mindestens ebensoviel
Gutes stiften könne, wie als Missionar in Indien, wo er unter der
tropischen Sonne rasch hinwelken würde.
,Soweit ich die Dinge beurteilen kann, sagte ich kurzweg.
,wäre es überhaupt das ratsamste, Sie sicherten sich anstelle einer
Kopie das Original.
Er hatte sich jetzt einen Stuhl genommen und betrachtete das
Bild mit unverhohlener Zärtlichkeit.
Ob sie mich liebt? murmelte er.
,Ganz gewiß, antwortete ich, ,sie spricht fortwährend von
Ihnen, das ist ihr Lieblingsthema. Und ihr Vater schätzt Sie sehr
hoch. Sie sollten sie wirklich heiraten.
,Seltsam,' erwiderte er. ,Ich liebe sie auch grenzenlos, leidenschaftlich, und doch habe ich das feste, klare Bewußtsein, daß ich nicht
glücklich mit ihr werden würde, daß sie nicht die Lebensgefährtin sei,
die zu mir paßt, daß unsere Ehe binnen Jahresfrist schon in Scherben gehen müsse. Auf die Seligkeit dieser kurzen Frist würde dann
das Elend, die Reue eines langen Lebens folgen. Ein Teil meines
Herzens ist empfänglich und begeistert für ihre Reize und Vorzüge;
der andere Teil fühlt sich verletzt durch ihre Mängel und Fehler.
Rosamund eine Dulderin, eine Märtyrerin, eine Missionarsfrau!
Nein, nimmermehr!'
,Aber Sie brauchen doch gar nicht Missionar zu werden. Das
würden Sie dann eben aufgeben?
,Aufgeben? wiederholte er starr. ,Meinen Beruf? Mein
Werk? Den Grundstein, den ich hienieden für eine Wohnung dort
droben gelegt habe? Nein! Mein Vorsatz ist mir teurer als das
Blut in meinen Adern.
,Und Fräulein Oliver? warf ich ein. ,Bedeutet ihr Kummer
Ihnen gar nichts?
,Sie hat ein Heer von Schmeichlern um sich her,s versetzte er.
,Sie wird mich bald vergessen und einen Mann heiraten, der sie
glücklicher machen wird, als ich es könnte.
,Dennoch erröten Sie jedesmal, wenn Fräulein Oliver in die
Schule kommt.
,Wohl wahr, allein ich verachte diese Schwäche, ich finde sie
selbst unedel an mir. Sie dringt indessen nicht in die Tiefe meiner
Seele - der Grund darinnen ist fest. Erkennen Sie mich als das,
was ich im Grunde bin: ein kalter, harter Mann! Meine Leiterin
ist die Vernunft, nicht das Gefühl. Mein Ehrgeiz kennt keine Grenzen. Mein Verlangen, höher zu steigen, mehr zu vollbringen als
andere Menschen ist unersättlich. Ich bringe ihm alles zum Opfer.
Er warf noch einen letzten Blick auf das Porträt und murmelte:
,Sie ist sehr schön, Rosamund! Sie trägt ihren Namen mit Recht:
Rose der Welt.
,Und soll ich ein zweites für Sie malen? fragte ich nochmals.
,Cui bono?” versetzte er. ,Nein!'
Er breitete den Bogen weißen Papiers, den ich beim Malen
unterlegte, um das Bild selbst nicht zu beschmutzen, über das Porträt.
Was er plötzlich auf diesem weißen Blatt entdeckte, kann ich nicht
sagen. Aber irgend etwas war ihm aufgefallen. Er hob es hastig
auf, besah den Rand, guckte mich ganz eigentümlich an, öffnete die
Lippen, als wollte er sprechen, und sagte dann doch nichts.
,Was haben Sie denn? fragte ich.
,Nichts, gar nichts, stieß er hervor. Dabei riß er verstohlen
ein Stück von dem Rande des Blattes ab, verbarg es in seinem
Handschuh, sagte hastig: ,Guten Abend!r und ging fort.
,So absonderlich ist er ja noch nie gewesen, dachte ich.
Dann betrachtete ich selbst das Papier, aber ich konnte nichts
daran finden als ein paar Farbenkleckse, die ich darauf gemacht
hatte, um die Mischungen zu probieren. Da ich keine Lösung für das
Geheimnis fand, gab ich es auf, mir den Kopf darüber zu zerbrechen,
und vergaß es bald ganz- welchem
18.Kapitel.
Reichtum.
Am nächsten Tage - um dieselbe Stunde des Abends - stellte
St. John sich wieder ein. Draußen schneite es heftig, und er stampfte
den an seinen Schuhsohlen haftenden Schnee ab.
,Ich werde Ihren weißen Fußboden beschmutzen, sagte er,
,aber Sie müssen mir verzeihen. Es war ein saures Stück Arbeit
hierher zu kommen, zweimal bin ich bis an den Leib eingesunken.
,Was führt Sie denn her? fragte ich.
aHm, es klingt nicht sehr gastfrei, so eine trockene, kurze Frage,
aber da Sie einmal fragen, will ich Ihnen antworten. Ich komme
bloß, um ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Ich muß Ihnen eine
Geschichte erzählen sie wird Ihnen wohl etwas abgedroschen vorkommen - aber dafür ist sie nicht lang.'
Er setzte sich ans Feuer. Die Uhr schlug acht. Mit unwillkürlicher Verwunderung sah ich ihn an.
Zwanzig Jahre ist's her, begann er, ,da verliebte sich ein
armer junger Hilfsgeistlicher - der Name spielt augenblicklich keine
Rolle -- in die Tochter eines reichen Mannes. Da sie ihn auch
liebte, heirateten sie sich gegen den Willen des Vaters, und die Eltern
sagten sich von ihrer Tochter los. Zwei Jahre später war dieses unbedachte Pärchen tot und hinterließ eine Tochter, die bei reichen Verwandten ihres Vaters Aufnahme fand, bei einer Tante namens
Reed - Sie sehen, jetzt fallen mir die Namen auch ein. Worüber
erschrecken Sie? Gibt es hier Ratten? - Also weiter! Frau Reed
behielt die Waise zehn Jahre bei sich. Ich weiß nicht, ob das Kind
es dort gut gehabt hat. Darüber habe ich nie etwas erfahren. Nach
diesen zehn Jahren schickte sie die Kleine in die Anstalt von Lowood,
die Sie ja auch kennen. Sie brachte es dort zur Lehrerin - sonder-
bar, nicht? daß es ihr in diesem Punkte ganz ebenso ging wie Ihnen.
Dann wurde das Mädchen Gouvernante und übernahm die Erziehung eines Kindes, dessen Vormund ein gewisser Herr Rochester war.
Herr Rivers!' unterbrach ich ihn.
Ich errate Ihre Gefühle,fuhr er fort, ,doch nur einen Moment noch Geduld, ich bin gleich zu Ende. Von Herrn Rochesters
Charakter weiß ich nichts; mir ist nur bekannt, daß er das Mädchen
heiraten wollte, während er doch schon verheiratet war -- allerdings mit einer Wahnsinnigen. Als die Gouvernante diese Tatsache
entdeckte, verließ sie plötzlich das Haus, und niemand kann sagen,
wohin sie gegangen ist. Jede Nachforschung blieb erfolglos. Doch
wurde mit großem Eifer nach ihr geforscht, weil man durchaus ermitteln wollte, wo sie weile. Man annoncierte in Zeitungen, und
ich selbst erhielt auch einen Brief von einem Rechtsanwalt, namens
Briggs, der mir diese Einzelheiten mitteilte. Ist das nicht eine
schnurrige Geschichte?
,Sie wissen ja sehr viel,' antwortete ich. ,Da können Sie mir
wohl noch eins sagen: Was ist aus Herrn Rochester geworden?
Was macht er? Wie geht es ihm?
,Ich weiß gar nichts über ihn. Gs steht in dem Briefe nichts
von ihm, als was ich Ihnen erzählt habe. Sie sollten mich lieber
nach dem Namen der Gouvernante fragen und nach dem Umstande,
wegen dessen man ihren Aufenthalt unbedingt ermitteln muß.
,Hat man denn nicht an Herrn Roche,ter selbst geschrieben?
,Gewiß, aber an seiner Stelle antwortete nur eine gewisse Frau
Fairfax.
Ein eiskalter Schauer überlief mich. So waren meine schlimmsten Befürchtungen zur Wahrheit geworden. Herr Rochester hatte
England verlassen; er irrte auf dem Festlande umher-- haltlos, wie
früher. D, mein armer Geliebter! Einst fast mein Gatte!
,Er muß ein schlechter Mensch gewesen sein, warf St. John
hin. - ,Sie kennen ihn nicht,' versetzte ich. , Urteilen Sie also
nicht über ihn.
,Hab' auch an andere Dinge zu denken als an ihn, sagte er.
,Da Sie nach dem Namen der Gouvernante nicht fragen, muß ich
ihn aus eigenem Antrieb nennen. Doch, warten Sie, ich habe ihn
hier schwarz auf weiß.
Er zog aus seiner Brieftasche ein kleines Stück Papier, das
irgendwo abgerissen worden war. Er hielt es mir vor die Augen,
und ich erkannte an den matten Farbflecken das Stück vom Rande
meines Papierbogens. Als ich näher hinsah, fand ich darauf, von
meiner eigenen Hand in schwarzer Tusche hingekritzelt, die zwei
Worte: ,Johanna Eyre.
,Von einer Johanna Eyre schrieb Rechtsanwalt Briggs an mich.
Nach einer Johanna Eyre suchte man durch die Zeitungsannoncen.
Ich selbst aber kannte wohl eine Johanna, doch war ihr Vatersname
Elliot, nicht Eyre. Aber ich hegte dennoch Argwohn, und gestern
nachmittag, als ich das Stückchen Papier fand, wurde mein Argwohn zur Gewißheit. Bekennen Sie sich zu dem Namen Eyre?
Ja, ja. Doch was wollte der Rechtsanwalt Briggs von mir?
,Ihnen nur mitteilen, daß Ihr Onkel John Eyre in Madeira
gestorben ist und Ihnen sein ganzes Vermögen hinterließ. Sie sind
also jetzt reich. Natürlich müssen Sie beweisen, daß Sie auch wirklich
Johanna Eyre sind, aber das wird ja keine Schwierigkeiten haben.
Ihr Vermögen ist in der Englischen Bank angelegt; Briggs hat die
betreffenden Urkunden und Papiere.
Es ist eine schöne Sache, in einem Augenblick von der Armut
zum Reichtum emporgehoben zu werden, aber immerhin begreift
man es nicht im Handumdrehen.
,Wieviel ist es denn? stammelte ich nach langem Schweigen.
,O, nur eine Kleinigkeit,' antwortete er. ,Nur zwanzigtausend Pfund.
Eine derartige Summe hatte ich nicht erwartet. Diese Nachricht raubte mir tatsächlich den Atem, und ich rang nach Luft. St.
John, den ich noch nie hatte lachen hören, lachte jet über mich.
,Nun, wenn Sie einen Mord begangen hätten und ich Sie verhaften wollte, so könnten Sie nicht erstaunter dreinschauen.
,Es ist eine sehr große Summe, antwortete ich. ,Ist's auch
kein Irrtum? Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen. Es
werden wohl nur zweitausend sein.
,Es ist in Buchstaben geschrieben, nicht in Zahlen, antwortete
er, noch immer lachend. ,Wenn es nicht so schlechtes Wetter wäre,
würde ich Ihnen Hannah herüberschicken. Aber die arme Alte findet
nicht durch den Schnee. Ich muß Sie also - so unglücklich Sie auch
aussehen - allein Ihrem Kummer überlassen.'
,Noch einen Augenblick! rief ich. ,Es wundert mich, daß
Briggs an Sie geschrieben hat. Woher kannte er Sie? Wie konnte
er annehmen, daß Sie etwas von jener Johanna Eyre wüßten?
,Ich bin Prediger, antwortete er. ,Geistliche werden ja über
allerhand Dinge befragt.
,Das ist eine Ausrede, versetzte ich. ,Sagen Sie mir die
Wahrheit!'
,Ein andermal.
,Nein! Heute abend!' und ich vertrat ihm die Tür. ,Sie
müssen mir erst alles sagen, eher lasse ich Sie nicht fort.
,Ersparen Sie mir's wenigstens heute noch. Es wäre mir
lieber, Diana oder Mary sprächen darüber mit Ihnen.
,Sie sollen es mir sagen -- Sie müssen es mir sagen' beharrte ich.
,Nun gut, so gebe ich nach, erwiderte er. ,Sie müssen es eines
Tages doch erfahren. Also, Johanna Eyre, zunächst eins: ich bin ein
Namensvetter von Ihnen. Ich bin getauft St. John Eyre Rivers.
Jetzt plötzlich fiel mir ein, daß ich in seinen Büchern auch den
Buchstaben E. gefunden hatte. Ein Licht ging mir auf, und ich ahnte.
wie die Sache zusammenhänge, ehe noch St. John weitersprach.
,Meine Mutter,' fuhr er fort, ,hieß Eyre und hatte zwei Brüder: einer war ein Geistlicher und heiratete Fräulein Reed von
Gateshead; der andere Bruder war Kaufmann und starb vor kurzem
erst auf Madeira. Herr Briggs war der Rechtsanwalt dieses Kaufmanns Eyre und teilte uns als solcher vor kurzem den Tod seines
Klienten mit. Sie wissen schon, was er uns von dem Testament
schrieb. Infolge eines Streits mit meinem Vater, durch den er sich
beleidigt fühlte, hat der Onkel uns in seinem Testament nur karg
bedacht. Vor wenigen Wochen nun schrieb Briggs uns noch einmal
und teilte mit, die Erbin sei nicht zu finden. Ob wir nichts von ihr
wüßten? Ein Name, den ich zufällig auf jenem Bogen Papier las,
machte es mir möglich, Sie ausfindig zu machen. Das ist alles.
Er wollte wieder gehen, doch ich vertrat ihm abermals die Tür.
,Aber dann sind wir ja verwandt!’ rief ich aus. ,Sie sind mein
Cousin, ich bin Ihre Cousine,
,So ist es.
Ich sah ihn freudestrahlend an. Mir war's, als hätte ich einen
Bruder gefunden, und noch dazu einen, auf den ich sehr stolz sein
konnte - als hätte ich zwei Schwestern gefunden, die mir ja schon
als fremde Menschen durch ihre vorzüglichen Eigenschaften Liebe und
Bewunderung abgewonnen hatten. Die Leute, vor deren Haus ich
sterbend zusammenbrach, waren meine nächsten, meine einzigen Verwandten! Welche glückliche Entdeckung für eine Verlassene! Welcher Reichtum für mein Herz! In einer plötzlichen Aufwallung von
Jubel klatschte ich in die Hände.
,O, ich bin so froh, ich bin so froh!' rief ich aus.
,Als ich Ihnen sagte, Sie hätten ein Vermögen geerbt, wurden
Sie ernst, und doch war das die Hauptsache, sagte St. John lächelnd.
,Und nun sind Sie freudig erregt über einen Umstand, der eigentlich
ganz Nebensache ist.
,Nebensache? Wie meinen Sie das? Ja, Sie haben Schwestern,
Ihnen ist es gleichgültig, ob sie noch eine Cousine haben, aber ich hatte
gar niemand, und nun habe ich plötzlich drei Verwandte oder wenigstens zwei, wenn Sie nicht mitgerechnet zu werden wünschen. D, ich
bin so glücklich! Schreiben Sie an Diana und Mary! Lassen Sie sie
herkommen. Diana hat mir oft gesagt, sie würde sich mit tausend
Pfund für reich erachten. So wird sie wohl mit fünftausend Pfund
sehr gut leben können.
,Ich will Ihnen ein Glas Wasser holen, Sie sind wirklich sehr
aufgeregt, sagte St. John.
,Unsinn! Ich bin ganz ruhig. Und wird diese Erbschaft nun
Ihre Entschlüsse ändern? Werden Sie nun Fräulein Oliver
heiraten?
,Sie phantasieren. Ich hätte Ihnen die Nachricht doch nicht so
Hals über Kopf mitteilen sollen. Es geht über Ihre Kräfte.
,Ich bin vollständig bei Vernunft, Herr Rivers. Die Sache ist
doch auch ganz klar. Die zwanzigtausend Pfund müssen zu gleichen
Teilen zwischen den vier vorhandenen Verwandten des Erblassers
verteilt werden, das gibt für jeden von uns fünftausend Pfund.
Teilen Sie nun Ihren Schwestern mit, welche Summe sie geerbt
haben.
,Das ist nur so Ihre erste Eingebung. Sie müssen es sich erst
reiflich überlegen und sich an den Gedanken, reich zu sein, gewöhnen,
antwortete St. John gelassen. ,Gewiß hat Ihre Teilungsidee eine
gewisse Gerechtigkeit für sich, aber sie widerspricht dem Brauch. Und
schließlich sind Sie die gesetzliche Universalerbin. Der Onkel hat das
Geld durch eigene Anstrengungen erworben; es stand ihm also frei,
es zu hinterlassen, wem immer er wollte. Das Gesetz erlaubt Ihnen,
es anzunehmen und zu behalten. Sie können das mit reinem Gewissen tun.
,Ich muß nach meinem Gefühl handeln. Ich bin nicht selbstsüchtig, brutal und ungerecht. Außerdem habe ich eine Dankesschuld
abzutragen. Und wenn Sie ein ganzes Jahr lang mit mir stritten,
Sie würden mich nicht davon abbringen.
,Seien Sie nur erst im Besitz des Vermögens, merken Sie nur
erst, was es bedeutet, so reich zu sein, was für Vorteile es mit sich
bringt, welche Stellung in der Gesellschaft Ihnen das Geld verschafft! Es ist unmöglich, daß Sie
,Und ebenso unmöglich ist es Ihnen, sich einen Begriff von
schwesterlicher Liebe zu machen, fiel ich ihm ins Wort. ,Heimat und
Geschwister hat es bisher nie für mich gegeben - jetzt will ich sie
haben, muß sie haben. Ist es Ihnen denn so zuwider, mich als
Schwester aufzunehmen?
,Nein, Johanna. Ich will Ihnen Bruder, meine Schwestern
werden Ihnen Schwestern sein - doch auch ohne daß Sie uns
opfern, was Ihnen nun von Rechts wegen zusteht. Außerdem, wenn
Sie sich nach Familienglück sehnen, nach einem Heim, Sie könnten
sich doch verheiraten.
,Ich heirate niemals.
Sagen Sie das nicht so schroff.
,Mit zwanzigtausend Pfund und heiraten? Aus Liebe würde
mich keiner nehmen, und zur Geldspekulation bin ich mir zu schade.
Ich will mit meinen Verwandten leben, nicht mit fremden, unsympathischen Menschen. Sie sagten, Sie wollten mir ein Bruder sein.
Sagten Sie das aufrichtig? Wiederholen Sie es.
,Ich glaube, ich kann das versprechen. Meine eigenen Schwestern
habe ich stets lieb gehabt. Ich weiß auch, worauf meine Liebe sich
gründet: auf der Achtung vor den Fähigkeiten der beiden Mädchen.
Und auch Sie haben Herz, Gemüt, Charakter. Sie ähneln darin
Diana und Mary, Ihre Gesellschaft ist mir angenehm. Ich fühle.
ich kann Ihnen leicht einen Platz in meinem Herzen einräumen.
Ja, Sie sind meine dritte und jüngste Schwester.
,Ich danke Ihnen! Für heute abend bin ich damit zufrieden.
Nun aber müssen Sie wohl gehen, sonst regen Sie mich vielleicht
durch mißtrauische Gewissensbisse von neuem auf.
,Und die Schule, Fräulein Eyre? Die werden wir nun wohl
schließen müssen.
,Ich bleibe Lehrerin, bis Sie einen Ersatz für mich gefunden
haben.
Er lächelte. Dann drückte er mir die Hand und ging.
Meine Verwandten willigten nicht ohne weiteres in meinen
Vorschlag ein. Ich hatte einen harten Kampf zu bestehen, bis ich
meinen Willen durchsetzte. Da sie aber schließlich einsahen, daß es
unwiderruflich fest bei mir stand, eine gerechte, gleichmäßige Verteilung des Geldes durchzuführen, und da sie im Grunde ihres Herzens die Billigkeit dieser Handlungsweise zugeben mußten und sich
außerdem wohl auch bewußt waren, daß sie an meiner Stelle ebenso
gehandelt hätten, so gaben sie schließlich insoweit nach, als sie einwilligten, die Angelegenheit dem Spruch eines Schiedsgerichts zu
unterbreiten. Das Schiedsgericht bestand aus Herrn Oliver und
einem Rechtsanwalt; beide stimmten meiner Ansicht bei.
wurde notariell abgeschlossen, und St. John, Diana und Mary
waren von nun an im Besitz eines kleinen Vermögens, das sie vor
allen Nahrungssorgen schützte.
Nach Weihnachten schloß ich die Schule von Morton. Ein kleines
Abschiedsfest veranstalteten mir meine dankbaren Schülerinnen, und
es freute mich zu sehen, daß es mir wirklich gelungen war, einen
Play im Herzen dieser Mädchen zu gewinnen, die ich als anständige,
bescheidene, gut unterrichtete Kinder verließ. Ich versprach ihnen
daß ich in jeder Woche einmal nach Morton kommen und ihnen eine
Unterrichtsstunde geben würde.
,Ist Ihnen nun nicht doch ein großer Lohn zuteil geworden?
fragte Herr Rivers, als die Kinder fort waren. ,Macht Ihnen das
Bewußtsein, dem Menschengeschlecht wirklich einen Dienst geleistet
zu haben, nicht große Freude?
,Und doch haben Sie nur wenige Monate gearbeitet! Ist es
nun nicht etwas Herrliches, ein ganzes Leben der Aufgabe zu widmen,
das Menschengeschlecht zu bessern?
Ja. Dennoch hätte ich nicht bis an mein Ende dieses Leben
führen können. Ich will' mich meiner eigenen Talente und Fähigkeit ebensosehr selbst erfreuen, wie ich die meiner Nebenmenschen
fördern möchte.
Er sah mich ernst an.
,Hat die krankhafte Sucht nach Zerstreuung Sie nun schon erfaßt? fragte er. ,Was haben Sie vor?
Zu arbeiten. Und vor allem muß ich Sie bitten, mir Hannah
zu überlassen und eine andere Wirtschafterin anzunehmen.'
,Brauchen Sie Hannah?
,Ja, sie soll mit mir nach Moor-Haus. In dieser Woche kommen
Diana und Mary, Bis dahin muß alles in schönster Ordnung sein.
,Ah so! Gut! Da mag Hannah mit Ihnen gehen.
,Sie soll sich morgen früh fertig halten. Morgen gebe ich Ihnen
auch die Schlüssel von der Schule und meinem Häuschen.
,Sie liefern Sie sehr freudig ab. Welches Ziel, welchen Ehrgeiz verfolgen Sie denn nun?
Zunächst will ich Moor-Haus von Grund aus säubern und neu
herrichten, einmal ordentlich große Wäsche halten, alles blitzblank
putzen, überall tüchtig Feuer machen und Braten und Kuchen schaffen,
so daß die Schwestern bei ihrer Ankunft einen recht fröhlichen
Empfang haben.
,Ganz gut und schön für den Augenblick. Ich hoffe aber doch,
daß Ihr Blick sich auf höhere Ziele richten wird, wenn diese erste
Freude vorüber ist. Ich hoffe, Sie werden sich nicht auf Moor-Haus
beschränken und nicht in selbstsüchtige Ruhe und Behaglichkeit versinken.
Ich sah ihn erstaunt an.
,St. John, antwortete ich, ,es ist beinahe gottlos, so zu
sprechen. Ich will so glücklich und zufrieden sein wie eine Königin,
und Sie versuchen schon von neuem mir die Ruhe zu vergällen.
Wozu?
Sie sollen die Talente, die Fähigkeiten, die Gott Ihnen gegeben, in seinem Sinne verwerten. Eines Tages wird er Sie zur
Rechenschaft rufen, wie Sie mit dem Ihnen anvertrauten Pfunde
gewuchert haben. Johanna, geben Sie sich nicht so sehr häßlichen
Genüssen hin. Richten Sie Ihre Energie auf Höheres! Verzetteln
Sie Ihre Kräfte nicht an Wertloses.
Ich ließ ihn reden und blieb bei meinem Vorsatz. Nach zwei
Tagen heillosester Verwirrung brachte ich mit Hannahs emsiger Hilfe
Ordnung in das von unten zu oberst gekehrte Moor-Haus. Die Möbel blieben zum größten Teile, doch mußte viel Neues besorgt werden,
denn es mangelte an Teppichen, Polstersachen und Spiegeln. Endlich kam der ersehnte Donnerstag heran. Wir erwarteten die
Schwestern um die Dämmerstunde, und alles war zum Empfange
bereit.
Zuerst kam St. John. Ich hatte ihn gebeten, nicht eher zu kommen, als bis alles in Ordnung sei. Nun fragte er mich, ob meine
Laune, als Hausmädchen zu wirtschaften, nun befriedigt sei. Statt
aller Antwort führte ich ihn im ganzen Hause herum. Er sah in alle
Stuben und meinte, ich hätte mich wohl sehr tummeln müssen, um
in so kurzer Zeit so große Veränderungen zu bewerkstelligen. Doch
mit keiner Silbe deutete er an, daß er an der Verschönerung seines
Vaterhauses Freude hätte.
Er verdarb mir dadurch das ganze Vergnügen. Ich glaubte, ich
hätte vielleicht hier und da gegen die Pietät alter Erinnerungen gesündigt und fragte in niedergeschlagenem Tone danach.
,Durchaus nicht, erwiderte er. ,Was mir lieb und wert ist,
haben Sie im Gegenteil verschont. Sie legen der ganzen Sache zuviel
Wichtigkeit bei. Sie machen mehr drum her, als daran ist. Was
haben Sie da an Zeit vergeudet!'
Das mißfiel mir an ihm, und ich erkannte jetzt, daß er die Wahrheit über sich gesprochen, als er sich einen kalten, harten Mann
nannte. Das Angenehme des Lebens galt ihm gar nichts, für die
friedlichen Genüsse des Alltags hatte er keinen Sinn. Sein ganzes
Augenmerk war darauf gerichtet, Großes, Erhabenes zu erstreben.
Er kannte die Ruhe nicht, er wollte keine Ruhe. Und er konnte auch
die Leute um sich her nicht ruhen sehen.
Als ich auf seine hohe, weiße Stirn sah, die einem Leichensteine
glich, in seine schönen Züge, die das Studium streng und herb gemacht hatte, da fühlte ich plötzlich, dieser Mann könnte nie ein guter
Ehemann sein, seine Gattin müsse es einmal sehr, sehr schwer haben.
Für ihn war kein Plat an einem häuslichen Herde. Er hatte recht,
den Beruf eines Missionars zu wählen.
,Sie kommen! sie kommen! rief Hannah und riß die Tür auf.
Der alte Carlo sprang bellend auf und schoß hinaus. Es war
dunkel geworden. Ich eilte vor die Tür und hörte deutlich das
Rollen von Rädern. Hannah zündete eine Laterne an. Der Wagen
fuhr vor, der Kutscher öffnete, Diana und Mary sprangen heraus.
Sie küßten mich, lachten und weinten in einem Atem und saßen im
nächsten Moment am warmen Herde. Sie waren von der Fahrt zur
kalten Winterzeit wie gerädert und halb erfroren; aber in der behaglichen Stube tauten sie rasch auf. Nun kam auch St. John, begrüßte sie mit einem ruhigen, leidenschaftslosen Kusse und sprach
einige wenige leise Worte des Willkommens. Nach ein paar Minuten schien ihm der Tumult zu groß zu sein, und er kehrte in das
Wohnzimmer zurück.
Nun ging es an die Besichtigung des Hauses. Jetzt wurde mir
erst mein Lohn zuteil; die Freude der Schwestern kannte keine
Grenzen. Wir wurden in unserm Jubel glücklicherweise auch nicht
mehr durch St. John beeinträchtigt, denn er wurde zu einer kranken
Frau gerufen, die man dem Tode nahe glaubte.
Ich fürchte, die ganze nächste Woche stellte seine Geduld auf eine
harte Probe, denn wir Frauen vertändelten die Zeit mit sorglosem
Geplauder. Diana und Mary erholten sich erst einmal an der gesunden, freien Landluft. St. John sprach kein Wort gegen unser
fröhliches Nichtstun, aber er verließ das Haus, so oft es anging, und
durchstreifte stundenlang seine Gemeinde, Kranke und Arme besuchend. Eines Tages fragte Diana ihn, ob sein Vorsatz noch immer
unverändert sei.
,Unverändert und unabänderlich,' antwortete er und teilte uns
nun mit, daß er bestimmt anfangs des nächsten Jahres abreisen
würde.
,Und Rosamund Oliver?' fragte Mary,
St. John las in einem Buche und blickte auf.
,Rosamund Oliver,'' antwortete er, ,wird sich demnächst mit Sir
Frederik Granby, einem reichen Erben, verheiraten. Ihr Vater hat
es mir gestern mitgeteilt.
Wir drei Frauen sahen ihn erstaunt an; er war kalt und still wie
ein Marmorbild.
,Sie müssen sich sehr rasch verlobt haben, sagte Diana. ,Sie
kann ihn erst seit kurzem kennen.
,Seit zwei Monaten. Im Oktober sind sie auf einem Ball einander vorgestellt worden. Es sind keine Hindernisse die Ehe erscheint vorteilhaft und wünschenswert -- also ist auch kein Aufschub
nötig.
Ich war fast willens, ihn zu fragen, ob er nun unglücklich sei;
aber er schien der Sympathie so wenig zu bedürfen, daß ich nichts
dazu sagte. In der letzten Zeit hatte ich auch schon wieder alle Uebung
verloren, zwanglos mit ihm zu sprechen; er war in seine alte Zurückhaltung verfallen, so daß unter der Eiskruste seines Wesens meine
Offenherzigkeit wieder erfroren war. Sein Versprechen, mich als
seine dritte Schwester zu behandeln, hielt er nicht; fortwährend machte
er zwischen mir und seinen eigentlichen Schwestern kleine feine
Unterschiede, die mich befremdeten. Ja, ich empfand jetzt, wo unsere
Verwandtschaft sich herausgestellt hatte, eine weit größere Kluft
zwischen mir und ihm, als jemals in unsern Beziehungen geherrscht
hatte. Selbst als Dorflehrerin hatte ich ihm nicht so ferngestanden.
Wenn ich daran dachte, wie weit er mich doch eines Tages schon ins
Vertrauen gezogen hatte, konnte ich seine eisige Zurückhaltung nicht
begreifen.
Kapitel.
Ein Antrag.
Nach dem Weihnachtsfest begannen wir Frauen endlich wieder
uns ernsthaft mit nützlicher Arbeit zu beschäftigen, und ich nahm
meine allwöchentlichen Besuche in der Schule von Morton wieder
auf. Darüber freute St. John sich sehr. Wenn Diana und Mary
mich des schlechten Wetters wegen zurückhalten wollten, dann drang
er in mich, meine Pflicht zu tun.
,Johanna ist nicht der Schwächling, den ihr als ihr machen
wollt,' sagte er zu seinen Schwestern. ,Gebirgswind, Regenschauer
und Schneeflocken machen ihr nichts aus. Sie hat eine kräftige
Natur und einen kerngesunden Körper und trotzt allen Schwankungen
des Klimas.
Wenn ich ermattet, halb erfroren zurückkehrte, wagte ich nicht
zu klagen, weil ich wußte, daß er sich darüber ärgern würde.
Eines Tages blieb ich aber doch zu Hause, weil ich sehr erkältet
war, und die Schwestern gingen an meiner Stelle nach Morton. Ich
war allein mit St. John. Wir saßen beide in der Wohnstube, jeder
über einem Buche. Als ich aufschaute, sah ich, daß St. John mich
mit seinen blauen Augen unverwandt musterte. Ich erschrak fast.
,Was lesen Sie denn eigentlich? fragte er.
,Schiller."
,Geben Sie das Deutsch auf, Johanna, und lernen Sie Hindostanisch.
,Das kann Ihr Ernst nicht sein?
,Es ist mein voller Ernst, und Sie müssen mir willfahren. Ich
will Ihnen auch sagen, warum. Ich selbst muß perfekt Hindostanisch
können, wenn ich als Missionar in Indien wirken will. Je weiter
ich in dem Studium vorrücke, um so größer wird die Gefahr, die Anfangsgründe wieder zu vergessen. Da ist es für mich sehr vorteilhaft,
eine Schülerin zu haben, durch deren Unterricht ich diese Anfangsgründe immer wieder zu repetieren gezwungen bin. Erst wollte ich
eine meiner Schwestern zur Schülerin nehmen, aber ich sehe, Sie
haben doch die größte Ausdauer zum Arbeiten und Lernen. Bringen -
Sie mir nun bitte dieses Opfer. Es ist ja nicht auf lange Zeit. In
drei Monaten reise ich.
Man konnte St. John schwer eine Bitte abschlagen. Ich willigte
daher ein. Er war wohl ein geduldiger und nachsichtiger, aber dennoch sehr strenger Lehrer. Er erwartete große Leistungen von mir,
und wenn ich sie erfüllte, gab er mir auch seine Zufriedenheit offen
zu erkennen. Nach und nach gewann er durch diesen Unterricht einen
großen Einfluß auf mich, der zuletzt zu einer Art unangenehmen
Zwanges wurde. Ich getraute mich in seiner Anwesenheit kaum noch
laut zu lachen und vergnügt zu sein. Er begann mich zu unterjochen,
und ich fühlte, daß meine Kraft nicht mehr ausreichte, den eisigen
Zauber zu brechen, mit dem er mich umstrickte. Wenn er sagte:
,Gehen Sie!r so ging ich. Wenn er sagte: ,Kommen Sie!' so kam
ich. Wenn er sagte: ,Tun Sie das !' so tat ich es. Aber diese
Knechtschaft widerstrebte mir. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich
hätte mich nicht mit ihm eingelassen.
Da es nun einmal geschehen, so wollte ich ihn aber doch zufriedenstellen. Ich empfand täglich deutlicher, daß ich, um dies zu vollbringen, meine Natur zur Hälfte verleugnen, meine Neigungen
unterdrücken und mich zu Beschäftigungen zwingen müsse, zu denen
ich gar nicht veranlagt war. Er wollte mich auf eine Höhe führen,
zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Es war mir das ebenso
unmöglich, wie meinem unregelmäßigen Gesicht die klassische Schönheit des seinen, meinen grünlich schillernden Augen die wasserblaue
Farbe, den ruhigen Glanz der seinen zu verleihen.
Es kam noch eins hinzu. Ich war jetzt immer traurig gestimmt.
Seitdem die Not mich nicht mehr im Bann hielt, seitdem die tägliche
Arbeit meine Gedanken nicht mehr ganz für sich beanspruchte, mußte
ich wieder oft und viel an Herrn Rochester denken, und es erfüllte
mich mit bangem Weh, daß ich über sein Schicksal so völlig im unklaren war. Ich schrieb an Rechtsanwalt Briggs, mit dem ich in
der Erbschaftssache viel korrespondierte; aber er konnte mir keine
Auskunft geben; dann schrieb ich an Frau Fairfax, Ich war fest
überzeugt, die gute Alte würde mir antworten; doch als auf einen
zweiten Brief von mir nach zwei Monaten noch keine Antwort eintraf, da fiel ich der tödlichen Angst zum Opfer.
- Ein halbes Jahr wartete ich vergebens, dann starb alle Hoffnung in mir. Und nun ward es dunkel um mich her.
Der Frühling zog ins Land; es sproßte und blühte rings umher. Diana riet mir, an die See zu gehen, doch St. John erklärte,
mir fehle es nur an Beschäftigung; mein jetziges Leben sei ohne
Zweck, ohne Ziel. Eine Aufgabe, das sei es, was mir nottäte. Er
verlängerte nun die Unterrichtsstunden und drang darauf, daß ich -
mich im Hindostanischen vervollkommne. Und ich Närrin widersprach ihm nicht; ich konnte ihm einfach nicht widerstehen.
An einem herrlichen Frühlingstage kam endlich ein Brief an;
ich zitterte vor Freude, als ich ihn öffnete. Doch als ich ihn las,
war es nur ein ganz unwichtiger Geschäftsbrief von Herrn Briggs.
Meine Augen flossen von Tränen über; schluchzend sank ich nieder.
St. John gab mir eben Unterricht. Er nahm gar keine Notiz von
meinem Schmerz. Ruhig unterbrach er die Stunde mit den Worten:
,Wir machen eine Pause, Johanna, bis Sie wieder ruhig sind.
Nun saß er mir regungslos gegenüber, wie ein Arzt, der einen
interessanten Fall beobachtet. Als das Schluchzen sich gelegt hatte,
trocknete ich mir die Augen, murmelte ein paar Worte der Entschuldigung und nahm meine Arbeit wieder auf. Aber St. John klappte
meine und seine Bücher zu und sagte plötzlich:
,Johanna, wir wollen heute lieber einen Spaziergang machen.
,Dann will ich Diana und Mary rufen, sagte ich.
,Nein, heute will ich mit Ihnen allein sein, erwiderte er.
,Gehen Sie zur Küche hinaus und schlagen Sie den Weg nach der
Marschenschlucht ein. In wenigen Minuten bin ich bei Ihnen.
Es gab für mich keine Mittelstraße. Im Umgang mit harten,
energischen Charakteren, die dem meinen schroff entgegengesetzt
waren, habe ich mich nie zwischen völliger Unterwerfung und starrsinniger Auflehnung halten können, und oft bin ich eine Zeitlang
getreu den einen Weg gegangen, bis ich plötzlich mit vulkanischer Heftigkeit den andern einschlug. Jetzt stand ich St. John gegenüber noch
auf der Bahn der Unterwerfung und gehorchte ihm auch in diesem
Falle ohne Widerspruch. Zehn Minuten später war ich unterwegs
zur Marschenschlucht.
Bald darauf war St. John an meiner Seite. Als wir mitten
zwischen Hügeln standen, sagte' er:
,Wir wollen uns hier ausruhen.
Wir waren in einer Talenge zwischen ziemlich dicht aneindergerückten Hügeln. Von der einen Seite des Abhangs rauschte ein
Wasserfall hernieder, ein Labyrinth von Felsblöcken war hüben und
drüben zu Tal gestürzt und in der Fülle der Jahre dicht von Moos
und Heidekraut übersponnen worden.
Ich setzte mich. St. John blieb neben mir stehen. Er ließ den
Blick dem Bächlein folgen, das den Grund durchströmte, sah zum
Himmel auf, schaute an den Höhen empor und nahm den Hut ab,
so daß seine Locken im Winde spielten.
,Und ich werde es wiedersehen,' sprach er plötzlich mit lauter
Stimme, ,wenn ich an den Ufern des Ganges schlafe, werde ich es
im Traume wiedersehen.
Seltsame Aeußerung einer seltsamen Liebe! Die Freude des
rauhen Patrioten an seinem Vaterlande! Eine halbe Stunde wohl
verfloß, ohne daß wir ein Wort miteinander sprachen. Dann begann er:
,Johanna, in sechs Wochen reise ich; meine Kajüte ist bereits
gemietet. Das Schiff segelt am W. Juni ab.
,Gott wird Sie beschützen, sagte ich, ,Sie arbeiten ja für ihn.
,Das ist auch mein Stolz und meine Zuversicht. Ich bin der
Diener eines unfehlbaren Herrn. Ich gehe nicht in menschlicher
Sache hinaus, nicht in irdischem Interesse - mein Auftraggeber ist
der Allgewaltige. Es befremdet mich, daß nicht alle, die mich um
geben, sich um dieselbe Fahne scharen, sich an meinem Werk beteiligen
wollen.
,Nicht alle haben die gleiche Kraft, und von einem Schwachen
wäre es Torheit.
,Von den Schwachen spreche ich auch nicht, ich denke nur an
die, die sowohl würdig als auch fähig wären.
.Solche gibt es nur wenige, und sie sind nicht so leicht zu
finden.'
,Sehr wahr; aber wenn man sie gefunden hat, dann hat man
die Pflicht, sie zu werben - sie anzuspornen, ihnen zu zeigen, zu
welchem Zwecke sie ihre Fähigkeiten erhalten haben, ihnen die Botschaft des Himmels zuzurufen.
,Ich meine, wer dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist, dem
wird es zu allererst sein eigenes Herz sagen.
Mir war, als umfinge mich mehr und mehr ein furchtbarer
Zauber, und ich fürchtete, ein verhängnisvolles Wort aussprechen zu
hören, das diesen Zauber gleichzeitig erklären und lösen würde.
,Und was sagte Ihnen Ihr Herz?' fragte St. John.
,Mein Herz ist stumm, antwortete ich.
,Dann muß ich für Ihr Herz sprechen, fuhr er fort. ,Johanna,
kommen Sie mit nach Indien - als meine Helferin, als meine
Kollegin! Gott und die Natur haben sie zum Weibe eines Missionars
auserlesen. Sie haben nicht nur körperlich, sondern auch geistig alle
Eigenschaften dazu. Sie müssen die Gattin eines Missionars werden.
Sie müssen mein werden. Ich fordere Sie nicht für mich - nicht für
mein persönliches Glück, sondern für den Dienst des allmächtigen
Herrn.
,Nein, antwortete ich jetzt ganz ruhig und bestimmt, ,dazu
passe ich nicht - ich fühle nicht den Beruf dazu in mir.
Auf leichte Einwendungen war er gefaßt. Er kreuzte die Arme
über der Brust, lehnte sich an die Felswand und antwortete im
Tone eines Mannes, der sich gerüstet hat, einen langen, heftigen
Widerstand zu brechen und mit Geduld den Sieg zu erringen:
,Demut, Johanna, ist angebracht. Sie tun recht daran zu bezweifeln, ob Sie sich für die Arbeit eignen. Auch ich bin ja nur
Staub und Asche. Wie der Apostel Petrus halte ich mich für den
niedrigsten aller Sünder. Aber ich sage mir doch auch, wenn Gott
sich einen solchen schwachen Menschen zum Werkzeug erkürt, dann
wird er ihm auch die Mittel geben, die Aufgabe zu erfüllen. Vertrauen Sie, wie auch ich vertraue!
,Aber ich verstehe nichts von den Arbeiten eines Missionars.
,Darin kann ich Sie unterweisen. Ich kann Ihnen von Stunde
zu Stunde Ihr Pensum geben und Ihnen von Tag zu Tag weiterhelfen. Binnen kurzem werden Sie ebenso tüchtig sein wie ich und
meiner Hilfe nicht mehr bedürfen.r
,Ich bin mir keiner Kraft zu diesem Beruf bewußt. Keine
innere Stimme rät mir dazu. Sie wollen mich zu einem Versuch
überreden, der nur fehlschlagen kann.
,Ich habe Sie von unserer ersten Begegnung an beobachtet,
habe kleine unmerkliche Proben mit Ihnen angestellt und gefunden,
daß Sie Arbeiten, selbst wenn sie Ihren Neigungen und Gewohnheiten zuwider sind, wie die Leitung der Dorfschule, mit großer
Energie und Aufopferung bewältigen können. Und an der Ruhe,
mit der Sie die Nachricht von dem Ihnen zugefallenen Reichtum aufnahmen, erkannte ich, daß Ihr Gemüt frei ist von allen Lastern. An
der Bereitwilligkeit, mit der Sie Ihren Reichtum mit andern teilten,
erkannte ich ein Herz, das fähig ist und den Mut hat, Opfer zu
bringen. Und wie gefügig gaben Sie das Studium der deutschen
Sprache auf, um Hindostanisch zu lernen, nur weil es mich interessierte, wie energisch überwanden Sie die Schwierigkeiten dieser
Sprache! Ja, Johanna, Sie sind sanftmütig, fleißig, selbstlos,
treu, ausdauernd und tapfer. Mißtrauen Sie sich nicht selbst. Ich
habe großes Vertrauen zu Ihnen. Als Leiterin indischer Schulen,
als Führerin indischer Frauen werden Sie mir unschätzbare Dienste
leisten können.
Wo blieb mein Widerstand? Wo meine Ueberzeugung, mich
nicht dazu zu eignen? Sie schmolzen unter dem Feuer seiner Worte.
Ruhig wartete er auf Antwort, während ich vor mich hinbrütete.
Die Kraft, den Mut, dachte ich bei mir, hätte ich wohl. Aber ich würde
die indische Sonne nicht lange ertragen können. Und wenn ich dann
stürbe, würde er mich in aller Seelenruhe dem Gott zurückgeben, der
mich ihm geschenkt. Damit würde die Sache für ihn erledigt sein.
England zu verlassen, wäre mir freilich nicht schwer, denn Herr
Rochester weilte nicht mehr in England, und selbst wenn er noch im
Land wäre, was hätte das für mich zu besagen? Meine Aufgabe
wäre ja gerade, ohne ihn zu leben. Ja! aber ich sollte ja nun St.
Johns Gattin werden - das war der Punkt! Das war unmöglich.
Er liebte mich ja nur, wie der Soldat eine gute Waffe liebt -
anders nicht. An seiner Seite konnte kein Weib glücklich werden.
Als seine Schwester mitzugehn, das hätte ich vielleicht vermocht --
doch nicht als seine Gattin. Und das sagte ich ihm nun.
Er schüttelte den Kopf.
,Das wäre eine halbe Sache und würde den Zweck nicht erfüllen. Ja, wenn Sie wirklich meine Schwester wären, dann brauchte
ich kein Weib zu suchen. So aber muß unser Zusammenleben durch
die kirchliche Trauung geheiligt sein. Sehen Sie das nicht ein,
Johanna? Denken Sie nur einmal nach!'
Ich dachte wohl nach, aber meine Vernunft wiederholte nur
die Tatsache, wir könnten nicht Mann und Weib sein - ich könnte
ihn nicht heiraten.
,Sie sind mir lieb wie ein Bruder, St. John, sagte ich zu ihm.
,Lassen Sie mich Ihnen nach wie vor nur Schwester sein.'
,Das geht nicht an, versetzte er kurz. ,Sie haben gegen die
Hauptsache - gegen das Mitkommen - nichts einzuwenden. Sie
haben schon sozusagen die Hand an den Pflug gelegt. Sie wieder
zurückzunehmen, widerspricht nun schon Ihrem beständigen Charakter. Es gilt für Sie nur noch zu überlegen, wie die Arbeit
am besten bewältigt werden kann, wie die Aufgabe Gottes am
würdigsten erfüllt werden kann. Und da gibt es nur den einen Weg:
Sie müssen einen Gatten haben - nicht bloß einen Bruder, das
wäre ein zu schwaches Band. Und auch ich brauche keine Schwester,
sondern eben eine Gattin. Wir müssen beide bis zum Tode des
einen unlösbar aneinander gefesselt sein. Ich wiederhole noch einmal, ich suche keine Gefährtin für meine Person - ich suche sie nur
für den Missionar.
,Und ich bin bereit, dem Missionar meine Kräfte zu widmen -
und nur die verlangt er ja, nicht mich selbst.'
,Mit einem halben Opfer gibt Gott sich nicht zufrieden. Es
ist Gottes Armee, für die ich dich werbe, in die ich dich einreihe.
Ein halber Treueid genügt nicht.
,O, ich bin willens, Gott mein Herz ganz zu geben - denn
Sie beanspruchen ja keinen Teil davon,' antwortete ich.
Ich kann nicht sagen, ob ich diese Worte in etwas spöttischem
Tone sagte. Bis jest hatte ich St. John gefürchtet, weil er mir unverständlich blieb. Er hatte mir Schrecken eingeflößt, weil er mich
im Zweifel über seine wahre Natur ließ. jetzt aber lag sein ganzes
Wesen offen vor mir. Ich begriff, daß dieser schöne Mann, der so
malerisch vor mir stand, ein irrender Mensch war wie ich selbst
nicht mehr. Der zauberische Schleier fiel von seiner Härte und seiner
Tyrannei. Ich erkannte seine Unvollkommenheiten und konnte Mut
fassen. Ich hatte wieder das Gefühl, ich stände meinesgleichen gegenüber einem Menschen, dem ich Widerstand leisten könne, wenn es
nötig wäre.
Er schwieg nach meinen letzten Worten und sah mich erstaunt,
fast neugierig an. Sein Blick schien zu fragen: ,Spottet sie jetzt
über mich? Wie kommt sie dazu?
Und nach einer Weile fuhr er laut fort: ,Vergessen wir doch
nicht, man darf nicht leichtfertig über eine so ernste Sache reden.
Gewiß, es ist alles, was ich verlange, daß Sie Ihr Herz Gott weihen
sollen. Sie sollen ja eben Ihr Herz von allem Irdischen befreien
und ganz der göttlichen Aufgabe zuwenden.
,Ich wiederhole noch einmal,'' vermochte ich nur zu antworten,
,als Ihre Kollegin, -Als Hilfsmissionarin will ich mitkommen -
aber heiraten kann ich Sie nicht!
Und mit festem Blick sah ich in seine hellen, kalten Augen, auf
seine hohe, steinerne Stirn. Ja, als seine Kameradin, als seine
Kollegin - das war möglich! Da konnte ich wohl Meere mit ihm
durchkreuzen, Wüsten mit ihm durchwandern - ich würde seinen
Mut, seine Hingebung, seine Energie bewundern und an seiner
Seite arbeiten und streben. Ich würde mich ruhig seinem Despotismus unterordnen, über seinen untilgbaren Ehrgeiz lächeln, den
Christen in ihm achten und dem Menschen in ihm nichts nachtragen.
Ich würde wohl viel leiden und unter dem Joch seiner Herrschaft
seufzen aber ich war dann doch selbst immer noch frei, mein Ich
gehörte noch mir selber. Es gab dann in meiner Seele noch Zufluchtsorte, wohin sich mein vereinsamtes Empfinden flüchten konnte,
die nur mir gehörten, in die er nicht eindringen konnte. Ich hatte
dann noch einen mir vorbehaltenen Boden im Herzen, auf dem ich
Gefühle blühen lassen konnte, die sein Tyrannenschritt nicht zertreten durfte.
,Du mußt aber mein Weib werden,'' sagte er abermals, ,sonst
ist der ganze Handel ungültig. Ein Mann von noch nicht dreißig
Jahren kann unmöglich zusammen mit einem erst neunzehn Jahre
alten Mädchen in Indien auftreten, wenn dieses Mädchen nicht seine
Gattin ist. Wir müssen verheiratet sein.
,Wir brauchen es nicht, versetzte ich hartnäckig. ,Es würde
gerade so gut gehen, als wenn ich tatsächlich Ihre Schwester wäre
oder auch ein Mann, ein Geistlicher wie Sie selbst.
,Man weiß, Sie sind nicht meine Schwester, und häßliches Mißtrauen würde uns verfolgen. Es würde uns beiden bald leid tun,
wenn wir unverheiratet hingingen. Und nach der Heirat wird sich
gewiß soviel Liebe einstellen, um die Beziehungen zwischen uns
erträglich zu machen.
Ich verabscheue Ihre Begriffe von der Liebe, sagte ich, erhob
mich und stand nun vor ihm, ,ich verachte das unechte Gefühl, von
dem Sie da sprechen, und ich verachte Sie selbst, daß Sie es mir
anbieten können.
Er preßte die schönen Lippen aufeinander. Ich kann nicht sagen,
ob er empört oder überrascht war; er hatte sein Gesicht so sehr in der
Gewalt, daß es seine Empfindungen nicht verriet.
,Ich glaube doch nichts gesprochen oder getan zu haben, antwortete er in sehr sanftem Tone, ,was Verachtung verdiente.
Diese sanfte Stimme, dieses ruhige, erhabene Gesicht rührten
mich nun wieder.
,Verzeihen Sie mir, daß ich mich hinreißen ließ, so unüberlegt
zu sprechen, sagte ich. ,aber Sie sind selbst schuld daran. Wir
denken als verschiedene Naturen über den Gegenstand, den Sie hier
zur Sprache brachten, eben ganz verschieden. Wir zanken uns schon
um das bloße Wort Liebe! Wie würde uns erst ums Herz sein,
wenn Liebe zwischen uns beiden wirklich da sein müßte? Geben Sie
diesen Heiratsgedanken auf.
,Das kann ich nicht - nur so lassen meine Pläne sich verwirklichen. Aber ich will heute nicht weiter in Sie dringen -
morgen reise ich nach Cambridge. Ich muß mich von einigen Freunden verabschieden und werde vierzehn Tage wegbleiben. Sie haben
also Zeit, sich die Sache zu überlegen. Vergessen Sie nicht, wenn Sie
meinen Vorschlag zurückweisen, lehnen Sie sich nicht gegen mich auf,
sondern gegen Gott. Ich bin ja nur sein Werkzeug- aber nur als
meine Gattin können Sie den Pfad betreten, auf den er Sie weist.
Weigern Sie sich, mein Weib zu werden, so verschließen Sie sich
gegen Gottes Gebot, so verleugnen Sie den Glauben, und das ist
bei einem Gläubigen eine schlimmere Tat als aller Unglaube.
Er schwieg und trat mit mir den Heimweg an. In eisigem
Schweigen schritt er neben mir her. Ich las es in seinen Zügen,
nur sein christlicher Sinn bewog ihn, Geduld mit mir zu haben, mir
so lange Frist zu gönnen. Hätte er seiner Natur die Zügel gelassen,
so würde er versucht haben, mich zum Gehorsam zu zwingen. Als
er an diesem Abend schlafen ging, gab er mir nicht einmal die Hand.
Das fiel den Schwestern auf, und ich fühlte mich durch diese Unhöflichkeit so sehr verletzt, daß mir die Tränen in die Augen traten.
,Du hast dich mit St. John auf deinem Spaziergange gezankt,
Johanna, sagte Diana. ,Geh ihm nach - er ist noch auf dem
Flur - er will sich mit dir aussöhnen.
Ich habe in solchen Fällen keinen Stolz. Weit lieber bin ich
glücklich und fröhlich, als immer nur würdevoll. Ich lief ihm deshalb nach. Er stand am Fuß der Treppe und wollte hinaufgehen.
,Gute Nacht, St. John!' rief ich.
,Gute Nacht, Johanna!'
,Geben Sie mir die Hand!'
Er legte die Finger flüchtig in die meinen. Wohl war er tiefverletzt durch meinen Widerstand, aber Tränen stimmten ihn nicht weich,
freundliches Entgegenkommen ließ ihn kalt. Mit ihm sich herzlich
auszusöhnen, war unmöglich. Man durfte kein großmütiges Wort,
kein verträgliches Lächeln von ihm erwarten. Aber der Christ in ihm
ließ ihn Ruhe und Geduld zeigen, und als ich ihn fragte, ob er
mir verziehen habe, sagte er, er pflege Kränkungen nie im Gedächtnis
zu behalten, er fühle sich nicht beleidigt und hätte daher auch nichts
zu verzeihen.
Mit diesen Worten ging er. Es wäre mir lieber gewesen, wenn
er mit einem Faustschlag geantwortet hätte.
Kapitel
Ein Ruf.
Am folgenden Tage reiste er nicht nach Cambridge, obwohl er
es gesagt hatte, sondern er schob die Reise um eine volle Woche auf,
und in dieser Zeit ließ er es mich fühlen, auf welche Weise ein
strenger, unbeugsamer Mann eine Person, die ihn beleidigt hatte,
strafen könnte. Es kam zu keinem Wort des Vorwurfs, geschweige
denn zu irgendeiner Handlung offener Feindseligkeit, und dennoch
brachte er mir die Gewißheit bei, daß ich bei ihm in Ungnade gefallen sei.
Durch seine Grundsätze und wohl auch von Natur war er erhaben über jede Rachsucht, und er hatte mir wirklich verziehen. Die
Worte aber, daß ich ihn verachte, hatte er dennoch nicht vergessen,
und er konnte sie nicht vergessen, solange er lebte. Wenn er mich
ansah, las ich es in seinem Blicke, daß diese meine Worte von nun
an stets zwischen ihm und mir in der Luft geschrieben ständen. In
meinen Augen war dieser Mensch jetzt nicht mehr Fleisch und Blut,
sondern Marmor, sein Auge war ein kalter, klarer, blauer Edelstein,
seine Zunge eine Sprechmaschine - weiter nichts.
Ich litt unter dieser Handlungsweise Folterqualen. Ein langsames Feuer der Empörung, ein immerwährend reger Groll marterte
mich. Ich fühlte, dieser gute Mensch, der so rein war wie eine
lautere Quelle, würde mich binnen kurzem umgebracht haben, wenn
ich seine Frau wäre. Ohne mir einen Tropfen Blutes zu entziehen.
hätte dieser Mann an mir zum Mörder werden können, und sein
kristallklares Gewissen brauchte darnach nicht einmal vom Hauche
eines Verbrechens getrübt zu werden. Unsere Entfremdung tat ihm
nichts an; er hatte nicht das Verlangen sich zu versöhnen. Obwohl
meine Tränen oft auf das Buch fielen, in dem wir beide lasen -
denn wir studierten nach wie vor zusammen Hindostanisch - so
rührte ihn das gar nicht. Gegen seine Schwestern dagegen war er
herzlicher als sonst. Er tat auch das aus Grundsatz. Als wenn er
glaubte, daß es noch nicht genüge, kalt gegen mich zu sein, fügte er
noch die Wirkung des Kontrasts hinzu.
Am Abend vor seiner Abreise sah ich ihn im Garten auf- und
niedergehen. Bei seinem Anblick mußte ich unwillkürlich wieder
daran denken, daß dieser Mann, der mich so hart behandelte, mein
Leben gerettet habe und ein naher Verwandter von mir sei. Dies
veranlaßte mich, ein letztes Mal um seine Freundschaft zu werben.
Ich trat zu ihm und begann sofort von dem zu reden, wessen
mein Herz voll war.
,St. John, ich bin unglücklich, daß Sie mir noch immer zürnen.
Seien Sie doch wieder gut mit mir!'
,Wir sind doch Freunde, hoffe ich, antwortete er ganz ruhig,
ohne den Blick vom Monde abzulenken, nach dem er schon geschaut
hatte, als ich zu ihm trat.
,Nicht mehr wie früher. Das wissen Sie recht wohl.
,Nicht? Das wäre Unrecht. Ich für meine Person wünsche
Ihnen nur alles Gute.
,Das glaube ich schon. Sie sind ja auch gar nicht imstande,
jemand etwas Böses zu wünschen. Aber ich bin doch Ihre Verwandte, da erwarte ich denn doch ein bißchen mehr Liebe als jene
allgemeine Menschenliebe, die Sie auch für Fremde hegen.
,Ein ganz natürlicher Wunsch, sagte er. ,Und ich sehe ja auch
keine Fremde in Ihnen.
Das sprach er ganz ruhig, und doch klang es fast verletzend.
Wenn ich auf meinen Stolz, auf meinen Groll gehört hätte, würde ich
jetzt auf der Stelle von ihm gegangen sein. Aber etwas, das stärker
war als diese Gefühle, regte sich in mir. Ich schätzte die Grundsätze,
die Fähigkeiten meines Vetters sehr hoch, und es hatte mir leid
getan, seine Freundschaft zu verlieren. Deshalb gab ich es nicht
so rasch auf, sie wieder zu erobern.
,Wollen wir so auseinandergehn, St. John? fragte ich. ,Wenn
Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich da ohne ein freundliches
Wort verlassen?
Jetzt sah er mir voll ins Gesicht.
,Johanna - gehen Sie denn nicht mit nach Indien? rief er.
,Sie sagten ja, das ginge nicht, ich müßte Sie denn heiraten.
,Und wollen Sie mich denn nicht heiraten? Beharren Sie auf
Ihrer Weigerung?
Er war - das fühlte ich wieder mit allem Nachdruck bei diesen
Worten - einer jener herzenskalten Menschen, die mit ihren eisigen
Fragen tief ins Herz bohren können, deren Zorn einer Lawine oder
dem Eisgange eines Stromes gleichen.
,Nein, ich werde Sie nicht heiraten,' versetzte ich. ,Ich bleibe
fest bei meiner Weigerung.
,Und weshalb weigern Sie sich?
,Bisher tat ich's, weil Sie mich nicht liebten, entgegnete ich.
,Jetzt tu ich's, weil Sie mich beinah hassen. Wenn ich Sie heirate,
würden Sie mich töten. Ja darauf gehn Sie jetzt schon aus.
Seine Wangen und Lippen wurden totenbleich.
,Sie töten? Und ich ginge jetzt schon darauf aus? So etwas
sollte man nie sprechen -- am wenigsten als Weib. Das deutet auf
ein unseliges Gemüt. Das verdient strenge Zurechtweisung. Das
wäre ganz unverzeihlich, wenn es nicht Christenpflicht wäre, seinem
Mitmenschen zu verzeihen, sei es auch siebenzig mal siebenmal.
,Und nun werden Sie mich wirklich hassen,' versetzte ich. ,Es
wäre ganz nutzlos von mir, noch eine Versöhnung anzustreben. Ich
habe Sie mir zum ewigen Feinde gemacht.
Mit diesen Worten tat ich ihm nur neues Unrecht - und zwar
ein um so schlimmeres, als sie der Wahrheit nahekamen. Seine
blutlosen Lippen zitterten heftig.
,Dennoch mißverstehen Sie mich,'' setzte ich hinzu, seine Hand
erfassend. ,Ich wollte Sie nicht verletzen - wirklich nicht.
Er lächelte bitter und entzog mir schroff seine Hand.
,Und nun nehmen Sie wohl auch Ihr Versprechen zurück,
antwortete er, ,und gehn überhaupt nicht mit nach Indien.
,Doch, ich gehe mit, aber nur als Ihre Mitarbeiterin."
,Ich habe es Ihnen doch des langen und breiten auseinandergesetzt, daß mir eine weibliche Mithilfe nicht genügt - ich muß eine
Gattin haben. Doch scheinbar können Sie es nicht übers Herz bringen,
mit mir zu gehen. Wenn Sie es dennoch ehrlich meinen, so will' ich
mit einem mir bekannten Missionar sprechen, dessen Frau eine Mitarbeiterin braucht. Auf diese Weise erspare ich Ihnen die Schmach,
Ihr Versprechen zu brechen und der Aufgabe untreu zu werden,
zu der Sie sich verpflichtet haben.
,Von Schmach ist hier gar keine Rede, erwiderte ich. ,Ebenso
wenig von dem Bruch eines Versprechens oder von Untreue gegen
eine Verpflichtung. Ich habe mich gar nicht bestimmt verpflichtet,
nach Indien zu gehen, mit Fremden überhaupt nicht. Mit Ihnen
zusammen hätte ich viel gewagt, weil ich Ihnen vertraue. Freilich
weiß ich genau, ich würde das indische Klima nicht lange vertragen.
.Ah, Sie fürchten für Ihre Person,' sprach er in spöttischem
,Allerdings. Gott gab mir das Leben nicht, daß ich es wegwerfe. Jetzt beginne ich sogar zu glauben, es wäre einem Selbstmord
gleich zu erachten, wenn ich täte, was Sie von mit verlangen. Ich
kann vielleicht hier in England mich nützlicher betätigen. Es gibt
eine Frage, an die ich schon lange mit qualvoller Hartnäckigkeit
denken muß. Ich kann keine Reise antreten, ehe nicht dieser Zweifel
von mir genommen ist,
,Was Sie beschäftigt, ist unheilig und gegen das Gesetzes. Sie
müßten erröten, es auch nur zu erwähnen. Sie denken an Herrn
Rochester.
,Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist!' versetzte ich.
,Nun, so bleibt mir nichts zu tun, als für Sie zu beten,' sagte
er, -zu Gott zu flehen, daß er Sie nicht ganz zu einer Verworfenen
werden lasse. Ich vermutete eine Auserwählte in Ihnen. Aber
Gott sieht mit anderen Augen als wir Menschen. Sein Wille geschehe!"
Er ging durch das Tor und war meinen Blicken entschwunden.
Im Wohnzimmer fand ich Diana. Sie stand am Fenster, in
trübe Gedanken versunken. Als sie mich erblickte, rief sie:
,Johanna, du bist blaß und aufgeregt. Was ist geschehen?
Verzeih mir, daß ich dir als Spionin erscheinen muß, aber es geht
etwas zwischen dir und St. John vor, das fällt mir schon seit längerer
Zeit auf. Er bekundet ein so großes Interesse für dich, daß es mir
nachgerade absonderlich vorkommt. Mary und ich haben uns schon
eingebildet, er trage sich gar mit dem Gedanken, dich zu heiraten.
,Das tut er auch, antwortete ich. ,Er hat mich zum Weibe
begehrt.
Diana klatschte in die Hände.
,So ist es, wie wir hofften. Und du wirst ihn heiraten, nicht
wahr? Dann muß er ja in England bleiben.
,Nein, Diana, er will nur heiraten, um eine Gehilfin für seine
Arbeit in Indien zu haben.
,Was? Du sollst mit nach Indien? Das ist ja Wahnwitz! Du
würdest es dort keine drei Monate aushalten. Das darfst du auf
keinen Fall tun. Du hast doch nicht etwa eingewilligt?
,Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten. Aber ich habe mich
erboten, als seine Schwester mit ihm zu gehen,'
,Wie töricht von dir, Johanna! Du bist für solch eine Riesenarbeit viel zu zart. Daran gehen ja starke Männer zugrunde. Aber
freilich sieht man, du zwingst dich mit allen Kräften, das zu
vollbringen, was St. John von dir verlangt. Mich wundert nur,
daß du dich aufgerafft hast, seine Hand zurückzuweisen. Du liebst
ihn also nicht?
,Nicht, wie man einen Gatten lieben muß.
,Und doch ist er ein schöner Mann.
,Ja, und ich bin so häßlich. Wir würden schlecht zueinander
passen.
,Häßlich? Keineswegs. Du bist für Kalkutta überhaupt viel
zu hübsch. Nein, nein! schlag dir's nur aus dem Sinn, mit nach
Indien zu gehn!'
,Das muß ich in der Tat, Diana. Doch dort kommt er. Ich
möchte jetzt nicht mit ihm zusammentreffen.
Da ich St. John in den Garten treten sah, eilte ich die Treppe
hinauf. Doch beim Abendessen mußte ich ihm begegnen. Er benahm
sich bei dieser Mahlzeit so ruhig wie sonst. Ich hatte geglaubt, er
würde gar nicht mit mir sprechen und seinen Heiratsgedanken nicht
mehr zur Sprache bringen; aber ich sollte bald eines anderen belehrt werden. Er unterhielt sich mit mir und beobachtete die peinlichste Höflichkeit. Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen
Geistes angefleht im Kampfe gegen den Groll, den ich in ihm entfesselt hatte.
Zum Abendgebet las er uns das einundzwanzigste Kapitel der
Offenbarung Johannis vor. Ihm zuzuhören, wenn er mit seiner
vollen, tiefen Stimme die Worte der Bibel vorlas, war stets ein
Genuß. Heute Abend klang es noch feierlicher als sonst. Mich überlief ein frommer Schauer, als er die folgende Stelle vortrug:
,Wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werde sein
Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Den Verzagten und Ungläubigen und Greulichen und Totschlägern und Zauberern und Abgöttischen und allen Lügnern, deren Teil wird sein in dem Pfuhl,
der mit Feuer und Schwefel brennet, welches ist der andere Tod."
Von diesem Augenblick an wußte ich, daß St. John mich zu den
Verdammten zählte. Als er die Schlußworte des Kapitels las, hörte
man seine Zuversicht heraus, daß ihm der Einzug in die Stadt der
himmlischen Herrlichkeit vergönnt sein werde, während ich als eine
Heidin ausgeschlossen bleiben würde. Auf das Bibelkapitel ließ er
sein Gebet folgen, in das er all seine Energie hineinlegte, all seinen
starren Eifer. Er flehte um Kraft für die Schwachen, um Erleuchtung für die Blinden, um Rettung der verirrten Lämmer, um Rückkehr noch in der elften Stunde von allen Versuchungen des Fleisches.
Sein Ernst, seine Inbrunst versetzte mich zuerst in Staunen, dann in
Rührung. zuletzt in Furcht. Die Aufrichtigkeit seines Flehens riß
uns alle mit sich fort.
Als er zu Ende war, nahmen wir Abschied von ihm, denn er
wollte am folgenden Morgen zu früher Stunde abreisen. Diana und
Mary gingen-- ich glaube, infolge eines Winkes, den er ihnen
gab -- hinaus und ließen mich mit ihm allein. Ich reichte ihm die
Hand und wünschte ihm glückliche Reise.
Haben Sie Dank, Johanna, antwortete er. ,Wenn ich dem
menschlichen Stolz Gehör schenkte, so würde ich kein Wort mehr von
einer Heirat mit Ihnen sprechen; aber ich muß meine Pflicht befolgen, alle Dinge zur Ehre Gottes zu tun. Ich kann Sie nicht der
ewigen Verdammnis anheimfallen lassen. Bereuen Sie, raffen Sie
sich auf, solange es noch Zeit ist. Wir wollen wirken, solange es Tag
ist. Wachet und betet, denn Ihr wißt weder die Zeit noch die Stunde!"
Bei diesen Worten legte er mir die Hand aufs Haupt. Er hatte
in ernstem, sanftem Tone gesprochen. Er sah mich nicht an, wie ein
Liebender die Geliebte ansieht, sondern wie ein Hirt, der ein von der
Herde verlaufenes Lamm nach Hause trägt. Da überkam mich eine
seltsame Schwäche, die Lust wandelte mich an, mich vom Strome
seines Willens fortreißen zu lassen. Und doch war es Torheit!
Ich hatte mich von ihm in die Enge treiben lassen, wie einst von
einem andern. Wenn ich damals jenem andern nachgegeben hätte,
wäre es ein Verbrechen gegen die Moral gewesen; wenn ich jetzt St.
John nachgegeben hätte, wäre es ein Vergehen gegen die gesunde
Vernunft gewesen. So denke ich heute; in jener Stunde aber war
mir die Erkenntnis genommen.
Ich befand mich unter dem Bann eines Zauberers. Alle Weigerung war vergessen, aller Widerstand gebrochen. Das Unmögliche - die Heirat mit St. John - erschien mir als möglich, ja als
notwendig. Gott befahl, mein eigenes Dasein dünkte mich ein
Nichts. Wie Del die Wogen des wilden Meere, so hatte St.
Johns große Milde und Güte allen Sturm meines Herzens geglättet;
seine Sanftmut machte mich schwach wie ein Rohr. Und doch wußte
ich selbst in diesem Moment noch, daß er mich - auch wenn ich nachgab - meinen früheren Widerstand eines Tages schwer würde büßen
lassen.
,Sind Sie nun willens? fragte er leise.
,Ich wäre willens, war meine Antwort, ,wenn ich die Gewißheit hätte, es ist Gottes Wille, daß ich Sie heirate. Dann würde ich
hier und jetzt den Eid darauf leisten, möge später geschehen, was
da wolle!"
,Mein Gebet hat Erhörung gefunden!r rief St. John. Er legte
beide Hände fest auf meinen Kopf, als nähme er Besitz von mir.
,O, Gott im Himmel rief ich in meiner Not, ,gib mir einen
Fingerzeig! Weise mir den Weg, den ich gehen soll!"
Denn mich erfüllte eine heiße Sehnsucht, das Rechte zu tun.
Ich war so erregt, wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ob nun
das, was jetzt geschah, eine Wirkung meiner Erregtheit war oder
auf andern Ursprung zurückzuführen ist, weiß ich nicht zu beurteilen.
Im ganzen Hause herrschte tiefe Stille; außer mir und St. John
schlief alles. Die Kerze auf dem Tisch erlosch; nur noch der Mond
erleuchtete das Zimmer. Mein Herz schlug so laut, daß ich jeden
Pulsschlag hören konnte.
Und plötzlich stand mein Herz still. Ein unbeschreibliches Gefühl durchzuckte mich jäh von Kopf bis zu Füßen, wie ein elektrischer
Schlag, scharf, blitzschnell und beängstigend. Dann stand ich wie erstarrt da und lauschte voll banger Erwartung und wußte nicht,
worauf. Jeder Nerv zitterte in mir.
Ich sah nichts; aber ich hörte eine Stimme, die rief: ,Johanna!
Johanna! Johanna!
Ich schrie laut auf: ,O, Gott! was ist das?
Die Stimme, die ich so deutlich hörte, erklang gleichwohl nicht ;
im Zimmer, nicht im Hause, nicht im Garten, sie kam auch nicht aus
der Luft, nicht aus der Erde herauf, nicht vom Himmel herab. Ich
hatte sie nur vernommen -- wie, wo, woher, das konnte ich nicht
sagen. Und es war die Stimme eines Menschen; eine vertraute,
geliebte, nie vergessene Stimme: die Stimme Eduard Fairfax Rochesters. Sie schrie in wildem Schmerz und tiefem Jammer.
,Ich komme! ich komme!’ rief ich. ,Warte auf mich!"
Ich stürzte in den Garten hinaus - es war niemand da.
,Wo bist du? rief ich.
Meine eigenen Worte klangen nur als mattes Echo von den
Hügeln zurück. Der Wind seufzte in den Binsen. Nichts war um
mich her als einsames Moorland und mitternächtliche Stille.
,Das ist kein Gaukelspiel, kein Spuk!" rief ich aus. ,Es war
ein Wunder - ein Wunder, das alles entscheidet.
Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war. Jetzt
war der Bann gelöst; der Eiferer hatte keine Gewalt mehr über mich.
,Fragen Sie mich nach nichts, rief ich. ,Sagen Sie nichts!
Verlassen Sie mich, ich muß allein sein.
Ich ging auf mein Zimmer und schloß mich ein. Ich betete -
anders als St. John, aber doch auch wirkungsvoll. Meine Seele
strömte von Dankbarkeit über. Dann legte ich mich schlafen, neue
Hoffnung im Herzen. In heißer Sehnsucht erwartete ich den Tag.
Das Ende von Thornfield-Hall.
Beim Morgengrauen stand ich auf und packte meine Sachen zu
der Reise, die nun für mich notwendig geworden war. Ich hörte
St. John sein Zimmer verlassen. Als er an meiner Tür vorüberging, trat er nicht ein, wie ich fürchtete, sondern schob durch die Spalte
nur einen Streifen Papier herein. Ich hob ihn auf und las folgende Worte:
,Sie gingen gestern abend sehr plötzlich von mir. Wären Sie
noch ein kleines Weilchen geblieben, so hätte ich Ihnen das Krenz
des Christen in die Hand drücken können. Der Geist war willig,
aber das Fleisch blieb schwach. Ich werde stündlich für Sie beten!
Der Ihre
St. John.
Wir hatten den 1 Juni, aber es war ein kalter, bewölkter Morgen. Ich trat ans Fenster und sah St. John durch den Garten
gehen. Er schritt nach Whitecroß zu, wo er den Postwagen zu erwarten hatte. Diana und Mary waren auf St. Johns ausdrückliches Geheiß hin, nachdem sie schon am Abend vorher feierlich und
innig von ihm Abschied genommen hatten, nicht zum Vorschein gekommen. Ich sah sie erst zum Frühstück und teilte ihnen nun mit,
daß ich verreisen wolle und mindestens vier Tage wegbleiben würde.
,Allein, Johanna? fragten sie.
aJa, ich muß mich über jemand erkundigen, um den ich mich
schon lange sorge.
Sie enthielten sich jeder Bemerkung, nur Diana fragte, ob ich
mich zu einer Reise auch wohl genug fühle; ich sähe seit einiger Zeit
leidend aus. Ich beruhigte sie über diesen Punkt und beendete mit
ihrer Hilfe rasch die wenigen Vorbereitungen, die ich zu treffen hatte.
Um drei Uhr nachmittags verließ ich Moor-Haus, und um vier Uhr
stand ich an dem Wegweiser von Whitecroß, auf die Postkutsche wartend. Ich dachte an die Zeit zurück, wo ich aus demselben Wagen
lebensmüde, hoffnungslos und bettelarm ausgestiegen war.
Die Reise dauerte sechsunddreißig Stunden. Am Dienstag-
nachmittag war ich von Whitecroß abgefahren, und am Donnerstagmorgen stieg ich an dem Gasthofe, der als Poststation diente und wo
die Pferde gewechselt wurden, aus. Ich sah mich um, und die bekannte Landschaft erschien mir wie ein liebes, trautes Angesicht, in
das ich seit langer Zeit wieder einmal blickte. Ich gab mein Gepäck dem Hausknecht und bezahlte den Postschaffner, dem ich diesmal
nicht mein ganzes Vermögen zu opfern brauchte.
Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf das
Wirtshausschild; die Inschrift lautete: ,Zum Wappen des Hauses
Rochester. Mein Herz klopfte laut. Ich stand also schon auf dem
Grund und Boden meines geliebten Herrn.
,Wie weit ist es noch bis Thornfield
,Vier Kilometer, meine Dame, wenn Sie gerade über die Felder
gehen.
Ich wollte mich sofort auf den Weg machen, da kam mir zum
erstenmal der Gedanke: ,Ja, was denn aber, wenn er gar nicht in
Thornfield ist? wenn er auf dem Festlande herumirrt? Und selbst
wenn er hier ist wer wird außer ihm noch hier sein? Seine wahnsinnige Gattin!"
Ich dachte daran, die Leute in der Schenke zu fragen, aber ich
fürchtete mich vor einer Antwort, die mich vielleicht zur Verzweiflung
treiben würde. Kurz entschlossen, schritt ich feldein. Ich ging rasch
vorwärts, und bald tauchten die Bäume des Parks am Horizont auf.
Eine seltsame Wonne durchrieselte mich. Ich eilte weiter. Noch ein
Feld war zu überschreiten, dann sah ich schon die Mauern des Hofs,
die Wirtschaftsgebäude. Das Haus selbst lag noch hinter dem hohen
Baume mit dem Krähenhorst.
Die Mauer des Obstgartens lag nun vor mir. Ich ging um
ein Ecke herum und stand vor einem wohlbekannten Tor, hinter
dessen Pfeilern hervor ich ungestört die ganze Front des Herrscherhauses betrachten konnte.
Was sah ich nun? An Stelle des prachtvollen Herrenhauses
eine Ruine, einen Trümmerhaufen mit Resten rauchgeschwärzter
Mauern!
Im selben Augenblick fiel mir auch der Traum ein, den ich einmal in Thornfield gehabt. Genau so hatte da das Haus ausgesehen:
geborstene Wände, leere Fensterhöhlen, kein Dach, keine Zinnen,
keine Schornsteine! Und überall herrschte die Stille des Todes, die
unheimliche Ruhe völliger Verwüstung. Kein Wunder, daß auf
Briefe, die hierher gerichtet wurden, keine Antwort kam. Ebensogut
hätte man Episteln in ein Grabgewölbe schicken können. Thornfield-Hall war durch eine Feuersbrunst vernichtet worden. Wie aber war
das gekommen? Wie war es abgelaufen? Waren Menschen dabei
ums Leben gekommen? Und wer? wer? Mit Schaudern dachte
ich an jene Nacht zurück, wo ich Herrn Rochester vom Feuertode errettet hatte! War ihm auch diesmal ein Retter nahe gewesen? fragte
ich mich.
Ich wanderte zwischen den Trümmern umher und erkannte, daß
der Brand schon vor längerer Zeit geschehen war. In den geborstenen Torbogen mußte schon der Schnee eines Winters gelegen
haben, und zwischen einem Gewirr von zertrümmertem Hausrat
keimte schon Gras und Unkraut. Wo hatte inzwischen der unglückliche Besitzer geweilt? War er noch am Leben? Oder lag er in der
Familiengruft in der Ruhe des engen Marmorhauses?
Hier war niemand, der mir auf diese Frage Antwort geben
konnte. Und dennoch mußte ich Antwort haben. Ich kehrte in das
Wirtshaus zurück, bestellte Frühstück und rief den Wirt heran.
,Sie kennen doch Thornfield-Hall? fragte ich.
,Selbstverständlich,' war die Antwort, ,bin ja selbst mal dort
in Dienst gewesen.
,Doch nicht zu meiner Zeit? dachte ich, ,denn mir bist du
fremd.
,Ich war ja Kellermeister des verstorbenen Herrn Rochester,
setze der Wirt hinzu.
,Des verstorbenen! Diese Worte trafen mich wie ein Schlag.
,Ist denn Herr Rochester tot? stieß ich mühsam hervor.
,Ach, ich meine doch den Vater des jetzigen Herrn Eduard
Rochester.
Ich atmete auf - ich lebte auf. Herr Eduard Rochester,
mein Herr Rochester war also nicht tot. Mir war, als könnte ich
alles ruhig mitzuhören, was nun folgen mochte, wie furchtbar auch
die weiteren Enthüllungen lauteten.
,Sie sind wohl fremd hier, erzählte der Wirt, ,Sonst hätten
Sie doch hören müssen, was im vergangenen Herbst passiert ist. Zur
Erntezeit brach Feuer aus in Thornfield-Hall, und es ist ganz
niedergebrannt. Schrecklich, wissen Sie! Was da alles mitverbrannt ist! Soviel wertvolle Sachen! Nichts hat man retten
können. Es ging mitten in der Nacht los, und als die Feuerwehr
von Milcote erschien, war es zu spät. Das ganze Haus stand
schon in hellen Flammen. Grauenhaft, sage ich Ihnen. Ich hab's
selbst mitangesehen. Mitten in der Nacht, denken Sie sich doch!
,Mithin in der Nacht!" dachte ich. Ja, ich wußte ja, die Mitternacht war eine verhängnisvolle Stunde für Thornfield. ,Weiß man,
wie es entstanden ist?' fragte ich laut.
,Man hatte gewisse Vermutungen, und es ist ja wohl auch über
allen Zweifel festgestellt worden. Wissen Sie, sagte er leise und
rückte mit seinem Stuhl näher, ,da war nämlich eine Dame im
Hause - eine Verrückte. Sie wurde sehr streng bewacht, und niemand bekam sie zu sehen. Ja man wußte viele Jahre gar nichts von
ihrem Vorhandensein. Wer oder was sie sei, das konnte kein Mensch
sagen. Man munkelte, Herr Eduard hätte sie aus der Fremde mitgebracht. Na, kurz und gut, vor etwa einem Jahre passierte etwas
sehr Sonderbares.
Ich fürchtete, er würde meine eigene Geschichte erzählen, und
versuchte, ihn zur Hauptsache zurückzubringen.
,Und diese geheimnisvolle Frau? fragte ich.
,Es stellte sich heraus, daß sie Herrn Rochesters Gemahlin war.
Und zwar auf schnurrige Weise kam das ans Tageslicht. Da war
nämlich ein junges Mädchen in Thornfield - die Gouvernante der
kleinen Adele -
,Aber das Feuer unterbrach ich ihn.
,Ich komme gleich darauf, meine Dame. In diese Gouvernante
verliebte sich Herr Rochester, und zwar bis über die Ohren, wie ich
mir habe sagen lassen. Er hat sie nicht mehr aus den Augen gelassen.
Wer weiß, was er an ihr fand. Außer ihm hat wohl niemand sie hübsch
gefunden. Klein, unscheinbar und noch wie ein Kind, hab' ich mir
sagen lassen. Herr Rochester war etwa vierzig, und die Gouvernante noch nicht zwanzig. Na und wenn ein Mann so um die vierzig rum sich noch mal in ein junges Ding verliebt, dann tut er's
gleich ordentlich. Kurz und gut, er wollte sie heiraten.
,Ich möchte doch aber nur von der Feuersbrunst hören - und
von der irrsinnigen Frau ' fiel ich ihm ins Wort.
,Das hängt eben alles damit zusammen, meine Dame. Die
Irrsinnige hatte eine Wärterin, eine gewisse Grace Poole, und die
trank gern ein bißchen über den Durst. Man kann es ihr nicht verdenken, denn sie hatte einen schweren Posten, und es muß wohl ein
hartes Stück Arbeit sein, tagaus, tagein immer bloß mit so ner
Verrückten zusammenzusein. Na, wenn nun Frau Poole berauscht
war und einschlief, dann entschlüpfte ihr die Verrückte, wanderte im
Hause herum und richtete allerlei Unheil an. Schon einmal soll sie
versucht haben, Herrn Rochesters Bett anzuzünden, aber ich weiß
nicht, ob das wahr ist. An dem Abend jedoch, von dem ich hier erzähle, steckte sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer an, das neben dem
ihren lag, und dann ging sie in das Zimmer der Gouvernante und
steckte das Bett in Brand. Aber zum Glück schlief niemand mehr
drin, denn das Fräulein war vor zwei Monaten davongelaufen.
Herr Rochester ließ Nachforschungen anstellen und suchte sie wie einen
verlorenen Edelstein, aber man konnte nichts über sie erfahren. Der
gnädige Herr wurde selber halb verrückt, als sie fort war. Er schickte
Frau Fairfax, die alte treue Haushälterin, zu Verwandten, schickte
die kleine Adele in ein Institut, und wollte ganz allein sein. Mit
keinem Menschen hielt er Umgang. Er lebte wie ein Einsiedler.
,So ist er nicht ins Ausland gegangen?
,Ins Ausland? Du meine Güte! Kaum in seinen eigenen
Park, und wenn, dann höchstens in finstrer Nacht, wie ein Geist.
Ach, ich glaube, er ist behext worden. Denn er war so lustig, so unternehmend, so leutselig, ehe dieses kleine Ding von Gouvernante ihm
in den Weg kam. Er hat nie gespielt, nie getrunken und nie auf
Pferde gewettet. Hübsch war er ja freilich nie, aber energisch und
couragiert. Ich kannte ihn schon als kleinen Jungen. D, ich habe
manchmal gewünscht, Fräulein Eyre wäre im tiefsten Meer ertrunken, statt nach Thornfield zu kommen!"
,Er war also zu Hause, als das Feuer ausbrach?
, Und ob! Er ist ja noch in die Dachkammer hinaufgerannt, als
unten schon alles brannte. Er hat die Dienerschaft aus den Betten
geholt, und dann lief er noch einmal zurück, um seine wahnsinnige
Frau zu retten. Sie lief dort oben zwischen den Zinnen umher
und schrie, daß man es meilenweit hörte. Ich hab's mit eigenen
Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Sie war groß und
dick, und ihr langes, schwarzes Haar flatterte im Winde. Die Flammen schlugen an ihr empor. Wir sahen nun auch ihn durch das
Oberlicht hinaufsteigen und sich ihr nähern. Doch als er sie anrief,
stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und stürzte sich herab. Zerschmettert lag sie auf der Terrasse.
,Tot wie die Steine.
,Großer Gott!"
,Na, und dann ist eben das Haus vollends runtergebrannt.
,Hat sonst noch jemand das Leben verloren?
,Nein! Doch für Herrn Rochester wäre es vielleicht besser gewesen, er hätte dies nicht überlebt. Der arme Mann! Manche
sagen, es sei die Strafe des Himmels, weil er seine erste Ehe geheim gehalten und eine zweite habe schließen wollen. Aber mir tut er
doch furchtbar leid.
,Aber Sie sagten doch, er lebt. Sie sagten doch, er sei in
England.
,Freilich ist er hier. Er kann ja auch gar nicht fort, selbst wenn
er möchte.
,Was ist ihm denn geschehen?
,Er ist erblindet.
Ich hatte Schlimmeres erwartet. Ich hatte gefürchtet, er habe
den Verstand verloren. Nun fragte ich, wie das Unglück geschehen sei.
,Als er vom Dache zurückkehrte, brach mit furchtbarem Krach
das Treppenhaus zusammen. Schwerverletzt zog man ihn unter
den Trümmern hervor. Ein Balken war so gestürzt, daß er den
unglücklichen Herrn im Fall vor der Last der Gesteinsmassen geschützt
hatte. Doch ein Auge war ihm ausgeschlagen worden, und das andere
war von Rauch, Staub und Splittern so sehr beschädigt worden, daß
er auch darauf die Sehkraft verloren hat. Eine Hand war so zerquetscht, daß der Wundarzt Carter sie ihm gleich amputieren mußte;
Und nun ist er ganz hilflos ein Blinder, ein Krüppel.
,Wo hält er sich auf?
,In seiner Besitzung Ferndean, dreißig Meilen von hier."
,Wer ist bei ihm.
,Sein Kutscher John mit seiner Frau. Er duldet sonst niemand um sich.
,Haben Sie einen Wagen?
,Sogar eine sehr schöne Kalesche, meine Dame.
,Lassen Sie gleich anspannen, und wenn Ihr Stallknecht mich
heute noch nach Ferndean fährt, so zahle ich ihm und Ihnen doppeltes
Fahrgeld.
Kapitel.
Wiedergefunden.
Das Herrenhaus von Ferndean lag mitten im Walde. Ich hatte
oft davon sprechen hören, und Herr Rochester war manchmal hinübergefahren. Sein Vater hatte die Besitzung als Jagdhaus gekauft.
Später hätte er das Haus gern vermietet, aber da es in ungesunder
Gegend lag, fand sich kein Pächter. Daher blieb Ferndean unmöbliert
und unbewohnt, bis auf zwei Zimmer, die für den Eigentümer in
Bereitschaft gehalten wurden. Ich kam am Abend eines unfreundlichen Tages dort an. Selbst wenn man unmittelbar vor dem Hause
stand, so sah man es vor dichten Bäumen noch nicht. Ein eisernes
Tor zwischen zwei Granitpfeilern wies mir den Eingang. Dahinter
lag eine Allee, über der sich das schwere Laub der Bäume zum Bogen
zusammenschloß. Ich folgte einem von Gras überwucherten Pfade,
aber er schien nicht zum Hause zu führen, sondern verlor sich tiefer
und tiefer in dem einem Urwalde ähnlichen Park.
Ich glaubte, ich hätte mich nach der falschen Seite gewandt und
den Weg verfehlt. Es wurde mit jeder Minute finsterer. Ich sah
mich nach einem andern Wege um, aber es gab weiter keinen.
Ich ging weiter. Endlich wurde der Pfad breiter. Die Bäume
standen nicht mehr so dicht. Ich kam an ein Gitter, hinter dem ich,
ganz versteckt und kaum sichtbar, ein altes Haus erblickte. Ich trat
durch das Tor und befand mich nun auf einer halbkreisförmigen
Waldlichtung; ein breiter Kiesweg führte rings um diese herum, ein
anderer Weg gerade auf das Haus zu. Es war still wie in einer
Kirche, trostlos, finster, fast unheimlich.
,Können hier Menschen wohnen? fragte ich mich.
Da wurde die Haustür geöffnet eine Gestalt erschien - ein
Mann ohne Hut er streckte die Hand aus, um den Regen zu fühlen.
Obwohl es finster war, hatte ich Herrn Rochester erkannt. Ich hielt
den Atem an, blieb stehen und beobachtete ihn. Es wurde mir
schwer, keinen Aufschrei zu tun; ich fühlte mich versucht, zu ihm
zu eilen.
Er ging noch so aufrecht wie früher und sah noch ebenso kraftvoll aus. Seine Züge hatten sich nicht verändert. Das eine Jahr
des Leidens hatte seinem edeln Mannesmut nichts anhaben können.
Aber der Ausdruck seines Gesichts war düster, verzweifelt. Er sah
aus wie ein gefesseltes Tier.
Er stieg die Steinstufen herab und kam auf die Lichtung zu-
Den kühnen, raschen Schritt seiner früheren Tage hatte er nicht
mehr. Dann blieb er stehen, unschlüssig, nach welcher Seite er sich
wenden solle. Er hob die Hand, öffnete die Augenlider und sah zum
Himmel auf und dann nach dem Walde doch für ihn war ja alles
Finsternis. Er reckte den rechten Arm vor sich hin (den verstümmelten trug er in der Tasche als wenn er durch Berührung seine nächste
Umgebung erkennen wollte. Doch auch hier fand er nur leere Luft.
Da gab er seine Bemühung auf, kreuzte die Arme und stand nun
regungslos und stumm im Regen, der unablässig auf seinen unbedeckten Kopf fiel.
John, der Kutscher, den ich zuvor nicht bemerkt hatte, trat an
ihn heran.
,Gnädiger Herr, nehmen Sie meinen Arm, es wird gleich stark
gießen. Gehen Sie lieber ins Haus.
,Laß mich in Ruhe, war die Antwort.
John ging, ohne mich zu sehen. Herr Rochester versuchte zu
gehen, aber es gelang ihm nicht. Er war zu unsicher. Er tastete sich
nach dem Hause zurück, ging hinein und schloß die Tür hinter sich.
Jetzt klopfte ich an. Johns Frau machte mir auf.
,Marie, sagte ich, .wie geht es Ihnen?
Sie erschrak, als hätte sie ein Gespenst erblickt. ,Sind Sie es
wirklich? rief sie. , Zu solcher Stunde?
Ich folgte ihr in die Küche, wo John am Feuer saß.
In kurzen Worten sagte ich ihnen, daß ich über alles, was seit
meinem Weggang von Thornfield geschehen, unterrichtet sei. Ich
bat John, zum Schlagbaumwärter zu gehen, bei dem ich meinen
Koffer zurückgelassen hatte, legte Hut und Tuch ab und fragte Marie,
ob sie mir diese Nacht Quartier geben könne. Es machte Schwierigkeiten, weil man in Ferndean auf keinen Besuch eingerichtet war,
aber es ließ sich schließlich einrichten. Als wir uns darüber verständigt hatten, erklang die Glocke des Wohnzimmers.
,Wenn Sie hineingehen, Marie, so sagen Sie dem Herrn, es
sei jemand da, der mit ihm zu sprechen wünsche. Nennen Sie aber
meinen Namen nicht.
,Ich glaube nicht, daß er Sie vorlassen wird,r meinte sie.
Als sie zurückkehrte, sagte sie: ,Er läßt fragen, wer Sie seien
und was Sie wollten. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser und
stellte es auf ein Tablett neben zwei brennenden Kerzen.
,Hat er danach verlangt?' fragte ich.
,Ja. Kerzen läßt er sich stets bringen, wenn's finster wird, obwohl er blind ist.
,Geben Sie mir das Tablett, ich will es hineintragen.'
Ich nahm es ihr aus der Hand und ließ mir die Tür des Wohnzimmers zeigen. Das Tablett zitterte in meiner Hand, und ich verschüttete von dem Wasser. Mein Herz klopfte zum Zerspringen.
Marie machte mir die Tür auf und schloß sie wieder.
Es sah düster aus in dem Zimmer. Am Kamin, über das
Feuer gebeugt, stand der Besitzer von Ferndean. Sein alter Hund,
Pilot, lag vor ihm. Das Tier spitzte die Ohren, als ich eintrat,
sprang empor, stürzte auf mich zu, beschnüffelte mich und sprang an
mir in die Höhe, so daß er mir fast das Tablett aus der Hand gestoßen hätte.
Ich stellte es auf den Tisch, streichelte den Hund und sagte leise:
‘leg dich, Pilot!" Herr Rochester drehte sich um. Da er aber nichts
sehen konnte, wandte er den Kopf wieder ab und seufzte laut:
,Her mit dem Wasser, Marie, befahl er.
Ich trat mit dem nur noch halb gefüllten Glase zu ihm. Pilot
folgte mir, mit dem Schweife wedelnd.
,Was ist denn das? murmelte er.
‘Leg dich, Pilot!' sagte ich noch einmal und jetzt lauter. Er
wollte eben das Glas an den Mund seen und hielt inne. Er schien
zu lauschen, dann aber trank er und setzte das Glas hin.
,Du bist es doch, nicht wahr, Marie?
,Marie ist in der Küche,' antwortete ich.
,Wer spricht da? rief er aus und öffnete die Lider der armen
blinden Augen, als versuchte er zu sehen.
,Wollen Sie noch mehr Wasser, Herr Rochester? Ich habe die
Hälfte verschüttet," sagte ich.
,Wer ist das? Wer spricht da? rief er wieder,
,Pilot hat mich erkannt - John und Marie wissen, daß ich
da bin ich kam vor einer halben Stunde erst an.
,Mein Gott! Ist das Trug, ist das Wahnsinn?
,Keins von beiden.
,Und wo ist die, die da spricht? Oder ist es nur eine Stimme?
O, sehen kann ich nicht, aber fühlen muß ich, sonst bricht mir das
Herz. Wer du auch sein magst, berühre mich, oder es ist mein Tod.
Ich faßte seine tastende Hand und umschloß sie mit der meinen.
,Das sind ihre kleinen feinen Finger, sagte er. ,So ist auch
mehr von ihr da.
Er ergriff meinen Arm, meine Schulter, meinen Hals, meinen
Leib. Er zog mich an sich und hielt mich umschlungen.
,Ist es Johanna? Oder was sonst? Ihre Gestalt ist's ihre
Größe auch -
,Und auch ihre Stimme, setzte ich hinzu. ,Sie ist hier, ganz
und gar, mit Leib und Herzen. D, Gott segne Sie, mein gütiger
Herr! Ich bin glücklich, noch einmal bei Ihnen zu sein!"
,Johanna Eyre, Johanna Eyre!’ Das war alles, was er sagen
konnte.
,Mein teurer Herr, ja, ich bin's; ich habe Sie wiedergefunden.
,Mein Liebling! Und leibhaftig! Ich kann's nicht glauben,
daß mir nach all dem Elend noch soviel Glück beschert sein soll
o, ich erwachte stets aus diesen Träumen und sah, es war bittere
Täuschung gewesen. Du sanfter, süßer Traum, der du mir jetzt im
Arm ruhst, auch du wirst mich wieder verlassen.
,Ich werde Sie nun und nimmer verlassen, Herr Rochester!"
,Küsse mich, Johanna, meine geliebte Johanna!"
,Ja, Herr Rochester, einmal - und noch einmal!"
Ich preßte die Lippen auf die armen lichtlosen Augen, die einst
so gestrahlt hatten - ich strich ihm das Haar aus der Stirn und
küßte auch diese.
,Und es ist wirklich Johanna? So bist du nicht gestorben, nicht
elend umgekommen, nicht verstoßen und unglücklich unter fremden
Menschen? -
,Nein, Herr Rochester, ich bin jetzt vielmehr völlig unabhängig.
Mein Oheim auf Madeira ist gestorben und hat mir fünftausend
Pfund hinterlassen.
,Ah, das ist etwas Praktisches! Wir stehen auf dem Boden der
Wirklichkeit. Ich höre wieder den eigenartigen, pikanten Ton dieser
frischen, lebhaften Stimme. Wie wohl tut das meinem kranken
Herzen. Also reich bist du, Hannchen? Nun, dann wirst du gewiß
Freunde und Bekannte gefunden haben, die nicht dulden werden, daß
du dich ganz einem armen Blinden widmest.
,Ich bin meine eigene Herrin.
,Und willst bei mir bleiben?
,Gewiß, das heißt, wenn es Ihnen recht ist. Sie wohnen hier
sehr einsam und traurig; da leiste ich Ihnen Gesellschaft. Ich lese
Ihnen vor, gehe mit Ihnen spazieren, pflege und bediene Sie, ersetzte Ihnen Auge und Hand. Mein teurer Herr, schauen Sie nicht
mehr so traurig drein. Solange ich lebe, sollen Sie nie mehr einsam sein.'
Ja, ja. Du darfst nie wieder gehen, Johanna, antwortete er,
mich fester an sich pressend. ,Ich bedarf deiner. Meine Seele verlangt nach dir. Und dies Verlangen muß erfüllt werden, oder meine
kranke Seele nimmt furchtbare Rache an ihrer irdischen Hülle.
,Ich sagte Ihnen ja, daß ich bei Ihnen bleiben wolle.
aJa, aber wir verstehen beide etwas Verschiedenes unter diesem
Hierbleiben. Du bist vielleicht bereit, neben mir zu sitzen und mich
zu pflegen, als meine kleine Wärterin - und das sollte mir wohl
auch genügen, ich sollte jetzt wohl nur väterliche Empfindungen zu
dir hegen. Nicht wahr, das denkst du? Aber, Hannchen, dann
könntest du auch nicht auf immer meine Pflegerin bleiben du
bist noch jung - du wirst dich eines Tages verheiraten wollen -!
aDazu verspüre ich gar keine Lust.
,Das kommt aber schließlich doch einmal. Wenn ich noch so
aussähe wie früher, würde ich dir schon Lust machen, aber jetzt -
ein blinder Krüppel.
Er versank in trübes Sinnen.
,Vor allem muß man Sie ein bißchen menschlicher machen, Herr
Rochester, sagte ich und strich sein vernachlässigtes Haar glatt. ,Sie
verwandeln sich hier langsam in einen Löwen oder so etwas Aehnliches. Ihr Haar erinnert an Adlerfedern. Ob Ihre Nägel schon
gewachsen sind wie Vogelkrallen, habe ich noch nicht sehen können.
,An dem Arm hier habe ich weder Nägel noch Finger,' sagte er
und zog den verstümmelten Arm aus der Brust. ,Nur noch einen
Stumpf - sieht furchtbar aus, nicht wahr, mein kleines Hannchen?
,Nicht furchtbar, sondern traurig. Und traurig ist's auch, Ihre
Augen anzusehen - und die Narbe auf Ihrer Stirn. Das Allerschlimmste daran ist, man muß Sie um dieses Unglücks willen sehr
liebhaben und Sie verhätscheln.
,Ich glaubte, du würdest dich entsetzen, Johanna, wenn du
meinen Arm und mein entstelltes Gesicht sähest.
,Was fällt Ihnen ein! Doch muß ich gehen und vorerst mehr
Feuer machen. Können Sie es sehen, wenn es im Kamin hell auflodert
,Ja, mit dem rechten Auge sehe ich etwas wie einen rötlichen
Nebel."
,Sehen Sie auch die Kerzen?
,Ganz matt wie helle Wölkchen.
,Können Sie mich sehen?
,Nein, meine Elfe, aber ich bin schon dankbar, wenn ich dich
fühle und höre.
,Wann essen Sie zu abend?
,Ueberhaupt nicht mehr.
,Heute müssen Sie es tun - mir zuliebe, denn ich bin hungrig.
Ich rief Marie herbei, und wir bereiteten ein schmackhaftes
Nachtmahl. Während des Speisens unterhielt ich ihn gut und verkürzte ihm auch nachher mit Plaudern noch eine volle Stunde. Er
lächelte, und Freude thronte auf seiner Stirn. Sein finsteres Gesicht nahm einen weichen, milden Ausdruck an.
,Eine zauberhafte Stunde,'' sagte er, ,die ich jetzt mit dir verlebe. Kein Mensch kann sich vorstellen, was für ein düsteres, leeres,
trost- und hoffnungsloses Leben ich seit Monaten führe! Ich tat
nichts mehr. Ich merkte von Tag und Nacht nichts mehr; wohl
fühlte ich Kälte, wenn das Feuer erlosch, und Hunger, wenn ich zu
essen vergessen hatte - aber das einzig Dauernde war für mich ein
niemals endender Schmerz, ein manchmal bis zum Wahnsinn gesteigertes Verlangen, meine Johanna noch einmal wiederzusehen;
Ich sehnte mich nach ihr weit mehr als nach dem verlorenen Augenlicht, und nun ist sie bei mir und sagt mir, sie liebt mich! Wird sie
nicht ebenso plötzlich verschwinden, wie sie gekommen ist? Ich
fürchte, morgen ist sie nicht mehr da.
Ich fühlte, es sei das beste, auf diese Worte mit etwas ganz
Trivialem zu antworten.
,Haben Sie einen Taschenkamm, Herr Rochester? fragte ich.
.Wozu?
,Um diese schwarze Mähne auszukämmen. Wenn man sie genau
anschaut, könnte man sich ja vor Ihnen fürchten. Sie sagen, ich sei
eine Elfe - nun, ich finde, Sie sehen einem Waldschratt weit ähnlicher.
,Bin ich abschreckend häßlich, Johanna?
,Sehr häßlich, Herr Rochester. Aber Sie wissen ja, das waren
Sie immer schon.
,Nun, wo du auch gesteckt haben magst, deine Bosheit hast du
behalten. Wo warst du denn übrigens?
,Heute abend bringen Sie das nicht mehr aus mir heraus, Sie
müssen bis morgen warten. Wenn ich heute nichts erzähle, sind Sie
auch sicher, daß ich zum Frühstück wiederkomme. So! Jetzt habe ich
Sie ein wenig manierlich gemacht. Nun will ich Sie verlassen. Ich
bin zwei Tage im Postwagen gewesen und recht müde. Gute Nacht!
Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn unruhig von einem
Zimmer ins andere wandern. Sobald Marie sich sehen ließ, fragte
er sie: ,Ist Fräulein Eyre noch da? Welches Zimmer hast du ihr
gegeben? War auch alles in Ordnung? Geh und frage, ob es ihr
an etwas fehlt und wann sie herunterkommen will.
Ich ging hinunter, sobald ich das Frühstück zubereitet glaubte.
Ich trat leise ins Zimmer. Er saß in seinem Stuhl-- still,
doch innerlich nicht ruhig. Sein Antlitz erinnerte mich an eine gewaltsam ausgelöschte Lampe, die darauf wartet, wieder angezündet
zu werden.
Ich hatte mir vorgenommen, fröhlich und sorglos zu sein, aber
die Hilflosigkeit dieses kraftvollen Mannes ergriff mich aufs tiefste.
,Der Morgen ist sonnig und warm, sagte ich. ,Es regnet nicht
mehr. Wir wollen nach dem Frühstück zusammen spazieren gehen.
In seinem Antlitz leuchtete es auf.
,O, meine süße Lerchel' rief er, ,bist du noch da? Nicht fortgeflogen? Scheint die Sonne? Ach, wo du bist, Johanna, da ist
für mich immer Sonnenschein.
Die Tränen traten mir in die Augen, als er so seine Abhängigkeit eingestand.
Wir brachten den größten Teil des Morgens im Freien zu. Ich
führte ihn aus dem finstern Walde auf die sonnigen Felder. Ich beschrieb ihm, wie grün alles sei, wie die Blumen blühten, wie blau
der Himmel sei. An einem entlegenen Platze setzte er sich auf einen
Baumstumpf; ich ließ mich neben ihm nieder. Pilot lag neben uns.
Ringsum war tiefer Friede und heilige Stille.
Er schloß mich in die Arme und rief:
,Grausame Ausreißerin! D, Johanna, wie war mir zumute,
als ich entdeckte, daß du Thornfield verlassen hattest! Wie habe ich
dich gesucht! Und du hattest kein Geld mitgenommen und auch sonst
nichts, was dir an Geldesstatt hätte dienen können. Ein Perlenhalsband, das ich dir geschenkt hatte, lag unberührt im Etui, deine
Koffer standen alle verschnürt und verschlossen da. Was konnte mein
Liebling beginnen, fragte ich mich immer wieder, ohne Geld, aller
Mittel entblößt? Und was hast du denn nur angefangen? Laß es
mich jetzt wissen.
Nun erzählte ich ihm alles.
,Hättest nicht so gehen sollen!" rief er, als ich zu Ende war.
aHättest dich besser schützen müssen! Was hätte dir geschehen können
-- denke nur - so ohne jeden Pfennig. Und ich hätte dir gern mein
halbes Vermögen hingegeben, ohne einen Kuß als Belohnung zu verlangen. Gewiß hast du noch viel mehr gelitten, als du jetzt gebeichtet
hast. Dieser St. John ist also dein Vetter?
,Ja.
,Du hast viel von ihm erzählt. Hattest du ihn lieb?
,Er ist gut und nett.
,Was heißt das? Achtbar und ruhig, und fünfzig Jahre alt?
,O nein, erst neunundzwanzig.'
,Also noch jung. Klein, phlegmatisch und häßlich? Ein Mensch.
dessen Tugend eigentlich mehr darin besteht, daß er keine Laster hat?
,Er widmet sein ganzes Leben nur großen Taten.
,Also ist er ein gescheiter Mensch? Ein Mann von Bildung?
,Sehr gescheit und grundgelehrt.
,Aber seine Manieren, sagtest du wohl, sind nicht nach deinem
Geschmack- steifleinen und pastoral.
,Davon habe ich ja gar nicht gesprochen. Seine Manieren gefielen mir im Gegenteil sehr gut. Er ist ruhig und höflich.
,Und sein Aeußeres? Ein ungehobelter Landpfarrer mit weißer
Krawatte und plumpen Stiefeln?
,Er kleidet sich immer geschmackvoll und gut. Und dann ist er
wirklich schön, schlank, blaß, mit blauen Augen und einem echt griechischen Profil.
Ich merkte natürlich längst, daß die liebe Eifersucht meinen
guten Herrn Rochester plagte. Aber diese kleine Qual war gesund
für ihn, sie riß ihn aus seiner Melancholie heraus. Deshalb fuhr ich
auch fort, ihn noch ein Weilchen zu necken.
,Schön, schlank, bleich, blaue Augen, griechisches Profil,
brummte er.. ,Sehr gut gezeichnet. Du mußt ihn dir gut vergegenwärtigen können. Und wen hast du jet vor dir? Einen Vulkanus
-- einen wahren Grobschmied, braun, breitschulterig - obendrein
blind und verkrüppelt.
,Aehnlichkeit mit einem Vulkanus haben Sie allerdings, Herr
Rochester.
,Und diesen St. John hattest du also lieb, sprach Herr Rochester weiter. ,Er hat dir auch die Stelle in Morton verschafft -
den Posten als Lehrerin?
,Ja.
,Warst du oft mit ihm zusammen? Kam er viel in die Schule?
,Täglich.
,Hat er dich auch in deinem kleinen Häuschen aufgesucht?
,Dann und wann.
,Wie lange hast du denn nachher noch mit ihm und seinen
Schwestern zusammen gewohnt?
Fünf Monate.
,Verbrachte St. John viel Zeit in eurer Gesellschaft?
,Ja. Das Wohnzimmer war für uns alle, wir Frauen saßen
am Fenster und er am Tische.
,Studierte er viel?"
,Sehr viel."
,Was denn?
,Hindostanische Sprache.
,Und was tatest du dabei?
,Zuerst habe ich Deutsch gelernt.
,Hat er dir Unterricht gegeben?
,Deutsch konnte er nicht.
,Hat er dich gar nichts gelehrt?
,Doch. Hindostanisch.
,Hindostanisch? Auch seine Schwestern?
,Nein, nur mich allein.
,Hast du ihn darum gebeten?
,Nein.
,Also gab er dir aus eigenem Interesse Unterricht?
,Ja.
,Aber was sollte dir Hindostanisch nützen?
aIch sollte mit ihm nach Indien gehen.
,Ah, da haben wir's. Du solltest seine Frau werden?
,Ja, er hielt um meine Hand an.
,Du, das ist eine Lüge -- du willst mich bloß ärgern.
,Pardon, es ist die volle Wahrheit. Er hat mir mehr als einmal einen Heiratsantrag gemacht.
,So? so? Geh fort von mir. Warum sitzst du eigentlich neben
mir!
,Weil ich mich hier wohl fühle.
,Nein, du fühlst dich nicht wohl bei mir. Dein Herz weilt bei
Herrn Rivers, bei dem Manne mit den blauen Augen und dem
griechischen Profil. D, bisher habe ich immer noch geglaubt - selbst
nach deiner Flucht- du gehörtest nur mir allein. Das war noch
der einzige süße Tropfen in meinem bittern Leidenskelche. So viele
heiße Tränen ich auch um dich geweint habe, niemals habe ich geglaubt, du könnest einen andern lieben. Doch was nützt das Jammern? Geh nur und heirate deinen St. John.
,Ich denke ja gar nicht dran. Wenn Sie mich nicht fortjagen,
von selbst geh ich nicht.
,O, Johanna, wie gern höre ich deine Stimme! Sie erweckt
immer wieder Hoffnung- sie klingt so ehrlich - so wahr. Wenn
ich sie höre, denke ich, es sei noch alles, wie vor einem Jahre. Ich
vergesse, daß du inzwischen neue Bande angeknüpft hast. Doch ich
bin kein Tor - geh -
,Wohin denn?
,Geh deinen Weg mit dem Gatten, den du dir erwählt hast."
,Und wer wäre das?
,Du fragst noch? St. John Rivers.
,Der wird nie mein Gatte werden. Er liebt mich ja nicht -
und ich liebe ihn auch nicht. Er hat mich nur heiraten wollen, weil
ich nach seiner Meinung sehr gut zur Missionarsfrau tauge. Er ist
gut und edel, aber kalt wie ein Eisberg. Ich könnte an seiner Seite
nicht glücklich werden; er ist nicht wie Sie, Herr Rochester. Keine
Spur von Zärtlichkeit. Und an mir fand er auch nichts weiter -
nur einige tüchtige, brauchbare Eigenschaften -'
Unwillkürlich überlief es mich kalt, und ich schmiegte mich fester
an meinen geliebten blinden Herrn.
,Ist das wahr? So stehst du mit St. John?
,So und nicht anders. Sie haben keinen Grund zur Eifersucht.
Ich wollte Sie ja nur ein bißchen necken, damit Sie Ihre Traurigkeit
vergäßen. Aerger ist heilsam gegen Kummer. Ach, könnten Sie nur
sehen, wie grenzenlos meine Liebe zu Ihnen ist, Sie würden stolz
und zufrieden sein. Mein Herz, meine Seele gehören Ihnen ganz
allein."
Er küßte mich. Doch wieder trübten sich seine Züge.
.O, daß ich dich jetzt nicht sehen kann, daß ich das Augenlicht
verloren habe! murmelte er.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu beruhigen. Er wandte den Kopf
zur Seite, und ich sah eine Träne aus den geschlossenen Lidern hervorrinnen und über seine gebräunte Wange rollen. Mein Herz
klopfte laut und heftig.
,Ich bin ja nur noch ein vom Blitz zerschmetterter Baum,
sagte er nach längerem Schweigen. ,Wie soll der von einer blühenden
Waldrebe verlangen, daß sie seinen Stumpf mit frischem Grün bedecke?
,Sie sind kein toter Baumstumpf - kein vom Blitz zerschmetterter Stamm, Herr Rochester, antwortete ich. ,Sie sind noch grün
und stark. Und wer sich an Sie lehnt und Sie umschlingt, dem werden
Sie noch festen Halt geben.
Er lächelte. Meine Worte waren ihm ein Trost.
Dennoch antwortete er in schwermütigem Tone:
,Aber wer soll sich an mich lehnen? Wer mich umschlingen?
Was ich brauche, ist eine Gattin.
,Wirklich, Herr Rochester?
,Ueberrascht dich das?
,Gewiß. Sie haben bisher noch nichts davon gesagt.
,Ist es dir unangenehm?
,Das hängt doch nur von der Wahl ab, die Sie treffen werden.
,Wählen sollst du für mich. Von deinem Entschluß will ich
mein Heil erwarten.
,So wählen Sie die, Herr Rochester, die Sie am meisten liebt.
,Jedenfalls werde ich die wählen, die ich am meisten liebe.
Johanna, willst du meine Gattin werden?
,Ja."
,Du willst mich heiraten? Einen armen Blinden, den du an
der Hand führen mußt?
,Ja."
,Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist als du?
,Ja.
,Wirklich und wahrhaftig?
,Wirklich und wahrhaftig!"
,Mein Liebling! Gott segne und belohne dich!"
,Herr Rochester, für alle guten Taten so ich welche in meinem
Leben getan habe - für alle guten Gedanken, die ich gedacht haben
kann - für alle innigen Gebete, die ich je gebetet habe - werde
ich jetzt belohnt. Ihre Gattin zu werden ist für mich das größte
Glück, das mir auf dieser Welt widerfahren kann!
,Weil es dich glücklich macht, Opfer zu bringen.
,Opfer? was opfere ich denn? Hunger und Durst gegen Speise
und Trank - Sehnsucht gegen Erfüllung. Daß es mir vergönnt
ist, den geliebten Mann ans Herz zu drücken - heißt das ein
Opfer bringen?
,Aber meine Gebrechlichkeit? mein schwacher Zustand?
,Für mich ist es keine Gebrechlichkeit und keine Schwäche. jetzt,
wo ich Ihnen wirklich nützlich sein kann, liebe ich Sie noch weit
mehr- wenn dies möglich ist -- als früher, da Sie noch stolz
und unabhängig vor mir standen und jede andere Rolle als die
des Gebers und Beschützers verschmähten.
,Ja, ja. Bisher war es mir verhaßt, mich führen zu lassen -
das ist nun anders geworden. Es war mir schrecklich, die Hand in
die einer gemieteten Person zu legen, aber es ist eine Wohltat, wenn
Hannchens feine Finger sie umschließen. Ich wollte lieber in völliger
Einsamkeit leben, als immer von Dienstboten umgeben sein; aber
Hannchens sanfte, geduldige Pflege wird eine immerwährende Freude
für mich sein. Hannchen ist mir sympathisch. Bin ich es dir auch?
,Bis in die zarteste Regung meines Wesens.
,Dann brauchen wir auf nichts mehr zu warten und können
gleich heiraten. Es darf kein Aufschub mehr sein. In drei Tagen
machen wir Hochzeit, Johanna. Du brauchst keine schönen Kleider
und Juwelen, das sehe ich ein. Alles das ist keinen Pfifferling
wert.
,Einstweilen aber wollen wir nach Hause gehen, es ist Mittagszeit, und Pilot macht sich schon allein auf den Heimweg. Wir wollen
durch den Wald gehen, dort ist es jetzt schattig.
Während wir gemächlich fürbaß schritten, hing er seinen Gedanken nach.
,Johanna, du hältst mich gewiß für einen ungläubigen Heiden;
aber in diesem Augenblick ist mein Herz voll Dankbarkeit gegen den
allmächtigen Gott. Er sieht klarer als wir Menschen, er urteilt
unendlich weiser als wir. Ich war im Unrecht. Ich wollte meine
reine Blume beflecken - da entriß der Allmächtige sie mir. In
meinem Grimm verwünschte ich diese Fügung. Ich trotte dem göttlichen Spruch, statt mich ihm zu unterwerfen. Aber Gottes Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Das Unglück warf mich fast darnieder,
der Tod sah mir ins Auge. Gott züchtigte mich, bis ich demütig ward.
Du weißt, wie stolz ich auf meine Kraft war. Was ist es nun damit?
Ohne die Hand eines andern bin ich nichts. Doch auch erst seit kurzem
erkannte ich Gottes Wort in meinem Zustande, erkannte ich mein
Unglück als gerechte Strafe. Nun fühlte ich Reue und wünschte mich
mit meinem Schöpfer auszusöhnen. Ich betete - nur kurz - doch
aufrichtig. Da - vor vier Tagen - am Abend des letzten Montags
--- ergriff mich eine seltsame Rührung. Die Wut wich von mir -
Schmerz und Kummer nahmen mich gefangen. Ich war seit langem
schon überzeugt, du müssest tot sein, da alles Suchen nach dir erfolglos
blieb. Spät an jenem Montagabend - es war zwischen elf und
zwölf Uhr wollte ich zur Ruhe gehen und betete vorher noch zu
Gott, mich bald von diesem Leben zu erlösen und mich in sein Reich
aufzunehmen, wo ich meine Johanna wiederzufinden hoffte. Ich saß
am offenen Fenster - die würzige, linde Nachtluft tat mir wohl.
Die Sterne konnte ich nicht erkennen, aber als einen Nebelfleck sah
ich den vollen Mond. O, Hannchen, ich sehnte mich nach dir. Ich
sehnte mich von ganzer Seele nach dir. Ich fragte Gott in Demut
und Angst, ob ich nicht lange genug einsam gewesen sei, ob ich nie
wieder Glück und Frieden finden solle, ob ich noch lange leiden müsse.
Und ich schrie zu ihm auf, daß ich es nicht mehr ertragen könne. Und
da brach plötzlich das A und O all meiner Qual und Sehnsucht von
meinen Lippen in dem einen lauten Schrei: ,Johanna! Johanna!
Johanna!
,Sie haben laut gerufen?
,Ja. Mit aller Gewalt meiner Stimme. Wenn es jemand
gehört hat, er muß mich für wahnsinnig gehalten haben.
,Und es war am vergangenen Montag - gegen Mitternacht?
aJa-- die Zeit hat nichts zu sagen - das Seltsamste war,
was danach nun geschah. Du hältst mich gewiß für abergläubisch -
nun ja, ich habe ein bißchen davon im Blute. Dennoch ist es wahr,
was ich jetzt erzähle. Als ich den Ruf: Johanna! Johanna! Johanna! getan hatte, antwortete eine Stimme, die ich kannte - doch
wußte ich nicht, von wannen sie kam. Der Wind trug mir die Worte
zu. ,Ich komme - warte auf mich! und gleich darauf erklang
es: ,Wo bist du? Es klang, als kämen die Worte aus einem
Tale, denn ein Berg schien sie widerzuhallen. Johanna, ich glaube,
in diesem Moment fanden unsere Seelen sich - unsere Seelen
tauschten Zwiesprache aus. Denn es war deine Stimme, Johanna,
so wahr ich lebe, es war deine Stimme.
Am Montag Abend - um die Mitternacht -- hatte auch ich
jenen seltsamen Ruf vernommen, auf den ich antwortete. Ich hörte
Herrn Rochesters Erzählung an, sagte aber nichts dazu. Das Zusammentreffen war mir zu unfaßbar, zu furchtbar, als daß ich darüber hätte sprechen können. Was hätte ich auch sagen sollen? Gs
hätte doch einen tiefen, schweren Eindruck auf das Gemüt meines
Zuhörers machen müssen; und sein Gemüt war nach allen seinen
Leiden schon an sich düster genug; es brauchte nicht noch der Schatten
darauf zu fallen, den das Uebernatürliche stets auf uns Menschen
wirft. Ich behielt mein Erlebnis für mich und sann allein darüber
nach.
,Nun wunderst du dich wohl auch nicht mehr, daß ich dich zuerst,
als ich dich wieder sprechen hörte, nur für eine Erscheinung, für ein
Gespenst hielt. Ich dachte, du würdest verschwinden, zerrinnen, wie
jenes mitternächtliche Flüstern und Bergesecho. Doch nun weiß ich
es besser und danke Gott von Herzen!"
Er nahm ehrerbietig den Hut vom Kopfe, senkte die Augen
und stand lange in stummer Andacht da. Nur die letzten Worte seines
Gebets sprach er laut:
,Und so danke ich dir, Gott, daß du in deiner Strafe Gnade
walten läßt. Gib mir Kraft, von nun an ein reineres, besseres Leben
zu führen als bisher
Dann gab er mir die Hand, daß ich ihn führe. Ich ergriff die
teure Hand und drückte sie an die Lippen. Wir schritten durch den
Wald - heimwärts.
28. Kapitel
Schluß.
Ich heiratete ihn. Wir hielten stille Hochzeit. Nur der Geistliche und der Küster waren anwesend. Als wir aus der Kirche zurückgekehrt waren, ging ich zu Marie, die in der Küche den Braten herrichtete. John putte die Messer.
,Marie,' sagte ich, ,ich bin eben mit dem gnädigen Herrn getraut worden.
Sie gehörten beide zu jener Sorte anständiger, schwerfälliger
Leute, denen man allzeit etwas Außergewöhnliches mitteilen kann,
ohne befürchten zu müssen, daß einem zuerst durch einen schrillen
Aufschrei das Trommelfell zerrissen und man nachher in einer Flut
von Worten des Erstaunens ertränkt würde. Marie sah auf und
starrte mich an. Der Braten wäre dabei fast angebrannt das war
das einzige Unglück, das meine Mitteilung hätte hervorrufen können.
John hielt im Polieren inne. Gleich darauf begoß Marie das Fleisch
wieder mit Butter und sagte nur:
,Ach, das ist aber hübsch.
Und nach einem Weilchen fügte sie hinzu:
,Ich sah wohl, daß Sie mit dem gnädigen Herrn ausgingen -
aber daß Sie zu einer Trauung gingen? Nein, das hätte ich mir
nicht träumen lassen.
Wieder zischte die Butter über den Braten hin.
John grinste mich vergnügt an.
,Ich hab's meiner Frau gleich gesagt, daß so was los wäre,
meinte er. ,Ich wußte, was Herr Eduard im Sinne hatte, und daß
er's nicht lange aufschieben würde. Na, es ist das Beste so, und ich
wünsche Ihnen viel Glück, Fräulein - oder vielmehr, gnädige
Frau - entschuldigen Sie!"
Dabei zupfte er ehrerbietig an seiner Stirnlocke.
‘Ich danke Ihnen, John. Und das hier hat mir Herr Rochester für Sie beide gegeben.
Daben drückte ich ihm ein Fünfpfundnote in die Hand.
Ich schrieb sogleich nach MoorHaus, benachrichtigte meine Verwandten von meiner Trauung und erklärte ihnen ausführlich die
Beweggründe, die mich dabei geleitet hatten. Diana und Mary
billigten meine Handlungsweise rückhaltlos, und die erstere schrieb,
sobald wir glücklich über den Honigmonat hinweg wären, wollten
sie uns besuchen.
Es wäre besser, sie warteten nicht so lange, sagte Herr Rochester. ,Denn der Honigmonat wird bei uns ewig währen.
Wie St. John, dem ich nach Indien schrieb, die Nachricht aufnahm, weiß ich nicht. Er antwortete mir erst nach einem halben
Jahre, erwähnte in seinem Briefe aber nichts von Herrn Rochester
und nichts von meiner Heirat. Er sprach die Hoffnung aus, daß
ich glücklich sei, und die Zuversicht, daß ich nicht zu jenen Menschen
gehöre, die im Wohlleben ihres Gottes vergäßen und in irdischen
Wonnen Genüge fänden.
Die kleine Adele nahm ich wieder nach Hause. Sie war in dem
Institut mager und' blaß geworden. Ihre Freude, mich wiederzusehen, rührte mich aufs tiefste. Aber da ich mich doch vollauf meinem
Gatten widmen mußte, konnte ich nicht mehr ihre Lehrerin sein und
mußte sie schließlich doch wieder in die Schule schicken; aber ich fand
eine, wo sie besser aufgehoben war als in der Pension, in der sie
bisher gewesen. Sie machte gute Fortschritte, die kleinen Mängel,
die ihr stets angehaftet, verloren sich mit der Zeit, und als sie die
Schule verließ, war sie mir stets eine liebenswürdige und liebevolle
Gefährtin von sanftem Wesen, gutem Willen und festem Charakter.
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Nur noch ein paar
Worte über die Hauptpersonen!
Zehn Jahre bin ich nun verheiratet. Ich weiß, was es heißt,
ganz für den Mann zu leben, der einem das Liebste auf der Welt ist.
Ich bin sehr glücklich - glücklicher, als Worte ausdrücken können -
weil ich meinem Gatten ebenso wert und ebenso unentbehrlich bin,
wie er mir. Keine Frau stand ihrem Manne jemals näher als ich
dem meinen: ich bin Blut von seinem Blut, Fleisch von seinem
Fleisch. Seine Gesellschaft wird mir nie zur Last; er ist keine Stunde
ohne mich. Wir brauchen niemand weiter. Unsere gegenseitige Nähe
ersetzt uns die ganze Welt. Er besitzt mein volles Vertrauen, und
ich das seine. Wir ergänzen uns in vollkommenster Uebereinstimmung der Charaktere.
Zwei Jahre nach unserer Trauung war Herr Rochester noch
blind. Ich war sein Augenlicht - ja, ich war buchstäblich, wie er
mich nannte, sein Augapfel. Er sah durch mich - er las durch
mich. Und ich wurde niemals müde, ihm zu beschreiben, was ich
Schönes erblickte: die Landschaft, die Felder, die Stadt, Himmel,
Wolken und Sonne. Und ich wurde niemals müde, ihm vorzulesen
--- ihn zu führen, wohin er geführt sein wollte für ihn zu tun,
was er getan wünschte.
Es war ihm keine Demütigung, von mir all diese Dienstleistungen zu verlangen und anzunehmen. Er liebte mich so wahr,
daß er niemals zauderte, sich von mir helfen zu lassen; er fühlte,
daß ich ihn über alles liebte, daß es mein größtes Glück war, ihn
zu pflegen.
Am Ende dieser zwei Jahre schrieb ich eines Morgens einen
Brief, den er mir diktierte, er beugte sich über mich und fragte mich
plötzlich:
,Johanna, trägst du einen blitzenden Schmuck am Halse?
Ich trug in der Tat eine goldene Uhrkette.
,Hast du ein hellblaues Kleid an?
Auch das traf zu. Nun offenbarte er mir, daß er seit einiger
Zeit schon die Empfindung hätte, als ob der dunkle Schleier über
dem einen Auge sich lichtete. Wir reisten zu einem berühmten Augenarzt nach London, und Herr Rochester erlangte die Sehkraft des einen
Auges wieder. Wenn er es auch sehr schonen muß und weder viel
lesen noch viel schreiben darf, so wandert er doch nicht mehr in völliger
Nacht; die Wiese ist keine farblose Fläche mehr für ihn, der Himmel kein leerer Raum.
Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte, konnte
er erkennen, daß das Kind die gleichen dunkeln, großen, leuchtenden
Augen hatte, die einst ihm eigen waren.
Diana und Mary haben sich verheiratet und leben ebenfalls sehr
glücklich. Sie besuchen uns alljährlich, und auch wir reisen zu ihnen.
Dianas Mann ist Marinekapitän, ein tapferer Offizier und guter
Gatte. Marys Mann ist Geistlicher, ein Studienfreund ihres
Bruders. Er ist seiner vortrefflichen Gemahlin durchaus würdig.
St. John arbeitet in Indien. Noch heute wandelt er auf dem
Wege, den er sich vorgezeichnet. Ein unermüdlicherer, unerschrocknerer
Pionier des Glaubens hat nie in heidnischen Landen gepredigt. Fest
und treu arbeitet er für das Menschengeschlecht und für Gottes Wort.
Gleich einem Riesen überwindet er die Hindernisse, die das Heidentum und die Vorurteile der Andersgläubigen ihm in den Weg legen.
Er ist hart und streng - aber seine Härte, seine Strenge ist die des
Feldherrn, der seine Schar gegen wilde Horden in den Kampf führt.
Er ist noch unverheiratet und wird es bleiben. Seine eigne
Kraft hat zu seinem Werke ausgereicht, und nun geht sein Werk
dem Ende zu. Er steht vor dem Abschluß seiner Laufbahn, er sieht
seinem sichern Lohn entgegen, die Zuversicht auf die himmlische Krone
wird ihm den Tod leicht machen. Den nächsten Brief aus Indien
wird eine fremde Hand schreiben, der treue Diener Gottes wird dann
zu den ewigen Freuden seines Herrn einberufen sein. Weshalb
sollte ich darüber weinen? St. John braucht den Tod nicht zu
fürchten; freien Geistes, unerschrockenen Herzens, unerschütterlich
im Glauben, wird er sterben. Er ist allaugenblicklich bereit, zu
Christum einzugehen.
Ende.
Jane Eyre.
Roman
von
Currer Bell.
Aus dem Englischen übersetzt
von
Dr. Chr. Fr. Grieb.
Erstes bis fünftes Bändchen.
Stuttgart.
Verlag der Franckh'schen Buchhandlung.
1850.
Erstes Kapitel.
Es war nicht möglich, an dem Tage einen Spaziergang zu machen. Zwar waren wir während des
Morgens eine Stunde lang in dem unbelaubten Lustgebüsche umhergewandelt; aber seit dem Mittagessen —
Mistreß Reed pflegte sehr früh zu Mittag zu speisen,
wenn keine Gesellschaft da war — hatte der kalte
winterliche Wind so düstere Wolken und einen so durchdringenden Regen mit sich gebracht, daß von einem
weiteren Spazierengehen im Freien nicht mehr die Rede
sein konnte.
Das war mir recht, denn ich hatte nie weite Spaziergänge gern, am wenigsten aber an kalten Nachmittagen; es war für mich etwas Schreckliches, mit halberfrorenen Fingern und Zehen in der öden Dämmerung
nach Hause zu kommen; das Schelten der Kindermuhme
Bessie stimmte da mein Herz noch trauriger, und ich
war da durch das Bewußtsein gedemüthigt, daß ich
Eliza, John und Georgiana Reed in physischer Beziehung weit nachstehe.
Eliza, John und Georgiana hatten sich nun um
ihre Mama im Gesellschaftszimmer gedrängt: sie lag
auf einem Sopha nahe beim Kamin, und schien, umgeben von ihren Lieblingen, — die für den Augenblick
weder schrien, noch sich zankten — vollkommen glücklich. Was mich betrifft, so hatte ich mich nicht der
Gruppe anschließen dürfen; Mistreß Reed sagte, sie
bedaure, mich in einiger Entfernung halten zu müssen,
so lange sie aber nicht von Bessie höre, und aus eigener Erfahrung wisse, daß ich mich ernstlich bestrebe
mir eine geselligere und kindlichere Gemüthsart, ein
anziehenderes, lebhafteres, leichteres, unbefangeneres
und natürlicheres Wesen anzueignen, müsse sie mich in
der That von Vorrechten ausschließen, die bloß für zufriedene, frohe, kleine Kinder bestimmt seien.
‘Was sagt Bessie, daß ich gethan habe?’ fragte
ich.
‘Jane, Leute, die so gerne widersprechen und so
viel fragen, mag ich nicht leiden: zudem ist es wahrhaft entsetzlich, ein Kind sich gegen ältere Personen so benehmen zu sehen. Setz' Dich irgend wo hin, und
schweig', so lange Du nicht angenehm reden kannst.'
Ein kleines Zimmer, worin gewöhnlich das Frühstück eingenommen wurde, befand sich neben dem Gesellschaftszimmer: ich schlich mich in dasselbe. Es war
darin ein Bücherschrank: bald griff ich nach einem
Bande, nahm aber einen mit Bildern. Ich stieg auf
den Fenstersitz: nachdem ich meine Füße untergeschlagen
hatte, saß ich da wie ein Türke; sodann zog ich den Vorhang von rothem Mohr fast ganz zu, und sah mich in doppelter Weise geschützt. Die Falten der scharlachrothen Draperie schützten mich auf der rechten Seite vor jedem Blicke; auf der linken waren die hellen Glasscheiben, die mich zwar vor dem trüben Novembertage
schützten, aber nicht davon trennten. Von Zeit zu Zeit
studierte ich den Anblick dieses Winternachmittages, während ich in meinem Buche blätterte. In der Ferne war es eine bleiche Wolken- und Nebelmasse; in der
Nähe eine Scene von sturmbewegten Gesträuchen und einem nassen Rasenplatze, in Verbindung mit nie endendem Regen, der vor lang gehaltenen und klagenden Windstößen wild daher jagte.
Ich kam zu meinem Buche zurück, — zu der Naturgeschichte der britischen Vögel von Bewick: im Allgemeinen kümmerte mich der Text des Buchs wenig,
und doch waren einige als Einleitung dienende Seiten da, die ich, wenn auch noch ein Kind, doch nicht ganz übergehen konnte. Es waren die Seiten, die von den
Aufenthaltsorten der Seevögel handeln; von den einsamen Felsen und Vorgebirgen, die nur sie bewohnen; von der Küste von Norwegen, die von ihrer südlichen bis zu ihrer nördlichen Spitze, bis zum Nord-Cap, mit Inseln übersät ist. —
‚Wo das Nord-Meer in großen Wirbeln
‚Um jene nackten, düstern Inseln
‚Des fernsten Thule siedet, und
‚Die Woge des Atlant’schen Meeres
‚Sich durchdrängt durch die stürmischen Hebriden.’
Auch konnte ich nicht, ohne davon Notiz zu nehmen, an der Beschreibung der unwirthlichen Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Nowaja-Semlja's,
Islands, Grönlands, — sammt dem weiten Kreise der Polarwelt, und den öden Räumen, wo Frost und Schnee, wo feste Eisfelder, von vielen hundert Wintern in gebirgartiger Schichtung angehäuft, den Pol umgeben und alle Strenge der äußersten Kälte concentriren, — vorbeigehen. Von diesen Reichen, weiß, wie der Tod, hatte ich meine eigenen Vorstellungen, schattenhaft und nebelartig, wie alle halbverstandenen Dinge, die trübe durch das Gehirn des Kindes treiben, aber in seltsamer Weise Eindruck machend. Die Worte in diesen einleitenden Bemerkungen verschmelzten sich mit den nachfolgenden Bildern, und gaben ihre Bedeutung dem in einer See von hochgehenden und schäumenden Wogen allein stehenden Felsen; dem zertrümmerten, an einer
öden Küste gestrandeten Boote; dem kalten und geisterähnlich durch Wolkengitter auf ein eben untersinkendes Wrack hindurchblickenden Monde.
Ich vermag nicht zu sagen, welche Empfindungen den ganz einsamen Kirchhof mit seinem eine Inschrift tragenden Grabsteine, seine Pforte, seine zwei Bäume, seinen niedrigen Horizont, der von einer verfallenen Mauer begrenzt war, und seine eben aufgegangene Mondsichel, welche die Abendstunde verkündete, umschwebten.
Die zwei auf einer trägen See von einer Windstille überfallenen Schiffe hielt ich für See-Phantome.
Rasch überging ich den bösen Geist, der des Diebs Pack hinter ihm festnagelt: es war für mich ein Gegenstand des Schreckens.
Ebenso verhielt es sich mit dem schwarzen gehörnten Dinge, das hoch auf einem Felsen saß, und eine ferne, einen Galgen umstehende Menschenmenge überschaute.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte; für meinen unentwickelten Verstand und meine unvollkommenen Gefühle, oft geheimnißvoll, aber immer höchst interessant: so interessant, wie die Mährchen, die Bessie bisweilen an Winterabenden erzählte, wenn sie gerade bei
guter Laune war, und wenn sie, nachdem sie ihren Bügeltisch an den Kamin in der Kinderstube gestellt hatte, uns erlaubte, uns an demselben herumzusetzen
Bei solchen Gelegenheiten wurden wir, während sie Mistreß Reed's Halskrausen und Nachthauben plättete, für unsere gespannte Aufmerksamkeit mit allerlei Kriegs-,
See- und Liebesabenteuern belohnt, die aus alten Feenmährchen und älteren Balladen, oder — wie ich später entdeckte — aus Pamela, oder aus Heinrich, Grafen
von Moreland, geschöpft waren.
Mit Bewick auf meinem Knie war ich nun glücklich: glücklich wenigstens auf meine Art. Ich fürchtete Nichts als eine Störung, und die kam nur zu bald. Die Thüre des Zimmers, worin gewöhnlich gefrühstückt
wurde, ging auf.
,Boh! Jungfer Träumerin!’ rief die Stimme John Reed’s; dann hielt er einen Augenblick inne:
offenbar meinte er, das Zimmer sei leer.
,Wo zum Kukuk ist sie wohl?’ fuhr er fort.
,Lizzy! Georgy!’ rief er seinen Schwestern zu, Joan ist nicht hier: sagt Mama, sie ist in den Regen hinaus, das böse Ding!’
,Es ist gut, daß ich den Vorhang zugezogen habe,’ dachte ich, und ich wünschte inbrünstig, daß er mein Versteck nicht entdecken möchte: auch würde John Reed
dasselbe allein nicht aufgefunden haben; weder sein Auge noch sein Verstand war scharf. Aber Eliza hatte kaum ihren Kopf durch die Thüre gesteckt, als sie sagte:
,Gewiß ist sie auf dem Fenstersitze, Jack!’
Sogleich trat ich hervor, denn ich zitterte bei dem Gedanken, von besagtem Jack herausgezogen zu werden.
,Was willst Du von mir?’ fragte ich mit linkischer Schüchternheit.
,Sagen Sie, was wollen Sie, Master Reed,’ war die Antwort. ‘Du sollst hieher kommen;’ und, sich in einen Lehnstuhl setzend, gab er durch eine Geberde zu verstehen, daß ich mich nähern und mich vor ihn hinstellen solle.
John Reed war ein Schulknabe von vierzehn Jahren: vier Jahre älter als ich, denn ich war bloß zehn: groß und stark für sein Alter, von schmutzgrauer
und ungesunder Gesichtsfarbe, starken Linien in einem
breiten Gesichte, plumpen Gliedern und großen Händen und Füßen. Gewöhnlich pfropfte er sich bei Tische voll, was ihm ein gallichtes Aussehen, ein trübes, gläsernes Auge und schlappe Wangen zuzog.
Er hätte um diese Zeit in seiner Schule sein sollen;
aber seine Mama hatte ihn auf einen oder zwei Monate wegen seiner zarten Gesundheit nach Hause genommen. Herr Miles, sein Lehrer, versicherte, es wäre Alles bei ihm in Ordnung, wenn man ihm weniger Kuchen und Confekt von Hause schicken würde; aber das Mutterherz lehnte sich gegen eine so harte Ansicht auf, und neigte sich eher zu der andern, geistigeren hin, daß John’s bleichgelbe Gesichtsfarbe von übermäßiger Anstrengung und wohl auch vom Heimweh herrühre.
John hatte zu seiner Mutter und seiner Schwester keine übergroße Zuneigung, und was mich betrifft, so hatte er einen entschiedenen Widerwillen gegen mich.
Er plagte, verfolgte und strafte mich nicht ein, nicht zwei oder drei Male in der Woche, nicht ein oder zwei Mal an einem Tage, sondern immer und ewig: jeder Nerv, der an mir war, fürchtete ihn, und jede Fleischfaser an meinen Knochen erzitterte und erbebte, wenn
er mir nahe kam. Es gab Augenblicke, wo der Schrecken, den er mir einflößte, mich ganz verwirrt machte, denn ich konnte gegen seine Drohungen oder Thätlichkeiten bei niemand Beschwerde erheben: die Domestiken mochten ihren jungen Herrn nicht beleidigen und Partei gegen ihn nehmen und Mistreß Reed war in diesem Betreff blind und taub. Nie sah sie ihn
mich schlagen; nie hörte sie ihn mich schelten, obgleich er dann und wann in ihrer Gegenwart Beides that; indessen geschah das doch häufiger hinter ihrem Rücken.
Meiner Gewohnheit, John zu gehorchen, gemäß, näherte ich mich seinem Stuhle: etwa drei Minuten lang streckte er die Zunge gegen mich so weit heraus, als es angehen mochte, ohne deren Wurzel zu beschädigen. Ich wußte, daß er bald zuschlagen würde, und während ich mich vor dem Schlage fürchtete, dachte ich über das ekelhafte und garstige Aussehen des Menschen nach, der ihn alsbald austheilen würde. Es mag sein, daß er diesen Gedanken in meinem Gesichte las, denn mit einem Male, und ohne zu reden, schlug er heftig
auf mich zu. Ich taumelte, und zog mich, sobald ich mein Gleichgewicht wieder erlangt hatte, ein bis zwei Schritte von seinem Stuhle zurück.
,Das ist für die unverschämte Antwort, die Du vor einiger Zeit Mama gegeben hast,’ sagte er . ,dafür, daß Du wegschleichst und Dich hinter Vorhängen versteckst, sowie für den Blick, den Du vor ein paar Minuten in Deinem Auge zeigtest, Du Ratte!’
An John Reed's Schmähungen und Mißhandlungen gewöhnt, kam es mir nie in den Sinn, mich dagegen aufzulassen; meine einzige Sorge war, wie ich den Schlag, der gewiß auf die Schmähung folgte, ertragen sollte.
,Was hast Du hinter dem Vorhange gethan?’ fragte er.
,Ich las.’
‚Zeige mir das Buch.’
Ich ging an das Fenster zurück und holte es dort.
,Du brauchst unsere Bücher nicht zu nehmen: Du lebst auch von unserem Brode, sagt Mama; Du hast kein Geld; Dein Vater hat Dir keines hinterlassen; eigentlich solltest Du betteln gehen, und nicht hier bei vornehmen Kindern, wie wir, sein, und dasselbe essen,
wie wir, und Kleider tragen auf Kosten unserer Mama.
Nun will ich Dich lehren, in meinem Bücherschrank herumzusuchen, denn die Bücher und der Schrank sind mein; das ganze Haus ist mein, oder wird doch in einigen Jahren mein sein. Geh, und stehe an die Thüre hin, weg vom Spiegel und den Fenstern!’
Ich that also, da ich seine Absicht nicht gleich merkte; als ich ihn aber das Buch in die Höhe heben, und schwingen sah, da sprang ich mit einem Schrei des Schreckens instinktmäßig auf die Seite, indessen nicht zeitig genug; das Buch flog schon auf mich zu und
traf mich, und ich fiel mit dem Kopfe gegen die Thüre. Das Loch, das ich mir in den Kopf fiel, schmerzte mich heftig, und es kam Blut daraus hervor: mein Schrecken war übermäßig; und nun folgten andere Gefühle.
‚Böser, grausamer Bursche!’ sagte ich. ,Du bist gleich einem Mörder. Du bist gleich einen Sclaventreiber, Du bist gleich den römischen Kaisern!’
Ich hatte Goldsmith's römische Geschichte gelesen, und mir über Nero, Caligula u. s. w. eine Meinung gebildet. Auch hatte ich im Stillen Parallelen gezogen, von denen ich nie glaubte, daß ich sie einst so laut aussprechen würde.
,Was, was!’ rief er. ,Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr es gehört, Eliza und Georgiana?
Soll ich es nicht Mama sagen? Aber vorerst —‘
Er rannte plötzlich auf mich zu: ich fühlte, wie er mich bei dem Haare und den Schultern packte: er hatte sich mit einem verzweifelten Geschöpfe in einen Kampf eingelassen. In der That sah ich in ihm einen Tyrannen, einen Mörder. Ich fühlte, wie Bluttropfen von meinem
Kopfe auf meinen Hals herabträufelten und verspürte einen stechenden Schmerz: diese Empfindungen gewannen für den Augenblick die Oberhand über die Furcht, und so empfing ich ihn denn wie eine Wahnsinnige. Ich weiß nicht mehr genau, was ich mit meinen Händen
that, aber er schalt mich ,Ratte! Ratte!' und brüllte laut. Bald erhielt er Succurs: Eliza und Georgiana waren nach Mistreß Reed gelaufen, die die Treppe hinaufgegangen war; nun trat dieselbe mit Bessie und ihrem Kammermädchen Abbot auf den Schauplatz.
Man trennte uns; ich hörte folgende Worte:
‚Hilf Himmel, welche Furie, so auf Master John loszustürzen!’
‚Hat man je einen solchen Zorn gesehen!’
Dann fügte Mistreß Reed hinzu:
‚Man bringe sie in das rothe Zimmer und schließe sie da ein!’
Alsbald wurde ich von vier Händen ergriffen und die Treppe hinauf getragen.
Zweites Kapitel.
Ich leistete auf dem ganzen Wege Widerstand: etwas Neues bei mir und ein Umstand, welcher die schlimme Meinung bedeutend verstärkte, die Bessie und Miß Abbot von mir zu hegen geneigt waren. Eine Thatsache ist, daß ich ein wenig außer mir war: ich war mir bewußt, daß ich durch eine augenblickliche Auflehnung mich bereits schweren Strafen ausgesetzt hatte, und wie jeder andere rebellische Sclave war ich in meiner Verzweiflung entschlossen, vor keiner Extremität zurückzuweichen.
‚Halten Sie ihr die Arme. Miß Abbot; sie ist wie eine tolle Katze.’
,Pfui! Pfui!’ rief die Kammerjungfer. ,Welch garstige Aufführung, Miß Eyre, einen jungen Herrn zu schlagen, den Sohn Ihrer Wohlthäterin! Ihren jungen Herrn!’
‚Herrn! Wie kommt er denn dazu, mein Herr zu sein? Bin ich denn eine Magd?’
,Nein, Sie sind weniger als eine Magd, denn Sie thun durchaus Nichts für Ihren Unterhalt. Da setzen Sie sich hin und denken Sie über Ihre Bosheit nach.’
Unterdessen hatten sie mich in das von Mistreß Reed bezeichnete Zimmer gebracht und mich auf einen niedrigen Stuhl geworfen: gleich einer Feder wollte ich wieder in die Höhe springen; ihre vier Hände aber hielten mich alsbald fest.
,Wenn Sie nicht ruhig hinsitzen, so müssen Sie angebunden werden,’ sagte Bessie. ,Miß Abbot, leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder; die meinigen würde sie alsbald zerreißen.’
Miß Abbot traf Anstalten, das nöthige Band von einem runden, derben Beine loszumachen. Diese Vorbereitung zu meiner Fesselung, sowie der Gedanke an die neue damit verknüpfte Schande mäßigte meine Aufregung ein wenig.
‚Lassen Sie es nur' sein,’ rief ich; ,ich will ruhig sein.’
Zum Beweise, daß ich mich ruhig verhalten würde, klammerte ich mich mit den Händen an den Stuhl an.
,Rühren Sie sich ja nicht,’ sagte Bessie; und als sie die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß meine Aufregung sich wirklich legte, ließ sie mich los; dann stellte sie sich mit Miß Abbot, die Arme übereinander geschlagen, vor mich hin, und Beide sahen mich mit düsterer
und zweifelhafter Miene an, gleich als ob sie zweifelten, ob ich auch bei Sinnen wäre.
‚So ist sie noch nie gewesen,’ sagte endlich Bessie, sich zu der Abigail wendend.
,Aber es lag immer in ihr,’ war die Antwort.
‘Ich habe Missis oft meine Meinung über das Mädchen gesagt und Missis theilte dieselbe. Es ist ein kleines, böses Ding: nie sah ich ein Mädchen von ihrem Alter, bei dem so viel versteckte List gewesen wäre.’
Bessie gab keine Antwort; bald aber wendete sie sich zu mir und sagte:
,Sie sollten bedenken, Miß, daß Sie Mistreß Reed zu Dank verpflichtet sind: sie ist es, die Sie ernährt; wollte sie Sie wegjagen, so bliebe Ihnen Nichts übrig, als in einem Armenhause ein Unterkommen zu suchen.’
Hierauf hatte ich Nichts zu erwiedern: diese Worte waren mir nicht neu; meine ersten Lebenserinnerungen waren mit Andeutungen solcher Art verwebt. Dieser Vorwurf der Abhängigkeit hatte stets in meinem Ohr geklungen; so schmerzlich und niederdrückend aber die Sache für mich war, so war sie mir doch nur halb verständlich. Miß Abbot eilte ein:
‚Und Sie sollten keinen Augenblick den Gedanken bei sich aufkommen lassen, daß Sie mit den Misses Reed und mit Master Reed auf gleichem Fuße stehen, weil Missis in ihrer Güte Sie mit denselben erziehen läßt. Erstere werden einst viel Geld bekommen, und Sie keines: an Ihnen ist es, die Demüthige zu spielen und sich denselben angenehm zu machen zu suchen.'
‚Was wir Ihnen da sagen, geschieht zu Ihrem Besten,’ setzte Bessie in einem Ton hinzu, der Nichts weniger als rauh war: ,Sie sollten es versuchen, sich angenehm und nützlich zu machen, dann würden Sie vielleicht eher eine Heimath haben; werden Sie aber leidenschaftlich und grob, so wird Missis, ich bin es überzeugt, Sie fortschicken.’
,Zudem,’ sagte Miß Abbot, ,wird Gott sie strafen: er kann sie einmal in ihrem Zorn und ihrer Unart tödten, und wo kommt sie dann hin? Komm', Bessie, wir wollen sie allein lassen: um Nichts in der Welt möchte ich ihr Herz haben. Beten Sie, Miß Eyre, wenn Sie allein und wieder ganz bei sich sind; denn wenn Sie über Ihr Betragen keine Reue empfinden, so kann Etwas das Kamin herunterkommen und Sie mit fortnehmen.
Sie entfernten sich und schlossen die Thüre zu.
Das rothe Zimmer war in der Regel unbewohnt, und nur sehr selten schlief Jemand darin, ja, ich könnte sagen, nie, es sei denn, wenn einmal aus Zufall mehr Gäste als gewöhnlich nach Gateshead-Hall kamen, wo es dann nöthig wurde, alle Räume des Hauses zu benützen: gleichwohl war es eines der größten und stattlichsten Zimmer des ganzes Hauses. Ein von Säulen aus Mahagony getragenes Bett stand mit seinen Vorhängen aus dunkelrothem Damast, wie ein Zeit mitten im Zimmer; die zwei großen Fenster, mit ihren stets geschlossenen Läden, waren hinter einer faltenreichen Draperie von gleicher Farbe halb verborgen; der Fußteppich war roth, der Tisch am Fuße des Bettes mit einem carmesinrothen Tuche bedeckt; an den Wänden bemerkte man Tapeten von sanfter falber Farbe mit leichten,
nelkenfarbigen Streifen; der Kleiderschrank, der Toilettentisch, die Stühle waren von altem, dunkel poliertem Mahagonyholz. Aus diesen tiefen Schatten hervor erhoben sich hoch, in schimmernder Weiße, die aufgethürmten Matratzen und Kissen des Bettes, mit der
darüber gebreiteten schneeweißen Steppdecke. Fast ebenso sehr fiel in die Augen ein großer Lehnstuhl mit Kissen am Kopfende des Bettes, gleichfalls weiß, mit einem davor stehenden Fußschemel, und — wie ich dachte — aussehend wie ein blasser Thron.
Dieses Zimmer war kalt, weil darin selten Feuer gemacht wurde; es war still, weil es von der Kinderstube und der Küche entfernt lag; feierlich, weil man wußte, daß selten Jemand hinein kam. Das Stubenmädchen allein lag Sonnabends hinein, um von den Spiegeln und Möbeln den wenigen Staub abzuwischen, der im Laufe der Woche sich darauf gelegt hatte; und
Mistreß Reed selbst besuchte es in weit auseinander liegenden Zeiträumen, um den Inhalt einer gewissen geheimen Schublade in dem Kleiderschrank zu untersuchen, worin verschiedene Pergamente, ihr Juwelenkästchen, so wie ein Miniaturbild ihres verstorbenen Gatten sich befanden; und in letzteren Worten liegt
das Geheimniß des rothen Zimmers: der Zauber, der es, seiner Pracht zum Trotze, so einsam, so wenig besucht werden ließ.
Herr Reed war nun neun Jahre todt: in diesem Zimmer hatte er seinen Geist aufgegeben; hier lag er auf dem Paradebette; hier hatte man ihn geholt, um ihn zu begraben, und von jenem Tage an hatte ein Gefühl furchtbar ernster Weihe es vor häufigen Besuchen geschützt.
Mein Sitz, an den mich Bessie und die boshaft strenge Miß Abbot festgebannt zurückgelassen hatten, war eine niedere Ottomane in der Nähe des marmornen Kamins; das Bett stand vor mir; zu meiner Rechten war der hohe, dunkle Kleiderschrank, dessen Panelen durch das matte, gebrochene Licht einen verschiedenartigen Glanz erhielten; zu meiner Linken waren die verhüllten Fenster; ein großer Spiegel zwischen ihnen wiederholte die leere Majestät des Bettes und des Zimmers. Ich wußte nicht ganz gewiß, ob sie die Thüre verschlossen hatten, und ich stand daher, sobald ich mich zu bewegen wagte, auf, um nachzusehen. Ach ja, kein Kerker war ja besser verschlossen. Als ich von der Thüre zurückkam, mußte ich an dem Spiegel vorüber; mein bezauberter Blick erforschte unwillkürlich die Tiefe, die
derselbe zeigte. Alles sah darin kälter und düsterer aus, als in der Wirklichkeit; und die seltsame kleine Gestalt, die mich daraus anschaute, mit ihrem weißen Gesichte
und mit Armen, die gegen die Dunkelheit einen starken Contrast bildeten, und mit ihren glänzenden furchtsamen Augen, die sich bewegten, wo sonst Alles ruhig war,
brachte die Wirkung eines wirklichen Geistes hervor:
ich erblickte darin einen jener kleinen Phantome, halb Fee, halb Zwerg, welche die Abenderzählungen der Bessie aus einsamen, mit Farnkräutern bewachsenen
Gruben in Mooren hervorkommen ließen und die den Augen verspäteter Wanderer sich zeigten. Ich ging zu meinem Stuhle zurück.
In diesem Augenblicke regte sich der Aberglaube in mir; noch war aber die Stunde seines vollständigen Sieges nicht gekommen: mein Blut war noch heiß; noch hatte die Stimmung des empörten Sklaven in mir die Oberhand: ich mußte mich dem Einstürmen zurückblickender Gedanken entgegenstemmen, bevor ich die traurige Gegenwart recht fühlen konnte.
Alle tyrannischen Handlungen John Reed's, die ganze stolze Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die ganze Abneigung seiner Mutter, die ganze Parteilichkeit der Domestiken stieg in meinem verstörten Geiste auf, wie ein trüber Bodensatz in einem aufgerührten Brunnen. Warum mußte ich stets leiden? warum stets beschuldigt, verurtheilt und eingeschüchtert werden? warum konnte ich nie gefallen? warum war es vergebens, daß ich Jemand’s Gunst zu gewinnen suchte? Eliza, die halsstarrig und selbstsüchtig war, achtete man. Georgiana mit ihrem verdorbenen Charakter, ihrem Groll, ihrer Tücke, ihrem zänkischen und frechen Wesen sah man stets Alles nach. Ihre Schönheit, ihre rothen Wangen und goldenen Locken schienen Jeden zu entzücken, der sie ansah, und ihr für jeden Fehler Straflosigkeit zu erkaufen.
Was John betrifft, so legte ihm Niemand Etwas in den Weg, und noch viel weniger wurde er bestraft, wenn er auch den Tauben die Hälse umdrehte, die jungen Pfauen umbrachte, die Hunde hinter die Schaafe hetzte, die Weinstöcke im Treibhause plünderte, und im
Gewächshause von den seltensten und theuersten Pflanzen die Knospen abriß: seine Mutter nannte er auch ‚ein altes Weibsbild’; bisweilen verspottete er sie wegen ihrer dunkeln Haut, die seiner eigenen so ähnlich war; ganz grob trat er ihren Wünschen entgegen; nicht selten zerriß und verderbte er ihr seidenes Kleid; und doch war er bei all dem stets ihr Liebling. Ich wagte mir keinen Fehler zu Schulden kommen zu lassen: ich bestrebte mich, jede Pflicht zu erfüllen und man nannte mich unartig und überlästig, verdrießlich und niederträchtig, vom frühen Morgen bis zum späten Abend.
Mein Kopf that mir noch weh, und blutete von dem Schlage und von dem Falle gegen die Thür: Niemand hatte John darüber gezankt, daß er mich in seinem Uebermuth geschlagen; und weil ich mich gegen ihn gewehrt hatte, um weitere unvernünftige Gewalthätigkeiten von mir abzuwenden, ward ich von Jedermann mit Vorwürfen überschüttet.
,Ungerecht! — Ungerecht!' sagte meine Vernunft, welche der so qualvolle Stachel zu früher, wenn auch vorübergehender Energie antrieb; und der Entschluß, der gleichfalls angespornt ward, feuerte zu irgend einem außergewöhnlichen Auskunftsmittel an, um dem unausstehlichen Drucke zu entgehen: wie z. B. davonzulaufen, oder wenn das nicht anginge, nicht mehr zu
essen oder zu trinken, und so den Tod herbeizurufen.
Wie groß war meine Niedergeschlagenheit an jenem unheilvollen Nachmittag! In welcher Aufregung war mein ganzes Gehirn: wie war mein ganzes Herz empört! In welcher Dunkelheit, in welch dichter Unwissenheit ward indessen der geistige Kampf ausgefochten! Ich konnte die stets wiederkehrende innerliche Frage nicht beantworten — warum ich so leide: jetzt,
nach — ich will nicht sagen, wie vielen Jahren — sehe ich es klar ein.
In Gateshead-Hall war ich eine Dissonanz: ich glich Niemand: ich hatte Nichts, wodurch ich mit Mrs. Reed, oder ihren Kindern, oder ihrer Dienerschaft harmonirte. Liebten sie mich nicht, so liebte ich sie in der That ebenso wenig. Es war nicht ihre Pflicht, ein
Wesen, das mit Niemand von ihnen sympathisiren konnte, mit Zuneigung zu betrachten; war dieses Wesen nicht, was Temperament, Fähigkeiten und Neigungen betrifft, himmelweit von ihnen verschieden. War dasselbe nicht nutzlos und unfähig, ihrem Interesse zu dienen oder zu ihrem Vergnügen beizutragen? War es nicht ein schädliches Wesen, das die Keime des Unwillens über ihre Behandlung, der Verachtung ihres Urtheils hegte und pflegte? Ich weiß, wäre ich ein leichtblütiges, mit schimmernden Eigenschaften begabtes, nachlässiges,
anspruchsvolles, schönes, wildes Kind gewesen — wenn auch abhängig und aller Freunde baar — Mistreß Reed hätte meine Gegenwart mit mehr Geduld ertragen, ihre Kinder würden gegen mich herzlicher und freundschaftlicher, und die Domestiken endlich nicht so geneigt gewesen sein, mich zum Sündenbocke der Kinderstube zu machen.
Das Tageslicht begann das rothe Zimmer zu verlassen; es war vier Uhr vorüber, und der bewölkte Nachmittag machte allmälig einer trüben Dämmerung Platz. Ich hörte den Regen immer noch an das Treppenfenster schlagen, und den Wind in dem Lustwäldchen
hinter der Halle pfeifen; nach und nach wurde ich so kalt wie ein Stein, und dann fing mein Muth zu sinken an. Meine gewöhnliche demüthige Stimmung, der Zweifel an mir selbst, meine Trostlosigkeit und Niedergeschlagenheit fielen feucht auf die allmählig verglühende
Asche meines Zorns. Jedermann sagte, ich sei boshaft, und vielleicht war es auch so: wie hatte ich nun so eben noch den Gedanken fassen können, mich verhungern zu lassen? Das war gewiß ein Verbrechen, und war ich zum Sterben vorbereitet? Oder war das Gewölbe
unter dem Chor in der Kirche zu Gateshead ein so einladendes Ziel? In einem solchen Gewölbe liege Herr Reed begraben, — hatte man mir gesagt; und so auf ihn zurückgeführt, verweilte ich mit steigendem Schrecken bei diesem Gedanken. Ich konnte mich seiner
Sicht mehr erinnern; aber ich wußte, daß er mein Oheim, daß er meiner Mutter Bruder war, daß er mich als ein elternloses Kind in sein Haus aufgenommen, und daß er in seinen letzten Augenblicken Mistreß Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich wie eines ihrer
eigenen Kinder halten und erziehen zu wollen. Mistreß Reed glaubte wahrscheinlich, sie habe dieses ihr Versprechen erfüllt, und ich kann wohl sagen, sie hatte es auch gethan, so weit ihr Wesen dieß zuließ: wie konnte sie aber einen Eindringling, der nicht zu ihrem Geschlechte gehörte, und nach ihres Mannes Tode durch kein Band an sie geknüpft war, wahrhaft lieben? Höchst lästig und ärgerlich mußte es ihr sein, sich durch ein mit vieler Mühe erzwungenes Versprechen gebunden zu finden, an einem fremden Kinde, das sie nicht zu lieben vermochte, Mutterstelle zu vertreten, und eine leicht gleich gestimmte Fremde beständig in ihrem Familienkreise zu dulden.
Sonderbare Gedanken dämmerten in mir auf. Ich zweifelte nicht, und hatte nie gezweifelt, daß, wenn Herr Reed am Leben geblieben wäre, er mich gütig behandelt haben würde; und jetzt, als ich so da saß und das weiße Bett und die überschatteten Wände ansah, während ich auch dann und wann ein bezaubertes Auge dem trübe schimmernden Spiegel zukehrte, fing ich an, mir ins Gedächtniß zurückzurufen, was ich von Todten gehört, die durch die Nichtbeachtung ihrer Wünsche in ihrer Grabesruhe gestört würden und wieder auf die
Erde kämen, um die Meineidigen zu strafen und die Unterdrückten zu rächen; und ich dachte, Herrn Reed's Geist könnte, durch das am Kinde seiner Schwester verübte Unrecht gequält, seinen Aufenthaltsort, sei es in dem Grabgewölbe der Kirche, oder in der unbekannten
Welt der Abgeschiedenen verlassen und in diesem Zimmer vor mir aufstehen. Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen, in der Furcht, es möchte irgendein Zeichen heftigen Kummers eine übernatürliche Stimme wecken, um mich zu trösten, oder aus
der Dunkelheit ein mit einem schimmernden Scheine umgebenes Gesicht hervorrufen, das mit seltsamem Mitleiden sich über mich hinbeugte. Diese an und für sich trostreiche Idee müßte, dachte ich, schrecklich sein, wenn sie verwirklicht würde; mit aller Macht bemühte ich mich, dieselbe zu unterdrücken: ich wollte um jeden Preis standhaft sein. Mein Haar aus den Augen schüttelnd, hob ich den Kopf in die Höhe und versuchte es, kühn in dem finstern Zimmer umherzusehen: in diesem Augenblicke schimmerte ein Licht an der Wand. Ist es, fragte ich mich, ein Mondstrahl der durch eine Oeffnung des Fensterladens bricht? Nein, dachte ich wieder, das Mondlicht ist ruhig, und dieses zittert und bewegt sah. Während ich es so anblickte, fuhr es an die Zimmerdecke hinauf und zitterte über meinem Haupte.
Ich kann mir jetzt leicht denken, daß dieser Lichtstreifen höchst wahrscheinlich von einer Laterne herkam, die Jemand über den Rasenplatz trug; aber damals, wo mein
Geist auf das Schreckliche vorbereitet, wo meine Nerven durch die heftige Aufregung erschüttert waren, hielt ich den schnell dahinfahrenden Strahl für den Vorboten
einer Erscheinung aus der andern Welt. Mein Herz schlug heftig, mein Kopf brannte; ein Geräusch erfüllte mein Ohr, das mir wie das Rauschen von Flügeln vorkam: Etwas schien mir nahe zu sein; ich konnte nicht mehr athmen, ich war erstickt: länger konnte ich es
nicht mehr aushalten, und so stürzte ich auf die Thüre zu, und rüttelte an dem Schlosse mit verzweifelter Anstrengung. In dem äußeren Gange ließen sich eilige Tritte vernehmen; der Schlüssel drehte sich um, und Bessie trat mit der Abbot herein.
,Miß Eyre, sind Sie unwohl?’ sagte Bessie.
,Welch schrecklicher Lärmen! es ist mir in alle Glieder gefahren!’ rief die Abbot aus.
,Laßt mich heraus! Laßt mich in die Kinderstube!’ schrie ich.
,Weßhalb? Ist Ihnen Etwas geschehen? Haben Sie etwas gesehen?’ sagte Bessie wiederum.
‚O! ich sah ein Licht, und dachte, es würde ein Geist kommen.’ Ich hatte nun Bessies Hand ergriffen und sie entzog mir dieselbe nicht.
,Sie hat mit Fleiß so geschrien,’ erklärte die Abbot mit einigem Widerwillen. ‚Und was für ein Schrei! Wäre sie in großer Noth gewesen, so hätte man ihn allenfalls hingehen lassen können; allein ihr einziger Zweck war, uns alle hieher zu bringen: ich
kenne ihre Unarten.’
,Was ist das Alles?’ fragte eine andere Stimme in gebieterischer Weise; und Mistreß Reed kam den Gang daher mit flatternder Haube und laut rauschendem Gewande. ‚Abbot und Bessie, ich glaube doch, ich habe befohlen, Jane Eyre in dem rothen Zimmer zu lassen, bis ich sie selbst holen würde.’
‚Miß Jane schrie so laut, Madame,’ wandte Bessie entschuldigend ein.
‚Lassen Sie sie gehen;’ war die Antwort. ‘Laß Bessie's Hand fahren, Kind: auf diese Weise kommst Du nicht heraus, Du kannst darauf rechnen. Ich verabscheue alle List, besonders aber bei Kindern; es ist meine Pflicht, Dir zu zeigen, daß Ränke hier nicht verfangen, und nur dann, wenn Du Dich ganz unterwirfst und Dich ruhig verhältst, werde ich Dich in Freiheit setzen.’
‚O Tante, haben Sie doch Mitleid! vergeben Sie mir! Ich kann es nicht aushalten; —bestrafen Sie mich auf irgend eine andere Art! Ich komme um, wenn —‘
,Stille! Stille! Diese Heftigkeit ist ja höchst empörend,’ und so kam es ihr auch ohne Zweifel vor. In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin; in allem Ernste sah sie mich als eine Vereinigung der heftigsten Leidenschaften, eines niedrigen Geistes und
gefährlicher Falschheit an.
Nachdem Bessie und die Abbot sich zurückgezogen hatten, stieß Mistreß Reed, die meine wahnsinnige Angst und mein heftiges Schluchzen nicht länger ertragen mochte, mich rasch wieder in das Zimmer zurück und schloß mich ein, ohne etwas Weiteres zu sagen. Ich
hörte sie dahinrauschen; und bald nachdem sie fortgegangen, fiel ich, wie ich glaube, in eine Ohnmacht: Bewußtlosigkeit war die Schlußscene.
Drittes Kapitel.
Das Erste, woran ich mich nun erinnere, ist, daß ich mit einem Gefühle aufwachte, als hätte ich ein furchtbares Alpdrücken gehabt, und daß ich einen schrecklichen rothen Schein vor mir sah, durch den dicke schwarze Stangen liefen. Auch hörte ich Stimmen, die
in hohlem Tone sprachen, gleich als würden dieselben durch das Rauschen des Windes oder des Wassers gedämpft; die Aufregung, die Ungewißheit, und ein Alles
beherrschendes Gefühl des Schreckens verwirrte meine Sinne. Es stand nicht lange an, so wurde ich gewahr, daß Jemand mich anrührte, mich in die Höhe hob und mich in einer sitzenden Stellung erhielt, und zwar sanfter als ich je zuvor aufgerichtet oder gehalten worden war. Mein Kopf ruhte auf einem Kissen oder auf einem Arme, und ich fühlte mich ganz behaglich.
Nach weiteren fünf Minuten schwand die Wolke der Verwirrung; ich wußte ganz wohl, daß ich in meinem Bette lag und daß der rothe Schein das Feuer in der Kinderstube war. Es war Nacht, ein Licht brannte auf dem Tische, Bessie stand an dem Fußende des Bettes, mit einem Becken in der Hand, und ein Herr saß auf einem Stuhle neben meinem Kopfkissen, und beugte
sich über mich hin.
Ich verspürte eine unaussprechliche Erleichterung, eine wohlthuende Überzeugung des Schutzes und der Sicherheit, als ich sah, daß sich ein Fremder in dem Zimmer befand, ein Mann, der nicht zu Gateshead gehörte und nicht mit Mistreß Reed verwandt war. Mich von Bessie wegwendend, — obgleich ihre Gegenwart mir bei Weitem nicht so lästig war, als z. B. die der Abbot gewesen sein würde — warf ich prüfende Blicke auf das Gesicht des Herrn. Ich kannte ihn, es war Herr Lloyd, ein Apotheker, den Mistreß Reed bisweilen kommen ließ, wenn einem von der Dienerschaft etwas fehlte; für sich und ihre Kinder aber gebrauchte sie stets einen Arzt.
,Nun, wer bin ich?’ fragte er.
Ich nannte ihn bei seinem Namen, und streckte ihm zu gleicher Zeit meine Hand hin: er nahm sie lächelnd, und sagte:
‚Es wird bald besser mit uns werden.’
Dann legte er mich auf das Bett nieder, und empfahl Bessie an, ja dafür zu sorgen, daß ich während der Nacht nicht gestört würde. Nachdem er noch Weiteres angeordnet und bemerkt hatte, er würde am andern Tage wieder kommen, ging er weg, zu meinem großen Kummer. Ich fühlte mich so beschützt und sicher, während er auf dem Stuhle neben meinem Kopfkissen
saß, und als die Thüre hinter ihm zuging, verfinsterte sich das ganze Zimmer, und mein Muth sank abermals; ein unaussprechlicher Gram drückte mich darnieder.
,Ist es Ihnen, als ob Sie schlafen könnten, Miß?’ fragte Bessie in etwas sanftem Tone.
Kaum wagte ich ihr zu antworten; denn, ich befürchtete ihr nächstes Wort möchte ein rauhes sein.
,Ich will es versuchen,’ sagte ich.
‚Wollen Sie etwas trinken oder essen?’
,Nein, ich danke Ihnen, Bessie.’
,Dann will ich mich in’s Bett machen, denn es ist zwölf Uhr vorbei; Sie brauchen mir aber nur zu rufen, wenn Sie in der Nacht Etwas nöthig haben.’
Fürwahr, eine wunderbare Höflichkeit! Sie gab mir Muth, eine Frage zu thun.
,Bessie, wie steht es mit mir? bin ich krank?’
‚Ich denke, durch Ihr vieles Schreien im rothen Zimmer sind Sie krank geworden; ohne Zweifel werden Sie bald besser sein.’
Bessie ging in das naheliegende Zimmer des Stubenmädchens. Ich hörte sie sagen:
,Sarah, kommen Sie und schlafen Sie mit mir in der Kinderstube; ich mag diese Nacht um’s Leben nicht allein bei dem armen Kinde bleiben; sie könnte sterben; es ist so sonderbar, daß sie diese Ohnmacht bekam; ich möchte wohl wissen, ob sie Etwas gesehen hat. Missis
war doch etwas zu hart gegen sie.’
Sarah kam mit ihr zurück; sie gingen Beide zu Bette; bevor sie aber einschliefen, flüsterten sie wohl noch eine halbe Stunde zusammen. Nur abgerissene Stücke von ihrer Unterhaltung drangen bis zu meinen Ohren; indessen konnte ich daraus nur zu deutlich erkennen, wovon sie sprachen.
,Etwas ist ihr erschienen, schneeweiß gekleidet, und wieder verschwunden: ,Ein großer schwarzer Hund hinter ihm' — ,Drei starke Schläge an die Zimmerthüre’ — ‚Ein Licht auf dem Kirchhofe gerade über seinem Grab’ u. s. w.
Endlich schliefen Beide: Feuer und Licht gingen aus. Was mich betrifft, so brachte ich die ganze lange Nacht in schaurigem Wachen zu; Ohr, Auge und Geist
waren durch die Furcht — eine Furcht, wie sie nur Kinder empfinden können, — in gleich außerordentlicher Weise geschärft.
Keine schwere oder längere körperliche Krankheit war die Folge des Ereignisses im rothen Zimmer; aber es gab meinen Nerven einen Stoß, dessen Rückschlag ich noch heute empfinde. Ja, Mistreß Reed, Ihnen verdanke ich einige furchtbare Seelenqualen. Aber ich muß
es Ihnen vergeben, denn Sie wußten nicht, was Sie thaten: während Sie die Saiten meines Herzens zerrissen, dachten Sie, Sie rotteten bloß meine bösen Neigungen aus.
Den folgenden Tag, um Mittag, war ich auf und angekleidet, und saß: in einen Shawl gehüllt, in der Kinderstube am Kamin. Physisch war ich schwach und
darniedergedrückt; mein ärgstes Leiden aber war ein unaussprechliches geistiges Elend: ein Elend, das mir unablässig stille Thränen auspreßte; kaum hatte ich von meiner Wange einen salzigen Tropfen abgewischt, als auch schon wieder ein anderer folgte. Bei alledem dachte ich, ich müsse noch froh sein, denn keins von den Reeds war da: sie waren alle mit ihrer Mutter ausgefahren; auch die Abbot nähete in einem andern Zimmer, und Bessie richtete, wenn sie ab- und zu ging, Spielsachen aufräumte und in einer Kommode Etwas zurecht legte, von Zeit zu Zeit ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich. Dieser Zustand der Dinge hätte
für mich ein Paradies des Friedens sein sollen, da ich ja nur an ein Leben steten Tadels und undankbarer Mühe gewöhnt war; in der That waren aber meine aufs Aeußerste angegriffenen Nerven jetzt in einem solchen Zustande, daß keine Ruhe sie besänftigen, kein Vergnügen sie angenehm aufregen konnte.
Bessie war hinunter in die Küche gegangen, und hatte eine Torte auf einem gewissen glänzend bemalten Porzellanteller heraufgebracht, dessen Paradiesvogel, der in einem Gewinde von Rosenknospen und Convolvuleen nistete, mich stets zu begeisterter Bewunderung hingerissen hatte; und diesen Teller hatte ich mir ausgebeten, um ihn genauer zu betrachten, aber bisher war ich stets eines solchen Vorrechts für unwürdig erachtet worden. Dieser kostbare Teller lag nun endlich auf meinem Knie, und ich war freundlich eingeladen, das darauf liegende köstliche Backwerk zu verzehren. Vergebliche Gunst, die, wie fast alle lange verzögerten
und ersehnten Gunstbezeigung an, zu spät kam! Ich konnte die Torte nicht essen; und die Federn des Vogels, sowie die Farben der Blumen schienen seltsam abgeblichen; ich stellte den Teller mit der Torte weg. Bessie fragte mich, ob ich ein Buch wolle: das Wort Buch
wirkte wie ein augenblicklicher Sporn, und ich bat sie, sie möchte Gulliver's Reisen aus dem Bibliothekzimmer holen. Dieses Buch hatte ich mit Entzücken zu wiederholten Malen gelesen; ich sah es als eine Erzählung von Thatsachen an, und es hatte mich unendlich mehr angesprochen, als alle Feenmährchen; denn ich hatte die Elfen vergebens unter Fingerhutblättern und Glockenblumen, unter Moosrosen und dem alte Mauerwinkel bekleidenden Epheu gesucht, und war endlich zu der traurigen Gewißheit gelangt, daß sie alle aus England in ein wildes Land gewandert, wo die Wälder noch wilder und dichter, und die Bevölkerung spärlicher wäre; da nun aber Lilliput und Brobdignag, wie ich glaubte, feste Theile der Erdoberfläche waren, so zweifelte ich nicht, daß ich einst auf einer langen Reise mit eigenen
Augen die kleinen Felder, Häuser und Bäume, die winzigen Menschen, Kühe, Schaafe und Vögel des einen Reichs, so wie die baumhohen Kornfelder, die gewaltigen Bullenbeißer, die riesigen Katzen, die thurmhohen Männer und Weiber des andern zu Gesicht bekommen
würde. Als nun aber dieses theure Buch mir in die Hand gegeben wurde — als ich es durchblätterte und in seinen wunderbaren Schildereien den Zauber suchte, den ich bis dahin stets darin gefunden hatte — war für mich Alles öde und unerquicklich; die Riesen waren
dürre Kobolde, die Pygmäen boshafte und Entsetzen erregende Teufelchen, Gulliver ein durchaus trostloser Wanderer in höchst gefährlichen und schaurigen Ländern.
Ich schlug das Buch zu, indem ich mir nicht länger zu lesen getraute, und legte es auf den Tisch, neben die unversucht gelassene Torte.
Bessie war nun mit Abstäuben und Ausräumen fertig; sodann wusch sie sich die Hände und machte ein kleines Fach auf, das mit glänzenden Stücken Seidenzeug und Atlaß angefüllt war, und begann für Georgiana’s Puppe einen neuen Hut zu machen; dabei sang sie: ihr Lied lautete also:
,Zur Zeit, als wir ein Zigeunerleben
Führten, ‘s ist lange, lange her.’
Ich hatte das Lied schon oft vorher und zwar immer mit Entzücken gehört; denn Bessie hatte eine angenehme Stimme, — ich meinte wenigstens so. Jetzt aber fand ich in der Melodie eine unbeschreibliche Traurigkeit, wenn auch die Stimme der Sängerin noch lieblich war. Bisweilen sang sie, mit ihrer Arbeit beschäftigt, den Schlußreim ganz leise und gezogen; ‚‘s ist lange, lange her.’ tönte wie die traurige Cadenz eines
Grabliebs. Bald ging sie zu einer andern Ballade über,
und dieß Mal war es in der That eine traurige:
Die Füße bluten, und die Glieder beuget Müdigkeit,
Der Weg ist noch gar weit, die Berge wild, und Sturmwind dräut
Und mondlos, öde, rings von nächtlichen Schatten sind
Umhüllt die Pfade vor dem armen Waisenkind.
Warum doch hat man einsam mich, so weit mich fortgeschickt!
Darin, wo Moor an Moor sich reiht, nur grauer Felsen blickt
Entgegen thurmhoch mir? — Wie hart die Menschen sind!
Nur güt’ge Engel führen’s arme Waisenkind.
Doch fern und sanft weht Nachtwind, und der Sterne heller Schild,
Er strahlet mir an dem entwölkten Himmel, traut und mild,
Und Gott, in dessen Hand Schutz, Trost und Hoffnung sind.
Gibt sie in seiner Gnad' dem armen Waisenkind.
Ist morsch der Steg auch, über den ich geh', und falle ich,
Verirrt mein Fuß, von falschem Licht getäuscht, im Sumpfe sich:
Mein Vater wird doch halten, wie sein Wort verkünd’t,
Getreu an seine Brust das arme Waisenkind.
Und ist auch kein Veewandter mir: ob Obdach mir gebricht; —
Mich stärket ein Gedanke, daß doch in des Himmels Licht,
Daß dort doch Heimath, Dach und Ruhestätte sind,
Und Gott als Freund für mich, dass arme Waisenkind.
,Weinen Sie doch nicht, Miß Jane' sagte Bessie, als sie zu Ende war. Ebensowohl hätte sie zum Feuer sagen können: ,brenne nicht!’ Wie konnte sie aber
das qualvolle Leiden errathen, dessen Opfer ich war?
In dam Laufe des Morgens kam Herr Lloyd wieder.
,Wie, schon auf!' sagte er, als er in die Kinderstube trat. ,Nun, wie geht es mit ihr?’
Bessie antwortete, es gehe mit mir ganz gut.
‚Dann sollte sie aber heiterer aussehen. Kommen Sie her zu mir, Miß Jane; Sie heißen Jane, nicht wahr?’
‚Ja, mein Herr, Jane Eyre.’
,Nun, Sie haben geweint, Miß Jane Eyre: können Sie mir sagen, warum ? Thut Ihnen Etwas
weh?’
,Nein, Herr.’
,O! sie weint wahrscheinlich, weil sie mit Missis nicht hat ausfahren dürfen,’ fiel Bessie ein.
‚Gewiß nicht! So kindisch ist sie gewiß nicht; dazu ist sie doch zu alt.’
Auch ich dachte so, und da die falsche Beschuldigung meine Selbstachtung verwundet hatte, so erwiederte ich rasch:
‚Deßwegen habe ich in meinem Leben noch nie geweint, ich fahre nicht gern aus. Ich weine, weil ich mich unglücklich fühle.’
‚Pfui, pfui, Miß!’ sagte Bessie.
Der gute Apotheker schien etwas verlegen, ich stand vor ihm, er sah mich sehr scharf an; seine Augen waren klein und grau, nicht sehr hell, indessen würde ich sie jetzt ohne Zweifel für schlau genug halten. Sein Gesicht war, obgleich die Züge hart, doch gutmüthig.
Als er mich lange genug betrachtet hatte, sagte er:
,Was hat Sie gestern krank gemacht?’
‚Sie ist gefallen,’ fiel Bessie abermals ein.
,Gefallen! Nun da haben wir ja wieder das kleine Kind! Kann sie in ihrem Alter noch nicht gehen? Sie muss doch acht bis neun Jahre alt sein.’
,Man hat mich zu Boden geschlagen,’ platzte ich heraus, mich in meinem Stolze aufs Neue gekränkt fühlend: ‚aber das hat mich nicht krank gemacht,’ setzte ich hinzu, während Herr Lloyd eine Prise Schnupftabak nahm.
Er steckte eben die Dose wieder in seine Westentasche, als sich ein Geläute vernehmen ließ, das die Dienerschaft zum Mittagessen rief; er wußte, was es zu bedeuten hatte. ,Das gilt Ihnen,’ sagte er zu Bessie: ,Sie können hinunter gehen; ich will mit Miß
Jane sprechen, bis Sie zurückkommen.’
Bessie wäre lieber da geblieben; allein sie mußte gehen, weil pünktliches Erscheinen beim Essen in Gateshead-Hall mit aller Strenge gefordert wurde.
,Vom Falle sind Sie also nicht krank geworden? Was hat Sie denn aber krank gemacht?’ fuhr Herr Loyd fort, als Bessie weggegangen war.
‚Ich wurde in ein Zimmer gesperrt, worin ein Geist ist, bis es schon lange dunkel war.’
Ich sah Herrn Lloyd lächeln und zu gleicher Zeit die Stirne runzeln.
‚Ein Geist! Wie, so sind Sie denn doch noch ein kleines Kind! Sie fürchten sich vor Geistern?'
,Vor Herrn Reed’s Geist fürchte ich mich: er starb in jenem Zimmer und wurde dort ausgestellt. Weder Bessie, noch irgend Jemand geht bei Nacht hinein, wenn es irgend möglich ist; und es war grausam, mich dort allein und noch dazu ohne Licht einzuschließen, — so grausam, daß ich es wohl nie vergessen werde.’
‚Unsinn! Und das macht Sie so unglücklich, so elend? Sie fürchten sich nun bei hellem Tage?'
‚Nein, aber bald wird wieder die Nacht da sein; und zudem bin ich unglücklich, recht unglücklich wegen anderer Dinge.’
,Wegen welcher andern Dinge? Können Sie mir einige derselben angeben?'
Wie sehr hätte ich gewünscht, auf diese Frage eine erschöpfende Antwort zu geben! Wie schwer war es
aber für mich, irgend eine Antwort zu formuliren! Kinder können fühlen, nicht aber ihre Gefühle analysiren; und wenn auch diese Analyse in Gedanken theilweise vor sich geht, so vermögen sie doch nicht das Ergebniß des Prozesses in Worten auszudrücken. Da ich indessen
fürchtete, diese erste und einzige Gelegenheit, meinen Kummer durch Mittheilung zu lindern, zu verlieren, so brachte ich, nach einer Pause der Verwirrung,
doch eine dürftige, wenn auch, so weit sie ging, wahre Antwort hervor.
,Erstens habe ich weder Vater noch Mutter, weder Brüder noch Schwestern.’
,Sie haben aber, neben einer gütigen Tante, einen Vetter und Cousinen.'
Ich schwieg abermals einen Augenblick; endlich sagte ich stotternd und wohl ungeschickt genug:
,Aber John Reed bat mich zu Boden geschlagen und meine Tante mich in das rothe Zimmer gesperrt.’
Herr Loyd zog zum zweiten Male seine Schnupftabakdose heraus.
,Halten Sie Gateshead-Hall nicht für ein schönes Haus?’ fragte er. ,Sind Sie nicht sehr dankbar, daß Sie an einem so schönen Orte sich aufhalten dürfen?’
‚Es ist nicht mein Haus, mein Herr; und die Abbot sagt, ich habe weniger Recht, hier zu sein, als eins von der Dienerschaft.’
,Pah! Sie können doch nicht so thöricht sein, daß Sie einen so prächtigen Ort zu verlassen wünschen sollten?’
,Könnte ich anders wohin gehen, so möchte ich denselben gerne verlassen; aber ich kann Gateshead nicht eher verlassen, als bis ich groß bin.’
,Vielleicht könnten Sie aber doch — wer weiß es? Haben Sie außer Mistreß Reed noch Verwandte?’
,Ich glaube nicht, mein Herr.'
Keine Verwandten von Ihrer Vaters Seite?’
‚Ich weiß es nicht; ich fragte einst Tante Reed, und sie sagte, es könne sein, daß ich einige arme, in niedrigen Umständen lebende Verwandte Namens Eyre habe; sie wisse aber Nichts von ihnen.’
‚Wenn Sie aber solche Verwandte hätten, möchten Sie dann zu ihnen gehen?'
Ich dachte über die Sache nach. Die Armuth hat für erwachsene Leute nichts Einladendes, noch weniger aber für Kinder; sie können sich von einer fleißigen, arbeitsamen, achtungswerthen Armuth nicht leicht einen Begriff machen; das Wort Armuth kommt bei ihnen
bloß in Verbindung mit zerlumpten Kleidern, spärlicher Nahrung, nackter, kalter Wohnung, rohen Sitten und entehrenden Lastern; Armuth war für mich stets gleichbedeutend mit Entwürdigung.
,Nein, ich möchte armen Leuten nicht gehören,’ war meine Antwort.
,Auch nicht, wenn diese Leute Sie freundlich behandelten?’
Ich schüttelte den Kopf; ich konnte nicht einsehen, wie arme Leute die Mittel haben sollten, freundlich und gütig zu sein; und dann, wie sie sprechen lernen, ihre
Sitten annehmen, ohne Erziehung bleiben, aufwachsen, wie eine der armen Frauen, die ich von Zeit zu Zeit im Dorfe Gateshead vor ihren Thüren ihre Kinder stillen oder deren Linnenzeug waschen sah! Nein, ich war nicht heroisch genug, die Freiheit um den Preis
der Kaste zu erkaufen.
,Sind denn Ihre Verwandten so gar arm? Sind sie Arbeiter, sind sie Taglöhner?’
,Ich kann es Ihnen nicht sagen; Tante Reed sagt, wenn ich solche habe, so könnten dieselben nur ein Bettlerpack sein: ich möchte nicht gern betteln gehen.’
,Möchten Sie in eine Schule gehen?’
Abermals dachte ich nach: ich wußte kaum, was eine Schule sein sollte; Bessie sprach bisweilen davon, als von einem Orte, wo junge Mädchen, mit Zwangsleibchen,
eingesperrt, und wo man von denselben verlangte, daß sie außerordentlich artig und pünktlich wären. John Reed hatte seine Schule nicht gern und schmähte auf
seinen Lehrer gewaltig: aber John Reed's Geschmack war für mich nicht maßgebend, und wenn, was Bessie von der Schuldisziplin sagte, — ihren Berichten lagen Erzählungen junger Damen einer Familie zu Grunde, bei der sie gewesen war, ehe sie nach Gateshead kam
— etwas abschreckend war, so hatten die Einzelheiten über gewisse Fertigkeiten, welche dieselben jungen Damen erlangt, ebenso viel Anziehendes für mich. Sie rühmte die schönen Landschaften und Blumen, welche dieselben gemalt hätten; die Lieder, welche dieselben hätten singen,
die Musikstücke, welche dieselben hätten spielen, die Geldbörsen, die sie hätten häckeln, die französischen Bücher, die sie hätten übersetzen können; — bis ich endlich beim
Zuhören in mir den Trieb verspürte, denselben nachzueifern. Ueberdieß würde, dachte ich, die Schule eine völlige Veränderung sein: es war damit eine lange Reise, eine gänzliche Trennung von Gateshead, mit einem Worte, die Vorstellung eines ganz neuen Lebens
verbunden.
,Ich möchte in der That gerne in eine Schule kommen,’ war der hörbare Schluß meines brütenden Nachdenkens.
,Gut, gut; wer weiß, was geschehen kann?’ sagte Herr Lloyd, indem er aufstand. ‚Dem Kind ist eine Luft- und Ortsveränderung nöthig;’ und mit sich selbst redend, setzte er noch hinzu, ‚die Nerven sind keineswegs in gutem Zustande.’
Nun kam Bessie zurück; in demselben Augenblicke hörte man die Kutsche den Kiesweg daher rollen.
‚Ist das Ihre Gebieterin?’ sagte Herr Lloyd die Bessie; ‚ich möchte gerne mit ihr sprechen, ehe ich weggehe.’
Bessie bat ihn, in das Frühstückzimmer zu treten, und ging voran. Nach den späteren Ereignissen zu schließen, mochte wohl der Apotheker bei seiner Unterredung mit Mistreß Reed Letzterer angerathen haben, mich in eine Schule zu thun; und dieser Rath wurde
ohne Zweifel bereitwilligst befolgt, denn die Abbot sagte eines Abends, als sie mit Bessie, in der Kinderstube nähend, von der Sache sprach, nachdem ich schon zu
Bette gegangen war, und beide glaubten, ich schlafe: ‚Missis war, ich kann es wohl sagen, herzlich froh, ein so lästiges, boshaftes Kind los zu werden, das stets aussah, als wollte es Jedermann beobachten und im Geheimen Pläne schmieden.
Offenbar sah mich die Abbot für eine Art kindlichen Guy Fawkes an.
Bei dieser Gelegenheit hörte ich zum ersten Male, nach dem zu urtheilen, was die Abbot zu Bessie gesagt, daß mein Vater ein armer Geistlicher gewesen sei. Meine Mutter habe ihn wider den Willen ihrer Freunde, denen die Verbindung nicht standesgemäß erschienen sei; geheirathet; mein Großvater Reed sei über ihren Ungehorsam so ungehalten gewesen, daß er ihr nicht einen Shilling gegeben habe; nachdem meine Mutter und mein Vater ein Jahr verheirathet gewesen, habe Letzterer den Typhus bekommen, als er die Armen einer großen Fabrikstadt besucht habe, wo er Seelsorger gewesen sei und diese Krankheit damals geherrscht habe; meine Mutter habe die Krankheit von ihm geerbt, und sei einen Monat nach ihm gestorben.
Als Bessie diese Erzählung hörte, seufzte sie laut auf, und sagte: ,Die arme Miß Jane ist auch zu bemitleiden, Abbot.’
,Ja,’ antwortete die Abbot, ,wäre sie ein nettes braves Mädchen, so könnte man sie wegen ihrer Verlassenheit wohl bemitleiden; man kann sich in der That aber aus einer so kleinen Kröte, wie sie, nicht viel machen.’
,Gewiß, nicht viel,’ sagte Bessie beistimmend; ‚auf jeden Fall würde eine Schönheit, wie Miß Georgiana, in der gleichen Lage weit mehr Interesse erregen.’
,Ja, ich bin in Miß Georgiana ganz vernarrt,’ rief die Abbot begeistert. Der kleine Engel! — mit den langen Locken und blauen Augen, und dem unübertrefflichen Teint: ist dieser nicht wie gemalt? — Bessie, ich möchte wohl gerösteten Käse mit Weißbrod und Senf zum Nachtessen.’
‘Auch ich wäre dabei; — nur möchte ich noch eine gebratene Zwiebel dazu. Kommen Sie, wir wollen hinunter gehen.’
Sofort entfernten sie sich.
Viertes Kapitel.
Aus meiner Unterredung mit Herrn Lloyd und der im voranstehenden Kapitel berichteten Conferenz zwischen Bessie und der Abbot schöpfte ich so viel Hoffnung,daß mir meine baldige Wiederherstellung erwünscht sein mußte: eine Veränderung schien bevorzustehen, — ich wünschte und erwartete sie, ohne davon zu sprechen. Indessen kam dieselbe nicht so bald: Tage und Wochen vergingen: ich hatte wieder meine frühere Gesundheit erlangt, aber es erfolgte keine neue Anspielung auf den Gegenstand, worüber ich brütete. Mistreß Reed sah mich zuweilen mit einem strengen Auge an; indessen sprach sie nur selten mit mir: seit meiner Krankheit hatte sie noch eine stärkere Trennungslinie, als je, zwischen mir und ihren Kindern gezogen, da sie mir ein kleines Cabinet, worin ich allein schlafen mußte, anwies, mich allein essen ließ und ganz und gar auf die Kinderstube beschränkte, während meine Cousinen und John stets im Gesellschaftszimmer waren. Indessen ließ sie kein Wort darüber fallen, daß sie mich in eine Schule thun würde: und gleichwohl verspürte ich eine instinktmäßige Gewißheit, daß sie mich nicht mehr lange unter einem und demselben Dache mit sich dulden würde; denn ihr Blick drückte jetzt mehr als je, wenn er auf mich fiel, einen unüberwindlichen und tief wurzelnden Abscheu aus.
Eliza und Georgiana, die offenbar so handelten, wie man sie anwies, sprachen so wenig als möglich mit mir: John drückte, so oft er mich sah, die Zunge gegen die Backen, und suchte mich ein Mal zu züchtigen; alsbald aber setzte ich mich zur Wehr, getrieben von dem selben Gefühle bittern Zornes und verzweifelter Empörung, das er durch seine frühere Mißhandlung in mir rege gemacht hatte, und so erachtete er es für zweckmäßiger, sein Vorhaben aufzugeben, und lief davon, indem er Verwünschungen ausstieß und behauptete, ich
hätte ihm seine Nase zerschlagen. In der That hatte ich ihm auch mit aller Kraft meiner Knöcheln auf diesen hervorragenden Theil des Gesichtes einen Schlag versetzt, und als ich sah, daß entweder dieß oder mein Blick ihm Schrecken einjagte, so hatte ich alle Lust, meinen Vortheil so weit wie möglich zu verfolgen; aber schon war er bei seiner Mama. Ich hörte ihn plärrend seine Erzählung damit beginnen, daß die garstige Jane Eyre wie eine wilde Katze auf ihn losgestürzt sei; — in etwas rauhem Tone aber wurde er alsbald
von seiner Mutter mit den Worten unterbrochen:
,Sprich mir nicht von ihr, John; ich sagte Dir doch, Du solltest ihr nicht nahe kommen; sie ist nicht werth, daß man auf sie achtet; weder Du noch Deine Schwestern sollten sich mit ihr abgeben: ich sehe es gar nicht gern.’
Hier beugte ich mich über das Treppengeländer, und rief plötzlich, und ohne meine Worte abzuwägen, aus:
,Sie sind nicht werth, daß ich mich mit ihnen einlasse.’
Mistreß Reed war ziemlich wohlbeleibt; als sie aber diese unerwartete und kühne Erklärung hörte, kam sie in raschem Laufe die Stiege herauf, entführte mich wirbelwindartig in die Kinderstube und verbot mir, mich auf den Rand meines Bettchens mit aller Gewalt niederdrückend, mit emphatischer Stimme, während des Restes des Tages von der Stelle aufzustehen oder eine Silbe zu sprechen.
‚Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch lebte?’ sagte ich fast unwillkürlich. Ich sage, fast unwillkürlich, denn es schien, als hätte meine Zunge Worte ausgesprochen, ohne daß mein Wille dabei gewesen; es sprach Etwas aus mir, worüber ich keine Gewalt hatte.
,Was?’ sagte Mistreß Reed ungewöhnlich leise; ihr sonst kaltes, ruhiges, graues Auge nahm einen Ausdruck der Unruhe und Furcht an; ihre Hand von meinem Arm zurückziehend, sah sie mich an, als wisse sie in der That nicht, ob sie in mir ein Kind oder einen bösen Dämon erblicken solle. Da ich nun gerade daran war, so sagte ich weiter:
,Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann Alles sehen, was Sie thun und denken; und ebenso auch Papa und Mama: sie wissen, wie Sie mich den ganzen Tag einsperren und wünschen, daß ich todt wäre.'
Mistreß Reed faßte sich bald wieder: sie schüttelte mich tüchtig, beohrfeigte mich auf beiden Seiten des Kopfes, und ging sodann weg, ohne ein Wort zu sprechen. Dafür hielt mir nun Bestie eine strenge Strafspredigt, die nicht weniger als eine Stunde dauerte, und worin sie mir auf das Unzweifelhafteste darthat, daß ich das boshafteste und verworfenste Kind sei, welches je in einem Hause erzogen worden. Ich glaubte ihr halb und halb, denn ich fühlte in der That nur böse Regungen in meiner Brust aufsteigen.
November, December und der halbe Januar gingen vorüber. Weihnachten und Neujahr waren zu Gateshead in der gewöhnlichen festlichen Weise gefeiert, es waren Geschenke gewechselt, festliche Essen und Abendgesellschaften gegeben worden. Natürlich dürfte ich an allen diesen Vergnügungen keinen Antheil nehmen: es war mir bloß vergönnt, Eliza und Georgiana täglich prächtig ankleiden und dieselben in ihren Röcken von feinem Mousselin, mit ihren scharlachenen Schärpen und
ihrem zierlich geringelten Haare in das Gesellschaftszimmer hinabgehen zu sehen; und sodann auf die Töne des Pianoforte oder der Harfe, die man unten spielte,
auf das Hin- und Hergeben des Kellermeisters und der Bedienten, auf das Geklirre der Gläser und des Geschirrs, wenn Erfrischungen herumgereicht wurden, sowie auf das Gesumme der Gespräche zu hören, wenn die Thüren des Gesellschaftszimmers auf- oder zugingen. Wenn ich dieser Beschäftigung überdrüssig geworden war, zog ich mich gewöhnlich von dem obern Treppenende in die einsame und stille Kinderstube zurück: dort war ich, wenn auch etwas traurig, doch nicht unglücklich. Soll ich die Wahrheit sagen, so hegte ich nicht den mindesten Wunsch, in Gesellschaften zu gehen, denn da bemerkte man mich gar selten; und wäre Bessie nur
umgänglich und freundlich gewesen, so hätte ich es für einen Hochgenuß gehalten, die Abende in der Stille bei ihr zuzubringen, anstatt, unter dem Furcht einflößenden Auge der Mistreß Reed, in einem mit Damen und Herren angefüllten Zimmer zu verweilen. Aber Bessie hatte, sobald ihre jungen Damen angekleidet waren,
die Gewohnheit, die lebhaften Regionen der Küche und des Zimmers der Haushälterin aufzusuchen, und dann nahm sie gewöhnlich das Licht mit: alsdann saß ich,
mit meiner Puppe auf dem Schooße, da, bis das Feuer abgebrannt war, und sah mich von Zeit zu Zeit um, um mich zu versichern, daß nichts Schlimmeres, als ich,
in dem finstern Zimmer sich aufhalte; sobald die Kohlen nur noch düsterroth glommen, entkleidete ich mich hastig, indem ich Schleifen und Schnüre, so gut es anging, aufriß, und suchte in meinem Bette Schutz gegen Kälte und Finsterniß. In mein Bett nahm ich stets meine Puppe mit: menschliche Wesen müssen irgend
Etwas lieben, und, in Ermangelung eines würdigern Gegenstands meiner Liebe, machte ich mir ein Vergnügen daraus, ein verblichenes Bild, so armselig wie
eine kleine Vogelscheuche, zu lieben und zu liebkosen. Ich kann mir jetzt kaum erklären, mit welch’ thörichter Aufrichtigkeit ich in dieses hölzerne Spielzeug verliebt war; halb und halb hielt ich es für lebendig und für empfindungsfähig. Ich konnte nicht schlafen, wenn es nicht in mein Nachtkleid gehüllt war; und wenn es dann so sicher und warm da lag, fühlte ich mich verhältnißmäßig glücklich, und glaubte, meine Puppe müsse es auch sein.
Sehr lang kamen mir die Stunden vor, wenn ich auf das Weggehen der Gesellschaft wartete, und auf Bessie’s Tritte auf der Treppe lauschte. Bisweilen kam
sie unter der Zeit herauf, um ihren Fingerhut oder ihre Scheere zu holen, oder auch um mir Etwas zum Nachtessen zu bringen — einen Fladen oder einen kleinen
Käsekuchen; dann pflegte sie sich auf mein Bett zu setzen, während ich mit Essen beschäftigt war, und wär ich damit zu Ende, so pflegte sie das Betttuch um mich
zu drücken; auch küßte sie mich dann zweimal, und sagte: ‚Gute Nacht, Miß Jane.’ Wenn Bessie so sanft war, so erschien sie mir als das beste, artigßte,
gütigste Geschöpf von der Welt; und ich wünschte von ganzem Herzen, sie möchte stets ebenso angenehm und liebenswürdig sein, und mich nie herumstoßen, oder
zanken, oder zu viel von mir fordern, wie sie nur zu oft that. Bessie Lee muß, wie ich glaube, ein Mädchen von guten natürlichen Fähigkeiten gewesen sein; denn
bei Allem, was sie that, legte sie nicht wenig Geschick an den Tag; auch war ihr Erzählungstalent gar nicht unbedeutend: so urtheile ich wenigstens nach dem Eindrucke, den ihre Ammenmährchen auf mich hervorbrachten. Auch war sie hübsch, wenn anders meine Erinnerungen in Betreff ihres Gesichtes und ihrer Person
mich nicht trügen. So viel ich mich erinnere, war sie ein schlankes junges Frauenzimmer mit schwarzem Haar, dunkeln Augen, sehr einladenden Gesichtszügen und gutem,
reinem Teint; aber sie hatte ein launenhaftes und hitziges Temperament; dazu kommt noch, daß sie in Beziehung
auf Grundsätze und Gerechtigkeit sehr laxe Ansichten hatte: bei alle dem aber zog ich sie allen andern Bewohnern von Gateshead-Hall entschieden vor.
Es war am 15. Januar, etwa 9 Uhr Morgens; Bessie war zum Frühstück hinunter gegangen; meine Cousinen waren noch nicht zu ihrer Mutter gerufen
worden; Eliza setzte ihren Hut auf, und zog ihren warmen Gartenrock an, um ihr Federvieh zu füttern, eine Beschäftigung, die ihr besonders viel Freude machte:
nicht minder gern verkaufte sie auch die Eier an die Haushälterin und bewahrte das Geld auf, das sie so bekam. Sie handelte gern und legte eine große Neigung zum Sparen an den Tag, die sich nicht allein im Verkaufe von Eiern und jungen Hühnern zeigte, sondern auch darin, daß sie, wenn sie an den Gärtner Blumenzwiebeln, Sämereien und Ableger verkaufte, dieselben so theuer wie möglich an den Mann zu bringen suchte. Ich muß nämlich sagen, daß dem Gärtner von Mistreß Reed aufgegeben war, von seiner jungen Dame alle Produkte ihrer Blumenbeete zu kaufen, welche dieselbe abzutreten wünschte: und Eliza würde das Haar von ihrem Kopfe verkauft haben, wenn sie dabei ein hübsches Sümmchen hätte profitiren können. Was ihr Geld betrifft, so verbarg sie es zuerst, in einen Lappen oder alte, als Haarwickeln dienende Papiere gehüllt, in verschiedenen Winkeln; als aber einst das Hausmädchen einige dieser Schätze entdeckte, so willigte Eliza, in der
Furcht, sie möchte eines Tags ihren theuren Schatz verlieren, ein, denselben zu Wucherzinsen — 50 bis 60 Procent, ihrer Mutter anzuvertrauen; und diese Zinsen trieb sie jedes Quartal pünktlich ein, wobei sie sich eines kleinen Buchs bediente, in das sie Alles mit ängstlicher Genauigkeit eintrug.
Georgiana saß auf einem hohen Stuhle, und machte ihr Haar vor dem Spiegel: in ihre Locken flocht sie künstliche Blumen und verblichene Federn, deren sie in
einer Schublade in der Dachstube eine Menge gefunden hatte. Was mich betrifft, so machte ich mein Bett, indem ich von Bessie den strengen Befehl erhalten hatte,
daß ich damit fertig sein müsse, noch bevor sie zurück sei: — denn Bessie gebrauchte mich nun häufig als eine Art untergeordneter Kindermuhme; ich mußte aufräumen, abstäuben u. s. w. Als ich mein Nachtzeug zusammengelegt und mein Bett zurecht gemacht hatte, ging ich zu dem Fenstersitze, um einige Bilderbücher und Spielsachen, die dort herumlagen, zu ordnen; plötzlich befahl mir Georgiana, ihre Spielsachen gehen zu lassen (denn die Stühlchen und Spiegelchen, Tellerchen und Täßchen waren ihr Eigenthum), worauf ich denn von dem Geschäfte abstand; und nun fing ich in Ermangelung, eines andern Geschäftes, an, die Eisblumen an dem Fenster anzuhauchen, und so in dem Glase einen Raum, frei zu machen, durch den ich in den Garten
sehen konnte, wo unter dem Einflusse eines harten Frostes Alles still und versteinert war.
Von diesem Fenster aus koünte man das Häuschen des Portiers und den Fahrweg sehen, und eben als ich von dem silberweißen Blumenwerk, das die Fensterscheiben überkleidete, so viel abgelöst hatte, daß ich hinaus sehen konnte, gewahrte ich, wie das Thor aufging und ein Wagen hereinrollte. Gleichgültig sah ich denselben
herankommen, denn fremde Wagen waren in Gateshead nichts Seltenes, wenn auch keiner Gäste brachte, an
denen ich Interesse nahm. Der Wagen hielt vor dem Hause an, die Thürglocke ertönte laut, und der Neuangekommene ward eingelassen. Da mich Alles dieses
Nichts anging, so fand meine müssige Aufmerksamkeit bald einen interessanteren Anziehungspunkt an dem
Schauspiele eines kleinen hungrigen Rothkehlchens, das hergeflogen kam, und auf den Zweigen des hart an der Mauer in der Nähe des Fensters stehenden unbelaubten
Kirschbaums zirpte. Die Ueberreste meines, aus Brod und Milch bestehenden Frühstücks standen noch auf dem
Tische; ich zerbröckelte ein Stückchen Brod, und suchte eben das Schiebfenster zu öffnen, um die Krumen auf
die äußere Fensterbank zu legen, als Bessie in die Kinderstube hereingelaufen kam.
,Miß Jane, nehmen, Sie Ihre Schürze ab: was thun Sie da? Haben Sie Ihre Hände und Ihr Gesicht schon gewaschen?’
Ich zog noch einmal an dem Schiebfenster, ehe ich antwortete, denn ich wollte gern dem Vogel sein
Brod sichern: das Schiebfenster ging auf; ich streute die Krumen theils auf die steinerne Fenßterbank, theils
ließ ich sie auf den Kirschbaum hinabfallen; sodann machte ich das Fenster wieder zu und erwiederte:
,Nein, Bessie; eben erst bin ich mit dem Abstäuben fertig geworden.’
,Lästiges, nachlässiges Kind! und was machen Sie jetzt? Sie sehen ja ganz roth aus, als ob Sie irgend Etwas hätten anstellen wollen: warum haben Sie das Fenster aufgemacht?
Die Mühe der Antwort wurde mir erspart, denn Bessie schien zu sehr in der Eile zu sein, um auf Erklärungen zu hören; sie zerrte mich zum Waschtische
hin, rieb mir Gesicht und Hände unbarmherzig, wenn, auch glücklicher Weise nur kurze Zeit, mit Seife, Wasser und einem groben Handtuch; brachte mein Haar mit einer harten Bürste in Ordnung, nahm mir die Schürze ab, und führte mich dann im Sturmschritt an die Treppe, und hieß mich unverweilt hinabgehen, da man mich im Frühstückzimmer erwarte.
Ich hätte gern gefragt, wer denn mit mir sprechen wolle, und ob Mistreß Reed da sei; aber Bessie hatte sich bereits entfernt, und die Thüre der Kinderstube hinter sich geschlossen: so ging ich denn langsam hinunter. Fast drei Monate lang hatte Mistreß Reed mich nicht zu sehen verlangt: so lange auf die Kinderstube
beschränkt, hatte ich das Frühstück-, das Speise- und das Gesellschafts-Zimmer als Schrecken erregende Regionen anzusehen gelernt, die ich nicht zu betreten wagte.
Ich stand nun in der leeren Halle; vor mir war die Thüre des Frühstückzimmers, und schüchtern und
zitternd blieb ich stehen. Zu welch’ feigem Geschöpfe hatte mich nicht damals die Furcht, die aus einer ungerechten Strafe entstanden war, gemacht? Ich fürchtete mich, in die Kinderstube zurückzugehen; ich fürchtete mich, in das Empfangszimmer zu treten; wohl, zehn Minuten, stand ich in aufgeregter Unschlüssigkeit da: das
heftige Klingeln, das aus dem Frühstückszimmer kam, brachte mich endlich zu einem Entschlusse; ich sagte bei
mir selbst, ich müsse nun eintreten.
‚Wer ist es wohl, der, mich rufen läßt?’ fragte ich mich, als ich mit beiden Händen den hart gehenden
Drücker erfaßte, der einige Sekunden lang allen meinen Anstrengungen widerstand. ,Wen werde ich wohl außer
der Tante Reed in dem Zimmer treffen? — Einen Mann oder ein Frauenzimmer?’ Endlich gab der Drücker
nach, die Thüre öffnete sich, und eintretend, und mich tief verbeugend sah ich auf, und was erblickte ich? —
einen schwarzen Pfeiler! — Als ein solcher erschien mir wenigstens auf den ersten Blick die gerade, dünne,
schwarzgekleidete Gestalt, die kerzengerade sich auf dem Teppich hielt: das grimme Gesicht am obern Ende glich
einer gehauenen oder gemeißelten Maske, die auf dem Schafte statt eines Capitäls dienen sollte.
Mistreß Reed nahm ihren gewöhnlichen Platz am Kamine ein: sie gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich mich nähern solle. Ich that es, und sie stellte
mich sofort dem steinernen Gaste mit den Worten vor:
,Dieß ist das Mädchen, wegen dessen ich mich an Sie gewendet habe.’
Er — denn es war ein Mann — drehte langsam den Kopf nach der Stelle um, wo ich stand, und nachdem er mich mit zwei forschend aussehenden grauen
Augen, die unter einem Paare buschiger Augenbrauen funkelten, geprüft hatte, sagte er mit feierlicher, tiefer Baßstimme:
,Sie ist nicht groß: wie alt ist sie?’
‚Zehn Jahre.’
,So alt?’ war die zweifelnde Antwort, und nun prüfte er mich einige Minuten weiter. Doch bald sprach er zu mir
,Wie heißen Sie, kleines Mädchen?’
,Jane Eyre, Herr.’
Als ich diese Worte aussprach, sah ich auf: er erschien mir als ein großer, schlanker Herr; aber damals
war ich noch ganz klein: seine Züge waren groß, und sie und alle Linien seiner Gestalt gleich hart und
gezwungen.
,Nun, Jane Eyre, sind Sie auch ein gutes Kind?’
Wie konnte ich diese Frage bejahend beantworten?
War doch meine kleine Welt gerade der entgegengesetzten Ansicht, und so schwieg ich denn. Mistreß Reed antwortete aber für mich durch ein bedeutsames Kopfschütteln, dem alsbald die Worte folgten:
,Je weniger man über diesen Gegenstand sagt, desto besser wird es vielleicht sein, Herr Brocklehurst.’
‚Thut mir in der That leid, das zu hören! Ich muß Einiges mit ihr reden;’ und, seine perpendikulare Stellung aufgebend, setzte er sich in den Lehnstuhl, der dem der Mistreß Reed gegenüber stand.
‚Kommen Sie zu mir her,’ sagte er.
Ich schritt über den Teppich hin, und er stellte mich ganz gerade vor sich hin. Was für ein Gesicht hatte er nun, da ich es dem meinigen ganz gegenüber hatte! Welch' große Nase! Und was für einen Mund! Und welch' große hervorragende Zähne!
,Kein Anblick ist so widerwärtig, wie der eines unartigen Kindes,’ begann er, ,insbesondere eines kleinen unartigen Kindes. Wissen Sie, wohin die Bösen nach dem Tode kommen?’
,Sie kommen in die Hölle,’ lautete meine rasche und rechtgläubige Antwort.
,Und was ist die Hölle? Können Sie mir es sagen?’
,Eine Tiefe voller Feuer.’
,Und möchten Sie wohl in diese Tiefe fallen und dort ewig brennen?'
,Nein, Herr!’
‚Was müssen Sie thun, um das zu vermeiden?’
Ich dachte einen Augenblick nach; meine Antwort aber war sichtlich nicht die beste: ‚ich muß mich bei guter Gesundheit erhalten, und nicht sterben.’
,Wie können Sie es machen, daß Sie bei guter Gesundheit bleiben? Es sterben täglich Kinder, die noch jünger sind, als Sie. Erst vor einigen Tagen
trug ich ein kleines, 5 Jahre altes Kind zu Grabe, — ein gutes kleines Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es steht zu befürchten, daß man von Ihnen nicht
das Nämliche sagen könnte, wenn Sie heute von dieser Welt abgerufen würden.’
Da ich nicht in der Lage war, seinen Zweifel zu beseitigen, so warf ich meine Augen blos auf die zwei
großen, auf dem Teppiche ruhenden Füße, und wünschte, ich wäre weit weg.
,Ich hoffe, dieser Seufzer kommt aus dem Herzen; auch hoffe ich, daß Sie es bereuen, Ihrer vortrefflichen
Wohlthäterin je Kummer gemacht zu haben.’
,Wohlthäterin! Wohlthäterin!’ sagte ich bei mir, selbst: ,sie nennen Mistreß Reed meine Wohlthäterin; wenn dieß wirklich der Fall ist, so ist es etwas Trauriges um eine Wohlthäterin.’
Verrichten Sie auch jeden Morgen und jeden Abend Ihr Gebet?’ fuhr mein Frager fort.
‚Ja, Herr.’
,Lesen Sie auch in Ihrer Bibel?’
,Bisweilen.’
,Gern?’
,Die Offenbarung, so wie das Buch Daniel, das erste Buch Mosis und die Bücher Samuelis, Einiges aus dem Exodus, sowie einige Theile der Bücher der
Könige und der Chronika, Hiob und Jonas gefallen mir besonders.’
,Und die Psalmen? Hoffentlich, lesen Sie sie gern.’
,Nein, Herr.’
,Nein? O abscheulich! Ich habe einen kleinen Knaben, der noch jünger ist, als Sie, und sechs Psalmen auswendig kann; und wenn man ihn fragt, was
er lieber wolle, eine Pfeffernuß, oder einen Vers aus den Psalmen auswendig lernen, so antwortet er beharrlich: ‚,O den Vers eines Psalms! die Engel singen
die Psalmen;’ so sagt er: ‚‚Ich will schon hinieden ein kleiner Engel sein;’’ und alsdann bekommt er zwei Pfeffernüsse als Lohn für seine kindliche Frömmigkeit.’
,Psalmen sind ja aber nicht anziehend,' bemerkte ich.
,Das beweist mir, daß Sie ein böses Herz haben, und Sie müssen Gott bitten, daß er dasselbe umwandle; daß er ihnen ein neues und reines Herz schenke, daß er von Ihnen nehme Ihr steinernes Herz, und gebe Ihnen ein fleischernes.’
Ich war im Begriffe, eine Frage zu thun in Betreff der Art und Weise, wie es anzufangen sei, um ein Herz also umzuwandeln, als Mistreß Reed mich sitzen hieß, und sich des Worts bemächtigte.
,Herr Brocklehurst, ich glaube, ich habe Ihnen in dem Briefe, den ich Ihnen vor 3 Wochen geschrieben habe, bemerkt, daß dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Stimmung hat, die ich wünschen möchte: sollten Sie dieselbe in die Schule zu Lowood aufnehmen, so möchte ich bitten, daß die Oberaufseherin, sowie die Lehrerin ein strenges Auge auf sie haben, und vor Allem ihrem schlimmsten Fehler, der Neigung zur Verstellung und Hinterlist, ihre Aufmerksamkeit schenken. Ich sage das in Deiner Gegenwart, Jane, damit Du Dir nicht beigehen lässest, Herrn Brocklehurst hinters Licht führen zu wollen.’
Wohl mochte ich Mistreß Reed fürchten, wohl mochte ich keine Regung der Liebe zu ihr verspüren; denn es lag in ihrem Wesen, mich grausam zu verwunden; nie war ich in ihrer Gegenwart froh und glücklich: so sorgfältig ich auch gehorchte, so sehr ich mir es auch angelegen sein ließ, ihr zu gefallen, so wurden doch meine Bemühungen stets zurückgewiesen, und durch Worte, wie die obigen, belohnt. Jetzt, da die Anklage vor einem Fremden ausgesprochen wurde, verwundete sie mich bis in das Innerste meines Herzens; so halb und halb sah ich ein, daß sie aus der neuen Lebensphase, in die ich nach ihrem Willen eintreten sollte, bereits die Hoffnung tilgte; ich fühlte, obgleich ich dem Gefühle keinen Ausdruck zu leihen vermochte, daß sie auf meinen künftigen Lebensweg Abscheu und unfreundliche Gesinnungen säe; ich sah, mich vor Herrn Brocklehurst in ein listiges, schädliches Geschöpf verwandelt, und was konnte ich thun, um das Unheil von mir abzuwenden?
,Nichts, Nichts;’ dachte ich, während ich mich anstrengte, um einen tiefen Seufzer zu unterdrücken, und wischte rasch einige Thränen, die unmächtigen Zeugen meiner Qual, ab.
‚Verstellung ist in der That ein schlimmmer Fehler bei einem Kinde,’ sagte Herr Brocklehurst; ,sie ist mit der Falschheit verwandt und das Los aller Lügner wird sein, daß sie in dem Feuer- und Schwefelpfuhl brennen. Indessen soll sie überwacht werden, Mistreß Reed; ich werde mit Miß Temple und den Lehrerinnen sprechen.’
‘Mein Wunsch ist, daß sie, in einer, ihren künftigen Verhältnissen angemessenen Weise erzogen werde,’ fuhr meine Wohlthäterin fort: ‚es ist darauf zu sehen, daß sie sich nützlich machen lerne, daß sie demüthig bleibe. Was die Vacanzen betrifft, so wird sie dieselbe mit Ihrer Erlaubnis, Herr Brocklehurst, stets zu Lowood zubringen.’
,Ihre Bestimmungen sind durchaus nur zu billigen, Madame,’ erwiederte Herr Brocklehurst. ,Demuth ist eine christliche Gnade, und schickt sich insbesondere für die Zöglinge in Lowood; ich befehle daher immer, daß diese Tugend bei denselben aufs Eifrigste gepflegt und genährt werde. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie das weltliche Gefühl des Stolzes bei denselben am Gründlichsten zu ertödten wäre, und hatte erst vor wenigen Tagen einen wohlthuenden Beweis von den Erfolgen, die ich erzielt. Meine zweite Tochter, Augusta, besuchte mit lhrer Mutter die Schule, und als sie zurückkam, rief sie aus: ‚,O lieber Papa, wie ruhig und einfach sehen doch alle Mädchen zu Lowood aus! Mit ihren hinter die Ohren zurückgekämmten Haaren, ihren langen Schürzen, und den leinenen
Täschchen außen an ihren Röcken — sehen sie fast aus, wie Kinder armer Leute! Und,’’ setzte sie hinzu, ‚‚sie sahen meinen und der Mama Anzug an, als ob sie nie
zuvor ein seidenes Gewand erblickt hätten.’’
,Diesen Zustand der Dinge billige ich vollkommen,’ antwortete Mistreß Reed; ‚hätte ich in ganz England gesucht, ich hätte kaum ein Erziehungssystem finden können, das für ein Kind, wie Jane Eyre, so vollkommen paßte. Nur consequent, mein lieber Herr Brocklehurst; in allen Dingen liebe ich mir die Consequenz.’
,Consequenz, Madame, ist die erste aller Christenpflichten; und bei allen Anordnungen in der Schule zu Lowood hat man dieselbe strenge im Auge behalten; einfache Kost, einfache Kleidung, aber Alles gut, — Arbeitsamkeit und Entfernung alles weichlichen Wesens — das ist im Hause und bei den Bewohnern Vorschrift.’
‚Ganz richtig, mein Herr. Ich kann mich also darauf verlassen, daß dieses Kind zu Lowood als Zögling aufgenommen wird, und dort eine seinen Verhältnissen entsprechende Erziehung erhält?’
‚Madame, Sie können sich darauf verlassen; sie soll in jene Pflanzschule, in der wir nur auf auserlesene Pflanzen sehen, aufgenommen werden; — und ich hoffe, sie wird sich dankbar erweisen für das unschätzbare Vorrecht ihrer Auserwählung.’
‚Ich werde sie somit baldmöglichst schicken, Herr Brocklehurst; denn ich versichere Sie, ich kann es kaum erwarten, einer Verantwortlichkeit los zu werden, die
für mich immer verdrießlicher würde.’
,Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Madame; und nur wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. Ich werde im Laufe dieser, oder der nächsten Woche, nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein vortrefflicher Freund, der Archidiakonus, gestattet mir nicht, daß ich ihn früher verlasse. Ich werde Miß Temple benachrichtigen, daß sie ein neues Mädchen zu erwarten habe, so daß es wegen der Aufnahme der Letztern keine Schwierigkeit geben wird. Leben Sie wohl.’
,Leben Sie wohl, Herr Brocklehurst; meine Empfehlungen an Mistreß und Miß Brocklehurst, sowie an Augusta und Theodor, und Master Broughton Brocklehurst.’
,Ich werde nicht ermangeln, Madame. Kleines Mädchen, hier ist ein Buch, das den Titel hat ‘des Kinds Führer;’ lesen Sie es betend, insbesondere den Theil, der einen Bericht über den furchtbar schnellen Tod der Martha G—, eines unartigen Kindes, welches Falschheit und Verstellung prakticirte, enthält.’
Bei diesen Worten gab mir Herr Brocklehurst eine kleine, in einen Umschlag geheftete Broschüre in die Hand; und nachdem er seinen Wagen hatte vorfahren lassen, fuhr er davon.
Mistreß Reed und ich waren allein geblieben; einige Minuten vergingen, ohne daß eine Sylbe gesprochen wurde; sie nähte und ich überwachte alle ihre Bewegungen. Zu jener Zeit mochte Mistreß Reed etwa
36 bis 37 Jahre alt sein; sie war eine stark gebaute, breitschultrige und starkgliedrige Frau, dabei nicht groß, und obgleich wohlbeleibt, doch nicht fett; sie
hatte ein etwas breites Gesicht, indem der Unterkiefer stark entwickelt, und sehr derb war; ihre Stirne war niedrig, ihr Kinn groß und hervorragend; Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig; unter ihren leichten Augenbrauen schimmerte ein Auge, das kein Erbarmen kannte; ihre Haut war dunkel und undurchsichtig, ihr Haar beinahe von der Farbe des Flachses; ihre Constitution so gesund, wie sie es nur wünschen mochte, denn Krankheit war etwas ihr ganz und gar Unbekanntes. Sie war eine pünktliche, geschickte Haushälterin; Hauswesen und Pächter standen ganz und gar unter ihrer Leitung; ihre Kinder allein boten von Zeit zu Zeit ihrer Autorität Trotz und verhöhnten dieselbe. Im Uebrigen kleidete sie sich gut, und zeigte ein Benehmen und eine Haltung, die zu ihren schönen Kleidern so übel
nicht paßten.
Da ich, nur wenige Schritte von ihrem Lehnsessel entfernt, auf einem niedrigen Stuhle saß, so konnte ich ihre Gesichtszüge und ihre ganze Gestalt bequem beobachten. In der Hand hielt ich das Büchlein, worin der schnelle Tod der Lügnerin berichtet war, und auf diese Erzählung war ja meine Aufmerksamkeit hingelenkt worden, als auf eine geeignete Warnung. Was so eben vorgegangen war; was Mistreß Reed zu Herrn Brocklehurst über mich gesagt hatte; der ganze Inhalt ihrer Unterredung stand noch frisch, nackt und mit stechender Schärfe vor meinem Geiste; ich hatte jedes Wort so tief empfunden, als ich es deutlich vernommen; und nun fing die Leidenschaft der Rache in mir zu gähren an.
Mistreß Reed sah von ihrer Arbeit auf; ihr Auge fiel auf meines; ihre Finger hörten zu gleicher Zeit auf, sich so flink wie bisher, zu bewegen.
,Geh’ aus dem Zimmer; geh’ in die Kinderstube hinauf!’ lautete ihr Befehl. Mein Blick, oder irgend sonst Etwas an mir, mußte ihr nicht gefallen haben, denn sie sprach mit außerordentlicher, obgleich so viel wie möglich unterdrückter Entrüstung. Ich stand auf und ging bis an die Thüre; da kehrte ich aber wieder um und ging durchs Zimmer auf das Fenster zu; sodann stellte ich mich hart vor sie hin.
Sprechen mußte ich einmal, und zwar um jeden Preis; der Wurm war hart getreten worden, und nun mußte er sich krümmen: aber wie? welche Stärke hatte ich, um meiner Gegnerin in gleicher Weise zu begegnen, um ihr Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Ich nahm alle meine Kraft zusammen, und platzte endlich in folgender plumper Weise heraus:
,Ich bin nicht hinterlistig, verstelle mich nicht; wäre es der Fall, so würde ich sagen, ich liebe Sie; nun aber erkläre ich Ihnen, daß ich Sie nicht liebe; nach John Reed sind Sie diejenige Person auf der Welt, die ich am Wenigsten leiden mag; und dieses Buch da, in dem von einer Lügnerin geschrieben ist, können Sie Ihrer Tochter Georgiana geben, denn diese ist eine Lügnerin, nicht ich.’
Mistreß Reed's Hände lagen noch unthätig auf ihrer Arbeit, ihr eiskaltes Auge ruhte noch immer erstarrend auf dem meinigen.
‚Was hast Du noch weiter zu sagen?’ sagte sie in einem Tone, womit man sonst eher einen Gegner von reiferem Alter, als ein Kind, anzureden pflegt.
Dieses ihr Auge, diese ihre Stimme erregte alle in mir schlummernde Antipathie auf. Vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, durchzuckt von unbezähmbarer Aufregung, fuhr ich also fort:
,Es freut mich nur, daß Sie nicht mit mir verwandt sind: nie in meinem Leben mehr werde ich Tante zu Ihnen sagen. Nie werde ich wieder zu Ihnen kommen, wenn ich erwachsen bin; und wenn mich irgend
Jemand fragt, ob ich Sie gern gehabt habe, und wie Sie mich behandelt hätten, so will ich sagen, daß schon der bloße Gedanke an Sie mich krank mache, und daß Sie mich mit entsetzlicher Grausamkeit behandelt haben.’
‚Wie magst Du das behaupten, Jane Eyre; wie kannst Du so frech sein?'
,Wie ich so frech sein kann, Mistreß Reed? Wie ich so frech sein kann? Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, ich habe kein Gefühl,und ich kenne der Liebe und des Wohlwollens Anderer leicht entbehren; aber ich kann nicht so leben, und Sie kennen kein Mitleid. Ich werde mich immer erinnern, wie Sie mich rauh und heftig in das rothe Zimmer zurückgestoßen, und mich dort eingeschlossen haben, daß ich zu sterben dachte; obgleich ich in Todesängsten war, obgleich ich, vor Jammer erstickend, ausrief: ‚‚Haben Sie Mitleid! haben Sie Mitleid, Tante Reed!’’ Diese Strafe legten Sie mir auf, weil Ihr böse Bube mich für Nichts und wieder Nichts geschlagen, zu Boden geschlagen hatte. Jedermann, der mich fragt, werde ich diese wahrheitsgetreue Geschichte erzählen. Die Leute glauben, Sie seien eine gute Frau, aber Sie sind böse, hartherzig. Ich sage Ihnen, Sie sind es, die sich verstellen!’
Noch ehe ich mit diese meiner Antwort zu Ende war, begann mein Herz weiter zu werden, und zu triumphiren, mit einem Gefühle der Freiheit, wie ich nie ein ähnliches empfunden habe. Er schien mir, als
wäre eine unsichtbare Kette, an der ich gefangen gelegen, zerborsten, und als hätte ich mir eine Freiheit errungen, die ich nicht zu hoffen gewagt. Und dieses Gefühl hatte allerdings seine gute Ursache: Mistreß Reed sah erschrocken aus; die Arbeit war von ihrem Knie auf, den Boden herabgeglitten; sie hob ihre Hände in die Höhe, und wiegte sich hin und her; ja, sie verzog auch ihr Gesicht, als wollte sie weinen.
,Jane, Du irrst Dich; was ist es mit Dir? Warum zitterst Du so heftig? willst Du etwas Wasser trinken?’
,Nein, Mistreß Reed.’
,Willst Da sonst Etwas haben, Jane? Ich versichere Dich, es ist mein Verlangen, Deine Freundin zu sein.’
‚Das wollen Sie gewiß nicht. Sie haben Herrn Brocklehurst gesagt, ich hätte einen schlechten Charakter, und Anlage zur Verstellung; und ich werde zu Lowood Jedermann sagen, wer und was Sie sind, und
was Sie gethan haben.’
‚Jane, Du verstehst das nicht: Kinder muß man wegen ihrer Fehler strafen.’
,Verstellung und Hinterlist ist mein Fehler nicht,’ rief ich wild und laut aus.
,Aber Du bist leidenschaftlich, Jane, das mußt Du mir zugeben, und nun geh' wieder in die Kinderstube hinauf, und lege Dich ein wenig nieder, — geh' und sei ein liebes Mädchen.’
,Ich bin nicht Ihr liebes Mädchen; ich kann mich nicht niederlegen; schicken Sie mich ja recht bald in die Schule, Mistreß Reed, denn das Leben hier ist mir zum Ekel.’
‚Ja, ja, ich werde sie bald in die Schule schicken,’ murmelte Mistreß Reed halblaut; und nun nahm sie ihre auf dem Boden liegende Arbeit auf, und verließ, ohne etwas Weiteres zu sagen, das Zimmer.
Ich war also allein da, und hatte das Feld behauptet. Es war der härteste Kampf, den ich noch gefochten, und der erste Sieg, den ich gewonnen hatte;
ich blieb eine Weile auf dem Teppich stehen, wo Herr Brocklehurst gestanden hatte, durchbebt von dem Hochgenusse, mich als Siegerin allein zu sehen. Zuerst lächelte ich bei mir selbst, und fühlte mich gehoben; aber dieses wilde Vergnügen legte sich bei mir so geschwind, wie der beschleunigte Schlag meines Pulses. Ein Kind kann mit Personen, die älter sind als es selbst, sich in keinen Streit einlassen, wie ich gethan; kann seinem Wuthgefühl keinen so unbedingt freien Spielraum gestatten, wie es bei mir der Fall gewesen war, ohne darauf einer quälenden Reue und einer eisigen Gegenwirkung sich auszusetzen. Ein Haufen brennenden Heidekrauts, glühend, allverzehrend, wäre ein passendes Sinnbild für meinen Geist gewesen, als ich Mistreß Reed anklagte und bedrohte; derselbe Haufen, schwarz und ausgebrannt, nachdem die Flamme erloschen, würde meine darauf folgende Gemüthsstimmung in passender Weise dargestellt haben, als ein halbstündiges Stillschweigen und Nachdenken mir das Wahnsinnige meiner Handlungsweise und die Trostlosigkeit meines gehaßten und hassenden Verhältnisses gezeigt hatte.
Zum Erstenmale hatte ich geschmeckt, was Rache heißt; wie warmer und starker würziger Wein schien sie mir beim Hinunterschlucken; ihr Nachgeschmack, metallisch und beißend, verursachte mir eine Empfindung, als wäre ich vergiftet worden. Herzlich gern hätte ich nun
Mistreß Reed um Verzeihung gebeten; aber ich wußte theils aus Erfahrung, theils ans Instinkt, daß ich auf diesem Wege mich ihrer Verachtung und Zurückweisung doppelt aussetzen, und so abermals jeder unruhige Drang meiner Natur wieder vollen Spielraum erhalten werde.
Ich wollte gern eine edlere Fähigkeit üben, als die des heftigen Redens; ich wollte gern Nahrung finden für ein minder satanisches Gefühl, als das der finstern Empörung. Ich griff nach einem Buche, — es waren arabische Mährchen, setzte mich nieder und wollte lesen. Ich konnte keinen Sinn in die Sache bringen; meine eigenen Gedanken schwammen stets zwischen mir und dem Buche hin und her, das ich sonst so bezaubernd gefunden hatte. Ich machte eine Glasthüre in dem Frühstückzimmer auf; das Gebüsch war lautlos; überall herrschte der Frost, unbezwungen durch Sonne oder ein laues Lüftchen. Ich bedeckte meinen Kopf und meine Arme mit dem Saume meines Rockes, und ging hinaus, um in einem ganz einsamen Theile der Anpflanzung mich zu ergehen; aber ich fand kein Vergnügen an den stillen Bäumen, an den abgefallenen Tannenzapfen, den übereisten Ueberresten des Herbstes, an röthlichen Blättern, die Winde früher in Haufen zusammengeweht hatten, und die nun durch den Frost fest miteinander verbunden worden waren. Ich lehnte mich an ein Thör- ****[pp. 52-53) two pages missing!!!!]
,Wie Sie mich nicht mögen, Bessie?’
,Ich mag Sie wohl leiden, Miß; ich glaube, ich habe Sie lieber, als die andern Alle.’
‚Ich sehe aber Nichts davon.’
,Sie kleines, schlaues Ding! Sie sprechen ja auf einmal ganz anders. Was macht Sie so verwegen und dreist?’
,Nun , ich werde ja bald nicht mehr bei Ihnen sein, und zudem —‘
Eben wollte ich Etwas von dem sagen, was zwischen mir und Mistreß Reed vorgefallen war; plötzlich besann ich mich eines Andern, und dachte, es wäre wohl besser, wenn ich davon schwiege.
,Sie sind also froh, daß Sie mich verlassen können?’
,Ganz und gar nicht, Bessie, denn gerade jetzt thut es mir fast leid.’
,Gerade jetzt! Wie kalt sagt das doch meine kleine Dame! Wollte ich Sie jetzt um einen Kuß bitten, ich wette, Sie würden mir keinen geben; Sie würden mir vielleicht sagen, Sie möchten lieber nicht.’
‚Von Herzen gern will ich Sie küssen: neigen Sie nur Ihren Kopf zu mir herab.’
Bessie neigte sich zu mir nieder; wir küßten uns gegenseitig, und ich folgte ihr, ganz getröstet, in das Haus. Dieser Nachmittag verging uns in Friede und Eintracht, und am Abend erzählte mir Bessie einige ihrer fesselndsten Geschichten, und sang mir einige ihrer lieblichsten Lieder. Selbst für mich hatte nun das Leben Sonnenblicke.
Fünftes Kapitel.
Kaum hatte am Morgen des 19. Januar die Uhr fünf geschlagen, als Bessie ein Licht in mein Cabinet brachte; sie fand mich bereits auf und beinahe angekleidet. Eine halbe Stunde vor ihrem Eintritt war ich aufgestanden, und hatte beim Lichte des eben untergehenden Halbmondes, dessen Strahlen durch das enge Fenster neben meinem Bettchen fielen, mich gewaschen und angekleidet. Ich sollte nämlich an diesem Tage Gateshead mit einem Eilwagen verlassen, der um 6 Uhr
in der Frühe am Parkthore vorüber kam. Bessie war
die einzige Person, die bereits aufgestanden war; sie
hatte in der Kinderstube ein Feuer angemacht, und
schickte sich nun an, daselbst mein Frühstück zu bereiten.
Gar wenige Kinder können essen, wenn sie durch den
Gedanken an eine Reise aufgeregt sind; auch ich konnte
es nicht. Nachdem Bessie vergebens in mich gedrungen
war, einige Löffel voll von der gewärmten Milchsuppe
zu mir zu nehmen, die sie für mich bereitet hatte, packte
sie einiges Backwerk in ein Papier, und steckte dasselbe
in meinen Reisesack; sodann half sie mir meinen Pelz
umlegen und meinen Hut aufsetzen, und nachdem sie selbst
sich in einen Shawl gehüllt, verließ sie mit mir die
Kinderstube. Als wir an Mistreß Reed's Schlafzimmer
vorbei kamen, sagte sie:
,Wollen Sie hineingehen und von Missis Abschied
nehmen?’
,Nein, Bessie; sie kam gestern Abend, als Sie
zum Nachtessen hinuntergegangen waren, an mein Bett,
und sagte, ich brauche sie am Morgen nicht zu stören,
und ebenso wenig meine Cousinen; ferner sagte sie mir,
ich möge nie vergessen, daß sie stets meine beste Freundin gewesen, und möge daher von ihr dem gemäß sprechen und dankbar gegen sie sein.’
‚Was haben sie gesagt, Miß?’
‚Nichts; ich bedeckte mein Gesicht mit dem Betttuche und wandte mich von ihr weg, der Wand zu.’
,Das war nicht recht, Miß Jane!’
,Es war ganz recht, Bessie; Ihre Missis ist nicht
meine Freundin gewesen, sondern im Gegentheil meine
Feindin.’
‚O, Miß Jane sprechen Sie doch nicht so.
,Lebe wohl, Gateshead!' rief ich, als wir durch
die Vorhalle gingen und durch die vordere Thüre hinaustraten.
Der Mond war untergegangen und es war sehr
finster; Bessie trug eine Laterne, deren Licht auf nasse
Treppen, und einen vom Thau durchfeuchteten Kiesweg
fiel. Rauh und frostig war der Wintermorgen; meine
Zähne klapperten, als ich den Weg hinab eilte. In
dem Portierhäuschen war ein Licht; als wir dasselbe
erreichten, fanden wir die Frau des Portier, wie sie
eben ihr Feuer anzündete; mein Koffer, der am Abend
zuvor hinuntergetragen worden war, stand, mit Stricken
umgeben, vor der Thüre. Es fehlten nur noch wenige
Minuten bis 6 Uhr, und kaum hatte es auf der Uhr
ausgeschlagen, als ein fernes Rollen von Rädern den
herannahenden Eilwagen verkündete; ich ging auf die
Thüre zu, und sah, wie dessen Laterne durch die Finsterniß hindurch rasch näher kam.
‚Geht sie allein?’ fragte die Frau des Portier.
‚Ja.’
‚Und wie weit ist es?’
‚Fünfzig Meilen.’
‚Welch langer Weg! Es wundert mich, daß Mistreß Reed sie so weit ganz allein gehen läßt.’
Der Eilwagen kam heran; da stand er an dem Parkthore mit seinen vier Pferden, und seiner mit Reisenden beladenen Imperiale: der Condukteur und der Kutscher trieben mit lauter Stimme zur Eile an;
mein Koffer wurde hinaufgehißt; und ich ward von Bessie's Hals weggenommen, an dem ich Küsse gebend, hing.
‚Geben Sie ja recht auf sie Acht,’ rief sie dem Condukteur zu, als er mich in den Wagen hineinhob.
‚Ganz gut. ganz gut!’ war die Antwort; sodann ward die Thür zugeschlagen, und eine Stimme rief: ‚Alles in Ordnung,' und weiter ging's. So wurde ich von Bessie und Gateshead getrennt, so in eine unbekannte, und wie ich damals glaubte, entfernte und geheimnißvolle Welt hinausgeschleudert.
Von der Reise weiß ich nur Weniges: nur so viel kann ich sagen, daß der Tag mir ungewöhnlich lang vorkam, und daß wir Hunderte von Wegstunden zu machen schienen. Wir kamen durch mehrere Städte,
und in einer derselben — und zwar einer sehr großen — hielt der Wagen an; die Pferde wurden ausgespannt, und die Reisenden stiegen ab, um das Mittagsmahl einzunehmen. Ich wurde in ein Gasthaus gebracht, wo der Condukteur mich zum essen nöthigen wollte; da ich aber keinen Appetit hatte, so ließ er mich in einem unngeheuren Saal, an dessen beiden Enden sich ein Kamin befand; ein Kronleuchter hing von der Decke herab, und eine kleine, rothe Gallerie, hoch oben an der Wand, war mit musikalischen Instrumenten angefüllt. Hier ging ich lange auf und ab; es war mir gar sonderbar zu Muthe, und ich schwebte in Todesangst, es möchte Jemand hereinkommen, und mich mit Gewalt entführen; denn ich glaubte, es gebe Leute, die ein solches Geschäft trieben: hatte ich doch deren kühne Thaten sowohl aus Bessie's Abenderzählungen als aus Bilderbüchern kennen gelernt. Endlich kam der Condukteur zurück; abermals wurde ich in den Wagen gepackt, mein Beschützer bestieg seinen Sitz, blies in sein dumpftönendes Horn, und dahin rasselten wir über die ‚steinige Straße’ von L.
Der Nachmittag zeigte sich naß und etwas neblig; als es anfing düster zu werden, begann ich zu fühlen, daß wir uns in der That sehr weit von Gateshead entfernten. Wir kamen durch keine Städte mehr; das Land ward ein anderes; große, graue Hügel stiegen rings am Horizonte auf: als die Dämmerung immer mehr zur Finsterniß wurde, kamen wir in ein Thal hinab, das durch einen Wald verdunkelt war, und lange nachdem die Nacht Alles verfinstert hatte, hörte ich einen wilden Wind durch Bäume hindurch rauschen.
Eingelullt durch dieses Geräusch, versank ich endlich in Schlummer. Dieser hatte aber noch nicht lange gedauert, als das plötzliche Aufhören der Bewegung mich aufweckte: die Wagenthür war offen, und eine Person, die wie eine Dienerin aussah stand davor: beim Laternenscheine sah ich ihr Gesicht und ihren Anzug.
,Ist ein kleines Mädchen Namens Jane Eyre da?’ fragte sie. Ich antwortete: ,Ja,’ und ward sodann herausgehoben; alsbald kam auch mein Koffer von dem Wagen herab, und einen Augenblick darauf hatte sich dieser schon entfernt.
Von dem langen Sitzen war ich ganz steif geworden, auch hatte das Geräusch und Bewegen der Kutsche mich ganz betäubt; alle meine geistigen und physischen
Kräfte zusammennehmend, sah ich umher. Regen, Wind und Finsterniß erfüllte die Luft; dennoch vermochte ich so halb und halb eine vor mir stehende Mauer, und an derselben eine offene Thür zu unterscheiden; durch diese Thüre trat ich mit meiner neuen Führerin ein: sie schloß dieselbe hinter mir zu. Nun sah ich vor mir ein Haus, oder mehrere Häuser — denn das Gebäude dehnte sich weit aus — mit vielen Fenstern und mit Lichtern, die an einigen brannten; wir gingen einen breiten, durch und durch nassen Kieselweg hinauf, und wurden durch eine Thüre eingelassen; sodann führte mich
die Führerin durch einen Gang in ein Zimmer, in dem ein Feuer brannte, und dort ließ sie mich allein.
Ich blieb stehen, und wärmte meine halberstarrten Finger an dem helllodernden Feuer; sodann sah ich mich um; es war kein Licht da, aber das unstäte Licht des Kaminfeuers ließ dann und wann Wände mit Tapeten, einen Fußteppich, Vorhänge: glänzende Mahagony-Meubeln sehen; es war ein Empfangzimmer, nicht so geräumig, oder glänzend, wie das Gesellschaftszimmer zu Gateshead, aber doch der Bequemlichkeiten genug zeigend. Ich zerbrach mir den Kopf, was denn wohl ein an der Wand hängendes Gemälde vorstellen möchte, als die Thüre aufging, und eine Person mit einem Lichte in der Hand hereintrat; eine andere folgte ihr auf dem Fuße.
Die erste war eine schlanke Dame mit dunklem Haar, schwarzen Augen, und einer blassen und hohen Stirne; ihre Gestalt war zum Theil in einen Shawl gehüllt, der Ausdruck ihres Gesichts ernst, ihre Haltung gerade.
‚Das Kind ist doch noch gar zu jung, um es so allein herzuschicken,’ sagte sie, indem sie ihren Leuchter auf den Tisch stellte. Sie betrachtete mich eine bis zwei Minuten mit vieler Aufmerksamkeit und setzte sodann hinzu:
‚Es wäre wohl besser, wenn sie bald zu Bett gebracht würde; sie sieht müde aus. Bist Du müde?’ fragte sie, ihre Hand auf meine Schulter legend.
‚Ein wenig, Madam.’
,Und wohl auch hungrig: lassen Sie ihr, bevor sie zu Bete geht, Etwas zu essen geben, Miß Miller. Ist es das erste Mal, daß Du Deine Eltern verlässest, um in die Schule zu gehen, mein kleines Mädchen?’
Ich setzte ihr auseinander, daß ich keine Eltern hätte. Sie fragte mich nun, wie lang dieselben todt wären; wie alt ich sei, wie ich heiße, ob ich lesen, schreiben und ein wenig nähen könne. Sodann berührte sie meine Wange sanft mit dem Zeigefinger, sagte, sie hoffe, daß ich ein gutes Kind sein würde, und entließ mich mit Miß Miller.
Die Dame, von der ich weggegangen war, mochte etwa neunundzwanzig Jahre alt sein; diejenige, die mit mir ging, schien einige Jahre jünger zu sein; die erstere machte durch ihre Stimme, ihren Blick und ihr ganzes Aussehen keinen geringen Eindruck auf mich.
Miß Miller hatte etwas mehr Alltägliches an sich: ihr Teint war etwas roth, der Ausdruck ihres Gesichts sorgenfrei; ihr Gang war ein eiliger, und alle ihre Bewegungen verriethen eine Person, der stets eine Menge von Geschäften obliegen; sie sah in der That — was, wie ich später fand, auch so war — wie eine Unterlehrerin aus. Von ihr geführt, ging ich von Gemach zu Gemach, von einem Gange eines großen und unregelmäßigen Gebäudes zum andern: bis wir aus der vollkommenen, und etwas unheimlichen Stille, die in dem Theile des Hauses herrschte, den wir durchschritten hatten, dem Gesumme vieler Stimmen nahe kamen, und in einen weiten, langen Saal mit großen tannenen Tischen eintraten, deren ich an jedem Ende zwei bemerkte, und auf denen je zwei Lichter brannten. Auf den Bänken aber saßen Mädchen jeden Alters, von neun oder zehn bis zwanzig Jahren herum. Bei dem düstern Scheine der Talglichter erschien mir ihre Menge zahllos, obwohl dieselbe in Wirklichkeit nicht über achtzig
betrug; sie waren, eine wie die andere, in braune Zeugröcke von sonderbarem Schnitte, und lange Leinwandschürzen gekleidet. Es war die Zeit des Lernens; sie waren damit beschäftigt, ihre Aufgabe auf den nächsten Morgen durchzugehen, und das Gesumme, das ich gehört hatte, war das vereinigte Resultat ihres mit flüsternder Stimme vorgenommenen Repetirens.
Miß Miller hieß mich mit einem Zeichen auf einer Bank in der Thüre Platz nehmen; sodann ging sie bis an's obere Zimmer des langen Saals, und rief laut:
‚Aufseherinnen, sammelt die Bücher ein, und hebt sie auf!’
Vier große Mädchen erhoben sich von verschiedenen Tischen, gingen herum, sammelten die Bücher ein und legten sie auf die Seite. Abermals erscholl das Commandowort der Miß Miller:
,Aufseherinnen, holet die Schüsseltragen mit dem Nachtessen herein!’
Die großen Mädchen gingen hinaus, und erschienen bald wieder, jede mit einem Brette, worauf Portionen von Etwas, — ich weiß nicht was, — standen, sowie, in der Mitte jedes Brettes, ein großer Wasserkrug mit einem großen Becher. Die Portionen wurden herumgereicht; diejenigen, welche Lust hatten, tranken aus dem Allen gemeinschaftlichen Becher; in dem großen Kruge aber war Wasser. Als der Becher zu mir kam, trank ich, denn ich war durstig, die Speise jedoch rührte ich nicht an, da Aufregung und Müdigkeit mich
zum Essen ganz und gar unfähig machten. Indessen sah ich nun, daß es ein dünner, in Stücke zertheilter Haferkuchen war.
Als das Abendessen vorüber war, las Miß Miller ein Gebet, und nun zogen die Klassen, je zwei Schülerinnen neben einander, ab und die Treppe hinauf.
Von Müdigkeit überwältigt, bemerkte ich in dem Augenblicke kaum, was für ein Ort der Schlafsaal war; nur
so viel sah ich, daß er, gleich dem Unterrichtssaale, sehr
lang war. Für diese Nacht schlief ich mit Miß Miller
in Einem Bette; sie half mir beim Auskleiden; als ich
mich niedergelegt hatte, warf ich einen Blick auf die
langen Reihen von Betten, von denen jedes in einem Augenblicke zwei Mädchen aufnahm. Nach Verfluß von 10 Minuten was das einzige Licht ausgelöscht, und inmitten der eingetretenen Stille und der völligen Dunkelheit schlief ich ein.
Rasch verstrich die Nacht: ich war selbst zum Träumen zu müde. Nur wachte ich einmal auf, um den Wind in wüthenden Stößen rasen, und den Regen in Strömen herabfallen zu hören, und die Gewißheit zu
erlangen, daß Miß Miller neben mir liege. Als ich meine Augen auf’s Neue aufschlug, läutete eine Glocke: die Mädchen waren auf, und mit Ankleiden beschäftigt;
noch war die der Tageshelle vorangehende Dämmerung nicht da, und ein oder zwei kleine Talglichter brannten
im Saale. Mit Widerstreben stand ich auch auf; es war bitterkalt, und ich kleidete mich an, so gut es angehen mochte, da ich vor Kälte ganz zitterte; sodann
wusch ich mich, sobald ein Waschbecken frei war; was nicht so bald geschah, da auf 6 Mädchen nur Ein Waschbecken kam, welches immer auf einem Tischchen in der
Länge des mittleren Saalgangs stand. Abermals ertönte die Glocke: Alles bildete sich zu zweien in eine Reihe, und nun ging es in dieser Ordnung die Treppe
hinab, und in das kalte, spärlich erleuchtete Schulzimmer hinein.
Hier las Miß Miller, ein Gebet; sodann rief sie:
‚Bildet Klassen!’
Nun folgte einige Minuten lang ein großes Getöse, und ich hörte Miß Miller zu wiederholten Malen ausrufen: ,Stille!’ und ‚Ordnung!’ Nachdem das Getöse sich gelegt hatte, sah ich sie alle in vier Halbkreisen, vor vier Stühlen, die an den vier Tischen standen, aufgestellt; alle hatten Bücher in der Hand, und ein großes Buch, das wie eine Bibel aussah, lag auf jedem Tische, vor dem leeren Sitze. Eine Pause von einigen Sekunden, die durch das leise Gesumse der einzelnen Mädchen ausgefüllt wurde, folgte nun; Miß Miller ging von einer Klasse zur andern, dieses dumpfe Geräusch zur Ruhe bringend.
Eine ferne Glocke ließ sich hören: alsbald traten drei Damen in den Saal, jede ging auf einen Tisch zu und nahm ihren Sitz ein; was Miß Miller betrifft, so setzte sie sich auf den vierten leeren Stuhl, welcher der Thüre am Nächsten stand, und um den sich die kleinsten Kinder versammelt hatten; in diese unterste Klasse wurde ich eingetheilt, und zwar wurde mir der letzte Platz angewiesen.
Nun ging es an die Arbeit; die auf den Tag treffende Collecte ward gelesen; sodann wurden verschiedene Sprüche aus der heiligen Schrift abgebetet, worauf eine Stunde lang Bibellesen folgte. Als man damit zu Ende war, war es endlich ganz hell geworden. Die unermüdliche Glocke ließ sich nun zum vierten Male hören; die Klassen stellten sich abermal in Ordnung, und zogen zum Frühstück in ein anderes Zimmer ab; wie froh war ich, als ich endlich Aussicht hatte, Etwas zu essen zu bekommen! Es war mir nun fast schwach
vor Hunger, da ich am vorhergehenden Tage so wenig genossen hatte.
Das Refektorium war ein großes, niedriges, düsteres Zimmer; auf zwei langen Tischen rauchten Schüsseln mit etwas Warmem, das aber zu meinem Schrecken einen Geruch verbreitete, der nichts weniger, als
einladend war. Ich sah allgemeine Unzufriedenheit sich kund geben, als der Geruch des Mahles in die Nasen
derjenigen drang, für die dasselbe bestimmt war; von dem Vortrab der Prozession, worin die großen Mädchen
der ersten Klasse sich befanden, gingen die geflüsterten Worte aus:
,Abscheulich, ekelhaft! Die Suppe ist abermals angebrannt!’
‚Stille!’ rief eine Stimme mit einem Male; nicht die der Miß Miller, sondern die einer der Oberlehrerinnen, — einer kleinen Person mit schwarzem Teint, die
nett gekleidet war, aber ein etwas mürrisches Aussehen hatte, und sich oben an einen der Tische setzte, während
eine üppiger aussehende Dame an dem andern den Vorsitz führte. Vergebens sah ich mich nach derjenigen um, die ich an dem Abend zuvor zuerst gesehen hatte;
sie war aber unsichtbar. Miß Miller saß unten an meinem Tische, und eine seltsam und fremd aussehende
ältliche Dame, — die Lehrerin der französischen Sprache, wie ich später fand, — nahm den entsprechenden Sitz an dem andern Ende des Tisches ein. Ein langes Gebet wurde gesprochen, und ein Lied gesungen; hierauf brachte eine Dienerin Thee für die Lehrerinnen herein, und es begann das Essen. Heißhungrig und nun fast ohnmächtig, verschlang ich einen, oder zwei Löffel voll von meiner Portion, ohne an den Geschmack derselben zu denken; kaum hatte ich dieselben aber hinuntergeschluckt, so bemerkte ich, daß ich ein ekelhaftes Zeug vor mir
hatte; angebrannte Suppe schmeckt fast so schlecht, wie verfaulte Kartoffeln; selbst der Heißhunger wird derselben bald überdrüssig. Langsam bewegten sich die Löffel,
ich sah jedes Mädchen die Speise kosten, und jedes suchte dieselbe hinunter zu bringen; aber in den meisten
Fällen wurde der Versuch bald aufgegeben. Das Frühstück war vorbei, und doch hatte Niemand gefrühstückt. Nach Verrichtung eines Dankgebets für das, was wir
nicht genossen, und nach Absingung einer zweiten Hymne verließ man das Refektorium, um in das Schulzimmer
zurückzukehren. Ich war eine der letzten, die hinaus gingen, und als ich an den Tischen vorbei kam, sah ich
eine der Lehrerin einen der Suppenteller nehmen, und dessen Inhalt kosten; sie sah die andern an; alle Gesichter drückten Mißfallen aus, und eine von ihnen, die
wohlbeleibte, flüsterte:
,Abscheuliches Zeug! wie schmählich!’
Es verging eine Viertelstunde, ehe die Lektionen wieder begannen, und während dieser Zwischenzeit befand sich das Schulzimmer in einem gloriosen Tumulte;
denn während dieser Zeit schien es erlaubt zu sein, laut und frei zu sprechen, und man machte von diesem Vorrechte Gebrauch. Alle Gespräche drehten sich um das
Frühstück, worauf man von allen Seiten weidlich schimpfte. Die armen Dinger! es war der einzige Trost, den sie hatten. Miß Miller war nun die einzige
Lehrerin in dem Zimmer; eine Gruppe von großen Mädchen, die sie umstand, sprach mit ernsten und finstern Geberden. Ich hörte den Namen Brocklehurst von
einigen Lippen fallen, worüber Miß Miller ihren Kopf mißbilligend schüttelte; allein sie machte keine sehr großen Anstrengungen, um der allgemeinen Entrüstung Einhalt zu thun: ohne Zweifel theilte sie diese selbst.
Eine Uhr im Schulzimmer schlug neun; Miß Miller verließ ihren Kreis und rief, mitten im Zimmer stehend:
,Ruhe! auf eure Plätze!’
Nun waltete die Disziplin: in fünf Minuten hatte der verworrene Haufen sich in Ordnung aufgelöst, und eine verhältnißmäßige Ruhe folgte auf das babel’sche Sprachgewirre. Die Oberlehrerinnen nahmen nun wie der pünktlich ihre Plätze ein, aber doch schien Alles auf Etwas zu warten. Die 80 Mädchen saßen bewegungslos und aufrecht auf den Bänken den Saal entlang, auf dessen beiden Seiten; und fürwahr sie gewährten einen seltsamen Anblick, mit ihren glatt aus dem Gesichte gekämmten Haaren, woran auch nicht eine Spur von einer Locke zu sehen war; mit ihren braunen Kleidern, die hoch hinauf gingen, und oben mit einem schmalen Halsstreifen versehen waren; mit ihren leinenen Täschchen, nicht unähnlich den Geldbeuteln der Hochländer, die vorn an ihre Röcke gebunden waren, und als Arbeitsbeutel dienten.
Noch muß ich bemerken, daß alle wollene Strümpfe
trugen, und Schuhe nach Art der Landbewohner, und
diese Fußbekleidung war mit messingenen Schnallen befestigt. Ueber zwanzig, diese Costüme tragende Mädchen waren völlig ausgewachsen; es stand ihnen schlecht,
und gab sogar den Hübschesten ein wunderliches Aussehen.
Noch sah ich sie an, und warf auch von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf die Lehrerinnen — wovon mir eigentlich keine gefiel; denn die wohlbeleibte war etwas gemein, die dunkle nicht wenig heftig; die fremde strenge und grotesk, und Miß Miller, das arme Ding, sah purpurroth und von zu vieler Arbeit angegriffen aus, — als, wie mein Auge so von Gesicht zu
Gesicht schweifte, die ganze Schule mit Einem Male aufstand, wie durch eine Springfeder aufgeschnellt.
Was gab es? Ich hatte keinen Befehl geben hören, ich wußte nicht, was ich denken sollte. Bevor ich
noch meine Gedanken gesammelt hatte, saßen die Klassen schon wieder; da aber alle Augen sich auf Einen Punkt hinrichteten, so folgte das meinige der allgemeinen Richtung, und fiel auf die Person, die mich den Abend zuvor empfangen hatte. Sie stand unten in dem langen Zimmer, am Kamine; denn an jedem Ende war
ein Feuer; sie überschaute die zwei Mädchenreihen stillschweigend und ernst. Miß Miller, die sich ihr näherte, schien sie Etwas zu fragen; nachdem sie eine Antwort erhalten, ging sie auf ihren Platz zurück und rief laut:
,Aufseherin der ersten Klasse, holen Sie den Globus!’
Während dieser Befehl ausgeführt wurde, bewegte die um Rath gefragte Dame sich langsam das Zimmer hinauf. Ich muß wohl ein bedeutendes Organ der
Verehrung haben, denn noch ist aus meinem Sinne nicht die bewundernde Ehrfurcht geschwunden, womit meine Augen ihren Schritten folgten. Jetzt, bei hellem Tage
gesehen, erschien sie groß, weiß und stattlich; braune Augen mit einem wohlwollenden Lichte, und schöne, pinselartige, lange Wimpern hoben die Weiße ihrer
hohen Stirne noch hervor; an jedem ihrer Schläfe war ihr dunkelbraunes Haar, nach der Mode jener Zeit, wo
man weder glatte Bandeaux, noch lange Ringeln trug, in runde Locken gesammelt; ihr Anzug, ebenfalls nach der damaligen Mode, war aus purpurrothem Tuche, und wurde durch eine Art spanischen Besatzes von schwarzem Sammt hervorgehoben; eine goldene Uhr — Uhren waren damals nichts so Gewöhnliches, wie jetzt — glänzte an ihrem Gürtel. Um das Gemälde zu vervollständigen, möge der Leser sich seine Züge hinzudenken, einen Teint, der, wenn auch blaß, doch klar war, sowie eine stattliche Miene, und eine eben solche Haltung, und er wird wenigstens so gut, als es Worte auszudrücken vermögen, einen richtigen Begriff von dem Aeußern der Miß Temple haben, — der Maria Temple, wie ich später aus einem Gebetbuch ersah, das sie mich in die Kirche tragen ließ.
Die Directorin von Lowood — denn das war die fragliche Dame — setzte sich vor einen, auf einem Tische aufgestellten Globus hin, ließ die erste Klasse herbeikommen, und fing nun an, eine Lection in der Geographie zu geben; die untern Klassen versammelten sich um ihre Lehrerinnen, und eine Stunde lang währte der Unterricht in der Geschichte, Grammatik u.s.f., sodann folgte Schreib- und Rechnungsunterricht, und einige von
den ältern Mädchen hatten bei Miß Temple Musikunterricht. Die Dauer jeder Lehrstunde wurde von dem Schlage einer Uhr geregelt, die endlich zwölf Uhr schlug.
Nun stand die Directorin auf:
,Ich habe ein Wort an die Schülerinnen zu richten,’ sagte sie.
Schon ließ sich der mit dem Aufhören der Lectionen entstehende Tumult vernehmen; sobald aber ihre Stimme gehört wurde, legte er sich. Sie fuhr also fort:
,Ihr hattet diesen Morgen ein Frühstück, das ihr nicht essen konntet, ihr müßt hungrig sein; — ich habe Befehl gegeben, einer jeden ein Stück Brod mit Käse zu verabreichen.’
Die Lehrerinnen sahen sie mit einer Art Erstaunen an.
,Es geschieht auf meine Verantwortung hin,’ setzte sie erklärend hinzu, und alsbald verließ sie den Saal.
Das Brod und der Käse wurden augenblicklich hereingebracht und ausgetheilt zum großen Entzücken und zur Erfrischung der ganzen Schule. Nun hieß es, ‚in
den Garten!’ Jede setzte einen groben Strohhut mit Bändern von farbigem Calico auf, und warf einen
Mantel von grauem Fries um. Ich that deßgleichen, und ging, dem Strome folgend, in die freie Luft hinaus.
Der Garten war ein weiter Raum, mit Mauern, die so hoch waren, daß sie lediglich keine Aussicht gewährten; eine bedeckte Verandah lief an einer Seite
hin, und breite Wege begrenzten einen mittlern Raum,
der in viele kleine Beete abgetheilt war. Diese Beete
waren den Schülerinnen als Gärten zum Anbauen zugetheilt und jedes Beet hatte eine Eigenthümerin. Ohne
Zweifel mußten sie hübsch aussehen, wenn sie voller
Blumen waren, aber jetzt, wo wir dem Ende des Januars zugingen, war Alles winterliche Zerstörung und
schwarze Verwesung. Es schauderte mich, als ich so
dastand und umhersah; das Wetter war nicht günstig
zur Bewegung im Freien; es war nicht gerade regnerisch, aber ein feuchter, gelber Nebel verdunkelte die Luft; der Boden war noch ganz durchnäßt von den Regenströmen, die gestern gefallen waren. Die stärksten
unter den Mädchen sprangen umher und begannen Spiele, die viel Bewegung erheischten; aber mehrere
blasse und schwächlich aussehende scharrten sich zusammen, um unter der Verandah Schutz und Wärme zu
suchen, und unter diesen hörte ich häufig einen hohlen Husten, wie der dichte Nebel auf ihre zitternden Körper
eindrang.
Bis jetzt hatte ich noch mit keiner gesprochen, auch
schien keine von mir Notiz zu nehmen; ich stand verlassen genug da, aber an dieses Gefühl der Vereinzelung
war ich ja gewöhnt, es drückte mich nicht sehr. Ich
lehnte mich an einen Pfeiler der Verandah, zog meinen
grauen Mantel dicht um mich, und beobachtete und
grübelte nach, während ich die Kälte, die mich von Außen bestürmte, und den ungestillten Hunger, der im Innern nagte, zu vergessen suchte. Meine Gedanken
waren zu unbestimmt, und fragmentarisch, als daß sie verdienten, aufgezeichnet zu werden. Ich wußte ja kaum
noch, wo ich war; Gateshead, und mein vergangenes Leben schienen in nebelgrauer Ferne zu liegen; die Gegenwart war unklar und seltsam, und von der Zukunft
wußte ich Nichts, und konnte mir auch keinen Begriff
machen. Ich sah in dem klösterlichen Garten umher,
und sodann auf das Haus, ein großes Gebäude, dessen
eine Hälfte grau und alt, die andere aber ganz neu
schien. Der neue Theil, der den Schul- und Schlafsaal enthielt, wurde durch Fenster erleuchtet, die durch
viele Stäbe abgetheilt und vergittert waren, so daß
derselbe ein kirchenartiges Aussehen erhielt; eine steinerne Tafel über der Thüre enthielt folgende Inschrift:
,Lowood-Stift. — Dieser Theil ist neu erbaut worden Anno Domini, — durch Naomi Brocklehurst,
von Brocklehurst-Hall, in dieser Grafschaft.’ — ,Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen, und euren Vater im Himmel preisen.’ — Matth. Capitel 16.
Ich las diese Worte einmal, zweimal und dreimal;
ich fühlte, daß eine Erklärung dazu gehöre, und ich
war nicht im Stande, in ihre Bedeutung ganz einzudringen. Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes ‚Stift’ nach und bemühte mich, zwischen den zuerst
stehenden Worten und dem Verse aus der heiligen Schrift
eine Verbindung zu suchen, als ich dicht hinter mir Jemand husten hörte, was mich veranlaßte, den Kopf
umzuwenden. Ich sah ein Mädchen nicht weit von mir
auf einer steinernen Bank sitzen; sie neigte sich über
ein Buch, das sie mit großer Aufmerksamkeit zu lesen
schien: von meinem Platze aus konnte ich den Titel sehen — es war ,Rasselas’; ein Name, der mir
wunderlich vorkam , und daher auch anziehend. Beim Umkehren eines Blattes sah sie zufällig auf und ich
sagte geradeweg zu ihr:
,Ist Dein Buch interessant?’
Schon hatte ich die Absicht, sie zu bitten, daß sie
mir es an einem oder dem andern Tage leihen möchte.
,Es gefällt mir,’ antwortete sie nach einer Pause
von einigen Sekunden, während welcher sie mich prüfte.
‚Wovon handelt es?’ fuhr ich fort. Ich weiß kaum, wo ich die Kühnheit hernahm, mit einer Fremden ein Gespräch anzuknüpfen; meiner Natur und meinen Gewohnheiten war ein solcher Schritt entgegen;
allein ich glaube, ihre Beschäftigung schlug irgendwo
eine gleichgestimmte Saite an; denn auch ich las gern, obgleich nur läppisches und kindisches Zeug: Ernstes oder Gediegenes
konnte ich weder verdauen, noch verstehen.
,Du kannst es ansehen,’ erwiederte das Mädchen,
mir das Buch hinbietend.
Ich that es; ein flüchtiger Blick überzeugte mich,
daß der Inhalt minder anziehend sei, als der Titel;
,Rasselas’ kam mir sehr langweilig vor; ich sah Nichts
von Feen, Nichts von Geistern darin; keine glänzende
Mannigfaltigkeit schien über die enggedruckten Seiten
hingegossen zu sein. Ich gab es ihr zurück; sie nahm
es ruhig, und ohne Etwas zu sagen, war sie im
Begriff, wieder in ihre frühere ernste Stimmung zu
verfallen und weiter zu lesen; noch einmal wagte ich
sie zu stören:
,Kannst Du mir sagen, was die Inschrift auf dem
Stein dort über der Thür bedeutet? Was soll denn
‚Lowood-Stift’ heißen?’
,Das Haus, in dem Du Dich jetzt befindest.'
,Und warum nennen sie es Stift? Ist es in irgend Etwas verschieden von andern Schulen?’
,Es ist zum Theil eine Armenschule: Du und ich und alle die Uebrigen sind Freischülerinnen. Du bist
wohl eine Waise; ist Dein Vater oder Deine Mutter
todt?’
,Beide sind gestorben, und ich war noch so klein,
daß meine Erinnerung nicht so weit zurückgeht.’
,Gut, alle Mädchen hier haben entweder Vater
oder Mutter oder beide Eltern verloren, und dieß heißt
man ein Stift zur Erziehung von Waisen.’
‚Müssen wir Etwas bezahlen? Erhält man uns hier umsonst?’
,Wir bezahlen oder unsere Freunde bezahlen jährlich fünfzehn Pfund für jedes Mädchen.’
‚Aber warum nennt man uns alsdann Freischülerinnen?’
,Weil fünfzehn Pfund nicht genug ist für Kost und Unterricht, und das Fehlende durch wohlthätige Menschen zugeschossen wird.’
,Wer schießt zu?’
,Verschiedene wohlthätige Damen und Herren in der Nachbarschaft und in London.’
‚Wer war Naomi Brocklehurst?’
‚Die Dame, welche den neuen Theil dieses Hauses erbaute, wie auf der steinernen Tafel zu lesen ist, und
deren Sohn hier Alles überwacht und leitet.’
,Warum?’ ,Weil er Schatzmeister und oberster Director des Stifts ist.’
‘Sonach gehört dieses Haus nicht der großen Dame, die eine Uhr trägt, und die gesagt hat, daß
wir Brod und Käse bekommen sollten?’
,Der Miß Temple? Ach nein! Ich wollte wohl es wäre ihr Eigenthum; sie muß Herrn Brocklehurst
von Allem, was sie thut, Rechenschaft geben. Herr
Brocklehurst kauft alle unsere Nahrungsmittel, sowie
alle unsere Kleider.’
,Wohnt er hier?’
‚Nein, — zwei Meilen von hier in einem großen Schlosse.’
,Ist er ein guter Mann?’
,Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er thue recht viel Gutes.’
,Hast Du nicht gesagt, die große Dame heiße Miß Temple?’
‚Ja.’
,Und wie heißen die andern Lehrerinnen?’
,Die mit den rothen Wangen heißt Miß Smith;
sie führt bei den Handarbeiten den Vorsitz und schneidet
zu, denn wir machen unsere Kleider, unsere Röcke und Pelze und alles Uebrige selbst; die kleine, mit dem
schwarzen Haar ist Miß Scatcherd; sie gibt Unterricht
in der Geschichte und Grammatik und läßt die zweite Klasse repetiren; die mit dem Shawl, und dem an ihrer Seite vermittelst eines gelben Bands befestigten Taschentuch, ist Madame Pierrot: sie ist aus Lille in Frankreich und lehrt Französisch.’
,Hast Du die Lehrerinnen gern?’
‚Ziemlich gern.’
‚Hast Du auch die kleine, schwarze gern und die Madame — ? Ich kann Ihren Namen nicht aussprechen,
wie Du.’
,Miß Scatcherd ist hitzig. Du mußt Dich wohl hüten, sie zu beleidigen; Madame Pierrot ist nicht übel.’
‚Aber Miß Temple ist die beßte — ist sie es nicht?’
‚Miß Temple ist sehr gut und talentvoll; sie ist über die andern gesetzt, weil sie viel mehr kann, als sie.’
‚Bist Du schon lange hier?’
‚Zwei Jahre.’
,Bist Du eine Waise?’
,Meine Mutter ist todt.’
,Fühlst Du Dich hier glücklich?’
‚Du fragst etwas zu viel. Für jetzt habe ich Dir genug geantwortet; ich will nun lesen.’
In diesem Augenblicke aber wurde zum Mittagessen geläutet und Alles ging nun ins Haus zurück. Der Geruch, der jetzt das Reflectorium erfüllte, war
kaum mehr Appettit erregend, als der, welcher beim Frühstück unsere Nasen so sehr erquickt hatte: das Essen
wurde in zwei ungeheuren, verzinnten Schüsseln aufgetragen, aus denen ein starker, nach ranzigem Fette riechender Dampf aufstieg. Ich fand, daß das uns vorgestellte Essen aus mittelmäßig guten Kartoffeln und Stücken angegangenen Fleisches, die mit einander gekocht worden waren, bestand. Von diesem Mixtum Compositum wurde jeder Schülerin ein ziemlich gehäufter Teller voll gegeben. Ich aß so viel ich konnte, und fragte mich, ob wohl jeder Tag eine gleich gute Kost bringen würde.
Nach dem Mittagessen begaben wir uns unmittelbar in das Schulzimmer: die Lectionen fingen wieder
an und wurden bis fünf Uhr fortgesetzt. Das einzige nennenswerthe Ereigniß dieses Nachmitttags war, daß ich sah, wie ein Mädchen, mit dem
ich in der Verandah gesprochen hatte, von Miß Scatcherd aus einer Klasse, in der Geschichte gelehrt wurde, ungnädig entlassen ward und zur Strafe mitten in das
große Schulzimmer hinstehen mußte. Die Strafe schien mir in hohem Grade schmachvoll, insbesondere für ein
so großes Mädchen — sie schien dreizehn Jahre oder darüber alt zu sein. Ich erwartete, daß sie große Betrübniß und Scham an den Tag legen würde; zu meinem großen Erstaunen aber weinte sie weder, noch
erröthete sie: gefaßt, obgleich ernst, stand sie da, der Zielpunkt aller Augen.
‚Wie mag sie nur das so ruhig — so standhaft
hinnehmen?’ fragte ich mich. ,Wäre ich an ihrer Stelle, so würde ich, scheint es mir, wünschen, es möchte sich die Erde aufthun und mich verschlingen. Sie sieht
aus, als dächte sie an Etwas, was mit ihrer Strafe, ihren Umständen Nichts gemein hat: an Etwas, was
nicht in ihrer Nähe, nicht vor ihr ist. Ich habe von Träumen gehört, die man im Zustande des Wachens
träumt: — hat sie jetzt etwa einen solchen Traum? Ihre Augen sind auf den Boden geheftet, aber ich bin
gewiß, sie sehen denselben nicht: — ihr Auge scheint nach Innen gekehrt und in ihr Herz hinabgedrungen zu sein; ich glaube, sie blickt die Dinge an,
deren sie sich zu entsinnen vermag, nicht das, was in Wirklichkeit vor ihr ist. Ich möchte wohl wissen, was
für ein Mädchen sie ist, — ob brav oder unartig.’
Bald nach fünf Uhr bekamen wir ein anderes Essen, das aus einem kleinen Becher voll Kaffee und einer halben Schnitte schwarzen Brods bestand. Ich
verschlang mein Brod und trank meinen Kaffee mit gutem Appetit; aber es wäre mir erwünscht gewesen,
wenn ich noch einmal soviel gehabt hätte — ich war noch hungrig. Nun folgte eine halbstündige Erholung,
dann ging es wieder ans Lernen; darauf kam das Glas Wasser und ein Stück Haferkuchen, das Gebet und endlich das Bett. So verging mir der erste Tag zu Lowood.
Sechstes Kapitel.
Der nächste Tag begann wie der zuvor: man stand auf, und kleidete sich an beim Scheine eines Nachtlichts; diesen Morgen aber war es keine Möglichkeit, die Ceremonie des Waschens durchzumachen; da Wasser in den Krügen war gefroren. Am vorhergehenden Abend hatte das Wetter sich geändert und ein scharfer Nordostwind, der durch die Ritzen an den Fenstern in unserm Schlafsaale die ganze Nacht hindurch pfiff, hatte uns in unsern Betten vor Kälte zitternd gemacht und den Inhalt der Handfässer in Eis verwandelt. Bis das anderthalb Stunden dauernde Beten und Bibellesen vorüber war, glaubte ich vor Kälte umkommen zu müssen. Endlich kam die Seit zum Frühstück, und dießmal war die Suppe nicht angebrannt; die Qualität war so, daß das zu Essende uns nicht widerstand, die Quantität dagegen gering. Wie klein kam mir meine Portion vor! Ich wünschte, sie wäre doppelt so stark gewesen.
Im Laufe des Tages wurde ich förmlich in die vierte Klasse aufgenommen, und bekam regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen: bis daher war ich bei Allem, was in Lowood vorging bloße Zuschauerin gewesen; nun sollte ich eine thätige Rolle dabei übernehmen. Anfangs schienen mir die Lectionen sowohl zu lang als zu schwierig, da ich an das Auswendiglernen nicht sehr gewöhnt war: auch verwirrte mich das häufige Uebergehen von einer Aufgabe zur Andern; und ich war froh, als etwa um drei Uhr Nachmittags Miß Smith mir einen Streifen Mousselin von zwei Längen, sammt Nadel, Fingerhut u. s w. in die
Hand gab und mich in einen Winkel des Schulzimmers mit dem Befehle schickte, ich solle den mir übergebenen Stoff säumen. Um jene Stunde näheten die meisten andern gleichfalls; aber noch stand eine Klasse lesend um Miß Scatcherd's Stuhl herum, und da Alles ruhig war, so konnte man den Gegenstand ihrer Lection, sowie auch die Art und Weise, in der jedes Mädchen ihre Aufgabe löste und die tadelnden oder lobenden Bemerkungen der Miß Scatcherd hören. Es war englische Geschichte: unter den Leserinnen bemerkte ich die von der Verandah her mir bekannte Freundin; beim Beginn der Lection war sie die erste ihrer Klasse, aber plötzlich mußte sie zu unterst hinstehen, weil sie in der Aussprache gefehlt oder auf die
Interpunction nicht Acht gegeben hatte. Aber auch dann noch machte Miß Scatcherd sie fortwährend zu einem Gegenstande beständiger Bemerkungen: fort und fort richtete sie Worte, wie die folgenden, an sie:
‘Burns,’ so schien sie zu heißen: hier wurden, wie anderswo die Knaben, die Mädchen immer bei ihren Geschlechtsnamen genannt. ,Burns, Du stehst auf der Seite Deines Schuhes; setz Deine Zehen auswärts
und zwar sogleich. - Burns, Du, streckst Dein Kinn auf höchst unangenehme Weise vor, ziehe es einwärts. -- Burns, Du mußt den Kopf aufrecht halten; so darfst Du nicht vor mich hinstehen, u. s. w. u. s. w.’
Nachdem nun ein Kapitel zweimal durchgelesen war, wurden die Bücher zugemacht und an die Mädchen Fragen gestellt. Die Lection hatte einen Theil der Regierung Karl's 1. zum Gegenstand gehabt, und es kamen nun unterschiedliche Fragen über Tonnengehalt, Tonnengeld, Pfundzoll und Schiffsgeld, welche die, meisten nicht beantworten zu können schienen; indessen wurde jede kleine Schwierigkeit alsbald gelöst, wenn die Frage an die Burns kam: es schien der ganze Inhalt der Lection sich ihrem Gedächtniß eingeprägt zu haben, und nie stockte sie mit ihren Antworten. Ich dachte, Miß Scatcherd würde sie nun, doch wegen ihrer Aufmerksamkeit loben; anstatt dessen aber rief die Lehrerin plötzlich aus:
,Du schmutziges, widerwärtiges Mädchen! Du hast diesen Morgen Deine Nägel nicht gereinigt!’
Die Burns gab keine Antwort, ich wunderte mich über ihr Schweigen.
,Warum,’ dachte ich, sagt sie nicht, ‘daß sie nicht ihre Nägel reinigen, noch sich waschen können, da das Wasser gefroren war?’
Meine Aufmerksamkeit wurde nun durch Miß Smith abgelenkt, da mir dieselbe sagte, ich solle einen Strang Zwirn halten. Während sie denselben zu einem Knäuel wickelte, richtete sie von Zeit zu Zeit Fragen an mich, ob ich schon in einer Schule gewesen, ob ich Leinwand u.s.w. zeichnen, ob ich steppen, stricken könne u.s.w.: so lange ich bei ihr bleiben mußte, konnte ich die Bewegungen
der Miß Scatcherd nicht weiter beobachten. Als ich auf meinen Sitz zurückkehrte, hörte ich letztere Dame gerade einen Befehl geben, dessen Bedeutung ich nicht
recht verstehen konnte; aber alsbald verließ die Burns die Klasse, ging in das innere kleine Zimmer, wo die Bücher aufbewahrt wurden und kehrte nach einer halben Minute mit einer Ruthe in der Hand zurück! Dieses ominöse Werkzeug reichte sie der Miß Scatcherd mit einer ehrerbietigen Verbeugung hin; in Hand sie in aller Ruhe, und ohne daß man sie es geheißen hatte, ihre Schürze auf, und nun gab die Lehrerin ihr ein Dutzend tüchtige Ruthenstreiche auf den bloßen Nacken. Ich sah auch nicht eine Thräne in dem Auge der Burns glänzen, und während ich mein Nähe einstellte, weil meine Finger bei diesem Schauspiele von einem Gefühle unmächtigen Zorns erzitterten. nahm auch nicht ein Zug ihres nachdenkenden Gesichtes einen veränderten Ausdruck an.
,Halsstarriges Mädchen!’ rief Miß Scatcherd,,so vermag Dich denn Nichts von Deiner gewöhnlichen Nachlässigkeit abzubringen: tragt die Ruthe wieder fort.’
Die Burns gehorchte: ich blickte sie scharf an, als sie aus dem Bücherzimmer wieder herauskam; sie steckte ihr Sachtuch gerade wieder in die Tasche, und nun sah
ich die Spur einer Thräne auf ihrer schmalen Wange glänzen.
Die abendliche Spielstunde erschien mir als der angenehmste Theil des Tages in Lowood: das Bisschen Brod, der Schluck Kaffee, den man um fünf Uhr bekam, hatte die Lebensthätigkeit wieder erregt, wenn auch der Hunger dadurch nicht gestillt ward; der lange Zwang, der den Tag über geherrscht, ließ nach; im Schulzimmer war es wärmer, als am Morgen, da man das Feuer etwas mehr brennen ließ, um die noch fehlenden Lichter einigermaßen zu ersetzen; der röthliche Schein der Kaminfeuer, das erlaubte Getümmel, das Gesumme so vieler Stimmen gab uns das willkommene Gefühl der Freiheit.
An dem Abende des Tages, an dem ich Miß Scatcherd ihrer Schülerin Burns hatte Ruthenstreiche geben sehen, ging ich, wie gewöhnlich, zwischen den Bänken, Tischen und lachenden Gruppen ohne eine Begleiterin umher; und doch fühlte ich mich nicht einsam. Wenn ich an den Fenstern vorüber kam, hob ich dann und wann einen Fensterschirm in die Höhe und sah hinaus, es schneite stark und schon lagerte sich eine Masse Schnee gegen die untern Scheiben; wenn ich das Ohr nicht an das Fenster hielt, konnte ich von dem fröhlichen Tumult im Innern das unheimliche Heulen des Windes draußen unterscheiden.
Hätte ich nun eine theure Heimath und liebevolle Eltern verlassen gehabt, so wäre dieß wahrscheinlich die Stunde gewesen, wo ich die Trennung am schmerzlichsten empfunden haben würde. Dieser Wind würde dann mein Herz traurig gestimmt, dieses finstere Chaos meinen Seelenfrieden gestört haben: so aber regte mich Beides seltsam auf und, unbekümmert um das, was um mich her vorging, und fieberhaft aufgeregt, wünschte ich, der Wind möchte noch wilder heulen, die Dunkelheit in Finsterniß sich verwandeln und die Unordnung gum lauten Geschrei werden.
Ueber Bänke steigend und unter Tischen durchschlüpfend, erreichte ich eines der Kamine: da fand ich die Burns an dem hohen Drahtgitter kniend: ganz in sich versenkt, schweigend, und statt aller Gesellschaft in das Lesen eines Buchs vertieft, während die Kohlen
nur noch einen düstern Schein warfen.
,Ist es immer noch Rasselas?’ fragte ich, hinten an sie herankommend.
,Ja,’ sagte sie, ‘und ich bin eben damit fertig geworden.’
Und nach fünf Minuten machte sie das Buch zu. Das war mir erwünscht,
,Nun,' dachte ich, ‘kann ich sie vielleicht zum Sprechen bringen.’ Ich setzte mich auf den Boden zu ihr hin.
"Wie heißt Du noch anders, als Burns?’
,Helene.’
,Ist Deine Heimath weit von hier?’
,Sie ist weiter im Norden; ganz an der schottischen Grenze.'
‘Hast Du im Sinn, einst dahin zurückzukehren?’
,Ich hoffe es; aber Niemand ist ja Herr über die Zukunft.’
,Aber gewiß möchtest Du Lowood verlassen?’
,Nein: warum sollte ich das? man hat mich nach Lowood gethan, damit ich dort gut erzogen werde; und es wäre zwecklos, wegzugehen, ehe ich diese Absicht erreicht habe.’
,Aber diese Lehrerin Miß Scatcherd ist so grausam gegen Dich?’
,Grausam? ganz und gar nicht! Sie ist streng, es mißfallen ihr meine Fehler.!
,Und wäre ich an Deiner Stelle, so würde ich sie
nicht gern haben: ich würde ihr Widerstand leisten; wenn sie mich mit der Ruthe schlüge, so würde ich dieselbe ihr aus der Hand reißen; ich würde dieselbe vor
ihrer Nase zerbrechen.’
‘Du würdest wohl Nichts dergleichen thun; thätest Du es aber dennoch, so würde Herr Brocklehurst Dich von der Schule wegjagen: das würde Deinen Verwandten zu großem Kummer gereichen. Es ist weit
besser, wenn man einen Schmerz, den man nur allein fühlt, ruhig erträgt, als wenn man sich zu einer übereilten Handlung hinreißen läßt, deren üble Folgen Alle
treffen, die mit uns in Verbindung stehen -- und zudem heißt die Bibel uns Böses mit Gutem vergelten.’
,Aber es kommt mir schmachvoll vor, geschlagen zu werden, und mitten in ein Zimmer voller Leute hinstehen zu müssen; und Du bist ja auch ein so großes
Mädchen: ich bin viel jünger, als Du, und ließe mir das nicht gefallen.’
,Es wäre aber doch Deine Pflicht, Dir es gefallen zu lassen, wenn Du es nicht vermeiden könntest: es
zeugt, von Schwäche und einem thörichten Sinn, zu sagen, ‘ich kann mir nicht gefallen lassen, ich kann nicht
ertragen,’ was Dein Schicksal Dich ertragen heißt.’
Mit Verwunderung hörte ich sie also sprechen: ich konnte diese Lehre vom leidenden Gehorsam nicht
verstehen; und noch viel weniger konnte ich die Nachsicht begreifen, noch viel weniger konnte ich mit der Langmuth übereinstimmen, die sie gegenüber von ihrer Zuchtmeisterin an den Tag legte. Dennoch fühlte ich, daß Helen Burns die Dinge in einem Lichte sah, das meine Augen nicht zu sehen vermochten. Ich hatte eine Ahnung, sie könne Recht und ich Unrecht haben; ich
wollte aber der Sache nicht weiter nachgrübeln: wie Felix wollte ich sie zu einer günstigen Zeit näher überlegen.’
,Du sagst, Du habest Fehler, Helene: welches sind dieselben? mir kommst Du als ein recht braves Mädchen vor.’
,So lerne denn von mir, nicht nach dem Schein zu urtheilen: ich bin, wie Miß Scatcherd gesagt hat, nachlässig; selten habe ich meine Sachen in Ordnung,
ich denke an Nichts; ich vergesse die Regeln, ich lese, wenn ich meine Aufgaben lernen sollte; ich habe nicht
die rechte Art zu lernen und zu arbeiten; und bisweilen sage ich wie Du, ich kann es nicht ertragen, ich kann
mich systematischen Anordnungen nicht fügen. Das Alles ärgert Miß Scatcherd, die von Natur säuberlich,
pünktlich und zu Allem genau ist, sehr.’
,Und wunderlich und grausam,’ fügte ich hinzu; aber Helen Burns wollte meinen Beisatz nicht als richtig
gelten lassen, sie schwieg.
,Ist Miß Temple gegen Dich ebenso streng, wie Miß Scatcherd?’
Ein sanftes Lächeln flog über ihr ernstes Gesicht
hin, als ich Miß Temple's Namen aussprach.
,Miß Temple ist die Güte selbst; es schmerzt sie,
wenn sie gegen eine von uns, ja gegen die unartigste in der ganzen Schule, streng sein muß: sie sieht meine Fehler, und macht mich in ihrer sanften Weise darauf
aufmerksam; und wenn ich Etwas thue, was lobenswerth ist, so kargt sie mit ihrem Lobe nicht. Ein großer Beweis meiner überaus mangelhaften Natur ist, daß sogar ihre so milden und vernünftigen Vorstellungen nicht so viel Einfluß haben, um mich von meinen Fehlern zu heilen: und sogar ihr Lob, so hoch ich auch dasselbe anschlage, vermag mich nicht zu längerer Sorgfalt, zu besserer Vorsicht anzutreiben.’
,Das ist doch seltsam,’ sagte ich; ‘es ist ja so leicht, sorgfältig zu sein.’
,Für Dich wohl. Ich beobachtete Dich diesen Morgen in Deiner Klasse und sah, daß Du ganz Aufmerksamkeit warest: Deine Gedanken schienen nie herumzuschweifen, während Miß Miller die Lection erklärte
und Fragen an Dich stellte. Die meinigen aber irren beständig umher, wenn ich auf Miß Scatcherd hören,
und Alles, was sie sagt, sorgfältig behalten sollte, verliere ich oft sogar den Laut ihrer Stimme, und versinke
in eine Art Traum. Bisweilen stelle ich mir vor, ich
sei in Northumberland, und das Geräusch, das ich in
meiner Nähe höre, sei das Murmeln eines kleinen Baches, der ganz in der Nähe unseres Hauses, fließt; und wenn nun die Reihe an mich
kommt, zu antworten, so muß ich erst aufgeweckt werden; und da ich Nichts von dem, was man gelesen hat,
gehört habe, weil ich auf den geträumten Bach gehorcht,
so weiß ich nicht, was ich zu antworten habe.’
,Aber wie gut hast Du doch diesen Nachmittag geantwortet.’
,Das war reiner Zufall; der Gegenstand, von dem wir gelesen haben, hat mich interessirt. Diesen Nachmittag träumte ich in der That nicht von Deepden, sondern wunderte mich, wie ein Mann, der recht zu handeln wünschte, oft, so ungerecht und unweise sein konnte, wie Karl I. und ich dachte, wie jammerschade
es sei, daß er bei all seiner Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit nur die Vorrechte seiner Krone im Auge
zu behalten vermocht habe. Hätte er nur weiter sehen können; hätte er nur sehen können, was das, was man den Zeitgeist nennt, verlangte, und welches dessen Richtung war! Bei alle dem gefällt mir Karl - ich verehre, - ich bemitleide ihn, den armen gemordeten König! Ja, seine Feinde sind bei Weitem nicht so gut, wie er:
sie vergossen ein Blut, das sie kein Recht hatten zu vergießen. Wie konnten sie sich nur unterstehen, ihn ums Leben zu bringen!’
Helene sprach jetzt bei sich selbst; sie habe vergessen, daß ich sie nicht wohl verstehen könne -- daß
mir der Gegenstand, wovon sie sprach ganz und gar,
oder so gut wie unbekannt sei. Ich brachte sie auf meine geistige Höhe zurück.
‘Und wenn Miß Temple unterrichtet, schweifen da Deine Gedanken auch umher?’
,Nein, gewiß nicht oft; weil Miß Temple gewöhnlich etwas zu sagen hat, was neuer ist, als mein eigene Reflexion: ihre Sprache gefällt mir absonderlich wohl,
und die Belehrung, die sie mittheilt, ist oft gerade von
der Art, wie ich mir solche aneignen möchte.’
‘So bist Du denn bei Miß Temple recht brav.’
,Ja, in passiver Weise: ich mache keine Anstrengungen; ich folge, wie meine Neigung mich lenkt. Ich
muß Dir aber sagen, daß es kein Verdienst ist, also
brav zu sein.’
,Ich glaube aber, es liegt sehr viel Verdienst darin: Du bist gut gegen diejenigen, so es gegen Dich sind. Das ist Alles, was ich sie zu sein wünsche. Wollte man
gegen die, so grausam und ungerecht sind, stets gütig und gehorsam sein, so würden die Bösen ja ganz gewonnen Spiel haben: sie würden sich nie fürchten, und
somit würden sie auch, nie ihren Lebenswandel ändern,
sondern immer schlechter werden. Wenn man uns ohne Grund schlägt, so müssen wir, so derb wie möglich wieder schlagen; so derb, daß es der Person, die uns geschlagen, nie wieder in den Sinn kommen kann, es nochmals zu thun -- ich bin gewiß, daß wir so handeln sollen.’
,Hoffentlich wirst Du Deinen Sinn Ändern, wenn Du älter wirst: jetzt bist Du nur ein kleines, unwissendes Mädchen.’
"Aber ich fühle das, Helene: ich muß diejenigen hassen, so mich, aller meiner Bemühungen, ihnen zu gefallen, ungeachtet, beharrlich hassen; ich muß denen widerstehen, so mich ungerecht strafen. Das ist ja so natürlich, wie die Liebe zu denen, die mir zugethan sind, oder die Unterwerfung unter die Strafe, wenn ich fühle, daß ich dieselbe verdient habe.’
‘Heiden und Wilde sind dieser Lehre zugethan, aber Christen und gesittete Nationen verwerfen dieselbe.’
‘Wie? ich verstehe das nicht.’
,Nicht Gewaltthätigkeit ist es, was den Haß am Leichtesten überwindet, --- noch ist es die Rache, welche das uns zugefügte Unrecht am Gewissesten heilt.’
,Was denn?’
,Lies das Neue Testament, und sieh, was Christus sagt, und wie er handelt; - mache aus seinem Wort Deine Lebensregel und nimm ihn zu Deinem Vorbilde.’
,Was sagt er?’
,Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen; thut Gutes denen, die euch hassen und verfolgen.’
,Da müßte ich ja aber auch Mistreß Reed lieben, was mir unmöglich ist: da müßte ich ihren Sohn John
segnen, was ich nicht kann.’
Nun stellte Helen Burns Fragen an mich; und
ich fing an, ihr in meiner Weise alle meine Leiden und Rachegefühle auseinander zu setzen. Bitter und rücksichtslos, wenn aufgeregt, sprach ich, wie ich fühlte,
ohne Etwas zu verschweigen, oder zu mildern.
Helene hörte mich ruhig an, bis ich zu Ende war: ich glaubte, sie würde mir dann eine Bemerkung machen,
sie sagte aber Nichts.
,Nun,’ sagte ich ungeduldig, ,ist Mistreß Reed nicht eine hartherzige, böse Frau?’
‘Es unterliegt keinem Zweifel, das sie gegen Dich
unfreundlich gewesen ist, weil sie, siehst Du, Deinen Charakter nicht leiden mag- gerade wie Miß Scatcherd
den meinigen; aber wie genau erinnerst Du Dich an Alles, was sie gethan, und zu Dir gesagt hat! Welch
sonderbar tiefen Eindruck scheint ihre Ungerechtigkeit auf Dein Herz hervorgebracht zu haben! Keine Mißhandlung drückt in solchem Grade meinen Gefühlen
ihren Stempel auf. Wärest Du nicht glücklicher, wenn Du ihre Strenge sammt den leidenschaftlichen Aufregungen, die sie Hervorbrachte, zu vergessen suchtest!
Das Leben erscheint mir als zu kurz, als daß es damit zugebracht werden sollte, daß man die Feindschaft nährt, oder ein erlittenes Unrecht sich merkt. Wir Alle sind sammt und sonders in dieser Welt mit Fehlern beladen, und müssen damit beladen sein: allein ich hoffe, es wird bald die Zeit kommen, wo wir dieselben ablege werden,
indem wir unsere vergänglichen Körper ablegen: wo Erniedrigung und Sünde mit dieser lästigen Fleischeshülle von uns fallen, und bloß der Funke des Geistes
bleiben wird, - das unerfaßbare Prinzip des Lebens und des Gedankens, rein, wie es den Schöpfer verließ, um die Kreatur zu beleben. Woher es kam, dahin wird es zurückkehren; vielleicht um wieder irgend einem Wesen, höher als der Mensch, mitgetheilt zu werden, - vielleicht um durch mannigfache Stufen der Glorie hindurchzugehen, von der blassen menschlichen Seele bis
zu dem glanzvollen Seraph Wird es im Gegentheil gewiß nie vom Menschen zum Teufel herabsinken können? Nein, ich kann nicht glauben, daß so Etwas nützlich ist. Mein Glaube ist ein anderer, den mich Niemand gelehrt hat, und von dem ich auch selten spreche, woran ich aber mit Entzücken festhalte, denn er dehnt die Hoffnung auf Alles aus, er macht die Ewigkeit zu
einem Ruhephase, zu einer mächtigen Heimath, nicht zum Schrecken und zu einem unergründlichen, qualvollen Gefühle. Zudem kann ich bei diesem Glauben
zwischen dem Verbrecher und dem Verbrechen einen so klaren Unterschied machen; ich kann so von ganzem Herzen dem ersten verzeihen, während ich das letztere verabscheue: bei diesem Glauben peinigt Rachsucht nie mein Herz. quält Erniedrigung mich nie zu sehr, drückt Ungerechtigkeit mich nie zu tief zu Boden: ich lebe in Ruhe, und schaue dem Ende entgegen.’
Helenens Haupt, das stets etwas geneigt war, sank noch etwas tiefer, als sie diese Worte gesprochen hatte.
Ich ersah aus ihrem Blicke, daß sie nicht länger mit mir zu reden wünsche, sondern daß sie vielmehr ihren
eigenen Gedanken nachhangen wolle.
Dazu wurde ihr aber nicht viel Zeit gelassen: eine Aufseherin, ein großes, unsanftes Mädchen, kam plötzlich
herein, und rief in ganz entschieden cumberländischer Mundart:
‘Helen Burns, wenn Du nicht alsbald gehst, Dein Fach in Ordnung bringst, und Deine Arbeit zusammenlegst, so rufe ich Miß Scatcherd herbei, um darnach zu
sehen!’
Helene seufzte, als sie sich so in ihrer Träumerei
gestört sah, sie stand aber auf und gehorchte der Aufseherin, ohne ein Wort zu sagen, oder auch nur einen Augenblick zu zaudern.
Siebentes Kapitel.
Mein erstes Vierteljahr zu Lowood schien mir eine Ewigkeit zu dauern; auch war es weit entfernt, für mich das goldene Zeitalter zu sein: bestand es doch in
einem ärgerlichen Kampfe mit Schwierigkeiten aller Art, um mich an neue Regeln und ungewohnte Aufgaben zu gewöhnen. Die Furcht, dabei zu unterliegen,
peinigte mich mehr, als das physische Ungemach meines Loses, obgleich auch dieses keine Kleinigkeit war.
Den Januar, Februar und einen Theil des März hindurch verhinderte uns der tiefe Schnee, und nachdem derselbe geschmolzen, der abscheuliche Zustand der Wege,
unsere Spaziergänge über die Gartenmauern hinaus auszudehnen, die einzige Ausnahme war, daß wir zur Kirche gehen mußten. Innerhalb der uns gesteckten Grenzen aber durften wir jeden Tag eine Stunde in freier Luft zubringen. Unsere Kleidung konnte uns gegen die strenge Kälte nicht schützen: wir hatten keine Stiefeln, der Schnee drang in unsere Schuhe ein, und schmolz da; unsere unbehandschuhten Hände waren stets starr vor Kälte, und mit Frostbeulen überdeckt, ebenso auch unsere Füße. Ich erinnere mich noch recht gut der davon herrührenden Qual, einer Dual, die mich
außer mir brachte, und jeden Abend sich wiederholte, wenn meine Füße mich brannten; nicht minder gut
erinnere ich mich jener andern Qual, wenn ich Morgens meine geschwollenen, beißenden und steifen Zehen
in die Schuhe stecken mußte. Sodann war die magere Kost in der That Verzweiflung erregend bei dem tüchtigen Appetite wachsender Kinder hatten wir kaum so
viel zu essen, um einen nach schwachen, wiedergenesenden Kranken am Leben zu erhalten. Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch, den die jüngern Schülerinnen hart fühlten: so oft die hungrigen großen Mädchen eine günstige Gelegenheit sahen, schmeichelten oder drohten sie den kleinern so lange, bis sie mit ihnen
ihre Portion theilten. Gar oft habe ich das kostbare Stück Schwarzbrod, das wir zur Theezeit erhielten, an
zwei Mädchen vertheilt, die mich darum bestürmten; und wenn ich an eine dritte den halben Inhalt meines Kaffeebechers abgetreten hatte, habe ich oft den Rest unter heimlichen Thränen, die mir durch den Hunger ausgepreßt wurden, hinunter geschluckt.
Die Sonntage waren während dieser Winterzeit traurige Tage. Wir mußten zwei Meilen weit gehen,
um nach Brocklebridge zu kommen, wo unser Patron als Geistlicher funktionirte: es fror uns, wenn wir uns
auf den Weg machten, und es fror uns noch mehr, wenn wir in der Kirche ankamen; während des Morgengottesdienstes wurden wir durch die Kälte fast ganz gelähmt. Es war zu weit, um zum Mittagessen in unsere Anstalt zurück zu gehen, und eine, wie gewöhnlich, sehr spärliche Portion von kaltem Fleisch und Brod wurde
an uns während des Morgen- und Nachmittag-Gottesdienstes ausgetheilt.
War der Nachmittagsgottesdienst zu Ende, so kehrten wir auf einem offenen und hügeligen Wege zurück,
wo der schneidende, winterliche Wind, der über eine Reihe Schneehügel im Norden dahin wehte, uns fast die Haut aus dem Gesichte riß.
Ich kann mich erinnern, wie Miß Temple rasch und leicht an unserer muthlosen Reihe dahinging, ihren schottischen, von dem frostigen Winde von Zeit zu Zeit
auseinander getriebenen Mantel, dicht um sich hergezogen, und uns durch Worte und Beispiel ermunternd, den Muth nicht sinken zu lassen und vorwärts zu marschiren, gleich tapfern Soldaten. Die übrigen Lehrerinnen die armen Dinger - waren gewöhnlich selbst zu -- sehr niedergeschlagen, als daß sie es Hätten versuchen mögen, Andern Muth zu machen.
Wie sehnten wir uns nach dem Licht und der Wärme eines lodernden Feuers, wenn wir zurückkamen! Aber die Kleinen konnten auch nicht einmal dieses erreichen: jedes Kamin in dem Schulzimmer war in einem Augenblicke von einer doppelten Reihe großer Mädchen umgeben, und hinter ihnen hockten die jüngern gruppenweise nieder, ihre abgemagerten Arme in ihre Schürzen hüllend.
Zur Theezeit kam endlich ein kleiner Trost in Gestalt einer doppelten Ration Brod -- einer ganzen, anstatt einer halben Schnitte, mit der angenehmen Beigabe einer dünnen Lage Butter: es war der jede Woche wiederkehrende Schmaus, auf den wir uns von einem Samstag zum andern freuten. In der Regel gelang es
mir, wenigstens eine Hälfte von diesem reichlichen Mahle für mich zu behalten; das Nebrige aber mußte ich regelmäßig abgeben.
Der Sonntag Abend wurde damit zugebracht, daß man den Catechismus, sowie das 1te, 2te und 3te Capitel des Evangeliums Matthäi hersagte, sowie damit,
daß man eine lange Predigt anhörte, die Miß Miller vorlas, wobei aber ein unüberwindliches Gähnen ihre Ermüdung hinlänglich an den Tag legte. Häufig kam es dabei vor, daß etwa ein halbes Dutzend Mädchen es wie Eutychus machten: vom Schlafe überwältigt, fielen sie, wenn auch nicht vom dritten Stockwerke, so doch von der vierten Bank herab und mußten dann halbtodt aufgehoben werden. Als Heilmittel dagegen schob man sie nun in die Mitte des Schulzimmers, und nöthigte sie, dort bis zum Ende der Predigt stehen zu bleiben. Bisweilen trugen sie ihre Füße nicht mehr, und dann fielen sie in einen Haufen zusammen; weßhalb man sie mit den hohen Stühlen der Aufseherinnen stützte.
Ich habe von den Besuchen des Herrn Brocklehurst noch Nichts gesagt. Dieser Herr war nämlich während
des größern Theils des ersten Monats nach meiner Ankunft von Hause abwesend vielleicht war er noch
länger bei seinem Freunde, dem Archidiaconus, geblieben: sein Richterscheinen gereichte mir zu großer Beruhigung. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß
ich meine Gründe hatte, seine Ankunft zu fürchten:
aber am Ende kam er denn doch.
Eines Nachmittags -- ich war seit drei Wochen
zu Lowood - als ich mit meiner Schiefertafel in der Hand da saß, und mir über eine lange Division den Kopf zerbrach, fiel mein Auge, während es sich zerstreut
auf das Fenster heftete, auf eine eben vorübergehende Gestalt: fast instinktmäßig erkannte ich jenen hagern Umriß, und als zwei Minuten darauf die ganze Schule
sammt den Lehrerinnen in Masse aufstand, brauchte ich nicht erst hinzusehen, um mich von der Person der eben Eingetretenen und also Begrüßten zu vergewissern.
Ein weiter Schritt durchmaß das Schulzimmer, und alsbald stand neben Miß Temple, die gleichfalls sich
erhoben hatte, die nämliche schwarze Säule, die mich in Gateshead von dem Kaminteppiche aus in so unheimlicher Weise angesehen hatte. Ich warf nun Seitenblicke auf dieses Architekturstück. Ja, ich täuschte mich nicht: es war wirklich Herr Brocklehurst, in einem von unten bis oben zugeknöpften Oberrocke, und länger, schmäler und strenger anzuschauen, als je.
Ich hatte meine guten Gründe, vor dieser Erscheinung zu zittern: nur zu gut erinnerte ich mich der perfiden Winke, die Mistreß Reed über meinen Charakter
u. s. w. gegeben, sowie des von Herrn Brocklehurst gegebenen Versprechens, daß er Miß Temple und die Lehrerinnen auf meine Fehler aufmerksam machen würde.
Schon während der ganzen Zeit meines Hierseins hatte ich der Erfüllung dieses Versprechens in Angst und Bangigkeit entgegengesehen; Tag für Tag hatte ich der
Ankunft des Mannes entgegengesehen, dessen Gericht über mein vergangenes Leben, und die von mir gethanen Aeußerungen, mich für immer als ein schlechtes Kind brandmarken mußte: nun stand er da neben Miß Temple und sagte ihr Etwas ins Ohr. Ich zweifelte nicht, daß er meine Bosheit enthülle, und beobachtete mit peinlicher Angst ihr Auge, jeden Augenblick gewärtig, ihren schwarzen Augapfel nach mir einen Blick des Widerwillens und der Verachtung werfen zu sehen. Ich horchte auch; und da ich ganz oben im Saale saß, so hörte ich fast Alles, was er sagte: der Inhalt seiner Unterredung befreite mich für den Augenblick von meiner Furcht.
,Ich denke, Miß Temple, der Zwirn, den ich in Lowton gekauft, ist recht; ich sah, daß er gerade von der zu den Calicohemden erforderlichen Qualität sein würde, und darnach wählte ich auch die Nadeln aus. Sie können Miß Smith sagen, daß ich vergessen habe, die Stopfnadeln aufzuschreiben; aber sie soll das Verzeichniß nebst einigen andern Papieren in der nächsten Woche zugeschickt erhalten; auf keinen Fall soll sie einer Schüler mehr als eine Nadel zu gleicher Zeit geben: haben sie mehr, so werden sie gern fahrlässig und verlieren sie und o, Ma'am, man sollte besser nach den
wollenen Strümpfen sehen! -- Als ich zum letzten Male hier war, ging ich in den Küchengarten, und sah die Kleidungsstücke an, die an der Trockenleine hingen; da waren eine Menge schwarzer Strümpfe in sehr schlechtem Zustand; aus der Größe der Löcher schloß ich, daß man sie nicht recht von Zeit zu Zeit aufgebessert habe.’
Er hielt inne.
‘Ihren Anordnungen soll Folge geleistet werden, mein Herr,’ sagte Miß Temple.
‘Und, Ma'am,’ setze er hinzu. ‘die Wäscherin sagt mir, einige von den Mädchen bekämen in der Woche zwei leinene Halsstreifen. Das ist aber zu viel: nach der Regel soll jede nur einen bekommen.’
,Diesen Umstand kann ich, glaube ich, erklären, mein Herr. Agnes und Katharine Johnstone waren letzten Donnerstag von einigen Freunden zu Lowton auf einen Thee geladen, und ich erlaubte ihnen bei
dieser Gelegenheit, reine Halsstreifen anzulegen.’
Herr Brocklehurst nickte.
‘Gut, einmal mag das hingehen; aber lassen Sie es gefälligst nicht gar zu oft vorkommen. Und es ist noch Etwas, was mich überrascht hat: bei der Abrechnung mit der Haushälterin finde ich, daß in den letzten Tagen den Mädchen zweimal ein aus Brod und Käse bestehender Imbiß gereicht worden ist. Wie kommt
das? Ich gehe das Reglement durch und finde darin keines solchen Mahls Erwähnung gethan. Wer hat
diese Neuerung eingeführt? und auf wessen Autorität hin?’
,Ich muß die Verantwortung dafür übernehmen, mein Herr,’ erwiederte Miß Temple: ,das Frühstück war so schlecht zubereitet, daß die Schülerinnen es unmöglich essen konnten; und ich hätte es nicht auf mich nehmen mögen, sie bis zum Mittageen fasten zu lassen.’
,Erlauben Sie mir einen Augenblick, Madam! -- es ist Ihnen nicht unbekannt, daß bei Erziehung dieser Mädchen mein Plan nicht ist, sie an Luxus zu gewöhnen und sie zu verzärteln, sondern im Gegentheil, sie abzuhärten und ihnen Selbstverleugnung und Geduld einzuprägen. Sollte es irgend einmal vorkommen, daß der Appetit nicht so ganz befriedigt wird, weil eine Speise angebrannt, versalzen oder zu wenig gesalzen ist, so darf hier nicht damit geholfen werden, daß man etwas Köstlicheres für das Schlechtere gibt, denn dadurch macht man sich den Bauch zum Abgotte ungearbeitet dem Zwecke der Anstalt entgegen; man muß im Gegentheil den Umstand zur Förderung des geistlichen Wohls der Schülerinnen benützen, indem man sie ermuntert, bei zeitweisen Entbehrungen christliche Stärke an den Tag zu legen. Eine kurze Pause bei solchen Gelegenheiten wäre nicht am unrechten Platz, wobei auf die Leiden der ersten Christen hinzuweisen wäre;
auf die Qualen der Märtyrer; auf die Ermahnungen unsers theuren Erlösers, der zu seinen Schülern sagt, zunehme dein Kreuz auf dich und folge mir; auf die Worte desselben, daß der Mensch nicht allein vom Brode lebt, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes geht; auf seine göttlichen Trostesworte. ,selig
seid ihr, wenn ihr hungert um meinetwillen, oder durstet.’
,O, Madam, wenn Sie, anstatt angebrannter Suppe, dieser Kinder Mund mit Brot und Käse füllen, so mögen Sie wohl ihre sterblichen Körper nähren, allein Sie bedenken nicht, daß Sie ihre unsterblichen Seelen Hunger leiden lassen.’
Herr Brocklehurst hielt abermals inne, vielleicht überwältigt von seinen Gefühlen. Miß Temple hatte auf den Boden geblickt, als er zu reden angefangen hatte; aber jetzt sah sie ganz gerade vor sich hin, und ihr Gestcht, das von Natur so blaß war, wie Marmor, schien auch die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen: insbesondere schloß sich ihr Mund, so daß es scheinen mochte, als könnte derselbe nur durch den Meißel des Bildhauers geöffnet werden, und ihre Stirn nahm allmählig eine versteinerte Strenge an.
Unterdessen überblickte Herr Brocklehurst, der, mit den Händen auf dem Rücken, am Kamine stand, die ganze Schule. Plötzlich sah man sein Auge blinzeln, als ob es durch irgend Etwas, worauf es gestoßen, geblendet oder beleidigt worden wäre; sich umdrehend, sprach er rascher, als er bisher gethan:
,Miß Temple, Miß Temple, was - was ist das da für ein Mädchen mit dem gelockten Haar? Rothes Haar, Ma’am, gelockt, — durchweg gelockt?’
Und, seinen Stock austreckend, zeigte er auf den Schrecken erregenden Gegenstand hin: und dabei zitterte seine Hand.
‘Es ist Julie Severn,’ entgegnete Miß Temple ganz ruhig.
,Julie Severn, Ma'am! Und warum hat sie, oder sonst irgend Jemand gelocktes Haar? warum richtet sie sich, jeder Vorschrift und jedem Grundsatze dieses Hauses zum Trotze, so ungescheut nach der Welt, daß sie in dieser evangelischen, wohlthätigen Zwecken dienenden Anstalt, ihr Paar in Gestalt einer Masse von Locken trägt?’
‘Juliens Haar lockt sich von Natur,’ entgegnete Miß Temple in noch ruhigerem Tone.
,Von Natur! Ja, aber wir sollen uns nicht nach der Natur richten; diese Mädchen sollen Kinder der Gnade sein. Und was diese Fülle von Haaren! Ich habe schon zu wiederholten Malen angedeutet, daß das Haar in bescheidener und einfacher Weise getragen werden soll. Miß Temple, das Haar dieses Mädchens muß total abgeschnitten werden; morgen werde ich einen Barbier senden: und da sehe ich noch andere, die einen viel zu starken Haarwuchs haben: -- sagen Sie doch dem großen Mädchen da, sie solle sich umwenden. Heißen sie doch die ganze erste Bank aufstehen und die Gesichter der Wand zuwenden.’
Miß Temple fuhr mit ihrem Taschentuch über ihre Lippen hin, gleichsam um das unwillkürliche Lächeln, das sich auf denselben hinzog, wegzuwischen; sie gab indessen den Befehl zum Aufstehen, und so gehorchte dann die erste Klasse. Ich lehnte mich auf meine Bank ein wenig zurück und konnte aber die Blicke und Grimassen sehen, womit sie diese ihre Bewegung begleiteten. Wie schade war es nur, daß Herr Brocklehurst sie nicht auch sehen konnte; vielleicht hätte er dann eingesehen, daß bei allen seinen, das Äußere betreffenden Anordnungen, das Innere mehr, als er glaubte, außer seinem Bereiche
Auges. Er betrachtete die Kehrseite dieser lebenden aber die zwei großen Mädchen, zwischen denen ich saß, richteten mich auf und schoben mich zu dem gefürchteten Richter hin, und dann wurde ich von Miß Temple sanft bis hart vor ihn hingeführt, wobei sie mir tröstend zuflüsterte:
,Fürchte Dich nicht, Jane, ich habe gesehen, daß es nicht mit Fleiß geschehen ist. Du sollst nicht bestraft werden.’
Diese freundlich geflüsterten Worte drangen in mein Herz wie Dolche.
Noch eine Minute und sie wird mich als Heuchlerin verachten, dachte ich, und ein Abflug von Wuth gegen Reed, Brocklehurst und Comp. durchzuckte meine Adern bei diesem Gedanken. Ich war keine Helen
Burns.
,Man bringe den Stuhl daher,’ sagte Herr Brocklehurst, auf einen sehr hohen Stuhl, von dem eine Aufseherin so eben aufgestanden war, deutend. Derselbe wurde herbeigebracht.
‘Man stelle das Kind auf denselben hinauf!’
Und ich wurde hinauf gestellt, von wem, weiß ich nicht: ich war nicht in der Gemüthsstimmung mir Einzelheiten zu merken. Ich merkte bloß, daß sie mich
bis zur Höhe von Herrn Brocklehursts Nase hinaufgehißt hatten; daß seine Ehrwürden nur einen Schritt weit von mir standen; und daß Habits von orangefarbiger und purpurrother Seide, sowie eine Wolke von silberfarbigen Federn sich hinter mir ausbreiteten und hin und herschwankten.
Herr Brocklehurst räusperte sich.
‘Meine Damen,’ sagte er, sich zu seiner Familie wendend, ‘Miß Temple, Ihr Lehrerinnen und Kinder, -- Sie Alle sehen dieses Mädchen da?’
Natürlich sahen sie mich; denn ich fühlte, wie ihre Augen gleich Brenngläsern sich auf meine versehrte Haut hefteten.
‘Sie sehen, sie ist noch jung; es entgeht Ihnen nicht, daß sie die gewöhnliche Gestalt der Kindheit hat; Gott hat ihr in seiner unendlichen Gnade die Gestalt gegeben, die er uns Allen gegeben; nicht besonders Entstellendes zeigt uns in ihr einen mit einem Makel behafteten Charakter. Wer würde glauben, daß der Böse an ihr bereits eine Dienerin, ein dienstwilliges
Werkzeug gefunden? und doch ist dieß hier der Fall, wie es mir leid thut, sagen zu müssen.’
Es folgte nun eine Pause, während deren ich meine gelähmten Nerven zu stählen, so wie zu fühlen begann.daß der Rubicon überschritten sei und daß die nun nicht länger zu vermeidende Prüfung standhaft bestanden werden müsse.
,Meine lieben Kinder,’ fuhr der Geistliche aus schwarzem Marmor mit vielem Pathos fort, ’es ist dieß ein trauriger, höchst trauriger Anlaß; denn es wird mir zur Pflicht, euch zu sagen daß dieses Mädchen, das ein Lamm Gottes sein könnte, eine kleine Verworfene ist, nicht eine von der wahren Heerde, sondern offenbar ein Eindringling, eine Fremde. Ihr müßt Euch vor ihr nicht nehmen; Ihr müßt ihr Beispiel meiden, ja sogar, wenn es nothwendig ist, ihrer Gesellschaft erst ausweichen, sie von Euren Spielen und Eurer Unterhaltung ausschließen. Lehrerinnen, Sie müssen sie strenge überwachen, alle ihre Bewegungen beobacheten, ihre Worte genau abwägen, ihre Handlungen prüfen, ihren Körper strafen, um ihre arme Seele zu retten, - wenn überhaupt eine solche Rettung noch möglich: denn — meine Zunge stockt, da ich dieß ausspreche -- dieses Mädchen, dieses Kind, das in einem christlichen Lande geboren, ist schlimmer, denn manche kleine Heldin, die zu Brama betet und vor Juggernaut kniet
- dieses Mädchen ist - eine Lügnerin!’
Nun folgte eine Pause von zehn Minnten, während welcher ich im vollen Besitze meines Bestandes den ganzen weiblichen Theil der Brocklehursts die Taschentücher hervorziehen und zu den Augen erheben sah: dabei, bewegte die ältliche Dame sich hin und her, die beiden jüngern aber flüsterten:
‘Welcher Abscheu!’
Herr Brocklehurst fuhr also fort:
,Dieß habe ich von ihrer Wohltäterin erfahren; von der frommen und wohlthätigen Dame, die sie als Waise an Kindesstatt annahm; sie wie eine eigene Tochter aufzog und deren Güte, deren Edelmuth das
unselige Mädchen da, durch eine so entsetzliche Undankbarkeit vergalt, daß am Ende ihre vortreffliche Wohltäterin sich gezwungen sah, sie, von ihren eigenen Kindern zu trennen, aus Furcht, ihr schlechtes Beispiel möchte deren Reinheit beflecken: sie hat sie hierher getan, um sie heilen zu lassen, wie einst die Juden ihre Kranken in den trüben Teich von Bethseda schickten; — und Sie, Lehrerinnen, Sie Vorsteherin, ich bitte Sie, lassen Sie doch nicht das Wasser um sie her still stehen.’
Bei diesem erhabenen Schlüsse seiner Ansprache knöpfte Herr Brocklehurst, den obersten Knopf seines Oberrocks zu, murmelte einige Worte seiner Familie zu, die sich erhob und sich gegen Miß Temple vereinigte; und nun segelten Alle diese prächtigen Leute zum Zimmer hinaus. An der Türe sich umwendende, sagte noch mein Richter:
,Man lasse sie noch eine halbe Stunde auf diesem Stuhle sehen, und während das übrigen Theiles Niemand mit ihr sprechen.’
,Da stand ich, nun, hoch über Alle erhoben: ich, die ich, gesagt hatte, ich würde die Schande, auf meinen nätürliche Füßen in der Mitte des Zimmers stehen zu müssen, nicht ertragen, können, stand nun da auf einem Schandgestel, Aller Blicken ausgesetzt. Welcher Art meine Gefühle waren, vermag keine Sprache auszudrücken; aber gerade als Alle aufstanden, und es mir war, als wäre mir die Kehle zugeschnürt und ich müßte nun ersticken, kam ein Mädchen heran und an mir vorbei; im Vorbeigehen erhob sie ihre Augen. Welch’ seltsames Licht leuchtete aus denselben hervor! Welch’ außerordentliche Empfindung brachte dieser Strahl, indem er mich durchzuckte, in mir hervor! Wie richtete mich das neue Gefühl auf! Es war mir, als ob ein Märtyrer, ein Heros an einem Sclaven, oder einem
Schlachtopfer vorüber gegangen wäre und im Vorübergehen mir Stärke und Kraft mitgeteilt hätte. Ich bemeisterte meine Schwäche, hob den Kopf in die Höhe und stellte mich fest auf den Stuhl hin. Helen
Burns hatte wegen ihrer Arbeit an Miß Smith einige, unbebeutende Fragen zu machen, wurde deßhalb gezankt und kehrte auf ihren Platz zurück, mich beim Vorbeigehen abermals anlächelnd. Welches Lächeln! Noch jetzt habe ich dasselbe nicht vergessen, und ich weiß, daß ,dasselbe ein Ausfluß feinen Verstandes und wahren Muthes war; es erleuchtete ihre kräftigen Züge, ihr schmales Gesicht, ihr eingesunkenes graues Auge, wie bei Wiederschein des einen Engel umgebenden Lichtes. Und doch trug in diesem Augenblicke Helene Burns an ihrem Armen ‘das unzierliche Zeichen’; kaum eine Stunde
vorher hatte ich hören müssen, wie Miß Scatcherd sie für Morgen auf ein aus Brod und Wasser bestehende Mittagessen beschränkte, weil, sie eine Vorschrift mit Tinte befleckt hatte.
So beschaffen, so unvollkommen ist die Natur des Menschen! Solche Flecken finden sich auf der Scheibe des Hellsten Planeten; und Augen, wie die der Miß Scatcherd, können bloß diese kleinen Mangel sehen, während sie für den vollen Glanz der großen Kugel blind sind.
Achtes Kapitel.
Noch ehe die halbe Stunde um war, schlug es
fünf Uhr; die Klassen hatten sich aufgelöst und Alles
war in den Speisesaal zum Thee gegangen. Ich wagte
es nun, herunter zu steigen. Die Dunkelheit brach immer mehr herein: ich machte mich in einen Winkel und
setzte mich auf den Boden. Der Zauber, der mich bis
daher aufrecht erhalten hatte, begann zu schwinden;
eine Reaction trat ein, und bald war der Kummer, der
mich ergriff, so überwältigend, daß ich mit dem Gesichte
gegen den Boden fiel, Und nun weinte ich: Helene
Burns war nicht da; Niemand sprach mir Muth ein,
Nichts richtete mich auf! mir selbst überlassen, ließ ich
mich gehen, und meine Thränen befeuchteten die Bodenbretter. Ich hatte mir vorgenommen, zu Lowood so
gut zu sein und so viel zu thun, mir so viele Freundinnen zu erwerben und Achtung und Liebe zu gewinnen. Schon hatte ich sichtbare Fortschritte gemacht:
an dem nämlichen Morgen hatte ich mich an die Spitze
meiner Klasse geschwungen. Miß Miller hatte mir warmes Lob gespendet; Miß Temple hatte mir versprochen,
mir Unterricht im Zeichnen zu geben und mich Französisch lernen zu lassen, wenn ich fortführe, noch zwei
Monate lang solche Fortschritte zu machen, ferner war
ich bei meinen Mitschülerinnen wohl gelitten, von denen meines Alters wie eine ihres Gleichen behandelt
und von keiner belästigt, und nun lag ich wieder da
auf dem Boden und mit Füßen getreten; und war es
mir möglich, je wieder einmal mich hervorzurichten
,Nie, dachte ich, und wünschte inbrünstig, ich
möchte sterben. Während ich in gebrochenen Lauten
diesen Wunsch hervorschluchzte, kam Jemand auf mich
zu: ich fuhr auh und abermals war Helene Burns
um nicht das erlöschende Feuer ließ sie mich gerade
sehen, wie sie den langen, leeren Saal heraufkam; sie
brachte meinen Kaffee sammt Brod.
,Da, iß Etwas , sagte sie, aber ich schob Beides
bei Seite, da es mir war, als ob ein Tropfen oder
eine Krumme jetzt mich ersticken würde. Helene schaute
mich an, wahrscheinlich mit einer Miene, in der Überraschung sich malte: ich konnte meine Aufregung
nicht bewältigen, obschon ich es mit aller Kraft versuchte ich fuhr fort, laut zu weinen. Sie setzte sich
auf den Boden zu mir hin, umfaßte ihre Knie mit den
Armen und stützte ihren Kopf darauf; in dieser Siedlung verharrte sie schweigen...
Ich war die Erste, die sprach:
Helene, warum bleibst Du bei einem Mädchen,
das Jedermann für eine Lügnerin Hält?
,Jedermann, Jane? Es sind ja aber bloß achtzig
Personen, die gehört haben, daß, man Dich so nannte,
und die Welt enthält doch Hunderte von Millionen.
Aber was gehen mich die Millionen an? Die
achtzig, die ich kenne, verachten mich.
Jane, Du irrst Dich; wahrscheinlich verachtet oder
haßt Dich nicht Eine in der ganzen Schule: manche,
ich weiß es gewiß, haben sehr Mitleid mit Dir.
,Wie können sie Mitleid mit mir haben, nach dem,
was Herr Broclehurst gesagt hat?
Herr Brocklehurst ist kein Gott er ist nicht einmal ein großer Mann, den man bewundert: man liebt
ihn hier nur wenig er hat es sich nie angelegen sein
lassen, sich beliebt zu machen. Hätte er Dich als eine
Person behandelt, der er besonders gewogen, so würdest
Du überall erklärte oder verkappte Feindinnen gefunden haben; so wie nun aber die Sachen stehen, möchten
die meisten Dir ihre Sympathie zu erkennen geben,
wenn sie es nur wagten. Die Lehrerinnen und Schülerinnen können Dich einige Tage kalt ansehen, aber
ihre Herzen bergen freundschaftliche Gefühle und wenn
Du, fortfährst, Dich gut aufzuführen, dann werden
bald diese Gefühle nur um so deutlicher, sich an den
Tag legen, weil sie einen Augenblick haben unterdrückt
werden müssen. Übrigens, Jane, sie hielt inne,
,Nun, Helene? sagte ich Und meine Finger sanft reibend, um die-
selben zu erwärnen, sprach sie weiter:
Und sollte auch die ganze Welt Dich hassen und
Dich für böse halten, während Dein eigenes Gewissen,
Dich billigend, von jeder Schule Dich freispräche, so
würdest Du nicht ohne Freunde sein.
,Rein; ich weiß, daß ich von mir selbst gut den Ren würde; aber mit dem allein ist es nicht gethan.
Wenn Andere mich nicht lieben, - so möchte ich lieber
sterben, als länger leben - ich kann es nicht ertragen,
mich verlassen und gehaßt zu wissen, Helene, Sieh
her, um von Dir, oder Miß Temple, oder irgend Jemand anders, den ich wahrhaft liebe, wahrhaft geliebt
zu werden, ließe ich mir gerne den Arm zerschlagen,
würde ich mich gern den Stößen eines Stiers oder den
Hufschlägen eines Pferdes aussetzen, das mich vermöge
meiner Stellung mitten auf die Brust treffen müßte -
Stille, stille, Jane, Du hast eine zu hohe meinung von der Liebe menschlicher Wesen; Du folgst zu
leicht den ersten Antrieben, Du bist so heftig: die allmächtige Hand, die Deinen Leib geschaffen und demselben Leben eingehaucht, hat Dir andere Hilfmittel
gegeben, als Dein schpaches Ich, oder als Geschöpfe,
die so Schwach sind, und Du. Außer dieser Erde und
dem Geschlechte der Menschen gibt es eine unsichtbare
Welt und ein Reich der Geister; diese Welt umgibt
uns, denn sie ist überall und diese Geister wachen über
uns, denn sie sind zu unserm Schutze bestellt; und
ween, wir auch in Schmerz und Schmach, sterben, sollte
erachtung uns von allen Seiten werden, und Haß und
zu Boden drücken, so sehen doch Engel unsere Quäl,
und erkennen unsere Unschuld, wenn, wir unschuldig sind?
Wie ich weiß, daß Du es bist in Betreff dieser Auflage,
die Herr Brocklehurst schwach genug wiederholt hat, wie er sie von Mistreß Reed gehört, denn
ich lese in Deinen Augen und auf Deiner klaren Stirn eine aufrichtige Natur - und Gott wartet
bloß auf den Augenblick, wo der Geist sich vom Fleische
trennt und uns mit voller Belohnung, zu krönen.
,Warum sollten wir daher uns von dem Kummer
darnieder drücken lassen, wenn das Leben so bald vorüber, und der Tod ein so gewisser Eingang zu ewigem
Glücke, zur Seligkeit ist.
Ich verhielt mich schweigend: Helene hatte mich
beruhigt; allein in der Ruhe, die sie mir mittheilte,
lag zugleich eine unaussprechliche Traurigkeit. Ich fühlte den Eindruck dieser Traurigkeit, während sie sprach,
vermochte aber nicht zu sagen, woher er kam; und als
sie ausgeredet hatte, athmete sie etwas geschwind, and
hustete kurz. In dem Augenblick vergaß ich meinen
eigenen Kummer, um einer unbestimmten Besorgniß
für ihre Person Raum zu geben.
Meinen Kopf auf Helene's Schulter legend, umfaßte ich sie mit beiden Armen; sie zog mich zu sich
hin, und so ruhten wir schweigend an einander. Wir
waren noch nicht lange so dagesessen, als eine andere Person hereinkam. Einige schwere Wolken, die ein sich
erhebender Wind fortgejagt hatte, hatten den Mond
frei gelassen, und sein Licht, das durch ein nahes Fenster hereinströmte, schien voll auf uns beide, und auf
die näher kommende Gestalt, die wir alsbald, für Miß
Temple erkannten.
,Ich komme, um Dich aufzusuchen, Jane Eyre,
sagte sie; ,Du mußt mit mir auf mein Zimmer kommen; und da Helene Burns bei Dir ist, so mag sie
mitkommen.
Wir gingen mit ihr; der Führung der Vorsteherin
folgend, hatten wir uns durch mehrere ineinander dutzende Gänge durchzuwinden, und gine Treppe hinaufzusteigen, ehe wir ihr Zimmer erreichten; es brannte
darin ein gutes Feuer, und Alles sah darin heiter und
wohnlich aus. Miß Temple sagte der Helene Burns,
sie solle sich aus einen niedrigen Lehnstuhl auf der einen
Seite des Kamins setzen, und indem sie auf einem andern Platz nahm, rief sie mich zu sich heran:
,Ist Alles vorbei? fragte die, auf mein Gesicht
herabblickends, Hast Du Deinen Kummer ausgeweint?
,Ich fürchte, ich werde das nie können.
Warum ?
Weil man mich fälschlich beschuldigt hatt und
Sie, Ma'am, werden mich mit Jedermann nun für böse
halten.
Wir werden Dich für das halten, mein Kind, als
was Du Dich erweisest. Fahre fort, ein gutes Mädchen zu sein, so wirst Du mich zufrieden stellen und
zugleich überzeugen, daß Du brav bist,
,Werde ich das, Miß Temple?
,Das wirst Du, sagte sie, ihren Arm um mich
legend. Und jetzt sage mir, wer ist die Dame, die
Herr Brocklehurst Deine Wohlthäterin nannte?
"Mistreß Reed, die Frau meines Onkels. Mein
Onkel ist todt, und hat mich ihrer Obhut anvertraut.
,So hat sie Dich also nich von freien Stücken an
Kindesstatt angenommen?
,Nein, Ma'am ; es that ihr leid genug; es thun
zu müssen; aber meinem Onkel mußte sie, wie mir die
Dienerschaft oft gesagt hat, vor seinem Tode noch versprechen, daß sie mich stets behalten, und für mich sorgen wollte.
Nun, Jane, Du weißt, oder wenigstens will ich
Dir's sagen, daß, wenn ein Verbrecher angeklagt ist,
ihm die Vertheidigung gestattet ist. Man hat Dich der
Falschheit beschuldigt: vertheidige Dich nun, mir gegenüber, so gut Du kannst. Sag, was Dir Dein Ge-
dächtniß als wahr eingibt; indessen ist! Nichts hinzu
und übertreibe Nichts.
In der Tiefe meines Herzens beschloß ich, so gemäßigt wie möglich zu sein, und mich nur an die
Wahrheit zu halten; und nachdem ich einige Minuten
nachgedacht, um das, was ich zu sagen hatte, gehörig
zu ordnen, erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner
traurigen Kindheit. Erschöpft durch Gemüthsaufregung war meine Sprache gedämpfter, als gewöhnlich, wie
ich jenes traurige Thema entwickelte; und der Warnung
Helenens gedenkend, dem Nachgefühle keinen Raum zu
gönnen, mischte ich der Erzählung weit weniger Galle
und Wermuth bei, als gewöhnlich. Also gemäßigt und
vereinfacht, klang sie glaubhafter, ich fühlte, im Verlauf derselben, daß Miß Temple mir vollkommen Glauben beimesse.
Im Verlauf der Erzählung hatte ich erwähnt, daß
Herr Lloyd mich nach meiner Ohnmacht besucht hatte;
denn ich vergaß die für mich so schreckliche Episode des
rothen Zimmers nie. Bei der ausführlichen Schilderung
der letztern durchbrach meine Aufregung in gewissem
Grade immer die Grenzen; denn Nichts konnte in meinem Gedächtnisse die krampfhafte Qual mildern, die sich
meines Herzens bemächtigte, als Mistreß Reed meine
flehentliche, ja stürmische Bitte um Verzeihung zurückwies, und mich zum zweiten Male in das finstere Zim-
mer einsperrte, in dem ich einen Geist gesehen.
Ich war zu Ende: Miß Temple sah mich einige
Minuten schweigend an, und sagte dann: Herr Lloyd ist mir nicht ganz unbekannt; ich
werde an ihn schreiben, und wenn er Deine Angabe
bestätigt, so sollst Du vor Jedermann von allen Anschuldigungen freigesprochen werden: vor meinen Augen, Jane, bißt Du es schon jetzt.
Sie küßte mich, und mich immer noch an ihrer
Seite behaltend, -- wo ich recht gerne fand, denn ich
empfand ein kindliches Vergnügen, ihr Gesicht, ihren
Anzug, ihre wenigen Schmucksachen, ihre weiße Skien,
ihre dichten und glänzenden Locken, sowie ihre schwarzen funkelnden Augen betrachten zu können - richtete
sie das Wort an Helene Burns.
,Wie befindest Du Dich heute Abend, Helene?
Hast Du heute viel gehustet?
'Ich meine, nicht ganz so viel, Ma'am.?
,Und Deine Brustschmerzen??
,Es ist pin Bischen besser,?
Miß Temple stand muuf, faßte ihre Hand, und fühlte
ihre Puls; sodann kehrte sie auf ihren Stuhl zurück,
und während sie denselben wieder einnahm, hörte ich
sie leise seufzen. Sie blieb einige Minuten in Nach-
denken versunken: dann sagte sie, sich fassend, mit fröhlicher Stimme: "Aber ihe Beide seid heute Abend meine Gäste,
und ich muß euch als solche bewirthen.
Sie klingelte.
,Barbara, sagte sie zu der eintretenden Dienerin,
,man hat mir noch nicht meinen Thee gebracht; bring'
das Theezeug sowie zwei Tassen für die beiden Fräulein.
Bald wurde der Thee servirt. Wie schön erschienen in meinen Augen die Porcellan- Tassen, und der
glänzende Theetopf, die man auf den kleinen runden
Tisch neben dem Feuer stellte! Wie wohlduftend war
der aufsteigende Dampf, und das geröstete Brod, wovon ich indessen, zu meinem großen Schrecken - denn
ich fing an, hungrig zu sein, nur eine sehr kleine
Portion entdeckte. Auch Mis Temple sah es: "Barbara,? sagte sie, ,kannst Du nicht etwas mehr
Butter und Brot bringen? es reicht nicht für uns
drei,?
Barbara entfernte sich bald kehrte sie zurück.
,Madam, Missis Harden sagt, sie habe die gewöhnliche Portion heraufgeschickt,
Mißreß Harden war - ich muß es hier bemerken
- die Haushälterin: eine Frau, ganz gemacht für
Hern Brocklehurst, zu gleichen Theilen Wallfischbein
und Eisen.
"Ganz gut!' erwiederte Miß Temple; ich
sehe schon, Barbara, wir müssen eben machen, daß es
reicht, und als das Mädchen sich entfernte, setze sie
lächelnd hinzu: "Glücklicherweise steht es in meiner Macht, dieses
Mal das Fehlende zu ergänzen.
Nachdem sie Helene und mich aufgefordert hatte,
uns an den Tisch zu setzen, stellte sie einer jeden eine
Tasse Thee sammt einem köstlich schmeckenden, aber dünnen Stücke gerösteten Brodes hin; sodann stand sie auf,
öffnete ein Fach, nahm aus demselben Etwas heraus,
was mit Papier umwickelt war, und heraus kam ein
Streukuchen von ziemlicher Größe.
"Ich hatte im Sinne, einer jeden ein Stück von
diesem Kuchen hinzugeben,' sagte sie; da aber so wenig geröstetes Brov da ist, so sollt Ihr es jetzt bekommen, und nun schnitt sie mit freigebiger Hand
Stücke ab.
An jenem Abend hatten wir einen Götterschmaus:
der Thee und der Kuchen kamen uns wie Nektar und
Ambrosia vor; und was nicht wenig dazu beitrug
daß wir die Bewirthung entzückend fanden, war das
süße Lächeln, womit unsere Wirthin uns betrachtete,
als wir unsern Hunger an den Delikatessen stillten, womit sie uns so freigebig bewirthete. Nachdem der Thee
getrunken und das Geschirr entfernt war, hieß sie uns
wieder an das Feuer sitzen; wir saßen zu ihren beiden
Seiten und nun folgte ein Gespräch zwischen ihr und
Helenen, das mitanhdren zu dürfen, kein kleines Vorrecht war.
Miß Temple hatte in ihrer Miene stets etwas
Heiteres, in ihrem ganzen Wesen etwas Stattliches, in
ihrer Sprache etwas Verfeinertes und Schickliches, was
der Heftigkeit und der Aufregung nie einem Spielraum
gestattete: Etwas, was dem Vergnügen derjenigen, die
sie ansahen und ihr zuhörten, durch ein unwillkührliches
Gefühl der Ehrfurcht eine höhere Weihe gab; und in
dieser Stimmung fühlte ich mich nun; was aber Helene
Burns betrifft, so mußte ich mich über sie höchlich
wundern. Das Mahl, das lovernde Feuer, die
Gegenwart und liebevolle Freundlichkeit ihrer geliebten
Lehrerin, oder vielleicht mehr, als alle, das, Etwas in
ihrem Gäiste, der als einzig in seiner Art betrachtet
werden konnte, hatte alle Kräfte in ihr geweckt. Diese
erwachten und entzündeten sich: zuerst glühten sie in dem
glänzenden Teint ihrer Wange, die ich bis dahin nur
bleich und blutlos gesehen hatte; dann leuchteten sie in
dem süssigen Glanze ihrer Augen, die mit einem Male
eine Schönheit angenonnmen hatten, welche noch mehr
auffiel, als die der Miß Temple - eine Schönheit, die
sich weder in der schönen Farbe, noch in langen Augenwimpern und zierlichen Augenbrauen kund gab, sondern
in der Bedeutung der Bewegung, dem Glanzes
Bald saß ihr die Seele auf den Lippen, und es floß
die Sprache, aus welcher Quelle; kann ich nicht sagen:
hat ein vierzehnjähriges Mädchen ein so großes und
kräftiges Herz, um die schwellende Quelle reiner
voller, feuriger Berebsamkeit zu fasen? So beschaffen
war für mich Helenens Gespräch an jenem, mir flets
unvergeßlichen Abend: ihr Geist schien in einer kurzen
Spanne Zeit so viel leben zu wollen, wie Viele während
eines langen Daseins.
Sie sprachen von Dingen, wovon ich nie gehört
hatte; von frühern Nationen und Zeiten, von weit entfernten Ländern; von entdeckten oder geahnten Naturgeheimnissen: sie sprachen von Büchern, wie viele haben
sie gelesen! Sodann schienen sie mit französischen Namen
und Autoren so wohl bekannt zu sein, aber meine Ver-
wunderung erreichte erst ihren Höhepunkt, als Miß
Temple Helene fragte, ob sie bisweilen einen Augenblick gefunden habe, um sich in der lateinischen Sprache,
die sie von ihrem Vater gelernt, zu üben; und indem
sie ein Buch von einem Bücherbrette herabholte, ließ
sie sie lesen, und eine Seite aus dem Virgil übersetzen.
Helene gehorchte, und bei jeder wohlklingenden Linie,
»Als sie las, erweiterte sich mein Organ der Verehrung.
Kaum war sie damit zu Ende gekommen, als die Glocke
erkündete, daß es Zeit sei, zu Bette zu gehen: länger
konnten wir nicht mehr da bleiben. Miß Temple küßte
uns daher beide, und sagte, uns an ihr Herz drückend:
,Der Herr segne Euch, seine Kinder.
Helene hielt sie etwas länger in ihren Armen, als
mich; sie trennte sich von ihr mit mehr Widerstreben;
ihr folgte ihr Auge bis an die Thüre und sie seufzte sie
ein zweites Mal traurig: ihr galt die Thräne, die sie
von ihrer Wange trocknete.
Alg wir in das Schlafzimmer kamen, hörten wir
die Stimme der Miß Scatcherd: sie untersuchte die
Fächer und war gerade an dem der Helene Burns. Als
wir eintraten, war ein hestiger Tafel ihr Empfangs
und sogleich wurde meiner Freundin gesagt,- daß am
nächsten Morgen ein halbes Dutzend Papierstücke ihr
an die Schulter geheftet werden würden.
"eine Sachen waren in der That in schmählicher
Unordnung, murmelte Helene mir ganz leise zu, ,ich
wollte sie ordnen, habe es aber vergessen.
Am nächsten Morgen schrieb Miß Scatcherd mit
großen Buchstaben auf ein Stück Papier das Wort
,Schlampe, und band es wie ein Amulet um Helenens
hohe, milde, verfsändige und wohlwollende Stirn. Sie
trug dasselbe bis an den Abend geduldig, ohne Fragen, und sah es als eine verdiente Strafe an. In
demselben Augenblicke, wo Miß Scatcherd nach Beendigung des Nachmittagsunterrichts sich entfernte, lief ich zu Helenen hin, riß das Papier ab und warf es in
das Feuer: die Wut, der sie nicht fähig war, hatte
den ganzen Tag in meiner Seele gesodert, und große,
heiße Thränen biten beständig meine Wange gebrannt;
denn das Schauspiel ihrer traurigen Ergebung war für
mein Herz ein unerträglicher Schmerz.
,Etwa eine Woche nach den weiter oben gerichteten
Vorfällen erhielt Miß Temple, die an Herrn Lloyd
geschrieben hatte, Antwort, das, was er sagte, bestätigte,
wie es schien, meinen Bericht von der bewußten Sache.
Nachdem Miß Temple die ganze Schule versammelt
hatte, verkündete sie, daß man die gegen Jane Eyre
vorgebrachten Beschuldigungen näher untersucht habe,
und daß es ihr Freude mache, dieselbe als frei von jeder
Schuld erklären zu können. Nun drückten mir die
Lehrerinnen die Hände, und küßten mich, und ein Murmeln der Freude durchlief die Reihen meiner Mitschülerinnen.
So von einer großen Last befreit, machte ich mich
von der Stunde an mit frischem Muthe an die Arbeit,
fest entschlossen, mir durch alle Schwierigkeiten hindurch
einen Weg zu bahnen: ich arbeitete aus allen Kräften,
und meine Fortschritte waren meinen Anstrengungen angemessen. Mein Gedächtniß, das von Natur nicht sehr gut ist, wurde durch viele Uebung immer besser. Die
Uebung schärfte auch meinen Verstand; in wenigen
Wochen wurde ich in eine höhere Klasse versetzt: in
weniger, denn zwei Monaten durfte ich das Französische
und das Zeichnen anfangen. Ich lernte die ersten zwei
Zeiten des Zeitworts Être, und skizzirte an demselben
Tage meine erste Hütte, deren Wände, beiläufig gesagt:
so schief waren, daß der berühmte schiefe Thurm in
Pisa Nichts dagegen war. An jenem Abende vergaß ich
auch beim Schlafengehen, mir in der Phantasie jenes Leckermahl von heißen gerösteten Kartoffeln, oder weisem Brode und frischer Milch zu bereiten, womit ich
mein Gelüste zu täuschen gewohnt war: an dessen Staat
dachte ich mich an an idealen Zeichnungen, die ich in
der Dunkelheit sah, und die alle ein Werk meiner Hände
waren. Da waren freigezeichnete Häuser und, Bäume,
pictoreske Felsen und Ruinen, liebliche Gemälde von Schmetterlingen,
die um unaufgegangene Rosen herumschwärmten -- von
Vögeln, die an reifen Kirschen pickten - von jungen, dieselben umgebenden Epheuranken. Ich dachte auch darüber nach, ob ich je im Stande sein würde, ein gewisses
- kleines französisches Geschichtenbuch, das mir Madame
Pierrot an dem Tage gezeigt hatte, geläufig, zu übersetzen, auch wurde dieses Problem nicht vorher gelöst,
as bis ich sanft einschlief.
Mit Recht sagt Salomo: Besser ist ein Mahl von Kräutern, wo Liebe dabei ist, denn ein gemästeter Ochse mit Haß.
Nun hätte ich Lowood mit allen seinen Entbehrungen nicht um Gateshead mit seinen Luxus geben mögen.
Neuntes Kapitel.
Doch die Entbehrungen, oder, richtiger gesagt, die Mühseligkeiten in Lowood veränderten sich. Er kam
der Frühling heran, er war in der That schon da; der Winterfrost hatte aufgehört, der Schnee war geschmolzen, die schneidenden Winde waren allmälig gelinder geworden. Meine armen Füße, welche durch die scharfe Januarlust angeschwollen und ganz geschunden waren, fingen an zu heilen, und unter dem Einflusse der sanften Aprilluft wieder ihre frühere Gestalt anzunehmen; die Nächte und die Morgenstunden machten nicht mehr
durch ihre kanadische Temperatur das Blut in unsern
Adern erstarren; wir konnten jetzt die Spielstunden ohne
Unbehaglichkeit im Garten zubringen; bisweilen begann es Ich, an einem sonnigen Tage, angenehm und
lieblich zu sein, und es zeigte sich etwas Grünes auf
den schwarzen Beeten, was, da dasselbe täglich frischer
wurde, auf den Gedanken leitete, die Hoffnung habe
während der Nacht darüber hingeschwebt, und jeden
Morgen lieblichere Spuren ihrer Anwesenheit zurückgelassen. Blüthen zeigten sich unter den Blättern: Schneeglöckchen.
An den Donnerstagnachmittagen,
welche der Erholung gewidmet waren, gingen wir nun
spazieren, und fanden noch liebliche Blumen unter hecken
und an Wegen.
Auch entdeckte ich, daß ein großes Vergnügen, ein
Genuß, den nur der Horizont begrenzte jenseits der
hohen, oben durch lange eiserne Nägel geschützten
Mauern unsers Gartens liege. Dieses Vergnügen bestand in der Aussicht, die prächtige Höhen um ein tiefes, üppiges, schattiges Thal her gewährten; sowie in
einem kleinen schimmernden Bache, der voll dunkler
Steine und leuchtender Wirbel war. Wie ganz anders
war mir diese Szene erschienen, als ich sie unter dem
Mantel des Winters, und von einem grauen, trüben
Himmel verdüstert erblickt hatte; als Nebel, so kalt wie
der Tod, von Ostwinden getrieben, diese purpurnen
Spitzen entlang zogen, und auf Wiesen und Sumpf sich
herabwählten, bis sie sich mit den eisigen Dünsten des
Baches vermischten! Dieser Bach selbst war damals ein
wildes Wasser, trüb und unbezähmbar, er durchbrach
den Wald und schickte ein tobendes Geräusch durch die
Luft, die oft durch wilden Regen, oder wirbelnde Schlößen verdichtet wurde, und was den Wald an seinen
Ufern betrifft, so zeigte derselbe nur Reihen von Skeletten.
Der April wurde zum Mai, einem herrlichen, heitern Mai, und ein blauer Himmel, ein lieblicher,
Sonnenschein, und sanfte West- und Südwinde presschten
während seiner ganzen Dauer vor. Und neigte die
Vegetation sich in all ihrer Kraft; schüttelte
seine Locken; Alles wurde grün, Alles mit Blüthen bedeckt seine großen Ulmen -, Eschen.- und Eichenskelette
erwachten wieder zu majestätischges Leben; Waldpflanzen
sproßten an seinen abgeschiedenen Orten üppig auf;
zahllose Varietäten von Moos füllten seine Höhlungen
an, und es bildete dasselbe neben den vielen wilden
Schlüsselblumen einen seltsamen Bodenschein; ich habe
ihren bleichen goldenen Schein an beschatteten Plätzen
gesehen, und da erschien mir derselbe wie eine Aussaat
des lieblichsten Glanzes. An all diesem erfreute ich mich
oft, und in vollem Maße, frei, unbewacht und fast
allein; aber diese ungewohnte Freiheit, und dieses ungewohnte Vergnügen hätte einen Grund, den ich nun
angeben muß.
Habe ich nicht eine angenehme Lage für ein Haus
beschrieben, wenn ich dieselbe, als zwischen Berg und .
Wald begraben, und als von dem Rande eines Baches
aufsteigend, schildere? Gewiß erscheint sie als angenehm genug, ob dieselbe übergesund ist, das ist eine
andere Frage.
Die Waldschlucht, in der Lowood lag, war die Wiege von Nebeln und aus diesen erzeugten Seuchen,
die, mit dem Frühling ausbrechend, und sich vermehrend,
in das Waisenstift drangen, dessen überfüllte Schul- und
Schlafzimmer mit ihrem Hauche vergisteten, und, ehe
der Mai herbeikam, die Schule in ein grosses Hospital
verwandelten.
Die Ansteckung griff um so leichter um sich, als
wir in einem halbverhungerten Zustande uns befanden,
und die Erkältungen stets vernachläßigt worden waren;
fünfundvierzig von achtzig Schülerinnen lagen zu gleicher Zeit krank darnieder. Die Klassen waren auch
strenge beobachtet. Die Wenigen, die gesund blieben,
genossen nun einer fast unbeschränkten Freiheit, weil der
Arzt erklärte, es sei viele Bewegung im Freien durchaus nothwendig, um sie gesund zu erhalten, und wäre
das auch nicht gewesen: so hätte doch Niemand Zeit und
Mühe gehabt, dieselben zu überwachen, oder davon abzuhalten. Die ganze Aufmerksamkeit der Miß Temple
wurde von den Kranken in Anspruch genommen: sie
kam gar nicht aus dem Krankenzimmer, es sei denn
um einige Stunden zu schlafen. Die Lehrerinnen hatten vollauf zu thun, um für diejenigen Mädchen, die
so glücklich waren, Freunde und Verwandte zu haben,
welche sie von dem Orte der Ansteckung entfernen konnten oder wollten, anzupacken, sowie überhaupt die zur
Abreise nöthigen Anstalten zu treffen. Viele, die bereits
von der Seuche angesteckt waren, gingen nur nach Hauses
um da zu sterben. Einige starben in der Schule, und
wurden schnell und in aller Stille begraben, da die Natur der Krankheit jeden Aufschub verbot.
Während so die Seuche in Lowood eingekehrt und
der Tod ein häufiger Gat geworden war; während eine
düstere Stimmung und Furcht innerhalb dessen Mauern
herrschte; während die Zimmer und Gänge die Gerüche
eines hospitals verbreiteten, und Meturen und Pillen
das tödtliche Miasma zu bekämpfen suchten -- leuchtete
jener herrliche Mai unbewölkt über den kühlen Hügeln
und den herrlichen Wäldern, die draußen lagen. Aber
auch der Garten entfaltete einen reichen Blumenschazt
Rosenpappeln waren aufgeschossen, so hoch wie Bäume,
Lilien hatten sich entfaltet, Dahlia's und Rosen standen
in Blüthe; die Einfassungen der kleinen Beete waren
so lustig anzusehen mit ihren blaßrothen Bergnelken und
hochrothen gefüllten Maßlieben; die Weinrosen verbreiteten Morgens und Abends ihren an Gewürze
Dust; und alle diese wohlriechenden
Schätze waren für die meisten Bewohnerinnen Lowoods
nutzlos, es sei denn, daß sie von Zeit zu Zeit eine
Handvoll Kräuter und Blumen in einen Garg lieferten.
Aber ich und die Übrigen, welche gesund blieben,
erfreuten uns der Schönheiten der Scene und der Jahreszeit in vollem Maßen, man ließ uns, wie Zigeuner,
vom Morgen bis zum Abend, im Walde herumschweifen; wir hatten, was wir mochten, und gingen, wohin
es uns gefiel auch wurden wir nun besser genährt.
Nun kam Herr Brocklehurst mit seiner Familie nicht in
die Nähe von Lowood, der Haushalt wurde nun nicht
untersuchtt die widerwärtige Haushälterin war davon
gegangen aus Furcht vor der ansteckenden Seuchet ihre
Nachfolgerin, welche Matrone in dem Krankenhause zu
Lowton gewesen war, wußte Nichts von der Art und
Weise, wie an ihrem neuen Aufenthaltsorte die Haushaltung geführt wurde, und gab daher verhältnißmäßig
starke Portionen. Nebendieß hatte man ja nicht mehr
so viele zu ernähren, die Kranken konnten nur wenig
essen; die Tassen, in denen wir unser Frühstück erhielten, waren besser gefüllt; wenn es an Zeit mangelte
ein regelmäßiges Mitagessen zu bereiten - was oft
vorkam - pflegte sie uns ein großes Stück kalte Pa-
stete, oder ein großes Snück Brod mit Käse zu geben,
und damit gingen wir in den Wald, wo jede von uns
den Ort auswählte, der ihr am besten gefiel, und verzehrten da unser üppiges Mittagsmahl.
Mein Lieblingssitz war ein glatter, breiter Stein,
der sich weiß und trocken aus der Mitte des Baches
erhob, und nur erreicht werden konnte, wenn man
durch das Waffer watete, was ich denn auch barfuß
that. Der Stein war gerade breit genug um mich
und ein anderes Mädchen bequem auzunehmen, das
damals meine auserwählte Gesellschafterin war. Ihr
Name war Mary Ann Wulson; und an der Gesellschaft
dieser scharfen Beobachterin fand ich besonderes Gefallen, theils weil sie originell war, theils weil
sie eine Art hatte, bei der ich mich ganz ungenirt fühlte:
Einige Jahre älter als ich, wußte sie mehr von der
Welt, und konnte mir Manches sagen, was ich gern
hörteg bei ihr fand meine Neugierde Befriedigung auch
gegenüber von meinen Fehlern übte sie große Nachsicht,
indem sie mir, wenn ich Etwas sagte, nie einen Zügel
anlegte. Sie hatte Anlage zum Erzählen, ich zum Analysiren; sie liebte es zu unterrichten, ich, zu liegent so
fanden wir Gefallen an einander und zogen aus dem
Umgang, den wir mit einander pflogen, viel Vergnügen,
wenn auch nicht viel Nutzen.
Und wo war unterdessen Helene Burn? warum
verbrachte ich nicht diese süßen Tage der Freiheit mit
ich? hatte ich sie vergessen, oder war ich ihrer reinen
Gesellschaft in meiner Unwürdigkeit schon überdrüssig
geworden? Sicherlich stand die Mary Ann Wilson, von
der ich gesprochen, nicht so hoch, wie meine erste Bekannte, sie konnte mir bloß unterhaltende Geschichten
erzählen, und das mit beißenden Worten gespickte Geplauder erwiedernd worin ich mir gefiel: während, wenn
ich von Helenen die Wahrheit gesagt habe, sie befähigt
war, denjenigen welche sich des Vorrechts ihres Umgangs erfreuten, einen Sinn für weit höhere Dinge zu
gehen.
- Wahr ist es, Leser, und ich wußte und fühlte es,
und obgleich ich ein Geschöpf bin, das, neben vielen
Fehlern, wenige Eigenschaften besitzt, die mit jenen wieder aussöhnen, so ward ich doch der Gsellschaft der Helene Burns nie müde; auch hörte ich nie auf, eine
Zuneigung zu ihr zu fühlen, so stark, so zärtlich und so
ehrenbietig wie nur je eine meinem Herz innewohnte.
Wie konnte es auch anders sein, wenn Helene zu allen
Zeiten und unter allen Umständen eine stille und treue
Freundschaft für mich an den Tag legte welche keine
üble Laune verbitterte, keine Reizbarkeit störte? Aber
Helene war jetzt krank; schon seit einigen Wochen war
sie meinen Augen entrückt, und ich wußte nicht, in welches Zimmer im obern Theil des Pauses gebracht wor-
den. Man sagte mir, sie liege nicht in dem Theile des
Hauses, der, mit Fieberkranken angefüllt, sich in ein
Hospital verwandelt hatte; denn sie leide nicht am Typhus, sondern an der Auszehtung; und in meiner Un-
wissenheit verstand ich unter Auszehrung eine milde
Krankheit, welche die Zeit und eine sorgfältige Pflege
gewiß wieder haben würde.
In diesem Gedanken wurde ich bestärkt, als ich sie an sehr warmen und sonnigen Nachmittagen mit Miß
Temple in den Garten herabkommen sah; aber bei solchen Gelegenheiten durfte ich nicht zu ihr hingehen,
noch auch mit ihr reden; ich sah sie bloß von dem Fenster des Schulzimmers aus, und dann auch nur undeutlich, denn sie war dicht eingehüllt und saß in einiger
Entfernung unter der Verandah.
Eines Abends - es war zu Anfang Juni -- war
ich mit Mary Ann bis sehr spät im Walde geblieben;
wie gewöhnlich hatten wir uns von den Lebrigen getrennt, und waren weit umhergeschweift, so weit, daß
wir unseren Weg verloren, und denselben bei einer einsam stehenden Hütte wieder ertragen mußten, in der
sich ein Mann und eine Frau befanden, die eine Heerde
halbwilder Schweine, welche die Mast im Walde fraßen,
hüteten. Als wir zurückkamen, war der Mond schon
aufgegangen: ein Pony, den wir als dem Arzte gehörend
erkannten, stand an der Gartenthür. Mary Ann be-
merkte, sie glaube, es müsse Jemand sehr krank sein,
da man noch um diese Abendstunde nach Herrn Bate
geschickt habe. Sie trat in das Haus hinein; ich blieb
einige Minuten zurück, um in meinem Garten eine
Hand voll Wurzeln zu pflanzen, die ich im Walde ausgegraben hatte, und von denen ich befürchtete, daß sie
absterben müßten, wenn ich dieselben bis zum andern
Morgen liegen ließe. Nachdem dieß geschehen war,
blieb ich noch eine kleine Weile: es war ein so angenehmer, so heiterer, so warmer Abend; der noch glühende
Westen versprach so prächtig einen andern schönen Sommertag; der Mond stieg in solcher Majestät aus dem
düstern Osten aus! Ich betrachtete dieses Schauspiel,
und erfreute mich desselben in meiner kindlichen Weise,
als mit einem Male, wie noch nie zuvor, sich mir der
Gedanke aufdrängte:
,Wie traurig muß es sein, jetzt auf dem Krankenlager zu liegen, und in Todesgefahr zu schweben! Diese
Welt ist doch schön - wie schrecklich muß es sein, von
ihr abgerufen zu werden, und an einen Ort zu gehen,
den Niemand kennt!?
Und nun strengte mein Geist sich zum ersten Male
ernstlich an, zu begreifen, was man ihm über Himmel
und Hölle eingeprägt hatte, und zum ersten Male wich
er, nach vergeblichen Anstrengungen, zurück; und zum
ersten Male, sah er, als er hinter sich, vor sich, nach
jeder Seite hin blickte, überall Nichts, als einen bodenlosen Abgrund: er fühlte den einzigen Punkt, auf dem
er stand - - die Gegenwart; alles Uebrige war verschwommenes Gewölk und leere Tiefe; und er schauderte
bei dem Gedanken zu wanken, und in dieses Chaos
hineinzustürzen. Während ich mich mit diesem neuen
Gedanken beschäftigte, hörte ich die Vorderthüre aufgehen; Herr Bates kam heraus, und bei ihm war eine
Krankenwärterin. Sie blieb bei dem Doktor stehen,
bis derselbe sein Pferd bestiegen und sich entfernt hatte;
und eben wollte sie die Thür zuschließen, als ich plötzlich auf sie zulief.
,Wie geht es mit Helene Burns?
,Ganz schlecht, lautete die Antwort.
Hat Herr Bates ihretwegen gerufen worden?
,Ja.
,Und was sagt er über sie?
,Er sagt, sie werde es nicht mehr lange treiben,
werde nicht mehr lange hier sein.
Letztere Worte würde ich, hätte ich dieselben den
Tag zuvor gehört, nur so aufgefaßt haben, daß man
sie nach Northumberland, in ihre Heimath bringen
würde. Ich hätte nicht vermuthet, daß man damit
sagen wolle, sie sei am Sterben; aber nun begriff ich
es alsbald es war mir klar, daß Helene Burns ihre
letzten Tage lebe, und daß sie bald zu der
Region der Geister emporschweben werde, wenn überhaupt eine solche Region vorhanden sei. Ein Grausen
erfaßte mich, das dald in durchdringenden Schmerz übere
ging, und dann in den Wuusch, in die Nothwendigkeit,
sie zu sehen.
Ich fragte, in welchem Zimmer sie liege.
,Sie ist in Miß Temples Zimmer, sagte die
Krankenwärterin.
,Kann ich hinaufgehen und mit ihr sprechen?
, Ach nein, mein Kind! das geht nicht an: und
nun ist es ja auch Zeit, daß man herein geht; wenn
Du, während der Thau herabfällt, draußen bift, so bekommst Du das Fieber.
Die Krankenwärterin schloß die Vorderthüre zu,
ich trat durch die Seitenthüre ein, welche zu dem Schulzimmer führte: ich kam gerade noch zur rechten Zeit;
es war neun Uhr, und Miß Miller hieß die Schülerinnen
zu Bette gehen.
- Es mochten zwei Stunden darauf sein, wahrscheinlich gegen 1 Uhr, als ich - da ich nicht hatte einschlafen
können und aus der tiefen, im Schlafsaale herrschenden
Stille schloß, daß meine Mitschülerinnen alle in tiefem
Schlafe liegen müßten - sachte aufstand, meinen Rock
über mein Nachtkleid warf, und ohne Schuhe aus dem
Zimmer schlich, um das der Miß Temple aufzusuchen.
Es war ganz am andern Ende des Hauses; aber ich
wußte den Weg, und das Licht des unbewölkten Sommermonds, das hier und da durch die Fenster im Gange
brach, ließ mich denselben ohne Schwierigkeit finden.
Ein Geruch von Kamvher und verbranntem Essig diente
mir als Warnung als ich an das Zimmer, in dem die
Fieberkranken lagen, kam; und schnell ging ich an der
Thür vorüber, aus Furcht, die Wärterin, die die ganze
Macht wachte, möchte mich hören. Ich befürchtete, entdeckt und in den Schlafsaal zurückgeschickt zu werden;
denn ich mußte Helene sehen, ich mußte sie noch einmal
umarmen, ehe sie starb - ich mußte ihr noch einen
letzten Kuß geben und mit ihr noch ein letztes Wort
wach sein.
Nachdem ich die Treppe hinabgegangen war, einen
Teil des untern Hauses durchschritten hatte, und es
mir gesagen war, zwei Thüren geräuschlos zu öffnen
und zuzu achten, kam ich an eine andere Treppe. Diese
ging ich hinauf und nun befand ich mich gerade vor
dem Zimmer der Miß Temple. Ein Licht schien durch
das Schlüsselloch, sowie auch unter der Thüre hervor:
tiefe Stille herrschte ringsumher. Als ich ganz davor
stand, fand ich, daß die Thüre angelehnt wars wahrscheinlich um etwas frische Luft in das schwüle Krankenzimmer einzulassen. Da ich nicht lange zaudern wollte
und auch ungeduldig genug war, meine Freundin zu
Gesicht zu bekommen, schob ich die Thür zurück, und
sah hinein. Mein Auge suchte Helene und fürchtete, auf
den Tod zu treffen.
Dicht neben dem Bette der Miß Temple und halb
bedeckt von dessen weißen Vorhängen, stand ein anderes,
kleineres Bett. Ich sah die Umrisse einer Gestalt unter
der Decke, das Gesicht aber war durch die Vorhänge
verborgen; die Krankenwärterin, mit der ich im Garten
gesprochen hatte, saß in einem Lehnstuhl und war eingeschlafen; ein ungeputztes Licht brannte düster auf dem
Tische.
Miß Temple konnte man nicht sehen; später erfuhr
ich, daß sie zu einer Kranken in dem
Fieberzimmer gerufen worden war. Ich trat näher und
blieb dann an der Seite des kleinern Bettes eine Weile
stehend meine Hand lag auf dem Vorbang, aber ich
zog es vor, zu sprechen, ehe ich denselben zurückschob.
Noch immer fürchtete ich mich vor dem Anblicke einer
Leiche.
,Helene! flüsterte ich leise, 'wachst Du!'
Sie rührte sich, schob selbst den Vorhang zurück
und ich sah ihr blasses, abgefallenes, aber ganz ruhiges
Gesicht: sie sah so wenig verändert aus, daß meine
Furcht alsbald schwand.
,Bist Du es wicklich, Jane ?; sagte sie in dem
ihr eigenthümlichen, sanften Tone.
,O! dachte ich, sie ftirbt nicht; sie irren sich
müßte sie sterben, so könnte sie nicht so ruhig sprechen,
nicht so ruhig aussehen.
Ich stieg auf ihr Bett hinauf und küßte sie: ihre
Stirn war kalt, ebenso ihre eingefallene Wange, auch
ihre Hand und ihr Handgelenk; aber sie lächelte wie
früher.
"Warum bist Du hierher gekommen, Jane? Es
ist elf Uhr vorüber: ich habe es vor einigen Minuten
schlagen hören!
Ich bin gekommen, um Dich zu sehen, Helene,
ich habe gehört, Du seiest sehr krank, und ich habe
nicht schlafen können, bis ich mit Dir gesprochen.
,So bist Du also gekommen, um, von mir Abschied
zu nehmen. Du kommst wohl gerade noch zur rechten
Zeit.
,Gehst Du wohin, Helene? Gehst Du in Deine
Heimath?
Ja, in meine ewige letzte Heimath.
Nein, nein, Helene,? ich hielt vor Schmerz inne.
Während ich meine Thränen zu verschlucken suchte, bekam Helene einen Anfall von Husten; indessen weckte
derselbe die Krankenwärterin nicht auf; als er vorbei
war, lag sie einige Minuten erschöpft da, dann flüsterte sie:
Jane, Deine Füßchen sind bloß, lege dich nieder
und decke Dich mit meiner Decke zu.
Ich that also: sie legte ihren Arm über mich hin
und ich schmiegte mich, so hart ich konnte, an sie an
Mich einem langen Stillschweigen sprach sie wieder,
aber immer flüsternd: ,Ich bin ganz glücklich, Jane, und wenn Du
hörst, daß ich todt bin, so mußt Du ruhig sein und
nicht in Kummer versinken; es ist keine Ursache vorhanden, weßhalb Du Dich betrüben solltest. Wir alle müssen
einmal sterben, und die Krankheit, die mich von hinein
nimmt, ist nicht schmerzlich; ihr Verlauf ist ein sanfter
und stufenweiser: ich bin ruhig und gefaßt. Ich lasse
auf dieser Welt Niemand zurück, der mich sehr vermissen wird: - ich habe bloß einen Vater und derselbe
hat vor Kurzem wieder geheirathet und wird die entstandene Lücke nicht führen. Indem ich jung sterbe,
werde ich vielen und großen Leiden entgehen. Ich hatte
keine Eigenschaften oder Talente, wodurch ich in der
Welt hätte mein Glück machen können: ich wäre immer
auf Schwierigkeit getroffen.
,Aber wo gehst Du denn hin, Helene? kannst Du
es sehen? weißt Du es? ,Ich glaube zuversichtlich, daß ich zu Gott gehe.
,Wo ist Gott? was ist Gott
Mein Schöpfer und der Deinige, der das nie zerstören wird, was er geschaffen hat. Ich vertraue ganz
auf seine Macht und seine Güte, ich zähle die Stunden,
bis daß der ernste, verhängnißvolle Moment kommt,
wo ich mit ihm werde wieder vereinigt, wo er mir
wird offenbar werden.
,So weißt Du denn gewiß, Helene, daß es einen
Art gibt, den man den Himmel nennt, und daß unsere
Seelen dahin kommen können, wenn wir sterben.
'Ich bin gewiß, daß es ein zukünftiges Leben
gibt; ich glaube, daß Gott ein guter Gott ist, ich kann
ihm meinen unsterblichen Theil getrost übergeben. Gott
ist mein Vater, Gott ist mein Freund, ich liebe ihn und
glaube, daß er auch mich liebt.
,Und werde ich Dich wieder sehen, Helene, wenn
ich sterbe?
Du kommst ohne Zweifel an den nämlichen glücklichen Ort, liebe Jane; ohne Zweifel wird Dich derselbe allmächtige Allvater zu sich nehmen.
Abermals sagte ich, aber dießmal nur in Gedanken: ,Wo ist dieser glückliche Art? ist derselbe wirklich
vorhanden?
Und ich schlug meine Arme fester um Helene, sie
schien mir theurer als je geworden zu sein: es war
mir, al ob ich sie mit meinen Armen umschlungen
halten müßte; ich lag da, das Gesicht an ihren Nacken
gedrückt. In einer Weile sagte sie zu mir im lieblichsten Tone:
,Wie behaglich fühle ich mich! Dieser letzte Anfall von Husten hat mich etwas ermüdet, es ist mir,
als ob ich schlafen könnte; aber verlasse mich nicht, Jane, ich möchte Dich bei mir haben.
Ich bleibe bei Dir, theure Helene, Niemand soll
mich von hier fortbringen. ,Bist Du warm, meine Liebe?
‘Ja.’
,Gute Nacht, Jane.
,Gute Nacht, Helene. Sie küßte mich und ich sie, und bald schlummerten
wir Beide.
Als ich erwachte, war es Tag, eine ungewöhnliche
Bewegung weckte mich auf, ich sah auf, ich war in Jemands Armen, es war die Krankenwärterin; sie trug
mich durch den Gang zurück in den Schlafsaal. Ich
bekam keinen Verweis darüber, daß ich mein Bett verlassen, die Leute hatten an etwas Anderes zu denken;
ich erhielt keine Erklärung auf meine vielen Fragen,
aber einige Tage darauf erfuhr ich, daß, als Miß Temple bei Tagesanbruch in ihr Zimmer zurückkehrte,
sie mich in dem kleinen Bette gefunden habe, mein Gesicht an Helenens Schulter gedrückt, die Arme um
ihren als geschlungen. Ich schlief, und Helene war hier: Grob iß auf dem Kirchhofe den Bruklebridge,
noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode bemerkte man darauf bloß einen Rasenhügel. Nun bezeichnet den
Ort eine kleine graue Marmorplatte, worauf man ihren Namen und das Wort liest.
Zehntes Capitel.
Bisher habe ich die Ereignisse meines unbedeutenden Lebens ausführlich erzählt; den ersten zehn Jahren
desselben habe ich fast eben so viele Kapitel gewidmet.
Aber es soll dieß keine regelmäßige Autobiographie
werden, ich will bloß mein Gedächtniß anrufen, wo ich
weiß, an seine Antworten einen gewissen Grad von
Interesse besitzen. Ich übergehe daher einen Zeitraum
von acht Jahren fast mit Stillschweigen, es sind nur
wenige Zeilen nothwendig, um an das Spätere anzuknüpfen.
Als der Typhus seine Mission der Verwüstung zu
Lowood erfüllt hatte, verschwand er nach und nach;
doch hatte schon seine Heftigkeit, sowie die große Anzahl von Opfern, die er gefordert, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Schule gezogen. Man wollte die
Ursachen der verheerenden Seuche kennen lernen, und
nach und nach kamen verschiedene Dinge heraus, welche
die öffentliche Entrüstung in hohem Grade erregten.
Die ungesunde Lage, das Quantum und die Qualität
der den Kindern gereichten Kost, das sinkende Brackwasser, das bei Bereitung derselben angewendet wurde,
die schlechte Kleidung der Zöglinge, die schlechte Wohnung und der Mangel an allen Bequemlichkeiten, alles
dieß wurde aufgedeckt, und diese Entdeckung hatte ein
für Herrn Brocklehurst kränkendes, für die Anstalt aber
wohlthätiges Resultat.
Mehrere reiche und wohlthätige Personen in der
Grafschaft unterschrieben bedeutende Summen für Errichtung eines passenderen Gebäudes in besserer Lage;
eine neue Hausordnung wurde entworfen, Verbesserungen in der Kost und Kleidung eingeführt, und die Gelder der Schule einem Verwaltungscomittee übergeben.
Herr Brocklehurst, der in Anbetracht seines Reichthums
und seiner Familienverbindungen nicht übergangen werden
konnte, blieb zwar noch, Schatzmeister, allein es standen
ihm bei Ausübung seiner Pflichten Männer zur Seite,
die nicht so engherzig waren und mehr Mitgefühl hatten, als er: auch mußte er sich in das Inspektorat mit
Männern theilen, welche Verstand mit Strenge und
Genauigkeit, Bequemlichkeit mit Sparsamkeit, Mitleid
mit Rechtschaffenheit zu paaren wußten. Die Schule
wurde also verbessert, bald eine wahrhaft nützliche und
schöne Anstalt. Acht volle Jahre blieb ich nach den
eingetretenen Reformen innerhalb ihrer Mauern; sechs
als Schülerin und zwei als Lehrerin, und in beiden
Eigenschaften lege ich hier Zeugniß ab von ihrem Werthe
und ihrer Bedeutung.
- Während dieser acht Jahre war mein Leben einförmig, aber nicht unglücklich, weil es nicht unthätig
war. Alle Mittel einer vortrefflichen Erziehung waren
mir zugänglich Vorliebe zu einigen meiner Studien,
und der Wunsch, es in allen weit zu bringen, verbunden mit dem Bestreben, meinen Lehrerinnen, zu gefallen, insbesondere denen, die ich liebte, trieb mich an;
ich machte mir in vollem Maße alle Vortheile zu Nutz
die mir geboten waren. Mit der Zeit wurde ich die
Erste in der ersten Klasse, darauf wurde mir das Amt
einer Lehrerin übertragen, in welcher Eigenschaft ich
auch zwei Jahre lang mit vollem Eifer thätig war,
nach Verfluß dieser Zeit aber nahm ich eine andere
Stelle an:
Miß Temple war bei allen Veränderungen, die mit der Anstalt vorgingen, bis daher Vorsteherin geblieben; ihrem Unterricht verdankte ich den größten Theil der Kenntnisse und Geschicklichkeiten, die ich mir
erworben hatte; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft
waren mein beständiger Trost gewesen, sie war mir als
Mutter, als Erzieherin und zuletzt als Freundin zur
Seite gestanden. Um diese Zeit verheirathete sie sich,
zog mit ihrem Gatten - einem Geistlichen, einem vortrefflichen Manne, der eine solche Frau beinahe verdiente - in eine entfernte Grafschaft, und war daher
für mich verloren.
- Von dem Tage, an dem sie hie Anstalt verließ, war
ich nicht länger dieselbe: mit ihr war jedes, mir zur
Gewohnheit gewordene Gefühl, war jede Ideenverbindung, die Lowood für mich gewissermaßen zu einer Heimath gemacht hatte, dahingeschwunden. Ich hatte Etwas von ihrem Wesen und viele ihrer Gewohnheiten
mir angeeignet: harmonischere Gedanken, besser geregelte
Gefühle, wie mir schien, waren in meinen Geist eingezogen. Ich hatte Pflicht und Ordnung zu meinen Lenkerinnen erfahren, ich war rulig, ich glaubte, ich sei zufrieden; in den Augen Anderer, gewöhnlich auch in
meinen eigenen, war ich ein disciplinirter, bezähmter
Charakter.
Aber das Schicksal trat in der Gestalt des ehrwürdigen Herrn Rasmyth zwischen mich und Miß
Temple, ich sah sie in ihrem Reisekleid, kurz nach der
Trauungsceremonie, in eine Postchaise stegen. Ich
folgte der letztern mit den Augen, bis sie hinter dem
Hügel verschwunden war; dann zog ich mich auf mein
Zimmer zurück, und brachte dort den größten Theil des
bei diesem Anlasse den Schülerinnen gewährten halben
Vakanztags zu.
Den größten Theil der Zeit brachte ich damit zu,
daß ich in dem Zimmer auf und abging. Ich stellte
mir vor, ich bedauere bloß meinen Verlust, und denke
daran, wie derselbe wieder gut zu machen wäre. Als
ich aber mit meinen Betrachtungen zu Ende war, und
ich aufblickte und sah, daß der Nachmittag zu Ende
und der Abend schon weit vorgerückt sei, da dämmerte
eine andere Entdeckung in mir auf, die nämlich, daß
ich während der Zeit einen Umwandlungsprozeß durchgemacht, daß mein Geist Alles abgelegt, was er von
Miß Temple geborgt, oder vielmehr, daß letztere die
heitere Atmosphäre mit sich genommen habe, die ich in
ihrer Nähe geathmet, und daß ich nun in meinem
natürlchen Elemente zurückgeblieben sei, und die alten
heftigen Gefühle sich wieder in mir regten. Es schien
mir nicht, daß meine Stütze mir entzogen worden, son-
dern vielmehr, daß ein Beweggrund verschwunden sei;
es war nicht die Kraft, ruhig zu sein, die mich verlassen hatte, sondern es war nicht mehr die Ursache der
Ruhe vorhanden.
Meine Welt war seit mehreren Jahren auf Lowood
beschränkt gewesen, meine Erfahrung war nicht über die
Vorschriften und Systeme, die man da befolgte, hinaus-
gegagen nun erinnerte ich mich, daß die wirkliche
Welt groß sei, und daß ein gar verschiedenartiges,
wechselndes Feld von Hoffnungen und Befürchtungen
von Empfindungen und Aufregungen diejenigen ere warte, die den Muth hätten, in dasselbe hinauszutreten,
und unter Gefahren jeder Art auf dessen weitem Raume
wahre Lebenswissenschaft zu suchen.
Ich ging an mein Fenster, machte es auf und sah
hinaus. Da waren die zwei Flügel des Gebäudes, da
lag der Garten, dort die Umgebungen Lowoods, dort
der hügelige Horizont. Mein Auge schweifte über alle
andern Gegenstände weg, um auf den entferntesten
blauen Bergspitzen zu ruhen: diese wünschte ich zu übersteigen, über diese sehnte ich mich hinüberzukommen;
Alles innerhalb ihrer Felsen- und Hudegrenze erschien
mir als ein Ort der Sklaverei und Verbannung. Ich
folgte mit dem Auge dem, um den Fuß eines Bergs
sich windenden, und in einer Schlucht zwischen zweien
verschwindenden weisien Wege; ach, wie verlangte es
mich, ihn weiter zu verfolgen! Ich rief mir die Zeit
ins Gedächtniß, wo ich denselben Weg in einem Wagen gemacht hatte; ich erinnerte mich, wie wir in der
Dämmerung jenen Hügel herabkamen; die Jahrhundert
schien seit dem Tage verflossen zu' sein, der mich zuerst
nach Lowood brachte: und seitdem hatte ich den Ort
nie verlaßen. Alle meine Ferien hatte ich in der
Schule zugebracht; Mistreß Reed hatte mich nie nach
Gateshead holen lassen: weder sie, noch irgend ein
Glied ihrer Familie hatte mich auch nur einmal besucht. Mit der Außenwelt war ich weder durch Briefe
noch durch Botschaften in Verkehr gestanden; Schulregeln, Schulpflichten, Schulgewohnheiten und Schulansichten, Schulstimmen, Schulgesichter, Schulausdrücke,
Schulkostüme, Schulantipathien und deren Gegentheil,
das war Alles, was ich vom Leben wußte. Und nun
fühlte ich, daß das nicht hinreiche; an einem Nachmittage wurde ich dessen, was ich acht Jahre lang getrieben, was mir in acht Jahren zur Gewohnheit geworden, überdrüssig. Ich sehnte mich nach Freiheit, nach
Freiheit lechzte ich, um Freiheit betete ich doch der
Wind, der gerade matt weht, schien mein Gebet zu
verwehen. Ich hörte auf und formulirte eine demüthigere Bitte, eine Bitte um Veränderung, um Anspornung zum Guten; aber auch diese schien in dem weiten
Raume zu verfliegen. »So geb mir denn wenigstens,
rief ich in Halber Verzweiflung aus, eine neue
Knechtschaft Hier rief mich die Glocke, welche die Stunde des
Abendessens verkündete, die Treppe hinunter. Ich vermochte den unterbrochenen Faden meines
Nachdenkens bis zur Schlafzeit nicht wieder anzuknüpfen, und auch da hielt mich eine, das nämliche
Zimmer mit mir bewohnende Lehrerin von dem Gegenstande, womit ich mich zu beschäftigen wünschte, durch
einen langen Erguß unbedeutenden Geschwätzes ab.
Ach, wie wünschte ich, daß der Schlaf sie zum Schweigen bringen möchte! Es schien mir, als müßte mir
irgend ein glücklicher Einfall zu Hülfe kommen, sobald
es mir nur gelänge, auf die Idee zurück zu kommen,
die sich meinem Geiste zuletzt aufgedrängt hatte, als ich
an dem Fenster stand.
Endlich schnarchte Miß Gruce; sie war eine schwerfällige Walliserin, und bis daher hatte ich ihre gewohnten Nasaltdne stets nur als etwas Lästiges und Beschwerliches betrachtet. An dem Abend aber begrüßte ich die ersten tiefen Töne mit wahrer Freude; ich war
nicht länger gestört, und mein halbverwischter Gedanke
legte augenblicklich wieder auf.
,Eine neue Knechtschaft! darin liegt Etwas,
sprach ich zu mir selbst, jedoch nur innerlich, und ohne
daß meine Zunge sich bewegte. »Ja, ich weiß es, denn
es klingt nicht allzu süß; es ist nicht wie die Worte:
Freiheit, Aufregung, Genuß, Wonne, jene in der
That entzückenden Klänge, die aber für mich Nichts
weiter als Klänge sind, und zwar so hohl und flüchtig,
daß es bloße Zeitverschwendung ist, auf dieselben zu
hören. Aber Knechtschaft! das muß etwas Wirkliches
sein. Jeder kann dienen, ich habe hier acht Jahre gedient; Alles, was ich nun brauche, ist, anderswo zu
dienen. Kann ich nicht meinen Willen dazu bestimmen?
Ist die Sache nicht ausführbar? Ja, ja, es ist
nicht so schwer, hätte ich nur ein Gehirn, thätig genugs
um die zur Erreichung des Zweckes nöthigen Mittel
ausfindig zu machen.
Ich setzte mich aufrecht in mein Bett, um dieses
erwähnte Gehirn zur Thätigkeit anzuspornen: es war
allen mir zu Gebot stehenden Kräften weiter nachzudenken.
,Was brauche ich ? Eine neue Stelle, in einem
neuen Hause, unter neuen Gesichtern, unter neuen Verhältnissen: ich brauche dies, weil es unnütz ist, etwas
Besseres zu wollen. Wie greift man es an, um eine
neue Stelle zu bekommen? Man wendet sich vernuthlich an Freunde: ich habe aber keine solche. Es gibt
manche Andere, die keine Freunde haben, die selbst für
sich sorgen, sich selbst helfen müssen; und womit helfen
sie sich?
Ich konnte es nicht sagen: Nicht antwortete mich;
nun befahl ich meinem Gehirn eine Antwort zu fnden,
und das geschwind. Es arbeitete, und arbeitete stärker
und stärker; ich fühlte die Pulse on meinem Kopfe und
an meinen Schläfen schlagen, aber fast eine Stunde
lang arbeitete es chaotisch und resultatlos. Fieberhaft
aufgeregt von der vergeblichen Anstrengung, stand ich
auf, und ging im Zimmer auf und ab, zog den Vorhang zurück, sah nach einigen Sternen hin, zitterte vor
Kälte und kroch wieder in mein Bett.
Eine gütige Fee hatte sicherlich in meiner Abwesenheit die nöthige Antwort aus mein Kopfkissen niedersinken lassen; denn als ich mich niederlegte, bot sich
dieselbe ruhig und natürlich meinem Geiste dar.
- ,Die, welche eine Stelle suchen, machen es in
einem Zeitungsblatte bekannt: Du mußt es im Herald
der Grafschaft bekannt machen.
"Wie? ich weiß ja gar nicht, wie man das angreift,
Antworten stellten sich nun rasch, und mit erforberlicher Schärfe ein: ,Du mußt die Anzeige, und das Geld dafür in
einem Briefe an den Herausgeber des Herald einschicken; Du musst den Brief, sobald sich eine Gelegenheit
dazu bietet, zu Lowton auf die Post geben; Antworten
sind an J. E. goste restant zu richten: etwa eine
Woche nach Absendung Deines Briefs kannst Du nachfragen, ob Antworten eingelaufen sind, und danach
handeln.
Zweimal, dreimal überlegte ich diesen Plan; und
nun war er in meinem Geiste reif. Ich hatte ihn in
einer klaren praktischen Form; ich fühlte mich befriedigt, und schlief ein.
Kaum graute der Tag, so war ich bereits auf: ich
hatte meine Anzeige geschrieben, unter Gouvert gebracht,
und adressiert, ehe noch die Glocke die Schule aus den
Betten rief; sie lautete also:
,Eine junge, im Unterrichten und im Erziehungs
geschaft - war ich nicht zwei Jahre Lehrerin gewesen?
-- bewanderte Dame wünscht eine Stelle bei einer Fa-
milie, deren Kinder unter vierzehn Jahren sind - (ich
dachte, da ich selbst erst achtzehn sei, so dürfte es nicht
gerathen sein, die Leitung von mir an Alter näher stehenden Schülerinnen zu übernehmen. Sie hat die
nöthige Befähigung, in den gewöhnlichen Zweigen einer
guten englischen Erziehung zu unterrichten, sowie auch
Französisch, Zeichnen, und Musik zu lehren (damals,
geehrter Leser, galt dieser kleine Katalog von Kenntnissen und Fertigkeiten schon für ziemlich umfassend.
Briefe unter J. E. erbittet man sich.
Dieses Dokument blieb den ganzen Tag in meinem
Schranke verschlossen: nach dem Thee bat ich die neue
Vorsteherin um Erlaubniß, nach Lowton gehen zu
dürfen, um für mich und einige der Lehrerinnen Verschiedenes besorgen zu können. Ich erhielt die Erlaub-
niß ohne Schwierigkeit, und so machte ich mich dann auf
den Weg. Ich hatte zwei Meilen zu gehen, und es
regnete an dem Abende, allein die Tage waren noch
lang. Nachdem ich in einigen Kaufläden gewesen war,
ließ ich meinen Brief in die Brieflade auf dem Posthause fallen, und kehrte bei heftigem Regen und mit
tiefenden Kleidern, aber mit leichterem Herzen zurück.
Die darauf folgende Woche schien lang: zuletzt
aber ging sie doch, wie alle Dinge auf dieser Welt, zu
Ende, und noch einmal machte ich mich, während ein
angenehmer Herbsttag sich zu seinem Ende neigte, auf
den Weg nach Lowton. Der Weg war, beiläufig gesagt, genug: er lief an dem Bache hin, den
lieblichsten Krümmungen des kleinen Thales folgend;
aber an jenem Tage hatte ich mehr die Briefe im Kopfe,
die meiner in dem kleinen Städtchen, wohin ich ging,
warten, oder nicht warten möchten, als die Reize der
Wiesen und des Wassers.
Als den Grund meines Gehens hatte ich angegeben,
daß ich mir ein Paar Schuhe anmessen lassen wolle.
Dieses Geschäft that ich nun zuerst ab, und nachdem
dieß geschehen war, ging ich über die reinliche und
stille kleine Straße von dem Hause des Schuhmachers
nach dem Voftbnreau, wo eine alte Dame mit einer
Hornbrille auf der Nase und mit schwarzen Klapphandschuhen den Dienst versah.
,Sind Briefe für J. l. da? fragte ich.
Sie guckte mich über ihre Brille hinweg an, öffnete dann ein Fach und stöterte lange darin umher,
so lange, daß meine Hoffnung schon zu wanken anfing.
Endlich bot sie mir nachdem sie ein Dokument wohl
fünf Minuten vor ihre Brillengläser hingehalten hatte,
dasselbe über den Tisch hin, begleitete aber diesen ihren
Akt mit einem andern prüfenden und mißtrauischen
Blicke: Es war überschrieben: An J. E. u. s. w.
,Ist bloß ein Brief da ? fragte ich.
,Es sind keine mehr da, sagte sie; ich steckte ihn
in meine Tasche, und machte mich auf den Heimweg.
Noch konnte ich den Brief nicht öffnen, denn nach dem
Reglement mußte ich um acht Uhr zu Hause sein, und
es war bereits halb acht Uhr.
Bei meiner Ankunft warteten verschiedene Pflichten
auf mich: ich mußte bei den Mädchen sein, während
sie ihre Aufgaben lernten; sodann war es an mir, das
Abendgebet vorzulesen, sie zu Bette zu bringen; dann
speiste ich mit den übrigen Lehrerinnen zu Nacht. Aber
auch dann, als wir aufbrachen, um unsererseits zu Bette
zu gehen, war die unvermeidliche Miß Gryce noch bei
mir; wir hatten bloß ein kleines Lichtpümpchen auf unserm Leuchter und ich fürchtete, sie möchte so lange
reden, bis es ganz ausgebrannt sei; glücklicher Weise
aber brachte das copiose Abendessen, das sie eingenommen, eine einschläfernde Wirkung auf sie hervor: sie
schnarchte bereits, ehe ich noch mit dem Auskleiden fer-
tig war. Es war noch ein Zoll von dem Lichte übrig,
und nun zog ich geschwind meinen Brief hervor; das
Siegel war ein R. Ich erbrach es, und der Inhalt
war kurz.
"Wenn J. E. die im letzten Donnerstags-Herald
eine Stelle sucht, die erwähnten Kenntnisse und Fertigkeiten besitzt, und wenn dieselbe genügende Auskunft
über Charakter und Fähigkeiten zu geben vermag, so kann ihr eine Stelle angeboten werden, wo bloß
eine einzige Schülerin, ein kleines Mädchen unter zehn
Jahren, ist; der jährliche Gehalt ist Pfund Sterling. J. E. wir ersucht, Zeugnisse, Namen, Adresse
und Alles sonst Nöthige einzusenden an:
Mistreß Fairfax, Thornfield, bei Millcote, Grasschaft --.
Ich prüfte das Dokument lange: die Handschrift
war altmodisch und etwas unsicher, wie die einer alten
Dame. Dieser Umstand war befriedtgend; es hatte mich
eine Furcht beschlichen, ich möchte, indem ich so auf
meine eigene Faust handelte, in irgend eine Verlegenheit gerathen; und vor Allem wünschte ich, daß das
Ergebniß meiner Bemühungen respectabel, schicklich, en
reele sein möchte. Ich fühlte nun, daß eine ältliche
Dame kein schlechtes Ingrediens wäre in dem Geschäfte,
das ich vor hatte. Mistreß Fairfax ich sah sie in
einem schwarzen Kleide, und in einer Wittwenhaube vor
mir, kalt vielleicht, aber nicht unhöflich; ein Muster
ältlicher englischer Respektabilität. Thornfield! das war
unzweifelhaft der Name ihres Hauses: gewiß ein zierlicher, anständiger Ort, obgleich ich mich vergebens anstrengte, mir einen genauen Begriff davon zu ma-
chen. Millcote, Grafschaft: ich suchte mir die
verschiedenen Theile der Karte von England zu vergegenwärtigen; ja, da sah ich es nun, die Grafschaft
sowohl, als die Stadt. Die Grafschaft lag siebzig
Meilen näher bei London, als diejenige, in der ich jetzt
wohnte;,schon dadurch empfahl sie sich mir. Ich
wünschte dahin zu gehen, wo Leben und Bewegung
war; Millcote war eine große Fabrikstadt, an den
Ufern des Flusses A, ein Ort, ohne Zweifel lebhaft
genug; um so besser, weil es wenigstens eine vollständige Veränderung sein wird. Nicht als ob meiner Phantasie die hohen Schornsteine und Rauchwolken als besonders reizend erschienen wären, aber, dachte
ich weiter, »Thornfield ist wahrscheinlich eine gute
Strecke von der Stadt entfernt.
Hier sank der in der Hille noch matt brennende
Dacht um und verlosch.
Den Tag darauf sollten neue Schritte gethan werden, meine Pläne konnten nicht mehr in meiner Brust
allein verschlossen bleiben, ich muße sie Jemand mittheilen, um sie zu einem glücklichen Ende zu führen.
Ich suchte während der Mittagserholung bei der Vorsteherin um eine Audienz nach, und als ich dieselbe
erhalten, sagte ich ihr, ich hätte Aussicht auf eine neue
Stelle, wo ich doppelt so viel Gehalt bekäme - denn
zu Lowood bekam ich jährlich nur 10 Pfund : und
zu gleicher Zeit ersuchte ich sie, mit Herrn Brocklehurst
oder einem andern Comitsmitgliede von der Sache zu
sprechen, und sich zu versichern, ob ich mich auf sie, als
meine Gewährsmänner, berufen dürfte. Sie willigte
gern ein, in der Sache als Vermittlerin aufzutreten.
Den Tog darauf sprach sie mit Herrn Brocklehurst davon, und dieser sagte man müsse vor Allem an Mißtreß
Reed schreiben, da dieselbe meine natürliche Vormün-
derin sei. Demgemäß wurde an diese Dame geschrieben, von der die Antwort zurückkam, ich könne es hal-
ten, wie ich wolle; sie habe schon längst es sich zur
Regel gemacht, sich nicht mehr in meine Angelegenheiten zu mischen. Dieses Schreiben circulirte unter
den Comitsmitgliedern, und endlich erhielt ich nach einer
Verzögerung, die mir nicht wenig peinlich erschien, die
frömliche Erlaubniß, meine Lage zu verbessern, wenn
ich könnte; zu gleicher Zeit fügte man die Versicherung
bei, daß, da ich sowohl in meiner Eigenschaft als Lehrerin, als in der als Schülerin, mich zu Lowood stets
gut aufgeführt hätte, ich alsbald von den Inspektoren
der Anstalt ein Sitten und Fähigkeitszeugniß erhalten
sollte.
Dieses Zeugniß bekam ich etwa nach Verfluß einer
Woche; ich sandte eine Abschrift davon an Mistreß
Fairfax, und erhielt von dieser Dame zur Antwort, daß
es ihr vollkommen genüge. Zugleich war darin ausgesprochen, daß ich meine Stelle als Gouvernante in
ihrem Hause in l Tage antreten könnte.
Ich beschäftigte mich nun eifrigst mit den nöthigen
Vorbereitungen; die l Tage verflossen rasch. Meine
Garderobe war nicht sehr groß, obgleich meinen Bedürfnissen angemaßen: und der letzte Tag reichte hin,
um meinen Koffer zu packen, den nämlichen, den ich
vor acht Jahren von Gateshead mitgebracht hatte.
Der Koffer ward endlich zugeschnürt, und die Adresse aufgenagelt. In einer halben Stunde sollte
der Bote kommen, und ihn nach Lowton bringen: wo
hin ich selbst am darauf folgenden Morgen in aller
Frühe abgehen sollte, um den Eilwagen zu treffen. Ich
hatte mein schwarzes zeugenes Reisekleid gebürstet,
Hut, Handschuhe und Muff herausgelegt und alle meine
Fächer durchsucht, um nachzusehen, ob ich Nichts vergessen; und nun, da ich Nichts mehr zu thun hatte,
setzte ich mich, und suchte auszuruhen. Es war mir
aber unmöglich; obgleich ich den ganzen Tag auf den
Füßen gewesen, konnte ich nun doch nicht einen Augen
blick ausruhen: ich war zu sehr aufgeregt. In dieser
Nacht sollte eine Phase meines Lebens zu Ende gehen
und am andern Tage eine neue beginnen es war mir
unmöglich, in der Zwischenzeit zu schlummern; ich
mußte fieberhaft wachen, so lange der Wechsel noch
nicht vollendet war.
,Miß,’ sagte eine Dienerin, die mich in dem Wohnzimmer antraf, wo ich, wie ein unruhiger Geist, hin
und herging, es will drunten Jemand mit Ihnen
sprechen.
,es ist wohl der Bote, dachte ich und lief, ohne
weiter zu fragen, die Treppe hinab. Ich ging an dem
hintern, für die Lehrerinnen bestimmten Empfangzimmer, dessen Thür halb offen stand, vorbei, um in die
Küche zu gehen, als plötzlich Jemand herauskam.
,Sie ist es, ich weiß es gewiß! -- ich hätte sie
wohl überall erkannt! rief diejenige Person, die mir
in den Weg trat und meine Hand ergriff.
Ich blickte sie an: ich sah vor mir ein Frauenzimmer, angezogen wie eine wohlgekleidete Dienerin,
dem Aussehen nach nicht mehr ledig, aber dabei doch
noch jung; im Gesichte recht hübsch, Haar und Augen
schwarz und Teint lebhaft.
Nun, wer ist es? fragte sie mit einer Stimme
und einem Lächeln, die ich halb und halb wieder er-
kannte; Sie haben mich doch wohl noch nicht ganz
vergessen. Miß Jane?
In der nächsten Sekunde umarmte und küßte ich
sie in stürmischem Entzücken.
,Bessie! Bessie! Bessie war Alles, was ich sagte;
wozu sie halb lachte, halb weinte. Wir gingen mit
einander in das Empfangzimmer, da stand am Kamin
ein kleines Kerlchen von drei Jahren mit karrirten Rock
und ditto Hosen.
,Das ist mein kleiner Junge, sagte Bessie.
"So, sind Sie denn verheirathet, Bessie.
»Ja, seit beinahe fünf Jahren, mit Robert Leaven,
dem Kutscher: und ausser Bobby da, habe ich noch ein
kleines Mädchen, das ich habe Jane taufen lassen,
"Und Sie sind nicht in Gateskead ?
,Ich wohne in dem kleinen Parkhause; der alte
Pförtner ist nicht mehr da.
,Nun, und wie geht es Allen dort ? sagen Sie mir doch
Alles von ihnen, Bessie, aber vor Allem setzen Sie sich und
Du, Bobby, komm und setz Dich auf meinen Schoß! Bobby aber wackelte lieber zu seiner Mutter hinüber.
"Sie sind nicht allzu sehr gewachsen, Miß Jane,
auch sind Sie nicht so stark geworden! fuhr Mistreß
Leaven fort. Hat Sie wohl in der Schule nicht
allzugut gehalten, Miß Reed ist um einen guten Kopf
größer, als Sie, und aus Mis Georgiana könnte man
wohl zwei, wie Sie machen, was den Umfang betrifft.
,Georgiana ist wohl schön, Bessie?
Sehr schön. Verschlossenen Winter ist sie mit ihrer
Mutter nach London hinaufgegangen, und da hat sie
Jedermann bewundert; ein junger Lord verliebte sich
in sie, aber seine Verwandten waren gegen die Hei-
rath und -- was denken Sie? - er und Miß Georgiana machten mit einander aus, daß sie das elterliche
Haus verlassen wollten, um sich im Geheimen trauen
zu laßen; allein man entdeckte den Plan, und machte
denselben zu nichte. Es war Miß Reed, welche der
Sache auf die Spur kam; ich glaube, sie war neidisch;
und nun lebt sie mit ihrer Schwester, wie Katze und
Hund zusammen: sie zanken sich beständig.
,Gut, und wie steht es mit John Reed?
,O, nicht so gut, wie seine Mutter wünschte. Er
ging auf die Universität, und konnte, wie sie, glaube
ich, das Ding nennen, nicht promoviren, und nun wollten seine Oheime einen Rechtsgelehrten aus ihm machen, und ihn das studieren laßen; aber er ist ein
so ausschweifender junger Mensch, daß sie wohl nie viel
aus ihm machen werden.
,Wie sieht er aus?
Er ist sehr groß, einige Leute heißen ihn einen
schönen jungen Mann; aber er hat so dicke Lippen.
Und Mistres Reed?
,Missis sieht so ziemlich voll und wohl aus; allein
ich glaube, in ihrem Gemüthe ist sie nicht ganz so ruhig:
Herr John's Leben gefällt ihr nicht - er braucht zu
viel Geld.
Hat sie Sie hergeschickt, Bessie?
,Ach nein schon lange hat es mich aber verlangt,
Sie zu sehen, und als ich hörte, daß ein Brief von
Ihnen gekommen, und daß Sie Willens seien, in einen
andern Theil des Landes zu gehen, dachte ich, ich wollte
mich auf den Weg machen und Sie noch einmal sehen,
ehe Sie mir ganz entrückt wären.
,Ich fürchte, Sie finden mich nicht ganz so, wie
Sie erwarteten, Bessie.'
Ich sagte dieß lachend: ich bemerkte, das Bessies
Blick keineswegs Bewunderung ausdrückte, wenn auch
darin Achtung zu lesen war.
Ach nein, Miß Jane: Sie sehen ja fein genug
aus, wie eine Dame von Stand, und es ist nicht mehr
und nicht weniger, als was ich von Ihnen erwartet
habe: Sie waren ja schon als Kind keine Schönheit.
Ich lächelte über Bessie's freimüthige Antwort: ich
fühlte, daß sie richtig, aber gestehe, daß mir der
Inhalt derselben nicht ganz gleichgültig war. Ist
es doch bekannt, daß die meisten Menschen, wenn sie
achtzehn Jahre alt sind, zu gefallen wünschen, und daß
die Ueberzeugung: ein Äußeres zu besitzen, wodurch
dieser Wunsch eben nicht befriedigt wird, auf keinen
Fall für sie eine erfreuliche ist.
,Sie sind aber gewiß geschickt, fuhr Bessie fort, gleichsam um mich zu trösten. ,Was können Sie?
Können Sie Klavier spielen
Ein Bischen
Es stand ein solches im Zimmer; Bessie ging hin,
und machte es auf; dann ersuchte sie mich, mich zu
setzen, und ihr Etwas zu spielen. Ich spielte einige
Walzer und sie war ganz entzückt.
Die Miß Reeds können nicht so gut spielen!
sagte sie frohlockend. ,Ich sagte immer, Sie würden
sie im Lernen übertreffen: können Sie auch zeichnen?
Dieses Bild dort über dem Kamine ist von mir.
Es war eine Landschaft, in Wasserfarben gemalt,
die ich der Vorsteherin geschenkt hatte zum Zeichen
meines Danks für ihre gefällige Vermittlung bei dem
Comite, und welche dieselbe hatte unter Glas und Stahl mich bringen lassen.
Ja, das ist ja wunderschön, Miß Jane! Es ist
ein Bild, so schön, wie es nur der Zeichnungslehrer
der Miß Reeds malen könnte. Von den jungen Damen
selbst will ich gar nicht reden, da können sie nicht hin.
Haben Sie auch Französisch gelernt?
,Ja, Bessie, ich lese und spreche es.
,Und können Sie auch auf Musselin und Kanevas sticken?
Ja, freilich
,Ach, da sind Sie ja eine ganze Dame, Miß Jane!
Ich wußte wohl, daß es so kommen würde: Sie werden
in der Welt fortkommen, ob von Ihren Verwandten
beachtet und unterstützt, oder nicht. Aber ich habe Sie
Etwas sagen wollen. - Haben Sie je Etwas von
Ihres Vaters Verwandten, den Eyres, gehört?
,Nie in meinem Leben.
,Gut! Sie wissen, Missis sagte immer, es seien
dieselben arm und von geringem Stande: und arm
mögen sie sein; ich glaube aber, sie sind eben so sehr
und nicht weniger Leute von Stand, wie die Reeds;
denn eines Tags, - es mögen nun fast sieben Jahre
sein - kam ein Herr Eyre nach Gateshead, und wollte
Sie sehen. Missis sagte, Sie seien in einer Erziehungsveranstalt, fünfzig Meilen von da. Es schien ihm so unlieb zu sein, und er konnte sich nicht aufhalten: er
reiste gerade nach einem fremden Lande ab und das
Schiff sollte in einen oder zwei Tagen von London absegeln. Er sah ganz wie ein Gentleman aus, und ich
glaube, er war Ihres Vaters Bruder.
,In was für ein fremdes Land wollte er denn gehen, Bessie?
,Er wollte nach einer Insel gehen, die Tausende
von Meilen entfernt ist, wo sie Wein machen - der
Kellermeister sagte mir -»
,Madeira? fiel ich, ihrem Gedächtnisse zu Hülfe
kommend, ein.
,ja, das ist - das ist das rechte Wort,
,Und er reiste?
Ja, er hielt sich nur einen Augenblick im Hause
auf: Misses benahm sich sehr stolz und übermüthig
gegen ihn; nachher nannte sie ihn einen lumpigen
Kaufmann. Mein Robert glaubt, er sei ein Weinhändler gewesen.
,Sehr wahrscheinlich, entgegnete ich: ,oder vielleicht Commis oder Agent eines Weinhändlers.
Bessie und ich sprachen noch eine ganze Stunde
von den alten Zeiten, und dann mußte sie mich verlassen; ich sah sie am nächsten Morgen zu Lowdon, während ich auf den Eilwagen wartete, auf einige Augenblicke wieder. Endlich schieden wir dort von einander
an der Thüre des Gasthauses, Brocklehurst Arms genannt: und Jede ging ihren besonderen Weg. Sie ging nach Lowood Fell dem vor Lowood liegenden
Hügel zu, um den Wagen zu treffen, der sie nach
Gateshead zurückbringen sollte; ich aber bestieg die
Postkutsche, die mich zu neuen Pflichten, und zu neuem
Leben in die unbekannte Umgebung dcr Stadt Millcote
führen sollte.
Zehntes Kapitel.
Ein neues Kapitel in einem Romane ist etwa wie
eine neue Scene in einem Schauspiele und wenn ich
dieses Mal, verehrter Leser, den Vorhang aufziehe, so mußt
Du Dir in der George Inn zu Millcote ein Zimmer
vorstellen mit großensterigen Tapeten, wie man solche
in Gasthäusern findet, sammt entsprechenden Fußteppichen, Meubeln, Kaminzierathen und Portraits, ohne
dabei zu vergessen ein Bild von Georg ll., und ein
anderes von dem Prinzen von Wales, sowie auch ein
drittes, den Tod des General Wolfe vorstellendes. Alles
dieß siehst Du bei dem Scheine einer, an der Decke
hangenden, Oellampe, dem der eines vortrefflichen
Feuers zu Hülfe kommt, an dem ich in Hut und Mantel
sitze; mein Muff und mein Schirm liegen auf dem
Tische, und ich wärme mich, da ich von einer sechszehnstündigen Fahrt an einem rauhen Oktobertage ganz er-
froren bin: ich habe Lowton um vier Uhr in der Früh
verlassen, und eben schlägt es auf der Stadtuhr zu
Millcote acht.
Verehrter Leser! Wenn ich auch hier in meinem
Wirthszimmer gut genug aufgehoben zu sein scheine,
so ist mein Gemüth doch nicht ganz so ruhig. Dachte
ich doch, es würde beim Anhalten der Kutsche hier Je-
mand meiner warten; ich sah, als ich den hölzernen
Tritt hinunter stieg, den der Hausknecht mir hinstellte,
ängstlich umher, in der Erwartung, meinen Namen von
Jemand aussprechen zu hören, und ein Fuhrwerk dastehen zu sehen, das mich nach Thornfield bringen würde.
Aber Nichts der Art ließ sieh sehen: und als ich mich
beim Kellner erkundigte, ob Jemand dagewesen, der
nach einer Miß Ayre gefragt, erhielt ich eine vernei-
nende Antwort; somit blieb mir Nicht übrig, als mir
ein Zimmer geben zu lassen: und hier warte ich nun,
während Furcht und Zweifel jeder Art mich bestürmen.
Für die unerfahrene Jugend ist es ein gar seltsames Gefühl, sich ganz allein in der Welt zu wissen,
von jeder Verbindung abgeschnitten, ungewiß, ob der
Hafen, dem man zusteuert, auch erreichbar, und ob man
nicht durch vielfache Hindernisse verhindert ist, in den
Hafen wieder einzulausen, den man kaum verlassen.
Zwar versüßt der Reiz des Abenteuerlichen ein solches
Gefühl, und erwärmt die Glut des Stolzes dasselbe;
aber dann kommt die bebende Furcht mit ihrem störenden Einflüsse; und die Furcht wurde bei mir vorherrschend, als eine halbe Stunde verstrich, und ich immer
noch allein war. Endlich klingelte ich.
,Ist hier herum ein Ort, der Thornfield genannt
wird? fragte ich den auf mein Klingeln herbeikommenden Kellner.
,Thornfield? weiß nicht, Ma am; will drunten
am Gomptor fragen.
Er verschwand, kam aber in einem Augenblick wieder; Heißen Sie Eyre, Miß?
Ja?
,Jemand da, der auf Sie wartet.
Ich sprang auf, nahm meinen Muff, und meinen
Schirm, und eilte in den Gang des Gasthauses: ein
Mann stand an der offenen Thüre, und in der durch
die Lampen grübe erleuchteten Straße erblickte ich ein
einspänniges Fuhrwerk.
,Dieß ist wohl Ihr Gepäck sagte der Mann,
auf meinem Koffer im Gange deutend, etwas kurz.
Ja.
Er hißte nun denselben aus das Fuhrwerk, das
eine Art Karren war, und dann stieg ich ein. Als
er die Thüre zumachte, fragte ich ihn, wie weit es nach
Thornfield sei.
,Etwa sechs Meilen.?
,Wie lang brauchen wir, um dorthin zu kommen?
,Etwa anderthalb Stunden.
Er machte nun die Thüre des Fuhrwerks zu, klet-
terte auf seinen, auf der Außenseite befündlichen Sitz,
und auf und davon ging es. Wir kamen aber doch
nur langsam vorwärts, und so hatte ich denn Zeit genug zum Nachdenken. Ich war froh, endlich dem Ziele
meiner Reise so nahe zu sein; und während ich mich
in dem bequemen, aber recht eleganten Fuhrwerk
zurücklehnte, konnte ich allen meinen Gedanken nach-
hangen.
"Mistreß Fairfax, dachte ich,ist wohl, nach der
einfachen Kleidung des Dieners und nach dem Fuhrwerk zu schließen, keine Person, die viel Aufsehen zu
machen sucht: um so besser nur einmal habe ich unter
seinen Leuten gelebt, und habe mich bei ihnen sehr unglücklich gefunden. Es soll mich wundern, ob sie nur
dieses kleine Mädchen bei sich hat; ist das der Fall,
und ist sie einigermaßen liebenswürdig, so komme ich
gewiß gut mit ihr aus; ich will mein Möglichstes thun:
wie schade ist es nur, daß man damit nicht immer ausreicht. Freilich faßte ich zu Lowood diesen Entschluß,
lebte demselben gemäß, und erreichte damit meinen
Zweck; aber bei Mißtreß Reed, ich erinnere mich dessen
noch nur zu wohl, wurden alle meine eifrigsten Bemühungen stets mit Verachtung zurückgewiesen.
Ich bitte Gott, daß Mistreß Fairfax sich nicht als eine
zweite Mistreß Reed herausstellen möge; ist dieß aber
doch der Fall, so bin ich ja nicht schuldig und verbunden, bei ihr zu bleiben: im schlimmsten Falle steht mir
dann ja wieder die Zeitung offen. Ich möchte wohl
wissen, wie weit wir schon gefahren.
Ich ließ das Fenster herunter, und sah hinaus:
Millcote lag hinter uns: nach den vielen Lichtern zu
urtheilen, schien es eine ziemlich große Stadt, viel grös-
ser als Lowton, zu sein. Wir befanden uns nun, so
viel ich sehen konnte, auf einer Art Gemeinweide; doch
weren über den ganzen Distrikt linie und da Häuser
zu sehen: ich ahnte das wir uns in einer Gegend befanden, verschieden von der von Lowood, mehr bevöl-
kert und weniger malerisch, mehr belebt und weniger
romantisch.
Die Wege waren schwierig, die Nacht neblig, mein
Führer ließ sein Pferd den ganzen Weg im Schritt
gehen, und die anderthalb Stunden spannen sich, ich
glaube es wirklich, zu zwei Stunden aus; endlich wandte
er sich auf seinem Sitze um, und sagte: , Nun sind wir nimmer so weit von Thornfield,
Abermals blickte ich hinaus, wir kamen eben an
einer Kirche vorüber. Ich sah, wie ihr niedriger, breiter Thurm gegen den Himmel abstach, und eben schlug
die Glocke ein Viertel; auch sah ich eine schmale Milch-
straße von Lichtern an der Seite eines Hügels; sie bezeichneten ein Dorf, oder einen Weiler. Ungefähr zehn
Minuten darauf stieg der Kutscher ab, um ein Thor
zu öffnen: wir fuhren hindurch, ud es schlug hinter
uns wieder zu. Nun fuhren wir langsam einen Weg
hinauf, und kamen an der langen Fronte eines Hauses
an; ein Kerzenlicht schimmerte ans einem, mit Vorhängen versehenen Bogenfenster hervor : alles Nebrige
war Dunlelheit. Das Fuhrwerk hielt bei der Vorderthür an; dieselbe wurde von einer Dienerin geöffnet,
und ich stieg aus, und trat hinein.
,Wollen Sie hierher kommen, Ma'am, sagte das
Mädchen, und ich folgte ihr über eine viereckige Vorhalle mit hohen Thüren ringsumher, sie führte mich
in ein Zimmer, dessen doppelte, aus Feuer und Kerzenlicht bestehende Beleuchtnng mich anfänglich blendete,
da dieselbe mit der Dunlelheit, an die meine Augen
zwei Stunden lang gewöhnt worden waren, einen starken
Contrast bildete; sobald ich aber wieder sehen konnte,
bot sich meinen Augen ein ebenso gemüthliches, als angenehmes Bild dar.
Ein bequem und still aussehendes kleines Zimmer,
ein runder Tisch neben einem lustig brennenden Feuer,
ein altmodischer Sessel mit hoher Lehne, in dem eine
kleine ältliche Dame, so sauber man sich eine solche nur
denken kann, in einer Wittwenhaube, in schwarzseidenem
Kleide und schneeweißer Muffelinschürze saß, gerade
so, wie ich mir Mistreß Fairfax vorgestellt hatte, nur
etwas minder stattlich, und milder aussehend. Sie war
mit Stricken beschäftigt; eine große Katze saß gravitätisch zu ihren Füßen; mit einem Worte, es fehlte
Nichts, um das schöne häuslichen Wohlbehagens
zu vervollständigen. Eine beruhigendere Einführung für
eine neue Efrzieherin ließ sich kaum denken: da war
kein stolzes und vornehmes Wesen, um die Eintretende
darniederzudrücken, und in Verlegenheit zu setzen; auch
stand bei meinem Eintreten die alte Dame auf, und
ging mir, mich freundlich begrüßend, alsbald entgegen.
,Wie befinden Sie sich, meine Liebe? Ich fürchte,
Sie haben einen langweiligen Weg gehabt; John fährt
so langsam: es muß Sie frieren, kommen Sie zum
Feuer her.
,Vermuthlich Mistreß Fairfax? sagte ich.
Ja, die bin ich: setzen Sie sich doch.
Sie führte mich zu ihrem Stuhle hin, und fing
dann an, mir Shawl und Hut abzunehmen: ich bat sie,
sie möchte sich doch nicht so viele Mühe machen.
Oh, oh, es ist keine Mühe; Ihre Hände sind
eiskalt.
Hast Du den Schlüssel zur Speisekammer?
Und sie zog aus ihrer Tasche einen Schlüsselbund
hervor, der jeder haushälterin Ehre gemacht hätte, und
übergab denselben der Dienerin.
Kaltes, dünngeschnittenss Flelsch zwischen Brodschultern.
,Nun, so setzen Sie sich doch näher zum Feuer
her; fuhr sie fort. Sie haben Ihr Gepäck mitgebracht,
haben Sie nicht, meine Theure?
,Ja, Ma am.
,Ich will es in Ihr Zimmer hinaufbringen lassen, sagte sie, und ging rasch zur Thür hinaus.
,Sie behandelt mich wie einen Gast, dachte ich.
,Ich erwartete kaum eine solche Aufnahme; ich machte
mich nur auf ein kaltes und steifes Wesen gefaßt. Das
gleicht nicht Dem, was man mir von der Behandlung
der Erzieherinnen gesagt hat; aber ich will mich ja
nicht zu bald freuen.
Sie kam zurück; mit eigenen Händen räumte sie
ihr Strickzeugs sowie einige Bücher vom Tische ab, um
für das Theezeug Platz zu machen, das Leah jetzt herein brachte, und reichte mir dann die Erfrischungen.
Ich war etwas verblüfft, mir größere Aufmerksamkeit
geschenkt zu sehen, als je zuvor der Fall gewesen, und
zwar von einer Person, die mich angestellt hatte, die
meine Gebieterin war; da sie aber selbst nicht zu glauben schien, daß sie etwas Unpassendes thue, so hielt
ich es für besser, ihre Höflichkeiten ruhig anzunehmen.
"Werde ich das Vergnügen haben, Miß Fairfax
noch heute Abend zu sehen? fragte ich, als ich von
dem mir Angebotenen genossen hatte.
,Was haben Sie gesagt, meine Liebe? Ich bin
ein wenig taub, erwiederte die gute Dame, ihr Ohr
meinem Munde nähernd.
Ich wiederholte die Frage etwas leuter.
,Miß Fairfax? O, Sie meinen Miß Varens! Varens heißt Ihre künftige Zöglingin.
,Ah! so ist sie denn nicht Ihre Tochter?
Nein, ich habe keine Familie.
Ich hätte nun weiter fragen sollen, wie Miß Varens mit ihr verwandt sei; aber ich erinnerte mich, daß
es nicht höflich sei, zu viel zu fragen zudem mußte
ich es ja auch in Person erfahren.
,Ich bin so froh, fuhr sie fort, als sie mich
gegenüber Platz und die Katze ouf den Schoß nahm.
Ich bin so froh, daß Sie es sind; es wird sich hier
jetzt mit einer Gesellschafterin gar angenehm leben lassen.
Zwar ist es hier immer angenehm, denn Thorenfield ist
ein schönes altes Schloß, das vielleicht in den letzten
Jahren etwas vernachläßigt worden, bei all dem aber
immer noch ein respektabler Ort ist; indessen wissen Sie
ja wohl, daß es Einem im Winter auch in der besten
Wohnung etwas öde vorkommt, wenn man ganz und
gar allein ist. Ich sage allein, Leah ist sicherlich ein braves, nettes Mädchen, und John mit seiner Frau gang
ordentlich; aber Sie sehen, sie sind immer nur Diener,
und unser Eins kann sich mit ihnen nicht auf den Fuß
der Gleichheit stellen, und muß sie in der rechten Entfernung halten, damit man seine
Autorität nicht verliert. Gewiß kam er verlossenen Winter hund er war
sehr streng wie Sie sich erinnern werden, und es regnete und stürmte, wenn es nicht schneiete von November bis Februar kein menschliches Wesen ins Haus, als
der Fleischer und der Postbote und ich wurde wirklich
ganz melancholisch, als ich so einen Abend wie den andern ganz allein dasitzen mußte. Zwar mußte Leah bisweilen zu mir hereinkommen und mir Etwas vorlesen,
aber ich glaube, dem armen Mädchen gefiel das nicht
gewaltig: es kam ihr vor, als wäre sie eingespertt. Im Frühling und Sommer ist es schon besser: der
Sonnenschein und die langen Tage machen einen so
großen Unterschied; und dann kam gerade zu Anfang
dieses Herbstes die kleine Adele Varens mit ihrer Sonne;
ein Kind verleiht einem mit einem Male Leben,
und nun, da Sie hier sind, wird es ganz luftig hergehen.
Mein Herz erwärmte sich wirklich für die würdige
Dame, wie ich sie so reden hörte. Ich zog meinen
Stuhl etwas näher zu ihr hin, und drückte den aufrichtigen Wunsch aus, daß sie in mir eine so angenehmne
Gesellschafterin finden möchte, wie sie erwartete.
,Aber, sagte sie, ,ich will Sie diesen Abend nicht
lange bei mir behalten es ist nun bald zwölf und Sie
sind den ganzen Tag durchgereist: Sie müssen sich ermüdet fühlen. Wenn Sie Ihre Füße recht erwärmt
haben, will ich Sie in Ihr Schlafzimmer führen. Ich
habe Ihnen das dem meinen zunächstliegende Zimmer
angewiesen; es ist nur klein, aber ich dachte, es würde
Ihnen lieber sein, als eines der großen von deren Zimmer,
zwar sind diese schön meublirt, aber so öde und einsam.
Ich selbst schlafe nie darin.
Ich dankte ihr für ihre besonnene Wahl, und
drückte, da ich mich von meiner langen Reise wirklich
ermüdete, den Wunsch aus, mich zur Ruhe begehen zu dürfen. Sie nahm ihr Licht und ich verließ, ihr
folgend, das Zimmer. Zuerst sah sie nach, ob die Hausthür zu sei; sodann zog sie den Schlüssel ab und ging
die Treppe hinan, mir voraus. Die Stufen, sowie das
Geländer waren von Eichenholz: das Treppenfenster
war hoch und vergittert; dieses und die lange Gallerie,
auf welche die Thüren der Schlafzimmer hinausgingen
sahen aus, mehr als ob sie einer Kirche, denn einem
Hause angehörten. Eine sehr kalte, wie aus einem Gewölbe kommende Luft: durchdrang Treppe und Galarie,
unerfreuliche Gedanken an weite und einsame Räume
erweckend; und ich war froh, als ich endlich in mein
Zimmer geführt wurde, es klein und in dem gewöhn-
lichen modernen Stil meublirt zu finden.
Nachdem Mistreß Fairfax mir freundlich eine gute
Nacht gewünscht und ich meine Thüre zugeriegelt hatte,
sah ich mich gemächlich um, und es gelang mir einigermaßen, denn nichts weniger als frohen Eindruck, den die
große Vorhalle die dunkle und geräumige Treppe und
die lange, kalte Galerie auf mich hervorgebracht hatten,
durch den belebteren Anblick meines kleinen Zimmers
zu verdrängen. Ich erinnerte mich, daß ich nach einem
Tage körperlicher Ermüdung und ängstlicher Erwartung
nun endlich in einem sicheren Hafen sei. Mein Herz
schwoll von Dankbarkeit, und ich kniete an meinem
Bette nieder und brachte dem meinen Dank dar, dem
Dank gebührt; auch unterließ ich, bevor ich aufstand, nicht,
mir seine fernere Hülfe auf meinem Lebenspfade zu erflehen, sowie die Kraft, die Güte zu verdienen, die man
in so offener Weise gegen mich an den Tag zu zu legen
schien, noch ehe ich dieselbe verdient hatte. In jener
Nacht hatte mein Lager keine Dornen : in jener Nacht
kannte mein einsames Zimmer keine Furcht. Zugleich
ermüdet und zufrieden, schlief ich bald und fest ein; als
ich aufwachte, war es schon heller Tag. Das Zimmer erschien mir als ein so prächtiger
kleiner Ort, wie die Sonne zwischen den heitern blausitzenen Fenstervorhängen hereinschien, und mir tapezirte
Wände und einen mit Teppichen belegten Boden zeigte,
so unähnlich den nackten Dielen und befleckten Kalkwänden zu Lowood, das sich bei dem Anblicke meine
Stimmung nicht wenig hob. Alles Aeußere hat eine
große Wirkung auf den jugendlichen Geist ich dachte,
es beginne nun ein schönerer Abschnitt meines Lebens,
-- ein Abschnitt, der seine Blumen und Freuden so gut
haben werde, wie seine Dornen und Mühen. Meine
Fähigkeiten, durch den Wechsel der Scene und das der
Hoffnung dargebotene Feld zu erhöhter Thätigkeit gehoben, schienen alle wach zu sein. Ich kann nicht genau
sagen, was sie erwarteten, nur so viel weiß ich, daß es
etwas Angenehmes war: und wenn auch vielleicht nicht an
jenem Tage, oder in jenem Monate, so doch in einer
unbestimmten künftigen Zeit.
Ich stand auf, und kleidete mich sorgfältig an: gezwungen, einfach zu erscheinen, denn ich hatte kein
Kleidungsstück, das nicht äußerßt einfach gemacht gewesen wäre --- war ich doch von Natur geneigt, immer
nett und sauber zu erscheinen. Es war nicht meine Gewohnheit, gegen mein äußeres Erscheinen gleichgültig zu
sein, oder mich um den Eindruck, den ich machte, nicht
zu kümmern: im Gegentheil, ich wünschte so gut wie
irgend möglich auszusehen, und so sehr zu gefallen, als
es bei meinem Mangel von Schönheit irgend möglich
war. Bisweilen bedauerte ich daß ich nicht mit mehr
Schönheit ausgestattet sei, bisweilen wünschte ich rosige
Wangen, eine griechische Nase, einen kleinen kirschfarbenen Mund: ich wünschte, groß von Gestalt, stattlich und
schön entwickelt zu sein; es kam mir als ein Unglück
vor, so klein, so blaß zu sein, und so unregelmäßige und
starke Züge zu haben. Und warum hatte ich dieses sehnsüchtige Verlangen, warum dieses Bedauern? Es wäre
wohl schwer, es zu sagen, ich konnte es mir damals
selbst nicht genau erklären, und doch hatte ich einen
Grund, und zwar einen logischen, natürlichen Grund.
Als ich aber mein Haar recht glatt gebürstet, meinen
schwarzen Rock, der, quäkerähnlich, wie er war, doch
wenigstens das Verdienst hatte, mir ganz genau zu passen, angelegt und meinen sauberen weißen Halskra-
gen zurecht gemacht hatte, dachte ich, ich würde nun
vor Mistreß Fairfax anständig genug erscheinen, und es
würde wenigtens meine neue Schülerin nicht mit Widerwillen von mir sich abwenden. Nachdem ich das Fenster
meines Zimmers geöffnet und gesehen hatte, daß ich aus
dem Toilettentische Alles in guter und zierlicher Ordnung zurücklasse, wagte ich mich hinaus.
Die lange, mit Matten bedeckte Gallerie durchschreitend, ging ich die schlüpfrigen Stufen von Eichenholz hinab; dann erreichte ich die Vorhalle: hier blieb ich eine
Minute stehen; ich sah einige Bilder an den Wänfen an -
eines derselben stellte, so viel ich mich erinnere, einen
grimm aussehenden Mann mit einem Brustharnisch, und
ein anderes, eine Dame mit gepudertem Haar und einem
Perlenhalsband dar, sowie eine von der Decke herabhängende bronzene Lampe und eine große Uhr, deren
Kasten von seltsam geschnitztem Eichenholz: und durch
die Gänge der Zeit und vieles Poliren so schwarz wie
Ebenholz, geworden war. Alles kam mir sehr stattlich
vor; freilich war ich damals auch an
Herrlichkeit und Pracht so wenig gewöhnt. Die Thür
in der Vorhalle, die halb aus Glas entstand, stand offen;
ich schritt über die Schwelle hin. Es war ein schöner
Herbstmorgen; die Morgensonne schien heiter auf braunwerdende Lustwäldchen und noch grüne Felder, auf den
Rasenplatz vor dem Schlosse zugehend, blickte ich auf
und übersah die Vorderseite des Gebäudes. Es war
drei Stockwerke hoch, und wenn auch nicht sehr groß,
so doch von ansehnlicher Ausdehnung; der Landsitz eines
Gentlemans, aber nicht eines Mannes von hohem Adele
Innen ganz oben an dem Gebäude gaben ihm ein piktoreskes Aussehen. Seine graue Fronte stach vortheilhaft gegen den Hintergrund eines Dohlengenistes ab,
dessen krächzende Bewohner nun umherflogen, dieselben
nahmen ihren Weg über den Rasenplatz und den Park
hin, um sich auf einer großen Wiese niederzulassen, von
welcher letzterer durch einen Zaun getrennt war, und
wo eine Reihe gewaltiger alter Dornbäume, stark, knotig und breit wie Eichen, mit einem Male die Etymologie des Namens des Schlosses erklärten. In weiterer
Entfernung sah man Hügel, nicht so hoch, wie die um
Lowood herum, auch nicht so felsig und nicht so ganz
von der lebenden Welt abschließend, doch bei all dem
Hügel, still und einsam genug, und dem Anschein nach
Thornfield in einem Grade abschließend, wie ich es in der
Nähe der lebhaften Stadt Millcote nicht zu finden glaubte.
Ein kleiner Weiler, dessen Dächer mit Bäumen untermischt waren. zog sich zerstreut an einem dieser Hügel
hinauf; die Kirche des Distrikts stand näher bei Thornfield, und ihre alte Thurmspitze sah über eine Erhöhung
zwischen dem Gebäude und dem Parkthore hinweg.
Ich ergötzte mich noch an der ruhigen Aussicht nun,
der angenehmen frischen Luft, horchte noch mit großem
Vergnügen auf das Gekrächze der Dohlen, übersah noch
die ausgedehnte graue Vorderseite des Schlosses, und
dachte bei mir, wie groß es für eine allein stehende,
kleine Dame wie Mistreß Fairfax sei, als diese selbst an
der Thür sich zeigte, Wie! schon draußen? sagte sie. ,Ich sehe, Sie
stehen früh auf.
Ich ging auf sie zu und wurde von ihr mit einem
freundlichen Kusse und Händedruck empfangen.
,Wie gefällt Ihnen Thornfield? fragte sie.
Ich sagte ihr, es gefalle mir sehr.
,Ja, sagte sie, ,der Ort ist Hübsch: allein ich
befürchte, er wird aus der Ordnung kommen, wenn
Herr Rochester sich nicht entschließt, hier für immer zu
bleiben, oder wenigstens; öfters hierher zu kommen.
Große Häuser und schöne Besitzungen erheischen die
Anwesenheit des Besitzers.
,Herr Rochester! rief ich aus. ,Wer ist er?
,Der Eigenthümer von Thornfield, antwortete sie
ruhig. ,Wußten Sie nicht, daß er Rochester heißt ?
Natürlich wußte ich es nicht, denn ich hatte noch
nie von ihm sprechen hören; aber die alte Dame schien
seine Existenz als eine allgemein bekannte Thatsache, die
Jedermann instinktimäßig wissen müsse, anzusehen.
,Ich dachte, fuhr ich fort, ,Thornfield gehöre
Ihnen.
,Mir? Was für ein Einfall, mein theures Kind!
Mir? ich bin Nichts, als die Haushälterin, - die
Verwalterin. Zwar bin ich von mütterlicher Seite mit
den Rochesters entfernt verwandt, oder wenigstens war
es mein Mann, er war Pfarrer von Hay - dem kleinen Dorfe dort auf dem Hügel und die Kirche dort
an dem Parkthore war die seine. Die Mutter unsers
Herrn Rochester war eine, geborene Fairfax und ein
Andergeschwisterkind meines Manns; allein ich mache
diese Verwandtschaft nie geltend -- in der That ist sie
nichts für mich; ich betrachte mich ganz wie eine gewöhnliche Haushälterin, mein Herr ist stets höflich
gegen mich, und weiter erwarte ich Nichts.
,Und das kleine Mädchen - meine Zöglingin ?
"Ist Herrn Rochester's Mündel: er gab mir den
Auftrag, für sie eine Erzieherin zu suchen. Er hat,
wie ich glaube, die Absicht, dieselbe in der Grafschaft
- aufziehen zu lassen. Da kommt sie mit ihrer Bonne,
wie sie das ihr beigegebene Mädchen nennt.'
Nun war mir das Räthsel gelöst, diese gesprächige
und liebevolle kleine Wittwe war keine große Dame,
sondern eine Untergebene, wie ich. Sie war mir deßhalb nicht weniger lieb; im Gegentheil das Verhältniß
gefiel mir besser, denn je. Die Gleichheit zwischen ihr
und mir war eine wirkliche, nicht das bloße Ergebniß
einer Herablassung von ihrer Seite, um so besser meine Stellung war dadurch nur um so freier.
Während ich über diese Entdeckung nachdachte,
kam ein kleines Mädchen, von einer Dienerin begleitet,
den Rasenplatz heraufgelaufen. Ich sah meine Schülerin
an, die anfänglich mich nicht zu bemerken schien: sie
war noch ein Kind, etwa sieben bis acht Jahre alt
von leichtem Körperbau, mit einem blassen Gesichte
und seinen Zügen, sowie einer Fülle von Haar, das in
Locken auf ihre Taille herabfiel.
"Guten Morgen. Miß Adele, sagte Mistreß Fairfax. ,komm und sprich mit der Dame, die dich unterrichten und einst ein gebildetes Frauenzimmer aus
dir machen soll,
Adele näherte sich.
,Sind sie Ausländerinnen?! fragte ich, erstaunt,
französisch sprechen zu hören.
,Die Bonne ist eine Ausländerin, und Adele ist
auf dem Continent geboren, und hat denselben, wie ich
glaube, erst seit dem letzten halben Jahre verlassen.
Als sie zum ersten Male hierher kam, konnte sie gar
nicht englisch sprechen; jetzt geht es schon ein Bisschen:
ich verstehe sie nicht, sie mischt so viel französlsch darein; Sie werden sie wohl aber schon verstehen.
Glücklicherweise hatte ich bei einer Französin französisch gelernt; und da ich es mir stets zur Aufgabe
gemacht hatte, mit Madame Pierrot, so oft ich nur
konnte zu sprechen: da ich ferner während der letzten
sieben Jahre jeden Tag etwas französisches auswendig
gelernt hatte -- wobei ich mir auch mit der Aussprache
Mühe gab, und darin meiner Lehrerin so nahe wie möglich zu kommen suchte, - so hatte ich mir eine gewisse
Fertigkeit und Correktheit angeeignet, und durfte somit
wohl hoffen, mit Mademoiselle Adele fertig zu werden.
Sie kam zu mir her, und drückte mir die Hand, als
sie hörte, daß ich ihre Gouvernante sei; und während
ich sie zum Frühstücke hereinführte, richtete ich einige
Worte in ihrer Sprache an sie. Anfänglich antwortete
sie mir nur kurz; als wir aber am Tische saßen, und
sie mich wohl zehn Minuten mit ihren großen, hellbraunen Augen gemustert hatte, fing sie plötzlich an,
mit großer Geläufigkeit zu plaudern.
,Ah ! rief sie in französischer Sprache. ,Sie sprechen meine Sprache ja so gut wie Herr Feer: ich
kann mit Ihnen sprechen, wie mit ihn, und auch
Sophie. Sie wird sich freuen: Niemand sieht sie
hier: Madame Fairfax versteht nur Englisch. Sophie ist
meine Bonne; sie ist mit mir über das Meer herübergekommen in einem großen Schiffe, mit einem Kamin,
der rauchte -- und wie raucht. Und ich bin
krank gewesen, und Sophie, und Herr Rochester. Herr
Rochester legte sich auf die Sopha in einem schönen
Zimmer, das man den Salon hieß, und Sophie und
ich hatten kleine Betten an einem andern Platze. Fast
bin ich aus dem meinigen herausgefallen; es war wie
ein kleines Brett, auf das man Etwas stellt. Und,
Mademoiselle -- wie heißen Sie F
,Eyre - Jane Eyre.
,Aire? Bah! ich bring es nicht heraus. Gute
unser Schiff Hielt am Morgen - es war noch nicht
ganz hell -- bei einer großen Stadt an, einer großen.
grossen Stadt, mit Häusern, ganz dunkel und rauchig:
ganz und gar nicht, wie die hübsche und reinliche Stadt,
aus der ich kam : und Herr Rochester trug mich in
seinen Armen über eine Planke an's Land, und Sophie
folgte nach, und wir Alle stiegen in eine Kutsche, die
uns in ein schönes großes Haus führte, größer als
dieses, und schöner, man nannte es ein Hotel. Da
blieben wir fast eine Woche ich und Sophie gingen
alle Tage auf einem großen grünen Platze voller
Bäume - man nennt ihn den Park -- spazieren; und
da waren noch viele Kinder außer wir, und ein Teich
mit schönen Fischen, denen ich Zusamemn zu essen gab.
"Verstehen Sie sie, wenn sie so geschwind spricht?
fragte Mistres Fairfax.
Ich verstand sie recht gut, denn ich war an die
geläufige Zunge der Madame Pierrot gewöhnt worden.
, Ich wollte,! fuhr die gute alte Dame fort, ,Sie
fragten sie ein wenig nach ihren Eltern; ob sie sich
wohl derselben erinnert?
,Adele,' fragte ich. ,bei wem bist Du gewesen,
als Du Dich in der hübschen, reinlichen Stadt aufhieltest, von der Du so eben uns gesagt ?
"Ich war vor langer Zeit bei Mama, aber sie
ist zu der heiligen Jungfrau gegangen. Mama lehrte
mich tanzen und singen und Verse hersagen. Viele
Herren und Damen kamen zu Mama und ich pflegte
vor ihnen zu tanzen, oder ihnen auf den Schoß zu
sitzen und ihnen Etwas vorzusingen, ich that das gern.
Soll ich Ihnen einmal Etwas vorsingen?
Sie hatte ihr Frühstück beendigt, und so erlaubte
ich ihr denn, uns eine Probe ihrer Fertigkeiten zu geben. Von ihrem Stuhle herabsteigend, kam sie zu mir
her und setzte sich auf mein Knie; sodann faltete sie ihre
Händchen in ernst sittsamer Weise vor sich, schüttelte ihre
Locken zurück, erhob die Augen zur Zimmerdecke und
fing an, eine kleine Arie ans einer Oper zu fingen.
Es war das Lied einer von ihrem Geliebten verlassenen
Dame, die die Treulosigkeit desselben beklagt, dann den
Stolz zu Hülfe ruft, sich von ihrer Dienerin mit den
glänzendsten Juwelen und den prächtigsten Kleidern
schmücken läßt und den Entschlusß faßt, den Treulosen
am Abend auf einem Balle aufzusuchen und demselben
durch ihr lustiges Wesen zu beweisen, wie wenig sie sich
daraus macht, daß er sie verlassen hat,
Der Gegenstand schien für eine so kleine Gängerin
seltsam gewählt; aber das Neue der Sache, der hauptsächlichste Reiz lag meines Erachtens darin, die Zunge
eines so kleinen Kindes die Töne der Liebe und Eifersucht trillern zu hören; und meiner Ansicht nach zeugte
das von einem sehr schlechten Geschmack.
Adele sang ihr Liebchen mit ziemlich melodischer
Stimme und der ihrem Alter zukommenden Naivetät.
Kaum war sie damit zu Ende, so hüpfte sie von meinem Knie herab und sagte: Jetzt, Mademoiselle, will ich Ihnen einige Verse
vordeclamiren. Eine theatralische Stellung annehmend, begann
sie.
Sodann declamirte sie das kleine Stück mit einer Aufmerksamkeit auf Interpunction und Accent, einer Biegsamkeit der Stimme und einer Angemesenkeit der Geberden, die in ihrem Alter in der That ganz außergewöhnlich sind, und bewiesen, daß sie mit vieler Sorgfalt
geschult worden.
Hat Dich Deine Mama dieses Stück gelehrt?
fragte ich.
Ja, und sie sprach es ganz auf die Weise.
Ich mußte meine Hand in die Höhe heben
-- so - um mich zu erinnern, daß ich bei der Frage
auch meine Stimme erheben müsse. Soll ich nun auch
tanzen?
,Nein, das is genug: als aber Deine Mama, wie
Du sagst, zur heiligen Jungfrau gegangen ist, bei wem
bist Du dann gewesen ?
,Bei Madame Frederic und ihrem Manne: sie
sorgte für mich, allein sie ist nicht mit mir verwandt.
Ich glaube, sie ist arm, denn sie hatte kein so schönes
Haus, wie Mama. Ich war nicht lange dort Herr
Rochester fragte mich, ob ich mit ihm nach England
gehen und dort bei ihm bleiben wolle, und ich sagte
ja; denn ich kannte Herrn Rochester vor Madame Frederic, und er war immer freundlich und gütig gegen
mich und gab mir schöne Kleider und Spielsachen, aber
Sie sehen, er hat nicht Wort gehalten, denn er hat
mich nach England gebracht, und ist nun selbst fortgegagen und ich sehe ihn nie.
Nach dem Frühstück zog ich mich mit Adelen in das
Bibliothekzimmer zurück, das Herr Rochester, wie es
scheint, als Unterrichtszimmer angewiesen hatte. Die
meisten Bücher waren hinter Glasthüren verschlossen;
nur ein Bücherschrank war offen gelassen worden, und
derselbe enthielt so viele Elementarbücher, als voraus-
sichtlich nöthig waren, sowie verschiedene Bände aus
der sogenannten leichten Literatur, Gedichte, Lebensbeschreibungen, Reisewerke, Romane u. s. w. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, eine Erzieherin würde zu ihrer
Privatlectüre nicht mehr brauchen, und in der That war
dieß für jetzt mir genug: im Vergleich mit der spärlichen Ausbeute, die mir von Zeit zu Zeit zu Lowood
zu machen vergönnt war, schienen sie mir eine überreiche Masse von Belehrung und Unterholung darzu-
bieten. Auch befand sich in diesem Zimmer ein Pianosorte, das ganz neu war und einen vortrefflichen Ton
hatte; ebenso auch eine Malerstaffelei und ein Globus.
Ich fand meine Schülerin ziemlich gelehrig, obgleich
wenig zum Fleiße geneigt: sie war an keine regelmäßigs
Beschäftigung irgend welcher Art gewöhnt worben. Ich
hielt es nicht für gerathen, sie gleich anfangs zu sehr
mit Lernen in Anspruch zu nehmen, daher gab ich ihr,
nachdem ich viel mit ihr gesprochen, und sie ein wenig
hatte lernen lassen, gegen zwölf Uhr die Erlaubniß,
wieder zu ihrer Bonne zu gehen. Dann nahm ich mir
vor, mich bis zur Mittagszeit mit Anfertigung einiger
kleinen Skizzen zu ihrem Gebrauche zu beschäftigen. Gerade als ich die Treppe hinaufging, um meine
Mappe und Bleistifte zu holen, rief Mistreß Fairfax
mir zut »Ihre Schulstunden sind für diesen Morgen
wohl vorüber. Sie war in einem Zimmer, dessen
Flügelthüren offen standen, ich ging hinein, als sie mich
anredete. Es war ein großes, stattliches Zimmer mit
purpurfarbenen Stühlen und Vorhängen, einem türkischen
Teppich, Wänden, die mit Wallnußholz getäfelt waren,
einem großen Fenster von gemaltem Glase und einer
hohen Decke, die mit prächtigen Gipszierathen versehen
war. Mitreß Fairfax stäubte einige Vasen von schönem,
purpurfarbenem Marienglase, die auf einem Nebentische
standen, ab.
"Welch prachtvolles Zimmer! rief ich aus, als
ich mich umsah; denn noch nie hatte ich ein Gemach gesehen, das auch nur halb so imposant gewesen
wäre.
Ja,das ist das Speisezimmer. Ich habe bloß
das Fenster aufgemacht, um ein wenig Luft und Sonnenschein hereinzulasen; denn Alles wird so feucht in
Zimmern, die selten bewohnt sind; im Gesellschaftszimmer dort ist es, wie in einem Gewölbe.
Sie deutete auf einen weiten Bogen, der mit dem
Fenster correspondirte, und wie dieses einen purpurrothen Vorhang, der jetzt zurückgeschlagen war, hatte.
Ich stieg zwei breite Stufen hinauf, und als ich hindurch sah, glaubte ich einen Feensis vor mir zu haben:
so glänzend erschien meinem unerfahrenen Auge das,
was ich jenseits erblikte. Und doch war es blos ein
sehr hübsches Gesellschaftszimmer, und darin ein Boudoir, beide mit weißen Teppichen bedeckt, worauf präch-
tige Blumenguirlanden gelegt zu sein schienen; beide
hatten an ihren Plafonds schneeweiße Gipszierathen,
welche Träuben und Weinblätter vorstellten; darunter
erglühten in reichem Kontrast Saphirs
und Diomanten, während die Zierathen an dem aus
parischem Marmor gearbeiteten Kamin aus funkelndem,
rubinrothem, böhmischem Glase waren; und zwischen
den Fenstern wiederholten große Spiegel die zielgemeine
Verschmelzung von Feuer und Schnee.
,In welch! schöner Ordnung erhalten Sie doch
diese Zimmer, Mistreß Fairfax! sagte ich, kein Staub,
keine Ueberzüge von Kanevas: wäre die Luft hier nicht
so kalt, so könnte man denken, es seien dieselben nie
unbewohnt.
" Obgleich, meine liebe Miß Eyre, die Besuche des
Herrn Rochester selten sind, so kommen sie doch immer
plötzlich und unerwartet; und da ich bemerkt habe, daß
es ihm nicht gefällt, wenn er hier bei seiner Ankunft
Alles eingehüllt findet, und daß er auch das mit der
Ordnung und Reinigung verunndene Geräusch nicht
gern hat, so habe ich es für's Beste erachtet, die Zimmer
stets parat zu halten.
,Ist Herr Rochester ein Mann, der schwer zu befriedigen und viel zu fordern gewohnt ist?’
Das nicht gerade, aber er hat den Geschmack und die Gewohnheiten eines Gentleman und erwartet, daß Alles in Uebeneinstimmung damit angeordnet werde.
,Haben Sie ihn gern? Hat man ihn allgemein
gern?’
,O ja; die Familie ist hier stets geachtet gewesen.
Fast alles Land hier herum, soweit Sie sehen können,
gehört seit unvordenklichen Zeiten den Rochesters.’
,Gut! aber haben Sie ihn gern, ganz abstrahirt
von seinem Besitzthum? hat man ihn um seiner selbst
willen gern?
Das Lachen wiederholte sich in dem leisen, abgemessenen Tone, und hörte mit einem seltsamen Gemurmel auf.
,Grace? rief Mistreß Fairfax.
Ich muß sagen, ich erwartete nicht, daß eine Grazie antworten würde; denn das Lachen war ein so tragisches, so übernatürliches, wie ich nur je in meinem
Leben hörte; und wäre es nicht heller Mittag gewesen,
hätte nicht das seltsame Lachen so außerordentlich wenig
Gespensterhaftes an sich gehabt; wären nicht Scene
und Stunde so gewesen, daß sie der Furcht keinen Raum
ließen, - so hätte ich eine abergläubische Angst empfunden. Es zeigte sich aber bald, daß ich eine Thörin
war, wenn ich auch nur dem Gefühle der Überraschung
Raum gab.
Die mir zunächst befindliche Thür ging auf, und
eine Dienerin kam heraus, ein Frauenzimmner zwi-
schen dreißig und vierzig; eine untersetzte, vierschrötige
Gestalt, rothhaarig und mit einem harten, unschönen
Gesicht. Eine weniger romantische, oder weniger gei-
sterhafte Erscheinung ließ sich kaum denken. Auch viel Lärm, Grace, sagte Mistreß Fairfax.
'Denke an das, was man Dir befohlen! Grace verbeugte sich schweigend, und ging wieder hinein.
,Es ist eine Person, die wir zum Nähen, und zur
Unterstützung der Leah bei ihrer Hausarbeit haben,
fuhr die Witwe fort; ,in einigen Punkten nicht ganz
fehlerfrei, doch sind wir mit ihr so zimlich' zufrieden.
Wie sind Sie diesen Morgen mit Iher neuen Schülerin fertig geworden?
Die Unterhaltnng, die so auf Adele abgeleitet
wurde, ging fort, bis wir die helle und heitere Region
unten im Hause erreichten. Adele kam im Vorsaale uns
entgegen gelaufen, und rief:
"lleslames; rous ötes servie -- Noch setzte
sie hinzu: Oui bien saim, moi !
Wir fanden das Mittagsmahl in dem Zimmer der
Mistreß Fairfax servirt.
Zwölften Kapitel.
Hatte ich bei meinem ersten Eintritt in Thornfield
Hall nach dem mir gewordenen gemüthlichen Empfang
erwarten dürfen, daß meine Lebensbahn nun eine sanftere werden würde, so wurde diese Erwartung bei längerer Bekanntschaft mit dem Orte uns dessen Bewohnern nicht Lügen gestraft. Mistreß Fairfax erwies sich
in Wahrheit als das, was sie zu sein geschienen hatte,
als eine gutmüthige, freundliche, liebevolle Fuau von
hinreichender Erziehungund mittelgutem Verstande.
Meine Schülerin war ein lebhaftes Kind, das verzogen
worden war, und daher oft seinen eigenen Kopf haben
wollte; da sie aber ganz und gar meiner Sorgfalt an-
vertraut war, und keine unverständige Einmischung von
irgendeiner Seite meinen Erziehungsplänen in den
Weg trat, so vergaß sie bald ihre kleinen Grillen, und
wurde gehorsam und gelehrig. Sie hatte keine großen
Talente, keine ausgezeichneten, stark hervortretenden
Charakterzüge, keine besondere Entwicklung des Gefühls
oder Geschmacks, wodurch sie auch nur um einen Zoll
über das gewöhnliche Niveau der Kindheit erhoben
worden wäre: dagegen hatte sie auch keine Laster: wodurch sie unter dasselbe gestellt worden wäre. Sie
machte erträgliche Fortschritte, hatte zu mir eine lebhafte, wenn auch vielleicht nicht sehr tief gehende Zuneigungs und flößte mir dagegen durch ihr einfaches
Wesen, ihr heiteres Geplauder, und ihre Bemühungen,
mir zu gefallen, einen Grad von Anhänglichkeit ein,
der hinreichte, Jede an der Gesellschaft der Andern Vergnügen finden zu lassen.
Dieß wird, beiläufig gesagt, für eine kalte Sprache
gehallen werden von Personen, die feierliche Ansichten
hegen von der engelgleichen Natur der Kinder, und der
Pflicht derjenigen, denen ihre Erziehung obliegt, eine
abgöttische Aufopferung für sie zu empfinden: aber ich
schreibe nicht, um dem elterlichen Egoismus zu schmeicheln, hergebrachte Redensarten wiederzukauen, oder
den Trug zu unterstützen: ich sage bloss die Wahrheit.
Ich ließ mir Adelens Wohl und Fortschritte ernstlich
angelegen sein, auch hegte ich eine ruhige Neigung für
ihr kleines Selbst; ganz so, wie ich gegenüber der Mistreß Fairfax von einem Gefühle des Danks für all
ihre Güte durchdrungen war und ein Vergnügen an
ihrer Gesellschaft empfand, das mit der ruhigen rücksichtsvollen Achtung, die sie für mich an den Tag legte:
sowie mit der Mäßigung ihres Geistes und Charakters
im Einklange stand.
Mag mich tadeln, wer da will, wenn ich weiter
hinzusetze, das ich von Zeit zu Zeit, wenn ich in dem
Park allein spazieren ging; wenn ich bis zum Thor
hinab luftwandelte, und durch dasselbe auf die Straße
hinaussah; oder wenn, während Adele mit ihrer Bonne
spelte und Mistreß Fairfax in der Speisekammer allerlei Früchte einmachte, ich die drei Stockwerke hinaufkletterte, die Kallthüre der Attike öffnete, und, auf dem
Bleidache angekommen, weit hin schaute über einsame
Felder und Hügel und über die trübe Himmelslinie - das
ich - sage ich - mich dann nach einer Sehkraft sehnte, die
weit über diese Grenze hinausging, die geschäftige Welt,
die lebhaften Städte und Gegenden erreichen konnte,
wovon ich zwar oft gehört, die ich aber nie gesehen
hatte; daß ich dann mir mehr praktische Erfahrung als
ich besaß, mehr Verkehr mit meines Gleichen, mehr
Bekanntschaft mitverschiedenartigen Charakteren wünschte,
als hier in meinem Bereiche war. Ich wußte alles
Gute an Mistreß Fairfax, so wie an Adelen recht wohl
zu schätzen: aber ich glaubte an das Vorhandensein
anderer und lebhafterer Arten von Güte, und woran ich
glaubte, das wünschte ich zu schauen.
Wer tadelt mich? Ohne Zweifel gar Viele, und
man wird mich eine Unzufriedene nennen. Ich konnte
Nichts davor, Ruhelosigkeit lag nun einmal in meiner
Natur, und es regte mich dieselbe bisweilen bis zur
Pein auf. Da war denn meine einzige Linderung, sicher
in der Stille und Einsamkeit des Ortes, den Corridor
im dritten Stockwerke auf und ab zu gehen, und mein
geistiges Auge bei den vor ihm emporsteigenden glänzenden Visionen verweilen zu lassen, und gewiß waren ihrer viele, gewiß waren sie glühend. Sein Herz
der frohlockenden Bewegung folgen zu lassen, die es doch
mit Leben erfüllte, während sie es vor Unruhe schwellen
machte, und hauptsächlich mein inneres Ohr einer Geschichte zu öfnen, die nie zu Ende ging, einer Geschichte, welche meine Einbildungskraft schuf und stets
erzählte: einer Geschichte voller Leben, Feuer
und Mannigfaltigkeit, lauter Dinges nach denen mich
verlangte, die ich aber in meinem wirklichen Dasein
nicht besaß.
Es ist vergebens, zu sagen, menschliche Wesen sollten mit der Ruhe zufrieden sein, sie müssen aber Handlung haben, und wenn sie sie nicht finden können, so
werden sie sie machen. Millionen sind zu einem stilleren Lose verurtheilt, als das meine ist, und Millionen
sind in stiller Eümpörung begriffen gegen ihr Loos. Niemand weiß, wie viele Empörungen, außer den politischen, in den Massen von Leben nähren, welche die Erde
bevölkern. Die Frauen gelten im Allgemeinen für sehr
ruhig; aber die Frauen fühlen gerade wie die Männer;
sie bedürfen der Nebung für ihre Fähigkeiten, und sie
brauchen ein Feld für ihre Anstrengungen - ganz wie
ihre Brüder; sie leiden unter einem zu strengen Zwangs,
unter einem allzu unbedingten Stillstand, ganz so, wie
es bei den Männern der Fall sein würde; und es zeugt
von Engherzigkeit von Seiten ihrer mehr bevorzugten
Mitgeschöpfe, wenn diese sagen, es sollten sich jene
darauf beschränken, Puddings zu machen, Strümpfe zu
stricken, Klavier zu spielen und Taschen zu sticken. Es
ist gedankenlos, dieselbe zu verdammen, oder sie auszu-
lachen, wenn sie mehr zu thun, oder zu lernen suchen
als Sitte und Gewohnheit für ihr Geschlecht als passend, oder nöthig erachten. Wenn ich so allein war,
hörte ich Graes Poole nicht selten lachen; es war derselbe Schall, dasselbe leise, langsame Hal das
mich, als ich es zuerst gehört, erschüttert, durchbebt hatte; auch hörte ich ihr excentrisches Gemurmel,
- ein Gemurmel, noch seltsamer, als ihr Lachen. Es
gab Tage, wo sie ganz still und ruhig war; aber es
gab auch andere, wo ich mir dir Töne, die sie von sich
gab, nicht erklären konnte. Bisweilen sah ich sie; gewöhnlich kam sie mit einem Becken, oder einem Teller,
oder einem Speisebrett in der Hand, aus ihrem Zimmer
heraus: ging in die Küche hinab und kehrte alsbald
wieder zurück, indem sie in der Regel - o romantischer
Leser, verzeihe mir, wenn ich die nackte Wahrheit sage!
einen Krug Porter trug. Ihre Erscheinung wirkte
stets dämpfend auf die Neugierde, welche ihr Lachen
und Gemurmel erregt hatte: bei ihren harten Zügen,
und gesetzt, wie sie war, hatte sie Nichts an sich, woran sich das Interesse heften konnte. Ich machte einige
Versuche, mit ihr eine Unterhaltung anzuknüpfen, sie
schien aber eine Person zu sein, die nur wenige Worte
machte: eine einsylbige Antwort scnitt in der Regel
jede Bemühung der Art ab.
Die andern zum Haushalte gehörenden Mitglieder,
nämlich John und seine Frau, Leah, das Hausmädchen,
und Sophle, die französische Bonne, waren anständige
Leute, allein in keiner Hinsicht bemerkenswerth. Mit
Sophien sprach ich in der Regel französisch und fragte
sie bisweilen über ihr Heimathland; allein sie gehörte
richt zu jener Klasse von Menschen, welche durch ihre
Talente als Beschreiber oder Erzähler glänzen, und
gewöhnlich gab sie so schale und verworrene Antworten, daß man eher versucht war, der Neugierde Einhalt
zu gebieten, als derselben ihren Lauf zu laßen.
Oktober, November und Dezember vergingen. Eines
Nachmittags - es war im Januar -- hatte Mistreß
Fairfax für Adele einen Vakanztag erbeten, weil letztere
sich erkältet hatte und da Adele die Bitte mit einer
Lebhaftigkeit unterstützte, die mir ins Gedächtniß zurückrief, wie überaus angenehm gelegentliche Vakanztage für mich in meiner eigenen Kindheit gewesen, so
bewilligte ich sie, da ich der Ansicht war, daß ich wohl
daran thun würde, wenn ich in diesem Stücke einige
Nachsicht zeigte. Es war ein schöner ruhiger, obgleich
sehr kalter Tag; ich war des Stillsitzens in dem Bibliothekzimmer während eines ganzen langen Morgens
überdrüssig: und da Mistreß Fairfax, die eben einen
Brief geschrieben hatte, der auf die Post gebracht werden sollte, so legte ich meinen Mantel an, legte meinen
Hut auf, und erbot mich, ihn nach Hay zu tragen:
ich dachte, die nur zwei Meilen betragende Entfernung
würde sich zu einem angenehmen Winternachmittagsspaziergange eignen. Nachdem ich Adele an ihr Stühlchen neben dem Kamine im Zimmer der Mistreß Fairfar hatte ganz behaglich sitzen lassen, und nachdem ich
ihr ihre beste wächserne Puppe, die ich gewöhnlich, in
Silberpapier eingewickelt, in einer Schublade aufbewahrte, zum Spielen, und zur Abwechslung ein Geschichtenbuch gegeben, auch auf ihr ,erenee bientdt,
ma bonne anmie, ma cliörs Iadlemoiaelle Jeannsttg
mit einem Kusse geantwortet hatte, machte ich mich
auf den Weg. Der Boden war hart, die Luft ruhig,
mein Weg einsam ; ich ging geschwind, bis es mir
warm wurde, und dann langsam , um jene Art des
Vergnügens zu genießen und zu analysiren, die für
mich in der Stunde und meiner augenblicklichen Gemüthsstimmung lag. Es war drei Uhr; die Kirchenglocke ließ ihre feierlichen Töne hören, als ich an dem
Thurme vorbeiging: der Reiz der Stunde lag in der
herannahenden Düsterkeit, in der hinabsinkenden und
matt strahlenden Sonne. Ich war eine Meile von
Thornfield, in einem kleinen, von einem lebendigen
Zaune begrenzten Wege, der im Sommer wilde Rosen
zur Herbstzeit Haselnüsse und Brombeeren in Hülle und
Fülle, und selbst jetzt noch einige Korallenschätze in
Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren hatte; dessen
größter Winterreiz aber in seiner äußersten Einsamkeit
und laublosen Ruhe lag. Regte sich ein Lüftchen, so
brachte es hier kein Geräusch hervor; denn es war
keine rauschende Stechpalme, kein rauschendes Immergrün da, und die entblößten Dagedorn- und Haselbüsche
waren so still, wie die weißen abgeriebenen Steine,
welche die Mitte des Weges bebeckten. Weit und breit,
allenthalben lagen nur Felder, wo nun kein Vieh mehr
waidete; und die kleinen braunen Vögelchen, die sich
von Zeit zu Zeit in dem Hage regten, sahen aus, wie
einzelne braunrothe Blätter, die vergessen hatten, abzufallen.
Dieser Heckenweg ging bis Hay bestädig aufwärts: und als ich denselben zur Hälfte zurückgelegt
hatte, setzte ich mich auf einen Steg nieder, der von
da in ein Feld führte. Ich zog meinen Mantel um
mich zusammen, und hielt die Hände in meinem Muffe
versteckt, deßhalb spürte ich die Kälte nicht, obgleich
es sehr kalt war, wie aus dem Wege an
einer Stelle bezeugte, wo ein kleiner, jetzt zugefrorener
Bach, nach einem raschen Aufthauen vor einigen Tagen
ausgetreten war. Von meinem Sitze aus konnte ich
nach Thornfield hinabsehen: dies graue, mit Zinnen
versehene Schloß war der am meisten hervortretende
Gegenstand im Thale unter mir; sein Gehölze, sowie
das dunkle Dohlengeniste stach gegen den westlichen
Himmel ab. Ich blieb sitzen, bis die Sonne hinter
die Bäume hinabsank, und hochroth und klar dahinter
verschwand. Dann wandte ich mich östlich.
, Oben auf dem Hügel, über mir, zeigte sich dem
Auge der aufgehende Mond, - bleich noch, wie eine
Wolke, aber in jedem Augenblicke an Glanz zunehmend: er blickte über Hay hin, das, halb unter Bäumen versteckt, einen blauen Rauch aus seinen wenigen
Schornsteinen emporsandte, es war noch eine Meile entfernt, allein bei der volllommenen Stille, die herrschte,
konnte ich sein leises, von Leben Gemurmel
deutlich höten. Auch vernahm mein Ohr das Strömen
von Bächen, von welchen Thälern und Tiefen vermochte ich nicht zu sagen: aber es lagen ja noch viele
Hügel jenseits, und ohne Zweifel schlängelten sich
manche Bäche zwischen ihnen hin. Jene Abendstille verrieth in gleicher Weise das hellere Riesein und Plätschern der nächsten Wasser, wie das leise Murmeln der
entfernteren.
Ein unsanftes Geräusch lies sich mit einem Male
hören, und übertönte das leise Riesein und Flüstern,
das zugleich so fern, und so deutlich war: ein Stampfen, ein wirkliches Stampfen; ein Geklirr, wie von
Metallen herrührend, und die sanften Bewegungen des
Wassers übertäubend; wie in einem Gemälde die feste
Masse eines Felsen, oder der rauhe Stamm einer grosen Eiche, mit dunkeln und starken Strichen in den
Vordergrund gestellt, die duftige Ferne eines azurblauen
Hügele, den sonnigen Horizont und die sich vermischenden Wolken, wo Tinte in Tinte verschmelzt, vermischt.
Das Geräusch kam von der Straße her: ein Pferd kam
heran; noch verbargen es die Windungen des Heckenwegs, aber es kam näher, Gerade wollte ich den Steg
verlassen; doch da der Weg schmal war, blieb ich sitzen,
um es vorbei zu lassen. In jenen Tagen war ich zungrund alle Arten von Phantasien, glänzende wie dunkle,
erfüllten meinen Geist: die Erinnerungen an Kinder-
mährchen befanden sich darin neben anderem Schutz
und anderem unbedeutenden Zeug, und als sie wiedere
kehrten, verlieh ihnen die reifende Jugend eine Kraft
und Lebhaftigkeit, wie die Kindheit es nicht vermocht
hatte. Während das Pferd näher kam, und ich hinsah,
bis es aus der Dämmerung heraustreten würde, fielen
mir einige von Bessie's Erzählungen, worin ein Geist
aus Nordengland, Namens Gytrash, eine Rolle spieltet
-- ein Geist, dar. in Gestalt eines Pferdes, eines Maulthiers, oder eines großen Hundes auf einsamen Wegen
sich zeigte, und zuweilen Reisenden erschien, die sich
verspätet hatten, gerade wie nun auch dieses Pferd auf
mich zukam.
Es war sehr nahe, aber doch noch nicht sichtbar,
als ich, außer dem Truppen, unter der Hecke Etwas
rasch Hinweglaufen hörte, und dicht an den Haselstäm-
men ein großer Hund vorbeischlüpfte, dessen schwarze
und weiße Farbe gegen die Bäume stark abstach. Es
war genau eine Erscheinung, wie Bessie's Gytrash, --
ein löwenartiges Geschöpf mit langem Haar und ungeheurem Kopse: doch ging er ziemlich ruhig an mir
vorüber, ohne mich mit seltsamen, überhündischen, geisterhaften Augen anzusehen, wie ich halb und halb erwartet hatte. Das Pferd folgte, -- ein hohes Roß,
und auf seinem Rücken ein Reiter. Der Mann, das
menschliche Wesen machte dem Zauber mit einem Male
ein Ende. Auf dem Getrash ritt nie Etwas: er war
stets allein; und Kobolde mochten wohl nach meiner
Einbildung in keiner gewöhnlichen Menschengestalt wohnen, wenn sie auch in den stummen Gerippen todter
Thiere hausten. Das war also kein Gytrash, - sondern bloß ein Reisender, der auf dem nähern Wege
nach Millcote ging. Er ritt ostrüber, und ich ging
meines Wegs: kaum hatte ich aber einige Schritte gemacht, so kehrte ich mich um : meine Aufmerksamkeit
ward in Anspruch genommen durch ein Geräusch, wie
wenn ein Thier ausgleitet, durch den Ruf: ,Was zum
Henker ist nun zu thun? und endlich durch einen mit
Geklirr verbundenen Fall. Mann und Pferd lagen
am Boden; sie waren auf der Eisdecke, die den Weg
schlüpfrig machte, ausgeglitten. Der Hund sprang als
bald zurück, und als er seinen Herrn in dieser fatalen
Lage sah, und das Pferd stöhnen hörte, bellte er, bis
die Abendhügel den Schall, der im Verhältniß zu der
Größe des Thieres tief war, echoartig wiederholten.
Der Hund beschnüffelte die am Boden liegende Gruppe,
und kam dann zu mir hergelaufen; es war Alles, was
er thun konnte, - eine andere Hülfe konnte er nicht
aufbieten. Ich folgte ihm, und ging zu dem Reisenden
hinab, der jetzt mit aller Kraft sich von seinem Rosse
los zu machen suchte. Seine Anstrengungen waren so
stark, daß ich dachte, er könne nicht sehr stark verletzt
sein; doch fragte ich ihn: ,Haben Sie Schaden genommen, mein Herr?
Ich glaube, er fluchte, doch kann ich es nicht für
gewiß sagen. Indessen sagte er irgend Etwas, was
ihn verhinderte, mir sogleich zu antworten.
,Kann ich Etwas thun? fragte ich abermals.
,Sie müssen auf die Seite gehen, antwortete er,
indem er sich zuerst auf seine Knie stützte, und sodann
ganz erhob. Ich that es, worauf ein Keuchen, Stam-
pfen und Schlagen, begleitet vom Bellen des Hundes,
begann, das mich in der That einige Schritte auf die
Seite trieb; übrigens wollte ich mich nicht ganz entfernen, so lange ich nicht den Ausgang der Sache gesehen. Dieser stellte sich endlich als ein glücklicher
heraus; das Pferd ward wieder auf die Beine, und
der Hund mit einem Ruhig, Pilot zur Ruhe gebracht. Nun bückte sich der Reiter und hebte seinen
Fuß und sein Bein, gleichsam um zu untersuchen, ob
dieselben unverletzt wdren; offenbar aber hatten sie
Schaden genommen, denn er hinkte nach dem Stege
hin, von dem ich so eben aufgestanden war, und setzte
sich darauf.
Ich war in der Stimmung, mich nützlich zu machen, oder wollte wenigstens, wie ich glaubte, dienstfertig sein, denn ich näherte mich ihm nun wieder.
,Wenn Sie Schaden genommen haben und hülfe-
bedürftig sind, mein Herr, so kann ich Ihnen Jemand
herbeiholen, sei es von Thornfield Hall, sei es von
Hay.
,Danke Ihnen; es wird schon gehen; ein Bein
habe ich mir nicht gebrochen, nur den Fuß habe ich
mir verrenkt.
Und er stand wieder auf, und versuchte, sich auf
den Füßen zu halten doch der Versuch preßte ihm ein
unwillkührliches Laut aus.
Noch war das Tageslicht nicht ganz und gar verschwunden; ein schwacher Schimmer war noch geblieden, und der Mond fing an, glänzend zu werden; ich
konnte daher den Reiter deutlich sehen. Seine Gestalt
war eingehüllt in einen Reitmantel mit Pelzkragen und
stählernem Schlosse. Die Einzelheiten derselben waren
nicht sichtbar, doch konnte man sehen, daß es ein Mann
- von mittlerer Größe und bedeutend breiter Brust war.
Er hatte ein dunkles Gesicht, mit strengen Zügen und
schwerer Stirn; seine Augen und seine zusammengezogenen Augenbrauen sahen in dem Augenblicke zornig
und finster aus; er war über das Jugendalter hinaus,
hatte aber das mittlere Alter noch nicht erreicht: er
mochte etwa fünfunddreißig sein. Ich empfand keine
Furcht vor ihm, und nur wenig Scheu. Wäre er ein
schöner, herrisch aussehender, junger Herr gewesen, ich
hätte es nicht gewagt, so stehen zu bleiben, ihn wider
seinen Willen zu fragen, und unaufgesordert ihm meine
Dienste anzubieten. Kaum hatte ich noch einen schönen
Jüngling gesehen: noch nie in meinem Leben aber hatte
ich mit einem solchen gesprochen. Ich empfand eine
theoretische Hochachtung und Verehrung für Schönheit,
Eleganz, Galanterie und bezauberndes Wesen, aber
hätte ich diese Eiganschaften in einer männlichen Gestalt
verkörpert gefunden, so würde ich instinktmäßig gewußt
haben, daß sie mit Nichts in mir sympathisirten, noch
vermochten, und ich hätte sie gemieden
wie das Feuer den Blitz, oder sonst Etwas, was glänzend, aber antipathisch ist.
Hätte auch dieser Fremde mich angelächelt und
wäre er mir freundlich und gemüthlich entgegengekommen, als ich ihn anredete; hätte er mein Anerbieten,
ihm Hülfe zu leisten, lustig und mit Dank abgelehnt,
so würde ich meines Wegs gegangen sein, und keinen
Beruf in mir verspürt haben, meine Fragen zu wiederholen, aber der finstere Blick, verbunden mit dem rauhen Wesen des Reisenden, beruhigte mich; ich behielt
meine Stellung, als er mir zu gehen winkte, und
sagte:
"Es kann mir nicht einfullen, mein Herr, Sie zu
einer so späten Stunde, in diesem einsamen Heckenwege
zu verlassen, so lange ich nicht sehe, daß Sie im Stande
sind, Ihr Pferd zu besteigen.?
Er schaute mich an, als ich dieß sagte; dennoch
hatte er kaum seine Augen nach mir bin gerichtet.
,Ich dächte, Sie sollten selbst zu Hause sein, sagte
er - ,wenn Sie in dieser Nachbarschaft zu Hause sind:
wo kommen Sie her?
,Nur von dort unten; und ich fürchte mich ganz
und gar nicht, noch zu später Stunde draußen zu sein,
wenn nur Mondschein ist. Mit Vergnügen laufe ich
für Sie nach Hay hinüber, so Sie es wünschen, auch
gehe ich ja ohnedieß dahin, um meinen Brief auf die
Post zu thun.
,Sie wohnen da unten -- meinen Sie jenes Haus
mit den Zinnen?
Und er deutete auf Thornfield Hall, aus das der
Mond einen grauen Schimmer warf, wodurch es deutlich und blaß gegen das Gehölz hervortrat, das, mit
dem abendlichen Himmel contrastirend, jetzt eine
große Schattenmasse schien.
,Ja, mein Herr !? entgegnete ich.
,Wem gehört das Haus?
Herrn Rochester ?
,Kennen Sie Herrn Rochester?
,Nein, ich habe ihn nie gesehen.
Er wohnt nicht dort?
,Nein.
,Können Sie mir sagen, wo er ist?
,Ich weiß es nicht.
,Natürlich sind Sie keine Dienerin vom Schlosse?
Sie sind - ?
Hier hielt er plötzlich inne, ließ seine Augen über
meine Kleidung flüchtig hinlaufen, die, wie gewöhnlich,
ganz einfach war, und in einem schwarzen Merinomantel und in einem ditto Castorhut bestand: beide noch
lange nicht fein genung für eine ordentliche Kammer-
jungfer. Er schien nicht herausbringen zu können, was
ich sei, und so half ich ihm denn.
Ich bin die Gouvernante.
,Ah, die Gouvernante1 wiederholte er; »der
Henker hole mich, wenn ich das nicht vergesen hatte!
Die Gouvernante !
Und abermals mußte meine Kleidung sich einer
Prüfung unterwerfen. Nach ein Paar Minuten stand
er vom Stege auf: sein Gesicht drückte Schmerz aus
als er versuchte von der Stelle zu gehen.
,Ich kann Ihnen nicht den Auftrag geben, Hülfe
herbeizuholen, sagte er, ,aber Sie können, mir selbst
ein wenig helfen, wenn Sie die Güte haben wollen.
Ja, mein Herr.
,Haben Sie nicht einen Regenschirm, den ich als
einen Stock benützen könnte?
Neln.
,Versuchen Sie doch, den Zügel meines Pferdes zu
fassen, und führen Sie dasselbe zu mir her. Sie fürchten sich nicht?
Ich würde mich gefürchtet haben, ein Pierd anzu-
rühren, wenn ich allein gewesen wäre. Als man mir es
aber sagte, es zu thun, war ich geneigt zu gehorchen.
Ich legte meinen Muff auf den Steg, und ging an
das große Pferd zu. Ich versuchte, den Zügel in die
Hand zu bekommen, aber es war ein muthiges, gescheidtes Geschöpf, und wollte mich seinem Kopfe nicht
nahe kommen lassen. Ich versuchte es immer wieder
von Neuem, obwohl vergebens; inzwischen hatte ich;
Todesangst vor seinen stampfenden Vorderfüßen. Der
Reisende wartete, und sah eine Zeit lang zu, und endlich lachte er.
,Ich sehe ,' sagte er. Der Berg kommt nicht zu
Mahomet her, somit bleibt Nichts übrig, als Mahomet
zu helfen, zum Berge hinzukommen; ich muß Sie bitten,
hieher zu kommen.
Ich ging zu ihn hin.
,Entschuldigen Sie, fuhr er fort: ich sehe schon,
die Nothwendigkeit zwingt mich, Ihre Hülfe in Anspruch
zu nehmen.
Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter,
und hinkte, sich etwas stark auf mich stützend, zu seinem
Pferde hin. Nachdem er einmal den Hügel erfaßt hatte,
wurde er desselben alsbald Herr, und schwang sich in
den Sattel. Dabei machte er grimmige Grimassen
bei der Anstrengung, die es ihn kostete, denn sein verrenkter Fuß wurde dabei in Mitleidenschaft gezwungen. Sagte er, indem er aushörte, auf seine
Unterlippe zu beißen, geben Sie mir meine Peitsche,
dort liegt sie unter der Hecke.
Ich suchte, und fand sie.
"Danke Ihnen; nun eilen Sie mit Ihrem Briefe
nach Hay und kommen Sie, so geschwind Sie können,
zurück,
Eine Berühruzng mit der gespornten Ferse bewirkte,
daß sein Pferd zuerst ausfuhr und sich bäumte; dann
galoppirte es davon; der Hund folgte nach, und alle
Drei verschwanden.
.Wie Heitekraut, von wildem Wind
Entführet in der Wildniß dort.
Ich nahm meinen Muff wieder, und ging meines
Wegs. Was geschehen war, war für mich vorüber
und war es auch kein wichtiges, kein romantisches und
kein besonders interessantes Ereigniß, so brachte es doch
in eine einzige Stunde eines einförmigen Lebens ab-
wechselung. Mein Beistand war in Anspruch genom-
men worden, und ich hatte ihn nicht versagt: es freuete
mich, Etwas gethan zu haben. War auch das, was
ich gethan, unbedeutend, und war es auch bloß vorübergehend, so war es doch Thätigkeit, und ich war eines
ganz und gar passiven Daseins satt. Auch war das
neue Gesicht gleich einem neuen Gemälde, das in die
Galerie des Gedächtnisses eingeführt worden, und es war
unähnlich allen andern, die dort hingen: zum Ersten,
weil es ein männliches, und zum Zweiten, weil es finster, strenge und kräftig war. Es stand noch vor mir,
als ich in Hay ankam, und den Bries in die Brieflade
auf dem Postbureau gleiten ließ, und ich sah es, als
ich auf dem ganzen Heimwege rasch den Hügel hinabging. Als ich zu dem Stege kam, blieb ich eine Minute stehen, sah mich um, und horchte, indem ich mir
einbildete, es könnten sich abermnals die Hufschläge eines
Pferdes aus dem Wege hören lassen, und es könnte
abermals ein Reiter im Mantel, und ein Gytrash ähnlicher Neufoundländer und sich zeigen. Aber ich sah
blos die Hecke und einen gekappten Weidenbaum vor
mir, der sich still und gerade erhob, um von den Mondstahlen sich küssen zu lassen. Ich hörte nur den leisen
Wind, der unter den Bäumen um Thornfield herum,
in einer Entfernung von einer Stunde, sich regte, bald
mehr, bald minder stark; und als ich in der Richtung
des Gemurmels hinunter sah, traf mein Auges als es
über die Fronte des Schlosses hinlief, auf ein Licht:
das in einem Fenster brannte. Ich sah daraus, daß
ich mich verspätet habe, und eilte weiter.
Es machte mir keine Freude, wieder nach Thornfield Hall zu kommen. Die Schwelle des Schlosses
überschreiten, hieß, in mein träges, passives Leben zurückzukehren; durch die stille Vorhalle schreiten, die finstere Treppe hinaufsteigen, in mein einsames kleines
Zimmer gehen, und dann die ruhige Mistreß Fairfax
aussuchen, und den langen, langen Winterabend mit ihr
allein zubringen, hieß, die durch meinen Spaziergang
erweckte, sanfte Aufregung ganz und gar dämpfen und
darniederdrücken, -- meine Fähigkeiten abermals in
die unsichtbaren Dasein eines einförmigen und allzu
stillen Daseins schmicden, eines Daseins, dessen eigenthümliche Sicherheit und Ruhe ich bereits nicht mehr
zu schätzen wußte. Wie wohlthätig würde es da für
mich gewesen sein, in den Stürmen eines ungewissen,
kämpfenden Lebens umhergeschleudert zu werden, und
durch rauhe und bittere Erfahrung mich nach der Ruhe
sehnen zu lernen, die mir jetzt zuwider war, worüber
ich jetzt murrte! Ja, nicht minderwohlthätig wäre
es für mich gewesen, als es für einen des Sitzens in
einem gemächlichen Lehnstuhle überdrüssigen Mann ist,
einen großen Spaziergang zu machen, und eben so
natürlich, wie bei Letzterem, war auch bei mir der
Wunsch, mich bewegen zu können.
Ich blieb am Thore stehen; ich blieb auf dem Nasenplaze stehen; ich ging auf dem gepflasterten Platze
vor dem Hause auf und ab : die Läden der Glasthüre
waren geschlossen; ich konnte nicht ins Innere sehen,
und sowohl mein Auge, als mein Geist schien von dem
düstern Hause hinweggezogen zu werden -- von der
grauen Höhle voll finsterer Zellen, wie es mir vorkam
-- zu dem vor mir ausgespannten Himmel, - einem
blauen, wolkenlosen Meere, in welchem der Mond mit
feierlichem Schritte emporstieg. Seine Scheibe schien
auszublicken, als er die Gipfel der Hügel verließ, hinter denen er allmählig zum Vorschein gekommen, und
die er immer tiefer und tiefer unter sich zurückließ,
und strebte zum Zenith, mitternächtlich dunkel in seiner
unergründlichen Tiefe und nicht zu messenden Entfer-
nung, auf: jene zitternden Sterne aber, welche ihrem
Laufe folgten, machten mein Herz erbeben, meine Augen
erglühen, als ich sie anblickte. Unbedeutende Dinge
rufen uns zur Erde zurück: die Glocke schlug in der
Vorhalle. Dieß reichte hin: ich wandte mich von Mond
und Sternen ab, öffnete eine Seitenthüre und ging
hinein.
Die Vorhalle war nicht dunkel, auch war sie nicht
bloß durch die hochhhangende bronzene Lampe erleuchtet:
ein helles Licht ergoß sich sowohl über dieselbe, als über
die untern Stufen der eichenen Treppe. Dieser röthliche Schein kam aus dem großen Speisezimmer hervor,
dessen Flügelthüren offen standen, und ein luftiges Feuer
in dem marmornen Kamine mit messingenem Geräth
zeigten, und daneben purpurrothe Draperien und polirte
Möbeln in ihrem prächtigsten Glanze sehen ließen.
Auch ließ er eine neben dem Kamin stehende Gruppe
erkennen; indessen hatte ich sie kaum bemerkt, und
ebenfalls ein frohes Gemisch von Stimmen, unter denen
ich Adelens Laute zu unterscheiden glaubte, kaum vernommen, als die Thüre zuging.
Ich eilte in das Zimmer der Mistreß Fairfax: auch
da war ein Feuer, aber kein Licht, und keine Mistreß
Fairfax. Anstatt ihrer sah ich einen grosen, langhaarigen, schwarz und weißen Hund, ganz ähnlich dem
Gytrash im Heckenwege, ganz allein und aufrecht auf
der Kaminvorlage sitzen und ernsthaft in das Feuer
blicken. Er hatte eine so große Reinlichkeit mit ersterem, daß ich auf ihn zuging und sagte:
,Pilot,? und das Ding stand auf, kam auf mich
zu, und beschnüffelte mich. Ich tätschelte ihn, und er
wedelte mit seinem großen Schwanze; doch sah er wie
ein zu unheimliches Geschöpf aus, als daß ich mit
demselben hätte allein sein mögen, auch konnte ich ja
nicht sagen, woher er gekommen ist. Ich zog die Klingel
an, denn ich wünschte ein Licht zu haben, und ebenso
wünschte ich zu wissen, wie dieser Gast hierhergekommen.
Leah trat ein.
"Was ist das für ein Hund ?
"Er ist mit seinem Herrn gekommen.
"Mit wem? Mit Herrn - Herrn Rochester - er ist eben
angekommen.
In der That? und ist Mistreß Fairfax bei ihm?
Ja, und ebenso Miß Adele: sie sind im Speisezimmer, und John holt einen Chirurgen: denn dem
Herrn ist ein kleines Unglück passirt; sein Pferd ist gestürzt, und er hat sich den Fuß verrenkt.
,Ist das Pferd auf dem nach Hay führenden Wege
gestürz?
Ja, als es den Hügel herabging, es ist auf dem
Eise angeglitten.
,Ah! bring mir ein Licht, Leah; willst Du?
Leah brachte es; bei ihr war Mistreß Fairfax,
welche das, was die Dienerin gesagt, bestätigte und
hinzusetzte, der Wundarzt Garter sei bereits da und
befinde sich bei Herrn Rochester.
Dann eilte sie hinaus, um wegen des Thees das
Nöthige anzuordnen, und ich ging die Treppe hinauf,
um Hut, Mantel u. s. w. abzulegen.
Dreizehntes Kapitel.
Herr Rochester ging, wie es scheint, nach der An-
ordnung des Wundartzs an jenem Abende bald zu
Bette; auch stand er am folgenden Morgen nicht früh auf.
Als er die Treppe berabkam, geschah es, um Geschäfte
zu besorgen: sein Verwalter und einige seiner Pächter
waren gekommen und warteten auf ihn.
Adele und ich mußten nun das Bibliothekzimmer
räumen, da es täglich als Empfangzimmer für Leute,
die mit Herrn Rochester ein Geschäft abzumachen hatten, dienen sollte. Es wurde in einem Zimmer des
ersten Stockwerks Feuer gemachtt ich trug nun unsere
Bücher dahin und richtete es zu unserm künftigen Schulzimmer ein. Im Laufe des Morgens hatte ich keine
Schwierigkeit, zu bemerken, daß mit Thornfield Hall
eine gänzliche Veränderung vorgegangen; es war nicht
mehr still, wie eine Kirche, da fast keine Stunde verging: wo nicht an die Thüre geklopft, oder geläutet
wurde; oft hörte man auch Fußtritte in der Vorhalle,
und neue Stimmen sprachen unten in höherem oder
tieferem Tone: ein Bächlein von der Außenwelt strömte
herein; das Schloß hatte einen Herrn, und, was mich
betrifft, so gefiel es mir so besser.
Adele war an dem Tage nicht leicht zum Lernen
zu bringen: sie war zerstreut. Bald lief sie zur Thür
hinaus, und blickte über das Treppengeländer, in der
Hoffnung, Etwas von Herrn Rochester zu sehen; bald
erfand sie diesen oder jenen Vorwand, die Treppe hinab
zu geben, und, wie ich schlau vermutheie, das Bibliothekzimmer aufzusuchen, wo, wie ich wußte, man sie
nicht brauchen konnte. Wurde ich nun etwas böse, und
brachte ich sie einmal zum Sitzen, so sprach sie unaufhörlich von ihrem, ami, Monsieur lelouarä airkür
Ich hatte seine
Vornamen noch nie gehort -- und stellte Vermuthungen über die Geschenke an, die er ihr wohl mitgebracht; denn wie es scheint, so hatte er den Abend
zuvor einen Wink darüber fallen lassen, daß, wenn sein
Gepäck von Millcote kommen würde, so würde sich darin
eine kleine Schachtel finden, deren Inhalt ihr nicht unerwünscht sein dürfte.
Madlemoiselle, Ich speiste mit meiner Schülerin, wie gewöhnlich,
im Zimmer der Mistreß Fairfax zu Mittag; da der
Nachmittag stürmisch war und das Schneegestöber jeden
Spaziergang unmöglich machte, so blieben wir in dem
Schulzimmer. Mit einbrechender Dunkelheit gab ich
Adelen die Erlaubniß, Bücher und Arbeit wegzulegen,
und die Treppe hinabzugehen; denn aus der verhältnißmäßigen Stille, die unten eingetreten war, so wie
daraus, daß die große Klingel an der Hausthür sich
nicht mehr hören ließ, schloß ich, daß Herr Rochester
nun frei sei. Als ich allein war ging ich an das Fenster, aber von dort aus ließ sich schlechterdings Nichts
sehen: die Dämmerung und die Schneeflocken verdichteten die Luft, und ließen nicht einmal die Geräuche
auf dem Rasenplatze mehr erkennen. Ich ließ den Vorhang herab, und ging an das Kamin zurück,
In den hellen, glühenden Köhlen stellte sich meinem
Auge eine Ansicht dar, nicht unähnlich einem Gemälde
von dem Heidelberger Schlosse am Rhein, das ich mich
erinnerte gesehen zu haben. Als Mistreß Fairfax herainkam, und durch ihren Eintritt die feurige Mosaikarbeit unterbrach, die ich mir zusammensetzte, und zugleich einige allzu schwere, unwillkommene Gedanken
zerstreute, die sich mir in meiner Einsamkeit aufzudrängen begannen.
"Es wäre Herrn Rochester lieb, wenn Sie, und
Ihre Schülerin mit ihm diesen Abend im Gesellschaftszimmer den Thee trinken wollten, sagte sie: ,er ist
den ganzen Tag so sehr beschäftigt gewesen, daß er
Sie noch nicht früher hat zu sich bitten lassen können,
,Wann trinkt er seinen Thee? fragte ich.
,Um sechs Uhr: auf dem Lande steht er
früh auf, und geht er früh zu Bette. Sie würden
gut daran thun, wenn Sie sich jetzt umkleideten; ich
will Ihnen helsfn; hier ist ein Licht.
,Muß ich ein anderes Kleid anziehen?
,Ja, Sie werden wohl daran thun: ich kleide
mich für den Abend stets besser an, wenn Herr Rochester hier ist.
Diese Ceremonie kam mir etwas steif vor; dennoch
begab ich mich in mein Zimmer, und vertauschte mit
Mistreß Fairfax's Hülfe mein schwarzes Zeugkleid mit
einem andern von schwarzer Seide, dem besten und
einzigen, das ich noch hatte neben einem hellgrauen,
das mir nach meinen, von Lowood mitgebrachten Ansichten als zu schön und fein vorkam, um bei andern,
als besonders feierlichen Gelegenheiten, getragen zu
werden.
Sie brauchen noch eine Broche, sagte Mistress
Fairfax. Ich hatte eine, mit einer einzigen kleinen
Perle verzierte, welche Miß Temple mir beim Abschiebe
zum Andenken gegeben hatte: ich steckte sie an, und
dann gingen wir die Treppe hinunter. Da ich an
Fremde so wenig gewöhnt war, so war es für mich
keine feine Aufgabe, vor Herrn Rochester nach einer
so förmlichen Aufforderung zu erscheinen. Mistreß Fairfax mußte zuerst in das Speisezimmer hineingehen, und
ich hielt mich in ihrem Schatten, als wir durch dieses
Zimmer gingen, und, durch den Boger, dessen Vorhang
jetzt niedergelassen war, hindurch, in das elegante, jenseit liegende Gemach traten.
Zwei Wachskerzen standen brennend auf dem Tische,
und zwei auf dem Kaminsimse; dem Lichte und der
Wärme eines prächtigen Feuers ausgesetzt, lag Pilot
da - Adele kniete neben ihm. In halbliegender Stellung zeigte sich Herr Rochester auf einem Sopha, mit
auf dem Kissen ruhendem Fuße; er sah Adele und den
Hund an, und das Feuer schien ihm voll ins Gesicht.
Ich kannte meinen Reisenden mit seinen breiten Zügen,
brauen, schwarz wie Granat; seiner viereckigen Stirn,
noch eckiger gemacht durch die horizontale Richtung
seines schwarzen Haares. Ich erkannte seine entschiedene
Nase, die mehr durch Charakter, als Schönheit bemerkenswerth war; seine weiten Nasenlöcher, die, wie ich
glaubte, ein zorniges Temperament andeutetend seinen
grimmen Mund, sein grimmen Kinn und seinen grimmen
Unterkiefer - ja, alle drei waren sehr grimmig, und
es war keine Täuschung möglich. Seine Gestalt, die
jetzt von keinem Mantel verdeckt war, erschien mir nicht
minder eckig, als sein Gesicht: ich glaube, es war eine
gute Gestalt im athletischen Sinn des Worts --- die
Brust breit, und die Taille schmal; was aber die ganze
Gestalt betrifft, so konne sie weder groß, noch graziös
genannt werden.
Herr Rochester mußte bemerkt haben, daß Mistreß
Fairfax und ich eingetreten waren; allein es schien, er
sei nicht in der Stimmung, von uns Notiz zu nehmen,
denn er erhob seinen Kopf nicht, als wir uns näherten.
Hier ist Mis Eyre, Sir,? sagte Mistreß Fairfax
in ihrer ruhigen Weise. Er nickte mit dem Kopf,
ohne indessen sein Auge von der Gruppe des Hundes
und Kindes abzuwenden.
,Miß Eyre mag Platz nehmen,! sagte er: und
es lag in der gezwungenen, steifen Verbeugung, in dem
ungeduldigen, und doch gezierten Tone Etwas, was
noch weiter zu sagen schien: ,was zum Henker liegt
mir daran, ob Miß Eyre da ist oder nicht? In diesem
Augenblicke bin ich nicht in der Stimmung, sie anzuhören. Ohne alle Verlegenheit setzte ich mich. Wahrscheinlich hätte ein ausgesucht höflicher Empfang mich
verwirrt: ich hätte Grazie und Eleganz nicht wieder
mit Grazie und Eleganz erwiedern können; aber die
rauhe Laune enthob mich aller Verpflichtung, und so-
bald ich nur ein anständiges Schweigen beobachtete,
hatte ich den Vortheil ganz auf meiner Seite. Auch
Miss
Fairfax mit ihrem Strickzeug sich in eine Ecke gesetzt
hatte, während Adele mich bei der Hand im Zimmer
herumführte, und mir die schönen Bücher und Zierathen
auf den Wandgestellen und Chiffonseren zeigte.
Wir gehorchten, wie wir verbunden waren. Adele
wollte sich auf meinen Schooß setzen, erhielt aber den
Befehl, sich mit Pilot zu thun zu machen.
,Sie sind nun seit drei Monaten in meinem
Hause?
Ja, Sir.?
, Und Sie kommen von Haus der Schule zu kowood, in der Grafschaft - ist eine wohlthätige Anstalt. - Wie lange sind
Sie dort gewesen ?
,Acht Jahre.
,Acht Jahre! Sie müssen ein zähes Leben haben.
Ich dächte, die halbe Zeit, in einem solchen Orte zugebracht, müßte eine Constitution, so gut man dieselbe
sich immer denken mags aufreiben! Kein Wunder, daß
Sie aussehen, als kämen Sie eher aus einer andern,
als dieser Welt, Es wunderte mich, woher Sie doch
diese Art von Gesicht haben möchten. Als Sie gestern
Abend auf dem nach Hay führenden Heckenwege mir
so unerwartet aufstießen, dachte ich unwillkürlich an
Feenmährchen, und war versucht, Sie zu fragen, ob;
Sie mein Pferd nicht behert hätten, und noch jetzt bin
ich meiner Sache nicht ganz gewiß. Wer sind Ihre
Eltern?
,Ich habe keine.
Vermuthe, Sie haben auch nie welche gehabt:
erinnern Sie sich derselben?
,Nein.
,Wie ich mir wohl dachte, und Sie haben also
auf Ihre Leute gewartet, als Sie auf jenem Stege
saßen?
,Auf wen, Sir?
,Auf die grün gekleideten Männer: es war ein
passender Mondscheinabend für Sie. Habe ich einen
Ihrer Kreise durchbrochen, daß Sie das verdammte
Eis über die Straße breiteten?
Ich schüttelte den Kopf.
,Die Grünröcke haben England nun schon seit
100 Jahren verlassen, sagte ich, in eben so ernstem
Tone, wie er zuvor. Und nicht einmal in Hay Lane;
oder auf den Feloern umher ließe sich eine Spur von
ihnen finden. Ich denke, weder der Sommers, noch
der Herbst, noch der Wintermond wird je wieder ihre
Lustbarkeiten bescheinen.
Mistreß Fairfax hatte ihr Strickzeug auf ihren
Schoss fallen lassen, und schien mit erhobenen Augenbrauen sich verwundert zu sagen, was denn das für
ein Gespräch sei.
Nun, fing Herr Rochester wieder an, wenn
Sie gar keine Eltern haben wollen, so müssen Sie doch
wohl Verwandte irgend einer Art, Oheime, oder Tanten haben?
,Nein; keine, so ich je gesehen.
,Und Ihre Heimath?
Ich habe keine.
Wo halten Ihre Brüder und Schweftern sich
auf ?
,Ich habe weder Brürer noch Schwestern.
,Wer hat Sie hieher empfohlen?
,Ich habe eine Ankündigung in die Zeitung drücken
lassen, und Mistreß Fairfax hat mir darauf geantwortet.
,Ja; sagte die gute Dame, die jetzt wußte, auf
welchem Boden wir uns befanden; ,und ich danke täglich der Vorsehung, daß sie mich diese Wahl hat treffen
lassen. Miß Eyre ist für mich eine unschätzbare Gesellschafterin, und für Adele eine freundliche, sorgsame Lehrerin gewesen,
Bemühen Sie sich nicht, ihr ein Zeugniß auszustellen,? entgegnete Herr Rochester: ,ob sprüche werden
auf mein Urtheil nie einen Einflus haben: ich urtheile
nach meinen eigenen Einbrücken. Sie hat damit begonnen, daß sie mein Pferd stürzen machte.
,Sie? sagte Mistreß Kairsar.
,Diese Fußverrenkung verdanke ich ihr.
Die Witwe wußte ofenbar nicht, was sie denken
sollte.
Miß Eyre, haben Sie auch schon in einer Stadt
gelebt?
,Nein, Sir.
,Haben Sie schon viel Gesellschaft gesehen?
,Keine, als die Schülerinnen und Lehrerinnen zu
Lowood, und nun die Bewohner Thornfields.
,Haben Sie viel gelesen?
Nur solche Bücher, die mir zufällig in die Hand
kamen; und dieselben sind weder zahlreich, noch gelehrt
gewesen.
"Sie haben wie eine Nonne gelebt: ohne Zweifel
haben Sie die religiösen Gebräuchr und Formen tüchtig los : - Herr Brocklehurst, der, wie ich höre, Director
der Schule zu Lowood ist, ist Pfarrer, nicht wahr?
,Ja, Sir.?
" Und Ihr Mädchen haben ihn wahrscheinlich verehrt, wie ein Kloster voller Nonnen ihren Beichtvater.'
Nein.
,Sie sind sehr kühl! Nein! Wao! Eine Novize
verehrt ihren Priester nicht? Das klingt ja ganz gotteslästerlich.!
Ich habe Herrn Brocklehurst nie leiden mögen;
auch war ich nicht die Einzige, die dieses Gefühl hegte.
Er ist ein rauher Monn, zu gleicher Zeit fromd, und
sich in Alles mischend: Er hat uns das Haar abschneiden lassen, und hat uns aus Sparsamkeit schlechte Nadeln und schlechten Faden gekauft, womit wir kaum zu
nähen im Stande waren.
Das war eine sehr übel angebrachte Sparsam-
keit, bemerkie Mistreß Fairfax, die nun wieder wußte,
wovon man eigentlich sprach.
,Und war das Alles, wodurch er sich gegen Euch
vergangen hat? fragte Herr Rochester.
,Er ließ uns Hunger leiden, als er, vor Einsetzung des Comites, allein die Oberaufsicht über Alles, was die Beköstigung betraf, führte. Auch langweilte er uns jede Woche einmal mit langen Predigten
und Abendvorlesungen aus, von ihm selbst verfaßten,
Büchern, worin von jähem Tode und Gerichten geschrieben stand, - weßhalb wir uns fürchteten, zu Bette zu
gehen.
,Wie alt sind Sie gewesen, als Sie nach Lowood
kamen ?
,Etwa zehn Jahre.?
,Und Sie sind acht Jahre dort geblieben: mithin
sind Sie jetzt achtzehn?
Ich bejahte es.
Die Rechenkunst ist, wie Sie sehen, ein nützliches
Ding: ohne deren Hülfe wäre ich kaum im Stande ge-
wesen, Ihr Alter zu errathen. Das ist überhaupt etwas Schweres, wo Ausdruck und Gesichtszüge so wenig
harmoniren, wie bei Ihnen. Und nun, was haben Sie
in Lowood gelernt? Spielen Sie Klavier?
"Ein wenig.
,Natürlich: das ist die Antwort, die man immer
zu hören bekommt. Gehen Sie in das Bibliothekzimmer - ich meine, wenn Sie die Güte haben wollen.
Entschuldigen Sie den befehlenden Ton, in dem ich zu
Ihnen sprechet ich bin gewohnt, zu sagen ,.Thue
dieß, und es geschieht: ich kann um einer neuen
Hausgenossin willen meine alten Gewohnheiten nicht
ändern. So gehen Sie denn in das Bibliothekzimmer, nehmen Sie ein Licht mit, lassen Sie die Thür
offen stehen, setzen Sie sich an das Piano - Forte, und
spielen Sie Etwas.
Ich ging, und that, wie er mir gesagt.
,Genug rief er nach einigen Minuten. ,Wie
ich sehe, so spielen Sie ein wenig, wie jedes andere
englische Mädchen, das die Schule besucht hat: vielleicht etwas besser, als diese oder jene, aber nicht gut.
Ich machte das Klavier zu und kam zurück. Herr
Rochester fuhr fort: ,Adele hat mir diesen Morgen einige Skizzen gezeigt, die Sie gemacht haben sollen, wie sie sagte.
Ich weiß nun nicht, ob dieselben ganz von Ihnen
sind: wahrscheinlich hat ein Zeichnungslehrer Ihnen
geholfen?
,Nein, in der That! warf ich ein.
"Ah, das verwundet Ihren Stolz. Nun gut, so
holen Sie mir Ihre Mappe, wenn Sie dafür einzustehen vermögen, daß ihrem Inhalt der Name von
Originalien zukommt; geben Sie Ihr Wort aber ja
nicht, wenn Sie Ihrer Sache nicht gewiß sind: ich
kann zusammen gesticktes Zeug wohl unterscheiden.'
,In dem Falle sage ich Nichts: Sie sollen selbst
urtheilen, Sir.'
Ich brachte die Mappe aus der Bibliothek herbei.
,Schieben Sie den Tisch etwas mehr herbei"
sagte er, und ich rollte denselben vor sein Sopha hin.
Adele und Mistreß Fairfax kamen auch herbei, um die
Gemäälde zu sehen.
,Kein Gedränge, sagte Herr Rochester; nehmen
Sie die Zeichnung aus meiner Hand, wenn ich damit
fertig bin; strecken Sie aber nicht das Gesicht zu meinem her.
Er betrachtete jede Skizze, und jedes gemalte Bild
mit vieler Bedächtigkeit. Drei legte er bei Seite; die
andern schob er von sich, als er sie angesehen hatte.
,Nehmen Sie sie weg : und thun Sie sie auf den
andern Tisch, Mistreß Fairfax,! sagte er 'und sehen
Sie sie mit Adelen an; - Sie aber seinen Blick auf
mich werfend, setzen Sie sich wieder, und antworten Sie mir auf meine Fragen. Ich sehe, diese Bilder
sind von einer einzigen Hand gemalt: war es Ihre
Hand?
,Ja.
Und wann haben Sie die Zeit dazu gefunden?
Sie haben viele Zeit und auch einiges Nachdenken gekostet.
,Ich habe sie während der zwei letzten Ferien ge.
macht, die ich zu Lowood zubrachte, wenn ich nichts
Anderes zu :thun hatte.
"Wo haben Sie die Originalien hergebracht?
"Aus meinem Kopfe.!
,Aus dem Kopfe, den ich jetzt auf Ihren Schultern sehe ?
,Ja, Sir.?
,Ist derselbe noch mit andern derartigen Dingen
ausstattet?
,Ich sollte es denken: wie ich fast hoffe - noch
mit besseren.
Er breitete die Gemälde vor sich hin, und betrachtete sie nach der Reihe noch einmal.
Während er also beschäftigt ist, will ich Dir sagen,
lieber Leser, welcher Art dieselben sind. Und vor Allem
muß ich vorausschicken, daß sie nichts Außerordentliches
sind. In der That waren die Gegenstände, welche sie
darstellten, lebhaft vor meinem Geiste erschienen. Als
ich sie mit dem Auge meines Geistes sah, ehe ich es
versuchte, sie zu verkörpern, hatten sie etwas Auffallendes, Imposantes, aber meine Hand blieb hinter meiner
Phantasie zurück, und stets hatte sie nur ein gar sehr
abgeblaßtes Bild von Dem hervorgebracht, was meiner
Phantasie erschienen war.
Diese Bilder waren in Wasserfarben gemalt. Das
erste stellte niedrige, bleifarbige, über eine hochgehende
See dahinrollende Wolken dar: der ganze ferne Hin-
tergrund war im Dunkel gehüllt, und ebenso auch der
Wolken: denn Land war nicht da. Ein Lichtschimmer
hob einen halb untergetauchten Mast hervor, auf dem
ein schwarzer und großer Seerabe mit schaumbespritzten
Flügeln saß; sein Schnabel hielt ein goldenes, mit
Edelsteinen besetztes Armband, dem ich so glänzende
Farben gegeben hatte, als meine Palette nur zuließ,
und eine so schimmernde Deutlichkeit, als mein Pinsel
gestattete. Unter den Vogel und den Mast hinabsinkend,
sah ein Körper, der den Tod in den Wellen gefunden,
aus dem grünen Wasser hervor; ein weißer Arm war
das einzige Glied, das man deutlich sah: von diesem
war das Armband abgespült oder abgerissen worden.
Das zweite Bild enthielt als Vordergrund Nichts,
als den äußeren Gipfel eines Hügels, mit Gras und
einigen Blättern, die wie durch einen sanften Wind
aus die Seite gewendet wurden. Jenseits und über
demselbeu dehnte sich das Himmelsgewölbe aus, dunkelblau, wie beim Zwielicht: zum Himmel sich emporheden sah man die Brüste einer weiblichen Gestalt, die
mit so düsteren und lustigen Farben gemalt war, als
ich zu mischen im Stande gewesen war. Die nebelumschwommene Stirn krönte ein Stern; die Züge des
darunterliegenden Gesichtes sahen wie aus einem Dunst
hervor, die Augen funkelten dunkel und wild, das
Haar flog wie ein Schatten dahin, wie eine glanzlose
Wolke, die vom Sturm, oder von elektrischer Kraft
zerrissen war. Am Halse bemerkte man einen blassen
Wiederschein, wie Mondlicht; und der nämliche mate
Glanz berührte den Strefen dünner Wolken, woraus
diese Erscheinung des Abendsterns ich erhob und herniederneigte.
Das dritte zeigte die Kuppe eines Eisbergs, die
durch den Winterhimmel am Nordpol hindurchbricht:
ein Haufen Nordlichter erhob den Horizont entlang seine
undeutlichen Lanzen in diesem Gedränge. Dieß zurück
in den Hintergrund drängend, erhob sich im Vordergrunde ein Haupt, -- ein rießges Haupt; gegen den
Eisberg geneigt, - und auf demselben ruhend. Zwei
schmale Jünge, unter der Stern gefaltet und diese
stützend, verdeckten die untern Züge des Gesichtes mit
einem schwarzen Schleier; eine ganz und gar blutlose
Stirn, weiß wie Bein, und ein hohles starres Auge,
in dem Nichts zu lesen war, als der gläserne Ausdruck
der Verzweiflung, waren allein sichtbar. Neben den
Schläfen, unter gewundenen Turbanfalten von schwarz
Draperie, unbestimmt in Charakter und Consistenz, wie
eine Wolke, funkele ein Ring von weißen Flammen,
mit Funken von düsterer Färbung, wie mit Edelsteinen
besetzt. Dieser blasse Halbmond war das Abbild einer
Königskrone: das, worum es sich wand,
war die -estalt, die keine Gestalt hatte.
,Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder malten? fragte Herr Rochester einen Augenblick darauf.
Ich war ganz in Gedanken vertieft, Sir: ja, und
ich war glücklich. Mit Einem Worte, als ich dieselben
malte, empfand ich ein Vergnügen, so lebhaft wie nur
je in meinem Leben.
,Das will nicht viel sagen. Ihre Freuden, Ihre
Vergnügungen sind, wie Sie ja selbst sagen, nur wenn
an der Zahl gewesen doch Sie mußten wohl, während
Sie diese seltsamen Farben mischten und ordneten, in
einer Art künstlerischen Traumlandes sein. Saßen Sie
immer lange dabei?
,Ich hatte sonst Nichts zu thun, da es Ferienzeit
war, und ich saß dabei vom Morgen bis zum Mittag,
und vom Mittag bis zum Abend: die langen Sommere-
tage um Johann begünstigten meine Neigung so fleißig
wie möglich zu sein.
"Und Sie waren innerlich zufrieden mit dem Ergebnisse Ihrer beharrlichen Arbeiten?
Weit entfernt. Der große Abstand zwischen meiner
Idee und meiner Lände Arbeit quälte mich: immer hatte
ich mir Etwas gedacht, was ich ganz und gar unver-
mögend war auszuführen.
,Nicht so ganz: Sie haben den Schatten Ihres
Gedankens hingeworfen, wahrscheinlich aber Nichts weiter. Es gebrach Ihnen an der künstlerischen Geschick-
lichkeit und Wissenschaft, um denselben ganz auszuführen; indessen sind die Zeichnungen für ein Schulmädchen eigenthümlich genug. Was die Gedanken betrifft,
so sind sie elfenhaft. Diese Augen in dem Abendstern
müssen Sie in einem Traum gesehen haben. Wie haben
Sie es angegriffen, um denselben ein so klares, und
dennoch durchaus nicht glänzendes Ausssehen zu geben?
Denn der Planet darüber dämft ihre Strahlen. Und
welche Bedeutung liegt nicht in ihrer ernsten Tiefe?
Und wer hat Sie gelehrt, den Wind zu malen? Unter
dem Himmel da weht ein heftiger Sturm, und ebenso
hier über diesem Hügel. Wo haben Sie Latmos ges-
sehen? - denn das ist Latmos. Da, nehmen Sie
die Zeichnungen hinweg.
Ich hatte meine Mappe kaum zugebunden, als er,
auf seine Uhr blickend, mit einem Male sagte: "Es ist neun Uhr: was denken Sie, Miß Eyre,
daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen? Bringen
Sie sie zu Bett?
Adele ging zu ihm hin, um ihn zu küssen, ehe sie
das Zimnner verließ: er duldete diese ihre Liebkosungs
schien aber kaum mehr Vergnügen daran zu empfinden,
als Pilot empfunden haben würde, oder vielleicht nicht
einmal so viel.
,Nun wünsche ich Euch Allen guten Abend,? sagte
er, eine Bewegung mit der Hand nach der Thüre zu
machend, zum Zeichen, daß er unsere Gesellschaft nicht
länger wünsche. Mistreß Fairfax machte ihr Strickzeug
zusammen: ich nahm meine Mappe: wir verneigten
uns gegen ihn, erhielten dafür von ihm eine kalte Verbeugung, und nahmen so Abschied von ihm.
"Sie sagten, Herr Rochester sei nicht sehr eigen
Mistreß Fairfax, bemerkte ich, als ich sie wieder in
ihrem Zimmer antraf, nach dem ich Adele zu Bette gebracht hatte.
,Nun, ist er denn so sehr eigen?
,Ich glaube so: er ist sehr veränderlich; auch
spricht er so abgebrochen.'
"Das ist wahr: ohne Zweifel mag er einer fremden Person so erscheinen, aber ich bin an sein Wesen
schon so gewöhnt, daß ich nie daran denke. Und dann,
wenn er etwas Besonderes in seinem Temperameute
hat, so darf man ihm wohl Etwas zu gute halten.
,Warum ?
,Zum Theil, weil es so seine Natur mit sich bringt,
- und Niemand kann ja dagegen Etwas: zum Theil
hat er ohne Zweifel schmerzlice Gedanken, die ihn quälen, und seine Stimmung nicht gleich bleiben lassen.
.Weßhalb ?
, Familiensorgen, zum Theil?
,der, er hat ja keine Familie ?
,Nicht jetzt: aber er hat doch eine solche gehabt
- oder wenigstens Verwandte. Erst vor wenigen Jahren
hat er seinen älteren Bruder verloren.
,Seinen älteren Bruder?
, Ja. Der gegenwärtige Herr Rochester ist noch
nicht so lange im Besitze des Vermögens: es sind erst
etwa neun Jahre.
"Neun Jahre sind eine schöne Zeit. Hatte er denn
seinen Bruder so gern, daß er wegen seines Todes im-
mer noch untröstlich ist?
,Nein - vielleicht nicht. Ich glaube, es walteten
zwischen ihnen einige Misverständnisse nie ab. Herr Rowland Rochester war nicht ganz billig gegen Herrn Edwar ; und vielleicht nahm er seinen Vater gegen ihn
ein. Der alte Herr liebte das Geld gar sehr, und
wollte das Familiengut beisammen behalten. Er wollte
das Vermögen nicht durch Theilung verringern, und
doch sollte Herr Edward auch reich sein, um den Glanz
des Namens aufrecht zu halten: und sobald er voll-
jährig war, wurden einige Schritte gethan, die nicht
ganz ehrlich waren, und viel Unheil anrichteten. Der
alte Herr Rochester und Herr Rowland vereinigten sich,
um Herrn Edward in eine Lage zu bringen, die er als
eine peinliche ansah, einzig und allein, um sein
Glück zu machen. Welcher Art eigentlich diese Lage
war, habe ich nie genau erfahren: aber sein Geist
konnte nicht ertragen, was er dabei zu leiden hatte. Er
ist nicht sehr versöhnlich, und so brach er mit seiner
Familie, und hat nun seit vielen Jahren ein unslätes
Leben geführt. Ich denke nicht, daß er sich in Thornfield je vierzehn Tage hinter einander angehalten hat,
seitdem er in Folge des Todes seines ohne Testament
gestorbenen Bruders Herr des Stammgutes geworden
ist: und es ist in der That kein Wunder, wenn er den
alten Ort meidet.
Welche Ursache hat er aber, ihn zu meiden?
,Vielleicht hält er ihn für gar zu traurig, für
unheimlich.
Die Antwort war eine ausweichende - ich hätte
eine klarere gewünscht: aber Mistreß Fairfax konnte
entweder, oder wellte mir nicht ausführlicher Auskunft
über den Ursprung und die Beschaffenheit der Prüfungen, die Herr Rochester durchgemacht, geben. Sie
behauptete, es seien dieselben für sie selbst ein Geheimniß, und was sie wisse, grüünde sich hauptsächlich nur
auf Vermuthungen. Augenscheinlich wünschte sie, daß
ich den Gegenstand ruhen lassen möchte, - was ich
daher auch that.
Vierzehntes Kapitel.
Mehrere Tage lang sah ich nun von Herrn Rochester nur wenig. In den Morgenstunden schien er viel
zu thun zu haben, und Nachmittags kamen Herren von
Millcote, oder aus der Nachbarschaft, und blieben bis-
weilen bei ihm zu Tische. Als sein verrenkter Fuß
wieder so weit kurirt war, daß er sein Pferd besteigen
konnte, ritt er viel aus, wahrscheinlich, um diese Besuche zu erwiedern, da er gewöhnlich erst spät in der
Nacht zurückkam.
Während dieser Zeit durfte selbst Adele nur selten
vor ihm erscheinen, und die ganze Bekanntschaft zwischen ihm und mir beschränkte sich auf eine zufällige
Begegnung in der Vorhalle, auf der Treppe, oder in
der Galerie: da ging er bisweilen stolz und kalt an
mir vorüber, ohne mich auf andere Weise zu grüssen,
als durch ein leichtes, fast unbemerkliches Nicken mit
dem Kopfe oder durch einen kalten Blick; bisweilen
aber lächelte er und verneigte er sich mit der einem
Cavalier zukommenden Höflichkeit. Seine ungleiche
Stimmung beleidigte mich aber nicht, weil ich sah, daß
ich daran keine Schuld habe: die Ebbe und Fluth hing
von Ursachen ab, mit denen ich durchaus in keiner
Verbindung stand.
Eines Tags hatte er Gesellschaft zum Mittagessen
und mir um meine Mappe bitten lassen, ohne Zweifel,
um deren Inhalt zu zeigen. Die Herren entfernten sich
bald, um zu einer öffentlichen Versammlung in Millcote
zu gehen wie Mistreß Fairfax mir sagte: da aber die
Nacht naß und unfreundlich war, so begleitete Herr
Rochester sie nicht. Bald nach ihrer Entfernung klingelte er: es kam eine Botschaft, des Inhalts, daß ich
mit Adelen hinunter kommen solle. Ich bürstete Adelens Haar zurecht, und putzte sie heraus, und nachdem
ich mich überzeugt hatte, daß ich selbst auf meine gewöhnliche quäkerhafte Weise genutzt sei, so daß es Nichts mehr zu verbessern gebe -- Alles, das geflochtene Haar mit inbegriffen war zu einfach, zu dicht
anliegend, als daß es hätte wieder aus der Ordnung
kommen können -- gingen wir hinab. Adele war neugierig zu sehen, ob der kleine Koffer endlich angekommen, denn durch irgend ein Versehen war die Ankunft
desselben bis jetzt verzögert worden. Ihr Verlangen
wurde befriedigt: da stand er, -- eine kleine Schachtel - auf dem Tische, als wir in das Speisezimmer
traten. Sie schien es instinktmäßig zu wissen.
“Ma boîte! ma boîte!’- rief sie, darauf zueilend.
"Da - da ist Deine ‘boîte’ endlich: nimm sie
in einen Winkel, Du ächtes Pariser Kind, und unterhalte Dich damit, daß Du sie entleerest,' sagte die tiefe
und etwas sarkastische Stimme des Herrn Rochester, die
aus der Tiefe eines ungeheuren, neben dem Kamin
stehenden Lehnstuhls hervorkam. ,Und merke Dir,! fuhr
er fort, ,Du darfst mich nicht mit den Einzelheiten des
Zergliederungsprozesses, noch auch mit Bemerkungen über
die Beschaffenheit des Inhalts belästigen: Deine Operation möge in aller Stille vor sich gehen -- tiens-toi tranquille, enfant; comprends- tu?’
Adele schien der Warnung kaum zu bedürfen;
schon hatte sie sich mit ihrem Schatze zu einem Sopha
hingemacht, und war damit beschäftigt, die Schnur,
womit der Deckel befestigt war, aufzulösen. Als sie
dieses Hinderniß entfernt, und gewisse Umschläge aus
Silberpapier aufgehoben hatte, rief sie blos: “Oh Ciel! Que c’est beau!’ und blieb dann
in freudige Betrachtung versunken.
,Ist Miß Eyre da?’ fragte nun der Herr, halb
von seinem Sitze aufstehen, um nach der Thür hinzublicken, in deren Nähe ich mich noch hielt.
"Ah, gut; kommen Sie her, nehmen Sie hier
Platz, und er zog einen Stuhl zu dem seinigen hin.
,Ich habe das Kindergeplauder nicht gern, fuhr er
fort; wenn als alter Junggesell verbinde ich mit ihrem Lispeln keine angenehmen Erinnerungen. Es wäre mir
unerträglich, einen ganzen Abend mit einem so kleinen Balg zuzubringen. Ziehen Sie den Stuhl
da nicht weiter weg, Miß Eyre; sitzen Sie gerade
hin, wo ich den selten hingestellt habe -- d. h. wenn
Sie wollen. Der Henker hole diese häslichen Redensarten! Stets vergesse ich sie. Auch habe ich keine absonderliche uneigung zu alten, einfältigen Frauen.
Beiläufig gesagt, muß die meinige aber doch herein;
es geht nicht an, sie zu vernachläßigen: sie ist eine
Fairfax, oder doch an einen verheirathet gewesen; und
Blut, sagt man, ist dicker, denn Wasser.
Er klingelte, und ließ Mistreß Fairfax einladen,
die auch bald, mit dem Strickkörbchen in der Hand,
herunterkam.
,Guten Abend, Madam : ich habe in einer menschenfreundlichen Absicht nach Ihnen geschickt: ich habe
nämlich Adelen verboten, mir von ihren Geschenken vorzuschwatzen, und sie ist in Gefahr, vor Ueberfülle zu
lagen; haben Sie die Güte, ihr als Zuhörerin zu
dienen, und sprechen Sie ein Bischen mit ihr. Es wird
eine der wohlthätigsten Handlungen sein, die Sie je
verrichten.
In der That, kaum hatte Adele Mistreß Fairsar
erblickt, so mußte Letztere auch zu dem Sopha herankommen. Sofort ergoß sich der porzellanene, elfenbeinerne und wächserne Schatz der Schachtel in den Schoß
der guten Dame, während Adele in dem gebrochenen
Englisch, das ihr zu Gebot und gegen dieselbe ihr
Enttzücken ausdrückte, und ihr Alles zu erklären suchte.
,Nachdem ich nun die Rolle eines guten Wirths
gespielt, und meine Gäste in den Stand gesetzt habe,
einander zu unterhalten, fuhr Herr Rochester fort,
,sollte ich meinem eigenen Vergnügen nachgehen dürfen. Miß Eyre, ziehen Sie Ihren Stuhl noch etwas
näher zu mir her: Sie sind noch zu weit weg, ich
kann Sie nicht sehen, ohne mich in diesem bequemen
Stuhle zu derangiren, wozu ich keine Lust habe.
Ich that, wie man mich geheißen, obgleich ich lieber etwas im Schatten geblieben wäre; doch Herr
Rochester hatte eine Art zu befehlen, bei der der Gehorsam sich so zu sagen von selbst verstand.
Wie gesagt, wir waren in dem Speisezimmer: der
Kronleuchter, der zum Mittagessen angezünndet worden,
erfüllte das Zimmer mit festlichen Lichtströmen; das
große Feuer im Kamin war ganz roth und hell; die
purpurnen Vorhänge hingen in reichen Falten von dem
hohen Fenster und dem noch höheren Bogen herab:
Alles war still, und man hörte außer dem gedämpften
Geplauder Adelens, sie wagte nicht laut zu sprechen, nur noch den gegen die Fensterscheiben schlagenden Winterregen, der jede Pause ausfüllte.
Herr Rochester, wie er in seinem mit Damast überzogenen Lehnsessel so da saß, erschien mir als ein anderer Mann, denn bisher, er sah nicht ganz so streng
aus, und bei Weitem nicht so finster. Es lag ein
Lächeln auf seinen Lippen, und es funkelten seine Augen, ob vom Wein, oder nicht, kann ich nicht sagen;
doch halte ich es für sehr wahrscheinlich. Mit Einem
Watt, er war in der Stimmung in der man ihn gewögnlich nach dem Mittagessen sah: heiterer, gesprächiger, freundlicher und auch selbstzufriedener, als des
Morgens, wo die kalte, strenge Stimmung vorherrschte:
auch sah er immer noch gar grimmig aus, indem er
seinen massiven Kopf gegen die schwellende Lehne seines
Stuhles zurückbeugte, und das Licht des Feuers auf
seine, aus Granit gehangenen Züge und auf seine gro-
ßen, schwarzen Augen fiel - denn er hatte große,
schwarze, und dazu sehr schöne Augen, in ihrer Tiefe
zuweilen nicht ohne eine gewisse Veränderung, die, wenn
sie auch nicht Milde war, doch wenigstens an dieses
Gefühl erinnerte.
Er hatte zwei Minuten lang auf das Feuer hingeblickt und ich ihn ebenso lange angesehen, als er, sich
plötzlich umwendend, meinen auf sein Gesicht gerichteten
Blick gewahrte.
,Sie sehen mich an, Miß Eyre, sagte er, halten Sie mich für schön?
Hätte ich mich etwas besonnen, so würde ich auf
diese Frage mit einigen unbestimmten und höflichen
Worten, wie man gewöhnlich thut, geantwortet haben;
aber, ich weiß nicht wie es kam. noch ehe ich es selbst
gewahr wurde, entschlüpften meiner Zunge die Worte,
,Nein, Sir'
"Ah, bei meinem Wort! Sie haben etwas Eigenthümliches an sich, sagte er: ,Sie sehen wie eine
kleine Nonne aus, seltsam, zierlich, ruhig, ernst und
einfach, wie Sie dasitzen, mit Händen, die Sie vor sich
hinhalten, und Augen, die Sie gewöhnlich auf den
Fußteppich heften (ausgenommen, beiläufig gesagt, wenn
sie mit durchbohrender Schärfe, wie z. B. eben jetzt,
auf mein Gesicht geheftet sind: und wenn man Sie
Etwas fragt, oder eine Bemerkung macht, worauf Sie
antworten müsen, so springt eine runde Erwiederung
heraus, die, wenn auch nicht barsch, so doch barsch ist.
Was meinen Sie damit ?
"Sir, ich habe meine Meinung zu offen gesagt,
ich bitte Sie um Verzeihung. Ich hätte antworten
sollen, es sei nicht leicht, aus dem Stegreif auf eine
Frage über das Aussehen zu antworten: daß der Geschmack verschieden sei; daß auf Schönheit wenig ankomme oder etwas der Art.
,Nein, nein, Sie hätten nicht dergleichen antworten sollen. Wie, auf Schönheit kommt wenig an! Und
so stechen Sie mir, unter dem Vorwande, der früheren
Beleidigung einigermaßen ihren Stachel zu nehmen,
und mich zu besänftigen, schlau ein Federmesser unter
das Ohr! Fahren Sie fort: was haben Sie an mir
aufzusetzen, wenn's gefällig ist? Ich denke doch, ich
habe Glieder und Gesichtszüge, die denen eines jeden
andern Mannes ähnlich sind.
,Herr Rochester, erlauben Sie mir, das ich meine
erste Antwort zurücknehme: ich beabsichtigte keine beißende Erwiederung: es war ein bloses Versehen.
"Gerade so: ich glaube so, und Sie sollen dafür
Reb und Antwort stehlen. Kritikiren Sie mich: gefällt
Ihnen etwa meine Stirne nicht? Er hob die schwarzen Haarwellen, die horizontal
über seiner Stirne lagen, und eine ziemlich solide Masse
intellectueller Organe sehen ließen, in die Höhe; jedoch
war auf derselben ein plötzlicher Mangel da zu bemerken, wo das holde Zeichen des Wohlwollens sich hätte
zeigen sollen.
,Nun, Ma'am, bin ich ein Thor?
"Weit entfernt, Sir! Sie würden mich vielleicht
für grob halten, wenn ich Sie dagegen fragen wollte,
ob Sie ein Menschenfreund seien.
"Da haben wir es schon wieder! Ein neuer Stich
mit dem Federmesser, während sie sich stellte, als wollte
sie mir den Kopf streicheln: und das, weil ich gesagt
habe, ich liebe die Gesellschaft von Kindern und alten
Weibern, sagen wir das leise! Nein, junge
Dame, ich bn kein allgemeiner Menschenfreund; aber
ich habe ein Erwissen; und er deutete auf die prominenten Theile seiner Stirn, welche diese Fähigkeiten
anzeigen sollen -- und die, glücklicherweise für ihn,
hinreichend sichtbar waren, indem sie in der That dem
obern Theil seines Kopfes eine ausgezeichnete Breite
verliehen: ,und zudem besaß ich einst eine Art rauher
Weichherzigkeit. In Ihrem Alter war ich ein leidlich
gefühlvoller Junge, eingenommen für die Unbekleideten,
Ungenädten, Unglücklichen; aber das Schicksal hat
mich seitdem herumgeworfen: ja es hat mich sogar mit
seinen Knöcheln geknetet, und nun schmeichle ich mir,
so hart und zähe zu sein, wie ein Ball aus Gummielasticum, obgleich immer noch durchdringlich an einer
oder zwei Spalten, und mit einem enden Punkte
in der Mitte des Klumpens. Ja, läßt das noch Hoffnung für mich übrig?
,Hoffnung auf was, Sie?
, Daß ich aus Gummielasticum hoch noch einmal
wieder in Fleisch umgewandelt werden könnte. Offenbar hat er der Weinflasche allzusehr zuge-
sprochen,! dachte ich, und wußte nicht, was ich auf
seine sonderbare Frage antworten sollte. ,Wie konnte
ich sagen, ob er fähig sei, wieder umgewandelt zu werden ?
"Sie sehen sehr verlegen aus, Miß Eyre: und obgleich Sie ebenso wenig lügen können, daß Sie hübsch
seien, als ich, daß ich ein schöner Mann sei, so steht
Ihnen doch eine verlegene Miene gut, zu dem ist sie
am Platze, denn sie hält Ihre prüfenden Augen von
meinem Gesichte ab, und beschäftigt dieselben mit den
wollenen Blumen der Kaminvorlage; so mögen Sie
also immerhin verlegen sein. Junge Dame, ich bin
ausgelegt, diesen Abend mittheilend zu sein, und mich
nicht von den andern Menschen abzusondern.
Bei diesen Worten erhob er sich von seinem Stuhle,
und stellte sich, seinen Arm auf den marmornen Kaminsims stützend, vor mich hin. In dieser Stellung
sah man seine ganze Gestalt ebenso deutlich wie sein
Gesicht; die ungewöhnliche Breite seiner Brust, die mit
der Länge seiner Glieder fast im Mißverhältniß stand.
Gewiß würden ihn die Meisten für einen häßlichen
Mann erklärt haben; und doch lag so viel unbewußter
Stolz in seiner Haltung, so viele Leichtigkeit in seinem
Benehmen, ein solcher Blick vollkommener Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung, eine so stolze Zuversicht auf die Macht anderer, wirklicher, oder zufäl-
liger Eligenschaften, als eines Ersatzes für den Mangel
persönlicher Reize, daß man, wenn man ihn ansah,
unvermeidlich die Gleichgültigfeit theilte, und selbst in
blindem, unvollkommenem Sinne seinem zuversichtlichen
Wesen Vertrauen schenkte.
,Ich bin diesen Abend aufgelegt, mitiheilend zu
sein, und mich nicht von andern Menschen abzusondern,
wiederholte er; und deßwegen habe ich Sie rufen
lassen: das Feuer und der Kronleuchter waren keine
genügende Gesellschaft für mich; auch Pilot nicht, denn
auch er ist dumm. Adele ist um einen Grad besser,
steht aber immer noch zu tief: Mistreß Fairfax ditto:
Sie, ich bin es überzeugt, wenn Sie
wollen: Sie haben mich schon am ersten Abend, wo ich
Sie zu mir habe einladen lassen, irre gemacht. Seitdem habe ich Sie beinahe vergessen: andere Gedanken
haben den Gedanken an Sie aus meinem Kopfe verbannt; diesen Abend aber habe ich beschlossen, in bebaglicher Ruhe zuzubringen, alles Lästige zu verbannen
und nur mit Angenehmem meinen Geist zu beschäftigen.
Es würde mir nun Spaß machen, Sie auszuholen,
mehr von Ihnen zu erfahren: deßhalb reden Sie. Anstatt zu reden, lächelte ich: und es war dieß weder ein sehr gefälliges, noch unterwürfiges Lächeln.
,Sprechen Sie, sagte er abermals, dringender
werdend.
,Worüber, Sir?
,Worüber Sie wollen. Ich überlasse sowohl die
Wahl des Gegenstandes, als die Art und Weise, denselben zu behandeln, ganz und gar Ihnen selbst.
Natürlich blieb ich ruhig sitzen, ohne ein Wort zu
sagen: ,Wenn er von mir erwartet, daß ich blos rede,
um zu reden und ihm Gelegenheit zu bieten, meine
Gefühle und Gesinnungen kennen zu lernen, so wird er
finden, daß er sich an die unrechte Person gawendet
hat,! dachte ich. Sie sind ja ganz stumm, Miß Eyrelr
Ich blieb immer noch stumm. Er neigte sein
Haupt ein wenig zu mir hin und schien mit einem einzigen schnellen Blicke in meine Augen zu tauchen.
,Eigensinnig? sagte er,, und unangenehm berührt? Ah, es ist natürlich. Ich habe meine Bitte auf
eine widersinnige, fast beleidigende Art ausgesprochen.
Mis Eyre, ich bitte Sie um Verzeihung. Faktum ist,
ich sage es Ihnen ein für allemal, daß ich Sie
nicht wie eine Untergebene behandeln möchte: das heißt
setzte er, sich verbessernd, hinzu, ich nehme einzig und
allein die Verlegenheit für mich in Anspruch, die ein
Altersunterschied von zwanzig Jahren und eine ein
Jahrhundert alte Erfahrung mir geben müssen. Das
ist billig, und ich bestehe darauf, oder wie Adele sagen
würde, j'z tiensg und vermöge dieser Angelegenheit,
und einzig und allein deßhalb, wünsche ich, daß
Sie die Güte haben möchten, mit mir jetzt ein wenig
zu reden, und meinen Gedanken, die durch das stete
Verweilen bei einem Punkte sich quälen und sich verzehren wie ein rostiger Nagel, eine andere Richtung
geben.
Er hatte sich Herabgelassen, eine Erklärung zu geb-
en, die fast einer Entschuldigung gleich kam; ich war
dafür nicht unempfindlich und wollte es auch nicht
scheinen.
,Ich bin bereit, Sie zu unterhalten, Sir, wenn
ich es kann, herzlich gern bereit: allein ich kann keinen
Gegenstand zur Sprache bringen, denn wie soll ich wissen, was Sie interessirt? Stellen Sie Fragen an mich,
und ich will, so viel ich kann, versuchen, dieselben zu
beantworten.'
,Dann gut! Sind Sie fürs Erste mit mir darin
einverstanden, daß ich ein Recht habe, etwas herrisch,
kurz angebunden, vielleicht bisweilen, aus den angege-
benen Gründen, etwas vielfordernd zu sein? Meine
Gründe sind, wie Sie wissen, fristig genug: ich bin so
alt, daß ich Ihr Vater sein könnte; ich habe mich mit
mancherlei Menschen von verschiedenen Nationen herum-
schlagen müssen und bin über die Hälfte des Erdballs
herumgescweift, während Sie mit einem und demselben
Schlage von Menschen ruhig in einem Hause gelebt
haben: glauben Sie nun nicht, daß ich mir mannig-
fache Erfahrung gesammelt habe?
,Thnn Sie, wie Ihnen beliebt, Sir.
,Das ist keine Antwort: oder vielmehr es ist eine
sehr ärgerliche, weil ausweichende - sprechen Sie gerade heraus.
Ich glaube nicht, Sir, das Sie ein Recht haben,
mir zu befehlen, einzig und allein darum , weil Sie
älter sind als ich, oder weil Sie von der Welt mehr
gesehen haben - Ihr Anspruch auf Ueberlegenheit hängt
von dem Gebrauche ab , den Sie von Ihrer Zeit und
Ihrer Erfahrung gemacht haben.
,Oh! Rasch gesprochen: doch ich will das nicht
zugeben, da ich sehe, daß es auf meinen Fall keineswegs passen würde, indem ich beide Vortheile nur wenig
um nicht zu sagen, schlecht benützt habe. Wenn wir
nun aber auch die Ueberlegenheit aus dem Spiele lassen, so müssen Sie es sich immerhin gefallen lassen,
dann und wann meine Befehle anzunehmen, ohne durch
den gebieterischen Ton, den ich gebrauche, sich beirren
zu lassen oder verletzt zu fühlen -- wollen Sie das
Ich lächelte und dachte bei mir selbst, Herr Rochester ist gar eigen -- er scheint zu vergessen, daß er
mir jährlich dreißig Pfund zahlt, daß ich seine
Befehle annehme.
,Das Lächeln ist recht gut, sagte er, den vorübergehenden Ausdruck augenblicklich wahrnehmendt
"aber sprechen Sie auch.'
,Ich dachte, Sir, daß sehr wenige Dienstherrn sich
die Mühe geben dürsfen, zu fragen: ob ihre bezahlten
Untergebenen durch ihre Befehle verletzt werden oder
nicht.
"Bezahlte Untergebene! Wie, sind Sie meine bezahlte Untergebene, sind Sie das? Ei, ei, ich hatte
den Jahrgehalt vergesssen! Wohlan denn, wollen Sie
mir von diesem Söldnerstandpunkt aus erlauben, daß
ich Sie ein wenig anmaßend behandle und tyrannisire?
"Nein, Sir, nicht deßhalb, sondern weil Sie das
vergessen haben, und weil Sie sich darum bekümmern,
ob eine abhäugige Person sich in ihrer Abhängigkeit
wohl oder unwohl fühlt, deßbalb will ich von ganzem Herzen ein.
Und wollen Sie mir eine Menge herkömmlicher
Formen und Redensarten erlassen, ohne zu denken, die
Unterlassung habe ihren Grund in der Grobheit? Ich bin gewiß, Sir, daß ich Formlosigkeit nie,
als Grobheit ansehen würde: erstere ist mir eher angenehm, und was die andere anbetrifft, so möchte sich derselben kein freigeborenes Geschöpf, selbst gegen einen
Jahrgehalt nicht, unterwersen.!
"Die meisten geborenen Gescöpfe
unterwerfen sich für einen Jahrgehalt Allem: deßhalb
halten Sie an sich und hüten Sie sich, sich über allgemeine Begriffe auszusprechen, wovon Sie lediglich Nichts
verstehen. Indessen drucke ich Ihnen im Geiste die Hand
für Ihre Antwort, trotz der Unrictigkeit derselben, und
zwar sowohl für die Art und Weise, womit Sie Ihren
Satz ausgesprochen, als für den Inhalt derselben. Die
Art und Weise, wie Sie sich ausgesprochen haben, zeugte
von Offenheit und Aufrichtigkeit: man sieht nicht oft
so Etwas; nein, im Gegentheil sind Affectation, Kälte,
dummes und grobsinniges Mißverständniß der Meinung,
die man ausgedrückt, der gewöhnliche Lohn der Aufrichtigkeit. Nicht drei unter dreitausend unerfahrenen Gouvernanten einer Mädchenerziehungsanstalt hätten mir
geantworiet, wie Sie so eben gethan. Aber ich habe
nicht im Sinn, Ihnen zu schmeicheln: wenn Sie in eine
Geschlechts, so ist das nicht Ihr Verdienst, sondern die
Natur hat es gethan. Und dann gehe ich am Ende
auch in meinen Schlüssen zu weit; denn so viel ich bis
jetzt, habe ich ja noch keine Gewisheit dafür, das
Sie besser sind, als die Nebrigen; Sie können ja unerträgliche Fehler haben, wodurch Ihre wenigen guten
Eigenschaften wieder aufgewogen werden.'
,Und auch Sie können solche haben, dachte ich.
Ein Auge begegnete dem seinigen, als dieser Gedanke
in meinem Geiste aufstieg: er schien den Blick zu lesen,
da er eine Antwort gab, gleich als wäre derselbe in
Worten ausgesprochen worden: Ja, ja, Sie haben Recht, sagte er; ich habe
Fehler genug: ich weiß es und wünsche dieselben nicht
zu bemänteln, das versichere ich Ihnen. Gott weiß,
ich brauche gegen Andere nicht allzu strenge zu sein;
ich habe eine Vergangenheit hinter mir liegen, habe
über eine Reihe von Handlungen, über ein Leben bei
mir selbst Betrachtungen anzustellen, die wohl geeignet
wären, meinen Spott und meinen Tadel von meinen
Mitmenschen auf mich selbst abzulenken. In einem Alter
von einundzwanzig Jahren betrat ich eine falsche Bahn,
oder wurde vielmehr in dieselbe hineingestoßen - denn
gleich andern Missthätern behagt es mir, die Hälfte
der Schuld meinem Unstern und ungünstigen Umständen
zur Last zu legen -- und seitdem habe ich nie wieder
den rechten Weg gefunden: indessen hätte ich ganz anders, hätte ebenso gut wie Sie, -- weiter, -- fast fleckenlos sein können. Ich beneide Sie um Ihre Gemüthsruhe. Ihr reines Gewissen, Ihre unbefleckte Erinnerung. Kleines Mädchen, eine flecken und mackellose Erinnerung
muß ein herrlicher Schatz sein - eine unerschöpfliche
Quelle der reinsten Erfrischung: nicht wahr?
,Wie stand es denn mit Ihren Erinnerungen im
achtzehnten Jahre, Sir?
"Damals war Alles recht, klar, gesund: kein wild
eingedrungenes, unreines Wasser hatte noch die reine
Quelle meiner Erinnerungen in einen stinkenden Pfuhl
verwandelt. Im achtzehnten Jahre glich ich Ihnen, glich ich ganz Ihnen. Die Natur hatte mich, im Ganzen genommen, zu einem guten Menschen bestimmt, Miß
Eyre, zu einem der besseren wenigstens: und nun sehen
Sie, ich bin es nicht geworden. Sie mögen sehen, daß
Sie das nicht sehen, wenigstens schmeichle ich mir, so
Etwas in Ihrem Auge zu lesen beiläufig gesagt.
nehmen Sie sich in Acht in Betreff dessen, was Sie
mit diesem Organ ausdrücken: ich weiß dessen Sprache
leicht zu deuten. So genüge Ihnen denn mein
Wort, --- ich bin kein Schurke: Sie dürfen das nicht
denken, dürfen mir keine solche Virtuosität in der
Schlechtigkeit zutrauen; aber ich bin, ich glaube es
in Wahrheit es, aber ich bin noch mehr den der
Umstände, als meiner natürlichen Anlage, ein gewöhnlicher, alltäglicher Sünder, bis zum Ueberdrusse bekannt
mit allen jenen erbärmlichen, gemeinen Zerstreuungen,
womit die reichen und werthlosen Leute ihre Zeit todtzuschlagen, ihr Leben hinzubringen suchen. Wundern
Sie sich etwa, daß ich Ihnen dieses gestehe? So wissen
Sie denn, das Sie im Laufe Ihres künftigen Lebens
sich noch oft zur unfreiwilligen Vertrauten der Geheim-
nisse Ihrer Bekannten werden auserkoren sehen: die
Leute werden Instinktmäßig, wie ich, herausfinden, daß
Ihre starke Seite nicht darin besteht, von Ihnen selbst
zu reden, sondern zuzuhören, während Andele von sich
sprechen: es werden dieselben auch sein, daß Sie
nicht mit boshafter Verachtung ihrer Indiscretion, son-
dern nur einer Art angeborner Sympathie zuhören, die
darum nicht weniger tröstend und ermuhigend ist, weil
sie bei ihren Kundgebungen sich ganz und gar nicht
aufordinglich zeigt.
,Wie wissen Sie das? Wie können Sie Alles
dieses errathen, Sir?
Ich weiß es genau; deßwegen verfahre ich fast
so steil, als ob ich meine Gedanken in ein Tagebuch
niederschriebe. Sie werden mir vielleicht sagen, ich hätte
die Umstände bewältigen, mich denselben überlegen zeigen sollen: ja das hätte ich freilich sollen: aber Sie
sehen, ich habe mich nicht so gezeigt. Als das Schickschal mir Unrecht that, hatte ich nicht Weicheit genug
kalt zu bleiben: ich gerieth in Verzweiflung, und dann
sank ich. Wenn nun irgend ein lasterhafter Dummkopf
durch sein erbärmliches, liederliches Geschwätz, sowie
durch seine gemeinen Ausschweifungen meinen Ekel erregt, so kann ich mir nicht schmeicheln, daß ich besser
sei als er: ich muß zugeben, das ich mit ihm auf gleicher Linie stehe. Ich wollte, ich wäre fest geblieben Gott weiß, wie sehr ich es wünsche! Fürchten Sie die
Gewissensbisse, wenn Sie je versucht sind, etwas Unrechtes zu thun, Miß Eyre Gewissensbisse sind das
Gift des Lebens.
,Reue ist, sagt man, das Heilmitiel dagegen, Sir.
,Das Heilmitte! ist sie nicht. Besserung mag das
Heilmittel dagegen sein; und ich könnte mich bessern ich habe noch Kraft dazu -- wenn - aber es sage mir
Jemand, wozu es dienen soll, daß ich daran denke, verstrickt, belastet und verflucht, wie ich bin? Zudem habe
ich, da nun das Glück mir unwiderruflich verweigert
ist, ein Recht, dem Leben so viele Vergnügungen abzu-
ringen, als ich kann: und das will ich, koste es, was es
wolle ,In diesem Falle werden Sie noch mehr denken.
,Möglich: doch warum sollte ich, wenn ich süßes,
frisches Vergnügen haben kann? Und ich kann es so
süß und frisch haben, wie den wilden Honig, den die
Biene auf dem Moore sammeln?
"Es wird stechen - wird bitter schmecken, Sir.
,Wie wissen Sie das? Sie haben es ja nie
versucht. Wie ernst, wie feierlich sehen Sie doch aus,
und doch kennen Sie die Sache so wenig, wie dieser
Gamee da, hier nahm er einen von dem Kamin-
sims hinweg! Sie haben kein Recht, mir zu predigen,
Sie Neophytin, die Sie die Pforte des Lebens noch
nicht überschritten haben und mit seinen Mysterien ganz
und gar unbekannt sind.
,Ich erinnere Sie blos an Ihre eigenen Worte,
Sir, Sie haben gesagt, ein Fehler, ein Unrecht habe
die Gewissensqual in seinem Gefolge, und Sie haben
die Gewissensqual als das Gift des Lebens erklärt.
"Und wer spricht nun von einem Fehler, von einem
Unrechte? Ich glaube kuum, daß der Gedanke ein Fehler war, der durch mein Gehirn hindurchfuhr. Ich glaube,
er war eher eine Inspiration, denn eine Versuchung:
er war sehr lieblicher, sehr besänftigender Natur - ich,
weiss das. Da kommt er wieder! Es ist kein Teufel,
ich versichere Sie: oder, wenn es einer ist, so hat er
sich in das Kleid eines Engels gehüllt. Ich denke, ich
kann einen so lieblichen Gast nicht abweisen, wenn er
Eingang in mein Herz fordert.
,Trauen Sie ihm nicht, Sir; es ist kein wahrer
Engel.
,Noch einmal, wie wissen Sie das ? vermöge welches Instinkts wollen Sie zwischen einem gesallenen
Seraph des Abgrundes und einem von dem ewigen
Throne herkommenden Boten -- zwischen einem Führer
und Verführer unterscheiden? ,Ich habe Sie nach Ihrem Gesichte beurtheilt,
das unruhig war, als Sie sagten, der Gedanke habe
wieder bei Ihnen eingekehrt. Ich bin lebhaft überzeugter wird noch mehr Elend über Sie bringen, wenn Sie
darauf hören.'
"Ganz und gar nicht - er bringt die wonnigste
Botschaft von der Welt: was das Nebrige angeht, so
sind Sie ja nicht mein Gewissensrath und brauchen sonach auch keine Unruhe zu empfinden. Hier herein, lieblicher Wanderer. Er sagte dieß, als ob er mit einer blos seinem
eigenen Auge sichtbaren Erscheinung spräche; dann fal-
tete er seine Arme, welche er halb ausgebreitetet hatte,
über seiner Brust und schien das unsichtbare Wesen an
dieselbe zu drücken.
,Nun, fuhr er fort, indem er mich wieder anredete, ich habe den Pilger aufgenommen - eine Gottheit in menschlicher Gestalt, wie ich wahrhaft glaube.
Schon hat er mir wohl gethan: mein Herz war eine
Beinhaus, und nun wird es ein Heiligthum sein.
,Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen. Sir, so verstehe ich Sie ganz und gar nicht; ich kann der Unterhaltung nicht weiter folgen, da sie mir zu tief ist. Nur
eines weiß ich: Sie haben gesagt, Sie seien nicht so
gut, als Sie zu sein wünschten, und Sie bedauerten
Ihre Unvollkommenheit - nur Eins kann ich begreifen: Sie haben angedeutet, daß eine befleckte Erinnerung ein ewiges Gift, eine ewige Vein sei. Es scheint
mir, daß Sie, wenn Sie es sich angelegen sein ließen,
es mit der Zeit möglich finden würden, so zu werden,
wie Sie selbst zu sein wünschen möchten: und daß,
wenn Sie von heute an den festen, unerschütterlichen
Erschein fassen, Ihre Gedanken und Handlungen zu
bessern. Sie in einigen Jahren einen neuen und mackellosen Schatz von Erinnerungen gesammelt haben würden, den Sie mit Vergnügen betrachten könnten.'
"Richtig gedacht; gut gesagt, Miß Eyre und in
diesem Augenblicke pflastere ich aus allen Kräften die
Hölle.
"Mir? guten Entschlüssen, die ich für so dauerhaft
halte, wie Kiesel. Gewiß sollen meine Gesellschafter
und meine Bestrebungen anderer Art sein, als bis
jetzt.
,Und besser?
,Und besser - und so viel besser, als reines Geld
gegenüber werthlosen Schlacken. Sie scheinen an mir
zu zweifeln ; was mich betrift, so zweifle ich an mir
nicht: ich weiß, was mein Zweck ist, und welcher Art
meine Beweggründe sind: und in diesem Augenblicke
gebe ich die Sanktion einem Gesetze, so unveränderlich,
wie das der Meder und Perser, daß beide gut sind.
"Das können sie nicht sein, Sir, wenn Sie zu ihrer
Legalsation ein neues Statur brauchen.!
,Sie sind es aber, Mis Eyre, ob Sie gleich schlechterdings ein neues Statut erfordern: unerhörte Verschlingungen von Umständen erfordern ungewöhnliche
Regeln.
,Das klingt, wie eine gefährliche Marine, Sir:
weil man alsbald sehen kann, daß dieselbe leicht zu
mißbrauchen ist.
Prententiöse Weise! So ist es; aber ich schwöre
bei meinen Hausgöttern, daß ich sie nicht mißbrauchen
will,
,Sie sind aber ein Mensch, und nicht unfehlbar.
"Das bin ich, das sind Sie auch - was dann?
,Der stets strauchelnde Mensch sollte sich nicht eine
Macht anmaßen, womit bloß göttliche und vollkommene
Wesen ohne Nachtheil betraut werden können.'
"Welche Macht?
"Die Macht, von einer ungehörigen, ungeheiligten Handlungsweise zu sagen : das soll recht
sein.
"Das soll recht sein??--- die ausdrücklichen
Worte: Sie haben sie ausgesprochen.
,So möge es denn recht sein, sagte ich, und
stand auf, indem ich es für nuzlos hielt, ein Gespräch
fortzusetzen, das für mich ganz und gar dunkel war.
Überdieß dachte ich, daß ich den Charakter des Mannes nicht zu durchschauen vermöge, wenigstens für jetzt
nicht, und war von der Ungewißheit, und dem unbestimmten Gefühle der Unsicherheit gepeinigt, das mit
der Ueberzengung von unserer Unwissenheit uns zu begleiten pflegt.
,Wohin gehen Sie?
,Ich will Adele zu Bette bringen: es ist bereits
über die Zeit.
,Sie fürchten mich, weil ich rede, wie eine
Sphinx.
Ihre Spruche, Sir, ist räthselhaft; aber wenn
ich auch verwirrt bin, so habe ich doch gewiß keine
Furcht.
,Sie haben Furcht - Ihre Selbstliebe fürchtet,
sich durch ein Versehen, einen groben Fehler zu blamiren. ,In diesem Sinne bin ich allerdings furchtsam, ich wünsche ganz und gar nicht, Unsinn zu reden.!
,Wenn das je von Ihrer Seite gescähe, so würde
es in so ernster, ruhiger Weise geschehen, daß ich es
für puren Verstand ansehen würde. Lachen Sie nie,
Miß Eyre? Geben Sie sich nicht die Mühe, zu antworten - ich sehe, Sie lachen selten; aber Sie können sehr lustig lachen: glauben Sie mir, Sie sind nicht
von Natur strenge, ebenso wenig wie ich von Natur
lasterhaft bin. Der Zwang, dem Sie in Lowood unterworfen gewesen, klebt Ihnen noch etwas an, er beherrscht Ihre Gesichtszüge, dämpft Ihre Stimme, nimmt
Ihren Gliedern ihre freie Bewegung und Sie fürchten, in Gegenwart eines Mannes und Bruders - eines
Vaters, Herrn, oder was Sie sonst aus ihm machen
wollen, zu heiter zu lächeln, zu frei zu sprechen, sich
zu rasch zu bewegen: aber mit der Zeit werden Sie,
denke ich, lernen, gegen mich natürlich zu sein, da ich
es unmöglich finde, die herkömmlichen Formen Ihnen
gegenüber zu beobachten : und dann ordnen auch Ihre
Blicke und Bewegungen eine größere Lebhaftigkeit und
Mannigfaltig kennt haben, als dieselben jetzt an den Tag
zu legen wagen. Ich sehe von Zeit zu Zeit den Blick
eines merkwürdigen Vogels durch die richten Stangen
des Käfigs hindurch: ein lebhafter, unruhiger, entschlossener Gefangener ist hinter denselben; wäre er erst frei,
so würde er sich wolkenhoch erheben. Sie wollen immer
noch gehen?
,Es hat neun geschlagen, Sir.
,Thut Nichts, - warten Eie noch einen Augenblick; Adele ist noch nicht bereit, zu Bette zu gehen.
Meine Stellung mit dem Rücken gegen das Feuer, und
dem Gesichte gegen das Zimmer begünstigt die Beob-
achtung, Miss Eyre. Während ich mit Ihnen sprach,
habe ich gelegenttlich auch Adele beobachtet (ich habe
meine eigenen Gründe, sie für ein interessantes Studium
zu halten, - Gründe, die ich Ihnen einst mittheilen
kann, ja mittheilen werdes; -- vor etwa zehn Minuten zog sie aus ihrer Schachtel ein Röckchen von welkenfarbiger Seide hervor; Entzücken leuchtete aus ihrem
Gesichte, als sie dasselbe entfaltete: Koketterie rennt in
ihren Adern, ist vermischt mit ihrem Gehirn, und dem
Mark ihrer Knochen. Adele rannte aus
dem Zimmer hinaus. Sie ist nun bei Sophie und da
mit beschäftigt, sich umzukleiden: in einigen Augenblicken wird sie wieder dastehen; und ich weiß, was ich
sehen werde, - ein Miniaturbild von Geline Varens,
wie dieselbe gewöhnlich auf den Brettern erschien beim
Aufgehen des, doch merken Sie nicht auf das.
Gleichwohl werden meine zärlichsten Gefühle peinlich
berührt werden: das ist mein Vorgefühl: warten Sie
jetzt, um zu sehen, ob es so kommen wird.
Er stand nicht lange an, so hörte man Adelens
kleinen Fuß durch die Vorhalle trippeln. Sie trat her
ein, umgewandelt, wie ihr Vormund und Beschützer
vorausgesagt hatte. Ein Kleid von rosafarbiger Seide,
sehr kurz und unten so faltenreich wie möglich, war
an die Stelle des braunen Rocks getreten, den sie zu-
vor getragen; ein Gewinde von Rosenknospen umgab
ihre Stirn; ihre Füße waren in seidene Strümpfe und
kleine Ganvaleu aus weißem Satin gekleidet.
Und nun machte sie, ihr Kleid aubreitend, einige
Tanzschritte durch das Zimmer hin, bis sie, bei Herrn
Rochester angekommen, sich vor ihm leicht auf den Zehenspitzen herumdrehte, sich zu seinen Füssen auf ein
Knie niederliesß, und ausrief: "Monsieur; je rous remercie mille loiu le
rotre bontb zf' dann stand sie auf, und setzte hinzu,
"C'okt eomme eeia qle ma man kaianit, n'est-ee
pas, Monsieur ?
Ah, Miß Eyre, auch ich bin
einmal jung und unerfahren, ja sehr jung und sehr
unerfahren gewesen. Aber das ist jetzt vorbei, und aus
dem Frühling meines Lebena habe ich Nichts gerettet,
als jenes französische Blümchen dort, daß ich in gewissen Stimmungen auch gerne los sein möchte. Da
ich jetzt die Wurzel, aus der es emporgesproßt ist, nicht
werthschätze; du ich gefunden habe, daß dieselbe von
jener Art war, die nur Gold zum Diger brauchen
kann, so habe ich das Blümchen nur so halb und halb
gern, besonders wenn es so künstlich aussieht, wie eben
jetzt. Ich behalte es, und ziehe es groß, mehr nach
dem römischkatholischen Grundsaze, wernach man viele
Sünden, große oder kleine, durch Ein gutes Werk abbüßt. Ich werde Ihnen einmal dieses Alles erklären.
Gute Nacht!
Dreizehntes Kapitel.
Bei einer spätern Gelegenheit erklärte es Herr Rochester wirklich.
Es war an einem Nachmittage, als er mich und
Adele zufällig im Parke traf: und Letztere mit
Pilot und ihrem Federballe spielte, bat er mich, eine
lange Buchenallee, wo sie uns immer im Auge behalten
konnte, mit ihm auf und abzugehen? Er sagte mir dann, sie sei die Tochter einer französischen Operntänzerin, mit Namen Celine Varens,
für die er einst eine so genannte Liebe
empfunden habe. Celine habe sich den Anschein gege-
ben, als erwiedere sie diese Leidenschaft mit noch lebhafterer Stut. Er habe, häßlich wie er sei, sich für
ihr Götzenbild gehalten; er habe geglaubt.
,Und, Miß Eyre, so sehr fühlte ich mich geschmeichelt durch den Vorzug, den die gallische Symphide für
ihren britischen Gnomen zeigte, daß ich sie in einem
Hotel instaallirte, ihr Möbeln, Vaschmirshawls, Diamanten, Svizen u, s. w. anschafte, Wagen und Dienerschaft für sie hielt u. s. w. Mit Einem Wort, ich
begann, mich in dem hergebrachten Styl zu ruiniren,
wie jeder andere Gnomen. Es scheint, ich hatte nicht
so viel Originalität, eine neue Bahn zur Schande und
zum Verderben auszudenken, sondern betrat die alte mit
einfältiger Genauigkeit, um ja nicht einen Zoll von der
breit getretenen Mitte abzuweichen. Ich hatte - wie
ich es verdiente - das Schicksal aller andern Gimpel.
Eines Abends, wo Celine mich nicht erwartete, ging
ich zufällig in ihr Haus, ohne sie dort zu treffen; da
es aber ein warmer Abend, und ich des Umherschlenderns in Paris müde war, so setzte ich mich in ihrem
Boudoir nieder, glücklich, die kaum erst noch durch ihre
Gegenwart geweihte Luft zu athmen. Nein, ich
übertreibe; nie dachte ich, daß eine weihende Tugend
sie umgebe: es war vielmehr der Duft von einer Art
Räucherkerzchen, den sie zurückgelassen, ihr ein Duft
von Moschus und Ambra, als ein Geruch der Heiligkeit. Schon war ich nahe daran, von dem Duste zu
ersticken, und in Treibhäusern gezogene
Blumen verbreiteten, als es mir einfiel, das Fenster zu
öffnen und auf den Balkon hinauszugehen. Es war
Mondschein, und zudem verbreiteten auch die Celine ihr blendendes Licht: dabei war Alles still und
heiter. Auf dem Balkon standen einige Stühle; ich
nahm auf einem Platz: zog eine Gitarre heraus, und
--- wenn Sie entschuldigen, will ich jetzt auch eine
rauchen,
Hier folgte eine Pause, die durch das Herausziehen
und Anzünden einer Zigarre ausgefüllt wurde; nachdem er sie seinen Lippen genähert, und einige köstlich
duftende Wölkchen, wie sie offenbar nur eine alte
Cigarre verbreiten kann, in die eiskalte und
sonnenlose Luft hinausgeblasen hatte, fuhr er also
fort: In jenen Tagen liebte ich auch die Bonbons,
Miß Eyre: ich aß Chocolade Bonbons, und rauchte
wieder, wähnend ich die Equipagen beobachtete, welche
durch die fashionable Straße nach dem nahen Opernhause hinrollten. Plötzlich erkannte ich in einem eleganten, geschlossenen Wagen, den zwei prachtvolle englische Pferde zogen, und den man bei der glänzend
erhellten Nacht deutlich sehen konnte, den Wagen, den
ich Celine geschenkt. Sie kam nach Hause zurück:
natürlich schlug mein Herz mit Ungeduld gegen das
Eisengitter, auf das ich mich lehnte. Der Wagen hielt
an der Thüre des Hotels, wie ich erwartet hatte; meine
Flamme -- das ist das rechte Wort für eine Opernliebschaft - stieg aus: obgleich sie in einen Mantel
--- eine unnöthige Last, beiläusfg gesagt, an einem so
warmen Juniabend -- gehüllt war, erkannte ich sie
augenblicklich an ihrem kleinen Fuße, der unter dem
Saume ihres Kleides hervorruckte, als sie von dem
Wagentritt herunterhüpfte. Mich über den Balkon beugend, wollte ich eben in einem Tone, der natürlich bloß
für das Ohr der Liebe hörbar sein sollte, die Worte
"Glon angef? murmeln, als eine gleichfalls in einen
Mantel gehüllte Gestalt nach ihr aus dem Wagen heraussprang: aber es war eine bespornte Feuse, deren
Tritte auf dem Pflaster ertönt waren, und es war ein
mit einem Mannshut bekleideter Kopf, der jetzt unter
die gewölbte des Hotels trat.
,Sie haben wohl nie Eifersucht empfunden, Miß
Eyre? Natürlich nicht: ich brauche Sie das nicht zu
fragen, da Sie nie Liebe empfunden. Beide Gefühle
müssen Sie erst noch kennenlernen: Ihre Seele schlummert noch; der Anstoß muß erst noch kommen, der sie
wecken wird. Sie denken, das ganze Leben fließe so
ruhig dahin, wie bis jetzt Ihre Jugend. Mit geschlossenen Augen und verbundenen Ohren dahinschwimmend,
sehen Sie weder die Felsen, die nicht weit davon in
dem Bette des Stromes mit ihren Zacken emporsteigen,
noch hören Sie die Brandung an deren Fuß schäumend
schlagen. Aber ich sage Ihnen - und merken Sie sich
meine Worte - Sie werden einst an einen felsigen
Engpaß des Kanals kommen, wo der ganze Lebensstrom
in Wirbel und Tumult, in Schaum und Geräusch übergeht: Sie werden da entweder zu Atomen an den Felsspitzen zerschmettert, oder von einer großen, gewaltigen
Welle emporgehoben und in eine ruhigere Strömung
getragen werden - wie ich jetzt.
,Ich habe einen Tag, wie diesen, gern: mir gefällt dieser stählerne Himmel: mir gefällt der Ernst
und die Stille der Welt unter diesem Frost. Mir gefä-
llt Thornfield, sein alterthümliches Aussehen, seine
Abgeschlossenheit, seine alten Bäume voller Dohlennester, sowie seine Dornbäume, seine graue Fronte, und
die Reihen dunkler, jenen metallenen Himmel zurückwerfender Fenster: und doch wie lange habe ich schon
den Gedanken daran verabscheut: wie lange habe ich
es gemieden, wie ein großes Pesthaus ! Wie verabscheue ich noch jetzt -
Er knirschte mit den Zähnen und schwieg: er blieb
stehen und schlug mit dem Absatze auf den harten Boden. Ein verhaßter Gedanke schien ihn mut seinen Krallen zu fassen, und so festzuhalten, daß er nicht weiter
konnte.
Wir gingen die Allee hinauf, als er so seinen
Schritt anhielt; das Schloß lag vor uns. Sein Auge
zu dessen Zinnen erhebend, warf er einen so ftarren
Blick darauf, wie ich noch nie sah, weder zuvor, noch
nachher. Schmerz, Scham. Wuth - Ungeduld, Ekel,
Abscheu -- schienen in dem Augenblick in der großen,
unter seiner schwarzen Augenbraue sich erweiternden
Pupille einen krampfhaften Kampf zu kämpfen. Wild
war der Kampf um die Oberherrschaft; aber ein anderes Gefühl erbob sich, und trug den Sieg davon:
etwas Hartes und Zynisches, Trotziges und Entschlossenes: es brachte seine Leidenschaft zur
Ruhe und versteinerte sein Gesicht. Er fuhr also fort: -,In dem ugenblicke, wo ich geschwiegen habe,
Miß Eyre, habe ich mich mit meinem Schicksale auseinander gesetzt.
Dort stand es, an jenem Buchenstamm - in der Gestalt einer Herr, ähnlich einer von
jenen, die dem Macbeth auf der Haide von Forres erschienen. ,Dir gefällt Thornfiel? sagte er, ihren
Finger erhebend; und dann schrieb sie in die Luft einen
Spruch, der in düstern Hieroglypchen, die ganze Fronte
des Hauses entlang: zwischen der obern und untern
Fensterreihe dahinlief: siehe es, so Du kannst !
Spiele es, so Du es wagst!
Ich will es lieben,- sagte ich. ..Ich wage
es zu lieben' und, setzte er düster hinzu - ich
will mein Wort halten: ich will die Hindernisse überwinden, die meinem Glücke, meinem Besserwerden, ja meiem Besserwerden im Wege stehen. Ich will ein
besserer Mensch werden, als ich bisher gewesen, als ich
jetzt bin,: wie der Leviathan hobh den Speer, den
Wurfspieß und den Panzer zerbrach, so will ich Hindernise, die Andern wie Eisen und Erd erscheinen, nun
wie Stroh und vermodertes Holz achten.
Hier lief Adele mit ihrem Fedsrball vor ihn hin. ,Hinweg wo? rief er rauh: ,bleibe fern, Kind; oder geh
zu Sophie hinein! Indem er dann schweigend weiter
schritt, unterfing ich mich, ihn an die Stelle der Erzählung zu erinnern, wo er plötzlich auf etwas Anderes
übergegangen war: ,Verließen Sie den Balkon, Sir? fragte ich. ,als
Mademoiselle Varens hereintrat?
Fast erwartete ich eine abweisende Antwort auf
diese schwerlich zu rechter Zeit angebrachte Frage; aber
er erbrachte im Gegentheil aus seiner düstern Zerstreuung, richtete seine Augen auf mich, und der Schatten
schien von seiner Stirne zu weichen.
'ich hatte Celine ganz vergessen; so will ich
denn fortfahren. Als ich meine Zauberin so in Begleitung eines Cavaliers zurückkommen sah, glaubte ich ein
Zischen zu hören, und die grüne Schlange der Eifersucht
glitt, in wellenförmigen Windungen sich von dem monderleuchteten Balkon ehebend, in meine Weste, und fraß
in zwei Minnten sich ihren Weg in das Innerste meines Herzens hinein. Sonderbar! - rief er, plötzlich
wieder von dem Gegenstande abschweifend. ,Sonderbar,
das ich Sie, junge Dame, zu meiner Vertrauten bei
alledem wähle: mehr als sonderbar, daß Sie mich
ruhig anhören, gleich als wäre es das gewöhnlichste
Ding von der Welt, daß ein Mann, wie ich, einem unerfahrenen Mädchen, wie Sie, Geschichten von seinen
Geliebten, von Operntänzerinnen erzählt! Aber die
letzte Sonderbarkeit erklärt die erste, wie ich Ihnen
schon einmal angedeutet habe: Sie mit Ihrem ernsten,
besonnenen, vorsichtigen Wesen sind dazu geschaffen,
fremde Geheimnisse anzuhören. Zudem weiß ich, welchen Geist ich mit dem meinigen in Verbindung gesetzt
habe: ich weiß, daß derselbe sich nicht austecken lassen
wird es ist ein eigenthümlicher Geist, ein Geist einzig
in seiner Art. Glückticher Weise beabsichtige ich nicht,
demselben ein Leid zuzufügen, da wollte ich es aber auch
thun, so würde ich ihm doch kein Leid zufügen können.
Je mehr wir mit einander sprechen, um so besser ist
es; denn, während ich an Ihnen Nichts verderben kann,
können Sie mir wieder eimge Frische verleihen'?
Nach dieser Abschweifung fuhr er fort: , Ich blieb auf dem Balkon, Sie werden ohne
Zweifel in ihr Boudoir gehen,'? dachte ich. Ich wollte
ihnen einen Hinterhalt legen. Und nun streckte ich
meine Hand durch das offene Fenster hinein und 1egten Vorhang vor dasselbe, so daß ich nur eine Oeffnung
ließ, durch die hindurch ich meine Beobachtungen anstellen konnte; sodann machte ich das Fenster zu in der
Art, daß ich noch durch eine kleine Spalte hinurch die
geflüsterten Gelübde der Liebenden hören konnte, worauf ich mich zu meinem Stuhle zurückschlich, und eben
nahm ich ihn wieder ein, als das Paar hereintrat.
Rasch näherte ich mein Auge der kleinen Oeffnung Celinens Kammermädchen kam herein, zündete eine
Lampe an, stellte sie auf den Tisch und entfernte sich.
So konnte ich nun das liebende Paar deutlich sehen:
beide warfen ihre Mäntel ab, und da stand ,die Varens,
in Seide und Juwelen -- die ich ihr natürlich geschenkt
--- schimmernd, und da stand ihr Begleiter in Offiziersuniform. Ich erkannte ihn für einen jungen Rou von
Vicomte -- einen gehirnlosen, lasterhaften Burschen,
den ich bisweilen in Gesellschaft getroffen, und nicht
einmal meines Hafes für würdig erachtet hatte, da ich
ihn so unbedingt verachtete. Sobald ich ihn erkannte,
ward auch der Zahn der Schlange Eifersucht zerbrochen,
weil in dem nämlichen Augenblicke meine Lebe zu Celinen ganz und gar erlosch. Ein Weib, das mich wegen
eines solchen Nebenbuhlers verrathen konnte, war nicht
werth, daß ich um sie stritt sie verdiente blos Verachtung, weniger indessen, als ich, der ich mich von ihr
hatte hinter's Licht führen lassen.
Sie begann zu reden; ihr Gespräch gab mir
bald meine ganze Ruhe wieder: frivol, gemein, herzlich
und sinnlos, mußte es einen Horcher eher ermüden,
als denselben in Wuth bringen. Es lag eine Karte
von mir auf dem Tische; als man dieselbe bemerkte, kam mein Name auf's Tapet. Weder sie noch er
besaß Feast oder Witz genug, um mich tüchtig
durchzuhecheln; allein sie schmähten auf mich --
so roh, wie sie es nur in ihrer Art vermochten: ganz
besonders Celine, die sogar fast witzig wurde, als das
Kapitel auf meine persönlichen Mängel -- sie nannte
dieselben Mißgestalt kam. Nun aber war es ihre
Gewohnheit gewesen, über das, was sie meine heaut-
müle? nannte, ihre Bewunderung in den glühendsten
Worten auszusprechen: worin sie ganz und gar von
Ihnen abwich, die Sie wir bei unserm zweiten Gespräche rundweg gesagt haben, daß Sie mich nicht für
schön hielten. Der Contrast fiel mir zu jener Zeit auf,
Und?
Hier kam Adele wieder herbeigelaufen.
,Monsieur John ist so eben gekommen, und hat
gesagt, Ihr Verwalter sei da, und wolle mit Ihnen
sprechen.’
,Ah! wenn das der Fall ist, so muß ich mich kurz
fassen. Das Fenster öffnend, ging ich hinein, auf sie
zu, und befreite Celine von meiner Protection, benachte
ihr eine Börse an, damit sie für den Augenblick nicht
in Verlegenheit komme, achtete weder auf Geschrei,
Krämpfe, Sitten, Betheuerungen u. s. w., und bestellte
den Vicomte in das Gehölz von Boulogne, um mich
mit ihm zu schlagen. Den Morgen darauf hatte ich
das Vergnügen, mit ihm zusammenzutreffen; ich ließ
eine Kugel in einem seiner dünnen, welken Arme, so
schwach wie der Flügel eines Hühnchens, das den Pabst
hat, zurück, und glaubte dann, das ganze Gesichter vom
Halse zu haben. Aber unglücklicher Weise hatte die
Varens sechs Monate zuvor mich mit Aveschen beschenkt,
die meine Tochter sein sollte: und vielleicht ist sie es
auch, obgleich ich in ihrem Gesichte keine Beweise von
so grimmer Vaterschaft geschrieben sehe: Pilot sieht mir
mehr gleich, als sie. Einige Jahre, nachdem ich mit der
Mutter gebrochen, ließ sie ihr Kind im Stiche, und lief
mit einem Sänger oder Musiker davon nach Italien
Ich erkannte Adelen kein natürliches Recht auf meine
Unterstützung zu, und thue es auch jetzt nicht, und ich
bin nicht ihr Vater. Als ich aber hörte, daß sie ganz
verlassen und hülflos sei, griff ich das arme Ding aus
dem Schlamme und Kothe von Paris auf, und verpflanzte es hieher, damit es auf dem gesunden Boden
eines englischen Landgutes rein und unbefleckt auswachse.
Mistreß Fairfax hat Sie gefunden, um das arme Kind
zu erziehen; nun aber, da Sie wissen, daß es der illegitime Sprößling eines französischen Opernmädchens
ist, werden Sie vielleicht anders denken von Ihrer Stellung und Ihrer Schutzbefohlenen: Sie werden an einem
schönen Tage zu mir kommen und mir sagen, daß Sie
eine andere Stelle gefunden hätten -- daß Sie mich
bäten, mich um eine andere Erzieherin umzusehen u. s. w.
-- Nicht wahr?
,Nein - Adele ist nicht verantwortlich für die
Fehler ihrer Mutter und auch nicht für die Ihrigen,
ich habe Zuneigung zu ihr gefaßt, und nun, da ich
weiß, daß sie gewissermaßen elternlos ist, -- verlassen
von ihrer Mutter und verläugnet von Ihnen, Sir werde ich fester, als je, mich an sie anschließen. Wie
könnte ich auch das verzogene Lieblingskind einer reichen
Familie, das seite Erzieherin als etwas Lästiges haßt,
einer einsamen, kleinen Waise vorziehen, die in derselben
eine Freundin erblickt?
"Aus diesem Gesichtspunkte also sehen Sie die
Sache an! Gut! Ich muß jetzt hinein, und auch Sie:
es wird dunkel,
Aber ich blieb mit Adelen und Pilot noch einige
Minuten draußen, ließ mich mit ihr in einen Wettlauf
ein und spielte Federball mit ihr. Als wir hinein
kamen und ich ihr Hut und Mantel abgenommen hatte,
durfte sie sich auf meinen Schooß setzen und ich erlaubte
ihr da eine Stunde lang nach Herzenslust zu plaudern:
ich tadelte sie nicht einmal wegen einiger kleinen Freiheiten und Trivialitäten, in die sie gern verfiel, wenn
man viel Notiz von ihr nahm, und welche bei ihr eine
Oberflächlichkeit des Charakters verriethen, die sie wahrscheinlich von ihrer Mutter geerbt hatte, und bei englischen Kindern wohl höchst selten ist. Dennoch hatte
sie auch ihre guten Eigenschaften, und ich war geneigt
alles Gute an ihr so hoch zu schätzen, wie mir immer
möglich. Ich suchte in ihrem Gesichte und in ihren
Augen eine Aehnlichleit mit Herrn Rochester, fand aber
keine: kein Zug, Nichts im Ausdrucke wies auf eine
Verwandtschaft hin. Es war schade: hätte man in ihr
auch nur eine leichte Aehnlichkeit mit ihm finden können, so würde er mehr an sie gedacht, so würde er
ihren Werth höher angeschlagen haben.
Ich dachte nicht eher wieder mit Ruhe und Ernst
an die von Herrn Rochester mir erzählte Geschichte, als
bis ich mich zur Nachtruhe auf mein Zimmer zurückgezogen hatte. Es lag, wie er selbst gesagt hatte, wahrscheinlich gar nichts Außerordentliches in der Erzählung
an und für sich: die Leidenschaft eines solchen Engländers für eine französische Tänzerin, und ihr Verrath
an ihm waren ohne Zweifel Dinge, die in der seinen
Welt häufig genug vorkommen; aber es lag etwas entschieden Seltsames in dem Parorismus der Aufregung,
von dem er plötzlich ergriffen worden war, als er auf
dem Punkte stand, seiner jetzigen zufriedenen Stimmung
und seiner neu erwachenden Freude an dem alten Schlosse
und dessen Umgebungen einen Ausdruck zu leihen. Ich
dachte mit Verwunderung über diesen Vorfall nach;
verließ ihn aber nach und nach, da ich ihn für jetzt
unerklärlich fand, und fing an, das Benehmen meines
Herrn gegen mich einer sorgfältigeren Betrachtung zu
unterwerfen. Das Vertrauen, das er in mich zu setzen
für passend erachtet, schien ein meiner Verschwiegenheit
dargebrachter Tribut: als einen solchen nahm ich es
auf. Sein Benehmen gegen mich war nun seit einigen
Wochen gleichförmiger geworden, als es Anfangs gewesen. Ich schien ihm nie im Wege zu sein, er zeigte
keine Anwandlungen kalten Stolzes: traf er mich unerwartet, so schien ihm die Begegnung willkommen;
immer hatte er ein Wort und zuweilen ein Lächeln für
mich; wurde ich förmlich zu ihm eingeladen, so ward
ich mit einem so herzlichen Empfange beehrt, daß ich
fühlte, ich besitze wirklich die Macht, ihn zu unterhalten, und er suche diese Abendzusammenkünfte ebenso
sehr zu seinem Vergnügen, als in meinem Interesse.
Zwar sprach ich verhältnißmäßig nur wenig allein
ich hörte ihm mit großem Vergnügen zu: Es lag in
seinem Wesen, mittheilend zu sein; er liebte es, einem
mit der Welt unbekannten Geiste Ausblicke auf ihre
Szenen und Wege zu eröffnen. Ich meine nicht auf
ihre schlechten Scenen und lasterhaften Wege, sondern
auf solche, die ihr Interesse dem großen Maßstabe, nach
dem die Handlungen Statt finden, sowie der seltsamen
Neuheit verdanken, wodurch sie sich charakterisiren -
und ich fand das lebhafteste Vergnügen daran, die neuen
Ideen, die er mir bot, in mich aufzunehmen; die neuen
Bilder, die er mir vormalte, meinem gierigen Auge
näher zu bringen, und ihm in Gedanken durch die neuen
Regionen, die er aufschloß, zu folgen, - nie beunruhigt,
nie beängstigt durch eine unschickliche Anspielung.
Die Leichtigkeit seines Benehmens nahm mir allen
peinlichen Zwang ab: die freundliche Offenheit, womit
er mich behandelte, zog mich zu ihm hin, da ich sah,
daß sie ebenso schicklich, als herzlich sei. Bisweilen
war es mir, als sei er eher mein Verwandter, als mein
Herr: doch war er bisweilen immer noch gebieterisch;
das kümmerte mich aber nicht; ich sah, daß es so seine
Art sei. So glücklich, so zufrieden wurde ich mit diesem
neuen, zu meinem Leben hinzugefügten Interesse, daß
ich aufhörte, ein Verlangen nach andern Menschen, nach
Verwandten zu empfinden: meine Bestimmung, bis daher so klein und so unbedeutend, schien sich zu erweitern;
das Leere meines Daseins ward ausgefüllt; meine Gesundheit wurde von Tag zu Tag beßer; ich nahm zu
an Stärke und Fleisch.
Und war nun Herr Rochester in meinen Augen
häßlich? Nein, verehrter Leser: Dankbarkeit und vielfache Ideenverbindungen, sämmtlich angenehmer, ansprechender Art, machten sein Gesicht zu dem Gegenstande, den ich am Liebsten sah; seine Anwesenheit in
einem Zimmer wirkte auf mich erheiternder, als das
hellste Feuer. Und doch hatte ich seine Fehler nicht
vergessen, wie ich in der That auch nicht anders konnte;
denn er hielt sie mir beständig vor Augen. Er war
stolz, sarkastisch, hart gegen niedrige Denk- und Handlungsweise jeder Art: in dem Innern meines Herzens
wußte ich, daß seine große Güte gegen mich durch ungerechte Strenge gegen viele Andere wieder aufgehoben
werde. Er war auch launisch und mißmuthig und zwar
ohne sichtbaren Grund: mehr als einmal fand ich ihn,
wenn er mich rufen ließ, um ihm vorzulesen, allein in
seinem Bibliothekzimmer sitzen: mit auf die übereinander geschlagenen Arme herabhangendem Kopfe; und
wenn er aufsah, verdunkelte ein mürrischer, fast boshafter Blick seine Auge. Aber ich glaubte, dieses sein
mürrischcs , verstimmtes, rauhes Wesen, sowie seine
früheren Fehler - ich sage früheren, denn jetzt, schien
er sich davon befreit zu haben - hätten ihren Grund
in irgend einem grausamen Schlage des Schicksals.
Ich glaubte, er sei von Natur ein Mann von besserem
Streben, böheren Grundsätzen und reinerem Geschmack,
als die Umstände in ihm entwickelt, die Erziehung ihm
eingeprägt, oder das Scicksal begünstigt hätten. Ich
war der Ansicht, daß treffliche Materialien in ihm lägen,
obgleich dieselben für jetzt etwas verdorben und verwirrt
zusammenhingen. Ich kann nicht leugnen, daß sein
Kummer, was ihm auch zu Grund liegen mochte, auch
mir Kummer machte, und daß ich viel darum gegeben
hätte, wenn ich denselben zu lindern vermocht hätte.
Obgleich ich jetzt mein Licht ausgelöscht hatte und
zu Bette gegangen war, konnte ich dennoch nicht schlafen;
denn ich dachte an seinen Blick, als er in der Allee
plötzlich still stand und sagte, wie sein Schicksal vor ihn
hingetreten und ihn mit kühnem Trotze aufgefordert
habe, in Thornfield glücklich zu sein.
"Warum nicht ? fragte ich mich: ,was entfremdet
ihn dem Hause? was treibt ihn aus dem selben wird
er es bold wieder verlassen? Mistreß Fairfax hat gesagt, er bleibe selten länger, als vierzehn Tage auf einmal hier; und nun ist er schon seit acht Wochen da:
Wenn er geht, so wird die Veränderung eine traurige
sein. Nehme ich an, er wäre im Frühling, Sommer,
und Herbst abwesend: wie freudelos wird dann die
Sonne, werden die schönen Tage scheinen !?
Ich weiß kaum, ob ich, nachdem ich so meinen
Gedanken nachgehangen, eingeschlafen war, oder nicht
jedenfalls wurde ich plötzlich so wach, wie man es nur
sein kann, als ein undeutliches, eigenthümliches und
schauerliches Geräusch, das, wie ich wähnte, gerade
über mir sich hören ließ, mein Ohr traf. Ich wünschte,
ich hätte mein Licht brennen lassen, die Nacht war
fürchterlich dunkel und mein Geist niedergedrückt. Ze-
richtete mich in meinem Bette auf und horchte. Von
dem Geräusch war Nichts mehr zu hören.
Ich versuchte abermal zu schlafen: aber mein Herz
schlug ängstlich, meine innere Ruhe war dahin. Die
Uhr, tief unten im Schlosse, schlug zweit gerade in
diesem Augenblick schien es mir, daß meine Zimmerthür
berührt würde; als ob Finger an den Panelen hingestreift wären, um die dunkle Galerie entlang den Weg
zu suchen.
,Wer ist da? rief ich.
Nichts antwortete. Ich war von Furcht ganz
durchbebt,
Mit einem Male fiel mir ein, es könne Pilot sein,
der, wenn die Küchenthür zufällig offen blieb, nicht selten heraufkam und sich vor die Thüre des Herrn Rochester legte: ich selbst hatte ihn schon Morgens dort
liegen sehen. Dieser Gedanke beruhigte mich einiger-
maßen und ich legte mich wieder nieder. Das Schweigen
stimmt die Nerven ruhiger; und da nun wieder im
ganzen Hause eine durch Nichts gestörte Stille herrscht,
so begann ich die Wiederkehr des Schlummers zu fühlen. Aber es stand in den Sternen geschrieben, daß
ich diese Nacht nicht schlafen sollte. Kaum war ein
Traum meinem Ohre nahe gekommen, als derselbe wie-
der voller Schrecken entfloh, verscheucht durch einen
Mark und Bein erschütternden Vorfall.
Es war dieß ein dämonisches Lachen leise, dampf,
tief - und ließ, wie es schien, gerade vor dem Schlüsselloch meiner Zimmerthür sich hören. Das Kopfende meines
Bettes war nahe bei der Thür und ich glaubte anfänglich, das koboldartige Wesen. von dem das Lachen ausgegangen, stehe an meinem Bette, oder ducke Ich vielmehr
an meinem Kopfkissen; aber ich erhob mich, sah mich
um. und konnte Nichts erblicken; während, als ich noch
so hinsah, der unnatürliche Ton sich wiederholte. Nun
wußte ich, daß er von außen kam. Das Erste, was
ich that, war, daß ich aufstand und die Thüre verriegelte;
das Zweite, daß ich ausrief: ,Wer ist da?
Etwas gurgelte und stöhnte draußen. Es stand
nicht lange an, so entfernten sich Tritte in der Galerie
nach der Treppe zum dritten Stockwerk zu: erst kürzlich
hatte man eine schliessbare Thür zu dieser Treppe gemacht: ich hörte sie aufgehen und zuschliesen, und dann
war Alles wieder still.
,War das Grace Poole? und ist sie vom Teufel
besessen? dachte ich.
Es war mir jetztt unmöglich, länger allein zu bleiben; ich müßte zu Mistreß Fairfax gehen. Eiligst zog
ich mein Kleid an und warf einen Shawl und sodann
schob ich den Riegel zurück und öffnete die Thür mit
zitternder Hand. Draußen stand ein brennendes Licht,
das offenbar Jemand auf der Matte in der Galerie
zurückgelassen hatte. Ich wunderte mich über diesen
Umstand; aber noch mehr erstaunte ich, als ich die ganz
trübe, wie mit Rauch angefüllte Luft bemerkte: und
während ich rechts und links blickte, um ausfindig zu
machen, woher diese blauen Wirbel kämen, bemerkte ich
weiter einen starken, brandigen Geruch.
Es knisterte Etwas, eine Thür war bloß angelehnt;
und diese Thür war die des Herrn Rochester, und daraus drang der Rauch wolkenartig hervor. Ich dachte
nun nicht weiter an Mistreß Fairfax; ich dachte nicht
mehr an Grace Poole, oder das und das Lachen: in
einem Augenblicke war ich in dem Kämmer. Klammen
züngelten um das Bett herum in die Höhe: die Vorhänge standen im Feuer. Mitten in dem Feuer und in
dem Rauche lag Herr Rochester bewegungslos, in tiefem
Schlafe.
Wachen Sie doch auf! Wachen Sie doch auf!
rief ich.
Ich rüttelte ihn, aber er murmelte bloß und wandte
sich um; der Rauch hatte ihn betäubt. Es war kein
Augenblick zu verlieren, schon brannten die Betttücher.
Ich rannte zu seinem Waschbecken hin, und fand zum
Glücke, daß es, so wie auch der Wasserkrug, nicht allein
sehr groß, sondern auch voller Wasser war. Ich nahm
beide, überschwemmte das Bett und den, der darin lag,
mit dem Inhalte, eilte in mein Zimmer zurück, brachte
auch meinen Wasserkrug herbei, überschüttete das Bett
von Neuem, und so gelang es mir mit Gottes Hülfe,
die Flammen, die es verzehrten, auszulöschen.
Das Zischen des gelöschten Elements, das Zerbrechen eines Wasserkrugs, den ich wegwarf, nachdem ich
denselben geleert, und vor Allem das Platschen des
Sturzbads, wobei ich es an Flüssigkeit nicht hatte fehlen
lassen, erweckte endlich Herrn Rochester. Obschon es
jetzt dunkel war, so wußte ich doch, daß er wachte;
denn ich hörte ihn seltsame Flüche und Verwünschungen
ausstoßen, als er fand, daß er in einem Wasserpfuhle liege.
,Ist denn die Sündfluth da? rief er.
"Nein, Sir,' antwortete ich, aber es ist Feuer
da gewesen. Stehen Sie doch auf: es ist nun ge-
löscht; ich will Ihnen ein Licht holen.
,Im Namen aller Elsen in der Christenheit, ist
das Jane Eyre? fragte er. ,Was haben Sie mit mir
gemacht, Herr, Zauberin? Wer ist noch im Zimmer?
Habt ihr euch verschworen, mich zu ersäufen?
,Ich will Ihnen ein Licht holen, Sir; und in des
Himmels Namen, stehen Sie auf. Es hat Jemand einen
bösen Anschlag gegen Sie ausführen wollen; Sie können
nicht bald genug ausfindig machen, wer und was es ist.
,Da - nun bin ich auf; aber Sie laufen ja Gefahr, wenn Sie jetzt ein Licht herbeiholen; warten Sie
noch ein paar Minuten, bis ich einige trockene Kleider
finde, wenn es überhaupt noch solche gibt - ja, hier
ist mein Schlafrock, nun eilen Sie !
Eilig lief ich hinaus und brachte das Licht herein,
das noch in der Galerie stand. Er nahm es aus meiner Hand, hielt es empor und betrachtete das Bett;
dasselbe war ganz geschwärzt und verbrannt, die Bettentücher durchnäßt, der Bodenteppich ringsherum im Wasser schwimmend.
,Was ist dies und wer hat es gethan?! fragte er.
Ich erzählte ihm in der Kürze, was ich wußte, wie
ich ein seltsames rachen in der Galerie gehört; wie
Tritte zu dem dritten Stock hinaufgegangen seien; wie
der Rauch, der Brandgeruch mich in sein Zimmer geführt, in welchem Zustande ich dort Alles gefunden, und
wie ich ihn mit so viel Wasser überschwemmt hätte,
als ich hätte finden können.
Er hörte sehr ernst zu: sein Gesicht legte im
Verlauf meiner Erzählung mehr Bekümmerniß, als Erstaunen an den Tag, und er fragte nicht sogleich, als
ich mit meiner Erzählung zu Ende war.
,Soll ich Mistreß Fairfax herbeirufen ? fragte ich.
,Mistreß Fairfax? Nein, nein - zum Henker,
warum wollen Sie sie rufen? Was kann sie thun?
Lassen Sie sie ruhig schlafen.
"So will ich Leah herbeiholen und John sammt
seiner Frau wecken.
,Ganz und gar nicht: seien Sie nur still. Sie haben einen Shawl an, wenn er Ihnen nicht warm genug
ist, so nehmen Sie meinen Mantel dort; hüllen Sie
sich darein und setzen Sie sich in den Lehnsessel dort;
kommen Sie - ich will Ihnen ein Bischen helfen.
Stellen Sie nun Ihre Füße auf den Schemel dort, um
sie vor der Nässe zu bewahren. Ich verlasse Sie auf
einige Augenblicke. Ich werde das Licht aber mitnehmen. Bleiben Sie da, wo Sie jetzt sind, bis ich wieder
komme und verhalten Sie sich so ruhig wie eine Maus.
Ich muß diesen zweiten Stock offitiren. Ruhen Sie
sich ja nicht, und rufen Sie Niemand herbei.
Er ging und ich sah das Licht sich entfernen. Er
ging ganz leise die Galerie hinauf, öffnete die Treppenthür mit so wenig Geräusch wie möglsch, verschloß dieselbe hinter sich und es verschwand der letzte Lichtstahl.
Ich blieb in voller Finsterniß zurück. Ich erwartete,
daß ich irgend ein Geräusch hören würde und horchte
deßhalb, hörte aber Nichts. Es verstrich eine sehr lange
Zeit. Ich wurde müde und des Wartens überdrüssig,
es war kalt trotz des Mantels, und sodann vermochte
ich nicht einzusehen, wozu mein Dableiben nützen solle,
da ich ja die Leute im Hause nicht wecken dürfe. Ich
war eben im Begriff, auf die Gefahr von Herrn Rochester Mißfallen hin, wegzugehen, als das Licht abermals einen matten Schein auf die Wand der Galerie
warf und ich seine unbekleideten Füße auf der Matte hörte.
,Hoffentlich ist er es, dachte ich. Und nichts
Schlimmeres.
Er trat blaß und ganz verdüstert wieder in das
Zimmer.
,Ich habe Alles ausfindig gemacht, sagte er, sein
Licht auf das Waschtischchen stellend; ,es ist, wie ich
mir dachte.'
,Wie, Sie?
Er gab keine Antwort, sondern blieb mit übereinander geschlagenen Armen und auf den Boden gesenktem
Blicke stehen. Nach einigen Minuten fragte er mit einem
etwas eigenthümlichen Tone:
,Ich habe vergessen, ob Sie gesagt, daß Sie beim
Öffnen Ihrer Zimmerthür Etwas gesehen hätten ?
" Nein, Sir, Nichts als den Leuchter auf dem Boden.
,Aber Sie haben ein seltsames Lachen gehört.
Sie haben wohl dieses Lachen oder doch etwas Reinliches schon früher gehört?
,Ja, Sir: es ist ein Frauenzimmer hier, das näht,
sie heißt Grace Poole und lacht auf solche Weise. Sie
ist eine sonderbare Person.
"Ganz richtig. Grace Poole -- Sie Haben's errathen. Sie ist, wie Sie sagen, sonderbar - sehr sonderbar. Gut, ich werde über die Sache nachdenken.
Inzwischen ist es mir lieb, daß Sie außer mir die einzige Person sind, welche die Einzelheiten von dem Vorfalle dieser Nacht genau kennt, Sie sind keine thörichte
Schwätzern, sagen Sie daher Nichts davon. Ich werde
dieß da, auf das Bett deutend erklären, und nun gehen
Sie wieder in Ihr Zimmer. Ich kann mich die noch
übrigen Stunden der Nacht wohl auf dem Sopha im
Bibliothekzimmer aufhalten. Es ist beinahe vier Uhr;
in zwei Stunden wird die Dienerschaft auf sein.
"Gute Nacht denn, Sir,! sagte ich, mich zurückziehend.
Er schien überrascht, seltsam genug, da er mich
eben hatte gehen heißen.
,Was! rief er, ,Sie verlassen mich schon wieder
und auf solche Weise!
,Sie haben ja gesagt, ich könne gehen, Sir?
,Nicht ohne Abschied zu nehmen; nicht ohne
einige Dankesworte mitzunehmen: mit Einem Worte,
nicht auf diese kurze, trockene Weise. Haben Sie mir
nicht das Leben gerettet, mich nicht einem schauerlichen Martyrtode entrissen? -- Und nun gehen Sie an mir vorbei,
als ob wir wildfremde Wesen wären! Drücken Sie mir
wenigstens die Hand!
Er streckte seine Hand aus, ich gab ihm die meinige; er nahm sie zuerst in eine, dann in beide Hände.
,Sie haben mir das Leben gerettet; es freut mich
herzlich, Ihnen unendlich Viel zu schulden. Mehr konnte ich
nicht sagen. Keinem andern lebenden Wesen möchte ich so
etwas schulden, schon der Gedanke daran wäre mir unerträglich; bei Ihnen aber ist es anders; Ihre Wohlthaten kommen mir nicht als eine Last vor, ich fühl's, Jane!
Er schwieg und sah mich scharf an: Worte, die
fast sichtbar waren, bebten auf seinen Lippen -- das
Band seiner Zunge aber ward nicht gelöst.
Noch einmal gute Nacht, Sir. Es kann hier von
keiner Schuld, keiner Wohlthat, keiner Last, keiner Verpflichtung die Rede sein.
O, ich wußte wohl, fuhr er fort, ,daß Sie mir
einst auf diese oder jene Weise Gutes erweisen würden;
ich sah es in Ihren Augen, als ich Sie zum ersten
Male erblickte: ihr Ausdruck uns Lächeln erfüllten hat
(hier hielt er wieder inne -- ,erfüllten? Hastig
fortfahrend, nicht so umsonst mein innerstes Herz
mit Wonne. Man spricht von natürlichen Sympathien,
und ich habe von Schutzgeistern gehört: in dem
albernsten Mährchen liegt ein Gran Wahrheit. Meine
theure Retterin, gute Nacht!
Es war eine seltsame Kraft in seiner Stimme, ein
seltsames Feuer in seinem Blicke.
,Ich bin nur froh, daß ich gerade weinte, sagte
ich, und wollte dann gehen. Wie? Sie wollen gehen?
,Es friert mich, Sir.
,Es friert Sie? Ja, es ist kein Wunder, Sie stehen
in einem Wasserpfuhl. So gehen Sie denn, Jane;
gehen Sie!
Aber er hielt meine and immer noch fest und ich
konnte dieselbe nicht losbekommen. Ich dachte auf ein
Auskunftsmittel.
Ich glaube, ich höre Mistress Fairfax sich rühren,
Sir, sagte ich.
,Gut, so verlassen Sie mich. Er ließ meine Hand
fahren und ich eilte hinaus.
Ich machte mich wieder in mein Bett, dachte aber
keinen Augenblick daran, wieder einzuschlafen. Bis zur
Zeit der Morgendämmerung wurde ich auf einer hoch
gehenden, unruhigen See umhergeworfen, wo Wogen
der Unruhe unter Wogen der Freude rollten. Zuweilen
glaubte ich jenseits des wilden Wassers ein Ufer zu
erblicken, lieblich wie die Hügel von Beulah; und dann
und wann trug eine frische Kühle, von der Hoffnung
erweckt, meinen Geist triumphirend zu dem Ziele hin.
Aber ich konnte es nicht erreichen, nicht einmal in der
Phantasie: ein ungünstiger Wind wehte vom Land
entgegen und riß mich beständig zurück. Der Verstand
widerstand dem Wahne: die Urtheilskraft warnte die
Leidenschaft. Zu fieberhaft aufgeregt, um zu ruhen,
stand ich auf, sobald es dämmerte.
Sechszehntes Kapitel:*****
Ich wünschte und fürchtete zu gleicher Zeit, Herrn Rochester an dem Tage, der auf diese schlaflose Nacht folgte, zu sehen; ich mußte seine Stimme wieder hören, und doch scheute ich mich, seinem Auge zu begegnen.
Während der ersten Morgenstunden erwartete ich jeden Augenblick sein Hereintreten. Er pflegte zwar nicht häufig in das Schulzimmer zu kommen, doch zeigte er sich bisweilen auf einige Minuten, und es war mir, als könne er nicht umhin, es an diesem Tage zu besuchen.
Allein der Morgen verstrich wie gewöhnlich es geschah Nichts, was den ruhigen Gang von Adelens Studien unterbrochen hätte: nur hörte ich bald nach dem Frühstücke in der Nähe von Herrn Rochesters Zimmer einige Leute hin- und hergehen, Mistreß Fairfax's Stimme, so wie die der Leah und der Köchin (John's Frau: ja es ließen sich sogar die rauhen Töne John's
vernehmen. Da hörte ich Worte, wie folgende:
“Welch ein Glück, daß der Herr nicht in seinem Bette verbrannt ist.”
,Es ist stets gefährlich, bei Nacht ein brennendes Licht in seinem Zimmer zu haben.
,Wie glücklich fügte es die Vorsehung. daß er so viel Geistesgegenwart hatte, um an den Wasserkrug zu denken!'
,Es nimmt mich Wunder, daß er Niemand. geweckt hat!’ Hoffentlich wird er sich nicht durch sein Schlafen auf dem Sopha im Bibliothekzimmer erkälten u. s. w.,
u. s w!
Auf vieles Geschwätz folgte ein Geräusch, hervorgebracht durch das Scheuern im Zimmer, sowie dadurch, daß Alles wieder geordnet wurde, und als ich an dem
Zimmer vorüberging, um zum Mittagessen hinabzugehen.
konnte ich durch die offene Thür hindurch sehen, daß Alles wieder vollständig in Ordnung war, nur war das Bett noch ohne Vorhänge. Leah zeigte sich in der
Fenstervertiefung, beschäftigt mit dem Abreiben der durch den Rauch getrübten Fensterscheiben. Ich war im Begriffe, -sie onzureden, denn ich wünschte zu wissen,
wie man die Sache sich erklärt habe; als ich aber näher trat. sah ich eine zweite Person in dem Zimmer - ein Frauenzimmer, das an dem Bette auf einem Stuhle saß und Ringe an neue Vorhänge nähte. Dieses Frauenzimmer war Niemand anders, als -- Grace Poole.
Da saß sie, gesetzt und schweigsam aussehend, wie
gewöhnlich, in ihrem braunzeugenen Kleide, ihrer gewürfelten Schürze, weißem Halstuche und weißer Haube.
Sie schien ganz bei ihrer Arbeit zu sein, da sie emsig nähte: auf ihrer harten Stirn und in ihren alltäglichen Zügen war Nichts zu sehen von der Blässe oder der
Verzweiflung. die man wohl bei eines Weibe hätte
erwarten dürfen, das einen Mord beabsichtigt, und dessen
beabsichtigtes Opfer ihr in der letzten Nacht bis in
ihre Höhle gefolgt war. und (so glaubte ich wenigstens)
sie des Verbrechens, das sie ausführen wollte, beschuldigt hatte. Ich war erstaunt, verwirrt, bestürzt. Sie blickte auf, während ich sie noch ansah: kein Zusammenfahren, keine Röthe, keine Blässe verrieth bei ihr Aufregung, Schuldbewußtsein oder Furcht vor Entdeckung. Sie sagte: ‘Guten Morgen, Miß,’ auf ihre gewöhnliche,
phlegmatische und kurze Weise, und fuhr, einen andern Ring und mehr Zwirn nehmend, in ihrer Arbeit fort.
‘Ich will sie auf die Probe stellen,’ dachte ich: ‘eine so absolute Undurchdringlichkeit geht über allen Begriff.’
,Guten Morgen, Grace,’ sagte ich. ,Ist hier Etwas passirt? Ich meinte, ich hätte noch vor einer Weile die ganze Dienerschaft hier gehört.’
‘Der Herr hat bloß letzte Nacht im Bette gelesen;
er ist eingeschlafen, während sein Licht noch brannte,
und es haben die Vorhänge Feuer gefangen; doch ist
er glücklicher Weise aufgewacht, ehe die Betttücher oder
das Holzwerk sich entzündet haben, und er hat so die
Flamme mit dem Wasser im Kruge löschen können.’
,Seltsame Geschichte!’ sagte ich mit leiser Stimme; dann sah ich sie fest an und fuhr fort: ‘Hat Herr Rochester Niemand geweckt? hat ihn Niemand gehört?’
Abermals schlug sie ihre Augen zu mir auf, und dieses Mal lag etwas in ihrem Ausdruck, das mir sagte, daß sie sich getroffen fühlte. Sie schien mich
vorsichtig zu beobachten; dann antwortete sie:
,Die Dienerschaft schläft so weit von hier, wie Sie
wissen, Miß, daß sie es nicht leicht hören kann. Das
Zimmer der Mistreß Fairfax und das Ihrige sind dem
des Herrn am Nächsten; allein Mistreß Fairfax hat gesagt, sie habe Nichts gehört: wenn die Leute alt zu werden anfangen, so haben sie oft einen tiefen Schlaf.’
Hier schwieg sie. Nach einem Augenblicke fuhr sie mit einer Art angenommener Gleichgültigkeit, aber doch in markirtem und bedeutungsvollem Tone fort:
,Aber Sie sind jung, Miß, und haben wohl keinen so harten Schlaf: vielleicht haben Sie ein Geräusch gehört?
,Ja, ich habe ein solches gehört,’ sagte ich mit noch leiserer Stimme, so daß Leah, die immer noch an den Fensterscheiben rieb, mich nicht hören konnte, ‘und zuerst habe ich geglaubt, es wäre Pilot; auch bin ich gewiß, ein Lachen gehört zu haben, und das ein seltsames.’
Sie nahm abermals eine Nadel voll Zwirn, wichste
denselben sorgfältig, fädelte ihre Nadel mit sicherer
Hand ein und bemerkte dann ganz gefaßt:
,Es ist wohl kaum anzunehmen, Miß, daß der
Herr, als er in solcher Gefahr schwebte, gelacht hat:
Sie müssen geträumt haben.’
"Ich habe nicht geträumt’ sagte ich mit einiger
Wärme: denn ihre eherne Kälte machte mich ärgerlich.
Abermals sah sie mich an, und zwar mit demselben
prüfenden Blicke, der zugleich verrieth, daß sie um die Sache wisse.
,Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein Gelächter gehört?’ fragte sie.
,Ich habe ihn diesen Morgen noch nicht sprechen können.’
,Sie haben nicht daran gedacht, ihre Thüre aufzumachen und in die Galerie hinauszusehen?’ fragte sie weiter.
Sie schien mich in’s Verhör nehmen und durch
allerlei verfängliche Fragen das, was sie zu wissen
wünschte, von mir herausbringen zu wollen. Alsbald
kam mir der Gedanke, daß sie, sobald sie entdeckte, daß
ich um ihre Schuld wüßte oder dieselbe wenigstens vermuthete, mir gleichfalls einige ihrer boshaften Streiche spielen würde; ich hielt es daher für gerathen, auf
meiner Hut zu sein.
‘Im Gegentheil,’ sagte ich, ,ich habe meine Thüre zugeriegelt.’
‘So pflegen Sie also nicht jede Nacht Ihre Thüre zu verriegeln, bevor Sie zu Bette gehen?’
,O über den bösen Feind in Weibsgestalt! Sie
will meine Gewohnheiten wissen, um darnach ihre Pläne einzurichten,’ dachte ich.
Die Entrüstung trug abermals über die Klugheit
den Sieg davon: ich erwiederte spitzig:
,Bis daber habe ich es oft unterlassen, den Riegel
vorzuschieben, weil ich es nicht für nothwendig hielt. Ich wußte nicht, daß irgend eine Gefahr oder Widerwärtigkeit in Thornfield Hall zu fürchten sei; aber für
die Zukunft - und ich legte viel Nachdruck auf diese Worte - werde ich dafür sorgen, daß Alles wohl verschlossen und verriegelt ist, ehe ich es wage, mich nieder:
zulegen.’
,Sie werden gut daran thun,’ war ihre Antwort:
‘diese Gegend ist so ruhig, wie nur eine, und nie habe
ich gehört, daß Räuber in das Schloß eingebrochen
sind, so lauge es steht, obgleich es wohl bekannt ist,
daß Silberzeug im Werthe von vielen hundert Pfund
in dem Geschirrschrank aufbewahrt wird. Und sehen
Sie, für ein so großes Haus ist nur eine sehr kleine
Dienerschaft da, weil der Herr hier nie lange geblieben
ist; und kommt er auch, so bedarf er doch nur weniger
Leute zu seiner Bedienung, da er noch ein Junggeselle
ist; aber ich halte es immer für das Beste, lieber zu
vorsichtig als zu nachsichtig zu sein: eine Thüre ist bald
zugeschlossen. und es ist nicht minder gut, einen Riegel
zwischen sich und ein Unheil geschoben zu wissen, das
Einem passiren kann. Manche Leute, Miß, sind der
Ansicht, daß man sich immer und in allen Stücken nur
auf die Vorsehung zu verlassen brauche; ich aber sage,
wir müssen die Mittel ergreifen, und dann segnet sie
oft die Vorsehung, wenn dieselben weise, wenn dieselben
klug angewendet sind.'
Und hier hielt sie inne in ihrer Rede, die für sie eine lange und mit der Ernsthaftigkeit einer Quäkerin gesprochen war.
Ich stand ganz und gar verblüfft und stumm da
bei dem, was mir als wunderbare Selbstbeherrschung
und durchaus unerforschliche Heuchelei erschien, als die
Köchin eintrat.
,Mistres Poole,’ sagte sie zu Grace gewandt, ,das Essen der Dienerschaft ist bald fertig: wollen Sie herunterkommen?’
,Nein; stellen Sie mir nur mein Nösel Porter und ein Stück Pudding auf einen Teller, und ich werde es dann auf mein Zimmer tragen.’
‘Wollen Sie kein Fleisch?’
,Nur ein kleines Stück und ein Bischen Käse; weiter Nichts.’
‘Und der Sago ?’
,Lassen Sie es für jetzt nur sein; ich komme noch vor
der Theezeit hinunter, und mache ihn dann selbst fertig.’
Hier wandte sich die Köchin zu mir mit den Worten,
daß Mistres Fairfax auf mich warte. Ich ging daher.
Ich hörte während des Essens kaum den Bericht
der Mistreß Fairfax über das Verbrennen des Vorhangs:
so sehr zerbrach ich mir den Kopf über den räthselhaften
Charakter der Grace Poole, und noch mehr darüber,
welches denn eigentlich ihre Stellung zu Thornfield sei; warum sie an dem Morgen nicht alsbald gefänglich eingezogen oder wenigstens von ihrem Herrn wegggeschickt worden. Hatte Letzterer doch in der letzten Nacht seine Ueberzeugung. daß sie das Verbrechen begangen,
so gut wie ausgesprochen: welche mysteriöse Ursache hielt ihn nun zurück, sie des Verbrechens anzuklagen? Warum hatte er auch mir auf's Dringendste anempfohlen, keine Svlbe über die Sache zu sagen? Es war in
der That höchst auffallend: ein kühner, rachesüchtiger
und stolzer Herr schien in irgend einer Weise in der
Gewalt einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu
sein; so sehr in der Gewalt derselben, daß, wenn sie
ihre Hand gegen sein Leben erhob, er es nicht wagen durfte, sie des verbrecherischen Versuches offen zu bezüchtigen, noch viel weniger aber, sie deßhalb zu bestrafen.
Wäre Grace Poole jung und schön gewesen, so
wäre ich wohl versucht gewesen, zu glauben, daß zärtlichere Gefühle, als Klugheit oder Furcht, bei Herrn Rochester zu ihren Gunsten sprächen: aber bei ihren harten Gesichtszügen und ihrem ältlichen Aussehen konnte
diesem Gedanken keinen Augenblick Raum gegeben
werden.
,Doch,’ dachte ich, ‘sie ist einmal jung gewesen; sie muß etwa in demselben Alter stehen, wie ihr Herr. Mistreß Fairfax hat mir einmal gesagt, daß sie schon
seit vielen Jahren hier sei. Ich halte es nicht für
wahrscheinlich, daß sie je hübsch gewesen; aber sie mag
Originalität und Charakterstärke besitzen, als Ersatz
für den Mangel körperlicher Vorzüge. Herr Rochester
ist ein Freund des Entschiedenen und Excentrischen, und
Grace ist wenigstens excentrisch. Wie, wenn eine frühere
Laune (ganz und gar nicht unmöglich bei einem so
schnellen und eigensinnigen Manne, wie er ihn in ihre
Macht gegeben hätte, und sie nun auf seine Handlungen
einen geheimen Einfluß, das Resultat seiner eigenen
Indiscretion -, den er nicht abschütteln kann und nicht zu
mißachten wagt, ausübte?’
Aber hier stellte sich die vierschrötige. platte Gestalt,
das unschöne, trockene, ja gemeine Gesicht der Mistreß
Poole meinem geistigen Auge so deutlich dar, daß ich
dachte: ‘Nein, unmöglich! Meine Vermuthung kann
nicht richtig sein. Und doch,’ flüsterte wieder die geheime
Stimme, die in unserm eigenen Herzen mit uns spricht,
,bist auch du nicht schön, und gefällst dem Herrn Rochester vielleicht dennoch: jedenfalls hat es bei dir oft das Gefühl erregt, als ob dem so wäre: und in letzter
Nacht - erinnere Dich an seine Worte: erinnere Dich an
seinen Blick; erinnere Dich an seine Stimme!’
Ich dachte an All’ das recht gut: Sprache, Blick
und Ton traten in dem Augenblicke mir aufs Neue und
lebhaft vor die Seele. Ich befand mich nun in dem
Schulzimmer; Adele zeichnete: ich neigte mich über sie,
und führte ihren Bleistift. Gleichsam zusammenfahrend,
blickte sie mich an und sagte:
“Qu’avez vous Mademoiselle? Vos doigts tremblent comme la feuille, et vos joues sont rouges: mais rouges comme des cerises!’
,Es ist mir heiß vom Bücken, Adele!’
Sie fuhr fort zu zeichnen. und ich zu denken.
Ich beeilte mich, den gehässigen Gedanken, den
ich in Betreffs Grace Poole's gehabt, aus meinem Geiste
zu verbannen: er ekelte mich an. Ich verglich mich mit
ihr und fand, daß wir verschieden seien. Bessie Leaven hatte
gesagt, ich sei ja eine vollkommene Dame: und sie
sprach die Wahrheit: ich war in der That eine Dame.
Und jetzt sah ich auch viel besser aus, als zur Zeit, wo
Bessie mich gesehen: ich hatte mehr Farbe und Fleisch;
mehr Leben und Lebhaftigleit, weil ich glänzendere Hoffnungen und höhere Genüsse hatte.
,Der Abend kommt heran,’ sagte ich, als ich zu
dem Fenster hinblickte. ,Ich habe heute weder die Stimme,
noch den Tritt des Herrn Rochester im Haus gehört;
aber sicherlich werde ich ihn noch sehen, ehe es Nacht
ist; diesen Morgen fürchtete ich die Begegnnung, und
nun wünsche ich sie, da die Erwartung so lange getäuscht
worden, daß sie in Ungeduld übergegangen ist.’
Als es wirklich düster wurde, und Adele mich verließ, um mit Sophien in der Kinderstube zu spielen, hatte ich das lebhafteste Verlangen, mit Herrn Rochester zusammenzutrefen. Ich horchte, ob es unten nicht läute; ich horchte, ob nicht Leah mit einer Botschaft heraufkomme; bisweilen glaubte ich den eigenen Tritt des Herrn Rochester zu bören, und wandte mich zur Thüre hin, in der Erwartung, daß dieselbe sich öffnen, und er
hereintreten würde. Die Thüre aber ging nicht auf: nur Dunkelheit kam zu dem Fenster herein. Doch war es noch nicht spät: er ließ mich oft um sieben und, um acht Uhr rufen, und es war doch erst sechs. Gewiß sollte
ich diesen Abend nicht gänzlich getäuscht werden: hatte
ich ihm doch so Vieles zu sagen! Es verlangte mich,
das Gespräch wieder auf Grace Poole zu lenken , und
zu hören, was er antworten würde; ich mußte ihn geradezu fragen, ob er wirklich glaube, daß sie es gewesen, die den abscheulichen Versuch gegen sein Leben in letzter
Nacht gemacht: und wenn dieß der Fail, warum er ihre
Bosheit geheim halte. Es verschlug wenig, wenn meine
Neugierde ihn ärgerte; ich kannte das Vergnügen, ihn
adwechselnd zu ärgern und zu besänftigen; es war dieß
ein Vergnügen, das ich mir besonders gern verschaffte,
und ein sicherer Instinkt verhinderte mich stets, allzuweit zu gehen: ich wagte mich nie über die Grenze hinaus, beschränkte mich stets nur darauf, ihn zu reizen, zu
stacheln: auf der äußersten Scheidelinie versuchte ich
gern meine Geschicklichkeit. Die kleinste Form des Respekts, jede mir von meiner Stellung vorgeschriebene Schicklichkeit beobachtend, konnte ich immerhin mit ihm ohne Furcht, oder unbequemen Zwang disputiren; und dieß behagte sowohl ihm, als mir.
Endlich ließ sich auf der Treppe krachend ein Tritt
vernehmen ; Leah erschien, aber nur, um mir anzukündigen, daß der Thee im Zimmer der Mistreß Fairfax servirt sei. Dahin ging ich. weil ich nun wenigstens die
Treppe hinabgehen durfte; denn dadurch sollte ich ja
mehr in die Nähe des Herrn Rochester kommen.
,Sie müssen Verlangen nach Ihrem Thee haben,’
sagte die gute Dame, als ich zu ihr hintrat; ,Sie haben
diesen Mittag ja so wenig gegessen. Ich fürchte,’ fuhr
sie fort, ‘Sie sind heute nicht ganz wohl: Sie sehen
erhitzt und fieberhaft aus.’
‘O ganz wohl! Ich habe mich nie wohler gefühlt.’
,Dann müssen Sie es durch einen guten Appetit
beweisen; wollen Sie den Theetopf füllen, während ich
diese Nadel da abstricke?’
Nachdem sie dieß gethan, erhob sie sich, um das
Fensterrouleau herabzulassen, was bis jetzt unterblieben
war, wahrscheinlich um das Tageslicht so lange wie
möglich zu benützen: obgleich die Dämmerung nun
immer düsterer wurde und rasch in völlige Dunkelheit überging
‘Es ist heute Abend schönes Wetter,’ sagte sie,
durch die Scheiben blickend, ‘wenn es auch nicht sternenhell ist; im Ganzen hat Herr Rochester einen günstigen Tag zu seiner Reise gehabt.’
,Reise! - Ist denn Herr Rochester verreist? Ich wußte gar nicht, daß er ausgegangen.’
‘O, er ist sogleich nach dem Frühstücke von hier weggegangen! Das Ziel seiner Reise ist Leas, Herrn Eshton's Landsitz, zehn Meilen auf der andern Seite von Millcote: ich glaube, es ist dort eine zahlreiche Gesellschaft beisammen; Lord Ingram, Sir George Lynn,
Oberst Dent und noch viele Andere.’
‘Erwarten Sie ihn schon diesen Abend zurück?’
,Nein, und ebenso wenig morgen; wahrscheinlich bleibt er dort eine Woche, oder darüber. Wenn diese seinen Leute einmal zusammenkommen, so sind sie so von Eleganz und Heiterkeit umgeben, so wohl versehen mit Allem, was gefallen und unterhalten kann, daß es sie
nicht drängt, sich wieder zu trennen. Insbesondere und
bei solchen Gelegenheiten Herren oft gar sehr gesucht,
und Herr Rochester hat so viele Talente und ist so lebhaft in der Gesellschaft, daß er wohl allgemein beliebt ist, ganz besonders aber bei den Damen, obgleich Sie
der Ansicht sein mögen, sein Aeußeres sei für ihn in ihren
Augen nicht sehr empfehlend. Allein ich glaube, seine
Fähigkeiten und Geschicklichkeiten, vielleicht auch sein
Reichthum und seine gute Herkunft verwischen jeden kleinen Fehler seines Aeußern wieder.
"Befinden sich Damen in Leas?’
,Es sind da Mistreß Eshton und ihre drei Töchter
- in der That sehr elegante junge Damen: ebenso
auch die ehrenwerthe Blanche und Mary Ingram, wunderschöne Frauenzimmer, wie ich vermuthe: in der That habe ich Blanche schon vor sechs oder sieben Jahren gesehen, als sie ein achtzehnjähriges Mädchen war. Sie kam hieher zu einem Ball und einer Gesellschaft,
die Herr Rochester zu Weihnachten gab. Sie hätten an jenem Tage das Speisezimmer sehen sollen. - wie reich dekorirt, wie prachtvoll erleuchtet es war! Ich glaube, es waren wohl an die fünfzig Damen und Herren da - alle aus den ersten Familien der Grafschaft;
und Miß Ingram wurde für die schönste von Allen an jenem Abend erklärt.’
,Sie sagen. Mistreß Fairfax, Sie hätten sie: gesehen: wie sah sie aus?’
.Ja, ich sah sie. Die Thüren zum Speisesaal
standen offen, und da es Weihnachten war, so durfte
die Dienerschaft sich in der Vorhalle versammeln, um
einige von den Damen singen und spielen zu hören.
Herr Rochester wollte haben, daß ich hineingehe, und
ich setzte mich in einen stillen Winkel und sah Allem
zu. Nie habe ich eine prachtvollere Scene gesehen:
die Damen waren prächtig gekleidet; die meisten von
ihnen - wenigstens die meisten von den jüngeren sahen schön aus; allein Miß Ingram war sicherlich die
Königin.’
‘Und wie sah sie denn aus?’
,Sie war groß; ihr Oberkörper schön: ihre
Schultern zierlich abfallend: ihr Hals lang graziös;
ihre Haut olivenfarbig, dunkel und klar: ihre Züge
edel; ihre Augen viel denen des Herrn Rochester ähnlich, groß und schwarz, und so glänzend, wie ihre Juwelen. Und dann hatte sie ein so schönes und reiches
Haar: rabenschwarz und so zierlich geordnet: hinten
eine Krone dichter Flechten, und vorn die längsten,
glänzendsten Locken, die ich in meinem Leben gesehen. Sie
war schneeweiß gekleidet; eine ambrafarbige Schärpe.
über ihre Schulter und Brust gehängt, und an der
Seite zusammengebunden, fiel in langen fransigen Enden über ihr Knie hinab. Sie trug auch eine ambrafarbige Blume in ihrem Haare, und es stach dieselbe
sehr gut gegen die gagatschwarze Masse ihrer Locken
ab.’
,Natürlich wurde sie sehr bewundert?’
‘Ja wohl: und nicht blos wegen ihrer Schönheit,
sondern auch wegen ihrer Talente. Sie war eine der
Damen, die sangen: ein Herr begleitete sie auf dem
Piano - Forte. Sie sang mit Herrn Rochester ein
Duett.’
,Mit Herrn Rochester! Ich wußte nicht, daß er
singen kann.’
‘O, er hat eine schöne Baßstimme, und einen
trefflichen Geschmack in Allem, was Musik betrifft.’
,Und Miß Ingram : was für eine Stimme hatte
sie?’
,Eine sehr volle und kräftige: sie sang entzückend
schön; es war ein Hochgenuß, ihr zuzuhören; - auch
spielte sie nacher. Ich verstehe mich nicht yiel auf
Musik, wohl aber Herr Rochester: und ich habe ihn
sagen hören, ihr Vortrag sei ungemein gut.’
,Und diese schöne, talentvolle Dame ist noch nicht
verheirathet?’
,Es scheint nicht: ich stelle mir vor, daß weder
sie, noch ihre Schwester sehr viel Vermögen besitzt.
Die Besitzungen des alten Lord Ingram waren großentheils Fideicommisse, und der älteste Sohn hat fast Alles bekommen.’
‘Aber es wundert mich doch, daß kein begüterter Adeliger oder Gentleman sich in sie verliebt hat: z. B. Herr Rochester: er ist reich, nicht wahr?’
,O ja. Aber sehen Sie, es ist ein großer Unterschied im Alter: Herr Rochester ist nahe an den vierzigen, und sie blos fünf und zwanzig.'
,Was thut denn das? Jeden Tag kommen Verbindungen vor, die noch weit ungleicher sind.’
‘Das ist wahr: doch will es mich oedünken, daß Herr Rochester kaum einen solchen Gedanken hegt. Aber Sie essen ja gar Nichts: Sie haben ja kaum Etwas versucht, seitdem der Thee servirt ist.’
,Nein, ich bin zu durstig um zu essen. Wollen
Sie mir noch eine Tasse erlauben?’
Ich war im Begriffe, die Wahrscheinlichkeit einer
Verbindung zwischen Herrn Rochester und der schönen
Blanche abermals ins Auge zu fassen; aber Adele
kam herein, und das Gespräch erhielt eine andere Richtung.
Als ich endlich wieder allein war, dachte ich über
die Mittheilungen, die ich erhalten, nach, blickte in mein
Herz, prüfte seine Gedanken und Gefühle, und bemühte
mich, mit fester Hand diejenigen, die in den unbegrenzten und spurlosen Räumen der Phantasie umhergeirrt waren, in die sicheren Grenzen des gesunden Menschenverstands zurückzuführen.
Aufgefordert, vor meinem eigenen Forum zu erscheinen, da die Erinnerung ihr Zeugniß abgelegt von den Hoffnungen, Wünschen und Empfindungen, die ich
seit der letzten Nacht gehört; - von dem allgemeinen Gemüthszustande, in dem ich mir seit beinahe vierzehn Tagen gefallen; da die Vernunft hervorgetreten war,
und in ihrer eigenthümlichen, ruhigen Weise eine ungeschminkte Geschichte erzählt hatte, die zeigte, wie sehr ich die Wirklichkeit zurückgewiesen, und mit welcher
Wuth ich das Idealische verschlungen: - sprach ich
ein Urtheil aus, dahin lautend:—
Daß es eine größere Thörin, als Jane Eyre, aus
der Welt nie gegeben; daß eine phantastischere Wahnwitzige sich nie mehr von süßen Lügen genährt, und
Gift wie Nektar hinuntergeschlürft habe.
,Du, sagte ich, ‘glaubst, Herr Rochester sehe Dich gern? Du glaubst, Du besitzest die Macht, ihm
zu gefallen? Du solltest ihm in irgend einer Weise
wichtig sein? Geh'! Deine Thorheit ist mir in der
Seele zuwider. Und Du hast Dich gelegentlicher, zweideutiger Zeichen gefreut, wodurch ein Herr von Stand und Vermögen, wodurch ein Weltmann einer Untergebenen und in der Welt Unerfahrenen sein Wohlwollen
bezeigt hat? Wie hast Du Das nur können? Armes,
thörichtes Wesen! - Konnte nicht einmal der Eigennutz Dich weiser machen? Du hast Dir diesen Morgen die kurze Scene der letzten Nacht wiederholt? - Verhülle Dein Gesicht, und schäme Dich! Er hat auch Etwas zum Lobe Deiner Augen gesagt? Blinde Puppe!
Oeffne ihre triefenden Lider, und sieh Deine eigene verwünschte Sinnlosigkeit an! Es ist für kein Frauenzimmer gut, wenn ihr von ihrem Vorgesetzten geschmeichelt
wird, dem es nicht einfallen mag, sie zu heirathen;
und bei allen Frauenzimmern ist es Wahnsinn, wenn
sie eine geheime Liebesflamme in sich aufkommen lassen,
die, wenn nicht erwiedert und unbekannt bleibend, das
Leben verzehren muß, das sie nährt; und die, wenn
entdeckt und erwiedert, irrlichtähnlich in schlammige
Wildnisse, aus denen kein Ausgang, führen muß.
,So höre denn, Jane Eyre, Dein Urtheil: Morgen stelle den Spiegel vor Dich hin, und male Dich
selbst getreu, ohne einen einzigen Mangel zu mildern:
vergiß keine harte Linie, glätte keine unangenehme
Unregelmäßigkeit Hinweg, und schreibe darunter hin:
,Portrait einer Gouvernante ohne Verwandte, ohne
Vermögen, ohne Schönheit.’
,Dann nimm ein Stück glattes Elfenbein - Du
hast ein solches in Deinem Farbenkasten - nimm Deine
Palette, mische Deine frischesten, schönsten, hellsten Farben; wähle Deinen zartesten, kameelhaarenen Pinsel; male mit Sorgfalt das lieblichste Gesicht, das Du Dir
vorstellen kannst: male es mit den sanftesten Schatten
und lieblichsten Farben, nach der Beschreibung, die
Mistreß Fairfax von Blanche Ingram gegeben: denke
an die rabenschwarzen Ringeln. und das orientalische
Auge: - wie? Du kehrst zu dem des Herrn Rochester,
als einem Modell zurück! Ordnung! Weg mit weinerlichen, sentimentalen Gedanken - weg mit dem Bedauern und dem Gram! Hier soll nur der Verstand
und die Entschlossenheit herrschen! Erinnere Dich der
erhabenen, und dabei harmonischen Gesichtszüge, der
griechischen Büste und des griechischen Halses! Laß den
runden, blendenden Arm sehen, und die zarte Hand;
vergiß weder den Diamantring, noch das goldene Armband; stelle getreu dar das Gewand, das luftige Spitzengewebe, den schimmernden Atlas, die graziöse Schärpe,
und die goldene Rose: nenne all' das ‘’Blanche, eine
vollendete Dame von hohem Range.’’
,Solltest Du in Zukunft Dir etwa einbilden, Herr
Rochester halte Etwas auf Dich, so nimm diese zwei
Bilder heraus, und vergleiche sie mit einander: sage:
‘’Herr Rochester könnte wahrscheinlich die Liebe jener
edeln Dame gewinnen. wenn er sich darum bewerben
wollte; ist es nun wahrscheinlich, daß er einen ernsten
Gedanken verschwenden sollte an dieß arme und unbedeutende Mädchen aus dem bürgerlichen Stande?’’
,Ich will es thun,’ beschloß ich, und mit diesem
Entschlusse schlief ich ruhig ein.
Ich hielt mein Wort. Einige Stunden reichten
hin, um mein eigenes Portrait mit Kreide zu skizziren:
und in weniger denn vierzehn Tagen hatte ich auf
Elfenbein ein Miniaturbild einer eingebildeten Blanche
Ingram fertig. Ihr Gesicht sah lieblich genug aus,
und, wenn man es mit dem wirklichen, mit Kreide gezeichneten Kopfe verglich. war der Contrast so groß,
als die Selbstbeherrschung nur wünschen konnte. Diese
Beschäftigung verfehlte nicht. für mich wohlthätig zu
sein: ich hatte Kopf und Hände beschäftigt, und Kraft
und Festigkeit den neuen Eindrücken verliehen, die ich
mit unauslöschlichen Zügen in mein Herz eingraben
wollte.
Es stand nicht lange an, so hatte ich allen Grund,
mir zu der heilsamen Disciplin Glück zu wünschen, der
ich so meine Gefühle gezwungen hatte, sich zu unterwerfen. Ihr verdankte ich es, wenn ich im Stande war, späteren Ereignissen mit anständiger Ruhe entgegenzutreten, die, hätten dieselben mich unvorbereilet gefunden, ich wahrscheinlich nicht einmal äußerlich zu behaupten vermocht haben würde.
Siebenzehntes Kapitel.
Es verging eine Woche, und keine Nachricht kam
von Herrn Rochester: es vergingen zehn Tage, und
immer ließ er noch Nichts von sich hören: Mlstreß
Fairfax sagte, es würde sie nicht überraschen, wenn er
von Leas geraden Wegs nach London, und von da nach
dem Continent ginge, und sich zu Thornfield ein Jahr
lang nicht wieder blicken ließe; er habe es nicht selten
auf ebenso unerwartete Weise und ebenso plötzlich verlassen. Al ich dieß hörte, begann ich eine sonderbare
Kälte in meinem Herzen. eine sonderbare Muthlosigkeit
zu verspüren. Ich gestattete mir wirklich ein kränkendes Gefühl getäuschter Hoffnung; aber, meinen Verstand
und meine Grundsätze sammelnd und zu Hülfe rufend,
rief ich alsbald meine Empfindungen wieder zur Ordnung zurück, und es war wunderbar, wie es mir gelang, den augenblicklichen Fehler zu überwinden, und
wie ich mir den Irrthum klar machte, der in der Vermuthung bestand, Herrn Rochesters Treiben sei ein Gegenstand, woran ich Ursache habe, ein lebhaftes Interesse zu nehmen. Nicht als hätte ich mich durch eine
sclavische Ansicht in Betreff meiner Untergebenheit gedemüthigt: im Gegenheil, ich sagte blos: —
"Du hast mit dem Herrn von Thornfield Nichts
weiter zu schaffen, als den Gehalt in Empfang zu nehmen, den er Dir dafür gibt, daß Du seine Schutzbefohlene unterrichtest, und für eine so rücksichtsvolle und
freundliche Behandlung dankbar zu sein, die Du, sobald Du Deine Pflicht erfüllst, ein Recht hast, von ihm zu erwarten. Sei versichert, dieß ist das einzige Band, so
er ernstlich zwischen Dir und ihm anerkennt: mache ihn also nicht zum Gegenstand Deiner schönen Gefühle, Deines Entzückens, Deines Schmerzens, u. s. f. Er ist nicht von Deinem Stande: halte Dich zu Deiner Kaste; und achte Dich selbst zu sehr, um die Liebe Deines ganzen Herzens und Deiner ganzen Seele da zu verschwenden, wo ein solches Geschenk nicht gefordert wird, und mit Verachtung zurückgewiesen würde.’
Ich lag ruhig meinem täglichen Geschäfte ob; aber immer plagte sich mein Gehirn wieder mit Einfällen und Gründen, die es mir erwünscht machen sollten, Thornfield zu verlassen; auch entwarf ich immerfort und unwillkührlich in meinem Geiste Ankündigungen, und sann über neue Stellen nach. Diesen Gedanken hielt ich nicht für nothwendig, Einhalt zu thun; sie mochten keimen und Früchte tragen, wenn sie konnten.
Herr Rocheßer war nun über vierzehn Tage abwesend gewesen, als die Post einen Brief an Mistreß Fairfar brachte.
‘Er ist vom Herrn , sagte sie, als sie die Adresse
ansah. “Nun werden wir hoffentlich erfahren, ob wir
seine Rückkehr zu erwarten haben, oder nicht.’
Und während sie das Siegel erbrach. und den Inhalt las, fuhr ich fort, meinen Kaffee zu trinken: wir saßen eben beim Frühstück. Es war heiß, und diesem
Umstande schrieb ich die plötzliche Glut zu, die sich in
meinem Gesichte zeigte. Warum meine Hand zitterte, und warum ich unwillkührlich den halben Inhalt der Obertasse in meine Untertasse verschüttete - darüber
mochte ich jetzt keine Betrachtungen anstellen.
‘Nun - bisweilen kommt es mir vor, daß es bei uns allzu still hergehet aber jetzt haben wir alle Aussicht, daß wir vollauf zu thun bekommen, wenigstens
auf eine kleine Weile,’ sagte Mistreß Fairfax, noch immer das Schreiben vor ihre Brille haltend.
Ehe ich mir erlaubte, um weitere Erklärung zu
bitten, band ich Adelens Schürze zu: die zufällig nicht
fest gebunden war; sodann gab ich ihr noch ein Brödchen, füllte ihre Tasse wieder mit Milch, und sagte nachlässig: -
,Vermuthlich kommt Herr Rochester noch nicht so bald?’
‘Ei doch, - schon in drei Tagen, wie er sagt;
das heißt schon nächsten Donnerstag: und auch nicht
allein. Ich weiß nicht, wie viele von den vornehmen
Leuten von Leas mit ihm kommen: er befiehlt mir, daß
die besten Schlafzimmer sämmtlich in Bereitschaft gehalten und das Bibliothekzimmer sammt dem Gesellschaftszimmer ausgeräumt werden sollen; auch soll
ich mehr Leute für die Küche kommen lassen, sei es aus
der George Inn zu Millcote, oder woher ich sie sonst
bekommen kann. Die Damen, sagt er, werden ihre
Kammermädchen, und die Herrn ihre Bedienten mitbringen: so werden wir das ganze Haus voll haben.’
Und Mistreß Fairfax schlang ihr Frühstück hinunter, und eilte hinweg, um die befohlenen Anstalten zu treffen.
Wie sie vorhergesagt, war man die drei Tage hindurch vollauf beschäftigt. Ich hatte gedacht, alle Zimmer in Thornfield wären über die Maßen reinlich gehalten, und wohl geordnet; aber es scheint, ich hatte mich geirrt. Man nahm drei Weiber an, um zu helfen; und ein solches Scheuern, ein solches Bürsten, ein solches Waschen des angestrichenen Täfelwerks, ein solches
Ausklopfen von Teppichen, ein solches Herabnehmen
und Wiederaufschlagen von Gemälden, ein solches Poliren von Spiegeln und Leuchtern, ein solches Anzünden von Feuern in den Schlafzimmern, ein solches Auslüften von Betttüchern und Federbetten an Kaminen sah
ich nie, weder vorher, noch nachher. Adele lief ganz
wild in all diesem Geräusche umher : die Vorbereitungen
zum Empfang der Gesellschaft, und die Aussicht auf die
Ankunft derselben schien sie in Entzücken zu versetzen.
Sophie mußte alle ihre “Toiletten” wie sie ihre Röcke
nannte - mustern; mußte alles die nicht mehr ganz frisch, - “passées” - waren, herrichten, und die neuen lüften und ordnen. Was sie selbst anbelangt, so that
sie Nichts, als in den Vorderzimmern herumspringen,
auf die Betten hinauf - und davon wieder herabhüpfen,
und sich auf die Matratzen, und aufgethürmten Kissen
und Pfühle legen, die vor den ungeheuren Feuern,
welche in den Kaminen krachend brannten, lagen. Der
Schu!pflichten war sie entbunden: Mistreß Fairfax hatte
mich in ihren Dienst gepreßt, und ich war den ganzen
Tag in der Speisekammer, ihr und der Köchin helfend,
(oder auch sie hindernd), und lernte Eierkäse, Käsekuchen
und französische Pasteten machen, Wiltprät bereiten und
Dessertteller garniren.
Man erwartete die Gesellschaft auf Donnerstag Nachmittag zur Mittagstafel um sechs Uhr. Während tiefer Zwischenzeit hatte ich keine Gelegenheit, Chimären
nachzuhängen: und ich glaube, ich war so thätig und
heiter, wie nur eine - Adele ausgenommen. Gleich
wohl wurde meine Heiterkeit von Zeit zu Zeit gedämpft,
und ich, wider meinen Willen, in das Land der Zweifel
und ungünstigen Vorbedeutungen und dunkeln Vermuthungen zurückgeworfen. Dieß geschah, wenn ich die zum dritten Stocke führende Treppenthüre - die in der
letzten Zeit immer verschlossen geblieben war - langsam aufgehen, und daraus die Gestalt der Grace Poole
in zierlicher Haube, weißer Schürze und weißem Halstuch hervortreten sah: wenn ich sie beobachtete, wie sie die Galerie mit leisen Tritten dahin schlich in ihren,
aus Sahlleisten gefertigten Schuhen: wenn ich sie in
die Schlafzmmer, wo Alles Geschäftigkeit, Alles
durcheinander geworfen war, blicken sah, - um etwa
im Vorbeigehen den Putzerinnen ein Wort zu sagen, wie man ein Kamingitter am Besten glänzend machen, ein marmornes Kamingesims reinigen, oder von Tapeten Flecken wegbringen könne, u. s. s. Weiter hielt sie sich nicht auf. So ging sie jeden Tag einmal in die Küche hinab, verzehrte dort ihr Mittagessen, rauchte am
Herde eine mäåige Pfeife Tabak, und kam zurück mit ihrem gefüllten Porterkruge, den sie in ihren düsteren Aufenthaltsort oben im Hause trug, um damit ihre
Sorgen zu verscheuchen. Nur eine einzige von den vier
und zwanzig Stunden des Tages brachte sie mit den übrigen Dienstgenossen unten zu, die ganze übrige Zeit blieb sie in einem niedrigen, mit Eichenholz getäfelten
Zimmer im zweiten Stocke; dort saß sie, und nähte - und lachte wahrscheinlich traurig bei sich selbst, — so einsam, wie ein Gefangener in seinem Kerker.
Das Sonderbarste bei All dem war, daß außer
mir auch nicht eine Seele im ganzen House auf ihre
Gewohnheiten achtete, oder darüber sich zu wundern schien; Niemand sprach von ihrer Lage oder ihrem Geschäfte; Niemand hatte Mitleid mit ihrer Einsamkeit,
ihrer völligen Abgeschiedenheit. Nur einmal hörte ich einen Theil eines Gesprächs zwischen Leah und einer
der Putzerinnen, dessen Gegenstand Grace Poole bildete.
Leah hatte etwas gesagt, was mir enlgangen war,
und die Putzerin bemerkte:
,Sie bekommt gewiß einen guten Lohn?’
,Ja,’ sagte Leah: ,ich wollte, ich hätte auch einen so guten: nicht, als hätte ich mich darüber zu beklagen, daß man mir zu wenig gibt, denn von Filzigkeit
und Knauserigkeit weiß man in Thornfield Nichts; aber
mein Lohn ist nicht der fünfte Theil von dem, was
Mistreß Poole erhält. Und sie legt brav zurück; alle
Vierteljahr geht sie aus die Bank nach Millcote. Es
sollte mich nicht wundern, wenn sie schon soviel erspart
hätte, um im Nothfalle für sich leben zu können; aber
ich glaube, sie will ihren Platz nicht verlassen, sie hat
sich schon daran gewöhnt: auch ist sie noch nicht vierzig, und stark, und zu irgend einer Arbeit zu gebrauchen. Es ist für sie zu früh, sich schon zur Ruhe zu
setzen.’
‘Sie ist wohl geschickt,’ sagte die Scheuerfrau.
,Ah, sie versteht das, was sie zu thun hat. -- und
Niemand versteht’s besser,’ erwiederte Leah bedeutsam:
und nicht Jede könnte thun, was sie thut: nicht für
alles Geld, das sie bekommt.’
,Nein, gewiß nicht,’ war die Antwort. ‘Es soll
mich wundern, ob der Herr -’
Die Scheuerfrau wollte eben weiter sprechen, aber hier wendete sich Leah um, und bemerkte mich; und augenblicklich gab sie der Frau einen kleinen Stoß mit
dem Elbogen.
,Weiß sie Nichts davon?’ hörte ich das Weib
flüstern.
Leah schüttelte den Kopf, und natürlich war es mit
dem Gespräche nun aus. Alles, was ich daraus erfahren, beschränkte sich darauf, daß in Thornfield nicht Alles mit rechten Dingen zugehe, sowie daß ich um das Geheimniß nicht wissen dürfe.
Der Donnerstag kam herbei; alle Arbeit war schon
den Abend zuvor vollendet worden. Die Teppiche waren gelegt, die Bettvorhänge festonirt, glänzende, weiße
Bettdecken ausgebreitet, die Toilettentische in Ordnung
gebracht, die Möbeln abgerieben, die Vasen mit Blumen gefüllt; Zimmer und Salon sahen so frisch und glänzend aus, wie sie nur menschliche Hände machen
konnten. Auch die Vorhalle war gescheuert, und die
große geschnitzte Uhr, sowie die Stufen und Geländer
der Treppe so glänzend polirt, wie Glas. Im Speisesaale blitzte der Nebentisch von Silbergeschirr; im Gesellschaftszimmer und im Boudoir prunkten Vasen
mit ausländischen Gewächsen auf allen Seiten. Der Nachmittag erschien endlich. Mistreß Fairfax wars sich in ihren schönsten Putz, und legte ihr bestes Kleid von
schwarzem Satin, Handschuhe und ihre goldene Uhr an;
denn es war ihr Geschäft, die Gesellschaft zu empfangen, - die Damen in ihre Zimmer zu führen u. s. f.
Auch Adele wollte geputzt sein, obgleich ich dachte, daß
sie nur wenig Hoffnung habe, der Gesellschaft vorgestellt zu werden, wenigstens an dem Tage.' Indessen erlaubte ich, ihr zu Gefallen, Sophien, ihr einen ihrer
kurzen, Wollenmusselinröcke anzuziehen. Was mich
betrifft, so brauchte ich keine großen Veränderungen
vorzunehmen, da, wie ich dachte, ich keinen Anlaß finden würde, das Heiligthum des Schulzimmers zu verlassen; denn ein Heiligthum war es nun für mich geworden, - ‘ein sehr angenehmer Zufluchtsort in Zeiteu
der Unruhe.’
Es war ein milder, heiterer Frühlingstag gewesen:
einer jener Tage, die gegen Ende März, oder zu Anfang April in ihrem Glanze sich über die Erde erheben,
als Herolde des Sommers. Er neigte sich nun zu seinem Ende, aber der Abend war sogar warm, und ich saß an dem offenen Fenster im Schulzimmer bei meiner
Arbeit.
,Es wird spät!’ sagte Mistreß Fairfax, als sie in
ihrem rauschenden Staate eintrat. ,Ich bin froh, daß
ich das Mittagessen eine Stunde später, als Herr Rochester
befohlen, bestellt habe; denn es ist nun sechs Uhr vorbei. Ich habe John zum Parkthor hinabgeschickt, um nachzusehen, ob Etwas auf dem Wege zu bemerken ist;
man kann von dort eine weite Strecke nach Millcote
hin sehen.’ Sie ging zum Fenster hin, ,Da ist er
ja!’ sagte sie. ‘Gut, John,’ (sich hinauslehend) ‘etwas Neues?’
,Sie kommen, Ma'am,’ war die Antwort. ‘In zehn Minuten sind sie hier.’
Adele rannte zum Fenster hin; ich folgte: doch
trug ich Sorge, mich auf die Seite zu stellen, so daß
ich, durch den Vorhang geschützt, sehen konnte, ohne
gesehen zu werden.
Die von John gegebenen zehn Minuten schienen
sehr lang, am Ende aber hörte man Wagenräder; vier
Reiter sprengten den Fahrweg herauf, und nach ihnen
kamen zwei offene Wagen. Flatternde Schleier und
schwankende Federn füllten die Gefährte; zwei von den Reitern waren junge, stattlich aussehende Herren; der dritte war Herr Rochester auf seinem Rappen Mesrour;
Pilot sprang vor ihm her, und an seiner Seite ritt eine Dame. Er und sie eröffneten den Zug. Ihr purpurrothes Reitkleid reichte fast bis auf den Boden: ihr
Schleier flatterte im Winde weit hin; mit dessen durchsichtigen Falten sich vermischend, und durch dieselben hindurch
schimmernd, gewahrte man volle, rabenschwarze Ringeln.
,Miß Ingram!’ rief Mistreß Fairfax, und weg eilte sie auf ihren Posten unten im Hause.
Die Cavalcade bog, der Windung des Weges folgend, rasch um die Ecke des Hauses, und ich verlor sie aus den Augen. Nun bat Adele mich um Erlaubniß, hinuntergehen zu dürfen; ich aber nahm sie auf den Schooß und machte ihr begreiflich, daß sie sich durchaus nicht unterstehen dürfe, sich vor den Damen zu zeigen, weder jetzt, noch zu irgend einer andern Zeit, es
sei denn, daß man sie ausdrücklich haben wolle; daß
Herr Rochester sehr böse darüber sein würde u. s. w.
Sie vergoß einige Thränen, als sie dieses vernahm;
als ich aber anfing, ein sehr ernstes Aussehen anzunehmen, willigte sie endlich ein, dieselben abzutrocknen.
Nun war ein lustiges Geräusch in der Vorhalle zu
hören; die tiefen Töne der Herren, und die Silbertöne
der Damen verschmelzten sich harmonisch miteinander; vor
allen aber ließ sich die volltönende, obgleich nicht allzulaute Stimme des Besitzers von Thornfield-Hall hören,
der seine schönen und galanten Gäste unter seinem Dache
bewillkommte. Dann kamen leichte Tritte die Treppe
herauf; und dann folgte ein Getrippel in der ganzen
Länge der Galerie, vermischt mit sanftem, heiterem
Lachen, und mit dem Oeffnen und Schließen der Thüren. Endlich folgte für den Augenblick eine vollständige Stille.
,Elles changent de toilettes,’ sagte Adele, die,aufmerksam horchend, jeder Bewegung gefolgt war, und dann seufzte sie.
,Chez maman,’ sagte sies "guand il y avait dy
monde, je les suivais partout, au salon, et à leurs
chambres; souvent je regardais les femmes de
ehambre coifer et habiller les dames, et c’était
si amusant: comme cela on apprend.’
,Bist du nicht hungrg, Adele?’
,Mais oui Mademoiselle: voilà cing on six
heures que nous n'avons pas mangé.’
,Nun gut: während die Damen in ihren Zimmern
sind, will ich hinuntergehen, und dir Etwas zu essen
holen.’
Und vorsichtig aus meinem Asyl hinaustretend,
suchte ich eine Hintertreppe, die gerade in die Küche
hinabführte, auf. In dieser Region war Alles Feuer
und Bewegung; die Suppe und die Fische waren im
letzten Stadium ihrer Zubereitung, und die Köchin
bückte sich über ihre Kochgeschirre mit einem Eifer, und
in einer Weise, daß man eine freiwillige Verbrennung
befürchten mußte. Im Bedientenzimmer standen oder
saßen zwei Kutscher und drei Kammerdiener am Feuer;
die Abigails waren, wie ich vermuthe, oben bei ihren
Damen; die neuen in Millcote gedungenen Diener rannten geschäftig hin und her. Durch dieses Chaos dringend, erreichte ich endlich die Speisekammer; dort ergriff
ich von einem kalten Hühnchen, einem Brödchen, einigen Törtchen, einigen Tellern sammt Messer und Gabel
Besitz, und mit dieser Beute machte ich mich eilig auf
den Rückweg. Ich hatte schon die Galerie erreicht und
wollte eben die Hinterthür hinter mir zumachen, als ein
schnelleres Summen mir verkündete, daß die Damen im
Begriffe wären, aus ihren Zimmern herauszukommen.
Ich konnte nicht bis zu dem Schulzimmer gelangen,
obne an einigen ihrer Thüren vorbeizugehen, und Gefahr zu laufen, mit meiner Victualienladung überrascht zu werden. Ich blieb daher an diesem Ende stehen, das,
da es ohne Fenster, immer dunkel, jetzt aber ganz dunkel war; denn die Sonne war schon untergegangen
und die Dämmerung im Anzug.
Nun gaben die Zimmer ihre schönen Bewohnerinnen nach einander wieder von sich; alle kamen heraus heiter und lustig, mit Gewändern, die durch die
Dämmerung schimmerten. Einen Augenblick standen
sie in einer Gruppe beisammen am andern Ende der
Galerie, wo sie sich mit lieblicher, gedämpfter Lebhaftigkeit unterhielten, sodann stiegen sie die Treppe hinab. fast ebenso geräuschlos, wie ein heller Nebel einen Hügel sich hinabwälzt. Ihr vereintes Erscheinen
hatte auf mich den Eindruck vornehmer Eleganz hervor, gebracht, wie ich solchen noch nie zuvor empfunden.
Ich fand Adele, wie sie durch die Thür des Schulzimmers blickte, die sie ein wenig aufgemacht hatte. ‘Was für schöne Damen!’ rief sie in englischer Sprache.’ O ich wollte ich könnte zu ihnen gehen! Glauben Sie nicht, Herr Rochester werde uns bald nach der Mittagstafel rufen lassen?’
‘Nein, fürwahr, ich glaube es nicht; Herr Rochester hat an etwas Anderes zu denken. Schlag’ Dir die Damen nur heute Abend aus dem Kopfe, vielleicht
bekommst Du sie morgen zu sehen: hier ist Dein Mittagessen.’
Sie war in der That hungrig. weßhalb das Hühnchen und die Törtchen ihre Aufmerksamkeit eine Zeit lang ablenkten. Es war klug. das ich den bekannten Fouragierzug unternommen; sonst wäre sowohl sie, als ich und Sophie, der ich einen Theil unsers Essens gab,
Gefahr gelaufen, gar Nichts zu essen zu bekommen; denn unter war Alles viel zu sehr beschäftigt, um noch an uns zu denken. Das Dessert wurde erst nach neun Uhr
aufgetragen, und um zehn liefen die Bedienten noch mit Kaffeetassen hin und her. Ich erlaubte Adelen, viel länger als gewöhnlich aufzubleiben, da sie erklärte, es sei
ihr unmöglich, zu schlafen, so lange unten die Türen
behändig auf- und zugingen, und Leute umherliefen.
Zudem sei es ja, fügte sie hinzu, möglich, daß von Herrn
Rochester eine Einladung komme, wenn sie schon ausgekleidet wäre: ‘et alors quel dommage!’
Ich erzählte ihr Geschichten, so lange sie zuhören wollte, und dann nahm ich sie zur Abwechslung in die Galerie. Die Lampe in der Vorhalle brannte jetzt,
und es belustigte sie, über das Treppengeländer hinabzublicken und den Bedienten zuzusehen, wie sie hin und hergingen. Als der Abend schon weit vorgerückt
war, drangen aus dem Gesellschaftszimmer, wohin das
Pianoforte gebracht worden war, musikalische Töne bis
zu uns: Adele und ich setzten uns auf die oberste Stufe
der Treppe, um zuzuhören. Bald hörten wir, wie eine
Stimme sich mit den vollen Tönen des Instrumentes
verschmelzte: es war eine Dame, die sang, und sehr
lieblich waren ihre Töne. Als das Solo vorüber war,
folgte ein Duett. und dann eine Art Rundgesang; ein
heiteres Gemurmel der Unterhaltung füllte die Pausen
aus. Ich horchte lange: plötzlich entdeckte ich, daß mein
Ohr ganz und gar damit beschäftigt war, die vermischten Töne zu analysiren, und unter allen Stimmen die des Herrn Rochester heraus zufinden; und als ihm das
gelungen war - was nicht lange anstand - so fand
es ein weiteres Geschäft darin, daß es die Töne, welche
die Entfernung undeutlich machte, zu articulirten Worten bildete.
Es schlug ellf. Ich blickte Adele an, deren Kopf
sich an meine Schulter lehnte; ihre Augen wurden
schwer, und ich trug sie daher in ihr Bett. Es war
nicht weit von Ein Uhr, als die Herren und Damen
sich auf ihre Zimmer zurückzogen.
Der nächste Tag war so schön, wie der eben verflossene; die Gesellschaft hatte sich vorgenommen, ihn zu einem Ausfluge in die Nachbarschaft zu benützen. Schon
früh Morgens machte man sich auf den Weg, Einige zu
Pferde, die Uebrigen zu Wagen; und ich sah die Gesellschaft sowohl weggehen, als zurückkommen. Miß Ingram war, wie den Tag zuvor, die einzige Dame zu
Pferd; und wie zuvor galloppirte Herr Rochester an ihrer
Seite dahin: beide ritten in einer kleinen Entfernung von
den Uebrigen. Ich machte Mistress Fairfax, die mit mir am Fenster stand, auf diesen Umstand aufmerksam:
,Sie sagten, es sei nicht wahrscheinlich; daß sie daran dächten, sich zu heirathen,’ sagte ich, ‘aber Sie sehen, Herr Rochester zieht sie offenbar jeder der andern
Damen vor.’
‘Ja, ja: ohne Zweifel bewundert er sie.’
,Wie auch sie ihn bewundert,’ setze ich hinzu; ,sehen Sie doch, wie sie ihren Kopf zu ihm hinneigt, als hätte sie ihm etwas Vertrauliches zu sagen! Ich
wollte, ich könnte ihr Gesicht sehen; denn bis jetzt ist das mir noch nicht gelungen.’
"Sie sollen sie diesen Abend zu sehen bekommen;’
erwiederte Mistreß Fairfax. ,Ich bemerkte Herrn Rochester zufällig, wie sehr Adele wünschte, sich den Damen zeigen zu dürfen, und er sagte: sie sie mag nach der
Mittagstafel in das Gesellschaftszimmer kommen, und dann mag Mis Eyre sie begleiten.’’
Ja — er hat das aus bloßer Höflichkeit gesagt; meine Anwesenheit wird, ich bin es überzeugt, nicht so sehr gewünscht,’ antwortete ich.
,Gut - ich bemerkte ihm, das Sie nicht an Gesellschaften gewöhnt seien; daß ich nicht glaubte, Sie würden gern vor so vornehmer Gesellschaft - lauter
Fremden - erscheinen; und er hat in seiner raschen
Weise geantwortet: ,,Unsinn! Wenn sie etwas dagegen
haben sollte, so sagen Sie ihr nur, es sei mein ausdrücklicher Wunsch; und wenn sie sich widersetzt, so sagen Sie ihr, ich werde, wenn sie sich halsstarrig beweise,
selbst kommen, und sie holen.’’
‘Ich will ihm diese Mühe ersparen,’ sagte ich.
Ich will gehen, wenn es einmal nicht anders angeht; aber es ist mir nicht lieb. Werden Sie da sein, Mistreß Fairfax?’
,Nein; ich excusirte mich, und er nahm meine Entschuldigung als stichhaltig an. Ich will. Ihnen nun sagen, wie Sie es zu machen haben, um sich die Verlegenheit eines förmlichen Eintritts zu ersparen, was sicherlich das Unangenehmste und Widerwärtigste bei der Sache ist. Sie müssen in das Gesellschaftszimmer gehen, so lange es noch leer ist, ehe die Damen die Tafel verlassen; setzen Sie sich in irgend einen stillen Winkel; Sie brauchen nicht lange zu bleiben, wenn einmal die
Herren eingetreten sind, es sei denn, daß es Ihnen gefalle: nur lassen Sie Herrn Rochester sehen, daß Sie da sind, und dann schleichen Sie sich weg - Niemand
wird Sie bemerken.’
,Werden diese Leute wohl lange da bleiben?’
,Vielleicht zwei oder drei Wochen: gewiß nicht
länger. Nach den Osterferien muß Sie George Lynn,
der neulich zum Parlamentsmitglied für Millcote gewählt
worden ist, nach der Stadt gehen, und seinen Sitz einnehmen: wohl wird ihn Herr Rochester begleiten: ich bin erstaunt, daß er bereits so lange in Thornfield geblieben ist.’
Nicht ohne ‘Zittern und Beben’ sah ich die Stunde
herbeikommen, wo ich mit meiner Schülerin mich ins
Gesellschaftszimmer zu verfügen hatte. Adele war den
ganzen Tag über in einem Zustande des Entzückens gewesen, als sie vernahm, daß sie am Abende den Damen
würde vorgestellt werden; und sie wurde nicht eher
etwas ruhig, als bis Sophie anfing, sie anzukleiden.
Nun aber machte die Wichtigkeit dieses Geschäfts sie
plötzlich gesetzt, und als nun endlich ihr Haar in wohlgeordneten und wohlgeglätteten Locken auf ihre Schultern herabfiel; als sie ihren nelkenfarbigen, seidenen
Rock anhatte, ihre lange Schärpe umgebunden, und ihre Spitzenhandschuhe in Ordnung gebracht waren, sah sie so ernst aus, wie nur ein Richter. Ich brauchte ihr
nicht zu sagen, daß sie auf ihre Kleidung Acht haben
solle: als sie angezogen war, setze sie sich gravitätisch auf ihren kleinen Stuhl, nachdem sie zuvor sorgfältig
den seidenen Saum aufgehoben, aus Furcht, sie möchte
ihn zerkrümpeln, und gab mir so die Versicherung, daß
sie sich nicht rühren würde, als bis ich bereit wäre.
Auch ließ ich sie nicht lange auf mich warten; ich
brauchte nicht lange, um mein bestes Kleid (- das
silbergraue, das ich mir zu Miß Temple's Hochzeit gekauft, und seitdem noch nicht wieder getragen hatte -), anzuziehen; mein Haar war bald gemacht; mein einziger Schmuckgegenstand, die Broche mit der Perle, bald
angesteckt. Und nun gingen wir hinunter.
Zum Glück war noch ein anderer Eingang in das
Gesellschaftszimmer, als der durch den Salon, wo sie
alle bei Tische saßen. Wir fanden das Zimmer leer:
ein großes Feuer brannte still in dem marmornen Kamin, und Wachskerzen schimmerten in glänzender Einsamkeit unter den ausgesuchten Blumen, welche die
Tische schmückten. Der carmesinrothe Vorhang hing vor
dem Bogen; und obgleich diese Draperie nur eine äußerst
dünne Scheidewand zwischen uns und der Gesellschaft
im anstoßenden Salon bildete , so hörte man doch nur
ein gedämpftes Gemurmel, da die Unterhaltung im Gesellschaftszimmer mit leiser Stimme geführt wurde.
Adele, die noch immer unter dem Einflusse eines
höchst feierlichen Eindruckes zu stehen schien, setze sich.
ohne ein Wort zu sagen, auf einen Schemel nieder,
den ich ihr anwies. Was mich betrifft, so zog ich mich
in eine Fenstervertiefung zurück, und versuchte, ein Buch
von einem nahe stehenden Tische nehmend, zu lesen.
Adele brachte ihren Schemel zu mir heran, und es stand
nicht lange an, so berührte sie meine Knie.
,Was hast Du, Adele?’
’Est-ce gue je ne puis pas prendre une seule
de ces Fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour comnpléter ma toilette.’
‘Du denkst zu viel an Deine Toilette, Adelez; indessen sollst Du eine Blume haben.’
Und ich nahm aus einer Vase eine Rose und befestigte dieselbe an ihren Gürtel. Sie stieß einen Seufzer voll unaussprechlicher Wonne aus, gleich als ob ihr
Glückskelch jetzt voll wäre. Ich wandte mein Gesicht ab, um ein Lächeln, das ich nicht zu unterdrücken vermochte, zu verbergen: es lag etwas Spaßhaftes und
Peinliches zugleich in der ernsten und angebornen Vorliebe der kleinen Pariserin für Alles, was die Toilette betrifft.
Nun lies sich ein sanftes Geräusch hören, welches
mir sagte, das man von der Tafel aufstehe; der Vorhang wurde zurückgeschlagen, und nun zeigte sich durch den Bogen hindurch der Speisesaal mit seinem brennenden Kronleuchter, der sein Licht über das Silber und Glas eines prächtigen Dessert-Service, womit ein langer Tisch bedeckt war, herabgoß; eine Gruppe von Damen stand in der Oeffnung; sie traten in das Gesellschaftszimmer und der Vorhang fiel hinter ihnen.
Es waren ihrer bloß acht; indessen erschienen sie mir - ich weiß nicht, wie es geschah - weit zahlreicher, als sie aus dem Speisesaal hereintraten. Einige von ihnen waren sehr groß. viele waren weißgekleidet; und alle schienen durch ihre vollen Gewänder noch größer geworden zu sein, wie der Nebel den Mond größer erscheinen läßt. Ich erhob mich, und verneigte mich gegen sie: eine oder zwei nickten mir wieder zu; die übrigen starrten mich bloß an.
Bald zerstreuten sie sich im Zimmer, und die Leichtigkeit und der Schwung ihrer Bewegungen erinnerte mich an eine Schaar weißgefiederter Vögel. Einige von ihnen warfen sich auf die Sophas und Ottomanen in halbliegender Stellung: andere neigten sich über die Tische und prüften die Blumen und Bücher; die übrigen bildeten eine Gruppe ums Feuer herum: alle sprachen in einem leisen, aber hellen Tone, der ihnen
zur Gewohnheit geworden zu sein schien. Ich erfuhr erst, später ihre Namen, kann sie aber hier jetzt gleich nennen.
Erstlich war Mistreß Eshton da mit ihren zwei
Töchtern. Augenscheinlich war sie ein schönes Frauenzimmer gewesen. und hatte sich noch gut erhalten. Die ältere ihrer zwei Töchter, Amy, war etwas klein, naiv
und kindlich von Gesicht und Benehmen, von Gestalt pikant: ihr weißmusselinenes Kleid und ihr blauer Gürtel standen ihr gut. Die zweite, Louisa, war
größer, und von zierlicher Gestalt; mit einem sehr hübschen, Gesicht von jener Art, welche die Franzosen ,minois chifonné’ nennen. Beide Schwestern hatten
eine lilienweiße Haut.
Lady Lynn war eine starke und wohlbeleibte Person, wohl an die vierzig, sehr gerade, sehr stolz aussehend, mit einem prächtigen, changirenden seidenen
Kleide: ihr dunkles Haar erglänzte unter dem Schatten
einer azurfarbigen Feder, und innerhalb des von einer
Schnur prächtiger Edelsteine gebildeten Ringes.
Die Frau Oberst Dent hatte ein weniger glänzendes Aussehen, doch kam sie mir als eine Dame von feinerem Anstande vor. Sie hatte eine schlanke Gestalt,
ein blasses, sanftes Gesicht und blondes Haar. Ihr schwarzes Atlaßkleid, ihre Schärpe aus prächtigen fremden Spitzen, und ihr Perlenschmuck gefiel mir besser,
als das regenbogenfarbige Gefunkel der betitelten Dame.
Die drei ausgezeichnetsten aber - vielleicht zum
Theil deßhalb die ausgezeichnetsten, weil sie durch ihren
hohen Wuchs die übrigen übertrafen - waren die verwittwete Lady Ingram, und ihre beiden Töchter Blanche und Mary. Sie waren alle drei von der erhabensten, weiblichen Statur. Lady Ingram mochte zwischen vierzig und fünfzig sein; ihre Gestalt war noch
schön, ihr Haar - wenigstens bei Kerzenlicht -- noch
schwarz; und auch ihre Zähne waren dem Anschein nach noch vollkommen. Die meisten Leute hätten sie wohl für eine für ihr Alter superbe Frau erklärt: und das
zwar sie auch ohne Zweifel in physischer Hinsicht; aber es lag nebenbei in ihrer Haltung und in ihrem Gesichte ein Ausdruck fast unerträglichen Stolzes. Sie hatte
römische Züge und ein doppeltes Kinn, das in einen
Hals gleich einer Säule überging: diese Züge schienen
mir von Stolz nicht blos aufgeblasen und verdunkelt,
sondern sogar gefurcht; und nach demselben Grundsatze
wurde das Kinn so aufrecht getragen, daß die Stellung
fast eine Art unnatürliche wurde. Sie hatte gleichfalls
ein strenges. hartes Auge: dasselbe erinnerte mich an
das der Mistreß Reed; sie sprach mit vollem Mund;
ihre Stimme war tief, und deren Modulationen sehr
pomphaft, sehr gemessen, — mit einem Worte sehr unnatürlich. Gekleidet war sie in ein carmesinrothes Sammtgewand, und in einen Shawlturban don golde
durchwirktem, indischem Stoffe, was ihr, - wie sie wohl dachte - eine wahrhaft königliche Würde verlieh.
Blanche und Mary waren von gleicher Statur, — hoch und gerade, wie Pappelbäume. Mary war für ihre Größe zu schmächtig; Blanche aber war geformt,
wie eine Diana. Natürlich betrachtete ich sie, mit besonderem Interesse. Erstlich wollte ich sehen, ob ihre Erscheinung mit der Beschreibung der Mistreß Fairfax
auch übereinstimme; zweitens verlangte es mich, zu wissen, ob sie Aehnlichkeit mit dem Phantasiebilde habe, das ich von ihr entworfen; und drittens - es muß
heraus! - ob ihre Erscheinung von der Art, sei, daß
dieselbe als dem Geschmacke des Herrn Rochester entsprechend anzusehen wäre.
Was das Aeußere betrifft, so entsprach sie Punkt
für Punkt sowohl meinem Bilde, als der Beschreibung
der Mistreß Fairfax. Die edle Büste, die zierlich abfallenden Schultern, der graziöse Hals, die schwarzen Augen, und die schwarzen Kugeln waren alle da: aber ihr Gesicht? es war das ihrer Mutter, nur jugendlich und ungefurcht: dieselbe niedere Stirne, die
nämlichen hinausgezogenen Züge, der nämliche Stolz. Indessen war es kein so finsterer Stolz: sie lachte unauhörlich; ihr Lachen war ein satyrisches, und nicht minder satyrisch war der gewöhnliche Ausdruck ihrer
gewölbten und stolzen Lippe.
Das Genie ist, sagt man, sich seiner selbst bewußt:
ich vermag nicht zu sagen, ob Miß Ingram ein Genie
war, aber gewiß war sie sich ihrer selbst bewußt - und
das in ausfallendem Grade. Sie ließ sich mit der
sanften Mistreß Dent in ein Gespräch über Botanik ein.
Es scheint, Mistreß Dent hatte diese Wissenschaft nicht
studirt, obgleich sie, nach ihrer Aussage, die Blumen,
insbesondere wilde, liebte: Miß Ingram aber hatte solche
Studien gemacht, und durchlief nun das ganze Wörterbuch der Wissenschaft mit einer Miene, die sagen wollte, es sei dieß eine Bagatelle für sie. Ich bemerkte bald,
daß sie Mistreß Dent mit ihrer Unwissenheit aufzog, und dieses ihr Aufziehen mochte Witz verrathen, zeugte aber entschieden nicht von Gutmüthigkeit. Sie spielte
auf dem Piano-Forte: ihr Vortrag war brillant; sie sang: ihre Stimme war schön; sie sprach beiseits mit ihrer Mutter französisch, und sie sprach es gut, geläufig
und mit gutem Accent.
Mary hatte ein milderes und offeneres Gesicht, als
Blanche: auch sanftere Züge und eine, um einige
Nüancen weißere Haut (Miß Ingram war dunkel, wie
eine Spanierin) - aber Mary fehlte es an Leben:
ihrem Gesichte fehlte es an Ausdruck, ihrem Auge an
Glanz; sie hatte Nichts zu sagen, und wenn sie einmal
ihren Sitz eingenommen hatte, blieb sie starr und ruhig,
wie eine Bildsäule in ihrer Nische. Beide Schwestern
waren in untadelhaftes Weiß gekleidet.
Und erschien mir nun Miß Ingram als eine Person, wie Herr Rochester sie wahrscheinlich gerne haben würde? Ich vermochte es nicht zu sagen - ich kannte
seinen Geschmack in Sachen weiblicher Schönheit nicht.
Liebte er das Majestätische, so war sie in Wahrheit der
Typus der Majestät: und dann war sie auch lebhaft und
hatte viele Talente. Ich konnte mir nicht anders denken,
als daß wohl die meisten Herrn sie bewundern müßten; und daß er sie wirklich bewundere, dafür glaubte ich bereits Beweise zu haben. Um aber den letzten Schatten des Zweifels zu entfernen, mußte ich sie erst noch
beisammen sehen.
Du mußt, verehrter Leser, nicht glauben, Adele
sei diese ganze Zeit über bewegungslos auf dem Schemel
zu meinen Füßen sitzen geblieben: nein: als die Damen
eintraten, stand sie auf, ging ihnen entgegen, machte
eine stattliche Verbeugung, und sagte gravitätisch:
“Bon jour, mes dames.’
Und Miß Ingram hatte mit spöttischer Miene auf
sie niedergeblickt und ausgerufen:
,O, welches Püppchen!’
Lady Lynn hatte bemerkt:
,Es ist wohl Herrn Rochester's Mündel, - das kleine französische Mädchen, von dem er gesprochen.’
Mistreß Dent hatte sie freundlich bei der Hand genommen und ihr einen Kuß gegeben.
Amy und Louisa Eshton hatten zu gleicher Zeit ausgerufen:
,Welch ein Engel von einem Kinde!’
Und darauf hatten sie sie zu einem Sopha hergerufen, wo sie nun, zwischen ihnen versteckt, saß, abwecheselnd französisch, oder gebrochen englisch schwatzte, und
nicht bloß die Aufmerksamkeit der jungen Damen, sondern auch die der Mistreß Etshton und der Lady Lynn
auf sich zog- Natürlich, wurde sie nach Herzenslust gehätschelt.
Am Ende wird der Kaffee hereingebracht, worauf
die Herren aufgefordert werden, zu erscheinen. Ich sitze
im Schatten, wenn von einem Schatten in diesem glänzend erleuchteten Zimmer überhaupt die Rede sein kann; der Fenstervorhang verbirgt mich zur Hälfte. Abermals
wird der Vorhang am Bogen zurück geschoben: sie kommen. Das vereinte Eintreten der Herrn ist, wie das der Damen, höchst imposant; sie sind alle schwarz gekleidet; die meisten von ihnen sind groß, einige jung.
Henry und Frederick Lynn sind wahrlich sehr seine junge Männer, die nicht verfehlen können, überall Aufsehen zu machen; und Oberst Dent ist ein schöner Mann von
kriegerischem Aussehen. Herr Eshton, der Distriktsbeamte,) sieht wie ein Gentleman aus: sein Haar ist
ganz weiß, seine Augenbrauen, sowie sein Backenbart
noch dunkel, was ihm einigermaßen das Aussehen eines
,père noble de théâtre’ verleiht. Lord Ingram ist,
gleich seinen Schwestern, sehr groß; wie sie. ist er auch
schön; aber er theilt Maryks zerstreuten und theilnahmlosen Blick: er scheint mehr mit langen Gliedern, als mit lebhaftem Blute und einem starken Gehirn von der
Natur beschenkt worden zu sein.
Und wo ist Herr Rochester?
Er kommt zuletzt herein: ich sehe nicht nach dem
Bogen hin, und doch sehe ich ihn hereintreten. Ich
suche meine Aufmerksamkeit auf die Stricknadeln, auf
die Maschen der Börse, die ich jetzt mache, zu concentriren; ich will nur an die Arbeit denken, die ich in Händen habe, will nur die silbernen Perlen und seidenen Fäden sehen, die in meinem Schooße liegen und doch sehe ich deutlich seine Gestalt, und rufe mir unwillkührlich den Augenblick ins Gedächtniß zurück, wo
ich dieselbe zum letzten Male gesehen: gerade als ich
ihm, wie er meinte, einen wesentlichen Dienst geleistet
hatte, — und er, meine Hand fassend und auf mein
Gesicht niederblickend, mich mit Angen betrachtete, die
ein bis zum Ueberfließen volles Herz an dessen Regungen
ich einen Antheil hatte, anzeigten. Wie nahe hatte ich
ihm in jenem Augenblicke gestanden! Was war seitdem
vorgefallen, das seine und meine Stellung einander
gegenüber verändern konnte? Aber wie fern standen
wir jetzt einander, wie sehr waren wir einander entfremdet! So entfremdet, daß ich nicht erwartete, daß er auf mich zukommen und mit mir sprechen würde.
Ich wunderte mich nicht, als er, ohne mich anzublicken,
auf der andern Seite des Zimmers Platz nahm und
mit einigen von den Damen sich zu unterhalten anfing.
Nicht so bald sah ich, daß seine Aufmerksamkeit
auf sie geheftet sei, und daß ich ihn beobachten könne,
ohne beobachtet zu werden, als meine Augen sich unwillkührlich auf sein Gesicht richteten: es war mir unmöglich, meine Augenlider länger zu bewältigen; sie
erhoben sich und die Pupillen hefteten sich auf ihn.
Ich sah hin und empfand im Hinsehen ein lebhaftes,
durch alle Nerven gehendes Vergnügen, — ein Vergnügen, wohlthuend und doch qualvoll; pures Gold mit einem stählernen Punkt der Qual: ein Vergnügen,
ähnlich demjenigen, das ein vor Durst verschmachtender
Mensch empfinden mag, der da weiß, daß die Quelle, zu der er hingeschlichen, vergiftet ist, nichtsdestoweniger aber sich niederbeugt und an dem götterlabenden Trunke
sich erquickt.
Sehr wahr ist es, daß ,die Schönheit in dem Auge
des Beschauers liegt.’ Das farblose, olivenfarbene Gesicht, die viereckige massive Stirne, die breiten und gagatschwarzen Augenbrauen, die tief liegenden Augen,
die starken Züge. der feste trotzige Mund eines Herrn,
— ganz Energie, Entschiedenheit und fester Wille, waren, wollte man den gewöhnlichen Maßstab anlegen, nicht schön; aber sie waren mehr denn schön für mich:
sie waren voll von einem Interesse, einem Einflusse,
der mich ganz bemeisterte, — der meine Gefühle meiner
Gewalt ganz entrückte, und sie an die seinigen fesselte.
— Ich hatte ihn nicht lieben wollen: der Leser weiß, ich
hatte keine Mühe gespart, aus meiner Seele die Keime
der Liebe zu vertilgen. die ich dort entdeckte; und jetzt,
sobald ich ihn wieder erblickte, lebten sie von selbst
wieder auf, grün und stark! Ich mußte ihn lieben, ohne
daß er mich ansah.
Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Was war die galante Grazie der Lynns, die matte Eleganz Lord Ingram's, - ja selbst das militärisch ausgezeichnete
Wesen des Obersten Dent gegenüber seinen Augen voll angeborner Kraft, voll ächten Feuers? In ihrer Erscheinung, ihrem Ausdrucke lag für mich nichts Sympathetisches: doch konnte ich mir vorstellen, daß die meisten Beobachter sie anziehend, schön, imposant nennen würden, während sie die Züge des Herrn Rochester auf
den ersten Blick für hart und sein Aussehen für melancholisch erklären müßten. Ich sah sie lächeln, lachen,
— es war Nichts: das Licht der Kerzen hatte ebenso
viel Seele, als ihr Lächeln; das Klingeln der Schelle
so viel Bedeutung, als ihr Lachen. Ich sah Herrn Rochester lächeln: - und seine strengen Züge wurden sanfter, sein Auge glänzend und milde, und dessen Strahl
durchdringend und lieblich. Er sprach in diesem Augenblick mit Louisa und Amy Eshton. Ich wunderte mich, sie diesem Blicke, der mir so durchdringend schien, ruhig
begegnen zu sehen: ich erwartete, das ihre Augen sich senken, die Farbe ihrer Wangen und Stirnen sich erhöhen würde; und doch war ich froh, als ich fand, daß sie in
keiner Weise bewegt wurden.
,Er ist für sie nicht, was er für mich ist,’ dachte
ich: ,er ist nicht von ihrer Art. Ich glaube, er ist
von meiner; -- ich weiß es gewiß, - ich fühle mich
mit ihm verwandt, - ich verstehe die Sprache seines
Gesichts und seiner Bewegungen; obgleich Rang und
Reichthum uns weit von einander trennen, so habe ich
doch Etwas in meinem Kopf und in meinem Herzen,
in meinem Blute und in meinen Nerven, das mich geistig
mit ihm vereint. Habe ich vor einigen Tagen gesagt,
ich habe Nichts weiter mit ihm zu schaffen, als von ihm
meinen Gehalt zu empfangen? Habe ich mir verboten,
ihn anders anzusehen, als meinen Zahlmeister? Lästerung wider die Natur! Jedes gute, wahre, kräftige
Gefühl, das ich in mir verspüre, concentrirt sich instinktmäßig auf ihn. Ich weiß, ich muß meine Emfindungen verbergen. muß die Hoffnung unterdrücken, muß mich
erinnern, daß er sich nicht viel um mich kümmern kann.
Denn wenn ich sage, ich bin von seiner Art, so meine
ich damit nicht, daß ich seine Kraft besitze, Einfluß auf
Andere zu üben, noch seinen Zauber, Andere an sich
zu ziehen: ich meine damit nur, daß ich gewisse Gefühle, einen gewissen Sinn mit ihm gemein habe. Unaufhörlich muß ich daher wiederholen, daß wir für immer geschieden sind: — und doch muß ich, so lange ich
athmen und denken kann, ihn lieben.’
Es wird der Kaffee herumgereicht. Seitdem die
Herren eingetreten, sind die Damen so lebhaft wie Lerchen geworden: die Unterhaltung belebt sich, wird heiter. Oberst Dent und Herr Eshton sprechen über Politik; ihre Frauen hören zu. Die zwei stolzen Wittwen,
Lady Lynn und Lady Ingram, plaudern mit einander
Sir George - den ich, beiläufig gesagt, zu beschreiben
vergessen habe, - ein sehr dicker und frisch aussehender
Landedelmann, steht, mit der Kaffeetasse in der Hand,
vor ihrem Sofa, und läßt bisweilen ein Wort fallen.
Herr Frederick Lynn hat neben Mary Ingram Platz genommen und zeigt ihr die Kupferstiche in einem Prachtwerke: sie steht hin, lächelt dann und wann, spricht
aber augenscheinlich nur wenig. Der große und phlegmatische Lord Ingram lehnt sich mit gefalteten Armen
auf die Lehne des Stuhls, worauf die kleine und lebhafte Amy Eshton Platz genommen: sie blickt zu ihm auf, und plaudert und plappert wie ein Zaunkönig: er gefällt ihr besser, als Herr Rochester. Henry Lynn hat
eine Ottomane zu den Füßen Louisens in Besitz genommen: Adele theilt sich in dieselbe mit ihm: er versucht, mit ihr französisch zu sprechen, und Louisa lacht über
seine Schnitzer. Zu wem wird sich Blanche Ingram halten? Dort steht sie allein am Tische, sich graziös über ein Album neigend; sie scheint zu warten, bis man sie aussucht; allein sie wartet nicht gern zu lange:
sie sucht sich selbst einen Genossen.
Herr Rochester, der die Eshtons verlassen, steht am
Kamin so einsam, wie sie am Tische: sie wendet sich
ihm zu, sich an dem andern Ende des Kaminsimses
aufstellend.
,Herr Rochester, ich dachte, Sie hätten Kinder
nicht gern?’
,Das ist auch so.’
,Was hat Sie dann aber veranlaßt, daß Sie sich einer so kleinen Puppe, wie die dort (auf Adele deutend), angenommen? Wo haben Sie sie aufgelesen?’
‘Ich habe sie nicht ausgelesen; man hat sie in
meinen Händen gelassen, man hat sie mir aufgebürdet.’
,Sie hätten sie in eine Schule thun sollen.’
,So viel habe ich nicht aufwenden können: Erziehungsanstalten sind so theuer.’
,Ei, ich denke doch, Sie halten eine Erzieherin für sie: so eben habe ich noch eine Person bei ihr gesehen - ist sie fort? O nein, da sitzt sie ja noch hinter dem Fenstervorhange. Sie bezahlen dieselbe, wie natürlich: ich dächte, das ist nicht minder kostspielig. — und es kostet wohl noch mehr; denn Sie müssen beide
noch obendrein erhalten.’
Ich fürchtete - oder sollte ich sagen, ich hoffte?
— daß diese Anspielung auf mich Herrn Rochester veranlassen würde, zu mir herzublicken, und unwillkürlich zog ich mich tiefer in den Schatten zurück: er wandte
jedoch seine Augen nicht zu mir her.
,Ich habe die Sache noch nicht lo überlegt,’ sagte
er gleichgültig, und gerade vor sich hinblickend.
‘Nein - ihr Männer habet doch nie die Sparsamkeit und den gesunden Menschenverstand im Auge. Sie sollten Mama über das Kapitel von den Gouvernanten reden hören: Mary und ich haben, sollte ich
meinen, zu unserer Zeit wenigstens ein Dutzend gehabt;
die, eine Hälfte derselben war abscheulich, die andere
lächerlich, und alle Kobolde - nicht wahr, Mama?’
,Hast Du mit mir gesprochen, meine Einzige?’
,Die junge Dame, die so als das specielle Eigenthum der Wittwe in Anspruch genommen war, wiederholte die Frage mit einer Erklärung.
‘Meine Theuerste, sprich mir doch nur nicht von Gouvernanten; das bloße Wort schon macht mich nervös. Ein Märtyrer kann nicht soviel ausgestanden
haben, als ich durch ihre Unfähigkeit, und ihre Launen: ich danke dem Himmel, daß ich nun Nichts mehr mit ihnen zu schaffen habe!’
Mistreß Dent neigte sich hier zu der frommen
Dame hinüber und flüsterte ihr Etwas ins Ohr: aus
der Antwort, die daraus folgte, schließe ich, es habe
eine Erinnerung sein sollen, daß eine den dem anathematisirten Geschlechte zugegen sei.
,Um so schlimmer!’ sagte Ihre Ladyship, ‘ich
hoffe, sie wird daraus Nutzen ziehen.’
Dann sagte sie in leiserem Tone, aber immer noch so laut, daß ich es hören konnte:
,Ich habe sie bemerkt: ich verstehe mich auf Physiognomien, und in ihrer sehe ich alle Fehler ihrer Klasse.’
‘Welcher Art sind die, Madame? fragte Herr Rochester laut.
,Ich will sie Ihnen unter vier Augen sagen,’ entgegnete sie, in ominös bedeutsamer Weise dreimal mit ihrem Turban nickend.
,Aber meine Neugierde möchte schon jetzt befriedigt sein: sie kann nicht so lange warten.’
‘Fragen Sie Blanche: sie ist näher bei Ihnen, als ich.’
,Ach, verweisen Sie ihn doch nicht an mich, Mama! Soll ich mich über das ganze Gelichter mit Einem Worte ausdrücken, so kann ich nur sagen, das sie eine
Pest sind. Nicht als ob sie mir je viel zu schaffen gemacht hätten; ich trug Sorge, das Spiel umzukehren. Welche Streiche spielten Theodor und ich unsern Miß
Wilsons, und Mrs. Grens, und Madame Jouberts! Mary war stets zu schläfrig, um lebhaft auf ein Complott einzugehen. Der beste Spaß war der, den wir mit Madame Joubert hatten: Miß Wilson war ein armes, kränkliches Ding, weinerlich und ohne viele
Courage: mit einem Worte nicht werth, daß man sie überwand; und Missis Greys war gemein und unempfindlich: jeder Schlag prallte an ihr ab. Aber die arme Madame Joubert! ich sehe sie noch in ihrer Wuth, wenn wir sie aufs Aeußerste getrieben, — unsern Thee verschüttet, unser Butterbrod zerkrümelt, unsere Bücher an die Zimmerdecke geworfen, und mit dem Lineale und dem Schreibtische, dem Kamingitter und
der Feuerzange eine Katzenmusik gemacht hatten. Theodor, erinnerst Du Dich noch der lustigen Tage?’
‘I - - a, ja gewiß,’ sagte Lord Ingram in
gedehntem Tone: ,und der arme alte Stecken rief gewöhnlich aus: ‘’o ihr garstigen Kinder!’’ -- und
dann hielten wir ihr eine lange Predigt, daß sie sich
erfreche, so talentvolle Kinder, wie wir, unterrichten zu
wollen, während sie doch selbst so unwissend sei.’
,Ja, das thaten wir: und Tedo, Du weißt, ich
half Dir Deinen Hofmeister, den bleichsüchtigen Herrn
Vining, den mit dem Pipps behafteten Pfarrer, wie wir
ihn nannten - verfolgen. Er und Miß Wilson nahmen sich die Freiheit heraus, sich in einander zu verlieben, wenigstens dachte ich mit Tedo so. Es entgingen
uns verschiedene zärtliche Blicke und Seufzer nicht, die
wir als Zeichen der ,belle passion’ deuteten, und ich kann Ihnen versichern, daß dem Publikum unsere Entdeckung nicht lange vorenthalten wurde: wir benutzten sie als eine Art Hebel, um die so schwer auf unsern Nacken ruhenden Lasten aus dem Hause zu wälzen. Sobald die liebe Mama dort von der Sache Wind bekam, war es ihr klar, daß das Verhältniß nur ein unmoralisches sein könne. War es nicht so, theure Mama?’
‘Gewiß, meine Beste. Und ich hatte vollkommen Recht: Du kannst Dich darauf verlassen. Es lassen sich tausend und aber tausend Gründe anführen, warum
Liebesverhältnisse zwischen Erzieherinnen und Hofmeistern in einem wohlgeordneten Hause auch nicht einen Augenblick geduldet werden sollten; erstens -’
,Ach du lieber Himmel! Ersparen Sie uns doch
die Aufzählung, Mama! Übrigens kennen wir sie ja
alle: da ist die Gefahr des bösen Beispiels für die
liebe, unschuldige Jugend; sodann Zerstreuung und daraus folgende Vernachläßigung der Pflicht von Seiten der fraglichen Personen; gegenseitiges Bündniß und
Sichverlassen auf einander; daraus entspringende Zuversicht, Unverschämtheit und Empörung, und am Ende vom Liede allgemeine Explosion. Habe ich Recht? Frau
Baronin Ingram von Ingram Park?’
,Meine Lilie, Du hast Recht, wie immer.’
"Somit brauchen wir über die Sache Nichts weiter zu sagen: sprechen wir von was Anderem.’
Amy Eshton, welche diesen Ausspruch nicht gehört
hatte, oder nicht beachten wollte, fiel mit ihrer sanften
kindlichen Stimme ein:
‘Louise und ich ärgerten unsere Gouvernante auch;
allein sie war ein so gutes Geschöpf, daß sie Alles mit
sich anfangen läßt: Nichts vermochte sie irre zu machen. Sie zeigte gegen uns nie üble Laune, nicht wahr, Louise?’
‘Nein, nie: wir mochten thun, was uns nur einfiel, ihren Pult und ihr Arbeitskistchen ausplündern, und ihre Schubladen und Fächer umkehren. Auch war
sie so gutmüthig, sie that uns Alles, was wir nur
haben wollten.’
,Nun, ich denke, sagte Miß Ingram, ihre Lippe sarkastisch kräuselnd, ,wir werden einen Auszug aus den Memoiren aller Gouvernanten, die je gelebt haben, und dennoch leben, bekommen; um eine solche Prüfung abzuwenden, schlage ich abermals vor, daß man zu
einem andern Gegenstand der Unterhaltung übergeht. Herr Rochester, unterstützen Sie mich bei meinem Antrage?’
‘Madame, ich unterstütze Sie in diesem Punkte, wie
in jedem andern.’
‘So will ich denn die Last auf mich nehmen, einen
Vorschlag zu machen. Signor Odoardo, sind Sie diesen Abend bei Stimme?’
,Donna Bianca, ich bin es, wenn Sie es befehlen.’
‘So lege ich Ihnen denn, Signor, aus allerhöchster Machtvollkommenheit die Verpflichtung auf, Ihre
Lunge und andern Stimmorgane gehörig in Stand zu
setzen, da dieselben in meinem königlichen Dienste nöthig
sind.’
,Wer möchte nicht gern mit Rizzio einer so himmlischen Maria sein?’
‘Zum Henker mit Rizzio!' rief sie, und schüttelte ihren Lockenkopf, indem sie auf das Piano - Forte zu ging. ,Meiner Meinung nach muß der Geiger David
ein dummer Kerl gewesen sein; mir gefällt der schwarze
Bothwell besser: ich halte Nichts auf einen Mann, der
nicht ein klein wenig vom Teufel an sich hat; und die
Geschichte mag von James Hepburn sagen, was sie
will, - aber es will mich bedünken, er war gerade
ein so wilder, grimmiger Banditenführer, als ich einen
mit meiner Hand hätte beglücken mögen.’
,Gentlemen, Sie hören es! Wer von Ihnen
gleicht nun am Meisten Bothwell?’ rief Herr Rochester.
,Ich dächte, es gebührt Ihnen der Vorzug,’ erwiederte Oberst Dent.
,Bei meiner Ehre, ich bin Ihnen sehr verbunden,’ lautete die Antwort.
Miß Ingram, die sich nun mit stolzer Anmuth an
das Piano-Forte gesetzt, und ihr weites, schneeweißes
Kleid ausgebreitet hatte, so daß sie wie eine Königin
erschien, begann ein brillantes Vorspiel, dazwischen hineinsprechend. Diesen Abend schien sie sich auf ihr hohes Pferd gesetzt zu haben; sowohl ihre Worte, als
ihre Miene schienen nicht blos die Bewunderung, sondern auch das Erstaunen ihrer Zuhörer erregen zu sollen: offenbar hatte sie es darauf abgesehen, ihnen zu
imponiren.
"Ach, ich bin der jungen Männer, wie sie heut zu Tage sind, so überdrüssig,’ rief sie, auf dem Instrumente fortrasselnd. ,O die armen, winzigen Dinger,
die nicht dazu gemacht sind, einen Schritt über Papa's
Parkthor sich hinauszuwagen, und nicht einmal so weit
zu gehen sich getrauen, ohne die Erlaubniß und Aufsicht der Mama! Geschöpfe, so besorgt um ihre hübschen Gesichter, und ihre weißen Hände, und ihre Füßchen, als ob ein Mann sich überhaupt um Schönheit zu bekümmern hätte! Als ob die Liebenswürdigkeit nicht das specielle Vorrecht des Weibes wäre - ihre rechtmäßige Mitgift und Erbschaft! Ich gebe zu, ein häßliches Weib ist ein häßlicher Flecken in dem schönen
Gesichte der Schöpfung, was aber die Herren betrifft,
so mögen sie blos darnach trachten, Stärke und Tapferkeit zu besitzen. Ihre Wahlspruch möge sein: - Jagen, Schießen, Fechten: das Uebrige ist keine taube
Nuß werth. Das würde wenigstens, wäre ich ein Mann,
mein Wahlspruch sein.’
"Wenn ich je heirathe,’ fuhr sie nach einer Pause
fort, die Niemand unterbrach, ,so soll mein Gemahl
kein Nebenbuhler, sondern eine Folie für mich sein. Ich
werde keinen Mitbewerber in der Nähe des Thrones
dulden: ich werde ungetheilte Huldigung verlangen:
seine Liebe soll nicht getheilt sein zwischen mir und der
Gestalt, die er in seinem Spiegel sieht. Nun singen
Sie, Herr Rochester, ich will Sie begleiten.’
,Ich bin ganz gehorsam,’ versetzte derselbe.
,Hier ist ein Korsarenlied. Ich muß Ihnen sagen,
daß ich für Korsaren schwärme: und deßhalb singen
Sie es ‘’con spirito.’’
,Ein Befehl von Miß Ingram's Lippen müßte
einer Tasse voll Milch und Wasser Feuer und Leben
verleihen.’
,So nehmen Sie sich in Acht: Wenn Ihr Gesang
nicht zu meiner Zufriedenheit ausfällt, so werde ich Sie
dadurch beschämen, daß ich zeige, wie solche Sachen gesungen werden müssen.’
,Das heißt ja in der That ein Prämium für die
Unfähigkeit aussetzen: ich werde es mir nun angelegen
sein lassen, Ihrer Erwartung nicht zu entsprechen.’
“Gardez-vous eu bien! Wenn Sie absichtlich
Ihre Sache schlecht machen, so werde ich eine angemessene Strafe erdenken.’
,Miß Ingram sollte gnädig sein, denn sie hat es
in ihrer Macht, eine Strafe aufzuerlegen, die zu ertragen einem Menschen unmöglich ist.’
,Ha, erklären Sie sich,’ sprach die Dame in gebietendem Tone
,Verzeihen Sie mir, Madame: einer Erklärung
bedarf es nicht; Ihr eigener feiner Sinn muß Ihnen
sagen, daß ein einziger saurer Blick von Ihnen ein
Aequivalent für die Todesstrafe wäre.’
,Singen Sie sagte sie, und begann eine Begleitung in feurigem Style.
,Nun kann ich mich mit Manier wegschleichen,’ dachte ich; aber die Töne, die nun die Lust durchbebten, hielten mich zurück. Misters Fairfax hatte gesagt, Herr Rochester habe eine schöne Stimme, und in der
That hatte er einen kräftigen, wolltönenden Baß, in
den er sein eigenes Gefühl, seine eigene Kraft legte:
wodurch er einen Weg durch das Ohr zum Herzen
fand, und da die Empfindung wunderbar weckte. Ich
wartete, bis der letzte, tiefe und volle Klang verhallt
war, - bis die einen Augenblick lang gehemmte Fluth
des Gesprächs wieder in Gang kam: dann verließ ich meinen einsamen Winkel, und ging durch die Seitenthüre, die zum Glücke in der Nähe war, hinaus. Von
da führte ein enger Gang in die Vorhalle: als ich
durch dieselbe ging, bemerkte ich, daß eines meiner
Schuhbänder ausgegangen war; ich blieb stehen, um es
wieder zu knüpfen, und kniete dabei auf die Matte nieder, die sich am Fuße der Treppe befand. Ich hörte die Thür des Speisesaals aufgehen; ein Herr trat heraus; rasch mich erhebend, sah ich mich ihm gegenüber, Gesicht gegen Gesicht: es war Herr Rochester.
"Wie befinden Sie sich?’ fragte er.
,Ganz gut, Sir.’
‘Warum sind Sie nicht im Zimmer auf mich zugekommen, um mit mir zu sprechen?’
Ich dachte, ich könnte dem Fragesteller seine Frage
zurückgeben; indessen wollte ich mir diese Freiheit nicht
nehmen, sondern antwortete: ‘Ich wollte Sie nicht stören, Sir, da Sie beschäftigt schienen.’
"Was haben Sie während meiner Abwesenheit gethan?’
,Nichts Besonderes - ich habe Adele, wie gewöhnlich, unterrichtet.’
,Und Sie sind gewaltig blässer geworden, als Sie
vorher waren - wie ich auf den ersten Blick sah. Fehlt
Ihnen Etwas?’
,Ganz und gar Nichts, Sir.’
‘Haben Sie sich vielleicht erkältet in jener Nacht,
wo Sie mich halb ersäuften?’
,Nicht im Geringsten.’
"Gehen Sie in das Gesellschaftzimmer zurück: Sie
verlassen uns zu früh.’
,Ich bin müde. Sir.’
Er sah mich etwa eine Minute lang an, und sagte
sodann weiter: —
,Und ein wenig niedergeschlagen. Weßhalb? Sagen Sie es mir.’
,Es ist Nichts, durchaus Nichts, Sir. Ich bin, nicht niedergeschlagen.’
,Ich aber behaupte, daß es dem so ist: Sie sind so niedergeschlagen, das einige weitere Worte Ihnen Thränen in die Augen treiben würden - ja sie glänzen und schwimmen ja schon; und ein Tropfen ist von den Wimpern auf den Boden gerollt. Hätte ich Zeit
und schwebte ich nicht in tödtlicher Furcht, daß irgend
ein geschwätziges Stück von einem Bedienten vorbeikommen möchte, so müßten Sie mir sagen, was Alles dieses bedeutet. Gut, für heute Abend sollen Sie entschuldigt sein; allein Sie müssen wissen, daß ich, solange meine Gäste hier sind, von Ihnen erwarte, daß Sie jeden Abend in dem Gesellschaftszimmer erscheinen:
ich wünsche es so; versäumen Sie es nicht. Nun gehen
Sie, und schicken Sie Sophie, um Adele zu holen. Gute
Nacht, meine -.’
Hier hielt er inne, biß sich in die Lippe, und verließ mich plötzlich.
Achtzehntes Kapitel.
Das waren lustige Tage in Thornfield-Hall, und nicht minder auch geschäftige Tage wie verschieden von den ersten drei Monaten der Stille, Monotonie und
Einsamkeit, die ich unter dessen Dache zugebracht! Alle traurigen Gefühle schienen jetzt aus dem Hause gewichen, alle düsteren Ideenverbindungen vergessen zu sein:
überall war Leben, überall war Bewegung den ganzen langen Tag. Man konnte die einst so stille Galerie nicht durchschreiten, noch in eines der sonst so unbewohnten Vorderzimmer treten, ohne einem netten Kammermädchen, oder einem gleich einem Dandy geputzten Diener zu begegnen.
Die Küche, die Vorrathskammer des Kellermeisters, das Bedientenzimmer, die Vorhalle, waren alle gleich lebendig; und die Salons blieben nur dann leer und still, wenn der blaue Himmel und der ruhige Sonnen schein des lieblichen Frühlingswetters die Gäste in den Park hinauslockte. Auch dann, wenn dieses Wetter auf einige Tage durch anhaltenden Regen unterbrochen wurde, schien der Frohsinn nicht von der Gesellschaft
gewichen zu sein: nur wurden dann die Belustigungen
im Hause um so lebhafter und mannigfaltiger.
Ich wunderte mich, was sie thun würden am ersten
Abende, wo der Vorschlag gemacht wurde. mit der und Unterhaltung abzuwechsein: man sprach davon, Charade zu spielen, allein in meiner Unwissenheit wußte ich nicht,
was dieser Ausdruck zu bedeuten hatte. Es wurden die
Diener hereingerufen. die Tische im Speisezimmer weg
gerollt, die Lichter anders auf- und die Stühle in einen
Halbkreis dem Bogen gegenüber gestellt. Während Herr
Rochester und die übrigen Herren diese Veränderungen
anordneten, liefen die Damen die Treppe auf und ab,
und klingelten ihren Kammermädchen. Mistreß Fairfax
mußte Auskunft geben über die Vorräthe des Hauses
an Shawls, Kleidern und Draperien jeder Art; gewisse
Kleiderschränke im dritten Stockwerke wurden ausgeplündert, und ihr Inhalt in der Gestalt von Brocat- und Reifröcken, Atlaß-Üeberwürfen, schwarzen Leibchen,
Spitzen-Flügelhauben u. s. w. wurde, ein Arm voll nach
dem andern, von den Abigails heruntergeschleppt, und
endlich wurde eine Auswahl getroffen, und die also
ausgewählten Dinge in das Boudoir am Gesellschaftszimmer getragen.
Inzwischen hatte Herr Rochester die Damen wieder um sich versammelt, und wählte aus ihnen einige aus, die zu seiner Partie gehören sollten.
,Miß Ingram gehört notürlich mir,' sagte er: und nannte dann noch die zwei Misses Eshton und Mistreß Dent. Er sah mich an: ich war gerade in seiner Nähe, da ich das Schloß am Armbande der Mistreß Dent, das aufgegangen war, zugemacht hatte.
‘Wollen Sie mitspielen?’ fragte er. Ich schüttelte
den Kopf. Er bestand nicht weiter darauf, was ich
beinahe befürchtete: ich durfte ruhig auf meinen gewöhnlichen Platz zurückgehen.
Nun zog er sich mit seinen Genossinnen hinter den
Vorhang zurück: die andere Partie, an deren Spitze
Oberst Dent sich gestellt hatte, ließ sich auf dem Halbmonde von Stühlen nieder. Einer der Herren, Herr Eshton, bemerkte mich, und schien den Vorschlag zu
machen, daß man mich bitten solle, zu ihnen zu stoßen;
aber Lady Ingram widersetzte sich dem alsbald.
,Nein,’ — so hörte ich sie sagen — ,sie sieht viel
zu dumm für ein derartiges Spiel aus.’
Es währte nicht lange, so ließ sich ein Klingeln vernehmen, und es ging der Vorhang auf. Innerbalb des Bogens war die wohlbeleibte Gestalt des Sir George Lynn, den Herr Rochester gleichfalls sich beigesellt hatte, in ein weißes Betttuch gehüllt zu sehen: vor ihm, auf einem Tische, lag ein großes Buch aufgeschlagen, und an seiner Seite stand Amy Eshton, in Herrn Rochester'a Mantel gehüllt, und ein Buch in der Hand
haltend. Eine Person, die man nicht sehen konnte,
klingelte lustig; dann sprang Adele — die darauf bestanden hatte, der Partie ihres Vormunds anzugehören vor, und streute den Inhalt eines Blumenkorbs, den
sie am Arme trug, auf dem Boben umher. Nun erschien die herrliche Gestalt der Miß Ingram, in weißem Gewande, einen langen Schleier auf dem Kopfe, und einen
Blumenkranz um die Stirn: an ihrer Seite ging Herr Rochester, und sie näherten sich mit einander dem Tische. Sie knieten nieder, während Mistreß Dent und Louisa
Eshton, gleichfalls weiß gekleidet, sich hinter denselben aufstellten. Nun folgte eine pantomimische Ceremonie, die, wie unschwer zu erkennen war, eine Trauung vorstellen sollte. Als dieselbe zu Ende war, berieth sich Oberst Dent mit seiner Partie einige Minuten lang flüsternd; sodann rief der Oberst aus: —
‘Bride!’
Herr Rochester verbeugte sich, und es fiel der Vorhang.
Es dauerte ziemlich lange, bis er wieder aufging.
Nun aber war eine sorgfältiger vorbereiteite Scene zu
erblicken, als die erste gewesen war. Das Gesellschaftszimmer war, wie ich schon früher bemerkte, um zwei Stufen höher, als der Speisesaal, und auf der oberen
Stufe erschien, einige Schritte ins Zimmer hereingerückt, ein großes marmornes Becken, in dem ich eine Zierath des Gewächshauses erkannte — wo es gewöhnlich von erotischen Pflanzen umgeben, und von Goldfischen bewohnt war — und von wo man es mit einiger Mühe, da es groß und schwer war, hergebracht haben mußte.
Auf dem Teppich, neben diesem Becken sitzend, erschien Herr Rochester: er war in Shawls gehüllt und ein Turban schmückte sein Haupt. Seine schwarzen
Augen und seine dunkelbraune Haut paßten sehr gut
zu dem Costüm: er sah wie das wahre Muster eines
orientalischen Emirs aus, wie ein Agens, oder wie ein
Opfer der Bogensehne. Bald zeigte sich auch Miß Ingram. Auch sie war nach örientalischer Weise gekleidet: eine carmesinrothe Schärpe war gürtelartig um
ihre Taille gebunden, ein gesticktes Tuch um ihre Schläfen
geknüpft; ihre prächtig gebildeten Arme bloß, -- einer
derselben erhoben, um einen in graziösem Gleichgewichte
auf ihrem Kopfe stehenden Wasserkrug zu halten. Sowohl ihre Gestalt und Züge, als ihre Gesichtsfarbe und ihr allgemeines Aussehen leiteten auf den Gedanken hin, daß hier eine israelitische Fürstentochter aus der patriarchalischen Zeit dargestellt werden wolle; und dieß war zweifellos auch der Charakter, in dem sie erscheinen
wollte.
Sie ging zu dem Becken hin und beugte sich über dasselbe, gleichsam um ihren Krug zu füllen; dann hob sie ihn wieder auf ihren Kopf. Nun schien die Person
am Rande der Quelle sie anzureden, irgend eine Bitte
an sie zu richten : - sie eilte, nahm ihren Krug
herunter, setzte ihn auf ihre Hand und gab ihm zu
trinken. Nun zog er aus dem Busen seines Gewandes
ein kleines Kästchen hervor, machte es auf, und ließ
prachtvolle Armbänder und Ohrringe sehen; sie that,
als sei sie von Erstaunen und Bewunderung erfüllt;
kniend legte er den Schatz zu ihren Füßen nieder:
Ungläubigkeit und Entzücken malten sich in ihren Blicken
und Geberden; der Fremde legte ihr die Armbänder um die Arme. und befestigte die Ringe in ihren Ohren. Es war Elieser und Rebekka: es fehlten nur noch die
Kameele.
Die Partie, welche errathen mußte, steckte die
Köpfe wieder zusammen: offenbar aber konnten sie nicht
einig werden über das Wort, oder die Sylbe, welche
diese Scene darstellen sollte. Oberst Dent, ihr Sprecher, verlangte, daß man das ganze Tableau geben solle; worauf der Vorhang wieder fiel.
Als er zum dritten Male aufging, zeigte sich dem
Auge nur noch ein Theil des Gesellschaftszimmers, da
der übrige Theil durch einen mit einer dunklen und
groben Draperie behängten Schirm verborgen war.
Das marmorne Becken war nicht mehr zu sehen; an
seinem Platze standen ein tannener Tisch und ein Küchenstuhl: diese Gegenstände konnte man bei einem sehr trüben Lichte sehen, das von einer Hornlaterne aus
ging, indem die Wachskerzen alle ausgelöscht waren.
Diese düstere, unheimliche Scene wurde noch erhöht durch einen Mann, der da saß mit auf seinen Knien ruhenden, geballten Fäusten, und mit auf den Boden geschlagenen Augen. Ich erkannte Herrn Rochester, obgleich das berußte Gesicht, der unordentlicHe Anzug - sein Rock hing lose von einem Arm herunter, gleich
als wäre ihm derselbe bei einer Balgerei beinahe vom
Rücken gerissen worden, - das verzweiflungsvolle,
finstere Aussehen, das rauhe, sich sträubende Haar ihn
wohl hätte unkenntlich machen können. Als er sich bewegte, klirrte eine Kette: an seinen Handgelenken waren Fessein.
,Bridewell!’ rief Oberst Dent aus, und die Charade war gelöst.
Nachdem ziemliche Zeit verstrichen war, erschienen
die Personen, welche mitgespielt hatten, wieder im
Speisesaal in ihrem gewöhnlichen Costüm. Herr Rochester führte Miß Ingram herein; sie becomplimentirte ihn wegen der Art, wie er seine Aufgabe gelöst.
,Wissen Sie,’ sagte sie, ,daß Sie mir in der letzten Rolle am Besten gefallen haben? Ach. hätten Sie nur wenige Jahre früher gelebt, welch prächtigen
Räuberhauptmann hätten Sie nicht abgegeben!’
,Ist aller Ruß von meinem Gesichte abgewaschen?’ fragte er, ihr dasselbe zuwendend.
,Ach freilich: Schade genug! Nichts kann Ihnen
zu Ihrer Gesichtsfarbe besser stehen, als jene Räuberschminke,’
,Sonach würde Ihnen ein Straßenräuber gefallen?’
,Ein englischer Straßenräuber wäre das Beste nach einem italienischen Banditen und dieser könnte nur von einem Seeräuber der Levante übertroffen werden.’
’Nun, was ich immer sein mag, vergessen Sie nicht, doß Sie meine Frau sind: vor einer Stunde sind wir ja vor allen diesen Zeugen getraut worden.’
Sie kicherte und das Roth uuhrer Wangen erhöhte sich.
,Nun, Dent,’ fuhr Herr Rochester fort, ‘ist die
Reihe an Ihnen.’
Und als nun die andere Partie sich zurückzog, nahm
er mit seiner Gesellschaft die leeren Sitze ein. Miß
Ingram setzte sich zur Rechten ihres Führers und die
übrigen zur Partie gehörenden Personen nahmen die
Stühle zu beiden Seiten ein. Mein Auge beobachtete
nun nicht mehr die spielenden Personen: ich wartete
nicht mehr mit Interesse auf das Aufgehen des Vorhangs: meine Aufmerksamkeit war ganz und gar von den Zuschauern in Anspruch genommen; meine Augen,
zuvor auf den Boden geheftet, wurden jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem Halbkreise der Stühle hingezogen. Welche Charade Oberst Dent und seine
Partie spielten: welches Wort sie wählten: wie sie ihre
Rollen durchführten. - weiß ich nicht mehr: aber ich
sehe noch die Berathung, die auf jede Scene folgte:
ich sehe noch Herrn Rochester sich zu Miß Ingram und
Miß Ingram sich zu Herrn Rochester hinwenden; ich sehe
sie ihren Kopf zu ihm hinneigen, bis die rabenschwarzen Locken fast seine Schultern berühren und an seine
Wange streifen: ich höre ihr gegenseitiges Geflüster;
ich entsinne mich auch der Blicke, die sie mit einander
gewechselt; und es drängt sich in diesem Augenblicke
sogar Etwas von dem Gefühle, welches das Schauspiel in mir erweckte, meinem Gedächtnisse wieder auf.
Verehrter Leser, ich habe dir gesagt, daß ich gelernt hatte, Herrn Rochester zu lieben: es war mir
nun nicht möglich, ihn auf Einmal nicht mehr zu lieben, einzig und allein, weil ich gefunden hatte, daß er
mich nicht mehr beachtete weil ich in seiner Gegenwart
Stunden zubringen konnte, ohne daß er auch nur Einmal nach mir hinsah - weil ich bemerken mußte, wie
seine ganze Aufmerksamkeit von einer großen Dame in
Anspruch genommen war, die mich bis zu dem Grade
verachtete, daß sie es zu vermeiden suchte, mich im Vorübergehen mit dem Saume ihres Kleides zu berühren; die, wenn ihr dunkles und gebieterisches Auge zufällig
auf mich fiel, es alsbald wieder abwandte, als sei der
Gegenstand, auf den es gefallen, zu niedrig und zu unbedeutend, um Beachtung zu verdienen. Es war mir
nicht möglich, ihn nun mit einem Male nicht mehr zu
lieben, weil ich der Ueberzengung war, daß er eben
diese Dame bald heirathen würde - weil ich Tag für
Tag in ihr ein stolzes Vertrauen, eine stolze Sicherheit
hinsichtlich seiner Heirathsabsichten las — weil ich
Stunde für Stunde an ihm eine Art der Bewerbung
beobachtete, die, wenn auch nachlässig und sich eher
aufsuchen lassend als selbst aufsuchend, doch eben durch
ihre Nachlässigkeit einnehmend und in ihrem Stolze
selbst unwiderstehlich war.
In diesen Umständen lag Nichts, wodurch die Liebe sich hätte abkühlen, oder verbannen lassen sollen,
wohl aber viel, um Verzweiflung hervorzurufen. Vielleicht auch, wirst Du, verehrter Leser, denken, um Eifersucht zu erregen: wenn ein Frauenzimmer in meiner Lage
sich herausnehmen konnte, auf ein Frauenzimmer, wie
Mis Ingram, eifersüchtig zu sein. Allein ich war nicht
eifersichtig, oder doch nur sehr selten; die Natur der
Qual, die ich litt, ließ durch dieses Wort sich nicht er
klären. Miß Ingram stand etwas zu niedrig, um das Gefühl der Eifersucht zu erregen. Verzeihe, verehrter Leser, diesen anscheinenden Widerspruch: ich denke, was
ich sage. Sie hatte viel äußerlichen Prunk, aber der war nicht ächt: ihre Gestalt war schön, und manche ihrer Talente glänzend zu nennen; aber ihr Geist war
von Natur arm, ihr Herz von Natur eine unfruchtbare Oede: Nichts entsproß und blühete freiwillig auf diesem Boden! Keine unerzwungene, keine natürliche Frucht
entzückte durch ihre Frische. Sie war nicht gut; sie
war nicht originell: sie pflegte hochtrabende Phrasen aus
Büchern herzusagen: nie offenbarte sie, nie hatte sie eine eigene Ansicht. Sie machte auf Gefühl Anspruch, und sprach davon; aber die Empfindungen der Sympathie und des Mitleids waren ihr fremd, von Zärtlichkeit und Wahrheit wußte sie Nichts: sie lagen ihr fern. Nur zu oft verrieth sie dieß durch einen übel angebrachten Aerger und den Widerwillen, den sie gegen die kleine Adele gefaßt hatte. Sie machte demselben dadurch Luft, daß sie die Kleine mit einem, verächtlichen Beiworte
wegstieß, wenn diese sich ihr zufällig näherte; bisweilen
auch dadurch, daß sie sie aus dem Zimmer gehen hieß.
und immer dadurch, daß sie sie mit Kälte und Bitterkeit behandelte. Auch andere Augen außer den meinigen beobachteten diese charakteriellen Offenbarungen —
und zwar scharf, genau, unerbittlich. Ja, der künftige
Bräutigam, Herr Rochester selbst, bewachte unaufhörlich
die künftige Braut; und aus diesem seinem Scharfblicke,
aus diesem seinem steten Auf-der-Hutsein — aus diesem vollkommenen, klaren Bewußtsein von den Fehlern seiner Schönen, — aus dieser offenbaren Abwesenheit
von Leidenschaft bei seinen Gefühlen gegen sie, — ging
mein ewig quälender Schmerz hervor.
Ich sah, daß er im Begriffe war, sie ihrer Familie, vielleicht politischer Rücksichten halber, zu heirathen,
sie zu heirathen, weil ihr Rang und ihre Familienverbindungen nach seinem Geschmacke waren; ich fühlte, daß er ihr seine Liebe nicht geschenkt habe, und daß ihre Eigenschaften wenig geeignet wären, ihm diesen Schatz abzugewinnen. Das war der Punkt - das war es, wo der Nerv berührt, schmerzlich berührt - das
war es, wo das Fieber unterhalten und genährt wurde:
sie konnte ihn nicht bezaubern.
Hätte sie es verstanden, sich des Sieges mit Einem
Male zu versichern, und hätte er sein Herz ihr aufrichtig zu Füßen gelegt, so würde ich mein Gesicht verhüllt
und mich zur Wand hin gewendet haben, und wäre
dann im figürlichen Sinne des Worts für sie beide gestorben. Wäre Miß Ingram ein gutes und edles Frauenzimmer gewesen, begabt mit Kraft, Glut, Güte und Verstand, so würde ich einen Kampf auf Leben und Tod zu kämpfen gehabt haben mit zwei Tigern - der Eifersucht und der Verzweiflung; dann hätte ich, nachdem
mein Herz herausgerissen und verschlungen gewesen
wäre, sie bewundert, ihre Vortrefflichkeit anerkannt, und
wäre den Rest meiner Tage ruhig gewesen, und je unbedingter ihre Ueberlegenheit war, um so tiefer mußte
ich sie dann bewundern und um so größer mußte
dann in Wahrheit meine Ruhe werden. Aber so wie
die Sachen wirklich standen, hieß es, zu gleicher Zeit
zu einer unaufhörlichen Aufregung und einem grausamen Zwange verdammt sein, wenn man die Bemühungen der Miß Ingram, Herrn Rochester zu bezaubern,
gewahren, und dieselben stets und immerdar wieder
fehlschlagen sehen mußte, während sie selbst sich dessen
nicht bewußt war, und in ihrer Eitelkeit sich einbildete,
daß jeder abgedrückte Pfeil das Ziel getroffen haben
müsse; während sie in ihrem Wahne sich auf ihr gutes
Stück so viel zu gut that, und ihr Stolz und ihre Selbstgefälligkeit immer weiter das, was sie anzulocken wünschte,
stets mehr abstieß.
Unter steter Aufregung und einem qualvollen Zwange
leben - hieß es deßhalb, weil ich sah, wie es ihr hätte
gelingen können, wenn ihre Bemühungen fehlschlugen.
Pfeile, die unaufhörlich von Herrn Rochesters Brust abprallten, und ohne eine Wunde verursacht zu haben, zu
seinen Füßen niederfielen, würden, — das wußte ich
wohl — von sicherer Hand abgeschossen, tief und gewaltig in sein stolzes Herz gedrungen sein, - würden
in seinem strengen Auge Liebe, und in seinem sardonischen Gesichte Milde hervorgerufen haben; oder noch
besser, es hätte ohne Waffen eine stille Eroberung gemacht werden können.
,Warum kann sie keinen größern Einfluß auf ihn üben, da es doch in ihrer Macht steht. ihm so nahe zu kommen?’ fragte ich mich. ,Sie kann ihn sicherlich nicht wahrhaft lieben! Würde sie ihn also lieben, so
würde sie nicht nöthig haben, ihre lächelnden und verliebten' Blicke so zu verschwenden, so ohne Unterlass
flammen zu lassen; so würde sie keine so ausgesuchten
Mienenspiele, keine so vielfachen Grazien zu ihrem Beistande hervorzurufen brauchen. Mir scheint es, sie könnte
seinem Herzen viel näher kommen, wenn sie sich ganz
ruhig an seine Seite setzte, wenig sagte, und noch weniger ihre Augen laufen ließe. Ich habe in seinem Gesichte einen ganz andern Ausdruck gesehen, als den, der
es jetzt versteinert erscheinen läßt, während sie ihn so lebhaft anredet; er war nicht hervorgerufen durch buhlerische Künste und berechnende Kunstgriffe, und man
brauchte ihn blos zu nehmen, wie er war, blos ohne
Prätension zu antworten auf das, was er sagte, ihn erforderlichen Falls ohne Grimasse anzureden - so wurde
er wärmer - und freundlicher, und so lieblich wie ein
Sonnenstrahl. Wie will sie es angreifen, um ihm zu gefallen, wenn sie einmal verheirathet sind? Ich denke nicht, daß ihr das gelingen wird, und doch ließe es sich
so weit bringen; und es könnte seine Frau, nach meiner innigsten Ueberzeugung, das glücklichste Weib unter der Sonne sein.
Ich habe noch Nichts gesagt, um Herrn Rochesters
Projekt, aus Interesse und Familienverbindungen zu
lieb zu heirathen, zu verdammen. Es überraschte mich,
als ich zum ersten Mal entdeckte, daß dieß seine Absicht:
ich hatte ihn für einen Mann gehalten, der sich bei der
Wahl einer Lebensgefährtin wohl nicht von so alltäglichen und niedrigen Motiven bestimmen ließe; je länger ich aber die Stellung, Erziehung u. s. w. Beider
betrachtete, um so weniger hielt ich mich, für gerechtfertigt, ihn oder Miß Ingram zu tadeln und über sie zu Gericht zu sitzen, weil sie Ideen und Grundsätzen gemäß handelten, die man ihnen ohne Zweifel von ihrer frühesten Kindheit an eingeprägt. Ihre ganze Klasse hing an diesen Grundsätzen, und ich vermuthete sonach,
sie hätten wohl mir unergründliche Motive, an denselben festzuhalten. Es schien mir, daß, wäre ich ein Herr wie er, ich nur ein solches Frauenzimmer an meinen Busen nehmen würde, das ich zu lieben vermöchte;
aber gerade. der Umstand, daß die Vortheile für den
nach einem solchen Plane handelnden Gatten so offen am
Tage lagen, überzeugte mich, daß gewichtige Gründe,
mir unbekannt, vorhanden sein müßten, die sich dessen
allgemeiner Annahme entgegensetzten; denn sonst, meinte
ich, müßte doch wohl Jeder so handeln, wie ich zu
handeln wünschte.
In andern Stücken aber wurde ich, so gut wie in diesem, sehr nachsichtig gegen meinen Herrn: ich vergaß alle seine Fehler, auf die ich sonst so scharf gesehen.
Es war früher mein stetes Bemühen gewesen, alle Seiten seines Charakters zu studiren; das Gute mit dem Bösen zu nehmen, und mir dann nach gehörigem Abwägen beider ein gerechtes Urtheil zu bilden. Nun
sah ich aber nichts Schlechtes mehr. Der Sarkasmus,
der mich einst abgestoßen, das rauhe Wesen, das mich
erschreckt hatte, waren blos ein scharfes Gewürz an einem ausgesuchten Gerichte; es war vorhanden, und bestand, allein durch seine Abwesenheit mußte das ganze
Gericht verhältnißmäßig geschmacklos werden. Und was
das unbestimmte etwas — war es ein unheimlicher,
oder sorgenvoller, ein planvoller oder verzweiflungsvoller
Ausdruck? - anbelangt, das einem sorgfältigen Beobachter dann und wann in seinem Auge sich auf- und wieder verschloß, ehe man die seltsame, theilweise erschlossene Tiefe ergründen konnte; jenes Etwas, das in mir Furcht und Zittern erregte, als wäre ich unter vulkanisch aussehenden Hügeln dahin gewandelt, und hätte
den Boden plötzlich erbeben gefühlt, und ihn sich öffnen
sehen; — so sah ich dasselbe immer noch von,
Zeit zu Zeit, und zwar mit klopfendem Herzen, aber
nicht mit gelähmten Nerven. Anstatt den Wunsch zu
hegen, dasselbe zu meiden, verlangte es mich nur, es
herauszufordern, es zu errathen, und ich hielt Miß Ingram für glücklich, weil sie einst nach Muße in diesen Abgrund blicken, dessen Geheimnisse erforschen und
deren Beschaffenheit prüfen dürfe. Inzwischen war die übrige Gesellschaft mit ihren
eigenen, besondern Interessen und Vergnügungen beschäftigt, während ich nur an meinen Herrn und seine
künftige Braut dachte -- nur sie sah, nur ihre Worte
hörte, und nur ihre Bewegungen für wichtig hielt.
Lady Ingram und Lady Lynn hatten immer noch feierliche Conferenzen mit einander, bei denen sie mit ihren
Turbanen einander zunickten, ihre vier Hände erhoben,
und damit, ganz wie ein paar prächtige Marionetten,
Erstaunen, Geheimniß oder Entsetzen ausdrückten, je
nachdem der Gegenstand war, worüber sie schwatzten.
Die milde Mistreß Dent sprach mit der gutmüthigen
Mistreß Eshton, und diese beiden hatten bisweilen ein
höfiches Wort oder ein freundliches Lächeln für mich.
Sir George Lynn, Oberst Dent und Herr Eshton sprachen über Politik, oder Grafschaftsangelegenheiten,
oder Gegenstände der Justiz. Lord Ingram kokettirte
mit Amy Eshton, Louisa spielte und sang für und mit
einem der Herren Lynn, und Mary Ingram hörte, ohne
sich viel darum zu kümmern, auf die galanten Reden des
andern. Bisweilen stellten Alle. wie durch Verabredung,
ihr Nebenspiel ein, um die Hauptpersonen beobachten und ihnen zuhören zu können; denn bei all Dem waren Herr Rochester und - weil enge mit ihm verknüpft -- Miß Ingram das Leben und die Seele der Gesellschaft. Fehlte er eine Stunde in dem Zimmer, so schien
sich seiner Gäste allmählig eine merkliche Langweile zu bemächtigen. und sein Wiedererscheinen gab der Unterhaltung immer wieder neue Frische und Lebhaftigkeit.
Der Mangel seines belebenden Einflusses schien besonders eines Tages sich bemerklich zu machen, als er Geschäfte halber hatte nach Millcote gehen müssen, und man ihn erst spät Abends zurückerwartete. Der Nachmittag war regnerisch; ein Spaziergang, den die Gesellschaft sich vorgenommen, um ein neulich auf einer Allmende jenseits Hay aufgeschlagenes Zigeunerlager zu sehen, war aufgeschoben worden. Einige von den ,
Herren waren in den Pferdestall gegangen: die jüngeren spielten mit den jüngeren Damen Billard. Die Wittwen Ingram und Lynn suchten sich mit einem harmlosen Kartenspiele zu entschädigen. Blanche Ingram hatte, nachdem sie mit hochmüthigem Schweigen einige Bemühungen der Mistreß Dent und Mistreß Eshton, sie
in die Unterhaltung zu ziehen, zurückgewiesen, zuerst
einige sentimentale Arien auf dem Piano-Forte gemurmelt, und sich dann, nachdem sie aus der Bibliothek einen Roman geholt, mit hochmüthiger Gleichgültigkeit auf ein Sopha geworfen, und machte Anstalt, durch den Zauber der Dichtung über die langweiligen Stunden der Abwesenheit hinwegzukommen. Alles war still
im Zimmer und im Hause, nur dann und wann hörte
man von oben das fröhliche Lachen und Treiben der
Billardspieler.
Der Tag neigte sich zur Dämmerung, und schon
hatte die Uhr verkündet, daß es Zeit sei, sich zur Tafel
anzukleiden, als die kleine Adele, die neben mir in einer
Fenstervertiefung des Gesellschaftszimmers kniete, ausrief: -
‘Voilà Monsieur Rochester gui revient.’
Ich wandte mich um, und Miß Ingram schoß wie ein Pfeil von ihrem Sopha empor: auch die andern blickten von ihren verschiedenen Beschäftigungen auf;
denn zu gleicher Zeit ließ sich auf dem nassen Kies ein Knarren von Rädern und ein spritzendes Getrappel von Pferde-Hufen hören. Eine Postkutsche näherte sich.
,Was ist ihm eingefallen, so nach Hause zurückzukommen?’ sagte Miß Ingram. ,Er ritt Mesrour — den Rappen — als er weg ging, und Pilot war auch
bei ihm; — was hat er wohl mit den Thieren angefangen?’
Während sie dieß sagte, kam sie mit ihrer großen Gestalt und ihren weiten Kleidern dem Fenster so nah, daß ich mich zurücklehnen mußte, so daß mir fast der
Rückgrat brach; in ihrem Eifer bemerkte sie mich nicht
gleich: sobald dieß aber geschah, kräuselte sie ihre Lippe,
und ging zu einem andern Fenster hin. Die Postkutsche hielt an; der Kutscher klingelte an der Hausthür und ein Herr in Reisekleidern stieg aus; allein es war
nicht Herr Rochester, sondern ein großer, modisch aussehender Mann, - ein Fremder.
‘Aergerlich!’ rief Miß Ingram: ,du widerwärtiger Affe du!’ (zu Adelen gewandt Wer hat dich an das Fenster gestellt, um eine falsche Nachricht zu geben?’
Und sie warf einen zornigen Blick auf mich, wie wenn ich die Schuld trüge.
Man hörte in der Vorhalle einige Worte wechseln, und bald trat der Neuangekommene herein. Er verbeugte sich gegen Lady Ingram, als halte er sie für die älteste
unter den anwesenden Damen.
,Es scheint, ich komme ungelegen, Madam,’ sagte er, ‘wenn mein Freund, Herr Rochester, nicht zu Hause ist; allein ich komme von einer sehr weiten Reise, und
denke, daß ich bei meiner alten und vertrauten Bekanntschaft es schon wagen darf, mich hier so lange zu installiren, bis er zurückkommt.’
Sein Benehmen war höflich; seine Aussprache
fiel mir als etwas ungewöhnlich auf, — nicht gerade als fremd, aber doch kam sie mir auch nicht als ganz englisch vor; sein Alter mochte etwa das des Herrn
Rochester sein, - das heißt, ich hielt ihn für einen Mann zwischen dreißig und vierzig: seine Gesichtsfarbe war auffallend blaßgelb; im Uebrigen war er besonders auf den ersten Blick ein Mann von schönem
Aussehen. Bei genauerer Beobachtung entdeckte man
in seinem Gesichte Etwas, was mißfiel, oder vielmehr, was nicht ganz gefiel. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig, aber zu matt; sein Auge war groß und wohlgebildet, aber das Leben, das aus demselben blickte, war ein zahmes, leeres Leben - so dachte wenigstens ich.
Die Töne der das Zeichen zum Ankleiden gebenden
Glocke zerstreuten die Gesellschaft. Erst nach der Tafel.
sah ich ihn wieder; er schien mir da sich nicht ganz
behaglich zu fühlen und etwas befangen zu sein. Mir
gefiel aber seine Physiognomie noch weniger als zuvor:
sie kam mir zu gleicher Zeit als unsicher und todt vor.
Sein Auge war unstät und es lag dabei keine Bedeutung darin: sein Blick wurde dadurch so sonderbar, wie ich noch nie einen gesehen zu haben mich erinnerte. Ein
schöner und nicht unliebenswürdig aussehender Mann,
wie er mir vorkam, stieß er mich doch außerordentlich
ab: es lag keine Kraft in jenem glatten Gesichte von
vollkommen ovaler Form; keine Festigkeit in jener Adlernase und dem kleinen Kirschenmmnde; es lag kein Gedanke auf der niedrigen, ebenen Stirn; kein Befehl
in dem leeren, braunen Auge.
Während ich, wie gewöhnlich, in meinem Winkel
saß und ihn bei dem Lichte der auf dem Kaminsims
stehenden, ihre vollen Strahlen über ihn ausgießenden
großen Armleuchter ansah - er saß in einem Armsessel dicht am Feuer und rückte demselben noch immer näher, gleich als ob es ihn fröre - verglich ich ihn
mit Herrn Rochester. Ich glaube (ich bitte den Vergleich zu entschuldigen), der Contrast kann nicht größer
sein zwischen einem glatten, weichen Gänserich und einem
wilden, grimmigen Falken; zwischen einem sanften
Schafe und dem rauhhärigen, kühnäugigen Hunde, der
es hütet.
Er hatte von Herrn Rochester gesprochen, als von
einem alten Freunde. Eine seltsame Freundschaft mußte
aber wohl die ihrige gewesen sein: ein auffallender
Beleg zu dem alten Sprichworte, daß die Ertreme sich
berühren.
Zwei oder drei von den Herren saßen neben ihm,
und ich konnte von Zeit zu Zeit einige abgerissene Phrasen von ihrer Unterhaltung auffassen. Anfangs konnte ich von dem, was ich hörte, nicht gar viel verstehen; denn da Louisa Eshton und Mary Ingram, die näher bei mir saßen, mit einander sprachen, so wurden die fragmentarischen Sätze, die von Zeit zu Zeit bis
zu mir gelangten, für mich nur noch undeutlicher. Die
beiden eben genannten Damen sprachen von dem Fremden: sie nannten ihn einen schönen Mann. Louisa sagte,
er sei ein liebenswürdiges Geschöpf und sie bete ihn
an; Mary ihrerseits bezeichnete als ein Ideal des Reizenden seinen hübschen kleinen Mund und seine zierliche Nase.
,Und wie lieblich und milde seine Stirne aussieht!’ rief Louisa, — .so glatt — keine jener finstern Unregelmäßigkeiten. die ich so sehr, hasse, und ein so
mildes Auge und Lächeln!’
Hier rief sie zu meinem großen Troste Herrn Henry
Lynn auf die andere Seite des Zimmers. um Einiges
wegen des verschobenen Ausflugs nach der Hay Common auszumachen.
Ich war nun im Stande, meine Aufmerksamkeit auf die Gruppe amn Feuer zu concentriren, und vernahm bald, daß der Neuangekommene Mason heiße: ferner
erfuhr ich, daß er so eben in England aus einem beißen Lande angekommen sei, was ohne Zweifel der Grund war, daß sein Gesicht eine so entschieden blaßgelbe Farbe
hatte, daß er sich so hart an's Feuer setze und im Hause einen großen Oberrock trug. Einige Augenblicke darauf sagten mir die Worte Jamaika, Kingston, Spanisch Town, daß Westindien der Ort sei, an dem er sich
aushalte; und zu meiner nicht geringen Ueberraschung
hörte ich endlich noch, daß er dort Herrn Rochester zuerst gesehen habe und mit demselben bekannt geworden sei. Er sprach davon, wie sehr seinem Freunde die
glühende Hitze, die Orkane und die Regenzeit in jenen Gegenden mißfallen hätten. Ich wußte zwar, daß Herr Rochester große Reisen gemacht: Mistreß Fairfax hatte es gesagt; aber ich glaubte, seine Wanderungen hätten
sich nicht über den Continent von Europa hinaus erstreckt: bis daher hatte ich nicht einmal eine Anspielung auf Reisen nach entfernteren Küsten vernommen. Ich
dachte über diese Dinge nach, als ein Zwischenfall und zwar ein etwas unerwarteter, den Gang meiner Gedanken unterbrach.
Herr Mason, der, sobald Jemand die Thüre öffnete,
vor Kälte zitterte, bat, man möchte noch mehr Kohlen
auf das Feuer legen, das abgebrannt war, obgleich
die Gluth noch roth und heiß war. Der Bediente, der
die Kohlen hereinbrachte, blieb beim Hinausgehen bei
Herrn Eshtons Stuhl stehen, und sagte Etwas mit
leiser Stimme, wovon ich nur die Worte hörte: ,Altes
Weib - ganz lästig und widerwärtig.’
,Sagt ihr, sie komme in den Block, wenn sie sich
nicht alsbald fortmacht,’ versetzte Herr Eshton.
,Nein - halt!’ unterbrach Oberst Dent. ,Schicken
Sie sie nicht fort, Eshton; wir können ja aus der
Sache einen Nutzen ziehen: wir wollen lieber erst die
Damen fragen.’
Und mit lauter Stimme fuhr der Oberst fort:
,Ladies, Sie haben dadon gesprochen, daß Sie
nach Hay Common gehen wollten, um das Zigeunerlager anzusehen; Sam hier sagt, es sei in diesem Augenblicke von den alten Mother Bunches eine in dem
Bedientenzimmer, und bestehe darauf, vor die hohen
und höchsten Herrschaften gelassen zu werden. um denselben wahrzusagen. Wollen Sie dieselbe vielleicht sehen?’
,Gewiß, Oberst,’ rief Ladv Ingram. ‘werden Sie
doch einer so gemeinen Betrügerin nicht das Wort reden? Man schicke sie doch weg. um jeden Preis, ein für allemal!’
‘Aber ich kann sie nicht dahin bringen, daß sie
weggeht, Mylady,’ sagte der Bediente, ‘eben so wenig kann es einer von den andern Bedienten; Misters Fairfax ist eben bei ihr und bittet sie, doch ja fortzugehen; aber sie hat einem Stuhl im Winkel des Kamms Platz genommen und sagt, Niets solle sie von der Stelle bringen, bis sie Herein dürfe.’
,Was will sie denn?’ fragte Mistres Eshton.
‘Den Herrschaften wahrsagen, Ma'am,’ sagt sie, ,und sie schwört, sie müsse und wolle das thun.’
,Wie sieht sie aus?’ fragten die Misses Eshton in Einem Athem.
,Sie ist ein schauderhaft häßliches, altes Geschöpf,
Miß, so schwarz fast, wie ein Hafen.’
,Ei. da ist's ja eine wahre Hexe!’ rief Frederick
Lynn. ,Sie muß herein, versteht sich.’
,Gewiß,’ versetzte sein Bruder: ‘es wäre ja
Jammerschade, eine so treffliche Gelegenheit, sich einen
Spaß zu machen, nicht zu nutzen.’
,Meine lieben Jungen, was denkt Ihr? rief Lady
Lynn.
,Ich kann zu etwas so Unpassendem unmöglich
meine Zustimmung geben,’ fiel Lady Ingram ein.
,Doch. doch, Mama, Sie können und werden es,’
ließ sich Blanche in hochmüthigem Tone vernehmen,
während sie sich auf dem Stuhle am Piano-Forte, wo
sie bis jetzt still gesessen und dem Anscheine nach verschiedene Musikstücke durchgesehen hatte, umdrehte.
,Ich möchte mir einmal wahrsagen lassen,’ fuhr
Blanche fort; darum, Sam, laßt die gute Dame unverweilt eintreten.'
,Liebste Blanche! bedenke doch -’
‘Ja, ja, ich bedenke - ich weiß Alles, was Sie
sagen und einwenden können; aber ich muß meinen
Willen haben. - Geschwind, Sam!’
,Ja - ja - ja!’ rief Alles, was jung war,
sowohl Herren, als Damen. Sie möge hereinkommen,
es wird einen köstlichen Spaß geben!’
Noch zauderte der Bebiente.
,Sie sleht so rauhhaarig. so ungeschlacht aus,’
sagte er.
,Geht!' rief Miß Ingram, und der Bediente ging — Alsbald wurde die ganze Gesellschaft aufgeregt; ein Lauffeuer von Spaß und Scherz verbreitete sich, als
Sam zurückkam.
,Sie will jetzt nicht kommen,' sagte er. Sie sagt,
es sei nicht ihre Sache, vor dem großen Haufen sich
sehen zu lassen: - das sind ihre Worte. Sie will ein
eigenes Zimmer haben, und dann sollen die, welche Lust
haben, sie zu befragen, einzeln zu ihr hineinkommen.’
,Du siehst nun, meine königliche Blanche,’ hob
Lady Ingram an. ,sie nimmt sich zu viel heraus. Laß
dir rathen, mein Engel - und’ —
,Laßt sie in das Bibliothekzimmer treten, versteht
sich,' fiel der ,Engel’ ein. ,Auch meine Sache ist es
nicht, sie vor dem großen Haufen anzuhören: ich will
sie für mich allein haben. Ist das Bibliothekzimmer
geheizt?’
,Ja, Ma'am -aber sie sieht so kesselflickermäßig aus.’
,Schwatzt nicht so viel, Dummkopf! und thut, was
ich Euch heiße.’
Abermals verschwand Sam, und noch einmal hatte
die geheimnißvolle Aufregung und Erwartung vollen
Spielraum.
,Sie ist nun bereit,’ sagte der Bediente bei seinem Wiedereintreten. ,Sie will wissen, wer zuerst zu ihr kommt.’
,Ich denke, es wäre gut, wenn ich sie etwas ansähe, ehe eine von den Damen hineingeht,’ sagte Oberst Dent. ‘Sagt ihr, Sam, es komme ein Herr.’
Sam ging, und kam bald wieder.
"Sie sagt, Sie wolle keine Herren; es brauchten
sich dieselben nicht die Mühe zu geben, zu ihr zu kommen; ebenso wenig auch,’ - setzte er, mit Mühe ein
Kichern unterdrückend, hinzu - ,Damen, mit Ausnahme der jungen und ledigen.’
,Beim Zeus! sie hat Geschmack!’ rief Henry Lynn.
Miß Ingram erhob sich feierlich.
,Ich gehe zuerst.’ sagte sie in einem Tone, der für den Führer einer verlornen Mannschaft gepaßt hätte,
welcher an der Spitze seiner Leute eine Bresche stürmt.
,O meine Beste! meine Theuerste! warte doch!
bedenke doch!’ rief ihre Mutter ängstlich. Doch Blanche
schwebte im stattlichen Schweigen an ihrer Mutter vorüber, ging durch die Thür, die Oberst Dent offen hielt,
und wir hörten sie in das Bibliotbekzimmer treten.
Es folgte nun eine verhältnißmäßige Stille. Lady
Ingram dachte, dieß sei ‘le das,’ ihre Hände zu ringen; was sie daher auch that. Miß Mary erklärte, sie
werde ihres Theils es gewiß nie wagen. Amy und
Louisa Eshton kicherten leise, und sahen ein wenig erschcocken aus.
Die Minuten verstrichen sehr langsam; schon hatte
man fünfzehn gezähit, ehe die Thüre des Bibliothekzimmers wieder aufging. Miß Ingram trat durch den Bogen wieder in das Gesellschaftszimmer ein.
,Wird sie wohl lachen? wird sie es als einen
Scherz aufnehmen?’ — diese Fragen sprachen sich in
Aller Augen aus, aber Blanche begegnete denselben mit
einem Blicke zurückstoßender Kälte: sie sah weder heftig aufgeregt, noch heiter aus, ging steif auf ihren
Platz zu, und nahm ihn schweigend ein.
‘Nun, Blanche?’ sagte Lord Ingram.
‘Was hut sie gesagt, Schwester?’ fragte Mary.
,Was haben Sie gedacht? Wie ist Ihnen gewesen?
Ist sie eine wirkliche Wahrsagerin,’ fragten die Misses
Eshton.
,Nun, nun, gute Leute,’ versetzte Miß Ingram,
,drängen Sie mich doch nicht so gewaltig. Ihre Organe
der Verwunderung und Leichtgläubigleit sind gar leicht
aufzuregen: Sie scheinen, nach der Wichtigkeit zu schließen, die Sie Alle - meine liebe Mama mitinbegriffen, — dieser Sache beilegen. ja wahrhaft zu glauben, wir
hätten eine ächte Hexe im Hause, die mit dem alten
Herrn enge verbunden sei. Ich habe aber eine vagabundirende Zigeunerin gesehen; sie hat nach altherkömmlicher Weise die Chiromantie bei mir angewendet,
und mir gesagt, was solche Leute gewöhnlich sagen.
Meine Laune ist nun befriedigt, und nun glaube ich,
daß Herr Eshton wohl thun wird, die alte Hexe morgen
in den Block legen zu lassen, wie er gedroht hat.’ Miß Ingram nahm ein Buch, lehnte sich in ihren Stuhl zurück, und wollte nicht weiter sprechen. Ich
beobachtete sie fast eine ganze halbe Stunde; diese Zeitüber
schlug sie nicht ein Blatt um, und ihr Gesicht wurde
jeden Augenblick düsterer und unzufriedener, und drückte
immer mürrischer aus, daß ihre Erwartung getäuscht
worden. Offenbar hatte sie nichts Vortheilhaftes gehört, und es schien mir, nach ihrem langen Schweigen
und ihrem düsteren Wesen zu schließen, daß sie, ihrer
verstellten Gleichgültigkeit zum Trotze, den gemachten
Enthüllungen eine außergewöhnliche Wichtigkeit beilegte.
Inzwischen erklärten Mary Ingram, sowie Amy und Louisa Eshton, daß sie sich nicht getrauten, allein zu gehen; und doch wollten sie auch sich wahrsagen
lassen., Es wurde daher durch Vermittlung des Gesandten Sam eine Unterhandlung eröffnet, und nach vielem
Hin- und Hergehen, bis, wie ich glaube, dem besagten
Sam seine Waden wehe thun mußten, konnte endlich
die halsstarrige Sibylle mit großer Schwierigkeit dahin gebracht werden, die drei zugleich vor sich erscheinen zu lassen
Ihr Besuch war nicht so still, wie der der Miß Ingram gewesen war: wir hörten ein hysterisches Gekicher, und kleine Schreie, die von dem Bibliothekzimmer herkamen; und nach Verlauf von etwa zwanzig
Minuten rissen sie die Thür auf, und kamen durch die
Vorhalle gelaufen, als wären sie vor Schrecken halb wahnsinnig.
,Das geht gewiß nicht mit rechten Dingen zu!’ riefen sie alle zugleich. ‘Sie hat uns solche Dinge gesagt! Sie weiß so Alles von uns!’
Und sie sanken außer Athem auf die verschiedenen
Stühle nieder, welche die Herren sich beeilten, ihnen
herbeizubringen.
Um weitere Erklärungen angegangen, erzählten sie,
die Zigeunerin hätte ihnen von Dingen gesagt, die sie
schon als kleine Kinder gesprochen und gethan; hätte
Bücher und Schmucksachen beschrieben, die sie zu Hause
in ihren Boudoirs hätten; Taschenbücher, die von verschiedenen Verwandten ihnen geschenkt worden wären.
Sie behaupteten, sie habe sogar ihre Gedanken errathen, und habe Jeder den Namen der Person ins Ohr geflüstert, die sie auf der Welt am Meisten liebe, und
ihnen Allen gesagt, was sie am Innigsten wünschten.
Hier traten die Herren dazwischen mit der angelegentlichst ausgesprochenen Bitte um weitere Aufklärung über die zwei letzten Punkte; allein sie bekamen für
ihre Zudringlichkeit Nichts, als erröthende Wangen, Ausrufungen, Zittern und Kichern. Unterdessen boten die Matronen ihre Riechfläschchen herum, und handhabten ihre Fächer; dabei konnten sie es nicht unterlassen, wiederholt ihr Bedauern darüber auszusprechen,
daß man nicht zu rechter Zeit auf ihre Warnung gehört; was die älteren Herrn betrifft, so lachten sie, die jüngeren aber trugen den aufgeregten Schönen ihre
Dienste in ziemlich aufdringlicher Weise an.
Inmitten des Tumults, und während mein Auge und Ohr bei der Scene vor mir vollauf beschäftigt war, hörte ich dicht neben mir ein Hm! Ich kehrte mich um,
und sah Sam vor mir stehen.
,Mit Ihrer Erlaubniß, Miß, die Zigeunerin drinnen
erklärt, es sei noch eine junge unverheirathete Dame
im Zimmer, die noch nicht bei ihr gewesen, und sie
schwört, daß sie nicht eher von der Stelle weichen werde,
als bis sie alle gesehen. Ich dachte, Sie müßten es sein: sonst ist Niemand mehr da. Was soil ich ihr sagen?’
,O, auf jeden Fall gehe ich;’ erwiederte ich, und die
unerwartete Gelegenheit, meine sehr erregte Neugierde zu
befriedigen, war mir nichts weniger, als unlieb. Ich schlich
mich, von Niemand beobachtet, aus dem Zimmer denn die Gesellschaft hatte sich um das eben zurückgekommene, zitternde Kleeblatt zu einer Gruppe gebildet
— und machte die Thüre leise hinter mir zu.
,Wenn es Ihnen recht ist, Miß, sagte Sam, ‘so
will ich in der Vorhalle auf Sie warten; und wenn
sie Sie erschreckt, so brauchen Sie nur zu rufen, und
ich komme hinein.’
,Nein, Sam, geht nur in die Küche zurück; ich
habe ganz und gar keine Furcht.’
Und so war es auch; indessen war ich doch nicht
wenig aufgeregt, und nicht wenig neugierig, die Zigeunerin an mir ihre Geschicklichkeit erproben zu sehen.
Neunzehntes Kapitel.
Das Bibliothekzimmer sah ruhig genug aus, als
ich eintrat, und die Sibylle - wenn sie überhaupt
eine Sibylle war - saß behaglich genug in einem Lehnstuhl an der Ecke des Kamins. Sie hatte einen rotten
Mantel an; auf ihrem Kopfe war ein schwarzer, breitrandiger Zigeunerhut zu bemerken, der mit einem gestreiften Tuche unter ihrem Kinn zugebunden war. Ein
erloschenes Licht stand auf dem Tische; sie neigte sich
über das Feuer und schien beim Lichte der Flamme in
einem kleinen schwarzen Büchlein, das wie ein Gebetbuch aussah, zu lesen: sie murmelte die Worte vor sich hin, wie gewöhnlich alte Frauen thun, während sie las;
bei meinem Eintreten hörte sie nicht alsbald auf: es
schien, sie wolle erst mit einem Abschnitte fertig werden.
Ich stand auf der Kaminvorlage, und wärmte meine
Hände, die davon, daß ich im Gesellschaftszimmer fern
vom Feuer gesessen, etwas kalt waren, Ich fühlte mich
jetzt so gefaßt und ruhig, wie nur je: es lag ja in
der Erscheinung der Zigeunerin Nichts, um meine Ruhe
zu stören. Sie schlug ihr Buch zu und blickte langsam
auf; ihr Hutrand beschattete zum Theil ihr Gesicht:
doch konnte ich, als sie es erhob, sehen, daß es ein seltsames war. Es sah ganz braun und schwarz aus: Elfklatten drangen borstenähnlich unter einer weißen
Binde hervor, die unter ihrem Kinne weg- und über
ihre Wangen, oder vielmehr ihre Kinnbacken halb hinging; ihr Auge richtete sich sogleich auf mich, und starrte mich kühn und gerade an.
,Nun, und Sie wollen sich von mir wahrsagen lassen!' sagte sie mit einer Stimme, die so entschieden war, wie ihr Blick, und so rauh und hart wie ihre Züge.
’Es liegt mir nicht viel daran, Mütterchen: thut, wie Ihr wollt: ich muß Euch aber im Voraus sagen, daß ich keinen Glauben daran habe.’
,Das sieht einem so frechen Ding, wie Sie, gleich.
Ich habe es von Ihnen nicht anders erwartet: ich habe
es an Ihrem Tritte gehört, als Sie die Thürschwelle
überschritten.’
,Habt Ihr das wirklich? Fürwahr, Ihr habt ein
feines Ohr.’
,Das habe ich: und ein schnelles Auge, und ein
gutes Gehirn dazu.’
‘Ihr braucht das auch bei Eurem Geschäfte.’
,Ja, das ist wahr; besonders, wenn ich es mit
Kunden zu thun habe, wie Sie sind. Warum zittern
Sie nicht?’
,Es friert mich nicht.’
‘Warum werden Sie nicht blaß?’
,Ich bin nicht krank.’
‘Warum ziehen Sie nicht meine Kunst zu Rath?’
,Ich bin keine Thörin.’
Die Alte verbarg ein Lachen unter ihrem Hut und
ihrer Binde: sodann zog sie eine kurze, schwarze Pfeife
hervor, zündete dieselbe an, und fing an zu rauchen.
Nachdem sie sich eine Zeit lang mit diesem Beruhigungsmittel gütlich gethan, richtete sie ihren gebeugten
Körper auf, nahm die Pfeife aus dem Munde, und
sagte, fest ins Feuer sehend, in sehr bedächtiger Weise:
.Es friert Sie; Sie sind krank, und eine Thörin.'
"Beweist mir das,’ entgegnete ich.
"Das will ich, und zwar in wenigen Worten. Es
friert Sie, weil Sie allein sind: es ist keine Berührung
da, welche das Feuer, das in Ihnen ist, heraustreibt.
Sie sind krank, weil das beste der Gefühle, das höchste
und süßeste, so dem Menschen gegeben, Ihnen fern bleibt.
Sie sind eine Thörin, weil Sie. bei allen Ihren Leiden, dasselbe nicht herbeirufen mögen; und weil Sie
sich nicht bemühen wollen, einen Schritt zu thun, um
es da zu treffen, wo es Ihrer wartet.’
Abermals näherte sie ihre kurze schwarze Pfeife ihren Lippen, und erneuerte ihr Rauchen mit aller Kraft.
,Das könnt Ihr Alles fast zu Jeder sagen, von
der Ihr wüßtet, daß sie als allein stehende Untergebene
in einem großen Hause lebt.’
,Ja, das könnte ich; würde es aber auch von fast
Jeder wahr sein?’
,In meiner Lage.’
,Ja. ganz recht, in Ihrer Lage; aber finden Sie
mir eine andere, die genau in derselben Lage ist, wie
Sie.’
“Es wäre ein Leichtes, Euch Tausende zu finden.’
,Sie würden mir kaum eine einzige finden. Wenn
Sie es doch nur wüßten; Sie sind in einer eigenthümlichen Lage; gar nicht fern vom Glücke, ja, das Glück liegt sogar ganz in Ihrem Bereich. Die Materialien
sind alle fertig da; es bedarf bloß einer Bewegung,
um sie mit einander zu verbinden. Der Zufall hat sie
etwas weit aus einander gelegt: sie mögen nur einmal
sich einander nähern, -- und es kann daraus nur Glück
und Segen entstehen.’
,Ich verstehe mich auf Räthsel nicht. Ich habe
in meinem ganzen Leben noch nie eines errathen
können.’
,Wenn Sie denn wollen, daß ich mich deutlicher
ausdrücke, so müssen Sie mir Ihre Hand zeigen.’
‘Und dieselbe vermuthlich mit Silber kreuzen?’
,Sicherlich.’
Ich gab ihr einen Shilling, und sie steckte ihn
in eine alte Socke, die sie aus der Tasche zog. Sofort
band sie dieselbe wieder zu. steckte sie ein, und sagte
mir, ich solle meine Hand hinhalten. Ich that es.
Sie näherte ihr Gesicht meiner Hand. und sah dieselbe
prüfend an, ohne sie zu berühren.
,Sie ist zu fein;’ sagte sie. ‘Ich kann aus einer
Hand, wie diese da, aus einer Hand, die fast ohne
Linien ist, Nichts herauslesen: zudem. was liegt auch
in einer Hand? das Schicksal steht nicht darauf geschrieben.’
,Ich glaube es Euch wohl,’ sagte ich.
,Nein;’ fuhr sie fort, »es liegt in dem Gesichte.
auf der Stirn, um die Augen herum, in den Augen
selbst, in den Linien des Mundes. Knien Sie nieder,
und halten Sie Ihren Kopf in die Höhe.’
,Ah! jetzt kommt Ihr endlich auf den rechten Weg,’
sagte ich, ihr gehorchend.
,Ich werde nun wohl bald bei Ihnen einigen
Glauben erwecken.’
Ich kniete einen Schritt vor ihr nieder. Sie
schürte das Feuer, so daß von den durch einander gerüttelten Kohlen kleine Lichtzellen aufstiegen: dieser Schein aber stellte, so wie sie dasaß, ihr Gesicht nur
noch in tiefern Schatten: das meinige wunde dadurch
beleuchtet.
“Es soll mich wundern, mit was für Gefühlen
Sie heute Abend zu mir gekommen sind,’ sagte sie,
nachdem sie mich eine Weile geprüft. ,Möchte wohl
wissen, welche Gedanken in Ihrem Herzen geschäftig
sind während der langen, langen Stunden, die Sie in
jenem Zimmer bei den seinen Leuten zubringen, die, wie
Gestalten in einer Zauberlaterne, vor Ihnen sich hin
und herbewegen, indem so wenig sympathetische Verbindung zwischen Ihnen und jenen seinen Leuten Statt findet, als wären sie in Wahrheit Nichts, als bloße
Schatten menschlicher Gestalten, und keine Wesen von Fleisch und Blut.’
,Oft fühle ich mich ermüdet, zuweilen schläfrig, jedoch selten traurig.’
,Dann müssen Sie eine geheime Hoffnung haben, die Ihren Muth aufrecht hält, und Ihnen angenehme Dinge über die Zukunft zuflüstert?’
,Mit nichten. Meine höchste Hoffnung ist, mir von meinem Gehalte so viel zu ersparen, daß ich einst in einem kleinen, von mir selbst gemietheten Hause eine
Schule errichten kann.’
,Eine kärgliche Nahrung für den Geist, um dabei
zu leben: und in jener Fenstervertiefung sitzend (-- Sie
sehen, ich kenne Ihre Gewohnheiten).’
‘Ihr habt das von Dienern erfahren.’
,Ah, Sie halten sich für pfiffig. Nun gut — vielleicht ist dem so: soll ich die Wahrheit sagen, so bin ich mit einer von den Dienerinnen — mit Mistreß Poole
bekannt.’
Ich sprang auf, als ich den Namen hörte.
‘Ah, Du bist mit ihr bekannt? dachte ich; ‘so
ist denn doch der Teufel mit im Spiel!’
,Seien Sie ganz ruhig,' fuhr das seltsame Wesen fort; sie ist eine zuverlässige Person, die Mistreß Poole, verschwiegen und ruhig: und man kann sich auf sie
verlassen. Aber was ich sagen wollte: wenn Sie so
in jener Fenstervertiefung sitzen, denken Sie da an
Nichts, als an Ihre künftige Schule? Haben Sie kein
gegenwärtiges Interesse an irgend einer der Personen,
welche die Sophas und die Stühle vor Ihnen einnehmen? Ist da gar kein Gesicht, das Sie studiren? gar keine Gestalt, deren Bewegungen Sie wenigstens
mit einiger Neugierde folgen?’
,Ich beobachte alle Gesichter und alle Figuren
gern.’
,Aber sondern Sie nie eine, oder auch zwei von
allen Uebrigen aus?’
,Das thue ich häufig: wenn die Geberden oder Blicke eines Paares Etwas zu sagen scheinen: es macht mir Spaß, sie zu beobachten.’
,Und was hören Sie am Liebsten?’
‘Om ich habe keine große Wahl! Gewöhnlich ist das Thema immer das Courmachen, das mit einer und
derselben Katastrophe - der Heirath - zu endigen verspricht.’
‘Und gefällt Ihnen dieses einförmige Thema?
,In Wahrheit kümmere ich mich wenig darum: für mich ist es Nichts.’
‘Für Sie Nichts? Wenn eine Dame, jung und voller Leben und Gesundheit, voll bezaubernder Schönheit, und ausgestattet mit allen Gaben des Glücks und
des Rangs, neben einem Herrn sitzt, und ihm in die
Augen lächelt, so thun Sie -’
‘Ich. was?’
,Sie wissen es, - und Sie denken wohl auch daran.’
"Ich kenne die Herren nicht, die hier sind. Kaum
habe ich mit Einem von ihnen eine Sylbe gewechselt;
und soll ich Euch sagen, was ich von ihnen halte, so
erscheinen mir einige als respektable und stattliche Männer von mittlerem Alter, und andere wieder als jung, schön, lebhaft und gemacht, um die Aufmerksamkeit der
Andern auf sich zu ziehen; aber gewiß können sie Alle sich das Lächeln irgend einer Person aneignen, ohne daß ich mich veranlaßt sehen möchte, die Sache als irgend
wichtig für mich anzusehen.’
,Sie kennen die Herren, die hier sind, nicht? Sie
haben keine Sylbe mit einem derselben gewechselt? Wollen Sie das auch von dem Herrn des Hauses sagen?’
,Er ist nicht zu Hause.’
“Eine tiefsinnige Bemerkung! Eine höchst sinnreiche Witzelei! Er ist diesen Morgen nach Millcpte gegangen, und wird heute Abend oder morgen zurückkommen:
schließt diesen Umstand ihn von der Liste Ihrer Bekannten aus; — löscht er ihn, so zu sagen, aus dem Leben aus?’
,Nein; aber ich vermag nicht recht einzusehen, was Herr Rochester mit dem Thema zu schaffen hat, das Ihr aufs Tapet gebracht habt.’
‘Ich habe von Damen gesprochen, die Herren in die Augen lächeln: und in letzter Zeit ist an Herrn Rochesters Augen so viel Lächeln verschwendet worden, daß dieselben wie zwei über den Rand gefüllte Gläser überfließen: haben Sie das nie gemerkt?’
‘Herr Rochesier darf sich ja wohl der Gesellschaft
seiner Gäste erfreuen, er hat ein Recht dazu.’
,Sein Recht kann nicht in Frage stehen; aber haben Sie nie bemerkt, das bei dem Hofmachen dem Herrn Rochester stets am Beharrlichsten und Lebhaftesten
zugesetzt wurde?’
"Die Gier des Zuhörers macht die Zunge des Erzählers rascher gehen.’ Ich sagte dieß mehr zu mir selbst, als zu der Zigeunerin, deren seltsame Worte,
Stimme und Art mich allmählig in eine Art Traum
versetzt hatten. Ein unerwarteter Ausspruch kam nach
dem andern von ihren Lippen, bis ich mich in ein Gewebe der Mustification verwickelt fand. Und ich wunderte mich, welch unsichtbarer Geist Wochen lang in der Nähe meines Herzens gesessen, es so genau beobachtet, jeden Pulsschlag so richtig bemerkt hätte.
,Gier des Zuhörers!’ wiederholte sie: ,ja; Herr
Rochester hat Stunden lang da gesessen, sein Ohr hingeneigt zu den bezaubernden Lippen, die ein solches Vergnügen fanden an der Aufgabe, sich Andern mitzutheilen: und Herr Rochester war so bereit, den ihm gebotenen Zeitvertreib anzunehmen, und sah so dankbar dafür aus: haben Sie das bemerkt?’
,Dankbar! Ich kann mich nicht erinnern, in seinem
Gesichte je Dankbackeit entdeckt zu haben.’
,Entdeckt! Sie haben also geprüft, analysirt?
Und was haben Sie denn entdeckt, wenn nicht Dankbarkeit?’
Ich sagte Nichts.
,Sie haben Liebe entdeckt: nicht wahr? - und
Sie haben, in die Zukunft blickend, ihn verheirathet
gesehen, und seine Gattin glücklich?’
‘Hm! das nicht gerade. Eure Hexengeschicklichkeit
kommt bisweilen etwas in Verlegenheit, weiß sich nicht
immer recht zu helfen.’
‘Was zum Teufel haben Sie alsdann gesehen?’
,Es liegt Nichts daran: ich bin hiehergekommen, um zu fragen, nicht aber, um zu beichten. Ist es bekannt, daß Herr Rochester im Begriff seht. sich zu verheirathen?’
,Ja; und zwar mit der schönen Miß Ingram.’
,In Bälde?’
,Der Schein dürfte einen solchen Schluß rechtfertigen; und ohne Zweifel werden sie ein überaus glückliches Paar werden, — obgleich Sie das in Frage stellen
zu wollen scheinen, mit einer Kühnheit, die bestraft zu werden verdient. Er muß eine so schöne, edle, witzige, talentvolle Dame lieben; und wahrscheinlich liebt auch
sie ihn: oder, wenn auch nicht seine Person, so doch seine Börse. Ich weiß, daß das Vermögen des Herrn Rochester ihr gewaltig gefällt, obgleich ich - Gott verzeihe es mir! - ihr vor einer Stunde über diesen Punkt Etwas gesagt habe, was sie wunderbar ernst gestimmt hat: ihre Mundwinkel zogen sich um nicht weniger, als einen halben Zoll herab. Ich möchte ihrem schwarz aussehenden Bewerber rathen, sich vorzusehen;
denn, wenn ein Anderer komnit, mit mehr Renten, — so ist er ohne Weiteres aufgegeben.’
,Aber, Mutter, ich bin nicht hieher gekommen, um Herrn Rochesters Geschick zu hören, sondern mein eigenes: und noch habt Ihr mir davon lediglich Nichts
gesagt.’
,Ihr Geschick it noch zweifelhaft: als ich Ihr Gesicht geprüft habe, da hat ein Zug dem andern widersprochen. Der Zufall hat Ihnen ein Maaß des Glücks
bereitet: das weiß ich. Ich wußte es schon, ehe ich
diesen Abend hieher kam. Er hat es sorgfältig auf
die Seite gelegt für Sie. Ich habe gesehen, wie er
es gethan. Es ist nun an Ihnen, Ihre Hand auszustrecken, und es aufzuheben; aber ob Sie das thun werden, das ist das Räthsel, das ich zu lösen suche. Knien
Sie noch einmal auf die Kaminvorlage nieder.’
,Nur laßt mich nicht allzulange knien; ich verbrenne fast vor dem Feuer.’
Ich kniete nieder. Sie beugte sich nicht zu mir hin, sondern sah mich bloß- scharf an, indem sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte. Sie fing an zu murmeln:
,Die Flamme flackert in dem Auge: das Auge erglänzt wie der Thau; es sieht sanft und gefühlvoll aus; es lächelt über mein Kauderwelsch: es ist für alle Eindrücke empfänglich; ein Eindruck folgt dem andern in seiner klaren Sphäre; hört es auf zu lächeln, so ist es traurig; eine unbewußte Mattigkeit lastet auf dem Augenlid: das bedeutet Melancholie, die daraus entsteht, daß Sie sich allein fühlen. Es wenvet sich ab von mir: es will sich keiner weitern Prüfung unterziehen; es scheint mit einem spöttischen Blicke die Wahrheit der Entdeckungen zu läugnen, die ich bereits gemacht habe, — es scheint die Beschuldigung nicht aufkommen lassen
zu wollen, daß ein feines Gefühl, daß tiefe Bekümmerniß in ihm wohne: sein Stolz und seine Zurückhaltung bestärken mich nur noch in meiner Ansicht. Das Auge
ist günstig.’
,Was den Mund betrifft, so gefällt er sich zuweilen im Lachen: er ist geneigt, Alles mitzutheilen, was das Gehirn noch denkt und erfaßt; obgleich er wohl über
Vieles schweigen möchte, was das Herz erlebt. Beweglich und biegsamn, war er nie bestimmt, zum ewigen Schweigen der Einsamkeit zusammengepreßt zu werden;
es ist ein Mund, der viel sprechen und oft lächeln und
menschliche Zuneigung gegen den zeigen sollte, der mit
ihm spricht. Auch dieser Zug ist günstig.’
,Ich sehe für einen glücklichen Ausgang keinen Feind, als auf der Stirn; und diese Stirn will sagen: ,,Ich kann allein leben, wenn Selbstachtung und
Umstände es erheischen. Ich brauche meine Seele nicht
zu verkaufen, um Glück und Wonne einzuhandeln. Ich
habe einen Schatz in mir selbst, einen Schatz, der mit
mir geboren ist, der mich am Leben zu erhalten vermag,
wenn alles äußere Glück versagt sein, oder nur zu
einem Preise angeboten werden sollte, den ich nicht zu
geben im Stande bin!’ Die Stirn erklärt: — ‘’die
Vernunft sitzt fest und hält die Zügel und wird die
Gefühle nicht blindlings hervorbrechen und sich zu wilden Abgründen führen lassen. Die Leidenschaften mögen wüthen und toben wie wahre Heiden, - was sie
auch sind; und die Wünsche mögen alle Arten eitler
Dinge ersinnen; aber das Urtheil soll bei jedem Streite immer das letzte Wort behalten und bei jeder Entscheidung den Ausschlag geben. Stürme. Erdbeben, Feuer
werden vorübergehen: was mich anbelangt, so will ich nur der Leitung jener leisen Stimme folgen, welche die Gebote des Gewissens deutet.’’
,Gut gesprochen, Stirn, deine Erklärung soll berücksichtigt werden. Ich habe meine Pläne entworfen - und ich halte sie für richtig - und bei ihnen habe ich auf die Forderungen des -Gewissens, auf die Rathschläge der Vernunft geachtet. Ich weiß, wie bald die Jugend verwelken und die Blüthe zerfallen würde, wenn in dem angebotenen Becher der Wonne und des Glücks auch nur die Spur einer Hefe der Schande, oder eines
Beigeschmacks der Reue zu entdecken wäre: und ich will kein Opfer, keinen Kummer, keine Auflösung das ist nicht mein Geschmack. Ich will hegen und pflegen, nicht vernichten, nicht verderben - ich will Dankbarkeit ernten, nicht Blutsthränen auspressen — nein, nicht einmal Salzthränen: meine Ernte muß bestehen
in Lächeln, Zärtlichkeit und Wonne. So ist es recht.
Ich glaube, ich phantasire in einer Art wonnigen Deliriums. Ich möchte diesen Augenblick nun ins Unendliche verlängern; aber ich darf es nicht. So weit habe
ich mich völlig beherrscht. Ich habe gehandelt, wie ich
bei mir geschworen, zu handeln; aber ein längeres,
derartiges Handeln dürfte meine Kräfte übersteigen.
Stehen Sie auf, Mis Eyre: verlassen Sie mich; das
Spiel ist ausgespielt.’
Wo war ich? wachte oder schlief ich? hatte ich
geträumt? träumte ich noch? Die Stimme des alten
Weibes hatte sich verändert: ihre Aussprache, ihre Geberde, Alles war mir so bekannt, wie mein eigenes Gesicht im Spiegel - wie die Rede meiner eigenen
Zunge.
Ich stand auf, ging aber nicht. Ich sah hin, schürte das Feuer und sah wieder hin; aber die Gestalt zog ihren Hut und ihre Binde dichter um ihr Gesicht
und winkte mir abermals, zu gehen. Die Flamme erleuchtete ihre ausgestreckte Hand: und nun, da meine Aufmerksamkeit erregt worden, und ich auf Entdeckungen
hingewiesen war, beobachtete ich alsbald diese Hand genauer. Es war ebenso wenig das verwelkte Glied des Alters, als mein eigenes: es war ein volles, gelenkiges
Glied mit glatten, symmetrisch gerundeten Fingern; ein großer Ring funkelte an dem kleinen Finger, und, mich vorwärts beugend, sah ich denselben an und gewahrte einen Edelstein, den ich hundertmal zuvor gesehen hatte. Nochmals blickte ich das Gesicht an, das nicht länger von mir abgewandt war: - im Gegentheil, der Hut war entfernt, ebenso die Binde. und der Kopf vorgeschoben.
,Nun, Jane, erkennen Sie mich?’ fragte die mir
wohl bekannte Stimme.
,Legen Sie nur den rothen Mantel ab, Sir, so -‘
,Aber die Schnur hat einen Knoten - helfen Sie mir.’
,Zerreißen Sie sie, Sie.’
,So: - weg mit den Lumpen!’
Und Herr Rochester trat aus seiner Vermummung heraus.
‘Nun, Sir, welch seltsamer Gedanke!’
‘Aber, nicht wahr, gut ausgeführt? Meinen Sie nicht?’
,Mit den Damen müssen Sie es verstanden haben, umzuspringen.’
,Aber nicht mit Ihnen?’
Sie haben bei mir sich nicht wie eine Zigeunerin
gerirt.’
,Wie denn? ich habe wohl meine eigene Rolle
gespielt?’
‘Nein, eine unerklärliche. Mit Einem Worte, ich
glaube, Sie haben mich ausforschen oder auf das Eis
führen wollen: Sie haben Unsinn gesprochen, um mich
Unsinn reden zu machen. Das ist kaum Recht, läßt
sich kaum billigen, Sir.’
‘Vergeben Sie mir, Jane?’
Ich kann es nicht sagen, als bis ich über Alles
nachgedacht. Finde ich dann, daß ich in keine große
Abgeschmacktheit verfallen bin, so will ich Ihnen zu
- verzeihen suchen, aber es war nicht recht.’
‘O, Sie haben sich sehr richtig ausgedrückt, haben sich sehr in Acht genommen, sind sehr verständig gewesen.’
Ich dachte nach und fand, daß, im Ganzen genommen, dem also sei. Es war ein Trost; aber ich war in der That auch gleich von Anfang an auf meiner Hut gewesen. Ich argwöhnte, daß hier eine Maskerade im Hintergrund sein dürfte. Ich wußte, daß
Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen sich nicht so ausdrücken, wie dieses scheinbar alte Weib gethan; überdieß war mir ihre verstellte Stimme aufgefallen, sowie
ihr stetes Bemühen, ihr Gesicht zu verbergen. Doch hatte ich an Grace Poole gedacht, jenes lebendige Räthsel, jenes Geheimniß der Geheimnisse, wofür ich
sie ansah. Nie war mir Herr Rochester eingefallen.
,Nun,’ sagte er, ‘über was sinnen Sie nach?
Was soll dieses ernste Lächeln bedeuten?’
‘Erstäunen, und daß ich mir selbst Glück wünsche,
Sir. Doch ich darf mich nun wohl entfernen?’
,Nein: bleiben Sie noch einen Augenblick und sagen Sie mir, was die Leute im Gesellschaftszimmer thun.’
,Sie sprechen wohl von der Zigeunerin.’
,Setzen Sie sich , setzen Sie sich! - lassen Sie
mich hören, was sie von mir gesagt haben.’
,Es ist wohl besser, wenn ich mich nicht lange verweile, Sir: es muß nicht weit von eilf sein. O, wissen Sie auch, Herr Rochester, daß seit diesem Morgen, wo Sie weggegangen, ein Fremder angekommen ist?’
,Ein Fremder! - Nein: wer mag es wohl sein? Ich erwartete keinen: ist er wieder fort?’
,Nein: er hat gesagt, er kenne Sie schon lange und dürfe sich die Freiheit nehmen, sich hier zu installiren, bis Sie zurückkämen.’
‘Zum Teufel, das hat er gethan? Hat er auch seinen Namen genannt?’
,Sein Name ist Mason, Sir; und er kommt aus Westindien: aus Spanish Town aus Jamaica, meine ich.’
Herr Rochester stand neben mir: er hatte meine Hand gefaßt. gleich als wollte er mich zu einem Stuhle hinführen. Als ich sprach, umfaßte er mein Handgelenk krampfhaft: das Lächeln auf seiner Lippe erstarb: augenscheinlich stockte sein Athem.
,Mason! - Westindien!’ sagte er abgebrochen, fast wie ein redender Automat: ,Mason! Westindien!’ wiederholte er; und dreimal kamen die Sylben von seinen Lippen, und während er sie sprach, wurde er bleicher, denn Asche. Er schien kaum zu wissen, was er
that.
,Ist Ihnen nicht wohl. Sir?’ fragte ich.
,Jane, ich habe einen Schlag bekommen; - ich
habe einen Schlag bekommen, Jane!’ stotterte er taumeind.
‘O - stützen Sie sich auf mich, Sir.’
‘Jane, Sie haben mir schon einmal Ihre Schulter
geboten; bieten Sie mir sie doch auch jetzt.’
‘Ja, Sir, ja; und auch meinen Arm.’
Er setzte sich und ich mußte neben ihn hinsitzen.
Meine Hand zwischen den seinigen haltend, rieb er sie,
und sah zu gleicher Zeit mich ganz verstört und traurig an.
,O meine kleine Freundin!’ sagte er, ‘ich wollte, ich wäre mit Ihnen allein auf irgend einer stillen Insel, und Unruhe, Gefahr und gräßliche Erinnerungen fern,
weit fern von mir.’
,Kann ich Ihnen helfen, Sir? - ich würde mein Leben dahingeben, um Ihnen zu dienen.?
,Jane, wenn Hülfe nöthig, so suche ich sie bei Ihnen; ich verspreche Ihnen das.?
,Ich danke Ihnen, Sir: sagen Sie mir, was zu thun ist, - und ich will wenigstens versuchen, es zu thun.’
,Holen Sie mir jetzt, Jane, ein Glas Wein aus
dem Speisesaale: sie werden dort bei dem Nachtessen
sein, und sagen Sie mir, ob Mason bei ihnen ist und was der Mann thut.
Ich ging und fand die ganze Gesellschaft in dem Speisesaale beim Nachtessen, wie Herr Rochester gesagt hatte: sie saßen nicht an der Tafel, — das Nachtessen stand auf dem Nebentische; Jeder hatte genommen, was ihm beliebte und sie standen da und dort in Gruppen umher, mit ihren Tellern und Gläsern in den Händen,
Alles schien lustig und munter: Alles lachte und Alles
unterhielt sich lebhaft. Herr Mason stand neben dem
Feuer und sprach mit dem Obersten und mit Mistreß Dent:
er schien so heiter und aufgeweckt, wie irgend eine der übrigen Personen. Ich füllte ein Weinglas (- Miß Ingram beobachtete mich, wie ich das that, mit finsterem Blicke: sie dachte wohl, ich nehme mir zu viel heraus —) und ging in das Bibliothekzimmer zurück.
Herrn Rochesters außerordentliche Blässe war verschwunden und er sah nun abermals fest und ernst aus. Er nahm das Glas aus meiner Hand.
“Es gilt Ihre Gesundheit, dienstfertiger Geist!’ sagte er, verschlang den Inhalt und gab mir das Glas zurück. "Was thun sie, Jane?’
,Sie lachen und schwatzen, Sir.’
Sie sehen nicht ernst und geheimnißvoll aus, als
ob sie etwas Seltsames gehört?’
,Ganz und gar nicht; Alles scherzt und ist munter.’
,Und Mason?’
,Auch er lacht.’
"Wenn nun alle diese Leute hereinkämen und mich
anspien, - was würden Sie sagen, Jane?’
,Ich würde sie aus dem Zimmer hinausjagen, Sir, wenn ich könnte.’
Er lächelte halb und halb.
,Wenn ich aber zu ihnen hinginge und sie mich bloß kalt ansähen und höhnisch einander zuflüsterten, und dann einer nach dem andern mir den Rücken kehrte und mich verließe, was dann? Würden Sie mit ihnen gehen?’
,Das würde ich wohl kaum thun, Sir: ich würde lieber bei Ihnen bleiben.’
‘Um mich zu trösten?’
‘Ja, Sir, um Sie zu trösten, so gut ich könnte.’
‘Und wenn sie Sie in den Bann thäten dafür, daß Sie zu mir halten?’
"Wahrscheinlich würde ich von ihrem Bann Nichts wissen; und wenn ich je auch Etwas davon wüßte, so würde ich mich Nichts darum kümmern.’
‘Sie vermöchten es also, um meinetwillen dem Tadel Trotz zu bieten?’
,Ja, das könnte ich für einen Freund, der meine Anhänglichkeit verdiente, wie Sie dieselbe gewiß verdienen.’
,Gehen Sie nun in das Zimmer zurück und leise zu Mason hin, und flüstern Sie ihm ins Ohr, daß Herr Rochester angekommen sei und mit ihm zu sprechen wünsche. Führen Sie ihn hier herein und verlassen Sie mich dann.’
,Ja. Sir.’
Ich that, wie er mich geheißen. Die ganze Gesellschaft stierte mich an, als ich gerade durch sie hinging. Ich suchte Herrn Mason auf, überbrachte ihm die Botschaft und ging ihm voran: nachdem ich ihn in das Bibliothekzimmer geleitet, ging ich die Treppe
hinauf.
Zu einer spätern Stunde und als ich schon einige
Zeit im Bette log, hörte ich die Gäste sich auf ihre
Zimmer zurückziehen. Ich unterschied Herrn Rochesters Stimme und hörte ihn sagen:
‘Hierher, Mason; dieß ist Ihr Zimmer.’
Er sagte das mit heiterer Stimme; was mich nicht wenig beruhigte.
Bald schlief ich ein.
Zwanzigstes Kapitel.
Ich hatte vergessen, den Vorhang vor meinem Bette zuzuziehen, was ich doch gewöhnlich that; und ebenfalls hatte ich vergessen, die Fenstergardine herabzulassen.
Die Folge war, das, als der volle und glänzende Mond
(- denn die Nacht war schön -) in seinem Laufe in
den meinem Fenster gegenüber liegenden Himmelsraum
kam, und durch die unbedeckten Scheiben hindurch mich
anlugte, sein strahlender Blick mich aufweckte. Mitten
in der todtesstillen Nacht erwachend, öffnete ich meine
Augen und erblickie seine Scheibe -- silberweiß und
krystallhell. Es war prächtig, aber allzu feierlich: ich
richtete mich halb auf und streckte meinen Arm aus, um
den Vorhang zuuzuziehen.
Guter Gott! - was für ein Schrei!
Die Nacht - ihre Stille - ihre Ruhe ward gestört durch einen wilden, grellen, durchdringenden Schrei,
der von einem Ende von Thornfield Hall bis zum andern ertönte.
Mein Puls stand still, mein Herz hörte auf zu
schlagen, mein ausgestreckter Arm war gelähmt. Der
Schrei erstarb und wurde nicht wieder gehört. In der
That konnte, wer immer jenen furchtbaren Schrei ausgestoßen haben mochte, denselben nicht so bald wiederholen: nicht der Condor der Anden, wie breit auch seine
Schwingen sein mögen, vermöchte zweimal nach einander einen solchen Schrei aus der Wolke niederzusenden, die seinen Horst umgibt. Das Ding, das diesen Laut
von sich gab. mußte erst sich wieder erholen, ehe es die
Anstrengung wiederholen konnte.
Er kam aus dem dritten Stockwerke, denn er ging
über meinem Kopfe weg. Und über meinem Kopfe ja, in dem Zimmer, gerade über der Decke des meinigen - hörte ich jetzt ein Ringen, ein Ringen auf Leben
und Tod schien es nach dem Lärme zu sein, und eine
halb erstickte Stimme rief dreimal und rasch hintereinander: —
,Hülfe! Hülfe! Hülfe!’
‘Will Niemand kommen?’ rief es abermals; und dann hörte ich, während das Taumeln und Stampfen in wilder Weise fortdauerte, durch die Decke Hindurch
deutlich die Worte: ‘Rochester! Rochester! Um Gotteswillen, kommen
Sie doch!’
Eine Zimmerthüre ging auf: es lief oder schoß Etwas die Gallerie entlang. Ein neuer Tritt stampfte oben auf dem Fußboden und es fiel Etwas; und dann war es wieder still.
Ich hatte einige Kleider angelegt, obgleich vor Entsetzen an allen Gliedern zitternd, und trat aus meinem Zimmer heraus. Die Schlafenden waren alle erwacht:
Ausrufungen und ein Gemurmel des Schreckens ließen sich in jedem Zimmer hören; es öffnete sich eine Thüre nach der andern; es blickte Eines nach dem Andern heraus: die Gallerie füllte sich. Die Damen hatten so gut wie die Herren ihre Betten verlassen, und überall hörte man in der allgemeinen Verwirrung fragen: —
,Ach, was ist es denn?’ -
‘Wem ist ein Leid geschehen?’ -
‘Was ist denn geschehen?’ -
,Man hole doch ein Licht!’
‘Ist Feuer ausgekommen?’ —
‘Sind Räuber da?’ —
‘Wohin sollen wir nur rennen?’ —
Hätte der Mond nicht so hell geschienen, so wären
sie alle in völliger Dunkelheit gewesen. Alles rannte
hin und her; man drängte sich zusammen: Einige
schluchzten, Andere stolperten: die Verwirrung war
furchtbar.
,Wo zum Henker ist denn Rochester?’ rief Oberst
Dent. ‘Ich kann ihn in seinem Bette nicht finden.’
,Hier! hier! schallte es entgegen. ‘Seien Sie
nur Alle ruhig: ich komme.’
Und die Thüre am Ende der Gallerie ging auf,
und Herr Rochester näherte sich mit einem Lichte in der
Hand: er kam eben von dem oberen Stockwerke herab.
Eine der Damen lies gerade auf ihn zu und faßte ihn
beim Arme: es war Miß Ingram.
,Was für ein schreckliches Ereigniß hat denn Statt
gefunden?’ sagte sie. ,Sprechen Sie! Lassen Sie uns
alsbald das Schlimmste wissen!’
‘Aber ziehen Sie mich doch nicht zu Boden, und
erwürgen Sie mich doch nicht,’ entgegnete er, denn die
Misses Eshton hingen nun auch an ihm, und die zwei
Wittwen, in großen weißen Gewändern, rannten gerade
auf ihn zu, wie Schiffe mit vollen Segeln.
,Alles in der Ordnung! Alles in der Ordnung!’
- rief er. ,Es ist Nichts weiter, als eine Probe von
dem bekannten Stücke ,viel Lärmen um Nichts.’ Ladies, lassen Sie mich gehen; sonst könnte ich gesähflich werden.’
Und gefährlich sah er auch aus: seine schwarzen
Augen sprüheten Funken. Doch bald setzte er, aus
allen Kräften seine Ruhe wieder zu gewinnen suchend,
hinzu:
,Eine der Dienerinnen hat das Alpdrücken gehabt;
das ist Alles. Sie ist eine leicht erregbare, nervöse
Person: sie machte ohne Zweifel ihren Traum zu einer
Erscheinung oder zu Etwas der Art, und hatte aus
lauter Furcht einen krampfhaften Anfall. Nun aber
muß ich Sie Alle bitten, sich in Ihre Zimmer zurückzuziehen; den so lange das Haus nicht in Ruhe ist, kann man nicht nach ihr sehen. Meine Herren, seien
Sie so gut und gehen Sie den Damen mit dem Beispiel voran. Miß Ingram, ich bin versichert, daß Sie sich gegen eitle Schrecken nicht werden schwach finden
lassen. Amy und Louisa gehen Sie als ein Paar guter
Tauben, die Sie sind, in Ihre Nester zurück. Mesdames!
(zu den Wittwen gewandt -) Sie erkälten sich ganz
gewiß, wenn Sie noch einen Augenblick in dieser eiskalten Gallerie bleiben.’
Und so gelang es ihm, theils durch schmeichelnde,
theils durch befehlende Worte, daß Alle wieder sich in
ihre verschiedenen Schlafgemächer begaben. Ich wartete
nicht, bis man es mich hieß. um mich in das meinige
zurückzuziehen, sondern entfernte mich unbemerkt wieder,
wie ich es auch verlassen hatte.
Indessen hatte ich mich nicht in mein Zimmer zurückzozegen. um ins Bette zu geben; im Gegentheil, ich
fing an, mich vollständig anzukleiden. Die Töne, die
ich nach dem Schrei gehört, und die Worte, die gesprochen worden waren, hatte wahrscheinlich nur mein Ohr vernommen, denn sie waren aus dem über dem
meinigen liegenden Zimmer gedrungen; aber sie gaben
mir die Gewißheit, daß es nicht der Traum einer Dienerin gewesen, der so das ganze Haus mit Entsetzen erfüllt hatte, und daß die von Herrn Rochester gegebene
Erklärung eine Erfindung sei, darauf berechnet, seine Gäste zu beruhigen. Ich kleidete mich daher an, um für alle Fälle bereit zu sein. Als ich mit diesem Geschäfte zu Ende war, saß ich lange Zeit am Fenster, sah über die stille Gegend und silberhellen Felder hin und wartete auf - ich weiß nicht was. Es schien mir, als müsse irgend ein Ereigniß auf den sonderbaren Schrei. auf das Ringen und auf den Ruf folgen.
Nein: die Ruhe kehrte wieder: jedes Gemurmel und jede Bewegung hörte allmälig auf und in etwa einer Stunde war es in Thornfield Hall wieder so still,
wie in einer Wüste. Es schien, das der Schlaf und die Nacht wieder die Oberland gewonnen. Inzwischen
senkte sich der Mond je mehr und mehr, und war im Begriff unterzugehen. Da ich in der Kälte und Finsterniß nicht dasitzen mochte, so hatte ich im Sinne,
mich angekleidet, wie ich war, auf mein Bett zu werfen.
Ich ging, vom Fenster weg, leise über den Teppich hin;
als ich mich bückte, um meine Schuhe auszuziehen, klopfte eine vorsichtige Hand leise an die Thür.
‘Braucht man mich?’ fragte ich.
,Sind Sie auf?’ versetzte die Stimme, die ich zu
hören erwartete: die meines Herrn nämlich.
‘Ja, Sir.’
,Und angekleidet?’
‘Ja.’
‘So kommen Sie behutsam heraus.’
Icb gehorchte. Herr Rochester stand in der Gallerie mit einem Lichte in der Hand.
,Ich brauche Sie,’ sagte er: ‘kommen Sie hieher: nehmen Sie sich in Acht, machen Sie kein Geräusch.’
Meine Pantoffeln waren leicht: ich konnte über die
Matte der Gallerie so leise wie eine Katze gehen. Er
schlich die Gallerie und die Treppe hinauf, und blieb
in dem dunkeln, niedrigen Corridor des verhängnißvollen dritten Stockwerkes stehen: ich war ihm gefolgt und stand an seiner Seite.
,Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer?’ fragte er flüsternd.
‘Ja. Sir.’
‘Haben Sie auch Salz - etwa flüchtiges Salz?’
‘Ja.’
‘So gehen Sie zurück und holen Sie Beides.’
Ich ging in mein Zimmer zurück, suchte den
Schwamm auf dem Waschtische, das Salz in meiner
Commode, und machte noch einmal den Weg, den mich
Herr Rochester geführt. Letzterer wartete noch, mit
einem Schlüssel in der Hand; sich einer der kleinen
schwarzen Thüren nähernd, steckte er denselben in das
Schlüsselloch; dann wartete er einen Augenblick und
redete mich abermals an : -
,Es wird Ihnen doch nicht übel, wenn Sie Blut sehen?’
,Ich denke nicht: ich habe es noch nicht versucht.’
Ein Schauder durchzuckte mich, als ich ihm antwortete; doch fühlte ich weder Uebelkeit noch Kälte.
‘Geben Sie mir Ihre Hand,’ sagte er: ,wir dürfen hier keine Ohnmacht riskiren.’
Ich legte meine Finger in die seinigen.
,Warm und ruhig,’ war seine Bemerkung. Und
nun drehte er den Schlüssel um und machte die Thüre
auf.
Ich sah ein Zimmer, das ich mich erinnerte, schon
zuvor gesehen zu haben, am Tage, an dem Mistreß
Fairfax mir das ganze Haus gezeigt. Es war mit
Tapeten behängt; allein die Tapete war jetzt an einer
Stelle in die Höhe geschlagen und es war eine Thüre
zu sehen, die bei meinem frühern Besuche verborgen
gewesen war. Die Thür war offen: ein Licht schimmerte aus dem dahinter liegenden Zimmer hervor: ich hörte daraus einen knurrenden Ton hervorkommen, fast
ähnlich dem eines bösen Hundes, der jemand beißen will. Herr Rochester setzte dann sein Licht nieder und sagte zu mir:
,Warten Sie eine Minute.’
Und hinein trat er in das hinter der Thür liegende
Zimmer. Ein lautes Gelächter begrüßte seinen Eintriit, - ein Gelächter, anfänglich geräuschvoll und dann
mit Grace Poole's eigenem, koboldähnlichem Ha! Ha!
endigend. Sie war also da. Er ordnete Dieses und
Jenes, obne ein Wort zu sprechen, obgleich ich eine
leise Stimme ihn anreden hörte: endlich kam er heraus,
und machte die Thüre hinter sich zu.
,Hier, Jane!' sagte er; und ich ging nach der
anderen Seite eines großen Bettes herum, das mit seinen
zugezogenen Vorhängen einen großen Theil des Zimmers verbarg. Ein Armsessel stand neben dem Kopfende des Bettes: ein Mann saß darin, der bis auf den
Rock vollständig angekleidet war; er verhielt sich still;
sein Kopf lehnte sich zurück, seine Augen waren geschlossen. Herr Rochester hielt das Licht über ihn hin, und ich erkannte in seinem bleichen und scheinbar leblosen Gesichte den — Fremden, Mason: auch sah ich,
daß sein Hemd auf einer Seite und an einem Arme
fast wie in Blut getaucht aussah.
,Halten Sie das Licht,’ sagte Herr Rochester, und
ich nahm es. Sodann holte er ein, auf dem Waschtische stehendes, mit Wasser gefülltes Becken und sagte zu mir: ‘Halten Sie das.’ Ich gehorchte. Er nahm
der Schwamm, tauchte ihn hinein und befeuchtete das
leichnamähnliche Gesicht: er verlangte mein Riechfläschchen von mir, und hielt es dem blutigen Manne vor die Nase. Bald schlug Herr Mason seine Augen wieder auf; er stöhnte. Herr Rochester machte das Hemd des Verwundeten auf, dessen Arm und Schulter verbunden waren, und wusch mit dem Schwamme schnell herabtröpfelndes Blut ab.
,Bin ich gefährlich verwundet?’ murmelte Herr Mason.
‘Bah! Nichts - ein bloßer Ritz. Lassen Sie
nicht so den Muth sinken, Mann: ermannen Sie sich!
Ich will Ihnen nun selbst einen Wundarzt holen: und
ich hoffe, daß Sie morgen fort gebracht werden können.’ Jane'? -- fuhr er fort:
,Sir?
"Ich muß Sie nun eine oder vielleicht zwei Stunden mit diesem Herrn allein in dem Zimmer lassen; waschen Sie, wie ich, das Blut mit dem Schwamme
ab, wenn es wieder kommt: fühlt er sich schwach, so
halten Sie ihm das auf jenem Tischchen stehende Glas
Wasser an die Lippen und Ihr Riechfläschchen vor die
Nase, Sprechen Sie um keinen Preis mit ihm und — Richard — was Sie betrifft, so steht Ihr Leben aus dem Spiel, wenn Sie mit ihr reden: sobald Sie Ihre Lippen öffnen - sobald Sie unruhig werden — kann ich Ihnen für die Folgen nicht mehr stehen.’
Abermals stöhnte der arme Mann: er sah aus,
als ob er es nicht wagte, sich zu regen: die Furcht vor
dem Tode, oder vor irgend etwas Anderem schien ihn
fast zu lähmen. Herr Rochester gab mir nun den blutigen Schwamm in die Hand, und ich fing an, ihn zu handhaben, wie er gethan. Er beobachtete mich etwa
eine Sekunde, und verließ dann das Zimmer mit den
Worten: ,Vergessen Sie's nicht! - Sprechen Sie ja nicht
mit ihm!’
Es war ein sonderbares Gefühl für mich, als der
Schlüssel in dem Schlosse sich knirrend umdrehte, und
das leise Geräusch seiner sich entfernenden Fußtritte
endlich aufhörte, für das Ohr hörbar zu sein.
Da war ich nun in dem dritten Stocke, eingeschlossen in eine seiner mysteriösen Zellen; Nacht um mich
her; ein bleiches und blutiges Schauspiel vor meinen
Augen und unter meinen Händen; eine Mörderin, kaum
durch eine Thür von mir getrennt: ja - das war
entsetzlich - das Andere konnte ich ertragen: aber es
schauderte mich bei dem Gedanken, daß Grace Poole
auf mich losstürzen könnte.
Indessen mußte ich auf meinem Posten aushalten.
Ich mußte dieses geisterhafte, todtenbleiche Gesicht bewachen: diese blauen. stillen Lippen, die sich nicht öffnen
durften - diese Augen. die bald geschlossen, bald geöffnet waren, bald im Zimmer umher schweiften, bald sich auf mich hefteten, und mich stets entsetzlich öde anstarrten. Ich mußte meine Hand aber und abermal in das Becken voller Blut und Wasser tauchen, und das herabtröpfelnde, geronnene Blut abwaschen. Ich mußte das Licht der ungeputzten Kerze je mehr und mehr abnehmen, die Schatten an der gewirkten, alterthümlichen Tapete und unter den Vorhängen des großen alten Betts neben mir immer dunkler werden und über
den Thüren eines großen Kabinets, das sich mir gegenüber befand, in seltsamer Weise zittern sehen, - über den Thüren eines Kabinets, dessen in zwölf Panelen
getheilte Fronte die geisterhaft gemalten Köpfe der zwölf Apostel enthielt, jeder in seine besondere Panele, wie in einen Rahmen, eingeschlossen, während über ihnen sich ein ebenholzenes Crucifix mit dem sterbenden Christus erhob.
Je nachdem die wechselnde Dunkelheit aus einer Stelle schwebte, oder der fackernde Schimmer auf eine andere einen plötzlichen Glanz warf, war es bald
der bärtige Lukas, der seine Stirn runzelte, bald das lange Haar des Johannes, das hin und her wogte. Von Zeit zu Zeit trat auch das teuflische Antlitz des
Judas aus der Panele hervor, schien Leben annehmen und mit einer Enthüllung des Erzfeinds-- Satan's selbst -- in der Gestalt seines Untergebenen drohen zu
wollen.
Bei alle dem mußte ich nicht allein wachen, sondern
auch horchen: - horchen auf die Bewegungen der
wilden Bestie, oder des Bösen in jener Nebenhöhle
dort. Aber seit Herrn Rochester's Besuch schien es, als
ob ein Zauber darauf eingewirkt hätte: die ganze Nacht
hörte ich nur in drei langen Zwischenräumen drei Töne,
— einen krachenden Tritt, eine augenblickliche Erneuerung des Hundegeknurrs, und einen tiefen menschlichen Seufzer.
Dann quälten mich meine eigenen Gebanken. Welches Verbrechen war es, das, mit Fleisch bekleidet, in diesem abgeschiedenen Hause lebte, und von dem Besitzer weder vertrieben, noch gebändigt werden konnte? — Welches Geheimniß, das in tiefster Nacht sich bald durch Feuer, bald durch Blut offenbarte? -- Was für ein Geschöpf war es, das, sich Hinter einem gewöhnlichen Weibsgesichte, und einer gewöhnlichen Weibsgestalt verhüllend, bald die Stimme eines hohnlachenden Dämons, bald das Geschrei eines Raubvogels, der ein Aas aussucht, hören ließ?
Und der Mann, über den ich mich neigte, - dieser ruhige Fremde mit seinem alltäglichen Aussehen,
wie war er in das Gewebe des Entsetzens verstrickt
worden? Und warum war die Furie auf ihn losgestürzt? Was war der Grund, daß er zu ungelegener Zeit diesen Theil des Hauses aufsuchte, während er
hätte in seinem Bette schlafen sollen? Ich hatte gehört,
wie Herr Rochester ihm unten ein Zimmer anwies — was hatte ihn nun hieher geführt? und warum verhielt er sich jetzt so still bei der Gewaltthätigkeit oder
dem Verrath. so an ihm verübt worden? Warum unterwarf er sich so ruhig der absoluten Ruhe, die Herr Rochester von ihm forderte? Und warum forderte Herr
Rochester diese absolute Ruhe, dieses Sich-Verborgenhalten? War doch sein Gast schwer verletzt: hatte doch sein eigenes Leben bei einer frühern Gelegenheit
in gräßlicher Gefahr, so man ihm bereitet, geschwebt:
und beide Versuche begrub er nun in Schweigen und
Vergessenheit! Endlich sah ich auch, daß Herr Mason
gegen Rochester unterwürfig war; daß der ungestüme
Wille des Letztern die Trägheit des Erstern unbedingt
beherrschte: die wenigen Worte, die zwischen ihnen gewechselt worden waren. überzeugten mich hievon. Offenbar war bei ihrem frühern Umgange das passive Wesen
des Einen durch die Thatkraft und Energie des Andern
gewöhnlich beeinflußt worden: woher war dann aber
Herrn Rochester's Schrecken gekommen, als er von Herrn
Mason’s Ankunft hörte? Warum war der bloße Name
dieses fügsamen Individuums, das nun sein bloßes
Wort wie ein Kind zu beherrschen vermochte, noch vor
wenigen Stunden auf ihn gefallen, wie ein Donnerkeil
auf eine Eiche?
"O! ich konnte seinen Blick, und seine Blässe, — als er flüsterte: ,Jane, ich habe einen Schlag bekommen - ich habe einen Schlag bekommen, Jane' — nicht vergessen. Ich konnte nicht vergessen, wie der Arm gezittert, den er auf meine Schulter stützte: und
es mußte nichts Geringes sein, was den entschlossenen
Geist Fairfax Rochester's so zu beugen vermochte, was
dessen kräftige Gestalt so erbeben machen konnte.
,Wann wird er kommen? wann wird er kommen?’
rief ich in meinem Innern, als die Nacht immer noch
nicht wich - als mein blutender Patient den Kopf sinken ließ, stöhnte, ohnmächtig wurde: und immer noch wollte der Tag nicht, immer noch keine Hülfe kommen.
Aber und abermal hatte ich das Wasser an Mason's
bleiche Lippen gehalten aber und abermal hielt ich
ihm das belebende Salz vor: meine Bemühungen schienen ohne Wirkung zu bleiben: körperliches, oder geistiges Leiden, oder Blutverlust, oder alle drei zusammen
erschöpften schnell seine noch übrige Stärke. Er stöhnte
so tief, und sah so schwach. wild, und todtesbleich aus,
daß ich fürchtete, er sei im Begriff zu sterben; und
doch durfte ich nicht einmal mit ihm reden!
Das Licht, ganz abgebrannt, ging endlich aus.
Wie es erlosch, bemerkte ich graue Lichtstreifen, die an
dem Fenstervorhang sich hinzogen: somit kam der Morgen herbei. Es stand nicht lange an, so hörte ich weit unten, von seiner fernen Hütte im Hofe her, Pilot bellen: und nun lebte die Hoffnung wieder auf. Und nicht ohne Grund: nach fünf weiteren Minuten sagte mir der im Schlosse sich drehende Schlüssel, daß meine
Wache nun zu Ende sei. Sie konnte nicht länger, als
zwei Stunden gewährt haben; manche Woche ist mir indessen kürzer erschienen.
Herr Rochester trat ein, und mit ihm der Wundarzt, den er herbeigeholt hatte.
,Nun, Carter, rasch an die Arbeit;' sagte er zu
Letzterem: ,ich gebe Ihnen bloß eine halbe Stunde, um die Wunde zu verbinden, die Bandagen zu befestigen, und den Patienten hinabzubringen.’
‘Aber kann man ihn auch ohne Gefahr von hier wegbringen, Sir?’
,Ohne allen Zweifel; die Sache hat Nichts auf sich, er ist nervös. seine Lebensgeister müssen gestärkt werden. Kommen Sie. gehen wir an die Arbeit.’
Herr Rocheßer schlug den dicken Vorhang zurück,
zog das Fensterrouleau in die Höhe, und ließ soviel
Tageslicht herein. als er konnte. Ich war freudig überrascht, als ich sah, daß es schon so hell war, und wie rosige Streifen schon den Osten zu erleuchten anfingen. Sodann näherte er sich Mason, den der Wundarzt bereits unter seinen Händen hatte.
,Nun, mein Guter, wie steht es mit Ihnen?’ fragte er.
Sie hat mir den Treff gegeben, fürchte ich,’ war die matte Antwort.
,Mit nichten! Muth gefaßt! In vierzehn Tagen werden Sie's kaum noch spüren: Sie haben ein Bischen Blut verloren: das ist Alles. Carter, sagen Sie
ihm, daß keine Gefahr vorhanden.’
‘Das kann ich nit gutem Gewissen thun,’ sagte Carter, der jetzt die Bandagen gelöst hatte; nur hätte ich bälder hier sein sollen; er würde dann nicht so viel
Blut verloren haben. - Aber was ist das? das Fleisch
auf der Schulter ist zerschnitten, aber auch zerrissen? Diese Wunde ist nicht mit einem Messer verursacht worden: hier sind Zähne im Spiele gewesen.’
,Sie hat mich gebissen,’ murmelte der Verwundete. ,Sie hat mich wie ein Tiger mit den Zähnen herumgerissen, als Rochester ihr das Messer aus der
Hand riß.’
,Sie hätten nicht nachgeben, sondern lieber gleich mit ihr ringen sollen,’ sagte Herr Rochester.
,Aber was konnte man unter solchen Umständen thun?’ versetzte Mason. ,O, es war gräßlich!’ fügte er schaubernd hinzu. ,Und ich hatte mich nicht darauf
gefaßt gemacht: sie sah anfänglich so ruhig aus.’
,Ich habe Sie gewarnt,’ war die Antwort seines Freundes; ,ich habe Ihnen gesagt, seien Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie ihr nahe kommen. Zudem hätten Sie
ja auch bis zum Morgen warten, und mich mitnehmen
können: es war eine Thorheit, in der Nacht und allein
sich zu ihr zu wagen.’
,Ich dachte, ich würde ein gutes Werk thun.’
,Sie dachten! Sie dachten - ja; es macht mich
ungeduldig, Sie so sprechen zu hören; Sie haben aber
genug ausgestanden, und werden wahrscheinlich noch
genug auszustehen haben dafür, daß Sie mich nicht
um Rath gefragt: ich will deßhalb Nichts mehr sagen, Carter! -- geschwind, geschnind! bald geht die Sonne auf, und er muß weg von hier.’
,Sogleich, sogleich. Sir; die Schulter ist nun verbunden. Ich muß aber jetzt nach der andern Wunde
am Arme sehen: wahrscheinlich hat sie auch dort ihre
Zähne angesetzt.’
"Sie hat das Blut ausgesogen: sie sagte, sie wolle
mein Herz austrocknen,’ sagte Mason.
Ich sah Herrn Rochester schaudern: ein eigenthümlicher Ausdruck des Ekels, Entsetzens und Hasses verzog sein Gesicht bis zur Verzerrung; er sagte aber
bloß: ,Kommen Sie, Richard, seien Sie still und achten
Sie nicht auf ihr Kauderwelsch: wiederholen Sie es
nicht.’
,Ich wollte, ich könnte es vergessen,’ lautete die
Antwort.
"Sie werden es vergessen, wenn Sie aus dem
Lande fort sind. Nach Spanish Town zurückgekehrt,
können Sie sie als todt und begraben betrachten oder vielmehr brauchen Sie gar nicht mehr an sie zu
denken.’
‘Nie werde ich diese Nacht vergessen können!’
,Sie können es aber: nur etwas Muth, Mann! Noch vor zwei Stunden meinten Sie, Sie wären so todt, wie ein Häring: und nun sind Sie ja wieder ganz
lebendig, und sprechen. So! - Carter ist nun fertig,
oder so gut wie fertig; in einem Augenblicke sollen
Sie ganz anständig aussehen. Jane,' (- indem er sich
zu mir wandte, das erste Mal seit er wieder eingetreten —) ,nehmen Sie diesen Schlüssel: gehen Sie in mein Schlafzimmer hinunter, und von da gerades Wegs
in mein Ankleidezimmer; ziehen Sie die oberste Schublade meiner Commode heraus, und nehmen Sie dort ein reines Hemd, sowie ein Halstuch; bringen Sie mir
Beides hieher, und sputen Sie sich!’
Ich ging, suchte die angegebene Commode auf,
fand darin die bezeichneten Gegenstände, und kehrte mit
denselben zurück.
"Nun,’ sagte er, ‘gehen Sie auf die andere Seite
des Bettes, während ich seine Toilette in Ordnung
bringe: aber verlassen Sie das Zimmer nicht: es ist
möglich, daß ich Sie noch einmal brauche.’
Ich zog mich zurück, wie er mir gesagt.
,Haben Sie beim Hinuntergehen bemerkt, daß Jemand schon auf war, Jane?’ fragte Herr Rochester einen Augenblick darauf.
,Nein, Sir; Alles war mäuschenstill.’
,Wir wollen Sie vorsichtig fortbringen, Dick: es
wird besser sein, sowohl für Sie, als für das arme
Geschöpf dort innen. Ich habe mich lange bemüht, die
Sache geheim zu halten, und möchte nun nicht, daß dieselbe zuletzt doch noch herauskäme. Hier, Carter,
helfen Sie ihm seine Weste anziehen. Wo haben Sie
Ihren Pelzmantel gelassen? Sie können, ich weiß es,
in diesem verdammt kalten Klima keine Meile ohne
denselben reisen. In Ihrem Zimmer? — Jane, gehen
Sie eiligst in Herrn Mason's Zimmer hinab - es stößt
an das meine — und holen Sie den Mantel, den Sie
dort sehen werden.’
Abermals eilte ich hinab und zurück, und brachte
einen ungeheuren, mit Pelz ausgeschlagenen Mantel.
,Nun habe ich noch einen andern Auftrag für
Sie,’ sagte mein nicht müde werdender Herr; ,Sie
müssen noch einmal in mein Zimmer hinabgehen. Wie
gut ist es, das Sie Sammtschuhe anhaben, Jane! — ein Bote mit schweren Stiefeln wäre dieses Mal ganz und gar unbrauchbar. Sie müssen das mittlere Fach
in meinem Toilettentische aufmachen, und eine kleine
Phiole sammt einem Gläschen, die Sie dort finden
werden, herausnehmen, — aber geschwind!’
Ich besorgte den Auftrag mit der gewünschten
Schnelligkeit.
,So ist’s recht! Nun, Doktor, werde ich mir die
Freiheit nehmen, selbst eine Dosls zu administriren, auf
meine eigene Verantwortung hin. Diesen Ligueur habe
ich zu Rom von einem italienischen Quacksalber bekommen, — einem Kerl, den Sie mit Füßen getreten haben
würden, Carter. Er darf aber nicht bei jeder Gelegenheit angewandt werden: er ist nur für gewisse Fälle gut, wie z. ß. jetzt. Jane, ein Bischen Wasser!’
Er hielt das kleine Glas hin, und ich füllte dasselbe zur Hälfte aus der auf dem Waschtische stehenden Wasserflasche.
"So ist's recht: - nun neigen Sie die Phiole
etwas.’
Ich that also: er zählte zwölf Tropfen von der
carmesinrothen Flüssigkeit ab, und bot sie dann Mason
hin.
,Trinken Sie, Richard: es wird Ihnen, wenigstens
auf eine Stunde, die Kraft und den Muth verleihen,
deren Sie bedürfen.’
,Es wird mir aber doch nicht schaden? - Ist es
erhitzend?’
,Trinken Sie! Trinken Sie! Trinken Sie!’
Herr Mason gehorchte, da es offenbar unnütz war,
Widerstand zu leisten. Er war nun angekleidet, und sah immer noch bleich aus; doch war er nicht mehr blutig. Herr Rochester ließ ihn drei Minuten lang
sitzen, nachdem er das Getränk verschluckt hatte. Alsdann faßte er ihn beim Arm und sagte: —
‘Jetzt können Sie gewiß auf Ihren Füßen stehen; versuchen Sie es.’
Der Patient stand auf.
,Carter, nehmen Sie ihn unter dem andern Arm.
Munter, Richard; machen Sie einige Schritte: - so ist es recht!’
,Ich fühle mich besser,’ bemerkte Herr Mason.
,Das weiß ich gewiß. Nun, Jane, gehen Sie uns voran nach der Hintertreppe zu: riegeln Sie die Seitenthür auf, und sagen Sie dem Postillon, den Sie,
in dem Hofe, oder hart an demselben sehen werden
(- denn ich habe ihm befohlen, daß er mit seinen rasselnben Rädern nicht über das Pflaster fahren dürfe -), er solle sich bereit halten; wir folgen Ihnen auf dem
Fuße nach; und vergessen Sie nicht, Jane, an den
Fuß der Treppe zu gehen, und zu räuspern, wenn Jemand um den Weg ist.’
Es war nun halb sechs Uhr, und die Sonne gerade am Aufgehen; doch fand ich die Küche noch dunkel und still. Die Seitenthüre war zu; ich öffnete sie so geräuschlos, wie möglich: auf dem Hofplatze rührte sich Nichts; aber das Thor stand welt offen, und draußen wartete eine Postkutsche mit angespannten Pferden und ihrem, auf dem Bocke sitzenden Kutscher. Ich ging zu demselben hin, und sagte, die Herren würden alsbald kommen: er nickte, und dann sah ich mich sorgfältig um, und horchte. Die Stille des frühen Morgens schlummerte noch allenthalben; die Vorhänge
waren noch zu an den Fenstern des Bedientenzimmers;
kleine Vögel zwitscherten in dem Augenblicke auf den
Obstbäumen, deren mit Blüthen bedeckte Zweige wie
weiße Guirlanden über die Mauer herabhingen, die
eine Seite des Hofraums einschloß; die Wagenpferde stampften von Zeit zu Zeit in ihren geschlossenen Ställen, sonst war Alles still.
Nun kamen die Herren zum Vorschein. Mason schien, von Herrn Rochester und dem Wundarzte unterstützt, ziemlich leicht zu gehen: sie halfen ihm in
die Postkutsche hinein; und Carter nahm neben ihm
Platz.
,Sorgen Sie für ihn,’ sagte Herr Rochester zu
dem Letztern; ‘und behalten Sie ihn bei sich, bis er
wieder ganz hergestellt ist. Dieser Tage werde ich nach
ihm sehen. Richard, wie steht es mit Ihnen?’
"Die frische Luft gibt mir neues Leben, Fairfax.’
"Lassen Sie das Fenster auf seiner Seite offen, Carter; es geht kein Wind — Adieu, Dick.’
“Fairfax —’
,Nun, was wollen Sie?’
‘Lassen Sie ihr doch alle Pflege angedeihen; lassen Sie sie behandeln, so zärtlich wie nur möglich: lassen Sie sie —’
Hier hielt er inne, und brach in Thränen aus.
,Ich thue, so viel ich kann, habe es gethan, und
werde es auch ferner thun,’ war die Antwort. Sofort
schlug er die Thür der Kutsche zu - und diese rollte
davon.
,Wollte Gott, es wäre alles Dieß zu Ende!’
setzte Herr Rochester hinzu, als er das schwere Hofthor
zumachte und verriegelte. Nachdem dieß geschehen war,
ging er mit langsamem Schritte und zerstreuter Miene
auf eine Thür in der, den Obstgarlen begrenzenden,
Mauer zu. Da ich der Meinung war, daß er meiner
nicht mehr bedürfe. so wollte ich eben in das Haus zurückgehen; allein ich hörte ihn abermals ,Jane’ rufen.
Er hatte die Pforte geöffnet, und stand an derselben,
auf mich wartend.
“Kommen Sie,' sagte er, ‘auf einige Augenblicke hieher, wo man etwas frische Luft athmen kann; jenes Haus dort ist ein bloßer Kerker: kommt es Ihnen
nicht auch so vor?’
,Es kommt mir wie eine prachtvolle Wohnung
vor, Sir.’
‘Die Unerfahrenheit blendet noch Ihre Augen,’ antwortete er: ,und es liegt für Sie darüber ein Zauber: Sie können nicht sehen, daß die Vergoldung
Schlamn, die seidenen Draperien Spinnenweben sind;
daß der Marmor schmutziger Schiefer, und das polirte
Holz Nicht als Abfall und Rinde ist, die man zu
sonst nichts Anderem brauchen konnte. Hier aber’
(— sagte er, auf die gt ünen Bäume und Gewächse
deutend, inmitten deren wir uns befanden —) ‘ist
Alles wirklich, lieblich und rein.’
Er ging einen mit Buchs eingefaßten Gang hinab:
auf der einen Seite standen Apfelbäume, Birnbäume,
und Kirschbäume, und auf der andern Seite waren
Beete zu sehen mit allerlei gewöhnlichen Blumen, wie
z.B. Stockrosen, Federnelken, Primeln, Stiefmütterchen,
vermischt mit Stabwurz, Feldrosen, und andern wohlriechenden Kräutern: sie waren jetzt so frisch, wie sie nur nach vorangegangenen Aprilregen und milden Sonnenblicken an einem lieblichen Frühlingsmorgen sein konnten: die Sonne zeigte sich eben im sanftgerötheten Osten, und ihr Licht beleuchtete die blumenbekränzten
und thauigen Obstbäume, und schien auf die ruhigen
Gänge unter denselben hinab.
‘Jane, wollen Sie eine Blume?’
Er pflückte eine halb offene Rose, die erste auf dem
Stocke, und bot mir dieselbe an.
‘Ich danke Ihnen, Sir.’
,Gefällt Ihnen dieser Sonnenaufgang. Jane?
jener Himmel mit seinen hohen und lichten Wolken, die
mit der zunehmenden Tageswärme gewiß verschmelzen?
— diese liebliche und balsamische Luft?’
,Ich liebe sie gar sehr.’
,Sie haben eine seltsame Nacht gehabt, Jane.’
,Ja. Sir.’
,Und Sie sehen davon ganz bleich aus: Haben Sie
sich gefürchtet, als ich Sie mit Mason allein lies?’
,Ich fürchtete, es könnte Jemand aus dem innern
Zimmer herauskommen.’
,Aber ich hatte die Thürabgeschlossen — ich hatte
den Schlüssel in der Tasche. Ich wäre wohl ein sorgloser Hirte gewesen, wenn ich ein Lamm - mein Lieblingslamm — ohne Schutz so nahe an einer Wolfshöhle gelassen hätte: es war für Ihre Sicherheit gesorgt.’
‘Wird Grace Poole immer noch hier bleiben, Sir?’
,O ja! Machen Sie sich mit ihr nicht zu schaffen — schlagen Sie sich das Ding aus dem Kopfe.’
,Aber es scheint mir doch. daß Ihr Leben so lange
nicht außer Gefahr ist, als sie hier bleibt.’
‘Haben Sie keine Furcht — ich werde schon für meine Sicherheit zu sorgen wissen.’
,Ist die Gefahr. die Sie in der vergangenen Nacht fürchteten, nun vorüber, Sir?’
,Dafür kann ich nicht garantiren. so lange Mason England nicht verlassen hat: ja auch dann noch nicht. Leben heißt für mich, Jane, auf einer Kratergruste stehen, die jeden Tag einbrechen und Feier speien kann.’
,Aber Herr Mason scheint doch ein Mann zu sein, mit dem man leicht fertig wird? Sie vermögen offenbar viel über ihn, Sir: er wird Ihnen nie Trotz bieten,
wird nie herausfordernd gegen Sie austreten, wird Ihnen nie wissentlich schaden.’
‘O nein! Mason wird nie herausfordernd gegen mich auftreten, und wird mir auch nie absichtlich schaden; - aber unabsichtlich könnte er mir in einem Augenblicke durch ein einziges. unbedachtsames Wort, wenn auch nicht das Leben, so doch für immer mein Glück rauben.’
,Sagen Sie ihm, er soll doch ja vorsichtig sein,
Sir: setzen Sie ihn von dem Gegenstande Ihrer Furcht
in Kenntniß, und zeigen Sie ihm, wie er die Gefahr abwenden kann.’
Er lachte sardonisch, ergriff hastig meine Hand, und
stieß sie eben so hastig wieder von sich.
,Könnte ich das, einfältiges Kind, wo wäre dann
die Gefahr? sie wäre ja in einem Augenblicke vernichtet. Seitdem ich Mason kenne, brauchte ich bloß zu ihm zu sagen ‘’Thun Sie das’’ und es wurde gethan. Aber in diesem Falle kann ich ihm nicht befehlen: ich kann nicht sagen : ‘’hüten Sie sich, mir zu schaden, Richatd;’’ — denn ich darf ihn durchaus nicht und um
keinen Preis wissen lassen, das er mir irgendwie schaden
kann. Nun sehen Sie verlegen aus: und ich werde
Sie noch mehr verlegen machen. Sie sind meine kleine
Freundin, nicht wahr?’
,Es ist mein Wunsch, Ihnen zu dienen, Sir, und
Ihnen zu gehorchen in Allem, was recht ist.’
,Ganz richtig: ich sehe es wohl. Ich sehe in Ihrem Benehmen, und Ihrer Miene, in Ihrem Auge, und Ihrem Gesichte ungekünstelte Zufriedenheit, so oft
Sie mir helfen, und mir Etwas zu Gefallen thun, — wenn Sie für mich, und mit mir arbeiten, in - wie Sie charakteristisch sagen - ‘’Allem. was recht ist:’’
denn würde ich Sie Etwas thun heißen, was Sie für
Unrecht hielten, so würde es ein Ende haben mit dem
schnellen Laufen, und mit der zierlichen Behendigkeit,
mit dem freudigen Gesichte, mit des frohen Blicke.
Meine Freundin würde sich dann zu mir wenden, ruhig und blaß, und sagen : ‘’Nein. Sir, das ist unmöglich: ich kann es nicht thun, weil es unrecht ist;’’ und
würde unbeweglich werden, wie ein Fixstern. Gut, auch
Sie haben Macht über mich, und auch Sie können mir
schaden: doch wage ich nicht, Ihnen die Stelle zu zeigen,
an der ich verwundbar bin, aus Furcht, Sie könnten,
bei all ihrer Treue und Freundschaft gegen mich, mich
gleich durchbohren.’
,Wenn Sie von Herrn Mason nicht mehr, als von
mir zu fürchten haben, Sir, so sind Sie ganz sicher.’
,Gott gebe es! Hier, Jane. ist eine Laube: setzen
Sie sich.’
Die Laube, war eine mit Epheu bekleidete Wö!bung in der Mauer; darin war eine einfache, ländliche Bank. Herr Rochester setzte sich darauf, ließ aber noch
Platz für m!ch. Ich blieb vor ihm stehen.
,Setzen Sie sich,’ sagte er: ,die Bank ist groß
genug für zwei. Sie tragen doch hoffentlich kein Bedenken, sich neben mich zu setzen? Oder wäre es wohl unrecht, Jane?’
Ich antwortete ihm damit, daß ich neben ihm Platz
nahm: ich fühlte, daß es unweise wäre, sein Anerbieten auszuschlagen.
,Nun, meine kleine Freundin, während die Sonne
den Thau auftrinkt, - während alle Blumen in diesem
alten Garten erwachen und sich öffnen, und die Vögel für
ihre Jungen das Morgenbrod holen, und die früh erwachten Bienen ihr erstes Tagewerk verrichten, — will ich ihnen einen Fall vorlegen. Sie müssen es versuchen,
sich ihn als Ihren eigenen vorzustellen; zuerst aber
sehen Sie mich an, und sagen Sie mir, das Sie in
Ihrem Gemüthe ruhig sind, — daß Sie nicht fürchten,
ich habe Unrecht, Sie hier zurückzuhalten, oder Sie, hier
zu bleiben.’
,Nein, Sir, ich bin es zufrieden.’
,Wohlan denn, Jane, rufen Sie Ihre Phantasie
zu Hülfe: - denken Sie sich einmal, Sie seien kein
wohlerzogenes und wohlgeschnultes Mädcben mehr, sondern ein wilder Knabe, dem man von Kindesbeinen an Alles nachgesehen : denken Sie sich, Sie seien in einem
fernen, fremden Lande; denken Sie sich ferner, Sie begingen dort einen großen schweren Fehler, gleichviel von welcher Art und aus welchen Beweggründen, aber
immerhin einen Fehler, dessen Folgen Sie durch’s Leben begleiten und Ihr ganzes Dasein beflecken und verdüstern müssen. Merken Sie sich wohl, ich sage nicht:
Verbrechen; ich spreche nicht von vergossenem Blut, oder irgend einer andern strafbaren Handlung, die den
Schuldigen dem Arme der Justiz überliefern müßte: ich
sage Fehler. Die Folgen dessen, was Sie gethan,
werden für Sie mit der Zeit völlig unerträglich: Sie
thun alles Mögliche, um sich Erleichterung zu verschaffen:
Sie ergreifen Maßregeln, die ungewöhnlich sind, aber
weder ungesetzlich, noch strafbar. Aber immer bleiben
Sie elend, denn die Hoffnung ist von Ihnen gerade an
den Grenzen des Lebens geschieden: Ihre Sonne verdunkelt sich in einer Finsterniß, die, wie Sie fühlen, Sie nicht verlassen wird, bis jene untergeht. Bittere
und erniedrigende Gedanken sind die einzige Nahrung
Ihres Gedächtnisses geworden: Sie gehen dahin und
dorthin, Ruhe in der Verbannung suchend, Glück im
Vergnügen - ich meine, in herzlosem, sinnlichem Vergnügen, in einem Vergnügen, das den Verstand abstumpft und das Gefühl vernichtet. Müde und zerknickt
an Herz und Seele, kommen Sie nach Jahren freiwilliger Verbannung in Ihre Heimath zurück; Sie machen
eine neue Bekanntschaft — einerlei, wie oder wo: Sie
finden in dieser Fremden viele jener guten und glänzenden Eigenschaften, die Sie zwanzig Jahre lang gesucht und nie gefunden haben; und alle sind sie frisch,
gesund, mackellos und ohne Flecken. Solche Gesellschaft
erweckt Sie zu neuem Leben: Sie fühlen, daß bessere
Tage kommen -- höhere Wünsche, reinere Gefühle;
Sie wollen Ihr Leben wieder von vorn anfangen, und
die noch übrigen Tage in einer eines unsterblichen Wesens würdigeren Weise zubringen. Dürfen Sie nun, um diesen Endzweck zu erreichen, eine Schranke des Herkommens überspringen — dürfen Sie über ein rein conventionelles Hinderniß hinweggehen, das weder Ihr Gewissen heiligt, noch Ihr Urtheil billigt?’
Hier schwieg er, auf eine Antwort wartend: und
was sollte ich sagen? Ach, wie sehr wünschte ich, es
möchte ein guter Geist mir eine verständige und befriedigende Antwort eingeben! Eitler Wunsch! Der Westwind flüsterte in dem Epheu um mich her; aber kein
sanfter Ariel lieh seinen Athem als ein Mittel zum
Sprechen: die Vögel sangen in den Baumwipfeln;
aber ihr Gesang war, so lieblich er immer sein mochte,
unarticulirt.
Abermals legte Herr Rochester mir eine Frage vor: —
‘Ist der umherirrende und sündige, aber nun Ruhe
suchende und reuevolle Mann berechtigt, der Meinung
der Welt Trotz zu bieten, um diese holde, liebliche, ihn
mit Wonne erfüllende Fremde auf ewig mit sich zu
verbinden, wenn er dadurch seinen eigenen Seelenfrieden,
und seine geistige Wiedergeburt erlangt?’
,Sir, versetzte ich. ,die Ruhe eines Wanderers,
und die Besserung eines Sünders sollte nie von einem
Mitgeschöpfe abhängig sein. Männer und Frauen sterben;
Philosophen sind nicht stets weise, und Christen nicht
immer tugendhaft: hat irgend Jemand, den Sie kennen,
geduldet und geirrt, so mag er zu einem Höheren aufblicken, denn seines Gleichen, damit er ihm Stärke zur Besserung und Trost zur Heilung verleihe.’
.Aber das Werkzeug — das Werkzeng! Gott, der
das Werk verrichtet, bestimmt das Werkzeug. Ich selbst
— ich sage das Ihnen ohne Umschweife - bin ein
weltlicher, ausschweifender, unruhiger Mensch gewesen;
und ich glaube das Werkzeug meiner Heilung gefunden
zu haben in -’
Er hielt inne: die Vögel sangen und zwitscherten
fort, und die Blätter rauschten leise dazu. Es wunderte mich fast, daß sie mit ihrem Gesange und ihrem
Flüstern nicht inne hielten, um die so plötzlich unterbrochene Enthüllung aufzufangen; aber sie hätten viele
Minuten warten müssen - so lange dauerte das Stillschweigen. Endlich sah ich zu dem zögernden Redner
auf. Er verschlang mich mit seinem Blick.
,Kleine Freundin,’ sagte er in ganz verändertem
Tone, während sein Gesicht sich auch veränderte dadurch,
daß es alle seine Milde und all seinen Ernst verlor,
und hart und sarkastisch wurde. — ,Sie haben meine
zarte Neigung für Miß Ingram bemerkt: denken Sie
nicht, sie würde mich zu einem ganz neugebornen Menschen machen, wenn ich sie heirathen würde?’
P!ötzlich stand er auf, ging ganz nach dem andern
Erde des Ganges hin, und summte, als er zurückkam,
eine Arie.
‘Jane - Jane,’ sagte er, vor mir stille stehend,
‘Sie sind ja ganz blaß vom Wachen: verwünschen Sie
mich nicht, daß ich Ihre Ruhe gestört habe?’
,Sie verwünxchen? Nein, Sir.’
,So drücken Sie mir die Hand zur Bestätigung
dieses Ihres Worts. Welch’ kalte Finger! Sie waren
wärmer in vergangner Nacht, als ich sie an der Thüre
des geheimnißvollen Zimmers berührte. Jane, wann
wollen Sie wieder mit mir wachen?’
,So oft ich Ihnen nützlich sein kann, Sir.’
,Zum Beispiel, die Nacht vor meiner Heirath?
Gewiß kann ich da nicht schlafen. Wollen Sie mir
versprechen, dann auf zu bleiben und mir Gesellschaft
zu leisten? Mit Ihnen kann ich von meiner Schönen
schon reden; denn Sie haben sie gesehen und kennen sie.’
‘Ja. Sir.’
,Sie ist etwas Rares, nicht wahr, Jane?
‘Ja. Sir.’
‘Ein tüchtiges Stück — ja ein tüchtiges Stück, Jane:
voll, braun, lebhaft, üppig, mit einem Haar, wie die
Damen von Karthago gehabt haben müssen. Ei, sehen
Sie! da ist ja schon Dent und Lynn im Stalle! Gehen
Sie durch das Lustgebüsch hin, durch jenes Thörchen
ins Haus zurück.’
Während ich diesen Weg einschlug, ging er einen
andern, und in dem Hofraume hörte ich ihn mit heiterer
Stimme sagen: ‘Mason ist diesen Morgen Ihnen Allen zuvorgekommen: noch vor Sonnenaufgang ist er abgereist:
ich stand um vier Uhr auf, um von ihm Abschied zu
nehmen.’
Einundzwanzigsteo Kapitel.
Es ist etwas Sonderbares um Ahnungen, und nicht
minder um Svmpathien und Zeichen: und die drei bilden vereint Ein Mysteriun, wozu die Menschheit noch
nicht den Schlüssel gefunden. Noch nie in meinem Leben habe ich über Ahnungen gelacht, weil ich selbst höchst seltsame gehabt habe. Was die Sympathie betrifft, so glaube ich, daß es (- z. B. zwischen weit
von einander entfernten, lange von einander getrennten,
ganz entfremdeten Verwandten, die bei alle Dem die
Einheit der Quelle darthun, woraus Jedes seinen Ursprung herleitet -) solche gibt, deren Wirken über allen
menschlichen Verstand hinausgeht. Und Zeichen mögen,
so viel wir wissen, nichts Anders sein, als die Sympathien, welche die Natur mit dem Menschen verbinden.
Als ich ein kleines Mädchen, erst sechs Jahre alt
war, hörte ich eines Abends Bessie Leaven zu der
Martha Abbott sagen, es habe ihr von einem kleinen
Kinde geträumt, und wenn man von Kindern träume, so
sei das ein sicheres Zeichen, das entweder dem Träumenden selbst, oder einem von dessen Verwandten irgend ein Unheil drohe. Wahrscheinlich wäre dieser Ausspruch
meinem Gedächtnisse nach und nach entschwunden, wäre
nicht bald darauf ein Umstand gekommen, der geeignet
war, ihn demselben unauslöschlich einzuprägen. Den
Tag darauf wurde Bessie in ihre Heimalh gerufen, an
das Sterbebett ihres Schwesterchens.
In der letzten Zeit hatte ich an diesen Ausspruch
und dieses Ereigniß oft wieder gedacht; denn in der
letzten Woche war mir kaum eine Nacht vergangen,
die nicht einen Traum von einem kleinen Kinde mit sich
gebracht hätte -- von einem Kinde, das ich zuweilen
in meinen Armen hatte. um es zur Ruhe zu bringen,
zuweilen auf meinem Knie schaukelte, zuweilen auf einer Wiese mit Gänseblümchen spielen, oder auch in fließendem Wasser mit den Händen plätschern sah. Bald
weinte das Kind in einer Nacht, bald lachte es in der
andern; bald schmiegte es sich an mich an, bald lief es
weg von mir; aber in welcher Gemüthsstimmung sich
auch die Erscheinung mir zeigte, und wie sie immer
aussehen mochte. - sie zeigte sich mir sieben Nächte
hintereinander, sobald ich das Gebiet des Schlummers
betrat.
Mir gefiel diese Wiederbolung einer und derselben
Idee, diese seltsame Wiederkehr eines und desselben Bildes nicht, und so oft die Stunde des Schlafengehens
und daher auch der Erscheinung herbeikam, fühlte ich
eine Schwäche in allen meinen Nerven. Aus einem
solchen Traume war ich in jener mondhellen Nacht plötzlich aufgeweckt worden, als ich den Schrei hörte; und
an dem Nachmittag des darauf folgenden Tages rief man
mich hinab, mit der Meldung, daß Jemand in dem
Zimmer der Mistreß Fairfax mit mir sprechen wolle.
Als ich dorthin kam, fand ich einen Mann. der auf mich
wartete, und wie ein Bedienter aus einem guten Hause
aussah; er war in tiefer Trauer. und es war der Hut,
den er in der Hand hielt, mit einem Flor umwunden.
‘Sie erinnern sich wohl meiner nicht mehr, Miß,’
sagte er, bei meinem Eintreten aufstehend; aber mein
Name ist Leaven: ich war bei Mistreß Reed Kutscher,
als Sie vor nun acht oder neun Jahren zu Gateshead
waren, und dort bin ich noch.'
,Ach, Robert, wie geht es Ihnen? Ich kann mich
noch recht gut Ixxx erinnern; Sie ließen mich bisweizlen auf dem kastanienbraunen Pony der Miss Georgiana
reiten. Und wie geht es Bessie? Sie sind ja mit ihr
verheirathet?’
‘Ja, Miß: meine Frau ist recht gesund, danke
Ihnen; vor zwei Monaten hat sie mich wieder mit einem Kleinen beschenkt - wir haben jetzt ihrer drei — und Mutter und Kind sind in erwünschtem Wohlsein.’
,Und wohl auch die Familie in Gateshead Hall,
Robert?’
"Es thut mir Leid, Ihnen von derselben keine
besseren Nachrichten bringen zu können, Miß: sie ist in
diesem Augenblicke sehr übel daran - in großer Noth.’
‘Hoffentlich ist Niemand gestorben,’ sagte ich, auf seine schwarze Kleidung blickend. Auch er sah auf den Flor an seinem Hute, und erwiederte: —
,Herr John starb gestern vor acht Tagen in seiner
Wohnung zu London.'
‘Herr John?’
,Und wie erträgt das seine Mutter?’
,Nun, Miß Eyre. sehen Sie, es ist kein gewöhnliches Unglück, sein Leben ist sehr wild gesehen, in den
letzten drei Jahren war sein Lebenswandel nicht der
beste; sein Tod aber war entsetzlich.’
,Schon Bessie hat mir gesagt, daß seine Aufführung nicht die beste wäre.’
"Nicht die beste! Er konnte es nicht ärger machen: er ruinirte seine Gesundheit, und verschwendete sein Vermögen mit den verworfensten Männern und Frauenzimmern. Er gerieth in Schulden und in den Schuldthurm: seine Mutter half ihm zwei Mal heraus; kaum
war er aber wieder frei, so wandte er sich wieder seinen alten Gewohnheiten und seinen alten Kameraden zu. Er hatte keinen guten Kopf; die Schurken, mit
denen er lebte, hatten ihn über die Maßen zum Besten,
und zogen ihn rein aus. Vor etwa drei Wochen kam er nach Gateshead, und wollte, Missis solle ihm Alles übergeben. Missis aber schlug es ihm ab: ihr Vermögen ist durch seine Verschwendung schon seit langer Zeit gewaltig geschmolzen: er ging daher zurück, und
das Erste, was man von ihm horte, war, er sei todt.
Gott weiß; wie er gestorben ist! - man sagt, er habe
sich selbst um's Leben gebracht’.
Ich schwieg: die Botschaft war eine schreckliche.
Robert Leaven fuhr also fort: ,Missis selbst war seit einiger Zeit bei schlechter
Gesundheit gewesen; sie war sehr dick geworden, dabei
aber nicht stark, und der Geldverlust, sowie die Furcht
vor der Armuth raubten ihr allen Frohsinn. Die Nachricht von dem Tode des Herrn John, und wie derselbe
Statt gefunden, kam zu plötzlich; es war ein Donnerschlag
für sie. Drei Tage lang konnte sie kein Wort sprechen,
letztenDienstag aber schien se etwas besser zu sein; sie schien
etwas sagen zu wollen, und machte meiner Frau beständig Zeichen, wobei sie Etwas vor sich hin murmelte. Erst gestern Morgen aber konnte Bessie verstehen, daß
sie Ihren Namen ausspracj; und endlich brachte sie die
Worte heraus:: ‘’bringt Jane -- holt Jane Eyre herbei, ich muß mit ihr sprechen.’’ Bessie ist nicht ganz
gewiß, ob sie ganz bei Verstande ist, oder mit den
Worten Etwas sagen will; aber sie sagte es Miß Reed
und Miß Georgiana, und rieth ihnen. das sie Sie
kommen lassen sollten. Die jungen Damen wollten
Anfangs Nichts davon wissen; aber ihre Mutter wurde
so unruhig, und sagte so oft: "Jane, Jane. dass sie
am Ende ihre Einwilligung gaben. Ich habe gestern
Gateshead verlassen; und wenn Sie sich bis Morgen
in aller Frühe reisefertig machen können, so möchte ich
Sie mitnehmen.’
,Ja, Robert, ich werde reisefertig seinz es ist mir,
als müsse ich fort.’
‘Ich glaube es auch. Miß Bessie sagte, Sie
würden sich gewiß nicht weigern zu kommen. Aber ich denke, Sie müssen erst um Erlaubniß fragen, che Sie fort können?’
,Ja; und ich will es jetzt gleich thun,’
Und nachdem ich ihn in das Bedientenzimmer gewiesen, sowie John und John's Frau anempfohlen, das
sie es ihm an Nichts fehlen lassen sollten, entfernte ich
mich, um Herrn Rochester aufzusuchen.
Er war in keinem der untern Zimmer; er war
nicht im Hofraume. nicht im Stalle, nicht im Park.
Ich sagte Mistreß Fairfax. ob sie ihn nicht gesehen,
und sie antwortete mir mit Ja. hinzusetzend, sie glaube,
daß er mit Miß Ingram Billard spiele. Ich eilte daher in das Billardzimmer: das Aufschlagen der Bälle,
und das Summen der Stimmen ließ sich von dorther
hören: Herr Rochester, Miß Ingram und die beiden
Misses Eshston und deren Bewunderer waren alle mit
dem Spiele beschäftigt. Es gehörte einiger Muth dazu,
um eine so interessante Partie zu stören; der Zweck
meines Kommens aber war von der Art, daß ich mein
Anliegen ungesäumt vorbringen mußte. Ich näherte mich
also meinem Herrn, der gerade an Miß Ingram’s Seite
stand. Diese wendete sich um, als ich herbei kam, und
blickte mich hochmüthig an; ihre Augen schienen zu fragen: ,was mag wohl das kriechende Geschöpf wollen?’ Und als ich mit leiser Stimme: ‘Herr Rochester’ sagte,
machte sie eine Bewegung, wie wenn sie in Versuchung
wäre, mich wegzuschicken. Ich erinnere mich ihres Aussehens in diesem Augenblicke: — es war sehr graziös und in die Augen fallend; se trug ein Morgenkleid
von himmelblauem Krepp; ein Schleier von azurblauer
Gaze war in ihr Haar geflochten. Sie war vom Spiele
ganz belebt, und der gereizte Stolz dämpfte den Ausdruck ihrer hochmüthigen Züge nicht.
"Will diese Person etwas von Ihnen?’ fragte sie
Herrn Rochester, und Herr Rochester drehte sich um,
um zu sehen, wer denn — die Person wäre. Er machte
eine sonderbare Grimasse, - eine seiner seltsamen und zweideutigen Demonstrationen -- warf seine Queue
weg und folgte mir aus dem Zimmer.
,Nun, Jane?’ sagte er, seinen Rücken gegen die
Thüre des Schulzimmers, die er zugemacht hatte, lehnend.
,Ich möchte, Sir, bei Ihnen um die Erlaubniß
anhalten, mich auf eine oder zwei Wochen entfernen
zu dürfen.’
‘Warum! Was haben Sie zu thun - Wohin
wollen sie gehen?’
Ich will zu einer kranken Dame gehen, die nach
mir geschickt hat’
,Was für eine kranke Dame? — Wo wohnt sie?’
,Zu Gateshead, in der Grafschaft -.?
‘In der Grafschaft —? das ist ja an die hundert
Meilen von hier! Wer mag wohl die Person sein, die
von so weit her Leute zu sich kommen läßt?’
,Sie heißt Reed, Sir, - Mistreß Reed.’
‘Reed von Gateshead? Es gab einen Reed von
Gateshead, der Distriktabeamter war.’
"Es ist seine Wittwe, Sir.’
,Und was haben Sie mit ihr zu schaffen? Woher
kennen Sie dieselbe?’
‘Herr Reed war mein Onkel, - meiner Mutter Bruder.’
,Das war er wirklich? Zum Henker, Sie haben
mir nie davon gesagt; Sie sagten immer, Sie hätten keine Verwandten.’
,Keine, Sir, die mich anerkennen möchten. Herr
Reed ist todt, und seine Frau hat mich verstoßen.’
,Warum?’
,Weil ich arm war, und ihr zur Last, und weil
sie mich nicht gern hatte.’
‘Hat Herr Reed Kinder hinterlassen? — Sie müssen Vettern und Cousinen haben. Sir George Lynn sprach gestern den einem Reed von Gateshead, der einer der ausschweifendsten jungen Leute in der Stadt sei; und Ingram that einer Georgiana Reed von eben daher Erwähnung. die in der letzten oder vorletzten Saison in London wegen ihrer Schönheit sehr bewundert worden sei.’
‘Auch John Reed ist nun todt, Sir; er hat sich zu Grunde gerichtet, und seine Familie zur Hälte; auch glaubt man, daß er einen Selbstmord begangen. Diese Nachricht hat seine Mutter so erschüttert, daß sie einen Schlaganfall zur Folge gehabt hat.’
.Und in wiefern können Sie ihr nützlich sein? Unsinn, Jane! Mir würde es nie einfallen, einen Weg von hundert Meilen zu machen, um eine alte Dame zu sehen, die vielleicht schon todt ist, ehe Sie an Ort und Stelle kommen. Und zudem sagen Sie ja, daß sie Sie verstoßen habe.’
‘Ja. Sir, aber das ist schon lange her, und als
ihre Umstände ganz andere waren. Ich hätte keine
Ruhe, wenn ich ihrem Wunsche jetzt nicht nachkäme.’
‘Wie lange gedenken Sie auszubleiben?’
‘So kurze Zeit, wie nur immer möglich, Sir.’
‘Versprechen Sie mir nur eine Woche auszubleiben —’
,Ich möchte lieber mein Wort nicht geben, da ich genöthigt sein könnte, es zu brechen.’
,Jedenfalls kommen Sie doch zurück? Unter keinen Umständen werden Sie sich doch bewegen lassen, bei ihr längere Zeit, für immer zu bleiben?’
,O nein, ich komme gewiß wieder, wenn Alles in Ordnung ist.’
"Und wer geht mit Ihnen? Sie werden doch nicht hundert Meilen weit allein reisen?’
,Nein, Sir; Sie hat mir ihren Kutscher hergeschickt.’
,Eine Person, auf die man sich verlassen kann?’
,Ja. Sir, er ist nun schon zehn Jahre in der Famille.’
Herr Rochester dachte einige Zeit nach, und sagte sodann: —
‘Wann wollen Sie gehen?’
,Morgen in aller Frühe, Sir.’
"Gut, da müssen Sie etwas Geld haben; Sie können nicht ohne Geld reisen, und Sie haben wohl nicht viel: ich habe Ihnen bis jetzt noch Nichts von Ihrem
Gehalte ausbezahlt. Wie viel besitzen Sie in der Welt,
Jane?’ fragte er lächelnd.
Ich zog meine Börse heraus, und sie war wahrlich wenig genug gespickt.
,Fünf Shillinge, Sir.’
Er zog seine Börse heraus, schüttete den Inhalt
derselben in seine Hand , und lachte still vor sich hin,
gleich als ob es ihn freute, so wenig Baarschaft vorgefunden zu haben. Einen Augenblick darauf zog er seine Brieftasche hervor, und sagte, mir eine Banknote anbieiend: ‘Hier.’
Es war eine Fünfzigpfundnote, und er war mir
blos fünfzehn Pfund schuldig.
Ich sagte ihm, ich könne nicht wechseln.
,Das Wechseln brauche ich nicht: Sie wissen das,
nehmen Sie Ihren Gehalt.’
Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als ich zu
fordern hatte. Anfangs machte er ein saures Gesicht
dazu; bald aber sagte er, gleich als sei ihm lt was
eingefallen: —
,Richtig, richtig! Es ist besser, wenn ich Ihnen
jetzt nicht Alles gebe: vielleicht würden sie drei Monate
wegbleiben, wenn Sie fünfzig Pfund hätten. Da sind
zehn; ist das nicht genug?’
,Ja. Sir; aber Sie sind mir nun noch fünf schuldig.’
,So kommen Sie wieder, um dieselben zu holen,
Sie haben bei meiner Bank vierzig Pfund gut.’
‘Herr Rochester, da nun die Gelegenheit so günstig, so möchte ich wohl noch einer andern Geschäftssache Erwähnung thun.?
Geschäftasache? Bin sehr begierig. davon zu hören.’
,Sie haben mich so gut wie benachrichtigt, Sir, daß Sie im Sinne hätten, sich nächstens zu verheirathen?’
,Ja, was dann?’
‘In dem Falle, Sir, sollte Adele in eine Schule
gethan werden; Sie werden wohl die Nothwendigkeit
davon einsehen.’
"Um se meiner Frau aus dem Wege zu schaffen,
die sie sonst ihren Stolz Etwas zu stark fühlen lassen
möchte. Ihr Vorschlag ist verständig, daran ist nicht
zu zweifeln Adele muß, wie Sie sagen, in eine Schule,
und Sie müssen natürlich geraden Wegs zum - Teufel?’
‘Ich hoffe nicht, Sir, aber ich muß mich nach einer
andern Stelle umsehen.’
"Natürlich!’ rief er mit einem Nasaltone und einer
Verzerrung der Züge, die ebenso phantastisch, als lächerlich waren. Er sah mich einige Minuten an.
,Und die alte Madame Reed, oder die Misses, ihre Töchter, werden wohl für Sie eine Stelle suchen sollen, hm?’
,Nein, Sir, ich stehe mit meinen Verwandten nicht
auf einem solchen Fuße, daß ich mir eine Gefälligkeit von ihnen erbitten möchte — ich werde aber in einer Zeitung eine Ankündigung erscheinen lassen.’
"Sie gehen an den egyptischen Pyramiden hinauf!’ brummte er. ,Sie machen auf Ihre Gefahr eine Ankündigung! Ich wollte. ich hätte Ihnen, anstatt der zehn Pfund, nur einen Sovereign angeboten. Geben Sie
mir neun Pfund zurück, Jane; ich bedarf derselben wahrlich.’
,Und ich auch, Sir,’ entgegnete ich, meine Hände
und meine Börse nach hinten haltend. ,Ich kann das Geld in keinem Falle entrathen.’
,Kleiner Geizhals!’ sagte er, ,der Sie mir ein Geldgesuch abschlagen! Geben Sie mir fünf Pfund, Jane!’
‘Nicht fünf Shillinge, Sir, und auch nicht fünf
Pence.’
,So lassen Sie mich doch das Geld wenigstens
ansehen.’
,Nein, Sir, Ihnen ist nicht zu trauen.’
‘Jane!’
,Sie?’
Versprechen Sie mir ’was.’
,Ich will Ihnen Alles versprechen, Sir, was ich
halten zu können glaube.’
Versprechen Sie mir, daß Sie keine Ankündigung
machen und mir die Sorge überlassen wollen, eine Stelle
für Sie zu suchen. Ich werde Ihnen schon eine solche
noch zu rechter Zeit zu finden wissen.’
,Herzlich gern, Sir, wenn Sie mir dagegen das
Versprechen geben, daß ich und Adele mit heiler Haut
aus dem Hause kommen, ehe Ihre Braut in dasselbe
einzieht.’
‘Sehr gut, sehr gut! Ich gebe Ihnen mein Wort
darauf. Sie geben also morgen?’
,Ja. Sir, in aller Frühe.’
‘Kommen Sie nach dem Essen noch in das Gesellschaftsziamer herein?’
,Nein, Sir, ich muß die Anstalten zu meiner Reise
treffen.’
‘So müssen wir also einander auf eine Weile Abieu sagen?’
,Ich denke so. Sir.’
‘Und wie entledigen sich die Leute der Ceremonie
des Abschiednehmens, Jane? Unterrichten Sie mich doch,
ich weiß es nicht ganz recht.’
,Sie sagen: leben Sie wohl; oder bedienen Sie
sich irgend einer andern Formel.’
‘So sagen Sie es.’
‘Leben Sie wohl für jetzt, Herr Rochester.’
‘Was muß ich sagen?’
,Das Nämliche, Sir, wenn Sie wollen.’
,Leben Sie wohl für jetzt, Miß Eyre. Ist das Alles?’
‘Ja.’
‘Nach meinen Begriffen ist das karg, trocken, unfreundlich. Ich wünschte etwas Anderes: einen kleinen Zusatz zu der Formel. Wenn man sich etwa die Hand
drückte: aber nein, — das würde mich auch nicht zufrieden stellen. So wollen Sie also, Jane, bloß sagen: Leben Sie wohl?’
,Es ist genug. Sir, man kann in ein einziges
herzliches Wort so viel Wohlwollen legen, als in viele.’
"Sehr wahrscheinlich; aber es ist kalt und kahl - das ‘’Leben Sie wohl.’’
,Wie lange wird er noch mit an die Thür gelehntem Rücken dastehen?’ fragte ich mich; Ich muß ans Einpacken denken.’
Es läutete zur Mittagstafel, und plötzlich rannte
er davon, ohne eine Sylbe weiter zu sagen: ich sah ihn
an diesem Tage nicht wieder, und war am andern Morgen schon fort, ehe er aufgestanden war.
Ich kam im Parkhäuschen von Gateshead gegen
fünf Uhr am Nachmittage des ersten Mai an; ich trat
dort ein, ehe ich in das Schloß ging. Es war Alles
sehr reinlich und nett; an den Fenstern hingen kleine
weiße Vorhänge; der Fußboden war ohne Flecken; das
Kamingitter sammt dem übrigen Kamingeräth so sauber
geputzt, daß es glänzte. und das Feuer brannte hell.
Bessie saß am Kamin und stillte ihr jüngstes Kind;
Robert und seine Schwester spielten ruhig in einer Ecke.
,Gott segne Sie!’ - Ich wußte doch, daß Sie kommen würden!’ rief Mistreß Leaven, als ich eintrat.
‘Ja, Bessie,’ sagte ich, nachdem ich sie geküßt;
‘und hoffentlich komme ich nicht zu spät. Wie ist das
Befinden der Mißtreß Reed? — Ich hofe, sie ist noch
a Leben.’
,Ja, sie ist noch am Leben, und wieder mehr bei
sich, als in der letzten Zeit. Der Arzt sagt, daß sie vielleicht noch eine oder zwei Wochen zu leben habe; er glaubt aber schwerlich, daß sie wieder aufkommen
werde.’
,Hat sie kürzlich meinen Namen genannt?’
,Noch diesen Morgen hat sie von Ihnen gesprochen und den Wunsch ausgedrückt, daß Sie kommen möchten; aber in diesem Augenblicke schläft sie, oder hat vielmehr vor zehn Minuten geschlafen, als ich droben im Hause war. Gewöhnlich liegt sie den ganzen Nachmittag in einer Art Schlafsucht, und erwacht gegen sechs oder
sieben Uhr. Wollen Sie hier eine Stunde ausruhen,
Miß, so gehe ich mit Ihnen hinauf.’
Hier trat Robert ein, und Bessie legte ihr schlafendes Kind in die Wiege und bewillkommte ihn; sodann bestand sie darauf, daß ich meinen Hut ablegen und bei
ihr Thee trinken solle; ,denn’, sagte sie. ,Sie sehen
blaß und angegriffen aus.’
Ich nahm ihre Gastfreundschaft gerne an, und ließ
mir meine Reisekleider von ihr ebenso geduldig abnehmen, als ich mich einst, als ich noch ein Kind war, von ihr hatte auskleiden lassen.
Die alten Zeiten drängten sich plötzlich wieder in aller Frische meinem Gedächtnisse auf, als ich sie geschäftig herumgehen, ihr bestes Theeservice und Porzellan aufsetzen. Butterbrod schneiden, einen Theekuchen
rösten, und gelegentlich Robertchen oder Hannchen einen
kleinen Stoß oder Schlag geben sah, gerade wie sie
einst bei mir gethan. Bessie hatte ihr rasches Temperament eben so wenig verloren, wie ihren leichten Fuß und ihr gutes Aussehen.
Als der Thee servirt war, wollte ich zu dem Tische
hingeben; allein sie hieß mich ganz nach ihrer alten
peremtorischen Weise ruhig bleiben. Ich müsse, sagte
sie, am Kamin bedient werden; und nun stellte sie ein
kleines rundes Tischchen mit einer Tasse und einem
Teller mit geröstetem Brod vor mich hin, ganz so, wie
sie mich früher auf einem Stuhle in der Kinderstube mit irgend einem Leckerbissen, den sie geschickt zu entwenden gewußt, bewirthet hatte. Ich lächelte und gehorchte ihr, wie in früheren Tagen.
Sie wollte von mir wissen, ob ich mich in Thornfield Hall glücklich fühle, und was die Dame für eine Frau sei; und als ich ihr sagte, daß nur ein Herr da
wäre, — ob er ein artiger, hübscher Mann sei, und ob
ich ihn gern hätte. Ich sagte ihr, er sei eher ein häßlicher, als schöner Mann, dabei aber durchaus ein Gentleman; und setzte hinzu, daß derselbe mich freundlich
behandle und ich zufrieden sei. Dann beschrieb ich ihr die
lustige Gesellschaft, die seit einiger Zeit im Hause sich
ausgehalten: und auf diese Einzelnheiten hörte Bessie mit
vieler Theilnahme, denn so Etwas gefiel ihr immer
besonders gut.
Bei solcher Unterhaltung war eine Stunde bald
verstrichen. Bessie setzte mir wieder meinen Hut auf
u.s. w., und, von ihr begleitet, ging ich nun aus dem
Parkhäuschen nach dem Herrenhaus. Etwa vor neun
Jahren war ich auch, von ihr begleitet, den Weg hinuntergegangen, den ich nun hinaufging. An einem finstern, nebeligen und rauhen Januarmorgen hatte ich
mit verzweiflungsvollem und verbittertem Herzen — mit
einem Gefühle, daß ich eine Geächtete, ja beinahe eine
Verworfene sei — ein feindseliges Dach verlassen, um
in dem kalten, kühlen Lowood Aufnahme zu suchen, — um jenem so fernen und unerforschten Ziele zuzusteuern. Das nämliche feindselige Dach zeigte sich nun abermals meinen Augen: meine Aussichten waren noch zweifelhaft, und noch hatte ich ein Herz, das schmerzlich fühlte, schmerzlich empfand. Ich kam mir immer noch vor wie
ein Wesen, das auf der Erde in der Irre wandere; aber ich hegte festeres Vertrauen zu mir selbst und meiner eigenen Kraft, und die Furcht vor dem Druck lastete weniger auf mir. Die klaffende Wunde des Unrechts, das ich erlitten, war jetzt auch ganz geheilt, und die Flamme des Rachegefühls erloschen.
,Gehen Sie zuerst in das Frühstückszimmer,’ sagte
Bessie, mir durch die Vorhalle vorangehend; ,es sind
dort die jungen Damen.’
Einen Augenblick darauf war ich in diesem Zimmer. Alles sah darin noch ganz so aus, wie an dem Morgen, an dem ich dem Herrn Brocklehurst vorgestellt
worden war: sogar die nämliche Kaminvorlage war noch
da, auf der er gestanden. Nach den Bücherfächern blickend, glaubte ich die zwei Bände von Bewicks britischen Vögeln noch an ihrem alten Platze auf dem dritten Brette und Gullivers Reisen sammt den Mährchen der Tausend und Einen Nacht gerade darüber stehen zu sehen. Die leblosen Gegenstände hatten sich nicht verändert; um so mehr aber die lebenden Wesen, denn diese waren fast nicht mehr zu erkennen.
Zwei junge Damen erschienen vor mir; eine sehr
groß, fast so groß, wie Miß Ingram, — dabei sehr
schmächtig: mit blassem Gesichte und mit strenger Miene.
Es lag etwas Ascetisches in ihrem Blicke, was noch
erhöht wurde durch die außerordentliche Einfachheit eines
aller Zierathen baaren, schwarzzeugenen Kleides, einen
gestärkten leinenen Kragen, ein Haar, das zurückgekämmt
war und den nonnenartigen Schmuck einer Schnur mit
schwarzen Päterchen und einem Crucifix. Dieß mußte, ich war es überzeugt, Eliza sein, obgleich ich in dem langen und farblosen Gesichte, das ich vor mir hatte, nur wenig Aehnlichkeit mit ihrer frühern Person finden konnte.
Ebenso gewiß war die andere Georgiana; aber
nicht die Georgiana, die meinem Gedächtnisse vorschwebte - nicht das schmächtige, feenhafte eilfjährige Mädchen. Vor mir stand eine Dame, voll, aufgeblüht,
schön, wie eine Wachspuppe, mit schönen, regelmäßigen
Zügen, schmachtenden blauen Augen und geringeltem gelben Haar. Auch ihr Kleid war von schwarzer Farbe; aber der Schnitt desselben so verschieden von dem ihrer Schwester -- so viel weiter und passender - daß es ebenso modisch aussah, als das der andern puritanisch.
Jede von den zwei Schwestern hatte einen Zug von
der Mutter - aber auch nur Einen: die hagere und
blasse ältere Tochter hatte das stechende Auge ihrer
Mutter; das blühende, üppige, jüngere Mädchen den
Umriß des Unterkiefers und Kinns - vielleicht etwas
gemildert, aber immerhin von der Art, daß er dem sonst
so sinnlichen und gesunden Gesichte eine unbeschreibliche
Härte verlieh.
Beide Damen erhoben sich, als ich näher trat, um
mich willkommen zu heißen, und beide redeten mich mit
,Miß Eyre’ an. Eliza's Gruß wurde kurz und abgebrochen ausgesprochen; auch bemerkte ich bei ihr kein
Lächeln: sodann setzte sie sich wieder, blickte auf das
Feuer hin, und schien mich zu vergessen. Georgiana
fügte ihrem ,Wie befinden Sie sieh?’ einige alltägliche
Redensarten über Reise, Wetter u. s. w. bei, und zwar
in einem etwas schleppenden Tone; und ihre Worte
waren von etlichen Seitenblicken begleitet, die mich von
Kopf bis zu Fuß maßen — bald durch die Falten meines braunen Merinomantels drangen, bald bei dem einfachen Besatze meines ländlichen Huts verweilten.
Junge Damen haben eine besondere Art, Personen wissen zu lassen, daß sie dieselben für ungeschlachte, altmodische Dinger halten, ohne es gerade mit Worten zu
sagen. Ein gewisser übermüthiger Blick, ein kaltes Wesen, ein nachläßiger Ton drücken ihre Ansichten über diesen Punkt vollständig aus, ohne dieselben durch eine
wirkliche Grobheit in Worten oder Handlungen an den Tag zu legen
Indessen hatte ein höhnischer Blick, mochte er versteckt oder offen sein, nun nicht mehr die Gewalt über mich, die er einst besessen: als ich zwischen meinen beiden Cousinen saß, war ich ganz überrascht, zu finden,
wie behaglich ich mich fühlte bei der gänzlichen Vernachläßigung der einen und den halb sarkastischen Aufmerksamkeiten der andern - Eliza kränkte mich nicht,
und ebenso wenig konnte Georgiana mich verletzen. Ich hatte aber auch über andere Dinge nachzudenken: in den letzten, wenigen Monaten waren Gefühle in mir angeregt worden, so unendlich mächtiger, als die, so sie anzuregen vermochten - es hatten Schmerzen und Freuden sich bei mir eingestellt, so unendlich lebhafter
und ausgesuchter, als sie mir zu bereiten oder zu gewähren vermochten — daß ihr Benehmen mich weder angenehm noch unangenehm berührte.
,Wie befindet sich Mistreü Reed?’ sagte ich bald, indem ich Georgiana ruhig ansah, die es aber für passend erachtete, bei der direkten Anrede eine Grimasse
der Verwunderung zu machen, gleich als nähme ich mir eine unerwartete Freiheit.
,Mistreß Reed? Ach! Sie meinen Mama; sie ist sehr übel auf, ich glaube wohl kaum, daß Sie sie noch heute Abend werden sprechen können.’
‘Wenn,’ sagte ich. ,Sie hinausgehen und ihr sagen wollten, daß ich angekommen, so wäre ich Ihnen sehr verbunden.’
Georgiana fuhr fast vor Schreck zusammen und öffnete ihre blauen Augen verstört und weit.
‘Ich weiß,’ setze ich hinzu, ‘sie bezeugte den ausdrücklichen Wunsch, mich zu sehen und ich möchte es nicht länger anstehen lassen mit der Erfüllung ihres
Wunsches, als unumgänglich nothwendig ist.’
,Mama will Abends nicht gern gestört sein,’ bemerkte Eliza.
Bald stand ich auf, nahm ruhig und ohne dazu
aufgefordert zu sein, meinen Hut ab, zog weine Handschuhe aus und sagte, sich wolle bloß zu Bessle hinausgehen — von der ich annahm, daß sie sich in der Küche
befinde — und sie bitten, nachzusehen, ob Mistreß Reed noch an dem Abend meinen Besuch annehmen wolle oder nicht. Ich ging, und nachdem ich Bessie getroffen und
sie mit meinem Auftrage abgesandt hatte, fuhr ich fort, weitere Maßregeln zu treffen. Bis daher war es stets meine Gewohnheit gewesen, vor der Anmaßung zurückzuweichen: wäre ich noch vor einem Jahre so aufgenommen worden, wie heute, so würde ich mich entschlossen haben, Gateshead schon am nächsten Morgen wieder zu verlassen; jetgt aber sah ich mit einem Male ein, daß dieser Plan ein thörichter wäre. Ich hatte eine Reise
von hundert Meilen gemacht, um meine Tante zu sehen, und mußte bei ihr bleiben, bis es wieder besser mit ihr ging, oder bis sie todt war: Was den Stolz oder die
Thorheit ihrer Töchter anbelangte, so durfte ich hievon keine Notiz nehmen, sondern mußte mich davon unabhängig machen. Ich wendete mich also an die Haushälterin, bat sie. mir ein Zimmer anzuweisen, sagte ihr, ich würde wahrscheinlich eine oder zwei Wochen da bleiben, ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen,
und ging selbst damit dahin: oben auf der Treppe begegnete ich Bessie.
,Missis wacht,’ sagte sie; ,ich habe ihr gesagt, daß Sie da seien: kommen Sie und wir wollen dann sehen, ob sie Sie kennt.’
Ich brauchte nicht zu dem mir wohl bekannten Zimmer geleitet zu werden: war ich doch in frühern Tagen so oft dahin gerufen worden, um bestraft oder gescholten zu werden. Ich eilte Bessie voran, und öffnete leise die Thüre: ein Licht mit einem Schirme stand
auf einem Tische, denn es wurde jetzt dunkel. Da stand das große Bett mit den vier Pfosten und den ambrafarbigen Vorhängen, wie in früherer Zeit; dort der Toilettentisch, der Lehnsessel und der Fußschemel, aus den ich hundert Mal hatte niederknien müssen, um für Fehler und Beleidigungen Verzeihung zu erbitten, die
ich mir nicht hatte zu Schulden kommen lassen. Ich blickte in eine gewisse nahe Ecke, und erwartete halb und halb, den schmalen Umriß einer einst gefürchteten
Gerte zu erblicken, die dort lauerte, und nur auf den
Augenblick wartete, um koboldartig hervorzuspringen, und sich um meine zitternde Hand, oder meinen zurückbebenden. Nacken zu schlingen. Ich näherte mich dem
Bette, schob die Vorhänge zurück und neigte mich über die hochaufgethürmten Kissen.
Wohl erinnerte ich mich des Gesichts der Mistreß
Reed und suchte begierig da mir so bekannte Gesicht.
Es ist ein Glück, daß die Zeit den Rachedurst mildert
und den Einflüsterungen der Wuth und Abneigung nicht
mehr so viel Spielraum läßt: ich hatte diese Frau,
von Haß und Bitterkeit erfüllt, verlassen, und kam jetzt
wieder zu ihr mit keinem andern Gefühle, als dem eines
gewissen Mitleids wegen ihrer großen Leiden, und einem
lebhaften Verlangen, alle Kränkungen zu vergessen und
zu vergeben - mich auszusöhnen und freundschaftliche Händedrücke zu wechsein.
Da lag das wohlbekannte Gesicht vor mir, streng
und hart, wie immer: da war jenes eigentümliche Auge, das Nichts zu mildern, dem Nichts Thränen abzugewinnen vermochte; da war auch die etwas in die
Höhe stehende, gebieterische, despotische Augenbraue.
Wie oft hatten aus demselben mir Drohung und Haß
entgegengeblickt! Und wie lebte die Erinnerung an die
Schrecken und Bekümmernisse der Kindheit wieder auf,
als ich jetzt die strengen Linien wieder sah. Und doch
beugte ich mich nieder und küßte sie: sie blickte mich an.
,Ist das Jane Eyre?’ sagte se.
,Ja. Tante Reed. Wie befinden Sie sich. liebe Tante?’
Ich hatte einst gelobt, sie nie wieder Tante zu
nennen: jetzt hielt ich es für keine Sünde, dieses Gelübde zu vergessen und zu brechen. Meine Finger hatten ihre Hand ergriffen, die auf der Decke lag: hätte
sie meine Hand freundlich gedrückt, so würde ich in dem
Augenblicke eine wahre Freude empfunden haben. Aber
Naturen, die Einbrücken schwer zugänglich sind, lassen
sich nicht so leicht besänftigen, auch lassen sich natürliche Antipathien nicht so mit Einem Male ausrotten: Mistreß Reed zog ihre Hand zurück, und bemerkte, ihr
Gesicht etwas von mir abwendend, dgß der Abend warm
sei. Abermals sah Sie mich an, so eisig, daß ich mit
Einem Male fühlte, wie ihre Meinung von mir, wie
ihre Gefühle gegen mich unverändert und unveränderlich
wären. Ich sah an ihrem steinernen Auge — in dem
keine Zärtlichkeit sich spiegelte, keine Thräne glänzte -
daß sie entschlossen sei, mich bis ans Ende für bös zu
halten, weil es ihr keine edle Freude verursachen könne,
mich für gut zu halten, sondern bloß Kränkung. Ich
empfand Schmerz und dann Zorn; bald aber entschloß
ich mich, sie zu besiegen - sie zu beherrschen trotz ihrer
Natur und ihres Willens. Thränen waren mir in
die Augen gekommen, gerade wie in meiner Kindheit;
ich befahl ihnen, zu ihrer Quelle zurückzukehren. Ich
stellte einen Stuhl an das Kopfende ihres Bettes, setzte
mich nieder und neigte mich über das Kissen.
,Sie haben mich holen lassen,’ sagte ich, ‘und ich
bin nun da. Ich habe im Sinne, hier zu bleiben, bis
ich sehe, wie es mit Ihnen geht.
,Ei natürlich! hast Du meine Töchter gesprochen?’
‘Ja.’
‘Nun. Du kannst ihnen sagen, daß ich Dein Dableiben wünsche, bis ich mit Dir Einiges besprechen kann, das ich auf dem Herzen habe: heute Abend ist es
zu spät; und ich kann mich der Gegenstände nur mit
vieler Mühe erinnern. Aber ich wollte Etwas sagen
- laß mich doch sehen - Der verstörte Blick und die veränderte Aussprache
sagten mir, wie gewaltig ihre einst so kräftige Constitution erschüttert worden. Sich unruhig umwendend, zog sie ihr Betttuch um sich; mein Elbogen, der auf
dem Ende der Decke ruhte, hielt es fest: mit Einem
Male wurde sie ärgerlich.
,Stehe auf!’ sagte sie, ,und ärgere mich nicht
damit, daß Du die Bettdecke festhältst - bist Du Jane Eyre?’
‘Ja, ich bin Jane Eyre.’
‘Ich habe mit dem Kind mehr Mühe gehabt, als
wohl Jemand glaubt. Eine solche Bürde mir aufzuhalsen — und so viele Widerwärtigkeit, die sie mir täglich und stündlich mit ihrer unbegreiflichen Gemüthsart bereitete, — und ihr unruhiges Temperament, ihr plötzlich auffahrendes Wesen und ihre Unart, die Bewegungen Anderer beständig zu beobachten! Ich muß sagen, sie sprach einmal mit mir, wie wenn sie toll oder vom Teufel besessen gewesen wäre: noch kein Kind
sprach oder blickte je so, wie sie: ich war froh, sie aus
dem Hause zu bekommen. Was haben sie mit ihr zu
Lowood gemacht? Das Fieber ist dort ausgebrochen
und viele von den Schülerinnen sind gestorben. Sie
aber ist nicht gestorben; aber ich sagte, sie sei gestorben
— wollte, es wäre so!’
‘Ein sonderbarer Wunsch, Mistreß Reed: warum
hassen Sie sie denn so?’
Ich konnte ihre Mutter nie ausstehen, denn sie
war meines Manns einzige Schwester und von ihm sehr wohl gelitten: er widersetzte sich, als die Familie sie wegen ihrer unstandesmäßigen Heirath nicht mehr
als eines ihrer Glieder anerkennen wollte; und als er
ihren Tod erfuhr, da weinte er, wie ein Tölpel. Es
mußte nach dem Kinde geschickt werden, obgleich ich
ihn bat, es lieber einer Säugamme zu übergeben, und
für seinen Unterhalt zu zahlen. Ich konnte es vom
ersten Augenblicke an, wo ich es sah, nicht leiden — ein kränkliches, weinerliches, grämliches Ding. Es schrie die ganze Nacht in der Wiege — aber nicht wie ein
anderes Kind aus voller Kehle, sondern es wimmerte und stöhnte nur. Reed hatte Mitleid mit demselben, nahm es auf die Arme, wiegte es, und nahm sich desselben an, wie wenn es eines seiner eigenen Kinder gewesen wäre: ja noch mehr als der seinigen in dem
Alter. Er versuchte es, meine Kinder freundschaftlich
gegen die kleine Bettlerin zu stimmen; aber die lieben
Engelchen konnten sie nicht ausstehen, und er war ärgerlich über dieselben, wenn sie ihren Widerwillen an den Tag legten. In seiner letzten Krankheit mußte man
das Kind beständig an sein Bett bringen, und noch eine
Stunde vor seinem Tode mußte ich ihm feierlich versprechen, daß ich das Geschöpf aufziehen und bei mir behalten wollte. Ebenso gern hätte ich mich mit einem
armen Balg aus einem Arbeitshaus belastet; aber er war schwach, von Natur schwach. John gleicht seinem Vater ganz und gar nicht, und ich bin froh darüber: John ist wie ich, und meine Brüder: — er ist ein ganzer Gibson. O ich wollte, er quälte mich nicht mehr mit Briefen um Geld! Ich kann ihm kein Geld mehr geben: wir werden arm. Ich muß die Hälfte der Dienerschaft fortschicken, und einen Theil des Hauses verschließen,
oder es vermiethen. Dazu kann ich mich nicht entschließen, dem kann ich mich nicht fügen — und doch — wie sollen wir es machen? Zwei Drittheile meines Einkommens werden allein von den Zinsen in Anspruch genommen, die ich den Pfandgläubigern zu zahlen habe. John spielt schrecklich, und verliert stets - der arme Junge!
Er ist von Betrügern umgeben: John ist gesunken und
verdorben - sein Blick ist Entsetzen erregend. — Ich
schäme mich für ihn. wenn ich ihn sehe.—‘
Sie wurde allmälig sehr aufgeregt.
,Ich denke. es ist besser, wenn ich jetzt fortgehe,’ sagte ich zu Bessie, die auf der andern Seite des Bettes stand.
,Vielleicht, Miß: aber gegen Abend spricht sie oft
so - Morgens ist sie ruhiger.’
Ich stand auf.
‘Halt!’ rief Mistreß Reed. Ich möchte noch
etwas Anderes sagen. Gedroht mir - er droht mir
immer mit seinem oder meinem Tode: und es träumt mir zuweilen. ich sehe ihn daliegen mit einer großen Wunde im Halse, oder mit einem aufgeschwollenen oder
schwarzen Gesichte. Ich bin nun schon daran: wie viele schwere Sorgen lasten auf mir! Was ist zu thun? Wie ist das Geld aufzutreiben?’
Bessie versuchte es nun, sie einen beruhigenden Trank nehmen zu lassen: nur mit Mühe gelang es ihr.
Bald darauf wurde Mistreß Reed ruhiger, und versank in einen schlummernden Zustand. Dann verließ ich sie.
Mehr als zehn Tage verstrichen, ehe ich wieder
mit ihr sprechen konnte. Entweder phantasirte sie, oder
lag sie bewußtlos da, und der Arzt verbot Alles, was
sie schmerzlich aufregen konnte. Unterdessen lebte ich,
so gut ich konnte, mit Georgiana oder Eliza. Zwar
waren sie anfänglich gar kalt: Eliza konnte oft halbe
Tage nähend, lesend, oder schreibend dasitzen, ohne ein
Wort mit mir oder Ihrer Schwester zu wechseln; und
was Georgiana betrifft, so konnte sie Stunden lang
ihrem Kanarienvogel dummes Zeug vorschwatzen, ohne
auf mich zu achten. Aber ich war entschlossen, mir nicht
den Anschein zu geben, als gebreche es mir an Beschäftigung oder an Unterhaltung: ich hatte alle zum Zeichnen nöthigen Materialien mitgebracht, und diese mussten
mir Beides ersetzen.
Mit meinen Bleistiften und einigen Blättern Papier setzte ich mich gewöhnlich allein, ans Fenster, und beschäftigte mich damit, daß ich Phantasiebi!der skizzirte,
die irgend eine Scene darstellten, wie sich dieselbe im Augenblicke in dem stets sich verändernden Kaleidoskop der Imagination bildete: einen Ausblick auf die See
zwischen zwei Felsen hindurch; den aufgehenden Mond,
und ein unter seiner Scheibe wegfahrendes Schiff; eine Gruppe von Schilf und Wasserschwertlilien, und den Kopf einer Najade, der, mit Lotusblumen bekränzt,
aus denselben emportaucht; einen Elfen, im Neste eines Sperlings unter einem Kranze von Hagedornblüthen sitzend, u. s. w. u. s. w.
Eines Morgens fing ich an, ein Gesicht zu skizziren: was für ein Gesicht es aber werden sollte, das wußte ich nicht, und darum kümmerte ich mich auch nicht. Ich nahm einen weichen, schwarzen Bleistift, gab demselben eine stumpfe Spitze, und arbeitete darauf los. Bald hatte ich auf dem Papier eine breite und hervorragende Stirn, und einen viereckigen Umriß von dem untern Theil des Gesichts: dieser Umriß machte
mir Vergnügen; meine Finger fuhren emsig fort, ihn mit Zügen auszufüllen. Stark gezeichnete, horizontale Augenbrauen mußten unter dieser Stirn angebracht werden; sodann kam natürlich eine deutlich hervortretende Nase mit geradem Rücken und weiten Oeffnungen; dann ein dem Anschein nach biegsamer Mund, nicht zu schmal; dann ein festes Kinn mit einem entschiedenen Spalt in der Mitte herab: natürlich fehlte
nun ein schwarzer Backenbart, sowie etwas schwarzes Haar, in Büscheln an den Schläfen, und wellenförmig über die Stirn sich hinziehend. Was nun die Augen
betrifft, so hatte ich sie bis zuletzt gelassen, weil sie die
sorgfältigste Arbeit erforderten. Ich zeichnete sie groß und formte sie gut: die Augenwimpern zeichnete ich
lang und dunkel; die Iris und die Augäpfel glänzend
und groß.
,Gut! Aber doch nicht ganz recht,’ dachte ich, als
ich die Wirkung übersah: ‘es muß noch mehr Kraft
und Geist hinein;’ und ich machte die Schatten dunkler, damit die Lichter um so heller scheinen möchten einige glückliche Striche sicherten den Erfolg. Da hatte
ich nun das Gesicht eines Freundes vor meinen Augen: und was hatte es zu bedeuten, wenn die jungen Damen mir den Rücken zukehrten? Ich blickte es an
lächelte über die sprechende Aehnlichleit, versank in Gedanken, und war zufrieden.
,Ist dieß das Portrait einer Person, die Sie kennen?’ fragte Eliza, die unbemerkt zu mir hergekommen war. Ich erwiederte, es sei Nichts, als ein Kopf,
wie meine eigene ßhantasie ihn sich gebildet, und legte
denselben eiligst unter die übrigen Blätter. Natürlich log ich: in der That war es ein sehr getreues Conterfei des Herrn Rochester. Aber was ging das sie an,
was lag ihr daran, oder irgend Jemanden, außer mir? Auch Georgiana kam herbei, um den Kopf anzusehen. Die andern Zeichnungen gefielen ihr sehr, diese aber
nannte sie ,einen häßlichen Mann.’ Beide schienen überrascht von meiner Geschicklichkeit. Ich erbot mich, sie zu portraitiren; und Jede saß mir nun zu einer
kleinen Skizze. Alsdann brachte Georgiana ihr Album herbei. Ich versprach ihr, in dasselbe Etwas mit Wasserfarben zu malen : dieß machte sie alsbald guter Laune.
Sie machte mir einen Vorschlag zu einem Spaziergang im Park. Wir waren noch keine zwei Stunden draußen und schon war unser Gespräch eines der vertraulichsten:
sie hatte mir eine Beschreibung von dem glänzenden Winter gegeben, den sie vor zwei Jahren in London zugebracht, und hatte mir geschildert, welche Bewunderung sie dort erregt, und welche Aufmerksamkeit ihr zu Theil geworden. Ich erhielt sogar Winke über die glänzend betitelte Eroberung, die sie dort gemacht.
Im Laufe des Nachmittags und des Abends nahmen diese Winke noch eine deutlichere. bestimmtere Gestalt an: es wurden verschiedene zarte Gespräche berichtet und empfindsame Scenen dargestellt; und, mit wenigen Worten, ein Band von einem Roman aus dem fashionablen Leben wurde an dem Tage von ihr zu meinem Nutz und Frommen improvisirt. Die Mittheilungen erneuerten sich mit jedem Tage: sie hatten stets
dieselben Ereignisse und Personen zum Gegenstand sie selbst, ihre Liebschaften und ihr Leid. Es war sonderbar, daß sie nie auf die Krankheit ihrer Mutter,
oder den Tod ihres Bruders, oder die gegenwärtigen
traurigen Aussichten der Familie zu sprechen kommen
wollte. Ihr Geist schien völlig eingenommen zu sein
von Erinnerungen vergangener Lust und von der Sehnsucht nach zukünftigen Zerstreuungen. Jeden Tag brachte sie etwa fünf Minuten im Krankenzimmer ihrer Mutter
zu, nicht länger.
Immer noch sprach Eliza wenig: sie hatte offenbar keine Zeit zum Sprechen. Ich hatte noch nie eine geschäftigere Person gesehen, als sie zu sein schien; doch
war es schwer zu sagen, was sie that, oder, richtiger gesagt, irgend ein Resultat ihres Fleißes zu erblicken. Sie hatte eine Weckuhr, um sie früh zu wecken. Ich
weiß nicht, was sie vor dem Frühstück that, aber nachdem sie dasselbe eingenommen, theilte sie ihre Zeit stets regelmäßig ein: jede Stunde hatte ihre Aufgabe. Dreimal des Tages studirte sie in einem kleinen Buche, das, wie ich später beim Ansehen fand, ein Common Prayer Book (allgemeines Gebetbuch) war. Ich fragte sie
einmal, was dieses Buch so anziehend mache, und sie erwiederte: Das Register.
Drei Stunden verwendete sie dazu, mit Goldfaden
den Rand eines viereckigen, carmefinrothen Tuches, der fast zu einem Teppich groß genug war, zu sticken. Als Antwort auf meine Frage, wozu dieser Gegenstand dienen soll, sagte sie mir, es sei eine Altardecke für eine
neue nicht weit von Gateshead kürzlich erbaute Kirche.
Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche; zwei andere
Stunden arbeitete sie allein in dem Küchengarten, und
verwendete noch eine Stunde, um ihre Rechnungen in Ordnung zu bringen. Sie schien keiner Unterhaltung zu bedürfen. Wie ich glaube, war sie auf ihre
Weise glücklich; diese Routine genügte ihr; und Nichts
war ihr so ärgerlich, wie das Dazwischentreten irgend eines Ereignisses, wodurch sie sich genöthigt sah, in ihrer nach dem Ührwerk abgemessenen Regelmäßigkeit eine
Aenderung eintreten zu lassen.
Eines Abends, als sie mehr denn sonst zu Mittheilungen aufgelegt war, xxxgte sie mir, Johns Aufführung
und der drohende xxx der Familie sei eine Quelle tiefen Kummers für sie gewesen; aber jetzt sei sie ruhig und, gefaßt, und es stehe ihr Entschluß fest. Ihr eigenes
Vermögen habe sie schon in Sicherheit gebracht, und
wenn ihre Mutter sterbe, - und es sei ganz unwahrscheinlich, bemerkte sie ruhig, daß dieselbe wieder aufkomme, oder es noch lange treibe — so wolle sie einen
Plan ausführen, den sie längst mit Vorliebe genährt:
sie wolle sich an einen stillen Ort zurückziehen, wo
pünktliche Gewohnheiten stets vor jeder Störung gesichert wären, und sichere Schranken zwischen sie und eine leichtsinnige Welt stellen würden. Ich fragte, ob
Georgiana sie begleiten würde.
,Natürlich nicht. Georgiana und sie hätten nie etwas mit einander gemein gehabt: nie, nie. Nun möchte sie sich die Gesellschaft ihrer Schwester um keinen
Preis aufbürden. Georgiana solle ihren Weg, und sie,
Eliza, wolle den ihrigen gehen.’
‘So oft Georgiana mir nicht ihr Herz ausschüttete, brachte sie den größten Theil ihrer Zeit damit zu, daß sie auf den Sopha lags über, das langweilige Leben im
Hause ihren Unmuth ausließ, und immer und immer
den Wunsch aussprach, es möchte doch ihre Tante Gibson sie zu sich, nach der Stadt, einladen. ’Es wäre,’ sagte sie ‘so unendlich besser, wenn sie nur einen oder
zwei Monate aus dem Wege kommen könnte, bis Alles vorüber wäre.’ Ich fragte sie nicht, was sie mit ihrem’ Alles vorüber wäre’ denn meinte; vermuthlich aber
wollte sie damit den Tod ihrer Mutter und Alles, was
mit dem Leichenbegängnisse in Verbindung steht, bezeichnen. Eliza nahm gewöhnlich von der Trägheit und den Klagen ihrer Schwester nicht mehr Notiz, als ob
ein solches murrendes, faulenzendes Geschöpf gar nicht
vor ihren Augen gewesen wäre. Eines Tags übrigens
— sie legte gerade ihr Rechnungsbuch weg und entfaltete ihre Stickerei - fuhr sie folgendermaßen über sie her:
,Georgiana, ein eitleres und abgeschmackteres Geschopf als Du bist, hat wohl gewiß nie die Erbe belastet. Du hattest kein Recht, zur Welt zu kommen; denn Du
machst vom Leben keinen Gebrauch. Anstatt für Dich,
in Dir und mit Dir zu leben, wie es die Pflicht eines vernünftigen Wesens ist, suchst Du nur Deine Schwäche an die Stärke irgend einer andern Person anzubänden:
und wenn Niemand da ist, der sich mit einem so aufgedunsenen, schwachen, unnützen Ding belasten mag, so schreist Du, man mißhandle Dich, man vernachlässige
Dich, Du seiest unglücklich. Auch muß das Leben für Dich eine Scene beständigen Wechsels und freier Aufregung sein, sonst ist die Welt ein Kerker für Dich:
Du mußt bewundert werden, man muß Dir den Hof
machen, muß Dir schmeicheln - Du kannst nicht ohne
Musik, Tanzen und Gesellschaft sein - sonst schmachtest
und siechst Du dahin. Hast Du nicht so viel Verstand,
um Dir eine Lebensweise auszudenken, bei der Du von
allen Bemühungen und jedem andern Willen, als allein
dem Deinigen, unabhängig bist? Nimm Dir einen Tag,
theile ihn ab; weise jedem Theile desselben seine Aufgabe an: laß keine Viertelstunde, keine zehn Minuten, ja keine fünf Minuten müßig vorbeigehen, — mache
Dir Alles zu Nutz; thue jedes Geschäft nach der Reihe
und mit Methode, mit strenger Regelmäßigkeit. So
wird Dir der Tag vorübergehen, fast ehe Du noch bemerkst, daß er begonnen; und Du bist alsdann Niemand dafür verpflichtet, daß er Dir einen unbeschäftigten
Augenblick todtschlagen hilft dann hast Du Niemands Gesellschaft, Unterhaltung, Sympathie, Duldung in
Anspruch zu nehmen und zu suchen nöthig gehabt: mit
Einem Worte, Du hat gelebt, wie ein unabhängiges
Wesen leben sollte. Laß Dir dieß gesagt sein, nimm
diesen Rath an, es ist der erste und der letzte, den ich
Dir gebe; dann brauchst Du weder mich, noch irgend
Jemand, mag auch kommen, was da will. Vernachlässlge denselben — lebe, wie bisher, fordernd, klagend,
müsslg gehend - und laß Die dir Folgen Deiner Thorheit gefallen: wie übel und unerträglich sie immer sein mögen. Ich sage Dir das offen, und beachte, es wohl;
denn obgleich ich nicht mehr wiederholen werde, was
ich nun sage, so werde ich doch beharrlich und fest darnach handeln. Nach dem Tode meiner Mutter kann ich meine Hände in Unschuld waschen: von dem Tage an,
wo ihr Leib in das Gewölbe der Kirche von Gateshead
gesenkt wird, werden wir Beide so getrennt leben, als
ob wir einander nie gekannt hätten. Du brauchst nicht
zu denken, ich werde mich, weil wir zufällig von denselben Eltern geboren sind, auch nur von, der schwächsten Kette binden und in meinen Bewegungen hemmen
lassen: ich sage Dir das — würde das ganze Menschengeschlecht hinweggeraft, mit Ausnahme von uns Beiden. und ständen wir allein auf der Erde, so würde
ich Dich in der alten Welt lassen und mich in die neue flüchten.’
Sie schloß ihre Lippen.
,Du hättest Dir wohl diese Mühe ersparen können,
diesen aus Gemeinplätzen bestehenden Wortstrom hervorzusprudeln,’ antwortete Georgiana. »Jedermann weiß
ja, daß Du das selbstsüchtigste, herzloseste Geschöpf unter Gottes Sonne bist; und ich kenne Deinen boshaften aus purem Neid hervorgehenden Haß gegen mich: ich
habe davon schon eine Probe gehabt bei dem Streich,
den Du mir wegen des Lord Edwin Vere gespielt hast.
Du konntest es nicht über's Herz bringen, daß ich mehr
sein sollte, als Du; daß ich einen Titel bekommen und
in Cirkel aufgenommen werden sollte, wo Du nicht einmal Dein Gesicht zeigen darfst, - und so hast Du denn als Spionin und Angeberin gehandelt und meine
Aussichten für immer zerstört.’
Georgiana zog ihr Taschenbuch hervor und schneuzte sich wohl eine Stunde lang; Eliza saß kalt, unempfindlich, und ohne ihre Arbeit auszusetzen, da.
,Wahres, edles Gefühl wird von Manchen gar wenig geschätzt, aber hier waren zwei Naturen, deren eine
unerträglich bitter, die andere ganz und gar geschmacklos wurde aus Mangel daran. Gefühl ohne Urtheil ist freilich ein wässerigen Getränk; aber das Urtheil ist,
wenn nicht vom Gefühle gemildert, ein zu bitterer und
rauher Bissen für eines Menschen Kehle.
Es war ein nasser und windiger Nachmittag:
Georgiana war über dem Lesen eines Romans auf dem
Sopha eingeschlafen; Eliza war, um den Gottesdienst
an einem heiligen Tage nicht zu versäumen, in die neue
Kirche gegangen — denn in religiösen Dingen beobachtete sie die Formen strenge: kein Wetter verhinderte sie an der Erfüllung dessen, was sie als ihre Andachtspflichten ansah; bei gutem oder schlechtem Wetter ging se dreimal jeden Sonntag in die Kirche, und an Werktagen so oft, als dort Gebete verrichtet wurden.
Es kam mir der Gedanke, die Treppe hinauf zu
gehen und nachzusehen, wie es der sterbenden Frau
ginge, die fast unbeachtet dalag: sogar die Dienerschaft
widmete ihr nur eine nachlässige Aufmerksamkeit; die
gedungene Krankenwärterin schlich, da man wenig nach
ihr sah, aus dem Zimmer, so oft sie konnte. Bessie war
zuverlässig; aber sie hatte nach ihrer eigenen Familie
zu sehen, und konnte nur dann und wann heraufkommen.
Ich fand das Krankenzimmer unbewacht, wie ich erwartet hatte: keine Wärterin war zu sehen, die Patientin
lag ruhig da und dem Anschein nach in bewußtlosem
Zustande; ihr bleifarbiges Gesicht war in den Kissen
versteckt, das Feuer im Kamin am Erlöschen. Ich legte
Kohlen bei, ordnete die Betttücher wieder, blickte eine
Weile die Person an, die mich jetzt nicht ansehen konnte,
und ging dann an's Fenster.
Der Regen schlug heftig gegen die Fensterscheiben,
der Wind blies stürmisch.
‘Da liegt Eine,’ dachte ich, ,die bald dem Kampfe
der irdischen Elemente entrückt sein wird. Wohin wird
der Geist, der jetzt seine materielle Wohnung zu verlassen strebt, fliehen, wenn er endlich frei ist?’
Indem ich das große Geheimniß überdachte, fiel mir Helen Burns ein: ich entsann mich ihrer Sterbeworte - ihres Glaubens — ihrer Ansicht von der Gleichheit der vom Körper geschiedenen Seelen. Ich horchte
noch in Gedanken auf ihre Töne, deren ich mich, so, gut
erinnerte - stellte mir ihr blasses, überirdisches Aussehen vor, ihr abgefallenes Gesicht, ihren erhabenen
Blick, wie sie auf ihrem ruhigen Sterbebette so da lag
und ihre Sehnsucht flüsterte, wieder in den Schooß
ihres himmlischen Vaters aufgenommen zu werden als eine schwache Stimme aus dem Bett hervor murmelte:
,Wer ist es?’
Ich wußte, daß Mistreß Reed schon Tage lang nicht gesprochen hatte: lebte sie wieder auf? Ich ging zu ihr hin.
,Ich bin es, Tante Reed.’
‘Wer - ich?’ war die Antwort. ,Wer sind Sie?’ setze sie, überrascht und etwas beängstigt, aber doch nicht verstört auf mich blickend, hinzu. ,Sie sind
mir ja ganz fremd — wo ist Bessie?’
‘Sie ist drunten im Parkhäuschen, Tante.’
,Tante!’ wiederholte sie. ,Wer heißt mich Tante?
Sie sind keine von den Gibsons; und doch kenne ich
Sie - ich kenne das Gesicht, und die Augen, und die
Stirn sind mir ganz bekannt: Sie sehen aus wie — ei, wie Jane Eyre!’
Ich sagte Nichts, denn ich fürchtete, ihr eine Erschütterung zu verursachen, wenn ich meine Identität erklärte.
,Doch,’ sagte sie, ,ich fürchte, ich irre mich:
meine Gedanken täuschen mich. Ich wünschte Jane
Eyre zu sehen, und träume von einer Aehnlichkeit, wo
keine vorhanden ist, und zudem muß sie sich in acht
Jahren so verändert haben.’
Ich versicherte ihr nun sanft, daß ich die Person
sei, für die sie mich halte, und die sie in mir zu erblicken wünsche: und als ich sah. daß ich verstanden wurde, und daß ihe Verstand ganz beisammen war, erklärte ich, wie Bessie ihren Mann an mich abgesandt habe, um mich von Thornfield hieher zu holen.
‘Ich weiß, ich bin sehr krank,’ sagte sie nach einer
Weile; ‘vor wenigen Minuten versuchte ich es, mich
umzuwenden, und ich finde, daß ich kein Glied zu rühren vermag. Es ist nun ebenso gut, wenn ich, bevor ich sterbe, meinem Geiste Ruhe verschaffe, woran wir
bei gesunbem Körper wenig denken; das belästigt uns
in einer Stunde, wie die gegenwärtige für mich ist. Ist
die Wärterin da? oder ist sonst Niemand, außer Dir
im Zimmer?’
Ich versicherte sie, daß wir allein wären.
“Nun,’ sagte sie: ,zweimal habe ich Dir Unrecht
gethan, was ich nun bereue. Das erste besteht darin,
daß ich das meinem Manne gegebene Versprechen, Dich
wie mein eigenes Kind aufziehen zu wollen, gebrochen
habe; das andere.’ —
Hier hielt sie inne.
‘Am Ende ist es wohl von keiner großen Wichtigkeit,’ murmelte sie bei sich: ‘und dann kann es ja auch wieder besser mit mir werden; und mich so vor ihr zu
demüthigen, ist peinlich.’
Sie machte eine Anstrengung. um sich umzuwenden, ohne daß ihr es aber gelang; ihr Gesicht veränderte sich; es schien etwas in ihr zu arbeiten — vielleicht war es der Vorläufer des letzten Todeskampfs.
,Nun: ich muß mich davon losmachen, muß es
überwinden. Vor mir steht die Ewigkeit, und es ist
besser, wenn ich es ihr sage. Geh' an meinen Toilettentisch, mache ihn auf und nimm einen Brief heraus, den Du dort finden wirst.’
Ich that wie sie mich geheißen.
,Lies den Brief,’ sagte sie.
Er war kurz gefaßt, und lautete also: —
,Madame,
,Wollen Sie die Güte haben, mir die Adresse
meiner Nichte, Jane Eyre, zu übersenden, und mir zu
sagen. wie es ihr geht: es ist meine Absicht, sie bald
zu mir nach Madeira kommen zu lassen. Die Vorsehung
hat meine Bemühungen, mir eine sorgenfreie Existenz
zu verschaffen, gesegnet; und da ich unverheirathet und kinderlos bin, so wünsche ich sie noch bei meinem Leben zu adoptiren, und ihr bei meinem Tode Alles zu vermachen, was ich besitze.’
‘Ich bin, Madame, u. s. w. u. s. w.
,John Eyre, Madeira.’
Der Brief war schon drei Jahre alt.
,Warum habe ich nie hievon gehört?’ fragte ich.
,Weil ich einen zu fest sitzenden und' zu gründlichen
Widerwillen gegen Dich hatte, als daß ich hätte dazu beitragen wollen, Dein Glück und Deinen Wohlstand zu begründen. Ich konnte Dein Benehmen. gegen mich
nicht vergessen, Jane, - die Wuth, womit Du Dich einst gegen mich gewendet hast; den Ton, worin Du mir erklärst, von allen Menschen auf der Erde verabscheuest Du mich am Meisten; den unkindlichen Blick und die Stimme, womit Du versichertest, daß schon der
Gedanke an mich Dir Uebelkeit verursache, und behauptetest, ich hätte Dich mit abscheulicher Grausamkeit behandelt. Ich konnte meine eigenen Empfindungen, als
Du Dich so erhobst und das Gift Deines Geistes ausschüttetest, nicht vergessen: es bewältigte sich meiner eine Furcht, als ob ein Thier, das ich geschlagen oder
gestoßen, mich mit Menschenaugen angesehen, und mich mit einer Menschenstimme verflucht hätte. - Hol’ mir
Wasser! O eile doch!’
,Theure Mistreß Reed,’ sagte ich, indem ich ihr den verlangten Trunk reichte, ‘denken Sie nicht mehr an all’ Das, schlagen Sie es sich aus dem Sinne.
Vergeben Sie mir meine leidenschaftliche Sprache, dazumal war ich ein Kind; seit jenem Tage sind acht, sind neun Jahre verflossen.’
Sie hörte auf Nichts von Allem, was ich sagte;
als sie aber das Wasser versucht und Athem geschöpft
hatte, fuhr sie also fort: -
,Ich sage Dir, ich konnte es nicht vergessen, und
nahm Rache dafür; den Gedanken, daß Du von Deinem
Oheim adoptirt und in einen Zustand der Behaglichkeit und der Sorgenfreiheit versetzt werden solltest, konnte
ich schlechterdings nicht ertragen. Ich schrieb an ihn;
ich sagte, es thue mir leid, daß er sich in seiner Hoffnung
getäuscht finden müsse, aber Jane Eyre sei todt; das
Typhusfieber hätte sie zu Lowood dahingerafft. Handle
nun, wie Du magst; schreib' und widersprich meiner
Angabe — setze meine Falschheit auseinander, wie Du
magst. Du bist, wie ich glaube, zu meiner Qual geboren; meine letzte Stunde ist verbittert durch die Erinnerungen an eine That, die ich ohne Dich nie versucht
gewesen wäre zu begehen.’
,Wenn ich Sie doch nur überreden könnte, Tante,
nicht mehr daran zu denken, und mich mit Gefühlen zu
betrachten, die von Güte und Versöhnlichkeit zeugten —’
,Du hast eine sehr schlechte Gemüthsart,’ sagte
sie, ,eine Gemüthsart, die ich noch in dieser Stunde
nicht zu begreifen vermag. Wie Du neun Jahre lang
Dir jede Behandlung gefallen lassen, und dazu schweigen, und im zehnten plötzlich in Feuer und Wuth ausbrechen konntest, das kann ich nimmermehr begreifen.’
,Meine Gemüthsart ist nicht so schlecht, wie Sie
glauben: ich bin leidenschaftlich, aber nicht rachsüchtig. Noch als kleines Kind wäre ich gar oft froh gewesen, Sie zu lieben, wenn ich hätte dürfen; und jetzt habe
ich die größte Sehnsucht, mich mit Ihnen zu versöhnen: küssen Sie mich, Tante.’
Ich näherte meine Wange ihren Lippen: sie wollte sie aber nicht berühren. Sie sagte, wenn ich mich über ihr Bett lehne, so fühle sie sich dadurch so beengt, und
abermals verlangte sie Wasser, Als ich sie niederlegte denn ich richtete sie auf, und unterstützte sie mit meinem Arme, während sie trank -- bedeckte ich ihre eiskalte
und klebrige Hand mit der meinigen; die schwachen Finger bebten vor meiner Berührung zurück - die gläsernen Augen wichen meinem Blicke aus.
,So lieben Sie mich denn, oder hassen Sie mich, wie Sie wollen,’ sagte ich zuletzt: ,ich vergebe Ihnen vollkommen und aus freiem Herzen. Bitten Sie nun Gott um Vergebung. und seien Sie im Frieden.’
Das arme, leidende Weib! Es war nun zu spät,
als daß sie jetzt hätte eine Anstrengung machen können,
ihre gewohnte Gemüthsstimmung umzuändern; im Leben hatte sie mich beständig gehaßt - auf dem Todbette mußte sie mich noch hassen.
Nun trat die Krankenwärterin ein, und mit ihr Bessie. Ich blieb noch eine halbe Stunde da, in der Hoffnung. daß ich irgend ein Zeichen der Freundschaft;
zu sehen bekommen würde; sie gab aber keines von sich. Sie versank rasch in einen Zustand der Unempfindlichkeit; auch kam sie nicht wieder zu Sinnen: um zwölf
Uhr in der nämlichen Nacht starb sie. Ich war nicht
da, um ihr die Augen zuzudrückne; auch ihre Töchter waren nicht anwesend. Die Leute kamen am andern Morgen, um uns zu sagen, daß nun Alles vorüber sei.
Um diese Zeit lag sie schon in ihrer Todtenkleidung da.
Eliza und ich gingen, um sie noch einmal zu sehen;
Georgiana; die in laute Thränen ausgebrochen war,
sagte, sie wage es nicht hinzugeben. Da lag nun
Sarah Reed's einst rüstige und kräftige Gestalt, starr und ruhig ausgestreckt: ihr steinernes Auge war mit
seinem kalten Lide beveckt; auf ihrer Stirn und in ihren starken Zügen drückte sich noch jetzt ihre unerbittliche Seele aus. Die Leiche war für mich etwas Seltsames und Feierliches. Ich blickte sie düster und schmezerfüllt an; sie flößte nichts Sanftes, nichts Liebliches, Nichts, was an Mitleid oder Hoffnung erinnert, Nichts,
was den Menschen bewältigt, ein, sondern nur einen
peinlichen Schmerz wegen ihrer Leiden, nicht wegen
meines Verlustes — und ein düsteres, thränenloses Entsetzen über das Schreckliche des Todes in solcher Gestalt.
Eliza sah ihre Mutter ruhig an. Nach einem
Schweigen von einigen Minuten bemerkte sie: ,Bei ihrer Constitution hätte sie ein schönes Alter erreichen sollen; ihr Leben aber ist durch Sorgen und
Bekümmerniß verkürzt worden.’
Und dann zog sich ihr Mund einen Augenblick
krampfhaft zusammen; dann wendete sie sich um, und
verließ mit mir das Zimmer. Weder ich noch sie hatte
eine Thräne vergosssen.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Herr Rochester hatte mir nicht länger, als auf eine
Woche Urlaub gegeben, indessen verstrich doch ein Monat, ehe ich von Gateshead fortkam. Zwar hätte ich
gewünscht, es gleich nach dem Lechenbegängniß verlassen
zu können; aber Georgiana drang in mich, so lang
zu bleiben, bis sie nach London gehen könnte, wohin sie
endlich von Herrn Gibson, ihrem Oheim, eine Einladung
erhalten hatte. Letzterer war selbst nach Gateshead
gekommen, um das Nöthige beim Begräbniß seiner
Schwester vorzukehren und die Familienangelegenheiten
in Ordnung zu bringen. Georgiana sagte, sie fürchte
sich, allein bei Eliza zu sein; bei ihr konnte sie weder
Sympathie in ihrer Niedergeschlagenheit, noch Unterstützung in ihrer Furcht, noch Hülfe bei ihren Vorbereitungen finden; und so trug ich denn ihr kindisches
Gewimmer und ihre selbstsüchtigen Wehklagen so gut
ich konnte, und that mein Möglichstes, indem ich für sie
nähte und einpackte.
Ich bin es der Wahrseit schuldig, hier zu sagen,
daß sie, während ich arbeitete, die Hände müßig in den
Schooß legte. Ich dachte bei mir selbst: -
,Wäre es unser Loos, Cousine, stets mit einander zu leben, so würden wir unsere Sachen anders einrichten. Ich würde mich nicht so ohne Weiteres dazu hergeben, der Theil zu sein, der sich Alles gefallen ließe; ich würde Dir Deinen Arbeitstheil anweisen, und Dich zwingen, Dich demselben ganz zu unterziehen, sonst
würde er ungethan bleiben; auch würde ich darauf
dringen, daß Du einige dieser von Flennen und Stöhnen begleiteten, halb unaufrichtigen Klagen in Deine Brust verschlößest. Nur weil unsere Verbindung zufällig eine sehr vorübergehende ist, und in eine besonders trauervolle Zeit fällt, habe ich es für gut gefunden, so viele Geduld und Nachsicht zu zeigen.’
Am Ende sah ich Georgiana abreisen; gber nun
wurde ich von Eliza gebeten, noch eine Woche dazubleiben. Ihre Pläne, sagte sie, nähmen alle ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch, und in der That stand
sie auf dem Punkte, sich nach einem unbekannten Ziele
hin in Bewegung zu setzen; den ganzen Tag blieb sie
in ihrem Zimmer bei von innen verriegelter Thür, packte
Koffer, leerte Schränke und Schubladen, verbrannte
Papiere, und pflog mit Niemand Umgang. Sie ersuchte
mich, nach dem Hause zu sehen, Besuche zu empfangen,
und Condolenzschreiben zu beantworten.
Eines Morgens sagte sie mir, daß ich nun frei wäre.
,Und,’ setze sie hinzu, ,ich bin Dir verbunden für
Deine schätzbaren Dienste und Dein verständiges Benehmen. Es ist doch ein Unterschied, mit einer Person, wie Du bist, oder mit Georgiana zu leben; Du erfüllst
Deine Aufgabe im Leben, und fällst Niemand zur Last.
Morgen reise ich nach dem Continent ab. Ich werde
meinen Aufenthalt in einem Gott geweihten Hause in
der Nähe von Lille - einem Nonnenkloster, wie Du es
nennen würdest - nehmen; dort werde ich ruhig und
unbelästigt leben. Für einige Zeit werde ich mich damit beschäftigen, daß ich die Dogmen der apostolisch
römisch-katholischen Kirche prüfe, und die Art und Weise,
wie ihr System wirkt, genau kennen zu lernen suche;
finde ich dann, wie ich schon halb und halb vermuthe,
daß dieser Glaube am Besten geeignet ist, Ordnung,
Ruhe und Glück zu verbreiten, so werde ich eine Bekennerin der Lehre Roms werden, und wahrscheinlich den Schleier nehmen.’
Ich zeigte weder Erstaunen über diesen Entschluß,
noch machte ich einen Versuch, sie von demselben wieder
abzubringen.
,Dieser Beruf paßt auf ein Haar für Dich,’ dachte
ich: ‘mögest Du Dich wohl dabei befinden.’
Als wir von einander schieden, sagte sie: ,Leb' wohl, Cousine Jane Eyre; ich wünsche, daß es Dir wohl ergehen möge: Du hast einigen Verstand.’
Ich erwiederte darauf: ,Auch Du bist nicht ohne Verstand, Cousine Eliza;
was Du aber davon besitzest, wird vermuthlich übers
Jahr lebendig in einem französischen Kloster eingemauert sein. Indessen geht es mich Nichts an, und wenn es Dir recht ist - so kümmert’s mich nicht viel.’
,Du hast recht,’ sagte sie, und mit diesen Worten ging Jede ihren eigenen Weg. Da ich später keine Gelegenheit haben werde, von ihr und ihrer Schwester zu sprechen, so mag es wohl angehen, wenn ich hier schon jetzt erwähne, daß Georgiana eine sehr vortheilhafte Partie machte, indem sie einen reichen, aber abgelebten Mann aus der fashionablen Welt heirathete; sowie daß Eliza sich wirklich als Nonne einkleiden ließ,
und jetzt Superiorin des Klosters ist, wo sie ihr Noviziat erstand, und dem sie ihr ganzes Vermögen vermachte.
Wie es Leuten ist, wenn sie nach einer längern oder kürzern Abwesenheit wieder nach Hause kommen, wußte ich nicht: ich hatte dieses Gefühl nie gekannt.
Ich wußte, was es, als ich noch ein Kind war, hieß,
nach Gateshead nach einem langen Spaziergange zurückzukommen — gescholten zu werden, weil ich kalt oder trübsinnig aussah; und später, was es hieß, aus
der Kirche nach Lowood zurückzukommen — das Verlangen nach einem reichlichen Male und einem guten Feuer zu verspüren, und weder das Eine noch das Andere erlangen zu können. Weder ein Zurückkommen dieser, noch jener Art war sehr angenehm und wünschenswerth; kein Magnet zog mich nach einem gegebenen Punkte hin, an Anziehungskraft zunehmend, je
näher ich kam. Die Rückkehr nach Thornfield mit den Gefühlen, die sie in mir erweckte, sollte erst kommen.
Meine Reise kam mir langweilig — ja sehr langweilig vor; fünfzig Meilen in Einem Tage, eine Nacht in einem Gasthofe; fünfzig Meilen am darauf folgenden
Tage. Während der ersten zwölf Stunden dachte ich an Mistreß Reed in ihren letzten Augenblicken: ich sah ihr entstelltes und entfärbtes Gesicht, und hörte ihre
wunderbar veränderte Stimme. Ich dachte an den Begräbnißtag, die Bahre, den Leichenwagen, den schwarzen Bug von Pächtern und Dienern — die Zahl der Verwandten war nur klein — an das gähnende Gewölbe,
die stille Kirche, den feierlichen Gottesdienst. Ferner
dachte ich an Eliza und Georgiana, ich sah die Eine
in einem Ballsaale den Reigen führen, die Andere als
Bewohnerin einer Klosterzelle, und analysirte und prüfte
ihre Eigenthümlichkeiten, sowohl was ihr Aeußeres, als
ihren Charakter betraf. Die Ankunft in der großen
Stadt - am Abende des Tages zerstreute diese Gedanken, die Nacht gab ihnen eine gänzlich veränderte Richtung. In meinem Bette im Gasthause gab ich der
Erinnerung und der Vergangenheit den Abschied, um nur in der Zukunft zu leben.
Ich ging nach Thornfield zurück; aber wie lange
konnte ich noch da bleiben? Nicht lange: dessen war
ich gewiß. Ich hatte von Mistreß Fairfax während
meiner Abwesenheit vernommen, daß die Gesellschaft,
die im Schlosse gewesen, nun auseinander gegangen;
Herr Rochester war vor drei Wochen nach London gereist, wurde aber damals in vierzehn Tagen zurückerwartet. Mistres Fairfax sprach die Vermuthung aus,
daß er dorthin gegangen, um Anstalten zu seiner Heirath zu treffen, da er davon gesprochen, daß er einen neuen Wagen kaufen wolle. Sie sagte ferner, der
Gedanke, daß er Miß Ingram heirathen wolle, komme
ihr immer noch wunderlich vor; nach dem aber, was
Jedermann sage, und was sie selbst gesehen, könne sie
nicht länger daran zweifeln, daß das Ereigniß bald
stattfinden werde.
,Sie müßten gewaltig ungläubig sein, wenn Sie
daran zweifelten,’ war der Commentar, den ich bei mir
darüber machte. ,Ich zweifle gar nicht daran.’
Nun kam die Frage: ,Wohin gehst Du jetzt?
Die ganze Nacht träumte ich von Miß Ingram; in einem farbenreichen Morgentraum sah ich, wie se mir die Thore von Thornfield vor der Nase zuschloß, und
mich auf einen andern Weg hinwies, und was Herrn
Rochester betraf, so stand er mit übereinander geschlagenen Armen da, und sah, wie es schien, sie und mich mit einem sardonischen Lächeln an.
Ich hatte Mistreß Fairfax den Tag meiner Rückkehr nicht genau angegeben, da ich es nicht wünschte, daß ein Wagen oder ein Karren in Millcote auf mich
warten solle. Ich nahm mir vor, den noch übrigen Weg
ruhig und allein zu Fuß zu machen, und ganz ruhig
schlich ich mich, nachdem ich meinen Koffer dem Hausknecht übergeben hatte, aus der George Inn fort, und
schlug den alten, nach Thornfield führenden Weg ein:
einen Weg, der größtenheils durch Felder führte, und
nur wenig besucht war.
Es war kein prachtvoller, glänzender Sommerabend,
obgleich derselbe schön und milde zu nennen war: die
Heuernte beschäftigte die Leute überall, wohin ich auf
meinem Wege kam; und der Himmel, obgleich keineswegs wolkenlos, war von der Art, daß man auf schönes Wetter hoffen konnte, sein Blau — wo dasselbe sichtbar war — war mild und rein, und seine Wolkenschichten hoch und dünn. Auch der Westen war warm, kein
wässeriger Blick machte ihn kühl — es schien, als brenne,
dort ein Feuer, ein Altar hinter seinem Schirm von
marmorirtem Dunste, und als scheine durch die Oeffnungen hindurch eine goldene Röthe.
Ich verspürte in mir ein frohes Gefühl, als der
Weg sich vor mir verkürzte, und dieses Gefühl war ein
so frohes, daß ich einmal stille stand, um an mich die
Frage zu richten, was denn diese Freude bedeute; und
um die Vernunft zu erinnern, daß ich nicht in meine
Heimath gehe, oder an einen Ort, wo ich auf die Dauer
zu bleiben hätte, oder an einen Ort, wo die Blicke
zärtlicher, lieber Freunde meiner mit Ungeduld warteten.
,Mistreß Fairfax wird Dir ohne Zweifel ein ruhiges Willkomm zulächeln,’ sagte ich; ,auch die kleine
Adele wird in die Hände klatschen, und vor Freude
hüpfen, wenn sie Dich sieht: aber Du weißt recht wohl,
daß Du an einen Andern denkst, und daß dieser Andere
nicht an Dich denkt.’
Aber was ist so hartnäckig, wie die Jugend?
Was so blind, wie die Unerfahrenheit? Diese behaupteten,
es sei des Vergnügens genug wenn ich Herrn Rochester nur wieder sehen dürfe, möge er mich nun ansehen, oder nicht, und es setzten dieselben hinzu: —
,Eile! spute Dich! bleib' bei ihm, solange Du noch
kannst; aber in wenigen Tagen oder Wochen bist Du
von ihm für immer getrennt!’
Und dann machte ich einer neugebornen Pein einem mißgestalteten Geschöpfe, das ich nicht anerkennen und großziehen mochte - das Garaus, und eilte weiter.
Die Leute sind auch auf den Wiesen von Thornfleld mit der Heuernte beschäftigt, oder es stellen diesselben vielmehr ihre Arbeit ein, und kehren nach Hause
zurück, den Rechen auf der Schulter; nun bin ich fast
daheim. Ich habe nur noch über ein oder zwei Felder
zu gehen, und dann überschreite ich den Weg, und bin
vor dem Parkthore. Wie voller Rosen sind die Hecken!
aber ich habe keine Zeit, einige zu pflücken; ich muß zu
Hause sein. Ich gehe an einem hohen Dornstrauche
vorbei, der belaubte und mit Blüthen bedeckte Zweige
über den Weg ausbreitet: ich sehe den schmalen Steg
mit steinernen Stufen, und ich sehe - Herrn Rochester
dasitzen, ein Buch und einen Bleistift in der Hand: er
schreibt.
Gut, es ist kein Geist: doch ist jeder Nerv, den
ich habe, abgespannt; für einen Augenblick kann ich
mich nicht mehr beherrschen. Was bedeutet das? Ich
dachte nicht, daß ich bei seinem Anblicke so zittern —
oder in seiner Gegenwart meine Stimme und die Kraft,
mich fortzubewegen, verlieren würde. Ich will zurückgehen, sobald ich mich rühren kann; ich brauche mich nicht zu einer ganzen Närrin zu machen. Ich weiß
noch einen andern Weg, der nach dem Hause führt. Er
thut aber Nichts, wenn ich auch zwanzig Wege wüßte,
denn er hat mich gesehen.
,He da!’ ruft er, und steckt sowohl Buch als Bleistift ein. » Ah, da sind Sie! Kommen Sie doch herbei!’
Ich glaube, ich komme näher, obgleich ich nicht
weiß, wie, da ich mir kaum meiner Bewegungen noch
bewußt bin, und bloss strebe, ruhig zu erscheinen: und
vor Allem, die arbeitenden Muskeln meines Gesichts
in meine Gewalt zu bekommen — meine Muskeln, die,
wie ich fühle sich frech gegen meinen Willen auflassen
und ausdrücken wollen, was ich zu verbergen beschlossen
hatte. Aber ich habe meinen Schleier - herunter ist
er: vielleicht gelingt es mir doch noch, ziemliche Fassung
zu zeigen,Und dieß ist Jane Eyre? Kommen Sie von Millcote, und noch dazu zu Fuß? Ja, ja - wieder einer von Ihren Streichen, sieht Ihnen ganz gleich: nicht
nach einem Wagen schicken, und nicht wie ein gewöhnlicher
Sterblicher über Weg und Straße dahinrasseln, sondern
in die Nähe Ihrer Heimath schleichen bei der ersten
Dämmerung- gerade als wären Sie ein Traum, oder
Schatten. Wo zum Henker sind Sie in dem letzten
Monat gesteckt, und was haben Sie getrieben? ,Ich bin, Sir, bei meiner Tante gewesen, die nun todt ist.’
‘Eine Antwort fürwahr, wie man sie nur von einer Jane erwarten kann! Mögen alle guten Engel mir zur Seite stehen! Sie kommt aus der andern Welt - von dem Orte der Verstorbenen, und spricht so zu mir, wenn sie mich hier allein in der Dämmerung
findet! Würde ich es wagen, so würde ich Sie anrühren, um zu sehen, ob Sie ein wirkliches, mit einem Leibe versehenes Wesen, oder ein Schatten sind, Sie Elfe! — Aber ich könnte ebenso gut ein blaues Irrlichtchen in einem Sumpfe erhaschen wollen. Zigennerinl Zigennerin!’ setzte er hinzu, nach einer kleinen
Pause. ‘Einen ganzen Monat wegbleiben, und mich
so ganz vergessen, ich möchte darauf schwören.’
Ich wußte, daß der Augenblick, wo ich meinen
Herrn wieder sehen würde, ein freudiger sein müsse,
obgleich diese Freude durch die Furcht getrübt war, daß
er nun bald nicht mehr mein Herr sein würde, sowie
durch das Bewußtsein, daß ich ihm Nichts sei. Aber
es lag immerhin in Herrn Rochester - so dachte ich
wenigstens - ein solcher Reichthum von Macht, Andere
glücklich zu machen, daß es schon ein Leckermahl war,
wenn man nur die Krumen kosten durfte, die er so fremden und verirrten Vögeln hinwarf, wie ich war. Seine letzten Worte waren Balsam; es schien daraus hervorzugehen, daß ihm Etwas daran liege, ob ich ihn vergesse, oder nicht. Auch hatte er von Thornfield als
meiner Heimath gesprochen — wollte Goit, es wäre meine Heimath!
Er ging nicht vom Stege weg, und ich mochte
ihn nicht bitten, mich vorbei zu lassen. Es stand nicht
lange an, so fragte ich ihn, ob er in London gewesen.
‘Ja ich vermuthe, Sie haben das als Doppelseherin herausgebracht.’
,Mistreß Fairfax hat es mir geschrieben.’
,Und hat sie Ihnen auch gesagt, warum ich nach
der Stadt ging?’
‘O ja, Sir; es wuste Jedermann gar wohl den
Jweck Ihrer Reise.’
,Sie müssen den Wagen sehen, Jane, und mir sagen, ob Sie nicht glauben, daß er der Mistreß Rochester
ganz anstehe, und dieselbe wie die Königin Boadicea
aussehen wird, wenn sie sich aus diese purpurnen Kissen
zurücklehnt. Ich möchte wohl, Jane, ich wäre meiner
Person, meinem Aeußern nach zu einer Verbindung mit
ihr mehr geeignet. Sagen Sie mir nun, kleine Fee,
die Sie sind — haben sie keinen Zauberspruch, können
Sie mir keinen Trank, oder so Etwas geben, um einen
schönen Mann aus mir zu machen?’
,Das möchte wohl über die Macht der Magie hinausgehen, Sir;’ und in Gedanken setzte ich hinzu: —
,Ein liebendes Auge ist aller Zauber, der nöthig
ist; für ein solches sind Sie schön genug; oder richtiger gesprochen, Ihr strenges Antlitz hat eine Macht,
die über die Schönheit hinausgeht.’
Herr Rochester hatte bisweilen meine noch unausgesprochenen Gedanken mit einer Schärfe errathen, die mir unbegreiflich war. In dem vorliegenden Falle nahm
er keine Notiz von meiner abgebrochenen, laut ausgesprochenen Antwort; jedoch lächelte er mich mut einem gewissen, ihm eigenthümlichen Lächeln an, - einem Lächeln, von dem er nur höchst selten Gebrauch machte. Es schien, als halte er dasselbe für zu gut für gewöhnliche Zwecke: es war der wahre Sonnenschein des Gefühls
und nun ließ er es über mich ausströmen.
,Gehen Sie vorüber, Jane,’ sagte er, indem er
mir Platz machte, um über den Steg hingehen zu können: ,gehen Sie heim, und lassen Sie Ihre müden, wandernden Füßchen auf eines Freundes Schwelle ausruhen.’
Alles, was ich jetzt zu thun hatte, war, ihn schweigend zu gehorchen; ich brauchte daher auch nicht weiter mit ihm zu reden. Ich ging über den Steg, ohne ein
Wort zu sagen, und wollte ihn ruhig verlassen. Ein
Puls hielt mich fest, eine geheime Macht zwang mich, mich umzuwenden: ich sagte — oder vielmehr Etwas in mir sagte für mich und mir zum Trotze:
,Ich danke Ihnen, Herr Rochester, für Ihre große
Güte. Ich bin außerordentlich froh, zu Ihnen zurückzukommen; und wo Sie auch sein mögen, da ist reine Heimath - , meinige alleinige Heimath.’
Ich schritt so rasch weiter, daß, hätte er es auch gewollt,
er mich doch kaum einzuholen vermocht hätte. Die kleine
Adele war fast außer sich vor Freude, als sie mich wieder sah. Mistreß Fairfax empfieng mich mit ihrer gewohnten, ungekünstelten Freundlichkeit. Leah lächelte:
und selbst Sophie wünschte mir freudig ,bon soir.’
Alles dieß war sehr angenehm: es gibt kein Glück,
wie das, von seinen Mitmenschen geliebt zu werden,
und zu fühlen - daß unsere Gegenwart ihrem Glücke
und ihrer Behaglichkeit Etwas beifügt.
An dem Abend verschloß ich meine Augen absichtlich gegen die Zukunft: ich verstopfte meine Ohren vor der Stimme, die mich unaufhörlich warnte vor naher
Trennung und bevorstehendem Kummer. Als der Thee
vorbei war, und Mistreß Fairfax ihr Strickzeug genommen, ich aber mich neben sie auf einen niedern Stuhl
gesetzt, und Adele, auf dem Teppich kniend, sich nicht an mich herangemacht hatte, und ein Gefühl gegenseitiger Zuneigung uns mit einem Ringe goldenen Friedens zu umgeben schien, da ließ ich zum Himmel ein stilles Gebet aufsteigen, daß wir nicht weit und nicht bald auseinander kommen möchten. Aber als, während
wir so da saßen, Herr Rochester unangemeldet eintrat,
und, uns anblickend, Vergnügen zu finden schien an
dem Schauspiel einer so freundschaftlichen Gruppe; -als er sagte, er glaube, die alte Dame werde nun recht froh und wieder in ihrem Elemente sein, da sie ihre
Adoptivtochter wieder bekommen, und hinzusetzte, er sehe, daß Adele bereit sei, à croguer sa petite maman
Anglaise’ - da wagte ich es, halb und halb zu hoffen, er würde uns auch nach seiner Heirath unter seinem Schutze irgendwo beisammen lassen, und uns aus
dem Sonnenschein seiner Gegenwart nicht ganz und gar
verbannen.
Eine vierzehntägige zweifelhafte Ruhe folgte auf
meine Rückehr nach Thornfield Hall. Es verlautete
Nichts von der Heirath des Herrn, und ich sah auch
keine Anstalten dazu treffen. Fast jeden Tag fragte ich
Mistreß Fairfax, ob sie schon etwas Bestimmtes gehört,
und ihre Antwort fiel immer verneinend aus. Einmal, sagte sie, habe sie wirklich an Herrn Rochester die Frage gerichtet, wann er seine Braut heimzuführen
gedächte: allein er habe ihr nur mit einem Scherze
und einem seiner seltsamen Blicke geantwortet, und sie
könne in der That nicht aus ihm kommen.
Eines überraschte mich, und das war, es fand kein Hin- und Herreisen, keine Besuche in Ingram Park Statt. Zwar war letzterer Ort zwanzig Meilen entfernt, und lag an der Gränze einer andern Grafschaft; aber was war eine solche Entfernung für einen feurigen Liebhaber? Für einen so geübten und unermüdlichen Kaiser, wie Herr Rochester, wäre es blos ein Morgenspazierritt gewesen. Ich fing an, unberechtigte Hoffnung en zu nähren, wie z. B. die Heirath sei wieder aufgegeben; das Gerücht sei falsch gewesen; einer oder beide Theile hätten ihren Sinn geändert. Ich pflegte meinen Herrn anzublicken, um zu beobachten, ob er traurig. oder wild aussehe; aber ich konnte mich keiner
Zeit erinnern, wo er so gleichmäßig frei von Wolken oder zornigen Gefühlen gewesen wäre. War ich in den Augenblicken, die ich mit meiner Schülerin bei ihm zubrachte, niedergeschlagen und muthlos - was unausbleiblich war, so wurde er sogar heiter. Noch nie hatte er mich so oft zu sich rufen lassen; noch nie hatte er sich bei solchen Anlässen gütiger und freundlicher gegen mich gezeigt, — und ach! noch nie hatte ich ihn so von ganzer Seele geliebt!
Dreiundwanzigstes Kapitel.
Eine prächtige Sonne schien über England zur Zeit der Sommer-Sonnenwende: ein so reiner Himmel, eine so strahlende Sonne, wie damals begünstigte selten, in so
langer Folge, oder auch nur an einzelnen Tagen unser wogenumgürtetes Inselland. Es war, als wäre ein Haufen italienischer Tage aus dem Süden zu uns gekommen, gleich einem Zuge glänzender fremder Vögel, und als ob dieselben auf den Klippen Albions sich niedergelassen hätten, um da auszuruhen. Das Heu war alles eingeheimst; die Wiesen um Thornfield herum waren grün und abgemäht; die Wege weiß und durch und
durch trocken; die Bäume in ihrer dunkeln Jugendkraft; Hecke und Wald stachen mit ihrem dichten Laube und ihren dunklen Tinten schön ab gegen die sonnige Farbe
der dazwischen liegenden, abgemähten Wiesen.
Am Abend vor dem Johannistage war Adele, müde
von dem den ganzen Tag fortgesetzten Suchen wilder Erdbeeren in Hay Lane, mit Sonnenuntergang zu Bett gegangen. Ich blieb bei ihr, bis sie eingeschlafen war,
und ging dann in den Garten hinab.
Es war jetzt die lieblichste Stunde von den vier
und zwanzig, - ,der Tag hatte sein glühendes Feuer.
verbraucht,’ und ein kühler Thau fiel auf die dürstende
Ebene und die ausgedorrte Höhe. Wo die Sonne in einfacher Pracht - rein von dem Pompe der Wolken — untergegangen war, breitete sich eine feierliche Purpurfarbe, brennend mit dem Lichte eines rothen Edelsteins und der Flamme des Schmelzofens an einem
Punkte, auf einer Hügelspitze, und sich weit und breit, sanft und sanfter ausdehnend, über den halben Himmel aus. Der Osten hatte seinen eigenthümlichen Reiz in
seinem schönen tiefen Blau, und seinen eigenen bescheidenen Edelstein, einen aufgehenden einsamen Stern; bald sollte auch dort der Mond in seiner Pracht glänzen, aber er war noch unter dem Horizont.
Ich ging auf dem Pflaster eine Weile auf und ab: aber ein feiner, mir wohl bekannter Geruch — der einer Cigarre — kam aus, irgend einem Fenster hervor; ich sah das Fenster des Bibliothekzimmers eine Hand breit offen stehen; ich wußte, daß ich von dort beobachtet werden konnte, und ging daher nach einer anderen
Seite in den Obstgarten. Kein Winkel in dem ganzen
Park war mehr geschützt, und mehr einem Eden gleich;
er war voller Bäume und blühender Zierpflanzen; eine
sehr hohe Mauer trennte ihn von dem Hofraume auf
einer Seite; auf der andern schied ihn eine Buchenallee
von dem Rasenplatze ab. Im Hintergrunde befand sich
ein verfallener Zaun, der ihn allein von den einsamen
Feldern schied: ein gekrümmter Weg, mit Lorbeerbäumen besetzt, und in einem riesenhaften, wilden Kastanienbaum endigend, an dessen Fuß ringsumher ein Sitz angebracht war, führte hinab zu dem Zaune. Hier konnte
man auf und ab wandeln, ohne gesehen zu werden.
Während solcher Honigthau fiel, solche Stille herrschte, solche Dämmerung allmählig entstand, kam es mir vor, als könnte ich auf immer in solchem Schatten verweilen;
als ich aber durch die Beete mit Blumen und vielerlei kleinen Frucht tragenden Pflanzen am obern Ende der Einfriedigung gehe, wird mein Schritt, bezaubert von
dem Lichte, das der nun aufgehende Mond auf diesen freieren Raum wirft, angehalten - nicht durch einen Ton, noch durch einen Anblick, sondern abermals durch
einen warnenden Wohlduft.
Die wohlriechende Feldrose und die Stabwurz, der
Jasmin, die Nelke und die Rose haben schon längst ihr
wohlduftendes Abendopfer dargebracht; dieser neue Wohlgeruch rührt weder von einem Strauche, noch von einer Blume her, es ist - ich kenne denselben - es
ist Herrn Rochesters Cigarre. Ich sehe umher, und horche. Ich sehe Bäume, beladen mit reifenden Früchten. Ich höre eine Nachtigall, in einer Entfernung von einer halben Meile, in, einem Gehölze ihren Gesang anstimmen; es ist keine Gestalt sichtbar, die sich bewegt, kein Schritt läßt sich hören, der sich nähert, aber der Wohlduft nimmt zu: ich muß mich flüchten. Ich eile zu dem Thörchen hin, das zu dem Lustgebüsche führt, und ich sehe Herrn Rochester hineingehen. Ich trete auf die Seite unter den mit Epheu bedeckten kleinen Bogen; er wird nicht lange dableiben: er wird bald
dahin zurückgehen, woher er gekommen ist, und wenn ich mich hier nicht rühre, so wird er mich nicht sehen.
Aber nein - die Abendzeit ist für ihn so angenehm, und dieser alterthümliche Garten so anziehend, wie für nicht er schlendert umher, bald die Zweige der Stachehbeerstauden aufhebend, um die Früchte, so groß wie Pflaumen, womit sie beladen sind, anzusehen; bald eine reife Kirsche von der Mauer nehmend; bald sich zu einem Haufen Blumen bückend, sei es, um ihren Wohlduft einzuathmen, sei es, um die Thauperlen auf ihren
Blättern zu bewundern. Ein großer Nachtfalter schwärmt summend an mir vorbei; er läßt sich auf einer Pflanze zu Herrn Rochesters Füßen nieder; dieser sieht
ihn, und bückt sich, um denselben zu beobachten.
‘Jetzt kehrt er mir den Rücken zu,’ dachte ich, ‘und ist auch beschäftigt: vielleicht kann ich unbemerkt entschlüpfen, wenn ich leise auftrete.’
Ich trat auf einen Rasenrand, damit das Krachen
des kieselartigen Grobsandes mich nicht verrathen möchte;
er stand zwischen den Beeten einige Schritte von der
Stelle, wo ich vorüber mußte; der Nachtfalter beschäftigte ihn offenbar.
‘Ich werde ganz gut vorüberkommen,’ dachte ich.
Als ich seinen Schatten, den der noch nicht hoch
stehende Mond weit über den Garten warf, überschritt,
sagte er ruhig, und ohne sich umzuwenden: Jane, kommen Sie hierher, und sehen sie diesen Kerl an.’
Ich hatte kein Geräusch gemacht, auch hatte er hinten keine Augen - konnte sein Schatten fühlen? Ich stutzte anfänglich, näherte mich dann aber ihm.
,Sehen Sie doch seine Flügel an,’ sagte er. ‘er
erinnert mich fast an ein westindisches Insect; man
sieht nicht oft einen so großen und prächtigen Nachtfalter in England. Da! er ist fort.’
Der Nachtfalter schwärmte weiter, und ich wollte
mich ebenfalls scheu zurückziehen, aber Herr Rochester
folgte mir, und sagte, als wir das Pförtchen erreichten: ,Lehren Sie um; in einer so lieblichen Nacht ist es unverzeihlich, wenn man in seiner Stube sitzen bleibt;
und gewiß kann Niemand zu Bett zu gehen wünschen,
während der Sonnenuntergang so mit dem Aufgang des
Mondes zusammentrifft.’
Es ist einer meiner Fehler, daß obgleich meine Zunge zuweilen rasch genug eine Antwort findet, es Zeiten gibt, wo es ihr nicht glücken will, eine Entschuldigung, einen Vorwand zu formuliren; und immer versagt sie mir ihren Dienst in irgend einem kritischen Augenblicke, wo ein leichtes Wort, oder ein plausibler Vorwand besonders nothwendig ist, um mich aus einer peinlichen Verlegenheit zu ziehen.
Ich hatte keine große Lust, um diese Stunde allein
mit Herrn Rochester in dem schattigen Garten auf und ab zu gehen; allein ich konnte keinen Grund finden, den ich hätte anführen können, um mein Gehen zu rechtfertigen. Ich folgte langsamen Schrittes und alle meine
Gedanken zusammennehmend, um ein Mittel zu finden,
wie ich. von ihm loskommen könnte; aber er selbst sah
so gefaßt und auch so ernst aus, daß ich mich meiner
Verlegenheit schämte: das Böse - wenn Böses da, oder
zu erwarten war; — schien nur in mir zu liegen; sein
Geist war ruhig und unbefangen.
,Jane,’ fieng er wieder an, als wir in den Lorbeergang traten, und langsam in der Richtung des verfallenen Zauns, sowie nach dem Kastanienbaum hinabgingen, ,nicht wahr, Thornfield ist doch ein angenehmer Ort im Sommer?’
,Ja. Sir.’
,Sie müssen das Haus einiger Maßen liebgewonnen haben, - Sie, die Sie ein Auge für Naturschönheiten, und viel von dem Organ der Anhänglichkeit besitzen.’
,Ja, in der That. ich bin anhänglich an dasselbe. Und obgleich ich nicht begreife, wie die Sache zugeht, sehe ich doch, daß Ihnen das närrische kleine Kind
Adele auch nicht ganz gleichgültig ist. Ja Sie haben sogar zu der ungekünstelten Frau Fairfax Zuneigung gefaßt.’
‘Ja, Sir; ich bin Beiden, wenn auch in verschiedener Weise, zugethan.’
,Und würden Sie sich ungern von ihnen trennen?’
,Es wäre mir leid.’
,Schade!’ sagte er, seufzte, und schwieg. - ,So
geht es immer in diesem Leben,’ fuhr er nach einer Weile fort; ,kaum haben wir uns an einem angenehmen Ruheplatze niedergelassen, so ruft uns schon auch eine
Stimme zu, aufzustehen und weiter zu gehen, da die Ruhestunde vorüber.’
,Muß ich weiter, Sir?’ fragte ich. ,Muß ich Thornfield verlassen?’
,Ich glaube, Sie müssen es, Jane. Es thut mir wehe. Jane, allein ich glaube in der That, Sie müssen.’
Es war dieß ein harter Schlag, allein ich ließ mich dadurch nicht ganz darnieder drücken.
,Nun, Sie, ich werde bereit sein, wenn der Befehl zum Abmarsch kommt.’
,Er ist da — Ich muß ihn diesen Abend noch
geben.’
,Sie verheirathen sich also in Bälde, Sir?’
,Ganz rich — tig - ja - ganz rich — tig; mit Ihrer gewohnten Scharfsichtigkeit haben Sie den Nagel gerade auf den Kopf getroffen.’
,In Bälde, Sie?’
‘Sehr bald, meine -, will sagen, Miß Eyre: und Sie werden sich erinnern, Jane, das erste Mal, als ich,
oder das Gerücht Ihnen mit nackten Worten zu verstehen gab, wie es meine Absicht sei, meinen alten Junggesellennacken unter das heilige Joch zu beugen, mich
in den heiligen Stand der Ehe zu begeben — mit Einem Wort, Miß Ingram an meinen Busen zu nehmen, (- sie ist ein tüchtiger Arm voll, aber das gehört
nicht hierher - man kann nicht zu viel haben von einem so vortrefflichen Ding, wie meine himmlische Blanche
ist —); nun gut, was wollte ich doch sagen — hören
Sie mich an, Jane! Sie drehen doch Ihren Kopf nicht
um, um noch nach einen andern Nachtfalter zu sehen?
Dieß war nur ein Frauenkäfer, Kind, der heimgeflogen
ist. Ich wünsche Sie daran zu erinnern, daß Sie es
waren, die mir zuerst mit der Besonnenheit, die ich an
Ihnen achte - mit dem in die Zukunft gehenden Blicke,
mit der Klugheit und Demuth, die Ihrer verantwortlichen und abhängigen Stellung angemesen, sagten, daß, im Falle ich Miß Ingram heirathete, es für Sie und
die kleine Adele besser wäre, sich sofort zu entfernen.
Ich will gar nicht davon reden, daß dem Charakter
meiner Geliebten durch diesen Wink, so zu sagen, ein
Fleck angehängt wird; in der That, Jane, wenn Sie
weit fort sind, will ich ihn vergessen, und mich nur an die
Weisheit desselben erinnern, die so groß ist, daß ich es
mir fest vorgenommen habe, Adele in eine Schule zu
thun. Und was Sie betrifft, Miß Eyre, so müssen Sie
sich nach einer andern Stelle umsehen.’
,Ja, Sir, ich will es sogleich in die Zeitung rücken
lassen; und unterdessen, vermuthe ich -.’ Ich wollte
eben sagen: ,vermuthlich kann ich hier bleiben, bis ich
ein anderes Obdach gefunden;’ aber ich hielt inne, da
ich wohl fühlte, daß ich keinen langen Satz wagen
dürfe, indem ich meine Stimme nicht ganz zu beherrschen vermochte.
,Etwa in einem Monate hoffe ich Bräutigam zu
sein, fuhr Herr Rochester fort; ‘und unterdessen werde
ich mich selbst nach einer Stelle und einem Obdach für
Sie umsehen.’
,Ich danke Ihnen, Sir; Es thut mir leid, Ihnen
so viel Mühe -.’
,O! brauchen gar keine Entschuldigungen vorzubringen! Ich bin der Ansicht, daß, wenn eine Untergebene ihre Pflicht so gut thut, wie Sie gethan, sie
eine Art Recht hat, von demjenigen, der sie beschäftigt
hat, einige Hülfe, einigen Beistand zu erwarten, insofern
er diesen in passender Weise, und ohne sich zu schaden,
zu leisten vermag. In der That habe ich auch von
meiner zukünftigen Schwiegermutter gehört, daß eine
Stelle wo offen wäre, die für Sie passen dürfte: Sie
hätten die Erziehung der fünf Töchter der Mistreß
Dionysius O’Gall von Bitternutt Lodge, Connaught.
Irland, zu übernehmen. Wahrscheinlich lieben Sie
Irland: Sie sind so warmherzig, die Leute dort, sagt
man.’
’Es ist aber eine schöne Strecke Wegs von hier, Sir.’
,Macht Nichts - ein Mädchen von Ihrem Verstande wird Nichts einzuwenden haben gegen die Reise oder die Entfernung.’
,Wohl Nichts gegen die Reise, aber gegen die Entfernung: und dann ist auch das Meer eine Schranke -‘
‘Die Sie trennt, von was, Jane?’
“Von England, und von Thornfield, und —‘
,Nun?’
,Von Ihnen, Sir.’
Ich sagte dieß fast unwillkührlich, und ebenso unwillkührlich entstürzten Thränen meinen Augen. Indessen weinte ich nicht so laut, daß man es hören konnte;
ich vermied es, zu schluchzen. Der Gedanke an Mistreß
O’Gall und Bitternutt Ledge fiel mir wie Ei aufs
Herz, und noch kälter, wie Eis, der Gedanke an all das
Seewasser und den Gischt, die bestimmt zu sein schienen,
zwischen mich und den Herrn zu treten, an dessen Seite
ich nun lustwandelte; und am Kältesten bei der Erinnerung an den größeren Ocean - Reichthum, Kaste,
Herkommen, der zwischen mir und dem Gegenstande
stand, den ich natürlich und unvermeidlich lieben mußte.
‘Es ist ein gar weiter Weg,’ sagte ich abermals.
‘Das ist wohl wahr; und wenn Sie einmal in Bitternutt Lodge, Connaught. Irland, und, so werde ich Sie nie wieder sehen, Jane: das ist eine moralische
Gewißheit. Ich gehe nie nach Irland hinüber, da ich
in das Land nicht sehr vernarrt bin. Wir sind gute
Freunde gewesen, Jane, nicht wahr?’
‘Ja, Sir.’
‘Und wenn Freunde auf dem Punkte sind, von einander zu scheiden, so bringen sie gern die wenige Zeit, die ihnen noch übrig bleibt, bei einander zu. Kommen Sie. - wir wollen ein halbes Stündchen in aller Ruhe über die, Reise und den Abschied sprechen, während die Sterne dort am Himmel in ihr glänzendes Leben eintreten. Hier ist ein Kastanienbaum; hier die Bank an seiner zarten Wurzel. Kommen Sie, wir wollen uns
heute Abend friedlich dorthin setzen, wenn wir auch nach der Fügung des Schicksals nie mehr dort flitzen sollten.’
Und wir setzten uns nieder.
‘Es ist eine gute Strecke Wegs nach Irland, Jane, und es thut mir leid, meine kleine Freundin so mühsame Reisen machen lassen zu müssen; wenn ich es aber
nicht anders machen kann, wie ist dann zu helfen?’
Glauben Sie, Jane, Sie haben Etwas mit mir gemein, seien ein einigermaßen mir verwandtes Wesen, Jane?’
Ich konnte in diesem Augenblicke keine Antwort
wagen: mein Herz war voll.
,Ich habe nämlich,’ sagte er: ,zuweilen ein sonderbares Gefühl in Beziehung auf Sie - besonders wenn Sie in meiner Nähe sind, wie jetzt: es ist, als
hätte ich unter meinen linken Rippen eine Saite, die fest und unauflöslich verknüpft ist mit einer andern Saite in dem entsprechenden Theile ihrer kleinen Gestalt.
Und wenn jener stürmische Kanal und an die zweihunbert Meilen Land zwischen uns -liegen, so fürchte ich, daß diese Saite der Verbindung abreißen könnte; auch
kann ich mich nicht von der ängstlichen Ansicht losmachen, daß ich mich nach Innen verbluten würde. Was Sie anbetrifft, so werden Sie mich wohl leicht vergessen.
,Nie wird das sein, Sir, Sie wissen —‘
Ich konnte nicht fortfahren.
,Jane, hören Sie jene Nachtigall dort im Gehölze? — Horchen Sie!’
Indem ich so horchte, schluchzte ich convulsivisch; denn ich konnte nicht länger unterdrücken, was ich erduldete: ich mußte dem Schmerz nachgeben, und ward
vom Kopf bis zu den Füßen davon aufs Heftigste durchschüttert. Als ich wieder sprach, war es nur, um den ungestümen Wunsch auszusprechen, daß ich nie auf der Welt gewesen, oder nach Thornfield gekommen sein möchte.
,Weil es Ihnen so leid thut, es verlassen zü müssen?’
Die Heftigkeit der durch Liebe und Kummer in mir erregten Gemüthsbewegung forderte die Herrschaft, und rang um dieselbe, und machte auf ein Recht Anspruch,
zu überwinden, zu leben, sich zu erheben, und am Ende allein zu herrschen; ja - und zu sprechen.'
’Es macht mir Kummer, von Thornfield scheiden zu müssen; ich liebe Thornfield; ich liebe es, weil ich allda ein volles und frohes Leben, wenigstens für Augenblicke geführt habe. Ich bin nicht mit Füßen getreten worden. Ich bin nicht zu einem Steine geworden. Man hat mich nicht mit untergeordneten Geistern lebendig begraben, hat mich nicht von jedem Verkehr mit dem, was glänzend, kraftvoll und erhaben ist, ausgeschlossen. Ich habe von Antlitz zu Antlitz mit dem gesprochen, was ich verehret mit dem, was mir Entzücken macht, mit einem originellen, kräftigen, umfassenden Geiste. Ich habe Sie, Herr Rochester, kennen gelernt, und ich bin von Schrecken und Angst erfüllt, wenn ich daran denke, daß ich durchaus auf immer von Ihnen getrennt
werden soll. Ich sehe wohl, daß ich gehen muß; und diese Nothwendigkejt ist, wie man die Nothwendigkeit des Todes ins Auge faßt.’
,Wo sehen Sie die Nothwendigkeit?’ sagte er plötzlich.
‘Wo Sie haben mir ja dieselbe selbst vorgestellt, Sir.’
,In welcher Gestalt?’
‘In der Gestalt der Miß Ingram, eines edlen und schönen Frauenzimmers, — Ihrer Braut.’
,Meiner Braut! Was für einer Braut? Ich habe keine Braut!’
Aber Sie werden eine solche haben.’
‘Ja; - werde - werde!’
Er biß seine Zähne zusammen.
‘Dann muß ich ja gehen; Sie selbst haben es gesagt.’
‘Nein. Sie müssen dableiben! Ich schwör' es und der Eid soll gehalten werden.’
,Ich sage Ihnen aber, ich muß gehen!’ versetzte ich, fast leidenschaftlich erregt. ,Glauben Sie, ich könne da bleiben, um Nichts für Sie zu werden? Glauben
Sie, ich sei ein Automat? eine gefühllose Maschine?
und könne es ertragen, wenn man mein Stückchen Brod
mir von den Lippen reißt, und wenn man meinen Tropfen lebenbigen Wassers mir aus dem Becher schlägt? Glauben Sie, ich sei herz- und gefühllos, weil ich arm,
klein, und weder von hoher Herkunft bin, noch auf meine Gestalt stolz sein kann? — Sie irren sich! — ich habe so viel Seele, wie Sie, — und ebensoviel Herz! Und hätte mich Gott mit einiger Schönheit und großem Reichthum beschenkt, so würde ich es Ihnen eben so schwer gemacht haben, mich zu verlassen. als es jetzt für mich ist, von Ihnen zu scheiden. Ich spreche jetzt nicht mit Ihnen durch das Medium des Herkommens
und der Sitte, ja nicht einmal des sterblichen Fleisches: — es ist mein Geist, der mit Ihrem Geiste redet, gerade als ob beide schon durch die Grabespforte gegangen
wären, und wir, gleich wie wir sind, zu Gottes Füßen stünden!’
,Gleich wie wir sind!’ wiederholte Herr Rochester — ‘so,’ setzte er hinzu, mich mit seinen Armen umfassend, mich an seine Brust drückend, und seine Lippen
auf die meinigen pressend, ,so; Jane!’
,Ja, so, Sir,’ versetzte ich: -und doch nicht so; denn Sie sind verheirathet — oder doch so gut wie verheirathet, und zwar an Eine, die nicht so hoch steht, wie Sie - an Eine, an ,die Sie keine Sympathie bindet - an Eine, die Sie doch kaum wahrhaft lieben können; denn ich habe Sie ja übex sie spotten hören, ich habe Sie über sie, spotten sehen. Ich würde- eine solche Verbindung mit Hohn, mit Verachtung zurückweisen; und darum bin ich besser, als Sie: - lassen Sie mich gehen!’
,Wohin, Jane? Nach Irland?’
‘Ja, nach Irland. Ich habe mich ausgesprochen, und kann daher nun überall hingehen.’
,Jane, seien Sie doch ruhig; schlagen Sie nicht so um sich, wie ein wilder, wüthender Vogel, der in seiner Verzweiflung sein eigenes Gefieder zerreißt.’
,Ich bins kein Vogel, und kein Netz hält mich gefangen: ich bin ein freies menschliches Wesen mit einem unabhängigen Willen, von dem ich nun Gebrauch mache,
um Sie zu verlassen.’
Noch eine Anstrengung, und ich war frei; ich stand gerade vor ihm.
,Und Ihr Wille soll Ihr Geschick bestimmen,’ sagte er: ,ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz, und einen Theil meines ganzen Vermögens an.’
,Sie spielen da eine Comödie, worüber ich bloß lachen kann.’
‘Sie sollen mit mir durchs Leben gehen, - Sie sollen mein zweites Ich, meine beste Gefährtin hienieden sein.’
,Was das betrifft, so haben Sie bereits Ihre Wahl getroffen, und müssen dabei bleiben.’
,Jane, seien Sie einige Augenblicke still; Sie sind übermäßig aufgeregt: auch ich will stille sein.’
Ein Wind wehte mit einem Mal den Lorbeergang daher, und bebte durch die Aeste des Kastanienbaums: er wanderte dahin — dahin - in eine unendliche Ferne - und erstarb. Der Gesang der Nochtigall war nun die einzige Stimme des Augenblicks; indem ich demselben zuhörte, weinte ich abermals. Herr Rochester saß ruhig da, mich sanft und ernsthaft anblickend.
Es verging einige Zeit, ehe er sprach; endlich sagte er:
‘Kommen Sie an meine Seite, Jane, damit er uns gegenseitig aussprechen und uns mit einander verständigen.’
‘Ich gehe nie wieder an Ihre Seite; ich bin nun von derselben gerissen, und kann nicht mehr zurückkehren.’
“Aber, Jane, ich fordere Sie auf, als meine Frau: Sie allein habe ich im Sinne zu heirathen.’
Ich schwieg: ich dachte, er wolle meiner spotten.
‘Kommen Sie, Jane - kommen Sie hieher.'
,Ihre Braut steht zwischen uns.’
Er stand auf, und erreichte mich mit einem großen Schritte.
,Meine Braut ist hier,' sagte er, mich wieder zu
sich hinziehend, ‘weil ein Wesen hier ist, mir ebenbürtig, mir ähnlich. Jane, wollen Sie mich heirathen?’
Immer noch antwortete ich nicht, und immer noch suchte ich mich aus seinen Händen loszuwinden; denn ich war immer noch ungläubig.
,Zweifein Sie etwa an mir, Jane?’
,Ganz und gar.’
,Sie haben kein Vertraüen zu mir?’
,Nicht ein Bischen.’
‘So bin ich denn ein Lügner in Ihren Augen?’ fragte er in leidenschaftlichem Tone. ,Kleine Zweiflerin, Sie sollen überzeugt werden. Welche Liebe habe
ich zu Miß Ingram? Keine: und. das wissen Sie. Welche Liebe hat sie zu mir? Keine; wie ich mir die Mühe gegeben habe, zu beweisen: ich ließ ein Gerücht bis zu ihr gelangen, daß mein Vermögen nicht ein Drittel von dem vermutheten Betrage erreiche, und ging
bann selbst hin, um das Resultat zu sehen: dasselbe war Kälte von ihrer und ihrer Mutter Seite. Ich wollie, konnte Miß Ingram nicht heirathen. Sie - Sie sonderbares — Sie fast nicht auf diese Erde gehörendes Geschöpf! - Sie liebe ich, wie mein eigen Fleisch. Sie - arm und niedrig, klein und schlicht, wie Sie sind, — Sie bitte ich, mich als Gatten anzunehmen!’
‘Was, mich?’ rief ich, indem ich seines ernsthaften, und insbesondere seines unhöflichen Wesens halber anfing, an seine Aufrichtigkeit zu glauben; ,mich, die ich
auch nicht Einen Freund in der Welt habe, Sie ausgenommen - wenn Sie mein Freund sind: die ich keinen Shilling besitze, es sei denn, was Sie mir gegeben?’
,Sie, Jane. Sie muß ich haben, - ganz haben. Wollen Sie die Meinige sein? Sagen Sie Ja, geschwind.’
Herr Rochester, lassen Sie mich in Ihr Gesicht blicken; wenden Sie sich um, dem Monde zu!’
,Warum?’
,Weil ich Ihre Gedanken in Ihrem Gesichte lesen möchte: wenden Sie sich um!’
,Da; Sie werden es aber kaum leserlicher finden, als ein zerknittertes, zerrissenes Blatt. Lesen Sie weiter, nun beeilen Sie sich, denn ich leide.’
Sein Gesicht war gewaltig aufgeregt und stark geröthet: in den Zügen war ein heftiges Arbeiten, in den Augen ein seltsamer Glanz zu bemerken.
‘O, Jane. Sie foltern mich!’ rief er. ,Mit diesem prüfenden und doch treuen und großherzigen Blicke foltern Sie mich!’
,Wie kann ich das thun? Haben Sie wahr gesprochen, ist Ihr Anerbieten ein ernstliches, so müssen meine einzigen Gefühle gegen Sie Dankbarkeit und Hingebung sein - sie können nicht foltern.’
,Dankbarkeit!’ rief er, und setzte wild hinzu: ,Jane, nehmen Sie meine Hand geschwind an. Sagen Sie, Eduard — geben Sie mir Ihren Namen — Eduard, ich will Sie heirathen.’
‘Ist es Ihr Ernst? - Lieben Sie mich wirklich? -- wollen Sie mich aufrichtig zu Ihrem Weibe haben?’
,Ja, und wenn ein Eid nothwendig ist, um Ihnen die Gewißheit davon zu verschaffen, so schwöre ich einen solchen.’
,Dann, Sir, will ich Sie heirathen.’
‘Eduard - mein Weibchen!’
‘Lieber Erduard!’
,Kommen Sie zu mir her - kommen Sie jetzt ganz nahe zu mir,’ sagte er, und setzte, mir ins Ohr sprechend, in seinem tiefsten Tone, (dabei war seine Wange an die meinige gepreßt) hinzu: ‘Machen Sie mich glücklich — so mache ich Sie glücklich.’
,Gott vergebe mir!’ sagte ich nach einer Weile weiter; ,und mögen die Menschen sich nicht mit mir zu schaffen machen: ich habe sie einmal, und will sie festhalten.’
“Es ist Niemand da, der sich darein zu legen hätte, Sir. Ich habe keine Verwandten, die Einsprache erheben könnten.
,Nein - das ist das Beste an der Sache,’ sagte er.
Hätte ich ihn weniger geliebt, so würde ich seinen frohlockenden Ton und Blick für wild gehalten haben; aber an seiner Seite sitzend, von dem All des Scheibens befreit - in das Paradies der Verbindung mit ihm gerufen, — dachte ich bloß an die Wonne, die ich in solchem Uebermaße schlürfen durfte.
Aber und abermal sagte er: ,Sind Sie glücklich, Jane?’ Und aber und abermal antwortete ich: ,Ja.’
Dann murmelte er die Worte: - ‘Das wird als Sühne dienen - ja als Sühne
dienen. Habe ich sie nicht aller Freunde beraubt, kalt, ohne Trost gefunden? Will ich sie nicht schützen, lieben, trösten? Ist keine Liebe in meinem Herzen, keine Beständigkeit in meinen Entschlüssen? Ja, vor dem Richterstuhl Gottes wird' es als die rechte Sühne gelten. Ich weiß, mein Schöpfer heißt gut, was ich thue. Und was das Urtheil der Welt betrifft, - so kehre ich mich nicht daran. Was die Meinung der Menschen betrifft, — so biete ich ihr Trotz.
Aber was war mit Einem Male geschehen? Der Mond war noch nicht untergegangen, und doch saßen wir ganz im Schatten; kaum vermochte ich meines Herrn Gesicht zu sehen, so nohe ich auch war. Und was fehlte dem Kastanienbaume? Er wand und bog sich, und stöhnte,
während der Wind in dem Lorbeergange sauste, und über uns hinwegfuhr.
,Wir müssen hinein,’ sagte Herr Rochester: ‘das Wetter ändert sich. Ich hätte mit Ihnen bis an den Morgen so dasitzen können, Jane.’
‘Und so,’ dachte ich, ‘ich mit Dir.’
Vielleicht hätte, ich diesen meinen Gedanken ausgesprochen, wäre nicht in dem Augenblicke ein bleifarbiger, blendender Funken aus einer Wolke, die ich ansah, gefahren, und ein Krachen, ein Knall, wie wenn Etwas zerschmettert wird, ein rasselnder Schlag gefolgt. Ich dachte nur daran, meine geblendeten Augen an Herrn
Rochesters Schultern zu verbergen. Der Regen rauschte herab. Ich mußte mit ihm eilends den Gang hinauf, durch den Park hin, ins Haus wir waren aber ganz naß, noch ehe wir die Schwelle des Hauses erreichen konnten. In der Vorhalle nahm er mir den Shawl
ab, und strich das Wasser von meinen aufgelösten Haaren, als Mistreß Fairfax aus ihrem Zimmer herauskam. Ich bemerkte sie anfänglich nicht, und ebenso wenig Herr Rochester. Die Lampe war angezündet. Es konnte jeden Augenblick zwölf Uhr schlagen.
‘Legen Sie eilends Ihre nassen Kleider ab,’ sagte er; ‘und ehe Sie gehen, gute Nacht — gute Nacht, mein Engel!’
Er küßte mich zu wiederholten Malen. Als ich aussah und mich seinen Armen entwand, zeigte sich meinen Blicken die Gestalt der Wittwe, blaß, ernßt und höchlich erstaunt. Ich lächelte ihr blos zu und lief die Treppe hinauf.
‘Die Erklärung wird ein anderes Mal folgen,’ dachte ich. Doch war, als ich mein Zimmer erreichte, der Gedanke für mich quälend, daß sie nur einen Augenblick das, was sie gesehen, falsch deuten könnte. Aber die Freude verdrängte bald jedes andere Gefühl;
und wie laut auch der Wind blies; wie nahe und heftig auch das Krachen und Rollen des Donners war; wie wild und wie oft auch die Blitze zuckten; wie gewaltig, wie wasserfallähnlich auch der Regen während eines Gewitters herabströmte, das nicht weniger, als zwei Stunden dauerte, so blieb mir doch die Furcht, die Angst, fern. Herr Rochester kam während des Gewitters drei Mal an meine Thüre, um zu fragen, ob mir
Nichts geschehen, ob ich ruhig sei, und mehr brauchte ich nicht, um mich für alle Fälle getröstet und gestärkt zu finden.
Ehe ich am darauf folgenden Morgen das Bett verließ, kam die kleine Adele in mein Zimmer hereingelaufen mit der Nachricht, daß der große wilde Kastanienbaum am Ende des Obstgarterns in der Nacht vom Blitze getroffen, und die eine Hälfte desselben abgespalten sei.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Als ich aufstand, und mich ankleidete, dachte ich über das Geschehene nach; es däuchte mir Alles nur ein Traum zu sein. Ich konnte mir von dem Geschehenen so lange keine Gewißheit verschaffen, als ich Herrn Rochester nicht wieder gesehen, und als ich ihn seine Worte der Liebe und seine Gelübde nicht erneuern gehört.
Während ich mein Haar machte, betrachtete ich im Spiegel mein Gesicht, und fühlte, daß es nicht mehr so schlicht sei: es lag Hoffnung in seinen Ausdrücken, und Leben in seiner Farbe; meine Augen sahen aus, als hätten sie die Quelle des Genusses geschaut, und von dem glänzenden Geriesel Strahlen geborgt. Ich hatte oft meinen Herrn nicht anblicken mögen, weil ich fürchtete, es möchte ihm mein Aussehen nicht gefallen;
nun aber hielt ich es für ausgemacht, daß ich mein Angesicht zu dem seinigen erheben dürfe, ohne eine Abkühlung seiner zärtlichen Liebe durch den Ausdruck desselben befürchten zu müssen. Ich nahm ein einfaches, aber reines und leichtes Sommerkleid aus meinem Schranke und zog es an; es schien mir, als habe mir noch nie ein Kleid so gut gestanden: und dieß kam daher, weil ich mich noch nie in einer so wonnevollen
Stimmung befunden hatte.
Ich war nicht überrascht, als ich, nachdem ich die
Vorhalle hinuntergelaufen, sah, daß ein glänzender
Junimorgen auf das Gewitter der Nacht gefolgt war, und ich durch die offene Glasthüre hindurch das Athmen eines frischen und wohlduftenden Windes verspürte.
Es mußte doch, da ich so glücklich war, auch die Natur froh und heiter sein. Eine Bettlerin und ihr kleiner Knabe - beide bleich und zerlumpt - kamen den
Weg herauf, und ich lief hinab, um ihnen alles Geld, das ich gerade in meiner Börse hatte - drei oder vier Shillinge - zu geben; gut oder schlecht, mußten sie
an meiner Fröhlichkeit Theil nehmen. Die Dohlen krächzten und lustigere Vögel sangen; Nichts aber war so heiter und wohltönend, wie mein eigenes frohlockendes Herz.
Mistreß Fairfax überraschte mich, indem sie mit trauriger Miene aus dem Fenster sah, und mit ernster Stimme sagte: —
,Miß Eyre, wollen Sie zum Frühstück kommen?’
Während des Essens war sie ruhig und kalt; aber ich konnte sie jetzt nicht aus ihrem Irrthum ziehen. Ich mußte auf meinen Herrn warten, damit derselbe mir Erklärungen gebe; und so lange mußte auch sie sich gedulden. Ich aß, so gut es angehen mochte, und
dann eilte ich die Treppe hinauf. Ich traf mit Adele zusammen, die aus dem Schulzimmer kam.
"Wohin? Es ist jetzt Zeit zu lernen.’
,Herr Rochester hat mich in die Kinderstube geschickt.’
,Wo ist er?’
‘Dort drinnen,’ erwiederte sie, auf das Zimmer deutend, aus dem sie kam; und ich ging hinein, und da stand er.
,Kommen Sie und sagen Sie mir guten Morgen,' sagte er. Freudig ging ich auf ihn zu. da ich nun kein kaltes Wort mehr, auch keinen bloßen Händedruck erhielt, sondern einen Kuß und eine Umarmung. Es schien natürlich: es war wohlthuend, so von ihm geliebt, so
geliebkost zu werden.
,Jane, Sie sehen blühend, lächelnd und hübsch aus,' sagte er ,wahrhaft hübsch diesen Morgen. Ist das meine blasse, kleine Elfe? Ist das mein Senfkorn? Dieß kleine Mädchen mit dem sonnigen Gesichte, mit dem Grübchen in der Wange, mit den rosigen Lippen,
den seidenglatten, nußbrauncn Haaren, und den nußbraunen, glänzenden Augen?’
Verehrter Leser, ich hatte grüne Augen, aber Du mußt den Irrthum entschuldigen; vermuthlich hatten sie für ihn eine neue Farbe erhalten.
,Es ist Jane Eyre, Sir.’
,Die bald Jane Rochester sein wird,’ setze er hinzu: ,in vier Wochen, Jane, nicht einen Tag mehr. Hören Sie das?’
Ich hörte es, und konnte es nicht recht begreifen;
es machte mich schwindelig. Das Gefühl, welches diese Worte in mir hervorriefen, war etwas stärker, als sich mit der Freude vertrug, Se war etwas Betäubendes,
Erschütterndes, Ueberwältigendes; es war, wie ich glaube, fast Furcht.
,Sie sind roth geworden, und jetzt sind Sie wieder blaß, Jane; weßhalb?’
‘Weil Sie mir einen neuen Namen gegeben, mich Jane Rochester genannt haben; und es kommt mir so seltsam vor.’
,Ja, Mistreß Rochester,’ sagte er; ,die junge Mistreß Rochester - Fairfax Rochester's junge Braut.’
‘Das kann nimmermehr sein, Sir: es klingt nicht wahrscheinlich. Menschliche Wesen erfreuen sich in dieser Welt nie eines ganz vollkommenen Glückes. Ich bin
nicht zu einer andern Bestimmung geboren, als meine
Mitmenschen: der Gedanke, daß ein solches Loos mir
zu Theil werden könnte, ist ein Feenmährchen — ein
Traum bei hellem Tage.’
‘Den ich verwirklichen kann und will. Noch heute werde ich anfangen, denselben zur Wahrheit zu machen. Heute Morgen habe ich an meinen Bankier in London
geschrieben, damit er mich gewisse Juwelen - Erbstücke für die Damen von Thornfeld - die er in Verwahrung hat, schicke. Ich hoffe, dieselben in wenigen Tagen in
Ihren Schooß schütten zu können; denn jedes Vorrecht,
jede Aufmerksamkeit, die ich einer Pairstochter, wenn
ich sie heirathen sollte, bewilligen würde, soll Ihnen zu
Theil werden.’
‘O, Sir - sprechen Sie doch nicht von Juwelen!
Ich höre es nicht gern. Juwelen für Jane Eyre - klingt
unnatürlich und seltsam; ich möchte dieselben lieber entrathen.’
Ich will die Diamantenschnur selbst um Ihren
Nacken, das Diadem selbst um Ihre Stirn’ legen, - und beide werden Ihnen gut stehen; denn es hat die Natur wenigstens Ihnen, Jane, ihr Adelspatent auf die
Stirn’ gedrückt; und ich will die Armbänder um diese zarten Handgelenke befestigen, und diese feenartigen Finger mit Ringen beladen.’
,Nein. nein, Sir! denken Sie an andere Dinge,
und sprechen Sie von Anderem, und in anderer Weise.
Sprechen Sie nicht zu mir, als ob ich eine Schönheit
wäre: ich bin Ihre schlichte, quäkerähnliche Gouvernante.’
,Sie sind in meinen Augen eine Schönheit und zwar eine Schönheit ganz nach dem Wunsche meines Herzens, - zart, ätherisch.’
,Schmächtig, klein, unbedeutend, wollen Sie sagen. Sie träumen, Sir — oder aber wollen Sie meiner spotten. Um Gottes willen, seien Sie nicht ironisch!’
,Ich will es auch dahin bringen - daß die Welt
Sie für eine Schönheit anerkennt,’ fuhr er fort, während ich bei dem Tone, den er angenommen, wahrhaft unruhig wurde, denn ich fühlte, daß er entweder sich
täusche, oder mich zu täuschen suche: ,Ich will meine Jane in Atlaß und Spitzen kleiden, und sie soll Rosen in ihrem Haar tragen; und ich will das Haupt, das
mir so unendlich theuer, mit einem kostbaren Schleier bedecken.’
,Und dann werden Sie mich nicht mehr kennen, Sir; und ich werde nicht länger Jane Eyre sein, sondern ein Affe in einer Harlequinsjacke, — eine Elster
mit erborgten Federn. Fast ebenso gern möchte ich Sie,
Herr Rochester, im Putze eines Schauspielers sehen,
als mich im Gewande einer Hofdame: und ich heiße
Sie nicht schön, Sir, obgleich ich Sie innigst liebe:
viel zu innig, um Ihnen zu schmeicheln. Schmeicheln
Sie mir nicht.’
Indessen verließ er sein Thema nicht, und achtete
auch auf meine Bitte nicht.
Noch heute sollen Sie mit mir nach Millcote
fahren, um einige Kleider für sich auszuwählen. Ich
habe Ihnen gesagt, daß wir in vier Wochen Mann und
Frau sein werden. Die Trauung soll dort unten in
der Kirche ruhig und ohne Aussehen stattfinden; und dann
nehme ich Sie sogleich in, die Stadt. Nachdem wir
uns dort eine kleine Weile aufgehalten, werde ich meinen Schatz in Gegenden, die der Sonne näher liegen, führen, - in die Ebenen Italiens, und zu den Weinbergen Frankreichs; und er soll Alles sehen, was in der alten und neuen Geschichte auf Berühmtheit Anspruch macht: er soll auch das Leben der Städte schmecken; und er soll sich schätzen lernen durch eine richtige Vergleichung mit Andern.’
,Werde ich auf Reisen gehen? - und mit Ihnen,
Sir?’
,Sie sollen sich in Paris, Rom und Neapel, in Florenz, Venedig und Wien aufhalten: der Boden, den ich durchwandert, soll nun auch von Ihnen betreten
werden; überall, wo ich die Spur meines schweren Füßes zurückgelassen, soll auch Ihr Sylphidenfuß sich hinsetzen. Vor zehn Jahren habe ich halb wahnsinnig
Europa durcheilt, mit dem Ekel, dem Haß und der Wuth zu Begleitern: jetzt werde ich es wiedersehen, geheilt und gereinigt, mit einem wahren Engel, als
meinem Tröster.’
Ich lachte über ihn, wie er dieß sagte.
‘Ich bin kein Engel,' versetzte ich; ,auch will ich keiner sein, bis ich sterbe: ich will nur sein, was ich bin. Herr Rochester. Sie müssen weder etwas Himmlisches von mir erwarten, noch etwas Derartiges von mir hoffen - denn Sie werden es nicht bekommen,
so wenig, als ich es von Ihnen bekommen werde; was ich auch gar nicht erwarte.’
,Was erwarten Sie von mir?’
,Einen Augenblick werden Sie vielleicht sein, wie Sie jetzt sind, - einen ganz kleinen Augenblick; und dann werden Sie kalt werden; und dann werden Sie Launen bekommen; und dann werden Sie ernst und strenge sein, und ich werde genug zu thun haben, um Ihnen zu gefallen; wenn Sie sich aber ganz an mich gewöhnt
haben, so werden Sie vielleicht mich wieder gern haben, mich wieder leiden können, - ich sage gern haben, leiden können, nicht aber, mich lieben. Ihre Liebe wird
in sechs Monaten, oder noch vorher verraucht sein. Ich
habe in Büchern, die von Männern geschrieben sind,
gelesen, über diesen Zeitraum hinaus erstrecke sich die
Glut eines Ehemanns nie. Indessen hoffe ich als eine Freundin und Gefährtin meinem theuren Herrn nie ganz zuwider zu werden.’
,Zuwider! Und Sie wieder gern haben! Ich denke.
ich werde Sie immer aufs Neue gern haben; und Sie
sollen bekennen, daß ich Sie nicht allein gern habe, sondern daß ich Sie liebe — wahr, feurig, beständig.’
,Gegen Frauenzimmer, - die mir nur durch ihre
Gesichter gefallen, bin ich der leibhaftige Teufel, wenn
ich finde, daß sie weder Seele, noch Herz haben — wenn sie mir Flachheit, Trivialität, und vielleicht Schwachsinn, Gemeinheit und üble Laune im Hintergrunde zeigen; aber für das klare Auge, und die beredte Zunge, für die Seele, die aus Feuer geschaffen,
und den Charakter, der sich biegt, aber nicht bricht — für den Charakter, der zu gleicher Zeit fügsam und fest, nachgiebig und consequent ist, bin ich stets treu,
und zärtlich.’
,Sind Sie je - auf einen solchen Charakter gestoßen, Sir? Haben Sie je einen solchen geliebt?’
,Ich liebe ihn jetzt.’
‘Aber vor mir: wenn ich überhaupt in irgend einer Beziehung ein solches, schwer zu erreichendes Ideal in mir darstelle?’
,Ihres Gleichen, Jane, habe ich nie gefunden: Sie gefallen mir, und Sie beherrschen mich - Sie scheinen sich zu unterwerfen, und ich liebe die Idee der
Fügsamkeit, die Sie mir mittheilen; und während ich den sanften, seidenen Strang um meinen Finger winde, verursacht er in meinem Arme ein Zucken, das bis zum
Herzen dringt. Es findet eine Einwirkung auf mich statt - ich werde besiegt; und die Einwirkung ist süßer, als ich auszusprechen vermag; und die Eroberung, die
ich über mich ergehen lasse, hat eine Zauberkraft, größer, als irgend ein Triumph, den ich davon tragen kann. Warum lächeln Sie. Jane? Was soll dieser unerklärliche, mit übernatürlicher Kraft begabte, Ausdruck Ihres Gesichtes bedeuten?’
,Ich dachte, Sir (— Sie müssen den Gedanken entschuldigen; er war unwillkührlich -), ich dachte an Herkules und Simson mit ihren Geliebten -‘
,Wirklich, Sie kleines, elfenartiges -‘
,Still, Sir! Sie sprechen jetzt eben nicht sehr
klug, wie auch jene Herren nicht besonders klug gehandelt haben. Hätten sie indessen sich verheirathet, so würden sie ohne Zweifel durch ihre Strenge als Ehemänner ihre Milde als Liebhaber wieder gut gemacht haben: und so wird es, fürchte ich, auch bei Ihnen sein. Ich bin begierig, welche Antwort Sie mir über’s Jahr geben werden, wenn ich Sie um eine Gunst bitten sollte, - deren Gewährung sich nicht mit Ihrer Bequemlichkeit oder Ihrem Vergnügen verträgt.’
,Fordern Sie jetzt Etwas von mir, Jane - sei
die Sache auch noch so geringfügig: ich lasse mich gern
bitten. —‘
,Das will ich auch, Sir; meine Bitte ist schon
fertig.’
,Sprechen Siel Wenn Sie aber mit dieser Miene
zu mir aufsehen und mich anlächeln, so schwöre ich,
daß ich sie Ihnen gewähren werde, ehe ich noch weiß,
was Sie wollen: und dieß wird mich zum Thoren
machen.’
,Ganz und gar nicht, Sir; ich bitte Sie nur um
das Eine: lassen Sie die Juwelen nicht kommen, und
krönen Sie mich nicht mit Rosen Sie könnten ja
ebenso gut dem einfachen Taschentuche, das Sie da haben, einen goldenen Saum geben wollen.’
‘Ich könnte ebenso gut geläutertes Gold vergolden wollen. Ich weiß es: so sei Ihnen denn Ihre Bitte gewährt - für jetzt wenigstens. Ich will den
meinem Bankier gegebenen Auftrag zurücknehmen.
Aber Sie haben noch um Nichts gebeten; Sie haben
nur darum angehalten, daß ein Geschenk zurückgenommen werde: probiren Sie es noch einmal.’
‘Wohlan denn, Sir, haben Sie die Güte, meine Neugierde, die in Einem Punkte sehr lebhaft ist, zu befriedigen.’
Er sah mich verstört an.
,Was, was?’ sagte er hastig. ,Die Neugierde ist eine gefährliche Bittstellerin: es ist gut, daß ich mich nicht verbindlich gemacht habe, jede Bitte zu gewähren —‘
,Es kann ja, aber gar keine Gefahr bei der Gewährung derselben sein.’
,Sprechen Sie sie aus, Jane; aber ich wollte, Sie sprächen den Wunsch aus, mein halbes Vermögen zu besitzen, anstatt vielleicht nach nichts Anderem, als
einem Geheimniß zu fragen.’
‘Nun König Ahasverus!’ was brauche ich Ihr
halbes Vermögen? Glauben Sie, ich sei ein jüdischer
Wucherer, der sein Capital solid in Gütern anzulegen
sucht? Viel lieber möchte ich Ihr ganzes Vertrauen
besitzen. Sie werden mich doch nicht von Ihrem Vertrauen ausschließen, wenn Sie mir in Ihrem Herzen
einen Platz gönnen?’
,All' mein Vertrauen, das des Besitzes würdig
ist, sollen Sie haben, Jane: aber um Gotteswillen,
wünschen Sie keine unnütze Last! Sehnen Sie sich nicht ,
nach Gift - werden Sie mir nicht zu einer wahren
Eva!’
,Warum nicht, Sir? So eben haben Sie mir
gesagt, wie sehr Sie wünschten, besiegt zu werden, und
wie angenehm es für Sie sei, überredet zu werden.
Glauben Sie nicht, ich würde besser daran thun, wenn
ich das Geständniß benützte, und zu schmeicheln und zu bitten begänne - im Nothfäll auch zu weinen und zu schmollen - einzig und allein, um meine Macht auf
die Probe zu stellen?’
,Sie brauchen es nur zu probiren. Gehen Sie
so weit Sie immer mögen, Sie haben gewonnen
Spiel.’
,Wirklich, Sir? Sie geben sich bald überwunden.
Wie strenge Sie nun aussehen! Ihre Augenbrauen
sind so dick geworden, wie mein Finger, und Ihre
Stirn sieht aus, wie eine dunkle, gewitterschwangere
Wolke. Das wird Ihr Ehemannsaussehen sein, Sir,
nicht wahr?’
,Wenn bieß einmal Ihre Blick als Ehegattin ist,
so werde ich als Christ bald den Gedanken aufgeben,
mich mit einem bloßen Geiste, oder mit einem Salamander zu verbinden. Aber was wollten Sie fragen,
Sie kleines Ding? - Heraus damit!’
,Nun sind Sie weniger, denn höflich, und, soll
ich Ihnen die Wahrheit gestehen, so gefällt mir ein
rauhes Wesen weit besser, als Schmeichelei. Ich will
lieber ein kleines Ding sein, als ein Engel. Was ich
fragen wollte, ist; - Warum haben Sie sich so viele
Mühe gegeben, mich glauben zu machen, Sie wollten
Miß Ingram heirathen?’
,Ist das Alles? Dem Himmel sei gedankt, daß es,
nichts Schlimmeres ist!’
Und nun wurde seine dunkle, gefaltete Stirn wieder glatt; er blickte nieder zu mir, lächelte mich an, und streichelte mein Haar, gleich als sei er sehr erfreut,
eine Gefahr abgewendet zu sehen.
,Ich glaube, ich kann es wohl gestehen,’ fuhr er
fort, ,wenn ich Sie auch etwas böse machen sollte,
Jane - und ich habe gesehen, was für ein Feuergeist
Sie sein können, wenn Sie unwillig sind. Sie glühten
gestern Nacht in dem kühlen Mondlicht, als Sie gegen
das Schicksal in offene Empörung ausbrachen, und
Ihren Klang als, ein mir ebenbürtiges Wesen ansprachen. Beiläufig gesagt: waren Sie es, Jane, die mir den Antrag machten.
,Natürlich war ich es. Um nun aber, Sir, wenns gefällig ist, zur Sache, zu Miß Ingram zu kommen?’
‘Nun, ich stellte mich, als mache ich Miß Ingram den Hof, weil ich Sie so wahnsinnig in mich verliebt machen wollte, wie ich in Sie verliebt war und ich wußte, die Eifersucht würde die beste Bundesgenossin sein, die ich zur Förderung und Erreichung dieses Zweckes zu Hülfe rufen könnte.’
,Vortrefflich! Jetzt sind Sie klein - nicht um
ein Bischen größer, als die Spitze meines kleinen Fingers. Es war eine Schmach, ein Scandal, so zu handeln. Hielten Sie auf Miß Ingram's Gefühle gar
Nichts. Sir?’
,Ihre Gefühle. vereinigen sich in Einem - im
Stolz; der muß gedemüthigt werden. Waren Sie eifersüchtig, Jane?’
,Daran liegt Nichts, Herr Rochester: es kann für Sie kein Interesse huben, das zu wissen. Antworten Sie mir noch einmal aufrichtig. Glauben Sie, Miß
Ingram werde durch Ihre unredliche Koketterie nicht leiden? Wird sie sich nicht verlassen fühlen?’
‘Unmöglich! Ich habe Ihnen ja gesagt, wie sie mich im Gegentheil aufgegeben: der Gedanke an meine Zahlungsunfähigkeit kühlte ihre Ton - in Einem Augenblicke ab, oder richtiger gesagt, es löschte sie völlig aus.
,Sie schmieden gern Pläne, sind arglistig, Herr
Rochester. Ich fürchte, Ihre Grundsätze sind in mancher Hinsicht excentrisch.’
‘Für meine Grundsätze habe ich nie eine Schule
gehabt, Jane; aus Mangel an Aufmerksamkeit mögen
sie ein Bischen schief geworden sein.’
‘Noch einmal und ernstlich: Darf ich mich des großen Guts erfreuen, das mir gewährt worden, ohne befürchten zu müssen, es werde eine Andere den bittern
Schmerz empfinden, den ich selbst noch vor kurzer Zeit gefühlt?’
,Ja, das kann mein gutes kleines Mädchen: es ist kein zweites Wesen in der Welt, das dieselbe reine Liebe zu mir hegt, wie Sie - dem ich kann meiner
Seele, Jane, nicht den lieblichen Balsam — den Glauben an Ihre Liebe - versagen.’
Ich näherte meine Lippen der Hand, die auf meinen Schultern lag. - Ich liebte ihn sehr mehr, als ich zu sagen wagte — mehr, als Worte auszudrücken vermochten.
,Verlangen Sie noch Etwas,’ sagte er nach einem Augenblicke; ,es ist mir Wonne, um Etwas gebeten zu werden, und es gewähren zu können.’
Ich war mit meiner Bitte schon wieder bereit.
,Theilen Sie, Sir, Mistreß Fairfax Ihre Absichten mit; sie sah mich gestern Nacht mit Ihnen in der Vorhalle, und nahm ein Aergerniß. Geben Sie ihr
eine Erklärung, ehe ich sie wieder sehe. Es schmerzt
mich, von einer so guten Frau mißkannt zu werden.’
,Gehen Sie auf Ihr Zimmer, und setzen Sie
Ihren Hut auf,’ - erwiederte er. ‘Sie sollen diesen Morgen mit mir nach Millcote, und während Sie sich parat machen, will ich den Verstand der alten Dame
aufklären. Dachte sie, Jane, Sie hätten die Welt für
die Liebe dahingegeben, und Sie glaubten, beim Tausche
gewonnen zu haben?’
,Ich glaube, sie dachte, ich hätte meine und Ihre Stellung vergessen, Sir.’
,Was Stellung, Stellung! - Ihre Stellung ist in meinem Herzen, und auf dem Nacken derer, so Sie beleidigen möchten, jetzt oder später. - Gehen Sie!’
Ich war bald mit meiner Toilette fertig; und als ich Herrn Rochester aus dem Empfangzimmer der Mistreß Fairfax herauskommen hörte, eilte ich in dasselbe hinab. Die alte Dame hatte, wie jeden Morgen, einen
Abschnitt in der Heiligen Schrift gelesen, die auf den
Tag fallende Lection: ihre Bibel lag offen vor ihr,
und ihre Brille darauf. Ihre Beschäftigung. die durch
Herrn Rochester Erklärung unterbrochen worden war,
schien jetzt ganz vergessen zu sein: ihre Augen, auf die
nackte, gegenüberstehende Wand geheftet, drückten die
unangenehme Ueberraschung eines ruhigen, durch eine
unerwartete Nachricht aufgeregten Geistes aus. Als
sie mich sah, faßte sie sich wieder einiger Maßen: sie
strengte sich etwas an, um zu lächeln, und brachte
einige beglückwünschende Worte hervor; aber das Lächeln erstarb, und die Phrase blieb unbeendigt. Sie legte ihre Brille zusammen, machte die Bibel zu, und
schob ihren Stuhl vom Tische weg.
‘Mein Erstaunen ist so groß,’ begann sie, ,daß
ich kaum weiß, was ich zu Ihnen sagen soll, Miß Eyre.
Ich habe doch nicht geschlafen? Bisweilen schlafe ich
halb und halb ein, wenn ich allein dasitze, und mir
Dinge vorstelle, die sich nie ereignet haben. Es hat
mir mehr, denn einmal geschienen, wenn ich so halb
und halb schlummerte, mein lieber Mann, der nun fünfzehn Jahre todt ist, sei hereingekommen, und habe sich neben mich gesetzt, und ich hätte ihn sogar gehört, wie
er mich, ganz wie in früheren Zeiten, bei meinem Namen ‘Alice’ rief, Können Sie mir nun sagen, ob es wirklich wahr ist, daß Herr Rochester Sie um Ihre
Hand gebeten? Lachen Sie nicht über mich. Aber ich habe wirklich geglaubt, er sei vor fünf Minuten hereingekommen, und habe gesagt, daß Sie in einem Monate seine Frau sein würden.’
,Er hat dasselbe auch mir gesagt,’ entgegnete ich.
‘Wirklich! Glauben Sie ihm? Haben Sie Ihre Einwilligung gegeben?’
,Ja.’
Sie sah mich ganz verwirrt an.
,Das hätte ich mir nie in den Sinn kommen lassen. Er ist ein stolzer Maim: alle Rochesters waren stolz, und sein Vater wenigstens liebte auch das Geld.
Auch er ist beständig für einen vorsichtigen Mann erklärt worden. Er will Sie demnach heirathen?’
,So sagt er mir.’
Sie maß mich von Kopf bis zu Fuß: in ihren Augen las ich, daß sie an meiner Person keinen Reiz gefunden, der mächtig genug wäre, um das Räthsel zu lösen.
,Das geht über meinen Verstand!’ fuhr sie fort: aber ohne Zweifel ist es wahr, da Sie mir es sagen. Wie das ausfallen wird, vermag ich nicht zu sagen: ich weiß es fürwahr nicht. Gleichheit der Stellung und des Vermögens ist in solchen Fällen oft rathsam;
und zudem sind Sie und er, was das Alter betrifft, zwanzig Jahre aus einander. Er könnte fast Ihr Vater sein.’
‘O ganz und gar nicht, Mistreß Fairfax!’ rief
ich etwas ärgerlich: ,von einem Vater ist Nichts an
ihm zu bemerken! Niemand, der uns beisammengesehen, würde auch nur für einen Augenblick so Etwas vermuthen. Herr Rochester sieht so jung aus, und ist
so jung, wie manche Männer im Alter von fünfundzwanzig Jahren.’
,Und will er Sie wirklich aus Liebe heirathen?’ fragte sie.
Ich ward durch ihre Kälte und ihren beharrlichen Scepticismus so verletzt, daß mir Thränen in die Augen kamen.
,Es thut mir leid, Ihnen wehe zu thun,’ fuhr die Wittwe fort; ,allein Sie sind noch so jung, und noch so unerfahren in dem, was die Männer betrifft, daß ich Sie warnen wollte. Es ist ein altes Sprichwort: ‘nicht Alles ist Gold, was glänzt;’’ und in
diesem Falle wird man, fürchte ich, Etwas ganz anders
erfinden, als Sie oder ich erwarten.’
,Warum? Bin ich ein Monstrum?’ sagte ich: ,ist es denn so unmöglich, daß Herr Rochester mich aufrichtig lieben sollte?’
,Nein: Sie sehen recht hübsch aus, und zwar in neuester Zeit viel, hübscher, denn früher; und Herr Rochester hat Sie auch, ich zweifle nicht daran, recht gern.
Ich habe immer bemerkt, daß er Ihnen viele Aufmerksamkeit schenkte, daß er besonders gern mit Ihnen umging. Zu Zeiten empfand ich um Ihretwillen einige
Unruhe über den offenbaren Vorzug, dessen Gegenstand
Sie waren, und wünschte, Sie zu warnen, Ihnen
zu sagen, daß Sie auf Ihrer Hut sein sollten; aber
ich wollte nicht einmal die Möglichkeit von etwas Unrechtem andeuten. Ich wußte, daß ein solcher Gedanke Ihnen anstößig sein, - vielleicht sogar Sie beleidigen
würde; und Sie waren stets so besonnen und so durch
und durch bescheiden und verständig, daß ich hoffte, man
könnte es Ihnen selbst überlassen, sich zu schützen. Was
ich in der vergangenen Nacht litt, als ich Sie im ganzen Hause suchte, und weder Sie, noch den Herrn irgendwo finden konnte, vermag ich Ihnen nicht auszudrücken;
und dann sah ich Sie um zwölf Uhr mit ihm hereinkommen.’
,Nun, lassen Sie das jetzt gut sein,’ unterbrach
ich ungeduldig: ,es ist genug, daß Alles recht war.’
Ich hoffe, es wird am Ende Alles recht werden,’ sagte sie; ‘aber glauben Sie mir, Sie können nicht zu vorsichtig sein. Versuchen Sie es und halten Sie Herrn
Rochester etwas fern: mißtrauen Sie sich sowohl, als ihm, Herren, wie er, sind nicht gewohnt, ihre Gouvernanten zu heirathen.’
Hier wurde ich wirklich aufgebracht: glücklicher Weise kam Adele hereingelaufen.
‘Lassen Sie mich auch mit, - mit nach Millcote!’ rief sie. ,Herr Rochester will es nicht haben, obgleich in dem neuen Wagen so viel Platz ist. Bitten Sie ihn doch, Mademoiselle, daß er mich mitfahren läßt.’
,Das will ich, Adele;’ und ich eilte mit ihr hinweg, froh, meiner finstern Räthgeberin und Ermahnerin quitt zu werden. Der Wagen stand bereit: er fuhr vor das Haus hin und mein Herr ging auf dem Pflaster auf und ab, wobei ihm Pilot getreulich folgte.
,Adele darf doch mit uns, Sir, nicht wahr?’
‘Ich habe ihr schon gesagt, daß es nicht sein kann. Ich mag keine Kinder bei mir haben! — Nur Sie sollen mich begleiten.’
‘Lassen Sie sie doch mitfahren, Herr Rochester, wenn es Ihnen gefällig ist: es wäre besser.’
,Nein, nein: sie wird eine Last für uns sein.’
In Blick und Stimme sprach sich bei ihm große Entschiedenheit aus. Die kühlen, warnenden Worte der Mistreß Fairfax und ihre Zweifel übten ihre Herrschaft
über mich aus: meine Hoffnungen waren mir mit Einem
Male als etwas Wesenloses und Ungewisses erschienen.
Ich verlor halb und halb das Bewußtsein meiner Macht
über ihn. Ich war auf dem Punkte, ihm mechanisch,
und ohne ihm weitere Vorstellungen zu machen, zu gehorchen; aber als er mich in den Wagen hob, blickte er mir ins Gesicht.
‘Was ist Ihnen?’ fragte er; ‘aller Sonnenschein ist ja dahin. Ist es Ihnen wirklich erwünscht, daß das Kind mit uns gehe? Wollen Sie es nicht gern zurücklassen?’
,Es wäre mir viel lieber, wenn sie mitginge, Sir.’
,Fort denn, hol’ Deinen Hut und sei so geschwind
wie der Blitz wieder da!’ rief er Adelen zu. Sie gehorchte ihm, so schnell sie nur konnte.
,Am Ende kommt es ja nicht viel darauf an, wenn
ein einziger Morgen etwas gestört wird ,’ sagte er; ,bald werden ja Sie, Ihre Gedanken, Ihre Unterhaltung, Ihre Gesellschaft mir ganz und auf mein Lebenlang gehören.’
Sobald Adele in den Wagen gehoben war, fing sie
an, mich zu küssen, ihre Dankbarkeit wegen meiner Vermittelung auf diese Art an den Tag legend: augenblicklich ward sie in einen Winkel auf der andern Seite von
ihm geschoben. Sie guckte herum zu mir; ein so ernster,
strenger Nachbar war nicht ganz nach ihrem Geschmacke,
da sie sich zu großen Zwang auferlegen mußte: so wie
er für den Augenblick gelaunt war, wagte sie ihm keine
Bemerkung zuzuflüstern, noch ihn um eine Auskunft zu
bitten.
,Lassen Sie sie doch zu mir herüberkommen,’ bat ich; ,sie wird Sie vielleicht belästigen, Sir: auf dieser Seite ist ja Platz genug.’
Und er reichte sie mir herüber wie einen Schooßhund. ,Ich werde sie noch in eine Schule thun,’ sagte er; jetzt aber lächelte er.
Adele hörte das und fragte, ob sie. ‘sans mademoiselle’ in die Schule müsse?
‘Ja,' erwiederte er, durchaus ,sans mademoiselle,’ denn ich werde Mademoiselle mit mir in den Mond nehmen, und dort werde ich eine Höhle in einem
der weißen Thäler unter den Vulkanspitzen suchen, und
Mademoiselle soll dort mit mir leben und ganz allein
mit mir.’
‘Sie wird aber Nichts zu essen haben; sie wird
verhungern müssen,’ bemerkte Adele.
Ich werde am Tag und in der Nacht Manna für
sie sammeln; die Ebenen und die Abhänge der Hügel
auf dem Mond sind mit Manna ganz weiß übersäet,
Adele.’
‘Sie wird sich auch wärmen wollen; und wie wird
sie es anfangen, um Feuer zu bekommen?’
‘Aus den Mondbergen kommt Feuer heraus: wenn
es sie friert, so werde ich sie auf einen Berggipfel hinauftragen, und sie am Rande eines Kraters niederlegen.’
“Oh, gu'elle y sera mal — peu comfortable!
Auch werden ihre Kleider sich abnutzen, und woher soll
sie neue bekommen?’
Herr Rochester wollte noch nicht daran gedacht
haben.
,Hm!’ sagte er. ,Was würdest Du thun, Adele?
Strenge Dein Gehirn en Bischen an, und suche ein
Auskunftsmittel zu finden. Wie würde wohl eine weiße
oder nelkenfarbige Wolke anstatt eines Kleides dienen?
und meinst Du nicht, man könnte eine ganz hübsche
Schärpe aus einem Regenbogen herausschneiden?’
,Es ist weit besser, sie bleibt wo und wie sie ist,’ lautete der Schluß Adelens, nachdem sie einige Zeit über die Sache nachgedacht; ,auch würde se bald genug
daran haben, so allein mit Ihnen im Monde zu leben.
Wäre ich Mademoiselle, ich würde nimmermehr mit
Ihnen gehen.’
,Sie hat aber ihre Einwilligung gegeben; sie hat
ihr Wort verpfändet.’
,Aber Sie können sie nicht dorthin bringen; es
gibt ja keinen Weg in den Mond; es ist Alles Luft,
und weder Sie, noch Mademoiselle können fliegen.’
,Adele, sieh das Feld dort an.’
Wir waren jetzt außerhalb des Parkthors von
Thornfield und rollten leicht auf dem ebenen Wege nach
Millcote hin, wo der Gewitterregen den Staub vollkommen gelegt hatte, und die niedrigen ecken, sowie die hohen, schönes Gauholz gebenden Bäume auf jeder
Seite, grün und vom Regen erfrisch, glitzerten.
‘Auf dem Felde dort, Adele, ging ich spät an einem
Abende etwa vor vierzehn Tagen - am Abende des
Tages, wo Du mir auf den Wiesen am Obstgarten Heu
machen halfst spazieren; ich war müde von dem dielen Rechen und setze mich auf einen Steg, um dort auszuruhen. Dort zog ich ein kleines Buch und einen Bleistift heraus und fing an, von einem Unglück zu schreiben,
das mir schon vor langer Zeit begegnet ist, und von
der Sehnsucht nach künftigen glücklichen Tagen. Ich
schrieb geschwind darauf los, obgleich es auf meinem
Blatte dunkel wurde, als etwas den Weg herauf kam und einige Schritte vor mir stehen blieb. Ich sah es an. Es war ein kleines Ding mit einem Schleier aus
Sommerfäden auf dem Kopfe. Ich winkte ihm, näher
zu kommen: bald stand es an meinem Knie. Ich sprach
nie in Worten zu ihm, und auch es sprach nicht mit
mir; aber ich las in seinen Augen und es in den meinigen, und unsere stumme Unterredung war etwa folgenden Inhalts: -
“Es sei, sagte es, eine Fee und komme aus dem Elfenland, und der Zweck seines Kommens sei, mich glücklich zu machen: ich müsse mit ihm aus dieser gemeinen Welt an einen einsamen Ort gehen, etwa in den Mond; und es nickte mit dem Kopfe nach dem Horne
des Mondes hin, der über den Hügel von Hay heraufstieg; es erzählte mir von der Alabasterhöhle und dem Silberthal, wo wir leben könnten. Ich, sagte, daß ich
wohl gehen möchte, erinnerte es aber, ganz wie Du so
eben gethan, daß ich keine Flügel zum Fliegen hätte.
‘’O,’ versetzte die Fee, ,das thut Nichts! Hier
ist ein Talisman, der alle Schwierigkeiten beseitigen
wird;’ und sie hielt mir einen schönen goldenen Ring
hin. ,Stecke ihn,’ sagte sie, ,an den vierten Finger
meiner Linken Hand, so bin ich die Deine und Du der
Meine; und wir verlassen dann diese Erde und suchen
und finden dort unsern Himmel. Sie nickte abermals
mit dem Kopfe nach dem Monde hin. Der Ring, Adele,
ist in meiner Hosentasche in Gestalt eines Goldstücks;
bald aber werde ich es wieder -in einen Ring verwandeln.’
,Was hat aber Mademoiselle damit zu schaffen?
Mich kümmert die Fee wenig: Sie sagten, Sie wollten
Mademoiselle in den Mond entführen — ?’
,Mademoiselle ist eine Fee,’ sagte er, geheimnißvoll flüsternd.
Ich bemerkte Adelen, sie solle nicht auf seine Scherze
achten; und sie legte ihrerseits einen Schatz ächten französischen Scepticismus an den Tag, indem sie Herrn Rochester "un vrai menteur’ nannte und ihn versicherte, daß sie seine ,Contes de Fées’ gar nicht hoch anschlage, und daß “au reste, il n’y avait pas de Fées, et guand même il y en avait:’ sie sei gewiß, daß ihm nie Feen erscheinen, Ringe geben, oder sich erbieten würden, mit ihm im Monde zu leben.’
Die Stunde, die wir zu Millcote zubrachten, war
für mich etwas ermüdend. Herr Kochester nöthigte mich, mit ihm in eine Seidenwarenhandlung zu gehen: dort sollte ich ein halbes Dutzend Kleider auswählen.
Mir war das Geschäft zuwider und ich bat ihn daher, es auf eine andere Zeit verschieben zu dürfen; doch alles
Bitten half Nichts - es sollte gleich jetzt abgethan
werden. Durch vieles Bitten, in kräftigem Flüstern ausgedrückt, gelang es mir, das halbe Dutzend auf zwei zu
beschränken; diese zwei aber, sagte er, wolle und müsse
er selbst auswählen. Ich konnte meine Angst nicht verbergen, als ich sein Auge über die prächtigen Stoffe
hinschweifen sah: er entschied sich für ein reiches Seidenkleid von der prächtigsten Amethystfarbe, sowie für ein prachtvolles, blaßrothes Atlaßkleid. Ich flüsterte ihm
abermals zu, er könne mir eben so gut gleich ein goldenes Kleid und einen silbernen Hut kaufen: gewiß würde ich mich nie dazu entschließen können, die von
ihm ausgewählten Kleider zu tragen. Mit unendlicher Schwierigkett (- er war hartnäckig wie ein Stein —) überredete ich ihn, einem einfachen schwarzen Atlaß und
einem perlengrauen Seidenstoff den Vorzug zu geben.
‘Für jetzt wolle er es geschehen lassen,’ meinte er;
,aber er wolle mich doch noch so schimmernd und glänzend sehen, wie ein Blumenbeet.’
Ich war froh, daß ich ihn endlich aus dem Seidenladen und dann aus dem Juwelenladen herausbrachte; je mehr er mir kaufte, um so mehr glühte meine Wange
von einem Gefühle der Erniedrigung, von einem Gefühle, worin sich deutlich genug aussprach, wie lästig
und wie unangenehm mir All' das sei. Als wir wieder in den Wagen stiegen und ich mich fieberhaft und abgemattet zurücksetzte, fiel mir ein, was ich im Dränge
der trüben und frohen Ereignisse, ganz und gar vergessen hatte - den Brief meines Oheims John Ehre an Mistreß Reed: seine Absicht, mich zu adoptiren und
mich zu seiner Universalerbin einzusetzen.
’Es würde in der That eine Beruhigung für mich sein,’ dachte ich, ‘wenn ich eigenes Vermögen, und wäre es auch noch so wenig, hätte; nimmermehr kann
ich mich von Herrn Rochester wie eine Puppe kleiden
lassen; nimmermehr kann ich es ertragen, wie eine
zweite Danae dazusitzen und Tag für Tag den Goldregen über mich fallen, zu lassen. Sobald ich nach Hause komme, - will ich nach Madeira schreiben und meinem
Onkel John sagen, daß ich auf dem Punkte sei, mich
zu verheirathen, und auch mit wem; daß, wenn ich auch
nur die Aussicht hätte, einst Herrn Rochester einiges
Vermögen zuzubringen, ich es besser ertragen könnte,
mich von ihm jetzt unterhalten zu lassen.
Durch diesen Gedanken (- den ich nicht ermangelte, noch an demselben Tage auszuführen —) einigermaßen beruhigt, wagte ich es, dem Auge meines Herrn
und Geliebten wieder zu begegnen, das das meinige beharrlich aufsuchte, obgleich ich Gesicht und Blick abwendete. Er lächelte, und es kam mir vor, als ob sein Lächeln
dem eines Sultans sehr ähnlich wäre, wenn dieser in einem zärtlichen und wonnevollen Augenblick eine Sclavin ansieht, die er mit seinem Gold und seinen Edelsteinen bereichert. Ich drückte seine Hand, welche beständig die meinige suchte, kräftig, und schob sie, roth von dem leidenschaftlichen. Drucke, ihm zurück.
,Sie brauchen nicht so zu blicken,’ sagte ich;
,wenn Sie es thun, so trage ich Nichts als meine alten,
aus Lowood mitgebrachten Kleider. In diesem lilafarbigen Ginghamkleide lasse ich mich trauen - Sie mögen sich aus dem perlgrauen Seidenstoffe einen Schlafrock machen lassen, und eine Unzahl von Westen von dem schwarzen Atlaß.’
Er lachte aus vollem Halse und rieb sich die Hände.
,D, es ist etwas Köstliches, Sie zu sehen und zu hören!’ rief er. ,Ist sie originell? ist sie pikant? Fürwahr, ich möchte dieses einzige englische Mädchen
nicht gegen das ganze Serail des Großtürken austauschen: gegen Gazellenaugen, Hourigestalten u. s. f.!’
Die orientalische Anspielung verletzte mich abermals.
,Ich mag Ihnen keinen Augenblick anstatt eines Serails dienen,’ sagte ich; ,sehen Sie mich daher nicht als ein Aequivalent eines solchen an: wollen Sie irgend
Etwas der Art, so gehen Sie alsbald, Sir, in die Bazars von Stambul, und verwenden Sie auf bedeutende Ankäufe von Sclavinnen einen Theil des Geldes, das Sie übrig haben und hier nicht -recht an den Mann bringen zu können scheinen.’
,Und was wollen Sie thun, Jane, während ich so viele Tonnen Fleisch und ein solches Quantum schwarzer Augen erhandle?’
‘Ich will mich vorbereiten, als Missionär auszuziehen, um denen, so unter dem Drucke der Sclaverei leben insbesondere auch den Bewohnerinnen Ihres
Harems Freiheit zu predigen. Ich werde mir dort Zutritt zu verschaffen wissen und werde zur Empörung auffordern; und Sie, Pascha von drei Roßschweifen,
sollen sich in einem Augenblicke gefesselt in unsern Händen finden: auch werde ich, ein für allemal, Ihre Bande nicht eher lösen, als bis Sie einen Freibrief unterzeichnet haben, so frei, wie ein Despot noch keinen ausgestellt hat.’
,Ich würde mich Ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben, Jane.’
,Ich würde kein Mitleid haben, keine Gnade zeigen, Herr Rochester, wenn sie mich mit einem solchen Auge darum bäten. So lange Sie so aussehen, würde ich gewiß sein, daß, welchen Freibrief Sie immer unter der Herrschaft des Zwanges ausstellen möchten, Ihre
erste Handlung, sobald sie wieder in Freiheit gesetzt
wären, - in der Verletzung der Bedingungen desselben bestehen würde.’
‘Nun, Jane, was wollen Sie denn? Ich fürchte
fast, Sie wollen mich zwingen, neben der Heirathsceremonie am Altar noch eine andere Privatceremonie durchzumachen. Ich sehe, Sie wollen noch besondere Bedingungen festsetzen - welcher Art mögen diese wohl sein?’
,Ein ruhiger Sinn, ein leichtes Gemüth, Sir, ist Alles, was ich wünsche; ich mag nicht von den vielen Verbindlichkeiten darnieder gedrückt werden. Erinnern
Sie sich noch, wie Sie von Celine Varens gesprochen haben? - von den Diamanten, den Kaschemirkleibern, und Kaschemirshawls, die Sie ihr gegeben hätten? Ich
mag nicht Ihre englische Celine Varens sein. Ich will
fortfahren, die Gouvernante Adelens zu spielen: dadurch
werde ich mir Kost und Wohnung und dazu noch jährlich dreißig Pfund verdienen. Mit diesem Gelde will ich mir noch meine Kleiber anschaffen, und Sie sollen mir Nichts geben, als -‘
‘Gut, als was?’
‘Ihre Achtung; und wenn ich Ihnen die meinige dafür gebe, so würden wir guitt sein.’
‘Nun, was die kalte angeborne Unverschämheit, und den reinen angebornen Stolz betrifft, so haben Sie
Ihres Gleichen nicht,’ sagte er.
Wir näherten uns jetzt Thornfield.
‘Wollen Sie heute mit mir zu Mittag speisen?’
fragte er, als wir wieder durch das Parkthor einfuhren.
,Nein, ich danke Ihnen, Sir.’
,Und warnm ,,nein, ich danke Ihnen’’? wenn
man fragen darf.’
,Ich habe noch nie mit Ihnen zu, Mittag gegessen, Sir, und sehe auch keinen Grund, warum ich es jetzt sollte, bis —‘
,Bis was geschieht?’ Sie gefallen sich in halben
Worten.’
,Bis ich nicht mehr anders kann.’
,Glauben Sie, ich esse wie ein Vielfraß, oder wie ein Währwolf, daß Sie fürchten, an meinem Mahle Theil zuu nehmen?’
,Ich habe darüber lediglich keine Vermuthungen
angestellt, Sir; allein ich möchte noch einen Monat
leben, wie bisher.’
‘Dann werden Sie hoffentlich ein für allemal Ihre
Sclavenarbeit als Gouvernante einstellen.’
,Ei, ei, da muß ich Sie um Verzeihung bitten,
Sir; das werde ich nicht. Ich werde auch ferner so
leben, wie bisher. Ich werde, wie bisher Ihnen den
ganzen Tag aus dem Weg gehen; Abends können Sie
dann nach mir schicken. wenn Sie sich aufgelegt fühlen,
mich zu sehen, und dann werde ich kommen; aber sonst
nicht!’
,Ich muß rauchen, Jane, oder eine Prise Schnupftaback nehmen, um mich bei all diesen Anfechtungen zu trösten, ‘pour me donner une contenance,’ wie Adele sich ausdrücken würde; und unglücklicher Weise habe ich weder mein Cigarrenetui, noch meine Schnupstabaksdose. Aber hören Sie: — es ist jetzt ihre Zeit, kleine
Tyrannin, doch es wird die meine kommen; und habe ich
Sie nur erst recht, so binde ich Sie - figürlich gesprochen, - an eine Kette, wie diese da.’ (— und hier berührte er seine Uhrkette —) ‘Ja, artiges, kleines
Ding, ich werde Sie in meinem Busen tragen, aus Furcht, mein Keinod abzunutzen.'
Er sagte dieß, während er mir absteigen half, und als er gleich darauf Adele aus dem Wagen hob, ging ich in das Haus hinein, und die Treppe hinauf.
An Abend ließ er, mich zu sich rufen, wie ich erwartet hatte. Ich hatte aber an eine Beschäftigung für ihn gedacht, denn ich war entschlossen, nicht die
ganze Zeit in einer Unterredung unter vier Augen zuzubringen: ich erinnerte mich seiner scgönen Stimme; ich wußte, daß er, gleich allen guten Sängern, sich gerne
hören ließ. Ich selbst hatte nur wenig Stimme. und war auch nach der Meinung meines schwer zu befriedigenden Richters keine Clavierspieierin; allein ich hörte
mit Entzücken zu, wenn der Vortrag gut war. Kaum
hatte die Dämmerung, die Stunde der Romantik, ihr
blaues und sternbesäetes Banner über das Fensterwerk
niedergesenkt, als ich aufstand, das Piano-Forte aufmachte, und ihn um des Himmels willen bat, mir Etwas, zu singen. Er sagte, ich sei eine von Launen geplagte
Hexe und er wolle lieber ein anderes Mal singen; ich
aber stellte die Behauptung auf, daß keine Zeit so günstig wäre, wie die jetzige.
,Ob ich seine Stimme gerne hörte,’ - fragte er mich.
‘Sehr gern.’
Ich mochte dieser seiner empfindlichen Eitelkeit durch
Schmeicheln keinen Vorschub leisten; aber dieses Mal
schien es mir auch aus andern Gründen räthlich, dieselbe sogar noch zu stimuliren.
‘Wohlan denn, Jane, begleiten Sie mich auf dem Piano-Forte!’
,Recht gern, Sir, ich will es versuchen.’
Ich versuchte es, ward aber sogleich vom Stuhle weggeschoben und eine kleine Stümperin genannt. Nachdem ich so ohne Weiteres auf die Seite geschoben war —
was ich gerade wünschte — setzte er sich auf meinen
Platz, und fing on, sich zu begleiten, denn er konnte
eben so gut spielen, als singen. Ich verbarg mich in
der Fenstervertiefung, und während ich dort saß, und
auf die stillen Bäume und den düsteren Rasenplatz
hinausschaute, wurde nach einer lieblichen Melodie mit
klangvoller Stimme folgendes Lieb gesungen: --
Die reinste Liebe, die je einem, Menschen
Das Innerste entflammt mit Feuersgluth,
Hat in lebhaftern Sprüngen durch die Adern
Dahin gegossen meines Lebens Fluth.
Ihr Kommen war mein Hoffen jeden Morgen,
Nahm Abschieb sie, so wachte auf mein Gram,
Und das Geschick goß Eis mir durch die Abern,
Das ihren Schritt gehemmt, bevor sie kam.
Es träumte mir, so heiß geliebt zu werden,
Wie ich sie liebte, sei das höchste Glück;
Ich jagte kühn nach diesem hohen Ziele,
Gleich eifrig war der Sinn, wie blind der Blick,
Doch weit und pfadlos dehnen sich die Räume,
Die tückisch trennen unser Beider Loos;
Gefahrvoll wie die schaumbedeckten Wogen
Der wilden Fluth im grünen Meeresschooß:
Von Geistern heimgesucht, wie jene Pfade,
Die Räuber geh'n, wie Wildnis oder Wald;
Denn trennend legt sich zwischen unsre Herzen
Der Zorn, das Leid, das Recht und die Gewalt.
Heraus mit kühnem Trotz rief ich mein Schicksal,
Verachtete, was hemmend mich umgarnt;
Und ungestüm jagt' ich vorbei an Allem,
Was auch gedroht, ermüdet und gewarnt.
Ich flog als wie ein Traum, mein Regenbogen
Gilt’ immer mir voran, schnell wie das Licht;
Das Kind des Sonnenblicks und Regengusses
Erschaute herrlich dort mein Angesicht.
Er scheinet hell auf düstergrauen Wolken
Noch sanft und milde jenes Freudenbild;
Was kümmert es mich jetzt, ob die Gefahren
Zu Hauf’ herannah'n, grimmig, dicht und wild?
Nicht gräm’ ich mich in dieser süßen Stunde;
Und sollte, was mir einst von fern gedräut,
Heranziehn jetzt auf starken, schnellen. Schwingen.
Und wäre schwarzer Rache ich geweiht.
Und sollte stolzer Haß mich niederschmettern,
Sollt’ nicht ihr nahen ich auch Rechtes Spruch,
Und sollten schwören mir die schlimmen Mächte
Mit Wuth im Blick endloser Feindschaft Fluch.
Mit edler Treue hat jetzt die Geliebte
Mir hingegeben ihre kleine Hand;
Und mir gelobt, daß ewig unsre Wesen
Vereinige der Ehe heilig Band.
Mich küssend fügt zum Eid sie das Gelöbniß:
Im Leben und im Tode bin ich Dein,
O! unaussprechlich namenlose Freude!
So wie ich liebe, auch geliebt zu sein.
Er erhob sich, und kam auf mich zu: ich sah sein
Gesicht voller Leben; sein Falkenauge sprühete Feuer,
und in jedem Zuge gab sich Zärtlichkeit und Leidenschaft
zu erkennen. Einen Augenblick überkam mich ein Beben
- doch faßte ich mich alsbald wieder. Eine zärtliche
Scene, eine kühne Demonstration wollte ich nicht, und
mir drohte doch Beides: es mußte also eine Vertheidigungswaffe in Bereitschaft gehalten werden - und ich spitzte meine Zunge.
Als er mich erreichte, fragte ich ziemlich rauh,
‘wen er nun zu heirathen gedächte?’
Das war einmal eine seltsame Frage von meiner
Herzensgeliebten.
,Gewiß? Ich hielt sie für sehr natürlich und nothwendig.’ —
Ich fuhr also fort:
‘Er habe ja davon gesprochen, daß seine künftige
Gattin mit ihm sterben solle. Was er mit einer solchen
heidnischen Idee wolle? Ich hätte nicht die Absicht mit
ihm zu sterben - darauf könne er sich verlassen.’ -
Worauf er erwiederte: -,
,Alles, was er wünsche, Alles, warum er den Himmel bitte, sei, daß ich mit ihm leben möchte! Der Tod
sei nicht für Personen, meiner Art.’
,Nein, nein,’ versetzte ich: ,ich habe ebenso viel
Recht zu sterben, wie Sie, wenn meine Zeit einmal da
ist; aber diese Zeit will ich abwarten, und ich will nicht
plötzlich hinweggerafft werden.’
,Ob ich ihm diese seine selbstsüchtige Idee verzeihen,
und meine Verzeihung durch einen versöhnenden Kuß
an den Tag legen wolle,’ fragte er mich.
,Nein, er möge mich entschuldigen,’ lautete meine
Antwort.
Hier mußte ich hören, wie er mich als ein kleines
Ding apostrophirte; auch wurde hinzugesetzt, daß jedes
andere Frauenzimmer zu Mark zusammengeschmolzen
wäre, wenn sie solche Strophen zu ihrem Lobe hätte
singen hören.
Ich versicherte ihm, ich sei von Natur hart - ja
kieselhart, und er werde mich oft genug so finden; und
überdieß sei ich entschlossen, ihm verschiedene Ecken in
meinem Charakter zu zeigen, ehe die nächsten vier Wochen verstrichen wären: er müsse genau wissen, welchen Handel er gemacht, so lange es noch Zeit sei, denselben
rückgängig zu machen.
,Ob ich nun ruhig sein und vernünftig sprechen
wolle,’ fragte er.
,Ich wolle,’ versetzte ich, ,ruhig sein, wenn das
ihm gefalle; und was das vernünftige Sprechen anbelange, so schmeichelte ich mir, es jetzt schon zu thun.
Sein Aerger zeigte sich sichtlich sowohl in seinen
Ausrufungen, als seinen Grimassen.
‘Ganz gut,’ dachte ich; ,tobe und werde ungeduldig, so viel Du willst; allein dieß ist die beste Art, mit Dir fertig zu werben. Ich liebe Dich mehr, als ich zu sagen vermag; aber ich mag nicht in ein Meer von Sentimentalität versinken, und mit diesen spitzigen
Antworten will ich Dich auch vom Rand des Abgrunds
zurückhalten, und dabei noch die Entfernung zwischen
uns Beiden aufrecht halten, die zu unserm wahren gegenseitigen Vortheil führt.’
Allmählig steigerte ich noch seinen Aerger; dann
stand ich, nachdem er sich erzürnt ganz an das andere
Ende des Zimmers zurückgezogen, auf, und schlüpfte
mit den in meiner gewöhnlichen ehrerbietigen. Weise gesprochenen Worten: ,Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Sir’ - zur Seitenthüre hinaus.
Dieses also angefangene System befolgte ich während der ganzen Prüfungszeit; und zwar mit dem besten Erfolge. Zwar wurde er dadurch etwas übellaunisch und
trotzig.; aber im Ganzen konnte ich doch sehen, daß er sich dabei trefflich unterhielt; sowie daß eine lammartige Unterwürfigkeit und eine turtestaubenartlge Empfindsamkeit seinen Despotismus zwar noch mehr genährt, seinem Urtheil aber weniger gefallen, seinen Verstand weniger befriedigt, ja auch seinem Geschmacke weniger
zugesagt haben würde.
Waren andere Leute anwesend, so war ich, wie früher, ruhig und beobachtete alle Rücksichten; dagegen zeigte ich mich in unsern Abendunterhaltungen widerspenstig und
suchte ihn zu ärgern. Er ließ mich regelmäßig rufen,
sobald die Glocke sieben schlug, obgleich er, wenn ich
jetzt vor ihm erschien, keine der gebräuchlichen, honigsüßen Worte auf den Lippen hatte, als da sind ‘Liebe,
Liebling, Herzensgeliebte, Theuerste, Augapfel u. s. w.’
Die besten Worte, womit er mich beehrte, waren ,widerwärtige Puppe, boshafte Elfe, Geist, Wechselbalg u. s, w.’ Anstatt der Liebkosungen erhielt ich auch
Grimassen; anstatt eines Händedrucks einen Knniff in
den Arm; anstatt eines Kusses auf die Wange zwickte
er mich tüchtig ins Ohr. Das war Alles recht; für
jetzt zog ich diese wilden Gunstbezengungen jeder zärtlicheren Demonstration vor. Mistreß Fairfax billigte, wie ich bemerkte, mein Benehmen: ihre Aengstlichkelt in
Betreff meiner verschwand; deßhalb hatte ich die Gewißheit, daß ich mich recht benehme. Unterdessen behauptete Herr Rochester, ich quäle ihn fast zu Tode,
und drohte mit furchtbarer Rache in einer Zeit, die
nicht mehr fern sei. Ich lachte in die Faust bei seinen
Drohungen.
‘Ich kann Dich nun recht ordentlich im Zaume halten, dachte ich bei mir selbst; ,und ich zweifele nicht, daß mir das auch später gelingen wird: wenn ein Mittel sich als unwirksam, erweist, so muß ein anderes erdacht werden.’
Bei Alle dem aber war meine Aufgabe keine leichte:
oft hätte ich ihm lieber gefallen, als ihn geärgert.
Mein zukünftiger Gatte sollte meine ganze Welt werden,
und mehr als die Welt: fast meine Hoffnung auf den
Himmel. Er stand zwischen mir und jedem religiösen
Gedanken, wie eine Finsterniß zwischen den Menschen
und die helle Sonne tritt. Ich vermochte in jenen Tagen Gott nicht zu sehen vor seinem Geschöpfe, aus dem ich ein Idol gemacht hatte.
Fünfundzwanzigtes Kapitel.
Die Zeit meines Brautstandes — ein Monat — war nun beinahe um: die letzten Stunden waren gezählt. An ein Aufschieben des herannahenden Tages des Hochzeittages - war nicht zu denken: alle Vorbereitungen waren vollendet. Was mich wenigstens
betrifft, so hatte ich Nichts mehr zu thun: da standen meine Koffer, gepackt, verschlossen, mit Stricken umwunden, in einer Reihe an der Wand meines
kleinen Zimmers hin; morgen um diese Zeit sollten sie schon weit auf ihrem Wege nach London sein, und so auch ich mit Gottes Willen, - oder vielmehr
nicht ich, sondern eine gewisse Jane Rochester, eine Person, die ich bis jetzt noch nicht kannte. Die Adressen allein mußten noch aufgenagelt werden: sie lagen vier kleine viereckige Stücke - auf der Kommode. Herr Rochester hatte selbst sämmtliche vier Adressen geschrieben: Mistreß Rochester, — Hotel, London: ich konnte mich nicht entschließen, sie aufzunageln, oder aufnageln zu lassen. Mistreß Rochester! Sie existirte nicht: sie sollte erst morgen, kurz nach acht Uhr in der Früh, geboren werden; und ich wollte warten, um mich zu versichern, daß sie wirklich lebendig zur Welt gekommen, ehe ich ihr all’ das Eigenthum zuwies. Es war genug, daß in jenem Kabinet, meinem Toilettentische gegenüber, Kleider, die ihr gehören sollten, bereits mein schwarzes Zeugkleid aus Lowood und meinen Strohhut verdrängt hatte, denn nicht mir gehörte jener vollständige Hochzeitsanzug: das perlfarbige Kleid, der seine nebelartige Schleier, der von dem usurpirten Kleiderrechen herabhieng. Ich machte das Kabinet zu - um den seltsamen geisterhaften Schmuck, den es enthielt, zu verbergen; einen Schmuck, der zu dieser Abendstunde - es war
neun Uhr - gewiß einen geisterhaften Schimmer durch
den Schatten meines Zimmers hindurch verbreitete.
,Ich will dich allein lassen, weißer Traum,’ sagte
ich. ,Ich bin fieberhaft erregt; ich höre den Wind
wehen; ich will hinaus und ihn fühlen.’
Es war nicht bloß die Eile der Vorbereitung, die
mich so fieberhaft aufgeregt hatte; nicht bloß die Vorempfindung der großen Veränderung, des neuen Lebens,
das morgen für mich beginnen sollte: ohne Zweifel trugen diese Umstände zu der ruhelosen, aufgeregten
Stimmung bei, die mich zu dieser späten Stunde in den
Park hinaustrieb, auf den bereits die Finsterniß sich herabsenktet; — sondern eine dritte Ursache übte auf meinen
Geist einen mächtigeren Einfluß, als sie.
Ein seltsamer und ängstlicher Gedanke ging mit
mir um. Etwas war vorgefallen, was ich nicht zu begreifen vermochte; Niemend wußte um die Sache, Niemand hatte es mit eigenen Augen gesehen, als ich: das
Ereigniß hatte in der vergangenen Nacht Statt gefunden.
Herr Rochester war in jener Nacht von Hause abwesend; auch war er noch jetzt nicht zurückgekehrt: Geschäfte hatten ihn nach einem kleinen, aus zwei oder
drei Pachthöfen bestehenden Landgute gerufen, das er
dreißig Meilen von Thornfield hatte — und diese Geschäfte mußte er in eigener Person besorgen, ehe er England verlassen konnte. Ich harrte nun seiner Rückkehr voller Sehnsucht, mein Gemüth zu entlasten und bei ihm die Lösung des Räthsels zu suchen, das mich in Verwirrung setzte. Warte, Leser, bis er kommt;
und wenn ich ihm mein Geheimmniß enthülle, so sollst
Du ins Vertrauen gezogen werden.
Ich suchte den Obstgarten auf, und wollte dort
Schutz finden vor dem Winde, der den ganzen Tag über
stark und voll aus Süden geblasen hatte, ohne dabei
einen Tropfen Regen mit sich zu führen. Anstatt sich
mit einbrechender Nacht zu legen, schien er noch gewaltiger rauschen und brüllen zu wollen: die Bäume neigten sich beharrlich nach einer Seite hin, und ihre
Reste konnten sich kaum einmal in einer Stunde wieder
aufrichten, - so anhaltend war die Gewalt, die ihre
ästigen Wipfel nach Norden beugte: die Wolken jagten
von Pol zu Pol, Masse auf Masses in rascher Folge:
von einem blauen Himmel war an jenem Julitage auch
nicht eine Spur zu sehen gewesen.
Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen rannte
ich vor dem Winde her, die Unruhe meines Geistes dem
unmeßbaren Luftstrome übergebend, der durch den Sanm
dahin donnerte. Den Lorbeergang hinabgehend, befand
ich mich bald vor dem Reste des Kastienbaums; er stand da, schwarz und zerspalten; der Stamm, nach
seiner ganzen Länge zerrissen, klaffte gräßlich. Die gespaltenen Hälften waren nicht auseinander, gefallen,
denn der feste Fuß und die starken Wurzeln hielten sie
unten zusammen, obgleich die Gemeinsamkeit des Lebens
zerstört war; der Saft konnte nicht mehr fließen; ihre
großen Aeste zu jeder Seite waren abgestorben, und die
nächsten Winterstürme mußten eine oder beide Hälften
umwerfen: bis jetzt konnte man indessen noch sagen,
daß sie Einen Baum bildeten - eine Ruine, aber eine
ganze Ruine.
,Ihr hattet Recht, fest an einander zu halten,’
sagte ich, als ob die Riesensplitter lebende Dinge wären, und mich hören könnten. ,Ich denke, so beschädigt und verkohlt und verbrannt ihr auch ausseht, so muß
doch noch ein klein Bischen Leben in euch sein, das von
der Anhänglichkeit an die treuen ehrlichen Wurzeln
kommt; ihr werdet keine grünen Biätter mehr bekommen - werdet keine Vögel mehr sehen, die ihre Nester auf euren Zweigen bauen, und dort Idyllen singen; die
Zeit der Freude und der Liebe ist dahin für euch; aber
ihr seid nicht einsam und trostlos: jeder von euch hat
einen Genossen, um mit ihm in seinem Verfalle zu
sympathisiren.’
Als ich zu ihnen aufblickte, erschien der Mond auf
einen Augenblick gerade an dem Theile des Himmels,
der über ihrem Risse stand; seine Scheibe war blutroth
und halbbedeckt: er schien auf mich einen irren, traurigen Blick zu werfen, und begrub sich augenblicklich
wider in der tiefen Wolkenschicht. Der Wind legte
sich eine Sekunde lang um Thornfield herum; aber
weithin über Wald und Wasser, ergoß sich eine wilde,
melancholische Klage: es war traurig anzuhören, und
ich rannte wieder davon.
Da und dort wanderte ich durch den Obstgarten,
und las die Aepfel auf, womit das Gras um die Bäume
herum dicht übersäet war; sodann beschäftigte ich mich damit, die reifen von den unreifen zu sondern, trug sie
in das Haus hinein, und legte sie in die Vorrathskammer. Von da ging ich in das Bibliothekzimmer, um zu sehen, ob das Feuer angezündet sei; denn ob
gleich es Sommer war, so wußte ich doch, daß Herr
Rochester an einem so unfreunblichen Abende gern ein
munteres Feuer im Kamin brennen sehen würde, wenn
er nach Hause käme; ja, das Feuer war schon einige
Zeit angezündet, und brannte gut. Ich stellte seinen
Lehnstuhl an die Kaminecke, rollte den Tisch in dessen
Nähe, ließ den Vorhang herunter, und gab Befehl, die
Lichter hereinzubringen, so daß sie gleich angezündet
werden könnten. Unruhiger, denn je, konnte ich, als
alle diese Anordnungen vollendet waren, weder ruhig
sitzen bleiben, ja es duldete mich sogar nicht mehr im
Hause; eine kleine Uhr im Zimmer und die alte Uhr
in der Vorhalle schlugen mit einander zehn.
,Wie spät es wird!’ sagte ich; ‘ich will zum
Parkthor hinablaufen; es ist auf Augenblicke Mondschein, und ich kann auf eine gute Entfernung den Weg sehen. Er kann jetzt kommen, und wenn ich ihn treffe,
so brauche ich schon einige Minuten weniger in ungeduldiger Erwartung hinzubringen.'
Der Wind raste in den hohen Bäumen, die das
Parkthor umgaben; aber der Weg war, so weit ich
sehen konnte, zur Rechten und zur Linken, ganz still und
einsam; außer den Schatten der Wolken, die man von
,Zeit zu Zeit darüber hinziehen sah, wenn der Mond
hervorblickte, war es nur eine lange, blasse Linie, auf
der keine Bewegung zu bemerken war.
Eine kindische Thräne trübte mein Auge, während
ich so hinsah - eine Thräne, worin getäuschte Erwartung und Ungeduld sich kund gaben: aus Scham darüber trocknete ich sie ab. Ich blieb immer noch stehen;
der Mond schloß sich ganz in seine Kammer ein, und zog seinen aus dichten Wolken bestehenden Vorhang fest zu; die Nacht wurde finster, rasch folgte dem Sturme
der Regen.
‘Ich wollte, er käme! ich wollte, er wäre da!’ rief ich. von hypochondrischer Ahnung ergriffen. Ich hatte seine Ankunft schon vor der Theezeit erwartet;
jetzt war es finster, was mochte ihn zurückhalten? war
ein Unglück geschehen? Das Ereignis der letztvergangenen Nacht kam mir wieder ins Gedächtniß. Ich deutete es als das Vorzeichen eines Unglücks. Ich fürchtete, meine Hoffnungen seien zu glänzend, um verwirklicht werden zu können: und ich hatte in der letzten Zeit so viel Freude erfahren, daß ich mir einbildete, mein Glücksstern sei jetzt über seinen Höhepunkt hinaus und müsse sich wieder senken.’
‘Nun, ich kann nicht ins Haus zurück,’ dachte ich; ,ich kann nicht am Kamin sitzen, während er draußen im ungestümen Wetter ist: lieber meine Glieder ermüden, als Herzensqualen erdulden; ich muß ihm entgegen gehen.’
Ich machte mich auf den Weg und ging rasch, obwohl nicht weit, Ich hatte noch keine Viertelmeile zurückgelegt, als ich den Hufschlag eines Pferdes hörte,
ein Reiter kam in vollem Gallopp daher, und ein Hund lief an seiner Seite. Fort mit den übeln Vorbedeutungen: Er ist es. Und er war es auch, mit Mesrour
und Pilot. Er sah mich, denn der Mond hatte am Himmel ein blaues Feld geöffnet, und zeigte sich darin wässerig hell. Er nahm seinen Hut ab und schwang
ihn um den Kopf. Nun lief ich ihm entgegen.
‘Da!’ rief er, seine and ausstreckend und sich
vom Sattel herniederbeugend; ,Sie können nicht ohne
mich sein, das ist klar. Steigen Sie auf die Spitze
meines Stiefels; geben Sie mir beide Hände: herauf!’
Ich gehorchte; die Freude machte mich flink: ich sprang hinauf, vor ihn hin. Ich erhielt einen herzlichen Kuß zum Willkomm: und nun ging es an ein Triumphiren, - was ich so gut wie möglich ertrug.
Doch bald nahm er einen gemäßigteren Ton an und fragte:
,Aber ist denn Etwas geschehen, Jane, daß Sie
mir zu einer solchen Stunde entgegen gehen? Ist ein
Unheil passirt?’
,Nein; aber ich dachte, Sie würden nie mehr kommen. Ich konnte in dem Hause nicht mehr auf Sie warten, besonders bei diesem Regen und Wind.’
‘Ja, ja, Regen und Wind! Ju, Sie triefen wie
eine Seejungfer; ziehen Sie meinen Mantel um sich
her, aber ich glaube, Sie sind fieberhaft aufgeregt.
Jane; Ihre Wange und Ihre Hand sind brennend heiß.
Abermals frage ich: Ist Etwas geschehen?’
,O es ist Nichts; ich bin jetzt weder unglücklich,
noch habe ich Furcht.’
,Sie sind also doch Beides gewesen?’
,Ich möchte es fast bejahen; aber ich werde Ihnen
schon Alles erzählen, wenn wir drinnen in Hause sind,
Sir; und ohne Zweifel werden Sie mich dafür noch
auslachen.’
‘Herzlich werde ich Sie auslachen, wenn der morgende Tag vorüber ist; bis dahin wage ich es noch nicht: mein Preis ist mir noch nicht gewiß. Dieß sind Sie, die diesen ganzen Monat so schlüpfrig, wie ein Aal, und so dornig, wie eine wilde Rose war?
Ich konnte nirgends einen Finger hinlegen, ohne gestochen zu werden; und nun scheine ich ein verirrtes Lamm aufgefunden zu haben und in meinen Armen zu
halten: Sie haben die Hürde verlassen, um Ihren
Schäfer aufzusuchen, nicht wahr, Jane?’
,Ich bedurfte Ihrer; aber prahlen Sie nicht damit. Hier sind wir in Thornfield: lassen Sie mich nun hinunter.’
Er ließ mich auf das Pflaster nieder. Als John ihm das Pferd abnahm und er mir in die Vorhalle nachfolgte, sagte er mir, ich möchte mich beeilen, und trockene Kleider anlegen, und dann zu ihm in das
Bibliothekzimmer herabkommen: und als ich auf die
Treppe zuging, hielt er mich noch einmal an, um mit.
das Versprechen abzudringen, daß ich nicht lange ausbleiben wollte. Auch erschien ich bald wieder, nach fünf Minuten. Ich fand ihn beim Abendessen.
‘Nehmen Sie einen Stuhl, und leisten Sie mir Gesellschaft, Jane. So Gott will, ist dieß das vorletzte Mal, daß Sie auf lange Zeit in Thornfield-Hall
essen.’
Ich setzte mich zu ihm hin, sagte ihm aber, ich könne nicht essen.
,Ist es deßhalb, Jane, weil Sie sich mit der Idee einer langen Reise tragen? Ist es der Gedanke, nach London zu gehen, der Ihnen den Appetit nimmt?’
,Ich kann heute Abend nicht klar sehen, welche Aussichten sich mir eröffnen, Sir; und ich weiß kaum, welche Gedanken mir im Kopfe herumgehen. Alles im Leben scheint mir nicht reell zu sein.’
‘Mich ausgenommen; ich bin wesenhaft genug; berühren Sie mich nur.’
,Sie, Sir sind von allen Dingen das geisterhafteste, das wesenloseste: Sie sind ein bloße, Traum.’
Er streckte seine Hand lachend aus.
‘Ist das ein Traum?’ sagte er, indem er sie hart
vor meine Augen hielt. Er hatte eine runde, muskulöse, kräftige Hand, und ebenso auch einen langen, starken Arm.
‘Ja; trotzdem daß ich sie berühre, ist sie dennoch
ein Traum,’ sagte ich, sie von meinem Gesichte
wegschiebend. ,Sind Sie mit dem Nachtessen fertig,
Sir?’
‘Ja, Jane.’
Er klingelte und ließ abtragen.
Als wir wieder allein waren, schürte ich das Feuer,
und nahm zu meines Herrn Knien einen niedrigen
Stuhl ein.
’Es ist beinahe Mitternacht,’ sagte ich.
‘Ja; aber erinnern Sie sich, Jane, Sie haben
mir versprochen, in der meiner Hochzeit vorangehenden
Nacht mit mir aufzubleiben.
,Ja, das habe ich, und will auch mein Versprechen
halten, wenigstens eine oder zwei Stunden lang; es
verlangt mich gar nicht, zu Bette zu gehen.’
,Sind Sie mit allen Ihren Anordnungen fertig?’
‘Ja, Sir.’
,Und was mich betrifft, so bin ich auch fertig,’
erwiederte er.
,Ich habe Alles in Ordnung gebracht, und morgen
werden wir eine halbe Stunde nach unserer Rückkehr
von der Kirche Thornfield verlassen.’
,Ganz gut, Sir.’
,Mit welch' außergewöhnlichem Lächeln haben Sie
das Wort ‘Ganz gut’ gesagt, Jane! Welch' glänzenden Farbenfleck haben Sie auf jeder Wange! Und wie sonderbar schimmern Ihre Augen! Sind Sie wohl?’
,Ich glaube, ja.’
‘Glaube! Nun, was ist denn? — Sagen Sie mir, was Sie fühlen?’
‘Ich vermag es nicht, Sir: keine Worte wären
im Stande, Ihnen zu sagen, was ich fühle. Ich wollte,
diese Stunde ginge nie zu Ende; wer weiß, welche
Geschicke die nächste mit sich führen mag?’
,Das ist Hypochondrie, Jane: eine Folge übermäßiger Aufregung oder Anstrengung.’
‘Sind Sie, Sir, innerlich ruhig und glücklich?’
‘Ruhig? — Nein: aber glücklich: bis in das Innerste meines Herzens.’
Ich sah auf zu ihm, um die Zeichen des Glückes in
seinem Gesichte zu lesen: dasselbe war glühend und stark geröthet.
,Schenken Sie mir Ihr Vertrauen, Jane,’ sagte
er: ,befreien Sie Ihr Gemüth von jeder Last, die es
drückt, dadurch, daß Sie mir dieselbe mittheilen. Was fürchten Sie? - Etwa, das ich mich als keinen guten Ehemann erweisen werde?’
,Dieser Gedanke ist mir am Fernsten von allen.’
,Haben Sie vielleicht einige Scheu vor der neuen
Sphäre, in die Sie einzutreten im Begriffe stehen? — vor dem neuen Leben, zu dem Sie nun übergehen werden?’
,Nein.’
,Sie sind ein Räthsel für mich, Jane: Ihr Blick und Ihr Ton voll kummervoller Kühnheit verwirren und schmerzen mich. Sie sind mir eine Erklärung schuldig.’
‘So hören Sie denn, Sir. Sie sind in der vergangenen Nacht von Hause weg gewesen?’
,Ja, das war ich: ich weiß es; und vor einigen
Augenblicken haben Sie auf Etwas angespielt, was in
meiner Abwesenheit vorgefallen sei: - wahrscheinlich hat das Nichts zu bedeuten; aber dennoch hat es Ihnen Unruhe verursacht. Lassen Sie mich hören. Hat vielleicht Misters Fairfax Etwas gesagt? over haben Sie zufällig Etwas von der Dienerschaft gehört” — Ihre empfindliche Selbstachtung ist wohl verletzt worden?’
‘Nein, Sir.’
Es schlug zwölf. — Ich wartete, bis die silbernen Töne der kleineren Uhr, sowie auch die heiseren, lauten der großen Uhr verhallt waren, und fuhr dann also
fort: -
‘Gestern bin ich den ganzen Tag sehr geschfstig, und
in meiner unaufhörlichen Geschäftigkeit sehr glücklich
gewesen; denn es beschleicht mich nicht, wie Sie zu
glauben scheinen, irgend eine Furcht wegen der neuen
Sphäre u. s. w.; ich halte es für etwas Herrliches,
die Hoffnung zu haben, mit Ihnen leben zu dürfen,
weil ich Sie liebe. - Nein, Sir, lassen Sie jetzt Ihre
Liebkosungen - und lassen Sie mich lieber ungestört reden. Gestern war mein ganzes Vertrauen auf die Vorsehung gesetzt, und ich glaubte, die Ereignisse wirkten zusammen zu Ihrem Besten und meinem Besten:
es war ein schöner Tag, wenn Sie sich dessen noch
erinnern können — die Ruhe der Luft und des Himmels ließ in Betreff Ihrer Sicherheit oder Bequemlichkeit auf der Reise keine Befürchtungen aufkommen. Nach
dem Thee ging ich eine Weile auf dem Pflaster auf und
ab, und dachte an Sie; da sah ich Sie in meiner Phantasie so nahe bei mir, daß ich Ihre wirkliche Gegenwart kaum vermißte. Ich dachte an das vor mir liegende Leben - an Ihr Leben, Sir - ein Dasein, ausgedehnter und bewegter, als das meinige: zu vergleichen etwa mit den Tiefen des Oceans und seichten
Stellen des kleinen, in denselben sich ergießenden Bächleins.
,Ich wunderte mich, wie nur Moralisten diese Welt eine öde Wildniß nennen möchten: schön blühte sie, wie eine Rose. Gerade als die Sonne herunterging, wurde es kühl und der Himmel umwölkt. Ich ging also
ins Haus hinein. Sophie rief mich die Treppe hinauf, um mein Hochzeitkleid, das man eben gebracht, anzusehen; und unter demselben in der Schachten
fand ich Ihr Geschenk, - den Schleier, den Sie in Ihrer
fürstlich verschwenderischen Freigebigkeit haben von London kommen lassen, da Sie vermuthlich beschlossen hatten, mich listiger Weise zur Annahme von etwas gleich
Kostbarem zu bewegen, da ich keine Juwelen haben wollte. Ich lächelte, als ich ihn entfaltete, und besann mich darüber, wie ich Sie wegen Ihres aristokratischen
Geschmacks. und Ihrer Bemühungen, Ihre bürgerliche
Braut mit den Attributen einer Pairin zu bekleiden,
plagen könnte. Ich dachte darüber nach, wie ich Ihnen
das viereckige, ungestickte Blondenstück, das ich selbst
zur Bedeckung meines niedriggeborenen Hauptes zugerichtet hatte, hinunterbringen, und Sie fragen würde, ob es nicht gut genug für ein Frauenzimmer sei, das ihrem Gatten weder Vermögen, noch Schönheit, noch hohe Verbindungen zubringen könne. Ich sah - ganz deutlich, wie Sie aussehen würden, und hörte Ihre ungestümen republikanischen Antworten, sowie das tolle Wort, das Sie es nicht nöthig hätten, Ihren Reichthum zu vermehren, oder Ihren Stand zu erhöhen. dadurch daß Sie entweder ein Vermögen oder eine Adelskrone heiratheten.’
"Wie gut haben Sie da die Gedanken mir aus dem Gesichte gelesen, Sie kleine Hexe!’ fiel Herr Rochester ein: ‘aber was haben Sie neben der Stickerei
noch in dem Schleier gefunden? Ist etwa Gift oder ein Dolch darin gewesen, daß Sie nun so betrübt aussehen?’
,Nein, nein, Sir; außer der Zartheit und der
Kostbarkeit des Stoffes habe ich Nichts gefunden, als
Fairfax Rochesters Stolz, und der erschreckte mich nicht,
weil ich an den Anblick des Dämons schon gewöhnt bin. Aber Sir, mit der eintretenden Dunkelheit erhob sich der Wind: er blies gestern Abend nicht wie er jetzt
bläst, wild und gewaltig - sondern mit einem dumpfen Töne, mit einem Stöhnen, das weit unheimlicher, weit geisterhäfter war. Ich wünschte, das Sie zu Hause wären. Ich kam in dieses Zimmer herab, und schauerkalt durchdrang mich der Anblick des leeren Stuhls
und des feuerlosen Kamins. Bald darauf ging ich zu Bette, konnte aber nicht schlafen: - ich war ängstlich aufgeregt. Der Sturm, der stets noch im Steigen
war, schien meinem Ohre leise Klagetöne zu übertäuben; ob draußen, oder im Hause, konnte im anfänglich nicht sagen; doch ließen sich, so oft der Sturm sich
einen Augenblick legte, die Töne immer wieder hören,
wenn auch zweifelhaft, so doch klagend: am Ende dachte
ich, es könne nichts Anderes sein, als ein Hund, der
in einiger Entfernung heule. Ich war froh, als ich die
Töne nicht mehr hörte. Nachdem ich eingeschlafen,
spann sich der Gedanke einer finsteren stürmischen Nacht
in meinen Träumen fort. Auch wünschte ich von Herzen, bei Ihnen zu sein, wobei sich aber ein seltsames; schmerzliches Bewußtsein einstellte, daß ein Schranke
uns trenne. Während der ganzen Zeit meines ersten
Schlafs folgte ich den Windungen eines mir unbekannten Wegs; völlige Finsterniß umgab mich; der Regen strömte auf mich herab: ich hatte für ein kleines Kind
zu sorgen, das bei mir war, ein kleines, kleines Geschöpf, zu jung und zu schwach, um zu gehen, und dabei zitterte dasselbe vor Kälte in meinen kalten Armen,
und wimmerte kläglich in mein Ohr. Ich dachte, Sir,
Sie wären auf dem Wege, eine lange Strecke vor mir;
ich strengte jedem Nerv an, um Sie einzuholen, und
machte eine Anstrengung nach der andern, Ihren Namen auszusprechen, und Sie zu bitten, zu halten; — aber meine Bewegungen waren gelähmt, und meine
Stimme konnte Nichts hervorbringen, als unarticulirte
Laute, die erstarben, während Sie, wie ich fühlte,jeden Augenblick sich weiter und weiter entfernten.
“Und diese Träume machen Sie jetzt noch niedergeschlagen. Jane, da ich ganz in ihrer Nähe bin? Kleines nervöses Geschöpf! Vergessen Sie eingebildeten
Kummer, und denken Sie bloß an wirkliches Glück! Sie sagen, Sie lieben mich. Jane: ja - ich will das nicht vergessen; und Sie können es nicht läugnen. Diese
Worte erstarben nicht in unartikulirten Lauten auf Ihren Lippen. Klar und sanft sind sie in mein Ohr gedrungen, vielleicht ein klein wenig zu feierlich, aber lieblich, wie Musik: — ‘’ich halte es für etwas Herrliches, die Hoffnung zu haben, mit Ihnen leben zu dürfen, Edward, weil ich Sie liebe.’’ - Lieben Sie mich,
Jane? wiederholen Sie es doch!’
‘Ja, Sir, ich liebe Sie, liebe Sie von ganzem Herzen.’
,Nun,’ ,sagte er, nach einem Schweigen, das einige Minuten gedauert, es ist seltsam, aber diese Worte haben meine Brust schmerzlich durchdrungen. Warum?
Wohl deßhalb, weil Sie dieselben mit so ernster, religiöser Energie gesprochen, und weil Ihr auf mich gerichteter Blick jetzt die höchste Stufe des Glaubens, der
Wahrheit und der Hingebung ausdrückt: er erinnert nur zu sehr an die Nähe eines Geistes. Sehen Sie schelmisch aus, Jane, wie Sie es so gut können; zeigen
Sie ein wildes, schlaues: ärgerliches Lächeln; sagen Sie mir, Sie hassen mich - plagen , reizen, ärgern Sie mich; thun Sie Alles, nur stimmen Sie mich
nicht weich: lieber möchte ich erzürnt, als traurig gestimmt werden.’
,Ich will Sie nach Herzenslust plagen und ärgern, sobald ich mit meiner Erzählung zu Ende bin; aber hören, Sie mich erst zu Ende.’
‘Ich dachte, Jane, sie hätten mir Alles gesagt. Ich dachte Sie hätten die Quelle Ihrer Melancholie in einem Traum gefunden!’
Ich schütttelte den Kopf.
,Was? Kommt noch mehr? Ich mag aber nicht glauben, daß es etwas Wichtiges ist. Ich muß Ihnen vorher sagen, daß ich, ungläubig bin. Fahren Sie fort.’
Die Unruhe seines Gesichts, die etwas furchtsame
Ungeduld seines Benehmens überraschte mich; allein
ich fuhr fort: —
‘Ich hatte noch einen andern Traum , Sir: daß
Thornfield Hall eine öde Ruine, ein Ort für Fledermäuse und Eulen sei. Es kam mir vor, die ganze stattliche Fronte sei verschwunden, und es sei nichts Anderes mehr davon übrig, als eine muschelartige, sehr hohe und sehr zerbrechlich aussehende Mauer. In einer mondhellen Nacht ging ich über den innern, mit Gras bewachsenen Raum hin: da stolperte ich über einen marmornen Kamin, und dort über ein herabgefallenes
Karnießßtück. Gehüllt in einen Shawl, trug ich immer noch das klejne, mir unbekannte Kind: ich konnte es nirgends hinlegen; so müde auch meine Arme waren
- so sehr das Gewicht desselben mich im Gehen hinderte, so mußte ich es doch behalten. Ich hörte in einer gewissen Entfernung auf dem Wege ein Pferd dahergalloppiren: gewiß waren Sie es; und Sie verreisten auf viele Jahre, und gingen in ein fernes Land.
Ich klomm die dünne Mauer mit wahnsinniger, gefährlicher Hast hinauf, brennend vor Verlangen, von oben herab Sie noch ein Mal zu sehen: die Steine rollten
unter meinen Füßen weg; die Epheuranken, nach denen
ich griff, gaben in meinen Händen nach; das Kind
klammerte sich erschrocken um meinen Hals und erwürgte mich beinahe: am Ende erreichte ich die Spitze. Ich sah Sie wie einen kleinen Fleck auf einem weißen Pfade, und der kleine Fleck wurde jeden Augenblick noch kleiner. Das Wehen des Windes war so stark. daß ich nicht fest stehen konnte. Ich setzte mich auf den schmalen Rand nieder, und schweigte das erschrockene Kind, das auf meinem Schooße lag; Sie bogen um eine Ecke
des Wegs; ich beugte mich vorwärts, um Sie noch ein letztes Mal zu sehen; die Mauer fiel zu kleinen Bröckchen zusammen; ich ward erschüttert: das Kind rollte
von meinem Knie hinab; ich verlor das Gleichgewicht, fiel und erwachte.’
,Nun, Jane, das wird doch Alles sein?’
‘Nur die Einleitung, Sir; die Geschichte kommt erst. Als ich aufwachte, blendete ein Schimmer meine Augen: ich dachte -- o es ist das Tageslicht! allein ich
irrte mich: es war nur die Helle einer Kerze. Ich vermuthete, Sophie wäre hereingekommen. Es stand ein Licht auf dem Putztische, und die Thüre des Kabinets,
in das ich, ehe ich zu Bette ging. mein Hochzeitkleid
mit dem Schleier gehängt hatte, war offen; ich hörte dort ein Rascheln. Ich fragte: ,Sophie, was thun Sie dort?’ Es erfolgte aber keine Antwort. Bald trat
eine Gestalt aus dem Kabinet hervor: sie nahm das
Licht, hielt es in die Höhe und schaute die an dem
Rechen hangenden Kleider an. ‘’Sophie, Sophie!’’ rief ich abermals, und immer noch keine Antwort. Ich hatte mich in meinem Bette aufgerichtet, und beugte
mich vorwärts: Anfangs überrascht, ward ich bald, verwirrt, - endlich schlich das Blut eiskalt mir durch die Adern. Herr Rochester, es war nicht Sophie, es war
nicht Leah, es war nicht Mistreß Fairfax: es war nicht
— nein, ich war dessen gewiß, und bin es noch jetzt — es war auch nicht jenes seltsame Weib, Grace Poole.’
‘Es muß aber doch Eine von ihnen gewesen sein,’ fiel mein Herr ein.
‘Nein, Sir, ich versichere Ihnen feierlichst das Gegentheil. Die Gestalt, die vor mir stand, war mir innerhalb der Mauern von Thornfield Hall noch nie
vor die Augen gekommen: die Größe, die Umrisse derselben waren mir neu.’
‘Beschreiben Sie sie, Jane.’
,Es schien, Sir ein Weib zu sein, groß und stark, mit dichtem, schwarzem, lang über den Rücken hinabfallendem Haar. Ich weiß nicht, was für ein Kleid sie
anhatte: es war weiß und eng; ob es aber ein Frauenzimmerrock, ein Bettuch, oder ein Leichentuch war, vermag ich nicht zu sagen.’
,Haben Sie ihr Gesicht gesehen?’
,Nicht gleich Anfangs. Nach einer Weile aber nahm sie meinen Schleier von seinem Platze weg. hielt ihn in die Höhe, sah ihn lange an, bedeckte damit ihr
eigenes Haupt, und wendete sich nach dem Spiegel hin. In diesem Augenblicke sah ich den Reflex des Gesichtes und der Züge ganz deutlich in dem dunkeln oblongen
Spiegel.’
,Und wie waren sie beschaffen?’
,Sie erschienen mir furchtbar und gräßlich -- o,
Sir, nie habe ich ein Gesicht, wie jenes gesehen! Es
war ein farbloses Gesicht - es war ein wildes Gesicht. Ich wollte, ich könnte das Rollen der rothen Augen vergessen, und das furchtbare, schwarze Aufschwellen der Züge!’
,Geister sind gewöhnlich blaß, Jane.’
,Dieser, Sir, war purpurroth : die Lippen waren
aufgedunsen und dunkel; die Stirn gefurcht; die schwarzen Augenbrauen weit hinaufgezogen über die blutunterlaufenen Augen. Soll ich Ihnen sagen, woran mich
die Gestalt erinnerte?’
,Ja, das können Sie.'
,An das schreckliche deutsche Gespenst - den Vampyr.’
,Ah! - was that die Gestalt?’
,Sir, sie nahm meinen Schleier von ihrem fleischlosen Kopfe weg, riß ihn entzwei, warf die zwei Stücke auf den Boden und trat mit den Füßen darauf.’
‘Und dann?’
‘Sie zog den Fenstervorhang zurück und blickte hinaus: vielleicht sah sie, daß die Dämmerung im Anzuge war, denn sie nahm das Licht und ging nach der Thüre zu. Gerade vor meinem Bette blieb sie aber stehen: das feurige Auge stierte mich an - sie hielt ihr Licht hart vor mein Gesicht hin und löschte es vor meinen Augen aus. Ich sah deutlich, wie ihr wildes Gesicht über dem meinigen flammte, und ich verlor das
Bewußtsein: zum zweiten Mal in meinem Leben — erst zum zweiten Mal - wurde ich vor Schrecken gefühllos.’
"Wer war bei Ihnen, als Sie wieder zu Sinnen kamen?’
,Niemand, Sir, als das helle Tageslicht. Ich stand auf, wusch mir Kopf und Gesicht mit Wasser, und trank auch ein gutes Quantum von letzterem. Ich
fühlte, daß ich zwar schwach, aber doch nicht krank sei, und beschloß, mit Niemanden, als Ihnen, von dieser
Erscheinung zu sprechen. Nun, Sir, sagen Sie mir,
wer und was dieses Weib war?’
“Das Geschöpf eines übermäßig erregten Gehirns; das ist gewiß. Ich muß mit Ihnen, mein Schatz, vorsichtig sein: Nerven wie die Ihrigen sind nicht für eine
rauhe Behandlung geschaffen?’
‘Sir, verlassen Sie sich darauf, an meinen Nerven lag es nicht; die Sache war sehr reell: was ich Ihnen erzählt habe, hat wirklich Statt gefunden.’
‘Und Ihre früheren Träume: waren die auch etwas
Reelles? Ist Thornfield Hall eine Ruine? Bin ich von
Ihnen durch unübersteigliche Schranken getrennt? Verlasse ich Sie ohne eine Thräne - ohne einen Kuß - ohne eine Wort?’
,Noch nicht.’
"Bin ich auf dem Punkte, es zu thun? — Schon ist der Tag da, der uns unauflöslich an einander knüpfen soll; und sind wir einmal verbunden, dann sollen diese
Gespenste, diese eingebildeten Schrecken nicht wiederkehren: ich stehe Ihnen dafür.
‘Gespenfte; eingebildete Schrecken, Sir! Ich wollte ich könnte sie blos als solche ansehen: ich wünsche es jetzt mehr, als je, da auch Sie mir das Mysterium,
das jenen gräßlichen Besuch umgibt, nicht erklären
können.’
,Und da ich es nicht kann, Jane, so muß es wohl
etwas Wesenloses, etwas Eingebildetes gewesen sein.’
,Aber, Sir, als ich beim Aufstehen diesen Morgen
so zu mir sagte, und im Zimmer herumsah, um Muth
und Trost zu suchen beim heitern Anblick jedes bekannten
Gegenstandes, wie sich derselbe mir im hellen Tageslicht
zeigte, so sah ich da, auf dem Teppiche, was meine
Hypothese entschieden Lügen strafte, - den Schleier
von oben bis unten in zwei Stücke zerrissen.’
Ich fühlte. wie Herr Rochester zusammenfuhr und schauderte; hastig umschloß er mich mit seinen Armen und rief: -
,Gott; sei gedankt, daß, wenn in letzter Nacht
Ihnen etwas Böses nahe kam, Nichts Schaden nahm,
als der Schleier! - O, wenn ich bedenke, was hätte geschehen können!’
Er athmete kurz uns drückte mich so fest an seine Brust, daß mir beinahe das Ahmen verging. Nach einem Stillschweigen von einigen Minuten fuhr er in frohem Tone also fort:
,Nun, Jane, will ich Ihnen die ganze Geschichte
erklären. Es war halb Traum, halb Wirklichkeit: ein
Weib trat, ich zweifle nicht daran, wirklich in Ihr
Zimmer; und dieses Weib war Grace Poole, ja mußte
es sein. Sie selbst nennen sie ein sonderbares Wesen:
nach Allem, was Sie wissen, haben Sie ein Recht, sie
so zu nennen - was hat sie nicht mir gethan? was
Mason? In einem halb wachen, halb schlafenden Zustande haben Sie ihren Eintritt und ihre Handlungen bemerkt; aber fieberisch aufgeregt, ja fast phantasirend, schrieben Sie ihr ein koboldartiges Aussehen zu, das doch von ihrem wahren Aussehen so verschieden ist. Das lange aufgelöste Haar, das aufgeschwollene, schwarze
Gesicht, die übermäßig lange Gestalt, - waren Spiele
der Phantasie, Resultate des Alpdrückens; das boshafte
Zerreißen des Schleiers war wirklich, und sieht ihr gleich. Ich sehe, Sie möchten mich gern fragen, warum ich ein solch weibliches Geschöpf in meinem Hause
behalte: sind wir einmal ein Jahr verheirathet, so will ich es Ihnen sagen, aber jetzt nicht. Sind Sie zufrieden gestellt, Jane? Nehmen Sie meine Lösung des
Räthsels an?’
Ich sann nach und in Wahrheit erschien sie mir als die einzig mögliche: zufrieden gestellt war ich nicht, aber um ihm zu gefallen, suchte ich so zu erscheinen:
- beruhigt fühlte ich mich gewiß; und ich antwortete
ihm daher mit einem zufriedenen Lächeln. Und nun machte ich Anstalt, ihn zu verlassen, da es schon weit über ein Uhr war.
‘Schläft nicht Sophie mit Adelen in der Kinderstube?’ fragte er, als ich meine Kerze anzündete.
‘Ja, Sir.’
,Und in Adelens Bettchen ist Platz genug für Sie. Sie müssen es heute Nacht mit ihr theilen, Jane; es ist kein Wunder, daß der Vorfall, den Sie
mir erzählt haben, Sie nervös gemacht hat, und es wäre mir lieber, wenn Sie nicht' allein schliefen. Versprechen Sie mir, daß Sie in die Kinderstube gehen
wollen.’
,Recht gern, Sir.’
,Und verriegeln Sie die Thüre ja recht sicher von
Innen. Wecken Sie Sophie, wenn Sie hinaufgehen,
unter dem Vorwande, daß sie Sie morgen recht frühe
wecken solle; da Sie vor acht Uhr angekleidet sein und
das Frühstück beendet haben müssen. Und nun, Jane,
keine düsteren Gedanken mehr: geben Sie der trüben
Sorge den Abschied. Hören Sie nicht, in welch’ sanftes
Flüstern der Wind übergegangen ist? Auch schlägt der
Regen nicht mehr gegen die Fensterscheiben: sehen Sie
her - (er zog den Vorhang weg) ‘es ist eine liebliche
Nacht!’ Und so war es auch. Der halbe Himmel war
rein und fleckenlos: die Wolken, sich jetzt vor dem Winde
in Haufen sammelnd, der in einen Westwind umgeschlagen war, trieben nach Osten hin in langen silberfarbigen Säulen. Der Mond schien friedlich.
,Nun,’ sagte Herr Rochester, mir fragend in die
Augen schauend, ‘wie befindet sich nun meine Jane?’
‘Die Nacht ist heiter, Sir, und so bin auch ich.’
‘Und Sie werden heute Nacht nicht von Trennung
und Kummer träumen, sondern von glücklicher Liebe und wonniger Verbindung.'
Diese Prophezeiung wurde nur zur Hälfte erfüllt;
ich träumte zwar nicht von Kummer, aber ebenso wenig
träumte ich auch von Freude; denn ich schlief gar nicht
ein. Die kleine Adele in meinen Armen, beobachtete
ich den Schlummer der Kindheit - einen Schlummer,
so ruhig, so leidenschaftlos, so unschuldig — und erwartete den Tagesanbruch; und mit der aufgehenden Sonne stand auch ich auf. Ich erinnere mich, daß Adele an mir hing, als ich sie verließ: ich erinnere mich, daß ich sie küßte, als sie ihre Händchen von meinem Nacken losmachte; und ich weinte über ihr in seltsamer Aufregung und verließ sie, weil ich befürchtete,
mein Schluchzen möchte ihre tiefe gesunde Ruhe stören.
Sie schien das Sinnbild meines vergangenen Lebens zu
sein; und er, vor dem ich nun bald im Hochzeitgewande
erscheinen sollte, das gefürchtete, aber angebetete Abbild meiner unbekannten künftigen Tage.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Sophie kam um sieben Uhr, um mich anzukleiden; sie brauchte in der That sehr lange, um ihre Aufgabe zu lösen, so lange, das Herr Rochester, wahrscheinlich aus Ungeduld über mein Ausbleiben, heraufschickte und fragen ließ, warum ich nicht käme. Sie machte eben
meinen Schleier zurecht (nun doch des schlichten, viereckigen Blondenschleier) und befestigte ihn mit einer Broche in meinen Haaren: sobald ich konnte, entzog ich
mich ihnen Händen, um hinabzueilen.
‘Halten Sie!’ rief sie in französischer Sprache, ‘sehen Sie doch nur auch in den Spiegel: Sie haben noch nicht einen Blick in denselben geworfen.’
Ich wandte mich daher noch an der Thür um und sah eine in einem prächtigen Gewande steckende, verschleierte Gestalt, so unähnlich meiner eigenen Person, wie diese gewöhnlich erschien, daß sie fast wie eine Fremde aussah.
‘Jane!’ rief eine Stimme, und sich eilte hinab.
Am Fuße der Treppe wurde ich von Herrn Rochester empfangen.
,Wo bleiben Sie doch so lang?’ sagte er; ‘mein Gehirn brennt vor Ungeduld.’
Er nahm mich in das Speisezimmer, sah mich von Kopf bis zu Füßen an, und erklärte mich für so schön, wie eine Lilie, und nannte mich nicht bloß den Stolz
seines Lebens, sondern auch den Wunsch seiner Augen.
Nach einer Weile sagte er mir, er könne mir bloß zehn Minuten zum Frühstück geben, und klingelte.
Einer der Diener, die in jüngster Zeit angenommen worden waren, erschien.
,Setzt John den Wagen in den Stand?’
,Ja, Sir.’
,Ist das Gepäck herunter?’
‘Eben bringt man es herab, Sir.’
,Geh’ nach der Kirche: sieh nach, ob Herr Wood
(der Pastor) und der Küster dort sind, und sei bald wieder hier.’
Die Kirche lag, wie. der Leser weiß, hart vor dem
Thore der Lakai war alsbald wieder da.
,Herr Wood ist in der Sakristei und legt sein
Chorhemd an.’
‘Und der Wagen?’
‘Man schirrt eben die Pferde an.’
,Wir brauchen den Wagen nicht, um nach der Kirche zu gehen; er muß aber parat sein für den Augenblick, wo wir zurückkommen: alles Gepäck und alle
Schachteln müssen aufgepackt, und der Kutscher auf dem
Bocke sein.’
‘Ja, Sir.’
‘Jane, sind Sie bereit?’
Ich stand, auf. Da waren keine Brautführer, keine
Brautjungfern, keine Verwandten, auf die man hätte
warten und die man hätte in Ordnung stellen müssen:
außer Herrn Rochester und mir war Niemand da.
Mistreß Fairfax stand in der Vorhalle, als wir vorübergingen. Gern hätte ich mit ihr gesprochen, hätte nur meine Hand sich nicht von eisernen Fingern festgehalten
gefühlt: ich wurde, ich mochte nun wollen oder nicht,
fortgezogen, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß ich kaum zu folgen im Stande war; und wenn man Herrn Rochester ins Gesicht sah, so konnte man deutlich darin lesen, daß er unter keinem Vorwande einen Aufschub von einer Sekunde gestatten würde. Ich möchte wohl wissen, welch’ anderer Bräutigam je so aussah, wie er - so ungestüm bei einem Vorhaben, so einzig und allein damit beschäftigt, so grimmig entschlossen; oder welcher je unter so festen Brauen so flammende und so Feuer sprühende Augen zeigte.
Ich weiß nicht, ob das Wetter schön oder schlecht war; als ich den Fahrweg hinab ging, schaute ich weder den Himmel noch die Erde an: mein Herz war bei
meinen Augen, und beide schienen in Herrn Rochesters Gestalt gewandert zu sein. Ich wollte das unsichtbare Ding sehen, worauf er, während wir weiter gingen, einen wilden und grimmigen Blick zu heften schien. Ich wollte die Gedanken fühlen, deren Gewalt er sich entgegenzustemmen und zu widerstehen schien.
An dem Thörchen des Kirchhofs hielt er: er bemerkte, wie ich ganz außer Athem war.
‘Bin ich grausam in meiner Liebe’ sagte er. ,Warten Sie einen Augenblick; stützen Sie sich auf mich, Jane.’
Gar gut erinnere ich mich noch, wie das graue
alte Gotteshaus sich ruhig vor mir erhobt wie eine
Dohle den Kirchthurm umkreiste und jenseits ein röthlicher Morgenhimmel sich zeigte. Ich erinnere mich auch noch einigermaßen an die grünen Gräber und habe
die zwei Gestalten von Fremden nicht vergessen, die
unter den kleinen Hügeln umherwanderten und die Grabschriften auf den wenigen bemoosten Grabsteinen lasen. Ich nahm Notiz von ihnen, weil sie, als sie uns gewahrten, nach dem hintern Theile der Kirche zugingen; und ich zweifelte nicht, daß sie durch das Seitenthor eintreten und Zeugen von der Ceremonie sein würden. Von Herrn Rochester wurden sie nicht bemerkt; er sah
mir, ohne ein Auge zu verwenden, ins Gesicht, woraus wohl das Blut sich auf einen Augenblick zurückgezogen haben mußte; denn' ich fühlte, daß meine Stirn befeuchtet und meine Wangen und Lippen kalt waren. Nachdem ich mich wieder einigermaßen gefaßt hatte, was nicht lange anstand, ging er mit langsamen Schritten mit mir auf dem Wege hin, der gerade auf die Kirchthüre zuführte.
Wir traten in den stillen und bescheidenen Tempel; den Pastor wartete in seinem weißen Chorhemd an dem einfachen Altar; neben ihm stand der Küster. Alles war still und ruhig: nur in einem entfernten Winkel regten sich zwei Schatten. Meine Vermuthung war
richtig gewesen; die Fremden waren vor uns hereingeschlichen, und standen nun an dem Grabgewölbe der Rochester'schen Familie, den Rücken uns zugewendet
und durch das Eisengitter hindurch das alte, vom Zahn der Zeit benagte marmorne Grabmal anschauend, wo ein kniender Engel die irdische Hülle des zur Zeit der
Bürgerkriege bei Marston Moor gefallenen Damer de Rochester, sowie die seiner Gattin Elizabeth bewachte.
Wir stellten uns vor dem Eisengitter auf, an dem
das heilige Abendmahl ausgetheilt wird. Mit einem
Male hörte ich leise Tritte hinter mir: ich sah über meine Schulter hin, und da zeigte es sich mir sogleich, daß Einer von den beiden Fremden - offenbar ein
Gentleman - an dem Gitterchor heraufkam. Die Hochzeitsceremonie begann. Die Erklärung der Bedeutung der Ehe war zu Ende, der Pastor trat ein Schritt
weiter vor, und fuhr, sich leicht zu Herrn Rochester
neigend, also fort:
,Ich fordere Euch Beide auf - da Ihr einst an dem furchtbaren Tage des Gerichts, wo die Geheimnisse aller Herzen werden offenbaret werden, Red’ und Antwort stehen müsset - wenn Einem von Euch ein Hinderniß bekannt ist, daß Ihr nicht gesetzmäßlg mit einander als Eheleute verbunden werden möget, es nun zu bekennen; denn seid versichert, daß Alle, so anders verbunden sind, als Gottes Wort es erlaubt, nicht von
Gott zusammengefügt sind, und ihre Ehe auch nicht gültig ist.’
Hier hielt er, wie es der Gebrauch mit sich bringt, inne. Wird je die Pause nach diesen Worten durch eine Antwort unterbrochen? Vielleicht nicht Ein Mal in
hundert Jahren. Und der Pastor, der seine Augen nicht von seinem Buche aufgeschlagen und seinen Athem nur einen Augenblick angehalten hatte, wollte eben fortfahren: und schon streckte seine Hand sich gegen Herrn Rochester aus, schon öffneten sich seine Lippen, um die Frage zu stellen: ,Willst Du dieses Weib zu Deiner
Ehegattin haben?’ - als eine Stimme in der Nähe mit lauten und vernehmlichen Worten sprach:
,Die Trauung kann nicht von sich gehen: ich erkläre hiermit, daß ein Hinderniß vorhanden.’
Der Pastor sah nach dem Redenden hin und stand stumm da; der Küster that desgleichen; Herr Rochester rührte sich ein klein wenig, als ob ein Erdbeben unter seinen Füßen dahingerollt wäre: fester sich hinstellend, und weder Kopf noch Augen umdrehend, sagte er: —
,Fahren Sie fort.’
,Eine tiefe Stille folgte, als er dieß Wort mit tiefer, aber leiser Betonung aussprach.
Alsbald sagte Herr Wood: ‘Ich kann nicht fortfahren, ehe eine Untersuchung
über Das, was hier behauptet worden, angestellt, und entweder die Wahrheit, oder die Falschheit nachgewiesen worden.’
,Die Ceremonie ist ganz und gar abgebrochen,’ sprach die Stimme hinter uns weiter: ,Ich kann meine Behauptung beweisen, daß dieser Heirath ein unübersteigbares Hinderniß lm Wege steht.’
Herr Rochester hörte es, achtete aber nicht darauf:
hartnäckig und starr stand er da, ohne eine Bewegung
zu machen, es sei denn, daß er meine Hand fest ergriff.
Wie heiß, wie gewaltig war der Druck seiner Hand!
Und wie ähnlich war seine blasse, starke massive Stirn
in diesem Augenblick dem gebrochenen Marmor! Wie
glänzten seine Augen darunter ftoll, wachsam und doch wild!
Herr Wood schien in Verlegenheit zu sein.
,Welcher Art ist das Hinderniß?’ fragte er. ‘Vielleicht ist es von der Art, daß es beseitigt, wegerklärt werden kann.’
‘Wohl kaum,’ lautete die Antwort: ,ich habe es ein unübersteigliches genannt, und weiß, was ich sage.
Der Redende trat vor, und lehnte sich über das Eisengitter. Deutlich, ruhig, fest, aber nicht laut sprach er folgende weitere Worte:
,Das Hinderniß besteht ganz einfach darin, daß noch eine frühere Ehe existirt: Herr Rochester hat eine Frau, die noch am Leben ist.’
Meine Nerven erbebten bei diesen leise gesprochenen Worten, wie sie nie unter dem Einfluß des Donners erbebt waren: - mein Blut empfand ihre feine,
durchdringende Gewalt, wie es noch nie Kälte oder Feuer empfunden: aber ich war gefaßt, und nicht in Gefahr, eine Ohnmacht zu bekommen. Ich blickte
Herrn Rochester an: er mußte mich ansehen. Sein ganzes Gesicht war ein farbloses Felsstück: sein Auge war zu gleicher Zeit Funke und Kieselstein. Er läugnete Nichts: er schien Allem Trotz bieten zu wollen. Ohne ein Wort zu sprechen, ohne zu lächeln, ohne in mir ein menschliches Wesen zu erkennen zu scheinen, schlang er blos seinen Arm um meinen Leib und fesselte mich wie angenagelt an seine Seite.
‘Wer sind Sie?’ fragte er den Mann, der bis jetzt in so unberufener Weise gesprochen hatte.
,Ich heiße Briggs, und bin Rechtsanwalt, wohnhaft in - Straße, zu London.’
‘Und Sie wollen mir ein Weib aufzwingen?’
,Ich will Sie einzig und allein daran erinnern, daß Ihre Gattin noch lebt, Sir: eine Existenz, die das Gesetz anerkennt, wenn Sie es nicht thun.’
,Sagen Sie mir mehr von ihr; - nennen Sie
mir Ihren Namen, Ihre Verwandtschaft, Ihren Wohnort.’
"Gewiß,’ erwiederte Herr Briggs.
Und ganz ruhig zog der Rechtsanwalt ein Papier aus der Tasche, und las mit einer Art offizieller Nasalstimme: --
‘’Ich behaupte und kann beweisen, daß am zwanzigsten Oktober Anno Domini - (vor nun fünfzehn Jahren) Edward Fairfax Rochester von Thornfield Hall in der Grafschaft, — und von Ferndean Manor, in der Grafschaft, — in England, mit meiner Schwester Bertha, Antoinetta Mason, der Tochter des Kaufmanns Jonas Mason, und seiner Ehefrau Antoinetta
einer Creolin, in der - Kirche zu Spanish Town auf der Insel Jamaica getraut worden ist. Die Trauung ist eingetragen worden in das Eheregister der genannten Kirche - wovon ich gegenwärtig eine Abschrift besitze. Gezeichnet Richard Mason.’’
“Dieß Document, wenn es überhaupt ächt ist, mag beweisen, daß ich verheirathet gewesen; es beweist aber nicht, daß das darin als meine Gattin erwähnte
Frauenzimmer noch am Leben ist.
,Sie hat doch vor drei Monaten gelebt,’ versetzte
der Advocat.
‘Wie wissen Sie das?
,Ich habe einen Zeugen, der die Thatsache bestätigt; einen Zeugen, dessen Zeugniß sogar Sie, Sir, kaum anfechten dürften.’
"So führen Sie ihn vor - oder fahren Sie zur
Hölle!’
,Ich werde ihn sogleich stellen - er ist hier: Herr Mason, treten Sie gefälligst vor.’
Als Herr Rochester diesen Namen hörte, biß er die Zähne zusammen; auch wurde er von einer Art starken, krampfhaften Bebens ergriffen: da ich so nahe
bei ihm stand, so fühlte ich, wie die spasmodische Bewegung der Wuth oder Verzweiflung durch seine ganze Gestalt zuckte. Der zweite Fremde, der bis jetzt sich im Hintergrund gehalten hatte, kam heran; ein bleiches Gesicht sah über die Schulter des Advocaten, - ja es war Mason in eigener Person. Herr Rochester wandte sich um und starrte ihn an. Sein Auge war, wie ich zu wiederholten Malen gesagt. schwarz: jetzt gab es in
seiner Düsterkeit ein lohfarbenes, ja sogar blutiges Licht von sch; und sein Gesicht überflog eine plötzliche Röthe - seine olivenfarbige Wange und seine farblose
Stirne glüheten mit einem Mal, wie wenn ein Feuer, sich immer mehr verbreitend, aus seinem Herzen aufstiege: und er rührte, erhob seinen starken Arm - als
wollte er Mason auf den Kirchenboden - niederschlagen, durch einen unbarmherzigen Streich den Athem aus dessen Körper jagen - allein Mason wich zurück und
rief mit schwacher Stimme: ,Guter Gott!’
Kalte Verachtung kam über Herrn Rochester sein Zorn erstarb plötzlich, und er fragte nur: -
,Was haben Sie zu sagen?’
Eine Antwort, die dem Ohre entging, entfloh Mason’s blassen Lippen.
,Der Teufel hat die Hand im Spiele, wenn Sie nicht deutlich antworten können. Ich frage noch ein Mal, was haben Sie zu sagen?’
,Sir — Sie — fiel der Pastor ein, ‘vergessen Sie nicht, daß Sie an heiliger Stätte sind.’
Sodann sagte er, sich zu Mason wendend, diesen sanft: ‘Wissen Sie, Sir, ob die Frau dieses Herrn am Leben ist, oder nicht?’
,Muth gefaßt,' sagte der Advocat, — ,sprechen Sie frei von der Leber weg.’
‘Sie lebt jetzt in Thornfield-Hall;’ sagte Mason, in besser artikulirten Tönen: ,Ich habe sie dort im letzten April gesehen. Ich bin ihr Bruder.’
,In Thornfield-Hall!’ rief der Pastor. ,Unmöglich! Ich wohne schon lange in dieser Nachbarschaft, Sire, und noch nie habe ich von einer Mistreß Rochester in Thornfield-Hall gehört.’
Ich sah ein grimmiges Lächeln auf Herrn Rochester Lippe; er murmelte: --
‘Nein - bei Gott! ich habe Sorge getragen, daß Niemand von dem Ding — oder von Ihr unter diesem Namen hören sollte.’
Er sann einige Zeit nach — und wohl zehn Minuten mochte er bei sich zu Rathe gehen. Endlich war sein Entschluß gefaßt, und er kündigte denselben also an: —
‘Genug — Nun soll Alles auf einmal heraus, wie die Kugel aus dem Lauf. - Wood, machen Sie Ihr Buch zu: und ziehen Sie Ihr Chorhemd aus; John Green, (- sich zu dem Küster wendend -) verlassen Sie die Kirche: aus der Trauung wird heute Nichts.’
Der Küster gehorchte.
Herr Rochester fuhr rauh und rücksichtslos also fort:
‘Bigamie - das ist ein häßliches Wort! - Und doch hatte ich die Absicht, ein Bigamist zu werden; allein das Schicksal hat meine Anschläge zu nichte gemacht; oder vielmehr die Vorsehung hat mich zurückgehalten, — vielleicht ist Letzteres das Richtigere. In
diesem Augenblicke bin ich wenig besser, denn ein Teufel, und verdiene, wie mein Pastor dort sich ansdrücken würde, ohne Zweifel das strengste Gericht Gottes, ein Gericht. das mich zum Feuer, welches nicht erlischt, und zum Wurme, der nicht stirbt, verurtheilt. Meine Herren, mein Plan ist vernichtet! - Was dieser Advocat und sein Klient sagt. ist wahr: Ja, ich bin verheirathet; und das Weib, mit dem man mich verheirathet hat, ist noch am Leben! Sie sagen, Wood, Sie hätten von einer Mistreß Rochester in dem Hause dort oben nie gehört; aber Ihr Ohr hat doch wohl oft
einem Gerüchte gelauscht, von einer mysteriösen Wahnsinnigen, die dort bewacht wird. Einige Leute haben Ihnen zugeflüstert, daß es meine uneheliche Halbschwester, Andere, daß es meine verstoßene Geliebte sei; nun sage ich Ihnen, sie ist meine Frau, die ich vor fünfzehn Jahren geheirathet, — Bertha Mason mit Namen, und Schwester dieses entschlossenen Mannes da, der Ihnen mit seinen zitternden Gliedern und bleichen
Wangen zeigt, welch muthiges Herz ein Mensch haben kann. Lustig Dick! - Haben Sie keine Furcht vor mir! — Ich möchte fast ebenso gern ein Weib schlagen, als Sie. Bertha Mason ist eine Wahnsinnige, und stammt von einer wahnsinnigen Familie: Idioten und
Tollhäusler in drei Generationen! Ihre Mutter, die Creolin, war eine Wahnsinnige. und noch dazu dem Trunke leidenschaftlich ergeben! - wie ich fand, nachdem ich ihre Tochter geheirathet; denn über Familiengeheimnisse sprachen sie zuvor nicht eine Silbe. Bertha, als gehorsames Kind, ahmte ihrer MUtter in beiden
Stücken getreulich nach. Ich hatte eine bezaubernde Ehehälfte — keusch, klug, bescheiden: Sie können sich vorstellen, daß ich ein glücklicher Mann war. - Ich
erlebte köstliche Scenen! O meine Erfahrung war eine himmlische, wenn Sie nur Etwas davon wüßten! Aber ich bin nicht schuldig und verbunden, Ihnen weitere
Erklärungen zu geben. Briggs, Wood, Mason, ich lade Sie Alle ein, mit mir hinauf zugehen und die Patientin der Mistreß Poole - meine Frau zu besuchenl Da sollen Sie sehen, welches Wesen man mich schändlicher Weise hat heirathen lassen, und urtheilen, ob ich ein Recht hatte oder nicht, den Bund zu brechen, und bei einem Wesen Sympathie zu suchen, das wenigstens menschlich ist. Dieses Mädchen, fuhr er, mich erblickend, fort, ,wußte von dem scheußlichen Geheimniß eben so wenig, wie Sie, Wood: sie glaubte,
Alles gehe mit ehrlichen Dingen zu, und es werde nicht gegen ein Gesetz verstoßen; nie ließ se sich träumen, daß sie zu einer angeblichen Verbindung mit einem
betrogenen Elenden, der bereits an ein verworfenes, wahnsinniges, zum Brutum gewordenes Wesen gebunden, betrügerischer Weise verlockt werde! Kommen Sie
Alle, und folgen Sie mir!’
Mich immer noch festhaltend, verließ er die Kirche:
die drei Herren kamen nach. An der Hausthüre des Schlosses fanden wir den Wagen.
,Bring' ihn nur wieder unter den Schuppen, John,’ sagte Herr Rochester kalt; ‘wir werden heute keinen Gebrauch davon machen.’
Bei unserem Eintritt kamen Mißtreß Fairfax, Adele,
Sophie und Leah uns entgegen, um uns ihre Glückwünsche darzubringen.
‘Fort mich Euch - fort mit Euch Allen!’ rief der Herr. ,Zum Henker mit Euren Glückwünschen! Wer bedarf derselben? - Ich wenigstens brauche sie
nicht! - Sie kommen fünfzehn Jahre zu spät!’
Er ging vorbei und die Treppe hinauf, immer noch meine Hand haltend und den Herren winkend, ihm zu folgen; - was sie auch thaten. Wir kamen die erste
Treppe hinauf, gingen durch die Gallerie, und dann in den dritten Stock: durch die niedrige schwarze Thür, die durch Herrn Rochesters Hauptschlüssel geöffnet wurde,
kamen wir in das mit Tapeten behangene Zimmer, dessen großes Bett und mit Malereien versehenes Cabinet mir noch wohl bekannt war.
,Sie kennen diesen Ort, Mason,’ sagte unser Führer: ,hier hat sie Sie meuchlerisch angefallen und gebissen.’
Er hob die Tapete an der Wand auf, und es zeigte sich nun die zweite Thür: auch diese öffnete er. Da brannte in einem Zimmer ohne Fenster ein durch ein hohes und starkes Eisengitter geschütztes Feuer: eine Lampe hing an einer Kette von der Decke nieder. Grace Poole neigte sich über das Feuer, anscheinend damit beschäftigt, etwas in einer Pfanne zu kochen. In dem tiefen Schatten, im Hintergrund des Zimmers, lief eine
Gestalt mit eiligen Schritten auf und ab. Was es war, ob ein Thier oder ein menschliches Wesen, konnte man auf den ersten Blick nicht sagen: es kroch dem
Anschein nach auf allen Vieren: es schnappte und knurrte wie ein seltsames wildes Thier; aber es war mit Kleidern bedeckt, und eine Masse dunkeln, gräulichen
Haars, wild wie eine Mähne, verbarg Kopf und Gesicht.
,Guten Morgen, Mistreß Poole!’ sagte Herr Rochester. ,Wie geht es Ihnen? und wie befindet sich heute Ihre Schuzbefohlene?’
,O es geht erträglich, Sir, dank’ Ihnen,’ erwiederte Grace, die siedende Speise sorgfältig auf den Rücken des Kamins stellend: ‘etwas beissig heute, aber
nicht wüthig.’
Ein wilder Schrei schien ihren günstigen Bericht Lügen zu strafen; die bekleidete Hyäne erhob sich, und stand in ihrer ganzen Länge, auf ihre Hinterfüße gestützt, da.
,Ah, Sir, sie sieht Sie!’ rief Grace: ‘entfernen Sie sich lieber.’
,Ich will nur einige Augenblicke dableiben, Grace:
Sie müssen mir einige wenige Augenblicke gestatten.’
"Dann nehmen Sie sich in Acht, Sir! — um’s Himmelswillen, nehmen Sie sich ja in Acht!’
Die Wahnsinnige brüllte: sie schlug ihr zottiges Haar aus dem Gesichte, und sah die Besuchenden wild an. Ich erkannte wohl das purpurrothe Gesicht, die aufgedunsenen Züge. Mistreß Poole trat auf uns zu.
,Aus dem Wege!’ sagte Herr Rochester, Mistreß Poole bei Seite schiebend. ,Sie hat jetzt vermuthlich kein Messer? und ich bin auf meiner Hut.’
,Man weiß nie, was sie hat, Sir; sie ist so listig: kein Sterblicher ist im Stande, ihrer List auf den Grund zu gehen.’
‘Wir thäten wohl besser daran, wenn wir sie verließen,’ flüsterte Mason.
"Gehen Sie zum Teufel!’ lautete der Rath seines Schwagers.
,Nehmen Sie sich doch in Acht!’ rief Grace.
Die drei Herren zogen sich zu gleicher Zeit zurück,
Herr Rochester schleuderte mich hinter sich; die Wahnsinnige sprang auf ihn zu, klammerte sich an seinen Hals an, und setzte ihre Zähne an seine Wange: Sie
rangen mit einander. Sie war ein großes Weib, der Statur nach ihrem Manne fast gleich, und außerdem wohlbeleibt: sie zeigte in dem Kampfe eine wahre
Manneskraft - mehr als einmal hätte sie ihn um ein Haar erdrosselt, so athletisch er auch war. Wohl hätte er sich ihrer durch einen tüchtigen Streich entledigen können; er wollte aber nicht schlagen, sondern bloß ringen. Endlich bekam er ihre Arme in seine Gewalt; Grace Poole gab ihm einen Strick, und er band ihr dieselben auf den Rücken: mit einem anderen Stricke band er sie an einen Stuhl fest. Dieß geschah unter
den wüthendsten Schreien von Seiten der Gebundenen, dabei wehrte sich dieselbe verzweifelt und schlug nach allen Seiten aus. Sodann wandte Herr Rochester sich
zu den Zuschauern: mit einem bittern und verzweiflungsvollen Lächeln sah er sie an.
‘Das ist meine Frau,’ sagte er. ,Dieß ist die
einzige ehliche Umarmung, die ich für immer kennen
soll — das sind die Liebkosungen, die mich in meinen
Mußestunden erfreuen sollen! Und das ist die, so ich
haben wollte (— hier legte er seine Hand auf meine
Schulter -): dieses junge Mädchen, das so ernst und
ruhig am Schlunde der Hölle steht und den Sprüngen
eines Dämons so gefaßt zusieht. Ich wollte sie haben,
als etwas Neues, nach jenem scheußlichen Ragout.
Wood und Briggs, sehen Sie, ob ein Unterschied ist!
Vergleichen Sie diese klaren Augen mit jenen rothen
Kugeln dort - dieses Gesicht mit jener scheußlichen
Maske diese Gestalt mit jenem Klumpen; und dann
richten Sie mich, Sie, Priester des Evangeliums, und
Sie, Mann des Gesetzes, und vergessen Sie nicht daß
wie Sie richten, so auch Sie werden gerichtet werden!
Und nun, sort mit Euch Allen! ich muß mein Kleinod
wieder einschließen.’
Wir entferten uns Alle, und nur Herr Rochester
blieb einen Augenblick zurück, um Grace Poole noch
weitere Befehle zu geben.
Der Advokat redete mich an, als wir die Treppe
herabgingen.
‘Sie, Madame,’ sagte er, sind frei von aller Schuld: Ihr Oheim - falls er noch am Leben ist wird froh sein es zu hören, wenn Herr Mason nach
Madeira zurückkehrt.’
,Mein Oheim! Wie kommen Sie auf ihn zu sprechen? Kennen Sie ihn? Wissen Sie Etwas von ihm?’
‘Herr Mason kennt ihn: Herr Eyre steht seit einigen Jahren von Funchal aus mit seinem Hause in Geschäftsverbindung. Als Ihr Oheim Ihre Briefe empfing, worin Sie ihm Ihre beabsichtigte eheliche Verbindung mit Herrn Rochester kund yhaten, war Herr
Mason, der auf Madeira war, um seine Gesundheit wieder herzusyellen, zufällig bei ihm, auf seinem Rückwege nach Jamaika. Herr Eyre theilte ihm die Nachricht mit; denn er wußte, daß mein Cliet hier mit
einem Herrn Namens Rochester bekannt sei. Herr
Mason, der. wie Sie sich leicht denken können, schmerzlich überrascht wurde, deckte den wahren Sachverhalt auf. Ihr Oheim liegt jetzt leider krank darnieder, und
es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß er, wenn man die
Natur seiner Krankheit, - es ist die Auszehrung — sowie das Stadium in Betracht zieht, das sie erreicht hat, wieder aufkommen wird. Er konnte nicht in eigener Person nach England eilen, um Sie aus der Schlinge zu befreien, in die Sie gefallen: es blieb ihm
also Nichts übrig, als Herrn Mason zu bitten, daß er
keine Zeit verlieren möchte, um den Abschluß der falschen Ehe zu verhindern. Er hat ihn an mich gewiesen, damit ich ihm Beistand leiste. Ich habe alle Eile angewandt und danke Gott, daß ich nicht zu spät gekommen; und auch Sie sind ohne Zweifel froh, daß die Sache nicht weiter gekommen ist. Hätte ich nicht die
moralische Gewißheit, daß Ihr Oheim todt sein wird, ehe Sie nach Madeira kommen, so würde ich Ihnen den Rath geben, Herrn Mason zurückzubegleiten; so wie
jetzt aber die Sache steht, bin ich der Ansicht, daß Sie besser daran thun, in lngland zu bleiben, bis Sie Weiteres über oder von Herrn Eyre selbst erfahren.
,Verlangt sonst noch ein Geschäft unsere Anwesenheit in Thornfield-Hall?’ fragte der Advokat Herrn Mason.
,Nein, nein - wir wollen fort,’ war die ängstliche Antwort; und ohne sich die Zeit zu nehmen, sich bei Herrn Rochester zu verabschieden, gingen sie zur
großen Thüre hinaus. Der Pastor blieb noch einige Augenblicke, um einige ermahnende oder stärkende Worte an sein stolzes Beichtkind zu richten. Nachdem er diese
Pflicht erfüllt, entfernte auch er sich.
Ich hörte ihn weggehen. als ich in der halb offenen Thüre meines Zimmers stand, wohin ich mich zurückgezogen hatte. Als Alles wieder fort war, schloß ich mich ein, schob den Riegel vor, um ungestört zu sein, und fing an - nicht zu weinen, nicht zu klagen; ich war dazu noch zu ruhig, sondern -- um das Hochzeitkleid ganz mechanisch abzulegen und dafür das Zeugkleid wieder anzuziehen, das ich gestern noch getragen hatte
- zum letzten Male, wie ich glaubte. Dann setzte ich mich nieder; ich fühlte mich schwach und ermüdet. Ich stützte meine Arme auf einen Tisch und mein Kopf sank
auf dieselben nieder. Und nun dachte ich: bis daher
hatte ich bloß gehört, gesehen, mich bewegt, - war hinauf- und hinabgefolgt, wohin man mich führte oder schleppte; -- bis dahin hatte ich zugesehen, wie ein
Ereigniß nach dem andern an mir vorüberging, wie Enthüllungen auf Enthüllungen kamen: aber jetzt dachte ich.
Der Morgen war in ländlicher Ruhe vergangen - abgerechnet die kurze Scene mit der Wahnsinnigen; die Verhandlung in der Kirche war von keinem Lärmen begleitet gewesen: es fand da kein Ausbruch der Leidenschaft, kein lautes Gezänk, kein Wortwechsel, keine Herausforderung statt; es waren da keine Thränen, kein Schluchzen: nur wenige Worte waren gesprochen worden; der Einspruch gegen die Heirath erfolgte in aller
Ruhe: Herr Rochester hatte einige ernste und kurze
Fragen an die beiden Eindringlinge gerichtet; es waren
Antworten und Erklärungen gefolgt, und ein Beweisstück beigebracht worden: mein Herr hatte die Wahrheit
offen eingestanden; sodann war der lebende Beweis vorgezeigt worden; die Fremden hatten sich wieder entfernt und Alles war vorüber.
Ich war auf meinem Zimmer, wie gewöhnlich ganz ich selber, ohne sichtliche Veränderung: Nichts hatte mich getroffen , oder versengt, oder verstümmelt,
Und doch, wo war die Jane Eyre von gestern? - Wo
war ihr Leben? -- Wo ihre Aussichten?
Jane Eyre so eben noch ein glühendes, auf den
Flügeln der Erwartung getragenes Frauenzimmer — fast eine Gattin - war nun wieder ein kaltes, einsames verlassenes Mädchen: ihr Leben war verblüht; ihre
Aussichten trostlos. Eine Weihnachtskälte hatte sich zur
Zeit der Sommersonnenwende plötzlich eingestellt: ein
von Schnee begleiteter Dezembersturm war über den Juni dahingewirbelt; Eis überglaste die reifen Aepfel, und Massen zusammengetriebenen Schnees zerdrückten
die blühenden Rosen; auf den Wiesen mit ihrem Heu
und auf den Feldern mit ihrer Körnerpracht lag ein
eisiges Leichentuch: Heckenwege, die am vergangenen Abend noch in ihrem Blüthenschmucke geprangt hatten, lagen jetzt da pfadlos und voll unbetretenen Schnee's; und der Wald, der noch vor zwölf Stunden, wie die Haine in den Tropenländern, wohlriechende Düfte verbreitet, und dessen dichtes Laub von saftigem Grün unter
dem Einfluse des Windes so majestätisch und so wonniglich zugleich rauschte, stand jetzt da, öde, wild und weiß, wie die Fichtenwälder im winterlichen Norwegen. Meine
Hoffnungen waren alle erstorben, - unter der Hand
eines Würgengels, ähnlich demjenige, der in einer
Nacht alle Erstgeburt im Lande Ägypten erschlug. Ich
blickte auf meine Lieblingswünsche hin, die gestern noch
so blühend und glühend gewesen waren; nun lagen sie
ganz wie kalte, starre, bläuliche Leichen, die Nichts mehr
erwecken konnte. Ich blickte auf meine Liebe hin, auf
jenes Gefühl, das meinem Herrn gehörte, das er in's
Leben gerufen; sie schauderte in meinem Herzen, gleich
einem kranken leidenden Kinde in einer kalten Wiege;
Krankheit und Qual hatten sich ihrer bemächtigt: sie
konnte Herrn Rochesters Arme nicht suchen - konnte nun
seiner Brust keine Wärme finden. O! nie konnte sie sich mehr ihm zuwenden, denn der Glaube war vernichtet - das Zutrauen gestört. Herr Rochester war für mich nicht mehr, was er gewesen; denn er war nicht das, wofür ich ihn gehalten. Ich mochte kein Laster
an ihm finden, mochte nicht sagen, daß er mich betrogen: aber das Attribut fleckenloser Wahrheit knüpfte sie nicht mehr an den Gedanken an ihn; und aus seinen
Augen mußte ich: das sah ich deutlich. Wann - wie - wohin - vermochte ich nicht zu sagen ; aber ich zweifelte keinen Augenblick, daß er selbst mich eiligst
aus Thornfield entfernen würde. Es schien mir, daß er keine wahre Liebe zu mir empfinden könne; es war bloß eine,augenblickliche Leidenschaft gewesen: dieser war man entgegengetreten, und er brauchte mich daher nicht mehr. Es kam mir vor, als müsse ich sogar fürchten, ihm jetzt in den Weg zu treten, als müsse mein Anblick ihm verhaßt sein. O wie blind waren meine Augen gewesen! Wie schwach hatte ich gehandelt!
Meine Augen waren bedeckt und geschlossen: wirbelartige Finsterniß schien um mich her zu schwimmen, und das Nachdenken stürzte in ebenso schwarzer und
verworrener Fluth daher. Von mir selbst aufgegeben,
abgespannt und ohne Kraft, weitere Anstrengungen zu
machen, schien ich mich in das ausgetrocknete Bett eines
großen Stroms gelegt zu haben; ich hörte eine Fluth
von fernen Bergen daher und auf mich zurauschen: es
fehlte mir am Willen, aufzustehen, und zum Fliehen ermangelte ich der nöthigen Stärke. Ohnmächtig lag ich da, mich nach dem Tode sehnend. Nur Ein Gedanke
durchzuckte mich noch mit Lebenskraft - die Erinnerung
an Gott: er erzeugte ein nicht in Worten formulirtes
Gebet: diese stummen Worte bewegten sich auf und ab in meinem verfinsterten Geiste, als etwas, das geflüstert werden sollte; aber es war keine Kraft mehr da, um
dieselben auszusprechen: -
,Sei nicht ferne von mir, denn Noth ist nahe und kein Helfer ist da!’
Die Noth war nahe; und da ich keine Bitte zum Himmel gerichtet, um sie abzuwenden - da ich weder meine Hände gefaltet, noch meine Knie gebeugt, noch meine Lippen bewegt -- so kam sie: mit seiner vollen erdrückenden Masse ergoß der wilde Strom sich über
mich. Das Bewußtsein, mein ganzes Leben verschwendet, meine Liebe verloren zu haben, - das Bewußtsein, daß meine Hoffnung erloschen. daß mein Glaube vernichtet, schwebte allbewältigend über mir in einer trüben Masse. Jene bittere Stunde vermag ich nicht zu
beschreiben, und ich kann in Wahrheit sagen, ,das Wasser ging mir bis an die Seele; ich versank in tiefen Schlamm; der Boden wich unter mir; ich kam in tiefes Wasser; die Fluth rollte über mich weg.’
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Im Laufe des Nachmittags richtete ich mein Haupt auf, sah um mich her, und bemerkte den goldenen Schein der Abendsonne an der Wand. Ich fragte mich: -
,Was ist jetzt zu thun?’
Aber die Antwort, die mein Geist gab: - ‘Du mußt Thornfield alsbald verlassen' - kam sobald und in so schrecklichen Tönen, daß ich meine Ohren zuhielt.
Ich sagte, solche Worte könne ich jetzt nicht ertragen
,Daß ich Eduard Rochesters Gattin nicht bin, ist der geringste Theil meines Schmerzes,’ sagte ich bei mir selbst; ,daß ich aus den wonnevollsten Träumen
erwacht bin, und sie alle leer und eitel erfunden habe,
ist ein Schrecken, eine Pein, die ich, so entsetzlich sie
immer sein mögen, noch ertragen und bemeistern könnte; daß ich ihn aber ein für allemal, augenblicklich, gänzlich verlassen muß - das ist unerträglich. Ich vermag es
nicht.’
Dann aber behauptete eine Kraft in mir, ich könne
es thun, und sagte mir im Voraus, daß ich es thun
würde. Ich kämpfte mit meinem Entschlusse: ich hätte
schwach sein mögen, um dem schrecklichen Pfade ferneren
Leidens, den ich vor mir sich ausdehnen sah, auszuweichen; und das Gewissen, das zum Tyrannen wurde, faßte die Leidenschaft bei der Kehle, sagte ihr in Höhnischem Tone, sie hätte bis jetzt nur mit ihrem zierlichen Fuß die Pfütze berührt, und schwor, daß es sie mit seinem eisernen Arme in bodenlose Tiefen der Qual hinabschleudern würde.
,So mag ich denn hinweggerissen werden!’ rief ich. ,So möge mir Jemand helfen!’
‘Nein, selbst mußt Du Dich hinwegreißen; Niemand soll Dir helfen Du selbst sollst Dein rechtes Auge ausreißen; Du selbst sollst Deine rechte Hand abhauen: Dein Herz soll das Schlachtopfer sein, und Du der Priester, der es durchbohrt.’
Plötzlich stand ich auf, von Entsetzen ergriffen über die Einsamkeit, die ein so unerbittlicher Richter aufsuchte, - über das Schweigen, das auf eine so hehre,
ehrfurchterregende Stimme folgte. Mein Kopf schwindelte, als ich aufrecht dastand: ich bemerkte, daß ich ohnmächtig wurde in Folge der Aufregung und meiner gänzlichen Erschöpfung: weder Speise noch Trank hatten an jenem Tage meine Lippen berührt, denn ich hatte nicht gefrühstückt. Und mit einer seltsamen Bangigkeit dachte ich jetzt darüber nach, daß, so lange ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen, keine Botschaft gekommen, um nach meinem Befinden zu fragen, oder um mich einzuladen, hinabzukommen: nicht einmal die kleine Adele hatte ich an die Thüre klopfen hören; nicht einmal Mistreß Fairfax hatte mich ausgesucht.
,Die Freunde vergessen stets Diejenigen, welche
das Glück verläßt,’ murmelte ich, als ich den Riegel
zurückschob und hinaustrat. Ich stolperte über Etwas:
mein Kopf war noch schwindelig. meine Augen trübe,
meine Glieder schwach. Ich hatte im Augenblick nicht
Fassung genug, um mich auf den Beinen zu halten; ich fiel, aber, nicht zu Boden: ein ausgestreckter Arm fing mich auf. Ich sah auf - Herr Rochester, der auf
einem Stuhle, quer über der Schwelle meines Zimmers,
saß, stützte mich.
,Endlich kommen Sie heraus,’ sagte er. ,Ich habe
lange auf Sie gewartet und habe lange gehorcht; doch
habe ich auch nicht Eine Bewegung, auch nicht Einen
Schluchzer gehört: hätte diese Todtenstille auch nur noch
fünf Minuten angedauert, so hätte ich das Schloß wie
ein Dieb erbrochen. So, Sie weichen mir aus? - Sie schließen sich ein, um allein Ihrem Kummer nachzuhangen? E wäre mir lieber gewesen. Sie wären
gekommen und hätten mir heftige Vorwürfe gemacht.
Sie sind leidenschaftlich: ich machte mich auf eine Scene gefaßt. Ich war vorbereitet auf den heißen Regen der
Thränen; nur hätte ich gewollt, daß sie an meiner
Brust vergossen worden wären. Nun hat ein fühlloser
Boden sie aufgenommen oder Ihr durchnäßtes Taschentuch. Aber ich irre: Sie haben gar nicht geweint! Ich sehe eine weiße Wange und ein mattes Auge, aber
keine Spur von Thränen. So hat denn Ihr Herz Blut
geweint?’
‘Nun, Jane; nicht Ein Wort des Vorwurfes? Nichts Bitteres - nichts Stechendes? Nichts, um ein Gefühl zu verwunden, oder eine Leidenschaft aufzustacheln? Sie sitzen ruhig auf dem Platze, auf den ich
Sie gesetzt, und sehen mich mit müdem, passivem Blicke
an. -‘
,Jane! ich wollte Sie nicht also verwunden. Hätte
der Mann, der nur ein einziges, kleines Mutterlamm
besaß, das ihm so theuer war, wie eine Tochter, die
von seinem Brode aß, und aus seinem Becher trank,
und in seinem Schooße ausruhte, es aus Versehen auf
der Schiachtbank geschlachtet - wahrlich, er würde seinen furchtbaren Fehlgriff nicht mehr bereut haben, als ich den meinigen jetzt bereue. Können Sie mir je wieder vergeben?’
Leser! -- Ich vergab ihm im Augenblicke und auf
der Stelle. Es lag eine so tiefe Reue in seinem Auge,
ein so wahres Mitleid in seinem Tone, eine so männliche Energie in seinem ganzen Wesen; und überdieß
eine so unveränderte Liebe in seinem ganzen Ausdrucke
und in seiner Miene, daß ich ihm Alles vergab; indessen nicht in Worten, nicht äußerlich, sondern nur im Innersten meines Herzens.
‘Sie wissen, ich bin ein Schurke, Jane?’ fragte er nach einer kleinen Pause bedeutungsvoll - wie ich vermuthe, erstaunt über mein fortgesetztes Schweigen
und meine Zahmheit, die eher Resultate meiner Schwäche
als meines Willens waren.
‘Ja, Sir.’
So sagen Sie mir es offen und ohne Rückhalt — schonen Sie mich nicht.’
Ich kann es nicht: ich bin matt und krank. Ich
brauche Wasser.’
Er stieß eine Art schaudernden Seufzers aus, und
trug mich, mich in seine Arme fassend, die Treppe hinab. Anfänglich wußte ich nicht, in welches Zimmer er mich getragen; Alles war für mein gläsernes Auge
umwölkt. Bald empfand ich die belebende Wärme eines
Feuers, denn, obgleich es Sommer war, war ich in
meinem Zimmer eiskalt geworden. Er brachte Wein an
meine Lippen; ich versuchte ihn und lebte wieder auf;
dann aß ich Etwas, was er mir anbot, und war bald
wieder ganz bei mir und hergestellt. Ich befand mich
in dem Bibliothekzimmer und saß in seinem Sessel: er ganz nahe bei mir.
,Könnte ich nun ohne allzuheftige Qual aus dem
Leben scheiden, so wäre es gut für mich,’ dachte ich;
‘dann wäre mir die schwere Aufgabe erlassen, die Saiten meines Herzens zu sprengen, indem ich sie von denen des Herrn Rochester gewaltsam trenne. Ich muß ihn
verlassen, wie mir scheint. Ich will ihn aber nicht verlassen - ich kann ihn nicht verlasen. -‘
,Wie befinden Sie sich jetzt, Jane?’
,Viel besser, Sir: bald werde ich wieder ganz wohl sein.’
,Versuchen Sie den Wein einmal, Jane!’
Ich gehorchte ihm; dann setzte er das Glas auf
den Tisch, stand vor mich hin und blickte mich aufmerksam an. Plötzlich wandte er sich weg mit einem unartikulirten Ausrufe voll leidenschaftlicher Aufregung: er schritt schnell durch das Zimmer hin und kam zurück,
bückte sich zu mir nieder, gleichsam um mich zu küssen;
allein ich erinnerte mich, daß Liebkosungen nunmehr verboten seien. Ich wendete mein Gesicht ab, und schob das seine bei Seite.
,Was! - Was ist das?’ rief er hastig. ‘O ich
weiß es! Sie wollen den Mann der Bertha Mason
nicht küssen! Sie glauben, meine Arme seien schon voll,
und meine Umarmungen gehören einer Andern?’
"Auf jeden Fall ist weder Platz für mich da, noch
habe ich einen Anspruch geltend zu machen, Sir.’
‘Warum, Jane? Ich will Ihnen die Mühe des
vielen Sprechens ersparen: ich will für Sie antworten:
weil ich schon eine Frau habe, wollen Sie erwiedern.
Habe ich recht gerathen?’
,Ja.’
,Wenn Sie so denken, so müssen Sie eine seltsame
Meinung von mir haben: Sie müssen mich als einen
mit Ränken und Intriguen umgehenden Wüstling ansehen, — als einen gemeinen, niederträchtigen Gesellen, der uneigennützige Liebe geheuchelt, um Sie in eine absichtlich gelegte Schlinge zu locken, um Sie Ihrer Ehre
zu berauben, um Sie um Ihre Selbstachtung zu betrügen. Was sagen Sie dazu? Ich sehe, Sie können Nichts sagen: erstlich sind Sie noch ganz schwach und
haben genug zu thun, nur um Athem zu holen; zweitens können Sie es noch nicht über sich bringen, mich anzuklagen und herabzuwürdigen; und überdieß sind die
Thränenschleusen geöffnet, und würden überströmen, wenn Sie viel sprächen; und endlich haben Sie keine Lust, mich zur Rede zu stellen, mich mit Vorwürfen zu
überhäufen, eine Scene zu machen: Sie denken jetzt daran, wie Sie zu handeln hätten - das Sprechen erachten Sie für unnütz. Ich kenne Sie - ich bin
auf meiner Hut.’
,Sir, ich will nicht gegen Sie handeln,’ sagte ich.
Und meine unsichere Stimme warnte mich, daß ich meinen Satz unvollendet lassen sollte.
‘Nicht in Ihrem Sinne des Wortes - aber in
meinem machen Sie jetzt einen Plan, wie Sie mich
vernichten können. Sie haben es so gut wie ausgesprochen, daß ich verheirathet bin — und als einen verheiratheten Mann werden Sie mich meiden, werden Sie
mir aus dem Wege gehen: so eben noch haben Sie
sich geweigert, mich zu küssen. Sie wollen sich mir
ganz entfremden, - wollen unter diesem Dache nur noch als Adelens Erzieherin leben: wenn ich je noch ein freundliches Wort zu Ihnen sage, wenn je ein
freundschaftliches Gefühl Sie wieder zu mir hintreibt,
so werden Sie sagen: - ,,Dieser Mann da hätte
mich beinahe zu seiner Maitresse gemacht: ich muß wie
ein Stück Eisen oder wie ein Stück Felsen gegen ihn
sein;’’ und folglich werden Sie auch zu einem Eis- und Felsenstücke werden.’
Ich bot alle meine Kraft auf, um mit sicherer und
vernehmlicher Stimme zu antworten.
,Alles um mich her,' sagte ich, ,hat sich verändert,
Sir; auch ich muß mich nun verändern - darüber kann kein Zweifel obwalten; und um dem Schwanken der Gefühle, um den beständigen Kämpfen mit Erinerrugen und Vorstellungen ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: - Adele braucht eine neue Erzieherin,
Sir.’
,O, Adele kommt in eine Schule - das ist bereits ausgemacht: auch habe ich nicht im Sinne, Sie mit den scheußlichen Erinnerungen und Vorstellungen zu quälen, die sich an Thornfield Hall diesen verfluchten Ort - dieses Achanszelt — dieses abscheuliche
Loch, das den gräßlichen Anblick des lebenden Todes
dem Lichte des freien Himmels darbietet - diese enge
Hölle von Stein, mit ihrem Einen, wahren Teufel,
ärger denn eine Legion von denen, die in unserer Phantasle spuken - knüpfen. Ich hatte Unrecht, Sie je nach Thornfield Hall zu bringen, da ich doch wußte, welche Geister darin spuken. Ich habe meinen Leuten, noch ehe ich Sie sah, befohlen, Ihnen jede Kenntniß von dem Fluche dieses Ortes sorgfältig vorzuenthalten;
einzig und allein, weil ich befürchte, ich würde für Adele nie eine Erzieherin auf längere Zeit finden, wenn dieselbe wüßte, wer noch mit ihr im Hause wohnt, und
meine Pläne mir nicht erlaubten, die Wahnsinnige anderswohin zu bringen -- obgleich ich ein altes Haus, Ferndean Manor, besitze, das noch einsamer und verborgener als dieses ist, wo ich sie mit voller Sicherheit hätte lassen können, hätte nicht eine Bedenklichkeit wegen der ungesunden Lage, mitten in einem Walde mich eine solche Maßregel verwerfen lassen. Wahrscheinlich würden jene feuchten Wände mich von meiner Bürde bald befreit haben; aber jedem Bösewicht sein Laster: und das meinige ist nicht das, den Gegenstand, den ich auch noch so sehr hasse, auf indirekte Weise zu ermorden zu suchen.’
,Die Nähe der Wahnsinnigen Ihrem Auge und
Ihrem Ohre zu verbergen, war indessen ein Unternehmen, gleich demjenigen eines Mannes, der ein Kind mit einem Mantel bedecken und es neben einen Upas-Baum legen würde: die Nachbarschaft jenes Dämons ist vergiftet und ist es immer gewesen. Ich werde aber Thornfield Hall verschließen: ich werde die Vorderthüre zunageln und die untern Fenster mit Brettern verkleiden; ich werde Mistreß Poole jährlich zwei bundert Pfund
geben, um mit meiner Frau hier zu leben, -- mit
meiner Frau, wie sie jene fürchterliche Hexe nennen.
Grace wird für Geld und gute Worte Viel thun, und
ihr Sohn, der Aufseher von Grimsby Retreat, soll ihr
Gesellschaft leisten und ihr beistehen bei den Anfällen
meiner Frau, wenn ihr Dämon sie antreibt, die Leute
bei Nacht in ihren Betten zu verbrennen, sie zu meucheln, ihnen das Fleisch von den Knochen zu beißen und sofort —.’
‘Sir,’ unterbrach ich ihn, ‘Sie zeigen kein Mitleid für diese unglückliche Frau: Sie sprechen von ihr mit Haß - mit racherfüllter Antipathie. Es ist grausam: es ist nicht ihre Schuld, wenn sie wahnsinnig ist!’
,Jane, mein liebes Kind, — so will ich Sie nennen, da Sie es sind - Sie wissen nicht, was Sie sagen; schon wieder beurtheilen Sie mich unrichtig: nicht darum hasse ich sie, weil sie wahnsinnig ist. Wären Sie wahnsinnig, glauben Sie, ich würde Sie
hassen?’
,Ja, ich glaube es, Sie.'
‘Dann irren Sie sich, und kennen mich nicht, und
wissen auch nicht, welcher Liebe ich fähig bin. Jedes
Atom Ihres Fleisches ist mir so theuer, wie mein eigenes: in Leiden und Krankheit würde es mir immer noch theuer sein. Ihr Geist ist mein Schatz und würde derselbe gebrochen, so würde er dennoch mein Schatz sein: wären Sie rasend. — meine Arme würden Sie umschließen, und nicht eine spanische Jacke —Ihr Griff
würde, selbst in der Wuth, einen Zauber für mich haben; würden Sie so wild auf mich losfahren, wie jenes Weib diesen Morgen gethan, — ich würde Sie mit meinen
Armen umschließen, wenigstens ebenso zärtlich als fest.
Ich würde nicht mit Ekel und Abscheu vor Ihnen zurückbeben, wie vor ihr: in Ihren ruhigen Augenblicken sollten Sie keinen andern Wächter, keine andere Wärterin haben, als mich, und ich könnte mit nie ermüdender Zärtlichkeit mich über Sie beugen, wenn Sie mir auch dafür keinen lächelnden Blick gäben; und nie würde ich müde werden, in Ihre Augen zu blicken, wenn diese auch keinen Strahl mehr hätten, der mich erkennete. - Warum aber solchen Gedanken folgen? Ich sprach davon, Sie von Thornfield zu entfernen. Alles ist, wie Sie wissen, zur alsbaldigen Abreise bereit: morgen sollen
Sie fort. Ich bitte Sie einzig und allein, nur noch Eine Nacht unter diesem Dache zu bleiben, Jane; und dann können Sie dem Elend und dem Schrecken, die es birgt, auf immer Lebewohl sagen! Ich habe einen Ort für Sie, der Ihnen ein sicheres, vor verhaßten Erinnerungen, vor unwillkommenem Eindringen - ja sogar vor Falschheit und Verläumdung geschütztes Heiligthum sein wird.’
,Und nehmen Sie Adele mit sich, Sire,’ fiel ich
ein: sie wird eine Gefährtin für Sie sein.’
,Was wollen Sie damit sagen, Jane? Ich habe
Ihnen ja gesagt, daß ich gesonnen sei, Adele in eine
Schule zu thun, und was brauche ich ein Kind zum
Gefährten? Und dieses Kind ist nicht einmal mein eigenes Kind, — sondern der Bastard einer französischen Operntänzerin: warum belästigen Sie mich mit ihr? ich sage, warum wollen Sie mir Adele zur Gefährtin geben?’
‘Sie haben davon gesprochen, Sir, daß Sie sich an
einen abgeschiedenen Ort zurückziehen wollen; und die Abschiedenheit und Einsamkeit sind langweilig: zu langweilig für Sie.’
‘Einsamkeit! Einsamkeit!’ wiederholte er in halb
zornigem Tone. ,Ich sehe, es muß zu einer Erklärung
kommen. Ich weiß nicht, welcher sphynxartige Ausdruck
in Ihrem Gesichte sich eben bildet, Sie sollen meine
Einsamkeit theilen. Verstehen Sie mich?’
Ich schüttelte den Kopf: es war ein gewisser Grad von Muth nöthig um selbst dieses stumme Zeichen der Meinungsverschiedenheit zu wagen, da er sichtlich aufgeregter wurde. Er war mit raschen Schritten im Zimmer auf und abgegangen und plötzlich stand er wie angenagelt da. Lange und fest sah er mich an: ich wandte meine Augen ab von ihm, heftete sie aufs Feuer, und suchte eine ruhige, gefaßte Haltung anzunehmen,
und zu behaupten.
,Nun sind wir am Knoten in Janes Charakter,’ sagte er endlich ruhiger, als sein Blick hatte erwarten lassen. ,Die Seite an dem Haspel hat sich bis jetzt gut genug abwinden lassen; aber ich wußte stets, daß einmal ein Knoten kommen würde: und hier ist er. Nun ist der Pein, der Erbitterung und der Verwirrung kein Eude! Bei Gott! Es verlangt mich, einen Theil der Stärke Simsons anzuwenden, und das verworrene Zeug wie
schlechtes, Werg zu zerreißen!’
Abermals fing er an, auf- und abzugehen; bald aber blieb er wieder stehen, und dießmal gerade vor mir.
‘Jane! Wollen Sie Vernunftgründe anhören?’ (- er bückte sich und näherte seine Lippen meinem Ohr -) ,denn wenn Sie das nicht wollen, so werde ich es mit der Gewalt versuchen.’
Seme Stimme war heiser; sein Blick - der Blick
eines Mannes, der auf dem Punkte ist, eine unleidliche
Fessel zu sprengen, und über Hals und Kopf sich in den
Strudel eines wilden, wüsten Lebens zu stürzen. Ich sah,
daß im nächsten Augenblicke, und wenn die wahnsinnige
Wuth bei ihm sich nur noch um einen Grad steigerte, meine Herrschaft über ihn zu Ende wäre.
Die gegenwärtige, die vorbeifliehende Sekunde — war allein mein, um ihn zu bändigen und zu zügeln: - eine Bewegung der Furcht, der Flucht, der Zurückstoßung würde mein und sein Schicksal besiegelt haben. Aber ich hatte keine Furcht: nicht die geringste. Ich fühlte in mir eine Macht, ich war mir eines Einflusses bewußt, der mich aufrecht hielt. Die Krise war gefährlich; aber nicht ohne ihren Reiz, wie ihn vielleicht der
Indianer empfindet, wenn er in seinem Canoe über die Stromschnelle dahinschießt. Ich ergriff seine geballte Faust, löste den krampfhaft zusammengezogenen Finger,
und sagte in besänftigendem Tone zu ihm, —
,Setzen Sie sich doch; ich will mit Ihnen sprechen, so lange Sie wollen, und Alles anhören, was Sie zu sagen haben, sei es vernünftig oder unvernünftig.’
Er setzte sich; allein er durfte nicht alsbald sprechen.
Seit einiger Zeit hatte ich mit Thränen gekämpft: ich hatte mir viele Mühe gegeben, dieselben zurückzudrängen, weil ich wußte, daß er mich gerne weinen sehen würde. Heut aber wollte ich sie so frei und lange strömen lassen, als sie mochten. Fühlte er sich durch die Fluth belästigt, so war es nur um so besser. Ich hielt also nicht mehr an mich und weinte aus vollem Herze.
Bald hörte ich ihn mich lebhaft bitten, daß ich
mich doch fassen möchte. Ich sagte, es sei mir unmöglich, so lange er so leidenschaftlich aufgeregt sei.
,Ich bin ja aber nicht zornig, Jane; ich liebe Sie nur zuviel; und Sie hatten Ihr kleines bleiches Gesichtchen mit einem Blicke gestählt, so entschlossen, so
eiskalt, daß ich es nicht ertragen konnte. Stille jetzt,
und trocknen Sie Ihre Thränen.’
Seine sanftere Stimme sagte mir, daß er überwunden sei; nun wurde auch ich ruhig. Er versuchte es einmal, seinen Kopf auf meine Schulter zu legen; ich wollte es aber nicht erlauben. Dann wollte er wieder mich zu sich hinziehen; aber auch das ließ ich
nicht geschehen.
‘Jane, Jane!’ sagte er in einem Tone bitterer Traurigkeit, so daß es mir durch alle Nerven ging; ,Sie lieben mich also nicht? Sie schätzen also bloß
meinen Stand an mir? Und nur der meiner Frau gebührende Rang bestach Sie? Nun, da Sie mich für unfähig halten, Ihr Gatte zu werden, — nun weichen Sie vor meiner Berührung zurück, als wäre ich eine Kröte, als wäre ich ein Affe.’
Diese Worte gingen mir durch's Herz: und doch was konnte ich thun oder sagen? Ich hätte wohl Nichts thun, Nichts sagen sollen; aber ein Gefühl der Reue,
daß ich so sein Innerstes verletzt, quälte mich dergestalt,
daß ich nicht umhin konnte, Balsam in die Wunden zu
träufeln, die ich verursacht.
,Ich liebe Sie,’ sagte ich, ,und das mehr als je;
aber ich darf dieses Gefühl nicht zeigen, und darf ihm
nicht nachhangen; und dieß ist das letzte Mal, daß ich
es ausdrücken kann.’
‘Das letzte Mal, Jane! Was, glauben Sie, Sie können mit mir leben, und mich Tag für Tag sehen,
und doch wenn Sie mich noch lieben, stets kalt sein
und Fremd thun?’
‘Nein, Sir; das könnte ich sicherlich nicht; und deßhalb sehe ich wohl, daß es nur Ein Mittel gibt; aber Sie werden rasend werden, wenn ich davon spreche.’
,O nennen Sie es! Wenn ich rase, so haben Sie die Kunst, zu weinen.’
‘Herr Rochester, ich muß Sie verlassen.’
‘Auf wie lange, Jane? auf wenige Minuten, um
Ihr Haar glatt zu bürsten, das etwas in Unordnung
ist; und um Ihr Gesicht, das fieberhaft aussieht, mit
Wasser zu befeuchten?’
,Ich muß Adele und Thornfield verlassen. Ich muß von ihnen scheiden für das ganze Leben: ich muß eine neue. Existenz beginnen unter fremden Gesichtern und fremden Scenen.
,Natürlich: ich habe Ihnen ja gesagt, Sie sollten
es. Ich übergehe den Wahnsinn, von mir scheiden zu
wollen. Sie meinen, Sie müssen ein Theil von mir werden. Was dieß neue Leben betrifft, so hat das seine Richtigkeit; Sie sollen dennoch meine Frau sein:
ich bin nicht verheirathet. Sie sollen Mistreß Rochester
werden - dem Namen und der That nach. Ich werde nur Ihnen gehören; so lange Sie und ich leben. Sie sollen auf ein Gut gehen, das ich im südlichen Frankreich besitze: eine Villa mit weißen Wänden, an den Ufern des mittellänbischen Meeres. Dort sollen Sie ein
sicheres, glückliches und durchaus unschuldiges Leben führen. Befürchten Sie nicht, daß ich Sie täuschen - Sie zu meiner Maitresse machen könnte. Warum schütteln Sie so den Kopf? Jane, Sie müssen vernünftig sein; sonst komme ich in Wahrheit wieder von Sinnen.’
Seine Stimme und seine Hand zitterten; seine
großen Naselöcher würden welter; sein Auge sprühete
Funken: dennoch wagte ich zu sprechen: —
,Sir, Ihre Frau lebt noch; das ist eine Tatsache, die Sie diesen Morgen selbst anerkannt haben. Wollte ich mit Ihnen leben, wie Sie wünschen, so würde ich Ihre Maiteesse sein: der Sache einen andern Namen zu geben, ist pure Sophisterei - ist falsch.’
,Jane, ich bin kein Mann von sanftem Temperament - Sie vergessen das: ich habe nicht viel Geduld; ich bin nicht kalt und leidenschaftslos. Aus Mitleid für mich und für Sie legen Sie Ihre Finger auf meinen Puls, fühlen Sie, wie es schlägt, und - nehmen Sie
sich in Acht!’
Er entblößte sein Handgelenk und bot es mir hin: das Blut wich aus seiner Wange und seinen Lippen; sie wurden bläulich; überall sah ich nur Unheil. Ihn durch einen Widerstand, den er so verabscheute, so gewaltig, aufzuregen, war grausam; ihm aber nachzugeben, — davon konnte keine Rede sein. Ich that, was menschliche Wesen instinktmäßjg thun, wenn sie aufs
Aeußerste getrieben werden, wenn sie sich sonst nicht mehr zu helfen wissen - ich erwartete Hülfe von Oben: die Worte: ,Gott helfe mir!’ entfielen unwillkürlich meinen Lippen.
,Ich bin ein Narr!’ rief Herr Rochester plötzlich.
‘Ich spreche immer an sie hin, ich sei nicht verheirathet. und erkläre ihr doch nicht, warum; ich vergesse, daß sie Nichts weiß von dem Charakter jenes Weibes,
noch von den Umständen, die meine infernalische Verbindung mit ihr begleitet haben. O, ich bin gewiß, Jane wird mir beipflichten, wenn sie Alles weiß, was ich weiß! So legen Sie doch nur Ihre Hand in die meinige, Jane damit ich sowohl durch die Berührung als durch meine
Augen den Beweis habe, daß Sie mir nahe sind - und ich will Ihnen in wenigen Worten den wahren
Sachverhalt mittheilen. Können Sie mich anhören?’
,Ja, Sir, stundenlang, wenn es Ihnen lieb ist.’
Ich verlange nur wenige Minuten. Jane, haben Sie je gehört, oder wissen Sie, daß ich nicht der älteste Sohn meines Hauses war: daß ich nicht einen Bruder hatte, älter als ich?’
‘Ich erinnere mich, daß Mistreß Fairfax mir einmal davon gesagt hat.’
,Und hatten Sie je davon gehört, daß mein Vater ein geiziger, habsüchtiger Mann gewesen sei?’
,Ich habe Etwas davon gehört.’
‘Nun, Jane, da dem also war, so war es sein Wille, das Vermögen beisammen zu behalten; der Gedanke, sein Gut zu theilen und mir ein schönes Erbtheil zu hinterlassen, war für ihn unerträglich: Alles - dahin entschloß er sich - sollte meinem Bruder Russell
zufallen. Doch konnte er es eben so wenig über's Herz bringen, daß ein Sohn von ihm ein armer Mann sein sollte. Es mußte also durch eine gute Partie für mich gesorgt werden, und dieß that er bei Zeiten. Herr Mason, ein westindischer Pflanzer und Großhändler, war
ein alter Bekannter von ihm. Er wußte, daß seine Besitzungen sehr bedeutend und reell seien; er stellte Nachforschungen an. Herr Mason hatte, wie er bald fand, einen Sohn und eine Tochter; zugleich erfuhr er von demselben, daß er Letzterer ein Vermögen von dreißigtausend Pfund Sterling geben könne und wolle. Dieß
reichte hin. Als ich die Universität verließ, wurde ich
nach Jamaika geschickt, um eine Braut zu heirathen,
um die man schon für, mich geworben hatte. Mein Vater sagte Nichts von ihrem Gelde, sondern bloß, Miß Mason werde in ganz Spanish Town wegen ihrer Schönheit bewundert: und das war keine Lüge. Ich fand in ihr ein schönes Frauenzimmer, im Styl der
Blanche Ingram: groß, dunkel und majestätisch. Ihre Familie wünschte mich fest zu halten, weil ich von gutem Geschlechte war; und auch sie ließ es sich angelegen sein, mich an sich zu fessein. Man zeigte sie mir in Gesellschaft in glänzendem Anzug, selten sah ich sie
allein und sprach auch sehr wenig unter vier Augen mit ihr. Sie schmeichelte mir und entfaltete verschwenderisch ihre Reize und Fertigkeiten, um mir zu gefallen. Alle Männer in ihrem Kreise schienen sie zu bewundern und mich zu beneiden. Ich war geblendet, geködert:
meine Sinne waren aufgeregt; und da ich unerfahren, unwissend und unbekannt mit der Welt war, so glaubte ich, ich liebe sie. Es gibt keine so widersinnige Thorheit, wozu die tolle Rivalität der Gesellschaft, die Unbesonnenheit, Gier und Blindheit der Jugend einen Mann
nicht veranlassen kann. Ihre Verwandten ermuthigten
mich; Mitbewerber reizten mich an; sie köderte mich,
und die Heirath war vollzogen, fast ehe ich noch wußte,
wo ich war. O, ich habe, wenn ich an jene Handlung
denke, keine Achtung vor mir selbst - eine Qual innerer
Verachtung überwältigt mich. Nie habe ich sie geliebt,
nie sie geachtet: ich habe sie nicht einmal gekannt. Ich
war nicht einmal überzeugt, daß sie eine einzige Tugend besitze: ich hatte weder Bescheidenheit, noch Wohlwollen, noch Aufrichtigkeit, noch Verfeinerung in ihrem
Geiste oder ihren Sitten bemerkt - und ich heirathete
sie: ich roher, gemeiner Tölpel mit Maulwurfsaugen,
der ich war! Mit weniger Sünde hätte ich können - aber ich darf nicht vergessen, mit wem ich rede.’
,Die Mutter meiner jungen Frau hatte ich nie gesehen: ich hörte, sie sei todt. Als die Flitterwochen vorüber waren, erfuhr ich meinen Irrthum: sie war
nur toll und in einem Irrenhause aufgehoben. Es war
noch ein jüngerer Bruder da: ein vollständiger, stummer
Idiot. Der ältere, den Sie gesehen haben, (und den
ich nicht hassen kann, weil er Spuren von freundlicher
Zuneigung in seinem schwachen Geiste hat, die sich durch
das fortwährende Interesse für seine elende Schwester,
und ebenso in der hündischen Anhänglichkeit, die er einst
für mich zeigte, kund geben oder gegeben haben) wird
wahrscheinlich eines Tags in den gleichen Zustand gerathen. Mein Vater und mein Bruder Russell wußten alles dieß; allein sie dachten bloß an die dreißigtausend
Pfund, und gingen auf das Complott gegen mich ein.’
,Daa waren gräßliche Entfeckungen; indessen hätte
ich, wäre nur die Verrätherei der Verheimlichung nicht
gewesen, meiner Frau keinen Vorwurf daraus gemacht,
selbst als ich fand, daß ihre Natur der meinigen ganz und
gar fremd, ihr Geschmack für mich durchaus widerwärtig,
ihr Charakter gemein, niedrig, engherzig, und ganz und
gar unfähig, sei, zu etwas Höherem geleitet, zu Etwas
Größerem erhoben zu werden; — als ich fand, daß ich
Leinen einzigen Abend, ja nicht einmal eine einzige
Stunde des Tages mit ihr gemüthlich zubringen könne;
daß zwischen uns beiden eine freundliche Unterhaltung
eine pure Unmöglichkeit sei, weil, welchen Gegenstand
ich auch zur Sprache bringen mochte, derselbe durch sie alsbald eine Wendung erhielt, die zu gleicher Zeit gemein und alltäglich, verkehrt und blödsinnig war; als
ich bemerkte, daß ich in meinem Hause nimmermehr Ruhe oder Ordnung finden würde, weil kein Diener, die beständigen Ausbrüche ihres heftigen Temperaments, ihrer unvernünftigen Laune, oder die Plackerei ihrer abgeschmackten, widersprechenden, vielfordernden Befehle ertragen wollte - selbst da bezähmte ich mich noch: ich
vermied es, zu schelten, und machte nur kurze Bemerkungen; ich suchte meine Reue und meinen Abscheu in der Stille zu verschlucken; ich drängte die tiefe Antipathie, die ch empfand, zurück.’
‘Jane, ich will Sie nicht mit abscheulichen Einzelheiten belästigen: einige starke Worte sollen ausdrücken, was ich zu sagen habe. Ich lebte mit dem Weibe, das
Sie oben im Hause gesehen, vier Jahre lang, und noch
ehe diese Zeit verstrichen war, hatte sie mich in der
That auf harte Proben gestellt: ihr Charakter reifte
und entwickelte sich mit furchtbarer Geschwindigkeit; ihre
Laster wuchsen schnell und üppig: so mächtig waren sie, daß nur Grausamkeit ihnen Einhalt thun konnte, und grausam mochte ich nicht sein. Welch' winzigen Verstand hatte sie - und welch’ riesenhafte Begierden! Wie fürchterlich lastete der Fluch dieser Begierde auf
mir! Bertha Mason - die ächte Tochter einer verworfenen Mutter — schleppte mich durch alle die scheußlichen und entehrenden Qualen, denen ein Mann nicht entgehen kann, der an ein Weib, das zugleich unmäßig und unkeusch, gefesselt ist.’
‘Unterdessen war mein Bruder gestorben, und als
die vier Jahre um waren, starb auch mein Vater. Nun
war ich reich genug - und doch wieder gräßlich arm:
das gemeinste, unreinste, verworfenste Wesen, das ich je kannte, war mit mir verbunden, und von dem Gesetze und der Gesellschaft als ein Theil von mir erklärt. Auch konnte ich mich durch kein gesetzliches Verfahren von diesem Wesen befreien; denn die Aerzte entdeckten nun, daß meine Frau wahnsinnig sei: — ihre Ausschweifungen hatten die Keime des Wahnsinns in ihr frühzeitig entwickelt. Jane, Sie finden an meiner Erzählung keinen Gefallen; Sie sehen fast krank aus — soll ich den Rest auf einen andern Tag verschieben?’
,Nein, Sir, bringen Sie dieselbe zu Ende: ich bemitleide Sie - von Grund meines Herzens bemitleide ich Sie.’
‘Mitleid, Jane, ist im Munde mancher Leute eine widerwärtige und beleidigende Art von Tribut, den man denen ins Gesicht schleudern darf, die ihn anbieten;
aber es ist das die Art von Mitleid, die harten, selbstsüchtigen Herzen eigen: es ist ein zweideutiger. egoistischer Schmerz, untermischt mit unwissender Verachtung
Derer, welche die Leiden erduldet. Dieß ist aber nicht ihr Mitleid, Jane: es ist nicht das Gefühl, wovon in diesem Augenblicke Ihr ganzes Gesicht voll ist - wovon,
Ihre Augen jetzt fast überströmen - das Ihr Herz
so mächtig schlagen macht — wovon Ihre Hand in der
meinen zittert. Ihr Mitleid, mein lieber Engel, ist die
leidende Mutter der Liebe: das Schmerzliche desselben
ist die eigenthümliche Qual der göttlichen Leidenschaft.
Ich nehme es an, Jane: die Tochter möge freien Zutritt Haben — meine Arme warten sehnsüchtig, um sie zu empfangen.’
Nun, Sir, fahren Sie fort: was thaten Sie, als
Sie fanden, daß sie wahnsinnig sei?’
,Jane - ich schwebte am Rande der Verzweiflung: ein Ueberrest von Selbstachtung war Alles, was ich zwischen mich und den Abgrund stellte. In den Augen
der Welt war ich ohne Zweifel mit schmutziger Schande
behaftet; aber ich entschloß mich, vor mir selbst rein
zu bleiben - und bis ans Ende wies ich die Befleckung
ihrer Laster zurück und machte mich los von der Verbindung mit ihren geistigen Mängeln. Doch die Gesellschaft verband immer noch meinen Namen und meine
Person mit der ihrigen; ich sah und hörte sie noch täglich: Etwas von ihrem Athem - pfui! — vermischte sich mit der Lust, die ich athmete; und zudem erinnerte
ich mich, daß ich einst ihr Gatte gewesen — dieser Gedanke war mir damals und ist mir noch jetzt unaussprechlich verhaßt. Auch wußte ich, daß ich, so lange sie lebte, nie der Gatte eines andern und bessern Weibes werden könne; und obgleich sie fünf Jahre älter war,
als ich - ihre Familie und mein Vater hatten mich
sogar in Betreff ihres Alters belogen, — so konnte sie
doch eben so lang leben, wie ich, da sie körperlich eben
so kräftig, als geistig schwach war. Und so war ich in
einem Alter von fünfundzwanzig Jahren hoffnungslos.’
,Einst wurde ich in der Nacht durch ihr Gebrüll
aufgeweckt — seitdem die Aerzte sie für wahnsinnig erklärt hatten, war sie natürlich eingeschlossen worden; es war eine glühende westindische Nacht: eine jener
Nächte, wie sie den Orkanen in jenen Weltgegenden häufig vorangehen. Da ich in meinem Bette nicht schlafen konnte, so stand ich auf, und öffnete das Fenster. Die Luft war wie Schwefeldampf — nirgends konnte ich Erfrischung und Kühlung finden. Mosquitos
kamen summend hereingeflogen und schwärmten, ein
düsteres und einförmiges Geräusch verbreitend, im Zimmer umher; die See, die ich von da hören konnte, brauste dumpf, wie ein Erdbeben; — schwarze Wolken
stiegen darüber auf; der Mond sank in die Wellen
hinab, groß und roth, wie eine glühende Kanonenkugel
- er warf seinen letzten blutigen Schimmer über eine
Welt hin, in der ein Ungewitter gährte, wovon sie bereits erzitterte. Die Atmosphäre und die Scene wirkten physisch auf mich ein, und meine Ohren waren
erfüllt von den Flüchen, welche die Wahnsinnige immer
noch schreiend ausstieß; — von den Flüchen, worin sie
auf Augenblicke meinen Namen mit einem solchen Tone
dämonischen Hasses und mit Worten mischte, wie sie
einer Hure von Gewerbe nie zu Gebot standen. Ob
gleich auch durch zwei Zimmer von ihr getrennt war, so
konnte ich doch jedes Wort hören, da die dünnen Wände
des westindischen Hauses ihrem Wolfsgeheul nur wenig
Widerstand entgegensetzten.’
‘’Dieses Leben,’’ sagte ich endlich, ,ist die Hölle
auf Erden! Dieß ist die Luft — dieß sind die Töne des
bodenlosen Abgrundes! Ich habe ein Recht, mich davon los zu machen, wenn ich kann. Die Leiden dieses irdischen Zustandes werden mich verlassen mit dem
schweren Fleische, das jetzt auf meiner Seele lastet.
Vor der brennenden Ewigkeit des Fanatikers habe ich
keine Furcht: es gibt keinen zukünftigen Zustand, der
schlimmer wäre, als der gegenwärtige — ich will mich
von den Banden dieses Körpers befreien und heimgehen
zu Gott!’’
,Ich sagte dieß, während ich niederkniete und einen
Koffer aufschloß, der ein Paar geladene Pistolen enthielt; ich hatte im Sinne, mich zu erschießen. Diese Absicht aber dauerte nur einen Augenblick, denn da ich
bei Sinnen war, so war die Krise vollständiger Verzweiflung, die den Wunsch und die Absicht der Selbstvernichtung hervorgerufen, in einer Sekunde vorüber.’
,Ein frischer Wind blies von Europa über den Ocean her, und drang gewaltig durch das offene Fenster: der Sturm brach los, es donnerte, es blitzte in
langer Abwechslung, und die Luft wurde rein. Dann
faßte ich einen Entschluß. Während ich, mich unter den
triefenden Pomeranzenbäumen meines nassen Gartens erging, sowie unter den feuchten Granatäpfeln und Ananas desselben; während die prächtige Morgendämmerung der Tropenländer um mich her glühete — da dachte ich also, Jane: — und nun hören Sie; denn
es war wahre Weisheit, die mich in jener Stunde tröstete und mir den rechten Pfad wies, den ich zu gehen hatte.’
,Der liebliche Wind flüsterte immer nach von Europa her in dem erfrischten Laub und der atlantische Ocean donnerte in glorioser Freiheit: mein Herz, schon
seit langer Zeit vertrocknet und versengt, schwoll bei dem Tone und füllte sich mit lebendigem Blute - mein Wesen sehnte -sich nach Erneuerung - meine Seele
dürstete nach einem reinen Trunke. Ich sah die Hoffnung wieder aufleben, und fühlte, daß die. Wiedergeburt möglich sei. Von einem mit Blüthen überdeckten
Bogen, unten an meinem Garten, sah ich hinaus auf
das Meer, blauer als der Himmel: die alte Welt lag
jenseits; klare schönere Aussichten eröffneten sich, und
so sagte denn die Hoffnung : --
‘’Gehe, und lebe wieder in Europa: dort weiß
man nicht, welch' befleckten Namen Du führt, noch weiß man auch, welch' schmutzige Last an Dich gefesselt ist. Du kannst die Wahnsinnige mit Dir nach England nehmen, kannst sie bei gehöriger Aufsicht und mit den
nöthigen Vorsichtsmaßregeln in Thornfield leben lassen: dann kannst Du reisen wohin Du willst, und irgend ein neues Band, das Dir gefällt, knüpfen. Das Weib,
das Deine Langmuth so mißbraucht, Deinen Namen so
befleckt, Deine Ehre so mit Füßen getreten, Deine Jugend so verkümmert hat - dieses Weib ist nicht Deine Frau, und Du nicht ihr Gatte. Sorge dafür, daß es
ihr in ihrer traurigen Lage an Nichts mangelt, - so hast Du Alles gethan, was Gott und Menschen von Dir verlangen können. Möge ihre Identität, ihre Verbindung mit Dir in ewiger Vergessenheit begraben bleiben; Du brauchst sie keinem lebenden Wesen mitzutheilen. Bringe sie in Sicherheit und umgib sie mjt Allem, was ihr das Leben behaglich machen kann: ihre
Verworfenheit bleibe in ein ewiges Dunkel gehüllt, und dann verlasse sie.’’
‘Hiernach handelte ich. Mein Vater und mein Bruder hatten ihren Verwandten und Bekannten meine Heirath nicht kund gethan, weil ich in dem ersten Briefe,
den ich an sie schrieb, um sie von der stattgefundenen Heirath zu benachrichtigen, die dringende Bitte beifügte, dieselbe geheim zu halten - indem ich bereits anfing,
den äußersten Ekel über die Folgen der Heirath zu,
empfinden, und ich, nach dem Familiencharakter, nach der
anererbten Körper- und Gemüthsbeschaffenheit meiner
Frau zu urtheilen, eine scheußliche Zukunft sich vor mir
öffnen sah: und gar bald war die schändliche Ausführung des Weibes, das mein Vater mir ausgesucht hatte, von der Art, daß er sich schämte, sie als seine Schwiegertochter anzuerkennen. Weit entfernt von dem Wunsche, die Verbindung bekannt zu machen, war es ihm bald ebenso sehr, wie mir, daran gelegen, sie zu verheimlichen.’
,Ich brachte sie also nach England: eine fürchterliche Reise. die ich da mit einem solchen Ungeheuer auf dem Schiffe hatte. Ich war froh, als ich sie endlich
nach Thornfield brachte, und sie in jenem Zimmer im
dritten Stocke in sicherer Verwahrung hatte, in jenem
Zimmer, aus dessen geheimem innern Cabinet sie nun
seit zehn Jahren die Höhle einer wilden Bestie, die
Zelle eines Kobolds gemacht hat. Es war nicht so
leicht, eine Wärterin für sie zu finden, da es nothwendig war, eine auszuwählen, auf deren Treue man sich verlassen konnte; denn die Wahnsinnige mußte mein
Geheimniß früher oder später - verrathen, sei es in
den Zeiten ihrer Raserei, sei es in den Tagen, ja bisweilen Wochen, in denen sie leichte Augenblicke hatte, und die sie damit ausfüllte, daß sie weidlich auf mich
schimpfte. Am Ende dingte ich Grace Poole von Grimsby Retreat. Sie und der Wundarzt Carter, — der Masons Wunden verband in jener Nacht, als derselbe
meuchlings gestochen und gebissen wurde - sind die
einzigen Personen, denen ich mein Geheimniß mitgetheilt, denen ich in dieser Sache mein Vertrauen geschenkt habe. Wohl mag Mistreß Fairfax Etwas geargwöhnt haben, indessen konnte sie über die Thatsachen nichts Genaues wissen. Im Ganzen hat Grace sich als
eine gute Wärterin erwiesen, obgleich ihre Wachsamkeit mehr denn einmal eingeschläfert und getäuscht worden ist - was zum Theil von einem ihr eigenen Fehler
herrührt, wovon sie Nichts heilen zu können scheint, und der übrigens bei ihrem ermüdenden und peinlichen Berufe einiger Maßen zu entschuldigen ist. Die Wahnsinnige ist listig und bösartig; nie hat sie ermangelt, die Augenblicke, wo ihre Wärterin sich vergessen, zu
benützen; ein Mal hat sie sich bei einer solchen Gelegenheit des Messers bemächtigt, womit sie ihren Bruder gestochen, und zwei Mal, um sich in den Besitz des
Schlüssels zu ihrer Zelle zu setzen, und während der
Nacht letztere zu verlassen. Das erste Mal machte sie
den Versuch, mich in meinem Bette zu verbrennen; das
zweite Mal machte sie Ihnen jenen gräßlichen Besuch
in Ihrem Zimmer. Ich danke der Vorsehung, die über
Ihnen wachte, daß sie damals Ihre Wuth nur an
Ihrem Hochzeitskleide ausließ, das vielleicht in ihr
dunkle Erinnerungen an die Zeit erweckte, wo sie selbst
Braut war; ich mag aber nicht an Das denken, was
hätte geschehen können. Wenn ich an das Geschöpf
denke, das diesen Morgen mich an der Kehle gepackt,
wie es sein schwarzes und scharlachrothes Gesicht über
das Nest meines Täubchens geneigt, so gerinnt mein
Blut.’
,Und was haben Sie gethan, Sir, als Sie sie hier untergebracht hatten?’ fragte ich, als er plötzlich inne gehalten hatte. ,Wohin sind Sie gegangen?’
,Was ich gethan habe, Jane? Ich habe mich zu einem Irrlicht umgewandelt. Wohin ich gegangen? Ich wanderte so trostlos und wild umher, wie ein irrender Geist. Ich besuchte den Continent, und durchwanderte alle Länder desselben. Mein steter und alleiniger
Wunsch war, ein gutes und verständiges weibliches Wesen zu finden, das ich zu lieben vermöchte: das Gegenthei! von der Furie, die ich in Thornfield zurückließ.’
,Aber Sie konnten nicht heirathen, Sir?’
,Ich hatte beschlossen, und hatte die Ueberzeugung, daß ich es könne und solle. Es war nicht meine ursprüngliche Absicht, zu täuschen, wie ich Sie getäuscht,
wie ich Sie hinters Licht geführt habe. Ich wollte meine Geschichte einfach und ohne Rückhalt erzählen, und offen meine Anträge machen; auch schien es mir
so durchaus vernünftig, daß ich als ein freier Mann zu betrachten sei, daß ich keinen Augenblick zweifelte, es werde sich ein weibliches Wesen finden, das den
Willen habe und im Stande sei, meine Lage zu verstehen und auf meinen Antrag einzugehen, trotz dem Fluche, der auf mir lastete.’
,Nun, Sie?’
,Wenn Sie mich neugierig fragen, Jane, so machen Sie mich immer lächeln. Sie öffnen Ihre Augen, wie ein lebhafter Vogel und machen dann und wann eine unruhige Bewegung. als ob die gesprochenen Antworten Ihnen nicht geschwind genug kämen, und Sie im Herzen der, Menschen Alles lesen wollten. Ehe ich aber fortfahre, müssen Sie mich sagen, was Sie mit Ihrem
‘’Nun, Sir’’ meinen. Es ist dieß eine kleine Phrase, deren Sie sich gar häufig bedienen, und die mich gar oft verleitet hat, unendlich viel zu schwatzen: ich weiß
nicht recht, warum.’
,Ich meine: Was folgte weiter? Wie verfuhren Sie? Was geschah in dieser Richtung?’
,Richtig: und was wünsche Sie nun zu wissen?’
,Ob Sie ein weibliches Wesen fanden, das Ihnen gefiel; ob Sie dasselbe baten, Sie zu heirathen; und was es Ihnen antwortete.’
,Ich kann Ihnen sagen, ob ich Eine fand, die ich gern hatte, und ob ich sie bat, mich zu heirathen; was sie, aber sagte, ist in dem Buche des Schicksals noch nicht verzeichnet. Zehn lange, lange Jahre irrte ich umher, und lebte zuerst in einer Hauptstadt und dann
wieder in einer andern; bisweilen in St. Petersburg, noch öfter in Paris, gelegentlich in Rom, Neapel und Florenz.
Versehen mit vielem Geld und dem Passe eines alten Namens, konnte ich meine Gesellschaft nach Belieben wählen; keine Cirkel waren für mich geschlossen. Ich suchte mein
Ideal von einem Weibe unter englischen Ladies, französischen Comtessen, italienischen Signoras und deutschen Gräfinnen. Ich konnte sie aber nicht finden. Bisweilen glaubte
ich eine Sekunde lang, ich hätte einen Blick erhascht, einen Ton gehört, eine Gestaltgesehen, weiche die Verwirklichung meines Traumes verkündeten; aber alsbald ward ich wieder enttäuscht. Sie dürfen nicht denken. ich hätte etwas Vollkommenes, sei es dem Geiste, oder dam Körper nach, gewünscht. Ich sehnte mich bloß nach Etwas, was für mich
paßte - nach dem Gegensatz meiner Creolin: und ich sehnte mich vergebens. Unter ihnen allen habe ich auch nicht Eine gefunden, die ich - gewarnt, wie ich war, vor den Gefahren, den entsetzlichen und Ekel erregenden Folgen unpassender Verbindungen - wäre ich auch noch
so frei gewesen, hätte heirathen mögen. Das Fehlschlagen meiner Hoffnung machte mich moralisch indifferent. Ich versuchte es mit den Zerstreuungen - nie mit der Ausschweifung, denn diese haßte ich und hasse ich noch. Das war ja das Attribut meiner westindischen Messaline: eingewurzelteter Ekel an der Ausschweifung und an ihr zügelte mich, selbst im Vergnügen, nicht wenig. Jeder Genuß, jedes Vergnügen, das an Ausschweifung und Schwelgerei grenzte, schien mich ihr und ihren Lastern nahe zu bringen, und deßhalb versagte ich es mir.’
‘Und doch konnte ich nicht allein leben,: deßhalb versuchte ich es mit den Maitressen. Die erste, die ich wählte, war Celine Varens — ein anderer jener Schritte,
deren Wirkung ist, das ein Mann sich selbst verachten muß, wenn er sich ihrer erinnert. Sie wissen bereits, was sie war, und wie meine Verbindung mit ihr endigte. Sie hatte zwei Nachfolgerinnen: eine Italienerin, Namens Giacinta, und eire Deutsche, Namens Clara,
die beide für seltene Schönheiten gehalten wurden.
Was war ihre Schönheit für mich in wenigen Wochen?
Giacinta war heftig und ohne Grundsätze: nach drei
Monaten war ich ihrer satt. Clara war ehrlich und
ruhig, aber ohne Geist, schwerfällig, Eindrücken unzugänglich; nicht im Mindesten nach meinem Geschmack. Ich gab ihr so viel Geld, damit sie ein gutes Geschäft
anfangen konnte, und war herzlich froh, ihrer auf diese Art losgeworden zu sein. Aber, Jane, ich ersehe aus Ihrem Gesichte, daß Sie eben jetzt von mir keine sehr günstige Meinung fassen. Sie halten mich für einen gefühllosen Wüstling ohne Grundsätze, nicht wahr?’
‘In der That, Sie gefallen mir nicht so gut, als sonst zuweilen, Sir.’
,Schien es Ihnen gar nicht unrecht, ein solches Leben zu führen; bald mit einer Maitresse zu leben, bald mit einer andern? Sie sprechen davon, wie von einer Sache, die sich von selbst versteht.’
"So sah auch ich die Sache an, fand aber daran keinen Gefallen; es war eine gemeine Art des Daseins; ich möchte zu derselben nie mehr zurückkehren. Eine Geliebte zu dingen, ist das Schlechteste, was man thun kann, wenn ich das Kaufen von Sclaven ausnehme; sowohl die Maitresse, als der Sklave stehen oft der Natur, und stets der Stellung nach unter dem Käufer; und mit solchen Wesen auf vertrautem Fuße zu leben, ist entwürdigend. Schon die Erinnerung an die Zeit, die ich mit Celinen, Giacinta und Clara gelebt, ist mir
nun zuwider.’
Ich fühlte die Wahrheit dieser Worte und zog
daraus den sichern Schluß, daß, wenn ich mich, sowie
die mir eingeflößten Lehren, je so weit vergessen könnte,
und unter einem Vorwande — vermöge irgend einer
Beschönigung meines Schrittes, vermöge irgend einer
Versuchung — die Nachfolgerin dieser armen Mädchen
zu werden, er mich eines Tags mit demselben Gefühle
ansehen würde, das nun bei ihm die Erinnerung an sie
so unwerth machte. Ich lieh dieser Ueberzeugung keine
Worte: es war genug, wenn ich sie empfand. Ich
prägte sie meinem Herzen ein, damit sie sich darin festsetze, um mir für die Zeit der Prüfung als Stütze zu dienen.
‘Nun, Jane, warum, sagen Sie nicht: ‘’Nun, Sir?’’ Ich bin noch nicht zu Ende. Sie sehen ernst aus. Wie ich sehe, mißbilligen Sie mich immer noch. Wir wollen nun aber zur Sache kommen. Vergangenen Januar kam ich, von allen Maitressen frei - hart
und bitter gestimmt, was die Folge eines nutzlosen, unsteten, einsamen Lebens war, gequält von dem Gedanken, daß alle meine Hoffnungen fehlgeschlagen, übel gestimmt gegen alle Menschen, und insbesondere gegen das ganze weibliche Geschlecht (— denn ich fing an, ein
verständiges, treues, liebendes Weib für die bloße Ausgeburt eines Traums zu halten -), zurückgerufen von Geschäften, nach England zurück.’
,En einem kalten Winternachmittage kam ich in die Nähe von Thornfield Hall. Verabscheuter Ort! Ich erwartete da keinen Frieden - kein Vergnügen. Auf einem Stege in Hay Lane, sah ich eine kleine, ruhige Gestalt allein sitzen. Ich ging an ihr vorüber,
so nachläßig, wie an den gegenüberstehenden, gekappten Weidenbaum: ich hatte keine Ahnung, was sie für mich sein würde; keine innere Stimme sagte mir, daß
dort die Lenkerin meiner künftigen Lebensgeschicke -
mein guter oder böser Genius - in niedriger Gestalt
warte. Ich wußte es selbst da nicht, als sie bei dem
meinem Pferde Mesrour zugestoßenen Unfalle näher kam und mir in ernster Weise ihre Hülfe anbot. Zartgebautes Geschöpf, fast noch ein Kind! Es schien, als sei ein Hänfling zu meinen Füßen hingehüpft und habe mir vorgeschlagen, mich auf seinen Flügelchen zu tragen. Ich war verdrießlich, aber das Ding wollte nicht gehen; es blieb bei mir stehen mit sonderbarer Ausdauer, und blickte und sprach mit einer Art Autorität. Es mußte mir geholfen werden, und dabei noch von jener Hand: und es ward mir geholfen.’
,Kaum hatte ich die schwache Schulter gedrückt, so
stahl sich etwas Neues - ein frischer Sinn — in meine
Gestalt. ls war gut, daß ich erfahren, diese Fee müsse
wiederkommen -- sie gehöre zu meinem Hause dort
unten - sonst hätte ich sie nicht ohne unaussprechliches
Bedauern unter meiner Hand wegschlüpfen lassen und
hinter der düsteren Hecke verschwinden sehen können.
Ich hörte Sie an jenem Abende heimkommen, Jane,
obgleich Sie wahrscheinlich sich nicht einfallen ließen,
daß ich an Sie denke, oder auf Sie warte. Am folgenden Tage beobachtete ich - selbst ungesehen - Sie eine halbe Stunde lang, während Sie mit Adelen in
der Gallerie spielten. Es schneite, wie ich mich noch erinnere, und Sie konnten nicht ins Freie hinaus. Ich war in meinem Zimmer, die Thüre war bloß angelehnt;
ich konnte hören und beobachten. Adele nahm für eine
Weile Ihre äußere Aufmerksamkeit in Anspruch; doch
bildete ich mir ein, Ihre Gedanken wären anderswo:
aber Sie legten große Geduld an den Tag, meine kleine
Jane; Sie sprachen mit ihr und unterhielten sie lange.
Als sie Sie endlich verließ, versanken Sie mit einem
Mal in ein tiefes Träumen: Sie begannen, mit langsamen Schritten die Gallerie auf- und abzuwandeln. Dann und wann, wenn Sie an einem Fenster vorüber
kamen, blickten Sie hinaus nach dem in dichten Flocken fallenden Schnee; Sie lauschten dem seufzenden Winde, und gingen dann sanft schreitend und träumend wieder
weiter. Ich glaube, diese Visionen bei hellem Tage waren nicht düsterer Art: zuweilen war in Ihrem Auge ein wohlthuendes Leuchten zu bemerken, in Ihrem ganzen Aussehen eine sanfte Aufregung. die Nichts von einem bittern, gallichten, hypochondrischen Brüten verrieth; Ihr Blick verkündete vielmehr das süße Sinnen der Jugend, wenn Ihr Geist dem Fluge der Hoffnung nach einem idealen Himmel zu auf willigen Schwingen folgt. Die Stimme der Mistreß Fairfax, die in der Vorhalle mit einer Dienerin sprach, weckte sie auf, und wie eigenthümlch lächelten Sie bei und über sich selbst, Jane! Es war viel Sinn in Ihrem Lächeln: es war sehr lose und schien Ihre eigene Zerstreutheit und Ihr eigenes Sinnen nicht, hoch anzuschlagen. Es schien zu sagen: ‘’Meine schönen Visionen sind alle recht gut, allein ich darf nicht vergessen, daß sie durchaus nichts Reelles an sich haben. Ich habe einen rosigen Himmel und ein grünes, blumiges Eden in meinem Kopfe:
aber draußen, ich sehe es wohl, liegt vor meinen Füßen ein rauher Strich Landes, über den ich wandeln muß, und um mich her ziehen sich schwarze Stürme zusammen, gegen die ich kämpfen muß.’’ Sie liefen die Treppe hinauf und verlangten von Mistreß Fairfax eine
Beschäftigung wie ich glaube; wollten Sie die wöchentliche Hausrechnung stellen, oder etwas Derartiges thun. Ich war böse auf Sie, daß Sie mir aus dem Gesicht
gingen.’
,Mit Ungeduld erwartete ich den Abend, um Sie zu mir rufen zu können. Ich dachte, Ihr Charakter müsse ein ungewöhnlicher, für mich völlig neuer sein: ich wünschte ihn besser zu untersuchen und besser kennen zu lernen. Sie traten in das Zimmer mit einem Blicke
und einer Miene, die zugleich Scheu und Unabhängigkeit verriethen; Sie waren seltsam gekleidet - fast wie jetzt. Ich machte Sie sprechen: bald fand ich Sie voll
seltsamer Contraste. Ihre Kleidung und Ihr Benehmen waren nach einer gewissen Regel eingerichtet; Ihre Miene war oft mißtrauisch, und durchaus die einer
Person von höherer Natur, die aber ganz und gar nicht gewöhnt ist an Gesellschaft, und sich nicht wenig fürchtet, sich durch einen Sprachfehler oder sonst einen Verstoß auf unvortheilhafte Weise bemerklich zu machen; wenn Sie indessen angeredet wurden, erhoben Sie ein kühnes, glühendes Auge zu dem Gesichte der Person, die mit Ihnen redete: in jedem Ihrer Blicke lag Scharfsinn und Kraft; setzte man Ihnen mit genauen und
bestimmten Fragen zu, so fanden Sie rasche und kernige Antworten. Sehr bald schienen Sie sich an mich zu gewöhnen; ich glaube, Jane, Sie fühlten, daß zwischen Ihnen und Ihrem mürrischen, trotzigen Herrn ein Band der Sympathie bestehe; denn es war erstaunenswerth,
zu sehen, wie rasch eine gewisse angenehme Ruhe Ihr Wesen durchdrang: so viel ich auch brummen mochte, so zeigten Sie doch keine Ueberraschung, keine Furcht,
keinen Widerwillen, kein Mißfallen über mein mürrisches Wesen; Sie beobachteten mich und lächelten zuweilen über mich mit einer einfachen, dabei aber dennoch verständigen Grazie, die ich nicht zu beschreiben vermag.
Ich war zufrieden mit Dem, was ich sah, und wurde zu gleicher Zeit dadurch angereizt: mir gefiel, was ich gesehen hatte, und es verlangte mich, noch mehr zu sehen. Doch behandelte ich Sie lange Zeit wie eine mir fremde Person, und suchte auch Ihre Gesellschaft
nur selten. Ich war im Geiste eine Epicuräer, — schwelgte in diesem geistigen Genusse, und wünschte denselben zu verlängern, wünschte die neue reizende Bekanntschaft mir immer neu und reizend zu erhalten: denn ich war eine Zeit lang von der Furcht geplagt, daß, wenn ich die Blume ohne die nöthige Vorsicht in die Hand nähme, deren Blüthe verwelken - daß der
süße Reiz der Frische verschwinden möchte. Ich wußte
damals nicht, daß es keine vorübergehende Blüthe sei,
sondern vielmehr das strahlende Bild einer solchen,geschnitten in einen unzerstörbaren Edelstein. Auch wollte ich sehen, ob Sie mich aufsuchen würden, wenn ich Sie
miede; — aber Sie thaten es nicht; Sie blieben in
Ihrem Schulzimmer so ruhig wie Ihr Pult und Ihre
Staffelei; begegnete ich Ihnen zufällig, so gingen Sie
an mich vorüber, so schnell, und so wenig von mir Notiz
nehmend, als nur mit dem Respekt verträglich war.
Ihr gewöhnlicher Ausdruck in jener Zeit, Jane, war
ein gedankenvoller Blick: es lag darin nicht die Verzweiflung, denn Sie sahen nicht kränkelnd aus, aber auch nicht der frohe Muth, denn Sie hatten wenig
Hoffnung und Nichts, was Sie wirklich freuen konnte.
Ich hätte gern wissen mögen, was Sie von mir dächten, — oder ob Sie überhaupt an mich dächten: um dieses ausfindig zu machen, suchte ich nun wieder Ihre Gesellschaft. Es lag etwas Frohes in Ihrem Blicke, etwas Munteres in Ihrem Wesen, wenn Sie sprachen:
ich sah, daß Sie ein geselliges Herz hatten; das stille
Schulzimmer, das Langweilige in Ihrer Lebensweise war es, was Sie so traurig machte. Ich gönnte mir die Wonne, freundlich gegen Sie zu sein: meme Freundlichkeit weckte in Ihnen gar bald sanfte Gemüthsbewegungen: Ihr Gesicht nahm einen milden Ausdruck
an, und ebenso Ihre Stimme; ich hörte von Ihren
Lippen meinen Namen gern dankbar und froh aussprechen. Um jene Zeit freute es mich immer, zufällig mit Ihnen zusammenzutreffen: es lag in Ihrem Wesen eine
sonderbare Unschlüssigkeit; Sie blickten mich an mit einiger Unruhe - mit einem leichten Zweifel: Sie wußten nicht, wie meine Laune sein möchte - ob ich den Herrn spielen und strenge sein, oder den Freund spielen und wohlwollend sein würde. Ich liebte Sie
jetzt zu sehr, um die erstere Grille oft zu befriedigen; und wenn ich meine Hand recht herzlich hinstreckte, der breitete sich über Ihre jungen ausdrucksvollen Züge
eine Blüthe, ein Licht, eine Wonne, daß es mich oft schwer ankam, mir das Vergnügen zu versagen, Sie da an mein Herz zu drücken.
,Reden Sie nicht mehr von jenen Tagen, Sir,’ flel ich ein, in verstohlener Weise einige Thränen aus meinen Augen wischend: diese seine Sprache war für mich gleich einer Folter; denn ich wußte, was ich zu thun hatte, - und das bald - und alle diese Rückerinnerungen, und alle diese Enthüllungen seiner Gefühle machten die Ausführung meines Vorsatzes nur
noch schwieriger.
,Nein, Jane,’ entgegnete er; ,wozu ist es nöthig,
bei der Vergangenheit zu verweilen, wenn die Gegenwart so unendlich sicherer, die Zukunft so unendlich lichter ist?’
Es überkam mich ein Schauder, als ich diese verblendeten Worte hörte.
,Sie sehen nun, wie die Sachen stehen, nicht
wahr?’ fuhr er fort. ,Nach einer Jugend und nach
Jahren des Mannesalters, die ich halb in unaussprechlichem Elend und halb in trauriger Einsamkeit verbracht, habe ich zum ersten Mal gefunden, was ich
wahrhaft lieben kann - habe ich Sie gefunden. Sie sind meine Sympathie — mein besseres Ich — mein guter Engel — ich bin an Sie mit starken Banden gebunden. Ich halte Sie für gut, reich begabt, liebenswürdig: eine glühende, hehre Leidenschaft ist in meinem
Herzen entflammt; sie neigt sich zu Ihnen, zieht Sie nach meinem Lebensmittelpunkte, nach meiner Lebensquelle hin, bindet mein Dasein an das Ihre — und
gießt Sie und mich mit ihrer reinen und mächtigen Flamme in Eins zusammen.’
,Weil ich dieses fühlte und wußte, darum entschloß ich mich, Sie zu heirathen. Wenn Sie mir sagen, ich habe schon ein Weib, so ist das eitel Hohn und Spott. Sie wissen jetzt, daß ich bloß einen scheußlichen Dämon hatte. Ich hatte Unrecht, Sie hintergehen zu wollen;
allein ich fürchtete eine Widerspenstigkeit, die in Ihrem
Charakter liegt: ich fürchtete früh eingepflanzte Vorurtheile: ich wollte Sie in Sicherheit bringen, bevor ich vertraute Mittheilungen wagte. Dieß war feig:
ich hätte gleich Anfangs an Ihren Edelmuth, Ihre Großmuth, wie jetzt, appelliren sollen - hätte Ihnen mein qualvolles Leben offen darlegen. - hätte Ihnen meinen Hunger und Durst nach einer höheren, würdigeren Existenz schildern, - hätte Ihnen nicht meinen
Entschluß (- das Wort ist zu schwach -), sondern
meinen Trieb, gegen den jeder Widerstand vergebens,
sondern meine Sehnsucht, mein Bedürfniß zeigen sollen,
wahr und treu zu lieben, wo ich hinwiederum wahr und
treu geliebt würde. Dann hätte ich Sie bitten sollen,
das Gelübde meiner Treue hinzunehmen, und dafür mir das Ihrige abzulegen. Jane, — legen Sie es mir nun ab.’
Eine Pause.
,Warum schweigen Sie, Jane?’
Ich stand eine wahre Feuerprobe aus: eine glühende, eiserne Hard griff, in meine innersten Lebenstheile. Ein schrecklicher Augenblick, wo Alles in mir
wild kämpfte, Alles Dunkelheit um mich her war. Nicht
Ein menschliches Wesen, das je auf der Erde gelebt,
könnte wünschen, inniger geliebt zu werden, als ich geliebt wurde; und den, der mich so liebte, verehrte ich, ja betete ich in Wahrheit an: und nun sollte ich der
Liebe und dem Idol entsagen. Ein schreckliches Wort
faßte meine unerträgliche Pflicht in sich:
,Scheide!’
,Jane, Sie wissen nun, was ich von Ihnen will? Nur das Versprechen: ‘’Ich will die Ihre sein, Herr Rochester.’’
‘Herr Rochester, ich will nicht die Ihre sein.’
Ein anderes langes Schweigen.
,Jane!’ begann er abermals mit einer Milde, die mich vor Kummer ganz darnieder drückte und vor Kummer ganz darnieder drückte, und vor ominösem Schrecken mich eiskalt machte - denn diese sanfte Stimme war das Schnauben eines aufspringenden Löwen: ,Jane, meinen Sie es so, daß Sie einen Weg in der Welt, und ich einen andern gehen solle?’
‘Ja, so meine ich es.’
,Jane,’ (— sich zu mir neigend und mich umarmend —) ,sind Sie auch jetzt noch dieser Ansicht?’
,Ja.’
,Und jetzt?’ sagte er, mir sanft Stirn und Wange küssend.
,Ja,’ rief ich, mich rasch und vollständig aus seinen Armen losreißend.
,O, Jane, das ist bitter! das — das ist böse. Es
wäre nichts Böses, mich zu lieben.’
,Es wäre aber etwas Böses, Ihnen zu gehorchen.’
Ein wilder Blick hob seine Augenbrauen in die Höhe - fuhr über seine Züge hin: er stand auf, brach aber noch nicht los. Ich legte meine Hand auf die
Lehne eines Sessels, um mich zu stützen: ich zitterte, ich fürchtete -- aber ich war entschlossen.
,Einen einzigen Augenblick, Jane. Blicken Sie nur Ein Mal auf mein schreckliches Leben, wenn Sie fort sind. Was bleibt mir dann übrig? Als Frau habe ich die Wahnsinnige dort oben: eben so gut könnten Sie mir sagen, ich solle mich an einen Leichnamn auf jenem
Kirchhofe dort halten. Was soll ich thun. Jane? Wo
soll ich eine Gefährtin, wo Hoffnung finden?’
‘Machen Sie es, wie ich: vertrauen Sie auf Gott und auf sich selbst. Glauben Sie an den Himmel. Leben Sie der Hoffnung, daß wir uns einst dort wieder
sehen werden.’
,Sie wollen also nicht nachgeben?’
,Nein.’
Sie verurtheilen mich also, ein unglückliches Leben
zu führen, und verflucht zu sterben?’
Hier hob sich seine Stimme immer mehr.
,Ich rathe Ihnen, ohne Sünde zu leben, und
wünsche, daß Sie ruhig sterben mögen.’
‘Sie rauben mir also die Liebe und die Unschuld? Sie schleudern mich zurück in mein früheres Leben, und geben mir die wüste Lust zur Leidenschaft - geben mir
das Laster zu meiner Beschäftigung.’
,Herr Rochester, ich weise dieses Schicksal Ihnen so wenig an, als ich selbst darnach greife. Wir sind geboren, um zu kämpfen und zu dulden - Sie so gut,
wie ich: thun Sie das. Sie werden mich vergessen, ehe ich Sie vergesse.’
‘Durch solche Sprache machen Sie mich zum Lügner: Sie beflecken meine Ehre. Ich habe Ihnen erklärt, ich könne mich nicht ändern; Sie aber sagen mir
in’s Gesicht, ich werde bald ein Anderer sein. Und
welche Verdrehung in Ihrem Urtheile, welche Verkehrtheit in Ihren Ideen legt sich durch Ihre Benehmen an den Tag! Ist es besser, einen Mitmenschen zur Verzweiflung zu treiben, als ein bloß menschliches Gesetz — da Niemand durch dessen Verletzung beeinträchtigt
wird - zu übertreten? Denn Sie haben weder Verwandte noch Bekannte, die Sie fürchten müssen zu beleidigen, wenn Sie mit mir leben.’
Dieß war wahr, und während er sprach, wurden
sogar mein Gewissen und meine Vernunft zu Verräthern
an mir, und ließen mir meinen Widerstand als ein Verbrechen erscheinen. Sie sprachen fast ebenso laut, wie das Gefühl, und dieses rumorte gewaltig. ,O, willige
doch ein!' sagte es. ,Denk’ an sein Elend; denk’ an
seine Gefahr; - faß seinen Zustand ins Auge, wenn
er verlassen ist, wenn er allein da stehen muß: erinnere
Dich seines stürmischen Wesens; bedenke die Rücksichtslosigkeit, die auf die Verzweiflung folgt: - besänftige ihn; rette ihn: liebe ihn: sage ihm, daß Du ihn liebest
und die Seine sein wollest. Wer auf der Welt bekümmert sich um Dich? Ober wem geschieht durch Das, was Du thust, Unrecht, wer leidet dadurch Schaben?’
Aber immer wieder kam die unbeugsame Antwort: — ,ich bekümmere mich um mich selbst, Je einsamer, je freundloser ich bin, je weniger ich auf eine Stütze
von Außen zählen kann, um so mehr will ich mich selbst
achten. Ich will das Gesetz halten, das Gott gegeben,
die Menschen bekräftigt haben. Ich - will fest halten
an den Grundsätzen, die ich als wahr erkannt, als ich
bei gesunden Sinnen, und nicht wahnsinnig war, wie
jetzt. Gesetze und Grundsätze sind nicht für die Zeiten,
wo keine Versuchung ist: sie sind für Augenblicke, wie
dieser, wo Körper und Seele sich gegen deren Strenge
auflehnen: sie sind bindend, und deßhalb sollen sie auch
unverletzt bleiben. Könnte ich sie brechen nach meinem
eigenen Gutbefinden - was wären sie da werth? Sie haben einen Werth - das habe ich stets geglaubt; und wenn ich es jetzt auch nicht glauben kann, so kommt dieß daher, daß mein Verstand getrübt, ja völlig getrübt ist: in meinen Abern rollt Feuer und mein Herz schlägt geschwind n, als ich dessen Schläge zählen kann. Vorgefaßte Meinungen, frühere Entschlüsse, die ich eben noch aufgeben wollte, sind Alles, woran ich mich in dieser Stunde festhalten kann: darauf will ich fußen.’
Ich that es. Herr Rochester, der in meinem Gesichte las, sah, daß ich zu diesem Entschlusse gekommen. Seine Wuth steigerte sich auf's Höchste: er mußte derselben um jeden Preis auf einen Augenblick nachgeben; er ging auf mich zu, ergriff mich beim Arm, und faßte mich um den Leib. Er schien mich mit seinem Flammenblicke verschlingen zu wollen: physisch fühlte ich mich in dem Augenblicke so schwach, wie Stoppeln, die dem Zuge und der Gluth eines Schmelzofens ausgesetzt sind; - geistig besaß ich noch meine Seele, und mit ihr die Gewißheit, daß ich am Ende doch nicht unterliegen würde. Glücklicher Weise hat die Seele einen Dolmetscher — einen Dolmetscher, der sich seiner oft nicht klar bewußt, aber immer getreu ist - an dem Auge. Mein Auge erhob sich zu dem seinigen, und während ich in sein wildes Gesicht blickte, stieß ich unwillkürlich einen Seufzer aus: sein Griff war schmerzlich und meine übermäßig angestrengte Kraft fast erschöpft.
,Nie,’ sagte er, mit den Zähnen knirschend, ,nie war etwas so Schwaches zu gleicher Zeit so unbezähmbar. Sie ist nie bloßes Rohr in meiner Hand!’ Und er schüttelte mich mit aller Macht. ,Ich könnte es mit meinem Finger und meinem Daumen biegen: und
wozu würde es nützen, wenn ich es böge, ausrieße, zermalmte? Man sehe nur dieses Auge: man betrachte das entschlossene wilde, freie Wesen, das aus demselben
blickt, das mich herausfordert mit Etwas, was niemals Muth ist - mit Siegesgewißheit. Was ich auch thun mag mit seinem Käfige, ich kann es nicht erreichen
- das wilde schöne Geschöpf! Zerreiße ich das schwache Gefängniß, so hat meine Gewaltthat nur das zur Folge, daß der Gefangene frei wird. Ich könnte das Haus erobern; aber der Bewohner desselben würde zum Himmel entfliehen, ehe ich mich den Besitzer seines Wohnorts aus Staub und Erde nennen könnte. Und Dich will ich haben, Geist mit aller mir zu Gebot stehenden Willenskraft, mit Tugend und Reinheit: nicht blos
Deine zerbrechliche Gestalt. Freiwillig könntest Du sanft an mein Herz heranfliegen und dort ein Nest bauen, wenn Du wolltest: wider Deinen Willen ergriffen, wirst Du meinen Händen entwischen, wie ein Duft -- Du wirst verschwinden, ehe ich Deinen Wohlgeruch einathme. O, kommen Sie, Jane, kommen Sie Sie!’
Dieses sagend ließ er mich los, und sah mich los an. Dem Blicke war unendlich schwerer zu widerstehen, als dem fast wahnsinnigen Drucke; doch nur eine Blödsinnige wäre jetzt unterlegen. Ich hatte seiner Wuth Trotz geboten, und sie war an mir abgeprallt; nun mußte ich seinem Kummer ausweichen, und ich zog mich daher an die Thür zurück.
,Sie gehen, Jane?’
‘Ja, Sir.’
‘Sie verlassen mich?’
‘Ja.’
"Sie wollen nicht kommen? — Sie wollen nicht meine Trösterin, meine Retterin sein?-- Meine innige Liebe, mein wilder Schmerz, meine wahnsinnige Bitte, - alles Das ist Ihnen also Nichts.’
Welch' unaussprechlicher Pathos lag in seiner Stimme! Wie schwer war es, mit fester Stimme zu wiederholen: - ,ich gehe.’
‘Jane!’
,Herr Rochester!’
,So gehen Sie also - ich willige ein - aber bedenken Sie, daß Sie mich hier in Angst und Qual zurücklassen. Gehen Sie in Ihr Zimmer hinauf: bedenken Sie abermals Alles, was ich gesagt, und, Jane, werfen Sie einen Blick auf meine Leiden - Denken
Sie an mich.’
Er wandte sich ab und warf sich mit dem Gesichte
auf das Sopha. ,O, Jane! Meine Hoffnung - meine Liebe -- mein Leben! -- dieß waren die qualerfüllten Worte, die seinen Lippen entfuhren. Dann folgte ein
tiefes. heftiges Schluchzen.
Schon hatte ich de Thür erreicht aber, verehrter Leser - ich kehrte um - ebenso entschlossen, als ich mich entfernt hatte. Ich kniete nieder neben ihm; ich
wandte sein Gesicht von dem Kissen zu mir: ich küßte seine Wange; ich streichelte sein Haar mit meiner Hand.
,Gott segne Sie, mein theurer Herr,’ sagte ich.
,Gott bewahre Sie vor Leid und Schaden — Gott lenke und tröste Sie - Gott belohne Sie reichlich für ihre frühere Güte gegen mich.’
"Die Liebe der kleinen Jane wäre meine beste Belohnung gewesen,’ antwortete er: ohne sie ist mein Herz gebrochen. Aber Jane wird mir ihre Liebe schenken: ja -- edel, großmüthig.’
Das Blut stieg ihm ins Gesicht; aus seinen Augen flammte Feuer; er sprang auf, und streckte seine Arme aus; aber ich entschlüpfte der Umarmung, und verlies mit einem Male das Zimmer.
,Lebe wohl!’ war der Schrei meines Herzens, als ich ihn verließ. - ,Lebe wohl für immer!’ setze die Verzweiflung hinzu.
In jener Nacht glaubte ich nicht schlafen zu können; aber ein Schlummer kam über mich, sobald ich mich zu Bette legte. Ich war in Gedanken in die Scene meiner Kindheit zurückversetzt: es träumte mir, ich liege in dem rothen Zimmer zu Gateshead; die
Nacht sei dunkel und mein Geist von seltsamer Furcht befangen. Das Licht, das schon vor langer Zeit mir eine Ohnmacht zugezogen hatte, und mir in diesem Traume wieder erschien, schien allmählig an der Wand aufzusteigen, und zitternd auf dem Mittelpunkte der
finstern Decke zu verweilen. Ich richtete mein Haupt empor, um hinzusehen: die Decke löste sich in hohe und düstere Wolken auf; der Schimmer war demjenigen ähnlich, den der Mon: Dümsten mittheilt, die er im Begriffe ist zu zertheilen. Ich sah hin, wie er allmählig hervorkam -- sah hin mit seltsamer Ahnung; gleich als wäre ein Wort des Schicksals auf seine Scheibe geschrieben! Endlich brach er hervor, wie er noch nie
aus einer Wolke hervorgebrochen: zuerst drang eine Hand aus den schwarzen Falten hervor. und schob sie zur Seite; dann glänzte nicht ein Mond, sondern eine
weiße menschliche Gestalt in dem Azurblau, eine strahlende Stirn erdwärts neigend. Sie blickte und blickte mich an. Sie sprach zu meinem Geiste: - unermeßlich fern war der Ton, und doch wieder so nahe; er flüsterte mir ins Herz: —
,Meine Tochter, flieh' die Versuchung!’
,Mutter, ich will es.’
So antwortete ich, als ich aus dem einer Verzückung ähnlichen Traume erwacht war. Es war noch Nacht; aber Jülinächte sind kurz: bald nach Mitternacht kommt die Dämmerung- ,Es kann nicht zu früh sein, mich an die Arbeit zu machen, die ich zu vollführen habe,’ dachte ich. Ich stand auf: ich war angekleidet; denn ich hatte bloß meine Schuhe ausgezogen. Ich wußte, wo ich in meiner Kommode etwas Leinwand, ein Schlößchen, einen Ring finden würde.
Als ich diese Gegenstände suchte, fiel mir ein Perlenhalsband in die Hände, das mir Herr Rochester vor einigen Tagen aufgedrungen hatte. Ich ließ es liegen: es gehörte ja nicht mir, sondern der eingebildeten Braut, die in Luft zerflossen war. Die übrigen Gegenstände packte ich zu einem Päckchen zusammen; meine Börse, worin zwanzig Shillinge - mein ganzes Vermögen - waren, steckte ich in die Tasche. Sodann setzte ich meinen Strohhut auf; steckte meinen Shawl fest, nahm das Päcken und meine Pantoffeln, die ich noch nicht anziehen wollte, und schlich mich aus meinem Zimmer.
,Leben Sie wohl, gute Mistreß Fairfax!’ flüsterte ich, als ich an ihrer Thüre vorbeischlüpfte. ,Lebe wohl, meine liebe Adele!’ sagte ich, als mein Blick auf die Thür der Kinderstube fiel. Ich konnte nicht daran denken, hineinzugehen, um sie zu umarmen. Es mußte ein feines Ohr getäuscht werden, und vielleicht horchte es schon jetzt.
‘Ich wäre, ohne einen Augenblick zu verweilen, an Herrn Rochester's Zimmer vorübergekommen: aber da mein Herz an jener Schwelle augenblicklich zu schlagen aufhörte, so mußte auch mein Fuß anhalten. Dort war kein Schlaf: der Bewohner ging unablässig von einer Wand zur andern; und aber und abermals seufzte er, während ich horchte. Dort, in jenem Zimmer, war ein Himmel, - ein temporärer Himmel für mich, sobald
,ich nur wollte: ich brauchte nur hineinzugehen und zu sagen: —
‘Herr Rochester, ich will Sie lieben und mit Ihnen leben bis zum Tode, und eine Quelle des Entzückens mußte auf meine Lippen kommen. Ich dachte daran. Dieser, gütige Herr, der jetzt nicht schlafen konnte, wartete ungeduldig auf den Anbruch des Tages. Am Morgen schickte er gewiß nach mir: und ich war sort. Er ließ nach mir suchen: aber vergebens; er mußte. sich
verlassen fühlen, seine Liebe zurückgewiesen sehen, mußte leiden, ja vielleicht der Verzweiflung anheimfallen. Auch daran dachte ich. Meine Hand bewegte sich nach dem
Thürschlosse hin; ich zog sie wieder zurück, und schlich fort.
Traurig ging ich die Treppe hinab: ich wußte, was ich zu thun hatte, und that es mechanisch. Ich suchte den Schlüssel der Nebenthür in der Küche; ich
suchte auch ein Oefläschchen und eine Feder, und bestrich sowohl den Schlüssel, als das Schloß. Ich nahm etwas Wasser und Brod; denn vielleicht mußte ich weit gehen, und meine Kraft, die in der letzten Zeit sehr erschüttert worden, durfte nicht versagen. Alles das that ich, ohne ein Geräusch zu hmachen. Ich öffnete die Thür, ging hinaus und machte sie leise wieder zu. Schon schimmerte die Dämmerung grau in dem Hofraume. Das große Thor war zu und verschlossen; aber ein kleines Pförtchen daneben war bloß eingeklinkt. Durch dieses ging ich, und auch dieses machte ich wieder zu; und nun war ich draußen.
Eine Meile entfernt, jenseits der Felder, war ein Weg, der in entgegengesetzter Richtung nach Millcote ging ein Weg, den ich nie gegangen war, obgleich oft bemerkt hatte; oft hatte ich gedacht, wohin derselbe wohl führen möge; und dahin richtete ich nun meine Schritte. Von weiterem Nachdenken konnte nun keine Rede mehr sein: auch nicht ein Mal durfte ich rückwärts blicken, ja nicht einmal vorwärts. Kein Gedanke durfte der
Vergangenheit oder der Zukunft gegönnt werden. Die erstere war ein so himmlisch liebliches, so furchtbar trauriges Blatt, daß, hätte ich nur eine Linie desselben lesen
wollen, mein Muth dahinschwinden, und meine Kraft zusammenbrechen mußte. Die andere war furchtbar leer, und glich einigermaßen der Welt, als die Süntfluth vorüber war.
Ich ging an Feldern und Hecken vorüber, bis nach Sonnenaufgang. Ich glaube, es war ein lieblicher Sommermorgen: ich weiß, daß meine Schuhe, die ich angezogen hatte, als ich das Haus verließ, vom Thau bald naß waren. Aber ich sah weder nach der aufgehenden Sonne, noch nach dem lächelnden Himmel hin, noch schenkte ich meine Aufmerksamkeit der erwachenden
Natur. Der, welcher durch eine schöne Scene zum Schaffot geführt wird, denkt nicht an die Blumen, die auf seinem Wege lächeln, sondern an den Block und das scharfe Beil, an die Trennung von Knochen und Adern, und das am Ende gähnende Grab: und ich dachte an
traurige Flucht und heimathloses Wandern — und ach, mit unendlicher Seelenqual dachte ich an Das, was ich verließ! Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren.
Ich dachte jetzt an ihn, wie er in seinem Zimmer sitze und auf den Sonnenaufgang warte; wie er hoffe, daß ich bald kommen und ihm sagen werde, ich wolle bei ihm bleiben und die Seine sein. Ich wollte die Seine sein; ich sehnte mich nach der Rückkehr zu ihm; es war nicht zu spät; noch konnte ich ihm den bittern Schmerz der Trennung ersparen. Noch mußte meine Flucht unbekannt sein. Ich konnte zurückgehen und seine Trösterin sein - sein
Stolz — noch konnte ich ihn vom Elend, vielleicht vom Untergang, erretten. O, diese Furcht, daß er sich selbst aufgeben könnte eine Furcht, die mich weit mehr drückte,
als das Gefühl, daß ich selbst verlassen - wie stachelte sie mich! Sie war ein spitziger Pfeil in meiner Brust, der mich zerriß, wenn ich ihn herausziehen wollte, und mich krank machte, wenn die Erinnerung ihn noch tiefer eindrückte. Die Vögel begannen zu singen in Busch und Wald: die Vögel hingen treu an einander, das Männchen am Weibchen; die Vögel waren Sinnbilder der Liebe. Was war ich? Inmitten meiner Herzensqual und der wahnsinnigen Anstrengung. meine Grundsätze zur Geltung zu bringen, verabscheute ich mich selbst. Ich hatte keinen Trost von der Selbstbilligung, ja nicht einmal von der Selbstachtung. Ich hatte meinem Herrn Unrecht gethan, ihn verwundet, ihn verlassen. Ich war mir in meinen eigenen Augen verhaßt; und doch konnte ich nicht umkehren, noch einen
Schritt zurückthun. Gott muß mich weiter geführt haben. Was meinen eigenen Willen, oder mein Gewissen betrifft, so hatte ein leidenschaftlicher Kummer
den einen mit Füßen getreten, und die Stimme des andern erstickt. Ich weinte heftig, indem ich auf meinem einsamen Wege fortging: rasch, rasch ging ich, wie eine Wahnsinnige weiter, Eine Schwäche, die innerlich begann und sich auf die Glieder ausdehnte, bemächtigte sich meiner, und ich fiel zu Boden, und blieb da einige Minuten. mit dem Gesichte auf dem nassen Rasen liegen. Ich hatte einige Furcht - oder Hoffnung. daß ich da sterben würde; aber bald war ich wieder auf, kroch auf allen Vieren weiter, und stellte
mich dann wieder auf die Füße so begierig und so
entschlossen wie je, auf die Straße zu kommen.
Als ich dieselbe erreichte, mußte ich mich setzen, um unter der Hecke auszuruhen; und während ich so da saß, hörte ich Räder sich drehen und sah eine Kutsche herbeikommen. Ich stand auf, und hob die Hand in die Höhe; der Wagen hielt an. Ich fragte, wohin
er gehe: der Kutscher nannte mir einen weit entlegenen Ort, wo ich überzeugt war, daß Herr Rochester keine Verbindungen habe. Ich fragte ihn, wie viel er von mir
fordere, um mich bis dahin zu fahren; er sagte dreißig Shillinge; ich antwortete, ich hätte nicht mehr, als zwanzig, worauf er sagte, er wolle sehen, ob er mich dafür mitnehmen könne. Ferner erlaubte er mir, in das Innere des Wagens zu sitzen, da derselbe leer war;
ich stieg ein, die Wagenthür war zugeschlagen und dahin rollten wir.
Lieber Leser, mögest Du nie fühlen,' was ich damals fühlte! Mögen Deine Augen nie so stürmische, siedend heiße, herzentpreßte Thränen vergießen, wie den
meinigen entströmten. Mögest Du Dich nie an den
Himmel wenden in Gebeten, so hoffnungslos und qualerfüllt, wie in jener Stunde meinen Lippen entflohen; denn nie mögest Du, wie ich, fürchten, das Werkzeug
des Uebels für den Gegenstand zu sein, den Du vom ganzem Herzen liebst!
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Zwei Tage sind vergangen. Es ist ein Sommerabend: der Kutscher hat mich an einem Orte, genannt Whitcroß, absteigen heißen, sagend, er könne mich für die Summe, die ich ihm gegeben, nicht weiter mitnehmen; ich aber hatte keinen Shilling mehr in der Welt.
Schon ist die Kutsche eine Meile weit entfernt; ich bin allein. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß ich vergeßen habe, mein Päckchen aus der Kutschentasche zu
nehmen wohin ich es der Sicherheit wegen gethan: dort bleibt es, dort muß es bleiben; und jetzt bin ich ganz und gar entblößt. Whitcroß ist keine Stadt, ja nicht einmal ein
Weiler; es ist bloß ein steinerner Pfeiler, den man da aufgestellt hat, wo vier Wege zusammenlaufen: er ist weiß angestrichen, vermuthlich, um in der Ferne und in
der Dunkelheit mehr in die Augen zu fallen. Vier Arme
strecken sich oben auf demselben aus: die nächste Stadt,
wohin diese weisen, ist, nach der Inschrift, zehn Meilen
weit entfernt; die entfernteste, etwa zwanzig. Aus den
wohlbekannten Namen dieser Städte ersehe ich, in welcher Grafschaft ich mich befinde: es ist eine North-Midland Shire, voll düsterer Moorgründe, und durchzogen von Hügeln: das sehe ich. Im Hintergrund und zu meinen beiden Seiten liegen große Moore; wellenförmiges Hügelland zeigt sich weit über das tiefe Thal zu weinen Füßen hinaus. Die Bevölkerung muß hier dünne gesäet sein, und ich sehe keinen Wanderer auf diesen Straßen; sie dehnen sich weiß, breit und einsam nach Osten, Westen, Norden und Süden aus; alle gehen durch das Moorland, und das Haidekraut wächst hoch und wild bis an ihren Rand hin. Doch könnte zufällig ein Wanderer vorbeikommen, und ich möchte jetzt von keinem Auge gesehen werden: Fremde würden sagen, was ich hier thue an dem Wegweiser, an dem ich offenbar zwecklos und verloren verweile. Ich könnte gefragt werden, und ich könnte keine Antwort geben, die nicht unglaublich scheinen, und keinen Verdacht erregen würde. In diesem Augenblicke fesselt mich kein Band an die menschliche. Gesellschaft — kein Zauber, keine Hoffnung ruft mich dahin, wo meine Mitmenschen sind - Niemand, der mich erblicken würde, hätte einen freundlichen, Gedanken, oder einen guten Wunsch für mich. Ich habe keine Verwandte, sondern nur allein die allgemeine Mutter, Natur; ich will ihre Brust suchen, um daran Ruhe zu finden.
Ich ging geradezu in die Haide hinein, und auf eine Vertiefung zu, die ich das braune Moor durchziehen sah; ich watete bis an die Knie in dem dunkeln Kraute; immer folgte ich der Vertiefung in ihren Windungen, und als ich endlich einen von Moos geschwärzten Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand, so setzte ich mich darunter. Hohe Moorbänke umgaben mich; der Felsen beschützte mein Haupt, und über dem Felsen war der Himmel.
Es verfloß einige Zeit, bevor ich mich selbst hier ruhig fühlte: ich hatte eine unbestimmte Furcht, es möchte wildes Vieh in der Nähe sein, oder ein Jäger oder
Wilddieb mich auffinden. Fuhr ein Windstoß über die
Wüste dahin, so sah ich auf, aus Furcht, es möchte ein
Stier daherrasen: pfiff ein Brachvogel, so wähnte ich,
es wäre ein Mensch. Als ich indessen meine Befürchtungen ungegründet fand, und ich durch das tiefe Stillschweigen beruhigt wurde, das bei einbrechender Nacht
herrschte, so faßte ich Vertrauen. Bis jetzt hatte ich noch nicht nachgedacht, ich hatte blos gehorcht, beobachtet, gefürchtet; jetzt erlangte ich die Fähigkeit der
Reflexion wieder.
Was sollte ich thun? Wohin sollte ich gehen? Ach unerträgliche Fragen, wenn ich Nichts thun, nirgends hin gehen konnte! - wenn meine matten, zitternden Glieder noch einen weiten Weg zurücklegen mußten, ehe ich zu einer menschlichen Wohnung gelangen konnte; wenn das kalte Mitleid angefleht werden mußte, ehe ich ein Obdach, eine Ruhestätte bekommen konnte;
wenn ich das widerstrebende Mitgefühl belästigen, mich
auf eine fast gewisse Zurückstoßung gefast machen mußte.
ehe man meine Geschichte anhören oder eines meiner
Bedürfnisse befriedigen konnte!
Ich berührte das Haidekraut: es war trocken und
noch warm von der Hitze des Sommertages. Ich blickte
zum Himmel auf, er war rein: ein freundlicher Stern
funkelte eben jetzt über die sich vor mir hinziehende
Schlucht. Es fiel Thau, aber nur schwach; kein Lüftchen regte sich. Die Natur schien mir gütig und wohlwollend: ich glaubte, sie liebe mich, die Verstoßene; und ich, die ich von den Menschen nur Mißtrauen, Zurückstoßung, Beschimpfung erwarten konnte, klammerte mich
mit kindlicher Zärtlichkeit an sie an. Diese Nacht wenigstens sollte ich ihr Gast sein, - wie ich ihr Kind war: meine Mutter sollte mich beherbergen ohne Geld, und ohne Lohn. Noch hatte ich ein Stückchen Brod, als Ueberrest eines Semmels, den ich in einer Stadt, durch die wir zur Mittagsstunde kamen, mit einem Penny, den ich zufällig noch in meiner Tasche fand und meine letzte Münze war, gekauft hatte. Hie und da sah ich reife Heidelbeeren wie Gagatkügelchen in dem Haidekraute schimmern: ich sammnelte eine Hand voll,
und aß sie zu dem Brode. Mein Hunger, der zuvor heftig war, wurde durch dieses Eremitenmahl, wenn auch nicht gestillt, so doch besänftigt. Nachdem ich gegessen, sprach ich mein Abendgebet und wählte sodann mein Lager.
Neben dem Felsen war das Haidekraut sehr hoch;
als ich mich niederlegte, waren meine Füße darin begraben; da es auf beiden Seiten sich hoch erhob, so ließ es der Nachtluft nur einen engen Spielraum übrig, durch den sie eindringen konnte. Meinen Shawl legte ich doppelt zusammen, und breitete denselben als eine Decke über mich her; eine kleine, moosige Erhöhung
war mein Kopfkissen. In dieser Lage fror es mich,
wenigstens zu Anfang der Nacht, nicht. Meine Ruhe hätte angenehm genug sein können,
hätte sie nicht ein trauriges Herz unterbrochen. Dieses
klagte über seine klaffenden Wunden, sein inneres Bluten, seine zerrissenen Saiten. Es zitterte für Rochester und sein Loos: es beklagte ihn mit bitterem Mitleid;
es sehnte sich nach ihm mit unabläßigem Verlangen; und, unmächtig wie ein Vogel, dessen beide Flügel gebrochen, schlug es immer noch seine beschädigten Schwingen krampfhaft hin und her, in dem eiteln Bemühen, ihn zu suchen.
Erschöpft von dieser Gedankenqual, erhob ich mich auf die Knie. Die Nacht war da, und ihre Planeten ausgegangen; eine sichere ruhige Nacht, zu heiter für die Gesellschaft der Furcht. Wir wissen, Gott ist überall; allein gewiß fühlen wir seine Gegenwart am Meisten, wenn seine Werke im größten Maßstabe vor uns liegen; und am unbewölkten Nachthimmel, wo seine Welten ihre stillen Bahnen durchlaufen, lesen wir am Deutlichsten seine Unendlichkeit, seine Allmacht seine Allgegenwart. Ich hatte mich auf die Knie geworfen, um
für Herrn Rochester zu beten. Als ich aufblickte, sah
ich mit Thränen benetzten Augen die gewaltige Milchstraße. Es fiel mir ein, was sie sei - welch’ zahllose Sonnensysteme dort im Raume dahin schwebten, wie eine sanfte Lichtspur - und ich fühlte die Macht und Stärke Gottes. Ich war überzeugt, von seiner Macht
das zu erhalten, was er gemacht; ich gewann die Überzeugung, daß weder die Erde untergehen würde, noch irgend eine der Seelen darauf. Mein Gebet wurde zu
einem Dankgebet: die Quelle des Lebens war auch der Retter der Geister. Herr Rochester war gerettet: er gehörte Gott und Gott mußte ihn schützen. Ich legte
mich wieder an den Busen des Hügels, und vergaß im
Schlafe bald den Kummer. Aber am nächsten Tage stellte sich der Hunger ein, blaß und entblöst. Lange, nachdem die Vögelchen ihre Nester verlassen hatten; lange, nachdem die Bienen in den lieblichen Frühstunden des Tages gekommen waren, um den Haidehonig
zu sammeln, ehe noch der Thau getrocknet war - als die langen Morgenschatten schon kürzer wurden, und die Sonne Erde und Himmel erfüllte — and ich auf und sah um mich her.
Welch' ein stiller, heiter, prächtiger Tag! Welch'
goldene Wüste dieses weite Moor! Allenthalben Sonnenschein! Ich wünschte darin und darauf leben zu können. Ich sah eine Eidechse über den Felsen laufen; ich
sah eine geschäftige Biene unter den süßen Heidelbeeren.
Gern wäre ich in diesem Augenblick eine Biene oder
Eidechse geworden, damit ich da eine passende Nahrung
und dauernden Schutz hätte finden mögen. Aber ich war ein menschliches Wesen, und hatte die Bedürfnisse eines solchen; ich durfte da nicht verweilen, wo Nichts
war, um dieselben zu befriedigen. Ich stand auf; ich sah zurück auf das Bett, das ich verlassen hatte. Ohne Hoffnung für die Zukunft, wünschte ich nur das Eine,
daß es meinem Schöpfer in jener Nacht gefallen hätte, während meines Schlafes meine Seele von mir zu fordern; und daß dieser müde Körper, durch den Tod von
weiteren Kämpfen mit dem Schicksale befreit, jetzt nur noch sich ruhig aufzulösen und sich in Frieden mit dem Boden dieser Wildniß zu vermischen brauchte. Aber das Leben war noch in meinem Besitze, mit allen seinen Erfordernissen und Mühen und seiner ganzen, vielfachen
Verantwortlichkeit. Es mußte somit die Bürde getragen, für das Bedürfniß gesorgt, das Leiden erduldet, die Verantwortlichkeit erfüllt werden. Ich machte mich
auf.
Wieder bei Whitcroß angelangt, verfolgte ich einen Weg, der von der jetzt brennenden und hochstehenden Sonne abführte. Nach keinem andern Umstande mochte
ich meine Wahl treffen. Ich ging lange fort, und als
ich dachte, es sei fast genug und ich könne mit gutem
Gewissen der Mattigkeit nachgeben, die mich beinahe überwältigte -- ich könne mit dieser übermäßigen Anstrengung einhalten und, mich auf einen Stein setzend,
den ich in der Nähe sah, mich ohne Widerstand der Apathie überlassen, die mir Herz und Glieder lähmte — da hörte ich den Klang einer Glocke — einer Kirchenglocke.
Ich wendete mich nach der Richtung des zu meinen Ohren gedrungenen Klanges, und da sah ich unter den romantischen Hügeln, deren Wechsel und Aussehen ich seit einer Stunde zu bemerken aufgehört hatte, einen Weiler mit einem Kirchthurm. Das ganze Thal
zu meiner Rechten war voller Waiden, Kornfelder und Gehölze; ein schimmernder Bach lief im Zickzack durch die mannigfaltigen Schattirungen von Grün, durch das
reifende Korn, das düstere Waldland. die hellen und
sonnigen Wiesen hin. Durch das Rollen von Rädern
wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße vor
mir gelenkt, und da sah ich einen schwer beladenen
Wagen, der mit Mühe den Hügel hinauf kam; und nicht weit davon weg zwei Kühe mit den Hirten. Menschliches Leben, und menschliche Arbeit waren somit nahe.
Ich mußte mich weiter schleppen: mußte zu leben suchen und des Tages Last und Mühe tragen, wie die Uebrigen.
Etwa um zwei Uhr Nachmittags kam ich in das Dorf. Am Ende der einzigen Straße desselben war ein kleiner Laden, an dessen Fenster mehrere Brode lagen. Ich sehnte mich nach einem dieser Brode. Damit konnte ich vielleicht wieder einige Kraft erlangen; bekam ich es nicht, so war es schwer, weiter zu kommen. Der Wunsch, einige Stärke und Kraft zu besitzen, kehrte wiedec, sobald ich mich wieder unter meinen Mitgeschöpfen befand. Ich fühlte, daß es entehrend sein würde, auf der offenen Straße eines Dorfes vor Hunger
ohnmächtig umzusinken. Hatte ich Nichts bei mir, was ich gegen eines dieser Brode tauschweise anbieten konnte? Ich dachte nach. Ich hatte ein kleines seidenes Halstuch, und hatte meine Handschuhe. Ich konnte nicht sagen, wie Männer und Weiber in Fällen äußersten
Hungers zu handeln pflegten. Ich wußte nicht, ob man einen dieser Gegenstände anzunehmen geneigt sein würde, wahrscheinlich aber nahm man sie nicht an; doch mußte ich es erst versuchen.
Ich trat in den Laden: es befand sich eine Frau darin. Als sie eine anständig gekleidete Person, eine vornehme Dame, wie sie vermuthete, sah, kam sie mir
höflich entgegen. Sie fragte mich, womit sie mir dienen
könne. Die Scham bemächtigte sich meiner: meine
Zunge wollte die Bitte, die ich bereit gehalten, nicht aussprechen. Ich wagte es nicht, ihr die halb abgetragenen Handschuhe, oder das Halstuch, das gleichfalls
nicht mehr neu war, anzubieten: überdieß fühlte ich,
daß es abgeschmackt sein würde. Ich bat daher bloß um Erlaubniß, mich einen Augenblick setzen zu dürfen, da ich müde sei. In der Erwartung getäuscht, an mich
Etwas verkaufen zu können, gewährte sie mir ziemlich kühl meine Bitte. Sie deutete auf einen Stuhl; ich sank auf denselben hin. Ich fühlte in mir einen heftigen Drang zu weinen; aber wohl einsehend, wie unpassend eine solche Kundgebung wäre, that ich mir Gewalt an. Bald darauf fragte ich sie, ob eine Kleidermacherin, oder Weißnäherin im Dorfe wäre.
,Ja, entgegnete sie, ‘zwei oder drei. Gerade so
viele, als hier Beschäftigung finden.’
Ich dachte über die Sache nach. Ich sah jetzt keinen Ausweg mehr, sondern stand der Nothwendigkeit von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Ich war in der
Lage einer Person, ohne Hilfsmittel, ohne einen Freund, ohne einen Heller Geld. Etwas mußte ich thun. Was? Ich mußte irgend wo anklopfen. Wo?
Ich fragte sie daher, ob sie keinen Ort in der Nachbarschaft wüßte, wo man eine Magd brauchte.
Und die Antwort war: Nein, das könne sie mir nicht sagen.
Abermals fragte ich, was das Hauptgeschäft in diesem Orte sei; womit sich die meisten Leute beschäftigten.
Ich erhielt zur Antwort: Einige seien Ackersleute.
Viele arbeiteten in Herrn Oliver’s Nadelfabrik und in
der Gießerei.
Weiter fragte ich, ob Herr Oliver auch Frauenzimmer beschäftige.
Die Fran verneinte dieß, und sagte, das sei nur eine Arbeit für Männer.
Was denn die Frauenzimmer thäten - lautete meine weitere Frage.
,Weiß nicht,’ ward mir geantwortet. ,Die Einen thun Das, die Andern Jenes. Arme Leute müssen sich eben durchbringen, wie sie können.’
Sie schien meiner vielen Fragen müde zu sein;
und mit welchem Recht konnte ich sie in der That auch
so belästigen. Ein oder zwei Nachbarn kamen herein;
offenbar wollte man meinen Stuhl haben. Ich verabschiedete mich also.
Ich ging die Straße hinauf und sah im Gehen alle Häuser zur Rechten und zur Linken an; ich konnte aber keinen Vorwand, noch Anlaß finden, um in eines
derselben zu treten. Ich ging um das ganze Dörfchen herum, wohl eine Stunde lang oder darüber, und entfernte mich zu weilen ein wenig, um gleich darauf wieder zurückzukommen. Sehr erschöpft und jetzt aus Mangel an Nahrung heftig leidend, wendete ich mich abseits,
und setzte mich unter eine Hecke in einem Feldwege. Kaum waren aber einige Minuten verflossen, so war ich schon wieder auf den Füßen und suchte abermals
Etwas - eine Hülfsquelle, oder wenigstens eine Person, die mir Auskunft geben könnte. Ein hübsches Häuschen stand oben am Feldwege, davor ein Garten, der ungemein zierlich aussah und in voller Blumenpracht dastand. Ich blieb bei demselben stegen. Mit
welchem Rechte aber mochte ich mich nur der weißen Thüre nähern, oder den glänzenden Klopfer berühren? Welches Interesse konnten die Bewohner des Häuschens
haben, mir zu dienen? dennoch näherte ich mich, und klopfte an. Ein sanft aussehendes, nett gekleidetes, junges Frauenzimmer öffnete die Thür. Mit einer
Stimme, wie man sie von einem hoffnungslosen Herzen, und einem vor Mattigkeit und Entkräftung zusammensinkenden Körper erwarten konnte - mit einer kaum
hörbaren und fast ersterbenden Stimme -- fragte ich,
ob man hier keine Magd brauche?
‘Nein,’ sagte sie; ‘wir halten keine Magd.’
,Können Sie mir sogen, wo ich irgend eine Beschäftigung finden könnte,’ fuhr ich fort. ,Ich bin fremd, und ohne Bekannte an diesem Ort. Ich muß irgend eine Arbeit haben, und es ist gleichgültig, von welcher Art sie ist.’
Aber es war ja nicht ihre Sache, für mich zu
denken, oder für mich eine Stelle zu suchen, und wie
verdächtig mußte ihr zudem mein Charakter, meine
Lage, meine Geschichte erscheinen. Sie schüttelte den
Kopf, sagend, es thue ihr Leid, mir keine Auskunft
geben zu können, und die weiße Thür schloß sich ganz sanft und höflich aber immerhin schloß sie mich aus. Hätte sie die Thür etwas länger offen gelassen, so glaube
ich, daß ich sie um ein Stück Brod gebeten haben
würde; denn es war mir jetzt ganz schwach.
In das schmutige Dorf mochte ich nicht zurückkehren, und zwar um so weniger, als sich dort keine Aussicht auf Hilfe zeigte. Lieber wäre ich noch nach
einem kleinen Gehölze gegangen, das ich in einer kleinen Entfernung sah, und das mir mit seinem dichten Schatten ein einladendes Obdach darzubieten schien;
allein, ich war so krank, so schwach, davon, daß die Forderungen der Natur nicht befriedigt worden, daß ich instinktmäßig in der Nähe der Wohnungen blieb, wo
ich noch hoffen konnte, einige Nahrung zu erhalten.
Die Einsamkeit war keine Einsamkeit - die Ruhe keine Ruhe - solange der Geier des Hungers so mit Schnabel und Krallen in meiner Seite wüthete.
Ich näherte mich, einigen Häusern; ich entfernte mich von denselben, und suchte sie wieder auf, um abermals fortzugehen: stets zurückgetrieben durch das Bewußtsein, daß ich kein Recht habe, Etwas zu verlangen — kein Recht, Theilnahme an meinem einsamen Loose
zu erwarten. Unterdessen verstrich der Nachmittag, während ich so wie ein verlorener und Halb verhungerter Hund umherirrte. Als ich über ein Feld ging, sah ich den Kirchthurm vor mir; ich eilte auf ihn zu. Neben dem Kirchhofe und in der Mitte eines Gartens stand ein gut gebautes, wenn auch kleines Haus, welches nach meiner Meinung nur das Pfarrhaus sein konnte. Ich erinnerte mich, daß Fremde, die in einen Ort kommen, wo sie keine Freunde haben, und Beschäftigung suchen, sich bisweilen an den Geistlichen wenden, um
durch ihn empfohlen oder unterstützt zu werden. Es ist die Pflicht des Geistlichen, denjenigen, so sich selbst helfen wollen, zu helfen - sei es auch nur durch einen
guten Rath. Es kam mir vor, als hätte ich gleichsam ein
Recht, hier um Rath anzusuchen. So raffte ich denn
meinen Muth und die schwachen Aeste meiner Kraft
zusammen und ging auf das Haus zu. Dort angelangt, klopfte ich an die Küchenthür. Ein altes Weib öffnete sie, und ich fragte, ob dieß das Pfarrhaus wäre.
,Ja.’
‘Ob der Geistliche zu Hause sei?’
,Nein.’
,Ob er bald nach Hause kommen würde?’
,Nein, er sei nicht da.’
,Ob er weit gegangen?’
,Nicht so weit - etwa drei Meilen. Er sei durch
den plötzlichen Tod seines Vaters abgerufen worden: er sei nun zu Marsh End, und werde dort wahrscheinlich noch weitere vierzehn Tage bleiben.’
,Ob keine Dame, etwa die Frau des Herrn Geistlichen, im Hause sei?’ Nein, außer ihr (der alten Frau) sei Niemand da, und sie sei die Haushälterin.’
Und von ihr, Leser, mochte ich nicht die Abhülfe des Bedürfnisses, unter dem ich darniedersank, nachsuchen: ich konnte nicht betteln, und wankte abermals
weiter.
Noch einmal nahm ich mein Halstuch ab - noch einmal dachte ich an die Brode in dem kleinen Laden. Ach, wie sehnte ich mich nur nach einer Rinde, nur nach einem Mund voll, um die Qual des Hungers zu stillen! Noch einmal wandte ich mein Gesicht instinktmäßig dem Dorfe zu, ich fand den Laden wieder und ging hinein; und obgleich außer der Frau noch
andere Leute da waren, so wagte ich doch die Bitte, ob sie mir für das Halstuch eines der Brödchen geben wollte.
Sie blickte mich an mit sichtlichem Argwohn: -
,Nein,’ sagte sie, ‘sie habe noch nie auf solche Art ihre Waare verkauft.’
Fast der Verzweiflung anheimfallend, verlangte ich ein halbes Brödchen; sie schlug mir es aber wieder ab, und sagte, wie sie wissen könne, wo ich das Halstuch
her hätte.
,Ob sie meine Handschuhe nehmen wollte,’ fragte ich.
,Nein, was sie damit thun solle?’
Leser, es ist nicht angenehm, bei diesen Einzelheiten länger zu verweilen. Einige sagen zwar, es liege ein Vergnügen darin, auf frühere, schmerzliche Erfahrungen zurückzublicken; aber noch jetzt kann ich es kaum ertragen, mein Auge den Zeiten wieder zuzuwenden, auf die ich hier anspiele: die sittliche Erniedrigung
bildet in Verbindung mit dem physischen Leiden eine zu
traurige Erinnerung, als daß ich je gern dabei verweilen möchte. Ich tadelte keinen von denen, die mich zurückstießen; ich fühlte, daß es nur sei, was man erwarten dürfe, und wofür man nicht könne: ein gewöhnlicher Bettler ist häufig ein Gegenstand des Argwohns, ein wohlgekleideter Bettler ist es nothwendig. Zwar verlangte ich ja nur Beschäftigung, aber wessen Geschäft war es denn, mir Arbeit zu verschaffen? Gewiß war
es nicht die Sache der Leute, die mich damals zum ersten Male sahen, und von meinem Rufe Nichts wußten. Und was die Frau betrifft, die mein Halstuch nicht
für ihr Brod annehmen wollte, so hatte auch sie Recht,
sobald das Anerbieten ihr verdächtig vorkam, oder der Tausch unvortheilhaft schien.
Ich will mich nun kurz fassen. Ich bin des Gegenstandes überdrüssig.
Ehe es noch ganz dunkel wurde, kam ich an einem Pachthause vorbei, an dessen offen stehender Thür der Pächter saß und sein aus Brod und Käse bestehendes
Nachtessen verzehrte. Ich blieb stehen, und sagte: -,Wollen Sie mir ein Stück Brod geben? Ich bin sehr hungrig.'
Er blickte mich erstaunt an: aber ohne mir zu antworten, schnitt er ein dickes Stück, von seinem Laibe ab, und gab es mir. Ich denke, er hielt mich nicht
für eine Bettlerin, sondern blos für eine excentrische
Dame, die nach seinem schwarzen Laibe ein Gelüste bekomme. Sobald ich sein Haus nicht mehr sah, setzte ich mich nieder, und aß das Brod.
Ich durfte nicht hoffen, unter einem Dache Aufnahme zu finden, und suchte daher mein Obdach in dem kleinen Walde, von dem ich weiter oben gesprochen. Meine Nacht aber war höchst elend; meine Ruhe wurde gestört: der Boden war feucht, die Luft kalt: zudem
hörte ich mehr denn einmal Tritte neben mir: kein Gefühl der Sicherheit oder Ruhe breitete seine freundlichen Schwingen über mich aus. Gegen Morgen regnete es; und den ganzen folgenden Tag blieb es naß. Leser, fordere von mir keinen genauen Bericht über jenen Tag:
wie zuvor suchte ich Arbeit, wie zuvor wurde ich zurückgewiesen; wie zuvor hungerte ich; nur Ein Mal kam etwas Nahrung über meine Lippen. An der Thür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen, die eben eine Schüssel voll kalter Suppe in einen Schweinetrog schütten
wollte.
,Wollen Sie mir das geben?’ fragte ich.
Sie starrte mich an.
‘Mutter!’ rief sie; ,dort ist eine Frauensperson, welche diese Suppe von mir haben will.’
‘Gut, Mädchen,’ antwortete eine Stimme von Innen, ,gib es ihr, es ist eine Bettlerin. Das Schwein braucht sie nicht.’
Das Mädchen leerte den dick gewordenen Stoff in
meine Hand, und ich verschlang ihn gierig.
Als die feuchte Dämmerung immer mehr in Dunkelheit überging, blieb ich auf einem einsamen Reitwege stehen, auf dem ich eine Stunde oder darüber fortgegangen war.
,Meine Kraft weicht gänzlich von mir,’ sagte ich bei mir selbst. ,Ich fühle, daß ich nicht weiter gehen kann. Soll ich diese Nacht abermals ohne Obdach
sein? Muß ich, während der Regen so herabströmt, meinen Kopf auf den kalten, feuchten Boden legen? Ich fürchte, ich kann nicht anders; denn wer wird mich
aufnehmen? Es wird aber fürchterlich sein: bei diesem
Gefühl des Hungers, bei dieser Schwäche, diesem Gefühl der Kälte, und diesem Bewußtsein der Verlassenheit, - bei dieser - gänzlichen Vernichtung aller Hoffnung. Höchst wahrscheinlich aber muß ich noch vor dem nächsten Morgen sterben. Und warum kann ich mich
nicht mit dem Gedanken an den Tod aussöhnen? Warum kämpfe ich noch, um ein werthloses Leben zu erhalten? Weil ich weiß, oder glaube, daß Herr Rochester
noch lebt: und dann ist auch der Hunger - aus Mangel an Nahrung und Wärme ein Schicksal, dem die Natur sich nicht passiv unterwerfen kann. O Vorsehung! Gib mir noch ein wenig länger Kraft! Hilf mir - leite mich!’
Mein gläsernes Auge wanderte dahin über die düstere neblige Landschaft, Ich sah, daß ich mich weit von dem Dorfe entfernt hatte: ich konnte es nicht mehr sehen.
Sogar der Feldbau, den ich in dessen Nähe bemerkte, war verschwunden. Auf Kreuzwegen und Fußsteigen hatte ich mich abermals den Moorgründen genähert;
und jetzt lagen nur noch einige Felder, fast eben so wild
und unfruchtbar, wie die Haide, der man sie mit großer Mühe abgerungen, zwischen mir und dem schwärzlich aussehenden Hügel.
,Nun, ich möchte lieber dort sterben, als auf einer Straße oder einem vielbesuchten Wege,’ dachte ich, ,Es ist weit besser, daß Krähen und Raben - wenn
es solche in dieser Gegend gibt - das Fleisch von meinen Beinen picken, als daß diese in einen von einem Armenhause gelieferten Sarg eingekerkert werden, und
in einem Armengrabe vermodern.’
Nach dem Hügel also wandte ich, mich hin. Ich
erreichte ihn. Ich brauchte jetzt nur noch ein Loch zu
finden, um mich dort niederzulegen und mich wenigstens
verborgen, wenn auch nicht sicher zu fühlen. Allein die
ganze Oberfläche der Wüste sah eben aus. Sie zeigte
lediglich keine Veränderung, keinen Wechsel als in der
Farbe: sie war grün, wo Binsen und Moos in den
Sümpfen wuchsen; schwarz, wo der trockene Boden bloß
Haidekraut trug. Obgleich es bereits dunkel wurde,
konnte ich diese Veränderungen doch noch bemerken, obgleich nur als bloße Licht- und Schatten-Wechsel: denn die Farbe war mit dem Tageslicht dahin geschwunden.
Mein Auge schweifte noch über die finstern Ehöhungen und an dem Moor-Rande hin, der unter der wildesten Scenerie verschwand, als an einer düstern
Stelle, in weiter Entfernung zwischen den Sümpfen
und den Hügeln, ein Licht sich zeigte. ‘Dieß ist ein
Irrlicht,’ war mein erster Gedanke, und ich erwartete,
daß es bald verschwinden würde. Es brannte aber ruhig fort, und wich weder zurück, noch kam es mir näher. ‘So ist es denn ein Freudenfeuer, das eben angezündet
worden?’ fragte ich mich. Ich sah hin, ob es sich ausbreiten würde; aber nein; sowie es nicht abnahm, so wurde es auch nicht größer. ,Es ist wohl ein Licht
in einem Hause,’ vermuthete ich alsdann: ‘wenn es
aber auch ein solches ist, so kann ich es doch nimmermehr erreichen. Es ist viel zu weit weg: und wäre es nur ein paar Schritte von mir, — was würde es
helfen? Ich würde nur an die Thür klopfen, um Zeuge zu sein, daß mir dieselbe vor dem Gesicht wieder zugeschlagen wird.’
Und ich sank nieder, wo ich stand und legte mein
Gesicht gegen den Boden. Ich lag eine Weile ruhig
da; der Nachtwind fuhr über den Hügel und mich hin,
und erstarb stöhnend in der Ferne. Der Regen fiel
dicht, und durchnäßte mich abermals bis auf die Haut.
Hätte ich nur allmählig bis zu dem Grade erstarren
können, wo die freundliche Empfindungslosigkeit des Tods
eintritt, so hätte es fort und fort herabschütten können,
ich hätte es nicht gefühlt; aber mein noch lebendes
Fleisch schauderte bei dem durchkältenden Einflusse desselben. Bald stand ich wieder auf.
Das Licht war noch das zwar matt, aber beständig durch den Regen hinschimmernd. Ich versuchte abermals weiter zu gehen; ich schleppte meine erschöpften
Glieder langsam nach demselben hin. Es führte mich
quer über den Hügel hin, durch einen weiten Sumpf
hindurch, über den man im Winter nicht hätte kommen
können, und der selbst jetzt mitten im Sommer kothig
war, und unter den Füßen zitterte. Hier fiel ich zweimal zu Boden; aber ebenso oft stand ich wieder auf, und sammelte wieder meine Kräfte. Dieses Licht war
mein verlorner Posten: ich mußte es erreichen.
Nachdem ich über den Sumpf gekommen, sah ich einen weißen Streifen über dem Moor. Ich ging auf denselben zu; es war ein Weg oder ein Fußpfad: derselbe führte gerade auf das Licht zu, das jetzt von einer Art Buckel unter einer Baumgruppe hervorstrahlte, die, soviel ich nach ihrer Form und der Art ihres Laubwerks
in der Dunkelheit schließen konnte, offenbar aus Sichten
gebildet war. Mein Eltern verschwand, als ich näher kam; irgend ein Hinderniß war zwischen mich und denselben getreten; ich streckte meine Hand aus, um die
dunkle Masse vor mit anzufühlen; ich unterschied die rauhen Steine einer niedern Mauer, — auf derselben befand sich etwas wie Pallisaden, und drinnen eine hohe
und stechende Dornhecke. Ich suchte meinen Weg tastend weiter. Abermals erglänzte ein weißlicher Gegenstand vor mir; es war ein Thörchen, ein Pförtchen; es
drehte sich um seine Angeln, als ich es anrührte. Auf jeder Seite stand ein schwarzer Busch, - eine Stechpalme oder ein Eibenbaum.
Als ich durch das Pförtchen eintrat und an den
Gesträuchen vorüberging, zeigte sich einem Auge der
Umriß eines Hauses, schwarz, niedrig und ziemlich lang;
aber das Licht, das mich geleitet, schien nirgends. Alles
war Finsterniß. Hatten die Bewohner sich zur Ruhe
begeben? Ich fürchtete es. Indem ich die Thür suchte,
kam ich, um eine Ecke: dort drang wieder der freundliche Schimmer aus der rautenartigen Scheibe eines
kleinen Gitterfensterchens, etwa einen Fuß über dem Boden, hervor. Das Fensterchen wurde noch kleiner durch
den Epheu oder irgend ein andere Schlingpflanze, deren Blätter dicht den Theil der Wand des Hauses umrankten, wo dasselbe angebracht war. Die Oeffnung war so geschützt und so enge, daß man einen Vorhang oder einen Fensterladen als unnöthig weggelassen hat, und als ich mich
bückte und das viele Laubwerk, das sich darüber hingezogen hatte, wegschob, konnte ich Alles darinnen sehen. Ich sah ganz deutlich ein Zimmer mit Sand bestreutem Boden;
es war Alles wie gescheuert; eben so sah ich einen Anrichttisch von Wallnußbaumholz, mit zinnernen in Reihen
ausgestellten Schüsseln und Tellern, welche die Röthe
und die Strahlen eines glühenden Torffeuers zurückwarfen. Ich konnte eine Uhr, einen weißen tannenen
Tisch, sowie einige Stühle sehen. Das Licht, dessen
Strahl mein Leuchtthurm gewesen, brannte auf dem Tische, und beim Schein desselben strickte ein ältliches,
etwas rauh aussehendes Frauenzimmer, das aber, wie Alles um sie her, von untadelhafter Reinlichkeit war, an einem Strumpfe.
Ich beobachtete diese Gegenstände nur obenhin: es lag nichts Außerordentliches in denselben. Eine interessantere Gruppe erschien in der Nähe des Kamins: sie saß ruhig inmitten des rosigen Friedens und der Wärme da, die von demselben ausging. Zwei junge graziöse Frauenzimmer — Damen von Bildung und von Stand, in jeder Hinsicht - saßen da, die Eine auf einem niedern Schaukelstuhl, die Andere auf einer Art
Schemel; Beide waren in tiefe Trauer - Krepp und
Bombassin - gekleidet, welche düstere Kleidung einen
sonderbaren Contrast bildete mit ihren sehr weißen Nacken
und Gesichtern; ein großer alter Wachtelhund ließ seinen schweren Kopf auf den Knien des einen Mädchens
ruhen; auf dem Schooße der andern lag eine schwarze Katze.
Ein sonderbarer Platz war doch diese bescheidene Küche für solche Bewohner! Wer waren sie wohl? Sie
konnten nicht die Töchter der ältesten Person am Tische sein; denn diese sah wie eine Bäurin aus, während jene
voller Zartheit und Bildung waren. Nirgends hatte ich noch solche Gesichter gesehen, wie die ihrigen , und
doch ,schien mir ein jeder ihrer Züge bekannt, als ich so
sie ansah. Ich kann sie nicht schön nennen, dazu waren
sie zu blaß und ernst: während jede von ihnen sich über ein Buch neigte, sahen sie fast bis zur Strenge gedankenvoll aus. Kein Pfeilertischchen, das zwischen ihnen
stand, enthielt ein zweites Licht und zwei dicke Bände,
worin sie häufig nachschlugen; sie schienen dieselben mit
den kleinen Büchern zu vergleichen, welche sie in Händen
hatten, gerade wie Leute thun, die sich in einem Wörterbuche Raths erholen, wenn sie Etwas übersetzen wollen. Diese Scene war so still, als ob alle Figuren Schatten und das von Feuer erleuchtete Gemach ein
Gemälde gewesen wäret so still war es darin, daß ich die Asche von dem Rost fallen, die Uhr in ihrer dunkeln
Ecke picken hören konnte; ja, ich bildete mir ein, ich könne das leise Geräusch unterscheiden, welches die
Stricknabeln der alten Frau machten. Als daher am Ende eine Stimme die sonderbare Stille unterbrach, so
konnte ich sie ganz deutlich hören.
‘Höre, Diana,’ sagte eines der in ihr Studium
vertieften Mädchen: ,Franz und der alte, Daniel sind
zu Nachtzeit beisammen und Franz erzählt einen Traum,
woraus er mit Schrecken erwacht ist, - höre zu!’
Und nun las sie mit leiser Stimme etwas, wovon
auch nicht Ein Wort für mich verständlich war: die
Sprache war mir unbekannt - es war weder Französisch noch Lateinisch; ob es Griechisch oder Deutsch sei;
vermochte ich nicht zu sagen.
,Das ist stark,’ sagte sie, als sie damit zu Ende
war; ‘es gefällt mir.’
Das andere Mädchen, das den Kopf in die Höhe
gehoben hatte, um ihrer Schwester zuzuhören, wiederholte, ins Feuer blickend, von dem gelesenen eine Zeile.
Später erfuhr ich, welche Sprache und was für ein
Buch es war; ich will darin die Linie hier anführen,
obgleich sie für mich, als ich, sie zum ersten Male hörte.
nur wie ein Schlag auf tönendes Erz war - ohne alle
Bedeutung.
‘’Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternen-Nacht,’’ ,Gut, gut!’ rief sie, während ihr dunkles
und tiefes Auge funkelte. ,Da haben wir einen düstern und gewaltigen Erzengel, der in passender Weise
vor uns hingestellt wird! Die Linie wiegt hundert
Seiten von leerem Bombast auf.’ ‘’Ich wäge die,
Gedanken in der Schale meines Zornes und die
Werke mit dem Gewichte meines Grimmes.’’ ,Es gefällt mir dieß!’
Abermals schwiegen Beide.
,Gibt es ein Land, wo die Leute so reden?’ fragte die alte Frau, von ihrem Strumpfe aufschauend.
‘Ja, Hannah -- ein Land, das viel größer ist, denn England, und wo man nicht anders redet.’
,Ei, ei, wie können sie denn da einander verstehen? Und wenn Eine von Ihnen dorthin ginge, so würden
Sie es wahrscheinlich verstehen?’
,Wahrscheiulich etwas davon, aber nicht Alles; denn wir sind nicht so geschickt, wie Ihr glaubt, Hannah. Wir sprechen nicht deutsch, und können es nur mit Hülfe eines Wörterbuchs lesen.’
,Und welchen Nutzen ziehen Sie daraus?’
,Wir wollen einmal darin Unterricht geben - wenigstens in den Anfangsgründen, wie man so sagt;
und dann werden wir mehr Geld verdienen, als jetzt.’
‘Sehr wahrscheinlich; aber geben Sie jetzt das Lernen auf; für heute Abend haben Sie genug gethan.’
,Ich glaube es auch: wenigstens bin ich müde. Bist Du es auch. Mary?’
,Bis zum. Tode. Bei Allem ist es doch eine harte Arbeit, sich mit einem Wörterbuch allein und ohne Lehrer an die Erlernung einer Sprache zu wagen.’
,So ist es, und insbesondere bei' einer Sprache, wie dieses, schwierige, verzwickte, aber glorreiche Deutsch.
Ich möchte wohl wissen, wann St. John nach Hause kommt.'
,Er bleibt jetzt gewiß nicht mehr lange aus: es
ist gerade zehn (- sagte die Andere mit einem Blick
auf eine kleine, goldene Uhr, die sie aus ihrem Gürtel
zog —). ,Es regnet stark. Hannah, willst Du nach dem Feuer im Empfangzimmer sehen?’
Die Alte stand auf; sie öffnete eine Thür, durch
die ich, obwohl nur undeutlich, einen Gang sah; bald hörte ich sie im innern Zimmer ein Feuer schüren; nach
einer Weile kam sie zurück.
,Ah, Kinder,’ sagte sie. ‘fast macht es mir Furcht,
jetzt in jenes Zimmer zu gehen: es sieht so einsam
aus mit dem leeren, in eine Ecke zurückgestellten
Stuhle.’
Sie trocknete ihre Augen mit ihrer Schürze ab; die zwei Mädchen, die bis daher ernst gewesen waren,
sahen jetzt betrübt aus.
"Aber er ist jetzt an einem bessern, Orte,’ fuhr Hannah fort: ,Wir sollten nicht wünschen, daß er wieder hier bei uns wäre. Auch kann sich Niemand nach einem ruhigeren Tode sehnen, als der seine war.’
,Ihr sagt, er habe uns nie genannt?’ fragte eine der jungen Damen.
,Es gebrach ihm an Zeit. dazu, Kind: in einer Minute war er dahin - Ihr Vater. Er war ein wenig
krank, wie den Tag zuvor, ohne daß es aber etwas zu bedeuten gehabt hätte; und als ihn St. John fragte, ob
er es nicht wünscht, daß man nach Einer von Ihnen schicke, so lachte er ihn geradezu aus. Den Tag darauf
klagte er abermals über einen etwas schweren Kopf — es sind nun vierzehn Tage her - und er legte sich
schlafen und wachte nie wieder auf; er war fast steif, als Ihr Bruder in das Zimmer hineinging und ihn
fand. Ach, Kinder! Es ist der letzte von dem alten, Stamm — denn Sie und Herr St. John sind fast von
einer andern Art, als die, so heimgegangen. Ihre Mutter war viel, wie Sie, und in den Büchern fast ebenso gelehrt. Sie war Ihr Ebenbild, Mary: Diana ist mehr wie Ihr Vater.’
Mir kamen sie so ähnlich vor, daß ich nicht zu sagen im Stande war, wo die alte Dienerin (denn für eine
solche hielt ich sie schließlich) den Unterschied finde. Beide hatten eine schöne weiße Haut und waren schlank;
Beide haiten ausgezeichnete und verständige Gesichter. Indessen hatte doch die Eine ein Haar, das um eine
Schattirung dunkler, als das der Andern war; auch lag in ihrer Art dasselbe zu tragen eine Verschiedenheit:
Marys hellbraune Locken waren glatt gescheitelt; Dianas dunkleres Haar fiel über ihre Nacken in dichten
Locken herab. Es schlug auf der Uhr zehen.
,Sie werden gewiß Ihr Abendessen wollen,’ bemerkte Hannah; ,und wohl auch Herr St. John, wenn
er nach Hause kommt.’
Und sie fing an, das Mahl fertig zu machen. Die zwei jungen Damen standen auf: sie schienen im Begriffe, sich in, das Empfangzimner zurückzuziehen. Bis daher hatte ich sie mit so großer Aufmerksamkeit beobachtet, und hatten ihre Erscheinung und ihr Gespräch ein so lebhaftes Interesse in mir erregt, das ich meine
eigene über allen Begriff elende Lage halb vergessen hatte; jetzt erinnerte ich mich wieder daran, durch den
Contrast erschien sie mir verzweifelter und trostloser, denn je. Und wie unmöglich erschien es mir nicht, die
Bewohner dieses Hauses für mich zu interessiren; sie an die Wahrheit meiner Bedürfnisse und Leiden glauben
zu machen; sie zu bewegen, mich auf meiner Irrfahrt einen Augenblick ausruhen zu lassen! Indem ich die
Thüre tastend fand und mit zaudernder Hand an diesselbe klopfte, fühlte ich, daß der letztere Gedanke in der
That eine bloße Chimäre sei.
Hannah machte auf.
‘Was wollen Sie?’ fragte sie mit einem Tone der Ueberraschung, als sie mich beim Scheine des Lichts, das sie in der Hand hielt, erblickte.
‘Kann ich mit Ihren Damen reden?’ sagte ich.
,Es wäre mir lieber, Sie sagten mir, was Sie denselben zu sagen haben. Woher kommen Sie?’
,Ich bin eine Fremde.’
,Was haben sie um diese Stunde hier zu thun?’
,Ich wünsche ein Obdach für diese Nacht in einem Nebengebäude oder an irgend einem andern Orte, und
ein Stück Brod zum Essen.'
In Hannah's Gesicht zeigte sich Mißtrauen - gerade das Gefühl, das ich fürchtete.
,Ich will Ihnen ein Stück Brod geben,’ sagte sie nach einer Pause; ‘aber wir können keine Vagabundin beherbergen. Es steht uns nicht an.’
,So lassen Sie mich wenigstens mit Ihren jungen Damen reden.’
‘Nein, nein; das geht nicht an. War können sie für Sie thun? Sie sollten jetzt nicht herumschwärmen:
es sieht gar verdächtig aus.’
,Aber wohin soll ich denn gehen, wenn Sie mich wegtreiben? Was soll ich thun?’
"O ich wette, Sie wissen wohl, wohin Sie gehen und was Sie thun können. Thun Sie nur nichts
Unrechtes: das ist Alles. Hier ist ein Penny; und nun gehen Sie.’
,Ein Penny ist für mich keine Nahrung, auch bin ich nicht stark genug, um weiter zu gehen. Machen
Sie doch die Thüre nicht zu. - Ach! thun Sie es nicht, um Gotteswillen!’
,Ich muß; der Regen schlägt herein -.’
,Sprechen Sie mit den jungen Damen. - Ich muß sie sehen -.’
,Das können: Sie nicht. Sie sind nicht, was Sie sein sollten, sonst würden Sie nicht so viel Lärmen machen.
Packen Sie sich!’
,Aber ich muß sterben, wenn ich so fortgejagt werde.’
,Ah, das ist nicht wahr. Ich fürchte, Sie haben Böses im Sinn, sonst würden Sie um diese Stunde
der Nacht nicht vor den Häusern der Leute sich herumtreiben. Wenn Sie Leute bei sich haben — Diebe, die
einbrechen und sofort - so können Sie ihnen sagen, daß wir nicht, allein in dem Hause sind: Es it ein
Herr da, sowie auch Hunde und Flinten.’
Hier schlug die ehrliche, aber unbeugsame Magd die Thüre zu und verriegelte dieselbe von Innen.
Das war der Höhepunkt meines Unglücks: eine unnennbare Qual - die Angst wirklicher Verzweiflung
- zerriß und schwellte mein Herz. Ich war in der That gänzlich erschöpft; ich war nicht im Stande, noch
einen Schritt zu thun. Ich sank auf die nasse Stufe vor der' Thür nieder: ich stöhnte - ich rang die Hände
— ich weinte gualerfüllt. O dieses Gespenst des Todes! O diese, letzte Stunde, die mir so schreckenhaft nahte!
Ach, diese Verlassenheit - diese Ausstoßung aus der Gesellschaft meiner Mitmenschen! Nicht allein der Anker
der Hoffnung, sondern auch der Boden der Stücke war dahin - wenigstens für einen Augenblick: aber letztere
suchte ich bald wieder zu gewinnen.
,Ich kann nur noch sterben,’ sagte ich, ,und ich glaube an Gott! Ich will es versuchen, seinem Willen schweigend mich zu unterwerfen.’
Diese Worte dachte ich nicht allein, sondern sprach sie auch aus; und indem ich all mein Elend in mein
Herz zurückdrängte, machte ich einen Versuch, es zu zwingen, stumm und ruhig dort zu bleiben.
,Alle Menschen müssen sterben,’ sagte eine Stimme ganz in meiner Nähe, aber nicht alle sind prädestinirt
zu einem langsamen und frühzeitigen Tode, wie der Ihrige sein würde, wenn Sie hier aus Mangel umkommen müßten.’
‘Wer oder was spricht?’ sagte ich, erschreckt von dem unerwarteten Laut, und jetzt außer Stand, aus
irgend einem Ereigniß eine Hoffnung auf Hilfe herzuleiten. Eine Gestalt war nahe - was für, eine Gestalt aber, das ließ mich die pechschwarze Nacht und meine geschwächte Sehkraft nicht unterscheiden. Ein starker und langer Schlag gegen die Thüre verkündigte, daß Jemand angekommen.
,Sind Sie es, Herr St. John?’ rief Hannah.
,Ja, ja; geschwind aufgemacht!’
Ei, wie naß müssen Sie sein und wie muß es Sie frieren, da die Nacht so ungestüm! Treten Sie
ein - Ihre Schwestern sind ganz unruhig um Ihretwillen, und ich glaube, daß schlechte Leute sich hier herumtreiben. Es ist eine Bettlerin da gewesen - gewiß ist sie noch nicht fort! -- Ah, dort liegt sie ja. Stehen
Sie auf! Pfui! Packen Sie sich, sage, ich!’
‘Stille, Hannah! Ich habe mit diesem Frauenzimmer ein Wort zu sprechen. Ihr habt Eure Pflicht gethan, indem Ihr sie ausschloßet: laßt mich nun die meinige thun, indem ich sie einlasse. Ich war in der Nähe und hörte Euer Beider Gespräch. Ich glaube. es ist ein besonderer Fall - ich muß ihn wenigstens untersuchen. Junges Frauenzimmer, stehen Sie auf, und gehen Sie vor mir in das Haus hinein!’
,Nur mit Mühe konnte ich ihm gehorchen. Bald stand ich in der saubern hellen Küche — am Kamin zitternd, fast einer Ohnmacht nahe, und dabei mir doch meines über die Maßen gräßlichen, wilden, vernachläßigten Aussehens bewußt. Die zwei jungen Damen, ihr Bruder, Herr St. John, die alte Magd - Alle
blickten mich an.
,St. John, wer ist es?’ hörte ich Eine fragen.
,Ich kann es nicht sagen: ich habe sie vor der Thüre gefunden,’ lautete die Antwort.
,Sie sieht ja ganz blaß aus,’ sagte Hannah.
,So blaß wie der Tod,’ wurde geantwortet, ,Sie wird zu Boden fallen: laßt sie sitzen.’
Und in der That war es mir ganz schwindelig ich sank um; aber ein Stuhl nahm mich auf. Noch war
ich bei Sinnen, obgleich ich eben jetzt nicht sprechen konnte.
‘Vielleicht wird ein wenig Wasser sie erfrischen. Hannah, holet doch Wasser. Aber sie ist ganz abgemagert. Wie mager ist sie, und wie so ganz blutlos!’
‘Ein wahres Gespenst!’
,Ist sie krank, oder ist sie blos ausgehungert?’
,Ich denke, ausgehungert. Hannah, ißt das Milch? Gebt sie mir und etwas Brod dazu.'
Diana (ich erkannte sie an den langen Locken, die ich zwischen mir und dem Feuer schweben sah, als sie
sich über mich hinneigte) brach etwas Brod ab, tauchte
es in die Milch und näherte es meinen Lippen. Ihr Gesicht war ganz nahe an dem meinigen: ich sah, daß
Mitleid darin lag, und ihre raschen Athemzüge zeigten mir an, daß hier Mitgefühl sei. Aus ihren einfachen
Worten: ‘Versuchen Sie zu essen,’ sprach auch die gleiche Regung. so wohlthuend, wie Balsam.
‘Ja, versuchen Sie es doch,’ wieherholte Mary, sanft und Marys Hand entfernte meinen durch und
durch feuchten Hut und hob meinen Kopf in die Höhe. Ich versuchte, was sie mir anbot: Anfangs schwach,
bald aber gierig.
‘Nicht zu viel fürs erste Mal — haltet sie zurück,’ sagte der Bruer; ,sie hat für jetzt genug.’
Und er nahm die mit Milch gefällte Tasse, sowie den Teller mit dem Brode weg. Ein klein wenig mehr, St. John. - Sieh doch die Gier in ihren Augen.’
‘Für jetzt Nichts mehr, Schwester. Sieh, ob sie jetzt sprechen kann' - frage sie nach ihrem Namen.’
Ich fühlte, daß ich zu reden im Stande sei, und antwortete:
‘Mein Name ist Jane Elliot.’
So lebhaft wie nun je von dem Wunsche erfüllt, der Entdeckung zu entgehen, hatte,ich vorher beschlossen,
einen andern Namen anzunehmen.
‘Und wo halten Sie sich gewöhnlich auf? Wo sind Ihre Freunde?’
Ich schwieg.
,Können wir nach Jemand schicken, den Sie
kennen?’
Ich schüttelte den Kopf.
,Können Sie Auskunft über sich geben?’
Ich weiß nicht, wie mir geschah, aber jetzt, wo ich
die Schwelle dieses Hauses überschritten hatte; und den
Besitzern desselben von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand,kam es mir nicht länger vor, als sei ich ausgestoßen, umherirrend, und von der ganzen weiten Welt
verläugnet. Ich wagte es, die Bettlerin abzustreifen, und mein natürliches Wesen und meinen Stand wieder
anzunehmen. Ich begann mich wieder zu erkennen; und als Herr St. John von mir verlangte, daß ich
ihm über mich Auskunft geben sollte, was ich aber für
den Augenblick zu schwach war zu thun, sagte ich, nach
einer kurzen Pause:
,Sir, ich kann Ihnen heute Nacht keine Einzelheiten geben.’
,Aber,’ sagte er, ,was soll ich denn für Sie thun?’
,Nichts,’ erwiederte ich. Meine Kraft reichte nur zu kurzen Antworten aus. Diana ergriff nun das Wort:
,Meinen Sie, fragte sie, ,daß wir Ihnen nun den Beistand geleistet, den Ihr Zustand erfordert; und meinen Sie, daß wir Sie nun wieder in das Moor und die Regennacht hinauslassen können?’
Ich blickte sie an. Es däuchte mir, sie habe ein bemerkenswerthes Gesicht, worin sich sowohl Kraft als
Güte ausspreche. Ich faßte alsbald Muth.
Ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortend, sagte ich: ,Ich will Ihnen vertrauen. Wäre ich ein herrenloser, umherirrender Hund, so weiß ich, daß Sie mich
in dieser Nacht nicht von Ihrem Herde wegjagen würden; so wie die Sachen jetzt stehen, habe ich in der That
keine Furcht. Thun Sie mit mir und für mich, was Ihnen beliebt; aber entschuldigen Sie mein weniges
Reden - mein Athem ist kurz - ich bekomme einen Krampf, wenn ich rede.’
Alle drei sahen - mich prüfend an, und alle drei schwiegen.
‘Hannah,” sagte endlich Herr St. John, ‘laßt sie nur dort sitzen und fragt sie Nichts; nach Verfluß von
zehn Minuten gebt ihr die übrige Milch und das übrige Brod. Mary und Diana, wir wollen in das Empfangzimmer gehen, und die Sache weiter besprechen.
Sie zögen sich zurück, Nach einer kurzen Weile kam eine der jungen Damen zurück — welche, vermöchte
ich nicht zu sagen. Eine Art angenehmer Betäubung bemächtigte sich meiner alllmählig, ,während ich bei dem Feuer saß. Mit leiser Stimme gab sie Hannah einige Befehle. Es stand nicht lange an, so gelang es mir mit Hülfe der Magd, eine Treppe hinabzusteigen: die triefenden Kleider fielen von meinem Leibe, und bald nahm mich ein warmes, trockenes Bett auf. Ich dankte Gott - war inmitten unaussprechlicher Erschöpfung von dankbarer Freude durchdrungen und schlief ein. —
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Was nun etwa während dreier Tage und dreier Nächte nach diesem Ereignisse geschah, schwebt nur sehr trübe in meinem Geiste. Ich erinnere mich noch einiger Empfindungen, die ich während jener Zeit hatte; aber nur weniger bestimmten Gedanken und keiner verrichteten Handlung. Ich wußte, daß ich in einem kleinen Zimmer und in einem schmalen Bette mich befand. An dieses Bett schien ich angewachsen zu sein; ich lag darauf so bewegungslos wie ein Stein, und hätte man mich aus demselben gerissen, so wäre es beinahe einem Todesurtheil gleich gekommen. Ich gab auf die Zeit, die verstrich, auf den Wechsel der verschiedenen Tageszeiten, auf den Uebergang vom Morgen zum Mittag und vom Mittag zum Abend nicht Acht. Ich bemerkte es, wenn Jemand in mein Zimmer hereinkam, oder hinausging. ich konnte sogar sagen, wer es sei; ich konnte verstehen, was gesprochen wurde, wenn die Person, die redete, in meiner Nähe stand, aber ich konnte nicht antworten: es war mir gleich unmöglich, meine Lippen zu
öffnen, oder meine Glieder zu bewegen. Hannah, die Magd, besuchte mich am Meisten. Ihr Kommen beunruhigte mich immer, ich fühlte, daß sie mich fort wünsche; daß sie weder mich, noch meine Umstände verstehe;
daß sie ein Vorurtheil gegen mich habe. Was Diana und Mary betrifft, so erschienen sie ein oder zwei Mal
des Tages in dem Zimmer. Ich hörte sie an meinem Bette Worte, wie folgende, flüstern:
,Es ist recht gut, daß wir sie aufgenommen haben.’
‘Ja, gewiß würde sie am Morgen todt vor der
Thür gefunden worden sein, hätte man sie die ganze
Nacht draußen gelassen. Ich möchte wohl ihr Schicksal wissen!’
,Sie hat wohl seltsames Ungemach erduldet: armer, abgemagerter, bleicher Wanderer!’
,Sie ist, denke ich, eine Person von Bildung; das läßt sich schon aus ihrer Art zu reden schließen; ihre
Aussprache war ganz rein, und die Kleider, die sie abgelegt, noch wenig getragen und fein, obgleich naß und
mit Koth beschmutzt.’
,Sie hat ein besonderes Gesicht, so fleischlos und graß es auch ist, es gefällt mir so ziemlich; und wenn
sie einmal bei guter Gesundheit und gut aufgelegt ist, so kann ich mir denken, daß ihre Physiognomie angenehm wäre.’
Nicht ein Mal hörte ich in ihren Gesprächen eine Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft, die sie
mir gewährt; ebenso wenig eine Silbe des Argwohns
oder der Abneigung gegen mich. Ich war getröstet. Herr St. John kam nur ein Mal: er blickte mich
an und sagte, mein lethargischer Zustand sei die Reaction,
die auf eine lange und übermäßige Anstrengung habe
folgen müssen. Er erklärte es für unnöthig, einen Arzt
zu rufen: die Natur, sagte er, würde sich am Besten
helfen, wenn sie sich ganz überlassen würde; er sagte
ferner,jeder Nerv sei in irgend einer Weise übermäßig angestrengt worden, und das ganze System müsse nun eine
Zeit in trägem Schlaf verharren. Von einer Krankheit sei keine Spur vorhanden. Er denke, meine Genesung würde,' sobald dieselbe einmal begonnen, rasch vor sich gehen. Diese Ansicht sprach er mit wenigen
Worten und mit ruhiger, leiser Stimme aus; nach einer Pause fügte er im Tone eines, Mannes, der ausführliche Erklärungen nicht gewöhnt ist, hinzu: —
‘Eine Physiognomie, die etwas ungewöhnlich ist, gewiß aber weder Gemeinheit noch Entwürdigung anzeigt.’
,Ganz und gär das Gegentheil,' entgegnete Diana.
,Soll ich die Wahrheit sagen, St. John, so erwärmt
sich mein Herz vielmehr für das arme Geschöpfchen.
Ich wollte, wir könnten ihr auf die Dauer nützen.’
,Das ist kaum wahrscheinlich,’ ward geantwortet.
,Du wirst finden, sie ist eine junge Dame, die sich mit ihren Freunden überworfen, und dieselben wahrscheinlich unüberlegter Weise verlassen hat. Vielleicht gelingt es uns, sie denselben wieder zu schenken, wenn sie nicht
halsstarrig ist; allein ich sehe in ihrem Gesichte Kraftzüge, die mich an ihrer Fügsamkeit zweifeln lassen.’
Er stand vor mir und sah mich einige Minuten
an; dann setzte er hinzu: -
,Sie sieht verständig aus, aber ganz und gar nicht schön.’
,Sie ist so krank, St. John.’
,Krank oder nicht krank, — sie wird nie für schön
gelten können., Die Grazie und Harmonie der Schönheit fehlen in diesen Zügen gänzlich.’
Am dritten Tage fühlte ich mich besser; am vierten konnte ich sprechen, mich regen, mich im Bette aufrichten, und mich umwenden. Hannah hatte mir etwas
Grüze und geröstetes Brod etwa um die Mittagstunde
gebracht. Ich hatte mit Appetit gegessen: die Speise
war gut - der fieberhafte Geschmack war weg, der bis
daher Alles, was ich verschlungen, vergiftet hatte. Als sie mich verließ, fühlte ich mich verhältnißmäßig stark
und neu belebt; bald machte ich der Ueberdruß der Ruhe und der Wunsch nach Thätigkeit bei mir geltend.
Ich wollte aufstehen; aber was konnte ich anziehen? Nur meine feuchten und beschmutzten Kleider, worin ich
auf dem Boden geschlafen hatte und in den Sumpf gefallen war. Ich schämte mich, in solchem Aufzuge vor
meinen Wohlthätern zu erscheinen. Die Demüthigung wurde mir erspart.
- Auf einem Stuhle neben dem Bette waren alle meine Kleidungsstücke, rein und trocken. Mein schwarzseidener
Rock hing an der Wand. Die Sputen von dem Kothe
des Sumpfes waren verschwunden; die Falten, welche
die Nässe zurückgelassen, weggeglättet; der Rock sah
ganz anständig aus. Sogar meine Schuhe und Strümpfe
waren gereinigt, und so beschaffen, daß ich mich darin
sehen' lassen konnte. Im Zimmer war alles Nöthige
um mich zu waschen; auch war ein Kamm und eine
Bürste da, um mein Haar in Ordnung, zu bringen. Es
kostete mich viele Mühe, mich vollständig anzuziehen,
da ich alle fünf Minuten ausruhen mußte. Doch gelang es mir endlich. Meine Kleider waren mir zu weit,
da ich sehr abgenommen hatte; allein ich bedeckte etwaige
Mängel mit einem Shawl, und nun, da ich wieder reinlich und anständig aussah, da keine Spur von dem Schmutze, noch von der Unordnung übrig war, die ich so verabscheute, und die mich so herabzuwürdigen schien
— kroch ich am Geländer einer steinernen Treppe hinab in einen engen, niedern Gang und fand, meinen Weg
alsbald nach der Küche.
Sie war voll von dem angenehmen Geruche des
neugebackenen Brods, und es brannte ein gutes, warmes Feuer darin. Hannah war mit Backen beschäftigt.
Bekanntlich sind Vorurtheile am Schwersten aus den
Herzen auszurotten, deren Boden durch die Erziehung nie gelockert oder befruchtet worden ist: sie wachsen und wurzeln dort unter den Steinen. Hannah war in der That Anfangs kalt und steif gewesen; in den letzten Tagen hatte sie angefangen, sich ein wenig erweichen zu lassen; und als sie mich nett und wohlgekleidet hereintreten sah, konnte sie sich sogar eines Lächelns nicht erwehren.
,Wie? Sie sind auf?’ sagte sie. ,Es geht sonach
besser mit Ihnen? Setzen Sie sich dort auf meinen
Stuhl am Herde, wenn Sie wollen.’ Sie deutete hin
auf den Schaukelstuhl: ich nahm ihn ein. Sie hatte bald
da, bald dort zu thun, und sah mich dann und wann von der Seite an. Sich zu mir wendend, als sie einige
Laibe aus dem Ofen nahm, fragte sie ohne Weiteres: -
,Haben Sie, bevor Sie hieher kamen, auch schon gebettelt?’
Einen Augenblick konnte ich mich des Unwillens nicht erwehren; da ich mich aber erinnerte, daß Zorn
und Aerger nicht am Platze seien, und daß ich in der That wie eine Bettlerin vor ihr erschien, so antwortete ich ruhig, aber doch nicht ohne eine gewisse Entschiedenheit und Festigkeit:
,Ihr irrt Euch, wenn Ihr mich für eine Bettlerin haltet. Ich bin keine Bettlerin, ebenso wenig wie Ihr oder Eure jungen Damen.’
Nach einer Pause sagte sie:
‘Das verstehe ich nicht: ich denke doch, Sie haben weder Haus noch Geld.’
,Der Mangel an Geld oder an einem Hause macht mich noch nicht zu einer Bettlerin in Eurem Sinne des
Worts.’
,Sind Sie gelehrt in den Büchern?’ fragte sie nach einer Weile.
‘Ja, recht gelehrt.’
‘Aber Sie sind nie in einer Erziehungsanstalt gewesen.’
‘Acht Jahre bin ich in einer solchen gewesen.’
Sie machte ihre Augen weit auf.
‘Warum können Sie alsdann nicht selbst für Ihre
Bedürfnisse sorgen?’
,Ich habe mich, selbst ernährt, und werde es zuversichtlich ferner thun. — Was wollt Ihr mit diesen
Stachelbeeren da machen?’ fragte ich, als sie einen Korb voll von dieser Frucht hervorlangte.
,Ich will sie zu Pasteten verbacken.’
,Gebt mir sie; ich will sie auslesen und reinigen.’
,Nein, nein; Sie dürfen Nichts than, ich brauche Sie nicht.’
,Aber ich muß Etwas thun. Gebt mir sie nur.’
Endlich willigte sie ein; ja, sie brachte ein reines Handtuch, damit ich dasselbe über mein Kleid breite,
um, wie sie sagte, dasselbe nicht zu beschmutzen.
,Sie sind, wie ich an Ihren Fingern sehe, nicht an Handarbeit gewöhnt,’ bemerkte sie. ,Vielleicht sind
Sie eine Kleidermacherin?’
‘Nein, Ihr irrt Euch. Und nun zerbrecht Euch nicht weiter den Kopf wegen meiner; aber sagt mir
den Namen des Hauses, wo wir sind.’
,Einige nennen es Marsh-End, Andere aber Moor-House.’
,Und der Herr, der hier wohnt, heißt Herr St. John.’
,Nein" er wohnt nicht hier: er hält sich hier nur eine kurze, Zeit auf. Wenn er daheim ist, so ist er in
seiner Gemeinde zu Morton.’
,In dem Dorfe, einige Meilen von hier?’
‘Ja.’
,Und was ist er?’
‘Er ist Pfarrer.’
Ich erinnerte mich der Antwort der alten Haushälterin im Pfarrhause, als ich mit dem Geistlichen
hatte sprechen wollen.
,So war denn dieß der Wohnort seines Vaters?’
‘Ja, ja; der alte Herr Rivers hat hier gewohnt, und dessen Vater und Großvater und Urgroßvater vor
ihm.’
,Dieser Herr heißt also St. John Rivers?’
,Ja; St. John ist wie sein Taufname.’
,Und seine Schwestern heißen Diana und Mary Rivers?’
‘Ja.’
,Ist Ihr Vater todt?’
,Es sind nun gerade drei Wochen, daß er am Schlage gestorben ist.’
‘Sie haben keine Mutter?’
‘Die Frau vom Hause ist schon seit vielen Jahren todt.’
,Seid Ihr schon lang bei der Familie?’
,Ich bin hier nun schon dreißig Jahre. Ich habe sie alle drei aufgezogen.’
,Das beweist, daß Ihr hier eine ehrliche und treue Dienerin gewesen sein müßt. Ich will das zu
Eurem Lobe sagen, obgleich Ihr so unhöflich gewesen seid, mich eine Bettlerin zu heißen.’
Abermals sah sie mich mit einem starren Blicke, worin sie ihr Erstaunen kund gab, an. Am Ende sagte
sie: ,Ich glaube, ich habe mich in meiner Meinung von Ihnen ganz geirrt; aber es laufen so viele Betrüger und Gauner herum, daß Sie mir vergeben müssen.’
‘Und ob Ihr gleich,’ fuhr ich etwas strenge fort, ‘mich in einer Nacht. wo Ihr keinen Hund hättet hinaussperren sollen, von der Thüre wegtreiben wolltet.’
‘Ja, ja, es war hart; aber was kann unser eins thun? Ich dachte noch mehr an die Kinder, als an mich selbst: die armen Dinger. Sie Haben auf der ganzen lieben Welt Niemand, der für Sie sorgt, als mich. Und
da habe ich gerade ein etwas scharfes Auge.’
Ich beobachtete einige Minuten lang ein ernstes Stillschweigen.
,Sie müssen nicht zu hart von mir denken,’ bemerkte sie abermals.
,Aber ich denke hart von Euch,’ sagte ich; ,und ich will Euch sagen, warum: - nicht so sehr weil Ihr
mir kein Obdach habet geben wollen, oder weil Ihr mich als eine Betrügerin angesehen habt, als weil Ihr, mir so eben noch eine Art Vorwurf daraus gemacht habt, daß ich kein Geld und kein Haus besitze. Die besten Leute, die je gelebt, sind ebenso arm gewesen, wie ich bin; und wenn Ihr eine Christin seid, so solltet Ihr die Armuth nicht als ein Verbrechen ansehen.’
‘Ja, ja, das ist ganz wahr,’ sagte sie: ‘Herr St. John sagt dasselbe, und ich sehe, daß ich Unrecht hatte,
— aber ich habe jetzt eine ganz andere Meinung von Ihnen, als Anfangs. Sie sehen jetzt ganz wie ein verständiges kleines Geschöpf aus.’
,Es ist schon gut - ich verzeihe Euch. Kommt, gebt mir die Hand.’
Sie legte ihre mehlige und hornichte Hand in die meine, ein anderes und herzlicheres Lächeln erleuchtete
ihr rauhes Gesicht - und von dem Augenblicke an
wurden wir Freundinnen.
Hannah sprach offenbar gern. Während ich die Stachelbeeren auslas und reinigte, und sie den Teig
zu den Pasteten machte, fuhr sie fort, mir verschiedene Einzelheiten über ihren verstorbenen Herrn und ihre verstorbene Dienstherrin, sowie über die Kinder, wie sie die jungen Personen nannte, zu geben.
Der alte Herr Rivers, sagte sie, war ein Mann schlecht und recht; aber dabei ein Gentleman, und von
einer so alten Familie, als nur zu finden war. Marsh-End - hatte den Rivers immer gehört, seitdem es ein
Haus war; und es ist, behauptete sie, an die zweihundert Jahre alt — obgleich es nur klein und bescheiden
aussieht, und gar nicht zu vergleichen ist mit Herrn Oliver's großem Gebäude drunten in Morton Vale. Sie könne sich aber wohl noch erinnern, fuhr sie fort, daß Bill Oliver's Vater ein gewöhnlicher Arbeiterin
einer Nadelfabrik - gewesen sei; die Rivers aber seien schon Edelleute gewesen in den alten Tagen der Heinriche, wie Jedermann sehen könne, der sich die Kirchenregister von Morton zeigen lasse. Indessen gab sie zu, daß der alte Herr wie andere Leute gewesen sei - und nicht viel anders als dieselben gelebt habe; nur habe
er immer Außerordentlich gern gejagt, habe viel auf den Ackerbau gehalten und dergleichen. Ihre Dienstherrin
sei anders gewesen: sie habe viel gelesen, viel studirt, und die Kinder hätten ihr nachgeschlagen. Hier herum
thue es ihnen Niemand gleich, noch habe es ihnen irgend Jemand gleich gethan; alle drei hätten gern gelernt, fast von der Zeit an, wo sie zu reden vermocht; und sie hätten immer etwas ganz Eigenthümliches an sich gehabt. Herr St. John habe, als er groß geworden, auf die Universität gehen und Pfarrer werden wollen; die Mädchen hätten, sobald sie die Schulen verlassen, Stellen als Gouvernanten suchen wollen; denn sie hätten ihr gesagt, ihr Vater habe vor einigen Jahren, viel Geld verloren durch einen Mann, zu dem er Vertrauen gehabt, der aber bankerott geworden sei; und
da er jetzt nicht reich genug sei, ihnen ein Vermögen zu geben, so müßten sie für sich selbst sorgen. Sie hätten seit langer Zeit sich sehr wenig zu Hause aufgehalten, und seien jetzt nur wegen ihres Vaters Tod hierher gekommen, um einige Wochen zu bleiben; sie hätten aber Marsh-End und Morton, und alle diese umliegenden Moore und Hügel so gern. Sie seien in London gewesen und in vielen andern großen Städten; sie sagten aber immer, es gehe Nichts über die Heimath; und dann kämen sie immer so gut mit einander aus, - nie bekämen sie Streit. Sie wisse von keiner Familie, deren Glieder so friedfertig und einträchtig mit einander lebten.
Als ich mit dem Auslesen der Stachelbeeren fertig war, fragte ich, wo die zwei jungen Damen und ihr
Bruder jetzt seien.
,Sie sind nach Morton hinübergegangen, werden aber in einer halben Stunde zum Thee zurück sein,’
lautete die Antwort.
Sie kamen richtig innerhalb der von Hannah angegebenen Zeit zurück; sie traten durch die Küchenthür ein. Als Herr St. John mich sah, verneigte er sich bloß und ging weiter, die zwei Damen aber blieben da. Mary drückte in einigen freundlich und ruhig ausgesprochenen Worten die Freude aus, die es ihr mache, mich wieder soweit hergestellt zu sehen, daß ich herabkommen könne; Diana ergriff meine Hand: sie schüttelte aber zu gleicher Zeit den Kopf.
‘Sie hätten warten sollen, bis ich Ihnen Erlaubniß gegeben, herunter zu kommen,’ sagte sie. ,Sie sehen
immer noch sehr blaß aus - und so abgemagert, so abgefallen! Armes Kind! -- Armes Mädchen! Diana hatte eine Stimme, deren Ton meinem Ohre wie das Gurren einer Taube vorkam. Sie hatte Augen, deren Blick ich mit Entzücken begegnete. Ihr
ganzes Gesicht schien mir voll Reiz. Mary's Gesicht hatte einen ebenso verständigen Ausdruck - ihre Züge
waren minder hübsch; aber ihr Ausdruck war zurückhaltender, und ihre Manieren, obgleich artig und sanft,
etwas kälter. Diana hatte in Sprache und Blick eine gewisse Autorität: offenbar hatte sie einen eigenen
Willen. Es lag in meinem Wesen, Vergnügen daran zu finden, daß ich einer Autorität nachgab, die so trefflich unterstützt war, wie die ihre, und mich, wo Gewissen und Selbstachtung es mir gestattete, vor einem energischen Willen zu beugen. ‘Und was haben Sie da für ein Geschäft?’ fuhr sie fort. ,Das schickt sich nicht für Sie; es ist hier nicht Ihr Platz. Mary und ich sitzen bisweilen in der Küche, weil wir zu Hause frei sein wollen, selbst bis zum Uebermaß; - Sie sind ein Gast und gehören in das Empfangszimmer.’
‘Ich befinde mich sehr gut hier.’
,Mit nichten: - Hannah ist bald da, bald dort und bedeckt Sie mit Mehl.’
,Auch ist das Feuer zu heiß für Sie,’ fiel Mary ein.
,Gewiß,’ setzte ihre Schwester hinzu. Kommen Sie, Sie müssen gehorsam sein.’
Und ohne meine Hand los zu lassen, machte sie mich aufstehen und führte mich in das innere Zimmer hinein.
‘Setzen Sie sich dahin,’ sagte sie, indem sie mir das Sopha anwies, ,während wir Hut, Halstuch u.s.w. ablegen und den Thee fertig machen; es ist ein anderes Vorrecht, das wir in unserem kleinen Hause auf dieser Haide ausüben — unsere Mahle selbst zu bereiten, wenn wir Lust dazu haben, oder wenn Hannah bäckt, braut, wäscht oder bügelt.’
‘Sie machte die Thüre zu, und ließ mich so mit Herrn St. John, der, ein Buch oder eine Zeitung in
der Hand, mir gegenüber saß, allein. Ich blickte zuerst in dem Empfangzimmer umher, und prüfte sodann dessen Bewohner.
Das Empfangzimmer war ziemlich klein und sehr einfach möblirt, doch sah es bequem aus, da es reinlich und nett war. Die altmodischen Stühle waren sehr glänzend, und der Tisch aus Wallnußbaumholz wie ein Spiegel. Einige seltsame alterthümliche Bilder, welche Männer und Frauen aus früheren Zeiten darstellten, schmückten die bemalten Wände; ein Schrank mit Glasthüren enthielt einige Bücher und ein alterthümliches Porzellainservice. An Schmucksachen war nichts Ueberflüssiges in dem Zimmer; - es war kein modernes Hausgeräth darin zu sehen, außer zwei Arbeitskästchen und einem auf einem Seitentische stehenden Damenschreibpult aus Rosenholz; Alles aber - den Fußteppich und die Vorhänge mit eingeschlossen sah wohlerhalten. aus, obgleich es keinem Zweifel unterliegen konnte, daß es schon lange im Gebrauche gewesen.
Herrn St. John -- der so still da saß wie eines der Bilder an den Wänden, der seine Augen nicht von
dem Blatte verwandte, das er las, und dessen Lippen stumm und wie versiegelt waren - konnte ich leicht
genug beobachten. Wäre er eine Statue, und kein Mann gewesen, so hätte er nicht ruhiger dasitzen können. Er war jung — vielleicht acht und zwanzig bis dreißig Jahre alt — groß, schlank; sein Gesicht fesselte das
Auge: es hatte viel Aehnlichkeit mit einem griechischen, und war im Umrisse sehr rein; die Nase war ganz gerade und classisch zu nennen; Mund und Kinn ganz atheniensisch. Es trifft sich in der That selten, daß ein
englisches Gesicht dem Antiken so nahe kommt, wie das seinige. Er durfte über die Unregelmäßigkeit meiner
Züge sich wohl ein wenig aufhalten, da seine eigenen so harmonisch waren. Seine Augen waren groß und
blau, mit braunen Wimpern; seine hohe Stirn, farblos wie Elfenbein, war hie und da von nachlässigen blonden
Locken ein wenig bedeckt.
Dieß ist eine liebliche Schilderung: nicht wahr, Leser? und doch machte der Geschilderte auf Einen kaum
den Eindruck, daß sein Wesen ein sanftes, nachgebendes, für Einbrücke leicht empfängliches, oder sogar mildes sei. Schweigend, wie er da saß, lag Etwas um seine Nasenlöcher, seinen Mund, seine Stirn, was, nach
meiner Ansicht, Elemente in seinem Innern andeutete, die entweder ruhelos oder hart oder heftig sein mußten.
Er sprach kein Wort mit mir, auch ließ er nicht Ein Mal sein Auge auf mich fallen, bis seine Schwestern
zurückkamen. Diana brachte mir, als sie während der Zubereitung des Thee's aus und ein ging, einen kleinen
Kuchen, der oben auf dem Ofen gebacken worden war.
‘Essen Sie das jetzt,’ sagte sie; ‘Sie müssen hungrig, sein; Hannah sagt, Sie hätten seit dem Frühstück Nichts als etwas Grüze genossen.’
Ich schlug das Angebotene nicht aus, denn mein Appetit war gereizt. Herr Rivers machte sein Buch
zu, näherte sich dem Tische, und als er einen Stuhl nahm, heftete er seine blauen, wie Gemälde aussehenden Augen auf mich. Es lag jetzt eine unzeremoniöse Geradheit, eine prüfende, entschiedene Festigkeit in seinem Blicke, die mir sagte, daß er sich bis jetzt absichtlich und nicht aus Verlegenheit von der Fremden abgewendet.
,Sie sind wohl sehr hungrig?’ sagte er.
‘Ja, Sir.’
Es ist immer instinktmäßig meine Art so gewesen, der Kürze mit Kürze, der Geradheit mit Geradheit zu
begegnen.
,Es ist gut, daß etwas Fieber Sie in den letzten drei Tagen gezwungen hat, enthaltsam zu sein: es wäre
Gefahr dabei gewesen, wenn Sie gleich anfangs Ihren mahnenden Appetit befriedigt hätten. Nun können Sie
essen, obgleich immer noch mäßig.’
,Ich hoffe, Sir, ich werde nicht lange auf Ihre Kosten essen,’ war meine höchst ungeschickte und unhöfliche Antwort.
‘Nein,’ sagte er kalt: ,wenn Sie uns den Aufenthaltsort Ihrer Freunde angegeben haben werden, so können wir an dieselben schreiben, und Sie zu denselben zurückkehren.’
,Das, ich muß es Ihnen ofen sagen, kann ich nicht thun, indem ich ganz und gar ohne Heimath und ohne Freunde bin.’
Die drei blickten mich an, jedoch nicht mißtrauisch. Ich fühlte, daß in ihren Blicken kein Argwohn liege: es war mehr Neugierde. Ich spreche besonders von den jungen Damen. St. John's Augen waren, obgleich im buchstäblichen Sinne klar genug, doch im figürlichen Sinne schwer zu ergründen. Er schien sie mehr als Werkzeuge zu gebrauchen, um die Gedanken anderer Leute zu erforschen, denn als Vermittler zur Enthüllung seiner eigenen, welche Verbindung von Schärfe und Verschlossenheit weit mehr geeignet war, Einen in Verlegenheit zu bringen als zu ermuthigen.
,Wollen Sie, Jane, sagen,’ fragte er, ,daß Sie ganz und gar ohne Verwandte und Freunde seien. —‘
,Ja. Nicht ein einziges Band knüpft mich an ein lebendes Wesen: ich kann unter keinem Dache in England Zutritt verlangen.’
,Eine höchst eigenthümliche Stellung in Ihrem Alter!’
Hier sah ich seinen Blick sich auf meine Hände heften, die auf dem Tisch vor mir gefaltet lagen. Ich wunderte
mich, was er wohl daran suchen möchte: seine Worte erklärten es bald.
‘Sie sind nie verheirathet gewesen? Sie sind ledig?’
Diana lachte.
,Ei,’ sagte sie, »sie kann nicht über siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein.’
,Ich bin fast neunzehn, aber nicht verheirathet. Nein.’
Ich fühlte eine brennende Röthe sich über mein Gesicht ergießen, denn bittere und aufregende Erinnerungen wurden durch die Anspielung auf die Heirath geweckt, Sie alle sahen meine Verlegenheit und Aufregung. Diana und Mary wandten gütig ihre Augen anderswohin, als nach meinem purpurrothen Gesichte; der kältere und strengere Bruder fuhr fort, mich anzusehen, bis die Unruhe, die er erregt hatte, auch Thränen auspreßte, wie sie auf den Wangen eine Röthe
hervorgerufen hatte.
,Wo haben Sie sich zuletzt aufgehalten? fragte er jetzt.
.Du fragst doch zuviel, St. John,’ murmelte Mary leise; aber er beugte sich über den Tisch und forderte durch einen zweiten festen und durchdringenden Blick eine Antwort.
‘Der Name des Orts, wo, und der der Person, bei der ich mich aufgehalten habe, ist mein Geheimniß,’ erwiederte ich kurz.
‘Das Sie, wenn Sie anders wollen, nach meiner Meinung ein Recht haben, sowohl St. John, als jedem andern Frage vorzuenthalten,’ bemerkte Diana.
,Wenn ich aber von Ihnen und Ihrer Geschichte Nichts weiß, so kann ich Ihnen nicht helfen,’ sagte er. ‘Und Hülfe ist Ihnen nöthig: nicht wahr?’
,Ja, ich bin der Hülfe bedürftig und suche sie in soweit, Sir, daß ein wahrer Menschenfreund mich in den Stand setzt, eine Arbeit, die ich verrichten, und wodurch ich mich erhalten kann, zu bekommen. Ich werde mich
glücklich schätzen, wenn ich damit nur die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens befriedigen kann.’
‘Ich weiß nicht, ob ich ein wahrer Menschenfreund bin; doch habe ich den Willen, Ihnen bei einem so
redlichen Vorhaben, so viel in meinen Kräften steht, zu dienen. Sagen Sie mir zuerst, was Sie zu thun gewohnt sind, und was Sie thun können.’
Ich hatte jetzt meinen Thee getrunken. Das Getränk erfrischte mich ungemein, wie Wein einen Riesen: es gab meinen erschlafften Nerven neue Kraft und setzte mich in den Stand, diesen scharfblickenden jungen Richter mit Festigkeit anzureden.
‘Herr Rivers,’ sagte ich, mich zu ihm wendend und ihn, wie er mich, offen und ohne Mißtrauen anblickend: ‘Sie und Ihre Schwestern haben mir einen großen Dienst erwiesen. - den größten, den ein Mensch seinem Mitmenschen zu erweisen vermag: Sie haben mich durch Ihre edle Gastfreundschaft von sicherem Tode errettet. Diese Wohlthat, die Sie mir erwiesen, verleiht Ihnen einen unbegränzten Anspruch auf meine Dankbarkeit und bis zu einem gewissen Grade auch einen Anspruch auf mein Zutrauen. Ich will Ihnen von der Geschichte der Wandererin, die Sie aufgenommen, so viel erzählen, als ich kann, ohne meinen eigenen Seelenfrieden, ohne meine eigene, moralische und physische
Sicherheit neben der Andrer zu gefährden.’
,Ich bin nämlich eine Waise, die Tochter eines Geistlichen. Meine Aeltern starben, noch ehe ich sie kannte.
Ich wurde als eine abhängige Person erzogen und in einer Freischule ausgebildet. Ich will Ihnen sogar den
Namen der Anstalt sagen, wo ich sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin gelebt habe! es ist das
Waisenhaus in Lowood, in der Grafschaft — . Wahrscheinlich haben Sie davon gehört, Herr Rivers? Seine
Ehrwürden, Herr Robert Brocklehurst, ist der Schatzmeister des Stifts!’
Ich habe von Herrn Brocklehurst gehört und habe die Schule gesehen.’
,Ich habe Lowood nun fast seit einem Jahre verlassen, um Erzieherin in einem Privathause zu werden.
Ich erhielt eine gute Stelle und war glücklich. Ich habe aber die Stelle vier Tage vor meiner Ankunft in
diesem Hause verlassen müssen. Den Grund meiner Abreise kann und darf ich nicht erklären: es wäre nutzlos und gefährlich; auch würde es unglaublich scheinen. Es konnte mir Nichts vorgeworfen werden: ich bin von
Schuld so frei, wie nur Eins von Ihnen drei. Ich bin höchst unglücklich und muß es eine Zeit lang sein; denn
die Katastrophe, die mich aus einem Hause trieb, das für mich ein Paradies gewesen, war seltsamer und furchtbarer Art. Als ich den Plan zu meiner Wegreise machte, faßte ich zwei Punkte ins Auge: — Eile und Heimlichkeit; ich mußte deßhalb auch Alles zurücklassen, was ich besaß, ein kleine Päckchen ausgenommen, das ich in der Eile und Verwirrung vergaß, aus dem Wagen, der mich nach Whitcroß brachte, mitzunehmen. Hieher kam ich also von Allem entblößt. Ich schlief zwei Nächte unter freiem Himmel, und irrte an die zwei Tage umher, ohne über eine Schwelle zu kommen; nur zwei Mal brachte ich etwas Speise über den Mund; und als ich vor Hunger, Erschöpfung und Verzweiflung
fast schon am Rande des Todes war, da wollten Sie, Herr Rivers, mich nicht aus Mangel. vor Ihrer Thüre
umkommen lassen, sondern nahmen mich unter Ihr
schützendes Dach auf. Ich weiß Alles, was Ihre Schwestern seit dieser Zeit für mich gethan haben - denn ich
bin während meiner anscheinenden Erstarrung nicht meiner Sinne beraubt gewesen - und Ihrem spontanen
ächten, wohlthuenden Mitgefühl bin ich eben so viel
schuldig, als Ihrer evangelischen Barmherzigkeit.’
,Mach’ sie doch jetzt nicht mehr sprechen, St. John,’ sagte Diana, als ich schwieg; ,offenbar kann sie die
Aufregung noch nicht ertragen. Kommen Sie auf das Sopha und setzen sie sich jetzt. Miß Elliott.’
Ich war unwillkührlich etwas betroffen, als ich den fremden Namen hörte, den ich mir beigelegt, und schon wieder vergessen hatte. Herr Rivers, dem Nichts zu entgehen schien, bemerkte es alsbald.
‘Sie sagten, Ihr Name sei Jane Elliott?’ bemerkte er.
‘Ja, so habe ich gesagt, und, es ist der Name, bei welchem ich mich für den Augenblick nennen lassen will;
mein wahrer Name ist ein anderer, und wenn ich denselben höre, so kommt er mir seltsam vor.’
‘Sie wollen uns also Ihren wahren Namen nicht sagen?’
,Nein: ich fürchte über Alles die Entdeckung; und ich vermeide daher jedwede Eröffnung, die eine solche
herbeiführen könnte.’
Sie haben gewiß ganz recht, sagte Diana. ‘Nun Bruder, laß sie jetzt doch eine Weile in Ruhe.’
Als aber St. John einige Augenblicke in Nachdenken versunken dagesessen hatte, fieng er wieder an,
so beharrlich und mit so vielem Scharfsinn als je:
’Es ist Ihr Wunsch, nicht lange von unserer Gastfreundschaft abhängig zu sein — Sie wünschen, wie ich sehe, so bald wie möglich, das Mitleid meiner Schwestern, und vor Allem meine Barmherzigkeit (der Unterschied, den Sie da gemacht haben, entgeht mir nicht; auch bin ich dadurch nicht verletzt - er ist richtig) entrathen zu können: Sie wollen unabhängig von
uns sein?’
,Ja das wünsche ich: ich habe es bereits gesagt. Zeigen Sie mir, wo ich Arbeit finden kann und Arbeit suchen muß: - das ist Alles, um was ich Sie jetzt bitte; dann lassen Sie mich gehen, und wäre es auch in
die niedrigste Hütte - aber bis dahin erlauben Sie mir hier zu bleiben: ich fürchte, mich den Schrecken
der Heimathlosigkeit, der Entblößung, der Verlassenheit noch einmal auszusetzen.
,Ja, ja. Sie sollen hier bleiben,’ sagte Diana, ihre weiße Hand auf meinen Kopf legend.
,Sie sollen dableiben,’ wiederholte Mary in dem Tone ungesuchter Offenheit, der ihr natürlich zu sein
schien.
,Meine Schwestern finden, wie Sie sehen, ein Vergnügen daran. Sie hier zu behalten,’ sagte St. John,
‘wie sie ein Vergnügen daran fänden, einen halb erstarrten Vogel, den ein winterlicher Wind an ihr Fenster geführt hätte, zu hegen und zu pflegen. Ich verspüre mehr Neigung, Sie in den Stand zu setzen, sich zu erhalten, und werde mir die Sache angelegen sein lassen; Sie dürfen aber nicht vergessen, daß meine Sphäre
nur klein ist. Ich bin nur ein armer Landpfarrer; meine Hülfe muß von der bescheidensten Art sein. Und wenn Sie nach Höherem trachten und das Kleine verachten, so müssen Sie sich einen wirksameren Beistand suchen, als ich Ihnen anzubieten im Stande bin.’
"Sie hat ja schon gesagt. daß sie Alles thun wolle, was sie mit Ehren thun könne,’ erwiederte Diana für
mich; ‘und Du weißt ja, St. John, sie hat keine Auswahl, sondern muß sich so mürrische Helfer, wie Du bist,
eben gefallen lassen.’
,Ich will Kleidermacherin, will Weißnäherin, will Magd, will Kindsmädchen sein, wenn es nicht anders
sein kann,’ antwortete ich.
,Recht,’ sagte Herr St. John ganz kalt. ‘Wenn
Sie das wollen, so verspreche ich Ihnen zu meiner Zeit
und in meiner Weise zu helfen.’
Und nun griff er wieder zu dem Buch, das ihn vor dem Thee beschäftigt hatte. Ich aber zog mich
bald zurück; denn ich hatte so dies gesprochen, und war so lange aufgeblieben, als meine Kraft mir im Augenblicke nur erlaubte.
Dreißigstes Kapitel.
Je näher ich die Bewohner von Moor-House kennen lernte, um so mehr gewann ich sie lieb. In wenigen Tagen hatte ich meine Gesundheit so weit wieder erlangt, daß ich den ganzen Tag aufbleiben und bisweilen einen kleinen Spaziergang machen konnte. Ich konnte an allen Beschäftigungen Diana's und Mary’s Theil nehmen; konnte mit ihnen sprechen, soviel sie wollten, und sie unterstützen, wann und wo sie mir es gestatten wollten. In diesem Umgang lag ein wohlthuendes Vergnügen, - ein Vergnügen, wie ich es jetzt zum ersten Male kostete: — das Vergnügen, das aus vollkommener Uebereinstimmung des Geschmacks, der Grundsätze und der Gefühle entspringt.
Was sie gern lasen, las auch ich gern; was ihnen Freude machte, entzückte auch mich; was sie billigten, verehrte auch ich. Sie liebten ihre einsame Heimath, auch
ich fand in dem grauten, kleinen, alterthümlichen Bau mit seinem niedrigen Dache, seinen vergitterten Fenstern,
seinen zu Staub zerfallenden Wänden, seiner Allee von alten Fichten, - die unter dem Einflusse der Bergwinde alle schief gewachsen waren; seinem Garten, in dem Eibenbäume und Hollundersträuche wuchsen, und keine
Blumen fortkommen konnten, die nicht zu den Härtesten Arten gehörten - einen Reiz, der sowohl mächtig als andauernd war. Sie hatten eine entschiedene Vorliebe für die purpurnen Moore hinter ihrer Wohnung und um dieselbe her; — für das hohle Thal, in das der mit Kieselsteinen bedeckte Reitweg von ihrem Thore hinabführte; und das sich zuerst zwischen Farnkrautbänken und dann durch einige der wildesten, kleinen Weideplätze hinzog, die je eine mit Haidekraut bewachsene Wildniß begrenzten, oder einer Heerde grauer Haideschafe mit ihren kleinen moosfarbenen Lämmern Nahrung gaben: - sie hatten, sage ich, eine Vorliebe für diese Scene, sie liebten dieselbe mit dem ganzen Enthusiasmus der Anhänglichkeit. Ich konnte das Gefühl begreifen, und sowohl dessen Stärke als Wahrheit theilen. Ich sah den ganzen Zauber, der in der Oertlichkeit lag. Ich fühlte das Heilige seiner Einsamkeit; mein Auge weidete sich an dem Umrisse der dahinstreichenden Erhöhungen; an der wilden Färbung,die Hügel und Thal durch Moos, durch Haidekraut, durch den blumenbesäeten Rasen, durch den glänzenden Saumfarn und durch die alten grauen Granitfelsen erhielten. Diese Einzelheiten waren für mich gerade das, was sie für sie waren — ebenso viele reine und süße Quellen des Vergnügens.
Der heftige Wind und das sanfte Lüftchen; der rauhe
und der liebliche Tag; die Stunde des Sonnenaufgangs
und Sonnenuntergangs; das Mondlicht und die umwölkte Nacht, - bekamen in jenen Gegenden für mich
eben soviel Anziehendes, wie für sie, - wirkten auf meine Sinne ebenso zauberartig, wie auf die ihrige.
Waren wir zu Hause, so harmonirten wir ebenso gut miteinander. Sie waren nicht allein belesener, sondern besaßen auch mehr Talente und Fertigkeiten, als ich; aber ich folgte eifrig auf dem Pfade der Erkenntniß nach, den sie vor mir betreten. Ich verschlang die Bücher, die, sie mir liehen: und dann war es ein Hochgenuß, mit ihnen am Abende über das zu sprechen, was ich den Tag über gelesen. Ein Gedanke entsprach dem andern, eine Ansicht der andern: mit einem Worte, wir harmonirten vollkommen.
Wenn in unserem Trio eine Führerin und Tonangeberin war; so war es Diana. In phyischer Beziehung übertraf sie mich bei Weitem: sie war schön; sie war kräftig. Es lag. in ihr ein Ueberfluß von Leben und eine Gluth, die meine Verwunderung erregte, während sie mein Verstand nicht zu begreifen vermochte. Ich konnte eine Weile reden, wenn der Abend begann; wenn aber die erste Lebhaftigkeit, der erste Fluß bei mir vorüber war, so mochte ich gern mich auf einen Schemel
zu Diana’s Füßen setzen, meinen Kopf auf ihre Knie legen und ihr und Mary abwechselnd zuhören, während sie
den Gegenstand, den ich nur obenhin berührt, ergründeten und erschöpften. Diana erbot sich mir als Lehrerin
in der deutschen Sprache. Ich lernte gern von ihr: ich sah, daß die Rolle einer Lehrerin ihr gefiel und ihr
anstand; die Rolle einer Schülerin aber gefiel mir und stand mir nicht weniger an. Unsere Naturen paßten
für einander; gegenseitige Liebe der stärksten Art war das Resultat. Sie entdeckten, daß ich zeichnen konnte:
ihre Zeichnungsstifte und Farbenschachteln standen mir augenblicklich zu Gebot. Meine Geschicklichkeit, die in
diesem einzigen Punkte größer war, als die ihrige, überraschte und bezauberte sie. Mary pflegte stundenlang zu mir hinzusitzen und mich zu betrachten. Dann wollte sie von mir lernen, und sie war in der That eine gelehrige, verständige, fleißige Schülerin. Während wir uns so beschäftigten und gegenseitig unterhielten, vergingen die Tage wie Stunden, und die Wochen wie Tage.
Was Herrn St. John betrifft, so erstreckte sich die Vertraulichkeit, die in so natürlicher Weise und so rasch
zwischen mir und seinen Schwestern Platz gegriffen hatte, nicht auf ihn. Ein Grund der zwischen uns
noch obwaltenden Kälte war der Umstand, daß er verhältnißmäßig selten zu Hause war: ein großer Theil
seiner Zeit schien Kranken- und Armen-Besuchen in seiner weitzerstreuten Pfarrgemeinde gewidmet zu sein.
Kein Wetter schien ihn bei diesen Wanderungen, die ihm sein Beruf auferlegte, zu hindern: mochte es regnen oder schönes Wetter sein, — sobald. die Stunden seines Morgenstudiums vorüber waren, griff er nach seinem Hute und ging, gefolgt von seines Vaters altem Hühnerhunde, Carlo, auf seine Mission der Liebe und Pflicht aus: - ich weiß kaum, in welchem Lichte er dieselbe betrachtete. Bisweilen machten ihm seine Schwestern Vorstellungen, wenn das Wetter gar zu ungünstig war. Er aber pflegte alsdann mit einem eigenthümlichen Lächeln, das eher feierlich, als heiter zu nennen war, zu sagen:
,Und wenn ich mich durch einen Windstoß oder Regenguß von der Erfüllung dieser leichten Aufgaben
abhalten lasse, was für eine Vorbereitung wäre eine
solche Trägheit auf die Zukunft, die ich mir vorgesehen habe?’
Diana’s und Mary's gewöhnliche Antwort auf die Frage war ein Seufzer und ein einige Minuten anhaltendes anscheinend trauriges Nachdenken.
Aber außer seiner häufigen Abwesenheit stand, einer Freundschaft zwischen uns noch eine andere Schranke
entgegen: er schien einer jener Menschen zu sein, die zurückhaltend sind und sich gern in sich vertiefen, ja
sogar ein brütendes Wesen haben. Eifrig in seinen
Dienstpflichten, tadellos in seinem Leben und in seinen
Gewohnheiten, schien er sich doch nicht jener geistigen Heiterkeit, jener inneren Zufriedenheit zu erfreuen,
die der Lohn eines jeden aufrichtigen Christen und praktischen Menschenfreundes sein sollte. Oft hörte er Abends,
wenn er, den Schreibpult und seine Papiere vor sich, am Fenster saß, zu lesen oder zu schreiben auf, stützte
sein Kinn auf seine Hand, und hing, ich weiß nicht welchen Gedanken nach; daß dieselben aber aufregender
und stürmischer Art waren, war an dem häufigen Funkensprühen und der oft wechselnden Erweiterung seines
Auges zu sehen.
Zudem denke ich, daß die Natur nicht der Schatz der Wonne für ihn war, wie für seine Schwestern.
Er drückte einmal, aber auch nur Ein Mal in meiner Gegenwart, sich in kräftiger Weise über den rauhen Reiz
der Hügel aus, und legte eine angeborne Liebe zu dem dunkeln Dache, und den verwitterten Wänden an den Tag,
die er seine Heimath nannte: allein es lag mehr Gram als Vergnügen in dem Tone und den Worten, in denen
er dieses sein Gefühl aussprach; und nie schien er auf den Mooren wegen ihres besänftigenden Schweigens
umher zu wandern, nie die tausenderlei Arten feierlichen Entzückens, die sie gewähren konnten, aufzusuchen,
oder dabei zu verweilen.
Unmittheilend, wie er war, verstrich erst einige Zeit ehe ich Gelegenheit hatte, ihn zu ergründen. Zuerst
bekam ich einen Begriff von seinem Geiste und seinem Gemüthe, als ich ihn in seiner Kirche zu Morton predigen hörte. Ich wollte, ich könnte diese Predigt beschreiben; aber es übersteigt meine Kraft. Ja, ich kann
nicht einmal den Eindruck, den sie auf mich machte, getreu wieder geben.
Sie begann ruhig — und blieb auch bis an's
Ende ruhig, was den Vortrag und die Stimme betraf: ein ernster, tief gefühlter, aber strenge zurückgehaltener
Eifer athmete bald aus der deutlichen Betonung, und gab die nervige Sprache ein. Diese wurde zu einer
gedrängten concentrirten bezähmten Kraft, das Herz ward durchdrungen, in Beben, der Geist in Staunen
versetzt durch die Macht des Redners: weder jenes noch dieser wurde besänftigt und beruhigt. Durch das Ganze ging eine seltsame Bitterkeit, eine Abwesenheit tröstender Milde: strenge Anspielungen auf calvinistische Lehren - Gnadenwahl, Vorherbestimmung, Verwerfung, — waren häufig; und jede Beziehung auf diese Punkte klang wie ein Spruch am jüngsten Gericht. Nachdem er geendet, empfand ich, anstatt mich besser, ruhiger, erleichtert zu fühlen, eine unaussprechliche Traurigkeit, denn er schien mir - ich weiß nicht, ob es andern auch so vorkam - als sei die Beredsamkeit, die mich gefesselt, entsprungen aus einer Tiefe, wo trübe Hefen der Enttäuschung lägen - stürmische Triebe unersättlicher Sehnsucht und unruhige Aspirationen sich regten. Ich war versichert, daß St, John Rivers, - tadellos. gewissenhaft und eifrig, wie er war, noch nicht den Frieden Gottes gefunden, der über alle Vernunft geht; ich dachte, er habe denselben noch ebenso wenig gefunden, wie ich mit meinem verborgenen und folternden Bedauern, daß mein Idol zerbrochen und mein Elysium verloren — auf welches Bedauern ich zwar in den zuletzt vorangehenden Zeilen nicht angespielt habe, das aber nichts destoweniger mich bemeisterte und unerbittlich tyrannisirte.
Unterdessen war ein Monat verflossen. Diana und Mary sollten nun Moor-House bald verlassen, und zu dem ganz verschiedenen Leben zurückkehren, das auf sie als Erzieherinnen in einer großen vielbesuchten Stadt im südlichen England wartete, wo Beide Stellen bei Familien hatten, von deren reichen und stolzen Mitgliedern sie nur als demüthige Untergegene betrachtet wurden, und die keine ihrer angebornen Eigenschaften suchten oder kannten, sondern bloß ihre erlernten Fertigkeiten würdigten, wie sie die Geschicklichkeit ihres Kochs oder den Geschmack ihrer Kammerfrau schätzten. Herr St. John hatte mir noch Nichts über die Beschäftigung gesagt, die er mir zu verschaffen versprochen hatte; und so war es dringend nothwendig, daß ich einen Beruf irgend einer Art erhielt. Eines Morgens, als ich einige
Minuten im Empfangzimmer mit ihm allein war, ging ich, das Herz in die Hand nehmend, auf die Fenstervertiefung zu, aus der sein Tisch, sein Stuhl und sein Schreibpult eine Art Studierzimmer gemacht hatte - und wollte eben mit ihm sprechen, obgleich ich nicht recht wußte in, welche Worte ich meine Anfrage einkleiden sollte; da es zu jeder Zeit schwierig ist, das Eis der Zurückhaltung, das Naturen, wie die seinige, überzogen hält, zu brechen — als er mir die Mühe ersparte, und selbst dein Gespräch eröffnete.
Indem er bei meinem Nähertreten aufblickte, sagte er: —
‘Sie haben mich Etwas zu fragen?’
‘Ja; ich möchte gern wissen, ob Sie von einem Dienste oder einer Stelle gehört, die für mich passend
wäre.’
Ich habe schon vor drei Wochen Etwas für Sie gefunden oder ausgedacht; da Sie aber hier sowohl
nützlich als glücklich zu sein schienen, da meine Schwestern offenbar anhänglich an Sie geworden waren, und
Ihre Gesellschaft ihnen ungemein viel Vergnügen machte — so hielt ich es nicht für passend, Eure gegenseitige
Zufriedenheit zu stören, bis ihre bevorstehende Abreise von Marsh-End auch die Ihrige nothwendig machen würde.’
‘Und sie wollen nun in drei Tagen von hier fort?’ sagte ich.
‘Ja; und wenn sie gehen, werde ich in das Pfarrhaus zu Morton zurückgehen: Hannah wird mich begleiten, und dieses alte Haus dann zugeschlossen werden.’
Ich wartete einige Augenblicke im Glauben, daß er mit dem Gegenstande, den er zuerst berührt, fortfahren würdet; aber sein Ideengang schien nun ein an anderer geworden zu sein: sein Blick zeigte an, daß er weder an mich, noch an meine Sache mehr denke; ich war also gezwungen, ihn auf ein Thema zurückzubringen, das für mich natürlich von dem größten Interesse war.
‘Welche Beschäftigung wollen Sie mir verschaffen, Herr Rivers? Hoffentlich hat dieser Aufschub die Schwierigkeit der Verschaffung derselben nicht vermehrt.’
‘Ach nein, da es eine Stelle ist, deren Vergebung ganz von mir, und deren Annahme ganz von Ihrem freien Willen abhängt.’
Er schwieg abermal: er schien nicht gern fortzufahren. Ich wurde ungeduldig: einige unruhige Bewegungen und ein heißer. fordernder Blick, den ich auf sein Gesicht heftete, theilten ihm das Gefühl ebenso genau und mit weniger Ruhe mit, als Worte hätten thun können.
‘Sie brauchen sich nicht so zu beeilen. um es zu hören,’ sagte er: ,Ich muß Ihnen vornweg sagen,
daß ich Ihnen nichts besonders Angenehmes, oder Vortheilhaftes anzutragen habe. Ehe ich weiter gehe, muß
ich Sie bitten, sich zu erinnern, daß ich Ihnen deutlich gesagt, wenn ich Ihnen helfe, so könne es nur in
der Art sein, wie der Blinde dem Lahmen helfe. Ich bin arm; denn ich finde, daß, wenn ich meines Vaters
Schulden bezahlt habe, mein ganzes, übriges Vermögen in diesem zerfallenden ländlichen Hause, und der Allee
alter Sichten hinter demselben, und im Stücke Moorland mit den Eibenbäumen und Hollunderbüschen im
Vordergrunde besteht. Die Welt weiß von mir Nichts: Rivers ein ein alter Name; aber von den drei einzigen
noch übrigen Sprößlingen des Geschlechts leben zwei in abhängiger Stellung unter fremden Leuten, und was
den dritten betrifft, so betrachtet er sich in seiner Heimath als ein Fremder — nicht nur im Leben, sondern
auch im Tode. Ja, und er hält sich und muß sich für geehrt halten durch sein Loos; und er sehnt sich nur
nach dem Tage, wo das Kreuz der Trennung von fleischlichen Banden auf sine Schultern gelegt werden, und das Haupt der streitenden Kirche, von, deren niedrigsten Diener er einer ist, das Loosungswort geben wird: ,Steh auf, und folge mir nach!’
St. John sagte diese Worte, wie er seine Predigten sprach, das heißt mit ruhiger, tiefer Stimme, mit ungerötheter Wange und flammendem Blicke. Er fuhr also fort: -
‘Und da ich selbst arm und unbekannt bin, so kann ich Ihnen nur einen Dienst anbieten, wo man arm und unbekannt bleibt. Ja, Sie mögen denselben für erniedrigend halten, - denn ich sehe nun, daß Ihre Sitten und Gewohnheiten zu denen gehören, welche die Welt fein nennt, Ihre Geschmack neigt sich zum Idealen hin; und Ihre Gesellschaft ist wenigstens die gebildeter Leute gewesen; - allein ich bin der Ansicht, daß kein Dienst, der unsere Mitmenschen bessern kann, Jemand entehrt. Ich huldige der Ansicht, je dürrer und unbebauter der Boden ist, wo der christliche Arbeiter zu pflügen hat - je spärlicher ihm, der Lohn zugemessen wird, - um so größer ist auch die Ehre. Unter solchen Umständen ist seine Bestimmung die des Pioniers, und die ersten Pioniere des Evangeliums waren die Apostel: — ihr Hauptmann war Jesus, der Erlöser selbst.’
’Nun?’ sagte ich, als er abermals schwieg — ‘fahren Sie fort.’
Ehe er aber fortfuhr, blickte er mich an: er schien in der That sich die Zeit zu nehmen, in meinem Gesichte
zu lesen, als ob dessen Züge und Linien Schriftzüge wären. Die Schlüsse, welche er aus dieser Prüfung zog, drückte er zum Theil in seinen folgenden Bemerkungen gus.
Ich glaube, Sie werden die Stelle annehmen, die ich Ihnen anbiete,’ sagte er; ,und bleiben Sie eine
Zeit lang da, wenn auch nicht für immer. Denn auch ich könnte dem engen und verengenden - dem ruhigen, verborgenen Berufe eines englischen Landpfarrers nicht für immer folgen, denn es liegt in Ihrer Natur eine Beimischung, welche der Ruhe ebenso feind ist, wie die in der meinigen, obgleich sie von verschiedener Art.’
,Sprechen Sie sich deutlicher aus!’ bat ich, als er abermals inne hielt.
‘Das will ich, und Sie sollen nun hören, wie wenig glänzend, wie trivial, wie beengend der Vorschlag ist,
den ich Ihnen mache. Ich werde nicht lange zu Morton bleiben, jetzt, da mein Vater todt ist, und ich mein eigener Herr bin. Wahrscheinlich verlasse ich den Ort, noch im Laufe eines Jahrs; so lange ich aber dort bin,
werde ich mein Möglichßtes thun, um mich nützlich zu machen. Als ich vor zwei Jahren nach Morton kam,
hatte der Ort keine Schule: die Kinder der Armen waren von jeder Hoffnung ausgeschlossen, daß sie etwas
lernen könnten. Ich errichtete eine Knabenschule, und beabsichtige nun, jetzt auch eine Mädchenschule zu errichten. Zu diesem Zwecke habe ich ein Gebäude gemiethet, nebst einem kleinen Häuschen darneben, das zwei Zimmer enthält, und die Wohnung der Lehrerin bilden wird. An Gehalt erhält sie jährlich 20 Pfund: ihre Wohnung ist bereits möblirt worden, sehr einfach, aber ausreichend, durch die Güte einer Dame, Miß Oliver, der einzigen Tochter des einzigen reichen Mannes in meiner Gemeinde. Herr Oliver ist Besitzer einer Nadelfabrik und einer Eisengießerei im Thale drunter. Die nämliche Dame zahlt die Kosten der Erziehung und Kleidung einer Waise aus dem Arbeitshaus unter der Bedingung, daß sie die Lehrerin in allen ihren gröberen Hausarbeiten unterstützt, sowie die Reinigung der Schule u. s. w. besorgt, da das Lehrgeschäft ihr keine Zeit lassen wird, die meisten dieser Geschäfte selbst zu besorgen. Wollen Sie diese Lehrerin sein?’
Er stellte die Frage etwas rasch an mich; er schien halb und halb eine unwillige oder wenigstens stolze
Zurückweisung des Anerbietens zu erwarten: da er nicht alle meine Gedanken und Gefühle kannte, obgleich er einige muthmaßte, so konnte er nicht sagen, wie ich den Vorschlag aufnehmen würde. In Wahrheit war das Loos, das er mir zuwies, ein sehr bescheidenes; — aber er bot mir doch etwas Sicheres, und eine sichere Zufluchtsstätte war mir nothwendig: es war mühsam, untergeordnet, — aber auf der andern Seite, wenn verglichen mit dem einer Erzieherin in einem reichen Hause, wieder unabhängig; und die Furcht vor der Knechtschaft bei Fremden drang in meine Seele wie
Eisen; es war nicht unwürdig, nicht geistig entehrend. Ich entschloß mich daher sogleich dafür.
,Ich danke Ihnen für den Vorschlag. Herr Rivers; und ich nehme denselben von Herzen gern an.’
,Aber Sie verstehen mich doch?’ sagte er. ‘Es ist eine Dorfschule: Ihre Schülerinnen sind nur arme
Mädchen - Kinder von Taglöhnern - im besten Falle Töchter von Pächtern. Sticken, Nähen, Lesen, Schreiben, Rechnen - das ist Alles, was Sie zu lehren haben. Was werden Sie da mit Ihren anderen Talenten anfangen? Was mit dem größten Theile Ihres Geistes - Ihren Gefühlen - Ihren Liebhabereien?’
,Sie aufbewahren, bis ich sie brauche, Sie werden nicht verrosten noch verfaulen.’
,Sie wissen somit, was Sie unternehmen?’
‘Ja.’
Er lächelte jetzt, und sein Lächeln war weder ein bitteres, noch ein trauriges, sondern wohlgefälliges und
in hohem Grabe selbstzufriedenes.
,Und wann werden Sie ihre Funktionen antreten?’
‘Morgen werde ich in mein Haus gehen, und schon die nächste Woche die Schule eröffnen, wenn Sie
Nichts dagegen haben.’
‘Recht gut: es sei also.’
Er stand auf und schritt durch's Zimmer hin. Mit einem Male stand er still und blickte mich wieder an.
Er schüttelte den Kopf.
,Was ist es, das Sie nicht billigen, Herr Rivera?’ fragte ich.
,Sie werden nicht lange in Morton bleiben. Nein, nein!’
,Warum? Weshalb sagen Sie das?’
,Ich lese es in Ihrem Auge: es ist keines von jenen, welche die Einhaltung eines gleichmäßigen Ganges im Leben versprechen.’
‘Ich bin nicht ehrgeizig.’
Er stutzte bei dem Worte ,ehrgeizig.’
Er fuhr also fort: —
,Nein. Wie kommen Sie auf den Ehrgeiz? Wer ist ehrgeizig? Ich weiß, daß ich es bin: aber wie haben
Sie das herausgefunden?’
,Ich sprach von mir allein.’
‘Nun, wenn Sie nicht ehrgeizig sind, so sinn Sie -‘
Und er schwieg.
,Was?’
Ich wollte sagen, leidenschaftlich: vielleicht aber hätten Sie das Wort mißverstanden und es mir übel
genommen. Ich meine, menschliche Neigungen und Sympathien halten Sie in ihrem Banne. Gewiß können Sie sich nicht lange damit begnügen, Ihre Mußezeit einsam zuzubringen, und Ihre Arbeitsstunden einer einförmigen, jedes Antriebs ermangelnden Arbeit zu widmen: ebenso wenig als ich,’ - setzte er mit Nachdruck hinzu - ‘hier in einem Sumpfe begraben, von Bergen eingeschlossen, leben kann, unter Verhältnissen, wo meiner Natur, die mir Gott gegeben, so Vieles zuwider ist, und meine Fähigkeiten, die der Himmel mir geliehen, gelähmt sind und brach liegen. Sie hören
jetzt, wie ich mir selbst widerspreche. Ich, der ich predigte, daß man mit einem bescheidenen Loose zufrieden
sein müsse, ich, der ich selbst den Beruf der Holzhacker und Wasserschöpfer als einen Dienst Gottes hinstellte
- ich, der geweihte Diener des Herrn, bin fast außer mir in meiner Ruhelosigkeit. Nun, Neigungen und Grundsätze müssen auf eine oder die andere Art mit einander ausgesöhnt werden.’
Er verließ das Zimmer. - In dieser kurzen Stunde hatte ich von ihm mehr erfahren, als in dem ganzen
verflossenen Monat; dennoch konnte ich noch immer nicht recht aus ihm kommen.
Diana und Mary Rivers wurden immer trauriger und schweigsamer, je näher der Tag kam, wo sie ihren Bruder und ihre Heimath verlassen sollten. Sie bemüheten sich Beide, wie gewöhnlich auszusehen; aber der Kummer, mit dem sie zu kämpfen hatten, war von der Art, daß er sich nicht ganz überwinden und verbergen ließ. Diana deutete an, daß diese Trennung
ganz verschieden von allen früheren sein würde. Es würde, sagte sie, was St. John betreffe, wahrscheinlich
eine Jahre lange Trennung sein: ja es sei möglich, daß es eine Trennung. für das ganze Leben werde.
,Er wird Alles seinen längst gefaßten Entschlüssen opfern,’ sagte sie. ‘Er wird natürliche Neigungen und
noch mächtigere Gefühle opfern. St. John sieht ruhig aus, Jane; aber es lodert in ihm ein geheimes Feuer.
Man könnte ihn für sanft halten, aber in gewissen Dingen ist er so unerbittlich, wie der Tod; und das
Schlimmste dabei ist, daß mein Gewissen mir kaum erlaubt, ihn von seinem strengen Entschlusse abzubringen:
sicherlich kann ich ihn keinen Augenblick darum tadeln. Er ist gut, edel, christlich: und doch bricht es mir
das Herz.’
Und es entstürzten Thränen ihren schönen Augen. Mary beugte ihren Kopf ganz auf ihre Arbeit nieder.
‘Wir sind jetzt ohne Vater: bald werden wir ohne Heimath und ohne Bruder sein,’ murmelte sie.
In diesem Augenblicke ereignete sich Etwas, was vom Schicksale eigens bestimmt schien, die Wahrheit
des Sprüchwortes, daß ein Unglück nie allein komme, zu beweisen; und zu ihrem vielen Unglücke noch den
ärgerlichen Gedanken hinzufügen, daß der Becher ihnen von der Lippe weggezogen worden. St. John ging mit einem Briefe in der Hand am Fenster vorüber.
Er trat, ein.
,Unser Oheim John ist todt,?’ sagte er.
Beide Schwestern schienen betroffen, obwohl nicht erschrocken. Die Nachricht war in ihren Augen mehr wichtig, als betrübend.
‘Todt?’ wiederholte Diana.
»Ja.’
Sie heftete einen prüfenden Blick auf ihres Bruders Gesicht.
,Und was noch?’ fragte sie mit leiser Stimme.
"Was noch, Die?’ entgegnete er, während seine Züge immer noch unbeweglich waren, wie Marmor.
,Was noch? Ei- Nichts. Da lies.’
Er warf ihr den Brief in den Schooß. Sie blickte rasch darüber hin und überreichte ihn sodann Mary. Mary las ihn schweigend und stellte ihn wieder ihrem Bruder zu. Alle drei sahen einander an, und alle drei lächelten: - ein trauriges, sinnendes Lächeln.
,Amen! Wir können doch leben,’ sagte am Ende Diana.
,Auf jeden Fall sind wir jetzt nicht schlimmer dran, als vorher,’ bemerke Mary.
,Nur bringt es mir gewaltig genug das Bild dessen vor Augen, was hätte sein können,’ sagte Herr Rivers, ,und stellt es etwas zu stark dem, was ist, gegenüber.’
Er faltete den Brief zusammen, verschloß ihn in sein Pult und ging wieder hinaus.
Einige Minuten lang sprach Niemand, bis endlich Diana sich zu mir wandte.
,Jane, Sie werden sich über uns und unsere Mysterien wundern,’ sagte sie; ,auch werden Sie uns für
hartherzige Geschöpfe halten, weil wir uns den Tod eines so nahen Verwandten, wie ein Oheim ist, nicht
mehr zu Herzen gehen lassen. Aber wir haben ihn, nie gesehen oder gekannt. Er war meiner Mutter Bruder.
Mein Vater und er bekamen vor langer Zeit mit einander Streit. Auf seinen Rath setzte mein Vater den größten Theil seines Vermögens an eine Spekulation, die ihn zu Grunde richtete. Es fanden gegenseitige Beschuldigungen Statt: man trennte sich zornig, um sich nicht mehr zu versöhnen. Später machte mein Oheim glücklichere Geschäfte: es scheint, daß er ein Vermögen von zwanzig tausend Pfund sich erworben hat. Er war nie verheirathet und hatte keine nahen
Verwandten, als uns, und eine andere Person, die mit ihm nicht näher verwandt ist, als wir. Mein Vater lebte stets der Hoffnung, daß er seinen Irrthum wieder gut machen, und uns sein Vermögen vermachen würde:
dieser Brief benachrichtigt uns, daß er jeden Penny der andern Verwandten vermacht hat, mit Ausnahme von dreißig Guineen, welche unter St. John, Diana und Mary Rivers vertheilt werden sollen, um zum Ankaufe von drei Trauerringen zu dienen. Natürlich hatte er ein Recht, so zu handeln, wie es ihm gefiel; und doch fühlt man sich für den Augenblick niedergedrückt, wenn man solche Nachrichten bekommt. Mary und, ich würden uns mit je tausend Pfund für reich gehalten haben; und für St. John wäre eine solche Summe von Werth gewesen wegen des vielen Guten, das er damit hätte
thun können.’
Nach dieser Erklärung sprach man nicht weiter von der Sache, und weder Herr Rivers, noch seine Schwestern erwähnten derselben wieder. Am darauf folgenden Tage verließ ich Marsh-End, um nach Morton zu gehen. Den Tag darauf gingen Diana und Mary nach dem weitentfernten B — ab. Nach Verlauf einer Woche bezog Herr Rivers mit Hannah wieder das Pfarrhaus,
and so stand nun das alte Meierei-Gebäude ganz verlassen.
Einunddreißigstes Kapitel.
Meine Heimath also - als ich endlich eine solche fand -- ist eine Hütte: ein kleines Zimmer mit
übertünchten Wänden und einem besandeten Fußboden; darin sind vier angestrichene Stühle mit einem
Tische. eine Wanduhr, ein Speiseschrank mit zwei oder drei Schüssein und Tellern, und ein Theeservice vor
Fayence. Oben ist ein Zimmer von derselben Größe, wie die Küche, mit einem tannenen Bettgestell, und
einer Kommode - klein zwar, aber immer noch zu groß für meine spärliche Garderobe, obgleich die Güte meiner
edelmüthigen Freunde sie durch einen bescheidenen Vorrath der nöthigsten Kleidungsstücke vermehrt hat.
Es ist Abend. Ich habe die kleine Waise, die mir als Hausmädchen an die Hand geht, entlassen, nachdem
ich ihr eine Pomeranze geschenkt. Ich sitze allein am Kamine. Heute Morgen ist die Dorfschule eröffnet
worden. Ich hatte zwanzig Schülerinnen. Nur drei von ihnen können lesen, keine aber schreiben oder rechnen.
Etliche stricken, und einige nähen ein wenig. Sie sprechen den breitesten Dialekt im ganzen District. Für
den Augenblick haben wir einige Mühe, einander zu verstehen. Einige von ihnen sind unmanierlich, grob, unfügsam, und unwissend; andere dagegen sind gelehrig, lernbegierig, und zeigen eine Gemüthsstimmung, die mir gefällt. Ich darf nicht vergessen, daß diese grob gekleideten kleinen Bäuerinnen von so gutem Fleisch und Blut sind, wie die Sprößlinge der ersten adeligen Häuser, sowie daß die Keime angeborner Vortrefflichkeit, der Verfeinerung des Verstandes, der gütigen Gefühle in ihrem Herzen ebenso gut vorhanden sein können, wie in denen der höchstgebornen. Es wird nun meine Pflicht
sein, diese Keime zu entwickeln. Sicherlich werde ich bei Erfüllung dieser Pflicht einiges Glück finden. Viel
Freude erwarte ich in dem sich vor mir eröffnenden Leben nicht; indeß wird es mir ohne Zweifel, wenn ich
meinen Geist regle, und meine Kräfte anwende, wie ich soll, so viel gewähren, daß ich von einem Tage zum
andern leben kann.
War ich während der Stunde, die ich diesen Morgen und diesen Nachmittag in dem kahlen, bescheidenen
Schulzimmer dort zugebracht, heiter, zufrieden, gefaßt? Um mich nicht selbst zu täuschen, muß ich erwiedern — Nein; ich fühlte mich bis zu einem gewissen Grade trostlos, verlassen. Ich fühlte - ja. eine solche Thörin
bin ich -- ich fühlte mich erniedrigt. Es wollte mich bedünken, daß ich einen Schritt gethan, der mich in der
Wagschale des menschlichen Daseins tiefer sinken macht, anstatt mich zu heben. Ich entsetzte mich über die Maßen über die Unwissenheit, die Armuth, die Rohheit Alles dessen, was ich um mich her hörte und sah. Aber ich will mich um dieser Gefühle willen nicht zu sehr hassen und verachten: ich weiß, daß sie unrecht sind — damit ist schon viel gewonnen; ich werde mich bestreben, sie zu überwinden. Morgen werde ich sie wohl schon zum Theil besiegen, und in wenigen Wochen vielleicht wird keine Spur mehr davon zorhanden sein. In wenigen Monaten mag die Freude, wenn ich die Fortschritte meiner Schülerinnen und ihre Veränderung zum Bessern sehe, meinen Ekel in Zufriedenheit verwandeln.
Unterdessen will ich mir eine Frage vorlegen: — Was ist besser? Der Versuchung nachgegeben, auf die
Leidenschaft gehört, keine schmerzliche Anstrengung gemacht, nicht gekämpft zu haben, sondern in die seidene
Schlinge gefallen, aus den sie bedeckenden Blumen eingeschlafen, in einem südlichen Himmelsstriche, umgeben
von dem Luxus einer schönen Villa, aufgewacht zu sein: um jetzt in Frankreich als Herr Rochesters Maitresse zu
leben, die halbe Zeit von seiner Liebe berauscht denn er würde mich - o ja, er würde mich eine Zeit lang
herzlich geliebt haben. Er liebte mich in der That; — nie werde ich so wieder geliebt werden. Nie werde ich
wieder die süßen Huldigungen kennen lernen, die man der Schönheit, der Jugend, der Anmuth darbringt; denn nie werde ich irgend einem Andern diese Reize zu besitzen scheinen. Er liebte mich zärtlich und war stolz
auf mich; von keinem andern Manne darf ich das wieder erwarten. - Aber wohin komme ich, und was sage ich, und vor Allem, was fühle ich? Was ist besser so frage ich - eine Sklavin zu sein in einem Utopien zu Marseille, bald durch ein trügerisches Glück in Fieberhitze gejagt, bald erstickt von den bittersten Thränen der Reue und der Scham, - oder eine Dorfschullehrerin zu sein, frei und ehrlich, in einem luftigen Bergwinkel in dem gesunden Herzen von England?
Ja, ich fühle jetzt, daß ich Recht hatte, wenn ich an Grundsatz und Gesetz festhielt und die unsinnigen
Eingebungen eines wahnsinnerfüllten Augenblicks verachtete und mit Füßen trat. Gott gab mir eine gute
Wahl ein: ich danke seiner Vorsehung, daß sie mich geführt!
Auf diesem Punkte meiner Abendbetrachtungen angelangt, stand ich auf, ging an meine Thür und sah den
Sonnenuntergang des Herbsttages. sowie die ruhigen Felder vor meiner Hütte, die nebst der Schule eine
halbe Meile von dem Dorfe entfernt war, an. Die Vögel sangen ihre letzten Lieder -
,Die Luft war mild und Balsam der Thau.’
Während ich so hinblickte, hielt ich mich für glücklich, und war überrascht, als ich nach einer Weile bemerkte, daß meinen Augen Thränen entfielen — und warum? Wegen des Schicksals, das mich von der Anhänglichkeit an meinen Herrn losgerissen hatte; denn ich hielt mich überzeugt, daß ich ihn nie mehr sehen würde wegen des verzweifelten Kummers und der unheilvollen Wuth — Folgen meiner Abreise - die ihn jetzt vielleicht von dem rechten Pfade ablenkten, zu weit,
um eine Hoffnung auf endliche Rückkehr zu demselben übrig zu lassen. Bei diesen Gedanken wandte ich meine Augen ab von dem lieblichen Abendhimmel und dem einsamen Thale von Morton - ich sage einsam, denn in der mir sichtbaren Krümmung desselben war kein anderes Gebäude zu sehen, als die Kirche und das unter Bäumen halb verborgene Pfarrhaus, und ganz am
äußersten Ende desselben das Dach von Vale-Hall, wo der reiche Herr Oliver mit seiner Tochter wohnte. Ich
bedeckte meine Augen und lehnte meinen Kopf an die steinerne Empfassung meiner Thüre; aber bald machte mich ein leises Geräusch an dem Pförtchen, das mein Gärtchen von der Wiese jenseits desselben abschloß, aufblicken. Ein Hund - der alte Garlo, Herrn Rivers Hühnerhund. wie ich bald sah - stieß mit seiner Nase gegen das Pförtchen, und St. John selbst lehnte sich auf dasselbe mit gefalteten Armen; seine Stirne war gerunzelt und sein Blick fast widerwärtig ernst auf
mich geheftet. Ich bat ihn hereinzukommen.
,Nein, ich kann mich nicht aufhalten; ich habe Ihnen blos ein Päckchen gebracht, das meine Schwestern für Sie zurückgelassen haben. Ich glaube, es ist eine Farbenschachtel und Papier sammt Pinsein darin.’
Ich näherte mich, um es in Empfang zu nehmen; es war ein willkommenes Geschenk. Er prüfte mein Gesicht mit vieler Strenge, wie ich glaubte, als ich herantrat: ohne Zweifel waren die Spuren von Thränen darauf noch sehr sichtbar,
Haben Sie Ihre erste Tagearbeit schwerer gefunden, als Sie erwarteten?’ fragte er.
,Ach nein! Im Gegenheil: ich glaube, daß ich mit der Zeit mit meinen Schülerinnen recht gut zurecht kommen werde.’
‘Vielleicht aber hat Ihre Hütte - haben Ihre Möbeln - hat die ganze Einrichtung Ihren Erwartungen
nicht entsprochen? Es sind dieselben zwar spärlich und ärmlich genug. jedoch -‘
Ich fiel ein:
,Meine Hütte ist reinlich und schützt vor Wind und Wetter; das Hausgeräthe ist ausreichend und bequem. Alles, was ich sehe, hat mich dankbar, nicht zur Verzweiflung gestimmt. Ich bin keine solche Thörin ukd bin nicht so in Sinnlichkeit versunken, um einen Fußteppich, ein Sopha und Silbergeschirr schmerzlich zu vermissen: zudem hatte ich ja vor fünf Wochen Nichts, absolut Nichts - ich war eine Verbannte, eine Bettlerin, eine Vagabundin, und nun habe ich Bekannte, eine Heimath, eine Beschäftigung. Ich wundere mich über die Güte Gottes, den Evelmuth meiner Freunde und mein glückliches Loos. Ich gräme mich nicht!’
,Aber Sie fühlen, daß die Einsamkeit Sie darniederdrückt? Das Häuschen dort hinter Ihnen ist
finster und leer?’
,Ich habe noch nicht recht Zeit gehabt, mich in meiner Ruhe behaglich zu fühlen, viel weniger aber
Zeit, mich mit dem Gedanken zu plagen, daß ich einsam sei. ,Ganz gut: ich hoffe, Sie fühlen die Bebeutung
der Worte, die Sie aussprechen: auf jeden Fall wird Ihnen Ihr Verstand sagen, daß es noch zu früh ist,
der unbestimmten Furcht von Loths Weib sich hinzugeben. Was Sie verlassen hatten, ehe ich Sie sah,
weiß ich natürlich nicht; ich rathe Ihnen aber, standhaft jeder Versuchung zu widerstehen, die Sie geneigt
machen könnte, auf die Vergangenheit zurückzublicken; verfolgen Sie mit Standhaftigkeit Ihre gegenwärtige
Laufbahn, wenn auch nur für einige Monate.’
,Das ist es auch. was ich thun will,’ erwiderte ich. St. John fuhr also fort:
,Es ist eine harte Arbeit, die Neigungen zu zähmen und den Trieben unserer Natur eine andere Richtung zu geben; allein man kann es doch thun, ich weiß es aus Erfahrung. Gott hat uns bis zu einem
gewissen Grade die Macht gegeben, unser Schicksal so
oder anders zu bestimmen; und wenn unsere Kräfte
eine Nahrung zu fordern scheinen, die sie nicht erlangen
können - wenn unser Wille uns auf einen Pfad hintreiben will, den wir nicht verfolgen sollen - so brauchen wir weder zu verhungern, noch zu Verzweiflung still zu stehen: Wir dürfen alsdann nur eine andere Nahrung für den Geist suchen, eine Nahrung, so stark wie die verbotene Speise, wornach er verlangte — und vielleicht reiner; und für den in der Irre umhergehenden Fuß einen Weg bahnen, so gerad und breit, wie der, den das Schicksal uns verrammelt hat, -- wenn
derselbe auch rauher ist.’
,Vor einem Jahre war ich selbst in, hohem Grade unglücklich, weil ich der Meinung war, ich hätte mich
geirrt, indem ich mich dem geistlichen Stande gewidmet; die einförmigen Pflichten desselben quälten mich
fast zu Tode. Es verlangte mich nach dem thätigeren Leben der Welt, nach den aufregenderen Mühen einer
schriftstellerischen Laufbahn - nach der Bestimmung eines Künstlers, Schriftstellers, Redners. - nach Allem
mehr, als nach dem Berufe eines Priesters; ja das Herz eines Politikers, eines Soldaten, eines Mannes,
der nach Ruhm, Ehre und Gewalt strebt, schlug unter
meinem Priestergewande. Mein Leben erschien mir so
elend, daß ich dachte, ich müsse es gegen ein anderes
vertauschen oder aber sterben. Nach einer Zeit des
Kampfes, nach einer Zeit, wo Alles dunkel um mich her
war, brach endlich das Licht herein, und fühlte ich mich
ruhiger; mein enges Dasein dehnte sich mit einem
Male zu einer ungeheuren Ebene aus - meine Kräfte
hörten einen Ruf vom Himmel, sich aufzuraffen, ihre
volle Stärke zu sammeln, ihre Schwingen auszubreiten,
und sich über den engen Horizont zu erheben. Gott
hatte eine Sendung für mich und um mich derselben
in den fernen Landen, wohin ich zu gehen hatte, recht
zu entledigen, waren Geschicklichkeit und Stärke, Muth
und Beredsamkeit, die höchsten Talente eines Soldaten,
Staatsmannes und Redners alle nöthig; denn alle
diese vereinigen sich in einem guten Missionär.’
,Ich entschloß mich, Missionär zu werden. Von dem Augenblicke an wurde mein Gemüthszustand ein
anderer: die Fesseln lösten sich und fielen yon jeder Fähigkeit ab, von der Knechtschaft Nichts zurücklassend,
als die noch schmerzenden Wunden, die allein die Zeit
heilen kann. Zwar war mein Vater meinem Entschlusse
entgegen, aber seit seinem Tode habe ich mit keinem
rechtmäßigen Hindernisse mehr zu kämpfen: sobald mein
Amtsnachfolger in Morton ernannt ist, einige Angelegenheiten geordnet, einige zarte Bande gelöst oder zerrissen sind - ein letzter Kampf mit der menschlichen Schwäche - aus dem ich mir bewußt bin, als Sieger
hervorzugehen. weil ich gelobt habe, daß ich siegen wolle -- verlasse ich Europa, um nach dem Morgenlande zu ziehen.’
Er sagte dieß in seinem eigenthümlichen, gedämpften, aber doch emphatischen Tone, und sah, als er ausgeredet, nicht mich an, sondern die untergehende Sonne, nach der auch ich hinblickte. Sowohl er als ich hatten den Rücken dem Wege zugewandt, der das Feld heraus nach dem Pförtchen führte. Wir hatten auf dem mit
Gras bewachsenen Fußsteige keinen Tritt gehört; das in dem Thale fließende Wasser war das einzige einlullende Geräusch zu jener Stunde und bei jener Scene: es war daher ganz natürlich. daß wir stutzten, als eine frohe Stimme, so sanft wie ein Silberglöckchen, plötzlich rief:
,Guten Abend, Herr Rivers. Und guten Abend, alter Carlo. Ihr Hund erkennt seine Freunde eher, als
Sie, Sir: er spitzte seine Ohren, er wedelte mit dem Schweife, als ich noch ganz unten am Felde war, und
Sie wenden mir noch jetzt den Rücken zu.’
Es war richtig so. Obgleich Herr Rivers bei dem ersten dieser musikalischen Laute zufammengefahren war. als hätte ein Donnerkeil eine Wolke über seinem Haupte zerrissen, so stand er, nachdem die Worte gesprochen waren, immer noch in derselben Stellung das in der ihn die redende Person überrascht hatte: sein Arm ruhte auf dem Pförtchen und sein Gesicht war nach Westen gerichtet. Endlich wandte er sich in gemessener Weise um. Es schien mir, als sei ein Geist an
seiner Seite emporgestiegen. In einer Entfernung von drei Fuß stand neben ihm eine Gestalt, in reines Weiß gekleidet - eine jugendliche, anmuthige Gestalt, in ihren Umrissen voll und doch schön; und als dieselbe,
nachdem sie sich gebückt, um Carlo zu liebkosen, ihren Kopf in die Höhe hob und einen langen Schleier zurückwarf, so stand ein blühendes Gesicht von vollkommener Schönheit vor ihm. Vollkommene Schönheit will viel heißen: und doch nehme ich diesen Ausdruck nicht zurück und modificire ihn auch nicht: Züge. so lieblich, wie sie nur je das gemäßigte Klima Albions bildete; Farben, so rosig und lilienhaft, wie sie nur je seine
feuchten Winde und sein nebliger Himmel hervorbrachten und schirmten - rechtfertigten denselben in diesem Falle.
Kein Reiz fehlte, kein Fehler war bemerkbar: das junge Mädchen hatte regelmäßige und zarte Züge; Augen
von einer Gestalt und Farbe, wie wir sie auf lieblichen Gemälden sehen -- groß, dunkel, voll; die lange und
schattige Wimper, die ein schönes Auge mit einem so sanften Zauber umgibt; die pinselartige Augenbraue,
die so viel Klarheit verleiht; die weiße glatte Stirn, die den lebhafteren Schönheiten der Farbe und des
Glanzes noch so viele Ruhe gibt; die Wange, oval und glatt; die Lippen ebenfalls frisch, sanft roth, gesund, lieblich gebildet; die gleichmäßigen Zähne von blendender Weiße und durchaus unschadhaft; das kleine Kinn mit seinem Grübchen; der Schmuck der reichen vollen Locken - mit Einem Worte, alle Vortheile, die, wenn sie beisammen sind, das Ideal der Schönheit verwirklichen, waren in vollem Maase ihr eigen. Ich war erstaunt, als ich dieses schöne Wesen ansah; ich bewunderte es von ganzem Herzen. Offenbar hatte die Natur es in parteiischer Stimmung gebildet, und, ihr
gewöhnliches, karges, stiefmütterliches Maaß, von Gaben vergessend, diesen ihren Liebling mit überschwenglicher Güte ausgestattet.
Was wohl St. John Rivers von diesem irdischen Engel denken möge? das fragte ich mich ganz natürlich, als ich sah, wie er sich zu ihr wendete und sie anschaute, und eben so natürlich suchte ich die Antwort auf die Frage in seiner Miene. Er hatte bereits sein Auge von der Peri abgewandt und blickte auf einige bescheidene Gänseblümchen hin, die an dem Pförtchen beisammen standen.
,Ein lieblicher Abend: aber etwas spät für Sie, um allein draußen zu sein,’ sagte er, indem er die
schneeweißen Köpfe der geschlossenen Blumen mit seinem Fuße darnieder trat.
‘O, ich komme diesen Nachmittag nur von S- her’ (sie nannte den Namen einer großen Stadt, die
etliche zwanzig Meilen entfernt war). ‘Papa sagte mir,
daß Sie Ihre Schule eröffnet hätten und die neue
Lehrerin gekommen wäre, deßhalb setzte ich nach dem
Thee meinen Hut auf und kam durch das Thal her,
um sie zu sehen. Dieß ist sie?’ setzte sie, auf mich
deutend, hinzu.
‘Ja, sie ist es,’ sagte St. John.
,Glauben Sie, daß es Ihnen in Morton gefallen wird?’ fragte sie mich mit jener naiven Einfachheit des
Tons und des ganzen Wesens, die uns an Kindern so wohl gefällt.
‘Ich hoffe es. Ich habe so viele Gründe, die mir den Aufenthalt hier als wünschenswerth erscheinen
lassen.’
,Haben Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam gefunden, wie Sie erwarteten?’
‘Ganz so.’
,Gefällt Ihnen Ihr Haus?’
‘Recht sehr.’
,Habe ich es nett ausmöblirt?’
,Recht nett, in der That.’
,Und habe ich auch eine gute Wohl getroffen, indem ich Ihnen Alice Wood zur Dienerin gab?’
,Ja das haben Sie. Sie ist gelehrig und flink, gewandt.’
Dieß also, dachte ich, ist Miß Oliver, die reiche Erbin: begünstigt, so scheint es, vom Glück, wie von
der Natur! Ich möchte wohl wissen, wie es sich fügte, daß die Planeten bei ihrer Geburt so günstig zusammentrafen.
,Ich werde bisweilen heraufkommen und Sie bei Ihrem Unterrichte unterstützen,’ setze sie hinzu. ’Es wird eine Veränderung für mich sein, Sie dann und wann zu besuchen: und ich liebe die Veränderung. Herr Rivers, ich bin während meines Aufenthalts in S- so heiter gewesen. Vergangene Nacht, oder richtiger gesagt, diesen Morgen habe ich bis zwei Uhr getanzt. Das -ste Regiment steht dort, seitdem die Excesse vorgefallen; und die Offiziere sind die angenehmsten
Männer von der Welt: sie mache alle unsere jungen Messerschleifer und Scheerenhändler zu Schanden.’
Es schien mir, als trete Herrn St. John's Unterlippe vor, und als verziehe seine Oberlippe sich auf
einen Augenblick. Gewiß sah sein Mund sehr zusammengepreßt aus, und der untere Theil seines Gesichtes,
ungewöhnlich strenge und viereckig, als das lachende Mädchen ihm diese Nachricht mittheilte. Auch richtete
er sein Auge auf, von den Gänseblümchen weg, und heftete es auf sie. Es war ein prüfender, bedeutungsvoller Blick, worin kein Lächeln zu bemerken war. Sie antwortete darauf mit einem zweiten Lachen: und das
Lachen stand ihrem jugendlichen Alter, ihren Rosen, ihren Grübchen, ihren glänzenden Augen gut an.
Als er stumm und ernst blieb, fing sie abermals an, Carlo zu liebkosen.
,Der arme Carlo liebt mich,’ sagte sie. ,Er ist nicht so strenge und thut nicht so fremd gegen seine
Freunde; und könnte er nur reden, so würde er nicht schweigen.’
Als sie den Kopf des Hundes streichelte, und mit angeborner Grazie vor seinem jungen und strengen
Herrn sich niederbeugte, sah ich das Gesicht dieses Herrn sich plötzlich röthen. Ich sah sein feierliches
Auge plötzlich erglühen und darin eine unwiderstehliche Bewegung sich kund thun. So durchglüht, sah er als
Mann fast ebenso schön aus, wie sie als Weib. Seine Brust hob sich ein Mal, als ob sein großes Herz, des
tyrannischen Druckes überdrüssig, sich wider seinen Willen erweitert, und eine mächtige Anstrengung gemacht
hätte, um die Freiheit zu erlangen. Aber er bändigte es, wie ich glaube: etwa wie ein entschlossener Reiter
ein Roß bändigt, das sich bäumt. Er antwortete weder mit Worten, noch durch eine Bewegung auf das sanfte
Entgegenkommen des schönen Mädchens.
,Papa sagt, Sie besuchen uns jetzt nie,’ fuhr Miß Oliver fort, indem sie aufblickte. ,Sie sind ja
in Vale-Hall ganz fremd geworden. Er ist diesen Abend allein und nicht ganz wohl: wollen Sie mit mir kommen und ihn besuchen?’
,Die Stunde ist nicht passend, um Herrn Oliver mich aufzudringen,’ antwortete St. John.
,Die Stunde nicht passend! Aber ich behaupte, sie ist es. Es ist gerade die Stunde, wo Papa Gesellschaft am Liebsten ist: wenn die Arbeiter entlassen sind und er kein Geschäft hat, das ihn in Anspruch nimmt. Nun, Herr Rivers, so kommen Sie doch. Warum sind Sie gar so scheu und gar so düster?’
Sie füllte die Lücke, die sein Schweigen ließ, dadurch aus, daß sie selbst antwortete.
,Ich vergaß,’ rief sie, ihren schönen Lockenkopf,
gleich als ärgerte sie sich über sich selbst, schüttelnd.
,Ich bin so unbesonnen und gedankenlos! Entschuldigen
Sie mich doch! Ich hatte vergessen, daß Sie gute
Gründe haben, wenn Sie sich nicht geneigt fühlen, in
mein Geplauder einzustimmen. Diana und Mary haben
Sie verlassen, und Moor-House ist geschlossen, und Sie
so einsam. Ich bemitleide Sie wirklich. Kommen Sie
mit mir zu Papa.’
,Nicht heute Abend, Miß Rosamond, nicht heute
Abend.’
Herr St, John sprach fast wie ein Automat: er
allein wußte, welchen inneren Kampf ihm diese Weigerung kostete.
,Nun, wenn Sie so halsstarrig und, so gehe ich;
denn ich wage nicht länger zu bleiben: der Thau beginnt zu fallen. Guten Abend!’
Sie streckte ihre Hand aus; doch er berührte sie kaum.
"Guten Abend !s wiederholte er mit einer Stimme, die so leise und hohl war, wie ein Echo, Sie wandte sich um. kam aber alsbald wider zu uns her.
’Sind Sie wohl?’ fragte sie.
Wohl mochte sie diese Frage thun: sein Gesicht war so weiß wie ihr Gewand.
,Ganz wohl,’ sprach er, und verließ mit einer Verbeugung das Pförtchen. Sie ging den einen Weg,
und er den andern. Zwei Mal wandte sie sich um, um ihm nachzusehen, als sie feenartig das Feld hinabtrippelte; er aber wandte sich, während er mit festen Schritten sich entfernte, auch nicht ein Mal um.
Dieses Schauspiel fremder Leiden und Opfer zog meine Gedanken von dem ausschließlichen Brüten über meine eigenen ab. Diana Rivers hatte ihren Bruder als einen Mann, unerbittlich wie der Tod, bezeichnet.
Sie hatte nicht übertrieben.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Ich setzte meine Arbeiten als Dorfschullehrerin so thätig und pünktlich, als ich nur vermochte, fort. Im
Anfange war es in der That eine harte Arbeit. Es verging einige Zeit, bis ich, trotz aller von mir angewandten Mühe, meine Schülerinnen und ihre Natur auch nur nothdürftig verstehen lernte. Da sie noch gar keinen Unterricht genossen, und ihre Fähigkeiten noch ganz schliefen, so schienen sie mir hoffnungslos dumm, und zu gleicher Zeit alle gleich dumm; bald aber fand ich, daß ich mich geirrt hatte. Es war ein Unterschied unter ihnen, wie unter den Leuten, welche die Wohlthat des Unterrichts und der Erziehung genossen; und als ich sie, und sie mich immer mehr kennen lernten,
so entwickelte sich dieser Unterschied rasch. Nachdem das erste Erstaunen über mich, meine Sprache, meine Vorschriften, meine ganze Art und Weise bei ihnen einmal vorüber war, fand ich, daß einige dieser dummaussehenden, gaffenden Landmädchen allmählig aufwachsen und recht kluge Geschöpfe wurden. Manche zeigten sich sogar gefällig und liebenswürdig und ich entdeckte unter ihnen nicht selten Beispiele natürlicher Höflichkeit und angeborner Selbstachtung, sowie auch vortreffliche Fähigkeiten, welche nicht nur meine Zuneigung, sondern auch meine Bewunderung erweckten. Diese Mädchen
fanden bald ein Vergnügen daran, ihre Arbeiten gut zu ihun, sich reinlich zu halten, ihre Lectionen regelmäßig zu lernen, und sich ruhige und ordentliche Manieren anzueignen. Ihre raschen Fortschritte überraschten mich sogar in einigen Fällen, und ich fand einen aufrichtigen und glücklichen Stolz darin: zudem fing ich an, einige der besten Mädchen persönlich zu lieben, und es liebten dieselben auch mich. Unter meinen Schülerinnen befanden sich auch mehrere Pächterstöchter, die schon fast als erwachsene Frauenzimmer gelten konnten.
Diese konnten bereits lesen. schreiben und nähen: ich unterrichtete sie daher in den Anfangsgründen der Grammatik, der Geographie und Geschichte, sowie auch in den feineren Handarbeiten. Ich fand unter ihnen schätzbare Charaktere, — Charaktere, die nach Bildung strebten und Belehrung suchten: - mit ihnen brachte ich manche angenehme Abendstunde in ihren eigenen Häusern zu. Ihre Eltern (Pächter und Pächterin) überhäuften mich dann mit Aufmerksamkeiten. Es lag ein
Genuß darin, ihre einfachen Gefälligkeiten anzunehmen, und dieselben durch eine rücksichtsvolle Beachtung ihrer
Meinungen und Gefühle zu vergelten, — ein Verfahren, woran sie vielleicht nicht immer gewöhnt waren,
und das sie nicht allein bezauberte, sondern auch zu ihrem Besten ausschlug, weil es, indem es sie in ihren
eigenen Augen erhob, in ihnen den eifrigsten Wunsch erzeugte, die rücksichtsvolle Behandlung, die ihnen zu
Theil wurde, auch wirklich zu verdienen.
Ich sah, wie ich in der ganzen Nachbarschaft beliebt wurde. So oft ich ausging, hörte ich von allen
Seiten herzliche Begrüßungen und ward mit freundlichem Lächeln bewillkommt. Allgemein geachtet zu
werden und sei es auch nur von Leuten aus der arbeitenden Klasse, ist, wie ,wenn man ruhig und angenehm
im Sonnenschein sitzt:’ frohe, innere Gefühle keimen und blühen unter dem Strahl. In dieser Periode meines Lebens hob sich mein Herz öfter vor Dankbarkeit, als daß es der Muthlosigkeit erlag: und doch hatte ich, lieber Leser, um Dir Alles zu sagen: inmitten dieses ruhigen und nützlichen Daseins — wenn ich einen Tag
in ehrenvoller Arbeit unter meinen Schülerinnen, und
den Abend allein und zufrieden mit Lesen oder Zeichnen zugebracht - Nachts häufig seltsame Träume: Träume,
vielfarbig, unruhig, voll des Idealen, Aufregenden, Stürmischen - Träume, wo ich unter ungewöhnlichen
Scenen voller Abenteuer, voll aufregender Gefahr und romantischer Abwechslung, bei einer großen Krise immer wieder Herrn Rochester begegnete; und dann erneuerte sich die Empfindung, daß ich in seinen Armen
sei, seine Stimme höre, in sein Auge blicke, seine and und Wange berühre, ihn liebe, von ihm geliebt werde
— die Hoffnung, meine Lebenszeit an seiner Seite zuzubringen, mit all' ihrer ursprünglichen Kraft und
Gluth. Dann wachte ich auf. Dann erinnerte ich
mich, wo und in welcher Lage ich mich befand. Dann
richtete ich mich zitternd und bebend, in meinem Bette,
das keine Vorhänge hatte, auf; und dann war die stille
und dunkle Nacht Zeugin einer krampfhaften Verzweiflung und hörte den Ausbruch der Leidenschaft. Den
nächsten Morgen war ich wieder pünktlich um neun Uhr in meiner Schule; ruhig, gefaßt, bereit, den Pflichten
des Tages zu genügen.
Rosamond Oliver hielt ihr Wort, und kam häufig zu mir herauf. Gewöhnlich besuchte sie mich in der
Schule, während ihres Morgenspazierritts. Sie pflegte im Trabe auf ihrem Pony an die Thüre heranzukommen, begleitet von einem berittenen Bedienten in Livree. Man kann sich kaum etwas ausgesucht Schöneres vorstellen, als wenn sie so in ihrem purpurrothen Kleide erschien, ihren schwarzsammtnen Amazonenhut graziös
auf den langen Locken, die ihre Wangen küßten und
auf ihre Schultern herabfloßen: und so pflegte sie in
das ländliche Gebäude einzutreten und durch die geblendeten Reihen der Dorfkinder zu schlüpfen. Gewöhnlich kam sie zu der Stunde, wenn Herr Rivers seinen täglichen Religionsunterricht gab. Ich fürchte, das Auge des schönen Gastes durchbohrte das Herz des jungen Predigers. Eine Art Instinkt schien ihn von ihrem Eintritt zu benachrichtigen, selbst wenn er sie noch nicht sehen konnte; und wenn er ganz von der Thüre wegsah und sie unter derselben erschien, erglühte
seine Wange und veränderten sich auf unbeschreibliche Weise seine marmorähnlichen Züge, - obgleich dieselben
sich weigerten, von ihrer Strenge nachzulassen, -- und drückten sogar in ihrer Ruhe eine zurückgehaltene Gluth
aus, welche stärker war, als der sprühende Blick und die arbeitenden Muskeln andeuten konnten.
Natürlich kannte sie ihre Macht: und er verbarg es ihr auch nicht, weil er nicht anders konnte. Trotz
seines christlichen Stoicismus zitterte seine Hand und glühete sein Auge, wenn sie auf ihn zuging, ihn anredete und ihm froh, ermuthigend, ja zärtlich ins Gesicht lächelte. Er schien mit seinem traurigen und entschlossenen Blicke, wenn auch nicht mit seinen Lippen, zu sagen: ‘ich liebe Sie und ich weiß, daß Sie mir den Vorzug geben. Nicht die Verzweiflung an einem guten Erfolge ist es, was mich stumm macht. Wenn ich mein Herz anböte, so glaube ich, daß Sie es annähmen. Aber dieses Herz liegt bereits auf einem heiligen Altar: das Feuer ist rings umher angelegt. Bald
wird es nichts Anderes mehr sein, als ein vollendetes Opfer.’
Und dann schmollte sie, wie ein Kind, das sich in seiner Erwartung getäuscht sieht: eine gedankenvolle
Wolke ließ ihre strahlende Lebhaftigkeit sanfter erscheinen; sie zog ihre Sand hastig aus der seinigen zurück,
und wandte sich in vorübergehender Mißstimmung von
seinem Anblicke, der zugleich so heroisch und märtyrer-gleich war, ab. Ohne Zweifel hätte St. John eine
Welt darum gegeben, ihr nachgehen, sie zurückrufen, sie zurückhalten zu können, wenn sie ihn so verließ;
aber er wollte fur das Elysium ihrer Liebe auch nicht ein Mal den Himmel aus dem Auge verlieren, auch nicht
eine einzige Hoffnung auf das wahre ewige Paradies dahingeben. Ueberdieß, konnte er nicht Alles, was in
seinem Wesen lag — den Abenteuer suchenden, den strebenden Mann, den Dichter, den Priester - in die Grenzen einer einzigen Leidenschaft bannen. Er konnte, er wollte nicht das wilde Feld, das sich dem streitenden Missionär eröffnete, gegen die schönen Gemächer und den Frieden von Vale-Hall vertauschen. Ich hörte das von ihm selbst, als es mir trotz seiner Zurückhaltung einst gelang, mich in sein Vertrauen einzudrängen.
Miß Oliver beehrte mich bereits mit häufigen Besuchen in meinem kleinen Häuschen. Ich hatte ihren
ganzen Charakter kennen gelernt, von dem Geheimniß oder Verstellung ferne war: sie war etwas kokett, aber
nicht herzlos; anspruchsvoll, aber nicht gemein selbstsüchtig. Man hatte ihr von ihrer Geburt an stets ihren
Willen gethan, sie war aber deßhalb nicht ganz und gar verzogen. Sie war voreilig, aber gutmüthig; eitel
(sie konnte nicht dafür, wenn jeder Blick in den Spiegel ihr eine solche Fülle von Liebenswürdigkeit zeigte),
aber nicht affectirt, freigebig, frei von Geldstolz, offenherzig, recht verständig, heiter, lebhaft und gedankenlos: mit Einem Wort, sie war selbst für eine kalte Beobachterin von ihrem eigenen Geschlechte, wie ich war, ungemein reizend; aber einen tiefern Eindruck konnte sie auf die, so mit ihr umgingen, nicht hervorbringen, noch konnte sie denselben ein tieferes Interesse einflößen. Ihr Gemüth war z. B. von dem der Schwestern des Herrn St. John gar sehr verschieden. Dennoch liebte ich sie fast nicht minder, als meine Schülerin Adele: nur hat man zu einem Kinde, das man
überwacht und unterrichtet hat, eine innigere Zuneigung, als man für eine ebenso anziehende erwachsene Freundin zu empfinden vermag.
Sie hatte mich in Affection genommen, wenn diese auch Nichts mehr war, als eine liebenswürdige Caprice. Sie sagte, ich gleiche Herrn Rivers (nur sei ich nicht
,den zehnten Theil so schön, obgleich ich eine nette,
hübsche, kleine Seele sei; er aber sei ein Engel’). Indessen sei ich gut, talentvoll, fest und standhaft, wie
er. Ich sei als Dorfschullehrerin ein luus nnturae (ein Spiel der Natur), behauptete sie: sie sei überzeugt, meine frühere Geschichte würde, wenn dieselbe bekannt wäre, einen trefflichen Roman bilden.
Eines Abends, als sie mit ihrer gewöhnlichen, kindlichen Thätigkeit und ihrer gedankenlosen, aber nicht
widerwärtigen Neugierde den Schrank und den Tischauszug in meiner kleinen Küche durchstöberte, entdeckte
sie zuerst zwei französische Bücher, einen Band von Schillers Werken, eine deutsche Grammatik und ein
deutsches Wörterbuch, sodann auch meine Materialien zum Zeichnen und einige Skizzen, darunter einen mit
Kreide gezeichneten Kopf von einem kleinen, hübschen, engelgleichen Mädchen, das zu meinen Schülerinnen
gehörte, und verschiedene Naturansichten, die ich im Thale von Morton und auf den umgebenden Mooren
aufgenommen hatte. Anfänglich war sie vor Ueberraschung ganz starr; doch bald war sie vor Entzücken
ganz elektrisirt.
Sie fragte mich, ob ich diese Bilder selbst gemalt? ob ich französisch und deutsch verstände; und konnte nicht
genug rühmen, was für ein liebenswürdiges, wunderbares Geschöpf ich sei. Sie sagte ferner, ich zeichne
besser, als ihr Lehrer in der ersten Schule zu S—; und fragte mich zuletzt, ob ich nicht ihr Portrait zeichnen wollte, um es Papa zu zeigen.’
,Mit Vergnügen,’ erwiederte ich, und ich fühlte, wie ein künstlerisches Entzücken mich bei dem Gedanken
durchbebte, daß ich nach einem so vollkommenen und glänzenden Modell copiren dürfe. Sie hatte damals ein dunkelblaues, seidenes Kleid an: ihre Arme und ihr Hhals waren bloß; ihr einziger Schmuck waren ihre kastanienbraunen Locken, die mit der ganzen ungesuchten Anmuth natürlicher Locken über ihre Schultern herabwallten. Ich nahm ein Blatt feines, starkes Zeichnungspapier und machte den Umriß sorgfältig. Ich versprach mir das Vergnügen, denselben zu coloriren, und da es
schon spät wurde, so sagte ich ihr, sie müsse noch einmal kommen und sitzen.
Sie sprach mit ihrem Vater in so günstigen Ausdrücken von mir, daß Herr Oliver den Abend darauf selbst mit ihr kam - ein großer Mann, mit massiven Gesichtszügen, der in mittlerem Alter stehen mochte und einen grauen Kopf hatte. Seine liebenswürdige Tochter sah an seiner Seite wie eine glänzende Blume neben einem grauen Thurme aus. Er schien ein schweigsamer und vielleicht auch stolzer Mann zu sein; im Uebrigen war er gegen mich sehr freundlich. Die Skizze
von Rosamonds Portrait gefiel ihm sehr: er sagte, ich müsse daraus ein vollständiges Gemälde machen. Auch bestand er darauf, daß ich den nächsten Tag kommen solle, um den Abend in Vale-Hall zuzubringen.
Ich ging dahin und fand ein großes, schönes Wohnhaus, das genügenden Beweis von dem Reichthum
des Besitzers ablegte. Rosamond war, so lange ich das blieb, in der heitersten Stimmung und voller Vergnügen: Ihr Vater war sehr zuvorkommend; und als er nach dem Thee mit mir ein Gespräch anknüpfte, so
sprach er sich höchst billigend über meine Leistungen in der Schule zu Morton aus, und setzte hinzu, er fürchte
nur nach dem, was er sehe und höre, daß ich zu gut für die Stelle sei, und dieselbe bald gegen eine passendere
vertauschen werde.
‘In der That!’ sagte Rosamond, ‘sie ist talentvoll genug, Papa, um Erzieherin in einer hohen Familie zu sein.’
Ich dachte - ich wolle lieber an meinem jetzigen Orte bleiben, als bei irgend einer hohen Familie im Lande sen. Herr Oliver sprach von Herrn Rivers und von der Familie desselben mit größer Achtüng. Er sagte, es sei ein sehr alter Name im Lande ; das Haus der Rivers sei einst sehr reich gewesen; ganz Morton habe einst ihnen gehört, und er denke, der Repräsentant des Hauses könne, so bald er nur wolle, auch jetzt noch in die besten Familien heirathen. Es sei doch Schade, daß ein so schöner und talentvoller junger Mann mit der Absicht umgehe, als Missionär auszuziehen: das
heiße ein kostbares Leben ganz und gar wegwerfen. Es schien daher, daß Rosamonds Vater ihrer Verbindung mit St. John kein Hinderniß in den Weg legen würde. Herr Oliver, sah die gute Herkunft, den alten Namen und den heiligen Beruf des jungen Geistlichen offenbar als einen genügenden Ersatz für das fehlende Vermögen an.
Es war am fünften November, der zugleich ein Vakanztag war. Meine kleine Dienerin hatte sich, nachdem sie mir hatte das Haus reinigen helfen, entfernt, wohl zufrieden mit dem Penny, den ich ihr als Geschenk für ihre Mühe gegeben. Alles um mich her war glänzend und ohne, Flecken — der Boden gescheuert, der Kaminrost hell geputzt und die Stühle sorgfältig
abgerieben,' Ich hatte mich auch herausgputzt, und den Nachmittag vollkommen frei. Eine Stunde lang war ich damit beschäftigt,einige Seiten aus dem Deutschen zu übersetzen; dann griff ich nach meiner Palette und meinen Pinseln, und machte mich an die beruhigendere, weil leichtere Arbeit, das Portrait der Rosamond Oliver zu vollenden. Des Kopf war schon fertig: nur noch der Hintergrund war zu malen, und die Draperie zu schattiren; auch mußte etwas Carmin, auf die vollen Lippen gethan, - hie und da an den Locken Etwas gebessert - dem Schatten der Wimper unter dem sanften
Augenlide eine tiefere Färbung gegeben werden. Ich war ganz vertieft in die Ausführung dieser zarten Einzelheiten, als, nach einem raschen Schlage an meine Thür, diese anfging, und St. John Rivers eintrat.
,Ich. komme, um zu sehen, wie Sie Ihren Vakanztag zubringen,’ sagte er. ,Hoffentlich nicht mit Nachdenken? Nein, das ist gut: während Sie malen, werden Sie sich, nicht einsam fühlen. Sie sehen, ich traue Ihnen immer noch nicht ganz, obgleich Sie sich bis jetzt über Erwarten standhaft bewiesen haben. Ich habe Ihnen zu Ihrem Abendtroste ein Buch mitgebracht.
Und er legte ein so eben erschienenes Buch auf den Tisch - ein Gedicht: eine jener natürlichen Produktionen, wie sie dem glücklichen Publikum jener Tage - dem goldenen Zeitalter unserer Litteratur -- so oft geboten wurden. Ach, die Leser unserer Tage sind nicht so gut daran. Aber Muth! Ich will weder anklagen, noch mein Bedauern ausdrücken. Ich weiß, daß die Poesie nicht todt, und das Genie noch nicht untergegangen ist; auch hat der Mammon weder über jene, noch über dieses die Macht erlangt zu binden, oder zu tödten: beide werden eines Tags wieder ihr Dasein, ihre Gegenwart, ihre Freiheit und Stärke geltend machen. Es sind mächtige Engel, die im Himmel in Sicherheit sind! Sie lächeln, wenn die schmutzigen Seelen triumphiren, und die schwachen ihren Untergang beweinen. Die Poesie sollte zu Grabe getragen sein? das Genie verbannt? Nein, nein! Mittelmäßigkeit: laß dich nicht durch den Neid zu solchen Gedanken bringen. Nein; nicht allein leben sie, sondern sie herrschen und erlösen auch: und ohne ihren göttlichen Einfluß, der sich überall hin verbreitet, würdest du in der Hölle sein - in der Hölle deiner eigenen Werthlosigkeit.
Während ich die schönen Seiten Marmions (denn Marmion war es) begierig überblickte, bückte sich St. John, um meine Zeichnung näher anzusehen. Plötzlich sah ich ihn auffahren und seine hohe Gestalt wieder eine kerzengerade Stellung annehmen: er sagte Nichts. Ich sah zu ihm auf, er aber wich meinem Auge aus. Ich wußte seine Gedanken wohl und konnte deutlich in seinem Herzen lesen; in dem Augenblicke fühlte ich mich ruhiger und kälter, als er: ich hatte somit einen augenblicklichen Vortheil über ihn, und spürte in mir die Lust, ihm, wenn es. möglich, einen guten Dienst zu erweisen.
,Bei all’ seiner Festigkeit und Selbstbeherrschung,’ dachte ich, ‘muthet er sich doch zu viel zu, verschließt jedes Gefühl und jeden Schmerz in sich - sagt Nichts, bekennt Nichts, theilt Nichts mit. Ich bin versichert, es würde ihm nicht schaden, von dieser lieblichen Rosamunde, die er nicht heirathen zu dürfen glaubt, ein wenig zu sprechen. Ich will ihn zum Reden bringen.
Zuerst sagte ich: ‘Nehmen Sie Platz, Herr Rivers. Er aber antwortete, wie immer, daß er sich nicht aufhalten könne. ,Ganz gut,’ sagte ich bei mir selbst, stehen Sie, wenn es Ihnen beliebt; aber Sie sollen mir jetzt nicht so fortkommen, ich habe es beschlossen; die Einsamkeit taugt für Sie wenigstens ebenso wenig, wie für mich. Ich. will es versuchen, ob ich nicht die geheime Springfeder Ihres Vertrauens entdecken und - eine Oeffnung zu dieser marmornen Brust finden kann, durch die sich ein Tropfen von dem Balsam der Sympathie einträufeln läßt.’
‘Ist das Portrait ähnlich?’ fragte ich ohne Weiteres.
‘Aehnlich! Wen? Ich habe es nicht genau angesehen.’
"Sie haben es aber doch gethan, Herr Rivers.’
Er stutzte, als ich ihm so entschieden und so kurz widersprach: er blickte mich erstaunt an.
‘O, das ist noch Nichts,’ Lüsterte ich bei mir selbst. ,Ich lasse mich durch ein etwas steifes Wesen von Ihrer Seite nicht so leicht täuschen: ich bin bereit, die Sache weiter zu treiben.’
‘Sie haben es genau und sorgfältig betrachtet,’ fuhr ich fort; ,aber ich habe Nichts dawider, wenn
Sie es noch einmal ansehen.’
Und ich stand auf und gab es ihm in die Hand.
Ein gut ausgeführtes Bild,’ sagte er; ‘sehr sanftes, klares Colorit; sehr graziöse und korrecte Zeichnung.’
,Ja, ja; ich weiß das Alles. Aber wie ist es mit der Aehnlichkeit? Wer soll es sein?’
Und er antwortete, einige Unschlüssigkeit bemeisternd: -
,Ich denke wohl, Miß Oliver.’
,Natürlich. Und nun, Sir, will ich Ihnen, um Sie dafür zu belohnen, daß Sie so gut errathen, versprechen, Ihnen eine treue und sorgfältige Copie von diesem Portrait zu malen, vorausgesetzt, Sie gestehen zu, daß das Geschenk Ihnen angenehm wäre. Ich mag meine Zeit und meine Mühe nicht an ein Geschenk verschwenden, das Ihnen werthlos scheinen würde.
Er sah das Portrait immer noch an: je länger er hinsah, um so fester hielt er es, und um so mehr schien es ihn zu interessiren.
,Es ist ähnlich!’ murmelte er; ,das Auge ist gut behandelt: Farbe, Licht, Ausdruck sind vollkommen. Es lächelt!’
,Würde es Ihnen Freude machen, oder würde es Sie verwunden, ein ähnliches Portrait zu bekommen? Sagen Sie mir das. Wenn Sie auf Madagaskar, oder auf dem Cap der guten Hoffnung, oder in Oftindien sind, würde es Ihnen angenehm sein, dieses Andenken in Ihrem Besitz zu haben; oder würde der Anblick desselben Erinnerungen hervorrufen, die Sie entnerven
und unglücklich machen müßten?’
Er schlug jetzt verstohlen seine Augen auf, sah mich unentschlossen und vetstört an, und dann wieder das
Portrait.
,Das ich es gern hätte, ist gewiß: ob es aber vernünftig, ob es weise sein würde, - das ist eine andere Frage.’
Seit ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Rosamond ihn wirklich vorzog und daß ihr Vater der Heirath, wohl nicht entgegen sein würde, war ich - in meinen Ansichten weniger exaltirt, als St. John - in meinem Herzen sehr geneigt, ihrer Verbindung förderlich zu sein. Es schien mir, daß er, im Falle er das große Vermögen des Herrn Oliver bekäme, damit ebenso viel Gutes thun könnte, als wenn: er auszöge, um sein Genie und seine Kraft unter einer tropischen Sonne
verwelken und sich verzehren zu lassen. In dieser Ueberzeugung antwortete ich nun: -
,So viel ich sehen kann, wäre es wohl weiser und vernünftiger, wenn Sie das Original ein für allemal
selbst nähmen.’
Er hatte sich nnn gesetzt: das Bild lag auf dem Tische vor ihm, und, seine Stirn auf beide Hände gestützt, sah er es zärtlich an. Ich bemerkte wohl, daß er jetzt über meine Kühnheit weder ärgerlich, noch dadurch unangenehm berührt war. Ich sah sogar, daß, indem ich ihn in Betreff eines Gegenstandes so frei anredete, der ihm als durchaus nicht zur Besprechung geeignet erschienen war - daß, indem er denselben so ohne Weiteres, so frei behandeln hörte - ihm ein
neues Vergnügen - ihm eine ungehoffte Erleichterung zu Theil wurde. Zurückhaltende Leute haben wirklich oft eine freimüthige Besprechung ihrer Gefühle und ihres Kummers mehr nöthig, als die mittheilenden. Der anscheinend strengste Stoiker ist am Ende denn doch ein Mensch; und kühn und in guter Absicht in die stille See ihrer Seelen einbrechen, heißt oft ihnen den besten Dienst erweisen.
‘Sie hat Sie gewiß gern,’ sagte ich, hinter seinem Stuhle stehend, ‘und was ihren Vater betrifft, so achtet er Sie. Zudem ist sie ein liebes Mädchen, vielleicht etwas gedankenlos, Sie aber würden wohl für sich und sie genug denken. Sie sollten sie heirathen.’
,Hat sie nicht wirklich gern?’ fragte er.
,Gewiß, mehr als sonst Jemand. Sie spricht beständig von Ihnen: von Nichts spricht sie so oft und so gern.’
,Es ist mir sehr angenehm, Solches zu hören,’ sagte er: ,fahren Sie noch eine Viertelstunde damit fort.’
Und wirklich zog er seine Uhr heraus, und legte sie auf den Tisch, um die Zeit zu messen.
‘Aber was nützt es, noch mehr zu sprechen,’ fragte ich, , wenn Sie, wie es wahrscheinlich, irgend einen
eisernen Schlag des Widerspruchs vorbereiten, oder eine neue Kette schmieden, um Ihr Herz zu fesseln?’
,Lassen Sie sich keine so harten Dinge einfallen. Stellen Sie sich vor, ich gebe nach und zerschmelze, wie es jetzt der Fall; die menschliche Liebe steige wie eine frisch geöffnete Quelle in meinem Gemüthe auf und überschwemme mit lieblichen Wellen das ganze Feld, das ich so sorgfältig und mit so vieler Mühe in guten Stand gesetzt, mit dem Samen guter Absichten, aufopfernder Pläne so unablässig angesäet habe. Und nun ist es von einer Nektarfluth überströmt — die jungen Keime sind ertränkt - ein köstliches Gift zerfrißt sie: nun sehe ich mich auf einer Ottomane in dem Gesellschaftszimmer zu Vale- Hall liegen, zu den Füßen meiner Braut Rosamond Oliver: sie spricht mit mir
in ihren lieblichen Tönen - blickt mit jenen Augen, die Ihre geschickte Hand so gut copirt hat, auf mich
nieder - und lächelt mich mit diesen Korallenlippen an. Sie ist mein - ich bin der Ihre - dieses gegenwärtige Leben und diese vergängliche Welt sind mir genug. Stille! Sagen Sie Nichts - mein Herz ist voller Wonne - meine Sinne sind verzückt - lassen Sie die Zeit, von der ich gesprochen, ruhig vergehen.’
Ich willfahrte ihm: die Uhr pickte fort: er athmete geschwind und tief: ich stand schweigend da. Inmitten dieser Stille verging die Viertelstunde: nun steckte er die Uhr wieder ein, legte das Bild weg, stand auf und stellte sich vor das Kamin hin.
,Nun,’ sagte er, ‘diese kurze Zeit war der Täuschung und dem Wahne gegönnt. Ich legte meine Schläfe an die Brust der Versuchung, und meinen Nacken unter ihr Blumenjoch: ich kostete ihren Kelch. Das Kissen war brennend heiß: in der Guirlande ist eine Natter: der Wein hat einen bittern Geschmack: ihre Versprechungen sind hohl und nichtig - ihre Anerbietungen falsch: ich sehe und weiß das Alles.’
Ich blickte ihn verwundert an.
‘Es ist sonderbar,’ fuhr er sort, ,daß ich, während ich Rosamond Oliver so lebhaft, ja mit der ganzen
Stärke einer ersten Leidenschaft liebe, deren Gegenstand so ausnehmend schön, so gratiös, so bezaubernd ist — ich sage, es ist sonderbar, daß ich zu gleicher Zeit das ruhige, leidenschaftlose Bewußtsein habe, daß sie mir
keine gute Gattin sein würde; daß sie nicht die Lebensgefährtin ist, die für mich paßt; daß ich dieß ein Jahr
nach der Heirath finden, und daß auf eine Wonne von zwölf Monaten ein ganzes Leben der Reue folgen würde. Das weiß ich.’
,In der That sonderbar!’ konnte ich mich nicht enthalten, auszurufen. ,während,’ fuhr er fort. ,in mir Etwas ist, das
für ihre Reize die höchste Empfänglichkeit zeigt, ist etwas Anderes wieder in mir, das ihre Mängel ebenso tief fühlt: es sind dieselben von der Art, daß sie mit Nichts sympathisiren könnte, was der Zweck meines Strebens - daß sie mich in Nichts zu unterstützen vermöchte, was ich unternehmen würde. Rosamond, eine Dulderin, eine Arbeiterin, ein weiblicher Apostel? Rosamond, die Frau eines Missionärs? Nimmermehr!’
,Sie brauchen ja aber auch kein Missionär zu werden. Sie könnten diesen Plan aufgeben.’
,Aufgeben! Was - meinen Beruf? mein großes Werk? den Grund, den ich auf Erden lege zu einer
Behausung im Himmel? meine Hoffnung, denen beigezählt zu werden, die allen andern Ehrgeiz in dem gloriosen Ehrgeize, das Loos ihrer Mitmenschen zu bessern, haben aufgehen lassen - in dem Ehrgeize, in die Reiche der Unwissenheit das Wissen zu tragen - Frieden für Krieg zu geben - Freiheit für Sclaverei - Religion für Aberglauben — die Hoffnung auf den Himmel für die Furcht der Hölle? Soll ich das aufgeben? Es ist mir theurer, als das Blut, das in meinen Adern rinnt. Nach Diesem schaue ich, nach Diesem trachte ich, und dafür lebe ich.’
Nach einer ziemlich langen Pause sagte ich:
,Und Miß Oliver? Ist es von keinem Interesse für Sie, wenn sie wegen ihrer getäuschten Hoffnungen Kuummer empindet?’
‘Miß Oliver ist stets umgeben von Bewerbern und Schmeichlern: in weniger denn einem Monat wird mein Bild aus ihrem Herzen getilgt sein. Sie wird mich vergessen und wahrscheinlich irgend einen Mann heirathen, der sie weit glücklicher machen wird, als ich es könnte.’
‘Sie sprechen ziemlich kalt; aber Sie leiden bei dem Kampfe. Sie zehren sich auf.’
,Nein. Wenn ich etwas magerer werde, so geschieht es, weil meine Aussichten immer noch unbestimmt sind - meine Abreise sich beständig verzögert: das macht mir Kummer. Erst diesen Morgen habe ich die
Nachricht erhalten, daß der Nachfolger, dessen Ankunft ich schon seit so langer Zeit erwarte, noch nicht vor
einem Vierteljahre kommen kann, um meine Stelle definitiv zu übernehmen: und vielleicht dehnen sich noch
die drei zu sechs Monaten aus.’
,Sie zittern und werden roth, so oft Miß Oliver in das Schulzimmer tritt.’
Abermals fuhr ein Ausdruck der Ueberraschung über sein Gesicht hin. Er hatte nicht gedacht, daß ein Frauenzimmer es wagen würde, so mit einem Manne zu sprechen. Was mich betrifft, so fühlte ich mich bei dieser Art Unterredung zu Hause. Ich konnte nie mit starken, besonnenen und gebildeten Menschen - mochten sie dem männlichen oder weiblichen Geschlechte angehören - dauernd verkehren, bis ich durch die Außenwerke der conventionellen Zurückhaltung gedrungen war,
die Schwelle des Vertrauens überschritten, und am Heiligthum ihres Herzens einen Platz gewonnen hatte.
,Sie sind originell,’ sagte er: ,und nicht furchtsam. Es ist etwas Tapferes in Ihrem Geiste und etwas Durchdringendes in Ihrem Auge, aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie meine Gemüthsbewegungen zum Theil mißdeuten. Sie halten dieselben für tiefer und mächtiger, als sie in Wahrheit sind. Sie schreiben mir eine größere Dosis Sympathie zu, als ich gerechter Weise beanspruchen darf. Wenn mein Gesicht sich färbt, und wenn ich vor Miß Oliver zittere, so
bemitleide ich mich nicht. Ich verachte die Schwäche. Ich weiß, sie ist unedel; ein bloßes Fieber des Fleisches:
kein Seelenkrampf, ich erkläre es. Meine Seele ist so fest, wie ein Felsen, der in der Tiefe einer unruhigen See unerschütterlich da steht. Erkennen Sie in mir, was ich wirklich bin: - einen kalten, harten Mann.’
Ich lächelte ungläubig.
,Sie haben mein Vertrauen im Sturm genommen,’ fuhr er fort; ,und nun steht es Ihnen zu Diensten. Ich bin ganz einfach in meinem natürlichen Zustand entblößt von: jenem blutgebleichten Gewande, womit das Christenthum menschliche Häßlichkeit bedeckt - ein kalter, harter, ehrgeiziger Mann. Nur die natürliche Neigung hat von allen Gefühlen eine dauernde Gewalt über mich. Die Vernunft und nicht das Gefühl ist mein Führer: mein Ehrgeiz ist unbegrenzt, mein Wunsch,
höher zu steigen, mehr als Andere zu thun, unersättlich. Ich ehre die Geduld, die Ausdauer, den Fleiß, das Talent, weil dieß die Mittel sind, wodurch die Menschen große Endzwecke erreichen und zu hehrer Stellung gelangen. Ich beobachte Ihre Laufbahn mit Interesse; weil ich Sie als ein Muster von einem fleißigen, ordnungsliebenden, energischen Weibe ansehe: nicht weil ich tiefes Mitleid fühle für das, was Sie durchgemacht, oder was Sie noch leiden.’
,Sie möchten sich als einen bloßen heidnischen Philosophen hinstellen,’ sagte ich.
‘Nein. Zwischen mir und den deistischen Philosophen ist der Unterschied: Ich glaube und glaube an
das Evangelium. Sie haben sich in dem Beiworte geirrt, ich bin kein heidnischer, sondern ein christlicher Philosoph - ein Jünger von der Sekte Jesu. Als sein Jünger nehme ich seine reine, gnadenvolle, wohlthätige Lehre an. Ich predige sie und muß sie vermöge meines Eides ausbreiten. Schon in meiner frühesten Jugend für die Religion gewonnen, hat sie meine ursprünglichen Anlagen also ausgebildet: -- aus dem kleinen unbemerkbaren Keime der natürlichen Neigung — hat
sie den überschattenden Baum, Philanthropie genannt, entwickelt, Aus der wilden, zaserigen Wurzea menschlicher Rechtschaffenheit hat sie einen rechten Sinn für die göttliche Gerechtigkeit groß gezogen. Aus dem Ehrgeiz, Macht und Ruhm für mein elendes Ich zu erlangen, hat sie den Ehrgeiz gebildet, meines Herrn Reich auszubreiten; für die Fahne des Kreuzes Siege zu bereiten. So viel hat die Religion bei mir gethan: sie hat die ursprünglich vorhandenen Materialien bestmöglich angewandt: sie hat meine Natur von dem umgebenden Unkraute und den Auswüchsen befreit, und derselben die rechte Richtung gegeben. Aber sie konnte die Natur nicht ganz ausrotten: auch wird sie nicht ausgerottet werden, bis dieses Sterbliche mit dem Unterblichen vertauscht wird.
Nachdem er dieß gesagt, nahm er seinen Hut, der aus dem Tische neben meiner Palette lag.
Noch einmal sah er das Portrait an.
.Sie ist ein liebliches Geschöpf,’ murmelte er.
,Mit Recht führt sie den Namen Rose der Welt!’
,Und soll ich Ihnen keine Copie davon anfertigen?’
,Cui bono? Nein!’
Er zog über das Bild das dünne Papierblatt her, worauf ich beim Malen gewöhnlich meine Hand ruhen
ließ, um das Zeichenpapier nicht zu beschmutzen. Was er auf diesem weißen Papier mit einem Male sah, war
mir unmöglich zu sagen: aber Etwas war ihm aufgefallen. Er nahm es rasch in die Hand, sah den Rand
an und warf mir dann einen unaussprechlich eigenthümlichen, ganz und gar unbegreiflichen Blick zu: einen
Blick, der an meiner Gestalt, meinem Gesichte und meiner Kleidung sich jeden Punkt zu merken schien, denn er durchdrang Alles mit Blitzesschnelle, mit Blitzesgewalt. Seine Lippen öffneten sich, gleich als wollte er sprechen; er unterdrückte aber die Worte - welcher Art sie auch sein mochten - die auf denselben waren.
‘Nun, was haben Sie?’ fragte ich.
,Ganz und gar Nichts,’ war die Antwort.
Und indem er das Papier wieder hinlegte, bemerkte ich, wie er einen schmalen Streifen von dem Rande geschickt abriß. Er verschwand in seinem Handschuh; und mit einem hastigen Nicke und einem ,Guten Abend’ entfernte er sich.
‘Ei, ei! das ist doch zu stark!’ rief ich.
Nun untersuchte ich auch das Papier, sah aber Nichts darauf, als einige Farbeflecken, die davon herrührten, daß ich manchmal die Farbe an meinem Pinsel probirt hatte. Ich sann einige Minuten über den mysteriösen Vorfall nach; da ich aber mir die Sache schlechterdings nicht erklären konnte, und dachte, es
würde nicht viel zu bedeuten haben, so vergaß ich das Ganze bald.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Als Herr St. John fortging, begann es zu schneien: das wilde Durcheinanderstürmen der Schneeflocken aauerte
die ganze Nacht. Am nächsten Tage brachte ein scharfer Wind neuen Schnee in solcher Masse, daß das Tageslicht erblindete: zur Zeit der Dämmerung war das Thal zugeweht und beinahe ungangbar. Ich hatte meinen Fensterladen geschlossen, eine Matte vor die Thüre gelegt, um den Schnee zu verhindern, unter derselben hereinzudringen, mein Feuer geschürt, und zündete, nachdem ich fast eine Stunde am Kamin gesessen und der dumpftönenden Wuth des Sturmes zugehört, ein Licht an, nahm meinen Marmion zur Hand und begann zu lesen:
‘Die Sonne sank auf Norhams Schloß,
Und auf den breiten, tiefen Schooß
Der Tweed, und auf Cheviots Berge;
Die starke Mauer, der hohe Thurm
Erglänzt' in gold’nem Schein, der Sturm
War lange schon eingeschlafen.’
Bald vergaß ich bei solcher Musik den Sturm.
Ich hörte ein Geräusch: ich glaubte, der Wind rüttle an der Thür. Aber nein; es war St. John Rivers, der, indem er auf die Klinke drückte, aus dem kalten Orkan der heulenden Finsterniß hereinkam und sich vor mich hinstellte; der Mantel, der seine hohe Gestalt bedeckte, war über und über weiß wie ein Gletscher. Ich war fast bestürzt; so wenig hatte ich an
jenem Abend einen Gast aus dem zugeschneiten Thal erwartet.
,Sie bringen doch keine schlimme Nachricht?’ fragte ich. ,Ist Etwas geschehen?’
‘Nein. Wie leicht lassen Sie sich erschrecken!’ antwortete er, indem er seinen Mantel ablegte und an
die Thüre hängte, gegen die er auch wieder ganz kalt die Matte schob, die er beim Eintreten von der Stelle
gerückt hatte. Er entfernte den Schnee von seinen Stiefeln, indem er mit denselben zu wiederholten Malen
auf den Boden stieß.
,Ich werde Ihren reinen Fußboden beschmutzen,’ sagte er; ‘aber Sie müssen mich dieses Mal entschuldigen.’
Sodann' näherte er sich dem Feuer.
,Es hat mich viele Mühe gekostet, hieher zu kommnen: ich versichere es Ihnen,’ bemerkte er, während er über der Flamme seine Hände wärmte. ,Einmal sank ich in eine Schneewehe bis an den Leib herauf: glücklicherweise ist der Schnee noch ganz locker.’
,Aber was führt Sie her?’ konnte ich nicht umhin zu sagen.
‘Eine etwas ungastfreundliche Frage an einen Besuch; aber da Sie dieselbe einma! gestellt haben, so antworte ich Ihnen, daß ich mit Ihnen nur ein Bischen reden möchte; ich wurde meiner stummen Bücher und leeren Zimmer überdrüssig. Zudem habe ich seit gestern die Aufregung einer Person empfunden, der man eine Geschichte nur halb erzählt hat und die es nun nicht erwarten kann, das Folgende zu hören.’
Er setzte sich.
Ich erinnerte mich seines gestrigen seltsamen Benehmens und fing wirklich an zu fürchten, sein Verstand möchte etwas gelitten haben. War er indessen wahnsinnig, so war sein Wahnsinn ein sehr kalter und besonnener: nie hatte sein schönes Gesicht so einem fein gearbeiteten Marmor geglichen, wie eben jetzt; als er sein vom Schnee nasses Haar aus der Stirne strich und das Licht des Feuers frei auf seine blasse Stirn und seine ebenso blasse Wange scheinen ließ, worauf ich zu
meinem Kummer die jetzt so deutlich gezogene Furche der der Sorge und des Grams entdeckte. Ich wartete, indem ich dachte, er würde Etwas sagen, was ich wenigstens verstehen könnte; aber seine Hand war jetzt an seinem Kinn, sein Finger an seiner Lippe: er sann offenbar nach. Was mir auffiel, war, daß seine Hand abgezehrt aussah, wie sein Gesicht. Ein vielleicht unzeitiges Gefühl des Mitleids kam über mein Herz und
so sagte ich denn:
‘Ich wollte, Diana oder Mary könnte hieher kommen und bei Ihnen wohnen: es ist doch zu arg, Sie
so ganz allein zu lassen; und Sie nehmen viel zu wenige Rücksicht auf Ihre Gesundheit.’
,Ganz und gar nicht,’ sagte er: ,ich pflege mich und nehme mich in Acht, wenn es nöthig ist: jetzt aber
ist es mir wohl. Was sehen Sie denn an mir, das
nicht ganz in der Ordnung wäre?’
Dieß wurde mit nachlässiger, zerstreuter Gleichgültigkeit gesagt, die mir bewies, daß die von mir an
den Tag gelegte Sorge, wenigstens nach seiner Meinung, gänzlich überflüssig sei. Ich schwieg daher.
Er bewegte noch immer seinen Finger langsam über seine Oberlippe, und sein Auge verweilte noch träumerisch bei dem glühenden Feuer. Da ich es für nöthig hielt, Etwas zu sagen, so sagte ich ihn nach einer Weile, ob von der Thüre hinter ihm keine kalte Luft bis zu ihm dringe.
‘Nein, nein,’ antwortete er kurz und etwas trotzig.
,Nun,’ dachte ich; ‘wenn Sie nicht reden wollen, so mögen Sie schweigen: ich will Sie jetzt in Ruhe lassen und mich wieder mit meinem Buche beschäftigen.’
Ich putzte daher das Licht und las wieder in meinem Marmion. Bald aber regte er sich; mein Auge
heftete sich nach einigen Augenblicken unwillkührlich auf seine Bewegungen: er zog nun eine Brieftasche von
Saffianleder heraus, nahm daraus einen Brief, den er schweigend las, faltete denselben wieder zusammen, steckte
ihn wieder in die Brieftasche und versank in sein früheres Sinnen. Es war vergeblich, auch nur den Versuch zu machen, zu lesen, so lange ich einen so starren und unerforschlichen Gegenstand vor mir hatte; auch konnte ich bei meiner Ungeduld mich nicht zur Rolle einer Stummen bequemen: er mochte mich zurückweisen, wenn es ihm gefiel, aber sprechen mußte ich.
,Haben Sie kürzlich von Diana und Mary gehört?’
,Nicht seit dem Briefe, den ich Ihnen vor einer Woche gezeigt.’
’Es ist in Ihren eigenen Anordnungen keine Veränderung eingetreten? Sie werden England nicht früher
verlassen dürfen, als Sie erwarteten?’
‘Ich fürchte in der That, daß es nicht der Fall sein wird; ein solches Glück wäre zu gut für mich.’
Als ich mich so zurückgewiesen sah, so wählte ich einen andern Gegenstand des Gesprächs, und fing an
von der Schule und meinen Schülerinnen zu reden.
,Mit Mary Garrett's Mutter geht es besser, und Mary kam diesen Morgen wieder in, die Schule. Nächste
Woche bekomme ich wieder vier Mädchen von der Gießerei - wäre nicht der Schnee gewesen, so wären sie
schon heute gekommen.’
,So!’
‘Herr Oliver zahlt für zwei.’
‘So!’
,Er hat im Sinn, bis Weihnachten die ganze Schule zu bewirthen.’
Ich weiß es.
‘Haben Sie es vorgeschlagen?’
,Nein.’
,Wer denn?’
,Vermuthlich seine Tochter.’
,Es sleht ihr gleich: sie ist so gutmüthig.’
‘Ja.’
Abermals eine Pause: die Glocke schlug acht. Dieß weckte ihn aus seiner Träumerei auf; er that seine gekreuzten Beine auseinander, setzte sich gerade hin und wandte sich zu mir.
,Lassen Sie Ihr Buch einen Augenblick, und kommen Sie etwas näher zum Feuer her,’ sagte er.
Verwundert und meiner Verwunderung kein Ende findend, that ich, wie er gesagt.
,Vor einer halben Stunde,’ fuhr er fort, ‘habe ich von meiner Ungeduld, das Ende einer Geschichte zu
hören, gesprochen: bei reiferer ¨eberlegung finde ich, daß es besser sein wird, wenn ich die Rolle des Erzählers übernehme und Sie zuhören lasse. Ehe ich beginne, ist es nicht mehr als billig, Ihnen im Voraus
zu sagen, das die Geschichte in Ihren Ohren etwas abgedroschen klingen wird; aber alle Einzelheiten erlangen oft wieder einen gewissen Grad der Frische, wenn sie durch neue Lippen gehen. Uebrigens ist sie, ob abgedroschen oder neu, jedenfalls kurz.’
,Vor zwanzig Jahren verliebte sich ein armer Landpfarrer - für jetzt wollen wir uns um seinen Namen nicht bekümmern - in die Tochter eines reichen Mannes: sie verliebte sich in ihn und heirathete ihn auch gegen den Rath aller ihrer Freunde und Verwandten, die sie deßhalb gleich nach der Heirath verläugneten. Ehe zwei Jahre vergingen, war das unbesonnene Paar todt und lag ruhig in Einem Grab, und unter Einem Leichenstein. (Ich habe ihr Grab gesehen:
es ist auf einem großen Kirchhofe, der die düstere rußschwarze alte Kathedrale einer übermäßig großen Manufakturstadt in der Grafschaft - umgibt). Sie hinterließen eine Tochter, die schon bei ihrer Geburt die Mildthätigkeit in ihren Schooß aufnahm - in ihren Schooß,so kalt wie der Schneehaufen, worin ich heute Abend um ein Haar stecken geblieben wäre. Die Mildthätigkeit trug das aller Freunde beraubte Wesen in das Haus seiner reichen Verwandten von mütterlicher Seite; es ward aufgezogen von einer Tante, Namens - jetzt muß ich Namen nennen - Mistreß Reed von Gateshead. Sie stutzen: haben Sie etwa ein Geräusch gehört? Es ist wohl nur eine Ratte, die auf den Dachsparren des, Schulgebäudes daneben herumläuft: es war, ehe ich es hatte ausbessern und verändern lassen, eine Scheune, und in Scheunen gibt es gewöhnlich auch Ratten.’
,Doch wir wollen nun wieder zur Sache kommen. Mistreß Reed behielt die Waise zehn Jahre in ihrem Hause: ob letztere sich bei ersterer glücklich fühlte oder nicht, vermag ich wirklich nicht zu sagen, da ich nie Etwas darüber erfahren; als aber diese Zeit um war, that sie sie an einen Ort, den Sie kennen müssen - da es kein anderer ist, als die Schule zu Lowood, wo Sie selbst sich so lange aufgehalten haben. Es scheint, ihre Laufbahn dort war sehr ehrenvoll: eine ausgezeichnete Schülerin, wurde sie zur Lehrerin, wie Sie - es fällt mich in der That auf, daß in der Geschichte dieses Waisenkindes so viele Punkte sind, die mit den Ihrigen parallel laufen, - sie verließ Lowood, um Erzieherin zu werden: auch hier ist Ihr Schicksal wieder analog; sie unternahm die Erziehung der Mündel eines gewissen Herrn Rochester.’
,Herr Rivers!’ fiel ich ein.
,Ich kann mir Ihre Gefühle denken,’ sagte er, ,aber halten Sie dieselben nur noch eine kleine Weile
zurück: ich bin in einem Augenblick fertig; hören Sie mich bis zu Ende. Von Herrn Rochesters Charakter
weiß ich Nichts, als nur die Eine Thatsache, daß er mit diesem jungen Mädchen eine ehrenvolle Verbindung
eingehen zu wollen vorgab, und daß sie noch am Altar entdeckte, daß er noch eine Frau, obgleich dieselbe wahnsinnig, am Leben habe. Welcher Art sein späteres Betragen und seine weiteren Vorschläge waren, kann ich bloß vermuthen; als aber ein Ereigniß bekannt wurde, das die Nachfrage nach der Erzieherin nöthig machte, stellte es sich heraus, daß dieselbe fort war - und Niemand konnte sagen, -wann, wo oder wie. Sie hatte zur Nachtzeit Thornfield-Hall verlassen: jede Nachforschung nach dem Wege, den sie eingeschlagen, war vergeblich gewesen: man hatte das Land weit und breit
durchsucht, und dennoch war leine Spur von Nachricht über sie zu erhalten. Nun aber ist es dringend nothwendig geworden, daß sie ausgefunden werde: in allen Zeitungen sind Aufforderungen erschienen; ich selbst habe von einem Herrn Briggs, einem Advokaten, einen Brief erhalten, worin mir die Einzelheiten mitgetheilt worden, die ich Ihnen so eben gegeben. Ist das nicht eine seltsame Geschichte?’
,Sagen Sie mir nur Eines,’ sagte ich, und da Sie so viel wissen, können Sie mir es gewiß sagen, was ist aus Herrn Rochester geworden? Wie geht es ihm und wo ist er? Was thut er? Ist er gesund?’
,Ich weiß von Herrn Rochester lediglich gar Nichts: der Brief thut seiner nie anders Erwähnung, als um den betrügerischen und gesetzwidrigen Versuch, wovon ich schon gesprochen, zu berichten. Sie sollten
mich lieber, nach dem Namen der Erzieherin fragen, nach der Natur des Ereignisses, das ihr Erscheinen
nothwendig macht.’
,So ist denn Niemand nach Thornfield-Hall gegangen? Hat Niemand Herrn Rochester gesehen?’
,Ich denke nicht.’
"Aber man hat doch an ihn geschrieben?’
,Natürlich.’
‘Und was hat er gesagt? Wer hat seine Briefe?’
‘Herr Briggs sagt in seinem Briefe, die Antwort auf seine Anfrage sei nicht von Herrn Rochester, sondern von einer Dame gekommen: die Unterschrift ist ‘’Alice Fairfax.’’
Es durchlief mich kalt, und es ergriff mich Bangigkeit bei dieser Nachricht; das, was ich am Meisten gefürchtet, war somit wahrscheinlich eingetroffen: höchst wahrscheinlich hatte er England verlassen und in ruheloser Verzweiflung einen seiner früheren Aufenthaltsorte auf dem Continente aufgesucht. Und welches Opiat hatte er dort für sein heftiges Leiden gesucht - welchen Gegenstand für seine starken Leidenschaften? Ich wagte die Frage nicht zu beantworten. O mein
armer Herr, einst beinahe mein Gatte - den ich oft meinen theuern Eduard genannt hatte!’
,Er muß ein böser Mensch gewesen sein,’ bemerkte Herr Rivers.
‘Sie kennen ihn nicht — so sprechen Sie auch keine Meinung über ihn aus,’ sagte ich mit Wärme.
,Ganz gut,’ erwiederte er ruhig; ,und in der That ist mein Kopf mit andern Dingen beschäftigt, als mit ihm: ich muß meine Erzählung zu Ende bringen: Da Sie nach dem Namen der Erzieherin nicht sagen mögen, so muß ich ihn schon selbst nennen — warten Sie - da habe ich ihn - es ist immer besser, wenn man wichtige Dinge hübsch geschrieben, schwarz auf weiß, sieht.’
Und die Brieftasche wurde abermals bedächtig hervorgezogen, aufgemacht und durchsucht; plötzlich kam ein Fetzen Papier zum Vorschein, der hastig abgerissen worden war: ich erkannte an dem Gewebe und den Flecken von Ultramarin, Lack und Carmesin den entwendeten Rand des Papiers, das mir dazu gedient hatte, das Porträt zu schonen. Er stand auf, hielt es
mir dicht vor die Augen hin, und ich las die von mir selbst mit Tusch geschriebenen Worte: ,Jane Eyre,’
ohne Zweifel das Werk eines Augenblicks der Zerstreuung.
,Briggs hat mir von einer Jane Eyre geschrieben,’ sagte er; die Aufforderungen in den Zeitungen sprachen von einer Jane Eyre; ich kannte eine Jane Elliott. Ich gestehe, daß ich einigen Verdacht hegte; indessen hat sich derselbe erst gestern Nachmittag in Gewißheit aufgelöst. Sie erkennen den Namen an und geben den andern auf?’
,Ja: ja; — aber wo ist Herr Briggs? Vielleicht weiß er von Herrn Rochester mehr als Sie.’
,Briggs ist in London; indessen weiß er wohl Nichts von Herr Rochester: er interessirt sich nicht für Herrn
Rochester. Unterdessen vergessen Sie sehr wesentliche Dinge, während Sie Kleinigkeiten zu erfahren suchen:
Sie fragen nicht, warum Herr Briggs sich so viele Mühe gibt, Ihren Aufenthaltsort zu entdecken; was er von
Ihnen will.’
‘Nun, was will er denn von mir?’
‘Er will Ihnen bloß sagen, daß Ihr Oheim, Herr Eyre von Madeira, gestorben ist; daß er Ihnen sein
ganzes Vermögen vermacht hat und daß Sie nun reich sind - nur das - weiter gar Nichts.’
,Ich, reich.’
,Ja. Sie, reich — eine reiche Erbin.’
Es trat ein Schweigen ein.
,Sie müssen natürlich Ihre Identität nachweisen,’ fuhr St. John nach einer Weile fort: ,ein Schritt, der gar keine Schwierigkeiten darbieten wird; dann können Sie sogleich Ihr Vermögen in Besitz nehmen. Es ist dasselbe in englischen Staatspapieren angelegt: Briggs hat das Testament sammt den nöthigen Dokumenten.’
Hier war eine neue Karte aufgeschlagen! Er ist etwas Schönes. Leser, in einem Augenblicke aus einem
Zustande der Dürftigkeit in den des Reichthums versetzt zu werden — ja, es ist etwas sehr Schönes, aber doch Etwas, was man nicht aus einmal begreifen und daher auch nicht genießen kann. Und dann gibt es ja auch noch andere Wechselfälle im Leben, die weit aufregender wirken und ein größeres Entzücken verursachen: dieß ist solid, eine Sache der wirklichen Welt, es ist nichts Ideales daran: alle damit in Verbindung stehenden Gedanken sind solid und nüchtern, und ebenso
auch alle damit verknüpften Manifestationen. Man hüpft nicht, man springt nicht auf, man ruft nicht Hurrah! wenn man hört, daß; man ein Vermögen geerbt hat; man beginnt damit, die Verantwortlichkeiten zu überlegen, und Geschäftsgedanken zu haben: auf einer Grundlage sicherer Befriedigung erheben sich gewisse ernste Sorgen — und so mäßigen wir uns denn,
und brüten mit feierlicher Stirn über unserem Glück. Außerdem gehen die Worte: ,Vermächtnis, Testament,’ Hand in Hand mit den Worten: ,Tod, Begräbniß.’
Ich hatte gehört, daß mein Oheim, mein einziger Verwandter, todt sei; von der ersten Zeit an, wo ich von seinem Dasein Kunde hatte, hatte ich immer die Hoffnung genährt, ihn einst zu sehen: und nun sollte das nie mehr geschehen können. Und dann fiel dieses Geld mir allein zu: nicht mir und einer Familie, die sich darauf gefreut, sondern nur meinem allein stehenden Ich. Ohne Zweifel war es ein großes Glück, und es mußte um die Unabhängigkeit etwas Herrliches sein -ja, ich fühlte das - dieser Gedanke schwellte mein Herz.
,Endlich entfalten Sie Ihre Stirne,’ sagte Herr Rivers: ,ich glaubte, Medusa habe Sie angeblickt und Sie verwandelten sich in Stein. - Vielleicht fragen Sie nun, wie viel Sie werth sind?’
‘Wie viel bin ich werth?’
“O, es ist eine Kleinigkeit! Es verlohnt sich natürlich nicht der Mühe, davon zu sprechen - die Leute
sagen, zwanzigtausend Pfund - aber was will das heißen?’
‘Zwanzigtausend Pfund!’
Hier gab es wieder Etwas zu staunen: - ich hatte auf vier- bis fünftausend Pfund gerechnet. Diese Nachricht benahm mir in der That für einen Augenblick den Athem: und nun lachte Herr St. John, den ich noch nie hatte lachen hören.
,Nun,’ sagte er, ,wenn Sie einen Mord begangen, und ich Ihnen gesagt hätte, daß Ihr Verbrechen entdeckt worden, könnten Sie kaum erschrockener aussehen.’
,Es ist eine große Summe — glauben Sie nicht, daß hier ein Irrthum obwaltet?’
"Von einem Irrthum kann keine Rede sein.’
,Vielleicht haben Sie die Johlen nicht recht gelesen - es sind vielleicht zweitausend?’
"Es heißt mit Worten, nicht mitZahlen - zwanzigtausend.r
Ich erschien mir abermals wie ein Individuum, das, bei einer nur mittleren gastronomischen Kraft, an
einem Tische Platz nimmt, wo es für hundert essen soll. Herr Rivers erhob sich nun und legte seinen
Mantel um.
,Wäre es nicht eine so außerordentlich stürmische Nacht,’ sagte er, ‘so möchte ich Hannah herabschicken,
um Ihnen Gesellschaft zu leisten: Sie sehen zu verzweifelt elend aus, als daß man Sie allein lassen
könnte. Aber Hanna, die arme Frau! könnte nicht über die Schneewehen so gut wegschreiten, wie ich; ihre
Beine sind nicht ganz so lang; ich muß Sie daher, wohl oder übel, Ihrem Kummer und Ihnen Sorgen
überlassen. Gute Nacht!’
Schon drückte er auf die Klinke, als mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fuhr.
,Warten Sie noch einen Augenblick!’ rief ich.
,Nun!’
,Ich möchte doch wissen, warum Herr Briggs wegen meiner an Sie geschrieben hat, oder wie er Sie.
kannte, oder sich einbilden konnte, daß Sie, der Sie an einem so, ganz und gar abgelegenen Orte wohnen, zu
meiner Auffindung beitragen könnten.’
,O, ich bin ein Geistlicher,’ sagte er, ‘und man wendet sich an die Geistlichkeit oft wegen seltsamer
Dinge.’
Abermals rasselte die Klinke.
,Nein, das befriedigt mich nicht!’ rief ich, und es lag in der That in der hastigen und Nichts erklärenden Antwort Etwas, das meine Neugierde mehr denn je erregte, anstatt sie zu befriedigen.
’Es ist doch etwas höchst Sonderbares,' setzte ich hinzu, ‘ich muß noch mehr davon wissen.’
‘Ein anderes Mal.’
,Nein: heute Abend noch! - heute Abend noch!’
Und als er sich von der Thüre abwandte, stellte ich mich zwischen dieselbe und ihn. Er sah etwas verlegen
aus.
,Sie sollen gewiß nicht gehen, bis Sie mir Alles gesagt! sagte ich.
,Ich möchte es Ihnen lieber nicht sagen, und gerade jetzt nicht.’
"Sie sollen es aber! - Sie müssen es!’
,Es wäre mir lieber, wenn Diana oder Mary Sie darüber aufllärte.’
Natürlich steigerten diese Einwendungen meine Neugierde aufs Höchste: sie mußte nun befriedigt sein,
und zwar unverzüglich; und ich sagte es ihm.
‘Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich ein harter, schwer zu überredender Mann sei,’ sagte er.
,Und ich bin ein hartes Weib, - dessen man sich nicht so leicht entledigt.’
‘Und dann,’ fuhr er fort, ‘friert es mich: es ist kein Feuer in mir.’
,Dagegen brennt es in mir, und das Feuer schmelzt das Eis. Das lodernde Feuer dort hat allen Schnee
an Ihrem Mantel aufgethaut; und es hat das Wasser zu gleicher Zeit meinen Fußboden überschwemmt und
demselben das Aussehen einer vielbetretenen Straße gegeben. Soll ich Ihnen, Herr Rivers, das Verbrechen,
eine mit Sand bestreute Küche verderbt zu haben, vergeben, so sagen Sie mir, was ich zu wissen wünsche.’
,Nun gut,’ sagte er, ,ich gebe nach, wenn auch nicht Ihrem eifrigen Verlangen, so doch Ihrer Beharrlichkeit, wie ein Stein durch beständig herabtröpfelndes Wasser ausgehöhlt wird. Ueberdies müssen Sie es doch einmal erfahren: daher ebenso gut jetzt, wie später. Ihr Name ist Jane Eyre?’
‘Natürlich: das war ja Alles schon abgemacht.’
‘Sje wissen vielleicht nicht, daß ich ein Namensvetter bin? - daß ich St. John Eyre Rivers getauft
wurde?’
,Nein, gewiß nicht! Nur erinnere ich mich, daß ich den Buchstaben E neben den andern Anfangsbuchstaben Ihres Namens in Büchern gefunden habe, die Sie mir zu verschiedenen Zeiten geliehen; ich habe Sie aber nie gefragt, welchen Namen derselbe ausdrücken solle. Aber was dann? Sicherlich —‘
Ich hielt inne: ich mochte dem Gedanken nicht Nahrung geben, viel weniger einen Ausdruck, - der
sich plötzlich mir aufdrängte - sich verkörperte - in einer Sekunde als eine starke, feste Wahrscheinlichkeit
da stand. Umstände verketteten sich und paßten auf einander, und ordneten sich: die Kette, die bis daher als
ein formloser Haufen von Gelenken dagelegen hatte, wurde jetzt gerade ausgezogen, -- jeder Ring war vollkommen, und die Verbindung vollständig. Der Inftinkt sagte mir, wie die Sache sich verhalte, ehe St. John noch ein anderer Wort gesagt: aber ich kann von dem Leser nicht erwarten, daß er desselben unmittelbare Bewußtsein habe. Ich muß daher seine Erklärung hier wiederholen:
"Meiner Mutter Name war Eyre: sie hatte zwei Brüder; der Eine war ein Geistlicher, der Miß Jane Reed von Gates-Head heirathete; der Andere - John Eyre, Esg., Kaufmann, zuletzt in Funchal auf der Insel Madeira. Herr Briggs, der Herrn Eyre's Advokat war, schrieb vergangenen August an uns, um uns von dem Tode unseres Oheims zu benachrichtigen und uns
zu gleicher Zeit zu sagen, daß derselbe sein Vermögen der verwaisten Tochter seines Bruders, des Geistlichen, vermacht, und uns, in Folge eines Streits zwischen ihm und meinem Vater — eines Streits, den er nie vergessen - übergangen habe. Er hat vor einigen Wochen abermals geschrieben, um zu sagen, daß die Erbin verschwunden sei, und bei uns anzufragen, ob wir Nichts von ihr wüßten. Ein zufällig auf ein Stück Papier geschriebener Name setzte mich in den Stand, dieselbe
ausfindig zu machen. Das Uebrige wissen Sie.’
Abermals wollte er gehen, allein ich stellte mich mit dem Rücken gegen die Thür.
,Lassen Sie mich sprechen,’ sagte ich; ‘gönnen Sie mir einen einzigen Augenblick, um Athem zu schöpfen
und nachzudenken.’
Ich schwieg - er stand vor mir, mit dem Hut in der Hand, und ziemlich gefaßt aussehend. Ich fuhr also
fort: ,Ihre Mutter war also meines Vaters Schwester?’
,Ja.’
‘Folglich meine Tante.’
Er nickte.
,Mein Oheim, John, war Ihr Oheim, John? Sie, Diana und Mary, sind seiner Schwester Kinder; wie ich seines Bruders Kind bin?’
,Unzweifelhaft.’
Sie drei also sind Vetter und Cousinen zu mir: die Hälfte unseres Bluts auf jeder Seite kommt von derselben Quelle?’
,Wir sinn Geschwisterkinder; Ja.’
Ich betrachtete ihn. So hatte ich denn, wie es schien, einen Bruder gefunden: einen Bruder, auf den ich stolz sein, - den ich lieben konnte; und zwei Schwestern, deren Eigenschaften von der Art waren, daß, als ich sie als bloße Fremde kennen gelernt, sie mir ächte Zuneigung und Bewunderung eingeflößt hatten. Die zwei Mädchen, nach denen ich, auf dem nassen Boden kniend und durch das niedrige vergitterte Fenster der Küche in Moor-House blickend, mit einer so bittern
Mischung von Theilnahme und Verzweiflung gesehen hatte, waren meine nahen Verwandten, und der junge und stattliche Herr, der mich fast sterbend auf seiner Schwelle gefunden, mein Blutsverwandter. Eine gloriose Entdeckung für eine ganz allein in der Welt dastehende Unglückliche! Das war in der That Reichthum! — Reichthum für das Herz! - ein Schacht reiner, wohlthuender Gefühle. Das war ein Segen. herrlich, belebend, erheiternd! - Nicht wie die gewichtige Gabe
des Goldes, die in ihrer Weise reich und willkommen genug war, aber gerade wegen ihres Gewichts nüchtern
stimmend. Ich schlug nun vor plötzlicher Freude die Hände zusammen - mein Puls hüpfte - meine Adern waren freudig durchzuckt.
,O, ich bin froh! - ich bin froh! -‘ rief ich aus.
St. John lächelte und fragte: ,Sagte ich Ihnen nicht, Sie vernachlässigten wesentliche Punkte, um Kleinigkeiten nachzujagen? Sie waren ernst gestimmt, als ich Ihnen sagte, daß Sie ein Vermögen geerbt; und nun sind Sie wegen einer Sache, die keine Bedeutung hat, aufgeregt.’
,Was wollen Sie damit sagen? Für Sie mag es von keiner Bedeutung sein; Sie haben Schwestern, und kümmern sich nicht um eine Cousine; ich aber hatte Niemand; und nun sind drei Verwandte, - oder zwei, wenn Sie nicht dazu gezählt sein wollen, - für mich ganz erwachsen zur Welt gekommen. Ich sage abermals, ich bin froh!’
Ich ging rasch durch's Zimmer: ich blieb stehen, halb erstickt von den Gedanken, die rascher ausstiegen,
als ich sie aufnehmen, begreifen, ordnen konnte: — Gedanken über das, was sein könnte, würde und sollte,
und zwar in Bälde. Ich blickte auf die weiße Wand: Sie schien ein Himmel voll aufsteigender Sterne zu sein,
- jeder leuchtete mir zu einem Zwecke oder einer Freude. Denen- könnte ich nun Gutes erweisen, die mir das Leben gerettet, — die ich bis zu dieser Stunde unfruchtbar geliebt hatte. Sie waren unter einem Joche: ich konnte sie befreien; sie waren zerstreut, — ich konnte sie wieder vereinigen: - die Unabhängigkeit, der Reichthum, der mein war, konnte auch der ihre werden. Waren wir nicht unser vier? Wollte man zwanzigtausend Pfund gleich theilen, so erhielt Jedes fünftausend, genug und mehr als genug: es wurde Gerechtigkeit geübt, — es wurde unser Aller Glück gesichert. Nun
war der Reichthum keine Last mehr für mich; nun war es kein bloßes Vermächtniß von Goldmünzen; — es
war ein Vermächtniß von Lebenshoffnung und Freude.
Wie ich aussah, während diese Gedanken sich meines Geistes im Sturmschritt bemächtigten, vermag ich
nicht zu sagen; allein ich bemerkte bald, daß Herr Rivers einen Stuhl hinter mich gestellt hatte, und sanfte
Versuche machte, mich zum Sitzen zu bewegen. Auch mahnte er mich, gefaßt und ruhig zu sein. Ich wies
die Anspielung auf meine Hülflosigkeit und meine an Wahnsinn grenzende Zerstreutheit mit Verachtung zurück, machte mich los von ihm, und fing wieder an, auf und ab zu gehen.
,Schreiben Sie gleich morgen an Diana und Mary,’ sagte ich, ‘und sagen Sie ihnen, sie sollen alsbald nach
Hause kommen: Diana hat ja gesagt, sie würden sich beide mit tausend Pfund für reich erachten; mit fünftausend werden sie somit ganz gut auskommen.’
Sagen Sie mir, wo ich ein Glas Wasser für Sie bekommen kann,’ sagte St. John; ,Sie müssen in der That ruhiger zu werden suchen.’
,Unsinn! und welche Wirkung wird das Vermächtniß auf Sie hervorbringen? Wird es Sie dazu bewegen können, daß Sie in England bleiben, daß Sie Miß Oliver heirathen und einen eigenen Haushalt wie ein gewöhnlicher Sterblicher begründen?’
,Sie phantasiren: Ihr Kopf wird verwirrt. Ich habe Ihnen die Nachricht mitgetheilt, ohne Sie gehörig
vorzubereiten, und es hat dieselbe Sie über Ihre Kräfte aufgeregt.’
‘Herr Rivers! Sie machen mich ganz ungeduldig; ich bin bei gesundem Verstande; Sie sind es, der mich mißversteht, oder vielmehr thut, als mißverstehe er mich.’
,Ich würde Sie vielleicht besser verstehen, wenn Sie sich ein klein wenig deutlicher erklärten.’
"Erklären! was ist hier zu erklären? Sie müssen doch sehen, daß zwanzigtausend Pfund — die in Frage stehende Summe - gleich getheilt unter den Neffen und die drei Nichten Ihres Oheims, für Jedes fünftausend macht? Was ich will, ist, daß Sie an Ihre Schwestern schreib, und dieselben von dem Vermögen, das ihnen zugefallen, in Kenntniß setzen.’
,Das Ihnen zugefallen, meinen Sie?’
,Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie ich die Sache ansehe: eine andere Ansicht kann ich derselben nicht abgewinnen. Ich bin nicht gemein selbstsichtig, bin nicht blind ungerecht, bin nicht dämonisch undankbar. Zudem will ich eine Heimath, will ich Verwandte haben. Ich liebe Moor-House, und will in Moor-House wohnen; ich liebe Diana und Mary, und will Diana und Mary für mein ganzes Leben zu Freundinnen haben. Der Besitz, von fünftausend Pfund würde mir Freude machen
und eine Wohlthat: für mich sein; wogegen mich der Gedanke quälen und niederdrücken würde, daß ich zwanzigtausend besitze, die ich überdieß nie mit Recht mein nennen könnte, wenn auch das Gesetz mir sie zuspräche. Ich trete daher an Sie ab, was für mich durchaus überflüssig ist. Ich will von keinem Widerstand, von keinen Erörterungen in der Sache hören: wir wollen uns darüber verständigen und die Sache alsbald abmachen.’
’Es heißt dieß, einem ersten Antriebe folgen: Sie müssen die Sache tagelang reifer überlegen, ehe Ihr Wort als gültig angesehen werben kann.
‘O, wenn Sie sonst an Nichts zweifeln, als an meiner Aufrichtigkeit, so bin ich ruhig: Sie sehen das Gerechte bei, der Sache ein?’
‘Ich sehe darin eine gewisse Gerechtigkeit; allein es ist aller Gewohnheit zuwider. Zudem gehört das ganze Vermögen Ihnen rechtmäßig: mein Oheim hat es durch seinen eigenen Fleiß erworben: er konnte es hinterlassen, wem er wollte; er hat es Ihnen vermacht. Alles genau betrachtet, erlaubt Ihnen die Gerechtigkeit, es zu behalten: Sie können durchgus mit reinem Gewissen als Ihr Eigenthum ansehen.’
‘Bei mir,’ sagte ich, ‘ist es ebenso Gefühls-, als Gewissens-Sache: ich muß meinen Gefühlen ihren Lauf lassen; ich habe so selten Gelegenheit gehabt, es zu thun. Wenn Sie auch ein Jahr lang mit mir streiten, mir Gründe entgegenhalten, und sich damit belastigen würden, so könnte ich doch mir das Wonnegefühl nicht versagen, wovon ich schon Etwas verspürt,
und das für mich darin besteht, daß ich zum Theil mich einer großen Verpflichtung entledige, und mir Freunde
für mein ganzes Leben gewinnen kann.’
‘Jetzt denken Sie so,’ erwiederte St. John; weil Sie nicht wissen, was es heißt, Reichthum zu besitzen, - und daher auch nicht verstehen, den Reichthum zu genießen: Sie kömnen sich keinen Begriff machen von der Wichtigkeit, die zwanzigtausend Pfund Ihnen verleihen würden; von der, Stellung, welche Sie dadurch in der Gesellschaft einnehmen könnten; von den Aussichten, die sich dadurch Ihnen eröffnen müßten: Sie können nicht —.’
,Und Sie,’ fiel ich ein, ,können sich nicht mein sehnliches Verlangen nach brüderlicher und schwesterlichr Liebe vorstellen. Ich hatte nie eine Heimath, nie Brüder oder Schwestern; ich muß und will solche nun haben. Sie haben Nichts dawider, mich in die Familie aufzunehmen und mich anzuerkennen, nicht wahr?’
‘Jane, ich will Ihr Bruder sein — meine Schwestern werden Ihre Schwestern sein, - ohne diese Aufopferung Ihrer durchaus wohlbegründeten Rechte zu verlangen.’
‘Bruder? Ja; in einer Entfernung von tausend Stunden! Schwetern? Ja, — die bei Fremden das Brod der Sklaverei essen müssen! Ich, reich - mit Gold überladen, das ich nicht erworben und nicht verdiene! Ihr, ohne alles Vermögen! Eine schöne Gleichheit und Brüderlichkeit! Eine feste Verbindung! Eine innige Freundschaft!’
,Aber Jane, Ihr Sehnen nach Familienbanden und häuslichem Glück kann in anderer Weise gestillt werden als durch die Mittel, die Sie im Sinne haben: Sie dürfen sich ja nur verheirathen!’
‘Abermals Unsinn! Heirathen! ich brauche nicht zu heirathen und werde auch nie heirathen. Das ist zu viel gesagt: so gewagte Behauptungen sind eben ein Beweis von Ihrer großen Aufregung.’
,Es ist nicht zu viel gesagt: ich weiß, was ich fühle, und wie sehr mir der bloße Gedanke an eine
Heirath zuwider ist. Niemänd würde mich aus Liebe nehmen, und als bloße Geldspeculation will ich nicht
angesehen sein. Auch brauche ich keinen Fremden, der nicht mit mir sympathisirt, und der von mir ganz und
gar verschieben ist: ich will bloß mit solchen Leuten umgehen, die mir verwandt sind, und die Ein Herz
und Eine Seele mit mir haben. Sagen Sie noch einmal, daß Sie mein Bruder sein wollen: als Sie diese
Worte aussprachen, war ich froh und glücklich; wiederholen Sie dieselben, wenn Sie können, und wiederholen
Sie sie aufrichtig.’
‘Ich denke, ich kann es: ich weiß, ich habe stets meine Schwestern geliebt; und ich weiß, worauf meine
Liebe zu ihnen sich gründet, - auf die Achtung für ihren Wenth, und auf die Bewunderung ihrer Talente. Auch Sie haben Grundsätze, auch Sie haben Geist und Gemüth: Ihr Geschmack und Ihre Gewohnheiten gleichen denen Diana's und Mary’s; Ihre Gegenwart ist mir stets angenehm; in Ihren Worten habe ich seit einiger Zeit einen heilsamen Trost gefunden. Ich fühle, ich kann in meinem Herzen Ihnen, alsmeiner dritten und jüngsten Schwester, leicht und natürlich einen Platz
gönnen.’
,Ich danke Ihnen: das ist mir für diesen Abend genug. Und nun ist es wohl besser, Sie gehen; denn wenn Sie länger da bleiben, so ärgern Sie mich vielleicht auf’s Neue durch irgend eine mißtrauische Bedenklichkeit.’
,Und die Schule, Miß Eyre? Sie muß nun vermuthlich wieder geschlossen werden?’
,Nein: ich werde meinen Posten als Schullehrerin so lange einnehmen, bis Sie eine passende Stellvertreterin finden.’
Er lächelte beifällig: wir drückten einander die Hand und er verabschiedete sich.
Ich brauche wohl die ferneren Kämpfe, die ich hatte, und die Beweggründe, die ich geltend machte, um in Betreff der Erbschaft Alles so zu ordnen, wie ich wünschte, nicht aufzuzählen. Meine Aufgabe war eine höchst schwierige; da ich aber durchaus entschlossen war; - da meine Cousinen und mein Vetter endlich sahen, daß meine Absicht unverrückbar feststand, das Vermögen billig zu theilen; ds sie in ihrem eigenen Herzen fühlen mußten, daß meine Absicht gegen die Grundsätze der Billigkeit nicht verstieß, und da Sie überdieß das angeborne Bewußtsein haben mnßten, daß
sie an meiner Stelle gerade so gehandelt haben würden, wie ich zu handeln wünschte — so gaben sie endlich soweit ngch, daß sie die Sache schiedsrichterlicher Entscheidung anheim gestellt wissen wollten. Die gewählten Schiedsrichter waren Herr Oliver und ein erfahrener Rechtsgelehrter: Beide stimmten meiner Ansicht bei, und ich gewann also meinen Prozeß. Die Uebertragungsdokumente wurden ausgefertigt: St. John, Diana, Mary und ich erhielten Jedes ein zulängliches
Vermögen.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Die Weihnachts-Feiertage kamen herbei, bis Alles im Reinen war: die Zeit der allgemeinen Ferien und
Festlichkeiten stand vor der Thür. Ich schloß jetzt die Schule zu Morton, und trug Sorge, daß der Abschied von meiner Seite kein trockener war. Das Glück schließt in wunderbarer Weise sowohl die Hand, als das Herz auf; und Etwas geben, wenn man Viel empfängt, heißt bloß, dem ungewohnten Ueberströmen der Gefühle kein Hinderniß in den Weg legen. Lange hatte ich mit Vergnügen gefühlt, daß viele meiner ländlichen Schülerinnen mich liebten, und als wir von einander schieden, bestätigte sich diese meine innere Ueberzeugung: sie legten ihre Liebe offen und stark an den Tag. Groß und innig war meine Freude, als ich fand, daß ich wirklich einen Platz in ihren jeder Verstellung fremden Herzen habe: ich versprach ihnen, daß künftig keine Woche vergehen sollte, wo ich sie nicht besuchen und ihnen in ihrer Schule eine Lection von einer Stunde geben würde.
Herr Rivers kam zu mir her, nachdem die Classen, die jetzt sechzig Mädchen zählten, an mir vorbei defilirt waren, und ich die Thüre verschlossen hatte, - wie ich mit dem Schlüssel in der Hand dastand und mit einem halben Dutzend meiner besten Schülerinnen noch insbesondere einige Abschiedsworte wechselte. Beläufig gesagt, waren diese Schülerinnen so anständige, achtbare, bescheidene und wohlunterrichtete junge Mädchen, als man unter dem britischen Landvolke nur finden kann. Und das willnicht wenig heißen; denn am Ende ist die britische, ländliche Bevölkerung die bestunterrichtete, gesittetste, sich am Meisten achtende in ganz Europa: seit jener Zeit habe ich Paysannes und Bäuerinnen gesehen; und die besten unter denselben schienen mir im Vergleich mit meinen Mortoner Mädchen unwissend, roh und dumm.
,Denken Sie, Sie haben Ihren Lohn für eine Zeit der Anstrengung erhalten?’ fragte Herr Rivers, als sich die Mädchen entfernt hatten. ‘Macht Ihnen das Bewußtsein, in Ihrem Leben und unter Ihrer Generation etwas wahrhaft Gutes gethan zu haben, kein Vergnügen?’
‘Ohne Zweifel.’
,Und Sie haben doch nur wenige Monate gearbeitet! Wäre nicht ein Leben, das der Arbeit der Wiedergeburt Ihres Geschlechts gewidmet wäre, wohl angewandt?’
‘Ja,’ sagte ich; ,aber ich könnte nicht immer das thun: ich muß mich so gut meiner eigenen Fähigkeiten mich erfreuen, als die Anderer ausbilden. Ich muß mich ihrer nun erfreuen: rufen Sie meinen Geist, rufen Sie meinen Körper nicht in die Schule zurück; jetzt bin ich nicht mehr darin, und will vollkommen frei sein.’
Er sah ernst aus und sagte: —
,Was nun? Welch plötzliche Begierde legen Sie hier an den Tag? Was wollen Sie jetzt thun?’
,Ich will thätig sein, so thätig, wie ich nur kann. Und vor Allem muß ich Sie bitten, Hannah frei zu lassen und Jemand anders zu suchen, der Sie bedient.’
‘Brauchen Sie sie?’
‘Ja, sie soll mit mir nach Moor-House gehen: Diana und Mary werden in einer Woche daheim, und bis zu ihrer Ankunft muß Alles in Ordnung gebracht sein.’
‘Ich verstehe: ich dachte, Sie hätten irgend einen Ausflug vor. Es ist besser so: Hannah soll Sie begleiten.’
,So sagen Sie ihr denn, sie solle sich bis Morgen bereit halten; und hier ist der Schlüssel zur Schulstube:
den Schlüssel zu meinem Häuschen sollen Sie morgen früh bekommen.’
Er nahm ihn.
"Sie geben ihn sehr gern ab,’ sagte er. ,Ich verstehe Ihre Fröhlichkeit nicht so ganz, da ich nicht weiß, zu welcher Beschäftigung Sie sich, als zu einem Ersatz für die, welche Sie aufgegeben, entschließen werden. Welchen Vorsatz, welchen Zweck, welchen Ehrgeiz haben Sie nun im Leben?’
,Mein erster Vorsatz und mein erster Zweck ist nun Moor-House von Oben bis Unten zu reinigen; mein zweiter, es mit Wachs, Oel und einer Anzahl von Tüchern zu reiben und zu putzen, bis es wieder glänzt; mein dritter, jeden Stuhl, jeden Tisch, jedes Bett, jeden Teppich mit mathematischer Genauigkeit zu ordnen; sodann werde ich Sie fast zu Grunde richten
durch den großen Kohlen- und Torf-Verbrauch, der nothwendig ist, um in jedem Zimmer ein gutes Feuer zu unterhalten; und endlich sollen die zwei Tage vor dem, an welchem man Ihre Schwestern erwartet, von Hannah und mir dazu verwandt werden, so viele Eier aufzuschlagen, so viele Beeren auszulesen, so viele Gewürze zu reiben, so viele Weihnachts-Kuchen zu backen, so viele Materialien zu Fleischpasten zusammen zu hacken, und andere Küchenceremonien durchzumachen, daß Worte
einem Uneingeweihten, wie Sie sind, nur einen höchst schwachen Begriff davon zu geben vermöchten. Kurz, mein Vorsatz ist, noch vor kommendem Donnerstag für Diana und Mary Alles und Jedes in einen absolut vollkommenen Zustand der Bereitschaft zu setzen; und ich setze meinen Ehrgeiz darein, ihnen ein vollkommenes Ideal einer Bewillkommnung zu geben, wenn sie eintreffen.’
St. John lächelte ein wenig: doch war er immer noch nicht ganz zufrieden.
‘Für jetzt ist das Alles recht schön und gut,’ sagte er; ‘aber im Ernst, - ich hoffe, Ihr Blick wird, wenn das erste Uebersprudeln der Lebhaftigkeit vorüber ist, sich nach Höherem richten, als häuslichen Freuden und Genüssen.’
,Aber dieß ist ja eben das Beste, was sie Welt zu bieten vermag!’ fiel ich ein.
,Nein, Jane, nein: diese Welt ist nicht da zum Genusse; suchen Sie nicht dieselbe zum Orte desselben
zu machen, noch auch zu dem der Ruhe; werden Sie nicht träge.’
‘Im Gegentheil, ich habe im Sinne, recht fleißig zu sein.’
,Jane! ich entschuldige Sie für jetzt; ich gebe Ihnen eine Frist von zwei Monaten zum wollen Genusse Ihrer neuen Lage, und damit Sie sich dieses so spät gefundenen Reizes der Verwandtschaft erfreuen
mögen: aber dann, hoffe ich, werden Sie beginnen, über Moor-House und Morton, und schwesterliche Gesellschaft und die selbstsüchtige Ruhe und die sinnliche Behaglichkeit civilisirten Ueberflusses hinauszusehen. Ich hoffe, die Ihnen inwohnende Kraft wird Ihnen dann mit ihrer Stärke abermals zu schaffen machen.’
Ich sah ihn überrascht an.
,St. John,’ sagte ich. ,ich glaube, es ist fast sündhaft von Ihnen, so zu sprechen. Ich will zufrieden sein wie eine Königin, und Sie machen den Versuch, mich zur Unruhe anzutreiben! Wozu?’
,Zu dem Zwecke, die Talente nutzbringend anzuwenden, die Gott Ihnen anvertraut hat, und worüber er gewiß eines Tags strenge Rechenschaft fordern wird. Jane, ich werde Sie genau und ängstlich bewachen: — ich sage Ihnen das im Voraus. Und versuchen Sie es, die übermäßige Vorliebe zu bändigen, womit Sie sich in die alltäglichen häuslichen Freuden stürzen. Klammern Sie sich nicht so zäh an die Bande des Fleisches an; sparen Sie Ihre Standhaftigkeit und
Ihren Eifer für eine Sache auf, die derselben würdig ist: hüten Sie sich, sie an abgedroschene, flüchtige Gegenstände zu verschwenden. Hören Sie, Jane?’
,Ja; gerade wie wenn Sie griechisch sprächen. Ich fühle, ich habe Grund genug, glücklich zu sein,
und ich will glücklich sein. Leben Sie wohl!’
In Moor-House war ich glücklich und arbeitete aus Leibeskräften: Hannah that das gleiche: sie war
ganz entzückt, zu sehen, wie heiter ich bei all der Verwirrung eines Hauses, wo das Unterste zu Oberst gekehrt ist, sein - wie ich bürsten und abstäuben, und putzen und kochen konnte. Und in der That war es nach einigen Tagen arger Verwirrung entzückend, nach und nach wieder aus dem Chaos, das wir selbstgemacht, die Ordnung hervorgehen zu lassen. Ich hatte vorher eine kleine Reise nach S- gemacht, um einige neue Möbeln zu kaufen, da meine Verwandten mir volle
Erlaubniß gegeben hatten, alle Veränderungen, die ich für zweckmäßig errachtete, vorzunehmen, und zu diesem
Zwecke eine Summe ausgesetzt worden war; das gewöhnliche Wohnzimmer, sowie die Schlafzimmer ließ ich fast ganz, wie sie waren; denn ich wußte, daß Diana und Mary mehr Freude daran finden würden, die alten, einfachen Tische, Stühle und Betten wiederzusehen, als an dem Schauspiele noch so zierlicher Neuerungen. Doch war es nothwendig, Neues herbeizuschaffen, um ihrer Rückkehr das Pikante zu geben, das ich derselben zu verleihen wünschte. Dunkle, schöne neue Teppiche und Vorhänge, eine passende Anordnung einiger sorgfältig ausgewählten antiken Porzellan- und Bronze-Zierathen, neue Decken und Spiegel, und Toilettenkästchen entsprachen dem Zwecke: sie sahen frisch aus, ohne durch ihren Glanz zu blenden. Ein Empfangzimmmer, sowie ein Schlafzimner für einen einzigen Gast möblirte ich ganz mit alten Mahagoni-Möbeln, deren Ueberzüge von carmesinrother Farbe waren, aus: ich legte Packtuch in den Gang und Teppiche auf die Treppen. Bis Alles fertig war, hielt ich Moor-House für ein so vollständiges Muster glänzender bescheidener Zierlichkeit und Bequemlichkeit nach Innen, als es in dieser Jahreszeit ein Muster von winterlicher Einöde und einsamer Traurigkeit nach Außen war.
Endlich kam der verhängnißvolle Donnerstag. Man erwartete sie mit Anbruch der Nacht, und ehe es dämmerte, wurden Feuer oben und unten angezündet; in der Küche war Alles glänzend und zierlich; Hannah und ich hatten uns herausgeputzt, und Alles war in Bereitschaft.
St. John kam, zuerst; ich hatte ihn gebeten, das Haus nicht zu betreten, bis Alles in Ordnung sei; und in der That reichte der bloße Gedanke an die Unruhe und das zu gleicher Zeit schmutzige und triviale Geschäft, das innerhalb der Wände desselben vorging, hin, um ihn fern zu halten. Er fand mich in der Küche, wie ich damit beschäftigt war, einige Kuchen zum Thee zu backen. Sich dem Herde nähernd, fragte er mich, ob ich, bald an solchen für eine Hausmagd passenden
Arbeiten genug hätte. Ich antwortete ihm damit, daß ich ihn einlud, mich bei einer allgemeinen Besichtigung
des Resultats meiner Arbeit zu begleiten. Mit einiger Schwierigkeit brachte ich ihn dazu, einen Gang durch's
Haus zu machen. Er sah bloß zu den Thüren hinein, die ich öffnete; und als er das ganze Daus besichtigt,
sagte er, es müsse mir viele Mühe und Anstrengung gekostet haben, so bedeutende Veränderungen in so kurzer Zeit herbeizuführen; allein er sagte keine Silbe, die ein Vergnügen ausgedrückt hätten über das schönere Aussehen seiner Wohnung.
Dieses Schweigen schlug mich etwas darnieder. Ich dachte, die Veränderungen hätten vielleicht einige alte Erinnerungen, auf die er einen Werth legte, gestört. Ich fragte ihn, ohne Zweifel in einem Tone,
der einige Niedergeschlagenheit verrieth, ,ob das der Fall wäre.’
‘Ganz und gar nicht,’ lautete die Antwort; er habe im Gegentheil bemerkt, daß ich jede Erinnerung
ängstlich geschont; er befürchte in der That, daß ich mehr Nachdenken auf die Sache verwendet haben müsse,
als dieselbe werth sei. Wie viele Minuten zum Beispiel ich habe darauf verwenden müssen, die Anordnung
gerade dieses Zimmers zu studiren? — Ob ich ihm, beiläufig gesagt, sagen könne, wo ein gewisses Buch
wäre?
Ich zeigte ihm den Band auf dem Bücherbrett: er nahm ihn herunter und begann, sich in seine gewohnte Fenstervertiefung zurückziehend, darin zu lesen.
Nun aber gefiel mir dieß nicht, verehrter Leser. St. John war ein guter Mensch; allein ich fing an, zu fühlen, daß er die Wahrheit von sich gesagt, als er behauptet, er sei hart und kalt. Die gefälligen und angenehmen Seiten des Lebens hatten für ihn nichts Anziehendes - seine friedlichen Genüsse keinen Reiz. Im buchstäblichen Sinne lebte er bloß, um zu streben - nach dem, was allerdings groß und gut war; aber doch konnte er niemals ruhen, und ebenso wenig mochte er es billigen, daß Andere um ihn her ruhten. Als ich seine hohe Stirne, still und bleich, wie ein weißer Stein, - seine feinen Züge, die beim Studiren bewegungslos waren, ansah, - da begriff ich mit Einem Mal, daß er kaum einen guten Ehegatten abgeben, und daß es keine kleine Aufgabe sein würde, seine Frau zu sein. Ich begriff, wie durch Inspiration, die Art seiner Liebe zu Miß Oliver: ich gab ihm Recht, daß es bloß eine Liebe der Sinne sei. Ich sah ein, wie er sich wegen des fieberhaften Einflusses, den sie auf ihn ausübte, verachten mußte; wie er wünschen mußte, dieselbe zu ersticken und auszurotten; wie er einen Zweifel darein setzen mußte, daß sie je dauernd zu seinem oder ihrem Glücke führe. Ich sah, daß er aus dem Stoffe gemacht sei, woraus die Natur ihre Helden - christliche und heidnische, — ihre Gesetzgeber, ihre Eroberer und Staatsmänner bildet: ein unerschütterliches Bollwerk, worauf große Interessen sich stützen können, aber am Kamin zu oft eine kalte, unbehülfliche, düstere, nicht an ihrem Platze befindliche Säule.
,Dieses Empfangzimmer ist nicht seine Sphäre,’ dachte ich: ,die Bergkette des Himalaya, das Land
der Buschmänner, ja selbst die von steter Pest heimgesuchte sumpfige Küste von Guinea wäre ihm angenehmer. Wohl mag er die Ruhe des häuslichen Lebens fliehen; sie ist nicht sein Element: dort ist für seine Fähigkeiten keine Entwicklung, dort können sie sich nicht in ihrem Glanze zeigen, sondern müssen traurig verkümmern.
In Scenen des Kampfes und der Gefahr -- wo Muth, Energie und Tapferkeit am Platze sind und sich erweisen - wird er sprechen und handeln, wie es einem Führer und einem Vorgesetzten gebührt. An diesem Herde würde ein lustiges Kind den Vortheil über ihn haben, Er hat Recht, daß er die Laufbahn eines Missionärs wählt: - ich sehe es nun.’
,Sie kommen!’ rief Hannah, die Thüre des Empfangzimmers aufreißend. In demselben Augenblicke
bellte der alte Carlo freudig. Ich rannte hinaus. Es
war dunkel; aber ein Rollen von Räder ließ sich hören.
Hannah hatte bald eine Laterne angezündet. Der Wagen hatte an dem Pförtchen angehalten; der Fuhrmann
machte den Schlag auf: zuerst kam eine wohlbekannte Gestalt und dann eine andere heraus. In einer Minute
hatte ich mein Gesicht unter ihren Hüten, in Berührung mit Mary's sanfter Wange; zuerst, und dann mit Diana's herabfließenden Locken. Sie lachten - küßten mich - und dann Hannah : streichelten Carlo, der vor
Freude fast außer sich war; fragten angelegentlich, ob Alles wohl sei, und eilten in das Haus hinein, als sie
eine bejahende Antwort erhielten.
Sie waren ganz steif von dem langen Fahren und dem starken Rütteln von Whitcroß an, und erstarrt von der kalten Nachtluft; aber ihre lieblichen Gesichter heiterten sich bei dem lustigen Kaminfeuer bald auf. Während der Fuhrmann und Hannah die Koffer und Schachteln hereinbrachten, fragten sie nach St. John. In diesem Augenblicke trat er aus dem Empfangzimmer. Sie warfen Beide ihre Arme zu gleicher Zeit um seinen Hals. Er gab einer Jeden einen ruhigen Kuß, sagte
ziemlich leise einige Worte des Willkomms, blieb eine Weile stehen, um mit sich reden zu lassen und zog sich dann mit den Worten, daß sie ihm vermuthlich bald in das Empfangzimmer nachfolgen würden, dahin zurück, als in ein Asyl.
Ich hatte ihre Lichter angezündet, um die Treppe hinaufzugehen, aber Diana hatte zuvor noch gastfreundliche Anweisungen hinsichtlich des Fuhrmanns zu geben; als es geschehen war, folgten wir Beide. Sie waren ganz in Entzücken versetzt von der neuen Anordnung in ihren Zimmern und von deren Ausschmückung; von der neuen Draperie, und den frischen Teppichen und den reich bemalten chinesischen Vasen: auch kargten sie mit ihrem Beifalle nicht. Ich hatte die Freude zu
fühlen, daß meine Anordnungen ihren Wünschen genau entgegen kamen, und daß, was ich gethan, ihrer freudigen Rückkehr nach Hause einen neuen Reiz verlieh.
Süß war dieser Abend. Meine Cousinen, voll Heiterkeit, waren in ihren Erzählungen und Bemerkungen so beredt, daß ihre mit geläufiger Zunge gesprochene Worte St. John's Schweigsamkeit unbemerkt ließen: er war aufrichtig erfreut, seine Schwestern zu sehen; aber mit ihrer überströmenden Freude konnte er nicht sympathisiren. Das Ereigniß des Tages - das
heißt, Diana's und Mary's Wiederkehr machte ihm Freude; aber, was dieß Ereigniß begleitete, der frohe Tumult, die geschwätzige Munterkeit des Empfangs ärgerte ihn: ich sah, er wünschte den ruhigen Morgen herbei. Gerade als diese nächtliche Freude ihren Höhepunkt erreicht hatte, - etwa eine Stunde nach dem Thee, — hörte man ein Klopfen an der Thüre. Hannah kam herein mit der Nachricht, ein armer Bursche sei zu dieser unanmuthigen und ungelegenen Zeit gekommen, um Herr Rivers zu seiner den Armen des Todes entgegeneilenden Mutter zu holen.
,Wo wohnt sie, Hannah?’
‘Ganz oben bei Whitcroß Brow, fast vier Meilen von hier; und Moor und Moos auf dem ganzen Weg.’
,Sage ihm, ich werde komnen.’
,Sie würden jetzt doch besser daran thun, wenn Sie nicht gingen, Sir. Es ist der schlimmste Weg zum Gehen, den man sich denken kann, sobald es dunkel ist: über den ganzen Sumpf führt kein Fußweg. Und dann ist die Nacht auch so bitter kalt - und der Wind so scharf, wie nur je. Sie thäten wohl besser, Sir, wenn Sie sagen ließen, daß Sie nächsten Morgen
dort sein wollten.’
Aber schon stand er im Gange und legte seinen Mantel um; und ohne eine Einwendung, ohne Murren ging er fort. Es war neun Uhr: und er kam nicht vor Mitternacht. Er war erfroren und müde genug; doch sah er froher aus, als beim Weggehen: er hatte einen Akt der Pflicht erfüllt, eine Anstrengung gemacht, seine eigene Kraft im Handeln und in der Selbstverläugnung gefühlt, und war mit sich selbst zufrieden.
Ich fürchte, die ganze folgende Woche stellte seine Geduld auf die Probe. Es war die Chrißtwoche, und wie beschäftigten uns daher nicht regelmäßig und mit keinem bestimmten Gegenstand, sondern brachten sie in einer Art froher, häuslicher Zerstreuung hin. Die Luft, die von den Mooren herwehte, die Freiheit des häuslichen Lebens, die Morgenröthe des Glückes, - wirkten auf Diana's und Mary's Lebensgeister wie ein wohlthuendes Elixir: sie waren lustig vom Morgen bis an
den Abend, und vom Abend bis an den Morgen. Sie konnten immer sprechen; und ihre Reden hatten, da sie witzig, körnig und originell waren, für mich einen solchen Zauber, daß ich denselben vor Allem gern zuhörte und daran Theil nahm. St, John tadelte unsere Lebhaftigkeit nicht; aber er entzog sich derselben: er war selten zu Hause: seine Gemeinde war groß, die Bevölkerung zerstreut, und so fand er täglich zu ihun, wenn er die Kranken und Armen in den verschiedenen
Districten aussuchen wollte.
Eines Morgens fragte ihn beim Frühstück Diana, nachdem sie einige Minuten etwas nachdenkend ausgesehen, ob seine Pläne noch unverändert seien?
,Unverändert und unveränderlich,’ war die Antwort. Sofort benachrichtigte er uns, daß seine Abreise aus England jetzt definitiv festgesetzt wäre und im folgenden Jahre stattfinden würde.
,Und Rosamond Oliver?’ sagte Mary, wobei die Worte ihren Lippen unwillkührlich zu entschlüpfen schienen; denn kaum hatte sie dieselben ausgesprochen, als sie eine Geberde machte, gleich als wünsche sie, dieselben zurückzunehmen. St. John hatte ein Buch in seiner Hand - es war seine ungesellige Manier, während des Essens zu lesen — er machte es nun zu, und sah auf.
,Rosamond Oliver,’ sagte er, ‘steht lm Begriffe, sich mit Herrn Granby, einem der achtbarsten und wegen seiner Familienverbindungen angesehensten Bewohner von S-, und Enkel und Erben Sir Frederic Granby's zu verheirathen; ihr Vater hat mir gestern diese Nachricht mitgetheilt.’
Seine Schwestern sahen einander und mich an; wir Alle sahen ihn an: kein Wölkchen trübte die Heiterkeit seines Antlitzes.
‘Die Sache muß schnell zu Stande gekommen sein,’ sagte Diana: ,sie können einander nicht lange gekannt
haben.’
"Nur zwei Monate; sie sahen einander im Oktober auf dem Grafschaftsball zu S—. Aber wenn, wie hier, so wenige Hindernisse einer Verbindung entgegenstehen; ja wenn dieselbe in jeder Hinsicht wünschenswerth ist, so ist jeder Aufschub unnöthig; sie werden sich verheirathen, sobald in S— Place, das ihnen Sir Frederic gibt, zu ihrer Aufnahme Alles bereit ist.'
Sobald ich St. John nach dieser Mittheilung wieder einmal allein fand, fühlte ich mich versucht, ihn zu
fragen, ob das Ereigniß ihm Kummer verursache; er schien aber sowenig der Sympathie zu bedürfen, daß ich, weit entfernt, ihm noch weitere zu zeigen, mich einiger Maßen bei der Erinnerung an das, was ich bereits gewagt, schämte. Er hatte sein Versprechen, mich wie eine Schwester behandeln zu wollen, nicht gehalten, er machte beständig kleine Unterschiede zwischen uns, die durchaus nicht erwärmend wirkten und die Entwicklung der Herzlichkeit beförderten; mit kurzen Worten, jetzt, wo ich als seine Verwandte anerkannt war und unter demselben Dache mit ihm lebte, fühlte ich, daß der Abstand zwischen uns viel größer war, als damals, wo er mich als bloße Schullehrerin gekannt hatte. Wenn
ich mich erinnerte, bis zu welchem Grade er mich einst seines Vertrauens gewürdigt, konnte ich seine jetzige
Kälte kaum begreifen.
Bei so bewandten Umständen fühlte ich mich nicht wenig überrascht, als er plötzlich seinen Kopf an dem
Schreibpult, über das er sich neigte, erhob und sagte;
,Sie sehen, Jane, die Schlacht ist geschlagen und der Sieg gewonnen.’
Ueberrascht durch diese Anrede, antwortete ich nicht alsbald, sondern sagte erst nach einigem Zaudern:
,Aber sind Sie auch gewiß, daß Sie nicht in der Lage jener Eroberer sind, deren Triumphe ihnen zu
theuer zu stehen gekommen sind? Würde nicht noch ein solcher Sieg Sie zu Grunde richten?’
,Ich denke nicht; und wenn es auch der Fall wäre, so hat es nicht viel zu bedeuten; ich werde keinen
zweiten Sieg der Art zu erkämpfen haben. Der Ausgang des Kampfes ist entscheidend; ich sehe nun meinen
Weg klar vor mir; ich danke Gott dafür!’
Dieß sagend, vertiefte er sich wieder in sein Buch und schwieg.
Als unsere gegenseitige Freude (das heißt, Diana’s, Mary's und die meinige) einen ruhigeren Charakter annahm, und wir zu unsern alten Gewohnheiten und regelmäßigen Studien zurückkehrten, blieb St. John länger zu Hause; er hielt sich, bisweilen stundenlang in demselben Zimmer mit uns auf. Während Mary zeichnete, lag Diana encyclopädischen Studien ob, die sie zu meinem Schrecken und meiner großen Verwunderung unternommen hatte; was, mich betrifft, so quälte
ich mich mit dem Deutschen ab, er aber brütete über einem eigenen mystischen Schatze, das heißt, über einer
orientalischen Sprache, deren Erlernung ihm als nothwendig für seine Pläne erschien.
So beschäftig, schien er, jn seinem Winkel sitzend, ziemlich ruhig und vertieft; aber sein blaues Auge
pflegte die fremd aussehende Grammatik zu verlassen und bisweilen mit einer seltsamen Intensität der Beobachtung über seine Studiengenossen hinzuschweifen und sich auf dieselben zu heften. Begegnete man demselben, so wurde es alsbald wieder abgezogen; doch suchte es immer wieder prüfend unsern Tisch auf. Ich fragte mich verwundert, was es wohl bedeuten möchte: ich wunderte mich auch über die pünktliche Zufriedenheit, die er nie verfehlte, bei einer Gelegenheit an den Tag zu legen, die mir von geringer Bedeutung schien, nämlich bei meinem wöchentlichen Besuche in der Schule zu Morton; und noch mehr fiel. es mir auf, wenn er, so oft das Wetter ungünstig war, so oft es schneite, regnete,
oder stark. windete, und seine Schwestern jn mich drangen, nicht zu gehen, einmal wie das andere ihre Besorgniß gar nicht hoch anschlug, und mich ermuthigte, die Aufgabe, die ich mir gestellt, zu vollführen, ohne auf die Elemente zu achten.
,Jane ist kein so weichliches Geschöpf, als Ihr aus ihr machen möchtet,’ pflegte er zu sagen; ,sie kann einen kalten Bergwind, einen Regenschauer, einige Schneeflocken so gut ertragen, wie nur eins von uns. Ihre Körperbeschaffenheit ist zugleich gesund und elastisch; kann klimatische Wechsel besser ertragen, als manche stärkere Person.’
Und wenn ich. zuweilen nicht wenig ermüdet und nicht wenig erkältet und durchnäßt zurückkam, wagte ich nie zu klagen, weil ich sah, daß ein Murren von meiner Seite ihn, nur ärgerlich machen würde. Bei allen Gelegenheiten - gefiel ihm die Standhaftigkeit: das Gegentheil war ihm ganz besonders unangenehm.
Eines Nachmittags aber erhielt ich Erlaubniß, zu Hause zu bleiben, weil ich mich wirklich erkältet und einen Schnupfen hatte. Seine Schwestern waren anstatt meiner nach Morton gegangen; ich saß da und las in meinem Schiller; er dagegen entzifferte seine wunderlichen, orientalischen Schnörkel. Als ich eine Uebersetzung mit einem Erercitium vertauschte, sah ich zufällig nach dem Ort hin, wo er sich befand: da fand ich mich unter dem Einflusse des immer wachenden
blauen Auges. Wie lange dasselbe mich durch und durch und aber und abermals geprüft, kann ich nicht sagen, so scharf war es und doch wieder so kalt, daß mich für den Augenblck eine abergläubische Furcht anwandelte, — gleich als befinde ich mich in demselben Zimmer mit einem unheimlichen Gegenstande.
,Jane, was thun Sie?’
‘Ich lerne Deutsch.’
,Sie müssen Ihr Deutsch aufgeben und Hindostanisch lernen.’
,Es ist nicht Ihr Ernst?’
,Es ist so sehr mein Ernst, daß es durchaus geschehen muß; und ich will Ihnen sagen, warum.’
Und nun erklärte er mir, daß das Hindostanische die Sprache sei, die er jetzt selbst studire; daß er, je weiter er komme, leicht den Anfang vergessen könnte; daß es ihm daher sehr förderlich sein würde, eine Schülerin zu haben, mit der er die Elemente abermals durchgehen und so dieselben seinem Geiste vollkommen einprägen könnte; daß seine Wahl lange zwischen mir und seinen Schwestern geschwankt habe, daß dieselbe jetzt aber definitiv auf mich gefallen sei, weil er sehe, daß ich unter den Dreien diejenige sei, die bei einer Arbeit am Längsten still sitzen könne. Ob. ich ihm nun diese Gefälligkeit erweisen wollte? Vielleicht würde ich das Opfer nicht lange zu bringen haben, da es jetzt kaum noch drei Monate bis zu seiner Abreise seien.
St. John war einer jener Männer, denen man nicht leicht Etwas abschlagen kann: man fühlte, daß jeder schmerzliche oder angenehme Eindruck, der auf ihn hervorgebracht wurde, ein tiefgehender und anhaltender war. Ich willigte ein. Als Diana und Mary zurückkamen, fand die Erstere, daß ihre Schülerin von ihr zu ihrem Bruder abgefallen war; sie lachte, und sowohl sie als Mary sprachen die Ueberzeugung aus, daß es St. John nie gelungen sein würde, sie zu einem solchen Schritte zu überreden.
St. John antwortete ruhig:
,Ich wußte es.’
Ich fand an ihm einen sehr geduldigen, sehr nachsichtigen und dabei doch viel verlangenden Lehrer: er erwartete von mir große Leistungen; und als ich seine Erwartungen erfüllte, bezeigte er in vollem Maße seinen Beifall in seiner eigenthümlichen Weise. Nach und nach erlangte er einen, gewissen Einfuß auf muich, der mir meine geistige Freiheit raubte; sein Lob und seine Beachtung waren für mich ein stärkerer Zügel, als seine Gleichgültigkeit. Ich konnte nicht länger frei reden oder lachen, wenn er dabei war, weil ein überaus lästiger Instinkt mich erinnerte, daß die Lebhaftigkeit wenigstens an mir ihm zuwider sei. Ich wußte so wohl, daß nur eine ernste Stimmung und Beschäftigung ihm
angenehm sei, daß in seiner Gegenwart jeder Versuch, eine andere Stimmung zu behaupten oder ein anderes Geschäft vorzunehmen, vergeblich wurde: ich war noch und nach in den Kreis eines Erstarrung bereitenden Zaubers gebannt. Sagte er: ,Gehen Sie,’ so ging ich, sagte er: ,Kommen Sie,’ so kam ich, sagte er: ‘Thun
Sie das,’ so that ich es. Aber ich liebte meine Knechtschaft nicht; oft wünschte ich, er möchte mich auch
ferner vernachläßigen.
Eines Abends, als zur Schlafenszeit seine Schwestern und ich um ihn her standen und ihm eine gute Nacht wünschten, küßte er, wie es seine Gewohnheit, jede von ihnen, und, wie er gleichfalls zu thun pfegte, gab er mir die Hand. Diana, die gerade in sehr fröhlicher Stimmung war (sie ließ sich durch ihn nicht so ganz unbedingt, nicht auf eine ihren Neigungen widerstrebende Weise lenken, denn ihr Wille war in anderer Weise eben so stark), rief aus:
,St. John! Du pflegtest Jane Deine dritte Schwester zu nennen, behandelst sie aber nicht als
solche; Du solltest auch sie küssen.’
Sie schob mich zu ihm hin. Mir kam das Benehmen Diana's sehr ärgerlich vor, und ich fühlte mich in sehr unbehaglicher Weise verwirrt; und während ich so dachte und fühlte, neigte St. John sein Haupt, sein griechisches Gesicht kam mit dem meinigen auf Eine Linie, seine Augen fragten die meinigen in durchdringender Weise - und er küßte mich. Es gibt keine
Marmorküsse, oder Eisküsse, sonst müßte ich sagen, der Kuß meines geistlichen Vetters habe zu einer der zwei
Classen gehört; aber es mag Experimentalküsse geben, und zu solchen gehörte seiner. Als der Kuß gegeben
war, sah er mich an, um das Resultat zu erfahren; es war nicht auffallend; ich bin gewiß, daß ich nicht erröthete; vielleicht wurde ich etwas blaß, denn ich hatte ein Gefühl, als sei dieser Kuß ein auf meine Fesseln gelegtes Siegel. Er unterließ die Zeremonie später nie mehr, und der Ernst und die Ruhe, womit ich mich derselben unterwarf, schien für ihn derselben einen gewissen Reiz zu verleihen.
Was mich betrifft, so wünschte ich von Tag zu Tag mehr, ihm zu gefallen; aber um dieß zu thun, fühlte ich auch immer mehr, daß ich die Hälfte meiner Natur verläugnen, die Hälfte meiner Fähigkeiten unterdrücken, meinen Geschmack und meine Liebhabereien von ihrer ursprünglichen Richtung ablenken, mich der Verfolgung von Zwecken, mich Geschäften widmen
müsse, wozu ich keinen natürlichen Beruf in mir verspürte. Er wollte mich zu einer Höhe hinaufbringen, die ich nie erreichen konnte; es war für mich in jeder Stunde eine Folterqual, nach der Fahne aufzustreben, die er aufgesteckt. Die Sache war eben so unmöglich, als hätte er meine unregelmäßigen Züge nach seinem korrekten und klassischen Musterbilde bilden, als hätte er meinen veränderlichen grünen Augen die meerblaue Farbe und den feurigen Glanz seiner eigenen geben wollen.
Indessen war es nicht sein geistiges Übergewicht allein, was mich jetzt in Knechtschaft erhielt. In der
letzten Zeit war es mir leicht genug gewesen, einen traurigen Blick zu zeigen: ein krebsartiges Uebel nagte
an meinem Herzen und vertrocknete mein Glück an seiner Quelle - das Nebel der Ungewißheit.
Vielleicht denkst Du, Leser, ich habe bei diesen Wechseln des Orts und des Glücks Herrn Rochester vergessen. Dem war aber keinen Augenblick so. Der Gedanke an ihn hatte mich immer noch nicht verlassen, weil er kein Dunst war, den der Sonnenschein zerstreuen konnte, noch ein Bild, das man in Sand gezeichnet und das daher auch Stürme vertilgen könnten;
es war ein auf eine Tafel gegrabener Name, der so lange dauern mußte, als der Marmor, worauf er geschrieben war. Das sehnsüchtige Verlangen, zu erfahren, was aus ihm geworden, folgte mir überall hin; als ich zu Morton war, zog ich mich alle Abende wieder in mein Häuschen zurück, um daran zu denken, und jetzt suchte ich in Moor-House jeden Abend mein Schlafzimmer auf, um darüber zu brüten.
Im Laufe der Correspondenz. die ich wegen des Testaments mit Herrn Briggs anknüpfen mußte, hatte ich bei ihm angefragt, ob er von, Herrn Rochesters gegenwärtigem Aufenthaltsorte und Gesundheitszustande Etwas wüßte; wie aber St. John bereits vermuthet hatte, wußte er von ihm ganz und gar Nichts. Dann schrieb ich an Mistreß Fairfax und bat sie um Auskunft. Ich hatte darauf gerechnet, daß ich durch diesen Schritt meinen Endzweck erreichen würde; ich hielt
mich überzeugt, daß eine Antwort nicht lange auf sich warten lassen würde. Ich war ganz erstaunt, als vierzehn Tage vergingen, ohne daß eine Antwort kam; als aber zwei Monate verstrichen und jeden Tag die Post kam, ohne Etwas für mich zu bringen, da wurde ich eine Beute der peinlichsten Unruhe.
Ich schrieb abermals; es war ja möglich, daß mein erster Brief verloren gegangen. Neue Hoffnung folgte dem neuen Versuche; sie schien, wie die erste, einige Wochen lang, und dann nahm sie, wie dieselbe, immer mehr ab und verflackerte endlich nicht eine Linie, nicht eine Sylbe kam. Als ein halbes Jahr in vergeblicher Erwartung verging. erstarb meine Hoffnung, und es kam mir in der That Alles um mich her finster vor.
Ein schöner Frühling, dessen ich mich nicht erfreuen konnte, glänzte um mich her. Der Sommer kam herbei; Diana suchte mich aufzuheitern; sie sagte, ich sehe übel aus, und wollte mich an die Seeküste begleiten. Dem widersetzte sich aber St. John; er sagte, nicht Zerstreuung brauche ich, sondern Beschäftigung: mein gegenwärtiges Leben sei zu zwecklos, ich müsse einen Gegenstand des Strebens haben; und ich glaube, um diesem Mangel abzuhelfen, verlängerte er noch mehr die Stunde, die er mir im Hindostanischen gab und drang noch mehr darauf, daß ich meinen Studien beharrlich obliege; und ich dachte, wie eine Thörin, nie daran, ihm Widerstand zu leisten - und konnte ihm auch keinen Widerstand leisten.
Eines Tages war ich niedergeschlagener, als gewöhnlich, zu meinen Studien gekommen; die Ebbe war
veranlaßt worden durch eine getäuschte Hoffnung, die ich auf’s Lebhafteste empfand: Hannah hatte mir am Morgen gesagt, es sei ein Brief für mich angekommen, und als ich hinabging, fast mit der Gewißheit, daß ich endlich die langersehnte Nachricht erhalten würde, fand ich nur einen unwichtigen Brief von Herrn Briggs wegen Geschäftssachen. Die bittere Enttäuschung hatte mir einige Thränen ausgepreßt, und nun, als ich da saß und über den wunderlichen Schriftzügen und den blühenden Tropen eines indischen Schriftstellers brütete, füllten meine Augen sich abermals.
St. John rief mich zu sich hin, um zu lesen; als ich dieß zu thun versuchte, versagte mir die Stimme: die Worte gingen in Schluchzen auf. Ich war mit ihm allein im Zimmer; Diana übte ein Musikstück im Gesellschaftszimmer ein, Mary gärtelte; es war ein sehr schöner Maitag, hell, sonnig und kühl durch einen sanften Wind. St. John drückte bei dieser meiner Gemüthsbewegung keine Ueberraschung aus, auch fragte er mich nicht nach der Ursache derselben, sondern sagte
bloß:
,Wir wollen einige Minuten warten, Jane, bis Sie gefaßter sind.’
Und während ich den Paroxismus, so geschwind es mir möglich war, unterdrückte, saß er ruhig und geduldig da, sich über seinen Pult neigend, und aussehend, wie ein Arzt, der mit dem Auge der Wissenschaft eine erwartete und gehörig gewürdigte Krisis bei der Krankheit eines Patienten beobachtet. Nachdem ich mein Schluchzen unterdrückt, meine Augen getrocknet und Etwas darüber gemurmelt hatte, daß es mir an diesem Morgen nicht ganz wohl wäre, machte ich mich wieder
an meine Aufgabe und kam damit auch gut zu Ende.
St. John legte meine und seine Bücher auf die Seite, verschloß sein Pult und sagte:
,Nun, Jane, sollen Sie einen Spaziergang machen, und zwar mit mir.’
,Ich will Diana und Mary rufen.’
"Nein. Diesen Morgen brauche ich nur Eine Begleitung, und diese sollen Sie sein; ziehen Sie sich an, gehen Sie zur Küchenthür hinaus; schlagen Sie den Weg ein, der nach Marsh-Glen hinaufführt; in einem Augenblicke bin ich bei Ihnen.’
Ich kenne keinen Mittelweg; nie in meinem Leben habe ich einen Mittelweg gekannt zwischen absoluter Unterwerfung und entschiedener Empörung, sobald ich es mit festen, unbeugsamen Charakteren zu thun hatte, die dem meinigen widerstrebten. Ich habe immer genau beobachtet, wie die eine, dem Ausbruche schon ganz nahe, bisweilen mit vulkanischer Heftigkeit in die andere überging; und da weder die damaligen Umstände eine Empörung nöthig, noch meine Stimmung mich dazu geneigt machte. so gehorchte ich den Weisungen St. John's ohne Weiteres, und zehn Minuten darauf ging
ich an seiner Seite auf dem wilden Pfade, der durch die Schlucht hinführte.
Es kam ein sanfter Wind von Westen über die Hügel her, und führte die lieblichen Düfte des Heidekrauts und der Binsen mit sich; der Himmel war fleckenlos blau; der die Schlucht herabstürzende, von früheren Frühlingsregen angeschwollene Bach, floß voll und klar dahin, und nahm von des Sonne goldene Schimmer und von dem Firmament saphirne Tinten an. Als wir weiter kamen, und den Fußpfad verließen, betraten wir einen sanften Rasen, der die Zartheit des Mooses hatte,
smaragdgrün und von einer kleinen, weißen Blume, sowie mit sternähnlichen, gelben Blüthen überdeckt war; unterdessen schloßen uns die Hüge! vollständig ein, denn die Schlucht wand sich, gegen ihr oberes Ende zu, bis in das Herz derselben hinein.
,Wir wollen hier ein wenig ausruhen,' sagte St. John, als wir die ersten von einer Reihe von Felsen erreichten, die eine Art Engpaß bewachten, hinter welchem der Bach als ein Wasserfall niederrauschte und wo, noch etwas weiter entfernt, der Berg zu seiner Bedeckung keinen Rasen und keine Blumen mehr hatte, sondern bloß Heidekraut, — und Klippen zu seinem Schmucke, — wo das Rauhe in's Wilde, das Frische in das Düstere und Drohende überging - wo der Berg
den verlorenen Posten der Einsamkeit - und eine letzte Zuflucht der Stille besetzt hielt.
Ich setzte mich; St. John stand neben mir. Er sah den Engpaß hinauf und in die Tiefe hinab; sein
Blick wanderte mit dem Bache dahin und kehrte um, um an dem unbewölkten Himmel, der denselben färbte, hinzuschweifen: er nahm seinen Hut ab und ließ den Wind durch sein Haar wehen und seine Stirn küssen. Er schien mit dem Geiste des Ortes in Verkehr getreten zu sein; mit seinen Augen sagte er Etwas Lebewohl.
'Und ich werde ihn wiedersehen,’ sagte er laut, ,in meinen Träumen, wenn ich an den Ufern des Ganges schlafe: und später einmal wieder - wenn ein anderer Schlummer über mich kommt - am Ufer des dunkleren Stroms.'
Seltsame Worte einer seltsamen Liebe! Eines strengen Patrioten Leidenschaft für sein Vaterland! Er setzte sich; eine halbe Stunde sprachen wir keine Sylbe, weder er mit mir, noch ich mit ihm. Als diese Zeit vorüber war, hob er abermals an:
,Jane, in sechs Wochen gehe ich; ich habe meinen Platz in einem Ostindienfahrer bestellt, der am zwanzigsten Juni absegelt.
"Gott wird Sie schützen, denn Sie haben sein Werk unternommen,’ versetzte ich.
,Ja,’ sagte er, ,darin besteht meine Ruhe und meine Freude. Ich bin der Knecht eines unfehlbaren Herrn. Ich ziehe nicht aus unter menschlicher Führung; ich stehe nicht unter den mangelhaften Gesetzen und der irrenden Aufsicht meiner schwachen Mitwürmer; mein König, mein Gesetzgeber, mein Führer ist der Allvollkommene. Es scheint mir sonderbar, daß nicht Alles um mich her vor Verlangen brennt, sich demselben Banner anzuschließen, — an demselben Unternehmen sich zu
betheiligen.’
,Nicht alle Menschen besitzen Ihre Kraft; und es wäre von den Schwachen thöricht, wenn sie mit den Starken gleichen Schritt halten wollten.'
,Ich rede nicht zu den Schwachen und denke auch nicht an sie; nur an solche wende ich mich, die des
Werkes würdig und zu dessen Vollführung befähigt sind.'
,Diese sind wenig an der Zahl und schwer heraus zu finden.’
,Sie haben Recht; wenn sie aber aufgefunden sind, so müssen dieselben angeregt, vorwärts getrieben und zu der Anstrengung ermahnt werden; - wenn man solche aufgefunden hat, so muß man ihnen zeigen, welcher Art ihre Gaben sind und wozu sie dieselben erhalten; - so muß man die Botschaft Gottes vor ihren Ohren verkünden;, - so muß man ihnen im Auftrage Gottes einen Platz in den Reihen seiner Auserwählten anbieten.’
,Wenn sie wirklich befähigt sind, einer solchen Aufgabe sich zu unterziehen, werden alsdann ihre Herzen
ihnen Solches nicht zuerst sagen?’
Es war mir, als umkreise mich immer mehr ein furchtbarer Zauber: ich zitterte, irgend ein verhängnißvolles Wort aussprechen zu hören, das dem Zauber zugleich Worte verleihen und denselben festhalten könnte.
,Und was sagt Ihr Herz?’ fragte St. John.
,Mein Herz ist stumm, - mein Herz ist stumm,' erwiederte ich, betroffen und durchbebt.
‘So muß ich denn für dasselbe sprechen,’ fuhr die tiefe, unerbittliche Stimme fort. ,Jane, kommen Sie mit mir nach Indien; begleiten Sie mich als Gehülfin und Mitarbeiterin.’
Die Schlucht und der Himmel tanzten um mich her: die Hügel hoben sich! Es war mir, als hätte ich eine Aufforderung vom Himmel empfangen; als hätte ein im Traum erschienener Bote, wie der von Macedonien, ausgerufen: ,Komm herüber und hllf uns!’ aber ich war kein Apostel, - ich konnte den Boten nicht sehen, — konnte seinem Ruf nicht folgen.
‘O, St. John!’ rief ich, ,haben Sie doch Mitleid!’
Ich hatte mich an einen Mann gewandt, der in der Erfüllung dessen, was er als seine Pflicht erachtete,
weder Mitleid noch Reue kannte. Er fuhr also fort:
,Gott und die Natur haben Sie zum Welbe eines Missionärs bestimmt. Nicht Gaben des Leibes, sondern
Gaben des Geistes haben sie Ihnen gegeben; Sie sind geschaffen zur Arbeit, nicht zur Liebe. Sie müssen — Sie sollen das Weib eines Missionärs sein. Sie sollen die Meine sein; ich will Sie haben - nicht zu meinem Vergnügen, sondern zu meines Herrn Dienst.’
‘Ich passe aber nicht dazu; ich habe keinen Beruf,’ sagte ich.
Er hatte sich auf diese ersten Einwürfe gefaßt gemacht und war daher auch durch dieselben nicht aufgebracht. In der That sah ich, als er sich an den hinter ihm stehenden Felsen zurücklehnte, die Arme über die Brust faltete und seinen. Blick auf mich heftete, daß er auf einen langen und hartnäckigen Widerstand gefaßt sei und sich mit einem Vorrathe von Geduld versehen habe, womit er vollkommen ausreichen, würde, — indessen sah ich genugsam. wie sein Entschluß fest stehe, daß das Ende des Kampfes für ihn ein Sieg sein solle.
,Demuth, Jane,’ sagte er. ,ist die Grundlage aller christlichen Tugend; Sie sagen, mit Recht, daß Sie dieser Arbeit nicht gewachsen, zu dieser Arbeit nicht tauglich sind. Wer paßt dazu? oder wer, der je wahrhaft berufen war, hielt sich des Rufes würdig. Ich zum Beispiel, bin Nichts, als Staub und Asche. Mit St, Paulus erkenne ich mich als den ersten unter den Sündern; aber ich lasse mich durch dieses Bewußtsein meiner Unwürdigkeit nicht abschrecken. Ich kenne meinen Herrn: ich weiß, daß er gerecht und mächtig ist; und während er ein schwaches Werkzeug dazu ausersehen hat, ein großes Werk zu vollführen, wird er aus dem unerschöpflichen Schatze seiner Vorsehung die zur Erreichung des Endzweckes sonst unzureichenden Mittel vervollständigen. Denken Sie, wie ich, Jane - vertrauen Sie, wie ich! Auf den Felsen der Jahrhunderte sollen Sie sich stützen: haben Sie keinen Zweifel, er wird die Last Ihrer menschlichen Schwäche tragen.
‘Ich verstehe das Leben eines Missionärs nicht; ich habe nie über die Arbeiten eines solchen nachgedacht.’
,Da kann ich Ihnen, so unwürdig ich bin, den Beistand angedeihen lassen, dessen Sie bedürfen; ich kann Ihnen Ihre Aufgabe von Stunde zu Stunde geben, Ihnen stets zur Seite stehen, Ihnen von einem Augenblick zum andern helfen. Das kann ich für den Anfang; bald (ich kenne Ihre Kräfte) werden Sie so stärk und geschickt sein, wie ich, und meiner Hülfe nicht mehr bedürfen.
,Aber meine Kräfte zu solchem Unternehmen — wo finde ich sie? Ich spüre sie nicht, Nichts spricht, Nichts regt sich in mir, während Sie zu mir reden. Ich verspüre kein Licht, das in mir aufgeht - kein Leben, das in mir erwacht, keine Stimme, die mir räth oder mich aufmuntert. Ach, ich wollte, ich könnte Ihnen zeigen, wie sehr mein Geist in diesem Augenblick einem dunklen Kerker ähnlich ist, in dessen Tiefe nur eine bebende Furcht gefesselt liegt - die Furcht, von Ihnen überredet zu werden, Etwas zu versuchen, was ich nicht vollführen kann.’
,Ich habe eine Antwort für Sie - hören Sie dieselbe. Ich habe Sie beobachtet seit unserem ersten Zusammentreffen: zehn Monde hindurch habe ich Sie zum Gegenstande meines Studiums gemacht. Ich habe Sie während dieser Zeit auf verschiedene Weise geprüft: und was habe ich gesehen und herausgebracht? In der Dorfschule habe ich gefunden, daß Sie eine Ihren Gewohnheiten und Neigungen keineswegs zusagende Arbeit gut, pünktlich, redlich verrichten konnten; ich habe
gesehen, daß Sie dieselbe mit Fähigkeit und Takt zu vollführen im Stande waren: Sie konnten die Herzen
gewinnen, während Sie dieselben, zügeln mußten. In der Ruhe, womit Sie erfahren haben, daß Sie plötzlich reich geworden, erkannte ich einen Geist, der jeder Habsucht fremd ist: - das Geld, der Besitz übte keine ungehörige Macht über Sie. In der entschlossenen Bereitwilligkeit, womit Sie Ihren Reichthum in vier Theile theilten, und nur einen für sich behielten, die anderen drei aber der Forderung der abstrakten Gerechtigkeit überließen, erkannte ich eine Seele, die in der Flamme und Aufregung des Opfers schweigt. In der Fügsamkeit, womit Sie auf meinen Wunsch ein Studinm aufgaben, das Sie interessierte, und ein anderes unternahmen, weil es mich interessirte in dem unendlichen Fleiße,
womit Sie demselben jetzt ungelegen haben, - in der stets gleichen Energie und dem guten Willen, und dem Gleichmuthe, womit Sie den Schwierigkeiten desselben begegnete, — erkenne ich die Vervollständigung der Eigenschaften, die ich suche. Jane, Sie sind gelehrig, fleißig, uninteressirt, treu, beständig und muthig, sanft und heroisch: - hören Sie auf, sich selbst zu mißtrauen - ich kann ohne allen Rückhalt mein Vertrauen auf Sie setzen. Als Leiterin indischer Schulen, und als Gehülfin unter indischen Weibern, wird Ihre Beistand für mich von unschätzbarem Werthe sein!’
Mein eisernes Leichentuch zog sich immer enger um mich zusammen; mit langsamer Schritte kam die Ueberzeugung mir immer näher. Ich mochte meine Augen verschließen, wie ich wollte, - diese seinen letzten Worte machten den Weg, der vorher verrammelt schien, so ziemlich frei. Mein Werk, das so unbestimmt, so hoffnungslos verschwommen geschienen hatte, nahm im Verlauf seiner Kurse, unter seiner bildenden Hand, immer mehr eine bestimmte Form an. Er wartete auf eine Antwort. Ich verlangte eine Viertelstunde zum Nachdenken, ehe ich wieder eine Antwort wagte.
,Sehr gern,’ erwiederte er, und stand auf, Sodann ging er den Engpaß ein wenig hinauf, und warf sich auf eine Erhöhung nieder, wo das Haidekraut dicht war, und lag dort still.
‘Ich kann thun, was er von mir verlangt: ich muß das einsehen und anerkennen,’ - so dachte ich — das heißt, wenn ich am Leben bleibe. Aber ich fühle, daß das meinige unter dem Einflusse einer indischen Sonne nicht von langer Dauer sein wird. - Was dann, das kümmert ihn nicht: wäre meine Zeit zu sterben da, so würde er mich in aller Ruhe und Heiligkeit dem Gott zurückgeben, der mich geschaffen. Die Sache liegt sehr klar vor mir. Verließe ich England, so würde ich
ein geliebtes, aber leeres Land verlassen: - Herr Rochester ist nicht mehr da: und wenn er da wäre, was kann es mir je nützen? Meine Aufgabe ist es nun, ohne ihn zu leben. Nichts ist so abgeschmackt, so schwach, als mich von einem Tage zum Andern Hinzuschleppen, gleich als wartete ich auf irgend eine unmögliche Veränderung der Umstände, die mich wieder mit ihm vereinigen könnte. Natürlich muß ich, wie St. John einmal gesagt, ein anderes Interesse im Leben suchen, um
das zu ersetzen, was ich verloren: ist nicht die Beschäftigung, die er mir jetzt anbietet, in Wahrheit die herrlichste, ruhmvollste, die ein Mensch übernehmen, oder Gott ihm anweisen kann? Ist sie nicht durch ihre edlen
Sorgen und erhabenen Resultate am Besten geeignet, die Leere auszufüllen, welche die gewaltsame Ausreißung
von Neigungen und die Zerstörung von Hoffnungen zurückgelassen hat? Ich glaube, ich muß die Frage bejahen - und doch schaudert mich. Ach! wenn ich mich St. John anschließe, so gebe so gebe ich die Hälfte meines
Ich auf: gehe ich nach Indien, so gehe ich einem frühen Tode entgegen. Und wie wird die Zeit, die zwischen meinem Weggehen aus England nach Indien und zwischen meinem Grabe liegt, ausgefüllt werden? O, ich weiß wohl! Auch das kann ich deutlich sehen. Indem ich mich anstrenge, St. John zu Willen zu leben, bis meine Sehnen ihren Dienst versagen, werde ich ihn zufrieden stellen, bis zu dem innersten Mittelpunkte und bis zum äußersten Umfange seiner Erwartungen. Gehe ich mit ihm, — bringe ich ihm das Opfer, das er von mir verlangt, so soll es ganz geschehen: ich will Alles
auf den Altar legen — Herz, Eingeweide, das ganze Schlachtopfer. Er wird mich nie lieben, aber er soll
mit mir zufrieden sein: ich werde ihm eine Energie zeigen, die er noch nicht gesehen, Hülfsquellen, die er nie
vermuthet hat. Ja, ich kann arbeiten, und so strenge ich mich der Arbeit mit so wenig Murren unterziehen, wie er.’
,So ist es also möglich, in seine Forderung zu willigen: wäre nur Ein - ein schreckliches Aber nicht.
Ich soll sein Weib werden, und doch hat er nicht mehr das Herz eines Gattes für mich, als jener düster drohende, riesige Felsen, von dem das Wasser in jene Schlucht hinab sich schäumend stürzt. Er schätzt mich wie ein Soldat eine gute Waffe; und das ist Alles. So lange ich mit ihm nicht verheirathet wäre, würde mir dieß keinen Kummer verursachen, aber, kann ich ihn seine Berechnungen zu Ende bringen, - seine Pläne kalt ausführen, - die Hochzeitsceremonie durchmachen lassen? Kann ich von ihm den Brautring annehmen, alle Formen der Liebe ertragen (die, er ohne Zweifel
gewissenhaft beobachten würde), und dabei wissen, daß der Geist gar nicht dabei war? Kann ich das Bewußtsein ertragen, daß jede Liebkosung, die er für mich hat, ein Opfer ist, das auf einem Grundsatze beruht? Nein: ein solches Märtyrerthum wäre monströs. Nie werde ich mich demselben unterwerfen; als seine Schwester könnte ich ihn begleiten, - nicht als seine Frau: ich will es ihm sagen.’
Ich blickte nach der Erhöhung hin: da lag er, so ruhig, wie eine umgeworfene Säule: sein Gesicht war mir zugewendet, und sein Auge strahlte wachsam und lebhaft. Er sprang auf und kam zu mir her.
‘Ich bin bereit, nach Indien zu gehen; aber ich muß frei dahin gehen können.’
,Ihre Antwort bedarf eines Commentars,’ sagte er, ,sie ist nicht klar.'
,Bis jetzt, sind Sie mein Aboptivbruder gewesen; ich - ihre Adoptivschwester; so soll es auch ferner sein:
es ist besser, wenn wir einander nicht heirathen.’
Er schüttelte den Kopf.
,Ein solches Verhältniß geht in diesem Falle nicht an. Wären Sie meine wirkliche Schwester, so wäre die Sache anders: ich würde Sie mitnehmen und keine Frau suchen. So wie aber die Sache steht, muß entweder unser Bund durch die Ehe geheiligt und besiegelt werden, oder es kann derselbe nicht existiren: praktische Hindernisse stellen sich jedem andern Plan entgegen. Sehen Sie es ein, Jane? Denken Sie einen Augenblick nach: - Ihr gesunder Verstand wird diese
Rechte finden lassen.’
Ich überlegte die Sache, und doch konnte ich immer nichts Anderes finden, als die Thatsache, daß wir einander nicht liebten, wie Mann und Weib einander lieben sollen, und daraus schloß ich, daß wir einander nicht heirathen dürften.
Ich sagte ihm: —
St. John, ich sehe Sie als meinen Bruder an, Sie mich als ihre Schwester: dieß wollen wir einander bleiben.
,Das können wir nicht - das können wir nicht, antwortete er kurz entschlossen: ,es würde nicht angehen. Sie haben gesagt, Sie wollten mit mir nach Indien gehen, erinnern Sie sich - Sie haben es gesagt!’
,Bedingungsweise.'
,Gut - gut. Gegen die Hauptsache die gemeinsame Abreise aus England, die Theilnahme an meinen künftigen Arbeiten - haben Sie Nichts. Sie haben bereits die Hand so gut, wie an den Pflug gelegt: Sie sind zu consequent, um dieselbe zurückzuziehen. Sie dürfen nur Einen Zweck im Auge behalten: - wie das Werk, das Sie einmal unternommen, am Besten vollbracht werden kann. Vereinfachen Sie Ihre verworrenen Interessen, Gefühle, Gedanken, Wünsche, Absichten;
lassen Sie alle Rücksichten in Einem Vorsatze aufgehen - in dem Vorsatze, die Sendung Ihres großen Herrn und Meisters wirksam und mit Kraft zu vollführen. Um dieß zu thun, bedürfen Sie eines Gehülfen, — keines Bruders — ein solches Band ist zu locker - sondern eines Gatten. Auch ich brauche keine Schwester: eine Schwester kann jeden Tag von mir genommen werden. Ich brauche ein Weib: nur auf eine solche Gehülfin kann ich im Leben den gehörigen Einfluß üben, nur eine solche Gehülfin kann ich bis zum Tode behalten.’
Ich schauderte, während er sprach: ich fühlte seinen Einfluß in meinem Marke - ich fühlte, wie er mich an allen Gliedern fest hielt.
‘Suchen Sie sich eine solche anderswo, St. John: suchen Sie eine, die für Sie paßt.’
‘Eine, die für meinen Zweck paßt, meinen Sie Eine, die zu meinem Berufe paßt. Ich sage Ihnen abermals, nicht für das unbedeutende, allein stehende Individuum - nicht für den bloßen Menschen mit seinem selbstischen Wesen suche ich eine Gehülfin, sondern für den Missionär.’
,Und ich will dem Missionär alle meine Kraft schenken - das ist Alles, was er braucht -- aber nicht
sich selbst: das hieße bloß die Hülse und die Schale dem Kerne beifügen. Diese braucht er nicht: ich behalte
sie für mich.’
,Sie können nicht - Sie dürfen nicht. Glauben Sie, Gott werde mit einem halben Opfer zufrieden sein? Wird er ein solches annehmen? Es ist die Sache Gottes, die ich vertrete: ich werbe Sie für seinen Dienst. Ich kann für ihn seinen halben Diensteid annehmen: er muß ganz sein.’
‘O, ich will mein Herz Gott weihen,’ sagte ich. ,Sie brauchen es nicht.’
Ich will nicht behaupten, Leser, daß in dem Tone, womit ich Worte diese sprach, so wie auch in dem Gefühle,
das dieselbe begleitete, nicht ein Anfang von unterdrücktem Sarkasmus lag. Ich hatte St. John bis jetzt
schweigend gefürchtet, weil ich ihn nicht verstanden hatte. Er hatte mich mit Ehefurcht, mit Schrecken erfüllt, weil
er mich im Zweifel erhalten hatte. Wie viel an ihm heilig, wie viel an ihm irdisch war, hatte ich bis daher
nicht sagen können - aber in dieser Unterredung kamen Enthüllungen, die Analyse seiner Natur ging vor meinen Augen vor sich. Ich sah seine Schwächen; ich begriff sie. Ich erkannte, daß ich, auf meiner Bank von Haidekraut und mit jener,schönen Gestalt vor mir, zu den Füßen eines Mannes saß, der irrte, wie ich. Der Schleier fiel von seiner Härte und seinem Despotismus. Nachdem ich gefühlt, daß diese Eigenschaften ihm inwohnten, fühlte ich auch seine Unvollkommenheit und faßte Muth. Ich hatte vor mir ein Wesen meines gleichen — einen Menschen, mit dem ich streiten, dem ich Widerstand leisten konnte, wenn ich es für gut hielt.
Er schwieg, nachdem ich die letzten Worte ausgesprochen, und nach einer Weile wagte ich es, nach ihm
aufzublicken. Sein auf mich geheftetes Auge drückte zugleich ernste Überraschung und strenge Prüfung aus.
'Ist sie sarkastisch, ist sie sarkastisch gegen mich? Was soll es bedeuten?’ schien sein Auge zu sagen.
,Wir wollen nicht vergessen, daß dieß eine feierliche Sache ist,’ sagte er nach einer kleinen Pause; ,eine Sache, über die wir nicht ohne Sünde, mit Gedanken oder Worten, so leicht weggehen können. Ich hoffe, Jane, es ist Ihr Ernst, wenn Sie sagen, Sie wollen Gott Ihr Herz weihen: weiter verlange ich nicht; haben Sie einmal Ihr Herz von den Menschen
losgerissen, und es Ihrem Schöpfer geweiht, so wird die Ausbreitung des geistigen Gottes Reiches auf dieser
Erde Ihr höchstes Vergnügen, Ihr höchstes Bestreben sein: Sie werden dann bereit sein, Alles, was diesem
Zwecke förderlich ist, ohne Weiteres zu thun. Sie werden sehen, welch' mächtiger Vorschub Ihren und meinen Bemühungen durch unsere physische und geistige Verbindung in der Ehe geleistet wird - die einzige Verbindung, die den Geschicken und Plänen menschlicher Wesen einen Charakter dauernder Gleichförmigkeiten verleiht; - und über alle Launen von untergeordneter Bedeutung, über alle trivialen Schwierigkeiten und Zartheiten des Gefühls, alle Bedenklichkeiten über den Grad, die Art, die Stärke oder Zärtlichkeit einer bloßen persönlichen Neigung hinweggehend, werden Sie sich beeilen, auf diese Verbindung ohne Weiteres einzugehen.’
‘Werde ich das? sagte ich kurz, und sah seine Züge an, die zwar schon in ihrer Harmonie, aber in ihrer ruhigen Strenge nicht wenig furchtbar waren; ich sah seine Situation an, die gebieterisch, aber nicht offen war, - seine glänzenden, tiefen und forschenden, aber nie sanften Augen, - seine erhabene, Achtung einflößende Gestalt. - und dachte mir einen Augenblick als seine Frau. O es konnte nimmermehr sein! Als seine Gehülfin, seine Gefährtin, da war Alles recht:
ich wollte in dieser Eigenschaft mit ihm über Meere gehen, wollte mit ihm in diesem Berufe in den glühenden Himmelsstrichen Asiens, in dessen Wüsten arbeiten, - wollte seinen Muth, seine Hingebung, seine Thatkraft bewundern und nachahmen, wollte mich ihm ruhig unterordnen, wollte ungestört über seinen unausrottbaren Ehrgeiz lächeln, - wollte den Christen von dem Menschen unterscheiden, - wollte den einen hochachten, und dem andern gerne vergeben. Ohne
Zweifel mußte ich, wenn auch nur in dieser Eigenschaft an ihn gebunden, oft leiden: mein Körper mußte zwar
unter ein ziemlich schweres Joch kommen, dabei aber war mein Herz und mein Geist frei. Immer noch hatte
ich dann mein unversehrtes Ich, an das ich mich wenn den konnte: immer noch hatte ich dann meine natürlichen, nicht geknechteten Gefühle, Gefühle, womit ich in Augenblicken, wo mich die Einsamkeit drückte, verkehren
konnte. Es blieben Falten in meinem Gemüth, die nur mir gehörten, die ihm immer verschlossen blieben, und
Gefühle, die frisch und gehörig geschützt aufwuchsen, - die seine Strenge weder versehren, noch sein abgemessener Soldatenschritt niedertreten konnte: aber als seine Frau - stets ihm zur Seite, und stets gehemmt und stets gezügelt. - gezwungen, das Feuer meiner Natur in seinem Auflodern beständig zu unterdrücken, es zu zwingen, innerlich zu brennen und nie einen Schrei zu thun, wenn auch die eingekerkerte Flamme alle Lebenskräfte nach einander verzehrte - das mußte unerträglich sein.
‘St. John!’ rief ich, als ich in meinem Nachdenken so weit gekommen war.
‘Nun?’ antwortete er eiskalt.
,Ich wiederhole es: ich willige gerne ein, Ihnen als Gehülfin bei Ihren Missionsarbeiten beizustehen, aber nicht als Ihre Frau: ich kann Sie nicht heirathen, kann nicht ein Theil von Ihnen werden.’
‘Ein Theil von mir müssen Sie werden, antwortete er standhaft, ,sonst gilt der Handel Nichts. Wie kann ich, ein Mann von noch nicht dreißig Jahren, ein Mädchen von neunzehn mit mir nach Ostindien nehmen, wenn sie mit mir nicht verheirathet ist? Wie können wir, unverheirathet, immer beisammen sein - bisweilen in Einöden, bisweilen unter wilden Stämmen?’
,Recht gut,’ sagte ich kurz ,unter solchen Umständen ebenso gut, als wenn ich entweder Ihre wirkliche Schwester, oder ein Mann und ein Geistlicher wäre wie Sie’.
,Es ist bekannt, daß Sie nicht meine Schwester sind; ich kann Sie als solche nirgends einführen: wollte
ich es versuchen, so würde ein beleidigender Verdacht sich an uns Beide heften. Und zudem haben Sie dennoch das Herz eines Weibes, wenn Sie auch den kräftigen Verstand eines Mannes haben: es würde also nicht angehen.’
,Es würde aber angehen,’ behauptete ich mit einem etwas geringschätzenden Tone: ‘ganz gut. Ich habe das Herz eines Weibes, das ist wahr, aber nicht, wenn es Sie betrifft: für Sie habe ich bloß die Beständigkeit eines Kameraden, die Offenheit, die Treue, die Bruderliebe, wenn Sie wollen, eines Mitkämpfers, die Achtung und die Unterwürdigkeit eines Neubekehrten für seinen Oberpriester: Nichts weiter - seien Sie ohne Sorge.’
,Das ist, was ich brauche,’ sagte er, bei sich selbst redend; ‘das ist gerade, was ich brauche. Und die im Wege stehenden Hindernisse müssen entfernt werden. Jane, es würde Sie nicht reuen, mich geheirathet zu haben; seien Sie dessen versichert: wir müssen einander heirathen. Ich wiederhole es: es ist kein anderer Ausweg da, und ohne Zweifel würde auf die eheliche Verbindung Liebe genug sorgen, um die Heirath selbst in Ihren Augen zu rechtfertigen.’
‘Ich mag von Ihrer Auffassung der Liebe Nichts wissen,’ konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, indem
ich mich erhob, und mich, mit fest an den Felsen gelehntem Rücken, vor ihn hinstellte. ,Ich will Nichts von
dem unechten Gefühle wissen, das Sie mir anbieten: ja, St. John, und ich verachte Sie, wenn Sie mir dasselbe anbieten!’
Er sah mich fest an und preßte, während er dies that, seine wohlgebildeten Lippen zusammen. Ob er
zornig, oder überrascht war, oder was sonst, war nicht leicht zu sagen: er konnte sein Gesicht vollkommen beherrschen.
‘Ich erwartete kaum, dieses Wort von Ihnen zu hören, sagte er: Ich denke, ich habe Nichts gethan und gesprochen, weßhalb ich verdiente, verachtet zu werden.’
Ich war durch seinen sanften Ton geruht, und seine erhabene ruhige Miene eingeschüchtert.
,Vergeben Sie mir das Wort, St. John; aber es ist Ihre eigene Schuld, daß ich so unüberlegt gesprochen. Sie haben einen Gegenstand zur Sprache gebracht, in Beziehung auf welchen unsere Naturen nicht mit einander übereinstimmen: — einen Gegenstand, den wir nie erörtern sollten: schon der Name der Liebe ist ein Zankapfel zwischen uns - wenn die Wirklichkeit gefordert würde, was würden wir thun? Wie würden wir empfinden? Mein lieber Vetter, geben Sie Ihr
Heirathsprojekt auf — vergessen Sie es.’
,Nein' sagte er; ,es ist ein Projekt, mit dem ich mich lange getragen, und wodurch ich allein die Erreichung
meines großen Endzweckes sichern kann; vor der Hand aber werde ich nicht weiter in Sie dringen. Morgen
verlasse ich Moor-House, um nach Cambridge zu gehen; ich habe dort viele Freunde, von denen ich gern Abschied nehmen möchte. Ich werde vierzehn Tage abwesend sein: — denken Sie während dieser Zeit über mein Anerbieten nach, und vergessen Sie nicht, daß, wenn Sie es von sich weisen, Sie sich nicht mir entziehen, sondern Gott. Durch mich eröffnet er Ihnen eine edle Laufbahn: nur als mein Weib können Sie dieselbe betreten. Wollen Sie nicht mein Weib sein, so beschränken Sie sich für immer auf ein Leben selbstsüchtiger Bequemlichkeit und unfruchtbarer Dunkelheit. Zittern Sie, daß Sie nicht in diesem Falle Denjenigen beigezählt werden, die den Glauben verleugnet haben, und schlimmer sind, als Unglaubigen.’
Er hatte geendet, sich von mir wendend, blickte er
‘Noch ein Mal nach dem Flusse hin, noch ein Mal nach dem Hügel hin.’
Aber dieß Mal waren seine Gefühle alle in seinem Herzen verschlossen: ich war nicht würdig, sie aussprechen zu hören. Als ich an seiner Seite heimging, las ich in seinem eisernen Schweigen alle seine Gefühle hinsichtlich meiner: die getäuschte Hoffnung einer strengen und despotischen Natur, die da Widerstand gefunden, wo sie auf Unterwerfung rechnete; — die Mißbilligung eines kalten unbeugsamen Urtheils, das bei einem Andern Gefühle und Ansichten entdeckt hat, womit es nicht zu sympathisiren vermag: mit einem Worte, als Mann hätte er gewünscht, mich zum Gehorsam zu zwingen
nur als aufrichtiger Christ ertrug er mit so vieler Geduld meine Verkehrtheit, und gestattete eine so lange Zeit zum Nachdenken und zur Reue.
An jenem Abende hielt er es, nachdem er seine Schwestern geküßt, für angemessen, mir nicht einmal die Hand zu drücken, sondern verließ schweigend das Zimmer. Ich - die ich, wenn doch keine Liebe, so doch viele Freundschaft für ihn hegte - wurde durch diese auffallende Unterlassung verletzt, und zwar so, daß Thränen mir in die Augen traten.
‘Ich sehe, Du und St. John habet, während eures Spazierganges auf dem Moor mit einander Streit gehabt, Jane,’ sagte Diana. ,Geh' ihm nach; er ist jetzt im Gange und wartet auf Dich - er will sich wieder aussöhnen.’
Unter solchen Umständen besitze ich nicht viel Stolz: ich möchte stets lieber glücklich, als würdevoll sein; und
ich lief ihm nach.
Er stand am Fuße der Treppe.
‘Gute Nacht, St. John,’ sagte ich.
,Gute Nacht, Jane,’ erwiederte er ruhig.
,So wollen wir einander die Hand drücken,’ setzte ich hinzu.
Einen kalten, ungewissen Druck fühlten meine Finger! Er war höchlich mißvergnügt über das, was
an jenem Tage vorgefallen war; Ehrlichkeit konnte ihn nicht erwärmen, Thränen ihn nicht rühren. Keine frohe
Versöhnung war bei ihm möglich - kein wohlhabendes Lächeln, kein edelmüthiges Wort von ihm zu erlangen; aber doch war der Christ geduldig und gelassen; und als ich ihn fragte, ob er mir verzeihe, antwortete er mir, daß er die Erinnerung an einen Verdruß nicht zu bewahren pflege; daß er Nichts zu vergeben habe, dass ich ihn nicht beleidigt hätte.
Und mit dieser Antwort entfernte er sich. Es wäre mir lieber gewesen, wenn er mich niedergeschlagen hätte.
Fünfunddreißigsten Kapitel.
Er ging am nächsten Tage nicht nach Cambridge; wie er mir doch gesagt hatte. Er schob seine Abreise
eine ganze Woche lang auf; und während dieser Zeit ließ er mich fühlen, wie hart ein guter, aber strenger
gewissenhafter und dabei unversöhnlicher Mann Jemand strafen kann, der ihn beleidigt hat. Ohne einen offenen
Akt der Feindschaft, ohne ein tadelndes Wort gelang es ihm doch, mir jeden Augenblick die Ueberzeugung beizubringen, das ich von seiner Gunst ausgeschlossen sei.
Nicht als ob St. John einem unchristlichen Rachegefühl Raum gegeben, - nicht als ob er mir ein Haar
hätte krümmen mögen: wenn es ganz in seiner Macht gestanden wäre, es zu thun. Er war sowohl von Natur,
als durch seine Grundsätze über eine so gemeine Befriedigung der Rache erhaben: er hatte es mir vergeben,
daß ich gesagt: ich verachte ihn und seine Liebe, allein er hatte die Worte nicht vergessen: und ich war überzeugt, daß er dieselben nie vergessen würde, so lange er und ich am Leben waren. So oft sein Blick sich mir zuwandte, sagte mir derselbe, daß dieselben stets zwischen mir und ihm in die Luft geschrieben seien: so oft ich sprach, tönten sie in meiner Stimme an sein Ohr, und ihr Echo tönte jede Antwort zurück, die er mir gab.
Er vermied es nicht, mit mir zu sprechen, er rief mich sogar, wie gewöhnlich jeden Morgen, zu sich an sein Pult hin; und ich fürchte, der sündige Mensch in ihm hatte ein dem reinen Christen unbekanntes Vergnügen daran, daß er darthat, wie geschickt er, während er anscheinend ganz wie gewöhnlich handelte und sprach, jeder Handlung und jedem Worte den Geist der Theilnahme und der Billigung entziehen könne, derselben Sprache und seinem ganzen Wesen früher einen gewissen strengen Reiz verleihen hatte. Für mich war er in der That kein Fleisch mehr, sondern zu Marmor geworden: sein Auge war ein kalter, glänzender Goldstein; seine Zunge ein Sprachwerkzeug - und sonst Nichts.
Alles das war für mich eine Folterqual, - eine raffinirte, dauernde Qual. Sie nährte ein im Stillen brennendes Feuer des Unwillens und eine bebende Unruhe des Schmerzens, die mich quälte und ganz darnieder drückte. Ich fühlte, wie dieser gute Mann, so rein wie die tiefe, sonnenlose Quelle, mich bald ums Leben bringen würde, wenn ich seine Frau wäre; wie er mich ums Leben bringen würde, ohne meinen Adern einen einzigen Bluttropfen zu entziehen, ohne sein krystallreines Gewissen durch den geringsten Flecken eines Verbrechens zu trüben. Insbesondere fühlte sich das, so oft
ich einen Versuch machte, ihn zu versöhnen. Kein Bedauern begegnete meinem Bedauern. Es machte ihm keinen Schmerz, sich mir entfremdet zu sehen, er hatte keine Sehnsucht nach Wiederaussöhnung; und obgleich mehr als ein Mal meine schnellfallenden Tränen das Blatt bedeckten, über das wir uns Beide neigten, so brachten sie doch aus ihr: nicht mehr Wirkung hervor, als ob sein Herz in der That aus Stein oder Metall gewesen wäre. Gegen seine Schwestern war er unterdessen etwas freundlicher, denn sonst: gleich als befürchtete er, bloße Kälte möchte mich nicht hinreichend
überzeugen, wie vollständig ich aus seinem Herzen verbannt sei, fügte er noch die Gewalt des Kontrastes hinzu: und dieß that er, ich bin es überzeugt, nicht in Absicht, sondern aus Grundsatz. Am Abend, ehe er Moor-House verließ, sah ich ihn zur Zeit des Sonnenuntergangs sich im Garten ergehen, und sah ich mich, indem ich ihn so ansah, erinnerte, daß
dieser Mann, so entfremdet er mir jetzt auch sein mochte, einst mein Leben gerettet hatte und daß wir nahe Verwandte
seien, so wollte ich meinen letzten Versuch machen, um seine Freundschaft wieder zu gewinnen. Ich ging hinaus und trat auf ihn zu, wie er sich auf das kleine Thörchen lehnte: ich kam sogleich zur Sache.
,St. John, ich bin unglücklich, weil Sie mir immer noch grollen. Lassen Sie uns Freunde sein!’
,Ich hoffe, wir sind Freunde,’ war die kalte Antwort, während er immer noch den Aufgang des Mondes
betrachtete, wie er bereits gethan, als ich mich ihm näherte.
,Nein, St. John, wir sind nicht mehr Freunde wie früher. Sie wissen das.’
,Sind wir es nicht mehr? das ist nicht recht. Was mich betrifft, so wünsche ich Ihnen nichts Böses, sondern
im Gegentheil, alles Gute.’
,Ich glaube Ihnen. St. John, denn ich bin überzeugt, daß Sie Niemand Böses wünschen können; da auch aber Ihre Verwandte bin, so möchte ich etwas mehr Liebe, als jene Art allgemeiner Philanthropie, die Sie für bloße Fremde haben.’
,Natürlich,’ sagte er. ,Ihr Wunsch ist ganz vernünftig und ich bin weit entfernt, Sie wie eine Fremde anzusehen.’
Diese in kaltem, ruhigen Tone gesprochenen Worte waren kränkend und zurückweisend genug. Hätte ich auf die Einflüsterungen des Stolzes und des Zornes gehört so würde ich ihn alsbald verlassen haben; aber es arbeitete in mir Etwas, stärker, als diese Gefühle. Ich verehrte das Talent und die Grundsätze meines Vetters tief. Seine Freundschaft war von Werth für mich, und der Verlust derselben ging mir sehr zu Herzen. Ich wollte den Versuch, dieselbe wieder zu gewinnen, nicht so bald wieder aufgeben.
‘Müssen wir so von einander scheiden, St. John; und wenn Sie nach Indien gehen, wollen Sie mich so verlassen, ohne ein freundlicheres Wort, als Sie bis jetzt gesprochen haben?’
Er wandte sich jetzt ganz vom Monde ab, und kehrte mir das Gesicht zu. Wenn ich nach Indien gehe, Jane, werde ich
Sie da verlassen? Wie! Sie gehen nicht nach Indien?’
‘Sie haben ja gesagt, es sei dieß unmöglich, wenn ich Sie nicht heirathe.’
‘Und Sie wollen mich nicht heirathen? Sie bleiben also bei diesem Entschlusse.’
Leser, weist Du, wie ich, welchen Schrecken solche kalte Leute in das Eis ihrer Fragen legen können? Wie viel von dem Sturz der Lawine in ihrem Zorne liegt? Wie viel von dem Aufgehen der gefrorenen See in ihrem Mißfallen?
,Nein, St. John, ich heirathe Sie nicht. Ich bleibe bei meinem Entschlusse.’
Die Lawine war erschüttert worden und glitt ein wenig vorwärts; aber sie stürzte noch nicht zerschmetternd herab.
,Noch einmal, warum diese Weigerung?’ fragte er.
‘Früher,’ antwortete ich, ‘weil Sie mich nicht liebten; jetzt, erwiedere ich, weil Sie mich beinahe hassen. Sollte ich Sie heirathen, so würden Sie mich um's Leben bringen. Schon jetzt bringen Sie mich um.’
Seine Lippen und seine Wangen wurden weiß - völlig weiß.
,Ich würde Sie umbringen - ich bringe Sie um? Sie sollten sich nicht solcher Worte bedienen: sie sind heftig, unweiblich und unwahr. Sie verrathen einen unglücklichen Gemüthszustand: sie verdienen ernsten Tadel: sie möchten unentschuldbar scheinen, wäre es nicht die Pflicht eines Menschen, seinem Mitmenschen zu vergeben, und wäre es auch siebzig mal sieben mal.’
Jetzt war Alles aus. Während ich ernstlich gewünscht hatte, aus seinem Geiste die Spuren meiner früheren Beleidigung zu vertilgen, hatte ich auf dieser zähen Oberfläche eine andere, tiefere verursacht: ich hatte sie eingebrannt.
‘Jetzt werden Sie mich in der That hassen,’ sagte ich. ‘Es ist unnütz, daß ich Sie zu versöhnen suche: ich sehe, ich habe einen ewigen Feind aus Ihnen gemacht.’
Diese Worte verwundeten ihn aufs Neue und um so tiefer, weil sie wahr waren. Seine blutlose Lippe zuckte krampfhaft. Ich wußte, welchen Zorn ich entzündet hatte. Ich war trostlos.
,Sie mißdeuten meine Worte ganz und gar,' sagte ich, indem ich plötzlich seine Hand faßte: ich habe nicht
die Absicht, Ihnen Kummer oder Schmerz zu verursachen - gewiß nicht.
Er lächelte bitter und zog mit viel Entschiedenheit seine Hand zurück. - ,Und jetzt nehmen Sie vermuthlich Ihr Versprechen zurück und gehen gar nicht nach Indien?’ sagte er, nach einer ziemlich langen Pause.
,Ich will hingehen, als Ihre Gehülfin,’ antwortete ich.
Es folgte nun ein sehr langes Schweigen. Welcher Kampf in dieser Zwischenzeit in ihm zwischen der Natur und der Gnade vorging, vermag ich nicht zu sagen: nur funkelten einzelne Schimmer in seinen Augen, und gingen seltsame Schatten über sein Gesicht hin. Endlich sprach er:
‘Ich habe Ihnen schon bewiesen, wie thöricht es ist, wenn ein unverheirathetes Frauenzimmer von Ihrem
Alter mit einem unverheiratheten Mann von meinem Alter in ein fremdes Land gehen will. Ich habe es
Ihnen so klar bewiesen, daß ich dachte, Sie würden auf ihren Vorschlag nicht mehr zurückkommen. Daß
Sie es dennoch gethan, bedaure ich - um Ihretwillen.’
Ich unterbrach ihn: seine im Tone des Vorwurfs gesprochenen Worte gaben mir mit einem Male wieder Muth. Ich sagte:
,Bleiben Sie doch vernünftig, St. John: Sie streifen an den Unsinn. Sie thun, als ob das, was ich gesagt, Ihnen anstößig- wäre. Das ist in der That aber nicht der Fall: denn bei Ihrem hohen Verstande können Sie nicht so albern oder so grillenhaft sein, um das, was ich sagen will, zu mißverstehen. Ich sage abermals, ich will Ihre Gehülfin sein, wenn es Ihnen recht ist, nie aber Ihre Frau.’
Abermals wurde er leichenblaß; beherrschte aber, wie zuvor, seinen Zorn vollkommen. Er antwortete
emphatisch, aber ruhig:
,Eine Gehülfin, die nicht mein Weib ist, paßt unter keinen Umständen für mich. Mit mir also können Sie, wie es scheint, nicht gehen; ist aber Ihr Anerbieten ein aufrichtiges, so werde ich bei meiner Anwesenheit in der Stadt mit einem verheiratheten Missionär sprechen, dessen Frau eine Gehülfin braucht. Ihr eigenes Vermögen wird Sie von der Unterstützung der Gesellschaft unabhängig machen, und Sie können sich so die Unehre ersparen, Ihr Versprechen zu brechen und die Fahne zu verlassen, der zu solchen Sie sich verpflichtet haben.
Nun aber hatte ich, wie der Leser weiß, nie ein förmliches Versprechen gegeben und mich auch zu Nichts
verbindlich gemacht; und es war diese Sprache daher viel zu hart und viel zu despotisch. Ich antwortete:
‘Hier kann es sich von keiner Unehre handeln, von keinem Bruche eines Versprechens, von keinem Ausreißen. Ich habe mich nicht im Geringsten verbindlich gemacht, nach Indien zu gehen, insbesondere nicht mit Fremden. Mit Ihnen würde ich viel gewagt haben, weil ich Sie bewundere, auf Sie mein Vertrauen setze und Sie wie eine Schwester liebe; allein, ich bin überzeugt, daß ich in jenem Himmelsstriche nicht lange am Leben bleiben würde, wenn und mit wem ich auch gehen möchte.
‘Sie fürchten für Ihr Leben,' sagte er, seine Lippe kräuseind.
‘Ja, ich fürchte dafür. Gott hat mir nicht das Leben geschenkt, um es wegzuwerfen. Und zu handeln, wie ich nach Ihrem Willen handeln soll, käme - wie ich zu denken anfange - fast einem Selbstmorde gleich. Ueberdieß will ich, ehe ich mich definitiv entschließe, England zu verlassen, mich erst überzeugen, ob ich mich nicht nützlicher machen kann, wenn ich hier bleibe, als wenn ich in ein fremdes Land gehe.
'Was wollen Sie damit sagen?'
,Es wäre vergebens, es zu erklären zu suchen; aber es ist ein Punkt, worüber ich lange in peinlichem Zweifel gewesen bin; und ich kann nirgends hingehen, so lange dieser Zweifel in irgendeiner Weise nicht beseitigt wird.’
,Ich weiß, wohin Ihr Herz sich wendet und voran es festhält. Das Interesse, das Sie nähren, ist ein unerlaubtes, unheiliges. Schon längst hätten Sie dasselbe aus Ihrem Herzen vertilgen sollen: jetzt sollten Sie erröthen, sich schämen, auch nur darauf anzuspielen. Sie denken an Herrn Rochester?’
Es war die Wahrheit. Ich bekannte es durch mein Schweigen.
‘Wollen Sie Herrn Rochester aussuchen?’
‘Ich muß wissen, was aus ihm geworden ist.’
,So bleibt mir denn,’ sagte er, ‘nur noch übrig, Sie in mein Gebet einzuschließen und Gott für Sie erneut zu bitten, daß Sie nicht eine Verworfene werden. Ich hatte in Ihnen eine der Auserwählten zu erkennen geglaubt. Aber Gottes Wege sind die Wege der Menschen.’
Er öffnete das Pförtchen, ging durch dasselbe und entfernte sich in der Richtung der Schlucht. Bald war er nicht mehr zu sehen.
Als ich wieder in das Empfangzimmer trat, fand ich Diana, wie sie am Fenster stand; Sie sah sehr gedankenvoll aus. Diana war viel größer als ich; sie legte ihre Hand auf meine Schulter und prüfte, indem sie sich zu mir neigte, mein Gesicht.
,Jane,’ sagte sie, ‘Du bist stets aufgeregt und jetzt blaß. Ich bin gewiß, es ist nicht Alles in der Ordnung. Erzähl mir, was Du und St. John mit einander auszumachen haben. Ich habe euch diese ganze halbe Stunde vom Fenster aus betrachtet; Du mußt es mir verzeihen, daß ich mich so zu einer Späherin machet; aber schon lange stellte ich mir, ich weiß kaum was, vor. St. John ist ein seltsames Wesen.’ - Sie schwieg, -
ich sprach nicht; bald fuhr sie wieder fort:
“Mein Bruder hat gewiß ganz besondere Ansichten in Betreff Deiner: er hat Dich lange Zeit durch eine Beachtung und eine Theilnahme ausgezeichnet, die er noch für Niemand an den Tag gelegt: wozu? Ich wollte, er liebte Dich: liebt er Dich wirklich, Jane?’
Ich legte ihre kalte Hand auf meine heiße Stirn und sagte:-
,Nein, Die, nicht ein Bißchen.’
,Warum folgt er Dir dann aber so mit seinen Augen, - und warum ist er denn so oft allein bei Dir, und warum behält er Dich so ständig in seiner Nähe? Wir Beide, Mary und ich, hatten daraus den Schluß gezogen, daß er Dich heirathen wolle.’
‘Er will, - er wollte, dass ich seine Frau werde.’
Diana schlug die Hände freudig zusammen. ,Das ist es eben, was wir hofften und dachten und Du heirathest ihn, Jane, nicht wahr? Und dann bleibt ihr in England.’
,Weit gefehlt, Diana: sein einziger Gedanke, indem er mich zu seiner Frau wachen will, ist, sich bei seinen Arbeiten in Indien eine passende Gehülfin zu verschaffen.’
,Was? Er will, Du sollst mit ihm nach Indien?’
‘Ja.’
'Wahnsinn!’ rief sie. ,Du würdest, ich bin es überzeugt, dort nicht ein Vierteljahr leben. Du darfst
nicht dorthin gehen: Du hast doch nicht Deine Einwilligung gegeben, Jane?’
,Ich habe ihm erklärt, daß ich ihn nie heirathen würde -
‘Und daher hast Du ihm mißfallen?’ fiel sie ein.
,Gewaltig: ich fühlte, er wird es mir nie verzeihen: doch habe ich mich erboten, ihn als seine Schwester zu begleiten.’
,Es war eine an Wahnsinn grenzende Thorheit, daß Du so gethan, Jane. Bedenke nur, die Arbeit, der Du Dich unterziehen willst, ist eine Arbeit, bei der Dir keine Erholung gegönnt ist: eine Arbeit so mühevoll, so unablässig mühevoll, daß sie sogar für die Starken tödlich ist; - und Du, Du bist schwach. St. John - Du kennst ihn ja - würde Dich zu Unmöglichem anhalten: bei ihm würdest Du auch in den heißesten Stunden des Tages nicht ausruhen; und unglücklicher
Weise habe ich bemerkt, daß Du Dich zwingst, Alles zu thun, was er verlangt. Ich bin nur erstaunt, daß
Du den Muth fandst, seine Hand anszuschlagen. Du liebst ihn also nicht, Jane?’
,Nicht als Gatte.’
,Und doch ist er ein schöner Mann.’
,Und ich bin so wenig schön. Die, wie Du siehst. Wir würden nie für einander passen.’
,So wenig schön! Du? Ganz und gar nicht. Du bist viel zu hübsch, und auch viel zu gut, um in
Kalkutta lebendig gebraten zu werden.’
Und abermals beschwor sie mich, jeden Gedanken, mit ihrem Bruder nach Indien zu gehen, aufzugeben.
,Ich muß es in der That, sagte ich; ,denn als ich ihm noch so eben wiederholt das Anerbieten machte, ihm als Gehülfin zu dienen, gab er sich das Ansehen, als sei mein Mangel an Anstand ihm anstößig. Er schien zu denken, ich habe mir eine Unschicklichkeit zu Schulden kommen lassen, indem ich ihm vorgeschlagen, daß ich ihn, aber unverheirathet, begleiten wolle: gleich als hätte ich nicht von Anbeginn gehofft, in ihm meinen Bruder zu finden, und ihn gewöhnlich als solchen
betrachtet'
,Warum sagst Du, daß er Dich nicht liebe, Jane?
,Du mußt ihn selbst über diesen Gegenstand sprechen hören. Er hat mir aber und abermals erklärt, daß er nicht für sich, sondern für sein Amt eine solche Verbindung wünsche. Er hat mir gesagt, ich sei zur Arbeit, nicht zur Liebe geschaffen: - was ohne Zweifel wahr ist. Wenn ich aber nicht zur Liebe geschaffen bin, so folgt daraus, nach meiner Meinung, daß ich nicht zur Heirath geschaffen bin. Wäre es nicht sonderbar, Die, sein Leben lang an einen Mann gefesselt zu sein, der mich nur als ein nützliches Werkzeug ansähe?’
‘Unerträglich - unnatürlich - davon kann keine Rede sein!’
‘Und dann?’ fuhr ich fort, ,kann ich, obgleich ich ihn jetzt bloß wie eine Schwester liebe, mir doch die
Möglichkeit vorstellen, daß ich, wenn ich seine Frau sein muß, eine unvermeidliche, seltsame, quälende Art
von Liebe für ihn empfinde, weil er so talentvoll ist; auch liegt oft eine gewisse, heroische Größe in seinem
Blicke, seinen Manieren, und seinem Gespräche. In diesem Falle würde mein Los ein unaussprechlich unglückliches werden. Er würde von mir nicht verlangen, daß ich ihn liebe, und wenn ich dieses Gefühl an den Tag legte, so würde er mich darauf aufmerksam machen, daß es etwas Ueberflüssiges sei, Etwas, was er nicht verlange, was sich für mich nicht schicke. Ich weiß, er würde das thun.’
‘Und doch ist St. John ein guter Mensch,’ sagte Diana:
,Er ist ein guter und großer Mann; aber er vergißt ohne Erbarmen die Gefühle und Ansprüche kleiner Leute, während er seine großen Absichten verfolgt. Es ist daher besser, wenn die unbedeutenden Leute ihm nicht in den Weg kommen, sonst tritt er sie in seinem Laufe zu Boden. Da kommt er! Ich will Dich allein lassen, Diana.’
Und ich eilte die Treppe hinauf, als ich ihn in den Garten hereinkommen sah.
Aber beim Nachtessen mußte ich wieder mit ihm zusammentreffen. Während dieses Mahles schien er gerade so gefaßt und ruhig, wie gewöhnlich. Ich hatte geglaubt, daß er kaum mit mir reden würde, und hielt mich überzeugt, daß er die weitere Verfolgung seines ehelichen Projekts aufgegeben hätte: die Folge zeigte aber, daß ich mich in beiden Punkten irrte. Er sprach mit mir in seiner gewohnten Weise, oder in der Weise, die er neulich angenommen, - das heißt, ungemein
höflich. Ohne Zweifel hatte er die Hälfte des heiligen Geistes angerufen, um den Zorn, den ich in ihm erweckt, zu zähmen, und glaubte nun, er habe mir abermals vergeben.
Als Abendlection vor dem Gebete wählte er das einundzwanzigste Kapitel der Offenbarung Johannis. Es war immer angenehm zuzuhören, wenn die Worte der Bibel von seinen Lippen fielen: nie hatte seine schöne Stimme einen so süßen und vollen Klang, - nie machte er in seiner edlen Einfalt einen so tiefen Eindruck auf mich, als wenn er die Worte Gottes verkündete; und an diesem Abend nahm seine Stimme einen feierlichen Ton an, und sein ganzes Wesen eine mehr zum Herzen
dringende Bedeutung- als er mitten in seinem häuslichen Kreise saß, (während der Maimond durch das Fenster ohne Vorhänge hereinblickte und das Licht der Kerze auf dem Tische fast unnöthig machte): als er da saß, sich über die große, alte Bibel neigend, und aus ihr die Erscheinung des neuen Himmels und der neuen Erde beschrieb; — als er sprach, wie Gott herabkommen würde zu den Menschen; — wie er alle Thränen von ihren Augen abwischen würde, und wie er verheißen
daß kein Tod mehr sein solle, kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen, weil das Erste vergangen.
Wie er so die Worte nach einander sprach, fühlte ich mich seltsam durchbebt insbesondere als ich an der
leichten, unbeschreiblichen Veränderung des Tones bemerkte, daß sein Auge, beim Ausspechen derselben, sich
nach mir hingewendet.
,Wer überwindet, der wird Alles ererben: und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Aber, dieß war langsam und deutlich gelesen ,den Versagten und Unglaubigen, und Gräulichen und Todtschlägern, und Huren und Zauberern, und Abergöttischen und allen Lügnern, deren Theil wird sein in dem Stuhl, der mit Schwefel brennt, welches ist der andere Tod.’
Nun wußte ich, welches Schicksal St. John für mich fürchtete.
Ein ruhiger, gedämpfter Triumph, verbunden mit einem sehnsüchtigen Eifer sprach sich in der Art aus, wie er die letzten herrlichen Verse dieses Kapitels las. Der Leser glaubte, sein Name sei bereits geschrieben in das lebendige Buch des Lamms, und es verlangte ihn nach der Stunde, wo er eintreten würde in die Stadt, in welche die Könige der Erde ihre Herrlichkeit und Ehre bringen; welche keiner Sonne, noch des Mondes bedarf, daß sie ihr scheine, weil die Herrlichkeit Gottes sie erleuchtet und ihre Leuchte das Lamm ist.
In dem auf das Kapitel folgenden Gebete sammelte sich seine ganze Kraft, erwachte sein ganzer, ernster Eifer: er rang ernsterfüllt mit Gott, und war entschlossen, zu siegen. Er bat um Stärke für die Schwachen, um Leitung für die, so sich von der guten Heerde verirrt, um Rückkehr, wenn auch noch in der elften Stunde, es für die, welche die Versuchungen der Welt und des Fleisches von dem engen Pfade ablockten. Er bat, er flehete um die Gnade, daß er dem Brennenden einen
Brand entreißen musste.
Ein ernstliches Gebet ist stets etwas höchst Feierliches. Zuerst wunderte ich mich über seinen Ernst, als ich dieses Gebet hörte; sodann wurde ich, als es fortdauerte und immer brünstiger wurde, dadurch gerührt,
und am Ende von Ehrfurcht erfüllt. Er fühlte die
Größe und Güte seines Vorhabens so aufrichtig: Andere, die ihn dafür beten hörten, konnten nicht umhin,
das Gleiche zu fühlen.
Als das Gebet vorüber war, verabschiedeten wir uns von ihm: er wollte den nächsten Morgen ganz in der Frühe weggehen. Nachdem Diana und Mary ihn geküßt hatten - gingen sie aus dem Zimmer - wahrscheinlich um einen geflüsterten Winke von ihm nachzukommen: ich reichte ihm die Hand und wünschte ihm eine glückliche Reise.
,Ich danke Ihnen, Jane. Ich werde, wie schon gesagt, in vierzehn Tagen von Cambridge zurück sein: so viel Zeit also haben Sie, um sich zu besinnen. Wollte ich auf menschlichen Stolz hören, so würde ich von der Heirath Nichts mehr zu Ihnen sagen: aber ich höre auf meine Pflicht und halte meinen ersten Endzweck fest im Auge - Alles zur Ehre Gottes zu thun. Mein Herr war langmüthig: auch ich will es sein. Ich kann Sie nicht als ein Gefäß des Zorns der Verdammniß
anheim fallen lassen: bereuen Sie ihre Sünden — entschließen Sie sich, so lange es noch Zeit ist. Erinnern Sie sich, daß wir arbeiten sollen, dieweil es Tag ist, und daß geschrieben steht, ,Es kommt die Nacht, wo Niemand wirken kann. Erinnern Sie sich an das Los des Reichen, der sein Gutes in diesem Leben hatte. Gott gebe Ihnen die Kraft, das bessere Theil zu erwählen, das nicht von Ihnen genommen werden wird.
Er legte seine Hand auf meinen Kopf, als er die letzten Worte sprach. Er hatte ernst, sanft gesprochen: sein Blick war in der That nicht der eines Leibenden, der seine Geliebte anfleht, sondern der eines Hirten, der seine umherirrenden Schafe sucht — oder richtiger, der eines Schutzengels, der über die Seele wacht, für die er verantwortlich ist. Alle Menschen von Talent, mögen sie Gefühlsmenschen sein oder nicht; mögen sie Eiferer oder Despoten sein oder aufstreben - haben ihre erhabenen Augenblicke, sobald sie nur aufrichtig sind, haben ihre Augenblicke, wo sie siegen und herrschen. Ich war von Verehrung für St. John durchdrungen, so sehr von Verehrung, durchdrungen, daß die Stärke derselben
mich mit einem Male auf den Punkt brachte, den ich so lange gemieden hatte. Ich war versucht, den Kampf mit ihm aufzugeben, — in den Strom seines Willens mich hinabzustürzen und in dem Schluß seiner Existenz mich zu begraben, und dort meine eigene zu verlieren. Ich war von ihm jetzt fast ebenso sehr gedrängt, wie früher einmal, auf andere Weise, von einem Andern. Beide Male war ich eine Thörin. Hätte ich damals nachgegeben, so hätte ich gegen die Grundsätze
verstoßen; hätte ich aber jetzt nachgegeben, so hätte ich gegen den gesunden Verstand gesündigt. So denke ich
jetzt, wenn ich durch das ruhige Medium der Zeit aus die Krisis zurückblicket ich war mir im Augenblicke der
Thorheit nicht bewußt.
Ich stand unter der Berührung meines Oberpriesters bewegungslos da. Meine Weigerungen waren vergessen - meine Furcht besiegt -- mein Kampf gelähmt. Das Unmögliche — das heißt, meine Verheirathung mit St. John — wurde schnell zu etwas Möglichem. Plötzlich verwandelte sich Alles gänzlich. Die Religion rief - die Engel winkten — Gott befahl — das Leben rollte zusammen wie eine Plapierrolle — die sich öffnenden Pforten des Todes zeigten die Ewigkeit jenseits: es kam mir vor: es müsse hienieden Alles in einer Sekunde geopfert werden, um dort Oben Glück und Wonne zu finden. Das düstere Zimmer war voller Erscheinungen.
,Können Sie sich jetzt entscheiden?’ fragte der Missionär. Die Frage war in sanftem Tone an mich gerichtet: ebenso sanft zog er mich zu sich hin. O was vermag nicht eine solche Sanftheit? Um wie viel mächtiger ist sie nicht, als die Gewalt! Ich konnte St. John's Zorn widerstehen: seinen freundlichen Worten konnte ich es nicht, und ich wurde biegsam wie ein Rohr. Doch wußte ich immer noch, daß wenn ich jetzt nachgäbe, ich meine frühere Empörung nichts desto
weniger eines Tags zu bereuen haben würde. Seine Natur hatte sich nicht durch eine Stunde feierlichen
Gebetes geändert sie hatte sich nur gehoben.
,Ich könnte mich entscheiden,’ antwortete ich, ‘wäre ich meiner Sache nur gewiß; wäre ich nur überzeugt, daß es Gottes Wille, daß ich Sie heirathe, so könnte ich geloben, Sie hier und jetzt zu heirathen — es komme darauf, was da wolle!’
‘Mein Gebet ist erhört!’ rief St. John. Er drückte seine Hand fester auf mein Haut, gleich als nähme er mich in Anspruch: er umgab mich mit seinem Arm, fast wie wenn er mich liebte (ich sage fast - ich wußte den Unterschied - denn ich hatte gefühlt, was es heißt, geliebt zu werden; aber gleich ihm hatte ich jetzt die Liebe aus dem Spiel gelassen und bloß an die Pflicht gedacht: ich kämpfte mit meinem inneren, düsteren Blicke, vor dem noch Wolken schwebten. Ich
wünschte aufrichtig und mit aller Macht, zu thun was Recht war; und Nichts weiter. ,Zeige mir, zeige mir den Weg!’ flehte ich zum Himmel. Ich war aufgeregter, als ich je zuvor gewesen; und ob das Folgende eine Wirkung der Aufregung war, mag der Leser selbst beurtheilen.
Im ganzen Hause war es still; denn ich glaube, Alles hatte sich jetzt zur Ruhe begeben, nur St. John
und ich nicht. Eines der Lichter war auf dem Punkte, auszugehen: das Zimmer war durch das Mondlicht
ganz erhellt. Mein Herz schlug -geschwind und stark: ich hörte seine Schläge. Plötzlich stand es still bei
einem unaussprechlichen Gefühle, das es durchbebte, und in einem Augenblicke meinem Kopfe und dem
äußersten Theile meines Körpers sich mittheilte. Das Gefühl war nicht wie ein elektrischer Schlag, aber es
war so durchdringend, so seltsam, so aufschreckend: es wirkte auf meine Sinne, wie wenn deren äußerste Thätigkeit bis daher Nichts als Betäubung gewesen wäre, der sie jetzt entrissen wurden, und aus der sie jetzt erwachen mußten. Sie erwachten voller Erwartung: Auge und Ohr wartete, während das Fleisch an meinen Gebeinen zitterte.
,Was haben Sie gedacht? Was sehen Sie?’ fragte St. John. Ich sah Nichts, hörte aber irgendwo eine Stimme rufen:
‘’Jane! Jane! Jane!’’ Nichts weiter.
‘Ach Gott, was ist,’ sagte ich athemlos.
Ich hätte sagen können: ,Wo ist es?’ denn es schien nicht im Zimmer, noch im Hause, noch im Garten zu sein: es kam nicht aus der Luft, noch aus dem Boden, noch von Oben her. Ich hatte es gehört - wo oder von woher, das war mir unmöglich zu sagen! Und es war die Stimme eines menschlichen Wesens, eine bekannte, geliebte Stimme, deren ich mich wohl noch erinnerte - die Stimme Eduard Fairfax Rochesters und sie sprach in Schmerz und Leid - mild,
geisterhaft, flehentlich.
,Ich komme' reif ich. ‘Warte auf mich! O ich will kommen!’
Ich rannte auf die Thür zu und sah in den Gang hinaus: er war finster. Ich rannte in den Garten hinaus: er war leer.
,Wo sind Sie?’ rief ich.
Die Hügel jenseits von Marsh-Glen schickten leise die Antwort zurück: ,Wo sind Sie?’
Ich horchte: der Wind seufzte leise in den Fichtenbäumen: Alles war Einsamkeit und mitternächtliche Stille.
‘Weg mit dem Aberglauben!’ dachte ich, als dieses Gespenst sich an dem schwarzen Eibenbaum am
Thore in schwarzer Gestalt erhob. ,Dieß ist keine Täuschung, noch keine Zauberei: es ist das Werk der Natur: sie wurde geweckt und that kein Wunder sondern ihr Möglichstes.’
Ich riß mich von St. John los, der mir gefolgt war, und mich zurückgehalten haben würde. Nun war es an mir, die Oberhand zu gewinnen. Meine Kräfte waren jetzt erwacht und thätig. Ich sagte ihm, er möchte sich aller Fragen und Bemerkungen enthalten; ich bat ihn, mich zu verlassen, da ich allein sein müsse und wolle. Er gehorchte alsbald. Wo Energie ist, um Recht zu befehlen, da fehlt der Gehorsam nie. Ich ging in mein Zimmer hinauf, schloß mich ein, fiel auf
meine Knie nieder und flehte zu Gott in meiner Weise, — die zwar von der St. John's verschieden, aber in ihrer Art doch wirksam war. Es schien mir, ich dringe ganz in die Nähe eines mächtigen Geistes und meine Seele ergoß sich in Dankbarkeit zu seinen Füßen. Ich stand von dem Dankgebet auf - faßte einen Entschluß und legte mich nieder, ruhig, erleuchtet und nach Nichts mich sehnend, als nach dem Tageslicht. —
Sechsundddreißigsten Kapitel.
Das Tageslicht kam. Mit der Dämmerung stand ich auf. Ich beschäftigte mich einige Stunden damit, daß ich in meinem Zimmer, meinen Fächern und meiner Garderobe Alles in die Ordnung brachte, worin ich es während einer kurzen Abwesenheit lassen wollte. Unterdessen hörte ich St. John sein Zimmer verlassen. Er blieb an meiner Thür stehen: ich fürchtete, er möchte anklopfen; - aber nein, ein Stück Papier wurde unter der Thür durchgeschoben. Ich nahm es, und es stand
darauf Folgendes: —
,Sie haben mich in der vergangenen Nacht zu plötzlich verlassen. Wären Sie nur etwas länger geblieben, so würde des Christen Kreuz und die Krone des Engels die Ihrige geworden sein. Ich erwarte Ihre klare Entscheidung, wenn ich von heute über vierzehn Tage zurückkomme. Unterdessen wachen und beten Sie, damit Sie nicht in Anfechtung fallen: der Geist, ich glaube es, ist willig, aber das Fleisch, ich sehe es, ist schwach. Ich werde für Sie stündlich beten. - Der
Ihrige, St. John.’
‘Mein Geist,’ antwortete ich bei mir selbst, ,will thun, was recht ist; und mein Fleisch ist hoffentlich stark genug, um den Willen des Himmels zu vollführen sobald ich diesen Willen genau kenne. Auf jeden Fall soll er stark genug sein, zu suchen, zu forschen, aus dieser Wolke des Zweifels einen Ausgang, und den offenen Tag der Gewißheit zu finden.’
Es war am ersten Juni; doch war der Morgen umwölkt und etwas kalt: der Regen schlug stark an mein Fenster. Ich hörte die Vorderthür auf- und St. John hinausgehen. Indem ich durch das Fenster blickte, sah ich ihn den Garten durchschreiten. Er schlug den Weg über die nebligen Moore in der Richtung von Whitcroß ein: - dort wollte er den Eilwagen besteigen.
‘In wenigen Stunden werde ich Dir auf diesem Wege nachfolgen, Vetter,’ dachte ich, auch ich muß zu Whitcroß auf einen Eilwagen warten, auch ich muß in England Jemand aufsuchen, ehe ich es für immer verlasse.’
Es waren nur noch zwei Stunden bis zur Zeit des Frühstücks. Ich füllte die Zwischenzeit damit aus, daß ich in meinem Zimmer leise aus und abging und über den Vorfall nachdachte, der meinen Plänen ihre gegenwärtige Richtung gegeben hatte. Ich erlaubte mir jene innere Empfindung, die mich durchdrungen, wieder ins Gedächtniß zurück, denn ich konnte sie mir wieder ins Gedächtniß zurückrufen mit all ihrer, nicht mit Worten auszudrückenden Seltsamkeit. Ich rief mir wieder die Stimme in's Gedächtniß zurück, die ich gehört hatte; abermals fragte ich mich, woher sie gekommen,
und abermals so vergebens, wie zuvor: sie schien aus mir -- nicht von Außen her gekommen zu sein. Ich fragte mich, ob es ein bloßer nervöser Eindruck — eine Illusion gewesen? Ich konnte es nicht begreifen noch glauben, es war mehr wie eine Inspiration. Das wunderbare Gefühl war plötzlich gekommen, wie das Erdbeben, welches das Fundament des Kerkers des heiligen Paulus und des Silas erschütterte: es hatte die Thüren der Zelle der Seele geöffnet und deren Bande
gelöst — es hatte sie aus ihrem Schlafe geweckt, aus dem sie zitternd, horchend, von Grauen betroffen, sich
aufraffte; sodann ertönte dreimal ein Schrei vor meinem aufgeschreckten Ohre, und in meinem zitternden Herzen, und durch meinen Geist hin, der sich, weder fürchtete, noch bebte, sondern freudig jauchzte über den Erfolg einer einzigen Anstrengung, die er hatte machen dürfen, unabhängig von dem schwerfälligen Körper.
,Ehe viele Tage vergehen,’ sagte ich, als ich mit meinem Nachdenken zu Ende war, ,werde ich Etwas
von ihm wissen, dessen Stimme in vergangener Nacht mich zu sich zu rufen schien. Briefe haben Nichts genützt; - nun will ich mich in eigener Person erkundigen.’
Beim Frühstück kündigte ich Dianen und Mary an, daß ich eine kleine Reise zu machen hätte, und wenigstens vier Tage abwesend sein würde.
'Allein, Jane?’ fragten sie.
,Ja,’ sagte ich; ,ich müsse nach einem Freunde, wegen dessen ich seit einiger Zeit sehr unruhig gewesen, mich erkundigen, und wo möglich ihn sprechen.’
Sie hätten nun, wie sie ohne Zweifel auch dachten, sagen können, wie sie glaubten, daß ich keine Freunde
hätte, außer ihnen, denn ich hatte in der That oft so gesprochen; mit ihrer wahren, natürlichen Zartheit aber
enthielten sie sich aller Bemerkungen: nur fragte mich Diana, ob ich mich auch wohl genug fühle, um eine
Reise zu unternehmen. Ich sehe sehr blaß aus, bemerkte sie. Ich erwiederte, es fehle mir Nichts; nur sei mein
Geist sehr unruhig, was aber hoffentlich bald anders werden würde.
Es war leicht, meine weiteren Anordnungen zu treffen; denn ich wurde durch keine Fragen geplagt, durch keine Muthmaßungen. Nachdem ich ihnen einmal erklärt hatte, daß ich ihnen jetzt meine Pläne nicht näher auseinandersetzen könne; bequehmten sie sich freundlich und weise zu dem Schweigen, um das ich sie bat; nach meiner Ansicht würde ich, unter ähnlichen Umständen, ihnen gleichfalls das Vorrecht, frei zu handeln, zugestanden haben.
Ich verließ Moor-House um drei Uhr Nachmittags und bald nach vier Uhr stand ich am Fuße des Wegweisers von Whitcroß, und wartete auf den Eilwagens der mich nach dem fernen Thornfield bringen sollte.
Bei der Stille dieser einsamen Wege und unbewohnten Hügel hörte ich ihn schon in weiter Entfernung. Es war derselbe Wagen, aus dem ich vor einem Jahre an einem Sommerabende, gerade an dieser Stelle, ausgestiegen war: - wie verlassen, wie trostlos, wie Hoffnungslos, wie ziellos! Er hielt an, als ich dem Condukteur zuwinkte. Ich stieg ein: — jetzt nicht mehr gezwungen, mein ganzes Vermögen herzugeben, um aufgenommen zu werden. Abermals fand ich mich auf dem Wege nach Thornfield, und dieß Mal fühlte ich mich gleich einer Brieftaube, die nach Hause fliegt.
Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden. Ich war von Whitcroß am Dienstag Nachmittags weggegangen, und am darauf folgenden Donnerstag in der Frühe hielt der Eilwagen an, um die Pferde in einem am Wege gelegenen Gasthause zu tränken, das in der Mitte einer Scenerie lag, deren grüne Hecken, große Felder, und niedrige pastoralische Hügel (wie sonst aussehend und wie grün an Farbe, wenn verglichen mit den strengen Mooren von Morton!) in meinem Auge wie die Züge eines einst wohlbekannten Gesichts erschienen. Ja, ich kannte den Charakter dieser Landschaft: wir konnten nicht mehr weit von unserem Ziele sein.
,Wie weit ist Thornfield-Hall von hier?’ fragte ich den Hausknecht.
,Gerade zwei Meilen, Ma'am, wenn man quer über die Felder geht.’
,Meine Reise ist zu Ende,’ dachte ich bei mir selbst. Ich stieg aus, gab einen Koffer, den ich bei mir hatte,
dem Hausknecht zum aufbewahren, bis ich nach demselben fragen würde, bezahlte das Fahrgeld, gab dem
Kutscher Etwas und ging. Der immer heller werdende Tag beleuchtete das Wirthsschild, und ich las darauf
in vergoldeten Buchstaben: ‘The Rochester Arms.’ Mein Herz hüpfte vor Freude, schon befand ich mich
auf den Gütern meines Herrn. Aber es fühlte sich bald wieder darnieder gedrückt: der Gedanke bot sich ihm
dar: —
,Dein Herr kann jenseits des britischen Kanals sein: und wenn er dann auch in Thornfield-Hall ist, wohin Du eilst, wer ist außer ihm noch da? Sein wahnsinniges Weib, und Du hast mit ihm Nichts zu schaffen: Du darfst nicht mit ihm sprechen, noch seine Gegenwart suchen. Du hast Deine Arbeit verloren es ist besser, wenn Du nicht weiter gehst,' sprach der Mahner. ,Verlange von den Leuten in dem Gasthause Auskunft; sie können Dir Alles geben, was Du suchst,
sie können Deine Zweifel mit Einem Male lösen. Gehe auf jenen Mann zu und erkundige Dich, ob Herr Rochester zu Hause ist.’
Dieß Alles war ganz vernünftig; und doch konnte ich es nicht über mich gewinnen, danach zu handeln. Ich fürchtete so sehr eine Antwort, die mich mit Verzweiflung erfüllen, mich darnieder schmettern möchte. Den Zweifel verlängern, hieß die Hoffnung verlängern. Ich konnte ja das Schloß unter dem Strahle seines Sterns noch ein Mal sehen. Da stand vor mir die Steige — die Felder, durch die ich blind, taub, halb wahnsinnig, mit einer rächenden Furie hinter mir, an
dem Morgen hingeeilt war, an dem ich aus Thornfield entfloh, ehe ich noch recht wußte, wozu ich mich entschlossen, befand ich mich in der Mitte derselben. Wie schnell ging ich dahin! Wie rannte ich bisweilen! Wie blickte ich hin, um das wohlbekannte Gehölz endlich zu Gesicht zu bekommen! Mit welchen Gefühlen grüßte ich einzeln stehende Bäume, die ich kannte, und Stücke von Wiesen und Hügeln, die dazwischen lagen!
Am Ende zeigte sich das Gehölz das Krähengeniste erschien in seiner dunkeln Gedrängtheit; ein lautes Gekrächze unterbrach die Stille des Morgens. Ein seltsames Entzücken bemächtigte sich meiner: ich eilte vorwärts. Noch ein Feld, das ich durchschreiten mußte - noch ein Heckenweg mit seinen Windungen - und es standen die Mauern des Hofraums, die Hintergebäude da: das Haus selbst wurde noch durch das Krähengeniste verdeckt.
,Ich will es zuerst von vorn sehen,’ so beschloß ich bei mir, wo seine kühnen Zinnen dem Auge sich mit einem Mal in ihrem Stolze darbieten, und wo ich das Fenster seines Herrn auffinden kann: vielleicht steht er an demselben: - er steht früh auf; vielleicht ergeht er sich jetzt in dem Obstgarten oder auf dem Pflaster an der Fronte. Könnte ich ihn doch nur sehen! — nur einen Augenblick! In diesem Falle würde ich doch wohl nicht so närrisch sein, auf ihn zu stürzen?
Ich kann es nicht sagen - ich weiß es nicht gewiß. Und wenn ich es thäte - was dann?- Gott segne ihn! Was dann? Wem würde dadurch ein Schaden erwachsen, wer könnte sich dadurch verletzt fühlen, wenn ich doch einmal das Leben kostete, das sein Blick mir geben kann? - Ich bin wahnsinnig: vielleicht sieht er jetzt die Sonne über den Pyramiden aufgehen, oder über dem fluth- und leblosen Meere des Südens.’
Ich war die untere Mauer am Obstgarten, entlang gegangen, - war um den von derselben gebildeten Winkel gekommen: dort war ein Pförtchen, das auf die Wiese ging- zwischen zwei steinernen Säulen, die mit steinernen Kugeln begränzt waren. Von einer der Säulen aus konnte ich ganz gemächlich die volle Fronte des Schlosses sehen. Vorsichtig streckte ich den Kopf vor, um zu sehen, ob noch in keinem Schlafzimmer die Rouleaus aufgezogen seien: die Zinnen, die Fenster, die
lange Fronte - Alles dieß konnte ich von diesem meinem Posten aus sehen, ohne selbst gesehen zu werden.
Die Krähen, die über meinem Haupte hin- und herflogen, beobachteten mich vielleicht, während dieser Recognoscirung. Ich möchte wohl wissen, was sie dachten: ich mußte ihnen anfänglich als eine sehr vorsichtige und schüchterne Person erscheinen, die aber stufenweise sehr kühn wurde und sich um Nichts mehr bekümmerte. Ein Blick und darauf ein langes Starren; dann verließ ich meine Nische und ging auf die Wiese hinaus, und blieb plötzlich an der Vorderseite des großen
Schlosses stehen, und warf einen langen, festen Blick darauf. ,Welch affektiertes Mißtrauen zuerst!’ Hätten die Krähen fragen können, und welche dumme Sorglosigkeit jetzt?’
Höre ein Gleichniß, Leser, das als Erläuterung dienen wird.
Ein Liebender findet seine Geliebte auf einer Moosbank eingeschlafen; er will ihr schönes Gesicht sehen, ohne sie aufzuwecken. Er schleicht sachte über das Gras hin und hütet sich sorgfältig, ein Geräusch zu machen, er bleibt stehen, weil er sich einbildet, sie habe sich gerührt: er zieht sich zurück, nicht um die ganze Welt möchte er gesehen werden. Alles ist still, abermals tritt er näher: er neigte sich über sie; ein leichter Schleier ruht auf ihren Zügen: er hebt denselben in die Höhe und bückt sich noch tiefer, jetzt erwarten seine Augen die Schönheit warm und blühend und liebenswürdig in ihrer Ruhe zu sehen. Wie eilig, wie flüchtig war ihr erster Blick! Aber wie starr werden sie!
Wie fährt er zusammen! Wie plötzlich und heftig umschließt er die Gestalt mit seinen Armen, die er noch vor einem Augenblicke nicht mit seinem Finger zu berühren wagte! Wie laut spricht er einen Namen aus, wie läßt er seine Last wieder niedersinken, wie wild sieht er sie an! Er packt sie so, und ruft, und schaut hin, weil er nicht länger fürchtet durch einen Laut, den er hervorbringen, durch eine Bewegung, die er machen kann, seine Geliebte aufzuwecken. Er glaubte, seine Geliebte schlafe süß, und er findet nun, daß sie so leblos wie ein Stein ist.
Ich sah mit ängstlicher Freude nach einem stattlichen Gebäude hin: und ich erblickte eine schwarze Ruine.
Da war es in der That nicht länger nothwendig, sich hinter der Säule eines Thörchens zu verstecken!
Zu Fenstergittern aufzublicken, und zu fürchten, es möchte etwas Lebendes sich hinter ihnen regen! Da war es
nicht nothwendig zu horchen, ob eine Thüre sich öffnet, sich einzubilden, daß auf dem Pflaster oder auf dem
Kieswege sich Schritte vernehmen ließen! Der Garten lag zusammengetreten und wüst da: das Portal gähnte weit und es war keine Thüre an ihm zu sehen. Die Vorderseite war, wie ich sie einst in einem Traume gesehen, nur noch eine muschelartige Mauer, die sehr hoch und zerbrechlich aussah, und an der Fenster ohne Scheiben sich befanden: kein Dach,
keine Zinnen, keine Kamine mehr — Alles war zusamemengestürzt.
Und rings umher herrschte die Stille des Todes: ich glaubte mich in einer abgeschiedenen Wildniß zu befinden. Nun konnte es mich nicht länger wundern, daß auf Briefe, die ich an dort lebende Personen gerrichtet, nie eine Antwort erfolgt war: eben so gut hätte ich ja an ein Gewölbe in einem Kirchengange einen Brief schicken können. Die schreckliche Schwärze der Steine zeigte an, was mit dem Schlosse vorgegangen:
wie war aber der Brand, wodurch es zerstört worden, entstanden? Welche Geschichte knüpfte sich an dieses
Unglück? Welche Verluste ausser dem Mörtel und Marmor und den Holzarbeiten waren eine Folge desselben
gewesen? Waren auch Menschenleben ein Opfer desselben geworden, während so viel Eigenthum zerstört wurde? Und wenn dem so war, wer war umgekommen? Eine furchtbare Frage: hier konnte sie Niemand beantworten: - es war nicht einmal ein stummes Zeichen da.
Indem ich um die zusammengebrochenden und beschädigten Wände herum und durch das zerstörte Innere hinging, gewann ich die Gewißheit, daß das Unglück nicht ganz neulich sich zugetragen haben müsse. Ich dachte, der Winterschnee sei durch den der Thüre beraubten Bogen in Masse eingedrungen, und Winterregen hätten durch die Fensteröffnungen hereingeschlagen; denn unter den feuchten Schutthaufen hatte der Frühling Pflanzen hervorgerufen: Gras und Unkraut wuchsen da und dort zwischen den Steinen und herabgefallenen Dachsparren. Und ach, wo war inzwischen der unglückliche Eigenthümer dieser Ruine? In welchem Lande, in welchen Verhältnissen? Mein Auge wandte sich unwillkührlich nach dem grauen Kirchthurme an dem Parkthor hin, und ich fragte mich: ,Ist er bei Damer de Rochester, und theilt er mit ihm seine enge, marmorne Wohnung?’
Auf diese Fragen mußte ich eine Antwort haben. Ich konnte solche nirgends als in dem Gasthause finden, und dahin ging ich denn auch bald wieder. Der Wirth brachte mir selbst mein Frühstück in das Empfangzimmer. Ich ersuchte ihn, die Thüre zuzumachen und sich zu setzen, da ich ihn Einiges fragen müßte. Als er dieß aber gethan, wußte ich kaum, wie ich anfangen sollte: so groß war mein Schrecken vor den möglichen Antworten: und doch bereitete mich das Schauspiel der
Verwüstung, das ich so eben verlassen hatte, einigermaßen auf eine traurige Geschichte vor. Der Wirth war ein achtbar aussehender Mann von mittlerem Alter:
,Sie kennen natürlich Thornfield-Hall?’ brachte ich endlich heraus.
‘Ja, Ma'am; ich habe einst dort gewohnt.’
,Wirklich?’ — Nicht zu meiner Zeit, dachte ich: ,Ihr Gesicht ist mir fremd.’
"Ich war bei dem verstorbenen Herrn Rochester Kellermeister,’ setzte er hinzu.
‘Bei dem Verstorbenen!’ Ich schien den Schlag, dem ich auszuweichen gesucht hatte, mit voller Macht
erhalten zu haben.
,Bei dem Verstorbenen!’ sagte ich athemlos. ,Ist er todt?’
,Ich meine den Vater des jetzigen Herrn, den Vater des Herrn Edward,’ sagte er erläuternd.
Ich athmete wieder auf: mein Blut fing wieder an zu zirkuliren. Durch diese Worte zur völligen Gewißheit gelangt, daß Herr Edward - mein Herr Rochester (Gottes Segen für ihn, wo er sich immer befinden mochte!) wenigstens am Leben, mit Einem Worte ,der jetzige Herr’ (frohe Worte!) sei, schien es mir, daß ich alles Kommende - welcher Art auch die
Eröffnungen sein möchten, mit verhältnißmäßiger Ruhe hören könnte. Da er nicht im Grabe lag, so konnte ich, ich dachte wenigstens so, hören, daß er bei den Antipoden sei.
,Wohnt jetzt Herr Rochester in Thornfield-Halt?’ fragte ich, und wußte natürlich, welche Antwort erfolgen würde. Dennoch wollte ich, nicht direkt fragen, wo er sich wirklich befinde.
,Nein, Ma'am -- o nein! Niemand wohnt jetzt dort. Es scheint, Sie sind in dieser Gegend fremd, sonst würden Sie wohl gehört haben, was vergangenen Herbst geschehen ist. Thornfield-Hall ist eine vollständige Ruine: es brannte gerade zur Erntezeit ab. Ein furchtbares Unglück: Es ging so unendlich viel werthvolles Eigenthum zu Grunde: von dem Mobiliar
konnte fast Nichts gerettet werden. Das Feuer brach mitten in der Nacht aus, als Alles ruhte, und ehe die
Feuerspritzen von Millcote ankamen, war das Gebäude eine große Flammenmasse. Es war ein fürchterliches
Schauspiel: ich war selbst dabei.’
,Mitten in der Nacht’ murmelte ich. Ja, das war die Unglücksstunde zu Thornfield. - ,Wurde es bekannt, wie das Feuer entstand?’ fragte ich.
"Man rieth hin und her, Ma'am: man rieth hin und her. Ich aber möchte sagen, es konnte darüber kaum mehr ein Zweifel entstehen. Sie wissen vielleicht nicht,’ fuhr er fort, indem er mit seinem Stuhle dem Tische, ein wenig näher rückte und leise sprach, ,daß dort in dem Hause eine Dame - eine - eine Wahnsinnige lebte?’
‘Ich habe Etwas davon gehört.’
,Man hielt sie in strenger Verwahrung, Ma’am: einige Jahre lang war man sogar über ihr Dasein nicht ganz im Klaren. Niemand sah sie: man wußte nur gerüchtweise, daß eine solche Person im Schlosse sei; wer oder was sie aber sei, war schwer zu errathen. Man sagte, Herr Edward habe sie aus der Fremde mitgebracht und einige glaubten, sie sei seine Maitresse gewesen. Aber vor einem Jahre ereignete sich etwas Sonderbares - etwas höchst Sonderbares. Ich fürchtete jetzt, daß ich meine eigene Geschichte zu hören bekommen würde. Ich versuchte es, ihn auf die Hauptsache zurückzubringen. Und diese Dame?
'Diese Dame, Ma'am,’ antwortete er, ‘war, wie es sich am Ende herausstelltem Herr Rochesters Frau! die Sache kam auf höchst seltsame Weise an den Tag. Es war eine junge Dame, eine Erzieherin im Schlosse, in die Herr Rochestec sich verliebte —‘
‘Aber das Feuer?’ fiel ich ein.
‘Ich komme schon dazu, Ma'am: in die Herr Edward sich verliebte. Die Dienerschaft sagt, man habe nie einen Mann so verliebt gesehen: er sei beständig um sie gewesen. Die Dienerschaft pflegte ihm aufzulauern - Diener thun das immer, Ma'am, wie Sie wissen werden - und er hielt Alles auf sie, ich meine die Erzieherin: dabei hielt sie aber Niemand außer ihm für so gar schön. Sie war ein kleines Ding, man sagt, fast wie ein Kind. Was mich betrifft, so habe ich sie
nie gesehen aber ich habe Leah, das Hausmädchen, von ihr sprechen hören. Leah konnte sie recht gerne leiden. Herr Rochester war etwa vierzig, und diese Erzieherin zwanzig Jahre alt und, sehen Sie, wenn Herren von diesem Alter sich in Mädchen verlieben, so ist es oft, wie wenn sie behext wären. Er wollte sie also heirathen.’
‘Sie können mir diesen Theil der Geschichte ein anderes Mal erzählen,’ sagte ich; ,für den Augenblick aber möchte ich aus besonderen Gründen das Nähere über den Brand hören. Vermuthete man, daß diese Wahnsinnige, Mistreß Rochester, die Hand dabei im Spiele gehabt?’
,Sie haben's erathen, Ma'am: es ist ganz gewiß, daß sie, und nur sie, den Brand verursachte. Sie hatte ein Weib, das sie hüten mußte, Mistreß Poole, ein tüchtiges Weib, in ihrer Art, ein Weib auf die man sich verlassen konnte; hätte dieselbe, nur nicht einen Fehler gehabt. Einen Fehler, den viele Kindermuhmen und alte Weiber haben, sie hatte immer eine Flasche Genever, und trank bisweilen, einen Tropfen zu viel. Das ist wohl zu entschuldigen, da ihr eben sauer
genug war, aber immerhin war es gefährlich, denn wenn Mistreß Poole, nachdem sie ihren mit Wasser vermischten Genever getrunken, fest eingeschlafen war, so nahm die wahnsinnige Dame ihr die Schlüssel aus der Tasche, schloß ihre
Zimmerthür auf, schwärmte im Haus herum und richtete irgend ein Unheil an, das ihr gerade in den Kopf kam. Man sagt, sie habe einmal ihren Mann beinahe in seinem Bette verbrannt; allein darüber weiß ich nichts Bestimmtes. In der Nacht des Brandes aber zündete sie zuerst vier Vorhänge in dem an das ihre stoßenden Zimmer an, und dann ging sie in einen dunkleren Stock herab, suchte das Zimmer, das früher die Erzieherin bewohnt. Sie schien auf, irgend eine Weise Etwas von der Sache erfahren zu habe, und hatte einen Groll gegen die Gouvernante und, setzte das in demselben befindlichen Bett in Brand: glücklicherweise aber schlief Niemand darin. Die Gouvernante war zwei Monate vorher entflohen, und so sehr es sich auch Herr Rochester angelegen sein ließ, Nachforschungen anzustellen, gleich als wäre sie das kostbarste
Ding gewesen, das er in der Welt besaßen, so konnte er doch nie eine Silbe von ihr erfahren: er war nie ein wilder, ausgelassener Mensch, aber als er sie verlor, wurde er gefährlich. Er wollte auch allein sein. Er schickte Mistreß Fairfax, die Haushälterin, zu ihren Freunden, ziemlich weit von hier, aber er hat es auf eine Weise, indem er ihr für ihr übriges Leben einen Jahrsgehalt aussetzte: und sie verdiente das — sie war eine sehr gute Frau. Miß Adele —
eine Mündel, die er hatte, wurde in eine Schule gethan. Er brach allen Umgang mit den Herrschaften in der Umgegend ab, und schloß sich wie ein Eremit in seinem Schlosse ein.
,Wie? Verließ er England nicht?’
‘England verlassen? Behüte Gott! Er wollte nicht einmal über die Thürschwelle seines Hauses gehen, es sei
denn bei Nacht, wie er gerade wie ein Geist in dem Parke und dem Obstgarten umherwandelte, gleich als ob er von
Sinnen wäre: — was auch nach mieiner Meinung wirklich der Fall war; denn noch nie, Ma'am, hatte man
einen lebhafteren, kühneren, gescheidteren Herrn gesehen, als er war, ehe jenes Ding von einer Erzieherin ihm in
den Weg kam. Es war kein Mann, der dem Trunke oder dem Kartenspiele ergeben war, auch war das Wettrennen nicht seine Leidenschaft: dabei war er nicht so sehr schön; er hatte aber Muth und einen eigenen Willen, wie Wenige. Sie sehen, ich kannte ihn von seiner Kindheit an, und was mich betrifft, so habe ich oft gewünscht, daß Miß Eyre ins Meer versenkt worden wäre, ehe sie nach Thornfield-Hall kam.’
‘Herr Rochester war also zu Hause, als das Feuer ausbrach.’
,Freilich, er ging in die Dachkammern hinauf, als oben und unten Alles brannte, weckte die Dienerschaft und half ihnen selbst herunter, dann ging er noch einmal zurück, um sein wahnsinniges Weib aus ihrer Zelle zu holen. Und dann rief ihm Alles zu: sie sei auf dem Dache, wo sie in der That auch über der Zinne stand, ihre Arme hin und herschwenkte, und schrie, daß man es eine Meile weit hören konnte; ich sah sie mit meinen eigenen Augen, hörte sie mit meinen eigenen Ohren. Sie war ein großes Weib, und hatte ein langes, schwarzes Haar; wir konnten dasselbe, als sie so dastand, nach
den Flammen hin flattern sehen. Ich sah, und mehrere andere Personen sahen Herrn Rochester durch das Dachfenster auf das Dach dringen; wir hörten ihn ‘’Bertha!’’ rufen. Wir sahen ihn sich ihr nähern, und dann, Ma'am, stieß sie einen hellenden Schrei aus, that einen Sprung und lag einen Augenblick darauf zerschmettert auf dem Pflaster.’
,Todt?’
,Todt? Freilich, so todt und leblos wie die Steine, auf denen ihr Gehirn und ihr Blut herumspritzte.’
‘Guter Gott!’
,Wir dürfen wohl so sagen" Ma'am, es war schauerlich!’
Er schauderte.
,Und nachher?’ fragte ich weiter.
,Nun, Ma’am, nachher brannte das Haus bis zum Boden ab; es stehen nur noch Stücke von den Wänden.’
‘Kam sonst Jemand ums Leben?’
,Nein, vielleicht wäre es aber besser gewesen, wenn es so gekommen wäre.’
,Was wollen Sie damit sagen?’
,Der arme Herr Edward!’ rief er aus. ,Ich ließ mir nie träumen, daß ich so Etwas sehen würde! Einige
sagen; es sei ein Gottesurtheil gewesen, weil er seine erste Heirath geheim gehalten, und eine andere Frau habe
nehmen wollen, während er doch eine gehabt; allein ich
bemitleide ihn, was mich betrifft.’
,Sie sagten eben, er sei noch am Leben?’ rief ich.
'Ja, er ist am Leben; aber Viele sind der Ansicht, es wäre besser für ihn gewesen, wenn er umgekommen, wäre.'
,Warum? Inwiefern?’
Mein Blut erstarrte abermals zu Eis.
,Wo ist er?’ fragte ich. ,Ist er in England?’
,Ja, ja, - er ist in England; ich denke wohl, daß er England nicht verlassen kann; er ist nur an einen
Ort gefesselt.’
Welche Qual war das nicht? Und der Mann schien entschlossen, dieselbe noch zu verlängern!
‘Er ist stockblind,’ sagte er endlich. ‘Ja, — er ist stockblind — stockblind ist Herr Edward.’
Ich hatte Schlimmeres befürchtet: Ich hatte gefürchtet, er möchte wahnsinnig geworden sein. Ich bot alle meine Kraft auf, um zu sagen, was diese Ursache deren Unglücks gewesen.
‘Sein eigener Muht, und man kann wohl sagen, sein gutes Herz war an seinem Unglücke Schuld. Ma'am; er wollte das Haus nicht eher verlassen als bis alle Anderen heraus waren. Wie er zuletzt die große Treppe herabkam, nachdem Mistreß Rochester, von der Zinne sich herabgestürzt hatte, hörte man einen großen Krach, und alles stürzte zusammen. Er wurde unter dem Schutt hervorgezogen, lebendig zwar, aber fürchterlich beschädigt; ein Balken war auf ihn gefallen und schützte ihn glücklicher Weise zum Theiß; aber ein Auge wurde ihm ausgeschlagen und eine Hand so zerschmettert, daß Wundarzt Carter dieselbe sogleich abnehmen mußte. Das andere Auge wurde ganz entzündet, und so verlor er auch dieses. Er ist jetzt in der That hülflos — blind und ein Krüppel.’
‘Wo ist er? wo wohnt er jetzt?’
‘Zu Ferndean, einem Herrenhause, das er auf einem Gute, etwa dreißig Meilen von hier, besitzt; es ist ein ganz unwirthbarer Ort.’
‘Wer ist bei ihm?’
‘Der alte John und dessen Frau; er will sonst Niemand um sich haben. Er ist, sagt man, ganz niedergeschlagen und wie vernichtet.’
‘Haben Sie ein Fuhrwerk?’
‘Wir haben eine Kutsche, Ma’am, eine recht hübsche Kutsche.’
‘So lassen Sie alsbald anspannen, und wenn Ihr Kutscher mich noch heute vor Nacht nach Ferndean bringt, so zahle ich Ihnen und ihm das Doppelte, was Sie gewöhnlich verlangen.’
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Das Herrenhaus zu Ferndean war ein Gebäude von hohem Alter, mäßiger Größe und keinen architektonischen
Ansprüchen; es lag tief in einem Wald begraben. Ich hatte zuvor davon gehört. Herr Rochester sprach oft
davon und ging bisweilen dahin. Sein Vater hatte das Gut der Jagd gekauft. Er würde das Haus vermiethet haben, konnte aber keinen Miethsmann finden in Folge der ungesunden Lage desselben. Ferndean blieb daher unbewohnt und unmöbliert, mit alleiniger Ausnahme zweier over dreier Zimmer, welche für den Squire hergerichtet wurden, wenn derselbe zur Jagdzeit dahinging.
In diesem Hause kam ich, gerade vor Einbruch der Nacht, an einem Abende, der durch einen trüben Himmel, einen kalten Wind und einen unaufhörlich herabfallenden, feinen, aber durchdringenden Regen, besonders unfreundlich wurde. Die letzte Meile machte ich zu Fuß, nachdem ich die Kutsche und den Kutscher mit dem von mir versprochenen Lohne weggeschickt hatte. Selbst ganz in der Nähe des Herrenhauses konnte man noch Nichts darin sehen, so dicht und finster war der Wald, in dem es stand. Ein eisernes Thor zwischen Granitsäulen zeigte mir den Eingang, und als ich durch dasselbe ging, fand ich mich mit einem Male in der Dämmerung dicht bei einander stehender Bäumen. Ich fand mich auf
einem mit Gras überwachsenen, vom Walde herabführenden Fußweg, der zwischen graulichen und knotigen Stämmen
und unter Bogen, welche durch die Aeste gebildet wurden, hinlief. Ich ging auf demselben fort, in der Erwartung
bald das Gebäude zu erreichen; aber er zog sich immer weiter fort, wand sich immer weiter hin, und keine Spur von
einer Wohnung oder von Anlagen um dieselbe her war zu sehen.
Ich glaubte, ich hätte nicht den rechten Weg eingeschlagen und mich verirrt. Immer finsterer wurde es um
mich her, theils weil der Abend immer mehr vorrückte, theils, weil das Dunkel des Waldes immer düsterer wurde;
ich sah mich um, um einen andern Weg zu suchen. Aber es war keiner zu suchen, überall nichts als Bäume, die
mit ihren Aesten und ihrem rechten Laub sich ineinander verwoben: nirgends eine Eingang oder ein Ausgang.
Ich ging auf dem Wege fort, endlich wurde er etwas offener; die Bäume standen ein wenig dünner;
nach einer Weile sah ich ein Geländer und dann ein Haus, das ich bei diesem düstern Lichte kaum von den
Bäumen zu unterscheiden vermochte - so grün und mit Moos überwachsen waren die zerfallenden Wände desselben.
Ich trat durch eine Klinke befestigte Thür ein, und befand mich in mitten eines eingeschlossenen
Grundes, von dem der Wald sich halbkreisförmig wegzog. Es waren keine Blumen, keine Gartenbeete da, sondern
bloß ein breiter Kiesweg, der um einen Grasplatz herlief, welcher mit großen Waldbäumen besetzt war. Das
Haus zeigte in seiner Fronte zwei spitze Glieder; die Fenster waren vergittert und enge, die Vorderthüre war
gleichfalls enge, und es führte eine Stufe zu derselben hinauf. Das Ganze schien, wie der Wirth in dem Gasthause zu den Rochester Arms gesagt hatte, ganz unwirthbar aus. Es war so still, wie eine Kirche an einem Werktage; der auf das Laub der Waldbäume herabfallende Regen war das einzige Geräusch, das man in dessen Nähe hören konnte.
'Kann hier ein lebendes Wesen sein?’ fragte ich.
Ja es war Leben irgend einer Art hier; denn ich hörte eine Bewegung: — die enge Vorderthüre schloß sich auf, und eine Gestalt war im Begriffe, aus dem Hause herauszutreten.
Die Thüre ging nur langsam auf, eine Figur kam in die Dämmerung heraus, und blieb auf der Treppe stehen; er war ein Mann ohne Hut; er streckte seine Hand aus, gleichsam um zu untersuchen, ob es regne: trotz der Dunkelheit hatte ich ihn roch erkannt; — es war mein Herr Edward Fairfax Rochester, und kein Anderer.
Ich hielt meinen Schriit an, ja fast meinen Athem, und blieb stehen, um ihn zu beobachten - ungesehen, und ach! für ihn unsichtbar. Es war ein plötzliches Zusammentreffen, — ein Zusammentreffen, bei dem das Entzücken durch den Schmerz verhindert wurde, sich Lust zu machen. Es kam mich nicht schwer an, meine Stimme und seinen Schritt zu zügeln.
Seine Gestalt hatte noch denselben kräftigen Umriß, wie früher, seine Haltung war noch immer gerade, sein Haar immer noch rabenschwarz; auch waren seine Züge noch nicht verändert, oder eingefallen; in einem Jahre konnte seine athletische Stärke durch keinen Kummer, wie hastig derselbe auch sein mochte, gebrochen, konnte seine jugendliche Kraft nicht gebeugt werden. Und doch sah ich in seinem Gesichte eine Veränderung: es lag eine Verzweiflung, ein dumpfes Brüten darin, das mich an ein gereiztes und gefesseltes wildes Thier oder an einen Vogel erinnerte, dem man sich in seinem verschlossenen Schmerz nicht ohne Gefahr nähern konnte. Der eingesperrte Adler, dessen mit Goldringen umgebene Augen die Grausamkeit ausgestochen hat, möchte etwa aussehen, wie jener seines Gesichts beraubte Simson aussah.
Und Leser, glaubst Du, ich habe ihn in seiner blinden Wuth gefürchtet? — Wenn Du das thust, so kennst Du mich wenig. Mit meinem Schmerz verschmelzte sich eine sanfte Hoffnung, daß ich es bald wagen könne, einen Kuß auf diese Felsenstirne zu drücken, und auf die unter derselben so streng versiegelten Augenlider: aber nicht auf der Stelle. Ich wollte ihn noch nicht anreden.
Er ging die Stufe vor der Thür herab, und langsam und tastend auf den Grasplatz zu. Wo war jetzt sein kühner Schritt? Dann blieb er stehen, als ob er nicht wüßte; nach welcher Seite er gehen sollte. Er hob die Hand in die Höhe und öffnete seine Augenlider; dann sah er mit sichtlicher Anstrengung nach dem Himmel und dem Halbkreise von Bäumen hin; offenbar aber war Alles für ihn eitel Finsterniß. Er streckte seine rechte Hand aus (den linken, verstümmelten Arm hielt er in seinem Busen versteckt); er schien von dem, was ihn umgab, sich durch das Gefühl einen Begriff machen zu wollen: er fand aber immer Nichts, als den leeren Raum, denn die Bäume standen noch einige Schritte von ihm. Er gab
den Versuch auf, faltete seine Arme, und stand, ruhig und stumm im Regen da, der jetzt dicht auf sein unbedecktes
Haut fiel. In diesem Augenblicke kam John herbei.
‘Wollen Sie meinen Arm nehmen, Sir?’ sagte er; ,Es kommt ein heftiger Regenschauer: möchten Sie nicht lieber hineingehen?’
‘Laß mich in Ruhe,’ war die Antwort.
John entfernte sich, ohne mich bemerkt zu haben.
Herr Rochester versuchte es nun, umherzugehen: aber vergebens; Alles war zu ungewiß. Er ging nach dem Hause zurück, und machte, als er in dasselbe eintrat, die Thüre zu.
Nun näherte ich mich dem Hause und klopfte. John's Frau machte mir auf.
‘Mary,’ sagte ich, wie geht es Ihnen?’
Sie stutzte, als ob sie einen Geist gesehen: ich beruhigte sie aber. Auf ihre eilig vorgebrachte Frage: ‘Sind Sie es wirklich, Miß, und kommen Sie so spät an diesen einsamen Ort?’ - antwortete ich damit, daß ich ihre Hand ergriff, und dann folgte ich Ihr in die Küche, wo John jetzt an einem guten Feuer saß. Ich erklärte ihnen in wenigen Worten, daß ich Alles, was sich seit meiner Abreise von Thornfield zugetragen, erfahren hätte, und daß ich gekommen wäre, um Herrn Rochester zu besuchen. Ich ersuchte John, nach dem Chausseehause hinabzugehen, wo ich die Kutsche weggeschickt hatte,
und meinen Koffer zu holen, den ich dort zurückgelassen, und dann, fragte ich, während ich Hut und Shawl ablegte, Mary, ob ich die Nacht überbleiben könne; und als ich fand, daß es, wenn auch schwer, so doch nicht unmöglich wäre, diesen Abend noch alle dazu nötigen Anordnungen zu treffen, so sagte ich ihr, daß ich dableiden würde.
Genau in diesem Augenblick ließ sich die Klingel im Empfangszimmer hören.
‘Wenn Sie hineingehen,’ sagte ich, ,so sagen Sie Ihrem Herrn, daß Jemand mit ihm zu sprechen wünsche; sagen Sie ihm aber meinen Namen nicht.’
,Ich glaube nicht, daß er Sie vor sich lassen wird,’ antwortete sie; ‘er weist Jedermann zurück.’
Als sie zurückkam, fragte ich, was er gesagt hätte.
,Sie müssen Ihren Namen und Ihr Geschäft abgeben,’ antwortete sie. Sodann fülle sie ein Glas mit Wasser, und stellte es sammt einigen Lichtern auf einen Präsentierteller.
‘Hat er deßhalb geklingelt?’ fragte ich.
‘Ja: er läßt sich, wenn es finster wird, immer Lichter bringen, obgleich er blind ist.’
,Geben Sie mir den Präsentirteller: ich will ihn hineintragen.’
Ich nahm ihn ihr aus der Hand, und sie wies mir die Thüre des Empfangzimmers. Der Präsentirteller zitterte in meiner Hand; das Wasser in dem Glase wurde verschüttet; mein Herz schlug laut und schnell gegen meine Rippen. Mary machte mir die Thüre auf und machte sie hinter mir zu.
Dieses Empfangzimmer sah düster aus, ein kleines Feuer brannte vernachlässigt in dem Kamine, und darüber neigte sich, den Kopf gegen den hohen, altmodischen Sims gestützt, der blinde Bewohner des Zimmers. Sein alter Hund, Pilot, lag auf einer Seite, außerhalb seines Bereichs und zusammengeknäuelt, gleich als fürchtete er, aus Unachtsamkeit getreten zu werden. Pilot spitzte die Ohren, als ich hereintrat; dann sprang er bellend und wimmernd auf, und mir entgegen: fast stieß er mir den Presentirteller aus der Hand. Ich stellte den Teller auf den Tisch: dann streichelte ich ihn, und sagte sanft: ,leg dich!’ Herr Rochester wandte sich mechanisch um, um zu sehen, was um ihn her vorgehe; aber er sah Nichts, kehrte sich wieder um und seufzte.
‘Gib mir das Wasser, Mary,’ sagte er.
Ich näherte mich ihm nun mit dem nur noch zur Hälfte gefüllten Glase. Pilot folgte mir, immer noch freudig aufgeregt.
,Was gibt es?’ fragte er.
,Nieder, Pilot!’ sagte ich abermals,
Indem er das Wasser seinen Lippen näherte, ließ er seine Hand plötzlich ruhen, und schien zu horchen; dann
trank er und setzte das Glas nieder.
,Nicht wahr, Du bist es, Mary?’ sagte er.
,Mary ist in der Küche,’ versetzte ich.
Er streckte rasch seine Hand aus; da er aber nicht sah, wo ich stand, so berührte er mich nicht.
‘Wer ist das? Wer ist das?’ fragte er, und suchte, wie es schien, mit seinen der Sehkraft beraubten Augen
zu sehen. Unnützer und peinlicher Versuch! - ‘Antworten Sie mir — sprechen Sie noch einmal!’ sagte er in gebieterischem und lautem Tone.
,Wollen Sie noch mehr Wasser, Sir? Ich habe das, welches in dem Glase war, zur Hälfte verschüttet,’ sagte ich.
,Wer ist es? Was ist es? Wer spricht?’
,Pilot kennt mich, und John und Mary wissen, daß ich hier bin: ich bin erst diesen Abend angekommen,’ antwortete ich.
,Großer Gott! Welche Täuschung hält meine Sinne umfangen? Welch süßer Wahnsinn hat sich meiner bemächtigt?’
,Keine Täuschung — kein Wahnsinn: Ihr Geist, Sir, ist zu stark, um sich täuschen zu lassen, — Ihre Gesundheit zu gut, als daß ein Wahnsinn hier obwalten könnte.’
,Und wo ist die Person, die mit mir spricht? Ist es nur eine Stimme? Ach! ich kann nicht sehen, aber
ich muß fühlen, sonst steht mein Herz stille, und platzt mein Gehirn. Was Du auch - wer Du auch sein mögest, laß Dich greifen, sonst bin ich des Todes!’
Er tastete umher; ich hielt seine sich umherbewegende Hand fest in meinen beiden Händen.
,Ihre eigenen Finger!’ rief er; ,ihre kleinen, zarten Finger! Wenn das der Fall ist, so muß noch mehr von ihr da sein.’
Die muskulöse Hand entzog sich ihrem Gefängniß, mein Arm ward ergriffen, meine Schulter, — mein Hals, mein Leib, — ich ward umschlungen und zu ihm hingezogen.
,Ist es Jane? Wer ist es ? Es ist ihre Gestalt ihr Umfang - ihre Größe —‘
‘Und dieß ihre Stimme,’ setze ich hinzu. ,Sie ist ganz hier: auch ihr Herz. Gott segne Sie, Sir! Ich
bin froh, wieder so nahe bei Ihnen zu sein.’
,Jane Eyre! - Jane Eyre!’ das war Alles, was er sagte.
,Mein theurer Herr, antwortete ich, ,ich bin Jane Eyre: ich habe Sie endlich ausfindig gemacht - und bin
nun wieder zu Ihnen gekommen.’
‘In Wahrheit? — im Flelsche? Meine lebende Jane?’
,Sie berühren mich, Sir, — Sie halten mich und zwar fest genug: ich bin nicht kalt, wie ein Leichnam, noch körperlos, wie Luft, — glauben Sie nicht?’
‘Mein theures, lebendes Klnd! Das sind gewiß ihre Glieder, und dieß ihre Züge; aber nach all meinem Elend kann mir nicht so viel Heil wiederfahen. Es ist ein Traum: ein Traum, wie ich deren oft bei Nacht gehabt habe, wo ich sie noch einmal an mein Herz drückte, und wo ich sie küßte, wie jetzt — und wo ich fühlte, daß sie mich liebe, und die Zuversicht hatte, daß sie mich nicht verlassen würde.’
,Was ich, Sir, von heute an auch nicht mehr thun werde.'
,Nie mehr will sie mich verlassen, — sagt die Erscheinung? Aber so oft ich erwachte, fand ich, daß es eub eutkes
Gaukelspiel war; und ich war trostlos und verlassen — mein Leben düster, einsam, hoffnungslos, meine Seele durstete und doch durfte sie nicht trinken — mein Herz hungerte, und doch sollte es nie Nährung finden. Holder, süßer Traum, den ich jetzt mit meinen Armen umschließe, auch du wirst entfliehen, wie alle deine Brüder vor dir; aber küsse mich, eh Du gehst, - umarme mich, Jane.'
‘Hier, Sir, - und hier!’
Ich drückte meine Lippen an seine einst glänzenden und jetzt strahlenlosen Augen — ich wischte ihm das Haar aus der Stirne, und küßte ihn auf diese. Plötzlich schien er sich aufzuraffen: dies Ueberzeugung, daß Alles dieses
die nackte Wirklichkeit, bemächtigte sich seiner.
,Sind Sie es — sind Sie es, Jane? Sie sind also wieder zu mir gekommen?’
,Das bin ich.'
‘Und Sie liegen also nicht todt in einem Grabe, in einem Flusse? und Sie kümmern sich also nicht als eine Verstoßene unter Fremden ab?’
‘Nein, Sir; ich bin jetzt in unabhängiges Frauenzimmer.’
‘Unabhängig! - Was wollen Sie damit sagen, Jane?’
"Mein Oheim auf Madeira ist gestorben und hat mir ein Vermögen von fünftausend Pfund hinterlassen.’
‘Ah! das ist praktisch - das ist etwas Reelles!’ rief er: ,von so Etwas würde es mir nie träumen. Ueberdieß höre ich ihre so eigenthümliche Stimme, - ihre Stimme, die eben so belebend und pikant, wie sanft ist: sie thut einem zerknickten Herzen wohl; sie gießt demselben neues Leben ein. — Was, Jane! Sie sind jetzt ein abhängiges Frauenzimmer? Sie sind jetzt reich?’
,Ganz reich, Sir, Wenn Sie mich, nicht bei sich haben wollen, so kann ich ein eigenes Haus bauen, hart vor Ihre Thür hin, und Sie können alsdann kommen, und in meinem Empfangzimmer Platz nehmen, wenn Sie Abends Gesellschaft haben wollen.'
,Aber da Sie jetzt reich sind, Jane, so haben Sie jetzt, ohne Zweifel Freunde, die, sich um Sie bekümmmern, und Ihnen nicht gestatten, werden, daß Sie sich einem blinden, klagenden Manne aufopfern, wie ich bin?'
'Ich habe Ihnen schon gesagt Sir, daß ich sowohl unabhängig, als reich bin: ich bin ganz mein eigene Herrin.'
,Und Sie wollen bei uns bleiben?’
'Gewiß — wenn Sie anders Nichts dagegen haben.'
Ich will Ihre Nachbarin, Ihre Wärterin, Ihre Haushälterin sein. Ich finde Sie einsam und allein. Ich will Ihre Gesellschafterin sein, um Ihnen vorzulesen, mit Ihnen , spazieren zu gehen, mit Ihnen aufzubleiben, Sie zu pflegen, für Sie die Stelle der Augen und der Hände zu vertreten. Hören Sie auf, so melancholisch hinzublicken, mein theurer Herr; Sie sollen nicht mehr einsam und verlassen sein, so, lange ich lebe.’
Er erwiederte Nichts, er schien ernst — in sich her vertieft zu sein: er seufzte; er öffnete halb seine Lippen, als
wenn er sprechen wollte, er schloß sie wieder. Ich fühlte mich etwas verlegen. Vielleicht war ich mit meinen Dienstanerbietungen zu weit gegangen, vielleicht hatte ich gegen die Convenienz verstoßen, und vielleicht sah er, wie St. John, etwas Unschickliches in meiner Unüberlegtheit. Ich hatte ihm meinen Vorschlag allerdings darum, gemacht, weil, ich von der Idee ausging, daß er mich zu seiner Frau haben wolle: es hatte mich eine Erwartung, - darum nicht wenigen gewiß, weil sie nicht, ausgedruckt ward, — getragen, daß er mich alsbald zu der Seinigen machen würde. Da er aber keinen Wink, der darauf hindeutete, fallen ließ, und da sein Gesicht sich immer mehr umwölkte, so stieg mir plötzlich der Gedanke auf, daß ich mich ganz und gar geirrt, und vielleicht, ohne es zu wissen, die Thörin spiele; und ich begann daher, mich sanft aus seinen Armen loszumachen, - allein er zog mich nur noch heftiger und fester an sich.
,Nein - neln - Jane! Sie dürfen nicht fortgehen. Nein! - ich habe Sie berührt, habe Sie gehört, habe das Wonnige Ihrer Gegenwart, das Süße Ihres Trostes empfunden: diesen Freuden kann ich nicht entsagen. Mir selbst ist nur noch Wenig übrig geblieben -- ich muß Sie haben. Die Welt mag lachen - mag mich abgeschmackt, selbstsüchtig nennen; — aber es hat Nichts zu bedeuten. Meine Seele verlangt nach Ihnen: ihrem Verlangen muß genügt werden, sonst wird sie tödtliche Rache an ihrer Hülle nehmen.’
,Nun, Sir, ich will bei Ihnen bleiben: ich habe es gesagt.'
,Ja, aber Sie verstehen darunter etwas ganz anderes, als ich. Sie könnten sich vielleicht dazu entschließen, um mich, um meine Hand, meinen Stuhl zu sein - mich zu pflegen und mich zu warten, wie eine freundliche kleine Dame (denn Sie haben ein liebevolles Herz und einen von Edelmuth erfüllten Geist, die Sie veranlaßten, für diejenigen Opfer zu bringen, die Sie bemitleiden), — und ohne Zweifel sollte mir das genügen. Ich sollte jetzt wohl nur Vatergefühle für Sie hegen: meinen Sie nicht? Kommen Sie - sagen Sie mir es.’
,Ich denke, was Sie wollen, Sir: ich begnüge mich damit, Ihre Wärterin zu sein, wenn Sie es für besser
halten.’
,Aber Sie können nicht immer meine Wärterin sein, Jane: Sie sing jung - Sie müssen einmal heirathen.’
,Am Heirathen liegt mir Nichts.’
,Es sollte Ihnen aber daran liegen, Jane, wäre ich nur, was ich einst war, so würde ich versuchen, daß Ihnen daran liegen sollte - aber - ein blinder Klotz!’
Er versank abermals in seine trübe Stimmung. Ich dagegen wurde heiterer, und faßte frischen Muth. Die letzten Worte zeigten mir, wo die Schwierigkeit liege; und da die Schwierigkeit nicht von meiner Seite kam, so fühlte ich mich meiner früheren Gelegenheit ganz enthoben. Dem Gespräche eine andere, mehr zur Heiterkeit auffordernde Wendung gebend, sagte ich: —
‘Es ist nun Zeit, daß es Jemand unternimmt, Ihnen wieder ein menschliches Aussehen zu geben, denn ich sehe,Sie werden allmählig in einen Löwen oder so Etwas verwandelt. Sie haben ein ‘faux air,’ das an den auf dem Felde gehenden Nebukadnezar erinnert, — das ist gewiß: Ihr Haar erinnert mich an die Federn des Adlers; ob Ihre Nägel wie Vogelklauen geworden sind oder nicht, habe ich jetzt noch nicht beobachtet.’
,An diesem Arme habe ich weder Hand noch Nägel,’ sagte er, das verstümmelte Glied aus seinem Busen ziehend und es mir zeigend. ,Es ist ein bloßer Stümmel — ein gräßlicher Anblick! Sind Sie nicht der Meinung, Jane?’
,Ich kann es nur mit Schmerz sehen, und ebenso auch Ihre Augen, und die Feuernarbe auf Ihrer Stirn; und das Schlimmste dabei ist, daß man in Gefahr kommt, Sie darob allzusehr zu lieben und Sie allzuhoch zu schätzen.’
,Ich dachte, Jane, es würde Sie anwiedern, meinen Arm und mein benarbtes Gesicht zu sehen.’
,Wirklich? Sprechen Sie nicht so, damit ich Nichts sagen darf, was einer Herabsetzung Ihres Urtheils gleich käme. Gönnen Sie mir jetzt einen Augenblick, um ein besseres Feuer zu machen und das Kamin zusammenzukehren. Können Sie sagen, wenn ein gutes Feuer da ist?’
,Ja, mit dem rechten Auge sehe ich einen Glanz — einen röthlichen Schein.’
,Und sehen Sie auch die Lichter?’
‘Sehr trübe - jedes ist eine lichte Wolke.’
‘Können Sie mich sehen?’
‘Nein, meine Fee; aber ich bin nur zu dankbar, daß ich Sie hören und fühlen kann.’
‘Wann speisen Sie zu Nacht?’
‘Ich speise nie zu Nacht.’
‘Aber Sie sollen heute zu Nacht essen. Ich bin hungrig und wahrscheinlich Sie auch; nur vergessen Sie es.’
Ich ließ Mary heraufkommen, und bald hatte alles im Zimmer ein freundlicheres Aussehen: auch bereitete ich
Herrn Rochester ein gutes Nachtessen. Auch wenn freudig erregt; und voller Vergnügen und Behaglichkeit sprach ich mit ihm während des Essens, und noch lange Zeit hernach. Bei ihm, durste ich mir. Bei ihm durfte ich meine fröhliche Laune und meine Lebhaftigkeit nicht unterdrücken; denn bei ihm war ich ganz ungenirt, weil ich wußte, daß das Gegentheil ihm unlieb wäre: Alles was ich sagte oder that, schien entweder ihn zu trösten over ihn zu neuem Leben zu wecken. Entzückendes Bewußtsein! Es verlieh meinem ganzen Leben erst das rechte Leben und brachte es zum Vorschein. In seiner Gegenwart lebte ich ganz, und er in der meinigen Trotzdem daß er blind war, spielte ein Lächeln auf seinem Gesichte und dämmerte Freude auf seiner Stirn. Seine Züge wurden sanfter und wärmer.
Nach dem Nachtessen fing er an, mich Vieles zu fragen - wo ich gewesen - was ich gethan - wie ich ihn ausfindig gemacht; allein ich antwortete ihm nur zum Theil: es war zu spät, um noch an dem Abend in Einzelheiten einzugehen. Zudem wollte ich keine Saite berühren, die ihn in seinem Innersten durchbeben mußte — wollte in seinem Herzen keine neue Bewegungen hervorrufen. Mein einziger Zweck war vor der Hand, ihn aufzuheitern. Aufgeheitert war er, wie ich bereits gesagt; aber doch immer nur auf Augenblicke. Trat im Gespräch eine augenblickliche Pause ein, so kehrte er sich ruhelos um, rührte mich an und sagte: ‘Jane.’
‘Sind Sie also ein wirkliches, menschliches Wesen, Jane? Sie wissen es gewiß?’
‘Ich glaube es im Ernste, Herr Rochester.’
,So konnten Sie aber an diesem finstern und traurigen Abend sich an meinem einsamen Kamine so plötzlich zeigen? Ich streckte meine Hand aus, um von einer Person, die ich für ihre Mühe bezahle, ein Glas Wasser zu
empfangen, und es wurde mir von Ihnen gereicht: ich fragte Etwas, in der Erwartung, daß John's Frau mir
antworten würde, und Ihre Stimme sprach zu meinem Ohre.’
,Weil ich an Mary's Statt mit dem Präsentirteller hereingekommen war.’
,Und es liegt eine Zauberei sogar in der Stunde, die ich jetzt, in Ihrer Gesellschaft zubringe. Wer kann sagen, welch aüßeres, trauriges, hoffnungsloses Dasein ich Monate lang dahingeschleppt habe? Ich that Nichts und erwartete Nichts; der Tag war für mich die Nacht, und die Nacht der Tag; nur Eine Empfindung hatte ich, die der Kälte, wenn ich das Feuer ausgehen ließ, und die des Hungers, wenn ich es vergaß, zu essen: und dann ein nie endender Kummer, und zu Zeiten ein wahrhaft wahnsinniges Verlangen nach meiner Jane. Ja, es verlangte mich noch weit mehr, Sie wieder um mich zu haben, als mein verlorenes Gesicht wieder zu erlangen. Wie kann es sein, daß Jane bei mir ist und sagt, sie liebe mich? Wenn sie nicht eben so geschwind wieder davon gehen, als sie gekommen ist. Ich fürchte, morgen werde ich sie nicht mehr
finden.’
Eine alltägliche, praktische Antwort, die ganz außerhalb des Kreises seiner verstörten Ideen liege, dachte ich,
müsse bei dieser Gemüthsstimmung am Besten für ihn sein und am Meisten dazu beitragen, ihn wieder zu beruhigen. Ich fuhr mit dem Finger über seine Augenbrauen hin und bemerkte, daß sie verbrannt seien, und daß ich ein Mittel anwenden würde, wodurch sie wieder so breit und so schwarz wie je werden sollten.
‘Was nutzt es, wohltätiger Geist, Gutes erweisest, wenn Du mich in einem verhängnißvollen Augenblicke wieder verlässest — wenn Du weder vergehst wie ein Schatten, und verschwindest, ohne daß ich weiß, wie oder wohin, - und wenn ich Dich nicht mehr finden kann?’
,Haben Sie einen Taschenkamm bei sich, Sir?’
,Wozu, Jane?’
,Nur um diese schwarze, zottige Mähne auszukämmen. Sie kommen mir etwas unheimlich vor, wenn ich Sie näher beobachte. Sie sagen, ich sei eine Fee, aber gewiß gleichen Sie mehr einem Kobold.’
,Ich sehe wohl gräßlich aus, Jane?’
,Ja, Sir, wie immer: Sie wissen es wohl.’
,Hm! Ihr boshaftes Wesen hat Sie nicht verlassen, wo Sie auch gewesen sein mögen.’
,Und auch bin ich bei guten Leuten gewesen, - bei Leuten, die weit besser sind, als Sie - ja, hundertmal besser; bei Leuten, die Ideen und Ansichten haben, von denen Sie Ihr Lebenlang nie Etwas gewußt, Ideen, die edler und höher, als die Ihrigen sind.’
‘Wo zum Henker sind Sie denn gewesen?’
,Wenn Sie so unruhig sind, so werde ich Ihnen Ihr Haar ausreißen; und dann werden Sie wohl aufhören, an der Wahrheit meines Daseins zu zweifeln.’
,Bei wem sind Sie gewesen, Jane?’
‘Sie sollen es heute Abend nicht von mir herausbringen, Sir; Sie müssen warten bis morgen: wenn ich Ihnen meine Geschichte nur zur Hälfte erzähle, so wird es für Sie eine Art Sicherheit sein, daß ich morgen früh bei Ihrem Frühstück erscheine, um dieselbe zu Ende zu bringen. Beiläufig gesagt, ich darf nicht vergessen, daß es dann nicht genug ist, wenn ich bloß mit einem Glas Wasser an Ihrem Kamin emporsteige: ich muß dann auch wenigstens ein Ei mitbringen, von gebratenem Schinken gar nicht zu reden.’
,Du neckender Wechselbalg, von einer Fee geboren und doch wieder Mensch! Du erregst in mir Gefühle, die mir seit einem Jahre fremd gewesen. Hättest Du Sauls David sein können, so würde der böse Geist von ihm gewichen sein, ohne die Mithülfe der Harfe.’
'Nun, Sir, sehen Sie wieder etwas anständig aus. Ich verlasse Sie jetzt: ich bin seit drei Tagen auf der
Reise gewesen und glaube, ich bin müde. Gute Nacht!’
,Nur noch ein Wort, Jane: waren in dem Hause, wo Sie sich aufgehalten, nur Damen?’
Ich lachte und machte mich davon, immer noch lachend, während ich die Treppe hinauflief. ,Ein guter Gedanke!’ dachte ich froh erregt. ,Ich sehe, ich habe das Mittel in der Hand, ihn für einige Zeit seine Melancholie vergessen zu machen.’
Am nächsten Morgen hörte ich in aller Frühe, wie er auf und geschäftig war, und von einem Zimmer zum andern ging. Sobald Mary herabkam, hörte ich die Frage: ,Ist Miß Eyre hier?’
Dann die andere: ,Welches Zimmer hast Du ihr angewiesen? War dasselbe trocken? Ist sie auf? Geh und sieh nach, ob sie etwas braucht, und wann sie herabkommen wird.’
Ich ging hinab, als ich dachte, daß das Frühstück nicht mehr lange würde auf sich warten lassen. Indem ich sehr leise in das Zimmer trat, konnte ich ihn sehen, ehe er meine Anwesenheit bemerkte. Es war in der That traurig, Zeuge von der Unterjochung dieses kräftigen Geistes durch ein körperliches Gebrechen sein zu müssen. Er saß in seinem Stuhle, - still, aber nicht ruhig, offenbar voller Erwartung. Seine starken Züge zeigten Linien zur Gewohnheit gewordener Traurigkeit. Sein Gesicht erinnerte mich an eine erloschene Lampe, die wieder angezündet werden soll — und ach, er könnte jetzt den Glanz lebensvollen Ausdrucke nicht selbst hervorbringen: er mußte jetzt dieses Geschäft einer anderen Person überlassen! Ich hatte mir vorgenommen, heiter und sorglos zu erscheinen, aber die Unmacht des starken Mannes that mir in der Seele weh. Dennoch redete ich ihn so lebhaft und munter an, als ich nur konnte: —
,Es ist ein prächtiger, sonniger Morgen, Sir,’ sagte ich; ,Der Regen ist vorüber und nun haben wir sanften
Sonnenschein: bald sollen Sie mit mir einen Spaziergang machen.’
Ich hatte die Glück geweckt: seine Züge strahlten.
,O, Sie sind also wirklich da, meine liebe Feldlerche! Kommen Sie her zu mir. Sie sind nicht fort, nicht verschwunden? Ich habe eine von Ihrer Art vor einer Stunde gehört sie sang hoch über dem Walde: aber ihr Gesang hatte für mich keine Musik, so wenig als die aufgehende Sonne für mich Strahlen hatte. Alle Melodie auf Erden conzentrirt sich für mein Ohr in der Zunge meiner Jane: (ich freue, mich, daß sie nicht von Natur schweigsam ist), aller Sonnenschein, den ich fühlen
kann, liegt in Ihrer Gegenwart.’
Die Thränen standen mir in den Augen, als ich dieses Bekenntniß seiner Abhängigkeit hörte: gerade wie wenn
ein Königsadler, an eine Stange gefesselt, gezwungen würde, einen Sperling zu bitten, daß er ihm Nahrung
biete. Aber ich wollte nicht weinen, und so wischte ich die Salztropfen ab und machte mich an die Bereitung des
Frühstücks.
Der größte Theil des Morgens wurde in freier Luft zugebracht. Ich führte ihn aus dem nassen und wilden
Wald hinaus auf freundlichere Felder: ich beschrieb ihm, wie glänzend grün dieselben seien, wie erfrischt die Blumen und Hecken aussähen, wie prächtig blau der Himmel sei. Ich suchte einen Sieg für ihn an einem verborgenen und lieblichen Orte: es war ein dürrer Baumstumpf; auch weigerte ich mich nicht, als er saß, mich auf sein Knie zu setzen: warum hätte ich das auch thun sollen, da wir Beide glücklicher waren, als wenn getrennt? Pilot lag neben uns. Alles war ruhig. Plötzlich brach er, während er mich mit seinen Armen umschlang, in die Worte aus: —
‘Grausame, grausame Ausreißerin! O Jane, was fühlte ich, als ich entdeckte, daß Sie aus Thornfield entflohen, und als ich Sie nirgends finden konnte; — und was that ich, als ich, nachdem ich Ihr Zimmer durchsucht, die Gewißheit erlangte, daß Sie kein Geld mitgenommen, noch irgend Etwas, was Ihnen an dessen Statt hätte dienen können! Ein Perlenhalsband, das ich Ihnen gegeben, lag unberührt in seinem Kästchen; Ihre Koffer standen da, verschlossen und mit Stricken umwunden, als ob sie uns auf unserer Hochzeitsreise begleiten sollten! Ich fragte mich, was mein theures Kind anfangen würde, da es so von Allem entblößt? und was hat es? Ich möchte es nun wissen.’
So aufgefordert, begann ich alle meine Erfahrungen während des verflossenen Jahres zu berichten. Was meine
dreitägige Wanderung und mein Hungern während derselben betrifft, so milderte ich meine Beschreibung so viel
wie möglich, weil ich ihm nur einen unnöthigen Schmerz bereitet haben würde, wenn ich ihm Alles gesagt hätte:
das Wenige, was ich sagte, zerriß sein treues Herz noch mehr, als mir lieb war.
Ich hätte, sagte er, ihn nicht so verlassen sollen, ohne alle Mittel zu meinem Fortkommen: ich hätte ihm meine
Absicht mittheilen sollen. Ich hätte ihm vertrauen sollen: er würde mich nie gezwungen haben, seine Maitresse zu
sein. So heftig er auch in seiner Verzweiflung geschienen habe, so liebe er mich doch in Wahrheit viel zu sehr und
viel zu zärtlich, als daß er sich zu meinem Tyrannen hätte aufwerfen mögen: er würde mir lieber sein halbes Vermögen gegeben haben, ohne auch nur einen Kuß dafür zu verlangen, als daß er mich so in die weite Welt hätte ziehen lassen, ohne Freunde und ohne alle Geldmittel. Er sei versichert, daß ich mehr ausgestanden, als ich ihm hätte sagen wollen.
“Nun, welcher Art auch meine Leiden gewesen sein mögen, sie waren sehr kurz,’ erwiederte ich, und schilderte
ihm dann meine Aufnahme in Moor-house, wie ich die Stelle einer Schullehrerin erhalten u. s. w. Sodann folgte
in gehöriger Ordnung die Geschichte meiner Erbschaft und wie ich meine Verwandten entdeckt. Natürlich figurirte jetzt St. John Rivers Name häufig im Verlauf meiner Erzählung. Als ich damit zu Ende war, wurde dieser Name alsbald aufgegriffen.
,Diese St. John also ist Ihr Vetter?’
‘Ja.’
,Sie haben oft von ihm gesprochen: hatten Sie ihn gern?’
,Er war ein sehr guter Mensch, Sir; ich mußte ihn gern haben.’
"Ein guter Mensch? Will das heißen, ein achtbarer Mann von fünfzig Jahren und guter Aufführung? Oder was soll es sonst heißen?’
,St. John war bloß neunundzwanzig Jahre alt, Sir.’
‘Jeune encore,’ wie die Franzosen sich ausdrücken. Ist er eine Person von niedriger Statur, phlegmatisch
und was man so heißt, unschön? Eine Person, deren Güte eher darin besteht, daß sie von Lastern frei, als an Tugenden reich ist?’
'Er ist unermüdet thätig. Was er gern verrichtet, das sind große und erhabene Thaten.’
,Aber sein Verstand? Der ist wahrscheinlich nicht am Stärksten? Er hat gute Absichten, aber Sie ziehen die Achsein, wenn Sie ihn reden hören?’
,Er spricht nur wenig. Sir: was er aber sagt, ist treffend. Sein Verstand ist einer der besten, sollte ich denken, nicht leicht äußern Eindrücken zugänglich, aber kräftig.’
,Er ist also ein geschickter, verständiger Mann?’
"Das ist er in der That.’
,Ein durchaus gebildeter Mann?’
,St. John ist ein vollkommener und gründlicher Gelehrter.’
,Haben Sie nicht gesagt, seine Maniern hätten Ihnen nicht gefallen? — Es verriethen dieselben einen weisen, aufdringlichen Pfarrer?’
,Ich habe von seinen Manieren nie gesprochen: allein ich müßte einen sehr schlechten Geschmack haben, wenn sie mir nicht gefielen: es sind dieselben fein, ruhig und eines Gentleman würdig.’
‘Sein Aeußeres, — ich habe vergessen, welche Beschreibung Sie mir davon gegeben; — etwa das eines angehenden Landpfarrers, der von seinem weißen Halstuche halb erwürgt wird, und auf seinen dicksohligen Schuhen wie auf Stelzen einhergeht, he!’
,St. John kleidet sich recht gut. Er ist ein schöner Mann, groß, blond, mit blauen Augen und einem griechischen Profil (Bei Seite) ,Zum Teufel mit ihm!’ - (Zu mir) ,Hatten Sie ihn gern, Jane?’
‘Ja, Herr Rochester, ich hatte ihn gern; aber Sie haben mich ja das schon gefragt.’
Ich merkte natürlich wohl, worauf das Ganze hinauslief. Die Eifersucht hatte ihn gepackt: sie stachelte ihn, aber der Stachel war heilsam; er gönnte ihm einige Rast und drängte die verzehrende Melancholie zurück. Ich mochte daher die Schlange nicht alsbald durch einen Zauberspruch zur Ruhe bringen.
‘Vielleicht wäre es Ihnen jetzt doch lieb, nicht länger auf meinem Knie zu sitzen, Miß Eyre?’ war die nächste, etwas unerwartete Bemerkung.
,Warum nicht, Herr Rochester?’
‘Das Gemälde, das Sie so eben entworfen, lässt einen etwas allzu großen Kontrast vermuthen. Ihre Worte haben recht zierlich einen anmuthigen Apollo beschrieben: dieser lebt in Ihren Gedanken, — groß, blond, blauäugig und mit einem griechischen Profil. Und jetzt ruhen Ihre Augen auf einem Vulkan, - einem wirklichen Grobschmiede,
schwarz, breitschulterig, und blind und lahm dazu.’
Ich habe nie zuvor daran gedacht; aber Sie sehen allerdings wie Vulkan aus, Sir.’
,Nun - Sie können mich verlassen, Ma'am aber ehe Sie sich entfernen und er faßte mich fester als je, werden Sie mir noch eine oder zwei Fragen beantworten.’
Er schwieg.
‘Was für Fragen, Herr Rochester?’
Dann folgte nachstehendes Kreuzverhör: —
,St. John machte Sie zur Schullehrerin von Morton, er wußte, daß Sie seine Cousine seien?’
»Ja.’
‘Sahen Sie ihn oft? Besuchte er bisweilen die Schule?’
,Jeden Tag.’
,Billigte er Ihre Pläne, Jane - dieselben verriethen gewiß viel Geschick; denn Sie sind ein talentvolles Geschöpf?’
,Er billlgte sie, - ja.’
,Er entdeckte wohl auch Manches an Ihnen, was er nicht erwartet hatte? Einige Ihrer Talente sind eine nicht gewöhnlicher Art.’
,Das ist mir nicht bekannt.’
,Sie hatten, wie Sie mir sagen, ein kleines Häuschen neben der Schule: besuchte er Sie dort auch?’
,Bisweilen.’
‘Abends?’
,Ein oder zwei Mal.’
Hier eine Pause.
,Wie lange sind Sie bei ihm und seiner Schwester geblieben, nachdem die Verwandtschaft sich herausgestellt?’
,Fünf Monate.?
,Brachte Rivers viele Zeit bei den Damen von seiner Familie zu?’
,Ja, das hintere Wohnzimmer war sowohl sein, als unser Studirzimmer, er saß am Fenster und wir am Tische.’
,Studirte er viel?’
‘Sehr viel.’
,Was?’
,Die hindostanische Sprache.’
,Und was thaten Sie unterdessen?’
‘Zuerst lernte ich Deutsch.’
‘Gab er Ihnen Unterricht darin?’
,Er verstand das Deutsche nicht.’
,Hat er Sie Nichts geleehrt?’
,Etwas Hindostanisch.’
,Rivers hat Sie das Hindostanische gelehrt?’
‘Ja, Sir.’
‘Und seine Schwestern ebenfalls?’
,Nein.’
,Nur Sie?’
‘Nur mich.’
‘Haben Sie ihn gebeten, daß er Sie darin unterichten möchte?’
,Nein.’
‘Er wünschte also Sie zu unterrichten?’
‘Ja.’
Hier eine zweite Pause.
,Warum wünschte er es? Wozu konnte ihm die hindostanische Sprache nützen?’
,Er wollte mich mit sich nach Indien nehmen.’
,Ah, da komme ich der Sache auf die Spur. Er wollte Sie heirathen?’
,Ja, ich sollte ihn heirathen.’
,Das ist eine Erdichtung - eine schamlose Erfindung, um mich zu ärgern.’
,Ich bitte Sie um Verzeihung, es ist die buchstäbliche Wahrheit: mehr als einmal drang er in mich, daß ich ihn heirathen solle, und er war darauf so versessen, wie nur irgend ein Mensch es sein kann.’
'Miß Eyre, ich wiederhole Ihnen, Sie können mich verlassen. Wie oft muß ich Ihnen das sagen? Warum bleiben Sie so beharrlich auf meinem Knie sitzen, da ich Ihnen doch gesagt, daß Sie weggehen sollten?’
‘Weil ich mich hier behaglich fühle.’
,Nein, Jane. Sie fühlen sich da nicht behaglich, weil Ihr Herz nicht bei mir ist: es ist bei diesem Vetter diesem St. John. O, bis auf diesen Augenblick dachte ich, meine kleine Jane wäre ganz meine. Ich glaubte, sie liebe mich, selbst da, als sie mich verließ: das versüßte mir doch wenigstens in etwa so viele Bitterkeiten. So lange wir auch von einander getrennt gewesen sind, so viele heiße Thränen ich auch über unsere Trennung vergossen, so dachte ich doch nie, daß sie, während ich um sie trauerte, einen Andern liebte. Aber mein Kummer ist nutzlos. Jane, verlassen Sie mich, gehen Sie und heirathen Sie Rivers.’
,So schütteln Sie mich denn ab, Sir - stoßen Sie mich weg; denn freiwillig werde ich Sie nicht verlassen.’
,Jane, ich liebe stets den Ton Ihrer Stimme: er erneuert stets meine Hoffnung; er klingt so wahr. Wenn ich Ihre Stimme höre, so versetzt sie mich um ein Jahr zurück. Ich vergesse, daß Sie ein neues Band geknüpft haben. Aber ich bin kein Thor - gehen Sie -‘
,Wohin soll ich gehen, Sir?’
,Wohin Sie gehören — zu dem Manne, den Sie sich erkoren.’
,Wer ist das?’
,Sie wissen es wohl - es ist dieser St. John Rivers.’
"Er ist nicht mein Gatte, noch wird er es je sein. Er liebt mich nicht, und auch ich liebe ihn nicht. Er liebt (wie er lieben kann, und das ist nicht, wie Sie lieben) eine schöne junge Dame, Namens Rosamunde. Er wollte mich bloß deßhalb zu seinem Weibe haben, weil er dachte, ich würde für einen Missionär passen, was bei ihr nicht der Fall gewesen sein würde. Er ist gut und groß, aber streng; und für mich so kalt wie ein Eisberg. Er ist nicht wie Sie, Sir: ich bin nicht glücklich an seiner Seite, noch neben ihm, noch bei ihm. Er hat für mich keine Zärtlichkelt, — keine Gunst. Er sieht an mir nichts Anziehendes: nicht einmal meine Jugend - sondern bloß einige nützliche geistige Eigenschaften. Muß ich Sie also verlassen, Sir, um zu ihm zu gehen?’
Ich schauderte unwillkührlich, und klammerte mich instinktmäßig fester an meinen blinden, aber geliebten Herrn an. Er lächelte.
‘Was, Jane! Ist das wahr? Stehen Sie wirklich so mit Rivers?’
,Ganz so. Sir. O, Sie brauchen nicht außer sich zu sein, ich wollte Sie nur in wenig plagen, um Ihre Traurigkeit etwas zu verscheuchen: ich dachte, Zorn wäre besser, als Kummer. Wenn Sie aber wollen, daß ich Sie lieben soll, so wünschte ich nur, daß Sie sehen könnten, wie ich Sie wirklich liebe; dann würden Sie stolz und zufrieden sein. Mein Herz gehört ganz Ihnen, Sir, ganz Ihnen; und bei Ihnen würde es bleiben, wenn auch das Schicksal den übrigen Theil von mir für immer aus Ihrer Gegenwart verbannte.’
Abermals verdunkelten peinliche Gedanken sein Gesicht, als er mich küßte.
,Ach, daß meln Gesicht dahin ist! Ach, daß meine Stärke gelähmt ist!’ murmelte er gramerfüllt.
Ich liebkoste ihn, um ihn zu trösten. Ich wußte, woran er dachte und wollte für ihn sprechen, wagte es aber nicht. Als er sein Gesicht eine Minute lang auf die Seite wandte, sah ich eine Thräne unter seinem versiegelten Augenlide hervordringen und die männliche Wange herablaufen. Mein Herz schwoll.
,Ich bin um Nichts besser, als der alte vom Blitz getroffene Wallnußbaum im Garten von Thornfield,’ bemerkte er nach einer Weile. ‘Und welches Recht hätte wohl jener Baumstumpf, von einem knospenden Geisblatte zu verlangen, daß es seine Reste mit seinem frischen Grün bedecke?’
,Sie sind keine Ruine, Sir - kein vom Blitz getroffener Baum: Sie sind grün und kräftig. Pflanzen werden um ihre Wurzeln her wachsen, ob Sie es haben wollen, oder nicht, weil sie sich in Ihrem wohlthuenden Schatten gefallen; und indem sie wachsen, werden sie sich an Sie lehnen, und sich um Sie herwinden, weil Ihre Stärke ihnen eine so sichere Stütze bietet.’
Abermals lächelte er; offenbar fühlte er sich getröstet.
,Sie sprechen von Freunden, Jane?’ fragte er.
‘Ja, von Freunden,’ antwortete ich, etwas zaudernd: denn ich wußte, daß ich mehr meinte, als Freunde, konnte
aber kein anderes Wort finden. Er half mir.
,Ah, Jane. Aber ich brauche eine Frau.’
,Wirklich, Sir?’
‘Ist das etwas Neues für Sie?’
,Natürlich : Sie haben ja zuvor Nichts davon gesagt.’
,Ist diese Neuigkeit Ihnen willkommen?’
‘Das hängt von Umständen ab, Sir: - von Ihrer Wahl.’
,Die Sie für mich treffen sollen, Jane. Ich lasse es auf Ihre Entscheidung ankommen.’
,So wählen Sie denn, Sir - die, welche Sie am Meisten liebt.’
‘Ich will wenigstens wählen die, so ich am Meisten liebe. Jane, wollen Sie mich heirathen?’
‘Ja, Sir.’
,Einen armen, blinden Mann, den Sie an der Hand werden herumführen müssen?’
‘Ja, Sir.’
"Einen Krüppel, der zwanzig Jahre älter ist, als Sie, und den Sie pflegen und warten müssen?’
,Ja, Sir.’
,In Wahrheit, Jane?’
,In Wahrheit, Sir.’
O, meine Theure! Gott segne Sie und lohne Ihnen!’
‘Herr Rochester, wenn ich je in meinem Leben ein gutes Werk gethan, - wenn ich je einen guten Gedanken gehabt, - wenn ich je ein aufrichtiges und reines Gebet zu Gott emporgesandt, wenn ich je etwas Gutes gewünscht, - so bin ich jetzt belohnt. Ihre Frau zu sein, heißt für mich so glücklich sein, als es nur auf Erden möglich.’
,Weil Sie sich in der Aufopferung gefallen.’
,Aufopferung! Was opfere ich denn auf? Hunger für Speise, Erwartung für Zufriedenheit. Meine Arme um ein Wesen schlingen dürfen, das mir lieb und werth, — küssen dürfen, was ich liebe; — zu einem Platze der Ruhe wählen das, worauf ich baue: heißt das ein Opfer bringen? Wenn dem so ist, dann finde ich allerdings mein Glück und meine Wonne in der Aufopferung.’
,Und meine Gebrechen geduldig ertragen, Jane: meine Mängel übersehen.’
‘Die für mich keine sind, Sir. Ich liebe Sie jetzt mehr, wo ich Ihnen wirklich nützlich sein kann, als damals, wo Sie in stolzer Unabhängigkeit dastanden, wo Sie jede andere Rolle verschmäheten, als die eines Gebers und eines Beschützers.’
,Bis daher war es mir zuwider, Andere um Hülfe anzugehen, mich von Andern führen zu lassen; von nun an, ich fühle es, wird es mir nicht mehr zuwider sein. Ich mochte meine Hand nicht in die eines Miethlings legen, aber es ist mir ein Wonnegefühl, dieselbe von den kleinen Fingerchen meiner Jane umschlossen zu wissen. Die nackte Einsamkeit war mir lieber, als die stete Anwesenheit von bezahlten Personen; aber der sanfte Dienst meiner Jane wird für mich eine nie endende Fremde sein. Jane paßt für mich: passe ich aber auch für sie?’
‘So vollkommen, daß die zarteste Fiber meines Wesens von Ihnen durchdrungen ist, Sir.’
‘Da die Sache so steht, so haben wir auf Nichts in der Welt mehr zu warten. Wir müssen alsbald einander heirathen.’
In Blick und Sprache verrieth sich seine Heftigkeit: der alte Mensch erwachte in ihm wieder.
,Mir müssen ein Fleisch werden, Jane: es bedarf dazu bloß der Lizenz — dann gehts vor den Altar —.’
,Herr Rochester, ich habe bereits entdeckt, daß die Sonne schon weit von ihrer Mittagshöhe hinabgesunken. Und Pilot ist schon heimgegangen, um sein Essen zu suchen. Lassen Sie mich auf Ihre Uhr sehen.’
‘Befestigen Sie dieselbe an Ihrem Gürtel, Jane, und behalten Sie sie von nun an. Ich brauche sie nicht mehr.’
,Es ist beinahe schon vier Uhr, Sir. Sind Sie nicht hungrig?’
,In drei Tagen, von heute an gerechnet, müssen wir getraut werden, Jane. Sie brauchen sich jetzt um keine
schönen Kleider und Juwelen zu bekümmern; All das ist keine taube Nuß werth.’
‘Die Sonne hat alle Regentropfen ausgetrocknet, Sir. Der Wind ruht: es ist ganz heiß.’
,Wissen Sie auch, Jane, daß ich Ihr kleines Perlen-halsband in diesem Augenblicke unter meinem Halstuche trage? Ich habe es seit dem Tage getragen, an dem ich meinen Schatz verloren: als ein Erinnerungezeichen.’
,Wir wollen durch den Wald heimgehen: es wird wohl der schattigste Weg sein.’
Er verfolgte seine eigenen Gedanken, ohne auf mich zu achten.
,Jane! Sie halten mich wohl für einen irreligiösen Menschen aber mein Herz schwillt eben jetzt von Dankbarkeit gegen den allgütigen Gott dieser Erde. Er sieht nicht in der Weise der Menschen, sondern viel klarer. Er richtet nicht wie die Menschen, sondern unendlich weiser. Ich hatte Unrecht, ich sündigte: ich würde meine unschuldige Blume befleckt, würde ihre Reinheit mit meiner Schuld vergiftet haben: der Allmächtige entriß sie mir. In meiner halstarrigen Empörung verfluchte ich beinahe diese Schickung: anstatt mich vor seinem Gebote zu beugen, bot ich demselben Trotz. Die göttliche Gerechtigkeit ging ihren Weg, ein Unglück kam nach dem andern über mich ich mußte durch das Thal des Schattens des Todes wandeln. Seine Strafen sind gewaltig; und es traf mich eine, die mich für immer gedemüthigt hat. Sie wissen, ich war stolz auf meine Stärke; aber was ist sie jetzt, wo ich sie fremder Führung überlassen muß, wie ein Kind seiner Schwäche? Erst in der letzten Zeit, Jane, - erst in der letzten Zeit habe ich angefangen, die Hand Gottes in meinem Schicksale zu sehen und zu erkennen. Ich fing an, Reue zu empfinden, und das Verlangen, mich mit meinem Schöpfer wieder zu versöhnen. Ich begann bisweilen zu beten: und diese Gebete waren aufrichtig, wenn auch nur kurz.’
,Vor einigen Tagen, - ja, ich kann dieselben sogar zählen, — vor vier Tagen — es war in der Nacht vom vergangenen Montag, - kam eine seltsame Stimmung über mich; eine Stimmung, in der der Schmerz an die Stelle des Wahnsinns, der Kummer an die Stelle des finstern Brütens trat. Lange Zeit war es mir vorgekommen, daß Sie todt sein müßten, da ich Sie nirgends finden konnte. Spät in jener Nacht - es mochte zwischen elf und zwölf Uhr sein - flehete ich, ehe ich mich an meinen traurigen Ruheort begab, zu Gott, das ich, wenn es ihm gefiele, bald von diesem Leben erlöst, und in jene andere Welt aufgenommen werden möchte, wo ich doch Hoffnung hätte, meine Jane wieder zu finden.’
‘Ich war in meinem Zimmer und saß an dem offenen Fenster. Die balsamische Nachtluft that mir wohl; obgleich ich keine Sterne sehen konnte, so erkannte ich doch an einem unbestimmten lichten Nebel, daß der Mond aufgegangen war. Ich sehnte mich nach Ihnen, Jane ach, ich sehnte mich nach Ihnen mit der Seele und mit dem Fleisch. Ich sagte Gott in meiner Qual und meiner Demuth, ob ich noch nicht lange genug gelitten, ob ich noch nicht lange genug unglücklich und trostlos gewesen, und ob ich nicht bald wieder einmal Wonne und Frieden schmecken dürfe. Daß ich Alles verdiente, was ich erduldet, erkannte ich an — daß ich kaum noch mehr dulden könnte, sprach ich in meinem Gebet aus; und das
Alpha und Omega der Wünsche meines Herzens entschwand unwillkührlich meinen Lippen in den Worten: ‘’Jane!
Jane! Jane!’’
‘Haben Sie diese Worte laut gesprochen?’
,Ja, Jane. Hätte irgend Jemand mich gehört, so würde er mich für toll gehalten haben: mit so wahnsinniger Energie sprach ich sie aus.’
,Und es war in der Nacht vom vergangenen Montag: etwa um Mitternacht?’
‘Ja; aber die Zeit thut Nichts zur Sache: was folgt, ist das Seltsame bei der Sache. Sie werden mich für abergläubisch halten - einigen Aberglauben habe ich in meinem Blute, und hatte solchen auch stets; dessen
ungeachtet ist es wahr - ist wenigstens wahr, daß ich das, was ich jetzt erzähle, hörte.’
‘Als ich ausrief: ‘’Jane! Janel Jane!’’ antwortete eine Stimme - ich vermag nicht zu sagen, woher sie kam, oder wessen sie war —: ‘’Ich komme, warten Sie auf mich!’’ - und einen Augenblick darauf kamen auf dem Winde die geflüsterten Worte daher: - ‘’Wo sind Sie?’’
,Ich will Ihnen, wenn ichs vermag, die Idee, das Gemälde sagen, so tiefe Worte vor meinem Geiste eröffneten: und doch ist es schwer, das mit Worten auszudrücken, was ich sagen will. Ferndean ist, wie Sie sehen, in einem dichten Walde begraben, wo jeder Laut verdumpft und, ohne wieder zurückgeworfen zu werden, erstirbt. ‘’Wo sind Sie!’’ - diese Worte schienen zwischen Bergen gesprochen zu sein; denn ich hörte ein von Hügel zu Hügel fortgepflanztes Echo diese Worte
wiederholen. In jenem Augenblick schien der Wind meine Stirn kühler und frischer zu treffen; es war mir fast, als
ob ich mit meiner Jane in irgend einer wilden einsamen Gegend zusammenträfe. Geistig müssen wir - ich glaube
es - miteinander zusammengetroffen sein. Um jene Stunde lagen Sie wahrscheinlich im Schlafe, wo Sie Nichts von sich wußten, Jane: vielleicht verließ ihre Seele ihre Behausung, um die meine zu trösten; denn diese Worte kamen von Ihnen — so wahr ich lebe - ja, sie kamen von Ihnen.’
Leser, es war in der Nacht vom Montag - um Mitternacht - als auch ich die geheimnißvolle Stimme hörte: dieß waren dieselben Worte, womit ich geantwortet hatte. Ich hörte die Erzählung des Herrn Rochester an, gab aber meinerseits keine Enthüllung. Dieses Zusammentreffen schien mir zu unerklärlich und zu hehr, um zur Erörterung geeignet zu sein. Wollte ich Etwas sagen, so mußte meine Erzählung von der Art sein, daß sie auf den Geist des Zuhörenden nothwendig einen tiefen Eindruck machte; und dieser Geist, der wegen seiner Leiden zum Trübsinn nur zu sehr geneigt war, bedurfte der tiefern Schattierung des Übernaürlichen nicht. Ich behielt daher diese Dinge bei mir, und dachte in meinem Herzen darüber nach. ,Sie können sich jetzt nicht wundern,’ fuhr mein Herr fort, ,daß es, als Sie in vergangener Nacht
mir so unerwartet erschienen, mir schwer wurde, Sie für etwas Anderes, als eine bloße Stimme und Erscheinung
aus der Geisterwelt zu halten. Ich glaubte, es wäre Etwas, was wieder in Schweigen und in Nichts sich auflösen würde, wie das mitternächtliche Geflüster und das Bergecho einige Tage zuvor. Jetzt danke ich Gott; ich weiß, daß dem nicht so ist. Ja, ich danke Gott!’
Er schob mich sanft von seinen Knien weg, erhob sich, entblößte ehrerbietig sein Haupt, heftete seine, ihrer
Sehkraft beraubten, Augen auf die Erde, und blieb in stummer Anbetung stehen. Nur die letzten Worte seines
Gebets konnte ich hören:
,Ich danke meinem Schöpfer, daß er in seinem Gericht meiner in Gnade gedachte. Ich flehe zu meinem Erlöser, daß er mir Stärke verleihe, von nun an ein reineres Leben zu führen!’
Dann streckte er seine Hand aus, um sich führen zu lassen. Ich ergriff diese theure Hand, drückt sie einen
Augenblick an meine Lippen, und legte sie sodann um meinen Hals: da ich so viel kleiner war, als er, so diente ich
ihm zugleich zur Stütze und als Führerin.
Wir gingen in den Wald hinein und wandten uns heimwärts.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Schluß.
Leser! ich heirathete ihn. Wir hatten eine stille Hochzeit: er und ich, sowie der Pfarrer und der Küster waren allein anwesend. Als wir von der Kirche heimkamen, ging ich in die Küche hinab, wo Mary das Mittagsmahl bereitete und John die Messer reinigte, und sagte: —
,Mary, ich bin diesen Morgen mit Herrn Rochester getraut worden. Die Haushälterin und ihr Mann gehörten beide zu jener anständigen Klasse von Leuten, denen man zu jeder Zeit in aller Sicherheit eine merkwürdige Nachricht mittheilen kann, ohne Gefahr zu laufen, daß sie die Ohren der Leute durch irgend einen schrillen Ausruf gellen machen, und dieselben darauf durch einen Schwall von Worten, die ihr Erstaunen ausdrücken sollen, betäuben. Mary blickte auf und sah mich starr an: der Löffel, womit sie ein Paar Hühner, die am Feuer brieten, beträufelte, schwebte wohl drei Minuten untätig in der Luft, und während desselben Zeitraums fand auch Johns Messer Ruhe und ward der Reinigungs-Prozeß unterbrochen. Mary aber sagte, als sie sich wieder über die bratenden Hühner neigte, bloß folgende Worte:
,Ist es wirklich so, Miß? Ei freilich!’
Nach einer Weile fuhr sie fort:
,Ich habe Sie mit dem Herrn ausgehen sehen, wußte aber nicht, daß Sie in die Kirche gegangen, um sich dort
trauen zu lassen; —‘ und dann träufelte sie wieder drauf los. - John aber grinste, als ich mich nach ihm hin
wandte, von einem Ohre bis zum andern.
,Ich sagte Mary, wie es kommen würde,’ sagte er, ,ich wußte, was Herr Edward (—John war ein alter Diener und hatte seinen Herrn gekannt, als derselbe noch der jüngere Sohn des Hauses war, und deßhalb nannte er ihn oft bei seinem Taufnamen —), ich wußte was Herr Edward thun, und war auch gewiß, daß er nicht lange warten würde; und er hat, nach meinem Urtheil, wohl gethan. Ich wünsche Ihnen alles Glück, Miß - und dabei zog er an seinem Vorderhaar.
,Ich danke Ihnen, John. Herr Rochester hat mir gesagt, ich solle Ihnen und Mary dieß geben. Bei diesen Worten drückte ich ihm eine Fünfpfundnote in die Hand, und verließ, ohne weiter hören zu wollen, die Küche.
Als ich etwas später an der Thür dieses Heiligtums vorbei ging, hörte ich zufällig die Worte:
,Sie paßt besser für ihn, denn irgend eine von den großen Damen.’ Und gleich darauf ,Ist sie auch keine von den schönsten, so ist sie doch recht verständig und gutmüthig; und daß sie in seinen Augen recht schön ist, kann Jeder sehen.’
Ich schrieb alsbald nach Moor-House und nach Cambridge, um das Geschehene mitzutheilen; zu gleicher Zeit erklärte ich, warum ich so gehandelt: Diana und Mary billigten meinen Schritt unbedingt. Diana kündigte mir an, daß sie mir nur so viel Zeit lassen würde, um über die Flitterwochen hinwegzukommen; dann würde sie mich besuchen.
,Sie thäte wohl besser, nicht bis dahin zu warten, Jane,’ sagte Herr Rochester, als ich ihm ihren Brief vorgelesen; ‘will sie aber dennoch warten, so wird sie zu spät kommen, denn unsere Flitterwochen werden so lange dauern, als unser Leben: nur das Grab kann denselben ein Ende machen.’
Wie St. John die Nachricht ausnahm, weiß ich nicht; er beantwortete nie den Brief, worin ich ihm dieselbe mittheilte: indessen schrieb er mir ein halbes Jahr darauf ohne jedoch Herrn Rochesters Namen zu erwähnen, oder
auf meine Heirath anzuspielen. Sein Brief war ruhig, und dabei, obgleich sehr ernst, freundlich. Seit jener
Zeit haben wir regelmäßig, wenn auch nicht sehr häufig, Briefe miteinander gewechselt, er hofft, daß ich glücklich
und nicht von Denen sei, die in der Welt ohne Gott leben und ihren Sinn nur auf Irdisches richten.
Du hast wohl die kleine Adele nicht ganz vergessen, liebe Leser? Ich wenigstens hatte sie nicht vergessen; bald erbat ich mir und erhielt von Herrn Rochester die Erlaubniß, sie in der Schule, in die er sie gebracht, besuchen zu dürfen. Ihre unmäßige Freude, als sie mich wieder sah, rührte mich sehr. Sie sah bleich und mager aus, und sagte, sie sei nicht glücklich. Ich fand die Regeln der Schule zu strenge, die dort betriebenen Studien zu anstrengend für ein Kind von ihrem Alter, und so nahm ich sie denn mit. Ich hatte im Sinne, noch einmal ihre Erzieherin zu werden, aber fand bald, daß dieß unausführbar sei: meine Zeit und meine Aufmerksamkeit wurden jetzt von einem Andern in Anspruch genommen
— mein Gatte hatte sie ganz und gar nöthig. Ich suchte daher eine andere Schule, deren System minder streng war, and in solcher Nähe, daß ich sie oft besuchen, und bisweilen mit nach Hause nehmen konnte. Ich ließ es mir angelegen sein, sie stets mit Allem zu versehen, was zu ihrem Wohlsein beitragen konnte. Bald gewöhnte sie sich an ihren neuen Aufenthaltsort, wurde dort sehr glücklich und machte im Lernen schöne Fortschritte. Während sie heranwuchs, verbesserte eine gesunde, englische Erziehung größtentheils ihre französischen Fehler; und als sie die Schule verließ, fand ich an ihr eine angenehme und liebe Gefährtin, sie war gelehrig, gutlaunig, und hatte gute Grundsätze. Durch ihre dankbare Aufmerksamkeit für mich und die Meinigen hat sie mich schon längst wieder für jede Freundlichkeit und Güte reichlich belohnt, die ich ihr erwiesen.
Meine Erzählung geht ihrem Ende zu: nur noch ein Wort über meine Erfahrungen im Ehestand, und ein kurzer Blick auf die Schicksale Derjenigens deren Namen hier am Häufigsten vorgekommen, - und ich bin zu Ende.
Ich bin jetzt zehn Jahre verheirathet. Ich weiß, was es heißt, ganz für und mit dem zu leben, was man auf Erden am Meisten liebt, Ich erachte mich unaussprechlich glücklich, weil ich meines Gatten Leben in so vollem Maße bin, wie er das meinige ist. Nie stand eine Frau ihrem Manne näher, als ich dem meinigen; nie war eine so sehr Bein von seinem Beine, und Fleisch von seinem Fleische. Ich werde der Gesellschaft meines Edward nie müde, und er nie der meinigen, so wenig als wir der Pulsation des Herzens müde werden, das in unsern getrennten Busen schlägt; daher sind wir auch stets beisammen. Beisammen sein, heißt für uns, zugleich so frei, wie in der Einsamkeit, und so heiter; wie in Gesellschaft sein. Ich glaube, wir sprechen den ganzen Tag mit einander; mit einander zu sprechen, ist nur ein lebendigeres und hörbares Denken. Ich schenke ihm mein ganzes Vertrauen, dagegen besitze ich ganz und gar das seinige: unsere Charaktere passen genau zu einander, und vollkommene Eintracht ist das Resultat davon.
Herr Rochester blieb die ersten zwei Jahre unserer Verbindung blind: vielleicht war es dieser Umstand, der uns einander so nahe brachte - der uns so eng aneinander knüpfte; denn ich war dazumal sein Auge, wie ich noch jetzt seine rechte Hand bin. Im wörtlichen Sinne des Wortes war ich (wie er mich oft nannte) sein Augsapfel. Er sah die Natur, er sah die Bücher durch mich, und nie wurde ich es müde für ihn zu sehen, und den Effekt der Felder, Bäume, Städte, Flüsse, Wolken, der Sonnenstrahlen - das heißt der vor uns liegenden Landschaft, in Worte umzusetzen; ihm den Zustand des Wetters zu sagen, und durch Laute seinem Ohre mitzutheilen, was das Licht seinem Auge nicht mehr zeigen konnte. Nie
wurde sich es müde ihm vorzulesen; nie wurde ich es müde, ihn dahin zu führen, wohin er gehen wollte; für ihn zu thun, was er gehen wissen wollte. Und es lag in meinen Dienstleistungen, ein großes, einziges, wenn auch trauriges Vergnügen - weil er diese Dienstleistungen in Anspruch nahm ohne eine peinliche Scham oder ein Gefühl der Demüthigung. Er liebte mich so wahr, daß es ihn nie sauer ankam, meine Dienste in Anspruch zu nehmen: er fühlte, daß ich ihn so zärtlich liebe, daß, wenn er dieselben fordere, er damit nur meinen süßesten Wünschen nachkomme.
Als die zwei Jahre um waren, kam er eines Morgens, während ich einen Brief schrieb, den er mir diktirte, auf mich zu, neigte sich über mich hin, und sagte:
‘Jane, hast Du etwas Glitzerndes an Deinem Halse?’
Ich hatte eine goldene Uhrkette, und antwortete mit Ja.
‘Und hast Du ein blaßblaues Kleld an?’
Ich hatte ein solches an. Und nun benachrichtigte er mich, daß es ihn seit einiger Zeit vorgekommen, als wenn die Finsterniß, die das eine Auge umwölkte, minder dicht würde: und nun war er seiner Sache gewiß.
Wir gingen mit einander nach London. Er zog einen ausgezeichneten Augenarzt zu Rathe, und konnte nun bald wieder aus dem einen Auge sehen. Er sieht jetzt Alles sehr deutlich; er kann nicht viel lesen oder schreiben; aber er findet den Weg, ohne bei der Hand geführt zu werden; das Himmelsgewölbe ist nun nicht länger etwas Leeres für ihn, und ebenso wenig die Erde. Als sein erstgebornes Kind ihm in die Arme gelegt wurde, konnte er sehen, daß der Knabe seine Augen, wie sie einst waren — groß, glänzend und schwarz geerbt. Bei dieser Gelegenheit erkannte er abermals mit dankbarem Herzen an, daß Gottes Gericht gnädig gewesen.
So sind wir denn, mein Edward und ich, glücklich, und das um so mehr, weil auch Diejenigen glücklich sind, die wir am Meisten lieben. Diana und Mary Rivers sind beide verheirathet, sie besuchen uns immer wechselsweise ein Mal des Jahrs, und wir besuchen sie. Diana's Gatte ist Kapitän in der Marine, ein tapferer Matrose und ein guter Mann. Mary’s Gatte ist ein Geistlicher, ein Universitätsfreund ihres Bruders, und was Talente und Grundsätze betrifft, der Verbindung würdig. Beide, Capitän Fitzjames, und Herr Wharton, lieben ihre Frauen, und werden von denselben wieder geliebt.
Was St. John Rivers anbelangt, so verließ er England und ging nach Indien. Er betrat den Lebensweg, den er sich ausgewählt hatte, und ist noch auf diesem Felde thätig. Nie arbeitete ein entschlossenerer, unermüdlicherer Pionier unter Felsen und Gefahren. Standhaft, treu, und voller Hingebung. Energie, Eifer und Wahrheit, arbeitet er für seine Mitmenschen. Er ebnet den schmerzvollen Weg zu ihrer Veredlung; wie ein Riese räumt er die Vorurtheile des Glaubens und des Standes weg, die denselben versperren. Er mag strenge sein; er mag Viel forden; ja er mag auch ehrgeizig sein; aber
seine Strenge ist die des Kriegers. Er ist ein großherziger Mann, der die ihm anvertrauten Pilger vor den Angriffen des Apollyon schützt. Er fordert Viel, wie der Apostel, der nur für Christus spricht, wenn er sagt: "Wer mir nachfolgen will, verläugne sich selbst, nehme sein Kreuz aus sich und folge mir. Sein Ehrgeiz ist der eines großen Geistes, der in der ersten Reihe Derjenigen stehen will, welche von der Erde erlöst; welche die letzten gewaltigen Siegel des Lammes theilen; welche berufen und ausgewählt und gläubig sind.
St. John ist unverheirathet; er heirathet jetzt nicht mehr. Bis daher hat er allein seiner Aufgabe genügt, und die Arbeit geht jetzt ihrem Ende zu; seine strahlende Sonne geht nun bald unter. Der letzte Brief, den ich von ihm erhalten habe, hat meinen Augen menschliche Thränen entlockt, und dennoch mein Herz - mit himmlischer Freude erfüllt: er sprach darin von dem Lohne, der seiner warte, von seiner unvergänglichen Krone.- Ich weiß, daß eine fremde Hand das nächste Mal an mich schreiben wird, um mir zu sagen, daß der gute und treue Diener endlich eingegangen ist zur Freude seines Herrn. Und warum sollte ich deßhalb weinen? Keine Todesfurcht wird Sie John's letzte Stunde verdunkeln. Sein Geist wird unumwölkt, sein Herz furchtlos, seine Hoffnung sicher, sein Glaube standhaft sein. Seine eigenen Worte sind mir
eine Gewähr dafür:
,Mein Herr und Meister,' sagt er, ,hat mich gemahnt. Jeden Tag spricht er deutlicher, — ‘’Und siehe,
ich komme bald;’’ und stündlich antworte ich in meiner Sehnsucht; - ‘’Amen, ja komm, Herr Jesu!’’